Rudolph Stratz Friede auf Erden! Erzählung aus dem Dreißigjährigen Kriege Vorwort Vor mehr als zwei Jahrzehnten schrieb ich das hier folgende Zeitbild aus Deutschlands tiefster Zerrissenheit und Not. Damals, am Ausgang des vorigen Jahrhunderts, zu Bismarcks Lebzeiten, schien der Gedanke undenkbar, daß für Deutschland, das blühende, starke, friedliche Deutschland, die Tage des Dreißigjährigen Krieges je wiederkehren könnten. Sie sind auch nicht gekommen. Aber sie hätten kommen können in diesen vier großen und furchtbaren Jahren, die hinter uns liegen. Nicht das Verdienst der Menschheit ist es, daß nicht, wie vor einem Vierteljahrtausend ganz Europa, so diesmal fast die ganze Erde ihre Wut und ihren Wahnwitz in Mord und Raub, Brand und Blut über Deutschland ausspie. Nur der Heldenmut unserer Heere und der Opfermut der Heimat haben uns davor bewahrt, oder, was beides zusammenfaßt: die deutsche Einigkeit . Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war. Aber immer war Deutschlands Zwietracht Deutschlands Verhängnis. Das ist die Brücke, die von diesem kleinen Buch in die große Gegenwart führt, aus dem ungeheuren deutschen Bruderkrieg, den man den Dreißigjährigen Krieg nennt, zu dem noch ungeheureren Völkerringen, das durch die Jahrtausende der Weltkrieg heißen wird. Am Schluß des Dreißigjährigen Krieges steht der jammervollste Verzichtfrieden unserer Geschichte, der Westfälische Frieden. Jahrhunderte deutscher Erniedrigung, Armut und Schwäche waren die Folge. Ueber dem Weltkrieg von heute steigt jetzt schon glorreich der siegesstarke, weltüberwindende deutsche Friede empor. Jahrhunderte deutschen Blühens in Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung werden ihm folgen. Berlin, im deutschen Frühling von 1918 Rudolph Stratz 1. »... so können wir an der Donau nicht mehr subsistieren und ziehen sich die verbündeten Armaden gegen Augsburg, um den Lechstrom zu maintenieren und, wenn sie sich dorten unbeweglich gesetzt, die Völker in etwas zu refraichieren und des Grases zu genießen. »Schwed' und Franzose marschieren indes im Bayerischen auf und ab, in welches Hin- und Hervagieren sich kein Mensch zu richten weiß. Sollten sie aber von uns nicht lassen, so duldet der status belli , so travaillieret auch die Kaiserlichen Völker sind, doch keinen Aufschub und steht uns ein schweres Treffen bevor. »Darum reise der Herr, wann seine Geschäfte zu Wien erledigt, quam citissime zur Armada, daß er in bevorstehender Bataglia zur Hand sei.« Der Feldobrist hatte den Brief schon oft genug auf seinem Ritt von Wien nach Augsburg gelesen. Aus Gewohnheit prüfte er noch einmal die Unterschrift des Kaiserlichen Generalissimus, Melanders Reichsgrafen zu Holtzapfel, das Datum, das den 22. April im 1648sten Jahre nach Christi Geburt, dem dreißigsten seit Beginn des Glaubenskrieges, wies, und die Adresse, die mit den endlosen Schnörkeln der Kriegskanzleien auf lateinisch verkündete, daß das Schreiben für »den wohlgeborenen Herrn Albinus liber baro â Habstein, equitum colonell « bestimmt war. Der Freiherr von Habstein faltete das Papier zusammen und schob es in eine Tasche seines Elenkollers, von dem an breitem Bandelier das Schwert herabhing, ein handliches, mächtiges Schwert, wie es auch seine Kürassiere, die Knechte des gefürchteten Regiments Habstein, trugen. In flackernden Lichtern übergoß das Lagerfeuer die hohe, hagere Gestalt und das scharfgeschnittene, wettergebräunte Gesicht, über das die Augen herrisch hinfunkelten. Dunkel war der mächtige Knebelbart, dunkel auch die nach der Sitte der Zeit unter dem Eisenhut bis auf die Schultern herabfallenden Haarsträhne des zu Ende der Dreißiger stehenden Edelmannes. Das kleine Häuflein kurbayerischer Reiter, die unter einem greisen Hauptmann seine Reisebedeckung bildeten, hatte sich scheu und ehrfurchtsvoll von ihm abgerückt und lagerte abseits um ein Faß Wein, das sie unter dem Ritt beim Durchstöbern eines verlassenen Gehöfts gefunden und mit sich geschleppt. Unweit kauerte am Boden eine Wache und spähte aufmerksam in das Dunkel. Denn es war nicht geheuer. Weg und Steg wimmelten von Freibeutern und Marodeurs, denen die Waffen und Pferde der Kriegsknechte wohl zu paß kommen konnten. So schwatzten die Reiter auch nur im Flüsterton mit einander. »Jüngst hat's wieder bei Lauffen Blut in den Neckar geregnet,« sagte ein bayerischer Dragoner nachdenklich nach langer Pause, ... »eine Stunde und mehr –« »Und in Wien« – einer der Diener des Obristen Habstein rückte näher ans Feuer – »in Wien hat man bei hellem, lichtem Tag auf offenem Feld zwei Gespenster, gleich wie man den Tod zu malen pflegt, in weißer Gestalt tanzen sehen –« »Ei, und zu Reutlingen« – der Knecht dämpfte seine Stimme zum Flüstern – »sind da nicht jüngst zwei Totenbahren am Himmel erschienen, und hat man dort nicht männiglich zwei Kriegsheere in den Lüften bemerkt? Die kämpften wider einander und verloren sich unter viel Geschrei nach einer Viertelstunden.« »Gott sei gelobt! So geht der Krieg weiter!« murmelte andächtig ein alter Reitersmann, und keiner widersprach. So geht der Krieg weiter! Albinus von Habstein hatte sich nicht um das Gerede der Knechte gekümmert. Aber diese Worte weckten ihn aus seinem Brüten. Und nochmals zog er den Brief des Generalissimus hervor und las darin die willkommene Stelle: »Als aber Seine Kurfürstlichen Gnaden von Bayern beim Widerpart wegen einer armistitio anfrugen, da erwiderte Graf Wrangel, der Kron Schweden bestallter Generalissimus, in allem Hochmut: ›Als nun der allgewaltige Gott den Zustand des Krieges dergestalt dirigieret, daß die Völker meiner allergnädigsten Königin und Fräulein alles in währendem Kriege durch die Waffen erzwungen, so habe ich den Intent, auch fürderhin auf dem Kriege zu bestehen!‹« Also nichts vom Frieden, der seit Jahren, ein fremdes und leeres Wort für die Meisten, die da lebten, in der Luft schwebte. Der Kampf in deutschen Landen ging weiter. Schwede und Franzos durchzog kreuz und quer das heilige Reich. Das heilige Reich stritt wider sich selbst im Bruderzwist. Man wußte es nicht mehr anders. Fern die Zeiten, da noch der römische Kaiser deutscher Nation vor wenig mehr als hundert Jahren mit seinen frommen Landsknechten den Franzosenkönig mitten in Welschland gefangen genommen. Jetzt kamen die Welschen über Rhein und Alpen, die Nordländer über See, die Völker aus Hispanien und Hungarn und von den Grenzen der Türkei nach Germanien in Waffen zu Gast. Dem Colonel von Habstein war das recht. So brauchte man sie nicht erst lange aufzusuchen. Es war Krieg. Zum Krieg gehörten Feinde. Etwas anderes kannte er nicht als den Krieg. Wäre er nur schon in Augsburg! Aber zwei Tagereisen trennten ihn noch von der Reichsstadt, und man mußte vorsichtig reiten in dem menschenleeren, unheimlichen Land. Die Soldaten schwatzten weiter. »Wahr und wahrhaftig,« sprach ein finsterer Kerl mit schwarzem Bart, »ist jüngst das gewaltige Wunder zu Güstrow in Mecklenburg. Ward dort in einer Kirche ein nackend Knäblein gefunden. Der Pfarrherr wollt' solches taufen und frug die Gevattern, wie es heißen möge. Hat das Kind selbst geantwortet: ›Nein! Täuft mich nit! Ich bin von Gott gesandt. Euch Ketzer zu vermahnen. Das jüngste Gericht ist nahe. Darum greift Gott in die Ruten.‹ Und ist darauf verschwunden.« Der greise, dicke Hauptmann der bayerischen Reiter wendete sich zu dem Obristen und lüftete den Spitzhut mit roter Stoßfeder: »Was dünkt dem Herrn um solche Omina?« »Ihre Bedeutung bleibt dem allwissenden Gott allein bekannt,« erwiderte der düstere Reichsfreiherr, »aber das weiß ich: der Teufel ist wach! Er schleicht um uns bei Tag und bei Nacht. Seit Wochen setzt er mir zu, so hart wie nie zuvor.« Der Bayer sah zur Seite, um sein Lächeln zu verbergen. »Der Herr ist streng wider sich und andere,« sprach er ehrerbietig. »Es fällt einem Kriegsmann sauer, gleich einem Mönch zu leben!« Da schaute ihm Herr Albin fest ins Gesicht. »Das mag Euch so dünken!« sprach er rauh. »Mir nicht!« Der Hauptmann wagte nichts zu erwidern. Dazu stand der Freiherr von Habstein im kaiserlichen Lager zu hoch in Ehren. Ein Oberster ohne Fehl und Mangel und unerschroken vor den Reitern. Gewaltig war seine Tapferkeit, und im Lager der Schweden und Franzosen nannte man ungern seinen Namen. Die Knechte lachten über einen schwarzen Kater, der sich unbemerkt auf der Rast eingefunden hatte und schnurrend um das Weinfäßchen herumstrich. »Wer weiß, was das ist,« sagte ein junger Bursche blinzelnd. »Merkt auf: Ich traf unlängst einen Kerl, der hatte auf einen Hasen geschossen und ihn erlegt. Wie er aber hinkommt, ist der Hase fort und liegt hinter der Hecke ein altes Weiblein, die also in des Teufels Gaukelei draufgegangen.« Wieder wandte sich der alte Bayer zu dem Feldobristen. »Der Bursch hat recht,« murmelte er gedankenschwer, »die alten Weiber können hexen!« Herr Albin hob den Kopf. »Merkt's Euch, Herr!« sprach er nachdrücklich. »Die alten Weiber können hexen. Aber die jungen noch viel mehr! Drei Waffen hat der Teufel: das Geld, den Wein und das Weib. Die meide ich. Das ist mein weltlich Gelübde!« »Das ist von dem Herrn Colonel männiglich bekannt!« »Der Held Tilly, unter dem ich zum ersten Mal ins Feld ritt, und der unweit von hier am Lech in Ehren und währendem Bataglia dahingefahren ist, der lebte so und lehrte es mich. Er war mein glorreich Exempel, und so schwur ich mir auch solchen leiblichen Eid. Denn ein rechter Kriegsmann soll nur für den Krieg vorhanden sein. Er soll das Eisen in Fäusten haben und nicht das Gold in der Taschen, er soll sein Blut vergießen und nicht Wein in sich schütten, er soll töten und nicht lieben ...« »So lebt der Herr Obrist wahrlich vor aller Augen ...« »... und ob es Euch lieb sei oder leid: Ich spreche es zum andern Mal: Drei Schlingen legt der Böse. Heißen Gold, Wein und Weib! Wißt Ihr, warum ich so rasch aus Wien hinwegritt, wohin mich der Generalissimus gesandt? Sie boten mir Geld, viel Geld, wollte ich ihn verraten. Denn Graf Holtzapfel ist ein Calvinist und also manchem in Wien ein Dorn im Auge. Ich aber verlachte die Versucher, führte meinen Auftrag aus und ließ das Pferd satteln.« »Da hat der Herr Obriste wohlgetan,« sagte der alte Bayer andächtig und leerte seinen Becher, »aber ein guter Trunk Wein –« »Schaut die Knechte an!« unterbrach ihn Herr Albin finster. »Die Augen fallen ihnen zu, und doch sollten sie wachen, denn an Wegelagerern, Freireitern und hinterlistigen Bauern ist hier wahrlich kein Mangel!« »Nein!« sprach der Hauptmann. »Erst jüngst haben wir drei gefangen, die uns einen Leutnant aus dem Hinterhalt durch einen Pistolenschuß niedergelegt, und sie zum abscheulichen Spektakel mitten im Lager aufgeknüpft. Aber die Schelme von Bauern liegen überall in den Wäldern. Sie haben geschworen, da man ihnen nun wieder die Völker auf den Hals führe, alles, wes sie mächtig werden könnten, totzuschlagen und ihm das Licht auszublasen ... aber sie sollen nur kommen,« setzte er schläfrig hinzu, und sein greises Sünderhaupt sank vornüber, »wir wollen sie trefflich mit Kraut und Lot bedienen –« Es wurde still. Nur die Katze, die auf dem Fasse saß, schnurrte leise. Herr Albin schaute unruhig um sich. Er schüttelte den Hauptmann: »Wachet und betet, Herr! Das ist besser als Schlaf!« Der alte Krieger lächelte stumpfsinnig. »Wenn der Herr Obriste wacht, wagt sich der Teufel nicht heran. Wie sollt' er auch! Der Wein ist schlecht. Gold haben wir nicht. Und ein Weib ist nicht da. Leider!« Und wieder schlief er ein. Freilich – der Wein mochte schlecht sein. Aber Herr Albin empfand doch plötzlich einen quälenden Durst. Der Drang regte sich in ihm, seinen erschlafften, von der Reise ermatteten Körper durch einen Schluck zu stärken, nur durch einen kleinen Schluck aus jenem Fäßchen dort. Gleich darauf lachte er über solch billige Anfechtung. Damit kam man ihm nicht bei. Aber immerhin war es besser, das Fäßchen nicht anzusehen. So blieb er der Versuchung überhoben. Er stand auf und trat aus dem Schein des erlöschenden Wachtfeuers hinaus in das Dunkel der milden Maiennacht. Die Schildwache war zu seiner Beruhigung auf dem Posten. Sie rief ihn an und machte die Muskete schußbereit. Er schritt an ihr vorbei. Weiter und weiter trieb ihn sein Träumen in die Nacht hinein, bis das Lagerfeuer hinter ihm im Nebel verschwand, und um ihn der Wald rauschte. Weit von dem Schwarm der rohen Knechte und ihrem Hauptmann warf sich der Feldobrist auf einen kleinen Grasplatz mitten im Dickicht. Hier wollte er den nicht mehr fernen Morgen abwarten. Eine lauwarme, zuweilen von leisem Taugeriesel durchschauerte Luft umgab ihn. Um ihn rauschten im Nachtwind die Zweige. Die Ermattung des langen Rittes machte sich geltend, Herr Albin schloß die Augen. Aber nicht um zu schlafen. Er verfiel in den unruhigen Halbschlummer des Biwaks, eine Art Betäubung, die sich beim geringsten ungewöhnlichen Geräusch blitzschnell in klares Bewußtsein umsetzte. Seine Gedanken wanderten zurück sein Leben entlang durch drei Jahrzehnte. Die drei Jahrzehnte waren Krieg gewesen. Immer Krieg. Von dem Tag ab, da ihm als Bub in der Klosterschule die Nachricht geworden, daß die feindlichen Völker das feste Haus derer von Habstein im Odenwald überrannt. Und was von den Seinen im Schlosse war, das blieb in selber Nacht tot. Er war nun der letzte Sprosse des Geschlechtes, das, nach der Chronik, seit den Tagen des Aeneas auf dem Habstein gehaust. Und der Morgen danach stieg vor ihm auf, wie er, heimlich der Klosterschule entlaufen, als Kind in das Lager der Kaiserlichen gekommen, wie sie ihn da freundlich aufgenommen als einen verwaisten Junker von Geblüt, wie er unter Tilly den ersten Küraß umgeschnallt und die Fortuna am Schopf gepackt, wie der große Albrecht Waldstein selbst an ihm Gefallen gefunden und er in der blutigen Lützener Schlacht mit Ehren zum ersten Male ein Fähnlein kommandiert, wie er höher und höher gestiegen, bis er endlich selbst dem Kaiser ein Regiment geworden und die Habstein-Kürassiere dem Feind allerorts mit Schrecken bekannt gemacht hatte. Und wenn der Obrist von Habstein sein Leben vor sich sah, so war es Feind und war Feindesgeschrei und war Feindestod. Was tat man auf der Welt, wenn man nicht mit blanker Klinge gegen die Konfederierten oder mit blankem Gelübde wider den Teufel stritt? Die Welt war um des Krieges willen da. Drum wollte es ihm nicht in den harten und wettergebräunten Kopf, daß sie sichtlich den Krieg nicht mehr trug. Ueberall verödete das deutsche Land. Er wußte es wohl. Ueber Buschsteppen und kahle Felder, durch Trümmerhaufen zogen die Heere. Wenn der Krieg noch lange währte, so mußten sie in ihren Lagern verhungern, umgeben von der Wildnis, die sie sich selbst in den dreißig Jahren geschaffen. Denn überall stieg in diesen Tagen der Wald wieder von den Bergen herab und überzog die Orte, wo die Menschen gehaust, und wo der Wind sonst über wogende Kornfelder strich, da tummelten sich jetzt schreiend die Krähen und Elstern zwischen Gestrüpp und Unkraut. Der Feldobrist fuhr plötzlich empor. Er fühlte, wie sein Herz zu pochen begann. Auf einem Waldweg, der unfern von ihm durch das Dickicht führte, klang es wie Stimmengewirr und Hufgetrappel. »Die Gäule sind kaiserlich,« grollte ein rauher Baß, »nur fort – fort – je mehr Meilen zwischen uns und Augsburg, desto besser für unsere Hälse –« »Nach Ulm müssen wir reiten,« zischelte ein anderer, »zum Schweden –« »Oder nach Lothringen zu den welschen Völkern.« Der Lärm verlor sich. Herr Albin fand sich wieder allein in der Einsamkeit des Waldes. Hastig und lautlos schlüpfte er durch das Gestrüpp zurück und näherte sich vorsichtig spähend dem Lagerfeuer. Das Feuer war auseinander geworfen. In verzerrten Stellungen lagen die Knechte herum am Boden, ohne Waffen, mit aufgerissenen Wämsern und umgestülpten Taschen. Zwischen ihnen der dicke Hauptmann, Seine Augen waren glanzlos, wie die der andern, sein Mund halboffen. Er regte sich nicht mehr, und nichts rührte sich an den anderen Körpern. Im Zucken der verlöschenden Flammen glänzten breite Blutlachen über dem zerstampften Boden. In sie hinein rieselte der Rest des Weins aus dem umgestürzten Fäßchen. Die Pferde waren verschwunden. Während Herr Albin zu ihren Pflöcken schlich, stieß er auf die Leiche der Schildwache, die die Freibeuter offenbar ebenso wie die anderen Knechte von Schlaf und Wein trunken übermannt und abgewürgt hatten, ohne daß ein Schuß fiel. Da war nichts mehr zu helfen. Der Hauptmann und seine Leute waren tot. Die Merodebrüder hatten reinen Tisch gemacht. Die ließen nur stille Leute hinter sich zurück, schon der eigenen Sicherheit wegen. Herr Albin trat in das Dickicht zurück und sprach hastig ein Gebet für die Sünder, die so unbußfertig dahingefahren, indes er allein dem Teufel entrann. Dann überdachte er seine Lage. Die war schlimm genug. Fand er sich doch ohne Gefährten, ohne Pferd und Feuerwaffe, ohne Speise und Trank zur Nachtzeit in einer unwirtlichen, verwüsteten Gegend, wo hinter jedem Baume der Tod lauerte. Aber der Obrist war nicht gewohnt, zu verzagen. Seit Jahren war die Gefahr seine tägliche Begleiterin. Er liebte sie und war an sie gewöhnt. So nahm er den blanken Degen in die Rechte, sah zum Sternenhimmel auf, um den Weg nach Osten zu erkennen, und schritt dahin in der Richtung auf Augsburg. 2. In schrägen Strahlen zitterte die scheidende Sonne durch das lichtgrüne, feuchtglänzende Laubwerk. Ein würziger weißlicher Dunst stieg aus dem Boden, in dessen weichem Moos die Schritte lautlos verhallten. Auch sonst regte sich nichts ringsum. In feierlichem Schweigen dämmerte die Maienlandschaft zur Nacht hinüber. Herr Albin sah rechts und links. Kein Baum und Strauch entging seinem Auge. Aber dies Auge weidete sich nicht an der Waldespracht; es blickte spähend und finster – überall eines Feindes oder eines reißenden Wolfes gewärtig. »So schreiten wir durch dies Leben!« dachte er bei sich, indes er behutsam durch das Dickicht sich den Weg bahnte. »Rings um uns lauert das Verderben und die Gefahr und die Versuchung. Wer sich hier beugt, nur eine Blume am Bachrand zu pflücken, den mag im selben Augenblick eine Musketenkugel aus dem nächsten Busche fällen – und wer hier stehen bliebe, auf den Vogelgesang zu horchen und zum Abendhimmel hinaufzuschauen, dem springt wohl unversehens einer rücklings mit scharfem Schwerte bei. So heißt es: Wache und bete! Sei eingedenk, daß du auf einer Pilgerfahrt durch dies Erdental schreitest, und hoffe auf die Stunde der Erlösung. Mög' die mir Gottes Gnade auf grüner Heide bescheren ... das Gesicht wider den Feind in ehrlichem Feldtod –-« Er hemmte seinen Schritt, denn vor ihm lichtete sich der Wald. Ein Tal breitete sich sanft abfallend zu seinen Füßen aus. Im Tale unten lag ein Dorf. Noch konnte man im Abendschatten deutlich die Reihen spitzgiebliger Häuser erkennen, die still zwischen dem Grün hochaufgeschossener Bäume dalagen. Ueber dem Dorfe, höher als der Obrist von Habstein selbst stand, erhob sich altersgrau und finster, wie ein lauerndes Ungetüm, eine mächtige Burg. In feurigem Glanze lag das Abendrot auf den trotzig aussteigenden Quadern, den ragenden Türmen der Umwallung, von der sich, langen Spinnenarmen gleich, hohe Mauern den Abhang hinab ins Tal zogen, wie um das Dörflein unten zu umklammern und festzuhalten. Und tiefe Stille ringsum! Kein Lebenszeichen von dem Schlosse, kein Hahnenschrei aus dem Dorf, kein Kuhgebrüll oder Hundekläffen oder Jauchzen spielender Kinder, kein Rauchwölkchen über den moosbedeckten Firsten. Ein eigenes Gefühl des Grauens erfaßte den Obristen. Noch niemals hatte er, im lärmenden Kriegslager, von seinen Reitern umringt, im Kreise der Kameraden diese Empfindung gehabt, dies plötzlich auftauchende Gefühl der tiefsten Einsamkeit und Verlassenheit auf der Welt, als sei er der einzige Mensch auf Erden, ohne einen Freund, allein in der mitleidlosen Natur. Und wie er da in das stille Tal hinabsah, da meldete sich in ihm wieder jene leise, unerklärliche Sehnsucht, die er schon so oft empfunden. Das Grauen verschwand in ihr. Nur eine Art Traurigkeit blieb übrig, ein schwermütiger Drang, ein unbestimmtes geheimnisvolles Glück zu suchen, das irgendwo auf der Welt zu finden war. Im Feldlager gewiß nicht. Im Waffengeklirr und Fluchen und lärmenden Gelagen gewiß nicht. Aber wo sonst? Herr Albin sann nach. Und indes er grübelte, nahm sein Sehnen eine immer festere Gestalt an. Die Gestalt eines Weibes. Da erschrak er – denn er merkte, daß ihn der Teufel wieder neckte – und fuhr aus seinem Sinnen auf. In das Dörflein hinunter wagte er sich so wenig wie in das Schloß. So zog er in weitem Bogen um die Burg herum, die über ihm in unheimlichem, rotem Glanze lag, und schlug sich mühsam am Fuß des Hügels durch halb eingestürztes Mauerwerk und mannshohe Brombeerhecken hindurch. »Der Böse weicht nicht von mir!« sprach er zu sich in dieser sauern Arbeit. »Er will, daß ich meine Gelübde breche. Mit Wein und Gold hat er mich schon versucht. Nun kann er leicht zu seiner schlimmsten Waffe gr ...« Er verstummte in staunender Ueberraschung. Die Brombeerhecke über ihm hatte sich geteilt, und zwischen den schwankenden Zweigen sah ein süßes, schwermütiges Gesicht auf ihn hernieder. Die schmalen Lippen waren halb geöffnet, die großen, dunklen Augen hingen halb ängstlich, halb verlangend an seiner Gestalt, und braunes Seidenhaar umflutete in reichlichem Gelock die zarten Schulten«. Die beiden standen still und schauten sich an. Da hörte Herr Albin eine zitternde Stimme. Leise und lockend klang sie an sein Ohr. »Herr – seid Ihr ein Christ?