Hans Jäger Kristiania Bohême Aus dem Norwegischen Mögen die feinen und braven Leute über Niedrigkeit der Gesinnung, Schlechtigkeit, Unanständigkeit und Obszönität schreien, so viel sie wollen; das ficht mich nicht an. Hans Jäger I. Ich war krank. In dem kleinen, länglichen Schlafzimmer mit seinen dunkelfarbigen Möbeln, Wänden und Vorhängen herrschte mattes, dämmerndes Zwielicht. Halb aufgerichtet, von Kissen unterstützt, lag ich im Bette und las beim Scheine der am Kopfende des Bettes stehenden Studierlampe Turgenjew. Es klopfte. Ich hob die Augen und sah nach der Tür, während ich das Buch auf die rote Wolldecke hinabsinken ließ, und es trat ein Kadett herein, ein stattlicher Bursche, den Militärmantel lose um die Schultern geworfen. Er nahm die Mütze ab und zeigte einen prächtigen, kleinen Augustuskopf mit rotblondem Haar, dessen Locken in die Stirne fielen, und seinen, bleichen Gesichtszügen. »Ach, du bist's,« sagte ich überrascht. »Guten Tag!« Es war mein alter Freund Jarmann, den ich beinahe ein Jahr lang nicht gesprochen hatte. »Ja, ich bin's« sagte er, legte Mantel und Mütze ab und kam in die Mitte des Zimmers. Dort blieb er, die Hände in den Taschen, stehen und betrachtete mich, ganz gerührt, freundlich mit den kreideweißen Zähnen in dem frischen, roten Munde lächelnd. »Armer Junge!« sagte er endlich. »Wie geht es dir denn?« »Danke, jetzt geht es besser. Turgenjew ist unterhaltende Lektüre, und ich habe tagsüber auch genug Besuch.« »Besuch?« Die kleinen hellen Augen begannen zu blitzen. »Hast du Damenbesuch gehabt – Freundinnen?« »Nein das gibt es bei mir nicht mehr. Das war in alten Tagen. Jetzt find' ich die Weiber, die man auf der Straße trifft, zu langweilig; ich habe an ihnen genug, wenn ich sie einmal mit nach Hause genommen habe.« »Ja, darin hast du, im Grunde genommen, recht,« sagte er, und die frischen, roten Lippen verzogen sich in dem bleichen Gesicht zu einem müden Lächeln. Besonders amüsant sind sie gerade nicht. Aber Herrgott!« »Nein,« sagte ich. »Soll ich künftighin solche Bekanntschaften längere Zeit unterhalten können, dann müssen es schon gebildete Weiber sein, nicht diese langweiligen Straßenmädchen.« Jarmann betrachtete mich einen Augenblick mit pfiffigem Lächeln, lehnte sich dann müde gegen die Kante der Wohnzimmertüre, die nach dem Schlafzimmer zu offen stand, spreizte die Beine weit auseinander und wiegte sich langsam mit der schwingenden Türe hin und her, während er nachdenklich auf den Fußboden starrte. Dann hob er aber plötzlich den Kopf, warf verstohlen einen Blick auf mich und sagte: »Du, ich habe Fräulein Petersen geküßt.« Fräulein Petersen war ein junges Mädchen, das bei derselben Wirtin wohnte wie meine beiden Brüder Hjalmar und Henrik, mit denen Jarmann täglich verkehrte. »So, so. Hast du sie geküßt? Wie ging denn das zu?« »Ja, siehst du,« – und während er es erzählte, fuhr er fort, sich langsam mit der schwingenden Türe hin und her zu wiegen – »ich war am letzten Sonntag dort, und wir saßen bei einem Glase Grog um die Lampe, die Hausfrau, Fräulein Petersen, Fräulein Johannesen, Hjalmar, Henrik und ich. Die Hausfrau und Fräulein Johannesen hatten sich zusammen ein Glas gebraut, ein dünnes Gemisch. Fräulein Petersen hatte ihr eigenes Glas mit gewöhnlichem, starken Grog. Wie wir nun dasitzen und uns unterhalten – wir hatten vielleicht ein- oder zweimal am Glase genippt – da sagte Fräulein Petersen plötzlich: »Nein, nun will ich aber trinken!« Und damit gießt sie in einem Zuge den ganzen Grog hinunter. Bald darauf zeigte sich die Wirkung, sie wurde glühendrot im Gesichte, und als sie das merkte, sprang sie auf, setzte sich ans Klavier und fing an, wie verrückt auf die Tasten einzuhauen; sie kann ja nicht spielen. Da trat ich denn hinter sie, nahm – die Arme fest auf ihre Schultern gelegt – die Noten vom Klavier, hielt sie ihr vors Gesicht, sagte lachend: »Können Sie nicht das hier spielen, Fräulein?« und legte gleichzeitig zärtlich meine Wange an die ihre. Sie fuhr zusammen, als sie meine warme Wange an der ihren fühlte, stand aber nicht auf und zog den Kopf nicht weg. »Können Sie nicht das hier spielen?« lachte ich wieder und drückte meine Wange fester an die ihre. Da wandte sie den Kopf und sah mich verwundert an. Ich ließ mich aber nicht verblüffen. Kaum hatte sie mir ihr Gesicht zugekehrt, da küßte ich sie auch ohne weiteres gerade auf den Mund. Übrigens ganz lautlos; die Wirtin und Fräulein Johannesen saßen ja da, den Rücken zwar dem Klavier zugekehrt, aber doch nur zwei Schritte entfernt. Hjalmar und Henrik sahen alles und saßen die ganze Zeit wie auf Kohlen, aus Angst, die Wirtin könnte sich umkehren.« »Na, die Wirtin merkte also nichts?« »Nein. Fräulein Petersen aber fuhr auf und lief ins Nebenzimmer, und ich blieb allein stehen. Du, Henrik, sagte ich dann, ich werde mir in deinem Zimmer eine Pfeife stopfen. – Bitte, sagte die Wirtin, dort drinnen steht Tabak – und sie wies auf das Zimmer, in dem Fräulein Petersen war. Das wollte ich ja gerade, und ich ging also hinein. Sie saß mitten in dem finsteren Zimmer im Schaukelstuhle. Das Lampenlicht aus dem Nebenzimmer, wo die anderen saßen, fiel durch die Türöffnung auf den Fußboden, auf ihre Beine und den Rock; ihr Oberkörper aber, den sie zurückgelehnt hatte, lag im Dunkeln. Ich trat hinter sie und begann sie langsam hin und her zu schaukeln, und so oft ihr Kopf nach hinten kam, küßte ich sie jedesmal auf den Mund, auf die Stirn, auf die Augen, die Wangen – wie es sich gerade traf. Und sie ließ es ganz ruhig geschehen, lag nur zurückgelehnt da und nahm die Küsse entgegen, die Arme unter dem Kopfe verschränkt – so!« (Er illustrierte die Stellung durch eine Geste.) »Also nicht um deinen Kopf geschlungen?« »Nein, leider nicht.« »Na, das kann noch kommen – denn du hast doch die Absicht, weiter zu gehen, nicht wahr?« »Natürlich. Wenn sich nur eine Gelegenheit dazu bietet ... Ich habe ihr schon alles Notwendige erklärt.« »Ach so – und wann hast du das getan?« fragte ich und mußte über dieses »alles Notwendige« lächeln. »Wir gingen kürzlich den Drammensvej entlang miteinander spazieren, sie und ich – Hjalmar ging in einiger Entfernung hinter uns mit Fräulein Johannesen. Wir hatten schon allerhand besprochen, und ich hatte ihr alles erklärt: daß es nicht darauf ankommt, was man tut, sondern darauf, ob man das, was man tut, aus freiem Willen tut oder nicht. Und das sollte ich nun an einem Beispiele klar machen. »Wenn nun zum Beispiel Sie und ich zusammen lebten,« fing ich an. Da unterbrach sie mich freilich und sagte: »Nein, nun geh' ich nicht weiter mit.« – »Aber, liebes Fräulein,« sagte ich, »können Sie denn nicht verstehen, weshalb ich das alles mit Ihnen besprochen habe?« – »Nein!« und sie sah mir, ganz verwundert über meine Frechheit, ins Gesicht; sie glaubte gewiß, ich wollte sagen, ich hätte mit ihr nur gesprochen, um mit ihr ein Verhältnis anfangen zu dürfen. »Können Sie denn das nicht verstehen?« fuhr ich fort; »wie Sie sich denken können, habe ich meiner Zeit mit einer ganzen Reihe von Frauen Verkehr gehabt und geniere mich auch nicht, daß jedermann einzugestehen. Und jetzt möchte ich, daß sie dasselbe täten; ich möchte, daß Sie mit den Herren Ihrer Bekanntschaft verkehrten, die Ihnen gefallen, und sich nicht genierten, das jedermann einzugestehen.« Jarmann erzählte das, als wäre es das natürlichste Ding von der Weit, während er dort, an die Türkante gelehnt, sich hin und her wiegte. Ich konnte ein Lächeln über die Art und Weise, wie er die freie Liebe auffaßte, nicht unterdrücken, sagte aber kein Wort. Er glaubte, ich lächelte über seine Antwort, und fuhr in seiner Erzählung fort. »Nein,« sagte sie, »jetzt geh' ich keinen Schritt weiter mit,« und blieb wieder stehen. – »Na,« antwortete ich, »jetzt Hab' ich ja gesagt, was ich sagen wollte, und nun können Sie es ruhig unterlassen, weiter zu gehen.« Darauf ging sie natürlich doch weiter mit. – »Und Sie müssen doch einräumen,« begann ich von neuem. Sie unterbrach mich sofort: »Nein, fangen Sie schon wieder an?« und blieb zum dritten Male stehen. – »Nein,« sagte ich, »ich wollte nur sagen, daß auch vom Standpunkte der Schönheit ein solches Verhältnis nicht verwerflich wäre. So wie die Dinge jetzt liegen, haftet ja freilich solchen Verhältnissen etwas Unschönes an, da wir Herren zu gewöhnlichen, ungebildeten Mädchen unsere Zuflucht nehmen müssen, mit denen wir nicht gleichzeitig geistige Beziehungen unterhalten können. Aber nicht wahr? Das Verhältnis dürfte weit schöner und edler werden, wenn es zwischen einem gebildeten Manne und einem gebildeten Weibe gestiftet würde!« Mehr war mir nicht möglich zu sagen; denn Hjalmar und Fräulein Johannesen hatten uns eingeholt, und wir kehrten nun alle vier zusammen wieder um.« Jarmann blieb, auch nachdem er seine Erzählung beendet hatte, an der Türe stehen und fuhr fort, mich zu betrachten. »Geschah das, bevor oder nachdem du sie geküßt hattest?« fragte ich. »Vorher.« »Na, dann bist du schon ein gutes Stück vorwärts gekommen.« »Ja, wie gesagt, es kommt nur noch auf eine Gelegenheit an.« Es entstand eine Pause. »Aber lieber Freund!« sagte ich dann, »ich hab' ja ganz vergessen, dir eine Zigarre anzubieten – willst du nicht rauchen?« »Nein, danke. Ich werde gleich wieder gehen. – Geht deine Uhr richtig?« »Ja. Aber es ist ja schon über acht.« »Ach, das tut nichts,« sagte er schlaff. »Aber kommt denn um acht nicht die Revision?« »Kann sein; es ist aber nicht sicher, daß sie kommt. Übrigens ist es wohl das beste, wenn ich gehe.« Er warf den Mantel über die Schultern und setzte die Mütze auf. Währenddem sah ich ihn an. Das Lampenlicht fiel von unten auf sein Gesicht, so daß das Mützenschild über Stirn und Augen keinen Schatten warf. »Wie schlapp du aussiehst!« sagte ich. »Wirklich?« fragte er, und seine Frage klang ängstlich interessiert. »Ja, besonders jetzt, wo du die Mütze auf hast; wenn du sie absetzt, wirkt das Stirnhaar als Schatten.« Er nahm die Mütze wieder ab und sah mich fragend an. »Übrigens siehst du doch auch jetzt verflucht schlapp aus.« »Ja, ich bin auch schlapp,« sagte er müde. »Was fehlt dir denn? Bist du erkältet? Wie ich höre, bist du etwas heiser.« »Nein, das ist es nicht« – er blieb stehen und starrte mich weiter an. »Verkehrst du vielleicht zu viel mit Weibern?« fragte ich dann. »Vielleicht, aber das ist es auch nicht.« »Was ist es denn aber dann?« Er antwortete nicht sogleich, blickte erst eine Weile finster zu Boden, richtete aber dann die Augen auf mich und sagte traurig, fast weinend: »Ich bin nicht mehr derselbe schneidige Kerl wie früher. Mit mir ist es vorbei.« Ich betrachtete ihn eine Zeitlang. »Ach!« sagte er dann und fuhr sich mit beiden Händen an den Hinterkopf, so daß die Mütze, die er wieder aufgesetzt hatte, beinahe heruntergefallen wäre –: »ach! zu wissen, daß ich niemals dazu kommen werde, zu arbeiten, niemals dazu kommen werde, etwas auszurichten, niemals etwas werde.« Seine Augen waren feucht, die Lippen bewegten sich krampfhaft. Ich lächelte. Kürzlich waren die »Gespenster« gegeben worden. Und er hatte doch keine Paralyse. Er sah zu Boden, fühlte aber, daß ich lächelte. »Du weißt freilich nicht, wie das ist,« sagte er. »Ich aber ... ich habe niemals arbeiten können und werde auch niemals dazu kommen, es zu tun ...« »Das kannst du doch nicht wissen. Könntest du es nicht damit versuchen, deine Kraft zu schonen?« »Nein, das geht nicht,« sagte er schlapp und hüllte sich in seinen Mantel, als ob er fröre; »ich habe das schon so viele Male versucht.« »Ach was! Du hast es ein einziges Mal versucht, damals, als du Jura studieren wolltest.« »Nun ja, da hab' ich aber vielmals versucht, zu studieren.« Ich lachte. »Herrgott, wenn man ein solches Minimum von Energie hat wie du, dann geht es auch nicht an, es mit dem Allerlangweiligsten von der Welt zu versuchen. Das war ja das Dümmste, was du machen konntest.« »Aber sag' mir doch etwas, womit anzufangen mir nützen kann?« »Das ist nicht so leicht zu sagen. Zunächst aber wirst du, wie gesagt, damit anfangen müssen, vernünftiger zu leben, und dann mußt du zusehen, ob du nicht etwas finden kannst, was dir Vergnügen macht.« Er lachte, als hätte ich etwas Absonderliches gesagt. »Etwas, was mir Vergnügen macht!« wiederholte er. »Jawohl, etwas, was Vergnügen macht! Jawohl! Etwas Langweiliges nützt nichts.« »Ich kann ja aber nichts finden, was Vergnügen macht.« Er ging schlapp zur Tür und legte die Hand auf die Klinke. »Das kannst du doch nicht wissen. Sieh zum Beispiel mich an. In den letzten fünf, sechs Monaten habe ich nicht das Geringste geschafft – wenigstens nichts anderes, als was ich arbeiten mußte; aber dazu bedarf es ja keiner Energie. Ich habe einfach nichts finden können, was zu leisten mir Vergnügen gemacht hätte. Ich bin diese ganze Zeit her geistig tot gewesen. Das Gefühl habe ich aber, daß ich doch noch einmal wieder aufleben werde: ich werde wieder irgend etwas finden.« Er war wieder von der Tür zurückgetreten, stand nun mitten im Zimmer und sah mich an. »Ihr anderen habt eben bessere Gaben als ich,« sagte er traurig. »Ach, Unsinn! Das weißt weder du noch ich. Du hast ja niemals deine Gaben auf die Probe gestellt. Alle deine Energie hast du an Weiber verschwendet. Wie gesagt, versuche nur, dem bißchen Energie, das du hast, ein anderes Ziel zu geben.« »Nein, ich werde doch nichts ausfindig machen können,« sagte er matt und ging wieder zur Tür ... »Ach, zu wissen, daß man niemals dazu kommen wird, zu arbeiten.« Seine Augen wurden wieder groß und feucht, wieder schlich der krampfhafte Zug um den Mund; er bezwang sich aber und fuhr ruhig fort: »Und wenn ich nun in einem halben Jahre die Kriegsschule absolviert habe und Reserveleutnant geworden bin – was in aller Welt soll ich dann anfangen?« »Kraft aufsparen und eine Arbeit finden!« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht, es ist mir nicht möglich.« »Aber versuch´s doch wenigstens, zum Teufel!« »Nützt nichts,« sagte er matt. Nach einer Weile sagte er ganz ernsthaft. »Du, ich habe daran gedacht, ob man sich nicht mittels Verkehrs mit Weibern umbringen kann.« Ich mußte lachen. »Nein, das geht wirklich nicht,« sagte ich. »Dazu gehörte viel. Und das hört von selber auf, bevor es genug wird. Seine Gesundheit kann man freilich allemal auf diese Weise zugrunde richten, wenn man recht ausdauernd ist, man kann vielleicht auch davon Idiot werden. Aber daran sterben – nein, wenigstens nicht in deinem Alter.« Er schüttelte matt den Kopf. »Ja, Gott mag wissen, wie's gehen wird.« Eine Zeitlang blieb er noch an der Türe stehen und sah zu Boden. Dann warf er einen Blick auf die Uhr und sagte müde: »Nein, nun muß ich doch nach Hause gehen. Adieu.« »Such etwas, was dir Vergnügen macht!« rief ich ihm nach, als er wegging. Er lachte mutlos, schloß die Türe und verschwand. Ich lag wieder allein in dem matt erleuchteten Zimmer. Mir war unbehaglich zumute. Ich versuchte im Turgenjew weiter zu lesen. Es gelang mir aber nicht, ich mußte immer wieder an Jarmann denken. Ich sah ihn noch vor Mir stehen: groß und schlank, sich nervös in den Mantel hüllend, als ob er fröre, den Kopf niedergebeugt, zu Boden starrend. Wie hoffnungslos das bleiche, traurige Gesicht aussah mit den schlaffen Zügen um den Mund – zum Sterben hoffnungslos. So jung und schon fertig! – Wie war das gekommen? Wie? ... Ich blieb liegen und dachte die ganze liebe Nacht darüber nach, bis das bleiche Licht des aufdämmernden Tages sich mit dem gelben der Lampe zu einem graugelben kalten Nebel zu vermischen begann. II. Es war an einem Nachmittag im März. Im Herbst zuvor war Jarmann als ein fleißiger, braver und christlich gesinnter Junge von 15 Jahren nach Christiania gekommen, um hier die Lateinschule zu besuchen und später Theologie zu studieren. Jarmann hatte gerade zu Mittag gegessen und seinen Kaffee getrunken. Nun saß er in seinem kleinen Zimmer, das auf den Hof hinausging, am Tisch vor dem Fenster und las eifrig in Holger Drachmanns »Östlich von der Sonne und westlich vom Mond«. Plötzlich unterbrach er die Lektüre und las die letzten Verse noch einmal: Nichts ist Leben, was im Leben nicht fehlte: Die Dirne hat ihren Sonnenschein, doch du nur ein Schloß! Das war schön ausgedrückt! Er lehnte sich in dem Stuhle zurück, steckte beide Hände in die Hosentasche, streckte die Beine weit unter den Tisch und starrte mit zusammengekniffenen Augen auf den holprigen, schlecht gepflasterten Hofplatz und den häßlichen Hinterhof. Du nur ein Schloß!? ... Er schüttelte den Kopf. Nein, das war kein Schloß. Dann stand er auf und ging mehrmals mit gesenktem Haupte im Zimmer auf und ab, gerade vor sich hinstarrend. Nein, er hatte weder ein Schloß! weit gefehlt! noch Sonnenschein! noch irgend, irgendetwas auf der Welt! ... Eine Zeitlang ging er in dem engen Zimmer auf und ab, dann aber blieb er plötzlich mitten darin stehen und sah sich um. Er maß mit den Augen die Entfernung zwischen dem Bette dort an der rechten und dem Sofa an der linken Wand –: Ein Schloß?! – he! Und er fiel auf das eine Knie nieder und versuchte, die Entfernung zwischen Sofa und Bett mit den Armen zu messen. Es fehlte nicht viel daran und es wäre ihm gelungen. Er stand wieder auf und blieb einen Augenblick mit ausgestreckten Armen stehen –: Ein Schloß! – Er lachte bitter und ließ schlaff die Hände sinken. – Wer noch ein Schloß hätte ... und in hoher Vornehmheit auf alle Freuden des Lebens verzichten könnte! ... War es denn aber so ganz unmöglich, sich nur einigermaßen glücklich zu fühlen, wenn man nicht fehlte, nicht sündigte?! Nein, das konnte, das durfte nicht unmöglich sein. Was wollte er denn dann aber haben?! O, er wollte sich mit wenigem begnügen. Hätte er nur ein größeres, geräumigeres Zimmer! auch keine Schule. Das aber gehörte dazu! Ach, dieses ekelhafte kleine Zimmer mit seinen altmodischen, mit hellgelblichen Figuren bedruckten weißen Tapeten. Da hatte man ihn ja in eine Schachtel gesteckt, und darin mußte er leben wie in einem Gefängnis und fühlte sich von Tag zu Tag geringer. Ach Gott, wie klein und elend er sich hier vorkam. Am frühen Morgen fing es an, wenn er bei Tagesgrauen im Bette lag, nachdem das Mädchen dagewesen war und ihn geweckt hatte. Halb wach lag er dann da und dachte nur an das eine, daß er nun wieder in die Schule gehen mußte und daß er wieder in den Aufgaben überhört werden sollte, die er niemals konnte, weil er sie niemals gelernt hatte, da sie immer so langweilig waren – ach, so langweilig! Und am Abend hörte es auf, wenn er wieder in demselben Bette lag und kläglich bereute, daß er auch heute nichts studiert hatte. Dann gelobte er sich hoch und heilig, er werde morgen seine Pflicht erfüllen. Und er bat Gott, er möge ihm dazu verhelfen. Aber er wußte genau, daß er trotzdem nicht dazu kommen würde ... O, diese Morgen und diese Abende! Und diese Vormittage in der Schule, und diese Nachmittage daheim; wo er nur auf dem Sofa lag und an liederliches Zeug dachte, anstatt etwas zu schaffen! ... Er fiel vor dem Sofa nieder, stützte die Ellbogen auf seine Knie und verbarg das Gesicht in den Händen: Ach diese Sinnlichkeit, diese überhandnehmende Sinnlichkeit! – die war es ja im Grunde genommen, die ihn so elend machte! Sie war es ja, die ihn immer am Arbeiten hinderte. Nahm er ein Buch und begann zu lesen, dann konnte er ja gar nicht an das denken, was er las, vor diesen nackten Weibergestalten, die zwischen den Zeilen tanzten, bis er das Buch vergaß und die Linien und nur noch die Weiber sah. – Ja, die Sinnlichkeit war es, die ihn daran verhinderte, seine Pflicht zu tun, sie erfüllte ihn mit der verzehrenden Sehnsucht, die ihn nicht Rast noch Ruhe finden ließ ... Was in aller Welt sollte er aber tun? Er hatte ja alles versucht, was in seiner Macht stand, um es zu überwinden. Er hatte sich von seinen Kameraden zurückgezogen. Sie hatten angefangen, zu viel und zu frech über diese Dinge zu sprechen. Einer von ihnen hatte gar erzählt, er hätte es getan ... und gesagt, er wolle damit fortfahren: es wäre zu herrlich, als daß er wieder aufhören möchte. Und die anderen waren mehr oder weniger darin einig gewesen und hatten ihn ausgelacht, als er erklärt hatte, sie führten freche Reden. Und dann hatte er gemerkt, daß so etwas ansteckend war, und hatte sich vor sich selber gefürchtet und sich von ihnen zurückgezogen. Das hatte aber nichts geholfen. Es war nur schlimmer geworden. Denn jetzt, wo er keinen Verkehr mehr hatte, dachte er den lieben langen Tag überhaupt an nichts anderes. Er konnte tun, was er wollte – es kam ihm nicht mehr aus dem Sinn. Früher hatten ihn doch noch andere Dinge beschäftigt, er war doch nicht ganz in dem einen aufgegangen – aber jetzt? ... Ach, es war ihm früher viel besser gegangen. Er nahm die Hände vom Gesicht, hob den Kopf und sah traurig über den Tisch, auf dem zu beiden Seiten des Schreibzeugs Björnsons und Ibsens Büsten aufgestellt waren. Wie sehr hatte er zum Beispiel nicht diese beiden geliebt! Wie manche frohe, festliche Stunde hatten sie ihm nicht verschafft – Stunden voll reiner, edler Begeisterung, in denen alles Unreine seinem Denken fern stand! Er entsann sich wohl, was für herrliche Tage das gewesen waren. Björnsons, Ibsens und Drachmanns Gedichte hatten beständig auf dem Tisch gelegen, und stundenlang hatte er im Zimmer auf und ab gehen können und mit glühender Begeisterung die Verse dieser Dichter laut deklamiert – und was waren das für Stunden gewesen! Und bekam er das dann satt und kam zufälligerweise niemand zu ihm, dann hatte er kreuzfideler Laune irgendeinen anderen Kameraden aufgesucht – am liebsten einen, der ebenso faul war wie er und ebensoviel übrige Zeit hatte –, und dann hatte er sich dort aufs Sofa geworfen, um Tabak zu rauchen und Bier zu trinken und über alles mögliche zu plaudern ... Am liebsten übrigens über Weiber ... ja, im Grunde genommen, hatten sie nicht von vielem anderen gesprochen; aber sie hatten davon gesprochen, nicht als von etwas Begehrenswertem, sondern als von einer Versuchung, der man widerstehen sollte, leider aber nicht immer widerstand. Ja, das waren gemütliche, unterhaltende und belehrende Abende gewesen ... Aber jetzt?! – ach, da lag und träumte er den ganzen Nachmittag über auf dem Sofa, von sinnlicher Begierde verzehrt ... und dazu immer Gewissensbisse, daß er nichts arbeitete und diese häßlichen Gedanken nicht los werden konnte. Übrigens ... Gewissensbisse? – nein, die hatte er eigentlich nicht. Wären es doch nur wirkliche Gewissensbisse gewesen! Gewissensqualen! wie er sie jeden Abend hatte, wenn er wieder einmal nach einem verbummelten Tage im Bette lag, an die versäumten Pflichten dachte, an Gott und an seine armen, lieben Eltern, von denen er in die Stadt geschickt worden war, um etwas zu lernen, und die er schändlich betrog, indem er sie so das teure Geld zum Fenster hinauswerfen ließ! – Wären es nur solche Gewissensbisse gewesen! Denn die nahmen doch von ihm Besitz, hielten, so lange sie dauerten, die häßlichen, unreinen Gedanken fern, erfüllten ihn mit Reue und Zerknirschung und ließen ihn gute Vorsätze fassen. Hätte er diese Gewissensbisse den ganzen Tag über gehabt – vielleicht wäre er da gerettet worden. Aber die Gewissensbisse wurden nur am Abend zu wirklichen Qualen; am Tage war das Gewissen nur halbwach, das Bewußtsein, seine Pflicht versäumt zu haben, lastete nur wie ein dunkles, unbehagliches Gefühl auf ihm, das er nicht eigentlich auf etwas Bestimmtes bezog, und das nicht von ihm Besitz nahm und nicht die geilen Gedanken vertrieb, ihn nicht mit Reue und Zerknirschung erfüllte und keine guten Vorsätze reifen ließ, sondern ihn nur quälte, den lieben langen Tag langsam marterte, ihm alles, selbst das Geringste, verdarb und ihn nur noch unfähiger zur Arbeit machte.. O, diese widerliche, erschlaffende Marter ! Und die sollte anhalten Tag für Tag, vielleicht Jahr für Jahr. Und dabei ward es schlimmer von Tag zu Tag – nein, er hielt es nicht mehr aus. Wieder stützte er die Ellenbogen auf die Knie und verbarg das Gesicht in den Händen. Dann fuhr er aber plötzlich zusammen, hob den Kopf und sah wie geistesabwesend ins Leere. – Er mußte sich Reue und Zerknirschung verschaffen ... ordentliche Gewissensqualen, die ihn den ganzen Tag über beschäftigen, die geilen Gedanken vertreiben, ihn mit Reue und Zerknirschung erfüllen konnten. – Ja, das war das einzige, was ihn vielleicht retten konnte. Die Hände auf den Knien, saß er da und starrte ins Leere; angsterfüllt hörte er die Schläge seines Herzens, während er den Entschluß in seinem Innern reifen fühlte. Einen Augenblick dachte er daran, den Entschluß zurückzudrängen, dann aber fuhr er mit einem Male auf und raste im Zimmer hin und her: Nein! Die Sünde, die Sünde, und die Dirne und den Sonnenschein! ... hinaus, nur hinaus aus dieser drückenden, schwülen Atmosphäre, in der er zu ersticken drohte! ... Donner und Blitz ! – und dann frische, gereinigte Luft, in der man atmen konnte! ... Fall und Erhebung! ... Ja, die Sünde, den Sonnenschein, die Dirne! Dann sank er wieder aufs Sofa, blieb, eine Hand auf jedes seiner Knie gestützt, sitzen und starrte zu Boden. Das Blut sauste ihm in wilder Hast durch die Adern, er hörte nicht mehr ängstlich sein Herz klopfen, seine Phantasie hatte Fieber. – ... Die Dirne! ... die Dirne! – er sah sie vor sich, das große, dralle Mädchen von gestern Abend. Ruhig wanderte sie mit einem Manne die Hauptstraße entlang. In der Nähe des Parkes, wo es fast menschenleer war, gingen sie fest aneinander gepreßt; sie lehnte ihren Kopf an seine Schultern und sah mit großen, zärtlichen Augen zu ihm auf, – und er küßte sie wild und preßte die Hand, die er unter das aufgeknöpfte Leibchen gesteckt hatte, leidenschaftlich gegen ihre nackte Brust ... Er sah das alles ganz deutlich. Er stand auf dem Rasen hinter dem Busch, an dem sie vorüber kamen, als sie sich küßten; ihre Gesichter waren nicht mehr als eine oder zwei Ellen von dem seinen entfernt. Er stürzte hervor und entriß sie ihm –: sie war ja die Dirne, und er mußte ja sie haben ... Er riß das aufgeknöpfte Leibchen weg ... strotzend, fest wölbten sich die Brüste, blendend weiß ... Das war aber noch nicht genug. Noch mehr weg! – und er riß ihr die Kleider vom Leibe, eines nach dem andern, während das Blut in seinen Adern siedete und ihm in den Ohren sauste. Bis sie dann in nackter, unnahbarer Majestät vor ihm lag ... Dann wälzte er sich mit einem förmlichen Brüllen auf dem Sofa zurück, rollte sich zu einem Klumpen zusammen und stieß einen heiseren, röchelnden Schrei aus. So blieb er eine Weile in dem halbdunklen Raume liegen und wand sich in unleidlicher Brunst. Plötzlich fuhr er zusammen, sprang wieder empor und sah auf die Uhr. Du großer Gott, erst wenige Minuten nach fünf! Nervös lief er in dem engen Raume auf und ab. Was sollte er nun anfangen, um die Zeit bis spät Abend totzuschlagen! Denn eher wagte er doch nicht, dorthin zu gehen. Ach, es war ja nicht auszuhalten ... Wieder setzte er sich an den Tisch und versuchte Drachmann weiterzulesen. Nein, es ging nicht. Er holte Ibsens und Björnsons Gedichte und las darin ... Nein, es war ihm nicht möglich, seine Gedanken zu sammeln. Endlich stand er auf, ging einige Male durchs Zimmer und überlegte, was in aller Welt er nur anfangen sollte. – Ja, das war's! – und er knipste mit den Fingern – er wollte einen Spaziergang machen, einen langen Spaziergang, und erst nachts zurückkommen! Eben wollte er auf den Vorsaal gehen, um den Mantel zu holen, als es klopfte. Ach so! ... Er wußte, wer es war ... natürlich dieser Henschen, an sich ein braver Bursche, der einzige Kamerad, der ihm geblieben war, weil er ernst war und nicht leichtfertig wie die anderen; aber weshalb in aller Welt mußte er gerade jetzt kommen! – Und verlegen setzte er sich wieder an den Tisch und tat, als ob er läse. Henschen kam still herein, wie gewöhnlich, setzte sich und legte ein Buch auf den Tisch –: »Hast du das gelesen?« Jarmann las auf dem Titelblatt: Eine Soirée dansante (von Gunnar Heiberg). – »Nein,« sagte er, während er in dem Buche blätterte und sah, daß es Verse waren. »Das mußt du lesen!« »So?« »Ja. Die Unsittlichkeit, die in der letzten Zeit die Literatur der großen Kulturländer verseucht hat, fängt nun auch an, bei uns einzudringen. Dieses Buch legt davon Zeugnis ab. Es muß etwas dagegen getan werden!« »Ist es gut?« fragte Jarmann. »Es ist viel Schönes darin; aber es ist alles unsittlich.« Jarmann kniff die Augen zusammen und starrte durch das Fenster auf die altmodischen kleinen Fenster des Hinterhauses; dann wandte er sich plötzlich zu Henschen um und sagte: »Es ist doch merkwürdig, wie schön das Unsittliche gemacht werden kann!« »Ja, leider.« »Nimm zum Beispiel das hier: – er zeigte auf die Verse in Drachmanns Buch und las: Nichts ist Leben, was im Leben nicht fehlte: Die Dirne hat ihren Sonnenschein, doch du nur ein Schloß! – ist das nicht schön?« Henschen fand nicht, daß das gerade so schön wäre. Jarmann stutzte und warf einen forschenden Blick auf das Gesicht des Burschen. Es war ganz ruhig; nicht im geringsten begeistert, saß Henschen da und blickte weiter in das Buch hinein. Jarmann warf ihm einen eigentümlich bösen, förmlich giftigen Blick zu, voller Verachtung und Mitleid, mit Mißgunst und Haß gepaart. Es kochte in ihm: er kapierte also nicht, daß das schön war, er fühlte also nichts bei diesen Zeilen, die ihn so sehr ergriffen hatten – fühlte also gar nicht wie er! – Natürlich nicht ... daß er das nur nicht früher schon bemerkt hatte! Dieser ernste, brave, fleißige Junge, der in der Schule immer seine Aufgaben konnte und beständig alle Unsittlichkeit so absolut verurteilte – es war ja sonnenklar: er hatte selber niemals das Bedürfnis gefühlt, etwas Törichtes zu tun, und konnte es daher auch bei anderen nicht verstehen ... Und er starrte in einemfort in dieses ruhige, ernste, aber, wie es ihm jetzt schien, so geistlos vertrocknete Gesicht, und das Mitleid und die Verachtung, die Mißgunst und der Haß taten sich in ihm zu dem einzigen Gefühl leidenschaftlichen Widerwillens zusammen. Dann aber hielt er es nicht länger aus, dazusitzen und ihn anzusehen, er bekam förmlich Lust, ihn zu morden. »Es ist spät,« sagte er nervös und stand auf. »Ich habe in der Stadt etwas zu besorgen; ich wollte gerade gehen, als du kamst.« Henschen erklärte, er wolle auch wieder nach Hause gehen; er habe ihm nur das Buch zeigen wollen. Sie gingen zusammen weg, und Jarmann war froh, als er den Burschen schon an der Haustüre los wurde. Er machte dann allein einen langen Spazierweg in der Umgegend und kehrte erst gegen 10 Uhr zurück. Es war finster. Der Himmel war bewölkt, die Luft etwas rauh, aber die Straßen waren trocken. Etwa eine Stunde wanderte er umher, ganz ruhig, nicht im geringsten mehr fieberhaft erregt. Die Frauen, die ihm begegneten, betrachtete er schon mit ganz anderen Augen als früher, er war ihnen gleichsam näher auf den Leib gerückt; er würde sich gar nicht gewundert haben, wenn eine ihn angesprochen und aufgefordert hätte, mit ihr zu gehen. Er wußte zwar, daß das nicht geschehen würde, erwartete es aber trotzdem bei jedem Weibe, das ihm begegnete. Endlich schlenderte er in die innere Stadt hinein. Als er durch die schmalen Straßen des Vaterlands (eines Stadtteiles) ging, kam ihm in den Sinn, daß ja auch hier Dirnen wohnten: weshalb sollte er es also nicht ebensogut hier vollbringen? Er wollte es sich nicht selber eingestehen, aber er wurde ängstlich. Nein, er hatte sich nun einmal vorgenommen, daß es im Vika-Viertel geschehen sollte. Er ging weiter, verlangsamte aber unwillkürlich seine Schritte, je weiter er kam. Und von der Karl-Johann-Straße aus ging er nicht etwa den geraden Weg über den Eidsvoldsplatz, sondern machte einen Umweg über die Universität und die Klingenbergstraße. Auf dem kleinen dreieckigen Platze vor dem Eingange zum ersehnten Ziele blieb er stehen und überlegte –: da erstreckte sich finster die Hügelstraße, nur in »Napoleons Schloß« war Licht ... weiter rechts lag die schmale Schulstraße mit ihrer einsamen Gaslaterne, am anderen Ende neben der Polizeiwache – diese Straße sah noch am verlockendsten aus ... Nein, er getraute sich nicht. Und er ging nach der Westbahn hinunter und wieder zurück. Nicht bloß einmal, nein, zweimal – wie die Katze um den heißen Brei. Als er dann zum dritten Male auf dem fatalen dreieckigen Platz stand, nahm er sich nervös zusammen –: Es mußte gehandelt werden; geschah es heute nicht, so ging ja morgen dieselbe Geschichte von vorne los! – und still und beklommen schlich er in die schmale Schulstraße mit ihren niedrigen einstöckigen Häusern und ihrer einsamen Gaslaterne neben der Polizeiwache. Die erleuchteten Fenster der Mädchen waren übrigens für ihn mehr als genug Gaslaternen. Sobald er jemand begegnete, suchte er sich immer in den finstersten Winkeln zu verstecken, so weit als möglich vom Schein der erleuchteten Fenster entfernt, und kehrte dem Kommenden stets den Rücken zu. War dann die Straße wieder leer, so schlich er vorsichtig an ein erleuchtetes Fenster heran, beugte sich vor, legte das Ohr ans Fenster und lauschte mit klopfendem Herzen und heiser röchelndem Atem – oder er versuchte, durch den schmalen Spalt zwischen dem Vorhang und dem Fensterrahmen hindurchzusehen. Wenn er dann aber mit zitternder Hand an das Fenster klopfen wollte – so verließ ihn der Mut. So ging er von Fenster zu Fenster. In einer Türe in der Zwischenstraße stand eine dicke, betrunkene Dirne und spähte über die Straße. »Komm herein, Schatz!« sagte sie, als er eben vorüberschleichen wollte. Er blieb stehen und überlegte einen Augenblick. Sie war häßlich wie die Nacht, aber daran dachte er nicht im geringsten. Wenn er sich nur getraute! Das Herz klopfte ihm zum Zerspringen, er hörte es schlagen und atmete mühsam. Und es klopfte heftiger und heftiger, je länger er überlegte ... Da erfaßte ihn mit einem Male ein furchtbares Entsetzen, und er lief durch die schmalen Gassen so schnell, als ihn die Beine nur tragen konnten. Erst als er das ganze Quartier weit hinter sich hatte, ließ er im Laufen nach und begann allmählich wieder im Schritt zu gehen, aber er ging doch nervös schnell bis zu seiner Wohnung. Als er auf sein Zimmer gekommen war, riß er sich die Kleider vom Leibe, vergrub sich hastig ins Bett und fing an, fieberhaft zu beten. Er dankte seinem Herrgott von Herzen dafür, daß er ihm die Kraft gegeben hatte, der Versuchung zu widerstehen, versprach, sich ihr nicht wieder auszusetzen, bat um Kraft, daß er morgen die häßlichen Gedanken in die Flucht schlagen und anfangen könne zu arbeiten, wie er es in der ersten Zeit seines Stadtaufenthaltes getan hatte. Als schließlich während des Gebetes eine milde Ruhe über ihn gekommen war, ergriff er das Gesangbuch, das wie gewöhnlich auf dem Tische neben dem Bette lag, sang ein Lied, einen Lobgesang auf den Herrn, und schlief dann leichten Herzens ein. – Den ganzen nächsten Tag dachte er über seinen Ausflug vom vergangenen Abend nach, erzählte aber seinen Kameraden kein Wort davon; er schämte sich im Grunde seines Herzens vor sich selber. Daß er das hatte tun wollen! ... Ach, aber das sollte sich nicht wiederholen, nein, das sollte sich nicht wiederholen ... nie gehe ich wieder dorthin, ich tu' es nicht, ich tu' es nicht, wiederholte er in einem fort den ganzen Tag über vor sich selber. Und doch – es war kaum zehn Uhr abends, da ging er schon links von der Klingenbergstraße aus über den dreieckigen Platz und schlich wieder in die Schulstraße. In der Tür des letzten Hauses der Schulstraße stand ein Mädchen in weißer Nachtjacke und kurzem rotwollenem Unterrock und sah auf die Straße. »Kann ich mit Ihnen hineingehen?« flüsterte er heiser, ohne sie anzusehen; er zitterte wie Espenlaub. »Ja, komm nur, armer Junge!« sagte sie ruhig und ging voraus. Als sie in das niedrige Zimmer mit der eigentümlich schwülen Luft hineingekommen waren, schloß sie bedächtig die Tür ab und ging vor ihm in das kleine Hinterzimmer, wo eine kleine Nachtlampe zu Häupten des Bettes mit den weißen Vorhängen brannte. Zitternd folgte er ihr ... Er richtete sich zur Hälfte im Bette auf und sah verwirrt auf sie nieder. Sie lächelte und streichelte ihm die Wange. Und jetzt entdeckte er erst, daß sie sehr hübsch war. »Teufel in Engelsgestalt«; murmelte er vor sich hin, fuhr auf, warf zwei Kronen auf den Tisch – lief nach der Tür und direkt nach Hause. In seinem Zimmer zündete er nicht einmal die Lampe an, er riß sich nur die Kleider vom Leibe, stürzte ins Bett, vergrub das Gesicht im Kopfkissen und versuchte sofort zu schlafen. Aber das gelang nicht. Er wälzte sich hin und her und her und hin, aber es war unmöglich. Das Gewissen arbeitete in ihm, es ließ ihm keine Ruhe – was sollte er tun! Er konnte nicht beten, er war ja aus freien Stücken hingegangen und hatte es vorsätzlich getan ... »ich will! ich will!« hatte er gemurmelt wie ein Rasender, als er schließlich nach langem Kampfe mit sich selber davon gestürzt war, um seine Leidenschaft zu befriedigen ..., er hatte wirklich das Böse gewollt und durfte nicht gleich jetzt, wo es eben vollbracht war, vor Gott hintreten. – Aber er fand keinen Frieden. Er mußte beten, sonst, das fühlte er, würde er die ganze Nacht wach liegen. Wieder versuchte er es. Aber es ging nicht. Er sah nur immer wieder sich selber laufen, die Klingenbergstraße hinunter ... um die Ecke ... in die Schulstraße hinein ... durch die Haustür ... ins Zimmer – Plötzlich sprang er aus dem Bett, zündete die Lampe an, blieb mitten im Zimmer, nur mit dem Hemde bekleidet, stehen und blickte verwirrt um sich. Endlich fiel sein Blick auf das Gesangbuch auf dem Tisch, er ergriff es, kroch damit wieder ins Bett, blätterte etwas darin und begann dann zu singen: »Jesus, meine Zuversicht«. Er versuchte es, sich in die Stimmung des Liedes zu versetzen; es gelang ihm nach und nach, seine Augen füllten sich mit Tränen, während er dort im Bette lag und sang, und als er zu Ende war, weinte er – ach, jetzt hatte er erst richtig erkannt, ein wie großer Sünder er war, jetzt fühlte er erst richtig den Drang nach Erlösung, und jetzt wollte er endlich mit der Umkehr Ernst machen, vom nächsten Tage an wollte er ein anderer Mensch werden. Und er betete, betete ernst und innig, Gott möge ihm Kraft verleihen, seinen Vorsatz durchzuführen, daß er einen besseren Lebenswandel führe und in Wahrheit ein Kind Gottes werde. Und er wiederholte sein Gebet immer inniger und inniger, betete und betete, wurde des Betens gar nicht müde und schlief endlich betend ein. Schon am nächsten Morgen war er aber gar nicht mehr so entsetzt über seine Sünde. Er fühlte sich ja ungefähr wie sonst, und das, was er getan hatte, erschien ihm gar nicht mehr als ein so entscheidender Schritt. Im Grunde genommen, war es ja nicht anderes als was die meisten anderen Menschen tun. Früher hatte er nicht recht daran glauben können, aber jetzt mußte er ja daran glauben; denn schon die paar Male, die er dort gewesen war, waren ihm des öfteren brave Leute begegnet, die er kannte. Freilich waren sie allesamt älter als er, aber darauf kam es ja nicht an. Tatsache war, daß nicht nur die liederlichen Menschen dorthin gingen – und er war nicht schlimmer als die anderen. Natürlich war und blieb es trotzdem eine große Sünde, aber Herrgott ... Er betete sein Morgengebet nicht mit derselben Andacht, mit der er gestern abend gebetet hatte, stand auf und eilte in die Schule. Aber der Unterricht ging an diesem Tage für ihn ganz verloren. Er saß nur auf der Schulbank, auf den Ellenbogen gestützt, die Hand am Kinn, und dachte nach. Und wie er so in dieser Haltung verharrte, kam ihm all das wieder ins Gedächtnis, was er von seinen Kameraden gehört hatte. Mit solchen Gedanken war er den ganzen Vormittag beschäftigt, so lange er auf der Schulbank saß. Die ganze Zeit füllte er damit aus, sich mit sich selber abzufinden, und die Lehrer ertappten ihn in einem fort über seiner Unaufmerksamkeit. Er war sich dessen wohl bewußt, daß all diese Rechtfertigungen nur unehrliche und unnütze Versuche waren, sich selber Sand in die Augen zu streuen; trotzdem war es ihm aber eine Befriedigung, auf diese Weise alles heranzuziehen, was dafür sprach, daß er es nicht bei einem Male solle bewenden lassen. Denn das fühlte er, daß es doch nicht dabei bleiben werde. Als der Abend kam, war er wieder dort, den nächsten Abend auch – und dann jeden Abend, sobald er nur das Geld dazu auftreiben konnte. Und als er dann später gelernt hatte, wie man es gratis haben konnte, verging kaum ein Tag, an dem er nicht bei einem Weibe war. Anfangs kämpfte er noch dagegen an und bat Gott um Kraft zur Umkehr; nach und nach betete er aber seltener, und als er schließlich fühlte, daß davon nicht mehr die Rede sein konnte, aufzuhören, unterließ er das Beten ganz und gar – es wäre ja unter diesen Umständen doch nur Gotteslästerung gewesen – und gab sich völlig seiner Leidenschaft hin. III. Es war im Frühling des nächsten Jahres an einem Nachmittag, kurz nach fünf Uhr. In demselben kleinen, auf den Hof hinausgehenden Zimmer lag Jarmann auf dem Sofa mit halbgeschlossenen Augen ausgestreckt, so lang wie er war. Die Hand, die die Tabakspfeife hielt, war vom Sofa herabgesunken und hing schlaff herab. Die Pfeife war ausgeraucht, das kleine Zimmer war mit frischem Tabaksqualm erfüllt; nach dem schweren Mittagessen hatte er gedampft wie ein Schlot. Er versuchte die Augen ganz zu öffnen, aber die Augenlider fielen ihm wieder matt herab ... ... Ach, wenn er doch nicht so müde wäre !– er wollte so gern gleich wieder zu ihr gehen. Aber es war unmöglich; er mußte sich erst etwas ausruhen. Verflucht auch, daß er so gierig essen mußte; das hatte ihn natürlich so schläfrig gemacht ... Ach, wie herrlich sie war! ... Er hatte sie getroffen, als er aus der Schule kam. Er war zusammengefahren, als er sie erblickt hatte, so schön war sie, und er war stehen geblieben und hatte sie bewundernd betrachtet, bis sie darauf aufmerksam wurde. Da war sie auch schon stehen geblieben, hatte ihn angesehen und gelächelt, und dann hatte sie gesagt: »Komm mit!« – und war weiter gegangen. Die Schulbücher unter dem Arme, war er ihr gefolgt ... Er kam in ein kleines, behagliches Zimmer mit dunklen Gardinen und rotbraunen Polstermöbeln. Er warf seine Schulbücher auf den Tisch und setzte sich in den Schaukelstuhl mitten im Zimmer. Sie legte ab, setzte sich auf seinen Schoß und sah ihn mit großen, tiefen braunen Augen ins Gesicht. »Ich habe kein Geld«, sagte er verlegen. Sie lächelte –: »Ich habe dich auch nicht deswegen mitgenommen.« »Weshalb denn?« »Weil du mir gefielst. Gefall' ich dir?« »Ob Sie mir gefallen? Du großer Gott, Sie sind ja schön wie die Sonne!« Und er faßte sie bei den Schultern und wollte sie küssen. Sie aber wich lachend aus und sagte: »Nein, hast du aber prächtige Zähne.« »Und Sie?« Er schlang die Arme um ihren Hals, zog ihren Kopf zu dem seinen herunter und zeigte seine Zähne. Sie tat dasselbe. Sie hielten die glänzend weißen Zahnreihen gegeneinander, lachten dann beide laut und fingen an, sich zu küssen. ... Er wollte ihre Brust an die seine drücken; aber es gelang ihm nicht. Sie saßen in dem Schaukelstuhl zu unbequem. Er sah sich um; es war kein Bett da, aber dort war eine Tür – und fragend sah er zu ihr auf. Sie nickte und lächelte; sie war seinen Augen gefolgt und hatte verstanden. Sie gingen zusammen durchs Zimmer, er den Arm um ihren Leib, sie den Kopf an seiner Schulter. Die Tür war angelehnt; er stieß sie auf, und sie kamen in ein kleines halbdunkles Schlafzimmer; die dunklen Gardinen waren vor das Fenster gezogen. »Wollen wir uns ausziehen?« fragte sie, als sie vor dem Bette standen. »Nein!« flüsterte er leidenschaftlich, faßte sie bei den Schultern, drückte sie behutsam aufs Bett und legte sich zu ihr. – – ... Zusammengeschlungen lagen sie Wange an Wange bei einander. Plötzlich faßte sie ihn bei der Stirn, schob seinen Kopf etwas von dem ihren weg und sah ihn mit den großen Augen an, die infolge der im Zimmer herrschenden Dämmerung noch einmal so dunkel erschienen – »Hast du mich gern?« fragte sie zärtlich. Ihm traten Tränen in die Augen, und er antwortete nicht, barg nur seinen Kopf an ihrer Brust wie ein Kind – das war ihm noch niemals widerfahren, daß ein Weib, das er besuchte, ihn gern hatte. Und er empfand eine unsagbare Zärtlichkeit, und die paar Stunden, die er bei ihr war, waren die herrlichsten Stunden seines Lebens. Zu wissen, daß sie ihn wirklich gern hatte ... es in ihren herrlichen Augen zu lesen ... es in jeder kleinen Bewegung, die sie vollzog, zu fühlen – o, noch nie zuvor hatte er gewußt, was das bedeutete. Er entkleidete sie nach und nach, zog ihr ein Kleidungsstück nach dem andern weg, bewunderte sie, küßte sie und legte sich zu ihr, schmiegte sich von allen Seiten an sie, wickelte seinen Kopf in ihr schweres, schwarzes Haar und biß hinein, wand sich wieder heraus, nahm ihr noch ein Kleidungsstück fort und bewunderte und küßte sie von neuem, und immer wieder ins Unendliche – erfüllt von unersättlicher Begierde nach diesem herrlichen Weibe, das ihn gern hatte. Und sie lag so wunderbar lässig und zärtlich unter seinen Liebkosungen da, fuhr ihm nur sanft über den Kopf und über den Rücken und drückte ihn leise an sich, sobald sie vor Wollust erzitterte. Er hatte sich wieder aus ihrem Haar herausgewickelt und sah zu ihr auf; sie war auf einmal so still geworden und starrte gerade vor sich hin. Nachdem er sie eine Weile betrachtet hatte, sagte er: »Woran denkst du?« – Sie antwortete ihm nicht sofort. »Woran denkst du?« fragte er wieder. Da kehrte sie ihm ihr Gesicht zu und sagte langsam: »An dich!« während in ihre Augen ein schwermütiger, vergrämter Ausdruck schlich. Er antwortete nichts, blieb nur liegen und fuhr fort, sie zu betrachten. Ihm war mit einem Male, er wußte nicht, woher es kam, ganz traurig zumute geworden. – – – Er lag auf dem Rücken, den Kopf in ihrem Arm, unheimlich matt, er empfand in der Brust einen fürchterlichen Druck. Und es wurde immer schlimmer, vor seinen Augen begann alles zu tanzen. Matt strich er mit der Hand über die Stirn; sie war kalt und feucht. Sie beobachtete ihn eine Weile, ohne daß er es bemerkte, legte ihm dann die Hand auf die Stirn und sah ihm ängstlich ins Auge. »Was fehlt dir?« fragte sie zärtlich. »Bist du krank?« »Nein. Es kommt gewiß nur daher, daß ich noch nichts gegessen habe«. »Armer Junge«, sie legte die Wange an die seine und liebkoste ihn wie ein kleines Kind – »freilich, es ist ja wahr – du kamst ja gerade aus der Schule. Und ich – daß ich gar nicht daran gedacht habe – nun mußt du nach Hause gehen und essen.« Er antwortete nicht, lehnte nur den Kopf matt an ihre Schulter und schloß die Augen, während ein Frostschauer durch seinen Leib fuhr. Sie sprang nackt wie sie war auf, und holte eine Flasche Bier hervor. Er öffnete die Augen und sah ihr zu, wie sie mit einer geschickten Bewegung des Handgelenkes die Flasche öffnete. Der weiße Leib glänzte im Halbdunkel ... Du großer Gott, welche Formen! – so schlank und geschmeidig und elegant bei all ihrer Fülle! ... Und das herrliche Haar! Es reichte ihr bis zum Kreuz hinab ... Sie stellte zwei große Wassergläser auf den Tisch neben dem Kopfende des Bettes und schenkte ein. ... Und so rein und keusch, wie sie aussah! – gleich einer nackten Jungfrau, die allein ist ... daß Keuschheit und Unkeuschheit einander so ähneln konnten! »Trink!« sagte sie und reichte ihm das eine Glas; sie selber nahm das andere. Er richtete sich im Bette auf, trank gierig das Glas leer, ohne abzusetzen, und legte sich dann wieder aufs Kissen. Der Trank erquickte ihn. Sie saß auf der Bettkante und betrachtete ihn. »Hat es wohl getan?« fragte sie nach einer kleinen Pause. »Ja, jetzt ist mir viel besser.« Er befand sich auch wirklich wieder ganz wohl, und seine Augen glitten unwillkürlich von ihrem Gesicht auf den nackten Leib herab. Sie errötete, zog das Leintuch über die Schenkel, beugte sich über ihn und küßte ihn: »Wenn dir besser geworden ist, so wird es das Beste sein, du stehst auf, gehst nach Hause und ißt, bevor du wieder herkommst«, sagte sie. »Ach nein!« – er schlang den Arm um ihren Hals und küßte sie – »jetzt soll ich von dir gehen! Nun ist mir ja wieder ganz wohl.« »Sei doch nun vernünftig«, sagte sie; »ich möchte nicht, daß du hier krank würdest, und du kannst ja wieder kommen, wenn du gegessen und dich etwas ausgeruht hast.« Sie kleideten sich an. Sie zog nur die Unterkleider an; auch sie wolle ihre Mittagsruhe halten, sagte sie und legte sich, bis er fertig war, aufs Bett. Dann stand sie auf, um ihm zu öffnen. An der Tür fiel er ihr leidenschaftlich um den Hals –: »O, ich habe dich so gern! so gern! so gern!« flüsterte er. »Du bist ein süßer Junge!« – sie tätschelte ihn – »komm also wieder, wenn du gegessen und dich ausgeruht hast.« Zum Abschied küßte er ihr respektvoll die Hand. Sie lachte darüber etwas geniert; aber er sah wohl, daß es ihr gefiel. Als er an dem Garten vor dem Hause vorüberkam, blieb er einen Augenblick stehen und betrachtete ihn. Er sah nun, so schien es ihm, noch einmal so heimlich aus wie vorher ... ach, wenn das sein Garten gewesen wäre! und sein Haus! und wenn sie ihm gehörte! ... Melancholisch schüttelte er den Kopf und eilte heimwärts. Es war nach 4 Uhr. Das Speisehaus war geschlossen. Die Wirtin verschaffte ihm trotzdem einiges Essen, und er aß gierig und trank zwei Glas Bier. Dann ging er in sein Zimmer, bekam seinen Kaffee und legte sich aufs Sofa, um zu rauchen. Wenn er die Pfeife zu Ende geraucht hätte, wollte er wieder zu dem Mädchen gehen. Dann war aber diese verdammte Schläfrigkeit über ihn gekommen, die Glieder waren schwer wie Blei, und er konnte sich nicht von der Stelle rühren. Die Pfeife fiel zu Boden. Die Augen hatten sich geschlossen, und er träumte davon, daß er wieder seinen Kopf gegen ihre warme Brust gelehnt habe. Er ruhte – o, wie gut er ruhte! Mit einem Male fuhr er auf, blieb, auf den einen Arm gestützt, halb aufgerichtet sitzen und starrte ein männliches Wesen an, das mitten im Zimmer stand. Es klang ihm noch im Ohr, daß geklopft worden war; er war aber erst erwacht, als die Tür geöffnet wurde. ... Aber das war ja Henschen? ... er blickte im Zimmer umher ... richtig, er war ja nicht bei ihr, sondern zu Hause in seinem Zimmer, und er legte sich matt aufs Sofa zurück und schloß die Augen. Es war ihm unbehaglich zumute. Dieser Henschen, immer noch sein einziger Kamerad, war sein fleischgewordenes Gewissen, seitdem er sein eigenes zum Schweigen gebracht hatte; im Grunde genommen konnte er ihn nicht ausstehen, konnte ihn aber doch nicht entbehren. »Störe ich dich vielleicht?« fragte Henschen. »Ach – ich wollte mich gerade etwas ausruhen!« Er öffnete die Augen halb. »Das ist dumm, ich hätte dir gerne mein Gedicht vorgelesen – ich bin damit fertig.« Jarmann sprang auf. »So? Laß hören!« sagte er eifrig, setzte sich, ganz wach, in die Sofaecke und sah recht interessiert drein. Henschen setzte sich an den Tisch am Fenster, zog das Manuskript hervor und las. Es war ein langes Gedicht, in passablen Versen geschrieben, dessen Inhalt folgender war: Ein junger Mann, natürlich ein Student, ist darauf aufmerksam geworden, wie heutzutage Schriftsteller dadurch berühmt werden, daß sie unsittliche Bücher schreiben. Er will auch berühmt werden, und so setzt er sich denn hin und schreibt ein großes unsittliches Drama. Am Neujahrsabend sitzt er in seiner Dachkammer und legt die letzte Hand an sein Werk, während unter ihm Eltern und Geschwister mit andächtigem Gesang Weihnachten feiern. Endlich ist er fertig. Guter Dinge lehnt er sich in seinen Schaukelstuhl zurück, schaukelt ein paarmal auf und ab und verfällt dann in Schlaf.– – – Es klopft an die Tür, und ins Zimmer tritt eine vermummte Gestalt. Sie sagt: Komm mit! Er kann nicht widerstehen, er muß gehorchen. Sie gehen hinaus, durchwandern verschiedene Straßen und gelangen endlich ins Theater. Sie treten ein und nehmen in der ersten Reihe der Proszeniumsloge Platz. Der Vorhang ist noch nicht in die Höhe gegangen. Während sie warten, betrachtet er das Publikum. Das Haus ist bis auf den letzten Platz gefüllt, – aber alle Zuschauer sind Skelette! Entsetzt sieht er seinen Begleiter an und fragt, was das zu bedeuten habe. »Das sind alles«, antwortete die Gestalt, ,?Leute, die du durch dein unsittliches Stück auf Abwege gebracht hast und die seither gestorben und in die Hölle hinabgefahren sind. Jeden Neujahrsabend kommen sie hierher und sehen sich das Stück wieder an, das sie ins Verderben gestürzt hat.« – In demselben Augenblicke wenden alle die Toten ihre Augen nach der Loge: sie haben ihn entdeckt. Sie heulen, stehen auf und recken ihre Knochenarme mit den gekrümmten Fingern zu ihm empor, als ob sie ihn packen wollten. Er fährt auf und will hinaus. Die Gestalt hält ihn aber zurück. Verzweifelt kämpft er, um sich loszureißen; er schreit – und da erwacht er, schweißbedeckt, in seinem Schaukelstuhle. Er fährt empor, reibt sich die Augen, ergreift das fertige Drama und wirft es in den Ofen. Nachdem er sich davon überzeugt hatte, daß es die Flammen bis auf den letzten Rest verzehrt haben, geht er zu den Eltern und Geschwistern hinunter und umarmt sie – Ende. Jarmann war begeistert. »So muß es ihnen gegeben werden!« rief er. »Solche Bücher müssen in unseren Tagen geschrieben werden. – Hast du schon einen Verleger?« »Nein.« Henschen war drei-, viermal an Cammermeyers Verlagsbuchhandlung vorübergegangen, hatte jedoch nicht hineinzugehen gewagt. »Das werde ich besorgen«, sagte Jarmann. Und er kleidete sich an, und sie gingen beide zu Cammermeyer. Jarmann mußte allein hineingehen. Cammermeyer empfing ihn sehr kühl, versprach aber, das Manuskript von einem seiner literarischen Berater durchsehen zu lassen. In etwa acht Tagen sollte er Antwort erhalten. Nachdem Jarmann Henschen Mut zugesprochen hatte – es sei ja klar, daß solch ein Gedicht angenommen werden müsse – begab er sich allein nach Hause; Henschen ging wie gewöhnlich heim, um zu studieren. Als Jarmann bei sich angekommen war, ging er in dem Gefühl, etwas ausgerichtet zu haben, vergnügt in seinem kleinen Zimmer auf und ab. Das war ja richtig: er selber war nicht mehr zu retten; das fühlte er; er wollte aber auf alle Fälle alles tun, was in seinen Kräften stand, damit andere nicht denselben Weg gingen ... das war ihm wenigstens ein Trost ... Er dachte an den norwegischen Aufsatz, den er zu schreiben hatte – die norwegischen Aufsätze waren die einzigen Schularbeiten, mit denen er sich gerne beschäftigte. Es machte ihm Spaß, sie zu schreiben, und er wurde immer dafür belobt. Diesmal sollte er über den schädlichen Einfluß der Lektüre von Romanen auf die Jugend schreiben. Er hatte den Aufsatz erst in acht Tagen abzuliefern; aber er fühlte sich gerade jetzt zum Arbeiten aufgelegt und wollte gleich daran gehen. – Denn zu ihr wollte er nicht wieder hingehen! – wenigstens heute nicht! Er setzte sich hm und entwarf eine Skizze dessen, was er vor einem Jahre an jenem Nachmittag und Abend erlebt hatte, als er zum ersten Male ins Leben hinauszog. Eine bessere Illustration zur Schädlichkeit der Romanlektüre, meinte er, liehe sich gar nicht finden. Eben war er mit dem Entwürfe fertig, als das Abendessen ins Zimmer gebracht wurde, und er verschob die weitere Bearbeitung bis nach dem Abendmahl. Als er aber gegessen und seine Pfeife angezündet hatte und sich nunmehr wieder an die Arbeit setzen wollte, war er ganz und gar nicht mehr dazu aufgelegt. Er lehnte sich in dem Stuhle zurück und streckte die Beine weit von sich –: hu! wie trist war es doch in dem engen Zimmer! ... er hielt es nicht aus, länger sitzen zu bleiben. Wohin sollte er aber gehen? – zu ihr wollte er ja heute abend nicht ... Er überlegte eine Weile, während er auf das graue Rouleau starrte, auf dem die Erlöserkirche zu sehen war. Dann war er mit einem Male schnell entschlossen, legte die Pfeife weg und ging doch zu ihr. – Er stand klopfenden Herzens auf dem Treppenabsatz vor ihrer Tür, leise klopfte er an. Sie öffnete die Türe halb und sah in die Dunkelheit hinaus. »Wer ist da?« »Ich bin es!« Da öffnete sie die Türe ganz und ließ den Schein der Lampe auf ihn fallen. »Ach, du bist's? warum kommst du erst jetzt?« »Ich wurde abgehalten.« »Ja, nun ist es zu spät. Es ist jemand da.« Er sah sie mit großen glänzenden Augen an, nahe daran, in Tränen auszubrechen, und sie ergriff wieder diese merkwürdige Lust, dieses Kind zu besitzen. »Warte«, flüsterte sie leise. »Ich jage ihn fort. Warte unten an der Treppe.« Er eilte hinunter und wartete. Dann wurde oben die Türe geöffnet; er hörte eine Mannesstimme ärgerlich fluchen, und dann kam ein Herr die Treppe herunter und schritt seiner Wege. Er eilte hinauf, warf sich ihr um den Hals und weinte vor Dankbarkeit. Auch sie war gerührt. Durch das Opfer, das sie gebracht hatte, wurde er ihr noch teurer. »Du sollst die Nacht bei mir bleiben«, sagte sie und schloß die Tür ab. »Wir wollen uns gleich ausziehen.« Er wollte auch nichts anderes, und sie gingen in das kleine Schlafzimmer und nahmen die Lampe mit. Er nahm auf dem Stuhl am Fußende des Bettes Platz, und sie setzte sich auf seinen Schoß und küßte ihn. »Ich will dich entkleiden«, sagte sie; »du darfst dich nicht rühren!« Und sie fing an, ihn zu entkleiden wie ein Kind. Dann bat er darum, auch sie entkleiden zu dürfen. »Gewiß!« Das bereitete ihm ein köstliches Vergnügen, und er entkleidete sie unter unzähligen Liebkosungen, bis er sie schließlich in seine Arme nahm und zum Bett trug. Darauf löschte er die Lampe aus ... Sie war die schönste Prostituierte in der Stadt. Einen Monat lang kam er Tag für Tag, hielt fast jeden Tag seinen Mittagsschlaf bei ihr bis gegen Abend und blieb gewöhnlich auch dann noch sitzen und unterhielt sich mit ihr über dies und das, während sie ihr Haar aufsteckte und für den Abend Toilette machte. Einige Male blieb er auch die Nacht über; aber das geschah nur anfangs. Wenige Tage nämlich, nachdem er sie kennen gelernt hatte, saßen sie eines Abends zusammen auf dem rotbraunen Polstersofa zwischen den beiden Fenstern und plauderten. Er gedachte dazubleiben. Doch da klopfte es, und als sie nachgesehen hatte, wer es war, sagte sie, er müsse gehen; es sei jemand, den sie erwartet habe. Er sah sie flehentlich an; aber es half nichts –: Herrgott, er müsse doch einsehen, daß sie leben müsse ... Da stand er auf und ging. Es verstrich einige Zeit, bis er es wieder versuchte, am Abend zu kommen. An einem Abend aber fand er sich dann doch wieder ein. Sie empfing ihn, aber widerwillig –: »Du kannst nicht bleiben,« sagte sie. »Ich habe 10 Kronen,« brachte er verschämt hervor. Sie sah ihn an und sagte kalt: »Das ist zu wenig.« Er wurde blaß und sah tiefunglücklich aus. »Aber du sollst doch umsonst dableiben dürfen«, sagte sie dann und küßte ihn. Und sie schloß die Türe ab. »Nimm sie trotzdem,« sagte er und hielt ihr die zehn Kronen hin. »Du bist ein Kindskopf. Behalte deine Kronen. Du brauchst sie nötiger als ich. Was wir miteinander haben, das hat nichts mit Geld zu tun.« Er blieb, kam aber abends niemals wieder. – Eines Nachmittags, als er weggehen wollte, erzählte sie ihm, daß sie am anderen Tage nach Stockholm reisen werde. »Auf wie lange?« »Auf ein oder zwei Jahre.« Er war ganz verzweifelt. Was sollte denn ohne sie aus ihm werden? Wohin sollte er denn gehen? Was sollte er anfangen? Ach, er würde sich schon zurechtfinden. »Erwartest du heute abend jemand?« »Ja.« »Also nie wieder?!« Er war dem Weinen nahe, bezwang sich aber. »Ja, ja,« sagte er, »Dank für ...« – er fand nicht die rechten Worte, ergriff nur ihre Hand, hielt sie eine Weile fest und sagte dann: »Und wenn ich hundert Jahre alt werde, vergeh ich niemals den Tag, an dem wir uns kennen lernten ... Adieu!« Und er zog seine Hand zurück, wandte sich ab und wollte gehen, um die Tränen nicht sehen zu lassen, die ihm aus den Augen stürzten. Sie hatte sie aber gesehen. Und sie faßte ihn am Arm und hielt ihn zurück, warf sich ihm um den Hals, küßte seine Tränen weg und sagte: »Nein! Du sollst doch die letzte Nacht bei mir bleiben; du bist der einzige, der mich wirklich lieb hat.« Dann reiste sie ab. Er blieb einige Tage zu Hause und trauerte. Dann fing er aber wieder an, in alter Weise auf Frauenzimmer Jagd zu machen, und bald war sie ihm nur noch eine wehmütige Erinnerung. IV. Wieder war ein Jahr vergangen. In wenigen Monaten sollte er die Reifeprüfung absolvieren. Er wohnte nicht länger in dem kleinen, engen Zimmer, das auf den Hof hinausging; er war in Pension beim Schuldirektor. Die Sache war die: das letzte Examen hatte er gerade noch so weit bestanden, daß er als letzter in die oberste Klasse gekommen war, und niemand glaubte, daß er im nächsten Jahre Student werden könnte. Da hatte denn der Direktor, ein Jugendfreund von Jarmanns Mutter, nach Hause geschrieben, und er hatte hinzugefügt, schlechte Begabung sei gewiß nicht an dem Ergebnisse schuld, aber der Junge sei auf Abwege gekommen und arbeite nichts. Da hatte nun wieder die Mutter dem Direktor geschrieben und ihn inständig gebeten, sich ihres lieben Jungen anzunehmen – auf irgendeine Weise, wie er es selbst für das Beste hielte. Frau Jarmanns Brief erweckte in der Brust des Direktors einige wunderliche Gefühle; sie war seine einzige Jugendliebe gewesen, er hatte sie später weder gesehen, noch von ihr gehört, wußte nur, daß sie in einem »dürftigen Heim auf dem Lande mit einem Manne, her sie nicht verstand, wenig glücklich« leben solle – und er entschloß sich, den Jungen ins Haus zu nehmen und zu sehen, was sich aus ihm machen lasse, bis er Student werde. Der Direktor bewohnte die erste Etage eines vornehmen, schlichten, zweistöckigen Hauses mit Vorgarten. Das Gartenzimmer mit der Veranda und zwei rechts und links davon gelegene kleine längliche Eckzimmer nahmen die ganze Vorderseite des Gebäudes ein. Jarmann wohnte in dem einen Eckzimmer, das über einen eigenen Eingang verfügte, und hier saß er den ganzen Nachmittag und Abend fast immer allein, die Schulbücher vor sich aufgeschlagen, an dem Tisch vor dem Gartenfenster. Er studierte aber nie, saß nur in den Schaukelstuhl zurückgelehnt da, schaukelte sich langsam auf und ab, während er auf die Bäume des Gartens und des anstoßenden Parkes hinausstarrte, und ließ seine Gedanken spazieren gehen, wohin sie wollten. Eines Abends gegen neun Uhr. Die Sonne war untergegangen, doch war es noch ziemlich hell. Das Fenster stand offen, die Luft war kühl und still. Ein schwaches Sausen von den Laubbäumen herüber. Er sah da und träumte – von der Heimat: vom Wald, von der See und von den Bergen – und eine wehmütige Sehnsucht bemächtigte sich seiner ... Ach, wäre dies seines Vaters Garten, und wäre der Park dort drüben das kleine Wäldchen, das er so gut kannte! ... Ach, könnte er doch nur quer durch das Wäldchen streifen und auf der anderen Seite wieder auftauchen, dort oben Halt machen und hinabsehen auf den engen, düstern Fjord tief unten zwischen den steilen, lotrecht abfallenden Bergwänden ... dann dort rechts den schmalen Steg hinabspringen, den Zaun des Nachbars entlang bis hinunter zur Landungsbrücke im Fjord, könnte er dort ins Boot springen, es losketten, sich auf die Ruderbank setzen, die Riemen ergreifen und weit auf den Fjord hinausrudern ... sie dort draußen dann einziehen, sich im Hintersteven des Bootes hinwerfen, die Hände unter dem Kopf und die Augen geschlossen, das Boot treiben lassen wohin es wollte, und nur daliegen und träumen vom Leben in der großen Welt draußen ... Er schüttelte traurig den Kopf –; nein, so würde er nun nie wieder träumen können; das Leben erschien ihm jetzt so ganz anders als früher ... Ach, weshalb war das Leben nicht anders! ... weshalb war es nicht so, wie er es damals gefühlt hatte! ... Zwar, weiß Gott ... Im Grunde genommen, war ja das Leben, das er jetzt führte, auch ganz angenehm ... Es lag etwas mystisch Geheimnisvolles darin, das ihn beständig in einer eigenen gedämpften Stimmung erhielt, die ihm behagte ... Ganz wunderlich eigenartig war es ja auch, daß er nun schon dreiviertel Jahr in diesem Hause sich aufgehalten hatte, ohne daß jemand ihn kannte oder eine Ahnung davon hatte, wer er war ... Sie glaubten, er arbeite den ganzen Nachmittag und Abend – und währenddem saß er nun da, schaukelte sich langsam auf und ab, entweder in ein hübsches Buch vertieft oder auch gedankenlos ins Leere starrend, von all den verschiedenen Frauen phantasierend, die er kannte oder auch nur irgendwo getroffen und bemerkt hatte. Und sie glaubten, am Abend ginge er hübsch zu Bett wie sie selber – und statt dessen ... Er lächelte: er sah sich selber im Schaukelstuhl sitzen und warten und warten, bis die andern schlafen gegangen wären, damit er dann wegkommen konnte ... Endlich wird alles still und ruhig. Er wartet noch eine Weile, um ganz sicher zu sein, steht dann vorsichtig auf und schleicht auf den Zehen vorsichtig nach dem andern Fenster, das auf den Torweg hinausgeht. Es ist nur angelehnt, er selbst hat die Riegel vorher weggeschoben, jetzt öffnet er lautlos völlig, klettert bebend hinaus und gleitet langsam hinab. Einen Augenblick bleibt er dann unter dein Fenster stehen, mit klopfendem Herzen in die Nacht hinaushorchend, und stiehlt sich dann mit dem kitzelnden Gefühl verbrecherischen Tuns aus dem Garten, geht schräg über die Straße und schlüpft in den Park. Und dann vorüber an all den Bänken, auf denen die Liebespaare sitzen, und hinein in die Stadt. Hat er Geld, geht er gern ins Dirnenviertel. Nicht weil er dort etwas Bestimmtes sucht. Nein, es amüsiert ihn, dort umherzustreifen in den engen Gassen mit den niedrigen kleinen Häusern, hinter deren Fenstern die ganze Nacht Licht brennt ... an den Fenstern zu lauschen ... durch Schlüssellöcher und Gardinenspalten zu spähen ... zu sehen, wie die Türen sich öffnen und das Licht plötzlich auf die Straße strömt und weibliche Gestalten in leichten, bunten Trachten sich in den Türöffnungen zeigen. Es amüsiert ihn, es sieht so malerisch aus, und es überkommt ihn ein merkwürdiges Mittelalterliches Gefühl, es kommt ihm vor, als wäre er einige hundert Fahre in der Zeit zurückversetzt in eine Welt, in der er völlig fremd ist. – Findet er dann dort etwas besonders Schönes, geht er hinein und verweilt einige Zeit; wenn nicht, dann spart er die Kronen lieber für irgend eine der Damen von der Karljohann-Straße auf. Hat er kein Geld – und das ist die Regel – dann geht er lieber gleich auf die Karljohannstraße und sieht zu, ein Weib zu finden, mit dem er ohne Geld nach Hause gehen kann; zu sich wagt er keines mitzunehmen. Gelingt das nicht, so geht er auf Entdeckungen aus. In allen Seitenstraßen, zuweilen in weiter Entfernung, fahndet er nach irgendeinem Nähmädchen, das sich verspätet hat, oder nach irgendeinem unbekannten erleuchteten Zimmer, in dem ein neues gefälliges Mädchen wohnt. Hat er auch damit keinen Erfolg – ja, es gibt ja noch irgendein Dienstmädchen, zu dem er kommen kann, wenn er will. Bei ihm bleibt er dann einige Zeit und kommt endlich spät nachts nach Hause, zieht sich aus, schläft sofort ein und schläft wie ein Stein, bis das Mädchen ihn des Morgens weckt. Dann steht er resolut auf, frühstückt und tut, als wäre nichts geschehen. In der Schule fällt es ihm aber des Vormittags schwer, nicht einzuschlummern. Nach dem Mittagessen schläft er, bis der Kaffee kommt, setzt sich dann in den Schaukelstuhl, und nun geht die alte Geschichte von neuem los – er schaukelt hin und her und her und hin vor den aufgeschlagenen Schulbüchern, während er über das phantasiert, was er in der vergangenen Nacht erlebt hat ... Niemand hat im Hause eine Ahnung davon. Anfangs vermutete zwar der Direktor, daß irgend etwas nicht in Ordnung wäre; er hatte aber nichts entdecken können. Der Direktor hatte geglaubt, der Junge arbeite nicht. Sobald er aber ins Zimmer kam, fand er ihn über die Bücher gebeugt. Der Direktor konnte ja nicht wissen, daß der Rücken sich erst beugte, wenn die Tür ging. Der Direktor hatte geglaubt, er wäre auf Abwege geraten, was Frauenzimmer anlangt und dergleichen. Aber es hatte sich ja gezeigt, daß er fast niemals außerhalb des Hauses war und besonders niemals am Abend. Auch die Vermutung, er wäre in schlechte Gesellschaft geraten, hatte sich als unrichtig erwiesen. Denn, der einzige, mit dem er verkehrte, war Henschen, der stillste und fleißigste Schüler der Klasse. Vor diesen Tatsachen war der Verdacht des Direktors verschwunden, und er war zu dem Ergebnis gekommen, daß es ihm doch an Begabung fehle. Nicht daß er gerade dumm wäre, den Eindruck machte er nicht, wenn man mit ihm sprach – und außerdem schrieb er ja bessere norwegische Aufsätze als alle anderen Schüler der Klasse. »Du hast gewiß ein schlechtes Gedächtnis,« hatte der Direktor eines Tages zu ihm gesagt. »Ja, ein furchtbar schlechtes!« hatte Jarmann geantwortet und dabei den Direktor ganz treuherzig traurig angesehen. Der Direktor mußte lächeln. Diese treuherzig-traurigen Augen und dieses offene Gesicht, das, wie er wußte, so sehr an Jarmanns Mutter erinnerte, hatten den Direktor vollständig für Jarmann eingenommen – er hatte ihn wirklich liebgewonnen und bedauerte ihn nur lebhaft, daß er so schlechte Anlagen hatte ... Und der Direktor bedauerte ihn umsomehr, als es ihm anscheinend recht nahe ging: er kam und ging so still, sein ganzes Wesen hatte etwas so traurig Gedämpfte und er war zu allen so rührend freundlich und diensteifrig – als bäte er um Entschuldigung, daß er so wenig begabt war, und als wollte er durch seine Freundlichkeit und Diensteifrigkeit an den Tag legen, daß er alles tun wollte, was in seinen Kräften stand. Das war die Auffassung des Direktors, das war auch die des ganzen Hauses bis herab zum Dienstmädchen und den Kindern, einem kleinen Jungen und einem zehn- bis zwölfjährigen Mädchen, die er liebkoste, mit denen er spielte und denen er ab und zu Zuckerzeug verehrte. Alle hatten das Gefühl, daß er ein armer unglücklicher Mensch wäre, gegen den man gut sein und den man gern haben müsse. Alle – mit Ausnahme der Schwägerin, einem Fräulein Bamberg, einem dunkeläugigen Mädchen, die auch im Hause des Direktors lebte. Wenn sie mit ihm sprach, war sich Jarmann niemals recht klar darüber, ob sie ihn nicht zum Narren halte. Diese schwarzen Augen sahen ihn immer so merkwürdig an, blinzelnd, halbgeschlossen, zärtlich, während ein Ansatz zu einem spöttischen Lächeln um die weichen roten Lippen zuckte, als wollte sie sagen: ich kenne dich, du großer Heuchler; ich habe dich durchschaut. Und sein so treuherziges Gesicht bekam jedesmal einen forschenden, erwartungsvollen Ausdruck, wenn sie mit ihm sprach: er erwartete gleichsam jeden Augenblick, sie sagen zu hören, daß sie alles wisse. Sie sagte es aber nicht. Nur diese blinzelnden, halbgeschlossenen, zärtlichen Augen und dieses spottende, übrigens ganz wohlwollende halbe Lächeln um den Mund ... Vielleicht wollte sie, er solle das erste Wort sprechen – oft sah es so aus, als wartete sie darauf. – Das vermochte er aber nicht ... ... Das dunkle Gesicht mit den blinzelnden zärtlichen Augen und dem halben Lächeln drängte sich beständig in seine Phantasien, wenn er sich in seinem Schaukelstuhl den langen Nachmittag hin und herschaukelte. Er brauchte sich nur eine Liebesszene mit irgendeinem Mädchen vorzustellen, dem er z. B. auf der Straße begegnet war und das ihm gefiel, so nahm auch das Mädchen sofort die Züge des Fräuleins Bamberg an. Und wenn er dann im Phantasieren fortfahren und also s i e mitspielen lassen wollte, da sie es nun einmal sein sollte – so ging das ganze Bild in die Brüche, und er behielt nichts anderes übrig, als nur diese blinzelnden, zärtlichen Augen und dieses spöttische Lächeln ... es war ganz merkwürdig ... Es war elf Uhr geworden. Alles war still im Hause. Er horchte eine Zeitlang, stand dann auf, ging an das Fenster, öffnete es lautlos, kletterte behend hinaus, stand unten einen Augenblick still und lauschte, schlich vorsichtig über die Straße und in den Park hinein – und verschwand nach der inneren Stadt zu ... Am nächsten Tage kurz nach dem Mittagessen. Man war eben von Tisch aufgestanden. Es war ziemlich heiß, wie es in den letzten Tagen des Monats Mai sein kann, und Jarmann trug eine leichte weiße Jacke und einen großen braungelben Panamahut. Er spielt auf dem Hofe hinter dem Hause mit den Kindern Krocket. Seine Gedanken waren aber nicht beim Spiel, sie waren wo ganz anders. Er gab es daher bald auf; als die Kinder eine neue Partie beginnen wollten, erklärte er, er sei müde und wolle seinen Mittagsschlaf halten. Während die Kinder das Spiel allein fortsetzten, ging er um das Haus herum durch das kleine Pförtchen in den Garten und begab sich in die kleine Laube an der Ecke neben der Straße. Dort setzte er sich nieder, mit den Ellbogen auf die Steinplatte des Tisches gestützt, das Gesicht in den Händen ruhend, den großen Panamahut tief in den Nacken zurückgeschoben ... ... Er konnte diese Augen nicht los werden! ... Was in aller Welt wollten sie nur von ihm? Was mochte das Fräulein damit meinen? Bei Tische hatte er sie wieder einmal mit den Augen verschlungen, während sie atz. Das tat er sehr oft, und sie wußte, wann er es tat, sie konnte es fühlen, und er konnte sehen, daß sie es fühlte. Sie pflegte aber dann niemals aufzublicken, sie aß nur weiter und blickte auf den Teller, bis er die Augen wieder von ihr wegrichtete – dann wurden die Rollen vertauscht, und sie tat dasselbe mit ihm. Heute aber hatte sie plötzlich, als er sie gerade mit den Augen verschlang, den Kopf gehoben und ihn fest angesehen. Zuerst ernst, gleichsam nachdenklich, darauf mit dem gewöhnlichen spöttischen Lächeln, dann aber – ja dann war auf einmal etwas Insinuierendes in den Blick gekommen, er war geradezu herausfordernd oder wie er es nun nennen wollte. – Aber wozu? – Das war es, was er nicht verstand. Wollte sie, er solle sich ihr anvertrauen ... und war die Meinung die, daß sie ihm dann mit Gleichem vergelten wollte? ... Und – Ach, er war ein Esel, daß er nicht einmal Versuchsweise ihr mit einem verständnisvollen Lächeln geantwortet und so getan hatte, als ob er sicher wäre! – Anstatt dessen hatte er sie nur angegafft und schließlich die Augen niedergeschlagen. – Und sie hatte die Augen noch eine Weile fest auf ihn gerichtet, sie dann aber ebenfalls gesenkt und ihn späterhin nicht wieder angesehen ... Was in aller Welt konnte sie nur meinen? ... Plötzlich stand er auf. Er mußte darüber Klarheit erhalten! – Der Direktor und seine Frau, das wußte er, hielten auf der anderen Seite des Korridors im Schlafzimmer ihren Mittagsschlaf; sie war sicher allein im Gartenzimmer. Er ging durch den Garten, auf die Veranda hinauf und sah ins Gartenzimmer hinein. Dort saß sie im Schaukelstuhl, bequem zurückgelehnt, die Füße auf der gestrickten Fußbank, die Hände auf den Lehnen des Schaukelstuhls ruhend – und das Gesicht ihm gerade zugekehrt, mit geschlossenen Augen. Ein mattgrüner Schein von den herabgelassenen Jalousien durchflutete das Zimmer und gab ihrer ganzen Gestalt etwas wunderbar Zartes und Traumhaftes – eine schlafende Undine. Wenn sie nicht leise auf- und abgeschaukelt hätte, würde er geglaubt haben, sie schliefe. – Er blieb stehen und betrachtete sie eine Weile – trat dann einen Schritt vorwärts ins Zimmer hinein. Sie öffnete müde die Augen, sah ihn mit einem schwachen Lächeln an und schaukelte ganz langsam weiter. Er blieb an der Tür mit fragendem Blick stehen. Da hob sie matt die rechte Hand von der Lehne des Schaukelstuhles und ließ sie wieder sinken – es sah aus wie ein Wink, aber er war dessen nicht sicher und verharrte in seiner Stellung. Da hob sie aber die Hand wieder – in der Tat, sie winkte ihn zu sich heran, ein Irrtum war ausgeschlossen, und er ging hin und blieb vor ihr stehen. »Setzen Sie sich,« sagte sie schwach und zeigte lässig auf einen Stuhl, ohne die Hand zu heben. »Danke!« – Er setzte sich aber nicht, sondern blieb vor ihr stehen und verschlang sie mit den Augen. Da wurde sie ernst und fing an, ihn aufmerksam von oben bis unten zu mustern. Er bildete sich ein, sie entkleide ihn in der Phantasie Stück für Stück, und er hatte schließlich das Gefühl, als stünde er nackt vor ihr. Das genierte ihn aber nicht, er fühlte durchaus keine Scham – im Gegenteil, er brüstete sich unter ihren Augen. Dann kam er auf den Einfall, mit ihr dasselbe zu tun. Und es gelang ihm doch endlich einmal, was er niemals fertig gebracht hatte, wenn er allein in seinem Zimmer saß und phantasierte: er strich mit den Augen alle Kleider von ihr ab, von oben bis unten. Gott, welche Figur! Und die Augen glitten langsam die weichen jungfräulichen Linien der Hüften und der Brust entlang wieder aufwärts und machten bei ihrem Gesicht Halt. Aber du großer Gott! Daß er das nicht schon früher gesehen hatte! So wie sie dort saß und ihn ansah, erinnerte sie ihn ja genau an sie vom vorigen Jahre, sie, die nach Stockholm reiste. Und s i e hatte ihn ja gern gehabt ... Wie der Blitz fuhr der Gedanke ihm durch den Kopf: er wollte sich ihr anvertrauen, wollte sich zu ihren Füßen aufs Knie werfen, den Kopf in ihren Schoß legen und ihr alles erzählen; sie würde ihn begreifen, ihn gut aufnehmen und ihn lieben; und er wollte sie wieder lieben, lieben über alle Maßen. Nie mehr wollte er sich nachts durch das Fenster fortstehlen, nein, nur in ihr Schlafzimmer schleichen; nie mehr wollte er an andere denken, nur an sie, nur an sie – o, wie wollte er sie lieben ... Wie ein Blitz fuhr der Gedanke ihm durchs Hirn, während er dort stand und die kleinen Augen aufflammten – aber er überlegte noch einen Augenblick: sollte, durfte er es tun? Ja, er wollte es tun. Und er hatte schon ihren Namen auf der Zunge und wollte sich vor ihr aufs Knie werfen – da wurde draußen auf der anderen Seite des Korridors eine Tür zugeworfen: der Direktor hatte seinen Mittagsschlaf beendet. Mit einem Male durchfuhr ihn ein Schreck, er fühlte in sich das Bedürfnis, einen furchtbaren Schrei auszustoßen – tat es aber nicht, warf nur einige irre Blicke im Zimmer umher und lief, so schnell er konnte, die Gartentür hinaus, die Verandatreppe hinab, zum Gartenpförtchen hinaus und auf der anderen Seite die Treppe hinauf in sein Zimmer und warf sich der Länge nach aufs Bett. Mit einem leichten Druck ihres kleinen Fußes auf die bestickte Fußbank hatte aber sie sich im Schaukelstuhl zurückgeworfen und sandte ein helles Lachen hinter ihm drein, wie er so davonlief. Dieses Lachen klang ihm noch in den Ohren, dieses helle spöttische Lachen, das legte einen meilenweiten Abstand zwischen ihn und sie ... meilenweit? – nein, einen gähnenden Abgrund, eine ganze Welt legte es zwischen sie – ach, sie würden sich niemals finden, niemals! Er wußte nicht, wie es kam, aber er fühlte, daß es nie geschehen würde. Und die Tränen stürzten ihm aus den Augen, er weinte krampfhaft – und er blieb lange liegen und schluchzte zwischen den Kissen, während das Liebesphantom, das sich ihm gezeigt hatte, aus seiner Seele gerissen wurde ... V. Er hatte das Examen doch bestanden, zwar mit Ach und Krach: aber er war doch Student. Der Direktor hatte ihm gratuliert, und daheim war Freude: das war ja mehr, als man erwartet hatte. Der Vater hatte geschrieben, er wolle ihm ein Jahr lang den Aufenthalt in der Stadt bezahlen, bis er das zweite Examen bestünde; dann müsse er für sich selber sorgen, bis dahin aber könne er nach Geld schreiben, so oft er es brauche. Und Jarmann schrieb ihm ziemlich oft nach Geld, ohne daß der Alte murrte; es war ja nur das eine Jahr. Wer aber an das zweite Examen nicht dachte, das war Jarmann. Ihn beschäftigten ganz andere Dinge. Er hatte als Fuchs eine Reihe von Bekanntschaften gemacht, hatte angefangen, gesellschaftlich zu verkehren, und die Folgen seines früheren zurückgezogenen Lebens zu spüren bekommen: er fühlte sich geniert und steif, verstand sich nicht zu benehmen, hatte nicht dasselbe savoir vivre wie die anderen, kurz und gut, er machte den Eindruck eines ungeschickten Studenten aus der Kleinstadt. Und darüber hinauszukommen das war das Ziel seines Ehrgeizes geworden. Das war aber gar nicht leicht, und es nahm anfangs fast seine ganze Zeit in Anspruch. »Wenn du wüßtest,« sagte Jarmann einmal zu mir, »was es mich nur gekostet hat, wie ein Gentleman in ein Restaurant eintreten zu lernen ... oder im Theater in der ersten Parkettreihe nonchalant gegen die Orchesterbarriere gelehnt zu stehen und das Publikum zu betrachten ... oder nonchalant auf der Karljohannstraße auf und abzugehen und Gesichter anzusehen, anstatt wie früher vorüberzueilen, ohne zu wagen, jemand ins Gesicht zu blicken! – wenn du wüßtest, was mich das gekostet hat – es ist reinweg unglaublich!