Brutus, auch Du! Roman in drei Teilen von Richard Voß Allen Deutschen, die Rom und Italien lieben und die über Italiens Treubruch voll zornigen Schmerzes sind, zugeeignet » Sklavin Italia , alles Leids Kastell, Schiff ohne Steuermann im Wirbelwinde. Nicht der Provinzen Herrin; nein, Bordell! Du bietest den Lebend'gen überall Nur Krieg: und schon zernagen sich die Leute. Die doch umhegt ein Graben und ein Wall. Unsel'ge, such an deinen Küsten heute. Und schau in deine Brust, ob rings umher Ein Ort ist, der sich Friedens noch erfreute?« Dante, aus dem sechzehnten Gesang des »Fegefeuer« Italien Als in den ersten Augusttagen zu lesen war, Italien erachte den Bündnisfall nicht für gegeben, haben unsere ausrückenden Truppen das zwar gelesen, aber verstanden haben sie es nicht. Sie glaubten im Elsaß die italienischen Brüder zu treffen, und die Gerüchte über italienische Truppentransporte hörten nicht auf. So unbegreiflich war unserm Volk der Tatbestand; wie es selbst im umgekehrten Fall ohne Besinnen und ohne Gedanken an eigenen Vorteil dem Bundesgenossen beigesprungen wäre, so hielt es für selbstverständlich, daß die Italiener uns beisprängen ... Unsere Aufgabe ist es jetzt, Töpfe und Schüsseln zu zerschlagen. Das Völkerrecht enthält noch keine Regeln über erpresserische Bundesgenossen: die deutschen und die österreichisch-ungarischen Bundesgenossen müssen diese Regeln erst schaffen. Es handelt sich nicht um Krieg, sondern um Razzia. Das deutsche Volk muß aus dem Traum erwachen, der es seit tausend Jahren über die Alpen zog; aus dem Traum, daß jenes schöne Land eine Geliebte sei, mit der ein Bund der Treue bestehen könne; seine Regierung ist die Dirne, die sich den Völkern Europas anbietet und sie vergiftet. Nie wird Friede zwischen uns herrschen, solange sie ihrem Gewerbe nachgeht.« Süddeutsche Monatshefte, Juni 1915. »Seit die Deutschen in die Geschichte eingetreten sind, haben sie sich nie auf die Heimat und ihre nächsten Aufgaben beschränken können. Voll Anerkennung und Bewunderung für jede geschichtliche Größe, haben sie alles, was menschlich ist, in ihr Gebiet hineingezogen, haben alle weltbewegenden Ideen mit voller Wärme ergriffen, und nichts ist ihnen fremd und fern gewesen, das sie sich nicht anzueignen versucht hätten. Dabei sind sie öfter als andere Nationen in die Lage gekommen, daß sie das Erreichbare und Notwendige verschmähten, um das Unmögliche zu gewinnen; sie sind mehr als andere Täuschungen, Irrgängen, Demütigungen ausgesetzt gewesen, aber sie haben mit zäher Ausdauer immer neue Wege versucht, und so haben sie auch, nachdem sie sich von dem Drucke Roms freigemacht hatten, in voller Unabhängigkeit den Austausch, den geistigen, auf den Italien und Deutschland von Natur angewiesen sind, aufs neue begonnen. Diese Idee von der Gemeinsamkeit aller geistigen Interessen der Menschheit und dem einheitlichen Zusammenhang aller wahren Erkenntnis haben die Deutschen niemals aufgegeben; darum huldigen sie den Stätten, von denen Kunst und Weisheit ausgegangen ist, und verbinden die Völker zu gemeinsamer Pflege des geistigen Besitzes, dessen Geltung über den Kreis der einzelnen Völker und Zeiten hinausgeht; sie sind das priesterliche Volk, welches berufen ist, in reinen Händen die ewigen Güter der Menschheit zu tragen.« Curtius, aus: »Rom und die Deutschen.« Ein früher Sommertag in Rom Bereits beginnt die heiße Zeit. Während ihrer Dauer bezieht der reiche und vornehme Römer seine von grauen Terrassen umgebenen, von bunten Gärten umblühten, von schwärzlichen Hainen umschatteten Landsitze, woselbst er in al fresco ausgemalten, von Marmorsäulen getragenen Hallen, bei dem Rauschen der Brunnen seine sommerliche Siesta hält, das süßeste »Far niente« von der Welt. Oder er begibt sich mit Dienerschaft und Waffengepäck in die Modebäder seiner beiden klassischen Meeresküsten, steigt hinauf in die großen Fremdenherbergen des Engadins, hier und dort ausruhend von den gesellschaftlichen Lebensmühen des Winters, die für ihn Lebensfreuden bedeuten, die einzig von ihm gekannten, die einzig wünschenswerten und wahren. Dagegen bleibt der römische Bürger in seiner geliebten Kapitale, in deren Häuserburgen, darin jeder Raum von früh bis spät verdunkelt ist, er sich tagsüber verkriecht, vor jedem Sonnenstrahl flüchtend. Erst gegen Abend wagt er sich hinaus ins Freie, in die sonnenlose Enge der Gassen, in den Corso Umberto vor Cafe Aragno, die Konditoreien auf Piazza Colonna und all die andern zahllosen Kühlanstalten der Ewigen Stadt. Erst gegen Sonnenuntergang erklimmt er, schön angetan, den Monte Pincio, strömt in Scharen in die Villa Borghese. Oder er zieht mit Weib und Kind vor eines der Tore in irgend eine bescheidene ländliche Trattoria. Doch dann, nach Anbruch der Nacht, wogt Roms Volk durch Roms Straßen, füllt es Roms Plätze, schlürft Limonade, kühlt sich an Gefrorenem und Granita, schwatzt, liebelt und liebt, beklatscht die Melodieen seiner musikalischen Lieblinge Mascagni, Puccini und des vergötterten Verdi. So lebt der Römer über den Sommer und freut sich seines Lebens; so lebt er Tag für Tag bis lange nach Mitternacht. Dieses so vergnügt und dabei so genügsam lebende Rom schläft bis in den Tag hinein von seinen Sommernachtsfreuden aus. Bis spät bleiben Läden und Magazine geschlossen. Nur die Händler mit Gemüsen und Früchten breiten bereits in aller Herrgottsfrühe ihre Waren aus, die während der Nacht auf rasselnden Karren eintreffen: entweder aus den Gärten und Fruchtgefilden der Campagna oder von den Albaner- und Sabinerbergen. Jeder der Verkäufer dieser überschwenglichen Fruchtbarkeit des Südens ist unbewußt ein Künstler; denn jedes Gewölbe bildet ein Gemälde, ein mit Meisterschaft ausgeführtes Stillleben, auch was das Kolorit betrifft. Und die Blumen in dem frühsommerlichen Rom! Besonders Nelken und Rosen. Nelken und Rosen um die hundert Wasserbecken und Springbrunnen; Nelken und Rosen auf der Spanischen Treppe; Nelken und Rosen vor den Eingängen der Kirchen und Paläste; Nelken und Rosen an allen Straßenecken; Nelken und Rosen in solchen Mengen, daß ihr Wohlgeruch die Stadt der heiligen Märtyrer Peter und Paul erfüllt und es in unserer christlichen Zeit fast ist, als wäre das Rom Viktor Emanuels noch das Rom Caligulas und Neros, in dem zu den Zirkusspielen selbst die Plebs mit Nelken und Rosen sich kränzte, mit blühendem duftendem Scharlach und Purpur. Zu keiner andern Jahres- und Tageszeit ist daher Rom, das erhabene Rom, von solcher wahrhaft lieblichen Schönheit wie an einem Sommermorgen unter einem Azurhimmel, der noch nicht in verzehrenden Gluten entbrennt. Lediglich der Römer belebt zu solcher frühen Stunde die Kosmopolis am Tiber, und keine Fremdenhorden sind sichtbar; nicht einmal die blondhaarigen Söhne und Töchter Deutschlands und Albions, von denen die einen in ein römisches Straßenbild genau so schlecht passen wie die anderen. Und doch werden Rom und Italien von beiden heiß umworben, glühend geliebt. Heiß umworben und glühend geliebt wird Rom, wird Italien vornehmlich von den Deutschen, die voll Pathos von »ihrem Italien«, von »ihrem Rom« zu sprechen pflegen, und das mit keiner anderen Berechtigung, als weil sie seit Jahrhunderten in der phantastischen Einbildung leben – eine Einbildung, vererbt von Generation auf Generation – , ihre Liebe zu Rom und Italien sei eine heilige und verleihe ihnen daher ein geistiges Besitzrecht auf das heißgeliebte Land. Von der deutschen heiligen, weil idealen Liebe zu Italien und Rom, von der Deutschen schwerer Liebesschuld wider, sich selbst, soll auf diesen Blättern berichtet werden. Auch davon, wie sie ihre Schuld büßen müssen, gleichfalls schwer genug, wie jede Schuld gebüßt werden muß. Denn: »Jede Schuld rächt sich auf Erden!« Richard Voß.     Bergfrieden am Tage der Kriegserklärung Italiens an Österreich-Ungarn; an dem Tage des Treubruchs auch gegen Deutschland, zum Abschied von Italien, welches die Treue mordete wie Macbeth den Schlaf. Erster Teil Erstes Kapitel Es waren aber doch Fremde, die eines frühen Sommermorgens in Roms Straßenbild eine höchst unrömische Staffage bildeten, und zwar waren es Deutsche. Sie fuhren in einem Mietwagen, einer »botte«, aus dem Gassengewirr nächst der Via Babuino dem Venezianischen Platz zu. Die kleine nordische Gesellschaft bestand aus drei Personen, einem sehr ältlichen, sehr respektabeln Paar und einer nicht mehr allzu frühlingshaft jungen Dame. Schon in der Art, wie das Trio sich kleidete, waren sie als Vollblutgermanen zu erkennen. Allerdings trug der alte Herr des Sommers wegen nicht den geliebten langschößigen schwarzen Gehrock des deutschen Gelehrten, sondern ein leichtes helles Gewand. Aber wie dieses an seinem hageren, langaufgeschossenen Leibe hing, die Form seines Hutes, die Farbe seiner Krawatte und seine unförmlichen gelbbraunen Stiefel – allein dieses verriet dem Römer auf den ersten Blick einen von jenseits der Alpen, ein Erkennen seiner Nationalität, die Professor Rudolf Müller – so echt germanisch lautete des Würdigen Name – nicht gerade für ein Kompliment hielt: hatte er sich doch nahezu volle fünfzig Jahre am Strande des Tibers der edlen Malkunst befleißigt, konnte keine andere Stätte der Welt als Ort des Lebens sich vorstellen, würde es, trotz seines niemals verläugneten Deutschtums, als höchste Schmeichelei empfunden haben, wäre er von irgend einem unschuldigen Gemüt der Ewigen Stadt für einen Römer gehalten worden, ein Glück, das ihm jedoch zu seinem geheimen Kummer niemals zuteil wurde. Hätte der Rosselenker – es war ein »Romano di Roma« – von dieser echt deutschen Schwäche seines Fahrgasts eine Ahnung gehabt und ihn als Landsmann angesprochen, so hätte er nicht nur das Doppelte der Taxe fordern dürfen, sondern er wäre außerdem mit einem königlichen Trinkgeld – einer »buona mancia reale« – belohnt worden. Das Schmerzlichste, was Professor Müller in dieser Hinsicht erleben konnte, war, daß er trotz seines so langen Verweilens in Rom von einer der mit allerlei schlechtem Kram handelnden menschlichen Schmeißfliegen beständig in schauderhaftem Deutsch als Deutscher angesprochen ward. Diesen bald fünfzigjährigen Aufenthalt hatte er in seiner Jugend nur ein einziges Mal unterbrochen. Das war, als das schnöde Frankreich seinem Vaterlande den Krieg erklärte. Als Freiwilliger war der blondhaarige Jüngling hinausgezogen in den heiligen Kampf für Deutschlands Recht, um nach Deutschlands Sieg, mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust, zurückzukehren nach seinem geliebten Rom. Die alte Dame neben dem ehrwürdigen Altmeister würde selbst von einem Bewohner der lateinischen Meeresküste, also von einem Halbwilden, als Germanin erkannt worden sein, wofür sie auch durchaus gehalten sein wollte, eine Tatsache, die zwischen ihr und dem Professor einen unüberbrückbaren Abgrund bildete. Sie trug einen Hut, wie sie solchen bereits vor dreißig Jahren getragen, und über ihrem großgeblümten Kattunkleid prangte eine Pelerine aus dem nämlichen grellfarbigen Stoff. Der Hut, mit mächtigen krebsroten Mohnblumen garniert, war ebenso wie der Umhang selbstverfertigt; denn die Trägerin dieser Kunstwerke hätte es für eine Schande gehalten, ihren ziemlich umfangreichen Leib von einer Schneiderin kleiden oder ihr nach Großmuttermode frisiertes Haupt von einer Putzmacherin schmücken zu lassen. Die Dame wurde von dem Herrn mit dem breitkrempigen Hut in besonders vertraulichen Augenblicken »Tante Minchen« genannt und war dessen unverehelichte Schwester, die nach dem vor sechsundzwanzig Jahren erfolgten Ableben der Frau Professorin zur Pflege eines neugeborenen Kindes und des Witwers von Naumburg an der Saale nach Rom übergesiedelt war, schweren Herzens genug. Dieser Schmerz um die verlassene Heimat hatte sich in den langen Jahren ihres römischen Aufenthalts nicht abgeschwächt. Als Tante Minchen jedoch einmal ihre Familie in Naumburg besuchte, wäre sie vor Heimweh nach Rom fast gestorben, obgleich sie an Rom und den Römern nicht das geringste Gute ließ und nicht aufhörte, Rom und die Römer mit Naumburg und den Naumburgern zu vergleichen, natürlich sehr zugunsten der idyllischen Stadt an der Saale und deren freundlichen Bewohnern. Gleichfalls eine Vollblutdeutsche nach Aussehen und Tracht war des Professors nicht mehr allzu jugendliches Töchterlein, welches bis dahin ihr nordisches Heimatland noch mit keinem Fuße betreten hatte und das Abbild ihrer blauäugigen, blondhaarigen Mutter war. Zu ihres Vaters nicht geringem Stolz wurde sie in Rom geboren, war also in Wahrheit eine Römerin und hatte als solche bei der Taufe in der deutschen Botschaftskapelle auf dem Kapitol den Namen »Romana« empfangen. »Romana« bei diesem flachsblonden Haar, diesen vergißmeinnichtblauen Augen, dieser germanischen Anmutlosigkeit und einer Sprache, die bedenklich nach dem gewiß sehr hübschen Dialekt der guten Leute von Naumburg an der Saale sich anhörte, in dem bis heutigestags Vater und Tante redeten. Jedenfalls war der majestätische Name des guten Kindes sein Unglück: klang doch »Romana« wie ein Spottname auf Körper und Geist seiner Trägerin, die übrigens die beste Seele von der Welt war, geradezu engelhaft, der Seraph des Hauses. Hinter dem Wagen mit diesen drei Personen fuhr ein zweiter, hoch beladen mit Gepäck, bewacht von der Dienerin des Hauses, einer gleichfalls überaus umfangreichen Persönlichkeit in sabinischer Landestracht. Auch sie war bereits ältlich, aber von welcher Rasse! Dabei ehemals eine Schönheit, noch heute eindrucksvoll, mit kohlschwarzen mächtigen Augen, die Flammen sprühen konnten, reichem gewellten Haar, gleichfalls von Rabenschwärze, und – leider etwas verfetteten – »klassischen« Zügen, Sie hieß Filomena, gehörte ganz zur Familie des Professors, war treu wie Gold und im Hause Müller eine Macht: war sie doch als Witfrau ins Haus gekommen, und zwar in der hochbedeutsamen Eigenschaft einer Amme – einer »balia« – des mutterlosen Kindes. Und was eine »balia« im Lande deutscher Sehnsucht besagen will, kann nur derjenige ermessen, der ein solches wichtiges Wesen an seinem eigenen Kinde, also gleichsam an seinem eigenen Leibe, erfahren hat. Eine Würde war's, die Herrscherinnenrechte verlieh. Dame Filomena stammte aus Olevano, nach welchem berühmten Ort – berühmt auch durch die Liebe der Deutschen – ihre Herrschaft an diesem frühen Junimorgen sich zur Sommerfrische begab. Gerade diesen Sommer wurden es volle fünfzig Jahre, daß der Mann aus dem Norden die sabinische Felsenstadt für sich entdeckt hatte. Während nahezu voller fünfzig Jahre hatte der jetzt greise Künstler Olevano in Landschaftsbildern und Figuren verherrlicht. Seine Gemälde von Stadt und Volk des Sabinergebirges waren durch die Welt gewandert und hatten zu dem Ruhm der Stätte nicht wenig beigetragen. Daß er dieses vermocht, war des Überbescheidenen größtes Glück, ein Glück, das ihm selbst von seinen Feinden, hätte der Gute deren gehabt, von Herzen gegönnt wurde. Zweites Kapitel Professor Müller begab sich also mit den Seinen nach Olevano ins Sabinergebirge, seinem fünfzigjährigen Sommersitz. Er hätte zum großen Teil die Bahn benützen können, entweder bis Valmontone oder bis Subiaco. Aber mit der Eisenbahn nach Olevano – der alte Herr hätte sich dessen geschämt! Entehrend wäre es gewesen für einen Künstler, der zu den Beglückten gehörte, welche einstmals gleich Winckelmann und Goethe mit dem Vetturin durch die Porta del Popolo, dieser heiligen Pforte der Pilger von Norden her, in Rom eingezogen waren. Schon während seines ersten römischen Sommers war Rudolf Müller zu Fuß nach der schönen felsumschlossenen Sabinerstadt gewandert, eine Wallfahrt, von deren Weihe die junge Generation keine Ahnung besaß. Jetzt war der damals Junge ein Greis; also war es mit dem fröhlichen Wandern vorbei. Zum Glück gab es selbst in dem modernen Rom – allen Göttern Roms und Griechenlands sei Roms Metamorphose in eine neuzeitliche Großstadt geklagt! – zum Glück für dergleichen sonderbare Schwärmer gab es in der barbarisch modernisierten Kapitale des geeinigten Italien noch Landkutschen. Von einem gewissen Platz aus unter dem Kapitolinischen Felsen fuhren diese ehrwürdigen Vehikel an bestimmten Tagen der Woche aus Roms Toren nach allen Richtungen durch die Campagna bis zu den fernen Gebirgen, Volk der Campagna und der Berge als geduldige Fahrgäste, das nämliche Volk, welches seit Jahrtausenden das von Göttern und Menschen geliebte Land bewohnte, mit den nämlichen Anschauungen und Sitten, der nämlichen Lebensweise seiner Vorväter. Das aber, gerade das war es, was der deutsche Künstler leidenschaftlich liebte: unverfälschtes, urwüchsiges Volk der römischen Wildnis und Felsenberge, Dieses Volk kannte der alte Germane, und dieses Volk liebte er. Auch war es dieses Volk, das dem deutschesten aller Namen: »Müller« in der Sabinerstadt ein wohllautendes »o« anhängte, durch welchen kleinen kugelrunden Buchstaben der durch seine allzu große Häufigkeit so banale Name in den so viel klangvolleren »Muellero« verwandelt und gewissermaßen geadelt ward. Auch konnte die italienische Zunge, die noch heutigentags in der erhabenen Sprache Petrarcas, Dantes und Ariosts redete, den »Muellero« wenigstens aussprechen. Durch das sommerliche Rom rollte die Familie in aller Frühe der Stelle zu, wo die nach Olevano über Palestrina und Genazzano fahrende Landkutsche ihrer wartete. Im Vorüberfahren grüßte der Meister auf dem Spanischen Platz das antike Brunnenschiff und die schönste Treppe der Welt, auf deren untersten Stufen bereits Wälle von Nelken und Rosen sich türmten. Er grüßte in Via Condotti – auch sie sollte die Schmach einer »Elektrischen« erfahren – Café Greco, die Stätte geweihter Erinnerungen jener Deutschen, die noch das alte, das wahre Rom gekannt hatten; und im Korso ärgerte er sich über die Zeitungsverkäufer, die mit barbarischen Stimmen einen Sieg Italiens über Tripolitanien ausschrieen, einen Sieg in dem schmählichen Kriege eines Bundesgenossen Deutschlands, dieses unverbrüchlich Getreuen. Und der alte Künstler ärgerte sich auf dem Venezianischen Platz über das Denkmal Viktor Emanuels, welches dieses Herrschers ebenso unwürdig war wie Italiens Angriff auf ein wehrloses Volk von Halbwilden. Auch heute schämte sich der Greis in seine ehrliche Künstlerseele hinein über die berghohe Anhäufung antiken Marmors, schlechter Vergoldung und gemeinen Stucks, ein Monument künstlerischer Unkultur wie er kein zweites kannte. Aber dann das Kapitol! Das Kapital mit der Treppe und der Kirche von Aracoeli, der Bildsäule Mark Aurels, Michelangelos Konservatorenpalast und – der deutschen Botschaft! Bald darauf kam Piazza Montanara mit ihrem Volksgewühl inmitten eines Rom, das immer noch ein Stück des alten Rom war. Wenigstens ein Stück! Seelenvergnügt, wie es nur ein Deutschrömer, nur ein alter Künstler mit jungem Herzen in seinem geliebten Italien sein kann, saß Sor Rodolfo auf dem steinharten Hochsitz der urväterlichen Landkutsche, eingeklemmt zwischen dem bäurischen Vetturin und einem geistlichen Herrn, der in Rom seinem Bischof aufgewartet hatte und nun in sein sabinisches Bergnest zurückkehrte. Des Professors Gepäck lag wohlverstaut auf dem Verdeck des mehr als ehrwürdigen Fahrzeugs, zusammen mit einem Hügel von Körben, Schachteln und allerlei geheimnisvoll Verschnürtem; des Professors weibliche Begleitung war in dem wegen des Staubes fest verschlossenen Innern des Wagens untergebracht nebst mehreren andern Mitgliedern des schönen Geschlechts. Es waren Frauen von dem doppelten Umfang der gewiß nicht gerade zierlichen Tante Minchen; Frauen mit üppigem Busen, von ihrem »busto« wie von einem Panzer umschlossen. Sie trugen Lasten spitzenbesetzter weißer Tücher auf dem Haupt und dicke Korallenketten um den bronzefarbenen Hals oder sie waren mit Goldschmuck beladen, jedes Stück monumental, dazu tief niederhängende goldene Ringe als Ohrgeschmeide. Diese Urechten spreizten ihr stattliches Beinwerk weit auseinander, hielten umfangreiche Körbe voller Eßwaren fest umklammert auf dem Schoß, schwatzten mit kreischender Stimme das Blaue von Roms Sommerhimmel herab, erwiesen jedoch den beiden sogleich als Deutsche erkannten Fremdlingen alle Höflichkeit, was Fräulein Mina Müller, trotz schwerbedrückten Gemütszustandes – sie gedachte eines längst vergangenen Sommertags auf der Rudelsburg bei Kösen – huldreichst anerkannte. Vorbei ging es am Forum und Palatin; vorbei am Konstantinsbogen und Kolosseum; vorbei an Obelisk, Palast und Kirche des Laterans zur Porta Maggiore. Alsdann auf der alten Via Labicana hinaus in die Campagna, hinein in die Sommerpracht der römischen Landschaft, wo aus den versumpften Bachläufen und um die braunroten Ruinen der Wasserleitungen grünblaues Röhricht, hoch wie Bambus, aufschoß; wo Rosen meilenlange Hecken bildeten, großblumiger Mohn die Felder mit Scharlach überzog und Lerchenchöre himmelan stiegen in einem Jubel, als wollten sie den Preis von Roms Herrlichkeit emportragen zur Gottheit. Mit echt deutscher Ergriffenheit hatte der Professor diese Natur als Jüngling empfunden und genau ebenso tief empfand er sie an diesem leuchtenden Sommertag als Greis. Gleich ihm erging es Tausenden seiner Landsleute, denen gütige Götter Auge und Herz für dieses gelobte Land deutscher Sehnsucht geöffnet. Außer seinem sehr späten und sehr kurzen Eheglück, seiner ihm in reichlichem Maße zuteil gewordenen Anerkennung als tüchtiger Künstler, erachtete er als sein höchstes Glück, daß ihn das Schicksal schon in jungen Jahren nach Rom geführt hatte und ihm gegeben worden war, in Umrissen und Farben zu sagen, was er so leidenschaftlich liebte, so überschwenglich empfand. Sein heißer Wunsch war, alt, recht alt zu werden; nur deswegen recht alt, um in Landschaften und Figuren recht lange sein Italien verherrlichen zu können. Hätte ihm seine Frau einen Sohn geboren, so würde er dem Knaben für sein Leben nichts Höheres haben mitgeben können, als die glühende Liebe zu Italien. Aber auch seine Tochter war darin seines Geistes Kind; nur schmerzte ihn, daß ihm noch immer kein lieber Schwiegersohn eine Schar blühender Enkel in sein sonst so gesegnetes Haus gebracht hatte, gesegnet auch durch irdische Güter. Denn ein »Rudolf Müller« wurde selbst in dieser Zeit neuer und neuester Kunst von vermöglichen Romschwärmern teuer bezahlt. Allerdings nur von solchen ... Der Tag begann heiß zu werden, ein römischer Sommertag in seiner ganzen prangenden Herrlichkeit. Das schwerfällige Fuhrwerk, von vier mit klingenden Schellen behangenen Rossen gezogen, wirbelte auf der weißen Landstraße Staub in solchen Mengen auf, daß der Professor auf seinem Hochsitz wie ein auf die Erde herabgestiegener Jupiter thronte, um dessen olympisches Haupt sich noch immer Wolkendunst sammelte. Wie durch silberne Schleier sah er die Landschaft, die scharlachfarbenen Mohnfelder, die Hecken wilder Rosen, die Bollwerke ultramarinblauer Winden und bunten Geißblattes; sah er die rotbraunen Ruinen antiker Villen und mittelalterlicher Wachttürme; sah er die Sabiner- und Albanerberge. Und er sah im Westen die ferne Meeresküste mit den schwärzlichen Wildnissen der Buschwälder. Nachdem das Gefährt Roms Mauerring hinter sich gelassen, leuchtete dem Reisenden schon von weitem unter einem umwaldeten Felsgipfel ein schloßähnliches Gebäude entgegen. Der Berg trug einstmals die Burg von Tusculum, und das leuchtende Haus war die Villa Falconieri. Frei und stolz erhob sich der königliche Bau über den Ölwäldern und Rebenhügeln der schönsten aller Städte des alten Latium: über Frascati. Der weithin schimmernde Palast wurde von dem alten Germanen mit Begeisterung begrüßt, war er doch inmitten des römischen Berglandes ein Stück Deutschland, Eigentum des Deutschen Kaisers, zugleich ein Asyl deutscher Kunst und Gelehrsamkeit, also eine Weihestätte, von guten Menschen bewohnt. Denn für den Professor war es undenkbar, daß Kunst und Wissenschaft dem Menschen nicht den geistigen Adel verleihen sollten, wobei er jedoch nicht an sich selbst dachte, der er sich des Namens eines »Künstlers« für unwert erachtete, für solche hehre Himmlische hielt der Greis die Göttin, der er in Demut diente, als einer der Letzten und Geringsten ... Schnell machte er mit seinen beiden Nebenmännern, dem Vetturin und dem geistlichen Herrn, Bekanntschaft, zu seinem geheimen Kummer auch von diesen beiden sogleich als Deutscher erkannt. Schuld daran konnte lediglich sein etwas mangelhaftes »R« sein, welches der Italiener so virtuos herunterschnarrt. Und wie hatte der Professor wegen dieses für die italienische Aussprache so wichtigen Buchstabens sich abgequält! Eigens zur Übung des »R« hatte er sich höchst kunstvoll einen Satz zusammengestellt und jeden Morgen und Abend als Lautgymnastik getrieben, dabei die Zunge genau in vorschriftsmäßiger Lage haltend. Die Sprachübung lautete: »Questo Nerone era un gran Imperator romano.« Aber selbst solche zungenbrecherische Lektion hatte nicht geholfen, den Italienern den unverfälschten Germanen zu verbergen. Die Unterhaltung der drei: des Deutschen, des Priesters und des ländlichen Rosselenkers, drehte sich ausschließlich um Italiens gegenwärtigen Krieg an der afrikanischen Küste. Als treuer Bundesgenosse der beutelustigen Halbinsel verschwieg Rudolf Müller seine Meinung über ein Abenteuer, für welches die beiden Römer nicht die leiseste patriotische Begeisterung hegten, den Krieg lediglich vom Standpunkt des praktischen Interesses betrachtend. Ihr Vaterland bedurfte in Gottes Namen einer neuen Eroberung, ganz gleich durch welche Mittel. Sogar der Vetturin fand für seine Anschauungen Worte höchsten Pathos, eine Sprache im Munde des gewöhnlichen Mannes, die des Professors schweigende Entrüstung in offenkundiges Entzücken verwandelte. Es war eben ein Volk, dessen geringste Söhne sich einer geradezu berauschenden Sprache befleißigten. Was Wunder, wenn diese begnadete Nation sich in eine Ekstase schwatzte, in der sie heilig glaubte, was sie so hinreißend auszudrücken verstand! Und wie stolz dieses Volk auf sein Vaterland war! Die Straße führte durch ein Gelände, darin jeder Fußbreit klassisches Gebiet war, jeder Stein Weltgeschichte predigte. Der geistliche Herr war ein armer Landpfarrer in schmieriger Sutane, für den ein Gericht mit schlechtem Öl angemachter Makkaroni als Festessen galt. Aber wie kannte der Mann seine Campagna! Daß er einen Archäologen hätte beschämen können! Der Vetturin konnte weder lesen noch schreiben. Aber als er an dem hochgelegenen Colonna vorbeifuhr, erzählte er seinem deutschen Fahrgast von dem großen Geschlecht, dessen Wiege jener Ort war, und er zeigte ihm die Stätte von Gabii, wo Romulus und Remus, der Legende nach, ihre gymnastische Ausbildung genossen hatten: »Hanno fatto i loro studii!« Und gar als auf braunem Bergrücken über silbernen Olivenwaldungen Palestrina aufstieg. Da erfuhr der Deutsche aus dem Munde des Priesters die Geschichte des einst hochherrlichen Präneste mit dem gewaltigen Tempelbezirk der goldenen Fortuna, als hielte ihm ein Historiker darüber Vortrag, und der Rosselenker berichtete leuchtenden Auges von den Kämpfen der mittelalterlichen Barone jener berühmten Stadt, als hätte der Analphabet Ferdinand Gregorovius studiert. Es war eben ein Volk, bis ins Innerste durchdrungen von dem Bewußtsein, noch immer überall dort zu herrschen, wo es einstmals vor Jahrtausenden geherrscht hatte. Also über den halben Erdkreis! Drittes Kapitel Jetzt befand sich der Professor an dem Ort, in dem er sich nicht als Rudolf Müller, sondern als »Sor Rodolfo« fühlen durfte; also in seiner seelischen und zugleich künstlerischen Heimat. Denn hier hatte der Zwanzigjährige sich selbst erkannt; hier waren seine ersten römischen Landschaftsbilder entstanden, die schnell seinen Ruf begründeten, einen Ruf, der mit den Jahren zum Ruhm ward; hier kannte ihn jedes Kind; hier freute sich jedermann seiner Ankunft, die Jahr für Jahr am gleichen Tage erfolgte. Früher hatte er mit den Seinen den Casino Baldi bewohnt, jene allbekannte Gaststätte; allbekannt durch die Begeisterung deutscher Maler und Dichter für das herrliche Felsenland. Nicht nur die Klassiker unter den deutschen Malern: Anton Koch und Friedrich Preller, hatten in dem weißen Hause auf dem grünen Hügel glückliche Zeiten verlebt; nicht nur Viktor Scheffel, Felix Dahn und Paul Heyse in der Herberge des biederen Serafino Baldi gedacht und gedichtet – auch Rudolf Müller hatte durch seinen langjährigen Aufenthalt zu ihrem Ruhme beigetragen. In den letzten Jahren war er jedoch dem alten Hause der Baldi untreu geworden: seitdem die neue Zeit und die neue Kunst, die malende, bildhauernde und dichtende, darin ihren triumphierenden Einzug gehalten. Dieser neuen Zeit und Kunst war der Alternde und Altmodische entflohen und hatte sich in einem Hause hoch über der altertümlichen Stadt ein eigenes Heim, die »Casa Tedesca«, gegründet. Denn deutsch, urdeutsch wollte Professor Müller trotz seiner fanatischen Italienliebe sein und bleiben, Wäre er noch jung gewesen, so hätte man bei ihm von einem tragischen Konflikt sprechen können: einem guten deutschen Mägdlein angetraut, war er der Leidenschaft zu einer heißblütigen Römerin zum Opfer gefallen; nicht imstande, aus den Netzen der römischen Sirene sich zu lösen, hielt er seiner hellhaarigen und helläugigen Hausfrau die seelische Treue. Es entstand nun die Frage, welches der beiden Frauenwesen zuallerletzt als Siegerin hervorgehen würde? In der Casa Tedesca führte Tante Minchen – ihr Bruder nannte sie in vertraulichen Augenblicken ostentativ »Minona« – als Hüterin des Herdes das Zepter. Doch war diese Herrschaft durchaus nicht unbestritten, mußte im Gegenteil in heißer Fehde stets von neuem errungen werden; es schien sogar höchst zweifelhaft, wem der endgültige Sieg verbleiben würde. Die Widersacherin Tante Minchens war keine andre als Dame Filomena, Fräulein Romanas einstige Frau Amme. Wollte die Naumburgerin auf gute deutsche Art Wirtschaft führen, so hielt es Dame Filomena für natürlicher und für sie angenehmer, auf echt römische Weise zu hausen. Diese Ansicht begründete sie einfach und schlagend damit, daß ihr Herr sich nicht in seinem lieben Deutschland, sondern in ihrem schönen Italien befand. Aber trotz der römischen Minona beharrte Tante Minchen auf den Gepflogenheiten ihrer heimatlichen Saalestadt. Aus solchen gewichtigen Gründen tobte beständig der Kampf zwischen den beiden häuslichen Gewalten. Übrigens wäre ohne diesen Streit für des Professors engelgleiches Fräulein Schwester das Leben gar zu reizlos gewesen ... Kaum war Sor Rodolfo in Olevano eingetroffen, so füllte sich das Haus mit Volk jeglichen Standes, Geschlechts und Alters. Es waren die Gevatterinnen und Basen, die Neffen und Söhne der Neffen Dame Filomenas, deren Familie zu den besseren des Ortes gehörte und sogar Honoratioren zu den Ihren zählte; war doch ihr Vetter Sindakus von Olevano, also Herrscher über das Völkchen der kleinen Felsenstadt. Dieser Sindakus, Virgilio Minardi mit Namen, besaß einen einzigen Sohn, der in Rom »Advokatur« studiert hatte; und ein Advokat konnte es bekanntlich in Italien zum Deputierten, sogar zum Staatsminister bringen. Nebenbei gesagt war der junge Amerigo ein Adonis von Antlitz und Gestalt. Gegenwärtig tat der Götterjüngling nichts, rein gar nichts, lebte in seiner Vaterstadt ganz als »Signore«, beehrte tagtäglich Olevanos einziges Kaffeehaus mit seiner Gegenwart, schlürfte, je nach der Jahreszeit, entweder einen »Schwarzen« und einen Wermut oder eine Limonata und eine Granita, politisierte stundenlang beim Apotheker und Barbier mit andern im Nichtstun ihm ähnlichen Jünglingen, verzierte mit seiner schlanken, nach letzter Mode gekleideten Person, stundenlang die Piazza und wartete. Worauf wohl? Weniger auf eine Advokatur, die von ihrem Inhaber immerhin eine gewisse Tätigkeit erforderte, als vielmehr auf eine Frau, die sich in sein glattes Gesicht verlieben und deren Vermögen ihn in Stand setzen würde, sein Leben ganz als »Signore« fortzuführen. Aber hübsch, bildhübsch war der faule Bursche und das nicht nur in den schönheitsdurstigen Augen Sor Rodolfos, sondern auch für das in heimlicher Liebe entbrannte Herz der guten, leider nicht mehr allzu jugendlichen Romana, deren Reize außer in ihrem wirklich prachtvollen goldblonden Haar in einem recht ansehnlichen Vermögen bestanden, was in Olevano allgemein bekannt und gebührend geschätzt wurde. Die Casa Tedesca wimmelte also von dem Anhang der Dame Filomena, ohne deren Willen kein Ei und keine Tomate ins Haus gelangte: stand doch der berüchtigte päpstliche Nepotismus des Mittelalters in der bella Italia auch im zwanzigsten Jahrhundert immer noch in voller Blüte, und das nicht nur bei den Großen und Gewaltigen, nicht nur bei Kardinälen, Abgeordneten und Ministern, sondern nicht minder bei den Geringsten eines elenden Gebirgsnestes. Auch gegen diese ehrwürdige Einrichtung erwies sich Tante Minchens Kampf seit bald dreißig Jahren als vollkommen machtlos. Was den Herrn des Hauses betraf, so sah dieser auch darin echtes Römertum; ja er hielt den bedenklichen Brauch geradezu für ein Stück des alten Rom, also für geheiligt. Je mehr Name Filomenas Küche mit dem altertümlichen offenen Feuerherd, Bratspieß und Rost von alt und jung, Männlein und Weiblein belebt wurde, um so heimischer fühlte sich der Professor in seinem Hause, das unter einem Hain von Edelkastanien hoch über Stadt und Land lag, mit einem Rundblick bis ins Neapolitanische hinein ... Die ersten Tage vergingen der Familie unter den freudigen Begrüßungen der Leute von Olevano. Sie brachten ihrem ältesten Sommergast ihre Gaben dar wie Vasallen ihrem Fürsten den alljährlichen Tribut. Die einen opferten einen Fiasco Olivenöl, die andern ein Fäßlein Wein: »bianco spumante« oder »rosso ascutio« von besonders vorzüglicher Qualität. Oder sie erschienen mit einem fetten Kapaun, einem Dutzend in der Schlinge gefangener Vögel: Stieglitze, Finken, Grasmücken, oder einem Bunde wilder Spargel, einem Korbe Steinpilze und andern Leckerbissen der frühsommerlichen Jahreszeit. Die Spender empfingen außer gerührtem Dank ansehnliche Gegengaben; nur beim Anblick der gewürgten Sänger des Waldes umdüsterte sich Sor Rodolfos strahlendes Antlitz. Jedes Jahr verbat er sich eindringlich derartige grausame Geschenke, jedes Jahr hielt er einen Vortrag über das Barbarische des Vogelmords und jedes Jahr ließ er sich die knusprig gebratenen Vögel herrlich schmecken. Nach dem Genusse erfolgte alsdann unweigerlich ein erneuter Ausbruch sittlicher Entrüstung, den Dame Filomena mit antiker Ruhe hinnahm, den Erzürnten durch ein Abendessen von eigenhändig gemachten Nudeln mit in Tomaten gedünsteten Pilzen wieder versöhnend. Es war dies eine Schüssel, die in solcher Vollendung im ganzen Lande Italien nur sie zu bereiten verstand. Mochte sie daher im Hause Müller Herrscherin sein und bleiben. Viertes Kapitel Im Casino Baldi wohnte unter anderen nordischen Sommergästen – das Haus wurde von der deutschen Künstlerschaft sozusagen mit Beschlag belegt – auch der Bildhauer Heinrich Weber . Er galt seinen Landsleuten für ein Genie und einen Mann der Zukunft, falls ihm eine solche beschieden sein sollte. Denn seine Freunde flüsterten von Tuberkulose, welche mörderische Krankheit gerade in seinem Alter – er stand Anfangs der Zwanzig – überaus gefährlich war. Niemand ahnte, ob der junge Künstler seinen Zustand kannte, und jedem flößte der arme Jüngling mit dem blassen, fast weißen Gesicht und dem üppigen rotblonden Gelock innige Teilnahme ein. Jeder glaubte an ihn, an seinen Genius. Der ganze Mensch hatte etwas Lichtes, Leuchtendes, und das nicht nur in seinem durchgeistigten Gesicht und Blick, sondern auch in seinem Wesen. »Apollinisch-bacchisch« nannte es der Professor, dessen Liebling und Schmerzenssohn zugleich sein Freund Heinz war: Schmerzenssohn, weil sich Heinrich Weber in seiner Kunst durchaus als »Moderner« erwies, wozu er freilich als Sohn seiner Zeit alles Recht besaß. Seine Kompositionen waren von einem Stil, dem die strenge Antike – die Antike Griechenlands und Phidias' – jede Daseinsberechtigung abgesprochen hätte: Heinrich Weber »malte« in Bronze und Marmor. Dabei welches Talent und welch prachtvoller Mensch! Aber in seiner Kunst eine Persönlichkeit, die an sich nicht rühren ließ. Der Professor galt ihm als – eben als der »gute« Sor Rodolfo. Seine Bilder würdigte er keines Blicks, was der Alte als Zeichen seines sich Überlebthabens voll schweigenden Kummers hinnahm, den Jungen wegen dessen großen Könnens laut rühmend, zugleich um die Verirrung solcher Kunst heimlich trauernd und um die Gesundheit des jungen Freundes sich sorgend. Denn: »Wenn dieses gewaltige Talent und dieser herrliche Mensch von den Göttern zu sehr geliebt werden, also jung sterben sollte – es wäre ein Jammer, nicht auszudenken!« Einstweilen wollte der scheinbar einem frühen Tode Geweihte leben. Ja, er wollte das Leben wie einen Becher, gefüllt mit berauschendem Trunk, an die Lippen setzen; wollte den vollen Pokal leeren bis zum letzten Tropfen; und nirgends auf der Welt wurde dem Künstler sowohl wie dem Menschen das trunkenmachende Lebenselixir mit solchen glühenden duftenden Rosen bekränzt wie in Italien, wie in Rom, dessen Herrlichkeit Erhabenheit war. In dem einen fanden sich daher der Alte und der Junge: in ihrer leidenschaftlichen Liebe zu Italien, wie sie in solcher Reinheit nur in dem Herzen eines jener Barbaren von jenseits der Alpen entbrennen konnte, einem Opferfeuer gleich ... Wenige Tage nach Ankunft der Familie Müller erschien in Olevano auch Heinrich Weber, leidenden Aussehens, aber lodernd in Lebensgluten. In andern Jahren war er später gekommen. Diesen Frühsommer jedoch wollte er dem Volksfest der heiligen Trinität auf dem Monte Autore im Simbriotal, hoch über Subiaco, beiwohnen, eine Wallfahrt aller Völkerschaften der Felsenberge ohnegleichen in Italien. Der Professor hatte in früherer Zeit dieses Ereignis des öfteren genossen und davon dem Freunde begeisterte Schilderungen gemacht. Nun wollte dieser selbst sehen und staunen. Allein würde er die weite Wanderung unternehmen. Nach dem Winter in Rom sehnte er sich nach Einsamkeit und innerer Einkehr, fühlte er das Bedürfnis nach neuen starken Eindrücken, nach Eindrücken, die ihm Italiens Natur und Volk geben sollten. Seit langem trug er sich mit dem Gedanken einer großen Komposition, die er bisher nur in schwankenden Gestalten geschaut. Es sollte eine Verherrlichung Italiens, eine Huldigung für das Vaterland Michelangelos sein, zugleich der monumentale Ausdruck jener Liebe der Deutschen zu dem Lande ihrer Sehnsucht, die bereits in den ältesten Zeiten deutscher Geschichte von tiefer Tragik für Deutschland war. Das Werk des jungen Künstlers sollte gewissermaßen die Verklärung dieser historischen Liebe bedeuten. Ihm war's, als sei dafür die Zeit gekommen und – als sei es für ihn die höchste Zeit ... Im Morgengrauen brach er auf, nur das Notwendigste – es galt eine Nachtruhe auf dem Gipfel des Berges – eine warme Decke und einige bescheidene Nahrungsmittel im grünleinenen oberbayrischen Rucksack mit sich führend. Nur in den italienischen Felsengebirgen konnte es, so meinte er, einen Sommermorgen von solcher leuchtenden Herrlichkeit geben. Auf der Landstraße, die steil aufwärts nach Subiaco führte, kam er an einem Walde hochstämmiger deutscher Eichen vorüber, feierlich und geheimnisvoll wie der Hain eines alten germanischen Gottes. Die schöne Waldung war – gleich der Villa Falconieri über der Weinstadt Frascati – inmitten der sabinischen Wildnis eine Scholle deutschen Bodens, überschattet von den Bäumen, daraus einstmals deutschen Helden der Siegeskranz gewunden ward. Den Wald umgab eine Umzäunung, deren Tor das deutsche Wappen hütete: ein Adler, der stolzeste aller Vögel der Erde! Kein deutscher Wanderer ging vorbei, ohne das Symbol deutscher Größe und Kraft freudig zu grüßen, es voll Glück als Begnadigung empfindend, Deutscher zu sein, ein Sohn des Volkes, welches am Rhein fest und treu die Wacht hielt... Höher stieg die Straße, freier ward der Blick über das Felsenland. Aus den Schluchten brauten blaue Dünste auf. Wallenden azurnen Geweben gleich zogen sie empor zu den kahlen Graten, an denen in der fahlen Farbe des Gesteins die Ortschaften klebten, jedes Dorf eine Siedlung wie von einem Urvolk bewohnt. In dieser Welt gab es kein zwanzigstes Jahrhundert; gab es nur wilde Ursprünglichkeit. Der Mensch, der in dieser stolzen Welt geboren ward, darin lebte und starb, war kein Sohn einer Kultur, welche bald diese, bald jene Form annahm, sondern er gehörte zu der Natur dieser sonnenwärts strebenden Gipfel und von brausenden Bergströmen durchfluteten Schluchten; gehörte dazu, gleich dem Fels, der Steineiche und dem Raubvogel, der zwischen Erde und Himmel mit ausgebreiteten Schwingen sich wiegte. Auf der Paßhöhe standen die Erikabäume noch in voller lichter Blüte, ein Märchenwald, der bewohnt werden konnte von dem flötenblasenden, bockbeinigen Satyr und dem roßschweifigen Faun. Auch von Dryaden und Nymphen. Wo der Weg die Schlucht erreicht, durch welche schäumend der junge Anio braust, darüber auf kühler Klippe die Klöster Sant Benedikts sich erheben, verließ der Künstler die Landstraße und folgte dem Laufe des Bergstroms, in dessen Fluten Kaiser Nero mit goldenen Netzen den noch heute berühmten Anioforellen nachgestellt hatte. Heinrich sah die Ruinen des Kaiserpalastes aus den Wirbeln ragen und über dem Abgrund hängen und gedachte des Wandels der Zeiten: dort, wo ein menschlicher Dämon, der in Rom die ersten Christen als lebende Fackeln auflodern ließ, sein »Sabinum«, ein Asyl seiner Lüste, gegründet, wurde die Scholle durch einen Verkünder eben jenes verfolgten Glaubens von den Geistern der Vergangenheit gereinigt, so daß die Stätte, die des Heiligen Fuß betrat, für alle Zeiten geweiht war... Immer öder, immer gewaltiger die Felsenwelt! Schluchten und von Felsblöcken sich niederstürzende Kaskaden, Klippen und Klüfte, geheimnisvolle Grotten, schwärzliche Waldungen von Steineichen. Und in solcher Landschaft Kapellen und Siedeleien, Ruinen antiker Villen und Bauten des Mittelalters wie durch Zauber an scheinbar unzugängliche Schroffen gebannt. Hoch droben noch immer die Dörfer mit höhlenartigen Behausungen unter grauen Gipfeln, die zu dem Azur eines wolkenlosen Himmels aufstiegen, und, wie die Stimme dieser Natur selbst, in Wolkenhöhen ein Adlerschrei. Nicht ein einziger Reiz dieser Schöpfung ging dem Auge und Sinn des Nordländers verloren. Es war eine monumentale Welt, erschaffen von demselben göttlichen Geist, der Michelangelo beseelt hatte, jenen Michelangelo, der den Gott der Sistina werden ließ und die Peterskuppel wölbte. Und das Volk, das diese Welt belebte! Denn der Künstler war in der ungeheuren Einsamkeit nicht einsam. Auf dem Wege zwischen Fluß und Fels zogen Pilgerscharen zu dem hohen Heiligtum der Trinität, deren Fest die Einwohner der Berge feierten, Gestalten, wie sie urwüchsiger schwer zu denken waren. Besonders die Frauen. So, genau so, fast hochmütig stolz, trug das Frauengeschlecht des Altertums sein Haupt; genau so prachtvoll frei waren noch heute dieses Geschlechtes Haltung und Gang. Männer sowohl wie Frauen hatten ihre Feiertagskleidung angelegt, die zumeist dunkel, häufig sogar schwarz war, was die Prozessionen Trauerzügen gleichen ließ. Da die Straße in Windungen aufwärts führte, sah Heinrich die dunkle Menschenwoge beständig vor sich, über sich. Jedem Zuge voraus schritten die Ältesten, Männer und Frauen. Sie waren nicht nur die Anführer ihrer Gemeinde, sondern auch deren Vorbeter und Vorsänger. Uralte Gebete und Gesänge erschallten. Zuerst schwebten die Stimmen einzelner dumpf und geisterhaft über den Abgründen; plötzlich fiel die ganze Schar ein, an den Chor der Antike erinnernd. Welch sonderbarer Schwärmer und Phantast selbst solch Moderner sein konnte! Tag und Weg, Landschaft und Staffage erfüllten den jungen Bildhauer mit phantastischen Vorstellungen. Unter den Pilgerzügen – auch aus den Abruzzen und den Volskerbergen waren sie herbeigekommen – befand sich eine überaus eigentümliche Frauengestalt. Sie schritt vor ihm her auf den vielen Windungen des Felsenpfades, groß und schlank, von einem wundervollen Ebenmaß. Unwillkürlich entkleidete sie Heinrichs Künstlerphantasie ihrer düsteren Gewänder und er glaubte niemals solche Frauenherrlichkeit gesehen zu haben. Ihre Gesichtszüge konnte er nicht erkennen. Sie mußte jung sein und – ja, und schön! Ganz seltsam, ganz wunderbar schön! Auch das war bei dieser einen ungewöhnlich: sie schritt getrennt von den Genossinnen, gleichsam als sei sie eine Gemiedene, eine Verfemte. Nur um so freier schien sie das Haupt zu tragen, nur um so stolzer war ihre Haltung. So wenigstens deuchte es Heinrich in seiner phantasierenden Stimmung, der er verfallen war. Immer wieder mußte er denken: wo gibt es eine Welt, dieser ähnlich? Wo ein Volk, diesem gleich? Wo eine Frauengestalt aus dem Volke von solcher herben Hoheit? Italien! Je länger er in Italien lebte, um so heftiger ergriff ihn die Liebe zu diesem Lande; um so klarer erkannte er, was Italien dem Deutschen war: eben das geliebte Land! Eine Liebe war's, die des Deutschen Gemüt bis in seine Tiefen erfüllte, wahrlich kein schlechter, kein unwürdiger Teil seines Wesens ... Erst bei anbrechender Dämmerung erreichte der junge Künstler sein Ziel. Unter einer im Sonnenuntergangsfeuer brennenden gewaltigen Klippe orangefarbenen Gesteins lag das Sanktuarium, gegründet von Jüngern Sant Benedikts, geschmückt mit verblassenden Fresken, erfüllt von wallendem Weihrauchgewölk, dem die Gestalten der betenden und büßenden Pilger gleich schemenhaften Schatten entstiegen, umbraust von betäubend duftenden Dämpfen, daraus die Lichter zahlloser Opferkerzen aufzuckten, mystischen Flammen gleich. Gleich einer mystischen Flamme empfand der Deutsche in dieser Stunde seine Liebe zu Italien. Sie lebte als heilige Glut in den Herzen von Tausenden und aber Tausenden seines Vaterlands! Als heilige Lohe sollte sie dem Herzen der Deutschen erhalten bleiben. Fünftes Kapitel Eine Sommerphantasie war's, ein Sommernachtstraum unter dem Sternenhimmel des Südens. Alle die zur Anbetung der dreieinigen Gottheit gekommen waren, übernachteten hoch oben in der Öde. Die jungen Burschen hatten Holz mitgebracht, Äste des knorrigen Ölbaums mit silbernem Blattwerk, Zweige wilder Myrten, bedeckt mit schimmernden Blüten, gelbgoldige Ginsterstauden. Rings um das ehrwürdige Heiligtum loderten die Feuer. Bei den knisternden Bränden nächteten, in Familien und Genossenschaften geteilt, die Pilger. Der flackernde Schein fiel auf Gestalten, wie aus einer um Jahrhunderte zurückliegenden Welt. Eine jede könnte dem Künstler als Modell dienen. Sie schmausten und tranken. Aus den strohumflochtenen Foglietten floß der heimatliche Rebensaft in der Farbe des Bernsteins und des Scharlachs. Aber nirgends wurde die Luft laut, und das dumpfe Psalmieren währte beinahe die ganze Nacht. Immer wieder begannen die Ältesten mit Gebet und Gesang; immer wieder fiel der Chor ein. Eine kraftvolle Frauenstimme schwebte über all den Stimmen der einen Schar, einer einsamen Seele gleich, die sich selbst ausschließt von der Gemeinschaft des Menschen. Ob es wohl die Stimme jener einsam Schreitenden war? Bei dieser stummen Frage erwachte Heinrichs Künstlerphantasie von neuem. Um eine solche Phantasie ist es ein wunderlich Ding: wovon sie gepackt wird, davon kommt sie nicht wieder los. Das ergreift von ihr Besitz und ruht nicht eher, als bis es erschaffen ward, bis es Gestalt annahm, eine geheimnisvolle Macht, die den Künstler zwingt, seinen innerlichen Gebilden Form, Seele, Leben zu geben... Heinrich fühlte sich durch die Fülle der Eindrücke erregt. Beständig sah er im Geist die vor ihm herschreitende hohe Frauengestalt, lauschte er auf die über allen andern Stimmen schwebende geheimnisvolle Stimme. Einmal – es geschah vor Jahren in Rom – hatte er geträumt: in einer Felsenöde schreite das Schicksal in Gestalt einer grau Verhüllten Frau vor ihm her. Er hatte versucht, sie zu erreichen. Aber sie blieb über ihm, vor ihm. Er ging schneller und schneller. Aber er erreichte sie nicht. Schließlich schrie er der gelassen vor ihm Herschreitenden zu: »Und wenn du mein Unglück wärst, ich will dich erreichen! Hörst du, ich will !« Plötzlich blieb die Frau stehen, und er stürzte auf sie zu. Sie schien leblos, ein Phantom, ein Schemen. Es überlief ihn. Trotzdem breitete er nach dem Spukbilde die Arme aus. Da entschleierte sie sich langsam, langsam. Er sah ein Antlitz von einer Schönheit, die nicht von dieser Welt war. Er taumelte, raffte sich auf, wollte die graue Gestalt an sich reißen, konnte plötzlich kein Glied rühren, fühlte sich entgeistert, entseelt. Mit einem Schrei erwachte er. Seltsam! Nie wieder hatte er jenes weit zurückliegenden Traumes gedacht; hatte völlig vergessen, was ihm damals wie eine Vision erschienen war. Plötzlich fiel ihm alles wieder ein, und das mit solcher Deutlichkeit, als sei es ein Traum der letzten Nacht gewesen. Gerade wie damals packte ihn auch jetzt wieder die Empfindung: vor dir her schreitet dein Schicksal, und seinem Schicksal kann der Mensch nicht entgehen. Wer mochte die Sängerin sein? Irgend ein Weib aus einem Felsennest der Abruzzen oder dem Volskischen, den Sabinerbergen. Wo mochte sie sich gegenwärtig befinden? War sie auch jetzt noch einsam? Gewiß lagerte sie mit den Genossinnen an einem der Feuer. Immerhin blieb es für den Künstler ein seltsames Erlebnis; denn jener vor ihm Herschreitenden gedenkend, stand die Komposition, die er seit langem in nebelhaften Umrissen in sich trug, plötzlich in scharfen Linien vor seinem inneren Gesicht. Plötzlich kam es über ihn, einer Eingebung gleich. Er sah einen Mann und ein Weib. Beide waren jung, beide waren vollkommen geschaffen. Das Weib stand vor ihm in unverhüllter göttlicher Schönheit, der Mann dagegen in der Gestalt, wie die Antike den Germanen, den »Barbaren«, als Typus gebildet. Mit dem Ausdruck höchsten Entzückens, einer Inbrunst, die Anbetung war, huldigte der Jüngling der Hohen und Herrlichen. Deutschland huldigt Italien! Italien nahm die Huldigung Deutschlands entgegen wie eine Göttin sich solche gefallen läßt. Sie schien dem Jüngling sich zuzuneigen; schien für den Hingesunkenen einen Blick, ein Lächeln zu haben; schien ihn emporziehen zu wollen. Die bloße Erwartung ihres Blicks und Lächelns verklärte das emporgehobene Antlitz des Mannes, der ein Barbar sein sollte, und der für Italien ganz Bewunderung, ganz Begeisterung, ganz – Liebe war. Auch ganz Treue, ganz Glauben... Heinrich verbrachte die Nacht, in seine Decke gehüllt, schlaflos und im Geist die zwei Gestalten schauend, deren Schöpfer er sein wollte. Er lag mit offenen Augen und sah über den Gipfeln die Sterne emporsteigen, als sprängen die himmlischen Welten aus dem wilden Gestein. Alsdann zogen sie ihre bestimmten Bahnen, um sie in Ewigkeit weiterzuziehen... Allmählich verloschen die Feuer, verstummten Gebet und Gesang. Nur bisweilen flammte es an einer der Lagerstellen mit zuckendem Schein noch einmal auf, und eine schlaftrunkene Stimme rief einen Namen, murmelte ein Gebet, sang die Strophe eines Pilgerliedes wie in tiefem Traum. Da war sie wieder! Sie schritt durch die Reihen der Wallfahrer dem Heiligtum der Dreifaltigkeit zu. Kam sie an einem der noch glimmenden Feuer vorüber, so glitt der Schein blitzartig über sie hin. Heinrich sah sie kommen, fuhr in die Höhe, grüßte sie heißen Blicks, als schaute er die Verkörperung seines inneren Gesichts: jener allegorischen Frauengestalt, der er den Namen »Italien« gegeben hatte. Er sah sie die Vorhalle des Sanktuariums betreten; sah sie in dieses eingehen. Einem unwiderstehlichen Drange folgend, erhob er sich nach einer Weile und schlich der Pilgerin nach, die in der Einsamkeit der Nacht beten wollte, vielleicht büßen mußte. Für welche Schuld? Während er darüber noch nachsann, überkam ihn ein Gefühl wie Eifersucht auf ein Liebesglück, das die Unbekannte, deren Gesicht er nicht einmal gesehen, einem Manne gespendet hatte und das von diesem genossen worden war. Wahrlich! Geheimnisvolle Gewalten zwangen den Menschen zum Menschen: mystische Mächte waren geschäftig, seinem Leben das Gewand zu weben, und was ihm als Zufall erschien, war eben das Schicksal... Der junge Künstler, dem solche Gedanken durch den Kopf gingen, stand in der Vorhalle der Wallfahrtskirche. Was wollte er hier? Der Fremden in das Heiligtum folgen? Sie erfüllte ein Gelöbnis und er wäre imstande gewesen, sie in ihrem Gebet, ihrer Buße zu belauschen? Überhaupt – was hatte sie mit ihm und jenem geheimnisvollen Etwas zu schaffen, das er pathetisch »Schicksal« nannte, dem niemand entgehen konnte. Also auch nicht er selbst. Aber besaß nicht der Mensch Willen und Kraft, sein Schicksal selber zu schmieden? Vollends, wenn es sich in Gestalt eines Weibes verkörperte? Heinrich hatte bisher genug Gelegenheit gehabt, solchem Geschick zu erliegen, war jedoch stets Herr seiner selbst geblieben, hatte Frauengunst heißer genossen als gute Freunde ihm wünschten, wollte auch fernerhin genießen; wollte leben, lieben, und das ohne jede gefühlvolle Anwandlung. Wie also kam er plötzlich zu solcher Einbildung, die der bloße Anblick dieser Fremden und die Erinnerung an einen vor langem gehabten Traum in ihm weckten? Aber erwarten wollte er sie, ihr ins Gesicht sehen, sie anreden. Doch als sie endlich kam – Er trat ihr in den Weg, sprach kein Wort, starrte sie an. Dann begann er nach landesüblicher Art sie mit dem vertraulichen Du anredend: »Ich wartete hier draußen auf dich.« »Auf mich, Herr?« Sie hatte die Stimme einer Römerin, jeglichen Wohllauts bar. Ihre Mienen blieben regungslos gleich denen eines Steinbilds und hätten doch Verwunderung ausdrücken müssen darüber, daß dieser Unbekannte mitten in der Nacht auf sie gewartet hatte, und das an dieser heiligen Stätte. War sie eigentlich schön? ... Schön? Sie war mehr als nur schön. Ihre Züge hatten etwas von der strengen Erhabenheit der Antike, und ihr Mund, ihre Augen – Heinrich hatte diesen Mund und diese Augen nicht schildern, beides nur nachschaffen können in Marmor. Marmor vom Berge Pentelikon hätte es sein müssen! Wie unter einem Zwange stehend, blickte er auf diesen Mund. Ein Mund war's, der Worte sagen konnte, die wie Dolche trafen; ein Mund war's, der Küsse geben konnte, die einen Mann um den Verstand brachten. Nach einer Weile stummen Anstarrens stieß er hervor: »Was tust du eigentlich hier oben?« Eine müßige, eine ganz unsinnige Frage! Sie war ihm entschlüpft, weil er anderes nicht zu sagen wußte; weil es ihn verlegen machte, ihre mächtigen flammenden Augen auf sich gerichtet zu fühlen und er sich bei der Vorstellung ertappte, welche Küsse dieser Mund geben konnte. Ohne ihre Antwort abzuwarten, sprach er in abgerissenen Worten hastig weiter: »Du kamst jedenfalls aus dem nämlichen Grunde hierher wie alle andern. Aber weshalb wähltest du gerade diesen Gnadenort? Zu irgend einem Marienheiligtum hättest du pilgern sollen. Entweder zur schwarzen Madonna von Genazzano oder zu der göttlichen Liebe bei Albano, Sie hätte dir sicher mehr geholfen.« »Mir mehr geholfen? ... Worin?« »Der schwarzen Madonna hättest du eine Kerze und der himmlischen Frau von der göttlichen Liebe ein Wachsherz opfern können. Die beiden hätten sich dir sicher gnädig erwiesen in deinem Leid, das doch wohl Liebesleid ist. Denn welch anderes Leid solltest du haben?« Sie sprach ihm nach: »Welch anderes Leid sollte ich haben?« »Nun ja.« »Ein Liebesleid? Deshalb sollte ich hier heraufgekommen sein?« Und noch einmal im Tone höchster Verachtung: »Deshalb!« »Du bist jung und schön!« Er wollte es nicht sagen und ärgerte sich, weil er es gesagt hatte. Doch schenkte sie seinen bewundernden Worten nicht die mindeste Beachtung. »Wie heißest du eigentlich?« »Ich heiße Lavinia.« »Das ist ein großartiger Name! Eine römische Kaiserin könnte so geheißen haben ... Aus welchem Dorf bist du?« »Aus Bellegra dort oben.« »Das ist ein wilder Ort!« »Ihr kennt ihn?« »Ich wohne in Olevano.« »Dann freilich.« »Lebst du dort oben Winters und Sommers?« »Jetzt nur noch im Sommer.« »Im Winter bist du wo?« »In Rom.« Heinrich rief aus: »In Rom bist du?« »Herr, ja.« »Du bist – Modell?« »Herr, ja.« »Ich sah dich nie... Du mußt nämlich wissen, daß ich Künstler bin.« »Habt Ihr deshalb hier draußen auf mich gewartet?« »Den ganzen Tag sah ich dich. Du schrittest beständig vor mir her. Ich konnte dich jedoch nicht erreichen... Modell bist du? Seltsam, daß ich dich in Rom nie sah.« »Ich bin Modell in der Villa Medici.« »Bei den Franzosen!« »Herr, ja.« »Sie nehmen immer die schönsten; nehmen sie uns andern fort.« »Ich bin nicht schön.« »Du bist –« Er stockte. »Lebt wohl, Herr.« »Bleibe noch!« »Es wird Tag.« Er sagte wie tief gekränkt: »Wenn du den Franzosen gehörst –« Da er wiederum ins Stocken geriet, schloß sie den Satz: »So kann ich den Deutschen nicht gehören.« »Woher weißt du, daß ich ein Deutscher bin?« Sie sah ihn an und lächelte. Er wollte auffahren, beherrschte sich, fragte: »Weshalb gingst du während des ganzen langen Weges immer allein?« »Weshalb?« »Sprich doch!« »Ich bin Modell. Da Ihr Künstler seid, werdet Ihr wissen –« Er fiel ihr ins Wort: »Weil du Modell bist, ließen dich deine Genossinnen allein gehen?« »Das ist nun einmal nicht anders.« »Sage mir –« »Herr, was?« »Gingst du mutterseelenallein beten in der Nacht, weil du Modell bist und einen Liebhaber hast?« Er glaubte, sie wiederum voller Verachtung lächeln zu sehen. Sie sagte: »Herr, ich brauche weder zu der schwarzen Madonna von Genazzano noch zu der gnadenreichen Himmelsmutter von der göttlichen Liebe bei Albano eine Wallfahrt zu tun; brauche kein Opfer zu bringen, weder ein Wachsherz noch eine geweihte Kerze.« »Nicht um deines Liebhabers willen, der sicher ein Künstler ist, einer von den Franzosen der Villa Medici?« »Ich habe keinen Liebhaber. Übrigens – was geht's Euch an?« »Nichts. Du hast recht. Verzeih!« »Ihr kränktet mich nicht.« Er konnte nicht von ihr loskommen, sprach daher weiter in sie hinein: »Wenn du keinen Liebhaber hast, für den du opfern mußt, so brauchtest du keine Wallfahrt zu tun.« Sie erwiderte: »Herr, wißt Ihr nicht, was heute in aller Frühe hier oben vorgehen wird?« »Für die Pilger wird ein Hochamt gehalten.« »Christi Passion wird vom Volk vorgestellt.« »Richtig. Ich hörte von dem seltsamen Brauch.« »Er ist uralt.« »Also kamst du um dieser Darstellung willen auf den Berg?« »Herr, ja. Ich bin heute die Maria von Magdala.« Leidenschaftlich rief Heinrich aus: »Du die große Sünderin? Weshalb gerade du, wenn du doch keinen Liebsten hast und weder ein Herz noch eine geweihte Kerze der Madonna zu opfern brauchst? Trotzdem standest du mitten in der Nacht heimlich auf, gingst in die Kirche und – du willst gehen?« Er trat von ihr zurück, und sie schritt an ihm vorüber, der dastand und ihr nachsah, wie sie zwischen den Reihen der Ruhenden und dem verglimmenden Feuer einsam ihres Weges ging, feierlichen Schrittes, erhobenen Hauptes, als wäre der Karyatiden eine beseelt worden und wandelte... Modell war sie. Eines jener Mädchen, wie sie die Dörfer der römischen Felsenwildnisse zu Scharen ausschicken nicht nur nach Rom, sondern nach allen Hauptstädten Europas, Berlin und München, Wien, London, Paris. Modell war sie; aber – sie hatte keinen Liebhaber, brauchte keine Wallfahrt zu tun, der hilfreichen Madonna keine Opfer zu bringen. Dennoch ging sie getrennt von den andern: weil sie Modell war! Und bei der Darstellung der heiligen Passion durch das Volk der Felsenberge gab sie die Maria von Magdala, die große Sünderin und Büßerin. Sie stellte diese dar, eben weil sie Modell war und ihren Körper Männerblicken preisgab. Deshalb wurde sie von ihren Genossinnen gemieden; deshalb tat sie die Wallfahrt zu dem hohen Heiligtum; deshalb Gebet und Buße heimlich in der Nacht – Noch immer stand er und sah ihr nach. Gleich einer Erscheinung verschwand sie in dem Schatten der Morgendämmerung. Heinrich hätte glauben können, es sei wiederum ein Traum gewesen. Aber er hatte vor ihr gestanden und zu ihr gesprochen; hatte ihren Namen erfahren; hatte erfahren, daß sie Modell war und in Rom den Franzosen gehörte. Der Tag brach an. Gab es auf der Welt einen Tagesanbruch, diesem gleich in Roms Felsenbergen? Grat und Wipfel schienen nicht Gestein, sondern Feuerwälle und Flammensäulen. Langsam röteten sie sich. Sie lohten und loderten. Dann erklang das Glöcklein des Heiligtums. Die Scharen der Waller erhoben sich von ihren Lagerstätten, warfen sich auf die Kniee und stimmten den Morgengesang an. Dünste entstiegen den Tiefen, die Gluten der Höhen erloschen. Die Sonne ging auf. Sechstes Kapitel Jeden frühen Morgen erwachte Sor Rodolfo mit dem Gefühl tiefer Dankbarkeit gegen gütige Götter, die ihm vergönnten, noch einmal einen Sommer in seinen geliebten Sabinerbergen zu verleben. Denn für ein Geschenk hielt es der greise Künstler, noch als alter Mann das Land der Römer mit den Augen sehen und seine Herrlichkeit mit dem Herzen fühlen zu können. Wie leuchteten die Felsenberge im ersten Tagesglanz! Jeder Umriß war von vollendeter Schönheit, und die Wohnstätten hatten sich in unbewußtem Stilgefühl der Natur angepaßt: dem kahlen graubräunlichen Gestein der Gipfel, dem graugrünen Laub der Steineichen, dem matten Silber der Ölbäume. Einen Gegensatz zu dem strahlenden Tageslicht bildeten die schwärzlichen Schluchten, die bläulichen Dünste der Fernen. Es war Italien, das sommerliche Italien in seiner ganzen Herrlichkeit. Als echter Germane frühstückte der Alte im Freien. Unter den hochstämmigen Edelkastanien deckte Romana den Tisch, und Tante Minchen trug eigenhändig das Frühmahl auf: statt des »melancholischen« Kaffees den mit allerlei scharfen Gewürzen und aromatischen Kräutern behandelten stark geräucherten Schinken, dazu die fast schwarzblauen Feigen, frisch vom Baum gepflückt, überreif und aus purpurfarbenem Inneren goldige Säfte quellen lassend, ein Mahl, dagegen Nektar und Ambrosia armselige Genüsse gewesen sein mußten. Die drei saßen noch unter den schattenden Gipfeln, als ein Bewohner Olevanos des Weges daherkam, ein Landmann in weißer Hose und einer Jacke aus grobem Linnen. Im breiten Ledergurt steckte das landesübliche sichelförmige Messer und über der Schulter hing am Riemen eine winzige Tonne, gefüllt mit einem dünnen säuerlichen Wein, dem Labetrunk des römischen Landmanns während der Sommergluten. In einem buntgewürfelten Tuch, dem »fazzoleto«, befand sich das Mittagsmahl, ein großes Stück Brot. Die Zuspeisen: Salat, Zwiebel und junge Artischocken würde der Sabiner seinem eigenen Acker entnehmen. Er war ein Mann in den Vierzigern, eine gedrungene sehnige Gestalt und ein Kopf wie aus Erz gegossen. Der Sindakus von Olevano war's, der seine Vigna und Oliveta bestellte wie jeder andere auch. Heute begab er sich auf seinen hochgelegenen Weinberg, wo bereits eine Schar junger Mädchen mit der frühlichen Arbeit des Abstreifens der Rebenblätter, der »scacciatura», begonnen hatte, um die schwellenden Trauben möglichst der reifenden Sonne auszusetzen. Schon von weitem rief der Professor dem Bürgermeister seinen Morgengruß zu und ging dem guten Bekannten entgegen. Die beiden schüttelten sich die Hände, und Sor Virgilio begann das Gespräch, wie dortzulande jede Unterhaltung begonnen wird: »Wie geht's, Professor?« »Danke, vortrefflich! Bin ich doch wieder bei Euch, wieder in Olevano. Und wiederum habt Ihr mir zum Willkomm ein köstliches Weinchen geschickt. Heute abend stelle ich mich bei Euch ein, um mich auch bei Eurer Hausfrau, meiner werten Sora Pia, bestens zu bedanken. Euch und den Euern geht es doch gut?« »So, so. Wir haben Krieg.« »Italien wollte Krieg haben.« »Nicht das Volk.« »Immerhin führt den Krieg das Volk.« »Die Regierung mit des Volkes Blut.« Sor Rodolfo rief aus; »Das Volk läßt diesen ungerechtesten aller Kriege durch seiner Sühne Blut führen!« »Sie sagen ja wohl, Italien müsse fremde Länder erobern.« »In Afrika drüben?« »Sie sagen ja wohl, auch Afrika hatte einstmals uns Römern gehört und was uns einstmals gehört, müßten wir wiederhaben.« Um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben, bemerkte der Professor: »Euer Sohn braucht nicht zu dienen?« »Da er unser einziger ist, so braucht er es nicht.« »Was treibt der feine junge Herr?« Der Vater zuckte schweigend die Achseln. Unwillkürlich meinte Sor Rodolfo: »Euer Sohn sollte Euch eine tüchtige Frau ins Haus bringen.« »So ist's, eine tüchtige Frau.« »Denn eigentlich ist der hübsche Bengel ein Prachtjunge, Ihn nur anzusehen, macht Freude.« »Ihr seid sehr gütig. Das seid Ihr immer für uns.« »Weil ich unter Euch immer glücklich bin. Ich kann nicht sagen, wie sehr glücklich.« »Wir fühlen es und ehren Euch deswegen.« »Lieben sollt Ihr mich, das ist mehr als ehren.« »Ihr seid ein großer Künstler.« »Ein sehr kleiner, glaubt mir's nur.« »Eure Bilder haben Olevano berühmt gemacht.« »Ach, Sor Virgilio, berühmt machten Olevano andere und Größere als ich.« »Immerhin sind wir stolz auf Euch.« »Danke ... Setzt Euch einen Augenblick zu uns. Meine Damen möchten Euch begrüßen.« Ein Edelmann hätte den beiden Frauen nicht ritterlicher begegnen können, als dieser schlichte Mann, ein Bauer der wilden Sabina, es tat. Dame Filomena kam hinzu, und die beiden Verwandten tauschten die üblichen Höflichkeiten aus, auf deren sprachliche Formvollendung der Professor mit Entzücken lauschte. Denn – Wie dieses Volk sich ausdrückte! Im lieben deutschen Vaterland stand eine derartige Ausdrucksweise selbst dem Gebildeten nicht zu Gebot; und in diesem wunderbaren Lande redete in solchen geradezu klassischen Wendungen das Volk. Da der Sindakus seinen Weg ohne weiteren Aufenthalt fortsetzen wollte, gab ihm der Professor das Geleit. Dem alten Herrn ging ein Wort des tüchtigen Mannes nicht aus dem Sinn: »mit des Volkes Blut!« Mit seines Volkes blühendem Leben versuchte Italien in fernen fremden Ländern Provinzen zu erobern, die einstmals dem weltgebietenden Rom Untertan gewesen. Einstmals! Dabei war Italiens Volk nicht durchdrungen von Begeisterung für diesen Krieg, nicht erfüllt vom Glauben an die Gerechtigkeit seiner Sache. Schon einmal hatte der Deutsche zu seinem Kummer das nämliche gewahren müssen, und das erst vor wenigen Jahren. Damals kämpfte Italien in Abessinien, und die Schlacht bei Adua ward geschlagen. Damals breitete das Blut des italienischen Volkes einen Purpurmantel über die rote Wüste; damals blieben des Volkes von wilden Horden geschlachtete Söhne durch Wochen und Wochen auf dem grauenvollen Totenfelde liegen, den Geiern zum Fraß. Ein General, ein Feldherr und Führer, hatte in schmachvoller Feigheit die Flucht ergriffen, und Italiens Volk raunte sich zu: im römischen Königspalast wären, gleichfalls für die Flucht, bereits die Koffer gepackt gewesen, während man selbst im Generalstabe nicht gewußt hätte, wo dieses furchtbare Schlachtgefilde von Adua eigentlich lag. Nein! Nicht mit des Volkes Willen, wohl aber mit des Volkes Blut kämpfte Italien seine Kriege, nicht gerade zu Italiens Ehre und Ruhm! Es war dies eine Erkenntnis, die selbst dem Fremden, dem Deutschen, der Italiens Geschick wie das seines eigenen Vaterlandes empfand, zu schwerem Leidwesen gereichte. Ernsthaft besprachen sich die alten Freunde. Der Sindakus sagte: »Wir Italiener sind gute Bürger. Gern geben wir dem Staate, was des Staates ist, sobald wir die Gewißheit haben, es sei zu seinem und unserem Besten. Aber jetzt haben wir nicht diese Gewißheit. Statt Vertrauen haben wir Mißtrauen. Da sind – um nur ein Beispiel zu nennen – unsre Schulen. Besucht im Sabinergebirge unsre Schulen, betrachtet unsre Lehrer, unsre Lehrerinnen. Es ist ein Jammer! Zählt die Söhne und Töchter unsres Volkes, die lesen und schreiben können; sie sind leicht zu zählen. Die Lehrer, die unsre Jugend unterrichten, sind unter den armseligen Gestalten unsres Volks fast die armseligsten. Viele von ihnen hungern. Und gerade in unsre entlegenen Ortschaften sollte der Staat tüchtige Lehrkräfte senden. Zählt die Scharen der jährlich von Italien Auswandernden; sie sind schwer zu zählen. Geht nach Sardinien, nach Apulien, nach Kalabrien; geht in die Abruzzen oder kommt hierher zu uns. Geht an die Meeresküsten, in die Gebiete der Sümpfe und der Malaria. Geht und seht selbst! Und von allen diesen Bewohnern nimmt der Staat Steuern, höhere, als Sklavenarbeit aufbringen könnte. Aber alles steht bei uns herrlich – auf dem Papier. Deswegen müssen wir Kriege haben, weil bei uns vieles von Übel ist. Um das Volk darüber hinwegzutäuschen, müssen wir Kriege haben; muß das Volk seiner Sühne Leben hingeben und deren Blut in Strömen fließen lassen: deswegen, Sor Rodolfo, der Ihr ein Freund unsres Volkes seid und Italien liebt.« »Deswegen!« wiederholte der Künstler unwillkürlich und fühlte seine Liebe zu Italien als Schmerz... Schweigend schritten die beiden auf schmalem Pfade weiter. Dieser führte bald zwischen von dem Gold der Ginsterblüte bedeckten Klippen dahin, bald unter dem Silber der Ölbäume steil empor. Als sie höher kamen, hörten sie vielstimmigen Gesang. Es waren die Arbeiterinnen in den Rebenfeldern. Das heilbringende Vitriol hatte die Weinstöcke mit metallisch glänzendem Blau überzogen, daraus die roten Kopftücher der Mädchen grell aufleuchteten. In allen Gefilden ringsum befanden sich die hübschen Kinder beim Pflücken, und eine Genossenschaft sang der andern zu, Frage und Antwort. Die Strophen waren improvisiert, desgleichen die Melodieen. Doch klangen die Weisen eintönig und schwermütig, obgleich die Sängerinnen jung und fröhlich waren. In der großen Natur dieser Landschaft lag etwas, das selbst der Lebensfreude der Jugend einen Zug von Trauer verlieh. Bei seiner Vigna angelangt, unterbrach Sor Virgilio das Schweigen. In anderem Ton als bisher sagte er: »Meine Base Filomena, die Euch und Eurem Hause seit einem Menschenalter eine treue Dienerin ist, teilte mir mit, diesen Sommer würden es fünfzig Jahre, daß Ihr zum ersten Male nach Olevano kamt.« »Fünfzig Jahre. Ich bin ein alter Mann.« »Und jeden Sommer kehrtet Ihr seitdem zu uns zurück?« »Mit Ausnahme meiner zwei Kriegsjahre jeden Sommer. Fast fünfzig Sommer reinsten Glücks in Euerm Lande bedeutet für mich diese Zeit. Auch ebenso viele Jahre ehrlicher Arbeit. Welche Fülle von Schönheit habe ich bei Euch genossen! Hundertfach mehr, als sonst einem Sterblichen zuteil wird.« Das Herz des Greises wurde bei der Erinnerung an jene vielen Jahre der Arbeit und des Glücks weit und warm. Ihm war zumut, als müßte er seine Hände aufheben zu gütigen Göttern, die seine Schritte diesen Pfad geführt hatten; sie aufheben zum Dankgebet an die Gottheit, Siebentes Kapitel Die Damen machten im Casino Baldi Besuch bei ihren Landsleuten, die in dem hellen Hause auf dem grünen Hügel mit dem weiten Ausblick auf das hochgipflige Felsenland ein fröhlich-sonniges Sommerdasein führten. Sor Rodolfo war abwesend. Er war hinabgestiegen zu der mittelalterlichen Ruine des Städtleins, um deren braunrote Mauern ein wilder Garten rosiger und violetter Levkoien aufgeschossen war, ein Blütenzauber, davon der alte Herr eine Skizze machen wollte. So befand sich denn Dame Filomena als unbestrittene Herrin des Hauses mutterseelenallein mit den Vorbereitungen für die ländliche Abendmahlzeit beschäftigt: als Vorgericht ein Speckeierkuchen, eine »frittata«, mit zarten, in Marsala gedünsteten Artischocken gefüllt und ein köstliches »stuffato«, fettes Hammelfleisch mit allerlei Kräutern, Steinpilzen, Tomaten und Kartoffeln gedünstet, beides zu verzehren unter den hundertjährigen Kastanien bei verglühendem Sonnenuntergangsfeuer hoch über einer Welt von Erdenschönheit. Die ehemalige Frau Amme des Haustöchterchens war noch in voller Tätigkeit begriffen, als sie Besuch erhielt. Es war ihr Neffe, der Adonis von Olevano, in eigener unwiderstehlicher Person, im weißen Sommerhabit nach letzter römischer Mode, einem echten Panama mit grellrotem Bande, eine grellrote Blume im Knopfloch und seinem Vater an Gestalt, Angesicht und Charakter so unähnlich, wie das eigentlich für einen Sohn ganz unnatürlich war. Auch von seiner Mutter, der prächtigen Frau Pia, besaß der hübsche Junge weder die Gesinnung noch das Gemüt. Er zählte eben zu der gewissen Gattung moderner Jugend, die es selbst im wilden Sabinergebirge gab. Den rotbebänderten Strohhut schief auf den schwarzen Lockenkopf gedrückt, das Stöcklein mit dem Goldknauf schwingend, grüßte Amerigo Minardi seine Frau Tante, die – ebenso wie des jungen Herrn Mutter – ihren Stolz darein setzte, die altehrwürdige Volkstracht der Sabinerberge zu tragen. Doch teilte auch Dame Filomena die Ansicht der meisten ihres Geschlechts, daß der junge Herr das Prunkstück der Familie sei und ein heiliges Recht besitze, vom Kopf bis zu den Füßen als Signore gekleidet, in süßem Nichtstun von seines Vaters sauer erworbenem Gelde zu leben und die Zeit mit Warten auf irgendein schicksalvolles Etwas zu verbringen, das in einem lebenslänglichen dolce far niente bestehen würde: war doch auch dieser Jüngling im Lande der Goldorangen nur ein Typus. Nachdem die beiden zärtlichen Verwandten die Ereignisse des vergangenen Jahres zur Genüge beschwatzt hatten, begann das hübsche Herrlein: »Was macht dein Fräulein?« »Die Madonna segne das Kind!« »Das Kind?« »Ein so gutes Geschöpf!« »Wie alt ist eigentlich das Kind?« »Wie alt?« »Du mußt es doch wissen. Dein Mann ist doch schon eine ziemliche Weile in eine bessere Welt hinübergegangen.« »Ein so guter Mann! Gott hab' ihn selig! Messen ließ ich genug für ihn lesen.« »Es sind gewiß bald dreißig Jahre her, daß ihm der Herr ein seliges Ende bescherte?« »Und mir ist's, als sei es erst gestern gewesen, daß ich ihn begraben mußte. Ein Begräbnis war's wie für einen Grafen.« »Gleich darauf wurde dein Sohn Emilio geboren.« »Ein so süßes Kind! Alle Heiligen seien bedankt, daß es noch die heilige Taufe empfangen konnte.« »Zu gleicher Zeit kam in Rom die Frau deines Professors nieder, starb an der Geburt, und du wurdest der kleinen Romana Amme: weil du aus Olevano warst. Nur deshalb! Und weil dein Padrone in Olevano vernarrt ist. Bald dreißig Jahre muß es her sein.« »Wenigstens über fünfundzwanzig.« »Also ist das Kind gerade kein Kind mehr.« »Nun ja, freilich.« »Demnach ist es höchste Zeit, für das Kind einen Mann zu suchen.« »Wenn es doch keinen nehmen will.« »Keinen nehmen will? Es bekommt keinen.« Dame Filomena rief entrüstet: »Es bekäme keinen? Mit dem blonden Haar und dem vielen Geld!« »Hat dein Fräulein das wirklich? Ich meine das viele Geld?« »Ob es das hat!« »Höre, Tante?« »Ich höre. Wie bist du nur heute?« »Sie sieht mich immer so sonderbar an.« »Wer?« »Nun, das Kind.« »Madonna!« »Sie ist in mich verliebt. Und wie verliebt!« »Heilige Katharina, was sagst du?« »Hast du das nicht gesehen und siehst doch sonst alles?« Aber Dame Filomena konnte vor Schreck über ihre Blindheit nur wieder die Madonna anrufen. Deshalb also nahm das bereits etwas ältliche Kind keinen Mann? Weil es in den hübschen Schlingel verliebt war! Und sie, Dame Filomena, die das Kind an ihrem Busen genährt und die im Hause Müller, trotz Tante Minchen, die eigentliche Herrscherin war, hatte es nicht gesehen! »Siehst du es jetzt?« Wiederum nur Ausrufe höchsten Staunens und Anrufe der Madonna und aller Heiligen. Der Adonis meinte lächelnd: »Wenn du es jetzt siehst, so wirst du gewiß –« Er stockte; es war jedoch nur eine Kunstpause. Sie sollte seine Frau Tante vorbereiten, und zwar auf etwas Erstaunliches, Großes. Dann fuhr er fort: »Da das Fräulein blondes Haar und Geld hat, sehr schönes blondes Haar und sehr viel Geld – sie hat es doch? – so wird dein lieber Neffe sie zur Frau nehmen, und du wirst deinem lieben Neffen helfen, daß er das blondhaarige Fräulein mit dem vielen Geld zur Frau bekommt.« »Ich dazu helfen? Dazu? ... Junge, Junge!« Der Junge erwiderte mit wahrhaft antiker Ruhe: »Und zwar noch diesen Sommer zur Frau.« Neben dem Herd, darauf das stuffato, köstlichen Wohlgeruch verbreitend, über sanfter Glut schmorte, sank des Jungen Frau Tante auf einen Schemel, ihren Blutsverwandten ob solcher Verwegenheit sprachlos anstarrend: Der Junge wagte, seine schwarzen Augen zu der Tochter ihrer Herrschaft zu erheben. Sie seufzte auf, daß es wie ein Stöhnen klang, im geheimen sich gestehend – was sie mit großem Familienstolz tat – daß der kühne Brautwerber wirklich einer der hübschesten Schlingel war, den Olevanos Sonne jemals beschienen. Erst nach geraumer Weile, wahrend welcher der Unwiderstehliche eine Arie aus Puccinis »Tosca« trällerte, erlaubte sie sich eine schüchterne Einwendung: »Du bist ja doch um volle sechs Jahre jünger als sie.« »Also wird sie mich erst recht zum Manne nehmen.« Dame Filomena fuhr in klagendem Tone fort: »Bist du dann noch immer ein junger frischer Mensch, wird sie bereits alt sein.« Er lachte laut auf, wobei unter dem sprießenden schwarzen Schnurrbart zwischen den roten Lippen seine Zähne blitzten und blinkten. Darauf entwickelte er seinen Werbeplan: »Wenn du mir hilfst, so ist die Sache so gut wie abgemacht; und du wirst mir helfen. Ich bekomme eine nicht mehr junge, aber sehr vermögliche Frau, und sie bekommt dafür einen jungen frischen Mann, der mit ihrem Gelde in Rom eine Advokatur eröffnen wird und es bis zum Deputierten bringen kann. Welcher Stolz für die Familie, der du angehörst; welcher Stolz für ganz Olevano, dessen Sohn ich bin. Denke doch, Tante! Diese Deutschen sind nun einmal samt und sonders in uns Italiener vernarrt. Vollends sind das die deutschen Frauen, die gelbes Haar und blaue Augen haben. Einfach vernarrt sind sie in unsre schwarzen Haare und schwarzen Augen, genau so toll vernarrt wie in unser Land. Ganz Rom, ganz Italien wimmelt von diesen Deutschen. Sie sind überall, können es nicht lassen, zu uns zu kommen. Die größten Italiennarren aber sind dein Professor und das Fräulein. Auch dein alter Herr wird glücklich sein, wenn er Enkel bekommt, die deinem lieben hübschen Neffen gleichen. Hilf mir, und du sollst es bei deinem Herrn Neffen und deiner Frau Nichte gut haben bis an dein seliges Ende.« Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte der reizende Knabe seinen Hut mit dem feuerroten Band noch schiefer auf sein edles Haupt, winkte der Tante mit dem Stöcklein einen huldreichen Abschiedsgruß zu, begann die Toscaarie, die er vorhin nur geträllert hatte, nunmehr laut zu singen, so lustig, als ob Puccinis Schaueroper eine Operette sei, ging seelenvergnügt seines Wegs hinunter zum Stadtlein, als dessen höchste männliche Zierde er galt. Er kannte daher seinen Preis, war jedoch deswegen um kein Haar schlechter als tausend andere seiner lieben Landsleute, die irgendein nicht sehr sauberes Geschäft abschließen wollten... Auf dem sanftlodernden Herdfeuer schmorte in dem wie dunkles Gold glänzenden Kupfergeschirr das leckere Hammelgericht, prasselten in der Pfanne die Speckstücke zu dem Eierkuchen. Dame Filomena aber saß daneben, ließ schmoren und prasseln; ließ den Speck anbrennen, sann und sann. Das Kind war in Wahrheit bereits eine etwas ältliche Jungfrau und schien an dem jungen Herrn mit dem schwarzen Lockenhaar, den Funkelaugen, den Kirschenlippen und der Adonisgestalt wirklich ein lebhaftes Wohlgefallen zu finden. Er hatte ganz recht: wo hatte sie, des Jungen Tante und des Kindes Amme, ihre sonst so scharf blickenden Augen gehabt? Augen, welche die heimliche Eifersucht auf ihre Herrschergewalt in dem sonst so reinen Busen Tante Minchens wühlen und wüten sahen. Und die heimliche Liebe des guten Kindes hatte sie nicht gesehen. »Romana Müller«. Was für ein mißtönender Name in seiner letzten Hälfte! Dagegen: »Romana Minardi!« Der Name hatte einen wahren Wohllaut! Das Klangvolle dieses Namens würde auch für den Vater dieser Romana Minardi Melodie sein. Und Dame Filomena ließ das Leibgericht ihres guten Herrn achtlos verbrennen. Ihr Entschluß aber war gefaßt: Fräulein Romana Müller sollte Signora Romana Minardi werden! Achtes Kapitel Der gute Sor Rodolfo klagte den Seinen: »Was ist das nur mit Heinz? Was hat der Mann? Warum ist er so ganz absonderlich, seitdem er das Trinitatisheiligtum auf dem Monte Autore besucht hat? Daß ihm Landschaft, Volk und Fest großen Eindruck machen würden, habe ich mir gedacht, vollends die Darstellung der Passion. Lavinia, das Mädchen von Bellegra, soll das Weib von Magdala dargestellt haben. Ihr wißt doch, wer diese Lavinia ist? Roms berühmtestes Modell, für uns arme deutsche unerreichbar, nur für die Herren Franzosen der Villa Medici zugänglich. Sie leben in dem alten Mediceerpalast wie die Könige, und wie eine Königin ist diese Sabinerin. Aber – Was wohl dort oben mit Heinrich Weber geschehen ist?