« »Ich bin ein katholischer Edelmann,« sprach Herr Albin finster und langsam. »Aber dich – dich kenne ich –« und zögernd hielt er die umgedrehte Klinge vor sich, also, daß das Kreuz des Handgriffes zwischen ihm und dem bösen Feinde stand. »Was entsetzt Ihr Euch denn?« fragte er höhnisch, als er sah, wie sein Gegenüber rasch zurückfuhr. Da tauchte der blasse, schöne Kopf wieder aus den Zweigen auf. »Ich erschrecke vor Eurem Schwerte! Tut mir nichts zu leide! Ich sah Euch vom Turme oben und merkt' Euch an Gewandung und Gebaren an, daß Ihr einer von gutem Adel seid – darum schlich ich zu Euch hinab. Herr – um Jesu willen – erbarmt Euch!« Er sah zu ihr auf. »Was begehrt Ihr?« fragte er lauernd. Da neigte sie sich zu ihm herab, daß ihre dunklen Augen dicht vor ihm in feuchtem Glanze schimmerten und ihr warmer Atem sein Gesicht berührte, und deutete auf das finstere Gemäuer über sich und bat leise: »Folgt mir, Herr!« Herr Albin lachte zornmütig auf! Eine eigene, frohe Kampfbegier reckte sich in ihm. Dem Teufel soll man ja nicht ausweichen, sondern ihn dreist an den Hörnern packen, daß er das Wiederkommen vergißt! Und laut sprach er: »Wohl, Fräulein , ich folge Euch!« »Mög' es Gott dem Herrn lohnen!« Mit flüchtigen Sprüngen huschte sie vor ihm einen steilen, vielfach von Geröll überschütteten und verwachsenen Ziegenpfad hinauf. So sehr er sich auch anstrengte, er vermochte sie, durch die schweren Reiterstiefel und die Sporen behindert, nicht einzuholen. Sie glitt leichtfüßig vor ihm her, einem Irrlicht gleich, und wandte nur zuweilen den Kopf nach ihm, in ernster Sorge, ob er ihr auch folge. Nun hatte sie die Wallmauer oben erreicht. Er sah, wie ihre schlanke Gestalt in der Torwölbung verschwand, und trat hinter ihr in den Burghof. Hohes Gras sproßte da überall zwischen verkohlten und halb zermorschten Balken. Ein Schwarm Krähen hob sich lärmend von dem hohen Bergfried, über dessen Zinnen statt des Spitzdaches sich junge Bäume wölbten. Die letzten Strahlen der Abendsonne leuchteten von außen durch die leeren Fensterhöhlen des Herrenhauses herein, das völlig kahl als ein Steingerippe dastand, indes das zusammengestürzte Holzwerk, mit Steinen untermischt und von Brennesseln überwuchert, den Boden bedeckte. Wohin Herr Albin sah, überall ragten von der mächtigen Burg nur noch die Mauern. Ihr Inneres war zerstört und ausgebrannt, wie überall in deutschen Landen, und machte in dem rötlichen Dämmerlicht, in dem klagenden Geschrei der Krähen, einen unheimlichen, gespenstigen Eindruck. Wem mochte das Schloß gehört haben? Unwillkürlich blickte der Obrist zu dem Torbogen auf, über dem ein halbzerstörtes Wappen – wie es schien, ein springender Hund – prangte. Der darunter eingemeißelte Spruch war noch lesbar. Das Purkstâl hat ange vangen ze pauen her Kaspar von Ampringen den naechsten nach unser Frauwen tag Nativitatis da von Krist gpurd waren ergangen MCCXXVIII Jar. Da weckte ihn die Stimme seiner Führerin aus dem Sinnen. »Beliebt es dem Herrn?« fragte sie demütig. Sie stand auf der anderen Seite des Hofes vor einem Quergebäude, dem einzigen, das die Feuersbrunst verschont, Wohl war auch hier das Dach halb eingestürzt und hingen Tür und Läden windschief in den Angeln. Doch mochte es zur Not noch als Behausung dienen. So schritt er also auf den Eingang zu, und zugleich verschwand jene in der dunklen Wölbung. Er hörte, wie eine Holztreppe unter ihrem leichten Fuße knarrte, und tastete sich selbst vorsichtig durch das Dämmern ihr nach. Nun stand er auf dem Söller. Die wurmstichigen Dielen erkrachten unter seinem schweren Tritt, und ein dicker Staub wirbelte auf. In den Ecken hingen mächtige Spinngewebe. Ein Modergeruch umwehte ihn. Es schien, als seien Jahre vergangen, seit der letzte Mensch diese Räume betrat. Wohl richteten sich da und dort ernste, hochmütige Gesichter auf den Eindringling. Aber die Gesichter waren nicht von Fleisch und Blut. Die Ahnenbilder, die an den Wänden hingen, hatten auch den Zeiten ihren Tribut entrichtet. Vielfach von Säbelhieben kreuz und quer zerfetzt, von Staub bedeckt und mit zersprungenen Farben, schienen sie so recht den Untergang ihres stolzen Geschlechtes zu verkörpern, wie die zerbrochenen alten Kriegswaffen und das verrostete Feldgerät alter Jahrhunderte, das, mit Hirschgeweihen vermengt, zwischen ihnen und am Boden lag. Am Ende des Söllers war eine schwere Eichentüre. Die ging jetzt geräuschlos auf. In ihr stand, von gedämpftem, aus dem Gemache dringendem Lichtschein umflossen, die schlanke Gestalt und winkte Herrn Albin mit großen Augen geheimnisvoll zu. Jetzt galt's. Nie hatte der von Habstein noch solches Behagen am Kampfe wider den Bösen empfunden wie diesmal! Das war doch eine Versuchung, an der man seine Kraft erproben konnte! Er wußte, wie es in solch verhexten Burgen zuging: Ein verführerisches, hellerleuchtetes Zimmer – ein Tisch mit köstlichen Speisen und funkelndem Wein – und an dem Tische ein wunderschönes Weib. »Jetzt gilt's!« dachte der von Habstein noch einmal in grimmem Mut, ging raschen Schrittes den Söller entlang und trat ins Zimmer. Vier kahle Wände umgaben Herrn Albin. In den Ecken da und dort etwas Gerümpel. Durch die klapperigen Holzläden der Fenster pfiff der kühle Abendwind und ließ beinahe das Talglicht erlöschen, das mühsam flackernd auf dem Boden stand. Kein Mensch war zu erblicken. In die Ecke des Gemachs war ein Bett geschoben. Ein tiefes Stöhnen drang plötzlich von dort zu dem Obristen, und ein paar geisterhafte Augen richteten sich auf ihn. Rasch trat er hinzu. In dem Bette lag ein Sterbender. Da war kein Zweifel. Der Obrist kannte den Tod. Dem hageren Manne, der da vor ihm lag, das leidende, abgemagerte Gesicht von grauem Barte umrahmt, dem waren nur noch wenige Stunden vergönnt. Der Kranke richtete sich mühsam auf. »Ich danke dem Herrn, daß er den Weg, zu mir gefunden hat,« sprach er schweratmend. »Ich bin Melchior von Ampringen – der Herr der Burg, oder was von der Burg noch steht, seit sie die Schweden zweimal eingeäschert – und Ihr?« »Albinus Reichsfreiherr von Habstein, Feldobrist in der Kaiserlichen Armada. Volk und Rosse gingen mir heute bei einem Ueberfall der Freibeuter zu schanden. So muß ich zu Fuß wie ein Landstörzer gen Augsburg zu meinem Regimente wandern.« »Bleibe der Herr die Nacht hier,« murmelte der Kranke, »so seid Ihr in Sicherheit vor Mensch und Tier und handelt einem Sterbenden zu Dank.« »Was will ich!« erwiderte Herr Albin, zog aber den Degen an sich und spähte mißtrauisch im Zimmer umher. Melchior Ampringen schüttelte das Haupt. »Sei der Herr unbesorgt! Kein Mensch lebt in diesen Trümmern hier außer mir und Ruth, meiner Nichte. Mir aber möge der Herr vertrauen. Auch ich stand einst im Dienst des Kaisers – und war mehr als Ihr – war zu Wien schon, kaiserlicher Rat, als Ihr wohl noch in der Wiege lagt.« Albinus Habstein überlegte. »Ich hörte von Euch,« sprach er. »Ein Ampringen war, wenn mir recht ist, am eifrigsten unter denen, die vor dreißig Jahren auf Seine selige Majestät einsprachen, endlich der Ketzerei in Böhmen ein Ziel zu setzen.« Der Sterbende sah ihn an, mit einem langen, unergründlichen Blick. »Der Ampringen war ich!« sprach er. »Aber ich bin es schon lange nicht mehr. Ich ward des Krieges und Blutes müde. Ich habe mich hierher in die Stille getan, um es nicht mehr zu schauen! Man sagt mir, man könne das Hessenland tagelang aufwärts reiten, ohne ein menschliches Angesicht zu sehen. Wo in der Kurpfalz sonst fünfzig Christen waren, da ist jetzt kaum mehr einer übrig. Zerbrochen liegen die Burgen, verwüstet Dörfer und Städte. Wo vor dem Kriege aus beiden Kirchen das Gebet zu Gott hinaufging, da stehen jetzt noch die kahlen Mauern, und statt der Glocken läutet das Wolfsgeheul den Sonntag ein.« »Dem ist so,« erwiderte der von Habstein finster, »eine Prüfung, die Gott uns sendet, um die Gerechten von den Angerechten zu scheiden. Die Krankheit hat Euch zugesetzt, daß Ihr das nicht erkennt.« »Die Krankheit hat mir zugesetzt, daß ich verbleichen muß,« murmelte der Kranke, »aber ich will in Frieden mit Gott von hinnen fahren. Nicht im Krieg der Menschen. Mein bußfertiger Geist sucht die heilige Taube. Ihr Kriegsleute aber solltet den Geier über Euch sehen. Gott ist die Liebe! Ihr seid der Haß!« Der Feldobrist entzog sich ihm mit einem ungeduldigen Ruck. »Wisset!« sagte er ärgerlich, »ich komme wieder, wenn Ihr nicht mehr närrisch seid! Vielleicht, daß Ihr mir dann verratet, wie ich Euch als ein Edelmann dem anderen zu Diensten sein kann –« Der andere seufzte auf. »Ich werd's Euch sagen – bald – wann meine letzte Stunde schlägt. Lebt wohl indes.« Er deutete matt auf eine Tür, die zu einem Nebenraum führte. Herr Albin öffnete die Tür. Er atmete schwer. Der Kampf mit dem Teufel regte ihn auf. »Aber er soll mir nicht beikommen,« murmelte er kampfesfroh, »ob er mir nun in der Hülle eines Sterbenden meinen Glauben und mein Heil nehmen will, oder als ein schönes Weib–« Er verstummte und blieb erstaunt stehen. Nun ging's wahrhaftig um Kopf und Kragen! Der wohnlich, beinahe behaglich eingerichtete Raum, in den er trat, war hell beleuchtet. Ein weißgedeckter Tisch stand in der Mitte, darauf ein paar geheimnisvoll dampfende Schüsseln und eine Karaffe mit blutrot funkelndem Wein. Zwei Stühle waren an dem Tische traulich aneinander gerückt. Der eine war leer. Auf dem anderen saß seine schöne Führerin, den Kopf auf die Hand gestützt, und sah ihn schwermütig an. »Ich hab' indessen für den Herrn gesorgt,« klang ihre tiefe, sanfte Stimme, »nehme der Herr Platz, wenn es beliebt, und lange zu –« Herr Albin blickte sie mißtrauisch an. Dann ergriff er den leeren Stuhl und zog ihn an das andere Ende des Tisches. Dort ließ er sich schweigend nieder. Sie sah erstaunt auf, sagte aber nichts, sondern füllte einen Becher mit Wein und schob ihn ihm hin. Der Obrist wehrte mit der Hand ab. »Ich danke dem Fräulein,« sagte er spöttisch, »ein Trunk Wasser wäre mir lieber«. Sie erhob sich und goß ihm ein. Er dankte, nahm sich eine Schnitte Brot und begann, das kärgliche Mahl zu verzehren. Die anderen Speisen, die sie ihm anbot, wies er von sich. Das schien sie zu kränken. Doch sie schwieg, setzte sich wieder an die andere Seite des Tisches und schaute ihm aus ihren großen Augen forschend ins Gesicht. Zuweilen schüttelte sie sich mit einer kurzen Kopfbewegung das Lockengewirr aus der Stirne, und dann zog ein ganz feiner Wohlgeruch über den Tisch zu dem Ritter hinüber, der längst aufgehört hatte, sein trocken Brot zu kauen, und stumm vor sich hin sah. Es war eine schwüle Stille in dem kleinen Gemach. Nur von draußen klang das gewaltige Rauschen des Maiensturmes und zuweilen das Klatschen der Regengüsse, die er in tiefem Stöhnen vor sich her über die Lande trieb. So ging das nicht weiter. Herr Albin faßte sich ein Herz. Er schlug unbemerkt unter dem Tisch das Zeichen des Kreuzes, sah sein schönes Gegenüber fest an und fragte mit starker Stimme: »Fräulein, wer seid Ihr?« Sie schien erstaunt. »Ich bin Ruth von Ampringen. Hat's Euch mein Oheim nicht gesagt? Seit sieben Jahren – seit mir die Eltern starben – leb' ich bei ihm und hab' diese Burg nicht verlassen!« »Und warum rief das Fräulein mich in diese Burg?« fragte Herr Albin weiter und wiederholte verborgen das Kreuzeszeichen. »Ich rief Euch, um meinem Oheim beizustehen,« sagte Ruth und warf einen angstvollen Blick nach dem Nebenraum. »Ich bin doch nur ein schwaches Weib, und Klaus, unser letzter Knecht, ist letzthin mit den Bayern davongeritten. Er wolle seine Fortune im Lager suchen, schrie er mir noch aus dem Sattel zu Seitdem sind wir verlassen.« Der von Habstein lachte spöttisch auf. »Und das Dörflein unten?« fragte er, »was geht Ihr nicht hinunter und holt Euch, wen Ihr braucht?« »Im Dorf unten –?« Auch lächelte schmerzlich. »Herr, da ist's still genug. Ihr mögt von Haus zu Hause gehen und trefft keine Menschenseele mehr. Früher, als ich kam, entsinn' ich mich wohl, da gab es noch viele Menschen dort. Dann schwanden sie mehr und mehr – und seit verflossenen Herbst die Schweden zum drittenmal hier waren, haben sich die letzten verlaufen.« »Waren die Schweden nicht auch hier oben?« »Sie haben gesehen, daß alles hier zum Steinhaufen gemacht ist – da war ihnen der Weg herauf zu sauer.« »Und wenn sie doch einmal kommen?« »Dann flüchten wir in das Dickicht. Dort haben wir ein sicheres Versteck.« Der Obrist sah sie an. »Was aber mögt Ihr machen, Fräulein,« sagte er, »wenn Euer Oheim des Todes verfahren sollte?« »Des Todes?« Sie sprang auf und starrte ihn entsetzt an. »Meint Ihr, daß er ernstlich erkrankt ist?« Herr Albin zuckte die Schultern. »Wenn Ihr ein Christenmensch seid,« sprach er ernst, »so betet für ihn! Er wird noch heute nacht sterben!« Im nächsten Augenblick bereute er diese Worte, die ihm, dem Kriegsmann, so gewohnt und geläufig waren, da er das schreckensvolle Staunen auf Ruths schönem Antlitz sah. »Sterben!« wiederholte sie tonlos und trat dicht an ihn heran. »Sterben – sagt Ihr, Herr!« Er nickte. Da fühlte er, wie sich zwei zitternde Hände auf seine Schultern legten und hilfeflehend da festklammerten. Er hörte ihr schweres Atmen an seiner Brust und sah, wie ihr schlanker Körper vor Schluchzen zitterte. Und halb von Tränen erstickt klang ihre warme Stimme zu ihm auf: »Herr – helft ihm – erbarmt Euch meiner. Ohne den Oheim bin ich ja ganz allein auf der Welt!« Herr Albin wagte sich kaum zu rühren. Ihm war seltsam wohl zumut. Ein wunderliches Gefühl der Zärtlichkeit erwachte in ihm, der Fürsorge für das schwache, schöne Wesen, das sich da zitternd an ihn schmiegte. Schon streckte er die Hand aus, um ihr Haupt aufzurichten und ihr Mut zuzusprechen, da plötzlich kam wie ein Schrecken der Gedanke an sein Gelübde über ihn –! »Du hast geschworen, kein Weib zu berühren!« Das ging Herrn Albinus jählings durchs Gemüt; er erkannte, wie nahe er am Rande des Verderbens stand, und entzog sich, mit rauhem Auflachen zurücktretend, den zitternden Händen, die auf seinen Schultern ruhten. Sie blieb stehen und sah ihn verschüchtert an. Da drang aus dem Nebenzimmer ein schwacher Ruf. 3. Als sie vor das Bett traten, warf Ruth einen Blick voll bangen Entsetzens auf ihren Begleiter. Auch sie merkte jetzt, daß es mit Herrn Melchior übel stand. Sein Gesicht war verändert, seine Augen erloschen. Er atmete schwer. »Laß uns allein,« sprach er mühsam zu Ruth und faßte nach der Hand des Obristen. »Nun hört meine Bitte! Man pflegt gemeiniglich einem Christen den letzten Wunsch nicht zu versagen. Darum ist diese Bitte das letzte, was ich auf Erden sprech': – Herr, wenn ich sterbe, muß sie drinnen, mein Mündel und meine Nichte, hier verkommen und verderben. Darum hab' ich mit dem Tod gerungen – einen langen, endlos langen Tag – und ihn von mir abgehalten, bis daß ein christlicher Ritter sich ihrer erbarme und ich in Frieden verscheiden kann. Um Eures Seelenheils willen, wie um des meinen: Gebt mir den Eid, daß Ihr Ruth in Ehren mit Euch nehmen und ohne Schaden für Leib und Seele in ein Kloster schaffen wollt, wo es Euch gut bedünkt.« Herr Melchior richtete sich mit letzter Anstrengung auf und sah dem Obristen ins Gesicht. Der hatte sich den Handel überlegt und sprach: »Vernehmt, Herr – sich eines hilflosen Menschen erbarmen, ist Christenpflicht. So schwör' ich Euch einen leiblichen Eid, daß ich gedachtes Mädchen, so weit bei mir steht, ungefährdet gen Augsburg bringen, dort aber, wo mich die Feldpflicht ruft, alsbald der Frau Gräfin Holtzapfel, meines Generalissimi Gemahlin, übergeben werde, die dann nach bestem Wissen weiter für sie sorgen mag –« Er fühlte einen matten Händedruck. Herr Melchior sank in sein Lager zurück. »Ich danke Euch –,« hauchte er und winkte Ruth, die auf der Schwelle erschien, zu sich heran. Der Obrist trat neben sie. »Knie das Fräulein nieder und bete –,« sprach er rauh, »es ist an dem daß Euer Ohm hinübergeht!« Ruth sank schluchzend zu Boden, und ebenso ließ sich hart vor dem Lager der von Habstein auf ein Knie nieder. Der Sterbende wollte beten, doch er konnte nicht mehr und sah mit gefalteten Händen Herrn Albinus bittend an. Da erhob der Obrist seine Stimme, und durch das schweigende Gemach klang sein rauhes Feldgebet: »O Du König aller Könige, der Du Himmel und Erde erfüllst – Du Brunnquell ewigen Lebens, in dem keine Furcht des Todes ist zu finden, Du, Herr, bist's, der uns rechtfertig den Tod schickst und auch unser barmherziger Seligmacher erfunden wirst – »Laß von Deiner unendlichen Gnade beide empfangen: ihn und seine Feinde, und besprenge ihre bußfertigen Seelen mit Deines Sohnes Blut! »Und ist er mit Dir versöhnt durch das Blut des Erlösers, so lasse denn, Herr, Deinen Dienstknecht nach Deinem Wort mit Friede dahinfahren –« Da tat Herr Melchior seinen letzten Atemzug. Der Obrist verließ so leise, als seine schweren Reiterstiefel es erlaubten, das Zimmer und trat auf den Söller hinaus, in den jetzt durch die zertrümmerten Fenster das Mondlicht in breiten Strahlen flutete. Gedankenvoll sah er hinab in das Tal zu seinen Füßen, in dem das öde Dörflein friedlich, wie schlummernd, dalag. Die Fledermäuse schwirrten und gaukelten vor ihm in der klaren Nachtluft, und aus dem zerfallenen Turme vor ihm schwebte eine Eule lautlos hernieder und fuhr über das Brennesselgewirr im Hofe dahin. Klar war es Herrn Albinus nicht, was mit ihm vorgegangen. Er schaute sich um. »Wahrscheinlich,« dachte er bei sich, »bin ich der einzige Mensch von Fleisch und Blut hier in diesem zerfallenen Gemäuer. Und bin nicht der erste, der zur Nachtzeit unter Hexenvolk geriet, wie es an solchen Orten im Mondschein sein Wesen treibt und ehrliche Christen zu verführen sucht –« Aber freilich – sie hatten sein Gebet mit angehört, ohne sich zu entsetzen. Doch selbst gebetet hatten sie nicht. »Am besten ist's, ich sehe nach, wo der Böse geblieben ist,« sann der von Habstein weiter, »und ich denke: wenn ich wieder in die Zimmer trete, werden sie kahl und leer sein. Verschwunden die Lichter, verschwunden Wein und Speisen – und mit ihnen der, der mich da drinnen bald als Leichnam, bald als schönes Mädchen äfft –« Da fühlt er sich leise am Arm berührt. Sie stand neben ihm und sah mit bangen Augen zu ihm auf. »Herr – ich fürchte mich!« sprach sie, zitternd. Da merkte Herr Albinus, daß die Zeit seiner Prüfung noch nicht vorbei war. »Zum Fürchten ist jetzt keine Zeit,« sagte er streng. »Denn in aller Gottesfrühe muß ich weiter ziehen – und Euch mit mir nach Augsburg nehmen –«, und zögernd setzte er für sich hinzu: »wann Ihr nach Sonnenaufgang noch vorhanden sein –« Ein schmerzliches Lächeln glitt über ihr schönes Gesicht, das jetzt im Mondschein blutlos und leichenblaß aussah. »Und bis dahin«, fuhr er fort, »müssen wir den Verschiedenen in die Erde geben. Weist mir Hacke und Spaten. So wollen wir ihm ein Grab im Schloßhof schaufeln.« Sie schluchzte auf. »Kommt,« sprach sie und ging zur Treppe. Dort wollte sie ihm die Hand reichen, um ihn durch das Dunkel hinab zu geleiten. Er wehrte ihr unwillig ab und tappte sich mühselig über die krachende Stiege. Als er in den Hof hinaustrat, verdunkelte sich der Mond. Eine Wolkenwand schob sich vor ihn, und in schwerem Rauschen ging wiederum der Frühlingsregen nieder. Es dauerte einige Zeit, bis er sie fand. Sie stand hart an der Wallmauer, in einem Winkel, den die Trümmer eines vorspringenden Turmes bildeten. Dichte Holunderhecken sproßten darüber und erfüllten die Nachtluft mit ihrem süßen Atem. Herr Albin ergriff einen der beiden Spaten, die sie herbeigeschafft, und stieß ihn in das lockere Erdreich. Ruth nahm den anderen, trat einige Schritte abseits und wollte seinem Beispiel folgen, als der Obrist finster von der ungewohnten Arbeit aufsah. »Lasse das Fräulein das,« befahl er, »das ist keine Arbeit für adeliges Frauenzimmer.« Aber sie schüttelte nur schweigend den Kopf, daß die Locken flogen, und schaufelte weiter. So gruben sie gemeinsam Herrn Melchior von Ampringen in strömendem Frühlingsregen sein Grab. Es war nahezu völlig finster geworden. Die lauwarm niederfließenden Regenschauer umhüllten sie wie mit einem duftigen Schleier. Sie konnten kaum mehr gegenseitig ihre Gestalten erkennen, zwei Gestalten, die sich taktmäßig bückten und aufrichteten. Durch das Wassergeriesel und Windeswogen und das Kollern der aufgeworfenen Schollen klang ihr schweres Atmen ineinander, und über ihren Häuptern schwankte und zitterte der duftende Holunder. Und aus ihm klang in Jauchzen und Klagen der Sang der Nachtigallen, ein Sang, um den sich, Herr Albinus noch niemals gesorgt. Stundenlang sangen die Nachtigallen. Als sie verstummten, spielte der erste fahle Morgenschein über den Trümmern. Herr Albin richtete sich auf und musterte das Werk ihrer Hände. »Es ist genug,« murmelte er, »warte das Fräulein hier –« Sie kauerte sich gehorsam hin, während der Obrist die Treppe hinaufstieg. »Wenn mich nun doch ein Spuk geäfft hat,« sorgte er, »wenn gar kein Leichnam da ist – oder er kommt mir aufrecht entgegen, mich zu entsetzen –« Aber Herr Melchior lag still und friedlich mit gefalteten Händen auf seinem Lager. So nahm der von Habstein den starren Leib in seine stählernen Arme und trug ihn hinab und bettete ihn in das Grab. Ein Tuch deckten sie darüber. Dann polterten die Schollen wieder zurück, woher sie gekommen, und füllten mählich das Grab bis zum Rand, und es ebnete sich der Boden wie zuvor. Und niederkniend betete Albin von Habstein für den Toten, während sich ringsum das Frührot in rosiger Wärme über die verfallene Burg ergoß und Finkenschlag und Lerchentriller jauchzend den jungen Tag begrüßten. Dann ließ er Ruth allein am Grabe zurück und schritt nach oben, sich Schwert und Elenkoller anzulegen, deren er sich bei seinem Totengräberdienst entledigt. Dort blieb er noch geraume Zeit in düsterer Betrachtung und stählte sein Herz zu dem schweren Kampf, der ihm bevorstand. Das mochte eine böse Reise werden, auch ohne Freireiter, Bauern und Wölfe, eine Reise, bei der einem jeden Augenblick das Seelenheil abhanden kommen konnte! »Ich wollte, ich wäre in Augsburg und der Jungfer ledig!