« Er lernte es aber auch in diesem einen Jahre gründlich; er richtete sein Leben ganz darauf ein, diesen edlen Zweck zu erreichen. Und da er nun einmal dieses Ziel vor Augen hatte, war seine Lebensweise gar nicht einmal allzu dumm. Erst am Spätvormittag, zwischen zehn und elf stand er auf; schlenderte gemächlich nach Ingebrets Restaurant, genoß eine Tasse Bouillon und etwas Butterbrot und setzte sich dann mit einer Zigarre und einer Zeitung an das Eckfenster des hintersten Zimmers im Café, bis es ein Uhr wurde. Dann bummelte er gelassen nach der Karljohannstraße, ging dort auf und ab und musterte die Karljohannsdamen, wie sie ihre Einkäufe machten. Das dauerte bis kurz nach zwei Uhr. Da kam die Musik, und nun strömte alles nach dem oberen Teil der Karljohannstraße, um sie anzuhören, Jarmann natürlich auch. Zwischen der Universität und Grand Hotel, bald auf dieser, bald auf jener Seite auf- und abspazierend, studierte er aufmerksam die Gesichter der jungen Damen und halbwüchsigen Mädchen, die dort auch auf- und abgingen; er kannte sie alle genau und ließ keine von ihnen vorüberkommen wenigstens wenn sie schön waren – ohne daß er sie gezwungen hätte, zu bemerken, daß er sie ansah. Übrigens niemals mehr als eine auf einmal, er konnte sich aus einer ganzen Schar, die zusammen spazierte, auswählen. Schon von vornherein fing er an, sie mit den Augen zu entkleiden und die Figur zu mustern, bis entweder sie selber es merkte oder die anderen sie darauf aufmerksam machten; dann ließ er die Augen in den ihren ruhen und versuchte ein schwaches Lächeln. Wurde es erwidert, so war er für eine ganze Viertelstunde vergnügt; das war ja sein Spezialgenuß, das gehörte dazu, ihn in gute Laune zu versetzen. Und es gelang ihm nicht allzu selten; denn er sah gut aus, wie er daherkam, schlank und blond, nonchalant in seinem grauen, ganz vorzüglich sitzenden Dreh weiterschlendernd, mit einem Anflug von Blasiertheit in dem seinen, blassen Gesicht. Gegen drei Uhr, wenn die Musik vorüber war, ging er nach Hause. Er war wieder in sein altes, enges Quartier gezogen und aß bei der Wirtin zu Mittag; auch das Mittagessen bei Ingebret einzunehmen, wäre zu teuer gekommen. Nach dem Mittagessen schlief er gern ein Stündchen. Nach dem Kaffee blieb er entweder zu Hause sitzen und las, wenn er ein neues Buch hatte, oder er besuchte irgendeinen seiner neuen Kameraden und blieb dort den ganzen Nachmittag, rauchend und plaudernd; gewöhnlich wurde über Politik gesprochen, die damals – im Winter 1879/80 – das tägliche Gesprächsthema geworden war, und dann natürlich über die Frauen. Jetzt verheimlichte er seine Weibergeschichten nicht mehr, denn das tat ja auch keiner von den anderen. Abends saß er dann entweder in einem Café, wo er zu Abend aß und bei einem Toddy und einer Zigarre die Zeitungen las, oder er war im Theater – und dann saß er immer in der ersten Reihe des ersten Parketts, wo man ihn in den Zwischenakten, flott gegen die Orchesterbarriere gelehnt, mit einem Kameraden plaudern, ab und zu auch eine Dame bald mit bloßen Augen, bald durch den Operngucker fixieren sehen konnte. Wenn dann die Vorstellung zu Ende oder es gegen 10 Uhr geworden war – dann gingen wieder die alten Weibergeschichten los bis tief in die Nacht hinein. So lebte er sorglos und ruhig Tag für Tag, Monat für Monat, ohne an die Zukunft zu denken. Henschen, sein verkörpertes Gewissen, war irgendwo auf dem Lande Hauslehrer' geworden, und seit dessen Abreise war über Jarmann ein erhöhtes Selbstgefühl, ein ruhiges Gleichgewicht nach außen und nach innen gekommen, womit er selber sehr zufrieden war. Geschah es, daß ihn jemand fragte, was er werden wolle, so hatte er immer die Antwort: »Literat« bereit. Das Lob, das ihm in der Schule für seine Aussätze zu teil geworden war, hatte ihn auf diese Idee gebracht.– – Es war an einem Abend im November. Die Witterung war rauh und kalt; es war windstill, die Luft etwas neblig, aber die Straßen waren trocken. Die Vorstellung im Kristiania-Theater war zu Ende, und das Publikum strömte auf den Bankplatz hinaus, Jarmann unter den ersten. Er hatte im Theater gegähnt und sich gelangweilt, war aber doch bis zum Schlusse geblieben; er hatte ja nirgends sonst etwas zu tun. Auf der Plattform vor dem Eingange blieb er stehen, den Winterrock fest zugeknöpft, die Hände in den Taschen, und sah gleichgiltig auf die Menschenmenge, die an ihm vorüber flutete. Als niemand mehr kam, die Gasflammen ausgelöscht wurden und das Theater düster und öde dalag, stieg er mechanisch die zwei Stufen von der Plattform hinab und ging langsam auf dem Bürgersteig über den Platz entlang weg. Vor den erleuchteten Fenstern von Ingebrets Restaurant blieb er einen Augenblick stehen und horchte auf den Toddylärm drinnen. Sollte er hinaufgehen und essen? ... Er rümpfte die Nase – er hatte keine Lust. – Oder sollte er ins Café gehen, einen Toddy trinken und eine Zigarre rauchen? – Er schüttelte den Kopf – hatte keine Lust. Und er ging langsam die Kirchstraße hinauf ... Sollte er den Versuch machen, ein Weib aufzugabeln? ... Er rümpfte wieder die Nase und schüttelte den Kopf – hatte keine Lust ... Oder sollte er zu einem Bekannten gehen und ein Stündchen plaudern ... Ach nein, er hatte keine Lust ... Oder nach Hause gehen und sich schlafen legen? ... Er hatte keine Lust! – Es war, als wäre das Blut in seinen Adern verfault; die Glieder waren matt und schwer, das Gehirn schlaff und leer, gedankenlos, willenlos, ohne Verlangen, ohne Begehren ... Die Beine trugen ihn mechanisch über die Straße, er fühlte sich wie eine lebendige Leiche in einer plötzlich ausgestorbenen Stadt, unglücklich, als hätte ihn das Leben von sich gestoßen. Ein Stück weiterhin blieb er stehen und stampfte auf den Bürgersteig! Aber zum Kuckuck, irgendwo mußte er doch etwas anfangen! – was sollte er nur beginnen? ... Zu nichts hatte er Lust. Und er setzte sich mit den Beinen im Rinnstein auf dem Trottoir nieder, den Ellbogen auf die Knie gestützt und das Gesicht in den Händen – und wollte weinen. Es kamen ihm aber keine Tränen. Er hob wieder den Kopf und blieb sitzen und starrte schlaff und idiotisch die Fenster der Kreditbank an; als er aber dann weiter unten auf der Straße Schritte hörte, nahm er sich zusammen, stand auf und ging weiter. Als er beim Postamt um die Ecke bog, begegnete ihm eine Droschke. Er rief sie an und sprang hinein. Der Kutscher fragte, wohin er fahren sollte. – »Ach, fahren Sie ... fahren Sie in die Drammensstraße hinaus!« Und er kroch in einer Ecke der Droschke zusammen, von jenem widerlichen Schmerz erfüllt, den nur die innere Leere bringen kann, während der Kutscher umkehrte und fuhr. Plötzlich aber fuhr Jarmann wieder empor: was sollte er denn auf der Drammensstraße? Nein, lieber irgendwo anders hin. Aber wohin? ... Mechanisch sah er sich um, wie um den Ort zu finden, sank d .nn aber wieder schlaff zurück –: Ach, Unsinn, ob er dorthin fuhr oder anders wohin, das war ja gleichgiltig, es war ja sowieso Blödsinn, zu fahren! – Und er starrte wieder, von diesem unleidlichen Gefühle der Leere verzehrt, gerade vor sich hin. Ihm war, als hätte er sich nie so unglücklich gefühlt. Was war das Leben? ... Plötzlich kam ihm zum Bewußtsein, daß er jetzt den Gedanken an Selbstmord verstand, und dann fiel es ihm ein, daß er, im Grunde genommen, wie er da saß, eine ganz interessante Person war. Dann aber fuhr er wieder empor: nein, er hatte wahrhaftig keine Lust, auf diese Weise länger interessant zu sein ... »Kutscher!« Der Kutscher dreht sich um. »Fahren Sie nach Vika!« Auf dem dreieckigen Platze vor dem Eingange zur Vika stieg Jarmann aus, bezahlte den Kutscher und ging zu Berntine. Er entkleidete sich dort mit der Absicht, die ganze Nacht zu bleiben. Kaum war er aber eine Weile dort gewesen, als ihm das Ganze schon wieder allzu widerlich vorkam, und er zog sich also wieder an und ging. Draußen blieb er stehen und sah sich unentschlossen um. Wieder hatte er Lust, sich niederzusetzen und zu weinen – nahm sich aber dann energisch zusammen und lief beinahe nach Hause in der graukalten Nachtluft, entkleidete sich, ohne Licht anzuzünden, und kroch unter die Decken: er wollte schlafen! wollte nichts mehr mit dieser Wirtschaft zu tun haben! ... Eine Empfindung, halb Gedanke und halb Gefühl, überkam ihn, während er dort im Bette zu schlafen versuchte: ob es im Grunde nicht das Angenehmste sein würde, niemals wieder zu erwachen? ... Mit dieser Empfindung schlief er ein. Am Abend darauf. Im Volkstheater war eben der Vorhang gefallen. Jarmann war aufgestanden. Er stand, an die Orchesterbarriere gelehnt, den Operngucker mit beiden Händen in der Magengegend vor sich hinhaltend, das Gesicht zu Helmer hinabgebeugt, der neben ihm saß. »War sie nicht großartig?« sagte er begeistert. Er meinte Frl. Lindgren. Es wurden die Räuber gegeben und Frau Tivander war der Fürst, Frl. Lindgren der Page. »Ja, sie ist nicht schlecht,« sagte Helmer. »Nicht schlecht! – hast du je etwas so Großartiges gesehen? ... solche wunderbare Beine? ... und solche Hüften? ... Hast du bemerkt, wie sich ihre Beine neben denen der Frau Tivander ausnahmen?« »Ach, die der Frau Tivander sind wahrhaftig auch prächtig.« »Das sind sie,« sagte Jarmann; »es waren seine reine Linien! ... herrliche Frauenbeine – was ist das aber gegen Fräulein Lindgren! Sie hat Jungfrauenbeine, das Ideal von Jungfrauenbeinen! ... so reine feine Linien und doch so wundervoll zart – Gott, war sie großartig!« Und in stummem Entzücken über diese herrlichen Beine starrte er begeistert über das Publikum hin. Helmer betrachtete ihn lächelnd und schüttelte den Kopf. Plötzlich machte Jarmann eine nervöse Bewegung: »Nein, ich halte es nicht länger aus, hier zu stehen und zu warten, bis der Vorhang wieder in die Höhe geht – komm, wir wollen so lange in das Restaurant gehen.« Sie gingen hinaus, rauchten eine Zigarette und tranken ein Glas Bier und saßen inmitten des Lärmes und der Tabakswolken in dem überfüllten Café – ohne ein Wort zu sprechen. Jarmann blies nur den Zigarettenrauch in schweren Wolken vor sich hin und sah ihnen begeistert nach, während sie in die Luft hinausflossen und sich mit all dem anderen Rauch vermischten. Als es klingelte sprang er auf, warf die Zigarette weg und stürzte ins Theater. Der Vorhang ging in die Höhe, aber Jarmann sah nicht, was sich auf der Bühne abspielte, starrte nur in fieberhafter Spannung hinauf, Fräulein Lindgren erwartend. Als sie endlich kam, steckte er beide Hände in die Hosentaschen, lehnte sich zurück und blickte sie unverwandt an. Als sie abgegangen war, fiel er wieder zusammen und wartete nervös darauf, daß sie zurückkehren sollte – alles andere war ihm ganz gleichgiltig. Als die Vorstellung zu Ende war, trennte er sich von Helmer gleich vor dem Theater und wanderte allein nach Hause. Er ging schnell, als hätte er Eile, und fühlte das starke Bedürfnis, etwas zu tun, ohne zu wissen, was. Hin und wieder stieß er den Stock fest auf das Pflaster –: Du großer Gott, wie schön sie war! Zu Hause zündete er die Lampe an und setzte sich in die Sofaecke, um an das Fräulein zu denken. Er konnte jedoch nicht still sitzen, fuhr wieder auf und ging nervös in dem kleinen engen Zimmer hin und her ... Ja, sie war herrlich, wundervoll! Und so rein, so jungfräulich, so unschuldig – etwas Schöneres konnte er sich gar nicht denken, ein Schimmer von Reinheit ging von ihrer ganzen Gestalt aus. – Auf einmal erfaßte ihn selber eine unermeßliche Sehnsucht nach Reinheit: er mußte auch rein sein, wenn er an sie denken wollte. – Und er blieb vor der Kommode stehen, zog eine Schublade heraus, entnahm ihr reines Leinenzeug und reine Strümpfe, legte das alles aufs Bett, setzte sich daneben auf den Stuhl, entkleidete sich völlig, stellte sich splitternackt vor den Waschtisch und begann sich am ganzen Leibe mit Seife zu waschen. Dann rieb er sich trocken und warm, zog das glänzend weihe Leinenhemd an und setzte sich eine Weile auf den Stuhl neben dem Bett und genoß seine eigene Reinheit. Darauf zog er sich wieder an, holte aus dem Vorsaal Hut und Überrock, löschte die Lampe und begab sich in förmlich festlicher Stimmung in die sternenhelle Nacht hinaus –: es war etwas Bräutliches in diesem Gefühle der Reinheit; sie war ihm gleichsam näher gerückt! ... Mit raschen, nervösen Schritten, ganz von dem Gedanken an sie erfüllt, schritt er durch die Straßen. Mitten in der Karljohannstraße blieb er stehen, schlug keck mit seinem Stock das Pflaster und sah sich energisch um – wohin sollte er gehen? Vor ihm lag die Straße, durch zwei Reihen Gaslaternen bis zum Eisenbahnplatz hinab erleuchtet – he! für ihn waren sie angezündet: er wollte ja nach dem Eisenbahnplatz – denn sie wohnte gewiß im Hotel Royal. Und mit energischen Schritten ging er dorthin. Vor dem Hotel blieb er stehen und sah zu den Fenstern hinauf. Viele Fenster waren erleuchtet. O, hätte er gewußt, welches Fenster es war ... hätte er nur hinter einem Vorhang einen Schatten sehen können und gewußt, daß es der ihre war! Es zeigte sich aber nicht einmal ein Schatten; in vollem Lichte glänzten die Fenster weiter. Dann wurde eins von ihnen dunkel, und bald darauf die anderen Schließlich fiel ihm ein, daß sie vielleicht nicht einmal hier wohnte ... Natürlich nicht! das Personal des Volkstheaters stieg ja gewöhnlich im Hotel d'Angleterre ab. Und er ging dorthin. Dort waren aber alle Fenster dunkel. Er überlegte eine Weile ... sie hatte sich wohl niedergelegt, schlief süß zwischen ihren weißen Linnen.. und er wanderte mit kleinen, raschen, nervösen Schritten die Drammensstraße hinaus, ohne weiter zu denken, nur froh, von Herzen froh darüber, daß sie existierte ... daß es etwas Herrliches auf Erden gab. Als er wieder nach Hause gekommen und zu Bette gegangen war, schlief er sofort ein und träumte von ihr: Hell und blond stand sie in ihrem schönen Pagenkostüm da, und er lag vor ihr auf den Knien und erzählte ihr voller Scham von seinem ruchlosen Leben. Das kam aber alles daher, weil er sie nicht eher getroffen hatte, weil er sie nicht eher hatte lieben können ... jetzt würde es nie wieder geschehen, von jetzt aber würde er niemals wieder an andere als an sie denken können. Und sie sah schamhaft und liebevoll auf ihn herab und sagte, sie wolle ihn ein Jahr auf die Probe stellen. Er bat und bettelte: so lange könne er nicht von ihr entfernt leben. Es half ihm aber nichts, die Probezeit mußte überstanden werden ... Plötzlich, wie er so für sich bat, entdeckte er auf einmal, daß der Page vor ihm gar nicht sie war, sondern Fräulein Bamberg mit den blinzelnden zärtlichen Augen und dem spöttischen Lächeln. Und er stand wieder im Gartenzimmer des Direktors, und der Direktor kam ganz ruhig herein und sagte Guten Tag – und das ganze schlug in lauter Blödsinn um. Am Abend darauf und alle folgenden Abende, sobald Fräulein Lindgrens Name auf dem Theaterzettel stand, konnte man Jarmann in der ersten Reihe des ersten Parketts finden, und jedesmal war er gleich begeistert. Er machte aber keinen Versuch, mit der Dame bekannt zu werden. Als Tivanders Truppe vierzehn Tage später weiter zog, fühlte Jarmann einige Tage lang eine heftige Sehnsucht. Nach und nach verließ ihn aber die Begeisterung wieder, und nach einer Woche hatte er das Ganze vergessen und lebte wieder wie vorher. Das Jahr, in dem das zweite Examen bestanden werden sollte, ging, zu Ende, ohne daß Jarmann an irgendein Examen gedacht hatte. Die Geldsendungen von zu Hause hörten auf, und er begann darüber nachzudenken, was er anfangen sollte. Einen Augenblick dachte er an einen Hauslehrerposten, gab aber den Gedanken gleich wieder auf: dann hätte er ja von der Stadt fort müssen, und das wollte er um keinen Preis. Da bewarb er sich um einen Posten im Kontor eines Rechtsanwaltes und erhielt ihn. Das Gehalt betrug monatlich 30 Kronen. Er hatte aber dafür nichts zu arbeiten, er mußte nur zugegen sein. Und nun verbrachte er seine Vormittage in dem Kontor, mit irgendeinem Leihbibliotheksroman auf dem Sofa liegend, und lebte im übrigen weiter wie bisher – so weit sich das bei den beschränkten Geldmitteln und dem Kredit, den er hatte, tun ließ. So vergingen etwa drei Vierteljahre bis zum Frühling 1881. VI. An einem Abend im Mai 1881 hielt der Verein Fram (Vorwärts) im Christianiaer Arbeiterverein an der Ecke des Voungplatzes und der Marktstraße in einem Zimmer des zweiten Stockes eine Versammlung ab. Es war in der ersten Zeit des Vereins, als die Mitgliederanzahl noch ziemlich beschränkt war. Um den langen Tisch inmitten des kahlen Zimmers sahen etwa 20 bis 30 junge Leute. Jeder hatte seinen Toddy oder Pjolter vor sich, trank und rauchte Zigarren, kurze oder lange Pfeife. Eine große Toddywassermaschine kochte mitten auf dem Tische, eine Masse Flaschen und Gläser, große und kleine, geleerte und gefüllte, standen in buntem Wirrwarr überall umher, hie und da war Bier, Wasser und Kognak verschüttet worden. Und alles, die jungen Menschen mit ihren Toddys und Bjolter, der beschmutzte Tisch mit seinen Flaschen, Gläsern und dem Toddyzubehör, war in eine dichte Wolke von Tabakrauch und Toddydunst gehüllt. Die beiden Gasflammen über dem Tische strahlten, ihr Licht, abgedämpft durch die Milchglaskugeln, auf den graugelben Nebel herab und warfen einen phantastischen Schein auf die jugendlichen Gesichter. Es war bereits zwölf Uhr vorbei. Der Abend war recht lebhaft gewesen. Der Vorsitzende hatte einen längeren Einleitungsvortrag über Darwin und seine Bedeutung für die moderne Wissenschaft gehalten; nach dem Vortrag hatte eine Diskussion stattgefunden und dabei war man schließlich auf das Christentum gekommen, sein Verhältnis zur modernen Wissenschaft, zur Kunst – und zum Leben. Beim letzten Punkt besonders hatten sich die Gemüter erhitzt, und einer nach dem anderen war aufgestanden und hatte über die ungeheuren Versündigungen des Christentums am Leben gesprochen. Von allen Seiten und in den verschiedensten Formen wurde hervorgehoben wie das Christentum mit seinem Gebot der Entsagung bei dem heranwachsenden Geschlecht das Bedürfnis nach einem freieren und reicheren Leben, als es unter den alten Gesellschaftsformen gelebt werden kann, entweder vernichtet oder unterdrückt und dadurch bewirkt, daß dieses Bedürfnis, anstatt sich in gesellschaftsreformatorischen Bestrebungen zu äußern, in eine private Genußsucht ausartet, die dann wieder alle die Gesellschaftsübel hervorbringt, die man mit einem gemeinschaftlichen Namen Unsittlichkeit nennt und die unablässig Tausende und Abertausende von Opfern fordern. Von allen Seiten und in den verschiedensten Formen wurde dies zornig und indigniert hervorgehoben, und das Christentum war infolge dessen für Frams Hauptfeind erklärt worden. Ein langer Bursche mit offenem Gesichte, stahlblauen fanatischen Augen und gelbem lockigen Haar stand am oberen Ende des Tisches in der Nähe des Vorsitzenden. Er behandelte dasselbe Thema und beleuchtete es durch ein Beispiel aus seiner Lebenserfahrung, während die anderen still um den Tisch saßen, an ihren Gläsern nippten und mit zustimmenden Mienen zuhörten. Als dieser sich gesetzt hatte, erhob sich der Vorsitzende am Kopfe des Tisches, ein ganz junger, schwarzhaariger Mensch, kaum zwanzig Jahre alt, schon mehr dünn als schlank, mit breiter hervorspringender Stirn, die das ins Gesicht hineingestrichene Haar zur Hälfte verdeckte, einem ungewöhnlich energischen Mund und tiefliegenden schwarzen Augen. Er fragte, ob noch jemand das Wort wünschte. »Gut, dann, denke ich, so trinken wir also zum Schluß auf das Heidentum – Hoch das moderne Heidentum!« »Hoch! – hoch das Heidentum!« wurde von allen Seiten gerufen. Und alle tranken mit. »Und damit erkläre ich die Versammlung für geschlossen – nun beginnt das Nachspiel,« sagte der Vorsitzende und setzte das Glas auf den Tisch. »Braucht jemand dort unten noch Branntwein?« »Ja, hier, hier!« klang es von verschiedenen Seiten, und mehrere Arme wurden vorgestreckt. Der Vorsitzende schob eine Kognakflasche den Tisch hinunter entkorkte eine neue für sich selbst und den, der mit ihm am oberen Ende des Tisches saß – und dann trank man drauf los und plauderte und schwätzte über alles mögliche. Allmählich löste sich die Versammlung in einzelne Gruppen auf; einige gruppierten sich um den Vorsitzenden am Tischende, andere hatten sich an die kleinen Tische in den Ecken des Zimmers unter den Gasflammen gesetzt, und der Rest blieb an dem langen Tische in kleinen Gruppen von zwei bis drei Personen. Der Tabaksrauch wurde immer dichter, die Stimmen der einzelnen Gruppen schwollen immer mehr an; das Ganze schwamm schließlich zusammen in einen Nebel, einen lärmenden Wirrwarr, der hin und wieder von jugendlichen Lachsalven unterbrochen wurde. Etwa in der Mitte des langen Tisches, den Rücken den Fenstern zugekehrt, saß ein zartgebauter junger Mann ganz allein. Rotblondes Haar umschloß dicht und glatt den kleinen stattlichen Augustuskopf und schob sich in kleinen Locken in die weiße Stirn vor – es war Jarmann. Er hatte sich in seinen Stuhl zurückgelehnt, bequem zusammengesunken, die rechte Hand auf der Tischfläche das Glas umfassend, den Kopf vornüber gebeugt, und starrte geistesabwesend in das Gewirr von leeren Flaschen und Gläsern auf dem beschmutzten Tisch hinein; er sah nichts von dem, was um ihn vorging, hörte nicht die lärmenden Stimmen, spürte nicht den beißenden, erstickenden Geruch des Tabakqualms und Toddydunstes – er war ganz mit sich selbst beschäftigt. Für ihn hatte dieser Abend eine ganz eigene Bedeutung. In der kurzen Zeit, die er Mitglied des Fram war, hatte das Christentum noch nicht zur Diskussion gestanden; hin und wieder hatte er es wohl vereinzelt in der privaten Unterhaltung zwischen Mitgliedern bei einem »Nachspiel« oder sonstwo, wenn sie außerhalb des Vereins zusammentrafen, erwähnen hören; sie hatten sich aber niemals eingehend damit beschäftigt, nur darüber die Achseln gezuckt, als über etwas, über das sie schon längst hinaus waren und womit sie nichts mehr zu tun hatten. Und er hatte bei der stillschweigenden Verachtung, die auf diese Weise dem Christentum zuteil geworden war, ein Gefühl der Schadenfreude gehabt – es hatte in ihm ein lange unterdrücktes Rachegefühl befriedigt; er war aber doch geneigt gewesen, diese Verachtung als einen Ausfluß jugendlicher Übertriebenheit anzusehen; in Wirklichkeit werde wohl, meinte er, das Christentum im Innern der jungen Leute ebenso leben wie in ihm selber; man konnte das wohl nicht los werden. Dies Gefühl hatte er früher gehabt. Heute Abend aber, als er alle die zornigen, indignierten Reden gegen das Christentum hörte, war es erschüttert worden; der Zorn und die Empörung hatten ihn selber angesteckt, und zwar, je länger er zuhörte, umso mehr. Das Christentum vernichtete bei dem jungen Geschlecht das Bedürfnis nach einem freieren, reicheren Leben – ja das tat es gewiß bei vielen, ohne Zweifel.. Oder es unterdrückt die Sehnsucht nach der Freiheit und zwingt sie, in Genußsucht und Unsittlichkeit auszuarten, während ihr natürlicher Ausfluß gesellschaftsreformatorische Bestrebungen zeitigen würde – ja, so war es ihm ergangen. Und das Christentum, das so hart verurteilte, war also selber schuld daran! ... Ja, so war es, so war es! – Und es war nicht nur ihm so gegangen, nein, anderen auch, und es würde auch weiterhin noch vielen anderen ebenso ergehen ... Und er und diese anderen, deren Freiheitsbedürfnis das Christentum nicht zu vernichten, sondern nur niederzuhalten vermocht hatte, – bei ihnen war ja gerade das Freiheitsbedürfnis am stärksten, in ihrer Brust lagen ja gerade die meisten Zukunftskeime, gerade sie hätten also die besten Kämpfer für Freiheit und Fortschritt werden können! ... Und anstatt dessen bummelten sie, tranken und schwätzten mit Frauenzimmern und brachten ihre Zeit hin, so gut wie's gerade ging, weil das Christentum das Bedürfnis nach Freiheit in ihnen unterdrückte und es zwang, sich diesen unnatürlichen Abfluß zu verschaffen ... O, es war schändlich. In solche Gedanken versunken, saß er da, und der Zorn und die Indignation wuchsen, je mehr er nachdachte, und schließlich erfaßte ihn eine Begeisterung für die Ausrottung des Christentums –: o, es mußte ausgerottet werden, mit Stumpf und Stiel mußte es ausgerottet werden, damit das junge Geschlecht für Freiheit und Fortschritt gerettet werden konnte! Plötzlich aber überkam ihn ein Zweifel: war das nicht vielleicht eitel Selbstbetrug, Verblendung, eine augenblickliche Stimmung, war das Christentum nicht in ihm ebenso lebendig, wie es immer gewesen war? – Und mit bangen Ahnungen begann er – was er so viele Jahre sich nicht getraut hatte – sich selber zu, prüfen und jeden kleinsten Winkel seiner Seele zu untersuchen. Aber nein! In seinem Innern rührte sich keine Faser zugunsten des Christentums, keine Spur war mehr da von der altbekannten inneren Stimme aus den Tagen der Kindheit, kein Schimmer mehr von dem ehemaligen Glauben an die Wahrheit des Christentums; jetzt war es ihm nur eine abscheuliche, freiheitsfeindliche, verderbliche Fabel, und er wunderte sich, daß er je an sie hatte glauben können. – Nein, das Christentum lebte in seinem Herzen nicht mehr, es war tot, war dahin ... Tot und dahin? – Durfte er das glauben? ... Ja, tot und dahin, jubelte es in ihm. Und die lastende Bürde, die er insgeheim und allein in diesen Jahren getragen hatte, bis er sich so sehr daran gewöhnt, daß er sie als einen unvermeidlichen Teil seiner selbst fühlte, – sie wurde wie ein Stein von seinen Schultern gewälzt, und ein unbändiger Jubel über die Befreiung erfaßte ihn –: Tot und dahin! Tot und dahin! jubelte es in ihm ... Tot und dahin! jubelt es lauter und lauter – und der Jubel wuchs zu einem gewaltigen, alles übertönenden Siegesgesang, der seine Brust zu sprengen drohte, und er sprang auf mit glühendrotem Gesicht und flammenden Augen, als wollte er seinen Jubel in die Welt hinaus schreien. Ein schallendes Lachen klang vom oberen Ende des Tisches her durch die dichten, graugelben Tabakswolken – und Jarmann kam mit einem Male in Erinnerung, wo er war. Der beschmutzte Tisch mit seinem Wirrwarr von Flaschen und Gläsern, die zechenden Menschen rings umher in dem graugelben Nebel, das lärmende Geschwätz Halbtrunkener, der widerliche Gestank von Branntwein und Tabak, das alles drängte sich seinen Sinnen auf und drohte ihn zu ersticken. Nein, hier konnte er nicht atmen, er mußte ins Freie hinaus, mußte in langen, saugenden Zügen die reine Nachtluft und seine Befreiung genießen. Er warf einen Blick um sich, niemand hatte ihn beachtet, und er eilte zur Tür, holte seinen Hut vom Garderobeständer und verschwand. Auf der Steintreppe vor dem Hause blieb er einen Augenblick stehen, sog mit Wohlbehagen die kühle Luft ein, starrte begeistert auf die schwere rohe Granitmauer des Zuchthauses, die so gewaltig und ruhig ihm gegenüber im Mondlicht dalag, mit ihren unzähligen kleinen glitzernden Kristallflächen. Dann aber ging er mit raschen Schritten fort, die Schultern hochgezogen, die Arme steif, die Fäuste geballt, und sog in langen Zügen die Luft ein. Groß und öde lag der Voungplatz vor ihm, kein Mensch war zu sehen, das nackte Pflaster badete sich schattenlos im weißen Mondlicht. Plötzlich erfaßte ihn eine leidenschaftliche Lust, zusammen mit seinem Schatten im Galopp über die große weiße Fläche zu springen, sich dann in der Mitte des Platzes niederzuwerfen, zum Himmel emporzusehen und hinaufzuschreien, in die Hände zu klatschen, mit den Beinen zu strampeln und gotteslästerliche Dinge zu rufen – und sich dann zu einem Klumpen zusammenzurollen, die Knie bis ans Kinn gezogen und die Arme um sie geschlungen, und sich auf dem Pflaster umherzuwälzen wie ein Verrückter und zu rufen: Kjipalam, kjipalam! ... Er lächelte einen Augenblick über den lächerlich kindischen Einfall, bog dann links ab und ging mit raschen nervösen Schritten die Youngstraße hinab ... Wie jung und stark er sich fühlte! ... es kostete ihn Mühe, der Neigung zu widerstehen, in dem Mondschein zu laufen ... O, aber in den Straßen der Stadt war es zu eng, er mußte in die freie Natur hinaus, erst dort konnte er aus voller Brust atmen. Und er wanderte mit hochgezogenen Schultern, steifen Armen und geballten Fäusten weiter nach der Altstadt und Ekeberg hinaus. Von der Vaterlandsbrücke warf er zufällig einen Blick auf den Akersfluß, blieb, von der Schönheit der Gegend ergriffen, unwillkürlich stehen und stützte sich mit den Armen auf das eiserne Brückengeländer. Gerade unter ihm floß das Wasser kohlschwarz durch die Brückenbogen; die Häuser auf dem linken Ufer warfen schwarze Schlagschatten darüber hin. Weiter draußen schlängelte sich der Fluß wie eine Silberader, wellenförmig, im Mondschein zwischen dem Grün der Bäume und Büsche glitzernd, und die Landschaft ringsum wirkte in der hellen Beleuchtung ganz phantastisch. Wie er dort, an das Geländer gelehnt, ins Weite starrte, wurde für ihn die bleiche phantastische Landschaft zu einem fernen Lande. Hinter dem Grün der Bäume und Büsche zu Seiten des silberglitzernden Flusses ahnte er weite Länder mit großen Städten, in denen die Menschen friedlich nebeneinander leben und ein jeder auf seine Weise glücklich ist, ohne sich darum zu kümmern, was nach diesem Leben kommt. Und kein zorniger Himmel sendet dort Strafandrohungen auf die Menschen herab, noch verkündet er, daß dieses irdische Glück mit Martern und Qualen in einer anderen Welt bezahlt werden soll. Nein, rein und klar wölbt sich der Himmel über den Menschen, die ganze Natur lächelt ihnen zu und spricht von Glück, Glück! irdischem Glück! – und sie opfern dem, was nach diesem Leben kommt, nicht einen Gedanken ... Ach, daß das alles so fern liegt! ... Weshalb ist er nicht dort! ... Er reckte sich auf. Mag das in der Ferne liegen! Auch über ihm wölbte sich der Himmel rein und klar mit blinkenden freundlichen Sternen, und er stand jung und stark da, rein und schuldfrei – hatte das ganze Leben noch vor sich! ... Rein und schuldfrei! ... Ja. Freilich hatte er nie gearbeitet, nie etwas getan – das war wahr – nie etwas Nützliches studiert und gelernt wie die anderen, nie gedacht. Das war aber nicht seine Schuld; das Christentum und die schlechte Erziehung waren daran schuld ... Und freilich hatte seine Begeisterung für alles, was Freiheit und Fortschritt hieß – wenn sie vielleicht auch größer gewesen war als die irgend eines anderen – nicht auf irgendwelchem Verständnis beruht; er hatte nicht sagen können, weshalb er begeistert war ... Aber war er denn irgendwie aufgefordert worden, zu denken? Die anderen sahen auf ihn herab; er wisse ja gar nichts, sagten sie, verstünde nichts. Selbst die Streber taten es; erst heute hatte ein solcher Bursche zu ihm gesagt: »Aber was willst du denn mit der »Freiheit« und dem »Fortschritt«? Was meinst du denn damit? Die Staatsratssache oder die Wahlrechtsreform oder die Republik? Oder was soll uns denn so frei machen und uns solche Fortschritte bringen? Was meinst du denn überhaupt mit solchen Phrasen?« – Und er hatte dagestanden und nicht antworten können, wußte, daß er recht hatte und der andere unrecht, konnte aber weder Worte noch Gedanken finden, wurde nur glühend heiß und rot im Gesicht und ging seiner Wege, nachdem er verbittert »Esel« gemurmelt hatte, während der andere stehen blieb und ihm nachlachte ... Der Mensch hatte aber recht, und die anderen auch: er hatte wirklich eigentlich niemals verstanden, was Freiheit und Fortschritt war, hatte es nur gefühlt, ohne sich darüber klar zu werden. Jetzt aber verstand er es: ein freieres, reicheres, glücklicheres Leben soll ein jeder von uns leben und wir alle zusammen, so daß wir uns nicht mehr vor dem Leben zurückzuziehen und unsere Befriedigung anderwärts zu suchen brauchen! ... Noch wußte er nicht, wie dieses freiere, reichere, glücklichere Leben gelebt werden, worin es eigentlich bestehen sollte, verstand auch nicht, was das mit der Republik, der Staatsratssache, der Wahlrechtsreform und allem anderen zu tun hatte. Aber er wollte sich schon noch darüber klar werden; daß ein Zusammenhang zwischen dem allen bestand, das fühlte er, und den wollte er auch schon noch finden ... Die anderen mochten, so lange sie wollten, auf ihn herabsehen und glauben, daß er zu nichts tauge – er würde schon das Ganze noch verstehen lernen, auch er! Er wollte arbeiten! und studieren! und denken! und arbeiten! bis ihm alles klar würde, und dann sollte sich zeigen, daß in ihm vielleicht bessere Kräfte schlummerten als in allen denen, die ihn jetzt herabsetzten. Gleich morgen wollte er anfangen. Mochten sie ihn nur immer einen Faulpelz heißen, der keine Lust habe, etwas zu tun, – seinetwegen mochten sie ruhig reden: er war jung und stark, und es würde sich zeigen, daß er arbeiten konnte und etwas leisten, wenn er auch die Schulaufgaben, deren Nutzen er nicht einsah, nicht hatte einpauken und sich nicht dazu hatte bequemen können, sich einem langweiligen Brotstudium zu widmen, das für ihn keine andere Bedeutung hatte, als daß es ihm eine Unterkunft zu schaffen imstande war. – Und wenn er sich dann zu voller Klarheit über das, was ihm am Herzen lag, durchgearbeitet und das ganze volle Verständnis dessen sich erworben hatte, was es galt – dann wollte er sich eine Stellung wählen und von dieser aus gleichfalls sich an der Arbeit für Freiheit und Fortschritt beteiligen ... O, er wollte es schon noch zu etwas bringen ... ja, ganz sicher: er hatte Jugend und Kraft im Überfluß, und an Verständnis fehlte es ihm auch nicht mehr – jetzt lag das Leben offen vor ihm da! ... Er hatte die Brücke verlassen, ohne es selber zu merken, und war in der mondhellen Nacht weitergewandert, die Schultern hochgezogen, die Arme steif, die Fäuste geballt. Und so ging er mit raschen nervösen Schritten immer weiter und weiter, zog die Luft in langen Zügen ein und berauschte sich in Zukunftshoffnungen. Es war vier Uhr, als er endlich zu Bett kam. Als er tags darauf in dem Rechtsanwalts-Bureau auf dem Sofa lag und darüber nachdachte, wie er nun anfangen wollte, da konnte er schlechterdings nicht fassen, auf welche Weise er beginnen und auf welche Weise er enden sollte. Schließlich verfiel er darauf, zunächst an das Studium von Stuart Mills Repräsentative System zu gehen, nahm wirklich die letzte halbe Stunde vor Zwei Urlaub, begab sich auf die Universitätsbibliothek und lieh das Buch. Am Nachmittag las er einige Seiten darin, fand sie aber entsetzlich langweilig und ließ das Buch dann zu Hause auf dem Tische liegen, ohne je wieder hineinzusehen. Und nach Verlauf weniger Tage war die ganze Begeisterung von dem Abend im Fram völlig verdunstet und der Arbeitsplan aufgegeben, und er fuhr fort, genau wie vorher zu bummeln und die Zeit totzuschlagen. VII. Etwa in dieser Zeit begegnete ich Jarmann zum ersten Male. Ich hatte in den letzten Tagen vor den Sommerferien (ich war Stenograph im Storthing) so viel Arbeit bekommen, daß ich mir einen Sekretär nehmen mußte, und da wies mich mein Freund an Jarmann – auf diese Weise wurden wir bekannt. Der erste Eindruck aber, den wir von einander erhielten, war nicht gerade günstig. Ich war infolge der vielen Arbeit nervös geworden, und ihn verdroß es, überhaupt arbeiten zu müssen; wir waren deshalb beide nicht besonders umgänglich und nahmen nicht gerade herzlichen Abschied von einander, als wir nach getaner Arbeit uns trennten, ich, um aufs Land zu reisen, er um in der Stadt bei der entsetzlichen Sommerhitze sein Tagediebleben wieder aufzunehmen. Als ich anfangs September in die Stadt kam und meine gewöhnlichen stundenlangen Promenaden auf der Karljohannstraße wieder aufnahm, begegnete ich regelmäßig Jarmann, wenn er sich dort mittags zwischen zwei und drei von der Romanlektüre im Rechtsanwalts-Bureau erholte. Die Saison hatte aber noch nicht richtig angefangen, viele Damen waren noch nicht vom Lande zurückgekehrt, und die gekommen waren, hatten noch nicht begonnen, sich die Musik regelmäßig anzuhören. Jarmann war deshalb schlechter Laune, wenn er zwischen zwei und drei auf- und abspazierte, und so oft wir uns begegneten, grüßte er verdrossen und ging gleichgiltig an uns vorüber. Allmählich fanden sich aber die Damen wieder ein, und bei jeder neuen weiblichen Erscheinung, die auf der Karljohannstraße auftauchte, wurde Jarmann immer besserer Laune. »Haben Sie gesehen, daß das kleine Fräulein Soundso zurückgekommen ist?« konnte er mich dann mit vergnügtem Lächeln im Vorübergehen fragen – er wußte, daß wir wenigstens an diesem Punkte ein gemeinsames Interesse empfanden. Und war gar ein richtiges Prachtexemplar angelangt und hatte ich es noch nicht entdeckt, so gab es keine Widerrede, ich mußte mit ihm gehen und es mir zeigen lassen: er mußte jemand haben, mit dem er seine Freude und Bewunderung teilen konnte. Auf diese Weise kamen wir manchmal dazu, zur Musikzeit auf der Karljohannstraße zusammen spazieren zu gehen. Und dann konnte es wohl geschehen, daß ich, wenn es drei Uhr geschlagen hatte, die Musik beendigt war und die Damen sich zurückgezogen hatten, infolge meiner Notlage nicht die Krone für Ingebret hatte auftreiben können – daß ich dann mit Jarmann zusammen an dem billigen, aber »bösen« Mittagstisch teilnahm, zu dem er ging. Nach dem Mittag lud er mich immer in sein auf der anderen Seite des Korridors gelegenes Zimmer zu einer Tasse Kaffee und einer Zigarre ein. Nach und nach vertrugen wir uns dann auch ganz gut miteinander, und Jarmann fing demgemäß an, mich zu besuchen. Ich bewohnte damals in der Nordal-Bruns-Straße ein »hübsch möbliertes zweifenstriges Zimmer nach vorne hinaus«, wie es in der Inseratsprache heißt – in Wahrheit ein einigermaßen geräumiges, dürftig möbliertes, kaltes und ungemütliches Zimmer mit kahlen, hell angestrichenen Wänden. Dafür hauste ich ganz ungeniert und konnte in dem Zimmer mit meinen Freunden und Freundinnen treiben, was ich wollte. Ich hatte damals fast gar nichts zu tun. Meine gesamte Arbeit bestand darin, daß ich jeden Sonntag für einen Pastor, der eine Predigtsammlung herausgeben wollte, eine Predigt stenographierte. Für jede Predigt bekam ich 16 Kronen, das reichte für das Zimmer und einige Mittagessen bei Ingebret, das Geld für die übrigen Mahlzeiten pumpte ich auf Karljohann in der »Geschäftszeit«, und dann hatte ich zwei Kaufleute zur Hand, die darin wetteiferten, meinen Tisch mit Kaffee und Tee, Butter und Brot, Käse und Wurst, geräuchertem Hering, Konserven und Gott weiß was noch zu versehen, so daß weder ich noch jene meiner Freunde und Freundinnen, die mit mir speisen wollten, Not zu leiden brauchten. Und Bier und Zigarren für mich und meine Freunde, Zigarretten und Weine für die Freundinnen konnte ich auch von denselben Kaufleuten haben, so viel ich wollte – sie wußten, daß sie Geld erhielten, wenn das Storthing wieder zu tagen anfing. Freundinnen hatte ich damals viele. Ich hatte in der Zeit gerade einen Frauenzimmerraptus, und man konnte zu jeder Tageszeit Weiber bei mir antreffen. Hatte ich ein Mädchen gefunden, das mir gefiel, so behielt ich es gerne längere Zeit bei mir, und wir – das Mädchen und ich – verbrachten dann den Tag in dem dürftigen Zimmer, teils im Bett, teils uns im Negligé herumtreibend, von Butterbrot und Konserven, Bier und Wein, Kaffee und Zigaretten lebend. Zu jeder Mahlzeit stellte sich das Dienstmädchen ein, klopfte an und reichte Teller und Tassen, Messer und Gabeln, Flaschen und Gläser durch die halboffene Türe herein. Dort stand ich, den zerrissenen, grauen, rotgeränderten Schlafrock lose um die Schultern geworfen, und nahm alles in Empfang, während das Dienstmädchen mit größerem oder geringerem Glücke durch die Türspalte ins Zimmer zu blicken versuchte, um zu sehen, wie das Mädchen drinnen aussah – das Bett stand gleich hinter der Tür. Kamen bei solchen Gelegenheiten Gäste, so ließen wir sie gern für einige Zeit herein, jagten sie aber dann wieder hinaus, wenn wir allein sein wollen. Abends sahen wir gewöhnlich zu zwei oder mehreren Paaren zusammen um den runden Tisch vor dem Sofa herum und rauchten und tranken – die Damen ihren schlechten Wein, den sie im allgemeinen wohlschmeckend fanden, und die Herren gewöhnlich ihren Branntwein; war der nicht aufzutreiben, so begnügten sie sich mit Bier, das immer in großen Quantitäten vorhanden war. Von diesem Leben auf meiner Bude erfuhr natürlich Jarmann bald, und er fing dann an, mich ziemlich häufig zu besuchen – dieses Leben sagte ihm zu. Traf er mich einmal allein zu Hause ohne Damengesellschaft, mit einem Buch auf dem Sofa liegend, so schlug er mir gewöhnlich vor, auszugehen und ein weibliches Wesen aufzuspüren, und darauf ging ich dann gerne ein, wenn auch nur deshalb, um zu sehen, wie er »anbiß«. Das war nämlich ein köstlicher Anblick. Erblickte er zum Beispiel etwas auf der anderen Seite der Straße, was ihm gefiel, so gab es dem ganzen Menschen plötzlich einen Ruck, er stieß die Hände energisch in die Taschen des Paletots, zog die Schultern empor, die eine etwas höher als die andere, und ging mit vorgeschobenem Bauch und gekrümmtem Hals und Rücken quer über die Straße, den Blick auf die Dame gerichtet. War es dann trotzdem nichts, so fiel er wieder schlapp zusammen und kam langsam und kopfschüttelnd zurück. Hatten wir aber dann endlich etwas gefunden, was uns gefiel, so ging es schnell heimwärts; die Gläser wurden hervorgeholt usw. Es war fast immer dieselbe Geschichte. Man führte sich im allgemeinen sehr fein auf, ohne Lärm, ohne rohes Lachen, ohne Kreischen; man trank sein Glas und karessierte sein Mädchen und ließ sie am meisten reden. Fand es dann einer von uns angebracht, die Lampe auszulöschen, so stand dem nichts im Wege, die anderen amüsierten sich im Dunkeln nach Kräften mit Pispern und Wispern und Lachen und Umarmungen – bis der, der die Lampe ausgelöscht hatte, sie wieder anzündete. Dieses Leben gefiel also Jarmann ausgezeichnet. Er kam aber doch nicht bloß deswegen zu mir; es lockte ihn außerdem hauptsächlich noch etwas anderes. Und dieses andere kam allmählich dazu, gewissermaßen eine Art idealer Basis für das mit Weiberaffären ausgefüllte Tagediebleben zu bilden, das er führte. Damit hatte es folgende Bewandtnis: Ich experimentierte damals mit einer jungen Dame, einem Fräulein Brun, die ich im vorigem Winter kennen gelernt hatte. Ihr Vater war ein Kaufmann, der Bankerott gemacht hatte und auf seine alten Tage in einem untergeordneten Kontorposten gelandet war; die Familie lebte in ziemlich dürftigen Verhältnissen und erwarb sich einen Teil des Lebensunterhaltes durch Vermieten. Ich war in die Familie vom Sohne des Hauses eingeführt worden; dieser war selber fast nie zu Hause, hatte aber nichts dagegen, mich vorzustellen, als er hörte, daß ich mich für eine junge, blondhaarige Kleinstädterin interessierte, die bei der Familie wohnte. Mir war damals die Idee gekommen, mich mit der Dame zu verloben – um dann die Verlobung wieder aufzuheben, wenn ich die Sensationen des Brautstandes genugsam ausgekostet hätte. Als ich nun eines Abends bei Bruns meiner Kleinstädterin den Hof machte, fragte mich die Frau des Hauses, ob ich nicht jemand wüßte, der umziehen wollte – sie hätte ein Zimmer frei, das leider schon seit längerer Zeit leer gestanden habe – und ich antwortete sofort, daß ich meiner alten Wirtin kündigen wolle, und mietete mich sofort mit voller Pension ein. Auf diese Weise traf ich jeden Tag mit der Tochter Lily Brun zusammen. Anfangs mochte sie mich ganz und gar nicht leiden. Ich gab mich auch nicht weiter mit ihr ab, ich hatte ja meiner Kleinstädterin den Hof zu machen. Außerdem war noch etwas anderes daran schuld, daß Lily damals beständig schlechter Laune war. In dem Zimmer, in dem ich jetzt hauste, hatte kurz vorher ein junger Student Faye gewohnt; er hatte ihr stark den Hof gemacht, und sie hatte sich ernsthaft in ihn verliebt. Eine Zeitlang hatten die beiden ein ganz gemütliches Leben geführt. Er hatte sie mit ins Theater und in die Konditorei genommen, ging mit ihr spazieren und unterhielt sich den ganzen Abend mit ihr, so oft er zu Hause war – und er war fast immer zu Hause. Es wurde aber niemals mehr daraus, er hielt nicht um sie an, und als der alte Brun sie mehrmals dabei überrascht hatte, wie sie im Dunkeln unten im Torweg standen und sich unterhielten, anstatt hinaufzugehen, nachdem sie kurz vor dem Abendessen von ihren Spaziergängen nach Hause gekommen waren, und da sie außerdem jeden Abend sich allein in einen Winkel setzten und so leise miteinander sprachen, daß er nicht verstehen konnte, worüber sie diskutierten – so schöpfte Papa Brun Verdacht und fürchtete, der Student lege es sicherlich nur darauf an, seine Tochter zu verführen. Und da er ihrer Widerstandskraft nach dieser Richtung nicht ganz sicher war – »es deutete leider verschiedenes darauf hin, daß sie ziemlich sinnlich veranlagt war« – so veranlaßte er Mama, dem Studenten unter dem Vorwande zu kündigen, die Familie brauche das Zimmer selber. Das war für Lily ein harter Schlag gewesen. Nachdem er ausgezogen war, fuhr Faye fort, bei Bruns aus- und einzugehen, und er hatte speziell die Gewohnheit angenommen, sich Tag für Tag nach dem Mittagessen einzufinden, eine Tasse Kaffee zu trinken und eine Zigarre zu rauchen. So lange das anhielt, lebte Lily nur für die Kaffeestunde. Es war tagsüber ihre einzige Freude, daran zu denken – am Vormittag daran, was sie wohl bringen würde, am Nachmittag an das, was sie gebracht hatte – und der Gedanke an »ihn« half ihr über alle Widerwärtigkeiten des Tages hinweg. Zuweilen trafen sie sich auch auf der Straße; das geschah aber selten. Da kam nun aber eines Tages ihre Mutter und fragte sie, ob sie etwas dagegen hätte, wenn sie zu Faye sagte, man wünsche seine Besuche nicht mehr. Die Frage kam Lily so unerwartet, daß sie nicht wußte, was sie antworten sollte, sie stand nur ganz glührot im Gesichte und außer Fassung da – und antwortete dann schließlich ganz verwirrt, nein, natürlich ... weshalb sollte sie denn etwas dagegen haben? Damit war die Sache abgemacht, und am nächsten Tage sollte die Exekution vor sich gehen. Die Kaffeestunde kam, und mit ihr Herr Faye. Brun, der immer eine Stunde später aß als die anderen – er konnte nicht eher vom Kontor abkommen – erschien an diesem Tage noch später als gewöhnlich; er wußte, was im Gange war, und zog es vor, die Abwicklung der unangenehmen Affäre seiner Frau zu überlassen; Lily war natürlich in ihrem Zimmer, wo die beiden älteren Schwestern ihr Gesellschaft leisteten. Von den Logierherren war gerade niemand zu Hause. Der Student kam also wie gewöhnlich, das Dienstmädchen ließ ihn eintreten, er begab sich ins Zimmer – fand aber niemand vor. Er fragte das Mädchen, ob niemand zu Hause wäre. Doch, die Herrschaft wäre zu Hause. Er setzte sich in einen der alten Lehnstühle, die in der Mitte des Zimmers neben dem Tische standen, zog wie gewöhnlich seine Zigarre hervor, zündete sie an, ergriff die Zeitung, die dort lag – und wartete. Endlich tritt die Dame des Hauses ins Zimmer. Er steht halb vom Stuhle auf und grüßt; sie grüßt aber nicht wieder, bleibt nur an der Türe stehen und betrachtet ihn, so daß ihm ganz unbehaglich zumute wird. »Glauben Sie, daß hier eine Restauration ist?« fragte sie endlich, »da Sie Tag für Tag hierher kommen, Ihren Kaffee trinken und Ihre Zigarre rauchen?« Nein, sagte der Student, das glaube ich nicht. Nun, dann gehen Sie in Zukunft in ein Restaurant, um Ihren Kaffee zu trinken und Ihre Zigarre zu rauchen. Ja, antwortete der Student, das will ich. künftig tun. Er saß mit seiner Zigarre und mit seiner Zeitung ganz verblüfft da, wußte nicht recht, was er tun sollte, las dann mechanisch in der Zeitung weiter, idiotisch seine Zigarre paffend. Die Hausfrau aber ging nach vollbrachter Tat aus dem Zimmer und überließ ihn ganz seinen eigenen Gedanken. Erst als sie verschwunden war, kam er wieder vollends zu sich, stand ruhig auf, schritt auf den Korridor hinaus, zog sich an und ging. Am selben Tage unterrichtete er Lily brieflich von, dem Vorgefallenen – kurz und knapp, ohne ein Wort hinzuzufügen. Lily antwortete nicht, »sie war ja so beschämt ... und außerdem, was sollte sie denn antworten!« – So oft sie ihm aber nach diesem Tage auf der Straße begegnete, wurde sie regelmäßig glührot im Gesicht und grüßte, fast ohne ihn anzusehen. Er wußte nun wieder nicht, wie er das zu deuten hatte, und die Folge war, daß er sie nie ansprach. Lily wußte aber, wo er wohnte, und allmählich gelang es ihr, auszukundschaften, wann er auszugehen und wohin er sich zu begeben pflegte – er lebte sehr regelmäßig – und so geschah's daß er schließlich die Entdeckung machte, daß er ihr auffallend oft begegnete ... zu auffallend gleichen Zeiten ... und immer an denselben Stellen. Er faßte das als eine Annäherung auf und beschloß, die Bekanntschaft zu erneuern. Eines Tages war sie zu zeitig gekommen und durch die Universitätsstraße gegangen, in der er wohnte, ohne ihm zu begegnen. Als sie dann auf der anderen Seite wieder vorbeiging, kam er zufällig aus dem Hause heraus, bemerkte sie, grüßte und ging quer über die Straße gerade auf sie zu. Plötzlich aber, von einer unerklärlichen Angst befallen, beschleunigte sie ihre Schritte, um ihm zu entkommen – und er gab seine Absicht auf und kehrte wieder zurück In einiger Entfernung wandte sie sich um; da sah sie ihn ganz ruhig auf der anderen Seite der Straße gehen, begriff nun auf einmal, welche Dummheit sie begangen hatte, war auf sich selbst wütend und ging, dem Weinen nahe, nach Hause. »Was war aber dabei zu machen?« Seit dieser Zeit machte er keine Annäherungsversuche mehr, trotzdem sie sich immer zur rechten Zeit einfand, um ihm zu begegnen. Diese Geschichte mit dem Studenten Faye war schuld daran, daß Lily damals, als ich das alte Zimmer ihres Geliebten bezog, so schlechter Laune war. Und es war ganz begreiflich: mich, der in dem Zimmer wohnte, in dem er gewohnt hatte, und der ich außerdem nur meiner Kleinstadtpflanze den Hof machte – mich konnte sie ganz besonders nicht ausstehen; sie fand mich unerträglich. Das sollte aber andres werden. Eines Abends, als die Pensionärinnen die Wohnung verlassen hatten, Papa Brun noch nicht vom Kontor nach Hause gekommen und die Mutter in der Küche mit der Zubereitung des Tees beschäftigt war, saß Lily mit den beiden älteren Schwestern in der Wohnstube allein um die Lampe, an dem großen Tisch in der Mitte des Zimmers –die beiden älteren Schwestern beide in ihr frommes Buch vertieft, Lily matt in den Lehnstuhl hingegossen mit schlaff auf den Stuhllehnen ruhenden Händen. »Na, Sie sehen wahrhaftig nicht aus, als ob Sie mit dem Dasein besonders zufrieden wären, Fräulein!« sagte ich – ich kam in die Stube und setzte mich neben Lily. Sie zog die Augenbrauen müde in die Höhe und sah mich, ein Gähnen um die Mundwinkel, an: »Ich habe wohl auch keinen Grund dazu!« sagte sie bitter. Ich lächelte. »Na ja, im Grunde genommen sind Sie auch nicht weiter zu bedauern.« Sie sah aus, als ob sie zum allermindesten Lust hätte, mich zu prügeln, wenn sie es sich getraut hätte. – »Nein, Sie tun ja nichts dafür, daß Ihr Dasein sich für Sie besser gestalte, Sie legen nur die Hände in den Schoß – und man kann doch wirklich nicht verlangen, daß einem die gebratenen Tauben von selber in den Mund fliegen. Nicht wahr?« Sie starrte einen Augenblick ins Leere. Dann sagte sie schlaff: »Ach, es vermag doch niemand seinem Schicksal zu entgehen.« »Nein, darin haben Sie ganz recht, Fräulein. Nehmen Sie nun aber an, ich vermöchte Sie davon zu überzeugen, daß Sie sich glücklich fühlen könnten, wenn Sie dies oder jenes täten, und Sie täten es dann und würden glücklich? – Nun ja, werden Sie sagen, dann war es mir also vom Schicksal bestimmt, Sie zu treffen, und infolge dessen veranlaßt zu werden, das zu tun, was mir Glück brachte. – Nehmen Sie nun aber andererseits an, Sie wären von der Art, daß Sie sich nicht überzeugen lassen könnten, trotzdem das, was ich Ihnen vorschlug, Sie wirklich glücklich zu machen vermöchte? – Dann nützte es ja gar nichts, daß das Schicksal Sie mit mir zusammentreffen ließ. Sie sehen also, daß Ihr Schicksal verschieden wird, je nachdem Sie so oder so sind. Und jetzt sind Sie so, daß Sie die Hände in den Schoß legen und alles an sich herankommen lassen, weil Sie nicht glauben, daß es nützen könne, etwas zu tun. Darum geht es Ihnen so, wie es Ihnen jetzt geht. Könnten Sie aber so werden, daß Sie glaubten, es würde nützen, etwas zu tun, und dann zugreifen – so würde Ihr Schicksal anders und wahrscheinlich besser werden.« Sie überlegte einige Zeit. Dann sagte sie: »Im Grunde genommen, haben Sie recht; sollte ich aber etwas anderes tun können, als – die Hände im Schoße – mein Schicksal zu erwarten, wie Sie sich ausdrücken, dann müßte das etwas sein, worauf ich Wert legte, wodurch ich etwas erreichen könnte – das gibt es aber nicht. Und deshalb pfeife ich auf alles, ich werde ja doch nur ein elendes Dasein führen« – und sie sank in dem Stuhl, in dem sie saß, noch mehr zusammen. Die älteste Schwester hob die Augen von ihrem Buche auf und sah sie an: – »Pfui, Lily, so zu sprechen, wo es dir im Grunde so gut geht! Du solltest Gott dafür danken, daß es dir so geht wie jetzt! Denk' an alle, die in Armut und Elend leben und nicht einmal das trockene Brot haben ...« »Hänschen in die Schule ging ... manchem kann's schlimmer gehen!« deklamierte ich in falschem Predigtton und drohte Lily mit dem Zeigefinger. Lily brach in ein Gelächter aus, auch Kristine konnte sich des Lachens nicht erwehren. »Nein,« sagte ich, »einigen wir uns eben dahin, daß wir Gott eher zürnen als ihm dafür danken sollten, daß er es den vielen anderen so schlecht gehen läßt; uns geht es deswegen doch um kein Haar besser. Nein, sollten wir speziell ihm für etwas danken, so könnte das nur sein, wenn er es uns recht gut gehen ließe. »Ja, daran ist etwas,« sagte Lily. »Nein,« sagte Kristine, »wir haben kein Recht zu verlangen, daß es uns so gut gehen soll, es ist unsere Schuld, daß es uns schlecht geht, unsere Sünde ist schuld daran,« – und es entspann sich zwischen mir und Kristine eine kleine Diskussion über das Christentum. »Nein,« sagte ich schließlich, »darum kommen Sie nicht herum; es ist eine verderbliche Lehre, daß man dafür danken soll, daß es einem nicht noch schlechter geht; das führt nur dazu, daß man die Hände in den Schoß legt. Nein, da lieber Unzufriedenheit. Sind die Leute unzufrieden, so verlangen sie, daß ihre Lage gebessert wird, und verlangen sie es ernstlich und handeln sie darnach, so erreichen Sie auch eine Besserung ihrer Lage. Die Unzufriedenheit ist die treibende Kraft in der Maschinerie des Fortschritts.« »Ja, daran ist etwas,« sagte Lily wiederum zu mir. Und sie kniff die Augen etwas zusammen und sah mich an, als dächte sie bei sich selbst: ob vielleicht doch an dem Menschen etwas sein sollte? Im selben Augenblicke kam die Mutter aus der Küche herein, und das Gespräch wurde abgebrochen. Von diesem Tage an datierte ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Lily und mir, und ich fing an, mich für sie zu interessieren. Die Unzufriedenheit mit der Welt, deren Berechtigung sie schon früher gefühlt, an deren Beseitigung sie aber trotzdem nicht zu glauben gewagt hatte, die wollte ich fördern – und dann ausbeuten. Ich wollte sie so weit bringen, daß sie begriffe, wenn das Dasein sich so kläglich wie jetzt gestaltet, so müßten auch die Menschen selber daran schuld sein, weil sie die Gesellschaftsordnung auf Religion und Moral suchten anstatt auf Liebe und Vernunft; auf diese Weise sollte sie diese unvernünftige Gesellschaftsordnung hassen lernen, so wie ich sie haßte, und dann wollte ich versuchen, ihre Kräfte im Dienst der Vernunft und Freiheit zu verwenden – ja, das war eine Idee. Und ich, der ich nicht gewußt hatte, was ich mir vornehmen sollte, – hier hatte ich ja gerade eine Aufgabe, und noch dazu eine, die viel amüsanter war als das Verlobungsprojekt – und ich fing an, nach und nach meine kleine lebenslustige blonde Kleinstädterin zu vernachlässigen, bis ich sie schließlich ganz aufgab. Die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, war ziemlich schwer, und nach langen Erwägungen legte ich meinen Plan fest; es würde zwar verflixt lange Zeit in Anspruch nehmen, ich entschied mich aber doch für ihn, da er mir der einzig sichere zu sein schien. Zuerst erkundigte ich mich nach Lilys Lektüre. Sie las natürlich allerhand Leihbibliotheksliteratur, schlechte Bücher und nur wenige gute. Ich fragte ob sie fremde Literatur lese. Ja, zuweilen ein deutsches Buch. Ob auch französisch? Nein, sie war dazu des Französischen nicht genügend mächtig. Ich erbot mich, mit ihr französisch zu lesen; das wollte sie gern. Es wurden zwei Exemplare von Balzacs Les secrètes de la princesse de Cadignan angeschafft, und wir begannen das Studium. Die Erzählung ist kurz und ganz amüsant. Sie präparierte für jedesmal so viel, als ich möglich war; hatten wir das durchgenommen, so übersetzte ich weiter, bis die Stunde zu Ende war Trotzdem ging es zu langsam, als daß es nicht langweilig geworden wäre, und ich versuchte daher, für die Langweiligkeit dadurch Ersatz zu schaffen, daß ich ihr von dem ganzen Leben im Fauburg St. Germain erzählte, so wie Balzac es in seinen Romanen schildert, in denen beständig dieselben Personen wiederkehren, in dem einen Roman als Haupt-, in anderen wieder als Nebenpersonen; im speziellen erzählte ich ihr natürlich von den Menschen, von denen das von mir gerade gewählte Buch handelte. Und sie saß mir gegenüber auf dem Sofa, sah, den Kopf in die Hand gestützt, mich an und hörte mit Interesse zu, wenn ich erzählte, unterbrach meine Ausführungen zuweilen durch eine Frage und las dann wieder im Buche nach, wenn wir weiter gingen. So oft ich aber etwas sagte oder so oft wir im Roman zu einer Stelle kamen, die die Generalanzeiger dahin zu charakterisieren pflegen, daß sie in Familien nicht laut gelesen werden könnten – dann war sofort der Teufel los. Eine Bemerkung Balzacs wie die, daß eine kleine Falte in einem Rock mehr Begierde erwecken kann als ein ganzer nackter Frauenkörper, genügte schon, ihr das Blut ins Gesicht zu treiben und sie zu veranlassen, sich hinter das Buch zu verstecken. Dann mußte ich sie mit ruhiger Kälte darauf aufmerksam machen, daß das alles ganz natürliche Dinge seien, von denen zu sprechen und zu lesen erwachsene Menschen sich nicht zu genieren brauchten, und das Ende vom Liebe war denn auch, daß wir schließlich ganz ungeniert von Ansittlichkeit und Ehebruch in der Beau monde des Faubourg St. Germain zu Balzacs Zeit sprechen konnten, und das war ja schon etwas. Ich wollte aber noch weiter kommen. – Wenige Tage, nachdem wir Brüderschaft getrunken hatten, saßen wir zufällig eines Nachmittags nach dem Kaffee allein im Zimmer, sie auf dem Stuhl neben dem Ofen und ich in der Sofaecke gleich daneben. Wir sprachen von schönen Füßen. »Du hättest das hübsche Füßchen sehen sollen, an dem ich mich gestern erfreut habe,« sagte ich. »Ich zog selber den Stiefel von dem Fuß und hatte daher gute Gelegenheit, ihn zu bewundern.« Lily stand auf und stampfte mit dem ihren –: »Ich will nicht, daß du mir so etwas erzählst,« sagte sie, halb bös und halb furchtsam: es begann ihr zu dämmern, daß sie sich auf abschüssiger Bahn bewege, und sie bekam Angst vor dem Hinabgleiten. »Du hast recht,« sagte ich schlapp, »verzeihe mir. Du weißt, woher das kommt. Ich bin daran gewöhnt, nur mit Kameraden zu verkehren, in deren Gesellschaft man über alles Mögliche gerade heraus spricht, und dann vergesse ich, Rücksichten zu nehmen, wenn ich wieder in Damengesellschaft bin. Du kannst aber ganz ruhig sein; es wird nicht wieder vorkommen.« Darauf schwieg ich still und sagte kein Wort mehr; sie wußte auch nichts zu sagen, und so entstand eine lange, peinliche, etwas verlegene Pause. »Ach ja, was war denn eigentlich mit dem Fuß los?« fragte sie schließlich in forciert kameradschaftlichem Tone. »Das kann ich nicht erzählen.« Ich konnte mit Mühe ein Lachen unterdrücken. Sie überlegte wieder eine Weile und sagte dann überredend: »Ach, meinetwegen kannst du's immer erzählen – in anständigen Ausdrücken natürlich, versteht sich.« »Hm, nein, es läßt sich wirklich nicht erzählen.« »Ach, erzähl' nur. Ich werde schon Halt gebieten, wenn es nicht angeht.« Sie sprach in ganz überlegenem Tone. Ich ließ mich natürlich eine Weile nötigen, gab dann aber selbstverständlich nach und erzählte ihr – (ich glaube, zu ihrer Enttäuschung, aber auch zu ihrer Beruhigung) – in verhältnismäßig anständiger Form eine kleine Weibergeschichte vom vergangenen Abend. Damit war der erste Schritt getan, der Schritt, auf den es ankommt, und nun befanden wir uns auf der abschüssigen Bahn. Seit diesem Tage fragte sie mich immer, ob ich nicht wieder etwas Amüsantes erlebt hätte. Einige Tage später blieben wir die fünf Minuten, die immer zwischen Mittagessen und Kaffee vergingen, zufällig allein am Tische sitzen. »Ich möchte dich um etwas bitten,« sagte ich. »Und das wäre?« – Sie interessierte sich sofort. »Ich weiß nicht recht, ob ich wagen kann, es zu sagen.« »Ah bah, sag's nur.« »Und du wirst auch nicht böse?« »Nein, schieß nur los!« »Ich möchte dich bitten, für mich in ein Wäschegeschäft zu gehen.« »Ach? Weshalb kannst du denn nicht selber hingehen?« »Ich brauche einige Damenwäsche.« Lily lachte und rückte unwillkürlich näher. »Wozu brauchst du denn die?« »Ich will sie einer Freundin als Vielliebchen schenken – der kleinen Agnes, von der ich dir erzählt habe! Sie ist ein ganz angenehmes Mädchen, und ich mag sie sehr gern, aber das Linnen, das sie trägt, ist so abgerissen, und es sieht so ärmlich aus, wenn sie sich auszieht.« Lily war unwillkürlich wieder zurückgewichen. »Nein,« sagte sie, »damit mag ich nichts zu tun haben.« »Da siehst du's,« sagte ich und zuckte die Achseln. Und dann sprachen wir nicht mehr davon. Als wir aber am nächsten Tage nach dem Kaffee wie gewöhnlich in der Ofenecke saßen, sie auf dem Stuhl, eine Zigarre rauchend, die ich ihr gerollt hatte, und ich daneben in der Sophaecke, da vertraute sie mir etwas verschämt zwar, aber so flott, als sie vermochte, an, daß sie bei Falkenberg gewesen wäre und sich einige reizende Spitzenhemden angesehen habe. Ich lächelte und gab ihr Geld, daß sie ein Paar kaufen könnte. Kurz darauf gingen wir zusammen aus. Sie kaufte bei Falkenberg die Hemden, und hinterher nahm ich sie mit in eine Konditorei. Und während sie dort Schokolade und Kuchen verzehrte und ich ein Glas Wein genoß, erzählte ich ihr eine ganze Masse Einzelheiten von dem Mädchen, für das das Leinenzeug bestimmt war, und von meinem Verhältnis zu ihr. Von diesem Tage an glitten wir in aller Gemütsruhe nach und nach die abschüssige Bahn weiter hinab, und bald erzählte ich ihr jeden Tag teils wirkliche, teils erdichtete Weibergeschichten vom Tage vorher, die ich mit allen möglichen Details verbrämte. Auf diese Weise verschaffte ich ihr in ganz ausgiebigem Maße einen Einblick in die Lebensweise der jungen Leute von heute. Und dieses Leben der Jugend – das ich ihr also mit ziemlich schmutzigen Farben malte – das stellte ich ihr dar als das traurige, aber notwendige Resultat der jetzt herrschenden Moral, die das natürliche Bedürfnis der Menschen, dadurch, daß sie es hemmt, verpfuscht und verkrüppelt und in Geilheit anstatt in Liebe ausschlagen läßt. Gleichzeitig erklärte ich ihr aber auch, daß es gelte, gerade diese fast immer unzüchtigen Verhältnisse mit all ihren Folgen geistigen und körperlichen Elends zu vermehren, weil dies das einzige Mittel sei, um schließlich die Gesellschaft dazu zu zwingen, sich ernsthaft über die Ursachen dieser Unsittlichkeit Rechenschaft zu geben, so daß man endlich einmal dahinter käme, daß die wirkliche Ursache nicht in der schlechten Natur der Menschen, sondern in der Religion und der Moral liege und der verkehrten Gesellschaftsordnung, die man auf ihnen aufgebaut habe. Aber diese Gespräche mit Lily erhielt Jarmann immer ausführliche Referate, und sie amüsierten ihn nicht nur, sondern interessierten ihn auch. Sie verschafften ihm Klarheit über vieles, was er gedacht und gefühlt hatte, und verhalfen ihm dazu, das Leben, das er führte, unter die Kategorie der Pflicht zu bringen – etwas, wonach er damals noch ein dunkles Bedürfnis fühlte. VIII. Eines Abends saß ich wie gewöhnlich bei Bruns und trank Kaffee. Ich wohnte nun nicht länger dort, sie hatten mich nach den Ferien nicht wieder haben wollen. Sie mochten wohl gegen mich denselben Verdacht geschöpft haben wie früher gegen den Studenten. Und ich handelte wie der Student: da ich nicht mehr dort wohnte, kam ich jeden Tag zum Kaffeetrinken und dachte gar nicht daran, eher damit aufzuhören, als bis auch ich davongejagt würde. Ich saß also wie gewöhnlich neben dem Ofen und unterhielt mich leise mit Lily. Es war meine Absicht heute eine Hauptschlacht zu liefern und sie in ein neues Entwicklungsstadium hinüberzuführen, in dessen Verlaufe sie das volle Verständnis erhalten sollte, und ich hatte meinen Angriffsplan genau ausgearbeitet, bevor ich zu Bruns ging. Ich fing damit an, ihr eine kleine Mädelgeschichte vom vergangenen Abend zu erzählen. Es war mir aber nicht möglich, sie zu Ende zu bringen. Der alte Bruns war nämlich an diesem Tage zufällig so früh nach Hause gekommen, daß er mit den anderen zusammen hatte essen können; er trank also auch den Kaffee mit uns gemeinsam, ging in einem fort vor uns auf und ab und hörte auf unser Gespräch; dabei paffte er seine Pfeife mit tiefsinniger Miene, als höre er gar nicht auf unsere Unterhaltung. Ich steckte daher bald das Erzählen auf, sprach eine Weile von etwas anderem, was Papa meinetwegen hören konnte, und schlug dann Lily vor, mit mir einen Spaziergang zu machen; es wäre »so schönes Wetter«. Sie war sofort dazu bereit und machte sich zum Ausgehen fertig. Wir gingen die Treppe hinab, sie voran, ich hinterdrein. Keins von uns sprach ein Wort. Kaum waren wir aber aus der Haustür hinaus und auf dem Fußsteig, als sie sich auch schnell zu mir umkehrte und eifrig sagte: »Erzähle!« Ich lachte, und da lachte sie auch. »Weshalb lachst du?« fragte ich und schielte über den Klemmer zu ihr hinüber. Sie schlug die Augen nieder. »Ich?« antwortete sie, »ich weiß nicht, ich lachte nur, weil du lachtest. – Du aber, du weißt ja für alles einen Grund – weshalb hast du denn gelacht?« »Aus demselben Grunde wie du. Ich fand es ganz amüsant, daß du, seit wir unterbrochen wurden, die ganze Zeit über auf die Geschichte gespannt gewesen bist, während ich das ganz vergessen hatte. Als ich lachte, wurdest du auf den Gegensatz aufmerksam, und daher mußtest du ebenfalls lachen: man geniert sich immer, wenn man so unversehens verrät, daß man von solchen Dingen so in Anspruch genommen worden ist, und dann lacht man verschämt mit – nicht wahr?« »Ach du! – Na, erzähle nun aber!« »Es handelt sich also um das Wäschermädchen. Sie kommt, mir die Wäsche zu bringen. Sie legt sie auf den Tisch und sagt, da wären also soundso viel Oberhemden, soundso viel Kragen, soundso viel Manschetten usw. usw. Wie sie zu den Taschentüchern kommt, findet sie nur einige von ihnen, und sie weiß nicht einmal, ob die mir gehören oder nicht. Na, da gehe ich denn zur Kommode, nehme ein paar Taschentücher heraus und lege sie neben die anderen auf den Tisch, um zu sehen, ob sie von derselben Sorte sind. Wie wir aber so dastehen, und die Taschentücher ansehen, stellt sie sich neben mich, daß das eine ihrer Beine von der Wade bis zu den Hüften hinauf eng an dem meinen anliegt. Es ist schon dieselbe Sorte, sagte ich ruhig, richtete mich aus der gebückten Stellung auf und sah sie an. Ja, es ist dieselbe Sorte, antwortete sie, blieb aber auch weiterhin vornüber gebeugt stehen, ohne ihr eines Bein und ihren Unterkörper im geringsten vor mir zu entfernen; sie richtete nur das Gesicht zu mir empor und lächelte. Du kannst dir denken, daß ich natürlich wieder lächelte. Da entdecke ich aber, daß sie auf der Stirn ein Pflaster hatte. »Na,« sage ich, »sind Sie bei einer Keilerei dabei gewesen?« Gleichzeitig lege ich meinen rechten Arm um ihre Schulter, während ich mit dem linken Zeigefinger auf das Pflaster zeigte. »Nein, da hat mich nur die, mit der ich zusammen plätte, etwas gekräht,« antwortete sie. – »Aha, Ihr behandelt Euch also auf die Art?« – »Ja, ab und zu!« Während sie sprach, hatte ich mich in den Schaukelstuhl gesetzt, der gerade hinter uns stand, und sie auf meinen Schoß gezogen, wo sie ruhig sitzen blieb und sich sehr verliebt geberdete. Na, da fing ich denn, wie du dir denken kannst, an, weiter zu gehen. Nein! Nein! sagte sie und versuchte, meine Hände festzuhalten. Ich riß sie aber los, legte ihr den einen Arm um den Rücken, fuhr ihr mit dem andern unter die Kniekehlen – und dann hob ich sie empor und trug sie aufs Bett. Kaum aber lag sie dort, da fuhr sie auch in die Höhe, wie wenn sie von Gummi gewesen wäre, und ich versuchte vergebens, sie wieder zum Liegen zu bringen. Na, da blieben wir denn eine Weile auf dem Stuhle vor dem Bette sitzen, ich rückte ihr aber immer mehr auf den Leib. Und da fängt sie auf einmal an zu weinen. »Nein, aber liebes Fräulein,« sagte ich, »da gibt es doch nichts zu weinen. Ich will Sie wahrhaftig nicht notzüchtigen!« – Damit ließ ich sie los und setzte mich wieder allein in den Schaukelstuhl. Sie blieb erst sitzen, wo sie saß; als ich ihr dann aber versprach, nicht mehr »unartig« zu sein, da brachte ich es dahin, daß sie sich auf meinen Schoß setzte und wieder zutraulich wurde. – »Hören Sie mich nun an,« sagte ich zu ihr, während ich ihr die Wange streichelte, »reden wir nun einmal vernünftig miteinander,« und ich bemühte mich, all ihre Bedenken zu zerstreuen. »Dann,« fuhr ich fort, als sie nicht antwortete, »dann wären also noch die moralischen Bedenken da, wenn Sie sich mit solchem Ansinn wie Moral abgeben. Wissen Sie, was in der Bibel steht? Dort steht, wer ein Weib ansehe, ihrer zu begehren, der habe schon mit ihr Ehebruch getrieben in seinem Herzen. Nun können Sie sich doch wohl denken, daß nicht nur die Männer etwas so Häßliches unterlassen müssen, und der Sinn ist natürlich auch der, daß man die Worte umkehren und sagen soll, eine Frau, die einen Mann ansieht, um von ihm begehrt zu werden, die habe bereits Ehebruch mit ihm getrieben in ihrem Herzen. Und jetzt ist es ja klar und deutlich, daß Sie, als Sie Ihr Gesicht von den Taschentüchern zu mir emporrichteten und mir zulächelten, während Sie gleichzeitig Wade und Schenkel fest an mich drückten – daß Sie da mich ansahen, um von mir begehrt zu werden. Sie haben also in Ihrem Herzen bereits Ehebruch mit mir getrieben, und Sie können also der christlichen Moral wegen es ebenso gern auch in Wirklichkeit tun. Die Versündigung ist ja gleich groß, ob sie nun im Herzen oder in Wirklichkeit geschieht – es besteht der Unterschied nur darin, daß das letztere viel besser ist. – Und wenn wir es nun also weder aus Rücksichten der Moral noch aus Rücksichten der Vernunft zu unterlassen brauchen – warum sollen wir es dann überhaupt unterlassen? Hier sitzen Sie auf meinem Schoß, und es gefällt Ihnen, daß ich Sie liebkose; und hier sitze ich und habe Sie auf meinem Schoße, und es gefällt mir, Sie zu liebkosen; wir haben aber beide Lust, uns zu gehören, und keiner von uns beiden wird deswegen ein schlechterer Mensch – müssen Sie da nicht einräumen, daß es geradezu dumm ist, wenn wir uns nicht helfen. Dann legte ich ihr noch einmal alles ans Herz und forderte sie auf, darüber nachzudenken bis zum nächstenmal. Sie antwortete nichts und ging.« »Und ist sie nun wiedergekommen?« fragte Lily lebhaft interessiert. »I wo! Die Geschichte ist ja erst gestern Abend passiert.« »Aber du! Du hast ihr gesagt, du wolltest sie nicht verführen. Ein Versuch, sie zu verführen, war es aber doch, so zu handeln, wie du gehandelt hast, und alle möglichen Überredungsmittel anzuwenden.« »Nein, durchaus nicht. Weiß du denn nicht, was es heißt, ein Weib zu verführen. Wenn ein Weib verführt wird, so sagt man ja von ihr, sie falle, und der Fall besteht ja einfach darin, daß ihre Leidenschaft mit ihrem Willen durchgeht, so daß sie in einem Augenblick sinnlicher Erregung tut, was sie in ruhigem Gemütszustande nicht tun würde. Daß sie das, was sie tut, gegen ihren eigenen freien Willen tut, gerade deswegen verachtet man sie ja und nennt ihre Handlung einen Fall. Eine unfreie Handlung ist für den Menschen ein Fall, und davon hat jeder Mensch ein stärkeres oder schwächeres Gefühl; denn was die Menschen von den Tieren unterscheidet »Darin hast du im Grunde genommen recht.« »Freilich habe ich recht. – Stelle dir vor, wie ekelhaft das ist, wenn man ein Mädchen verführt hat – man löscht gern das erstemal die Lampe aus, wie du dir denken kannst ...« »Ja, das läßt sich denken.« »Ja, aber später nicht, denn später will man ja auch mit den Augen genießen. – Stelle dir nun, aber vor: man zündet also die Lampe wieder an, und dann sieht man das Mädchen mit niedergeschlagenen Augen vor einem stehen, und es fragt vielleicht gar, ob man es nicht verachtet! Ist das nicht ekelhaft? Stelle dir vor: sie ist nicht allein gefallen, sondern, gesteht noch offen und ehrlich ein, daß das Tier mit ihr durchgegangen ist! Nein, da will ich lieber ein Mädchen, das mir keck ins Gesicht blickt und sagt, sie habe es aus irgend einem anderen Grunde getan; ein Mädchen, das, trotzdem sie weiß, daß ich weiß, daß sie »gefallen« ist, dennoch erklärt: nein, ich habe es freiwillig getan; sie sei ein Mensch gewesen, als sie dort lag, und nicht ein Tier. – Aber natürlich, das Beste ist das Beste, und das Beste ist, daß sie, wenn die Lampe wieder angezündet ist, mit erhobener Stirn dasteht, mit dem vollen Bewußtsein, ganz freiwillig gehandelt zu haben. Dann erst fühlt man ganz, daß man mit einem Menschen zusammen ist, nicht bloß mit einem Individuum einer niedrigeren Tierart, das nur versucht, ein Mensch zu sein, es aber nicht fertig bringt. – Na, ein solches Weib ist jetzt schwer zu finden; umso größere Achtung aber« – ich blickte verstohlen auf sie herab – »muß man daher vor den wenigen haben, die man findet.« »Ach – äh ...«, sagte sie darauf, »ich fange wirklich an, wie du zu glauben, daß nichts Schlimmes dabei ist; aber ... aber ... ich kann nicht das Gefühl los werden, daß es verkehrt ist, daß ich es verkehrt finde.« »Das, meine Liebe, brauchst du mir gar nicht zu erzählen; das weiß ich schon lange. Denn jedesmal, wenn wir uns trennen, ist ja dein letztes Wort: ich getrau mich's nicht, zu sagen, daß ich mich so lange mit dir unterhalten habe. Und erinnere dich, wie du dich damals in der Konditorei benommen hast. Es war ganz ganz köstlich. Wir hatten uns lange Zeit wie zwei gute Kameraden unterhalten. Da stockt plötzlich das Gespräch, und ich sehe, daß du blutrot wirst, erst am Hals, dann im ganzen Gesicht, und dann sagtest du: ach Gott, wenn mein Papa das wüßte, daß wir hier über so etwas gesprochen haben.« »Ja, ich kann nichts dafür. Jedesmal aber, wenn ich mich besinne und daran denke, daß ich wirklich so mit dir spreche, dann ... dann ... ja, dann finde ich's so merkwürdig, daß es vielleicht so ist, und dann muß ich daran denken, was Papa und Mama und alle anderen sagen würden, wenn sie es wüßten, und wie entsetzlich es ihnen vorkommen würde. Und dann ... ist es so schlimm ... ich meine gewissermaßen ... daß sie auch recht haben ... und dann ! ... ach, wenn ich nur von dem Ganzen nichts wüßte!« »Ja, natürlich! Das heißt: Du möchtest wünschen, erst zwölf Jahre alt zu sein. Nicht wahr?« Sie dachte einen Augenblick nach. Dann sagte sie: »Ach, ich habe schon vieles gewußt, als ich zwölf Jahre alt war.« »So, so!? Na ja, hier in der Hauptstadt wird man ja natürlich frühzeitig über so was aufgeklärt. Ich wurde zwölf Jahre alt, ohne die geringste Ahnung zu haben, wie es sich eigentlich verhält. Und als ein Kamerad es mir erzählte, da ... ja, da zweifelte ich beileibe nicht daran, daß da etwas getan wurde, aber ... ich wollte nicht glauben, daß das dazu notwendig wäre, damit Eheleute Kinder bekämen: die Ehe wäre ja von Gott eingesetzt, sagte ich eifrig zu meinem Kameraden, und Gott könne doch nicht etwas so Häßliches verfügt haben.« »Nein, daran habe ich denn doch niemals gezweifelt,« sagte sie lachend. »Ich glaube, was mich tue Sache so abscheulich häßlich finden ließ, das war die unglaubliche Tatsache, daß es in dem alten Krähwinkel, in dem ich erzogen wurde, unter den Schuljungen für die größte Schande, die einem Jungen widerfahren konnte, angesehen wurde, wenn er zusammen mit einem Mädchen gesehen worden war. Sogar mit seiner eigenen Schwester konnte man nicht über die Straße gehen, wenn man sich nicht der tiefsten Verachtung seitens seiner Kameraden aussetzen wollte. Und ich, der ich selber die Mädchen fixierte, wie wir es nannten, mit der tiefsten Verachtung beehrte – du kannst dir vorstellen, wie unwürdig, wie wenig »keck« es mir erschien, dem andern Geschlecht gegenüber überhaupt etwas zu fühlen. Wenn ein solches Gefühl in mir aufkam, dann erstickte ich es als etwas, was eines »kecken« Jungen unwürdig wäre. Und Keckheit, das war für einen Jungen nun einmal das Höchste.« »Ach, muß das doch abscheulich sein, in einer Stadt wie Bergen aufzuwachsen. Nein, da ist es bei uns hier ganz anders zugegangen. Wie sehne ich mich in die Zeit zurück, da ich so zwölf, dreizehn, vierzehn Fahre alt war. Das war die lustigste Zeit meines Lebens. Und so lustig werde ich wohl nie wieder leben,« fügte sie seufzend hinzu. »Erzähl mir doch etwas davon.« »Nein, das läßt sich nicht erzählen.« »Ach, das ist doch zu arg, daß du niemals etwas erzählen kannst; da soll ich nun die ganze Zeit erzählen und niemals etwas zu hören bekommen.« »Ach, siehst du, es, war ja eigentlich nichts Besonderes; aber zu der Zeit brauchte man nicht viel um sich zu amüsieren.« »Na, wenn es nichts Besonderes war, so kannst du es doch, meine ich, ruhig erzählen. Ihr Mädchen wart also oft mit Jungen zusammen – nicht wahr?« »Ja,« sagte sie lebhaft, »wenn wir aus der Schule gekommen waren, nahmen wir uns kaum Zeit, das Essen zu verschlingen, um nur gleich wieder fortzukommen.« »Was triebt Ihr denn aber mit den Jungen?« »Ach ... ja ... das ist eigentlich nicht zu erzählen.« »J wo ... erzähl nur drauf los!« »Na, dann spielten wir erst eine Weile; wenn wir das aber satt hatten, dann ... trennten wir uns paarweise, und jedes Paar ging seine eigenen Wege.« »So, so! Und dann wollte er dich natürlich küssen, sobald ihr allein wart?« »Ja, dann rissen wir aber aus.« »Du wurdest aber natürlich wieder eingeholt.« »Ja. Dann taten wir aber alles, um uns loszureißen.« »Das gelang dir aber natürlich nicht.« »Nein. Dann drehten und wandten wir uns aber nach allen Richtungen, damit es ihnen nicht gelingen sollte, uns zu küssen. Und das war eigentlich das Lustigste.« »Ja,« sagte ich und lachte. »Denn inzwischen hielt er dich natürlich fest an sich gepreßt, so daß beinahe nur die Köpfe sich nicht berührten. Und dann ist es so herrlich, so erobert zu werden – nicht wahr? – Und dann zum Schluß bekam er natürlich seinen Kuß?« »Ja, das versteht sich. Das heißt: sie nahmen ihn sich. Übrigens ging es nicht immer so. Konnten wir einen nicht leiden – ach Gott, wie liefen wir dann! Dann war fast nie die Rede davon, daß sie uns einholen konnten, und geschah es trotzdem, so waren wir ihnen gegenüber so ernst und langweilig, daß sie das Ganze aufgaben.« »Ja, ja, ich begreife schon, wie du das getrieben hast. Sage mir aber: wenn es nun einer war, der dir gefiel – kam's da niemals weiter als bis zum Kuß?« »Nein. Du bist wohl verrückt?! Was meinst du denn eigentlich?« »Der Teufel mag das glauben.« »Das kannst du dir doch denken.« »Wer weiß! Na, ich verstehe, das willst du also auf keinen Fall sagen. Hattest du denn aber niemals ein Gefühl davon, daß es nicht richtig wäre, so mit den Jungen herumzulaufen?« »O ja. Einigermaßen schon, aber nicht besonders heftig. Es war so lustig, daß wir daran nicht weiter dachten.« »Und das wenige, was ihr dachtet, machte es natürlich nur noch lustiger: Verbotene Früchte usw. Du weißt schon.« »O ja, das glaube ich wirklich auch.« »Ja, ja. So war es damals mit der Moral, damals diente sie nur als pikante Sauce; jetzt aber – ich bin überzeugt, du könntest das nicht wieder tun, was du damals getan hast.« »Nein. Aber nicht deswegen, weil ich jetzt moralischer bin. Im Grunde genommen, bin ich jetzt gar nicht so moralisch. Wenn ich z. B. Student wäre ... ach, wenn ich's wäre, du solltest wissen, wie oft ich das wünsche ... dann solltest du bloß sehen, wie ich mich amüsieren wollte!« »Ja, wenn – wenn. Es ist so leicht zu sagen: Unter den und den Umständen würde ich das und das tun. Aber, in den Verhältnissen, in denen du jetzt lebst, zeigt es sich ja tatsächlich, daß du Gewissensbisse hast, weil du dich mit mir unterhältst! Nein, ich hätte dich treffen sollen, als du so fünfzehn, sechzehn Jahre alt warst; da hätte ich dir vielleicht die verfluchte Moral aus dem Herzen ausrotten können. Jetzt habe ich dich ja nicht weiter bringen können, als zu dem Eingeständnis, daß die Moral dumm ist; praktisch das moralische Gefühl los zu werden, das wird dir beinahe unmöglich sein.« »Ja, ich glaube wirklich auch nicht, daß ich es je werde los werden können.« »Nein, das glaube ich auch nicht. Denn das kann nur auf eine Art geschehen, und ich glaube nicht, daß du den Mut dazu haben wirst.« »Was meinst du damit?« fragte sie, etwas stutzig geworden. »Ja – – das ist wirklich etwas schwierig zu sagen.« »Ach was, sagen kannst du es doch.« »Freilich kann ich's sagen. Es fragt sich nur, wie. – – Ja! Du erinnerst dich, daß ich gestern fluchte, als ich erfuhr, daß du diese Abendunterhaltung besuchen würdest.« »Ja?« »Ja, siehst du, ich hatte mir nämlich gestern etwas vorgenommen, und das ging dieser dummen Abendunterhaltung wegen in die Brüche.« »Und was war das?