Ernst Willkomm. Die Familie Ammer – Zweite Abtheilung. Moderne Götzendiener. Deutscher Sittenroman Erstes Buch. Erstes Kapitel. Die große Welt. Ein trüber, windiger Septemberabend ließ die ohnehin einförmigen Ufergegenden an der Niederelbe recht unfreundlich erscheinen. Der starke Westwind trieb graue niedrig ziehende Wolken über Feld, Wald und Haide, drückte den Rauch, der aus den Schornsteinen oder den Dachlucken der nach altsächsischer Weise erbauten Häusern aufstieg, niederwärts, daß er nebelartig um die Wohnungen lagerte, und wühlte die Wellen des immer mehr sich verbreiternden Elbstromes so gewaltig auf, daß die darauf fortziehenden Schiffe in starke Bewegung geriethen. Der Tag neigte sich schon, als ein offener Wagen mit drei Reisenden in Hope anlangte. Der Jüngste der Reisenden, die dem Handelsstande anzugehören schienen, erkundigte sich sogleich im Gasthause nach einem Schiffer, dessen Namen er nannte, indem er fragte, ob das begehrte Fahrzeug in Stand gesetzt und seiner gewärtig sei. Der Schiffer befand sich in einem Nebengemach, stellte sich sofort dem Fremden vor und erklärte sich zur Abfahrt bereit. Der junge Mann selbst war mit dieser Bereitwilligkeit sehr zufrieden, und da er Eile zu haben schien, begnügte er sich, ein Glas Wein zu trinken, worauf er ohne Verzug dem Schiffer an den windigen Landungsplatz folgte. Hier lag ein kleiner Ewer, der zur Aufnahme des jungen Mannes schon von Lüneburg aus bestellt worden war. Fürchtegott Ammer denn ihn haben wir vor uns betrat die schwanken Bretter unter stärkerem Herzklopfen, mißtrauisch die gelbe wallende Fluth betrachtend, die am Kiel des Ewers sich schäumend brach. Bald glitt der Ewer durch die Wellen, mehr von der ablaufenden Fluth als von dem Winde unterstützt, der zu Thal segelnden Schiffen nicht besonders günstig war. Der Schiffer, ein mittelgroßer, breitschultriger Mann, sprach nur wenig, und da Fürchtegott das Bedürfniß der Unterhaltung ebenfalls nicht spürte, so wurden zwischen dem Schiffsführer und dem Passagiere nur selten einige Worte gewechselt. Ungeachtet dieser gegenseitigen Schweigsamkeit langweilte sich der junge Ammer durchaus nicht. Er hatte in den letzten Wochen so viel Bedeutendes erlebt, daß er noch Monate von der Erinnerung zehren konnte, wenn sich seine Natur überhaupt dazu hingeneigt hätte. Da er sich aber um die Vergangenheit nur selten kümmerte, sondern nach Art rastlos strebender Menschen immer nur seine Blicke auf die Zukunft richtete, mußte sein Geist wohl Beschäftigung finden beim Erblicken der Thürme Hamburg's, die schon seit geraumer Zeit in der Ferne sichtbar waren und mit jeder Viertelstunde näher kamen. Inzwischen ging die Sonne unter, der Himmel überzog sich mit immer dunkleren Wolkenbehängen, über den Strom lagerten sich Nebel, und bald vermochte Fürchtegott Ammer nichts mehr als die trübgelbe Woge und die schwarzen Ufergelände zu erkennen. In seinen Mantel gehüllt saß er am Mastbaume und starrte unverwandt in die graue nebelreiche Ferne. Der Ewerführer mußte kreuzen, weil der Wind zu stark wehte. So oft er die rothbraunen Segel umlegte, schnalzte er allemal mit der Zunge und sagte dabei: Düvel up! was zwar Fürchtegott nicht verstand, ihn aber, da es sich regelmäßig wiederholte, doch unterhielt. Bald sah man zur Rechten Lichter schimmern, man hörte Geräusch und Lärm, und etwa eine gute Stunde nach Sonnenuntergang zeigte das Mastengewimmel und hinter demselben die vielen aufblitzenden Lichter, daß man Hamburg erreicht habe. Der junge Ammer blickte verwundert nach allen Seiten. Jetzt legte der Ewer an unter einer solchen Menge sich drängender oberländischer Kähne, daß der an solches Leben und Treiben Ungewohnte befürchtete, es könne ein Unglück geschehen. Das Rufen und Lärmen, das Schreien und Zanken am Ufer war betäubend. Er bat deßhalb den Schiffer, daß er behilflich sein möge, ihm in diesem bunten Durcheinander Jemand zu verschaffen, der ihn nach dem Innern der großen, ihm völlig fremden Stadt geleite. Dat sall wol sien, sagte kurz und trocken der Schiffer, sein Fahrzeug befestigend. Als dies geschehen war, half er dem jungen Manne sein Gepäck, das aus einem einzigen, nicht sehr großen Koffer bestand, an's Land tragen, rief einen Droschkenführer und stellte es in den Wagen. So, sprach er, seine Mütze ziehend, jetzt ist der junge Herr sicher wie in Abrahams Schooß. Zahlung ist schon im Voraus geleistet, ich bitte deßhalb bloß um ein Trinkgeld und wünsche gute Geschäfte. Fürchtegott drückte dem Manne ein Geldstück in die Hand, sagte dem Kutscher Straße und Hausnummer, die er beide seinem Gedächtniß fest eingeprägt hatte, und rollte nun, sich bequem in den weichen Kissen wiegend, in das Gewühl der engen Straßen hinein, die ihn mit gar wunderlichen Augen ansahen. Unfern des Binnenhafens, »bei den Mühren«, lag die Wohnung des Mannes, von welchem der junge Ammer weitere Ordre erhalten sollte. Dieser Mann nannte sich Erichson, stammte aus Schweden, war in Christiansfelde erzogen worden und ein sehr intimer Freund Wimmer's. Erichson hatte in seinem Aeußern manche Aehnlichkeit mit Wimmer. Er war für gewöhnlich still oder doch wortkarg, wenn er aber sprach, so geschah es ganz in der Weise strenger Herrnhuter, sanft, mit etwas salbungsvoller Stimme und immer demuthvoll. Ein lächelnder Zug spielte dabei stets um Erichson's Lippen. Fürchtegott würde sich in der sehr comfortable eingerichteten Wohnung dieses Herrn ganz heimisch gefühlt haben, wäre ihm nicht Alles so fremd, so ganz anders vorgekommen. Selbst die Sprache klang ihm fast unverständlich, denn Erichson sprach das Hochdeutsch mit scharfem, nordschleswig'schen Accent. Dies und ein sich fort und fort wiederholendes Lächeln, so oft Fürchtegott den Mund zum Sprechen öffnete, machten diesen verlegen. Der provincielle Dialect, dessen sich der, noch nie in die Welt gekommene Weberssohn befleißigte, klang dem Zöglinge der Christiansfelder Brüdergemeinde auch höchst sonderbar. Noch größer ward Fürchtegott's Bestürzung, als der Abendtisch geordnet ward, der Kessel auf dem Theecomfort, eine Maschine, aus welcher der Sohn der Grenzgebirge Böhmen's gar nicht klug werden konnte, zu singen begann, und jetzt die wohlbeleibte Madame Erichson hereinrauschte, dem Jünglinge freundlich zulächelte und sogleich mit geläufiger Zunge in breitestem Hamburger Plattdeutsch nach hunderterlei Dingen fragte. Fürchtegott sperrte Mund und Nase auf, strengte vergebens sein Gehör an, um den Sinn des ihm völlig fremden Idioms zu errathen, ward vor Angst bald roth, bald blaß, und sah sich zuletzt genöthigt, durch verlegenes Stottern zu antworten. Damit war jedoch Madame Erichson durchaus nicht zufrieden. Die redselige Dame wollte um jeden Preis von dem fremden, jungen Manne, den Wimmer brieflich so warm empfohlen hatte, unterhalten sein. Sie begehrte Auskunft über seine Familienverhältnisse, wollte wissen, ob er schon verlobt sei, wie viele Geschwister er habe, ob es der Mutter schwer geworden, sich von ihm zu trennen, und dergleichen mehr. Je rascher und dringender aber Frau Erichson fragte, in desto tieferes Schweigen hüllte sich der verschüchterte Jüngling. Selbst sein Appetit verlor sich vor lauter Bangigkeit, so daß er die treffliche Tasse Thee und das schmackhafte Fleisch, das ihm die freundliche Frau gar reichlich vorgelegt hatte, kaum anzurühren vermochte. Ihr Gatte bemerkte lächelnd, daß der junge Mann des Plattdeutschen nicht mächtig sei, wenn sie Hochdeutsch sprechen wolle, werde die Unterhaltung gewiß sehr bald in Fluß kommen. Jetzt war es an Madame Erichson verlegen zu werden, denn dieser ächten Tochter der Marsch war es nie in den Sinn gekommen, sich der hochdeutschen Sprache zu bedienen. Lesen konnte sie es zur Noth wohl, gesprochen hatte sie es nie, und wollte sie ganz aufrichtig sein, so verstand sie es nicht einmal vollkommen, am wenigsten ein Hochdeutsch mit so stark ausgeprägtem mitteldeutschen Accent. Madame Erichson wäre gern ärgerlich geworden, wenn sie nur gewußt hätte, gegen wen sie ihren Aerger auslassen sollte. Sie hatte sich schon seit Tagen auf die Ankunft des jungen Ammer gefreut, von dem Herr Wimmer so viel Liebes und Gutes gemeldet, und nun konnte sie sich mit dem frischen, wohlgebauten Jünglinge nicht einmal unterhalten! Alle ihre Pläne scheiterten an ihrer Nichtkenntniß des Hochdeutschen. Sie hatte sich vorgenommen, Fürchtegott alle Herrlichkeiten der großen Stadt zu zeigen, ja sogar zu erklären; sie wollte ihm zu Ehren eine große Gesellschaft bitten, mit ihm zu Lande und zu Wasser ausfahren denn sie war eine überaus lebenslustige Frau und nun verstand man sich nicht! Das war denn doch gar zu arg! Es hätte nicht noch der spöttischen Bemerkung ihres Mannes bedurft, um die würdige Matrone vollends in Harnisch zu bringen. Da sich aber Herr Erichson durchaus nicht abhalten ließ, in seiner trockenen, sanften Weise der lieben Ehehälfte gute Lehren zu geben, machte sich die höchlichst Geärgerte, so bitter Getäuschte in lebhaften Worten Luft, indem sie alle Schuld auf das tolle Volk schob, das sich einfallen ließ, den großen Thurm von Babel zu bauen. Gäbe es nur eine Sprache, wie es doch von Gott und Rechtswegen sein solle, so könnten sich alle Menschen leichtlich verständigen, während man jetzt bei dem unsinnigen Sprachgemisch Noth habe, Jemanden seine Ab- oder Zuneigung in verständlicher Rede zu erkennen zu geben. Gott sei Dank, daß bei sothanem Uebelstande der Mensch wenigstens noch Augen und Hände habe, die beide zusammen das ersetzen müßten, was der Mund nicht sprechen könne. Nach diesem Herzenserguß, dem Erichson sehr gelassen zuhörte, während er tapfer zulangte, wendete sich die Matrone abermals zu Fürchtegott, der mit wahrer Verwunderung die Volubilität der Zunge seiner Beschützerin und die sonderbar klingenden Worte, die ihm meistentheils völlig unaussprechbar dünkten, vernommen hatte. Wirklich legte jetzt Madame Erichson, zum höchsten Ergötzen ihres Mannes, die liebenswürdigste Miene auf, denn er fand sie nie reizender und unterhaltender, als wenn sie sich Jemand angenehm zu machen versuchte. Ihre Augen sagten also dem jungen unerfahrenen Ammer, daß sie bereit sei, ihm den kurzen Aufenthalt in Hamburg so angenehm und erheiternd wie möglich zu machen, daß sie ihn wie einen Sohn liebe, daß sie ihn wahrhaft in's Herz geschlossen habe. Fürchtegott begriff diese, ihm zwar ganz neue, Sprache so ziemlich, nur kam ihm die Zärtlichkeit der schon bejahrten Dame höchst spaßhaft vor, weil er glauben mußte, Madame Erichson sei im Begriff, sich in ihn zu verlieben. Diesem Glauben sich hingebend, verlor sich bei Fürchtegott die bisherige Befangenheit sogleich. Er ward munter, ja lustig, und da er ganz auf das Mienenspiel der Matrone einging und ungefähr durch Blicke und Gebehrden erwiderte, so gewährte die Unterhaltung der beiden gezwungenen Stummen einem Dritten das ergötzlichste Schauspiel. Dieses Genusses erfreute sich denn in vollstem Maße Herr Erichson, der sich gar nicht satt sehen konnte an der Pantomime, die von Seiten seiner Frau mit Eifer und Leidenschaft, von Seiten Fürchtegott's mit schalkhaftem Uebermuth aufgeführt wurde. Dabei vergaß Madame Erichson nicht, ihrem Gaste die besten Bissen vorzulegen, und Fürchtegott, dem mit Ueberwindung der anfänglichen Schüchternheit der gesundeste Appetit zurückgekehrt war, ließ es sich trefflich schmecken, ohne deßhalb sein Gesten- und Mienengespräch mit der liebenswürdigen Dame des Hauses zu unterbrechen. So wurde es ziemlich spät. Dem Sohne des Webers verstrich der erste Abend unter fremden Menschen höchst vergnüglich. War ihm auch Manches auffällig, konnte er auch nicht begreifen, wie es möglich sei, mit Unbekannten so vertraut umzugehen, so gefiel ihm doch auch wieder dieser Weltton und steigerte seine Begierde, recht viel zu sehen, recht weit zu reisen. An die Heimath dachte er gar nicht mehr. Das ihn umgebende Neue, das im Augenblick noch in die Schleier einer trüben Septembernacht gehüllt war, beschäftigte ihn ganz und ausschließlich. In Ammer's Hause war man, wie wir schon früher bemerkt haben, gewohnt, zeitig zur Ruhe zu gehen. Diese Gewohnheit hatte auch Fürchtegott bis jetzt beibehalten. Kam die Zeit heran, wo die Familie sich zu trennen pflegte, so fühlte Fürchtegott immer eine Neigung zum Schlafe. Nur heute war dies nicht der Fall gewesen. Die lebhafte, aber eigenthümliche Unterhaltung mit Madame Erichson trug ohne Zweifel viel dazu bei, mehr aber noch mochte auf Fürchtegott die große Lebhaftigkeit in den Straßen täuschend wirken und ihn glauben machen, es sei noch ziemlich früh, während doch der Zeiger der Uhr bereits auf Mitternacht zustrebte. Endlich wies Madame Erichson dem jungen Reisenden das für ihn in Stand gesetzte Gemach an und sagte ihm freundlichst gute Nacht. Draußen ward es allgemach auch stiller, bis denn nur noch die Rassel der Nachtwächter und der monotone Ruf derselben sich in das Rauschen des Windes mischte, ein Doppelgeräusch, das Fürchtegott bald in Schlummer wiegte. Die Sonne vergoldete schon die zahlreichen Fensterreihen der gegenüberliegenden Häuser, als er am nächsten Morgen erwachte. Ueber Nacht hatte sich der Wind gedreht und die Wolkenmassen zerstreut. Es war etwas kühl, aber hell. Eiligst schlüpfte Fürchtegott in die Kleider, öffnete ein Fenster und sah hinaus. Dieser erste Blick in die neue Welt erschreckte ihn beinahe, denn was da vor ihm lag, war ihm so wunderbar, so eigenthümlich fesselnd, daß er sich gar nicht satt daran sehen konnte. Nicht bloß die himmelhohen Häuser mit den spitzen Dächern, den wunderlich geformten Giebeln, den fast nur aus Fenstern bestehenden Wänden, machten einen nicht zu beschreibenden Eindruck auf ihn, viel mehr noch zog der Strom lauten Lebens ihn an, der schon zu so früher Tagesstunde durch die Straßen fluthete. Das Rufen der Fischhändlerinnen, der Gemüseverkäufer, der Milchleute, die seltsamen Trachten der Vierländerinnen und der Bewohner der Elbinseln: dies Alles nahm Auge und Ohr des jungen Ammer so ganz in Anspruch, daß er sich selbst darüber vergaß. Am meisten aber fesselte ihn der Anblick des Binnenhafens mit den vielen hundert Masten, dem schmalen Strich glänzenden Wassers, den er von seinem Fenster aus bemerken konnte, und der Wolke weiß glänzender Segel, die weiter in der Ferne im Morgenwinde wallten. Dieser erste Blick auf den Hafen, in dem es von Kähnen und Schuten wimmelte, machte das Herz des jungen Ammer schwellen. Er fühlte sich froh und reich in diesem Anblick, und wenn er dachte, daß eins jener Schiffe, deren Mastenspitzen er jetzt nur noch aus der Ferne sah, bereits ihm selbst zugehöre, hätte er vor Freude aufjauchzen mögen. Daß er selbst sich diesen Besitz nicht erworben hatte, daß er durch einen Dritten ihm zugefallen war, ja, daß er ihn sein nannte um den Preis, des eigenen Vaters Ruhe vernichtet, den Frieden und das Glück des elterlichen Hauses zerstört zu haben: daran dachte Fürchtegott im Hochgenuß seiner Freude nicht. Da er bereits Leben im Hause vernahm, verließ er sein Schlafgemach, stieg die Treppe hinab und trat in das Fremdenzimmer. Er fand es leer, aber auf das Sauberste geordnet. An den beiden, fast eben so breiten als hohen, dabei kristallklaren Fenstern standen wohl an zwanzig Blumenstöcke in schön geformten, zum Theil sogar kostbaren Blumentöpfen. Der Fußboden war silbergrau gemalt und glänzte als hätte man ihn mit Lack überstrichen. Blüthenweiße, reiche und faltige Gardinen umgaben in wolkenartigen Formen die Fenster. Die Möbel waren, wie er sich bald überzeugte, von massivem Mahagony. Mein Gott, welch ein Reichthum! sagte er unwillkürlich halblaut. Wer hat noch je gehört, daß man Stühle und Tische aus purem Mahagonyholz anfertigt! Und Spiegel mit goldenen Rahmen! Und ein so glänzender Messingkessel, der immer kocht! Was würde Flora dazu sagen, und erst der Vater! Ein Schatten des Unmuths zog über Fürchtegott's Stirn, als er des Vaters gedachte. Schnell aber verscheuchte er diese ihm unbequeme Erinnerung, und fest der Gegenwart sich wieder zuwendend, sprach er: Was da! Bin ich nicht mündig, frei, mein eigener Herr? Das Glück der Zukunft wird Alles wieder in das rechte Geleise bringen. Bald kam auch Herr Erichson und ein hübsches Dienstmädchen, das den Kaffeetisch in Ordnung brachte. Madame Erichson blieb vorerst unsichtbar. Der Freund Wimmer's machte jetzt am hellen Tage keinen ganz so guten Eindruck auf den jungen Ammer, als am Abend vorher. Er sah gewissermaßen ledern aus, etwas gelangweilt, war dabei ungeachtet seiner äußern Freundlichkeit kühl, in sich zurückgezogen, und konnte einen stets lauernden Zug nicht gut verbergen. Indeß leuchtete Fürchtegott sogleich ein, daß ein Mann solchen Schlages im Verkehr mit Andern große Vortheile erringen müsse. Erichson war Schiffsmakler. Durch ihn hatte Wimmer das amerikanische Geschäft eingeleitet und später den Kauf eines eigenen Fahrzeuges besorgen lassen. Auch wußte Fürchtegott, daß Erichson einen gewissen Antheil an dem Geschäft habe, da er unter der Hand bei rentabeln kaufmännischen Unternehmungen sich zu betheiligen pflegte. Während des Frühstücks eröffnete er dem jungen Reisenden, in welcher Weise sie am zweckmäßigsten den Tag zubringen wollten, damit Fürchtegott zugleich Nutzen und Vergnügen davon habe. Sie müssen wissen, mein junger Freund, sagte er, daß wir Hamburger Geschäftsleute sind, die eigentlich niemals Zeit haben, ausgenommen, wenn wir zur Stärkung des Körpers und Geistes etwas genießen. Bei uns ist Alles wohl geordnet. Zu gewissen Stunden des Tages thun wir dies, zu andern jenes, und zwar ohne Unterbrechung oder Abänderung Jahr aus Jahr ein. Dieser Pünktlichkeit, Ordnungsliebe und Solidität verdanken wir unsern guten Ruf als Handelsherren in der alten und neuen Welt; sie sind die Grundpfeiler unserer Wohlhabenheit, unserer bürgerlichen Freiheit, unserer trefflichen staatlichen Einrichtungen. Darum beneiden wir auch andere größere Staaten nicht um ihre Macht, denn offen gesprochen gewährt uns die unbegrenzt freie Bewegung, welche die republikanische Verfassung unseres kleinen Staates Allen gestattet, weit mehr Macht, gibt uns weit größeren Einfluß in fernen Ländern, als mancher sogenannte große Staat zu besitzen sich rühmen kann. Ein Hamburger in Ost- oder Westindien ist immer geachtet und geschätzt, was ein Kurhesse, ein Badenser, ein Würtemberger oder Sachse nicht ganz in gleicher Weise dürfte behaupten können. Darum preisen wir auch Gott und seinen heiligen Sohn für diese uns verliehenen Gaben und Güter, und sind nicht begierig nach größeren. Bemerkungen solcher Art begriff der junge Ammer sehr gut, da er Sinn für alles Praktische hatte. Er hörte deßhalb auch stets aufmerksam zu, wenn von derartigen Dingen die Rede war, weil er gern lernen und von den Erfahrungen Anderer für sich selbst und sein dereinstiges Handeln möglichst viel profitiren wollte. Um nicht unnöthig Zeit zu verlieren, fuhr Herr Erichson fort, werden Sie mich zuerst an den Hafen begleiten. Sie müssen sehen, wie ein Seehafen sich ausnimmt, und wie ein Seeschiff im Innern construirt ist. Haben wir das abgethan, so bleibt uns vielleicht noch Zeit zu einem Besuche bei Ihrem Compagnon, wo nicht, sprechen wir ihn an der Börse und gehen dann nach Tische zu ihm. Das wollen wir, weil es so viel nicht auf sich hat, dem Zufall überlassen. Fürchtegott war natürlich mit diesen Anordnungen vollkommen einverstanden und konnte nur nicht begreifen, warum Herr Erichson keine Anstalt zum Aufbruch machte. Er saß noch in seinem bequemen Morgenrock und rauchte bedächtig eine Pfeife. Die Unruhe, die Sehnsucht, die den jungen Ammer verzehrte, der von allem dem, was er sehen sollte, noch gar nichts kannte, war in Erichson's Herzen freilich längst erloschen. Der Schiffsmakler strebte nicht mehr, er rechnete nur, und da seine Rechenkunst auf solidem Grunde ruhte, so pflegte er sich selbst nie zu verrechnen. Höchstens stellte sich ein Fehler im Facit heraus, wenn andere Geschäftsfreunde nicht ebenso vorsichtig wie er selbst Verlust und Gewinn gegen einander abwogen. Erst nach neun Uhr Vormittags war der Makler zu Fürchtegott's Verfügung. Dieser hatte sich, da er weder rauchte, noch irgend eine andere Unterhaltung auffinden konnte, die ihm die Zeit verkürzte, ein paar Mal auf die Straße gewagt, nicht um in das Gewühl der Menschen sich zu stürzen, sondern nur, um einigermaßen einen Begriff von diesem rastlosen Treiben zu bekommen und sein Auge etwas daran zu gewöhnen. Es ward ihm fast schwindlig von all dem Fahren, Gehen, Drängen, Rufen. Und dabei gab es wieder so viel zu sehen, daß er am liebsten vor jedem Hause stehen geblieben wäre, um alle Gegenstände, die seinem scharfen Auge auffielen oder merkwürdig erschienen, seinem Gedächtnisse recht tief einzuprägen. Fürchtegott athmete auf, als Herr Erichson, nach damaliger Sitte sehr fein gekleidet, einen großen Rohrstock in der Hand, ihm