« Als »ganz absonderlich« empfand der Professor das Wesen seines jungen Freundes, an dessen Genius er glaubte. Heinrich wohnte mit dem deutschen Künstlervolk im Casino Baldi, führte scheinbar mit den Genossen deren harmlos-heiteres Sommerleben, trieb auf dem grünen Hügel allerlei Kurzweil, machte an der mit Rosen überschütteten Tafel jedes Gericht Makkaroni zum Festmahl, hielt nachmittags bei hermetisch geschlossenen Fensterläden lange Siesta, wanderte gegen Abend in luftiger Gesellschaft nach jenem Stücklein Deutschland inmitten des Sabinergebirgs, half zwischen den Felsblöcken unter den ehrwürdigen Wipfeln deutscher Eichen bei Musik und Gesang phantastische Schäferspiele aufführen, schien durchaus der alte zu sein und – schien es nur. Des Professors liebevolle Augen erkannten die Wandlung, sein warmes Herz fühlte das Fiebernde im Wesen des Freundes, und er sorgte sich um ihn. Gehörte doch Heinrich Weber nicht zu den Gesunden und sollte er doch ein Ruhm deutscher Kunst werden. Leider – der Alte und Altmodische sagte es mit stets erneutem Kummer – leider einer ganz modernen, eben einer »neuen Kunst« ... Jeden Tag erhob sich Heinrich in aller Frühe, gewöhnlich noch vor der Sonne, mit deren Ausgang sogleich die Hitze begann, und unternahm eine einsame Wanderung, während die Berge in mystischen Gluten entbrannten, an jedem Tage das nämliche feierliche Schauspiel, welches die Seele des jungen Künstlers vor der Erhabenheit der Schöpfung erschauern ließ. Jeden Tag ging er denselben Weg, die schmale Felsenstraße, die über Olevano nach Bellegra emporführte. Dem Horst eines Raubvogels gleich thronte der armselige Ort auf kahlem Gipfel hoch über den Abgründen, ehemals die Siedelung eines Urvolks und noch heutigentags mit den Resten seines zyklopischen Mauerringes ein gewaltiger Zeuge jener von der Sage umdunkelten Zeiten. Täglich also den nämlichen Weg, der ihn jedoch keinen Tag zum Ziele führte: niemals bis nach Bellegra hinauf; niemals zu den höhlenähnlichen Hütten des Dorfes und seiner weltfernen von jeder Kultur getrennten, in starrender Öde hausenden Bewohnerschaft. Tief unterhalb des Ortes befand sich der Felsenbrunnen, zu dem Bellegras Mädchen und Frauen in aller Frühe kamen, Wasser zu schöpfen. Den kupfernen Krug, die »conca«, trugen sie beim Hinabsteigen unter dem Arm; hatten sie das Gefäß gefüllt und am Brunnenrand genug geschwatzt, so hoben sie die schwere Amphora mit kraftvoller Bewegung aufs Haupt und schritten davon. Mit der Rechten den Krug haltend, die Linke gegen die kräftige Hüfte gestemmt, stiegen sie den steilen Pfad wieder empor, langsam und feierlich. Von seinem versteckten Platz aus beobachtete Heinrich die Wasserträgerinnen voller Entzücken. Aber voller Ungeduld wartete er auf die eine, die er einmal gesehen hatte und nicht wieder vergessen konnte. Aber sie kam nicht. Hinter einem Ginsterstrauch kauernd, stellte sich Heinrich die sehnlichst Erwartete vor und konnte von der Vorstellung ihrer eigentümlichen Schönheit nicht loskommen. Mit seinen inneren Augen sah er sie, als wären die Frauengestalten Anselm Feuerbachs, des Schöpfers der Iphigenie und Medea, lebendig geworden. In der nämlichen edlen Verkörperung erblickte sein geistiges Auge die Sabinerin. So hehr sah er sie bei jener Wallfahrt vor sich herschreiten und in der Nacht, an den aufflackernden Feuern vorbei, durch die Reihen der schlafenden Pilger wandeln; so hoheitsvoll stand sie in der Vorhalle des Trinitatisheiligtums ihm gegenüber, während die Gluten der Morgenröte die grauen Gipfel in Purpurglanz aufflammen ließen. Dann aber – Dann die Darstellung der Passion des Gottessohns; dann das Mädchen von Bellegra als das Weib von Magdala, als die Sünderin und Büßerin, der Christus vergeben hatte, die Christus zu seiner Jüngerin erhoben hatte; erhoben von dem Heiland der Welt, dessen Füße sie gesalbt hatte mit Wohlgerüchen und Tränen und mit ihren Haaren sie trocknend. Für das heilige Schauspiel welche Szenerie! Eine Landschaft von einer Trostlosigkeit, als gäbe es auf Erden weder Busch noch Baum, weder Halm noch Blüte, nur Gestein und starre Öde, in der kein Vogellied ertönte, in welcher Adler horsteten und Wölfe auf Raub schlichen. In dieser Welt von fast furchtbarer Größe wurde die Passion Christi dargestellt, von Heinrich in seiner Phantasie immer wieder geschaut, immer wieder erlebt. Durch die Klippen entwickelte sich der Zug mit dem göttlichen Verurteilten, der außer dem Marterpfahl auf seiner Schulter das Leiden der ganzen Menschheit in der Seele trug. So schwer beladen zog der Sohn Maria seinem Golgatha entgegen, wo seine Mission auf Erden ihre letzte Erfüllung finden sollte: den Kreuzestod, von dem Gottessohn, von dem Menschensohn in allen seinen Qualen erduldet. Darsteller der göttlichen Tragödie war das Volk der Sabina. Dieses Volk trug seine alte Tracht, durch welche das Ungeheuerliche, was vor bald zweitausend Jahren geschehen war, soeben erst zu geschehen schien: die Kreuzigung eines Unschuldigen, eines Guten und Gerechten, Vergangenheit zur Gegenwart machend. Ein prachtvoll gewachsener Jüngling aus Rocca San Stefano, eine der höchsten und wildesten Ortschaften der Sabina, stellte den Heiland dar, den das Volk durchaus in jugendlicher Gestalt sehen wollte. Die Menge, die ihn umdrängte, und durch die er schreiten mußte, schrie ihn tobend an, heulte ihm wütend nach. Da brach er unter der Last des Kreuzes und seines Seelenschmerzes zusammen. Ein bärtiger stattlicher Mann trat hinzu und nahm unter dem Tosen des Volkes dem ermattet Hingesunkenen das Werkzeug seiner Hinrichtung ab; eine würdige Matrone drängte sich vor, beugte sich zu dem auf spitzem Gestein Liegenden herab und trocknete ihm den rinnenden Schweiß von der Stirn: Christi Antlitz trocknete das armselige Weib aus dem Volk. Es hob das Tuch. »Ein Wunder! Ein Wunder!« Auf dem Tuch des armseligen Weibes der blasse Abdruck des göttlichen Antlitzes! Und Veronika wies das plötzlich heilig gewordene Linnen der Menge. Diese verstummte, erschauerte, erstarrte; doch von neuem brach sie aus. Noch tosender heulte sie ihr: »Kreuzige! Kreuzige!« Weiter wurde der Heiland geführt. Ihm nach wogten die Scharen seiner Feinde und Mörder, denen Heinrich in jener unvergeßlichen Stunde gefolgt war. Der Gipfel des Berges: Golgatha! Auf der Felsenklippe zwei hochragende Kreuze, daran bereits die beiden Schächer hingen. Ein drittes Kreuz lag am Boden, bereit, an seinem Holz den dritten Verurteilten zu empfangen. Sie rissen Christus die Kleider vom Leibe, schlugen ihn an das Marterholz, richteten es zwischen den andern auf. In unverhüllter schlanker Jünglingsherrlichkeit erblickte ihn das Volk und – Jesus von Nazareth wurde gekreuzigt! Dann sah der fremde Zuschauer sie; Heinrich sah Maria von Magdala. Auch sie trug ihr heimatliches dunkles Gewand; aber sie hatte ihr Haar gelöst. Wie ein düstrer Schleier floß es an ihrer hohen Gestalt bis zu den Knieen hernieder. Mit der Mutter und dem Lieblingsjünger stand die entsündigte große Liebende unter dem Kreuz, von dem jetzt die Menge, nachdem Christus sein Haupt geneigt, wie in Ehrfurcht vor der Majestät des Todes zurückwich. Es war vollbracht. Während die Mutter, von Johannes gehalten, in leidenschaftliche Klagen ausbrach, blickte Maria von Magdala tränenlos zu dem Verschiedenen empor. Beide Arme hob sie auf, als könnten ihre Arme, als könnte ihre Liebe und ihr Leid den Toten herabziehen vom Kreuz und von neuem beleben. So stand sie regungslos, einer Bildsäule gleich, mit einem Antlitz, als erduldete sie Christi Todesqualen an sich selbst. Plötzlich brach sie zusammen mit einem Aufschrei, der wie ein Todesschrei klang. Mit dem ganzen Leibe hingestreckt lag sie am Boden, das Kreuz umklammernd, daran das Heil der Welt für die Sünden der Welt verschieden war; verschieden der Göttliche, der Maria von Magdala die Schuld verziehen hatte. Denn ihre große Schuld war ihre große Liebe gewesen. Christus war gestorben; aber es wurde bei seinem Tode nicht Nacht. Über dem Gipfel des Monte Autore erhob sich die Sonne. Strahlend überflutete sie die graue Öde mit Glanz; überflutete sie Himmel und Erde mit dem Licht, welches das Leben des Weltalls erhält. Unter dem Kreuz hingesunken, das Kreuz umklammert haltend, sah Heinrich das Weib, welches er nicht wieder vergessen konnte, und auf welches er fortan wartete. Morgen für Morgen, das heilige Schauspiel auf dem Monte Autore im Geist immer von neuem erlebend. Neuntes Kapitel Weil nun der junge Bildhauer mit der großen Zukunft Roms berühmtestes Modell, das Mädchen von Bellegra, durchaus wiedersehen wollte und weil sie nicht mit den andern Frauen von dem Felsendorf zum Brunnen herabgestiegen kam, so entschloß sich der leidenschaftlich Verliebte, zu ihr hinaufzusteigen: im Dorf würde ihm jedes Kind ihre Wohnung weisen können. Er brauchte nur zu fragen: »Wo wohnt Bellegras größte Schönheit?« und ihm würde geantwortet werden: »Du meinst die Lavinia, fremder Herr? Soll ich dich zu ihr führen?« Also stieg er hinauf. Der kahle Fels glühte im Sonnenbrand, durch das verdorrte Gras und die starren Halme der Zichorie – ihre schönen Blüten färbten ganze Abhänge mit lichtem Blau – glitten raschelnd große grüne Eidechsen; die rotbraune Steindrossel flötete ihre schwermütigen Weisen, und die von dem Wohlgeruch des wilden Thymians, Lavendels und der Salbei erfüllten Lüfte ertönten von dem Gesumm der Insekten, dem Gezirp der Zikaden, dieser die heiße Zeit begleitenden Melodie des Südens. Auf steilem Pfade erreichte Heinrich das Dorf. Die Straßen glichen Gossen. Zwischen den primitiv aufgemauerten Behausungen war es selbst an dem glühenden Tage so kühl, daß den Mann aus dem Norden ein Schauer überlief. Die meisten Häuser waren fensterlos, und der Rauch quoll aus der einzigen Öffnung, der Tür, die schmal und niedrig war. Kinder in Lumpen, halbnackte braune Teufelchen, wälzten sich im Schmutz der Gosse, zugleich mit den kleinen schwarzen Schweinen, den geliebten Hausgenossen der Bewohner. Alte dürre Weiber mit zerzaustem Haar unter dem vielfach gefältelten gelblichen Kopftuch, aufrecht an der ungetünchten Hauswand lehnend. Sie spannen, grauenhafte Nornen, mit knöchernen Fingern an der Spindel und keiften mit den Nachbarinnen, die ihnen gegenüber standen. Wie ein Chor der antiken Tragödie streckten die Weiber pathetisch die Arme gegeneinander aus. Andere putzten, auf den Türschwellen kauernd, den wilden Salat, der um diese Jahreszeit hart war und von bitterem Geschmack. Heinrich bahnte sich durch johlende Kinder, grunzende Schweine und sonstige Haustiere mühsam den Weg, wurde feindselig angestarrt, angebettelt, angeheult. Ein Schwarm kleiner Wilder folgte ihm auf den Fersen. Seine Frage nach Lavinia unterließ er in der Hoffnung, durch einen glücklichen Zufall die Gesuchte auf der Straße, die im Süden das Haus des Volkes ist, zu finden. Verfolgt und angeheult eilte er vorwärts, vorüber an höhlenartigen Wohnungen; vorüber an Schmutz und Elend; vorüber an Ausblicken durch Torbogen auf blau umdunstete Fernen und strahlende Gipfel. Endlich wollte er sich aber doch bei einem ihm begegnenden Manne nach Bellegras Schönheit erkundigen, sah indessen nur Weiber und Kinder, erinnerte sich, daß aus diesen Felsendörfern alle Mannheit, die gesunde Gliedmaßen aufzuweisen hatte, bereits im ersten Frühling hinabzog in die neapolitanischen und römischen Ebenen zum Mähen der Wiesen und Schneiden des Korns. Im Spätherbst kehrten die Leute zurück, häufig fieberkrank, häufig sterbend, jedoch Geld ins Haus bringend, das alleinseligmachende Geld. Immerhin starben sie eines glücklichen Todes: starben sie doch in der Heimat; denn inbrünstig liebt der Italiener die Stätte, wo er geboren ward, besteht sie auch aus einer gruftähnlichen Behausung, umgeben von Öde und Wildnis. In der Nähe der Kirche – nur das Haus Gottes zeigte bröckelnden bunten Bewurf, und sein armseliger Schmuck war der Stolz der kleinen Gemeinde – stieß der Fremde auf den geistlichen Herrn, einen Greis, auf einen Stock gestützt, mühsam schreitend, in fadenscheinigem Priesterrock mit erloschenen Blicken und einem Gesicht, darauf die Entbehrungen und das Elend eines langen Lebens tiefe Spuren eingegraben hatten. Es war eine Mitleid erregende Gestalt, dennoch die Heiligkeit des geistlichen Berufs verkörpernd. Auch für den geistlichen Herrn schien die Ankunft des Fremden ein Ereignis zu sein. Er blieb stehen und erwiderte den Gruß des jungen Künstlers mit freundlichem Neigen des ehrwürdigen Hauptes. Darauf versuchte er die Kinder von dem »Tedesco« – in der sabinischen Bergwildnis kannte man für den Fremden nur diesen Ausdruck, und der Begriff des goldspendenden »Inglese« war in jenen Gegenden noch unbekannt – der Ehrwürdige versuchte die Bande der kleinen Dämonen mit dem Stecken zu verscheuchen. Aber das Gewürm gebärdete sich nur um so zudringlicher, heulte nur um so satanischer und ließ von dem Opfer nicht eher ab, als bis dieses eine Hand Kupfermünzen hinter sich warf. Jetzt wälzte sich die Horde heulend im Straßenschmutz, wie Berserker um jedes Geldstück kämpfend. Bevor Heinrich an den Seelenhirten von Bellegra seine Frage nach der Wohnung der Gesuchten richten konnte, redete dieser ihn an: »Seien Sie gegrüßt, Herr, und verzeihen Sie meinen Kleinen. Sie sind nun einmal nicht anders, was für mich ein rechter Kummer ist. Ich bin eben ein alter Mann und hätte längst einem jüngeren Platz machen müssen. Doch belassen sie mich hier oben. Man hat mich dort unten eben vergessen.« »Es mag für Sie in dieser Wildnis ein hartes Leben sein, ehrwürdiger Herr.« »Hart nur deshalb, weil ich wenig nützen kann. Selbst herzliche Liebe hilft wenig, wenn der Mensch alt und gebrechlich geworden ist.« »Immerhin ist es Liebe, und Liebe ist das Höchste.« »Das haben Sie schön gesagt. Die höchste Liebe besaß unser Herr Christus. Aus höchster Liebe zu uns starb er am Kreuz. Ein glückseliges Sterben müßte es sein.« »Der Tod für die Menschheit?« »Ja, ach ja!« »Sie aber leben für die Menschheit, für die Armseligen und Beladenen. Es muß herrlich sein, für sie leben zu dürfen.« »Es nützt ihnen nicht viel ... Nochmals seien Sie bei uns willkommen. Seit einiger Zeit steigen selten Fremde zu uns herauf.« »Doch wohl die deutschen Künstler aus dem Casino Baldi?« »Auch sie nur noch selten. Der Herr ist Deutscher und Künstler.« »Ihr Italiener seht uns unser Vaterland gleich an?« »Engländer und Franzosen kommen nicht zu uns. Nur die Deutschen lieben unser wildes Land. Sie sind unsere guten Freunde.« »Das sind sie, und die Italiener sind unsere treuen Bundesgenossen.« »Freilich! Freilich! Unsere treue Bundesgenossenschaft mit Deutschland ward von uns beschworen. Italien hält seinen Schwur. Hat doch Italien Ihrem großen Vaterlande Großes zu danken.« »Das sagen Sie, der Priester?« »Sie meinen, weil das Jahr 1870 für die katholische Kirche ein böses Jahr war? Denn das war es, lieber Herr.« »Sie müssen so denken.« »Abgesehen von dem zwanzigsten September haben wir Italiener von Ihrem Vaterlande nur Gutes erfahren. Im Schutze von Deutschland blühte Italien auf.« »Mich freut, daß Sie das anerkennen und so aufrichtig aussprechen.« »Ganz Italien anerkennt es.« »Möge es so sein!« »So ist es ... Darf ich den Herrn bitten, mir in mein Haus zu folgen?« »Gern.« »Es ist ein äußerst bescheidenes Haus; aber wir alle hier oben sind sehr arm.« »Das zu hören tut mir leid.« »Der Herr ist sehr gütig. Es wird mir eine Ehre sein, den gütigen Herrn aus Deutschland in meinem armen Hause willkommen zu heißen.« »Sagen Sie, bitte, eine Freude, wie es mir solche ist.« So ungeduldig Heinrich war, Lavinia wiederzusehen, folgte er doch der Einladung des ehrwürdigen Mannes, dessen tief menschliche Güte es ihm antat. Er hoffte bei der Gelegenheit, von dem Leben in der Wildnis dieses niedrigsten und demütigsten Dieners der Gottheit Näheres zu erfahren. Auch konnte ihm der Geistliche gewiß über die so leidenschaftlich Gesuchte Bericht erstatten, die der gute Hirte indes sicher für ein verlorenes Schaf seiner Herde hielt. Trotzdem wollte er nach ihr fragen. Also gingen die beiden einträchtig miteinander, der junge Mann bemüht, seinen Schritt dem schleichenden Gang des Greises anzupassen. Die Horde der Heulgeister bildete von neuem das Gefolge. Frauen, alte und junge, hexenhafte und hübsche, schlossen sich dem Zuge an: ihr geistlicher Herr hatte einen Gast! Was der wohl wollte? Wie hell sein Haar war; wie blau seine Augen! Auch die Leute von Bellegra wußten, daß der Fremde ein Deutscher sei; einer von diesen Tedeschi, die in einem Lände lebten, in dem ewiger Winter herrschte und dessen König Bismarco hieß. Der ihre war Giuseppe Garibaldi gewesen. Er sollte tot sein, doch das glaubten die Leute von Bellegra nicht: Giuseppe Garibaldi konnte nicht sterben! Das Haus des Priesters war ein mehr als bescheidenes; glich einer Ruine und bestand aus wenigen Kammern, von deren Wänden der Bewurf abgefallen war, mit einigen primitiven Gerätschaften, abgetretenem steinernen Fußboden. Als jedoch der Künstler an das einzige Fenster des Wohnzimmers trat, fuhr er fast erschrocken zurück. Er stand unmittelbar über einem jähen Absturz von mehr als dreitausend Fuß Tiefe und blickte weit ins Land hinaus, über ein Gebiet, das im Süden bis zu den Bergen Neapels, im Norden bis gegen das uralte rätselvolle Etrurien reichte. Über dem westlichen Höhenzug des Albanergebirgs glaubte er das Meer aufglänzen zu sehen. Von der königlichen Rundschau nur mit Mühe sich losreißend, sah er neben sich seinen Wirt, der mit einem Lächeln, welches das traurige Gesicht noch trauriger machte, zu ihm sagte: »Nicht wahr, Herr Künstler, das ist schön? Jetzt werden Sie vielleicht besser verstehen, daß ich dem Himmel dankbar dafür bin, hier oben leben und sterben zu dürfen, bei meiner lieben Gemeinde, deren elendes Dasein ich mit Freuden teile. Verstehen werden Sie jetzt gewiß, daß ich hier oben ein glücklicher Mensch bin.« »Ein glücklicher Mensch –« Unwillkürlich sprach der Junge dem Alten die letzten Worte nach. Er fühlte sich bewegt. Der armselige Priester mit seinem trostlosen Lächeln und dem Bekenntnis seines Glücks erschien ihm als wahrer Diener der Gottheit, die er auf dieser Höhe einem Volke von Halbwilden verkündigte. In diesem Augenblick gewahrte er einen Gegenstand, der seine ganze Aufmerksamkeit erregte. Es war eine Zeichnung, ein Porträt, ein junges Weib von höchster Schönheit darstellend, zugleich von unnahbarer Hoheit. »Lavinia!« Heinrich rief den Namen überlaut. Kaum daß er ihn vor Erregung über die Lippen brachte. »Der Herr kennt Lavinia?« »Ich kenne sie. Es ist doch ihr Bild?« Die Frage war überflüssig; denn ihr Bild mußte es sein. Und dieses Bild in diesem Hause! Sein Wirt berichtete: »Es ist Lavinias Großmutter. Auch sie hieß Lavinia. Unter dem Bilde steht der Name des Malers. Er war ein Landsmann von Ihnen, ein Tedesco. Ich kann den Namen schlecht aussprechen. Lesen Sie selbst.« Heinrich trat zu dem Bilde und las: »Ludwig Richter, Bellegra, Sommer 1825 ... Ludwig Richter war hier?« »In diesem Hause, und zwar einen Sommer hindurch bei meinem Vorgänger, dem er als Gastgeschenk dieses Bildnis zurückließ. Ist es schön?« »Es ist ein Meisterwerk! Und es scheint wirklich die jetzt lebende Lavinia darzustellen.« In dem Augenblick, als er es sagte, trat die lebende Lavinia ins Zimmer. Zehntes Kapitel Sie war es selbst: Lavinia, die Enkelin der Verstorbenen, die Lebende; sie, die der junge Künstler am Tage der großen Prozession gesehen hatte; sie, die er nicht vergessen konnte, die zu suchen er gekommen war. Nun hatte er sie gefunden. In ihrer ganzen hoheitsvollen Schönheit stand sie plötzlich vor ihm. Kein Wort vermochte er zu sprechen, nur sie anschauen, die bei seinem unerwarteten Anblick keine Miene veränderte, ihn nicht zu erkennen schien. Der Greis mußte sie mahnen: »Grüße den Herrn, er kennt dich.« Aber sie würdigte den Herrn keines Blicks; auch dann nicht, als der Priester fortfuhr: »Der Herr ist ein Künstler, ein Deutscher, wie der gute Jüngling gewesen, der das Bildnis deiner seligen Großmutter gemacht hat. Der Herr war so gütig, bei uns einzukehren. Er wird mit uns speisen. Daß wir hier oben sehr arm sind, weiß er. Sieh zu, ihm vom Besten vorzusetzen, was wir haben. Sein Besuch ist eine große Ehre für uns, eine große Freude.« Jetzt streifte ihn ihr Blick, flüchtig und feindselig. Schweigend ging sie hinaus. »Ehrwürdiger Herr, sagen Sie mir –« Er stockte, nahm sich zusammen, fuhr mit Anstrengung fort: »Gestatten Sie mir eine Frage: Wie kommt Lavinia in Ihr Haus? Gerade in das Ihre?« »Wie ich Ihnen schon sagte – Sie scheinen es überhört zu haben – ist sie meiner Schwester Tochter. Auch ihr Bruder lebt gegenwärtig bei mir. Beide leider nur über den Sommer.« »Demnach ist dieses Alpendorf Ihre Heimat?« »Es ist meine geliebte, herrliche Heimat!« »Und nur im Sommer befinden sich Bruder und Schwester bei Ihnen?« »Sie sind Waisen. Ihr Vater starb in den lateinischen Sümpfen am Fieber, und ihre Mutter stürzte ab: in jenen Abgrund vor meinem Hause, als sie einer verirrten Ziege nachstieg. Also sehen wir ihr Grab jeden Tag zu unsern Füßen liegen. Ihre Kinder haben auf der Welt nur mich alten Mann zum Verwandten.« »Nur über den Sommer befindet sich Lavinia bei Ihnen? Sagten Sie nicht so?« »So sagte ich.« »Und im Winter? Wo leben die Geschwister im Winter? Es muß hier oben furchtbar sein!« »Es stürmt, als würde der Fels zersplittern und der ganze Ort in den Abgrund hinabgerissen. Der Schnee liegt hier oben so hoch, daß wir oft wochenlang darunter begraben sind, nicht anders, als lebten wir im Lande Ihrer Landsleute, unsrer Bundesgenossen. In dieser Zeit schleichen die Wölfe bis ins Dorf, und wir müssen nachts zum Schutz unsrer Schafe und Ziegen Wachen aufstellen. Aber schön ist es hier oben auch dann; furchtbar schön ist es bei uns im Winter, lieber Herr.« Heinrich wiederholte seine Frage nach dem Winteraufenthalt der beiden und erhielt zur Antwort: »In Rom, lieber Herr. Mein Neffe – er heißt nach dem großen Dichter, der im Sabinergebirge, bei Vicovaro, ein Landhaus besaß – mein Neffe, Orazio Petroni , ist Student an der Hochschule, und seine Schwester –« »Was ist's mit der Schwester?« Erst nach einer Weile wurde dem jungen Manne, der mit angehaltenem Atem – obgleich er die Antwort wußte – die Frage tat, geantwortet: »Sehen Sie, lieber Herr, Sie sind Künstler. Daher werden Sie gewiß verstehen, was die Leute hier oben nicht verstehen; was auch Lavinias Bruder nicht versteht, der eine glühende Seele hat; die Seele eines Fanatikers, lieber Herr. Was kann ich armer alter Mann wohl tun? An sie glauben; glauben an ihre unberührte Jungfräulichkeit. Sie ist nämlich dasselbe, was ihre Mutter war und was ihre Großmutter gewesen: ein Modell. Ihr berühmter Landsmann, jener Herr Ludwig Richter, hat ihre Großmutter dazu gemacht, und sie, die gleichfalls Lavinia hieß, mit sich nach Rom genommen. Finden also auch Sie eine Schuld dabei, daß meine Nichte ein Modell ist, so ist es die Schuld Ihres Landsmanns. Sie müssen jedoch nicht etwa glauben, daß – . Eine heilige Barbara hat Ihr Landsmann nach jener andern Lavinia gemalt. Sogar für die Mutter unsres Herrn und Heilands hat sie Modell gestanden. Aber nur im Gewand ließ sie sich abkonterfeien; nur dicht verhüllt, lieber Herr. Ebenso die Mutter meiner Nichte, meine liebe Schwester. Ebenso diese Lavinia, meine liebe Nichte. Sie dürfen mir's glauben: auch sie ist rein, wie ihre Großmutter und ihre Mutter es waren, die beide hier oben in ihrem Heimatsort brave Männer bekamen. Meine Nichte dient in Rom mit ihrer großen Schönheit der Kunst. So ist es. Es ist eben stärker als sie. Nämlich, daß sie der Kunst dienen muß. Sie sind ein Künstler und werden es gewiß verstehen. Aber die Leute hier oben verstehen es nicht und sind daher auf meine arme Nichte übel zu sprechen, was mich unsäglich betrübt. Gerade deshalb nehme ich sie Sommers über zu mir: bin ich doch ein Diener des Herrn, vor dem ich mein Leben reinen Gewissens ausbreiten kann: Herr, hier bin ich! Mit der Kunst geht es mir gar seltsam. Ich bin ein einfältiger Mann und verstehe davon nichts. Mir ist's jedoch, als ob die Kunst etwas Heiliges sei. Jawohl, lieber Herr Künstler, etwas Heiliges. Also dient meiner Schwester Tochter etwas Heiligem ... Hier kommt sie, um uns zu sagen, daß sie für unsern Gast auftischte, was das Haus hergeben kann. Kommen Sie, lieber Gast aus dem Lande unsrer treuen Bundesgenossen!« Das Mahl, welches das schöne Geschöpf bereitet hatte, wurde in dem wohnlichsten Raum des armseligen Hauses, der Küche, eingenommen und bestand aus einem Gericht in Öl gedämpfter Steinpilze, denen auf dem Rost gebratene Wildtauben folgten. Das Brot war grau und steinhart und mußte erst mit dem Hammer zerklopft werden, ehe es genießbar wurde. Voller Stolz brachte der Greis zu diesem Besten seines Hauses das Allerbeste: eine Flasche selbst angesetzten, mit allerlei aromatischen Kräutern gewürzten Wermuts. Mit seinen armen alten, zitternden Händen schenkte er ein und ließ den Gast und dessen Vaterland leben, für welche echt italienische Gentilezza der Deutsche mit einem Evviva auf seinen gütigen geistlichen Wirt und Italien dankte, auf das von den Deutschen geliebte Bundesland. Der Tisch war für drei Personen gedeckt; aber der dritte Platz blieb leer. Nicht Lavinia nahm ihn ein. Also mußte der dritte Stuhl für den Studenten bestimmt sein, der ein Fanatiker war, eine glühende Seele hatte und den das Modellstehen seiner Schwester, trotz sicher reichen Verdienstes, mit Empörung erfüllte. Es war jedoch stärker »als sie« .... Das Gläschen Wermut machte den Greis gesprächig. Er schilderte das Leben seiner Gemeinde in der Felsenwüste; schilderte ohne Klage das trostlose Dasein dieser Menschen und sein eigenes. Es war nun einmal so! Von jeher war es so gewesen: schon vor Jahrtausenden, da der Fels noch eine Siedelung der Ureinwohner trug, von gewaltigen Steinblöcken ummauert. Und so, wie es damals gewesen, würde es hier oben immer sein; noch nach Jahrhunderten! In der Welt, tief dort unten, war alles anders geworden. Dort gab es Eisenbahnen, Telegraphen und viele andre Wunderdinge, die den Leuten von Bellegra als Zauberei erschienen. Man konnte mittels eines Drahtes die Stimme eines Menschen aus weiter Ferne vernehmen; konnte in einem verdunkelten Saale Bilder sehen, die sich bewegten, die lebten; konnte eine große Trompete Musik machen und singen hören; konnte Funken als Worte über Länder und Ozeane sprühen lassen; konnte die Meerestiefen durchschiffen wie ein Fisch und wie ein Vogel die Lüfte durchfliegen, sogar über Bellegras hohe Felsengebirge hinüber bis zu den Wolken empor. Von derartigen erstaunlichen Dingen berichteten bei ihrer Heimkehr die Männer, die zur Arbeit in die Ebene hinabgestiegen oder in Rom und Neapel gewesen waren. Hatten die Kinder in Bellegra Schule und Lehrer? Nein. Wer lesen und schreiben lernen wollte, mußte nach Olevano zur Schule hinunter. Aber die Leute von Bellegra wollten nicht lesen und schreiben lernen. Wozu sollten sie? Um in einem frommen Buche oder einem der geliebten Traumdeuter sich auszukennen? Die Gebete, die sie mechanisch in der Kirche hersagten, kannten sie auswendig von Mutter und Ahne her, und das Deuten ihrer Träume besorgten die alten Weiber. Die Träume von jung und alt handelten einzig und allein von einer Sache: vom Lottospiel. Lediglich davon! Daß der Himmel und die lieben Heiligen die Leute von Bellegra träumen ließen, und daß die gute Regierung ihnen das Lottospiel schenkte, war für sie ein großes Glück, ihr größtes. Außer ihren Träumen besaßen sie noch ein drittes Herrliches: die Kirche. War auch ihr Gotteshaus, wie das sämtlicher sabinischer Bergdörfer, armselig genug, so war es doch immerhin, mit ihren Höhlen verglichen, ein wahrer Palast. In ihrer Kirche gab es etwas Glänzendes, eine mit dürftigem Flitter behangene Madonna, bunte Heiligenbilder, Weihwasser und Weihrauch. Und dann die Zeremonien des katholischen Kultus! In ihrem Gotteshause konnten sie sich nach Herzenslust bekreuzigen, verbeugen und niederknieen; konnten sie geheimnisvolle Worte murmeln und auf ebensolche rätselhafte Worte aus dem Munde des Priesters lauschen. Sie konnten die Messe anhören und Beichte ablegen; konnten die heilige Kommunion empfangen, den Leib des gekreuzigten Gottessohns in Gestalt einer Hostie; konnten ihren ehrwürdigen geistlichen Herrn für sie alle, die großen Sünder, das Blut des Heilands trinken sehen Auch Prozessionen hatten die Leute von Bellegra, feierliche Umzüge mit Kirchenfahnen, Heiligtümern und einem verblichenen seidenen Baldachin, darunter der geistliche Herr mit dem Sanktissimum einherschritt. An solchen großen Festtagen waren die Gassen vom Schmutz gereinigt, waren Myrtenzweige gestreut, Gewinde von Ginster und Lorbeer von Hütte zu Hütte gezogen. Doch das herrlichste war, wenn an solchen Tagen die Böller krachten, die Feuerkörper knatterten und zu Ehren der süßen Gottesmutter und der lieben Heiligen ein Höllenlärm gemacht wurde. An solchen wundervollen Tagen gab es als Festspeise eine Schüssel Makkaroni – man denke! So war denn auch das Leben der Leute von Bellegra schön ... Nach dem Essen brachte Lavinia als Nachtisch in der Sonne gedörrte Feigen und mit ihr kam für den deutschen Gast aller Glanz Italiens in den düsteren Raum. Nachdem sie die Schüssel niedergesetzt, wendete sich das schöne Mädchen sofort wieder zum Gehen. Der leidenschaftlich Verliebte versuchte sie zurückzuhalten. Er bat seinen Wirt: »Ehrwürdiger Herr, lassen Sie Ihre Nichte sich zu uns setzen. Hier ist noch ein dritter Platz.« »Er ist für Orazio bestimmt. Da er jedoch nicht zu kommen scheint –« »Ich will sehen, wo er bleibt.« Diese Lavinia, die ein Modell war, hatte einen fast hochmütigen Stolz. Heinrich mußte sie mit einer Frau aus dem deutschen Volk vergleichen: wie wohl diese die gleichgültigen Worte gesagt hatte? Zugleich gestand er sich in diesem Augenblick, daß auch er dem Zauber, den Italiens Volk auf den Germanen ausübte, rettungslos verfallen sei. Eine andere monumentale Allegorie von Deutschland und Italien, als er sie in seiner Phantasie trug, hätte er schaffen können: Deutschland als Odysseus, an den Mast eines Schiffes gebunden und auf der Klippe über dem Meere die Sirene Italien. Darunter müßte in goldenen Lettern eingegraben stehen: »Deutschland, hüte dich!« Sie befand sich bereits unter der Tür, als er ihr hastig nachrief: »Gib mir ein Glas Wasser!« »Ihr habt Wein.« »Ich bitte dich um einen Trunk Wasser!« Sie sah ihn aus großen Augen an, füllte ein Glas aus der kupfernen Amphora, die neben dem Herde stand, und reichte es dem Durstigen. Trinkend schaute er ihr tief in die Augen. In seinem Blick lag eine leidenschaftliche Bitte, ein heißes Flehen; lag das Geständnis seiner Liebe. Als er das Glas zurückgab, sagte er, seinen Blick in den ihren senkend: »Ihr habt hier oben köstliches Wasser. Entspringt die Quelle auf eurem Berge?« »Nein, Herr.« »Wo ist euer Brunnen?« »Tief unten.« »Steigst du dort hinab?« »Ich hole das Wasser.« »Jeden Morgen steigst du hinab?« »Jeden Abend.« »Spät abends?« »Das Wasser bleibt um so kühler, je später es geschöpft wird.« Auch sie sah ihn jetzt unverwandt an. Aus ihrem Blick leuchtete der nämliche feindselige Trotz, mit dem sie ihn angesehen, als er sie im Morgengrauen auf dem Monte Autore vor der Kapelle der heiligen Dreieinigkeit angesprochen hatte. Es war, als wollte sie den Gegner auf seinen Widerstand hin prüfen? Dann ging sie. Sofort erschien dem Verliebten der Raum öde und trüb. Im nämlichen Augenblick trat ihr Bruder ins Zimmer und wurde ihm von dem geistlichen Herrn vorgestellt: »Meiner Schwester Sohn, Orazio Petroni.« Elftes Kapitel Dieser Orazio Petroni, der ein Student der römischen Alma mater war, hatte ein noch fast knabenhaftes Aussehen. Klein, überschlank, fast weiblich zierlich, glich er seiner schönen Schwester nur in den Augen. In diesen weit offenen mächtigen schwarzen Augen brannte ein Feuer, weit über des Jünglings Jahre hinaus. Die unheimliche Glut schien des Knaben Seele ergriffen zu haben und sie zu verzehren. Cola Rienzi, der letzte Volkstribun, mochte solche Augen gehabt haben, und Heinrich konnte sich gut vorstellen, wie in diesen Augen der Wahnsinn des Fanatikers aufsteigen konnte. Gekleidet war der Neffe des Priesters wie ein Bewohner der Großstadt und war der dunkle Anzug wohl sein einziger; wenigstens war er abgenutzt genug. Auch seine Hagerkeit, seine eingesunkenen Augen und fahle Gesichtsfarbe sprachen von einer Armut, schlimmer als Entbehrung; von einer Armut, die Hunger und Not war. Bevor Lavinia gegangen, hatte sie die Reste des Festmahls auf den Herd gestellt, auf dem noch das Feuer glimmte. Geschäftig holte der Greis die Speisen herbei, dabei aufgeregt redend: »Wo stecktest du wieder? Gewiß hast du in den Klippen in der heißen Sonne gelegen? Als ob dein Kopf nicht Feuer genug in sich hätte! Hast gewiß geträumt und gedichtet? Brauchst kein böses Gesicht zu machen, weil ich in Gegenwart des fremden Herrn davon spreche. Der Herr ist unser guter Freund; denn er ist ein Deutscher. Unser Bundesgenosse, unser Bruder ist der Herr. Es ist für uns eine Ehre, daß er zu uns heraufgestiegen kam ... So begrüße doch den Herrn, gib ihm doch deine Hand! ... Du, Orazio! Der Herr ist deines Oheims geehrter Gast ... Hörst du nicht?« Der junge Mensch hörte wohl, starrte aus finsteren Augen auf den Fremden, nahm nicht dessen ausgestreckte Hand, sagte: »Freund, Bundesgenosse, Bruder? Ich bin nicht der Freund, Bundesgenosse, Bruder eines Deutschen. Will es nicht sein! Ich hasse die Deutschen! Wir alle hassen sie! Es ist Lüge, daß wir ihre Freunde sind. Sie sollten nur auf unsre Universität kommen und uns Studenten reden hören. Auch die Professoren, Italiens Wissenschaft. Sie sollten nur in Rom auf Monte Cittorio die Deputierten hören, wenn sie auf den Gängen unter sich sind. Oder in Villa Madama die Senatoren. Oder bei Aragno die Journalisten, Advokaten, Schriftsteller. Es ist alles Verstellung, Komödie, Lüge. Auch im Quirinal, so brüderlich der König mit dem Deutschen Kaiser tut, ist alles nur Lüge, Lüge! Wir Studenten wissen es besser, wir, Italiens Jugend und Zukunft! Und Italiens Jugend ist Italiens Macht. Denn die Regierung und der König – diese Regierung und dieser König! Mit seiner russischen Montenegrinerin! Italiens König empfing seine Krone von Italiens Volk: von der Revolution. Dabei ist kein Gottesgnadentum. Oder doch: das Gottesgnadentum des Volks gab dem König die Krone. Wann waren Rom und Italien am gewaltigsten, am herrlichsten? Als Republik! Also muß Rom zum drittenmal eine Weltmacht und zum zweitenmal eine Republik werden. Du aber, Oheim, wie kannst du von Ehre sprechen, wenn ein Deutscher zu uns freien Bergbauern heraufkommt? Wie kannst du ihn in deinem Hause willkommen heißen und ihm an deinem Herde einen Sitz anbieten? Sieh mich nicht so an! Ich kann nicht lügen wie die andern; wie selbst die Regierung, selbst der König lügt. Du solltest stolz darauf sein, daß deiner Schwester Sohn nicht auch lügen kann. Der Herr Deutsche aber –« Der Herr Deutsche aber unterbrach den jungen Fanatiker in seiner Flammenrede pro Italien kontra Germanien. Mit einem liebenswürdigen Lächeln meinte der Mann, der ein Barbar war: »Ihre Offenherzigkeit macht Ihnen Ehre, junger Herr, Sie besitzen den Mut Ihrer Meinung. Daß Sie diesen etwas sehr jugendlichen Mut gerade in dem Hause Ihres Oheims dessen Gast gegenüber zeigen, wird Ihnen mein gütiger Wirt auf meine Bitte hin gewiß verzeihen. Auch bitte ich ihn herzlich, sich darüber nicht zu kränken, was er, seiner bekümmerten Miene nach, alles Ernstes tut. Ihrer Philippika entnehme ich, daß Sie die Deutschen hassen und daß dieser Haß von vielen Ihrer Landsleute geteilt wird.« »Von vielen? ... Von ganz Italien!« Da rief der Deutsche: »Nicht geteilt von Italiens Volk! Nicht geteilt von denen, die für mich Italiens Volk bedeuten, sein wahres Volk. Also nicht geteilt von dem Landmann, der im Schweiße seines Angesichts seine Scholle bebaut, nicht geteilt von jenen, die ihres Volkes Kraft und Stärke, ihres Volkes Tüchtigkeit und wahre Zukunft sind. Diese aber und nur diese nenne ich Deutschlands Freunde und Bundesgenossen.« »Freunde und Bundesgenossen? Italiens Volk? Italiens Volk wird aufstehen wider seine Freunde und Bundesgenossen wie ein Mann, sobald –« Der alte Herr ließ den Leidenschaftlichen nicht weiter reden. Er rief aus: »Du bist ein Sohn des Landes, das unter Deutschlands Schutz groß wurde, groß und stark!« Ausbrechend erwiderte der Jüngling: »Groß und stark? Italien groß und stark durch Deutschland? ... Immerhin – jetzt brauchen wir dieses Deutschland noch, um Italien groß und stark zu machen. Später jedoch –« Nicht ohne Spott fragte der Deutsche: »Also deshalb hat Italien soeben erst seinen Bund mit Deutschland erneuert: weil Italien Deutschland noch braucht?« »Deshalb. Nur deshalb?« Erglühend rief jetzt auch Heinrich: »Mit diesen Worten sprechen Sie über Ihr Vaterland das Urteil aus; denn dann ist in Italien allerdings alles Lüge, Lüge, Lüge!« »Für sein Vaterland lügen, heißt, seinem Vaterlande dienen; für sein Vaterland Meineide schwören, heißt, diesem die Treue halten. Wir Italiener können für unser Vaterland noch ganz andre Dinge vollbringen. Wir können Verträge brechen und Verrat üben; können totschlagen und morden. Das sind nicht etwa Schandtaten, sondern Heldentaten.« »So sprechen Sie, ein Jüngling?« Heinrich sagte es still und traurig und bekam zur Antwort: »So sprechen Männer! So spricht aus meinem Munde Italien zu Ihnen, dem Deutschen. Aber Sie werden ja sehen; o, Sie werden selbst sehen!« Der greise Priester schlug die Hände zusammen: »Selbst sehen Italiens Treubruch und Verrat! Verhüte es der allmächtige Gott!« Der Neffe rief: »Wenn Deutschland an uns glaubt, so verdient es nicht nur unsern Haß, sondern auch unsre Verachtung.« Da schrie der Sohn des verachteten Landes auf: »Jetzt ist's genug!« Er erhob den Arm und wollte auf den Frechen zustürzen. Dieser sah dem Fremden, den Faustschlag erwartend, ruhig entgegen. Da ließ Heinrich den Arm sinken. Der Priester aber wies seiner Schwester Sohn aus dem Hause, dessen Gastlichkeit der Jüngling geschändet hatte. »Verzeihen Sie, ehrwürdiger Herr! Verzeihen Sie nicht nur dem leidenschaftlichen Knaben, sondern auch mir, dessen Gegenwart in Ihrem Hause diesen Auftritt hervorrief.« Wie gebrochen war der Alte auf einen Sitz niedergesunken. Er stöhnte: »Meiner lieben Schwester Sohn und hält das Gastrecht nicht heilig! Beschimpft den freundlichen Gast, der im Hause seines Wirts dessen Schutz vertraut ... Ich erzog den Knaben. Um ihm eine möglichst gute Erziehung zu geben, sparte ich von dem Wenigen, was ich besaß. Sehen Sie sich bei mir um: Entbehrung, Armut, Notdurft. Das soll keine Klage sein. Ich habe zum Klagen kein Recht. Priester bin ich in meiner lieben Heimat, Hirte bin ich meiner lieben Gemeinde, deren Leben auch nichts andres ist, als Entbehrung und Armut. Was ich von dem Wenigen nur irgend missen konnte, gab ich dem Knaben. Seine Schwester verließ mich, ging nach Rom, wurde dort, was Mutter und Großmutter gewesen, blieb rein und unberührt, wie es jene beiden geblieben. Glauben Sie mir das, der Sie heute in meinem Hause beleidigt wurden. Glauben Sie mir; ich bitte, glauben Sie mir!« »Ich glaube Ihnen.« Mit tiefem Ernst gab Heinrich dem ganz Verstörten diese Versicherung. Ein heftiger Schreck durchzuckte ihn, als er plötzlich erkennen mußte, daß es ihm ans Herz gegriffen, hätte er den Glauben an die Reinheit dieses Mädchens, welches er erst zum zweiten Male gesehen, nicht haben können. Der greise Priester fuhr in heftiger Bewegung fort: »Er sprach zu Ihnen im Fieber. Sie sahen ja doch, daß er das Fieber hat. Er holte es sich in Rom. Elend sieht er aus. Auch er kennt Armut und Entbehrung; auch er weiß, was Hunger ist. Ich kann ihm nur mehr wenig geben. Um in Rom sich durchzubringen, muß er Unterricht erteilen. Für wenige Soldi gibt er Knaben, die selbst nicht viel zu essen haben, Lektionen. Dabei studiert er Tag und Nacht. Daher das Fieber: durch Arbeit und Hunger. Und dann die andern, seine Kameraden auf der Universität. Es sind Demokraten, Anarchisten. Sie rütteln an allem, wollen alles zerstören, umstürzen. Auch das Beste, Heiligste! Nicht nur Italiens Königsthron, sondern auch den Thron des Heiligen Vaters, des Stellvertreters Christi auf Erden. Solcher Fanatiker ist meiner lieben Schwester einziger Sohn, und wie er sind alle: alle haben ein geistiges und sittliches Fieber, Italiens ganze akademische Jugend. Das steckt an, wird zur Seuche. Unsre ganze Jugend, die Italiens Zukunft sein soll, ist von der Malaria des Geistes und der Seele ergriffen. Allzu große Unkenntnis der Welt und der Dinge, zu viel böses Beispiel sind die Verführer unsrer Jugend. Darum verzeihen Sie dem armen Knaben. Verzeihen Sie mir!« »Ihnen, Sie Reinster und Gütigster der Menschen?« »Danke. Sie sind sehr nachsichtig, sehr freundlich. Und gerade Sie hat man in meinem Hause beschimpft. Bitte, sagen Sie nichts.« Also nahm der Gast schweigenden Abschied. Aber – Er wollte wiederkommen! Zwölftes Kapitel Heinrich verließ das Haus des geistlichen Herrn hoch über der Herrlichkeit des römischen Landes; verließ die Wohnstätte, die geweiht war, weil ein guter Mensch darin lebte. An diesen dachte er und nicht an die Beschimpfung, die er soeben erfahren hatte. Wiederum ging er durch Gassen, die, von Unrat erfüllt, von Haustieren, halbnackten Kindern und keifenden Weibern bevölkert, Rinnsalen glichen. Wiederum verfolgte ihn eine Horde kleiner Kobolde und wiederum erblickte er durch schwärzliche Türbogen eine Galerie leuchtender Landschaftsbilder höchsten Stils, wie sie Meister Preller in diesem Felsenlande schuf. Endlich blieben seine Peiniger zurück, und er war allein. Die steil abfallende Straße stieg er hinunter, den Sonnenbrand des Mittags nicht fühlend, in dessen Feierlichkeit der große Pan schlafen konnte. Ihn umtönte die Sommermusik des Südens, das Summen der Insekten über den verdorrten Kräutern, die in diesem Tempel der Natur ihren Weihrauchduft ausströmen ließen. Aus den Ölwäldern drang das Geschrei der Zikaden herauf; er aber ließ bei all diesen Geräuschen eine innere Stimme zu sich sprechen. Was war mit ihm geschehen? Verliebt war er, verliebt in dieses fremdartige, geheimnisvolle Geschöpf. Was sollte daraus werden? Eine Leidenschaft? Das war es bereits geworden. Aber sie? Würde sie seine Empfindung jemals erwidern? Niemals! Sie war ein Modell; doch blieb sie auch als Modell, was ihre Mutter geblieben; blieb rein und unberührt; blieb es selbst bei den Franzosen der Villa Medici, denen sie gehörte. »Gehörte?« Wie das klang ... Weshalb sie wohl die Wallfahrt auf den Monte Autore machte? Und bei dem Schauspiel der Passion die Maria von Magdala darstellte? Ja, und weshalb erregten ihn diese Gedanken von neuem und das in einer Weise, daß es ihn wie Fieber packte? Aber war nicht jede Liebesleidenschaft eine Krankheit, die schlimmste von allen, die den Menschen befallen konnte? Eine Liebesleidenschaft war Wahnsinn! ... Sie war stolz, und stolze Frauen gaben sich nicht als Geliebte einem Manne. Das tat auch nicht ein Modell. Er dachte an die Gestalt, die er in seiner Seele trug, an seine Statue der »Italia«; dachte an die Gruppe der Verklärung der Liebe des Deutschen zu Italien. Trotz der haßerfüllten Worte des jungen Fanatikers, ihm gewissermaßen im Namen der Jugend Italiens ins Gesicht geschleudert, blieb die Liebe des Deutschen zu Italien bestehen. Also würde er das Monument der Verherrlichung dieser Liebe doch schaffen! War ihm die Komposition nicht gleich einer Eingebung gekommen? Der Erscheinung in der Felsenwildnis des Monte Autore verdankte er den großen Gedanken. Demnach mußte sie, Lavinia, seine Italia werden, einzig und allein sie! Er mußte sie daher den Franzosen der Villa Medici abspenstig machen; sie mußte sich ihm als Modell geben und das in der ganzen hüllenlosen Herrlichkeit der Schaumgeborenen selbst. Gleich Aphroditen, als die Göttin dem Wellenschoße entstieg, aus dem schönsten der Elemente von Nymphenarmen emporgehoben zum Sonnenlicht, mußte sie vor ihm stehen. Was aber sollte daraus werden, aus seiner sinnlosen Leidenschaft sowohl wie aus seiner erhabenen Idee, wenn sie sich ihm verweigern würde?... Die Sonne brannte auf ihn herab, schwül und schwer lastete die Luft, als wehte der Wind aus Afrika herüber, an dessen Küsten Italien einen ungerechten, einen schändlichen Krieg führte. Heinrich riß die Weste auf; riß sich, trotz des Sonnenfeuers, den Hut vom Kopf. Er war inzwischen bis in die Region des Ginsters hinabgelangt, der den wilden Fels mit goldiger Lohe umflammte. Hier nun geschah es, daß sie ihm aus den Ginsterbüschen entgegentrat: sie, Lavinia, auf dem Kopf eine Last der schönen Blumen, die ihre langen schlanken Zweige um die dunkle Gestalt leuchten ließen. Wie gebannt blieb der Künstler bei ihrem Anblick stehen, in atemloser Erwartung, ob sie achtlos an ihm vorübergehen oder von ihm sich würde anreden lassen? Und falls nicht? Sollte er Stolz mit Stolz erwidern? Aber ein Verliebter und Stolz! Einem leidenschaftlich Liebenden zerbrach auch der hochmütigste Stolz gleich einem dürren Stecken. Achtlos ging sie an ihm vorüber. Und er – er rief sie an: »Lavinia!« Da blieb sie stehen. Er sagte mit Anstrengung: »Du hier? ... Schnittest du alle diese Stauden selbst?« Er sah an ihrer Seite das breite, sichelförmige Macchienmesser, welches einer Waffe glich, und fragte, um sie festzuhalten: »Wozu brauchst du den Ginster?« Sie entgegnete: »Morgen ist ein Marientag. Wißt Ihr das nicht?« »Ich bin Protestant.« »Also seid Ihr ein Ketzer?« »Meinetwegen nenne mich einen solchen.« »Seid Ihr Deutschen alle keine Christen?« »In euern Augen sind wir es nicht. Verachtest du uns deswegen?« »Was kümmert es mich, ob Ihr nach Euerm Tode ins Fegefeuer kommt oder nicht. Denn brennen müßt Ihr doch wohl?« »Ich glaube nicht. Würde dir leid sein, wenn ich – nicht brennen müßte, da ich ein Deutscher und kein katholischer Christ bin?« »Ich bin nicht wie mein Bruder.« »Also hassest du uns Deutsche nicht? ... Willst du deine Last nicht ablegen? Sie muß schwer sein.« Sie blieb jedoch stehen, beide Arme über der Brust verschränkt. Wieder begegnete ihr Blick dem seinen, und wieder wandte sie den ihren nicht ab. So standen die beiden jungen Menschen zum zweiten Male einander gegenüber und sahen sich in die Augen: er in aufflammender Leidenschaft, sie forschend und feindselig. Doch dann sprach sie zuerst: »Ich wußte, daß Ihr diesen Weg kommen würdet, stieg herab, um Euch hier zu begegnen.« Er rief aus: »Um mir zu begegnen?« »Euch!« »Du hast mir etwas zu sagen?« »Mein Bruder haßt die Deutschen, haßt also Euch.« »Wolltest du mir das sagen?« »Warnen wollte ich Euch.« »Vor deinem Bruder warnen den fremden Mann?« »Ihr wart meines Oheims Gast.« »Warnen wolltest du den Mann, den du doch mit feindseligen Blicken ansiehst?« »Ihr kamt um meinetwillen herauf.« »Um deinetwillen; nur um deinetwillen!« »Begabt Euch um meinetwillen in Gefahr.« »Warnen wolltest du mich, weil dein Bruder, dieser Knabe, mich und alle Deutschen haßt?« »Dieser Knabe weiß sein Dolchmesser zu führen wie ein Mann.« »Ich fürchte mich nicht.« »Kommt nicht wieder um meinetwillen herauf. Auch wäre es unnütz.« »Du weißt, daß ich dich liebe?« »Ich weiß es.« »Daß ich dich leidenschaftlich liebe; liebe bis zur Tollheit! Ich kämpfe dagegen; aber es hilft mir nicht; es ist so: ist stärker als ich. Und weil es so ist, werde ich wiederkommen.« »Es wäre unnütz, Herr.« »Und werde deines Bruders Dolchmesser, welches der Knabe wie ein Mann zu führen weiß, nicht fürchten.« »Um so schlimmer für Euch ... Lebt wohl.« Noch einmal wollte er sie zurückhalten; sie aber schritt an ihm vorüber, nicht achtend des Ausrufs, in dem des Mannes ganze leidenschaftliche Liebe bat und flehte. Bereits weit entfernt von ihm, vernahm sie noch einmal ihren Namen: »Lavinia!« Wie ein Verzweiflungsschrei durchgellte es das tiefe Schweigen des Sommermittags. Auch in ihm war etwas, »stärker als er«. Dreizehntes Kapitel Nun machte sich Dame Filomena an die Arbeit, und sie hätte nicht Dame Filomena und eine Frau sein müssen, wäre sie nicht mit dem Aufwand aller weiblichen Kräfte an eine Sache gegangen, die nichts Geringeres betraf, als eine Heirat zu stiften, eine Heirat, die das Haus ihrer Herrschaft mit dem der Minardi unlöslich verband. Es würde ein Ereignis sein; denn: Deutschland unlöslich verbunden mit Italien! Verbunden das Nordisch-Blonde mit dem Südlich-Brünetten; verbunden die blauen und sanften Augen mit den schwarzen und leidenschaftlichen. Solche Verschiedenheiten bildeten jene notwendigen Gegensätze, die bekanntlich zu einer glücklichen Ehe erforderlich waren; also vollbrachte Dame Filomena durch die Heirat ihres Neffen mit dem Professorentöchterlein nicht nur eine große, sondern auch eine gute Tat. Sie entwarf daher ihren Schlachtplan, denn Kampf würde es immerhin kosten, und begann die Vorbereitungen zur Attacke. Alles war so fein ersonnen, daß der Menschenkennerin das Werk gelingen mußte. Bemerkte die Familie Müller verwundert und betrübt die Veränderung, die mit ihrem Freunde Heinz vorgegangen war, so geriet sie geradezu in Kümmernis über das veränderte Wesen ihrer getreuen Dienerin und gestrengen Haustyrannin. Was war das jetzt nur mit Filomena? Sie seufzte, stöhnte, ächzte. Fragte man, was ihr fehle, ob sie krank sei und man zum Arzt schicken solle, so schüttelte sie schweigend ihr Haupt und seufzte, stöhnte, ächzte womöglich noch jämmerlicher. Am beunruhigendsten jedoch erschien dem Trio guter Menschen, daß die Vierte im Bunde plötzlich einer unheimlichen Sanftmut sich befleißigte, nicht nur keinerlei Regierungsgelüste zeigte, sondern gewillt schien, den Herrscherstab ergebungsvoll Tante Minchen zu übergeben. Wie gesagt, geradezu unheimlich war's! Nicht nur das, es war unnatürlich; war wider die Natur. Die drei Müller steckten die Köpfe zusammen, rieten hin und her, fühlten sich erschreckt und geängstigt; denn unmöglich konnte eine derartige jähe Wandlung mit rechten Dingen zugehen. Am unbehaglichsten war es dabei Tante Minchen. Sie in der Casa Tedesca Alleinherrscherin! Die Naumburgerin in dem fast dreißigjährigen Kriege mit der Sabinerin zu guter Letzt Siegerin! Es war höchst ehrenvoll, doch blieb es vollkommen unverständlich. Überdies hätte bei der Dauer solchen Zustandes das Leben des guten Fräuleins in Olevano sowohl wie in Rom seine intimsten Reize verloren, die gerade in dem Streit um die Oberherrschaft bestanden. Was also war es jetzt nur mit Filomena? Einstweilen erwies sich als Resultat der neuen Regierung, daß sämtliche Makkaronigerichte in einer durchaus unitalienischen, also durchaus unwürdigen Zubereitung auf dem Tisch des Professors erschienen; daß sogar der Ruhm des Hauses, der Risotto, vollständig entartete und zugleich mit diesem alle die andern köstlichen Speisen der volkstümlichen Küche Italiens dem nämlichen Schicksal verfielen: die Meisterin zog sich vom Herdfeuer zurück, auch diesen Ehrenplatz kampflos der Rivalin überlassend, einer Rivalin, die Makkaroni und Reis zu einem dicken Brei verkochen ließ, nicht zu reden von den vielen delikaten Gerichten aus wildem Spargel, aus Broccoli, Tomaten und Artischocken, aus Cucuzzi und Melanzane. Wie sollte auch eine Naumburgerin Makkaroni und Reis nicht zu weich kochen lassen? Kurzum, es war ein kläglicher kulinarischer Zustand, hervorgerufen durch den freiwilligen Rücktritt der Herrscherin in der Dynastie Müller. Landesüblicher Sitte gemäß – Sor Rodolfo hatte sich dieser nach dem Willen der wichtigsten Persönlichkeit seines Haushaltes fügen müssen – begleitete Dame Filomena die Tochter ihres Padrone auf allen ihren Ausgängen. Bei dem reifen Alter des Fräuleins war diese Eskorte längst überflüssig geworden; doch bezeigte der weibliche Schutzgeist keine Lust, seine Rolle aufzugeben. Schließlich gehörte auch dieser Brauch zu jenen ehrwürdigen Sitten des Südens, denen sich der alte Italienschwärmer schon als jugendlicher Romenthusiast nur allzu bereitwillig unterworfen hatte... Eines schönen Tages nun wollte Romana der Frau des Sindakus, der würdigen Sora Pia, einen Besuch abstatten. Tante Minchen wurde dank der Thronentäußerung der Dame Filomena durch häusliche Pflichten am Mitgehen verhindert; also begleitete die junge Dame deren Tugendwächterin, die sich gerade an diesem glanzvollen Sommertage in düsterster Stimmung befand. Seufzend und stöhnend schritt sie in großem Staat, mit all ihrem Schmuck behangen, neben Romana einher, so lange jammervoll seufzend, bis ihr auch jetzt wieder die angstvolle Frage vorgelegt wurde: was ihr denn nur um Gottes willen fehle? Worauf die Antwort erfolgte: »Was sollte mir fehlen? Nichts fehlt mir. Aber auch, wenn mir etwas fehlen sollte, wer kümmert sich darum?« »Wir alle wären tiefbetrübt, das weißt du ja doch.« »O Madonna!« »Siehst du wohl, daß dir etwas fehlt.« »Rein gar nichts. Nur daß –« »So sprich doch!« »Es ist nur –« »Wenn du doch sprechen wolltest!« »Der Arme! O Madonna, der Arme!« »Wer?« »Daß ich das erleben muß!« »Bei allen deinen guten Heiligen – Filomena, liebe, gute, beste Filomena, was mußt du erleben?« »Amerigo! O der Unglückliche!« »Ist deinem Neffen ein Unglück zugestoßen?« »Und so jung noch!« »Er ist doch nicht erkrankt? Ich sah ihn erst gestern noch.« »Sahst du auch, wie bleich er ist?« »Er sah prachtvoll aus.« »Prachtvoll? Das sagst du von ihm? Du von Amerigo Minardi!« »Er war so elegant, so luftig und schön wie immer.« »Elegant, lustig und schön! Nicht elend? Nicht totenblaß? Nicht ganz verstört?« »Du quälst mich. Weißt du denn nicht –« »Das ist es eben, weil ich es weiß. Daß es gerade diese sein muß, gerade diese eine!« »Um eine Frau handelt es sich? ... Dein Neffe ist verliebt?« »O Madonna!« »Unglücklich verliebt ist dein Neffe?« »Unglücklich! Unglücklich!« »Der arme junge Mensch! Du hast recht: so jung und so – schön! Wie könnte er unglücklich verliebt sein? Ich meine, welches Mädchen könnte das Herz haben, deinen Neffen nicht wiederzulieben?« Die Stimme der jungen Dame zitterte und sie war selbst totenblaß geworden; selbst ganz verstört. Dame Filomena stöhnte: »Er begeht gewiß –« »Doch nicht Selbstmord? Aus unglücklicher Liebe? Dein junger schöner Neffe? ... Sage nein, liebe gute Filomena! Bitte, bitte!« Die liebe gute Filomena ächzte: »Wenn ein junger Mensch unglücklich verliebt ist; und wenn er obendrein Italiener ist, ein Sabiner – du solltest die Sabiner doch kennen, solltest meinen Neffen doch kennen!« »Du weißt, wie gut ich ihn kenne, wie gut er mir gefällt... Das hätte ich ihm freilich nicht zugetraut. Ich meine, daß er sich so verlieben könnte, unglücklich verlieben. Bei seiner Schönheit! Wer ist denn nur das Mädchen? Es ist gewiß eine verheiratete Frau? Ganz gewiß, Filomena! Man sagt, daß in Italien eine verheiratete Frau – du weißt, was man sagt. Aber es ist schrecklich, daß auch Amerigo – ich meine, daß auch dein Neffe –« Und das nicht mehr ganz junge gute Kind zitterte und bebte vor eitel Mitgefühl. Es mochte auch noch eine andre Empfindung dabei sein. Vielleicht sogar etwas Eifersucht. Nur etwas. Eine andere, ganz andere Empfindung wurde es, als Dame Filomena unter gewaltigem Gestöhn und einem Tränenstrom mit dem Geständnis hervorbrach: »Der Unglückliche ist in dich verliebt! Ganz sinnlos verliebt ist der hübsche, liebe arme Junge in dich. Madonna, o Madonna, was soll daraus werden?« Einstweilen ward daraus fast eine Ohnmacht des Fräuleins, in welches der von allen Frauen heiß begehrte junge Mann sinnlos und unglücklich verliebt war. Die Gipfel der Sabina schienen sich zu dem Professorentöchterlein herabzuneigen, Olevanos Ölwälder und Kastanienhaine um die deutsche Maid sich zu drehen. Sie wurde geliebt! Zum erstenmal in ihrem Leben geliebt! Und geliebt von diesem einen! Deshalb also war Filomena in letzter Zeit gar so seltsam gewesen? Die liebe, liebe Filomena! Weil sie von des Jünglings heimlicher Liebe wußte. Wie mochte sie es nur erfahren haben? Weil sie um den hoffnungslos Liebenden sich sorgte; weil die Angst sie quälte, was daraus werden sollte? Die Getreue, Gute, Beste! Nie und nimmer würde die von dem schönsten Jüngling der Sabina Geliebte der Getreuen ihre Angst vergessen, auch dann nicht, wenn – nichts daraus werden sollte, kein ewiges seliges Glück. Als wäre es nicht schon Glücks genug, überhaupt geliebt zu werden: geliebt! Als die Ohnmachtsanwandlung vorübergegangen war, die Berge wieder steil und starr in den Azur des Sommerhimmels emporstiegen, auch Oliveten und Castagneten angewurzelt stehen blieben, war das erste, was geschah, daß die jetzt schon Glückselige der Wärterin ihrer unschuldigen Kindheit und Wächterin ihrer rasch verblühenden Jugend auf öffentlicher Landstraße um den Hals fiel und schluchzend stammelte: es sei gewiß nicht wahr; denn es sei gewiß unmöglich, daß sie, die auf Schönheit so gar keinen und auf Jugend so geringen Anspruch machen könne – daß sie, die Lange, Hagere, Unschöne, geliebt werde: geliebt von diesem Mann! Sollte es jedoch wahr und wahrhaftig möglich sein, dann; ja dann – Aber dafür fehlten der Sprache die Worte. Sie fehlten nicht der Vertrauten der Leidenschaft des berückenden Sabiners für Fräulein Romana Müller. Jetzt kein Seufzen, Stöhnen, Ächzen mehr, sondern ein Strom von Versicherungen, was für ein edler Liebender der junge Mann sei; eine Flut von Beteuerungen über die Echtheit seiner Liebe. Aber der Vater Professor und das Fräulein Tante, welches in der Casa Tedesca gegenwärtig das Zepter schwang! Bei dem Gedanken an diese zwei häuslichen Gewalten mußte die Getreue zu dem Gestöhn: was daraus werden sollte, von neuem ihre Zuflucht nehmen und die Madonna als himmlische Fürbitterin für das interessante Paar anrufen... Des Sindakus Gattin, die vortreffliche Mutter eines minder vortrefflichen Sohnes, begriff nicht, um welcher Ursache willen das deutsche Fräulein heute gar so besonders liebevoll gegen sie war, geradezu zärtlich. Als der Besuch im Hause der Frau Bürgermeisterin erschien, befand sich Sora Pia im Garten, einer bunten Wildnis von Sommerblumen und Kräutern, darin Sor Virgilios Ehegemahl für den in der ganzen Sabina berühmten Essig des Hauses Minardi die notwendigen Zutaten pflückte. Einer Legende nach sollten es neunzigerlei Kräuter sein, welche, dem Weinessig zugesetzt und mit diesem in der Sonne kochend, ein einzigartiges Gebräu von fast schwarzer Farbe ergaben, davon wenige Tropfen genügten, um jeden Salat zur Götterspeise zu machen. Wenn auch nicht von neunzig, so doch gewiß von zwanzig Würzpflanzen wurden bestimmte Blättlein vorsichtig gebrochen und in einen zierlichen Bastkorb gelegt, dem ein Arom entströmte, als wüchsen in dem Garten der Frau Bürgermeisterin alle Wohlgerüche Arabiens. Sie unterbrach die anmutige Arbeit, führte die Gäste inmitten all des Duftens und Blühens zu Tisch und Bank, lud sie ein, Platz zu nehmen, und eilte geschäftig ins Haus, um selbst die Erfrischungen zu besorgen: für den heißen Tag eine Limonade aus dem scharlachroten Saft des Granatapfels, dazu frisches mit Honig zubereitetes Mandelgebäck. Darauf setzte sie sich zu den beiden, im stillen über das liebreiche Wesen des überschlanken Fräuleins immer von neuem verwundert. Diesem Wesen leuchteten Italiens Himmel und Sonne wie noch niemals im Leben. Daß die Welt schön war, wußte sie; aber daß sie so schön sein konnte, hatte sie denn doch nicht geahnt. Das war auch nur diesseits der Alpen möglich und nur dann, wenn der Mensch geliebt wurde: geradezu sinnlos geliebt, wie die beste der Freundinnen in jenem unvergeßlichen Augenblick behauptet hatte. Gab es auf dieser wunderschönen Welt ein Gefilde mit solchem paradiesischen Blühen? Der Duft der Kräuter, daraus die berühmte Essenz destilliert wurde, zog Schwärme von Insekten herbei, so daß die Luft selbst zu singen und zu klingen schien, und über den bunten Blumenkelchen gaukelten blaue, rote und gelbe Schmetterlinge, tummelten sich Käfer, deren metallisch glänzende Flügel im Sonnenschein wie Edelsteine strahlten. Und zu dem allen das etwas Verfettete, aber darum nicht minder ehrwürdige Antlitz der Frau, die der Welt diesen Sohn geschenkt hatte, den Herrlichsten von allen! Die Gattin des Bürgermeisters trug die sabinische Landestracht, welche die ansehnliche Frau gar stattlich kleidete; dazu um den Hals und in den Ohren den Schmuck von Mutter und Großmutter. Ehrwürdig und altmodisch war in diesem Hause jedes Gerät; war das Haus selbst mit seiner schmalen steinernen Stiege, seinen gewölbten klosterähnlichen Gängen, seiner als Wohnraum dienenden Küche mit dem offenen Herdfeuer, den blinkenden Kesseln und Kannen und den vor jedem Sonnenstrahl durch starke Läden geschützten Fenstern, so daß in dem hohen Raum selbst an den heißesten Tagen eine Kühle herrschte wie in einem Gewölbe. Nur des Hauses einziger Sproß brachte mit seiner nach neuester Mode gekleideten Person und seinem nach demselben Muster zugeschnittenen Wesen in das Urväterhaus der Minardi die neue Zeit, samt der neuen Jugend, welche die alte Zeit als etwas Abgestorbenes und Verwestes abtat, zugleich alles, was diese alte Zeit erstrebt, erkämpft und erreicht hatte, in die allgemeine große Totenkammer der Zeiten und Geschlechter werfend... Unter Blüten und Kräutern, beim Summen der Insekten plauderten die Frauen. Mit einem bedeutsamen Blick auf das Fräulein und einem scheinbar unterdrückten tiefen Seufzer erkundigte sich Name Filomena angelegentlich nach dem abwesenden Haussohn: was er treibe, wie er sich befinde? Er scheine in letzter Zeit so eigentümlich scheu und habe solch bleiches Aussehen. Aber Sora Pia rief unwillig aus: »Scheu und bleich? Der? Wo er ist? Wachteln fängt er in der Schlinge und das mitten im Sommer! Der Bürgermeister von Olevano müßte den Burschen eigentlich wegen Wildfrevels einsperren lassen; täte es auch, wenn er es wüßte! Was er sonst noch treibt? Fein sich anziehen, beim Apotheker und Barbier sitzen, im Café seine Zeit vergeuden, auf der Piazza lungern, klug schwatzen und eiteln Weibern den Kopf verdrehen. Wie er sich befindet? Ausgezeichnet! Lebt von seines Vaters sauer erworbenem Geld, wird niemals von etwas anderem leben. Denn so ist er!« Was für eine hartherzige Frau diese sonst so herzensgute Sora Pia sein konnte! Solchen prachtvollen Sohn zu haben und solche bösen Reden zu führen! In Romanas Seele regte sich etwas wie Groll gegen eine Persönlichkeit, die sie bereits mit der Empfindung einer zärtlich ergebenen Tochter betrachtete. Wie aber ward ihr zumut, als sie ihre Begleiterin sagen hörte: »Gib deinem Sohn eine brave Frau, und er wird nicht länger mitten im Sommer Wachteln fangen und auch sonst ein Leben führen, darüber seine Mutter sich kränken muß. Er führt es nur deshalb, weil ihm eine brave Frau fehlt. Verliebt wird er sicher sein. Und wie verliebt!« Nur um so erregter zürnte des wackeren Sindakus wackere Ehehälfte: »Welch braves Mädchen nimmt den Nichtstuer zum Mann? Hat er auch ein noch so glattes Gesicht und versteht er auch noch so gut, um die Weiber zu schwänzeln. Die sind denn freilich danach! In Rom hat er sein Lotterleben angefangen. Was brauchte der Schlingel nach Rom zu gehen? Hier bleiben hätte er sollen; arbeiten, wie sein Vater arbeitet; werden, was sein Vater ist: ein Weinbauer auf eigenem Grund und Boden, darauf die Minardi schon vor Jahrhunderten saßen. Aber der junge Herr mußte ja wohl etwas Besseres werden, schämte sich seines Vaters, der keine Gewalt über ihn hat, wie das heutigentags in allen Ständen und in allen Familien Brauch sein soll. Wir Alten verstehen davon nichts, müssen uns dem Brauch fügen. Ob es ein guter Brauch ist, mögen die Heiligen wissen. Ich glaub's nicht... Aber jetzt muß das liebe Fräulein von meinem Granatapfelsaft trinken und von dem Mandelkuchen essen. Von dem Neunzigkräuteressig gebe ich im Herbst der Filomena ein Fläschlein mit nach Rom. Daß reicht für viele Jahre. Und der Herr Professor bekommt von unserm guten Wermut. Obgleich der Heilige Vater zu Rom im Vatikan sitzt und der König ein guter Mann sein soll, ist es doch eine abscheuliche Stadt. Unsern Sohn hat Rom auf dem Gewissen. Auf dem Gewissen haben ihn die schlechten Weiber in Rom.« »Eben deswegen müßt ihr eurem Sohn eine brave Frau geben. Tut ihr das nicht, so tu' ich's; denn nach seinen Eltern bin ich die nächste dazu. So sag' ich's, und so ist's. Und damit basta!« Vierzehntes Kapitel Was ist's nur mit dem Kind?« Das Kind war Fräulein Romana, und die Personen, die diese in der Casa Tedesca bereits zur Gewohnheit gewordene Frage taten, waren Sor Rodolfo und Tante Minchen; denn Dame Filomena wußte genau, was es mit dem Kinde auf sich hatte und daß das Kind verliebt war: ganz sinnlos verliebt! Es handelte sich nur darum, ob glücklich oder unglücklich verliebt? Beides durfte bejaht werden. Glücklich war das Fräulein insofern, als es wieder geliebt wurde; unglücklich, weil das Professorentöchterlein nicht wußte, was daraus werden sollte. Dame Filomena meinte zwar triumphierend, sie wisse auch das genau, und es werde eine Heirat daraus; immerhin fehlte zu dieser noch die Einwilligung Sor Rodolfos und des würdigen Elternpaars des schönen jungen Herrn, und darauf kam es schließlich an. Inzwischen plante die Vermittlerin in diskreten Liebesangelegenheiten nach Herzenslust weiter. Als Nächstes, was zu tun war, ergab sich eine Zusammenkunft der beiden, bei welcher Gelegenheit der Liebende aus Spekulation sich der Liebenden aus Liebe erklären konnte. Je heimlicher das Stelldichein vonstatten ging, um so mehr würde die Sache der Romantik südlicher Leidenschaft gleichen: à la Romeo und Julie! Die Amme befand sich sowieso bereits auf der Szene. Also traf sich das interessante Paar in tiefer Nacht, in Begleitung der Tugendwächterin in der Castagneta. Der Mond schien hell, verwandelte den Wald in einen Zauberhain, verklärte das Antlitz des Adonis, und wenn auch die Nachtigallen nicht mehr sangen, so war es doch für die heilig Gläubige eine Stunde, die sie nicht auf Erden, sondern im Paradiese verbrachte. Nach italienisch strenger Sitte wurde von der Begleiterin nicht der keuscheste Kuß gestattet; doch durften Schwüre ewiger Liebe und Treue gewechselt werden, was dem Kinde, das jetzt eine Verlobte war, genügte, um sich von des Lebens ganzen Wonnen durchschauern zu lassen... Der Hochsommer brachte für Rudolf Müller seines ehrlichen Künstlerlebens schönstes Fest. Es jährte sich nämlich der Tag, an dem der Alte vor einem halben Jahrhundert als bestaubter Wanderer des erste Mal nach Olevano gekommen war, und die dankbare Sabinerstadt bereitete ihrem ältesten Sommergast eine Feier, wie solche in diesem Lande noch für keinen Fremden veranstaltet worden war: der deutsche Künstler, Rudolf Müller, wurde zu Olevanos Ehrenbürger ernannt! Bereits in grauender Frühe zog die gesamte Bevölkerung nach dem hellen Hause über der Stadt, am Rand des Waldes hochstämmiger Edelkastanien. Es donnerten Böllerschüsse, erschallten brausende Vivatrufe, schmetterte die Stadtmusik, deren Mitglieder in ihren prächtigen Uniformen, darin der Paukist wie ein General aussah, vollzählig erschienen. Und was spielte Olevanos brave Künstlerschaft? Deutschlands Nationalhymne, das heilige Lied von Italiens nordischen Bundesgenossen, dem das hehre »Deutschland, Deutschland über alles!« folgte. Italiens Söhne spielten die deutschen Melodieen mit einer Inbrunst, als wäre es die Nationalhymne ihres eigenen Vaterlands. Der Gefeierte erschien am Fenster. Bei den Tönen, in denen das deutsche Herz Melodie geworden war, flossen seine Tränen, und der alte Mann schämte sich ihrer nicht. Und daß er diese Weiheklänge in diesem geliebten Lande hörte, ihm zu Ehren gespielt! Er hatte nichts geahnt von der Huldigung, die ihm zuteil ward, und nichts geahnt – was um vieles ärger war – hatte Tante Minchen. Aber Dame Filomena hatte alles gewußt und alles vorbereitet. Im Bürgermeisterhause hatte sie Tage vorher geküchelt: Berge von Maritozzi und Ciambelli und die in Öl gebackenen beliebten »Bignets«, die sonst nur dem guten heiligen Joseph zu Ehren an dessen Festtag von hoch und niedrig im ganzen Land Italien in unwahrscheinlichen Mengen verspeist wurden. In tiefster Heimlichkeit waren die dick mit Zucker bestreuten schmackhaften Lasten hinaufgeschafft worden, dazu ein Dutzend umfangreicher Fiaschi Weins, weißer und roter, süßer und herber. Wie durch Zauberschlag erschien plötzlich unter den Kastanien Speise und Trank, eine hausfrauliche Leistung, durch welche Tante Minchens kurzer Alleinherrschaft ein sofortiges Ende bereitet und die Regierung der Nebenbuhlerin für alle Zeiten befestigt wurde. Alsdann erstieg eine Deputation der Stadtgemeinde, an ihrer Spitze der Sindakus, den Berg. Virgilio Minardi hielt eine Rede eines Cicero würdig und überreichte dem Ergriffenen ein Pergament, darauf nicht nur die Stadt Olevano, sondern auch das Tuskulum des greisen Künstlers in Aquarellfarben auf das zierlichste abgebildet war; und, im Rahmen anmutiger bunter Fresken, wie solche in geistlichen Büchern des Mittelalters sich befinden, die Verdienste des neuen Ehrenbürgers in der erhabenen Sprache Dantes gepriesen wurden. Der Mann, dem die Feier galt, stand da, als hätte er eine Weihe empfangen... Am Abend gab die deutsche Kolonie im Casino Baldi ihrem Landsmann ein Fest. Es fand in der Serpentara statt, auf jenem winzigen Stücklein deutschen Bodens des sabinischen Felsengebirgs; und es war ein echtes deutsches Künstlerfest, wie solches in alten schönen Zeiten in den Cervaragrotten bei Rom alljährlich begangen worden. Den Eichenwald erleuchteten Feuerbrände bis in die höchsten Wipfel der ehrwürdigen Bäume hinauf; weißgewandete, mit Eichenlaub geschmückte Priesterinnen hielten Umzüge und brachten Germaniens alten Gottheiten unblutige Opfer dar: Früchte und Blumen; in Felle gekleidete Jünglinge führten Waffentänze und Ringspiele auf. Chorgesänge erschallten. Ein zweiter Teil des Festprogramms war der jüngsten Vergangenheit gewidmet. Die deutschen Dichter und Künstler, welche Olevano berühmt gemacht hatten, traten auf. Maler und Bildhauer ließen ihre Modelle Gruppen bilden, die Dichter zitierten ihre zum Ruhm Olevanos verfaßten Verse, um danach vereint einen schlanken blondlockigen Jüngling unter lautem Jubel in ihrem Kreise willkommen zu heißen: Rudolf Müller aus Naumburg an der Saale, vor fünfzig Jahren in Olevano einziehend! Und zuletzt, als Krönung des Ganzen: Eine Ephebengestalt trat vor. In den Faltenwurf der Antike gehüllt, die Stirne von einem Kranz scharlachroter Rosen umwunden, schritt der Schöne zu dem Jubilar, faßte ihn schweigend bei der Hand und geleitete ihn zu einer Felsenwand, darüber ein gewaltiger Eichbaum seine schattenden Zweige breitete. Ferne gedämpfte Musik ertönte, ein scharlachroter Seidenvorhang sank, und es zeigte sich ein in das Gestein gefügtes Bronzerelief: das Bildnis eines alten Mannes. Eines Mannes Bildnis war's, der von den Göttern geliebt wurde, weil er die Menschen liebte und die Schönheit der Welt. Er liebte sie nicht nur, sondern ihm hatten gütige Götter gegeben, sie in Umrissen und Farben zu »sagen«. Er selbst freilich nannte es ein mühseliges Stammeln, ein armseliges Stottern... Heinrich Weber war der Schöpfer des Bildnisses, und Amerigo Minardi hatte den Erschütterten geleitet. Was sollte dieser in solcher Feierstunde seines Lebens beginnen, als seine Tochter, sein einzig geliebtes Kind, mit dem rosengekrönten Genius vor ihn trat und ihn bat: »Wir lieben uns, wir sind glücklich. Schenke unserm Bund und unserm Glück deinen Segen!« Also segnete Sor Rodolfo und – Und auch das war das Werk der weisen Vermittlerin. Sie hatte den rechten Augenblick ersonnen und herbeigeführt: gerade den rechten, so daß der Tag schließlich zu ihrem Fest ward, zu der großen Menschenkennerin und Herzenskünderin unbestrittenem Triumph. Keiner von allen aber dachte in dieser Stunde daran, was wohl daraus werden sollte? Fünfzehntes Kapitel Ich werde wiederkommen, hatte Heinrich Weber dem Mädchen von Bellegra zugerufen, und er kam wieder. Er konnte nicht anders: wiederkommen mußte er – da es auch in Gottes Namen für ihn »stärker« war als er. Wie ein Zauber war's. Hexerei ist's! So nannte er es bei sich selbst und wollte dem Spuk nicht erliegen, kämpfte dagegen, rang mit seiner Leidenschaft wie mit einem Feinde. Tiefer war jedoch ein Dämon und daher für den Sterblichen unbesiegbar. Leidenschaft! Keine Verliebtheit war's; kein jugendlicher Rausch. Auch kein Sturm aufgewühlter Sinne, sondern etwas Großes, Gewaltiges, das den ganzen Menschen packte, ihn umklammerte wie mit Geierkrallen. Leidenschaft! Wessen Seele davon nicht ergriffen ward, dessen Vernunft begreift sie nicht, die Macht, die zu Sonnenhöhen emporführt und in Abgründe hinabschleudert, die erschafft und zerstört, Selige und Unselige macht, die Gottheit und Teufel zugleich ist. Na gibt es kein Aufhalten, kein Zurück, kein Anhören der Vernunft; da gibt es nur ein Schicksal, das an dem Menschen sich erfüllen muß, und wäre das Ende auch Wahnsinn, Verzweiflung. Nein – »Kein Ende, kein Ende!« Und so mußte denn der von Leidenschaft für das fremdartige Frauenwesen Ergriffene, der ein junger Mensch und großer Künstler war, wiederkommen. Immer wieder und wieder. Tagtäglich erklomm er den Berg, dessen Kuppe die höhlenartigen Wohnungen des ärmlichen Bergvolkes trug, dem der alte Priester das Evangelium göttlicher Liebe und Duldung verkündete, er selbst liebend und duldend. und das während eines ganzen Lebens von Entsagung und Elend. Aber Heinrich ging seinen einsamen Weg nicht mehr am frühen Morgen, zu welcher Tageszeit Bellegras Frauen zu dem Felsenquell hinabstiegen, um in den schön geformten Kupfergefäßen Wasser zu schöpfen und in dem natürlichen Becken ihr Linnen zu waschen. Wenn er gegen Abend sich aufgemacht, so umwölkte der Dunst des heißen Tages die Fernen, so daß nur die nächsten Gipfel dem Nebel geheimnisvoll entragten und die über der Meeresküste ihrem Untergang sich zuneigende Sonne, einem Himmelszeichen gleich, als blutrote Scheibe hervorbrach. Am Quell selbst harrte er fortan der Geliebten. Es geschah dann, daß er seine Leidenschaft als Todesübel, als Wahnsinn empfand; daß er dagegen am grimmigsten ankämpfte. Aber es geschah auch dann, daß er sich den himmlischen Machten mit gelähmten Lebensgeistern ergab. Jeden Tag war es das nämliche, nur daß seine Leidenschaft mit jedem Tage hoffnungsloser ward; glaubte er doch mehr und mehr zu erkennen, daß es kein zweites Herz von solcher Unzugänglichkeit gäbe: Leidenschaft erweckend, blieb es von jeder leidenschaftlichen Regung unberührt. Auch darin erwies sich dieses Mädchen als die getreue Tochter ihres Volks, von dem in des Künstlers nordischer Heimat die Sage ging, in keinem andern Lande der Welt sei die Liebesleidenschaft der Frau von solcher Verzehrenden Glut. Doch galt dieser Ausspruch eben der – Frau, der Gattin. Nur diese gestattete sich, in Liebe zu entbrennen; in einer Liebe, die beseligen und zerstören konnte, und das einen andern als den Gemahl... Während von einem in Scharlach, Violett und Orange auflodernden Himmel purpurne Dämmerung herabsank, kam die Geliebte einsam als letzte zum Brunnen. Pochenden Herzens ging Heinrich ihr entgegen, sprach zu ihr von seiner Liebe: seines Lebens erster und – letzter, wie er mit heißen Worten ihr sagte. Sie ließ ihn reden. Hatte sie Wasser geschöpft, durfte er ihr helfen, den schweren Krug auf das Haupt zu heben; durfte er ihr das Geleit geben und fortfahren zu ihr zu sprechen, immer nur von dem einen, das für ihn das einzige war. Schnell brach nach dem kurzen Zwielicht des Südens die Nacht herein. Die Sterne funkelten auf. An ihrer Seite stieg er bis zum Gipfel hinan. Eines Abends sagte er: »Du erlaubst mir, dir das Geleit zu geben. Das wird dich bei den Dorfleuten ins Gerede bringen.« »Das wird es.« »Trotzdem schickst du mich nicht fort?« »Was wollt Ihr, Herr? Ich bin ein Modell.« »Modell waren auch deine Mutter und Großmutter. Dennoch bekamen sie brave Männer. Einen braven Mann wirst auch du bekommen.«. »Wenn Ihr so denkt, was wollt Ihr von mir?« »Ich liebe dich!« »Das haben mir viele gesagt.« »Viele der Franzosen der Villa Medici, denen du ja wohl gehörst?« »Herr, ja.« »Denen du aber doch nur gehörst als ein Modell, welches dem Künstler nicht gestattet, seine ganze Frauenherrlichkeit zu schauen?« »Ihr meint, nur mein Gesicht?« »Ist es wahr und wahrhaftig so? Lavinia, wahr und wahrhaftig?« Die Leidenschaft erstickte seine Stimme, daß er nur mühsam sprechen konnte, atemlos ihre Antwort erwartend. Sie wurde ihm erteilt: »Herr, hört mich.« »Sprich zu mir!« »Ihr saht mich das erste Mal bei der Wallfahrt auf dem Monte Autore.« »Was hat das mit meiner Liebe zu tun?« »In der Vorhalle des Heiligtums lauertet Ihr mir auf.« »Ich wartete auf dich.« »Frugt mich, ob ich inmitten der Nacht ein Gelübde leisten wollte.« »Tat ich das? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur, daß ich dich in jener Nacht sehen und sprechen mußte.« »Herr, ich leistete in jener Nacht wirklich ein Gelöbnis.« »Ich glaube, das sagtest du mir schon damals. Aber auch das weiß ich nicht mehr.« »Ich leistete das Gelöbnis, daß die Franzosen, denen ich ja wohl gehören soll, nie und nimmer etwas andres von mir sehen sollten als mein Gesicht.« »Nie und nimmer deine unverhüllte Frauenherrlichkeit?« »So gelobte ich der heiligen Dreieinigkeit.« Wiederum rief der Künstler mit erstickter Stimme: »Ich liebe dich! Ich liebe dich!« »Herr, ich werde nicht Eure Geliebte.« Heinrich stammelte: »Dein Anblick begeisterte mich zu einer Gestalt, die ich nach dir schaffen muß: nach deiner unverhüllten Frauenherrlichkeit!« »Auch das gelobte ich der heiligen Dreieinigkeit: niemals einem Geliebten, sondern nur einem Gatten anzugehören. Laßt also ab von mir. Ihr müßt Eure Gestalt nach einer andern schaffen.« Doch Heinrich schien von des Mädchens Rede lediglich die Worte erfaßt zu haben: »Nur einem Gatten.« Da ließ er ab von ihr. In den nächsten Tagen kam er nicht zum Felsenquell. Was sollte er noch dort? Seiner hoffnungslosen Leidenschaft neue Nahrung geben, neue Leiden sich schaffen? Sie hatte ein Gelöbnis geleistet, und was sie der dreieinigen Gottheit gelobt, würde sie halten. Nur dem Gatten wollte sie zu eigen sich geben. Seiner Eifersucht war es Trost, seiner Leidenschaft bedeutete es Verzweiflung. Gleich jener berühmten lydischen Königin, gleich jeder tugendhaften Frau, wollte dieses Mädchen nur dem Gatten sich hüllenlos zeigen. Dabei war sie Modell! Nach einer andern sollte er seine Gestalt schaffen? So hatte sie ihm zugerufen, voller Hohn, wie ihn jetzt deuchte. Als wäre das möglich? Als hätte der Künstler die Gestalt, die er in seiner Seele trug, in Erz oder Marmor umschaffen können nach dem Bilde einer andern? Dennoch würde er es müssen, wollte er sein Werk aus seiner Seele hervortreten lassen und ihm dauerndes Dasein verleihen; denn: »Nur einem Gatten –« Heinrich kannte Künstlerehen: Ehen eines Künstlers mit seinem Modell. Nur zu gut kannte er sie. Es gab davon Beispiele genug, besonders in Rom. Sie mußten auf jeden, den die Leidenschaft noch bei Sinnen gelassen, abschreckend wirken. Wenigstens auf ihn wirkten sie so. Er hatte erlebt, daß Künstler an derartigen Ehen zugrunde gingen. Einfach zugrunde, und zwar als Künstler und als Mensch. Er freilich würde Mannes genug sein, um solchem jammervollen und zugleich unwürdigen Ende zu entgehen. Aber Mannes genug oder nicht – für ihn blieb solche Ehe ausgeschlossen. Einige Tage hielt er das Fernbleiben aus: ein Mann mußte mit derartigem ja doch fertig werden können: mit einer hoffnungslosen Leidenschaft, wie die seine es war. Einige Tage ging es. Dann überwand die Leidenschaft den Mann, der Dämon den Menschen. Nur sie wiedersehen wollte er; nur ihre Stimme hören, ihre Gegenwart fühlen; nur ihr sagen, daß er entsagen würde. Denn sein Weib konnte sie nicht werden. Ein letztes Wiedersehen, ein Abschied sollte es sein. Daher war es von ihm kein Schwäche und er nicht der Überwundene, der Besiegte, wenn er – doch wiederkam ... Als sei es nicht ein letzter Gang zur Geliebten, in solcher glücklichen Stimmung stieg er zur gewöhnlichen späten Stunde den Berg hinan. Vielleicht hatte auch sie ihn vermißt; vielleicht auch sie in diesen Tagen erkannt – Wunder waren ja doch immer noch möglich. Selbst für dieses Land war es eine ungewöhnliche Sommerherrlichkeit. Gleich Altären, darauf der Gottheit Opfer entzündet wurden, entstiegen die Gipfel den Tiefen, welche die blauen Schatten der Dämmerung erfüllten. Zwei junge Hirten sangen einander ihre Lieder zu. Auf Frage erfolgte sogleich Antwort, Strophe und Melodie im Augenblick frei erfunden. Heinrich konnte verstehen: »Blühender Lorbeerstrauch – Bin ich erst stark, will ich die Herden lassen, Will ich nicht Lämmer weiden, will ich Feinde hassen Und sie besiegen, wie es Heldenbrauch!