« »Gedulde dich nur eine Weile. Bevor ich dir das sage, will ich dir eine kleine Geschichte erzählen. – Du wirst dich jener Luise erinnern, von der ich dir neulich erzählt habe. Als sie kürzlich eines Abends bei mir war, erzählte sie, vor einigen Tagen seien zwei junge Leute bei ihr gewesen. Der eine, den sie schon kannte, sei nur gekommen, um einen Freund bei ihr einzuführen, und sei deshalb gleich wieder gegangen. Der andere, der also allein zurückblieb, habe eine Zeitlang hilflos und verlegen dagesessen und habe weder gewußt, was er tun, noch was er sagen sollte. Schließlich habe er aber gefragt, ob er bei ihr schlafen könne. »Der Esel,« sagte ich zu Luise, »du hast natürlich Nein geantwortet?« – »Das kannst du dir denken,« sagte sie lachend, »ich habe ihn ausgelacht. Hast du schon so was gehört: verlegen dazusitzen und dann zu fragen, ob er bei mir schlafen könne!« Lily lachte. »Da siehst du also,« fuhr ich fort, »daß es zuweilen lächerlich sein kann, ein Weib zu fragen, ob man bei ihr schlafen dürfe. Zuweilen kann es aber auch direkt idiotisch sein, ohne daß es gleichzeitig lächerlich zu sein braucht. Erinnerst du dich noch, wie wir gestern abend bei Euch im Speisezimmer uns unterhielten, während die anderen aufbrachen? Du sagtest, dir wäre Fräulein Holst mit ihren 40 Jahren widerlich, während ich sie hübsch fand und sagte, ich hätte nichts dagegen, einmal eine Nacht bei ihr zuzubringen. Da sagtest du denn zum Spaß: Dann geh' doch mit ihr und frag' sie, ob sie's erlaubt. Sieh, das wäre ja direkt idiotisch gewesen, sie zu fragen, weil, selbst wenn sie noch so gern gewollt hätte, es ihr doch niemals hätte einfallen können, sich einem ganz unbekannten Menschen hinzugeben, von dem sie nicht einmal genau wußte, ob er die Diskretion wahren würde. Zuweilen aber liegen die Verhältnisse so, daß es sich nicht auf andere Weise machen läßt, als indem man fragt. Und das ist z. B. der Fall, wenn man will, daß das betreffende Weib sich frei und unbeeinflußt von einer augenblicklichen Stimmung entschließen soll.« Eine kurze Pause. »Und deshalb hatte ich mir gestern vorgenommen, mit dir einen kleinen Spaziergang zu machen und – dich zu fragen ...« Ich blickte auf sie herab. Sie richtete ihre Augen ganz offen auf mich mit einer Mischung von Verwunderung und Schrecken. Ich lächelte matt. Dann wurde ihr Blick kalt und nahm einen beleidigten Ausdruck an. Und dieser Ausdruck nahm immer mehr zu. Schließlich war nur noch der Ausdruck des Beleidigtseins da. Ich sah geradeaus und pfiff leise vor mich hin. Mehrere Minuten lang sagte niemand von uns ein Wort, bis endlich sie das Schweigen brach. »Wie dumm das von dir war, Hermann!« sagte sie. »Durchaus nicht. Du wirst doch begreifen, Lily, daß es mir nicht eingefallen wäre, ein ganzes Jahr lang mit dir herumzulaufen und dich zu erziehen, wenn ich nichts anderes hätte erreichen wollen, als mit dir spazieren zu gehen und schlüpfrige Gespräche zu führen.« Sie fuhr etwas zusammen. »Gott bewahre,« fuhr ich fort, » etwas verändert hast du dich ja. Wie du jetzt bist, bist du ja wesentlich anders als damals, als ich dich kennen lernte. Damals glaubtest du, die Männer wären im allgemeinen ganz anständige Geschöpfe, die die Frauen nur ansähen und sich vorstellten, wie es sein würde, wenn man mit einer von ihnen verheiratet wäre – und nur einige liederliche Burschen gingen, ohne verheiratet zu sein, zu Frauenzimmern. Nun weißt du, daß es nur einige Idioten von Männern sind, die nicht zu Frauenzimmer gehen, und du kannst es nicht begreifen, daß jemand so dumm sein kann – wenn er nicht etwa ein Heiliger ist; denn dann läßt sich ja alles begreifen. Du bist dir dessen bewußt geworden, daß jede Handlung, die aus freiem Willen geschieht, des Menschen durchaus würdig, während alles, was in Unfreiheit geschieht, verächtlich ist, und du begreifst daher, daß eine ganze Menge von Dingen, die die Leute im allgemeinen für häßlich und verächtlich ansehen, gar nicht so schlimm beurteilt zu werden braucht, und daß umgekehrt viele Dinge, die von den Leuten gemeiniglich für anständig und gut angesehen werden, recht verächtlich sind. Du verstehst z. B., daß, wenn ich mich dazu entschließe, mich im Schmutz zu wälzen – was ich wirklich tue, weil die Gesellschaft um eine angenehmere Art, meine freie Zeit anzuwenden, mich betrügt – dann nichts vom Schmutze an mir haften bleibt, wenn ich mich wieder erhebe, – wo Freiheit ist, gibt es ja keinen Fall. Und du begreifst auch, daß ein erwachsener Mensch, der noch nicht so weit gekommen ist, dies einzusehen und mich deshalb nach den Moralprinzipien beurteilt, die er zufällig, weil er sich nicht von ihnen frei zu machen vermocht hat, besitzt, – daß ein solcher Mensch ein elender Patron ist, der es nicht verdient, ein freier Mensch zu heißen. Du kannst also die Frage von ganz freien Gesichtspunkten aus betrachten, wenn du dir die Sache überlegst. Aber trotzdem – was bedeutet denn das? ...« »Ich meine, das bedeutet viel; mir ist eine ganz neue Welt aufgegangen, seitdem ich diese Gespräche mit dir geführt habe.« »Das mag schon sein. Was zum Teufel hilft aber das alles? Trotz alledem gehst du ja unfrei umher wie zuvor. Du nimmst genau dieselben Rücksichten als früher. Du hast ein schlechtes Gewissen, wenn du das tust, was du für vernünftig hältst – wenn du überhaupt wagst, es zu tun. – – Nein, mit Theorien kommt man nicht zur Freiheit, man muß danach leben. Es nützt nichts, die Moral und die Theorie zu überwinden. Es ist freilich das erste, was man tun muß, wie man auch erst die Gespensterfurcht auch sein Denken überwinden muß. Ist aber das getan, dann muß man auch die Sache praktisch anfassen und sich in das hineinstürzen, wovor einem bange ist. Tut man das nicht, wird man niemals ein freier Mensch.« »Dann ist es eben besser, unfrei zu sein.« »Ja – dann bist du also verloren,« sagte ich müde und warf ihr einen mitleidigen Blick zu. Das hatte sie freilich nicht erwartet. Sie hatte gewiß nur geglaubt, ich würde ärgerlich werden, weil alle meine Überredungskünste nichts nützten. Jetzt war es, als käme ihr das Gefühl, daß sie dies Spiel verloren habe, denn sie sah mich ganz ängstlich an und sagte: »Was meinst du damit?« »Daß eine ganz neue Welt, die Welt der Freiheit die du niemals gekannt hast, dir verschlossen bleibt, wenn du nicht die Kraft hast, das zu wollen,« entgegnete ich in ernstem Tone. »Ich verstehe dich nicht.« »Freilich, wie solltest du das auch verstehen können? Woher solltest du wissen, was die Freiheit wert ist? Das lernt man ja erst, wenn man frei geworden ist. Das Leben lehrt es einen.« Ich ging einige Schritte weiter, sah nur geradeaus und sprach kein Wort; dann fuhr ich in mürrischem Tone fort: »Übrigens eine Art von Verständnis für den Wert der Freiheit kann man sich ja immer von vornherein erwerben. Wenn es dir recht ist, will ich gern versuchen, dir einen solchen vorläufigen Begriff davon zu geben.« Sie antwortete nicht. »Hast du vielleicht kein Interesse daran?« »Doch,« antwortete sie furchtsam. »Nun wohl. Stelle dir also vor, du sagtest ja und tätest es – was würde die Folge für dich sein? Erstens würdest du dich ganz unmittelbar wohl befinden – infolge des Freiheitsgefühls, das dich ergreift, wenn du mit dem Heer von Gefühlen brichst, das durch die Erziehung in dir angesammelt worden ist, um dich zu hindern, dich zu diesem hier zu entschließen. Wenn man das alte Ich, das man in seinem Innern findet, hinauswirft, wenn man zum Selbstbewußtsein erwacht ... wenn man fühlt, daß man sich von den durch seine Erziehung erworbenen Vorurteils freigemacht hat . . . dies – ja, dies ist nun einmal ein Genuß. Denn dann fühlt man sich erst ganz in Harmonie mit sich selber. Erst dann wirst du dieses Gefühl der Freiheit bekommen und dich dabei wohl befinden. Und dann – wenn wir eine Weile zusammen gelebt haben, dann ... wirst du anfangen, dich gesünder und stärker zu fühlen, Dein leibliches Wohlergehen wird sich steigern. Denn es ist nun einmal so, daß man sich wohler befindet, wenn man seine Triebe auf natürliche Weise befriedigt . . .« Ich senkte ein wenig den Kopf und sah über den Klemmer auf sie herab. Sie schlug die Augen nieder und sagte nichts. Ich ging weiter im Text: »Und dann ... wenn wir also eine Weile zusammen gelebt haben, dann ... dann kommt ein neues Moment hinzu, das ich in Rechnung ziehe: ich weiß, du liebst einen, und dieser eine bin nicht ich. Nun wohl, weshalb hat er, der dich doch ein wenig lieb hatte, dich nicht zur Freiheit erzogen? Weshalb hat er dich nicht dazu gebracht, den Schritt zu tun? Weshalb lebst du nicht mit ihm zusammen? Das wirst du dich selber fragen. Und dann wirst du voller Wut dir selber die Antwort geben müssen: weil er ein Idiot war. Aber, dann wirst du weiter fragen: er hatte doch einen guten Kopf, war ein gescheiter Mensch, wie in aller Welt konnte er da so idiotisch sein? Und du wirst dir selber die Antwort geben: die infamen unfreien Gesellschaftsverhältnisse haben ihn durch die Erziehung zu dem gemacht, was er ist, und er hat nun einmal nicht die Kraft des Bewußtseins gehabt, die dazu gehört, sich trotzdem zur Freiheit zu erheben. Unter anderen Gesellschaftsverhältnissen aber hätte auch er ein freier Mann werden und ihr hättet so lange zusammen leben und euch lieben können – so lange, bis ihr es satt bekommen hättet. – O, die infamen Gesellschaftsverhältnisse! – Dann wirst du anfangen, sie von ganzem Herzen zu hassen. Und was Gegenstand des Hasses ist, das zieht an: Du wirst anfangen, diesen Gesellschaftsverhältnissen auf die Nähte zu sehen, wirst sie Stück für Stück, in allen Details, verabscheuen lernen. Du wirst erkennen, wie die Menschen das Leben hundertmal ärmer gestalten als es ist; du wirst alle diese ehrbaren Gesellschaftsmenschen, mit denen du verkehrst, mit dem unheimlichen Gefühl ansehen, daß sie eine Schar Wahnwitziger sind, die an der fixen Idee leiden, es wäre ihre Pflicht, sich selber so viel Böses zuzufügen, wie sie nur imstande sind. Und du wirst sehen, daß die wenigen Vernünftigen, die unter all diesen Irrenhäuslern existieren, bis auf einige wenige Ausnahmen alle Leute sind, die Schiffbruch gelitten und alle Lebenslust und Energie verloren haben – nur dieser verfluchten Gesellschaftsverhältnisse wegen. Aber genug davon ... worüber sprach ich doch – hast du eigentlich von dem, was ich sagte, ein klares Bild bekommen?« »Jawohl; doch glaube ich nicht, daß ich etwas würde tun können.« »Es wäre auch wunderlich, wenn du das glaubtest. Denn du wirst nicht eher etwas tun können, als bis sich zu deiner Intelligenz der Haß als treibende Kraft gesellt. Und jetzt – wie in aller Welt solltest du gerade jetzt glauben können, daß du etwas ausrichten könntest? Hier habe ich dich aus Nacht und Finsternis hervorgeholt und dich in die Morgendämmerung geführt, und nun zeigt es sich, daß du zu alt und nervös bist, um »die frische Morgenluft der Entschlüsse« zu durchwandern, wie der Dichter sagt, und in das volle Tageslicht der Freiheit zu pilgern. Das ist klar: wirst du diese elende Nervosität nicht los und kommt nicht neuer Jugendmut über dich – dann bist du verloren, dann kann gar nicht davon die Rede sein, daß du dahin gelangen kannst, etwas zu tun. Zum Teufel, pack' doch dies alte kränkliche Ich und wirf es von dir –: Neuen Lebenslauf Beginne mit hellem Sinne, Und neue Lieder Tönen da auf.« Während des letzten Teils der Unterhaltung waren wir vor der Tür ihres Hauses stehen geblieben. Sie kehrte sich hastig um und schritt in den Torweg hinein. »Adieu,« sagte sie nervös. »Ich kann nicht ... ich getrau mich's nicht ... ich will nicht.« »Das letzte ist Unsinn,« rief ich ihr nach. »Du willst ; du kannst aber nicht, weil du dich's nicht getraust.« Und dann ging ich nach Hause, kräftige Flüche im Herzen. IX. Auf dem Heimwege traf ich Jarmann. Ich hatte ihn darauf vorbereitet, daß an diesem Tage die Schlacht geliefert werden sollte. »Hast du mit ihr gesprochen ... wie ist es gegangen?« fragte er lebhaft. »Schlecht!« »N–nein? ... Erzähle!« »Komm' mit zu mir. Wir wollen in aller Ruhe einen Toddy trinken, und dann sollst du hören.« Er kam mit. Der Toddy wurde gebraut, und bei einer Zigarre erzählte ich ihm die ganze Geschichte. Er hörte sehr andächtig zu, unterbrach mich nur zuweilen mit einem Ausruf oder mit seinem gewöhnlichen kichernden Lachen, sobald etwas kam, was ihm besonders zusagte. »Glaubst du, daß es gehen wird?« fragte er, als ich zu Ende war. »Wenn sich diese Vorstellung mit den anderen Vorstellungen in ihrem Hirn einordnet – ja.« Er lachte vor sich hin: »Nein, wie hübsch das werden wird!« »Ja. Und gelingt es, dann will ich die heutige Unterredung niederschreiben, auch die eigentliche Verführungsszene – und wenn sie dann später einmal entweder zu Grunde geht oder etwas wird, dann arrangiere ich eine letzte Szene mit ihr, und schreibe die auch nieder – und dann veröffentliche ich das Ganze.« Jarmann war aufgestanden und ging mit nervösen Schritten im Zimmer auf und ab. »Hol' mich der Teufel,« sagte er, »das wäre etwas; das zu lesen wäre den Leuten gesund, – und sie würden es auch lesen.« Nach einer Weile blieb er stehen, sah mich an und sagte lachend: »Die Geschichte mit dem Wäschermädel war wirklich ein ausgezeichnetes Beispiel. Darauf kommt es gerade an: daß man das, was man tut, freiwillig tut« – und er trank einen tüchtigen Schluck Toddy, blies eine dicke Rauchwolke in die Luft und ging wieder einige Male im Zimmer auf und ab, blieb dann wieder stehen und lachte sein herzliches, kollerndes Lachen. »Du,« sagte er, »du solltest Dozent der Moralphilosophie an der Universität sein – das wäre etwas anderes als diese Monrad und Lyng – hehehe!« Und er setzte sich in den Schaukelstuhl, stützte sich mit den gekreuzten Armen auf den Tisch und sah mir mit großen, glänzenden Augen ins Gesicht: – »Ist es nicht wirklich zum Teufelholen, daß nicht du Philosophie-Professor sein kannst an Stelle dieses Idioten!« Ich lachte. »Ich fürchte,« sagte ich, »es würde in meinen Vorlesungen nicht viel Abwechslung geben. Übrigens – und wenn ich auch nicht Professor bin, so beabsichtige ich doch, als Lehrer aufzutreten.« »Wo denn?« »In einer Mädchenschule.« »Du bist wohl verrückt!« Er lehnte sich im Schaukelstuhl zurück und lachte. »O nein. Du weißt, daß ich immer dafür geschwärmt habe, Lehrer an einer Mädchenschule zu werden. Jetzt will ich selber eine errichten.« »An der Schule mußt du mich aber wahrhaftig Lehrer werden lassen!« Er schlug auf den Tisch und sah mich begeistert an. Ich schüttelte den Kopf und strich die Asche von meiner Zigarre: »Nein,« sagte ich, »das geht nicht, dazu fehlen dir alle Vorbedingungen.« »So!« sagte er niedergeschlagen. »Was für eine Art von Schule soll es denn sein?« »Ich will es dir erklären,« sagte ich, während ich mir einen neuen Toddy zubereitete. »Du begreifst doch, daß Lily im Grunde genommen zu alt ist – schon zweiundzwanzig Jahre – außerdem ist sie nicht hübsch genug. Selbst wenn sie, trotz ihres Alters, sich bekehren läßt, geht sie wahrscheinlich doch verloren. Im Dienste der Freiheit können wir jetzt eigentlich nur hübsche Mädchen brauchen – und dann müssen sie von frühester Jugend an erzogen werden – prosit!« »Prosit! – Glaubst du, daß das notwendig ist ... daß sie so jung angelernt werden müssen?« »Ja. Nur dann kann man sie ganz gewinnen.« »Wieso?« »Das ist doch leicht zu begreifen: Denke dir ein junges, hübsches Mädchen im Alter von fünfzehn bis sechzehn Jahren, üppig und lebensfrisch, und geschlechtlich gut begabt – das muß sie ja sein – denk' sie dir in der Zeit, da eben das Liebesbedürfnis und die Liebessehnsucht erwacht sind und das Leben wie ein lichter Traum vor ihnen liegt – lauter Liebe! ... Und stelle dir dann vor, wie die Liebe behandelt wird – nicht in Büchern, da wird sie ja bis zu einem gewissen Grade geduldet, aber im wirklichen Leben: man betrachtet sie wie einen wilden Vogel, der sich verflogen hat, fängt sie, zähmt sie und steckt sie in ein Bauer, wo sie verkümmert und durch Familienwärme und Mutterliebe ersetzt wird – und damit ist ihre Geschichte zu Ende. Wenn aber nicht, wenn wirklich eine neue Liebe aus der Asche der alten erstehen sollte, dann wehe dem Weibe, das sie nicht tief in seiner Brust verschließt und den Tod der Einsamkeit sterben läßt – denn die Geschichte soll zu Ende sein! ... Gut! Bringen wir nun das junge Mädchen, dessen Leben bisher nur den einen Inhalt: die Liebe hatte, dazu, daß sie das versteht – öffnen wir ihr die Augen, daß sie das als das Schicksal der Liebe in der Gesellschaft, in die sie eintreten soll, erkennt ... sie wird darüber aufs tiefste empört werden, und du wirst in ihr einen mächtigen Haß erzeugen können und einen wild begeisterten Trotz gegen all das, was daran schuld ist, daß die Liebe auf diese Weise zugrunde geht. Und verliebt sie sich dann in einen ganz freien Mann, der sie wieder liebt, aber nicht will, daß ihre Liebe in der Form der Familienwärme und Kinderliebe sich überleben und sie beide unfähig machen soll, überhaupt zu lieben – dann ist sie gerettet. Dann gibt sie sich ihm unbefangen hin und nimmt den Kampf gegen die Vorurteile der Gesellschaft auf – mutig und sicher, weil sie nicht dieselben Vorurteile in ihrer eigenen Brust zu bekämpfen hat. Anders sind die Chancen, wenn sie in dem Alter, in dem das Liebesbedürfnis und die Liebessehnsucht in ihr erwachen, sich selber überlassen bleibt – wie geht es nämlich dann? ... Na, du hast ja die kleinen Mädchen auf Karljohann bemerkt, die herrlichen Geschöpfe, die scharenweise herumstreifen und über wer weiß was lachen und sich amüsieren, ohne daß die meisten sie weiter beachten – »es sind ja nur Schulmädchen«. Eines schönen Tages ist aber eine von ihnen erwachsen. Man hat den Übergang gar nicht bemerkt. Jetzt sieht man's: die Brust ist voll geworden, die Hüften rund, die Figur hat die eigenartige jungfräuliche Anmut bekommen, die nur dieses Alter besitzt. Und sie geht nicht mehr in Gesellschaft der anderen. Nein, allein, höchstens mit einer Freundin zusammen, schreitet sie mit verwunderten, aufgeweckten Augen umher und wittert nun gleichsam nach dem Dasein, um über diejenige seiner Seiten Bescheid zu erhalten, die sich ihr jetzt erschlossen hat – die personifizierte Empfänglichkeit. Das dauert aber nicht lange – einige wenige Monate, und es ist vorbei: die Hoffnung ist betrogen worden: es w ar nichts. Und der verwunderte, aufgeweckte Ausdruck in den Augen verschwindet, die Figur schrumpft gleichsam wieder ein, das Ganze sieht schlaffer aus, der Duft ist weg ... und dann siehst du sie wieder in Gesellschaft mit den anderen herumstreifen, lachen und sich amüsieren. Das geht jetzt aber eigentlich nicht mehr an: jetzt soll sie ja erwachsen sein. Und da müssen die Mutter und ältere Freundinnen und Bekannte sich ihrer annehmen und sie darüber belehren, was schicklich und passend ist. Und wenn sie dann ihrer mädchenhaften Art am schicklichsten und passendsten ein Schnippchen schlägt, dann erklären sie ihr, daß es davon bis zum Unmoralischen nur einen Schritt ist. Und das Unmoralische kann sie ja fürs ganze Leben unglücklich machen. Dann wird sie bedenklich, fängt an auf diese Vorstellungen zu hören, und nach und nach frißt das Schickliche und das Passende, um von dem Moralischen nicht zu reden, sich in ihr Fleisch ein und geht schließlich ins Blut über – und dann siehst du sie im Alter von siebzehn Jahren bescheiden wie ein wohlerzogenes, heiratsfähiges Mädchen einherschreiten, das sich von erwachsenen Herren den Hof machen läßt und auf einen Freier wartet. Mache dann den Versuch, ihr die Augen zu öffnen! Versucht es dann , ihr beizubringen, daß all das, was ihr eingeimpft ist, nur Vorurteile sind – noch dazu Vorurteile, die das vernichten werden, was ihres Lebens Glück ausmachen sollte! Wahrscheinlich wird sie dich dann kurz und bündig abweisen. Selbst dann, wenn du sie nach langer, mühseliger Arbeit zum Verständnis bringst – Herrgott, dann hat sie ja das Gift im Blute, die Vorurteile sitzen tief in ihr selber fest, und dann will es etwas heißen, sie loszuwerden. Natürlich kann sie auch jetzt noch gerettet werden. Aber nur zwei Dinge können sie noch retten: entweder eine wirkliche tiefe, alles überwindende Liebe zu einem ganz freien Manne – dann fühlt sie, daß das Recht der Liebe das stärkere ist, schiebt alle Rücksichten beiseite und gerät mit der Gesellschaft in Konflikt. Oder eine wirklich tiefe Liebe zu einem gewöhnlichen Gesellschaftsmenschen, den sie aber der Verhältnisse wegen nicht bekommt. Dann kann sie nämlich, wenn alles verloren ist, wenn das Leben öde vor ihr liegt und sie hinterher zu der Einsicht kommt, daß die Geschichte mit der Moral nur Vorurteil ist, von Wut darüber erfaßt werden, daß der, den sie liebte und der sie liebte, sie nicht »genommen« hat) sonst wäre sie ja wenigstens nicht um ihr ganzes Lebensglück betrogen worden. Und dann kann sie vielleicht auf dieselbe Weise gerettet werden, die ich jetzt bei Lily versuche. Das Unglück ist aber, daß eine solche wirklich starke Liebe nicht auf Bäumen wächst, und im speziellen in einem Menschen, für den das Schickliche, Passende und das Moralische das Höchste in der Welt darstellt, natürlich nur schwer entsteht. Und deshalb gilt es, wie gesagt, die Mädchen von früher Jugend auf zu erziehen. Und deshalb soll meine Schule für Mädchen von vierzehn bis sechzehn Jahren sein.« Jarmann hatte, während ich sprach, im Schaukelstuhl zurückgelehnt dagesessen und nachdenklich stark geraucht. »Woher in aller Welt willst du aber die Schülerinnen bekommen?« fragte er verwundert. »Ach,« sagte ich und zündete meine Zigarre wieder an, die mir ausgegangen war: »ich habe schon so halb und halb einige.« »Nein! – Erzähle!« Und er steckte beide Hände in die Hosentaschen, lehnte sich zurück und sah mich, die Zigarre zwischen den Zähnen, fest an. »Das ist eine ganze kleine Geschichte,« sagte ich. »Bereite dir noch ein Glas Toddy, dann sollst du alles hören.« Und er braute sich einen Trank, und ich erzählte: »Vor fünf bis sechs Jahren begegnete ich immer einem ganz hübschen jungen Mädchen mit einem merkwürdigen Gesicht – bleich, stark sinnlich, mit einem Zug von Trotz und Verachtung um die fest zusammengebissenen Lippen; sie mochte wohl sechzehn, siebzehn Jahre alt sein. Ich sah sie, so oft wir uns begegneten, fest an, und sie sah mich wieder an, mit einem Paar Augen, daß es mir durch alle Glieder ging. Gleichzeitig aber schürzte sie die Lippen so überlegen höhnisch lächelnd ... als wollte sie sagen: ich weiß wohl, daß ich hübsch bin, und ich weiß, was Sinne sind, komm mir aber nicht zu nahe! Die Augen zogen mich an, die Lippen stießen mich ab. Ich hatte starke Lust, sie kennen zu lernen; es wurde aber niemals etwas daraus. Ich hatte nicht den Mut zum Angriff, und eines schönen Tages verschwand sie und kam mir ganz aus dem Gesichtskreis – bis sie neulich plötzlich wieder auftauchte. Aber nicht mehr als dieselbe von früher. Die blassen, stark sinnlichen Züge waren schlaff geworden, die Augen, die strahlenden Augen, matt und stechend; sie litt in unheimlichem Maße an Bleichsucht, und das höhnische, herausfordernde Lächeln war bitterbös geworden; sie sah aus, als wollte sie am liebsten beißen. Es wäre wahrhaftig kein Vergnügen gewesen, sie wieder zu sehen, wäre sie nur allein gekommen. Mit ihr zusammen tauchte aber auch eine jüngere Schwester auf, ein Schulmädchen von fünfzehn bis sechzehn Jahren, frisch, keck und üppig, mit halblangem Rock und zwei langen schwarzen Schulmädchenzöpfen im Rücken. Die Kleider hingen etwas verwahrlost an ihr herab, sie waren auch etwas abgetragen und die Schuhe ausgetreten; sie schritt aber schlank und sicher, beinahe übermütig die Straße hinab mit keck gewölbter Brust und einem schwachen Wiegen der Hüften, als fühlte sie sich stark als Weib. Und aus dem vollen, naiv-sinnlichen Kindergesicht mit dem braunen, mattgoldenen Teint spähten zwei wunderbare braune Kinderaugen froh und unternehmungslustig heraus, während ein munteres Lächeln ihre roten Kußlippen umträumte. Ein Kind mit Geschlecht! das war der Totaleindruck. Zuerst begegnete ich ihr immer in Begleitung ihrer älteren Schwester, die ihr erzählt haben mochte, daß ich sie seiner Zeit vergebens angeschmachtet hatte, und wie wenn das eine unverschämte Frechheit von mir gewesen wäre, beehrte mich die jüngere mit einem überlegenen, verächtlichen Lächeln. Das Lächeln verletzte mich aber nicht, es freute mich herzlich, damit bedacht zu werden, weil es erstens so schön war und mir zweitens einen guten Anlaß gab, ihr wieder keck ins Gesicht zu lächeln und den kindlichen, unschuldig-sinnlichen Ausdruck in ihren Augen zu genießen – du kannst mir glauben, sie hat ein paar Augen: ganz einfarbig braun mit dicker Hornhaut, die ihnen einen eigentümlichen Glanz verleiht, und voller Leben. Und wie sie einen ansehen kann! Na, eines Tages gehe ich nun mit Fritz Hassel auf Karljohann spazieren. Sie geht vor mir mit einer Freundin zusammen, wir schreiten an ihnen vorüber, ich drehe mich um, bekomme mein gewöhnliches Lächeln und gehe weiter – da packt mich Fritz plötzlich am Arm und hält mich auf: »Hahaha!« lacht er, »sie streckt dir die Zuge heraus.« Ich wandte mich blitzschnell um, sie zog die Zunge ein, und sie, ihre Freundin, Fritz und ich, wir blieben einander gegenüber stehen und lachten. Bis Gerda – so heißt sie – ihre Freundin beim Arme nahm und in die Königstraße hineinzog, an deren Ecke wir standen. Fritz und ich, wir gingen dann weiter bis zur Post. Als wir aber zurückkehrten und die Königstraße passierten, kam Gerda gerade allein zurück, lachte uns zu, aber etwas ängstlich, bog schnell um die Ecke und eilte weiter. Wir gingen lachend hinterdrein, sie wurde immer ängstlicher, und nachdem sie ein paarmal vergebens versucht hatte, uns los zu werden, indem sie bald sehr langsam ging, um uns vorbeizulassen, bald wieder sehr schnell, um uns zu entfliehen, fing sie plötzlich zu springen und zu laufen an, und wir sahen sie schließlich nach der Drammensstraße zu verschwinden. Seit jenem Tage lächelte sie nicht mehr verächtlich, wenn sie mir begegnete, sie lachte schelmisch, und streckte zuweilen auch die Zunge heraus: wir standen jetzt auf weit vertraulicherem Fuße. Da wandelte mich eines Tages, als ich ihr wieder begegnete und wir wie gewöhnlich uns zugelächelt hatten, unmittelbar nachdem ich an ihr vorübergekommen war, die unbezwingliche Luft an, ihr noch einmal in die herrlichen Augen zu sehen. Ich kehrte um, ging an ihr vorbei, kehrte wieder um und begegnete ihr wieder. Sie bemerkte es, lachte noch mehr als gewöhnlich, und da machte ich dasselbe Manöver noch einmal. Das amüsierte, sie, sie fing auch an, recht oft umzukehren, und schließlich waren wir uns im Verlauf einer knappen halben Stunde wenigstens zehnmal begegnet. Als sie dann nach Hause ging, folgte ich ihr, und jetzt war sie ganz und gar nicht ängstlich, schien im Gegenteil ihr Vergnügen daran zu haben, daß ich hinter ihr dreinging, wandte sich des öfteren um und lachte mir zu. Wir gingen die Drammensstraße hinaus und bogen dann links in eine der neuangelegten Straßen ein. Bevor sie in das Haus, in dem sie wohnte, hineintrat, kehrte sie sich noch einmal um, lachte – und verschwand. Als ich aber zur Haustür hineinsah, stand sie noch beim Treppenaufgang und stampfte den Schnee von den Füßen. Da ging ich in den Hausflur hinein und sagte: »Ich hätte so große Lust, Sie kennen zu lernen, Fräulein!« Sie stand mit dem einen Fuße auf der untersten Treppenstufe, sah lächelnd auf den anderen Fuß herab, von dessen Sohle sie den Schnee abstieß, antwortete aber nicht. »Nun haben wir uns,« sagte ich, »schon so lange par distance zugelächelt – finden Sie es nicht an der Zeit, daß wir uns nun näher kennen lernen?« Sie antwortete nicht, fuhr nur lächelnd fort, den Schnee von den Fußsohlen abzustoßen. »Es wäre doch viel amüsanter,« fuhr ich fort, »wenn wir nebeneinander gingen und uns unterhielten, als wenn wir so wie jetzt hintereinander herjagen.« Sie antwortete immer noch nicht, blieb nur in gleicher Stellung stehen. Da trat ich näher heran. In demselben Augenblicke sahen mich aber die braunen Augen scheu an, der Körper beugte sich langsam vor, sie stand auf dem Sprunge, bereit, die Treppe hinaufzueilen, wenn ich ihr zu nahe käme. Da blieb ich natürlich stehen. Und sie blieb dort auf dem Anstand, lächelte mir aber schelmisch zu. »Darf ich nicht Ihre Bekanntschaft machen?« fragte ich wieder. Sie bedachte sich einen Augenblick, trat mit dem einen Fuße wieder von der Stufe herunter, richtete sich auf, nahm die Miene einer Dame an und sagte mit spaßigem Knix: »Sie dürfen mich auf der Straße grüßen, aber ansprechen dürfen Sie mich nicht.« »O, gestatten Sie mir das doch auch.« »Nein.« Das wurde in so entschiedenem Tone gesagt, daß ich mich sogleich zufrieden gab. »Wie unangenehm! ... na, aber grüßen darf ich Sie nun also?« »Das dürfen Sie.« »Also Adieu, Fräulein!« »Adieu!« Als ich ein paar Schritte weiter gegangen war, kehrte ich um; ich wollte lieber in anderer Richtung gehen. Doch – da stand sie ja in der Haustür! Und ich mußte laut auflachen; denn in demselben Augenblick, als meine Augen den ihren begegneten, streckte sie den Kopf vor, das Kinn geradeaus. Sie gähnte halb, halb lächelte sie mit breitem Mund, zeigte die Zähne, und kniff die Augen mit sinnlichem Ausdruck zusammen ... eine merkwürdig kindliche Grimasse, als wollte sie sagen: »Ätsch! nun hab' ich dich doch zum Narren gehabt!« Dann verschwand sie wieder im Hausflur. Ich natürlich hinterdrein. Sie stand wieder beim Treppenaufgang auf dem Sprung. »Sagen Sie doch ja!« bat ich. Sie nahm aber wieder die Miene einer Dame an, wiederholte ihr entschiedenes Nein, und ich mußte zum zweiten Male gehen. Als ich ein paar Schritte vom Hause entfernt mich abermals umkehrte, sah ich eine Sekunde lang dieselbe kindische Grimasse. Als ich aber zum dritten Male in den Hausflur trat und auf sie zuging und wieder bat: »Sagen Sie doch ja! Können Sie denn nicht ja sagen?« da flog sie eins zwei drei die Treppe hinauf und sah, spöttisch lachend, durch das Gitterwerk des Treppengeländers zu mir herunter. Ich blieb stehen und lachte auch. Als ich dann endlich gehen mußte, kam sie nicht mehr heraus. Am Nachmittag, so zwischen vier und fünf, als es schon anfing zu dunkeln traf ich sie aber wieder auf Karljohann, grüßte und folgte ihr. Wieder ging es die Drammensstraße hinauf und links ab, aber an der Straße vorüber, in der sie wohnt. Wir kamen in eine neue, eben angelegte Straße. Auf der einen Seite einige Häuser; auf der anderen Seite Bauplätze und freies Feld; kein Mensch. Sie schritt ein paar Schritte in die Straße hinein, blieb dann, mir den Rücken zukehrend, stehen und sah über die Bauplätze hin. Ach blieb einen halben Schritt hinter ihr stehen, sagte jedoch eine Weile keinen Ton: Sie rührte sich nicht. »Hier können wir aber doch ganz gut ein Stück zusammen spazieren gehen,« sagte ich endlich. »Es ist ja niemand da, und dunkel ist es auch.« Sie antwortete nichts und blieb ruhig stehen. »Nicht wahr,, nun gehen wir zusammen spazieren? Nur heute Abend!?« »Na ja,« sagte sie plötzlich keck, kehrte sich um und lachte mich mit ihrem herrlichen Kinderlachen an. Dann schlenderten wir, langsam und gelassen, vergnügt die Straße hinab; die Hüften trafen sich wie zufällig bei jedem zweiten Schritt, aber wir taten, als merkten wir das nicht. Wir stellten uns vor, fragten uns nach unseren Bekannten aus und suchten irgend eine Familie ausfindig zu machen, bei der wir uns hätten treffen und unsere Bekanntschaft legitimieren können. Das letzte war aber unmöglich, wir hatten nur insoweit gemeinsame Bekannte, als sie über einige von den Herren unterrichtet war, mit denen sie mich zusammen gesehen hatte – von diesen hatte sie »sehr vieles gehört, was sie nicht erzählen wollte« – und sie lachte mich schalkhaft an, als sie das sagte. Das Ende vom Liede war aber doch, daß ich die Erlaubnis erhielt, mit ihr auf der Straße spazieren zu gehen – »sie kümmerte sich nicht im geringsten um das, was die Leute sagten!« ... »Weshalb haben Sie aber so große Lust, mich kennen zu lernen?« fragte sie schließlich, als wir vor ihrer Wohnung standen. Und sie sah mich fest an, als ob sie eine sofortige Erklärung erwartete. »Weshalb? – Natürlich, weil ich Sie hübsch finde – und dann, weil ich glaube, daß wir aneinander Gefallen finden werden.« Sie dachte eine Weile nach, dann schien es aber, als ob die Antwort sie befriedigte, sie verabschiedete sich mit einem Lächeln und ging die Treppe hinauf.« – »Und dann?« fragte Jarmann, als ich schwieg. »Seither sind erst drei bis vier Tage vergangen. Ich habe nun Tag für Tag einige Worte mit ihr gewechselt, und sie ist verdammt süß; ich bin aber mit ihr noch nicht weiter gekommen, sie ist viel zu wenig erotisch veranlagt, als daß wir so ohne weiteres dazu übergehen könnten, von Geschäften zu reden ... Na, ich habe sie mir also als Nummer eins in meiner Schule gedacht.« »Nummer eins?« fragte Jarmann eifrig. »Hast du schon mehrere in Aussicht?« »Freilich! Als ich am letzten Sonntag zum Mittagessen in die Stadt ging und über den Olafsplatz kam, standen dort vor Gjertsens Schule einige Mädchen von vierzehn bis fünfzehn Jahren. Ich musterte sie natürlich im Vorübergehen, war aber nicht wenig überrascht, als eines von ihnen, ein kleiner hübscher Blondkopf, mir ganz ernst ins Gesicht starrte und in einem Tone, als wären wir gute alte Bekannte, mir zunickend sprach: »Guten Tag, Herr Eek!« Ich nickte ihr natürlich auch zu und sagte ebenso vertraulich: »Guten Tag.« Als ich vorüber gegangen war, fingen sie alle laut an zu lachen – so sind sie nun einmal! – Ich dachte mir aber meinen Teil und ging quietschvergnügt weiter. Wie ich nun am Nachmittag desselben Tages in der Dämmerung die Universitätsstraße hinaufpilgre, sehe ich wenige Schritte vor mir denselben kleinen Blondkopf wieder. Natürlich in Begleitung einer Freundin; das ist ja das Unangenehme bei diesen Kleinen, daß sie nie allein gehen. Ich gehe aber doch vor, hole sie ein, grüße und sage »Guten Abend«. Einen Augenblick war sie ganz erschrocken, hielt unwillkürlich den Arm vor den Kopf und wandte das Gesicht weg, als wollte sie einen Schlag parieren; dann aber faßte sie sich wieder, ließ den Arm sinken, lachte, sagte keck »Guten Abend« und sah fast herausfordernd zu mir empor. Die Freundin staunte mich neugierig an. Während wir drei so weiter gingen und über alles mögliche schwatzten, merkte ich, daß uns einige Knaben umschwärmten: bald waren sie vor, bald hinter uns; ehe wir es uns versahen, stürzten sie plötzlich an uns vorbei und riefen uns etwas zu, bald einen Namen, bald ein unverständliches Wort ... »Sind das vielleicht Ihre Kavaliere?« fragte ich die Mädchen. »I wo!« antwortete mein kleiner Blondkopf; der Tonfall war verächtlich. »Dann möchte ich nämlich nicht im Wege sein!« ... »Keine Spur! Wir kennen sie gar nicht.« Wie sie das aber sagte, eilten die Knaben gerade wieder an uns vorbei und stürmten vor uns in einen Torweg, und als wir dort vorüberkamen, riefen sie unter Kichern und Lachen »Kamma« und »Agnes«. Die Mädchen wurden nervös und unruhig; es war klar, daß sie die Jungen kannten. Auf dem Olafsplatz, wo sie wohnten, nahm ich Abschied und fragte, ob sie etwas dagegen hätten, mit mir spazieren zu gehen, wenn ich ihnen begegnete. Dagegen hätten sie nichts, sagten sie. Dann eilte ich weiter. Ich war aber noch nicht einmal über den Platz gekommen, als ich trippelnde Schritte hinter mir hörte: die beiden Kleinen kamen angelaufen. »Entschuldigen Sie,« sagte der kleine Blondkopf feierlich, »wir vergaßen uns vorzustellen – ist Ihr Name nicht Eek?« »Jawohl, das müssen Sie doch wissen, da Sie mir heute Vormittag ja Guten Tag sagten,« erwiderte ich lachend. Sie lachten ebenfalls. »Und heißen Sie nicht Kamma?« fragte ich dann. »Ja, freilich!« rief die Freundin, als verriete sie ein Geheimnis. »Und sie heißt Agnes!« beeilte sich Kamma zu sagen, indem sie auf die Freundin zeigte. Dann sagten sie Adieu und liefen wieder über den Platz zurück. Ich sah ihnen nach. Kaum waren sie in das Haustor hineingegangen, da waren auch ihre kleinen Kavaliere da und schlüpften hinter ihnen zur Tür hinein. Etwas ärgerlich ging ich nach Hause: ich hätte sie so gern unsichtbar belauscht ...« »Da hast du also Nummer zwei und drei,« sagte ich zu Jarmann, »und Nummer vier und fünf und sechs und sieben, das sind einige Freundinnen von diesen beiden, die ich später getroffen und gegrüßt habe, erst mit ihnen zusammen und dann allein. Sie erwidern den Gruß sehr freundlich und scheinen gar nichts dagegen zu haben, meine nähere Bekanntschaft zu machen.« Jarmann sah eine Weile vor sich hin und sagte dann ganz traurig: »Es ist zu dumm, daß ich meine Schwestern nicht in der Stadt habe. Sie sind beide hübsch, besonders die eine, es hätte mich gefreut, sie dir in Behandlung zu geben.« Und er schien ganz unglücklich darüber zu sein, daß er nicht einen Beitrag zur Errichtung der Schule beisteuern konnte. – Ich war ganz gerührt. Ich mußte daran denken, wie es ein anderer guter Freund von mir vor einigen Tagen aufgenommen hatte, als ich ihm meinen Schulplan entwickelte und von meinen zukünftigen Schülerinnen erzählte. »Ja,« sagte er, als ich fertig war, »das ist sehr interessant, aber – gottlob, daß du meine Schwestern nicht kennst!« Ich verglich unwillkürlich diesen Ausruf mit dem Jarmanns und fühlte den ganzen Unterschied. Und ich betrachtete ihn, wie er zusammengesunken im Schaukelstuhl saß und mit betrübtem Gesicht vor sich hinstarrte. O, hätte er in den Familien in der Stadt verkehrt, aus denen ich die Schule am liebsten rekrutieren wollte und aus denen man die nötige weibliche Unterstützung für das Unternehmen hätte holen können! Er würde alles getan haben, was in seinen Kräften stand, um mich dort einzuführen, er würde das Bedürfnis gehabt haben, durchzusetzen, daß ich in denselben Sphären verkehrte wie er und mit meinen Augen sähe, was er mit seinen Augen sah, damit wir später unsere Meinungen austauschen, unsere Beobachtungen ergänzen und darnach unsere Pläne entwerfen könnten. Wir hätten zusammen leben und arbeiten dürfen – war es nicht abscheulich, daß er nicht in der Lage war. »Ja,« sagte ich, »es ist wirklich dumm, daß du deine Schwestern nicht hier hast – besonders da sie hübsch sind –.« »Ja, nicht wahr?« – und er stand auf und ging nervös auf und ab. Bald darauf blieb er stehen, sah mich an und sagte: »Aber du! – Du mußt mich an deiner Schule Lehrer werden lassen!« Ich schüttelte den Kopf. Nein, Lieber, das getraute ich mich doch nicht.« »Weshalb nicht?« »Erstens bist du selber nicht genügend theoretisch ausgebildet ... Du müßtest ja selber erst eine gründliche Erziehung durchmachen ...« »Aber das könnte ich ja tun!« »Du würdest dazu kaum die nötige Energie besitzen. Gesetzt aber den Fall, du hättest sie – trotzdem? – Du mit deiner Hengstnatur ... ich wäre ja nie sicher, ob du mir nicht das Ganze verdürbest ... in einem leidenschaftlichen Augenblick die Frucht pflücktest, bevor sie reif geworden.« Am seinen Mund kam ein schmerzlicher Zug. Er stand auf und starrte mich an. »Du solltest dich schämen, das von mir zu glauben,« sagte er traurig. Ich zuckte die Achseln. »Herrgott, es würde ja ganz menschlich sein!« »Nein, weißt du was!« sagte er indigniert. »Glaubst du, ich könnte mich vergessen, wo es sich um das handelt? Glaubst du wirklich, daß ich so wenig ideal veranlagt bin?« »Im Gegenteil. Du bist sehr ideal veranlagt. Du bist aber ein loser Stimmungsmensch ... und wenn das Blut kocht, weißt du, ist der Verstand weg ... eine zufällige Situation, und der Hengst kommt zum Vorschein, und du verdirbst mir eine der Schülerinnen. »Keine Spur! Niemals!« Er machte mit der Hand eine abwehrende Bewegung, und seine kleinen Augen glänzten. Ich schüttelte wieder den Kopf. »Nein, mein Lieber, du weißt doch selber, daß du nicht so viel Macht über dich hast, um dies Niemals aussprechen zu können.« »Und ich bin überzeugt, daß davon niemals die Rede sein könnte, wo es sich um eine solche Sache handelt,« sagte er, setzte sich wieder in den Schaukelstuhl und starrte vor sich hin. »Aber du,« sagte er dann –: »bist du übrigens so sicher, daß ein solches Mädchen ganz zugrunde gerichtet werden würde, selbst wenn sie verführt würde, und sich nicht freiwillig hingäbe?« »Nein, ganz sicher bin ich nicht; ich glaube aber, es würde ihr für beständig einen Knax geben. Denke nur daran, daß der Hang zur Korrektheit in dem Punkt bei unseren jungen Mädchen von langer Zeit her vererbt ist. Und hat sich eine erst mit dem Gefühle hingegeben, es war vielleicht doch nicht so richtig, es zu tun, so fürchte ich, daß sie selbst beim ausgezeichnetsten Verständnis hinterher, wenn die Anfechtungen kommen sich des Gedankens nicht wird erwehren können: habe ich mich nicht etwa im Grunde diesen modernen Ideen deswegen ergeben, um meinen Fehltritt zu rechtfertigen?« »Ja, darin hast du vielleicht recht,« sagte Jarmann und sah wieder vor sich hin. – Es war spät geworden, als wir das letzte Glas leerten, Jarmann sich eine frische Zigarre anzündete und sodann aufbrach. Ich ging mit ihm hinab und schloß die Haustür auf. Das Wetter war rauh, es stürmte und regnete, er schlug den Kragen hoch, knöpfte den Rock fest zu, zog die Krempe seines kleinen runden Filzhutes wie einen Schirm über die Augen und schritt die Straße hinab durch das Schneegestöber mit hochgezogenen Schultern, die Hände in den Taschen des Überziehers, Oberkörper und Kopf vorgebeugt, dem Winde entgegen. Der Schnee stob ihm ins Gesicht, er sah nichts anderes vor sich als ein Gewimmel von neuen und immer neuen Schneeflocken, die unablässig schräg durch die Luft tanzten, bald weiß beim Schein einer Gaslaterne, bald grau von der schwarzen Luft sich abhebend, und, naß wie sie waren, hängten sie sich an seine Kleider und bedeckten sie bald mit einer dichten Decke. Zuweilen trieb ihm ein plötzlicher Windstoß das ganze Schneegestöber unter den Hut, so daß er bald den Atem verlor, während er nach dem Hut griff, um ihn festzuhalten. Er achtete aber nicht darauf, schritt nur auf dem glatten Wege weiter, den Körper dem Sturm und Schnee entgegenstemmend, ohne weiter zu denken, ganz erfüllt und begeistert von der neuen Zukunftshoffnung, die an diesem Abend vor ihm aufgetaucht war. Er ging nicht direkt nach Hause. Er schöpfte tief Atem. In solcher Stimmung war er seit langer Zeit nicht gewesen, seit jener Frühjahrsnacht nach der Framsitzung nicht mehr. Wie deutlich er sich an alles erinnerte: die Brücke im Mondschein ... unten den schwarzen Fluß, von den schwarzen Schlagschatten der Häuser verdunkelt, weiter oben sich zwischen Bäumen und Büschen hindurchschlängelnd, silbern glitzernd im Mondschein ... ... Ein schöneres und reineres Leben sollen wir leben, jeder einzelne von uns und alle miteinander! Darum handelte es sich, und er sollte dabei sein, dieses schönere, reichere Leben zu schaffen – das sollte sein Lebenswerk sein! ... Plötzlich durchfuhr ihn ein Zweifel: war es nicht etwa bloß eine augenblickliche Stimmung, eine Täuschung, die vorübergehen würde wie damals? ... Nein! Damals hatte er nicht gewußt, was das Leben reicher und schöner machen sollte, und er hatte es auch nicht aus sich selbst heraus finden können; er hatte ja niemals denken gelernt. Jetzt wußte er aber, was es war: die Liebe! Die Liebe sollte auf den Thron gesetzt werden und das Leben des Menschen beherrschen, sie sollte das Ziel der Arbeit und die treibende Kraft der Arbeit sein! ... nicht ein Ziel, das »einmal« erreicht werden sollte – nein, ein Ziel das man immer erreicht! – die Liebe sollte das tägliche Brot sein von Anfang an ... Ach, weshalb lernte man das nicht in der Schule – und richtete das Leben nicht darnach ein! ... Da wäre sein Leben anders geworden; denn was ihm gefehlt hatte, das war gerade diese treibende Kraft gewesen, deshalb war es gegangen, wie es gegangen war ... Die Liebe! ... Ein paarmal war er ihr auf seinem Wege begegnet, sie hatte ihn mit ihrem Hauche berührt, war dann aber weiter gezogen –: er erinnerte sich seines Kummers, als Anna nach Stockholm reiste; er erinnerte sich, wie er in seinem Bette geschluchzt hatte, als ihm klar geworden war, daß er Fräulein Bamberg für immer verloren hatte ... Die Liebe hatte an die Tür seiner Herzkammer geklopft, war aber niemals hineingekommen ... Selbst aber, wenn sie hineingekommen wäre – er hätte sie doch nur als verbotene Frucht genossen, sie niemals mit einer Arbeit in Verbindung gesetzt – hätte also doch dann da gestanden, wo er jetzt stand. Reicher an Erinnerungen wohl, aber doch wie jetzt, ohne eine Tat vollbracht zu haben. Nein, von Anfang an mußte man lieben und geliebt werden und dadurch das volle wirkliche Verständnis für den Reichtum und die Schönheit des Lebens erhalten ... Und von Anfang an mußte man das Empfinden davon haben, daß die Arbeit die notwendige Bedingung ist, um dieses herrliche Leben zu erhalten! – Dann würden auch Leute seines Kalibers dazu kommen, zu arbeiten und etwas zu werden – jetzt mußten sie zugrunde gehen, wie er zugrunde gegangen war. Zugrunde gegangen?– ja, er war zugrunde gegangen, das fühlte er ... Und es war seine eigene Schuld, sagten die anderen: weshalb hatte er niemals etwas arbeiten wollen! Ach, er hätte als Schuljunge wissen sollen, was er jetzt wußte ... da hätte er auch etwas tun wollen ; wie die Sache lag, hatte er ja nicht wollen können . Die Bestien, die auf seinen eigenen Willen das warfen, woran ihre Erziehung und ihre verdammten Gesellschaftsverhältnisse schuld waren! – Die Finger bewegten sich in seiner Tasche wie Klauen, er hätte sie zu fassen bekommen mögen –: sie waren aber sicher, sie wußten, daß er sie nicht erreichen konnte: sie hatten ja die Macht ... Mochte dem aber sein wie es wolle: noch war er nicht tot; noch würden sie vielleicht von ihm zu hören bekommen, dem verachteten Taugenichts! ... Und vielleicht kam noch der Tag, da die Angehörigen seiner großen Familie: die mit dem Leben Unzufriedenen und daher Energielosen, ihm für das dankten, was er getan hatte, um sie vor dem Untergang zu retten ... Die Aufgabe lag vor ihm; es kam nur darauf an, sich darüber schlüssig zu werden, wie sie angegriffen werden sollte; dann wollte er schon die Arbeit auf sich nehmen. Jetzt hatte er die nötige treibende Kraft für seine Energie gefunden –: sie sollten nicht zugrunde gehen, die armen Menschen, die wie er zu einem reicheren Leben geboren waren, als zu diesem elenden, das die Gesellschaft ihnen jetzt bot ... Was sollte er aber tun? ... Wie sollte er die Sache anfassen? .... O, Hermann Eek würde ihn schon darauf bringen, wie er ihn schon auf das andere gebracht hatte! Es kam schon noch ... Diese Abende, die er in der letzten Zeit bei Hermann Eek verlebt hatte ... er hörte nur immer zu, sprach fast nie ein Wort ... Alles aber was Hermann Eek sagte, das war ihm aus der Seele gesprochen ... war nur Wort für Wort das, was in ihm selber lebte und schon lange dort gelebt hatte, ohne daß er es auszudrücken vermocht hätte ... Und das würde schon auch noch werden! Kam Zeit, kam Rat ... Würde die Schule gegründet, wer konnte dann wissen, ob er nicht doch Lehrer wurde! .... Er wollte schon Eeks Bedenken überwinden – und, du großer Gott, welch lustige Arbeit würde das werden! – Ach, wenn er dann in diesen hübschen Köpfen all das aufsprießen sah, was ihn selber begeisterte! Und wenn er dann sah, wie es in lebenskräftige Handlung umgesetzt wurde, ein Schlag ins Gesicht denen, die er von ganzem Herzen haßte, aber nicht treffen konnte! Und er erhob seine Hand und drohte in das Schneegestöber hinein, während er zwischen den Zähnen murmelte: Ihr verfluchten Kreaturen, es kommt, ja es kommt ein Tag des Gerichts, da werdet Ihr zu hassen anfangen und wir die Macht bekommen! – Und unwillkürlich schritt er rascher vorwärts, wie um mit den hurtigen Schlägen seines Herzens Takt zu halten. Plötzlich blieb er überrascht vor seiner Haustür stehen. Ohne es zu ahnen, war er auf weiten Umwegen dorthin gelangt. Seine Füße waren klitschnaß, die Nässe sickerte unter den Kleidern an Hals und Rücken hinab, Gesicht und Handgelenke glühten. Er achtete aber kaum darauf. Er eilte auf sein Zimmer, riß die Kleider vom Leibe, stürzte sich ins Bett und blieb lange liegen, ins Dunkel starrend, von Zukunftsträumen berauscht – bis er endlich einschlief. X. Am Vormittag des nächsten Tages ging ich zu Bruns und brachte Lily ein Theaterbillet für die Abend-Vorstellung im Tivoli. Ich sah, daß sie es am liebsten zurückgewiesen hätte; sie tat es aber nicht, da dann die Mutter, die zugegen war, und die wußte, wie gern sie das Theater besuchte, Unrat gewittert hätte. – Mittags lag die Karljohannstraße in strahlender Winterfarbenpracht da. Die Sonne schien auf den weißen Schnee, die Musik spielte im Pavillon, die Töne erfüllten die Luft, die Bürgersteige zu beiden Seiten waren schwarz von sich drängenden Menschen, die Straße lag breit dazwischen, glänzend weiß im Sonnenlicht. Ich schlenderte langsam und guter Dinge die Parkseite entlang und spähte unter den frohen Menschengesichtern nach einer roten Schleife unter einem mattgoldenen Kindergesicht ... Dort drüben kam sie am Außenrande des Trottoirs langsam dahergeschlendert, einige Schulbücher unter dem Arme; sie sah sich gleichfalls um, bemerkte mich aber nicht, wie ich quer über die Straße auf sie zuging. Wie gut sie sich ausnahm! Der kleine dumme Hut, der violette, verschlissene Wintermantel, die ausgetretenen Schuhe unter dem halblangen Rock – was tat es, daß sie versuchten, häßlich auszusehen! Ihr mattgoldenes Gesicht unter dem schwarzen Stirnhaar mit strahlenden, keck umherspähenden Kinderaugen, ihre vollentwickelte jungfräuliche Gestalt mit den lässigen und doch keck wiegenden Bewegungen der weichen Hüften straften die abgetragenen Kleider Lügen ... Da bemerkte sie mich und lächelte mit den braunen Kinderaugen und den stolz-sinnlichen Lippen. Ich erwiderte ihr Lächeln, holte sie ein und sprach sie an: »Wie geht's ?«–und dann arbeiteten wir uns schweigend Seite an Seite durch das Menschengedränge hindurch, während die Sonne den feinen Flaum auf ihrer Wange vergoldete und die klaren Töne der Musik den Lärm der Menschen übertönten. – Ich sah sie von der Seite an. Auf einmal wurde sie ganz ernst und sagte, ohne mich anzusehen: »Ich war gestern auf Karljohann.« – »Ich hatte leider keine Zeit zu kommen.« – »Ich war da!« Das klang kurz, fast streng. Ich konnte nur mit Mühe ein Lachen unterdrücken. Dann sagte ich: »Wissen Sie, daß ich heute wegen des schlechten Referats Schelte bekommen habe, das ich gestern geliefert habe? Und wissen sie, weshalb es so schlecht war? Weil ich die ganze Zeit, während ich schrieb, nur immer an Sie dachte und mich beinahe schwarz ärgerte, daß ich dasitzen und schreiben mußte und nicht mit Ihnen spazieren gehen und mich unterhalten konnte.« Ein dankbar zärtlicher Blick war der Lohn für diese Lüge, und damit war der Zorn über meine Nachlässigkeit vorüber. Wir bogen nach dem Schloßhügel ab, wo weniger Leute gingen. Wir schritten langsam hinauf, sie lächelnd geradeaus blickend, ich sie von der Seite ansehend und den herrlichen Seitenblick bewundernd, den sie mir hin und wieder zur Belohnung zuwarf. Keines von uns sagte ein Wort, wir gingen nur weiter und genossen das Glück, so nebeneinander herzuwandeln – bis sie plötzlich auf der Anhöhe stehen blieb, sich mit lachenden Augen mir zuwandte, aus der Tasche eine eingepackte Schokoladentafel hervorzog und deren eine Ecke vorsichtig zwischen die begehrlich entblößten Zähne steckte, jedoch ohne zuzubeißen, mir nur immer lachend ins Gesicht sehend, während ihr im Munde das Wasser nach der Schokolade zusammenfloß. »Beißen Sie doch zu!« sagte ich. »Nein,« antwortete sie und zog die Hand mit einem Ruck wieder an sich, als ob sie die Schokolade den Zähnen mit Gewalt entreißen müßte. »Sie ist für meine Schwester,« sagte sie. »Sie ist krank, und da sollte ich ihr etwas Gutes kaufen.« Und sie zog noch eine Tüte mit Zuckerzeug hervor. Ich blieb vor ihr stehen und sah sie an. »Mögen Sie Schokolade gern?« fragte ich. »Ja.« Ich schlug die Hände zusammen. »Und ich, der ich so dumm war, Ihnen nichts mitzubringen!« Sie antwortete nichts. »Übrigens sind Sie selbst daran schuld,« fuhr ich fort. »Wie oft habe ich Sie schon eingeladen, mit mir in eine Konditorei zu gehen! Sie haben aber niemals gewollt; ich glaubte, Ihnen läge nichts daran.« »Ich habe mich bloß nicht getraut,« sagte sie etwas verschämt. »Na, nächstesmal werde ich etwas mitbringen.« – Dann gingen wir weiter und unterhielten uns zunächst über die Schwester. Ich fragte, was ihr fehle »Bleichsucht.« »Natürlich!« »Weshalb natürlich?« »Ja, liebes Fräulein, wie alt ist sie denn jetzt?« »Dreiundzwanzig.« »Ja. Und nicht verheiratet!« Ich zuckte die Achseln. Gerda sah mich schalkhaft lächelnd, nicht im geringsten geniert, an. »Es gibt aber doch viele Damen,« sagte sie, »die sich nicht verheiraten.« »Das ist schon richtig. Die Natur fordert aber ihr Recht. Und bekommt sie das nicht, dann rächt sie sich beinahe immer.« Sie antwortete nicht; ich sagte auch kein Wort mehr, ging nur, sie bewundernd, neben ihr her, während sie wieder lächelnd geradeaus sah und mich von Zeit zu Zeit mit dem herrlichen Seitenblick belohnte, der bewies, daß sie meine Bewunderung zu schätzen wußte. Beim Schlosse bogen wir links ab und kamen auf die Drammensstraße. Dort begegneten wir Nummer zwei von meinen zukünftigen Schülerinnen, klein Kamma, dem Blondkopf von vierzehn Jahren mit kurzen Röcken. Als ich sie grüßte, dankte sie zuerst wie eine Dame, schnitt dann aber vor Gerda eine verächtliche Grimasse, warf ihr, als wir vorüber waren, einen Schneeball in den Rücken, lachte laut und lief davon. »Die ekelhafte Gans!« sagte Gerda mit den Augenbrauen runzelnd, und stampfte mit dem Fuße auf, während ich ihr den Schnee abwischte. »Weshalb finden Sie sie so ekelhaft? Doch nicht etwa des Schneeballs wegen?« »Nein, sie ist aber ein unartiges Mädchen.« »Was hat sie denn getan?« Gerda überlegte einen Augenblick, dann sagte sie: »Ach, zu Weihnachten war ich bei Drammens zu Besuch. Und auf einem Balle dort war ein Junge, und ich fand ihn so schön – und da ging ich auf ihn zu und küßte ihn vor aller Augen. Und hinterher ist die Geschichte in der Stadt bekannt geworden, und nun erzählt sie das ekelhafte Ding weiter und zieht mich damit in der Schule auf. – Ja, sie ist sehr unartig!« Und Gerda runzelte wieder die schwarzen Augenbrauen. »Dann erzählen Sie doch von den Jungen, die sie im dunklen Hausflur küßt!« »Ach, meinetwegen mag sie so viele küssen, wie sie will!« – Gerda warf stolz ihren Kopf zurück, und wir gingen wieder weiter, ohne ein Wort zu sprechen. »Morgen ist Sonntag,« sagte ich nach einiger Zeit. »Was fangen Sie denn morgen Vormittag an?« »Ich gehe in die Schloßkapelle.« »Und hören meinen Freund, den Pastor Heuch?« »Ja. Kennen Sie ihn denn?« »Nein. Ich mag ihn bloß gut leiden. Ich glaube, er selber glaubt kein Wort von dem, was er sagt.« »Ach, Unsinn!« »Das glaube ich doch, aber trotzdem will ich morgen hingehen.« »Ich gehe aber mit Mama in die Kirche und mit Alma, wenn sie wieder gesund ist – Sie können nicht neben mir sitzen.« »So? – das ist dumm! – Ach, gehen Sie doch morgen lieber spazieren!« »Nein, ich muß jeden Sonntag in die Kirche. Ich werde ja konfirmiert, müssen Sie wissen.« Dabei sah sie naiv zu mir empor. »Es ist ja richtig« – ich lächelte – »Sie studieren ja den Katechismus. Macht Ihnen das eigentlich Spaß?« Sie sah mich verwundert an. »Pfui!« sagte sie. »Na, der Katechismus ist aber doch trotzdem langweilig, nicht wahr?« Ich sah sie von der Seite an; sie runzelte die schwarzen Augenbrauen und sagte in entschiedenem Tone: »Ich verbitte mir, daß Sie noch ein Wort darüber reden!« Ich lachte. »Glauben Sie an die Kirchenlehre?« »Ja. Sie etwa nicht?« »Nein.« Sie blieb stehen, sah mich an und sagte äußerst ernst: »O pfui! Sie sind ein Freidenker!« »Glauben Sie, daß ich deswegen ein schlechter Mensch bin?« »Nein, aber es ist häßlich, ein Freidenker zu sein.« »Sie werden das sicher auch noch einmal werden, wenn Sie nur älter werden.« Sie sah mich einen Augenblick ängstlich an, nahm dann einen abgegriffenen Katechismus, der eines der Bücher war, die sie unterm Arm trug, hielt ihn mit Daumen und Zeigefinger in die Höhe und ließ ihn ein paarmal hin- und herschwingen, während sie ihn wie neugierig betrachtete. Dann sah sie plötzlich zu mir auf und sagte energisch: »Wollen Sie nun aufhören, über so etwas zu reden!« Und bei jedem einzelnen Worte versetzte sie mir mit dem Katechismus einen Schlag über den Arm. »Au, au, au!« schrie ich. Und dann lachte sie, und ich lachte auch, und der Katechismus wurde weggesteckt, und damit waren die Religion und der Freidenker für dieses Mal vergessen. Als wir uns in der Straße, in der sie wohnte, trennten, verabredeten wir ein Stelldichein für den Nachmittag. Es war nach sechs Uhr nachmittags. Gerda und ich hatten einen Spaziergang nach Skarpsno gemacht und kehrten in die Stadt zurück. Der Abend war sternhell; rings war es still, und nur selten begegnete uns jemand. Wir sprachen über die Herren, die sie kannte. Wer ihr am besten gefiele, fragte ich. – Ein Student Herzberg. »Weshalb?« »Er ist so süß!« »Wieso süß?« Gerda runzelte die Augenbrauen. »Nein, seien Sie nun nicht ekelhaft! Keine Wortklauberei!« »Nein, nein. Welchen von den Herren kennen Sie nun am besten?« Wieder kannte sie Herzberg am besten. »Ja, kennen Sie ihn denn nun eigentlich?« Sie stampfte mit dem Fuße. »Hören Sie! Sie sollen nicht ekelhaft sein!« »Aber begreifen Sie denn nicht – ich meine ja: wissen Sie wer er ist ... was er vorhat ... was ihn am meisten beschäftigt ... was ihm am meisten hier auf Erden gefällt ... wie er sein Leben einzurichten gedenkt ... und wie er fühlt ... z. B. in Bezug auf Sie ... und in Bezug auf alles andere ... und was dergleichen mehr ist?« Daran hatte sie nie gedacht. »Das ist doch seltsam. Sie sollten nur wissen, wie gern ich in Ihr Hirn blicken und all das sehen möchte, was Sie da drinnen denken und fühlen!« Sie blieb stehen, lachte und sah mich kokett an – und so blieben wir bei einer Gaslaterne am Eingang in die Observatoriumsstraße stehen und sahen uns in die Augen. »Nein, richtig,« sagte ich plötzlich, »ich hab' Ihnen ja Ihr Bild noch nicht gezeigt, das' ich in einer alten Nummer der Neuen Illustrierten Zeitung gefunden habe – so wie Sie jetzt dastanden und lachten, glich Ihnen das Bild ganz brillant«« Und ich griff in die Brusttasche des Überziehers, um das Bild hervorzuholen. »Lassen Sie sehen,« sagte sie lebhaft. Das erste aber, was ich in der Tasche zu fassen bekam, war eine Düte Zuckerzeug, die ich für sie mitgebracht hatte, und ich nahm sie zuerst heraus: »Hier ist etwas für Sie!« Sie streckte die Hand rasch vor, ohne ein Wort zu sagen, und sah mir mit einem merkwürdig festen, geradezu magnetischen Blick ins Auge. Wie orientalisch sie aussah! Der voluptiöse, aussehende Körper offenbarte plötzlich gleichsam eine wilde, brutale Kraft mittelst der dunklen Augen, die einen naiv-verschmitzten Ausdruck bekamen, wie sie aus dem vollen von keiner Muskel bewegten Kindergesicht heraussahen. Sie nahm die Düte, führte sie langsam und wie verstohlen zu der Manteltasche und steckte sie hinein, während sie meine Augen durch den magnetischen Blick gefesselt hielt – als wollte sie mich so lange in Zauberbanden festhalten, bis sie ihre Düte in Sicherheit gebracht habe. Dann gab sie meine Augen gleichsam wieder frei, trotzdem sie fortfuhr, mich anzusehen und streckte wieder die Hand vor: »Und dann war es das Bild!« sagte sie in befehlendem Tone. . Das hatte ich wahrhaftig über ihren Anblick ganz vergessen. Ich zog es hervor und gab es ihr. Es stellte zwei junge Mädchen dar, die einen Burschen auslachen, als er vergebens versucht, eine Nadel einzufädeln; das spezifisch Männliche in der Ungeschicklichkeit des Burschen wirkt augenscheinlich stark auf die Mädchen, und es liegt etwas halb Naives, halb bewußt Sinnliches in der Art, wie sie lachen. Das eine Mädchen glich Gerda auffallend. »Das sind Sie!« sagte ich und zeigte auf die eine Figur, »so lachen Sie.« Sie betrachtete das Bild eine Weile nachdenklich beim Schein der Gaslaterne – wie um festzustellen, welchen Zug an ihr ich bei dem Mädchen auf dem Bilde wiedergefunden hatte. Dann sagte sie energisch: ,.Das will ich haben!« Und als fürchtete sie, daß ich ihr das Bild wieder nehmen könnte, verbarg sie es mit der einen Hand auf dem Rücken, während sie die andere wie abwehrend gegen mich ausstreckte und die Augen wiederum mit dem merkwürdig intensiven Blick auf mich richtete. In diesem lag wirklich eine magnetische Kraft. Ich hatte das Gefühl, als könnte ich, selbst wenn ich wollte, die Augen nicht wieder von den ihren abwenden. »Ach nein,« sagte ich bittend, »lassen Sie es mir. Sie können sich ja selber sehen, so oft Sie wollen – wenn ich aber nicht mit Ihnen zusammen bin, Hab' ich nichts anderes als dies Bild.« Sie bedachte sich einen Augenblick und gab mir dann das Bild mit naiv-königinhaftem Blick zurück. »Sie können es behalten,« sagte sie und schenkte mir einen herrlichen Blick: die Augen wurden tiefer und dunkler als gewöhnlich, sahen ganz schwarz aus und bekamen einen rührend hingebenden Ausdruck, den sie nicht meistern, konnte. Ich wäre am liebsten vor ihr niedergekniet und hätte ihre Füße geküßt – so herzlich sah sie aus. »Gehen wir hier hinunter,« sagte ich dann – unwillkürlich etwas gedämpft – und zeigte die Observatoriumsstraße hinab, die dunkel und schmal vor uns lag, ohne Trottoirs, ohne Häuser, menschenleer, von hohen Gartenzäunen eingeschlossen. Ohne zu antworten, wie willenlos, bog sie in die Straße ein – auch ihre ganze Haltung hatte etwas Hingebendes angenommen – und langsam und still schritten wir nebeneinander durch das Dunkel, sie geradeaus blickend, ich die hingebungsvolle, sich leise wiegende Gestalt neben mir betrachtend, ganz überwältigt von einem zärtlichen Drang, sie in meine Arme zu schließen und ihr zuzuflüstern: Gott, wie ich dich liebe! Keines von uns sprach ein Wort. So gingen wir eine Zeitlang weiter. Dann mußte ich aber etwas anfassen, was ihr gehörte. »Ich möchte so gern Ihre Zöpfe anfassen,« sagte ich leise. »Das dürfen Sie.« Ihre Stimme klang auch merkwürdig weich, und ein Gefühl süßer Zärtlichkeit durchrieselte alle meine Glieder, während ich mich ihr noch mehr näherte und ihre starken schwarzen Zöpfe faßte und einen um den andern langsam mit der Hand streichelte und sie an meine Wange führte und küßte. Sie ließ es ruhig geschehen. Dann ergriff ich ihre Hand, die sie mir willenlos gab und ging so, ganz überwältigt, neben ihr her und sah nun auch geradeaus ins Dunkle. Ohne ein Wort zu sprechen, wanderten wir so Hand in Hand weiter und fühlten die Berührung unserer Hände wie eine zärtliche Umarmung, bis wir an die Ecke der Straße kamen, in der sie wohnte. Dort blieben wir unwillkürlich beide stehen – es war wieder bei einer Gaslaterne – und sahen uns eine Weile an. »Ich getrau' mich nicht, länger auszubleiben,« sagte sie schließlich. Es klang mutlos, und ihre Augen entschwebten mir und sahen ins Weite. »Nur einmal noch das Viertel rund?« sagte ich bittend. Sie sah mich an. »Ja, noch einmal « Und wieder verfielen wir der weichen hingebungsvollen Stimmung, während wir Hand in Hand ganz mechanisch den Rundgang machten, ohne uns anzusehen und ohne zu sprechen, nur unsere Nähe fühlend. »Noch einmal?« sagte ich leise, als wir wieder unter der Gaslaterne an der Ecke standen. »Nein.« Es war ihr gewöhnliches entschiedenes Nein. Gewaltsam riß sie sich gleichsam selber zurück, indem sie meine Hand losließ, und der hingebungsvolle Ausdruck in Gesicht und Haltung war geschwunden. Ich faßte ihre Hand und sah ihr zum Abschied in die Augen. »Nun gehen Sie nach Hause – wird es Ihnen Vergnügen machen, heute Abend bei Ihrer Mutter und Schwester zu Hause zu sitzen?« »Nein,« sagte sie langsam. »Ich werde nach Hause gehen und mich langweilen – ach, wie werde ich mich heute Abend langweilen!« »Sie? Müssen Sie sich denn langweilen?« »Wenn Sie jetzt von mir gehen, wird mir zumute, wie euch Mädchen am Morgen nach dem Ball.« Ich erhielt einen dankbaren Blick. »Denken Sie sich, wenn es so wäre,« sagte ich, indem ich ihre Hand streichelte, die ich die ganze Zeit festgehalten hatte, »denken Sie sich, wenn es so wäre, daß alle Menschen nicht in Familien, sondern jedes für sich wohnten und sich besuchen könnten, wenn sie wollten, und allein sein – wenn sie wollten, und alles tun, wozu sie Lust hätten, wenn sie nur anderen Menschen keinen Verdruß bereiteten. Dann könnten wir jetzt so lange zusammen spazieren gehen, wie wir Lust hätten, dann bei Ingebret zusammen zu Abend essen – und hinterher könnte ich Sie besuchen oder Sie mich und wir könnten den Abend ganz so zubringen, wie es uns selbst gefiele ...« Sie sah naiv zu mir auf. »Aber es ist nicht so ... das würde ja nicht angehen.« »Nein, aber das ist das Verkehrte. So sollte es sein! Wozu leben wir Menschen denn sonst auf Erden, als um miteinander glücklich zu sein?!« Sie sah eine Weile vor sich hin, hob dann wieder die Augen naiv zu mir empor und sagte: »Ja, weshalb ist es nicht so?« Und wieder kam in Gesicht und Augen dieser Ausdruck weicher Hingebung, der mich so stark ergriff, und ihre Hand lag schwer in der meinen. Ich antwortete nicht, starrte nur ergriffen in die hingebungsvollen Augen. »So wird es wohl niemals werden,« sagte sie dann leise vor sich hin. »Doch, einmal wird es so werden – wer weiß aber, wo wir dann sind!« Sie starrte ins Leere. Dann sagte sie: »Ich darf nicht länger bleiben.« Sie sagte es aber leise und zog ihre Hand nicht zurück, sondern blieb stehen und ließ ihre Hand willenlos in der meinen ruhen – sie wollte sich mir nicht selber entziehen. Da drückte ich ihr leise die Hand, sagte Adieu und ließ sie los. »Ich sehe Sie wohl morgen Mittag,« sagte ich beim. Weggehen. »Wenn ich kann, ja. Wenn nicht, am Montag – Adieu!« Und sie ging langsam die Straße hinab. Ich blieb an der Ecke allein bei der Gaslaterne stehen und sah ihr nach. Zweimal wandte sie sich um und nickte mir zu, einmal auf der Straße, und einmal, als sie in die Haustür hineintrat. Dann war sie weg. Ich ging nervös in die Stadt hinein – du großer Gott, sollte ich wirklich mich verlieben können? ... Dieses Gefühl des Überwältigtseins hatte ich nicht gehabt, seitdem ich zum letztenmale verliebt gewesen war ... vor ganzen zehn Jahren, als ich siebzehn Jahre alt war ... Ich hatte es nicht für möglich gehalten, daß es wiederkommen könnte ... bei dem Leben, das ich in diesen zehn Jahren geführt hatte ... und so, wie ich geworden war! Nein, es war nicht möglich ... Und doch ... O, wäre es so! Mein Herz schlug ... Herrgott, ich hatte zehn Jahre lang nicht gelebt ... Ich kam gerade noch zurzeit, um Lily abzuholen. Wir beeilten uns, ins Theater zu kommen. Ich sah den ganzen Abend nichts vom Stück, dachte nur an Gerda. Nach der Vorstellung machte ich mit Lily einen Spaziergang. Ich erzählte ihr von der Schule, von Gerda und den anderen Mädchen, und ließ sie selber ganz aus dem Spiel. Sie hörte mit Interesse zu, sagte aber nicht viel. Als ich vor ihrer Haustür Gute Nacht sagte, war das Verhältnis zwischen uns genau so, wie in der Zeit, bevor ich die Schlacht geliefert hatte, und mehr hatte ich nicht gewollt. Erst in einer Woche beabsichtigte ich, den Angriff zu erneuern. XI. Der nächste Tag war ein Sonntag. Kurz nach neun Uhr wurde ich dadurch geweckt, daß Jarmann ins Zimmer kam. Ich fuhr mit den Beinen zum Bett heraus, blieb aber auf der Bettkante sitzen und rieb mir die Augen. »Bist du spät nach Hause gekommen?« fragte er. »Nein, aber spät ins Bett.« Während ich mich ankleidete und Toilette machte, erzählte ich ihm die Begebenheiten des gestrigen Tages. Er hatte seinen gewöhnlichen Platz im Schaukelstuhl eingenommen und schaukelte langsam hin und her, während er ein Zigarette rauchte und zuhörte, ohne ein Wort zu sprechen; er rieb sich nur ab und zu die Hände und kicherte, wenn ihm etwas besonders gefiel. Als wir dann eben fortgehen wollten, um zu frühstücken, sagte er plötzlich: »Du! Ich bin eigentlich aus einem ganz anderen Grunde zu dir gekommen: Hast du schon überdacht, was du heute Abend sagen sollst?« »Daran gedacht hab' ich schon; doch bin ich noch nicht fertig. Ich werde es im Laufe des Vormittags niederschreiben; dann lerne ich's am Nachmittag auswendig.« Jarmanns Bemerkung bezog sich auf Folgendes: Am Sonntag vor vierzehn Tagen hatte im Arbeiterverein eine Diskussion über die Aufhebung der Prostitution begonnen. Die ganze Diskussion hatte lediglich aus einer Reihe elender Lamentationen über die herrschende Unsittlichkeit bestanden. Alle Redner waren ekelhaft feine Herren gewesen, und Jarmann war rasend geworden und hatte die größte Lust gehabt, das Wort zu verlangen und diesem gezierten Abschaum etwas Ordentliches zu versetzen. Er hatte aber nicht den Mut dazu gefunden und nur dagestanden, die Zähne zusammengebissen und, so oft ein neuer Redner auftrat, »Esel« ... »Idiot« ... vor sich hingemurmelt. – Am Sonntag darauf, heute vor acht Tagen, hatte er mich dann mit in die Versammlung geschleppt, und das Resultat war gewesen, daß ich ums Wort bat. Es waren aber so viele Redner vorgemerkt, daß ich in dieser Versammlung nicht zum Sprechen kam; erst heute Abend kam die Reihe an mich. Darauf bezog sich Jarmanns Bemerkung. Wir frühstückten im Grand Hotel; dann begab ich mich nach Hause, um die Rede fertig zu stellen, während Jarmann spazieren ging. – – Am Abend holte er mich von meiner Wohnung ab. Der Saal im Arbeiterverein war von drei schweren Kronleuchtern hell erleuchtet und gestopft voll von Menschen. Als wir eintraten, sahen wir nichts weiter als Kopf an Kopf – und dann rechts oben auf dem Katheder mitten an der Längsseite den Vorsitzenden, Herrn Hölaas. Die Diskussion hatte schon begonnen. Wir versuchten, uns durch die Menschenmasse vorzudrängen. Rechts von der Eingangstür stand eine kleine Tribüne, die sich etwa einen oder anderthalb Fuß über den Boden erhob, dicht angefüllt mit Menschen. Es gelang uns, dort einen Platz zu erobern. Von dort aus hatten wir eine brillante Aussicht über die Versammlung. Unmittelbar vor dem Katheder, quer durch den Saal, streckte sich ein langer Tisch, an dem die Zeitungsreferenten Platz genommen hatten. Hinter ihnen zu beiden Seiten eine Reihe dichtbesetzter Bänke und hinter diesen wieder Kopf an Kopf dichtgedrängt bis zu den Wänden. Ein Redner setzte sich – vielleicht kam ich an die Reihe! ... Mich überfiel ein fürchterliches Fieber; noch nie war ich öffentlich aufgetreten. Ich sah mich nach Jarmann um. Er starrte über die Versammlung und sah heiß und verwirrt aus; er hatte gewiß ebenso starkes Fieber wie ich. – Aber ein anderer war an der Reihe, ein anderer Name wurde genannt. »Mir ist nicht gerade wohl zumute,« sagte ich zu Jarmann. – Er antwortete nicht, sah mich nur mit einer merkwürdigen Mischung von Mitleid und Begeisterung an. »Ich hätte fast Lust, auf das Wort zu verzichten ...« »Nein, das darfst du nicht!« – er stieß die Worte hervor und wurde blutrot. »Nein, du kannst ruhig sein – aber es ist ein verflucht ekelhaftes Gefühl.« – Wir starrten wieder über die Versammlung. Der Redner setzte sich, ohne daß ich ein Wort von dem, was er sagte, aufgefaßt hatte. Ich holte tief Atem – und dann wurde mein Name genannt. Ich stieg von der Tribüne herunter, drängte mich, angeglotzt von allen, an denen ich vorüber mußte, nach rechts vor nach dem Gang längs der Kathederwand und dann weiter bis zu diesem. Da hatte ich die freieste Aussicht. Ich stand einen Fuß hoch über dem Boden, hatte nur die Referenten und die sitzenden Zuhörer vor mir und konnte frei nach beiden Seiten des Saales sehen. Dann sollte ich anfangen. Aber das Blut stieg mir zu Kopf, ich wurde ganz verwirrt und wußte kein Wort mehr von dem, was ich sagen wollte. Glücklicherweise hatte der Vorsitzende eine Bemerkung zu machen: er wollte die folgenden Redner bitten, lauter zu reden, da die entfernter Stehenden geklagt hätten, daß sie kein Wort verstünden. »Ich werde mein Bestes tun,« sagte ich. Meine Stimme klang trocken und scharf, etwas unbehaglich durch den Saal; aber ich fühlte daß sie den Raum völlig ausfüllte, ohne daß ich sie stärker zu erheben brauchte. Das gab mir Mut. Das Blut stieg wieder aus dem Kopfe zurück, die Rede stand mit einemmal wieder klar vor mir von Anfang bis zu Ende, alle die Gesichter, die mich anstarrten, genierten mich nicht mehr. Und ruhig lächelte ich zu Jarmann hinüber und begann –: »Herr Vorsitzender! – Was mich bewogen hat, das Wort zu verlangen, ist nicht eine einzelne Bemerkung der früheren Redner, sondern die ganze Art und Weise, wie die Diskussion bisher geführt worden ist. Wollen wir nämlich zu einem vernünftigen Resultat kommen, so muß die Debatte ganz anders als bisher sich um die Frage konzentrieren: Ist die Prostitution die zweckmäßige Form für das Übel, das durch sie seinen Ausfluß findet? – oder, wenn nicht: welche andere Form muß dann an ihre Stelle gesetzt werden? – Welche Form das Übel zweckmäßigerweise haben muß, darüber müssen wir ja hier reden – über nichts anderes. Ich will erklären, weshalb. Das Übel selber besteht darin, daß in unserer auf der Ehe basierten Gesellschaft auch außerhalb der Ehe geschlechtlicher Verkehr zwischen den Geschlechtern gepflogen wird. Worin wurzelt nun dieses Übel? Einmal darin, daß unsere Gesellschaft auf der Ehe fußt, trotzdem sich zeigt, daß diese Institution nicht ein Ausdruck für die geschlechtlichen Bedürfnisse der Mitglieder der Gesellschaft ist; dann darin, daß die Verteilung des Ertrages der sozialen Arbeit eine solche ist, daß in unserer Gesellschaft eine Menge Frauen teils nur äußerst schwer, teils gar nicht von ihrer Arbeit leben können. – Das sind die Wurzeln des Übels, und diese Wurzeln wollen wir ja nicht ausrotten: wir wollen nicht Sozialismus, und wir wollen nicht freie Liebe. Wir wollen also diese Wurzeln bestehen lassen und damit auch das Übel behalten, das unausweichlich aus ihnen aufsprießt. Und da bleibt nur die eine Frage zur Diskussion übrig: In welcher Form wollen wir das Übel haben? Man verschone uns also mit diesen elenden Lamentationen über das »Häßliche«, das »Unmoralische«, das »Unsittliche«, das »Unchristliche«, diesen »Schandfleck der Nation« – und Gott weiß welche Ausdrücke hier noch gebraucht sind. Man verschone uns mit dem Gerede von den Bierbrauereien, dem Biertrinken, den Großhändlern, der Liederlichkeit der Männer usw., die an der Existenz des Übels schuld sein sollen. Sehen wir der Wahrheit offen ins Auge und gestehen wir ehrlich, daß wir selber seine Existenz haben wollen, und beschränken wir also die Diskussion auf die Frage: in welcher Form müssen wir es zweckmäßigerweise haben? Will man die Diskussion nicht darauf beschränken, will man wirklich hier darüber diskutieren, wie wir dieses Übel mit der Wurzel ausrotten können – ja, dann meine ich, daß das einzig Vernünftige, was hier gesagt worden ist, die Worte waren, die Bäcker Christensen am ersten Abend aussprach: »Laßt uns diese Sache nicht hier diskutieren« – diese Diskussion wird nämlich kaum früher in den Arbeiterverein gehören als in hundert Jahren. – Ich kann mir denken, daß man gegen meine Worte einwenden wird: »Ja, was Sie sagen, wäre ja ganz richtig, wenn die Wurzeln des Übels wirklich die wären, die Sie genannt haben. Aber das ist gar nicht der Fall; das Übel wurzelt in ganz anderen Dingen.« Nun, ich habe nicht die Absicht, mich auf eine eingehende Debatte darüber einzulassen, worin die Wurzeln des Übels bestehen und worin nicht. Aber indem ich davon ausgehe, daß alle darin einig sind, daß die ökonomischen Verhältnisse eine der Hauptwurzeln sind, und daß also der Dissens die andere der von mir genannten Wurzeln treffen muß –: die Institution der Ehe – so will ich auf zweierlei hinweisen: 1. auf das häufige Vorkommen der Bleichsucht bei jungen Mädchen der bessergestellten Gesellschaftsklassen, in denen das Vorurteil gegen außerehelichen Geschlechtsverkehr am größten ist; und 2. auf die Beispiele, die wir nun einmal dafür haben, daß die menschliche Natur sich gegen die Schranken aufbäumt, die die Institution der Ehe gegenüber der individuellen Freiheit errichtet hat, und sie um jeden Preis niederreißt – um jeden Preis! Ich will z. B. an ein Ereignis erinnern, das sich neulich hier zugetragen hat und das wir alle noch in Erinnerung haben –: diese drei jungen Mädchen aus guter Familie, die die meisten Goldschmiede in der Stadt bestahlen ...« Pastor Hansen : »Herr Vorsitzender! Darf das in die Diskussion hineingezogen werden?« Der Vorsitzende : »Wenn der Redner es zu seiner Argumentation braucht, kann ich's ihm nicht verbieten.« Ich: »Ja, ich brauche es. – Man hat mir erzählt, diese drei jungen Mädchen hätten die Ausbeute ihrer Diebstähle dazu verwandt, sich ein Zimmer zu mieten und Wein anzuschaffen, mit dem sie auf diesem Zimmer einige junge Burschen freihielten, die sie gern hatten, die aber weder über die Mittel noch die Gelegenheit verfügten, sie mit sich nach Hause zu nehmen.« Pastor Hansen : »Herr Vorsitzender, es kann doch unmöglich notwendig sein, das in die Debatte hineinzuziehen.« Der Vorsitzende : »Darüber kann ich erst urteilen, wenn der Redner aus dem referierten Ereignis seine Nutzanwendung gezogen hat.« Ich : »Diese drei Mädchen waren, so viel mir bekannt, nicht bleichsüchtig, auf jeden Fall war ihr Unternehmen kein bleichsüchtiges Unternehmen. – Und ich will hinzufügen: in meinem Herzen ist größere Freude über diese drei als über 997 sogenannte unverdorbene, bleichsüchtige Mädels. Sie sind mir nämlich ein Anzeichen dafür, daß einmal die Wende kommen wird, da die Mehrzahl unserer Frauen, wie jetzt diese drei, sich gegen die tausendjährigen Schranken der Unfreiheit erheben wird, die die Institution der Ehe gegen die individuelle Freiheit errichtet hat – und sie niederreißen wird um jeden Preis. – Und wenn das geschieht, dann ist die Stunde der Freiheit da ...« Pastor Hansen : »Es ist ungehörig, daß der Redner in dieser Weise fortfahren darf.« Referent Habel (sich in seinem Stuhl zurücklehnend und zu seinem Freunde, dem Vorsitzenden, hinaufsehend): »Das ist ja eine Schweinerei.« Schuhmacher Skaarer (indigniert über die Versammlung blickend): »Das gilt unseren Töchtern.« Ich : »Ach, leider nein, Herr Skaarer, wahrscheinlich nicht einmal die Töchter unserer Enkel.« Der Vorsitzende : »Ich frage die Versammlung, ob sie wünscht, daß der Redner fortfährt oder nicht.« Laute Rufe von allen Seiten: »Nein! Nein! Nein!« Der Vorsitzende : »Wenn also der Redner fortfahren will, so muß er über andere Dinge reden.« Ich : »Nun ja, was die Frage selber betrifft: in welcher Form die Unsittlichkeit noch am ehesten zu ertragen wäre, so geht meine Meinung dahin, daß es am zweckmäßigsten sein würde, wenn der Staat die ganze Sache in die Hand nähme, öffentliche Bordelle einrichtete mit passenden Abteilungen für die verschiedenen Gesellschaftsklassen, und für die größtmögliche Sicherheit vor venerischen Krankheiten sorgte, speziell durch strenge Visitation der Männer, die die Bordelle benutzen. Was die Mädchen betrifft, die der Staat in diesen Bordellen anstellt, so ist es klar, daß er für sie ebenso wie für die anderen Gesellschaftsklassen, die andere Bedürfnisse der Gesellschaft befriedigen, die volle mitbürgerliche Achtung verlangen müßte (allgemeines Gelächter) ... die volle mitbürgerliche Achtung! – Im übrigen hab' ich nichts mehr zu sagen.« Ich verbeugte mich vor der Versammlung und kehrte zu Jarmann zurück, der mich mit freudestrahlendem Gesichte empfing. »Das war brillant!« sagte er. »Das war den Biestern gesund!« Wir blieben bis zum Schlusse der Versammlung, um zu hören, ob etwa etwas Anständiges erwidert werden würde; was aber über meinen Vortrag gesagt wurde, war nur dummes Gewäsch. Trotzdem verlangte ich nochmals das Wort, um das nächstemal darauf zu antworten. Auf dem Heimwege trafen wir einige Mädchen, die wir kannten, und nahmen sie mit nach Hause. Wir blieben bis zwei, drei Uhr nachts zusammen und brachten die Zeit auf die gewohnte Weise hin. Jarmann erzählte den Mädchen mit großer Begeisterung, daß wir heute abends zu ihrem Vorteil gesprochen hätten, es gelang ihm aber nicht, sie dadurch in angeregte Stimmung zu versetzen. – – – In der Dienstags-Nummer des »Vaterlands« wurde über die gottlose Rede ein wüstes Geschrei erhoben. Die Leute lachten aber bloß: »Das Vaterland – hahaha! – übrigens muß dieser Herr Hermann Eek ein ganz schneidiger Bursche sein.« XII. Ich hatte die ganze Woche über nur wenig Zeit gehabt, infolgedessen Gerda ich nur ganz flüchtig grüßen und im Vorübergehen ein paar Worte mit ihr wechseln können. Am Freitag-Nachmittag war ich endlich frei und suchte sie auf. Ich traf sie am Pavillon im Studentenwäldchen. »Es ist ja schon eine ganze Ewigkeit her,« sagte ich, »daß ich mit Ihnen gesprochen habe, Sie wissen nicht, wie sehr ich mich danach gesehnt habe.« Sie antwortete nur mit einem Lächeln, und wir gingen zusammen die Drammensstraße hinan. Wir schritten nebeneinander her, ohne ein Wort zu sprechen. Sie sah auf ihre Füße hinab, und ich betrachtete sie ineinemfort – das bekam ich nie satt. Auf einmal blieb sie plötzlich stehen und sah mir mit kecker Schelmerei ins Gesicht: »Na, Sie sind mir ja ein Guter!« sagte sie; »was haben Sie denn für Zeug geredet?