eröffnete, daß es nun Zeit sei an den Hafen zu wandern. Dieser Rohrstock, ja selbst die Farbe des Gehrockes, den der Makler trug, erinnerten ihn wieder flüchtig an seinen Vater, wobei er vorübergehend ein schmerzliches Stechen in der Brust fühlte. Wir müssen uns etwas beeilen, sagte Erichson. Es ist Fluth, da kommen Schiffe auf, und ich habe einige Capitäne, die ich schon gestern erwartete, nothwendig zu sprechen. Wenige Minute später schritt der Makler mit seinem jungen Begleiter die Häuser beim neuen Krahn entlang, wo Fürchtegott Noth und Mühe hatte von Ewerführern, Schiffsknechten und Arbeitsleuten nicht umgerissen zu werden. Denn während zur Rechten die vielfenstrigen Häuser mit den schmalen Thüren, den balconartigen Holzvorbauen unter schattigen Bäumen, den steil emporsteigenden Treppen und den vielen Kellern, in denen es wimmelte, wie in einem Ameisenhaufen, seine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen, fesselte ihn zur Linken wieder zuerst das Schiffsgewühl und jenseits des Hafens die malerische Häusergruppe am Kehrwieder. In seiner Schaulust achtete er nicht auf das Nächste und erhielt deßhalb von allen Seiten Püffe und Stöße. Jetzt erst begriff Fürchtegott die Bangigkeit Erdmuthe's, die in diesem rollenden Lärm und Leben kaum aufzublicken gewagt hatte. Erichson bemerkte die Verlegenheit seines jungen Begleiters und lächelte. Könnten Sie nur acht Tage hier verweilen und wären genöthigt häufige Geschäftsgänge zu machen, so würden Sie sich bald daran gewöhnen, sagte er. Folgen Sie mir aber jetzt und lassen Sie vorerst das Bewundern sein. Zum Umsehen eignet sich ein offener Wagen besser. Da ist das Baumhaus, fuhr er fort, mit seinem Stocke nach dem seltsam aussehenden Gebäude deutend, da wollen wir ein Boot besteigen und uns unverweilt in den Jonashafen hinausrudern lassen. Das Baumhaus! wiederholte Fürchtegott mit einer Art von Andacht, denn er gedachte der unbefangenen, glücklichen Jugendzeit, wo er, noch Schulknabe, einmal auf seinem Weihnachtstische den Robinson Crusoe gefunden und dies für alle phantasiereichen Kinder so reizende Buch während des Winters wohl zehnmal durchgelesen hatte. Hier am Baumhause, am Hafenquai hatte sich ja der junge Robinson herumgetrieben, ehe er seine abenteuerliche Reise antrat. In gewisser Beziehung wollte es dem jungen Ammer scheinen, als habe seine eigene Lage mit der jenes jungen Mannes, der so schwere Prüfungen erfahren sollte, eine entfernte Aehnlichkeit. Dem Winke des stattlichen und hier wohlbekannten Maklers folgend, eilte einer der vorhandnen Bootführer in kurzer Seemannsjacke, einen glänzend schwarzen, niedrigen Hut auf dem blonden Haare, die Treppe hinab und löste eines jener hübsch geformten, meistens grün gemalten kleinen Fahrzeuge, die hier stets vorräthig sind. Fest und sicher trat Erichson in den Nachen, schwankend und ein wenig zaghaft folgte Fürchtegott. Dieser hatte schon wieder etwas zu bewundern, denn dem Baumhause schief gegenüber, am Ende des Kehrwiederwalles, lag ein der Ausbesserung bedürftiges Seeschiff auf dem Stapel, dessen Dimensionen dem Sohne des Binnenlandes ganz ungeheuer vorkamen, obwohl es nur ein mittelgroßer Schooner war. Nach dem Rummel- und Jonashafen! befahl der Makler, sich neben seinen Schützling auf die Bank niedersetzend. Der Bootführer nickte und brachte durch behutsame Ruderschläge den Nachen in's freie Fahrwasser. Jetzt erst bekam Fürchtegott das Baumhaus mit seinem fensterreichen Aufsatze und seinem Pfahlunterbau, welcher der Fluth Durchgang gestattet, ganz zu Gesicht, desgleichen den Hafen der Seeschiffe, von deren Raaen zahllose Segel halbgerefft im frischen, leisen Winde sich bauschten. Dieser Anblick überraschte unsern Freund dermaßen, daß er die erklärenden Worte Erichson's fast ganz überhörte, und unverwandt nur das gewaltige, lebensvolle und in der That großartige Gemälde seinem Gedächtnisse einzuprägen bemüht war. Auf der anschwellenden Fluthwelle glitten zwischen den gewaltigen Rümpfen der großen Schiffe zahlreiche Schuten und kleine Boote hin und wieder, die meisten mit langen oder kurzen Ruderschlägen dem Binnenhafen zusteuernd. Da passirte der Nachen unserer Freunde Schuten, die fast bis an den Rand mit den goldgelben Körnern russischen Waizens aus den Küstenländern des schwarzen Meeres angefüllt waren. Die Führer derselben starke, schlanke Männer, im Hemdärmel, einen gewöhnlichen Hut auf dem Kopfe, bedienten sich an langen Stangen befestigter Hacken, die oben in eine Spitze ausliefen, um jetzt sich an den Hafenpfählen festhackend, die schwere Fracht vorwärts zu treiben, dann wieder das spitze Ende gegen die starken Pfähle stoßend, auf dem Borde fortschreitend, dem Fahrzeuge mehr Schwung zu geben. Hier begegneten ihnen andere lasttragende Kähne, die hochaufgepackt waren mit Baumwollenballen, mit Säcken frischen Kaffees, der selbst hier im Freien einen feinen, eigenthümlichen Geruch verbreitete. Dann bemerkte Fürchtegott wieder tief im Wasser gehende Kohlenschiffe, oder ein paar Ewer, von Fluth und Wind begünstigt, rauschten pfeilschnell dem Hafen zu, diese, um Heu und Stroh, jene, um Torf, noch andere, um Unmassen von Gemüsen oder Milch der viel verbrauchenden Stadt zuzuführen. Dies unablässig rührige Leben, diese enorme Thätigkeit, dies ganze Ensemble einer mit den verschiedenartigsten Kräften rastlos arbeitenden Welt mußte den jungen Ammer wohl fesseln. Sein Instinkt sagte ihm, daß hier im Hafen Hamburgs die Welt bereits ein anderes Aussehen gewinne, als in den lieblichen Thälern seiner bergigen Heimath. Auch dort war man thätig und arbeitsam, aber mehr nur still für sich selbst, ohne innigen Zusammenhang mit dem großen Ganzen. Selbst das Verhältniß seines Vaters zu den vielen Webern, die er beschäftigte, war ein anderes, in sehr bestimmten Grenzen eingeengtes, während hier mit dem erweiterten Horizont ein unbegrenztes Feld der Thätigkeit dem Unternehmungsgeist des strebenden Menschen sich aufthat. Das Ebben und Fluthen des Meeres, das ja auch die Wellen des gelben Stromes in lebhaftere Bewegung setzte, lieh dieser Thätigkeit Tag für Tag neue Schwingen, trug jetzt die aus dem Innern des Landes kommenden Güter fern gelegenen Städten und Ländern zu und schaukelte dann die Erzeugnisse und Schätze fremder Zonen und Völker wieder auf dem Rücken des rückwärts rollenden Stromes wie von selbst denen entgegen, die Lust hatten und Anstalten trafen, sich ihrer zu bemächtigen. Das Boot glitt zwischen den Reihen der vor Anker liegenden Schiffe fort, deren Borde nach Fürchtegott's Dafürhalten haushoch über dem Wasserspiegel hervorragten. Gewissermaßen hatte er auch Recht, denn ihm schwebte der Maßstab der einstöckigen Weberhäuser in den heimischen Bergthälern vor Augen. Viele Schiffe löschten gerade, was das Leben in einem Seehafen immer mehrt. Ueberall hörte man das monotone Singen der arbeitenden Matrosen, welche beschäftigt waren, die im Raume aufgestauten Güter emporzuwinden und sie vom Bord wieder in die bereit liegenden Schuten hinabzulassen, auf denen dann besonders angestellte Bootsleute sie durch die Kanäle zu den Speichern der Kaufleute weiter beförderten. Häufig begegnete man Nachen, in denen außer dem Ruderer nur ein einzelner Herr saß. Solche pflegte Erichson zu grüßen, worauf er dem jungen Ammer sagte: Das war Herr N.N., Besitzer dreier Briggs, die nach Westindien fahren. Gestern ist eine derselben von Jamaika zurückgekommen \&c.\&c. Fürchtegott's Respect vor der großartigen Handelsthätigkeit und merkantilen Macht der grandiosen Stadt wuchs durch solche Bemerkungen immer mehr, zugleich aber auch die Lust, sich eine ähnliche Stellung zu erringen, um mit den Thätigsten und Unternehmendsten um die Wette ringen, den Größten es gleich oder womöglich gar noch vorthun zu können. Um dem jungen Ammer den großartigen Anblick des Hafens in seiner ganzen Ausdehnung zu verschaffen, befahl Erichson dem Bootführer, bis dicht an den Strand der Insel Steinwarder zu rudern, dann die Elbe quer zu durchschneiden bis gegen den Altonaer Hafen, und so rückwärts wieder in den Jonashafen einzulaufen. Man kann sich denken, wie das Herz Fürchtegott's auf dieser Tour sich weitete! Ein glücklicher Zufall wollte, daß gerade sechs Dreimaster, mit Segeln bedeckt, den Strom in majestätischer Ruhe heraufschwammen, und einen in der That prachtvollen Anblick gewährten. Erichson, der ein scharfes, und für die Takelage eines Schiffes sehr geübtes Auge hatte, erkannte schon von Weitem, welcher Nation sie angehörten, und machte seinen jungen Begleiter darauf aufmerksam. Die vordersten beiden sind Engländer, sagte er, dann kommt ein Hamburger Fahrzeug, das mir ganz so aussieht, als wäre es die HerrnX zugehörende »Wassernixe«. Der Segler links von diesem ist ein Schwede, jener rechts ein Spaniole, und der hinterste ein Amerikaner. Ich sage Ihnen, lieber Freund, die Amerikaner sind fixe Jungen. In Allem, was sie angreifen, liegt Sinn, und man muß Augen und Ohren offen halten, und kurz sein mit den Worten, wenn man ihnen einen Vortheil abgewinnen will. Ich sag' Ihnen das, damit Sie es bei Zeiten beherzigen und sich nicht übervortheilen lassen. Für Anderer Unglück haben sie drüben wenig Herz. Wer dort nicht reussirt, wird für ungeschickt gehalten, und Einfältige, Gutmüthige, allzu Vertrauensvolle müssen »gerupft« werden, sagen die Yankees. Das Boot glitt jetzt Altona schief gegenüber durch die Wellen, so daß Fürchtegott mit Einem Blick das Schiffsgewimmel im Hafen übersehen konnte, ein Anblick, der jedem Binnenländer unvergeßlich bleibt. Erichson deutete mit seinem Rohrstocke auf ein nahe an der Landungsbrücke liegendes Fahrzeug, das sich durch seinen schlanken, eleganten Bau vor den andern nahebei ankernden Schiffen auszeichnete, und sagte: Sehen Sie den prächtigen Schooner dort? Wie gefällt er Ihnen, junger Freund? Fürchtegott gerieth in einige Verlegenheit, denn noch wußte er nicht mit Bestimmtheit anzugeben, welches der vielen Schiffe ein Schooner, welches eine Brigg u.s.w. sei. Er antwortete deßhalb mit einer Gegenfrage, indem er von Herrn Erichson zu wissen begehrte, welchen Schooner er meine. Der Makler hob abermals seinen Stock und bezeichnete nunmehr das Schiff so genau, daß der junge Ammer sich nicht mehr irren konnte. Nun, versetzte Letzterer, es sieht ganz schmuck aus, und wenn es ein rascher Segler ist, mag sein Besitzer, besonders im Fall er von Schifffahrt etwas versteht, sich wohl darüber freuen. So freuen Sie sich denn, junger Freund. Es ist das »gute Glück« und gehört Ihnen zu. In fünf Minuten werden Sie persönlich davon Besitz genommen haben. Jetzt ließ Fürchtegott seine Blicke mit stolzem Wohlbehagen auf dem stattlichen Fahrzeuge ruhen, dessen glänzend schwarzer Rumpf hoch über dem gelben Wasserspiegel emporragte, dessen Masten wie neu polirt erschienen, dessen Tau- und Segelwerk so überaus sauber, zierlich und fein sich zeigte. Das Ding ist in Amerika gebaut, sagte Erichson. Es läuft, als stünd' es auf Rädern, sobald sich ein paar Segel an seinen Raaen blähen, und wer darauf fährt, der sitzt beinahe so sicher, als läge er in des braven Erzvaters Abraham Schooße. Als es die erste Reise von New-York hierher gemacht hatte in einer Zeit, wie kaum je ein Schiff gleicher Bauart vorher, und es hier verkauft werden sollte, hab' ich's in Herrn Wimmer's Auftrage an mich gebracht. Damals wußte ich noch nicht, daß die Firma »Ammer, Söhne und Compagnie« darauf denke, ihre Producte in eigenen Schiffen seewärts zu versenden. Aber da sind wir. Bootsmann, Ahoi! Der Herr Rheder will an Bord! Ueber die Schanzkleidung schauten ein paar runde Matrosengesichter herab auf den Makler und seinen Begleiter. Gleich darauf senkte sich das Fallreep und Fürchtegott setzte, noch nicht an das Schaukeln des Bootes auf dem etwas bewegten Strome gewöhnt, fast taumelnd seinen Fuß auf die unterste Stufe, um zum ersten Male die Bretterwohnung zu betreten, die schon nach wenigen Tagen auf unbestimmte Zeit sein bleibender Aufenthalt werden sollte. Der Capitän, ein noch ziemlich junger Mann, begrüßte die Herren mit großer Zuvorkommenheit, und unterließ nicht, den jungen Ammer sogleich auf eine Art, die durchaus nichts Auffallendes hatte, mit dem Wissenswertesten bekannt zu machen, damit er schnell in seinem Eigenthum heimisch werden möge und die Einrichtung eines Seeschiffes ihm nicht länger eine fremde Welt bleibe. Fürchtegott war dem vorsichtigen Manne für diese Aufmerksamkeit, diesen weltmännischen Tact aufrichtig dankbar, achtete genau auf Alles, was der Capitän sagte, fragte, wenn er etwas nicht sogleich verstand, und bereicherte in Zeit einer halben Stunde seine Kenntnisse bedeutend. Zum Glück war die Mannschaft größtentheils im Raume beschäftigt, die bereits eingenommene Ladung zu stauen. Als er in Begleitung des Capitäns und des Maklers in diese dunkle und immer etwas dunstige Höhle hinabstieg, ward ihm sonderbar zu Muthe. Obwohl in einer noch ganz fremden Welt, wehte es ihn hier unten doch wie Heimathluft an. Er stand wieder mitten im Lagerhause seines Vaters, nur daß es hier nicht so licht war, daß es anstatt nach frisch gebleichtem Linnen, nach Theer roch. Sonst war Alles, wie daheim. Das waren die ihm wohlbekannten Kisten, die stets ein und dieselbe Form hatten; das war das Zeichen, das sein Vater gewöhnlich selbst dem Holze einer jeden Kiste einzubrennen pflegte. Ein Anflug von Rührung ergriff ihn momentan, doch suchte der nach Größerem strebende Jüngling dieser Gefühlsaufwallung schnell Meister zu werden, um keinen Augenblick sein Ziel aus den Augen zu verlieren. Nach einstündigem Aufenthalt verließ unser Freund seinen Schooner mit großer Befriedigung. Inzwischen war die Ebbe eingetreten, und wie früher Kähne und Fahrzeuge aller Art überseeische Waaren von den Schiffen nach den Speichern schafften, so schwammen jetzt eben so bedeutende Waarenmassen nach den im Strome ankernden Schiffen, um nach fernen Ländern versendet zu werden. Gerade, als das leichte Boot Fürchtegott's abstieß, näherte sich eine große Schute, ganz vollgepackt mit Kisten, die alle den Stempel Ammer's trugen und für Amerika bestimmtes Linnen enthielten. Fürchtegott warf einen zufriedenen Blick auf die ihm zugehörenden Schätze, die er jenseits des Weltmeeres in lauteres Gold sich verwandeln sah. Als der Nachen beim Baumhause wieder anlangte, konnte der junge Ammer es doch nicht über sich gewinnen, diesem schon seit langer Zeit ihm interessanten Gebäude vorüber zu gehen. Er fragte den Makler, ob noch Zeit zu einem Besuche des Baumhauses übrig sei, und da die Antwort bejahend lautete, befanden sich Beide gleich darauf unter einer Menge breitschultriger, wohlgenährter Männer, von denen die Meisten Englisch sprachen. Erichson bezeichnete diese seinem Begleiter als englische und amerikanische Schiffscapitäne. Es gab aber auch noch andere Besucher, die Fürchtegott mit großer Aufmerksamkeit, zugleich aber auch mit einer Art Ehrfurcht betrachtete, als der Makler ihm flüsternd ihren Namen nannte. Es waren schon bejahrte Männer von klugem Aussehen, sonst bürgerlich schlicht in ihrem Benehmen. Sie unterhielten sich bei einem Glase Portwein in plattdeutscher Sprache über Handelsgegenstände, weßhalb der eigentliche Inhalt des Gesprächs dem jungen Manne verloren ging. Ihm genügte es, zu wissen, daß er in diesen einfach gekleideten Männern einige der reichsten Kaufleute vor sich sah. Männer, die über Millionen verfügten, deren Schiffe auf allen Meeren schwammen, die mehr als einmal durch Seeunglück Hunderttausende verloren, diese Trauerbotschaft aber mit einer Ruhe hingenommen hatten, als wäre gar nichts geschehen. Der Aelteste dort, fügte Erichson leise hinzu, der die Zeitung liest, kam ohne alle Mittel nach Hamburg, und jetzt zählt er unter die Millionäre. Er war stets vorsichtig, aber nicht karg, wenn es sich um Großes handelte. Sein Landhaus, das er seit einigen Jahren sich hat bauen lassen, zeugt von edlem Geschmack, von Sinn für Kunst. Er sieht es gern, wenn Fremde ihn besuchen, er selbst aber lebt persönlich nicht besser, als der einfachste Bürger. Auf Fürchtegott machten diese Bemerkungen tiefen Eindruck. Was diesem gelang, sagte er sich im Stillen, warum sollte es dir unerreichbar sein? Ich bin auch nicht verwöhnt worden in meiner Jugend. Der Vater ist auch schlicht und sparsam, obwohl er Herr von und auf Weltenburg geworden ist und es mit manchem Grafen aufnehmen könnte. Ich werde also diesen Vorbildern nacheifern und wer weiß, ob sich dann nicht vielleicht nach zehn oder zwanzig Jahren der jetzt noch so ganz unbekannte Sohn des Webers Ammer in einen der größten Rheder und Kaufleute dieser Welthandelsstadt verwandelt hat! Während er sich an solchen Gedanken letzte, schlürfte er mit Behagen ein Glas Wein und betrachtete mit besonderem Vergnügen eine an der Wand hängende Flußkarte der Niederelbe von Hamburg bis Cuxhaven. Die vielen Sande und Untiefen, welche darauf verzeichnet waren, die sonderbaren Namen, die viele derselben führten, gewährten ihm eine höchst anziehende Unterhaltung. Erichson mußte endlich zum Aufbruch mahnen, sonst würde unser Freund stundenlang hier geblieben sein, wo so Vieles sich vereinigte, was ihn anzog und festhielt. Still und nachdenklich durchwanderte er an der Seite seines Begleiters die gewühlvollen Straßen, nur mit halbem Ohr auf das hörend, was Erichson sprach. Die Menschen, so mancherlei Auffallendes sie bei genauerer Beobachtung für den jungen Ammer gehabt haben würden, jetzt machten sie eben so wenig Eindruck auf ihn, als die Häuser, an denen er Vorüberwandelte, und deren Bauart er beim ersten Schritt auf die Straße so merkwürdig, ja seltsam gefunden hatte. So kamen sie gegen zwölf Uhr Mittags wieder in Erichson's Wohnung an, wo die stattliche Frau vom Hause in reicher Kleidung den jungen Gast zwar stumm, aber mit einem so glücklichen Lächeln begrüßte, daß Fürchtegott Mühe hatte, ernsthaft zu bleiben, und der steife Makler mit schlauer Miene nur ein verwundertes: »Ach, prächtig aufgetackelt!