« Die Erwiderung auf diesen Kampfreim lautete: »Blühende Narzissen – Bin ich erst stark, will ich die Herden lassen; Will heimlich ich ein schönes Kind umfassen; Will ich mein Liebchen lieben, herzen, küssen!« Wie recht hatte dieser zweite Sänger! Die Feinde seines Vaterlands bekämpfen und bezwingen, Heldentaten begehen, war gewiß schön und gut; indessen: »Will ich mein Liebchen lieben, herzen, küssen!« Was ihm plötzlich nur einfiel? Er sang dem liebeslustigen Knaben seinen Vers nach. Laut klang die kraftvolle Männerstimme durch das Schweigen der einbrechenden Nacht wie in siegreichem Jubel, als sei es die Offenbarung allen Lebens, zugleich die Verkündigung allen Glücks: »Will ich mein Liebchen lieben, herzen, küssen!« Am Quell, an dem Heinrich Weber diesen Abend zum letztenmal auf die Geliebte warten wollte, fand sie ihn. Er lag hingestreckt mit der Wunde eines Dolchstichs in der Brust, blutüberströmt, bewußtlos, scheinbar tot. Wie es möglich war, begriff niemand. Sie hob ihn auf und trug ihn den Berg hinan, bis zu dem Hause ihres Oheims; trug ihn in ihre Kammer, bettete ihn auf ihr eigenes Lager. Erst dann brach auch sie zusammen. Orazio Petroni kehrte in dieser Unglücksnacht nicht zurück. Der Buschwald, die Wildnis nahm den Geflüchteten auf. Karabinieri suchten den Mörder. »Will ich mein Liebchen lieben, herzen, küssen!« – hatte der junge Hirte gesungen. Sechzehntes Kapitel Er lebte noch, blieb jedoch längere Zeit ohne Bewußtsein. Man konnte ihn nicht nach Olevano hinabbringen, mußte ihn auf dem wilden Berge lassen. Seine Freunde kamen herauf, wollten bei ihm bleiben, ihn pflegen. Aber das Mädchen, das ihn gerettet hatte, sagte: »Um meinetwillen liegt er dort in der Kammer, ohne etwas von sich zu missen; um meinetwillen sollte er umgebracht werden, von meinem eigenen Bruder, der um meinetwillen zum Totschläger ward. Ich habe keinen Bruder mehr. Er, der mich durch einen Mord von dem fremden Manne trennen wollte, hat mich mit ihm vereinigt. Ich gehöre ihm. Also habe ich auf ihn ein Recht; ich allein! Gehen Sie daher nur wieder. Ich werde ihn pflegen. Wir Leute hier oben wissen, wie solche Wunden, von Mörderhand geschlagen, zu heilen sind.« So sprach sie, ließ keinen der Freunde des Todwunden in die Kammer, wachte Tag und Nacht an seinem Lager, pflegte ihn mit den Mitteln, welche die Leute von Bellegra für derartige Fälle seit Jahrhunderten kannten. Von Subiaco herauf kam das Gericht, untersuchte und protokollierte. Lavinia wurde befragt: »Du kanntest den Fremden?« »Ich kannte ihn.« »Was wollte er an jenem Abend dort unten am Quell?« »Er wartete auf mich.« »Also kam er um deinetwillen?« »Um meinetwillen.« »Also war er in dich verliebt?« »Er liebt mich.« »Also warst du seine Geliebte?« »Seine Geliebte bin ich.« Der alte Priester rang die Hände und rief in heller Verzweiflung: »Glauben Sie ihr nicht. Ich weiß nicht, weswegen sie sich selbst beschuldigt, des Fremden Geliebte zu sein; aber ich, der Priester, schwöre Ihnen, sie ist es nicht ... So sage doch den Herren, daß es nicht wahr ist, daß du gelogen hast und aus welchem Grunde du die Unwahrheit sprichst.« Schließlich war es den Herren sehr gleichgültig, ob das Mädchen seine Selbstanklage widerrief oder nicht. Warum sollte sie seine Geliebte nicht sein? Ein Modell! Und der Fremde ein Künstler. Diese Fremden, diese Deutschen, kamen eigens deshalb nach Italien, um die Liebhaber der Frauen, die Verführer der Mädchen zu werden. Schade, daß der Dolchstoß nicht tief genug traf! Immerhin mußte nach dem Missetäter gefahndet werden. Freilich befand er sich im Buschwald so sicher wie in Abrahams Schoß. Nach einer Weile würde man die Jagd nach dem Flüchtling aufgeben müssen, doch das war in solchen Fallen das gewöhnliche. Des Deutschen Geliebte – Die Tochter seiner verstorbenen Schwester die Geliebte des Mannes, der todwund in seinem Hause lag; der Sohn seiner geliebten Schwester als Mörder geflohen und verfolgt. Es war des Jammers zu viel. Die kleine Gemeinde befand sich in hellem Aufruhr, und der Greis mußte hören, wie seiner toten Schwester Tochter schändlich beschimpft, deren Bruder emphatisch gepriesen wurde: das Mädchen war eine Dirne, der Mörder ein Held! Die Freunde des Entflohenen wußten sein Versteck und versorgten ihn mit Speise und Trank. Die Karabinieri brauchte er wenig zu fürchten. Schandlieder wurden auf das Mädchen, Preislieder auf den Jüngling gedichtet und gesungen. Auch das war bereits vor Jahrhunderten so gewesen, würde noch nach Jahrhunderten so sein. Sie, die Geschmähte, kehrte sich wenig um die allgemeine Verachtung, die sie wie ein Bann traf, als gälte sie einer andern, Wildfremden. Da der Fiebernde gegen Morgen am ruhigsten war, sie ihn also am ehesten verlassen konnte, stieg sie jetzt immer zu früher Stunde zum Quell hinab, obgleich zu dieser Zeit auch die andern Frauen das wichtige Geschäft des Wasserschöpfens und Waschens besorgten. Gleich einer Verpesteten wich man ihr aus; doch hatte sie ihr Haupt niemals höher getragen ... Es kam der Tag, an dem der Bewußtlose aus seiner Betäubung erwachte. Aber noch erschien ihm das Leben als Traum. In diesem Traum trat die Geliebte vor ihn hin, neigte sich über ihn, sprach zu ihm. Er verstand nicht ihre Worte, die einen Ton hatten, wie er ihn aus ihrem Munde niemals gehört. Er redete sie an: »Also kamst du doch zu mir? Ich wußte es wohl. Ich wußte, du würdest meine Liebe erkennen. Hörst du: meine Liebe! Das ist nämlich etwas anderes, ganz anderes, als was ich bisher für eine Frau empfand. Nun kamst du zu mir und nun wollen wir glücklich sein.« Das Glück ließ ihn von neuem in Ohnmacht und Nacht versinken. Bei seinem zweiten Erwachen fand er an seinem Lager den priesterlichen Greis, und jetzt erfuhr er – »Verwundet ward ich?« »Lieber Herr, ja.« »Von wem?« »Von einem Unglücklichen.« »Weshalb haßte er mich?« »Weil –« »Weil ich ein Deutscher bin? ... Lavinia!« Sie war leise eingetreten, stand am Fußende seines Lagers, blickte ihm in die Augen, sagte: »Um meinetwillen.« »Weil ich dich liebe?« »Weil Ihr mich liebt, solltet Ihr sterben.« »Wer rettete mich?« Als er auch das aus dem Munde des geistlichen Herrn vernommen und ihr seinen Dank stammeln wollte, unterbrach sie ihn: »Da Ihr um meinetwillen sterben solltet, so tat ich nur meine Pflicht, Euch am Leben zu erhalten. Ihr seid ein Künstler, und ich weiß, was es heißt, ein Künstler zu sein. Spracht Ihr nicht von einem Werk, welches Ihr schaffen wollt? Also mußtet Ihr auch wegen Eures Werkes am Leben bleiben. Ich rettete daher nicht Euch, sondern Euer Werk, welches gewiß groß und herrlich sein wird. An dieses dachte ich, da ich Euch aufhob und den Berg hinauftrug, und mir war's, als hörte ich währenddem eine Stimme zu mir sprechen: Wenn er um deinetwillen sterben sollte, so mußt du um seines Werkes willen dein Gelöbnis brechen. Werdet gesund und – ich gehöre Euch.« Eine wundersame Zeit kam, die Genesung. Er hatte jetzt leicht hinuntergeschafft werden können, entweder in das Casino Baldi zu seinen Landsleuten oder in die Casa Tedesca zu seinen Freunden. Sor Rodolfo stieg den beschwerlichen Weg immer wieder herauf, um nach seinem Liebling zu sehen und ihn zu bitten: Komm zu uns! Aber Heinrich wollte bei der Geliebten bleiben, um derentwillen er den Dolchstoß empfangen, und die ihn gerettet hatte: um seines Werkes willen! Wie eine Verklärung lag es über dem Geschwächten, wenn er seinem alten Freunde wieder und wieder versicherte: »Am Quell fand sie mich. Ich lag in meinem Blut und war wie tot. Sie hob mich auf und trug mich den Berg hinauf. Denke doch: auf ihren Armen trug sie mich. So machtvoll ist ihre Liebe. Stelle dir das vor, fühle das mit mir, und du wirst verstehen. Alles wirst du verstehen. Auch du warst einmal jung; auch du lebtest als Jüngling in diesem Wunderlande aller Frauenherrlichkeit; auch du wirst ihre Zaubermacht empfunden haben. Also schilt mich nicht und – laß mich bleiben. Ich bin hier oben dem Himmel näher. Es ist so himmlisch schön, der Menschheit und ihrem Dunst entronnen zu sein. Aus dem Munde seines väterlichen Freundes vernahm er die warnenden Worte: »Was soll daraus werden? Sage mir, was daraus werden soll?« »Zunächst Leben, Liebe, Glück und dann –« »Und dann?« »Ein Werk, ein großes und herrliches, wie sie sagte; ein Meisterwerk, mein Lebenswerk. Hörst du: das Werk meines Lebens!« »Du bist jung.« »Und werde jung sterben.« »Nein, nein!« »Ja, ja! Ihr alle glaubt, ich wüßte nicht, wie es um mich steht. Ich weiß es seit langem. Und darum, siehst du, darum will ich leben – leben – leben! Darum will ich jetzt mein Lebenswerk schaffen nach ihrem Bilde. Du sollst mit mir zufrieden sein, und wenn du es bist, mein lieber Alter, so wird mein Werk gut sein, wird es mich überdauern. Nicht nur mir selbst, sondern auch ihr schenke ich durch mein Werk ewiges Dasein. Das eben ist Künstlerliebe. Eine solche muß die Geliebte verklären. Da sie mich an dem Dolchstoß ihres Bruders nicht sterben ließ, so bleibt mir noch eine kurze Frist. Auch diese danke ich ihr. Mein Vaterland und das ihre werden mein Werk meiner Geliebten zu danken haben; denn mein Werk gehört Italien und Deutschland.« Sobald er an Kräften zunahm, führte sie ihn hinaus. Mit starkem Arm geleitete sie seine noch schwankenden Schritte. Durch die Gassen des trostlosen Ortes führte sie ihn zu einem nahen Platz in den Klippen, wo er sich lagerte und die Herrlichkeit der Welt zu seinen Füßen hatte. Auf dem Wege dorthin bemerkte er, wie die Leute ihnen auswichen, hörte er, was sie ihnen nachriefen, mußte er begreifen lernen, daß das heldenmütige Mädchen von allen verachtet wurde: um seinetwillen! Begreifen lernen mußte der Liebende den ganzen schweigenden Jammer des ehrwürdigen Greises, dessen Gast er war, dessen wie ein Sohn geliebter Neffe an ihm zum Totschläger hatte werden wollen, während die Schwester für des fremden Mannes Geliebte galt. Letztere Erkenntnis machte auf Heinrichs ritterliches Gemüt einen überwältigenden Eindruck. Am Tage seines Abschieds trat er vor den Priester hin und sagte: Als meine Geliebte wird sie in ihrem Heimatsort beschimpft – als mein Weib soll sie in Rom geehrt werden. Sie hat der dreieinigen Gottheit ein Gelöbnis getan, und sie soll ihren Schwur halten. Ich kann diesem Hause, welches den Todwunden aufnahm, kein andres Gastgeschenk zurücklassen als die Sohnesbitte um Ihren väterlichen Segen.« Das also sollte sich auch an diesen beiden vollziehen: ein Schicksal, ein Verhängnis. Siebzehntes Kapitel Zu Sor Rodolfo kam eines Tages Virgilio Minardi. Der vortreffliche Mann hatte schweren Herzens, ebenso wie seine prächtige Hausfrau, in das Verlöbnis seines Sohnes gewilligt. Heute nun kam der Sindakus zu Olevanos Ehrenbürger und sagte: »Ihr solltet für heute abend in unserm Theatersaal eine Loge nehmen.« »Eine Loge? In eurem Theatersaal? Verzeiht, alter Freund, aber euer Theatersaal ist ja doch eine Bude.« »Von Subiaco herauf kommen heute die Komödianten. Es soll eine gute Gesellschaft sein. Im Winter spielt sie in Rom, und das Stück, das sie heute darstellen, sei etwas ganz Außerordentliches.« »Wißt Ihr, wie es heißt?« »Auf dem Marktplatz steht mit hochroten Lettern der Titel angeschrieben. Sämtliche guten Italiener werden auf einem besonderen Plakat mit gewaltigen Worten aufgefordert, das Theater heute' abend zu besuchen: es sei ein patriotisches Stück, das jeder gute Italiener sehen müsse. Nun seid Ihr zwar ein Deutscher; aber kein Italiener kann Italien mehr lieben als Ihr. So dachte ich denn gleich an Euch und kam selbst herauf, Euch die Sache mitzuteilen. Ist's Euch recht, so nimmt Amerigo die Plätze.« »Freilich, freilich. Ich lasse Euern Sohn bitten und danke Euch, daß Ihr an mich dachtet. Ihr wißt eben, wie sehr ich im Herzen zu euch gehöre. Ist das Stück wirklich etwas so Außerordentliches, wie Ihr sagt, so wollen wir miteinander einen guten Abend haben. Gespielt wird jedenfalls vortrefflich, auch dann, wenn die Gesellschaft eine minderwertige sein sollte: könnten doch unsere größten Schauspieler von euren kleinen lernen! Man sieht auf eurer Bühne nicht Komödie spielen, sondern hat ein Erlebnis, entweder ein fürchterliches und schauerliches oder ein heiteres und übermütiges; aber stets erscheint das Dargestellte als Wirklichkeit.« »Es mag sein, wie Ihr sagt. Mich gehen diese Dinge nichts an. Ich bleibe daher zu Hause und kümmere mich um meine Geschäfte.« »Das tut mir leid. Vielleicht überlegt Ihr's Euch noch und kommt doch?« »Verzeiht, wenn ich daheim bleibe. Ich bin ein Weinbauer und verstehe von solchen Sachen nichts.« »Schade, daß in Italien das Theater so spät beginnt, sonst könnte ich Euch nachher noch aufsuchen und mit Euch ein Gläschen leeren, wie wir das in meinem Lande mit guten Freunden nach einer Vorstellung zu tun gewohnt sind ... Jetzt lacht Ihr uns trinklustige Deutsche wieder aus, weil wir nun einmal den grünen Rhein haben und am Rhein die grünen Reben und zu diesen den deutschen Durst, der freilich auch am Arno und am Tiber manchen wackern Mann zugrunde richtet, so daß ich gar nicht lache, wenn von euern guten, viel zu guten Weinen die Rede ist, von dem süßen sowohl, wie von dem herben. Unter eurer Sonne und eurem Himmel begreift man, welch ein gewaltiger Herr Gott Bacchus war und immer noch ist, den Thyrsusstab als Zepter, den Efeukranz als Krone, Deutschlands trinkgerechte Söhne als Seiner Gottheit begeisterte Vasallen.« Dabei strahlte Deutschlands von der Sirene Italien in Banden geschlagener alter Sohn über sein ganzes gutes Gesicht ... Sor Rodolfos leuchtende Laune wich einer leisen Verstimmung, als der Verlobte seines Töchterchens mit der Loge für den heutigen Theaterabend erschien. Dieser Schatten schlich sich seit einiger Zeit immer von neuem in die Seele des zukünftigen Schwiegervaters des feinen jungen Herrn, wurde jedoch durch das sonnige Glück seines einzigen Kindes immer wieder vertrieben. So sehr die Augen des Künstlers an der Ephebengestalt des jungen Sabiners ihr Wohlgefallen hatten, ebensosehr erfüllte das Herz des Vaters bisweilen die Sorge, wie diese beiden grundverschiedenen Naturen jemals zusammenkommen sollten? Aber Amerigo Minardi liebte des Alten Kind, beteuerte seine Liebe mit dreifach heiligem Eidschwur. Dasselbe, nämlich des Bräutigams heiße Liebe, beteuerte mit überwältigendem Wortschwall, unter heftigen Gestikulationen des Hauses Getreue, des Bundes Urheberin; dasselbe glaubte voll unerschütterlicher Zuversicht die Verlobte; glaubte also auch schließlich der Mann, der bei allem, nur an das Gute im Menschen glaubte. Allein Tante Minchen – Was war es jetzt nur mit Tante Minchen, daß sie seit einiger Zeit so geheimnisvoll tat, so rührselig und so trübselig seufzte, wohl gar ein Stöhnen unterdrückte, wenn sie das so ungleiche Brautpaar beisammen sah? Heute jedoch war es etwas anderes, was Sor Rodolfo um seine gute Laune brachte: Ärger war's, Ärger über das gedankenlose Geschwätz des Adonis. Dieser frohlockte nämlich: »Das gibt heute abend ein Spektakel! Einen Höllenlärm gibt's heute und ein Vergnügen obendrein! Alles für die fünf Lire, welche die ganze Loge kostet. Ich komme nicht hinein, denn ich mische mich unter das Publikum, unter das Volk im Parterre. Dort wird es am tollsten zugehen, also am lustigsten sein.« »Ist denn das Stück eine Posse?« »Aber nein!« »Trotzdem toll und lustig?« »Es ist ja doch ein politisches Stück.« »Will das Volk dabei Spektakel machen?« »Ein Gaudium gibt's! Ich sah das Stück diesen Winter in Rom. Das hättest du erleben sollen. Du wirst es heute erleben!« »In Olevano?« »In Italien gibt es kein Dorf, und läge es in den apulischen Sümpfen oder auf dem höchsten Gipfel des Apennins, in dem das Publikum bei diesem Schauspiel keinen Höllenlärm machen würde.« »Wegen des politischen Inhalts? Wenn ihr Italiener nur Politik treiben könnt! Nicht nur auf Monte Cittorio und im Senat, sondern in jedem Café, bei jedem Barbier und Apotheker, auf jedem Platz und an jeder Straßenecke ... Ich habe keine Lust, heute abend ins Theater zu gehen.« »Unsinn, Schwiegerpapa!« »Wovon handelt das Stück?« »Von Italien. Von Italien natürlich! Und –« »Und?« »Von Österreich.« »Von eurem Bundesgenossen?« »Pah, Bundesgenossen!« »Was meinst du mit deinem: Pah?« »Ich meine damit unsre Feinde.« »Wie kannst du wagen, eure Bundesgenossen Italiens Feinde zu nennen?« »Ich meine es nicht so schlimm. Sei nur wieder gut!« »Einem Deutschen gegenüber die Österreicher Italiens Feinde zu nennen?« »Beruhige dich, Alterchen!« Aber der Alte fuhr aufgebracht fort: »Als es im Balkankriege plötzlich hieß: Italien würde zusammen mit Österreich gegen Montenegro vorgehen, stand in vielen italienischen Zeitungen wörtlich zu lesen: dieses gemeinsame Vorgehen Italiens mit Österreich sei das größte und glücklichste Ergebnis jenes unseligen Krieges. Und du wagst, derartig von Österreich zu sprechen?« Da rief der junge Italiener, sich vergessend: »Niemals wäre Italien gemeinsam mit Österreich gegen Montenegro vorgegangen! Italien gemeinsam mit Österreich? Gemeinsam mit jedem andern Staate der Welt gegen Österreich!« Die zitternde Braut, die redemächtige Dame Filomena und auch das heimlich stöhnende Tantchen mußten den alten Herrn besänftigen. Aber selbst diesem Trio ward es dieses Mal nicht leicht. Nur ungern entschied sich Sor Rodolfo, am Abend das Theater doch zu besuchen. Die Seinen nahm er nicht mit. Nun saß er einsam in dem erhöhten Verschlage, der eine Loge vorstellen sollte, wie die große Scheune – es war eine Art von Meßbude – einen Theatersaal. Eine bunte Schar war versammelt, zum größten Teil Männer, vor allem Olevanos gesamte Jugend. Auch Olevanos Musikbande befand sich vollständig vor dem niedrigen Podium, welches mit einem verblichenen Vorhang die Bühne vom Zuschauerraum abschloß. Noch waren auf der Leinwand die Reste eines ehemals prunkenden Gemäldes sichtbar: Roma, als Königin der Städte, als Beherrscherin der Welt, als höchste Majestät aller Reiche von unterjochten Völkerschaften in den demütigsten Stellungen umringt. Auch ein Germane befand sich darunter, ein mit Tierfellen notdürftig bekleideter Barbar mit kanibalischem Ausdruck in dem von rotem Haargewirr umzotteten wilden Gesicht. Mit Roms Kunst hatte die Schmiererei nichts zu schaffen, wohl aber mit Roms Ruhm, dessen tausendjährige stolze Tradition selbst in diesem Felsennest fortdauerte. Sor Rodolfo nahm sich vor, der Stadt, deren Ehrenbürger er war, einen neuen Theatervorhang zu stiften, darauf er den Einzug Apolls und der Musen in Olevano darstellen wollte. Sämtliche Figuren sollten Porträte und die Umgebung ein getreues Abbild der heroischen Landschaft sein. Die widerliche Karikatur des Germanen dort auf der Leinwand mußte verschwinden: sie glich geradezu einer Verhöhnung, einer Beschimpfung von Italiens Bundesgenossen ... In dem seltsamen Tempel der heiligen Thalia ein erregtes Publikum. Zettel gab es nicht, und Sor Rodolfo hatte versäumt, eines der an vielen Stellen angeschlagenen marktschreierischen mächtigen Plakate zu lesen. Also wußte er nichts andres, als daß die Komödie ein politisches Stück wäre. Ihr Beginn wurde von den Zuschauern mit südlichheißer Ungeduld erwartet. Pochen mit Stöcken, grelle Pfiffe, gellende Rufe, wüstes Geschrei forderten den Anfang der Vorstellung. Da derselbe auf sich warten ließ, artete der Lärm in Toben aus. Die Musik versuchte zu beruhigen. Unter triumphierendem Geheul hob sich endlich der Vorhang. Dekoration und Ausstattung gehörten einer Schmiere an, die Darsteller waren Künstler und das Stück – Ort der Handlung das von Österreich okkupierte Oberitalien; der Held ein italienischer Feldherr; der schändliche Gegenspieler ein General des damals triumphierenden Kaiserreichs und gegenwärtigen Bundeslandes. Italiens heroischer Heerführer erschien in prunkender Uniform. Das Haus erhob sich, jauchzte dem Herrlichen zu, die Musik stimmte die Nationalhymne an. Evvivarufe und Jubel nahmen kein Ende. Jetzt trat der Österreicher auf. Auch dieser in Uniform, die Brust mit Orden bedeckt. Zischen, Pfeifen, Geheul! Äpfel und Orangen flogen auf die Bühne. Man schrie dem Darsteller zu: er solle vortreten, tief sich verneigen; solle sich die Orden von der Brust reißen; solle abtreten, seine Uniform ausziehen und als bescheidener Zivilist wiederkommen. Geheul und Gejohl dauerten so lange, bis geschah, was das Publikum forderte. Wiederum trat der italienische Generalissimus auf; wiederum Jubel, Begeisterung, der Fanatismus einer tosenden Vaterlandsliebe. Wiederum die Nationalhymne. Es kam der Österreicher in dürftigem Anzug. Wiederum die Raserei der Feindschaft, des Hasses, des wütenden Verlangens nach Vergeltung ... Bleich und bebend erhob sich Sor Rodolfo. Er wollte in das Geschrei hineinrufen; wollte zu der tobenden Schar reden; wollte derselben ihre Ungebühr vorhalten, versuchen, sie zur Vernunft zu bringen. Vergeblich! Empört verließ er das Haus, um den Sindakus aufzusuchen, damit dieser erscheine und einschreite, im Notfall den Saal durch Polizei räumen lasse. Spielte sich der schmachvolle Vorgang auch nur in einer weltentlegenen Felsenstadt ab, von einer fanatisch erregten törichten Jugend inszeniert, so war es dennoch eine schwere Kränkung der österreichischen Bundesgenossen, ein diesen zugefügter grober Schimpf, und das in einer Zeit, wo erst vor kurzem im Lande laut gepriesen ward, daß Italien im Verein mit Österreich in den Kampf gehen würde. Aber vor dem Hause des Bürgermeisters blieb der Deutsche stehen, kehrte er um. Seine Empörung wich einer tiefen Traurigkeit. Mit dieser im Herzen verließ Rudolf Müller die Stadt. Unter einem strahlenden Sternenhimmel ging er auf der nach Subiaco führenden Landstraße hin. Er gelangte zu der Serpentara, sah im Sternenschimmer den deutschen Adler, sah den stolzen deutschen Vogel verklärt von himmlischem Schein, nahm seinen Hut ab, grüßte ehrfurchtsvoll hinauf zu dem Leuchtenden, der ihm in dieser schmerzlichen Stunde mehr denn je als Symbol erschien für des deutschen Volkes Adlerflug. Empor zu den Sternen; empor zu Glanz und Glorie; empor zur Unsterblichkeit! Zweiter Teil »Mancher Mensch gehört zu jenen bemitleidenswerten Kranken, die einen Trost für ihre Leiden darin suchen, daß sie vor der ganzen Welt ihre Wunden bloßlegen.« Leonardo da Vinci »Und – Brutus ist ein ehrenwerter Mann!« Shakespeare »Italien sollte also seine Verträge, seine Unterschrift, seine Ehrlichkeit und Treue brechen und die Verbündeten, wie sein eigenes Volk, schmählich verraten. Wäre dies der Fall, so hätte die Welt das Recht, Italien aus der Gemeinschaft der gesitteten Völker zu streichen. Während die Demagogen sich als große Staatsmänner gebärden, sind sie doch nur Hasardspieler, welche die Krone und die Zukunft Italiens aufs Spiel setzen. Keinem Staatsmann, noch weniger einer Regierung, die sich selbst achtet, kann der schmähliche feige Akt in den Sinn kommen, seinen fünfunddreißigjährigen Verbündeten in einem für ihn schwierigen Augenblick zu überfallen.« »Popolo Romano«, Sept. 1914 »Popolo Romano«. Also das römische Volk! So sprach damals – und so spricht noch jetzt – das römische Volk: das wahre, gute, gerechte, getreue. Jawohl: auch das getreue römische Volk! R. Voß Erstes Kapitel Sie waren verheiratet. Beide Paare wurden am gleichen Ort und am gleichen Tage getraut; an einem wundervollen Herbsttage, der dem Dyonisus geheiligt schien, dem Gott himmlischer Freuden. In Olevano, wo, nachdem der Sindakus mit feierlichem Ernst die bürgerliche Trauung vollzogen, nach dem Ritus der katholischen Kirche die Zeremonie stattfand, beging die Bevölkerung an dem nämlichen Tag das Fest der Weinlese, der »Vendemnia«, so daß war, als hielte das ganze Land Hochzeit. Bereits im Morgengrauen donnerten von den naheliegenden Höhen die Böller, vielfaches Echo weckend; widerhallten Stadt und Land von dem Jubel des jungen Volks. Aus den Rebengefilden brachten die mit mächtig gehörnten silbergrauen Stieren bespannten Karren die letzten Kufen blauer und goldiger Trauben ein. Bei dieser bacchischen Beschäftigung konnten die Burschen recht gut für moderne Satyre, die Mädchen für Bacchantinnen des zwanzigsten Jahrhunderts gelten: fehlte es doch weder an Bekränzten noch an Berauschten. Aber anstatt des süßen Rebensafts waren sie erfüllt von dem Gefühl ihrer Jugend, durchdrungen von Lebenskraft und Lebensfreude. Auch Faune und Silene wären unter den Gestalten zu finden gewesen; nur der Gott selbst fehlte. Doch weilte er unsichtbar unter den Feiernden und begeisterte sie, seinen Tag in seinem Namen zu begehen ... Lavinia Petroni war die schönste Braut, welche die Phantasie eines Künstlers sich vorstellen konnte; Amerigo Minardi ein Bild antiker Jünglingsherrlichkeit. Die beiden hätten ein Paar gegeben, wie im ganzen Lande kein zweites zu finden gewesen. Was dem Professorentöchterlein an Schönheit mangelte, ersetzte bei ihr das bräutliche Glück und eine Ergriffenheit, für die ihr jugendlicher Gatte kein Verständnis besaß. Nach deutscher Sitte trug die deutsche Braut weiße Seide und Myrtenkranz, während die Sabinerin zum letztenmal in der Festtracht ihres Landes erschien, die selbst an solchen höchsten Feiertagen dunkel war, so daß ihre Erscheinung etwas Medeenhaftes und Erhabenes hatte, kaum gemildert durch den leuchtenden Orangenzweig in ihrem blauschwarzen Haar. Römischem Brauch gemäß war sie mit dem schweren Geschmeide geschmückt, welches der Bräutigam, gleichsam als Tribut, der Braut zu geben verpflichtet war. Dem andern jungen Ehemann war derselbe erspart geblieben. Im Gegenteil: Amerigo Minardi erhielt von seinem Schwiegervater eine nicht unbedeutende Jahresrente dafür, daß er aus einer geborenen Müller eine verehelichte Minardi machte. Dem einen Paar gab der geistliche Herr aus Olevano den Segen, dem andern der greise Priester aus Bellegra, Wäre ein Hauch von dem Wesen dieses armseligen Dieners Gottes dem Bunde der Neuvermählten zuteil geworden, so würde er in Wahrheit ein geheiligter gewesen sein. Die eine der Bräute zerfloß in Tränen, die andere blieb voll kalter Hoheit. Todbleichen Angesichts stand Heinrich vor dem Altar. Ein verzehrendes Feuer brannte aus seinen Augen, eine Liebesglut, die das Eis dieser Frauenseele zum Schmelzen bringen mußte. In seinen Armen würde das Steinbild Leben gewinnen und er würde Pygmalion sein. In geradezu glanzvoller Stimmung befand sich der Adonis, gleich einem Kaufmann nach abgeschlossenem brillantem Geschäft. Was diesem folgen würde, war nebensächlich: das gute Geschäft war gemacht! Der Herbsttag war noch so sommerwarm, daß die Festtafel im Freien gedeckt werden konnte: in dem Kastanienwald, dessen rotbraune Wipfel einen Baldachin wie aus Purpur über die Neuvermählten breiteten. Kein Königspaar konnte königlicher seine Vermählung feiern. Nach römischer Sitte hätte man die Hochzeitsfestlichkeiten im Kaffeehause mit Schokolade und Süßigkeiten abgetan. Die Tafel in der Castagneta bedeutete daher einen Sieg der seit dem Jubiläumstage Sor Rodolfos von der Regierung der Casa Tedesca abgesetzten Tante Minchen: es sollte eben ein richtiges deutsches Hochzeitsmahl sein mit Braten, Pasteten und Torten. Die Sabiner ließen sich den fremden Brauch denn auch großmütig gefallen. Die Hochzeitsreise! Nach Neapel reisten die einen, nach Rom die andern. Signora Lavinia wollte in Rom, das sie als Modell verlassen hatte, als Dame triumphierenden Einzug halten: als Dame, die den Hut trug, dieses heiß begehrte Symbol eines höheren Standes, um dessentwillen in dem Lande heißer Leidenschaften die erbittertsten Kämpfe weiblichen Ehrgeizes geführt wurden ... Von der Tafel erhoben sich die jungen Gattinnen möglichst heimlich, um sich umzukleiden. Nach einer Weile, während welcher Heinrich in fiebernder Ungeduld wartete, traten sie aus dem Hause, die eine von ihnen nicht zum Wiedererkennen: Lavinia Petroni, das Mädchen von Bellegra, im hellgrauen englischen Reisekleid, mit breitrandigem Filzhut und einer Haltung, als hätte sie niemals im Leben eine andere Gewandung getragen. Eine Metamorphose war's, wiederum nur bei diesem Volke möglich – wie Sor Rodolfo seiner Schwester bewundernd zuraunte. Entzückt betrachtete Heinrich sein Eigentum und bemerkte nicht den Blick eines andern, voller Staunen auf die zweite der Neuvermählten gerichtet, als sähe Amerigo Minardi seine Landsmännin zum erstenmal. Und sie waren verheiratet. Heinrich hauste in Roms Bildhauerstraße, der Via Margutta, in einem Hause, in dem der Künstler Wohnung und Atelier zugleich hatte. Die Wohnung lag im höchsten Stockwerk und war das Römischste vom Römischen, also nach deutschem Begriff das Herrlichste vom Herrlichen, mit einer Loggia, groß wie eine Halle. Der schöne Raum ging hinaus auf den Pincio, auf dessen Gartenterrassen bereits im Februar die Mandelbäume ihren Blütenschnee glänzen ließen und gelbe Tazetten die Böschungen mit Schimmer überzogen. In der Höhe leuchtete aus dem feierlichen Dunkel der Steineichen die Villa Medici herab, und Signora Lavinia konnte in der Stille des Abends den Brunnen vor dem alten Mediceerpalast rauschen hören, auf dessen Rand sie häufig gesessen hatte, wenn sie zu früh gekommen war, um von dem französischen Pförtner eingelassen zu werden durch das Tor, welches in die Gärten und zu den Ateliers der Herren aus der bellissima Francia führte. Jeder Künstler besaß in der schattigen Waldung sein eigenes Reich, und jeder begehrte das Mädchen von Bellegra als Modell, so daß sie auf Monate voraus vergeben war und über die Sitzungen eine Liste geführt werden mußte. Fortan brauchte sie nicht mehr bei dem Brunnenrand auf das Öffnen des Tores zu warten; fortan konnten die Herren Franzosen nicht mehr voller Ungeduld des schönen Geschöpfes harren: das Mädchen von Bellegra war eine ehrsame Hausfrau geworden, trug den Hut, benahm sich als Dame; denn einer dieser Germanen hatte das berühmte Modell für sich allein in Besitz genommen. Freilich, um welchen Preis – wie die Herren Franzosen laut höhnten ... Heinrich wollte als Magd eine Sabinerin ins Haus nehmen; aber da kam er bei seiner Hausfrau schön an, obgleich seine freundliche Absicht gewesen war, seine junge Frau sollte über eine ihr vertraute Landsmännin befehlen. Diese hätte jedoch zu genau gewußt, was ihre Padrona vor ihrer Heirat gewesen: ein Modell! Also wurde eine Toskanerin gedingt. Das hinderte freilich nicht, daß dieselbe bereits in erster Stunde über ihre Gebieterin Bescheid wußte. Mit dem Respekt war es daher vorbei. Als Folge ergab sich zwischen Herrin und Dienerin ein Gezänk, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein. Heinrich hätte nicht für möglich gehalten, daß den stolzen Lippen der geliebten Frau solche schlimme Worte entströmen könnten, er vergaß es, wenn er diese Lippen küßte, was diese nur widerwillig geschehen ließen, ohne von der Glut, die sie empfingen, einen Funken zurückzugeben. Was den »frühen Morgen« anbetraf, so war damit der späte Vormittag gemeint; denn so lange dauerte die Nachtruhe der schönen Frau. Zu den Gepflogenheiten einer Römerin, die das Recht hatte, den Hut der Dame zu tragen, gehörte ein Schlaf bis in den hellen Tag hinein; gehörte es sich, den Kaffee oder die Schokolade im Bett einzunehmen. Auch das hatte Heinrich sich anders und freundlicher vorgestellt: einen hübsch gedeckten Frühstückstisch und an diesem, ihm gegenüber, sein Weibchen im hellen Morgenkleid, eine Vorstellung, wie solche nur ein deutscher Phantast haben konnte. Da seine Frau noch schlief, während er in aller Frühe schon auf war, und da ihm die schlampige Magd erst nach langem Warten auf schmierigem Brett eine Tasse des schwarzen Morgentrunks brachte, entschloß er sich, wieder in seine Junggesellengewohnheit zu verfallen und sein erstes Frühstück in einem nahen Kaffeehause zu nehmen, hastig und in nicht allzu freudiger Stimmung. Seine Gattin sah der junge Ehemann erst mittags bei der Colazione. Sie war auch dann noch nicht angekleidet und erschien selbst zu dieser späten Stunde in einem Morgengewand von zweifelhafter Sauberkeit und mit ungemachtem Haar. Aber dieses Haar war eine blauschwarze Herrlichkeit, und ihre Schönheit übte auf den Gatten trotz der Vernachlässigung ihres Äußeren eine berückende Wirkung aus. Die beiden hatten einander nicht viel zu sagen; aber was braucht ein leidenschaftlich Verliebter viel zu reden!? Später dann – Ja, dann kam das Wunderbare; denn dann kam die Erfüllung höchsten Wunsches und Glücks für den Künstler. Heinrichs Werkstätte lag auf dem Hof. Ein Hof war's, wie es solchen auf der ganzen Welt nur in Rom gab. Im Frühling leuchtete die Mandelblüte des Pincio, dufteten dessen Narzissenfelder herab; seinen Boden bedeckten Marmorblöcke, antike Skulpturen und zerbrochene Säulen; ein Sarkophag diente als Brunnenbecken, daran den ganzen lieben langen Tag schwatzende oder singende Weiber ihr reinigendes Wesen trieben; Modelle aus den Abruzzen oder der Sabina lungerten umher; denn in dem Hof reihte sich Studio an Studio, darin bei geöffneten Türen von früh bis spät das Pochen des Meißels ertönte, dessen Schlag, einem Zauberstabe gleich, dem Gestein menschliche Gestalten entlockte. Man sah Meister und Gehilfen beim Werk, beide in grauleinenen Kitteln, auch der Meister, des Marmorstaubes wegen, das Haupt mit weißer Papiermütze bedeckt; man sah auf hohem Postament das Werk selbst in seinem ersten Entstehen als noch unvollkommenes Gebilde in Wachs oder Ton bis zu seiner strahlenden Vollendung in Marmor. Auch aus den Werkstätten schallte zu dem Pochen des Meißels der eintönige Gesang einer alten Ballade oder eines heißen Liebesliedes. Dazu Roms Himmel, Roms Sonne! In solchem Hof konnte der ganze Zauber eines römischen Künstlerlebens liegen. Wer konnte demselben widerstehen? Kein deutsches Gemüt! Am frühen Nachmittag eines jeden Tages erfolgte also Heinrichs glückliche Stunde: sein Weib stand ihm zu seiner »Italia« Modell; stand ihm in unverhüllter Herrlichkeit, vor ihm von keinem Auge geschaut. Auf dem Podest stand das Meisterstück der Schöpfung wie ein Götterbild auf dem Altar, und wie die Handlung eines Kultus gestaltete der Künstler sein Bildnis, erschuf er zum zweitenmale, womöglich noch herrlicher, als es der göttliche Schöpfer getan. Es waren Stunden der Andacht, der Anbetung; waren Empfindungen von Schöpfergewalt und Schöpferseligkeit. Was tat es, daß diese weibliche Vollkommenheit sich als keine gute Hausfrau erwies? Als seine Hausfrau im philiströs deutschen Sinn? Daß die Geliebte einer rohen Magd gegenüber allzu nachdrücklich die Herrin spielte? Daß sie nicht – auch nach echt deutscher Art – schon in aller Frühe in tadellosem Morgenkleide erschien? Was tat es, daß dieser klassisch geformte Mund keine geistreichen Gespräche führen konnte, wenn er nur zärtliche Worte flüsterte und heiße Küsse heiß erwiderte? Wenn dieser Mund sie nur erwidert hätte! Aber sobald Heinrich Webers Frau die letzte Hülle sinken ließ, schien vor dem Entzückten das erste Weib zu stehen. Seine Begeisterung ward zur Ergriffenheit, ward Ehrfurcht vor der Erhabenheit solcher Vollkommenheit menschlicher Bildung. Er, der sich als Meister seiner Kunst fühlen durfte, erachtete sich diesem Meisterwerk der Schöpfung gegenüber als Stümper. Zugleich jedoch wuchs sein Können zur höchsten Kraft. So geschah es, daß er bildete, was er in einem Augenblick der Verzückung sein Lebenswerk genannt hatte. Kein Auge bekam es zu sehen, auch nicht das liebevolle seines väterlichen Freundes, der den Glauben an ihn hatte, den Glauben an seinen Genius. Zweites Kapitel Das andre Paar – Herr und Frau Minardi wohnten nicht in dem alten, dem eigentlichen Rom. Der junge Ehemann war ein moderner Mensch, gehörte daher in die moderne Stadt, nach Neu-Rom. Sehr zum Leidwesen seines altmodischen Schwiegervaters hatte Herr Minardi durchgesetzt, in einem Villino jenseits des Tibers auf den ehemaligen Wiesen, die einstmals die Hadriansgruft umgrünten, ein elegantes Quartier zu beziehen. Wenn Sor Rodolfo seine Kinder besuchte, erinnerte sich der alte Herr voller Wehmut, wie er als junger Mensch auf jenen historischen Fluren, von denen aus die Engelsburg von allen Völkerschaften Europas belagert wurde, glückliche Zeiten verlebt. Mit deutschen Künstlern, deren Frauen und Töchtern zog man an schönen Abenden hinaus, schiffte auf einer Fähre über den Fluß und hielt drüben unter Buschwerk, Röhricht und Blumen in harmloser Fröhlichkeit Merenda. Den Hintergrund der Landschaft, die unmitttelbar im Rücken der volkreichen Stadt tiefe Einsamkeit und blühende Wildnis war, bildete der, Monte Mario mit seiner weithin leuchtenden Villa Mellini und langen Reihen breitwipfliger Pinien; bildeten die Zinnen des gewaltigen Grabmals des großen Kaisers, die burgähnlichen Mauern des Vatikans und die blaue Wölbung der Peterskuppel, während der Strom seine gelbe Flut schwerfällig dem Meere zuwalzte, als zaudere er, an der Stadt ewiger Größe und Herrlichkeit vorüberzuziehen; das Wahrzeichen von Roms Campagna, der Soracte, leuchtete herüber und jenseits der Pinciohöhen die Pyramide des Monte Genaro. Das waren Zeiten gewesen! Und jetzt? Wo Herden geweidet und die Deutschen bei jedem festlichen Anlaß sich mit Blumen bekränzt, erhob sich eine Stadt mit Straßen, deren protzige Prunkbauten, zum Teil von der Hefe des Volks bewohnt, schon jetzt mit Einsturz drohten; mit einem monströsen Justizpalast, unwahrscheinlich wie eine Fieberphantasie, und näher dem hochumwallten Ufer, inmitten gänzlich wüster Strecken, ein Villenviertel, welches in Wien oder in Berlin oder irgendwo sonst hätte stehen können. Aber Herr Minardi war von der feinen Lage seiner Wohnung entzückt, und auf ihn kam es an, auf ihn allein. Wenn Sor Rodolfo in jenem widerwärtigen Teile der Stadt seine Kinder besuchte, traf er gewöhnlich nur seine Tochter zu Hause; gewöhnlich war Herr Minardi ausgegangen. Das machte dem Herrn Ehre; denn Virgilio Minardis Sohn suchte auf das eifrigste nach einer Tätigkeit. Einstweilen hatte er von dem Gelde seines Schwiegervaters die teure Wohnung gemietet und »herrschaftlich« möbliert. Sobald sich etwas gefunden, würde er mit dem Gelde des nämlichen Herrn im Innern der Stadt ein Büro einrichten, eine Advokatur eröffnen und damit den ersten Schritt zum Deputierten tun. Einstweilen war er, wie gesagt, noch auf der Suche, was jedermann von dem feinen Herrn höchst ehrenwert, seine junge Frau geradezu bewundernswert fand. Weshalb sie das tat, wußte freilich nur sie. Jedenfalls äußerte sie ihre Bewunderung in begeisterten Worten zu Vater und Tante, von welchen beiden wenigstens der eine, der immer bereit war, nur an das Gute im Menschen zu glauben, von Herzen mitbewunderte. Also Herr Minardi suchte. In tadelloser Aufmachung, ein moderner Götterjüngling von Kopf bis zu Füßen, suchte der Sohn eines hart arbeitenden und schwer erwerbenden Vaters, der sich voller Stolz einen Bauer nannte, nach einer seinen Talenten und zugleich seinem Geschmack entsprechenden Tätigkeit. Seine Talente bestanden vornehmlich in einer intimen Kenntnis der Gesetze seines Landes, welche, nach Ausspruch eines hohen Beamten und rechtlichen Mannes, »nur für die Reichen« bestanden. Diese Kenntnisse und deren skrupellose Anwendung hätte der angenehme Zukunftsmann bereits jetzt zum Nutzen seiner Klienten anwenden können, wäre sein Geschmack weniger der eines Kavaliers von Vaters Geldbeutel gewesen, an dessen Stelle jetzt der um vieles gefülltere seiner blonden Gattin getreten war. Immerhin suchte Herr Minardi, und sein Suchen allein war für einen mit so berückenden Leibesgaben ausgestatteten Jüngling aller Ehren wert. Überdies war das bloße Suchen Arbeit und Mühe genug. Auch in dem Haushalt des Villino auf den einstmaligen Gefilden am Tiberstrand brachte bereits der Morgen eines jeden Tages eine Enttäuschung. Die junge Frau erschien im hellen Hausgewand an dem auf das liebevollste von ihr selbst gedeckten Frühstückstisch in dem wie ein Schmuckkästchen gehaltenen Speisezimmer. Eine junge Dienerin in gesteiftem blauem Kattunkleide mit weißer Schürze und einem etwas sehr koketten Häubchen, trug den Kaffee auf, der immer wieder abgetragen werden mußte, da der Hausherr immer wieder auf sich warten ließ, bis er endlich verschlafen und verdrießlich eintrat, ohne für das behagliche Hauswesen einen Blick zu haben. Auch kein freundliches Wort für seine mit heimlichem Beben darauf harrende Hausfrau. In schweigender Hast nahm er das Frühstück ein, worauf er sogleich fortstürzte; denn er mußte suchen und hatte sich auch heute wieder verspätet. Eine junge hübsche Dienerin und nicht Dame Filomena, die ja doch die Heirat gestiftet, also das Glück des Hauses Minardi begründet, war in demselben zu sehen. Wie konnte das geschehen? Sie, die Stifterin, hatte es doch erstrebt; hatte die Regierung im Hause Müller für alle Zeiten Tante Minchen überlassen wollen. Aber ihr lieber Neffe hatte sie abgelehnt: einfach abgelehnt ! Es war eine Katastrophe gewesen. Die tödlich Gekränkte hatte alle Register ihrer sittlichen Entrüstung gezogen, und diese verfügte über gar gewaltige Akkorde. Mit leisem Lächeln hatte der junge Ehemann zugehört, als wären die brausenden Töne liebliche Melodieen gewesen. Das Verwünschungswort: »Undankbarkeit« wurde ihm ins Gesicht geschleudert. Ganz erstaunt hatte er gefragt, ob es denn auf der Welt Dankbarkeit gäbe? Ob sie auf Dankbarkeit gerechnet hätte? Ob je ein Mensch sich dankbar erwiese? Gerade sie sollte die Menschen doch kennen. Solches hatte der Undankbare seiner Frau Tante lächelnd ins Gesicht gesagt. Nun war es über die Gattin hergegangen: ob sie wüßte? Nein! Das Kind wußte nichts; aber das Kind sollte es erfahren, alles erfahren, den ganzen Handel, die ganze Niedertracht. Da Dame Filomena dabei ihre eigene Niedertracht hätte eingestehen müssen, so begnügte sie sich mit einem Wutanfall, dem ein Tränenstrom folgte. Das Kind weinte mit der Getreuen, konnte ihr jedoch nicht helfen, da sie keinen andern Willen als den des Gatten kannte und diesem sich unbedingt beugte. Was Dame Filomena betraf, so spendete sie dem von ihr gekuppelten Paar als Hochzeitsgeschenk ihren Fluch und prophezeite der jungen Frau alles nur erdenkliche Unglück. Wenn sie auch die Menschen nicht gekannt hatte – denn sie hatte auf Dankbarkeit gerechnet – so kannte sie doch Amerigo Minardi: jetzt kannte sie ihn! Weil sie sich an ihrem Neffen, dem Stolz des Hauses Minardi, nicht rächen konnte – fürs erste wenigstens nicht – so traf ihre Rache den Haushalt ihres alten Herrn, darin sie fortan eine wahre Schreckensherrschaft führte. Besonders Tante Minchen wurde zu solcher Dulderin, daß sie – wäre sie katholischen Glaubens gewesen – verdient hätte, bereits bei Lebzeiten als Märtyrerin kanonisiert zu werden. Also Herr Minardi suchte. Er suchte auf Piazza Colonna und auf Piazza Venezia, wo er seinesgleichen zu Scharen antraf: moderne römische goldene Jugend, Italiens Gegenwart, die Italiens Zukunft sein sollte. Italiens Zukunft und Größe wurde nicht nur auf Roms Plätzen tausendfältig diskutiert, sondern dort auch geschaffen. Das gleiche geschah im Café Aragno bei einem Glase Wermut und heißen Fleischpastetchen. Auch in diesem welthistorischen Erfrischungslokal, welches Börse, Redaktion, Deputiertenkammer und Senatshof zugleich war, suchte Herr Minardi mit nie erlahmendem Eifer. Noch eifriger als sein Suchen nach einer seinen Talenten angemessenen Beschäftigung war sein Diskutieren und Debattieren; war sein emsiges Weben an dem Gewande der Politik seines Vaterlands. Daß diese Politik groß und glänzend, zu Land und zu Wasser weltbeherrschend sein mußte, darüber gab es keine Debatte. Das war eben so; und deshalb: weil es so war, gab es unter den Staaten Europas nichts Stolzeres, Bezwingenderes, Herrlicheres als Italien, wie es drüben in Afrika, an den Küsten der Erythräa und Tripolitaniens, schon jetzt sich offenbarte; verzeichnete doch Klio, die Unbestechliche, mit ehernem Griffel auf der Tafel der Weltgeschichte Sieg auf Sieg des Landes Julius Cäsars und Mark Aurels, welcher vom Kapitol herab seine Rechte noch immer segnend über Rom ausstreckte. Daß dieser wahrhaft große Fürst seine Hand niemals möge sinken lassen, aus Scham darüber, sie zur Weihe eines, solchen Genius loci unwürdigen Staates jemals erhoben zu haben. Ein Gedanke Sor Rodolfos war es, als er eines Tags über den weihevollen Platz schritt und zu dem hehren Herrscherantlitz emporschaute, und wurde dieser Gedanke in der Seele des Deutschen, der Italien liebte, zu einem Gebet für Italiens Ehre und Glück ... Wenn der Professor seine Tochter in Neu-Rom besuchte und sie fast jedesmal allein fand, so machte er seit einiger Zeit die Entdeckung, daß es ihm nicht unlieb war, seinen Herrn Schwiegersohn nicht anwesend zu finden, und er hatte doch von jeher an dem schönen Menschen seine Künstlerfreude gehabt. Erst seitdem dieser sein Tochtermann geworden, hatte sich das anders gestaltet. Romanas Vater überhäufte sich mit Vorwürfen über seine »Schlechtigkeit«, zu der Herr Minardi dem Alten – wie dieser sich einredete – durchaus keinen Anlaß gab: war doch der Vielgewandte gegen ihn voller Achtung und Aufmerksamkeit, und seine Tochter versicherte ihm auf das eindringlichste, sie sei unter der Sonne Roms die glücklichste Ehefrau. Seiner Schwester Minona zürnte er ernstlich, weil sich diese einen Angriff auf das häusliche Glück der Minardi gestattete. An dem nämlichen Tage, an dem solches geschah, verband sich Dame Filomena mit Tante Minchen, und die alten Rivalinnen lebten fortan in einer Eintracht, daß sie nicht mehr, jede für sich, in unterdrückten Seufzern und geheimnisvollen Andeutungen über Herrn und Frau Minardis Eheglück sich äußerten, sondern in allen Tonarten das schönste Duett vollführten. Einstweilen wagten sie jedoch nicht, vor den Ohren des Hausherrn sich hören zu lassen. Eines späteren Tages indes – »Findest du unsere liebe Romana nicht auffallend verändert?« Tante Minchen war es, die zu ihrem Bruder diese Bemerkung machte, nur so nebenbei. »Verändert? Unsere Romana? Wie meinst du das?« Aber Tante Minchen hatte es eben nur so gemeint; und als sie sah, daß ihre ganz und gar nichts bedeutende Meinung ihren Bruder erregte, wollte sie damit überhaupt nichts gemeint haben: sie hatte sich eben geirrt. Weshalb sollte die liebe Romana denn auch verändert sein? Welche törichten Dinge sie bisweilen sagen konnte! »Sehr törichte! Ich will dergleichen Torheiten über meine Tochter nicht hören!« »Gewiß nicht. Beruhige dich nur.« Seine Tochter auffallend verändert ... Das Wort kam Sor Rodolfo nicht aus dem Sinn, so sehr er sich bemühte, es zu vergessen. Aber veränderte nicht der Ehestand jeden? Besonders die Frau? Eine Ehe macht die Menschen nicht nur glücklich, sondern auch ernsthaft, weil es um eine Ehe eben eine ernsthafte Sache war. Also brauchte sich niemand darüber zu wundern, wenn seine Tochter durch ihre Ehe sich verändert hatte. Und dann: die Ehe einer Deutschen mit einem Italiener. Das gab Gegensätze! Seine Tochter würde diese Gegensätze freilich nach Möglichkeit überbrücken; aber sie würde dieselben immerhin empfinden, wollte sie doch in allem ihres Mannes Weib sein: ihres Mannes Weib in ihrem Denken und Fühlen, ihrem ganzen Wesen und Sein. Vielleicht versuchte sie sich zu bereden, daß zwischen ihrem Mann und ihr keine Gegensätze bestanden oder daß sie die Schuld daran trug: sie allein! Und hatte sie es glücklich bis zur letzteren Selbsttäuschung gebracht, so würde sie sich gewiß auf das heftigste anklagen und noch mehr Inbrunst, Hingabe, Demut sein. Ja! In Demut verwandelte sich mehr und mehr ihre Liebe zu dem jungen, äußerlich glänzenden Manne, der zu ihr, der Älteren und Unschönen, sich herabgeneigt hatte. Aber schließlich mußte auch ihr Vater erkennen; mit jedem Tage schwand mehr und mehr die Ähnlichkeit mit jenem Mädchen, das damals auf dem Wege nach dem Hause des Sindakus in fast kindischem Entzücken ihrer Begleiterin um den Hals fiel, als sie hörte, sie würde geliebt, geliebt von dem einen und einzigen! Also hatte Tante Minchen doch recht gehabt! Für ihren Bruder war diese Erkenntnis eine schwere Stunde ... Wie Herr Minardi kein Auge dafür hatte, daß ihm seine Frau eine Häuslichkeit bereitete, die ein Muster von Behaglichkeit war; wie er selten für notwendig hielt, die Stunde der Mahlzeiten einzuhalten und seine Frau vergebens auf sich warten ließ; wie er Abend für Abend in irgend einem Klub oder sonst einer zweifelhaften Gesellschaft verbrachte; wie er gar nicht daran dachte, daß die Ehe eine Gemeinsamkeit sei – ebensowenig fiel ihm ein, für irgend etwas Teilnahme zu zeigen, das seine Frau betraf oder ein geistiges Band zwischen ihm, dem Italiener und seiner Frau, der Deutschen, hätte bilden können. Denn deutsch in jedem Gedanken, jeder Empfindung war diese Frau geblieben, obgleich sie in Rom geboren war und den majestätischen Namen Romana führte und obgleich sie die fanatische Liebe ihres Vaters für Land und Leute teilte. Es war die Deutsche, die ihren Schiller las, mit dünner Stimme ihren Schumann sang und das Italienische zwar fertig, aber mit einem Akzent sprach, der Herrn Minardi immer neuen Anlaß zu Spott und Hohn gab. Und wie anmutlos sie sich ausdrückte! Ohne den leisesten Anflug von Grazie! Niemals eine pathetische Redensart, eine pompöse Phrase, große Geste! So bar jeder Anmut wie ihre Sprache und Ausdrucksweise, genau ebenso unrömisch plump ihre Bewegungen, ihre Haltung, ihr Gang, ihr ganzes Wesen. Diese Deutschen waren in Gottes Namen ein Volk, von allem verlassen, was den Menschen zierte und ihn zu einem Geschöpf höherer Gattung erhob. Ja, wenn sie Signora Lavinia zum Vorbild genommen hätte! Ein Mädchen aus einem elenden sabinschen Dorf war diese Signora Lavinia gewesen, und jetzt? Man mußte es mit eigenen Augen sehen! Herr Minardi zum Beispiel sah die schöne Landsmännin voller Entzücken, und nicht nur er: Heinrich Webers Frau brachte es in den Kreisen, in denen der Künstler verkehrte, sehr bald zu einer Art von Berühmtheit. Seiner schönen Frau zuliebe, aus Stolz auf sie, erweiterte er diese Kreise, die sich bis dahin auf die deutsche Kolonie beschränkt hatten, und führte seine junge Gattin in Roms kosmopolitische Fremdenkolonie ein: in jene Salons, wie es solche auf der ganzen Welt nur in der Kosmopolis am Tiber gab. Das Erscheinen der in ihrer Haltung vollendeten Dame, die eine Bäuerin und ein Modell gewesen sein sollte, erregte gerade in diesen Kreisen allgemeines Aufsehen. Das Erscheinen der Signora Lavinia Weber war in diesen Kreisen eine Sensation. Drittes Kapitel Das erste, was Signora Lavinia in ihrem Hause durchsetzte, war ein Salon, ein »salotto«, nach ihrem Geschmack. Der junge Ehemann fand die Einrichtung echt römisch geschmacklos; da sie aber seiner Gattin gefiel und er ihr am liebsten die Sterne vom Himmel heruntergeholt hätte, so ließ er ihr auch darin freie Hand, glücklich, ihr einen Wunsch erfüllen zu können. Also prangte das Staatsgemach in den buntesten Farben, Teppiche, Vorhänge, Möbelbezüge, Tischdecken – Jedes Stück zeigte ein andres Kolorit. Aber der Stolz der Herrin dieser Herrlichkeiten waren zwei lebensgroße Mohrenknaben aus pechrabenschwarzem Ebenholz mit gold- und silberdurchwirkten Lendentüchern und orangefarbenen Turbanen. Die holden Knaben trugen gelbe Kandelaber, darin grellrote Wachskerzen steckten. Heinrich erduldete beim Anblick des schwarzen Dioskurenpaares körperliche Qualen, ein Märtyrer des Kunstgeschmacks seiner Gemahlin. In diesem pompösen Raum »empfing« Frau Heinrich Weber, und eben das war das Erstaunliche, wie sie empfing! Wie eine Dame der Gesellschaft, eine Repräsentantin der großen Welt. Man drängte sich herzu, um Frau Heinrich Weber empfangen zu sehen, und das nicht nur die Herrenwelt. Am begeistertsten zeigte sich das schöne Geschlecht. Jeden Freitagnachmittag war Frau Heinrich Weber zu Hause. Für ihre Intimen auch an anderen Abenden. Sehr bald scharte sich um sie ein Kreis von – eben von Intimen. Er bestand aus jungen Künstlern, Schriftstellern, Journalisten verschiedener Nationen, eleganten Nichtstuern und was sonst zu dieser Gattung von Ebenbildern der Gottheit gehörte. Darunter befand sich auch der Landsmann der schönen Frau, Herr Amerigo Minardi. An ihren Nachmittagen empfing die Dame von fünf bis sieben; an den Abenden, römischer Sitte gemäß, erst nach neun. Freitags servierte ein Lohnlakai kleine Kuchen; an den intimen Abenden bereitete sie ihren Gästen eigenhändig ein Glas Limonade oder Punsch. Sie verrichtete diese hausfrauliche Tätigkeit mit höchster Anmut, und ihre Bewunderer hatten Gelegenheit, an ihrer Hand – sie hatte die Farbe matter Goldbronze – einen großen Rubin funkeln zu sehen. Wovon an diesen Abenden die schöne Wirtin mit ihren Gästen, Namen und Herren, sich unterhielt? ... Wovon man eben in römischen Salons sich unterhält. Auch das war einfach erstaunlich: wie es die Dame des Hauses verstand zuzuhören. Selbst Tante Minchen mußte bewundernd zugestehen: dergleichen sei eben nur in diesem Lande und bei diesen Frauen möglich! Daß hätte man in Naumburg oder sonstwo im lieben Deutschland erleben sollen, daß ein Mädchen aus einem Bauernnest im Handumdrehen in solcher Weise sich verändern konnte! Beim Ausmalen eines derartigen Vorgangs am Strande der grünen Saale versagte Tante Minchens Vorstellungsvermögen vollkommen ... »Kleide dich doch wenigstens vormittags an! Ich bitte dich nicht, es schon in der Frühe zu tun. Aber doch vormittags, damit ich dich wenigstens bei Tisch angekleidet finde. Schön bist du immer, aber – Genug, ich bitte dich!« Genug, er bat sie, und sie ließ ihn bitten. Überdies verlangte er von ihr, daß sie ihm für sein Marmorbildnis Modell stand. Also konnte sie für die Colazione unmöglich sich ankleiden, um gleich nachher wieder sich auszuziehen, Es war dieses Für-ihn-sich-Ausziehen wahrlich schon Opfer genug: war sie doch nicht mehr das vielbegehrte Mädchen von Bellegra, sondern die vielbewunderte Frau Heinrich Weber. Sie konnte den Namen noch immer nicht aussprechen, mußte ihn mühsam buchstabieren. Er klang gar so häßlich! Auch erklärte sie ihrem Gatten, nur für diese eine Figur stehen zu wollen. Er nannte seine neueste Skulptur sein Lebenswerk; also bedurfte er ihrer später nicht mehr als Modell. Alles, was ihn heimlich drückte und quälte, leugnete er vor sich selbst hartnäckig ab. Über der Seligkeit, die Gestalt seiner Italia nach diesem vollkommen schönen Frauenkörper bilden zu können, vergaß er seiner Gattin langen Morgenschlaf und ihre durchaus nicht damenhafte Erscheinung noch am späten Vormittag. Er vergaß die schlampige Magd und sein ganzes jammervoll geführtes Hauswesen; vergaß den bunten Salon mit den beiden Negerknaben; vergaß sogar die Freitagnachmittage und die Abende im Kreis der »Intimen«, von denen der Intimste Herr Amerigo Minardi war. Die Gestalt, die er hüllenlos vor sich sah, war so herrlich und hehr, daß er darüber – eben alles andre vergaß. Er arbeitete, wie er in seinem ganzen Leben nicht gearbeitet hatte, schuf und schuf, fühlte alle Wonnen des Schöpfers, ließ sich davon bis ins Innerste durchschauern. Nicht ein einziger der Meister der großen Vergangenheit: nicht Phidias und Polyklet – nicht Michelangelo konnte sich bei seinen Schöpfungen von der Gottheit gewaltiger gepackt gefühlt haben. Und das Bildnis gestaltete sich unter seiner Schöpferhand, das Ideal, welches er in sich trug, trat aus seiner Seele hervor, gewann unter seiner Hand Leben, wurde das von ihm geträumte große Werk, dem er im Augenblick der Ekstase den hohen Namen seines Lebenswerkes gab. Sein Meisterwerk wurde es jedenfalls. War sie nach der Sitzung hinreichend ausgeruht, so machte sie Toilette, höchst prachtvoll, doch etwas zu sehr nach dem Geschmack ihres Salons mit dem Zwillingspaar. Es stand ihr übrigens vortrefflich, besonders der breitrandige Hut mit dem gewaltigen Federaufbau. Auf ihren Ausgängen begleitete sie die Magd, gleichfalls aufgeputzt. Sehr bald jedoch liebte sie es zu fahren, einstweilen noch in einer gewöhnlichen Droschke, doch war der Mietswagen bereits in Sicht. Zu diesem würde dann der Lohnbediente gehören. Signora Lavinia fuhr Korso. Sie fuhr in die Villa Borghese, fuhr auf den Janiculus und Montags in die Villa Pamsili. Am liebsten besuchte sie den Pincio, und zwar mußte der Wagen den Weg nehmen vorüber an Trinitá de Monti, vorüber an – Villa Medici. Welch ein Triumph, als der erste der Herren Franzosen der Equipage begegnete, sie anstarrte und nicht erkannte. Sie befahl zu halten, winkte den Herrn aus Paris huldvoll herbei und sagte, lässig in die Polster zurückgelehnt, huldvoll die mattlila behandschuhte Rechte ausstreckend: »Wie geht es Ihnen?« »Ja, aber –« »Sie kennen mich nicht?« »Ist es möglich?« »Was sollte möglich sein?« »Sie sind es wirklich?« »Wer sollte ich sein?« »Ich hörte davon; aber –« »Nun?« »Es ist erstaunlich!« »Was finden Sie so zum Erstaunen?« »Lavinia Petroni!« »Frau Heinrich Weber.« »Wie Sie sich verändert haben!« »Finden Sie?« »Eine Dame!« »Wirklich?« »Und –« »Reden Sie doch!« »Sind Sie als Dame ebenso glücklich, wie Sie bei uns waren?« »Sehen Sie mich an!« »Ich sehe.« »Was machen Ihre Freunde?« »Sie fehlen uns: das Mädchen von Bellegra.« »Wirklich?« »Wirklich!« »Grüßen Sie Ihre Freunde von mir: und – sie sollen mich besuchen. Auch Sie. Mein Mann wird sich sehr freuen. Wir wohnen Via Margutta Nummer 54. Ich empfange jeden Freitag um fünf Uhr ... Auf Wiedersehen!« Das war das Mädchen von Bellegra! Viertes Kapitel Er war wieder da, war in Rom: er, Orazio Petroni, der Totschläger, der Mörder. Monate hatte er in den Wildnissen der Felsenberge seiner Heimat zugebracht, nicht anders als das Tier, welches jene undurchdringlichen Buschwälder bewohnte. Bei diesem Leben hatte er seine leidenschaftliche Seele vollgesogen von Haß wider die Fremden, die sein Vaterland überschwemmten, ohne darin etwas zu tun zu haben. Sie kamen scharenweise, um – Ja, weshalb? Weil sie vorgaben, Italien zu lieben; weil sie Italien das Land ihrer Sehnsucht nannten; weil Italien für sie das Land der Sonne und Schönheit war. Sie sollten doch in ihrem Eislande bleiben! Darin erfrieren! Wozu bedurfte dieses Barbarenvolk Sonne und Schönheit! Kamen sie wirklich um keiner andern Ursache willen? Bereits vor Jahrhunderten hatten sie zur Genüge bewiesen, aus welchem Grunde sie von jenseits der Alpen nach Italien kamen. Auch damals schon aus »Sehnsucht«! Aus Sehnsucht, Italien zu erobern, zu vergewaltigen, zu zerstören. Sie kamen, um aus Italien ein Germanien zu machen. So war es vor Jahrhunderten gewesen, so war es jetzt. Nur, daß sie jetzt nicht mit Armeen und gezogenen Schwertern kamen – noch nicht! – , sondern mit Weib und Kind, Reisebüchern und vollen Geldbeuteln. Überall waren sie, auf den höchsten Gipfeln des Apennins, in den elendesten Ortschaften des flachen Landes, auf allen Inseln, an allen Meeresküsten und Seen, selbst in den Buschwäldern und Sümpfen. Daß sie das Fieber bekämen und daran starben! Überall machten sie sich breit: lärmend, zudringlich und unerträglich. Von allen Nationen von jenseits der Berge immer und immer die Deutschen, diese Plumpen, Groben, Gemeinen. Ein widerwärtiges Volk! überall hatten sie ihre Bierhäuser und hielten sie ihre Trinkgelage ab; überall taten sie, als ob sie zu Hause wären und Italien ihnen gehörte. Italien würde sie lehren, von »ihrem« Italien zu faseln. Es harrte nur des Tages. Daß dieser Tag bald käme! Bis dieser Tag anbrach, so lange mußten die Italiener sich verstellen, mußten sie heucheln und lügen: sie mußten! Es ging nicht anders: die Germanen waren ein zu mächtiges Volk. Durch ihren Bismarck waren sie so mächtig geworden. Ja, der! Das war einer! Ein Gigant, ein Heros, wie es ihr Giuseppe Garibaldi gewesen. Aber auch Garibaldi war wider die Deutschen in den Krieg gezogen; auch er hatte sie gehaßt und sie für Italiens schlimmste Feinde gehalten. Und nun wartete ganz Italien auf den bewußten Tag. An jenem Tage würde es heißen: »Treubruch, Verrat, Meineid!« Was kümmerte das, Italien? Orazio Petroni hatte es dem Deutschen, dessen Herz sein Dolchstoß leider nicht getroffen hatte, damals im Hause seines Oheims ins Gesicht geschleudert: für sein Vaterland könnte der Italiener noch ganz anderes vollbringen, als Eide zu brechen; für sein Vaterland begangen, würde selbst Meuchelmord etwas Geheiligtes sein. Das erhabene Wort, daß der Zweck das Mittel heilige, war ein echt italienisches Wort, so recht aus dem Herzen des Volkes heraus. Alle hörten die Botschaft, und alle glaubten an sie. Unter der Asche, mit der Italien seine Gegenwart bedeckt hatte, glimmte und glühte seine Zukunft. Der Tag brauchte nur anzubrechen, und es stürmte hervor, loderte empor: die Flamme, die verzehrende Glut. Bis das geschah, mußte die heilige Lüge aufrecht erhalten bleiben. Doch dann! Dann würde Italien die Maske abwerfen, ganz Italien; dann würde es den Feinden sein wahres Gesicht zeigen. Das Antlitz der Gorgo würde es sein. Gewisse Staaten, wußten, daß Italien auf dieses Morgenrot, dem ein glanzvoller Tag folgen würde, seit langem wartete; aber nur Italien selbst wußte, mit welcher verzehrenden Sehnsucht es geschah. Deutschlands Sehnsucht nach Italiens Himmel und Sonne war ein blasser Schatten im Vergleich zu Italiens gewaltigem Sehnen, dem »Bundesgenossen« sein wahres Antlitz zu zeigen. Auch, daß es so lange heucheln und lügen mußte, würde es an dem Verhaßten zu rächen haben. Es nannte diesen Verhaßten Österreich; aber ebenso galt Deutschland ihm als verhaßtes Land. Vielmehr: Deutschland, dem siegreichen, gewaltigen, barbarischen, vorzüglich galt Italiens Haß. Und – Der Tag sollte nur anbrechen... Orazio Petroni befand sich also wieder in Rom. Er hätte sein Leben lang in Höhlen hausen, Heuschrecken und wilden Honig essen können; doch das Vaterland bedurfte seiner. So jung er war, und obgleich nur eines Bergbauern Sohn, bedurfte seiner Italien, für dessen Ruhm und Größe er sein Leben am Marterpfahl hingegeben hätte. Wie leicht war es, für eine große Sache zu sterben. Und gar, wenn es für das Vaterland war! Christus starb am Kreuz für die ganze Menschheit: für deren Sünden und Schuld. Christi Kreuzestod mußte eitel Wonne gewesen sein. Der Schmerzensruf des leidenden Menschensohns war dem jungen Sabiner immer unverständlich gewesen und das schon, da er noch ein Kind war mit Kinderspielen im Herzen. So unbedeutend und belanglos er war, ein Nichts in dem gewaltigen Allgemeinen, war er doch schon das Haupt einer Vereinigung, die dachte und fühlte wie er, der Anführer einer weitverzweigten Genossenschaft, einer geheimen natürlich. Sie bestand zum größten Teil aus Roms studierender Jugend, konnte daher in ihrer Gesamtheit immerhin eine gewisse Bedeutung beanspruchen. Von jedem der Mitglieder hatte Orazio einen Eid gefordert, für das Vaterland zu sterben, sobald der Tag gekommen sein würde, und jeder hatte den Eid geleistet. Eines Nachts war diese akademische Jugend Roms auf das Kapitol gezogen, wo nicht nur das Standbild des großen Imperators stand, sondern auch am Fuße des heiligen Hügels die Statue Cola Rienzis: ein Erzeugnis moderner römischer Kunst, das Denkmal des letzten Volkstribunen an der nämlichen Stätte, wo die Römer die Amme ihres mythologischen Gründers, eine sabinische Wölfin, gefangenhielten. Auf der Kapitoltreppe hatten die schwärmenden Knaben sich aufgestellt, Kopf an Kopf gedrängt, und hatten zu dem Erzbilde die Schwurhand erhoben; hatten so lange patriotische Reden gehalten, bis die Polizei sie vertrieben. Zur unaussprechlichen Wut Orazios hatten sie sich, obgleich er, der einzelne, sich den Polizisten entgegengestellt, sofort vertreiben lassen. Trotzdem war es, so meinten die andern, herrlich gewesen: für Rom und Italien eine große Stunde. Die meisten dieser wilden Patrioten waren arm wie Kirchenmäuse. Hunger war ihr Genosse, Entbehrung ihre Gefährtin. Aber sie studierten, bildeten Italiens wissenschaftliche Jugend und zugleich hoffnungsvolle Zukunft. Italiens Feuerbrand war diese hoffnungsvolle Jugend. Viele von ihnen, Orazio an der Spitze, würden sich als römische Fackeln selbst angezündet haben, hätten sie dadurch einen Weltbrand entfacht, um Italiens großen Siegestag zu beleuchten: den Tag schmachvollen Untergangs der Monarchie, des Sonnenaufgangs der – Republik... Obgleich Orazio das Auge des Gesetzes nicht mehr scheute, hauste er noch immer höhlenartig genug, fühlte er sich noch immer verfolgt. In der ersten Zeit nach seiner Rückkehr nächtigte er häufig unter dem Portal irgend einer Kirche oder eines Palastes, unter den Wölbungen einer antiken Ruine des flavischen Amphitheaters oder Neros goldenem Hause auf dem Esquilin. Bisweilen fand er auch Unterkunft bei einem Gesinnungsgenossen, der selber nicht viel besser lebte und froh war, mit dem Gefährten eine Brotrinde zu teilen. Aber was tat diesen sonderbaren Schwärmern Hunger und Not? Es war beglückend, war beseligend, für sein Vaterland hungern zu dürfen. Fünftes Kapitel Einer der Freunde Orazios war ein sehr ungewöhnlicher Mensch, Er hieß Mario Mariano , stammte aus Kalabrien und rühmte sich, Banditenblut in seinen Adern zu haben. Er war groß und schlank, von prachtvoller Gestalt mit tiefschwarzem üppigem Haar und dunklem Gesicht, dessen scharfe Züge an einen Raubvogel erinnerten, doch mehr an einen Geier als an einen Adler. Seine Augen waren gleich durchsichtigem gelbem Bernstein, seine Lippen schienen blutrot gefärbt. Es waren Lippen, deren Sinnlichkeit etwas Aussaugendes, Unersättliches, Vampirartiges hatten, und der Blick dieses noch jungen Menschen konnte Furcht, Entsetzen, Abscheu einflößen. Aber er wirkte auf viele berückend, geradezu bannend. Seine Hände waren gepflegt wie die einer eleganten Frau: lang und schmal, mit polierten rosigen Nägeln. Er hatte eine leise weiche Stimme, deren Wohllaut von ihm heimlich ausgebildet wurde wie das Organ eines Sängers. Er sprach nicht, sondern er flüsterte, hauchte. Aber diese leise, leise Stimme wirkte wie Magie, wie Hypnose. Von hypnotischer Wirkung war der ganze Mensch. Je heftiger jemand dagegen sich wehrte, um so rückhaltloser erlag er dem Zauber dieses Organs, dieses Blicks, überhaupt des ganzen Menschen. Sehr junge und sehr reine Gemüter ergaben sich dem Unheilvollen, ja Satanischen, das von diesem Manne ausging, blindlings und – rettungslos; Ältere und sehr Ernsthafte, sehr Männliche dagegen haßten ihn. Aber auch die Jüngeren liebten ihn nicht, sondern fürchteten ihn. Sie fürchteten seinen Zauber, seinen Zwang. Person und Leben dieses eigentümlichen Menschen umgab etwas Geheimnisvolles, Dunkles. Er schien arm zu sein, wohnte in dem Volksviertel der Monti, hatte stets irgend ein weibliches Wesen um sich, welches ihm sklavisch ergeben war, doch bald einer neuen Geliebten weichen mußte. Die Liebe, die er den Frauen einflößte, war Taumel, Rausch, Wahnsinn; war eine Orgie der Leidenschaft. Man raunte von Selbstmorden und Attentaten, ausgeführt von verlassenen Geliebten auf ihren gewissenlosen Verführer. Niemals sprach er von seinen Liebesabenteuern, selten vom Weibe überhaupt, beständig bewegte er sich in hohen Gedankengängen, äußerte er sich in großen Worten, gewaltigen Bildern, und immer war seine Sprache ein Flüstern, ein Raunen. Er studierte nichts, tat nichts und – war alles, wußte alles. Seine Kameraden, die er pathetisch seine Jünger nannte, behaupteten von ihrem Meister, er könnte alles sein: Staatsmann, Künstler, Dichter, Übermensch: der Übermensch Friedrich Nietzsches. Auch Priester, Asket, Heiliger. Über jeden Gegenstand verstand er glänzend zu sprechen, mit dem Wohlklang seiner tief gedämpften Stimme so hinreißend, daß er seine Zuhörer in Verzückung versetzte und es über sie wie eine Betäubung kam. Wenn er den Entbehrenden, die häufig Hungernde waren, die Genüsse des Lebens schilderte, so waren die Lehren eines Oskar Wilde blasse Schatten gegen die glühenden Farben, womit Mariano seine Bilder einer dionysischen Lebenslust malte. Ja, Dionysos wollte er sein! Aber nicht mit Efeu wollte er sein Haupt kränzen, sondern mit Rosen, mit scharlachroten, glühenden, duftenden! Bei solchen Anschauungen hauste er in dem Viertel des römischen Volks, dem Quartier des Plebs. Das würde jedoch bald anders werden: bald würde er aus den Höhlen des Elends hervorgehen, ein Bezwingender, Siegreicher, Leuchtender! Alsdann würde nicht nur Rom und Italien, sondern die Welt von ihm hören. Einem Geschlecht kalabresischer Straßenräuber entstammend, würde er Italiens geistiger Herrscher werden. Dieser Mensch besaß die große Geste der romanischen Rasse in ihrer ganzen, fast furchtbaren, fast frechen Großartigkeit ... Bei Mariano traf Orazio Silvia Bartolini . Hätte er etwas anderes lieben können als sein Vaterland, einen Freund oder eine Frau, so würde er dieses Mädchen geliebt haben und das gleich, als er sie zum ersten Male sah. Sie schien noch ein Kind zu sein, war überschlank mit sylphenhaft feinen Gliedmaßen und eben solchem weißen Gesichtchen, darin die Augen in einer Traurigkeit dunkelten, daß Orazio das Mädchen nicht lächelnd, nicht heiter sich vorstellen konnte. Seit einiger Zeit besuchte er um ihretwillen die »leuchtenden Nächte« des Übermenschen, der sogar diese flammende Seele in seinen Zauberkreis zu bannen wußte, vielleicht sein größter Triumph, von ihm jedoch vollkommen unbeachtet, da für ihn eine so unscheinbare Persönlichkeit wie die Orazio Petronis überhaupt nicht existierte. Orazio sprach mit Silvia niemals ein Wort, sah sie nur immerfort an. Er sah, daß sie armselig gekleidet ging, daß sie von Fieberschauern geschüttelt wurde; sah, daß sie von dem Geliebten den Blick nicht abwandte, mit allen Sinnen an dessen faunischen Lippen hing, welche die großen Worte so leise sprachen, daß, um sie überhaupt nur zu hören, in dem großen Raum eine Stille herrschte wie in einer Kirche ... Auch in dieser Februarnacht hatte Mariano die Seinen um sich versammelt. In dem Zimmer war es bitter kalt, der Westwind umheulte das Haus, einige Kerzen brannten und ließen ihren flackernden Schein auf die Gestalten fallen, die den magischen Meister umdrängten. Was den Jüngern dieses geistigen Messias an Speise fehlte, ersetzte ihnen Phrase und Geste. Sie nährten sich von dem durch ihn entzündeten Enthusiasmus, berauschten sich am Wohllaut seiner Sprache, welche die Sprache Dantes und Petrarkas war. Es brauchten nur große Worte zu fallen: »Freiheit – Vaterland – Roms Weltruhm – Roms ewige Herrlichkeit« – und durch die jungen Seelen ging Ein Erbeben, brauste ein Sturm, strömte eine Glut, darin in Begeisterungsflammen Italiens Zukunft geschmiedet wurde. Und Italiens Jugend, die Italiens Zukunft war, betete zu dem Genius des von Göttern und Menschen geliebten Landes, daß ihrem Vaterlande wieder ein Brutus erstünde, ein Größter und Herrlichster. Spät in der Nacht trennten sich die Versammelten, von Mariano mit der Gebärde eines Souveräns verabschiedet. Er war unter den jungen Leuten der einzige, der nicht nur gut, sondern elegant gekleidet war. Allerdings mit einer sehr besonderen Eleganz, das Hemd seidig wie Spinnweb, mit feingefältelten Manschetten, die bis auf die glänzenden Fingernägel herabfielen, und stark parfümiert. Trotz der elenden Wohnung in Roms Volksviertel und seinem Nichtstun besaß er immer Geld, dessen Ursprung niemand kannte. Da er keinen Beruf hatte, nur hie und da ein Gedicht niederschrieb, für welches er in seinem Vaterlande keine drei Lire erhalten hätte, blieb die Quelle seines Einkommens rätselhaft. Übrigens war er nicht geizig, sondern besaß auch in Geldsachen etwas Großartiges, als verdiene er spielend und verachte eine Sache, um derentwillen seine Vorväter Banditen geworden, einige derselben sogar – der Enkel war stolz darauf – im Kampf mit ihren Opfern gefallen waren oder als Straßenräuber gerichtet wurden. Von den in jener Nacht bei Mariano Versammelten hatten sich außer einem alle entfernt. Nur Orazio Petroni war geblieben: die Augen des Mädchens hielten, sehr wider seinen Willen, ihn fest. Auch hatte ihr Blick heute etwas Trostloses, geradezu Hoffnungsloses, und das Fieber brannte in ihren Augen. Da ihr Geliebter sich um sie nicht zu kümmern schien, so wollte Orazio – Ja, was wollte er? Mariano sah ihn verwundert an. Sein Blick fragte den unentschlossen Dastehenden, den er vielleicht zum erstenmal beachtete, was er eigentlich immer noch wollte? Bevor Orazio auf die stumme Frage antworten konnte, kam es zwischen den beiden zu einem peinlichen Auftritt, herbeigeführt von dem noch so kindlichen Geschöpf, welches bereits eine Verführte, das Opfer eines Wüstlings war. Es war der Ausbruch eines leidenschaftlichen, eines tief unglücklichen Weibes, einer Verzweifelten. Sie, mit der Orazio bisher nicht ein Wort gewechselt hatte, ging mit dem starren Blick einer Nachtwandelnden auf ihn zu und sagte: »Sehen Sie ihn an; o, sehen Sie ihn an! Hörten Sie ihn heute sprechen? Große Worte, herrliche Worte! Worte eines Dichters, Propheten, eines Genius! Wissen Sie, was er ist? Ein Seelenverderber, ein zwanzigfacher Mörder! Zwanzigfach mehr Mörder als tötete er mit Gift oder Dolch. Mich hat er zwanzigfach getötet. Das Gift seiner Küsse hat er in meine Seele gegossen, die unschuldig war; den Dolch seiner Lüste hat er in mein Herz gestoßen, dessen Schlag ihm gehörte. Sehen Sie ihn an; o, sehen Sie ihn an! Sie wissen, wer er ist. Keine Worte können jedoch sagen, was er ist: ein Dämon, ein Teufel, der leibhaftige Luzifer! Und dieser Mensch will Italiens Heros werden! Beflecken wird er Italien, es schänden mit seinem Schimpf, den Italien von seiner Ehre nicht wieder wird abwaschen können und tauchte es jede seiner Schollen in das Blut seiner Söhne. Denken Sie an mich, wenn die Zeit kam; denken Sie an eine Unselige, die dieser Würger zwanzigfach mordete, und ich bin nur eine von vielen.« »Nur eine!« Mariano sagte es. Während des ganzen Vorfalls stand er mitten im Zimmer und betrachtete unverwandt die wie im Fieber Phantasierende, bohrte den Blick seiner Wolfsaugen in die ihren. In dem Ton, mit dem er die beiden Worte: »Nur eine!« sagte, lag der Zynismus eines Menschen, für den es auf Erden nichts Hehres und Heiliges gab. Also auch nicht die Hoheit der Jungfrau. Das Mädchen zuckte unter des Menschen Worten zusammen wie unter einem Faustschlag. Aber, wie von seinem brennenden Blick gewaltsam angezogen, schwankte sie auf ihn zu, stürzte zu seinen Füßen nieder, flehte ihn an: »Schlage mich, töte mich, mißhandle mich! Nur verjage mich nicht. Lasse mich bleiben, deine Dienerin, deine Sklavin, deine Dirne!« »Meine Dirne? ... Eine Dirne verjagt man, wirft man fort.« Sie schrie auf, taumelte in die Höhe, stand vor ihm mit verzerrten Zügen, irrem Blick. Doch er, mit einem Lächeln, wie Orazio niemals gesehen, sagte, ohne seine Stimme zu erheben: »Fort mit dir! Diese Nacht noch! Ich habe mit dir nichts mehr zu schaffen, nichts mit einer Dirne.« »Du jagst mich hinaus, in die Nacht, auf die Straße?« »Nachts von der Straße nahm ich dich auf. Aus Barmherzigkeit.« Sie stöhnte: »Du sagtest, du liebtest mich.« »Lüge!« »Du wußtest, daß ich unschuldig war, rein und gut.« »Ich wußte es.« »Und verführtest mich.« »Ich ließ mir deine Hingabe gefallen.« »Verdarbst mich.« »Es ist genug. Geh!« »Und du?« »Und ich?« »Du gehst zu einer andern? Diese Nacht noch? Von einer andern bestellt, von einer andern bezahlt!« »Ich gehe diese Nacht noch zu einer andern.« »Um auch diese zu verderben, wie du mich verdorben hast.« »Wenn sie sich verderben läßt, wie du dich verderben ließest.« »Unglück über sie, Schande und Verzweiflung über sie, wie sie über mich kamen!« »Hier hast du Geld, und jetzt bist du bezahlt.« Sie schleuderte ihm das Geld vor die Füße: Stück für Stück, und sagte zu Orazio langsam Wort für Wort betonend: »Sehen Sie ihn an; o, sehen Sie ihn an: Italiens zukünftiger Heros, Italiens unvertilgbarer Schandfleck, Italiens unsterblicher Schimpf.« Sie schritt zur Tür. Ohne jede Umhüllung, im dünnen schlechten Kleide schritt das Mädchen mit der Kindergestalt und dem Kindergesicht aus dem Zimmer, aus dem Hause, in die Sturmnacht hinein. Orazio folgte. Sechstes Kapitel An des Mädchens Seite schritt er durch die nächtlichen Straßen des Volksviertels. Seine Begleiterin schien seine Gegenwart nicht zu bemerken; schien von der Welt, vom Leben nichts zu empfinden. Eine Weile blieb er stumm, rührte dann an ihren Arm. Als sie auch das nicht zu fühlen schien, sprach er sie an: »Wohin gehst du?« Sie murmelte etwas Unverständliches, ihn auch jetzt nicht beachtend. Er sprach weiter: »Erlaube mir, dich zu begleiten.« Sie fuhr fort, wie im Irrsinn vor sich hin zu reden. Doch verstand er sie jetzt. Ein Name war's, den sie beständig wiederholte, der Name ihres Verführers, ihres Verderbers. »Mario! Mario! Mario!« »Soll ich dich an ihm rächen?« Sie aber immer nur: »Mario! Mario! Mario!« »Soll ich ihn töten? Ich würde dadurch zugleich Italien von dem Schandfleck befreien, den dieser Mensch, deiner Meinung nach, für Italien einst werden wird.« Sie auch jetzt nur: »Mario! Mario! Mario!« Da faßte er sie hart an, und endlich kam sie zur Besinnung. Zum zweitenmal tat er die Frage, wohin sie ginge, und ob er sie begleiten dürfte? Jetzt antwortete sie ihm: »Wohin ich gehe? Wohin könnte ich gehen? In den Fluß; dorthin, wohin ich gehöre. Ob Sie mich begleiten dürfen? Dorthin, wo jetzt mein Zuhause ist, muß ich allein gehen.« Er bat sie: »Komme mit mir, du Arme.« »Wie nennen Sie mich?« »Du Arme!« »Bedauern Sie mich?« »Von Herzen.« »Sie bedauern eine Dirne? ... Sie hörten ja doch, was ich bin: eine Dirne!« »Vertraue mir und komme mit mir.« »Als Ihre Geliebte? Nach dem ersten sogleich einen zweiten?« »Ich werde dich nicht anrühren.« »Nicht?« »Ich rühre kein Weib an, am wenigsten eine Verlassene und Unglückliche. Mein Leben gehört meinem Vaterland. Mein Vaterland ist mir Geliebte, Gattin, Göttin. Du darfst mir also vertrauen.« »Du bist gut.« »Gut? Es gibt nichts Böses, kein Verbrechen, keine Schurkerei, die ich nicht begehen könnte.« »Für Italien?« »Für mein Vaterland.« »Und ich soll zu dir kommen?« »Und sollst bei mir bleiben, selbst meine Armut mit mir teilen. Sie wird freilich Entbehrung, Hunger und Not sein. Ich bedarf einer Gefährtin, einer Helferin. Du kannst mir Stärke zum Ausharren geben; kannst mir helfen zu hungern und zu entbehren. Unglückliche und Verzweifelte, von den Menschen Mißhandelte sind die rechten Helfer.« »Helfer für dich?« »Für Italien. Für dein und mein Vaterland.« »Was kümmert mich das Vaterland?« »Ich werde dich lehren, es zu lieben; werde dich lehren, für dein Vaterland zu leben. Auch zu sterben für dein Vaterland ... Willst du mit mir gehen?« »Ja.« »So komm!« Das Haus, in dessen höchstem Stockwerk der Apostel und Übermensch, der Wüstling und Verderber ein ärmliches Quartier bewohnte, lag zunächst dem Durchgang der Via Cavour nach San Pietro in Vincoli, unweit des Palastes der Geliebten Alexander Borgias, der Mutter des Cäsare und der Lukretia, also auf historischem Lokal. Aber welches Stück römischer Erde wäre nicht ein Blatt Weltgeschichte gewesen. Die beiden, die das Schicksal zusammengeführt, kreuzten die Via Vaccina, gelangten zum Torre delle Milizie, zum Trajansforum und dem Venezianischen Platz. Hier bog Orazio in den bereits menschenleeren Corso Umberto ein. Er sagte, und seine Stimme klang so sanft, als spräche er zu einem kranken Kinde: »Ich wohne weit, vor Porta del Popolo draußen, unfern der Flaminischen Straße, am Tiberufer. Wir müssen durch den ganzen langen Korso, und du bist zu Tode erschöpft. Willst du ausruhen? Darf ich dir etwas zur Erquickung geben lassen?