« »Ich?« »Ja, Sie! – Sie sollen ja im Arbeiterverein etwas ganz Abscheuliches gesagt haben!« »Ach das?« »Ja, das? – Erzählen Sie gefälligst!« – und sie macht eine befehlende Handbewegung und ging weiter. Nach einer kurzen Pause fragte ich erst: »Sie wissen also, worum sich die Discussion drehte?« Sie sah mich nur mit einem überlegenen Nicken an, als wollte sie sagen, ich sollte nur nicht etwa glauben, daß sie ein unwissendes Kind sei, und da wir gerade auf die Anhöhe hinaufgekommen waren, die am Anfang der Drammensstraße liegt, blieb ich dort stehen und wies auf das Vikaviertel hin, das unten in der beginnenden Dämmerung dalag. »Von denen dort unten sollte also gesprochen werden?« sagte ich, »und da begreifen Sie wohl, daß ich nicht gerade besonders feine Dinge zu sagen hatte.« Ja, ja, ja!« Sie stampfte vor Ungeduld mit den Füßen. »Erzählen Sie nur, was Sie gesagt haben!« »Erst muß ich aber erzählen, was die anderen gesagt hatten.« »Na ja, erzählen Sie nur!« Und sie ging wieder weiter. »Sehen Sie,« sagte ich, »die anderen deklamierten alle der Reihe nach: daß solche Häuser, wie die dort unten, existierten, das sei ein Schandfleck der Nation – und Gott weiß was noch.« »Sind Sie denn nicht auch der Meinung?« Sie sagte das mit einem schwachen Lächeln, aber ohne aufzusehen. »O ja.« Etwas verwundert über diese Antwort, blickte sie zu mir auf. »O ja,« sagte ich und nickte, »ich bin auch der Meinung. Ich sagte aber zu den Leuten im Arbeiterverein: Wenn Ihr den Schandfleck vom Ehrenschilde der Nation wegwischen wollt, dann müßt Ihr die Liebe freigeben und allen denen, die sich lieb haben, erlauben, zusammen zu leben! Und dann müßt Ihr es so einrichten, daß alle Frauen, wenn sie arbeiten, so viel verdienen können, daß sie von ihrem Verdienste wie Menschen leben können! – Aber nein, das wollten sie nicht. O nein! Die Männer, sagten sie, sollten nur aufhören, liederlich zu sein, und sollten nicht eher an Frauen denken, als sie in der Lage wären, zu heiraten! Und dann sollten sie sich ein Eheweib auf Lebenszeit nehmen – und damit basta! – Und die armen Frauen? – na, die sollten sich in ihr Schicksal finden, hübsch weiter arbeiten und weiter hungern und sich nicht etwa einfallen lassen, sich an Männer zu verkaufen! – Gut, sagte ich zu ihnen – die Männer wollen nun aber einmal nicht so lange herumlaufen, ohne an Frauen zu denken, bis sie ein Menschenalter alt sind und Weib und Kind versorgen können – das habt auch Ihr nicht gewollt, die Ihr Euch hier herstellt und schwatzt. Und so lange den Männern nicht erlaubt wird, auch vor dieser Zeit zu lieben und mit der, die sie lieben, zusammen zu leben, so lange werden sie liederlich und so lange werden sie sich Frauen kaufen. Und die Frauen – ja, wenn sie mit ihrer Arbeit nicht mehr verdienen, so daß sie doch am Hungertuch nagen müssen, dann werden sie es vorziehen, sich zu verkaufen. – Und daher wird – sagte ich zu den Leuten – wenn Ihr die Häuser dort unten aufhebt, ohne gleichzeitig die Liebe freizugeben und die Arbeitsverhältnisse der Frauen zu verbessern, deswegen das Unwesen dem Ihr zu Leibe wollt, noch lange nicht verschwinden – es wird sich nur über die ganze Stadt verbreiten. – Sagen Sie mir, Gerda, scheint Ihnen das so ganz unvernünftig, was ich gesagt habe?« Sie hatte, während ich sprach, vor sich hingesehen. Nun hob sie den Kopf und sah mich unsicher an: »Nein,« sagte sie, »aber ... es geht wohl nicht an, daß man so etwas sagt ...« »Es hat sich aber gezeigt, daß es angeht.« »Die Leute sprechen aber deswegen schlecht von Ihnen, – und das hat doch keinen Nutzen.« »Das sollen Sie nicht sagen. Allein das Moment, daß ich es einmal gesagt habe, hat bewirkt, daß die Leute darüber sprechen. Und wenn alle, die dasselbe meinen wie ich, es sagen würden, und nicht bloß einmal, sondern immer, bei jeder Gelegenheit, die sich darbietet, öffentlich und privatim – dann würden die Leute viel darüber sprechen. Und wenn junge Menschen, die sich lieb haben, sich den Teufel um das scheren wollten, was die Leute sagen, und so lange zusammen leben, wie ihre Liebe dauert – dann würden die Leute bald über nichts anderes mehr sprechen als darüber. Und wenn sie dann genügend darüber nachgedacht und gesprochen hätten, dann würden sie schließlich zu dem vernünftigen Resultat kommen. – So geht es ja mit allem, was neu ist.« Sie schüttelte den Kopf, sprach zunächst eins Weile kein Wort und sagte dann wie zu sich selbst: »Sie sollten wissen, was ich Ihretwegen habe ausstehen müssen ... Die Mutter verbot mir schließlich, fernerhin mit Ihnen spazieren zu gehen ...« Und sie schritt, wie in Gedanken versunken weiter und sah zu Boden. Plötzlich aber hob sie den Kopf, warf mir einen despotischen Blick zu und sagte in bestimmtem Tone: »Sie dürfen so etwas nicht wieder sagen.« Das klang so ganz entschieden, als wäre damit die Sache abgetan. Ich mußte lächeln. Eine Träne stahl sich aber über meine Wange herab: O dieser rührende Despotismus der Liebe! Wieder gingen wir, ohne ein Wort zu sprechen. Dann sagte ich: »Ich habe heute nacht so herrlich von Ihnen geträumt, Gerda!« »Was haben Sie denn geträumt?« Sie sah mich inquirierend an mit dieser despotischen Koketterie, die ihr eigen war und die erkennen ließ, daß sie das Bewußtsein davon hatte, infolge der Macht ihrer Augen über mich verfügen zu können. »Was haben Sie denn geträumt?« Ich erzählte ihr einen Traum, den ich in der Sonnabend-Nacht gehabt hatte. Von Anfang bis zu Ende erzählte ich ihn, während sie langsam neben mir her ging, sich naiv-kokett in den zarten Hüften wiegend und still vor sich hinblickend. Mit allen Einzelheiten. Von der ersten Szene in dem rotmöblierten Kabinett an, in dem ich durchlas, was sie geschrieben hatte, während sie hinter mir stand, den Arm auf den Rücken des Lehnstuhles gelehnt, und über meine Schulter hinweg mitlas. Bis dahin, da sie in dem schokoladebraunen Schlafzimmer mit den schweren Himmelbett entkleidet mitten im Zimmer vor mir stand, wobei das Hemd schräg über die kecke, kurze Büste hinabgeglitten, die linke Brust entblößt war. – Alles erzählte ich ihr, während sie sich naiv-kokett in den Hüften wiegte und lächelnd vor sich hin sah. »Und da« – erzählte ich – »ergriff mich ein zärtlicher Stolz: Alles dies war mein ... Sie, Sie waren mein ... ganz und gar ... Sie standen ganz ergeben da ... Sie vorenthielten mir nichts ... Alles, alles wollten Sie mir geben ... bis auf ihren geringsten Gedanken ... alles bis Sie nichts mehr zu geben hatten ... Und ich sank überwältigt auf die Knie und streckte in stummer Anbetung die Hände zu ihnen empor und sah Ihnen in Ihr liebes Gesicht. Und Ihre scheu forschenden Augen wurden feucht und tief, und Sie faßten meine Hände, hoben mich langsam zu sich empor, schlangen die Arme weich und schwer um meinen Hals und bargen Ihren Kopf an meiner Schulter. Und ich lehnte meinen Kopf an den Ihren und küßte Ihr schwarzes Haar. So blieben Sie einen langen Augenblick stehen. Dann löste ich mich behutsam aus Ihrer Umarmung, nahm Sie wie ein Kind in meine Arme, küßte Ihren gelblichen Marmorhals – und wollte sie nach dem Bette hintragen. Ihre zarten Glieder nahmen aber meinen Armen die Kraft; ich mußte mich krampfhaft zusammennehmen, um Sie nicht fallen zu lassen. Und dann ergoß sich das süße Gefühl der Entkräftung über meine Schultern, rieselte mir durch alle Glieder hinab und erfüllte mich mit zärtlicher Wollust – und ich mußte in die Knie sinken, während ich Sie fest an mich drückte und in einem verzehrenden Kusse meine Lippen auf Ihren weichen Hals heftete ...« »Und dann?« fragte sie nervös, als ich innehielt, doch ohne aufzusehen. »Dann fuhr ich, ganz wach, auf meinem Sofa empor und verfluchte die Wirklichkeit.« Sie blieb stumm. Sie wiegte sich noch immer naiv-kokett in den Hüften und sah vor sich hin, das Gesicht ein wenig gesenkt. Auf einmal sah sie zu mir auf, unbefangen, aber mit einem Anfluge von Verschämtheit. »Waren wir denn verheiratet?« fragte sie. »Nein.« Sie schlug die Augen nieder und wiegte sich nicht mehr selbstbewußt in den Hüften; ihr Gang wurde schleppend, bedächtig. »Nein,« sagte ich. »Begreifen Sie denn nicht – das war ja gerade das Herrliche. Bei Ihnen waren wir. Sie waren ein paar Jahre älter, hatten sich eine selbständige Stellung erworben und brauchten keinen Mann, der Sie versorgte. Und ich liebte Sie; deshalb kam ich. Und Sie liebten mich; deshalb durfte ich bleiben. Nicht deshalb, weil Sie einmal gelobt hatten, mein Weib und ich Ihr Mann zu sein. Wenn Sie am andern Tage mich nicht mehr liebten, dann durfte ich nicht mehr bleiben; wenn ich am andern Tage Sie nicht mehr liebte, dann kam ich nicht wieder. Ich kam aber und durfte bleiben – und da wußten wir, daß wir uns liebten ... das war gerade so unendlich süß. – Sind Sie mir böse, weil ich es mir so dachte?« Ich ergriff ihre Hand, und sie ließ sie mir. »Nein,« sagte sie; sah aber nicht auf und ging, in Gedanken versunken, weiter. – Auf dem Rückwege von unserm Spaziergang kamen in der Nähe einer Gaslaterne zwei dicke kurzbeinige Damen auf uns zugewatschelt, die eine etwa 30 die andre ungefähr 17 Jahre alt. Das Licht der Gaslaterne strahlte ihnen gerade ins Gesicht. Ich sah, wie die jüngere die ältere am Ärmel zupfte und auf uns aufmerksam machte, und beide starrten dann Gerda verächtlich ins Gesicht. Die ältere Dame hatte ein aufgedunsenes, braungraues Gesicht, einen formlosen Klecks von einer Nase und ein paar stechende Schweinsaugen; die jüngere anzusehen, hatte ich nicht Zeit. Sie passierten die Gaslaterne, ihre Gesichter wurden schwarz, und ich sah nur, daß die stechenden Augen der älteren Dame immer noch fest auf Gerda gerichtet waren – als plötzlich, gerade als wir aneinander vorübergingen, aus dem aufgedunsenen, braungrauen Gesicht ein zurückgedrängtes Lachen hervorsprudelte. Gerda blieb, leichenblaß im Gesicht, unmittelbar unter der Gaslaterne stehen und sah ihnen mit zornsprühenden, schwarzen Augen und zusammengebissenen Zähnen nach, sagte aber kein Wort. Bis sie sich plötzlich zu mir umkehrte und, in Tränen ausbrechend, sagte: »Das ist Ihre Schuld!« Ich stand ganz unglücklich da. »Sind Sie mir böse?« fragte ich leise und streckte meine Hand suchend nach der ihren aus. Sie gab sie mir. »Nein,« sagte sie, »sie waren es, die – ach!« und sie drohte hinter den Damen her, die schon weit weg waren, fuhr sich dann mit dem Handrücken über die Augen und wischte sich die Tränen ab. Wir gingen weiter nebeneinander her, ohne ein Wort zu sprechen. Dann blieb aber Gerda mitten auf der Straße stehen, sah mir mit ernster Miene in die Augen und sagte eindringlich und entschieden: »Sie dürfen das aber nicht wieder tun.« Ich antwortete nicht, faßte ihre Hand und drückte sie. »Wenn Sie erst so alt sind wie ich,« sagte ich, »dann werden Sie solche Menschen, wie diese beiden, ebenso hassen lernen wie ich. Und es gibt viele von der Sorte. Sie sind fast alle so – das ist, was mir das Leben verbittert hat.« Sie antwortete nicht, und wir gingen, ohne ein Wort zu sprechen, bis an ihre Wohnung. Vor der Haustür blieb sie stehen und gab mir die Hand. Ich hielt sie eine Weile fest und streichelte sie, beugte mich dann nieder und küßte sie auf den Handschuh. »Gute Nacht! Gott, wie lieb ich Sie habe! ... Sie sind mir nicht böse ... nicht wahr?« »Nein,« sagte sie und sah mir traurig ins Gesicht. Und dann sagte sie Gute Nacht und ging ins Haus, und ich wanderte allein heimwärts. Allein gelassen mit ihren Gedanken stieg sie langsam die Treppe hinan ... ... Sie konnte mit sich selber nicht recht darüber ins reine kommen: ob es nicht doch eine Beleidigung gewesen sei ... nicht, daß er so von ihr geträumt – sondern daß er es ihr erzählt hatte! ... Wenn er es etwa gewagt hatte, sie zu beleidigen, dann wollte sie ihn niemals wiedersehen .... ... Nein, es war keine Beleidigung. Nicht so, wie er geträumt hatte. Und nicht so, wie er es erzählt hatte. – Sie fand ja selber, daß es schön war ... es war ja Liebe darin ... er liebte sie ... ... Er wollte sich aber weder mit ihr verloben, noch sie heiraten ... Weil niemand wissen kann, wie lange die Liebe anhält ... Wenn man sich aber nicht mehr liebte, so konnte man sich ja scheiden lassen! – Sie dachte darüber nach ... Eine geschiedene Frau – nein, pfui! ... Was wollte er aber dann?! ... Sie fühlte, wie sie über und über rot wurde – Ach, er war fürchterlich gottlos! ... Wie in aller Welt war er nur so geworden? ... Die Leute sagten, er habe ein ausschweifendes Leben geführt – das hatte er wohl auch. Und dann war er ein verworfener Mensch geworden mit ruchlosen Anschauungen ... und war jetzt sogar frech genug gewesen, sie in einer Versammlung feiner, anständiger Menschen laut zu verkünden ... Nein, was er gesagt hatte, war nicht verworfen und ruchlos. Gottlos war es, fürchterlich gottlos! Aber nicht verworfen und ruchlos. – Und es war keck und mutig, daß er gesagt hatte, was er nun einmal meinte; gerade in einer Versammlung feiner, anständiger Menschen – das gefiel ihr ... Sie sah ihn in der Versammlung aufrecht dastehen und reden. Und alle sahen ihn verwundert an: sie meinten, sie hätten niemals etwas so Freches gehört. – Sie konnten ihn aber anglotzen, so viel sie Lust hatten, er sprach nur ruhig weiter und sagte doch, was er sagen wollte, während er sie mit seinen klugen, braunen Augen ansah ... Sie lächelte: sie konnten ihn ansehen, so viel sie Luft hatten, es half nichts. Sie selber aber konnte ihn zum Schweigen bringen, sobald sie nur wollte. Sie brauchte ihn nur anzusehen und zu sagen: nein, jetzt dürfen Sie nicht mehr darüber reden – und er hörte augenblicklich auf. Und sie brauchte ihn lediglich anzusehen, »so wie sie es konnte« – und sie konnte mit ihm machen, was sie wollte ... O, es war herrlich, einen Mann nur mit der Macht der Augen so vollständig fesseln zu können! ... Sie hatte im Korridor abgelegt und trat ins Zimmer. Als sie in die Wohnstube trat, lag ihr gerade gegenüber die ältere bleichsüchtige Schwester matt auf dem Sofa ausgestreckt da. Die Lampe auf dem Tische warf einen matten Schein in das kalte Zimmer mit den nackten Wänden und den Möbeln aus Birkenholz. »Wo bist du so lange gewesen?« fragte die Schwester ärgerlich. »Spazieren – mit Lissi.« »Du solltest lieber deine Schularbeiten machen, als dich so auf der Straße herumzutreiben!« »Ach, laß mich jetzt in Ruhe!« Gerda nahm ein Buch und setzte sich an den Tisch. Die schwarzen Buchstaben glitten aber an ihren Augen vorüber, ohne daß sie wußte, was sie las. Sie dacht nur an Hermann Eek ... und was er von ihr geträumt hatte. ... Sie begriff von dem Ganzen nichts weiter, als daß er furchtbar gottlos war – daß sie ihn aber doch gern hatte. – Und mit Wohlbehagen ließ sie in ihrer Erinnerung den ganzen Traum wieder an sich vorüberziehen, und verweilte bei jedem einzelnen Zuge ... Dann sah die Mutter zur Küchentür heraus: »Gerda, deck' jetzt den Tisch.« Während Gerda langsam zwischen dem Tisch und dem Büfett hin und wieder ging und den Tisch deckte, wurde sie von der kranken Schwester beobachtet: wie zerstreut sie doch aussah! »Du bist doch nicht etwa schon wieder mit Hermann Eek spazieren gegangen?« fragte sie plötzlich. »Nein,« sagte Gerda ruhig; sie hielt die Teller im linken Arm und wollte sie eben auf den Tisch setzen. Da sie aber fühlte, daß sie rot wurde, stampfte sie auf den Boden. »Ach! Immer mußt du mich mit ihm aufziehen,« sagte sie ...Übrigens« – und sie setzte ruhig die Teller bin – »und wenn ich es getan hätte, so ginge es dich auch nichts an! Kümmere du dich um dich selber!« »Ich werde es der Mutter sagen, daß du wieder mit ihm gegangen bist!« sagte die Schwester boshaft. Gerda sah sie einen Augenblick ruhig an. Dann sagte sie ruhig: »Bitte, sage es nur! Lüge meinetwegen so viel du magst!« Und sie ging wieder ruhig nach dem Büfett. Sie saßen zu dritt um den Tisch und tranken Tee; der Vater war nicht zu Hause. Plötzlich sagte die Mutter: »Ja, richtig, Gerda! Tante Helga läßt dich bitten, doch morgen zu ihr zu kommen.« Gerda wollte gerade ihr Butterbrot zum Munde führen. Nun hielt sie in der Bewegung inne und behielt es in der Hand: »Ach nein, Mutter! Ich bin ja erst gestern dort gewesen. Mag doch Alma morgen hingehen!« – Und sie biß kräftig in ihr Butterbrot und schlürfte etwas Tee. »Schlürf' nicht so, Kind!« »Mir ist nicht wohl, ich kann nicht,« sagte die Schwester. Die Mutter aber sah mit ihren dunklen, abgehärmten Augen Gerda an. »Pfui,« sagte sie, »daß du deine arme kranke Tante nicht sehen willst, die so gut zu dir ist.« »Es ist aber so langweilig!« sagte Gerda kauend. »Du solltest nur wissen, wie langweilig es ist! Ich muß die ganze Zeit auf der Bettkante sitzen und ihre Hand halten; und dann will sie, ich soll ihr etwas erzählen ... und ich habe ihr nichts zu erzählen ... und dann sagt sie, ich wäre ein dummes Mädchen. Und wenn ich dann bös werde und gehen will, dann zieht sie mich an sich, weint und küßt mich, sagt, sie sei so allein, und verspricht mir etwas, wenn ich nur bleiben wolle. – Gestern hat sie mir einen neuen Hut versprochen!« »Na, da kannst du doch sehen, wie gut sie ist!« »Ja, gut ist sie,« sagte Gerda, eifrig weiterkauend, »aber ... ach! so langweilig.« – Und sie schlürfte wieder etwas Tee. »Schlürf' nicht so, Gerda!« »Kann denn Alma nicht doch morgen hingehen?« »Du hast wohl keine Zeit!« sagte Alma boshaft. »Du hast wohl wieder ein Stelldichein mit diesem Hermann Eek!« Die Mutter ließ die Hände sinken und sah Gerda an: »Du gehst doch nicht etwa noch mit ihm?« sagte sie ernst. »I wo!« sagte Gerda. Sie wurde aber wieder rot und nahm einen langen Schluck Tee, um es zu verbergen. Die Mutter sah sie eine Weile an, dann sagte sie eindringlich: »Hüte dich vor ihm, Gerda! Du weißt nicht, wohin so etwas führen kann!« Gerda machte eine überlegene Bewegung mit dem Kopfe. »Pah! Vor dem brauche ich mich nicht zu hüten. Ich habe ihn ja nur zum Narren. Du solltest dabei sein, wenn ich ihn treffe. Er grüßt und sieht mich an, und ich kann ihm anmerken, wie gern er mich ansprechen möchte. Ich erwidere aber seinen Gruß nicht und gehe an ihm vorbei und tue, als ob ich ihn nicht kennte. Und wenn ich mich kurz darauf umkehre, steht er immer noch da und sieht mir nach ... das Ekel!« Und Gerda lachte so herzlich, daß die Mutter sich beruhigte. Nach Tisch faß Gerda wieder vor ihrem Buche. Es ging aber auch jetzt nicht mit dem Lesen; sie saß nur, den Kopf auf die Hand gestützt, da und sah auf die Buchstaben hinab. ... Weshalb war er nicht wie die andern? Wenn es auch schön war – es war ja nicht möglich! – Und sie sah verstohlen zur Mutter hinüber, die mit ihrem müden, abgehärmten Gesicht neben ihr saß und strickte ... und zur Schwester, die wieder müde auf dem Sofa lag und interesselos ins Leere starrte ... Ob sie wohl auch einmal so werden ... ebenso müde und interesselos ... und einmal als altes Weib dasitzen würde, ohne an etwas zu denken ... ? Sie sah wieder ins Buch, und die Buchstaben glitten an ihr vorüber wie schwarze Schatten, und sie vermochte nicht aufzufassen, was sie las ... »Es ist zehn Uhr, wir wollen zu Bette gehen, Kind!« sagte die Mutter. – Alma stand müde und langsam vom Sofa auf. Gerda blieb bei ihrem Buche sitzen: »Ich bin mit meinen Aufgaben noch nicht fertig.« »Dann mußt du im Schlafzimmer weiter arbeiten. Ich brauche jetzt die Lampe.« Und die Mutter nahm die Lampe, sagte Gute Nacht und ging – – Es war kurz vor zwölf, als Gerda endlich auf dem Bettrande saß und sich entkleidete. Im Bett gegenüber lag Alma und schlief. Die Lampe stand auf dem Toilettentisch vor dem Spiegel zwischen den beiden Fenstern. Gerda hatte dort gestanden und sich selber betrachtet. Langsam und vor sich hinstarrend, knüpfte sie das Leibchen auf, zog es aus und legte es auf den Stuhl neben dem Fußende des Bettes. Dann zog sie die Schultern hoch, kreuzte die Arme, steckte die Hände in die Armlöcher, kniff die Augen zusammen und blieb, ins Leere starrend, sitzen. ... Wie konnte er wissen, daß sie kein Korsett trug?« Plötzlich stemmte sie die Hände keck in die Seite, schob die Brust vor und sah an sich hinab. Diese gelbliche Haut gefiel ihm so gut! ... »Und die Brüste schoben sich mit einer schwachen Senkung unter den Spitzenbesatz am Rande des Hemdes, jungfräulich, schamhaft, jede, wie schmollend, nach ihrer Seite ...« Sie lächelte ... Es war wirklich so. – Dann wurde sie aber ernst – Spitzen ... und feines Leinen ... Das war zerknüllt ... und hätte feiner sein können; sie trug es schon drei Tage ... Und es war kein feines Leinen ... und hatte keinen Spitzenbesatz ... Ach, wenn sie doch ganz furchtbar feines Leinen hätte! – Die Brüste waren, wie sie sein sollten ... Sie war stolz auf sie! ... Sie hakte den Rock hinten auf, löste die Rockbänder, stand auf, ließ die Röcke auf den Boden fallen, trat aus ihnen heraus und legte sie auf den Stuhl über das Leibchen. Dann setzte sie sich wieder auf den Bettrand, löste die Bänder der Unterbeinkleider und zog sie nebst den Strümpfen aus. Und dann blieb sie im bloßen Hemd sitzen und sah ihre nackten Glieder hinab ... ... Er hatte diese Füße in seiner Hand gehalten, sie betrachtet und geküßt – erst den einen, dann den andern ... Kurz darauf stand sie vor dem Spiegel zwischen den Fenstern und starrte auf ihr Spiegelbild ... So hatte er sie gesehen ... und sie hübsch gefunden ... war ganz überwältigt worden ... Und sie schob das Hemd über die linke Schulter hinab, zog den Arm aus dem Ärmel, so daß das Leinen schräg über die Büste herabfiel und die linke Brust entblößte, hob dann mit der rechten Hand die Lampe hoch über ihren Kopf empor und betrachtete sich eine Weile im Spiegel. Und ihr wurde immer weicher ums Herz. O, sie hätte nichts dagegen, er könnte hier sein und vor ihr niederknien und die Hände zu ihr erheben ... sie wollte sein Hände ergreifen, ihn zu sich emporziehen, die Arme um seinen Hals schlingen, ihren Kopf an seiner Schulter bergen – und seinen Kuß auf ihrem Haar fühlen ... Und er mochte sie nur auf seinen Armen emporheben und ihren Hals küssen ... und sie zum Bette tragen ... Plötzlich hielt sie aber den Atem an: ob sie dann ein Kind bekäme?! ... Die süße Empfindung war wie weggewischt, und sie setzte die Lampe wieder vor den Spiegel. Daß sie solche ganz verrückte Gedanken fassen konnte! Und sie löschte die Lampe aus, eilte durch das finstere Zimmer ins Bett und verkroch sich unter die Decken. Sie konnte aber nicht einschlafen; sie wurde die Gedanken nicht los ... Ach, wie einsam sie war ...und jetzt war es dunkel ... Und ihr wurde wieder ganz weich ums Herz. – Wenn er doch trotzdem da gewesen wäre ... sie hatte ihn lieb ... und er hatte sie lieb ... und – ach, wie einsam sie war! ... Sie fühlte den Drang, sich an jemand anzuschmiegen und sie nahm das Kopfkissen unter dem Kopf weg, zog es unter die Bettdecke, schlang die Arme zärtlich darum und legte die Wange dicht daran, verzehrt von zärtlicher Sehnsucht, sich hinzugeben. Ich war in die innere Stadt hineingegangen. Ich schritt langsam, die Hände in den Überziehertaschen und sah geradeaus vor mich bin, erfüllt von einem Gefühl innerer Leere, dachte nicht an sie und dachte anderseits auch an nichts anderes ... starrte nur in diese Leere hinein. Sie entsetzte mich nicht und brachte mich nicht zur Verzweiflung – dazu kannte ich sie viel zu gut – sie machte nur, daß ich fror, fror bis in die innerste Seele hinein ... Ich hatte nicht auf den Weg geachtet, bis ich plötzlich entdeckte, daß ich vor den bekannten Fenstern des Grand Hotel stand und hinaufstarrte. Ich trat ein und setzte mich auf das Sopha neben dem Eckfenster. Es war niemand da, den ich gekannt hätte. Gott sei Dank. Es war am besten so. Ich hatte kein Bedürfnis, jetzt jemand zu sehen ober zu sprechen. Ich hatte gleichsam alles aufgegeben, saß nur da und ließ mich von der Leere durchschauern. Ganz mechanisch aß und trank ich etwas. Ich sah nichts und dachte an nichts. Dann aber begannen der Schnaps und das Bier zu wirken. Ich bekam Wärme in den Leib und sofort wurde mir besser zumute. Gott sei Dank, daß der Branntwein nicht nur den Leib wärmen konnte, nein auch die Seele. Ich fing an, an sie zu denken: Dort stand sie: die rechte Hand vorgestreckt, die Handfläche wie abwehrend gegen mich gerichtet ... Die Linke hielt sie hinter sich, so weit weg von mir, wie sie irgend konnte: in ihr hielt sie das Bild mit ihrem Konterfei. Und sie sah mir mit dem magnetischen Blick in die Augen und sagte: das will ich haben! ... Dann hörte sie aber, daß das Bild mein einziger Schatz wäre, mein einziger Trost, da ich sie doch einmal nicht selber besaß – und ihre Augen wurden feucht und tief und zärtlich, und sie gab mir das Bild mit naiv königinhafter Miene zurück und sagte: Sie können es behalten ... Dann wechselte die Szene, und sie stand draußen auf der Straße unter der Gaslaterne und starrte den beiden plump gebauten Frauenzimmern nach, die sie beleidigt hatten. Leichenblaß, mit zornsprühenden Augen und bebenden Lippen – prachtvoll anzusehen. – Kehrte sich dann nach mir um und brach in Tränen aus ... Und die Szene wechselte wieder: Sie ging von mir weg über die Straße hin, in der sie wohnte. Langsam schritt sie mit leise sich wiegenden Hüften – wie in tiefe Gedanken versunken. Dann wandte sie aber plötzlich den Kopf und nickte ernst zurück ... erst einmal ... dann noch einmal – und verschwand dann in der Haustür ... Dann ging ich aber wieder neben ihr und sah in einemfort in das liebe, ach so liebe Gesicht. Sah und sah, und das Gesicht wurde mir lieber und immer lieber. Es machte mich aber nicht froh. Nur schwermütig – ach so schwermütig! – und immer schwermütiger, und schwermütiger, je länger ich es betrachtete ... Weshalb war ich nicht froh! ... sie war doch herrlich, rührend herrlich, wie sie dort vor sich hinsah mit dem willenlos ergebenen Gesicht und den zärtlichen tiefen Augen! ... und dann so natürlich! ... so reizend natürlich ... O, diese Natur, diese Ursprünglichkeit in diesem braunen Kinderauge unter der dicken Hornhaut – es lag Genialität in jenen Augen: sie würde die Perle der »Schule« werden ... Ich wurde aber nur schwermütiger und schwermütiger, wie ich dort saß und ihrer Herrlichkeit inne wurde. Weshalb in aller Welt war ich so schwermütig? ... Waren es bange Ahnungen ihres zukünftigen Lebens? Würde sie unglücklich werden? Stand ihr eine Zukunft voller Kampf und Verhöhnung bevor ... voller Ohnmacht und Raserei ... und voller Liebesverlust und voller Flüche ... Flüche auf alle und alles wegen eines vergeudeten Lebens ? ... Eine Zukunft, die diesem vollen, frischen Kindergesicht Runzeln und Furchen bringen ... diese süßen, zärtlichen Augen hart und trocken machen ... dieses herrliche Ursprüngliche, Geniale an ihr unterdrücken würde, anstatt es zur Entfaltung zu bringen – und würde sie wie ein Wrack hin- und hergeschleudert werden ... wie ich selber? O, diese lastende Schwermut: – ich starrte mit feuchten Augen auf ihre liebe Gestalt in dem violetten verschlissenen Wintermantel, dem halblangen Rock und den beiden schwarzen Schulmädchenzöpfen am Rücken ... so jung und so voll entwickelt ... so kindlich unschuldig und so orientalisch sinnlich anzusehen mit ihrem vollen mattgoldenen Gesicht, ihren schwellenden Kußlippen, ihrem lässigen Gang und den primitiven genialen Augen. – O, diese Schwermut ... Ich schüttelte sie von mir ab. Dieser alte, dumme Weltschmerz! Einer geht ja immer zugrunde – war ich nicht selber zugrunde gegangen? ... Und jetzt, wo ich resigniert hatte, jetzt war es ja nicht einmal so fürchterlich ... traurig freilich, bei Gott; aber – man fand sich in sein Schicksal, das war nun einmal der Welt Lauf ... Aber sie! ... sie! ... o, es würde mir das Herz zerschneiden ... es war, um wahnsinnig zu werden, wenn man nur daran dachte –. O, hätte ich doch Millionen von Fingern – und ein paar von ihnen an jeder Kehle von jenen Menschen allen, bereit, sie zu erwürgen, wenn sie ihr etwas zuleide tun wollten, sobald sie sich jetzt im Leben vorwärts kämpfte ... Ich sank matt in dem Sopha zusammen und lächelte – lächelte schwermütig –. Man sollte meinen, daß ich sie wirklich liebte ... o, wenn es so gewesen wäre! Oder liebte ich sie vielleicht wirklich? ... War es wahr, daß ich mich »Millionen von Jahren in der Hölle peinigen lassen wollte, wenn das dazu gehörte, daß ich glücklich würde«? – Nein. – O, wenn es so gewesen wäre! ... wenn ich wirklich so gefühlt hätte! ... aber das war es leider nicht ... Übrigens – sterben wollte ich gern für sie, wenn es notwendig war ... o, besonders, wenn ich gleichzeitig alle die mit mir hinabreißen könnte, die daran, daß sie nicht glücklich war, die Schuld trugen ... Aber nur, wenn sie auf dem Wege weiter ging, auf den ich sie geführt hatte ... Fiel sie ab, dann würde ich sie hassen ... Ach, im Grunde war es mein Eigenes, was ich liebte. Nein, nein, es war das Ihre, ihr Eigenes, das vorwärts kommen sollte, Fluch dem, der es tötete – und wenn sie es selbst wäre. Liebte ich sie aber? – Ja. – Das Unnatürliche, das Ursprüngliche an ihr, das von ihrem ganzen Wesen ausstrahlte – das liebte ich. Dem war ich nie zuvor begegnet, und das hatte mich überwältigt. Dafür, daß ihre Natur zu reicher Entwicklung käme, wollte ich mit Freuden sterben – so gerne ich es auch selber hätte sehen mögen ... An mir war ja nichts verloren, weder für mich selber noch für andere ... in mir war der Naturboden weg, alles primitiv Ursprüngliche, das Keimkräftige, das Frucht tragen kann: ich war ein welker Sprößling am Baum des Lebens – eine Knospe, verwelkt ehe sie aufgegangen war ... Und meine Fäuste ballten sich von selber, während ich dort auf dem Sofa nochmals, zum hunderttausendstenmale diese infame Armut des Lebens verfluchte, die die Menschen zwingt, die verfluchte Straße der Selbstbetrachtung einzuschlagen – die Straße, auf der man nicht mehr umkehren kann, wenn man erst einmal in den Abgrund der Leere hineingestarrt hat, der das Ende ist ... XIII. Der Saal des Arbeitervereins war am nächsten Sonntag nicht so überfüllt wie das letztenmal. Beim Eingang war noch reichlich Platz. Als ich in den Saal trat, sprach der Schneider Engelstad. Ich sah mich nach Jarmann um, er war nirgends zu sehen. Er hatte sich in der Zeit geirrt, wie ich später erfuhr, und kam erst um acht Uhr statt um sieben. Ich blieb am Eingang stehen und unterhielt mich mit einigen jungen Leuten aus meinem Bekanntenkreise unter anderen mit dem Vorsitzenden der Fram. Der Schneider hielt die Diskussion auf demselben Niveau allgemeinen Gewäschs, auf dem sie sich vor meinem Auftreten befunden hatte. Das wirkte unangenehm auf mich ein: würde es überhaupt etwas nützen, zu diesen Menschen vernünftig zu reden? ... »Ich glaube, ich verzichte aufs Wort,« sagte ich zum Vorsitzenden der Fram. »Es ist ja der reine Unsinn, hier zu sprechen.« »Nein, das dürfen Sie auf keinen Fall! Wir sind ja alle, nur um Sie zu hören, hierhergekommen.« »Mag sein, aber .... Nein, ich glaube, ich verzichte aufs Wort.« In demselben Augenblick war der Schneider zu Ende und wurde mein Name gerufen. Es war, als ginge ein elektrischer Strom durch meine Glieder. Ich blieb stehen und überlegte eine Weile. Mir war unbehaglich zumute; es war, als ahnte ich ein Unglück. »Nicht zugegen!« riefen einige Stimmen. »Zugegen!« rief der Vorsitzende der Fram. Aller Augen richteten sich auf mich – und da entschloß ich mich. Ich drängte mich durch die Menge bis zum Katheder vor und nahm wieder denselben Platz ein, von dem aus ich am letzten Male gesprochen hatte. Es war förmlich unheimlich still geworden. Von meinem letzten Auftreten her waren die Erwartungen gespannt. Ich mußte wieder einige Zeit warten, bis das schlimmste Fieber vorüber war; ich war mir aber bewußt, die Pause ganz gut damit auszufüllen, daß ich mit ruhigem, nach innen gekehrtem Blicke über die Versammlung hinsah, als ob ich mich erst zu dem sammelte, was ich sagen wollte. Dann begann ich endlich: »Herr Vorsitzender! Was ich am letzten Abend sagte, wurde von Pastor Hansen mit der Bemerkung abgetan, diese Diskussion fußte natürlich auf christlicher Grundlage und hätte natürlich speziell die Anerkennung des 6. Gebots zur Voraussetzung. Darauf antworte ich, daß diese Diskussion natürlich nicht auf christlicher Grundlage fußt und natürlich speziell die Anerkennung des 6. Gebotes nicht zur Voraussetzung hat. Wäre nämlich das der Fall, so wäre ja die Frage die: darf der christliche Staat bei Anerkennung des 6. Gebotes dulden, daß öffentliche Unzucht getrieben wird? Und diese Frage müßte ja ebenso unbedingt mit nein beantwortet werden, wie die Frage, ob 2 + 2 = 4 sei, mit ja. Aber mehrere hundert Menschen zusammenzurufen, um die Frage zu diskutieren, ob 2 + 2 = 4 wäre, das ist denn doch zu unsinnig. Soll also diese Debatte einen Sinn haben, so muß die Frage lauten: soll der christliche Staat, trotzdem er das 6. Gebot anerkennt, aus Zweckmäßigkeitsgründen dulden, daß öffentliche Unzucht getrieben wird? Mit anderen Worten: soll der christliche Staat in diesem Falle aus Zweckmäßigkeitsgründen unchristlich sein? Ist das die Frage, dann ist es freilich auch mal-à-propos seitens des Vorstandes, die Pastoren zu dieser Verhandlung einzuladen; denn das hätte man ja im voraus wissen können, daß diese kraft ihrer amtlichen Stellung sich absolut dem widersetzen müssen, daß der christliche Staat aus Zweckmäßigkeitsgründen unchristlich handelt. Dagegen war es ganz natürlich, daß man die Ärzte einlud – sie haben ja die Kenntnisse, auf Grund derer allein beurteilt werden kann, ob es zweckmäßig oder unzweckmäßig ist, die öffentliche Unzucht zu dulden. Aber von den eingeladenen Ärzten hat sich keiner geäußert – mit Ausnahme des Dr. Nissen; allein der hätte ja nach seinen Ausführungen ebensogut Pastor sein können. Und weshalb haben die Ärzte sich nicht äußern wollen? Ich kann mir keinen anderen Grund denken als den, daß die Diskussion gleich zu Anfang von einem Geistlichen in ein so christlich-moralisches Geleise gebracht wurde, so daß jeder, der etwa später dem moralischen Gesichtspunkt den der Zweckmäßigkeit entgegensetzte, Gefahr liefe, den Schein der Unmoralität auf sich zu ziehen – und dem wollte sich natürlich kein Arzt aussetzen. Also: es wäre das Beste gewesen, wenn die Geistlichen dieser Diskussion fern geblieben wären. Dann sagte also Schuhmacher Brun, er könne nicht verstehen, welche Verbindung zwischen dieser Sache und meiner früheren Äußerung über das häufige Vorkommen von Bleichsucht bei den den besseren Klassen angehörenden Mädchen bestünde. Ich will ihm den Zusammenhang erklären. Es kann ja, wie ich letzthin sagte, nicht davon die Rede sein, das Übel, über das wir verhandeln, jetzt mit Stumpf und Stiel auszurotten. Die Institution der Ehe in Verbindung mit den übrigen sozialen Zuständen und Institutionen stimmt nun einmal so wenig mit der menschlichen Natur überein, daß diese beständig die Schranken überschreitet, die ihr durch die Institution der Ehe gesetzt sind. Daß auch außerhalb der Ehe geschlechtlicher Verkehr gepflogen wird, kann also nicht verhindert werden. Aber gesetzt, wir könnten das verhindern – was wäre die Folge? wir würden alle miteinander bleichsüchtig werden, Männer wie Weiber – und das wollen wir denn doch nicht. Oder? Ich appelliere an die Familienväter unter Ihnen und frage sie, was sie vorziehen: von ihren Söhnen zu wissen, daß sie mit Frauen verkehren, ohne verheiratet zu sein, oder zu sehen, wie sie geistig und körperlich hinsiechen und verkrüppeln? Ich denke mir, daß nicht viele das letztere vorziehen werden. Natürlich – wenn ich dieselbe Frage an dieselben Familienväter in bezug auf ihre Töchter richten würde, dann würde ich die entgegengesetzte Antwort erhalten. Aber das berührt die Sache nicht. So lange sie wünschen, daß ihre Söhne geschlechtlichen Umgang mit Frauen pflegen, ehe sie Gelegenheit zur Heirat finden oder heiraten wollen, dann ist damit auch zugegeben, daß sie in unserer Gesellschaft über eine entsprechende Anzahl Frauen verfügen wollen, mit denen ihre Söhne geschlechtlich verkehren können, ohne sie zu heiraten. Sie wollen also das Übel, daß in unserer auf der Ehe fußenden Gesellschaft auch außerhalb der Ehe geschlechtlicher Verkehr gepflogen wird, und die einzige Frage, über die wir hier verhandeln können, ist also – ich wiederhole das – nur die: In welcher Form wollen wir das Übel haben? Spricht die Zweckmäßigkeit für diese oder für jene Form? – Diese Frage ist also eigentlich die Realität der Sache: da wir aber noch nicht so weit gekommen sind und dieses der letzte Diskussionsabend ist, so will ich natürlich die Realität der Sache verlassen und mich einfach an den formellen Vorschlag halten, der vorliegt, und der darauf hinausläuft, die Versammlung wolle als ihre feste Überzeugung erklären, daß der Stempel der Gesetzlichkeit von der öffentlichen Prostitution entfernt werden müsse, da dieser Stempel der Gesetzlichkeit auf einer so häßlichen Sache das Volk demoralisiere. (Ich ging nun den vorliegenden Vorschlag Punkt für Punkt durch und setzte auseinander, wie er verändert werden müsse, um mich zu befriedigen. Im wesentlichen bekämpfte ich die in den Prämissen entwickelte Behauptung, daß es das Volk demoralisiere, wenn die Prostitution in der öffentlichen Meinung den Stempel der Gesetzlichkeit trüge. Ich wandte gegen diesen Gedankengang ein, daß, wollten das Volk und speziell die Familienväter – wie ich vorher dargelegt zu haben meinte – in Wahrheit, daß in unserer Gesellschaft eine entsprechende Anzahl Frauen vorhanden wäre, mit denen ihre Söhne geschlechtlichen Umgang haben könnten, es dann weit moralischer vom Volke wäre, sich öffentlich zu diesem seinem Willen zu bekennen, als öffentlich sich selber so anzulügen, wie man es vorgeschlagen hatte. Und dann meinte ich: wenn es in den Prämissen des Vorschlages hieße, daß die öffentliche Prostitution nicht genügende Garantie gegen venerische Krankheiten biete, dann wäre es wohl verständiger, vorzuschlagen, man solle die Garantie dadurch vermehren, daß man die Prostitution unter eine schärfere staatliche Kontrolle stelle denn bisher, als die Garantie dadurch zu vermindern, daß man alle Kontrolle abschaffte. Darauf fuhr ich folgendermaßen fort:) Wenn ich wünsche, daß der Geschlechtsverkehr, auch so weit er außerhalb der Ehe stattfindet, den Stempel der Gesetzlichkeit tragen soll, so geschieht dies: 1. weil ich das für zweckmäßig halte, 2. weil ich es erbärmlich finde, einen Teil der Mitmenschen außerhalb des Gesetzes zu stellen, trotzdem sie etwas verrichten, was die Gesellschaft verrichtet wissen will und was also seinen Ausübern das Recht auf dieselbe mitbürgerliche Achtung geben muß wie anderen nützlichen Mitgliedern der Gesellschaft, deren Aufgabe es ist, andere Bedürfnisse der Gesellschaft zu befriedigen. Endlich aber deswegen: wenn das Volk sich jetzt offen und ehrlich dazu bekennte, daß es über ein solches Supplement zur Ehe verfügen will, so würde dieses Supplement, das jetzt für so häßlich angesehen wird und als etwas, das nichts mit der feinen Institution der Ehe zu tun hat, der öffentlichen Meinung allmählich als die notwendige Folge der feinen Institution erscheinen und demgemäß als etwas, von dem man sich erst zusammen mit dieser feinen Institution befreien kann. Und damit wäre ein großer Schritt nach vorwärts getan – nach der freien Liebe. Die freie Liebe – ich erwähnte sie das letztemal auch, und es hieß dann, Einführung der freien Liebe wäre dasselbe wie Umwandlung der ganzen Gesellschaft in ein einziges großes Bordell. Gegenüber Menschen, die dieser Meinung sind, lasse ich mich nicht auf Argumente ein; ich will mir lediglich erlauben, ein paar Zeilen aus Holger Drachmanns Einleitungsgedicht zu seiner Übersetzung des »Don Juan« zu zitieren. Er beschreibt da Venedig, das er mit einem Weibe vergleicht, und von ihr sagt er: Sie redet frei; und was nur im Verborg'nen und flüsternd tun im rauhen Nord die Leute, wo nicht auf Bäumen wächst der Sündenapfel, doch scheffelweis in dunklen Läden feilsteht – das flattert hier umher in schönen Worten wo Proletarier in Palästen wohnen und, halb noch Kind, das Weib schon Mutter ist. – Was dort der Ehrenmann fein säuberlich verbirgt und in der Stube nur beim Lampenschein verrät, das sitzt im hellen Tag hier auf der Treppe, zu der das Meer die Wogen flüsternd rollt. Wer die Schönheit, die darin liegt, nicht versteht, in dem ist der große leitende Gedanke der Zeit: »die individuelle Freiheit« nicht nur nicht zum Bewußtsein gekommen, sondern es gährt nicht einmal in ihm wie ein dumpfer Drang; er ist ein welker Schößling am Baum der Entwicklung, der am besten abgehackt und ins Feuer geworfen würde. Und wir anderen, die wir uns im Bund wissen mit all dem, was in der Zeit das Leitende ist, die wir die Frucht der ungebornen Zukunft unter unserem Herzen schlagen fühlen, wir stehen derartigen Leuten mit demselben Gefühl gegenüber wie das schwangere Weib dem unfruchtbaren –: wir betrachten sie mit einer Mischung von Mitleid und Verachtung. Und dann noch eins: wir hassen sie, weil die Tatsache, daß derartige Leute existieren, daran schuld ist, daß wir anderen um einen großen Teil des Inhaltes betrogen werden, den unser Leben sonst hätte erhalten können. Denn es ist nun einmal so, daß man nicht in ein völlig intimes Verhältnis zu einem Weibe treten kann, ohne mit ihm geschlechtlich zu verkehren. Na freilich, wir haben ja die Ehe, wir können also heiraten, wenn wir die Mittel dazu haben, und auf diese Weise vielleicht in ein völlig intimes Verhältnis zu einem Weibe treten. Hätten wir aber an Stelle der Ehe die freie Liebe, so daß Mann und Frau sich verlassen und eine neue Liebesverbindung suchen könnten, wenn sie sich vollständig gleichgültig geworden sind – dann könnten wir im Verlaufe unseres Lebens in ein solches vollständig intimes Verhältnis zu ... ja, man kann ja nicht wissen, zu wie vielen, treten ... das kann ja verschieden sein ... aber ich nehme z. B. an: zwanzig Frauen. In diesem Falle werde ich also unter den jetzigen sozialen Verhältnissen um neunzehn Zwanzigstel meines Lebensinhaltes betrogen. Deshalb sagte ich in der vorigen Versammlung von den drei Mädchen, die um jeden Preis die Schranken überschreiten wollten, wie sie durch die Institution der Ehe ihrer Freiheit gesetzt wurden, in meinem Herzen wäre größere Freude über diese drei als über 997 sogenannte unverdorbene bleichsüchtige Mädels. Denn wenn die Mehrzahl unserer Frauen so weit gekommen ist, daß sie um jeden Preis diese Schranken überschreiten wollen, dann haben sie auch die Kraft die Schranken niederzureißen – und dann ist die Stunde der Freiheit da.« Ich verbeugte mich vor der Versammlung und trat ab. Ich setzte mich an den Referententisch zu Füßen des Katheders; es waren diesmal so wenige Referenten da, daß es noch viel Platz gab. Während meiner Rede hatte im Saale lautlose Stille geherrscht. Jetzt hustete man, räusperte, unterhielt sich, kicherte und lachte, und der nächste Redner mußte deshalb laut schreien, um gehört zu werden. Nach einiger Zeit kam Jarmann und setzte sich neben mich. Die Diskussion ging weiter wie zuvor, nur mit dem Unterschied, daß nun alle Redner mit irgendeiner Äußerung der Empörung über meine Ausführungen schlossen – wofür sie dann allemal seitens einiger alten Weiber, die oben auf der kleinen Gallerie saßen, lebhaften Beifall ernteten. So oft eine idiotische Äußerung über meine Rede vorgebracht wurde, lachte Jarmann laut auf, nickte erst spöttisch den alten Weibern zu und fixierte dann, ununterbrochen lachend, den betreffenden Redner so, daß diesem ganz unbehaglich zumute wurde. Schließlich hatte es den Anschein, als ob man Jarmann ebenso widerlich fand wie mich selber. Und das bereitete ihm ein unsägliches Vergnügen: »Es ist herrlich«, sagte er und lachte froh wie ein Kind, »die Biester dazu zu bringen, daß sie einen hassen!« Jarmann ärgerte sich sehr darüber, daß er nicht zur rechten Zeit gekommen war, und nach Versammlungsschluß begleitete er mich in meine Wohnung, um zu hören, was ich gesagt hatte. Wir blieben dann bei einem Glas Toddy und einer Zigarre sitzen und sprachen über die »Schule« und ihre Aussichten: in dieser Woche sollte ja mit der Erziehung der Vierzehnjährigen begonnen werden. Am nächsten Tage stand in der »Abendpost« Folgendes zu lesen: »Im Arbeiterverein wurde gestern Abend die Diskussion über die Frage der Abschaffung der Prostitution fortgesetzt. Es hatte sich eine Menge Menschen eingefunden, die hauptsächlich aus Arbeitern bestand; doch waren auch viele Leute aus anderen Klassen zugegen. Nachdem die Diskussion des Abends von Schneider Engelstad eröffnet worden war, der sich für die Einsetzung eines Komitees aussprach, wurde das Wort einem jungen Menschen erteilt, der Kandidat Hermann Eek tituliert wurde, jedoch kaum über die ersten Studentenjahre hinausgekommen sein konnte. Dieser junge Mensch schien nicht nur völlig zu vergessen, daß ein sehr ernstes Thema vorlag, sondern zugleich auch aller Rücksichten auf die Versammlung und sich selbst zu spotten. Zn einem durchweg scurilen, unreifen, einsichtslosen, aber sehr zynischen Vortrag richtete besagter junger Mann unter deutlichem Unwillen der Versammlung einige törichte Angriffe gegen die Institution der Ehe, die er abgeschafft und durch die schrankenlose Einführung der freien Liebe ersetzt wissen wollte. Wir vermögen den Vortrag hier nicht wiederzugeben; Herr Eek scheint zu meinen, daß dem Zynismus im Gebrauch des gesprochenen Wortes keine Schranken gesetzt sind; wir können aber unseren Lesern einen Stoff solchen Inhaltes nicht bieten. Es mag genügen, an dieser Stelle andeutungsweise zu erwähnen, daß er es für erstrebenswert hielt, einen Zustand herbeizuführen, der den zügellosesten Verkehr zwischen Mann und Frau zuließe. Er meinte zum Beispiel, daß ein Mann im Verhältnis zu einer Anzahl von zwanzig Frauen müsse stehen können; man würde jetzt, da man durch die Ehe an ein Weib gebunden wäre, um neunzehn Zwanzigstel seines Lebensinhaltes betrogen. – Wir halten das Auftreten dieses jungen Mannes für sehr beklagenswert. Welcher Meinung man auch über die Sache selber sein mag, so war doch augenscheinlich, daß sämtliche anwesenden Arbeiter sie als eine wichtige und ernste Sache betrachteten, die die größte Aufmerksamkeit verdiente und mit Ernst und Ruhe besprochen werden müßte. Es machte deshalb einen peinlichen Eindruck, einen jungen Menschen, der von sich selber erklärte, er gehöre zur »Intelligenz«, sich in einer Art und Weise auftreten zu sehen, die im vollkommensten Gegensatz zu der Ruhe und Würde stand, mit der die Diskussion von den übrigen Teilnehmern geführt wurde ... Nach einigen Bemerkungen des Malers Andresen und des Tischlers Gundersen und Schou widerlegte der Uhrmacher Wigfors Herrn Eck in einer humoristischen Rede. Wigfors bemerkte unter anderem: wenn Eek von zwanzig Frauen gesprochen habe, so wolle er, der Redner, sagen, daß Männer der gewöhnlichen Klasse mehr als genügend damit zufrieden wären, eine einzige Frau zu besitzen. (Stürmisches Gelächter.)« Am Abend saßen Jarmann und ich im Grand Hotel und lasen Zeitungen. Plötzlich fuhr Jarmann auf: »Nein, da soll doch der Teufel ...!« murmelte er zwischen den Zähnen – er war auf das Referat in der »Abendpost« gestoßen. »Lies einmal hier!« sagte er und gab mir das Blatt. Ich las es und starrte dann vor mich hin: mir war ganz angst geworden. Jarmann bemerkte das. »Du glaubst doch nicht etwa, daß das etwas schaden kann?« sagte er unsicher »Erinnere dich doch, wie das letztemal das Vaterland ...« »Ja, das Vaterland ist das Vaterland, und die Abendpost ist die Abendpost – trotzdem jedermann Amandus kennt; das ist das Unglück. – Du großer Gott, wenn er mir mit dem Gewäsch die »Schule« ruinieren sollte! Da könnte man wirklich sagen: Kleine Ursachen, große Wirkungen, nicht wahr?! ... Der kleine Amandus!« Meine Angst nahm aber immer mehr zu. Ich fühlte, daß das ein Unglück war, trank meinen Toddy auf einen Zug aus, stand auf und sagte: Gute Nacht! »Gehst du?« fragte Jarmann. »Ja, das muß ich allein überdenken.« Ich machte einen langen Spaziergang. Als ich wieder zurückkam, war jede Hoffnung in bezug auf die Schule in mir erloschen ... Es war schon bisher schwer genug gewesen, mit den Kleinen spazieren zu gehen, ohne ärgerliches Aufsehen zu erregen; ich kannte ja so gut wie keine Damen und gar keine Familie mit Mädchen im Backfischalter. – Daß es jetzt unmöglich sein würde, war klar. Die Frage war bloß, ob ich vielleicht Gerda behalten konnte. Zum Teufel, das war aber zu früh gekommen; noch vermochte sie so etwas scheu zu machen. Na, auf alle Fälle war vor morgen nichts zu tun. Im übrigen konnte es ja ganz interessant werden, zu beobachten, welche Wirkung das »Abendpost«-Gewäsch auszuüben imstande war ... Am nächsten Morgen war mein erster Gang auf die Redaktion der »Abendpost«. Im ersten Zimmer saßen zwei Kulis, über die großen, neuen, hellgefirnißten Pulte gebeugt. Sie hoben den Kopf als ich eintrat. »Ist Herr Schidsted zu sprechen?« Der eine Kuli zeigte mit einem »Bitte« auf die offene Tür, die in das Hinterzimmer führte. Ich ging hinein. Dort saß Amandus vor dem Pulte am Fenster auf einem hohen Sessel. Er blickte auf und sagte Guten Tag. »Guten Tag. Sie hatten gestern in Ihrem Blatte eine törichte Notiz über einen Vortrag, den ich vorgestern im Arbeiterverein gehalten habe.« Er stutzte etwas: »Den hat ein älterer geachteter Mann hier in der Stadt geschrieben.« »Darf man fragen, wer der ältere geachtete Herr ist?« »Ich glaube nicht, daß er genannt zu werden wünscht.« »Na, es ist ja das Angenehmste, anonym zu bleiben, wenn man seinen Mitmenschen die Ehre abschneidet. Da Sie nun aber das unsinnige Referat von dem anonymen Burschen aufgenommen haben, so bin ich leider genötigt, Sie wenigstens darum zu bitten, das zu bringen, was ich wirklich gesagt habe.« Damit überreichte ich ihm das Manuskript. Er kratzte sich mit bedenklicher Miene hinterm Ohr und fing an, das Manuskript so vertikal von oben nach unten zu lesen, wie nur Zeitungsmenschen lesen können. »Hier steht es ja aber!« sagte er plötzlich triumphierend und wies mit dem Zeigefinger auf die betreffende Stelle im Manuskript, während er mich ansah, als wollte er sagen: da können Sie ja selber sehen, daß das Referat richtig ist. »Was? ... Was steht da?« fragte ich und trat näher heran, um es sehen zu können. »Das von den neunzehn Zwanzigsteln!« »Aber zum Kuckuck,« sagte ich und sah den Burschen an, »Sie werden doch begreifen, daß, wenn ich im Arbeiterverein aufgestanden wäre und gesagt hätte: neunzehn Zwanzigstel – daß das nichts zu bedeuten gehabt hätte. Es kommt ja auf den Zusammenhang an!« Er kratzte sich wieder hinterm Ohr. »Ja,« sagte er, »erlauben Sie, daß ich das Manuskript bis morgen hier behalte, dann werden Sie erfahren, ob wir es bringen können oder nicht.« »Na ja, Sie haben vielleicht nicht selber darüber zu entscheiden.« – Es lag Hohn in dem Tonfall, und das ärgerte ihn–: alle lachen ja über den »Chefredakteur« Amandus, und er weiß das. Er versuchte das gutmütige wohlgenährte Gesicht mit dem Knebelbart – dieses verunglückte Kriegergesicht, das alle aus den Witzblättern kennen – in strenge Falten zu legen: »Wenn ich darüber entscheide, so kann ich doch wohl trotzdem andere zu Rate ziehen,« sagte er abweisend. »Gut. Also morgen. Adieu. »Adieu!« Und damit ging ich ins Storthing an meine Arbeit. Um die Mittagszeit eilte ich, wie gewöhnlich, auf die Karljohannstraße, um dort die Spaziergänger zu beobachten und die Musik anzuhören. Es war herrliches Wetter; Sonnenschein, und es gab nur einige Grad Kälte; die Straße weiß, die Fußsteige schwarz von Menschen. Ich sollte bald merken, daß das Referat der »Abendpost« allgemein bekannt geworden war; ich wurde wie ein Wundertier angestaunt. Ältere Herren blieben stehen und zeigten mich lächelnd ihren ältlichen Begleiterinnen als den Mann, der zwanzig Frauen haben wollte. Junge Damen steckten die Köpfe zusammen und tuschelten, sobald sie meiner ansichtig wurden; wenn ich an ihnen vorüberging, warfen mir die meisten verstohlen einen neugierigen, andere einen zornigen, indignierten Blick zu, und einige, ganz vereinzelte, bedachten mich mit einem einigermaßen wohlwollenden, mitleidigen Lächeln. Eine Dame – ich kannte sie wohl – war frech genug, als ich einmal an der Universität stehen blieb, sich gerade vor mich hinzustellen, mir ins Gesicht zu starren und zu ihrer weniger mutigen Freundin laut zu sagen: »Nein, den muß ich mir doch ansehen!« Junge Herren waren so freundlich, mich auf eine Art anzusehen, die halb Ekel, halb Mitleid ausdrückten : die meisten hielten mich ganz aufrichtig einfach für einen Idioten. – Ein Student, wie ich später erfuhr, der Sohn eines besonders patenten Anwaltes am höchsten Gericht, machte sich, so oft ich ihm begegnete, das Vergnügen, mich mit einem kräftigen: »Ach« zu traktieren –usw. – Mochte es nun sein, wer immer – alle glotzten sie mich an. Das war wirklich an diesem Tage ein " gemütlicher" Spaziergang auf Karljohann. Na, das war ja aber alles eine Kleinigkeit; es genierte mich nicht im geringsten. Ich kümmerte mich den Teufel um sie alle miteinander, ließ sie nach Herzenslust glotzen und ging ruhig in dem herrlichen Sonnenschein bei den paar Graden Kälte die Straße auf und ab, die Hände in der Tasche, meinen großen Stock mit dem silbernen Knopf unterm Arm, meinen kleinen Filzhut schief auf dem Kopfe. Dann schlug es zwei Uhr, und die kleinen Mädchen kamen aus der Schule. Ich ging gerade abwärts quer über die Universitätsstraße, als ich eben in der Straße ganze Gruppen herankommen sah, und ich blieb an der Ecke stehen, um zu sehen, ob auch einige von den meinen darunter wären ... Ganz recht! Sie kamen allesamt in einem Trupp. Sobald sie meiner ansichtig wurden, lachten sie und steckten die Köpfe zusammen. Als sie aber näher kamen, nahmen alle eine steife Haltung an, bemühten sich, wie vornehme Damen dreinzuschauen und gingen, mit ernstem, schulmädchenhaft überlegenem Gesichtsausdruck vor sich hinstarrend, an mir vorüber, als ob sie mich weder sähen noch meinen Gruß bemerkten. Kaum aber waren sie vorüber, da gaben sie auch sofort die stolze Haltung auf, warfen die Damenmanier ab, steckten die Köpfe zusammen, kehrten sich um und lachten. »Neunzehn Zwanzigstel« und »zwanzig Frauen«, riefen sie durcheinander. Ich lächelte und ließ sie gehen – Herrgott, mit ihnen war nichts zu machen – Aber Gerda –. Ich blieb stehen und wartete auf sie. Dort kam sie auf der anderen Seite der Straße. Sie kam langsam und spähte die Straße hinab. Da bemerkte sie mich – und auf einmal machte sie kehrt, sprang den Weg zurück, den sie gekommen war, und verschwand hinter der Universitätsturnhalle um die Ecke ... Ich sah eine Weile auf die Stelle, wo sie verschwunden war, kehrte dann um und ging langsam die Karljohannstraße hinunter. Mich überfiel ein Gefühl unsäglicher Verlassenheit ... Gerade auf mich zu aber kam, von einem lustigen Menschenschwarm umgeben, die Artilleriemusik die schneebedeckte, im Sonnenschein glitzernde Straße herauf, einen lustigen, kecken Marsch spielend. Der Knopf des Dirigentenstocks und die Musikinstrumente alle blinkten im Sonnenschein, und die lustigen, kecken Töne schallten deutlich und distinkt durch die kalte, klare Luft bis zu mir hin. Alles aber, der Sonnenschein auf dem Schnee, das Blinken der Hörner im Sonnenlicht, die lustigen, kecken Töne und der Duft der frohen Stimmung, die den Menschenschwarm beherrschte – alles prallte an mir ab; ich fühlte nichts dabei; es war alles wie eine Botschaft aus einer anderen Welt, in der ich nicht heimisch war und die mich nichts anging. Ich hatte nur das eine Gefühl, daß sie mir verloren war. Und gefühllos und apathisch gegen alles andere schritt ich langsam weiter. Als die Musik und der Menschenschwarm an mir vorüberkam, wurde mir das Gedränge auf dem Fußsteig zu arg. Ich blieb stehen, stellte mich seitwärts zu dem Menschenstrom und ließ ihn vorüber wogen. Und die Gesichter glitten vorüber, bekannte und unbekannte in buntem Wechsel. Die meisten starrten mich an, den »Mann mit den zwanzig Frauen«, man stieß sich an, man zeigte auf mich. Es genierte mich keineswegs ... meinetwegen mochten sie tun, was sie wollten ... ich litt nur darunter, daß sie mir aus dem Herzen gerissen war. Endlich war die Menge vorüber. Weiter unten begegnete ich Jarmann. Wir gingen die Straße wieder hinauf, und ich erzählte ihm alles. Er hörte zu und schritt dann neben mir her, zu Boden blickend, ohne ein Wort zu sprechen. Das steckte an. Ich tat unwillkürlich dasselbe und so gingen wir nebeneinander her, stumm, mit müden apathischen Gesichtern, wie zwei einsame geschlagene Männer – auf und ab, auf und ab – bis die Uhr drei schlug, die Musik vorüber war und die Menschen sich alle zurückgezogen hatten. Dann trennten wir uns, er, um nach Hause zu gehen, ich, um bei Ingebret zu essen. Ich sah ihm nach, wie er wegging. Er schritt schnell aus, aber nicht elastisch wie sonst. Die Schultern, gewöhnlich nervös in die Höhe gezogen, wenn er Eile hatte, hingen schlaff herab. Ja, wir konnten jetzt nur die Ruder einziehen! Als ich durch die Karljohannstraße kam, stand ein kleiner, zerlumpter Junge von neun, zehn Jahren mitten auf dem Fahrweg, die Hände in den Hosentaschen, und sah mich an. Er hatte keinen Überzieher an. Das etwas verhungerte, blasse Gesicht mit der Stülpnase und den lebhaften blauen Augen, die unter der abgetragenen Mütze hervorsahen, hatte etwas Gaminartiges an sich, das mir gefiel, und ich blieb stehen und betrachtete ihn. Als er das merkte, lächelte er schelmisch liebenswürdig und sah mir keck ins Gesicht – als fühlte er seinen Wert als Mensch und wie wenn er ihn seinen ärmlichen Kleidern zum Trotz geltend machen wollte. In dem Ausdruck um den Mund und die blauen Augen lag etwas durchaus Wertvolles, er sah aus, als wäre er bereit, alles zu tun, Böses oder Gutes, je nachdem man sich ihm gegenüber benahm. Ich winkte ihm, und er kam sofort. Dann zog ich ein Kronenstück aus der Tasche des Überziehers: »Willst du das haben?« Er nahm es, untersuchte es genau und sah mich dann verwundert an. Ich lächelte. Da steckte er die Münze vorsichtig, gleichsam versuchsweise, in die Tasche und lachte mich an. Als ich dann immer noch lächelte, fühlte er sich endlich sicher, »Hurrah!« rief er plötzlich, fuchtelte mit der Hand durch die Luft und sprang davon, so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Ich sah ihm nach. – Ich mochte den Kleinen gut leiden ... Ich fühlte mich mit ihm verwandt ... Am nächsten Morgen ging ich wieder zu Amandus. Er saß wieder wie tags zuvor auf dem hohen Sessel vor dem Pulte. Als er mich gewahrte, stand er auf und gab mir das Manuskript, das auf dem Pulte vor ihm gelegen hatte. »Wir können es leider nicht bringen,« sagte er mit abfertigender kalter Höflichkeit. Ich sah ihn an, und ich gestehe, daß mein Blut bei dem Gedanken in Wallung kam, daß dieser Mensch eine solche Macht besaß. »Gut,« sagte ich ruhig: »wollen Sie dann so freundlich sein, Ihrem anonymen Referenten zu sagen, das ich, wenn ich erfahre, wer er ist, ihn mit meinem Stocke mitten ins Gesicht schlagen werde, sobald ich ihm das erstemal auf der Straße begegne.« Amandus lächelte – wie man über eine unschädliche Drohung lächelt. »Und was Sie selber betrifft, Herr Amandus,« fuhr ich fort, »so werde ich Ihnen selbstverständlich nichts tun, da Sie ja, wie bekannt, vollständig unzurechnungsfähig sind.« Er lächelte überlegen: »Danke,« sagte er, »jetzt denke ich, ist es genug. Bitte, dort ist die Tür!« Und er zeigte auf die Tür hinter mir. Ich verbeugte mich lächelnd, –: »Vielen Dank, Herr Amandus!« und ging. Als ich aber durch das äußere Redaktionszimmer kam, in dem die beiden Kulis des Herrn Amandus saßen, da konnte ich mir den Spaß nicht verkneifen, meiner Verachtung dieses zufälligen Werkzeugs eines teuflischen Schicksals Ausdruck zu geben. Ich sagte so laut, daß sowohl Amandus, der in der Türe zu dem hinteren Zimmer stand und mir nachblickte, als auch seine beiden Kulis es hörten: – »Der Lumpenhund!« Damit spazierte ich zur Tür hinaus und begab mich auf die Redaktion des Morgenblattes, zu Friele. Er saß in seinem kleinen, ungemütlich grün gestrichenen viereckigen Zimmer, dessen einziges Fenster auf den Hof hinausging. Die ganze rechte Hälfte des Zimmers nahm ein mit Zeitungen und Papieren bedeckter großer ovaler Tisch ein. An diesem saß, den Rücken mir zugekehrt, Friele und las eine Zeitung. Er sah nicht auf, sagte nicht »Guten Tag«, hieß mich nicht Platz nehmen, und ich blieb eine Zeitlang stehen und wartete – ich hatte mich entschlossen, äußerst höflich zu sein. Endlich hatte er die Güte, aufzublicken und auf ein Stuhl am Fenster zu weisen. Er sagte aber immer noch kein Wort. Da brachte ich denn mein Anliegen vor. Ich unterrichtete ihn davon, daß ich mich vergeblich an die ›Abendpost‹ gewandt habe, die das anonyme Geschreibsel gebracht hatte. Da sah Friele von seiner Zeitung auf, nahm mein Manuskript und sah es in einer halben Minute durch; er konnte wahrhaftig noch schneller vertikal herunterlesen als Amandus. »Aber Verehrtester!« sagte er dann, »das ist ja auch nur Geschreibsel.« Ich verbeugte mich verbindlichst. Dann sah er wieder einen Augenblick ins Manuskript: »Nein, das kann nicht ins Morgenblatt hinein.« sagte er ablehnend und gab mir das Manuskript zurück. Ich nahm es und stand auf:»ich bitte um Entschuldigung ...« Er unterbrach mich aber kurz: »ich will Ihnen einen guten Rat geben, junger Mann!« sagte er. »Sorgen Sie dafür daß das so bald wie möglich vergessen wird, und dann gehen Sie hin und werden Sie ein erwachsener Mensch!« Ich verbeugte mich wieder verbindlichst, er nahm wieder seine Zeitung vor und tat, als ob ich nicht existierte; und ich sagte Adieu, ohne eine Antwort zu erfahren, und ging. – – – Als Jarmann des Nachmittags durch die Kirchstraße bummelte, die Hände in der Tasche, die Schultern hochgezogen, in dem neblig-kalten Wetter leicht frierend, begegnete er Friele, der, wie es seine Art war, zähneknirschend, den Rockkragen in die Höhe geschlagen, daherkam. Schon von weitem fing Jarmann an, ihm haßerfüllte Blicke zuzuwerfen, und als er in seine Nähe kam, sah er, voller Wut grinsend, Friele direkt ins Gesicht und eilte dann weiter. Verblüfft blieb Friele stehen, kehrte sich um und sah Jarmann nach. Auch dieser kehrte sich um und bemerkte das. Und da wurde Jarmann plötzlich weniger behaglich zumute, halb ängstlich machte er schleunigst, daß er um die Ecke kam, und verschwand in dem Menschengewimmel auf der Karljohannstraße. XIV. Von diesem Tage an war ich auf meinen Karljohannpromenaden zur Musikzeit beständig der Gegenstand der ganz besonderen Aufmerksamkeit des Publikums. Ich merkte, daß der Abgrund zwischen mir und diesem Publikum unüberbrückbar war. Das Christianiaer Publikum ist zu klein, als daß es vergessen könnte. Und die kleinen vierzehnjährigen Mädchen besserten sich nicht. Und Gerda war und blieb verschwunden. Ab und zu sah ich sie zwar; sobald sie mich aber gewahrte, ging sie entweder schleunigst auf die andere Seite der Straße, oder sie bog in die erste beste Seitenstraße ein. Und Lily wurde von ihrem Vater verboten, weiter mit mir umzugehen; ich könnte sie ja geistig verderben, sagte er. Ich hatte also nichts weiter zu tun, als meine Referentenarbeit im Storthing. War ich damit fertig, ging ich direkt nach Hause, zog Schlafrock und Pantoffeln an, setzte die Zigarre in Brand, legte mich aufs Sofa und blieb dort den ganzen Nachmittag und Abend liegen, ohne Licht anzuzünden – ich wollte nicht, daß mich jemand besuchte – schlaff und apathisch rauchend und gedankenlos zur Decke starrend, nur müde und aller Welt überdrüssig. So vergingen einige Tage. Ich wurde von der Ruhe ganz krank und dachte zuweilen daran, auszugehen und mich etwas zu zerstreuen; konnte aber nicht einmal dazu die nötige Energie finden. Da kam eines Tages Björnson in die Stadt, und ich beschloß, den letzten Versuch zu machen, um die Situation zu retten; ich wollte ihn besuchen und bitten, in einer Zeitung ein paar Worte über meine Rede zu schreiben. Nur eine kurze Erklärung: ich, Björnstjerne Björnson, sage Euch, das ist keine Schweinerei, sondern einer von den vielen modernen Gedanken, die man diskutieren muß, um darüber ins Reine zu kommen, was das richtige ist. Eines Tages machte ich mich um die Mittagszeit mit Jarmann auf den Weg. Jarmann war unterwegs strahlender Laune: Jetzt müßte alles ins Geleise kommen .... Björnson wäre der Mann, um die Sache in Ordnung zu bringen, das sei ja klar ... er würde es zweifellos können und wollen! ... Welches Glück für ein Land, einen Mann wie Björnson zu haben ... O, er hatte Björnson schon immer geliebt und bewundert, aber nie wie an diesem Tage! ... Und er ging neben mir mit hochgezogenen Schultern, den Kopf schräg vornüber gebeugt, und starrte voll jugendlicher Begeisterung vor sich hin, erfüllt von Liebe und Bewunderung für diesen einzigen Mann, der alles das mitlebte, was wir samt und sonders empfanden. Ich hatte zwar meine Zweifel, wagte sie aber nicht zu äußern – er würde sie wie Sabbatschändung empfunden haben. – Björnson wohnte in der Olafsstraße bei seinem Bruder, dem Bureauchef Björnson. Jarmann wartete auf der Straße, während ich den Besuch machte. Ich kam in eine gewöhnliche Familienwohnstube, Als ich mein Anliegen vorgebracht hatte, nahmen wir auf dem Sofa Platz. Björson in der einen Ecke, wobei sein Arm auf der Sofalehne auflag, ich in der anderen. Und dann fragte er: »Was haben Sie gesagt?« Ich referierte den ersten Teil meines letzten Prostitutionsvortrages, der von der Geistlichkeit handelte. »Aber das ist ja richtig!« sagte Björnson. »Freilich ist das richtig. Aber das war es eigentlich auch nicht, was mich zugrunde gerichtet hat; das kam später.« Und dann referierte ich weiter, das von der Bleichsucht. Aber ich wurde sofort unterbrochen: »Ah, nun weiß ich alles, was Sie gesagt haben,« meinte Björnson. »Ich kenne das alles; denn ich habe alles gelesen, was über diese Dinge geschrieben ist. Aber das mit der Bleichsucht verhält sich nicht so. Als ich in Amerika war ...« »Aber das war noch nicht das Schlimmste, was ich sagte,« schob ich ein, mit irritiertem Ton, um fortfahren zu können. Und das durfte ich denn auch, aber es gefiel ihm augenscheinlich nicht. Dann erzählte ich von meinem Appell an die Familienväter wegen der Bleichsucht. »Nein, aber Gott bewahre mich! So etwas einem norwegischen Publikum zu bieten! So etwas ist mir denn doch noch nicht ... wie alt sind Sie?« »Siebenundzwanzig Jahre. Aber das wäre doch nicht gefährlich gewesen, wenn ich nur nicht fortgefahren wäre.« Er sah mich an. Mein Gesicht zeigte deutlich, daß ich fest entschlossen war, zu Ende zu reden. »Na ja, was sagten Sie also weiter?« sagte er dann. Ich erzählte ihm nun, daß ich erklärt hatte: wenn man ein Supplement zur Ehe haben wollte, so wäre es moralischer, das offen einzugestehen, als, wie vorgeschlagen, öffentlich zu lügen. Björnson schüttelte langsam den Kopf. »Nein, nein,« sagte er. »Das mit der Bleichsucht ist nicht richtig. Als ich in Amerika war, da disputierten wir darüber – meine Teilnahme an der Diskussion beschränkte sich freilich im wesentlichen aufs Zuhören – aber wir kamen zu dem Resultat, daß es mit der Bleichsucht nicht so viel auf sich hat. Und ich habe alles gelesen – was darüber geschrieben ist – es ist nicht so ... Und dann müssen wir die Dinge nicht nach der Richtung ändern, wie Sie wollen; nein, wir müssen diese Brunst los werden.« Ich lächelte. »Die Brunst muß weg!« wiederholte er mit der Kraft der Überzeugung. »Sie ist natürlich,« sagte ich, »und naturalia non sunt turpia ... Außerdem haben wir nicht so viele Genüsse, daß wir leichthin einen wegwerfen könnten. – Was übrigens bei meiner Rede den Ausschlag gab, das war der Schluß.« Und ich referierte meinen Ausspruch von der Unmöglichkeit, in ein völlig intimes Verhältnis zu einem Weibe zu treten, ohne mit ihm geschlechtlichen Verkehr zu haben, und von dem daraus resultierenden Verlust von neunzehn Zwanzigsteln des sozialen Lebensinhaltes. Er sah ein paar Sekunden vor sich hin. Dann sagte er: »Sie sind ein großer Esel gewesen. Daß muß ich Ihnen sagen. Sie müssen die Strafe tragen.« Und er stand auf, trat ans Fenster und blieb dort stehen, die Hände auf dem Rücken. Ich stand auch auf und blieb hinter ihm stehen, seinen breiten soliden Rücken betrachtend. Da kehrte er sich plötzlich um. »Wo haben Sie das gelesen?« fragte er. Ich sah ihn an. Dieselbe Frage hatte am Abend vorher mein dicker Freund Otto Petersen an mich gerichtet; daß aber auch Björnson sie stellen würde ... Aber er wartete wirklich auf Antwort; es war kein Spaß. »Gelesen? ... gelesen? ... Das weiß ich wirklich nicht, ich glaube, das liegt in der Luft. »Nichts liegt in der Luft,« sagte er in abweisendem Ton. »Wo haben Sie das gelesen?« »Wenn ich's durchaus irgendwo gelesen haben soll, so kann es höchstens in Brandes' »Hauptströmungen« gewesen sein; da steht gewiß etwas Ähnliches ... etwas in der Richtung.« »Nein.« »Dann weiß ich in der Tat nicht, wo es gewesen sein soll; ich habe wirklich sehr wenig gelesen, und das wenige, was ich gelesen habe, ist meist abstrakte Philosophie gewesen ... Aber Sie sagten, ich müßte die Strafe auf mich nehmen. Damit bin ich sozial zugrunde gerichtet, und dann kann ich nichts mehr von dem tun, wozu ich Lust habe.« »Wollen Sie das zu Ihrer Lebenssache machen?« »Es wäre Ansinn von mir, das zu meiner »Lebenssache« zu machen, wenn ich in Zukunft vom sozialen Leben ausgeschlossen sein soll. Mein Mangel an Umgang mit Menschen ist schuld daran, daß ich so ungeschickt habe auftreten können. Soll ich nun diese eine Dummheit mit Einsamkeit büßen, dann ist es mit mir vorbei – und ein paar Worte von Ihnen würden mich wahrscheinlich retten können.« »Ich kann das den Leuten nicht auseinandersetzen!« – er setzte sich, wie müde, in den Lehnstuhl, den Rücken gegen das Fenster, das Gesicht mir zugekehrt. »Ich glaube auch nicht, daß das nötig ist; eine einfache Erklärung von Ihnen wird genügen.« »Ich kann keine solche Erklärung geben.« Ich sah ihn an. »Wir ist es lediglich darum zu tun, von dieser Beschuldigung der Schweinerei, der Bestialität gereinigt zu werden. Das macht mich ja sozial unmöglich. Und Sie müssen doch einräumen, daß in dem, was ich gesagt habe, nichts Schweinisches liegt.« Er lehnte sich langsam in dem Stuhle zurück, starrte eine Zeitlang tiefsinnig ins Blaue und sagte dann mit echt Björnsonscher Aussprache –: »Doch! – Doch! – Es iist schweinisch. Es iist schweinisch, daß man nur durch den Penis in ein völlig intimes Verhältnis zu einer Frau treten kann.« Ich sah ihn eine Weile an, legte dann beide Handflächen auf meinen Kopf und fuhr mit ihnen abwechselnd über das Haar nach der Stirn zu – was in aller Welt sollte ich auch antworten? Er betrachtete mich genau, er glaubte (was er auch an demselben Tage einem Freunde gegenüber aussprach), ich wäre verrückt. Endlich sagte ich: »Aber Sie müssen doch einsehen können: wenn ich glaube, es verhält sich so, so kann doch das, daß es sich so verhält, so schweinisch sein wie nur möglich – die Schweinerei fällt doch dann auf alle Fälle nicht auf mich zurück.« Er überlegte eine Weile. Dann sagte er: »Nein, nein. So wie Sie es jetzt sagen, verstehe ich es wohl. Aber es iist nicht so, es iist verkehrt. Als ich in Amerika war, unterhielt ich mich mit einer Dame, und sie zeichnete mir auf ein Stück Papier den Vaginalgang mit der Klitoris und den Eierstöcken hin, und was sonst noch da ist, und erklärte mir, was drinnen während des Aktus vor sich geht ...« »Aber sagen Sie mir – was war sie denn? – Studierte sie Medizin?« »Ja, sie war Professor der Anatomie.« Ich lachte. »Ja, aber erstens gibt es doch sehr wenige Frauenzimmer, die Professoren der Anatomie sind. Und dann – wenn sie Ihnen auch das alles aufzeichnete, so ist doch damit noch lange nicht gesagt, daß sie vor Ihnen ihr ganzes Innere hätte öffnen wollen, solange Sie nicht in einem Liebesverhältnis zu ihr standen. Und sicher ist jedenfalls, daß man die meisten, die allermeisten Frauen, ohne das nicht dazu bringt, sich einem ganz anzuvertrauen, sich einem ganz zu eröffnen. Das ist nun wenigstens meine Erfahrung – wenn sie auch nicht gerade groß ist.« »Nein, Erfahrung fehlt uns allen.« In demselben Augenblicke ging die Tür zum Nebenzimmer auf, und Frau Björnson steckte den Kopf herein. »Du! Henrik will dir einige Bilder zeigen!« sagte sie. Ich ahnte, daß das ein verabredetes Zeichen dafür war, daß die Audienz zu Ende sein sollte, und da ich ihn mit seiner Frau einen schnellen Blick wechseln sah, warf ich ihm einen einigermaßen höhnischen Blick zu und stand auf. »Sie wollen mir also nicht durch ein paar Worte helfen?« fragte ich. »Nein, ich kann nicht.« »Dann bitte ich, die Bemühung entschuldigen zu wollen.« »Das muß ich wohl,« sagte er und stand auf. »Adieu!« – – – Die nächsten Tage predigte Björnson dem Teil der guten Gesellschaft, der zur liberalen Partei hält: »Wir müssen die vorgeschobene Minorität beschützen,« »wir müssen die Vorposten beschützen«, »es ist ein Verbrechen, daß man die Leute nicht ihre Meinung aussprechen läßt« usw. Einige Tage früher hatte er in »Verdensgang« einen Artikel veröffentlicht, der den Titel trug: »Verschiedene Gewissen« Während der Unterredung wartete Jarmann draußen auf der Straße. Er ging vor dem Hause auf und ab, auf und ab und wieder auf und ab. Er ging schneller und schneller. Nicht vor Ungeduld, sondern vor Begeisterung. Es kam ihm so vor, als ob es lange dauerte; je länger es aber dauerte, umso begeisterter wurde er ... umso intimer gestaltete sich ja offenbar die Unterhaltung. – Wie freute er sich darauf, den Verlauf der Unterredung zu erfahren ... Ja, Björnson war der Mann; er würde alles ganz begreifen ... und er hatte Begeisterung – und Macht ... Macht! ... Er würde mehr tun, als worum Hermann Eck bat ... denn er würde begeisterter davon werden, als wir anderen alle ... Er war zwar nur auf der Durchreise in der Stadt.– Wer konnte aber wissen, ob er nun nicht Lust bekäme, sich hier niederzulassen und die jungen Leute kennen zu lernen ... und mit ihnen zu leben? Dann sollte Leben in die Bude kommen ... Alles in allem genommen, war Björnson ihm mehr als selbst Sverdrup ... Sverdrup war freilich größer; seine Stellung schloß ihn aber von einem Zusammenleben mit der jungen Generation aus ... Sverdrup führte die Armee ... der selbstverständliche Vorpostenführer war aber Björnson ... und wir waren die Vorposten ... daher kam es, daß wir ihn mehr liebten ... Ja, er war davon überzeugt, daß Björnson sich in Christiania niederlassen würde ... jetzt würde er ja sehen, daß sein Platz hier wäre ... Und wieder nähert sich Jarmann dem Hause, die Schultern in die Höhe gezogen, die steifen Arme mit geballten Fäusten etwas von sich weghaltend, den Kopf schräg vorgebeugt, begeistert vor sich hinstarrend. Da komme ich plötzlich aus der Haustüre heraus. Er ist fünf, sechs Schritt von mir entfernt. Wie er mein Gesicht gewahrt, bleibt er auf einmal leichenblaß stehen, drückt die linke Hand krampfhaft in die Seite und sieht mich an. »Der verdammte Kerl!« sage ich. Jarmann steht wie versteinert da, und ich muß ihn am Arm fassen und ihn mit fortziehen. Und dann erzähle ich ihm die Geschichte. – Jarmann ging eine Zeitlang neben mir her und sah zu Boden, ohne ein Wort zu sprechen. Und von all den feinen Fäden, die sein Herz mit diesem Manne verbunden hatten, wurde einer nach dem anderen zerrissen. Wie weh das tat! Ich konnte es ihm von dem Gesicht ablesen, wie er zusammengesunken, schlaff weiter schritt: die Lippen und Nasenflügel bebten, und die Augen wurden feucht. Dann war es aber vorbei, und in seinem Herzen war ein Platz frei geworden. Und hinein schlich sich Haß und Verachtung, und die beiden zusammen füllten nach und nach den Raum aus; das bleiche Gesicht färbte sich purpurrot. »Der Esel!« stieß er endlich hervor. Und in der Stimme lag Haß und Verachtung. Ich lächelte. »Der Mann ist alt,« sagte ich ruhig. »Das ist alles.« »Zum Teufel,« rief er wieder, »das war ja aber gerade das herrlich Große an ihm, daß er jünger war, als wir alle zusammen!« »Ja, das ist er also nicht.« Jarmann antwortete nicht, starrte nur in dumpfem Brüten vor sich hin. Keiner von uns sprach ein Wort, bis wir zum Grand Hotel kamen. Einmal unterbrach nur Jarmann das Schweigen, indem er mit der geballten Faust ins Leere drohte und rief: »O, dieser Mensch!« Wenige Tage später kam Jarmann eines Abends – ich lag nicht mehr abends im Dunkeln da – wie gewöhnlich zu mir. Er sagte Guten Abend, legte ab, setzte sich in den Schaukelstuhl und zündete eine Zigarre an, wie in alten Tagen. Ich lag im Schlafrock und Pantoffeln auf dem Sofa und rauchte ebenfalls. Eine Zeitlang wurde kein Wort gewechselt. Dann sagte er: »Hast du etwas ausfindig gemacht?« »Nein.« Es entstand eine lange Pause von einer ganzen Viertelstunde, während der wir beide ins Leere starrten und dem Rauche unserer Zigarren nachblickten. »Glaubst du nicht, daß es möglich ist, etwas ausfindig zu machen?« »Nein.« Wieder eine lange Pause von wohl einer Viertelstunde; wieder wurde ins Leere gestarrt und dem Rauche nachgeblickt. Dann war seine Zigarre zu Ende geraucht, und er zündete eine neue an. »Komm,« sagte er, »gehen wir aus und suchen wir uns ein paar Weiber.« »Hab' keine Lust.« sagte ich matt. Wieder eine Pause, abermals dasselbe Starren. Dann sagte er: »Wir gehen aus und trinken ein Glas Toddy. Wie?« »Ich habe zu nichts Lust,« antwortete ich und hüllte mich, zusammenschauernd, dichter in den Schlafrock. Er blieb eine Weile still sitzen und betrachtete mich tieftraurig, als empfinde er, daß jetzt alles vorbei war, daß uns jetzt kein Band mehr zusammenhielt. Dann stand er auf und zog sich an. »Gute Nacht!« sagte er. »Gute Nacht!« Er ging zu Gravesen, setzte sich an einen der kleinen Fenstertische und verlangte einen Toddy mit Whisky und eine Zigarre. Der Kellner brachte das Verlangte. Und Jarmann blieb dort sitzen, nippte am Glase, blies den Rauch in die Luft, sah nichts, dachte nichts – bis das Glas geleert war. Dann bezahlte er und ging auf die Straße hinaus. Das Wetter war erträglich, es war mäßig kalt und der Toddy hatte innerlich gewärmt. Jarmann blieb unter der Gaslaterne an der Ecke stehen und musterte die vorüberkommenden Karljohannsdamen ... »Na, nun stecken wir also wieder in dem alten Sumpfe,« murmelte er halblaut vor sich hin. Nach einiger Zeit kam ein Weib, das gefiel ihm. Er sprach es an und ging mit ihr nach Hause. Von dem Tage an geschah an jedem Abend, so oft ich auf meiner Bude war, Folgendes: Um zehn, elf, zwölf, je nachdem es sich traf, wurde ich aus meinem dumpfen Brüten dadurch aufgeweckt, daß ein Schneeball gegen das Fenster prallte. Ich wußte, daß das Jarmann war, stand vom Sofa auf, öffnete das Fenster und lehnte mich mit gekreuzten Armen hinaus. Unten stand er. »Guten Abend!« sagte er. »Guten Abend!« »Hast du etwas erlebt?« »Nein. Und du?« »Nein!« Dann blieb er eine Weile stehen und sah zu mir hinauf, ohne ein Wort zu sprechen. Und ich blieb oben, mich aus dem offenen Fenster lehnend, liegen, sah zu ihm ins Dunkel hinab und sprach auch kein Wort. »Gute Nacht!« sagte er dann nach einer Weile. »Gute Nacht!« Dann ging er langsam mit schlaffen Schritten weiter. Und ich blieb oben im Fenster liegen und sah seiner traurigen Gestalt nach, bis er um die nächste Straßenecke verschwand. Und dann zog ich den Kopf zurück, schloß das Fenster, hüllte mich gut in meinen Schlafrock ein, legte mich wieder aufs Sofa, starrte ins Leere und sah dem Rauch meiner Zigarre nach. XV. Das waren traurige Tage. Einen um den anderem verbrachte ich damit, daß ich auf dem Sofa lag und gedanken- und gefühllos dem langweiligen Zigarrenrauch nachblickte, schlaffer Apathie verfallen, mit dem Gefühl eines schwer lastenden Druckes auf dem Gehirn. Da ertappe ich mich eines Tages dabei, wie ich, auf dem Sofa liegend, in Gedanken dem feinen moralischen Publikum, das mich in die Lage gebracht hatte, eine Rede halte ... Zum Teufel auch, das wäre doch ein Spaß, die Rede wirklich zu halten! ... Wie sollte das aber gemacht werden? Im Arbeiterverein? Nein, pfui Teufel, davon hatte ich genug bekommen ... Im Studentenverein? – Ja, vielleicht konnte ich dort meinen Ruf retten und ihn dann auch beim großen Publikum wieder herstellen ... und vielleicht konnte dann noch alles gut werden ... Ich mußte aber einen Anlaß haben, denn sonst sah es so merkwürdig aus ... Ich dachte eine Weile über die Geschichte nach. ... Ja, richtig, Professor Lochmanns Thesen, die er bei der Diskussion über Irgens Hansens Vortrag »Die jüngste akademische Generation« aufgestellt hatte – das war ja eine brillante Grundlage. Die erste Hälfte dieser mehr als dreißig Thesen, die von der Unzuverlässigkeit der Wissenschaft handelte, war von Andreas Hansen bekämpft worden, der noch auf Lochmanns Entgegnung wartete; über die zweite Hälfte, die von Determinismus und freiem Willen handelte, war noch nichts Wesentliches gesagt worden – das konnte ich benützen ... Ich arbeitete einen Vortrag aus und meldete ihn beim Vorstand an, der ihn für Sonnabend ankündigen ließ. Ich kam etwas nach neun Uhr in das Vereinslokal. In dem kleinen Gang, der von der Garderobe nach dem kleinen Saal führt, blieb ich einen Augenblick stehen und sah in den Festsaal hinein. Er war gestopft voll. Bei diesem Anblick bekam ich Lampenfieber. Verflucht, darüber, hatte ich geglaubt, wäre ich hinaus. Ich horchte einen Augenblick. Es wurde die Bierzeitung vorgelesen. Dann hatte ich noch reichlich Zeit. – Aber das verflixte Fieber; mir zitterten die Knie ... Ich ging in den kleinen Saal, in dem sich außer den Kellnern niemand befand, setzte mich auf die Polsterbank dem Podium gegenüber, stärkte mich mit einem Glas Bier und zündete eine Zigarre an .... Aus dem Festsaal klang eine Lachsalve herüber ... sie amüsierten sich also. Ich versuchte zuzuhören, konnte aber den Zusammenhang nicht verstehen ... Ich war auch zu aufgeregt! .... Wenn es doch erst vorüber wäre; diese Wartezeit war ja unerträglich ... Ich verlangte eine Flasche Selters, die ich öffnen wollte, wenn die Bierzeitung vorgelesen war. Die wollte aber kein Ende nehmen. Eine Lachsalve folgte auf die andere; es wurde aber immer weitergelesen ... Endlich! – Ich öffnete die Flasche, goß das Wasser ins Glas und ging in den Saal. Zwischen der Tür und dem Podium, als ich mich eben, das Glas in der einen, die Zigarre in der anderen Hand, durch die Menge hindurchdrängte, begegnete ich dem Vorsitzenden, der ein Gesicht zog, als wäre irgend etwas nicht in Ordnung. »Na, da sind Sie ja!