« halblaut vernehmen ließ. Der sehr lecker aussehende Frühstückstisch, auf welchen der Makler unverweilt zusteuerte, übte auch auf Fürchtegott eine bedeutende Anziehungskraft aus. Er lehnte deßhalb die pantomimische Einladung der geschmückten Dame des Hauses durchaus nicht ab, sondern ließ vielmehr der Kochkunst derselben alle Ehre widerfahren. Dabei begann das ergötzliche Unterhaltungsspiel von gestern Abend auf's Neue, und zwar mit einer Lebhaftigkeit, die Erichson nur merkwürdig fand, Madame Erichson aber nach beendigtem Frühstück zu dem Ausrufe bewog: Dat is en prächtigen Minschen! Töf, Ohler, weer he in de Marsch baren und könn' he spreken as en richtigen Minschenkind, ick wörr man dull, beestig dull. Erichson kannte seine brave Frau. Er legte deßhalb bei diesem naiven Bekenntniß beide Hände auf seinen Leib und lachte so herzlich, daß ihm die Thränen über die Wangen herabliefen. Madame Erichson ward dadurch zu weiteren Erläuterungen veranlaßt, die sie mit geläufigster Zunge hervorbrachte, und Fürchtegott, der nur dunkel ahnte, daß seine Persönlichkeit zu diesem komischen Auftritte Anlaß gegeben haben möchte, lehnte am Fenster und amüsirte sich königlich an dem wunderlich gearteten Ehepaare. Zweites Kapitel. An der Börse. Der beabsichtigte Besuch auf dem Comptoire des Geschäftsführers mußte unterbleiben, da die Börsenzeit mit schnellen Schritten herannahte und der Makler diese um keinen Preis hätte versäumen mögen. Jedenfalls treffen wir auf der Börse mit Herrn Elias Beinheim zusammen, sprach Erichson. Dann kann er uns gleich mittheilen, wann er ungestört ist. Sie werden an dem Manne Ihre Freude haben, sag' ich! Proper, durch und durch proper, treu wie Gold, und ein Geschäftsmann, der seines Gleichen sucht! Es zeugt von meines lieben Bruders in Christo tiefer Menschenkenntniß, daß Herr Wimmer gerade diesen Beinheim sich zum Compagnon für Sie ausgesucht hat, obwohl er ihn nie von Angesicht zu Angesicht sah, sondern nur aus seinen Briefen kannte. Fürchtegott, dem heute schon so viel Ungewöhnliches vorgekommen war, daß es in seinem Kopfe bereits etwas bunt durcheinander lief, sah diesem Zusammentreffen mit Spannung entgegen, und freute sich, als der Makler abermals Hut und Stock ergriff, um die Wanderung nach der Börse anzutreten. So lebhaft wie jetzt hatte Fürchtegott die Straßen noch gar nicht gesehen. Aus allen Gassen und Twieten kamen hastig ausschreitende Menschen, strebten den Hauptstraßen zu und bildeten in ihrem Vorwärtseilen ein bewegtes, murmelndes Menschenmeer. Der junge Ammer konnte sich dies Drängen und Hasten nicht recht erklären, denn er wußte in jenem Augenblicke noch nicht, daß die Börse das Herz einer Handelsstadt ist, von dessen Pulsschlägen das Wohl und Wehe Hunderttausender abhängt. Seine an Erichson gerichtete Frage, weßhalb denn jeder Kaufmann die Börse besuche, blieb unbeantwortet, ein ganz eigenthümlicher Blick des Maklers nur sagte ihm, daß er von einem angehenden Handelsherrn eine so müßige und thörichte Frage nicht erwartet hätte. Erst als man das unscheinbare alte Gebäude mit dem von Linden beschatteten Vorraum erreichte, löste sich Erichson's Zunge, und indem er auf die summenden Tausenden hindeutete, die hier versammelt waren, um für die nächsten vier und zwanzig Stunden den Schritt der Zeit zu ordnen, in welcher die Handelswelt lebt, sprach der Makler stolz: Das ist die Börse! Eine Versammlung von Männern, die alle ihr Einmaleins ganz genau kennen. Das Gewühl der Durcheinanderdrängenden imponirte Fürchtegott, nur wollte es ihm nicht klar werden, wie man in solchem Gesumme, wo Tausende sprachen und doch Keiner verstanden ward, wichtige Handelsgeschäfte abschließen könne. Er beobachtete aufmerksam die Physiognomien der Versammelten, er sah an der Lebhaftigkeit der Gebehrden Einzelner, daß es sich wohl um Wichtiges handeln möge, aber der Schlüssel, der ihm die Pforte zu diesem öffentlichen Geheimnisse öffnen sollte, das ihn so räthselhaft umfluthete, wollte sich nicht finden. Erichson hatte ein paar Secunden mit mehreren Männern gesprochen und Einiges in seine Schreibtafel notirt. Jetzt trat er mit erheitertem Gesichte wieder zu Fürchtegott und sagte: Gutes Geschäft heute! Habe eben ein paar tausend Marc Banco verdient. Sie? Jetzt? Vor zwei Secunden. Der junge Ammer fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er fühlte, daß ihm der Kopf zu schmerzen begann, daß er, ein Neuling in dieser Welt, von Allem was um ihn vorging, nichts verstand. Und doch war er Rheder! Doch gehörte er gewissermaßen mit zu den Lenkern und Ordnern des wunderbaren Organismus, den man Welthandel nennt! Bin neugierig, ob Herr Elias Beinheim kaufen wird? sagte Erichson halb für sich, halb zu seinem jungen Begleiter. Was kaufen? fragte Fürchtegott. Wäre freilich gewagt, aber auch gut daran zu verdienen, wenn's einschlüge. Fürchtegott wagte seine Frage nicht zu wiederholen. Er suchte in den Mienen des Maklers zu lesen, konnte aber auf den ziemlich unbeweglichen Zügen desselben doch nichts entdecken, als eine sich etwas breit ablagernde Zufriedenheit. Endlich kommt er! rief Erichson. Endlich! Und wie es scheint ganz vergnügt. Ist ihm gewiß gut eingeschlagen, der letzte Kauf. Ein hochgewachsener, hagerer, beinahe knochig zu nennender Mann mit sehr strengen Zügen schritt auf Erichson zu und reichte ihm die Hand. Dem Ansehen nach mochte er etwa sechzig Jahre alt sein. Seine Kleidung war noch ganz altväterisch, ein ziemlich sicheres Zeichen, daß er dem Alten mehr als dem Neuen anhange und vertraue. Er trug Strümpfe und Schnallenschuhe. Sein Rock war sehr lang, bequem, von feinem Tuche, aber ohne eigentliche Form. Ueber den Kragen herab fiel ein Zopf, zu dem der etwas abgetragene, dreieckige Hut nicht übel paßte. Fürchtegott fand das Aeußere dieses streng, ja hart blickenden Mannes durchaus nicht anziehend, und konnte nicht begreifen, wie es möglich war, daß Erichson in diesem sauertöpfischen Gesicht etwas von Vergnügen entdecken mochte. Seine Verwunderung sollte sich jedoch um ein Beträchtliches steigern, als der Makler in dem Hagern ihm den Herrn Elias Beinheim, den Compagnon der Firma »Ammer, Söhne \&Comp.« vorstellte. Die beiderseitige Begrüßung der einander geschäftlich so eng Verbundenen gestaltete sich äußerst kühl; denn machte Beinheim auf den jungen Mann einen entschieden abstoßenden, ja widerwärtigen Eindruck, so mochte dieser junge, so blühend und unerfahren aussehende Mensch dem im Comptoir unter Handelsbüchern und bei Rechnungsabschlüssen ergrauten Kaufmanne auch kein besonderes Vertrauen einflößen. Ein in plattdeutscher Mundart geführtes Gespräch zwischen Erichson und Beinheim, von dem Fürchtegott nur einzelne Worte verstand, handelte von so eben zum Abschluß gediehenen Geschäften. Während desselben blitzte einigemale etwas in den Zügen Beinheim's auf, das man für einen matten Versuch, freundlich aussehen zu wollen, halten konnte. Nach Beendigung desselben wandte sich der steife ernste Mann zu unserm Freunde, reichte ihm nochmals die Hand und sagte: Es freut mich, Herr Ammer junior, Sie persönlich kennen zu lernen. Ist immer gut, wenn Geschäftsleute sich Auge in Auge sehen gibt mehr Vertrauen. Von Herrn Wimmer habe ich viel Gutes von Ihnen und Dero Herrn Vater vernommen, man hat Sie mir als sehr praktisch geschildert. Ist immer die Hauptsache, Herr Ammer. Mit praktischen Leuten macht sich ein Geschäft von selbst. Ich selber bin ungeheuer praktisch. Wir hatten Ihnen heute noch einen Besuch zugedacht, Herr Beinheim, bemerkte Erichson. Stören wir wohl, wenn wir nach Tisch, so gegen sechs Uhr etwa vorkommen? Im Gegentheil! Wird mir zur größten Ehre gereichen, den Herrn, dessen Namen unsere Firma schmückt, in meinem Hause empfangen zu können. Wie gefällt Ihnen Hamburg? Fürchtegott brach in Lobeserhebungen aus, die, weil sie ungezwungen waren und ihm warm aus dem Herzen kamen, den besten Eindruck auf den steifen, pedantischen Compagnon machten. Das höre ich gern, sagte Beinheim, dem Jünglinge zum dritten Male die Hand reichend. Ich sehe, Sie passen in's Geschäft, und werden, denk' ich, bald ungeheuer praktisch sich anlassen. Damit endigte die erste Unterhaltung Fürchtegott's mit seinem Compagnon oder richtiger dem Factotum der Firma, die den Namen Ammer trug. Beinheim lüftete ein wenig den Hut, grüßte kühl und ging seines Weges. Rund um die Börse fing es wieder an, lebendig zu werden; die Gruppen der Sprechenden lösten sich auf, Alles kam in schiebende und rollende Bewegung und nach wenigen Minuten zerstreuten sich die versammelten Tausende eben so rasch, wie sie gekommen waren. Gott Merkur hatte seine Gläubigen zu seinen Füßen gesehen und versprochen, ihnen für die nächsten vier und zwanzig Stunden noch ein unbedingt gnädiger Herr sein zu wollen. Drittes Kapitel. Ein Besuch bei dem Compagnon. Auf dem Nikolaithurm verhallten die letzten Accorde des Glockenspieles, das damals allstündlich sich wiederholte, als Fürchtegott in Begleitung des Maklers Erichson die »holländische Reihe« hinabschritt, um Beinheim einen Besuch abzustatten. Jetzt gegen Abend war dieser Stadttheil nicht mehr stark belebt, es waltete sogar eine gewisse feierliche Stille, wie an Festtagen. Nur wenn Fürchtegott einen neugierigen Blick durch die hellen Fenster der stattlichen alten Häuser warf, konnte er bemerken, daß die Bewohner derselben nicht feierten. Ueberall sah er emsig Schreibende an schrägen Comptoirpulten, die für das, was sich draußen auf der Straße zutrug, keinen Sinn zu haben schienen. Sehr merkwürdig und interessant war unserem Freunde der tiefe Kanal, der mitten durch die Straße floß oder vielmehr die Scheidewand der Häuser- und Speicherreihen bildete. Er konnte nicht umhin, stehen zu bleiben und dem Treiben auf dieser Wasserstraße zuzusehen, die mit größeren und kleineren, meistentheils schwer beladenen offenen und flachen Fahrzeugen fast bedeckt war. Unter den meisten Speichern lagen solche Schuten, und die Winden an den wunderlich geformten, stark getheerten Krahnen waren in ununterbrochener Thätigkeit. Außer dem Knarren dieser Winden, dem Klirren einer Kette, dem eintönigen Ruf eines Bootsführers oder eines auf den Speichern beschäftigten Arbeiters und dem leisen Gesäusel der Linden, deren ziemlich viele an den Speichern standen und deren Laub jetzt von der untergehenden Sonne mit Gold bestreut ward, ließ sich nichts hören. Erichson, der gern mit der Zeit geizte, weil er die Richtigkeit des englischen Sprichwortes » Time is money « längst vollkommen begriffen hatte, drängte Fürchtegott vorwärts, um den Geschäftsfreund nicht zu verfehlen. Und so sah sich denn der junge Ammer recht gegen seine Neigung genöthigt, eine Gegend kaufmännischen Lebens und großartiger Handelsthätigkeit, die ihn ungemein fesselte, schon nach wenigen Minuten wieder zu verlassen. Beinheim wohnte auf dem »holländischen Brook«. Die gewaltigen, hohen Giebelhäuser, von unten bis oben mit Oelfarbe angestrichen, und da und dort neben der Thür eine rauschende Linde, gefielen unserem Freunde. Alles sah stattlich, reich, eigenthümlich aus. Und zur Linken der stille, tiefe Fleeth, auch hier umrahmt mit Holzkrahnen, verknüpfte die hier lebende Kaufmannswelt unmittelbar mit dem segenbringenden Strome, mithin mit der ganzen nahen und fernen Welt. Vor einem der stattlichsten Häuser dieser im kaufmännischen Sinne höchst fashionablen Straße blieb Erichson stehen. Hier wohnt Herr Beinheim, sagte der Makler, die Hausthüre öffnend und Fürchtegott den Vortritt lassend. Dieser wunderte sich, nur den Namen des Bewohners an der Thür auf glänzendem Messingschilde zu erblicken, ohne Firma über der Thür. Ueberhaupt fiel es ihm auf, daß man gerade in der eigentlichen Stadt der Großhändler keine Firmen fand, was seiner Meinung nach den Verkehr erschweren mußte. Er konnte sich's nicht erklären, wie man jederzeit in der großen volkreichen Stadt leicht und bequem diese oder jene Firma auffinden möge. Eine weite und tiefe Diele, mit großen Quadern ausgelegt, nahm unsere Bekannten auf. Am Ende derselben sah man durch ein großes und hohes Fenster in einen allerliebsten Garten. Die Diele war äußerst sauber, das ganze Haus glänzend und rein, als werde es von unsichtbaren Händen stündlich von oben bis unten gefegt. Unfern der Hausthür bemerkte Fürchtegott eine Art Glasgehäuse, wenigstens hatte dieses sonderbare Gemach, in dem eine ältliche Frau strickend saß, Aehnlichkeit mit einem fast nur aus Fenstern bestehenden Käfige. An diese Person im »Zibürken« wandte sich Erichson mit der Frage: ob Herr Beinheim zu Hause sei? Die Alte nickte, eine langen forschenden Blick auf die jugendlich schlanke Gestalt Fürchtegott's werfend. Erichson schritt über die Diele nach hinten, wo jetzt sein Begleiter eine schwarze Tafel über einer Thür mit der Inschrift erblickte: Ammer Söhne und Compagnie . Beim Lesen dieser Worte fühlte Fürchtegott sein Herz hörbar klopfen. Der Makler klopfte stark an die Thür, und ein festes, aber kaltes Herein! antwortete. Herr Beinheim's Comptoir hatte wenig Ansprechendes. Es war klein, ziemlich hoch und so mit Pulten vollgepfropft, daß man sich zwischen denselben förmlich durchzwängen mußte. Außer dem Prinzipal fand sich im Augenblick Niemand in diesem Heiligthum. Herr Beinheim selbst saß auf einem ungepolsterten Comptoirschemel mit sehr hohen Füßen und schmaler, kurzer Lehne. Er sah ernst, fast verdrießlich aus, so daß man sich in seiner Nähe nicht eigentlich behaglich fühlen konnte. Am meisten fielen unserm jungen Freunde die verschiedenen Gegenstände auf, die von der Decke herab über dem Schreibpulte Beinheims hingen. Fürchtegott sah da eine Schreibfeder, einen Bleistift, ein Stück Gummielasticum und eine Papierscheere. Jeder dieser Gegenstände lief in Rollen, so daß sie sich auf- und niederziehen ließen, je nachdem sie benutzt werden sollten. Herr Beinheim hatte diese Einrichtung für nöthig und zweckmäßig erachtet, weil er es nicht ertragen konnte, einen Gegenstand, den er selbst in Gebrauch hatte, von einem Anderen benutzt zu sehen. Dies achtete er einer Entweihung gleich, und um dies ein- für allemal zu verhindern, kettete er Alles, was ausschließlich sein Eigenthum sein und bleiben sollte, in erwähnter origineller Weise an. Höflichkeit in gewöhnlichem Sinne kannte Beinheim nicht. Das Wesen der Höflichkeit lag so ganz außerhalb seiner Natur, daß er ein ganz Anderer gewesen sein würde, hätte er sich dasselbe aneignen wollen. Einen Ersatz dafür mußte die trockene Kürze bilden, deren sich Herr Beinheim befleißigte. Ein flauer Händedruck, verbunden mit einem Winke, der die Bedeutung hatte, daß man Platz nehmen solle, war die ganze Begrüßung. Dann schloß er ein Fach seines hohen Pultes auf, nahm einen Folianten heraus, blätterte darin und legte ihn Fürchtegott vor, indem er sagte: Da ist die Bilance. Wir können mit dem Anfange zufrieden sein. Fürchtegott sah auf die Zahlen, deren Größe ihn anzog, und da er schon bei Herrn Wimmer einige Kenntnisse in der kaufmännischen Buchführung erlangt hatte, begriff er leicht, was in der vorgelegten Rechnung am wichtigsten war. Nach dem reinen Gewinn, der in dem werthvollen Buche verzeichnet stand, durfte er sich und seinem Bruder zu Wimmer's bisherigen Speculationen gratuliren. Es macht sich noch besser, mein Herr Ammer, bemerkte Beinheim, als Fürchtegott das Buch wieder bei Seite schob, wenn erst Einer der Unternehmer in Person die Verhältnisse drüben in der neuen Welt in Augenschein nimmt. Wäre gern selbst gegangen, bin aber zu alt, zu stumpf, zu bequem und auch zu starr kann mich nicht mehr in Andere fügen. Die Jugend ist da besser am Platze. Danke es meinem alten Freunde, Lazarus Wimmer, daß er so gut gewählt hat. Nicht wahr, sie sind auch zufrieden, Herr Ammer? Fürchtegott gab seine Zufriedenheit zu erkennen, obwohl der Mann, mit dem er ja doch von jetzt an in engste Verbindung treten mußte, ihm gar nicht gefiel. Das Comptoir dünkte ihm ein Gefängniß zu sein, Herr Beinheim ein Verhörrichter, dem es Vergnügen, ja Genuß bereitete, mit trockenen, harten, peinlichen Fragen einem Dritten alle Geheimnisse des Lebens abzugewinnen. Wir sind heute Vormittag schon an Bord des »guten Glückes« gewesen, sprach Erichson, und haben die Ladung einnehmen sehen. Es wollte mir aber scheinen, als sei noch viel Raum im Schiffe. Die Sendung Herrn Ammer's reicht nicht zu, das Schiff zu befrachten. Ist so und soll so sein, Herr Erichson, versetzte der Kaufmann, und über sein lederfarbenes Gesicht glitt ein kaum merkliches Lächeln. War calculirt soll hoffentlich von gutem Nutzen sein, was ich vorhabe. Haben Sie andere Waaren außer meinen Geweben mit in die neue Welt zu versenden? warf Fürchtegott fragend ein, der im Bewußtsein seines Geldes und der Macht, die er besaß, schon dreister ward. Ein spitzer Blick aus Beinheim's kalten Augen erschreckte ihn fast, er fühlte sich jedoch sofort wieder beruhigt und sicher, da sein Compagnon hinzufügte: Denke so etwas zu thun, versteht sich, mit Ihrer Erlaubniß. Sollen davon wissen kommen Sie! Herr Beinheim verschloß das Hauptbuch, steckte den Schlüssel zu sich, bedeckte sein spärliches Haar mit einer sehr alten, zergriffenen Lederkappe, nahm einen großen Schlüssel von der Wand neben seinem Arbeitspulte und verließ, seinen Gästen stumm winkend, das Comptoir. Durch einen langen düstern Gang geleitete sie Herr Beinheim über einen von hohen Gebäuden umgebenen Hof nach einer schmalen Pforte, die zu einem abgesonderten vierstöckigen, aus Fachwerk leicht gebauten Hause führte. Diese Pforte erschloß der Kaufmann und nöthigte seine Begleiter, einzutreten. Fürchtegott wäre lieber zurückgeblieben, denn ein unangenehmer, das Athmen erschwerender Dunst erfüllte das Innere des sehr geräumigen Gebäudes und verursachte dem Jünglinge Beängstigungen. Indeß seine Neugier war doch größer, und so entschloß er sich mit unsichern Tritten eine steile Treppe hinanzuklimmen, die in das erste Stock führte. Erichson und Beinheim folgten. Oben angekommen, betraten die drei Männer einen saalartigen Raum, der durch mehrere sehr kleine Fenster nur dürftig erleuchtet ward. In diesem Raume würde es jetzt schon völlig Nacht gewesen sein, hätten nicht einige Laternen, die am Gebälk der Wände befestigt waren, ein spärliches Licht verbreitet. Der schon erwähnte seltsame Dunst war hier noch schärfer, als im unteren Raume. Zugleich bemerkte Fürchtegott wallartig aufgeschichtete dunkle Massen, die hier lagerten und durch welche sich schmale Gänge fortzogen. Er sah den Makler fragend und herausfordernd zugleich an, denn er befand sich wirklich in einiger Verlegenheit, da er durchaus nicht zu errathen vermochte, welche seltsame Stoffe Herr Beinheim, der Compagnon der Firma »Ammer Söhne u.Comp.« hier wohl aufgestapelt haben möchte. Beinheim, der den Jüngling nicht aus den Augen ließ, errieth seine Gedanken, darum zeigte er mit einem gewissen Stolz auf die hoch geschichteten unklaren Massen und sagte zuversichtlich: Das ist Gold, pures Gold! Wird Ihnen dereinst gar wohl gefallen, mein bester Herr Ammer! Erichson nickte beifällig mit dem Kopfe und rieb sich vergnügt lächelnd die Hände, indem er sagte: Ich verstehe, werther Herr Bruder, verstehe. Aber ich muß bewundernd bekennen, daß Sie doch eigentlich spitzbübisch klug sind! Bei näherer Besichtigung der in den weiten Räumen aufgehäuften Gegenstände glaubte Fürchtegott theils unregelmäßig geformte Stücke Tuch der verschiedensten Farben darin zu erkennen. Vom tiefsten Schwarz bis zum brennendsten Roth mit allen dazwischen liegenden Mitteltinten, gestreifte und carrirte, geschmackvolle und geschmacklose Muster: es war in dieser ungeheuern Niederlage von Millionen großer und kleiner Fetzen für jedes Bedürfniß gesorgt. Der junge Ammer, durch die außerordentliche Menge neugierig gemacht, schritt die schmalen Zwischenräume auf und ab, und erlaubte sich, hin und wieder einen Packen zu befühlen und genauer zu betrachten. Es waren zweifellos Stückchen Tuch, einige ganz und sauber gehalten, andere mehr oder weniger gebraucht. Mit großer Accuratesse aber hatte eine ordnungsliebende Hand die verschiedenartigsten Muster von einander geschieden, und nur Zusammenpassendes in ein Paquet oder Bündel geschnürt, so daß trotz des eigentlich widerwärtigen Stoffes das so geordnete doch immer in gewissem Sinne als verkäufliche Waare gelten konnte, falls sich überhaupt für derartige Abfälle irgendwo Käufer fanden. Beinheim ergötzte sich offenbar an dem Staunen, das sich in Fürchtegott Ammer's Mienen spiegelte. Mit Nachdruck bedeutete er seinem Compagnon wiederholt, daß Alles, was hier lagere, und womit der Speicher bis zum obersten Bodenraum vollgepfropft sei, nur aus verbrauchten Dingen, aus dicken und dünnen, feinen und groben Tuchlappen bestehe. Und das nennen Sie Gold, Herr Beinheim? fragte Fürchtegott, ungläubig die Nase rümpfend, als er den Raum durchschritten hatte und bei einer Gruppe Arbeiter stehen blieb, die beschäftigt waren, das Material zu sichten und Zusammengehöriges übereinander zu schichten. So nenn' ich es, bekräftigte der Kaufmann, und wollen Sie Zeuge sein, wie man aus Lappen und Lumpen, die bei uns in Europa fast werthlos und deßhalb billig zu haben sind, in der neuen Welt Gold macht, gedenke ich den noch frei gebliebenen Raum Ihres Schoners mit diesen Packen vollzustopfen. Es hat nichts zu sagen, wenn sie auch während der Ueberfahrt leiden sollten. Meine Handelsfreunde in Amerika sind nicht penible. Fürchtegott hörte stirnrunzelnd zu. Er war nahe daran, zu glauben, der alte kluge Kaufherr wolle sich über ihn lustig machen und seiner Unerfahrenheit etwas aufbinden. Der überaus pfiffige, dabei kalt überlegene Ausdruck seines listigen Gesichtes bestärkte ihn noch darin. Sah er dann aber wieder auf Erichson und dessen ernste, befriedigte Mienen, so ward er in seinen Vermuthungen wieder schwankend. Ich fürchte nur, Herr Beinheim, versetzte der junge Ammer etwas zögernd, der Geruch dieser alten Sachen kann sich dem frischen Linnen mittheilen und es dadurch verderben. Mein Vater würde sehr scheel dazu sehen und wahrscheinlich nach einer solchen Erfahrung keinen Faden mehr nach Amerika schicken. Was geht mich und uns Ihr Herr Vater an! versetzte Beinheim stolz. Sind Sie nicht selbstständig, und machen wir nicht von heute an durch unseres gemeinsamen Freundes, Herrn Lazarus Wimmer's Vermittelung, Geschäfte auf eigene Hand? Will der Herr Vater später sein Eigenthum nicht mehr auf den Schiffen der Herren Söhne versenden, nun gut, so mag er sie im Lande an Bauer und Bürger auf Jahrmärkten und durch Landkrämer verhandeln lassen. Den Gebrüdern Ammer wird es nicht an Händen fehlen, um Waaren in Menge herzustellen. Uebrigens kann ich Ihnen, mein werther Freund und Compagnon, die Versicherung geben, daß Ihre Befürchtungen unnütz und grundlos sind. Diese Worte beruhigten Fürchtegott, weil sie seiner Eitelkeit schmeichelten. Er fühlte sich dem erfahrenen Kaufherrn gleich und ebenbürtig, und Recht mußte er ihm geben, wenn er bedachte, daß all' sein zukünftiges Handeln ja ganz und gar unabhängig sei von des Vaters möglichen Bedenken und Einsprüchen. Es wäre mir dennoch angenehm, Herr Beinheim, sagte er, wenn Sie mich gefälligst etwas tiefer in den Geschäftsgang einweihen und über die Wege belehren wollten, die Sie einzuschlagen gedenken, um Sie verzeihen das Wort aus Lumpen und Lappen Gold zu machen. Brav gesprochen! versetzte Beinheim. Ich sehe schon, Herr Wimmer hat nicht zu viel Gutes von Ihnen gesagt. Kehren wir zurück in's Haus. Der Thee wird schon auf uns warten. Da sollen Sie denn erfahren, wie ein Kaufmann speculiren muß, um es zu etwas zu bringen. Schweigend verließen die drei Männer den dunkeln Speicher. Im Vorderhause nahm sie ein gemüthlich ausgeschmücktes Wohnzimmer auf, dessen Fenster der Straße