« »Mich hungert nicht. Und wenn auch –« »Tu hast recht, Unsereinem macht das Hungern nichts.« »Gar nichts.« »Es wäre immerhin besser, du genössest etwas. Ich habe Geld genug. Tue mir den Gefallen.« Da sagte sie ihm: »Du sprichst zu mir, wie bisher noch kein Mensch zu mir sprach.« Ohne zu antworten, führte er sie in ein nahes Nachtlokal und ließ ihr heißen Milchkaffee geben, dazu kleine Kuchen aus säuerlichem Hefenteig. Sie trank und aß mit Gier. Orazio selbst genoß nichts, freute sich zu sehen, wie sie sich labte, und pries den Zufall, der ihn zwei ganze Lire bei sich haben ließ. Gerade Tags zuvor hatte er einem Analphabeten ein Schreiben an seinen Advokaten aufgesetzt: denn in seinem Vaterlande führten sowohl die an Glücksgaben Reichen wie die im Geiste Armen mit Leidenschaft Prozesse wider irgend einen Nachbarn, Neider, Feind. »Ich danke dir!« Sie sah zu ihm auf mit ihren todtraurigen Augen, darin ein feuchter Glanz lag. Dann gingen sie weiter die nächtlich-öde Palaststraße hinunter, deren lange Reihen angezündeter Laternen ins Endlose zu führen schienen, ein Lichtweg durch Finsternisse von nahezu mystischer Symbolik. Plötzlich fragte er sie: »Wer bist du eigentlich? Ich weiß nicht einmal deinen Namen?« Sie sagte ihm, daß sie Silvia Bartolini hieße, und daß sie Volksschullehrerin wäre. »Hattest du denn keine Anstellung?« »Nein.« »Eine Lehrerin ohne Anstellung? Bei solchen Scharen von Unwissenden?« »Ich war an einer Schule in den Sümpfen dort unten am Meer.« »Also hattest du das Fieber?« »Das macht nichts.« »Hungernd und fiebernd kamst du nach Rom?« »Kam ich nach Rom.« »Deine Eltern?« »Mein Vater ist auf den Ponzainseln. Er war schon dort, als ich noch ein kleines Kind war... Du weißt, was es bedeutet, auf den Ponzainseln zu sein?« »Ich weiß... Deine Mutter?« »Als sie meinen Vater in Ketten legten, wurde meine Mutter, was ich geworden bin – was er sagte, daß ich geworden sei.« »Eine Unglückliche bist du... Also hast du auf der Welt keinen Menschen?« »Keinen Menschen.« »Aber daß du Lehrerin bist. Eine Lehrerin für das Volk, für unser armes unwissendes Volk!... Du bist ja selbst noch ein Kind.« »Ich bin achtzehn Jahre.« »Gewiß bist du eine gute Lehrerin. Und gerade dich schickten sie in das Fieberland, die Mörder! Zum Hunger das Fieber? Denn ich weiß, wie sie diejenigen lohnen, die das Volk unterrichten, die unsres Volkes Zukunft lehren sollen. Was sollen wir tun, damit unser Volk wissend werde? Aber, wenn es das geworden ist, wenn – Du sagtest mir nicht, weshalb du nach Rom kamst?« »Ich lief fort.« »Aus deiner Schule? Von deinen Kindern?« »Ich verließ sie.« »Wegen des Fiebers und Hungers?« »Ich sagte dir ja, daß mir Fieber und Hunger nichts machen.« »Weshalb liefst du also fort?« »Weil – Bei uns ist es nun einmal so.« »Was meinst du?« »Wenn die Lehrerin recht jung ist, das Gehalt recht gering – Bei uns ist es nun einmal so.« »Schändlich, schändlich!« »Ich hätte es gut haben können, dort unten in den Sümpfen.« »Aber du wolltest es nicht gut haben?« »Ich wollte nicht.« »Und da?« »Ging mir's schlecht.« »Und da liefst du fort?« »Nicht sogleich.« »Wegen der Kinder!« »Sie hatten mich lieb.« »Endlich ertrugst du's nicht mehr? Und in Rom dann?« »Fieber und Hunger, frierend und krank, keinen Menschen und kein Obdach. So fand er mich.« »Du Arme! ... Ob es wohl in andern Ländern auch so ist? Kein Land der Erde könnte so herrlich sein wie unser Vaterland, und dann ist es bei uns – so! Aber es wird anders werden. Groß und herrlich wird unser Vaterland werden, nachdem es erst klein und jammervoll geworden, zerschlagen und besiegt.« »Wie meinst du das: zerschlagen und besiegt?« »Von unsern Feinden! Von Österreich und Deutschland!« »Von unsern Bundesgenossen?« »Ich sagte: von unsern Feinden! Unsre Todfeinde sind sie!« Noch immer hatten sie die ins Unendliche leitende Lichtstraße vor sich. Die Flammen schwebten durch die Finsternis, darüber funkelte der Sternenhimmel, von dem sie herabgefallen schienen. Der Sturm hatte sich gelegt, in den besänftigten Lüften wehte ein Hauch wie der Vorbote des Frühlings. Sie kamen am Café Aragno vorüber. Das berühmte Erquickungslokal war noch hell erleuchtet. Offiziere in ihren fast allzu reizvollen Uniformen, Herren im Frack, mit weißer Weste und Halsbinde, aus Theatern und von Empfängen kommend, füllten die eleganten Räume, in denen die meisten Gäste gute Bekannte waren. Nahezu ein jeder las die erst in später Stunde erscheinende »Tribuna«. Dazwischen wurde leidenschaftlich debattiert: in Tripolitanien sollten neue Siege erfochten, neue Heldentaten begangen worden sein, wie Orazio knirschend dachte. Denn um Italien auf den Gipfel seiner Größe zu erheben, mußte es erst seinen tiefen Sturz erleiden; mußte es besiegt, geschlagen werden. Wut über Italiens afrikanische Triumphe im Herzen, blieb der junge Fanatiker unter einer der großen Glastüren stehen und schaute hinein. Er sah einen Bekannten, einen Landsmann: Amerigo Minardi, der Sohn des Sindakus von Olevano, einer der widerlichsten Gecken, zugleich einer der wüstesten politischen Lärmmacher. Der Jüngling von Bellegra – um ein Stück trockenes Brot zu verdienen, wäre er Straßenarbeiter geworden – haßte den feinen Lumpen, der, um sein Lotterleben weiterzuführen, eine um vieles ältere reiche Frau geheiratet hatte. Aber des Taugenichts Vater würde keine schutzlose Volksschullehrerin so lange verfolgt haben, bis sie entweder das Opfer seiner Lüste geworden oder die Flucht ergriffen hätte. Das war ein Mann, dieser Vater des Lumpen! Ein Republikaner, wie solche das alte Rom besessen hatte, das Rom eines Cato, Agrippa, Cincinnatus. Ein Wunder, daß es in dem neuen Italien noch solchen Mann gab... Die beiden gingen weiter, noch immer die lange Straße hinunter, darüber die Flammen der Laternen aufzuckten und der Sternenhimmel funkelte. Als sie vor einem altertümlichen hohen Hause vorbeikamen, blieb der Sabiner stehen, deutete auf das in Dunkelheit liegende Gebäude und sagte mit verbissenem Ingrimm: »Hier wohnte einst einer der göttlichsten Geister aller Nationen. Aber der Mann war ein Deutscher.« »Du hassest die Deutschen?« »Ich wäre ein schlechter Italiener, wenn ich sie liebte.« Weiter gingen die beiden. Sie gelangten auf den Platz, in dessen Mitte ein Obelisk sich erhob, eine gen Himmel weisende Säule aus Roms einstmaliger Herrlichkeit. Dem Rachen der vier granitnen Löwen, welche den Obelisken aus der Sonnenstadt Heliopolis umlagerten, entströmten Wasserstrahlen, durch das feierliche Schweigen der Nacht rauschend, breite Rampen führten zu einem Gartenberge empor, von dessen Terrassen, aus Hainen von Lorbeer und Pinien, weiße Ballustraden und Marmorgestalten niederschimmerten. Vor dem Obelisk der Pharaonen des wundersamen Nillandes stehend, sprach der Sabiner, der den Namen des Dichters lieblicher Gesänge führte, und so heiß lieben – so heiß hassen konnte: »Es war auf diesem Platz eines Juniabends. Die Römer drängten sich in dichter Menge und sahen einem Feuerwerk zu, welches so viel kostete, daß davon ein Armenhaus hätte gebaut werden können, ein Asyl für Fiebernde und Hungernde. In Afrika drüben, in der Erythräa, war vor Monaten eine Schlacht geschlagen worden. Blut färbte die gelbe Wüste purpurn, und die verstümmelten Leichname von Italiens blühender Jugend lagen den Hyänen und Geiern zum Fraß. In den Wüstensand nicht einmal eingescharrt hatte Italien seine von wilden Horden gemordeten Söhne und – seit der Schlacht von Adua waren Monate verflossen! Erst an jenem Tage, an welchem die Regierung den Römern, anstatt blutiger Zirkusspiele, das kostbare Flammenschauspiel gab, war, so hieß es, mit dem Begräbnis der von Geiern und Hyänen zernagten toten Helden begonnen worden, und das römische Volk feierte die gräßliche Totenfeier mit – der Girandola! Dort drüben, der Kirche Santa Maria del Popolo gegenüber, war die Tribüne für das Königspaar errichtet; und als König und Königin zu dem Flammenschauspiel erschienen, bejubelte sie das römische Volk, klatschte es dem Herrscherpaar rasenden Beifall. Ich stand mitten unter dem Volk, war noch ein Knabe, und als ich das Volk jubeln und jauchzen hörte, einem Königspaar zu, welches am Tage nach der verlorenen Schlacht von Adua in seinem Palast seine Koffer hatte packen lassen zu feiger Flucht – Siehst du, Mädchen, da dachte ich: etwas Großes und Grauenvolles muß über dieses jubelnde und johlende Volk kommen, eine blutige Sturmflut, die diesen schwankenden Königsthron in den Abgrund reißt, dieses unwürdige Volk aus einem Abgrund erhebt; und ich; der Knabe, betete, betete, betete. Die rächende Gottheit flehte ich an, sie möge dem italienischen Volk etwas Großes und Grauenvolles bescheren, damit es die Prüfung bestehe. Und – ich bete noch immer.« »Um was?« »Um Krieg.« »Krieg!« »Mit Österreich, mit Deutschland, mit unsern sogenannten Bundesgenossen und Brüdern, mit unsern Todfeinden... Bete du mit mir, daß die Gottheit mein Flehen erfülle.« Er führte sie weiter; führte sie durch die Porta del Popolo in seine Wohnung. Sie lag in einem ruinenhaften Hause, zu dem von der Flaminischen Straße ein Hohlweg lief. Der Raum war feucht von Moder. Man hörte den Fluß rauschen. Am nächsten Tage ward Silvias Fieber so heftig, daß sie von ihrem Lager – Orazio hatte ihr das seine überlassen – nicht sich erheben konnte und eine Sterbende schien. Um das notwendige Chinin kaufen zu können, verrichtete der junge Sabiner die Dienste eines Tagelöhners. Fortan sorgte er für sie, wie nur ein guter Mensch für ein Wesen sorgen konnte, welches seinem Schutz sich anvertraut hatte. Er liebte das Mädchen nicht; denn er konnte auf Erden nur eines lieben: sein Vaterland. Aber als ihn die Gerettete zum erstenmal wieder dankbar anlächelte, ging er hinaus und weinte. Er weinte vor Glück, einem Geschöpf, welches so elend war wie er selbst, etwas Gutes erwiesen zu haben. Siebentes Kapitel Heinrich machte keine Besuche. Er war ein Arbeiter und hatte für dergleichen keine Zeit. Statt seiner begab sich seine Frau zu jenen Empfängen, auf denen sie eine Anziehungskraft geworden war, eine »Attraktion«. Man ging in diese Salons, um Frau Heinrich Weber zu treffen, die aus der wilden Sabina stammte und Modell gewesen war, und zwar in der Villa Medici! Allerdings nur Kopfmodell, wie die Herren Franzosen häufig genug geklagt hatten. In der römischen Gesellschaft wurde von ihr nachgerade wie von einer Sehenswürdigkeit gesprochen und die Fremden auf sie aufmerksam gemacht. Ihr Gatte litt schwer darunter, entschloß sich nur mit starker Überwindung, die Vielbegehrte bisweilen zu begleiten. Ihren Triumph fast mit Beschämung empfindend, mußte er die Sicherheit bewundern, mit welcher seine Gattin in einer Toilette von etwas allzu lebhaften Farben einen Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses bildete. Erstaunlich schnell hatte sie der wirklichen Dame die Haltung abgelernt. Gewöhnlich saß sie zurückgelehnt in einem Lehnsessel, den einen Arm leicht aufgestützt und lässig den Fächer haltend. Ohne sich zu regen, verharrte sie in dieser Stellung. Sie sprach wenig und verstand, sich den Anschein zu geben, aufmerksam zuzuhören, mit jenem Ausdruck, der an die Frauen Anselm Feuerbachs erinnerte, was ihrer Erscheinung immer von neuem etwas Großartiges gab. Niemals nahm sie eine Erfrischung; allein wie sie ein Tablett abwies, war etwas Eigentümliches an Bewegung und Grandezza. Heinrich durfte auf seine Gattin stolz sein; trotzdem litt er auf diesen abendlichen Empfängen. Jedesmal wurde er mit Komplimenten überhäuft, mußte jedesmal hören: »Ist es wirklich wahr, daß man Sie hat ermorden wollen? Aus rasender Eifersucht natürlich! Und Ihre Frau Gemahlin selbst rettete Ihnen das Leben? Aus leidenschaftlicher Liebe natürlich! Es ist ja ein ganzer Roman! Ein Roman, der nur in Italien spielen kann. Bitte, erzählen Sie!« Der Ärmste sollte erzählen, blieb stumm, wurde hochmütig und langweilig befunden, ein echter Deutscher! Eines späten Abends, an dem er Lavinia ohne seine Begleitung hatte ausfahren lassen, führte ihn ein notwendiger Gang in das moderne Viertel jenseits des Tibers, welches er wie etwas Häßliches peinlich mied. Er kam an einem Villino vorüber, das auf einem noch öden Baugrunde stand, sah im Erdgeschoß Licht und erinnerte sich, hier müßte der feine Herr Landsmann seiner Frau Gemahlin wohnen. Plötzlich stand die Gestalt der Tochter seines alten Freundes vor seinem inneren Gesicht, und ihre gewiß nicht hübschen, aber angenehmen Züge zeigten solchen traurigen Ausdruck, daß er beschloß, sie zu besuchen. Der eitle Laffe war sicher nicht zu Hause und seine Frau ganz allein. Wie konnte sie nur den hohlen Fant zum Manne nehmen? Freilich war er ein verteufelt hübscher Bursche, und ein solcher besaß für die Frauen etwas Unwiderstehliches. Und Heinrich dachte weiter: ›Sie wird sich freuen, dich zu sehen, das gute Geschöpf; denn gut ist sie!‹ Ob sie sich freute! Sie war so sehr allein. Beständig war sie allein; denn ihr junger Gatte war beständig außer dem Hause. Sie hätte ihren Vater und Tante Minchen öfters aufsuchen können. Doch dann hätten diese Guten gewußt, daß sie eben sehr viel allein sei, und das mußte den beiden verborgen bleiben. Deshalb mußte sie täuschen, heucheln; mußte sie lügen, eine Sache, die ihrer Natur derartig entgegen war, daß sie darunter körperlich litt. Aber sie log ihrem Manne zuliebe; denn sie liebte ihn. Sie hatte bis dahin nicht gewußt, daß man so lieben könnte. Sie hatte freilich auch nicht gewußt, daß die Frau um ihrer Liebe willen so leiden konnte. Jetzt wußte sie beides. Wie herzlich also die Einsame über den Besuch des jungen Freundes sich freute und wie traulich es dieser in den hübschen, hellen Zimmern fand. Wäre es in seinem Heim doch auch so behaglich, nur einigermaßen diesem ähnlich! Es war alles so heimatlich deutsch, alles so heimlich. Solange er das Leben eines unverheirateten Künstlers führte, hatte er solche Behaglichkeit, wie die Gattin des Sabiners um sich zu verbreiten verstand, nicht vermißt. Er empfand die wilde Wirtschaft, gleich den meisten jungen Künstlern, geradezu als Poesie, als Rom-Romantik, die nicht romantisch, nicht römisch genug sein konnte. Aber jetzt, seitdem er eine Frau hatte. – Seine Frau! Wenn er sich die triumphierende Schönheit seiner Frau vorstellte und sie im Geist mit dem guten Geschöpf verglich, dem er in dem hellen, hübschen Zimmer so behaglich gegenübersaß. – Zu vergleichen waren die beiden nicht; nicht in einem Atem zu nennen! Zu seiner Frau gehörte nun einmal der in allen Farben prangende Salon mit den beiden Mohrenknaben. Es gehörten zu ihr die übertriebenen Toiletten, Lohnkutscher und Lohndiener, die Fahrten in die Villa Borghese und auf den Pincio. Es gehörte zu Frau Lavinia Weber die Opernloge und – Weshalb überlief es ihn bei dieser Vorstellung heiß und kalt? Diese Vorstellung hatte mit seiner Frau nichts zu tun: nicht die Vorstellung eines Hausfreunds. Hehr und herrlich, wie Rom war, so war es doch eine Welt sittlicher Verderbnis, davon sein Haus und seine Welt rein bleiben mußten: nicht nur die Welt des Künstlers, sondern auch die des Menschen, des Gatten... Als alte gute Freunde plauderten die beiden zusammen. Heinrich erhielt Tee, von der Hausfrau in blinkendem, dampfendem Kessel selbst bereitet und mit deutschem Gebäck gereicht. Sie sprachen von Sor Rodolfo und Tante Minchen; sprachen von allem möglichen, nur nicht von dem einen, was beiden am Herzen lag, auf dem Herzen ihnen brannte: keiner erwähnte des Gatten und der Gattin; keiner hätte dem andern gegenüber den Namen über die Lippen gebracht. Nach Heinrichs neuester Komposition erkundigte sich Frau Romana. Mit welcher Teilnahme, zugleich mit welchem Zartgefühl, welchem Verständnis für die große Bedeutung gerade dieses Werks. Und es geschah das Seltsame, daß Heinrich zu dem guten, aber doch herzlich unbedeutenden Geschöpf von seinem Werk zu sprechen begann; zuerst zögernd, dann immer lebhafter und lebhafter; zuletzt leidenschaftlich, von seinem Gegenstand hingerissen. Wie hörte die gute Freundin ihm aber auch zu! Sie war freilich eines Künstlers Kind. Dagegen Lavinia – Sie war die erste Ursache seines Werks, also in gewissem Sinne dessen Urheberin. Aber wie gleichgültig war ihr das Große, das ihr sein Dasein verdankte. Denn groß war sein Werk! Sie verkörperte die allegorische Gestalt Italiens und zeigte dafür eine Teilnahmlosigkeit, als ginge es sie nichts an. Oft genug empfand er darüber eine Erregung, die ihn packte wie ein körperlicher Schmerz. Seiner Natur nach sprach er zu keinem Menschen von seiner Arbeit und nun machte ihn heute die unscheinbare Frau, die ihm stillbescheiden gegenübersaß, die seinen schönheitsdurstigen Künstleraugen nichts, aber auch nicht das mindest Anregende bot, zum Sprechen. Er schilderte ihr sein Werk, wie nur der Künstler, der Schöpfer selbst, schildern konnte. Ihr bläßliches Gesicht rötete sich, ihre nicht sehr ausdrucksvollen Züge belebten sich. In ihren Augen lag ein Glanz, der sie verschönte. Voll zartestem Mitgefühl erkundigte sie sich nach seinem Befinden, seiner Gesundheit. Aber nicht etwa, daß sie ihm irgendwelche Sorge verraten hätte. »Meine Gesundheit? Wer kümmert sich darum?« »Sie selbst gewiß nicht, um so mehr Ihre Frau.« »Meine Frau sollte sich um meine Gesundheit kümmern?« Nun hatte er den Namen doch ausgesprochen, und das in welchem Ton! Sein Ton schmerzte die Frau Romana. Ihr war, als sähe sie plötzlich an dem Freund eine Wunde, die sie durch die Nennung des Namens bloßgelegt hatte und an die sie nicht hätte rühren dürfen. Schnell fügte sie hinzu: »Sie wissen, wie viele gute Freunde Sie haben. Diese alle kümmern sich um Ihre Gesundheit; denn Sie arbeiten zu viel und zu angestrengt. Sie überarbeiten sich.« »Ich habe keine Zeit, müßig zu sein; habe im Leben überhaupt nicht mehr viel Zeit.« »Wie können Sie das sagen? Bei Ihrer Jugend!« »Wen die Götter lieben, lassen sie jung sterben.« »Wen die Götter lieben, lassen sie ein unsterbliches Werk schaffen. Die Götter lieben Sie; denn was Sie jetzt schaffen, wird ewiges Dasein haben.« Wie Rudolf Müllers unschöne Tochter diese Worte sagte! Wenn solche Worte seine Frau zu ihm gesprochen hätte! Aber seine Frau solche Worte zu ihm sprechen! Seine glühendste Einbildungskraft ließ ihn bei dieser Vorstellung im Stich ... Heinrich verbrachte bei der Tochter seines alten Freundes einen Abend, wie er solchen seit langem nicht gehabt hatte. In seltsam beruhigter Stimmung verließ er das Haus, das in einem Teile Roms gelegen, der auch für ihn, den Modernen und Jungen, Rom nicht war, sondern irgend eine fremde Stadt, etwa in Amerika drüben. Gleich einer Vision sah er unter dem Firmament die gewaltigen Umrisse der Engelsburg und des Vatikans, schwebte die Peterskuppel zwischen Himmel und Erde. Was hatten diese ewigen Stätten mit der Anhäufung häßlichen Mauerwerks zu schaffen, die ein geldgieriges Gründertum auf diesen welthistorischen Stätten aus dem Boden stampfte? Daß Roms Erde sich nicht empörte, ein derartiges Neu-Rom tragen zu müssen; der Tiber seine Wogen nicht anschwellen und aufsteigen ließ, um, die steinernen Bollwerke zerreißend und überflutend, dieses abscheuliche Rom zu vernichten! Auf dem Wege nach seiner Wohnung kam er an dem Lokal vorüber, wo er als Junggeselle viele Abende und manche halbe Nacht zuzubringen pflegte. Das Zimmer war in dem fremden Lande nach echt deutscher Art eingerichtet: spießig deutsch, mit rot und blau gewürfelten Tischdecken, mit schreiend bunten Reklamen von Wein- und Bierhäusern an den Wänden und einem Speisezettel mit den Leibgerichten der nordischen Heimat, darunter Wiener und Frankfurter Würste mit Sauerkraut als Höchstes aller irdischen Genüsse prangte. Obgleich Heinrich nach seiner Heirat abends häufig allein zu Hause blieb, suchte er die heimeligen Räume und die vertraute Genossenschaft seiner Landsleute nicht auf: das Verhältnis zu seinen guten Bekannten – Freund war ihm nur Rudolf Müller – war seit seiner Heirat mit der schönen Sabinerin ein anderes, weniger freundliches geworden. Gewiß lag die Schuld an ihm. Eigentlich war die Lockerung der alten Beziehungen durchaus natürlich; denn was hatte ein junger Ehemann – überdies der Gatte eines wahren Wunders von Schönheit! – in Bierlokalen zusammen mit sonst recht netten Landsleuten zu schaffen, obgleich diese samt und sonders eingefleischte Romfanatiker waren: Schriftsteller, Künstler, Archäologen, Historiker. Heinrich hatte diesen Vortrefflichen seit einiger Zeit wenig zu sagen. Und dann – Seit einiger Zeit betrachteten sie ihn mit ganz sonderbaren Blicken, wenigstens schien es dem Mißtrauischen so, behandelten ihn eigentümlich weich und schonend wie einen Schwerkranken oder als sei ihm ein Unglück zugestoßen. Ein derartiges Wesen vertrug er nicht. Auch der Ton, in dem sie zu ihm von seiner Frau sprachen, mißfiel ihm nicht nur, sondern erregte ihn. Er fühlte es jedesmal heiß in sich aufsteigen. Aus allen diesen Ursachen vermied er den Besuch jener gemütlichen Kneipe. Also schlich er auch heute an den hellerleuchteten Fenstern vorüber. Überdies hatte er die mit Frau Minardi verbrachten Stunden noch zu sehr im Herzen; aber unwillkürlich hörte er auf die lustigen Stimmen und das Lachen, welches aus dem Hause in die stille Gasse hinausdrang, und es überkam ihn dabei das Gefühl, als ob seine eigene Stimme nie mehr einen so übermütigen jungen Ton haben, er nie mehr so leichtsinnig jung würde lachen können ... In seiner Wohnung angelangt, fand er seine Frau noch nicht zurück. Wie öde und unbehaglich sein Heim war: sein »Heim«! Die toskanische Dienerin, die ihn verschlafen und verdrießlich empfing, erschien ihm schlampiger als je; der Salon, den er, um in sein eigenes Zimmer zu kommen, durchschreiten mußte, geschmackloser und aufgeputzter als je. In seiner ganzen Behausung fand er keine Spur weiblichen Waltens und fraulicher Sorgfalt oder gar Anmut. Er schickte die Magd zu Bett, setzte sich an das offene Fenster – es führte auf die Straße hinaus – und erwartete seine Frau. Er stellte sie sich vor in ihrer ganzen Herrlichkeit, die nur er kannte, und bei der bloßen Vorstellung erstrahlte die Öde um ihn her in dem Glanz ihrer Schönheit. Wie konnte er der Allmacht des geliebten Weibes gegenüber von mangelnder Anmut oder gar von dem Fehlen philiströsen germanischen Behagens reden? Neben der strahlenden Schönheit seiner Frau verblaßte das Bildnis der Gattin des schönen Italieners. Die Arme! Sie liebte den eitlen Fant; liebte ihn, wie vielleicht – so deuchte es ihn – nur die deutsche Frau einen Mann lieben kann. Freilich mochte bei dieser Liebe der deutschen Frau zu einem Mann zuviel Empfindung sein, zugleich aber auch etwas, wodurch die Liebe der deutschen Frau eine Weihe, eine Glorie erhielt. Natürlich war der hübsche Tagedieb seiner unschönen Gattin längst untreu geworden. Das gehörte nun einmal zu solchem Exemplar römischer Jugend, genau so wie seine falsche Eleganz. Untreu wohl mit welcher Frau!? Es konnte die Frau seines besten Freundes sein, und dieser beste Freund konnte es wissen, es dulden. Ehemann und Hausfreund teilten sich friedlich in das Weib, welches nur den einen liebte, der – nicht der Gatte war. Wenn er ein solcher Gatte wäre – Welche Vorstellung! Das war heller Wahnsinn! Dieser Heinrich Weber, der solche Gedanken zu denken vermochte – sie durchzuckten sein fieberndes Hirn wie ein Blitz – sollte sich selbst in ein Tollhaus schicken. Ein Wagen! Endlich! Mitternacht war längst vorüber. Das war für römische Geselligkeit freilich nicht spät; aber die Einsamkeit in seinem Hause und in seiner Seele hatten ihn zu tollen Einbildungen gebracht. Er sprang auf, ergriff die Lampe, eilte die Treppe hinunter, um der endlich Heimgekehrten selbst zu öffnen und sie gleich in seine Arme zu reißen. Gerade zur rechten Zeit kam er unten an und öffnete das schwerfällige Tor, als der Wagen hielt. Der Lohndiener sprang vom Bock und – Herr Amerigo Minardi war so freundschaftlich gewesen, seiner schönen Landsmännin das Geleit nach ihrem Hause zu geben. Achtes Kapitel Mit Mario Mariano ging, seine äußeren Verhältnisse betreffend, eine bedeutsame Veränderung vor: er fand Beziehungen zu einer römischen Zeitung, einem Salonblatt, einem Journal der eleganten Welt. Kalabresischen Banditen entsprossen, galt des jungen Mannes höchster Ehrgeiz, ein Emporkömmling in des Wortes verwegenster Bedeutung zu werden, ein Eroberer der Salons, ein Siegreicher in den aristokratischen Kreisen der Kapitale. Auch Ruhm begehrte er für sich. Nicht nur den Ruhm des Herrenmenschen, Ästheten und Wüstlings, sondern auch den Ruhm des Dichters; mit einem Wort: der Glorie des Genies. Doch sollte ihm auch sie nur Mittel zum Zweck sein, der in der rücksichtslosesten, der gewissenlosesten Ausbeutung aller Genüsse, der Genüsse einer verfeinerten Jugend, bestand, wie solche bisher selbst einem modernen, sogenannten dekadenten Geschlecht unbekannt geblieben waren: das Grobe, ja Gemeine mit dem Ästhetischen, dem »Ethischen«, verbindend. Als Dichter von Gottes Gnaden, als Mensch von eigenen Gnaden als Journalist bedenklichster Art, also als ein seiner Väter würdiger Enkel, begann der Mann mit Banditenblut in den Adern seine Laufbahn, die ihn zu Gipfeln, zu Sonnenhöhen emporführen sollte. Als man ihn auf der Redaktion jenes Blattes nach seinen Ansichten, Grundsätzen, Überzeugungen befragte, lächelte er, und es lächelte der Redakteur. Das Lächeln der beiden, des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers, bedeutete den Abschluß des Geschäfts, und der Neuengagierte machte sogleich einen glänzenden Anfang. Ein brillanter Stilist, von einer Sinnlichkeit, einer Sinnenglut, die wie ein betäubendes Parfüm wirkte und vor keiner Kühnheit zurückschreckte, wechselte er die Züge seiner äußeren sowohl wie seiner inneren Physiognomie wie seine Krawatte. Dabei trug er jedoch die hehre Miene eines unsichtbar Gekrönten zur Schau. Gleich seine ersten Artikel erregten allgemeines Aufsehen. Sie bestanden in Phrasen großen Stils, in literarischen Gesten, eines Cicero und Dante zugleich. Wie hätte es da im Vaterlande der Phrasen und Gesten solcher Persönlichkeit fehlen können, Karriere zu machen und eine »Zukunft« zu haben? Nur um den ersten Schritt handelte es sich, und Mariano tat ihn. Das Journal selbst stattete seinen Berichterstatter für dessen ersten Schritt in die Öffentlichkeit aus; und zwar war es die Ausstattung eines Dandy; doch nicht eines solchen nach dem gewöhnlichen Muster dieser anmutigen Menschengattung, sondern nach Herrn Marianos eigensten Angaben: auch in seinem äußeren Menschen wollte er keinem andern gleichen, so wenig wie in seinem Stil, wie überhaupt in allem, was menschlich war. Also komponierte er mit Hilfe eines großen Schneiderkünstlers ein erstes Kostüm für Piazza und Café Aragno, ein zweites für Korso und Nachmittagsempfänge und als drittes einen Frackanzug mit verschiedenen Westen, etwas bis dahin nie Dagewesenes in Stoff, Farbe, Schnitt. Dazu kamen ein Dutzend gleichfalls niemals gesehener Krawatten und verschiedene andre Toilettengegenstände, die seinen Eintritt in Roms elegante Welt, welche zum Teil Roms große Welt war, zum Ereignis machten, zur Sensation. Dieser Eintritt erfolgte in dem Salon der Marchesa Margherita di San Silvestro, und kein andres Debüt hätte glanzvoller ausfallen können; denn in dem Salon der Marchesa erschienen auf ihren Montagsempfängen nicht nur Herzoginnen und königliche Palastdamen, sondern auch Kardinäle und Prälaten; nicht nur die Töchter amerikanischer Millionäre und die Söhne schuldenreicher römischer Fürsten, sondern auch sonst alles, was es in Rom an berühmten Fremden und einheimischen Künstlern, Dichtern, Literaten gab oder was zu der lieben goldenen Jugend der Metropole gehörte. Diese reizende Jugend trug seit dem Tage des ersten Erscheinens des neuen Mannes nur noch Westen und Krawatten à la Mario Mariano, wagte jedoch noch nicht, sich bis zu dessen genialen Busenstreifen und Manschetten zu erheben. Mit einem Wort: auf bewußtem Empfang der Marchesa erschien in der schlanken Gestalt Mario Marianos Roms Modejünglingen ihr König. Es war daher für Rom ein modehistorischer Tag ... Er, Mario Mariano, schrieb Berichte. Sie waren so besonders wie der ganze Mensch. Roms elegante und große Welt las die Schilderungen ihrer selbst aus Marianos Feder mit Enthusiasmus. Wie wurde sie von diesem Manne verstanden! Er sah sie nicht etwa mit den profanen Augen des Berichterstatters, der für die Zeile so und so viel erhielt, sondern mit dem Seherblick des Poeten. Seine Schilderungen waren Oden, Sonette, ungereimte Ottaven. Robe, Spitzen und Schmuck, von Mario Mariano beschrieben, glichen einem Gemälde von Gainsborough oder John Lavary. Roms weibliche Berühmtheiten machten daher nicht mehr für einen Salon, nicht mehr für einen Liebhaber Toilette, sondern für Mario Mariano. Herzoginnen und Milliardärinnen umdrängten ihn, huldigten ihm. Ja, er hätte von mancher stolzen Römerin mit historischem Namen für eine Schilderung ihrer Person in einer Nummer der »eleganten Welt« einen ganz andern Preis fordern dürfen. Und auch sonst: dieser Liebling zweier Gottheiten, des Apoll und des Dionysos – von der dritten, minder göttlichen zu schweigen – , übte auch sonst auf seine weibliche Umgebung eine Wirkung aus, die etwas von Bezauberung besaß. Man hatte von einem »Dämonischen« in dem Manne reden können, wäre es nicht mit allzu unreinen Elementen vermischt gewesen ... Die zweite Phase in Marianos Weltleben war, daß er begann, in Roms ersten Salons – nur in diesen! – eigene Dichtungen zu sprechen. Er gab seinen Vorträgen die Stimmung von Weihestunden. Etwas Geheimnisvolles, Mystisches umschleierte Dichter und Werk. Die Zuhörerinnen, welche die Auszeichnung genossen, zugelassen zu werden, hatten in weißen Gewändern zu erscheinen, mit scharlachroten Rosen oder tiefblauen Irisblumen im Haar, der Saal war verdunkelt, und nur neben dem Sitz des Dichters durfte ein bläulicher Schein schimmern, in dem das bleiche Antlitz gleich einer Erscheinung aufleuchtete. Seine Feinde behaupteten – und in Roms ernsthafter Männerwelt gab es deren viele – , er schminke das Gesicht und färbe die Lippen. Aber er sprach hinreißend, und was er sprach, war große Poesie; war Poesie von Italiens Klassikern. Sowie sein Vortrag beendet, verschwand er, ließ seine Zuhörerschaft in schweigender Verzückung zurück, kehrte erst nach einer Weile wieder, nicht mehr als Verkünder und Priester, sondern als anmutiger Weltmann und hinreißender Causeur. Denn hingerissen von des Mannes Genius nahmen sich die Frauen die Kränze vom Haupt und legten die Blüten vor ihm nieder. Roms elegante und große Welt bedurfte eines solchen Sinnenzaubers, und Mario Mariano gab dieser Welt, wessen sie bedurfte ... Nun wohnte er nicht mehr in dem Rione der »Monti«, einst Roms verrufenstem und verruchtestem Stadtteil; nicht mehr in einer Art von Spelunke, in der er seine Gemeinde empfangen, die ihn als ihren poetischen Apostel und Italiens zukünftigen geistigen Freiheitshelden verehrte. Damals stillte Mariano den Hunger der Seinen durch glühende Reden, nährte er sie mit der von ihm entzündeten Begeisterung, während er selbst schon damals ein heimliches Wohlleben führte. Seit seiner wunderbaren Metamorphose hatte er in der vornehmen Via Gregoriana ein Quartier bezogen und in der Art eingerichtet, wie er sich kleidete, dachte, empfand. Daraufhin hatten jene häufig hungernden, gleich Proletariern gekleideten, von Patriotismus durchglühten Jünglinge von ihrem bewunderten Oberhaupt sich zurückgezogen. Sie suchten und fanden einen andern Ort, wo sie zusammenkamen, schlecht gekleidet und schlecht genährt wie zuvor; aber wie zuvor durchdrungen von dem, was sie Italiens zukünftige Größe nannten, die so sicher kommen würde wie der Anbruch eines jeden neuen Tages. Von den Fenstern seiner hochgelegenen Wohnung aus übersah Mariano Rom. Die Ewige Stadt lag ihm zu Füßen gleich den Herzen der Frauen, die seiner Magie erlagen. Hier türmte sich der Königspalast auf, dort die Papstburg. Das Kapitol, Roms geweihter Berg, stieg zwischen Biminal und Janiculus empor. Dem nämlichen Mann, der in Dantesker Sprache für Roms Größe einen überwältigenden Ausdruck fand, war es in tiefster Seele gleichgültig, wer über Rom herrschte: ob im Quirinal ein König, ob im Vatikan ein Papst; empfing er nur dereinst unter dem Jubel des Volks die Krone, mit welcher an jener durch Roms größte Erinnerungen geheiligten Stätte Torquato Tasso gekrönt worden war. Auch die neuen Gäste, die der Glorioso in seiner neuen Wohnung bei sich sah, erkannten in ihm den Herrn und Meister; auch sie lauschten seinen rhetorischen Übungen mit von Andacht durchschauerter Ehrfurcht; auch sie glaubten an seine poetische sowohl wie seine politische Mission. Sie begehrten nicht, ihm gleichen, sondern nur ihm nachstreben zu dürfen; wobei dieses Nachstreben sich freilich lediglich auf des Meisters äußeren Menschen beschränkte. Aber mochten sie auch noch so tönende Reden führen, die Farben seiner Krawatten tragen und von dem Schneider des Erleuchteten aus dem nämlichen Stoff, nach dem nämlichen Schnitt ihre Morgengewänder sich anfertigen lassen. Er selbst blieb für sie unerreichbar. Denn wie er die großen Worte sagte und wie er seine Gewänder trug! Eben das war das Geheimnisvolle dieser eigenartigen, dieser einzigen Persönlichkeit. Seine mit den Wandtäfelungen, den geschnitzten Gerätschaften und altchristlichen Gemälden eines von der Regierung des geeinigten Königreichs aufgehobenen Franziskanerklosters ausgestattete Wohnung empfing auch Damenbesuch; doch befand sich darunter keine von der Gasse aufgelesene junge Dorfschullehrerin, die von den Sümpfen dort unten einem brutalen Verführer entflohen war, um in der Kapitale in die Hände eines Verderbers zu fallen: in Hände, die die Verführte fortwarfen, nachdem sie sich kaum nach ihr ausgestreckt hatten. Die Damen, die den Apollinischen besuchten, kamen einzeln und heimlich zu später Stunde, mit zynischem Lächeln von einem Bedienten eingelassen, der verdient hätte, in dem achten Ringe von Dantes Hölle die Strafe des Kupplers zu erleiden. Auch jetzt hörten jene frommen Gerätschaften und blassen Heiligenbilder Seufzer der Inbrunst, Stammeln der Entzückung, und ein in Elfenbein geschnitzter Gekreuzigter aus dem Cinquecento schaute mit brechenden Augen auf eine Welt herab, welche Christus durch seinen Martertod von ihren Sünden und ihrem Leid nicht erlöst hatte. Es konnte dann geschehen, daß eine dunkelgekleidete, tiefverschleierte Frau im Morgengrauen das Haus des Sängers aller Erhabenheiten verließ; daß die Verhüllte, der Spanischen Treppe zuschreitend, aus der Kirche der heiligen Dreieinigkeit den Morgengesang der französischen Nonnen vernahm. Die frommen Töne schwebten über dem erwachenden Rom gleich den seligen Stimmen einer anderen Welt, einer Welt der Reinheit und Entsagung, des Glaubens und der himmlischen Liebe; einer Welt, für die Christi Kreuzestod nicht vergebens gewesen. Und es konnte geschehen, daß die von einer Liebesnacht in den Tag und in das Leben zurückkehrende Frau plötzlich wie gebannt stehen blieb, regungslos auf die weihevollen Klänge lauschte und sich von Schauern überlaufen fühlte, von einem Grauen vor dem Unbekannten und Unheilvollen wie vor einem furchtbaren Schicksal, welchem sie verfallen war. Neuntes Kapitel Inzwischen hauste der junge Sabiner in seinem feuchten Loch bei der Flaminischen Straße, nahe dem Tiber; dort, wo diesen keine haushohen Steinwände engten, seine Fluten also bei starkem Regenwetter das Ufer überschwemmten und in Sumpf- und Fieberland verwandelten. Es war Orazio gelungen, im Ministerium des Äußern eine Schreiberstelle zu erlangen, so elend bezahlt, daß sie seine Gefährtin und ihn gerade nur vor dem Verhungern schützte. Wäre er aber auch eines langsamen Hungertodes gestorben, so hätte er diesem mit Wonne entgegengesehen; gewährte ihm doch seine Tätigkeit die Gelegenheit, Einblicke in allerlei Verhandlungen und Beschließungen von Italiens äußerer Politik zu erlangen; auch von Italiens geheimer Politik! Und wo ihm sein Amt als kleiner Kopist eine derartige Möglichkeit nicht gestattete, gab es in seinem Vaterlande Mittel und Wege genug, durch die er sich solche Einblicke verschaffen konnte; denn auch für diesen leidenschaftlichen Geist heiligte das Mittel den Zweck. War doch der Jüngling, der aussah wie ein hochaufgeschossener kränkelnder Knabe, um eines viel geringeren Zweckes willen beinahe zum Totschläger geworden ... Seit dem nächtlichen Gang vom Viertel der »Monti« durch den Korso bewohnte Orazio seinen Schlupfwinkel also nicht mehr allein; das kindliche Geschöpf, welches von dem damals noch unberühmten Banditenabkömmling von der Gasse aufgenommen und auf die Gasse wieder zurückgeworfen wurde, war Orazios getreue Genossin geblieben; war seine rührige Gehilfin geworden. Ihr Leben gehörte ihm; denn er hatte es dem Tode abgerungen, dem sie ohne seine Bruderliebe unrettbar verfallen wäre. Also sollte er mit ihrem Leben nach seinem Willen schalten; sollte nun auch sie ihr Leben dem Vaterlande weihen. Seine Mitarbeiterin sollte sie werden bei dem großen Werk eines heiligen Egoismus, bei dem jeder gute Italiener mithelfen mußte, um dem Genius Italiens sein ihm einzig würdiges Gewand zu wirken: das scharlachrote, das blutrote der Republik! Auch die arme kleine Lehrerin sollte helfen, den mit einem besonderen Saft gefärbten Faden zu spinnen und des blutroten Gewandes Weberin zu sein. Sie agitierte, und zwar in Kreisen, in denen die Frauen ebenso ärmlich gekleidet gingen und ebenso häufig nicht satt zu essen hatten wie sie selbst; in Kreisen, in denen sie bei ihresgleichen und zu Hause war. Die meisten dieser Frauen in Italiens Hauptstadt waren Analphabetinnen; aber ihresgleichen waren sie doch: Hefe des Volks, daraus viele Lehrerinnen des Volks hervorgehen, unwiderstehlich getrieben von einem geistigen Samaritertum für dieses arme, unwissende Volk ihres Vaterlands, welches auf einer Kulturstufe zu stehen behauptete, die zu Gipfelhöhen der Zivilisation emporführte. Die Frauen, zu denen die Volksschullehrerin ging, lebten inmitten der Hauptstadt in höhlenartigen Wohnungen, nicht viel besser als die Leute von Bellegra in ihrer Felsenöde; nur daß jene Alpenluft atmeten und über einer Welt höchster Herrlichkeiten thronten. Diese Frauen gebaren ihren Männern, rohen und unwissenden Arbeitern, Jahr für Jahr ein Kind, Zukunftsgeschlechter Italiens, die aufwuchsen, wie Kinder solcher Eltern in solcher Umgebung aufzuwachsen pflegen. Solchen Frauen waren Kirchen und Rosenkranz, Lottospiel und Lottobuch schönste Lebensfreude, zu denen sich an Feiertagen ein Gericht von in ranzigem Fett gebratenen Artischocken oder Makkaroni gesellte; waren liebste Zerstreuung die Zänkereien mit den Nachbarinnen, freudigste Erregung ein Totschlag aus Eifersucht oder Neid. Was wußten solche Frauen viel von einer Regierung – den Heiligen Vater hielten sie für gefangen – , was wußten sie anderes, als daß auch sie, die Armen, Steuern zahlen, Kinder gebären und Not leiden mußten: immer höhere Steuern zahlen, immer größere Not leiden! So kam denn die Abgesandte des jungen Fanatikers gerade zur rechten Gemeinde und gerade zur rechten Zeit. Sie verkündigte das Evangelium für das italienische Volk: die Freiheit des Volkes, gleichbedeutend mit Geld und Wohlleben, also mit irdischer Glückseligkeit ... Wenn Orazio spät abends von seinem Dienst zurückkehrte, so fand er die Gefährtin seiner wartend. Für ihn war es eine neue und sehr eigentümliche Empfindung: jemand erwartete ihn! Vielleicht ungeduldig, vielleicht sogar sehnsüchtig. Er fand in seiner traurigen Behausung die Spuren einer anderen Gegenwart; fand darin Ordnung und Sauberkeit. Durch einen Strauß wilder Blumen, auf den nahen Tiberwiesen gepflückt und in einem buntbemalten Tongefäß blühend, verriet sich die Frauenhand, die selbst solchem trostlosen Raum einen Hauch von Anmut verlieh. Mit wahrer Gier verfolgte Orazio Italiens Krieg drüben in Afrika. Würde doch Italien geschlagen, besiegt, gedemütigt, zerschmettert! Zerschmettert dieses Italien eines schändlichen Königtums und einer noch schändlicheren Regierung, die das Volk zu Raubzügen anstiftete, in denen das Leben seiner Söhne verblutete, von wilden Horden gemetzelt. Denn nur aus einem besiegten, einem gedemütigten und zerschmetterten königlichen Italien konnte ein republikanisches Italien erstehen. Sollten keine schmachvollen Niederlagen in Afrika zu solcher Demütigung und Zerschmetterung verhelfen, dann, ja, dann – Aber sie waren Italiens Bundesgenossen; waren es noch! Schon wieder dieser Gedanke! In seiner ganzen Ungeheuerlichkeit stieg er in Orazios Seele wieder und wieder als einzige Rettung für sein Vaterland auf. Wenn Italien von seinen verhaßten Feinden, die seine getreuen Bundesgenossen waren, geschlagen, gedemütigt, zerschmettert wurde, so – So mußte Italiens Schmach zu seiner Erhebung führen. Italiens Schmach würde das Königreich zusammenstürzen machen wie ein Kartenhaus. Eine blutige Sturmflut würde über Italien hereinbrechen, und wie die Königin der Liebe aus weißem Wellenschaum geboren ward, ebenso göttlich würde Italiens Freiheit dem flutenden Purpur entsteigen, zur Sonne empor, empor zu Glanz, zu ewigem Ruhm .... Berauscht von diesem Gedanken, davon trunken wie von schwerem Wein, malte Orazio der Genossin seiner Träume die Zukunft Italiens in Tizianischer Farbenpracht. In diesem Zustand von Ekstase taten die beiden jungen Menschenkinder das Gelöbnis: »Der Tag, an dem auf dem Kapitol die Republik verkündigt wird, soll unser Hochzeitstag sein. Wenn Italien mit der Freiheit Vermählung hält, begehen auch wir unseres Lebens höchste Feier. Dann – und nur dann! – für Italien und für uns das Glück.« Und der Verlobte zitierte in flammender Begeisterung den Vers des römischen Dichters: »Tu regere imperio populos, Romane, memento!« Zehntes Kapitel Auf Sor Rodolfos greises Haupt regnete es Ehren über Ehren herab. In der Kunstausstellung der Via Nazionale hatte die Königinmutter sein Gemälde: »Die Grotte San Benedikts bei Subiaco« nicht nur angekauft, sondern die gütige Majestät wollte dem Künstler, dessen gnädige Gönnerin sie seit langem war, persönlich für die Freude danken, die sein Bild ihr bereitet hatte, Das war nun wiederum einer jener feinen Herzenszüge, wegen derer die hohe Frau in Rom bei den gefühlvollen Deutschen – sie waren nun einmal die sentimentalen Deutschen – besonders innig verehrt wurde. Während Dame Filomena die Auszeichnung, die ihrem Herrn widerfahren sollte, als etwas durchaus Selbstverständliches mit kühler Hoheit hinnahm, geriet Tante Minchen in heftige Erregung. Gewiß war die weiße Weste nicht steif genug gestärkt, die weiße Krawatte schon einmal getragen. Und erst ihres Bruders Zylinder! Tante Minchen hegte den nicht unbegründeten Verdacht, daß die heutigen Zylinderhüte nicht mehr ganz die Mode von vor dreißig Jahren waren, zu welcher Zeit ihr Bruder zur Feier seiner Hochzeit die erste und letzte dieser feierlichen Kopfbedeckungen sich angeschafft hatte. Und dann – »Du legst natürlich deine sämtlichen Orden an? Deine Stiefel sind einfach unmöglich! Du mußt englische Lackschuhe anziehen. Dazu schwarze Seidenstrümpfe. Selbstverständlich bestellst du dir einen Mietwagen und einen Lohnbedienten. Auf dein Taschentuch werde ich sehr viel kölnisches Wasser tun; denn du wirst lange warten und stehen müssen, und das verträgst du nicht. Auch mußt du vorher eine tüchtige Mahlzeit einnehmen, sonst wird dir schwach, wie neulich im Palazzo Caffarelli an Kaisers Geburtstag.« Aber Sor Rodolfo erklärte, weder einen einzigen Orden anzulegen noch englische Lackschuhe und schwarze Seidenstrümpfe zu tragen; denn die Audienz bei ihrer Majestät sei vormittags elf Uhr. Ferner werde er auch keinen Mietwagen und keinen Lohnbedienten nehmen. Das Wetter sei herrlich und er freue sich auf den Spaziergang zum Palazzo Piombino, wo die Königinmutter residierte. Schade, daß die gütige Majestät nicht die Gnade hatte, ihn nachmittags zu empfangen, da vormittags seine beste, jetzt sogar seine einzige Arbeitszeit sei. Auf welche anmaßende Beschwerde Tante Minchen entrüstet fragte: ob Ihre Majestät sich etwa nach seiner Arbeitszeit richten solle? »Aber den Frack wirst du doch anziehen? Und zu der weißen Weste und weißen Krawatte weiße Handschuhe? Mein Gott, dein Frack ist uralt!« »Beruhige dich, Liebe, ich ziehe den Frack nicht an.« »Nicht den Frack? Wenn man zu einer Königin befohlen wird, und dann nicht den Frack! Und zu Fuß! Das ist ja ganz unschicklich!« »Ich nehme Gehrock und graue Handschuhe. Es ist ja doch vormittags, Minna!« »Ach was, ich heiße Minchen ... Nimm wenigstens silbergraue Glacé!« Letztere beschwörende Bitte wollte Tante Minchens Bruder denn auch erfüllen ... Im feierlichen Gehrock, dem berühmten Kennzeichen deutscher Gelehrsamkeit, behandschuht mit den Silbergrauen, behutet mit dem Zylinder von vor dreißig Jahren, machte sich der Professor auf den Weg hinauf nach dem Quartier der ehemaligen Villa Ludovisi. Bereits auf der Treppe lief ihm sein Schwesterlein noch nach und steckte ihm ein zweites Taschentuch ein: »Damit du dir vor dem Palast die Schuhe abstauben kannst. Wenigstens das wird Ihre Majestät doch wohl von dir verlangen dürfen? Oder nicht?« Den bittern Hohn der letzten Worte überhörend, gab er zu, das Abstauben seines Schuhwerks für Italiens verwitwete Majestät tun zu können. Endlich ging er. Natürlich war es ein strahlender Tag – Sor Rodolfo konnte sich in Rom überhaupt nur auf solche Tage besinnen – und zwar war es ein Märztag von göttlicher, vielmehr von echt römischer Herrlichkeit. Dazu das Treiben auf den Straßen. Auch Rom war eine moderne Großstadt geworden; aber in welcher modernen Großstadt sah man Gestalten wie selbst in diesem Viertel Roms, das Fremdenviertel genannt, Bauernvolk aus der Campagna und dem Gebirge; Fuhrwerke, von mächtig gehörnten weißen Ochsen gezogen, buntbemalte zweirädrige Karren, hoch mit Weinfässern beladen, Pferde oder Maultiere mit blitzblanken Messingschellen, roten Schnüren, grünen Quasten aufgeputzt, von einem jungen, banditenhaft aussehenden Bettlerin gelenkt, der unter seinem gleichfalls phantastisch geschmückten spitzen blauen Zeltdach malerisch hingegossen faulenzte, wie direkt aus einem Gemälde des Franzosen Robert auf seinen Hochsitz versetzt. Wie gesagt: in welcher andern Großstadt begegnete man solchen Gestalten, sah man solche Bilder? Sogar Herden blökender Schafe, zottiger Ziegen, von einem Hirten geführt, der in seinem Fellkostüm einem modernen Satyr glich, konnte man in dieser wundersamsten aller Städte treffen und das mitten im neuen Rom. Es war einfach berauschend, von römischer Sonne und römischem Licht gar nicht zu reden, die den nüchternsten Mann trunken machen mußte. Wie oft ärgerte sich der Professor über die Weiber aus dem Gebirge, die mit ihren Kindern jeden Fremden anbetteln. Aber auch ihm drangen sie mit süßem Lächeln ihre Sträuße auf; ihm, dem alten Römer, die Blumen in scheußlichem Deutsch anbietend, eine ihn immer wieder entrüstende Kränkung. Wie unrecht er mit seiner Empörung hatte! Gehörten nicht auch diese Gestalten zu den römischen Figuren, welche die Zeit beinahe beseitigt hatte? Hätten ihn die Weiber und deren Rangen – jede einzelne derselben war ein lebendiger Raffael! – nur nicht auf deutsch angebettelt, ihn also nicht auf den ersten Blick als Germanen erkannt! Vollends heute, wo er sich im Gehrock mit dem Zylinder auf dem ehrwürdigen Haupt auf dem Wege zu Italiens einstmaliger Königin befand, war ihm das ewige Deutsch-Radebrechen unleidlich. Aber der Tag war gar zu strahlend, und Frauen und Kinder streckten ihm die ersten Veilchen entgegen: Veilchen von Tusculum! Man mußte in Rom leben, mußte auf den Höhen über Frascati, zwischen den Ruinen Tusculums die dunkelvioletten Veilchen gepflückt haben, die schon Plinius gekannt und beschrieben hat, um zu wissen, welche Welt von Schönheit in seiner Seele aufstieg bei dem Klang der drei Worte: »Veilchen von Tusculum!« Ihm schien der ganze Spanische Platz nach diesen tusculanischen Frühlingsblumen zu duften. Und erst die Spanische Treppe! Zwischen Bollwerken rosiger Pfirsichzweige stieg der Künstler zur Trinità de Monti hinauf. Der weiße Schaum der Mandelblüten war bereits zerronnen; aber die sanfte Glut der Pfirsichblüte begann in der Campagna aufzuleuchten und Tusculums Hügel bedeckten sich mit duftendem Purpur. Also war es für den Alten Zeit, hinauszueilen und dem römischen Frühlingszauber zu verfallen, das Schicksal preisend, daß er es konnte: noch dieses eine Mal, vielleicht ein letztes Mal! Nein, nein! Kein letztes Mal! Er wollte noch leben, um Roms Herrlichkeit erleben zu dürfen: Frascati – Tusculum – Villa Falconieri! Gleich am nächsten Sonntag wollte er hinaus nach Frascati, hinauf nach Tusculum und in die Villa Falconieri. Würde er doch in dem ehemaligen »leuchtenden« Hause des alten deutschen Poeten zu Hause sein: in Deutschland! In Deutschland, hoch über der Campagna Roms ... Durch die Sistinische Straße, über den Barberinischen Platz gelangte der zur Audienz Befohlene in das obere Quartier, welches noch vor wenigen Jahrzehnten Roms Villen mit ihren Gärten, Hainen, Laubgängen, Terrassen einnahmen, Villa Ludovisi! Einem Traumbilde gleich stieg sie vor seinem inneren Auge auf. Als Jüngling war er in den Schatten ihrer Steineichen getreten, unter deren Wipfeln Winckelmann und Goethe gewandelt waren, in deren elendestem aller Museen, einem Gebäude wie ein Schuppen, ein Stall, hatte der Jüngling Rudolf Müller Goethes »Römischer« Liebe gehuldigt: der Juno Ludovisi, deren Göttlichkeit den unwürdigen Raum zum Heiligtum weihte. Das war anders, ganz anders geworden, gleich so vielem in der neuen Zeit, bei dem neuen Geschlecht. Immerhin dunkelten noch auf der Stätte des einstmaligen weltberühmten Kasinos einige der Laubgänge und feierlichen Wipfel und den prunkenden Bau, der auf dem klassischen Lokal sich erhob, machte der Geist einer wahrhaft königlichen Frau zu einer Residenz der Frauenhoheit ... Diese Leute waren dem Professor recht herzlich zuwider: nämlich der diensttuende Kammerherr und verschiedene andere Persönlichkeiten des Hofes, an denen er vorbeigelangen mußte, bevor er bei Ihrer Majestät vorgelassen wurde. Es war, als träte er einen demütigen Bittgang an; als ob er etwas von der Königin begehrte und um die Gnade eines Empfanges untertänigst nachgesucht hätte. In einem Vorsaal mußte er lange warten. Die daselbst versammelte Hofgesellschaft schien den alten Herrn als komische Figur zu betrachten. Ihm deuchte, als hielte man sich über ihn auf, als belächelte man sein Schuhwerk, die Form seines Zylinders, den Schnitt seines Gehrockes und die weiße Halsbinde, die er auf die flehentliche Bitte seiner Schwester hin widerstrebend angelegt hatte, in dem unbehaglichen Gefühl, Gehrock und weiße Krawatte paßten nicht zusammen. Eine der Damen lorgnettierte ihn unverhohlen und der Herr Kammerherr schien ihn für eine Art Lakaien zu halten; jedenfalls lieferten die Herrschaften kein Beispiel jener hochberühmten römischen »gentilezza«, wie Rudolf Müller mit lebhaftem Bedauern sich selbst gestehen mußte. Denn für ihn sollte unter Italiens Himmel alles edel und gut sein; sollten das selbst die Manieren eines Postbeamten oder sonst einer titulierten Persönlichkeit des Sonnenlandes. Endlich wurde er von jenem wenig gentilen Herrn Ihrer Majestät zu der Königin geführt. Es geschah mit einem Gesicht, als wollte der vornehme Herr Ihrer Majestät mit aller Untertänigkeit die Frage vorlegen: Wie können Majestät diesem lächerlichen Deutschen die Huld Allerhöchst Ihres Anblicks gewähren?' Königin Margherita empfing den Professor in einem langen und schmalen, einer Galerie ähnlichen Saal. Sie trug tiefe Trauer und die englische Witwenhaube. Der Kopf war immer noch schön. Hätte sie sich erhoben, so würde sich in ihrer Gestalt ein Mißverhältnis gezeigt haben. In vorzüglichem Deutsch begrüßte sie den greisen Künstler wie einen guten Bekannten, mit etwas schwerer Zunge, überaus schnell sprechend. Nachdem sie sich mit dem Takt einer edlen Frau über die von der modernen Jugend überwundene Kunst des alten Herrn geäußert, brachte sie das Gespräch auf Deutschland; überhaupt auf deutsche Art und deutsches Wesen, zu dem sie sich nicht nur als blutsverwandt, sondern auch als wahlverwandt bekannte. Ihre Worte klangen wie ein Hymnus auf Deutschland, wie ein Nachhall auf das Hohelied der Deutschen: »Deutschland, Deutschland über alles!« Und die Königin sprach zu dem alten deutschen Künstler von ihrer Freundschaft mit dem verstorbenen Kaiser Friedrich. Dabei hatte sie Tränen in den Augen. Wahr und wahrhaftig: die Königin Margherita von Savoyen weinte! Und die hohe Frau sprach von Deutschlands und Italiens Bundesgenossenschaft, von Italiens und Deutschlands Brüderschaft; und daß diese für beide Länder nicht nur eine Notwendigkeit sei, sondern für Italien ein Glück. Die einstmalige Herrscherin Italiens sprach von diesen bedeutsamen Dingen mit solchen Herzenstönen, daß Rudolf Müller glücklich und stolz wurde: glücklich über Italiens Liebe zu Deutschland, die sich ihm in der Liebe der königlichen Frau offenbarte; stolz, weil er ein Deutscher war ... Immer wärmer ward der Ton der Majestät gegenüber dem Künstler. Sie, die Gemahlin König Umbertos, erzählte ihrem ergriffenen Zuhörer die Geschichte der verschiedenen Attentate auf den König, der in Monza dem letzten Anschlag auf sein Leben zum Opfer fiel. Von dem Überfall vor der tragischen Katastrophe berichtete die Königin: »Auf der Via Latina fuhr ich hinaus nach den Capanellen zu den Rennen. Nicht weit hinter dem Tor kommt meinem Wagen ein ländliches Gefährt entgegen, ein Karren. Die Straße ist wegen der Rennen gedrängt voll von Fuhrwerken, Reitern, Fußgängern. Es entsteht eine Stockung. Auch jener Karren hält. Ein junger Mann und ein junges Weib sind die Insassen. Bei meinem Anblick erhebt sich der junge Mensch, grüßt mich. ›Gräfin, sahen Sie jenen Menschen? Sahen Sie des Menschen Blick? Weshalb starrte er mich so an? Es war ein schrecklicher Blick, ein Mörderblick!‹ In meiner Erregung ergreife ich meine Dame beim Arm. Ich zittere, fühle die Nähe von etwas Unheilvollem, Grauenvollem. Die Gräfin versucht, mich zu beruhigen. Wir fahren weiter. Ringsum blüht und grünt das Land in Frühlingspracht; auf den Ruinen glühen wilde Levkoien, leuchtet mit goldigen Blumenkronen silbriger Fenchel, Lerchenchöre jubilieren über jungen Saaten, Herden weiden, die Felder färbt blutroter Mohn. Er war wirklich blutrot.« Nach einer Weile tiefen Schweigens sprach die hohe Frau weiter. Die Blässe ihres Gesichts hatte einen Hauch wie antiker Marmor. Sie sagte: »Ich komme zum Rennplatz. Man wartet bereits. Aber der König ist noch nicht angelangt. Also warten wir auf den König. Er hat sich verspätet, das ist bei ihm etwas Ungewöhnliches. Meine mir selbst unverständliche Erregung wächst, wird zur Sorge, zur Angst. Wir warten und warten. Endlich kommt der König. Ich eile ihm entgegen und weiß plötzlich: etwas ist geschehen! Etwas Furchtbares! Und ich rufe ihm zu: ›Du lebst!‹ ›Ich ward nicht einmal verwundet! Aber woher weißt du? Woher kannst du wissen?‹ ›Ich weiß und ich weiß auch, wer das Attentat verübt hat.‹ Ich wußte es sogleich. Jener junge Mensch mit dem Mörderblick war's. Von Ihrem Kaiser kamen die ersten Glückwunschdepeschen. Wir sind freilich Bundesgenossen, Freunde, Brüder ...« Alsdann die Geschichte des letzten unseligen Attentats, von der Königin dem alten Herrn wie einem guten Bekannten erzählt. Und auch jetzt wieder mit dem Ausdruck wärmsten Empfindens die Worte: »Von Ihrem Kaiser und Ihrer Kaiserin erhielt ich die schmerzlichsten, die herzlichsten Beileidsbezeigungen.« Rudolf Müller fand das durchaus natürlich ... Er sagte zu der Königin Margherita von Savoyen: »Majestät bezeigen sich gegen mich so überaus gnädig. Darf ich mir daher eine Bitte gestatten?« »Gewiß, lieber Professor.« »Es betrifft den Vogelmord in Italien – ich finde dafür kein andres Wort. Erweist sich die Regierung als ohnmächtig, diesem widerwärtigen Treiben zu steuern – es ist ein Schandfleck auf dem Glanz des Sonnenlandes – so könnten vielleicht Majestät dagegen ihre Stimme erheben. Ich bitte Majestät. Inständigst bitte ich.« »Ich kann nicht.« »Majestät können nicht?« »Nein.« »O Majestät!« »Ich bin machtlos, vollkommen machtlos!« »Italiens angebetete Königin machtlos in solcher Sache?« »Lassen Sie sich die Summe nennen, die Italiens Regierung durch den Erlös der Jagdscheine erhält, und Sie werden verstehen, weshalb ich machtlos bin.« Aber Rudolf Müller rief von neuem: »Machtlos, diesem abscheulichen Hinmorden von Scharen harmloser Singvögel zu wehren?« »Ich versichere Sie, es ist so, wie ich sage.« »Das ist traurig, sehr traurig. Ich hoffte so sehr auf Majestät.« »Sie hofften vergebens.« Der diensttuende Kammerherr trat ein, und Professor Müller wurde verabschiedet. Es geschah aufs gnädigste, gütigste. Der Saal, in dem der Empfang stattgefunden hatte, war, wie berichtet, eine Art von Galerie. Rudolf Müller machte seine Verneigung, kehrte sich um, tat einige Schritte, wandte sich zurück, verneigte sich wiederum und so ein drittes Mal unmittelbar vor dem Ausgang, Im Vorzimmer sagte der Kammerherr – und er sagte es mit unbeschreiblicher Miene, in unbeschreiblichem Tone: »Wissen Sie, was Sie taten?« »Was ich tat?« »Sie kehrten Ihrer Majestät den Rücken.« »Ich mußte ja doch hinausgehen, und der Saal war sehr lang.« »Ganz gleich. Man kehrt einer Königin nicht den Rücken, mein Lieber.« Elftes Kapitel Auf Sor Rodolfos Seele lag ein Druck, davon er sich befreien mußte. War es das seit ihrer Heirat so stille Gesicht seiner Tochter; war es die Ehe seines jungen Freundes, aus dessen Mienen gleichfalls eine fast trostlose Traurigkeit sprach, oder war es das Alter, der Anfang seiner Ermattung, seiner Müdigkeit? Genug, der Professor fühlte auf sich etwas Dumpfes lasten und versuchte, seiner Art nach, damit fertig zu werden. Seine Art aber war ein Hinauseilen in die Natur, eine Flucht in Einsamkeit, ein Sichversenken in Schönheit, in die hehre Schönheit der Campagna Roms. Wenn sein Gemüt solchen Stimmungen erlag, ließ ihn Tante Minchen ungehindert seiner Wege gehen, und selbst Dame Filomena führte an dergleichen Tagen ein mildes Zepter, bemüht, die Macht ihrer Persönlichkeit durch eines ihrer berühmten Gerichte zu verstärken; etwa durch risotto al sugo , oder spaghetti alla Napolitana , Besänftigungsmittel, die wie ein leises Streicheln wirkten, gegen welches Tante Minchens zarteste Schwesterliebe nicht aufkommen konnte. Heute also fuhr Sor Rodolfo, frei wie in seinen Jünglingsjahren, mit dem Frühzug hinaus nach Frascati. Wie in seinen Jünglingsjahren – Das war damals, als er, nicht viel reicher als eine Kirchenmaus, jeden Morgen mit Skizzenbuch, Farbenkasten und einem halben Dutzend Apfelsinen im Rucksack, aus einem der Tore Roms hinauswanderte, um erst am späten Abend zurückzukehren. Mal für Mal in feierlicher Stimmung mit einem stummen Dankgebet, daß ihm gütige Götter diese Heimkehr gewährten, ein wahres himmlisches Gnadengeschenk. Die Porta del Popolo, durch welche Goethe seinen Einzug gehalten, dann erst Roms sicher sich fühlend, bildete damals den Beginn seiner Wanderungen. Von dort aus schlug Rudolf Müller von Tor zu Tor um Rom einen Kreis, bis er nach einem vollen Jahr wieder anlangte, von wo er ausgegangen war, sein Skizzenbuch bis zur letzten Seite angefüllt mit Studien der römischen Landschaft, sein Herz voller Begeisterung für ihre Herrlichkeiten, die Erhabenheiten waren. Das halbe Dutzend Orangen war über Tag seine Nahrung gewesen, köstliche Mahlzeiten, eingenommen unter einer knorrigen Steineiche, auf blumiger Hügelwelle, bei den Ruinen einer antiken Wasserleitung oder eines mittelalterlichen Wachturms, jubilierende Lerchenchöre über sich, vor sich unabsehbar weit das Land vom Gebirge bis zum Meeresstrand. Das waren Zeiten gewesen! Sie kehrten so wenig wieder, wie die unberührte Schönheit der römischen Landschaft wiederkehren konnte, die damals noch Wüste und Wildnis war. Jetzt hatte sie sich zum großen Teil in Kulturland verwandelt, auch dies eine Metamorphose, darüber nur Künstler, Poeten und ähnliche sonderbare Schwärmer Klage führen konnten... Eine Fahrt durch die Campagna, selbst im Bahnzuge mit keiner andern Fahrt zu vergleichen. Sor Rodolfo kannte den Bogen eines jeden Aquädukts, jede Wölbung einer Ruine, jeden Blick auf das ferne Sabinergebirge, dessen höchsten Gipfel ein leuchtender Schneemantel einhüllte. Im Vordergrund antikes rotbraunes Gemäuer, smaragdgrüne Pinienwipfel, ein letztes Stück Weideland mit einer Herde Schafe und silbergrauer Rinder oder einem Trupp wie in glückseliger Freiheit lebender langschweifiger Pferde. Ein Bild neben dem andern! Hinter der Station Ciampino begann die Bahn anzusteigen. Sor Rodolfo begrüßte den von Kastanien umwaldeten, noch winterlich violetten Gipfel des Monte Cavo, der einstmals Latiums höchstes Heiligtum trug; begrüßte den lichten Kranz der albanischen Weinstädte, während er auf der andern Seite bis zu den fernen Grenzen Umbriens mit dem Monument des Soracte schaute und im Vordergrund Rom lag, als lang sich hinziehender schimmernder Streifen, überschwebt von der wie von unsichtbaren Händen emporgehobenen Peterskuppel. Höher stieg die Bahn, umfassender wurde der Blick. Gen Westen ein leuchtendes Band: das Meer; gen Osten Gipfel an Gipfel: der Apennin; zu beiden Seiten längs der Bahn silbriger Ölwald, von blühenden Pfirsichbäumen rosig durchglüht. Jetzt eine bunte Stadt, eingebettet in Oliveten, Vignen, Gärten, Hainen. Landhäuser, von denen jedes ein Palast war, stiegen auf, Frascati ward sichtbar, die Perle des Albanergebirgs, ein Paradies der Erde, in eng umgrenztem Raum eine Welt von Schönheit ... Es war gerade ein Festtag: Frascati feierte den Jahrestag seiner Gründung nach Tusculums Zerstörung durch Rom. Damals hatten sich geflüchtete Tusculaner unterhalb ihres Berges aus Zweigen Hütten gebaut. Also war es ein Laubhüttenfest, welches die Frascataner zur Erinnerung an die mythische Gründung ihrer Stadt in harmloser Fröhlichkeit begingen. Wie ein Jüngling ließ sich der Alte von dem Strom der Feiernden erfassen und fortführen. Den Hohlweg zwischen den Villen Torlonia und Belvedere ging es unter Musik und Gesang hinauf, eine Wallfahrt fröhlicher, also frommer Menschen. Auf der Höhe der albanischen Landstraße angelangt, wälzten sich die bunten Scharen seitwärts in die aldobrandinischen Wiesengründe, die dem Volk an diesem einen Tage für Fußgänger, Fuhrwerk und Reiter geöffnet waren. Sprießende Knospen vergoldeten über und über die Ulmenbäume, die Matten färbten violette Anemonen, die Lüfte schallten von Lerchenjubel, der Monte Cavo in seinem Purpurgewand glühte herüber, und in der Ferne stiegen über der Wildnis des Algidumtals in tiefer Bläue die Volskerberge auf. Jetzt wurde dem Professor feierlich zumut. Auf antiker Straße, einem Pflaster aus bläulichem Basalt, dessen gewaltige Blöcke soeben erst kunstvoll aneinandergefügt schienen, an zerstörten Grabmalen und Kolumbarien vorüber, führte der Weg zu den tusculanischen Höhen hinauf. Auf dieser nämlichen Straße war Tusculums mythologischer Gründer, der Sohn des Odysseus und der Circe – dort drüben ragte der Fels der argen Zauberin! – den Berg hinangezogen; waren hinangezogen alle die Helden aus Tusculums großer Zeit; war hinangezogen der aus Rom fliehende Tarquinierkönig; waren hinangezogen Roms Kaiser, darunter Tiberius, wenn er von seinem tusculanischen Hochsitz aus auf das verhaßte Rom herabschauen wollte; hinangezogen waren diese nämliche Straße sämtliche Volksstämme, die Italien überfluteten, darunter mit seinem Heere ein Hohenstaufenkaiser; und noch heute konnte nicht ein einziger Grashalm zwischen die Fugen des ehrwürdigen Pflasters sich drängen, welches die vor Jahrtausenden tief eingegrabenen Spuren der Wagenräder immer noch auf sich trug. Heute nun wallten die nämliche Straße hinan die fröhlichen Kinder einer Zeit des Telephons, des Funkentelegraphen und der Luftschiffe ... Tusculums Veilchen blühten. Ihr duftender Purpur durchleuchtete den Pinienwald nächst dem Amphitheater, umhüllte die Ruinen der Tiberiusvilla, die gleich den Felsblöcken eines Bergsturzes auf den steil abfallenden Abhängen lagerten, schmückte mit der Kaiserfarbe die Stätte des einstigen Forums, breitete einen Teppich über die Matten, in deren Mitte Szene und Sitzreihen des Griechischen Theaters aufstiegen, zog sich empor bis zu dem Felsen der Arx, den das triumphierende Kreuz krönte. Tusculums Veilchen blühten und dufteten und machten Sor Rodolfos Künstlerseele frühlingsjung, so daß er den Winter auf seinem Haupte nicht fühlte. In dem Frühlingssonnenschein wimmelte zwischen den Ruinen Frascatis feierndes Volk. Es hatte sich gelagert, schmauste und trank, ließ die Musik spielen und seine Jugend tanzen. In alter Zeit wären Tusculums Veilchen zu Kränzen gewunden worden, mit denen die Jungfrauen und Jünglinge sich festlich gekrönt und die Bildsäulen ihrer Götter geschmückt hätten. Heutigentags wurden Tusculums Veilchen in Massen gepflückt und korbweise nach Rom verschleppt; Veilchen von Tusculum für die Fremden, die Rom überschwemmten, als hätten sie, von allen vier Weltteilen zusammenströmend, die Stadt des Romulus wiederum erobert... Die Gruppen der Lagernden durchschreitend, wurde der Professor von allen Seiten aufgefordert, den Fröhlichen sich zu gesellen und mitzuschmausen, mitzutrinken. Sie hoben die gefüllten Gläser, um dem alten Herrn zuzutrinken, den sie gut kannten, und der aus solchen jungen Augen, mit solchem strahlenden Lächeln auf sie herabschaute. Auch die Gastfreiheit gehörte zu den liebenswürdigen Eigenschaften des Völkchens, um derentwillen der schwerfällige Nordländer es lieben mußte, hätte Italien nur nicht diesen schändlichen Krieg wider eine schuldlose Völkerschaft geführt. Dabei schien von dieser Tücke in keiner Seele auch nur eine Ahnung zu dämmern! Kinder sollten es sein? Aber der Deutsche wollte von solcher Kindlichkeit nichts wissen. Er konnte sich jedesmal ereifern und entrüsten, hörte er seine Landsleute mit dem Lächeln freundlicher Nachsicht Italiens Volk den Schmeichelnamen von großen Kindern beilegen, deren Recht schließlich war, liebenswürdig ungezogen und wohl noch Schlimmeres zu sein. Als ob Kinder nicht grausam, verlogen, im Grunde ihrer Seele böse sein konnten! Aber Kinder brauchten für ihre Taten keine Rechenschaft abzulegen, keine Verantwortung zu übernehmen; für Kinder gab es daher weder ein Gericht noch einen Rechtspruch. Für das Volk eines großen Staates war es – so schien es dem deutschen Philister – eine Beleidigung, mit herablassender Großmut eine Nation von Kindern genannt zu werden: Italiens Volk sollte sich den Namen einer Nation von Männern verdienen. So war es der Wunsch des Deutschen, der dieses Volk mit einer großen Vergangenheit liebte ... »Heinz! Du hier? Allein?« »Meine Frau kam mit mir.« »Wo ist sie?« »Bei ihrer Gesellschaft, der Gesellschaft ihrer Verehrer. Wie du weißt, habe ich eine wunderschöne Frau. Übrigens ist auch dein Herr Schwiegersohn dabei.« »Doch wohl mit meiner Tochter?« »Mit deiner Tochter? ... Nein.« »Sie wird keine Lust gehabt haben.« »Vermutlich.« »Weshalb bliebst du nicht bei deiner Gesellschaft?« »Ich wollte etwas allein sein.« »Also lasse ich dich allein.« »Nein, nein!« Heinrich verneinte heftig und erregt, wie in Angst vor dem Alleinsein, welches zu suchen er sich von seiner Gesellschaft getrennt hatte. Nicht zum erstenmal gewahrte der Professor in dem bleichen Gesicht seines jungen Freundes einen ganz neuen Zug tiefen Leidens. Doch war es nichts Körperliches; war etwas viel Schmerzlicheres, aus der Seele kommend, ein Kummer, ein Gram: Kummer und Gram bei diesem von den Göttern Geliebten, der, trotz seines Todübels, leben wollte, »leben«, bevor die Götter ihren Liebling von dem Genius mit der gesenkten Fackel in den Händen auf die Stirn küssen ließen, die auch er sich mit Rosen, mit scharlachroten berauschend duftenden, kränzen wollte. Zwölftes Kapitel Die beiden guten Freunde schwiegen. Für Sor Rodolfo hatte das heitere Bild des Volksfestes sich umflort. Er dachte an seine Tochter, die keine Lust gehabt hatte, ihren jungen Gatten nach diesen schönen Stätten zu begleiten; dachte an den hübschen Herrn, der zu den Verehrern der Gattin seines Freundes gehörte; dachte an den Zug tiefen Grams in dessen leidensvollem Gesicht, und der Glanz des Frühlingstags trübte sich für ihn... In dem Griechischen Theater stießen sie unerwarteterweise auf die Gesellschaft aus Rom. Sie war sehr zahlreich und bestand nicht nur aus den Verehrern von Frau Heinrich Weber, sondern auch aus Damen und Herren der römischen Welt. Als die Künstler durch den Ulmengang – er glich in der Pracht seiner Frühlingsknospen einem Goldgewölbe und sein Grund einem märchenhaften Schneegefilde aus Maßliebchen – als die beiden Tusculums schönste Ruine betraten, kamen sie gerade zu einem höchst eigentümlichen Schauspiel. Auf der obersten Sitzreihe des ehemaligen Zuschauerraums stand ein junger Mann mit phantastischer Eleganz gekleidet, das brutalsinnliche Gesicht – es war weiß, wie geschminkt, von einer künstlich-genialen Frisur umdunkelt, aber von edler hellenischer Gestalt. Dieser Mensch deklamierte in dem Theater, auf dessen Bühne einst die Tragödien des Sophokles, Äschylos und Euripides im Anblick des virgilischen Meeresgestades und des weltbeherrschenden Roms aufgeführt wurden, eine Kanzone Petrarcas, als Publikum jene römische Gesellschaft und das Volk Frascatis, welches dicht gedrängt die antike Scene und den Halbkreis erfüllte, in dem einstmals, rings um den Altar, der Chor sich aufstellte. Der seltsame Deklamator, der für Sor Rodolfo etwas an sich hatte, wofür er keinen Ausdruck fand, rezitierte mit hinreißendem Feuer, dem jedoch die innere Wahrheit fehlte. Aber der Mann kannte sein Publikum. Die Damen, die ihn umringten, schauten zu ihm wie in Verzückung empor. Er jedoch, scheinbar ohne sie zu beachten, rief in einer Ekstase, so künstlich wie sein Kostüm und seine Lockenfrisur: »Ihr, die Ihr in der Herrscherhand den Zügel Der schönen Länder haltet, Von denen Euer Herz sich abgewendet, Was hat die fremden Schwerter hier entfaltet? Was hat die grünen Hügel Mit der Barbaren Blute rings geschändet? Von eitlem Wahn geblendet Seht wenig Ihr und meinet viel zu sehen, In feilem Herzen suchend Treu' und Ehre. Je mehr der Söldnerspeere, Je leichter wird's dem Feind, Euch zu bestehen, O Flut, die fremde Höhen Und Wüstenein uns senden. Um unsre holden Fluren zu verheeren! Wenn von den eignen Händen Uns solches kommt, wer soll uns Heil gewähren?« »Ich bitte dich, Heinz, wer ist dieser Mensch?« »Du kennst ihn nicht?« »Gottlob, nein!« »Ganz Rom kennt und bewundert ihn.« »Bewundert ihn? Diesen Weib-Mann?« »Es ist Mario Mariano.« »Ein Schauspieler?« »Ein Dichter.« »Oh!« »Einer der Neuesten, Allerneuesten; einer der Größten, Allergrößten, ein Unsterblicher.« »Gibt es auch in der Poesie Allerneueste?« »Mein guter Alter –« »Und diesen Popanz bewundert ganz Rom?« »Er soll von Gottes Gnaden sein.« »Und heißt?« »Mario Mariano, ein Kalabreser zweifelhafter Herkunft; jetzt das Gestirn aller aristokratischen Salons, nebenbei der Liebhaber von Fürstinnen und Herzoginnen.« »Laß uns gehen ... Ich glaubte bis dahin, ein Dichter müßte der Reinste aller Reinen sein.« »Glaubtest du? Aber willst du den Petrarca nicht zu Ende hören?« »Ich bitte dich, komm fort!« »Nach Petrarca wird er eigene Gedichte sprechen, und die Damen werden ihn mit Veilchen überschütten.« »Mit Veilchen von Tusculum ... Fort, sogleich fort! ... Aber du wirst zu deiner Frau wollen, die sich dort oben bei dem großen Dichter befindet.« »Sie wird mich nicht vermissen.« Wie er das sagte! Mit welchem Ton, welchem Blick! Sie entfernten sich von dem eklen Schauspiel an der erhabenen Stätte. Hinter ihnen her tönte die klangvolle Stimme des Dichters, der von Gottes Gnaden sein sollte und nebenbei – »Du, Heinz! Ich glaube, der Kerl färbt sich die Lippen?« »Möglich, was kümmert es uns?« Heftig versetzte der Alte: »Wenn dieser Mensch Reden hält und man auf ihn lauscht, als befände man sich in einer Kirche und höre einen Priester; wenn sogar unsre guten Frascataner verständnislos, aber andachtsvoll auf seine Deklamationen lauschen, so kümmert uns dieser Mensch sehr. Alles, was Italiens leidenschaftliche Seele bewegt, muß auch in der unsern einen Widerhall finden, oder wir verdienen nicht, in diesem Lande glückliche Menschen zu sein, uns von seiner Sonne bescheinen zu lassen und in seiner Schönheit zu schwelgen.« Trotz seiner Schwermut mußte Heinrich über den Guten lächeln. Er sagte: »Was für ein Kind du doch immer noch bist! Aber lassen wir Mario Mariano, sein Genie und seine Wirkung auf die Römer. Wie jedes Land die Regierung hat, die es verdient, so hat auch jedes Volk die Dichter, die seiner Seele entstammen. Italien hat seinen Dante und seinen Ariost, seinen Petrarca und Tasso gehabt, wird daher jetzt – so wollen wir hoffen – nicht einen Mario Mariano zu seinen größten Poeten erheben... Sieh dich lieber um!« »Ja, ach ja! Ich danke dir. Lieber! Das befreit mich von dem häßlichen Eindruck dieser allerneuesten poetischen Modegarnitur. Sieh dort das Tyrrhenische Meer! Bis zum Circekap und Civita vecchia kannst du es überblicken. Als ich jung war, wanderte ich jede Woche zu Fuß von Rom bis hinauf nach Tusculum. Im Griechischen Theater lag ich, dort oben, wo heute der Dichter sprach, schaute auf Meer, Land und Strand und las den Virgil; las Virgil angesichts der virgilischen Landschaft! Da lebten denn für mich die virgilischen Helden. Ich sah bei der Tibermündung – dort drüben leuchtet sie auf! – Äneas mit den Seinen landen; sah auf Latiums heiligem Berge – dort oben ragt sein Gipfel! – die Versammlung der Götter; sah den schönen Rutulerkönig Turnus – dort unten liegt noch heute seine von ihm gegründete Stadt! – zum Kampf gegen seine trojanischen Feinde sich rüsten; sah die herrliche Amazone Camilla über die Steppe hinsprengen und – Heinz, mein guter Freund! Was danken wir nicht diesem Lande! Stunden reinsten, höchsten Glücks, Eindrücke, die uns erheben, veredeln, zu besseren Menschen uns machen... Du lächelst über mich? Über das alte Kind? Lächle nur; lache mich aus! Ich will mitlachen... Aber was ist dir?« Da sagte Heinrich Weber mit schwerem Atem und bleichem Gesicht: »Die Reihe, sich selbst auszulachen, ist an mir. Lieber alter Rodolfo, was hältst du von einem Manne, der mit einer Frau verheiratet ist, und der – Nicht mich selbst auslachen sollte ich, sondern mich selbst verachten.« Der Alte erwiderte nichts. Er brachte kein Wort über die Lippen. Es wären Worte gewesen, welche er auch zu seiner Tochter hätte sprechen können. Sie brannten in seinem Herzen. In seinem Herzen schrie er auf: »Unglücklich! Unglücklich sein Freund und unglücklich seine Tochter! Beide unglücklich, weil jeder von beiden liebte, was seiner nicht würdig war. Das war daraus geworden: aus einer Heirat mit einer andern Rasse, der germanischen mit der romanischen, welche auf erstere eine Macht ausübte, einem bösen Zauber gleich. So war es zum Verderben der Menschen des Nordens schon vor Jahrtausenden gewesen, so würde es bleiben, einer Naturnotwendigkeit gleich...« Nach einem schweren Schweigen, wahrend die beiden durch die Gruppen der Fröhlichen schritten, zu ihren Füßen ein Land, welches der Versucher dem Herrn hatte zeigen können: »Dies alles will ich dir geben, wenn du –« Nach langer Weile sagte der Alte, seine Hand liebevoll auf den Arm seines Gefährten legend: »Du wirst damit fertig werden. Denke doch! Ein Mann wie du. An deine Kunst denke! Sie wird dir Kraft geben, seelische Simonskraft.« Mit schwerem Atem versetzte der Junge: »Ich werde mich wehren. Du hast recht. Wie wäre es anders auch möglich? Ich meine, wie wäre es möglich, daß ich unterliegen könnte? Ich! Sie wird sich ändern; wird sich erziehen, zu mir sich emporziehen lassen. Ich bin ja doch nicht der erste, dem solches gelungen wäre. Denke an Anselm Feuerbach, Arnold Böcklin und an den andern großen Künstler gegenüber dem Kolosseum. Also muß es auch mir mit ihr gelingen. Es muß!« »Es wird dir gelingen. Hüte dich nur vor einem.« »Vor was? Sage mir's.« »Es ist ein Satan und reißt den Menschen in eine Hölle hinab.« »Nenne mir den Teufel, damit ich mich vor ihm hüten kann.« »Eifersucht.« Der Professor sah seinem Freunde fest ins Gesicht; er sah, wie dessen Blässe zur Leichenfarbe wurde, und er wußte – Dann sagte er leise und traurig: »Geh mit mir.« »Ich muß zurück zu meiner Frau.« »Sie wird dich, wie du erst vorhin sagtest, nicht vermissen. Überdies ist ihr Landsmann bei ihr.« »Dein Schwiegersohn?« »Nun ja. Wir haben also beide zu kämpfen. Nicht nur wir beide.« »Auch deine Tochter wird damit fertig werden. Es ist wunderbar, was aus ihr geworden ist.« »Durch ihre Liebe, durch ihr Leiden. Liebe und Leiden können eine Frau in eine Heldin verwandeln; können Schwäche zur Stärke machen. Meine Tochter wird stark sein... Willst du mit mir gehen?« »Wohin?« »Folge mir nur.« Sie verließen den Festplatz, das einstmalige Forum, mit dem fröhlich wimmelnden Volk, schritten auf der antiken Straße hinab, vorüber an den Ruinen der Kaiservilla und des Amphitheaters; schritten alsdann auf einem andern Wege zwischen frühlingsgrünen blumigen Wiesengründen und sprießenden Gebüschen talwärts durch die Landschaft, die eine lyrische Dichtung des göttlichen Schöpfers war, hoch über der Tragödie der Campagna Roms. Sie erstreckte sich bis in unbegrenzte blauende Fernen, umschlossen von Gebirge und Meer, den Fels des Soracte als ragende Mitte, das Grabmonument auf diesem gewaltigen Totenfelde der Weltgeschichte. Dann gingen sie von neuem durch lenzgrünes Gehölz und gelangten zu einem Hain nächtlich-dunkler Steineichen mit einem verfallenden Altar, dem Genius der Stätte geweiht. Gleich den versteinerten Leibern vorweltlicher Ungetüme bäumten sich schwarze moosige Stämme über den bröckelnden Stein, darüber smaragdgrüne Lazerten und die Laubwölbung durchdringende Sonnenstrahlen huschten. Auf den Stufen lagen wie zu einem Opfer Frühlingsblumen gehäuft: scharlachrote Orchideen und goldgelbe Tazetten. Ein Schweigen herrschte, als würde die Ankunft einer Gottheit erwartet. Von dieser feierlichen Stätte aus ging es hinab durch einen Ölwald, bis ein hohes Portal aus goldigbraunem Travertin vor den beiden sich erhob. Das Tor öffnete sich für sie, und sie traten ein. Villa Falconieri! Ein Steineichenhain, wie eine von geheimnisvollem Dämmer erfüllte Halle, Säulen die Stämme, Wölbungen die Wipfel. Auf der hoch über einer Olivete schwebenden Terrasse ein Palast, lang hingestreckt, festlich und leuchtend; ein antikes, von Löwen gekröntes Säulentor; ein Park mit tiefschattenden Gängen; ein freier Rasengrund mit einer Rampe, die zu einem Friedhof, einem Kamposanto, emporzuführen schien, dessen Zypressenreihen in düsterer Feierlichkeit aufstiegen. Es lag indes dort oben kein Totenfeld, sondern es dunkelte die regungslose Fläche eines Teichs, den jene schwarzen Baumpyramiden umschlossen. Und der Alte sprach zu dem Jungen: »Unter jenen Steineichen, in den von alten Meistern ausgemalten Sälen des leuchtenden Hauses dort unten, an dem Rand dieses schwermütigen Weihers habe ich meine schönsten und wohl auch schwersten Stunden verbracht. Das war, als ich noch jung war. Ein deutscher Freund bewohnte damals die Villa, und es ward für die deutschen Künstler zur lieben Gewohnheit, bei ihm die Sonn- und Feiertage zu verbringen; und jeder in der Villa Falconieri verbrachte Tag ward uns zum Fest. Wir kamen mit unsern Modellen, für die es Risotto und Makkaroni gab, in Kesseln gekocht und von dem bunten Völkchen dort unter den Steineichen verzehrt. Oft kamen unsrer so viele, daß die Gastzimmer des großen Hauses nicht ausreichten und ein altertümliches gewaltiges Billard als Schlafstätte dienen mußte. Unter den Steineichen dort unten und hier oben an dem Zypressenteich stellten wir mit unsern Modellen Gruppen, hüllten sie in antiken Faltenwurf, kränzten sie mit Efeu und Blumen, ordneten sie zu bacchischen Zügen. Oder wir ließen die Jünglinge sich entkleiden und freuten uns ihrer wie Goldbronze leuchtenden schlanken Schönheit in dieser Natur. Sie warfen sich in den Teich gleich übermütigen Tritonen, erklommen die Zypressen gleich jungen Waldgöttern, ließen für unsre Künstleraugen und -herzen jene seligen Zeiten der alten Götter aufleben.