« sagte er wie ein Schulmeister, der einen davongelaufenen Schüler wiedergefunden hat, ging eilig zurück und stieg wieder auf das Katheder. Und kaum war ich am Fußende des Katheders angelangt, als er auch schon mit einer Handbewegung nach der Richtung, in der ich stand, sagte: »Bitte! Herr Eek hat das Wort.« »Da meine Stimme nicht stark ist,« sagte ich, »möchte ich gerne vom Katheder aus sprechen. Von dort aus wird man am besten verstanden.« Dem Vorsitzenden war anzusehen, daß ihm das nicht gefiel. Er wies auf den tieferliegenden Seitenabsatz des Katheders hin: »Sie können ja dort stehen.« Ich merkte den Widerwillen des Mannes und wurde ärgerlich. Und das war ganz gut; denn damit war das Fieber verschwunden. Ich stieg die eine Stufe hinauf und probierte, ob ich auf dem kleinen Seitenabsatz Raum für meine Ellenbogen hatte; er war aber zu schmal. – »Nein, hier kann ich nicht stehen,« sagte ich dann, stieg, ohne weiter zu fragen, hinauf und drängte den Vorsitzenden zur Seite, ihn keines Blickes würdigend. Er blieb neben mir stehen, ohne ein Wort zu sagen; mit gerade wohlwollenden Blicken sah er mich aber, wie ich später hörte, nicht an. Im Saale ging es noch ziemlich lärmend zu, und ich blickte deshalb eine Zeitlang ganz ruhig über die Versammlung hin. »Wollen Sie nicht anfangen?« fragte der Vorsitzende in schulmeisterlichem Tone. »Erst muß es still geworden sein.« Der Vorsitzende forderte daraufhin die Anwesenden auf, sich ruhig zu verhalten, und als es dann endlich einigermaßen still geworden war, fing ich an. Ich sagte: »Meine Herren! Herr Professor Lochmann hat uns noch nicht das Vergnügen bereitet, seine Einwendungen gegen den Vortrag vorzubringen, den Andreas Hansen hier im Studentenverein gegen ihn und seine Thesen gehalten hat; ich will nun ein Supplement zu diesem Vortrage Hansens liefern und ich hoffe, daß Herr Lochmann mir das Vergnügen bereiten wird, auf das, was ich jetzt sage, zu antworten, und daß er gleichzeitig auf das antworten wird, was Herr Hansen vorgetragen hat. Herr Professor Lochmann hat in einer Reihe von Jahren durch sein Auftreten im Studentenverein die moderne Wissenschaft in den Augen der jungen Studierenden zu verdächtigen versucht – wenigstens hat er ihr gegenüber Vorsicht angeraten – und wie man aus seinen Thesen ersieht, war sein wesentlicher Grund der, daß die moderne Wissenschaft den freien Willen verdächtigt – und an dem freien Willen will Herr Lochmann festhalten. Dieses Grundmotiv für das Auftreten des Herrn Lochmann will ich hier im Speziellen behandeln; es ist nämlich von Hansen nur beiläufig berührt worden. Abgesehen davon, wie es eigentlich mit dieser Frage: freier Wille oder nicht freier Wille? steht, gibt es schon von vornherein gewichtige Gründe, die dafür sprechen, nicht an dem freien Willen festzuhalten; es verhält sich ja nämlich so, daß, wenn der Mensch freien Willen hat, das heißt, wenn ein Mensch, der so und so ist, bei diesen und jenen inneren und äußeren Verhältnissen handeln kann – nicht nur so, wie er wirklich handelt, sondern ebensogut in gerade entgegengesetzter Weise, daß ja dann alle Gesetzmäßigkeit auf psychologischem Gebiete aufgehoben ist. Und dann ist ja ein psychologisches Kunstwerk wie eine psychologische Wissenschaft ganz unmöglich. Denn ein psychologisches Kunstwerk stellt ja nichts anderes dar, als ein Mensch, der so und so ist, unter den und den inneren und äußeren Verhältnissen so und so handeln muß und nicht anders handeln kann; es ist mit anderen Worten eine Darstellung der psychologischen Gesetze in concreto . Und eine psychologische Wissenschaft ist ja nichts anderes als eine Darstellung dieser selben psychologischen Gesetze in abstracto . Gibt es nun also solche psychologischen Gesetze nicht, so kann es ja auch keine Darstellung von ihnen geben, und dann gibt es also weder ein psychologisches Kunstwerk, noch eine psychologische Wissenschaft; beides ist dann gleich unmöglich. Im Interesse der Kunst und der Wissenschaft liegt also schon von vornherein aller Anlaß vor, nicht an dem freien Willen festzuhalten. Und weshalb soll man nun überhaupt an ihm festhalten? Ja, meine Herren, aus Rücksicht auf die Moral müssen wir an dem freien Willen festhalten. Gibt es nämlich keinen freien Willen, dann gibt es auch keine Zurechnungsfähigkeit, und gibt es keine Zurechnungsfähigkeit, so fällt ja damit auch die Moral weg; denn es geht ja nicht an, die Moral gegenüber unzurechnungsfähigen Wesen geltend zu machen. Also: aus Rücksicht auf die Moral müssen wir an dem freien Willen festhalten. Weshalb aber halten wir an der Moral fest? – Aus Rücksicht auf die Kunst und Wissenschaft? Nein, diese fordern lediglich Gesetzmäßigkeit und nicht Moral. Oder etwa aus Rücksicht auf die Gesellschaft? Nein, die Gesellschaft braucht nur ihre Gesetze und die Institutionen, durch die sie diese Gesetze durchführt. Mehr braucht die Gesellschaft nicht, um zu bestehen, und wenn wir also die Moral wegnehmen, so stürzen wir damit die Gesellschaft noch lange nicht über den Haufen. Die Bestrebungen, die Moral auszurotten, sind nicht gesellschaftumstürzend. Nachdem ich gründlich meine Ansicht über die Unmöglichkeit eines freien Willens und über die Gegensätze zwischen ihm und Religion, ökonomische und politische Freiheit, und Gesellschaft und Individuum geäußert, fuhr ich fort: Gott oder Welt? Es sind zwei verschiedene Willen, von zwei himmelweit verschiedenen Sympathien getragen, die sich hier gegenüberstehen. Und es kann gar nicht davon die Rede sein, darüber zu diskutieren, welcher von diesen beiden Willen der richtigste ist. Wessen Sympathien nun einmal in der Richtung auf die ewige Seligkeit im Himmel gehen, der will die ewige Seligkeit gewinnen, und wessen Sympathien nun einmal in der Richtung auf die Freiheit gehen, der will die Verwirklichung der Freiheit hier auf Erden. Und des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Die einzige Diskussion, von der hier die Rede sein kann, ist eine Diskussion innerhalb der einzelnen Parteien, eine Diskussion, durch die die Anhänger der Partei zur Klarheit darüber kommen, was die Partei eigentlich will und welche Mittel sie anwenden muß, um diesen ihren Willen durchzusetzen. Im übrigen aber keine Diskussion – nein, Kampf auf Leben und Tod darum, wer die Sympathien der aufwachsenden Generation an sich reißen und damit ihren Willen zu seinem Willen machen kann. Meine Herren! Es ist klar, daß die, die die ewige Seligkeit im Himmel wollen und die deshalb Christum und Moral aufrecht zu erhalten wünschen, daß die auch an dem freien Willen festhalten müssen, weil die Moral und infolgedessen das Christentum den freien Willen zu ihrer Voraussetzung haben, und es ist auch klar, daß die Menschen, die sich zwar nicht viel um die ewige Seligkeit kümmern, die sich aber einbilden, daß sie sich am besten stehen werden, wenn die gegenwärtigen Gesellschaftszustände beibehalten werden, und die erkennen, daß Christentum und Moral das beste Mittel sind, um diese bestehenden Gesellschaftszustände zu erhalten – es ist klar, sage ich, daß auch diese Menschen sich denen anschließen, die die ewige Seligkeit wollen, und mit ihnen an dem freien Willen festhalten müssen. Ebenso klar ist es ja aber, daß wir anderen, die wir uns nach einer freien Gesellschaft freier Menschen hier auf Erden sehnen, daß wir an dem freien Willen nicht festhalten können, wenn auch Christentum und Moral voraussetzt, daß der Mensch, freien Willen hat. Im Gegenteil: gerade weil Christentum und Moral den freien Willen zur Voraussetzung haben, gerade deshalb müssen wir schon von vornherein im Namen der Freiheit den freien Willen leugnen. Und kommt dann dazu, daß Kunst und Wissenschaft das Gegenteil von freien Willen voraussetzen, so meine ich, können wir getrost dem freien Willen den Abschied geben und ihn für sich selber sorgen lassen.« »Frech!« zischte Monrad zu Lochmann hinüber, als ich schloß. Es war, während ich sprach, ganz still geworden. Dem Vorsitzenden war es neben mir bald unbequem geworden; er war zurückgetreten und hatte die ganze Zeit mit gekreuzten Armen, an die weiße Wand gelehnt, dagestanden. Von dort aus hatte er während des ganzes Vortrages mit seinem blassen scharfen Gesicht und den tiefliegenden, aus der Entfernung tiefsinnig aussehenden Augen feierlich über die Versammlung geblickt – zuweilen auch einen strafenden Seitenblick auf mich Armen geworfen. Als ich vom Katheder herunterstieg, war es im Saale mäuschenstill. Und selbst nachdem ich auf der Bank gleich unter dem Katheder Platz genommen hatte, neben Professor Monrad, der mit seinen ausdruckslosen Fischaugen ins Leere starrte, herrschte noch einige Sekunden lang eine dumpfe Stille, daß man eine Stecknadel hätte zu Boden fallen hören können. Nun war aber der Vorsitzende wieder aufs Katheder gestiegen und hatte ernst über die lautlose Versammlung hingeblickt. Endlich öffnete er seinen Mund und sagte: »Der Vorstand hat Herrn Eek erlaubt, diesen Vortrag zu halten – er kannte ja den Inhalt nicht; ich glaube aber nicht, daß der Verein an dieser Stelle solch unreifes Auftreten wünscht ...« Ein stürmischer Beifall brach los, und ich dankte meinem Schöpfer, daß ich doch der erste Redner war, der von seiten dieses Mobs keinen Beifall geerntet hatte. Da stand aber Irgens Hansen mit zornrotem Gesicht auf und rief: »Es ist ungehörig, was der Herr Vorsitzende sich erlaubt hat: anstatt gegen einen Vortrag, dem er nicht zustimmt, Gründe vorzubringen, hat er ihn mit einem tadelnden Prädikat abfertigen wollen. Und doppelt ungehörig ist es, wenn so etwas nicht von einem gewöhnlichen Vereinsmitglied, sondern vom Vorsitzenden selber geschieht. Abermals stürmischer Applaus. Dann fuhr Irgens Hansen fort: »Wenn der Herr Vorsitzende sich übrigens mit Herrn Eek in eine Diskussion einlassen wollte, so fürchte ich, würde es der Herr Vorsitzende sein, der den Kürzeren zöge!« Lebhaftes Zischen. Als es wieder still geworden war, bestieg der alte Lochmann das Katheder. Den Kopf schief geneigt, starrte er auf seine gekreuzten Arme hinab und sagte mit seiner schwachen, dünnen Stimme: »Ich glaube, wir müssen Herrn Eek sehr dankbar sein für die überaus schöne Art, wie er uns das Wesen des Christentums geschildert hat. Ich muß wirklich gestehen, ich wurde dabei ganz andächtig gestimmt. Im übrigen will ich sagen, daß ich im wesentlichen mit Herrn Eek völlig übereinstimme; auf der anderen Seite stimme ich aber natürlich mit ihm im wesentlichen durchaus nicht überein. Er hat ganz richtig präzisiert, worum sich der Kampf eigentlich dreht; aber ich kann natürlich die Partei nicht ergreifen, die er ergriffen hat. Es wird mir ein Vergnügen sein, den Vortrag des Herrn Eck zugleich mit dem des Herrn Hansen zu widerlegen; heute abend bin ich aber nicht darauf vorbereitet.« Darauf stieg er wieder vom Katheder herunter und setzte sich neben seinen Genossen Monrad, der immer noch mit seinen häßlichen Fischaugen über die Versammlung hinglotzte. Dann äußerte Herr Mourly Vold – der Philosoph, der sich einige Jahre später um die Professur für Philosophie bewarb – der Vortrag habe einen Widerspruch enthalten: anfangs sei ja der freie Wille geleugnet – und später immer von Freiheit geredet worden. Ich klärte den philosophischen Herrn darüber auf, daß es sich bei der Freiheit um die Fähigkeit handelt, den Willen durchzuführen, den man hat, während die Annahme des »freien Willens« darauf hinausläuft, daß man unter denselben Verhältnissen einen anderen Willen soll haben können als den, den man wirklich hat. Nachdem diesem törichten Einwand auf diese Weise begegnet worden war, verlangte niemand mehr das Wort. Als dann das langweilige, traditionelle Punschgelage begann, gingen wir anderen in das Restaurant, wo wir bis vier Uhr sitzen blieben, schwatzten und tranken. Am nächsten Tage suchte ich um die Mittagszeit Jarmann auf; er hatte nicht in den Studentenverein kommen können, da er wegen rückständiger Beiträge ausgeschlossen worden war. Er lag, eine Pfeife rauchend, auf dem Sofa – in Wergelands Gedichten vertieft. Ich las ihm den Vortrag vor. Als ich fertig war, sagte er: »Das war keck. Da haben sie endlich einmal das ganze Programm zu hören bekommen.« Nach einiger Zeit setzte er aber traurig hinzu: »Ich glaube aber nicht, daß das etwas helfen wird.« »Das glaube ich auch nicht.« Wir blieben noch eine Weile sitzen und sahen uns mit traurigen Mienen an. Dann steckte ich das Manuskript in die Tasche und ging. Das Ganze hatte auch wirklich nur den Erfolg, daß einige Konservative, die den Vortrag gehört hatten, äußerten, »Ja, da könnten sie begreifen, daß man Liberaler sein könne.« Das Ganze war also völlig vergebens; ich war und blieb sozial unmöglich. XVI. Einige Tage später, gegen 3 Uhr nachmittags, wanderte ich müde und einsam die Karljohannstraße hinauf, die Hände in den Taschen und den Rockkragen in die Höhe geschlagen. Es fiel dichter Schnee, es war aber ganz windstill und keineswegs kalt. Die großen weichen Schneeflocken sanken langsam und lautlos in dichter Fülle vor mir nieder, hüllten alles in einen feuchten, weißen Schleier und bedeckten meine Brust und meine Schultern mit einer dicken Schneehülle. Auf der Straße lag der frisch gefallene Schnee mehrere Zoll hoch; ich ging wie auf einem weichen Teppich. Die Straße war fast menschenleer; es war heute keine Musik. Wie ich an der Universitätsuhr vorüberschlendere und aus alter Gewohnheit zu ihr hinaufblicke, ohne zu beachten, welche Zeit es ist, höre ich unmittelbar hinter mir auf dem weichen, frisch gefallenen Schnee Schritte und kehre mich unwillkürlich um. Es war Gerda! – in Gesellschaft einer Freundin. Sie lächelte. Ich fürchtete aber, sie zu genieren, und drehte mich wieder um. Da gingen sie an mir vorbei, und hierbei wandte sich Gerda mir zu und sah mir kindlich-kokett lächelnd ins Gesicht – ganz wie in alten Tagen. »Guten Tag,« sagte sie unbefangen und nickte mir zu. »Guten Tag,« grüßte ich mit einem traurigen Blicke auf sie. Dann gingen sie weiter ... sie und die andere ... Ich dachte daran, umzukehren. Das war ja nur peinlich ... Da wandte sie sich aber um und lachte mich wieder mit den herrlichen Augen und dem roten Munde an. Und dann brach sie wieder in all ihrer Kraft hervor, all meine unterdrückte Sehnsucht nach diesem sechzehnjährigen Weibe ... alle Erinnerungen wurden aufgefrischt ... Mein Herz klopfte: War das nur eine augenblickliche Laune? ... Oder konnte ich sie noch zurückgewinnen? .... Ich entschloß mich, ihnen zu folgen. Sie schritten wieder wie gewöhnlich auf die Drammensstraße zu. Der Schnee fiel immer noch dicht; ich sah sie durch die großen weichen Schneeflocken hindurch wie durch einen weichen weißen Schleier; wir begegneten keinem Menschen. Zuweilen kehrte sie sich lachend um, wandte sich dann zu ihrer Freundin und sagte etwas. Plötzlich nahm sie ein Schreibheft aus der Tasche, warf es in die Höhe und fing es wieder auf. Das machte ihr Spaß, und sie fuhr damit fort. Einmal griff sie aber daneben, das Buch fiel in den Schnee, und als sie sich niederbeugte, um es aufzuheben und den Schnee abwischte, lachte sie laut auf und sah zu mir zurück. Als sie schließlich wieder einmal daneben griff und das Buch zum zweiten Male in den Schnee fiel, hatte sie keine Lust mehr, es wieder aufzuheben; sie ließ es liegen und ging weiter, kehrte sich aber beständig um, um zu sehen, ob ich es aufhob. Das tat ich natürlich, und als ich dann das Buch öffnete und darin zu lesen anfing, faßte sie die Freundin beim Arme, drückte sich dichter an sie heran und lachte, und dann sahen sie beide in einemfort zurück, während ich in dem Buche weiterlas. Es waren ganz fürchterlich schlechte norwegische Aufsätze über schrecklich schlecht gewählte Themata. Diese Aufsätze waren freilich nicht in meiner Schule gestellt und geschrieben. Vor der Bank an der Ecke der Observatoriumsstraße blieben sie stehen, wischten mit den Händen den Schnee von dem Sitzbrett und setzten sich dann nieder und warteten. Als ich herankam, stand Gerda auf und stellte sich mir in den Weg. »Ich will mein Buch wieder haben,« sagte sie in befehlendem Tone. »Nein, das will ich zur Erinnerung an Sie behalten.« Und ich versuchte in die Observatoriumsstraße einzubiegen, in der Hoffnung, daß sie mir allein folgen würde. Sie faßte mich aber beim Arme und hielt mich fest. »Nein, geben Sie es mir wieder her,« rief sie und versuchte es mir wegzunehmen. Ich lachte und hob lachend das Buch mit der rechten Hand so hoch, wie ich konnte. Sie hing sich an meinen Arm und zog die Hand wieder herunter; wie sie aber das Buch nehmen wollte, nahm ich es rasch in die linke Hand und streckte nun diese in die Höhe. Da stürzte sie denn auf die andere Seite und hängte sich an den linken Arm. »Geben Sie mir das Buch, geben Sie mir das Buch, wollen Sie mir es wohl gleich geben!« rief sie und holte die Hand von neuem herunter. Aber nein, das Buch kam wieder in die andere Hand und mit ihr wieder in die Höhe. So ging es mehrere Male, und sie rief immer eifriger: »Geben Sie mir das Buch, geben Sie mir das Buch, wollen Sie mir nun das Buch geben!« während sie an meinem Arme hing. Schließlich wurde sie aber müde und setzte sich schmollend auf die Bank zurück. Ich blieb stehen und sah sie an. »Darf ich es behalten?« fragte ich lachend. Da nahm sie eine strenge Miene an und sagte: »Wollen Sie nun gefälligst hierherkommen und mir mein Buch geben?« Ich machte ein ernstes Gesicht, ging auf sie zu, beugte das Knie und überreichte es ihr untertänigst. Sie nahm es erst feierlich entgegen, sah dann die Freundin an, kicherte wie gekitzelt und blieb ebenso sitzen, verstohlen zu mir aufblickend. Als sie aufstanden, um weiterzugehen, bedachte mich Gerda mit einem koketten Lächeln. Sie gingen schnell weiter, ich langsamer hinterdrein. Auf der nächsten Bank setzten sie sich wieder nieder, ich blieb davor stehen. »Na, Ihr habt ja viel Zeit!?« fragte ich. »Ja freilich,« antwortete Gerda. Ihre Freundin lächelte nur verlegen. »Ihr müßt aber doch nach Hause gehen und zu Mittag essen, wenn Ihr aus der Schule kommt.« »Wir essen, wann wir wollen,« und sie warf flott den Kopf zurück. Ich lächelte, und sie lächelte, und dann ging ich weiter. Da stand sie aber auf und eilte an mir vorüber und nahm auf der nächsten Bank Platz. Ich blieb wieder vor ihnen stehen: »Sitzt Ihr schon wieder da?« sagte ich. Sie lachten nur. »Hier wollte ich mich natürlich auch setzen.« »Bitte,« sagte Gerda, warf überlegen den Kopf zurück und zeigte auf den Platz neben sich. »Hier ist Platz genug.« Dann setzte ich mich nieder und, sprach mit ihnen über alles Mögliche, während ich die Freundin zum Teufel wünschte. Schließlich kam es denn auch so weit, daß Gerda die Freundin nicht weiter begleiten wollte, und diese ging dann allein weiter, während ich mit Gerda wieder nach der Stadt zuging. Es hatte aufgehört zu schneien. Ich schüttelte den Schnee von mir ab und begann dann, ihn von ihrem Mantel abzuwischen. »Getrauen Sie sich denn jetzt, die Bekanntschaft mit mir zu erneuern?« fragte ich. »Ach,« sagte sie, »ich habe so viel Unannehmlichkeiten davon, daß ich mit Ihnen zusammen gegangen bin, daß ich ebensogut damit fortfahren kann.« Und dann erzählte sie mir, daß man sie in der Schule jeden Tag in den Freistunden mit mir aufgezogen habe, daß sie zu Hause Tag für Tag zu hören bekäme, sie solle sich ja vor mir in acht nehmen, und daß die Schwester, sobald sie sich mit ihr erzürnte, immer damit drohte, zu sagen, daß sie wieder mit Hermann Eek spazieren gegangen wäre. »Nun will ich es aber gerade tun,« sagte sie schließlich. »Mich zieht niemand mit Ihnen auf, und niemand sagt mir, ich solle nicht mit Ihnen gehen. Dies ist nicht der Grund, weswegen ich mich so sehr freue, mit Ihnen zusammen zu sein,« sagte ich traurig. Sie sah mich an. »Ach, nun sollen Sie nicht so sein! – Warum gingen Sie denn auch in den Arbeiterverein und sagten das?« »Was meinen Sie denn?« »Daß Sie zwanzig Frauen haben wollten. Glauben Sie denn, daß es ein Spaß ist, »eine von den Zwanzigen« genannt zu werden?« »Glauben Sie wirklich, daß ich das gesagt habe?« »Ob ich das glaube? Ja, das glaube ich freilich; ich habe es selber in der »Abendpost« gelesen!« »Halten Sie mich denn für verrückt?« Sie sah mich naiv an: »Ich glaubte, Sie hätten es nur aus Spaß gesagt oder um die anderen zu ärgern.« »Nein, was ich gesagt habe, war wirklich ernst; aber es war etwas ganz anderes.« Sie ging einige Schritte weiter. Dann sagte sie, und es lag ein Vorwurf in dem Tonfall ihrer Worte: »Ach, daß Sie das sagen mußten!« »Es war etwas, worüber ich die Leute zum Nachdenken bringen wollte.« »Ach, Sie hätten das nicht sagen sollen.« Der Tonfall war ganz klagend. Ich ergriff ihre Hand. »Nein,« sagte ich, »Sie können auch davon überzeugt sein, daß ich meinen Mund nicht aufgetan hätte, wenn ich gewußt hätte, daß solches Ärgernis daraus entstünde und daß Sie sich nicht mehr getrauen würden, mit mir zu gehen. Sie sollten wissen, was ich seit jenem Tage durchgemacht habe, was ich empfunden habe, wenn ich Sie quer über die Straße hinübergehen oder um eine Ecke biegen sah, sobald Sie meiner ansichtig wurden ... Ach, Gott sei Dank, daß die Tage nun vorüber sind.« Wir waren wieder an die Ecke der Observatoriumsstraße gekommen. »Wollen wir nicht wieder hinabgehen? Der Weg ist so gemütlich. Wir sind ihn schon früher zusammen gegangen.« Sie sah mich einen Augenblick an. »O ja,« sagte sie dann. Und dann gingen wir langsam die einsame Straße zwischen den hohen Gartenzäunen hinab. Sie blickte, zu Boden, und ich sah sie an – und niemand sprach ein Wort. Plötzlich, mitten in der Straße, trat sie auf einmal rasch vor mich hin, lehnte sich an meine Brust und legte den Kopf auf meine Schulter. »Ich bin so müde,« sagte sie, vor sich hinlächelnd. »Ich möchte jetzt schlafen,« und sie schloß die Augen fast ganz, so daß die langen schwarzen Augenwimpern sich scharf von der mattgoldenen Wange abhoben. Ich legte leise den Arm um sie, so daß sie eine Stütze hatte, und fuhr fort, auf dieses junge Gesicht mit den geschlossenen Augen und dem Lächeln um den Mund hinabzublicken; mir war merkwürdig weich zumute, während ich leise den dicken schwarzen Zopf streichelte, der über meine Brust herabhing. So gingen wir schweigend weiter. Am Ende der Straße bogen wir links ab und schritten die Stakete vor den beiden Landhäusern entlang, die dort linker Hand liegen. Sie öffnete die Augen halb und sah zu den Fenstern der beiden Gartenhäuser empor. Es schienen aber keine Leute da zu sein, und sie ließ daher den Kopf ruhig dort liegen, wo er lag. Schließlich mochte sie doch meinen, daß wir den Fenstern des gelben Hauses, das vorne an der Ecke lag, zu nahe gekommen wären, und sie blieb stehen, hob den Kopf von meiner Schulter und sah mich an. Wir sahen uns einen Augenblick zärtlich in die Augen – wie nach einer Umarmung. Dann gingen wir ruhig weiter, geradeaus sehend, ohne ein Wort zu sprechen, nur froh darüber, daß wir nebeneinander herschreiten durften. Wir gingen an dem gelben Hause vorüber bis zur nächsten Ecke. Dort bogen wir links ab. Als wir an einem Hause vorüberkamen, in dessen ersten Stock Klavier gespielt wurde, überfiel sie plötzlich eine Idee. »Ich will hineingehen,« sagte sie, »und sehen, wer da spielt.« Damit verschwand sie mit einem schelmischen Lächeln in der Haustür; ich folgte ihr. Fünf, sechs Stufen führten von dem Hausflur zu dem Treppenabsatz der ersten Etage hinauf. Dort stand sie, kokett vornübergebeugt, vor der Tür und las die Visitenkarten. Als ich die ersten paar Stufen hinanstieg, richtete sie sich auf und kehrte sich um. »Ach, es ist nur Henrik Hermansen, der spielt!« sagte sie und sah mir kokett in die Augen. Ich blieb mitten auf der Treppe stehen und sah sie an. Sie sagte kein Wort mehr, kam nur langsam zu mir herab, mir immer in die Augen sehend. Ich streckte meine rechte Hand aus, und sie erfaßte sie und hielt sie fest, während sie auf dieselbe Stufe hinabstieg, auf der ich stand. Da blieb sie stehen, und dann legte sie sich mit ihrer ganzen Schwere langsam in meinen linken Arm und blieb mit geschlossenen Augen darin liegen. Ein schwaches sinnliches Lächeln umspielte ihren Mund. Ich beherrschte mich aber und küßte sie nur auf die Stirne: es durfte mit dieser Erotik nicht so rasch gehen, sie konnte mir das Ganze verderben. Sie hob die Augenwimpern und sah mich an. Es waren die zärtlichen, hingebungsvollen Augen, die ich so gut kannte – »du darfst,« sagten sie – und dann schlossen sie sich wieder. Meine Glieder wurden seltsam weich. Das schwache sinnliche Lächeln umträumte noch ihren Mund, und ich sehnte, sehnte mich nach diesen roten Lippen. Aber ich wollte nicht, nein, ich wollte nicht. Und ich beugte mich wieder herab und küßte sie nur auf die mattweiße Stirn. Da öffnete sie aber wieder die zärtlichen Augen, und sie ruhten eine Weile in den meinen. Es war, als zöge sie mich in sich hinein. Und da beugte ich mich wieder ganz langsam hinab. Auge in Auge, Mund gen Mund näherten sich unsere Gesichter, und ihre Augenwimpern sanken allmählich herab, während ihr Arm sich leise um meine Schultern legte. Unsere Lippen waren eben nahe daran, sich zu begegnen – da kam jemand, und wir fuhren auf und eilten in den Hausflur hinab und hinaus. Hand in Hand gingen wir langsam weiter, ohne ein Wort zu sprechen. Mir war seltsam unangenehm zumute, es war, als ob ich rein körperlich des Kusses bedurfte, den ich erst hatte nehmen wollen, als es zu spät war ... Es war aber eine Erleichterung, ihre warme Hand zu halten; wenn sie nur unbekleidet gewesen wäre – der Handschuh ärgerte mich – im übrigen war ich froh, daß ich sie nicht geküßt hatte; das hätte eine schöne Geschichte gegeben, wenn wir nun wieder zusammen gesehen würden und die Mama von neuem mit ihrer Predigt heranrückte ... ach, wie sehnte ich mich aber nach diesen Lippen. An der Ecke blieben wir stehen – ich dürfte sie nicht weiter begleiten, sagte sie – und sahen uns in die Augen. »Also Adieu!« sagte ich schließlich und ergriff ihre Hand. »Wie süß Sie heute gewesen sind.« Sie lächelte kokett, und die Linie zwischen den vollen Lippen bildete einen wollüstigen Bogen. »Gott«, sagte ich, »Ihre Lippen sind wie zum Küssen geschaffen.« Da lachte sie und riß sich los – »Adieu!« »Sehe ich Sie am Nachmittag?« rief ich ihr nach. Sie überlegte eine Weile. »Nein,« sagte sie dann, »erst morgen; ich gehe heute nachmittag zur Tante,« und dann eilte sie weiter, während ich stehen blieb und ihr nachsah. Wie stolz sie sich in den zarten Hüften wiegte! Erst als sie vor der Haustür stand, kehrte sie sich um, nickte mir zu und ging ins Haus. Und dann ging ich wieder in die Stadt hinein, voll neuer Hoffnungen, froher, als ich seit langer Zeit gewesen war. – Es war am Abend desselben Tages. Ich lag zu Hause auf meinem Sofa, rauchte und dachte an Gerda. Gegen zehn Uhr prallte wie gewöhnlich ein Schneeball gegen das Fenster. Ich stand aus, öffnete das Fenster und lehnte mich hinaus. Unten stand Jarmann. »Guten Abend,« rief er zu mir herauf. »Guten Abend.« »Hast du etwas erlebt?« »Nein – und du?« »Nein.« Und er blieb wie gewöhnlich eine Weile stehen und sah zu mir herauf, ohne ein Wort zu sprechen. »Gute Nacht,« sagte er dann. »Gute Nacht« – und still und traurig wanderte er im Mondschein weiter. Ich blieb am Fenster liegen und sah ihm nach, bis er beinahe die nächste Straßenecke erreicht hatte. Da rief ich: »Doch! Ich habe etwas erlebt; komm herauf, ich will dir's erzählen.« Er kam zurück. Ich wickelte den Hausschlüssel in eine Zeitung und warf ihn hinunter. Jarmann kam herauf, und dann brauten wir uns einen Grog, zündeten ein Zigarre an, und ich erzählte ihm, was geschehen war. »Sie ist doch verdammt süß,« sagte er, als ich fertig war, und seine Augen glänzten bei dem Gedanken daran, wie süß sie war. »Freilich« sagte ich, »nun haben wir wenigstens die Beste gerettet. Wenn nun auch noch die anderen nachkommen, dann ...!« Und wir blieben bis tief in die Nacht hinein sitzen und entwarfen Pläne, wie wir auch die anderen wieder gewinnen könnten – wenn auch nicht gleich, so doch zum Herbst ... die Leute mußten doch einmal vergessen ... und dann würde es ja auch früher dunkel; die Tage waren jetzt so sehr lang ... Als ich am Tage darauf zwischen zwölf und ein Uhr um die Ecke der Storthingstraße bog, kamen Gerda – und ihre Mutter gerade auf mich zu. Es mußte ihre Mutter sein, denn so vieles an ihr glich Gerda. Ich ging an ihnen vorüber, ohne zu grüßen, und spazierte, etwas unbehaglich berührt, auf die andere Seite der Straße hinüber. Ob mich wohl die Mutter kannte? ... Ach, es kannten mich ja seit jener Affäre so ziemlich alle Leute ... Wie, wenn sie darauf verfiele, mir nachzulaufen und mich anzureden? Plötzlich hörte ich hinter mir trippelnde Schritte. Blitzschnell kam mir der Gedanke: Das ist die Mutter. Ich wandte mich um – da stand sie, eine mittelgroße Dame in den Fünfzigern, bürgerlich gekleidet, das graugesprenkelte Haar über die Schläfe gestrichen, ein nicht gerade hageres, doch abgehärmtes Gesicht mit großen, dunklen, etwas tiefliegenden Augen; sie mußten einmal schön gewesen sein – jetzt waren sie aber so müde und sahen so abgehärmt aus wie das Gesicht. Sie sah mich einen Augenblick etwas verlegen an, dann sagte sie: »Darf ich fragen, ob ich die Ehre habe, mit Herrn Eek zu sprechen?« Ich lüftete den Hut und grüßte zustimmend. »Ich wollte Ihnen sagen ...« fing sie an: dann erinnerte sie sich aber, daß sie sich noch nicht vorgestellt hatte, und sie fuhr fort; »Ich bin Fräulein Holms Mutter ... ich hörte, daß Sie mit meiner Tochter spazieren gehen ..., das wünsche ich nicht und ... ich hoffe ... daß Sie sich danach richten.« Die letzten Worte wurden mit scharfer Betonung und ängstlich drohendem Nachdruck ausgesprochen. Es kam beinahe Glanz in die großen, schwarzen, abgehärmten Augen, und das Gesicht erhielt einen sublimen Ausdruck, wie bei einem Tiere, das seine Jungen verteidigt. Ich mußte an mein altes Wort von den Rädern am Wagen der Freiheit denken, die über die Herzen der Familienväter und Familienmütter hinweggehen. Ich lüftete wieder den Hut. »Gnädige Frau,« sagte ich, »es wird mir ein Vergnügen sein, Ihrem Wunsche nachzukommen.« Und ich verbeugte mich, setzte den Hut wieder auf und ging. Zuerst hatte ich aber zu Gerda hinübergesehen, die auf der anderen Seite der Straße stand und den Auftritt beobachtet hatte. Sie lachte, als ich hinübersah, aber etwas unsicher, nicht auf die gewohnte unbefange Weise. Höchst unbehaglich zumute, begab ich mich nach dem Grand Hotel ... der Teufel auch, daß das passieren mußte! Mittags zur Musikzeit spähte ich vergebens nach Gerda aus. Sie war nicht da ... Ich strich den ganzen Nachmittag auf Karljohann und in den Nebenstraßen umher, auf der Drammensstraße und in der Nähe ihrer Wohnung: von Gerda keine Spur. Dann ging ich entmutigt nach Hause und legte mich wieder auf mein Sofa, um wie früher zur Decke hinaufzustarren: es war vorbei; sie getraute sich's nicht mehr. Am Abend kam Jarmann schon gegen acht Uhr. Ich lag wie gewöhnlich auf dem Sofa. »Es ist vorbei,« sagte ich, als er den Kopf zur Tür hereinsteckte. »Nein?!« Er sah aus, als wenn ihm ein Unglück zugestoßen wäre. »Leider.« Er setzte sich in den Schaukelstuhl, und ich erzählte ihm, wie alles vor sich gegangen war. Als ich meine Erzählung beendet hatte, blieb ich auf dem Sofa ihm gegenüber sitzen, Gerdas Bild in der Hand – das alte Bild mit dem Burschen, der die Nadel nicht einfädeln kann, und den lachenden jungen Mädchen. Ich starrte Gerdas Gesicht an; wahrscheinlich muß ich sehr elegisch dreingesehen haben; denn wie ich wieder aufblicke, sitzt Jarmann da, reibt sich die Hände und lächelt unter Tränen: »Nein, wie hübsch das ist!« sagt er, (daß ich sie so lieb hatte, meinte er). Ich sah ihn, traurig lächelnd, an. »Nein, hübsch ist das wahrhaftig nicht. Nun habe ich das letzte Surrogat verloren.« Er sah mich fragend an. »Ja, du verstehst die Situation noch nicht ganz,« sagte ich. »Du kennst mein Vorleben nicht, ich habe dir ja niemals davon erzählt.« »Nein ...« Ich sah einen Augenblick vor mich hin. Dann sagte ich: »Na, wir haben ja sowieso heute nichts zu tun. Da kann ich dir's ja erzählen.« Und ich nahm aus der Schreibmappe einen Haufen alter Manuskripte und las ihm Folgendes vor: XVII. Wenn ich an meine Knabenzeit zurückdenke, steht mir sofort ein Szene deutlich vor Augen: In einem bürgerlichen Zimmer mit kahlen, meergrünen Wänden liege ich im Bett. Meergrüne Wände – das ist das einzige, was ich weiß ... und dann, daß ich sterben werde. Ich weiß das aber nicht mit voller Klarheit. Der Tod und die meergrüne Farbe sind in meinem Bewußtsein so merkwürdig unklar zusammengeflossen, wenn ich im Halbschlummer mit geschlossenen Augen daliege, ohne Schmerzen und ohne Sehnsucht, nur müde, unsagbar müde und mit dieser nebelhaften meergrünen Vorstellung vom bevorstehenden Tode. Zuweilen fühle ich, daß man mir den Mund öffnet und mir etwas einflößt – Bouillon, Rheinwein oder Portwein – und ich mache eine matte Schluckbewegung, und es gleitet hinab. – Und dann bleibt wieder das Meergrüne und der Tod. – Ich habe keine Auffassung von der Zeit. Plötzlich werde ich auf einmal ganz wach und öffne die Augen. Ich vermag mich aber nicht zu bewegen, ich bin allzu müde und kann nicht denken; ich starre nur geradeaus über das Bett weg. Allmählich kommt mir zum Bewußtsein, daß ich auf einige große schwarze Buchstaben starre, die sich von weißem Grunde abheben –: »Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben,« steht dort. Es ist ein Haussegen, der rechts von der Tür an der meergrünen Wand hängt. Ich fahre fort, die Buchstaben anzustarren – Da höre ich aber plötzlich links von mir ein krampfhaftes Schluchzen und mache den matten Versuch, in der Richtung, des Lautes zu sehen. Es geht ganz langsam: schließlich aber gelingt es doch. Vor dem Tisch am Fenster sitzt die Mutter. Und sie weint. Bleich und mager, das dunkelbraune Haar in der Mitte gescheitelt, glatt über die Schläfen hinabgestrichen und im Nacken in einem kleinen Knoten zusammengefaßt, sitzt sie in dem grauen Morgenkleid da, den Kopf auf die Hand gestützt, und starrt in das trübe Wetter hinaus, und die Tränen rinnen ihr das vergrämte Gesicht hinab über die vorstehenden Backenknochen, in die bleiche Wangenhöhle und um die zuckenden Mundwinkel, die sich zuweilen bei einem neuen Anfall von Schluchzen krampfhaft bewegen. Ich sehe sie eine Weile an, empfinde aber nichts dabei; ich bin zu schwach, um einen Eindruck erhalten zu können – und begreife nicht, weshalb sie weint. Da wird mir klar, daß sie weint, weil ich sterben muß. ...Ich bin der dritte. Erst war es Christian. Dann war es Nils. Sie fielen in einen dumpfen Schlaf, und dann starben sie. Jetzt ist die Reihe an mir ... Mir ist es gleichgültig ... Um die Mutter aber ist mir's leid. Ihretwegen möchte ich gern gesund werden. Dann kommt mir in den Sinn, daß ich Seemann geworden wäre, wenn ich weiter gelebt hätte ... Ich hätte die Welt umsegelt und fremde Länder gesehen. Und ich stelle mir wieder vor, was für ein Mensch ich denn geworden wäre ... wenn alle Versuchungen an mich herangetreten wären ... an den fremden Orten, wo mich niemand kannte und wo ich nicht zu fürchten brauchte, daß jemand von meinen Taten erzählte ... Ich hatte ja gehört, daß alle Seeleute, wenn sie in der Fremde ans Land kämen, gottlose, unchristliche Menschen wären. Ich würde es auch werden. Sehr. Ich würde ein furchtbar gottloses Leben führen ... in Ausschweifungen mich wälzen ... ich wußte, daß ich gar nicht anders können würde. – Und stürbe ich dann, ohne Zeit dazu zu gewinnen, mich zu bekehren ... oder wenn Gott nichts von mir wissen wollte, weil ich mein ganzes Leben mit dem Hintergedanken verlebt hatte, mich erst im letzten Augenblick zu bekehren? Nein, da war es wirklich besser, daß ich jetzt starb ... als ein Kind Gottes ... selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben ... Und trotzdem – es war doch eigentümlich, sterben zu müssen, bevor man es probiert hatte ... ich hatte mir oft gedacht: Wenn ich sterben müßte, dann wollte ich auf alle Fälle alles daransetzen, um es erst einmal probieren zu können ... nur einmal, damit ich nicht aus dem Leben schiede, ohne zu wissen, wie es war. – Das war ein gottloser Gedanke. Jetzt dachte ich aber nicht mehr so ... ich fühlte mich so rein ... ich hatte keine Gelüste ... Und welche Gelüste hatte ich alle gehabt! ... Jetzt konnte mir so etwas nicht einfallen. Wahrscheinlich aber nur deshalb, weil ich müde war. Würde ich wieder gesund und stark, dann würden gewiß auch die schrecklichen Gelüste wieder kommen. Natürlich. – O, wie gottlos würde ich dann werden, wenn ich auf See ginge. – Nein, es war am besten so; jetzt konnte ich als ein Kind Gottes sterben ... Die Mutter aber tat mir so leid. Wie sie weinte; jetzt hatte sie den Kopf auf die gekreuzten Arme gelegt und schluchzte laut ... Dann fällt mir ein: ich will ihr alles erklären: was für ein Mensch ich geworden wäre, wäre ich am Leben geblieben ... dann würde sie sich darüber freuen, daß es so gekommen war; und dann treffen wir uns ja im Himmel ... das hätten wir sonst vielleicht nicht getan. – Gerade deswegen läßt mich Gott vielleicht jetzt sterben ... Ich will es ihr erklären, dann wird sie nicht so viel weinen ... ja, das will ich –: »Mutter!« Ich konnte das Wort nur flüstern, mehr Kraft hatte ich nicht. Sie hörte es aber, fuhr auf und kniete vor dem Bette nieder, fuhr mir durchs Haar, küßte mich auf die Stirn – nicht auf den Mund, ich hatte ja Diphtheritis – und sah mir liebevoll in die Augen, während ihr die Tränen in Strömen die Wangen hinabliefen. Drei Tage hatte sie vergebens auf ein Wort, auf einen Blick gewartet; ich hatte meinen Mund nicht aufgetan, kein Auge geöffnet. Dann wollte ich anfangen zu reden und ihr alles erklären. Wie hätte ich es ihr aber sagen können? ... ihr, die niemals etwas von solchen Dingen geahnt hatte? ... ihr, die so keusch, so rein war? ... Ich konnte nicht einmal die Worte aussprechen. – Und selbst wenn ich's könnte ...? – Nein, sie sollte nicht erfahren, wie entsetzlich gemein und schweinisch ich gewesen war ... sonst würde sie jedesmal daran denken, so oft sie sich meiner erinnerte ... und das wollte ich nicht. – Nein! Und ich blieb stumm und regungslos liegen und sah sie nur mit einem seltsamen Blicke an. Ich konnte nicht sehen, daß sie das entsetzte; sie glaubte gewiß, daß jetzt der Tod käme, denn sie schlang ihren Arm um meinen Hals, und warf sich über mich und drückte mich an sich, daß es weh tat, sehr weh und schluchzte, als ob sie sterben müßte. Sie tat mir fürchterlich leid, und ich hätte gern ein Wort gesagt. Ich versuchte es aber nicht – sie drückte mich auch so fest an sich – und so verlor ich wieder das Bewußtsein, und alles floh wieder zusammen in dem müden, neblichten meergrünen Gedanken an den Tod. Ich war damals zwölf Jahre alt. XVIII. Es war ein Jahr später, zur Sommerszeit. Wir waren aufs Land gegangen. Die Luft war neblig vor Hitze. Das Meer lag ruhig und spiegelblank im Sonnenschein da. Im Innern der kleinen Bucht war ein grüngestrichenes Boot halb auf den Strand hinaufgezogen; es war umgefallen und lag mit dem Bauche in dem weißen Sande. Um die Bucht herum stieg das Land amphitheatralisch in die Höhe, von oben bis unten, fast bis zum Strande, mit dichtem Kiefernwald bewachsen; eine Reihe kleiner Büsche und ein Rasengürtel trennten den Wald von dem eigentlichen Strand. Wir saßen – mein Kamerad und ich – auf ein paar großen Steinen vor dem Boote und kleideten uns nach dem Baden an. Wir sprachen ein Wort; kein Laut war zu hören, nur in der Ferne weit draußen ersterbendes Sausen; sonst war es totenstill. Die Stille hatte uns angesteckt. Wir waren mit dem Ankleiden fertig, blieben aber mechanisch auf unserem Platze sitzen, mit einer Empfindung behaglichen Vegetierens. Kein Begehren, keine Gelüste, kein jugendliches Verlangen regte sich in uns; in unserm Herzen war Ruhe und Stille wie in der Natur. Endlich sagte mein Kamerad ganz mechanisch: »Wollen wir wieder nach Hause gehen?« Wir erhoben uns gemächlich, richteten das Boot auf, schoben es ins Wasser und sprangen hinein, ergriffen dann jeder unsern Riemen und ruderten ganz langsam in die Bucht hinaus. Wie wir eben draußen um die Landspitze biegen wollten, schoß plötzlich ein schlankes weißgestrichenes Nordlandsboot mit hohen Steven von der anderen Seite her mit ziemlicher Schnelligkeit gerade auf uns los: es war gedrängt voll von Damen in hellen lichten Sommerkleidern. Einige Damen schrien auf. Wir hielten die Ruder an, das Boot glitt an uns vorbei, ohne daß wir ihm zu nahe gekommen wären, und plaudernd und lachend ruderten die Damen weiter, ohne uns zu beachten. Ich starrte auf das Boot und seine Insassen in den leichten Sommerkleidern wie auf eine Erscheinung; alles Blut war mir zum Herzen geströmt, ich fühlte es, daß ich ganz blaß wurde. Du großer Gott, all diese reizenden Geschöpfe würden sich baden, ganz wie wir, würden sich am Strand entkleiden, ins Wasser steigen und mit den herrlichen nackten Leibern plätschern ... o, ich zitterte bei dem Gedanken daran, es war zum Verrücktwerden ... ich mußte ... mußte ... sie wenigstens sehen, es koste, was es wolle. Ein paar Ruderschläge, und wir waren um die Landspitze herum. Da zog ich stille mein Ruder ein, stand auf, hielt den Finger an den Mund und sagte leise: »Wende!« Er tat es, und das Boot glitt ans Ufer. Ich sprang mit der Fangleine ans Land, machte das Boot fest und winkte ihm – und dann krochen wir beide die Landspitze hinan, legten uns auf den Leib und sahen in die Bucht hinein. Das Nordlandsboot fuhr gerade auf den Strand auf, die Damen stiegen aus, zogen das Boot etwas hinauf und eilten dann hinter die Büsche, um sich zu entkleiden. »Ach,« sagte ich halblaut. Ich hatte gehofft, ihnen beim Entkleiden zusehen zu können. Wir warteten in atemloser Spannung. Endlich kam eine der Damen hinter einem Busch hervor. Sie watete direkt ins Wasser hinein, über den Sandboden hinweg, bis ihr das Wasser bis an den Leib reichte, dann legte sie sich vornüber und schwamm in die Bucht hinaus ... Dann trat eine andere hervor – kleiner und graziöser, rund und zart. Sie lief behend über eine Reihe großer Steine, die aus dem Wasser hervorsahen, setzte sich auf den äußersten von ihnen, steckte die Zehenspitzen ins Wasser, stieß einen kleinen Schrei aus und zog sie wieder zurück – dann blieb sie dort niedergekauert sitzen, die Beine heraufgezogen und die Arme um die Knie geschlungen – bis eine dritte unvermerkt denselben Weg über die Steine daherkam und ihr einen Stoß gab, daß sie ins Wasser stürzte. Ein Schrei, ein Platsch – und die dritte hüpfte lachend hinterdrein. Und dann kam eine nach der anderen hinter den Büschen hervor – im ganzen waren es acht –; sie wateten entweder auf dem Sandboden ins Wasser hinein oder nahmen den Weg über die Steine. Bald waren alle im Wasser. Und nun gab es ein Schreien, ein Lachen, ein Plätschern und Spritzen, daß das Wasser um die weißen, runden Gestalten aufschäumte. Auf der Landspitze aber lagen wir auf dem Leibe und verschlangen den Anblick mit weit aufgerissenen Augen; die Herzen klopften, der Atem ging schwer, und der Schweiß perlte auf den Stirnen. Auf einmal sprang ich auf. »Wir müssen uns beeilen,« flüsterte ich dem Kameraden zu. »Willst du wirklich dorthin fahren?« fragte er ängstlich. »Willst du mit oder nicht?« Ich sprang ins Boot. Da kam er natürlich auch. Ich ergriff das vorderste Ruderpaar, er das hinterste, und mit ein paar Zügen waren wir wieder um die Landspitze herum und steuerten auf den Strand los. »Und nun rudern wir auf Leben und Tod!« flüsterte ich. »Lange Züge!« Wir beugten uns vornüber und holten aus, soweit wir konnten – und das Boot flog dahin, daß der Schaum aufspritzte. Einige Zeit hörten wir nichts als das Schäumen am Bug des Schiffes. Merkten sie vielleicht nichts? ... Nein, sie waren wohl zu sehr mit sich selber beschäftigt. Da schreien plötzlich mehrere Frauenstimmen auf einmal: rudert weg! rudert weg! Ich biß aber nur die Zähne zusammen, stemmte die Füße noch kräftiger gegen die Ruderbank und holte aus Leibeskräften aus ... Das Boot flog über den Sandboden scheuernd den Strand weit hinauf und fiel dann seitwärts in den weißen Sand. Da erst kehrte ich mich um, um zu sehen. Die ganze Schar, alle acht, flüchtete den Strand hinauf; die letzte war gerade aus dem Wasser herausgekommen. Ich saß wie festgewurzelt da. Mein Gesicht brannte wie Feuer; die paar Sekunden, die ich diesen fliehenden Frauengestalten nachsah, klopfte mein Puls wie im Fieber. Dann verschwand die letzte hinter den Büschen, und ich knickte förmlich zusammen. Dann aber sahen plötzlich einige Damen hinter den Büschen hervor und riefen uns »Pfui! pfui!« zu. Auf einmal wurde ich ganz beschämt; ich hätte in. die Erde sinken mögen. Aber die Ehre mußte gerettet werden; wir waren ja kecke Jungen; wir waren ja nicht deshalb gekommen, um sie zu sehen – was kümmerte uns das?! – O nein, wir hatten die Frauenzimmer bloß erschrecken wollen. Und ohne eigentlich zu wissen, was ich tat, stand ich im Boote auf, schwang den Hut und rief lachend: »Hurra, hurra-a-a!« Und dann sprangen wir an Land, schoben das Boot wieder ins Wasser und ruderten langsam weg. Eine Zeitlang sprachen wir kein Wort. Dann aber konnte ich mich nicht enthalten, zu sagen: »Denke dir, wenn wir zu ihnen hinter die Büsche gelaufen wären – hm!« Ich zitterte am ganzen Leibe. »Ich würde eine Mark dafür geben, wenn ich mehr sehen könnte,« antwortete mein Kamerad lüstern. »Eine Mark?! – mein ganzes Leben!« Ich sagte das nicht laut, murmelte es nur vor mich hin; selbst ihm, meinem besten Freunde, wagte ich nicht mich so zu zeigen, wie ich wirklich war. Wir ruderten langsam nach Hause, das Boot glitt gemächlich durch das ruhige Wasser, keiner sagte etwas, wir hatten genug mit uns selber zu tun. Bei mir wenigstens war es so. Ich fühlte mich unheimlich unwohl an Leib und Seele, wie wenn eine zehrende Krankheit an mir nagte. O, dieser qualvolle, wahnsinnige Durst! – sollte der anhalten, ohne gelöscht zu werden, Tag für Tag, bis ich in ferner Zukunft endlich einmal heiraten würde?! ... Heiraten? – Der Vater hatte mit einunddreißig Jahren geheiratet, ich war noch nicht einmal vierzehn. Siebzehn Jahre lang warten, achtzehn Jahre – ich würde viel früher verrückt werden. Seltsam, daß ich es nicht schon geworden war. Diese verzehrende Leidenschaft erfüllte mich ja den ganzen Tag über, vom Erwachen bis zum Schlafengehen – abgesehen von einigen kurzen Pausen völliger Erschlaffung ... Ein Bad war noch das einzige Gegenmittel; das beruhigte für die Zeit seiner Dauer. Man konnte doch aber nicht den ganzen Tag über im Wasser liegen – und sonst war diese Leidenschaft fast immer da. Sobald ich des Morgens die Augen aufschlug – gleich war sie da, und ich sprang aus dem Bette, schlang etwas Essen hinunter und eilte aufs Feld, um mit den Bauerndirnen zu heuen. Ich mußte ihnen so nahe wie möglich sein, so daß ich ab und zu verstohlen den Geruch ihrer Leiber einatmen konnte; ich sog ihn mit offenem Mund und geblähten Nüstern ein. Ich hatte aber nicht den Mut, sie anzurühren; um alles in der Welt nicht. Fiel es der Bäuerin ein, wenn wir mit der Arbeit fertig waren und ich recht fleißig gewesen war, zu mir zu sagen: »Du bist geschickt, zur Belohnung kannst du heute in der Scheune bei den Mägden schlafen!« dann wurde ich nur verlegen und stand mit einem dummen Lächeln da, anstatt sie zu fassen und meinen Spaß mit ihnen zu treiben. Ich hatte die Empfindung, daß sie alle meine Gedanken errieten. Ach, es war zu dumm, daß ich niemals den Mut hatte. Ich knirschte mit den Zähnen. Ich hielt es nicht aus; ich würde sicher verrückt werden, wenn das so andauerte ... Und trotzdem getraute ich mir's nicht . . Nein, zu Hause nicht. Wohl aber, wenn ich zur See kam. Weit weg von daheim, wo mich niemand kannte und es also niemand erzählen konnte ... Dann würde ich schon den Mut finden. Und dann wollte ich, ja, dann wollte ich, das war sicher ... Zur See! – Segeln ... segeln ... und dann in den Hafen kommen und dort sich sättigen, sich mit Frauen sättigen!. Und dann wieder segeln – und sich sehnen. Segeln und sich sehnen, segeln und sich sehnen – und dann wieder in den Hafen kommen – ach – ich fuhr auf, von Wollust durchschauert. »Was ist denn mit dir los?« fragte mein Kamerad. »Ach, ein Frostschauer! Mich fröstelt!« Und dann ruderten wir mit raschen Zügen, das Boot flog pfeilschnell durch das klare Wasser – und bald war ich wieder auf dem Felde draußen und heute zusammen mit den Bauerndirnen. XIX. Ein Jahr später. Ich war Kajütenjunge an Bord einer kleinen Barke. Es war Nacht. Ich schlief in einem finsteren Verschlag neben der eigentlichen Kajüte und träumte: Ich war daheim und stand in dem Garten hinter unserem Hause. Auf dem kleinen Hofe zwischen Garten und Haus stand ein junges blondes Weib und wiegte sich leise in den Hüften. Sie hielt ein Kind an der Brust; der Busen war zur Hälfte entblößt, die Ärmel aufgekrempelt; die Sonne schien auf die stramme weiße Brust und die derben, sonnverbrannten Arme. Ich schlich mich näher heran, bis ans Staket, und verschlang von dort aus mit weit aufgerissenen Augen die weiße Wölbung der Brust und das langsame Wiegen der Hüften. Sie hatte den Kopf gebeugt und sah auf das Kind herab. Plötzlich aber hob sie ihr Haupt empor und fing einen glühenden Blick aus meinen Augen auf. Sie lächelte, und die großen blauen Augen bekamen einen merkwürdig sanften Ausdruck – dann legte sie das Kind in den Kinderwagen, und ging, die Augen mit mattem Lächeln fest auf mich gerichtet, auf die Gartentür zu. Ich bebte. Sie schloß die Gartentür auf und näherte sich mir langsam, immerfort matt lächelnd, die Augen fest auf mich gerichtet. Da stürzte ich ihr auf einmal entgegen, schlang die Arme um ihren weichen Leib und barg mein Gesicht an ihre Brust. Und ich fühlte, wie sich die schweren weichen Arme mir um Hals und Nacken schlangen; sie drückten meinen Kopf fest an sich – und mein ganzes Wesen löste sich in Wollust auf. – – – Da fuhr ich plötzlich in der Koje empor, auf einmal ganz wach. Ich hatte die Empfindung einer faden Schlappheit .... Und wie weh mir die Ellbogen taten! Die Hände lagen in Schlingen, die an einem leinenen Band angebracht waren, das in der Mitte an einem Hemdknopf hinten am Halse befestigt war. Ich riß die Schlingen auf, befreite meine Hände und reckte die geballte Faust drohend gegen den schwachen Lichtschein empor, der vom Skilicht in das Dunkel der Kajüte hereindrang: »Hol dich der Teufel, Gott!« zischte ich verbittert hinter den zusammengebissenen Zähnen und fiel dann schlaff aufs Kissen zurück. ... Es war also vergebens! Nichts half also gegen dieses schreckliche Laster ... Und was war es eigentlich? War es eine natürliche Krankheit oder war es eine Strafe, die Gott meiner sündigen Gedanken wegen auf mich herabsandte? ... Was ging es mich an! Mochte es sein, was es wollte; es gab ja doch kein Heilmittel dagegen. Mochte in Gottes Namen dieser kostbare Stoff von mir fließen, der »den männlichen Keim nähren« sollte, mochte in Gottes Namen aller Saft und Kraft von mir fließen, und mochte ich klein und schwächlich mit zugrundegerichtetem Leibe weiterleben, ich, der Seemann, der ordentlich groß und stark werden sollte. Mochte es in Gottes Namen immerhin so gehen, aber – der Teufel mochte Gott holen! Sein war ja alle Schuld! Ich gebrechliches Menschenkind hatte alles getan, was in der Macht eines Menschen stand, und hatte ihm das übrige anheimgestellt. Und er, der allmächtig war und außerdem versprochen hatte, uns von Sünde zu erlösen, er hatte nichts getan. O, das war schändlich. Hatte ich nicht seit langer Zeit mit übermenschlichen Anstrengungen Tag für Tag jeden ausschweifenden Gedanken aus meinem Herzen ausgerodet – so lange ich wach war! Ja, selbst wenn wir nach langer Fahrt ans Land stiegen und die erste Schürze, die dorten sichtbar wurde, meine Phantasie in Brand setzte und mich halb wahnsinnig machte – immer hatte ich alle meine Kräfte zusammengenommen und die Gedanken überwunden, daß sie keine Macht über mich bekamen. Kaum aber lag mein Kopf auf dem Kissen, kaum war ich mit einem Gebet zu Gott auf den Lippen eingeschlafen – da drangen auch schon wieder alle Gedanken auf mich ein und machten mit mir, was sie wollten; im Schlafe vermochte ich sie nicht zu beherrschen. Und da hätte ja Gott mich behüten sollen. Das war ja meine letzte Bitte an ihn, wenn ich meine müden Augen schloß. Aber im Gegenteil. Des Nachts war es nur immer schlimmer geworden, je mehr ich selbst des Tages kämpfte. Es kam immer öfter und öfter, zuweilen viele Male in einer Nacht, so daß ich am Morgen lendenlahm und ermattet aufwachte wie nach einer bei angestrengter Arbeit durchwachten Nacht. Noch hatte ich aber immer geglaubt, es müsse meine Schuld sein; Gott könne nicht so nichtswürdig sein. Und dann war ich auf den Gedanken verfallen, das müsse diese schreckliche »Selbstbefleckung« sein, von der ich gelesen hatte und die auch im Schlafe sollte geschehen können. Da hatte ich angefangen, meine Hände festzubinden. Es geschah nun seit acht Tagen. Und einen Morgen um den anderen war ich in diesen acht Tagen mit schmerzenden Handgelenken aufgewacht – aber frohen Sinnes. Denn es war nicht gekommen. Es wäre also meine Schuld gewesen, dachte ich, nicht Gottes Schuld. Aber nein; nun war es heute nachts doch wieder gekommen. Es war also doch nicht meine, sondern seine Schuld; er wollte einfach keinen Finger rühren, um mir dazu zu verhelfen, daß ich diese Sünde los würde. Und hatte er vielleicht nicht versprochen, mich von Sünde zu erlösen, wenn ich ihn ernstlich darum bäte? Jawohl! Er tat es aber nicht. Und außerdem – ich hatte noch über etwas anderes, viel Größeres mit ihm abzurechnen; das wollte ich meinen. Es war nun dreiviertel Jahre her. Da hatte ich angefangen, ernsthaft um mein Seelenheil besorgt zu werden. Jede freie Stunde am Tage hatte ich in dieser Zeit zur Selbstbetrachtung benützt, zum Lesen der heiligen Schrift und zum Gebet. Tag für Tag hatte ich meine Sünden gestanden und – bereut, sie ihm bekannt und ihn flehentlich gebeten, sie mir zu vergeben und mich zu neuem Leben in Christo wiedergeboren werden zu lassen. Hatte er aber mein Flehen erhört? Nein. Und hatte er versprochen, es zu tun? Ja. War er also ein ehrlicher, redlicher und wahrhaftiger Gott? Nein. Und konnte ich also etwas noch mit ihm zu schaffen haben? Nein, nein, nein, nein, bei allen Teufeln der Hölle, adieu! Ich reckte die geballte Faust in die Höhe, ich hatte ihn gesucht und ihn nicht gefunden; ich hatte gebetet, und er hatte nicht geholfen; ich hatte angeklopft, und er hatte mir nicht aufgetan. Er hatte mich betrogen und sein heiliges, unverbrüchliches Wort gebrochen – mit ihm konnte ich nichts mehr zu schaffen haben. Und meine Hände fielen schlaff auf die Bettdecke herab, und ich blieb liegen, ohne zu denken, nur mit einem Gefühl unsäglicher Verlassenheit. Dann fingen die Gedanken wieder zu arbeiten an. Und die Hölle? ... ich sollte also nun in die Hölle, wenn ich starb, weil er sein unverbrüchliches Wort gebrochen hatte! – O, gab es denn keinen größeren, besseren, gerechteren Gott, der diesen Gott zu Boden schlagen und ihn zum Satan in die Hölle hinabstürzen konnte, wohin er gehörte! ... Und ich blieb in dem finsteren Gelaß liegen und weinte krampfhaft vor lauter Raserei. XX. Über ein Jahr war vergangen. Wir lagen zur Winterszeit im Hafen von Plymouth. Das Wetter war rauh und kalt. Wir arbeiteten von 6 Uhr morgens bis 7 Uhr abends – dann wuschen wir uns und gingen ans Land. An Bord konnte man nicht bleiben, wenn man nicht gleich zu Bette gehen wollte; wir hatten ja keinen Ofen in der Hütte und waren gegen Kälte empfindlich, da wir vom Mittelmeer kamen. Am Abend hielten wir uns gewöhnlich in einem public house gleich oberhalb des Docks auf. Wir waren bald mit dem Wirt bekannt geworden, und er pflegte uns, wenn wir kamen, in die Wohnstube hinein zu lassen, wo wir uns dann, jeder mit einem Glas Brandy um den Kamin gruppierten, plauderten und es uns in dem warmen Zimmer wohl sein ließen. Gegen 10 Uhr pflegten wir dann wieder an Bord zu gehen – abgesehen von denen, die die Nacht an Land blieben. Es war am vorletzten Abend vor unserer Abreise. Wir standen vor unseren Plätzen am Kamin auf und traten in die Schankstube. Dort saß auf der Bank unter dem einen Fenster – das Mobiliar bestand außer dem Büfett und Schanktisch nur aus ein paar Bänken unter den Fenstern – dort also saß einer unserer Matrosen mit einem Mädchen; es war jung und blond; ein Engelsgesicht unter dem schwarzen Küß-mich-wenn-du-kannst-Hut. Dabei hatte es wirklich Figur – was die blonden engelhaften Engländerinnen selten haben. Ich blieb unwillkürlich stehen: war es möglich, daß dieses reizende Mädchen, das unter dem vorstehenden Hut ganz engelhaft unschuldig aussah und sich ganz wie eine Dame kleidete, eine Dirne war! ... Und noch dazu eine Dirne, die dieser ekelhafte Matrose wirklich anrühren durfte! ... Als die anderen gleichfalls zusammen mit mir stehen blieben und ein Glas Bier zum Abschied tranken, ging ich zu dem Mädchen und fragte sie: »Darf ich Ihnen ein Glas anbieten?« »Willst du ein Glas?« rief der Matrose, noch ehe sie Zeit gehabt hätte, zu antworten. »Ja.« Wir traten alle drei an den Schenktisch und erhielten ein Liter Bier. Während wir das tranken, fragte ich ganz schüchtern und verschämt, wie sie hieße. – Laura. – Wo sie wohnte? – Gleich in der Nähe. – Ob ich mit zu ihr kommen dürfte? – Jawohl, das könnte ich. Sie hatte ein wohltuendes Organ und eine natürliche Anmut in den Bewegungen und Gesten, und ihre Sprache klang meinen Ohren ebenso fein wie die einer Dame. Und mir war zumute wie einer wirklichen Dame gegenüber; ich wurde ganz verwirrt und konnte es kaum glauben: ich konnte also wirklich mit ihr nach Hause gehen! ... Plötzlich tritt aber der Matrose zwischen uns, dem sie den Rücken zugekehrt hatte, während sie mit mir sprach, und stößt mich roh beiseite: »Was willst denn du von dem Mädchen, du Dreckjunge?« Ich wurde glührot vor Zorn, wagte aber nicht zu mucksen; ich kannte seine Fäuste vom Schiffe her. Er versuchte mit dem Mädchen wieder ins Gespräch zu kommen; sie wandte sich aber von ihm weg und fing mit den anderen eine Unterhaltung an. Da richtete er sich wieder an mich: »Nun, willst du noch ein Glas?« »Das könnte mir einfallen!« antwortete ich zornig. Er brauste auf: »Was zum Kuckuck stehst du denn dann noch hier? Willst du gleich machen, daß du an Bord kommst, du Dreckjunge!« – Und damit packte er mich beim Kragen, schleifte mich zur Türe und warf mich, den Kopf voran, hinaus, so daß ich beinahe auf der Straße hingestürzt wäre. Ich stand eine Weile ganz verwirrt draußen im Schnee und erholte mich allmählich von dem Schrecken – da kam Laura zur anderen Tür heraus; das Lokal hatte zwei Ausgänge. »Komm morgen um 7 Uhr!« flüsterte sie, packte mich beim Halse und küßte mich. Ich schlang die Arme leidenschaftlich um ihren Leib und zog sie dicht an mich heran – Da kam plötzlich der Matrose ebenfalls angelaufen: »Da soll doch das Donnerwetter dreinschlagen,« rief er. »Mach' nun, daß du an Bord kommst, und zwar schneller als gewöhnlich!« »Morgen um 7 Uhr,« flüsterte ich Laura zu und floh dann nach dem Dock zu. Die beiden gingen wieder zusammen ins Haus, und ich verlangsamte meine Schritte. Alle meine Nerven waren in Aufruhr. Zorn und Raserei gegen diesen verdammten Matrosen, der stärker war als ich, paarten sich mit wollüstigen Erwartungen. Diese gewannen allmählich die Oberhand, während ich langsam zum Quai hinabschritt. ... Endlich, endlich sollte es einmal geschehen. Ah – ich holte tief Atem. Jetzt wollte ich ja .... o, ich erinnerte mich nicht, je etwas so Reizendes gesehen zu haben. Und morgen mußte es geschehen; denn übermorgen fuhren wir ab ... O, daß dieser morgige Tag nicht eher kommen konnte! – ich stampfte in den Schnee – es war ja eine Ewigkeit bis morgen abend! ... Auf einmal hielt ich in meiner Schwärmerei inne. »Aber nicht mehr als einmal,« sagte ich zu mir selber. Davon könnte ich wohl keinen besonderen Schaden haben ... Aber nicht öfter, nicht öfter! ... Nein, ich wollte mich schon beherrschen ... Ach, daß es aber erst morgen geschehen sollte, daß es nicht heute sein konnte, nicht jetzt! Als ich um 7 Uhr abends am nächsten Tage mich gerade recht beeilen wollte, ans Land zu kommen, bat mich der Steuermann, ihm die Stiefel zu putzen, da er ans Land wollte. Ich biß die Zähne zusammen und murmelte einen Fluch, war aber genötigt, mich in die Verspätung zu finden. Als ich endlich so weit war, daß ich an Land gehen konnte, waren die anderen alle bis auf einen Youngmann bereits verschwunden, und wir gingen denn zusammen. Unterwegs erzählte ich ihm, wie die Dinge lagen, und er erbot sich, in der Wirtschaft nachzusehen, ob Laura dort war. Er kam sogleich zurück. Sie und ein anderes Mädchen, namens Jenny, säßen mit dem Matrosen zusammen in der Schankstube. Ich fragte, was da zu tun wäre. »Gib mir einen Sixpence,« sagte der Youngmann, »dann werde ich einen Quarter Bier kaufen, Andreas geht nicht weg, bevor er ausgetrunken ist, und inzwischen bring' ich das Mädchen heraus.« Ich gab ihm das Geld, und es dauerte nicht lange, so kam er mit beiden Mädchen an. Und dann eilten wir alle vier in die Stadt hinein; wir bogen um drei, vier Straßenecken, damit der Matrose uns nicht so leicht finden sollte, wenn er aus der Wirtschaft herauskam. Endlich blieben wir stehen. »Wohin gehen wir?« fragte Laura. »Essen wir irgendwo zu Abend!« sagte ich. Wir begaben uns in eine Wirtschaft, in der die Mädchen bekannt waren, und aßen. Dann gingen wir mit ihnen nach Hause; sie wohnten beide in demselben Hause. Der Youngmann ging zu Jenny, ich zu Laura. Wir waren allein. Ich saß auf einem Stuhl und starrte sie dämlich an, während sie ablegte. Mein ganzer Mut war plötzlich verschwunden, ich zitterte und wünschte mich weit weg. Einen Augenblick dachte ich daran, davon zu laufen – das ging aber denn doch nicht an, es hätte doch zu kläglich gewirkt. Sie machte sich, den Rücken mir zugekehrt, an der Kommode zu schaffen, ohne ein Wort zu sprechen. Plötzlich kehrte sie sich aber um: »Willst du dich nicht ausziehen?« fragte sie lächelnd und wies mit der unschuldigsten Miene von der Welt auf das Bett hin. Ich nahm mich zusammen, stand auf, entkleidete mich in fliegender Eile, kroch unter die Bettdecke und sah ihr zu, wie sie mir gegenüber auf dem Sofa saß und die Schuhe auszog. Nun zog sie das Leibchen aus – jetzt das Korsett ... ich sah verwundert zu. Die Röcke aber – ich konnte mir unmöglich denken, daß sie auch weg sollten ... Doch – ganz ruhig löste sie die Rockbunde, stand auf, ließ die Röcke auf den Boden fallen – und eins, zwei, drei stand sie in bloßem Hemde da. Und plötzlich erfaßte mich eine brennende Gier nach diesem halbnackten Leibe, das Zittern und Beben war verschwunden, und ich streckte nur krampfhaft die Hände nach ihr aus, während ich sie wie von Sinnen anstarrte. Dann hüpfte sie leicht ins Bett, warf sich auf den Rücken und schlang die Arme um mich. Mir vergingen die Sinne. Es dauerte aber nur einige Sekunden; dann war es vorbei, und ich kam wieder zu mir. Ich richtete mich in dem Bette zur Hälfte auf und sah auf ihr Gesicht herab, wie um mich zu vergewissern, daß es auch wirklich wahr war. Aus dem bleichen feinen Engelsgesicht mit dem prachtvollen aschblonden Haar, sahen ein paar blaue Kinderaugen unschuldig lächelnd zu mir auf, und mich ergriff eine unsägliche Zärtlichkeit, und ich warf mich sinnlos über sie und bedeckte ihr Gesicht, ihren Hals und ihre Hände mit Küssen, schmiegte mich wie eine Katze ihre Hüften und ihre Brust entlang, steckte den Kopf unter ihre Arme, entblößte ihre Brust und küßte, küßte – bis ich matt neben ihr niedersank und ganz still liegen blieb und mich nur an sie klammerte, die Wange an ihrer nackten Brust. Nie, nie, flüsterte ich ihr leise zu, hätte ich mich so wohl befunden. Sie antwortete nicht, streichelte mir nur das Haar und sah mir mit beinahe mütterlicher Zärtlichkeit ins Gesicht. Darüber bemächtigte sich meiner eine wunderlich wehmütige Rührung, und ich empfand ein heftiges Bedürfnis, zu weinen. Weinen, nur weinen, weinen, den Kopf an ihrer nackten Brust. Ich getraute mich aber nicht; sie würde es sicher nicht begreifen – und ich barg nur das Gesicht an ihrem Hals. Dann zog sie mich fester an sich, und die Triebe erwachten von neuem. Ich erschrak; ich hatte ja geschworen, es nicht mehr als einmal zu tun. Und den Schwur wollte ich halten; es war ja so schädlich ... Ich hielt mich tapfer. Sie begriff nicht, weshalb ich nicht wollte, und fragte danach. »Ich bin noch so jung,« sagte ich, »und da soll es so schädlich sein.« Sie lächelte und streichelte mich. »Wie alt bist du?« »Sechzehn Jahre.« »Und noch so klein, du Armer!« Sie nahm meinen Kopf zwischen ihre Hände, drückte ihre Wange an meine und küßte und liebkoste mich wie ein kleines Kind Und ich blieb liegen und krümmte mich wie ein Wurm unter ihren Liebkosungen. – – – – Es war zwei Uhr geworden. Ich mußte zurück an Bord. Um vier Uhr mußte ich wieder aufstehen, und etwas Schlaf mußte ich doch auch haben. Sie begleitete mich bis zum Dock. Ich schmiegte mich eng an sie. Beim Dock umarmte sie mich, küßte mich dreimal auf den Mund und sagte Adieu. »Ach, daß ich schon heute fort muß!« sagte ich, ihre Hand haltend und zu ihr aufblickend, »und daß ich dich nicht eher kennen gelernt habe! Ich werde dich nie vergessen.« »Vielleicht kommst du einmal wieder hierher.« »Hoffentlich. – Ich werde dich niemals vergessen.« Sie küßte mich noch einmal und ging zurück. Ich sah ihr nach ... Wie schön sie einherschritt ... Und wie elegant sie sich trug! ... Und das herrliche aschblonde Haar! – Ich mußte ihr Gesicht noch ein letztesmal sehen! »Adieu!« rief ich ihr nach. Sie wandte sich um, lächelte mit dem blassen, feinen Engelsgesicht und warf mir eine Kußhand zu. Dann bog sie um die Ecke und war verschwunden. Dann erst merkte ich, wie furchtbar müde ich war; ich sank förmlich zusammen. Und ich eilte an Bord und ins Bett. Wir waren in Swansea vor Anker gegangen, um Kohlen zu laden. Eines Abends saßen die Leute in der Hütte auf ihren Kisten die Wände entlang und plauderten und rauchten und spieen in den großen gemeinsamen Spucknapf in der Mitte. Die an der Decke hängende Tranlampe verbreitete ein unsicheres, flackerndes Licht zwischen den Tabakswolken in dem niedrigen halbdunklen Raume. Ich hatte mir vom Koch den Küchenraum abtreten lassen, um in Ruhe einen Brief schreiben zu können. Ich lag hingekniet vor der Küchenbank, die ich als Schreibpult benützte, in meinen Segeltuchkleidern, die runde blaue Mütze auf den Kopfe, und schrieb, ein englisches Lexikon neben mir. Die Tranlampe über der Bank warf einen matten Lichtschein aufs Papier, gerade so viel, daß ich sehen konnte. Die blaue Mütze war mir in den Nacken geglitten. Ich schrieb eifrig. Als ich eben fertig war und, auf den Knien liegend, den Brief noch einmal durchlas, kam jemand in die Küche. Ich glaubte, es wäre der Koch, und kehrte mich nicht um. »Na, natürlich schreibt er an Laura!« – Der Matrose, der sie mir nicht gegönnt hatte, beugte sich über mich und hatte die Überschrift gelesen. »Jawohl,« antwortete ich. »Lies vor, was du geschrieben hast,« sagte er lachend. Ich fand das, was ich geschrieben hatte, selber hübsch; ich war stolz darauf und las es ihm auf englisch vor: ich liebte sie, hatte ich geschrieben, und dächte beständig an sie, und ich wäre so unglücklich, weil sie so weit entfernt wäre und ich sie nicht sehen, nicht mit ihr reden, sie nicht küssen könnte – o, ich wäre sehr unglücklich. Ob sie wohl zuweilen an mich dächte? Ob sie mich liebte? Sie sollte nur wissen, wie sehr ich sie liebte. Ob sie mir schreiben und es mir sagen wollte? O, das müßte sie tun. Ein Brief von ihr – wie würde ich ihn wertschätzen! Ich würde ihn wie ein Kleinod aufheben und ihn Tag für Tag vielmals immer wieder lesen und ihn küssen, weil sie ihn geschrieben, weil ihre Hand darauf geruht hätte. Ach, wenn ich in Plymouth wäre! Ob ich wohl jemals wieder dorthin kommen würde? Oder ob ich sie nie wieder sehen würde? – Ach, ich wäre sehr unglücklich! usw. usw. Der Matrose hörte den Brief bis zu Ende an; dann fragte er lachend, weshalb ich ihr so etwas schriebe; ich käme ja wahrscheinlich lange Zeit nicht wieder nach Plymouth. Weshalb ich ihr das schriebe? Je nun, weil ich das fühlte. Er brach in ein lautes Gelächter aus, lief in die Hütte und erzählte es den anderen. Die lachten alle: ich schriebe einer Hure, hahaha! Ich hörte das Gelächter. Es genierte mich aber nicht. Eine Hure? Nein, für mich war sie keine Hure. Was begriffen aber diese rohen Burschen davon? Was ich geschrieben hatte, war schön – das fühlte ich – und ich war froh, daß ich es fühlte. Ich las den Brief noch einmal durch, steckte ihn in ein Kuvert, versah ihn mit der Adresse und frankierte ihn, ging dann stolz an Land und steckte den Brief in einen Briefkasten. Einige Tage später wurde ich um die Frühstückszeit zum Schiffer gerufen. Ich kam in meinem schmutzigen Segeltuchanzug in die Kajüte, die blaue Mütze in der Hand. Der Schiffer, ein breitschultriger, robuster Mann mit rotem Haar und Bart und einem richtigen Bullenbeißergesicht, empfing mich, mitten im Vorraum der Kajüte stehend, mit einem Briefe in der Hand. »Was ist das für ein Weibsbild, das dir aus Plymouth schreibt?« »Ein Mädchen, das ich kenne.« »Eine Hure, nicht wahr!« »Nein, ein Nähmädchen.« »Bei der du geschlafen hast!« »Nein.« »Lüg' nicht, Junge. Eine Hure ist's, nichts anderes. Jetzt machst du flugs den Brief auf, daß ich's sehen kann, und läßt ihn mich lesen.« Ich öffnete den Brief: »Bitte!« Er entfaltete ihn. Ganz oben, über My dear, war ein gepreßtes Vergißmeinnicht aufgeklebt. Er riß es ab und warf es zu Boden. Und als ich es dann aufhob, nahm er es mir aus der Hand und riß es in Stücke. Dann las er. Es war ein sehr anständiger Brief, der gar nichts Dirnenhaftes an sich hatte: sie habe mich gern, schrieb sie, und freue sich, daß ich sie gern hätte; alles hätte aber Maß und Ziel: » You say, that your heart is broken, but i hope not yet «, ich würde andere Mädchen finden, die ich auch gern hätte und dann würde ich sie vergessen. Sie würde aber oft an mich denken, und wir könnten uns ja schreiben; vielleicht käme ich auch bald wieder nach Plymouth man könne es ja nicht wissen, und dann würde ich sehen, daß sie mich gern hätte usw. usw. Der Schiffer gab mir den Brief zurück. »Na ja,« sagte er milder gestimmt, »es steht wenigstens keine Schweinerei darin. Das will ich dir aber sagen: ich dulde nicht, daß Dirnen ihre Briefe an mich adressieren, und daher muß das hiermit ein Ende haben. Daß du das weißt! Nun kannst du gehen.« Und er kehrte mir den Rücken zu und ging in die innere Kajüte. – – – Einige Tage später fand ich eine Gelegenheit, durchzubrennen; ich reiste landeinwärts, bestand verschiedene Abenteuer und kam schließlich nach Swansea zurück, wo ich auf einem deutschen Schiffe Dienste nahm. Über all diesen Erlebnissen vergaß ich Laura immer mehr und kam nicht dazu, ihr nochmals zu schreiben. Und nach Plymouth bin ich nie wieder gekommen. XXI. Wieder war ein Jahr vergangen. Ich war nach Christiania gekommen, um das Schifferexamen zu bestehen; ich war zwar erst 17 Jahre alt, aber diese Prüfungen konnte man ja ebensogut vorher als nachher loswerden. Ich saß in einem Mansardenzimmer vor dem Schreibtisch im Schaukelstuhl und hielt einen Brief in der Hand. Ich hatte ihn gelesen und immer wieder gelesen. Der Brief lautete: »Lieber Hermann! Es tut mir leid, daß ich Deine Gefühle nicht erwidern kann. Ich ahnte nicht, daß Du mich auf diese Weise gern hattest. Du mußt Dich auch daran erinnern, daß Du noch zu jung bist, um an so etwas zu denken. Wenn Du erst einmal in das Alter kommst, wo Du heiraten kannst, dann würde ich für Dich zu alt sein. Versuche mich also zu vergessen. Deine Dir ergebene Cousine Emma.« ... Sie liebte mich also nicht. Damit war alles gesagt. Was ging es mich denn weiter an, ob ich zu jung war und sie zu alt? Es war vorbei: sie liebte mich nicht. Ich stützte den Ellenbogen auf den Tisch und starrte, den Kopf in der Hand, zum Fenster hinaus: Ohne sie leben! – Wofür sollte ich dann leben und arbeiten ... Merkwürdig ... sie war nicht schön. Nur diese bezaubernde häusliche Anmut. – Ich war nicht länger als einen Monat mit ihr zusammen gewesen, und schon war sie in all meine Zukunftsträume hinein verwebt. Für sie wollte ich in die Welt hinausreisen. Zu ihr wollte ich zurückkehren. Bittersüße Trennungen und glücktrunkenes Wiedersehen. Und Sehnsucht dazwischen. Bis ich das nicht mehr aushalten konnte und die Häuslichkeit mit mir nehmen mußte. O, sie sollte eine reizende kleine Kajüte haben, und ich wollte ihr alles schaffen, was sie wünschte. Und jedes Lächeln auf ihrem Gesichte, jeder zärtliche Dank von ihren Lippen – wie glückselig würde mich das alles machen. Und immer beherrschte mich nur dieser eine Gedanke an sie, an sie ... Ach ja! Ich legte meinen Kopf auf die Arme und schluchzte. Nach einiger Zeit stand ich still auf, trocknete die Tränen, nahm einen Bogen Briefpapier aus der Mappe und schrieb: »Liebe Emma! Du liebst mich nicht. Wenn die Liebe kommt, stürzt sie sich über uns wie ein Raubvogel auf seine Beute; wir haben keine Macht über sie. Auf mich hat sie sich herabgestürzt, nicht auf Dich. Du liebst mich nicht. Leb wohl! Ich werde versuchen, Dich im Getümmel der Welt zu vergessen. Dein Dir ergebener Hermann.« Ein Monat war vergangen. Ich hatte allmählich angefangen, etwas zu bummeln. Ganz allein. Vormittags saß ich in der Schifferschule, den Rest des Tages brachte ich damit hin, daß ich allerhand Cafés und Kneipen besuchte. Schließlich hatte ich mich in einem Restaurant dritten Ranges niedergelassen, in dem ich Tag für Tag von fünf bis zwölf Uhr saß und abwechselnd einen Grog oder ein Glas Bier trank – etwas mußte ich ja trinken, um dort sitzen zu können. Das Bufett und der Schenktisch, beide weiß angestrichen, dazu einige Holzstühle und kleine Holztische, die einmal rot angestrichen gewesen waren – das war das Inventar. Es sah kalt, hart und ungemütlich aus. – Aber hinter dem weiß angestrichenen Schenktische saß ein junges Mädchen. Klein und nett; langes, schwarzes, durch ein Netz zusammengehaltenes Haar, wie es damals bei den Damen Mode war; ein blasses, kleines, feines Gesicht und hinter den langen schwarzen Augenwimpern ein Paar große dunkle Gazellenaugen; schmale, aber rote Lippen und perlenweiße, wunderbar schöngeformte Zähne. Abend für Abend hatte ich von fünf bis zwölf Uhr dort gesessen, sie aber niemals angesprochen, nur dagesessen, nach ihr hingeschaut und geträumt. Und allmählich hatte nun sie sich in alle meine Zukunftsträume hineingeschlichen. Ich führte immer einen großen Ostindienfahrer und sie fuhr mit. Sie saß auf dem Achterdeck und nähte oder las, wenn die Sonne schien und es gutes Wetter war. Und ich freute mich, wenn ich auf Deck auf- und abging, sie zu sehen. Und hatte ich sie auch nicht immer vor Augen, so war sie doch immer in meinen Gedanken. Beaufsichtigte ich vorn die Arbeit der Leute, so trug ich immer ihr Bild bei mir. Und mitten in der Arbeit mußte ich dann auf das Achterdeck gehen und sehen, ob sie wirklich da war. Da sah sie mit den großen dunklen Augen von ihrer Arbeit auf und nickte mir vertraulich unter den schwarzen Augenwimpern hervor zu. Sie wußte wohl, weswegen ich kam. Und ich nickte wieder, ging an meine Arbeit zurück und dachte von neuem an sie. Oder wenn ich eine Zeitlang auf die See hinausgespäht hatte nach Land oder nach einem Schiffe und einen Augenblick mit etwas anderem als mit ihr beschäftigt gewesen war – dann mußte ich mich plötzlich umkehren, um zu sehen, ob sie wirklich da war, und immer saß sie da, wie ein neues Wunder ... Und in der gemütlichen Kajüte unten. War draußen Sturm und Unwetter, so hatte ich doch unten ein behagliches Heim, erfüllt von ihrem sanften weiblichen Wesen. Und ich kam hinunter, atmete die Luft dieses Heims ein, mein Glück überwältigte mich, ich sank auf die Kniee und weinte – weinte mich leicht ums Herz und froh, und sah ihr dann in ihre treuen, tränengefüllten Augen und wußte, daß sie dasselbe empfand wie ich. So hatte ich sie allmählich in meine Liebesträume hineinverwebt, während ich ganz in meine Gedanken vertieft dort saß und in das liebe bekannte Gesicht starrte. Und sie saß hinter dem Schenktisch und hatte keine Ahnung vom Ganzen. Zuweilen blickte sie mit ihren Augen auf und sah neugierig den kleinen wettergebräunten Burschen an, der immer auf demselben Fleck hockte und sie anstarrte. Sie sah aber sofort wieder weg; denn ich starrte ihr beständig in die Augen. – Niemals hatte ich sie angesprochen. Einmal mußte es aber doch geschehen! Ich wollte mit ihr sprechen. Ich wußte aber nicht, was ich sagen sollte. Mehrere Tage dachte ich darüber nach, was ich vorbringen sollte, fand aber nichts. Da wurde mir klar, daß ich zu ihr nur von Liebe sprechen konnte. Das konnte ich aber nicht. Das getraute ich mir nicht, trotzdem ich mir's jeden Tag vornahm. Da schrieb ich ihr denn, daß ich sie liebte, und fragte, ob sie die Meine werden wollte. – Ich wartete einen Tag, ich wartete zwei, ich wartete drei Tage – ich erhielt keine Antwort. Da suchte ich wieder die Wirtschaft auf. Sie saß wie gewöhnlich hinter dem Schenktische. Als ich hereintrat, ging sie in das Speisezimmer, ich hinterdrein. In dem Zimmer war niemand. Sie setzte sich auf einen Stuhl; ich setzte mich neben sie. »Haben Sie meinen Brief erhalten?« fragte ich verlegen. »Ja.« Sie sah mir ruhig in die Augen. »Und was antworten Sie mir?« »Daß Sie noch zu jung sind, um an so etwas zu denken. Und ich bin vierundzwanzig Jahre alt.« Ich antwortete nichts, starrte nur ins Leere, und in meinem Gehirn stürzten alle die schönen Phantasien zusammen – ich hatte wieder das Gefühl, als ob ich sterben sollte. Plötzlich kehrte ich mich wieder nach ihr um, wie um mich an ihrem Gesicht festzuklammern. Da war sie aber bereits weg; sie war wieder in das Restaurant gegangen. Ich blieb noch eine Weile sitzen. ... Zu jung, um an so etwas zu denken?! – War das denn eine Redensart, die sie alle aus irgendeinem Briefsteller auswendig gelernt hatten? ... Zu jung ... zu alt – du großer Gott, was war denn Liebe? ... Und ich stand auf, trat in das Gastzimmer hinein, nahm meinen Hut, ging und ward nie wieder dort gesehen. Etwa einen Monat später, an einem Sonntagabend, war ich bei meinem Onkel. Die Alten waren ausgegangen. Es waren nur ein paar Cousinen da, einige Vettern, zwei Damen, die dort wohnten, und ich. Die eine der dort wohnenden Damen stammte aus einer kleinen Stadt und hielt sich in Christiania auf, um das Lehrerinnenexamen zu bestehen. Sie war knapp sechzehn Jahre alt, aber groß, wohlgebaut und völlig entwickelt; sie sah aus wie eine junge Frau von zwanzig Jahren. Das schwere blonde Haar war in einer dichten Flechte zweimal um den Kopf geschlungen. Ein Paar ganz kleine, aber wunderbar sanfte blaue Augen guckten einen zutraulich an. – Ich saß ihr bei Tische gegenüber und vergaß zuweilen über ihrem Anblick das Essen. »Weshalb sehen Sie mich so an?« fragte sie mich neugierig, als sie mich einmal dabei ertappte, wie ich sie anstarrte. Ich nahm mich zusammen und lächelte: »Ich denke darüber nach,« sagte ich, »wie seltsam es ist, daß Sie erst sechzehn Jahre alt sind. Sie sehen aus, als wären Sie zweiundzwanzig.« Sie sah mich schmollend an. »Nein,« sagte sie, »ich sehe aus, als wäre ich neunzehn, noch nicht ganz zwanzig.« »Zweiundzwanzig,« sagte ich lachend. »Als ich Sie das erstemal sah,« sagte sie, »meinte ich, Sie wären dreiundzwanzig; nun sind Sie bloß siebzehn. Eine Dame von sechzehn Jahren ist so alt, wie ein Herr von zwanzig; Sie sind mir gegenüber nur ein Kind.