zugekehrt waren. Hier brannte bereits Licht, der Tisch war gedeckt, der Kessel sang; kurz, es war eine Räumlichkeit, in der man nur gern verweilen mochte. Nachdem die Haushälterin still den Thee bereitet hatte, entfernte sie sich. Fürchtegott wagte, seine Frage zu wiederholen, und Beinheim, im gewöhnlichen Geschäftsverkehr kurz, streng, ja bisweilen fast grob, gab dem verwundernd zuhörenden jungen Ammer folgende Aufschlüsse: Amerika, mein Freund, ist ein Land, in dem es nur zweierlei Menschen gibt, nämlich sehr kluge, civilisirte, und ganz dumme, uncivilisirte. Zu der ersten Sorte gehören alle Weißen, Eingeborene wie Eingewanderte, zu der letzten die sogenannten Urbewohner des unermeßlichen Continents, d.h. die verschiedenen Indianerstämme, die sich gegenseitig aus blinder Eifersucht skalpiren und auffressen, und das dumme Negervolk, das die speculativen Europäer verteufelt witzig »Ebenholz« nennen und ein brillantes Geschäft durch klugen Verkauf dieser stockdummen schwarzen Simpel machen. Freilich schimpfen die Humanitätsschwärmer und Philanthropen diese Ebenholzhändler Seelenverkäufer und wollen sie damit zu großen Sündern stempeln; aber, mein Gott, was sollte denn aus der Welt, aus Handel und Wandel werden, wenn man erst bei diesen Schwindelköpfen anfragen wollte, ob es wohl erlaubt, moralisch und was weiß ich sonst noch sei, diesen oder jenen eben begehrten Artikel zu einem Handelsartikel zu machen! Erichson mußte herzlich lachen, indem er behaglich den köstlich duftenden Thee schlürfte. Ich sag's ja, warf er dazwischen, Sie sind spitzbübisch klug, Freund Beinheim. Ich halte mich gar nicht für besonders klug, mein sehr werther Freund Erichson, erwiderte Ammer's Compagnon, aber ich glaube durch langjährige Erfahrung einige kaufmännische Praxis gewonnen zu haben. Und diese ist für mich maßgebend bei jedem Geschäft, das ich abschließe, bei jedem Unternehmen, das ich wage. Der Makler nickte beifällig mit dem Kopfe und Beinheim fuhr fort: Indianer und Neger kennen weder den Werth des Geldes noch den Werth der Waaren. Sie schätzen Alles nach dem Wohlgefallen ab, das es beim Anblick ihren dummen Augen gewährt, weil sie nicht rechnen, nicht calculiren gelernt haben. Darum halten sie häufig, ja sogar gewöhnlich werthlose Dinge für äußerst werthvoll, während die kostbarsten Gegenstände ihnen kaum beachtenswerth dünken. Wenn nun ein verständiger, richtig urtheilender, mit europäischer Bildung gesegneter Mann die Dummheit dieser Halbmenschen benutzt, indem er ihnen gibt, mit vollen Händen gibt, was sie wünschen, und dafür entgegennimmt, was sie mit aller Gewalt los sein wollen, kann in solchem Handeln wohl irgend ein billig denkender Christenmensch etwas Widerrechtliches oder gar Unmoralisches und Schlechtes entdecken? Handel und Wandel kennen keine Freundschaft, sagte der Makler, mithin ist jeder Handeltreibende berechtigt, vor Allem zuerst seinen Vortheil im Auge zu behalten. Das mein' ich auch, fuhr Beinheim fort, sich wieder an seinen jungen, mit größter Spannung zuhörenden Compagnon wendend. Sie haben sicherlich schon früher gehört, daß die Wilden Alles, was blinkert, blitzt und glänzt, ungemein lieben; weßhalb denn auch alle Naturforscher, die sich in unbekannte Länder, unter uncivilisirte Nationen oder Volksstämme wagen, mit dergleichen Dingen sich versehen, um die Wilden damit zu beschenken und sie sich auf solche Weise zu Freunden zu machen. Glasperlen, unächte Corallen, gegossene und geschliffene Zierrathen von Zinn, Federn, buntes Wollenzeug und ähnliche Dinge haben für alle Wilden den größten Werth. Sie behängen sich damit auf die lächerlichste Weise und sind am stolzesten, wenn sie am abgeschmacktesten sich aufgeputzt haben. Nun erlaube ich mir zu erwähnen, mein junger Freund, daß unsere Missionäre vor einiger Zeit in ihren Berichten über den Fortschritt des Christenthums unter den Heiden in Südamerika die Bemerkung mit einfließen ließen, daß es schwer halte, diesen wunderlichen Naturkindern die Lehre von der Liebe in's Herz zu pflanzen, wenn man sie nicht zugleich mit etwas beschenke, das ihnen gefalle. Man habe die Erfahrung gemacht, daß Indianer und Neger sich leicht bekehren und taufen ließen, wenn man ihnen irgend ein Kleidungsstück oder auch nur ein Fragment eines solchen gebe, in das sie sich versteht sich nach ihrem eigenen Geschmacke hüllen könnten. Wilde, die man auf solche Art dem Christenthume zuführe, seien stets dankbar, wünschten immer mehr ihren Augen gefällige Gegenstände zu besitzen und händigten dafür Jedem, der ihnen solche Dinge liefere, unaufgefordert kostbare Edelsteine, Gold, Silber und andere werthvolle Sachen ein, ja drängten ihnen dieselben sogar auf. Als ich dies las, leuchtete es mir sogleich ein, daß sich diese der indianischen Natur innewohnende Eigenthümlichkeit vortheilhaft für den europäischen Handel müsse ausbeuten lassen. Ich machte also einen kleinen Versuch mit bunten, recht in die Augen fallenden Tuchen, die ich im Ganzen kaufte, zu Röcken und Schürzen verarbeiten ließ und hinüber schickte. Der Gewinn dafür war ein fabelhafter. Perlen und Goldstaub, Edelsteine aller Art gab das dumme Volk für ein brennendrothes Stück Tuch, das nur einige Groschen werth war. Das Geschäft, schrieb mir ein Holländer von drüben, würde sich noch viel brillanter gestaltet haben, wären die Fetzen recht buntfarbig gewesen! Darauf hin habe ich nun weiter calculirt und Alles, was ich an bunten, viel- und einfarbigen Tuchstücken auftreiben konnte, an mich gekauft, um es nach und nach zu verschiffen und mir es von den dummen amerikanischen Wilden mit Gold aufwiegen zu lassen. Wie groß oder wie klein das Stück sei, darauf kommt es diesen getauften Kannibalen wenig an. Je bunter der Rock, desto mehr ist er ihnen werth. Wir fordern nicht, wir tauschen nur, und wir können mit Zuversicht darauf rechnen, daß bei diesem merkwürdigen Tauschhandel das Hundertfache, bisweilen sogar noch mehr verdient wird. Jetzt, lieber Herr Ammer, denke ich, wird meine Liebhaberei für allerdings etwas unangenehm riechende alte Stücke Tuch Ihnen wie Weihrauch und Myrrhen die Nase kitzeln, und Sie werden schwerlich diese so kostbare Fracht nicht in Ihr Schiff nehmen. Fürchtegott besaß genug praktischen Tact, um zu begreifen, daß eine derartige Speculation, die sich auf die Unkenntniß und die spielerischen Neigungen eines Naturvolkes basirte, überaus gewinnbringend sein müsse. Er war ferner hinlänglich von kaufmännischem Geist durchdrungen, um einen sich darbietenden Vortheil nicht aus der Hand zu geben, weil sich vielleicht einige Skrupel dagegen vom streng moralischen Standpunkte aus erheben ließen. Der Werth jeglicher Sache ist ja stets illusorisch, ändert sich je nach Umständen und Bedürfnissen und ist deßhalb völlig unberechenbar. Fürchtegott billigte daher die Handlungsweise Beinheim's vollkommen. Begehrten die ungebildeten Indianer Amerika's Stoffe, die sich in Europa massenhaft vorfanden, waren sie über die Farben derselben entzückt, und tauschten sie diese ein für Gegenstände, welche den Europäern mangelten und gerade deßhalb bei diesen hoch im Preise standen; so wäre es mehr als thöricht gewesen, einen solchen Tauschhandel von der Hand weisen zu wollen. Muß doch ohnehin der Kaufmann oft genug ungeheure Summen auf's Spiel setzen, um im glücklichen Falle Großes zu gewinnen. Er gab deßhalb Herrn Beinheim seine volle Zustimmung und ersuchte ihn, von den erwähnten Stoffen so viel als immer möglich an Bord des »guten Glückes« bringen zu lassen. Wohl; ich bin ungeheuer praktisch, erwiderte der Compagnon, und da ich mit Vergnügen bemerke, daß Sie ebenfalls Sinn dafür haben, werden wir gute Geschäfte zusammen machen. Erichson hatte schon einigemale nach der Uhr gesehen. Er hatte seiner sehr pünktlichen Gattin das Versprechen geben müssen, nach acht Uhr mit dem jungen Ammer wieder zu Hause sein zu wollen. Dies Versprechen zu halten, daran war ihm viel gelegen; denn obwohl der Makler in allen rein geschäftlichen Angelegenheiten vollkommen Herr seines Willens war und nie eine Einmischung seiner wackern Frau zu fürchten hatte, erfreute er sich doch einer gleich großen Unabhängigkeit nicht in Hinsicht der häuslichen Ordnung. Hier schaltete Madame Erichson vollkommen unbeschränkt. Namentlich hielt sie mit unerbittlicher Strenge auf das Heimkommen des Maklers zu einer bestimmten Stunde. Erlaubte sich Erichson diese Zeit dann und wann zu überschreiten, so konnte Madame Erichson aufhören liebenswürdig und zärtlich zu sein. Das Gerücht wollte sogar wissen, daß in solchen Fällen die Gardinenpredigten stundenlang gedauert hatten, und mit einer Vernehmbarkeit gehalten worden waren, an der sich mehr als ein Nachbar mit erbauen konnte. Da Erichson aus Erfahrung wußte, daß seine Gattin, einmal gereizt, keine Rücksicht vor Fremden nahm, so war ihm begreiflicher Weise sehr viel daran gelegen, Fürchtegott Ammer diesen Genuß nicht zu Theil werden zu lassen. Herr Beinheim war einigermaßen eingeweiht in die häuslichen Freuden seines Geschäftsfreundes; er hielt ihn deßhalb nicht länger auf, sondern drängte vielmehr selbst zum Aufbruche, indem er mit eigenthümlichem Lächeln zu Fürchtegott sagte: Sie müssen wissen, Herr Ammer, Madame Erichson, meines lieben Freundes verehrte Frau Gemahlin, ist ganz ungeheuer praktisch! Guten Abend, guten Abend! Auf Wiedersehen morgen an der Börse! Als Fürchtegott ziemlich spät und von der lebhaften Unterhaltung seiner Gönnerin während des Abendessens nicht wenig ermüdet, sich auf seinem Zimmer fand, fühlte er sich in einer bisher nie gekannten Stimmung. Dieser erste Tag in der großen Welt hatte ihm ganz neue Gesichtskreise eröffnet. Er war um eine Menge Erfahrungen reicher geworden, denn jeder Schritt, den er that, enthielt für ihn eine Belehrung. Diesem ungeheuern, unübersehbaren Reichthum eines Lebens gegenüber, das für die Zukunft arbeitete, erschien ihm seine Vergangenheit so farblos, daß er mit Widerwillen daran dachte. Dies ewige, tonlose Einerlei stieg jetzt in der Erinnerung vor ihm auf, wie ein grauer, kalter Nebel. Keine Macht der Erde würde ihn vermocht haben, wieder zurückzukehren in jene alten Verhältnisse. Armer Vater! bedauernswerthe Mutter! rief er aus, noch einen Blick auf den Binnenhafen werfend, dessen Wasserstreifen der Mond mit flimmerndem Silber bestreute. Wie herrlich, wie freudenvoll könntet ihr leben, wüßtet ihr nur erst, was leben heißt! Aber Vater will es ja nicht wissen! Vater befindet sich ja am wohlsten in seinen beschränkten Verhältnissen. Darum auch paßten wir nicht zu einander, und es war gut, daß ich die Ketten brach und als selbsteigener Mann meinen Neigungen folgte und dem Rufe, welcher durch des Grafen und Wimmer's Stimme an mich erging. Mit diesen und ähnlichen Gedanken beschäftigt, entschlief unser Freund, um von bunten Träumen umgaukelt, bald als armer Weberbursche den Karren zu schieben, bald in unbekannten Gegenden, in ferner Welt, umgeben von wunderbaren Pflanzen und seltsamen Thiergestalten, die ganze Nacht ein vielbewegtes Leben zu führen. Die wenigen Tage seines Aufenthalts in Hamburg benutzte Fürchtegott theils zu kleinen Ausflügen in die reizende Umgegend der opulenten Handelsstadt, wobei Madame Erichson seine treueste Begleiterin und ein unermüdlich sprechender Cicerone war, theils zur Besichtigung der Stadt, die so viel Merkwürdiges darbot. Er vergaß darüber jedoch nicht, sich auf die bevorstehende Reise vorzubereiten, sich möglich genau mit dem Geschäft bekannt zu machen, wobei Herr Beinheim, der »ungeheuer praktische« Mann, ihm nach Kräften behilflich war, weßhalb denn auch Fürchtegott täglich einige Stunden auf dem entsetzlich engen Comptoir des trockenen und strengen Mannes arbeitete und dabei mehrfach Gelegenheit hatte, die seltsamen Eigenheiten desselben kennen zu lernen. Inzwischen hatte das »gute Glück« seine volle Ladung eingenommen, das Schiff ward klar gemacht, und Fürchtegott mußte an Bord gehen. Madame Erichson ließ es sich nicht nehmen, ihren Schützling dahin zu begleiten. Es war der trefflichen Dame durch ihre Ausdauer gelungen, dem gelehrigen Jünglinge die allernöthigste Kenntniß des Plattdeutschen beizubringen, so daß Ammer in den letzten Tagen seines Aufenthaltes wirklich das Wagniß unternahm, mit der Gattin seines gastlichen Wirthes einzelne plattdeutsche Redensarten zu wechseln, worüber sich dieselbe über alle Maßen freute. Fürchtegott mußte ihr wiederholt das Versprechen geben, von Amerika an sie zu schreiben. Sie erinnerte ihn nochmals daran an Bord des »guten Glückes«. Erst als schon der Anker aufgewunden war, und bereits die Segel entfaltet wurden, trennte sie sich von dem lieben jungen Menschen, eine Thräne der Rührung zwischen den Wimpern zerdrückend. Das »gute Glück« aber, auf dessen Hinterdeck, nahe dem Steuerrade, Fürchtegott Ammer stand, über das Geländer gebeugt, in den Strom, auf den Mastenwald des Hafens und auf die Häusermassen der geräuschvollen Stadt hinabblickend, glitt mit schwellenden Segeln stromabwärts und war schon nach einer halben Stunde den Blicken des Maklers und seiner Frau entschwunden, die auf leichtem Boote jetzt durch den Hafen zurück nach dem Baumhause fuhren. Viertes Kapitel. Ein Freundes-Besuch. Es war wieder Mai. Blüthenschnee bedeckte die Obstbäume des Dorfes, in dessen Häusern hundert arbeitsame Hände hinter den Webestühlen sich regten. Im Garten des jungen Seltner saß, von der Sonne beschienen, die schräge Strahlen über die Waldhöhen herabsandte, Flora in heller Kleidung. Die junge Frau sah nicht mehr so blühend und freudenvoll aus, wie früher. Sie war etwas bleicher geworden und um den frischen vollen Mund legte sich bisweilen ein Schmerzenszug. Jetzt aber lächelte sie, so froh, so selig, wie nur eine junge Mutter lächeln kann, die ein liebliches Kind auf ihren Knieen wiegt. Ein blühender, von Gesundheit strotzender, rundwangiger Knabe, der etwa zwei Monate alt sein mochte, lag auf Flora's Schooße und langte mit den kleinen, vollen Händchen nach den Bandenden, die von dem Häubchen der glücklichen Mutter herabhingen und im warmen Winde über das Gesicht des Kleinen hin- und herflatterten. Das Kind folgte mit großen, verwunderten Augen dem Spiel der Bänder und strampelte heftig mit den Füßchen, wenn sie seinen Händchen bei einer Seitenbewegung der Mutter entschwanden. Ein Ruf Albrecht's machte Flora aufhorchen. Wünschest du etwas? sagte die junge Frau, ihren sonnigen Sitz auf dem grünen Rasenplatze verlassend und mit dem lächelnden Knaben dem Fenster zuschreitend, durch dessen geöffnete Scheiben der kräftige Vater stolz und heiter auf sein junges Weib sah. Die Mutter winkte, erwiderte Seltner. Der Pathe des Kleinen ist gekommen, wenn ich recht gehört habe. Er wird nur ein paar Stunden bleiben, denn er kommt aus dem Königreiche und will noch vor Nacht wieder daheim sein. Mach' dich also parat, Herzensfrau, putze den Jungen hübsch heraus und laß uns hinübergehen zu den Eltern. Der Pathe hat ja den herzigen, kleinen Bengel seit dem Tauftage nicht mehr gesehen. Der wird keine schlechten Augen machen, wenn er sieht, wie prächtig der Junge zugenommen hat in den paar Wochen. Flora pflegte sich nicht zu putzen. Ihre Kleidung war stets rein und sauber, deßhalb genügten bei ihr nur wenige Minuten, um auch im gewöhnlichsten Hauskleide sich vor Fremden sehen zu lassen. Dem kleinen Otto ward ein frisches, mit Rosaband verziertes Häubchen aufgesetzt, dann nahm ihn Flora auf den Arm und schritt an Albrecht's Seite über die Straße nach der Wohnung der Eltern. Schon als sie aus der Thür traten, gewahrten sie den Vater mit Otto's Pathen auf der Bank vor dem Hause sitzen. Ammer's starkes Haar war in den letzten Monaten ganz weiß geworden, was dem stattlichen Manne ein ungemein ehrwürdiges Ansehen gab; sonst konnte man dem rüstigen Weber das Alter nicht anmerken. Sein Auge blickte hell und fest in die Welt, die Hand zitterte nicht, seine Stimme klang laut, wie sonst, und wenn er sprach, lag Kern in dem, was er sagte. Seine Gesichtszüge aber glichen einem Acker, den die Sorge gepflügt und den der Kummer mit Saamen bestreut hat. Ammer rauchte seine Meerschaumpfeife und hörte aufmerksam einer Auseinandersetzung seines Freundes, des Kaufmann Mirus zu, der seinen ersten Enkel aus der Taufe gehoben hatte. Ich weiß davon noch nichts, mein werther Herr Gevatter, sagte er, als Mirus seine Rede beendigte, denn gesprochen habe ich seit der Zeit den Herrnhuter nicht mehr. Ich konnt' es nicht über mich gewinnen, obwohl es mir vielleicht besser gewesen wäre und wohl auch christlicher; allein der Kummer fraß mir zu scharf am Herzen, so daß ich viel mit mir zu kämpfen hatte, um nicht ungerecht zu werden gegen Unschuldige. So haben Sie also gar keine Nachricht? Ich persönlich nicht, meine Firma in Hamburg dagegen ist, wie ich unter der Hand erfuhr, ganz gut unterrichtet. Hat er Ihnen geschrieben? Ja, von Liverpool das erste Mal, von den canarischen Inseln das zweite Mal. Und kindlich, nicht wahr? Ammer lächelte sehr sonderbar. O ja, erwiderte er. Die Worte klangen soweit ganz freundlich, und waren recht nett gestellt, aber der Hochmuthsteufel guckte doch aus jedem Buchstaben heraus, und daß die heutige Jugend zehnmal klüger sei, als wir Alten, die wir den siebenjährigen Krieg mit erlebt haben, das konnte ein Blinder zwischen den Zeilen lesen. Wann erwarten Sie ihn zurück? Kann's nicht sagen, Herr Gevatter, ist mir auch offen gestanden gar nicht viel daran gelegen. Meine Kinder sind jetztund alle mündig. Ich habe mich in's Unvermeidliche gefunden, ob auch unter Zürnen und Zagen, und so kann und will ich weiter nicht mehr in ihr Thun und Treiben hineinreden. Meine Sache, werther Herr Mirus, bleibt gesondert von dem Geschäft, das unter der Firma Ammer Söhne und Comp. geführt wird. Der alte Ammer im Rohr »wirkt«, wie wir Weber vom alten Schlage insgemein zu sagen pflegen, und können die Ammer Söhne etwas gebrauchen von meiner Arbeit, nun, so wird's der Alte liefern, so gut er kann. Herr, ich muß Ihr sagen, versetzte Mirus, ich billige das, wenn ich auch vielleicht die Sache selbst anders beurtheile, als Sie. Allem Vermuthen nach lucrirt die erwähnte Firma, wird groß und verdrängt wohl gar manche jetzt ganz geachtete durch ihren Glanz und ihr Glück. Glück aber trägt nur dann bleibende Früchte, wenn es beständig ist. Darum billige ich die Separation. Mein Aeltester, nahm wieder Ammer das Wort, hat die Oberleitung der Fabriken in Weltenburg übernommen, wie Sie wissen. Christlieb interessirt sich dafür: er hat Geschick dazu, ist fleißig und sehr aufmerksam, und so habe ich gedacht, es könnte sich möglicherweise mit der Fabrik erhalten lassen, was unter Umständen bei dem Handel über's Weltmeer verloren gehen dürfte. Das ist nur so eine Weberansicht, mein Herr Mirus, dennoch, mein' ich, hat sie Hand und Fuß, und man kann im Nothfall darauf bauen, was sich beim Wasser nicht jederzeit thun läßt. Ganz meine Ansicht, versetzte Mirus. Nun möcht' ich aber gerne wissen und, falls Sie davon einige Kenntniß haben, von Ihnen erfahren, in welcher Verbindung Graf Alban, der Gönner Ihres Sohnes, mit dem ränkesüchtigen Advocaten Block steht. Der Einäugige ist bekanntlich mein specieller Feind, und wenn er mir irgendwo schaden kann, so glaub' ich, thut er's mit vielem Vergnügen; allein ich habe Grund zu vermuthen, daß er es auch mit andern Menschen nicht gut und redlich meint, selbst wenn er ihnen scheinbar redlich dient. Kennen Sie den Grafen Alban? Nicht eben genau. Es ist mir aufgefallen, ihn während der letzten Wochen wiederholt mit dem Advocaten ausfahren und conferiren zu sehen. Ich glaube, die beiden Herren sind auch in Weltenburg gewesen. Ist mir nicht bewußt, obwohl es gern sein kann, erwiderte Ammer. Ich selber habe die dortigen Arbeiten seit Ende Februar nicht mehr besichtigt, und Christlieb, der ja schon lange dort lebt, hat in seinen Briefen eines solchen Besuches nicht erwähnt. Vermuthen Sie, daß Block Intriguen spinnt? Herr, ich muß Ihr sagen, es ist schwer, darüber in's Klare zu kommen. Ich traue dem Manne nicht, und darum sehe ich vielleicht schwärzer, als es nöthig wäre. Was mir jetzt Bedenken erregt, ist, daß Block zu Vielen dient und unter diesen Vielen auch entschiedenen Gegnern. Herr Wimmer correspondirt ebenfalls mit ihm. Wozu hätte Wimmer den Block nöthig! sagte Ammer. Der sanftmüthige Bruder ist ja so überaus glücklich gewesen, niemals einen Proceß führen zu müssen. Gerade deßhalb hat sein Verkehr mit Block eine tiefere Bedeutung, fiel Mirus ein. Ich hielt es für Freundespflicht, Ihnen diese Mittheilung zu machen, damit Sie vorsichtig sind. Läßt man sich nicht überraschen, so bleibt man stets Herr der Situation. Aber still da kommt die junge Frau mit meinem Pathen. Mirus stand auf und ging der glücklich lächelnden Flora, die an der andern Seite des Hauses bis jetzt mit ihrer Mutter gesprochen hatte, gar freundlich entgegen. Wer den ernsten Kaufmann nur von seinem Comptoir her kannte, der mußte sich wundern über die Freundlichkeit, ja Liebenswürdigkeit, die er jetzt der jungen Mutter gegenüber entfaltete. Man sah ihm die Freude über das Gedeihen seines kleinen Pathen an, den er jetzt von Flora's Arm nahm und ihn tänzeln ließ. Dem Kleinen schien das Schweben in der warmen, weichen Mailuft gar wohl zu behagen, denn er arbeitete mit Händen und Füßchen und ein glückliches Lächeln wollte sich auf dem noch unausgebildeten Gesichtchen entwickeln. Als Mirus das Kind Flora zurückgab, sprach er: Herr, ich muß Ihr sagen, das ist ein Capitaljunge und damit er's bleibe und es in doppelter Beziehung werde, bitte ich, bewahren Sie ihm das da auf von seinem alternden Pathen, der wohl eines Morgens nicht wieder aufsteht, wenn es so fortgeht mit Sorgen und Kümmernissen aller Art. Bei diesen Worten überreichte er der jungen Mutter ein Etui, das ein sehr werthvolles goldenes Besteck für den kleinen Otto enthielt. Flora erschrak, als sie es öffnete, über die Größe des Geschenkes und ward dadurch in einige Verlegenheit gesetzt, der Kleine aber griff begierig nach dem blitzenden Metall, das im Strahl der Sonne prächtig funkelte. Ha, ha, sagte Mirus erfreut, der Handbewegung seines Pathen folgend, der Junge wird frühzeitig klug werden. Er hat's schon jetzt weg, was auf Erden am meisten gilt, und greift danach, damit er es fassen und halten lerne. Nun, Gott segne dich, mein Kind! Schaden kann's nicht, wenn du ein klein wenig nach deinem Pathen geräthst, denn und dabei ergriff er das Händchen des Kleinen und spielte mit ihm Herr, ich muß Ihr sagen, es ist nicht Alles schlimm, was unter diesem fahlen Rocke sich verbirgt! Jetzt fing das Kind an zu weinen, vielleicht, weil es über den harten und lauten Ton erschrak, womit Mirus diese letzten Worte gesprochen hatte. Flora entfernte sich deßhalb mit Otto und ging in's Haus, wo die Mutter in gewohnter Weise geschäftig war. Seltner setzte sich neben Ammer auf die Bank, nachdem er mit kräftigem Händedruck dem reichen Handelsherrn für das seinem Knäbchen so eben gegebene Geschenk gedankt hatte. Wie steht das Wiener Geschäft? fragte jetzt Mirus, auf der andern Seite des Webers Platz nehmend. Was ich im Königreiche davon hörte, verspricht Gutes. Sie brauchen viel da unten an der Donau, besonders in bunten Zeugen, und wer's versteht und in Leipzig einen zuverlässigen Freund hat, der kann dort einen mächtigen Griff thun. Ewig Schade, daß jene gesegneten Landstriche deutscher Cultur und Industrie nicht zugänglich sind! Herr, ich muß Ihr sagen, wäre die Donau ein deutscher Strom bis in's schwarze Meer, ich glaube fast, Herr Ammer, in Konstantinopel errichtete ich selber eine Commandite! Der alte Weber lächelte. 