« brummte der von Habstein, als er wieder in den Hof hinaustrat. Der Hof war leer. Von Ruth nichts mehr zu sehen. Das war eine seltsame Ueberraschung und das Seltsamste dabei, daß sich des Feldobristen Gesicht verfinsterte und es den Anschein hatte, als freue er sich gar nicht der endlichen Erlösung von dem Uebel. Er selbst wunderte sich darüber. Eben noch hatte er ja gewünscht, seiner Schutzbefohlenen ledig zu sein, und nun merkte er, daß die Menschen von nichts so wenig wissen, als von dem, was in ihrer eigenen Brust vorgeht. »Möchte sie doch wiederkommen!« dachte er bei sich, »ich bin nun einmal in dem Abenteuer und will es rühmlich enden. Das ist kein ehrlich Spiel, wenn der Widerpart mitten darinnen aufsteht und hinweggeht!« Aber nichts regte sich. Sollte er ohne sie das Schloß verlassen? Nein – das war Feigheit, und sein Eid verbot es ihm. Oder war dieser Eid, über ein Weib zu wachen und mit ihr die kostbare Zeit zu vergeuden, indes man sich vielleicht bei Augsburg schon mit den Ketzern schlug – war dieser Eid vielleicht nur eine Tücke des bösen Feindes? Der Kriegsmann furchte in schwerem Zweifel die gebräunte Stirne. Und dann entschloß er sich, zu bleiben! Den Degen über die Knie gelegt, saß er still und zornig da und wartete, ob der Teufel wiederkäme! Da begannen plötzlich die Büsche, die in üppigem Grün vor einem völlig zerfallenen Hofgebäude wucherten, in schwankende Bewegung zu geraten. Es war, als bahne sich da etwas den Weg durch das dichtverschlungene Astwerk. Jetzt rauschten schon die vordersten Hecken, Ein Gaul wieherte und trat ins Freie hinaus. Ihm folgte Ruth, Sattel und Zaumzeug und ein Faustrohr über dem Arm. »Wir haben sie da versteckt,« sagte sie und versuchte, ihre blassen Züge zu einem Lächeln zu bringen. »Es ist freilich nur eine arme Bauernstute, aber doch stark genug. Sattelt das Pferd. In kurzem bin ich bei Euch.« Sie huschte hinauf, und als Herr Albin der Stute Zaum und Sattel aufgelegt, stand sie schon reisefertig neben ihm. »Steigt auf!« sagte er mürrisch, »ich gehe nebenher.« Sie sah ihn erstaunt an. »Ich verstehe den Herrn nicht. Wenn wir im Schritte reiten, brauchen wir drei Tage bis Augsburg!« »Ich kann's nicht ändern!« Sie schüttelte das Haupt. »Die Stute trägt uns beide!« Herr Albin biß sich grimmig auf die Lippen. Mit einem Weibe hinter sich im Sattel über Land zu reiten – er, der geschworen – –! Doch dann sah er wieder das Feldlager vor sich und die Genossen bei Lärm und Becherklang ihn mit dem Ruf empfangen: ›Der Herr kommt zu spät! Er kann keinen Particul mehr an der glorreichen Viktorie nehmen, die wir gestern über die Konfederierten erfochten –‹ Der von Habstein schwang sich in den Sattel. »Steigt hinter mir auf,« gebot er, »doch merkt Euch, Fräulein – ob es Euch erstaunt' oder nicht – ich kann Euch nicht berühren. So es not tut, haltet Ihr Euch an mir fest.« Sie nickte, legte die Hand auf seine Schulter, setzte den Fuß auf seinen im Bügel und hob sich also hinauf. Das Roß wieherte und machte einen mächtigen Satz, daß Ruth im Sattel schwankte. Sie erschrak. »Erlaubt es,« bat sie, »daß ich den Arm um Euch lege.« Er nickte grimmig und trieb das Pferd an, während sie vertrauensvoll die schlanken Hände über seiner Brust kreuzte. So ritten sie ins Tal hinab. In wolkenloser Pracht erstrahlte jetzt über ihnen der blaue Frühlingshimmel, tausendfach funkelte und glitzerte die Maiensonne im Taugeriesel des lichtgrünen Laubwerkes, und die ganze linde Morgenluft schien durchzittert von jubelndem Vogelgesang. Der von Habstein seufzte schwer und sandte ein stummes Stoßgebet zum Himmel. »Wenn der Teufel umginge, wie ein brüllender Löwe,« dachte er, »und zeuchte wider mich – wie unverzagt wollt' ich ihn bestehen! Aber der Böse kommt mir von rücklings bei! Er setzt sich hinter mich in den Sattel und umfängt mich mit weichen Armen, und sein seidenes Lockenhaar weht im Maienwind um mein Gesicht. Und er gebärdet sich nicht greulich, sondern lind und lieblich. Er schmiegt sich zitternd, wie ein furchtsam Vöglein, mir an, daß man sich seiner fast erbarmen möcht', und macht mir armen Sünder sauere Arbeit!« Da hörte er hinter sich ihre sanfte Stimme. »Herr, bin ich Euch sehr zu Last?« Der von Habstein sah sich nicht um. »Laßt es gut sein!« sprach er kurz und zog mit ihr im Galopp hinaus in die Frühlingspracht. 4. Nun stand die Sonne hoch über ihren Häuptern am wolkenlosen Himmel. Ohne Rast waren sie die langen Stunden dahingeritten durch das verwüstete und verödete Land. In weitem Bogen umkreisten sie die Dörfer, sie vermieden die Waldstücke und Hohlwege und hielten sich auf jenen offenen Flächen, auf denen früher in goldenen Wellen das Korn gewogt hatte und jetzt zumeist nur noch ärmliches Unkraut und junger Wald aufschoß. Nur einmal gerieten sie auf solch einem Acker, unfern eines weitgestreckten Dickichts, an Menschen heran, eine Schar Bauernvolks, das da auf einem Brachfeld pflügte. Was sie an Roß und Rind besaßen, hatten den verwilderten und verkümmerten Menschen längst die streifenden Reiter weggetrieben. So zogen die Weiber den Pflug, die Männer hielten die Pflugschar und spähten, die Feuerbüchsen über die Schultern gehängt, mißtrauisch nach allen Seiten und zu einem einzelnen Baum hinaus, von dem ein scharfäugiger, junger Bursche nach etwa nahenden Feinden ausschaute. Außer Schußweite ritt Herr Albin an ihnen vorbei und sah gleichgültig zu, wie die Bauern mit wilden Blicken ihre Musketen bereit machten. »Die Schelme werden immer dreister!« sprach er halb zu sich und setzte das Roß in Trab. Doch die Kräfte der Stute begannen zu erlahmen, und inmitten einer dichten Waldhecke, die einen kahlen Hügel krönte, hielt der Obrist still. »Steige das Fräulein ab,« sagte er. »Es ist Mittagszeit. Der Gaul hat Rast von nöten. Er trägt uns sonst heute nicht mehr bis Augsburg. Und auch Ihr werdet müde sein –« Dem war so. Kaum war Ruth aus dem Sattel geglitten und hatte etwas von Speise und Trank genossen, als sie sich schon schlaftrunken auf dem Boden niederstreckte. Der von Habstein hatte den Gaul umgesattelt und festgebunden. Nun saß er neben ihr und sah ihr mit finsterer Neugier in das schöne, im Schlafe leidvoll lächelnde Gesicht. Das war ein böses Abenteuer. Nie in seinem vielbewegten Leben konnte er sich eines ähnlichen entsinnen. Der Abenteuer mit Männern die Menge – in Gutem und in Schlimmem – mit blitzender Waffe und spitzer Rede. Aber mit Frauen ... Wer ihm verkündet hätte, daß er, Albinus Habstein, der Kriegsobrist und Gebieter über neunhundert eisengepanzerte Reiter, hier fern vom Lager in einer Weißdornhecke sitzen und bei Amselruf und fernem Kuckucksschlag den Schlummer eines Mädchens bewachen würde, den hätte er wahrlich einen Narren gescholten. Und nun war er in solch wunderlicher Lage und fand nichts Greuliches daran. Im Gegenteil – er hätte lange so sitzen und in das blasse, stille Antlitz neben sich schauen mögen. Und als nun eine Hummel mit zudringlichem Gebrumm den braungelockten Kopf umkreiste, da ereignete sich das Unerhörte und Gewaltige, das gottlob keines Menschen Auge sah. Der von Habstein schnitt einen grünenden Zweig ab und wehrte mit eigener Hand die Fliegen vom Gesicht der Schlafenden. Dabei empfand er freilich eine bittere Reue und schämte sich seines unmännlichen Tuns. »Wahrlich,« dachte er, »wie oft habe ich selbst vor den Schleppsäcken gewarnt und dem Teufel, der in langen Zöpfen umgeht. Nun gab ich ihm den kleinen Finger und siehe – er hält mich mit Haut und Haar –« Und Herr Albin beschloß, wenn möglich, schon am selben Abend im Dom zu Augsburg zu beichten und sich seiner Sündenlast zu entledigen, von der er vorgestern um diese Zeit noch nichts geahnt. Da war er wohlgemut als ein kriegerischer Herr dahingeritten, auf seinem prachtvollen Hengst, um den das ganze Lager ihn neidete, von dem Schwarme trotziger Knechte gefolgt. Nun war das alles zuschanden. Und was hatte er dafür eingetauscht? Eine armselig zitternde Jungfer, ein unnützes, beschwerliches Ding, in das er sich gar nicht zu schicken wußte. Und dennoch war er mit dem Tausch zufrieden. Herr Albin begriff das nicht – Das war ein böser, wunderlicher Handel, und der von Habstein wußte nicht, wie ihm geschah. Ratlos sah er vor sich hin in die Ferne, aber immer wieder wanderten seine Augen zu dem sanften Antlitz, um das das sprossende Frühlingsgras am Boden nickte, und blieben daran hängen, bis er plötzlich auffuhr und nach der Sonne sah. Es war hohe Zeit, aufzubrechen! Der Obrist nahm den nun völlig abgekühlten Gaul am Zügel und führte ihn den Abhang hinunter zu einem Wiesenquell, um ihn dort zu tränken. Als er das getan und die Stute wieder umwendete, sah er, wie ein großer, hagerer Wolf oben am Rande des Dickichts herumschlich und langsam darin verschwand! Und wiederum empfand der Feldobrist ein Gefühl, das ihm bisher in seinem ganzen Leben fremd geblieben war. Eine entsetzliche Angst rang sich jählings in ihm empor und trieb ihm kalte Schweißperlen auf die narbenüberflammte Stirne. Den Gaul im Trab hinter sich herziehend, rannte er mit gezücktem Schwerte nach oben, an die Stelle, wo er Ruth verlassen. Sie lag friedlich schlummernd da. Etwas abseits krachte es in den Büschen, und langsam verlor sich ein heiseres Knurren. Der von Habstein atmete tief auf. Und fast zugleich fiel es ihm ein, daß er erst einmal in seinem Leben nur annähernd ein solches Gefühl der Beruhigung und Befriedigung empfunden: das war am Abend nach der mörderischen Lützener Schlacht, als durch die Reihen der gelichteten, von der unerhörten Gräßlichkeit des Kampfes verstörten Kaiserlichen unter jubelndem »Viktoria!« die Kunde von dem Tode Gustav Adolfs ging – Damals ein Streit um Länder und Kronen, ein Streit, von dem man schaudernd an den fernsten Enden Europas erzählte – und jetzt – Jetzt atmete er auf, wie nach der ruhmreichsten Kriegstat, weil er einen Wolf vom Heidelager einer Jungfer verscheucht hatte! Er seufzte. Denn er merkte wohl, wie er immer mehr sich in den Schlingen des Bösen verstrickte. Dann rief er Ruth an. Ein-, zweimal und nochmals mit immer lauterer Stimme. Sie hörte ihn nicht. Die seelische Erschütterung am Sterbebett, die schlaflose Nacht mit der ungewohnten Arbeit des Schaufelns, der lange anstrengende Ritt hatten sie in traumlosen, ohnmachtähnlichen Schlaf versenkt. Was war da zu tun? Herr Albin geriet in bittere Zweifel. Sie würde wohl erwachen, wenn er sein Feuerrohr neben ihr löste. Aber das mochte sie erschrecken und vielleicht auch Feinde herbeilocken. So blieb nur ein Mittel. Man mußte sie anfassen und wach rütteln. Der von Habstein streckte die Hand aus und zog sie jählings wieder zurück. Aber dann raunte der Versucher ihm wieder zu: »Du fassest dein Gelübde zu streng! Und ist's doch eine Sünde, so gehst du ja heute abend zur Beichte und wirst ihrer mit den anderen zugleich ledig –« Da legte er seine schwere Hand auf Ruths schmale Schulter, und es war ihm eigen dabei zu Sinne. Sie fuhr auf und sah verstört aus großen Kinderaugen um sich. Dann kam ihr die Erinnerung, und sie stand langsam auf. »Habe ich zu lange geschlafen, Herr,« fragte sie, »weil Ihr mich so unfreundlich anschaut?« Herr Albin erwiderte nichts, sondern schwang sich aufs Roß. Dann beugte er sich zu ihrem Erstaunen herab, legte die Arme um sie und hob sie selbst zu sich herauf. Auf eine Sünde mehr oder weniger kam es jetzt nicht mehr an – * Im Abendrot flimmernd hoben sich ferne am Horizont schlanke Kirchtürme in die Luft. Hochragende Mauern mit mächtigen Ecktürmen und dahinter ein Meer spitzgiebeliger Dächer stiegen langsam empor, je mehr die beiden sich der Stadt näherten. Der Obrist fühlte sich leise am Arm berührt. »Herr, sind wir gerettet?« fragte es hinter ihm. Er nickte. »Das ist des heiligen Reiches Stadt Augsburg,« sprach er und wies auf die mächtigen, im Schein der sinkenden Sonne rot flimmernden Häusermassen, »dort werdet Ihr Unterkunft finden.« Sie fuhr in einem plötzlichen Schrecken hinter ihm zurück, daß er sich im Sattel umwandte. »Reiter – Herr –,« stammelte sie, »ihrer zwölf und mehr – Herrgott, sei uns gnädig!« Der von Habsbein legte die Hand schirmend über die Augen. »Entsetze sich das Fräulein nicht,« sprach er, »so nahe an einem Platz, wie Augsburg, wagt sich keine feindliche Partei. Es sind die Unseren! Kurbayerische oder Kaiserliche – ja, sie sind sogar von meinem Regiment,« setzte er in freudiger Ueberraschung hinzu, als sich der Reitertrupp in gestrecktem Galopp näherte, »ich erkenne sie wohl: Der dicke Graubart, der an der Spitze reitet, das ist der Quartiermeister meines eigenen Fähnleins, Paradeiser zu Villach genannt – und der Bursch neben ihm, den heißet man den schwarzen Nickel. Ich hab' ihn einmal mit großer Not gerettet, als ihn die Bauern schon in den Händen hatten. Und da – aber was ist das – da führen sie meinen Hengst ledig mit sich, den ich vorgestern den Merodebrüdern lassen mußt'!« Die Reiter kamen heran. »Ihre Gnaden leben!« schrie schon von weitem der Wachtmeister den Reitern zu: »Preis sei dem Herrn!« Herr von Habstein bog sich im Sattel vor: »Wie kam der Hengst zu Euch?« »Die Dragoner von Boccamaggior, Ihre Gnaden, haben in heutiger Nacht einen Haufen Freireiter in ihrem Verstecke aufgehoben und henkten selbe Kerle. Wie sie aber mit der Beute ins Lager kamen, geriet unser Regiment in Entsetzen! Denn wir erkannten wohl die Pferde, und ist kein Troßbub' zu finden, der nicht im Finstern sagen möchte: Dies und kein anderer ist des Herrn Obristen Schlachthengst! So gedachte ich zum wenigsten mit einer Streifpartie auszugehen, ob ich nicht Ihre Gnaden tot oder lebend fände –« Weiter konnte der dicke Quartiermeister nicht sprechen. Denn jetzt erst, da sich der zwischen den Rossen aufgewirbelte Staub verzog, erkannte er die ungeheuerliche Tatsache, daß das Wesen, das hinter dem Obristen im Sattel saß, und über dessen Art die Knechte heftig im Losreiten miteinander gestritten, ein Mädchen sei! Bei diesem Anblick erschraken der Quartiermeister wie die Knechte. Denn sie dachten nicht anders, als Herr Albinus sei durch eine unselige Schickung der Vernunft verlustig gegangen. »Was soll's?« fragte der mit gerunzelter Stirn. »Die Reiter erstaunen sich,« wagte der Wachtmeister zu bemerken, »da männiglich bekannt, daß Ihre Gnaden, der Ihnen beiwohnenden hohen Vernunft gemäß, sonsten das Frauenzimmer nicht regardieren.« Der von Habstein ließ sich ärgerlich aus dem Sattel gleiten. »Es ist ein Fräulein vom Adel,« sprach er schroff, »sorge Er für sie, Paradeiser, und wache Er darüber, daß sich keiner der Knechte oder sonst wer bei ihr zutäppisch macht, bis wir gen Augsburg kommen!« Der schwarze Nickel, ein junger, bleich und blöde aussehender Geselle, führte ihm seinen Hengst zu, und es dünkte dem von Habstein kein geringes Glück, wieder allein, wie es einem Kriegsmann geziemt, auf dem stolzen Tiere zu thronen, statt auf dem Bauernklepper, dessen Zügel jetzt der schwarze Nickel Ruth aus den Händen nahm, um ihn zu leiten. Trotzdem war Herr Albin nicht zufrieden. Um ihn klirrten die Waffen, unter ihm bäumte sich sein unermüdliches Streitroß, und er hätte, indes er dem Quartiermeister seine Abenteuer erzählte, wohl freier aufatmen können, da nicht mehr, wie bisher den ganzen langen Tag, zwei zarte Arme seine Brust umspannt hielten. Aber dem war nicht so. Zum erstenmal war es Herrn Albin einsam zu Mut auf seinem Hengste, und er schaute zuweilen, wie um Wind und Wetter für den morgenden Tag zu prüfen, nach rückwärts in das Gesicht Ruths, die schweigend und beklommen in der Mitte des rauhen Kriegsvolks hinter ihm ritt. »Und wie steht's im Felde?« fragte er rauh. Herr Paradeiser zu Villach räusperte sich. »Die Partien gehen wohl stark auf einander los und manche Sättel sind in diesen Tagen leer geworden. Aber das große Treffen, dessen sich die Armada gewärtig hält, lassen die Generalissimi anstehen –« Des Obristen Gesicht verfinsterte sich. »Und warum beliebt es den Herren so?« »Ihre Gnaden haben unsere Völker seit zwei Monaten nicht vor Augen gehabt. Indes hat sich der Hunger bei uns zu Gaste geladen. Das ganze Land ist öde, und man möchte meinen, daß sich bald im heiligen Reiche kein Territorium mehr fände, wo eine Armada sich ernähren kann. Es ist alles von Kräften gekommen, die Gäule sind vom Fleisch gefallen, den Reitern steht das Maul offen, und so wagt es des Herrn Grafen Holtzapfel Exzellenz nicht, mit den erschlafften Kerlen den Konfederierten unter Augen zu gehen. Er hat zwar gestern den Truppen ein Ziemliches an Kraut und Lot spendieret, auch die Stadt Augsburg mit Mehl und anderer Notdurft wohl versehen, aber trotzdem, denk' ich, setzt er seinen Intent ins Werk, mit den Völkern über den Lech zu retirieren. Die kurbayerische Armada und das grobe Geschütz geht auf sein Geheiß eben jetzt gegen Augsburg zurück. Er selbst aber, um diesen Marche zu decken, bleibt die Nacht über bei Zusmarshausen stehen – ist ein Marktflecken, zwei Stunden von hier –« Des Habsteiners Miene war grimmig und besorgt geworden. »Und wann die Konfederierten ihm unversehens auf den Hals rücken?« »Solche Besorgnis herrscht wohl im Lager,« Herr Paradeiser wies in die Ferne, wo an dem blaßblauen Abendhimmel drei mächtige schwarze Rauchwolken reglos standen: »Da melden die Schweden schon ihre Ankunft. Wo sie hinkommen, machen sie jetzt den Vulcanum zum Quartiermeister, um sich an dem Herrn Kurfürsten für seinen Heimfall an die kaiserliche Sache zu rächen. Man sagt, sie ständen schon bei Lauingen –« Der Obrist schwieg. Aber sein Gesicht drückte ernste Besorgnis aus. »Unlängst,« fuhr der gesprächige Paradeiser zu Villach fort, »im vorigen Monat, als wir bei Dünkelsbühl dem Schwed' und Franzos so nahe standen, daß wir einander in die Lager einsehen konnten, da hätten wir bald dem Feinde einen merklichen Vorteil abgewonnen. Ritt da Graf Wrangel, der schwedische Generalissimus, nur von einem Trompeter, dem Pagen und zwei Windspielen begleitet, von den Truppen ab ins Feld. Ein kaiserlicher Rittmeister aber hält mit seinen Leuten im Busch, um ihn abzufangen. Und erkennt den Trompeter. Sei von diesem sein Kamerad gewesen, spricht er zu seinen Leuten. Diese Rede hört, zweifelsohne aus Himmels Verhängnis, der Graf Wrangel, gibt dem Pferd die Sporen und eilt zu seinen Völkern und entkam dem Herrn Rittmeister, der ihn, sonsten er nur das Maul gehalten, leichtlich hätte totschießen können, wenn er ihn nicht lebendig hätte haben wollen.« Herr Albin zuckte die Achseln und sprach kein Wort mehr, bis sie unter die Mauern von Augsburg gelangt waren. Auf den Hügeln daneben wurden Schanzen aufgeworfen. Hunderte von Bauern karrten die Erde herbei und arbeiteten unter der Aufsicht der Augsburger Ratsherren und kaiserlichen Offiziere an Gräben und Wällen. »So ist das Bauernvolk doch zu etwas nutze,« wandte sich der Quartiermeister an Ruth. »War das die letzten Wochen durch ein Flehnen und Flüchten vom ganzen platten Lande gen Augsburg. Aus der ganzen Windrose sind sie gekommen, um sich vor den Schweden und Franzosen zu retten, die jedes Dorf, mag sich's zu wehren erkühnen oder nicht, in Asche setzten. Dem Feinde kommt das selbsten schlecht zu paß. Er findet nicht Mehl noch Gras in den Dörfern, die zum Steinhaufen geraten sind, und muß im Lande auf- und niederziehen und die Truppen unnütz fatiguieren, um nicht Hungers zu vergehen.« Ruth verstand ihn nicht. »Gibt's noch größere Städte als Ausburg, Herr?« fragte sie schüchtern und sah staunend auf die endlosen Ringmauern und Häusermassen. Herr Paradeiser wiegte das Haupt. »Es soll vor Zeiten,« sprach er, »kaum eine Stadt in der Christenheit gegeben haben, die Nürnberg und Augsburg gleichkam. Das ist schon lange her. Aber immerhin auch in unserem Säculo zählte man, da der liebe Fried' noch grünte, in der Stadt Augsburg achtzigtausend Menschen und mehr. Jetzt ist wohl kaum mehr ein Fünfteil da.« »Und die anderen sind alle verblichen?« forschte Ruth schaudernd. Der Quartiermeister nickte. »So ist's ihnen ergangen. Zumal vor dreizehn Jahren. Da waren die evangelischen Geschlechter in der Stadt obenauf, und der schwedische Führer, Herr George von dem Winckel, verteidigte die Stadt so unerschrocken und vortrefflich, wie es nur einem unverzagten Kriegsmann ansteht, so daß selbst die Feinde seine Meriten lobten. Als aber die Belagerung lange währte, kam Hungersnot und Pestilenz, und es wußte sich keiner mehr Rats. Die Reichen zahlten zehn Gulden und mehr für eine rohe Roßhaut, sie zu verschlingen, die Armen aber sotten sich Leder gar und speiseten Ratzen und Mäuse. Dazu kam die Seuche, und die Christenheit in selber Stadt verging wie die Fliegen im Herbst. Seit jenem Jahre hat Augsburg keine Ruhe gehabt, sich zu erholen. Bald liegen die Kaiserlichen in ihr, bald der Widerpart, und der Rat weiß kaum mehr, wie er den Völkern Nahrung schaffen soll. Wenn er aber keine Brotzettel austeilt, so gebärdet sich die Soldateska mit Recht tyrannisch, und die Soldatenweiber und Troßbuben tumultuieren durch die Gassen und rotten sich vor dem Rathaus zusammen, bis daß die Herren wieder in den Säckel greifen und sehen mögen, wo in deutschen Landen noch Korn und Mehl zu finden sei.