« Ich lachte und fuhr fort, sie anzusehen. Als wir aus dem Speisezimmer in die Wohnstube gingen, kamen wir beide zufälligerweise zuletzt. Sie blieb in der Tür stehen und lehnte sich gegen den einen Türpfosten. Ich stellte mich ihr gegenüber, lehnte mich an den anderen Pfosten und sah sie an. »Im Grunde genommen sind Sie ganz hübsch,« sagte ich. »Im Grunde genommen? Das ist nicht gerade schmeichelhaft.« »Ich habe auch nicht gesagt, daß ich Ihnen schmeicheln wollte.« Nach einer kurzen Pause sagte sie lachend: »O, bitte, tun Sie es doch. Schmeicheln Sie mir!« »Ja, ja, Sie sind übrigens wirklich reizend; man möchte in Ihre sanften blauen Augen starren, bis man seine Seele darin verliert. Deshalb habe ich Sie immer so angesehen.« Sie lachte und wir blieben an der Tür stehen und starrten uns in die Augen. »Wissen Sie was?« sagte sie dann, »ich habe Lust, mit Ihnen Brüderschaft zu trinken.« Ich lächelte überlegen, ich glaubte, sie wollte mich nur zum Narren haben. »Sie wollen nicht,« rief sie übermütig, »soll ich vielleicht vor Ihnen aufs Knie fallen?« und damit warf sie sich vor mir aufs Knie nieder. Ich gab ihr die Hand und hob sie empor: »Gut denn, trinken wir also Brüderschaft, aber in Schnaps.« Sie klatschte in die Hände und lachte. »Ja, ja,« rief sie, und dann wandte sie sich zu den übrigen, die in der Wohnstube saßen und rief ihnen zu: »Hört, wir werden Brüderschaft in Schnaps trinken,« und dann lief sie ans Bufett und holte die Aquavitflasche des Onkels und zwei Schnapsgläser. In das eine goß sie nur einen kleinen Tropfen, das andere aber füllte sie bis zum Rande. »Prosit!« sagte sie und steckte ihren Arm, mit dem sie das Glas hielt, unter den meinen. »Prosit, du!« Wir tranken und drückten uns die Hände, und dann wurden die Gläser wieder hingesetzt und wir stellten uns wieder einander gegenüber in die Tür. »Weißt du,« sagte ich, »wie ich dich das erstemal sah, kamst du mir furchtbar gemütlich vor. Es war an einem Vormittag. Ich kam, um die Zeitungen zu lesen. Es war niemand zu Hause, und du öffnetest mir. Ich hatte dich vorher nicht gesehen. Es war am Tage nach deiner Ankunft. Erst gingst du auf dein Zimmer. Bald darauf aber kamst du hierher und setztest dich neben mich aufs Sofa und fingst an, mit mir zu plaudern, wie mit einem alten Bekannten. So etwas tun die Damen in Christiania nicht, nur du bist so – du bist eine furchtbar gemütliche Dame.« Sie lachte: »Du warst aber ebenfalls recht gemütlich,« sagte sie, »ich erinnere mich noch genau. Es war geradeso, als wenn ich mich mit einem von meinen Leuten zu Hause unterhalten hätte.« – – – Sie war gefallen, hatte sich den Fuß verrenkt und mußte drei Wochen das Bett hüten. Während der Zeit hatte ich Tag für Tag an sie gedacht, und das Ende vom Liede war die alte Geschichte: Jetzt spielte in meinen Zukunftsphantasien sie die Hauptrolle. Es war nur der Unterschied, daß ich diesmal selber nicht an meine Phantasien glaubte; ich dachte mir das Ganze als etwas ungeheuer Reizendes, das aber nun einmal nicht möglich wäre. Nach ihrer Genesung trafen wir uns eines Tages bei einem Vetter. Als es dunkel wurde, gingen wir zusammen fort. Ihr Fuß ermüdete bald und sie mußte stehen bleiben. »Wenn ich nicht fürchtete, einen Korb zu bekommen, würde ich dir jetzt meinen Arm anbieten,« sagte ich. Sie nahm eine beleidigte Miene an: »Wenn du ihn mir nicht ordentlich anbietest, nehme ich ihn nicht.« Ich hielt den Arm hin: »Darf ich Ihnen den Arm anbieten; mein Fräulein?« Da lachte sie, nahm ihn und lehnte sich beim Weitergehen schwer darauf. »Weißt du, daß es herrlich ist, so Arm in Arm mit dir zu gehen?« fragte ich nach einiger Zeit. Sie antwortete nicht. »Dann bilde ich mir nämlich ein, daß mich jemand lieb hat, und der Gedanke ist so herrlich, wenn man in der ganzen weiten Welt niemanden hat, der einen liebt.« Sie glaubte etwas darauf erwidern zu müssen, lachte und sagte: »Ja, dich kann ja auch niemand liebhaben, du schwiemelst ja soviel.« Da sah ich ihr in die Augen: »Würde dir ein Mann gefallen, der nicht »lebte« und niemals gelebt hätte?« Nach kurzer Zeit sagte sie: »O nein. Das wäre ja gerade wie bei den Herren, die nicht Tabak rauchen.« »Und außerdem: was sollte ich, meinst du, anderes tun, als schwiemeln? Jetzt bin ich siebzehn Jahre alt. Und in den vielen Jahren, die noch vergehen, bevor ich in das Alter komme, daß ich heiraten kann, was soll ich denn da anfangen? – Es liebt einen ja niemand, bevor man nicht in das Alter kommt. So seid ihr Damen ja: Ihr denkt nur ans Heiraten, nicht an die Liebe.« »Pfui,« sagte sie, entzog mir ihren Arm und ging, mich fixierend, neben mir her. »Ach ja,« sagte ich dann, »nur in den wenigen kurzen Stunden, in denen ich mir einbilden kann, daß mich jemand lieb hat – nur dann bin ich nicht unglücklich.« Ich blieb stehen. »Ach, gib mir deinen Arm wieder,« sagte ich, »stiehl mir nicht eine dieser Stunden.« Sie bedachte sich einen Augenblick, gab mir dann plötzlich den Arm und sah mir gerade ins Gesicht: »Du, Hermann, du bist im Grunde ein sonderbarer Junge.« »Ja, das muß ich wohl sein. Ich kann es ja nicht, wie die andern, natürlich finden, daß einen niemand lieben soll, bevor man alt genug ist, um heiraten zu können ... Du solltest wissen, wie stark meine Sehnsucht ist. Und dann habe ich die Empfindung, daß ich dafür sterben werde. Ein solches Glück ist zu groß, als daß es wirklich eintreten könnte.« Sie sah mir wieder gerade in die Augen, und es war über das junge Gesicht ein Ausdruck der Furcht gekommen. »Du, Herrmann,« sagte sie, »zuweilen habe ich dieselbe Empfindung ... ob es wirklich niemals eintreten sollte?« Ich schüttelte melancholisch den Kopf, und dann gingen wir Arm in Arm in der Dämmerung weiter, geradeausblickend, ohne ein Wort zu sprechen und ohne uns anzusehen, nur dicht aneinander geschmiegt wie zwei kleine Kinder. Ich begleitete sie bis in den Hausflur hinein. Dort nahm sie meine Hand und sagte: »Hermann, wollen wir zwei gute Freunde sein? ... so richtig gute Freunde; denn ich habe dich sehr gern.« »Ja,« antwortete ich, »dann mußt du mich aber küssen.« Sie schlang den Arm um meinen Hals und küßte mich auf den Mund, und einen Augenblick ruhte mein Kopf an ihrer Schulter – o, wenn sie mich geliebt hätte! ... Dann ging sie hinein, und ich wanderte allein der Stadt zu. Einige Wochen später verlobte sie sich. Mit einem Manne, der sie binnen Jahresfrist heiraten wollte. Sie war die einzige gewesen, die mich zum Onkel hinausgelockt hatte; als sie sich nun verlobt hatte, stellte ich meine Besuche wieder ein. Und noch regelmäßiger als zuvor brachte ich die langen Winternachmittage und -abende bis spät in die Nacht hinein zusammen mit einem Kameraden von der Schifferschule bei den Dirnen im »Vaterland« zu. Dann war es an einem Sonntag-Abend gegen neun Uhr. Wir waren den ganzen Nachmittag bei zwei Frauenzimmern gewesen, bei denen wir uns am liebsten aufhielten, und hatten kalten Punsch und Kognak getrunken. Dann wollten die Frauenzimmer tanzen gehen, und wir natürlich mit. Ich mußte aber erst nach Hause, um mehr Geld zu holen. Wir gingen zusammen dorthin. Wie ich eben die Lampe anzünden wollte, klopfte es; es war die Wirtin. Sie bestellte einen Gruß von meinem Onkel; ich sollte heute abend zu ihnen hinauskommen, meine Schwester, die im Krankenhause lag, sei gestorben. Mein Kamerad setzte sich in die Sofaecke; ich setzte mich in den Schaukelstuhl, und wir blieben eine Weile sitzen, ohne ein Wort zu sprechen. ... Tot? ... Mich überkam ein merkwürdig unheimliches Gefühl. Ich kam mir vor wie ein schleimiges, froschähnliches Tier, dem man nicht gern zu nahe kommt ... War ich denn ein Unmensch geworden? –: Ich fühlte nicht das Geringste bei dieser Nachricht. Tot ...? – Nein, nicht eine Fiber in meinem Herzen regte sich. Na ja, was ging es mich aber auch an, ob sie tot war oder ob sie lebte? Das hatte ja nichts mit meinem Leben zu tun, ich lebte ja weiter wie vorher: stand des Morgens auf und trank mein Bier und meinen Schnaps und aß mein Frühstück, ging dann in die Schule und saß dort den ganzen Vormittag, aß zu Mittag und trank Kaffee und bummelte dann weiter bis in die Nacht oder bis zum nächsten Morgen. Und dann ging's wieder von vorn los, immer und ewig dasselbe, bis ich das Examen bestand. Und dann ging ich zur See und kam zurück – und mehr gab es nicht. Und mehr gab es nicht? Ein Schauder durchfuhr mich bei diesem Gedanken. Und wenn ich starb? Ja, dann starb ich, und hatte ich Zeit genug, dann machte ich wohl noch den Versuch, mich zu bekehren. Und bekam ich keine Zeit dazu? Ja, dann bekehrte ich mich eben nicht. Es war aber zu langweilig, an die Zukunft zu denken ... ich hatte es satt, ich hatte keine Lust mehr dazu. Meinetwegen konnten sie leben oder sterben alle miteinander, ganz wie es ihnen beliebte. »Na, was tust du nun?« fragte mein Kamerad. Ich sprang vom Schaukelstuhl auf: »Jetzt gehen wir erst recht los und machen ein Tänzchen!« Und ich holte das Geld hervor; mein Kamerad aber schüttelte mißbilligend den Kopf und auf der Straße sagte er zu mir: »Im Grunde genommen, bist du ein gottloser Kerl – na, das geht mich ja aber nichts an.« Einen Monat später bestand ich mein Examen und ging wieder zur See als Leichtmatrose. XXII. Es war in einer Herbstnacht desselben Jahres, nach zwölf Uhr. Ich hatte Wache. Wir waren in der Nordsee, kamen vom Kanal her und steuerten auf Norwegen zu. Frische Brise, verhältnismäßig ruhiges Wasser, reine, sternenhelle Luft. Halb gegen das Gangspill gelehnt, halb darauf sitzend, die Hände in den Taschen, die Tonpfeife zwischen den Zähnen, starrte ich über die See, ohne an irgend etwas zu denken. Plötzlich tauchte am Horizont ein Licht auf. »Licht gerade voraus!« rief ich rückwärts. »Licht gerade voraus!« wurde in der Mitte des Schiffes wiederholt. Der Steuermann kam heran, die drei Mann von der Wache, die frei waren, desgleichen. »Wo ist es?« fragte der Steuermann. »Dort« – ich zeigte hinaus – »geradeaus, etwas luvwärts!« – Es war der Leuchtturm von Lindesnäs. Alle blieben stehen und sahen eine Weile, wie in Spannung, dorthin. »Morgen sind wir also zu Hause!« rief schließlich der Youngmann. »Ja, wenn sich der Wind nur hält, und er hält sich gewiß,« antwortete der Steuermann froh. – – – Ich stand wieder gegen das Gangspill gelehnt da, die Fäuste in der Tasche, die Tonpfeife zwischen den Zähnen, und starrte nach dem Leuchtfeuer hinaus –: ... Lindesnäs – Norwegen – nach Hause ... Nach Hause? – In meinem Herzen rührte sich nichts, ganz anders als es sonst immer gewesen war, wenn ich früher unter Norwegens Küste gekommen war – gar nichts. Nach Hause? – Was sollte ich zu Hause? Ich hatte ja nichts, weswegen ich nach Hause kommen konnte. – Nein, daheim wie draußen, auf der See oder auf dem Lande, es war für mich alles gleich; es war doch alles nur eine öde Langeweile. »Nach Hause!« Welche erwartungsvolle Freude hatte doch in dem Ausrufe des Youngmannes gelegen: morgen sind wir also zu Hause! Nun saß er dort unten auf der Vorderluke, den Ellenbogen auf das Knie gestützt, den Kopf in der Hand, dachte wohl an seinen Vater und an seine Mutter und an seine Geliebte – Ja, er war glücklich; mehr brauchte es nicht, um ihn mit freudigen Erwartungen zu erfüllen. – Bei mir – o, bei mir brauchte es unendlich viel mehr ... Oder war es vielleicht, weil ich keinen Vater und keine Mutter daheim hatte, die sich freuten, mich wiederzusehen? Und keine Liebste, nach der ich mich gesehnt hätte und die mich mit ihrer Liebe erwartete? ... O nein. Vater und Mutter mochten meinetwegen nur auf dem Kirchhof ruhen – und wenn es auch in meinen Kräften stände, ich würde sie doch nicht wieder ins Leben rufen; es wäre doch nur ein Moment der Langeweile mehr gewesen, ihnen ein frohes Gesicht zeigen zu müssen, wenn ich nach Hause kam. – Und eine Liebste? ... Ja, wenn es im vorigen Jahre gewesen wäre! Aber jetzt ... eine Liebste ... ein Frauenzimmer wie alle anderen ... wie die, bei denen man am Lande über Nacht blieb, vielleicht etwas feiner, aber schließlich doch derselbe Sauerteig – ach nein, so etwas war zum Spielen da, nicht um ernst genommen zu werden. Im vorigen Jahre aber? – Ach ja, im vorigen Jahre, da war ich ein ebenso großes Kind wie der Youngmann unten auf der Vorderluke. Wie hatte ich da geschwärmt und wie verliebt war ich gewesen! – Da war zuerst Cousine Emma – Gott, wenn ich an der hängen geblieben wäre! – In meinem Herzen rührte sich keine Fiber mehr, wenn ich an sie dachte; Gott mochte wissen, weswegen ich mich in sie verliebt hatte ... Es war wohl, weil sie so ungefähr die erste Schürze war, die mir am Lande begegnet war. – Und dann war es das Fräulein in dem Restaurant. – Ich lächelte, ihr langes, schwarzes Haar und diese perlweißen Zähne – beides war falsch, wie ich später gehört hatte. – Und dann zuletzt Margarete. – Ja, sie war ja wirklich ganz nett gewesen, und süß waren ihre sanften blauen Augen und stark ihr blondes Haar; aber, Herr Gott, um das Leben von unsereinem auszufüllen ... o nein, nein, dazu gehörte schon unendlich viel mehr und Höheres ... Was aber? Was gehörte dazu? Ja, das mochte der Himmel wissen. Etwas Großes aber mußte es sein, etwas, was mich ganz erfassen und meine Brust mit Jubel erfüllen konnte, daß sie dem Zerspringen nahe war – denn das hieß ja erst zu leben. Da erst ging in Erfüllung, was ich vom Leben geträumt hatte. Da erst würde meine Sehnsucht Ruhe finden. – Bis das aber geschah – was ging mich all das andere an! Das war mir ja alles ganz gleichgültig. Hier auf dem Ausguck zu sitzen ... das Steuer zu halten ... auf Deck kleine Arbeiten zu verrichten ... in der Hütte zu sitzen, zu rauchen und liederliche Geschichten anzuhören ... oder, wenn wir im Hafen waren, am Tage zu löschen und zu laden und abends an Land zu gehen und Schnaps zu trinken und Frauen zu besuchen – Herr, mein Gott, es konnte doch in der Tat niemand glauben, daß mich so etwas befriedigen konnte! ... Und wenn ich mir nun am Lande eine Stellung verschaffte, woran ich so oft gedacht hatte – Herr Gott, zum Beispiel in einem Bureau zu sitzen und darüber nachzudenken, wie man möglichst viel Geld verdient ... oder über dem Studium langweiliger Bücher alt und grau zu werden ... oder was ich sonst vielleicht für eine Arbeit ausfindig machen konnte – sollte das vielleicht das Kraut fetter machen?! Zuweilen hatte ich daran gedacht, Handwerker zu werden – ein kleiner Handwerker mit Frau und vielen Kindern, der vom Morgen bis Abend schuften mußte, um für sich und die Seinen den Lebensunterhalt zu verdienen. Da würde ich vielleicht vergessen können, daß ich jemals das Bedürfnis nach etwas anderem gehabt hatte ... aber nein! Eines schönen Tages würde mich eine Wut erfassen, und ich würde auf- und davongehen ... O, diese Sehnsucht, diese Sehnsucht, diese unendliche Sehnsucht! Und dieses jämmerliche elende Leben, das in nichts meiner Sehnsucht entsprach! – Welches verächtliche, sinnlose Leben! ... Oder welchen Sinn hatte denn dieses Leben?! Konnte vielleicht jemand sagen, zu welchem Zwecke wir lebten? ... »Um die ewige Seligkeit zu erringen,« kam es mir unwillkürlich auf die Lippen. Ich mußte lächeln. So? Die ewige Seligkeit? Wer bürgt mir aber dafür, daß ich mich selig fühlen würde, wenn ich in den Himmel käme? Mir erschien das wahrhaftig nicht besonders interessant, in alle Ewigkeit Lobgesänge zu Gottes Ehre zu singen! ... Und um das nach meinem Tode tun zu dürfen, sollte ich im Leben meine Zeit damit hinbringen, daß ich darüber nachdachte, wie sündig das alles war, was ich sann, sagte und tat – sollte unablässig meine Sünden bereuen und um Jesu Christi willen um Vergebung der Sünden betteln. Als wenn ich etwas zu bereuen hätte! War es etwa nicht Gott, der mich ins Leben hineingestoßen hatte, ohne daß ich ihn darum gebeten und ohne daß er mich gefragt hätte, ob ich wollte! Und war es denn nicht vielleicht das mindeste, was ich von ihm verlangen konnte, das Leben doch erst so einzurichten, daß ich es lebenswert finden konnte? War das etwa vielleicht nicht seine ganz verfluchte Pflicht und Schuldigkeit? Diese Schuldigkeit hatte er aber nicht getan! O nein, hatte einer von uns dem andern etwas abzubitten, so war er dazu verpflichtet, nicht ich. Ach, das war ja wahnwitzig: hier stand ich mit dem rasenden Verlangen in mir nach etwas, das mich ganz ergreifen, das meine Seele erfüllen und mich glücklich machen könnte – und da bot man mir ein Leben in Reue und Zerknirschung! Was zum Teufel sollte ich bereuen? – daß ich Gott nicht liebte, der das Leben so schlecht eingerichtet hatte? ... daß ich fluchte, weil es so schlecht war, wie es wirklich war? ... daß ich Branntwein trank und Frauen aufsuchte, wenn ich am Lande war, um mein Leben wenigstens mit dem Dreck zu füllen, der zu bekommen war, da Gott nichts Besseres zuwege gebracht hatte?! Ja, das sollte ich bereuen, und dann sollte ich mein Leben – mein einziges kostbares Leben – ich hatte ja nicht mehrere Leben – damit hinbringen, daß ich an all meine Gedanken, Worte und Handlungen den Maßstab der Luther'schen Auslegung der zehn Gebote anlegte – und dabei sollte ich mich noch erbaut fühlen – sollte gar in dieser kläglichen Beschäftigung ganz aufgehen ... Du großer Gott – wofür hielt man mich denn?! Nein, du Gott im Himmel droben! – Ich reckte die Hand in die Nacht hinaus. – Steig' von deinem Himmel herab in der furchtbarsten Gestalt, die du annehmen kannst; flieg an den Bug des Schiffes heran und erzähle mir, daß es sich wirklich so verhält, erzähle mir, daß ich das Feuer der Hölle verdient habe; daß du dich meiner erbarmen wolltest, wenn ich mein Leben in Reue und Zerknirschung verbringe und darum bitte, um Christi willen erlöst zu werden; daß ich aber zur Hölle muß, wenn ich das nicht tue; sage mir das in mein offenes ehrliches Gesicht hinein – und ich will deiner spotten; ich habe kein Bedürfnis nach solcher Erlösung, und ich will sie um keinen Preis haben. Dann lieber in den Feuerpfuhl hinab, wo wenigstens die Schmerzen unsere Seele bis zum Wahnsinn erfüllen. Steig herunter! – Und ich stampfte auf dem Deck umher. Ein Gespensterschauer durchfuhr meinen Leib, die Haare sträubten sich mir auf dem Kopfe, wie ich dort, die Hand in die dunkle sternenhelle Nacht hinausgestreckt, an das Gangspill gelehnt dastand, und ich beugte unwillkürlich mein Gesicht, als erwartete ich wirklich, daß er selber, der Herrgott, in seinem Zorne herniederstiege und mir dies alles verkündete. Dann mußte ich lächeln. Die Hand sank schlapp herab, und ich schüttelte den Gespensterschauer von mir. He! Man hätte wirklich glauben können, ich bildete mir ein, es gäbe einen lebendigen Gott, und er sollte so jämmerlich klein sein, daß ich genötigt wäre, ihn zu verachten. Ich stand auf und ging ein paarmal in dem kleinen Raum vor dem Gangspill zwischen den beiden Krahnbalken auf und ab, um meine Füße zu bewegen. Und auf der Vorderluke saß der Youngmann noch in derselben Stellung, den Ellenbogen auf das Knie gestützt und den Kopf in der Hand. Mich überkam eine seltsam wehmütige Stimmung. So hatte ich früher dagesessen, wenn wir uns der norwegischen Küste näherten, und hatte gefühlt, wie meine Brust sich hob und mein Herz bei dem Gedanken an die nahe Heimat stärker schlug ... Und wenn ich sie dann erreicht hatte, was war dann das Ganze gewesen?! O, aber dies herrliche Vorgefühl! Ich setzte mich auf den Krahnbalken an Backbord und betrachtete den Youngmann. Wie, wenn meine Seele in diesen Youngmann übergehen könnte, so daß ich zu seinen Eltern und seiner Liebsten nach Hause kam? Ich sah mich selber in eine kleine Stube kommen, der Vater sprang vom Sessel auf, lief mir entgegen und drückte meine Hand: Nein, du bist es, Jens; wie geht es dir? Danke, gut. Und wie geht es euch daheim? Danke, es ist alles in Ordnung. Und dann kommt die Mutter aus dem Waschhaus hereingelaufen mit feuchten bloßen Armen – sie ist Waschfrau – und fällt mir um den Hals und küßt mich mit ihrem alten lieben Munde und sagt: O Jens, Jens! Nein, wie geht es dir denn? – Und dann faßt sie mich bei den Schultern, schiebt mich ein Stück von sich weg und sagt, ich sähe gut aus, und währenddem strömen ihr die Tränen die Wangen hinab. Dort am Fenster aber sitzt sie, Gina, die Liebste. Ihr sind die Hände mit dem Nähzeug in den Schoß gesunken, und sie sieht still, schamhaft, mit den großen lieben Augen zu mir auf. Und ich gehe langsam zu ihr, die Augen fest auf sie gerichtet, fasse ihre Hand, gleite still aufs Knie vor ihr nieder, lege meinen Kopf in ihren Schoß und weine ... Nein, nein, so würde der Youngmann freilich nicht handeln. – Wie würde er sich wohl benehmen? Wer weiß – Na, das kann mir ja auch gleichgültig sein ... Käme dann alles wieder ins gewohnte alltägliche Geleise, dann würde ich ja doch über das Ganze nur lächeln und das Glück des Youngmanns vernichten, wie ich mein eigenes vernichtet hatte. – Nein, mag er er bleiben; es ist genug, daß ich ich bin. Ich stand von dem Krahnbalken auf, lehnte mich wieder gegen das Gangspill und sah ins Weite. Der Wind blies gleich frisch, das Schiff tanzte gleich leicht über die See. Es fuhr vorwärts, den Bug hoch über das Wasser erhoben, schoß dann seine schwarze Brust in die Wogen, wie um sich abzukühlen, spaltete sie mit seiner starken Brust und warf zu beiden Seiten große weiße schaumgekrönte Wellen auf; hob dann wieder seine Brust, wie um zu atmen, während es unablässig weiterfuhr, schoß dann von neuem in die kühlen Wogen hinab und spaltete sie wiederholt – ohne Unterlaß. Von diesem Spiel mit den Wogen hatte ich dereinst geträumt, dies sei dasselbe wie das Leben – mein Gott! ... Ich war etwa drei Wochen in Christiania gewesen, ohne einen Bekannten aufzusuchen. Da traf ich zufällig eines Tages einen meiner Brüder auf der Straße und unterhielt mich mit ihm; er erzählte mir unter anderem im Verlauf des Gespräches, daß die Verlobung Margaretes vor einigen Wochen zurückgegangen sei. Das erweckte in mir plötzlich das Verlangen, sie wiederzusehen und wieder einmal mit ihr zu sprechen; und ich nahm eine Droschke und fuhr zu ihr hinaus. Es war am Nachmittag, gerade zu Anfang der Dämmerung; als ich klingelte, öffnete sie mir selber: »Nein, guten Tag, guten Tag,« – sie gab mir die Hand – »Willkommen zu Hause!« »Danke; wie geht es?« »Danke, gut. Und wie geht es dir?« »Ach, so la la, weder gut noch schlecht.« Wir gingen in die Wohnstube – sie war allein zu Hause. Ich sah mich in dem bekannten Zimmer um. »Ganz wie das erstemal,« sagte ich, begab mich dann in das Speisezimmer nebenan und sah mich auch dort um. Sie war mir gefolgt. »Du,« sagte ich, »es ist ganz eigentümlich, so an bekannte Stätten zurückzukommen – es ist, als hätte man einen Teil seiner selbst dagelassen, wo man gewesen ist.« Sie erwiderte kein Wort, setzte sich aber an den kleinen Nähtisch neben dem Fenster und sah hinaus. Ich nahm ihr gegenüber an der andern Seite des Nähtisches Platz und blickte ebenfalls hinaus. – Eine Zeitlang sprachen wir kein Wort. Dann sagte ich plötzlich: »Warum wurde denn deine Verlobung aufgehoben?« Sie wandte mir langsam das Gesicht zu und sagte, wie in Gedanken versunken: »Ich liebte ihn nicht.« Ich sah sie eine Weile an, dann fragte ich wieder: »Glaubst du an Liebe?« Sie sah erstaunt zu mir auf: »Warum nicht?« sagte sie. »Glaubst du nicht an Liebe?« »Nein, das heißt, nicht an die große Liebe, die fürs Leben anhält. Die Liebe kommt, sie geht auch wieder. Sie ist eine Illusion, die zergeht und zergehen muß.« »Und weshalb muß die Liebe vergehen?« »Weil ein armes Menschenkind kein so großer Gegenstand ist, daß er uns das Leben lang ausfüllen könnte. Dazu gehört etwas Größeres, etwas unermeßlich viel Größeres und Höheres.« »Und das wäre?« »Ja, wenn ich das wüßte, dann säße ich wahrhaftig nicht hier; dann wäre ich unterwegs, um es aufzusuchen.« Sie schüttelte den Kopf. »Nein,« sagte sie, »ich glaube, daß die Liebe das Größte ist. Aber – ach, ich fürchte nur so sehr, daß sie nicht kommt. Kannst du dich erinnern: du fürchtetest das auch, als du das letztemal zu Hause warst. Und da glaubtest du an die Liebe. Ich glaube noch an sie – und ich werde immer an sie glauben.« – Die letzten Worte klangen wie ein Vorwurf. »Ja,« sagte ich, »freue dich, solange du noch daran glauben kannst; denn so lange liegt das Leben vor dir. Ich habe es hinter mir ... Und es ist nicht angenehm, es hinter sich zu haben. Weißt du, wo ich in den drei Wochen, die ich jetzt zu Hause bin, mich herumgetrieben habe? – Meistens in einer Droschke. Ich miete sie für die Stunde, steige hinein, zünde eine Zigarre an, lehne mich in die eine Ecke und fahre dann durch die Straßen der Stadt. Bald schnell, bald langsam. An allen Menschen vorüber, die vorübergehen und beschäftigt sind, der eine mit dem, der andere mit jenem. – Ich sitze da und sehe sie an. Einige gehen mit feierlichen Mienen, als ob die Welt zusammenstürzen würde, wenn sie nicht wären. Andere eilen geschäftig weiter, als gelte es, zum bestimmten Glockenschlage zugegen zu sein. Andere wieder nehmen die Sache ruhiger. Aber irgendwohin sollen sie doch, etwas haben sie zu tun, mit etwas sind sie alle beschäftigt; ich sitze nur in meiner Ecke zusammengesunken da, die Zigarre zwischen den Zähnen, und sehe ihnen zu; ich komme nirgendsher und soll nirgendshin; ich habe nichts mit ihnen allen zu schaffen, und sie nichts mit mir: ich sitze allein mit meinen Gedanken da und fahre an ihnen vorbei, so wie auch ein einsamer Reisender an einem großen geschäftigen Ameisenhaufen vorübergeht. – Du kannst mir glauben, das ist eine eigentümliche Empfindung! Zuweilen kann ich mich zwar stolz fühlen, wenn ich so dasitze und alle Menschen verachte, die nicht größer sind, als daß sie in solchen Kleinigkeiten aufgehen – ach, aber so einsam und traurig ... so kalt und so leer ...« Sie hatte, während ich sprach, zum Fenster hinausgesehen. Jetzt kehrte sie sich nach mir um und sagte langsam: »Ja, aber warum willst du nicht auch sein wie die andern? – Oder wie du früher warst?« »Ob ich es will! – Wenn ich nur könnte!« »Du kannst es, du kannst es – wenn du nur ernsthaft willst,« und sie sah mir mit ihrem sanften Blick in die Augen. Wie ein Hauch aus alten Tagen kam es über mich: – O, wenn sie mich liebte! Und ich ergriff ihre weiße Kinderhand und bog mein Gesicht zu ihr hinüber. »Ich will! Ich will!« flüsterte ich krampfhaft und drückte ihre Rechte mit beiden Händen. »O, Margarete – liebe mich, erfülle mich mit dir, brenne dein liebes Gesicht in meine Seele hinein mit der Macht der Liebe, daß es mein Denken mit Sehnsucht nach dir erfüllt, wenn ich von dir fern bin, und mich vor Glück vergehen läßt, wenn ich bei dir bin ... Liebe mich – ich will keinen anderen Gedanken haben als dich.« Ich war vor ihr aufs Knie gesunken, vergrub mein Gesicht in ihren Schoß und schluchzte laut auf. Und sie faßte sanft mit beiden Händen meinen Kopf, beugte sich zu mir herab und küßte mich aufs Haar. »Hermann,« flüsterte sie, »Gott, wie ich dich liebe.« Und sie blieb sitzen, meinen Kopf in ihren Händen haltend und mein Haar streichelnd. Da fuhr auf einmal ein Frostschauer durch meinen Leib, und ich hob den Kopf und sah zu ihr auf. Sie weinte ebenfalls. »Margarete,« flüsterte ich und begann wieder zu weinen. »Es ist zu spät. Ich kann nicht ...« Und ich verbarg mein Gesicht wieder schluchzend in ihrem Schoß. Ihre Hand sank schlaff herab. Sie sprach kein Wort. Dann hörte ich auf zu schluchzen, stand still auf und setzte mich wieder ihr gegenüber. Sie starrte gerade vor sich hin. »Margarete!« Sie wandte sich mechanisch mit geistesabwesendem Blicke mir zu. »Margarete, nun weiß ich, weshalb ich nicht kann. – Weil ich will. – Wenn die Liebe kommt, stürzt sie sich über uns wie ein Raubvogel auf seine Beute. Sie läßt sich aber niemals fangen. Wir dürfen nicht wollen. Für mich aber ist das Leben eine öde Leere; ich schreie nach Fülle, deshalb muß ich wollen. – Und da flieht die Liebe ... Ich könnte es unterlassen, zu wollen – das könnte aber nur geschehen, wenn ich das Wollen unterlassen wollte. Und das wäre ja nur ein Umweg. Dann behielte ich ja doch die Liebe im Auge – und die läßt sich nicht fangen.« Sie sprach kein Wort, saß nur da und starrte vor sich hin. Dann ergriff ich wieder ihre Hand. »Margarete,« sagte ich, »ich habe dich lieber als irgendeinen Menschen sonst auf der Welt. Hätte mich jemand retten können – so wärst du es gewesen. Es ist aber zu spät ... O, wäre dies vor einem Jahre geschehen ... wer weiß, vielleicht wäre es dann nicht so weit mit mir gekommen, wie jetzt ... vielleicht wäre ich dann gerettet worden. Jetzt aber – ach, es ist zu spät; mein Leben ist für immer zugrunde gerichtet – wenn es nicht etwas gibt, das größer ist als die Liebe, etwas, was imstande ist, mich ganz und gar im Nu zu ergreifen, so daß ich mich ihm für immer hingeben muß, muß, muß! ... Ob es das aber gibt – ich weiß nicht, wo ich es suchen soll, ich habe keine Ahnung, wo es zu finden ist ...« Sie starrte immer noch ins Leere und sprach kein Wort. »Eines aber will ich tun,« sagte ich dann, »ich will mich zwingen, dich nicht mehr zu sehen. Wenn ich dann von unwiderstehlicher Sehnsucht nach dir ergriffen werden sollte – o, würde ich es – o, sag', sage mir: würdest du mich dann gut aufnehmen?« Sie antwortete nicht. Ich drückte ihr leise die Hand: »Margarete ... wenn ich zurückkäme und nur einen Gedanken, eine Sehnsucht, eine Hoffnung hätte: Dich – würdest du mich dann von dir stoßen?« »Nein,« sagte sie leise vor sich hin, ohne mich anzusehen. Ich stand auf –: »Ja, dann wollen wir Abschied nehmen! – Und entweder sehen wir uns niemals wieder, oder auch – o, wenn das möglich wäre!« Sie hatte wieder den Kopf auf ihren Arm gelegt und weinte still vor sich hin. Ich beugte mich über sie und küßte ihr Haar, und meine Tränen tropften darauf hinab. Dann schlich ich still hinaus. – – – Ich habe sie nie wiedergesehen. XXIII. Anderthalb Jahre später. Ich sitze eines Abends in einer kleinen, schmalen Dampfschiffskabine. Von einer kleinen Messinglampe, die mitten an der Wand dem Sofa gegenüber befestigt ist, wird der kleine Raum gut erleuchtet. Unterhalb der Lampe auf einem kleinen Klapptisch an der Wand steht ein Toddybrett mit Flasche, Krug und Zuckerdose und daneben ein etwa zur Hälfte geleertes Glas Grog. Ich sitze allein auf dem Sofa, den Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt, in das Glas Grog hineinstarrend, den ich mit dem Teelöffel umrührte. Es war meine Kabine. Ich war zweiter Steuermann auf einem Passagierboot an der Küste. Ich hing meinen Gedanken nach. ... Nein, so konnte es wohl nicht weitergehen; das wurde zu arg ... Nun war ich drei Monate an Bord, vom Morgen bis zum Abend halbwegs munter, hatte mit den Passagieren geplaudert, einige Waren in ein Buch eingetragen, und wenn wir an den verschiedenen Haltestellen löschten, im Buche nachgesehen, daß die Waren auch richtig ans Land kamen – und im übrigen nichts anderes getan als mich halb zu Tode gelangweilt ... auch dann und wann, wenn es allzu langweilig wurde, mit Branntwein eingeheizt ... Nein, so ging es nicht weiter! Was sollte ich aber anfangen? Ich fuhr fort, den Grog mit dem Teelöffel umzurühren, und dachte darüber nach, wie diese letzten anderthalb Jahre hingegangen waren, seit ich aufgehört hatte, übers Meer zu fahren. Ich hatte Verschiedenes versucht: in einer Segelmacherwerkstatt gesessen und einige Monate hindurch Segel genäht, einige Monate wiederum in Frankreich zugebracht und den letzten Rest meines väterlichen Erbes aufgebraucht ... mich mit der Absicht getragen, dort die Tochter einer Caféwirtin zu heiraten und Caféwirt zu werden – das war deswegen in die Brüche gegangen, weil die Mutter meinen Freiersbrief unterschlagen hatte, in dem Glauben, ich wollte die Tochter nur verführen –: ich hatte nach Italien reisen und Lazzaroni werden wollen, hatte es aber aufgegeben und war nach Hause gereist ... hatte einige Monate gehungert, war dann Lehrer an der Schießschule und schließlich zweiter Steuermann an Bord dieses Passagierbootes geworden ... es war alles nichts ... Was sollte ich aber nur anfangen? ... Ich nahm einen Schluck und rührte mit dem Löffel weiter ... ... Wo fand ich etwas, was mir einiges Vergnügen bereiten konnte? ... Das einzige, woran ich noch Gefallen fand, war meine intensive Lektüre von Romanen – ich hatte in der letzten Zeit einige der Leihbibliothek entnommen und Geschmack an ihnen gefunden ... Von Liebe zu lesen ... am liebsten von unglücklicher Liebe ... mit einer großen, herrlichen Hoffnung zu beginnen – und dann mit tiefem Unglück zu enden ... Und dann in einem neuen Roman in derselben Weise zu beginnen ... und in derselben Weise zu enden ... in verschiedenen Gestalten dieses Lebens einzigen Inhalt immer und immer wieder zu durchleben ... Ja, das machte schon Vergnügen, aber – davon konnte ich nicht leben. – Was zum Teufel konnte man anfangen! Ich nahm wieder einen Schluck und rührte mechanisch mit dem Löffel weiter. Da fuhr ich auf einmal auf und lehnte mich im Sofa zurück: Da hatte ich's. Alle Wetter – ich nahm wieder einen langen Schluck Grog; ich wollte studieren, das philosophische Staatsexamen machen und dann am Vormittag Lehrer sein und den ganzen Nachmittag Romane lesen. – Das war ja sonnenklar – ich wollte Sprachen lernen und alle möglichen Romane lesen; damit konnte man schon die Zeit hinbringen, und darauf kam es ja gerade an. Natürlich. – Morgen wollte ich gleich kündigen. Und ich goß den Rest des Grogs hinunter, braute einen neuen und blieb sitzen, trank, rührte um, sah ins Glas und überlegte, wie ich die verschiedenen Schwierigkeiten mit dem Geld und Ähnlichem überwinden könnte. Bis alles um mich herum anfing, sich im Kreise zu drehen, und ich mich auf das Sofa legte und stockbetrunken selig entschlief. XXIV. Mehr als zwei Jahre waren vergangen. Es war im Sommer des Jahres 1876. Das Jahr vorher war ich Storthingsreferent geworden und hatte die Reifeprüfung für die Universität bestanden. Dann hatte ich aber, anstatt das zweite Examen zu machen und mit dem Studium der Philologie zu beginnen, mich angeschickt, Philosophie zu studieren. Ich wollte nicht länger die Zeit damit totschlagen, daß ich alle möglichen Romane las, ich wollte das Rätsel des Lebens lösen, wollte den Zweck des Daseins und die Bestimmung des Menschen ergründen; vielleicht war das: seine Bestimmung als Mensch zu erfüllen, etwas, was mich befriedigen konnte. Ich studierte im Wesentlichen Hegel. Es ging aber mit der Arbeit nicht recht vorwärts. Es kam keine Ordnung hinein; denn ich verstand nicht das geringste von dem, was ich las; und es konnten ganze Wochen vergehen, in denen ich nur entweder schlapp auf dem Sofa lag und mit dem Gefühl absoluten Unvermögens zur Decke starrte oder auch bummelte und bei Branntwein und Frauenzimmern das Ganze zu vergessen suchte. An einem Abend im Juli hatte ich wieder einmal Hegel beiseite geworfen und war ausgegangen. Ich hatte bis gegen zwölf Uhr ganz einsam im Grand-Hotel gesessen, ein paar Glas Grog getrunken und war dann auf die Karljohannstraße gegangen, um mir ein Weib zu suchen. Ich hatte aber kein Geld, und es war mir nicht gelungen. Da hatte ich es denn aufgegeben und wanderte nun langsam heimwärts. Wie ich aber so ging, ohne an irgend etwas zu denken, hörte ich plötzlich unmittelbar hinter mir kleine schnelle Schritte; ich kehrte mich um; es war ein Weib. Ich konnte in der hellen Sommernacht deutlich ihr Gesicht sehen: eine breite, weiße Stirn unter lockigem, aschblondem Stirnhaar, eine schmale, beinahe scharfe Nase zwischen zwei breiten ägyptischen Augen, dünne Lippen und ein unbedeutendes Kinn. Das ganze Gesicht nicht eigentlich schön, aber eigenartig und pikant. Der Teint außergewöhnlich zart und fein. »Guten Abend!« sagte ich. »Guten Abend!« sagte sie unbefangen und sah mir keck ins Gesicht. »Wohin geben Sie?« »Nach Hause natürlich.« »Zu mir oder zu Ihnen?« Sie lachte: »Zu Ihnen, wenn es nicht zu weit ist.« Sie fand, daß meine Wohnung nicht zu weit entfernt war, legte ihren Arm in den meinen, und wir begaben uns auf meine Bude. Dort herrschte Halbdunkel. Wir zündeten die Lampe nicht an. Sie legte den Hut ab und setzte sich aufs Sofa. Ich holte eine Flasche Sherry und zwei Gläser, setzte mich, den Arm um ihre Schulter, neben sie aufs Sofa und schenkte ein. Sie lehnte sich, während wir tranken, in meinen Arm zurück. »Wollen Sie die Nacht bei mir bleiben?« fragte ich, als wir getrunken hatten. Sie richtete sich auf und sah sich im Zimmer um. »O ja,« sagte sie dann, »hier läßt sich's ganz gut aushalten.« Und dann lachte sie, warf sich wieder in meinen Arm zurück, blieb so liegen und sah mich an. »Küsse mich!« sagte sie dann. Ich küßte sie. Sie blieb, den Kopf schlaff in meinen Arm zurückgelehnt, liegen und sah mich an. Und allmählich war's, als legte sich ein Schleier um ihre Augen, der Mund öffnete sich allmählich und ließ die weißen Zahnreihen sehen. Das Gesicht bekam einen dämonisch-sinnlichen Ausdruck. Und wie ich auf dies Gesicht hinabsah, ergriff mich wieder diese alte Sehnsucht: und wäre es nur für eine einzige Minute, mich ganz hingeben zu können, über sie hinzusinken und alles zu vergessen. – Und mein ganzes elendes Leben lag auf mir wie eine schwere drückende Last –: Ach, nur eins einzige Minute! ... nur eine einzige Minute leben und dann sterben! – Es wäre mit dem Tode nicht zu teuer bezahlt ... Und ich starrte mit weit offenen, glänzenden Augen in die ihren ... Bis sie plötzlich auffuhr. Der sinnlich überwältigte Ausdruck in ihrem Gesicht war geschwunden, sie packte mich bei den Schultern und sah mir gerade ins Gesicht: »Was fehlt Ihnen denn? – Sie sehen ja aus, als hätten Sie einen großen Kummer!« »Ja,« sagte ich langsam, »ich habe auch einen großen Kummer –: ich bin ein alter Mann, und ich würde mein Leben dafür geben, wieder jung zu sein – nur auf eine kurze Sekunde.« Sie lachte. »Ach,« sagte sie ungläubig, »sind Sie zwanzig Jahre alt?« »Zweiundzwanzig.« »Zweiundzwanzig?« Sie nahm eine tragikomische Miene an und schüttelte bedenklich den Kopf. »Das ist ein sehr hohes Alter!« Ich lächelte. »Nein,« sagte ich. »Die Jahre sind es nicht. Es ist hier drinnen« – ich zeigte auf die Stirn – »hier drinnen bin ich nicht zweiundzwanzig, sondern dreiundsechzig Jahre alt. – Na, aber zum Teufel damit ... Prosit! Du bist ein reizend süßes Mädchen und willst heute Nacht bei mir altem Teufel bleiben.« – – – Sie lag neben mir in meinem Arme, und ich sah ihr ins Gesicht. Da blickte sie zu mir auf: »Du!« sagte sie, »du hattest doch recht: ein junges Mädchen darfst du nicht heiraten.« »Nein, weder ein junges noch ein altes ... ich bin ein Greis ... ich liege da und denke, anstatt daß ich überwältigt würde.« Und ich blieb liegen und sah zur Decke hinauf. Nach einer Weile sah sie mich wieder an: »Du,« sagte sie, »ich habe dich doch gern ... du gefällst mir, ich weiß selber nicht, weshalb, aber ... Ach!« – sie schlang die Arme um meinen Hals und küßte mich – »du weißt gar nicht, wie gern ich dich habe.« »Wirklich?« – Ich wurde ganz gerührt. »Ja.« Und sie schmiegte sich mit einer katzenartig zärtlichen Bewegung an mich. Da erfaßte mich mit einem Male eine sinnliche Raserei. Ich warf mich über sie und küßte ihr Gesicht; ihre Schulter, ihre Brust, erwiderte ihre katzenartigen Bewegungen und krümmte mich in Wollust unter ihrer Umarmung ... »Siehst du,« sagte sie, als ich wieder neben ihr lag, »ehe die Nacht vergeht, hab' ich dich wieder ganz jung gemacht.« Ich lächelte: »Ach, wenn du das könntest!« – – – Es war schon lange hellichter Tag, wir hatten aber kein Auge zugetan. Einige Male war ich aufgestanden, hatte Kaffee gekocht und ihn ihr ans Bett gebracht, zuerst mit Makronen und Kakes, später mit Kognak und Zigaretten. Und sie war ungemein liebenswürdig gewesen. Dann war es nach fünf Uhr morgens geworden, und sie sollte um sechs an die Arbeit. Sie sprang behend aus dem Bette, setzte sich auf den Bettrand, beugte sich über mich und küßte mich. »Habe ich dich nun nicht wieder jung gemacht? Oder hast du nicht schließlich gezeigt, daß du jünger bist, als der jüngste Mann der Welt?« Und dann lachte sie und kitzelte mich am Halse. Ich schlang die Arme um sie und zog ihren Kopf zu mir herab. »Du hast dich aber auch als das reizendste von allen reizenden Mädchen der Welt gezeigt,« sagte ich und küßte sie ... Dann kleideten wir uns beide an und wanderten zusammen in die reine, frische Morgenluft hinaus ... Beim Abschied gab ich ihr für den Abend wieder ein Stelldichein. – Als ich wieder nach Hause kam, hatte ich nicht das geringste Schlafbedürfnis. Ich zündete eine Zigarette an und nahm in der Sofaecke wieder meine gewöhnliche Stellung ein; den Ellenbogen auf der Sofalehne ruhend, den Kopf auf die Hand gestützt, die Beine unter mich heraufgezogen. So saß ich und blies eine große Wolke blauen Zigarettenrauches um die andere in die Luft ... Ich fühlte mich merkwürdig leicht und behaglich – wirklich, als wäre ich wieder jung geworden! Dann mußte ich lächeln. Sie bildete sich ein, mich wieder jung gemacht zu haben ... bildete sich ein, daß sie mich schließlich ganz und gar, mit Leib und Seele, in Besitz genommen habe. Ach, und dabei war es nichts anderes als die animalische Wärme und die unablässige physische Irritation: diese beiden Momente hatten schließlich dieselbe physische Wirkung auf mich ausgeübt, die auf einen normalen Menschen das psychische Ergriffensein ausübt ... Wirklich ergriffen zu werden ... und dann sich ganz, mit Leib und Seele, hinzugeben – ach, das war etwas qualitativ anderes. – Das vermochte ich aber nicht. Ich war einfach psychisch impotent auf diesem Gebiete wie auf jedem anderen ... Und noch dazu, wo hier meine physische Jugend ein Gegengewicht hätte bilden sollen! ... Die war nun aber einmal nicht stark genug, um diese psychische Greisenhaftigkeit aufzuwiegen ... Ich hatte mir oft darüber den Kopf zerbrochen, weshalb sie nicht stärker war. Ich hatte ihre Kraft durch angemessene Enthaltsamkeit vermehren wollen; das half aber nichts, denn dann gab es diese zahllosen Pollutionen. Sie bewirkten, daß sie doch niemals stärker wurde. Sie arbeiteten in Gemeinschaft mit der psychischen Impotenz daraufhin, mich auch körperlich impotent zu machen ... Und ich blieb sitzen und rauchte eine Zigarette nach der anderen und dachte weiter über dieses fatale Zusammenwirken dieser beiden zugrunde richtenden Kräfte nach. Schließlich entschloß ich mich, Dr. Oewre in der Sache um Rat zu fragen; er würde sich ja auf solche Dinge verstehen. Dr. Oewre öffnete die Tür zu dem Wartezimmer: »Bitte!« Ich war an der Reihe und ging hinein. Er schloß hinter mir die Tür und blieb stehen und wartete, daß ich mein Anliegen vortragen würde. »Gibt es kein Mittel gegen Impotenz?« fragte ich. Er sah mich eine Weile an. »Fragen Sie für sich selbst an oder für andere?« »Für mich selbst.« »Wie alt sind Sie?« »Zweiundzwanzig.« »Das wäre ja traurig früh. – Bitte!« Er machte eine Handbewegung, wir gingen weiter ins Zimmer hinein und setzten uns, er an den Schreibtisch zwischen den beiden Fenstern, ich auf einen Stuhl am Fenster rechts. Eine Zeitlang saß er da und starrte an mir vorüber zum Fenster hinaus, als ob er an etwas ganz anderes dächte. Dann fixierte er mich aber plötzlich und scharf: »Was verstehen Sie unter Impotenz?« fragte er. »Daß keine Erektion eintritt, wenn man Begierde nach einem Weibe hat.« Er nickte zustimmend und starrte wieder zum Fenster hinaus. »Ist es vollständige Impotenz?« fragte er dann weiter und sah mich über die Brille weg an. »Nein,« sagte ich und erzählte ihm meine Erlebnisse in der vergangenen Nacht. »Und wie lange dauert das schon?« fragte er dann. »Die letzten zwei, drei Jahre.« Er zuckte die Achseln. »Dagegen gibt es nur ein Mittel: verlieben Sie sich!« »Das kann ich ja aber gerade nicht.« Er zuckte wieder die Achseln: »Dann ist nichts zu machen.« Und er starrte wieder zum Fenster hinaus. »Erzählen Sie nun aber,« sagte er dann, »wie das gekommen ist. – Haben wir in unseren jungen Jahren einem Genuß gefröhnt, den man späterhin Onanie nennt?« »Leider nein. Darin liegt gerade, glaube ich, zum Teil der Fehler.« »So?« – er lächelte – »wir haben unsere Theorien! Sind Sie Mediziner?« »Nein. Man denkt ja aber gern über die Dinge nach, die einen so nahe angehen. Ich will Ihnen sagen, wie es sich nach meiner Meinung mit dieser Impotenz verhält. Die psychische Entwicklung, die ich durchgemacht habe, hat mein Gehirn zugrunde gerichtet. Es ist mir nicht mehr möglich, von irgend etwas ergriffen zu werden ... ich habe bei allem keine andere Empfindung als die einer wehmütigen Sehnsucht danach, dabei etwas zu empfinden. So steht es mit mir. Sehe ich, wie ein anderer Mensch von irgend etwas ergriffen wird, so werde ich von einer Sehnsucht danach ergriffen, auch davon ergriffen zu werden ... sehe ich ein schönes Weib, so kommt mir in den Sinn, wie es sein würde, davon ergriffen zu werden – und ich sehne mich danach, es wieder zu werden ... Und so geht es mit allem. – Sie begreifen: Ich bekomme also auf dem Wege der Reflexion Lust zu einem Weibe, und das bringt wahrhaftig keine Erektion hervor – nur ein trist wollüstiges Gefühl im Körper ... eine Art – ja, wie soll ich es nennen – eine Art körperlicher Wehmut. – Nun, das ist also die eine Seite der Sache: Das Gehirn arbeitet unnatürlich. – Es muß aber noch ein anderes Moment hinzukommen, um diese merkwürdige Impotenz bei einem so jungen Individuum, wie ich es bin, ganz zu erklären. Und dieses andere Moment ist auch vorhanden. Die Geschlechtsorgane arbeiten ebenso unnatürlich wie das Gehirn. Und das ist auf folgende Art und Weise gekommen: Eine systematische Abschließung vom anderen Geschlecht das ganze Kindesalter hindurch hatte mir schon im Alter von zehn Jahren eine ungeheuer erhitzte geschlechtliche Phantasie verschafft. Und das wurde mit den Jahren immer schlimmer. Im Alter von dreizehn Jahren machte es mich fast wahnsinnig. Alle diese angesammelte Unzüchtigkeit bekam natürlich keinen Abfluß, das ist klar – kein Weib erbarmte sich meiner von selber, und ich hatte nicht den Mut dazu, mich vorzuwagen. Und unglücklicherweise hatte ich nun nicht gelernt, ihr einen künstlichen Abfluß zu verschaffen. Da mußte denn die Natur sich den Weg selber bahnen: sie öffnet das Sicherheitsventil, und ich fing an, Pollutionen zu bekommen. Das half aber wenig. Der Mangel an Wirklichkeit erhitzte die Phantasie immer stärker die Zahl der Pollutionen steigerte sich ins rein Unglaubliche, und das Ende vom Liede war natürlich: als ich endlich nach Verlauf von drei, vier Jahren anfing, zu Frauen zu gehen, da zeigte es sich, daß der Muskel, der die vesica seminalis abschließt und der von der Natur darauf eingerichtet ist, sich bei einem gewissen Quantum Friktion der Glans zu öffnen – daß dieser so sehr daran gewöhnt worden war, sich auf den bloßen Befehl der Phantasie hin zu öffnen, daß das alleinige Einwirken der Phantasie schon dazu genügte; es war fast gar keine Friktion nötig. – Das ging ja nun noch an, solange es mit dem Gehirn normal stand, trotzdem es ja ärgerlich genug war mit dem kurzen Vergnügen. Als dann aber das Gehirn auch anfing, unnatürlich zu arbeiten, da ging alles zum Teufel. – Und nun meine ich Folgendes: Könnte dieser Muskel gezwungen werden, geschlossen zu bleiben – wenn auch nur immer z. B. eine Woche lang, anstatt daß er sich, sobald ich schlafe, sogleich bei der ersten, wollüstigen Phantasie öffnet – dann müßte, denke ich mir, der Geschlechtstrieb zu einer solchen Höhe gesteigert werden, daß er sich meiner wollüstig bemächtigte und alle unnatürliche Reflexionstätigkeit im Gehirn solange zurückdrängte, bis er befriedigt wäre. Und wenn ich dann infolge angemessener Enthaltsamkeit von Fall zu Fall der Reflexionskrankheit mit einer so ungestümen Unmittelbarkeit begegnen könnte, so könnte diese Krankheit vielleicht nach und nach wenigstens so weit zurückgedrängt werden, daß sie nicht mehr mein ganzes Wesen beherrschte. Und dann würde ich wieder lernen können zu leben.« Oewre hatte mich, während ich sprach, genau beobachtet. Als ich zu Ende war, sagte er langsam: »Das hört sich sehr plausibel an, Ihre Meinung darüber, wie es gekommen ist. Denn ich will Ihnen eines sagen: es ist sehr anständig, tugendhaft zu sein, es ist aber auch sehr schädlich. Worauf es aber ankommt durchzusetzen, daß die Samenblase geschlossen bleibt – ja, das ist eine langwierige Geschichte.« »Nun ja; halten Sie es denn aber überhaupt für unmöglich, den Muskel wieder dahin zu bringen, daß er natürlich funktioniert, nachdem er einmal zugrunde gerichtet worden ist?« Er fuhr sich ein paarmal über das Kinn und dachte nach. »Vielleicht,« sagte er, »aber, wie gesagt: das wird eine langwierige Geschichte.« »Langwierig oder nicht; darauf kommt es mir nicht an. Wenn es nur möglich ist.« »Ja, wir können es ja versuchen. Mit Hilfe von Lapis kann man ja den Muskel dazu bringen, sich zusammenzuziehen. Wir werden einige Lapisbougies einführen.« Ich legte mich auf das Sofa, damit er ein Katheter einführen könnte. Es zeigte sich aber, daß in der Uretra eine starke Verengung vorhanden war; die Katheterisierung war unmöglich. »Haben wir Gonorrhoe gehabt?« fragte er, als er den Versuch aufgeben mußte. »Nein, merkwürdigerweise nicht; ich bin in der Beziehung ganz erstaunlich glücklich gewesen.« »Dann ist es also eine natürliche Verengung; die kann schwer zu forcieren sein. Vielleicht sind wir genötigt, mit einer Katheterschere hineinzugehen und uns hindurchzuschneiden.« »Bitte, tun Sie, was Sie wollen.« »Na ja, na ja. Nur ruhig Blut. Erst versuchen wir eine Zeitlang, so durchzukommen. Geht es dann gar nicht, so ist es immer noch Zeit, mit der Schere vorzugehen. Sind wir aber dazu genötigt« – er sah über die Brille weg auf mich herab – »dann riskieren Sie eine Blutvergiftung. Und dann sind Sie kaput.« »Das ist mir gleich.« »Gut,« sagte er ruhig und führte ein dünnes Bougie ein. »Sehen Sie,« sagte er, als er es herauszog, »das ist nicht dick. Das nächstemal versuchen wir's aber mit einem dickeren, und so arbeiten wir uns nach und nach vorwärts. Wir warten aber zwischen jedemmal ein paar Tage, um nicht zu sehr zu irritieren. Sie können am Donnerstag wiederkommen.« – Ich machte einen Spaziergang und dachte über diesen Versuch nach, der mich vielleicht mein Leben kostete ... ... Wenn nur dann eines von beiden der Erfolg wäre: entweder Leben oder Tod – das war das Ergebnis, zu dem mein Denken führte. Ich hatte aber immer die Empfindung der Hoffnungslosigkeit: der Erfolg war wohl weder das eine noch das andere. – – – So wurde es auch. Wir behalfen uns ohne Schere, und ich brauchte keine Blutvergiftung zu riskieren. Das Resultat des Experiments war aber nur eine teilweise Vernichtung der Gefühlsnerven im Innern, keine Stärkung des Muskels. XXV. Es war anderthalb Jahre später, an einem Winterabend des Jahres 1877. Ich saß allein in meinem Zimmer auf dem Sofa zwischen den beiden Fenstern; in meiner gewöhnlichen Stellung, den Ellenbogen auf die Sofalehne gestützt, den Kopf in der Hand und die Beine unter mich heraufgezogen. Auf dem Tische vor mir lag Hegel aufgeschlagen. Ich starrte mit müden Augen ins Leere ... Hatte es einen Sinn, damit fortzufahren? ... Zwei Jahre meines Lebens hatte ich nun mit Hegel, Fichte und Kant hingebracht ... ohne das Geringste zu begreifen ... War es nicht das beste, das Ganze liegen zu lassen? Ich war doch nicht dumm! ... Es war doch nicht etwa meine Schuld, daß ich nichts davon begriff? Doch wohl. Diese Männer hatten die Weltgeschichte für sich. Unsinn wird nicht weltgeschichtlich – ich mußte also doch dumm sein ... Nein, zum Kuckuck! Ich war nicht dumm. Ich mußte es begreifen lernen, wenns irgendeinen Sinn hatte! Und ich wollte zeigen, daß ich es begreifen konnte! ... Ich hatte ja außerdem nichts zu versäumen ... Ja, jetzt hatte ich es. Ich wollte eine Einleitung in die Philosophie schreiben. Darin wollte ich erstens beweisen, daß das ganze Dasein aus nichts anderem bestünde, als aus notwendigen Vorstellungen – dieser Beweis mußte ja, soviel ich sah, der wesentlichste Inhalt von Kants Kritik der reinen Vernunft sein, und jetzt würde ich doch Energie genug haben, um wenigstens mit diesem Buch ins reine zu kommen. Und dann wollte ich weiterhin auseinandersetzen, wie wir, so wahr diese Welt von notwendigen Vorstellungen vernünftig war, mit Hilfe unserer Vernunft das ganze wirkliche Leben in unserem eigenen Bewußtsein produzieren können müßten und dadurch dazu kommen, das unendlich reiche Leben des ganzen Weltalls zu leben ... Und das mußte doch wenigstens einige dazu begeistern können, mitzugehen! So tief mußte doch die Armut in dem Leben empfunden werden, das die Menschen jetzt lebten; – ich wollte sofort beginnen! Und ich nahm Kants Kritik der reinen Vernunft von meinem Bücherbrette, setzte mich vor den Tisch in den Lehnstuhl, legte die Beine auf einen Stuhl, lehnte mich zurück – und fing an zu studieren ... Einige Monate später zu später Abendstunde – es war schon über zwölf Uhr – saß ich auf demselben Sofa in demselben Zimmer und schrieb eifrig. Der Lampenschirm warf das Licht grell auf das Papier. Im Zimmer selber aber war es ziemlich dunkel ... Endlich! – Ich legte die Feder weg und stand auf; meine Einleitung in die Philosophie lag fertig vor mir auf dem Tische. Ich ging nervös in dem halbdunklen Zimmer auf und ab, während der alte zerrissene Schlafrock um mich herumbaumelte ... Hier war also der Aufruf – würde er nun auch jemand dazu veranlassen, zu den Waffen zu greifen? ... Ich hoffte und glaubte es. Sie aber, der ich das Buch schicken wollte, wenn es gedruckt war – würde sie von ihm ergriffen werden? Das mochten die Götter wissen. Soweit ich mich erinnerte, hatte ich wohl niemals mit ihr ein Wort gewechselt, trotzdem wir weitläufige Verwandte waren und einmal in derselben Stadt gewohnt hatten. Ich erinnerte mich nur, wie sie aussah: mittelgroß, etwas voll, glattgestrichenes Haar um ein gewöhnliches Gesicht, aber mit einem Paar sehr verständiger brauner Augen ... Sie sollte hochbegabt sein. Sie war zwanzig Jahre alt, las mit Leichtigkeit Deutsch, Französisch und Englisch und hatte viel gelesen ... Und dann war sie tief religiös! Sie mußte also die »Eitelkeit« dieser Welt empfunden haben ... Dieses Leben befriedigte sie nicht; was für sie hinzukommen mußte, das war die Seligkeit ... Die Seligkeit – das war ja ein Leben in Gemeinschaft mit Gott! Und zu diesem Leben sollte ja gerade die Philosophie hinführen ... und nur die Philosophie konnte dahin führen; das religiöse Gerede von einem Leben in Gott war ja nur Mystik ... Und das würde sie begreifen, das mußte sie begreifen, wenn sie mein kleines Buch gelesen und begriffen hatte! ... Und dann würde sie sich zur Philosophie bekehren. Ja, ja. So mußte es gehen! Und ein solches Weib würde ich lieben können ... Jawohl, ich war dessen sicher: Ein solches Weib konnte mich ganz einnehmen; ihr gegenüber würde ich die Kraft zur Unmittelbarkeit zurückerlangen ... Und wer weiß – vielleicht kam sie auch dazu, mich zu lieben. Ich setzte mich wieder auf das Sofa und begann das Konzept zu dem Briefe zu schreiben, den ich ihr mit dem Buche schicken wollte. Ich schrieb: »Ich schicke Ihnen dieses Buch, ein Buch der Zeit, ein Buch des Tages, und ich bitte Sie, es zu lesen. – Ich kann Sie ja nicht um Ihretwillen darum bitten; Sie haben ja bereits anderwärts Befriedigung gesucht und gefunden – was geht Sie dann dieses Buch an? Es muß also meiner selbst wegen sein – und so ist es auch; dies wie alles andere tue ich einzig und allem meiner selbst willen. Und weshalb sollten dann Sie nicht dem Egoisten gegenüber – und wenn es auch bloß wäre, um ihm zu zeigen, wie abscheulich sein Egoismus ist – einmal den Mantel des Egoismus um sich werfen und mit »nein« antworten? – Und doch sage ich Ihnen, daß ich trotz all meiner inneren Armut nicht ohne einen ungeheuren Schmerz eine solche Bitte würde abweisen können, wenn ich wüßte, um wieviel es sich hier handelt; und um mir nicht selbst diesen Schmerz zu verursachen, würde ich alles tun, was in meinen Kräften stünde, um die Bitte zu erfüllen – und das werden auch Sie tun, dessen bin ich sicher. Und worum handelt es sich nun? – Hören Sie: Ich lebe ein unglückliches, verzweifelt-armes Leben voll öder, unsäglicher Leere. Aus meinem Herzen schreit ein rasendes Verlangen nach etwas anderem und nach mehr, als zu den Genüssen, die das wirkliche Leben zu bieten hat, und deshalb erhält das wirkliche Leben für mich keine Bedeutung; es zieht an mir mit seinem ganzen Inhalt vorüber, ohne mich zu berühren, ich fühle nichts dabei – es ist ja nicht das, was dem alles übertönenden Verlangen in meiner Brust entspricht. Alle die Freude, alle die Befriedigung, die ein gewöhnlicher, unreflektierter Mensch aus seinem unmittelbaren Gefühlsleben zieht, all das verschwindet für mich unablässig in dem grundlosen Abgrund der Reflexion, und ich blicke nur mit wehmütigen Augen hinterdrein, während es verschwindet – mit wehmütigen Augen; denn auch ich habe einmal gewußt, was es heißt, unmittelbar zu leben. – Es gibt nur einen Lichtpunkt in diesem meinem elenden Leben. – Eine ferne Hoffnung darauf, einmal zu erreichen, was mein inneres Wesen fordert, verbreitet ein wenig Dämmerung in der finsteren Nacht meines Lebens – ach, nur ein wenig Dämmerung; denn die Erfüllung dieser Hoffnung liegt, wenn sie erfüllt werden kann, fern, ach so fürchterlich fern. Aber, werden Sie sagen, es ist doch eine Hoffnung, und bei der Arbeit daran, sie zu verwirklichen, müsse ich doch mich selber vergessen können; ich müsse mich selbst mitsamt meiner ganzen früheren Reflexion, mich selbst, wie ich stehe und gehe, in die Lösung dieser Aufgabe stürzen, die vor mir liegt, und den Nest meines Lebens in der Hoffnung verleben, daß es schließlich gelingen werde. – Ja, so würde es sein, wenn ich mich ausschließlich dieser Aufgabe widmen könnte, und wenn die Grenze der Energie und des Schlafes immer zusammenfielen. Aber keines von beiden trifft zu. Die Gesellschaft verlangt, daß ich einen großen Teil meiner Zeit darauf verwenden soll; sonst will sie mich nicht erhalten. Und die Energie – ach, sie reicht so jämmerlich wenig weit. Und all die Zeit, in der ich nicht unmittelbar in meiner Aufgabe aufgehe, falle ich in die alte verzweifelte Beschäftigung zurück: wehmütig dem nachzustarren, was an mir vorüberzieht und was ich hätte leben und fühlen können, wenn ich noch wie ehedem das Leben unmittelbar ohne Reflexionen mich durchströmen lassen könnte, ohne es mit dem anspruchsvollen Maßstabe in mir zu messen. Und mir ist zumute, als wäre mir plötzlich eine liebe Mutter gestorben, und ich stünde da und weinte und weinte – darüber, daß ich nicht weinen könnte .... O, wenn ich leben, leben könnte wie alle die anderen! – Dann erfaßt mich aber Verachtung meiner selbst, der ich diesen Kleinigkeiten nachtrachte; und aus Raserei darüber, daß ich nicht einmal sie erreichen kann, stürze ich mich ins Leben hinaus und will wenigstens etwas von diesen Kleinigkeiten erfassen. Aber es gelingt mir nicht, und ich verfalle einer schlaffen Apathie, die oft lange Zeit anhalten kann – bis es zu unausstehlich wird; dann gehe ich wieder an meine Aufgabe heran, und hierauf beginnt der alte Kreislauf von neuem. Wenn ich aber dann so apathisch daliege und schlaff alle Genüsse des unmittelbaren Lebens, nach denen ich vergebens voller Neid gegriffen habe, verachte, dann geschieht es zuweilen, daß eine brennende Sehnsucht in mir aufsteigt, die sich meiner Phantasie bemächtigt und mir ein herrliches Weib vorgaukelt, das von demselben verzehrenden Mangel an allem bedrückt wird wie ich selber – und wir tun uns zusammen. Mit ihr lebe ich. Zusammen stürzen wir uns in den großen Kampf, der uns alles geben soll und der allein uns zeitweise unsere unendliche Armut vergessen lassen kann. Zusammen stürzen wir uns, sobald die Kräfte erschöpft sind und wir nicht länger arbeiten können, in die fruchtlosen Versuche, uns von dem unmittelbaren Leben ergreifen zu lassen; und zusammen genießen wir in stummer aber inniger Erkenntnis unserer selbst und der Situation, der komischen tragischen Mischung von Nichtgönnen und Verachten der geborstenen Illusionen und Beneiden und Verachten derer, für die sie nicht bersten. Und ganz vertraut sinken wir uns dann an die Brust, wenn dann der Vorhang nach einem neuen Akt des fürchterlichen Schauspiels: Leben, fällt. Dann erwache ich aber und nehme mich zusammen; ich weiß ja durchaus: Es ist und es wird wohl auch niemals Wirklichkeit. Denn um alles zu verlieren, wird außer einer starken Persönlichkeit auch eine starke Reflexionsfähigkeit gefordert – sonst beruhigt man sich bei religiöser Mystik. – Hat nun das Weib die Kraft zu dieser ganzen Reflexion? Das ist das, was ich von Ihnen wissen will, wenn Sie mir darauf zu antworten vermögen. Denn hat es dazu die Kraft, dann hat es auch die Kraft zu der Liebe, die die einzige ist, die ich teilen kann. Und jetzt begreifen Sie, daß eine ganze Lebenshoffnung von der Antwort abhängt, die Sie mir geben werden, wenn Sie mein Buch gelesen haben. Denn wenn Sie es in Ihrem Innersten haben so durchdenken können, daß es Sie ganz ergriffen hat, dann weiß ich, daß ich trotz all meiner Armut doch noch eine Möglichkeit für die Erfüllung meiner Liebeshoffnung übrig habe. Hermann Eek.« Ich legte die Feder weg, stand auf und ging in dem halbdunklen Zimmer auf und ab ... ... Ob sie mir wohl auf diesen Brief antworten würde? ... Würde sie ihn überhaupt verstehen? ... Wie würde sie antworten, wenn sie sich dazu entschlösse? ... Ich bekam eine Idee: ich wollte selber für sie antworten, so wie ich wünschte, daß sie es täte. – Und ich setzte mich wieder auf das Sofa und schrieb für sie an mich: »Ich habe Ihr Buch gelesen und es in inniger Aneignung verstanden, so wie Sie es wünschten. Ich begab mich an die Lektüre in der Absicht, der Aufforderung, die Sie an den Leser richten, nachzukommen: nicht nur äußerlich sich durch das Buch hindurchzureflektieren, sondern sich auch durch das Buch hindurchzuleben. Ich wußte aber nicht, was es zu bedeuten hatte, einen Gedankeninhalt zu durchleben; ich glaubte, mir die Gedanken wie ein Kleidungsstück anlegen und mich ihrer wieder entledigen zu können, wann ich wollte – und jetzt, da ich fertig bin, entdecke ich, daß sie ein Teil meines eigenen Wesens geworden sind. Denn jetzt begreife ich, daß nicht allein das, was Sie in Aussicht gestellt haben, mir die Befriedigung völlig verschaffen kann, die ich früher suchte und in der Religion zu finden meinte. Und jetzt begreife ich auch, warum mich in der glücklichen Zeit, die Sie mir jetzt vernichtet haben – ohne daß ich Sie jedoch wie im ersten Augenblick deswegen hassen könnte – immer und immer wieder Stunden des Mißmuts heimsuchten. Ich glaubte damals, es wäre der Teufel, der in jedem Augenblick, da ich nicht auf der Hut war, mich aus meinem innigem Zusammenleben mit Gott herausriß, nun sehe ich, daß der Grund darin bestand, daß diesem innigen Leben jeder konkrete Inhalt fehlte und daß es eigentlich nur ein ekstatischer Zustand war. Ich forderte unbewußt diesen konkreten Inhalt – diese Forderung war der Teufel –, und deshalb fiel ich aus dieser Innigkeit heraus, dieser berauschenden, betäubenden Innigkeit, zu der ich jetzt, ach, niemals mehr zurückkehren werde. Denn ich kann trotz alledem nur traurig und mit einer Art Mißgunst die vielen glücklichen Menschen betrachten, die weiterhin dies innige Leben leben, das zwischen himmlischer Seligkeit in der Ekstase des Glaubens und bebendem Kampf, sie nicht zu verlieren, hin- und herschwankt, und doch will ich nicht, kann ich nicht zurückwollen, und deswegen ist jede Brücke zu der glücklichen Vergangenheit abgebrochen. – Sehen Sie, dies haben Sie mir angetan, und trotzdem muß ich Ihnen danken, von Herzen danken. Sie baten mich ja aber nicht darum, Ihnen dieses zu erzählen – Sie fragen: hat das Weib die Kraft, sich zu solchen Höhen der Liebe zu erheben? – Ja, ich versichere Sie bei meinem Leben, das Weib hat diese Kraft. Und hätten Sie, anstatt mir lediglich den einzig möglichen Weg zur Wahrheit und zum Leben zu zeigen, mir erzählt, daß Sie die Idee hätten, daß Sie, wenn auch nur dunkel, den Weg zum Ziele vorerst nur unklar erblickten – ich würde, ohne etwas anderes von Ihnen zu kennen als das, was ich durch Ihren Brief erfuhr, mich vor Ihnen niedergeworfen und Sie angefleht haben, mich zu Ihnen hinaufzuziehen, damit ich mit Ihnen zusammen mich auf dem schweren steinigen Wege vorwärts kämpfen könnte, der allein zum Leben führt. Und hätten Sie mich dann zu sich emporgezogen, dann hätte ich mich Ihnen an die Brust geworfen, den ersten Kuß der Liebe auf Ihre Lippen gedrückt und den Kampf an Ihrer Seite begonnen. – Ach, Sie haben ja aber nicht die Idee, Sie vermögen mich nicht emporzuziehen; denn Sie stehen selbst nicht höher als ich. Und deshalb kann ich Sie nicht lieben. Nein, solange nicht einerseits Sie oder ich die Idee erfaßt haben und anderseits Sie ein Weib oder ich einen Mann gefunden habe, der sie erfaßt hat, solange ist die Liebe für uns unmöglich; denn selbst wenn wir uns jetzt liebten, weil wir beide dasselbe wollen – die Liebe würde doch sterben, wenn wir nicht den Weg fänden; und dieser Zweifel würde die Liebe in ihrem Entstehen vergiften. Und deswegen bleibt uns nur die eine Wahl: wie wahnsinnig zu arbeiten, um den Weg zu finden, oder schlapp in der Apathie der absoluten Verzweiflung zu versinken. – Ich arbeite und erwarte Hilfe von außen, in der Hoffnung, daß der Tag der Liebe einmal anbrechen wird.« Ich las das Konzept durch und setzte mich dann wieder hin, um diesen Brief zu beantworten. Ich schrieb an sie: »Liebe Freundin! Sie haben zweifellos recht. Wird der Weg nicht gefunden, so trägt die Liebe bei ihrer Geburt den Keim des Todes in sich, und sie stirbt in demselben Augenblick, da die Liebenden die Hoffnung aufgeben. Solange aber diese noch lebt, ist es doch schön, jeden Tag neue Stärke und neuen Mut aus der Liebe schöpfen zu können. Und kommt dann doch der Tag, da die Hoffnung zerrinnt und die Liebe stirbt, dann hat wenigstens die Liebe die vergebliche Arbeit leichter gemacht. Das ist aber ganz richtig: eine Liebe auf dieser ungewissen Grundlage entsteht nicht per literas ; sie muß sich auf etwas anderes als auf das rein Intellektuelle stützen können. Ach, daß wir uns nicht sehen und sprechen können! Ich finde aber im Augenblick keinen Weg, um zu Ihnen kommen zu können. Deshalb gedulden Sie sich bis auf Weiteres!« Der erste dieser drei verrückten Briefe wurde wirklich – vielleicht ein wenig geändert, daran erinnere ich mich nicht so genau, aber doch im wesentlichen in derselben Gestalt – mit dem Buche abgeschickt. Ich erhielt natürlich keine Antwort, und die betreffende Dame hielt mich selbstverständlich für verrückt. Ebensowenig hatte sonst jemand Lust, meine »Einleitung in die Philosophie« zu lesen, die wirklich gedruckt wurde. Und so lebte ich denn das Leben weiter, wie ich der Dame geschrieben hatte) zuweilen studierend, oft bummelnd, meist in schlappe Untätigkeit versunken, immer unglücklich und in einsamer Absonderung von allem eigentlichen Leben. Allmählich verlor ich auch den Glauben an die Möglichkeit des Gelingens meiner Aufgabe: Die Vernunft reichte nickt über Gedanken hinaus, die Gedanken ließen sich nicht zu Sinneseindrücken, zu Vorstellungen verdichten ... Trotzdem beschäftigte ich mich weiter mit Philosophie. Ich arbeitete nicht viel; wenn ich aber etwas arbeitete, dann war es Philosophie: alte und neue, meist aber alte. Ich hatte ja nichts zu versäumen, und es konnte ja immer von Nutzen sein, wenn ich so weit vordrang, um die Geschichte der spekulativen Philosophie so schreiben zu können, so daß jeder, der sich mit ihr befassen wollte, im Handumdrehen vollständig über sie orientiert sein und ihre völlige Nutzlosigkeit begreifen konnte. XXVI. Es war etwas über ein Jahr vergangen. Ich verbrachte die Sommerferien auf einem einsamen Bauerngute im Gebirge. Ich ging die Woche zweimal zum Krämer, um meine Zeitungen zu holen, die der Postbote dort niederlegte. Das war aber auch so ziemlich die einzige Bewegung, die ich machte. Sonst lag ich den ganzen Tag in meiner Hängematte, die zwischen den beiden großen Linden im Garten des Bauern aufgespannt war, rauchte eine Unmasse von Pfeifen und starrte meistens in das Laubwerk hinauf, las zuweilen auch irgendein philosophisches Werk. Es war im August, nachmittags zwischen fünf und sechs. Ich lag in meiner Hängematte unter den beiden ehrwürdigen Linden und las Fichtes Rechtsphilosophie: eine Entwicklung des Begriffes der Freiheit und der Art, wie die Gesellschaft geordnet werden müsse, um die Freiheit zu realisieren, d. h. um allen ihren Gliedern die größtmögliche Freiheit zu gewähren. Sonst pflegte ich, wenn ich las, meiner Lektüre zwar völlige Aufmerksamkeit zu schenken, um mir die Zeit zu vertreiben, aber ihr doch kein eigentliches Interesse entgegenzubringen. Dieses Buch interessierte mich aber, ich wußte selbst nicht recht weshalb, und ich studierte es eifrig. Die Sonne war immer tiefer hinabgesunken und fing nun an, an den dicken Baumstämmen hinter mir vorüber und unter das dichte Laub der Zweige zu blicken. Sie warf ihr weißes Licht über mein Gesicht und auf die Blätter des Buches. Ich kehrte ihr den Rücken zu und versuchte, das Buch im Schatten zu halten. Es gelang auch eine Zeitlang; schließlich wurde es aber zu unbequem, ich gab es auf, legte das Buch in den Schoß, nahm meinen Sonnenschirm, der auf der Holzbank links von der Hängematte lag, öffnete ihn, sah, von ihm geschützt, in das Laubwerk hinauf und versetzte mich in Gedanken in eine solche Gesellschaft freier, gebildeter Menschen, unter denen keiner seine Freiheit mehr einschränkte, als unumgänglichst notwendig war, damit alle anderen ebenso frei sein könnten, wie er selber; in eine Gesellschaft, deren Mitglieder sämtlich wie Glieder einer großen Familie waren, die zusammen arbeiteten, um in Gemeinschaft die Früchte ihrer Arbeit genießen zu können: es war ein offenes, freies Zusammenleben von offenen, freien Männern und Frauen, die für das soziale Leben keine anderen Gesetze kannten als Liebe, Freiheit und irdisches Glück; in dieser Gesellschaft saugte jedes einzelne Individuum Nahrung aus dem offenen freien Zusammenleben mit allen anderen, entwickelte sich in seiner ganzen individuellen Eigentümlichkeit wie ein üppiger Baum auf gutem, fettem Boden ... Was für Menschen mußte das geben! ... Göttergestalten im Vergleich mit den elenden Geschöpfen, die jetzt auf der Erdoberfläche herumlaufen und die sich in die finsteren Zellen alter, freiheitswürgender Institutionen und Traditionen sich verkriechen in banger Furcht vor dem hellen, befruchtenden Tageslichte des offenen freien Zusammenlebens! ... Ja, mit solchen Menschen zusammenzuleben, das hatte noch einen Sinn ... ...Und es war schon hundert Jahre her, daß dies Buch geschrieben, daß diese Gedanken gedacht worden waren – und noch hatte niemand daran gedacht, sie durchzuführen! ... Du großer Gott, was für großartige Idioten doch die Menschen waren! Na, was ging mich übrigens, im Grunde genommen, ihre Dummheit an? ... Ich, ich würde ja selbst wenn ich in eine solche Gesellschaft freier Menschen mitten hineingestoßen würde, dieses Leben doch nur als Zuschauer betrachten können; ich würde mit diesen Menschen nicht zusammen leben können, die Keime meines Wesens nicht in einem Zusammenleben mit ihnen entfalten können ... diese Keime waren ja schon lange vernichtet, und der Tod gibt nicht zurück, was er einmal mit seiner Knochenhand ergriffen hat ... Nein, mir war es gleichgültig. Ich konnte ja nicht mehr leben. Plötzlich richtete ich mich aber mitten in der Hängematte auf, mich auf beide Hände stützend: Ich hätte es aber gekonnt! Ich hätte in einer solchen Gesellschaft leben können – wenn ich nicht vorher in der elenden, ärmlichen Gesellschaft zugrunde gerichtet worden wäre, die wir jetzt haben! Ich sank matt zusammen. O, wenn die Menschen diese hundert Jahre darauf verwandt hätten, eine solche Gesellschaft zu schaffen, anstatt sie wie Toren nutzlos verstreichen zu lassen ... Ach ja, ihre Dummheit ging mich leider recht viel an. Dann fuhr ich wieder empor: Und ich hatte mit überlegener Miene dreingesehen und über diese jämmerlich bornierten Menschen gelächelt und mich als den einzigen Freien unter ihnen gefühlt ... hatte über meine eigenen Büttel gelächelt ... ! O, hassen hätte ich sie sollen, mit energischem, willensstarkem Hasse! ... Ich besaß ja aber keinen Willen und keinen Haß mehr; auch das hatten sie mir wie alles andere genommen ... mit mir war es vorbei! Und ich blieb mitten in der Hängematte in der Quere sitzen, die Beine auf der Holzbank, und starrte auf das stille Tal hinab, das dort unten im Sonnenschein so unschuldig sich ausstreckte, als wenn gar nichts geschehen wäre. Dann hielt ich's aber nicht länger aus, in dieser Ruhe zu verweilen ich sprang mit einem Fluch zur Erde, eilte ins Haus und auf mein Zimmer, warf den Schlafrock ab, nahm Hut und Überzieher – und wanderte mit raschen nervösen Schritten die Landstraße entlang an der Kirche vorüber über die sonnbeschienenen Hügel durch den Wald ... Es war vorbei ... es war vorbei ... und hätte nicht vorbei sein brauchen ... Aber du großer Gott! Hatten denn die Menschen in diesen hundert Jahren nichts anderes zu tun gehabt als zu essen, zu trinken, zu schlafen und Toren zu sein! ... Lebten denn die großen Geister vergebens? ... Hatte denn all diese Zeit her niemand, gar niemand daran gedacht, das durchzuführen? Ja richtig, die große Revolution! ... Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit! ... Das waren ja dieselben Ideen ... Es war aber nicht gelungen ... Natürlich nicht. Der Pöbel hatte ja die Revolution durchgeführt, und der verstand die Ideen nicht. Der hatte das Ganze in den Schmutz gezogen. Der hatte geglaubt, Freiheit, das wäre Gleichheit und Brüderlichkeit mit ihm, dem Pöbel ... nicht geahnt, daß er sich zur Freiheit erheben mußte, um der Gleichheit und Brüderlichkeit teilhaftig werden zu können! ... Und die Führer? ... Die hatten es wohl mehr oder weniger begriffen – die hatten aber der Masse nicht das Verständnis beibringen können .... Ich mußte lächeln: die Masse? . . Nein, wie hätte die Masse das auch begreifen sollen? Ich selber hatte es ja erst heute begriffen ... Die Masse? ... Mußte denn gerade sie es durchführen? ... Freilich, die »Gebildeten« taten es ja nicht. So oft es versucht worden war, war es die Masse gewesen. Ihr ging es am schlechtesten und deshalb hatte sie, die Witterung des Richtigen, während die »Gebildeten« einer ganz schlaffen Idiotie verfallen waren ... Außerdem – wenn die Masse nicht wollte, so ging es auch nicht ... Nein, der Masse mußte das Verständnis beigebracht werden. – Aber wie? ... Dadurch, daß man auch sie den Unterricht der höheren Schulen genießen ließ? ... Nein, das hatte ja den Gebildeten nichts genützt ... Wie war es aber mit anderen Schulen, mit Schulen, in denen die Soziologie den Katechismus und die Bibelerklärung ersetzte? – Ja, das mußte nützen ... Woher aber diese Schule bekommen? Die »Gebildeten« schafften sie wahrhaftig nicht. Nein, da mußte die Masse wohl auch vorgehen ... Wie aber, wie war die Masse dafür zu gewinnen? Wie konnte ihr das notwendige Freiheitsbedürfnis eingeflößt werden, damit sie wollte? Es gab nur einen Weg. Die Massen mußten zu der Einsicht gebracht werden, daß die Gesellschaftsordnung ausschließlich dazu da ist, ihre Bedürfnisse zu befriedigen, und dann mußte die Masse fühlen lernen, daß sie die Macht hat, die Gesellschaft danach einzurichten. Dann würde schon die Masse anfangen, ihre Bedürfnisse geltend zu machen und ihre Befriedigung zu verlangen. Es gab ja aber kein anderes Mittel, um der Masse diese Einsicht beizubringen und ihr dieses Gefühl ihrer Macht zu verschaffen, als indem man ihr die Zügel in die Hand gab und sie selber regieren ließ ... Selber regieren ... Selbstregierung? – Damit mußte also angefangen werden ... Und ich hatte über die »Herrschaft der Masse« gehöhnt, über die »Majorität der Zahl«, über das »Regiment der Roheit und Unwissenheit«! Und ich war der Ansicht gewesen, die »Gebildeten« müßten regieren! Und ich hatte über Sverdrup gelächelt und sein Gerede von der Selbstregierung des »Volkes«! ... Du großer Gott, hatte ich wirklich so töricht sein können? ... Ich schüttelte den Kopf: fünfundzwanzig Jahre alt, ein ganzes Vierteljahrhundert, hatte ich über diesen Mann gelächelt, der, noch ehe ich geboren ward, sein ganzes Leben dem Kampf gegen die Dummheit und Schlaffheit geweiht hatte – um das durchzusetzen, was allein Leute wie mich vor dem Zugrundegehen bewahren konnte ... Ach, das war zu töricht ... ich wußte nicht, ob ich lachen oder weinen sollte ... Er war ein herrlicher Mann! Woher in aller Welt hatte er aber alle diese kolossale Energie, die er in einem ganzen Leben angestrengter Arbeit entfaltet hatte – nur um dem Ziel, das er sich gesetzt hatte, ein ganz klein wenig näher zu kommen? ... Woher in aller Welt hatte er alle diese Energie hernehmen können? ... Ich erinnerte mich eines Wortes, das er einmal gesprochen hatte: es war in meinem Gedächtnis haften geblieben, weil es so schön gesagt war und weil soviel Wehmut in dem Ton gelegen hatte, in dem er es sagte: »In der Jugend zeichnet man die Perspektive der Zukunft mit zu kurzen Linien, im Verlaufe des Lebens aber erfährt man, daß die Linien der Wirklichkeit immer länger und länger werden« ... Vielleicht hatte er anfangs geglaubt, er werde ganz ans Ziel gelangen und selber die Erreichung des Zieles erleben ... Dann hatte er aber eine Enttäuschung nach der anderen erlebt und hatte schließlich eingesehen, daß nichts anderes übrig blieb, als sich mit der Beruhigung zu trösten, daß es doch auf dem Wege zum Ziele vorwärts ging ... und mit dem Genusse, den es bereitete, in allen kleinen Treffen auf dem Wege von Fall zu Fall zu siegen ... auch mit der Befriedigung des Ehrgeizes ... Nun ja, das war ja immer etwas, aber trotzdem ... o, es war bewundernswert, daß er sich die Energie hatte bewahren können, als das Ziel so weit hinausgerückt wurde! Das hätte uns willenlosen Menschen passieren sollen ... ich hätte wahrscheinlich nicht einmal versuchen mögen, etwas zu tun ... Nein, das war ja auch gerade die Hauptsache: er hatte nicht nur den stählernen Willen gehabt, der dazu gehörte, sondern auch das, was unter solchen Umständen die Energie allein in Bewegung zu setzen vermag: die Liebe! ... Sie mußte, mußte weichen, diese unglaubliche Dummheit und Schlaffheit, damit die Menschen doch einmal frei und glücklich werden könnten! Dieser Gedanke hatte ihn vorwärts getrieben ... Vielleicht hatte er auch an mich und meinesgleichen gedacht und sich gesagt, es sollten nicht mehr von uns zugrunde gehen, als notwendig wäre ... Und mir wurde wehmütig weich ums Herz, wie ich an diesen Mann dachte, der sich in seiner Jugend vertrauensvoll die Aufgabe gestellt hatte, sein Volk zu Freiheit und Glück vorwärts zu führen und zu verhindern, daß mehr als notwendig auf dem Wege zugrunde gingen ... der sein ganzes Mannesalter hindurch in seiner energischen Arbeit ausgeharrt hatte, während er das Ziel beständig zurückweichen sah ... und der noch heute gleich stark und gleich energisch ausharrte, wenn auch sein Haar bereits ergraut war und sah er auch ein, daß trotz eines langen und siegreichen Kampfes noch Menschenalter nach seinem Tode vergehen würden, ehe der Tag der Freiheit anbrechen würde ... Und wie ich wehmütig unglücklich auf der stillen einsamen Landstraße weiterschritt, wurde er mir teuer, dieser einzige Mann – teurer als alle anderen Menschen auf der Welt ... XXVlI. Ich legte das Manuskript weg und dachte, während ich auf dem Sofa liegen blieb, über das nach, was ich dann in den letzten zwei, drei Jahren erlebt hatte. Jarmann hatte ganz still dagesessen, ohne ein Wort zu sprechen, und nur auf das gehört, was ich vorlas. Nach einer kurzen Pause sagte er: »Das war freilich eine ganz eigentümliche Art und Weise, Liberaler zu werden.« »Ja, es ist überhaupt eine seltsame Entwicklung – das ist Romantik, moderne Romantik ...« »Du!« sagte er und sah mich fast neidisch an, »ich möchte wünschen, auch eine solche romantische Entwicklung durchgemacht zu haben.« Ich schüttelte den Kopf. »Nein, sei froh, daß du das nicht nötig hast. Ein Leben in Unmittelbarkeit, und sei es auch noch so arm – es ist doch tausendmal besser als solch ein romantisches Totendasein. Denn siehst du: Wohl endet eine solche romantische Entwicklung schließlich im Modernen, aber – da endet sie auch. Unsere Reflexion wird schließlich modern, unser Fühlen aber niemals – und dann kommt man doch niemals über das Totendasein hinaus. – Was hat es mir genützt, daß mir schließlich die Idee des modernen Lebens klar wurde?! Ich konnte mich ja doch nicht in eine energische Arbeit für Freiheit und Fortschritt hineinstürzen; denn hatte ich auch Arbeitskraft genug – so stand mir doch keine Begeisterung zu Gebote, um sie in Bewegung zu setzen. Mein Vermögen zur Unmittelbarkeit, zur Begeisterung war ja weg – und deshalb ist es gekommen, wie es kam: ich brachte noch ein paar Jahre hin und sah mir die Dinge an, ohne irgend etwas zu tun. Bis ich dann im vorigen Jahre darauf verfiel, dieses Experiment mit Lily zu veranstalten, das mich dann auf die »Schule« brachte. Dann beruhigte ich mich gleichsam bei dem Gedanken, den Rest meines Lebens mit dieser Lehrtätigkeit hinzubringen, die mir interessant genug zu sein schien und die mir außerdem die Befriedigung gewährte, daß sie ein Teil der großen Arbeit zur Schaffung solcher Gesellschaftszustände war, unter denen das Leben der Individuen so reich wird, daß eine romantische Entwicklung wie die meine sich völlig ausschließt, und die Leute davor bewahrt bleiben, auf diese Weise zugrunde zu gehen. Diese Lehrtätigkeit wurde mir ein Surrogat für das eigentliche Leben, und ich beruhigte mich um so mehr hierbei, als die starke Erinnerung an Liebe, die der Verkehr mit Gerda mir verschaffte, wenigstens einige Fülle, einige Wärme in mein leeres kaltes Leben brachte. Kaum aber habe ich mich bei diesem ärmlichen Surrogat beruhigt, dann kommen sie auch schon und nehmen es mir weg. – Und es gibt nicht mehr Surrogate ... das war das letzte ... ich wenigstens kann kein neues finden. – Nein, das ist wahrhaftig kein Vergnügen.