's ist doch eine grausam wunderliche Zeit, sagte er nach kurzem Bedenken, während er aus dem sehr verbrauchten ledernen Tabaksbeutel seinen Meerschaumkopf wieder füllte. Jung und Alt sinnt Tag und Nacht darauf, wie's mehr an sich reißen, größern Einfluß gewinnen, allerwärts gebietend werden will. Ich glaube, der Bonaparte hat die ganze Welt aus ihrer alten, stillen, zufriedenen Lage gebracht! Ach ja, der Bonaparte! Nun, nun, nur abwarten! Wird auch noch klein beigeben, wenn's letzte Pulver von der Pfanne blitzt! Sie haben doch die Verbindung mit Wien nicht aufgegeben? fragte Mirus mit einiger Besorgniß. Habe es nicht, möchte es aber wohl, mein werther Herr Gevatter, erwiderte Ammer. Seit mir der Versucher mit brennendem Finger die Stirn berührte vor Jahr und Tag, also daß ich aus eitel sündigem Drange in wahrer Herzensangst mich bestimmen ließ, dem Zufall die Hand zu reichen, der da oft die Armuth bestiehlt und den Reichen als falscher Freund noch mehr bereichert: seitdem komme ich nicht mehr los von Wien! 's ist mein Verhängniß, das ich, wie manches Andere, tragen muß. Herr, ich muß Ihr sagen, das verstehe ich nicht. Und doch ist nichts einfacher, Herr Mirus, fiel Albrecht ein. Der Vater setzte vor Jahr und Tag ins Lotto und gewann eine Quinterne. Ach ja, unterbrach ihn der Kaufmann. Weiß noch, was es für Spectakel gab in der Stadt, als es ruchbar ward; weiß auch, daß der Ertrag jener Quinterne mich um den Besitz Weltenburgs gebracht hat. Was Sie nicht zu bereuen brauchen, fiel Albrecht ein. Weltenburg ist in die rechte Hände gekommen, denn es gibt vielen Hunderten Arbeit und Brod, seit mein Schwiegervater die Fabriken angelegt hat, denen mein Schwager Christlieb mit so viel Einsicht vorsteht. Doch um kurz zu sein, mögen Sie wissen, daß seit jenem glücklichen Treffer Herr Zobelmeier, der mit farbigen Stoffen, wie sie bei uns gemacht werden, nach der Levante einträgliche Handelsgeschäfte treibt, kein Vierteljahr vorübergehen läßt, ohne uns zu besuchen und mit neuen Aufträgen zu beehren, denen wir uns denn nicht entziehen können. Genau so ist's, mein Herr Mirus, bekräftigte Ammer, und eben weil es so ist, bin ich ein gebundener Mann, der sich nicht mehr frei rühren kann, wie vordem, als ich mich weder um den levantinischen noch den amerikanischen Handel kümmerte. Thut nichts, Herr Ammer, bemerkte Mirus. In geschäftlichen Dingen muß Jeder dem Zeitgeiste Opfer bringen, sonst wird er überflügelt. Habe nichts dagegen, versetzte Ammer, dennoch wäre es mehr nach meinem Sinne, wenn man die Sache stiller betriebe. Was mir nicht gefällt, mein Herr Mirus, sehen Sie, das ist das Nebengeschäft des allezeit lustigen Zobelmeier. Mirus blickte den Weber fragend an, da er nicht wußte, welches Nebengeschäft gemeint sei. Ist doch keine Gefahr dabei, sagte Albrecht beruhigend, und zu Mirus gewendet, fuhr er fort: Der Vater hat nun einmal eine Antipathie gegen das Lottospiel, und weil Herr Zobelmeier regelmäßig nicht eher wieder geht, bis man ein paar Nummern besetzt hat, darum mag der Vater nicht gern mit ihm verkehren. Die letzten Nummern zog Ihr Pathe. Mirus schwieg, sah gerade vor sich hin und zeichnete mit seinem Stocke Figuren in den Sand. Hinter den Waldhöhen ging die Sonne in Gold, weithin den Kranz der Gebirgskette mit den davor liegenden Flecken, Dörfern, Meierhöfen, Schlössern und Kirchen hell bestrahlend. Es war ein entzückender Anblick, da man bei der durchsichtig klaren Luft stundenweit jeden Gegenstand genau erkennen konnte und das Sonnenfeuer in der Ferne auf dunklem Baumgrunde oder an Felsenkanten und Platten fortfluthend, sich in goldviolette, glänzende Schatten auflöste. Haben Sie nie im Lotto gespielt? fragte Albrecht. Es kostet wenig und ist eigentlich recht bequem. Herr, ich muß Ihr sagen, versetzte Mirus, seine Zeichnenkunst im Sande einstellend, was das Spiel anbelangt, war ich von jeher ganz gleicher Ansicht mit meinem Freunde Ammer; vor dem Lotto aber hat man sich jetzt in Sonderheit in Acht zu nehmen. Man kann dabei in Schaden kommen. Wie das? fragte Albrecht. Mirus stand auf und reichte dem Weber die Hand. Davon ein andermal, sagte er kurz. Es wird Zeit, daß ich aufbreche. Adieu, mein werther Freund! Das Wiener Geschäft, möcht' ich bitten, recht munter fortzusetzen. Es gibt eine Stütze für die Zukunft; den Zobelmeier als Lotterie-Collecteur lassen Sie aber doch das nächste Mal recht tüchtig ablaufen. Ich mein's gut und Herr, ich muß Ihr sagen sollte mich schier schwer verdrießen, wenn Sie Ungelegenheiten davon haben sollten. Obwohl Ammer, gerade durch diese Bemerkungen des vorsichtigen Kaufmannes beunruhigt, mit raschen Fragen in ihn drang, weigerte sich Mirus doch, jede nähere Auslassung zu geben. Mit der Versicherung, es habe vor der Hand, da ja sein Pathe der eigentliche Lottospieler sei, nichts auf sich, empfahl er sich und schlug die Straße nach der Stadt ein. Was sollte das heißen? sagte Ammer zu seinem ebenfalls nachdenklich gewordenen Schwiegersohne. Sollte kürzlich ein schärferes, landesherrliches Verbot gegen dies vom Satan selbst erfundene Spiel erlassen worden sein? Müßt' es rein übersehen haben in der Zeitung und lese doch immer sehr genau alle Bekanntmachungen, Steckbriefe und dergleichen. Ist mir das viel unterhaltender, als das trügerische Lärmmachen in der Politik, wo Einer immer den Andern zum Narren hat und Jeder für den besten Trompeter das mehrste Geld ausgibt, gerade so, wie Jahrmarkts, wenn die Inhaber von Schaubuden ihr hirnverbranntes Zeug mittelst Sprachröhren ausposaunen lassen. Wer weiß, Vater! versetzte Albrecht Seltner. Herr Mirus hat ja seine Eigenheiten, zu denen auch die gehört, daß er es ungern sieht, wenn Jemand Geld wagt für eine Sache, wo man zwanzig Mal Verlust haben kann, um möglicherweise einen kleinen Gewinn zu erhaschen. Er weiß, daß sein Pathe Zahlenlose gezogen hat, nun und da Hm, hm, hm! Mag so sein, unterbrach Ammer den Sprechenden. Ist ein grausam vorsichtiger Mann, mein Herr Mirus, ein Mann, auf den man sich verlassen kann zu jeder Zeit. Hat ihn verdrossen – Herr ich muß Ihr sagen fügte er befriedigt lächelnd hinzu, daß der kleine Schlingel seine schuldlosen Finger schon in den Sündentopf hat stecken müssen und muß ihm, wie ich wohl behaupten darf, ganz und gar darin beipflichten, dem ehrenwerthen, soliden und treuen Kaufmann Mirus. Laßt mir also den kleinen Jungen nicht wieder in den Papierstreifen wühlen, Albrecht, wenn du nicht willst, daß ich dir nach altmodischer Webermanier den Zettel aufmache. Während dieser Rede, die Ammer halb ernst, halb scherzhaft sprach, war er dem voranschreitenden Schwiegersohne in's Haus gefolgt, wohin den Ersteren das glücklich lächelnde Gesicht Flora's zog, die es dem Kleinen gestattete, mit beiden Händen an die Fensterscheiben zu schlagen, an denen die letzten Funken der versinkenden Sonne verglommen. Fünftes Kapitel. Das umgestaltete Weltenburg. Das ehemalige Besitzthum derer von Weltenburg hatte eine ganz andere Gestalt angenommen. Mit Ausnahme des alten Schlosses mit seinen malerischen, hohen Giebeln und steilen Dächern, mit dem schwerfälligen, stumpfen, von allerhand Schlinggewächsen übersponnenen Thurme war Alles anders geworden. Das mächtige Thal, an dessen hügeliger Senkung das Schloß sich erhob, belebte jetzt eine ganze Colonie rühriger Arbeiter. Den Fluß bändigten, selbst bei schwer niedergehenden Wolkenbrüchen in den Gebirgen, feste und hohe Dämme. Zu beiden Seiten desselben, durch hohe Brückensteige mit einander verbunden, sah man jetzt eine Reihe wohnlicher, aber kleiner Häuser, vor deren jedem sich ein Blumengarten befand. Unterhalb des sogenannten Schloßberges, da, wo der gebahnte und gut erhaltene Fahrweg zum Schlosse hinaufführte, lag ein langgestrecktes Gebäude, die Garnspinnerei, die nach englischem Muster erbaut, ganz englisch eingerichtet war, und einen geborenen Engländer zum Werkführer hatte. In einem andern Gebäude befand sich die von sechs Pferden in Bewegung gesetzte Mangel, ein drittes schloß die Glättwerke in sich, deren man sich bei gewissen Stoffen bedienen mußte, um denselben die von den Käufern gewünschte spiegelglatte Appretur zu geben. Eine Wasser- und Walkmühle und einige andere Einrichtungen, wie sie großartig betriebene Anlagen solcher Art erfordern, gruppirten sich um die genannten Gebäude. Das Ganze gewährte ein recht erquickendes Bild, nicht bloß, weil sich eine schöpferische Kraft, ein rastloses Streben in dieser rasch aufblühenden Schöpfung verrieth, sondern auch, weil alle dabei Beschäftigten mit Liebe und Hingebung arbeiteten und dadurch den Segen der Arbeit verdoppelten. Das Etablissement der Gebrüder Ammer zu Weltenburg verschaffte sich bald einen bedeutenden Ruf in der Nähe und Ferne. Die geringe Entfernung von der einflußreichen Handelsstadt, die Anlegung einer guten Straße dahin, zu deren Erhaltung die gegenwärtigen Besitzer von Weltenburg jährlich eine bestimmte Summe ausgesetzt hatten, die malerische Umgebung des Schlosses mit seinem jetzt ebenfalls in besseren Stand gesetzten Park, verleiteten nicht selten Fremde, dem großartigen Etablissement einen Besuch abzustatten. Wie gewöhnlich war die Zahl derer, die aus weiterer Entfernung kamen, bedeutender, als die ganz in der Nähe wohnender Besucher. Namentlich verirrten sich Städter nur höchst selten nach Weltenburg, sei es, daß es ihnen nicht behagte, eine altadelige Besitzung in eine Fabrik verwandelt zu sehen, sei es, weil der wachsende Reichthum des früher kaum beachteten Webers die weniger glücklichen Bürger mit Neid erfüllte und sie deßhalb abhielt, die neue Schöpfung in Weltenburg zu besichtigen. Christlieb Ammer, der, wie bereits erwähnt wurde, schon seit Monaten seinen bleibenden Aufenthalt in Weltenburg genommen hatte, war deßhalb nicht wenig erstaunt, als er eines Tages, da er gerade vom Schlosse zur Spinnerei hinabsteigen wollte, ein paar ihm wohlgesinnte Persönlichkeiten Arm in Arm die gewundene Straße zum Schlosse hinaufsteigen sah. Anfangs glaubte er seinen Augen nicht trauen zu dürfen, bald aber konnte er nicht mehr zweifeln. Sie waren es, die Glücklichen, die so wenig Wünsche und doch so vielen Aerger hatten, weil es ihnen an Arbeit fehlte. Der gelehrte Candidat der Gottesgelahrtheit, Herr Still, und seine sehr wirthliche und herrschsüchtige Frau Sempiterna schritten wirklich selbander auf das Thor Weltenburgs zu. Häufige Bewegung in freier Luft und unausgesetzte Thätigkeit, die Christlieb Ammer sich selbst nach Gutdünken wählen konnte, hatten seinem früher etwas gedrückten oder abhängigen Wesen mehr Spannkraft gegeben. Er sah frisch und kräftig aus, das Gesicht war etwas gebräunt, das Auge blickte frei in die Welt. Nicht mehr ein wohlhabender Webergehilfe, sondern ein angehender Fabrikherr, der es bei gutem Glück noch weit in der Welt bringen konnte, stand der älteste Sohn des alten Ammer im Rohr vor der Eingangspforte des Schlosses. Als Christlieb nicht mehr über die Persönlichkeiten der beiden Ankömmlinge in Zweifel sein konnte, ging er ihnen entgegen, um sie als alte Bekannte seines Vaters zu empfangen. Frau Sempiterna, von untersetzter Statur, dabei wohlgenährt und mit einem Uebermaß kostbarer Kleider behangen, war etwas warm geworden bei Ersteigung des Hügels. Indem sie jetzt, am Arme des stets gehorsamen Gatten, stehen blieb, um Athem zu schöpfen, rief sie schon aus der Ferne dem heranschreitenden Christlieb zu: Guten Morgen, mein Lieber! Schön ist es hier, das muß man sagen, aber, wenn man doch einmal Geld besitzt wie Heu und es mit Gewalt hinauswerfen will, so wäre es zweckmäßig gewesen, einen etwas bequemern Weg zu dem alten Krähennest anzulegen. Seien Sie bestens gegrüßt und willkommen geheißen auf Weltenburg! versetzte Christlieb in der heitersten Stimmung. Hätte ich ahnen können, daß mir von Ihnen, meinen Verehrten, ein Besuch bevorstände, so würde ich für die Frau Candidatin einen Tragsessel an den Fuß des Schloßhügels beordert haben. Da nimm dir ein Beispiel daran, Candidat Still, sprach Frau Sempiterna zu ihrem Gatten, ihre Worte mit unsanftem Händedruck begleitend. Der junge Mensch ist gegen dich ein wahres Kind, aber Lebensart hat er, das muß ich sagen, und galant gegen Frauen ist er, das ist die volle Wahrheit, während es dir gelehrten Unmenschen doch in deinem ganzen Leben, in unserer dreißigjährigen musterhaften Ehe auch noch nicht einmal in deinen benebelten Sinn gekommen ist, auch nur daran zu denken, daß deine Frau, die vom Grauen des Tages bis tief in die Nacht hinein nur für dich sorgt, schafft und sich abmüht, einmal eines Trag- oder Lehnsessels bedürftig sein könnte. Bei der langen Satzbildung, durch welche Frau Sempiterna sich auszeichnete, verließ sie am Schluß dieser vorwurfsvollen Rede der Athem auf's Neue, während ihr Gesicht hochroth ward. Herr Still suchte sie zu beschwichtigen, indem er kleinlaut sagte: Nun, nun, mein Kind, habe nur Geduld! Ach ja, Geduld! das kenne ich schon, das ist dein Lieblingswort, wenn du keinen Entschuldigungsgrund für deine Nachlässigkeit hast, fiel Frau Sempiterna ein. Dann zu Christlieb gewandt, fuhr sie fort: Herr Ammer, Sie müssen entschuldigen, daß wir ohne vorherige Anmeldung, so zu sagen, Ihnen in's Haus fallen. Aber es hielt mich nicht mehr, nach Allem, was die Leute mir von Weltenburg erzählten. Gibt es doch nichts, wovon man mehr und täglich sprechen hört in der Stadt, als von den Kunstspinnereien des Herrn Ammer. Da sagte ich zu meinem Candidaten: Candidat Still, sagte ich, wenn du nicht ganz der Welt abgestorben bist und deine rechtschaffene Frau nur ein ganz klein wenig noch achtest; so thust du mir die Freude, am ersten, besten schönen Tage mit mir nach Weltenburg zu fahren. Fuhrlohn für die Kalesche kannst du von deinem Taschengelde nehmen. Wenn du täglich nur zwei Pfeifen Tabak weniger rauchst, so hast du es in vier Wochen reichlich wieder erspart. Wirklich, Herr Ammer, er raucht zu viel, mein Candidat, er raucht geradezu sündlich. Aber ich muß mich fügen, ich arme schwache Frau! Denn einen Eigensinn hat er, mein Candidat, einen Eigensinn, der kann beim verbohrtesten altlausitzer Bauer nicht schlimmer gefunden werden. So schone doch deine Lunge, liebe Sempiterna, sprach Candidat Still sanft. Der junge Herr Ammer kennt ja schon unser Beider Leiden. Beider? sagte gedehnt Frau Sempiterna. Nun du kannst wohl mitreden von beiden! Hat den ganzen langen, geschlagenen Tag nichts zu thun, als in seinen alten Scharteken zu wühlen, oder im Garten herumzugehen, um die Raupen abzulesen, wird gehegt wie ein Hühnchen, und will noch von Leiden sprechen! OUndank, Undank! Ich sage Ihnen, lieber junger Herr Ammer, es geht in der ganzen weiten Welt nichts über das Laster des schwarzen Undanks! Aber jetzt will ich mich nicht ärgern, sondern als ehrbare Frau mich rechtschaffen freuen an dem, was es Schönes auf Erden gibt. Führen Sie uns herum. Candidat Still schwieg. Er wagte nicht einmal zu seufzen, nur ein bittender Blick auf Christlieb sagte diesem, was der mehr als zu viel regierte Mann der Wissenschaft von seiner ehrbaren Frau Gemahlin zu leiden habe. Wollen Sie nicht zuvor etwas ausruhen, verehrte Frau Candidatin? fragte Christlieb, sich mit den unerwarteten Gästen dem alten Schloßgebäude zuwendend. Ich weiß nicht genau, ob alle Arbeiter in Thätigkeit sind, was ich leicht veranlassen kann, wenn Sie nur wenige Augenblicke verziehen wollen. Larifari, mein lieber junger Herr! fiel Frau Sempiterna ein. – Das sind Flausen, von denen ich nichts hören mag. Ich habe zu meinem Candidaten gesagt: Candidat Still, sagte ich, gib Acht! Ueberraschen wollen wir den jungen Menschen, wie ein Dieb in der Nacht, damit man sehen kann, wie er's treibt. Und da will ich bald dahinter kommen, ob die ganze, neumodische Anlage mit Verstand oder mit Unverstand getrieben wird. Ja, ja, mein lieber junger Mann, das habe ich gesagt, und das darf ich sagen; denn ich verstehe 'was von ordentlicher Wirthschaft und Hausregiment. Und wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen, so fragen Sie den Herrn Advocaten Block, der wird's Ihnen wieder erzählen. Ein tüchtiger Mann, der Block, etwas hart, aber brav. Wenn mein Candidat nur eine Ader von ihm hätte! Aber ich will mich ja nicht ärgern, und darum vorwärts in die Fabrik. Wie wäre es möglich gewesen, solchem Drängen zu widerstehen! Christlieb fügte sich lächelnd den Befehlen der Frau Sempiterna, und schritt an der Seite seiner Gäste der Spinnfabrik zu, dessen dröhnende Räume Candidat Still mit kaum zu verbergender Aengstlichkeit betrat. Denn allem geräuschvollen Leben außer der scheltenden Zunge seiner Ehehälfte entwöhnt, beunruhigten den nur in seinen Büchern lebenden Stubengelehrten diese ungewohnten Töne. Wir unterlassen es, die innere Einrichtung einer Spinnfabrik zu beschreiben, da gegenwärtig wohl Jeder eine derartige Anstalt besichtigt hat. Ungeachtet des häufigen Räusperns und der Unruhe, die Candidat Still merken ließ, war Frau Sempiterna nicht eher befriedigt, bis sie Alles genau besichtigt hatte. Selbst um die Erlaubniß bat sie einen der Arbeiter, ihm beim Vorlegen des schimmernd weißen Flachses ein paar Secunden lang behülflich sein zu dürfen. Befriedigt und sehr erheitert verließ sie die dunstigen Räume, wo das Klirren und Schwirren so vieler Stahlräder einen Lärm verursachte, der fast die menschliche Stimme übertönte. Candidat Still war bis zur Betäubung davon angegriffen und sah ganz blaß aus. Frau Sempiterna glühte dagegen. Ihr sehr robuster Körper hatte nie Anwandlungen von Schwäche gefühlt, obwohl sie nicht ganz frei gesprochen werden konnte von einigen fingirten Ohnmachten. Sie sind Ihres Vaters braver Sohn, sagte sie, wieder in's Freie tretend, indem sie Christlieb einen derben Schlag auf die Schulter gab. Das ist Alles nett und blank und die Leute müssen sich tüchtig rühren, wollen sie etwas Brauchbares auf die Spindeln bringen. Siehst du, Still, das nenn' ich arbeiten, wirken, schaffen. Das setzt in Respect und nützt in der Zeit. Aber dein Studiren und Kritzeln, das nützt Niemand. Das macht nur wirr und unpraktisch und füllt den Kopf mit Nebeln, die sich