« Nach einer Stille sprach der Alte weiter: »Franz Lenbach war hier und Stephan Sinding, Max Klinger und Hugo Greiner. Auch Dichter: Adolf Wilbrandt, Ernst von Wildenbruch, Paul Heyse. An kühlen Abenden brannten in den Kaminen die Feuer, in die wir Zweige frischen Lorbeers warfen, daß es ein luftiges Prasseln und Sprühen gab; in Vasen und Schalen blühten Narzissen und Anemonen, Rosen und Lilien, scharlachrote Päonien und goldgelber Ginster.« Wiederum ein Schweigen und wiederum mit leiser, bewegter Stimme: »In dem Arbeitszimmer des Hausherrn fiel der flackernde Schein des Kaminfeuers mit dem sanften Licht der Kerzen auf die Gestalten an den Wänden. Sie schienen sich zu beleben. Geflügelte Amoretten gaukelten durch die blühenden Wipfel, verfolgten mit Pfeil und Bogen vor den kleinen Jägern entfliehendes Gevögel, schlangen bunte Gewinde um Hermen und Bildsäulen, führten in dem von Carlo Maratta an die Wände des Brautgemachs der Fürsten Falconieri gezauberten Hain ein geisterhaftseliges Dasein. Die junge Hausfrau trug an diesen Abenden ein schleppendes weißes Gewand und hatte sich ins schwarze Haar scharlachrote Rosen oder Granatblüten gesteckt. Die Luft, die tagsüber draußen geherrscht hatte, trugen wir übermütiges Künstlervolk ins Haus hinein, das durch die Lebensfreude seiner Gäste ein gesegnetes war. Schön waren auch die warmen Frühlingsabende, die heißen Sommernächte, in der Halle der Villa verbracht oder auf der Wiese vor dem Hause unter den Steineichen oder hier oben am Teich. Wenn die Gestirne aufsprühten, über dem Monte Genaro der Mond aufging, hoch und höher stieg, seine Strahlen die weißen Wände der Villa noch leuchtender machten, die Campagna mit Wellen Glanzes überschwemmten, das Meer aufstrahlen ließen – Weshalb sage ich dir das alles, was ja doch vergangen ist und nicht wiederkehrt? Nicht wiederkehrt für mich. Aber du, mein junger Freund. Ich führte dich hierher und sprach hier zu dir, um dir zu zeigen, wie unermeßlich reich das Leben sein kann, mit welchen Krösusschätzen es den Menschen überschüttet, besonders einen Künstler, Dichter, Träumer und besonders in diesem geliebten Sonnenlande. Und ich führte dich an diesen Ort, weil ich hier als Künstler und als Mensch manchen schweren Kampf durchkämpft habe, bei dem die Weihe der Stätte mir half, Sieger zu werden. Hätte ich auf diesen Ort ein Recht, so möchte ich unter seinen Zypressen meine letzte Ruhestätte finden. Meine ewige Ruhe an dieser für mich geheiligten Stätte würde hier eine selige sein. Aber auch bei der Cestiuspyramide muß es schön sich ausruhen lassen von einem Leben, das mir nirgends solches Glück hätte geben können, wie ich hier von diesem Lande empfing. Heinrich, mein Freund – Daß du trotz des schweren Kampfes und des großen Leides, welches dir durch deine große Liebe zuteil ward, eines Tages sprechen kannst, wie ich heute zu dir sprach: So sprechen von deinem Leben, das dir nirgends solches Glück geben konnte, wie du es in diesem durch die Liebe der Deutschen für sie geheiligten Land empfingst.« Dreizehntes Kapitel Die Gesellschaft vornehmer und eleganter Römer war zu dem Volksfest auf Tusculum in Autos gekommen. Im Grand Hotel Frascati traf Heinrich mit seiner Frau und deren Begleitern, die ihre Verehrer waren, wieder zusammen. Er wurde empfangen, als wäre seine Abwesenheit nicht bemerkt, er überhaupt nicht vermißt worden. Doch wußte er eine Haltung zu bewahren, die den Aufruhr in seinem Innern diesen Menschen gegenüber verbarg; die mit dem alten Künstler am Zypressenteich der Villa Falconieri verbrachten Stunden hatten auf Heinrichs leidenschaftliches Gemüt ihre Wirkung geübt. Frau Heinrich Weber wurde von den Damen der Gesellschaft – und darunter befanden sich Mitglieder von Roms hoher Aristokratie – wie eine Ebenbürtige behandelt: »wie eine Modesache«, dachte ihr Gatte voller Empörung. Sie bewegte sich in der fremdartigen Umgebung so ungezwungen, als wäre sie nicht in einer der höhlenartigen Behausungen Bellegras geboren und hätte niemals in der Villa Medici für so und so viel pro Stunde Modell gestanden. Mit wahrhaft genialem Anpassungsvermögen hatte sie sich die Manieren dieser so ganz andern Welt angeeignet. Anmutig zurückgelehnt saß sie im Sessel, trug ihr Pariser Kostüm mit allem zu dem Kostüm gehörigen Chik, hielt in der hell behandschuhten Hand lässig den sommerlichen Fächer, hatte einen dichten Schleier vor das Gesicht gezogen – alles genau so wie die wegen ihrer Eleganz berühmte Marchesa Margherita di San Silvestro, welche des Dichters halber mit von der Partie war. Doch war Frau Heinrich Weber auch jetzt noch klug genug, möglichst wenig zu sprechen. Bei ihrer Schönheit bedurfte es nicht der Sprache, um zu bezaubern, und das tat sie. Heinrich, seine Frau betrachtend, dachte: »Ist es möglich, daß diese – Dame dieselbe ist, die auf dem Felsenpfade des Monte Autore vor dir einherschritt, eine Tochter jener Wildnisse? Dieselbe, die in dem Mysterienspiel der Passion die Maria von Magdala darstellte, als ob sie selbst die große Sünderin und Büßerin sei? Dieselbe, die dir in dem Hause des alten Priesters als Feindin entgegentrat, als solche im Ginsterwald zu dir sprach? Freilich ist sie auch dieselbe, die dir das Leben gerettet; dieselbe, die von den Frauen ihres Heimatortes beschimpft wurde: um deinetwillen! Das darfst du nicht vergessen. Doch jetzt? Ist solche Wandlung denn nur möglich? Lerne es endlich begreifen. Und lerne endlich –« Das fade Wesen dieser Leute ward ihm zu viel; zu viel des Geschwätzes des Herrn Amerigo Minardi, der Pose des illustren Poeten, Modekönigs und Liebhabers edler Römerinnen. Er trat zu seiner Frau und sagte halblaut: »Komm!« Sie bezeigte keine Lust, die heitere Gesellschaft zu verlassen. Da sah er ihr in die Augen. Sie las in seinem Blick etwas ihr bis dahin Unbekanntes. Schweigend stand sie auf. Ihre Verehrer, darunter als lärmendster Herr Amerigo Minardi, wollten sie zurückhalten, die Marchesa erhob gegen die Entführung dieser Helena durch ihren Paris feierliche Einsprache; aber Heinrich reichte seiner Frau schweigend den Arm und verließ mit ihr den Salon, in dem die elegante und vornehme Gesellschaft sich benahm wie ein Haufe schreiender Plebejer in einer Spelunke. Man sprach laut hinter ihm her, lachte und höhnte: »Welch ein Bär! Aber so sind sie alle, diese Deutschen! ... Der Mann soll ein Genie sein. Ein Genie! Als könnte man nicht ein Genie sein und zugleich ein Kavalier? ... Ein Deutscher und Kavalier? Dieser ist überdies ein Narr! Denn – ein Modell zu heiraten! Freilich ist sie wundervoll ... Jedenfalls versteht es die Person. Was wohl daraus werden wird? ... Der Arme!... Nicht doch, der Narr!« Besonders Herr Amerigo Minardi freute sich über den Narren, der das Modell geheiratet hatte, und lachte und höhnte am lautesten. Er wußte genau, was daraus werden würde ... Heinrich wünschte nicht, daß seine Frau mit ihrer Gesellschaft im Auto nach Rom zurückkehren sollte. Einen Grund dafür gab er nicht an. Sie hätte ihn doch nicht verstanden; hätte als Grund nur den einen genommen, den er sich selbst nicht bekannte. Was verstand das schöne Geschöpf überhaupt von dem Manne, der ihr seinen Namen gegeben? Nichts Seelisches war zwischen den beiden Gatten gemeinsam. Damals freilich hatte er geglaubt, damals, an jenen Sommertagen auf dem Gipfel des Felsenberges, er würde sie, wenn sie nur erst seine Frau geworden, entwickeln, bilden können. Wie groß war damals sein Glaube gewesen und jetzt – Aber in welchen Ehen gab es zwischen Gatten ein seelisches Band? Wäre nur nicht ihre fast übergroße Schönheit gewesen! Und gerade ihre Schönheit war es, die den Künstler immer von neuem hoffen ließ, auch das seelisch Schöne in ihr zu entdecken: zu der schönen Form den schönen Gehalt. Kaum daß Signora Lavinia sich mit ihrem Manne allein befand, als sie die Allüren der Dame fallen ließ, wie ein ihr nicht passendes unbequemes Gewand. Plötzlich war sie wieder das Mädchen von Bellegra mit dem Blut eines Geschlechtes in den Adern, das, in einer Wildnis lebend, seit Jahrhunderten mit keinem andern sich vermischt hatte. Auch ihre Ausdrucksweise war alsdann die nämliche, die sie auf dem Monte Autore gebraucht hatte. Sobald sie den Hut der »Dame« sich aufsetzte, ereignete sich mit ihr jene Wandlung, die das naive Künstlergemüt stets von neuem mit Staunen erfüllte und ihn des bewundernden Ausspruches seines alten Freundes gedenken ließ: »Nur bei den Frauen dieses wundersamen Landes ist dergleichen möglich!« Heinrich rief einen Wagen herbei, ließ seine Frau einsteigen und befahl dem Kutscher, nach Rom zu fahren. Also eine Abendfahrt durch die Campagna. Wie oft hatte Heinrich sie gemacht und dabei jedesmal den Zauber solcher Fahrt empfunden. Diesem wollte er auch heute sich hingeben: an der Seite seines Weibes, der noch immer so unsinnig geliebten Frau! Mit Schrecken fühlte er jedoch, wie heute der Zauber völlig versagte; wie nur ein Gedanke, eine Empfindung in ihm lebendig war: das Bewußtsein des Unglücks seiner Ehe. Denn Unglück war's! Den Mut nicht findend, seine Eifersucht sich einzugestehen, fand er auf dieser Abendfahrt die Kraft zur Erkenntnis seines Unglücks. Sehr bald war es gekommen, wie es kommen mußte. Er wollte zu seiner Frau sprechen und wußte nicht was. Plötzlich durchzuckte sein fieberndes Hirn der Gedanke: ›Säße jetzt die Tochter deines alten Freundes an deiner Seite! Sie ist unschön, anmutlos, vollkommen reizlos; aber – Ob du heute abend auch zu ihr nicht würdest reden können? Ob an ihrer Seite der Zauber dieser Fahrt durch die in Dämmerung sinkende Campagna dir sich versagen würde? Sieh, wie das Sabinergebirge erglüht; wie der Soracte auflodert, gleich einem Altar mit dem Opferfeuer; wie auf der Peterskuppel das Kreuz erglänzt. Fühle es doch! ... Ich kann nicht, kann nicht!‹ An dem langsam dahinrollenden Gefährt sausten die Autos mit der römischen Gesellschaft vorüber. In dem Wagen, er gehörte der Marchesa – darin der Apollinische saß – , waren tusculanische Veilchen so hoch aufgehäuft, daß die duftende Decke die Dame bis zur Brust einhüllte. Die Herren jubelten Signora Lavinia zu, und Signor Amerigo Minardi rief hinüber: »Es lebe die göttliche Schönheit!« Mit der Gebärde einer Königin dankte Heinrich Webers Gattin für die ihr von Roms goldener Jugend dargebrachte Huldigung. In dieser Nacht erwartete Herr Mariano noch späten Besuch. Er hatte der Marchesa von einem Gemälde eines San Sebastian erzählt, welches er bei einem Antiquar in der Nahe des Monte Giordano entdeckt hatte und für eine gute alte Kopie des Giorgione hielt. Er hatte der Name von dem Bild mit solcher Begeisterung gesprochen, daß die Marchesa es sehen wollte. Sie war bisher noch nicht in der Wohnung des Dichters gewesen, von welcher in den Salons als von einer Sehenswürdigkeit gesprochen wurde. Daher ward sie von Damen der Gesellschaft unverhohlen beehrt, was diesen bei einem Junggesellen denn doch etwas ungewöhnlichen Besuchen das Kompromittierende nahm. Allerdings war der Junggeselle – Herr Mario Mariano! Als dieser Herr an jenem Abend von der Marchesa vor dem Portal ihres Palastes sich verabschiedete, fragte ihn die Dame: »Wann könnte ich also Ihren San Sebastian sehen?« »Wann Sie befehlen.« »Schade, daß es heute bereits zu spät ist.« »Ich kann das Gemälde gut beleuchten.« »Leider muß ich diesen Abend zu einem Rout bei dem Fürsten Stroganow.« »Das Palais Stroganow liegt in der Via Sistina und stößt rückwärts an mein Haus in der Via Gregoriana. Von dem Palast des Fürsten zu meinem Hause gibt es sogar eine Verbindung.« »O wirklich?« »Gäste des Fürsten kommen häufig zu mir herüber. Sie brauchen auf diesem Wege nicht einmal die Loge des Pförtners zu passieren. Es ist wirklich sehr bequem.« »Sehr ... Auf Wiedersehen.« »Hoffentlich bald.« »Hoffentlich!« Und jetzt ließ der Herr Mariano noch zu später Stunde seine Gemächer durch Wachskerzen, die auf hohen Kirchenkandelabern brannten, erleuchten. Er ließ in den silbernen Weihrauchbecken das Räucherwerk entzünden, das er selbst erfunden hatte, eine Mischung von Myrten, Moschus und Jasmin. Der San Sebastian stand auf einem mit altem Silberbrokat bedeckten Gerät, einem Altar gleich, und ein sanfter Schein fiel auf den hüllenlosen Jugendkörper des Märtyrers, der von hellenischer Herrlichkeit war. Einer der vielen nach dem christlichen Krieger abgeschossenen Pfeile steckte auf seiner linken Seite unmittelbar unter dem Herzen, ein zweiter durchbohrte den Arm, der an den Stamm einer Pinie gefesselt war. Sein emporgehobenes Antlitz hatte nicht die fast weibische Holdseligkeit wie viele San-Sebastian-Darstellungen, sondern etwas von der erhabenen Verzückung eines Dionysos. In der römischen Gesellschaft erzählte man sich von diesem San Sebastian eine hübsche Geschichte: der Dichter, wenn er seine Gesänge vortrug, habe im Blick eine Ähnlichkeit mit dem visionären Ausdruck des gemarterten Heiligen. Darauf sollte eine der größten Sängerinnen Italiens vor versammeltem Publikum geäußert haben: »Sie sollten ihn – Herrn Mariano nämlich! – erst sehen, wie Giorgione seinen Heiligen dargestellt hat!« Roms große Welt erzählte sich diese Geschichte und fand sie allerliebst. Allerdings war es eine dieser Damen vom Theater, die das naive Geständnis gemacht hatte, Herrn Marianos hellenische Schönheit gesehen zu haben ... Auf dem von dem Dichter bezeichneten bequemen Wege gelangte die Marchesa aus dem Palast des Fürsten Stroganow in das Haus in der Via Gregoriana. Sie war bleich und bebte vor Erregung. In dem Dunst des Räucherwerks schimmerte das Licht der Kerzen gleich mystischen Flammen, und der starke Wohlgeruch hatte etwas Betäubendes. Die Ausstattung des Gemachs mit den dunkeln Täfelungen, den altertümlichen Gerätschaften, den Heiligenbildern, den Statuen der Madonnen, davor weiße Lilien blühten; mit den schweren Stoffen in Scharlach und Violett – Dies Alles erhöhte die unweltliche Wirkung der Umgebung. Der Poet empfing die vornehme Frau als vollendeter Weltmann. Ihr ehrfurchtsvoll die Hand küssend, führte er sie zu dem Giorgione, um dessentwillen die Marchesa noch zu ungewöhnlich später Stunde bei ihm erschien. Vor dem San Sebastian war ein hochlehniger Sessel aufgestellt. Sie nahm Platz, und des Heiligen Leib leuchtete ihr wie eine himmlische Erscheinung entgegen. Der Dichter aber begann über die San-Sebastian-Darstellungen der katholischen Kunst zu reden: »Sie, die Kirche, hatte seit langem vergessen, daß der Mensch schön sei, das Meisterwerk des Schöpfers, dieses göttlichen Künstlers. Die menschliche Schönheit ward dicht verhüllt, angstvoll verborgen, hartnäckig geleugnet. Sie durfte kein Dasein haben! Als sie sich von dem schweren Faltenwurf doch nicht ersticken ließ, riß das Christentum sie mit sich hinab in seine Katakomben; sargte sie lebendig ein, begrub sie mit seinen Toten. Aber auch, als der Kult des gekreuzigten Gottessohns aus seinen unterirdischen Zufluchtsstätten siegreich hervorging und zur Sonne emporstieg, durfte die Schönheit des Menschen, des jungen Weibes und jungen Mannes, kein Auferstehen feiern: war doch Fleischeslust Sünde, Versuchung, Werkzeug des Teufels. Die Kirche Christi belehnte die hüllenlose Schönheit der Jungfrau und des Jünglings mit ihrem Anathema, dem Fluch ewiger Verdammnis in Flammen. Christentum – Weltentsagung – Askese – Buße – des Menschen göttlicher Leib als das Häßlichste alles Häßlichen – Aphrodite, Apoll und Dionysos die allerärgsten Verführer, eine satanische Dreieinigkeit! Doch da schuf die nämliche katholische Kirche den jungen Heiligen, dessen Körper von Pfeilen durchbohrt ward. Die Kunst dieser nämlichen Kirche bemächtigte sich des junglinghaften Märtyrers und – die Hülle sank! Ein Auferstehen war's, einem Wunder gleich, wie es die Welt – und das fast zu derselben Zeit – nur noch einmal erlebte. – Das begab sich, als an der Appischen Straße, unfern des Grabmals der Cäcilia Metella, ein antiker Sarkophag gefunden, geöffnet und darin der Leib eines blütenjungen Mägdleins erblickt ward, einer edlen Römerin, die nach einem vielhundertjährigen Tode zu schlafen schien mit einer lieblichen Röte auf den Wangen. Die Römer strömten herbei, das Wunder zu schauen, und wären bereit gewesen, auf die Kniee zu sinken und anzubeten. Aber der Heilige Vater ließ die vom Tode auferstandene Schönheit des jungen Weibes als Teufelswerk noch in der Nacht des nämlichen Tages heimlich verscharren. Doch zu einer andern Vernichtung des Unsterblich-Schönen war der Stellvertreter Christi machtlos: über die von der Kunst zum Leben wiedererweckte Jünglingsherrlichkeit besaß er keine Gewalt. Sie fand in dem von der Kirche geschaffenen von Pfeilen durchbohrten Heiligen ihre Auferstehung, die – eben Unsterblichkeit war ...« Und Mario Mariano sprach von der hüllenlosen Jünglingsgestalt; sprach davon zu der Frau, die in der Nacht zu ihm geschlichen kam; sprach davon vor dem Bildnis von Giorgiones San Sebastian. Er schilderte nur, was die Frau sah und malte in den Farben des großen Venezianers; malte die Sinnlichkeit dieser jugendlichen Mannesschönheit, daß es die Sinne seiner Zuhörerin verwirrte, umnebelte, betäubte, wie es der Weihrauchdunst tat, der das Gemach erfüllte, darin mystische Orgien gefeiert wurden ... Die Marchesa Margherita di San Silvestro lebte mit einem ältlichen Gemahl in einer jener typischen Ehen, wie solche in Italien in den höheren Gesellschaftskreisen gewöhnlich sind. Nach Vollendung ihrer Erziehung im Kloster verlobte man sie, vermählte man sie. Sie entstammte einem Geschlecht, das seine Ahnen bis in das Altertum zurückführte, bis in Roms große Zeiten. Auf der Hochzeitsreise nach einem toskanischen Landgute des Marchese führte der Herr seine Geliebte mit. Eine seiner Geliebten befand sich beständig in dem Haushalt der jungen Frau, die ihrem Gatten eine Tochter gebar. Genau wie die Mutter, wurde die Marchesina in einer klösterlichen Bildungsanstalt erzogen. In einem Jahre sollte das Kind zurückkommen, um baldmöglichst verlobt, baldmöglichst vermählt zu werden; sollte die junge Frau in einer unsittlichen, einer unglücklichen Ehe leben, genau wie die Mutter. Noch war die Marchesa dem Beispiele anderer Frauen ihrer Kreise nicht gefolgt. Es waren Frauen, die bei einem Liebhaber fanden, was ihnen der Gatte nicht gab, ihnen nicht geben wollte. Da lernte sie den Meister der großen Phrasen und Gesten kennen, der auf die Frauen eine ebenso rätselhafte wie unheilvolle Gewalt ausübte. Worin diese bestand? Die Männer wußten es und gaben ihr den rechten Namen. Dieser war schmachvoll genug. Herr Mariano selbst mochte denselben indes für einen Ehrennamen halten. Der Zuhälter berühmter Bühnenkünstlerinnen und vornehmer Frauen wies auch diesem Opfer den Weg an den Empfangsabenden im Palais Stroganow, nach Verabschiedung des Bedienten, vom Pförtner ungesehen, in das Haus der Via Gregoriana und in die Klosterwohnung des apollinischen Wüstlings. Vierzehntes Kapitel Auf Herrn Minardis Heimkehr wartete dessen junge Frau. Romana wußte, daß ihr Gatte es gern sah, wenn sie nach römischer Sitte für das Abendessen, den »pranzo«, Toilette machte, beliebte es auch dem Herrn nicht, es zu bemerken, Da er den ganzen Tag ausgeblieben war, so hoffte sie, daß er wenigstens den Abend zu Hause verbringen würde. Also bestellte sie eine festtägliche Mahlzeit, um deren Zubereitung sie sich nach deutscher Hausfrauensitte selbst kümmerte, stellte eine Schale voll roter Anemonen auf den Tisch, wählte zur Toilette ein helles Seidenkleid und erwartete in der behaglich eingerichteten, durch elektrisches Licht erleuchteten Wohnung den noch immer leidenschaftlich Geliebten. Aber auch diesen Abend mußte Frau Romana lange warten, hatte daher auch diesen Abend Gelegenheit genug, ihren Gedanken sich hinzugeben. Sie kreisten beständig um den einen Gegenstand und wollten von diesem sich nicht abbringen lassen. Was war aus ihrer Ehe geworden? Doch kein Unglück? Nein, ach nein! Noch hoffte sie, noch durfte sie hoffen. Hatte ihr Gatte nur erst eine Tätigkeit gefunden. Er war so sehr intelligent, und ein intelligenter Advokat konnte in Italien vieles, konnte Großes erreichen. Es kam bei diesem Beruf nur auf eines an: auf des Betreffenden Ehrgeiz. Diesen besaß ihr Mann zur Genüge. Allerdings sollte es noch auf ein zweites ankommen – so wenigstens hieß es allgemein – auf des Mannes Gewissenlosigkeit, und das in jeder Beziehung. Diese schändliche Eigenschaft eines geschickten Advokaten fehlte Amerigo Minardi; fehlte ihm gänzlich. Daran also lag es, das war die Schuld: er war zu gewissenhaft, zu anständig, durchaus unbestechlich. Seine Gattin mußte ihn deswegen achten. Sie tat es so gern, sehnte sich leidenschaftlich danach, ihren Gatten hochzuhalten, und das bis zur Verehrung. Eine Frau, die ihren Mann nicht achten konnte – welch entsetzlicher Gedanke. Eine solche Frau war dann freilich tief unglücklich und nur eine solche besaß das Recht, es zu sein. Gott sei Dank, daß sie zu diesen unseligen Frauen nicht gehörte. Auf ihren Knieen dankte sie, die gläubigen und frommen Herzens war, ihrem Herrgott dafür. Endlich kam der Erwartete. Wie stets, empfing ihn auch diesen Abend seine Frau mit dem freundlichsten, dem heitersten Gesicht, von Herrn Minardi so wenig beachtet wie die liebevollen Vorbereitungen für seine Ankunft. Aber er bemerkte ihre festliche Toilette und meinte mit spöttischem Lächeln: »Wenn du dir etwa einbildest, dieses Kleid stände dir und du wärest darin elegant und modern, so täuschest du dich. Es ist einfach schauderhaft, wie du dich anziehst. Für dich passen nur die unauffälligen dunkeln Kostüme. In solchem Aufputz machst du aus dir eine Karikatur. Freilich, ihr deutschen Frauen – Eine italienische Magd sieht im Vergleich mit euch wie eine Dame aus, von dem Wunder einer Erscheinung, wie es Lavinia ist, nicht zu reden. Es ist jedoch überflüssig, dir das zu sagen.« Auch jetzt keine beleidigte Miene. Mit einem Scherz versuchte sie die Kränkung zu mildern; nicht um ihretwillen, sondern um des geliebten Mannes willen, damit er sich nicht etwa beschämt fühlen sollte. Sie setzten sich zu Tisch. Wegen des langen Ausbleibens des Hausherrn waren die Speisen überkocht, was Herrn Minardi willkommene Gelegenheit gab, seine üble Laune noch nachdrücklicher zu zeigen. Als seine Frau ihn bat, ihr von dem tusculanischen Fest zu erzählen, mußte sie hören: »Sei froh, daß du nicht dabei warst; du hättest ganz und gar nicht zu der Gesellschaft gepaßt: zu einer Dame wie die Marchesa di San Silvestro, die übrigens in diesen albernen Mariano toll verliebt ist. Der Kerl versteht es großartig. Das müssen dem widrigen Burschen selbst seine Feinde lassen.« Frau Romana, die Gute, entgegnete voller Empörung: »Ein unheimlicher Mensch! Jeder anständigen Frau muß der Mann verabscheuungswürdig sein.« Ihr junger Gatte höhnte: »Jeder anständigen Frau. Gibt es denn eine 'anständige' Frau? Verzeih, du bist eine solche. Ich kann nicht sagen, wie langweilig anständige Frauen sind. Zum Glück kenne ich keine, ausgenommen meine eigene Frau.« »O Amerigo!« »In Deutschland sind sicher alle Frauen anständig. Eben darum sind sie so wie – wie du bist. Für einen Mann muß es ein Unglück sein, in Deutschland geboren zu sein und darin leben zu müssen.« Da sagte Rudolf Müllers Tochter, und sie sagte es mit tiefem Ernst: »Mich kannst du kränken, denn ich weiß, du meinst es nicht so. Über Deutschland darfst du jedoch nichts sagen. Nicht solche Worte in solchem Ton. Mein Vaterland lasse ich von dir nicht beschimpfen.« »Wirklich nicht?« »Wirklich nicht. Übrigens ist es von dir schlecht, von den Frauen deines eigenen Vaterlands so schändlich zu sprechen. Wären sie so, wie du sagst, wären nur einige der Frauen Italiens annähernd solche unanständigen Frauen, so stünde es schlecht um Italien. Denn die Frauen, die du beschimpfst, sind die nämlichen, die ihren Gatten Kinder gebären. Du schmähst also auch die Mütter deines Vaterlands. Und wenn du jene vornehme Dame, die sich übrigens eines tadellosen Rufes erfreut, ungerechterweise beschuldigst, in den widerwärtigen Lüstling verliebt zu sein, so vergissest du, daß du nicht nur die Ehre der Gattin, sondern auch der Mutter verleumdest. Das ist schlecht von dir.« Laut lachend erwiderte er: »Mache dich mit deiner deutschen Sentimentalität doch nicht lächerlich! Sieh dich um in der Welt. Bei uns sieh dich um: in meinem von deinem geehrten Herrn Papa und von dir bis zur Ekstase geliebten Vaterland. Nicht gar so lange ist's her, daß in Italien der Cicisbeo, der Hausfreund, im Ehekontrakt als ein Recht der Frau offiziell anerkannt wurde und es für eine Frau als geradezu beleidigend galt, keinen Hausfreund zu haben, also eine 'anständige' Frau zu sein. Die hochedle Frau Marchesa wird, trotz ihres bisher tadellosen Rufes, sehr bald die Geliebte des Herrn Mariano sein, und es wird ihrem Ruf nicht im mindesten schaden. Nebenbei gesagt, solange sie es nicht zu einem Skandal kommen läßt. Dann freilich – Und wenn du, gleichfalls mit deutscher Gefühlsduselei, von der Mutter redest, die einen Liebhaber hat, so ist das eben ganz wie du. Bei der Frau Marchesa ist nur das eine Bedenkliche, daß Herr Mariano die Dame – sie besitzt nämlich ein eigenes großes Vermögen – sehr bald ruiniert haben wird; denn dieser famose Herr läßt sich nicht nur seine Poesieen bezahlen, sondern auch –« Ein empörter Ausruf seiner Frau unterbrach den Zyniker: »Schändlich, schändlich! Ich meine, es ist schändlich von dir, den Mann derartig zu verleumden.« Frau Romanas Gemahl zuckte die Achseln und hielt es für vollkommen hoffnungslos, seine deutsche Gattin zu seiner Ansicht zu bekehren, welche die war, daß der Apostel großer Gedanken und Gefühle nicht nur seine Dichtungen sich honorieren ließ. Er ging aus dem Zimmer, kam im Frack und weißer Halsbinde zurück und teilte seiner Frau mit: er müsse noch einen Empfang besuchen. Zum erstenmal ließ ihn Romana ohne Bedauern gehen; zum erstenmal mit einer Empfindung wie – Sie wagte nicht, darüber sich klar zu werden, was sie in dieser Stunde empfand ... Herr Minardi verließ das Haus. Wo und wie wollte er den Abend verbringen? Vielmehr einen großen Teil der Nacht? Er konnte von Salon zu Salon, von Empfang zu Empfang gehen; konnte im Costanzitheater einen Akt Puccini mit der herrlichen Gemma Bellincioni und dem glorreichen Battistini anhören und darnach immer noch irgend ein Haus besuchen, in dem empfangen wurde. Oder in den Klub, wo er seinesgleichen beisammen traf. Oder in eine jener eleganten, aber geheimen Gesellschaften, in denen gespielt ward. Was für Italiens Volk Lotto und Tombola bedeuteten, galt der römischen Gesellschaft das Spiel. Zu diesem Lebenselement kam noch als zweites das Elixir der Liebe. Häufig jedoch waren die intimen Beziehungen der Geschlechter lediglich eine Modesache. Zum Leben des eleganten Mannes, der sich selbst achtete, gehörte nun einmal, wie die Gardenie ins Knopfloch, das Verhältnis zu einer Frau: zu einer verheirateten natürlich ... Lavinia! Seit das Modell der Villa Medici eine Dame geworden, reizte sie Romanas jungen Gatten. Auch als Modell wurde das schöne Geschöpf von den Künstlern, heiß begehrt. Jetzt jedoch handelte es sich um Männer von Welt. Überdies war sie jetzt eine verheiratete Frau: mit dem deutschen Baren verheiratet! Das konnte abschrecken. Der nordische Barbar würde das Ding nicht so leicht nehmen wie ein südlicher Ehemann und Kulturmensch; der Hunne würde nicht das seine Verständnis haben für eine Sache, die so selbstverständlich war. Lavinia Petroni als Frau Heinrich Weber – Gerade das konnte eine Lockung sein. Nur war dabei größte Vorsicht geboten. Sollte er versuchen, ob Frau Weber – der Name klang genau so barbarisch, wie es der Mann mit seinem rötlichen Haar- und Bartgestrüpp war – ob er seine schöne Landsmännin diesen Abend zu Hause traf? Vielleicht war sie es für ihn? Nur für ihn! Das würde dann ein anderes Beisammensein werden als an dem mit roten Anemonen geschmückten Tisch seiner Frau, für die nur das bescheidenste, das unauffälligste Gewand paßte. Er wandte sich der Via Margutta zu. Plötzlich blieb er stehen; plötzlich kamen ihm Bedenken. Er wollte lieber nicht versuchen, ob die schöne Frau zu Hause sei: »nur für ihn« zu Hause. Diesen Abend noch nicht! Jener Herr Weber war heute im Grand Hotel Frascati etwas sehr eigentümlich gewesen. Nicht allein gegen seine Frau, sondern auch gegen ihn. Gut, daß es ihm noch zur rechten Zeit einfiel. In Zukunft würde er nicht so vergeßlich sein, wie er es denn dem Herrn überhaupt gedenken wollte. Für heute abend war es jedoch besser, einen andern Weg einzuschlagen. Sollte er im Spiel Unglück haben, so wollte er an das Sprichwort glauben und annehmen, daß es für ihn sich erfüllte. Und dann, mein höflicher Herr Germane ... Zur mitternächtlichen Stunde des nämlichen Abends ein anderes, ganz anderes Bild: Der kellerartige Raum einer Osteria in dem Rione della Regola, matt erleuchtet durch einige von der geschwärzten Decke herabhängende Öllampen und darin eine dichtgedrängte Versammlung von Männern und Frauen, Proletariat der Großstadt. Es waren jammervolle, in Lumpen gehüllte Gestalten darunter, viele, deren fahle Gesichter von der Malaria gezeichnet waren, mit Blicken, aus denen Haß funkelte, daraus bestialische Wut sprühen konnte. Auf einem Podium stand der Apostel dieser Gemeinde des Elends, Hasses und Rachedursts. Orazio Petroni sprach zu den Seinen. Er sprach mit der Ekstase eines Verzückten, mit der Wut eines von einem Dämon Besessenen: »Römer! Ihr wißt nicht, wie groß und herrlich ihr einstmals gewesen seid; wißt nicht, wie klein, kläglich und ohnmächtig ihr geworden. Groß, gewaltig und herrlich wart ihr, als Rom von den Königen sich befreit hatte und aus der Vernichtung eines schändlichen Königtums die Republik erstand. Ein einzelner Mann stürzte damals Roms fluchwürdige Gewaltherrschaft: Brutus, der Häßliche, der Göttliche. Seine Mißgestalt glänzt durch Roms Geschichte, strahlender als die verklärten Mienen eurer Märtyrer und Heiligen, die euch nicht helfen, nicht helfen können. Euch helfen in eurem Hunger, eurer Not, eurem Elend könnt nur ihr selbst! Römer! Werdet wie Brutus, der Helfer, Retter, Befreier! Verwandelt die Häßlichkeit eures Proletariertums in die leuchtende Schönheit der Befreiung eures Vaterlands von einem schändlichen Königtum! Römer! Keinen König und keinen Papst – weder Monarchie noch Kirche, sondern ein von jeder Fessel befreites Vaterland, ein in jedem Pulsschlage großes Volk, ein Herrschervolk! Auch der Elendeste, Erbärmlichste, Häßlichste unter euch werde ein Edelmensch mit strahlendem Antlitz! Man sagte euch damals: Ihr siegtet in der Erythräa. Lüge! König und Regierung schickten eure Söhne, Brüder, Gatten, Geliebten zu Tausenden und aber Tausenden zu der furchtbaren Schlachtbank der Wüste. Man sagt euch jetzt: Ihr siegtet in Tripolitanien. Lüge! Zur Schlachtbank Tausende und aber Tausende eurer Söhne, Brüder, Gatten, Geliebten! Auch jetzt wieder zur Schlachtbank! Römer! Man schickte eure Sühne, Männer, Geliebten damals nach der Erythräa; schickt sie jetzt nach Tripolitanien – Wißt ihr weshalb? Ich will es euch sagen. Ich, der ich mich für ein befreites Italien, für ein großes italienisches Volk zehnfach würde martern, kreuzigen, schlachten lassen, sage euch: König und Regierung brauchten diese schändlichen Kriege, weil – Römer! Weil König und Regierung euch fürchten. Eures Hungers und Elends, eurer Not und Unwissenheit wegen fürchten euch diese Gewaltigen. Diese Gewaltherrscher und Tyrannen, sie zittern vor euch. Sie zittern vor der Macht des Volks, wenn dieses seiner Macht sich bewußt, wenn es wissend werden sollte. Erwacht! Werdet wissend! Erhebt euch! Fühlt, was ihr seid! Ihr Elenden und Hungernden seid Riesen, sobald ihr es wollt! Herrscher seid ihr! Als Herren und Herrscher brecht die Ketten! Helft, befreit, rettet! Es gilt nicht nur euch – Es gilt eure Kinder und Kindeskinder. Wißt ihr, was geschehen muß, damit ihr erwacht; damit ihr fühlt, was ihr seid, damit ihr helft, befreit und errettet? Was geschehen muß, bis ihr groß, herrlich und gewaltig werdet? Römer! Wir müssen in Tripolitanien besiegt werden. Eure Söhne, Brüder, Gatten, Geliebten müssen zu Tausenden und aber Tausenden auch jetzt umsonst geschlachtet werden. Mehr noch muß geschehen! Unsern deutschen und österreichischen sogenannten Bundesgenossen muß Italien das Bündnis brechen. Zum Judas Ischariot muß Italien werden. Je größer der Verrat, je schändlicher der Treubruch, je heimtückischer der Überfall, um so glorreicher wird Italien sein, um so herrlicher sein Volk, um so unsterblicher seine Befreiung von Italiens schändlichem Königtum. Italien muß seinen bisherigen Bundesgenossen den Krieg erklären; Italien muß sich mit den Todfeinden jener beiden Verhaßten auf Leben und Tod verbinden; Italien muß – Ich werde euch sagen, was euer Vaterland muß. Eure Sühne, Brüder, Gatten, Geliebten müssen in einem dritten ungerechten Kriege hingeschlachtet werden zu Tausenden und aber Tausenden; hingeschlachtet werden von einem erbärmlichen, körperlich und moralisch verkümmerten König, von einer bestechlichen käuflichen Regierung, bis der Felsenfuß der Alpen von dem Blut der Gefallenen sich rötet; sich rötet jenes Meer, welches einstmals unser gewesen – welches unser wieder werden muß. Deutschland und Österreich müssen Italien besiegen! Schreit nicht auf wider mich! Ich sage euch: sie müssen . Wenn Italien dann besiegt, gedemütigt, geschändet ist, so muß Italiens erwachtes und auferstehendes Volk seinen meineidigen König verjagen, seine käufliche Regierung stürzen; so muß Italiens befreites, großes, herrliches Volk –« Der Redner kam nicht weiter. Unbemerkt von der Versammlung hatte er vor wenigen Augenblicken einem jungen blassen Weibe in seiner Nähe einen Wink erteilt, und dieses hatte sich heimlich entfernt. Heimlich kam sie zurück, Polizisten folgten. Diese lösten die Versammlung auf, verhafteten den Rädelsführer, legten ihm, der keinen Widerstand leistete, eiserne Handschellen an. Ein Tumult entstand. Die Gemeinde wollte ihren Apostel gewaltsam befreien. Mehr Polizei kam. Es wurde gekämpft. Die Karabinieri schossen in die Menge, töteten einen Knaben, verwundeten einige Frauen. Die Bestie im Menschen ward entfesselt, und der Apostel hetzte sie mit wilden Worten auf wider die staatliche Macht. Diese blieb Sieger. Auch das hatte Orazio gewollt; auch das war Mittel zum Zweck. Nur ein kleines, immerhin ein Mittel. Mit vielen andern wurde der Sabiner gefesselt fortgeführt nach dem Gefängnis in der nahen Via Giulia. Das junge blasse Weib schlich hinter ihm her. Es gelang demselben, Orazio sich zu nähern und ihm zuzuflüstern: »Ich gehorchte dir. Was aber wird jetzt aus mir?« Ihr wurde erwidert: »Meinetwegen das, was dein Verführer sagte, verkaufe dich dem schmutzigsten Plebejer für einige Pfennige; nur mache den Mann zu meinesgleichen. Dann bist auch du Helferin, Befreierin, Retterin! Lebe wohl.« Das Tor des Kerkers schloß sich hinter dem Helfer, Befreier, Retter des italienischen Volks. Fünfzehntes Kapitel Weber hatte sein Werk vollendet. Sein »Lebenswerk« sollte es sein, ein Meisterwerk war es geworden. Noch hatten es keine fremden Augen erblickt, und der Künstler rang mit dem Entschluß, daß dies endlich geschehen müsse, wie mit einem Feinde. Die als »Italia« in hüllenloser Herrlichkeit dastehende Gestalt war sein Weib. So vollkommen war dieser Körper aus der Hand eines höheren Schöpfers hervorgegangen, daß er nur hatte nachzuschaffen brauchen, was er vor sich sah. Niemand durfte ihm bei seinem Werk helfen, und er bildete seines Weibes triumphierende Schönheit in dem verklärenden Marmor, als wäre er ihr zweiter Schöpfer und sie sein eigenstes Geschöpf. Nicht ein Äderchen ließ er sich entgehen. Bei dieser Italia genügte nicht, daß der Künstler eine geniale Kraft war; er mußte zugleich ein leidenschaftlich Liebender sein, um gestalten zu können, was in diesem Frauenbilde Ereignis geworden. In unnahbarer Hoheit erhob sich die allegorische Figur Italiens. Sie war ungekrönt, bedurfte nicht erst der Krone, um sich als Herrscherin zu erweisen. Kein Symbol charakterisierte sie. Auch ohne die in den Sockel tief eingegrabene Inschrift zu lesen, wußte der Beschauer sogleich: vor ihm stand in Weibesgestalt eine Erhabenheit, welcher der davor niedergeworfene Jüngling vom Typus des germanischen Barbaren mit Leib und Seele verfallen war. »Germania huldigt Italien« – Aber der Niedergeworfene beschämte nicht das starke und stolze Germanien; denn die Demut, die in der Anbetung lag, war Deutschlands heilige Liebe zu dem schönen Lande, und Liebe kennt keine Demut, die erniedrigen kann. Lavinias Gestalt war es, nicht ihr Antlitz. Aber das Wunder ihrer Gestalt den Augen der Welt preiszugeben, war ein Preisgeben geheiligter Geheimnisse der geliebten Frau. Daran hatte der Künstler in seiner Ekstase nicht gedacht, dessen wurde er sich erst bewußt, als sein Werk vollendet vor ihm stand. Daher der Kampf, das Zaudern, das Immer-wieder-hinausschieben, sein Wert der Öffentlichkeit zu übergeben. Endlich mußte es geschehen. Sich selbst als Vertreter seines nordischen Vaterlands Italien zu Füßen werfend, hatte er dem Germanen seine eigenen Züge gegeben: Gestalt und Antlitz eines Mannes, welches von dem Volk, das der Welt die Wiedergeburt der Antike geschenkt, als »barbarisch« bezeichnet wurde. Dieses Barbarenvolk stand in seiner äußeren Erscheinung in grellem Gegensatz zu dem Volk Italiens, dessen Wohlgestalt noch heutigen Tages häufig etwas geradezu Hellenisches hat. Mochten die Römer beim Anblick seiner Gruppe spotten: »Seht den Barbaren!« Mochten sie, auf die Italia deutend, begeistert ausrufen: »Seht, Italien triumphiert über Germanien! Seht, wir warfen das Volk der Barbaren in den Staub! Seht unsern glorreichen Sieg! Seht Deutschlands schmähliche Niederlage!« Darauf war er gefaßt, das konnte weder das Werk herabsetzen, noch den Künstler beleidigen ... Der erste, den Heinrich zu seiner Gruppe führen wollte, war sein ehrwürdiger Freund. Während der ganzen langen Zeit hatte der Professor an seines Lieblings Werk mehr gedacht als an seine eigenen Arbeiten, welche die eines Alten und Altmodischen waren, auf die es nicht ankam, die für die Kunst der Moderne wertlos geworden. Mit wachsender Angst hatte er beobachtet, wie die Leiden seines jungen Freundes beständig zunahmen, die Leiden des Körpers sowohl wie die der Seele. Beides erschien dem Getreuen hoffnungslos. Aber er durfte es sich nicht merken lassen, mußte heitere Zuversicht zeigen. Jetzt sollte er als erster das vollendete Werk sehen. Er bat: »Lasse mich in deiner Werkstatt allein, eine ganze Stunde lang. Dann erst komme wieder.« Eine ganze Stunde lang stand der Alte vor dem Werk des Jungen. Tränen rannen über seine Wangen. Es waren Tränen der Freude, des Glücks, der Dankbarkeit. Nein! Die alte große Kunst war auch bei dem jungen Geschlecht nicht tot. Sie lag nur in Schlummer versunken. Wie sie in diesem Werke erwacht war, so würde sie auch in andern jungen Künstlerseelen sich regen. Sie würde erwachen, auferstehen, sich erheben zu einer neuen Sonne, zu einem neuen strahlenden Tag. Nein! Es gab nicht eine alte und eine neue Kunst; gab nur eine , eine einzige, ewige! Möge der Genius dieser alleinigen Kunst ihm verzeihen, daß er jemals daran gezweifelt, ihren unsterblichen Geist wohl gar geleugnet hatte. »Germania huldigt Italien.« Rudolf Müller sprach die Worte in tiefer Ergriffenheit leise vor sich hin. Die beiden Gestalten waren in Wahrheit ein Denkmal von Deutschlands Liebe zu Italien. Sie würde zeugen von der Liebe seines Vaterlands zu dem Lande deutscher Sehnsucht. So wenig wie dieses Meisterwerk jemals vergehen konnte, so wenig würde Deutschlands Liebe zu Italien jemals vergehen. Beides umwehte der Hauch der Unsterblichkeit. Heinrich trat ein. Sein Freund sprach nicht. Kein Wort sagte er. An dem tiefen Schweigen des Alten erkannte der Junge, daß sein Werk gut sei ... Im Ausstellungspalast der Via Nazionale ward Heinrichs Gruppe aufgestellt, und zwar in einem besonderen Raum, einem Rundgemach, das sein Licht durch eine kuppelähnliche Wölbung empfing, von weißer Seide überspannt. Es stand auf einem dunkelvioletten Teppich, dessen Weichheit den Schritt lautlos machte. Unbekannte Verehrer der »Italia« – nicht des Kunstwerks! – legten täglich frische dunkelrote Rosen davor nieder. Die Gruppe erregte Aufsehen, sie erhielt die goldene Medaille. Es regnete Besprechungen. Von dem Werk selbst wurde jedoch weniger geredet als von dessen allegorischer Bedeutung: die Eitelkeit der Römer fühlte sich befriedigt; wenigstens für den Augenblick. »Germania huldigt Italien.« Der Staat des verabscheuten Militarismus, das Volk der verachteten Barbaren, die Nation bar jeder Grazie – dieses rohe Volk, diese brutale Nation, niedergeworfen vor der majestätischen Herrlichkeit italischen Wesens und italischer Kultur: so war es das Wahre; so sollte es werden; so mußte es bleiben! Eine Auffassung war's, deren Möglichkeit der Künstler sich nicht hatte träumen lassen, die ihn verletzte, empörte. Er wollte sein Werk zurückziehen. Doch hatte er es nun einmal der Öffentlichkeit übergeben und es mußte daher bis zum Schluß der Ausstellung an seinem Platz verbleiben. Der italienische Staat wollte die Gruppe des Deutschen ankaufen: sollte sie doch für kommende Geschlechter ein Zeugnis abgeben, wie sich Deutschland Italien unterwarf. Denn als Unterwerfung wurde die Huldigung Deutschlands gedeutet. Ganz Italien jubelte: »Deutschland unterwirft sich Italien, und – Vae victis!» Aber Heinrich Weber verkaufte sein Meisterwerk, welches sein Lebenswerk sein sollte, nicht dem italienischen Staat. Im gleichen Maße, wie sein Werk von den Römern lärmend besprochen ward, besprachen sie halblaut und leise sein Weib: im gleichen Maße wie des Werkes Ruhm zunahm, wuchs der Ruhm der Schönheit des Urbilds der Italia. Die Blicke der Lüstlinge weideten sich an der Marmorgestalt, und die frechen Wüstlingsaugen entkleideten Heinrich Webers Frau, um die sie sich mehr als je scharten. Als der Gatte dessen inne ward, bedeckte sich sein ohnehin blasses Gesicht mit Totenfarbe. Noch schwieg er. Schweigend nahm er sein Weib und führte es in dessen Heimat. Hatte er doch damals sich selbst gelobt: alle jene, die sie verachtet hatten, weil sie seine Geliebte gewesen sein sollte, würden ihr als seiner Frau Achtung erweisen müssen. Das sollte jetzt geschehen. Auch er würde sein schweigend abgelegtes Gelöbnis erfüllen! Sechzehntes Kapitel Auch dieses Mal fügte sie sich in ihres Mannes Willen. Seit einiger Zeit trat in dem Wesen ihres Gatten ein Zug hervor, welcher der Frau bisher unbekannt geblieben war und ihr mehr und mehr unheimlich wurde; ein Zug seines Wesens war es, welcher selbst für sie, die in ihrem Innersten das wilde Geschöpf eines wilden Volksstamms geblieben, etwas Bezwingendes hatte. Seit dem Abend des Frühlingsfestes auf Tusculum war jenes Fremdartige und Unheimliche nicht wieder aus ihm gewichen. Die Scheu, die es seiner Frau einflößte, steigerte sich zur Furcht, wuchs allmählich zum Haß. Es war, als würde eine mühsam gezähmte Wölfin des Sabinergebirgs allmählich ihrer Natur sich von neuem bewußt und kehrte zu dieser zurück. Noch bezwang sie sein Wille. Wie lange noch? Lavinia in ihre Heimat zurückführend, gedachte Heinrich der Tage, in denen damals in ihm der Entschluß reifte, seine Retterin von einem frühen Tode zu seinem Weibe zu machen, voller Zuversicht, aus dem Kampf, zu dem es zwischen ihnen beiden unabweislich kommen würde, als Sieger hervorzugehen: Manns genug, wie er sich fühlte, wie er es war. Jetzt befanden sie sich wieder an der Stätte jener schicksalsvollen Entscheidungen, auf dem Felsengipfel, hoch über den Dünsten der Tiefe. Sie wohnten bei dem priesterlichen Greise, in dem ruinenhaften Hause über dem Abgrund, um sich die höhlenartigen Hütten des Dorfes, unter sich eine Landschaft, die ihren Wohnort zu einem Königssitz machte. Nach den seelischen Leiden der letzten Zeit empfand Heinrich die Herrlichkeit zu seinen Füßen ebenso stark wie damals, als er, von seiner Verwundung genesend, zu neuem Dasein auferstand. Die Wunden, die ihm seitdem das Leben geschlagen hatte, waren tödlicher gewesen, als der Dolch des jungen Fanatikers es war ... Als Dame, die den Hut trug, kehrte Lavinia zu ihren Landsleuten zurück, und wiederum war es wunderbar, wie sie sich der neuen Lage anzupassen verstand. Nachdem sie sich ihren Bekannten einmal in schwerer rosiger Seide und im Hute – einem silbergrauen »Rembrandt« mit gewaltigem Federschmuck – gezeigt und mit dieser Krone auf ihrem Haupt sich hatte anstaunen lassen, legte sie das Zeichen eines höheren Frauenstandes für die Dauer ihres Aufenthalts in Bellegra stolz-bescheiden ab. Fortan trug sie nur noch Kostüme aus sommerlich hellen Stoffen, wie solche für eine Villeggiatur sich schickten. Heinrich konnte nicht verhindern, sie im Geist beständig als das »Mädchen von Bellegra« in der dunkeln, fast trauermäßigen Tracht des Sabiner Landvolks zu sehen. Was hätte er darum gegeben, wenn – Doch das war ein Gedanke, den er nicht ausdenken durfte. Also genügte selbst vollkommene Frauenschönheit nicht, das Leben des Mannes zu einem glücklichen zu machen? Auch dann nicht, wenn dieser Mann ein Künstler war, dem die Schönheit als das Höchste galt? Es bedurfte demnach noch einer andern, einer unsichtbaren Schönheit, damit er sagen konnte: Ich bin ein glücklicher Mensch! Hatte Heinrich wirklich geglaubt, ohne jene geistige und seelische Schönheit der Frau glücklich sein zu können? Sich wirklich eingeredet, wo die äußere Schönheit sei, müsse auch die innere vorhanden sein? Es käme nur darauf an, sie zu wecken und zu entwickeln. Wie aber, wenn der Mann in seinem irdisch-herrlichen Weibe nichts Göttliches fand? Gar nichts! Wenn er erkennen mußte, daß er in der heißgeliebten Frau nur die Schönheit des Leibes besaß – Nicht denken! Nicht um einen Gedanken weiter! Noch gehörte seines Weibes Schönheit ihm allein. Aber schon, daß er diese von andern Männern begehrt wußte, daß er sie bewachen mußte – schon das war eines Mannes unwürdig; hatte etwas Demütigendes, Beschämendes, Erniedrigendes... Das Ehepaar lebte in der milden Gegenwart des priesterlichen Greises, und diese übte auf die Stürme in Heinrichs Seele einen Einfluß aus, als ruhe die Hand eines Samariters auf schmerzenden Wunden. Lavinia schlief in der Kammer, die sie von Kind an bewohnt, darin die Zeichnung des großen deutschen Künstlers hing, auch eine Lavinia, der sie glich, als sei es ihr eigenes Bildnis. Das Porträt bannte auch jetzt wieder Heinrichs Blick und Geist. Darauf hinstarrend, befragte er das Bildnis der Wunderschönen: ›Besaßest auch du nur die Schönheit des Leibes? Aber du wurdest ja wohl die Frau eines braven Mannes, der gewiß nicht einmal sah, wie herrlich der Schöpfer dich schuf‹ Eine sabinische Magd besorgte den Haushalt, der auf seinen ausdrücklichen Wunsch so primitiv geführt ward, wie es zu dem wilden Ort und dessen Bewohnern paßte. Die Mahlzeiten wurden in der Küche eingenommen; an Sonntagen briet an dem hölzernen Spieß ein Lamm oder Zicklein, Tribut der Gemeinde, Festmahle, die etwas Homerisches hatten. Und gar, wenn Heinrich dabei von seinem Platz aus durch das scheibenlose Fenster auf die virgilische Meeresküste schaute, die über den Albanerbergen, umsäumt von schwarzem Buschwald, in bläulichem Dunst aufleuchtete. Die Gespräche der drei beschränkten sich auf Vorkommnisse des Lebens, in einer Wildnis zugebracht, und auf Betrachtungen des Greises, von der Einfalt einer Kinderseele. Nur ein in tiefer Einsamkeit verbrachtes, von Jugend auf in strenger Entsagung geübtes, der Gottheit geweihtes Leben konnte ein Gemüt so rein erhalten von jedem Staube der Welt. Noch etwas begriff Heinrich in jenen Sommertagen, deren ein jeder voller Glanz war. Ihm wurde die Erkenntnis zuteil, nur ein vom Weibe unberührter Mann konnte sich solche Reinheit bewahren... Bei seiner völligen Unkenntnis vom Weibe kam es dem ehrwürdigen Priester gar nicht in den Sinn, darüber nachzudenken, wie die Ehe zwischen den beiden so verschiedenen Gatten sich gestaltet habe und ob sie eine glückliche sei? Glück und Unglück einer Ehe – Dort oben auf dem Gipfel des Apennins gab es diese Frage nicht. Was die Bevölkerung Bellegras ihrem geistlichen Herrn in die Beichte trug, betraf nicht Glück oder Unglück ihrer Ehe. Selbst wenn ein Sabiner seinen Dolch in das Herz eines Nebenbuhlers stieß, so bedeutete die Todeswunde nicht das zerstörte Eheglück des aus Eifersucht zum Mörder gewordenen Gatten. So gewahrte der Greis denn auch nicht das Unglück dieser Ehe ... Die Tragödie eines andern Eheunglücks spielte sich zu der nämlichen Sommerszeit in Olevano ab: Romana Minardi hatte nach langer qualvoller Selbstlüge erkennen müssen: du bist eine unglückliche Frau! Ihre heiße Liebe und bittere Erkenntnis hatte Rudolf Müllers Tochter zu einer Kämpferin des Lebens gemacht. Zu einer jener stillen Heldinnen, von denen die Welt wimmelt und deren Stirnen unsichtbare Dornen krönen. Sie lieben, erkennen, leiden, kämpfen – werden besiegt, fallen als unblutige Opfer, werden vergessen. Kein Nachruf sagt, was sie gewesen: Heldinnen und Märtyrerinnen zugleich. Entrang sich doch ihren Lippen kein Seufzer oder Schmerzenslaut. Nicht in der Casa Tedesca wohnte das junge Paar, sondern unten in der Stadt, in dem Hause des Sindakus. Frau Romana hatte es gewollt und ihren Willen durchgesetzt; zum erstenmal. In dem altertümlichen Hause mit der Blumenwildnis seines Gärtchens konnte sie dem angstvoll fragenden Blick ihres Vaters leichter ausweichen. Es war ein Blick, den die Tochter stets mit einem heiteren Lächeln beantwortete; aber bisweilen fiel ihr die fromme Lüge schwer, und es quälte sie, ob ihrem Lächeln auch geglaubt würde? Immerhin – Solange ein Unglück nicht ausgesprochen ward, schien es noch nicht Wahrheit geworden zu sein. Noch immer rang die schweigende Kämpferin danach, ihren Gatten, den sie immer noch liebte, auch achten zu können. Herr Minardi hatte in Rom, des Suchens müde, eine Advokatur eröffnet und von dem Gelde seiner Frau ein Büro im Stile eines intimen Absteigequartiers eingerichtet: kamen doch nicht nur Klienten zu ihm, sondern auch Klientinnen. Für seine Frau bedeutete die Eröffnung dieses diskreten Etablissements den Beginn einer ernsthaften Tätigkeit ihres Gatten, also die Hoffnung auf bessere Zeiten. Jetzt hatte er sie nach Olevano zu seinen Eltern gebracht, ertrug jedoch die ländliche Einsamkeit nicht lange und fuhr nun zwischen der Hauptstadt und Olevano hin und her, wäre wohl selbst in den heißesten Wochen in Rom geblieben, hätte auf dem Felsengipfel oberhalb Olevanos nicht seine schöne Landsmännin gewohnt. Der Gatte hielt hier zwar weniger scharfe Wacht, doch war auch hier größte Vorsicht geboten. Darauf verstand sich freilich die Nation, die den Cicisbeo geschaffen ... Mehr und mehr lernte Frau Romana ihres Mannes Eltern hochhalten. Das war ein tüchtiger Menschenschlag, Italiens zukunftsreichster. Der Schlag des Landmanns war es, der des Arbeiters, welcher das Gebot des Herrn erfüllte und im Schweiße seines Angesichts seinen Acker bestellte. Aber der Gottheit Fluch gereichte der Menschheit zum Segen. Seine Gemeinde, sein Weinberg, sein Olivenwald, diese drei Dinge waren es, die in dem Leben Virgilio Minardis eine heilige Dreieinigkeit bildeten. Wie er seine Rebenstöcke zum reichsten Ertrage bringen und die reinsten Weine keltern konnte; wie er seine Bäume düngte, beschnitt, den früchtereichen Zweigen möglichst viele Strahlen von Latiums Sonne zuführte, ebenso treulich sorgte er für das Gedeihen des ihm anvertrauten Völkchens, dessen Männer ihm glichen, fleißige Arbeiter in ihren Weinbergen. Was Virgilio Minardi in seiner Gemeinde auf das beste gelang, war ihm in seinem Hause völlig mißlungen: des Hauses einziger Sohn würde niemals erwerben, was er von seinem Vater ererben sollte, und der Vater wußte das. Neben seinen Lebensfreuden, die ausschließlich in seiner unermüdlichen Tätigkeit bestanden, bildete diese Erkenntnis des wackeren Mannes Lebenskummer. Ob seine scharfblickenden Augen sahen, was seines Sohnes Gattin vor aller Augen zu verbergen suchte? Bisweilen schien es Romana, als herrschte zwischen ihr und ihrem Schwiegervater ein heimliches Einverständnis, dem niemals Worte verliehen wurden. Der rauhe Mann zeigte seiner Schwiegertochter gegenüber ein Zartgefühl, wie ein gütiger Arzt einem hoffnungslos Kranken, dem er mit einem Lächeln verhieß, daß er gesunden würde. Die leidende Romana erkannte die freundliche Absicht, gab sich den Anschein, als hoffte auch sie, und war dem gütigen Arzt dankbar. Sora Pia schlug andre Wege ein, um ihres Sohnes Frau im Hause des Gatten heimisch zu machen: sie teilte mit ihr des Hauses Arbeit, die sie bisher als ihr alleiniges Recht bewahrt hatte. Die Freudigkeit, mit welcher Romana dieses Ehrenamt übernahm, gab Sora Pia einen hohen Begriff von den Hausfrauentugenden einer von jenseits der Alpen: die Leute dort drüben mußten eben doch ein tüchtiges Volk sein. Da nach Urvätersitte die hauptsächlichsten Bedürfnisse in dem einfachen Haushalt selbst bereitet wurden, gab es genug zu tun. Feigen wurden in Honig eingemacht, der scharlachrote Saft reifer Granatäpfel mußte eingekocht werden, der alte hochstämmige Zitronenbaum seine Früchte zum Einzuckern hergeben, der Garten seine köstlichen Kräuter zu dem berühmten Essig, der Rosen und Jasminflor seine leuchtenden Blätter, der Lavendel seine bläulichen Blüten, um, in der Sonne getrocknet, den Stolz des Hauses, das selbstgewebte Linnen, zu durchduften. Reiche Pilzernten wurden gehalten und die verschiedenen Arten sorgsam sortiert, um, zerschnitten und gedörrt, den Wintervorrat zu bilden; die Tomaten wurden an lange Schnüre gereiht, die dann die Wände der Küche mit krebsroten Girlanden schmückten; die jungen und zarten, aus ihren silberigen Blattkronen aufschießenden Artischocken wurden mit dem feinsten Öl durchtränkt und in altertümlichen Karaffen aufbewahrt. Und dann die Arbeit in der Vigna, zu welcher die Familie jeden Nachmittag hinaufstieg, für die zwei Alten wahre Feiertagsgänge, schier andachtsvoll ausgeführt: bedeutete ihnen doch das Stück Ackers, welches die Bacchusfrucht trug, eine Art Heiligtum. Mit mütterlich zärtlichen Blicken beobachtete Sora Pia das Blühen, Ansetzen, Schwellen, Reifen der Trauben. Sie kannte jeden Rebenstock, befreite eigenhändig die Trauben von dem allzu üppigen Blattwerk, welches der Sonne wehrte, den seligmachenden Saft zu süßer Gärung zu bringen. Romana freute sich jedesmal des Anblicks der beiden würdigen Gestalten, wenn sie die Rebengänge durchschritten. Häufig gesellte sich zu den dreien ein andres Trio: die Bewohner der Casa Tedesca; denn Dame Filomena mußte bei allem dabeisein. Das gehörte sich auch so. Gab man doch in Italien den patriarchalischen Beziehungen zwischen Herrschaft und Dienstboten den frommen Namen der Familie – la famiglia – ; und vielleicht ist Italien das einzige Land, in dem dieses seit ältesten Zeiten bestehende ehrwürdige Verhältnis von Gebietenden und Dienenden selbst in dem Jahrhundert des Umsturzes aller Werte und Bräuche noch Geltung besitzt. Es ehrt beide, die Gebietenden sowohl wie die Dienenden. Waren die Bewohner der befreundeten Häuser in der Vigna beisammen, so wurde ein Festessen, eine »Merenda«, gehalten. Jeder steuerte dazu bei. An einem besonders schönen Platz lagerte man sich, und plaudernd wurde genossen, was Sora Pia und Dame Filomena den Ihren bescherten. Die Frau des Sindakus durch allerlei Leckerbissen auszustechen, war ein Ziel höchsten Ehrgeizes des weiblichen Oberhaupts der Familie Müller. Dame Filomena konnte sich bei diesen Zusammenkünften des Anblicks ihres Opfers erfreuen; aber auch für sie gab es keine unglücklichen Ehen, also blieb das Gewissen der Vortrefflichen heiter wie der Sommerhimmel, der Tag für Tag als glanzvoller Baldachin über das Sabinergebirge sich spannte. Da die Vigna des Sindakus an dem Wege nach Bellegra lag, so war es nur natürlich, daß dieses Weges Heinrich Weber herabgestiegen kam und dann die Freunde beieinander traf. Auch von dem Ehepaar Minardi wurde der Künstler mit aufrichtiger Freude begrüßt; mußte man doch dem ernsthaften Mann mit dem leidensvollen Gesicht und den sprühenden Augen gut sein! Lieben mußte man ihn und achten zugleich! Glücklich die Frau, die diesen Mann lieben und achten durfte. Und dieser Mann war ein großer Künstler. Unwillkürlich gab sich Romana solchen Betrachtungen hin, so oft sie ihres Vaters jungen Freund traf. Wenn die beiden sich begegneten, grüßten sie sich schweigend. Aber beiden schien es, als läge in dieser stummen Begrüßung mehr, als Worte hätten sagen können. Ihre Blicke sprachen: Wir verstehen einander; verstehen uns in unsrer großen Liebe und in unserm großen Leid. Uns beiden ward unsre Liebe zum Verhängnis, zum Schicksal. Beide sind wir unglücklich. Aber – Wir allein dürfen es wissen! Lavinia begleitete ihren Gatten nie. Um einen Spaziergang zu machen, dazu war sie denn doch zu sehr Italienerin, überdies jetzt zu sehr Dame. Für sie gab es nicht die Natur, nicht die Schönheit der Welt, nicht die Herrlichkeit ihrer Heimat. Doch konnte ihr Heinrich dieses Fehlen jeglichen Naturempfindens ebensowenig zum Vorwurf machen wie ihr Nichtverstehen einer großen Dichtung. Viel zu einsichtig, um sie deswegen anzuklagen, ward er sich nur immer schmerzlicher bewußt, wie schwer dieser Mangel an allen geistigen Interessen zu ertragen sei. So war denn auch für ihn seine heilige Liebe zu einem Martyrium geworden. Siebzehntes Kapitel Ganz Rom wußte, daß sich die Frau für ihren Liebhaber ruinierte, die Marchesa Margherita di San Silvestro für den Dichter Mario Mariano. Obgleich zu den Wissenden auch der Gemahl der Dame gehörte, kam es doch zu keinem Skandal; ja, der Liebhaber erschien noch immer auf den Empfängen der Marchesa und wurde von dem Gemahl im Klub oder im Café Aragno freundschaftlich begrüßt. Im Klub trafen sich Gatte und Liebhaber bisweilen als Gegner im »Bridge« und es kam vor, daß der Gatte dem Liebhaber bei irgend einem Hasardspiel hohe Summen abgewann: das Geld seiner Frau Gemahlin! Ganz Rom wußte, daß der Marchese ein Dämchen aushielt, also für das gewonnene Geld gute Verwendung hatte. Trotzdem würde kein Italiener aus Hamlet zitieren, daß im Staate Italien etwas faul sei. Faul manches andere – Inzwischen gelangte Herr Mariano zu immer strahlenderer Glorie; und das sowohl als Poet und Lebenskünstler wie als Herrenmensch und Übermensch. Er erblühte unter den Strahlen seines Ruhms wie eine Blume unter der Sonne seines Vaterlandes. Mit dem Inhalt seiner Dichtungen hatte sein eigenes Leben nur dann etwas gemein, falls er darin seinem Menschlichen, Allzumenschlichen die Maske abnahm. Sobald sich sein Pegasus lichten Höhen zuwandte, bestand für den Dichter kein Grund, die Erhabenheiten seiner Poesieen in sein Leben zu übertragen: er durfte ungestraft das Göttliche besingen und das Gemeine vollbringen ... Über das bis dahin unberührte Herz der Marchesa war die Leidenschaft wie ein Sturm hereingebrochen, als Elementargewalt alle Empfindungen in dieser Frauenseele entfesselnd. Sie erbebte bis ins Innerste, wenn sie des Geliebten nur gedachte. Erwartete sie ihn, so war's, als ob der Anfang ihres Lebens käme; hörte sie seinen Schritt, so erbleichte sie; vernahm sie seine Stimme, so hätte er ihr befehlen können, vor seinen Augen in einen Abgrund sich zu stürzen. Ihre Liebesstunden hatten für sie nichts von dieser Welt: sterben in seinen Armen wäre der Wonnen allerhöchste gewesen. Solche Macht auf die Unselige ausübend, scheute der Edle kein Mittel, ihre Leidenschaft bis zum Wahnsinn zu steigern. Sie beschwor den Freund, ihr zu gestatten, sich von ihrem Gatten zu trennen oder mit ihm zu entfliehen. Beides jedoch wäre dem Herrn unbequem gewesen. Auch hätte es ihn von Rom und seinen dortigen verschiedenen Wirkungskreisen entfernt, was durchaus nicht in seiner Absicht lag. Als Eroberer der großen römischen Welt hielt er es für eine Ehrensache, in dieser Welt Sieger zu bleiben. Jetzt aber mußte die Marchesa sich erinnern, daß sie eine Tochter besaß. Auch diese Tochter hatte sie über dem einen Gedanken, der ihr ganzes Wesen und Fühlen erfüllte, am liebsten vergessen; hätte in der Geliebten auch die Mutter untergehen lassen. Doch das Leben trat als unerbittliche Mahnerin vor die Verlorene hin: am nächsten Ostersonntag sollte die Marchesina die klösterliche Erziehungsanstalt verlassen; sollte sie von der Mutter abgeholt, in das Elternhaus gebracht und in die Welt eingeführt werden. Als sei ein Unglück geschehen, machte die Marchesa dem Freunde von dem Bevorstehenden Mitteilung: »Zu Ostern muß ich verreisen.« »Wohin?« »Nach Subiaco.« »Darf ich Sie begleiten?« »Unmöglich!« »Wollen Sie eine Wallfahrt zum heiligen Benedikt nach seiner Felsengrotte und zu seinem Rosenbusch machen? Dahin könnten Sie mich wirklich mitnehmen, es gäbe ein brillantes Motiv zu einem ganzen Zyklus von Sonetten: Die Wallfahrt zu den Rosen San Benedikts ... Also darf ich mitkommen? In Tivoli treffen wir uns.« »Ich bitte dich, scherze nicht!« »Es ist mein heiliger Ernst.« »Ich muß in Subiaco meine Tochter abholen.« »Die kleine Nicoletta?« »Sie wird sechzehn Jahre.« »Sie soll reizend sein!« »Meine Tochter, Mario. Ich habe eine Tochter. Meine Tochter kommt!« »Wenn sie doch reizend ist –« »Sie wird mit mir leben. Und ich – und ich!« »Und du? ... Du liebst mich.« »Ja, ja, ja!« »Sage mir's. Du sollst es mir sagen!« »Ich liebe dich, liebe dich, liebe dich!« »Ich küsse dich, küsse dich, küsse dich!« Sie glitt neben ihm zu Boden, weinend, schluchzend, in Verzweiflung. Er küßte sie ... Am Karfreitag begab sich die Marchesa in ihrem Automobil nach Subiaco. Sie fuhr über Tivoli. Da in der Hadriansvilla Veilchenblüte war, so stieg sie bei der kaiserlichen Ruinenstadt aus, deren Wiesengründe von den lieblichen Frühlingsblumen blauten. Auf diesen lebendigen Teppich ließen Spiräen und Syringen ihre schlanken schneeigen Blütenzweige herabfallen, märchenhaften Fontänen gleich. Darüber stiegen Zypressen und Pinien auf, dunkelten Lorbeer und Laurus, und in dieser Wildnis von Waldung und Blumen Ruine an Ruine; gestürzte Säulen, zertrümmertes Gebälk, zerbrochene Stelen, Statuen, Hermen, Altäre, die Leichname von Herrlichkeiten, wie solche die Welt seit jenen Zeiten nicht wieder gesehen – nicht wieder sehen würde. Am Karfreitag in der Hadriansvilla begegnete die ihrer Tochter entgegenfahrende Marchesa zufällig Herrn Mariano und am Abend des nämlichen Tages besuchten die beiden die Klöster Sankt Benedikts. Die Frau, die ihre Leidenschaft an den Rand eines Abgrundes geführt, schritt hoch über der Tiefe, darin der junge Anio brauste, neben dem Freunde hin und fühlte sich an des Geliebten Seite, als wandelte sie über Frühlingsgefilde. Der Dichter sprach zu ihr von den Zeiten Kaiser Neros. Dieser werde schwer verkannt. Nicht als perverser Imperator, miserabler Sänger, Komödiant, Wagenlenker, sondern als kaiserlicher Allmensch, als faustischer Übermensch habe er sich seine welthistorische Bedeutung errungen. Kaiser Nero sei bereits vor zwei Jahrtausenden der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts gewesen: der unsterbliche antike Lebenskünstler, der jeden Genuß kennen und auskosten, auf die höchsten Höhen der Menschheit hinauf, in ihre tiefsten Tiefen hinabsteigen, über Gipfel hinschreiten und in Abgründe versinken wollte. Herr Mariano sagte der Frau, die ihn liebte: auch in ihm liege etwas Neronisches, und dieses mache ihn zum Dämon und zugleich zum Gott. Zu Zeiten Neros hätten die Völkerschaften solchem Geist Tempel erbaut, Bildsäulen aufgestellt und Opfer dargebracht: dem Dämon und dem Gott im Menschen. Auch Menschenopfer hätte solcher dämonische Gottmensch gefordert. Und Herr Mariano schilderte der Frau an seiner Seite die Darbringung eines derartigen Opfers. In Gestalt eines schönen Jünglings lag es hingestreckt vor dem Altar, darauf junge nackte Priester die heiligen Flammen entzündeten. Und Herr Mariano erklärte seiner Geliebten: statt des Jünglings hätte dem göttlichen Dämon ein Weib geopfert werden müssen, ein junges, zärtliches, leidenschaftlich liebendes – Er blieb stehen, deutete in den Abgrund zu seinen Füßen, daraus über den Strudeln die Ruinen eines Neronischen Nymphäums sichtbar waren, und der Dichter sprach: »Dort unten fischte Kaiser Nero nicht nur in goldenen Netzen Anioforellen – auch Opfer fielen seiner Gottheit dort unten: Ecce Deus – Ecce homo! « Und er führte das Opfer weiter, vom Rande des Abgrundes zurück, näher dem Abgrunde zu ... Jetzt die Dämmerungen eines Steineichenwaldes voll geheimnisreicher Schatten, die Seele mit frommen Schauern erfüllend, ein Sanktuarium der Natur, eine weihevolle Vorbereitung auf das Mysterium, welches des Ankömmlings harrte und welches selbst in dem Lande wundersamer Heiligtümer seinesgleichen nicht hat. Hier nun begann der Mann, der soeben dem Kaiser Nero göttliches Wesen zugesprochen hatte, von der Magie der katholischen Kirche und der Herrlichkeit San Benedikts zu reden: »Daß Nero seine menschlichen Fackeln lodern ließ, bedeutet eine seiner erhabensten Taten: die Christen, die zu des Imperators Fest brannten, leuchteten dem Sonnenaufgang der Kirche des Gekreuzigten als Morgenröte voraus. Auch das Wunder des Daseins eines San Benedikt entstieg dem Neronischen Menschenbrand, dessen Gluten durch die Ewigkeit fortlodern werden. Aus edelstem Hause, dem Geschlecht der Anicier entsprossen, entfloh der große Heilige, fast noch ein Knabe, Roms Sittenverderbnis. Diese Wildnis nahm ihn auf. In diesen damals noch unzugänglichen Felsenwänden entdeckte er über den Ruinen des kaiserlichen Lusthauses eine Höhle, gelangte auf wundersame Weise hinauf, machte sie zu seiner Zelle, wurde von einem frommen Siedler mit Speise versehen, die an einem Stricke zu dem jungen Asketen hinabgelassen werden mußte. Der Schrei der Adler in den Lüften, das Schäumen des Anio in der Tiefe, der Sturm, der durch die Wipfel dieser nämlichen Eichen rauschte, an diesen nämlichen Felsen rüttelte, waren die einzigen zu ihm dringenden Stimmen der Welt. Er lauschte auf sie, und er lauschte auf eine Stimme, die beim Brausen der Elemente zu ihm sprach. Und siehe, es war die Stimme des Herrn! In der Einsamkeit dieser Welt entstand in der Seele des Jünglings der Gedanke an die Gründung eines Ordens, welcher der Menschheit eine geistige Kultur gab, wie die Zeit vorher sie nicht kannte. Nur in der Flucht vor der Welt konnte so Großes, so Gewaltiges geschaffen werden. Zu dem Manne, der es schuf, durften nur die Elemente sprechen, in seiner Seele nur die Stimme des Herrn. Er durfte vom Weibe nichts wissen; mußte von sich abtun alles, was vom Menschen in ihm war; mußte vom Menschen sich erlösen wie der Gottessohn am Kreuz die Menschheit von der Schuld, der Sünde, dem Elend – nicht hat erlösen können. Heilig der Mann, der solches vollbracht! Heilig und selig zugleich!« In solcher Ekstase fuhr er fort zu reden, und seine Worte wurden zu Dithyramben. In Verzückung schaute die Liebende zu ihm auf. Sie hörte in der Tiefe das Brausen des Anio, hörte über ihrem Haupte das Rauschen des Lenzwindes in den Wipfeln der Steineichen; hörte über sich den Adlerschrei und verlor mehr und mehr das Empfinden der Wirklichkeit. Das bleiche Gesicht des Apostels der Weltentsagung, der ein Wüstling war, erschien ihr in den schwarzen Schatten des Haines wie das Antlitz des Heiligen selbst. Sie hätte vor ihm niederfallen können und ihn anbeten: » Ecce homo – ecce Deus! « Mysterium! Gänge, Hallen, Treppen; Treppen hinauf und hinab. Kapellen, Grotten, Altäre, Bildnisse, Statuen; Halbdunkel, Kerzenglanz, Weihrauchnebel, Orgelklänge. Dann Chorgesang: dumpf, geheimnisvoll, geisterhaft. Immer wieder blasse Bildnisse und flimmernde Altäre; immer wieder Kapellen und Grotten. Kapellen in den lebendigen Fels gehauen, deren tiefste der »Sacre Speco« ist: die Höhle San Benedikts, des Heiligtums höchstes Heiligtum. Darin sich erhebend eine weiße Erscheinung, Ein Marmorbild: San Benedikt als Jüngling. Bei dem Schein der Kerzen, dem Dunst des Weihrauchs ist es, als erstünde er aus sanft strahlendem Gewölk. Immerfort Orgelspiel, Psalmeien, Gesang. Die Töne scheinen aus dem Fels zu dringen, Laute und Stimmen einer unterirdischen Welt. Die Menge drängt sich: Volk der Sabina. Alle sind dunkel gekleidet. Einem offenen Grabe drängen sie zu, zu einem Totendienst sind sie gekommen. In einer der Grotten aufgebahrt ein Leichnam, ein jugendlicher nackter Leib. Von der Stirn rinnt Blut. Es bluten die Wundenmale an Händen und Füßen; blutet der Speerstich in der Brust, dicht unter dem Herzen. Ein Gekreuzigter, Erstochener, Gemordeter: Jesus Christus, der Menschensohn, der Gottessohn: » Ecce homo – ecce Deus! « Karfreitag. Zum tausendsten und aber tausendsten Male wird der Herr und Heiland gemartert, gekreuzigt, geschlachtet: Ein Opfer der Gottheit. Dem allgütigen allmächtigen Gott das allerhöchste Opfer: »Deo optimo maxima hostia!« »Und vergeblich dargebracht« – flüstert Mario Mariano seinem Opfer zu. Das Miserere erklingt durch die Wölbungen, in denen es widerhallt, dumpf und schauerlich, ein Totenhymnus, Er führte sie davon, stieg mit ihr hinauf, aus der Todesnacht zum Licht der Sonne empor. O du himmlisches Licht des Tages und des Lebens! Ein Gärtlein an der Klippe über dem Abgrund hängend. Darin ein Rosenstrauch, tausend Jahre alt und älter, dennoch über und über in Blüten erglühend, ein Wunder, wie alles an diesem Ort. Auch das ein Mysterium. Und der Dichter Mario Mariano sagt: »Hätte mir der Teufel an dieser Stätte das schönste Weib der Erde gezeigt – ich hätte mich nicht nackten Leibes in diese Dornen geworfen; hätte für das schönste Weib der Erde dem Teufel meine unsterbliche Seele verschrieben und wäre in den Flammen der Hölle selig gewesen!« Er lächelt. Es ist das Lächeln eines Dämons, dem das Opfer seine Seele verschrieb. Das Lächeln desselben Mannes ist es, der soeben die Enthaltsamkeit vom Weibe mit den Blicken eines Verzückten als Höchstes des Höchsten gepriesen. Er war wohl doch mehr » Ecce homo « als – » Ecce Deus « Achtzehntes Kapitel Der Garten eines Frauenklosters, eine Wildnis von Rosen und Lilien. Die Rosen purpurfarben und scharlach, die Lilien auf hohen schlanken Stengeln schneeweiß: Marienlilien für den Dienst der vom Schwert des Schmerzes durchbohrten Gottesmutter und holden Himmelskönigin. Eine frühe Morgenstunde am Ostersonntag. Auch die Stunde der Morgenröte rosenfarben. Bei dem magischen Schein inmitten der Blumen eine Schar blütenjunger Mädchen, die duftende Fülle plündernd, Rosen und Lilien häufend; denn der Wundertag der Auferstehung des Sohnes ist zugleich das Fest der Mutter. ›Das Fest der Mutter! Heute ist auch das Fest meiner Mutter,‹ denkt Nicoletta di San Silvestro, eine Gestalt wie die verkörperte Lieblichkeit erster Jugend und Unschuld. Die Marchesina gehört zu den Zöglingen der frommen Anstalt, die heute entlassen werden. Sie ist bereits umgekleidet, trägt ein schlichtes weißes Kleid. Hat sie den Gefährtinnen geholfen, die leere Gruft des Auferstandenen mit Rosen und Lilien zu füllen; mit Rosen und Lilien die Bildsäule der heute glückseligen Mutter zu schmücken; mit Rosen und Lilien das ganze klösterliche Heiligtum, so wird sie sich aus Rosen einen Kranz winden, leuchtend wie eine Brautkrone; aber schöner noch wie die weißen Orangenblüten, die nur allzu häufig nicht die Stirn einer Glücklichen kränzen. Heute in diesem Heiligtum tragen Kinderunschuld und Kinderglück den Kranz. ›Mutter! Meine Mutter! Mutter!‹ Sie denkt an nichts andres, möchte den Mutternamen laut hinausrufen, hinausjubeln. Er ist der Tochter heilig wie der Name der Mutter des vom Tode erstandenen Heilands der Welt ... Glockenklänge. Die Glocken des Klosters und die Glocken aller Kirchen und Kapellen der Stadt Subiaco klingen zusammen, ein Rauschen feierlicher Töne: nun der Heiland auferstanden, dürfen die Glocken der Welt die Botschaft verkünden: »Ostern! Ostern!« Seit Christi Kreuzestod waren sie verstummt. Der Auferstandene löste ihnen die ehernen Zungen. Die Schwestern durchschreiten den Garten, Gestalten der Entsagung. Sie haben schon auf Erden den Frieden. Nicoletta jubelt ihnen entgegen: »Meine Mutter! Meine Mutter kommt! Ich gehe mit meiner Mutter!« Ihr wird geantwortet: »Sei mit deiner Mutter gesegnet.« Eine Stunde später versammeln sich die Zöglinge, die heute scheiden sollen, in dem Refektorium um die ehrwürdige Frau Superiorin. Diese spricht zu ihnen, nimmt Abschied von ihnen, bereitet sie vor auf den Weg, den sie wandern werden, wenn hinter ihnen die Pforte des Heiligtums sich schließt. Es ist ein Weg, der sie hinausführt in die Welt, und die Welt ist voller Versuchungen, Übel, Sünden. Keine Rosen und Lilien wachsen an diesem Wege, sondern Dornen sind darauf gestreut. Nicht nur die Füße reißen sie wund, sondern auch die Herzen. Da müssen diese denn stark sein. Sie müssen in sich die Gottheit tragen. Aus dem Hause der Gottheit scheidend, müssen die jungen Kinder der Welt die Gottheit mit sich hinausnehmen, sonst erhalten die Versuchung, das Übel, die Sünde über die Herzen Gewalt. Und es kommt die Schuld. »Versuchung – Übel – Sünde – Schuld.« Sie hören die Worte, doch verstehen sie nicht. Wie hätten diese Reinen sie auch verstehen sollen? Von der Welt dort unten, weit draußen, war in ihre Mauern kaum ein Laut gedrungen. Diese Mauern bildeten um ihre Kindheit einen Wall, schützend wie das Bollwerk einer Festung. Diese Mauern und dasjenige, was sie umschlossen, waren ihre Welt: ihr Garten, ihre Kirche, ihre Heiligenbilder, Zellen und Säle. Die Klänge der Orgel und der Glocken, die Gesänge und Gebete, die Gespräche mit den Nonnen, die Plaudereien, Spiele und Scherze – gottlob auch das Lachen! – waren in ihrer Welt deren Stimmen. Sie lernten Französisch und Englisch; lernten Kirchengeschichte, kunstvolle Stickereien und – die Manieren der Gesellschaft, der sie, die sämtlich Kinder großer Geschlechter waren, angehören sollten, sobald die Pforte des Klosters hinter ihnen sich schloß. »Versuchung – Übel – Sünde – Schuld.« Nun ja. Sie mußten ihre Sünde zu dem alten Geistlichen des Klosters tragen; mußten ihm Sünden beichten. Es waren Sünden der Unschuld, die ihnen mit mildem Lächeln vergeben wurden. Aber jetzt – jetzt sollte alles plötzlich anders werden. Sie erschraken, erbebten, verstanden nicht. Ihre Mütter! Einmal im Jahre kamen die Mütter, um nach ihren Töchtern zu sehen; einige Male des Jahres erhielten sie Briefe, Geschenke, Gaben mütterlicher Liebe. Diese Mütter waren ihren Kindern nahezu Fremde. Und dennoch! Der Name allein hatte solchen besonderen Klang. Er weckte in den jungen Seelen heiße Sehnsucht: Sehnsucht, sich an das Herz der Mutter zu schmiegen; Sehnsucht nach einem unbekannten, wundersamen Glück; Sehnsucht nach etwas Herrlichem, Himmlischem, das zugleich von der Erde war. Es konnte in der Welt keine Versuchungen, kein Übel, keine Sünde und Schuld geben, wo Mutterliebe schirmte und schützte! Und wieder jubelte es in dem Herzen Nicolettas: ›Meine Mutter kommt! Meine Mutter nimmt mich mit! Bin ich nicht eine glückliche Tochter?‹ ... Der letzte Gottesdienst in der kleinen, mit Rosen und Marienlilien über und über geschmückten Klosterkirche war vorüber; vorüber der Abschied von der gütigen Oberin, den geliebten Schwestern, den zurückbleibenden armen Gefährtinnen und all den Plätzen einer Kindheit, deren Glückseligkeit erst später empfunden werden sollte. Ach, erst so viel später! Aber vor der jungen Dame, die in elegantem Reisekostüm, einen Hut mit den Federn des Paradiesvogels neben der Mutter im Auto hinsauste, lag die Frühlingswelt strahlend im Glanz des wolkenlosen Tages; lag ebenso weit, ebenso leuchtend und wundersam fern und fremd das Leben. Wie unfaßbar schön war die Welt, und wie unbegreiflich herrlich mußte in dieser Welt das Leben sein! Gleich dem glanzvollen Frühling, durch den die Tochter an der Seite der Mutter dahinfuhr. Schön, wunderschön war diese Mutter! Als Nicoletta es der Mutter sagte, erwiderte diese: »Findest du? Schön soll ich sein? Immer noch schön? Findest du wirklich? Aber ob es auch andere finden? Schön, wunderschön ist allein die Jugend.« »Kannst du alt werden? Kann man überhaupt alt werden? Ich einmal alt?« Und das Kind lachte hellauf. Die Marchesa betrachtete ihre Tochter. Wie jung sie war! Konnte auch sie einmal so göttlich jung gewesen sein? Diese sanft geröteten Wangen, diese leuchtenden Augen, dieser Mund – Ein Mund, der nicht ahnte, was Küsse waren, die glühenden Küsse eines Geliebten. Dem Kinde mußte der Gatte gegeben werden, von den Eltern für sie gesucht, und das bald. Ihr war es ebenso geschehen, ihr und tausend andern blütenhaft Jungen, Unschuldigen, Ahnungslosen, Unberührten. Kam dann der Geliebte – Häufig bald, sehr bald ... Bei ihr war er erst spät gekommen, viel zu spät! Sie hatte sich stark gehalten, tapfer sich gewehrt, tapferer als tausend andre willenlos Verkaufte. Weshalb sollte es das Kind an ihrer Seite besser haben? Fühlte sie Mitleid mit dem Kinde, mit dem Opfer? Nein! Was fühlte sie? Neid. Neid auf diese wundervolle Jugend; Neid auf diese himmlische Unschuld; Neid auf die Seligkeit, die von dieser holden Jugend einem Manne gespendet werden konnte, einem – Geliebten. Ihrer Gefühle gegen ihre Tochter, gegen ihr einziges liebliches Kind, sich bewußt werdend, entsetzte sich die Frau. Dennoch konnte sie ihrer Empfindungen, die sie in der ersten Stunde des Wiedersehens befallen hatten, nicht Herr werden ... Längs des Anios führte die Straße durch Felsentäler, auf deren kahlen Gipfeln und Graten Kastelle, Klöster und graue Ortschaften lagen, die unzugänglich zu sein schienen. Die Aniowiesen waren hier weiß von Narzissen, dort violett von Anemonen oder rot von Orchideen; die Pappeln und Weiden umwob ein smaragdgrüner Schleier, und die knospenden Ulmen schimmerten, als sollten die Bäume goldene Blumen tragen. Dazu der Frühlingsgesang der Lerchenchöre, ein wolkenloser Himmel, eine sanfte Sonne und in der weichen Luft ein ahnungsvolles Etwas, dafür die Sprache keinen Ausdruck besaß. In Tivoli ließ die Marchesa halten. In der »Sibylle« sollte ein Mahl eingenommen werden: in der Säulenhalle des Rundtempels am Rande des Abgrunds über den Aniofällen, deren Donner hinaufdröhnte, deren Staub wie ein feiner, glanzvoller Nebel aus der Schlucht aufstieg. Die Strahlen der Nachmittagsonne füllten die Tiefe und verwandelten den feuchten Dunst in ein Gerinnsel von Smaragden und Rubinen, schlugen einen Regenbogen von Rand zu Rand. Ein Märchen war's. Ein Herr näherte sich dem Tisch, an dem Mutter und Tochter saßen, ein Bekannter der Marchesa. Er grüßte ehrerbietig und bat, ihn der Marchesina vorzustellen. »Mario Mariano, unser großer, herrlicher Dichter, mein Kind.« Aus staunenden Augen schaute Nicoletta auf den Fremden. Ein Dichter! Der erste Mensch, der ihr in der Welt und dem neuen Leben entgegentrat, ein Dichter! So also sah ein Dichter aus? Er sei »groß und herrlich« hatte ihre Mutter gesagt. Der Große und Herrliche begrüßte sie, sprach zu ihr. Sie hörte eine Stimme von wundersamem Wohllaut, sah auf sich gerichtet einen Blick – Unter diesem Blick errötete sie, erbebte sie; unter diesem Blick des Großen und Herrlichen überlief sie ein Schauer gleich einem Grauen. In halber Betäubung hörte sie, wie der Mann, der ein großer, herrlicher Dichter war und sie so sonderbar anschaute, ihrer Mutter zuflüsterte: »Sie ist reizend! Ich wünsche Ihnen Glück.« »Glück!