« »Nein ...« Jarmann blieb, die Hände auf den Lehnen des Schaukelstuhles, ruhig sitzen und starrte ins Leere. Eine Weile sprachen wir kein Wort. Dann durchfuhr mich ein Frostschauer: »O nein!« sagte ich und gähnte, »es ist auch spät geworden, gleich drei Uhr. Das beste ist wohl, daß man zu Bette geht.« Er zog sich an. Ich ließ ihn zur Haustür hinaus und dann legte ich mich ins Bett. Eine Woche später, in der Mitte des Monats Mai, fuhr Jarmann zu seinen Eltern nach Hause, um dort die Sommerferien zuzubringen. Er war seit dem Jahre, bevor er Student wurde, nicht bei den Seinen gewesen. Ich lebte inzwischen mein einsames Leben weiter. Anfangs Juni machte ich eines Tages kurz vor neun Uhr meinen gewöhnlichen kleinen Morgenspaziergang, um die Mädchen in die Schule gehen zu sehen. Auf der Karljohannstraße begegnete ich einer ganzen Menge von ihnen. Wie ich an der Universitätsuhr vorüberging, erblickte ich plötzlich auf der anderen Seite der Straße Gerda, die in Begleitung ihres Vaters mir entgegenkam. Bald darauf trennte sie sich von ihm und ging quer über die Straße auf mich zu. Ich kehrte um und schritt ganz langsam, zum Vater hinüberblickend, vor ihr her. Der aber spazierte ruhig weiter und blickte geradeaus; entweder hatte er mich nicht gesehen, oder er kannte mich nicht. Als ich an die Ecke der Universitätsstraße gekommen war, war Gerda unmittelbar hinter mir, und ich hörte an den Schritten, daß sie in die Straße einbog. Da ließ ich Vater Vater sein und sah mich nach ihr um, während ich langsam über die Straße ging, um ihr auf dem andern Trottoire zu folgen. Sie sah sich nach mir um. Was sollte das aber heißen: sie blickte ja ganz ängstlich drein? ... Nun erschrak sie, fuhr zusammen und sah mich in einer Weise an, daß ich merkte, irgendwie bestünde eine Gefahr für mich, und zur Seite sprang. – Ich war so sehr mit ihr beschäftigt gewesen, daß ich das Herannahen eines Wagens nicht bemerkt hatte und in Gefahr gewesen war, überfahren zu werden. – Sie ging weiter und ich hinterdrein. Bei der Turnhalle blieb sie stehen und überlegte einen Augenblick; dann bog sie resolut um die nächste Straßenecke, anstatt geradeaus nach der Schule zu gehen. Ich folgte ihr beharrlich. Wir gingen durch den großen Park und in den kleinen. Dort fand ich sie auf einer Bank in der Hauptallee neben einem zehn- bis elfjährigen Mädchen sitzen. Sie tat, als läse sie eifrig in einem Buche. Je näher ich aber kam, um so mehr näherte sich das Buch ihrem Gesicht, und schließlich, als ich unmittelbar neben ihr war, stak die Nase völlig im Buche. Dann aber lachte sie mich plötzlich hinter dem Buche schelmisch an. Das kleine Mädchen neben ihr genierte mich, ich wollte Gerda allein haben. Ich wartete daher etwas oberhalb der Bank und sah sie an. Endlich stand sie auf und ging, sich kokett in den Hüften wiegend, durch die kleinen Seitengänge die künstlich abgezirkelten Blumenbeete entlang bis in die äußerste Ecke des Parkes. Dort blieb sie, leicht vornübergebeugt, stehen und zeichnete etwas mit dem Sonnenschirm in den feinen Sand. Als ich dorthinkam, sah ich, daß sie meinen Namen in den Sand geschrieben hatte, setzte mich auf die unmittelbar danebenstehende Bank und schrieb mit großen Buchstaben »Gerda«. Dann stellte ich mich einige Schritte weiter auf und sah sie an. Sie ging zu der Bank, setzte sich auf den Platz, auf dem ich gesessen hatte, bemerkte lächelnd ihren Namen, lachte mir zu und – verwischte dann den Namen wieder mit dem Fuße. Darauf stand sie auf und ging in die runde Laube am Ende des Parks und setzte sich auf die eine Ecke der halbkreisförmigen Bank, die dort steht. Ich konnte sie von draußen durch das dichte Laubwert erkennen. Ich folgte ihr wieder, setzte mich ihr gerade gegenüber auf die andere Ecke der Bank und sah sie an. Sie starrte zu Boden, und eine Zeitlang sprach keines von uns ein Wort. »Gerda!« sagte ich schließlich, »soll es wirklich aus sein? Sollen wir wirklich nie wieder zusammenkommen?« Sie antwortete nicht, und starrte weiter vor sich hin. »Können Sie nicht zu bestimmten Stunden und an bestimmten Orten spazieren gehen und mir sagen, wann und wo?« fragte ich dann. Ich erhielt aber keine Antwort, und sie hob die Augen nicht vom Boden auf. Da stand ich auf, ging langsam zu ihr hinüber, stellte mich unmittelbar neben sie und sah auf ihren Kopf hinab. »Gerda!« sagte ich, »eine Antwort könnten Sie mir doch wenigstens geben; hier sieht und hört uns ja niemand, hier können Sie ja reden. Sagen Sie mir, daß es nicht aus sein soll ..., daß Sie wie früher mit mir zusammenkommen wollen!« ... Sie blieb in der gleichen Stellung unbeweglich sitzen – kein Wort, keine Bewegung. – Ich wartete geduldig. Dann stand sie schließlich ganz langsam auf und sah mich an wie ein scheues Reh, dem man zu nahe kommt; tat dann erst langsam einen Schritt vorwärts.. dann ganz langsam noch einen – und schwapp war sie aus der Laube heraus und eilte, so schnell sie laufen konnte, zwischen den grünen Rasenflächen unter den Bäumen des Parkes davon, ohne sich umzusehen. Und ich stand, ganz verblüfft, im Eingang der Laube allein und starrte ihr mit offenem Munde nach ...bis sie hinter den Büschen bei der Pförtnerwohnung verschwunden war. Dann schüttelte ich den Kopf und wanderte langsam wieder in die innere Stadt. – Einige Wochen später habe ich sie noch einmal wiedergesehen – ebenfalls auf einem Morgenspaziergang vor neun Uhr und wieder, als ich gerade an der Universitätsuhr vorüberschritt. Gerda kam von der Drammensstraße her und ging über die Karljohannstraße, um in die Friedrichstraße einzubiegen – sie hatte in der letzten Zeit diesen Weg gewählt, um mir nicht zu begegnen. Neben ihr trippelte ein kleines Mädchen; sie trugen beide Schulbücher unterm Arm. Wie sie eben bei der Bibliothek um die Ecke biegen wollte, gewahrte mich Gerda in der Nähe der Uhr. Sie blieb plötzlich stehen, starrte einen Augenblick wie ein aufgescheuchter Vogel zu mir hinüber – machte dann auf einmal kehrt und stürzte über den Schloßhügel davon. Ihre kleine Begleiterin blieb einen Augenblick allein stehen, sah verwundert erst ihr nach, dann zu mir hinüber – und fing dann auch an wie erschreckt davonzulaufen ... Ich ging ruhig weiter. Da ich Gerda oben auf dem Schloßhügel links in den Park hineinverschwinden sah, folgte ich ihr in der Hoffnung, sie wieder, wie das letztemal, im kleinen Park zu finden. Ich suchte aber vergebens den ganzen Park ab, den kleinen wie den großen – sie war und blieb verschwunden. Es war im Herbst, eine Woche, nachdem ich vom Lande zurückgekehrt war. Wie ich in dem herrlichen Septemberwetter zur Mittagszeit auf der Karljohannstraße spazieren gehe, begegne ich Jarmann, der gerade vom Dampfschiff kommt und zu Ingebret gehen will, um zu Mittag zu essen. Er wollte jetzt anfangen, Jura zu studieren, sagte er. Zu dem Zwecke hatte er von zu Hause 500 Kronen angewiesen erhalten; er hatte also vorläufig Geld genug in der Tasche. Während wir bei Ingebret zusammensaßen, erzählte er mir Verschiedenes von seinem Sommeraufenthalt daheim: Er hätte sich fürchterlich gelangweilt und daher, beständig in der Umgegend Fußtouren unternommen. Meistens sei er zu den Sennhütten hinaufgestiegen, wo die Sennerinnen sehr liebenswürdig gewesen seien. Dabei falle ihm übrigens eine ganz spaßige Geschichte ein. Er sei einmal gerade von einem solchen Ausflug zurückgekehrt und habe mit Mutter und Tante in der Stube gesessen. Da habe ihn die Mutter gefragt, wie es ihm gegangen sei. Ganz gut, habe er gesagt und dann ihr und der Tante erzählt, wie er erst in die und die Sennhütte gekommen sei und dort saure Milch zu Abend gegessen habe und die Nacht über bei der Sennerin habe schlafen dürfen ... Weiter sei er nicht gekommen, denn Mutter und Tante seien da entsetzt aufgefahren: »Aber Junge, was in aller Welt sagst du da?« hätte die Mutter gesagt, und die Tante hätte geäußert: »Der Junge ist ja verrückt geworden.« »Nein,« habe er geantwortet, »wißt ihr denn das nicht: man kann ja mit einem Weibe nicht bekannt werden, wenn man nicht geschlechtlichen Verkehr mit ihr hat« ... Nun war die Reihe an mir, zu glauben, der Bursche wäre verrückt geworden. Ich legte Gabel und Messer auf den Teller und starrte ihm mit unverhohlenem Erstaunen ins Gesicht. Sein blasses sonnverbranntes Gesicht färbte sich purpurrot: »Na ja,« sagte er nervös, »glotz mich nun deswegen nicht so an. Wenn ich darüber nachdenke, begreife ich recht wohl, daß es eine Dummheit war. Ich denke aber zurzeit nicht mehr, wenn ich das überhaupt je getan habe, ich habe mir das vollständig abgewöhnt – daher kommt's, daß ich plötzlich solche Dummheiten vorbringen kann.« Ich schüttelte den Kopf: »Aber weißt du was; es hat doch alles seine Grenzen!« Er zuckte nur die Achseln, und dann aßen wir weiter und sprachen von anderen Dingen. – – – Etwa einen Monat später saß Jarmann bei mir auf seinem alten Platz im Schaukelstuhl und schaukelte hin und her; ich lag auf dem Sofa und starrte zur Decke hinauf. Er hatte, gleich als er kam, nach einigen gleichgültigen Dingen gefragt – später hatten wir aber keinen Ton mehr geredet. Schließlich schloß ich die Augen und blieb liegen, als ob ich schliefe. Er starrte mich gute fünf Minuten lang still an, stand dann vorsichtig auf, warf mir einen schmerzlichen, verletzten Blick zu und schlich auf den Zehen aus dem Zimmer. Meine Augen waren nicht ganz geschlossen. Ich sah alles. Von diesem Tage an kam er nicht mehr in meine Wohnung. XXVIII. An einem Nachmittag im Februar des Jahres 1883 saß ich im Grand-Hotel und trank Kaffee. Es waren viele Gäste da. Im Eckfenster saß Jarmann mit zwei jungen Menschen zusammen; der eine groß, dunkelhaarig und mager, mit einem starren Zug, um die dünnen Lippen und starrblickenden, stahlblauen Augen, an der spitzen, bleichen Nase merkwürdig abgemagert; der andere klein, blond und wohlbeleibt. Jarmann saß dem Fenster gerade gegenüber, den Rücken dem Café zugekehrt, und sah auf die Straße hinaus; die andern saßen neben ihm und blickten ins Café hinein. Sie sprachen kein Wort; sie saßen nur da, rauchten und starrten ins Leere. Ich saß in der Mitte des Cafés an einem kleinen Tisch und betrachtete, hinter meiner Zeitung verborgen, diese stumme Gesellschaft. Ich hatte sie zur Kaffeezeit oft zusammen gesehen, meistens auf demselben Platze am Eckfenster. Sie saßen immer gleich still bei ihrem Kaffee, lasen keine Zeitung, unterhielten sich nicht, rauchten nur ihre Zigarre, nippten an dem Kaffee und sahen ins Leere. Ich kannte sie dem Namen nach. Der Große, Dunkelhaarige, Magere hieß Johnsen; der Kleine, Blonde Woll; das war aber auch alles, was ich wußte, Als es zu dämmern anfing, stand der Große, Hagere auf, holte seinen Überzieher, grüßte und ging seiner Wege. Die andern erwiderten seinen Gruß ganz mechanisch und blieben sitzen, regungslos und ohne ein Wort zu sprechen wie bisher, und starrten weiter vor sich hin. Nach einiger Zeit warf auch Woll den Zigarrenstummel weg, stand auf und holte seinen Überzieher. »Jetzt muß ich wohl nach Hause wandern,« sagte er müde und gähnte, und dann grüßte er und ging. Jarmann blieb sitzen und starrte weiterhin zum Fenster hinaus. Ich setzte mich zu ihm. »Was sind das eigentlich für Leute,« fragte ich, »die beiden, mit denen du hier so oft zusammensitzt?« Er lächelte. »Die? Ach, das sind meine besten Freunde. Es sind beide sehr gemütliche Leute.« »Was sind sie denn aber?« »Nichts.« »Und was wollen sie werden?« »Nichts.« Ich sah eine Weile zum Fenster hinaus, dann sagte ich: »Nun, irgend etwas müssen sie aber doch den Tag über tun.« »Nein, sie tun nichts.« Er schüttelte den Kopf. »Wie du selber?« Er lächelte. »Ja, wir haben uns gefunden, und wir vertragen uns sehr gut miteinander.« Der Kellner brachte uns eine Karaffe Hennessy und ein paar Gläser, frischen Kaffee und Zigarren, und wir blieben noch eine Weile sitzen, rauchten und tranken von dem Kaffee und Kognak. »Du!« sagte ich nach einiger Zeit, »wie bringt ihr denn aber den Tag hin, ihr drei?« »Ach,« sagte er schlaff lächelnd. »Gar nicht so uneben. Zunächst stehen wir erst spät vormittags auf ... dann bummeln Johnsen und ich in den Straßen herum und sehen uns bis Mittag die Leute an ... dann essen wir bei der Wirtin, bei der ich wohne ... dort treffen wir Woll, wenn er so früh aufgestanden ist ...« »Schläft denn der so lange?« »Er schläft seine vierzehn bis sechzehn Stunden am Tage, geht um zehn ins Bett und steht niemals vor zwölf, eins auf, manchmal erst um drei, vier.« »Na, das ist wahrhaftig ein schlafendes Dasein. – Und dann am Nachmittag?« »Dann gehen wir entweder zu mir und rauchen ... und schlafen ... und duseln die Zeit hin; oder wir gehen auch, wenn wir Geld haben, hierher. – Bis es dunkel wird. Dann verabschiedet sich Johnsen, und wir sehen ihn selten an dem Tage noch einmal; er geht auf die Weiberjagd, er muß jeden Tag etwas Neues haben. – Und Woll, der kleine Blonde, der vorhin zuletzt ging, der begibt sich nach Hause – um zu studieren! Er studiert nämlich Philologie. In seinem Zimmer liegen die philologischen Bücher auf« geschlagen auf dem Tische – übrigens immer bei derselben Seite; er zieht Schlafrock und Pantoffeln an, zündet eine lange Pfeife an und setzt sich dann vor die Bücher – und studiert! Das heißt, er sitzt, in dem Schaukelstuhl zurückgelehnt, vor den Büchern, raucht, sieht ins Leere und denkt. Zuweilen an etwas, was er schreiben will, meistens aber wohl an nichts. Ab und zu schläft er auch, wie er so dasitzt, ein, wacht dann wieder auf, zündet sich eine frische Pfeife an und beginnt wieder von vorn. So vergeht die Zeit, bis es zehn Uhr wird; dann zieht er sich aus, legt sich ins Bett und schläft wie ein Prinz – er hat, was das Schlafen betrifft, ein ganz merkwürdiges Talent.« »Und das hält er so Tag für Tag aus!« »Na, etwas Abwechslung gibt es ja immer,« sagte Jarmann und trank sein Glas aus. »Ab und zu, wenn er auf dem Heimwege ein Weib trifft, das ihm gefällt, nimmt er es mit nach Hause. Er wird ihrer aber bald überdrüssig und schickt sie wieder fort. Und er strengt sich übrigens auch nie im geringsten an, um ein Weib zu bekommen ... Und dann kommt es ja auch zuweilen vor, daß er einen Kameraden trifft, der ihn zu einem Glas Grog einlädt. Eine solche Einladung nimmt er immer an; denn er betrinkt sich gern, wenn er das erreichen kann, ohne sich weiter echauffieren zu müssen. Aber auch nur einen Schritt zu tun, um sich Branntwein zu verschaffen, dazu hat er keine Lust. Übrigens ist er ganz spaßhaft, wenn er etwas getrunken hat. Ich habe mehrmals mit ihm zusammen bei Kameraden Grog getrunken, und da ist er ganz unbezahlbar. Erst wird er fürchterlich lustig, das ist das erste Stadium. Wenn er dann etwas mehr getrunken hat, wird er begeistert. Und dann hält er immer eine rührende Rede auf die Frau, und schließlich weint er, daß die Tränen ihm übers Gesicht strömen, während er mit dem Glas in der Hand dasteht. Das gehört zum Spaßigsten, was ich gesehen habe, und ich muß dann immer lachen und mir die Hände reiben, die anderen in die Seite stoßen und sagen: »Seht nur, seht nur! Jetzt weint Woll!« Dann lächelt er mir zu, setzt sich und ist mir deswegen gar nicht böse, weil ich lache. Ach, das ist ein reizender Mensch ... ich mag ihn beinahe noch besser leiden als Johnsen. – Aber Johnsen ist auch ein herrlicher Mensch. Du solltest nur wissen, wie er ist ... Wir haben uns z. B. zufällig bis Mittag nicht gesehen, und er kommt dann nachmittags zu mir, während ich Mittagsruhe halte ... Ich werde hierbei nicht ganz wach, höre ihn nur im Schlaf eintreten und sich still auf einen Stuhl setzen – und schlafe dann mit einem wohltuenden Gefühl weiter, als wäre ein guter Geist in die Stube eingekehrt. Wenn ich dann aufwache sitzt er noch auf dem Stuhl, auf den er sich gesetzt hat, sieht ruhig vor sich hin und sagt kein Wort – o, er ist ein herrlicher Mensch! ...« Jarmann starrte wieder zum Fenster hinaus, und wir sprachen eine Zeitlang kein Wort. »Wovon leben nun aber diese Menschen?« fragte ich dann. Jarmann zuckte die Achseln. »Ach, sie bekommen etwas Geld von zu Hause.« »Wenn das nun aber aufhört?« »Ja ... daran denken sie nicht weiter.« »Zuweilen müssen sie aber doch wohl daran denken.« »Ja, wenn jemand sie danach fragt. Das gefällt ihnen übrigens nicht. Dann pflegt aber Woll zu sagen, er habe die Absicht, einmal etwas zu schreiben, Schriftsteller zu werden ...« »Und Johnsen?« »Wenn man sehr in ihn dringt, so murmelt er schließlich etwas davon, daß er nach Amerika will.« »Und du selber?« fragte ich und sah Jarmann an, »was gedenkst du ... schließlich zu tun?« Er lächelte schlaff. »Nichts! Ich treibe es so weiter wie bisher und sage, es mag gehen, solange es geht ... einmal kracht wohl das Ganze zusammen ... aber, kommt Zeit, kommt Rat.« Und er blies ruhig den Rauch aus dem Munde und starrte zum Fenster hinaus. Und ich starrte auch hinaus. Ich fühlte mich ganz merkwürdig wohl in der Gesellschaft dieser verunglückten Menschen, und ich konnte den Wunsch nicht unterdrücken, daß die beiden andern auch da sein möchten: ich würde dann mit ihnen allen dreien ins Leere starren, nichts sagen und nichts denken. Wie gut begriff ich, daß sie sich miteinander wohlfühlen konnten. Seit diesem Tage fing ich von neuem an, Jarmann in seiner Wohnung zu besuchen. Es dauerte aber nicht lange; ich bekam es bald satt und hörte demgemäß wieder damit auf. Im Herbst hörte ich, daß er nun die Kriegsschule besuchte, um Reserveleutnant zu werden, und daß er öfters zu meinen Brüdern käme und einem Fräulein Petersen den Hof machte, die in der gleichen Pension wie meine Brüder wohnte. Ich hatte aber fast ein Jahr lang nicht ein einzigesmal mit ihm gesprochen – bis er nun plötzlich heute Abend mich aufgesucht hatte, während ich im Bette lag und las ... ... Der arme Kerl! Nun gelang es ihm also nicht mehr, die Zeit totzuschlagen ... es ging nicht auf die Dauer, selbst wenn er einige Stunden am Tage mit Johnsen und Woll zusammensitzen, ins Leere starren und nichts sagen konnte ... Und ich dachte und dachte über dieses vernichtete Leben nach und wodurch es vernichtet worden war – und da entschloß ich mich, dieses Buch zu schreiben. XXIX. Im Januar 1884 – wenige Monate, nachdem Jarmann mich besucht hatte – kamen eines Abends Helmer und mein Bruder Henrik in seine Wohnung, um ihn eine von ihm verfaßte Skizze »Aprilwetter« vorlesen zu hören. Er hauste noch in seiner alten, kleinen, auf den Hof hinausgehenden Wohnung. Die Gardinen waren herabgelassen, die Lampe war angezündet, und sie saßen alle drei an dem Tisch am Fenster, Jarmann zwischen den beiden andern. Jarmann nahm das Manuskript aus dem Tischkasten und las, etwas deklamierend, Folgendes vor: »Er war zu Hause. Wäre es nicht zu einer solchen Tageszeit gewesen – es war gegen zwei Uhr nachts – so würden es die Leute sicher bemerkt haben. So oft war er nun auf den Bürgersteigen dahingeschlendert, hatte solange an Straßenecken gestanden, in Restaurants am Fenster gesessen, daß, wenn man ihn nicht irgendwo an diesen Orten fand, die Löwen der Karljohannstraße, unwillkürlich gefragt hätten: »Was in aller Welt ist denn aus ihm geworden? ... er ist doch nicht etwa gehimmelt, hahaha!« Unsere kleinen und großen Fräuleins, die Tag für Tag die lebendige Dekoration der Karljohannstraße bilden, sagten nichts. Sie ärgerten sich nur in aller Ehrbarkeit darüber, daß sie um das Vergnügen gebracht wurden, unter seinen unkeuschen Blicken zu erröten. Er lag jetzt auf dem Sofa mit halbverschlossenen, stieren Augen – und so hatte er über eine Stunde dagelegen. Im Bette lag ein Weib und schlief. Das eine ihrer Beine war über den Bettrand hinausgeglitten, der Oberkörper auf die andere Seite hinüber an die Wand gebogen. Von ihrem Kopfe, den die Arme umschlangen, sah man nur den schmutziggelben, halbgelösten Haarknoten im Nacken. Das Zimmer war eines jener ungemütlichen, mit hergebrachten Möbeln ausgestatteten Garçonlogis mit eigenem Eingang, wie man sie in anständiger Gegend der inneren Stadt für zwanzig Kronen monatlich mieten kann. Man konnte zwar erkennen, daß hier kleine Versuche zu Arrangements unternommen worden waren. Es war aber nichts daraus geworden. Man hatte keine Lust mehr gehabt ... war nicht mehr dazu imstande gewesen; man hatte die Arbeit halbfertig aufgegeben. Ein paar, in Samt und Seide gestickte Kissen und einige kleinere Nippesgegenstände verrieten, was gute Herzen in stillen Stunden für die tun, die sie lieb haben. – An einem Türhaken hing sein abgetragener Schlafrock. Wie ein Kontrast aber oder richtiger wie ein Protest, der die Harmonie in dieser Zusammenhanglosen, unfertigen Einrichtung durchbrach, wie ein Protest gegen die Schlaffheit dessen, der dort auf dem Sofa lag, gegen seine Blässe, gegen seinen erloschenen Blick, ja auch gegen seinen eleganten Dandy-Anzug und seine etwas geleckte Toilette – standen ein paar Porträtbüsten der modernen Vorkämpfer unseres Jahrhunderts da. Die derben, von Arbeit und Willen hart gemeißelten Züge traten scharf hervor in dem gedämpften, das Zimmer aber völlig erfüllenden Licht, das von der Hängelampe mit dem dicken, matten Glas herniederfiel. Er liebte dieses Licht. Es war wie ein weißer, zarter Schleier. Es genierte die Augen nicht. Im Gegenteil – er hätte gewünscht, mit ganz offenen Augen schlafen zu können. Sein Blick streifte zufällig das Bett, und sofort rief er in nicht gerade sanftem Tone: »Mathilde!« Das Frauenzimmer drehte sich um, wobei sie das hinabgeglittene knie ins Bett zog, und zeigte ein rotglühendes Gesicht mit einem Paar kleiner, stechender, verstörter Augen, die sie einen Augenblick auf ihn zu richten versuchte. Dann legte sie sich ruhig wieder hin. »Verfluchtes Frauenzimmer!« murmelte er und rief dann wieder laut und hart: »Mathilde! Hörst du! Steh' auf und mach', daß du fortkommst! Ich will mich jetzt hinlegen.« Sie antwortete nichts, richtete sich aber im Bette auf, glättete ihr Haar, das ganz in Unordnung gekommen war, ein wenig und fing langsam an, ihr Leibchen zuzuschnüren. Dann stand sie auf, immer noch, ohne ein Wort zu sprechen, holte ihre Stiefel herbei, zog sie an, brachte das Bett einigermaßen in Ordnung und machte vor dem Spiegel Toilette – alles schläfrig, langsam und ohne ihn jemals anzusehen. Endlich war sie fertig. Dann ging sie zu ihm und streichelte ihm das Haar: »Willst du mir nun aufschließen?« »Hier hast du den Hausschlüssel, dann kommst du wohl ohne mich zurecht!« – Damit warf er den Schlüssel auf den Tisch. »Soll ich morgen abend wieder zu dir kommen?« sagte sie, während sie den Schlüssel in die Tasche steckte. »Ja, komm nur,« antwortete er, ohne seine Stimme oder seine Lage zu verändern. »Also adieu, mein süßes Schnutchen!« sagte sie zärtlich und wollte ihn küssen. Er aber wehrte ab: »Ich hab' dir schon gesagt, daß du das bleiben lassen sollst,« und stieß sie fast brutal von sich weg. Darauf tastete sie sich die Treppe hinunter, und er hörte, wie die Haustür aufgeschlossen wurde und wieder ins Schloß fiel. – Er blieb noch eine Zeitlang liegen. Endlich schien er sich erheben zu wollen, blieb jedoch wieder sitzen das Gesicht zwischen den beiden Händen und die Ellenbogen auf den Tisch gestützt. Er holte schwer Atem, und dann klang es halblaut wie ein Seufzer: »Und da sagt man, das Leben sei das höchste Glück!« Darauf duselte er weiter. Auf einmal aber fuhr er empor, schlug auf den Tisch und schrie beinahe: »Eine verdammte, höllische Lüge ist es, wie alles andere auch!« – Und er ging mit schnellen, nervösen Schritten im Zimmer auf und ab ... ... Mir sagen zu wollen, was das Leben ist?! ... Ich weiß, was es ist; ich habe den Schmerz gefühlt, den es gibt! ... Ich habe den Haß gefühlt, den es gibt! ... Arbeite – arbeite! heulen mir alle Stümper in die Ohren. – Wenn ich nun aber nicht kann! – Und wenn das ihre Schuld ist! – Denn in der Richtung arbeiten, in der sie wollen, das mag ich nun einmal beim lebendigen Gott nicht! ... Ich halte mich einfach für zu gut dazu! Und für das zu arbeiten, was ich will, wonach ich ein Verlangen habe – das haben sie mir zu einer Unmöglichkeit gemacht – dazu haben sie mir den Weg versperrt ... Ach, und die Lebenskraft, die ich hatte! ... Und wäre es nur ich allein! – Wir sind es eben alle, wir Jungen mit dem wärmeren Blut, mit der feineren Intelligenz, die wir ein über den Tag hinausreichendes Verständnis haben – für das Glück, für den Reichtum, für den nie zuvor geahnten Lebensinhalt, den die Freiheit überall verbreiten würde, wenn sie in allen Verhältnissen in alle ihre Rechte eingesetzt würde, so wie sie, wie wir es verlangen können! Uns töten sie, uns martern sie zu Tode, uns jagen sie in tatenloses Nichtstun und Schweinerei hinein – und zwar deswegen, weil sie mit allen ihren guten Köpfen nicht einsehen, was die Freiheit ist ... Tod und Teufel! Ihr dickhäutigen Stümper, ihr solltet wissen, wie ich euch hasse! – Und indem ein boshaftes Lächeln über sein Gesicht huschte, fing er nach einer bekannten Melodie an zu singen, wie man singt, wenn es einem von Herzen kommt: Der Teufel mag euch holen! Erst als ihm die Stimme versagte, hörte er auf. Der Refrain klang ihm aber immer noch unbehaglich in den Ohren. – Ihm wurde schwindlig, und er sank auf einen Stuhl neben dem Bette nieder. Er fuhr sich müde mit der Hand über die Stirn; er spürte, wie kalt und feucht sie war. »Ach, ich bin krank,« sagte er. Und nach einiger Zeit sprach er in einem heiseren, gleichgültigen Tone, als ginge ihn das, was er sagte, gar nichts an: »Übrigens ist es nicht bloß ein Vergnügen, wenn man genötigt ist, so zugrunde zu gehen wie ich. – Aber, Herrgott, meinetwegen –: auf einem christlichen Friedhof müssen wir doch einmal alle verfaulen ... Was ist das Leben? – Ein Zufall! – Und wir? – Produkte der Geilheit zweier Menschen! – Das ist alles ... Könnte man nur auf eine bequeme Art von hinnen kommen ... das macht ja aber auch eine solche verdammte Scheererei – ich mag es geradezu nicht ... Oder könnte ich nur klar denken ... es kommt mir aber alles durcheinander ... ich bin nicht imstande es auseinanderzuhalten ... Es muß am Gedächtnis liegen. Das ist weg. Weg ist ja außerdem alles andere auch. Was hab' ich noch von Gefühlen übrig? – nichts – und ich kümmere mich um nichts. – Ach, mir wird so übel. Es muß schlechte Luft im Zimmer sein ... natürlich sind es diese Frauenzimmer, die diese ekelhafte Luft überallhin mitbringen ... Und er stand auf, ärgerlich, sich eine Anstrengung machen zu müssen, gegen die er sich gesträubt hatte, schob den Vorhang beiseite, öffnete das Fenster und lehnte sich hinaus – Wie das abkühlte! ... Wie er atmen konnte – die reine Frühlingsluft ergoß sich über ihn wie kalte, kitzelnde Wasserstrahlen. Es war wie ein Bad in klarstem Wasser; er fühlte, wie die Luft die Lunge reinigte, wie sie die Brust füllte – und er trank sie in langen Zügen ... Er blieb lange im Fenster liegen ... nur genießend sich gedankenlos, ziellos ganz und gar dieser großen zärtlichen Umarmung von Luft und Raum hingebend. Allmählich verschwand jedoch das Unbestimmte, es tauchten Bilder auf, Eindrücke in konkreteren Formen. Das Gehirn begann gleichsam von selber zu arbeiten, und – er nahm sich zusammen und schloß das Fenster; ging dann ein paarmal im Zimmer auf und ab, richtete sich auf, während ein zufriedenes, beinahe herausforderndes Lächeln seine Lippen kräuselte, rieb sich die Hände, schnipste mit den Fingern – stellte sich dann vor den Waschtisch und tauchte den Kopf in das gefüllte Waschbecken. »Herrlich!« sagte er und schnalzte mit der Zunge, während er den Kopf hob, und das Wasser von seinem triefend nassen Gesicht plätschernd wieder ins Waschbecken hinabrann. – Nachdem er sich sorgfältig abgetrocknet und Toilette gemacht hatte, ging er wieder in die Mitte des Zimmers und stellte sich dann auf einmal vor den Spiegel. Mit froher Neugier trat er ganz nahe an ihn heran, so nahe als er konnte. Er betrachtete sich aufmerksam, ernsthaft, mit Behagen bei jedem Zuge verweilend: die Augen, deren Pupillen sich erweitert hatten und in eigentümlichem Glanze schimmerten – die Lippen, die mehr die eines Weibes als die eines Mannes waren – die weißen, begehrlichen Zähne – den schlanken, weichen Hals. »Ja, ich bin schön,« sagte er, kehrte sich rasch um und warf sich flott mit gekreuzten Beinen in den Schaukelstuhl. Er betrachtete seine Hände, die blauen Abbilder der Adern unter der Haut verfolgend, nahm sein Federmesser und begann, seine Nägel zu putzen ... ... Gewiß war er schön – und das war ein Unsinn, daß er kraftlos wäre. Er kniff die Augen zusammen – suchte in seinem Gedächtnis nach einigen alten Jahreszahlen und Namen und fand sie wirklich. Er lächelte: sein Gedächtnis war ja also gut genug. – Und war er nicht im Bunde mit allen guten Mächten in der Gesellschaft! War er vielleicht nicht verwandt mit diesen scharfhörigen Geistern, in deren Seele der Schmerz und der Jubel der Völker zittert! War er nicht der freigewordene Mensch – das reife Kind seiner Zeit, einer Zeit, deren Losung der Fortschritt, die Freiheit und die Wirklichkeit ist? – Man mußte, so wie die Welt nun einmal war, nach einer Aufgabe Umschau halten – das andere war, im Grunde genommen, ungesund und unwahr. Es kam darauf an, irgendwo Hand anzulegen, und er wollte schon mittun. – Er sah auf: ich hätte beinahe Lust, noch heute nacht anzufangen – bin brillant aufgelegt! – Ich bin aber müde. Es wird mir gut tun, zu schlafen; dann stehe ich morgen frühzeitig auf, und dann – fangen wir an! ... Mathilde ... ja, sie wird freilich auch morgen kommen ... Ah bah! ich werde sie schon, wie die andern, aus dem Hause hinausexpedieren – wenn ich will! Dann versetzte er sich einen kleinen energischen Schlag auf den Schenkel, stand auf und begann sich langsam zu entkleiden. – – – Es war nach elf Uhr, als er am andern Morgen erwachte. Er rieb sich die Augen und sah sich im Zimmer um – da stand mit einem Male die ganze Szene von gestern abend klar und deutlich vor seinen Augen. Er lächelte und zuckte die Achseln. Dann hängte er die Beine über den Bettrand hinaus, stützte sich mit den Händen auf die Schenkel, sah zerstreut ins Leere und murmelte schlapp vor sich hin: »Tja! Was zum Kuckuck sollen wir heute anfangen? ...« Jarmann legte das Manuskript auf den Tisch und sah seinen Kameraden an: »Na, was sagt ihr dazu?« »Es ist gut!« sagte Henrik. »Ja, wahrhaftig!« rief Helmer, »du kannst wirklich Schriftsteller werden.« »Das glaube ich selber auch,« sagte Jarmann stolz, stand dann auf und ging eine Weile nervös im Zimmer auf und ab, als wenn er über etwas nachdächte. »Ja, nun will ich leben, zum Teufel!« rief er schließlich, stampfte mit den Füßen und sah die beiden andern glücklich lächelnd an. Etwa acht Tage später kam Jarmann früh am Abend zu mir. Ich lag im Wohnzimmer auf dem Sofa und las. »Na,« sagte ich, wie er hereintrat, »ich höre, du hast etwas gefunden, was dir Spaß macht. Du willst ja Schriftsteller werden!« Er zuckte mit den Achseln, legte Mantel und Säbel ab und blieb mitten im Zimmer stehen. »Ja,« sagte er, »ich habe eine kleine Skizze geschrieben und hege die Absicht, noch eine zu schreiben.« »Hast du die, die du geschrieben hast, bei dir?« »Nein.« »Ach, hole sie dann! Du brauchst ja nur über die Straße zu gehen, und ich möchte sie sehr gern hören.« Er tat, was ich sagte, setzte sich mir gegenüber in den Lehnstuhl und las – – – Wie es mir gefiele, fragte er. »Ganz gut,« sagte ich und fragte, ob er die Skizze drucken lassen wollte. Das wollte er zunächst nicht. Zu Weihnachten aber wollten er und Woll eine Sammlung Skizzen zusammen herausgeben, und da sollte sie mit veröffentlicht werden. Übrigens hätte er sie auch dem Professor Skavlan Dem vor einiger Zeit verstorbenen norwegischen Literarhistoriker. vorgelesen. »Nun, und was sagte er?« »O, er war sehr liebenswürdig; was er aber sagte, war recht dumm!« »Na?« »Ja,« sagte Jarmann. Und dann erzählte er mir Folgendes: Er hatte den Professor besucht und ihn gefragt, ob er so liebenswürdig sein wollte, sich eine Skizze vorlesen zu lassen, die er geschrieben habe. – »Jawohl,« sagte der Professor, es würde ihm ein Vergnügen sein – »bitte!« Und er lud ihn ein, auf einem Stuhl am Fenster Platz zu nehmen, während er sich selber an den Schreibtisch setzte. Jarmann las die Skizze vor und blickte dann Skavlan fragend an. »Ja,« sagte der Professor, »das ist nun die Schattenseite des Lebens.« »Ja!« »Kennen Sie die?« »Ja!« Er sagte das in einem brüsken Tone und stand auf. Es gefiel ihm nicht, daß die Sache in dieser Weise behandelt wurde. Der Professor stand ebenfalls auf und sagte, während er ihn bis zur Türe begleitete: »Es ist nicht ohne Talent, was Sie geschrieben haben; aber ich rate Ihnen, wenn Sie wieder etwas schreiben, mehr die Lichtseiten des Lebens zu behandeln.« »Und wenn ich nun die Lichtseiten des Lebens nicht kenne?« fragte Jarmann, stehenbleibend – sie waren schon draußen im Korridor. »Na ja. Sie brauchen sich ja nicht gerade an die Wirklichkeit zu halten, komponieren Sie, komponieren Sie!« Jarmann dankte dem Professor für seine Freundlichkeit und ging. – – – Ich lachte. »Ja, was sagst du dazu?« sagte Jarmann. Ich schüttelte nur den Kopf: »Du fragtest ihn nicht, ob er die Skizze in seine Zeitschrift aufnehmen wollte?« fragte ich nach einer kurzen Pause. »Nein, auf die Weise bekam ich ja dazu keine Gelegenheit« – und er schaukelte sich auf und ab und sah zu Boden. »Du!« sagte ich nach einer Weile, »im Grunde genommen ist es ganz gut, daß sie nicht hineinkommt.« »Wieso?« fragte er, aufblickend. »Ach, siehst du, du würdest bloß Ärger davon gehabt haben. Was du beim Niederschreiben gefühlt hast, das können wohl deine Freunde, die dich kennen, verstehen, wenn du es ihnen vorliest; niemals aber das Publikum. Dem Publikum fehlen die Voraussetzungen – und die gibst du ja in der Skizze nicht.« Er sah eine Zeitlang vor sich hin. Dann sagte er: »Du magst recht haben. Im Grunde habe ich selber ein Gefühl davon gehabt; als ich die Skizze schrieb, versuchte ich etwas über die sozialen Verhältnisse mit hineinzubringen – es ging aber natürlich nicht. Ich mußte es aufgeben.« »Das würde auch wenig geholfen haben. Aber höre, ich habe, seitdem du das letztemal hier warst, auch etwas gefunden, was mir Spaß macht. Ich beabsichtige, einen Roman zu schreiben, dessen beide Hauptpersonen wir sind. In den würde deine Skizze gut hineinpassen. – Und dort werden alle Voraussetzungen gegeben werden. – Willst du sie nicht dort hinein haben?« »Ja, freilich.« »Ein Mann, ein Wort?« »Ja.« »Gut. – Was ist das aber nun für eine andere Skizze; die du schreiben willst?« Es war eine kleine Situation: seine Begegnung mit Fräulein Bamberg. Er erzählte sie mir aber so schlecht, daß ich ihn, als er fertig war, fragte: »Es ist aber doch nicht etwa nur deswegen, um das Geilheitsgefühl zu beschreiben, das du empfandest, als du vor ihr standest ... Du wolltest die Skizze doch nicht etwa nur deswegen schreiben?« »Nein, eigentlich nicht nur deswegen« – er kratzte sich hinter dem Ohr – »im Grunde genommen,« sagte er dann später, »ist es eigentlich doch nicht mehr.« »Das ist wenig!« Etwa einen Monat später kam Jarmann eines Nachmittags wieder zu mir. Ich war krank und lag in dem kleinen kaffeebraunen Schlafzimmer mit den dunklen Vorhängen. Es war schon dunkel. Die Gardinen waren herabgelassen. Die Lampe brannte am Kopfende des Bettes und ich las. Er setzte sich auf den Bettrand. »Du,« sagte er, »ich habe jetzt zu der Skizze, von der ich sprach, einen Entwurf gemacht und einen Rahmen dazu gefunden – das muß ich dir erzählen.« Er wußte den Entwurf fast auswendig und sagte ihn her: Wie er in das Haus des Direktors gekommen wäre; wie er sie dadurch getäuscht hätte, daß er tagsüber bei den Büchern saß und tat, als ob er studierte, während er des nachts aus dem Fenster kletterte und sich in die Stadt schlich; wie ihn Fräulein Bamberg, die zu verstehen schien, wie es mit ihm stand, an einem lauen, warmen Nachmittag deutlich eingeladen hätte, sich bei ihr zu versuchen, und wie dann gerade im entscheidenden Augenblick der Direktor sich auf dem Korridor bemerkbar gemacht und er in kindlichem Schrecken, von ihrem spöttischen Gelächter verfolgt, aus der Stube geflohen, auf sein Zimmer gestürzt wäre und sich dann schluchzend auf das Bett geworfen hätte. »Ich kann nicht finden, daß das für sich allein etwas ist,« sagte ich, als er fertig war. Er wurde etwas stutzig: »Es ist aber doch ein Stück meines Lebens,« sagte er. »Ja, dann füge es doch in Gottes Namen in die Geschichte deines Lebens ein, da, wo es hingehört. – Sonst sagt das Publikum: ist es weiter nichts?« Er sah zu Boden: »Ja ich kann aber meine Lebensgeschichte nicht schreiben!« »Weshalb nicht?« Er schüttelte den Kopf: »Ich sehe keinen Zusammenhang darin – ich fühle nur, daß ein Zusammenhang da ist, aber ich verstehe ihn nicht.« »Dann geh' doch deine Erinnerungen durch und denke nach! Ohne zu denken, wird man freilich nicht Schriftsteller.« Er zuckte die Achseln: »Ich kann ja nicht denken! Das ist es ja gerade!« »Dann wird auch nie viel aus dir werden.« Er starrte eine Welle vor sich hin. »Nein,« sagte er schließlich, »es ist doch wohl Unsinn! Henrik und Helmer, Woll und Johnsen hat es übrigens gefallen.« »Die fühlen, wie du, den Zusammenhang. Die kennen dich und haben daher die Voraussetzungen. Andere Leute, das Publikum, haben sie nicht, und deshalb werden sie die Skizze wegwerfen und sagen: Ist es weiter nichts?« XXX. Drei Wochen später saß Jarmann eines Abends in seinem alten Zimmer allein zu Hause. Es war gut geheizt. Die Lampe stand angezündet vor ihm auf dem Tische. Er aber hockte, zusammengesunken, mit aufgeknöpftem Waffenrock, in den Stuhl zurückgelehnt da, die Beine ausgestreckt, die Hände schlapp herabhängend, an der Lampe vorüber auf die graue Gardine blickend, auf der die Erlöserkirche zu sehen war. So hatte er stundenlang gesessen. Welch eine grenzenlose Leere ... und welches unendliche Verlangen nach Fülle ... Heute hatte es ihn ganz gepackt und hielt ihn fest vom frühen Morgen an ... Früher hatte es doch wenigstens Pausen gegeben. Sie waren aber kürzer und immer kürzer geworden, und jetzt waren sie ganz verschwunden ... O, das ging gewiß nie wieder vorüber ... nichts half mehr – denn er mochte, mochte, mochte auch gar nichts mehr auf der Welt. Er hatte versucht, zu arbeiten, um die Gefühle loszuwerden – ja, d. h. daran gedacht, es zu versuchen, weiter war er nicht gekommen; denn er konnte nicht arbeiten ... Er hatte die zweite Skizze nicht wieder angerührt, seit dem Tage, da er mit dem Entwurf bei Hermann Eek gewesen war – wollte sich auch nicht weiter mit ihr beschäftigen. Es konnte ja auch nichts nützen, er konnte ja doch nicht herausarbeiten, was er herausarbeiten wollte: sein grenzenloses Elend; konnte den Leuten nicht das Verständnis dafür beibringen, was es bedeutete, so wie er, ohne denken zu können, leben zu müssen, mit verpfuschten und ausgemergelten Gefühlen, und nicht die Kraft zu haben, ein wirklich menschliches Leben zu führen – nur von dem Durst, einem brennenden Durst nach dem Leben erfaßt. Es war ja nicht möglich, sie zum Verständnis dessen zu bringen, außer wenn man, sie das ganze elende Leben mitleben ließe, das er geführt hatte, damit sie es begreifen konnten, wie nach und nach die Fähigkeit zu leben, einschrumpft, da die Lebensbedingung fehlt – und wie nur die Leere zurückbleibt, die öde, trostlose Leere. Konnten sie dieses Leben nicht von Anfang an mitleben, wie es ihm jetzt ging – sie würden nur sagen: weshalb kann er nicht sein wie einer von uns, und weshalb kann er sich nicht auch etwas vornehmen und etwas werden? ... Er konnte sie aber sein Leben nicht mit durchleben lassen, konnte vor ihnen seine Lebensgeschichte nicht aufrollen ... Ach, daß er das nicht konnte ... es wäre eine Erleichterung, ein Trost gewesen, auf diese Weise wenigstens einige dazu zu bringen, das zu lieben, was er liebte, und das zu hassen, was er haßte. – Und das war ja das einzige, wozu sein elendes vernichtetes Leben noch von Nutzen sein konnte ... Nun konnte es nicht einmal dazu mehr gebraucht werden. Weil er seine Lebensgeschichte nicht schreiben konnte. O, daß er nicht eher entdeckt hatte, daß sein Leben allein dazu gebraucht werden konnte ... Hätte es nicht damit genug sein können, daß er zu früh auf die Welt kam ... daß er zu der Art von Zukunftsmenschen gehörte, die schon von Geburt an für einen Untergang ohne Kampf bestimmt sind, weil sie ihre Lage erst entdecken, wenn sie zugrunde gegangen sind ... hätte das nicht genug sein können? Er wünschte sich ja nur die Kraft, seinen Schmerz in die Welt hinauszuschreien, jetzt, da er entdeckt hatte, daß es vorbei war. Aber auch das war ihm versagt. Wäre er wenigstens einige Jahre früher mit den Dingen ins reine gekommen, als er noch einige Energie und Kraft zum Denken hatte – dann hätte es vielleicht gelingen können. Jetzt aber! ... Er konnte ja nicht mehr denken, alles floß ihm zusammen. Er konnte es nicht mehr auseinanderhalten. Er konnte sich nicht in Gedanken in sein früheres Leben vertiefen, konnte nicht den schändlichen Zusammenhang darin finden, keine künstlerische Darstellung davon geben und mit seinem Werke in der Hand vor die Gesellschaft treten und sie für die Vernichtung seines Lebens zur Rechenschaft ziehen ... konnte nicht die beizeiten zum Kampfe aufrufen, die nach ihm kamen ... er konnte nicht ... er konnte nicht diesen einzigen Gebrauch von seinem Leben machen, den, den das Schicksal ihm gelassen hatte ... o, dieses doppelt zugrunde gerichtete Leben!! Er starrte eine Weile trostlos vor sich hin, plötzlich aber fuhr er auf und schlug auf den Tisch, daß die Lampe tanzte. Na, hatte er das Ganze erst zu spät entdeckt, so war ja dabei nichts mehr zu machen. Dann war er nicht der Mann dazu, sich langsam zu Tode martern zu lassen – dann sollte rasch ein Ende gemacht werden, das war eine ausgemachte Sache. Er ging einige Male nervös auf und ab und ließ den Beschluß in seinem Innern zu voller Klarheit heranreifen. Dann überkam ihn eine behagliche Ruhe. Ein schwaches Lächeln umspielte die frischen roten Lippen, und er setzte sich still wieder vor die Lampe hin. He, daß er auf den Tisch schlagen und zornig werden konnte, weil eine neue Hoffnung aufgetaucht und wieder zerronnen war ... Herr Gott, nun stand er ja wieder da, wo er vor einigen Monaten gestanden hatte ...ihm plötzlich der Einfall gekommen war, Schriftsteller zu werden ... Im Grunde genommen, hatte er ja selber nicht daran geglaubt ... Die Hoffnung war nur ein Strohhalm gewesen, der ihn nicht tragen konnte, und nun sank er ... Natürlich war er ja gerade beim Untersinken gewesen, als er den Strohhalm erblickt hatte ... und jetzt gab es für ihn keinen solchen Strohhalm mehr ... jetzt konnte er ruhig sinken ... das war ja im Grunde genommen das beste. Herrgott, er war ja so müde, so müde ... Und er legte sich auf das Sofa und starrte zur Decke hinauf. Er war auch wirklich müde; das Denken hatte ihn ermattet. Es war schon recht lange her, daß er einmal so intensiv gedacht hatte. Fünf Minuten später schlief er auf dem Sofa mit ruhigen, regelmäßigen Atemzügen still wie ein Kind. XXXI. Es war am Dienstag vor Ostern, nachmittags um zwei Uhr. Die Sonne schien. Die Straßen waren trocken, und die Karljohannstraße wimmelte von Leuten in Frühjahrs- und Wintertoiletten; es gab zwar keine Musik, aber das Wetter war zu herrlich. In der Zollamtsstraße strömten die Kadetten aus der Kriegsschule, einige mit, andere ohne Mantel. Teils in Gruppen, teils paarweise, wanderten sie, Gewehr über Schulter, die Straße hinab. In dem Gebäude war Jarmann ganz allein auf dem Korridor zurückgeblieben. Er schnallte langsam den Säbel um, zog den Mantel an und blieb, auf das Gewehr gestützt, in Gedanken versunken stehen. Seit frühmorgens war er in einer furchtbaren nervösen Erregung gewesen: es war heute der letzte Tag vor den Osterferien – sollte er dies den letzten Tag sein lassen, an dem er seinen Fuß hierher setzte oder nicht – sollte er oder sollte er nicht? – Diese Frage hatte seine Gedanken den ganzen Vormittag über beständig umkreist. – Alles sprach dafür. Warum in aller Welt sollte er sich hier noch länger herumtreiben? Diese hoffnungslose Empfindung einer öden Leere, die ihn früher ergriffen hatte, so oft er zu denken begann, sie hatte sich jetzt seiner ganz und gar bemächtigt, quälte ihn beständig zu jeder Tageszeit, verließ ihn niemals. Nicht einen einzigen Augenblick; nicht einmal, wenn er bei einem Weibe war. Nur solange er schlief, war es zu ertragen. – Weshalb denn also noch weiter vegetieren, wenn es nur auf ihn ankam, ob er beständig schlafen wollte! ... Und trotzdem: er hatte sich nicht recht dazu entschließen können, den Zeitpunkt festzusetzen. Er würde es ja natürlich tun, unter allen Umständen; aber zu sich selber sagen: heute über acht Tage ... Der Teufel auch! Es war doch im Grunde genommen ganz merkwürdig. – Wenn es dann einmal geschehen sollte ... – – – Er ging, das Gewehr in der Hand, über den Hof der Kriegsschule und durch das alte ehrwürdige Tor hinaus. Draußen aber blieb er stehen, kehrte sich um, stellte das Gewehr auf den Boden und sah auf den alten gepflasterten Hof und auf das hundert Jahre alte Haus mit den dicken Mauern. – Ein wilder Haß stieg in ihm auf – in diesen ekelhaften Mauern hatte er sechs Stunden täglich über ein halbes Jahr lang zugebracht, teils wirklich schlafend, teils im Halbschlaf auf der Bank sitzend – ein Meer widerlicher Langerweile! ... Er stieß den Gewehrkolben hart gegen das Pflaster. Nein, der Teufel sollte ihn holen, wenn er dieses ekelhafte Loch jemals wieder betrat – bei seinem Eid! – Bevor die Schule wieder anfing, sollte es geschehen sein! Ein Fieberschauer durchrieselte seinen Körper in dem Augenblick, als er diesen Beschluß faßte, dann aber ergriff ihn eine namenlose Freude, und er fühlte sich froh und leicht ums Herz wie ein Kind. – Plötzlich lachte er, beugte sich vornüber und grinste zu dem alten Gebäude hinüber: hähä, nun kannst du lange dastehen, du altes verdammtes Gefängnis, in das ein freier Mann nie einen Fuß hätte setzen sollen ... nun kannst du lange dastehen – mich siehst du nicht wieder! Ich schüttle den Staub von den Füßen und verlasse das finstere Loch für immer. Er schüttelte wirklich den Staub von den Füßen, erst von dem einen, dann von dem andern; legte dann das Gewehr über die Schulter und ging stolz die Straße entlang. Er fühlte sich ganz leicht ums Herz. Nun war er obenauf. Seine Zukunft war gesichert. Jetzt konnten sie kommen, die braven, fleißigen Herren, die den ganzen Tag auf ihrem Steiße saßen und Jura und andere Dinge studierten, um später einmal Beamte zu werden – nun konnten sie kommen! – Sie hatten auf ihn herabgesehen! ... Als ob er mit ihnen hätte konkurrieren mögen! ... Er wollte um keinen Preis der Welt seine Zukunft mit der ihrigen vertauschen. O, er fühlte sich so stolz und frei. Ja, jetzt mochten sie nur kommen. Und er wanderte schnell weiter. In der Karljohannstraße begegnete er wirklich mehreren von ihnen. Er ließ sie zuerst grüßen, lächelte ihnen dann herablassend zu und grüßte nonchalant wieder. Als ob das Gesindel nicht verpflichtet wäre, ihn zu grüßen! – Und er ging unwillkürlich langsam und würdevoll. ... Wie hübsch die Damen und Mädchen heute waren! Sie nahmen sich heute ungewöhnlich gut aus! Und er auch, das fühlte er – und er sah sie an und lächelte ihnen zu, wie in seiner flottesten Zeit, und freute sich; wenn seine Blicke erwidert wurden. Er wanderte eine halbe Stunde lang in dem Menschengewimmel zwischen Storthing und Universität auf und ab, erfüllt von Selbstgefühl, sich darüber freuend, zu sehen und gesehen zu werden, zu lächeln und sich anlächeln zu lassen, als hätte er diesen Genuß noch nie zuvor ausgekostet. Dann begann aber die Menschenmasse abzunehmen, und er wollte die Straße nicht leer sehen, bog daher beizeiten in die Universitätsstraße ein und ging, von Blicken und Lächeln angenehm gesättigt, nach Hause, um zu Mittag zu essen. Eine solche Karljohannspromenade hatte er, wie ihm schien, seit langer Zeit nicht erlebt. XXXII. Es war in der Nacht zwischen Karfreitag und Sonnabend vor Ostern. Jarmann war in Gesellschaft gewesen und um zwei Uhr nach Hause gekommen. Er zog sich aus und ging zu Bette, um wie gewöhnlich zu schlafen. Er konnte aber keinen Schlaf finden: so ganz wach, kam es ihm vor, war er noch niemals gewesen. Schließlich gab er den Gedanken ans Einschlafen auf, starrte zur Decke und dachte nach. Anfangs stand das Gehirn gleichsam still; nach und nach fing es aber an, ganz von selber zu arbeiten. ... Es war also beschlossen: in einer Woche war er nicht mehr unter den Lebenden. Er stutzte: nicht mehr unter den Lebenden? – Das war ein wunderlicher Gedanke. Er versuchte, ihn zu ergründen, begriff ihn aber nicht. Das Gehirn stand wieder still ... Unsinn! Es war ja ganz einfach: da stand er ja, den Revolver im Munde, gegen den Gaumen gerichtet, die Linke um den Lauf, die Rechte am Kolben und den Daumen am Hahn; er fühlte den kalten Stahl am Daumen. Und dann drückte er los ... Nein, er drückte nicht los. Seine Hand war auf einmal wie gelähmt, sein Gesicht wurde glühend heiß und sein Herz war so furchtbar beklommen, daß er unwillkürlich seine beiden Hände faltete und sie mit einer heftigen Bewegung unmittelbar unter dem Herzen hart gegen die linke Seite preßte. In dieser Lage fand er sich selber, als er zur Besinnung kam; es war eine vollständige Halluzination gewesen ... Er fuhr zusammen: Du großer Gott, er konnte also nicht! – Die Angst erfaßte ihn, er starrte mit ratlosen, verwirrten, weitgeöffneten Augen ins Leere, und der kalte Schweiß trat ihm auf Stirn und Schläfen ... Du großer, allmächtiger Gott, er kann nicht! ... Und er starrte und starrte mit weitgeöffneten Augen: er konnte nicht ... er konnte nicht ...? Er sank in sich zusammen. Und er war seiner Sache so sicher gewesen, so sicher! Es war ihm nicht der leiseste Gedanke gekommen, daß er nicht seiner Wege gehen können sollte, wenn er es endlich satt hatte! Und nun hatte er es satt, er wollte gehen, und es war Wahnsinn, es nicht zu tun – und trotzdem: er konnte nicht! Wer in Teufels Namen hielt ihn denn zurück! Es war, als ob etwas Großes, Feuchtes, Kaltes ihn erfaßt hätte, ihn enger und enger umschlösse und festhielte ... ach, so fest, so fest! Er wußte nicht, was es war, und dachte nicht daran, darüber ins reine zu kommen; er wußte nur daß er loskommen wollte. Und er mühte sich ab unter beständig zunehmender Angst. Und er hatte das Gefühl, als wüchsen bei dem Bemühen und bei der Angst die Kräfte ins Unglaubliche; schließlich, meinte er, mußte es ihm gelingen, sich davon zu befreien ... Aber nein; es umschloß ihn immer enger und enger wie eine schreckliche Macht. Dann machte er auf einmal mit Aufgebot aller seiner Kräfte eine letzte, äußerste, verzweifelte Anstrengung. Es dauerte eine Sekunde oder zwei – dann fühlte er plötzlich, wie seine Kräfte schwanden. Er wollte eben vor Entsetzen laut schreien – da sank er plötzlich kraftlos zusammen, das Entsetzen war auf einmal wie weggeblasen, er lag nur schlaff da, ohne zu sehen, ohne zu hören, ohne zu denken, nur bis ins innerste Mark der Knochen von einer Empfindung der Schlaffheit, Apathie, Resignation durchdrungen. Nach und nach kam er wieder zu sich. Dann mußte er an die letzten paar Tage denken: er hatte alles ganz überlegen angesehen, er hatte mit dem Ganzen nichts mehr zu tun, das Leben lag abgeschlossen hinter ihm; nur noch wenige Tage, um vom Leben und seinen Freunden Abschied zu nehmen. O, er hatte sich so stolz und so frei gefühlt! ... Und alle die Bekannten, von denen er wußte, daß sie ihn für einen gewöhnlichen Taugenichts hielten – wenn er ihnen in diesen Tagen begegnet war, dann hatte er sich das Vergnügen gemacht, sie zuerst grüßen zu lassen ... und dann hatte er ihnen beim Erwidern ihres Grußes beinahe gnädig zugelächelt – sie waren ihm so kläglich klein und erbärmlich vorgekommen, und er selber sich so groß und frei ... Nun sah er sie wieder, diese widerlichen Gesichter; sie scharten sich um ihn mit spöttischen hochmütigen Mienen und lächelten ihn impertinent-mitleidig an: hatten sie nun nicht recht? War er etwas anderes als ein gewöhnlicher Taugenichts? He! Und sie waren vielleicht nicht so klein und erbärmlich im Vergleich zu ihm! Er starrte sie an und mußte die Zähne zusammenbeißen, um seine Wut zu unterdrücken. Die Gesichter merkten aber seine ohnmächtige Wut; sie wurden hochmütiger und immer hochmütiger. Schließlich verdichteten sie sich vor seinen Augen zu einem einzigen großen ekelhaften triumphierenden Lächeln. Er ertappte sich dabei, wie er eben auf dieses dumme Lächeln spucken wollte. Er fühlte sich plötzlich so matt und kraftlos, daß sich alles vor seinen Augen im Kreise drehte ... und er wollte ja arbeiten ... er wollte ja etwas schreiben, da er nun doch leben sollte ... Dann aber mußte er erst etwas haben, um sich zu stärken, etwas zu essen und zu trinken ... und dann wollte er nach Hause gehen und anfangen. – War niemand unter ihnen, der ihm ein paar Kronen geben konnte? Wieder sah er alle Gesichter um sich herum. Sie zogen mit überlegenen Mienen ihre Börsen und gaben ihm einige Kronen, aber mit verächtlichem, mitleidigem Lächeln. Es kochte in ihm, er dankte nicht, ergriff nur das Geld, kehrte sich um und eilte davon – o, wie widerlich klein und verächtlich waren sie! – Er bog um die nächste Straßenecke, um so bald als möglich von ihnen wegzukommen. Als er aber gerade um die Ecke bog, begegnete er ihnen wieder! Er stutzte und blieb ratlos stehen: Verflucht! Konnte er sie denn gar nicht loswerden? Sie gingen aber über die Straße hinüber, sie wollten wahrscheinlich nichts mit ihm zu tun haben. Das verwirrte ihn. Er erinnerte sich nicht mehr ... es war ihm wüst im Kopf ... wie dem aber auch war, er mußte sie wieder einholen ... er sollte ja etwas tun ... und ohne Geld konnte er nicht arbeiten ... und er konnte kein Geld bekommen, ohne zu arbeiten ... er mußte sie wieder einholen ... und er lief über die Straße und holte sie ein. Sie sahen ihn ärgerlich an. Was er wollte, fragten sie. Kronen! Nein! Und sie sahen ihn verächtlich an und gingen weiter. Er blieb mit steifen Armen und geballten Fäusten stehen und starrte ihnen wütend nach. Die breiten, zufriedenen Rücken bewegten sich langsam und ruhig weiter, als wenn er gar nicht existierte. – Jetzt gingen sie am Marinedepartement vorbei ... bald würden sie um die nächste Ecke biegen ... und dann würden sie verschwunden sein, und er würde wieder allein und hilflos dastehen ... Er stürzte ihnen nach. An der Ecke holte er sie ein, faßte sie am Arme und drehte sie um. »Elende, erbärmliche Gesellen!« schrie er; »begreift ihr nicht, daß ich tausendmal mehr wert bin als ihr?« Sie sahen sich an, lächelten, zuckten die Achseln und blinzelten sich zu: er mußte ja verrückt sein. »Tausendmal mehr wert bin ich als ihr alle zusammen!« schrie er dann. Sie kehrten sich um und wollten gehen; er hielt sie aber wieder an. »Elendes Gesindel,« sagte er wütend; »das Leben, das ihr führt, hab' ich ja verschmäht; es war zu klein und erbärmlich für mich! Für mich gehört etwas unendlich viel Größeres!« Die widerlichen Gesichter lachten. »Das Leben aber, das du führst,« sagte einer, »das hast du ja nicht verschmäht; das war nicht zu klein für dich! Das war das Große, das du brauchtest – wohl bekomm's!« Sie lachten laut. Das genierte ihn aber nicht mehr: er hatte wieder den Revolver in der Hand und sah ihn an wie einen guten alten Freund. Und ein behagliches Lächeln umspielte seinen Mund, während er sie von der Seite anblickte. Sie lächelten verächtlich; die Geschichte mit dem Revolver war ja lediglich Spiegelfechterei, das wußten sie ebensogut wie er. Ihre Verachtung irritierte ihn aber nicht; er fuhr nun fort, gemütlich zu lächeln. »Es ist wahr, ich habe etwas von der Hefe, mitgenommen,« sagte er ruhig und spielte mit dem Revolver. »Das tut aber nichts. Ich bin trotzdem tausendmal mehr wert als ihr alle zusammen. Ich möchte mich mit dem Leben, das ihr führen sollt, nicht herumschleppen, und wenn ihr es mir nachwürft. Ich bin bei Gott dafür zu gut.« Er hob lächelnd den Revolver, schloß das linke Auge und zielte über die Straße hinüber. So blieb er ein paar Sekunden stehen, dann wandte er plötzlich mit einer eleganten Bewegung des Handgelenkes den Revolver rückwärts gegen seinen Kopf und führte den Lauf in den Mund gegen den Gaumen. Dann blickte er wieder die Gesichter an. Sie sahen ganz ärgerlich drein; ach nein, nun könnte es mit der Komödie genug sein! Ihr Ärger amüsierte ihn, und es war ihm ein Genuß sie schelmisch lächelnd und überlegen anzusehen und sich daran zu weiden, wie sie immer ärgerlicher und ärgerlicher wurden, je länger er sie mit seinem irritierenden Lächeln ansah. Schließlich aber wurde sein Lächeln schlaffer, er bekam einen Ausdruck traurigen Mitleids. Und dann drückte er ganz ruhig los. Er hatte die Empfindung, als ginge ihm ein Stich durchs Gehirn, die Gesichter verschwanden, und ihm wurde schwindlig. Lange vermochte er nichts deutlich zu erkennen, er hatte nur eine herrliche, friedliche Empfindung ... Dann kam er aber plötzlich wieder zu sich. Und er richtete sich im Bette mit freudestrahlendem Gesicht auf, streckte mit einer energischen Bewegung seine rechte Hand geradeaus, drohte mit geballter Faust ins Leere und sagte mit triumphierendem Lächeln: »Ich werde schon beweisen, daß ich es kann.« Dann legte er sich mit Behagen wieder hin. Eine gleichmäßige, sanfte Wärme ergoß sich über seine Schultern und strömte wohltuend durch alle seine Glieder ... Ach, es war herrlich, seiner selbst ganz sicher zu sein. Er fühlte sich wieder ganz stolz und frei. Es war ein schrecklicher Anfall gewesen, nun war er aber Gottseidank vorüber; und er war sicher, daß er sich nicht wiederholte. Und selbst wenn er es täte – jetzt wußte er, wie er ihn vertreiben konnte. Es war aber gar keine Rede davon ... jetzt war es einfürallemal überstanden ... o, wie fühlte er sich stolz und frei! ... Er lächelte: Es hatte schon einen Sinn, wie er das Leben aufgefaßt hatte. Das Leben hatte ihn nicht glücklich machen können, das hatte er gleich von Anfang an gefühlt. Anfangs zwar dunkel und unklar, dann aber immer klarer und klarer, bis es ihm schließlich im Verkehr mit Hermann Eek zur absoluten Gewißheit geworden war, daß bei der augenblicklichen Gestaltung des Lebens Leute seines Schlages zugrunde gehen mußten. Erst war er darüber indigniert gewesen, und er hatte etwas tun wollen, damit es einmal anders werden könnte. Er hatte arbeiten wollen. Als er aber darüber ins reine gekommen war, wie er etwas in der Richtung hätte ausrichten können – da hatte sich gezeigt, daß seine Energie so lange ungenutzt dagelegen hatte, daß sie kraftlos geworden war; selbst für das, was ihn interessierte, vermochte er nicht so viel zu arbeiten, daß ihm seine diesbezüglichen Leistungen eine Position in der Gesellschaft verschaffen konnten. Und dann hatte er sich selber gesagt: gut, so pfeife ich also auf das Ganze und nehme nur das, was gratis zu erhalten ist, und wenn das getan ist, dann gehe ich meiner Wege. – Und jetzt war nichts mehr gratis zu erhalten ... wenigstens nichts, worum er sich kümmerte – ergo bedankte er sich und ging ... Jawohl, es hatte einen recht guten Sinn gehabt, wie er das Leben aufgefaßt hatte; es war das Leben eines stolzen und freien Mannes gewesen ... Nun mochte er aber nicht mehr daran denken, nun wollte er sich nur noch damit beschäftigen, wie er diese letzten Tage auf die angenehmste Art verbringen konnte. Übrigens, da er nun einmal dabei war, so dürfte er ganz gut auch gleich Zeit und Ort bestimmen. Dann war das besorgt, und er hatte mit dem Ganzen nichts mehr zu tun. ... Der Ort? – Ja-a-a ... in seinem Zimmer wollte er es auf alle Fälle nicht tun. Das wäre ein Anrecht an den »Schwestern« gewesen, den beiden Damen, bei denen er wohnte. Ihnen würde es sowieso nahe genug gehen. In der letzten Zeit, die er bei ihnen wohnte, hatten sie ihn wirklich lieb gewonnen. Er war überzeugt, daß sie nicht einmal an das Geld denken würden, das er ihnen schuldete. Sie würden nur daran denken, wie furchtbar es war, daß dieser hübsche, junge Mensch, der solange bei ihnen gewohnt und sich immer still und anständig benommen hatte, sich jetzt selber aus der Welt hinaus- und in die Hölle hineinexpediert hatte. Sie würden das nicht begreifen können und über sein trauriges Schicksal weinen. Er sah es im Geiste, wie sie anfingen zu weinen, wenn sie davon erfuhren, sah sie weinen und weinen, als hätte es einer von ihren eigenen Verwandten getan. Er mußte lächeln: Herrgott, sie weinten ja nicht über ihn, sie hatten ja keine Ahnung davon, wie er war. Nein, der, über den sie weinten, das war ein ganz anderer, eine Ausgeburt ihrer eigenen Phantasie, die nie existiert hatte. Er lachte, er mußte an etwas denken, was Ostern vorigen Jahres, gerade vor einem Jahre, passiert war. Am Abend vor dem ersten Ostertag hatte er bei einem Kameraden Grog getrunken, hatte dann ein Weib aufgegabelt und war bis gegen Morgen bei ihr geblieben. Als er nach Hause gekommen war, war er sehr müde gewesen – er hatte die ganze Zeit über bei dem Mädchen kein Auge zugetan – und er war daher, kaum daß er sich ausgezogen hatte, in Schlaf gefallen und hatte geschlafen wie ein Stein. Dann war aber um sechs Uhr das Dienstmädchen ins Zimmer gekommen, hatte ihn geweckt und gefragt, ob er nicht mit den Schwestern in die Frühpredigt gehen wolle. Er hätte am liebsten das Mädchen auf der Stelle totgeschlagen, weil es ihn im Schlafe gestört hatte, so matt und schläfrig war er gewesen; dann war ihm aber in den Sinn gekommen, daß er den »Schwestern« beinahe 300 Kronen schuldete und daß ihm des Kredits wegen darum zu tun sein mußte, die bestmögliche Meinung von seiner Person in ihnen zu erwecken. Und daher hatte er geantwortet: ja, danke, das würde er sehr gerne tun, und es sei von den Schwestern sehr liebenswürdig, daß sie an ihn gedacht hätten. Und dann war er aufgestanden und mit den Schwestern in die Erlöserkirche gegangen. In der Kirche aber war er ihnen entwischt und so schnell wie möglich wieder hinausgelaufen. Und da er nicht nach Hause gehen wollte, damit das Mädchen nicht bemerkte, daß er vor der Zeit kam, so war er zu einem Weibe gegangen und bei ihr bis Mittag geblieben ... Und er erinnerte sich noch vieler anderer ähnlicher Geschichten ... Er lächelte; nein, sie hatten keine Ahnung davon, wer er war. Und nun würden sie weinen und weinen und glauben, sie weinten über ihn; und dann weinten sie über einen ganz anderen Menschen als über ihn – das war doch im Grunde genommen allzu komisch, und er konnte sich nicht helfen, er mußte lachen. – Dann aber kam ihm jemand in den Sinn, der auch weinen würde – und das war nicht komisch: seine arme gute Mutter, deren Liebling er war. Es würde ihr Tod sein. Sie glaubte auch an Gott und an die Hölle. Die Arme! Er sah sie daheim geschäftig hin- und hergehen, bald in der Küche, bald im Wohnzimmer, bald draußen auf dem Hofe, immer mit ihren fleißigen Händen zugreifen und immer an ihn denken, nur an ihn, ihren lieben Jungen, von dem sie nie etwas hörte. Er hatte in den letzten Monaten nicht mehr nach Hause geschrieben. Er hatte die Verbindung mit seinem Heim abgebrochen, um sich selbst und seinen Angehörigen die Trennung zu erleichtern, wenn sie endlich kam. Davon hatte sie ja aber keine Ahnung. Sie begriff nicht, was mit ihm geschehen war, daß er ihr nicht schrieb. An jedem Posttag in diesen Monaten hatte sie, so beschäftigt sie war, sich hingesetzt und ihn gebeten und immer wieder gebeten, zu schreiben. Zuerst hatte sie ihn ausgescholten: »Den häßlichen Jungen, der seine Mutter solange ohne Nachricht von sich lassen konnte. Nun müsse er sich wirklich zusammennehmen und schreiben.« Er hatte nicht geschrieben. Dann hatte sie ihn angefleht: »er wisse nicht, wie wehe ihr das täte, sie müsse ja reinweg glauben, daß er sie nicht mehr lieb habe. Aber er habe sie ja lieb, und er werde ihr schreiben, nicht wahr? Ach, er würde es tun?« Er hatte es aber nicht getan. Dann war sie ängstlicher geworden und hatte gebeten und gebettelt – dringlicher und dringlicher in jedem Briefe, den sie schrieb. Er war aber unerbittlich gewesen. Dann war ihr die Angst gekommen. Und das war es, was er gewollt hatte: sie sollte es ahnen, bevor es kam. Er erinnerte sich noch genau des letzten Briefes, den er von ihr erhalten hatte: »Was in aller Welt ginge denn mit ihrem lieben Jungen vor? Weshalb schriebe er denn nicht? Wäre ihm denn etwas Fürchterliches passiert ... ein Kummer oder ein Unglück? O, er müsse, müsse ihr schreiben und ihr alles erzählen; sie wäre ja seine liebe Mutter ... sie stünde ihm ja am nächsten ... sie hätte solche Angst ... sie dächte den ganzen Tag über nur an ihn ... und des Nachts könne sie nicht schlafen ... sie dächte nur an ihren lieben Jungen. Sie hielte das nicht aus ... sie würde krank ... sie fühlte, wie sie mit jedem Tage, der verging, bei all dem, was sie litt, älter und älter würde – und er brauchte nur ein einziges Wort zu schreiben, ein einziges Wort, sie verlange nicht mehr – und das wäre doch so wenig ...« Und dann hatte sie angefangen zu weinen, während sie diesen Brief schrieb. Und einige Tränen waren auf den Brief getropft, so daß einige Buchstaben halb ausgewischt waren. Er erinnerte sich dieser ausgewischten Buchstaben ganz genau; sie hatten ihn zum Weinen gebracht. Er war aber fest geblieben: so hatte er sie ja gerade vorbereiten wollen. Dann hatte sie aber aufgehört zu weinen und hatte weiter geschrieben. »Sie wäre auf einmal so froh geworden; auf einmal wäre sie dessen ganz sicher geworden, daß er diesmal antworten würde,« erzählte sie. Dann hatte sie einen munteren Ton angeschlagen und hatte von dem erzählt, was sie alles zu tun hatte: »An dem Tische läge eine ganze Masse Unterzeug und wartete auf sie, das sollte der Bruder Konrad mit bekommen, der bald nach Bergen fahren und in einem Bureau angestellt werden sollte. Ach, es sei soviel zu tun. Und draußen bei der Rolle warte auch eine Menge Zeug, ach, wenn er nur da wäre, dann hätte er ihr beim Rollen helfen müssen.« Ihm traten Tränen in die Augen. Ja, wenn er dort wäre. Er würde ihr helfen. Er würde ihr die Rolle drehen, wie er es als kleiner Junge getan hatte. Und er würde sie immerfort ansehen! O, wie es ihn freuen würde, sie, während er die Rolle drehte, zum letzten Male anzusehen. Und wäre sie mit der Arbeit fertig, dann wollte er ihr um den Hals fallen und sie küssen ... sie auf den Mund küssen, auf die Stirn, auf die Schläfe, auf die Augen, auf die Hände, überall hin, überall hin! O, er wollte sie küssen, daß es ihr ganz angst würde, ganz angst – so angst, daß sie plötzlich begreifen müßte, sie sähe ihn jetzt zum letztenmal. Und dann wollte er sich losreißen und fliehen. Und wie verzweifelt sie auch dann werden würde, wenn sie erführe, daß er es getan hätte – sie würde dann doch wenigstens den Trost haben, daß er sie so innig geliebt hatte, sie so innig geliebt hatte – bis zum letzten Augenblick ... Nun erfuhr sie aber nichts davon. Es war ein Unrecht. Aber das ließ sich nicht ändern. Herrgott, es war nicht seine Schuld. Es ließ sich nicht machen. Noch vor einigen Tagen hatte er geglaubt, es ließe sich machen. Da hatte er Helmer und Johnsen ihren letzten Brief gezeigt, und Helmer hatte ihn ausgescholten: »Es wäre empörend, daß er nicht schriebe ... es wäre barbarisch ... es wäre ... es wäre ... kurz und gut: es ginge nicht an, er solle sich gefälligst gleich hinsetzen und schreiben.« Und Johnsen hatte still zugehört und kein Wort gesagt; als er dann aber ihn ansah, hatte er ihm in seiner stillen stummen Art zugenickt. Und dann hatte er plötzlich gesagt: ja, er wollte schreiben, und hatte sie gebeten zu gehen. Er hatte nämlich einen Plan gefaßt: er wollte ihr noch einmal schreiben, er wollte seine ganze innige Liebe zu ihr in die Worte des Briefes hineinlegen, sie sollte sie beim Lesen überströmen und sie so ergreifen, daß sie fühlte: das, was er für sie beim Schreiben gefühlt hätte, das wäre mehr als die gewöhnliche Liebe eines ganzen Lebens. – Und dann würde ihr eine Ahnung von dem aufsteigen, was bevorstand. – Ja, so wollte er sie vorbereiten. Und er hatte sich an den Schreibtisch gesetzt. Alles aber, was er schrieb, war so kalt und tot ausgefallen. Er konnte es nicht so herausbringen, wie er es haben wollte. Und er hatte darüber, wie er schreiben sollte, nachgedacht und nachgedacht, daß ihm das Gehirn ganz wehe tat. Aber nein, es war unmöglich; er mußte es aufgeben, und selbst wenn er im übrigen es so herausbringen konnte, wie er wollte, selbst wenn der ganze Brief nur Liebe, Liebe zu ihr atmete, wie sollte sie an diese schriftliche Liebe glauben können? Wenn er sie wirklich so sehr liebte, wie konnte er denn das tun, was, wie er wußte, ihr den Tod bringen mußte? – Das würde sie nicht begreifen können – Nein, wenn er sie dazu veranlassen wollte, es zu begreifen, dann hätte er ihr ausführlich erklären müssen, wie er war ... wie er so geworden war ... welcher erbärmliche Wicht er sein würde, wenn er nun nicht das Leben verließe ... wie er ihr ein langer zehrender Kummer werden würde ihr ganzes Leben hindurch, wenn er ihr nun nicht an Stelle dieses langen Kummers dieses eine große Leid ein- für allemal antäte – alles das müßte er ihr erklären. Dann erst würde sie begreifen können, daß er sie so unendlich liebte und trotzdem genötigt war, ihr Lebewohl zu sagen, aber dann müßte er ihr ja nicht nur einen Brief, sondern ein ganzes Buch schreiben – und zwar ein Buch, das er gar nicht abfassen konnte. – Und übrigens, selbst wenn er dieses Buch hätte zustande bringen können – sie würde es doch niemals haben begreifen können. Das war ja im Grunde genommen das Teuflische an dem Ganzen. Und er war vom Schreibtische aufgestanden und hatte auf den Boden gestampft: Das war der Fluch der Gesellschaftsverhältnisse, unter denen wir leben, daß selbst die Mütter ihre eigenen Kinder nicht verstehen können! ... Das war der Fluch dieser Dressurerziehung, daß man die nicht verstehen kann, die sich nicht haben dressieren lassen, und wären sie die eigenen Kinder! ... Ja, das war der Fluch dieser verdammten Erziehung in Religion und Moral. Und er war mit nervösen Schritten und heißem Kopf und geballten Fäusten im Zimmer auf- und abgegangen und hatte immer und immer wieder »diese ganze verdammte Wirtschaft« verflucht. Schließlich war er vor dem Schreibtische stehen geblieben und hatte den angefangenen Brief in die Schreibmappe gesteckt. Dann hatte er sich auf das Sofa gelegt und versucht, an etwas anderes zu denken. – Kurze Zeit darauf hatte er einen Spaziergang unternommen, und als er zurückgekommen war, hatte er Helmer und Johnsen vorgefunden. »Na, hast du also geschrieben?« hatte Helmer gefragt, wie er ins Zimmer trat. Ja, er hätte eben den Brief in den Kasten geworfen, hatte Jarmann versichert. Helmer aber, der in seiner Abwesenheit die Briefmappe untersucht und den angefangenen Brief gefunden und zu sich gesteckt hatte, hatte ihn erst starr angesehen und dann gesagt: »Das ist ja eine gemeine Lüge, ich habe ja den Brief hier« – und er hatte den Brief aus der Tasche gezogen und gezeigt. Er hatte nicht geantwortet, nur leicht mit den Achseln gezuckt, doch dabei so unglücklich dreingeschaut, daß es Helmer nicht über das Herz gebracht hatte, mehr darüber zu reden; er hatte eingesehen, daß da nichts mehr auszurichten war. Und Johnsen hatte ganz ernst und verständnisvoll ins Leere gestarrt. Wie gern ihn die beiden hatten! Sie verstanden ihn. Für sie brauchte er nicht erst ein Buch zu schreiben. Sie verstanden ihn ohne das. Und sie hatten ihn gern. Sie würden ihn vermissen, ihn sehr vermissen, wenn er weg war; sie würden sich aber trotzdem seinetwegen freuen, daß er ein Ende gemacht hatte ... Ach, wie herrlich es war, mit intelligenten Menschen zusammenzuleben. Von ihnen konnte er Abschied nehmen, aber nicht von seiner eigenen Mutter. – O, wie furchtbar weh es ihm tat ... er sah sie wieder still und geschäftig daheim hin und her gehen, immer an ihn denkend, an ihn denkend, ihren Liebling ... und dann würde plötzlich der Schlag herabsausen ... Es durchschauerte ihn. Er hatte das Gefühl, als stünde das Herz still und hörte der Puls auf zu schlagen. Dann machte er mit einem Male eine abwehrende Handbewegung. Nein, da war nun nichts mehr zu ändern, nun wollte er nicht mehr daran denken. Es blieben ihm ja nur noch wenige Tage übrig, und die sollten ganz ihm und seinen Freunden gehören. Für die Mutter war er ja bereits tot. Er wollte sich diese letzten Tage nicht dadurch verbittern, daß er immer und ewig an das dachte, was nun einmal nicht anders sein konnte; er wollte sie froh und munter zusammen mit seinen Kameraden verbringen, die ihn kannten und verstanden. Und dann wollte er auch ihnen in munterer Gesellschaft Lebewohl sagen. Und dann zu allerletzt – dann wollte er zu einem Mädchen gehen und bei ihr von diesem gesegneten weiblichen Geschlecht Abschied nehmen, das ihm doch in seinem kurzen vernichteten Leben wenigstens eine gute Zerstreuung gewesen war ... Und wenn er damit fertig war und der vierte Ostertag anbrach und die anderen Kadetten wieder ihre langweilige Arbeit aufnahmen – dann sollte es geschehen ... Aber wo? An den Ort, an dem es geschehen sollte, hatte er ja eigentlich denken wollen. Nein, nicht bei dem Mädchen; er wollte sie nicht zu Tode erschrecken. Wo nur aber? Am liebsten hätte er sich ein großes, elegantes Zimmer gemietet, mit weichen, behaglichen Brüsseler Teppichen auf dem Boden und seinen Möbeln. Auch ein Spiegel hätte da sein müssen, ein großer Spiegel, der von der Decke bis auf den Fußboden reichte. Vor ihn hätte er hintreten wollen in voller Uniform, die Mütze auf dem Kopf, den Säbel an der Seite, und sich selber zum letzten Male ins Gesicht sehen wollen – dann erst auf sein Konterfei im Spiegel zielen und sehen, wie ruhig er blieb – dann aber auf einmal die kleine elegante Wendung des Handgelenks machen, den Revolver gegen den Kopf richten und den Lauf in den Mund, an den Gaumen führen – dann endlich ein letztes Lächeln auf sein Konterfei im Spiegel werfen, das gleichfalls gelächelt hätte. Und dann! – Er machte eine energische Bewegung mit dem Zeigefinger, als ob er losdrückte. Wieder hatte er das Gefühl, als ginge ihm ein Stich durch den Kopf, und wieder wurde ihm schwindlig; dann blieb er aber liegen und hatte ein förmliches Wollustgefühl bei dem Gedanken, daß er nun mit allem fix und fertig wäre. Er lächelte: es war wirklich nicht schwer, wenn man das Leben so gern loswerden wollte ... Inzwischen war es im Zimmer hell geworden. Sein Blick fiel auf ein Holzschnittporträt Jaabäks, das mit Reißzwecken an der obersten Türfüllung befestigt war. Das interessierte ihn aber jetzt nicht, und sein Blick glitt mechanisch von der Tür weiter nach rechts und fiel auf eine Büste Goethes, die oben auf dem Bücherregal über der Kommode stand ... Nein, er interessierte ihn jetzt auch nicht. Er sah wieder weg, und nun fiel sein Blick auf die Wand über dem Bett. Da hingen zwei Holzschnitte: einer von Johann Sverdrup aus den fünfziger Jahren und einer von demselben aus dem Jahre 1882. Er hatte sie selber aus Verdensgang ausgeschnitten und mit Reißzwecken an die Wand geheftet. Er sah die Bilder an, und eine merkwürdige Stimmung kam über ihn. ... Er selber war ein tödlich verwundeter Soldat ein junger Rekrut, der auf dem Schlachtfelde liegen geblieben war ... Und der dort oben war der General, der das siegreiche Heer weiter vorwärts führte, dem weichenden Feinde entgegen ... Es war aber ein langer und schwieriger Feldzug. Auch der General würde auf dem Schlachtfelde bleiben, und das Heer würde über sein Grab hinweg weiter vorrücken. Und erst lange, lange nachher würde der endliche Sieg gewonnen werden ... ... Etwas früher oder etwas später ... ?! ... Herrgott, wenn man einmal nach dem Ziel des Kampfes und nicht nach dem Kampfe selber trachtete ... Und trotzdem, er wäre gern dabei gewesen. Aber er konnte nicht mehr. Seine Gedanken verwirrten sich. Er starrte hinter dem General drein mit dem weiterziehenden Heer. Und das Heer schwoll ins Unendliche. Es handelte sich nicht mehr um ein Heer, es handelte sich um ein ganzes Volk, das auf der Wanderung war. Die Volksmasse zog immer weiter. Und alle kehrten ihm, dem sterbenden Rekruten, den Rücken zu; keiner sah zurück, und er blieb ganz allein liegen. Das war aber gar kein unangenehmes Gefühl; er freute sich im Grunde genommen darüber, daß niemand sich um ihn bekümmerte; denn er war so müde, so todmüde ... Und die Volksmasse schwoll immer mehr an. Schließlich war es nur eine ungeheure schwarze Masse. Und dann sah er nichts mehr – und er schlief mit einem müden Lächeln um den Mund ein. XXXIII. Um neun Uhr am nächsten Morgen saß Jarmann auf dem Bettrand und zog sich langsam die Unterbeinkleider an. Als er damit fertig war, blieb er, die Hände auf die Kniee gestützt, vornübergebeugt sitzen und sah ins Leere ... ... Es war ein herrliches Gefühl: das ganze Zimmer, alles um ihn herum hatte etwas Unwirkliches, gleichsam Frauenhaftes an sich ... genau so wie »am Tage darauf«, wenn man keinen Kater hat und nur mit zarten, ruhenden Nerven aufwacht ... Welche Ruhe und Stille! ... Die Dinge vermochten sich ihm nicht aufzudrängen; er konnte sie aber scharf und ruhig wahrnehmen; die Konturen waren förmlich scharf. ... Nein, heute konnte gewiß nichts auf ihn einwirken ... Er dachte an den Morgen des vierten Ostertages, an dem es geschehen sollte – nein, das bereitete ihm keine Unruhe. Es war, als ginge es ihn gar nichts an; er hatte getan, was er mit der Sache zu tun hatte; nun hatte er nur die Dinge ihren eigenen Gang gehen zu lassen. Die Mine war fertig, die Lunte angezündet. War die Lunte verbrannt, dann sprang die Mine ganz von selber. Damit hatte er nichts mehr zu tun ... Im Grunde genommen übrigens doch ganz merkwürdig! Ob der Anfall der letzten Nacht nicht – doch sich wiederholen würde' Nein, das würde gewiß nicht geschehen. O nein! ... Übrigens konnte er ja alle Brücken abbrechen und sich den Rückzug abschneiden. Ja, das konnte im Grunde genommen auch ganz amüsant sein! Dann hatte er bis dahin etwas zu tun. Ja, das wollte er tun. Er stand langsam auf und kleidete sich in Muße an. Nachdem er dann seinen Kaffee getrunken und eine Pfeife geraucht hatte, ging er aus. Draußen war herrlicher Sonnenschein; es war Frühlingswetter. Jarmann spazierte über die Straße und begab sich in den Kaufmannsladen an der Ecke. Der Kommis stand nahe der Tür hinter dem Ladentisch; der Kaufmann selbst stand etwas weiter hinten, über den Tisch gebeugt, und studierte seine Kladde. Jarmann wandte sich an den Kommis, indem er sich in nonchalanter Haltung mit der einen Hand auf den Ladentisch stützte. »Ich möchte etwas Wein und Kognak haben,« sagte er. »Würden Sie vielleicht so freundlich sein, es über die Straße zu Herrn Kadett Eek zu schicken. – Sie wissen, wo er wohnt?« »Jawohl. Was soll es sein?« »Ich möchte drei Flaschen Sherry haben – aber vom besten.« Der Kommis beugte sich über den Tisch und schrieb. Der Kaufmann sah von der Kladde auf und warf Jarmann etliche mißtrauische Blicke zu. Jarmann schaute mit etwas blasiertem Gesichtsausdruck dem Kaufmann ruhig in die Augen, aber gleichsam ohne ihn eigentlich zu beachten, und der Kaufmann sah unwillkürlich weg und wieder in die Kladde. »Und drei Flaschen Portwein,« fuhr Jarmann fort, immer noch den Kaufmann fixierend. Der Kommis schrieb. Der Kaufmann sah wieder mit mißtrauischem Blicke auf; vor Jarmanns ruhigem Millionärgesicht schlug er aber die Augen nieder und studierte seine Kladde weiter. »Und dann eine Flasche Kognak,« sagte Jarmann endlich, immer noch den Kaufmann mit ruhigem, sicherem Blick musternd. Der Kommis schrieb und sah dann auf: »Sonst nichts weiter?« Jarmann wandte sich nach dem Kommis um, zog müde die Augenbrauen in die Höhe und überlegte. »Nein, danke. Ach ja,« sagte er dann, »Sie können auch einige Apfelsinen beifügen. Und dann einige Rosinen und Mandeln.« Der Kommis schrieb. »Das macht wieviel?« »Neunzehn Kronen fünfzig.« »Und dann bin ich wohl noch etwas schuldig ...« »Ja, vier Kronen siebzig; macht zusammen vierundzwanzig Kronen zwanzig.« »Ja, wollen Sie dann so freundlich sein, mir am vierten Ostertage die Rechnung zu schicken.