« Schwer hallten jetzt die Rosseshufe unter einem finsteren Torbogen. Sie ritten in die Stadt Augsburg ein. 5. Der Habsteiner hemmte sein Roß. »Ist die Holtzapfelsche Frau Gräfin in der Stadt?« fragte er barsch aus dem Sattel herab die Musketiere der Torwache. Die Knechte wußten es nicht und wandten sich an ihren Offizier, einen kaiserlichen Hauptmann, der grüßend herantrat. »Dem Herrn Obristen zu dienen! Ihre Gnaden die Frau Gräfin sind hier im Hofe zur Trauben abgetreten!« Herr Albin dankte kurz und ritt weiter durch das wilde Getümmel der krummen, schon halb finsteren Gassen. Hunderte von geflüchteten Bauern erfüllten lärmend und zeternd die Augsburger Altstadt. Ihre Leiterwagen, auf denen über eilig zusammengerafftem Hausrat jammernde Weiber und Kinder saßen, waren an den Straßenecken in unentwirrbare Klumpen zusammengefahren, aus den Höfen zu beiden Seiten tönten das Brüllen geretteter Viehherden, das durchdringende Kläffen der Dorfköter und die Flüche der Ordnung schaffenden Stadtknechte. Dazwischen trieb, als Vorläufer des retirierenden kaiserlichen Heeres, allerhand Gesindel in dem Wirrwarr sein Wesen, stahl, was es konnte, von den Wagen und bemühte sich, die Pferde von den Strängen zu schneiden und zur Seite zu ziehen. Wo aber ein Raum frei war, da standen mit bleichen Gesichtern die Bürger und besprachen in angstvollem Grimme die Kriegsgefahr, die von neuem der Reichsstadt drohte. Der von Habstein achtete des wüsten Wesens um ihn her kaum. In seine Gedanken versunken ritt er dahin. Und seine Gedanken waren trauriger Art. Konnt' er auch nicht begreifen, wie es möglich sei, im Laufe weniger Frühlingsstunden einen Menschen so lieb zu gewinnen, daß man sich nicht mehr von ihm trennen mochte, so mußte er sich doch mit Zerknirschung zugestehen, daß solch Wunder in ihm vorgegangen, daß er nicht an seine Reiter dachte und nicht an den Stand des Krieges und wie Augsburg gegen Wrangel und Turenne zu defendieren sei, sondern einzig und allein an ein blasses, schönes Gesicht, das unter braunem Lockenhaar hilfeflehend sich ihm zuwandte So hatte er sie gestern zum erstenmal geschaut und sich vor ihr als dem Teufel bekreuzigt. »Und wenn es auch nicht der Teufel ist,« fuhr es ihm jetzt durch den Kopf, »so ist es sein Werkzeug! Hüte dich, Albinus – du steckst in einem bösen Handel und könntest leicht mit deinen Gelübden auch dein Seelenheil auf ewig preisgeben! Kehre um, Albinus, ehe es denn zu spät ist.« Und mahnend stieg unter solchen Betrachtungen vor ihm in himmelaufstrebender, sonnenvergoldeter Pracht, alles umher gebieterisch überragend, der heilige Dom zu Augsburg empor. Feierliches Glockenläuten klang wie aus dem Abendrot herniedersteigend von seinen schwindelnden Höhen, und aus dem Innern mahnte dumpf und langgezogen der Orgelton zu Buße und Gebet. Da war des Habsteiners Entschluß gefaßt. »Halte das Roß,« befahl er dem Nickel. »Ihr wartet hier, bis daß ich wieder aus der Kirche komme. Er aber, Paradeiser, nehme zwei Reiter und bringe das Fräulein in die Trauben zur Holtzapfelschen Gräfin und vermelde: Der Obrist von Habstein empfiehlt sich der Frau Gräfin zu Gnaden und bittet sie um Jesu willen, sich dieses Fräuleins vom Adel, die er verlassen angefunden, zu erbarmen. Das weitere mag das Fräulein selbst berichten. Ich aber, der Obrist, kann nicht selbsten kommen, weil es die Kriegsnot nicht zuläßt. Gehabt Euch wohl, Fräulein!« Damit war er aus dem Sattel gestiegen und, ehe Ruth etwas erwidern konnte, im Dom verschwunden Ein feierliches Halbdunkel empfing ihn da, eine geheimnisvolle, glühende Dämmerung, in die die buntleuchtenden Glasmalereien der Fenster das farblose, von außen eindringende Tageslicht verwandelten. Gedämpfter Orgelklang zog durch den Riesenraum, zwischen dessen mächtigen Pfeilern in dunklen Gruppen die Christenheit auf den Steinfliesen betend kniete. Zumeist waren es Frauen. Die Männer, schien es, hatten großenteils schon im Laufe der Jahrzehnte daran gezweifelt, durch ihr Flehen die Plagen des Himmels von sich und der Stadt abzuwenden. Herr Albin blieb enttäuscht stehen. Die Beichtstühle waren schon geschlossen. So kniete er denn abseits nieder – unbekümmert um die Menschen, die das seltsame Schauspiel eines bußfertigen Soldaten bestaunten – und bekannte sich selbst seine Sünden und bereute in Zerknirschung den Tribut, den er dem Bösen gezollt. Und allmählich wurde es freier in ihm. Er fühlte, wie sich die Macht des Teufels brach und die Kraft seiner schwer bedrohten Gelübde wuchs. Er sah, wie Ruths Bild vor seinem gereinigten Blicke entschwand und das sündige Unkraut der Liebe in seiner Brust zu verwelken und zu verdorren begann, daß er sich getraute, es mit Stumpf und Stiel auszureißen und von sich zu werfen. Als er solches im Geiste getan, atmete er erleichtert auf. Ihm war zumute wie nach einer heißen, aber siegreichen Schlacht. Er wußte, er würde Ruth nie wieder sehen. Die Versuchung lag überwunden hinter ihm. Wohlgemut schritt Herr Albin ins Freie hinaus. Dort stand seiner harrend Ruth und schaute ihn erwartungsvoll an. Der Feldobrist prallte zurück, und mit Entsetzen erkannte er, daß er mit seiner bußfertigen Umkehr nur sich selbst eine Gaukelei vorgespiegelt. Denn nicht, wie es sich gebührte, füllten bei des bösen Feindes Anblick Empörung und Abscheu seine Seele, sondern ein köstlicher Schrecken, desgleichen er noch nie in seinem Leben verspürt. »Das Fräulein muß weiter mit uns reuten,« berichtete Herr Paradeiser, »denn die Holtzapfelsche Frau Gräfin ist unterm heutigen Tage in das Feldlager abgereist, um ihrem Herrn Gemahl in der vorhabenden Kriegsaktion nicht von der Seite zu weichen.« Da merkte der Habsteiner, daß er so leichten Kaufes nicht davonkommen sollte! Und ein Gefühl der Anerkennung für den bösen Geist, der ihn so standhaft versuchte, kam über ihn! »Der Teufel ist wie ein rechter Kriegsmann,« dachte er, sich in den Sattel schwingend, »wird der zum erstenmal geschlagen, so fällt er zum andernmal auf den Feind und zum drittenmal und setzet ihm unverdrossen zu, bis daß der Vorteil sein ist!« Und mit lauter Stimme rief er: »Wir reiten zum Lager. Laßt die Gäule laufen und seht, ob sich irgendwo ein leeres Wäglein für die Jungfer findet.« Und wieder klapperten die Rosseshufe aus dem Pflaster, die Waffen klirrten und mit rauhen Kehlen sangen die Reiter ihr Lied. Herr Albin horchte einen Augenblick, Ruth zum erstenmal wieder flüchtig anschauend, hin. Aber die Kürassiere achteten auf die Gegenwart des Fräuleins und brüllten das ehrbare Kriegslied, das, einst zu Ehren des tollkühnen Pappenheim gedichtet, im Lager fortlebte. »Also willstu mit dem Degen Deinen Feinden überlegen Und ein Held zu Felde sein! Recht so! Laß den Harnisch bringen, Laß Drommeten um dich klingen. Dringe frisch zum Feind hinein. Wo es Kugeln stäubt und schneyet, Wo Bellona Feuer speyet. Da ist rechte Heldenlust. Alles lenkt sich schon zum Siege, Wenn du, tapfrer Held, zum Kriege Raten und dich schicken mußt! Denn die Schlacht ist halb gewonnen. Wo, wer an der Spitze steht. Seinem Feinde unter Augen Und recht ins Gesichte geht!« Und wie ein Echo stimmten die hintersten Kürassiere, auf den Habsteiner blickend, ihr anderes Lied an: »Da eylst und schnaubst du hin! Du lässest dich in Schlachten Recht mit Verwunderung AIs ein Held betrachten! Das weiß auch Mavors wohl! Der freut sich innerlich, Macht schon ein Feldgeschrey Und weiß sich viel um dich...« Sie brachen ab und hielten, aus dem Tor gegen Westen herausreitend, unwillkürlich die Pferde an. Ruth aber richtete sich im Sattel auf und sah mit großen, glänzenden Augen vor sich in die Weite. Zum ersten Male schaute sie, die bislang nur die Greuel der Verwüstung kennen gelernt, die berauschende Pracht, die fürchterliche Größe des Krieges. Im Abendscheine wälzten sich zurückgehende Bayerische und ein Teil der kaiserlichen Armee der Reichsstadt zu. Alle Wege, alle Stege schienen lebendig geworden zu sein. In wimmelnden, endlosen Strömen ergoß es sich über die Hügel, durch die Täler, über die Felder dahin, als ringelten sich zahllose, silberglänzende Schlangen gemeinsam einer fernen Beute zu. Wie die Schuppen solcher Ungeheuer blinkten und glitzerten im Abendlicht tausendfach die Helme und Kürasse und Schwerter, und unter tausendfachem Hufschlag zitterte und grollte der zertrampelte Boden. In erschütterndem Klange stieg dumpfer Paukenschlag aus dem Strudel des träge dahinflutenden Fußvolks, über dem in regellosem Gewirr die Musketen schwankten, und ihm antwortete schmetternd und gellend aus der Mitte der hastig trabenden Fähnlein der Ruf der Drommete. Rossegewieher mischte sich in das Summen und Brausen der gewaltigen Menschenmassen, die in immer neuen Strömen aus der Ferne hervorquollen, und ein wirres Getöse von Stimmen, Flüchen und Befehlen durchzitterte die Luft. Am stärksten drang es aus den vorderen Kolonnen, wo unter Poltern und Donnern das grobe Geschütz, die Kartaunen, dann die Fallonets, Falkonen und Smeriglien, die Columbinen, Halb- und Viertelschlangen dahinkarrten. Zwanzig, dreißig Pferde lagen keuchend vor manchem der kunstvoll gearbeiteten, langen Ungetüme, die in buntem Troß der Oberkonstabel mit seinem Büchsenmeister, die Kondukteurs, Zeugdiener und Binder, die Batterie- und Rüstmeister, Petardiere, Harniceure und Feuerwerker umgaben. Die Karbatschen der Treiber fielen auf die Rosse hernieder, die Troßknechte griffen fluchend und brüllend in die Speichen der Räder und schoben mit, und langsam schwankten und knarrten, einen Trupp Edelleute vom Geschütz und Kommissäre an der Spitze, die Feldstücke ihres Weges, den schützenden Mauern zu. Dahinter die Generalität. Trotzige, selbstbewußte Gestalten in prunkvoller Tracht. Weiße Seidenmäntel bauschten sich aus dem Küraß heraus, spitze Federn starrten von dem Hute, und die weiten, kurzen Beinkleider, die kaum bis zu den in umgeschlagener Krämpe zurückfallenden Feldstiefeln reichten, flammten in feurigem Rot. Mitten unter ihnen Graf Gronsfeldt, der bayerische General, den Feldherrnstab in der Hand, dahinter in Schwärmen die Pagen und Knechte, die Trompeter, die ledigen Handpferde und leeren Kutschen. Und überall zu beiden Seiten wogten und wanderten die Völker, wimmelnd und unzählbar, als stiegen sie immer neu aus der Erde empor. Hinter ihnen hatte sich an fünf, sechs Stellen mehr der Abendhimmel blutrot gefärbt und schien die Sonne rauchig durch den Qualm der brennenden Dörfer, der in der Ferne immer dicker aufstieg. Doch niemand wandte sich nach dem altgewohnten Schauspiel um. Nach Augsburg strebte alles, der geängstigten Stadt, von deren sämtlichen Türmen ein banges Glockenläuten zum Himmel aufklang. Wie eine zweite, wandernde Stadt zog vor dem Heere der endlose Troß. Eine unübersehbare Wagenburg, die langsam, stockend und unter Flüchen und Drohungen der Weibel sich wieder entwirrend, über Aecker und Saaten dahinkroch, alles hinter sich verwüstet und verdorben zurücklassend, wie ein Heuschreckenschwarm. In viele tausend Stimmen mischte sich das gelle Gezeter der Soldatenweiber, das Gejohle der Troßbuben mit Peitschenknall und dem Geschrei der Treiber und klang das Stöhnen der Verwundeten, die auf den rüttelnden Wagen, in Stroh gebettet, lagen. Dazwischen trabten, in Rudel gekoppelt, die Beutepferde, und wanderten mißmutig die Gefangenen, abgerissene, finstere Kerle, mit Ketten aneinander geschlossen und von Reitern mit schußbereitem Feuerrohr bewacht. Andere Reiter umgaben die mit Mehl und Pulver beladenen Fahrzeuge, die den Feldbedarf des Heeres bargen, die schwerfällig dahintrottenden Rinder- und Schafherden, die rollenden Kriegskanzleien, die Kutschen und Sänften, mit denen das Gefolge der großen Herren, Diener, Hofnarren, Mohren und vielerlei Gelichter im Trosse zog. Wie im Traum ritt Ruth, von Panzerreitern umgeben, durch das bunte, entsetzliche Treiben hindurch und sah zu ihrem grimmen Beschützer hinauf, der offenbar in dieser waffenklirrenden, blutdünstenden Welt sich frei und freudig fühlte. Doch der von Habstein achtete nicht auf sie. »Dort hält eine Kutsche im Felde,« sagte er zu dem Paradeiser zu Villach, »mag sein, daß sie leer ist und der Jungfer etwas taugt!« Im Galopp sprengte er darauf zu und riß das Pferd plötzlich auf der Hinterhand zurück. Die Kutsche war nicht leer. Ein Schwerverwundeter saß darin, von seinem Diener gestützt. Man hatte nur angehalten, um ihm etwas Rast zu gönnen. »Erkennt mich der Herr Bruder nicht?« murmelte er, und als er ihm die Hand herausreichte, sah der Habsteiner, daß es der Obrist Sommeda war, ein tapferer, kaiserlicher Reiterführer. »Mich traf's gestern beim Scharmützel, und ich meine fast, ich muß, wie einst unser glorreicher Pappenheim, hier im Wagen, in währender Fahrt, verscheiden.« »Da sei Gott vor!« erwiderte der Obrist. »Wenn ich dem Herrn Bruder irgendwie dienlich sein kann –« Der Verwundete wehrte ab. »Tummelt Euch und reitet ins Lager, Habstein! Ehe dort die Sonne zum andernmal sinkt, habt Ihr dem Schweden das Weiße im Auge gesehen!« Herr Albin richtete sich kampfesmutig im Sattel auf. »Dünkt das dem Herrn Bruder also?« Sommeda winkte ihm mit der Hand, sich zu seinem Ohr herabzubeugen. »Wisset,« raunte er, »sie waren schon diesen Morgen da! Viele hundert Pferde stark waren sie ausgegangen, uns auf der Retraite zu suchen, in der Meinung, wir hätten uns aus Hunger, um eher zu bestehen, in kleine Partien zerstreut, – und sahen uns im Lager –« »Und griffen nicht an?« »Sie wandten eilfertig ihre Pferde und trabten davon, Mann für Mann, in langen Reihen, gegen Lauingen zurück. Wir ritten nach, kamen aber nur mit den letzten ins Handgemenge. Da löste ein schwedischer Junker seine Pistolen in unseren Haufen hinein. Habe ihn freilich beim Aufzucken des Krauts durch Hieb gefällt, war aber doch zu spät.« Der Verwundete preßte die Hand auf die Seite und lehnte sich in den Wagen zurück. Der von Habstein neigte sich noch näher zu ihm. »Und was, meint der Herr Bruder, intendiert nun der Feind?« »Er zieht von Lauingen herbei, was er an Völkern finden kann, um seinen Vorteil nicht außer acht zu lassen und uns morgen ohne die Bayern und das schwere Geschütz zu überrumpeln. Und kommt sein Fußvolk nicht mit, so attaquieret er uns mit den Reitern allein.« »Das ist eine schlimme Zeitung!« sprach der Obrist nachdenklich. Sommeda richtete sich wieder auf. »Der General Holtzapfel hat die Zeit her seiner kurz geführten Charge des Generalats wenig Stern gehabt. Er hat zwar den Konfederierten einigen Schaden zugefügt, doch nichts Fruchtbarliches ausgerichtet und dem Gegenpart seinen Vorteil nicht benommen. Wie aber kommt's, daß ihm nichts gelingt? Weil er ein Calvinist ist, und doch an der Spitze der katholischen Armaden. Man möchte freilich einwenden: Auch der Turenne ist des wahren Glaubens und streitet doch wider Kaiser und Papst und reitet neben Wrangel und den Evangelischen ins Feld. Aber man darf darüber nicht nachsinnen! Sonst muß man verzagen und kann nicht mehr erkennen, warum Krieg in der Christenheit ist!« Bei diesen Worten bewegten finstere Zweifel auch Herrn Albins Brust. »Gehabe sich der Herr Bruder wohl!« sprach er zu dem Verwundeten, schüttelte ihm die Hand und sprengte zu seinem Häuflein zurück. Es war beinahe völlig finster geworden. Hinter ihnen verhallten in der Nacht der Paukenschlag und Trompetenklang, das Pferdegeschrei und Wagengepolter und all das wirre Getöse der Armada. Vor ihnen aber hatte sich der Himmel in der Ferne mit einem seltsamen rötlichen Dunst umzogen. Wie der Widerschein einer fernen Feuersbrunst leuchtete es zu ihnen herüber. »Wir können nicht mehr fehlen,« rief der Obrist den Seinen zu. »Die Wachtfeuer der Kaiserlichen weisen uns den Weg. Halt' er sich bei dem Fräulein, Paradeiser, daß sie nicht von uns abkommt. Die Zeiten sind nicht geheuer. Es ist Blut in der Luft.« »Das ist landkundig, Ihre Gnaden!« erwiderte, sein Roß an Ruths Seite lenkend, der Wachtmeister in geheimnisvollem Ton. »Gingen doch gestern zur Nachtzeit die Tore von Augsburg ohne Lärm von selber auf und ward niemand gesehen, also daß sich die Wachen entsetzten. Und wenn Ihre Gnaden die Reiter ausforschen, die auf Feldwacht ausliegen: jede Nacht kommen die verstorbenen Knechte ans Feuer heran – man erkennt wohl den und jenen – und heben die Hände und winken. Habe doch selbst unlängst im lichten Mondschein das ganze Feld voll Kriegsleute gesehen, die in hungarischem Habit mit fliegenden Kopien aufgezogen sind.« Bei diesen Worten schauderte Ruth zusammen und blickte angstvoll auf den dunklen Boden nieder, der hohl unter den Pferdehufen klang. »Wir reiten über eine Brücke,« tröstete sie Herr Paradeiser, »ist die Schmutter, ein geringes Wasser, das bei Donauwörth in den Strom rinnt.« Und weiter und weiter trabten die Rosse. Nun waren sie dicht an dem Flecken Zusmarshausen, und deutlich hörten sie das Rauschen der zur Donau fließenden, vom Frühlingsregen geschwellten Zusam. Sonst über herrschte unheimliche Stille. Wohl schoben sich in einem Bogen flackernder Flammenpunkte die Wachtfeuer endlos vor ihnen im Halbkreis dahin und lohten davor noch durch die Dunkelheit die von den Piketts und Vedetten aufgehäuften Holzstöße; wohl hob sich, in riesigen, schwarzen Klumpen zusammengeballt, undeutlich die Wagenburg des Trosses von der Dunkelheit ab, aber nur selten unterbrachen die Stille das Wiehern eines Pferdes, sporenklirrende und in der Nacht verhallende Schritte, und draußen, vor den Feuern, die gedämpften Anrufe auf Losung und Feldgeschrei, unter denen die Parteigänger in die Nacht hinausschlichen und zurückkamen. Beklemmender als der gewohnte rohe Lärm des Lagers war diese atemlose Ruhe, die auf die Nähe des Feindes, auf ringsum lauernde Gefahr für Leib und Leben wies. Eine dumpfe, schwüle Spannung schien das ganze Dunkel und die in seinem Schutze lagernden Tausende und Abertausende zu umfangen. Und wo die Wachtfeuer knisterten und ihre zuckenden Lichter in die Nacht hinauswarfen, da sah man grimmige Gesichter voll finsterer Erwartung, Kerle, die ihre Waffen putzten und sorgsam Sattel- und Zaumzeug prüften, andere wieder, die heimlich die unglückbringenden, schmierigen Karten und Würfel beiseite gleiten ließen und mit Amuletten und Freisprüchen kramten. Vor einem Bauernhause, wo Holtzapfel sein Quartier aufgeschlagen, hielt der Reitertrupp. Doch in der Türe schon meldete dem Obristen ein Page, daß die Frau Gräfin zwar in dem Hause gewärtig, der Generalissimus aber gewillt sei, die Nacht, in Besorgnis eines Angriffs, im Lager zu verbringen. Ruth war völlig erschöpft, als sie der Quartiermeister aus dem Sattel hob. Wie im Traum sah sie ein niederes Zimmer vor sich, darin eine stolze, hochgewachsene Frau mit einem kleinen Mädchen zur Seite. Sie hörte, daß man sie die Frau Gräfin Holtzapfel nannte, und daß der Obrist sie jener präsentierte und mit kurzen Worten ihrer Sorge anempfahl. Dazu war die Gräfin gern bereit. »Wär' es nicht Christenpflicht,« sprach sie zu dem Obristen und faßte freundlich Ruths Hände, »so schon um Euretwillen, denn wirklich – alles andere hätte ich eher gedacht, das mir der gestrenge Habstein ins Haus bringen möchte, als gerade ein junges Fräulein! Aber Ihr habt's recht gemacht. Und nun nehmt Abschied von dem Fräulein. Der Graf, mein Gemahl, ist ungehalten, daß ich ohne sein Geheiß zu ihm ins Lager kam, und schickt mich morgen mit dem frühesten nach Augsburg zurück. So werdet Ihr uns nicht mehr vorfinden, wenn die Armada aufbricht.