« Und die Mutter der Reizenden fühlte Neid, Eifersucht, Qual. Neid auf die Reizende, Eifersucht auf ihr eigenes liebliches Kind, Qual, weil sie es fühlte. Und dann hatte der Geliebte mit einer Stimme, deren bloßer Klang Magie für sie war, ihr zugeflüstert: »Ich wünsche Ihnen Glück!« Mit solchen Empfindungen führte die Mutter ihre Tochter in das Elternhaus. Das war aus ihr geworden: aus der schlechten Gattin eine schlechte Mutter; das hatte aus ihr ein Gefühl gemacht, von dem sie geglaubt, es würde sie zu den höchsten Gipfeln nicht nur des Glücks einer Frau, sondern ihres Daseins überhaupt erheben. Daß alle guten Geister des Lebens die Tochter schützten vor dieser Mutter! An dem nämlichen glanzvollen Frühlingstage ward Orazio Petroni aus dem Gefängnis der Via Giulia entlassen. Seine Schreiberstelle hatte er als erkannte katilinarische Existenz verloren und die lange Einkerkerung seine schon vorher elende Gesundheit vollends erschüttert. Das Fieber verließ ihn nicht mehr, und es war oft, als müßte er vor Schwäche zu Boden sinken, verendend wie ein kranker Hund auf der Gasse. Aber er wollte leben! Erleben wollte er den Tag, für dessen Anbruch er sich würde martern, kreuzigen, in Stücke reißen lassen. Es war der Tag der Erhebung Italiens, was dem jungen Fanatiker als Erhebung galt: nachdem Italien durch einen gewaltigen Feind geschlagen, besiegt worden, würde es sich aus dem Abgrund seiner Schmach erheben, aus dem Grabe seiner toten Würde und Ehre auferstehen zu ewigem Leben. Italiens Himmelfahrt mußte es sein: als Republik ... Vor dem Gefängnistor erwartete ihn die Gefährtin, auch sie eine jammervolle Gestalt. Aber sie lächelte ihn an. Hätte Orazio Tränen gehabt, so hätte ihn dieses Lächeln zum Weinen gebracht. Nur einmal noch in seinem Leben wollte er weinen: wenn die Glocke des Kapitols in einem Sturm von Feierklängen Italiens heiligen Freiheitstag einläutete. Das würde ein Ostern sein! Aber auch ohne Glockengeläut – Die Herzen der Römer würden schlagen, daß es durch ganz Italien hallte und schallte, Erde und Himmel mit Jubel erfüllend ... Er fragte sie nicht, was sie während der langen Zeit getan, wo und wie sie gelebt hatte? Unter dem Bann ihres trostlosen Lächelns ließ er sich von ihr führen. Wohin? Nach Hause! Es war noch dieselbe feuchte, verseuchte Höhlenwohnung am Tiberufer, unfern der Flaminischen Straße. Er fand sie für seine Rückkehr ins Leben bereit, die modrigen Wände frisch geweißt, der von Nässe schlüpfrige Fußboden dicht mit Lorbeer bestreut, wilde Blumen auf dem Tisch, ein Fiasco Wein und ein Mahl, bestehend aus Mortadella, Ziegenkäse und gedörrten Feigen. Silvias mehr als ärmlichen Anzug schmückte eine rote Schleife. Es war noch das nämliche dunkle Kleid, in dem er sie damals bei Mario Mariano, der inzwischen ein großer Herr und berühmter Dichter geworden war, zum erstenmal gesehen hatte. Der rote Schmuck ließ das dürftige Gewand noch trauriger erscheinen und traurig bis zur Trostlosigkeit war die blasse Schönheit ihres Kindergesichts, auf dem das Lächeln, mit dem sie den Freund an der Pforte des Gefängnisses bewillkommt hatte, erstarrt zu sein schien. Auch jetzt tat Orazio nicht die Frage nach dem Was und Wie ihres Lebens. So blieb es zwischen den beiden ... An dem Tage seiner neuen Freiheit sagte Orazio: »Es ist Frühling. Im Gefängnis merkte ich davon nichts. Das wäre auch gleichgültig gewesen. Aber jetzt fühle ich, daß auf der Welt wieder einmal Frühling ist. Man sagt, zu solchen Zeiten überfalle den Menschen eine heiße Sehnsucht. Das muß wohl wahr sein. Ich sehne mich, mit dir hinauszuschreiten in den Lenz. Ich sehne mich, die Sabinerberge zu sehen, wo ich einst jung und glücklich gewesen. Jung und glücklich. War ich das wirklich einmal?« »Das fragst du und bist noch keine zwanzig Jahre?« »Noch keine zwanzig Jahre. Seltsam. Aber still davon. Gehen wir hinaus in den Frühling.« »Fühlst du dich auch kräftig genug? Du fieberst. Ich besorgte dir etwas Chinin.« »Ich will kräftig sein; will nicht fiebern! Also bedarf ich auch nicht deines Chinins.« »Mir zuliebe –« Er sah sie aus großen Augen an, wie staunend, daß ein Frauenmund solche Worte sprechen konnte: zu ihm solche Worte! »Dir zuliebe –« Sie gingen zusammen hinaus; gingen durch den östlichen hohen Stadtteil über die Hügel des Quirinals, Viminals und Esquilins zur Porta San Lorenzo, der einstmaligen Porta Tiburtina, auf deren Torbogen Orazio seiner Gefährtin eine Inschrift zeigen wollte: » Gloria Romanorum! « Zugleich zitierte er mit glühenden Augen und bebender Stimme: » Tu regere imperio populos, Romane, memento! « Das Mädchen erwiderte: »Immer und immer wühlst du in dir. Erbarmungslos gegen dich selbst, wirst du an dir selbst zugrunde gehen.« »Nicht früher, als ich will. Im übrigen magst du recht haben. Ich erinnere mich, irgendwo gelesen zu haben, Leonardo da Vinci hätte einmal geschrieben: ›Mancher Mensch gehört zu jenen bemitleidenswerten Naturen, die einen Trost für ihr Leiden darin finden, daß sie vor der ganzen Welt ihre Wunden bloßlegen.‹ Das mag bei mir der Fall sein.« »Wenn du es selbst fühlst –« »Deswegen bin ich jedoch nicht bemitleidenswert. Ich würde jeden hassen, der mich bemitleidete, und wäre es meine eigene Mutter. Nicht ich bin krank. Krank ist Italien. Es ist schwer krank; ist dem Tode nahe. Die Wunden Italiens möchte ich bloßlegen und das vor den Augen der ganzen Welt! Sie bloßlegen, bevor sie zu einer giftigen Eiterbeule werden. Italiens Fäulnis möchte ich der ganzen Welt zeigen, damit sie mit glühendem Schwert ausgebrannt werde, ehe sie den ganzen Körper ergreift und zerstört. Es ist hohe Zeit, daß es geschehe: › Gloria Romanorum. ‹ Dieser Ruhm der Römer ist einmal gewesen. Weltbeherrscher waren sie einst. Sie müssen es wieder werden oder sie müssen untergehen. Eines von beiden muß geschehen. Sollten sie nicht wieder werden, was sie waren, so sind sie des Untergangs wert. Wert auch der Verachtung der ganzen Welt.« Sie gingen auf der Via Tiburtina dahin, den Sabinerbergen entgegen. Bei dem Casale von Portonaccio schlug Orazio einen Pfad ein, der über hügelige Wiesen, die im Frühling Krokusgefilde waren, nordwärts führte. Sie überquerten die Leitung der Acqua Marcia, gelangten zum Anio und erstiegen bei der Via Nomentana den Mons Sacer, den heiligen Berg des römischen Volks. Orazio stand auf dem Teppich der Krokusblüten, sein Gesicht nicht den Heimatbergen, sondern Rom zugewendet. Hinter der Ewigen Stadt brannten blutrote Sonnenuntergangsgluten, in denen Rom aufzulodern schien, eine zweite neronische Feuersbrunst. Während der himmlische Brand die Kuppel St. Peters, den Vatikan und Quirinal ergriff und über Rom zusammenschlug, schilderte Orazio den Auszug des römischen Volks auf der jetzt mit der Frühlingsblüte geschmückten Hügelkette. Bereits damals sollte Rom ein unfreies, ein geknechtetes Rom werden; bereits damals erhob sich das Volk; bereits damals siegten des römischen Volkes Wille und Kraft. Doch später dann – Später blickte von diesen Höhen aus Coriolan auf Rom herab, mit Gedanken in seinem stolzen Herzen, die, zu Taten geworden, Roms Vernichtung gewesen wären. Aber die Mutter kam und bat für Rom, und Coriolan ließ das undankbare, das schändliche Rom bestehen; ließ ab von Rom und zog in die Verbannung. Und Orazio Petroni sprach: »Mich würden kein Mutterflehen und keine Muttertränen dazu bringen, ein schändlich gewordenes Rom auf dem Erdboden bestehen zu lassen, wenn ich die Macht hätte, es zu vernichten. Über das Leben meiner eigenen Mutter wäre ich hinweggeschritten, um den Erdboden von einem solchen schändlichen Rom zu befreien: ›Gloria Romanorum!‹ Roms Ruhm und nicht Roms Schande hätte sich von diesem Berge aus über Italien ergossen, über die ganze Welt. Aber der Tag wird kommen und –« Er redete nicht aus. Ein Adler schwebte mit ausgebreiteten, im Sonnenuntergang purpurn glühenden Schwingen vom Sabinergebirge her über des Fanatikers Haupt auf Rom zu. Ein Zeichen war's: » Gloria Romanorum! « Dritter Teil »Die Treue ist stärker als die Waffe.« Alte römische Inschrift »Moral? Wenn es sich um die Rettung des Vaterlandes handelt, kann von Verrat, von Treue, von Böse oder Gut, von Barmherzigkeit und Grausamkeit keine Rede sein. Alle Mittel sind recht, wenn nur der Zweck erreicht wird.« Niccolo Macchiavelli »Inwiefern handelt es sich hier um Rettung des Vaterlandes? Mir scheint: Herzog Cesare hat nur seinen eigenen Vorteil im Auge.« Leonardo da Vinci, zu Niccolo Macchiavelli »Italien wird gegenüber seinen Verbündeten eine herzlich freundschaftliche Haltung bewahren.« König Vittorio Emanuele an Kaiser Franz Joseph, am 2. August 1914 »Soldaten zu Wasser und zu Lande! Die feierliche Stunde zur Erfüllung der nationalen Forderungen hat geschlagen. Dem Beispiel meiner großen Ahnen folgend –« König Vittorio Emanuele an seine Armee am 26. Mai 1915 »Und ihr habt diesen Gabriele d'Annunzio zu dem Herold unsres Krieges gemacht!« Graziadei, in der italienischen Kammer, Winter 1915 »Italien kam zu spät zum Überfall!« »Tribuna«, Mai 1916 »Ganz besonders würde mich freuen, wenn das treulose Italien seine wohlverdiente Züchtigung erhielte.« Unser Hindenburg Erstes Kapitel Die Seele der Marchesa Margherita di San Silvestro durchtobte ein Sturm aller durch ihre Leidenschaft für den apollinischen Wüstling aufgewühlten Empfindungen. Vergeblich versuchte sie bei dem Aufruhr zu sich selbst zu kommen; wieder zu werden, was sie gewesen war: eine Frau, die inmitten des großen Lusthauses Rom ihre Lauterkeit bewahrt hatte und das selbst in ihren geheimsten Wünschen und Träumen. Jetzt hatten diese die Küsse des Geliebten verpestet. Kaum, daß sie in immer seltener werdenden Augenblicken zu dem Bewußtsein gelangte: wie war es möglich, dahin gebracht zu werden, so tief zu sinken? ... Zu sinken: welches Wort! Als würde die Frau durch die Liebe – durch die wahre große Liebe zu einem Manne – nicht emporgehoben aus Abgründen zu Gipfeln, zur Sonne empor! Auch dann emporgehoben und verklärt, wenn die Frau eine Ehebrecherin war. Liebe? Wurde dieses dreifach heilige Wort durch das Gefühl, welches die Geliebte Mario Marianos erfüllte, nicht entheiligt? War die Empfindung, der sie den höchsten Namen gab, nicht Leidenschaft, Rausch, Taumel der Sinne, geweckt und zum Ausbruch gebracht von einem Manne mit dem Körper eines Dionysos, dem Gesicht eines Faun und der Seele eines Vampirs. Und dieser selbe Mann sollte ein Dichter sein, auf den Pfaden eines Dante aufsteigend zu Italiens Parnaß? Als könnte aus dem Niedrigsten das Höchste geboren werden, aus dem Erhabensten das Gemeinste? Es wäre eine Verirrung der Natur gewesen, die ja doch von dem Wesen Gottes ist ... Mario Mariano verkehrte in dem Palazzo des Marchese als erklärter Freund des Hauses. Bei den Empfängen im Palast San Silvestro vertrat der Dichter häufig den Hausherrn, der in einem andern Salon die nämliche Gastrolle gab, im Klub beim Bridge saß oder sonstwo dringend beschäftigt war. Niemand nahm Anstoß daran. Für die Romulusenkel, wie die Römer selbstherrlich sich nannten – in Wahrheit waren sie Abkömmlinge entlaufener Sklaven und Freigelassener aller Nationen, darunter nordischer Barbarenstämme – für diese »Romani di Roma« gab es nicht das Zitat aus Hamlet, im Staate Dänemark sei etwas faul. Im Gegenteil! Der Staat Dänemark befand sich in blühender Gesundheit; der Staat Dänemark hatte seinen zweiten Afrikakrieg glorreich zu Ende geführt und ging mit Riesenschritten seiner von neuem auferstehenden Größe, seiner zweiten Wiedergeburt, entgegen, an der Wagschale der Geschicke der Völker das Zünglein, Wie also hätte im Staate Dänemark etwas faul sein können? Eifersucht? War das möglich? Eifersucht einer einstmals edlen Frau auf ein junges reines, und holdes Geschöpf. Eifersucht der Mutter auf die eigene Tochter – Als die Marchesa dieser Empfindung sich bewußt ward, glaubte sie dem Wahnsinn nahe zu kommen. Aber um des Geliebten, um ihrer eigenen Liebe willen, mußte sie bei Sinnen bleiben. Also rang sie gegen den Dämon, der drohte, über sie Macht zu gewinnen. Sie liebte ihre Tochter, die von dem Liebreiz einer Elfe war, und deren Erscheinen in der Gesellschaft mit Entzücken begrüßt wurde. Bisher war die majestätische Schönheit der Mutter gefeiert worden, fortan huldigte man der kindlichen Holdseligkeit der Tochter, und das in Gegenwart der Mutter, die auf den Erfolg ihrer Tochter hätte stolz sein müssen. Dabei ahnte das Kind seinen Triumph nicht einmal. In glücklicher Unbewußtheit, unberührt von der Schmeichelei der Gesellschaft, glitt Nicoletta durch die neue Welt, die voller Gefahren sein sollte. So wenigstens war es ihr an dem Abschiedstage im Kloster von ehrwürdigen Lippen verkündet worden. Im hellen, immer noch kindlichen Gewande, mit irgend einer Blume geschmückt, stand sie neben ihrer königlichen Mutter, die im Tiefsten erbebte, sah sie auf die holde Gestalt die Augen des einen gerichtet, mit jenem gewissen Ausdruck im Blick, der den Körper der Frau aller Hüllen entkleidete; jenem gewissen Lächeln um den Mund, dessen Küsse vergifteten. Ein Blick und ein Lächeln war's, von der bebenden Frau nur zu gut gekannt. Aber Eifersucht auf die eigene Tochter – Daß es auf der Welt dergleichen gab! Als ob es nicht die Welt aller Möglichkeiten und – Unmöglichkeiten gewesen wäre? Selbst der furchtbarsten, grauenvollsten, unmenschlichsten. Also war es auf dieser Welt auch möglich, daß die Liebe einer Mutter zu ihrem einzigen Kinde sich wandeln konnte in Eifersucht, in – Haß. Es war ausgesprochen! Furchtbar und grauenvoll war's; es war unnatürlich, unmenschlich; aber es war so. Und furchtbar war für die Frau, die eine treue Gattin und gute Mutter gewesen, daß sie zu bemerken glaubte, wie Blick und Lächeln des Geliebten jene Macht auf ihre Tochter auszuüben begann, die so vielen Frauen zum Unheil, zum Schicksal geworden. Wenn er sprach: große Gedanken und große Gefühle in großen Worten, schien auch das Kind dem Zauber seiner Stimme zu verfallen. Nicoletta lauschte darauf leuchtenden Blicks, verklärten Ausdrucks. Sie verstand nicht des Dichters hohen Geistesflug – er hatte Adlerschwingen – ,aber allein die Musik seines Organs durchtönte die Seele des lieblichen Wesens, welches von der Welt bisher nur die Zellen des Klosters gekannt, nur die Blumenwildnisse des hoch ummauerten Gartens und die Hallen des Gotteshauses. Und nun plötzlich – Dichterworte mit diesem Lächeln, diesen Blicken zu ihr gesprochen: allein zu ihr! So wenigstens schien es der Mutter, die jeden Blick, jedes Lächeln beobachtete, förmlich belauerte. Nicht mehr ihr galten die Dithyramben des Mannes, der als Italiens Genius galt, sondern einer andern, und diese andere war ihre eigene Tochter! Vielfach verspottet und von den Redlichen seines Vaterlands von ganzem Herzen verachtet, ja, voller Widerwillen betrachtet, wurde Herr Mariano dennoch bewundert. Ein Wüstling und käuflicher Liebhaber, galt er als der Hohepriester vaterländischer Dichtung, der seiner Gemeinde das Sakrament der Poesie erteilte. Von Lippen, deren Küsse Roms Hetären aller Gattungen kannten, ließ sich Italien während seines afrikanischen Raubzuges das Evangelium der Vaterlandsliebe verkündigen. Und diese feilen Lippen sprachen, begleitet von einem bezaubernden, einem berückenden Lächeln zu Italiens Frauen und zu Italiens geistigem Volk ... »Abgründe der Menschenseele.« Mario Marianos Geliebte hatte davon gelesen und gehört. Sie hatte darüber nicht nachgedacht, daran nicht geglaubt. Und nun plötzlich – Furchtbar die Erfahrung, grauenvoll die Erkenntnis! Was tun? Wiederum sagte sie sich: ›Du mußt dagegen ankämpfen, gegen das Unnatürliche und Unmögliche. Ringen mußt du mit dem Dämon!‹ Sie versuchte es, kämpfte und rang. Vergebens! Es gab in der Menschenseele Tiefen, die – eben Abgründe waren. Sie suchte Zuflucht bei Gott. Aber Gott nahm sie nicht auf. Sie betete. Aber ihre Gebete blieben leere Worte. Sie beichtete ihre Schuld. Aber der Priester verdammte sie. Von ihrem Gott und ihrer Kirche verlassen, flüchtete die Verstoßene in die Arme des Geliebten. Ihm bekannte sie: »Mea colpa! Mea colpa! Mea massima colpa!« Vor diesem Priester beschuldigte sie sich selbst, eine unnatürliche Mutter zu sein; diesen Beichtiger flehte sie an, sie freizusprechen von ihrer Schuld; dieser Verderber sollte ihr helfen, sie retten. Und er? Er sprach nicht, sondern lachte; half ihr nicht, sondern küßte sie. Sie trank seine Küsse wie eine Verschmachtende den Trunk der Quelle, schlürfte von seinen Lippen das seligmachende Gift und glaubte wieder: glaubte an seine Leidenschaft für sie, an seine Liebe zu ihr ... Je höher sein Ruhm stieg, um so mehr bedurfte der Dichter des Geldes; je strahlender seine Glorie, um so größer wurden die Summen. Im nahen Gebirge mietete er ein dem Fürsten Barberini gehöriges Landhaus. Es lag hoch oben am Rande des Albanersees, umgeben von einem Park, der trotz seiner Verwilderung ein Wunder südlicher Vegetation und Romantik war. Die Villa – ein verödetes Gebäude – richtete er vollständig neu ein, mit einem Luxus, wie ihn weder Rom noch London noch Paris kannte; mit einer Verfeinerung, die Verfall war: »Dekadenz«. Er gab Feste, zu denen der Enkel kalabresischer Bauern und Banditen Roms große Welt einlud, und – diese kam! Die Gäste verachteten den Wirt; aber – schändlich sowohl für die einen wie für die andern – sie kamen! Die Marchesa Margherita di San Silvestro half empfangen; doch kam es noch immer nicht zu einem Skandal; wohl deshalb noch immer nicht, weil man die Feste in der Villa Barberini besuchen wollte, auf welchen, neben der majestätischen Mutter, in all ihrem Liebreiz die Tochter stand. Diese Feste des Herrn Mariano, die nicht nur berühmt, sondern wegen ihres ausschweifenden Luxus bei den Herrschaften berüchtigt waren, bezahlte die Marchesa. In absehbarer Zeit würde die Dame jedoch nicht mehr bezahlen können. Auch daran dachte die Frau voller Verzweifelung, ebenso wie an ihr unausbleibliches Altern und ihre nachgerade unförmlich werdende Gestalt. Herr Mariano schrieb Romane und Dramen. Ihr Ruhm erfüllte Italien, Europa, die Welt. Er schrieb die Geschichten seiner Leidenschaften; schrieb sie rückhaltlos, rücksichtslos. Er tat, was ein Zuhälter von Gassendirnen nicht getan hätte: er wies auf die Frauen, die ihm sich hingaben; wies auf sie so deutlich, daß Italien mit Fingern auf sie zeigte: »Diese ist es! Diese! So sind ihre Liebesstunden; so ihre Küsse; so ihre geheimsten Reize. Ist es nicht köstlich? – flüsterten sich Italiens Lebemänner zu. »Köstlich, Mario Marianos Liebesstunden in der Phantasie mitgenießen zu können! Von ihm mag es gemein sein; für uns ist es jedenfalls unsäglich amüsant.« Und Herr Mariano schrieb den Roman seiner Leidenschaft für die bis dahin tugendhafte, ja ehrbare Marchesa Margherita di San Silvestro. Nicht nur, daß er den Roman schrieb – Der Verfasser selbst las ihn seinem Urbilde vor. Aus dem Munde des Geliebten konnte die Frau hören, wie ihre Liebe zu ihm allmählich bis zur Tollheit sich steigerte; wie ihre Küsse ihrem Liebhaber zum Überdruß wurden; konnte sie hören, wie ihre Reize allmählich alterten, ihr Fleisch allmählich welkte. Nicht nur sie konnte es hören – Hören konnte es Italien, Europa, die Welt. Denn es war die Welt, welche die Schriften des Herrn Mariano las. Die Heldin von Herrn Marianos neuestem Roman hörte der Vorlesung zu. Sie hörte – hörte – hörte. Das war er und das war sie. So liebte sie ihn, und so schilderte er ihre Liebe. Die Liebe einer Dirne war's. Liebe? Nicht doch! Es war die Leidenschaft, Sinnlichkeit, Wollust einer Dirne, einer alternden, verblühenden, verwelkenden. Und das von ihm selbst geschildert! Sie, die einstmals von keinem Hauch Berührte, die einstmals treue Gattin, gute Mutter und anständige Frau, die sich von ihrer Liebe zu einem Gottbegnadeten auf Bergeshöhen erhoben fühlte, von dem Geliebten selbst in tiefster Erniedrigung einer Frau an den Pranger gestellt! Wenn das nicht Wahnsinn war, so gab es nichts, auf Erden nichts, was von Sinnen brachte. Zusammengekauert hörte die Unselige zu. Auch jetzt noch lauschend auf den Wohllaut, mit der er ihr einstmals seine sinnbetörenden Worte zugeraunt hatte. Sie hörte und sie fühlte: ›Er hat recht. Du bist das, was er sagt: bist Dirne – Dirne – Dirne! Bist alternd, verblüht, welk ... Deine Küsse – Mutter Gottes, reine Jungfrau des Himmels! Er schildert deine Küsse! Du Verworfene! Wie darfst du den Namen der Unbefleckten in den Mund nehmen, der nach seinen Küssen lechzt: selbst jetzt noch! Das ist das Letzte, das Ende, Was bleibt dir jetzt noch zu tun übrig? Zu sterben ... Ich kann nicht, kann nicht! Denn – Nicht denken! Du müßtest dein Haupt, das solche Gedanken denken kann, an dieser Mauer zerschellen. Du stirbst nicht, bleibst leben, bist schwach, feige, erbärmlich; denn – – Herr des Himmels und der Erde, nimm mir meine Vernunft, damit ich nicht mehr denken kann. Es ist eine Folter, zwanzigfach grausamer als der grausamste Tod, Gekreuzigter Heiland, erbarme dich meiner!‹ Als Herr Mariano geendet hatte, raffte sie sich auf und stand vor ihm, ein Bild zerstörter Hoheit. Mit dem Antlitz einer Sterbenden fragte sie ihn: »Das schriebst du?« »Ich« »Über mich.« »Über dich.« »Über meine heilige Liebe, über meine aufopfernde Hingabe schriebst du solches?« »Über deine – Erspare dir selbst das Wort.« »Mir soll ich es ersparen?« »Über das, was du heilig und aufopfernd nennst.« »Das sagst du mir?« »Wie du hörst.« »Du willst diesen Roman veröffentlichen?« »Deshalb schreibt man Romane. Die meinen erscheinen in sechs Sprachen zugleich.« »In sechs Sprachen zugleich soll man lesen, daß ich mich durch meine Liebe zu dir prostituiere; soll man lesen, wie gierig meine Küsse sind; soll man lesen, wie ich alternd, welkend, verblüht, immer noch lechze nach deinen Küssen?« »Tust du das nicht?« »Pfui über mich!« »Also!« »Du schriebst es, du zeichnetest mich, drücktest auf meine Stirn das Dirnenmal?« »Ich.« »Verworfener, Verruchter, Verfluchter! ... Verzeih mir. Ich bin – du siehst ja, was ich bin; was du aus mir gemacht hast.« »Ich sehe, übrigens hast du es gehört.« »Aus deinem eigenen Munde! ... Und du willst den Roman meiner Schande wirklich als Buch erscheinen lassen?« »Da ich Geld brauche –« »Wieviel brauchst du?« »Viel.« »Nenne die Summe.« »Sie ist hoch.« »Nenne sie!« Er tat es. Sie sagte ihm: »Wenn das Buch erscheint, muß ich meinen Gatten verlassen; werde ich geächtet sein, werde ich –« Sie konnte nicht weitersprechen. Auch er schwieg, sah sie an mit dem Blick eines Dämons, dem Lächeln eines Fauns. Endlich stieß sie hervor: »Wenn du die Summe, die du brauchst, erhältst, so –« »So habe ich nicht nötig, mein Buch erscheinen zu lassen.« »Es ist das Letzte, was ich besitze. Nach diesem Letzten werde ich arm sein.« Er zuckte die Achseln. »Wenn ich arm bin, so wirst du mich verlassen ... Mario! Mario! Wirst du mich dann verlassen? Aus Barmherzigkeit sage es mir. Sage mir ein Wort. Nur ein einziges, das mir das Leben wiedergibt. Denn sieh, ich bin sterbend.« »Du Arme!« »Ich danke dir. Du hast Mitleid mit mir! Ich danke dir, Geliebter, Einziger, Angebeteter, mein Heiland und Gott!« Sie verschaffte ihm das Geld, welches er brauchte. Sie war nun eine arme Frau. Aber – Er hatte Mitleid mit ihr, und war Mitleid nicht Liebe? An dem nämlichen Tage, an dem Herr Mariano von der Frau, die durch die Leidenschaft für ihn um ihre letzte Würde gebracht worden, die hohe Summe erhielt, unterzeichnete er den Vertrag über seinen neuesten Roman, der in sechs Sprachen zugleich erschien. Und dieser Mann sollte Italiens Heros werden! Zweites Kapitel Endlich fand sie die Kraft, sich loszureißen; vielmehr, zu entfliehen. Von der mütterlichen Hinterlassenschaft, die sie zu einer der reichsten Erbinnen des Landes gemacht hatte, war ihr als Letztes ein kleines Besitztum geblieben, Es lag an der lateinischen Meeresküste, zwischen Porto d'Anzio und Ostia und bestand in einem über zyklopischen Unterbauten aufgeführten mittelalterlichen Kastell, nebst den Hütten einiger Hörigen inmitten von Wildnis und Sumpf: Fieberland! Der Marchese di San Silvestro führte gegen seine Gattin einen Prozeß, den zu gewinnen er sicher sein durfte. Die Tochter ließ er bei der Mutter. Seiner Geliebten wegen wäre dem Herrn die Anwesenheit des jungen Mädchens lästig gewesen. Einstweilen wenigstens. Also folgte Nicoletta ihrer Mutter in eine Einsamkeit, die Einöde war. Überdies ein Seuchenherd. Allerdings lag das Haus, welches den stolzen Namen eines »Palazzo« führte, auf steil abfallendem Tufffels hoch über den Sümpfen. Diese waren im Frühling von schier unirdischer Schönheit. Ein Paradies war's, das die Hölle eines Siechtums verbarg, für das der Tod als Erlöser, als Wohltäter galt. Rings um das Kastell des alten Fürstengeschlechts – die Marchesa war eine geborene Prinzessin Montalto – deckten Blütengefilde das Land, dem zur Sommerzeit die verderblichen Nebel entstiegen. In diesen Dünsten schwärmten die Moskitos, deren Stich dem Menschen das tödliche Gift einätzte. Gleich einem Symbol bestand der Blütenteppich aus Asphodelen, den homerischen Blumen des Hades, des Totenreichs der Antike. Aber Nicoletta bestaunte die rosigen, hyazinthenähnlichen Dolden, die sich aus dem bläulichen Blattwerk erhoben, Stengel an Stengel. Bis zu dem gelben Gestade, bis zu der glanzvollen Meeresflut ergoß sich der Rosenschimmer der Asphodelenblüte. Kleine vergißmeinnichtblaue Falter flatterten darüber hin in solchen Mengen, daß sie einem hin und her wogenden Gewölk glichen. Blaudrosseln mit strahlendem Gefieder stiegen daraus empor und erfüllten mit ihrem flötenden Gesang die Lüfte: das Totenland war um die wonnige Zeit des Frühlings eben Märchenland, in dessen blühende Wunder die Tochter der unseligen Frau mit hellem Jubel sich stürzte. Ihr bis zur Brust stieg die Asphodelenflut. Die blaßblauen Falter mochten die junge Gestalt für eine Blume halten; denn sie setzten sich auf ihr goldiges Haar, auf Schultern und Brust. Das Leben in diesen Gefilden wurde zur Dichtung. Oder die Marchesina ritt ihren kleinen schwarzen Renner, der so jung und so voller Jugendfeuer war wie die Herrin selbst. Zwei bewaffnete Diener begleiteten das Kind des Herrenhauses; denn selbst nahe den Toren Roms war die Campagna in jenen Gegenden noch immer Banditenland. Die kleine Kavalkade sprengte durch den Buschwald, der Urwald war. Hier gab es keinen andern Weg als den von Büffeln und Wildschweinen getretenen Pfad. Das Unterholz bestand aus Myrten und Mastix, aus Lorbeer und Laurustinus, darunter ein Teppich von Zyklamen und Orchideen sich ausbreitete, darüber hohe Korkeichen aufstiegen, bis zum Wipfel von blühendem Gerank durchwuchert, jeder Ast und Zweig umsponnen, umstrickt von den blauen, rosigen, gelben Blüten der Wucherpflanzen. Sie kletterten die Stämme hinan, stürzten sich in dichtem Gefäll hernieder, krochen am Boden hin, durch all das Buschwerk, durchschlängelt auch dieses in der Üppigkeit tropischer Urwaldpracht. Wildnis war's und Herrlichkeit zugleich! Das holdselige Frauenwesen, welches aus staunenden Augen die Schönheit der Erde sah, fühlte die ganze Wonne ihrer Freiheit und Jugend. Und dennoch – War es Sehnsucht, was ihr Gemüt bisweilen beschlich? Sehnsucht wonach? Sehnsucht nach – wem? Das war für die Mutter die Frage, die diese unablässig beschäftigte, sie peinigend bis zur Qual. Sollte das Kind – denn ein solches war es ja doch noch immer – nach jenem Blick und Lächeln, jener Stimme sich sehnen, deren Magie die Mutter gewaltsam entflohen war, und das bis in die Einsamkeiten am Meeresstrand? Sollte die Tochter von der nämlichen Sehnsucht ergriffen sein, von welcher die Mutter verzehrt ward? Geflüchtet war sie. Aber war sie es aus der Erkenntnis, daß jener Mann ein Verderber, ein Dämon sei, der Unreinste aller Unreinen? Oder aus Scham, weil der Skandal, der »éclat«, endlich doch gekommen war, zugleich mit ihrem finanziellen Ruin? Wenn sie den Mut zur Selbstprüfung gehabt, so hätte sie erkennen müssen: sie war ihrem satanischen Geliebten entflohen aus – Eifersucht auf ihre Tochter. Keine Erniedrigung wäre für die Frau tief genug gewesen, wenn sie ihr nur ermöglicht hätte, in seiner Nähe zu weilen, um sich von ihm von neuem zertreten zu lassen, wenn er sie danach nur emporgezogen und in seine Arme geschlossen hätte. Ja – Wer kennt die Abgründe in einer Menschenseele, in der Seele der Frau? Diese Frau hatte dem Geliebten gegeben, was sie zu geben hatte: Ruf, Ehre, Stellung, Vermögen, Leib, Seele; und sie fühlte sich elend, verzweifelnd, weil sie ihm nicht mehr geben konnte: nicht auch ihr Leben; ihr Leben Hauch für Hauch. Was hätte er damit beginnen sollen? Höchstens als Schluß eines Romans, ein höchst banaler Schluß, den er, der große Künstler, würde verachtet haben. Nicht einmal ihr Leben konnte sie ihm zu Füßen legen. Und zu allem Jammer jetzt ihre Tochter – Wie, wenn das Kind in der tiefen Einsamkeit des neuen Aufenthalts nach dem Entfernten sich sehnte; wenn das Kind – es war eben doch kein Kind mehr! – in seiner Phantasie des Entfernten Bild sich malte in den leuchtenden Farben der Verklärung? Sie hatte Nicoletta verheiraten wollen. Bewerber fanden sich genug für das reizende Geschöpf, Söhne erster Geschlechter. Mit einer ganz ungewöhnlichen, ganz unverständlichen Gleichgültigkeit hatte sich das junge Mädchen selbst dem liebenswürdigsten der Jünglinge gegenüber verhalten. Allerdings wurde die Tochter so wenig gefragt, wie es bei der Mutter der Fall gewesen. Also wurde eine Heirat beschlossen und alles war bereits »kombiniert« – wie das große Wort lautete. Da kam der Zusammenbruch, der Skandal, die Flucht der Mutter mit der Tochter in eine Wildnis. Eine der verwöhntesten und kultiviertesten Namen der Gesellschaft, empfand die Marchesa das Leben in dem burgähnlichen Gemäuer über den Sümpfen als geradezu unerträglich. Hätte dieses Leben jedoch der Geliebte mit ihr geteilt, so wäre es für die Frau der Himmel auf Erden gewesen. Sie hatte ihre Kammerfrau mitgenommen, deren Mutter und Großmutter bereits in dem Dienst des großen Hauses gestanden, und für die Abendmahlzeit machte sie regelmäßig Toilette: tiefer Ausschnitt, doch ohne Schmuck: ihre Diamanten und Perlen waren längst durch falsche Steine ersetzt, ihre Smaragden und Rubinen heimlich verkauft worden: für den Geliebten, der für den viel zu geringen Erlös irgend ein kostbares Gerät, eine Antike oder ein Gemälde aus dem Quatro Cento erwarb. Denn Schulden zu bezahlen, dringende Gläubiger zu befriedigen, dafür war Herr Mariano längst viel zu groß geworden. Die Marchesa konnte auch ohne Smaragden und Perlen bestehen, besaß sie doch eine Büste, deren Schönheit einst die Bewunderung Roms erregt hatte. Jetzt mußte sie mit allerlei Mitteln nachhelfen, um ihrem »welken« Fleisch jugendliche Frische zu verleihen, und auch diese halfen nicht mehr. Ihr alter Kammerdiener hatte sie ebenfalls nicht verlassen. Beide Getreuen dienten ohne Lohn, hielten es für eine Ehrenpflicht, der geliebten Herrin dienen zu dürfen. Als Koch betätigte sich irgend eine geheimnisvolle Persönlichkeit; jedenfalls wurde der Marchesa und der Marchesina nach allen Regeln vornehmen Lebens Colazione und Pranzo serviert. Übrigens gab es genug zu kochen und zu backen. Täglich erschien auf der Tafel – das Tischtuch hatte Löcher und das Geschirr zerbrochene Ränder und Sprünge – eine Platte Makkaroni oder sonst eine ländliche Speise. Einer der Hörigen – alle litten sie beständig am Fieber – schoß eine Wildtaube, Schnepfe oder einen andern Sumpfvogel, brachte einen Fisch und allerlei unheimliches Meergetier: Krabben, Seeigel, Polypen. Es gab wilde Artischocken und im Buschwald milde Spargel. Mit einem Wort: die Tafel war vortrefflich bestellt. Aber das Haus – Gewaltiges zyklopisches Mauerwerk, dessen Ursprung bis in dunkle Sage hinabreichte, bildete die Fundamente, die an einigen Stellen in den Fels eingesprengt waren, der sich steil über dem Sumpfland erhob als eine natürliche Festung. Über den Bauten eines längst vergangenen Geschlechts hatten die Jahrhunderte weiter geschafft, bald diese, bald jene Zeit, und jede Zeit nach ihrem Bedürfnis. Archäologen und Historiker hätten an dem seltsamen Bau die Freude des Forschers gehabt; weniger bezeigten dies die Nachkommen einer neuen, auch schon seit Jahrhunderten bestehenden Generation, die sich noch vor einem Säkulum in dem festen Hause wider Piraten und Banditen verteidigen mußten. Die Nachgeborenen ließen das Haus veröden, verfallen, zur Ruine werden. Selbst einige der Gemächer waren in den nackten Fels eingehöhlt und hatten vor Nässe triefende Mauern. Von den Wänden hingen noch die Reste kostbarer Bekleidungen herab, zerrissen und vermodert; der Fußboden bestand aus brüchigen Ziegelsteinen; Ahnenporträts blickten aus Rahmen, die sich vor Feuchtigkeit lösten, auf die Bewohner nieder; unter den notwendigsten Geräten befanden sich Tische mit Platten aus antikem Marmor: »giallo« und »rosso antico«. Aus den Säulen und Gebälken, den Torsen und Inschriften hätte sich mit leichter Mühe ein kleines Museum zusammenstellen lassen. Kaiserbüsten galten gleich gemeinem Gestein, Sarkophage wurden als Brunnendecken und Waschtröge benutzt, Statuen waren in die Wände eingemauert. Dabei ringsum Einsamkeit, Sumpf, Schweigen, Feierlichkeit. Nicoletta, das Kind, das kein Kind mehr war, erlebte jeden neuen Tag als neues Wunder. Aber die Sehnsucht – Das Kastell wurde gekrönt von einem Turm, von dessen Zinnen einstmals die Wächter nach heranziehenden Feinden ausspähten. Diese kamen zu Wasser und zu Land. Jetzt stand häufig die hohe Gestalt einer Frau auf dieser Warte und schaute unbeweglich aus: auch spähend, auch wartend. Nach Rom hin schaute sie, regungslos, starren Blicks. Häufig scheuchte sie erst die einbrechende Finsternis herab, wenn dem Boden die giftigen Dünste entquollen. Gleich grauen Geisterzügen umschwebten sie Fels und Palast. Selbst im Hause, in ihren Gemächern, lauschte die Wartende auf den Hufschlag eines Pferdes, auf den Wohllaut einer geliebten Stimme, auf eine Rückkehr. Er mußte ja kommen! Ob auch das Kind lauschte? Auch die Tochter ersehnte? Auch das junge Mädchen heimlich hoffte? Drittes Kapitel Rudolf Müller war Großvater geworden: ein kleiner Minardi war geboren und noch an demselben Tage katholisch getauft: Vittorio, Giuseppe, Amerigo. Also keine Taufe, die Tante Minchen hätte festlich ausrichten können; keine Taufe in der deutschen protestantischen Kirche des Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol; kein Rodolfo unter den drei Vornamen! Der Giuseppe nach dem großen Freiheitshelden Garibaldi; der Vittorio nach Italiens drei savoyischen Königen; der Amerigo nach dem Herrn Vater des kleinen Weltbürgers, dieser selbst ein kaum lebensfähiges schwächliches Geschöpf, daher seinem Vater durchaus nicht ähnlich, was der in seiner Eitelkeit tief Getränkte der Mutter niemals verzeihen würde. Rudolf Müller der Großvater eines katholischen Enkels, der nicht seinen Vornamen führen durfte – Es war doch nicht so leicht, war – wie so vieles andre – schwerer zu ertragen, als man damals sich vorgestellt hatte: damals! Man mußte jedoch versuchen, damit fertig zu werden. Jedenfalls war die Mutter glückselig: jetzt mußte alles gut werden! Hatte sie doch ihrem Gatten einen Sohn geboren, in einer Niederkunft, die der Mutter fast das Leben gekostet. Doch daran dachte sie nicht. Wann dächte daran eine Mutter? Dem Kinde des geliebten Mannes das Leben geben und sterben – Der Tod hätte für die Frau keinen Stachel gehabt, so schön es auch gewesen wäre, mit dem Kinde des geliebten Mannes leben zu dürfen. O ihr Frauen, ihr Märtyrerinnen, ihr Heldinnen, Heiligen! Tempel sollten die Männer euch bauen, Altäre für euch aufrichten, Rosen und Marienlilien zu euren Füßen streuen, geweihte Kerzen vor euren Bildnissen entzünden, Andacht davor halten – Daß der Knabe kein Cherub war – bei solchem Vater! – warf Herr Minardi der Mutter tagtäglich vor. Er machte ihr daraus ein Verbrechen, mißhandelte die Frau in ihrem Kinde, sie dadurch schmerzlicher treffend, als schlüge er ihr mit geballter Faust ins Gesicht: traf er doch damit das Herz der Mutter. Auch daß diese ihr Mutterrecht sich nicht nehmen ließ und ihr Kind selbst nährte, ward ihr nicht verziehen: war doch die Amme – die »balia« – das Prunkstück einer jungen Ehe, überdies der sehr kostbare Beweis für den Wohlstand des Haushalts. Denn schon die Ausstattung einer Amme kostete ein kleines Kapital; außer den verschiedenen prächtigen Kostümen, dem Bandwerk und Kopfputz in Atlas und Seide, gehörte dazu womöglich ein Goldschmuck. Alle diese Herrlichkeiten hätte sich Herr Minardi von dem Gelde seiner Gattin recht gut leisten können; aber Frau Romana beugte sich hierin nicht unter ihres Mannes Willen, dem dieser brutal genug Ausdruck gab. Ihr Kind selbst zu nähren – Es war von Rudolf Müllers Tochter eben deutsch – gemein! Mochte also des Knaben Mutter dadurch, daß sie ihrem Kinde die Brust reichte, noch dürftiger, noch reizloser werden; der Vater würde sich noch ausgiebiger zu entschädigen wissen ... Einer anderen Ehe, der traurigen Ehe Heinrich Webers, blieb es versagt, ein Kind zu besitzen: Signora Lavinia fürchtete für ihre Schönheit, die durch die Mutterschaft hätte leiden können. Die meisten ihrer Landsmänninnen nahmen in späteren Jahren zwar zu an Majestät der Erscheinung, verloren jedoch ihre biegsame Schlankheit, die als der weiblichen Reize höchste galt; und Frau Heinrich Weber, das ehemalige Modell der Villa Medici, hatte zur Genüge erfahren, was es für eine Frau bedeutete, reizend gefunden zu werden und – zu reizen. Nach wie vor wurde von den beiden so ungleichen Gatten der Kampf fortgeführt; nach wie vor liebte der Mann seine Frau mit der ganzen Leidenschaftlichkeit seiner Natur und – auch wie zuvor – glaubte er an einen endgültigen Sieg. Bis es dahin kam, würde ihn freilich der Kampf aufgerieben haben. Voll Grauens erkannte er mehr und mehr, was ein schönes und schnödes Weib aus einem Manne machen konnte; auch aus einem Manne, der sich für einen sittlichen Menschen gehalten hatte. Heinrich Weber erkannte, daß eines Mannes Leidenschaft für ein schönes Weib entsittlichen konnte; denn für unsittlich halten mußte er, in einer so tief unglücklichen Ehe nicht nur zu leben, sondern darin zu beharren und sich nicht zu trennen von einer Frau, welche ihn niemals geliebt hatte. Und dann doch nicht die Kraft zu besitzen, seine Liebe aus dem Herzen zu reißen gleich etwas Verpestendem. Es war ein Zusammenbruch von allem, was in ihm stark, edel und sittlich gewesen. Sich nicht trennen zu können – In seiner Leidenschaft für das schöne Geschöpf war es Heinrich damals vollkommen gleichgültig gewesen, wie die Vermählung mit der Katholikin vollzogen ward. Er, der Protestant, überließ sich der katholischen Kirche, und diese trennte nicht, was sie einmal verbunden hatte. Solcher unlösbaren Ehen zwischen einem Deutschen und einer Italienerin gab es im Lande deutscher Sehnsucht viele. Aber wäre eine Lösung seiner Ehe auch möglich gewesen, so hätte Heinrich sie nicht angestrebt: er wollte unlösbar gebunden bleiben. Die Unlösbarkeit seiner Ehe wurde zu seiner letzten Hoffnung. So weit war es mit ihm gekommen! Und der Künstler in dem Manne? Das war das traurigste, trostloseste! Nachdem er sein Lebenswerk – es stand wieder in seinem Atelier – geschaffen hatte, wollte er etwas Neues beginnen. Arbeiten wollte er; arbeiten, wie er niemals gearbeitet hatte. Werk auf Werk sollte entstehen. Es ging schwer. Seine Gedanken waren nicht bei seiner Arbeit, sondern bei dem Weibe, dessen Gatte er nicht mehr war, dessen Hüter und Wächter er sein mußte. Zugleich der Wächter seiner eigenen Ehre. Auch das war Demütigung; war Schande des Mannes! Zuerst empfand er sie bis zur Zerschmetterung, allmählich jedoch erstarb dieses Gefühl und er wußte nur noch, daß er hüten und wachen mußte. Inzwischen freilich auch arbeiten, arbeiten! Neue Pläne, denen die Ausführung folgen sollte, wurden gemacht. Es mußte auch dieses Mal etwas Großes und Bleibendes sein; aber konnte er nach seiner Gruppe noch Größeres schaffen? Er zergrübelte sein Hirn, war außerstande, es zu finden, erwartete das Übernatürliche: die Eingebung von oben herab, die Verzückung, die Vision, Sie kam nicht. Da es ihn nicht wie ein Wunder ergriff, so versuchte er das Wunderbare gewaltsam herbeizuführen. Er ging in den St. Peter und verharrte stundenlang vor der Pietà des Michelangelo; ging in die Sistinische Kapelle und starrte hinauf zu dem Gott, der das erste Menschenpaar schuf; ging nach San Pietro in Vincoli und erwartete von dem »Moses« des Giganten seiner Kunst die Offenbarung. Sie blieb aus. Er machte einsame weite Wanderungen durch die Campagna. Plötzlich packte ihn der Gedanke: ›Was geschieht inzwischen zu Hause?‹ Er stürmte zurück nach der trostlosen Stätte, die sein Zuhause bedeutete, wofür die italienische Sprache keinen traulichen Ausdruck besitzt. Zu der schlampigen Magd war ein schmieriger Bursche gekommen, der an den Empfangsabenden der Dame des Hauses in eine schreiend bunte Livree gesteckt wurde und bei ihren Ausfahrten als Bedienter figurierte; die Mohrenjünglinge in dem farbigen Salon hatten verschiedene ähnliche künstlerische Mißgeburten zur Gesellschaft erhalten, während das späte Aufstehen, das ungekämmte Haar, der unsaubere Morgenanzug bis zur nachmittäglichen Ausfahrt dasselbe geblieben war. Signora Lavinias Haushalt – was so genannt wurde – ihre Toiletten und sonstigen Luxusbedürfnisse kosteten viel. Also mußte ihr Gatte arbeiten – arbeiten – arbeiten. Er arbeitete also. Das heißt: er nahm Wachs oder Ton und formte: irgend eine Gestalt, ein Etwas, für das Publikum, für den Verkauf, den großen Markt; denn er mußte verdienen: für den Bedienten, die Lohnkutsche, die Opernloge, die Toiletten, die Empfänge seiner Frau. Konnte er durch seine Arbeit das Geld nicht aufbringen, so würde seine Frau – Nur den Gedanken nicht ausdenken! Es konnte ihn um alle Gedanken bringen. Heinrich Weber, der Mann, der ein Genie sein sollte, Deutschlands zukünftiger großer Sohn, arbeitete für die Luxusbedürfnisse seiner Frau, der Sabinerin, des ehemaligen Modells der Herren Franzosen. Es war trostlos, hoffnungslos. Und die Scham, Herrgott, die Scham! Rudolf Müller erlebte alles mit dem Freunde, sah alles sich entwickeln wie eine Naturnotwendigkeit und litt um seinen Liebling. Er empfand es für Heinrich fast als ein Glück, daß er krank war, immer kränker wurde, gleichfalls hoffnungslos. Derselbe Rudolf Müller, der seinem jungen Freunde das Gottesgnadentum des Künstlers zugesprochen hatte, wünschte jetzt – da er auch dessen Kunst hinsiechen und sterben sah – dem Menschen einen frühen Tod. So grausam konnte das Leben ändern und wandeln. Daß solche Wandlung eines hochbegabten Menschen in Italien sich vollzog: durch eine Frau dieses Landes, das war es, was dem Freund des Verlorenen besonders schmerzlich ans Herz griff. Dabei sah er nicht nur dieses Schicksal vor seinen Augen sich vollziehen, sondern auch noch ein anderes: das Schicksal seiner Tochter, seines einzigen, geliebten Kindes. Eines Abends, als sich der Professor bei Frau Romana befand, trat plötzlich, bleich und verstört, Heinrich ins Zimmer: ihn hätte solche Sehnsucht ergriffen, bei guten Menschen zu sein. Da er seinen alten Freund nicht zu Hause gefunden, so wäre er zu seines Freundes Tochter gekommen. Und da sei er nun! Ob er bleiben dürfe? ... Von ganzem Herzen! Hier fände er jederzeit ein Zuhause. »Ein Zuhause –« Wie der Mann das sagte! Mit welchem Ausdruck, welchem Blick! Er versuchte dabei ein Lächeln. Von allem Traurigen war sein Lächeln das Traurigste. Er sah Frau Romanas Knaben, dieses kaum lebensfähige häßliche Kind. Aber mit welcher Glückseligkeit die Mutter ihr Kind zeigte; mit welchem Stolz! Es durchschauerte den Mann, dessen Weib keinem Kinde das Leben geben wollte. Die Mutter sah auf den Säugling in ihren Armen herab und – seltsam, er hatte sie doch bisher bar jeder Anmut und unschön gefunden. Und jetzt? Etwas Leuchtendes ging von der Anmutlosen und Unschönen aus; etwas Verklärtes. Und Heinrich Weber erkannte, daß jede Mutter etwas von einer Madonna, etwas Heiliges hat, eine Gebenedeite unter den Frauen. Von Stund' an kam er oft, um die Mutter mit ihrem Kinde zu sehen. Schweigend saß er neben ihr. Den Sturm seiner Seele durchwehte in der Gegenwart dieser Guten und Reinen ein Hauch von Stille. Ihm ward friedlich zumut. Wie Andacht überkam es ihn. Er verstand die Anbetung der Mutter in der katholischen Kirche; verstand ihre Mutterschaft zwischen einer sündigen Menschheit und dem göttlichen richtenden Sohn; verstand sie bei dieser Anmutlosen und ihrem rachitischen Knaben, um welchen der in seiner Eitelkeit tödlich gekränkte Vater sich nicht kümmerte, um dessentwillen er die Frau tagtäglich seelisch mißhandelte. Heinrich Weber, der Schöpfer der vielbewunderten »Huldigung Deutschlands für Italien«, der nunmehr für den großen römischen Markt arbeitete, fortan zu jenen gehörend, die in ihr Atelier reiche Fremden aller Nationen zu bringen versuchten, der Gatte der Sabinerin, arbeitete verstohlen, ganz heimlich an einer »Madonna mit dem Kinde«. Beiden gab er die Züge dieser Mutter und dieses Sohnes. Viertes Kapitel Noch in seinen alten Tagen erhielt Professor Müller den ehrenden Auftrag, ein Gemälde der Villa Falconieri für den Deutschen Kaiser zu malen, dessen Eigentum das leuchtende Haus oberhalb der tusculanischen Weinstadt war. Er sollte Gast der Villa werden und siedelte daher für den Sommer mit Sack und Pack über, fort von Tante Minchen und Dame Filomena; aber auch fort von Enkel und Tochter, um die er im Herzen schwere Sorge trug. Seinem Einfluß gelang es, auch für Freund Heinz einen Aufenthalt in dem von Ölwäldern umschimmerten Landhause der Falconieri zu erwirken; aber Heinrich zauderte anzunehmen, so lockend eine Villeggiatur als Kaisergast im Albanergebirge auch war. Selbst seinem alten Freunde wollte er den Grund seiner Weigerung nicht nennen. Abgewandten Gesichts erkundigte er sich endlich mit stockender Stimme: »Darf meine Frau mitkommen?« »Ich erhielt nur für dich die Genehmigung ... Erinnere dich der Stunde am Zypressenteich und nimm an.« »Ich kann nicht!« »Deiner Frau wegen?« »Sie würde in Rom zurückbleiben und –« »Und?« »Ich kann nicht!« »Du kannst nicht los von ihr?« »Nein!« Schmerzlich ergriffen rief der Getreue aus: »Dahin ist es gekommen!« Aus bleichem Gesicht starrten den Alten zwei Augen an, in deren Blick des Mannes ganzes Schicksal, sein ganzer Jammer lag. Nach einer Weile stieß er mit klangloser Stimme hervor: »Ich kann von ihr nicht los. Sie liebt mich nicht, haßt mich vielleicht und – Ich kann von ihr nicht los! Ich bin als Mensch und als Künstler verächtlich geworden und – Ich kann von ihr nicht los! Die Feierstunde dort oben unter den Zypressen trug ich in meiner Seele mit mir davon. Sie half mir nicht. Mir hilft nichts. Ich weiß, daß ich ein todkranker Mann bin. Aber ich darf nicht sterben; ich muß leben, ich muß leben, weil ich von ihr nicht loskommen will. Hörst du? Nicht will! Nicht etwa muß ich noch weiterleben, um große Werke zu schaffen. Große Werke? Worte, Worte! Wie hohl ihr Klang für mich ist. Einstmals; ja, einstmals – Aber jetzt. Nur sie – nur sie – nur sie! Das ganze Leben nur sie ... Du siehst mich traurig an. Weshalb trauerst du um mich? Der verlorene Mann, der vor dir steht, ist nicht mehr jener, den du Freund nanntest, den du liebtest, an dessen Genius du glaubtest. Der Genius eines Künstlers ist von der Gottheit erfüllt, und ich – Leidenschaft für ein schönes Weib; nichts weiter als das! Man muß es erlebt haben. Und selbst dann – Neulich sah ich im Quirinotheater Shakespeares Othello, gespielt von einer schlechten Truppe. Ein Schauspieler dritten Rangs, ein echter Komödiant, gab den Mohren. Seine Eifersucht, seine Wut, seine Rache, seine Mordgier und zuerst seine Liebe – Wie dieser Kulissenreißer, der als Othello ein großer Künstler war, seine Liebe ausdrücken konnte. Aufschreien hätte ich können vor Jammer um die Liebe des Mohren zu seinem süßen Weibe. Doch dann. In meiner Phantasie erwürgte ich sein süßes Weib zusammen mit ihm. Und dieses Weib war ihrem sinnlos eifersüchtigen Gatten treu; war unschuldig und rein wie eine Marienlilie, während mein Weib –« »Heinrich! Heinrich!« »Rufe ihn nur an. Du rufst ihn nicht mehr zurück. Nicht mehr zurück jenen Heinrich, den du einst hochhieltest. Jener Heinrich ist tot: ist totgeschlagen wie ein Hund von seiner Leidenschaft für ein schönes schändliches Weib.« »Du hast recht, es ist furchtbar.« Da warf sich der Junge dem Alten an die Brust, barg sein Gesicht an des Freundes Herz, stammelte: »Verachten mich schon die andern, wie ich mich selbst verachte? Weist man schon mit Fingern auf mich? Verlacht und verhöhnt man mich schon? ›Das ist der Mann, der ein gottbegnadeter Künstler sein sollte, und der um eines schönen Weibes willen‹ – Sage mir's ... Nein, schweige!« Ich weiß ja. Im Othello sagt Cassio zu dem Schurken Jago: ›Guter Name! Guter Name! Guter Name! Ich habe meinen guten Namen verloren: habe das unsterbliche Teil von mir selbst verloren. Was übrig bleibt, ist tierisch.‹ Ist tierisch !« Es war in des Professors oft recht schwerem Leben eine seiner schwersten Stunden. Was konnte es auch schwereres und zugleich Schmerzlicheres geben, als einen geliebten Menschen zugrunde gehen zu sehen und nicht helfen, nicht retten zu können. Nicht einmal ein Strohhalm ließ sich dem Ertrinkenden reichen. Ein Jammer war's, nicht auszudenken. Und dieser zugrunde Gehende war ein Künstler, der der Welt Bleibendes hätte geben können; etwas, das die Menschen aus der Tiefe des Erdenjammers hätte erheben können. Und wodurch ging er zugrunde? Heinrich Weber hatte recht: Schande war's und Schmach ... Eine andere schwere Stunde brachte dem Professor die Trennung von seiner Tochter: Romanas Eheunglück konnte nicht länger verborgen bleiben. Dahin war es auch in dieser Ehe gekommen! Diese schmerzliche Tatsache war Dame Filomenas Rache. Denn das kam davon: von der Undankbarkeit! Hätten Amerigo und Romana Minardi sie, die Stifterin ihres »Glücks«, als guten Genius ins Haus genommen, wäre es nicht so geworden. Dame Filomena hätte alles gemacht, alles gerettet. Sie hätte keine deutsche Häuslichkeit, also keine deutsche Sentimentalität geduldet; hätte in Rom für den Römer die Wirtschaft geführt; hätte daneben ihren lieben Herrn Neffen straff am Zügel gehalten. Mit einem Wort: herrlich, wie anfangs alles gewesen, wäre unter ihrer Herrschaft alles geblieben. Nun hatte sie es: sie, Frau Romana Minardi, geborene Müller. Denn er; o er – Er bezog die im Heiratskontrakt für ihn festgelegte Summe weiter, hatte sein Büro, hatte seit einiger Zeit seine Praxis, lebte sein Leben im Korso, im Klub, im Café Aragno und in gewissen Salons nach Gefallen. Seine Praxis! Etwas Dunkles und Geheimnisvolles war seit einiger Zeit in die Praxis des Herrn Advokaten Minardi gekommen. Ausländer, teils elegante, teils auffallend fragwürdige Gestalten, erschienen bei ihm, sprachen ein kümmerliches Italienisch, führten häufig einen Dolmetscher mit sich, verhandelten stundenlang bei verschlossenen Türen, brachten Geld, brachten viel Geld zu irgend einem dunkeln, geheimnisvollen Zweck. Diese Männer, Klienten des jungen Advokaten, der alle Fähigkeit dafür besaß, es einmal ausnehmend weit zu bringen, sollten – so raunte man – Agenten fremder Staaten sein; und sie sollten – doch das wußte außer Herrn Minardi niemand. Das letztere war indessen nicht ganz richtig. Er hatte seit kurzem einen Sekretär, der es gleichfalls wußte. Diesen Sekretär mußte der Advokat haben, und es mußte eine für seine Stellung ganz besonders geeignete Persönlichkeit sein. Eine solche glaubte Herr Minardi gefunden zu haben, und zwar in einem Landsmann, einem wütenden Fanatiker, einem armen Fieberkranken und Hungernden, den er fest in der Hand hielt; denn der junge Mensch war vor einigen Jahren wegen Mordversuchs polizeilich verfolgt worden. Damals floh er in den sabinischen Buschwald, jetzt befand er sich wieder in Rom. Es bedurfte daher nur einer Anzeige, und – Mit einem Wort: der Mann war sicher. Übrigens meldete er sich selbst bei dem Advokaten. Nachdem er lange Zeit dessen Büro umschlichen und dessen Klienten beobachtet, gab er sich selbst in die Hände seines mit Riesenschritten aufstrebenden Landsmanns aus Olevano, der ihn jede Stunde der Polizei ausliefern konnte; war es doch ein Mann, der seinen Weg zur Höhe empor über Leichen nahm, grausam, unerbittlich. Sollte der Sekretär also über gewisse Besuche und deren Absichten schwatzhaft sein, so – Aber auch außer jener gemeinsamen Kenntnis von etwas Dunklem und Geheimnisvollem bestand zwischen Herrn und Diener ein Bindendes: der Haß. Der Diener war es gewesen, der an dem Felsenquell von Bellegra jenen Mordversuch tat, bei dem der Dolchstoß nicht tief genug saß; und der Herr war es, der des verhaßten Germanen junge Frau begehrenswert fand. Aber der Gatte stand Wache vor seinem Weibe. Deshalb haßte Herr Minardi den Mann, der Orazio Petronis Schwester seinen ehrlichen Namen gegeben. Überdies war es ein deutscher Name. Weit hatte es der junge Advokat binnen kurzem gebracht. Nicht nur, daß er sein prächtig ausgestattetes Büro im Corso Vittorio Emanuele besaß, einen Sekretär hielt, seine sehr besondere Klientel hatte, im Café Aragno eine bekannte politische Persönlichkeit war, im Klub hohe Summen verspielte und gewann, als Freund verschiedener schöner Frauen galt – des trefflichen Virgilio Minardi entarteter Sohn wurde sogar in fremden Botschaften empfangen. Nicht nur in den Kanzleien, sondern auch in den Salons Englands, Frankreichs, Rußlands. Nur im Palazza Caffarelli fand der geschmeidige Herr keinen Zutritt. Man flüsterte sich sogar zu: er sei mit der Grobheit, die diesen Barbaren nun einmal zu eigen, hinausgewiesen worden, als er sich der Botschaft für gewisse Dienste angeboten hatte. Dasselbe war freilich auch Besitzern und Redakteuren großer römischer Blätter geschehen, als sie sich zum gleichen Zweck auf dem Kapitolinischen Hügel bei dem Botschafter Deutschlands eingefunden. Sie ließen sich abweisen, zuckten die Achseln, lächelten, begaben sich lächelnd zu den Vertretern anderer europäischer Großmächte, die sie nicht nur mit offenen Armen, sondern auch mit offenen Geldbeuteln empfingen. Den deutschen Hunnen aber war recht geschehen! Auch Herr Minardi begab sich lächelnden Mundes zu den andern. Am angenehmsten waren ihm die Empfänge im Palazzo Farnese. Welch ein liebenswürdiger Herr war doch Monsieur Barrère! Und erst Madame Barrère! Wie ausgezeichnet verstand es das scharmante Paar, in dem königlichen Hause am Campo de Fiori zu residieren. Rom, das einst weltgebietende – was die Römer marktschreierisch als Reklame benutzten – huldigte dem Vertreter Frankreichs, lag dem schlauen Kuppler zu Füßen. Der Herr Franzose trat auf das einst weltgebietende Rom und auf das römische Volk; trat darauf so leise, weich und fast zärtlich, daß Rom durch den französischen Fußtritt sich sogar geschmeichelt fühlte. Nizza, das leuchtende, üppige, wollüstige, das an Frankreich abgetreten werden mußte, war vergessen. Wie Italien Frankreichs Mode, Kunst und Kultur sich verschwistert fühlte, ebenso inbrünstig sehnte es den Tag herbei, an dem es seine Blutsverwandtschaft mit der glorreichen Republik vor aller Welt proklamieren konnte. Monsieur Barrère tat das Seinige, Italiens Sehnsucht wachsen und wachsen zu machen, und er tat es mit Meisterschaft. Schritt für Schritt führte er Italien den Weg, der Staat und Volk auf den Gipfel aller Größe bringen sollte. Eine Legion geschickter Agenten war dem Herrscher, der von seines Daches Zinnen, der Loggia des Palazzo Farnese, auf Rom herabsah, bei dem großen Werke behilflich. Ein Gewebe satanischer Ränke spann sich von dem Gebälk Michelangelos aus, und das nicht nur über Rom und Italien, sondern weiter, weiter, über Länder und Meere, sich vereinigend mit andern Geweben, aus allen Teilen Europas und darüber hinaus. Heerscharen von Spinnen lauerten in dem grauen Netzwerk. Jedes von diesen Insekten war erfüllt von dem Gift der Tarantel, jedes bereit, seinen tödlichen Saft ins Herz seiner Feinde zu spritzen. Und diese Feinde waren Italiens Bundesgenossen, die an Italiens Treue glaubten: immer noch glaubten, trotz allem und allem. Sie verdienten in ihrem frommen Kinderglauben nichts Besseres, als diesem Teufelswerk zu erliegen, welches unter ihren Augen sich vorbereitete. Aber sie wollten nicht sehen ... Da es Herrn Minardi nicht gelang, in die deutsche Botschaft einzudringen, so führte er eines Tages mit seinem Sekretär – als Landsmann und als Untergebenen duzte er ihn – folgendes Gespräch: »Ich bedarf einer Person, die uns im Palazzo Caffarelli Dienste leistet.« »Die spioniert?« »Du wirst diese Person beschaffen!« »Es wird schwer sein.« »Es muß sein.« »Wenn es sein muß –« »Du hörst es.« »Mann oder Weib?« »Ganz gleich, ob Mann oder Weib. Ein Weib wäre vorzuziehen.« »Das wäre es allerdings.« »Kannst du ein derartiges Wesen verschaffen?« »Ich denke wohl.« »Sie muß jung sein.« »Sie ist jung.« »Und hübsch.« »Sie ist reizend, eine Psyche.« »Vortrefflich. Und sicher?« »Wie ich selbst.« »Sie muß die Geliebte eines der Lakaien des Herrn Botschafters werden.« »Seine Geliebte!« »Auch Botschafter sind für ihre Kammerdiener keine Helden. Vielleicht, daß die betreffende Person – Du verstehst?« »Ich verstehe.« »Und –« »Es wird geschehen.« »Brauchst du Geld?« »Das Mädchen muß gut gekleidet sein.« »Laß die Person meinetwegen als Dame auftreten.« »Sehr wohl ... Als Dame.« »Sie wird dir gehorsam sein?« »Sie wird mir in allem gehorchen.« »Du sagst das in solchem eigentümlichen Ton –« »Es ist nichts Eigentümliches dabei.« »In allem wird die Person dir gehorchen?« »In allem.« »Es geschieht für das Vaterland.« Und Herr Minardi lachte. Der andere aber – Für sein Vaterland hatte Orazio Petroni seine eigene Mutter zur Dirne werden lassen ... Sie gehorchte dem Manne, der sie, seinem Schwur getreu, nicht berührt hatte; dem Manne, den sie lieben gelernt hatte, so heiß, wie ein junges leidenschaftliches Weib lieben kann. Aber sie gehorchte ihm. Er forderte von ihr das Furchtbare für das Vaterland, dem er selbst nicht nur sein Leben, sondern auch seine Würde, Ehre, Selbstachtung geopfert hätte: er, der ein stolzer Mensch war, wie er in all dem Schmutz seiner Zeit ein reiner Mensch geblieben war. Gehorsam legte sie, die noch immer ihre Kindergestalt und ihr Kindergesicht hatte, das Kleid der Dame an, ließ sich sogar mit einigem Schmuck behängen. So führte er das Opfer – ein Opfer auf dem Altar des Vaterlands! – einem Liebhaber zu, selber den Kuppler machend. Da geschah es, daß es plötzlich über ihn kam mit überwältigender Macht. Als er das Kind in den Armen eines andern wußte – Was ging da plötzlich mit ihm vor? Er, der vom Weibe nichts wußte, nichts wissen wollte, mußte sie sich vorstellen in den Armen des andern, dessen Küsse erduldend. Wie Raserei überfiel es ihn. Er lag auf seinem Lager, schlug um sich wie im Krampf, biß sich die Lippen blutig, um das Stöhnen zu ersticken, um ihren Namen nicht aufzuschreien mit einem Laut wie ein wildes Tier. Ja, er liebte sie! Er liebte die schändlich Verkuppelte, die Verkaufte. Im Morgengrauen kam sie nach Hause geschlichen. Todblassen Gesichts trat sie bei ihm ein. Beide sahen sich an und – beide schwiegen. Dann sagte sie, und sie bemühte sich, es ohne Ausbruch von Jammer und Verzweiflung zu sagen; bemühte sich, ihren zuckenden Lippen ein mattes Lächeln abzuzwingen – Sie sagte ihm, daß es wohl nach seinem Willen werden würde; daß sie wohl manches würde erlauschen können, was dem Vaterland dienen mochte. Sie sagte ihm lächelnd, daß sie zur Spionin geworden und daß – Ja, und daß sie von jenem andern leidenschaftlich geliebt wurde, mit der bestialischen Lüsternheit des Barbaren von ihm begehrt. Lächelnd sagte es die Geschändete dem Geliebten. Fünftes Kapitel Den Blütengefilden, die das Seuche bringende Sumpfland bedeckten – so wird ein Leichnam mit Blumen umhüllt – , entstiegen die Dünste. Sie ballten sich, zogen gleich Geisterscharen um das Felsenhaus, auf dessen Turm Abend für Abend eine einsame Frau stand und regungslos in der Richtung nach Rom ausschaute. Ins Meer versank der Sonnenball groß und rot unter einem Gewölk von Scharlach und Purpur, eine sterbende Majestät, und der ganze Himmel entflammte bei dem Tode des Tagesgestirns in der Kaiserfarbe. Über dem weiten wilden Lande erglühte im Osten der Gipfel des Mons Albanus, von dem einstmals Roms Götter auf dieses von den Göttern geliebte Land herabschauten. War es Täuschung, oder konnte jenes aufstrahlende Licht im Norden dort drüben wirklich das Kreuz auf der Peterskuppel sein? Rom! In Rom weilte der Mann, ohne den für die ausschauende Frau das Leben kein Leben war. Fühlte dies auch das Kind? War es heute nicht wieder so seltsam in sich gekehrt gewesen? Konnte der Zauber dieses Mannes, der für die wissende Frau Taumel, Rausch, Verzückung war, auch auf das Kind als solcher wirken? ... Es war Einbildung, war die Vorstellung einer vor Eifersucht Fiebernden, Sinnlosen! ... Schon wieder diese Marter der Eifersucht auf die eigene Tochter! Wäre sie nur nicht so jung und holdselig gewesen! Das abscheuliche Altern, das welkende Fleisch – So grausam hatte er es genannt. Mit welkendem Fleisch verzehrte sich die alternde Frau nach den Küssen, deren Glut Gift war, von Sinnen brachte, toll machte ... Daß sie das Kind nicht sogleich verlobt und verheiratet hatte! Ihr selbst war es doch vor Jahren auch nicht besser ergangen: als unschuldiges Kind schon verlobt und verheiratet mit dem alternden Manne, dem sie lange die Treue gehalten, während er die Treue gebrochen und andere Frauen – Andere Frauen tranken jetzt des Geliebten Küsse. Und sie – Getrennt vom Gatten und ausgestoßen. Nicht nur aus ihrem Hause, sondern auch aus ihrer Familie, gleichsam verbannt in das ruinenhafte Gemäuer am Meeresstrand, in diesen schrecklichen Sümpfen verarmt, verlassen, verloren. Dabei stand sie Abend für Abend auf der hohen Warte und spähte angstvoll hinaus in die in Dämmerung sinkende Ferne, nach der Richtung, die er kommen mußte. Denn er mußte kommen! Es war der einzige klare Gedanke, dessen die Unselige sich noch fähig fühlte, während sie horchte, lauschte, harrte, ob nicht der Hufschlag eines galoppierenden Pferdes zu hören sei. Sie stand noch, harrte und horchte, wenn die Finsternis heraufgezogen kam und sie vor den aufsteigenden Dünsten nicht mehr die Hand vor den Augen sehen konnte. In dem verödeten Saal, dem einstmaligen Prunkraum des Schlosses, saß sie dann in Abendtoilette, von neuem harrend und horchend. Scheinbar lauschte sie auf das Geplauder ihrer Tochter, die von ihren Ritten durch den Buschwald und längs des Meeresgestades erzählte. Sie waren herrlich, himmlisch und dennoch – Da war er wieder, der Ausdruck heimlicher Sehnsucht im Blick, und wieder stieg bei der die Rückkehr des Geliebten erwartenden Frau die Frage auf: Sehnsucht wonach? Sehnsucht nach wem? Wenn sie dann glaubte, es erraten zu haben – O du Mutter des für die Sünden der Menschheit am Kreuze gestorbenen Heilands! War es möglich, daß eine Mutter ihr Kind hassen konnte? Er kam. Wahr und wahrhaftig er kam! Die Mutter versetzte seine Wiederkehr in Verzückung, und die Tochter – Das Kind erglühte, erbleichte, erbebte. Aber die Marchesa hatte nur Augen und Sinne für ihn, der zu ihr zurückgekehrt war trotz ihres Alterns, ihrer Verfemung, ihrer Armut! Eifrig besprach sie mit der Kammerfrau, welches Kleid sie am Abend anziehen sollte, welches ihr am besten stehen würde, in welchem sie ihm am besten gefallen könnte? Sie berief den Koch und beriet mit diesem etwas bedenklichen Künstler der Küche das Menü. Herr Mariano liebte eine reich besetzte Tafel; liebte den Luxus, den allerhöchsten, allerverfeinertsten. Aber eine reichbesetzte Tafel und den Luxus der Dekadenz in dem uralten Gemäuer inmitten der Sümpfe – Die bedrängte Schloßherrin schickte Boten nach Albano und Porto d'Anzio; ließ in das Gemach, das der Geliebte bewohnen sollte, zusammentragen, was an nicht Zerbrochenem und nicht Vermodertem nur irgend sich auftreiben ließ, beraubte ihr eigenes Zimmer von jedem Gegenstand, der vielleicht sein Gefallen hätte erregen können. Und dann – Sie konnte zur Abendtoilette keinen Schmuck anlegen. Ihr sie verklärendes Glück würde sie schmücken und das köstlicher, als die Smaragden, Rubinen und Perlen, die sie für ihn hatte hingegeben, es einst getan ... Der Dichter aber war entzückt. Der hochragende Felsenbau aus sagenhafter Zeit mit dem zyklopischen Mauerwerk; die große Geschichte des glorreichen Geschlechts, dem die Herrin entstammte; das nahe Meer, dessen brausender Wogenschlag die ewige Musik dieses einzigen Aufenthaltes bildete; die tiefe Einsamkeit, Verlassenheit, Wildnis – Es war eine erlebte Ode des Petrarca. Nicht doch: Virgil war's! Er hatte denn auch seinen Virgil mitgebracht, ein überaus kostbares Exemplar, eine mit Malereien verzierte Handschrift aus der Bibliothek einer toskanischen Benediktinerabtei. Um in der virgilischen Landschaft den Virgil zu lesen, war er gekommen. Nur deshalb! Es mußte ein Genuß sein, ganz einziger Art. Wie er in dieser Landschaft Virgil lesen, wie er genießen würde! Sie hörte es kaum. Er saß ihr gegenüber, sprach zu ihr, war da ! Sie lauschte wieder auf seine Stimme, die den sirenischen Zauberklang hatte; auf seine Worte, die in seiner großen Sprache große Gedanken ausdrückten; sah wieder seine Blicke, sein Lächeln. Es sollten Blick und Lächeln eines Vampirs sein. Waren sie das wirklich? Sie wußte es nicht; wußte nur: es war sein Blick, sein Lächeln, und das Glück seiner Gegenwart überwältigte sie fast. Ob er wohl schon am nächsten Tag wieder abreisen würde? Es wäre – o, es wäre – Gewiß würde er nicht länger bleiben: in dieser Ruine, dieser Wüstenei! Es wäre ein Opfer seiner Liebe für sie, zu groß, zu übermenschlich, selbst für ihn, den Übermenschen! ... Seiner Liebe! Denn er liebte sie noch immer, sonst wäre er nicht gekommen. Wie konnte sie ihm danken? Wie danken dem Himmel, der Gottesmutter, den Heiligen? Eine Wallfahrt wollte sie tun: zu dem Heiligtum der göttlichen Liebe am Fuß der Albanerberge, auf bloßen Füßen, durch Disteln, Dornen, im Sonnenbrand ... Er blieb. Am nächsten Tage traf sein Kammerdiener ein. Der Mann brachte seines Gebieters goldenes, mit Aquamarinen besetztes Necessaire; brachte seine mit echten Spitzen garnierten Nacht- und Morgenkostüme; brachte seines Gebieters Parfüm und jene andern Luxusgegenstände, die Herrn Mariano ebenso berühmt gemacht hatten wie seine Dichtungen, Liebschaften und Schulden. Herrn Marianos Schulden – Er war auf das alte Felsennest in den Sümpfen gekommen, um in dem Lokal der Äneide Virgil zu lesen, und nicht etwa, um sich seinen Gläubigern, die nicht länger sich gedulden wollten, zu entziehen. Er war gekommen, um nicht beiwohnen zu müssen, wenn er von dem rohen Gesindel – gepfändet ward. Der dem Kastell am nächsten gelegene Ort war Ardea, die virgilische Stadt des schönen Rutulerkönigs Turnus. Dorthin brachte von Albano aus ein berittener und bewaffneter Postbote die Briefschaften für die Bewohner des Kastells. Herr Mariano gab Auftrag, daß während der Dauer seines Aufenthalts die Post von dem mehr als zehn Miglien entfernten Ardea nicht abgeholt werden sollte: jede Nachricht, die von der Außenwelt in dieses Traumland zu ihm drang, würde seine Illusion stören! Also schien er bleiben zu wollen, und die Marchesa würde die Wallfahrt tun: auf bloßen Füßen, durch Disteln und Dornen, im Sonnenbrand zum Heiligtum der göttlichen Liebe. Als ob menschliche Liebe ungöttlich wäre? Der göttliche Dichter Mario Mariano hätte darüber zu den Völkern Italiens in Dithyramben reden können. Sechstes Kapitel Also las Herr Mariano in dem Lokal der Äneide Virgil, angefangen von dem Gesang der Landung des Äneas bei der Tibermündung. Der frommste katholische Geistliche konnte nicht mit heißerer Inbrunst in sein Brevier sich versenken als Herr Mariano angesichts des Tyrrhenischen Meeres und des alten Latium in das Hohelied seines Vaterlands, Italiens »Homer«. Es war ein Schwelgen in klassischen Stimmungen, und es war wunderbar, wie der Dichter das große Kunstwerk genoß: wie er ein Gastmahl oder eine neue Leidenschaft inszenierte, eine Liebesstunde vorbereitete. Auch war es überwältigend! An dem vor seinen Augen liegenden Landschaftsbilde hatte die Zeit nichts übermalt, keinen Farbenton dunkler gemacht. So, genau so, waren vor Jahrtausenden Steppe und Sumpf, Waldung und Wildnis gewesen. Der Musik der Brandung gegen das Gestade: den nämlichen rauschenden, brausenden Akkorden, hatten die Helden der erhabenen Dichtung gelauscht. Und daß dieses Wunderbare sich unmittelbar vor den Mauern Roms vollziehen konnte! Jenes nämlichen Roms, welches zu seinen Gründern den aus dem brennenden Troja geflüchteten herrlichen Helden zählte, dessen Mutter der Göttinnen allergöttlichste selber Roms Ahnherrin war: du, o Aphrodite! »Der Göttinnen allergöttlichste selber!« Und dann sollten die Römer nicht in göttlichen Flammen entbrennen? – Sollte Rom nicht ein Heiligtum der Liebe und Mario Mariano nicht des Tempels Hohepriester sein? Rom und die Römer also nicht ein Recht zu dem Kultus der hohen Himmlischen besitzen, wie ein dem ähnliches keinem andern Volk der Erde von gütigen Himmlischen gewährt ward? Auf der Warte, von der aus die harrende Frau nach ihm Ausschau gehalten, las der Dichter Mutter und Tochter aus Virgil vor. Seine Augen leuchteten, seine Mienen verklärten sich, sein ganzes Wesen war erhöht, schwebte gleichsam über den dunkeln Tiefen, in welche seine Gläubiger, diese wahren Barbaren, den Hehren hinabreißen wollten. Etwas unwiderstehlich Sieghaftes lag in dem Manne, wenn er sein Organ in den Erhabenheiten Virgilischer Strophen spielen ließ. Aber daß auch die Tochter mit zuhörte! Was verstand das Kind von unsterblichen Heldentaten und der Erhabenheit klassischer Dichtung. Dennoch leuchteten auch ihre Augen, erglühte auch ihr Antlitz. Ach, und wie jung und lieblich sie war! Übrigens wäre es dem Meister jeglicher Verführungskunst nicht darauf angekommen, dem Kinde aus den Metamorphosen des Ovid, dessen »Kunst zu lieben« oder den Novellen des Boccaccio vorzulesen, auch Ovid und Boccaccio in der nämlichen Verzückung wie Dante und Virgil ... Sie ritten miteinander aus: zu dritt über die Steppe und durch die Wälder, von zwei Leuten der Marchesa begleitet. Auch der Dichter war bewaffnet. In diesem Leben lag etwas köstlich Freies, Ursprüngliches. Genau so mochten in den Wäldern Kalabriens des Sängers Vorfahren ausgeritten sein: schwer bewaffnet, einem Gegner oder Opfer auflauernd. »Banditen« wurden diese Tapferen beschimpft. Als ob es im zwanzigsten Jahrhundert in Italiens Hauptstadt nicht ganz ähnliche Gewerbe gab? Auch diese Braven lauerten auf Beute; auch sie überfielen das Opfer, auch sie setzten ihm die Pistole auf die Brust. Es konnte sogar ein Freund und Bundesgenosse sein. Aber: »La bourse ou la vie!« Was Herrn Mariano betraf, so begnügte er sich, Frauen zu verderben, die ihn liebten, an ihn glaubten, ihm sich hingaben, ihm sich opferten. Gegenwärtig empfand er diese Ritte als einen seine Nerven kitzelnden Reiz. Dazu kam etwas anderes, noch Reizvolleres: die Gegenwart der Tochter, gerade dieser Tochter einer Mutter! Ja, und dann – Wie sicher fühlte er sich in den köstlichen Wildnissen vor seinen Verfolgern, die von ihm Geld forderten, gemeines Geld! Ein von den Karabinieri verfolgter Totschläger und Raubmörder konnte sich in diesen Gefilden nicht sicherer fühlen. Für den Sohn Kalabriens hatte das Rauschen der fast undurchdringlichen Wälder überdies Heimatklang ... Also zu dritt. Es konnte jedoch geschehen, daß sie plötzlich nur zu zweit waren: nur die beiden Jungen. Gewiß war es absichtslos. Es war eben die vorausstürmende Jugend. Für die Dritte, die Zurückbleibende, die nicht mehr Jugendliche, waren es Qualen. Eine Marter war's! Sie spornte ihr Pferd, um jenen beiden nachzusetzen und blieb dennoch zurück. Damit die zwei nicht allein sein sollten, befahl sie den Leuten, dem Paar zu folgen. Die Getreuen weigerten sich aber, die Herrin in den gefährlichen Gebieten allein zu lassen: der junge Herr führte ja doch Waffen bei sich und würde die Marchesina vor jedem Überfall schützen. Am liebsten hätte die Marchesa ihre Tochter von solchen »gemeinsamen« Ritten ausgeschlossen; doch ein Rest von Würde, zu dem sie sich mühsam aufraffte, hielt sie davon ab. Sie ersuchte die beiden mit unsicherer Stimme, bei ihr zu bleiben: es sei ja doch ein gemeinsames Vergnügen. Nicoletta versprach es mit auffälligem Erröten, hielt ihren kleinen feurigen Renner auch möglichst zurück. Plötzlich befand sie sich weit voraus, war sie allein mit ihm, der von Tag zu Tag mehr Gewalt über sie gewann, eine Gewalt, von Tag zu Tag mehr benutzt von dem Manne, welcher der Teufel sein wollte, der diesen Engel zu Fall brachte: der Liebhaber der Mutter zugleich der Verführer der Tochter! Auch dies war – dantesk. Wenigstens war es dies in dem Sinn von Dantes Göttlicher Komödie, und zwar im Sinn des fürchterlichsten aller höllischen Ringe. Hochsommer in Roms Campagna. Hochsommer im Sumpfland! Die Dünste verdichteten sich. Sie umzogen den Horizont mit so schwerem Gewölk, daß von dem hohen Hause aus nicht einmal das nahe Meeresgestade zu erblicken war. Eine gespenstisch graue Mauer umschloß Fels und Kastell, und die Bäume des nahen Urwaldes entstiegen gleich einem Geisterhain dem Gewölk. Verdorrt jede Blume, jeder Halm. Braun und verbrannt, was im Frühling elysischen Gefilden geglichen hatte. Die wenigen Bewohner unterhalb des herrschaftlichen Hauses schlichen wie Schemen umher. Es war eben Totenland. Jede Woche mußten die Überlebenden einem der ihren das Grab schaufeln, nachdem noch in letzter Stunde von dem Heiligtum der göttlichen Liebe der Priester herbeigerufen worden war. Tod war Erlösung, Wohltat, Glück; aber nur nicht sterben, ohne das letzte Sakrament empfangen zu haben ... Die Marchesa blieb. Wohin hätte sie sollen, bankerott an Vermögen und Ehre, wie sie war? Binnen kurzem würde ihr Prozeß entschieden sein und sie dem Vater die Tochter zurückgeben müssen. Letzteres hätte sie schon jetzt mit Wonne getan; indes – Himmlische Jungfrau, nicht ausdenken, wohin Leidenschaft eine verirrte, eine verlorene Seele bringen konnte! Dann würde der Geliebte sie sogleich verlassen haben, und sie mußte ihn behalten. Nur noch jetzt, nur noch eine kurze Weile. Es war seine Gegenwart; sie hörte seine Stimme, sah sein Gesicht. Wenn sie auch wußte, weshalb er in der Hölle dieses flammenden Hochsommers ausharrte. Immerhin war es doch er! Er! Er! Also blieben die drei beisammen. Lag doch das Kastell über den Sümpfen in einer Höhe, auf der die Moskitos, deren Stich dem Menschen das Fiebergift einimpft, nicht sehr zu fürchten waren. Da die Mücken erst gegen Abend zu schwärmen begannen, so mußten die gemeinsamen Ritte, die über Tags der Gluten wegen unmöglich waren, überhaupt unterbleiben. Herr Mariano, der vor den menschlichen Schmeißfliegen, seinen Gläubigern, deren Forderungen giftiger waren als der Stich der Fieberfliege, nach wie vor nicht sicher war, las in der virgilischen Landschaft noch immer die Äneide. Seine Ausritte unternahm er in erster Frühe, häufig schon vor Sonnenaufgang, mit dem zugleich das verzehrende himmlische Feuer aufflammte. Er machte die Ritte allein; denn die Tochter durfte auf Befehl der Mutter zu dieser frühen Tageszeit das Haus nicht verlassen. Der Gast der Mutter wußte, daß die Tochter wachte, daß sie auf den Hufschlag seines Pferdes lauschte, daß sie sich sehnte, immer glühender, verzehrender gleich den Gluten des Sommers. Er wußte, daß sein Gift eingedrungen war in die Seele der Unschuldigen und Reinen und daß die Stunde kommen würde. Sie kam. In einer Mondscheinnacht war's, daß Nicoletta etwas Seltsames tat. Sie stand auf und schlich im Hemdlein aus dem Zimmer, das soeben erst der Geliebte verlassen hatte. Sie schlich durch den Gang, auf dessen Fliesen das Mondlicht leuchtende Runen zeichnete. Sie schlich an dem Schlafgemach ihrer Mutter vorüber und – Vor dem mütterlichen Schlafgemach hörte sie etwas, das ihren Schritt plötzlich bannte. Es waren Stimmen; war ihrer Mutter Stimme und die Stimme von – Es mußte Täuschung sein! Sie träumte und hörte im Traum des Geliebten Stimme, die ihr – war auch das nur Traum gewesen? – die ihr soeben erst zugeflüstert hatte: sie sei seine erste, seine einzige Liebe; sie erst habe ihn gelehrt, was Liebe sei, und jetzt gehöre sie ihm, sei sie sein für alle Ewigkeit! Dann hatte er sie verlassen, dann war sie aufgestanden, um ihre Seligkeit aus dem dumpfen Gemach hinauszutragen unter Gottes freien Himmel, in die feierliche Mondnacht, an den Strand des Meeres, das so ewig war wie seine Liebe sein sollte. Da plötzlich – Aus ihrer Mutter Schlafgemach drang zu ihr seine Stimme ... Wenn es nicht Traum war, so war es Wahnsinn! Wie schön, wäre es Wahnsinn gewesen, käme sie nicht wieder zu Sinnen; sie, die soeben erst in seinen Armen gelegen, soeben erst seinen Schwüren gelauscht und ihren jungfräulichen Mund wie einen Opferkelch dem seinen dargeboten hatte ... Sie wollte an dem Zimmer vorüberschleichen; konnte sich nicht bewegen; konnte nicht von der Stelle; konnte nicht entfliehen; hörte in dem Schlafgemach ihrer Mutter Schluchzen, Stöhnen, ersticktes Weinen. Und die Tochter hörte ihre Mutter schluchzend, stöhnend sagen: »Du liebst mich nicht mehr, und ich, und ich! Ich gab dir alles. Aber mein beginnendes Altern, mein welkendes Fleisch! Das konntest du von mir niederschreiben; konntest du über mich drucken lassen wollen! Und anstatt daß Scham und Schande mich vernichtet hätten, gab ich mich dir wieder zu eigen; war ich selig, mich dir wiedergeben zu dürfen! Und – du nahmst mich.« »Aus Barmherzigkeit.« »Elender!« »Beschimpfst du mich um meines Mitleids willen?« »Nein, nein! Ich danke dir! Auf meinen Knieen! Sieh, ich kniee vor dir.« »Um dich noch mehr zu erniedrigen.« »Auch das ertrage ich von dir ... Weshalb kamst du wieder zurück?« »Weshalb?« »Ich hatte mich von dir befreit, von dir gelöst.« »Geflohen warst du vor mir.« »Da kamst du wieder. Weshalb?« »Weißt du das nicht?« »Schweige! Aus Barmherzigkeit! Um deines Mitleids willen!« »Wenn deine Tochter wüßte –« »Nenne ihren Namen nicht! Von dir nur genannt zu werden, befleckt die Reine, Unschuldige, Unberührte.« »Sie liebt mich.« »Ich entreiße sie dir, sage ihr, was du bist: Verführer, Verderber, Dämon, Teufel!« »Den du anbetest.« »Sie wird dich hassen; wird vor dir zurückschaudern, dir fluchen.« »Lieben wird sie mich, wird mir angehören.« »Nur das nicht! Sieh, ich liege vor dir im Staube. Zertritt mich, töte mich. Ich verdiene den Tod. Denn ich bin die Schuldige, die Nichtswürdige. Ich allein! Töte mich aus Erbarmen, wie du mich aus Erbarmen geliebt hast.« »Dich geliebt? ... Ich, dich geliebt?« »Töte mich! Töte mich!« »Töte dich selbst!« »Ich kann nicht, kann nicht! Solange du noch –« Ihre Tochter hörte die letzten Worte nicht mehr; hörte nur noch ersticktes Weinen, Schluchzen, Stöhnen. Sie schlich fort von der Tür, dahinter etwas sich barg, das nicht Wirklichkeit sein konnte und doch Wirklichkeit war. Sie schlich weiter, entlang den Gang, auf dessen Fliesen das Mondlicht geheimnisvolle Zeichen schrieb, einem leuchtenden Menetekel gleich. Sie schlich aus dem Hause, schlich weiter; schlich hin, wo die Dünste aufquollen. Gleich Geisterscharen wallten sie um das hohe Haus, das ein Haus der Verdammnis war. Sie hätte bis an den Meeresstrand schleichen können und weiter, nur wenige Schritte weiter, bis ins Meer hinein; bis hinein in das schönste der Elemente; bis hinein in die Ewigkeit. Es hätte jedoch als Mord erscheinen können, als Selbstmord. Wie hätte dann die Mutter weiter leben können? Und er, der Geliebte – An dem Rand der Sümpfe legte sie sich nieder, bettete sie sich: dicht an dem Rand. Die Dünste quollen auf, wälzten sich über sie hin, zogen von ihr fort nach dem Hause der beiden Verdammten, Verfluchten. Gleich Geisterscharen umzogen sie das Haus. Als der Morgen zu dämmern begann, raffte sie sich auf, schlich schwankend zurück ins Haus; schlich durch den Gang, vorüber an dem Schlafgemach, darin es still geworden war; schlich in ihr Zimmer, sank auf ihr Bett, schloß die Augen, hörte noch – Und Nicoletta hörte noch den Hufschlag eines galoppierenden Pferdes. Der Geliebte ritt aus, dem aufstrahlenden Tage entgegen, entgegen der Sonne, die nach Gottes ewigem Willen über Gerechte und Ungerechte scheint. Siebentes Kapitel Die Scharen der Nebelgeister umkreisten das hohe Haus über den Sümpfen am Meeresstrand. Sie schienen in das Gebäude eindringen zu wollen, um sich daraus einen Gefährten zu holen, wallten und wogten hin und her, schienen zu winken, zu locken: »Komm doch! So komm doch!