« Während er dies mit dem Kommis verhandelte, hatte der Kaufmann ihn wiederum mißtrauisch beobachtet; aber Jarmanns sicheres Auftreten, die Nähe des vierten Ostertages und außerdem die Uniform hatten ihn schließlich völlig beruhigt. Er grüßte verbindlichst, als Jarmann ging. Als Jarmann draußen war, lachte er in seinem Herzen laut auf. Es hatte ihn die ganze Zeit über gefreut, daß er diese Miene anzunehmen vermocht hatte; sonst konnte er so etwas nicht; heute aber gelang ihm alles derart. Es war doch zu amüsant gewesen: Ätsch, das geschah dem ekelhaften Burschen recht, der sich so fürchtete zu kreditieren, nicht auf feste Preise hielt und so die betrog, die nicht wußten, was die Waren anderwärts kosteten ... Jarmann ging lächelnd weiter. Er suchte alle seine Gläubiger auf. Zuerst den Schneider, dann den Schuhmacher, den Weißwarenhändler und den Handschuhmacher. Überall fragte er, wieviel er noch schuldig war, und bat, ihm am vierten Ostertage die Rechnung zu schicken. Als er vom Handschuhmacher kam, berechnete er, wieviel er im ganzen schuldete. Es war eine reine Bagatelle, lumpige drei- bis vierhundert Kronen. Es war im Grunde genommen allzu lächerlich wenig! Hatte er denn nicht sonst noch Schulden? Ja richtig, den Buchhändler hatte er vergessen. Ihm schuldete er aber auch nicht mehr als sechzig, siebzig Kronen. O, hätte er ihm zehn-, hundert-, tausendmal mehr geschuldet; das hätte die Bestie verdient ... Einmal hatte er daran gedacht, ihn zu bezahlen. Dann hatte er ja aber Hermann Eek mit Ernst Fröhlich verglichen ... Er sah ihn in seinem kleinen, ungemütlichen, auf den Hof hinausgehenden Kontor stehen, das kleine, widerliche, kahlköpfige Männchen, und zu Hermann Eek mit seinem süßlichen Lächeln und seiner ekelhaft höflichen Eunuchenstimme sagen: »Sie müssen doch begreifen, daß ich es abschlagen müßte, wenn Ernst Fröhlich bei mir ein Buch verlegen wollte.« – »Wenn es nun aber ein gutes Buch wäre?« hatte Hermann Eek geantwortet. – »Nein, auch dann möchte ich mit solchen Leuten nichts zu tun haben.« Jarmann biß die Zähne zusammen. Und solche Leute durften Buchhändler sein. Solchen Leuten sollten die Hosen heruntergezogen und ein paar hinten drauf gegeben werden, und dann sollte man sie aus der Stadt hinausstoßen! – He! Er hätte diesen Buchhändler bezahlen sollen, der den censor morum der Schriftsteller spielen wollte! Jarmann trat in die Buchhandlung ein. Er biß die Zähne zusammen; da stand ja der Mann selber und sprach mit einem Herrn. Diese ekelhafte Eunuchenstimme! ... Der Gehilfe hatte schon längere Zeit vor Jarmann gestanden und darauf gewartet, daß er etwas verlangen sollte. Jarmann hatte aber gar nicht auf ihn geachtet, sondern nur mit haßerfüllten Blicken den Buchhändler angestarrt. Schließlich fragte der Gehilfe nach seinem Begehren. Jarmann sah den Gehilfen mit liebenswürdig-herablassendem Lächeln an und sagte, sich entschuldigend: »Na, ich vergesse ja ganz, was mich hergeführt hat ... ich möchte gerne wissen, wieviel ich schuldig bin.« Es zeigte sich, daß er fünfundsechzig Kronen und einige Öre schuldig war. »Wollen Sie so freundlich sein, mir die Rechnung am vierten Ostertag zu schicken? Ich will nämlich alles begleichen, bevor ich abreise.« Vom Buchhändler aus schlenderte Jarmann zu Hjalmar und Henrik. »Na, ist der Wein und der Kognak gekommen?« fragte er beim Eintreten. Ja, es war alles da. Hjalmar und Henrik saßen auf dem Sofa und rauchten Pfeife. Auf einem Stuhl an dem einen Fenster saß Student Hals und las eine Zeitung. Jarmann blieb einen Augenblick an der Tür stehen und betrachtete Hals, einen großen, steifen Menschen mit rotem Haar und magerem, hartem Gesicht. Hals hatte seinerzeit zur Bühne gehen und Charakterrollen spielen wollen, war aber nicht zum Debutieren gekommen und statt dessen Schauspiel- und Opernkritiker geworden; nebenher war er noch Lehrer. Jarmann mochte ihn nicht leiden, da er von nichts anderem als von Theater, Musik und seinen Schulangelegenheiten sprach. Hals war ganz zufällig mit den Menschen bekannt geworden, mit denen Jarmann verkehrte. Jarmann ärgerte sich darüber, ihn vorzufinden. Er warf ihm einen wütenden Blick zu, setzte sich neben ihn, beugte sich vor, mit den Händen auf die Kniee gestützt, und glotzte ihn an. Das steife affektierte Gesicht irritierte ihn heute noch mehr als sonst. »Du, Hals!« sagte er schließlich, als er ihn genug angeglotzt zu haben meinte, »wollen wir nicht über das Theater sprechen?« Hals hob den Kopf und sah ihn eine Sekunde ärgerlich an, las aber dann wieder ruhig weiter; er war schon daran gewöhnt, von Jarmann aufgezogen zu werden. »Oder über Oper und Musik? Wie?« begann Jarmann von neuem, nachdem er ihn wieder eine Weile angeglotzt hatte. »Laß mich doch meine Zeitung in Ruhe lesen,« sagte Hals ärgerlich. »Hihihi! Du bist nicht gerade unterhaltsam. Was sagst du zu Frau Olefine Moe? ... oder zu Bentzon Gülich? ... oder zu Hendrikson? ... oder – hihihi – na, wie heißen sie denn nun gleich ...« Hals faltete wütend die Zeitung zusammen, stand auf und nahm seinen Hut. Jarmann stieß ein wieherndes Gelächter aus. »Hat man dir diesen Monat in der Schule dein Gehalt ausgezahlt? Hat es viele Anstrengungen gekostet? Glaubst du, daß du es das nächstemal bekommst?« Hals ging, ohne ihn anzusehen, nach der Tür. »Das könntest du uns doch wirklich erzählen« – sagte er leise in höhnisch schmeichelndem Tone, als Hals die Tür öffnete. Hals antwortete aber nicht, warf die Tür zu und ging. »Hahaha, hahaha!« lachte Jarmann hinter ihm drein. Henrik und Hjalmar hatten auf dem Sofa gesessen und alles mit angehört, ohne ein Wort zu sprechen. »Du behandelst ihn aber auch zu schlecht,« sagte Henrik, als Hals verschwunden war. »Was will er denn aber auch hier? Er hat doch mit uns nichts zu schaffen. Hier ist doch weder Schule noch Theater. – Nein, pfui Teufel« – er stand auf und machte eine feierliche Handbewegung – »Henrik! Ich vermache dir meinen Haß gegen Hals. – Und nun wollen wir ein Glas Wein trinken.« Eine Flasche Wein wurde entkorkt; Jarmann füllte sein Glas, setzte sich ans Fenster und sah eine Weile hinaus. Er trommelte mit den Fingern gegen den Fensterpfosten und nippte ab und zu am Glase. Die anderen sahen ihn an und sprachen kein Wort. »Ich habe heute eine verflucht schlechte Nacht gehabt,« sagte er endlich und sah sie ernst an. Dann lächelte er aber wieder: »Aber jetzt geht mir's wieder ganz gut.« Er rieb sich die Hände: »Prosit!« Sie stießen mit ihm an, und er erzählte ihnen, wie er die Nacht verbracht und was er dann heute unternommen hatte. Und sie saßen auf dem Sofa, rauchten ihre Pfeifen und hörten ihm zu, ohne ein Wort zu sagen. Als er dann eben dabei war, seinen Gefühlen gegenüber dem Buchhändler freien Lauf zu lassen, hörte er plötzlich mitten im Satze auf: »Hei, da haben wir Laden,« rief er, und in sein Gesicht schlich sich ein boshafter Ausdruck. Er hatte zufällig aus dem Fenster gesehen. Auf der anderen Seite der Straße kam der »Träger der Literatur« mit seiner ungeheuer langen, dünnen, schäbigen Figur, mit der Habichtsnase und dem Bocksbart, und ging mit eingedrückten Knieen über das Trottoir, die Hosen waren zu kurz, der Frühjahrsüberzieher abgeschabt, der Hals ganz gelb. Er trug einen altmodischen Plüschhut auf dem Kopfe, einen Stock in der knochigen rechten Hand, ein Pack Bücher unter dem Arm. Laden war ein Vetter Hjalmars und Henriks und besuchte sie zuweilen, besonders wenn er eine Ahnung davon hatte, daß bei ihnen ein stärkendes Getränk zu haben wäre; zuweilen brachte er wohl auch selber eine Flasche mit. Er war auch einer von denen, die Jarmann nicht leiden mochte. »Er wird doch nicht etwa heraufkommen,« sagte Hjalmar und ging an das Fenster. »Ich weiß noch nicht, was er tun wird,« sagte Jarmann; er verfolgte Laden mit seinen Augen und hatte große Lust, ihm einen ordentlichen Schabernack zu spielen. Da blickte Laden mit seinen großen, kreisrunden Augen auf, in denen das ganze Weiße zu sehen war, sah zum Fenster hinauf und nickte. Hjalmar fuhr vom Fenster zurück: »Verflucht auch!« Jarmann aber hob lächelnd das Glas, nickte zu Laden hinunter und trank ihm zu. Da glänzten die großen, kreisrunden Augen vor Freude, und Laden schritt über die Straße herüber. »Nein, wie konntest du nur das tun?« sagte Hjalmar ärgerlich. »Nun kommt er ja herauf.« »Fällt uns gar nicht ein, ihn hereinzulassen,« sagte Jarmann, eilte zur Tür und schloß ab. Dann blieb er mitten im Zimmer stehen und wartete. Kurze Zeit darauf klopfte es mit den bekannten, harten Knöcheln, die keinem anderen angehören konnten, an die Türe, und Laden klinkte und wollte ins Zimmer. Pause. Dann hörte man draußen Ladens Stimme: »Hjalmar!« Niemand antwortete. »Ich habe es wohl gesehen, daß du zu Hause bist.« Keine Antwort. Dann hörten sie ihn draußen klingeln und in Henriks Zimmer gehen, das gleich nebenan lag; und dann klopfte es an die Zwischentür. Immer noch keine Antwort. Dann rief Laden: »Du, Henrik, kann ich nicht ein paar Worte mit dir sprechen?« Henrik stand auf und war einen Augenblick unschlüssig, was er tun sollte. »Nein, geh' nicht hinein,« sagte Jarmann laut. »Was sagt der Rotkopf?« rief Laden wütend. »Hahaha,« lachte Jarmann und warf sich in den Schaukelstuhl. »Ich muß doch zu ihm hineingehen, sonst werden wir ihn niemals los,« sagte Henrik leise. Jarmann fuhr lachend auf. »Wart' ein Weilchen,« sagte er. Dann eilte er hinter das Sofa, wo alle Flaschen standen, stellte die ganze Batterie, sieben Flaschen, auf den Tisch, so daß Laden sie sehen mußte, wenn die Tür aufgemacht wurde, lief dann lachend zur Tür und öffnete sie sperrangelweit. »Bitte, nun kannst du hineingehen,« sagte er dann zu Henrik und schob ihn ins Nebenzimmer. Ladens Augen glänzten, als er die Batterie auf dem Tische bemerkte, und er machte einen schwachen Versuch, sich in das Zimmer hineinzudrängen. Jarmann warf ihm aber die Tür vor der Nase zu und schloß sie ab. Dann lachte er mit seinem kurzen Galopplachen »Hahaha, hahaha, hahaha,« und warf sich wieder in den Schaukelstuhl. Ladens Stimme war mehrere Minuten lang im Nebenzimmer zu hören. Dann wurde Jarmann ungeduldig: »Sieh nun zu, daß du den Kerl bald hinausbringst,« rief er Henrik zu. »Wenn ich doch den verfluchten Rotkopf beim Kragen nehmen könnte,« fauchte Laden. »Hahaha, hahaha, hahaha.« Jarmann krümmte sich vor Lachen im Lehnstuhl. Bald darauf wurde er wieder ungeduldig: »Nein, nun ist es genug,« schrie er. »Setz' ihn jetzt vor die Tür.« »Komm herein, du verfluchter Rotkopf, dann will ich dir deinen Rücken zerbleuen.« Laden war so wütend geworden, daß er Jarmann dutzte. Jarmann wollte sterben vor Lachen. Dann kam ihm plötzlich eine Idee. Er goß etwas Wein in ein Glas. – »Nicht voll,« sagte er, »sonst könnte er darauf verfallen, davon zu trinken« – und dann ging er an die Türe, öffnete sie vorsichtig und setzte das Glas in das andere Zimmer hinein auf den Fußboden, während er lächelnd zu Laden aufblickte und sagte: »Wollen Sie etwas Wein haben, Laden?« Dann fuhr er wieder zurück und schloß die Tür hinter sich. Laden wurde rasend: »Wenn wir uns das nächstemal begegnen, sollen Sie mit meinem guten Stock Bekanntschaft machen, Sie verdammter, ungezogener Bengel.« »Hahaha, hahaha, hahaha,« lachte Jarmann und warf sich wieder in den Schaukelstuhl. Dann stand er wieder auf, ging trällernd im Zimmer umher und dachte an eine neue Bosheit. Auf der Kommode lag ein eiserner Briefbeschwerer in Form eines nackten Weibes, das auf dem Rücken liegt, die Hände unter den Kopf hält und die Beine in die Höhe streckt. Jarmann ergriff diesen Briefbeschwerer lachend, schloß die Tür wieder auf und setzte die Figur neben das Glas auf den Boden: »Wollen Sie ein Weib, Laden?« rief er und lachte Laden mit wieherndem Gelächter ins Gesicht. Frauenzimmer waren Ladens wundester Punkt: »Glaubst du, ich bin ein Schwein?« pflegte er mit geilem, geniertem Lachen zu sagen, wenn man ihn fragte, ob er, der nun schon über ein Menschenalter alt geworden war, nicht bald anfangen wollte, mit Frauen zu verkehren. Als Jarmann die Tür wieder geschlossen hatte, sah Laden Henrik wütend an. »Das sind ja nette Leute, mit denen du verkehrst,« sagte er. »Es wird lange dauern, bis ich meinen Fuß wieder hierher setze.« Damit warf er die Tür hinter sich zu und ging. »Hahaha, hahaha, hahaha,« lachte Jarmann hinter ihm drein. Hjalmar hatte allein auf dem Sofa gesessen und das Ganze mit angehört und angesehen, ohne ein Wort zu sprechen. Er hatte auch nicht viel für Laden übrig, außerdem dachte er jetzt nicht weiter an ihn. Er beschäftigte sich nur damit, ob diese ganz sinnlose Bosheit gegenüber denen, die er nicht leiden konnte, ein Zeichen dafür wäre, daß Jarmann sich wirklich das Leben nehmen wollte. Es sah bedenklich aus – so wie heute war er doch noch nie gewesen. Als Henrik wieder in das Zimmer kam, schüttelte er den Kopf: »Nein, heute bist du doch allzu schlimm mit ihm verfahren.« »Nein,« sagte Jarmann kurz, »wenn so etwas leben will, soll es ihm nicht besser gehen. Jetzt will ich aber nicht mehr an ihn denken. Ich hoffe, daß das mein Abschied von ihm sein wird. Nun eine neue Flasche.« Eine neue Flasche wurde entkorkt, Jarmann nahm im Lehnstuhl neben dem Tisch den beiden andern gegenüber Platz, und die drei jungen Leute unterhielten sich eine Zeitlang über einige neue Damenbekanntschaften, die sie in den letzten Tagen gemacht hatten. Jarmann sprach am meisten. Morgen sollten sie also zu Fräulein Rabe, bei der sie auch die Fräulein Falsen treffen würden, und übermorgen wollten sie mit diesen drei Damen auf Henriks Zimmer frühstücken. Das jüngste Fräulein Falsen wollte Jarmann in seine Gewalt bekommen; er hatte sich in den Kopf gesetzt, ihre Tugend zu pflücken, bevor er ginge. Er könnte ja nun also zweimal mit ihr zusammen sein. Das genügte, um die Übergabe ihrer Tugend vorzubereiten. Daran könnte er nicht zweifeln nach den Resultaten seines ersten Auftretens ihr gegenüber, die er schon gestern Abend gesehen hätte. Henrik kam mit einigen Einwänden. Die Frauenzimmer zeigten sich oft sehr standhaft, wenn es zu einem gewissen Punkt käme. Jarmann aber schüttelte nun den Kopf. Nein, er wäre seiner Sache ganz sicher, es werde und es müsse gehen. Hjalmar rauchte seine Pfeife, ohne ein Wort zu sprechen. Er hörte nur Jarmann zu, sah ihn an und dachte darüber nach, ob das wirklich ein Mann sein könnte, der im Begriff stand, sich zu erschießen. Er kam zu dem Resultat, daß das nicht recht zu glauben sei. Nach einiger Zeit ging er weg, er hatte etwas in der Stadt zu besorgen. Jarmann und Henrik blieben allein zurück. Die Unterhaltung stockte. Jarmann lehnte sich in den Stuhl zurück und betrachtete das altertümliche Tischbein mit den vier Armen, die in Löwenklauen ausliefen. Er starrte in einem fort darauf – und vergaß schließlich, wo er war ... ... Er stand wieder als Knabe in dem Gartenzimmer des Direktors. Der grüne Schein von den herabgelassenen Jalousien fiel auf die weichen Möbel und gab Fräulein Bambergs Teint einen Mondschein farbigen Schimmer, wie sie mitten in der Stube saß in den Schaukelstuhl zurückgelehnt, die Füße auf den gestickten Fußschemel, und sich langsam auf- und niederschaukelte, mit den Augen blinzelnd und durch die langen, schwarzen Wimpern verstohlen zu ihm aufblickend. Er starrte sie an wie eine Erscheinung. Das lässige, sinnliche Lächeln umträumte noch ihre vollen Lippen, und sie gab ihm wieder den unbestimmten Wink, von dem er nicht sicher war, ob er ihn verstehen dürfte ... Ja, er wagte es. O, er wollte ihr alles erzählen, all seinen Kummer und all seinen Schmerz; und sie würde ihn verstehen und ihn lieben. Und er würde sie wieder lieben. Und sie würde ihn fühlen lassen, daß die Liebe das Höchste, das Einzige auf Erden wäre, und er würde zu arbeiten anfangen, um sich eine Stellung zu schaffen, damit er dieses höchste, einzige Glück fortgesetzt genießen könnte. Und sie würde dasselbe tun. Sie würden sich beide eine selbständige Stellung schaffen und sich frei und unabhängig so lange lieben, bis die Liebe von selber ihre Wege ginge, wie sie von selber gekommen war, und von einer neuen, anderen, ganz verschiedenen Liebe zu einem neuen, anderen, ganz verschiedenen Weibe abgelöst würde, das auch eine freie Stellung hätte und sich lieben lassen könnte, ohne zur Belohnung Versorgung und Abhängigkeit auf Lebenszeit zu verlangen ... Und so weiter und so weiter. O, alle diese unendlich verschiedene, immer gleich selige Liebe, die das Leben erfüllen sollte! Ja, dann konnte er Dichter werden. Dann wollte er der ganzen Welt von seinem reichen Glück erzählen, er wollte sich nicht eher zufrieden geben, als bis das Weib, das er liebte, vor seinen inneren Augen ganz klar dastand, so daß er ihr Bild leibhaftig zu Papier bringen und die ganze Welt es bewundern lassen konnte – ja, es bewundern: jedes Weib war bewunderungswürdig, wenn man es nur ganz zu sehen bekam. Ein seliger Glaube an das Leben durchströmte ihn, während er auf diese schaukelnde, betörende Gestell mit ihrem sinnlich lockenden Lächeln starrte. Aber er vergaß ja ganz zu handeln; da winkte sie ja wieder und deutlicher – er stürzte auf sie los. Wieder aber hörte er die Schritte des Direktors auf dem Korridor und er wußte nicht, wie es kam, aber wieder ergriff ihn dieses merkwürdige Entsetzen, und er mußte umkehren und fliehen. Und wieder hörte er das spöttische Gelächter des Weibes hinter sich drein. Es verfolgte ihn, während er um das Haus herumlief und auf sein Zimmer eilte, und es klang in seinen Ohren weiter, während er in seinem Bette lag, das Gesicht in die Kissen vergrub und weinte, weil sie sich niemals finden würden ... – – – Plötzlich stieß Jarmann so heftig mit dem Fuße gegen das Tischbein, daß alle Flaschen tanzten, und starrte dann in schlaffer Raserei auf die vier Löwenklauen, ganz mechanisch, als ob das Tischbein der Feind wäre. Henrik stand vom Sofa auf, schritt auf Jarmann zu und fuhr ihm mit der flachen Hand zärtlich durch das Haar nach der Stirne. Jarmann durchfuhr ein nervöser Schauer, dann richtete er sich still auf und sah Henrik an: »Es ist nichts,« sagte er ruhig, »jetzt ist es vorüber.« Und dann leerte er sein Glas, zog sich an und ging ... Er suchte seinen Freund Woll auf. Ob er mit ihm bei Ingebret zu Mittag essen wolle? Ja. Unterwegs erzählte Jarmann die Erlebnisse seiner letzten Nacht. Woll sagte nichts und hörte nur zu. Das Mittagbrot wurde schweigend eingenommen. Wieder herrschte dieses herrliche, verständnisvolle Schweigen, das eigentlich das war, was sie immer zusammengehalten hatte. Auf dem Heimweg gingen sie in einen Waffenladen und besichtigten Revolver. Jarmann wählte einen schönen, großen Revolver für fünfundzwanzig Kronen aus und erhielt ihn nebst fünfundzwanzig Patronen ohne Schwierigkeit auf Kredit. »Ich denke, der wird es tun,« sagte Woll, als sie den Laden verließen. »Das meine ich auch,« antwortete Jarmann. Dies war ihre einzige Unterhaltung, bis sie zu Woll kamen. Dort kochten sie sich Kaffee und verdösten ein paar Stunden in traumartiger Stimmung. Dann kam Jarmann plötzlich auf die Idee, mich aufzusuchen. Ich war immer noch krank und lag im Bett. Ich las Zolas » Les Rougons «, als er ins Zimmer kam. Es begann bereits zu dämmern. Er stellte sich an das Fußende des Bettes und sah mir ein paar Minuten lang starr ins Gesicht. »Nun sollst du einen guten Schluß zu deinem Buche bekommen,« sagte er. Und der wäre?! »Er drückte los!« »An den habe ich ja schon lange gedacht, ich habe ihn aber wieder aufgegeben; ich glaube nicht recht daran.« »Der Schluß ist aber richtig,« sagte er leidenschaftlich. »Ich habe es satt ... ich mag nicht mehr ... ich bin des Ganzen überdrüssig ... Es ist alles ein verdammter Quark ... Ich gehe meiner Wege.« »Wann denn?« »Bald!« »Willst du nicht warten, bis du mit der Kriegsschule fertig bist?« »Nein.« Es entstand eine kleine Pause. Dann sagte er: »Ich begreife übrigens im Grunde genommen nicht, daß du noch weiter Lust hast ...« »Ach? – Ja, ich werde mich noch eine Weile herumtreiben und mir die Geschichte ansehen! Wer weiß? Vielleicht kann es doch noch einiges Vergnügen machen.« »Nein, es ist alles Dreck. Ich habe keine Lust mehr, mir das anzusehen.« Neue Pause. Dann sagte ich: »Das ist mir aber unangenehm. Ich hatte mir gedacht, daß du an meinem Buche mitarbeiten solltest. Speziell ein paar Skizzen aus dem Jahre, in dem wir uns beinahe gar nicht gesehen haben ...« Er zuckte die Achseln. »Auch einige aus früherer Zeit – wenn du dich daran erinnern könntest. Das wäre wirklich sehr gut.« Er zuckte wieder die Achseln: »Ich würde doch keine Zeit dazu finden. Jetzt würde auf der Kriegsschule das Examen kommen, und dann müßte ich exerzieren und im Herbst in Garnison liegen. In der Zeit würde aus der Arbeit doch nichts werden, und dann – wovon sollte ich denn leben? Nein, ich gehe lieber gleich meiner Wege.« »Du kannst ja aber doch nicht wissen, ob nicht doch etwas aus deiner Schriftstellerlaufbahn werden könnte?« Er lächelte schlapp: »Selbst wenn etwas daraus würde, etwas Ordentliches sicherlich nicht; es würde mir doch keine Stellung verschaffen. Und bei meiner Energie, mich zusammenzunehmen, um mir auf reguläre Weise eine Stellung zu verschaffen ... nur um zu warten und zu sehen, ob es vielleicht doch ein »Vergnügen« machen könnte, wie du sagst« – er lachte – »nein, dazu habe ich wahrhaft keine Lust. Um so mehr, als ich gar nicht an das Vergnügen glaube. Nein, ich gehe lieber gleich meiner Wege.« Ich maß seinen Worten weiter keinen Glauben bei. Auf jeden Fall wollte ich ihn nicht näher ausfragen. Ich wollte nicht, daß der Umstand, daß er sich so gleichsam von vornherein verpflichtete, es zu tun, als Motiv für die Tat eine Rolle spielen sollte, wenn es zum Treffen kam – und ich sah gleichgültig ins Leere, als ob ich an etwas anderes dächte. »Ja richtig,« sagte ich nach einer Pause. »Du bist ja gestern abend mit Hjalmar bei Falsens gewesen. Wie habt ihr euch denn amüsiert?« Jarmann sah mich erst mit einem merkwürdig bitteren Blick an. Dann sagte er: »Ach ja, es war ganz gemütlich,« setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett und dachte eine Weile nach. Dann sagte er plötzlich: »Es war übrigens wirklich bei Falsens gestern ganz gemütlich. Wir haben gut gegessen und bekamen Wein zur Tafel und Champagner zum Dessert. Und dann tanzten wir. Und schließlich bekamen wir Kaffe und Curaçao und plauderten zusammen. Ich saß mit dem jüngsten Fräulein Falsen allein am Fenster, sie auf einem Stuhl und ich nonchalant auf dem Fensterbrett. Wir sprachen über Verschiedenes, und sie erzählte mir unter anderem, daß sie im Grunde genommen das Leben satt hätte. Das Leben sei nichts wert, sagte sie. Ich sah von der Seite zu ihr hinab. »Ach, Lebensüberdruß,« sagte ich, »nichts anderes. Der ist nicht schwer zu kurieren.« »Wie denn?« »Ja, sehen Sie, Fräulein, wenn Sie lebensüberdrüssig sind, so kommt das daher, daß Ihnen etwas fehlt.« »Und das wäre?« »Das, was Ihnen fehlt, ist nichts anderes als – können Sie raten, was?« »Nein.« »Ein Mann.« Sie sah mich an. »Ist es vielleicht nicht so?« lachte ich. Sie schlug die Augen nieder und dachte etwas nach. Dann sah sie zu mir auf und lachte ebenfalls: »Ja,« sagte sie. »Da können Sie sehen. Es ist ja die einfachste Sache von der Welt. Sie brauchen nur zu mir zu kommen. Dann werden Sie sofort kuriert werden.« Sie fuhr erschreckt auf: »Sind Sie verrückt?« Ich lächelte ruhig: »Nein, liebes Fräulein. Das ist ja die einfachste und natürlichste Sache von der Welt.« Sie sah mich unsicher forschend an: »Wie meinen Sie das?« »Na,« sagte ich nonchalant, »Sie meinen, das geht nicht an. Aber das tut nichts, Sie können ja hineinkommen, ohne gesehen zu werden.« »Ach, Sie sind toll.« Sie lachte halb, halb war sie zornig. »Nein, Fräulein, es ist mein voller Ernst.« Sie bedachte sich etwas. Dann sagte sie ruhig: »Das Schlimmste wäre es ja nicht, gesehen zu werden.« »Na, Ihnen ist bange wegen der Folgen. A bah, das brauchen Sie nicht zu sein. Wissen Sie nicht, daß wir Blitzableiter haben?« »Blitzableiter? Nein. Was ist denn das?« »Das ist etwas, Fräulein, das vor den Folgen bewahrt.« Sie antwortete nicht, aber ich sprach von den Blitzableitern weiter, und wie dumm es wäre, daß die Leute sie nicht mehr benutzten. Anfangs hörte sie mit niedergeschlagenen Augen zu; als sie sich aber dann daran gewöhnt hatte, sah sie auf und sprach selber mit. Schließlich erzählte sie mir, ihre Freundinnen wären auch darüber einig, daß die jungen Damen heutzutage ein jämmerliches Dasein leben müßten, und ich bat sie, sie nur alle zu mir zu schicken. Sie lachte: »Ja, ja,« sagte ich. »Kommen wenigstens Sie selber. Dann werden Sie schon kuriert werden.« »Das find ja ziemlich realistische Mittel, die Sie vorschlagen,« rief Fräulein Rabe von dem Tisch herüber, an dem die anderen saßen: sie hatte gewiß gelauscht. »Ja, Fräulein, ich bin Realist,« antwortete ich. Und dann setzte ich mich mit Fräulein Falsen zu den anderen, und wir sprachen über verschiedene gleichgültige Dinge. Sie sah mich aber die ganze Zeit über ernst an, bis wir gingen.– – – Nachdem Jarmann seine Erzählung beendet hatte, starrte er eine Weile ins Leere. Ich lachte: »Nein, du bist doch wirklich keck,« sagte ich: »Wie oft bist du denn vorher mit ihr zusammen gewesen?« »Ach, ich habe einige Male mit ihr getanzt. Das war aber eigentlich das erstemal, daß ich mit ihr gesprochen habe.« »Wann willst du sie denn expedieren?« »Das muß natürlich bald geschehen, wenn es überhaupt geschehen soll.« Jarmann sah wieder ernst vor sich hin. Ich brachte das Gespräch auf ein anderes Thema: »Du,« sagte ich: »Du sollst übrigens die Geschichte nicht allzu vielen erzählen; das wird nicht gerade angenehm für sie sein.« Diese Worte irritierten ihn augenscheinlich: »Ich erzähle es nur meinen Freunden,« sagte er brüsk. »Ja, ja! Was aber mehr denn zwei wissen ist kein Geheimnis mehr.« Jarmann sah mich an: »Wenn du nun ein Verhältnis zu einer Dame hättest, würdest du es dann niemand erzählen?« »Ich würde das Bedürfnis haben, es einem Menschen zu erzählen.« »Und wer ist der eine?« Er sah mich an, als ob er wünschte und erwartete, daß er dieser eine wäre. Ich schüttelte aber den Kopf. »Nein,« sagte ich, »ich würde es keinem von denen, die ich jetzt kenne, anvertrauen.« Jarmann saß eine Weile stumm da. Dann sagte er: »Du hast deine Freunde gewiß nicht lieb.« »Nein, eigentlich nicht, ich bin nun einmal leider so, ich kann nun einmal niemand liebhaben, außer wenn ich wirklich mit ihm zusammenlebe, mit ihm ein Leben mit gemeinsamen Interessen, gemeinsamen Plänen und gemeinsamen Hoffnungen führe, in derselben Sphäre, unter denselben Menschen. Und jetzt lebe ich ja gar nicht, habe kein Interesse mehr, keine Pläne, keine Hoffnungen: deshalb kann ich niemand liebhaben. So bin ich.« Er hatte mir, während ich sprach, starr ins Gesicht gesehen. Nun sah er weg und versank in Gedanken. Nach einiger Zeit sagte er: »Ich liebe meine Freunde!« Es klang wie ein Vorwurf. Ich zuckte die Achseln: »Ja, du bist nicht wie ich ... und außerdem lebst du mit deinen Freunden zusammen.« Neue Pause. Dann sagte er: »Ich habe dich auch lieb.« »Ich weiß es,« sagte ich und zuckte wieder die Achseln. Er wartete eine Weile, daß ich noch etwas sagen sollte, und als ich nichts sagte, fuhr er fort: »Ich möchte wünschen, daß du mich auch gern hättest.« Ich wurde gerührt. »Ja, Herrgott,« sagte ich, »das möchte ich ja selber auch sehr gern. Aber ich bin ja krank, geistig krank, physisch eingetrocknet – ich habe nichts lieb.« Er sah vor sich hin. »Nein, nein.« sagte, er, »ich kann dir ja nichts sein. Du hast mich ja gewissermaßen zu dem gemacht, der ich bin, und es ist daher verständlich, daß ich dich gern habe, dir aber ist es nur eine Zerstreuung gewesen.« »Nein, einmal haben wir wirklich zusammengelebt, und da warst du mir etwas mehr.« Er hörte nicht auf meine Worte und starrte nur ins Leere, in bittere Gedanken versunken. – Es war also doch wirklich wahr, daß Helmer und Henrik ihm immer gesagt hatten – daß ich ein kalter Egoist wäre. Er war heute mit warmem Herzen zu mir gekommen, hatte mir alles anvertrauen wollen, was er in der letzten Zeit gelitten hatte, seinen letzten Kampf und Sieg in vergangener Nacht ... hatte von mir Abschied nehmen wollen wie von keinem anderen – und da hatte ich nicht darauf hören wollen, hatte kalt ein anderes Thema angeschlagen und von etwas anderem gesprochen, sobald ich merkte, daß er darauf hinauswollte. Ich glaubte natürlich an das Ganze nicht ... und außerdem kümmerte ich mich ja nicht im geringsten um ihn ... ach, ich hatte kein Herz ... daß er das noch nicht früher entdeckt hatte; es war ja sonnenklar gewesen! ... Hatte ich ihn nicht erst an mich gezogen, indem ich beständig wie aus seinem eigenen Herzen heraus sprach, und dann – als er mich schätzen gelernt hatte, weil wir beide gleich dachten und gleich fühlten, dieselbe Sehnsucht und denselben Willen hatten, dann war ich seiner überdrüssig geworden, und hatte ihn von mir gestoßen ... Ich hatte mit ihm gespielt; während er sich mir rückhaltlos hingegeben hatte. – Und nicht nur das ... nein, jetzt erinnerte er sich: immer hatte ich, wenn er froh und begeistert über etwas gesprochen hatte, das Ganze zerpflückt und ihm die Begeisterung genommen ... So war es auch zuletzt noch mit dieser armen Skizze gewesen. Er war so froh darüber gewesen, daß der Wille und die Luft zum Leben wieder in ihm lebendig geworden waren. – Und dann hatte ich sie kalt aufgenommen und nur bemerkt, das Publikum werde sagen: »Es ist nichts weiter? ...« Und von diesem Tage an hatte der unwiderrufliche Entschluß in ihm zu reifen begonnen. – Es war freilich ganz richtig bemerkt: warum hatte ich aber selber keine Sympathie für sie an den Tag gelegt? Die Skizze war doch ein Stück seines Lebens, und hätte ich ihn gern gehabt, so wäre ich persönlich davon ergriffen worden – und mehr hatte er nicht verlangt, nein, ich hatte ihn nicht gern ...und begriff ihn nicht ...und trotzdem hatte er mich immer gern gehabt und hatte es mir selbst heute gesagt. Und was hatte ich geantwortet! –: »Ich wüßte es! ...« Das war doch zu arg! – Gut, ich hatte ihn also nicht gerne – dann sollte ich auch nichts von ihm erfahren; er wollte diese letzten Tage seines Lebens nicht offen vor mich hinlegen, wie er es sich gedacht hatte, und er wollte mir nicht Lebewohl sagen – O, ich hätte wissen sollen, daß er in wenigen Tagen nicht mehr war ... und ich hätte wissen sollen, was er mir zu sagen hatte – ich hätte schon gesagt, daß ich ihn gern hätte, und wenn es nur aus dem Grunde gewesen wäre, um den Stoff für die letzten Seiten meines Buches zu erhalten ... Im Grunde genommen war es aber gut so, wie es war! Jetzt sollte ich den Stoff nun nicht bekommen, ich verdiente ihn nicht. Und eine Mischung von Bitterkeit und Verachtung umspielte seinen Mund: Ha, ich wollte ein Buch über ihn schreiben und verstand ihn nicht besser! Er stand auf und ging einige Male zwischen dem Bett und dem Fenster hin und her. Dann blieb er am Fenster stehen und sah hinaus. »Da ist sie schon wieder drüben in der vierten Etage,« sagte er, »sie hat die Lampe angezündet und besieht sich im Spiegel. Sie hat es doch zu gern, daß sie gesehen wird; sie zieht niemals den Vorhang vor, ehe sie merkt, daß wir jetzt wissen, daß sie weiß, wie sie von uns begafft wird. Sie ist übrigens hübsch.« Er sprach aufgeräumt. Es war einer seiner gewöhnlichen Übergänge. Ich lächelte. »Ich habe sie niemals gesehen,« sagte ich, »als ich außer Bett war, habe ich sie niemals beachtet.« Er sah eine Weile zu ihr hinüber, kehrte sich dann plötzlich um und sagte kurz: »Nein, jetzt muß ich gehen.« Dann schnallte er den Säbel um, sagte kurz »Adieu« und verließ das Zimmer. Mir war es unbehaglich zumute, ich fühlte beinahe etwas wie Gewissensbisse. Ich mußte an einen Brief denken, den Jarmann im vorigen Frühjahr an Henrik geschrieben hatte. Darin hieß es: »Das Verhältnis zwischen mir und Hermann ist nur anscheinend das alte. Er hat mich mehrere Male besucht. Aber ich weiß nicht, ob er es deswegen getan hat, weil er fühlt, daß er etwas wieder gut zu machen hat, oder ob er es in Ermangelung einer anderen Beschäftigung tut. Du begreifst, daß, wenn solche Überlegungen sich einem aufdrängen – und sie kommen ganz unwillkürlich – daß dann die alte Hingabe, die dem Verhältnis seine Schönheit gab, unmöglich ist. Ich wage es nicht mehr, mich zu geben, wie ich bin. Ich habe die ganze Zeit über die peinliche Empfindung, daß er sich entweder langweilt oder ich ihm ein Mittel zu einer augenblicklichen Zerstreuung bin. Daß unter diesen Umständen nicht ich ihn, sondern er mich aufsucht, versteht sich von selber. Und doch – wenn ich nun auch selber aus persönlicher Erfahrung den Schluß ziehen könnte, daß Hermann so ist, wie du und Helmer beständig behauptet habt, nämlich sein Interesse für einen Menschen sei von so egoistischer Art, daß er sich nicht im geringsten mehr um ihn kümmert, sobald er sein Inneres so durchforscht hat, daß er nichts Neues mehr finden kann – so kann ich trotzdem nicht glauben, daß es so ist, und der Schluß bleibt daher der alte: »Hermann ist der herrlichste Mensch, den ich kennen gelernt habe.« Ich mußte an diesen Brief denken. Das hatte er damals geschrieben, und bis auf den heutigen Tag hatte er nicht glauben wollen, daß ich wirklich so wäre, wie Helmer und Henrik behauptet hatten, jetzt glaubte er es, mir tat das im Grunde genommen leid ... Weshalb hatte ich ihm nicht gesagt, daß ich ihn ganz gern hätte, daß ich, wenn ich Lust gehabt hätte, mit irgendeinem meiner Freunde zusammenzuleben, zusammen zu arbeiten, mir ihn dazu erwählt hätte! ... Was hätte das aber nützen können! Es konnte ja doch niemals etwas daraus werden. Mit mir war es zu Ende, und er war nicht der geeignete Mann dazu, mir ins Leben zurück zu verhelfen. Es war also dabei nichts weiter zu machen. Ich mochte aber jetzt nicht mehr daran denken, es war zu unbehaglich. Ich klingelte nach dem Mädchen. Die Lampe wurde angezündet. Und ich fing wieder an, Zola zu lesen. Von mir weg ging Jarmann zu Hjalmar und Henrik, bei denen er auch Helmer traf. Nach dem Abendessen veranlaßte er sie alle drei, mit zu Woll zu gehen, wo sie den Abend über blieben, Grog tranken und sich ganz gut amüsierten. Kurz, bevor sie von Woll weggingen, schlug Jarmann vor, daß die drei andern mit ihm Brüderschaft trinken sollten. »Ihr sollt du zueinander sagen,« sagte er, »ich will es.« Auf diese Weise verbrüderten sich seine zwei verschiedenen Umgangskreise miteinander. Am nächsten Tage, dem ersten Osterfeiertage, waren sie alle bei Fräulein Rabe zum Mittagessen. Beim Kaffee hatte Jarmann eine kleine Szene mit dem jüngsten Fräulein Falsen. Sie waren beide zufällig in einem der Zimmer allein geblieben. Er lag nachlässig auf dem Sofa und hielt eine Zeitung vors Gesicht. Sie saß hinter der Sofalehne, auf der sein Kopf lag. Plötzlich warf er den Kopf ganz zurück und sah sie hinter der Zeitung an: »Haben Sie sich das überlegt, was ich Ihnen das letztemal sagte?« fragte er. »Ja,« sie sah ihm fest in die Augen. »Dann küssen Sie mich,« sagte er; und sie beugte sich zu ihm herab und küßte ihn hinter der Zeitung. »Wir treffen uns heute abends acht Uhr bei der Universitätsuhr,« flüsterte er darauf. »Ja.« Mehr konnten sie nicht miteinander reden, weil die anderen hinzukamen. Am nächsten Tage, dem zweiten Osterfeiertage, waren Fräulein Rabe und die beiden Fräulein Falsen am Vormittag bei Hjalmar und Henrik zum Frühstück. Das jüngste Fräulein Falsen saß in dem amerikanischen Schaukelstuhle, und Jarmann stand, leicht über sie gebeugt, neben ihr und sah ihr in die Augen, während er sie langsam auf- und abschaukelte. »Sie sind nicht gekommen!« flüsterte er. Sie schlug erst die Augen nieder, ohne zu antworten, sah ihn dann aber an und sagte: »Ich wagte es nicht. Ich fühlte mich so allein, und dann bekam ich Furcht.« »Dann kommen Sie heute abend ins Volkstheater. Dann können wir weiter darüber reden.« »Ja,« sagte sie entschlossen. Und dann schaukelte er sie weiter und sprach von anderen Dingen. Abends elf Uhr kam Jarmann zu Hjalmar, der gerade zu Bett gehen wollte. »Verflucht, sie ist doch nicht gekommen,« sagte Jarmann, als er eintrat. Hjalmar zuckte die Achseln: »So sind die Frauenzimmer.« »Na ja,« sagte Jarmann, »nun ist es eben zu spät. Es ist nichts mehr dabei zu machen.« Und er warf sich aufs Sofa und starrte ins Leere. »Du,« sagte er nach einiger Zeit, »heute abend fand ich zu Hause einen recht spaßigen Brief vor. Ein Kapitän X. benachrichtigt mich darin, daß er die zweiunddreißig Kronen, die ich seinem Neffen für Repetition des jus schuldig bin, diesem Neffen für meine Rechnung ausbezahlt hat; er erwartet, daß ich ihm den Betrag binnen acht Tagen zurückerstatte.« »Nennst du das auch spaßig?« fragte Hjalmar und kroch unter die Bettdecke. Jarmann lachte: »Nun kann er ja sehen, wie er's bekommt.« Und er stand vom Sofa auf und blätterte in den Büchern, die auf dem Tische lagen. Kurze Zeit darauf sagte er: »Geniert es dich, wenn ich auf dem Sofa liegen bleibe und lese? Ich bin nicht müde, und ich mag nicht allein sein.« »Nein, bitte, bleibe nur liegen, solange du Lust hast. Du störst mich gar nicht.« Jarmann musterte eine Reihe von Heften der »Neuen Zeitschrift«, die auf dem Tische lagen, las dann das Inhaltsverzeichnis laut vor, und gab jedem einzelnen Aufsatz ein – meist tadelndes – Prädikat. Gegen Morgen erwachte Hjalmar darüber, daß sich jemand im Zimmer zu schaffen machte. Er öffnete die Augen. Beim Sofa stand Jarmann, rollte sich eine Zigarette, zündete sie über der Lampe an, schraubte die Lampe nieder, blies sie dann aus, schlich auf den Zehen an die Tür, öffnete sie und verschwand. Hjalmar zündete ein Streichholz an und sah nach der Uhr: es war nach fünf. XXXIV. Jarmann erwachte gegen elf Uhr, kehrte sich im Bett um, rieb sich die Augen und sah in dem kleinen Zimmer umher. – Wieviel Uhr es wohl sein mochte? Plötzlich fiel ihm ein, daß dies sein letzter Tag war. Er wurde auf einmal ganz wach, sprang aus dem Bett, zog die Gardinen in die Höhe und sah auf den engen Hofraum hinaus. Auf den Dächern glänzte die Sonne, das Frühjahr lag in der Luft, und auch in ihm begannen sich Frühjahrsgefühle zu regen. Er lächelte traurig: Nun lebte alles wieder auf, nur er allein sollte mitten im Frühling sterben. Das Blut strömte rascher durch seine Adern. Es war, als revoltierte sein junger Leib gegen den Todesgedanken. Und es ergriff ihn ein Mitleid mit diesem jungen Leib, der heute von Leben und Kraft strotzte, morgen aber der Verwesung übergeben werden sollte. Es überkam ihn eine stille Wehmut, und er blieb im weißen Nachthemd am Fenster stehen, die Hand an der Gardinenschnur, und starrte über den Hofraum in Licht und Luft hinaus. Und die Augen füllten sich nach und nach mit Tränen, die langsam Tropfen für Tropfen die blassen, feinen Wangen hinabströmten und auf den Fußboden tropften. Ach nein, es war doch nicht lediglich ein Vergnügen, ein Ende machen zu müssen. Er zog mechanisch die Gardinen wieder herunter, setzte sich auf den Bettrand, die Ellenbogen auf die Kniee gestützt und die Stirn in den Händen ruhend, und ließ den Tränen freien Lauf. Schließlich hörten sie von selber auf zu fließen. Ein weiches, sinnliches Wohlbehagen war über ihn gekommen, während er weinte, und er fühlte sich unsagbar mild und wehmütig gestimmt. Langsam zog er die Kleider an, machte sich still im Zimmer zu schaffen, setzte sich dann an den Tisch und trank seinen Kaffee. Er tat das alles in derselben weichen, wehmütigen Stimmung. Und als er mit dem Frühstück fertig war, setzte er sich auf das Sofa und rauchte seine Pfeife, sich gedankenlos ganz diesem weichen, sinnlichen Wohlbehagen hingebend. O, wie wohl es ihm tat. So blieb er lange sitzen. Dann kam ihm aber plötzlich wieder in die Erinnerung, daß dies ja sein letzter Tag war, und er riß sich aus der weichen Stimmung heraus, stand auf und sah in seinem Portemonnaie nach. Er schüttelte den Kopf. Es waren nur noch ein paar Kronen darin. – – Kurze Zeit darauf saß er bei Hjalmar und trank mit ihm und Henrik zusammen Portwein. Er sah mit dem Glas auf dem Fensterbrett, die Beine auf einem Stuhl, den Rücken gegen den Fensterrahmen gelehnt, und spähte durch das offene Fenster über die Straße hinüber. Die andern beiden saßen auf dem Sofa. Plötzlich winkte Jarmann: »Du, Hjalmar,« sagte er, »siehst du, dort kommt er.« Hjalmar ging zum Fenster und beugte sich hinaus. Ganz richtig, da kam der Packträger mit allen Uniformsachen Jarmanns. Kurze Zeit darauf kam der Packträger. Er hatte für das Ganze nicht mehr als fünfzehn Kronen bekommen. Im Verlaufe des Vormittags kam auch noch Helmer, und um die Mittagszeit nahmen sie einen Landauer und fuhren die Drammensstraße hinaus. Jarmann war unterwegs außerordentlich lebhaft und munter. Er saß flott zurückgelehnt neben Hjalmar auf dem Rücksitz, und sprach und lachte unablässig, vergnügt die Bekannten grüßend, denen sie begegneten. Bis sie dann so weit kamen, daß sie keines Menschen mehr ansichtig wurden – dann sank er in sich zusammen und sprach kein Wort mehr. Kurz vor Bygdö sagte er plötzlich: »Nein, jetzt meine ich, ist es genug. Kutscher, wenden Sie um.« Als sie wieder in die Stadt hineinfuhren, wurde er von neuem lebhaft und munter, sprach und lachte wieder ohne Unterlaß und grüßte seine Bekannten, strahlend, vergnügt. Nachdem Jarmann und Helmer bei Ingebret zu Mittag gegessen hatten, saßen sie wieder bei Hjalmar und Henrik und tranken Portwein. Woll war auch gekommen. Und sie sprachen den ganzen Nachmittag über den Selbstmord und debattierten, ob es vernünftig oder unvernünftig sei, daß Jarmann sich das Leben nehmen wollte. Hjalmar beteiligte sich nicht an der Diskussion, und auch Jarmann selbst nicht. Die beiden saßen nur auf dem Sofa, bliesen den Rauch in die Luft und hörten zu, hin und wieder vom Weine nippend; Hjalmar still und ernst, Jarmann heiter und vergnügt. Er befand sich herzlich wohl dabei, daß er im Mittelpunkt des Gespräches stand. Als schließlich Helmer meinte, klar bewiesen zu haben, daß Jarmann besser daran täte, weiter zu leben und Schriftsteller zu werden, und durchaus haben wollte, daß er dem zustimmte, öffnete Jarmann endlich den Mund und sagte schlapp: »Ich habe keine Lust, es noch einmal durchzudenken; ich fühle aber, daß ich es tun muß – es ist nichts mehr dabei zu machen.« »Ja,« sagte Helmer, »selbst wenn du nicht allzu viel schriebest, du würdest doch immer ebensoviel schreiben können wie zum Beispiel Gustav Holm.« Da stand aber Jarmann ganz bleich auf: »Glaubst du, daß ich ein Leben führen möchte wie Gustav Holm?« sagte er indigniert. »Nein, dafür bin ich denn doch zu gut.« Damit setzte er sich stolz wieder hin und rauchte weiter. Nachdem Jarmann am Nachmittag bei einem Kaufmann fünf Flaschen Champagner und ein Pack feine Zigaretten bestellt hatte – sie sollten natürlich auch am vierten Ostertag bezahlt werden – gingen sie am Abend ins Volkstheater, in dem sie eine Loge gemietet hatten. Lindbergs Gesellschaft spielte aber ein langweiliges Stück. Jarmann sah nicht auf die Bühne, er unterhielt sich nur, und es machte ihm Vergnügen, das Publikum, besonders die Damen, anzublicken. In den Zwischenakten war er forciert lustig und lächelte und nickte den Bekannten im Parkett vergnügt zu. Er zeigte sich hier wie vormittags im Landauer. Nur zwei Bekannte wollte er nicht grüßen, Fritz Hassel und Gustav Holm, die in der ersten Reihe des Parketts saßen. Als Gustav zu ihnen hinaufgenickt hatte, stieß Jarmann Henrik mit dem Arm an, und sagte: »Gustav Holm grüßte, wir haben ihm aber nicht die Gnade eines Gegengrußes erwiesen ...« Sie hatten vor dem Theater aufeinander gewartet. Als sie alle da waren, sagte Jarmann: »Nun gehen wir also nach Hause und trinken den Abschiedsbecher.« Sie gingen stumm weiter. Dann blieb Woll stehen und sagte zu den andern: »Nun müßten wir ihn eigentlich hindern, sich umzubringen.« Jarmann lachte. Henrik aber, der die Bemerkung im Ernst nahm, sagte indigniert: »Nein, weißt du was? So viel Respekt haben wir doch alle miteinander vor der individuellen Freiheit.« »Ich meinte es auch nicht im Ernst,« sagte Woll lachend, und dann gingen sie weiter. Sie begaben sich zu Hjalmar und Henrik. Der Champagner war gekommen. Nach dem Abendessen, das sie still im Speisezimmer der Wirtin einnahmen, und während dessen Jarmann nur eine Tasse Tee trank – er konnte nicht mehr hinunterbringen – gingen sie in Henriks Zimmer, in dem das Abschiedsgelage gefeiert werden sollte. Das mattgrüne Zimmer war festlich durch zwei große Doppelbrenner und einige Lichter erleuchtet. Mit den herabgelassenen Jalousien, mit den Bücherregalen an den Wänden nahm es sich ganz gemütlich aus. Namentlich in der Ecke am Fenster, in der zwei Lehnstühle und ein amerikanischer Schaukelstuhl um den runden Tisch vor dem Sofa gruppiert waren, und die fünf Champagnerflaschen wie Trabanten um die hohe Lampe mit dem langen japanesischen Lampenschirm herumstanden, daneben ein Licht für die Zigarre. »Nein, nun haben wir ja doch vergessen, bei Sommer Champagnergläser zu kaufen,« sagte Helmer, als sie ins Zimmer kamen. »Es ist doch verflucht, wir gingen ja an dem Geschäft vorbei.« »Ach was,« sagte Jarmann, »das tut nichts. Du, Woll, wir gehen beide zusammen hin.« Die beiden brachen auf, die andern drei setzten sich an den Tisch – 417 – in der Ecke, Henrik und Helmer aufs Sofa, Hjalmar in den Lehnstuhl – und zündeten sich Zigarren an. »Ich möchte wissen, ob wir davon voll werden.« »Du bist wohl verrückt,« sagte Henrik, »eine Flasche pro Mann!« Hjalmar sagte nichts, blies nur eine dicke Rauchwolke in die Luft. »Wenn nämlich Jarmann voll wird,« sagte Helmer, dann wird er sentimental, und dann bekommen wir eine Szene, und das ist nicht gemütlich.« Hjalmar nahm die Zigarre aus dem Munde: »Ist es wirklich seine Absicht, sich zu erschießen? ... und das glaube ich beinahe, seitdem ich den Packträger mit den Uniformstücken habe davongehen sehen ... dann wird er sicher nicht voll, und wenn er noch so viel trinkt.« Und sie sprachen weiter über die Wahrscheinlichkeit seiner Vornahme, bis Jarmann und Woll ins Zimmer stürmten und die Champagnergläser triumphierend schwenkten. Da stand Helmer auf: »Rasch, laßt nun den Champagner knallen,« ergriff eine Flasche, schnitt hastig die Drähte durch, ließ den Pfropfen an die Decke knallen und den Champagner in die Gläser schäumen, während Jarmann und Woll sich an den freigebliebenen Tischenden niedersetzten und ihre Zigarren anzündeten. Und dann hob Helmer sein Glas: »Meine Herren! Ich heiße Sie willkommen zu dieser Abschiedsfeier für unseren Freund, den Todeskandidaten, und ich bitte Sie, mit mir ein Glas zu leeren mit dem Wunsche, daß er, wenn er sich erschießt, es wenigstens gut machen möge – so gut, daß er allen leiblichen Schmerz vermeidet!« »Ja, Tod und Teufel, Tod und Teufel!« riefen die anderen durcheinander, standen auf und ergriffen ihre Gläser: »Soll es getan werden, dann muß es wahrhaftig auch gut getan werden. Prosit!« »Ihr könnt ganz ruhig sein,« sagte Jarmann, der ebenfalls auch aufgestanden war. »Prosit!« Die Gläser wurden geleert, die jungen Leute setzten sie wieder hin, füllten sie von neuem, stießen an, tranken, rauchten und plauderten. Erst über ernsthafte Dinge, über Leben und Tod, über die Armut des Lebens und das unbefriedigte Sehnen der Jugend, über den Tod, der alles heilt. Schließlich sagte Jarmann, er möchte eigentlich wissen, weshalb sie sich nicht alle das Leben nähmen. Woll erklärte, er wäre einfach zu feige dazu. Henrik kratzte sich hinterm Ohr: solange man eine ökonomische Basis habe, warum solle man es da nicht zunächst weiter treiben? ... man könne doch niemals wissen ... Hjalmar leerte sein Glas, füllte es von neuem, und blies mit Wohlbehagen den Zigarrenrauch in die Luft. Er verstünde einfach nicht, erklärte er, wie sich jemand das Leben nehmen könnte. Er verspräche sich noch viel vom Leben: jede glückliche Situation kehre immer wieder zurück, doch beständig in verbesserter Ausgabe. »Prosit!« sagte Helmer, »wir leben wenigstens allesamt auf der Basis der Unmöglichkeit des Selbstmordes.« Dann sprachen sie von anderen Dingen, von den abwesenden Freunden, von dem kranken Hermann Eek, von Johnsen, der in die Welt hinausgereist war, um Schilder zu kleistern. O, wie gerne hätte Jarmann gerade Johnsen Lebewohl gesagt, denn er war gewiß der von ihnen, der sich nach ihm am ehesten erschießen würde. Daran glaubte aber niemand von den andern. »Weshalb nicht?« fragte Jarmann stutzig. »Glaubt ihr vielleicht, daß ich es auch nicht tun werde?« Helmer zuckte die Achseln: »Tja ...« Henrik und Woll glaubten wohl, daß er es tun wollte, waren aber nicht sicher, ob er es auch tun könnte, wenn es zum Treffen kam. Und Hjalmar? Glaubte er vielleicht, ihn morgen wiederzusehen? Hjalmar sah lachend zu ihm hinüber und sang: »In Reih' und Glied, in Reih' und Glied, trarata, trarata, trara.« Jarmann wurde ernst und stand mit dem Glase in der Hand auf. »Ich versichere euch,« sagte er, »ich bin so sicher, daß ich es tun werde, als hätte ich es schon getan. Ich fühle es als etwas, das nicht mehr zu ändern ist; als – ja, wie soll ich sagen? – als ob ich meinem Arm einen letzten Befehl gegeben und dann das Kommando über meinen Leib niedergelegt hätte. Wenn die Zeit kommt, wird der Arm den Befehl ausführen, das fühle ich, und ich werde ihn nicht zurückhalten können, selbst wenn ich es wollte. Selbst wenn mir jetzt plötzlich eine Erbschaft in den Schoß fiele, würde ich es nicht unterlassen können. – Natürlich, das würde ich ja können, da würde ich es wohl auch noch weiter treiben ... Na, die Erbschaft kommt ja jedenfalls nicht – Prosit.« Sie tranken, und es trat eine peinliche Pause ein, während der sie nur rauchten und ins Leere starrten. Dann wandte sich aber Helmer scherzend an Jarmann: »Na ja, ja, morgen befindest du dich also in der Hölle.« Jarmann lachte: »Ja, und wenn ich dort mit Seiner satanischen Majestät und mit all den intelligenten Menschen, die gelebt haben, zusammentreffe, dann werde ich dich verteidigen, Helmer! Ich werde ihnen von deinen elenden Nerven erzählen, die es nicht einmal zulassen, daß du mit Frauen verkehrst. Von dem Schweiß, der von deinen Schläfen perlt, sobald du nur ein gutes Beefsteak ißt; kurz gesagt, ich werde ihnen erklären, was du für ein elender Kadaver bist, daß du dir selbst den Teil des Lebens hast entgehen lassen, den wir armen Stümper zu fassen bekommen können. Und dann, wirst du sehen, werden sie dich doch hineinlassen, wenn du ankommst. Prosit! Auf baldige Nachfolge.« Sie lachten, stießen an und sprachen weiter über die Berechtigung Helmers, sich der intelligenten Gesellschaft in der Hölle anzuschließen. Dann sprachen sie von jenen, denen der Zutritt versagt sei. Und das Zimmer hüllte sich immer mehr in einen gelbgrauen Nebel; die Gesichter wurden vom Champagner gerötet, die Stimmen lauter, sie redeten wirr durcheinander, während sie in dem phantastischen, gelbgrauen Lichte saßen und ihre Verachtung über all diese verdammten Geschöpfe niederhageln ließen; die in der Gesellschaft die Totenwacht halten, die, deren Jugend in dem Bestreben aufgeht, sich eine ökonomische Stellung zu verschaffen, damit sie heiraten, Kinder zeugen und als brave, geachtete Bürgersleute sterben können. »Und die andern sind auch nicht besser,« sagte Jarmann verächtlich. »Diese affektierten, blasierten Burschen, die mit schlaffen Mienen und hochgezogenen Augenbrauen herumlaufen und so tun, als ob sie verächtlich auf das Leben herabsehen, das sie im Grunde genommen so sehr gerne haben. – Zum Beispiel Gustav Holm und Fritz Hassel – habt ihr gesehen, wie sie heute abend mit ihren hochgezogenen Augenbrauen und hängenden Mundwinkeln in der ersten Parkettreihe saßen – sahen sie nicht wahrhaftig aus, als ob sie vom Galgen heruntergeholt worden wären, nachdem sie bis zu ihrem Tode daran gehangen hatten?« »Ach, du kennst sie nicht so genau,« sagte Henrik, »daß du wissen kannst, wie es ihnen geht.« »Das ist gleichgültig,« sagte Jarmann. »Ich hasse sie. Das ist genug. Prosit! Gott sei Dank, daß noch andere im Theater zu sehen waren. Das herrliche Fräulein Roustan. Ihr habt sie ja gesehen, nicht wahr? Auf ihren herrlichen Nacken, ihr feines Profil, ihre dralle Büste, ihre ganze herrliche Gestalt – sie soll leben!« Und er trank das Glas ganz aus und sank in den amerikanischen Schaukelstuhl zurück, über diesen reizenden Kopf und die bezaubernde Figur nachdenkend. »O,« rief er schließlich, »wenn ich bei ihr meine letzte Nacht zubringen könnte, anstatt bei einer Dirne. Der Teufel soll mich holen.« Die andern sahen ihn an, während er ins Leere starrte. »Ja,« sagte Henrik schließlich. »Die letzte Nacht sollte eine Liebesnacht sein.« Jarmann barg sein Gesicht in den Händen: »Ach,« sagte er klagend, »daß man sterben muß, ohne geliebt zu haben ... Lieben, lieben ...« Dann fuhr er heftig auf. »Ist einer unter euch, der geliebt hat, wirklich geliebt hat – nein, richtig –« er sank wieder schlapp zusammen, ohne auf eine Antwort zu warten – »Es hat ja niemand von uns geliebt. Niemand, niemand. Ach, in was für einer Welt leben wir. Niemals geliebt zu haben und doch sterben zu müssen. Ach!« – Und er sank zusammen und barg sein Gesicht in den Händen. So blieb er eine Weile sitzen, legte dann die Arme auf die Seitenlehne des Schaukelstuhles und bog sich stark nach vorn, so daß die Füße hart gegen den Boden stießen. »Nein, nun will ich gehen,« sagte er brüsk, ergriff das Glas und leerte es bis auf den Grund. »Kann mir einer von euch ein paar Kronen leihen?« Hjalmar hatte soviel und schob ihm das Geld über den Tisch hin. Jarmann merkte es aber nicht, vornübergebeugt und das Gesicht in den Händen, wie er dasaß. »Gebt mir den Mantel und die Mütze,« sagte er matt, wie im Schlaf, »ich will gehen.« Hjalmar begab sich ins Nebenzimmer, um den Mantel zu holen. Als er zurückkam, fand er Jarmann noch in derselben Stellung vor, die andern saßen in dem graugelben Lichte da und betrachteten ihn durch die Tabakswolken. »Hier ist der Mantel.« Hjalmar klopfte ihm auf die Schulter. Da fuhr er empor, dankte, nahm den Mantel, warf ihn über die Schultern, setzte mechanisch die Mütze auf, blieb mit schlaff herabhängenden Armen stehen und sah die anderen stumpf an. »Nein,« sagte er dann, »ich will noch ein Glas trinken, das ist das letzte Glas Champagner, das ich trinke.« Und er schenkte sich ein und trank auf einen Zug aus und starrte sie wieder dumpf an. Dann blitzte es aber in den kleinen Augen merkwürdig auf. »Lebt wohl,« sagte er weich, »ich liebe euch alle,« und streckte zuerst Henrik die Hand entgegen. Plötzlich aber fiel er, anstatt Henriks Hand zu fassen, vor dem Sofa auf das eine Knie nieder, warf sich über ihn und barg das Gesicht an seiner Schulter. Man erwartete ein leidenschaftliches Schluchzen, es kam aber kein Laut. Ruhig, ganz ruhig, wie ein schlummerndes Kind, blieb er wohl eine ganze Minute lang so liegen. Und Henrik rührte sich nicht, sah nur verstohlen mit blanken Augen auf Jarmanns Kopf herab und kämpfte mit den Tränen. Helmer und Woll sahen stumm auf ihren Plätzen. Hjalmar stand aufrecht mitten im Zimmer. Sie kämpften alle mit den Tränen. Die Stille fing an unheimlich zu werden. Da ließ sich aber plötzlich Wolls gemütliche schleppende Stimme hören: »Ist es nicht verflucht?« fragte er, und es klang, als wenn er plötzlich eine interessante Entdeckung gemacht hätte. »Alles Ernste auf Erden involviert im Grunde genommen etwas Komisches.« Alle lächelten. Jarmann stand still auf und zeigte ein völlig ruhiges Gesicht; nur schimmerten die blaubraunen Augen merkwürdig weich. »Nein,« sagte er, »etwas Komisches soll es nicht werden.« »Ja – aber –« sagte Henrik nach einer kurzen Pause, und er war nahe daran, in Tränen auszubrechen – »weshalb soll denn das Menschliche immer komisch sein!?« Jarmann wurde gerührt, ergriff seine Hand, drückte sie herzlich und sah ihm dankbar in die Augen: – »Leb' wohl!« Henrik hielt die Hand fest und sah Jarmann so angestrengt ins Gesicht, als wollte er diese bekannten teuren Züge seiner Erinnerung für immer einprägen. Dann ließ er endlich die Hand los und sagte tonlos: »Leb' wohl!« Dann reichte sie Jarmann Helmer hin, der in der anderen Sofaecke saß. Und Helmer beugte sich vor, ergriff sie und sagte forciert lustig, mit einer Handbewegung aufwärts und abwärts: »Also leb' wohl! Wir sehen uns wieder – entweder oben oder unten!« »Tja,« lächelte Jarmann, zuckte leicht die Achseln und wandte sich dann zu Woll, der sich am gegenüberliegenden Tischende erhob und ihm entgegenging. An der Mitte des Tisches, wo Hjalmar gesessen hatte, trafen sie zusammen. »Leb' wohl, Woll; und herzlichen Dank für das, was wir zusammen erlebt haben!« Woll sah ihn eine Weile an, dann ließ er seine Augen seitwärts ins Zimmer schweifen und sagte nachdenklich und gleichsam gleichgültig verwundert: »Es ist im Grunde genommen ganz seltsam, sich so zu trennen.« Darauf wandte sich Jarmann an Hjalmar, der, seine Zigarre rauchend und das Ganze beobachtend, langsam im Zimmer auf- und abgegangen war. »Leb' wohl!« sagte er. Hjalmar ergriff die Hand, drückte sie und sagte: »Auf Wiedersehen in Reih und Glied. – Übrigens will ich dir aufschließen.« Jarmann sah sie alle noch einmal an und sagte dann: »Also lebt wohl! Wie ich euch alle liebe! ... Es ist herrlich, mit intelligenten Menschen zusammen zu sein. – Grüßt die anderen und sorgt für meinen Nachruf!« »Deinen Nachruf erhältst du ja in Hermanns, Buch!« sagte Henrik. – 426 – Jarmann zog die Augenbrauen zusammen und starrte einen Augenblick finster vor sich hin: »Es ist im Grunde genommen ein schändliches Buch!« Die andern sahen ihn an. »Wieso?« fragte Henrik. »Ach!« sagte Jarmann nervös leidenschaftlich, »ich habe mein ganzes Wesen offen vor ihn hingelegt, mich ganz hingegeben – ich habe ihn lieb gehabt. Hermann aber kann niemand lieb haben!« Hjalmar hatte sich wieder in den Lehnstuhl gesetzt. Jetzt sah er zu Jarmann auf: »Wer weiß, vielleicht hat Hermann selber am meisten darunter gelitten, daß er niemand lieben kann! – Oder hast etwa du, ein solches Totendasein geführt wie er?!« Jarmann überlegte einen Augenblick. »Nein,« sagte er dann, »du hast recht. Es ist doch herrlich, sich hingeben zu können. Grüße Hermann von mir. Er hat mir zwar in der letzten Zeit so vieles Häßliche gesagt – grüße ihn aber trotzdem!« Damit ging er zur Tür. Die andern blieben sitzen, Hjalmar ausgenommen, der ihn begleitete, um die Haustür aufzuschließen. An der Tür blieb aber Jarmann stehen und kehrte sich um. Ein nervöser Schauer ging durch seinen Leib. »Ich weiß,« sagte er, »daß ich zugleich meine Mutter töte, aber ...« Die Stimme versagte ihm, er konnte kein Wort mehr hervorbringen und hüllte sich mit einer beinahe krampfhaften Bewegung in den Mantel. Dann ergriff er die Klinke und wollte gehen, kehrte sich aber nochmals um und sagte: »Du, Woll, komm mit hinaus.« Damit ging er, von Hjalmar begleitet. Woll stand auf und folgte. Auf dem Korridor stand Jarmann allein. Hjalmar war bereits im Treppenhaus. Jarmann ergriff Wolls Hand, drückte sie lange und herzlich, sagte aber nichts. Und Woll sagte auch nichts. Schweigend, wie sie miteinander gelebt hatten, nahmen sie auch Abschied. Hand in Hand, blieben sie wohl eine ganze Minute lang im Dunkeln draußen stehen. Dann zog Jarmann plötzlich die Hand heftig zurück wie mit einer Kraftanstrengung und schritt ganz ruhig die Korridortür hinaus und die Treppe hinab. Hjalmar ging voraus. »Hast du die zwei Kronen?« fragte er nach einer Weile. Jarmann fuhr sich nervös über die Stirn und dachte nach. »Ich weiß nicht,« sagte er endlich, »ich habe sie wohl nicht ...« »Wart' einen Augenblick!« Hjalmar sprang schnell die Treppe hinauf und holte das Geld, das auf dem Tisch neben Jarmanns Glas liegen geblieben war. Als Jarmann unten auf der finsteren Treppe das Geld in Empfang nehmen sollte, merkte Hjalmar, daß seine Hand heftig zitterte. Er faßte sie deshalb von unten und hielt sie fest, während er das Geld hineindrückte. »Bist du sicher, daß es zwei Kronen sind?« fragte Jarmann; er merkte, daß es Kleingeld war. »Es sind genau zwei Kronen!« Dann steckte Jarmann das Geld mechanisch in die weite Manteltasche und stieg die Treppe weiter hinab. Vor der Haustür nahm Jarmann nochmals Abschied. Hjalmar sagte wieder ruhig: »Auf Wiedersehen morgen in Reih und Glied! – Oder wenn nicht,« fügte er hinzu, »dann leg' ich die Hand an die Mütze.« Und er führte, den Oberkörper leicht vorgebeugt, die Hand an den Mützenrand und blieb in ehrerbietiger Stellung stehen. Jarmann ergriff seine Hand und drückte sie: »Ich danke dir ... Leb wohl!« »Du, Jarmann,« sagte Hjalmar, seine Hand festhaltend, »ich habe oben nichts dafür oder dagegen sagen mögen, weder heute nachmittag noch heute abend. Es ist deine Sache gewesen, alles dafür und dagegen abzuwägen, und ich hätte es wie einen Versuch, in dein Selbstbestimmungsrecht einzugreifen, aufgefaßt, wenn ich mich hineingemischt hätte, nachdem du einmal den entscheidenden Entschluß gefaßt hättest. Und das wollte ich nicht, deshalb sagte ich nichts. Aber wie gesagt: auf Wiedersehen morgen in Reih und Glied – oder wenn nicht! ...« Er ließ Jarmanns Hand los und führte wieder mit ehrerbietiger Bewegung des Oberkörpers die Rechte an die Mütze. »Leb' wohl!« sagte Jarmann gerührt; »wir sehen uns nie wieder.« Damit wandte er sich um und ging rasch fort. Hjalmar sah ihm nach, bis er verschwunden war, schüttelte dann langsam den Kopf und ging in einer merkwürdig wehmütigen Stimmung zu den andern hinauf. Sie saßen in dem graugelben Nebel still um den Tisch herum. Die Luft benahm einem den Atem, wenn man von draußen kam. Durch die leeren Flaschen bekam das Ganze den Eindruck eines Gelages kurz vor dem Aufbruch. »Glaubst du, daß er es ausführt?« fragte Helmer, unmittelbar nachdem Hjalmar zurückgekehrt war. »Freilich tut er es,« sagte Henrik, nervös fröstelnd. Woll starrte ins Leere, ohne zu antworten. Hjalmar setzte sich und rauchte, die Augenbrauen zusammenziehend, weiter. Es wurde nichts mehr gesprochen. Sie waren bei der letzten Flasche. Sie wurde schweigend geleert, und dann begleitete Hjalmar Helmer und Woll hinaus. Als er wieder hinaufkam, hatte Henrik beide Fenster geöffnet; er selbst stand über das Waschbecken gebeugt, und wusch sich das Gesicht. Hjalmar setzte sich müde und beobachtete ihn. Plötzlich richtete Henrik sich auf, starrte ihm einen Augenblick wie in Angst in die Augen und sagte, während ihm die Tränen über das verstörte Gesicht hinabrannen: »Du! Ich glaube, er hat es schon getan!« »Nein,« sagte Hjalmar, auf den Boden stampfend, stand dann auf, ging in sein Zimmer und schloß hinter sich die Tür. Jarmann war auf seinem Zimmer gewesen, hatte das Paket mit dem Revolver und den fünfundzwanzig Patronen geholt und sich dann in das Vika-Viertel begeben. Langsam und mechanisch ging er mitten in der Straße, das Paket unter dem linken Arm, beide Hände schlaff in den Manteltaschen. Die Straße lag bei ihrer sparsamen Gasbeleuchtung dunkel da. Die Straßenlaternen standen in langen Zwischenräumen auseinander. Er ging an einer nach der andern vorüber. Wie einsam sie aussahen, wie sie allein im Dunkel dastanden und ihr unsicheres Licht auf das Trottoir und an der nächsten Hauswand in die Höhe warfen. Nicht ein Mensch war zu sehen, und es war ganz still, still wie auf einem Friedhof. Das Schallen seiner eigenen Schritte auf dem harten Erdboden war das einzige, das er hörte. Und es klang ihm ganz gespensterhaft, es war, als wären es gar nicht seine eigenen Schritte. Ihm war zumute, als ob er im Schlaf wandelte. Die Beine trugen ihn mechanisch, er regierte sie nicht, sie gingen ganz von selbst. Er ging durch die Seestraße und die Hügelstraße hinauf. In das erste Haus linker Hand, das erste, in dem Licht war, trat er ein und klopfte bei Luise an. »Wer ist da?« »Ich.« »Bin nicht allein.« So klopfte er bei einem Frauenzimmer nach dem andern an, erhielt aber überall dieselbe Antwort. Dann suchte er die ganze Winkelstraße ab, mechanisch von einer Tür zur andern gehend. Überall erhielt er dieselbe Antwort: »Bin nicht allein.« Er wurde aber nicht ungeduldig. Ob etwas eher oder etwas später, das war ja ganz gleichgültig. Er hatte keine Eile, vielmehr das sichere Gefühl, daß er doch schließlich irgendwo unterkommen würde. Er ging am »Taubenschlag« vorüber, durch die Zwischenstraße an der »Mutter« vorbei. Dann begab er sich in den Hof nebenan, klopfte erst vergebens an der ersten Tür an, ging dann weiter in den Hofraum hinein und wollte eben in die Küchentür eintreten, um durch die Küche hindurch zu Anny zu kommen, als ein großes Frauenzimmer ihm entgegentrat und den Weg versperrte. »Soldaten dürfen hier nicht herein,« sagte sie verächtlich. Es war die Wirtin. Jarmann sah sie schlapp an, schlug den Mantel zur Seite und zeigte auf die breiten, roten Streifen an der Hose: »Ich bin kein Soldat,« sagte er. »Ach so, Sie sind ein Kadett. Verzeihen Sie, bitte!« Und das Frauenzimmer trat beiseite und ließ ihn vorbei. Er klopfte an die Türe. Anny rief: »Herein!« und er ging ins Zimmer. Es war ein schmaler, blau angestrichener Raum. An dem einen Ende war ein Fenster, an dem andern stand ein großes Bett, das mit seinen großen, weißen Vorhängen wie ein Zelt ausschaute. Über dem Sofa und der Kommode hingen einige der herkömmlichen Öldruckbilder. Mitten in der Zeltöffnung saß Anny in weißer Nachtjacke, mit der roten Bettdecke zugedeckt, und sah ihn mit blinzelnden, schläfrigen Augen an. »Ich will heute nacht hier bleiben,« sagte er kurz und legte das Paket mit dem Revolver auf den Tisch. »Ach, ich bin so müde,« sagte sie, legte sich ins Bett zurück, gähnte und streckte sich aus. »Du bekommst zehn Kronen.« »Nein, ich bin so müde.« Sie gähnte wieder. »Das nützt nichts. Ich will hier bleiben.« Damit warf er ruhig den Mantel aufs Sofa und fing an, sich ganz mechanisch auszukleiden. »Da ich so müde bin, mußt du mir wenigstens fünfzehn Kronen geben.« »Gern, ich habe sowieso heute schon fünfzig Kronen gebraucht.« Und er zog sich weiter aus, schlüpfte durch die Zeltöffnung zu ihr herein und kroch unter die rote Bettdecke. Sie schlang ihren Arm um seinen Hals und war trotz ihrer Schläfrigkeit sehr liebenswürdig. Und mit einem Male war das mechanische Schlafwandlergefühl in ihm weg, und die Triebe erwachten in dem jungen Leibe ... »Bin ich nicht ein kecker Bursche?« fragte er nach einiger Zeit. »Ach, ungefähr so wie alle andern,« antwortete sie kalt und hörte auf, ihn zu streicheln. Er sah sie traurig an: »Es wäre mir lieb, wenn du das fändest,« sagte er; »ich mag dich gut leiden, und da würde es recht hübsch sein.« Sie lächelte und schlang die Arme wieder um ihn, sagte, er wäre doch ein süßer Junge, und schmiegte sich zärtlich an ihn. Und seine Triebe erwachten wieder. – »Nun muß ich aber schlafen,« sagte sie nachher. »Ich bin so müde. Gute Nacht.« »Gute Nacht.« Er betrachtete sie eine Weile, wie sie mit geschlossenen Augen dalag. »Ja richtig,« sagte er dann und faßte sie beim Arme. »Du mußt mich morgen um sechs wecken.« »Ja,« antwortete sie halb im Schlaf. Er betrachtete sie noch eine Weile und wünschte, daß sie nicht schläfrig gewesen wäre. Dann wurde er aber selbst müde. Alles wurde ihm gleichgültig, und er starrte gedankenlos an die Decke. Kurze Zeit darauf schlief er wie ein Stein. Es war beinahe halb acht, als Anny erwachte. Die Lampe brannte auf dem Tische, aber trotz der herabgelassenen Gardinen überstrahlte das Tageslicht vollständig den Schein der Lampe. Jarmann lag ruhig neben ihr auf dem Rücken mit gekreuzten Armen und schlief wie ein Kind. Sie rüttelte ihn: »Es ist spät.« Er schlug die Augen auf, sah sie einen Augenblick an und erinnerte sich dann an das Ganze. Es war ihm aber, als ginge ihn das nichts an, die mechanische Stimmung war wieder über ihn gekommen, und er fragte ruhig: »Ist es nach acht?« »Nein, aber gleich halb.« »Na, dann tut es nichts.« Er karessierte sie noch etwas, stand dann auf und kleidete sich an. Sie blieb müde mit halbgeschlossenen Augen liegen. »Ich lasse den Mantel hier, ein Dienstmann wird ihn für fünfzehn Kronen holen.« Er stand fertig angezogen mitten im Zimmer. »Ja, ja,« sagte sie im Halbschlaf. Dann ging er ans Bett, beugte sich über sie, küßte sie, sagte: »Gute Nacht,« nahm das Paket mit dem Revolver unter den Arm und ging. Draußen war frische Morgenluft. Es hatte gegen Morgen etwas geregnet, war aber nun wieder vollständig klar. Die ganze Straße lag im Sonnenschein, und die kleinen, niedrigen Häuser sahen ganz freundlich aus. Ein Haus weiter sonnte sich die Wirtin in der offenen Haustür. Er sagte fröhlich: »Guten Morgen« und führte die Hand lächelnd an die Mütze. Er fühlte sich ganz leicht und froh ums Herz und wollte allen Menschen wohl. Die Wirtin erwiderte seinen Gruß und er ging weiter. Am Westbahnhof zeigte die Uhr fünf Minuten vor dreiviertel acht. Die Piperviksbucht lag in der nebligen Morgenluft spiegelblank da. Vier, fünf Schuten lagen schwarz und grün angestrichen, die Segel zum Trocknen ausgespannt in der Richtung nach Akershus hin, ebenso ein paar Schoner am Quai; sie löschten. Die Arbeit ging munter vonstatten, die Leute sahen vergnügt aus, und er war auch vergnügt: warum hätte er auch nicht vergnügt sein sollen? Er schlenderte gemütlich die Filipstadstraße entlang, öffnete das Paket, steckte die Patronen in die Tasche und ließ den blanken Revolver im Sonnenschein glänzen. Weiter draußen spielten ein paar schmutzige Jungen auf der Straße und versperrten ihm den Weg. Er vertrieb sie leicht, indem er mit dem Revolver drohte: »Weg, Bengels, sonst schieß ich,« und er ging dann langsam weiter. Die Kinder sahen ihm einen Augenblick erschreckt nach und spielten dann ruhig weiter. Gleich oberhalb von Akers mechanischer Werkstätte erhebt sich ein knorriger Berggipfel vom Strande aus und schiebt sich ein Stück in den Fjord hinaus. Es ist der Tyveholm. Dort stieg er hinauf und ging ein Stück weiter. Links davon hörte er Hammerschläge aus der mechanischen Werkstätte, die durch den Tyveholm verdeckt wurde. Rechts unten lag der Boothafen von Filipstad, wo ein Mann von Boot zu Boot ging und die Segel zum Trocknen aufspannte, während ein paar andere am Boothause unten kleine Arbeiten verrichteten. Geradeaus lag der Christianiafjord spiegelblank im Morgennebel da, nur hie und da leicht an der Oberfläche gekräuselt. Über dem Ganzen volle Windstille und Sonne. Er blieb stehen und sah schlaff und friedlich gestimmt erst zu dem Boothafen hinunter, dann über den Fjord hinaus. Und es kam ihm der Gedanke: Wie, wenn er nun weitergelebt haben würde? Das war aber ein müßiger Gedanke, und er dachte ihn nicht zu Ende, gab sich selber keine Antwort darauf, legte mechanisch eine Patrone in den Revolver, spreizte die Beine auseinander, um fest zu stehen, spannte den Hahn und führte den Revolver in den Mund. Er stutzte: er fühlte den kalten Stahl am Gaumen, aber merkwürdigerweise revoltierte in seinem Innern nichts dagegen. Dann drückte er los. Er fiel schwer seitwärts vornüber, und die linke Schläfe zerschmetterte auf dem harten Steingrund. Hätte ihn die Kugel nicht getötet, so würde es der Fall getan haben. Die Kugel war aber mitten durch den Lebensknoten gegangen und hatte ihn zerrissen; er hatte seinen eigenen Schuß nicht gehört. Von beiden Seiten strömten die Leute zusammen, etwa zehn bis zwölf Menschen. Ein paar von ihnen hoben ihn auf – er war mausetot. Dann wurde eine Droschke geholt, und er wurde ins Spital gefahren, – In voller Uniform auf einen Tisch in der Leichenkammer ausgestreckt daliegend, wurde er von dem Reservearzt untersucht und der Tod konstatiert. »Sehen Sie nach, ob es Syphilis ist,« sagte der Reservearzt zu einem der Volontäre, als er fertig war. Der Volontär knöpfte Jarmanns Kleider auf und untersuchte ihn: »Nein, es ist nichts zu sehen.« Der Reservearzt stutzte: »Vierundzwanzig Jahre – und keine Syphilis?« Was konnte es dann sein? Dann mußte er geisteskrank gewesen sein. Es wurde ein Laken über ihn gebreitet, und der Reservearzt und die anderen Mediziner gingen ihrer Wege, über das Motiv zu diesem Selbstmord debattierend. Um die Mittagszeit zwischen zwei und drei stieg ein großer, dunkelhaariger, magerer Kadett die Hospitalsanhöhe hinauf; seine Augen waren starr, der Gang nervös, die schmalen Lippen fest geschlossen. Es war Hjalmar, der kam, um die Leiche zu sehen. Hinter den zusammengepreßten Lippen biß er die Zähne zusammen, und in den weiten Manteltaschen bewegten sich seine Finger wie Klauen: Hätte er die fassen können, die das verschuldet hatten! XXXV. Bleigrau lagert die Luft über dem Friedhofe. Schwere, schwarze Wolken hängen in der Windstille tief herab. Die Bäume recken ihre mageren, nackten, schwarzen Zweige unheimlich strotzend, wie verzweifelt, in das stille, drohende Grau der Luft hinauf. Der Friedhof liegt öde da. Der Totengräber steht, auf seinen Spaten gelehnt, allein neben dem aufgeworfenen Grabe und sieht zu dem kleinen gotischen Leichenhause hinauf, das oben auf der Terrasse an dem oberen Ende des Friedhofes liegt. Droben am Leichenhause haben sich einige Menschen versammelt: Studenten, Kadetten, Offiziere, Damen, Dirnen – und fünf, sechs schwarzgekleidete Musikanten, deren blitzende Instrumente zusammen mit den Uniformen der Kadetten und Offiziere, mit den Blumen und Bändern der Damenhüte, der Versammlung etwas Buntes geben, das gar nicht mit der bleigrauen Luft, der Totenstille und dem Schweigen ringsum in Einklang steht. Im Leichenhause steht, mit Blumen und Kränzen bedeckt, der Sarg. Fünf, sechs verweinte Frauen sitzen auf Bänken die Wände entlang. Jarmanns Verwandte und nähere Bekannte stehen rund herum; nur die eine Ecke bleibt frei. Dort steht der Pastor, allein, feierlich vor sich hinstarrend, und wartet auf den Chef der Kriegsschule, der der Zeremonie beiwohnen soll. Endlich kommt der Chef. Dem Pastor wird ein Zeichen gegeben, und er tritt an den Sarg, dahin, wo Jarmanns Kopf unter den Blumen ruht, sieht einen Augenblick feierlich über die Versammlung hin und beginnt dann: »Ernstgestimmte Trauerversammlung! Wenn wir bei diesem traurigen Begräbnis nach altem kirchlichen Brauch ein Wort zum Lebewohl und zum Abschied sagen, so kann das in diesem Falle ebensowenig wie in einem anderen einem Urteil über den Verstorbenen gleichkommen. Wir Menschen haben nicht das Recht, ein solches zu fällen. Es steht ja geschrieben: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet, und wir kennen auch ein anderes Wort: Wer will einen gefallenen Knecht richten? Jeder steht und fällt vor seinem eigenen Herrn. Und sollte also ein Gedanke in dieser Richtung in uns aufsteigen, so müssen wir diesen Gedanken überwinden und alles Gott anheimstellen. Wohl aber muß ein Wort gesagt werden, das über die erschütterte Gemütsstimmung Licht werfen kann, die uns, denke ich, alle bei der Nachricht von dem Geschehenen übermannt hat. Was zuvor nicht einmal denen, die den jungen Mann am besten kannten, klar war, das steht uns allen klar vor Augen: Er hatte einen schweren Kampf zu bestehen ... mächtige Feinde umlauerten seine Seele ... er schwebte in großer Gefahr – und oftmals war er der Verzweiflung nahe. – Das können wir jetzt verstehen und ganz deutlich sehen, jetzt, wo die Hilfe, wo die Liebe der Menschen zu spät ausziehen, um ihn zu retten. Und da müssen wir den ernsten Gedanken uns zur Mahnung gereichen lassen, daß wir lernen müssen, unserem Seelenfeinde zu begegnen! Wir dürfen ihn nicht gering achten! Es ist eine schlechte Kriegskunst, die Stärke seines Feindes und seiner Waffen zu verachten. Nein, wir müssen der Gefahr ins Auge sehen und beizeiten auf den Feind achten, der uns umgibt, nicht zum wenigsten in unserer Zeit, wo so viele niederreißende Mächte Gewalt haben ...wo so mancher Zweifel an unsere Seele klopft ...wo so vieles das, was für heilig und erhaben gegolten hat, zerstört und vernichtet, und so vieles niederreißt und an Stelle dessen, was niedergerissen ist, nichts Neues aufbaut. Das sind gefährliche Feinde, die sogar den Glauben und die Kraft manches alten Mannes untergraben können – geschweige denn die Kraft eines Jünglings, der solch einer Wirkung ausgesetzt wurde. Muß nun aber dies uns gesagt sein, die wir leben, so laßt es uns als eine Mahnung gesagt sein, als eine Warnung für uns, Junge und Alte, in dieser Stunde – was wir hier gelernt haben und was wir jetzt am besten begreifen und erwägen können. Was weiterhin hier gesagt werden soll, ist dann nur ein Lebewohl für den Schüler, den Kameraden, den Freund. Er war ja doch auch ein Mensch, nach Gottes Bild geschaffen, er hatte seinen Platz in der Kriegsschule, er hatte dort seine Freunde und Bekannten und seine Vorgesetzten. Er war ja doch auch unter denen, an die sich die eine oder die andere Hoffnung knüpfte – und wohl nicht die geringste Hoffnung bei den Eltern, die so weit weg von hier wohnen. Und nun ist es also unsere Pflicht, ihm dieses Lebewohl zuzurufen als das letzte, das ihm hier auf Erden gesagt werden kann, und zu diesem Lebewohl auch eins zu fügen von seinen trauernden Eltern aus seiner fernen Heimat, die wohl jetzt bereits erfahren haben, was geschehen ist ... die am allermeisten darunter leiden werden ... und die wohl so niedergebeugt und zerknirscht werden durch die Nachricht, daß wir wohl, so wir uns in ihre Seele hineinversetzen, fast glauben müssen, es möchte sie dem Grabe näherbringen. – Und sollte sich bei den alten Leuten in ihrem Heim zu ihrem großen Kummer der versöhnende Gedanke gesellen, daß er doch noch so jung, daß er noch so unerfahren ... und daß er so unglücklich war; und sollte dieser Gedanke das Andenken an ihn etwas vergolden und eine kleine schwache Hoffnung über sein Grab hinaus wecken – dann werden wir, teure Versammlung ... wir werden nicht das Herz haben, den Eltern diese Hoffnung zu nehmen. Lassen wir sie der Hoffnung leben, wenn diese die Schmerzen ihrer Wunden einigermaßen zu lindern vermag. Und dann wollen wir endlich das Gebet für uns selbst an Gott richten, der auch hier in dieser ernsten Stunde zugegen ist – das Gebet für uns alle: daß wir wandern möchten in der Furcht des Herrn alle unsere Tage, und daß wir immer uns des lieben Wortes erinnern möchten, das so ermunternd und einladend von Gott selber klingt, wenn er sagt: »Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten.« – O, wenn etwas uns bedrückt, wenn die Verzweiflung ihr Grauen in unser Herz senken will – o, laßt uns dann nicht des guten Rates vergessen, den Gott uns selber gegeben hat, ihn in der Stunde der Not anzurufen! Dann wird er uns, ganz gewiß befreien, dann wird er für uns einen Ausweg finden, uns eine Aussicht eröffnen – daß wir in der Stunde des Kummers und Schmerzes nicht untergehen. Der Herr helfe uns allen dazu, um seiner Barmherzigkeit willen. Amen.« – Der Pastor tritt feierlich in seine Ecke zurück, und dann wird ein Lied gesungen, das Jarmanns Kameraden für die Feier ausgewählt haben: Geht nun hin und grabt mein Grab! Meinen Lauf hab' ich vollendet, Lege nun den Wanderstab Hin, wo alles Ird'sche endet; Lege selbst nun mich hinein In das Bette sonder Pein. Was soll ich hienieden noch In dem dunklen Tale machen? Denn wie mächtig, stolz und hoch Wir auch stellen unsre Sachen, Muß es doch wie Sand zergeh'n, Wenn die Winde drüber weh'n. Und dann spielt die Musik einen Trauermarsch, in dem das Kornett die ganze Zeit hoch oben im Diskant schreit – und der Zug ordnet sich, mit der Musik an der Spitze, und bewegt sich langsam und mit Mühe den schlüpfrigen, lehmigen Hügel hinab, während alle Dirnen zu beiden Seiten des Zuges sich schnell vorwärts drängen und zum Grabe eilen, um dort einen guten Platz zu finden. Endlich ist man am Grabe angelangt. Die Musik hört auf, der Sarg wird hinabgelassen, der Pastor stellt sich zu Häupten des Sarges, der Trauermarschall zu Füßen Jarmanns, der Chef in die Mitte – und das Gefolge, mit der Musik in der Mitte, im Halbkreis rings herum. Auf der anderen Seite des Grabes stehen alle Dirnen und einige andere Zuschauer. Der Kirchendiener reicht dem Pastor die Schaufel: »Von Staub bist du genommen, zu Staub sollst du werden, vom Staube wirst du auferstehen.« Und zwischen jedem Satze hört man die Erde dumpf auf den Deckel des Sarges aufschlagen. Dann spielt die Musik denselben Trauermarsch aufs neue, während der Pastor, der Chef, auch viele andere auf die Bretter über dem aufgeworfenen Grabe hinaufsteigen und hinabsehen, die Zivilisten den Hut vor dem Gesicht, das Militär die Hand an der Mütze. Zu Füßen des Grabes aber, halb auf der aufgeworfenen Erde, steht groß und finster Hjalmar, den Marschallstab mit der linken Hand in die Erde gepflanzt, die Rechte am Mützenrand, leicht vornübergeneigt, in ehrerbietiger Stellung – wie an jenem Abend, an dem er von dem Verstorbenen Abschied genommen hatte. Der schwarze Trauerflor hängt von seinem Arm herab, und die Tränen stürzen über das magere, braune, steinharte, reglose Gesicht, während die Musik ihre Trauertöne spielt, das Kornett im Diskant schreit und die Bäume die mageren, nackten, schwarzen Arme verzweifelnd in die bleigraue Luft emporrecken. Dann hört die Musik auf. Das Gefolge löst sich auf und geht langsam, gruppenweise und einzeln, die schlüpfrige, lehmige Anhöhe wieder hinauf, auf das Leichenhaus zu. Und dann sind sie alle verschwunden, und Jarmann bleibt allein auf dem öden Friedhof liegen und verfault unter Blumen und Kränzen.