dergestalt vor die Augen legen, daß die Studirten zuletzt am hellen Tage selbst mit doppelter Brille nichts mehr sehen. Meine Hochzeitsrobe gäbe ich drum, wenn ich deinen gelehrten Krimskrams in ein so schönes Stück Fabrik verwandeln könnte. Der arme Mann, obwohl schon längst an derartige Zurechtweisungen seiner zärtlichen Ehehälfte gewöhnt, fühlte sich durch diese letzte Aeußerung doch im Innersten verletzt. Er würde aufgebraust sein, hätte dies sein friedliebendes Temperament zugelassen, allein weil er sich überhaupt nie zu einer Heftigkeit fortreißen ließ und mehr noch, weil er die allzubewegliche Zunge seiner praktischen Gattin fürchtete, brachte er es auch jetzt nur zu einem unverständlichen Brummen. Und das steht Alles unter Ihrer Leitung und Aufsicht? fragte Frau Sempiterna, an der Seite ihres Gatten langsam dem alten Schlosse zuschreitend, und noch mehremal ihre Blicke nach dem lärmenden Gebäude zurückwendend, das sie so eben verlassen hatte. Christlieb Ammer, ich verehre Sie. Reichen Sie mir Ihre Hand, damit ich sie drücken kann. Lächelnd willfahrte der angehende Fabrikherr den Wünschen der Candidatin, deren sonderbares Wesen ihm wie Allen, die öfter mit ihr zusammen kamen, hinlänglich bekannt war. Aber nun sagen Sie mir, junger Herr, fuhr Frau Sempiterna fort, ihren linken Arm kräftig in die Seite stemmend, sagen Sie mir, was beginnt denn nun eigentlich der Alte? Sitzt er noch immer an seinem Rohr, sortirt Garn, gibt Werften aus, liest's Wochenblatt, rückt die Mütze und moquirt sich über die Welt und ihr freilich bisweilen verwunderliches Treiben? Und die Frau Mutter gerathen ihr die polnischen Karpfen noch immer so gut? Kommt sie gar nicht hierher in dies neue Paradies der Ammer? Und das feine Schwesterchen, die zierliche, gutherzige Flora, sie wiegt einen Buben, hab' ich gehört? Mein Gott, mein Gott, was kann doch rasch aus den Menschen werden! Hab' sie gekannt, die Flora, wie sie noch im Sand und Staub herumruschelte und nun ist sie schon Mutter und Hausbesitzerin obendrein! Aber nun gar der Herr Bruder! Nein, lieber Christlieb, das geht mir denn doch über die Spitzenhaube! Ein Seefahrer werden, über's Weltmeer segeln, unter die Wilden gehen, großmächtige Handelsverbindungen bei den Andernpopen Antipoden, liebe Frau, Antipoden heißt es! corrigirte Candidat Still die gesprächige Frau. Meinetwegen Popen oder Poden – mir ist's alleinerlei – genug dorthin in die unbekannte, weltweite Ferne fortziehen und nicht einmal seinen alten Bekannten Adieu sagen: nein, lieber Christlieb, das nehmen Sie mir nicht übel, das hätte ich von Ihrem Bruder wahrhaftig nicht vermuthet! Dennoch müssen Sie meinen Bruder entschuldigen, verehrte Frau Candidatin, versetzte Christlieb, dem es schwer ward ernsthaft zu bleiben. Die Reise Fürchtegott's ward unter ganz eigenthümlichen Verhältnissen angetreten und überraschte uns Alle so plötzlich, daß mein Bruder das Abschiednehmen selbst im väterlichen Hause ganz und gar vergaß. Was Sie sagen! Also auf holländische Manier ist er in die weite Welt gegangen? Nun warte, Musje! Wenn der Weltläufer einmal wiederkommt, da will ihm den Kopf tüchtig zurechtsetzen dieser Unarten wegen. Unter diesem Gespräche hatte man das Eingangsthor von Weltenburg wieder erreicht. Christlieb Ammer lud Frau Sempiterna nochmals ein, das Innere des alten Schlosses in Augenschein zu nehmen, erhielt aber eine abschlägige Antwort. Ich komme nächstens 'mal wieder, fügte sie hinzu, und dann will ich mich in dem alten Fuchsneste ebenfalls umsehen. Für heute habe ich genug und mag mir durch nichts den wohlthuenden Eindruck stören lassen, den mir die Arbeiter dort und die ganze Einrichtung des Etablissements gemacht haben. Ich weiß jetzt, daß Sie ein braver, junger Mann sind und daß der Herr Vater eigensinnigen Andenkens Ihrethalben den Kopf einen Zoll höher tragen darf. Möge es Ihnen wohl gehen und Sie viel Freude an der auf Ihnen lastenden Arbeit haben! Still, Still, wann werde ich beklagenswerthe Frau das von dir sagen können? Der Candidat lächelte bittersüß, nahm den Arm seiner Frau und sagte mit aller ihm zu Gebote stehenden Freundlichkeit: Weiß ich doch zu schätzen, was ich an dir, mein Herz, besitze! Der Erfolg meiner Arbeit wird dir erst sichtbar werden, wenn ich nicht mehr bin. Nun, das gebe Gott! erwiderte Frau Sempiterna heiter, indem sie einen tiefen Knicks vor dem jungen Ammer machte, sich noch einmal nach der Spinnerei umsah und dann am Arme ihres Gatten langsam den Schloßweg wieder hinabschritt. Christlieb sah dem seltsamen Paare, das sich gegenseitig ohne Noth das Leben schwer machte, kopfschüttelnd nach. Dabei gewahrte er auf der am Flußufer sich nach dem Berggelände fortziehenden Straße eine Staubwolke, die rasch auf derselben fortrollte und somit Weltenburg immer näher kam. Bald erkannte er einen Reiter, der in mäßigem Trabe seinem Thiere Zeit ließ. Um Schloßhügel angekommen, bog der Reiter von der Fahrstraße ab, grüßte das herabkommende Paar, das ihm hier begegnete, und ließ nun das Pferd im Schritt den gewundenen Weg nach Weltenburg hinaufsteigen. Der aufwirbelnde Staub hatte sich verzogen und Christlieb erkannte jetzt in dem näherkommenden Reiter Herrn Wimmer. Eine Minute später hielt der Herrnhuter schon vor der Eingangspforte, zog grüßend seinen breitkrempigen Hut, klopfte dem schnaubenden Rößlein den Hals, schwang sich aus dem Sattel und sagte, mit der Reitgerte an die Stulpenstiefeln schlagend: Grüß' Gott, lieber Freund und Bruder! Habe lange nicht mehr das Vergnügen gehabt, dich oder Einen der Deinigen von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Sind doch alle wohlauf, die lieben Eltern und die junge Frau Schwester? Nun, will's hoffen siehst ja recht froh und keck in die schöne Gotteswelt hinein. Aber rufe doch einen Knecht heran, mein Lieber, daß er mein treues Thier abzäume und ihm etwas Labung gebe, sobald es sich verschnauft hat. Wir Beiden haben gar viel Wichtiges mit einander zu sprechen. Christlieb winkte einem im Schloßhofe befindlichen Knechte, der sogleich herzutrat und, den Fremden kühl grüßend, dessen Pferd in Empfang nahm. Gib dem Rößlein eine halbe Hand voll Brod, mein Freund! rief Wimmer dem Knechte nach, es ist daran gewöhnt nach scharfem Ritt. Auch wirst du wissen, daß ein rechtschaffener Christ sich zuerst seines Thieres erbarmen soll, will er selbst dereinst auf Erbarmen hoffen der vielen Thorheiten und Sünden wegen, die er wissentlich und unwissentlich begeht in einem Leben voll Wandel und Zerstreuung. Wimmer schüttelte Christlieb Ammer die Hand und ergriff darauf seinen Arm. Komm, komm, sprach er. Gott hat Großes an dir gethan, du magst also fröhlich sein in Demuth. Komm, damit ich erzähle und du hörest. Mit diesen Worten zog er den jungen Fabrikherrn mit sich fort über den Schloßhof und verschwand mit ihm unter dem eigenthümlich gewölbten Portale des Thurmes von Weltenburg. Sechstes Kapitel. Neue Nachrichten. In jenem Zimmer zu ebener Erde, wo vor mehr als Jahresfrist der alte Ammer sich bereit erklärt hatte, auf die Speculationen des Grafen Alban und Wimmer's unter Bedingungen einzugehen, die damals näher bezeichnet wurden, finden wir jetzt wieder den schlauen Herrnhuter neben Christlieb sitzen. Letzterer hört mit ungetheilter Aufmerksamkeit den Worten des Kaufherrn zu, während er einen uneröffneten Brief häufig besieht und zwischen den Fingern dreht. Ueberschlage jetzt einmal die letzten zwei oder drei Jahre in deinem Gedächtniß, lieber junger Freund, schloß der alte Herrnhuter seine Rede, und dann frage dich, ob du die Gegenwart der Vergangenheit oder diese jener vorziehst. Damals warst du ein armer Bursche, der mit wenigen Groschen in der Tasche auf der Landstraße sich mit Karrenschieben abquälen mußte und kaum einen Trunk Wasser ohne Erlaubniß des Vaters zu genießen wagte; jetzt bis du Disponent über ein Vermögen, dessen Größe du eben so wenig kennst wie ich, hast einen Namen in der Handelswelt und darfst nur winken, um dir Hunderte dienstbar zu machen. Ich hoffe, du siehst jetzt vollkommen ein, wie richtig ich die Zeit beurtheilte und wie Recht ich hatte, trotz der Abneigung deines Vaters, meines viellieben Freundes, auf meinen Vorschlägen zu deines und deines Bruders Besten unweigerlich zu verharren. Ich habe dies immer anerkannt, Herr Wimmer, und sage Ihnen aufrichtigen Dank dafür, entgegnete der junge Ammer. Auch bin ich weit entfernt, Ihren Rathschlägen mein Ohr zu verschließen, im Gegentheil, ich möchte mir dieselben auch in Zukunft erbitten. Nur meinen Vater umzustimmen, wird nicht in meinen Kräften stehen. Die Abreise meines Bruders, die mehr einer Flucht nach vorausgegangenem Bruche mit dem Vater glich, hat eine Bitterkeit in dessen Herzen zurückgelassen, die, wenn überhaupt, nur die Zeit zu verwischen vermag. Sie dürfen nicht vergessen, Herr Wimmer, daß zu viel auf den Vater einstürmte, der dadurch aus dem ihm lieb gewordenen, ruhigen Lebensgange gerissen, Alles über sich zusammenstürzen sah. Aus Liebe zu uns hat er dennoch in Alles gewilligt, allein Freude an unserm Streben, an dem Gelingen unserer Unternehmungen wird er schwerlich jemals haben. Er behauptet, die Art, wie man jetzt Handel und Wandel betreibe, verhärte die Herzen, mache lieblos und egoistisch, und könne deßhalb dem Herrn unmöglich angenehm sein. Es ist das Loos Aller, die Gutes wollen, daß sie verkannt werden, versetzte Wimmer, seine Augen zum Himmel aufschlagend. Aber je mehr unsere Lieben uns verkennen, desto näher rücken sie unserm Herzen und desto mehr ist es unsere Pflicht, ihnen Gutes zu erweisen, wenn auch wider ihren Willen. Du bist jetzt unterrichtet von dem glücklichen Fortgange unseres Unternehmens. Dein eigener Bruder schreibt dir darüber, ist hoch erfreut, daß Gott seine Bemühungen so segnet, und daß Fürchtegott kein Abgefallener vom Herrn ist, wird ja schon aus der so innigen Theilnahme ersichtlich, die er dem Missionswesen in Surinam zollt, und worüber er so Rührendes berichtet. Er hat ja auch ganz nach dem Wunsche des Vaters gehandelt, indem er einen Theil der Waaren den Missionären unentgeltlich überlieferte, damit sie die Heiden kleiden und sie unserm Herrn und Heilande zuführen. Dennoch wird der Vater nicht sehr freundlich zu diesem Anliegen blicken. Es ist auch kaum möglich, demselben zu entsprechen, denn eine Menge anderer Kunden wollen ebenfalls befriedigt sein. Es fragt sich deßhalb, wie lange Sie Zeit geben können? Drei Monate, vielleicht auch vier sind dir gewiß. Aber dann ist ja die Schifffahrt vielleicht schon schwierig wegen der Herbststürme. Vielleicht, lieber junger Freund, gewiß ist dies nicht. Gesetzt aber auch, alle deutschen Gewässer wären schon mit dichtem Eise belegt, so ist es doch unerläßlich, daß man die Fracht in Händen hat. Es läßt sich unter der Hand auch damit ein Geschäft machen, und der Kaufmann darf sich keine Gelegenheit entschlüpfen lassen, die ihm irgend einen Verdienst zuführt. Sie müssen dies besser zu beurtheilen wissen als ich, Herr Wimmer, erwiderte Christlieb Ammer. Darum werde ich auch nichts unversucht lassen, um zu rechter Zeit die gewünschte Quantität Leinenwaaren herbeizuschaffen. Indeß eine Bedingung muß ich dabei machen, um im Fall der Noth ein gegebenes Versprechen auch halten zu können. Laß hören, sagte der Herrnhuter auflauschend. Es muß mir gestattet sein, unter der Hand von Andern zu entnehmen, durch Vermittelung Anderer herbeizuschaffen, was möglicherweise des Vaters Kräfte nicht liefern könnten, vielleicht auch nicht wollen dürften. Es sei dir gern verstattet, sprach Wimmer, unter einer Gegenbedingung. Und diese wäre? Die durch Andere beschafften Linnen müßten den eurigen ganz gleich und mit dem Stempel des Vater Ammer versehen sein. Christlieb überlegte einige Zeit, ehe er auf dieses Verlangen einging. Zögernd sagte er dann zu. Wimmer bemerkte hierauf mit schlauem Lächeln: Das Aeußere fällt dabei am schwersten in's Gewicht. Sieh also genau darauf, daß die Appretur, die Form, die Art der Verpackung derjenigen vollkommen gleich sei, die von der Mangel deines Vaters kommt, und ich stehe für das Uebrige. Vertrauen Sie mir und Sie sollen zufrieden sein, bekräftigte Christlieb. Ueber Wimmer's fahle Züge glitt ein recht garstiges Lächeln, als er dem Jünglinge die Hand reichte und mit salbungsvollen Worten ihm dankte. Und was fängst du mit dem Briefe da an? fragte er jetzt pressirt. Es wird mir nichts übrig bleiben, erwiderte Christlieb, als mein eigener Bote zu sein. Abgeliefert muß er ja doch werden und da er versiegelt ist So darf ihn nur derjenige erbrechen, an den er gerichtet war, fiel Wimmer ein. Sehr richtig, mein Freund. Indeß können auch Umstände eintreten, wo die Oeffnung eines Briefes durch Fremde sogar geboten, wo es Pflicht eines Freundes, eines Christen ist. Solche Fälle kommen in unserer freilich aus lauter Schwestern und Brüdern bestehenden Gemeinde nicht ganz selten vor. Wäre dein Vater einer der Unsrigen, Würden Sie diesen Brief öffnen? Nein, sagte der Herrnhuter, ich würde dies nicht thun, aber ich dürfte es. Uebrigens ist es auch nicht nöthig. Dein sehr vorsichtiger Bruder, den der Herr mit vielen seltenen Gaben ausgerüstet hat, ist so klug gewesen, diesen Brief, den du schon so lange mit wechselnder Neugierde betrachtest, zu copiren und einem an mich und den würdigen Freund und Bruder Graf Alban gemeinschaftlich gerichteten Schreiben beizulegen. Du kannst also, wenn es dich beruhigt, Einsicht davon nehmen, ehe dein Vater erfährt, was sein ferner Sohn ihm zu eröffnen für unerläßlich hält. Mit diesen Worten überreichte Wimmer dem erstaunten Jünglinge den offenen Brief seines Bruders. Christlieb schwankte einige Augenblicke, nicht wissend, was er thun solle. Denn ihm erschien es unerlaubt, sich mit dem Inhalte eines nicht an ihn gerichteten Briefes früher bekannt zu machen und ohne Wissen dessen, an den er geschrieben war. Erst als Wimmer ihn nochmals dazu aufforderte, durchlas der junge Mann mit Aufmerksamkeit das ziemlich lange Schreiben. Was sagst du dazu? sprach der Herrnhuter, als Christlieb das Blatt nachdenklich auf den Tisch legte. Meinst du nicht, es müsse meinen viellieben Freund recht innerlich erquicken? Es kommt sehr darauf an, versetzte der junge Ammer, von welchem Gesichtspunkte man diese Nachrichten betrachtet. Mein Vater ist häufig anderer Meinung, als die Meisten, weil er die Dinge anders beurtheilt, die Zeit anders auffaßt. Was viele erfreut und entzückt, läßt ihn kalt, ja macht ihn sogar niedergeschlagen oder düster. Es wäre deßhalb nicht unmöglich, daß diese so erfreulich klingenden Mittheilungen seine Stimmung verschlimmerten; denn Sie dürfen nicht vergessen, daß selbst das Andenken an die Abreise meines Bruders bei dem Vater jederzeit gemischte Empfindungen weckt. Wimmer neigte beistimmend sein Haupt, die Augen fest auf den jungen Mann heftend. Du sprichst die Wahrheit, lieber Bruder, sagte er bedächtig und fügte mit einem Seufzer hinzu: Ach, wie schwach ist doch der Mensch, selbst der gute! Da hast du ein lebendiges Beispiel an deinem braven Vater. Er betrübt kein Kind, er flieht Streit und Zank, er ist mildthätig und ein Freund aller Armen und Nothleidenden, dennoch vermag er es nicht, eine scheinbare Beleidigung zu vergessen, weil sie ihm von seinem eigenen Sohne zugefügt ward. Ach, wie haben wir Alle Ursache zu beten und zu bitten, damit wir nacheifern unserm großen Vorbilde, dem Herrn und Heilande! Aber da kommt mir, wie ich glaube, ein glücklicher Gedanke. Was meinst du? Soll ich dich begleiten? Es ist sehr lange her, daß ich deinen Vater, meinen viellieben Freund, nicht mehr gesehen habe. Auch nach meiner Pathe, der Flora, die jetzt schon glückliche Mutter ist, sehnt sich mein theilnehmendes Herz. Ja, ja, lieber Christlieb, das ist ein Gedanke von Oben, mir eingegeben, damit ich ein gutes Werk stifte, nämlich Vater und Sohn wieder dauernd versöhne. Entschließe dich und laß uns, wenn deine Geschäfte es erlauben, unverweilt aufbrechen. Christlieb ergriff diesen Vorschlag mit Wärme. Wußte er auch, daß sein Vater im Stillen Mißtrauen gegen Wimmer hegte, weil eine doppelte Handlungsweise dem Herrnhuter nachzuweisen war, so glaubte er doch, eine Zusammenkunft beider Männer werde am leichtesten die eingetretene Spannung aufheben. Außerdem vermochte auch Wimmer viel mehr über den Vater, wie er selbst, falls der Brief seines Bruders die beabsichtigte Wirkung nicht haben sollte. Dies bedenkend, traf Christlieb sofort Anstalt zum Aufbruche. Der uns schon bekannte alte, mit einer Plane überspannte Wagen, um dessen Räder jetzt neue Reife gelegt worden waren, ward angespannt, und nachdem Christlieb dem Fabrikaufseher die nöthigen Weisungen ertheilt hatte, verließ er mit dem alten Herrnhuter die Herrschaft Weltenburg. Siebentes Kapitel. Der Todte im Rohr. An schönen Maitagen ist eine Wanderung oder eine Luftfahrt durch die an Obstbäumen so reichen Thäler an dem Grenzgebirge Böhmens ein hoher Genuß. Die smaragdgrünen Wiesen, der mit Wohlgerüchen die Landschaft erfüllende Blüthenschnee der zahllosen Aepfelbäume, das Murmeln und Rauschen kristallheller Bäche, die fast jedes Dorf bewässern und in deren durchsichtiger Welle Forellen sich sonnen: dies Alles gewährt, im Verein mit der dunkelblauen Gebirgswand in Süd und West, ein überaus prächtiges Landschaftsbild. Das Auge Wimmer's, der auf seinen einsamen Ritten durch's Land in der Regel zu sehr mit sich selbst, mit seinen Gedanken und weit aussehenden Plänen beschäftigt war, ruhte jetzt, wo ihn Christlieb angenehm unterhielt und ihn auf einzelne malerische Schönheiten der Gegend aufmerksam machte, mit Wohlgefallen auf diesen Herrlichkeiten, die der junge Lenz enthüllte. Im Verkehr mit der Jugend lebt man wieder auf, bemerkte er lächelnd, dem jungen Gefährten im Wagen die Hand drückend. Wie würde ich glücklich sein, hätte Gottes Gnade mir einen Sohn vergönnt. Aber das sollte nicht sein, weil der Herr mich prüfen und läutern wollte. Nun entbehre ich dieses Glück und sinne Tag und Nacht, wie ich Andere, die ich liebe, statt meiner glücklich machen kann. Eine Thräne glänzte an den grauen Wimpern des Herrnhuters, während seine Augen auf den scharf umrissenen Kuppen des Gebirges ruhten, dem die Reisenden bereits sehr nahe gekommen waren. Wimmer sah weit und scharf in die Ferne, er konnte daher auf einer der höchsten Erhebungen des Grenzkammes deutlich eine hohe Stange gewahren, an deren oberster Seite ein Fähnlein oder etwas dem Aehnliches flatterte. Auch Christlieb Ammer war dies Merkzeichen nicht entgangen. Wozu hat man wohl dort auf dem hohen Hübel die Stange aufgerichtet? meinte Wimmer. Habe ich sie doch früher nie gesehen! Sollte es wohl eine Lärmstange sein, um Signale zu geben, falls der Krieg, der uns bisher verschont hat, sich auch in diese Gegend ziehen sollte? Ich halte es für ein Feldmesserzeichen, bemerkte Christlieb. Dort oben läuft die Grenze Böhmens, die wohl nicht ganz genau regulirt sein wird. Wozu flatterte sonst das Fähnlein an der Spitze? Während Beide noch die ihnen auffallende Stange beobachteten, verschwand plötzlich das wehende Fähnlein an der Spitze, gleichzeitig aber entdeckte weiter in der Ferne das weittragende Auge Wimmer's eine zweite ähnliche Stange. Du kannst Recht haben, sagte er zu seinem jugendlichen Begleiter. Sie werden die Grenzen vermessen. Das muß, denk ich mir, ein recht verdrießliches Geschäft sein, theils, weil die Vermesser durch Dick und Dünn laufen, auf Felsen, Baumstümpfen und Moorbrüchen herumhocken müssen, theils, weil sie mit allerhand verdächtigem Gesindel zusammentreffen können, das immer an den Grenzen herumlungert, sei's nun, um zu schmuggeln oder um einsame Wanderer auszuplündern. Besonders gegenwärtig, hab' ich mir sagen lassen, soll es wieder überaus unsicher an den Grenzen sein. Deßhalb will ich mir auch ein paar Pistolen kaufen, wenn ich nächstens wieder einmal genöthigt bin, ein paar Geschäftsfreunde im Königreiche zu besuchen. Inzwischen hatten die Reisenden die Höhe erreicht, von der aus man den Wohnort Ammer's, das Rohr und jene mehrfach erwähnte Straße erblicken konnte, die das Rohr entlang über die steinige Lehde nach dem Gebirge führte. Gerade auf der Höhe sah man einen starken Trupp Menschen beisammen stehen. Die Straße selbst war ungewöhnlich lebhaft. Frachtwagen, mit vier und sechs Pferden bespannt, hielten drei hintereinander in der Lehde, und von mehreren Seiten strömten viele Menschen, die meisten rasch vorwärts strebend, dem Trupp am Rohr zu, der solchergestalt immer ansehnlicher ward. Was kann das sein? sprach Christlieb, der jenen Zusammenlauf zuerst gewahrte. Wimmer richtete ebenfalls seine grauen Augen dahin, beobachtete einige Secunden den sich drängenden Menschenknäuel und meinte dann trocken, sie würden es ja bald erfahren, da sie ganz nahe vorüberkommen müßten. Wenige Minuten später bog das Fuhrwerk auf die Gebirgsstraße