« Und das Kind, hätte es die Geistersprache verstanden, würde geantwortet haben: »Ich komme. Wartet nur, ich komme. Bald, bald ...« Über Nacht hatte die Marchesina das Fieber bekommen. Nicht das gewöhnliche, schleichende, langsam zehrende, sondern das tödliche, die Perniciosa. Wie war es möglich gewesen? Bis zu der Höhe des Felsenhauses gelangte die furchtbare Fliege mit ihrem Seuche und Tod bringenden Gift nicht. Die verzweifelnde Mutter fragte es jeden. Sie fragte in wildem Aufschrei Gott und fragte die Mutter des Heilands, Maria zur Göttlichen Liebe, der sie die Wallfahrt gelobt hatte, wenn – er kommen würde. Keiner konnte der Verzweifelnden Antwort geben. Die alte Kammerfrau hätte es können; denn sie fand das feuchte, wie von Regen durchnäßte Nachtgewand des armen Kindes; aber dieses hatte mit solcher flehentlichen Gebärde ihr Händchen auf die Lippen gelegt – sprechen konnte es nicht mehr – daß die Getreue Schweigen versprach: Verschweigen. Und nun lag das Kind still und weiß mit geschlossenen Augen in seinem Bettchen. Das ganze Haus war Jammer und Leid; denn – Wie war es nur möglich gewesen? Des Hauses Liebling, das lichte, leuchtende Kind, das gestern noch in jungem Leben blühte, heute plötzlich welkend; heute schon eine geknickte holde Menschenblume – Ein Bote sprengte zum Arzt nach Porto d'Anzio, ein weiter Weg, durch Wildnis und Sumpfland. Vor sechs Stunden konnte der Mann nicht dort sein, hetzte er auch das Pferd halb zu Tode. Und bis er den Arzt fand, bis dieser kam! Er mußte kommen; mußte helfen, retten! Ein zweiter Berittener mußte den Priester holen: von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe am Fuß der Albanerberge. Auch dieser Weg war weit über Steppe und durch Buschwald. Der zweite Bote wollte Herr Mariano sein. Er tat es nicht anders. Er selbst wollte den Geistlichen holen und mit diesem zurückkehren zu ihr, die eine Todkranke war, aber keine Sterbende sein durfte. Kein anderer würde den weiten Weg in so kurzer Zeit zurücklegen; kein anderer so schnell wiederkehren. Die Mutter dankte ihm. Sie sprach nicht. Nur die Hände erhob sie zu ihm, ihre, ach, so hilflosen Mutterhände, die nur beten, nur danken konnten. Als die beiden Boten fort waren, wurde es ruhiger in dem Hause, in das die gespenstischen Nebelgestalten gewaltsam einziehen wollten. Man verschloß vor ihnen Tor und Tür. Und man verschloß vor den alles durchdringenden Sonnenstrahlen die Fensterläden, daß zu dem Schweigen im ganzen Haufe tiefe Dämmerung herrschte ... Bei der Kranken weilte die Mutter. Sie allein. Selbst die alte Getreue hatte sie hinausgeschickt. Keine Seele sollte um sie sein. Nur wenn er dagewesen wäre – Doch auch nicht er. Denn sie war über Nacht eine alte Frau geworden. Auch er durfte sie nicht sehen. Sie hatte sich ankleiden müssen, frisieren, pudern, schminken. Aber selbst die Schminke würde nicht geholfen haben, vor ihm zu verbergen, daß sie über Nacht plötzlich eine alte Frau geworden war und dann – Ja, und dann wäre es mit allem aus und vorbei gewesen. Aus und vorbei! Aus und vorbei! Zusammengekauert saß sie an dem Lager ihrer Tochter, starrte auf sie hin, wollte beten, wollte die Gottesmutter um Barmherzigkeit anrufen, murmelte: »Aus und vorbei! Aus und vorbei!« Aus Barmherzigkeit – War es nicht das Wort gewesen, das er in der Nacht zu ihr gesprochen hatte? »Aus Barmherzigkeit!« Es war solch heiliges Wort und war für sie solch furchtbares Wort geworden; ein tödliches, ein mordendes Wort, von ihm gesprochen zu ihr. Aus Barmherzigkeit hatte er sie bisweilen – nur bisweilen! – in seine Arme genommen, sie bisweilen geküßt, und um Barmherzigkeit wollte sie in ihrer Sünden Übermaß die Gottesmutter anrufen, zu deren Heiligtum sie zu pilgern gelobt auf bloßen Füßen, durch Disteln und Dornen, im Sonnenbrand. Und jetzt – »Aus und vorbei! Aus und vorbei!« Er selbst war geritten, den Priester mit dem Sakrament zu holen; er selbst wollte den Ehrwürdigen herbringen. Er würde zurückkehren; würde mit ihr, die sich alsdann aufgerafft hatte und wieder menschlich geworden war, am Bette des Kindes wachen und warten. Worauf? Auf ein Wunder. Noch immer konnten Wunder geschehen; konnte der Himmel ein Wunder geschehen lassen. Sie mußte darum nur beten. Aber – »Aus und vorbei! Aus und vorbei!« Wie toteneinsam es um sie war. Und diese Stille! Grabesstille war's. Immerhin – das Kind atmete noch, lebte also noch. Wenn es auch so regungslos dalag, als wäre es bereits – Unterhalb des Burgfelsens hatten sich die Hörigen versammelt, eine Gemeinde schwankender Gestalten mit fahlen Gesichtern und tief in den Höhlen liegenden Augen, darin das Fieber brannte. Es war ein getreues Volk. Seit Jahrhunderten getreu einer Herrschaft, die sich um sie kaum kümmerte, die jedoch – eben die Herrschaft war, für die schon vor Jahrhunderten die Ahnen dieser Aussterbenden elend gelebt hatten und elend gestorben waren, getreu bis zum Tod. Jene kleine Schar Übriggebliebener waren die letzten. Sie standen beisammen, schauten zu dem hohen Hause hinauf, wagten nicht zu fragen, warteten auf Arzt und Priester. Wenn der Ehrwürdige mit dem höchsten Heiligtum kam, würden sie sich zu Boden werfen und flehende Hände erheben... Auch die Mutter wartete. Wie die Stunden schlichen! Die Sekunden schienen zu Minuten zu werden. Mittag! Um aller Heiligen willen, erst Mittag! Die Sonne stand auf ihrer Höhe, die Gluten drangen durch das mächtige Mauerwerk und erfüllten das totenstille Haus mit erstickender Schwüle. Es drangen die Strahlen durch die Lücken der Läden und zeichneten eine neue Geisterschrift auf die Fliesen und an die Wände, flimmernd und funkelnd, gelb und grell. Sie zeichneten das Antlitz der neben dem Lager der Tochter knieenden Frau, malten geheimnisvolle Zeichen auf das Bett, auf die über der Decke gefalteten schmalen blassen Hände, auf die weiße Stirn. Gewiß war der himmlische Glanz für die Sterbende auch eine Weihe ... Jetzt konnte der Bote in Porto d'Anzio angelangt sein! Die Stunden schlichen und schlichen und jede Minute längeren Harrens war verlängerte Qual. Abend! Die Geisterschar, die das Tageslicht vertrieben hatte, quoll von neuem empor, umzog das hohe Haus, wallte und wogte, wollte eindringen; wollte die Gefährtin holen, das Opfer. Blutrot glitt die große Flammenscheibe ins Meer. Seltsam, daß die Wellen unter gewaltigem Brausen nicht aufsprühten, als die Gluten darin versanken. In dem Hause der qualvoll Harrenden wich die Dämmerung der Dunkelheit. Sie war so schwarz! Im Grabe mußte solche Dunkelheit sein! Nur das Bettuch gab einen Schein, der über die leise atmende Brust, die gefalteten Hände hinleuchtete. Und es leuchtete das holde Gesicht mit den geschlossenen Augen ... Die alte Dienerin wagte sich herein. Sie entzündete das Lämplein vor dem Bildnis der himmlischen Jungfrau, die in der vorigen Nacht des Kindes Seligkeit mit angesehen hatte, die in dieser Nacht den Blick unverwandt auf die Sterbende richtete. Gern hätte die Alte vor dem heiligen Bildnis geweihte Kerzen angezündet, die sie von dem Altar der Kapelle über der fürstlichen Gruft hätte nehmen müssen. Aber dafür war es noch nicht Zeit. Geweihte Kerzen brannten an dem Lager einer Toten, und noch war atmendes Leben in der regungslosen lilienhaft holden Gestalt. Also noch Hoffnung. Der Arzt! Es war bereits tiefe Nacht und der Mond aufgegangen. Gleich einer Flamme sprang das Himmelslicht aus dem Haupt des Monte Cavo. Der Arzt war ein alter Mann, der Legionen Fieberkranker, von der Seuche des Landes Befallener, hatte sterben sehen, ohne helfen zu können. Er sah auch hier auf den ersten Blick, daß ärztliche Kunst nichts mehr retten konnte. Als die neben dem Lager ihrer Tochter kauernde Mutter des Mannes Kommen gehört hatte, war sie aufgefahren: Gewiß war es der Priester, und zugleich mit dem Priester kam er. Sie mußte – Was mußte sie doch gleich tun, sobald er zurückkam? Sie hatte es vergessen; hatte vergessen, daß sie über Nacht eine alte Frau geworden war... Des Arztes Blick sagte es der Mutter; denn sprechen konnte er nicht, als er das Kind in all seiner Lieblichkeit sah. Also keine Hoffnung? Sein Blick erwiderte: Keine! Dann fragte er, ob er bei der Mutter bleiben und mit ihr wachen dürfte, bis – der letzte Augenblick kam? »Nein.« War das ihre Stimme gewesen? Eine Fremde mußte gesprochen haben, mit heiserem hartem Ton. Das Wort war wie ein Röcheln gewesen. Die harte heisere Stimme gab der Kammerfrau den Befehl, für den Arzt zu sorgen. Beim Gehen wandte er sich und sagte – Was sagte der Mann? ... In der Welt draußen war etwas geschehen, etwas Furchtbares, Fluchwürdiges: ein Königsmord ... Was ging das die Mutter der Sterbenden an? Etwas Furchtbares geschah jetzt ... Jener Mord, jener Königsmord – Nun ja, sie waren eben tot, Gatte und Gattin zugleich, Österreichs Thronfolger und seine Gemahlin! Weshalb sollten solche Leute nicht auch sterben; nicht auch gemordet werden? ... Schon vor einer Woche war es geschehen, die ganze Welt befand sich in wildem Aufruhr und hier wußte man nichts davon? ... Nichts! Die Bewohner des Felsenhauses am Meeresstrand schickten schon seit längerer Zeit keinen Boten nach Ardea, um von dort die Post zu holen. Es befand sich im Schloß ein Gast, der es so befohlen hatte. Im Augenblick war er gerade abwesend, um von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe den Priester zu holen. Er mußte im Augenblick zurückkommen ... Jawohl: im Augenblick! Also der Thronfolger mit seiner Frau ermordet? Und die ganze Welt deswegen in Aufruhr? Mochte sie es sein! Es gab noch Gräßlicheres, noch Grauenvolleres auf der Welt. Sie mußte es noch einmal sagen: Weshalb sollten Könige und Thronfolger nicht auch gemordet werden? Immer und immer wurde auf der Welt gemordet. Die ganze Welt war getränkt von dem Blute der Gemordeten. Vernichtetes Glück und zerstörtes Leben waren auch Mord. Und Mord war verratene Liebe; war ein gebrochenes Frauenherz. Was also kümmerte sie die Mordtat von Sarajevo? Der Arzt ging. Dem Manne war zumute, als hätte er die Reden einer Irren gehört. Ihm graute. Keine Hoffnung, keine Rettung! Dabei mußte sie noch immer warten und warten. Aber jeden Augenblick mußte der Priester eintreffen, der dem sterbenden Kinde die letzte Hoffnung brachte: Vergebung ihrer Sünden, Verheißung ewiger Seligkeit ... Vergebung – göttliches Erbarmen – Verheißung ewiger Seligkeit – – Welch himmlischer Klang lag in den Worten! Es war doch himmlisch schön, daß die Kirche des gekreuzigten Gottessohns den Menschen ihre Sünden vergab und ihnen die ewige Seligkeit verheißen konnte. Der Priester von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe würde sie ihrem sterbenden Kinde bringen. Aber sie? Sie wartete; wartete: kam doch mit dem Priester auch ein anderer. Der Priester! Das Häuflein vor dem Schloß, das die halbe Nacht gewartet hatte, sank vor dem Ehrwürdigen, der das höchste Heiligtum brachte, auf die Kniee, hob flehende Hände zu ihm auf. Die Nebelgestalten umwallten die Lebenden wie Geister von Gestorbenen. Geweihte Kerzen wurden gebracht und angezündet; von dem Geistlichen, der Dienerschaft und dem nachdrängenden Häuflein der Getreuen wurden Gebete gemurmelt: Sterbegebete ... Allein war der Ehrwürdige gekommen, ohne den andern. Er war von dem Heiligtum der Göttlichen Liebe aus nach Rom zurückgekehrt. Der Mord des österreichischen Thronfolgerpaars; die Greueltat, von gedingten Meuchelmördern an Italiens verhaßtem Erbfeind vollzogen, ließ Herrn Mariano seine Gläubiger nicht mehr fürchten. Rom rief seinen Sänger, Italien rief seinen Apostel, das Vaterland, das heilige, bedurfte des erhabenen Dichters. Er eilte zurück! Achtes Kapitel Professor Rudolf Müller befand sich als Kaisergast in der Villa Falconieri. Dort vernahm er das Gräßliche, das die Welt bewegte. Aber so wunderbar wirkte der Aufenthalt in dem leuchtenden Hause, hoch über Roms Campagna, unter den Wipfeln der Steineichen, auf den von den Baldachinen der Pinien überwölbten, von Lorbeer und Laurustinus eingefaßten Wegen, am Rande des Zypressenteichs, daß selbst das Gräßliche, was in der Welt dort unten geschah, gleichsam von Schleiern umwebt ward. Es war, als wäre der Mensch dort oben der Welt entrückt. Eine Weihestätte war's, ein Ort des Waltens gütiger Geister. Rudolf Müller arbeitete an seinem großen Gemälde für Kaiser Wilhelm: »Die Villa Falconieri bei aufsteigendem Schirokko.« Noch erhob sich der Palast mit seinem tempelartigen Mittelbau und seinen langen, schmalen Seitenflügeln aus einer Fülle scharlachroter Rosen in sommerlich strahlendem Glanz; noch hatten die Olivenwälder unterhalb der Terrassen – sie bestanden zum Teil aus antikem Mauerwerk von dem tuskulanischen Landhause Lukulls – ihren von der Sonne bestrahlten Silberschimmer. Aber schon umdunstete sich die unabsehbare Weite mit dem fahlen Schein des Südwinds, und das Meer zog sich nur noch als weißer Streifen längs des schwarzen Saumes der Buschwälder hin. Nur die Peterskuppel ragte noch aus dem aufsteigenden Qualm hervor, gleich einem zwischen Himmel und Erde schwebenden Dom. Das Bild sollte des greisen Künstlers Meisterwerk werden: malte er es doch für Deutschlands geliebten Herrscher, dessen Herz jetzt Grimm und Schmerz ob der schändlichen Mordtat von Sarajevo erfüllte. An anderes dachte Sor Rodolfos Kindergemüt nicht: nicht an etwaige politische Folgen des fluchwürdigen Attentats bestochener Verbrecher. Es störte ihn in seiner Arbeit und es störte den Frieden des Eichenhains, als wirre wilde Gerüchte zu ihm drangen. Sie raunten von Kriegsmöglichkeit. »Krieg.« Das war ja doch ein Wort, welches Europas Kulturstaaten in sämtlichen Sprachen ausgelöscht hatten, Rußlands Herrscher hieß der Friedenszar, und Deutschlands Kaiser – Wie war Deutschlands Kaiser von allen Völkern verhöhnt worden, weil er, der von Gottes Gnaden sich fühlte, selbst Demütigungen ertragen hatte um des Friedens willen, des dreifach heiligen. Auch befand sich hoch oben im Norden eine Stadt, in der Europas Völker einen Friedenspalast erbauten. Wie also konnte das Wort: Krieg! plötzlich aufbrausen? Krieg zwischen Österreich und Serbien diesem Mörderstaat? Mörder mußten gerichtet werden. Alle Staaten Europas würden richten, verurteilen, verdammen. Österreichs Bundesgenosse war Deutschland. Und beider Reiche Bundesgenosse war Italien. Italien bildete mit Deutschland und Österreich eine unlösliche Dreieinigkeit. Auch waren jene von der Möglichkeit eines Krieges sprechenden Stimmen nur vage Gerüchte. Ein Raunen und Flüstern war's, ein leidenschaftlich erregtes, und das selbst an dieser Tempelstätte, hoch über dem Lärm, dem Staube, dem Jammer, den Greueln der Welt ... »Die Villa Falconieri bei aufsteigendem Schirokko« – Etwas wie ein böses Omen lag in dem Titel, den Rudolf Müller seinem für den Deutschen Kaiser bestimmten Gemälde gab. Einstweilen stieg der verderbliche Wüstenwind nur erst am Horizont auf, und noch war die Villa Falconieri, dies Stücklein Deutschland hoch über Rom, das »leuchtende Haus«. Aber das graue Gewölk würde sich ausdehnen; würde weiter und weiter sich erstrecken. Den ganzen Himmel würde es überziehen und mit seinem glühenden Vorhang so dicht verhüllen, bis es auf Erden keinen Himmel mehr zu geben schien, sondern nur noch diese bleierne, fahle, leichenfarbene Decke über einer Welt, deren Leben darunter erstickt war. »Bei aufsteigendem Schirokko« – Wenn er blutrot über der Welt aufstieg, erfüllte sein höllischer Odem alle Länder, drückte als Alp auf die Seelen der ganzen Menschheit; kroch in ihr Hirn, brachte die Menschheit von Sinnen. Toll die Menschheit, die ganze Menschheit! So grauenvoll-gräßlich toll, daß sie in dem Blut der Völker sich badete, von dem Blut der Völker die Erde überschwemmen ließ, mit Leichnamen sie düngte und lachend, grell auflachend, mit Schädeln und Totengebein spielte wie ein Kind mit Marmelsteinen und Blumen. Doch der Schirokko stieg ja erst auf und das für Rudolf Müller nur auf seiner Leinwand. War die Stimmung der Landschaft nicht von der Art, daß er seine Staffelei aufstellen konnte oder hatte er sich müde gearbeitet, so verweilte er vor dem Hause im Schatten der Steineichen, die wie eine Kuppel sich wölbten, und schaute über die allmählich verlöschenden Gluten der Rosengärten, auf das ferne Sabinergebirge, in dem sein geliebtes Olevano lag. Die Stätte seiner zweiten Heimat selbst, konnte er nicht sehen. Aber nächsten Sommer! Und gewiß noch manches andre Mal! Hatte er doch flehende Hände zu einer gütigen Gottheit erhoben, damit ihm diese ein langes Leben bescherte, um in Rom, in Italien, lange leben zu können und zuletzt unter den Zypressen an dem Aurelianischen Mauerwall, bei der Pyramide des Cestius, seine letzte Ruhestätte zu finden. Schön würde er von einem langen, durch ehrliche Arbeit und reiche Mühsal gesegneten Leben dort ausruhen in Roms ewiger Schönheit ... Wurde der Tag selbst unter den schattenden Wipfeln zu heiß, so begab sich der Alte in die fürstliche Halle des großen Hauses, das jetzt ein Kaiserhaus war. Dort schauten von der gewölbten Decke Roms und Griechenlands heitere Götter herab. Als die Villa klösterliches Eigentum der Väter von Tre Fontane wurde, mußten sich die Himmlischen für die frommen Asketen schamhaft verhüllen. Aber unter diesen Hüllen durften sie ihr glückseliges Heidentum auch unter den strengen Gesetzen des Ordens der Ewigschweigenden beibehalten: Als dann das Landhaus der Falconieri wiederum in einen weltlichen Besitz sich verwandelte, sanken die Verschleierungen, und Roms Sonne bestrahlte die von hellenischer Anmut umflossenen Leiber von neuem. Von den Wänden des Saales schauten die Fürsten Falconieri mit ihren Gästen und Pagen auf die unter ihnen Versammelten herab: sie, die längst Gestorbenen, auf die Lebenden, die begnadet waren in dem Hause der Falconieri Festtage zu feiern. Saßen sie in dem schönen Raum, so blickten sie hier durch die Wölbung des von Säulen getragenen Vorbaues auf Roms Landschaft, bis zum Gestade des Tyrrhenischen Meeres – blickten sie dort durch ein heiteres Gemach über eine Terrasse mit Kühlung spendender Fontäne auf silbrige Ölwälder und die blau umdunstete Sabina, als Vordergrund den Riesenbau der Villa Mondragone, des Landhauses Pauls V. mit seinen Terrassen, Loggien, Säulen, Wasserwerken, alles übermächtig und größenwahnsinnig, jetzt alles Vergangenheit und Verfall. Abends dann: »Man muß es erleben.« sagte Rudolf Müller immer wieder. Abends dann die Streifereien durch die Olivenwälder, die Gehölze, über die Matten und Senkungen der Villa Rufinella bis hinauf zu den tuskulanischen Höhenzügen und das Labyrinth der Ruinen, unter Haselnuß, Lorbeer und Ginster begraben. Unter Ginster! Fluten dieses blühenden Goldes machten verwilderte Pfade fast unzugänglich, schlugen über dem Haupt des Wandelnden zusammen, bedeckten alle Höhen, füllten alle Tiefen, überzogen bröckelndes Gemäuer mit Glanz, umloderten Felsen, wogten in breitem Strome zu Tal. Ein Zauber war's: »Ginsterzauber!« Und in dieser Welt höchster Schönheit sollte der Schirokko aufsteigen; sollte Schirokkowahnsinn die Völker ergreifen; sollte Krieg werden? Völkermordender Krieg! Aus dem Munde lateinischer Hirten erfuhr es Rudolf Müller: »Krieg! Krieg Österreich-Ungarns und Deutschlands mit Serbien! Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich! Krieg mit England!« Rudolf Müller hatte in den letzten Julitagen Ferien gemacht, war in das wilde Algidumtal gewandert und hatte auf den Steppen, die im Frühling unabsehbare Gefilde weißer Narzissen waren, bei dem Hirtenvolk eine Zeit zugebracht. Er kannte dieses Volk seit seiner Jugend, war häufig dort Gast gewesen, liebte die Einsamkeiten jener Hochtäler leidenschaftlich. Sie schienen nicht in Europa, sondern in einem andern Weltteile zu liegen: in Argentinien oder Australien. Es gab dort nur Hirten und Herden. In kalten Tagen hausten die Männer in einem ruinenhaften Kastell des Fürsten Orsini und schlugen bei Beginn der guten Jahreszeit ihre Zelte auf. Ein solches luftiges Obdach wurde dem alten Herrn gastfrei überlassen. Es lag an dem Rand eines kleinen kreisrunden Wasserbeckens, an dessen Ufern einstmals – lang, lang war es her! – der große Krieg, den Rom mit seinen feindlichen Nachbarn führte, entschieden ward. Von der Schlacht am See Regillus hatte der Knabe schon auf der Schulbank gehört. Das Dioskurenpaar Kastor und Pollux hatte den Sieg am See Regillus den Römern auf ihrem Forum verkündet. Im Laufe der Zeit war der See zu einem von Ginster und Schlehdorn umbuschten Sumpf geworden, und jetzt – In diesen ersten Augusttagen des Jahres 1914 riefen an dem Ufer des Sees Regillus lateinische Hirten, auf ungesattelten Pferden heransprengend, ihrem deutschen Gast zu: » Krieg! Krieg! Krieg Deutschlands und Österreichs mit Serbien und Rußland, mit Frankreich und England! Krieg! Krieg! « Nach einem Schweigen, währenddem Rudolf Müller nach Fassung rang, tat er die Frage: »Und Italien? Wenn Deutschland und Österreich Krieg führen, so führt doch wohl auch Italien Krieg? Italien ist ja doch Deutschlands und Österreichs Bundesgenosse!?« Rudolf Müller sprach wie im Traum, wie in halber Betäubung. Jenen andern Hirten wurde vor Bethlehem von Engelslippen verkündigt: »Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Euch ward heute der Heiland geboren.« Und hier? Und jetzt? In welcher Verwirrung befand sich des Alten Geist, daß er jetzt jener Engelsbotschaft des Friedens auf Erden gedenken mußte, in dem Augenblick, da ihm lateinische Hirten die Botschaft brachten: »Krieg auf Erden und den Menschen ein Grauen! Euch ward heute der Völkermord geboren!« »Und Italien?« – hatte er in seiner Verwirrung gestammelt. Noch bevor er das Furchtbare recht fassen konnte, hatte er Italiens gedacht; Italiens als treuen Bundesgenossen der beiden kriegführenden Mächte. Die Hirten aber beantworteten seine Frage mit einem Ausbruch jubelnder Begeisterung: »Krieg! Krieg! ... Evviva la Germania! Evviva Bismarco! Evviva la Germania e l'Italia! Avanti Savoia!« Doch Österreich – Der alte Mann wandte sich ab, um seine stürzenden Tränen zu verbergen. Das junge Hirtenvolk aber raste weiter auf ungesattelten Rossen, halbnackt, eine ganze Schar von Dioskuren, Götterjünglingen vergleichbar, um die Kunde weiterzuverbreiten unter den Hirten des Algidum, dieses gewaltigen Schlachtfeldes des einstmals gewaltigen Römerreichs. Als Rudolf Müller allein war, warf er sich am Strande des Sees von Regillus zu Boden. Er wollte beten; wollte den Herrn der Heerscharen anrufen für sein deutsches Vaterland. Aber von seinen zitternden Lippen kamen nur die Worte, die er soeben aus dem Munde der jauchzenden Jünglinge vernommen hatte: » Evviva la Germania! Evviva la Germania e l'Italia! Evviva Bismarco! « Ja! Bismarck war nicht tot, Bismarck konnte nicht sterben, Bismarck lebte. Er lebte für sein deutsches Volk; lebte für das große Reich, welches er mit Blut und Eisen in Flammen geschmiedet hatte. Sein unsterblicher Geist lebte in Deutschlands Volk und würde es führen durch Blut und Flammen von Sieg zu Sieg: »Deutschland, Deutschland, über alles!« Am Rande des Sees von Regillus, in der Wildnis Latiums, in welcher der Knieende der einzige, der letzte Mensch auf Erden zu sein schien, sang der greise Künstler das Hohelied des deutschen Volkes. Es war in dieser Zeit deutscher Not des deutschen Volkes höchstes Gebet. Neuntes Kapitel Als Rudolf Müller aus dem Algidum in die Villa Falconieri zurückkehrte, meldete man ihm, seine Tochter sei dagewesen und werde nächsten Tages wiederkommen. In der Villa herrschte fieberhafte Erregung, zugleich heroische Begeisterung und jauchzende Siegeszuversicht. Die jüngeren Kaisergäste waren bereits abgereist, um sich für den Kriegsdienst oder als Freiwillige zu stellen. Da wurde denn dem alten Herrn zum ersten Male so recht bewußt, daß er – eben ein alter Mann sei. Nicht einmal zum Sanitätsdienst, als Krankenwärter konnte er mehr gebraucht werden; zu nichts mehr war er für sein Vaterland tauglich. Das war ein Schmerz! Schlimmer: etwas wie Scham kam über ihn. Deutschlands Heldenjahre 1870-1871 hatte er mitgemacht und das Ehrenzeichen sich erworben. Er bewahrte es zu Hause, bei seinen höchsten Heiligtümern. Nach Rom zurückgekehrt, wollte er es anlegen als Weihezeichen seines Deutschtums. Er freute sich darauf, mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust durch Rom zu wandern; freute sich darauf, wie seine lieben Römer ihn anstaunen würden: »Das ist einer unsrer Bundesgenossen! Der Alte hat mitgeholfen für uns zu siegen und Italien zu einem einigen Königreich zu machen, mit Rom als Hauptstadt!« Das würde Italien den deutschen Brüdern dort drüben niemals vergessen. Nein, niemals! Romana kam nach Frascati. Sie brachte ihren Knaben mit. Am Zypressenteich der Villa Falconieri reichte sie Rudolf Müllers Enkel die Brust. Auch das war wundersam, einer Erfüllung gleich. Wie hatte die Frau während der kurzen Zeit, in welcher ihr Vater sie nicht gesehen, sich verändert! Noch ernsthafter und schweigsamer, noch leidensvoller war sie geworden. Etwas Herbes war über sie gekommen; zugleich etwas wie Entsagung: Entsagung aller Lebensfreude, also allen Lebensglücks. Diese ernsthafte, schweigende Frau hätte den Jubelklang, der in dem Wort: »Lebensglück« liegt, nicht mehr verstanden. Doch das war Frauenschicksal. Tausende und aber Tausende teilten es mit dieser einen. Auch klagte sie nicht. Besaß sie doch ihren Knaben! Sie durfte glücklicher sein als tausend und aber tausend andre, schwer enttäuschte Frauen es waren, die auch keine Lebensfreude, kein Lebensglück mehr hatten ... Romana brachte ihrem Vater deutsche Zeitungen mit. Am Zypressenteich der Villa Falconieri las der Professor Deutschlands einmütige Erhebung. Dieses zu erleben und Deutscher zu sein – Worte sagten es nicht! Immerfort die Hände falten, immerfort beten, immerfort dem Himmel dafür danken, ein Deutscher zu sein. Rudolf Müller fragte seine Tochter: »Wie ist es in Rom? Rom jubelt doch mit? Fühlt doch mit uns? Fühlt die heilige Gerechtigkeit unsrer Sache? Gewiß zogen die Römer auf das Kapitol vor Palazzo Caffarelli, um unserm Botschafter als Vertreter unsres Vaterlandes zuzujubeln? Und die italienischen Zeitungen? Weshalb brachtest du sie nicht mit? Giornale d'Italia – Tribuna – Secolo – Corriere della Sera ... Weshalb schweigst du? ... Was hast du?« »Rom jubelt nicht.« »Nicht? Es jubelt nicht mit uns, wo es sich doch gewiß mit uns und für uns erhebt? Für unsre gerechte Sache!« »Italien bleibt neutral.« »Nun ja. Einstweilen ... Weshalb schweigst du?« »Der König von Italien depeschierte an den König von Österreich: Italien würde gegenüber seinen Verbündeten eine herzlich freundschaftliche Haltung bewahren.« »Das ist doch selbstverständlich! Mehr als eine herzlich freundschaftliche Haltung, Viel mehr! Auch das ist selbstverständlich ... Und dein Gatte?« Sie klagte nicht; klagte ihren Gatten nicht an. Sie würde den Vater ihres Sohnes vor jeder Anklage verteidigt haben, nicht mehr das sanfte unbedeutende Wesen, sondern eine willensstarke Frau. Ihrem Vater antwortete sie, ihr Unglück verschweigend, aber ihre Sorge ihm anvertrauend: »Ich verstehe immer weniger, was es mit ihm ist, Er scheint in schlechte Hände gefallen zu sein, in Schlingen, daraus er sich nicht wieder lösen kann, so geschickt er ist, Es geht mit ihm etwas vor; etwas Unheilvolles, Unsauberes, Er spricht davon nicht mit mir – er tat das ja niemals – aber ich ahne es, fühle es. Unheilvolle und zugleich unsaubere Gewalten bemächtigten sich seiner so völlig, daß er keinen Ausweg mehr findet, nicht mehr sich helfen kann, nicht mehr sich zu retten weiß. Ich bin ja doch seine Frau, er ist ja doch der Vater meines Sohnes – Was soll ich tun? Ach, was soll ich nur tun? Ich bin machtlos, hilflos.« Erschrocken forschte ihr Vater: »Welche unheilvollen Gewalten könnten das sein? Denn unsaubere –« Romana rief aus: »So sagte ich ... Woher das viele Geld? Er wirft mit dem Geld um sich, lebt wie ein großer Herr, scheint Tausende zu verdienen. Wodurch?« »Er ist ein fast zu geschickter Advokat, wie du selbst sagst.« »Das ist es nicht. Es sind nicht Klienten, nicht Prozesse, die ihm die großen Summen einbringen. Und weshalb dieser heimliche Verkehr bei den fremden Botschaftern? Es sind die Botschafter unsrer Feinde.« »Die auch Italiens Feinde sind!« »Italiens heimliche Freunde, bald ihre offenkundigen Verbündeten.« »Was sagst du? Wie darfst du das sagen? Eine Verdächtigung Italiens, eine Verdächtigung seiner Treue gegen uns.« »Mein guter Vater –« »Ich bin dein trauriger Vater, wenn du Italiens Treue verdächtigst.« »Denke doch an die Aufführung jenes Dramas in Olevano. In Olevano, einer kleinen sabinischen Bergstadt.« »Die Italiens unwürdige Demonstration galt Österreich.« »Ist Österreich nicht auch Italiens Bundesgenosse?« »Jener abscheuliche Tumult galt dem Österreich von damals; galt jener unseligen Zeit blutiger Feindschaft zwischen Italien und Österreich. Diese Zeit ist längst vorüber.« »Du irrst. Der Aufruhr galt dem Österreich von heute. Deine Liebe zu Italien macht dich blind.« »Liebst du Italien etwa nicht?« »Nur zu sehr, wie wir alle. Uns alle hat die Liebe zu Italien blind gemacht. Wir werden sehend werden, und das bald.« In dieser Stunde trat des Professors heiße Liebe zu Italien ihren Passionsweg an, der zu einem Golgatha führte. Gekreuzigt werden sollte die Liebe der Deutschen zu Italien. Zehntes Kapitel Heinrich Weber kam aus seiner Werkstatt, in der er soeben eine letzte Arbeit vollendet: eine allerletzte. An jener Inschrift unter seiner Marmorgruppe: »Deutschland huldigt Italien!« hatte er ein Wort geändert, und jetzt stand unter den beiden leuchtenden Gestalten tief eingegraben: »Deutschland huldigt der Treue!« Das getan, ging Heinrich in seine Wohnung und zu seiner Frau, der er sagte: »Packe die Sachen! Nur das Notwendigste! Für dich und für mich! Wir müssen fort!« Lavinia fragte, wohin sie beide so eilig müßten? Doch nicht nach Olevano, nicht wieder hinauf nach Bellegra? Sie wolle nicht fort; sie wolle in Rom bleiben. »Wohin wir müssen? Du kannst noch fragen?... Wir reisen nach Deutschland und das noch diesen Abend.« »Wir?« »Ich sagte: wir reisen nach Deutschland.« »Du reisest nach Deutschland ... Deutschland hat ja wohl Krieg?« »Es hat Krieg.« »Also werde ich die Magd für dich packen lassen.« »Also wirst du für uns beide packen und das sogleich!« »Weil du ein Deutscher bist? Weil du nach Deutschland gehst? Weil Deutschland Krieg hat, sollte ich mit dir fort? Fort nach Deutschland?« »Sollst du als meine Frau, als die Frau eines Deutschen, mit mir fort.« »Deshalb sollte ich mit dir nach Deutschland gehen müssen? Deshalb?« »Deshalb mußt du mit mir. Hörst du wohl? Du mußt!« »Ich bin Italienerin.« Heinrich wiederholte: »Weil du nun einmal meine Frau bist, mußt du jetzt mit deinem deutschen Mann sogleich nach Deutschland abreisen.« »Ich bleibe hier. Reise allein.« »Nicht ohne dich!« »Was kümmert mich dein Deutschland? Was euer Krieg? Geh du, weil du nun einmal ein Deutscher bist, in den Krieg.« »Das sagst du? Als meine Frau sagst du das? Und in solchem Tone, mit solcher Miene?« »Ich sage es.« »Dann sage mir auch –« Er holte mit Anstrengung Atem und mußte warten, bis er imstande war, wieder zu sprechen. Auch jetzt mußte er nach Fassung ringen. Aber nur nicht jetzt die Besinnung verlieren! Er mußte fort, mußte sich dem Vaterland als Freiwilliger stellen, durfte vielleicht fallen, durfte für das Vaterland sterben. Welch himmlische Vorstellung! Aber sein Weib zurücklassen, sein Weib einem anderen überlassen? ... Nach einer Weile konnte er gelassen sagen: »Ich gehe in den Krieg, kämpfe für mein Vaterland, falle vielleicht –« »Du fällst?« Sie sah ihn an. In ihren Augen leuchtete es blitzartig auf, blitzartig war auch des Mannes Erkenntnis, »Wenn ich falle, wirst du –« Er brauchte den Satz nicht zu beenden. Das Aufleuchten ihrer Augen hatte ihm genug gesagt: für das Weib, das sein Leben vernichtet, das ihn als Künstler und als Mensch zugrunde gerichtet hatte, würde sein Tod Befreiung, Erlösung, Glück sein. Und so sagte er denn: »Lasse die Magd packen. Nur das Notwendigste. Für mich allein.« Er verließ sein Haus, das sein Haus niemals gewesen war; verließ sein Weib... Also ohne seine Frau – Abschied, Trennung fürs Leben. Zugleich war es für ihn Sieg: Sieg über sich selbst; Sieg über seine Leidenschaft; Sieg über all das Unedle, Unwürdige, Ehrlose, das durch seine Leidenschaft für das schöne Weib über ihn gekommen war. Jetzt brauchte es im Leben für ihn nur noch eines: die Kugel des Feindes. Ohne seine Frau – Sie verlassend, überließ er sie einem Liebhaber, dem ein anderer folgen würde und wieder ein anderer. Mochte es so sein. Erfuhr sie dann seinen Tod – Sein Tod würde dann ihr Sieg sein! Er wollte abreisen und würde nicht wiederkehren. Ein Abreisender, der nicht wiederkehrte, hatte an allerlei zu denken, für allerlei zu sorgen. Als ein dem Tode Verfallener mußte er an diejenigen denken, für diejenigen sorgen, die er zurückließ. Er ließ eine Frau zurück, die seinen Namen trug. Also – Er mußte einen letzten Willen aufsetzen; mußte über sein Hab und Gut verfügen; mußte eine letzte Pflicht erfüllen. Sein Hab und Gut mußte der Frau zufallen, die seinen Namen trug. Darüber mußte eine Urkunde aufgesetzt werden... »Amerigo Minardi. Avvocato.« Zufällig fiel sein Blick auf den Namen und Titel. Er blieb stehen, las den Namen, mußte sich besinnen, wessen Name es war und – ging hinein. In einem elegant ausgestatteten Vorraum warteten viele, die zu dem Herrn Advokaten wollten: des Herrn Geschäft blühte. Unter den Wartenden befanden sich sonderbare Gestalten. Der soeben Eingetretene hatte dafür nur einen flüchtigen Blick; aber selbst ihm fielen jene Anwesenden auf. Da er Eile hatte, übergab er dem Schreiber des Herrn Advokaten seine Karte und sagte dem Menschen, der ihn aus großen fiebernden Augen anstarrte: »Ich muß noch heute nach Deutschland abreisen; muß daher sogleich mit dem Herrn Advokaten sprechen. Also lasse ich bitten, mich sogleich vorzulassen.« Wer war der junge Mensch mit dem fahlen Gesicht und den fiebernden Augen? Wem glich er doch nur? ... Richtig! Dem! Ein Spukbild aus vergangenen Zeiten ... Es war jedoch nicht der Geist eines Toten, sondern er selbst mußte es sein: der Bruder seiner Frau. Der junge Fanatiker hatte ihn durch einen Dolchstoß töten wollen und ihn auch getroffen, leider nicht tief genug ... Nein! Zum Glück nicht tief genug; denn jetzt durfte er für sein Vaterland fallen und das in dem gerechtesten, also heiligsten aller Kriege, die jemals geführt wurden. Orazio Petroni selbst war der junge Mensch mit den fieberglühenden Augen. »Der Herr Advokat läßt bitten.« Heinrich Weber trat ein bei dem Manne, von dem er wußte, daß er nach seiner Abreise der Liebhaber seiner Frau werden würde, wenn er es nicht bereits war, trotz der scharfen Wacht, die der Gatte gehalten hatte. »Was wünschen Sie von mir?« Der Advokat war erblaßt. Was konnte der Deutsche anderes von ihm wollen, als einen Waffengang auf Leben und Tod? Der Herr Advokat aber durfte sein kostbares Leben in einem Zweikampf mit einem dieser Barbaren nicht auf das Spiel setzen. Sein Leben gehörte Italiens großer Sache, die einstweilen darin bestand, Geld, viel Geld, ungeheuere Summen Geldes, von den Feinden dieses verhaßten Deutschlands zu nehmen. Denn um Deutschland handelte es sich, um Deutschland hauptsächlich, wenn Italien auch Österreich meinte: Italiens Krieg wider Deutschland würde es sein! »Was wünschen Sie von mir?« Der Advokat mußte seine Frage wiederholen. Der Herr, der es eilig hatte, bei ihm vorgelassen zu werden, schien die Frage überhört zu haben. Er stand und betrachtete den Mann. Sein Blick glitt über die mit übertriebener Eleganz gekleidete schlanke Gestalt; glitt über das Gesicht, das einem Künstler als Modell für einen edlen jungen Römer dienen konnte. Und Heinrich Weber, dieses Gesicht und diese Gestalt betrachtend, mußte denken – »Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, was Sie von mir wünschen?« »Gewiß. Sogleich.« »Wenn ich bitten darf. Auch ich habe Eile. Sie werden bemerkt haben, daß viele warten.« »Ihr Geschäft blüht.« »Es geht gut... Nehmen Sie Platz.« Heinrich Weber blieb stehen. Kein Auge von dem Geliebten seiner Frau abwendend, sagte er: »Ich möchte mein Testament machen.« »Ihr Testament?« Dem Wort folgte ein tiefes Aufatmen der Erleichterung. Der hübsche Bursche war nicht nur ein durchtriebener, sondern auch ein feiger Halunke. »Ich möchte meinen letzten Willen aufsetzen.« »Bei mir?« »Weshalb nicht bei Ihnen?« »Weil Sie Deutscher sind und weil Sie auf Ihrem Konsulat –« »Ich wünsche bei Ihnen, gerade bei Ihnen, meine letzten Verfügungen aufzusetzen... Sie verstehen mich doch?« »Ich verstehe Sie ... Weshalb wollen Sie nicht Platz nehmen?« »Ich wünsche bei Ihnen stehen zu bleiben. Auch das werden Sie vielleicht verstehen?« »Nach Ihrem Belieben... Also was wünschen Sie noch?« »Ich reise ab, nach Deutschland. Deutschland hat nämlich Krieg.« »Sie wollen nach Deutschland? In den Krieg?« »Da ich Deutscher bin – Aber das werden Sie vielleicht nicht verstehen?« »Deutschland wird sicher siegen.« »Über alle seine Feinde.« »Wir Italiener –« »Die Italiener sind ja wohl Deutschlands und Österreichs Bundesgenossen?« »Freilich, freilich! Wir Italiener wünschen Deutschland und Österreich glorreichen Sieg.« »Über alle unsre Feinde.« »Über alle. Sie wissen ja wohl, daß Italien –« »Neutral bleibt.« »Einstweilen wenigstens.« »Italien soll seine sämtlichen Truppen von der französischen Grenze fortziehen – trotz seiner Bundesgenossenschaft und seiner Neutralität.« »Wir unsre Truppen fortziehen von der französischen Grenze? Das wäre, Herr Heinrich Weber, das wäre –« »Offenbare Niedertracht.« »Das wäre es.« »Mich freut, daß Sie so denken.« »So denkt ganz Italien!« »Ganz Italien spricht aus Ihrem Munde: aus dem Munde des Herrn Advokaten Amerigo Minardi ... Aber lassen Sie uns zu meiner Sache, kommen, da wir beide Eile haben.« »Herr Weber, gehen Sie zu Ihrem Generalkonsul.« »Der Herr hat im Augenblick anderes und Besseres zu tun. Sobald ich meinen letzten Willen bei Ihnen, Herr Advokat Minardi, aufgesetzt habe, werde ich das Dokument durch das Deutsche Konsulat rechtskräftig machen lassen. Es ist mein besonderer Wunsch, daß Sie meinen letzten Willen kennen lernen: gerade Sie.« »Ihr besonderer Wunsch?« »So sagte ich. Sie verstanden mich durchaus recht... Jetzt rufen Sie gefälligst Ihren Schreiber und lassen Sie den Mann niederschreiben, was ich zu sagen habe: aus bewußten besonderen Ursachen gerade Ihnen ... Ich drückte mich doch deutlich aus?« »Durchaus.« Und Herr Minardi rief seinen Schreiber ... In seinem letzten Willen hinterließ der deutsche Bildhauer Heinrich Weber seiner Witwe sein gesamtes Hab und Gut, unter der Bedingung ihrer Wiederverheiratung. Sein gesamtes Hab und Gut bestand hauptsächlich in der Marmorgruppe: »Deutschland huldigt der Treue«. Auch mit der veränderten Inschrift bedeutete das Werk für des Künstlers Witwe ein Vermögen. Heinrich Weber sagte zu dem Advokaten Minardi: »Unter der Bedingung, Herr Advokat, einer Wiederverheiratung. Ich habe mich doch in einer Weise ausgedrückt, die jeden Zweifel ausschließt? Mir liegt daran, es von Ihnen, in Gegenwart Ihres Schreibers, ausdrücklich bestätigt zu hören.« »Ich bestätige es Ihnen ausdrücklich.« »Sehr wohl. Und Sie, Herr Schreiber, wollen folgenden Wortlaut genau wiedergeben: Mit meinem innigen Wunsche, meine Frau möge mit einem zweiten Gatten glücklicher werden, als sie es mit dem ersten gewesen ... Haben Sie das wörtlich niedergeschrieben?« »Wörtlich.« »Auch noch das folgende.« »Diktieren Sie!« »Der Verstorbene hat einstmals auf das tiefste bedauert, daß der Dolchstoß des Bruders seiner Gattin sein Herz nicht traf ... Schrieben Sie?« »Herr –« »Einstmals bedauert. Jetzt nicht mehr. Da ich jetzt eines edleren Todes sterben kann ... Schreiben Sie!« »Da Sie es wünschen –« »Ich wünsche es ... Danke. Was schulde ich Ihnen?« »Herr!« »Was schulde ich Ihnen, Herr Advokat? Ich wünsche nicht, mit einer Schuld gegen Sie für mein Vaterland zu fallen.« »Weshalb sollten Sie fallen?« »Weil ich für mein Vaterland fallen will, einer von den Tausenden und aber Tausenden, die in diesem Kriege für ihr Vaterland fallen werden ... Also meine Schuld, Herr Advokat Minardi? Sie sind Italiener, und ein Italiener tut nichts umsonst.« Herr Amerigo Minardi nannte die Summe, und Heinrich Weber zahlte. Er zahlte mit Gold. Elftes Kapitel Heinrich Weber hatte den Advokaten bezahlt; hatte das Dokument an sich genommen; war von Herrn Minardi mit ausgesuchter Höflichkeit durch das gedrängt volle Vorzimmer bis zur Tür begleitet worden; hatte die ihm freundschaftlich dargebotene Hand nicht genommen und war seines Wegs weitergegangen: zu dem deutschen Generalkonsul, um von diesem seinen letzten Willen rechtskräftig machen zu lassen. Das abgetan, war für ihn alles Irdische erledigt. Wohin jetzt? Hatte er wirklich nichts mehr zu tun? Von keinem Menschen mehr Abschied zu nehmen? Jedenfalls Abschied von Rom. Ein Abschied war's auf Nimmerwiedersehen. »Auf Nimmerwiedersehen« – Wie seltsam das klang! »Wohin, lieber Freund?« Es war sein deutscher Arzt, ein noch junger Mann, der ihm begegnete und ihn ansprach. Alle Deutschen im fremden Lande waren jetzt Freunde, Brüder, wie es jetzt in der Heimat alle waren, »Ja, wohin, Doktor? Ich weiß es selbst nicht. Aber es freut mich, Sie noch einmal zu sehen.« »Noch einmal?« »Ich reise ab. Noch heute.« »Nach Deutschland?« »Wohin sonst? Um mich als Freiwilliger zu melden.« »Sie wollen sich als Freiwilliger melden?« »Können Sie noch fragen?« »Sie sind aber doch – nicht ganz gesund.« »Nicht ganz.« »Und Sie wollen –« »Aber Doktor!« »Lieber Freund –« »Weshalb sehen Sie mich so an? Was meinen Sie mit diesem Blick?« Der Arzt wiederholte: »Sie sind nicht ganz gesund und wollten trotzdem –« »Man nimmt selbst Tuberkulöse, wenn sie sonst kräftig genug sind. Ich bin kräftig genug.« »Immerhin, wenn Sie schließlich doch bleiben wollten –« »Ich will nicht bleiben!« »So könnte ich Ihnen ein Attest ausstellen –« »Um bleiben zu dürfen? Um für Deutschland nicht mitzukämpfen? Um die andern mitkämpfen zu lassen? ... Doktor, Doktor, Sie gehen ja doch selbst.« »Natürlich gehe ich!« »Also?« »Ich warne Sie noch einmal.« »Ich danke Ihnen für Ihre Warnung. Aber bei aller Ihrer Freundschaft meinen Sie es – schlecht mit mir.« »Bleiben Sie und –« »Dann müßte ich mich verachten ... Seien Sie versichert, ich werde meinen Zweck erreichen.« »Zu fallen. Denn das ist Ihr Zweck.« »Wer sagt Ihnen das? ... Hoffentlich gönnen Sie mir die Erreichung meines Zwecks. Wissen Sie doch am besten, wie es um mich steht und das in jeder Hinsicht.« »Ich hätte Ihnen von Herzen gewünscht –« »Am Leben zu bleiben? Und am Leben zu bleiben, weil ich einmal ein Genius gewesen sein soll? ... Einmal gewesen!« »Leben Sie wohl!« »Sterben Sie tapfer – sollten Sie mir wünschen.« Sie trennten sich. »Wohin jetzt?« Er sagte es halblaut zu sich selbst und befand sich bereits dort, wohin es ihn trieb, um Abschied zunehmen: Abschied auf Nimmerwiedersehen. Doch würde er das der Person, von der er Abschied nehmen wollte, nicht sagen. Er wußte, es würde sie schmerzen. Trauern würde sie wegen dieses Abschieds von dem Freunde und zugleich ihn verstehen, so gut ihn verstehen, wie auf Erden kein zweiter Mensch. In Abschiedsgedanken versunken, war er den Corso Umberto hinuntergegangen bis zur Piazza del Popolo, hatte sich jedoch nicht zu dem sommergrünen Pincio hinaufgewendet, sondern links zum Ponte Margherita in das einstmalige Gebiet der Wiesen des Kastells von S. Angelo und stand nun vor dem Villino, in dem die einzige Person wohnte, die um ihn trauern und die ihn verstehen würde. Er fand die Fensterläden geschlossen und niemand in der Wohnung. Jetzt erst fiel ihm ein: ›Sie ging mit ihrem Knaben zu ihrem Vater, während ihr Herr Gemahl, außer in seinem Büro und bei Aragno, im Grand Hotel, dem vornehmen Versammlungsort der Franzosen und Engländer, Russen und Amerikaner, sich aufhält.‹ Also kehrte er vor der verschlossenen Wohnung um, ging den weiten Weg wieder zurück und in das Quartier der Via Babuino, in dem Rudolf Müller seit einem Menschenalter ein fleißiger Künstler und ein glücklicher Mensch gewesen war. Ob er letzteres jemals wieder sein würde? Je wieder in Rom ein glücklicher Mensch? Tante Minchen empfing des Abwesenden jungen Freund. Die gute Dame hatte verweinte Augen, war jedoch sonst in allem ihres Bruders Schwester, mehr konnte zu ihrem Lobe nicht gesagt werden. Voller Stolz zählte sie die Neffen, Vettern und sonstigen Verwandten auf, die mit hinausziehen durften und von denen jeder als Held sich erweisen würde. Dann aber klagte sie: »Daß mein Bruder ein alter Mann ist; daß er nicht mit hinaus kann! Ich weiß, es nagt an seinem Herzen. Und ich! Ich wäre gewiß nicht zu gebrechlich, um Krankendienste zu leisten. Auch für die Etappe nicht zu gebrechlich: war ich doch schon im Jahre siebzig Pflegerin und habe meinen Kursus bei dem großen Langenbeck selbst durchgemacht und die Prüfung mit Ehren bestanden. Wenigstens versuchen könnten sie es mit mir. Wenn für den Felddienst nicht mehr brauchbar befunden, könnte ich in Naumburg ein Lazarett einrichten oder darin nur Dienerin sein. Und wenn ich die Fußböden scheuern müßte. Nur helfen, nur mit dabeisein können! ... Ich kann nicht, darf nicht! Ich muß bei meinem Bruder bleiben. Mein Bruder braucht seine alte dumme Schwester. Als seine gute Frau starb, rief er mich auch zu sich, brauchte er mich auch. Dann freilich – Dann war die Filomena da. Ach, du lieber Gott! Ich bekomme es nun einmal nicht fertig. Reis und Makkaroni nach italienischer Art zu kochen. Sie geraten mir immer viel zu weich. »Pampig« nennt es mein Bruder und rührt keinen Bissen an. Also kann ihm die Filomena viel Besseres leisten als ich, was mich um seinetwillen von Herzen freut. In Naumburg würde ihm nichts mehr schmecken. Deshalb soll er auch in dieser für Deutschland gewaltigen Zeit ruhig in seinem geliebten Rom bleiben. Und ich, seine alte dumme Schwester – Ach, lieber Herr Weber, was sagen Sie denn zu Italien?« »Italien bleibt neutral.« Es geht wirklich nicht mit uns? Wirklich nicht mit seinen Bundesgenossen?« »Italien bleibt neutral... Deutschland und Österreich-Ungarn müssen ihrem Bundesgenossen sogar dankbar sein, wenn er neutral bleibt.« »Wenn? – Ach mein lieber, lieber Herr Weber –« »Kann ich Ihre Frau Nichte sprechen?« »Herr Weber! Sie sind solch treuer Freund unsres Hauses. Mein lieber, lieber Herr Weber, meine Nichte! Gott, ach Gott! Ich habe es ja doch gleich gesagt. Ein Italiener und eine Deutsche – Dieser Italiener! Und jetzt? Jetzt ist das Unglück da. Sie hat freilich ihren Knaben. Aber das Kind – Ich möchte mir die Augen ausweinen ... Gehen Sie zu ihr. Ich weiß. Sie tun der Ärmsten wohl, wie sonst kein anderer. Ach, Herr Weber, wie anders hätte alles kommen können, wenn – Verzeihen Sie mein törichtes Geschwätz. Wer wird jetzt daran denken?« »Sie haben recht. Jetzt wird der Deutsche nur an eines denken.« »Nur an Deutschland!« Schweigend saß er bei Mutter und Kind, Aber es ward ihm wohl in der stillen Gegenwart dieser Frau ohne Anmut und Schönheit. Während er still dasaß, Mutter und Kind – Letzteres war noch immer solch kümmerliches Lebewesen – schweigend betrachtete, mußte er sich vorstellen, wie schwer die Frau die Abreise eines deutschen Gatten empfinden, aber wie ruhig und stark sie zu ihm sagen würde: »Du mußt Weib und Sohn verlassen; mußt kämpfen, und solltest du fallen, so werde ich deinem Sohn erzählen, welch einen herrlichen Tod sein Vater starb: den Tod eines Helden! Sei also stolz auf deinen Vater, so stolz wie deine Mutter es ist, die deinen Vater über alles geliebt hat. Hörst du, mein Sohn: über alles!« So stolz hätte diese Frau zu ihrem Sohn gesprochen, wenn sie – Heinrich Webers Weib geworden wäre... Sie erzählte dem Freunde von ihrem Vater dort oben in der Villa Falconieri, dem Stücklein Deutschland, jenes Deutschland, welches seine Feinde zertrümmern, vernichten wollten. Bei allem Stolz über Deutschland, bei aller Erhebung über Deutschlands nationale Einigkeit litt der alte Mann und: »Er wird noch viel leiden müssen. Wir beide wissen weshalb. Aber wir wollen es nicht aussprechen.« Sie sprachen es nicht aus. Auch nicht, als beide in dieser Scheidestunde fühlten, daß es hatte anders kommen können: »so ganz anders« – hatte Tante Minchen gesagt. Um vieles glücklicher und besser, obgleich sie eine unschöne Frau war, aber eine starke und treue Frau, eine rechte Freundin des Gatten, seine Mitkämpferin hätte sie sein können. Keiner von beiden sprach davon, daß es ein allerletztes Beisammensein war und daß beide es wußten. Nur das eine sagte sie ihm: »Wenn ich mein Kind nicht hätte – ich danke Gott, daß ich es habe – Oder wäre mein Kind nur um ein Jahr älter, so würde ich meine Pflicht als deutsche Frau in der Heimat erfüllen, wie eine jede das tut.« »Als deutsche Frau in der Heimat« ... Rudolf Müllers Tochter war in Rom geboren, hieß Romana, war nur wenige Male und immer nur für kurze Zeit jenseits der Alpen gewesen und fühlte sich in jedem Pulsschlag als Deutsche; fühlte, daß Leiden um die Heimat, Sterben für die Heimat eine ebenso hohe Sache sei, wie das Glück und der Stolz über Deutschlands einmütige Erhebung es waren... Sie sagten sich nicht Lebewohl, Aber Romana reichte dem Freunde ihren Knaben hin und sagte: »Küsse du ihn!« So einfach gab sie ihm daß schwesterliche Du, als sei es zwischen ihnen nie anders gewesen, und auch er nahm das trauliche Wort so hin, wie es gegeben ward. Dann begleitete sie ihn hinaus. Auf der Treppe sagte sie noch: »Gehe nicht fort, ohne vorher deinen besten Freund gegrüßt zu haben. Er ist alt und würde es schwer verwinden, wenn du ohne Abschied von ihm gingst. Finde dafür noch eine Stunde Zeit und sei bedankt dafür.« Auch er hatte ihr noch etwas zu sagen: »Wie wird es mit dir?« »Mit mir?« »Und deinem Mann?« »Er will von der Kirche austreten und von mir sich scheiden lassen.« »Das dachte ich mir. Er will sich scheiden lassen, um eine Heirat zu machen?« »Möglicherweise.« »Von dir sich scheiden lassen gegen genügende Entschädigung?« »Er wird seine Rente weiterbeziehen.« »Leidest du sehr?« »Ich habe meinen Knaben.« »Also willigst du ein?« »Ich willige ein.« »Und leidest sehr?« »Es ist seltsam. Seitdem Deutschland von seinen Feinden angefallen ward wie ein Edelwild von einer Meute blutgieriger Wölfe, ist es seltsam, wie ich nichts andres fühlen kann, als daß ich einen deutschen Vater habe und meine Heimat Deutschland ist; daß ich stolz und glücklich bin, eine Deutsche zu sein.« »Du Gute, Starke!« »Du Lieber!« Sie trennten sich und wußten: es war auf Nimmerwiedersehen, Heinrich erfüllte die Bitte der ihm so teuer gewordenen Frau und fuhr mit der Elektrischen hinaus nach Frascati. Die Campagna prangte in ihrer goldbraunen Sommerpracht, in dem Königsmantel, den die Erhabene sich umgeworfen hatte. Silbern lag die Sabina, silbern war das Gewölk über dem Meer. Nur die Zypressen standen gleich schwarzen Leichensteinen am Wege. Heinrich hatte auf dem Oberdeck unter der schützenden Leinwand Platz genommen. Die Mitfahrenden waren Landleute aus den Albanerbergen. Sie redeten und gestikulierten mit der Leidenschaftlichkeit des Südländers. Nur von dem großen Kriege wurde gesprochen. Nein! Italiens Landvolk hatte nichts gemein mit jenem Italien, welches »neutral« blieb. Es war ein gutes Volk, stark im Ertragen aller Mühsal des Lebens; stark im Entsagen und Entbehren; stark in seiner Treue zu seinem Vaterlande, welches den durch harte Arbeit ermüdeten Schultern eine Steuerlast aufbürdete, unter der es nahezu zusammenbrach. Dieses starke und tüchtige Volk sprach von Deutschland nicht nur mit Achtung, sondern voller Bewunderung. Als die Leute in ihrem Mitreisenden den Deutschen erkannten, brachten sie ihm und seinem großen Vaterland ein »Evviva!« aus. Da sagte ihnen Heinrich: er ginge noch diese Nacht nach Deutschland, um für Deutschlands Ehre zu kämpfen; und er wurde schon jetzt als Held gefeiert, so daß sein Blut heißer strömte, sein Herz höher schlug... Am Zypressenteich der Villa Falconieri nahmen die beiden Freunde tiefernsten Abschied: »Grüße mein Deutschland, unser teures Vaterland. Auf jedem, der hinauszieht in den Kampf, liegt eine Weihe; jeder, der im Kampfe fällt, stirbt als Unsterblicher; jeder, der verwundet, zerschossen, verkrüppelt heimkehrt, ist ein Märtyrer für Deutschlands gerechte Sache. Dieser Krieg ist nicht allein ein Krieg der Gegenwart, sondern ein Ringen auf Tod und Leben für die Zukunft Deutschlands. Daran möge bei uns jeder denken: jene, die hinausziehen dürfen, und jene, die zurückbleiben müssen.« »Du gedenkst hier zu bleiben?« »Um zuerst mein Bild zu vollenden und dann –« »Dein Bild ist schön.« »Ich danke dir... Und dann um meiner Tochter willen.« »Glaubst du nicht, es könnte möglich sein, daß –« »Weshalb stockst du? Sprich aus!« »Daß Italien wider uns –« »Nicht weiter! Was du meinst, ist unmöglich. Ist unmöglich, sage ich dir!« »Möge es so sein.« »So ist es!« »Lebe wohl.« »Wir sehen uns wieder.« »Gewiß... Das war eine schöne Stunde.« »Ich behalte sie in meinem Herzen, solange es noch schlägt. Es ist ein sehr altes Herz.« »Mit der Begeisterung eines Jünglings.« »Für unser Vaterland... Lebe wohl.« Wieder in Frascati angelangt, depeschierte Heinrich seiner Frau: sie solle ihm sein Gepäck durch die Magd auf die Bahn schicken. Er fahre mit dem Florentiner Nachtschnellzug. Das war Heinrich Webers Abschied von seiner Frau. Auch das war vorüber und abgetan. Seine Leidenschaft sowohl wie sein Unglück waren von ihm abgefallen gleich einem Gewand. Wundersam war's, wie es in diesen Tagen deutscher Not und deutscher Größe kein persönliches Schicksal mehr gab; wie es für den Deutschen nur noch ein Schicksal gab: das seines Vaterlandes, des teuren, hehren, heiligen. Ja – »Deutschland, Deutschland über alles.« So war es und so würde es bleiben bis in alle Ewigkeit. Amen! Zwölftes Kapitel Heinrich wollte zu Fuß nach Hause – Nicht doch! Nach Rom wollte er zu Fuß zurückkehren. Der Schnellzug nach München fuhr erst nachts nach zehn Uhr ab, und jetzt war es noch nicht acht. In zwei Stunden konnte er die Piazza delle Terme erreichen. Er konnte diese letzten Stunden nicht feierlicher verbringen, als mit einer Wanderung durch die in Dämmerung und Dunkel sinkende Campagna. Das würde ein Abschied von dem so heiß geliebten Lande sein, wie er schöner nicht zu denken war. Also begab er sich von dem hochgelegenen Telegraphenamt, an dem Palast vorüber, den Napoleons bestrickend schöne Schwester Pauline als Fürstin Borghese bewohnt hatte, zur Stadt zurück und unterhalb der Terrassen der Villa Torlonia durch die Ulmengänge der Passeggiata auf die römische Landstraße. Nur die Erhabenheit der Landschaft wollte er empfinden und konnte doch den Gedanken nicht gebieten, durch sein Hirn zu kreisen. Er gedachte der Stunde mit dem ehrwürdigen Freunde am Zypressenteich der Villa Falconieri und wie ihm dieser letzte Tag den Abschied von allem gebracht hatte: von der Hoffnung auf Leben, Liebe, Künstlerruhm und jenem Mystischen, von den Menschen Glück genannt. »Glück!« Vor ihm lag nur noch des Menschen letzte Hoffnung, der Tod. Allerdings war es für ihn die Hoffnung eines Todes für das Vaterland, also eine Hoffnung, wie sich solche glorreicher für einen Sterblichen nicht erfüllen konnte ... Von den bacchischen Gefilden Frascatis stieg Heinrich hinab in Roms Totenland, aus purpurner Dämmerung hinein in Nacht. Oft war er dieselbe Straße gewandert, entweder allein oder mit guten Gesellen. Wie jung sie damals waren! Wie sie ihre Jugend genossen hatten! Wie Roms Landschaft genossen! Es war doch etwas Schönes um solch überströmendes Künstlerleben. Deutsche Lieder hatten sie gesungen: in Roms Campagna! Das war nicht gerade geschmackvoll; aber die Deutschen taten es nun einmal nicht anders. Sie wollten in fremden Landen ihr deutsches Bier haben, ihr deutsches Lied und ihre deutsche Gemütlichkeit. Auch Kriegslieder hatten sie gesungen: Körners Reiterlied, Die Wacht am Rhein, das »Morgenrot, Morgenrot«, und: »Ganz Deutschland muß es sein!« Durch ganz Deutschland würden jetzt die deutschen Lieder brausen und die ganze Welt würde davon donnern und dröhnen wie von Deutschlands Kanonen, wie von Deutschlands Jubelruf: »Sieg! Sieg!« Sieg der gerechten Sache über Niedertracht, Neid und Haß. Daß er jemals diese Straße wandern würde mit solchen Gedanken – Als er das erste Mal durch das Land strich, nicht auf gebahntem Wege, sondern von der Appischen Straße aus querfeldein über die Steppe den tusculanischen Höhen entgegen, verfolgte ihn ein Rudel jener großen weißen Wolfshunde, von jedem Campagnawanderer gekannt und gefürchtet. Sie umrasten den Einsamen mit heiserem Geheul, sprangen ihn an, schienen ihn lebendigen Leibes zerfleischen zu wollen. Er aber war wehrlos, hilflos. Endlich ward ihm die Sache zu toll, und er begann auf die wütenden Bestien dreinzureden: Was ihnen einfiele? Ob sie glaubten, einem harmlosen deutschen Gast ungestraft derartig bestialisch begegnen zu können? Und so weiter, eine donnernde Philippika, eine machtvolle Rede Ciceros, in dessen tusculanischem Villenbezirk er sich gerade befand. Und die Bestien hörten wahr und wahrhaftig auf ihn, zogen knurrend mit eingezogenen Schwänzen davon. Den sanften Predigten des heiligen Franziskus hatten die Vögel des Waldes gelauscht, dem Redeschwall des damals blutjungen deutschen Künstlers hatten die römischen Wolfshunde Ehrfurcht erwiesen, und lachend war der sonderbare Heilige seines Wegs weitergewandert. Das war sein erster Campagnagang gewesen, an den er heute abend denken mußte. Und jetzt? Nach Jahren? Das letzte Mal auf der nämlichen Straße war er an der Seite seiner Frau im Wagen gefahren. Auch damals kam er von dem Zypressenteich der Villa Falconieri nach einer ernsten Stunde mit dem Freunde, nach einer »Weihestunde«, wie der alte Idealist sie genannt hatte. Auch damals brach die Nacht herein. Aber damals war es Frühling gewesen. Gewesen ... Wenige Worte der Sprache hatten solchen Klang. Das war nun alles eben – gewesen. Jeder Stelle des Weges erinnerte sich der nächtliche Wanderer. Bei den Ruinen von »Roma Vecchia« hatte er zu seiner Frau dieses, bei jener einsamen Zypresse nahe der Osteria von Mezza Via jenes gesprochen. Als sie durch den gewaltigen Torbogen der Acqua Felice fuhren, war an ihrem Gefährt das Auto der Marchesa Margherita di San Silvestro vorübergesaust, die jetzt nach dem Tode ihrer Tochter auf ihrem Kastell in den Lateinischen Sümpfen in Irrsinn verfallen sein sollte. Damals war sie elegant und strahlend, in Veilchen von Tusculum eingehüllt gewesen und der große Dichter Mario Mariano hatte sie sich als Opfer erkoren: als Opfer nicht seiner Leidenschaft, sondern seiner Spekulation. Vorüber, ihr Gestalten! Vorüber! Auf das Todesschweigen des großen Leichenfeldes folgte die häßliche Vorstadt mit ihrem nächtlichen Gewimmel und Getöse, dem scharfen Geruch von Fischen, ranzigem gesottenem Öl, von Gebratenem und Gebackenem. Gassenjungen schrieen ein Extrablatt aus: »Glorioser Sieg der Franzosen, Belgier und Engländer über die Deutschen!« Das Volk riß sich um die Blätter. Da nur wenige lesen konnten, wurde die aufregende Neuigkeit dem Volk von irgend einem Wissenden pathetisch vorgetragen. Sie flog von Mund zu Mund. Das Volk der Gasse schrie, heulte, jubelte. Es jubelte! Roms Volk jubelte über die Niederlage der deutschen Bundesgenossen ... Roms Volk? Nicht doch: Roms Pöbel war's, die ewige Plebs der Ewigen Stadt. Heinrich hörte die Botschaft von dem Siege der Feinde, doch ihm fehlte der Glaube. Auf dem Bahnhof erwartete ihn die Magd mit seinem Gepäck. Er sagte ihr: »Es ist gut. Du kannst wieder gehen ... Was willst du noch?« »Kommt der Herr diese Nacht nicht mehr nach Hause?« »Nein.« »Soll ich der Frau von dem Herrn etwas ausrichten?« »Nichts.« »Daß der Herr diese Nacht nicht wiederkommt?« »Ich reise noch diese Nacht.« »Keinen Gruß vom Herrn?« »Du kannst gehen.« Er warf der Person ein Geldstück zu. Gierig griff sie danach. Sie trat Heinrich näher, raunte ihm zu: »Wenn der Herr wissen will –« »Ich will nichts wissen.« »Ich könnte dem Herrn sagen –« »Fort mit dir!« Er hätte das Weib am liebsten mit dem Fuß fortgestoßen wie ein ekelhaftes Insekt: die Kupplerin! Die Magd ging, keifend und grinsend zugleich. Auch das war abgetan. Heinrich wartete auf den Abgang des Zuges nach Florenz – Bologna – Bozen. Schon dort war Heimatland! Auf dem Bahnsteige drängten sich die Reisenden, darunter viele Bekannte, Deutsche, die der Heimat zueilten. Der Zug stand zur Abfahrt bereit; aber niemand durfte einsteigen. Man wartete und wartete. Plötzlich hieß es: auf der Linie sei eine Verkehrsstockung entstanden und das Geleise werde erst um Mitternacht frei sein. Also wartete man geduldig bis Mitternacht, Das heißt: geduldig warteten die römischen Reisenden; den Deutschen brannte der Boden unter den Füßen, der sonst so geliebte römische Boden, der für viele Deutsche heiliges Land war. Heinrich hielt es auf der Station nicht aus. Auch nicht bei seinen Landsleuten, so sehr er mit diesen als ein Volk von Brüdern sich fühlte. Aber die Verheirateten unter ihnen wurden von ihren Frauen begleitet und das war mehr, als er in dieser Stunde ertragen konnte. Er trat daher hinaus auf den Platz vor den Diokletiansthermen, auf dem sich das Denkmal – eine kleinliche Pyramide – der bei Adua von wilden Horden Gemordeten erhob. Wilde Horden sollten – so hieß es – Engländer und Franzosen gegen die Deutschen loslassen. Nicht getötet, sondern geschlachtet sollte Deutschlands blühende Jugend werden. Heinrich stand vor dem Monument und grüßte Italiens Opfer mit abgezogenem Hut. Dann schritt er vorüber. Auf und ab schritt er auf dem wohlbekannten, mit japanischen Fliederbäumen bepflanzten Platz, den jeder von Deutschland Kommende mit stiller Inbrunst begrüßte: »Rom! Du bist in Rom!« Goethe hatte seinen Einzug durch die Porta del Popolo gehalten, fühlte sich dann erst Roms sicher. Der Moderne mußte sich von seinem Glück: Roms sicher zu sein, auf diesem Platz durchdringen lassen ... Um Mitternacht kehrte Heinrich auf die Station zurück. Noch immer harrte alles der Abfahrt. Endlich erfuhr man: der Zug könne erst am Morgen abgelassen werden. Die meisten kehrten daher um, zurück in ihr Heim, Heinrich wurde gefragt: »Sie gehen doch auch wieder nach Hause, zu Ihrer Frau?« »Auch ich gehe wieder nach Hause.« Nach Hause ... Zu seiner Frau – Wohin sollte er, der kein Zuhause und keine Frau mehr besaß? In den ersten besten Gasthof, nahe der Bahn. Nur durfte ihm auf dem Wege dorthin kein Bekannter begegnen; er wäre dann auf einer Lüge ertappt worden: ertappt auf der Lüge, daß er noch ein Haus besaß, noch eine Frau – Also wartete er, bis die Menge sich verlaufen hatte und der Platz öde dalag. Dann wollte er gehen, um für die Nacht eine Unterkunft zu suchen: irgend eine. Einige Stunden der Ruhe taten ihm not. Zufällig faßte er in seine Tasche und fühlte etwas Hartes, Eisernes. Ein Schlüssel war's, der Schlüssel zu seiner Wohnung. Was überkam ihn plötzlich? Doch nicht etwa Sehnsucht? Der leiseste Anflug von Sehnsucht wäre Schwäche, Feigheit gewesen! Wie aber, wenn er sich heimlich, ganz heimlich in seine Wohnung schlich? Niemand würde ihn sehen. Sie würde in tiefem Schlaf liegen. Er konnte sich in ihr Schlafzimmer schleichen, in dem jede Nacht ein Lämplein brannte: vor einem Madonnenbild, und er würde – Noch einmal sie sehen würde er! Sie war im Schlaf so himmlisch schön und – Nur noch einen allerletzten Blick auf ihre in Schlaf gesunkene Schönheit, und dann – Und dann wieder hinausgeschlichen, von keinem Auge gesehen; von ihr in ihrem Schlaf, ihrem Traum, nicht geahnt. Und plötzlich mußte Heinrich Weber erkennen, daß er dieses Weib nicht nur immer noch liebte, sondern auch, daß er heimlich gehofft hatte, sie werde auf die Bahn kommen, um von ihm Abschied zu nehmen: letzten, ewigen Abschied! Dreizehntes Kapitel Daß er noch einmal zurückkehrte nach Hause, in die Via Margutta! Er öffnete die Haustür ... Leise, nur leise! So heimlich mußte er in sein Heim sich einschleichen, als sei er ein Dieb. Finster lagen Flur und Treppe. Er kannte jedoch den Weg. So gut kannte er den Weg, der zu dem geliebten Weibe führte. Auch heute pochte sein Herz, als ginge er auf heimlichen Liebespfaden. Jetzt die Treppe hinauf! Obgleich es steinerne Stufen waren, erstieg er sie so vorsichtig, als wären sie altes morsches Holz und könnten knistern unter seinem Tritt: könnten sein Kommen verraten. Das erste Stockwerk, das zweite, dritte und – Er stand vor der Tür seiner Wohnung. Er zog den Schlüssel aus der Tasche, steckt ihn ins Schloß. Seine Hand zitterte dabei, ein letzter Rückfall in Liebe und Schwäche – wie er sich selber zum Trost sagte. Ein Einbrecher konnte nicht heimlicher sich einschleichen. Alles still; aber – Seltsam! Im Gange brannte die Lampe: nach Mitternacht noch! Sollte sie ausgegangen sein? Zu einem Empfang, in eine Gesellschaft? An dem Abend seiner Abreise, seines Abschieds. Eines Abschieds ohne ein Wiedersehen! Das wäre – Unmenschlich wäre es gewesen. Selbst für diese Frau unmenschlich. Ein geradezu verruchter Verdacht war es von ihm. Wenn er sie, in Schlaf gesunken, auf ihrem Lager liegen sah, wollte er ihr im Herzen seinen schändlichen Verdacht abbitten im Anblick ihrer schlummernden Schönheit. Gott! Herrgott! Du Richter im Himmel und auf Erden! Die Tür des Salons stand weit offen. Bei dem ungewissen Schein der Flurlampe erkannte Heinrich auf dem Tisch die Reste eines Gelages, Gläser, Sektflaschen, Blumen. In demselben Augenblick hörte er aus dem Nebenzimmer eine Männerstimme und Frauenlachen. Sein Name wurde genannt: sein Name mit lautem Lachen – Er stürzte nicht hinein; tötete sie nicht; tötete nicht den Schurken, den er an der Stimme erkannte; tötete nicht das schändliche Weib, das gleich in der ersten Nacht seines ewigen Abschieds in den Armen eines Liebhabers lag, beide laut lachend seinen Namen nennend. Ein Stöhnen erstickend, schlich er zurück, schloß leise, leise die Tür, schlich die Treppe hinunter, wollte zum Hause hinaus, zauderte, blieb stehen, wandte sich, ging über den dunkeln Hof zu seinem Atelier, schob den Eisenriegel zurück, trat ein. Nun stand er in der Mitte des großen Raumes, der seine Werkstatt gewesen war. Hier hatte er geträumt und fabuliert; hier hatte er in sich wundersame Gebilde entstehen sehen; hier hatte er visionär Geschautes gestaltet: erschaffen! Ohne sich zu regen, stand er lange Zeit. Immer deutlicher traten bei dem Schimmer der Sterne, der durch die offene Tür und das große Fenster leuchtete, die beiden blassen Gebilde hervor: Mann und Weib. Das Weib in der Haltung einer Siegerin, Herrscherin, Göttin; der Mann vor dem Weibe niedergeworfen in einer Andacht, die Anbetung war. » Deutschland huldigt Italien!« ... Nicht doch! » Deutschland huldigt der Treue !« Aber – die Treue in Gestalt eines Weibes; Deutschland verkörpert durch ihn. Und er hingestreckt vor der Allegorie der Treue, und diese Verklärung der Treue in Gestalt seines Weibes – Sein Meisterwerk, sein Lebenswerk ... Seine Liebe zu Italien sollte dies Werk verklären, zugleich seine Liebe zu seinem Weibe. Und nun? Schwankenden Schrittes ging er zu der Gruppe. Als er davorstand, brach er plötzlich zusammen mit einem Laut, wie ein zu Tod verwundetes Tier. Hingestreckt lag er am Boden. Gleich dem Jüngling, der seine eigenen Züge trug, lag er vor der strahlenden Gestalt der Hehren und Herrlichen. Der Sommermorgen graute, als Heinrich sich erhob. Er mußte fort: nach Deutschland, in den Krieg! Er stand da, aufrecht und stark. Erhobenen Hauptes und Geistes ging er, ergriff den Hammer, der neben dem Meißel lag. Als wollte er an die Arbeit gehen, schritt zu seiner Gruppe und begann die Gestalt der »Italia« – die Gestalt der »Treue« – zu zerschlagen, zu zerschmettern. Glied um Glied sank die Siegerin, Herrscherin, Göttin unter seinen Hammerschlägen hin. Es war grausamer, war zehnfach gräßlicher, als verübte der Gatte an seinem Weibe einen Mord. Aber er fühlte sich nicht als Totschläger, sondern als Richter und Rächer. Wie Heinrich Weber mit eigener Hand das Werk zerschlug, welches sein Lebenswerk sein sollte – ebenso, nur nicht als Richter und Rächer, sondern als Verräter und Verbrecher, hatte Italien mit Hammerschlägen die Treue zerschmettert, an die Deutschland geglaubt: jenes Deutschland, welches das treulose Italien geliebt und es das geheiligte Land seiner Sehnsucht genannt ... Nachdem er sein Rächer- und Richteramt vollbracht, schritt Heinrich hocherhobenen Hauptes hinaus, hinein in den aufleuchtenden Tag, der ihn seinem Vaterlande zuführte. Vierzehntes Kapitel Bleibe solange wie möglich in der Villa Falconieri! Arbeite solange wie irgend möglich an deinem Bilde! Erlebe die Größe unsres Vaterlandes dort oben auf den lichten Höhen über dem Dunst der Tiefe, unter den Wipfeln der Steineichen, am Rande des Zypressenteichs: Bist du doch dort oben in Deutschland!« So lautete jedes Schreiben aus Rom von Rudolf Müllers Tochter an den Vater; so bat Romana bei jedem Besuche ihren Vater, den der Stolz auf Deutschlands Herrlichkeit das greise Haupt höher tragen ließ, dem der Schmerz über Italiens »Neutralität« den Geist beugte. Ihm war zumute, als müßte er sich schämen und aus Scham sich verbergen: aus Scham über Italiens »Neutralität«. Also blieb er dort oben, wo Roms erstickend schwüle Sommerluft linder wehte, der Erdenstaub nicht hinaufdrang, die Welt schöner war, und selbst der Schirokko, der Samum der Wüste, die Menschen nicht niederwarf. Der auf des Künstlers Leinwand emporsteigende verderbliche Südwind hatte inzwischen die kriegführenden Reiche mit Tod und Grauen überzogen. Die Farbe war nicht schwarz, sondern rot, blutrot. Von der mit dem Blut der gefallenen Söhne aller Staaten überschwemmten Erde stieg es empor zum Himmel, welcher über Frankreich, Belgien und Rußland, über Elsaß und Ostpreußen in blutroten Flammen zu lodern schien wie bei Sonnenuntergang der Himmel Roms. Der Samum der Niedertracht, des Neides und Hasses raste von Westen und Norden und Osten her über die Reiche der Mitte. Es fehlte nur noch der Süden, um Deutschland und Österreich-Ungarn von allen vier Himmelsrichtungen aus zu überströmen mit einer Sturmflut von Grauenvollem und Gräßlichem, wie solche die Erde seit der Sündflut nicht erfahren hatte; diese war freilich von Gott gekommen, dem höchsten Richter über menschliche Schuld. Daß der Herr, unser Gott, auch jetzt seines Amtes ohne Erbarmen mit den Schuldigen nach seiner ewigen Gerechtigkeit walten möchte ... Wenn Rudolf Müller, von seiner Arbeit ausruhend, auf seinen Streifereien über die in vollem Sommerglanz strahlenden tusculanischen Höhen Hirten und Landleuten begegnete, so ließ er sich, seiner Gewohnheit nach, gern mit dem Volk ins Gespräch ein; stets nur über die eine große Sache, den Krieg. Für das lateinische Landvolk bedeutete Krieg Verwüstung und Schrecken, Jammer und Not, davor alle guten Heiligen Italiens Volk in Gnaden bewahren mochten. Italiens Volk dachte noch immer an Adua, und Deutschland war für das Landvolk des alten Latiums noch immer das Land Bismarcks, dieses Gewaltigen, des Deutschen Reiches Schöpfers. Latiums Landvolk wußte nur wenig von Kaiser Wilhelm, dem Hort und Hüter des Friedens; wußte nur von dem Eisernen Kanzler, Deutschlands unsterblichem Ruhm; auch jetzt dessen Schutz und Schirm, Feldherr und Heerführer. Wenn es in dem Hohenliede der Deutschen hieß: »Deutschland, Deutschland über alles!« – so konnte Deutschlands Feldgeschrei jetzt auch lauten: »Bismarcks Geist über allem und allem!« Der Sommer verging. Die ersten Regen kündigten den Herbst an. Der Vorbote des Winters kam jedoch in dieses Land nicht als schwermütiger Genius, sondern gleich dem Frühlingsgott, bekränzt die heitere Stirn und Blumen am Saum seines Gewandes, welches von glanzvoller Schönheit war. Die braune Campagna ergrünte, als der Himmlische darüber hinwegschritt; die Dünste lösten sich, wogten und wichen; in dunklem Azur und lichtem Smaragd wölbte es sich über Rom; die etrurische Ebene lag bis zu den Grenzen Umbriens, der Meeresstrand bis gegen Civita Vecchia weithin ausgebreitet vor den staunenden Blicken Sor Rodolfos, der die römische Landschaft noch niemals in solcher Herrlichkeit erlebt zu haben glaubte, sie von den Terrassen der Villa Falconieri aus überschauend. Mit bloßen Augen erkannte er die Zypressen und Pinien der Villa Hadrians, den Rand des Sees von Bracciano und den Turm von San Michele bei der Tibermündung zwischen der Heiligen Insel und Ostia antica. Wie sollte er sich jemals von diesem Lande trennen können? Nur im Tode! Jetzt aber mußte er leben, um Deutschlands Sieg zu feiern: Deutschlands Sieg über alle seine Feinde. Und – Ja, und er mußte erleben, daß Italien sich dennoch und dennoch als Deutschlands getreuer Bundesgenosse erwies. Man hatte es dem alten Herrn verschweigen können, daß Italien gleich bei Beginn des Krieges seine Truppen von der französischen Grenze zurückgezogen, und daß dadurch, da Frankreich seine Heere von der italienischen Grenze hatte zurückziehen können, die Schlacht an der Marne für Deutschland verloren gegangen war. Von Heinrich Weber kam ein Brief mit der Mitteilung, es sei ihm gelungen, in den Heeresdienst aufgenommen zu werden: er gehe zur Ostarmee. Das Schreiben war eine einzige Dithyrambe auf Deutschlands unbesiegbare Herrlichkeit. Etwas später, bereits vom Kriegsschauplatz aus, gelangte von ihm ein Schreiben an Romana; seltsamerweise ein Sonett, in der ersten Hälfte von Michelangelo, an dessen Seelenfreundin Vittoria Colonna gerichtet, der Schluß war eigene Dichtung. Das Ganze lautete: »Von eines Menschen Form den Geist erfüllt. Beginnt, was vor den innern Blick getreten, Der Künstler als ein erst Modell zu kneten In schlechtem Ton, der kaum die Form enthüllt. Doch dann in Marmor, langsam. Schlag auf Schlag, Lockt die Gestalt der Meißel aus dem Steine, Damit sie rein, wie er gewollt, erscheine, Und nun beseelt, erblickt sie so den Tag. So ich, wie ich zuerst war; ganz mein eigen. Dann fand ich – sie und wähnte durch mein Lieben Als höhrer Mensch und Künstler mich zu zeigen. Zertrümmert liegt, von eigner Hand zerschlagen, Wodurch ich glaubte, daß ich wär' geblieben In meiner Liebe bis zu fernsten Tagen. Besiegt zwar, werd' ich doch den Lorbeer tragen: Die Todeswunde für das Vaterland, Als blut'ger Kranz geschenkt von Feindes Hand.« Unter dem Gedicht in wenigen Worten die rechtskräftige Bestimmung, daß der Marmor »Die Madonna mit dem Kinde« aus des Künstlers Hinterlassenschaft an Rudolf Müllers Tochter übergehen sollte. Nach diesem hörten die Freunde nichts mehr von Heinrich Weber. Auf den Hängen der Albanerberge flutete der Strom der herbstlichen Weingefilde in breiter goldiger Woge zu Tal; auch nach Frascati brachten Ochsengespanne in mächtigen Kufen die heilige Bacchusfrucht zur Kelter. Diese befanden sich in den grottenähnlichen Lagerhäusern der Weinbauern, und es quoll daraus hervor, bis auf die Gasse hinaus: rot, blutrot! So, gerade so floß das Blut der blühenden Jugend aller wie im Wahnsinn einander sich mordenden Völker in Strömen durch die Lande und färbte die Erde mit der Purpurfarbe der Kaiser und Könige. Für Italien jedoch war die rote Flut lediglich ein Symbol; denn Italien blieb – »neutral«. Als das Gold der Rebenfelder vergilbte und abfiel, der Monte Cavo und die Berge des wilden Algidum im Scharlach ihrer herbstlichen Kastanienwälder erglühten, hatte Rudolf Müller sein großes Gemälde für den Kaiser vollendet und verließ des Kaisers Haus, erbaut auf den Stätten des großen Schweigers und Feldherrn Lukull und des Marcus Tullius Cicero. Des Kaisers Haus wurde geschlossen, und es lag darüber eine Schwermut ausgebreitet, als sollte es niemals wieder geöffnet werden, um in seinen Sälen ausruhenden Gelehrten und schaffenden Künstlern Asyl und Werkstatt zu gewähren. Niemals wieder geöffnet – Doch das war lediglich die schmerzlich erregte Phantasie Rudolf Müllers, die ihm diesen Gedanken eingab, hervorgerufen durch die Wehmut des Scheidens. Seit einiger Zeit fühlte er mehr und mehr, daß er ein alter Mann war, und für solchen konnte ein »Niemalswieder« nur zu leicht möglich sein ... Romana empfing ihren Vater an der Bahn, und kaum hätte der Alte sie wiedererkannt. Ihr Gesicht trug die Spuren eines qualvollen Seelenleidens; aber es war ein fast schönes Frauenantlitz geworden: schön im Ausdruck tiefer Ruhe und stiller Kraft. Es war das Gesicht einer Frau, welche die Prüfung bestanden und das Leben auf sich genommen hatte, um es hinfort nicht mehr für sich selber zu leben, sondern für ihren jungen Sohn und ihren alten Vater. Für beide mußte sie stark sein. Um den Heimgekehrten auf die neuen Verhältnisse vorzubereiten, sagte sie ihm gleich nach der ersten Begrüßung: »Du wirst in Rom manches sehr anders finden als du erwartest.« »Du scheinst mich auf etwas vorbereiten zu wollen?« »Das will ich auch.« »Was ist es?« »Du wirst in Rom überall Plakate und Blätter sehen, grelle, bunte, widerliche, darauf den Römern die Untaten der deutschen Barbaren geschildert werden.« »Der deutschen Bundesgenossen? Und diese begingen Untaten?« »In Belgien an Gefangenen; an Frauen und Kindern.« »Die Deutschen Untaten an Frauen und Kindern?« »So wird es in ganz Italien in Tausenden und Abertausenden von schändlichen Illustrationen verbreitet.« »Aber doch voller Empörung als schändliche Verleumdung erkannt und gegeißelt?« »Von ganz Italien als heilige Wahrheit geglaubt.« »Unmöglich! Unmöglich!« »Voller Hohn und Haß geglaubt.« »Voller Haß? Italien voll Haß auf uns?« »Mein guter Vater –« »Lüge, Verleumdung!« »Du wirst Postkarten sehen – du kannst sie in jedem Tabakladen für zehn Centesimi kaufen – mit den nichtswürdigsten Karikaturen der Kaiser von Österreich und Deutschland; mit den abscheulichsten Schmähungen deutschen Wesens ... Ich mußte es dir sagen. Wir müssen stark sein, mein Vater.« »Sprich weiter. Sage nur alles.« »Du wirst Flugblätter ausrufen hören: Siege Frankreichs, Englands, Rußlands – Niederlagen Deutschlands und Österreich-Ungarns.« »Lüge! Lüge!« »Gewiß; aber –« »Aber?« »Die Lüge wird in Rom und ganz Italien geglaubt; mit Jubel und Frohlocken geglaubt. Hörst du also den Jubel, so denke an die Lüge. Lies sie nicht, weder in den Zeitungen noch in den Gesichtern der Römer. Sei stark, mein Vater. Wenn es auch nur wir sind: wenige Deutsche in Rom; und wenn uns auch das Herz bricht, so wollen wir uns den Römern gegenüber doch stark zeigen. Ja, und stolz.« »Stolz als Barbaren?« »Stolz als Barbaren und Hunnen.« »Das uns! Das uns von Italien!