« 6. * Als der Obrist in das Dunkel hinaustrat, war sein eben erst zur Notdurft wieder aufgerichtetes Gelübde abermals geschädigt. Er hatte Ruths Hand ergriffen und lange in der seinen gehalten, ehe er ging, und ihr ins Auge geschaut, und es war ihm, als habe sie mit einem stummen Flehen seinen Blick erwidert, wie um ihn zu bitten, sie nicht allein zu lassen in den Fährnissen der Welt. Bitter war seine Reue, als er zu dem Lager schritt, aber das Geschehene ließ sich nicht ändern, und wäre es ungeschehen – er wußte, er würde es zum zweitenmal nicht anders machen. Er versuchte an die Kriegshändel zu denken, an die gefährliche Position der Truppen zwischen den beiden Gewässern der Zusam und Schmutter. Umsonst – lieber als in das Feindeslager hätte er, der feldberühmte Albinus Habstein, jetzt in jenes schwermütige, blasse Gesicht hineingeschaut, das ihn überall in seinen Sinnen verfolgte, und lieber als dem geheimen Kriegsrat, den jetzt wohl Wrangel und Turenne mit den Großen ihres Lagers hielten, dem weichen Wohlklang ihrer Stimme gelauscht. In lichtem Zorne stieg er ab und schritt zu einem hohen Feuer empor, das, von schildernden Musketieren bewacht, abseits von der Mannschaft loderte, auf der Kuppe eines Hügels, der bei Tageslicht einen weiten Ueberblick ringsum bieten mochte. Dort oben lagerten die Kriegsführer im Kreise um die Glut, hinter ihnen ein Schwarm von Dienern und Knechten, die Zügel der die ganze Nacht gesattelt bleibenden Pferde in der Hand. Der prasselnde Holzstoß warf gespenstisch flackernde Lichter auf die trotzigen, wettergebräunten Züge der kaiserlichen Offiziere, die da, in ihre Mäntel gehüllt, bunt durcheinander lagen und saßen. Neben Fürsten und Grafen aus uraltem Geblüt die Soldaten von Fortune, verwegene und verschlagene Abenteurer aus allen Ecken Europas; neben blutjungen Burschen von reichem Adel, die, auf eigene Faust im Heere mitziehend, darauf warteten, wann sich in der nächsten Schlacht die Sättel leeren und das Glück ihnen ein Fähnlein bescheren würde, die verwetterten Grauköpfe der Emporkömmlinge, von denen mancher noch als Troßbube den Anfang des Krieges geschaut hatte und wie aus längst verschollenen Zeiten vom Treffen am Weißen Berge und dem Winterkönig, von Albrecht Waldstein, von Tilly und Pappenheim und ihrem beherzten Feinde Gustav Adolf, von dem unheimlich gewaltigen Bernhard von Weimar bis zu den Tagen Torstensons und Baners erzählen konnte. Nun waren sie alle tot, die Kriegshelden, deren Name jetzt noch mit Ehrfurcht und Grauen am Lagerfeuer klang. In der Feldschlacht geblieben, ermordet oder sonst zugrunde gegangen. Unter den gemeinen Reitern war wohl der Tod an so manchem seit dem Jahre sechzehnhundertachtzehn achtlos vorbeigeschritten. Von den hohen Offizieren aber konnten sich nur wenige rühmen, schon damals an der Spitze eines bewaffneten Volks zu Felde geritten zu sein. Einer dieser wenigen saß – abseits von den anderen – im Gespräche mit einem jungen Edelmanne da. Ein Mann an der Schwelle des Greisenalters, mit finsterer Miene und durchdringendem Blick. In den Furchen seines sorgenvollen, eisenharten Gesichts lagen wie eingemeißelt die Spuren eines wildbewegten, in Sturm und Leidenschaft verbrachten Lebens. Ein Trompeter, einige Reiter und Knechte hielten sich ehrfurchtsvoll in einiger Entfernung hinter ihm und harrten seiner Befehle. Das war der Generalissimus der vereinigten katholischen Armaden, Melander Holtzapfel, den das Schlachtenglück von dem einstigen hessischen Roßknecht Eppelmann zum Reichsgrafen und Gewalthaber über des Kaisers Heer und Schicksal erhoben hatte. Den Kopf zur Seite geneigt, gab er halblaut dem jungen, schlachtenkühnen Herzog Ulrich von Württemberg seine Befehle, der ungeduldig, als könne er den Trompetenruf zur Attacke nicht mehr erwarten, in stutzerhafter Kleidung an seiner Seite saß. Ihre Worte verhallten in dem halblauten Durcheinander der anderen Stimmen. Nur ein Teil der Generale sprach Deutsch. Dazwischen klangen das Spanische und Italienische und blitzten zu den fremdartigen Worten die Augen in den gebräunten Galgengesichtern; ein Trupp Herren vom deutschen Hochadel, die zusammen dem Becher zusprachen, gab sich auf französisch Bescheid, und in ihrer Nähe zischelten die böhmischen Laute, in denen sich ein Paar verschlagen dreinblickender greiser Feldsoldaten, den anderen unverständlich, besprach. Holtzapfel schaute auf, als er die Tritte des Ankommenden hörte. In dem helleren Schein des Lagerfeuers trat noch mehr der grimme Trotz seines Antlitzes hervor, der Trotz des Abtrünnigen, der die Sache, der er ein langes Menschenleben hindurch mit dem Schwerte in der Hand gedient, verraten hat und zu zerstören willens ist. Alles hatte er nun von des Kaisers Gnade angenommen: den Reichsgrafentitel, die oberste Würde im Heer und die huldvollen Bestallungsschreiben. Aber calvinistisch war er doch geblieben, als er gegen seine Glaubensgenossen zu Felde zog, den Jesuiten der Hofburg zum Trotz. Und die päpstlichen Eiferer hatten sich mit seiner höhnischen Antwort bescheiden müssen, daß man jetzt, wo Schweden und Franzosen an den Grenzen der kaiserlichen Erblande ständen, in Wien nicht Zeit haben dürfe, Kriegsleute zu bekehren! Als er Herrn Albin sah, ging ein Lächeln über sein Gesicht. Der Habsteiner war ihm willkommen. Er erhob sich: »Ich begrüße den Herrn!« Der Feldobrist hatte den Hut zur Hand genommen und verbeugte sich. »Ich hoffe,« sprach er, »daß meine Kriegsfortune mich rechtzeitig daherführt, um morgen unter Ihrer Exzellenz dem Feinde den Weg zu weisen.« Holtzapfels Gesicht verfinsterte sich. »Hoffe der Herr Bruder nicht!« murmelte er und sah grimmig über das Meer von lodernden Wachtflammen, das sich zu ihren beiden Seiten scheinbar bis an den Horizont ausbreitete. »Die Not ist über uns gekommen. Früher zündeten die Knechte zur Kurzweil die Dörfer an. Jetzt mögen sie Geld bieten, was sie haben, und finden kein Brot mehr. So ist die Armada völlig von Kräften gefallen.« »Lasse Ihre Exzellenz mich mit meinen Kürassieren ausreiten« rief der Habsteiner, »ich schaffe Mehl, und sollt' ich's dem Teufel aus der Hölle holen!« »Für die Soldaten ließe sich Rat schaffen,« erwiderte der Generalissimus, »aber nicht mehr für den Troß! Der Troß verschlingt beides, das Land und die Armada. Ich habe zurzeit an vierzigtausend Soldaten. Im Trosse aber ziehen mehr als hunderttausend Menschen hinter mir her, Weiber und Buben und kleine Kinder, und was des kriegsuntüchtigen Gesindels noch mehr ist. Weiß Gott, wie die Erde das alles erzeugt. Aber es ist vorhanden, und wenn ich heute vierzigtausend Rationen Brot verteilen lasse, so bleiben hunderttausend Mäuler leer, und das Geschrei ist ärger als zuvor.« »Doch aber würd' ich mich hier maintenieren,« sprach der Habsteiner hartnäckig, »und in der Weisheit Ihrer Exzellenz befehlen, daß die bayerischen Völker und groben Stücke stracks kehrtmachen und eilends wieder hier ankommen.« »Und dann?« »Dann den Konfederierten die Zähne weisen! Ihr Fußvolk kann bis morgen nicht heran. Ihre Reiterregimenter aber, wenn sie sich zeigen, sollen übel zugerichtet werden und für die Keckheit büßen, daß sie sich heute mit ein paar Fähnlein bis unter die Augen Ihrer Exzellenz wagten!« Der greise Holtzapfel lachte auf. Es war ein böses, heiseres Lachen, aus dem etwas wie Verzweiflung klang. Er faßte den Obristen am Arm. »Komme der Herr mit mir!« Sie schritten den Hügel hinab, in eines der Regimenter hinein, die an seinem Fuße lagerten. Es war hier beinahe dunkel, die Wachtfeuer im Verglimmen, die Mannschaft in ihre Mäntel gewickelt, den Sattel unter dem Kopfe, schnarchend daneben. Dahinter standen, in langen Doppelreihen festgepflockt, die Rosse. Hier machte der Generalissimus Halt. »Fühle der Herr Bruder den Gaul da an!« sprach er und wies auf das nächste, im Dunkel kaum erkennbare Tier. Der Obrist tat es und erschrak. Seine Hand stieß sich beinahe an den Rippen, die aus dem Pferdeleib hervortraten. »Das nächste!« befahl sein Begleiter. Er tat's. Das Pferd war mager, wie Haut und Knochen. Ebenso das dritte, das vierte – jedes Roß, dem er von der Schulter zur Flanke fuhr. »Begreift der Herr nun?« klang neben ihm des Grafen Holtzapfel Stimme. »Die Pferde finden jetzt in der Maienzeit reichlich Gras, Aber um der Menschen willen, die mir verhungern, muß ich sie so travaillieren, auf- und niederhetzen und durchs Land streifen lassen, daß sie mir vom Fleisch gefallen sind und kaum mehr sich selbst zu tragen vermögen, geschweige denn einen Reiter in die Schlacht zu führen.« Herr Albin wendete sich verächtlich von den Rossen ab. »Es kommt auf den Obersten an. Wem gehört dieses Regiment zu?« »Es sind die Kürassiere von Habstein!« erwiderte der Generalissimus ruhig und wandte sich zum Gehen. »Doch der Herr wird fatiguieret sein. Es bleiben uns noch ein paar Stunden Ruhe.« Mit schweren Schritten, wie ein gebrochener Mann, stieg er den Hügel wieder hinauf und verschwand in dem Rauch des Lagerfeuers. Herr Albin ging schweigend durch das Lager seines Regiments, vorbei an den langen Reihen der Pferde und der wie Leichen den Boden deckenden Mannschaft, an den zerfetzten Standarten vorbei, die, in den Boden eingerammt, müde im Nachtwind sich blähten, vorbei an vereinzelten Zelten und Grashütten, in denen die niederen Offiziere kampfbereit in der Mitte ihrer Mannschaft ruhten. So kam er bis an die Front des Regiments. Dort, auf dem freien Platz, war es noch lebendig und schaukelten sich ein paar Fackeln in der Dunkelheit. Herr Paradeiser und seine Leute waren damit beschäftigt, ihm aus Laub und Stroh eine Unterkunft zu bereiten. Er wies sie fort. Die Nacht war ja trocken und lind. So warf er sich in das würzigschwellende Gras des Bodens nieder und starrte zu dem glitzernden Himmel über sich empor, während er Stunde um Stunde bis zum Morgengrauen düster und schlaflos dalag. 7. Seltsame Gedanken waren es, die in dieser Nacht durch Herrn Albins Seele gingen. Er dachte an seine Kindheit zurück, und wie ein Traumbild stieg das Schloß seiner Väter vor ihm auf, der alte Herrensitz im Odenwald, über dessen geschwärzte Trümmer jetzt wohl durch Nesseln und Buschwerk der Wolf auf Beute stieg. Und ein Gedanke erfaßte ihn: Wenn es Friede gäbe in deutschen Landen, so wäre es mit den Zeiten möglich, das Schloß wieder aufzurichten mit seinen Türmen und Zinnen, wie es einstmals stolz in das Tal hinabgeschaut, und den Wildwald auszuroden und dafür zu sorgen, daß neue Bauernhütten sich um das altersgraue Dorfkirchlein erhoben. Aber was ging ihn der Friede an? Er wollte ihn nicht und brauchte ihn nicht. Und wurde der Friede doch zu seinem Leidwesen geschlossen und stand man da, mit nichts als Narben, kein Feind im Feld, Schwert in der Scheide, Trompetenschall und Kriegsglück verweht – immer wieder wanderten seine Gedanken zu dem Herrensitze derer von Habstein, wie er sich hochragend aus rauschendem Bergwald erhob, und er sprach zu sich: Und wenn das feste Haus meiner Väter noch stände – was sollte ich dort, ein einsamer, abgedankter Kriegsmann? Da merkte er, daß er in seinen Gedanken nicht allein dort war! Ein Weib schritt ihm zur Seite durch das fröhliche Getümmel des Schloßhofes, sein schönes, junges Eheweib; aus dem Ziergarten draußen klang das Jauchzen spielender Kinder, und wie die Bäume, die vor dem Träumer im Maiwind rauschten, prangte der alte Stamm der Habstein in frischem Grün. Er fuhr entsetzt empor und stand auf. »Wenn das Hochwasser nur einen Ritz im Flutdamm findet,« dachte er ingrimmig und verstört, »so bricht es durch und reißt alles nieder und spottet der Menschenkraft. So gib der Sünde nur den kleinen Finger, und sie frißt dich mit Haut und Haar, und ist kein Entkommen mehr vor ihr. Nimm deinen Mut zusammen, Albinus Habstein, und streite wider den Versucher –« Schon dämmerte der Tag. Von fern her läutete, im Winde verzitternd, das Kapellenglöckchen von der Wallfahrt Unserer Lieben Frauen zu Laureta den schönen Maiensonntag ein. Während die weißen Morgennebel vor den Sonnenstrahlen schwanden, begann es sich tausendfach im ganzen Lager zu regen. So weit das Auge reichte, streckte sich das Gewimmel geschäftiger Krieger hin. Die Pferde wurden gesattelt, Feuergewehre und blanke Waffen noch einmal geprüft, dann ordneten sich die Musketiere zu Haufen; die Fähnlein, über denen im Winde die verblichenen Estandarten flatterten, lenkten ihre Pferde im Schritt aneinander, um zu Gliedern aufzureiten, und die Abhänge des Lagers hinunter kollerten und rumpelten die leichten dreipfündigen Stücke, die bei der Armada geblieben waren und nun im Trosse abrücken sollten. Um sie herum strömte das sonstige nicht streitbare Volk, Reiterjungen mit den überzähligen Pferden ihrer Herren, Schreiber, Profosse und Diener, verwundete Knechte, der Wagenburg zu, deren erste Kolonnen sich schon lange vor Tagesanbruch in Marsch gesetzt hatten. Endlos zog an den Ufern der Zusam die ungeheure Bagage dahin, eine Völkerwanderung, die sich schwerfällig und lärmend über die Straße wälzte, um endlich in den Sumpfwäldern zu verschwinden, die sich gegen die Schmutter hin erstreckten. So war es im Rücken der Kaiserlichen allmählich frei geworden. Schon begann auch die Armada selbst ihren Abmarsch, und mancher der Kriegsführer schien leichter zu atmen, als die Sonne höher und höher stieg, ohne den Angriff des Feindes auf die ausgehungerten Völker, auf die ermatteten Rosse des Kaisers zu bringen. Da plötzlich – jählings wandte sich alles im Sattel um – ein Kanonenschlag von dem Hügel, wo die letzten paar Feldstücke standen! Unmittelbar darauf ein zweiter Schuß, ein dritter – das altgewohnte Alarmsignal des katholischen Lagers. Der Feind war da! Aus der Ferne tönte schwacher Musketenknall, und kräuselten sich leichte Rauchwölkchen in der klaren Luft. Die Dragoner, die auf Vorposten gelegen, stoben einzeln und in Trupps im Galopp zurück, als einer der letzten ihr Obrist, zwei unablässig schmetternde Trompeter neben sich. Ab und zu machten einzelne der Berittenen Halt, sprangen vom Roß und lösten ihre Musketen in die buschigen Moräste hinein, aus denen ihnen, wenn sie, rasch wieder aufgestiegen, weiter jagten, vereinzelt aufzuckende Feuerblitze das Geleit gaben. Und schon sah man von dem Lagerhügel aus, wo finster und stumm Melander Holtzapfel inmitten seiner Offiziere hielt, ein undeutliches Flimmern und Blinken im Gelände. Dunkle, schwarze Klumpen strebten da eilfertig trabend vorwärts, über der verworrenen Masse der Rosseleiber schaukelten Hunderte und aberhunderte von Helmen und Kürassen im zitternden Sonnenlicht auf und nieder, und über ihnen schwankten in der Mitte der Fähnlein die aufrecht gehaltenen Standarten. Standarten überall und Reitermassen um sie her, und über sie zum blauen Himmel sich aufschwingend die langgezogenen Töne der Drommeten, zu denen von allen Seiten wie ein verstärktes Echo der Widerhall erklang. Ueber die Hügel trabte es heran, es wand sich in eiligem, funkelndem Gewimmel aus dem Dickicht der Sumpfwaldungen und zog sich in glänzenden Schuppenlinien den Talweg herauf. Die kaiserlichen Offiziere, die sich auf den Boden geworfen hatten und mit niedergesenktem Kopfe lauschten, standen finsteren Gesichtes wieder auf. Ein unheimliches, dumpfes Dröhnen belebte die Erde, wie die Luft unter den hundertfältigen Trompetenstößen zitterte, ein Trappeln und Poltern von Tausenden von Pferdehufen. Das war keine Streifpartei, die vor dem Lager hin- und hertournierte – das war die ganze Reiterei der Konfederierten, die da zum Angriff vorging! Die Feldherren selbst, Turenne und Wrangel, an ihrer Spitze. Auf einem Hügel dem Flecken Zusmarshausen gegenüber haltend, hatten die beiden jugendlichen Kavaliere die feindliche Stellung in kalter, forschender Sachkenntnis geprüft. Jetzt trennten sie sich. Wrangel ritt mit seinen Regimentern in vollem Trabe nach links ab, den Gegner zu flankieren, Turenne aber trieb sein Pferd dem Kapitän von des Obristen Kurke Dragonern entgegen, der ihm die Meldung brachte, daß die Dragoner der Vorhut die kaiserliche Armada auf den Höhen im Abmarsch befindlich getroffen hatten. Der Franzose überlegte nicht lange. Gestreckten Laufes kehrte der Bote zum Obristen zurück und brachte ihm den Befehl: »So greife der Herr in Gottes Namen an und bringe die Kaiserlichen auf die Sprünge!« * Knatternd und krachend schlug den aufwärts dringenden Dragonermassen der Gruß der Holtzapfelschen Knechte entgegen. Fünfzehnhundert Musketiere, das auserlesenste Fußvolk der Armee, standen auf den Pässen über dem Morast und empfingen mit stetigen Salven den Feind. Zehn Glieder hoch waren die Kompagnien, in denen ein ununterbrochenes Gewirre und Getümmel herrschte. Hatte ein Glied Feuer auf den Feind herausgegeben, so rannte es eilfertig nach rechts und links hinter die Front, um wieder zu laden. Das nächste Glied rückte vor und löste die beinahe mannslangen, auf hohe Gabeln gestützten Musketen, während die dahinter befindlichen Knechte in Eile aus den Holzkapseln, die sie am Bandelier auf der rechten Hüfte trugen, die Kugeln nahmen, das Pulver aus der Blechflasche holten und vorsichtig aus den Lederbeuteln die langen Lunten mit der durch eine weiße Kapsel geschützten, glimmenden Spitze herauszogen, um damit das lose auf die Zündpfanne geschüttete Pulver zu entflammen. Rasch kam vor diesen feuerspeienden Häuflein, die die Pässe krönten, und aus deren flammenden Reihen wie Igelstacheln die achtzehn Fuß langen Piken der Hellebardiere starrten, der Angriff der Schweden zum Halten. Zu Haufen zusammengekoppelt, von den Troßjungen geführt, liefen die ledigen Dragonerpferde den Abhang herab. Ihre Reiter waren abgesessen und fochten ebenfalls als Fußvolk, die Pikeniere in einem Haufen zusammengezogen, zu beiden Seiten eifrig in kleinen Klumpen feuernd die mit Musketen bewaffneten Reiter. So stand hier das Gefecht, und Schwede wie Franzose warteten in langsamem Feuerkampf die Zeit ab, wenn Wrangel mit den Seinen den Kaiserlichen in die rechte Flanke fallen würde. Dort hielt, solches Angriffs gewärtig, mit den anderen Reitern das Kürassier-Regiment von Habstein. Fünf Rosse tief stand, sich weithin erstreckend und von flatternden Feldzeichen überragt, die eisengepanzerte Front. Vor der Mitte der zehn Eskadrons die Leutnants, vor ihnen die Trompeter. Noch weiter nach vorn endlich die Rittmeister, den blanken Degen in der Hand, hinter ihnen die Knechte mit den Handpferden. Schwer saßen die unförmlichen, klirrenden Eisengestalten auf den grobknochigen dänischen Hengsten. Von den Reitern selbst war nichts zu sehen. Der eiserne Helm mit Visier, Halsberge, Doppelküraß und Tasseten, die eisernen Stulphandschuhe, die Beinschienen und hohen Stiefel mit ungeheuren Sporen verhüllten die Männer, die als die stolzeste Truppe der Armada mit Verachtung auf alles Kriegsvolk zu Fuße und zu Pferd herabsahen, das nicht wie sie die Rüstung trug und dem Feinde mit dem blanken Stoßdegen zu Leibe ging. Unter diesen alten, erfahrenen Kriegern war keine Aufregung des Kampfes zu bemerken. Zuweilen bog sich einer klirrend über den Pferdehals und prüfte die beiden langen, in den Halftern steckenden Pistolen, ein anderer schob sich ein sorgsam zusammengefaltetes Tuch unter den Helm, um sich vor überstarken Hieben zu schützen, oder rückte sich in dem ungeheuren Sattel zurecht, in dem er, wie zwischen zwei Kissen eingeklemmt, saß. Sonst aber blieb alles still und stumm, indessen von oben her verworren das Geschrei und Geböller des Kampfes erklang. Weit vor seinen Leuten hielt auf freiem Felde, nur von seinem Stabe gefolgt, der Obrist von Habstein und spähte, die Augen mit der Hand beschattend, in die Ferne. Oft schon war er mit dem Feind zusammengestoßen, hatte ihn der Friesenhengst, der ungeduldig unter ihm tänzelte, vor der donnernden Front seiner Eisenreiter in Pulverqualm und Tosen der Feldschlacht getragen. Aber so wie heute hatte es ihn noch nie zum Kampfe gedrängt. Das war der Ort, über den bösen Feind zu siegen, der ihm seit vorgestern so hart zusetzte! Im Wirbel des Handgemenges, wenn sich die Pferde im Sturm umeinander drehten und zu dem Aufleuchten der Pistolen Klinge und Küraß Funken sprühten, da fand man keine Zeit, an ein Mädchen zu denken, da wurde er wieder er selbst, der grimme Feldobrist von Habstein, vor dem schon mancher tapfere Reiter des Gegenparts lieber sein Roß im Bogen herumgeworfen, als den Degen mit ihm gekreuzt hatte. Unbändig regte sich in ihm die Streitlust. Heute – das fühlte und wußte er – heute mußte er siegen, zu seinem eigenen Seelenheil, das in solch unerschrockener Kriegstat Vergebung für die Sünden des gestrigen Tages finden mußte. Und näher und näher kamen die Schweden. Schon hörte man das Rasseln ihrer Kürasse in dem scharfen Trab der Kompagnien, deutlich sah man die Edelleute vor den Gliedern reiten und mit vorgestrecktem Degen unter den Stößen der Trompete die Richtung winken, die Richtung wider das Regiment Habstein. Wenn es ihm vergönnt wäre, den Feind mit blutigen Köpfen und leeren Sätteln seines Wegs zurückzuschicken, den Tag zu wenden, der für die Kaiserlichen und die gute Sache so unheilvoll zu werden versprach! Ein Gefühl wilden Triumphes stieg in dem Habsteiner auf, während er, wie es seine Gewohnheit vor dem Treffen, langsam und mit durchdringendem Blicke die Front der Seinen entlang ritt. Er sah nicht mehr die hohlwangigen Gesichter, die unter aufgeklapptem Visier ihn da und dort in finsterem Zweifel anstarrten, nicht mehr die abgemagerten Leiber der Hengste – heute mußte das Geschick ihm helfen und Mann und Roß zum Angriff stärken. Und kein gewöhnlicher Angriff sollte es werden, wo nach dem Brauche des Krieges die Reiter zuerst vom Sattel aus mit der Pistole einander beschossen und auf und nieder ritten, ehe sie sich entschlossen, die blanke Waffe zu ziehen – nein, diesmal wollte der von Habstein sofort den antrabenden Gegner im Choc überreiten und zerstreuen. Er rief den Rittmeister heran. Sein Gesicht war finster, seine Augen sprühten. »Es ist heute meine Maxime,« befahl er rauh, »daß wir mit Schwenken und Caracollieren nicht viel Krummes machen, sondern gerade auf den Feind zugehen und ihn chocquieren. Die beiden ersten Glieder sollen, wenn sie dem Feind das Weiße in den Augen sehen, Feuer geben. Die anderen aber ohne einigen Schuß sofort zum Seitengewehr greifen, dem Schwed' mit bloßem Degen unter die Rippen kommen und die Pistolen sich auf die meslée zur Reserve behalten!« Die Rittmeister sahen sich an und machten ernste Gesichter. Doch er schnitt ihnen das Wort ab: »Reiten die Herren zu ihren Kompagnien! Sie kommen uns sonst über den Hals!« Und sich im Sattel umwendend, gab er den Trompetern das Zeichen zum Angriff. Da geriet die eiserne Mauer klirrend in Bewegung. Langsam, wie zögernd, schoben sich die steifgewordenen Pferde im Schritte vor, dann wurde das Rasseln und Dröhnen stärker, die Fähnlein verfielen in Trab und alsbald in Galopp. Eng aneinander gepreßt, stoben sie in hallenden Sprüngen dahin, und immer lauter und gellender schrien vor der Front die Drommeten zur Attacke. Und ebenso rasch flog es kampfgierig von der anderen Seite heran, eine lange, flimmernde Linie, zwei, drei andere Linien weiter abseits, gegen die die übrigen Regimenter der kaiserlichen Reiterei, um nicht hinter den Habsteinern zurückzubleiben, schreiend anritten. Wie zwei Wetterwolken schossen indes die Königsmarckschen Reiter und die Habstein-Kürassiere aufeinander. Kaum sechzig Schritte trennten sie noch, und aus dem Galopp der Pferde wurde unter den Sporenhieben ihrer Reiter atemlose Karriere, daß der Boden unter dem Donner der dahinbrausenden Eisenmasse dröhnte und wie ein heißer Wirbelsturm der glühende Atem von Mann und Roß die kampfgierig nickenden Banner umwehte. Nun waren die beiden Eisenmauern aneinander. Im Sattel vorgebogen, die Hengste durch letzte Sporenstöße zu wütendem Anprall spornend, die Pistole in erhobener Rechten, um auf das Weiße im Auge des heranfliegenden Feindes zu zielen, erhoben die Reiter den gellenden Schlachtruf. »Jesus Maria!