ab und näherte sich dem Orte des Zusammenlaufs. Wimmer ließ halten und stieg mit seinem jungen Gefährten aus. Noch ehe sie den Trupp erreichten, erfuhren sie von Zurückkommenden durch an sie gerichtete Fragen, man habe am höchsten Rande des Rohres einen Leichnam gefunden, der jetzt auf eben dem Wege nach dem Gericht hier in der Nähe niedergelegt worden sei, weil der Gerichtsarzt zufällig dazu gekommen sei und sich den Mann etwas genauer betrachte. Wimmer bezeigte keine Lust, sich weiter um den Todten zu kümmern, der ihn ja nichts anging, Christlieb aber, welcher noch niemals einen Verunglückten solcher Art gesehen hatte, war neugierig und zog den Herrnhuter mit sich fort, die Reihen der Menschen, welche die Tragbahre umstanden, sanft durchbrechend. Der Todte, ein kräftiger Mann mit trotzigen, sonnenverbrannten Zügen trug die Uniform eines Grenzjägers. Mehrere tiefe Wunden am Kopfe und starke Verletzungen an beiden Händen deuteten auf einen gewaltsamen Mord. Der Mann des Gesetzes war vermuthlich Schmugglern in die Hände gefallen und von diesen im Handgemenge erschlagen worden. Nur mußte es auffallen, daß man den Todten so weit von der Grenze entfernt und noch dazu an einem Orte fand, wo sich weder Schmuggler verbergen, noch Grenzjäger aufhalten konnten. Daß hier nicht Alles in Ordnung, vielmehr Manches höchst räthselhaft sei, leuchtete selbst dem Gedankenlosesten ein. Wie immer bei solchen Vorkommnissen, sprachen die Herbeigeeilten über das Unklare des Falles, theilten sich gegenseitig ihre Ansichten mit und erschöpften sich in einer Menge theils wahrscheinlicher, theils unwahrscheinlicher Hypothesen. Mittlerweile waren die requirirten Gerichtspersonen herbeigekommen und begaben sich nach Besichtigung des Allen unbekannten Mannes zu dem Orte, wo man ihn gefunden hatte. Dieser war nur eine geringe Strecke entfernt, weßhalb Viele der Herbeigeeilten den Herren folgten. Auch Christlieb mit Wimmer schloß sich diesen an. Oben am Ende des Rohres, wo der Waldberg sich steil erhob, lag dieser Ort. Bei genauer Untersuchung entdeckte man unverkennbare Spuren eines Sturzes von der Höhe des waldigen Gipfels, weßhalb die Gerichtspersonen sich anschickten, diesen zu erklimmen. Ehe sie aber ihr Ziel erreichen konnten, trat aus dem Dickicht am Rande des Gipfels eine seltsame Gestalt, die sogleich das Augenmerk Aller ward und Einzelne sogar zu dem Ausrufe fortriß: Da ist der Mörder! Diesem Rufe folgte ein heiseres Lachen und die gutmüthig gesprochenen Worte: Behüte, behüte! Ich, der nicht einmal eine gefangene Maus in's Wasser schmeißen kann, ich werd' doch wohl keinem Menschen 's Genick abbrechen. Gott bewahre jede Christenseele vor solcher Unthat! Aber, meine Herren, fuhr er fort, seinen durch's Alter etwas formlos gewordenen dreieckigen Hut ziehend und ein graues Haupt enthüllend, während das faltenreiche Gesicht sich zu einem grinsenden Lächeln verzog, wollen Sie wohl so niederträchtig sein und vollends hier heraufkrabbeln, so werden Sie Ihr blaues Wunder sehen. Die am Rohre stehende Menge hatte längst schon den possirlichen alten Glassammler Leisetritt erkannt und Niemand fiel es ein, den harmlosen Mann für den Mörder des Grenzjägers zu halten. Als die Herren vom Gericht die Höhe erklommen hatten, denen mehrere Andere, unter diesen auch Christlieb, folgten, sprach Leisetritt zu Ersteren: Wollen's die Gefährlichkeit haben und unter den Büschen hier durchkriechen, so können Sie sehen, daß Zwei oder Drei einen Dritten, der geblutet, hier durch den Wald getragen haben. Diese Spur geht über zwei Stunden weit im Zickzack durch Wald und Gestrüpp und endigt hart am Grenzpfahle, wo ein schmaler Steg zur Höhe des Gebirges hinaufsteigt. Heute Morgen, als ich aus der Glashütte kam, wollt' ich mehr im Schatten meinen Heimweg antreten, und schlug deßhalb die Richtung nach dem Kamme ein. Da fielen mir im weichen Erdreich tiefe Fußtritte auf, die unordentlich durcheinander liefen, als ob ein paar richtige Kerle sich wacker rabatzt hätten. Ich bück' mich niederwärts und schlendere weiter, immer dem Getrampel der Fußtritte folgend. Es müssen verteufelte Kerle gewesen sein mit stark bezweckten Stiefelsohlen. Wie ich nun so fortschleiche, schimmert auf dem weißen Moosgeflecht etwas Rothes. Ich bücke mich nieder und sehe, daß es geronnenes Blut ist. Jetzt werd' ich innerlich rapplig und 's Herz fängt mir an zu schlagen, daß mir schier fast der Athem fehlt. Das Blut wird immer mehr und steht bald gar in einem kleinen Tümpel. Gerade da hört das Getrampel auf, aber am Boden ist ein Eindruck, als ob ein Mensch schwer darauf niedergefallen und sich hin und her gewunden hätte. Von dieser Stelle zieht sich die Spur fort bis hieher, und da muß Jemand hinunter gestürzt worden oder hinunter gefallen sein. Was mir aber ganz verwunderlich vorkommt, das sind Papierfetzeln mit Ziffern, 's ist freilich Alles kurz und klein gerissen, aber die Ziffern sind doch noch auf den rund herum verstreuten Stücken zu erkennen. Nach diesem langen Vortrage, wohl dem längsten, welchen der alte Glassammler während seines ganzen Lebens gehalten hatte, erbot sich Leisetritt, die Herren vom Gericht nach der von ihm bezeichneten Stelle zu begleiten, wozu sich dieselben nach kurzer Berathung entschlossen. Christlieb eilte jetzt den steilen Abhang zum Rohr wieder hinab, wo Wimmer längst schon ungeduldig seiner harrte. Es war nicht klug von dir, junger Freund, sprach er, seinen Arm ergreifend, hinauf zu klettern zu dem gedankenlosen Schwätzer. Man kann bei solchen Vorfällen gar leicht in ganz ärgerliche Händel verwickelt werden. Das Paviansgesicht wird es zu spät bereuen, den Herren den Weg nach dem Mordplatze gezeigt zu haben. Ich möchte jenen Platz dennoch sehen, meinte Christlieb. Freund, versetzte der Herrnhuter, laß dir rathen! Man lebt auf dieser unvollkommenen Erde nur dann ruhig, wenn man sich um Alles, was einem nichts angeht, auch nicht kümmert! Kann es dir Vergnügen machen, einen zerstampften Boden, mit Menschenblut besudelt, zu betrachten? Aber die zerrissenen Papiere! Ja so, die Papiere! Nun, mein lieber Bruder, ich möchte wetten, diese Papiere bekommt außer den Gerichtspersonen jetzt Niemand mehr zu sehen. Sie werden die Schnitzel aufsammeln und in die Acten legen, und dort werden sie bleiben, bis sie vermodern. Sollten sie nicht zur Entdeckung der Mörder führen? Darüber, lieber Freund, habe ich gar kein Urtheil. Es ist ja möglich; aber ich sage dir, danke Gott und deinem Heilande, daß du jene Papierfetzen mit den darauf befindlichen Zahlen nicht gesehen, vielweniger gar betastet hast! Während dieser Unterhaltung hatten sie ihr Fuhrwerk wieder erreicht, nahmen jetzt darin Platz und setzten ihren Weg fort, der sie nach Verlauf von zehn Minuten vor die Wohnung des alten Ammer brachte. Achtes Kapitel. Ein Brief aus der neuen Welt. Flora bemerkte die Ankommenden zuerst, eilte an den Wagen, freute sich, den Bruder so unerwartet wieder zu sehen, und begrüßte Wimmer, der ihr sein freundlichstes Gesicht zeigte, mit einiger Verlegenheit. Ist der Herr Vater für einen Freund zu sprechen? fragte der Herrnhuter, seine Augen niederschlagend und mit der Krempe seines Hutes sich Luft zufächelnd. Habe Wichtiges zu melden, schöne, junge Frau, und komme deßhalb mit dem lieben Bruder, weil es doppelt Vergnügen gewährt, Freuden gemeinschaftlich zu genießen. Inzwischen war man auch in Ammer's Hause des haltenden Fuhrwerkes ansichtig geworden. Frau Anna öffnete die Hausthüre, nickte Wimmer zu und reichte ihrem Sohne mit Mutterzärtlichkeit die Hand. Der Weber jedoch, der in seinem Stübchen weilte, kam nicht zum Vorschein. Wir stören doch nicht, Mutter? Vater ist doch wohl und heiter? fragte Christlieb. Er spricht mit dem Färber, versetzte die Mutter. Es ist ihm unlieb, daß man vor Kurzem auf seinem Grund und Boden einen Menschen gefunden hat, der wahrscheinlich von bösen Leuten erschlagen worden ist. Der Färber hat sich den Todten besehen und erzählt nun dem Vater, was er weiß. Auch wir hatten diesen unerfreulichen Anblick, versetzte Wimmer. Aber lassen wir die Todten ruhen, bitten wir zu Gott, daß er die Sünder bekehre und ihnen gnädig sei, und wenden wir uns den Lebenden zu, die uns nahe stehen! Ach, sieh da, mein Freund und Bruder! rief er, als auf der etwas dunkeln Hausflur der alte Weber erschien. Wie freut es mich, nach so langer Zeit dich so rüstig und wohlbehalten wieder zu finden! Deine Hand, lieber Bruder, und mögest du noch viele Tage sehen, so reich an Glück und Freude, wie ich glaube, daß es der heutige ist! Ammer wehrte dem Herrnhuter nicht, doch gestattete er diese herzliche Begrüßung mehr als er sie erwiderte. Ernst und kühl ruhte sein Auge fragend und forschend zugleich auf den Zügen Wimmer's, glitt dann hinüber auf den Sohn, und während er dem Letzteren die Hand reichte, sagte er den Blick abermals Wimmern zukehrend: Gott segne deinen Eingang, wenn es sich wirklich so verhält, wie du sagst! Ein stummer Händedruck war die Antwort des Herrnhuters, der wie immer, wenn er im Innersten ergriffen oder gerührt war oder wenn er Andere glauben machen wollte, er sei es, nicht sprach, sondern die Augenlider halb zudrückte, um seine aufkeimende Rührung männlich nieder zu kämpfen. Eine Viertelstunde später saßen alle Mitglieder der Familie Ammer, der alte Seltner nicht ausgeschlossen, um den großen viereckten Lindentisch, um die wichtige Mähr zu hören, welche Christlieb und Wimmer ihnen mitzutheilen gekommen waren. Es ist gut, sprach der alte Ammer, den Brief seines Sohnes erbrechend, man soll niemalen undankbar sein und so Jemand uns eine Liebe anthut, selbige nicht mit harten Worten lohnen. So will ich auch deine Worte in Ehren halten, Freund Wimmer, und mich nicht einmal darüber auslassen, obwohl vielleicht Grund dazu vorhanden wäre. Du meinst, der Herr habe mich und mein Haus gesegnet, nun, so du es meinst, will ich es annehmen, weil ich denke, es kann nicht möglich sein, daß ein alter Jugendfreund mir und den Meinen nicht Gutes wünschen sollte. Nun bin ich aber begierig, wie der übermüthige Bursche denkt, der vor drei Vierteljahren auch zum Heile seines alten Vaters einen so seltsamen Abschied nahm. Ich bin nicht mehr der flinkenste Briefleser, denn meine Augen schlagen mir fehl seit einigen Monaten und mit den Brillen kann ich mich nicht befreunden. Drum mag Christlieb vortragen, was der was der Sohn seinem Vater zu sagen für gut befindet. Mit diesen Worten reichte Ammer den von Fürchtegott erhaltenen Brief seinem ältesten Sohne. Christlieb entfaltete das Schreiben und las: »Liebe Eltern und Geschwister! »Seit ich Euch meine glückliche Ankunft auf dem Festlande Amerika's meldete, hat sich Vieles zugetragen, das ausführlich zu erzählen, mir überaus viel Zeit kosten würde. Ich will mich deßhalb nur auf das Wichtigste beschränken, um so mehr, als ich fürchte, daß Du, lieber Vater, wenn Du noch bist, wie ehedem, leicht die Geduld dabei verlieren und sagen könntest: den Matsch hätte er auch für sich behalten können.« Da, fiel Ammer ein, ein erster Nasenstüber für mich, wofür ich pflichtschuldigst hiemit gedankt haben will. Dabei nahm er sein Käppchen ab, als wenn er Jemandes Gruß erwidere. Weiter im Texte, mein Sohn. Flora wechselte ängstliche Blicke mit ihrer Mutter und Albrecht; Beide jedoch bedeuteten ihr durch Zeichen, sie möge schweigend das Ende der Vorlesung abwarten. »In New-York, wo es mir sehr wohl gefallen hat, steht unser Haus auf festem Grunde. Es kommt bloß darauf an, daß wir unermüdlich vorwärts streben, nicht ruhen und rasten, jederzeit auf ein reiches Lager halten und den Yankee's die Schliche ablauern. Letzteres ist ganz besonders nöthig, um zu lucriren, denn diese Amerikaner verstehen es besser als in Europa die Juden, den Leuten einX für einU zu machen, weßhalb sie auch die meisten Europäer übervortheilen. Mir selbst, glaube ich, ist dies Malheur nicht passirt, weil ich die Fingerzeige unseres Hamburger Geschäftsführers von Anfang an beherzigte. Dieser Aufmerksamkeit habe ich es zu verdanken, daß an unserer diesmaligen Sendung durchschnittlich volle hundert Procent gemacht worden sind. So stehe ich denn, Gott sei Dank, jetzt »in meinen eigenen Schuhen«, wie der Amerikaner sagt, und brauche mich vor Niemand zu bücken, was nebenbei bemerkt hier in der neuen Welt auch nicht viel helfen würde. Aber es muß nun daheim bei Euch aus einem andern Tone gehen. Du, lieber Bruder, mußt durchaus darauf sehen, die Waaren etwas coulanter herzustellen. Wie Vater sie seither zu liefern pflegte, ist sie zwar tadellos, aber das Ansehen, wie man es größtentheils hier haben will, fehlt ihr.« Ammer's Mütze saß schon lange im Nacken, jetzt flog sie vollends herab, der Weber griff nach dem Hornkamme und strich sich zweimal durch sein volles greises Haar. Seht, seht, seht! sprach er, mit dem Daumen und Zeigefinger auf den Tisch trommelnd. Das muß ja dort drüben über'm großen Wasser eine Welt sein zum Entzücken! Will mir das verdrehte Volk vorschreiben, wie ich die Waaren zubereiten soll, mir, dem ältesten Weber in beiden Lausitzen! Ei, so schmeißt mir doch gleich alle Schlichtköpfe entzwei, daß kein Faden mehr hält; denn ich bin gut dafür, der fürwitzige Neu-Amerikaner wird mir gleich auch Vorschriften machen, wie ich gebleichtes Linnen packen soll! Ammer hatte diese Worte mehr scherzhaft als bitter gesprochen, obwohl man es seiner stark gerunzelten Stirn ansah, daß der Aerger ein Ungewitter in ihm kochte. Christlieb nahm den Brief wieder auf und las weiter. »Engländer, Irländer und Schotten sind in dieser Beziehung den Deutschen weit voraus. Sie richten sich genau nach den Liebhabereien, den Launen und Ansprüchen ihrer Abnehmer und bereiten ihre Waaren gerade so, wie diese sie haben wollen. Darum machen sie denn auch fast ohne Ausnahme vortreffliche Geschäfte und werden immer reich. Wir Deutsche und besonders auch wir Lausitzer sind zu wenig speculativ, die Vorliebe für das Alte, die uns angeboren ist, und das eigensinnige Verharren auf einem Punkte läßt uns hinter der Zeit zurückbleiben, und wenn wir das nicht alsbald abändern, verdrängen uns hier drüben die pfiffigeren Belfaster.« Was für Kerle? fragte Ammer, der ruhig, aber mit ernster Miene den Worten des Briefes lauschte. Belfast, mein lieber Bruder, ist eine Stadt in Irland, fiel Wimmer in sanftestem Tone ein, deren betriebsame Handelsleute sehr viel Linnenwaaren nach Amerika, wie in die ganze Welt verschicken. Es sollen, wie ich von vielen Erfahrenen gehört habe, ganz grausam kluge Kaufleute sein. Nun, die Ammer'sche Waare wird es an Güte mit dieser Belfaster wohl aufnehmen können, sagte Ammer, mit stolzer Zuversicht. Christlieb fuhr fort: »Ich denke mir, lieber Bruder, daß die Spinnfabrik auf Weltenburg ein prächtiger Name, dessen ich mich bisweilen in vornehmen Kreisen bediene bereits im Gange sein wird. Ist dies der Fall, so nimm bei Leibe zum Einschlage kein Handgespinnst mehr, sondern bloß Maschinengarn. Es gibt dies ein viel besseres Ansehen und die Kaufleute in der neuen Welt greifen mit wahrer Gier darnach. Ich glaube auch, daß es im Ganzen billiger sein wird, als das auf dem Handspinnrad oder gar auf der Spindel gewonnene.« O ja, warum denn nicht, bemerkte Ammer, indeß kann's auch kommen, daß die Waare weniger hält, und wovon soll dann der Arme leben, der sich nur durch Spinnen sein Brod verdienen kann? Aber das hat kein Herz, wenn nur der Beutel recht fett wird. Möchte nicht todt in der neuen Welt sein. »Alles zusammen genommen,« las Christlieb weiter, da der Vater sich wieder zur Ruhe begeben hatte, »wir müssen mehr auf äußern Glanz sehen, wie bisher, ferner sehr viel liefern, um nicht überflügelt zu werden, und dürfen uns durch keinerlei Vorurtheile stören oder behindern lassen. Das, lieber Vater, wird auch Dir jetzt mehr und mehr einleuchtend werden, und da Du ja doch nur Deinen Kindern Gutes wünschen kannst, wir beiden Brüder auch, seitdem wir mündig geworden sind, das begonnene Unternehmen mit eigenen Mitteln und auf eigene Rechnung weiter verfolgen, so wirst Du, im Fall Deine Ansichten von den unsrigen abweichen, dieser Meinungsverschiedenheit wegen, unsere kaufmännischen Speculationen gewiß nicht beschränken wollen. Im Fall eines nicht zu bekämpfenden Widerwillens Deinerseits, lieber Vater, könnten wir ja ganz in der Stille und ohne daß es Jemand merkte, uns vollständig separiren. Herr Advocat Block würde dazu gewiß gern die Hand bieten und die Freunde, Herr Wimmer und Graf Alban, Dir liebevoll mit Rath und That zur Seite stehen. Glaube ja nicht, lieber Vater, daß ich eine Geschäftstrennung wünsche, ich berühre diesen Punkt nur, um keine Stockung eintreten zu lassen, denn wenn Du Dich weigertest, diese Winke zu beherzigen, so würden uns sehr große Verluste bevorstehen.« Also doch, sprach der alte Weber halblaut vor sich hin, den Kopf auf seine Brust senkend und mit den Daumen der zusammengefalteten Hände wirbelnd. Freund Mirus hat Recht gehabt! Nun, es thut nichts. Man wird ja alt und stumpf; weßhalb sollte man sich nicht bei Zeiten von Geschäften frei machen, die nur drücken, niemals erfreuen können. Ich merk's, der Schnee auf meinem Scheitel blendet die Augen der frisch blühenden Jugend. Nun, will mir's überlegen. Steht sonst noch 'was in dem Briefe? Er ist bald zu Ende, sagte Christlieb. Du willst doch das Uebrige noch hören? Und wären's noch zwanzig Seiten, versetzte Ammer. Solche Weisheit wird nicht von allen Dächern gepredigt, weßhalb sie auch nicht allseitig verstanden werden kann. Ich jedoch, ich, der alte Weber am Rohr, ich verstehe sie und ich bin auch schon dabei, im praktischen Leben den besten Gebrauch davon zu machen. Also immer heraus mit dem Rest! Christlieb kam dieser Aufforderung nach und las das Folgende mit größerer Eile und ohne jegliche Betonung. »Von New-York segelten wir mit zum Theil neuer Ladung nach Surinam. Die Reise war kurz und glücklich. Auch hier, wo ich erst seit einigen Tagen bin, weßhalb ich mich noch nicht zurechtfinden kann in den hiesigen Gewohnheiten, scheint uns das Glück begünstigen zu wollen. Was Vater für die Missionäre an Waaren bestimmt hat, ist bereits deren Agenten übergeben worden. Ich kann nicht leugnen, daß diese Schenkung mir fast das Herz zerreißen wollte. Was hätte sich durch kluge Verwerthung gerade hier damit gewinnen lassen! Schade, lieber Bruder, daß wir kein Baumwollengeschäft haben. Damit müßte man goldene Berge verdienen können. Ueberlege doch mit Herrn Wimmer, ob in Weltenburg nicht Platz ist für eine zweite Fabrikanlage. Ich würde dann, ehe ich meine Rückreise nach Europa antrete, hier Anknüpfungen für ein Geschäft treffen, worüber das Nähere nur mündlich besprochen werden kann. »Herzensgrüße an Mutter, Schwester Florel und ihren Krauskopf. Ich hoffe, wenn ich zurückkomme, springt dem gereisten, viel erfahrenen Onkel ein kleiner Krauskopf entgegen. »Bleibt gesund und schreibt bald. Noch habe ich keine Zeile von Euch erhalten. Dir aber, lieber Vater, wünsche ich vor allen Dingen Zufriedenheit des Gemüthes, Ruhe im Herzen und bitte Dich, mir vergeben zu wollen, weil ich dem Drange meiner Seele mehr gehorchte, als Dir. Es war nicht Ungehorsam, der mich forttrieb, sondern die Stimme Gottes, die ich vom Weltmeer herüber mich rufen hörte. Gott aber sollen wir jederzeit mehr gehorchen, als den Menschen. »Lebt tausendmal wohl, grüßt alle Freunde und Bekannten, auch Herrn Mirus und Candidat Still den verzwickten Leisetritt nicht zu vergessen und laßt gute Nachricht hören Euern liebetreuen Sohn und Bruder Fürchtegott Ammer, »Paramaribo, Mitte Januar 18...