« So wußte Rudolf Müller es denn. Aber auch er trug sein Haupt hoch; auch er war stark und stolz. So stolz war der alte Herr, wie noch niemals in seinem Leben: stolz als deutscher Barbar, Hunne und Unmensch. Bei den Briefen seiner verstorbenen Frau lag das Eiserne Kreuz aus den Jahren deutschen Ruhmes 1870 – 71. Das Kreuz holte er wieder hervor, legte er wieder an. Mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust ging Rudolf Müller erhobenen Hauptes durch Rom, vorüber an den verlogenen Anzeigen von Siegen der Feinde Deutschlands; vorüber an den schändlichen Schilderungen deutscher Untaten, den Verzerrungen deutscher Art, den Karikaturen seines Kaisers; vorüber an den Gruppen der die Niederlagen Deutschlands bejubelnden »Bundesgenossen«. In den Augen des Alten leuchtete ein Funke jener Flamme, welche die Herzen aller Deutschen in Brand gesetzt hatte. Es war heilige Glut. Das mögt ihr wissen, ihr, die ihr Deutschland überfallen habt wie eine Bande von Wegelagerern und Meuchelmördern, Wisset es! In seinem Hause sah der Professor nur heitere Gesichter. Tante Minchen war ganz treue Schwesterliebe und strahlende Siegeszuversicht. Was Dame Filomena betraf – Selbst diese bedeutende Persönlichkeit zeigte in dieser schwersten aller Zeiten ihrer deutschen Herrschaft, daß der schöne Ausdruck »famiglia« auch dieser Dienerin als Ehrenname gebührte. Ohne ein kränkendes Wort für die eigenen Landsleute zu haben – ein solches durfte in dem Hause des Professors auch jetzt nicht gesprochen werden – , schien sie, die Tochter der Sabina, mit Leib und Seele eine gute Deutsche zu sein. Ja, ihren begeisterten Reden über Deutschlands einige Größe nach zu urteilen – mit welchem Pathos, welcher Geste vorgetragen! – hätte sie sogar eine Landsmännin ihrer Konkurrentin in der Herrschaft des Hauses Müller sein und aus Naumburg an der Saale stammen können. Am verklärtesten jedoch war Tante Minchen jeden Donnerstagnachmittag. An diesem Tage fanden nämlich in Roms »Rosenvilla«, dem römischen Hause König Ludwigs des Ersten von Bayern – jetzt dem Fürsten Bernhard von Bülow gehörend – die Teenachmittage der Fürstin Maria von Bülow statt, dieser wahrhaft fürstlichen Tochter Italiens mit dem für Deutschlands Recht und Ruhm schlagenden Herzen. Welche Gäste aber waren auf diesen Donnerstagnachmittagen um die Fürstin versammelt? Deutsche Mädchen und Frauen! Was taten Wirtin und Gäste? Sie tranken Tee – natürlich. Und sie schwatzten dabei. Auch natürlich. Aber sie tranken und schwatzten nicht nur, sondern sie strickten: Wirtin und Gäste strickten in der Villa Malta jeden Donnerstagnachmittag Strümpfe, Leibbinden, Pulswärmer, Sturmhauben. Besonders Strümpfe, Strümpfe zu vielen Dutzenden für Deutschlands Helden im Norden, im Westen und Osten. Die große Halle in Villa Malta füllten die guten hilfreichen Frauen. Sie saßen auf der Diele, auf dem oberen Umgang, auf der Treppe. Jawohl! Selbst auf den Treppenstufen saßen sie, strickten, strickten, strickten bei Tee und Kuchen und belegten Brötchen, Fürstin Maria mitten darunter. Wenn sie bei ihrem Stricken Zeit fanden zum Schwatzen, so war es von Deutschland, vom Vaterland. Da war nicht ein einziges Frauenherz, das nicht stolz und stark schlug, das nicht unerschütterlich glaubte an Deutschlands endgültigen Sieg über alle seine Feinde. Dann stimmte wohl die eine oder die andere einen Gesang an: ein deutsches Lied. Das klang hinaus aus dem Hause, hin über Rom, ein Sang glühender Begeisterung, unerschütterlicher Zuversicht. Rom hätte das Lied der deutschen Frauen hören können; hätte darauf lauschen müssen in schweigender Achtung vor dem deutschen Geist, der sich nicht brechen, nicht einmal sich beugen läßt: nicht durch eine Welt von Feinden! Hörst du das, Rom? Hörst du das, du von den Deutschen, geliebte Stadt? Hörst du das, Italien, du von den Deutschen geliebtes Land? Einstmals geliebte Stadt; einstmals geliebtes Land – Wer bei den Donnerstagen der Fürstin Bülow am allereifrigsten strickte, am zuversichtlichsten von Deutschlands Sieg sprach, am begeistertsten deutsche Lieder sang, war das kleine rundliche Tante Minchen, welches, obgleich länger als dreißig Jahre am Tiberufer lebend, den Dialekt ihrer lieben Heimat sorgsam bewahrt hatte und zu dem heimatlichen Dialekt das ehrliche deutsche Gemüt. Aber auch das war nur etwas durchaus Natürliches, wie alles, was von deutscher Art gut und echt, wahrhaft und wehrhaft ist. Auch das höre, Rom! Italien, höre es! Fünfzehntes Kapitel So lebte denn Frau Romana für Vater und Sohn. Dieser Sohn war noch immer ein kränkelndes, gleichsam hinsiechendes Kind, würde es wohl auch bleiben. Es würde aufwachsen ohne die Freuden und Spiele anderer, gesunder Kinder, also ohne Kinderlust und Kinderglück. Vielleicht würde es nur durch die unermüdliche Sorge seiner Mutter überhaupt fortleben wie eine Schattenpflanze, um aus einem siechen Kinde ein siecher Mann zu werden, der seine Mutter einst fragen konnte: »Weshalb gabst du mir das Leben, da es doch für mich nur Siechtum ist?« Es wäre dies eine Anklage gewesen des Sohnes gegen die Frau, die ihn mit Schmerzen geboren hatte und die nun für sein Leben verantwortlich sein sollte: für ihres Sohnes Lebensglück. Aber auch das elende Kind, das die Nächte durch weinte und wimmerte, das den Namen der Mutter nicht einmal lallen konnte, war für Romana in ihrem höchsten Leid ihr höchster Trost. Dieser Trost sollte ihr genommen werden und das von des Kindes eigenem Vater: Der Advokat Amerigo Minardi forderte seinen Sohn von der Mutter zurück! Er begründete dieses Verlangen damit, daß sein Sohn Italiener sei und seines Sohnes Mutter eine Deutsche. In diesem Umstand erblicke der italienische Vater für seines Sohnes Erziehung die Gefahr, als Deutscher erzogen zu werden. Das müsse er um jeden Preis verhindern; das sei nicht nur seine väterliche, sondern seine nationale Pflicht. Zugleich sein heiliges väterliches Recht. Italiens Gesetze – und der Mann kannte sie! – sprächen dem Vater, außer der Pflicht, auch das Recht zu. Kraft dieses Rechtes fordere er daher den Sohn zurück. Romana las das Schreiben, welches ihr aus dem Büro ihres Gatten als Geschäftssache zuging; als »Geschäftssache« wurde der Mutter die Trennung von ihrem Kinde angekündigt! Als Italiener sollte das Kind aufwachsen und erzogen werden, und des Kindes Mutter war eine Deutsche. Italiens Gesetze gaben dem Vater zu einem derartigen Vorgehen das Recht? War es nicht das Recht der Mutter, ihren Sohn vor solchem Vater zu schützen? Welches Gesetz durfte das Recht einer Mutter angreifen, um es zum Unrecht zu machen? Zum Unrecht gegen ihr Kind? Das Gesetz Italiens sollte es können – Romana las und las. Sie versuchte, das Gelesene zu begreifen. Es dauerte lange, bis sie begriffen hatte. Dann saß sie in einer Betäubung, als hätte ein Raubmörder sie überfallen und ihr einen tödlichen Schlag versetzt. Doch durfte sie an der Wunde nicht sterben, mußte leben; leben, um sich zu wehren, um zu kämpfen: für ihr Kind! Man sagte, eine Mutter, der man ihr Kind nehmen wolle, kämpfe darum wie eine Löwin um ihr Junges. Sie, die einst so Schwache und Hilflose, würde Löwin sein; würde ihr Kind schützen vor einem Vater, der es ihr rauben wollte; es ihr rauben konnte nach dem Gesetze Italiens! ... Der Knabe lag in seinem Bettchen, noch immer so ganz anders als andre Kinder in seinem Alter. Ganz sonderbar war es mit ihrem Knaben. Weshalb gerade mit ihm? Sie durfte diese Frage nicht an die Gottheit richten. Auch sie wäre eine Anklage gewesen: »Herrgott, weshalb gerade mir? Was tat ich, daß du zu allem andern mir auch noch diese Prüfung auferlegst? Aber wie darf ich dir, Herrgott, grollen, der du auf deiner Welt das Gräßliche solchen Völkermordens geschehen lässest? Wie darf dann noch mein eigenes Schicksal mich kümmern? Mag es in Gottes Namen an mir sich erfüllen und Verzweiflung sein. Aber mich wehren und kämpfen will ich: um meines Kindes willen!« Sie kniete an dem Bette nieder, beugte sich über das Kind, Worte flüsternd, wie nur eine Mutter sie hat. Verständnislos stierte sie der Knabe aus leeren Augen an. Kaum, daß er die Frau kannte, die ihn an ihrer Brust nährte. Doch griff er mit beiden Händlein nach ihr. Sie jubelte auf, bedeckte die armen kleinen Hände mit Küssen. Das Kind begann zu weinen mit jenem leisen wimmernden Ton, der für die Mutter furchtbar war, wie der Aufschrei der einander sich mordenden Menschheit selbst. Der Knabe hatte nach der Mutter gegriffen, weil ihn hungerte. Da stillte Romana ihr Kind. Ihrem Vater verschwieg sie, was ihr Gatte ihr als geschäftliche Angelegenheit zugeschickt hatte. Der alte Mann trug des Leids genug und das um Größeres als um Tochter und Enkel: um die Meute blutgieriger Wölfe, die Deutschland angefallen hatten, um es lebendigen Leibes zu zerfleischen. Und bitteres Leid trug Rudolf Müller unausgesetzt wegen Italiens Neutralität, die offenkundige Feindschaft war, Haß und Hohn, Beschimpfung der beiden Herrscher seiner Bundesgenossen mit Karikaturen auf alles, was germanisches Wesen war, voll Jubels über die erlogenen Siege Frankreichs, Englands und Rußlands, voll Wut über deutsches Barbarentum. Das alles nagte an dem Leben des Greises, so aufrecht er auch sein Haupt trug, die Brust geschmückt mit dem Ehrenzeichen seines Vaterlands ... Inzwischen kämpfte seine Tochter um ihr Kind. Sie begab sich zu einem der ersten Rechtsanwälte. Der vielvermögende Herr empfing die ernste Frau in dem dunkeln Kleide mit echt römischer Höflichkeit, ließ sie ihre traurige Angelegenheit vortragen, schien sich dafür zu interessieren, er schien menschlich bewegt. Er erklärte voll Feierlichkeit, ihr Anwalt sein zu wollen, und versprach der gequälten Mutter, ihr den Sohn zu erhalten. Fast hätte die Frau vor dem Helfer und Retter einen Fußfall getan. Mit heißen Dankesworten erhob sie sich. Jetzt erst wurde sie nach ihrem Namen gefragt. »Ich heiße Romana Minardi.« »Minardi? Und Ihr Gatte?« »Amerigo Minardi.« »Doch nicht der Advokat Amerigo Minardi?« »Der nämliche.« »Wie, meine Dame, Sie sind die Gattin des Advokaten Minardi?« »Jawohl, mein Herr!« »Der Advokat Minardi fordert von Ihnen sein Kind zurück? Seinen Sohn?« »So ist es, mein Herr.« »Wissen Sie, meine Dame, wer dieser Amerigo Minardi ist?« »Wie ich zu meiner Freude höre, ein seit kurzem überaus angesehener Advokat.« »Der alle Aussicht hat, einmal Deputierter zu werden.« »Was hat das mit meinem Kinde zu tun?« »Das fragen Sie noch?« »Und bitte um Antwort.« »Meine Antwort ist, daß ich bedaure, ablehnen zu müssen, in dieser Angelegenheit Ihr Anwalt zu sein.« »Soeben sagten Sie doch –« »Ich sagte es, ohne zu wissen, um wen es sich handle.« »Es ist mein einziges Kind. Sie versprachen, es mir zu erhalten.« »Ich kann die Angelegenheit einer Frau nicht führen, die gegen einen meiner geschätztesten Kollegen Klage erheben will.« »Meine Sache ist gerecht, wie Sie mir soeben erst feierlich versicherten.« »Und jetzt versichere ich Ihnen auf das feierlichste, wider einen Mann nicht auftreten zu können, der –« »Alle Aussicht hat, einmal Deputierter zu werden ... Sagten Sie nicht so?« »So sagte ich. Und ich sage Ihnen ferner: Herr Minardi ist gerade jetzt eine Persönlichkeit von ungewöhnlicher Bedeutung. Er wird erstaunlich schnell Karriere machen: gerade in dieser Zeit ... Empfehle mich Ihnen.« Sie würdigte den Herrn keiner Antwort, hörte wie im Traum seine letzten Worte: »Ich bitte, meinen sehr geschätzten Herrn Kollegen wissen zu lassen, daß ich auf das entschiedenste ablehnte, in dieser Angelegenheit der Anwalt seiner Gegenpartei zu sein. Übrigens werden Sie in ganz Rom keinen Rechtsanwalt finden, der gegen Herrn Minardi vorgehen würde. Es wäre im höchsten Maße unkollegial. Ihre Sache, meine Dame, ist hoffnungslos.« »Hoffnungslos.« Besaß die Sprache noch ein anderes Wort von ähnlicher tödlicher Wirkung? War der Tod aller Hoffnung nicht Tod überhaupt? Bestand nicht das ganze Leben aus Hoffnung? Und sie sollte keine Hoffnung haben, ihr Kind zu behalten? Sie glaubte es nicht, ging von Rechtsanwalt zu Rechtsanwalt, wurde von jedem auf das höflichste empfangen, von jedem auf das entschiedenste abgewiesen, sobald der Name Minardi fiel. Dieser hatte plötzlich in ganz Rom einen Klang bekommen. In den Klang mischte sich allerdings ein etwas seltsamer Ton, indes – »Der Advokat Amerigo Minardi besitzt alle Aussicht, einmal Deputierter zu werden, und das gerade in dieser Zeit höchster Erregungen auch für Italien. Der Advokat Amerigo Minardi wird eine brillante Karriere machen, und das überraschend schnell. Ihre Sache, meine Dame, ist hoffnungslos.« »Doktor, was fehlt meinem Kinde?« »Der Knabe ist sehr krank.« »Gefährlich krank?« »Wir müssen das Beste hoffen.« »Also – hoffnungslos?« »Solange der Mensch noch lebt, besteht auch noch Hoffnung.« »So sagt man.« »Es ist Diphtheritis, und Sie verstehen –« »Ich verstehe.« »Darf ich Ihnen etwas sagen?« »Daß immer noch Hoffnung besteht?« »Für Ihr Kind wäre es ein Glück, wenn es –« »Keine Hoffnung mehr wäre?« »Ich wollte Ihnen einen Trost geben, den einzigen, den ich Ihnen geben kann.« »Denn wenn mein Kind am Leben bliebe, so wäre es sein Leben lang ein hinsiechendes, also ein unglückliches Kind?« »Das wäre der arme Knabe.« »Ich sollte daher Gott bitten, mein Kind zu erlösen? Gott auf den Knieen bitten!« »Bitten Sie, beten Sie.« »Sie sind ein guter Mensch.« »Weil ich die Leiden der Menschen fühle?« »Um sie zu lindern.« »Ich möchte lindern, helfen und retten; aber – ich möchte Ihr Kind nicht am Leben erhalten.« »Doktor! Doktor!« »Als Sie es unter Ihrem Herzen trugen, müssen Sie eine sehr unglückliche Frau gewesen sein.« »Wenn ich das gewesen wäre, so hätte sich mein Unglück an meinem Kinde gerächt?« »Arme Frau, arme Mutter!« »So hätte mein Unglück mein Kind zu diesem hinsiechenden Wesen gemacht? ... Antworten Sie doch! ... Nein! Antworten Sie nicht. Ich weiß es. Meine Schuld ist es, und weil es meine Schuld ist, so muß ich jetzt Gott auf den Knieen bitten, mein Kind sterben zu lassen.« Sie bat Gott. Auf den Knieen bat sie. Tag und Nacht flehte sie an ihres Kindes Bett zu dem barmherzigen Gott, und Gott hatte Erbarmen ... Als Italiens Gesetz seine Männer sandte, um der Mutter im Namen des Gesetzes ihr Kind zu nehmen, führte diese sie zu dem Kinde. Es lag unter weißen Blumen gebettet, und sein wachsgelbes Gesichtchen zeigte einen Zug, als wäre der Knabe mit einem Lächeln entschlummert in die Ewigkeit. Seine Mutter sagte zu den Männern des Gesetzes: »Ich bat Gott, mein Kind sterben zu lassen. Melden Sie das seinem Vater.« Rudolf Müllers Tochter nahm Abschied von ihm: »Du hast das gute Tante Minchen; hast auch Filomena. Beide werden treu für dich sorgen. Ich aber muß dich jetzt verlassen.« »Das ist jetzt ja wohl deine Pflicht.« »Ich habe keine höhere. Hoffentlich kann ich dir bald melden, daß man mich zu einer Etappe hinausgeschickt hat.« »Im Osten steht Heinz.« »Ich gehe dorthin, wo man mich braucht.« »Von Heinz kam keine Nachricht?« »Keine.« »Solltest du ihn sehen –« »Er nahm Abschied von mir.« »Aber solltest du ihn sehen, so sage ihm –« »Was, lieber Vater?« »Ich hätte vor den Trümmern seines Werks gestanden und bitterlich geweint. Sage ihm, ich würde erst wieder weinen, wenn nach Deutschlands letztem glorreichem Siege Deutschlands Glocken den Frieden einläuteten. Das würden dann aber Tränen stolzer Freude sein. Sage ihm das.« »Ja, mein Vater.« Sie schied ... Sehr bald kam Nachricht von ihr: gute, hoffnungsvolle. Sie konnte helfen; in einem Seuchenlazarett im Osten. Und sie schrieb, der geringste Soldat sei ein Held! Von Heinrich Weber blieb jede Kunde aus. Dann aber stand sein Name in der Liste – nicht der im Osten Gefallenen oder Verwundeten, sondern in der der Vermißten. In Rußlands Sümpfen sollte er versunken sein, erstickt in Schlamm. Das war das letzte, was Rudolf Müller von seinem Liebling zu hören bekam; war das Ende des Mannes, der ein Genius gewesen war, einer von jenen, die von Gottes Gnaden waren. Gottes Gnade war mit ihm gewesen; denn er hatte für sein Vaterland leiden dürfen. Sogar den Märtyrertod, Immerhin war der Name Heinrich Weber, trotz seines zertrümmerten Meisterwerks, dennoch der Name der Unsterblichen einer: als Sohn Deutschlands, als deutscher Soldat, Krieger, Held.« Sechzehntes Kapitel Weihnacht war gewesen, das traurigste Fest, welches Rudolf Müller seit dem Tode seiner Frau gefeiert hatte, das traurigste seines Lebens überhaupt. Im Deutschen Kunstverein hatten zwar die Deutschen als treue Gemeinde sich zusammengefunden, hatte ein deutscher Tannenbaum im Kerzenglanz gestrahlt, und Tante Minchen hatte sich nicht nehmen lassen, eigenhändig eine Thüringer Weihnachtsstollen zu backen, ohne die es nun einmal kein wahres Weihnachten gab. Aber es war eben doch ein gar zu stilles Fest geblieben, trotz aller deutschen Siege und Heldentaten. Ein Fest war's gewesen, gleichsam inmitten von Feindesland. Und das für die Deutschen in Rom! Der Professor gedachte seiner ersten römischen Weihnachten, zu welchen aus den Abruzzen die Pifferari zur Ewigen Stadt gewallfahrtet kamen, Hirten der Bergwildnisse, um vor den Bildnissen der Gottesmutter die himmlische Gnade anzurufen und dem lieben Jesusknaben in der Krippe auf ihren Dudelsäcken vorzuspielen, in dem frommen Kinderglauben, Mutter und Kind freuten sich der wüsten Töne, die das Schönste waren, was sie den beiden darbringen konnten zu der Zeit, in der das Heil der Welt zu Bethlehem im Stalle geboren wurde. Sie, die Hirten eines rauhen Berglands, waren die nächsten dazu, um der Verkündigung der Engel zu gedenken und den Herrn der Heerscharen zu loben, weil er seinen eingeborenen Sohn in die Welt geschickt hatte, um diese durch seinen Kreuzestod von der Schuld zu erlösen und ihr den Frieden zu bringen. Den Frieden – Das neue Jahr 1915 brach an, von den Römern gefeiert mit bejubelten Siegesnachrichten der Feinde Deutschlands. Es brach an mit neuen Lügen und Verleumdungen, neuen Beschimpfungen der Barbaren, die noch immer Italiens Verbündete waren, Italien mußte daher auf Mittel und Wege sinnen, um mit seinem erhabensten Pathos, seiner großartigsten Geste zu erklären: es sei höchste nationale Pflicht, sei Italiens Ehrenpflicht, das Bündnis zu brechen, und das »hocherhobenen Hauptes«, mit dem Bewußtsein seiner sittlichen Berechtigung, ein Judas Ischariot als Italiens Idealgestalt ... In den ersten Tagen des neuen Jahres hatte Rudolf Müller einen notwendigen Gang zu tun. Ihm begegnete ein Leichenzug. Er glaubte zuerst, es sei der lärmende Umzug einer politischen Partei; es war jedoch wirklich ein Kondukt, mit allem theatralischen Pomp, dem grellen Pomp des Südens, in Szene gesetzt. Der Sarg des Toten wurde von Männern in hochroten Blusen getragen, das Leichengefolge bestand zum Teil aus Roms übelster Straßenjugend – dem »populace« – , Italiens Trikolore bedeckte den Sarg, eine Musikbande zog voraus. Sie spielte als Trauermarsch die Marseillaise, und eine schaulustige Menge bildete Spalier. Ein Schauspiel war's, nichts andres als ein Schauspiel, obgleich man einen Toten zu Grabe trug: den zum Kampf wider die deutschen Barbaren ausgezogenen, in dem Kampfe gefallenen Nationalhelden Bruno Garibaldi. Durch ganz Rom wurde der Tote geführt, ein Schaustück für gaffendes Volk, eine Reklame für Italiens Heldentum, eine Demonstration gegen Deutschland – Kurze Zeit nach diesem einen Toten sollte es in Italien eine Heerschar von Toten geben; in Italien bebte die Erde! In den nahen Abruzzen stürzten ganze Ortschaften ein. Ihre Trümmer begruben die Bewohner, verstümmelten, zermalmten sie. Für die das furchtbare Elementarereignis Überlebenden aber kam aus Italiens naher Hauptstadt die Hilfe, was Italien Hilfe nannte, erst nach Tagen. Der Professor gedachte Casamicciolas und Messinas; gedachte des Mitgefühls Deutschlands; gedachte dessen tatkräftiger Hilfe, die im Augenblick einsetzte, und die erst später, viel zu spät, an die Hilfsbedürftigen gelangte, und das nur zum Teil. Casanucciola hatte er selbst miterlebt, nach Messina war er sofort geeilt. Selbst miterlebt hatte er Deutschlands Schlachten in Frankreich. Er hatte das Schlachtfeld von Sedan gesehen und ihn hatte nicht das Grauen gepackt wie auf den Totenfeldern Siziliens und Ischias. Auch damals hatte Italiens Hilfe für sein eigenes unglückliches Volk sich nahezu als machtlos erwiesen; und so, genau so, geschah es dieses dritte Mal, wo Italiens Erde in ihren Tiefen gebebt. Mochte es dem Lande zur Warnung dienen, zu einem Menetekel in flammenden Trümmern, mit den Leichen der Erschlagenen auf den wankenden Boden geschrieben. Wieder war Frühling: Frühling in Rom! Der Eichwald von Grottaferrata begann zu knospen, sein Unterholz von wildem Goldregen barg wilde Gärten purpurfarbener Zyklamen und ultramarinblauer Orchis; auf der Wiese der Villa Doria Pamfili pflückten Frauen und Kinder bunte Anemonen; unter den Pinien der Villa Borghese schimmerte es schneeig von der Blüte der Maßliebchen; auf den Ruinen des Palatins und der Aquädukte leuchteten Goldlack und silbriger Fenchel, wucherten gelbe Tazetten und rote Levkoien, und die Lerchenchöre der Campagna jubilierten Frühlingshymnen. Keine Veilchen von Tusculum wurden dieses Jahr dem Professor von hellen Kinderstimmen angeboten; keine deutschen Rompilger freuten sich über die Blumenbalustraden auf der Spanischen Treppe. Die meisten der großen Fremdenherbergen waren geschlossen, verödet die Galerien; was von Ausländern in Rom weilte, waren Franzosen und Engländer, Russen und Serben, Dänen und Amerikaner, Deutschlands offenkundige und heimliche Feinde. Letztere die schlimmsten. In tiefer Einsamkeit konnte Rudolf Müller die Säle des Casino Borghese durchwandern und in der Sistinischen Kapelle zu dem Gott Michelangelos, dem gewaltigen Schöpfer des Himmels und der Erde, emporschauen; empor zu dem ersten Menschenpaar, die dieser Gott nach seinem Bilde geschaffen. Dem greisen Künstler erschienen die Völker, welche diesen Krieg entfesselt hatten und für seine Entmenschung verantwortlich waren, nicht mehr würdig des Namens: » Mensch .« Allein der »Barbar«, der »Unmensch« galt ihm als beseelt vom Hauche des Herrn; allein dieser als würdig, von der Hand Gottes berührt und emporgezogen zu werden zu Leben und Licht. Wenn er in jenem hohen Tempel der Kunst aufblickte zum Jüngsten Gericht, so fühlte er sich durchdrungen von dem Glauben an den in Wolken thronenden Heiland, der gekommen war, zu richten die Schuldigen, die in diesem grimmigen Völkermorden die Deutschen nicht sein würden. An des richtenden und rächenden Sohnes Knie schmiegte sich die fürbittende Mutter. Nicht für die Deutschen und ihre Verbündeten brauchte die himmlische Fürbitterin flehende Hände zu erheben; wohl aber für jene, die den Völkermord gewollt, vorbereitet, herbeigeführt hatten. Aber der Mutter Fürbitte würde ihnen nicht helfen; der göttliche Richter würde über sie sein »Schuldig! Schuldig!« herabdonnern; würde verurteilen, verdammen nach seiner göttlichen Gerechtigkeit. In diesem Frühling kein Veilchenfest auf Tusculum! Gleichsam in unerreichbare Fernen entrückt, sah der Professor vom Palatin aus das Albanergebirge mit dem Monte Cavo in sanfter Linienschönheit vom Gipfel zur Ebene abfallend, bekränzt von dem leuchtenden Band seiner Städte; sah er den tusculanischen Burgfels und die Steineichen vor dem Hause seines Kaisers, für den im Lande der italienischen Bundesgenossen keine Beschimpfung beschimpfend genug, keine Verleumdung verleumderisch genug war. Gleichsam in unerreichbaren Fernen erschien ihm alle menschliche Schönheit und Güte, diese höchsten Besitztümer, die würdig zu verwalten des Menschen edelster Beruf war. Von der deutschen Kolonie reisten viele ab. Weshalb reisten sie, ihren römischen Haushalt auflösend, wie flüchtend mit Weib und Kind und in einer Trauer, als gäbe es für sie, denen Rom eine zweite Heimat geworden, keine Wiederkehr mehr? Ja, weshalb? Denn: »Lieber zwölf Kugeln in den Leib, als daß ich mein Wort breche!« Ein Königswort war's! Ein Wort des Königs Viktor Emanuels. An der Wahrheit eines solchen Wortes zu zweifeln, war Majestatsbeleidigung. Dennoch verließen viele Deutsche fluchtartig Rom. Rudolf Müller wollte nicht zweifeln; wollte glauben, trotz allem und allem ... Das Wetter wechselte zwischen Sonnenschein und Regen, Schirokko und Tramontana. Von dem Lande jenseits der Alpen fuhr der Nordsturm brausend über Italien, schneidend wie Schwertschlag, ein echter Germane, ein Barbar. Ein Wind war's, vor dem die Römer wie vor einem unwiderstehlichen Feinde die Flucht ergriffen, bei seinem Geheul bis ins Mark hinein erschauernd ... » Przemysl, Österreichs stärkste Festung, gefallen!« Das Telegramm, welches die Nachricht brachte, erregte einen Orkan von Begeisterung. Roms »Gasse« schwang die Trikolore, durchzog die Stadt zu Tausenden, von Tausenden jubelnd, johlend gefolgt. Dann kam der Tag der Palmen, an dem Jesus von Nazareth vom Volke Jerusalems mit Jubel und Jauchzen als Triumphator begrüßt wurde; von dem nämlichen Volk, welches dann dem Gottessohn sein: »Kreuzige! Kreuzige!« zuheulte. Judas ließ sich um dreißig Silberlinge erkaufen, wurde zum Ischariot und erhängte sich selbst. Du aber, Italien, standest da »hocherhobenen Hauptes«, Roms Glocken wurden gebunden; in Roms Kirchen wurde für die Schuld und Sünde der Menschheit gebetet; wurde für den Gekreuzigten die Gruft bereitet und der tote Gottessohn, der als Menschensohn gelitten hatte, hineingelegt, von einem Lenz umblüht, von Kerzenschimmer umglänzt, und die Römer drängten sich wie gewöhnlich zu dem frommen Schauspiel, welches auch hier wieder, ach! nur ein Schauspiel war. Am Gründonnerstag war Bismarcks Geburtstag. Geheimrat Kehr hielt im Palazzo Caffarelli die Gedächtnisrede, und wiederum erfüllte Bismarcks Größe die Seele aller Deutschen; wiederum fühlten sie seine Seele schwebend über dem bedrohten Vaterlande, gleich dem Geist über den tosenden Wassern, so daß das Fest zur Andacht wurde, zur Kirchenfeier. Ein eisiger Sonntag brachte die Auferstehung des Herrn. Auch Italien schritt unaufhaltsam einem Ereignis entgegen, welches Italiens »Ostern« sein sollte: Bruch mit den Bundesgenossen, Kriegserklärung an Österreich-Ungarn, mit dem Deutschland sich eins fühlte, ein Bruderstaat ... Als der Professor an diesem Ostersonntag zur Piazza Barberini wollte, fand er Truppen auf den Straßen; Truppen auf dem Spanischen Platz, auf der Spanischen Treppe; Truppen vor den Eingängen von Via Sistina und Via Gregoriana; Truppen vor den Zugängen zur Villa Malta. Fürst Bülow mußte durch Truppen geschützt werden vor Roms Straßenpöbel, bezahlt von Frankreich, Rußland, England, welche stolzen Reiche durch ihre Agenten Roms Plebs kleiden ließen, damit dieser nicht in Schmutz und Lumpen für einen Bruch mit den Bundesgenossen, einen Krieg gegen Österreich-Ungarn demonstrierte und Deutschlands fürstlichem Botschafter, Italiens großem Freunde, einen Schimpf antat. Also tobte der süße Pöbel denn nur: »Abbasso l'Austria! Abbasso la Germania! Evviva l'Italia! Evviva Savoja! Evviva la guerra!» »Abbasso la Germania!« Der Professor hörte das Geheul, und ihm war zumute, als gellte es durch sein Herz: »Nieder mit dem Vertrauen! Nieder mit der Treue! Nieder mit dem Glauben! Nieder mit der Ehre und Würde eines Volks! Es lebe der Treubruch und der Verrat! Es lebe die heilige Selbstsucht!« Da alle Wege durch Truppen versperrt waren, so kehrte er bei Capo le Case wieder um und versuchte über den Quirinal zur Via Quattro Fontane und nach Piazza Barberini vorzudringen, was ihm auch gelang. Er kam zu dem Palast des Königs. Auch hier eine Ansammlung, bekleidet und bezahlt von der Entente. Sie schrie nach dem König, und – König Vittorio Emanuele der Dritte, der Enkel eines andern, größeren Herrschers des nämlichen Namens, erschien, an seiner Seite die Königin, die Tochter der Schwarzen Berge, und an der Eltern Seite der Knabe, der dem Vater auf Italiens Königsthron folgen sollte. Derselbe König, der lieber zwölf Kugeln im Leib haben wollte, als sein Wort zu brechen, erschien mit Königin und Kronprinz auf das Gebrüll hin eines Haufens Bezahlter und Bestochener, die zu dem Monarchen aufheulten: »Abbasso l'Austria! Abbasso la Germania! Evviva l'Italia! Evviva Savoja! Evviva la guerra!« Und König und Königin grüßten herab; grüßten den bestochenen Gassenpöbel ... Der Professor stand bei dem Brunnen, unter einem der hellenischen Rossebändiger, und schaute starren Blicks hinüber zum Königspalast. An der nämlichen Stelle hatte er gestanden, als nach der Thronbesteigung König Umbertos der deutsche Kronprinz den jungen Majestäten in Rom seinen Besuch abstattete. Auch damals drängte sich die Menge, darunter die besten Männer der Stadt. Auch damals trat auf den Balkon des Königspalastes ein Herrscherpaar heraus: der ernste Mann mit dem Königsblick, die holde blondhaarige Frau, Roms angebetete Königin Margherita. Neben den beiden ihr junger Sohn, Italiens Kronprinz. Und es stand dort oben der Gast aus dem Norden, Preußens Kronprinz, Deutschlands zukünftiger Kaiser, eine germanische Heldengestalt. Die Römer jauchzten ihm zu, wollten mit ihrem Jubel nicht enden; nicht enden, zu dem Herrlichen dort oben ihre Begeisterung emporbrausen zu lassen. Da nahm Kronprinz Friedrich Wilhelm den Knaben, ein unscheinbares schwächliches Kind, in seine Arme, zeigte den Römern ihren Kronprinzen, als wollte er ihnen durch den Knaben für ihre Huldigung danken lassen: »Seht den Erben von Italiens Thron und Krone! Seht Italiens Zukunft! Ich halte sie fest im Arm! So fest und so stark, wie Deutschland eurem Lande die Treue hält. Eurer glorreichen Zukunft, verkörpert in diesem Knaben, jauchzt zu, nicht mir!« Aber der Römer Jubel galt der Gegenwart, die ihnen diesen Königsgast gebracht hatte: von Norden her, aus dem Lande der Barbaren, er selbst ein Barbar. Jener unvergeßlichen Stunde gedenkend, war dem Alten zumute, als könnte das Ungeheuerliche, das er heute sah und hörte, nicht Wirklichkeit sein, sondern ein Traum, ein wüster, gespenstischer; als müßte ihm die Sonne des heiligen Tages das Erwachen bringen. Wie schön wäre solches Erwachen gewesen! Auch dieses eine Auferstehung, ein Ostern. Siebzehntes Kapitel Wann reisen Sie?« »Ich bleibe.« »Reisen Sie; reisen Sie bald!« »Ich bleibe.« »Das dürfte für Sie sehr bald unmöglich sein.« »Weshalb unmöglich? Und gerade unmöglich für mich?« »Unmöglich für jeden Deutschen in Italien.« »Italien bleibt – neutral.« »Reisen Sie! Reisen Sie!« Rudolf Müller blieb. Aber seine alte Schwester sollte reisen und das sogleich. Tante Minchen wollte bleiben, wo ihr Bruder blieb und lehnte seinen mit aller Bestimmtheit ausgesprochenen Wunsch voller Entrüstung ab. Was sollten sie in Naumburg von ihr denken, wenn sie dort allein ankam? Schämen müßte sie sich vor ganz Naumburg. Bei so hartnäckigem Widerstand mußte ihr Bruder seine Zuflucht zu einer List nehmen. Also sagte er: »Weißt du, liebes Minchen, du reisest nur voraus. Und du reisest nur deshalb voraus, um in Naumburg alles einzurichten und für uns zwei Alten in der Heimat es recht behaglich zu machen. Du kennst ja meine Schwäche, gern gleich in ein warmes Nest zu kriechen. Das wirst du wundervoll besorgen. Also mir zu liebe –« Er bat so eindringlich, mit so heiterem Gesicht, daß sie ihm glaubte und ihre baldige Abreise beschloß: ihrem Bruder zuliebe. Dieser versuchte, die Getreue vollends zu beruhigen: »Filomena bleibt. Du hast gesehen, eine wie ganz andere Filomena sie geworden ist, seitdem ihre Landsleute – Wir wollen davon nicht reden. Sie zeigt jetzt ihre wahre Natur, und diese ist eitel Ehrenhaftigkeit und Anhänglichkeit. Und ihr Risotto, ihre Makkaroni, alle ihre andern lukullischen Gerichte sind wirklich Meisterwerke römischer Kochkunst. Freilich, das mit unsrer armen Romana, und dem hübschen Lumpen – Aber nicht davon reden! Genug, du kannst dich darauf verlassen, daß Filomena für mich sorgen wird wie eine Amme für ihren Säugling ... Jetzt lachst du! So ist's recht! Es ist allerdings mehr als ein komischer Säugling an der Brust dieser Milchspenderin. Also reise und baue uns am Rand der Saale die Hütte. Wir werden darin unsre letzten Tage verleben.« Da aber wurde Tante Minchen böse: »Was fällt dir ein? Du wolltest ja doch durchaus in deinem lieben Rom bei der Cestiuspyramide begraben werden, möglichst nahe bei Goethes Sohn, der selbst im Tode nicht er selbst geworden, sondern Goethes Sohn geblieben ist. Ich verlasse euch beide, nämlich dich und deine seelengute Frau – auch dort nicht.« »Du hast recht. Ich will durchaus bei der Cestiuspyramide in meinem lieben Rom begraben werden, und was der Mensch will –« Tante Minchen reiste. Gute Bekannte nahmen sie mit, ihr Bruder und Filomena begleiteten sie zur Bahn. Filomena schluchzte herzbrechend, als müßte sie von ihrer liebsten Freundin auf ewig scheiden. Die alten Geschwister nickten einander zu, lächelten sich an. Im Augenblick vor der Abfahrt schob Dame Filomena unter einem Tränenstrom vor Tante Minchens Füße einen gewaltigen Eßkorb, gefüllt mit den herrlichsten aller römischen Leckerbissen. Obenauf lag ein Zettel, darauf stand geschrieben: »Die Gottesmutter möge mir in Gnaden verzeihen. Was für eine arge Sünderin bin ich gewesen! Und verzeihen möge mir in ihrer großen Güte das liebe, liebe Fräulein! Auf meinen Herrn will ich acht geben wie der heilige Michael, der den Drachen getötet hat.« Da Dame Filomena der Kunst des Schreibens unkundig war, so hatte sie diesen Ausbruch ihres bösen Gewissens einem der öffentlichen Schreiber auf Piazza Montanara, tief gerührt über sich selbst, in die Feder diktiert. Also waren Tochter und Schwester fort ... Als der Professor, auch jetzt noch von seinem Glauben an Italien nicht lassend, durch die aufgestellten Truppen nach seinem verödeten Heim zurückkehrte, erwarteten ihn vor der Türe liebe bekannte Gesichter, gute Freunde: Freunde aus Olevano! Es waren der Sindakus nebst der Frau Sindacessa, der wackern Sora Pia. Der Herr Bürgermeister war mit einem Riesenfiasco seines besten Weines erschienen, die Frau Bürgermeisterin mit einem ebenso umfangreichen Korb voll Eier, getrockneten Pilzen, eingemachten Artischocken, Oliven, Feigen und einem lebendigen fetten Puter, alles vom Vetturin vor dem Hause abgeladen: Gastgeschenke gehörten nun einmal zu jedem Besuche des italienischen Landvolks. In seiner bewegten Stimmung freute sich Rudolf Müller über die vertrauten Gestalten, daß ihm die Tränen in die Augen traten: es gab eben doch noch Treue auf der Welt, auch in Italien! »Kommt hinauf! Schnell mit euch beiden hinauf! Nein, welche Freude! Wäre mein gutes Minchen doch einen Tag länger geblieben, um noch diese große Freude zu erleben. Ihr lieben, lieben Menschen, ihr treuen Menschen! ... Was sagst du dazu, Filomena? Welche Überraschung! Und sie bringen uns Gaben, als ob Weihnachten wäre! Das ist zu viel; viel zu viel! Aber ich freue mich, ganz unsäglich freue ich mich! Schnell, Filomena! Gleich gebraten und gebacken, was du nur braten und backen kannst. Biete deine ganze Kochkunst auf, als wäre ein Königspaar zu Besuch gekommen. Nein, kein Königspaar, sondern liebe, liebe Freunde aus Olevano! . . Solche Schönheit, solcher Frieden! Ich spreche von Olevano. Gibt es daß noch auf Erden? ... Ach, meine Freunde, mein Deutschland, mein Vaterland! Still davon. Seid tausendmal willkommen!« Dann saßen sie beisammen, und Sor Rodolfo – jetzt war er wieder Sor Rodolfo – fragte und fragte. Am liebsten hätte er sich nach jedem Berg und Baum seiner Felsenstadt erkundigt. Auch, ob die Reben gut angesetzt hätten und ein reiches Öljahr zu erwarten wäre, wollte er wissen. Kurz, alles und jedes. Das Ehepaar gab Antwort. Aber – mit welchen ernsthaften Gesichtern waren sie gekommen! Sor Rodolfo hatte sich bemüht, den tiefernsten Ausdruck in den Mienen seiner Freunde zu übersehen. Das ging nun nicht länger. Und so mußte er denn mit unsichrer Stimme die Frage stellen: »Was habt ihr? Was ist euch geschehen? Ein Unglück?« Da sagte die Frau: »Unser Sohn hat über Eure Tochter schweres Unglück gebracht; also auch über Euch. Wir tragen daran Schuld, denn mir hätten uns der Heirat unsres Sohnes mit Eurer Tochter widersetzen sollen; kannten wir doch unsern Sohn. Verzeiht uns! Wir bitten Euch mit aufgehobenen Händen um Verzeihung.« »Still! Still! Seid still! Ihr Guten und Gerechten!« »Und um Verzeihung müssen wir Euch bitten für das Unrecht, welches Eurem Vaterland durch unser Vaterland geschieht. Aber das dürft Ihr nicht verzeihen. Das nicht!« Der Mann sagte es. Rudolf Müller barg sein Gesicht in beide Hände ... Sie besprachen sich weiter, mit gedämpfter Stimme, als hätte jeder von ihnen etwas zu Grabe getragen, etwas Geliebtes. Der Sindakus sprach: »Ich muß Euch eine Mitteilung machen. Sie ist von einer Art, daß ich vor Euch mein Gesicht bedecken müßte; denn ich bin Vorsteher der Gemeinde, in der es passieren konnte, habe daher für jedes Unrecht, welches in der Gemeinde geschieht, die Verantwortung, Ihr müßt mich zur Verantwortung ziehen.« »Mein guter Freund –« »Euer guter Freund schützte schlecht, was unter seinen Schutz gestellt ward. Ich kann Euch nicht in die Augen sehen.« »Gebt mir Eure Hand . , . Virgilio Minardi, gebt mir Eure treue Freundeshand.« »Zuerst hört!« »Zuerst Eure Hand, dann will ich Euch anhören.« Virgilio Minardi sprach: »Ihr seid Ehrenbürger von Olevano. Das ist eine Ehre für uns.« »Ein Glück ist es für mich; ein Glück und mein Stolz.« »Ihr liebt Olevano und habt es durch Eure schöne Kunst verherrlicht; habt uns durch Eure Liebe und Eure Kunst ein Denkmal gesetzt ...« »Ein sehr bescheidenes. Ich kann Euch nicht sagen, wie tief ich empfinde, daß nur meine Liebe zu Olevano groß ist, meine Kunst dagegen sehr klein.« »Wir haben in dem schönen Walde, der ein Stücklein des großen Deutschen Reiches ist, unsrer Liebe zu Euch eine Gedenktafel gestiftet: Euer Bildnis. Dieses Denkmal unsrer Liebe und Dankbarkeit wurde geschändet.« »Sagt das nicht. Ihr irrt Euch. Sagt, daß Ihr Euch irrt.« »Bubenhände haben Euer Bildnis zerstört.« »Oh! Laßt es Euch nicht kümmern. Auf mich kommt es nicht an. Wer und was bin ich? Und was bedeutet mein Bildnis, mein Denkmal, wie Ihr es nanntet, in dieser Zeit? Aber ich verstehe, wie sehr es Euch schmerzt.« »Sie taten noch mehr. Das heißt, sie wollten es tun. Den Eingang zu dem Stücklein Deutschland in unsern Bergen bewacht Deutschlands Wappen. Sie wollten das Wappen herabreißen, den deutschen Adler und das deutsche Reich wollten sie beschimpfen. Ich konnte die Schandtat noch gerade verhindern.« »Ich danke Euch, Im Namen aller Deutschen danke ich Euch. Im Namen des ganzen Deutschen Reiches.« Der Alte sprach mühsam, als hätte er einen Schlag empfangen. Er war totenblaß. Nach einer Weile sagte er: »Wißt Ihr, von wem die Tat ausging?« »Ich weiß es.« »Von welchem Buben?« »Von unserm Sohn. Auch deshalb kam ich nach Rom, um als Syndakus der Gemeinde den Buben, von dem die Schandtat ausging, zur Rechenschaft zu ziehen. Ich sagte: den Buben; denn wir haben keinen Sohn mehr. Nicht wahr, meine gute Frau?« Und die Mutter sprach: »Wir haben keinen Sohn mehr.« Dann, nach einem schweren Schweigen: »Er war unser einziges Kind.« »Er war's.« Der Vater sagte es. Am Nachmittag macht der Professor mit seinen Gästen einen Spaziergang. So wenig einem jeden um Zerstreuung zu tun war, willigte doch einer dem andern zuliebe in den Ausgang. Filomena begleitete ihren Herrn, als wäre dieser in Wahrheit ein Knäblein und sie seine Wärterin. Es war nach dem Tage der Nationalfeier von Quarto, und die Gemüter der Römer durchflammte fanatische Begeisterung über die gewaltigen Strophen des großen Dichters. Begeisterung des Hasses war's. Eine Erregung brauste von Genuas Meeresstrand durch das Land, als hätte Italiens Erde von neuem gebebt. Auch an diesem Tage schien Rom in ein Heerlager verwandelt, und ein Durchqueren vom Spanischen Platz zum Pincio hinauf mußte für einen Deutschen im schwarzen Gehrock mit dem Eisernen Kreuz auf der Brust als hoffnungslos erscheinen. Aber Filomena schaffte ihrem Professor freie Bahn durch die Kette der Karabinieri, die den Platz sperrten: Was das heißen sollte? Ob sie nicht wüßten, wer der alte Herr sei? Ehrenbürger ihrer Vaterstadt Olevano! Ein Mann, der Italien mehr liebte als sie; denn er wünschte Italiens Glück und nicht dessen Unglück. Also keinen Krieg! Und ob sie nicht sahen, mit wem der alte Herr ginge? Mit dem Bürgermeister von Olevano, ihrem eigenen Herrn Vetter, der des Herrn guter Freund sei. Und der Bürgermeister von Olevano sei nur Freund eines Mannes, der als Freund Italiens in Rom seinen Kopf hoch tragen könnte. Also freien Durchgang für Italiens guten Freund! Und die Karabinieri öffneten bereitwillig die Kette, fast ehrerbietig ... So passierte denn die kleine Gesellschaft unbehelligt den Platz, erstieg die Treppe, gelangte zu der Terrasse vor dem Hadrianischen Obelisk und zu der Dreifaltigkeitskirche. Zu Fuß, in Equipagen und Autos, besetzt von Roms vornehmsten und elegantesten Herren, Roms schönsten Frauen, herrlich gekleidet nach Pariser Frühlingsmode, zogen Römer und Römerinnen auf ihren geliebten Gartenberg. Auch Fremde in Scharen, darunter viele exotische Erscheinungen: nach der Feier von Quarto schien es in Rom ein Pinciofest geben zu sollen. Das Vierblatt wurde von dem Menschenstrom erfaßt und mit fortgerissen. Sie kamen zu der Mediceischen Villa, vor welcher, unter den zu einer Wölbung beschnittenen Steineichenwipfeln der schöne Brunnen Vignolas rauschte; heute genau so heiter wie vor Jahrhunderten. Lavinia! War das Lavinia? Lavinia Petroni? ... Sie war es! In dem dunkeln Kostüm der Sabinerin, aber überladen mit Goldschmuck, trat sie aus dem Gittertor, welches in die parkähnlichen Gärten der Villa und zu den Ateliers der französischen Künstler führte: Heinrich Webers Frau war wieder Lavinia Petroni geworden; war wieder – Modell! Leicht in den Hüften sich wiegend, in voll erblühter Schönheit prangend, trat sie erhobenen Hauptes hervor aus dem Schatten der Waldung in den Frühlingstag und erregte in der Menge ein Aufsehen, daß viele stehen blieben, um Roms vielbewunderte Schönheit anzustaunen. Wie durch ein Spalier schritt sie dahin, stolz wie eine Königin, der vom Volk gehuldigt wird; schritt vorüber an Rudolf Müller, vorüber an ihren Landsleuten, die kleine Gesellschaft keines Blickes würdigend. »Sei verwünscht!« Filomena war's, die es dem Weibe des verschollenen Helden, der Enkelin des ehrwürdigen Priesters von Bellegra laut zurief mit erhobener Hand: »Sia meledetta!« Achtzehntes Kapitel Himmelfahrt! Der gekreuzigte und gestorbene, der begrabene und vom Tode auferstandene Gottessohn hielt in Rom seine Himmelfahrt, während Roms Gassenpöbel den Krieg leben ließ, die Entente unter die nach Geld und Blut lechzende Meute Millionen ausstreute und Polizei sowohl wie Militär dem niedrigen Schauspiel lachend zuschaute. Auch heute befand sich der Professor auf den Straßen. Trotz der beschwörenden Bitten Filomenas hielt er es im Hause nicht aus: er mußte selbst sehen, selbst hören das Unerhörte, und das ohne Begleitung und Schutz seiner Getreuen. Auch zu einem andern wollte er sich durchaus nicht verstehen; wollte seinen Gehrock nicht ablegen, an dem jeder Römer auf den ersten Blick den Deutschen erkannte, und wies voller Entrüstung die Zumutung zurück, wenigstens das Eiserne Kreuz von der Brust zu nehmen. Die Römer sollten in ihm sofort den Deutschen erkennen, und was das deutsche Ehrenzeichen anbetraf, so hatte er sich dasselbe in den Jahren 1870 – 71 unvergänglichen deutschen Ruhms im Kampfe wider den Erbfeind, der nun Deutschlands Todfeind geworden, ehrlich verdient. Vielleicht würden die Römer bei dem Anblick sich erinnern, was Italien dem deutschen Heldentum jener Zeit zu danken hatte. Unterhalb des Kapitols erhob sich das Riesenmonument von Italiens Herrscher, der ohne jene Jahre, ohne Deutschlands Siege, schwerlich in die Hauptstadt des geeinigten Königreichs hätte eintriumphieren können! Also: Ehrfurcht vor dem schwarz-weißen Kreuz aus Eisen auf einer deutschen Brust! Plötzlich in einen der johlenden Volkshaufen geratend, ward der Alte von diesem bis Campo de Fiori getrieben. Hier sah er sich vor Palazzo Farnese stehend, unweit des Denkmals des auf dieser Stätte verbrannten Märtyrers der Wahrheit, Giordano Brunos. Den Palast der französischen Botschaft umtoste der süße Pöbel, dem geliebten Nachbarstaat eine heulende Ovation darbringend. Von Lakaien wurde die Tür des Balkons geöffnet, eine Dame in heller Sommertoilette trat heraus, wurde jubelnd begrüßt, nahm mit anmutiger Gebärde von ihrer Brust eine rote Rose, küßte sie pathetisch, ließ sie, Roms Plebs Kußhände zu werfend, hinab fallen unter die Menge, die um die Rose der Frau Botschafterin sich raufte, als ob die Blätter der armen geschändeten Blume Frankreichs Tausendfrankscheine wären. Rudolf Müller entwich dem eklen Schauspiel, Versuchend, den Ausweg nach der Via Regola zu gewinnen, erreichte er den Palazzo Spada. Hier mußte er erkennen, daß kein Durchkommen möglich, ihm auch der Rückweg versperrt sei. Also flüchtete er in den Palast, um in dessen Innerem abzuwarten, bis ein Durchkommen möglich sein würde. Zu seinem Erstaunen fand er die Statuengalerie offen. Er trat ein. Die Kunst! Die Kunst der Antike! Das Ewigschöne! Herrgott, der du dieses Ewighäßliche zuließest, der alte Künstler dankt dir, du Allgeist, daß in deiner entgötterten Welt die Kunst, die wahre, große, heilige, eine bleibende Stätte gefunden; dankt dir mit erhobener Seele. Vor den berühmten antiken Reliefs der Sammlung stehend und in ihre hellenische Herrlichkeit sich versenkend, ward ihm leichter zu mut, fast frei und froh, als würde ihm nach langer Wanderung durch Qualen und Gluten ein Labetrunk gereicht. Er trank und trank – Von den Reliefs sich abwendend, sah er sich plötzlich vor einer Bildsäule, deren Anblick sein Herz traf. Es war die Statue des Pompejus. Sie hatte in der Curia Pompeji gestanden und sollte das Marmorbild sein, zu dessen Füßen Cäsar, von mehr als zwanzig Dolchstichen durchbohrt, sterbend niedergesunken war. Wie hatten doch Cäsars letzte Worte gelautet, als er zuletzt noch den Dolchstoß des Mannes empfing, des einen, den er geliebt, an den er geglaubt hatte? » Auch du, mein Sohn Brutus!« Und Cäsar verhüllte sein Haupt, sank nieder, starb ... Ja, Brutus, auch du! Auch du, Italien ! Nach Jahrhunderten noch würden diese Worte durch deutsche Herzen hallen mit einem Ton, dem Schmerzenslaut gleich, mit welchem Cäsar unter der Bildsäule des Pompejus seinen Geist aufgab, durch den Dolchstoß des einen tödlicher getroffen als von den Todeswunden der andern: Brutus, auch du! Blutüberströmt wurde Rudolf Müller zurück in sein Haus gebracht. Der von der Raserei des Hasses besessene Pöbel hatte den Deutschen auf dem Heimweg umzingelt und gestellt; hatte ihm das Eiserne Kreuz abgerissen; hatte ihn, als er das Kreuz auf seiner Brust wie ein Jüngling verteidigte, zu Boden geworfen, hätte ihn am liebsten gleich einem Missetäter gelyncht. Er lebte, erholte sich sogar wieder; aber mit dem Manne war es von Stund' an vorbei. Pfingsten! »Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen –« Für Deutschland kam es mit neuen Strömen vergossenen Blutes; mit neuen Scharen von Toten und Verwundeten, von Verstümmelten und Hinsiechenden, letztere in einer häufig barbarischen Gefangenschaft. Das lieblichste der Feste kam für die jählings überfallenen Staaten mit neuem Grauen und Jammer; aber auch mit neuer Größe und unsterblicher Heldenherrlichkeit. Für die Bundesgenossen Deutschlands und Österreich-Ungarns dagegen kam das Fest der Ausgießung des heiligen Geistes über die Seelen der christlichen Menschheit im Gefolge von Treubruch, Verrat und unsterblicher Schande. Alle Blüten Roms konnten die Gruft nicht füllen, in die Italien im Frühling dieses Jahres seine selbst gemordete Ehre und Würde begrub; und kein »Maienwunder« würde dem eklen Leichnam ein Ostern bringen: Italiens Ehre und Würde waren tot, und tot blieben die reinen Gewalten, ohne die ein Staat und ein Volk keine Zukunft besitzt... »Filomena!« »Herr! Mein guter armer Herr!« »Ich muß reisen. Morgen schon!« »Fort aus Rom?« »Fort!« »Fort aus Italien? Sie fort aus Italien? Das können Sie gar nicht.« »Ich muß es können ... Morgen geht für uns Deutsche der letzte Zug. Unser Botschafter ließ es mir mitteilen. Ich verlasse Rom zugleich mit ihm.« »Herr, ach Herr, Sie sind ja doch krank!« »Ich bin gesund, und ich reise.« »Lassen Sie mich nicht zurück; lassen Sie mich nicht allein; nehmen Sie mich mit. Ich bitte Sie, lieber Herr!« »Gute Filomena, ich kann nicht.« »Wer soll Ihnen denn in Deutschland die Makkaroni kochen? Und den Risotto? Herr, lieber Herr, denken Sie doch an die Makkaroni und den Risotto!« »Italien wird seinen Bundesgenossen den Krieg erklären. Als Italienerin mußt du in deinem Vaterland bleiben.« »Und wenn die Deutschen mich schimpfen und schlagen sollten, wie die Römer Sie beschimpften und schlugen – Herr, lieber Herr, nehmen Sie Ihre alte Filomena mit, Sie gehört ja doch nun einmal zur Familie.« »Du mußt hier bleiben, um unser Haus zu hüten.« »Unser Haus? Es bleibt also unser Haus?« »Freilich!« »Und ich soll es hüten?« »Wer anders als du?« »Also kommen Sie zurück in unser Haus?« »Aber ja doch!« »Sie und das liebe gute Fräulein? Auch die Romana? Was für ein schlechtes Geschöpf ich bin! Madonna! O Madonna!« Name Filomena brach in ein Wehgeheul aus ... Nachdem die Schuldbewußte unter den Tröstungen ihres Herrn sich notdürftig erholt hatte, kleidete sich der Professor an. Er wollte ausgehen. »Ausgehen wollen Sie?« »Es ist Pfingstsonntag.« »Sie können ja kaum auf den Füßen stehen.« »Meinetwegen also ausfahren. Du kannst mir einen Wagen besorgen.« »Herr, lieber Herr!« »In unsrer Kirche auf dem Kapitol wird die Pfingstpredigt gehalten. Es wird der letzte deutsche protestantische Gottesdienst sein; der allerletzte auf dem Kapitol und auch wohl der allerletzte in Rom – für lange Zeit wenigstens.« »Sie wollen ja doch wiederkommen?« »Ich will wiederkommen; denn ich will bei der Cestiuspyramide begraben werden ... Geh also und hole den Wagen.« »Ich fahre mit Ihnen!« »Es geschieht mir nichts. Jetzt nicht mehr.« »Ich lasse Sie nicht allein. Wie könnte ich Ihrer Schwester und Ihrer Tochter je wieder vor Augen kommen, wenn ich Sie jetzt auch nur für einen Augenblick allein ließe?« »Also begleite mich.« Rudolf Müller fuhr auf das Kapitol, an seiner Seite Filomena. Sein Professorenrock war bei dem Überfall des Pöbels zerfetzt, das Eiserne Kreuz ihm von der Brust gerissen, in den Schmutz der Gasse geworfen und zertreten worden. Also mußte er den letzten Pfingstsonntag in Rom im Mantel und ohne sein Ehrenzeichen feiern. Auch heute wieder Truppen, Geschrei und Gejohle; auch heute wieder grell bunte Riesenplakate, die den kriegs- und beutegierigen Pöbel zur Versammlung beriefen: vormittags vor dem Palast der Konservatoren auf dem Kapitol, nachmittags zu einem patriotischen Blumenkorso in der Villa Borghese: »ein Trikolorenfest für die Krieger im Felde«: für die Krieger Frankreichs und Englands, Rußlands und Serbiens! An hohen Stangen prangten marktschreierische Demonstrationen für den Sieg der »Kulturvölker Europas« über die Barbaren. Das Getöse wurde vermehrt durch wütendes Evvivageschrei. Leben sollte Salandra, Sonnino und Cadorna; leben sollten der wortbrüchige König und die ränkevolle Königin; leben sollte Italiens Dichterheros: »Evviva! Evviva!« Nieder mit Österreich-Ungarn; nieder mit Deutschland; nieder mit dem Friedensfreund Giolitti! Er sollte gehängt werden! Gehängt werden an den ersten besten Laternenpfahl der Mann, der Italien bewahren wollte vor Unglück; bewahren vor Treubruch, Verrat und Schande. Diese war seit jenem historischen Pfingstsonntage Italiens Schicksal geworden. »Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in der Not, die uns getroffen hat.« Sechsundvierzigster Psalm – Pastor Schubert predigte seiner Gemeinde zum letztenmal auf dem Kapitol, welches Deutschlands Botschaft trug, an der Stätte des Jupitertempels. Klein war die Gemeinde der Deutschen geworden. Sie bestand aus den letzten, die noch geblieben waren – die am nächsten Tage scheiden sollten. Diese letzten konnten sagen, daß bei keiner Auslegung der göttlichen Worte die Herzen jemals so stolz, stark und hoffnungsfreudig geschlagen hatten. Bei den Deutschen war das Recht; also würde auch bei ihnen die Gerechtigkeit sein. Darum war in der Not, die Deutschland getroffen hatte, Gott der Deutschen Zuversicht, Stärke und Hilfe ... Stolzen und starken Herzens verließ Rudolf Müller Kirche und Kapital. Kaum hatte er die ehrwürdige Stätte hinter sich, als ihn das Geheul des Gassenvolkes umtoste. Das Giornale d'Italia ließ ausschreien: um Mitternacht begänne der Krieg! Der Krieg mit Österreich-Ungarn! Es war gleich einer Kriegserklärung an Deutschland. Auch verließen Deutschlands Vertreter die Ewige Stadt, die den Pfingstsonntag des Jahres 1915 fortan als den Jahrestag von Italiens ewiger Schande begehen konnte, den Schandtag als Nationalfest feiernd ... Bei Piazza Venezia konnte der Wagen des Professors nicht weitergelangen: Menschengewühl sperrte die Straße. Sogenannte Studenten trugen auf ihren Schultern einen mit Rosen und Lorbeer Bekränzten den Weg zum Kapitel empor. Wo hatte Rudolf Müller diese phantastische Gestalt schon gesehen? Eine Gestalt war's, mehr einem Bühnenhelden als einem gekrönten Volksheros gleich. Mit Mühe entsann er sich der Begegnung. Auf Tusculum war's gewesen, bei der Frühlingsfeier der Frascataner, in den Ruinen des Griechischen Theaters, damals bereits ein Komödiant, der die Ode Petrarcas deklamierte, heute wieder ein Komödiant, der einen zweiten Cola da Rienzi mimte; und – Ekel, Ekel, Ekel! Dem agierenden Poeten vorausziehend, als dessen Herolde, Amerigo Minardi und Orazio Petroni! Das Kapitol hinauf wallte der Theaterzug. Neunzehntes Kapitel Während Tante Minchen für ihren Bruder in der Heimatstadt – wie lieblich lag sie doch an dem Ufer des deutschen Flusses, der an der Rudelsburg vorüberfloß im Kranze ihrer Wälder und Rebenhügel – während die Heimgekehrte voll zärtlicher Schwesterliebe die Stätte bereitete und Filomena für die Rückkehr ihres Professors das Haus schon jetzt von oben bis unten blank putzte, war Rudolf Müller durch die Schweiz nach Deutschland gekommen. Deutsche Landschaft, deutsche Sprache, deutsche Sitte und Art – Herrgott, Herrgott, wie war er doch begnadet, ein Deutscher zu sein, wenn auch ein Hunne und Barbar. Und er war begnadet, daß er eine Heimkehr zu dieser gewaltigen Zeit erleben durfte: das deutsche Volk in Waffen, und Sieg auf Sieg! Sieg im Osten und Sieg im Westen. So herrlich hehr war's, daß diese Zeit zu erleben, mit einem ganzen schwer hingebrachten Dasein nicht zu teuer bezahlt gewesen wäre. Noch leidend an den Folgen seiner Verletzung durch den römischen Pöbel, seit welcher Zeit er sich in einer Art von Dämmerzustand befand, war der alte Herr aus Rom abgereist. Noch von dem Augenblick an, wo er wieder Heimatluft atmete, fühlte er keine Schmerzen mehr. Dabei hatte ihn ein Steinwurf schwer am Kopf verletzt oder war sein Herz getroffen worden? Mit einem Frühzuge gelangte er über Lindau nach München. Dort hatte er die Akademie besucht; in München hatte sich ihm die Gottheit der Kunst offenbart, in München sich ihm das Leben erschlossen. Dort war er ein glücklicher Mensch gewesen. Jetzt war er wieder in München. Einen vollen Tag wollte er bleiben, um mit dem Nachtschnellzug weiter gen Norden zu fahren. Schon am nächsten Morgen würde er in Naumburg sein: zu Hause. Er ließ sein Handgepäck auf der Bahn, vergaß, sich eine Marke geben zu lassen, trat aus der hohen Halle des Stationsgebäudes hinaus auf den Platz. Seit vielen Jahren war er nicht in München gewesen und – Ja, war denn Deutschland im Kriege? In diesem Kriege! Er mußte sich besinnen, daß wirklich Krieg war, dieser Krieg! In Bayerns Hauptstadt schien tiefer Friede zu herrschen. Nicht doch! Wo hatte er seine Augen gehabt? Soldaten – Soldaten – Soldaten! Und Verwundete – Verwundete – Verwundete! Sie gingen an Krücken und Stöcken; sie hatten Beine und Arme zerschossen; sie waren fahl im Gesicht, und alle, sie alle hatten in den Augen einen Glanz – Niemals hatte Rudolf Müller in Menschenaugen solchen Glanz gesehen. Er stand am Wege, zog seinen Hut – den Kopf trug er noch immer verbunden – und grüßte. Ehrfurchtsvoll, fast demütig grüßte der Heimgekehrte die verwundeten Bayernhelden, die ihn aus großen Augen ansahen: aus Augen mit jenem seltsamen, fast mystischen Glanz im Blick ... Wohin wollte er? Er hatte den ganzen langen Tag vor sich; aber das Wetter war schlecht: starker Wind und grauer Himmel, trostlos, hoffnungslos grau, als sollte auf Erden nie wieder die Sonne scheinen. Die Sonne! Dem alten Herrn war zumute, als hätte er allen Sonnenschein zurückgelassen in dem Lande, aus dem er fliehen mußte, als ob er ein Verbrecher sei. Ein solcher war er auch. Er hatte das Verbrechen begangen, ein Land und Volk, welches unter den Völkern Europas der Judas Ischariot, war, zu heiß geliebt und an dieses Volkes Treue zu heilig geglaubt zu haben. Aber – Nein! Es war nicht Italiens Volk! Italiens wahres Volk war von diesem erkauften Verrat freizusprechen. Jetzt fühlte er auch wieder den Schmerz im Kopf, und das heftiger als zuvor. Der Wind umwehte seinen Kopf, den er vor den verwundeten Helden entblößte. Ein Verwundeter war er selbst, und das nicht nur an seinem Haupt. Sie mußten eben doch auch sein Herz getroffen haben. Aber jetzt – Wohin? Er wollte in der lieben alten Stadt alle die Orte aufsuchen, die der Schauplatz seiner Jugend gewesen. Gesegnet der Mensch, der im Alter Hände und Seele zu einer gütigen Gottheit erheben darf: »Ich habe eine glückliche Jugend gehabt!« In der Weinstraße hatte er damals gewohnt, nahe dem Marienplatz. Das altertümliche Haus sollte für das neue Rathaus abgerissen worden sein. Dort hatte er daher nichts zu tun. Die neue Pinakothek! In der neuen Pinakothek hing eines seiner Bilder aus seiner besten Zeit: »Fronleichnamsprozession in Olevano«. Als das Gemälde für die königliche Sammlung angekauft wurde – Konnte es auf der Welt einen glücklicheren Menschen geben? Zugleich einen so stolzbescheidenen Menschen. Ein Bild von ihm in Münchens Galerie neuer Meister! Ach, er war nur ein Schüler, würde zeit seines Lebens ein Schüler bleiben: die Kunst hoch über sich thronend und er zu den Füßen der Himmlischen, der Geringsten einer. Doch des Glücks sollte noch mehr sein; denn als sein Gemälde für Münchens Pinakothek würdig befunden ward, was geschah dann? Dann konnte er sein liebes Mädchen, mit dem er zehn volle Jahre verlobt gewesen, heimführen als Frau Professorin nach Rom! Vor seinem Bilde wollte er heute jener Zeiten gedenken und Erinnerungsgottesdienst halten ... Nun befand er sich in den Sälen, wo die Meisterwerke einer jüngeren Generation eine bleibende Stätte fanden und wo auch sein Bild einen Ehrenplatz einnahm. Als er dem Saale sich näherte, in dem er sein Werk wiedersehen sollte, pochte sein Herz, als sollte er einer Jugendgeliebten gegenübertreten. Zögernden Schrittes trat er ein und – Sein Bild befand sich nicht an der Stelle, die er so genau kannte, und wo es seit einem Menschenalter gehangen hatte. Wie konnte das sein? Sehr einfach. Er hatte gleich in den ersten Sälen bemerkt, daß viele Gemälde umgehängt waren, besser, günstiger. Das war unter der Leitung des neuen Direktors geschehen. Also hatte auch sein Bild einen günstigeren Platz erhalten, also suchte er sein Bild in einem andern der vielen Räume. Er fand es nicht. Vollkommen verwirrt wandte er sich endlich an einen der Saaldiener, einen grauköpfigen, würdigen Herrn, dessen er sich gut erinnerte. Diesen fragte er: »Können Sie mir sagen, wo sich das Gemälde ›Fronleichnamsprozession in Olevano‹ von Professor Rudolf Müller befindet? Es hing früher in diesem Saal – Sie erinnern sich vielleicht?« »Des Gemäldes von Professor Rudolf Müller?« »Es hängt nicht mehr an alter Stelle.« »Nein.« »Bitte, wo hängt es?« »Es hängt nirgends mehr.« »Wie?« »Es wurde bei uns in letzter Zeit viel aufgeräumt.« »Aufgeräumt?« »Ausgemerzt, wissen Sie. Eine gewisse Richtung nämlich.« »Eine gewisse Richtung?« »Eine altmodische, überwundene, unbedeutende.« »Und das Gemälde von Professor Rudolf Müller?« »Auch altmodisch, überwunden und unbedeutend ... Was fehlt dem Herrn?« »Nichts, Ich danke Ihnen. Ein leichter Schwindel. Ich wurde kürzlich am Kopf verwundet. Und das graue Wetter, der Wind ... Ich danke Ihnen, Sie sind sehr freundlich. Freundlichkeit der Menschen tut wohl.« Der Galeriediener führte den Wankenden zu einem Sitz, half ihm sich niederlassen, eilte fort, um ein Glas Wasser zu holen. Als der freundliche Mann wiederkam, war der alte Herr nicht mehr da. Er mußte sich schnell erholt haben. Was war ein Glück; denn er hatte ausgesehen wie ein Sterbender. Es wäre peinlich gewesen, wäre in der Königlichen Galerie ein Fremder gestorben. Wer möchte der sonderbare Alte gewesen sein? Wohin jetzt? Gleich, ganz gleich! Irgendwohin. Wo auf der Welt gab es für ihn noch Platz? Geflüchtet aus Rom, sein Preisbild als zu altmodisch befunden, als längst überwunden, als viel zu unbedeutend ausgemerzt: ausgemerzt aus einer Galerie seiner Kunst, die ein Tempel war, in dem allein die wahren Verkündiger der Gottheit Einlaß fanden. Und dann er – Auch aus diesen heiligen Hallen verjagt; auch im Vaterlande ein Ausgestoßener, Geächteter. Wie er sich schämte! Zum erstenmal in seinem Leben fühlte er die Schmach einer heftigen Scham. Denn es war schmachvoll, auch in der Kunst ein Ausgestoßener zu sein. Also wohin jetzt mit sich? In halber Bewußtlosigkeit mit heftig schmerzendem Kopf ging er irgend eine Straße. Er merkte nicht, daß die ihm Begegnenden stillstanden und ihm nachsahen, als hätte ein Sterbender sich erhoben und wandelte. Plötzlich blieb er stehen und starrte zwei Menschen an, die ihm entgegenkamen, eine ältere, in Trauer gekleidete bürgerliche Frau mit ihrem Sohn. Es war ein Feldgrauer, blutjung, mit todblassem Gesicht, mit – erloschenen Augen. Ein Blinder! ... Blind auf beiden Augen! Die Mutter hörte er zu ihrem Sohne mit fast heiterer Stimme sagen: »Dort drüben ist die Türkenkaserne.« »Meine Kaserne!« Der Jüngling starrte mit seinen blinden Augen irgend wohin und – lächelte. Bei Gott, dem Allgütigen, dem Allgerechten, der Blinde lächelte! Er wußte, daß seiner Mutter Herz um seinetwillen von Schwertern durchbohrt ward, und er lächelte! Hatte doch seine Mutter mit fast heiterer Stimme gesagt: »Dort drüben ist die Türkenkaserne.« Die Tränen, die dabei ihren armen verweinten Augen entströmten, konnte der Sohn ja nicht sehen. Rudolf Müller blickte den beiden starr ins Gesicht. Er wollte – Was wollte er doch gleich? Auf Mutter und Sohn zutreten, Mutter und Sohn die Hand küssen. Er wußte nicht mehr, was er wollte. Mit zunehmender Umschleierung seiner Sinne wankte er weiter: irgendwohin. Immer schwankender wurden seine Schritte, immer wirrer sein Blick, immer umschleierter auch sein inneres Gesicht. In dieser Verschleierung sah er bekannte Häuser und Straßen. Er sah die weit offenen blinden Augen des jungen Helden und sein Kinderlächeln, hörte die heitere Mutterstimme zu ihm sagen: »Dort drüben ist die Türkenkaserne«, hörte den Sohn antworten: »Meine Kaserne« – hörte die beiden Stimmen durch das Geräusch der großen Stadt mehr und mehr wie im Traum in seinem sich umnachtenden Bewußtsein. Die Menschen blieben stehen und schauten nach irgend einem Gegenstand. Er sah, daß sie geputzt waren, und sprach zu sich selbst: »Es ist Sonntag. Du bist in München, wo du einstmals jung und glücklich gewesen ... Sie haben dein Gemälde fortgeschafft, es ›ausgemerzt‹. Dein Bild ist nicht wert, zu bleiben und zu dauern; du selbst bist es nicht wert. Auch dich müssen sie fortschaffen. Bald, bald ... Heute nacht fährst du nach Hause ... Es ist Krieg. Du mußtest fort aus Rom ... Krieg ist, und die Menschen sind sonntäglich geputzt, machen vergnügte Gesichter, lachen, freuen sich ihres Lebens, und es ist ja doch Krieg. Die Gatten, Söhne, Brüder, Geliebten dieser Frauen und Mädchen, die vergnügt sind und lachen, können gerade jetzt getötet werden, verstümmelt ... Blut. Eine blutige Sturmflut; Tränen, ganze Tränenströme; Jammer ohne Ende für Tausende und Abertausende ... Dort! Sieh doch! Zwischen den Fröhlichen die Zerschossenen, Lahmen, Blinden ... Das alles träumst du nur.« Er ging weiter, befand sich plötzlich vor einem großen gelben Gebäude, dessen Tor weit offen stand. Viele Menschen gingen hinein. Wiederum sprach Rudolf Müller in seinem dumpfen Traum: »Dieses Haus kennst du ja doch. Es ist – Das Odeon ist es. Als du noch jung warst – Weißt du noch die Feste im Odeon? Die Faschingsfeste, die Künstlerfeste des großen Schweizer Dichters Gottfried Keller! Es steht offen, es ist auch heute ein Fest! Sonntagvormittag, während Krieg ist ... So geh doch hinein.« Er ging hinein. Musik. Rauschende, brausende Klänge, ein Sturm von Melodieen, gewaltig, herrlich, das Gemüt von der Erde fortführend, es emporreißend aus der Welt himmelan. Eine Andacht in Melodieen, ein Gottesdienst, ein Mysterium: Beethovens »Eroica«! Er saß in dem feierlichen Saal, der einer Tempelhalle glich. Er hörte – hörte – hörte. Schauer erfüllten seine scheidende Seele. Er glaubte, in dieser seiner letzten Stunde das Allerhöchste seines Lebens zu erleben, der Kunst Allerheiligstes. Bei den Klängen stiegen vor ihm Bilder auf, Gestalten, Erscheinungen gleich: seine tote Frau mit einem himmlischen Lächeln auf ihrem guten Gesicht, seine glückliche Jugend in dieser Stadt, seine fröhlichen Ausflüge mit den Genossen nach Partenkirchen, Starnberg, Berchtesgaden; seinen ersten römischen Winter, den ersten römischen Frühling. Man sagte, in der Todesstunde könne der Mensch sein ganzes Leben noch einmal durchleben. Rudolf Müller durchlebte das seine, während die Eroica über ihn hinbrauste, nicht wie von einem Menschen geschaffen, sondern von einem Gott: von dem Gott, der in der Sistinischen Kapelle die Gestirne schuf und stürmenden Fluges die Finsternis zerriß. »Geist von dem Geist Michelangelos war Beethoven.« Er sagte es mit lauter Stimme. Man rief ihm zu: »Ruhe!« Man schaute nach ihm, kam zu ihm, führte ihn hinaus. Man wollte die Sanitätswache rufen. Er verstand und sagte: »Weshalb? Es geht mir gut. Ich danke Ihnen ... Ob ich allein gehen kann? Gewiß ... Wer ich bin? ... Ein alter Mann ... Danke, danke, danke.« Allein trat er seinen Todesweg an, die Seele erfüllt vom Geist Beethovens, durchbraust von den Klängen der Eroica und als letzten hellseherischen Gedanken: »Ein Volk, welches die Eroica und den Faust besitzt, kann nicht besiegt werden! Nicht von einer Welt von Feinden!« Er ging weiter, lächelnd wie ein Kind. Ein großer Platz, welchen der plötzlich zum Greis Gewordene unsicheren Schrittes überquerte, gelockt von frühlingsgrünen Wipfeln, ihm gerade gegenüber. Jetzt ein langer bedeckter Gang, in dem er bleibt, da der Wind stärker weht, sein Kopf heftiger schmerzt und es zu regnen beginnt. Grau, alles grau. Er sieht auf. An der Wand zu seiner Linken Bilder, Fresken, Farben. Sie stellen Landschaften dar. Gleich bei dem ersten Gemälde bleibt er stehen. Er muß sich besinnen. Das ist ja – Ein alter Bekannter, ein alter Freund, verehrt, bewundert, geliebt: Rottmann ... Ach ja! Er ist in München. Das ist der Hofgarten, sind die Arkaden, die Fresken Rottmanns, die berühmten Landschaftsbilder von Italien. Von Italien – Er steht vor dem ersten Gemälde, sammelt seine ganze Kraft, versucht zu verstehen, liest, sagt halblaut: Trient . »Andere Natur und Gebräuche auch, wo italienisch die Sprache.« »Schöner wird alles. Es spricht alles erheiternd uns an.« »Schöner wird alles –« Der graue Himmel, trostlos und hoffnungslos; der heulende Wind, sein ausgestoßenes Gemälde; ausgestoßen er selbst von dort, wo »alles schöner wird«; sein wühlender, wütender Kopfschmerz; sein zuckend schlagendes Herz – Er wankt weiter von Bild zu Bild. Vor jedem Bilde bleibt er stehen, jedes betrachtet er lange, liest unter jedem stammelnd den Vers des königlichen Dichters von der Villa Malta, der gegenwärtigen »Rosenvilla« in Rom. Der hat auch das Land gekannt, in dem »alles schöner wird«; hat auch das Land geliebt, das Land der Sonne und Anmut: er, König Ludwig der Erste von Bayern. »Alter Herr!« »Ja?« »Sind Sie krank?« »Nein. Gewiß nicht. Danke.« »Sollten Sie nicht lieber nach Hause gehen?« »Nach Hause. Jawohl, nach Hause. Gleich, gleich!« »Darf ich Sie führen?« »Danke, danke.« »Sie sind sehr krank!« »Ich kann ja gehen; kann sehen; kann lesen. Welcher Name steht dort über dem Bilde? ... Rom! Mein Rom! Lesen Sie. Was steht unter meinem Rom geschrieben? Lassen Sie es mich hören; denn ich kann plötzlich nicht mehr sehen ... Lesen Sie, lesen Sie!« Das junge Mädchen, welches den kranken alten Herrn angesprochen hatte, las mit unsicherer Stimme: »Rom.« »Flieh aus den Mauern von Rom, um das alte zu fühlen ....« »Um Rom, das alte, zu fühlen.« Es waren Rudolf Müllers letzte Worte. Ein Auflauf im Hofgarten unter den Arkaden. Was war geschehen? Einen alten Herrn hatte der Schlag getroffen. »Ist er tot?« »Tot.« Tot Rudolf Müller. Niemand jedoch wußte, wer der Tote war. Er führte nichts bei sich, was über seine Person hätte Auskunft geben können; außer einer Geldtasche mit einigen Hundertmarkscheinen nichts. Der Tod des unbekannten alten Herrn wurde in den Münchener Zeitungen veröffentlicht und seine Angehörigen aufgefordert, ihn in der Leichenhalle des betreffenden Stadtteils zu rekognoszieren. Viele kamen: Neugierige, Gleichgültige. Sie betrachteten den unbekannten Toten mit dem Antlitz eines Mannes, der das Leben überwunden hatte, siegreich und lächelnd überwunden. Aber kein Angehöriger meldete sich. So wurde denn der unbekannte alte Herr begraben. Nicht in seinem Rom; nicht auf dem Friedhof bei der Cestiuspyramide, nahe dem Grabe von Goethes Sohn, fand Rudolf Müller seine letzte Ruhestätte, sondern in Deutschlands Erde, in der heiligen Erde seines Vaterlands, welches Deutschlands Heldensöhne mit ihrem Blut und Leben gegen eine Welt von Feinden siegreich verteidigten zu Deutschlands unsterblichem Ruhm. Rudolf Müller würde in dem geweihten Boden in Frieden ruhen. In Frieden – Zwanzigstes Kapitel An wen sollen wir uns halten? An die Regierungen? Was bedeutet ihnen der Jammer eines verratenen Volkes! Es sind fünf Jahrhunderte und mehr, daß sie uns verschachern wie die Händler die armen Neger. Es sind fünf Jahrhunderte und mehr, daß sie in uns nichts andres erblicken, als eine Ware für Verhandlungen und Verträge. Sollen wir uns an die Nationen wenden? Die Nationen stehen auf der Seite der Starken – und wir sind es nicht. Bis heute haben die Nationen kein Gefühl für das Unglück. Vielleicht werden sie uns ein unfruchtbares und kurzes Mitleid schenken. Was nützt das Mitleid? Aber haben sie uns auch nur einen Tropfen Heldenbluts erspart! Hebet nicht das Leichentuch! Können eure Tränen die Leichen wieder beleben?« »Erinnert euch immer, daß man dem Vaterlande nicht nützt mit Schmeichelei oder indem man auf den Lorbeeren der Väter oder auf den Standbildern der Berühmten ausruht: sie hinterließen euch eine, heute leider befleckte Erbschaft, die zu unsrer Verurteilung dient, wenn wir sie nicht zu vergrößern wissen. Erinnert euch, daß dieses Vaterland, welches ihr nur zu oft mit Stolz erwähnt, Sklave der Fremden ist; daß wir, herabgekommen, ängstlich zitternd, ohne Namen, ohne Recht, ohne Ruhm, ohne bürgerliche und politische Existenz umherirren.« »Wir ehren das alte Deutschland, das im Zentrum des Kontinents ein Schlachtfeld für den sozialen Gedanken geschaffen hat. Deutschland, das in seiner Brust eine Fackel entzündet, deren Feuer auf die noch ungebildeten Völker sich verbreiten kann, die es umgeben und die es, gemäß seiner Sendung, erleuchten und befreien muß.« In seiner von Moder durchseuchten Wohnung saß Orazio Petroni und las in einem Werk Giuseppe Mazzinis, dieses großen Patrioten und Menschen. Er las mit halblauter Stimme weiter: »Wer das Volk unter die Waffen rufen will, muß dem Volk stets das Warum sagen können, jeder, der ein Werk der Wiedergeburt unternimmt, muß einen Glauben haben. Hat er diesen Glauben nicht, so unterstützt er nur Wirren, ruft nur Anarchie hervor, der er weder Grenzen noch Heilmittel verschreiben kann. » Oh! Eine Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf italienischer Erde – « Weiter las Orazio Petroni nicht, dieser große Patriot, der Italiens Erde mit dem Blut von Italiens Söhnen hatte rein baden wollen von der »Last seiner Verbrechen und Gemeinheit«. Seine schwesterliche Geliebte hatte ihre Aufgabe erfüllt. Sie hatte ihren jungen Leib hingegeben und als Preis dafür manche Nachricht erlistet, die der großen Sache Italiens dienen konnte: der Mann, der sie ausgesandt hatte, war mit ihr zufrieden. Auch auf ihrer Seele trug sie es schwer, gleich »einer Last von Verbrechen und Gemeinheit«. Was konnte ihre beschmutzte Seele reinigen? Die Liebe des Geliebten? Denn sie liebte ihn, liebte ihn so leidenschaftlich, als liebte sie zum erstenmal. Die Schmach, daß sie sich an jenen Menschen verloren, hatte er indes von ihr nicht genommen. Jener Mensch war nicht der Deutsche, dem sie sich für anderes, für Höheres als für Geld verkauft hatte, sondern es war der Mann, dessen Name Italien in einem Jubelsturm durchbrauste: »Mario Mariano, der Große, Gottbegnadete, selbst Göttliche!« Heute nun sagte Orazio zu ihr: »Nie wirft du dich mit Orangenblüten schmücken; niemals werden wir beide Hochzeit halten.« Sie blieb stumm, dachte: ,Niemals wird er mich reinigen von dem, was nicht nur meinen Leib, sondern auch meine Seele beschmutzt ha.,' Orazio fuhr fort: »Italien wird besiegt werden. Es bedarf nicht einmal der deutschen Barbaren, um es zu besiegen: das von Italien verachtete Österreich genügt, um Italien niederzumachen. Und dieses verachtete Österreich wurde von Italien hinterrücks angefallen, als Italien es bereits halbtot glaubte – Solche Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf Italien! Was ich Italien wünschte, wofür ich mich lebendigen Leibes in Stücke würde reißen lassen, wird sich herrlich erfüllen: Das hinterrücks angefallene halbtote Österreich, welches von Italien den Gnadenstoß empfangen sollte, wird Italien besiegen! Niemals jedoch erfüllt sich das, was nach dem einen kommen muß: niemals wird das von einem nicht nur gehaßten, sondern auch verachteten Feinde schmachvoll zu Boden geworfene und zertretene Italien sich wieder erheben! Dadurch sich erheben, weil es niedergeworfen und zertreten ward ... Du hörst doch?« »Ich höre.« »Erhobenen Hauptes beging Italien den Treubruch, und sein Genius müßte das Haupt senken, niedergebeugt von der Last seiner Verbrechen und seiner Gemeinheit, um sein Antlitz nie wieder zu den Sternen emporzurichten ... Aber du hörst mich nicht.« Sie wiederholte: »Ich höre.« »Was sagte ich?« »Daß ich niemals werde Orangenblüten tragen dürfen; daß ich niemals dein sein werde.« »Niemals. Aber das – Das ist ja ganz gleichgültig.« »Ganz gleichgültig.« »Um Italien handelt es sich, nur um Italien ... Begreifst du nicht? Du, die du zu mir gehörst wie kein andres Wesen auf Erden. Und du begreifst nicht!« »Ich begreife.« »Was?« »Daß ich niemals dein werden soll, da –« »Warum verstummst du? Sprich! Sprich mir nach: Da Italien aus dem Abgrund seines Sturzes und seiner Schmach niemals sich wieder erheben wird ... So sprich doch!« Sie sprach ihm nach: »Da Italien aus dem Abgrund seines Sturzes und seiner Schmach niemals sich wieder erheben wird –« »Selbst dann nicht sich wieder erheben wird, wenn nur das verachtete Österreich Italien besiegt, niederwirft, demütigt.« Auch das sprach sie ihm nach. Orazio rief aus: » Darum Treubruch und Verrat; darum ein Judas; darum von allen Nationen verachtet!« »Also hoffst du nichts mehr?... Für uns beide nichts mehr?« »Für uns? Was schert mich, was mit uns beiden geschieht?« Da sagte sie: »Also hoffst du nichts mehr für Italien?« »Lies, was in diesem Buch über Italien geschrieben steht ... Du sollst lesen!« Sie las: »Eine Last von Verbrechen und Gemeinheit ruht auf italienischer Erde –« »Hörst du?« »Ich höre.« »Lies, wer diese furchtbare Anklage wider Italien erhob, von wem Italien verdammt ward.« »Von Giuseppe Mazzini.« Der Jüngling, der sein Vaterland heilig liebte und dessen wahre Größe wollte, fuhr fort: »Höre noch die Stimme eines andern. Auch sie tönt von den Lippen eines Toten. Aus hundertjähriger Gruft spricht sie zu den Lebenden als Seher und Prophet. Niccolo Macchiavelli ruft seinen Landsleuten zu: »Wartet nur. Es wird eine Zeit kommen, wo die Heerscharen der nordischen Barbaren den Italienern die Augen öffnen werden; dann werden sie die traurige Ohnmacht der Söldner erkennen ... Aber es wird zu spät sein.« Er wiederholte mit wie zur Verwünschung erhobener Hand: » Aber es wird zu spät sein !« Seiner Natur gemäß glaubte Orazio Petroni jetzt ebenso fanatisch nicht mehr an die Möglichkeit einer Wiedergeburt Italiens durch diesen Krieg, wie er ehemals fanatisch an Italiens Erhebung, Größe und zukünftige Herrlichkeit geglaubt hatte. Er aber wollte Italiens Schande nicht überleben. Zusammen mit ihm sollte auch die Geliebte sterben. An dem Tage, da Rom den Besuch des französischen Ministerpräsidenten empfing, wollten die beiden sich im Tode vereinigen. Vermählung wollten sie feiern. Die Februarsonne schien mit Frühlingsglanz auf die Römer herab, die dem französischen Bundesgenossen triumphierenden Einzug bereiteten; auch dieses Mal wieder bestochener Gassenpöbel. Von neuem mußten Millionen verteilt werden; von neuem mußte der Advokat Minardi den Agenten, den Kuppler machen; von neuem wurde in den Herzen der Römer die Flamme der Begeisterung, der Siegeszuversicht, der Glorie Italiens entzündet, klägliches Theaterfeuer. Frühlingssonne und Frühlingswonne über Rom! Niemals hatten auf Tusculum die Veilchen so frühzeitig geblüht; niemals schienen die Lerchen über Roms Campagna ihre Frühlingshymnen so jubelnd gesungen zu haben wie an dem Tage, an dem die beiden ihren Todesweg antraten, »Unser Hochzeitstag bricht an, in dem Scharlach der Kaiserfarbe – der Farbe der Revolution!« Mit diesen Worten begrüßte Orazio den Tag. Silvia hatte die armselige Wohnung gereinigt; hatte Lorbeer und wilde Myrten über den Boden gestreut und Sträuße roter Orchideen vor das Fenster und auf den Tisch gestellt. Jetzt legte sie ihr Festgewand an, nahm einige der glühenden Blumen und steckte sie sich ins Haar. Darauf traten beide zum letztenmal über die Schwelle ihres armseligen Heims. Sie verschlossen es und gaben den Schlüssel einer Nachbarin, einem alten bresthaften Weibe, mit dem sie häufig das Brot ihrer Armut geteilt hatten, sagten zu der Greisin: »Heute halten wir Hochzeit!« »In welcher Kirche?« »Unter Gottes ewigem Himmelsdom.« »Ohne Priester?« »Mit der Gottheit.« »Ihr armen Verlorenen! Ihr für alle Ewigkeit Verlorenen!« »Legt Eure Hand auf unsere für die Ewigkeit vereinigten Hände. Es wird für uns eine Mutterhand, also ein Segen sein.« »Gesegnet möget ihr sein!« So wurden denn auch sie getraut. Sie gingen. In andrer Richtung schlugen sie den nämlichen Weg ein, den sie in jener stürmischen Winternacht zuerst miteinander gegangen waren. Sie gingen die Flaminische Straße; gingen durch das Tor des Volkes; gingen den Korso hinauf, vorüber an dem Hause, in dem der große deutsche Dichter gewohnt hatte, ein Mann aus dem Lande jener Barbaren, denen Italien gleichfalls die Treue gebrochen. Sie gingen weiter durch das erwachende Leben der großen Stadt, wo die Scharen der Bezahlten sich bereits zusammenrotteten; gingen vorüber an Café Aragno, wo Italiens Politik, Italiens Zukunft und Schicksal geschmiedet wurde; gingen vorüber an Piazza Colonna, auf deren Säule der Apostel seit dem letzten Erdbeben in den Abruzzen sein Haupt vom Monte Cittorio, dem Palast der Regierung, darin Italiens Untergang beschlossen ward, abgewendet hatte; gingen zum Venezianischen Platz, erstiegen den Marmorberg des Monuments König Viktor Emanuels bis zur höchsten Terrasse; warfen einen letzten langen Blick auf das ihnen zu Füßen liegende Rom; hörten den Jubel der Römer, der die eintriumphierenden Franzosen umbrauste, und Orazio Petroni sprach als Abschiedsgruß an Italien Dantes gewaltige Strophen aus dem sechsten Kreise seines »Fegefeuers«, an Italien gerichtet: »Sklavin Italia, alles Leids Kastell, Schiff ohne Steuermann im Wirbelwinde, Nicht der Provinzen Herrin, nein, Bordell! Du bietest den Lebendigen überall Nur Krieg, und schon zernagen sich die Leute, Die doch umhegt ein Graben und ein Wall! Unsel'ge, such an deinen Küsten heute Und schau in deine Brust, ob ringsumher Ein Ort ist, der sich Friedens noch erfreute –« Sie umschlangen sich, hielten sich fest Brust an Brust, warfen sich hinab. Ihr vermähltes Blut rötete die von der Frühlingssonne verklärte, goldig strahlende Bildsäule des Herrschers, der Italien zwar hatte einigen, aber nicht hatte groß machen können. Nicht einmal Italien hatte bewahren können vor Verrat und Schande.   Ende. Am 23. Mai 1916, dem Tage der großen Nationalfeier, an dem Italien den ersten Jahrestag seines Verrats festlich beging.