« brüllte es heiser, in wutverzerrten Tönen, und in rauhem Grimm schlug von drüben das »Gott mit uns!« der deutschen Reiter und fremdenartigen Klanges das »Immanuel!« der Schweden und Finnen dagegen. Eine lange Feuerreihe flammte im Augenblicke des Zusammenpralls von beiden Seiten ineinander. In ihrem grellen Aufleuchten stürzten da und dort schwerfällig klirrende Gestalten rücklings aus den Sätteln und überschlugen sich in der Gewalt des Ansturms nach vorwärts die getroffenen Pferde, ihre Reiter unter sich erstickend. Ihr Gebrüll, das Krachen der losgelösten Pistolen, das letzte atemlose Gellen der Trompeten, das alles verklang in dem donnerartigen Getöse, mit dem die Eisenmassen der Regimenter blitzschnell zusammenschmetterten und sich knirschend und krachend ineinander vergruben. Ein Wald von zischenden, flimmernden Klingen spielte im Maienschein über den wirbelnden Massen, die da in erstickende Klumpen geballt, dort in Reihen von Einzelfechtern aufgelöst, in Fetzen zerrissen und sofort wieder unter wütendem Geschrei ineinander strudelnd, sich über die Ebene wälzten. Metallisch klang, hundertfach sich zusammenwirrend, das harte Kracken der Schwerter auf dumpf dröhnenden Kürassen und Helmen, dazwischen aus Pulverschleiern heraus der kurze Knall der Pistolen und das schwere Poltern der aus dem Sattel Niederschlagenden. Wie im Sturme schwankten die Standarten über dem Gewühl von Pferdeköpfen und Eisenhüten, die Rosse wieherten, von ihren Reitern hin und her geworfen, in Angst und Zorn, und immer verzweifelter klang aus den lärmenden, im Eisenklirren sich über die Erde hindrehenden Staub- und Pulverwolken das »Jesus Maria!« derer von Habstein. Auch die Schweden schrien zu ihrem Gott. Und ihre Stimmen klangen heller und lauter. Sie hatten die Uebermacht für sich, und mehr und mehr neigte sich im Handgemenge der Sieg auf ihre Seite. Schon stob da und dort ein kaiserlicher Kürassier, der sein Roß unter sich ermatten fühlte, mit verhängten Zügeln aus dem Getümmel. Andere folgten ihm, die Hand an den bluttriefenden Schädel gepreßt oder mit Sporenstichen das von Kugeln durchbohrte Pferd zur Flucht treibend. Schon waren es nicht einzelne mehr. Ganze Klumpen lösten sich aus dem Gewirr der Feldschlacht. Versprengte Offiziere ritten dazwischen, ihre Leute lenkten die Rosse hinterher, und plötzlich, wie einem geheimnisvollen, gleichzeitigen Befehle folgend, wandte alles, was unter Habstein ritt, die Gäule zur Flucht. Auch die anderen Regimenter flohen. Weit hin, bis zu den Mühlen an der Schmutter, galoppierten in Schwärmen die flüchtigen Völker. Nur in den letzten Reihen, wo die verfolgenden Schweden hinter und neben den Kaiserlichen herjagten, krachten noch Schüsse und kreuzten sich die Klingen, und zu Hunderten fielen die kaiserlichen Reiter auf ihren ermatteten Pferden in die Gefangenschaft des Feindes, der unter Jauchzen und Trompetenstößen über das Schlachtfeld hin, wo die Verwundeten sich stöhnend wälzten und verstümmelte Pferde herumhumpelten, seine Reihen ordnete. In der Ferne löste sich die letzte Gruppe des Reitergefechtes auf. Albinus Habstein mit einigen seiner Getreuen war es, der als der letzte den Kampfplatz verlassen. Weithin hatte ihn ein Trupp schwedischer Reiter verfolgt. Aber da er nun schon den dritten von ihnen aus dem Sattel gestreckt und ihre Pistolen verschossen waren, zügelten sie grimmig ihre Pferde, und unter Flüchen und Drohungen schieden die beiden pulvergeschwärzten Häuflein voneinander. Das Wasser des Schmutterbaches plätscherte in rötlich gefärbten Strudeln dahin, während in verworrenen Trupps die kaiserlichen Reiter bei der Mühlenfurt die Pferde hindurchtrieben. Mancher erschöpfte Gaul brach hier noch, von den Wirbeln überwältigt, mitten im Flüßlein zusammen und bereitete seinem unbehilflichen, eisengepanzerten Herrn einen unrühmlichen Tod in den vom Frühlingsregen geschwellten Fluten. Dann krochen und kletterten die zersprengten Fähnlein auf der anderen Seite empor und ordneten ihre gelichteten Reihen. Ihnen gegenüber sammelte sich in lauernder Kampfbegier der Feind, durch Hügel in seiner linken, durch Waldgebüsch in der rechten Flanke gedeckt. »Der Tag steht bös!« Der alte erfahrene Paradeiser zu Villach war es, der das vor sich hinmurmelte und dabei prüfend nach links hinüberschaute, wo unter heftig aufsteigenden Rauchwirbeln und Musketengeknatter die Schlacht zwischen den feindlichen Dragonern und dem kaiserlichen Fußvolk in vollem Gang war. Die Musketiere waren schon aus ihrer zweiten Position geworfen. Von dem Hochplateau, wo sie gestanden, strömte es regellos zu dem Walde an der Schmutter herab. Die lange Muskete in der Hand, die Musketengabel am Seile hinter sich herzerrend, rannten die Knechte dem schützenden Dickicht zu, zwischen ihnen mit geschwungener Pike die Offiziere. Ein eilfertiges Krachen von Axtschlägen und Kommandorufe gellten aus dem Waldrand, aus dessen grünen Wipfeln langsam und zäh der graue Pulverdampf herauskroch. Dort verknickte und verschanzte sich das kaiserliche Fußvolk unter Melanders eigener Leitung zum entscheidenden Verteidigungskampf. »Heut' geht viel Volks verloren!« brummte der alte Quartiermeister grimmig. »Wird den Knechten auch dieser Vorteil benommen, so wird der Feind ihrer Meister und aller Stücke und des ganzen Trosses!« Da fuhr Herr Albin jäh im Sattel auf, und seine Augen blitzten aus dem pulvergeschwärzten Gesicht. »Wann ist, die Holtzapfelsche Gräfin aufgebrochen?« fragte er rasch. »Reist sie mit der Bagage oder allein?« »Früher als der Troß, Euer Gnaden! Um zwei Uhr des Nachts, sagten mir die Diener, sollte der Reisewagen bereit stehen. Ist sie da abgefahren, so muß sie und das Fräulein jetzt schon halbwegs Augsburg sein.« Einen Augenblick überlegte der Obrist. »Wir haben jetzt hier Rast mit dem Bataillieren!« befahl er kurz und herrisch, wie um jeden Widerspruch von vornherein abzuschneiden, »reite Er den Weg gegen Augsburg, Paradeiser, und sehe, ob sich die Holtzapfelschen Wagen salviert haben.« Der Quartiermeister wagte nichts gegen den ungeheuerlichen Befehl zu erwidern, der ihn mitten im Kampf hinter die Front schickte, und trabte zurück. Die Kapelle von der Wallfahrt Unserer Lieben Frauen zu Laureta, die an der Wegbiegung stand, gab ihm die Richtung. * Und dort fand er die Gesuchten. Einen Haufen Wagen und anderen Troß, der rechtzeitig über die Schmutter gegangen, ehe man die Brücke an den Mühlen abgeworfen. Um die Kapelle hatte sich alles im Halbkreis gedrängt, während von unten her dumpf und undeutlich das Brüllen des Kampfes scholl, aus dem Sumpfwald zur Linken, um dessen Besitz bereits Kaiserliche und Konfederierte in wütendem Handgemenge rangen. Der Ruf, der unten als Schlachtgeschrei zwischen Pulverqualm und Musketenkrachen heiser und hundertfach verhallte, der drang hin als Gebet, als verzweifelnde Bitte zu dem blauen Sonntagshimmel empor. »Jesus Maria!« klang es stammelnd von den Lippen der Edelfrauen, die für das Leben ihrer Gatten, der kaiserlichen Offiziere, zitternd vor dem Muttergottesbild an dem Kapelleneingang knieten, und »Jesus Maria!« kreischten und zeterten hinter ihnen die Soldatenweiber um das Leben ihrer Beschützer und Ernährer. Jetzt gab es keinen Rang und Stand. Die gemeinsame Not machte alles gleich. Selbst die Profosse und Gemeinwebel, die eigentlich nicht an Tod und Teufel glaubten, falteten unwillkürlich in Not und Sorge die Hände und hörten auf das laute Gebet der Feldpfaffen, die, alle Weiberstimmen übertönend, unermüdlich ihr » Sancta virgo, ora pro nobis! « erschallen ließen. Und immer betäubender wurde unten der Lärm der Schlacht, immer massiger die dichten Pulverwolken, die sich über den Wald dahinwälzten, immer leidenschaftlicher die jammernden Gebete der Frauen vor dem Muttergottesbild, das im Strahlenkranze, vom Maienschein überflutet, sanft lächelnd auf sie herabsah. * Erbittert wogte unten der Kampf. Von drei Seiten hatte die feindliche Kavallerie den Wald umstellt, in dem Melander mit dem Kern des kaiserlichen Fußvolks den Rückzug seines Heeres und Trosses verteidigte. Und schon waren da und dort die schwedischen Panzerreiter, die französischen Dragoner in den Waldsaum eingedrungen. In dem krachenden Unterholz begann das Handgemenge, zwischen den zu Tode bedrängten Musketieren und dem wohlberittenen Feind. In Haufen vermochten die Scharfschützen hier in der Enge des Waldes keinen Widerstand zu leisten. Sie verschanzten sich zu zweien und dreien in dickem Buschwerk, das sich hemmend um die Hufe der verfolgenden Rosse schlang, sie verbargen sich unter den Baumwurzeln, die aus dem sumpfigen Boden sich emporwölbten, und wateten bis an die Knie in die morastigen Stellen, in denen die schwergepanzerten Gegner versinken mußten. Aber der Feind setzte ihnen unerbittlich zu. Stunde auf Stunde verstrich, und immer weiter arbeiteten sich die Konfederierten von drei Seiten in den Wald, zu Hunderten die Leichen der kaiserlichen Knechte hinter sich lassend, und immer drohender und angriffslustiger klangen fast schon im Rücken der Musketiere die Trompeten Wrangels und Turennes. Mit starrem Antlitz hielt ihr Gegner, Graf Holtzapfel, mitten im Getümmel des Kampfes. Was die um ihn feuernden Knechte, die wütend fluchenden Offiziere nur erst dumpf ahnten und kaum auszusprechen wagten – er wußte es genau: der Tag war verloren und mit ihm alles, was in dem Walde da stritt, mit ihm der Troß und die Schätze des Heeres, mit ihm die Ehre des Feldherrn. Er war geschlagen, bis zur Vernichtung geschlagen von seinen Glaubensgenossen, die er verraten. Der Zorn des Kaisers, der Spott der Feinde erwarteten ihn am Ende eines langen, sieggekrönten Lebens. Der Generalissimus trieb sein Pferd an. Er ritt zu einer Lichtung, zu deren beiden Seiten das Feuergefecht zwischen seinen Musketieren und den abgesessenen Dragonern drüben am heftigsten tobte. Er sah, wie seine Knechte ihm durch den Lärm zuschrien und ihm winkten, um ihn zu warnen. Er sah, wie drüben ein Offizier ihn scharf ins Auge faßte und, mit der Pike die Richtung weisend, den nächsten seiner Leute etwas zurief. Gleich darauf blitzte es drüben jählings auf. In Schulter und Brust getroffen sank der Generalissimus Holtzapfel zu Tode verwundet aus dem Sattel ... Ein gellendes Geschrei, das von Mund zu Mund dahinlief, verkündete der Armada das neue Unheil und gab den Feinden doppelten Mut. Unaufhaltsam drangen sie vor, und wie die Stunden langsam verstrichen, ging durch den dampfenden Sumpfwald bis zu den Ufern der Schmutter hin das Morden seinen Gang. * Nun war es Abend geworden. Zwischen den Bäumen verhallte der Kampf. Das kaiserliche Fußvolk war nicht mehr. Von den dreitausend Knechten, die dem Anprall des Feindes sich entgegengestellt, sahen nur noch kleine Häuflein die Sonne untergehen. Aber des Blutvergießens war noch lange kein Ende. Der siegestrunkene Feind hatte sich nach links gegen den Schmutterbach gezogen, da wo die von den Kaiserlichen schnell noch abgeworfene Mühlenbrücke hinüberführte. Gelang es ihm, die Furt zu passieren, dann gab es am nächsten Morgen kein kaiserliches Heer mehr. Dann wurden nicht nur die Reste der Kaiserlichen vernichtet, sondern auch die unter dem unentschlossenen Gronsfeldt heranziehenden Bayern in die Niederlage verstrickt. Aber jenseits der Furt standen die kaiserlichen Kürassiere, das Regiment von Habstein auf dem rechten Flügel. Und durch das hochgeschwollene Frühlingswasser hindurch den grimmigen Gesellen in die Zähne zu gehen, das war eine Tollkühnheit, vor der selbst der verwegene Königsmarck zurückschrak. Zornig ritt er mit den Seinen vom Ufer zurück und gab dem schweren Geschütz der Schweden die Bahn frei, das jetzt endlich, am Abend der Schlacht, heranpolterte. Die Mühlen am Flusse brannten lichterloh. Ihr flackernder Schein, mit der letzten Sonnenglut gemischt, übergoß die schwerfälligen, feuerspeienden Ungetüme, die in den Hügeln am Flusse sich einwühlten und nach bangen Pausen der Erwartung mit brüllendem Donner ihre Ladung hinüberschleuderten, in die langen Mauern von Roß und Eisen, die ihnen dort starr gegenüber standen. Wo solch ein Geschoß hinschmetterte, da klaffte jählings eine Lücke auf, und in ihr sah man die Leiber der sich am Boden wälzenden Pferde und die hilflos ausgestreckten oder schreiend durcheinander kriechenden Gestalten der Gewappneten. Und eine Stück-Kugel folgte der anderen und schlug eine blutige Bresche nach der anderen in die Reihen der Panzerreiter. Schon schwärmte es an dem ganzen Ufer von ledigen Pferden und zog sich ein Gewimmel von mühsam tappenden Verwundeten nach rückwärts – und ungeduldig sich im Sattel wiegend, erwartete Königsmarck den Augenblick, da sich die Kürassiere vor dem mörderischen Geschützfeuer zurückziehen und ihm den Uebergang auf das andere Ufer gestatten würden. Aber die Kürassiere hielten still. Sie wußten, daß das Schicksal der Armaden davon abhing, den Feind nicht über den Fluß zu lassen, und dauerten im Feuerhagel aus. Suchend ging der Tod ihre Reihen entlang, er holte sich da und dort einen heraus, immer mehr und mehr. Die Offiziere fielen, ganze Fähnlein schwanden zusammen, und es erfüllte sich, was Wrangel grimmig sagte, als ihm die einbrechende Nacht die letzte Hoffnung auf Fortsetzung des Kampfes nahm: »So wollen wir wenigstens dem Kaiser seine Reiter dergestalt zurichten, daß er auf lange Zeit hinaus wenig Dienst davon zu gewarten haben wird.« Bis ins tiefste Dunkel hinein feuerten die Geschütze. Drüben am anderen Ufer wußte man nicht mehr, wer lebte und wer tot war, konnte man kaum mehr den nächsten Nachbar erkennen. In Haufen, wie sie sich gerade zusammenfanden, ritten die noch rüstigen Panzerreiter am Flusse auf und nieder, oft stolpernd über Rossesleiber und die Leichen der Gefallenen. Dann endlich blitzte drüben der letzte Schuß auf. Der Lärm der Schlacht verhallte. Ein ungeheures Stimmengewirr zog brausend in der Nacht über die Felder und Hügel, und in langgezogenen Tönen riefen überall die Trompeten zum Sammeln. Auf den Höhen ob der Schmutter, wo sich in tumultuarischem Biwak die geschlagenen Völker ordneten, um in der Nacht noch unter die Mauern von Augsburg zu rücken, hielten abgesessen die Reste der Habsteinischen Kürassiere. Da und dort kamen noch Nachzügler hinzu, pulvergeschwärzte, finsterblickende Kerle, die zu Tode ermatteten Rosse am Zügel. Und wieder lange Trompetenstöße! »Heran, was unter Habstein reitet!« schrien, im Sattel vorgebeugt, die Hauptleute aus heiseren Kehlen in die Nacht hinaus, und die Kornetts schwenkten bei Fackelschein die Standarten. Manch einer kam noch. Nur einer nicht, den man vor allem suchte. Der Feldobrist von Habstein selbst blieb aus. Man hatte ihn zuletzt gesehen, wie er, schon in halber Nacht, allein dicht an das Ufer vorritt, in der Besorgnis, daß die schwedischen Reiter doch einen Uebergang versuchen könnten. Seitdem war er ausgeblieben und alles Forschen vergebens. Denn noch war der Mond nicht aufgegangen, und in schwarzen Schleiern legte sich die Nacht über die letzte Feldschlacht des Dreißigjährigen Krieges. * In Augsburg herrschte ein wildes Getümmel. Die Kunde von der großen Niederlage der Kaiserlichen trieb alles schreckensbleich auf die Gassen. Noch waren die geschlagenen Armeen selbst nicht angelangt, aber das zügellose Gesindel, das vor ihnen herströmte, zeugte deutlich genug von den Verheerungen des Tages: diese Troßknechte, von deren Pferden die abgeschnittenen Geschützstränge herabhingen, die entlaufenen Reiterjungen, mit Roß und Waffen ihrer gefallenen Herren ausgerüstet, die heulenden und jammernden Soldatenweiber, die ihre Ernährer verloren, das alles zog in Schwärmen durch die Gassen dahin, durch das Gewühl der geflüchteten Bauern, der gewaffneten Bürger, und ihr Geschrei mischte sich in das Glockenläuten von den Türmen. Und schon kamen auch die Verwundeten – erst einzeln, dann immer mehr und mehr, in ganzen Haufen. Leicht Beschädigte, die fluchend zu Fuß dahinhumpelten, vornehme Herren zu Roß, auf ihre Diener gestützt, Sterbende, in Karren auf Stroh gebettet oder von Knechten getragen. Vor den Barbierhäusern und den Wohnungen der Chirurgen drängten sie sich in Massen. Da trieften Stiegen und Flure von Blut, auf den Höfen lagen, in Tücher gehüllt, die Verstorbenen, die man, um Platz zu schaffen, herausgetragen, und an den Wänden hin kauerten und saßen die Gequetschten, wie sie der Kriegsgebrauch nannte, abwartend, bis die Reihe an sie käme. Mitten durch diesen Wirrwarr bahnte sich ein unverletzt Gebliebener den Weg, der Quartiermeister Paradeiser zu Villach, und hielt vor dem Hofe zur Traube an, wohin man den wunden Generalissimus gebracht. Er ging durch das Schenkzimmer hindurch, an Haufen verwundeter kaiserlicher Offiziere vorbei, die, mit Blut und Pulverschleim besudelt, in zerfetzten Kleidern und zumeist betrunken, durcheinander fluchten und stritten, über den Hof hin, wo reglos und unbeachtet ein toter Mensch in einer großen Blutlache lag, und die engen Stiegen hinauf bis zu den Gemächern Melanders. Im Vorzimmer standen Ruth und um sie herum in schweigenden Gruppen die Freunde und Diener des Hauses. Die Gräfin war drinnen bei ihrem Gemahl, um den sich eben die Aerzte mühten. »Guten Abend, Fräulein!« sprach Herr Paradeiser stockend. »Ja – das sieht bös aus – hier im Hofe und in der ganzen Stadt. Alle Häuser sind voll von Verwundeten, und die meisten vergehen den Chirurgis unter den Händen, und ist überall Geschrei und Wehklagen.« Ruth trat heran und schaute ihm bang ins Gesicht. Herr Paradeiser räusperte sich. Er sah sehr ernst aus. »Ich bin da, um für Euch Sorge zu tragen,« sprach er. »So hat es mir der Herr Obrist von Habstein anbefohlen, für den Fall, daß er es selbst nicht vermöchte.« Zwei Hände umspannten angstvoll seine Faust. »Wie ist's um ihn –?« hörte er ihre halberstickte Stimme. »Herr – ich bitt' Euch um Jesu willen!« Der alte Quartiermeister wiegte trübe das Haupt.. »Ich weiß es nicht, Fräulein,« murmelte er und sah zur Seite. »Er ist verschollen. Er liegt irgendwo auf dem Schlachtfeld, und wir können ihn nicht mehr suchen. Denn die ganze Armada geht eilends bei Morgengrauen über den Lech zurück.« Ruth antwortete nicht. Ihr Blick verlor sich träumend wie in weiter Ferne. Herr Paradeiser begriff das nicht. »Es scheint dem Fräulein nicht ans Herz zu gehen,« sagte er etwas ärgerlich, »um so besser! Und da ja das Fräulein hier gut aufgehoben ist, im Hause des verwundeten Herrn Generalissimus –« Er brach ab. Die Türe zum Nebenzimmer öffnete sich. Der Arzt erschien auf der Schwelle. Von innen klang es wie ersticktes Schluchzen. Die Gräfin und ihr Töchterchen knieten an dem Lager. »Die Chirurgi sind nun nicht mehr von nöten,« sprach der Arzt, zu den Umstehenden gewandt, »sorgt für die Holtzapfelsche Frau Wittib und das kleine Fräulein.« Und er wies rückwärts auf das Bett, auf dem die starre Leiche Melander Holtzapfels lag, und tiefes Schweigen trat ein. Der Quartiermeister fühlte sich am Arme berührt. »Herr, führt mich zu ihm!« sprach Ruth ruhig und langsam. »Gern!« Herr Paradeiser wollte sie in das Nebengemach geleiten, das sich mit dem verstörten Gefolge zu füllen begann. Sie sah ihn erstaunt an und schüttelte den Kopf. »Zu ihm!« wiederholte sie und wies in die Ferne. Herr Paradeiser riß die Augen auf. »Zum Herrn Obristen Habstein?« Sie nickte. »Der liegt ja draußen – irgendwo – in der Nacht – auf der Heide!« »So führt mich dahin, wo er liegt!« Der Quartiermeister sah sie mitleidig an. »Das Fräulein ist wohl närrisch geworden!« sprach er endlich kurz. Ruth blickte dem alten Kriegsmann fest ins Gesicht. »Und Ihr lasset den Obristen dort verkommen und verderben?« »Wir haben alles getan, um ihn zu finden,« erwiderte der Quartiermeister. »Mit Fackeln haben wir unsere ganze Stellung abgesucht, wiewohl die Schweden von drüben auf unsere Lichter feuerten. Es war umsonst. Es muß ihn eine Kugel am Ufer getroffen und das Wasser ihn fortgerissen haben.« »So suchet nochmals, wenn es Tag wird.« »Dann wäre der Herr Obrist, wenn er noch lebt, längst vom Feinde gefangen! Aber zudem darf ich meine Fahne nicht verlassen. Und nun gehabe sich das Fräulein bis morgen wohl. Ich muß zum Lager zurück.« Bald darauf sah einer der kaiserlichen Offiziere, der am Toreingang des Hofes zur Traube verdrießlich mit verbundenem Schädel lehnte, eine in einen Mantel gehüllte schlanke Gestalt auf sich zukommen. »Verzeihe der Herr!« klang eine helle Stimme, »geht es hier gen Westen?« »Ja.« »Sind da die Tore offen?« »Heut nacht in dem Getümmel mögen sie offen stehen. Wollt Ihr hinaus?« »Ja!« »Wohin?« »Aufs Schlachtfeld!« Der Offizier trat einen Schritt zurück. Er erkannte Ruth, die er am Nachmittag mit der Gräfin Holtzapfel gesehen. »Ist das Fräulein von Sinnen? Ihr lauft dem Feind in die Hände.« »Ich habe einen Dolch bei mir,« sagte Ruth ruhig, »und ich muß hin!« »Aufs Schlachtfeld – wo es von Gesindel wimmelt? Das tun Soldatenweiber, die ihren Liebsten suchen, aber nicht ein adeliges Frauenzimmer.« Ruth hörte ihn nicht mehr. Sie ließ den Verblüfften stehen und wanderte hinaus in die Nacht. 8. Der Hengst warf seinen Kopf, an dem zerrissen die Zügel in das Gestrüpp herabhingen, ungestüm in die Höhe und wieherte in das Dunkel. Nichts antwortete ihm als das unbestimmte Tönen und Summen des Schlachtfeldes, ein Wirrwarr gespenstischer Geräusche, dumpfes Klagen aus weiter Feme und geheimnisvolles Wispern hinter dem nächsten Busch, da wie ein geller Aufschrei, dort wie ein heiseres, leises Lachen, undeutliches Hundegekläff, das Schluchzen von Weiberstimmen, das alles bald in dumpfem Murmeln verklingend, bald in verdoppelter Stärke vom Nachtwind über das mondscheinüberflutete Blachfeld dahingetragen. Und wenn auch der Nachtwind verstummte, dann belebte das Rauschen des Schmutterbachs das schweigende Dunkel. An den rauchenden Mühlen vorbei, von dem Sumpfwald her, zwischen dessen nachtdunklem Geäst jetzt noch der Pulverdampf brütete, durch die zertrampelten, blutbespritzten Uferböschungen hindurch wälzten sich die silbern glitzernden Fluten, und in ihrem eilfertigen Geriesel spiegelte sich der Glanz der Sterne. »So rinnt das Menschenleben dahin!« dachte Herr Albin bei sich und versuchte die Hände zu falten, »flüchtig und vergänglich und trügerisch wie eine Welle. Man kann es nicht fassen und nicht aufhalten in seinem Lauf zu unbekanntem Land. Aber den Widerschein des Himmels sehen wir doch in ihm und können uns darob trösten in unserer Not –« Und die Not war groß. Um die steile Böschung, die er am Abend, von einer Kugel aus dem Sattel geschleudert, jählings herabgestürzt war, plätscherten und wogten die Wellen. Schon war sein Körper zum Teil vom Wasser bedeckt, und in den zwei Stunden, die er, wieder zum Bewußtsein gekommen, wachend verbrachte, hatte er es deutlich bemerkt, wie unter ihm mehr und mehr das lockere Erdreich schwand, wie das Wasser immer stärker über ihn hinrauschte. Entrinnen aber konnte er ihm nicht. Schon der Wunde wegen. Immer noch floß das Blut aus dem tiefen Loch, das ihm die schwere Musketenkugel zwischen den Fugen des Harnisches hindurch in die Brust geschlagen, und er fühlte sich zum Sterben matt. Aber wenn auch seine Kräfte noch ausreichten, den Uferrand zu erklimmen, wo oben, von den im Weidengestrüpp verstrickten Zügeln festgehalten, sein Roß stand – der schwere Panzer hielt ihn zurück. Die eiserne Schutzwehr, die er angelegt, ward jetzt sein Verderben. Er konnte sich in ihr nicht rühren und regen. Tiefer und tiefer glitt er hinab. Er fühlte, wie es unter ihm nachgab, Viertelstunde auf Viertelstunde, und konnte schon fast die Zeit berechnen, wo die spülenden Fluten über seinem Kopfe in einem Kreise zusammenstrudeln und lachend im Mondschein weiterplätschern würden. Das war eine böse Aussicht und ein unrühmliches Ende für einen wackeren Reitersmann. Der von Habstein blickte zum Himmel auf, in das tausendfach glitzernde und funkelnde Geheimnis, das sich über ihm wölbte. Der kühle Maiwind strich über sein bleiches Gesicht und trocknete die vom Sturze blutverklebten Haare. »Ein böses Ende,« wiederholte der Obrist bei sich, und finster wurde sein Blick. Aber ihm geschah recht! Das war der Lohn für seine Sünden! Durch das blutigste Gewühl der Feldschlacht hatte ihn die Vorsehung bisher unversehrt geleitet, und er wußte wohl, daß ihn seine Reiter für einen durch Zauberkünste Gefeiten hielten. Aber warum waren bislang die Kugeln rechts und links an ihm vorbei gegangen? – warum die Schwerter stumpf geworden, die ihm auf Helm und Harnisch klirrten? – Weil er seine freiwilligen Schwüre treulich gehalten. Heute aber hatte er in währender Feldschlacht an ein Weib gedacht. Und das war die Vergeltung. Um dieses Weibes willen hatte er seine Gelübde verletzt und mußte mit schwerem Herzen hinübergehen, voll Zorn und Grimm, daß er am Ende seines tatenreichen, strengen Lebens in die Fallstricke geraten, die ihm der Teufel in alter Tücke gerade jetzt gelegt, wo Reue und Besserung nicht mehr möglich waren. Am Ende seines Lebens! – Herr Albin hatte nie viel Wert auf sein Dasein gelegt, und als er es jetzt nochmals überdachte, da kam es ihm einförmig und trostlos vor. Immer und immer dasselbe Bild – der Lärm des Lagers, das Brausen der dahintrabenden Schwadronen, die wüsten Saufgelage der Genossen, die brennenden Dörfer und zerstörten Städte, das Lärmen und Böllern des Scharmützels – das war seit Jahren sich alles gleich geblieben. Herr Albin mußte seiner Vorfahren denken, der Männer, die da ritterlich und rüstig auf ihrem Schlosse thronten, in Friede und Wohlstand, in heiterer, unverdrossener Sorge sich mühend für sich – und Weib und Kind – Freilich, seine Vorfahren starben nicht elend und verlassen. Herrn Albins Gedanken begannen unstät zu wandern. Jene ließen Liebe und treues Andenken auf der Welt zurück, wo bei der Kunde von seinem Tode allenfalls die Reiter einen rauhen Fluch murmeln und ein oder der andere Feldobrist in finsteren Gedanken sein: »So hat's auch den einmal getroffen!« zu den Genossen sprechen würde. Er war allein auf der weiten Welt – und das einzige Wesen, nach dem er sich sehnte in seiner Sterbestunde – das war ja gerade das Werkzeug des Bösen! Der Obrist schauderte und schloß die Augen. Ein bitterer Zug spielte um seinen strengen Mund. Wahrlich, seine Vorfahren hatten es besser! Er durfte in kein teilnehmendes Antlitz schauen, ihm fuhr keine liebende Hand noch einmal über die Stirne – – Da legte sich etwas Weiches und Warmes auf sein schmerzendes Haupt und strich ihm in angstvoller Sorge die Haarbüschel aus dem Gesicht. »Herr, lebt Ihr noch?« hörte er eine bebende Stimme. Er schlug die Augen auf und schaute stumm in das blasse Gesicht, das sich über ihn beugte und aus dunklen Augen zu ihm herabsah. Und seltsam, er empfand keine Ueberraschung! Es kam ihm jetzt plötzlich wie selbstverständlich vor, daß sie bei ihm war, wie er bei ihr in Not und Sorge, und eine wunderbare Wärme belebte seinen erstarrten Leib. »Noch leb' ich,« sprach er, »aber nicht mehr lauge. Ich muß hier untergehen!« »Warum, Herr?« »Weil ich nicht von der Stelle kann. Die Rüstung zieht mich auf den Boden nieder und in das Wasser hinein.« Ruth antwortete nichts, sondern kauerte neben ihm an der Erde hin und begann mit geübter Hand, wie sie es bei ihrem Oheim gelernt, die Riemen und Schnallen von der Halsberge und dem Küraß, von den Tasseten, den eisernen Stulpen und den Beinschienen zu lösen und sein Haupt vom Gewicht des Helmes zu befreien. Er ließ es stumm geschehen. Nur einmal sah er sie an und fragte: »Wie kommt Ihr hierher?« Er merkte, wie sie zusammenschauderte. »Fragt nicht,« sagte sie, »... ich weiß es selbst nicht. Nie hätte ich geglaubt, daß es so Furchtbares auf der Welt gibt als ein Schlachtfeld. Mein Blut ist erstarrt von all den Greueln.« »Und doch gingt Ihr weiter?« »Ja.« »Und warum tatet Ihr so?« »Weil alle anderen Menschen Euch verlassen hatten!« Sie löste die letzten Teile der Rüstung ab, daß Herr Albin erleichtert aufatmete, und schaute zu der steilen Böschung hinauf. »Kein Wunder, daß Euch die Reiter im Dunkel hier unten nicht fanden. Mir wies der Mond den Weg.« Sie stand auf und schlüpfte am Wasser hin nach oben. »Geduldet Euch einen Augenblick, Herr. Ich bin gleich wieder da.« Sie verschwand. Herr Albin griff sich stöhnend nach der Brust. Eine dicke Kruste von geronnenem Blut bedeckte das zerschossene Koller. Mühsam langte er nach seiner Feldschärpe, die neben ihm lag, und schlang sie, unter der Schulter verknotet, um die Wunde. Da hörte er schweres Plätschern und Schnauben. Es war sein Gaul, der das Flußbett heraufkam, von Ruth den schmalen Uferrand entlang am Zügel geführt. »Weiter oben ist eine flache Stelle,« rief sie, »an ihr kann der Hengst auf- und niedersteigen. Versucht es, Herr, ob ich Euch in den Sattel helfen kann.« Herr Albin schob sich, so weit er konnte, die Böschung aufwärts. Er stemmte den Fuß in den Bügel und hob sich mit äußerster Anstrengung empor. An die Mähne sich klammernd und auf Ruth gestützt, gelangte er in den Sattel, zwischen dessen hohen Kissen ein Herabgleiten nicht zu befürchten war. Vornübergeneigt, die Hände auf den Widerrist des Gaules gestemmt, setzte er sich mühsam zurecht, und zum ersten Male schoß ihm der Gedanke, ob er nicht doch am Leben bleiben könne, durch seinen betäubten Kopf, während der Hengst den Uferrand gewann und, von Ruth geführt, in die Nacht hinausschritt. Wohin – vor allem nur hinweg von den Lagerlichtern des Feindes, die undeutlich noch in der Ferne als rötliche Dunstmassen glänzten. Aber in welcher Richtung dann? Ruth hatte sich den Weg gemerkt, den sie gekommen, und lenkte das Pferd dorthin. »Dort ist Augsburg,« sprach sie und wies in die Ferne. Er nickte ihr zu und sah besorgt zum Himmel auf. Schon lange hatte einzelnes Gewölk den Horizont da und dort umzogen, jetzt schob es sich dichter zusammen, zu einer Regenwand, die immer höher aufstieg. Schon war sie am Rand des Mondes angekommen, ehe die beiden einige hundert Schritte zurückgelegt, schon trübte sich sein Licht, und plötzlich war er ganz verschwunden. Tiefe Finsternis umgab sie. Eine Weile ging es noch vorwärts. Dann blieb Ruth stehen. »Herr, ich weiß den Weg nicht mehr. Und mein Arm ist lahm. Ich kann das Pferd nicht in der Richtung halten.« »Da laßt es gehen, wohin uns Gott führt,« sprach Herr Albin langsam und beinahe feierlich, »wir sind in seiner Hand und wollen beides von ihm nehmen – Glück und Mißgeschick.« So zogen sie weiter durch das rabenschwarze, im Regen rauschende Dunkel. Zwei einsame Menschen, so einsam und verloren, als wäre alles andere um sie geschwunden, als wären sie allein noch übrig in dem Nichts, dem schwarzen, schweigenden, unzerreißbaren Schleier, der sie ringsum in seine nassen Falten hüllte. Sie konnten nichts um sich sehen, während sie so durch die Nacht dahindrangen, eine lange Stunde, eine zweite, eine dritte – weiter und immer weiter weg vom Feinde, vom Streit und Kampf der Welt, in den Waldesfrieden hinein. An dem Rauschen über sich, an den nassen Zweigen, die ihr Gesicht streiften, wußte Ruth, daß sie schon seit geraumer Zeit sich quer durch Walddickicht hindurcharbeiteten. Die Wurzeln krachten unter den Hufen des Pferdes, und unter Ruths leichten Schritten bog sich der weiche Moosboden und knackten die dürren Zweige. Sonst umgab sie ringsum die feierliche Stille der Wildnis. Da plötzlich ein schweres, dumpfes Donnern. Die Hufschläge des Pferdes hallten auf steinernen Fliesen wider, wie wenn es dröhnend durch einen endlosen, mit Quadern gepflasterten Saal dahinschritte. Und doch rauschten über ihnen die Bäume, und floß in Strömen der Regen vom Himmel; dann, während sie weiter über den geheimnisvollen Estrich gingen, hörte plötzlich das Geriesel von oben auf. Es war, wie wenn ein Dach sich schützend über ihnen wölbte und Mauerwände den Nachtwind fern hielten. Was das bedeutete, wo sie sich befanden, das wußte Ruth nicht. Nur das eine empfanden beide aufatmend, daß sich ihnen hier ein vor Mensch und Tier geschützter Zufluchtswinkel bot. Auch eine Türe mußte sich an dem Eingang befinden, durch den sie offenbar gekommen. Das Knarren verrosteter Angeln wies Ruth die Richtung. Sie tappte im Dunkeln danach, sie fuhr mit der Hand über eine modernde, dicke Holzfläche dahin und erfaßte den Riegel. Das tat sie bang und hastig und schob mit zitternden Fingern das schwere Eisen vor. Denn aus der regendünstenden Nacht draußen klang immer näher das heisere Belfern der Wölfe, das sie schon auf dem Wege mit Schrecken gehört, und ihr war es, als ob grünlich glitzernde Augenpaare sie gierig aus der Dunkelheit anstarrten. Nun waren sie geborgen. Herr Albin sank schwer aus dem Sattel. Er antwortete auf ihre Fragen nicht mehr. Und während sie sich bang und stumm um ihn mühte, stieg fern über den Waldwipfeln in fahlem Dämmerschein der neue Tag empor. 9. Durch die geborstenen Kirchenfenster kroch das Schlinggewächs des Waldes herein, es rankte sich am Boden hin über die grasumsproßten Quadern und hing in grünen Ranken von den Mauern herab, über denen statt des geschwundenen Holzwerks der blaue Himmel als Dach sich spannte. Die Kanzel, die noch unversehrt, dem Wind und Wetter preisgegeben dastand, verschwand fast unter der Fülle des Buschwerks, das rings um sie grünte. Die Sommervögel nisteten darin. Sie schwirrten ab und zu, und wo sie eiligen Fluges an die noch regenfeuchten Zweige stießen, da sprühte es wie ein Perlenregen im Sonnenschein durch die Luft. Tiefe Stille ringsum. Leise kam zuweilen der Wind aus dem Walde in das zerstörte Kirchlein herein, daß das Gras sich bebend neigte und die jungen Bäume zu flüstern begannen. Dann schwand er wieder, und nur das mutwillige Trillern der Finken und Grasmücken klang aus den Laubverstecken hervor. Dort bauten sie ihr Nest. Von der Sakristei aus, dem einzig wohnlich erhaltenen Raume, in dem er lag, beobachtete der Obrist von Habstein träumend ihr wunderliches Tun – wie sie Halm um Halm herantrugen, in unermüdlichem Eifer, sich ein Heim zu schaffen, wie die Pärchen zwitschernd umeinander kreisten und sich gegenseitig in ihrem fröhlichen Eifer zu ermuntern schienen. »Wie geht es Euch?« fragte neben ihm Ruths Stimme. Mühsam wandte Herr Albin den Kopf. »Mit mir steht's übel!« sprach er und sah ihr lange ins Auge. Sie schaute besorgt auf ihn nieder. »Ich habe Speise und Trank gefunden,« flüsterte sie und deutete auf einen Krug mit Milch, der neben ihm am Boden stand, »auch die Decken hier, um Euch ein Lager zu bereiten, und was uns sonst not tut,« Das erstaunte den Obristen. »Wo fandet Ihr das?« »Nebenbei liegt ein steinernes Haus,« berichtete Ruth, »dort mag der Pfarrherr gewohnt haben. Auch viele Holzhütten ringsum, aber alles verwüstet und verlassen.« »Und doch gab es im Pfarrhause noch Milch und Brot?« »Das und vieles andere! Selbst Bücher sind da! Es ist, als ob jemand dort gehaust und diese Nacht, wie er das Pferd trampeln und wiehern hörte, sich aus Angst geflüchtet habe –« »Das ist seltsam!« sprach Herr Albinus. Ruth kniete neben ihm am Boden. »Nun, Herr, da uns die Gnade Gottes das alles in unserer Not beschert hat, müßt Ihr genesen! Versucht, ob Ihr aufstehen könnt. So führe ich Euch hinüber.« Der Feldobrist schüttelte das Haupt. »Ich kann nicht aufstehen, Ruth – und werde es nicht mehr können. Hier liege ich und werde sterben und doch in meiner letzten Stunde noch fröhlich sein –« »Worüber, Herr?« »Daß Ihr um mich seid, Ruth. Nun weiß ich's ja, daß Ihr mit dem Teufel nichts gemein habt!« Ruth bekreuzigte sich. »Hat das der Herr je geglaubt?« »Und ob ich's geglaubt habe,« erwiderte Herr Albin ernst und gewichtig. »Steckt doch in jedem Weibe ein Teil vom Bösen. Aber in Euch nicht! Unbußfertiger und sündenfälliger als gestern abend hätte mich der Teufel nie haben können. Das war ein fetter Bissen für ihn, und er streckte schon die Krallen aus – da kamt Ihr –« »Gott sei Dank, Herr, daß ich Euch fand.« »Und habt mich ihm entrissen, so daß ich noch Buße tun kann, ehe ich sterbe. Also seid Ihr des Teufels Widerpart und mir vom Himmel geschickt. Und dafür dank' ich ihm und dank' ich Euch –« In solcher Rede verwirrten sich Herrn Albins Gedanken. Seine Augen schlossen sich, und aus der Kraftlosigkeit sank er wieder in Ohnmacht hinüber. Stumm und still saß Ruth an seinem Lager. Die Stunden rannen dahin. Längst hatte die Sonne den Zenit überschritten, schon blinkten ihre schrägen Abendstrahlen durch das Blättergewirr, und eine herbe, würzige Kühle drang aus dem Walde. Herr Albin bewegte sich nicht mehr. Seine Wangen brannten in Fieberglut, seine Lippen murmelten zuweilen unverständliche Worte, und er atmete schwer, die Hand auf die Wunde gepreßt. Es dämmerte schon stark, als er plötzlich ihre Rechte erfaßte und zu reden begann. »Ruth,« sprach er, »es geht zu Ende. Ich fühle es. Solch ein Loch in der Brust ist tödlich, wenn kein Chirurgus sich des Blessierten annimmt und ihm das Blei aus dem Leibe zieht. Den haben wir nicht – so muß ich vergehen. Wachet bei mir, Ruth, und betet mit mir!« »Was soll ich beten, Herr?« fragte Ruth. »Eure Jungferngebete taugen nichts, wenn ein Kriegsmann mit dem Tode abgeht,« erwiderte der Obrist unwillig, »ich selbst aber kann vor großer Schwäche nicht mehr sprechen. Ihr sagt, im Pfarrhaus drüben liegen Bücher Da mögt Ihr einen Psalter oder derlei finden und mir daraus vorlesen.« Er hörte das Rauschen ihres Kleides, wie sie leichtfüßig davonschlüpfte. Dunkler und dunkler wurde es um ihn her. Er wußte nicht, ob schon seine Augen erloschen oder die Nacht einbrach. Aber nein, es war die Nacht. Denn deutlich sah er jetzt von dem hochgelegenen Waldhügel aus die roten Dunstkreise am Horizont, den Flammenschein der Dörfer, der jetzt bei niedersinkender Finsternis grell hervortrat. »Die Schweden hausen nicht schlecht!« dachte er bei sich, »wenn sie das Land derart weiter devastieren, so werden sie sich zwischen Lech und Donau nicht lange halten können. Denn in Augsburg selbst ist auch nichts mehr zu holen –« »Was mußte auch der Melander die Bayern dorthin zurückschicken? Hätten wir sie zur Hand gehabt – gestern – der Tag hätte anders ausgeschaut. Wir hätten ihre Reiter aus dem Feld geschlagen, und ich mit meinen Kerlen wäre ihnen in Geschützwerk und Fußvolk gefahren, wie der Wolf in die Schafhürde –« Seine Gedanken waren bei der Schlacht des gestrigen Tages. Er malte es sich aus, wie man den Feind hätte schlagen und verfolgen können bis zur Vernichtung, daß selbst die Troßbuben im Blute wateten und die Pferde von einem Leichnam über den anderen schritten. Früher hatte es solche Schlachten gegeben – am Weißen Berge, bei Lutter, bei Nördlingen und bei vielen anderen Okkasionen, aber jetzt – es war doch eine erbärmliche, kleine Zeit. Von den Unseren mögen dreitausend geblieben sein, dachte Herr Albin, von den Schweden kaum tausend! Was will das heißen – vernichten hätte man die Feinde sollen bis auf den letzten Mann – Ruth kam zurück, scheu und blaß. Mit leeren Händen. »Wart Ihr nicht drüben, Ruth?« Sie zögerte. »Ich fürchte mich, Herr,« gestand sie endlich. »Als ich vorhin ins Haus lief, da war mir's, als ob dort etwas lebte. Ich sah eine Gestalt im Dämmerlicht, die mir leise winkte, und entsetzte mich –« »So laßt es!« erwiderte Herr Albin und sah in tiefen Gedanken hinaus in das Abenddämmern. Ueberall glühte es jetzt am Horizont auf. Die feurige Lohe floß da und dort ineinander, daß es in großen, blutigen Dunstschleiern den Himmel umsäumte. Lange Flammengarben stiegen etwas näher kerzengerade zum Himmel auf, in loderndem Flackern leuchtete es aus verborgenen Waldtälern, und von da, wo in besonders mächtigen Glutwolken der Brandschein sich am Himmel widerspiegelte, zog dumpfes Glockensummen wie eine verzweifelte Klage durch die Luft. Ruth sah das Meer von Feuer und Flammen, das überall aus dem Nachtdunkel sich emporhob. »Sind das Wachtfeuer?« fragte sie schaudernd. Herr Albin lachte grimmig. »Das sind die Reisefackeln, die Schwed' und Franzose dem greisen Kurfürsten zu seiner Flucht aus seinen Landen aufstecken, um seinen Abfall zu rächen. Sie verstehen ihr Handwerk. Was zwischen Lech und Donau noch steht, ist morgen Schutt und Rauch.« Schweigend sahen die beiden hinaus in die Ebene. Es brannten die Dörfer und flackerten die armseligen Hütten, es lohte auf den hochgelegenen Burgen und schlug in feurigen Garben aus den Marktflecken und Städtchen empor. »Da kommen heute nacht viel Menschen um,« flüsterte Ruth und sah mit großen verstörten Augen hinaus in die Büsche, in denen, unbesorgt um Menschenleid und Menschenhaß, die Nachtigallen mit ihrem Sang die Maiennacht erfüllten. »Hunderte und Tausende kommen um. Die Feinde haben die Oberhand und zahlen uns heim, was wir an ihnen getan haben!« Der von Habstein ballte die Hände. Er fühlte den Schmerz der Wunde und mehr noch den Grimm der Niederlage und am meisten das Grauen des Todes. Er, dem sonst der Tod Lagergenosse und Lebensgeselle gewesen, der Stund' um Stund' bereit gewesen, unversehens aus dem Kreis der Männer um ihn abzuscheiden wie sie von ihm – er, der sich sein Ende nie anders gedacht als auf grünem Feld vom Feind erschlagen, unter sich die Erde und über sich die stillen Sterne nach der Schlacht – er, der dann frohen Muts, ein Kriegsmann und doch sündenfrei da oben an Petri Tor pochte – er mochte jetzt das Leben nicht lassen, seit eine Frauenhand ihn pflegte, und je härter die Wunde ihm zusetzte, desto zäher spannte er seine Kräfte wider sie an und lag stundenlang wie im Ringkampf mit den Griffen eines Feindes und hielt die Augen auf. Aus der Ecke der Sakristei hörte er das tiefe Atmen Ruths, die ermattet in Schlaf gesunken war. Vor ihm, in dem grasübersproßten Kirchenschiff stand weidend der angepflöckte Hengst. Scharf hoben sich seine mächtigen Umrisse von dem hellen Mondschein ab, der über Strauchwerk und Gemäuer flutete. Und in dem Mondschein lag vor ihm sein Leben, und seine Gedanken gingen durch das Menschenalter des dreißigjährigen Kriegs in die Zeit zurück, da er ein Kind gewesen. Ein Bub in der Klosterschule. Damals, in junger Unvernunft, hatte er an Menschen gehangen und sich nach Menschen gesehnt und Menschen liebgehabt. Die Heiligen hatten auf ihn herniedergeschaut und ihm nicht das Getümmel lärmender Fähnlein und fliehendes Bauernvolk und den Vulcanum in brennenden Dörfern gewiesen, sondern ein fremdes, gelobtes Land weit überm Meer. Er hatte den Heiland am Berge stehen sehen und um ihn herum die schauernd lauschende Menge, die Aermsten der Armen, mit feuchtglänzenden Augen und verzücktem Gesicht. Und eine feierliche Stille webte ringsum in der seltsamen, farbenprächtigen Landschaft, leise wiegten sich die Palmen, es glitzerten die blauen Fluten, weiße Tauben spielten und kreisten über den Häuptern der zahllosen Menge, die über alle Hügel hin, alle Abhänge hinab schweigend auf den Knien lag. Und wie dies Bild im Schweigen der Frühlingsnacht dem Colonel von Habstein vor Augen stand, da war es ihm, als sei er selbst schon einmal in jenem Land gewesen und aus ihm herausgeschritten in den Kampf auf Erden. Ein Bild aus diesem Krieg war da auf einmal vor ihm. Eine Mondnacht wie heute, nach gewonnenem Treffen. Das Wirrwarr im Feindeslager, so wie es Schwed' und Sachse eilends geräumt. Durch Schanzkörbe und Palisaden und das Reichsstädtlein dahinter war er im Gefolge der großen Herren gestiegen und hatte dort müßig ein von einer Kugel durchlöchertes Büchlein vom Boden aufgelesen. Kein Latein, sondern in geringer deutscher Sprache. Und hatte selbiges Büchlein aufgeschlagen und, wo er es aufschlug, auf einer versengten Seite gelesen: »Liebet Eure Feinde! Segnet, die Euch fluchen! Tut wohl denen, die Euch beleidigen und verfolgen!« Da hatte er gemerkt, was er in Händen hielt, und es von sich getan, und, da der fürstliche Generalissimus sich umgewandt und ihm gefragt, was er habe, flugs erwidert: »Nichts, Ihro Gnaden!« Vor Jahrzehnten war es gewesen. Er hatte es längst vergessen. Er wußte nicht, warum es ihm nun wieder in den Sinn kam. Immer greller war der Brandschein am Himmel geworden. Mit dem bläulichen Mondlicht stritt die blutige Lohe, die ringsum den Horizont umsäumte. Halb unbewußt begann der Habsteiner die Flammenpunkte zu zählen, soweit sie sein Blick erreichen konnte. Es waren hundert und mehr. Hundert Weiler und Dörfer, Burgen und Marktflecken leuchteten da als glühende Fackeln durch die Nacht, entzündet von denen, die um den Gott der Liebe kämpften. Der sieche Feldobrist legte das Haupt zurück und seufzte schwer. In der Brust – da saß ihm die Kugel und nahm ihm langsam das Leben. Er fühlte es förmlich, wie der Tod näher und näher kam. Er glaubte ihn vor sich zu sehen, wie er leise durch die Finsternis heranschlich. Herr Albin fuhr sich über die Augen und sein Gesicht verzerrte sich. Wahrhaftig – da kam etwas heran – eine dunkle Männergestalt – langsam, wie zögernd schritt sie durch das Gras hindurch und in die Sakristei und stand vor dem Lager des Kranken. Sollte das der Tod sein? Der Habsteiner hatte sich ihn grimmig und furchtbar gedacht. Aber in diesem bleichen, bärtigen Gesicht, das sich über ihn beugte, war wohl Mitleid zu lesen, aber kein Zorn und kein Haß gegen die Menschen. »Ihr seid verwundet!« sprach der Fremde, »ich will Euch beistehen, soweit das bißchen Kunst noch reicht, das mir hier in der Einsamkeit geblieben ist –« Der Habsteiner richtete sich auf. »Wer seid Ihr?« »Kein Feind!« Der andere kniete nieder, um den Verband zu lösen. »Ich hause hier in den Trümmern. Als ich Euer Kommen hörte, verbarg ich mich im Dickicht.« »Wir tun Euch nichts zu leide!« murmelte Herr Albin bitter, »eine schwache Jungfer und ein todsiecher Reitersmann jagen zusammen noch keinen Hund vom Ofen!« »Ich sah die Jungfer,« erwiderte der Fremdling und beugte sich über die Brust des Obristen. »Liegt still, daß ich Eure Wunde prüfen kann!« Die freigelegte Wunde begann aufs neue zu bluten. Darüber wurde der Colonel abermals kraftlos. Vor seinen Blicken dunkelte es und er verlor das Bewußtsein. Erst nach geraumer Zeit schlug er die matten Augen wieder auf. Der fremde Helfer saß noch immer neben seinem Lager. »Der Kugel seid Ihr ledig!« sagte er und zeigte ihm den wunderlich zerdrückten Eisenklumpen, »und Eure Wunde ist verbunden, wie es Menschenkunst eben vermag. Was weiter kommt, steht nicht in unserer Hand.« Der von Habstein schob ihm mühsam die Hand hin. »Ich danke Euch, Herr! Laßt mich Euren Namen wissen.« Der andere schüttelte den Kopf und sah ihn wieder seltsam an. »Was soll der Name? Sorgt Euch nicht darum! Seht Ihr da draußen die verbrannten Hütten und eingeäscherten Höfe dieses Walddörfleins? Ich gedenke der Zeit, da die Häuser aufrecht standen und von Menschen bewohnt waren. Denn ich war Pfarrer hier in der Gemeinde.« »Und der Feind kam?« »Zehn Jahre sind's her! Es war an einem schönen Sommerabend, da lag das Dorf noch still und friedlich in dem grünen Wald! Vom Turm der Kirche läutete das Abendglöckchen, auf der Gasse lachten die spielenden Kinder, die Alten standen müßig vor den Häusern, Da hörten wir ein Klirren und Trappeln aus weiter Ferne, es kam näher und näher und brach in unser Dorf ein –« Herr Albin schaute in das Dickicht und die Trümmerreste im Walde: »Und Ihr konntet die Brandschatzung nicht zahlen?« »Am anderen Morgen,« sprach der Fremde, »war das Dorf so, wie es seitdem geblieben ist. Zuweilen scharren die Wölfe jetzt noch die Knochen aus der Erde. Ich habe ja freilich die Reste der Erschlagenen alle begraben. Ich, der einzige, den die Reiter im Irrtum für tot liegen ließen, als sie weitertrabten –« »Hatten die Reiter denn keinen Führer über sich?« »Wohl hatten sie das!« »An ihn hättet Ihr herantreten sollen und es ihm vorstellen, ehe es zu spät war.« Wieder blickte ihn der Fremde an: »Auf einem hohen Hengste hielt der Hauptmann hier an der Kirche und befahl, das Dorf in Asche zu setzen! Und als ich vor ihm stand und bat, da sprach er: ›Es jammert mich wohl um Euch; aber ich kann Euch nichts helfen. Denn mein Volk ist ausgehungert und ich bin seiner nicht mehr Meister!‹ Und nun ...«, der Fremde stand auf, »nun ruhet und sehet, daß Ihr schlafen könnt. Ihr braucht Eure Kräfte, Herr Obrist von Habstein!« Mit jähem Rucke erfaßte Kerr Albin die Hand des anderen. »Woher kennt Ihr mich und meinen Namen?« Und wieder fühlte er jenen rätselhaften Blick auf sich ruhen. »Ich kenne Euch wohl und nicht seit heute. Sehet, wo jetzt Euer Roß grast! Unweit davon saßet Ihr damals auf Eurem Hengst, es war ein mächtiges, lohfarbiges Tier – dicht an der Kirche und wieset Eure Knechte an, sie zu verbrennen. – Und schaut, nun will es die allmächtige Fügung, daß Ihr im selben Kirchlein, das Ihr zerstört, auf den Tod daniederliegt!« Herr Albin schüttelte verstört das Haupt. »Wie soll ich das ausdenken? Ihr hättet mich doch gleich erkennen müssen, wie Ihr zu mir herankamt!« »Ich habe Euch erkannt!« »Und habt mich gepflegt und verbunden – mich. Euren Todfeind –?« Der andere nickte. »Ihr seht: der Mensch vermag es!« Der von Habstein schwieg. Erst nach geraumer Zeit wagte er wieder aufzublicken und fragte: »Glaubt Ihr, daß ich am Leben bleiben werde?« Der andere schüttelte den Kopf: »Ich meine, Ihr werdet sterben! Aber ich will Euch pflegen, so gut ich es vermag!« Ruth war durch seine Worte erwacht. Ohne den Fremden noch zu bemerken, trat sie leise zu ihm heran. »Fehlt es Euch an etwas?« fragte sie besorgt. Herr Albin sah zu ihr auf. »Mir fehlt's an vielem!« sprach er, »und deiner bedarf ich vor allem, Ruth – denn du bist rein und ich bin sündig. Du bist makellos und ich bin verworfen und verdorben.« »Ihr, Herr? Da sei Gott vor!« »Doch bin ich's, und hätte der Arkebusier drüben mich etwas aparter aufs Korn genommen, so hätte ich es für diese Zeitlichkeit nie erfahren. So aber wird mir die Neuigkeit hienieden noch kund und ist mir zu Sinn wie einem Mann, der lange durch dicken Wald gezogen ist, und hält und sieht: Der Weg war irre! und mag von Stund' an nicht weiter. Das ist mir aufgegangen im Augenblick, wo ich Euch gestern über mir gesehen hab', und hat mich so wenig mehr verlassen wie mein Schwert neben mir und ist stärker als das Schwert und des Schwertes Widerpart.« »Herr, das begreife ich nicht!« »Hier links ist das Schwert und rechts bist du! Links ist der Haß und rechts, was nicht des Hasses ist. Da bist du und bist Gottes und mir von Gott gesandt ...« »Herr ...« »Eben war einer da und ging still wieder weg durch diese Pforte – der hat es mir gewiesen, daß man die Zeichen und Wunder nicht an der Himmelsfeste oben suchen soll, sondern auf Erden. Nicht bei den Menschen auf Erden, sondern in sich selber. Nicht den bösen Feind in sich, sondern den barmherzigen Gott. Gottes höchste Barmherzigkeit aber hat sich mir offenbart und heißet Liebe ...« »Herr ..., denkt an Eure Wunde! Ihr sprecht zu viel ...« »Ich bin jetzt still! Gib mir die Hand, Ruth, und steh' mir bei! Ich will wie ein rechter Kriegsmann kämpfen wider den Tod, damit du mir das Leben weisest!« 10. Der Herbststurm fuhr über das verödete Land. Selten, daß die Windsbraut da und dort einen einsamen Wanderer, einen versprengten Reiter auf den regendurchweichten Pfaden und Feldern traf, dem sie den Mantel um die Ohren schlagen konnte, daß er einen grimmigen Blick zudem graubewölkten Himmel hinaufwarf. Es war wenig Volks mehr in der Gegend um Augsburg. Längst waren die Schweden und Franzosen gegen Osten gezogen, um nach erfochtenem Siege in die österreichischen Erblande einzufallen, und allmählich nur wagten sich jetzt wieder, von Salzburg her, die Kriegsknechte des Kaisers und des Kurfürsten in die bayerischen und schwäbischen Gefilde zurück. Kleine Reitertrupps schwärmten ihnen voraus. Die mochten noch am ersten in den verdorbenen Dörfern Notdurft für Mann und Roß gewinnen. Und die brauchten sie. Zum Lagern im Freien war die Zeit nicht mehr angetan. In Reifnächten und Regenschauern verkündete – zum einunddreißigsten Male seit Beginn des Krieges – der Winter sein Nahen, und der Pferdehuf verhallte dumpf in dem welken Herbstlaub, das in feuchten Klumpen den Boden bedeckte. Das war den beiden Kürassieren lieb, die einsam ihres Weges trabten. So hörte niemand, den es nichts anging, von ihrem Ritt. Paradeiser zu Villach, der dicke Quartiermeister, hatte eine Weile in tiefen Gedanken zwischen den Pferdeohren hindurch auf den unter ihm hingleitenden Waldboden gestarrt. Jetzt wandte er sich plötzlich zu dem schwarzen Nickel, der, das Faustrohr in der Hand, neben ihm ritt. »Und er lebt doch!« sprach er gewichtig – »ich sage dir, er lebt!« Der schwarze Nickel zuckte die Achseln. »Ich lasse nicht ab, ihn zu suchen!« fuhr Herr Paradeiser fort. »Kein Mensch hat ihn auf dem Schlachtfeld gefunden! Wir haben beim Widerpart anfragen lassen, und was kam für Meldung? ›Es sei den Herren herzlich leid, aber der Herr Obriste sei noch nicht in ihrer Gewalt! – Kein Troßbub hat seinen Hengst gesehen – kurzum, er selbst und alles, was mit ihm war, ist wie vom Erdboden verschwunden.« »Aber wo kann er denn geblieben sein?« knurrte der andere. »Ich hab's schon zwei- oder dreimal erlebt,« sprach der Quartiermeister, »daß wir im einsamen Walde Menschen fanden, die da vor sich hin hausten und sich in Abscheu von uns wandten und in ihrem zerstörten Geiste nichts mehr mit der Christenheit gemein haben wollten. Das kann leichtlich einem widerfahren, der mit Wunden im Dickicht liegen gelassen ward und, wenn er wieder aufkommt, allein mit sich blieb und dem bösen Geiste – und davor will ich den Herrn Obristen bewahren!« Der schwarze Rickel lachte. »Dem frommen Herrn kann der böse Geist nicht beikommen!« Herr Paradeiser faltete verzweifelt die Hände. »Hast du's denn nicht gesehen, du Tropf? Als wir am Tage vor der Zusmarshauser Schlacht den Herrn Obristen zum erstenmal suchten, siehe – da kam er angeritten auf einer schlechten Bauernstute, und das Unwesen saß hinter ihm im Sattel und verwirrte seine Vernunft, daß wir am nächsten Morgen keine Fortune wider die Königsmarckschen Reiter hatten und er selbst verloren ging – « »Des ist das Fräulein doch nicht schuldig!« Der Quartiermeister seufzte über so viel Verblendung. »Ein Fräulein?! Wisse – am selben Abend sah ich sie noch im Hof zur Trauben. Als ich in aller Gottesfrühe wiederkam, war sie verschwunden. Kein Mensch wußte, wie und wohin – und ward so wenig mehr gesehen wie er! Merkst du nun etwas?« Der schwarze Nickel bekreuzigte sich. »So hat ihn der Böse geholt!« »Das fürchte ich fast,« sprach Herr Paradeiser bekümmert. »Den wurmte das gottgefällige Treiben des Herrn Obristen, und er führte ihn listig in Versuchung –« Der Quartiermeister brach jäh ab und es bäumten sich die beiden, mit angstvollem Zügelriß parierten Rosse, von deren Rücken ihre Reiter erbleichend und bebend auf den Waldpfad starrten. »Gerade wie damals!« murmelte Herr Paradeiser und schlug blitzschnell ein Kreuz nach dem anderen, »das ist er selbst – nur abgemagert und mit großem Barte.« »Der Herr Obrist selbst,« bestätigte flüsternd der Genosse, »wenn's nicht sein Geist ist!« »Und das ist sein Pferd,« fuhr der Quartiermeister fort, »und da – siehst du: da sitzt es wieder hinter ihm im Sattel wie damals und schmeichelt ihm und weicht nicht von dem armen Herrn!« »Das ist ein schlimmer Handel!« Der schwarze Nickel fürchtete sich und wäre am liebsten fortgeritten. Aber er bezwang sich und blieb, indes die beiden langsam auf ihrem starken Rosse den Waldpfad heraufkamen. Herr Paradeiser räusperte sich und holte tief Atem. Auch ihm war nicht geheuer zu Mut. »Ich suche den Herrn Feldobrist von Habstein,« sprach er endlich laut und mit schwankender Stimme und sah den Fremden an, als könne der plötzlich vor seinen Augen in Dunst und Staub vergehen. Der aber lachte! »Der kaiserliche Feldobrist von Habstein ist tot. Den hat bei Zusmarshausen eine schwedische Musketenkugel also aus dem Sattel geworfen, daß er das Aufstehen vergaß. Wenn Ihr aber einen armen und reumütigen Sünder sucht, der sich Albinus von Habstein nennt, der ist da und freut sich, seinen alten Quartiermeister noch einmal zu treffen.« Er reichte ihm die Hand, und Herr Paradeiser erkannte, daß er es hier mit einem Wesen von Fleisch und Blut zu tun habe. »Wo waren Ihre Gnaden?« fragte er scheu. Denn ihm ahnte nichts Gutes. Herrn Albins Gesicht war ernst geworden. »Ich lag im Walde,« sprach er langsam, »drei Monde lag ich in Schmerzen und Todesnot, und wenn ich aufzukommen gedachte, warf es mich von neuem nieder und zwang mich platt hin auf die Stätte, wo wir alle, ich und Ihr, einst mit Morden und Sengen wie die Unmenschen und nicht wie Christen gehaust. Und ich sah die Trümmerstellen um mich her und bereute meine Sünden und tat, von Tag zu Tag des Todes gewärtig, immer von neuem Buße, bis sich der Herr meiner erbarmte und mir das Leben ließ!« Der Quartiermeister und sein Begleiter tauschten einen sorgenvollen Blick. »Wenn dem so ist,« sprach Herr Paradeiser, »so wollen wir dem Himmel danken. Ihre Gnaden kehren zu guter Zeit ins Lager zurück. Zwar hier ist ringsum vom Feinde nicht viel zu spüren, aber im Böhmischen hat er Prag selbst genommen und uns überall geschlagen, und es steht so übel um unsere gute Sache wie nie zuvor!« Der Habsteiner schaute ihn ernst und mitleidig an. »Wohl werde ich ins Lager reiten,« sprach er, »da ich wieder genesen bin und wir im Herbstwetter im Walde drinnen nicht ausdauern können. Aber lange bleibe ich nicht unter Euch! So wie ich vom neuen Generalissimus aus Eid und Pflicht entlassen bin, gehe ich davon –« »Wohin, Herr?« »Ins Baseler Land oder nach Bern, oder wo man sonsten ackert und säet und erntet, statt sich mit Feuer und Schwert zu erwürgen!« Herrn Paradeisers böser Verdacht wurde schon fast zur Gewißheit. »Ich höre die Stimme des Herrn Feldobristen,« sprach er, »ich sehe sein Gesicht, wenn es auch verfallen und verwandelt ist. Aber ihn selbst finde ich nicht mehr!« Und wieder lächelte der von Habstein. »Ihr müßt es tragen! Ein anderer mag Euch jetzt in die Feldschlacht führen und in Mord und Streit mit Euch zu Jesus und Maria um Hilfe schreien. Ein anderer mag Euch jetzt anweisen, den Bauer zu erschlagen und seine Habe zu verwüsten. Meiner mögt Ihr nicht mehr gedenken. Wir sind geschieden für jetzt und immer!« Nun war kein Zweifel mehr. In bitterer Betrübnis sah der alte Reiter seinen Herrn, den einst so furchtbaren Kriegshelden, an. »Ich weiß es wohl, woher das Unglück stammt!« sprach er traurig. »Euer Kopf war geschwächt von der Wunde. Da hat ihn das Schweigen des Waldes verworren gemacht, und er ward Eurer Meister.« »Wer denn?« Herr Paradeiser blickte feindselig auf Ruth, die lächelnd zu ihm herabsah. »Ich kenne das Fräulein wohl!« Da lachte der Habsteiner. »Höret, Paradeiser!« sprach er, »das ist gar kein Fräulein!« Der greise Quartiermeister seufzte: »Das dünkt mir auch so, Herr, daß das kein Menschenkind ist!« »Kein Fräulein,« fuhr Herr Albin fort, »sondern mein Eheweib, mit dem ich auf dem Schlosse meiner Väter hausen werde, wann uns endlich der Friede beschert ist.« Die beiden Reiter erschraken heftig, denn nun sahen sie, daß es mit ihres Obristen Vernunft für immer vorbei war. Herr Paradeiser zuckte mitleidig die Schultern: »So fanden Ihre Gnaden inmitten der Waldwildnis Kirche und Pfarrherrn zu christlicher Trauung?« »Ich habe sie gefunden.« Der von Habstein nickte ihm heiter zu. »Wohl war das Kirchlein zerstört und war der Pfarrherr von anderem Glauben, aber unseren Bund hat er gesegnet fürs Leben, ehe wir von ihm Abschied nahmen und feierlich wieder in die Welt hinausritten!« Der alte Reitersmann schaute auf Herrn Albin und dann auf Ruth, die sich im Sattel an ihn schmiegte. »Das ist eine arge Zeitung,« sprach er endlich, »und ist wenig Trost darin. So müssen wir uns auch fürderhin ohne den Herrn Obristen im Kampfe gegen die Feinde behelfen!« »Das müßt Ihr,« erwiderte Herr Albin, »und tut mir herzlich leid. Macht Frieden miteinander und kämpft wider Euch selbst! So wäret Ihr gut beraten.« Er trieb sein Pferd an, die anderen folgten ihm, und schweigend ritten sie dahin. Weiter und weiter durch Wald und Feld. Schon dämmerte es leise um das einsame Häuflein. Da stiegen wiederum, wie an jenem Maienabend, mächtige Kirchtürme am Horizont in die Höhe. Ein Meer von spitzgiebeligen Dächern hob sich langsam vor ihren Blicken empor, von grauem, riesigem Gemäuer und Turmwerk eingedämmt. Eilfertig zogen die Herbstwolken im Sturm über des heiligen Reiches Stadt Augsburg hin, und ein dumpfes, gewaltiges Glockenläuten wandelte feierlich und endlos im Winde über das Land. Ein Reiter des Regiments Habstein kam ihnen im Galopp entgegen. »Eilt Euch, Herr, ins Lager zu kommen!« schrie er dem Quartiermeister schon von weitem zu. Der Quartiermeister zügelte sein Roß. Sein geübtes Ohr unterschied ferne Kanonenschläge. »Ist der Feind unversehens da?« fragte er erregt. »Vom Feind ist nichts bekannt. Aber es ward strenger Befehl, nicht mehr mit Streifpartien auszugehen. So weit man hört, liegen die Armaden reglos still in ihren Lagern.« »Ein Waffenstillstand?« murmelte der Habsteiner zweifelnd. Aber immer gewaltiger hallten der Glockenklang und Geschützdonner durch die Lüfte. Da kam ein Bauer des Weges. Verstört und, wie es schien, auf der Flucht. Er hielt ihn an. »Was gibt's in Augsburg?« Der Bauer schüttelte den struppigen Kopf. »Sie sagen, der Kommandant sei närrisch geworden! Er läßt von allen Wällen ins Blaue hinein Feuer geben und bloßes Pulver in die Stücke laden, daß er niemand verletzen kann. Auch rüsten sie im Rathaus ein großes Mahl. Die Leute, die davor stehen, sprechen: So wolle der Kommandant und seine Offiziere, um die ihnen beiwohnende Pietät zu zeigen, erst zur Kirche gehen und dann mit den Bürgern tafeln! Ein Aufleuchten ging über des Habsteiners Gesicht. »Und darum, meinst du, ist der Kommandant närrisch?« »Nicht nur er, Herr! Alle Menschen in Augsburg sind närrisch! Sie kommen aus den Häusern gelaufen und umarmen sich und knien auf offener Gasse nieder und haben die Augen voll Tränen. Und alle Kirchen sind voll und alle Glocken läuten.« »Großer Gott,« murmelte der Quartiermeister, »sollte das gar –« Er wagte das Wort nicht zu nennen. Eilig trabte er mit den Seinen dem nächsten Tore zu, um dort Gewisses zu vernehmen. Der Feldobrist von Habstein aber sprach das Wort aus. Er schaute sich im Sattel nach Ruth um. »Weißt du, was das heißt?« sagte er, »was dort die Glocken läuten? Ich kann es mir selbst kaum denken. Aber es ist der Frieden! Es muß der Frieden sein!« »Der Frieden!« Ruth schüttelte traurig das Haupt. »Ich weiß nicht, wie er ist' Ich hab' ihn nie gekannt und nie gesehen!« »Wir beide werden ihn sehen!« sprach Herr Albin, während sie langsam der Stadt zuritten, »den Frieden im Odenwald, wenn unser Schloß aus Schutt und Asche wieder aufsteigt.« Das Abenddämmern umhüllte sie. Ein Trupp Bauern kam an ihnen vorbei. Sie hoben dräuend die Fäuste zu dem einsamen Kriegsmann empor. »Nun ist es aus mit unserer Not! Nun plackt Ihr uns nicht mehr!« »Ist Friede?« fragte Herr Albin mit bebender Stimme aus dem Sattel. »Reitet zum Rathaus, so könnt Ihr's hören! Dort blasen alle Trompeten, und ein kaiserlicher Herold verkündet den Frieden in allen deutschen Landen –« Sie schwanden im Dunkel. Herr Albin hielt sein Roß an und zog Ruth an sich und küßte sie auf den Mund. »Ich bin auferstanden von den Toten, Ruth, und siehe: alles erstehet jetzt auf! Ich bin genesen von meinen Wunden, und auch das deutsche Land will genesen! Ein neuer Geist ist in mich gefahren und fahret mit diesen Glocken über das heilige Reich und heißet Friede. Wir wissen nicht, was Frieden ist, Ruth, und freuen uns doch seiner. Denn wir wissen: er wird uns segnen, nach schwerer Zeit. Wir wollen ihm dienen und er wird jeden belohnen, der ihm mit einfältigem Herzen dient: dich, mich und alles, was in deutschen Landen lebt!«