« Die Wirkung dieses Briefes auf die verschiedenen Zuhörer war eine sehr verschiedene. Während Frau Anna dem Himmel laut Dank sagte, daß es dem fernen Sohn unter den Wilden, wie sie sich ausdrückte, bisher wohl ergangen sei und ihr Schwiegersohn geneigt war, ihr darin beizustimmen, verdüsterten sich die lieblichen Züge Flora's immer mehr, bis am Schlusse der Ausdruck tiefster Herzenstrauer sie wie ein dunkler Schleier völlig überdeckte. Sie hatte die Hände gefaltet und sah, ganz in Gedanken versunken, vor sich hin. Ammer verhielt sich ebenfalls eine Zeit lang still und nachdenklich, dann griff er mit einiger Hast nach dem Briefe, zerknitterte ihn, steckte das Papier in die Seitentasche seiner bequemen Hausjacke, die er für gewöhnlich bei der Arbeit trug, und stand auf, indem er Wimmer einen fast gebieterischen Wink gab, ihm zu folgen. Der Herrnhuter wagte nicht, diese befehlshaberische Einladung auszuschlagen, er hüstelte, warf Anna einen vielsagenden und doch schwer zu enträthselnden Blick zu, lächelte Flora, die fast erschreckt aufsah, freundlich an, und folgte dem voranschreitenden Weber in dessen Cabinet. Neuntes Kapitel. Eine ernste Unterredung Hier setzte sich Ammer auf das hart gepolsterte Kanapee und zog Wimmer neben sich nieder. Er entblößte sein schneeweiß Haupthaar und kämmte es wiederholt zurück in den Nacken, während sein scharfes Auge den versteckten Freund fixirte. Endlich sprach er: Wie lange ist's wohl her, seit wir hier ein Abkommen eigenthümlicher Art miteinander trafen? Ich weiß noch genau, daß ich mich sträubte und dir hartnäckig widersprach; aber ich ließ mich von deiner glatten Zunge, von deiner sanft schmeichelnden Stimme bethören. Seitdem habe ich aufgehört ein glücklicher Mann zu sein. Lieber Bruder, sprich doch nicht so lieblos und sündhaft, fiel Wimmer ein. Hat Gott dich nicht gesegnet mit reichen Gütern? Hat er dir nicht im Ueberflusse gegeben, was uns die Tage der Welt erheitert, was uns Freunde erwecken, uns in Trübsalen wenigstens die Qual erleichtern helfen kann? Und hast du ein Recht zu klagen, weil deine Kinder gesund sind und sich ihrer Selbstständigkeit freuen? Wieder ruhte das Auge des alten Webers flammend auf dem Herrnhuter, der vor diesem Blick den seinigen senkte. Wimmer, sagte Ammer, es ballen sich Zweifel um meine Seele, wie finsteres Gewölk um die untergehende Sonne nach einem brütend heißen Sommertage. Dann rütteln und schütteln die beiden Geschwister Angst und Kummer an meinem müden Herzen, daß ich es ordentlich fühle und fast unter den zuckenden Schmerzen zu wanken beginne. Du sagst, deine Handlungsweise habe mir Segen gebracht, denn meine Kinder seien sehr, sehr reiche Leute. Freilich, freilich, sie und ich, wir haben zusammen manchen Scheffel Geld, aber, aber die Eintracht der Seelen, die Liebe, die unseres Lebens Stab sein soll, die uns trösten und beseligen muß, wenn Trübsal über uns kommt: diese Eintracht und Liebe hat der zur Vorderthüre meines Hauses hereinrollende Goldstrom zur Hinterthür hinausgedrängt. Und das ist ein schweres Unglück! Lieber Bruder in Christo – Still, Wimmer, mische den Herrn nicht in unsere weltlichen Angelegenheiten! Christus hat damit nichts zu schaffen, und wie ich gegen dich gesinnt bin und wie du mir gegenüber stehst, mögen wir meinethalb ein Brüderpaar sein, über dem irgend eine unheimliche Macht seine schwere Hand hält, der Herr, den wir unsern Erlöser nennen, hat nichts damit zu schaffen. Du bist aufgeregt und darum ungerecht, lieber Bruder. Ammer stand auf und hielt ihm das zusammengedrückte Schreiben Fürchtegott's vor. Sprich, sagte er bitter, ist das ein Brief, wie ihn der Sohn an seinen Vater schreiben darf, wenn er ihn liebt, wenn er ihm Freude machen, die alten Tage ihm mit dem goldigen Dämmer froher Hoffnung verklären will? Wo steckt das Herz in diesem Schreiben? Wo regt sich eine Fiber? Und der Mensch lebt ein paar tausend Meilen entfernt von der Heimath! Zwischen ihm und seinen Eltern rollt die unendliche Wasserwüste des Oceans ein Windstoß kann das Schiff, das ihn zurückführen soll in die Heimath, spurlos versenken in grundlose Tiefen; und dennoch, dennoch glimmt kein Flämmchen Kinderliebe auf diesen spitzen kalten Worten! Aber freilich, davon weißt du nichts, kannst du nichts wissen, denn du bist ja nicht Vater! Jetzt, wo Ammer sich gerade abwendete, lächelte Wimmer nur unmerklich, aber sehr seltsam. Es war, als träte nur eine Secunde lang der Herzschlag auf sein Gesicht. Er seufzte, indem er antwortete: O hätte ich doch Kinder! Aber ich kann sie ja nicht haben, du weißt es. Ammer schrak zusammen und wandte sich wieder dem Herrnhuter zu. Sein Antlitz war bleich, die Angst, die sein Herz zerwühlte, malte sich in den zermarterten Zügen. Was soll ich thun, wenn er wiederkommt? sprach er rathlos vor sich hin. Du breitest deine Arme aus, lieber Bruder, sagte Wimmer, führest den Heimkehrenden in dein Haus, schlachtest ein Kalb und feierst mit deiner Familie und deinen Freunden ein fröhliches Fest. Könnt' ich ihn dadurch wieder festbinden an mein Herz, so würd' ich's thun, versetzte Ammer, aber Fürchtegott hat sich losgesagt von mir, von uns Allen. Sein Gott ist der Mammon. Ihm allein dient er, ihn zu mehren würde er ich fürchte es beinahe ein Verbrechen begehen können. Und wer hat ihn diese Wege wandeln gelehrt? Hier trat der Weber rasch an den Herrnhuter heran. Du, der du dich rühmst, mein ältester und treuester Freund zu sein! Wimmer zog sich gelassen beide Stiefel herauf, sah dann den ergrimmten und erschütterten Weber ruhig an und sprach: Es ist Sitte der Kinder dieser Welt, daß sie diejenigen schmähen, denen sie danken sollten. Mich wundern deßhalb nicht deine harten Worte, lieber Bruder, allein wohl wünsche ich, und flehe deßhalb zu unserm Herrn und Heilande, daß es mir gelingen möge, dich andern Sinnes zu machen. Denn so du mir mißtrauest und mich fliehest oder vielleicht gar verfolgest, würdest du dir nur selbst größeren Kummer bereiten. Zwar bin ich im Vergleich mit dir arm zu nennen, weil ich weder Weib noch Kind habe, dafür aber hat Gott mich begnadigt, das Vertrauen deiner Söhne, deren Talente ich achte, zu erwerben. Verführest du nun hart und unväterlich gerade mit dem, der ich weiß nicht, warum am meisten an mir hängt, so würdest du ihn nur ganz von dir entfernen und ihn mir in die Arme führen. Ist nun dies nicht deine Absicht, so sei ihm lieber ein milder Vater und lege nicht jedes Wort, gleich beschädigten Ducaten, auf die Goldwaage. Diese Worte, sanft, mit einem Anflug von Rührung und in fast klagendem Tone gesprochen, machten einen tiefen Eindruck auf Ammer. Er sah sich plötzlich auf einem Terrain angegriffen, wo ein fortgesetzter Kampf für ihn die traurigsten Folgen haben konnte. Wimmer, sagte er matt, seine Hand dem Herrnhuter entgegenstreckend, Wimmer, raube mir nicht noch mehr von meiner Kinder Liebe, als du schon jetzt mir genommen! Es würde nicht gut enden! Ich will es gern und zu deiner Ehre glauben, daß nicht versteckte Absichten deinen Handlungen zu Grunde lagen, obwohl dieser trübe Gedanke mich häufig beschlichen hat und beschleichen mußte; den Schmerz eines Vaters, dessen Kinder sich nach und nach von ihm abwenden in Trotz und Eigendünkel, wirst du, obwohl ein kinderloser Mann, wenigstens nachfühlen. Was nützt mir die Welt, die du dem Fürchtegott durch deine kaufmännischen Vorspiegelungen in seine Phantasie gestellt hast? Kann mir diese Welt unklarer Einbildungen und Hirngespinnste die Liebe ersetzen, die der Junge mir entzieht? Meinst du, daß der Händedruck eines Kindes, von Zärtlichkeit dictirt, durch Gold sich aufwiegen läßt, das nicht zart und warm, wie ein verwandter Pulsschlag, sondern kalt und hart, wie die Herzlosigkeit selbst, das Innere unserer Hand berührt. Ich wüßte nicht, was ich thäte, wenn du mir den Fürchtegott so unschuldig, rein und mir zugethan wiederbrächtest, als er vor dem Tage war, wo ich dir hier mit Wort und Handschlag ein unglückseliges Versprechen gab. Nicht Eigennutz, lieber Bruder, nur Liebe sprach damals aus mir, wie noch heute, betheuerte Wimmer. Aber die Herzen der Menschen sind Bächen zu vergleichen, die der Sonnenschein des Glückes vertrocknet und der Regen und Thau schwerer Prüfungstage wieder mit dem Weihwasser der Liebe und Zärtlichkeit füllt. Nun, wer weiß, ob der Fürchtegott nicht auch von dem Faustschlag eines harten Schicksals dereinst in Gedanken zurückgeführt wird in seine Kindheit? Ammer seufzte. Er legte seine Hand auf die Schulter des Herrnhuters, sah ihn mit seinen tiefen, blauen Augen lange und fest an und sprach dann: Nein, schlecht bist du nicht, sonst hättest du diesen Blick in das Innerste deiner Seele nicht auffangen können im Spiegel deines Auges, ohne zu blinzen, aber du rechnest zu viel, du hast große Freude an Zahlen, und darüber vergißt du Liebe und Freundschaft. Und den Fürchtegott hast du angesteckt damit. Die Geldgier hat sich seit der Zeit des unerfahrenen, jungen Menschen bemeistert, dermaßen, daß sie wie eine verheerende Seuche eine gute Eigenschaft nach der andern aufzehrt und ihn ganz und gar beherrscht. Seinen Schöpfer würd' er verleugnen und verrathen für Geld. Er ist abgefallen vom Gott der Liebe, dem wir Alle dienen sollen in Demuth und Ergebenheit, und den du ja immer auf den Lippen trägst! Ein Götzendiener kniet er vor dem Mammon mit ausgebreiteten Armen und sieht, daß des vergänglichen Gutes nur immer mehr ihm zuströme. Und das vergällt mir das Leben, Wimmer; das macht mich unglücklich mitten im reichen Besitz zeitlichen Glückes; das wird mich noch, so keine Aenderung eintritt, mit Fürchtegott's dereinstiger Rückkehr aus der neuen Welt, grambeladen in die Grube bringen, und mein letzter Seufzer wird eine Anklage vor Gott sein, die deinen Namen flüstert! Ammer's Stimme zitterte, und ein paar Thränen rieselten in den Furchen seiner Wangen herab. Wimmer aber erfaßte die Hand des so tief Erschütterten und sagte: Lieber Freund und Bruder! Wolltest du nur Vertrauen fassen und glauben! Der Mensch, der da irrt und mannigfach fehlt gegen das Gesetz, ist deßhalb nicht als verloren zu betrachten. Steht es doch geschrieben in der Schrift: »Wen der Herr lieb hat, den züchtiget er«, und anderwärts wieder: »Es wird mehr Freude sein im Himmel über einen Sünder, der Buße thut, denn über viele Gerechte!« Durch unsere Fehltritte lernen wir die Wahrheit kennen. So wird auch dein Sohn, nachdem er frevelte und sündigte, durch die Läuterung geistiger Trübsal zur Erkenntniß kommen und als dein gehorsamer Sohn die letzten Tage deines Lebens dir verherrlichen. Diese Worte des Herrnhuters schienen nicht ohne Eindruck auf den Weber zu bleiben. Ammer zeigte sich hoffnungsreicher, über sein trübes, verdüstertes Antlitz lief der Widerschein eines hoffenden Lichtstrahles. O möchtest du wahr sprechen, Wimmer! sagte er mit tiefer Bewegung. Ich würde ihm Alles vergeben und vergessen, und den Tag seiner Rückkehr als einen Festtag feiern, so lange ich lebte. Du wirst es können, lieber Bruder! Der Herr verläßt ja die Seinen nicht; du wirst aber deinen Sohn dir um Vieles leichter wiedergewinnen, wenn du an die Stelle der Härte Liebe und Milde, an die Stelle des Trotzes Nachgiebigkeit und Willfährigkeit setzest. Was ist auch daran gelegen, ob du nun widerhaarig bleibst oder den Zeitläufen dich fügend gewährst, woran jetzt noch mit ganzer Jugendwärme das Herz deines Sohnes hängte? Wenn es nur eine Prüfung wäre, ein Wink, der ihm für später Halt gebieten soll, so würde ich mich nicht sträuben. Nichts anderes soll und wird es sein, sprach Wimmer zuversichtlich. Laß ihm jetzt seinen Willen, damit er vollkommen frei sich bewegen kann und befriedigt wird. Um so leichter wird es alsdann, ihn mit freundlichen Worten zu zügeln. Du mußt auch bedenken, daß dies Gehen- und Geschehenlassen deinerseits der einzige Weg ist, in gutem Einvernehmen mit den Söhnen zu bleiben. Sie sind nun einmal selbstständig und da hilft in alle Ewigkeit bloßer eisenharter Widerstand nicht. Je härter der Widerstand, desto heftiger der Gegendruck, und das führt nie zu erwünschtem Ziele. Ja, ja, es ist so, versetzte Ammer seufzend. Ich sehe ein, daß du jetzt Recht hast, aber es will mir nicht in den Sinn, daß du früher, als du mich zu bestimmen wußtest, gleicherweise im Rechte gewesen sei'st. Weil ich mich damals aus Freundschaft schwach zeigte und nachgiebig, muß ich jetzt aus Liebe zu den Meinigen geschehen lassen, was meiner festen Ueberzeugung nach nicht förderlich ist zu ihrem Seelenheil. Der Mensch denkt und Gott lenkt! sagte Wimmer mit ergebungsvollem Aufblick zum Himmel. Fügen wir uns also seinem unerforschlichen Willen und hadern wir nicht, wenn er uns in unserer Kurzsichtigkeit auch Wege führt, die uns nicht gefallen wollen. Ammer's Schweigen sagte dem Herrnhuter, daß er seine ferneren Pläne nicht mehr kreuzen werde. Die Sonne war hinter den Waldhöhen untergegangen und beleuchtete nur noch die hohen Gebirge im Osten mit verglühendem Flammengold. Der alte Weber trat an's Fenster und sah hinaus in die bei solcher Abendbeleuchtung doppelt bezaubernde Landschaft. Aus der Ferne hörte man Glockengeläut. Ammer entblößte sein Haupt, faltete die Hände, indem er sich mit den Ellenbogen auf's Fensterbrett stützte, und betete. Wimmer störte ihn nicht. Zum Schein faltete er ebenfalls die Hände und bewegte die Lippen. So möge uns denn Gott helfen, Amen! schloß Ammer sein Feierabendgebet. Laß uns jetzt sehen, was es drüben gibt. Ich höre, daß man laut wird. So endigte eine Unterredung, welche der schlaue Herrnhuter nicht mit ganz leichtem Herzen begonnen hatte. Jetzt war er beruhigt, und heitern Antlitzes trat er hinter dem Weber in's Familienzimmer. Hier hatten sich inzwischen die Zurückgebliebenen ebenfalls mit Fürchtegott und dem Inhalte des eingelaufenen Briefes beschäftigt. Bei Beurtheilung desselben bildeten sich zwei Parteien, indem Albrecht und Flora entschieden ihren Unwillen über den Ton aussprachen, den Fürchtegott sich dem Vater gegenüber erlaubt hatte; die Mutter und mit ihr Christlieb fanden diesen entschuldbar, obwohl sie zugaben, daß Fürchtegott seine Wünsche und Vorschläge in andere Worte hätte kleiden können. Flora nannte den Brief lieblos, unkindlich, hart, ja sogar höhnisch, und vergoß über diese Unkindlichkeit des fernen Bruders Thränen; Christlieb dagegen meinte, der Brief sei in kaufmännischem Style abgefaßt und da könne von überfließender Liebe nicht die Rede sein. Auch dürfe man nicht vergessen, daß die ferne Welt, die vielen neuen, gewaltigen Eindrücke, endlich das Glück den Bruder, der ohnehin niemals Sinn für sentimentale Regungen gezeigt, völlig bezaubert habe, und im Rausch dieser Bezauberung seien ihm die Worte stolz und gebieterisch, wie seine augenblickliche Stimmung gewesen, in die Feder gelaufen. Da beide Ansichten sich vertheidigen ließen und die verschieden Urtheilenden fest auf der ihrigen beharrten, so kam es zu keiner Einigung. Flora ward zuletzt sogar beinahe heftig und machte Miene, ihrem Bruder und selbst der Mutter zu grollen. Zum Glück wurden die Streitenden durch lautes Geräusch von Außen in ihrem unerquicklichen Gespräche gestört. Eine ansehnliche Menge Menschen kam laut sprechend und lebhaft gesticulirend die Straße herab und schlug den Weg nach dem Schulzen oder Richter ein. Mitten in dem Gewühl trug man den Leichnam des erschlagenen Grenzjägers. Etwas später folgte der Wagen der Gerichtspersonen, welche zur Besichtigung sowohl des Ermordeten, wie des Ortes, wo man diesen fand, herbeigekommen waren, und hinter diesen, umgeben von einer kleinen Zahl Bekannter, kam Leisetritt mit seinem klirrenden Karren, der von zwei starken zottigen Hunden gezogen ward. Flora vergaß den Gegenstand des Zankes, als sie den Glassammler erblickte, klopfte an's Fenster, schob es auf und rief ihm zu: Halt' doch einen Schlag, Leisetritt! Du wirst wohl Appetit haben auf einen kleinen Wachholder; komm', versuch' unsern jüngsten, und sag' uns, was das für eine Geschichte ist mit dem todten Grenzjäger. Leisetritt zog seinen formlosen Dreikantigen, lachte mit seinem Paviansgesicht, befahl den Hunden sich niederzulegen, und trat in's Haus. Als er eben die Zimmerschwelle überschritt, vernahm Ammer das Geräusch des lärmenden Haufens, und fand jetzt den Glassammler bereits von Frau Anna und seinen Kindern umringt in der Stube. Ei, ei, ei, sprach der Weber, was sind das für Geschichten, die da eben in meinem Rohr vorgehen! Und du hast, wie mir gesagt wurde, die Spur aufgefunden und den Herren vom Gericht die Wege gewiesen? Leisetritt lachte leise in sich hinein. Ja, Herr Ammer, versetzte er, diesmal habe ich dem Gerichte wirklich die Wege gewiesen, 's ist eine närrische Geschichte und ich glaube, es wird eine excellent prächtige Untersuchung geben, und in Jahr und Tag ein paar Hinrichtungen, und eine sehr schöne neue Mordgeschichte für den Leierkastenmann, gedruckt in diesem Jahr und mit der anziehenden Redensart: »Reine Wahrheit! kein Gedichte!« Hat man die ruchlosen Mörder entdeckt? fragte Wimmer. Mit Verlaub, soweit ist das hochpreisliche Gericht noch nicht gekommen, fuhr Leisetritt fort, mit schnalzender Zunge den dargereichten Wachholder ausschlürfend. Aber die Herren haben Spuren gefunden, grausam schöne Blutspuren und andere dazu; auch einen übersponnenen Knopf und ein paar Büschel Haare. Und das haben sie Alles aufgehoben und fein säuberlich eingepackt. Auch haben sie die Fußtritte ausgemessen und ordentlich künstlich einen Abdruck davon gemacht in einen Klumpen Thon, daß es ganz aparte schön aussah, wie alle Nagelkuppen von der Sohle drin sitzen blieben, so natürlich, daß es eine wahre Freude war, und endlich habe auch noch zu allerletzt die Papierschnitzel aufgesammelt, so viel davon zu finden waren; aber alle haben s' doch nicht gekriegt. Leisetritt lachte überaus pfiffig und schlug dabei auf die Tasche seines halblangen Rockes. Hast doch nicht lange Finger gemacht? sagte Ammer. Behüte, behüte! erwiderte der Glassammler. Der Wind jagte ein paar von den Fetzen vor mir her über's Heidelbeerkraut, und weil ich 'was Schwarzes darauf sah und doch für's Leben gern wissen wollte, was es wohl sein möchte, schoß ich dem Papier nach und habe etliche davon erwischt. Sie sehen putzig aus, die Dinger. Mit diesen Worten nahm Leisetritt ein paar der erwähnten Papierstücke aus seiner Jacke und reichte sie dem Weber. Dieser gab sie, weil es bereits stark dunkelte, an seinen Sohn. Sieh du zu, was drauf steht, sagte er, ich kann's doch nicht mehr erkennen. Christlieb empfing die Stücke, entfaltete sie und konnte bemerken, daß einzelne große Zahlen darauf gemalt waren. Diese Zahlen waren zerrissen, nach einigem Probiren gelang es jedoch Christlieb und Albrecht, die sich zusammen an den Tisch setzten, einige der Stücke so zusammen zu fügen, daß ein Ganzes daraus entstand und die Zahl 77 dabei zum Vorschein kam. Was soll das nun bedeuten? sagte Ammer, nachdenklich, seine Blicke darauf heftend. Na, Herr Ammer, 's Gericht hat's vielleicht schon ein Bissel 'raus, fiel Leisetritt ein, dem es gelungen war eine zweite Zahl zusammen zu bringen. Mehr als zwei Zahlen, schien es, hatte keins der zerrissenen Papiere enthalten. Vor ein paar Monaten stand's im Wochenblatt und auch in der Zeitung obendrein, hab' ich mir sagen lassen, daß diesseits der Grenze 's Lottospiel im Königreiche verboten sei bei schwerer Strafe. Weil's aber noch Viele gibt auch bei uns, die's böhmische Glück lieber haben, als die böhmische Religion, so kehren sie sich nicht an's Verbot, sondern setzen immer noch in's Lotto. Nun passen's ihnen aber drüben im Königreich scharf auf, also daß es nicht gar leichtlich angeht, und da haben die Leute eine pfiffige Erfindung gemacht, um sicher zu gehen und melden's sich gegenseitig durch Zeichen, ob's gut ist zu spielen oder nicht. Diese Bemerkungen des Glassammlers blieben für Alle unverständlich. Man ersah daraus nur, daß auf irgend eine Weise Gesetzesübertretungen vorgekommen sein mußten, daß diese im Zusammenhange standen mit dem verbotenen Lotto und daß bisher noch unermittelte oder unklare Vorgänge den Mord des Grenzjägers mit diesem Lottoverbot in Verbindung brachten. Ammer beunruhigte diese Entdeckung. Er gedachte der Nummern, die erst vor Kurzem sein kleiner Enkel hatte ziehen müssen, und ohne sich lang zu besinnen oder Jemand etwas davon zu sagen, ging er in sein Cabinet, zog den Tischkasten auf, nahm die daselbst verwahrten Zahlen heraus, zerriß sie, ohne sie eines Blickes zu würdigen, und streute sie aus dem Fenster. Schauer durchrieselte sein Gebein, wenn er sich zurückversetzte im Geiste und des Gewinnes gedachte, der ihm später den Besitz Weltenburgs verschafft und ihn mit so vielen Kümmernissen außerdem noch beschenkt hatte. Seitdem haßte er das Spiel und erschrak davor, wenn man es nur nannte. Um nun mit Einem Mal ein Ende zu machen, dünkte es ihm am Kürzesten, die Terne, welche sein Enkel besetzt hatte, zu vernichten. Damit glaubte er jegliches Unglück von sich und seiner Familie für immer abwenden zu können. Als Ammer wieder zurück kam, schickte sich Leisetritt zum Fortgehen an. Der Weber wünschte ihm glückliche Heimkehr und gab ihm noch in seiner Weise ein paar gute Lehren mit auf den Weg. Christlieb geleitete den Alten bis vor die Hausthür. Als er sich hier mit ihm allein sah, sprach er, flüsternd: Leisetritt, brauchst du die Papiere? O ja, zum Fensterputzen. Ueberlasse sie mir. Du sollst ein paar Gulden dafür haben. Nun, Christlieb, das ist nach Feierabend wacker viel. Wenn's denn sein muß, meinetwegen. Leisetritt langte die Papierstücke heraus, Christlieb empfing sie und legte dafür zwei ganz neue Guldenstücke in die Hand des Glassammlers. Gott seg'n es, sprach dieser, seinen Filz rückend, und mög' es Christlieb Ammer dermaleinst viel Glück im heiligen Ehestande bringen! Gute Nacht, Leisetritt. Stolpere nicht, und gelingt mein Anschlag, so werd' ich deiner gedenken. Zehntes Kapitel. Die überraschende Nachricht. Christlieb Ammer gehörte zwar zu den aufgeklärteren jungen Leuten, dennoch war er weder ganz frei von Aberglauben, noch konnte er sich gewisser Einflüsterungen enthalten, an denen das Volk großentheils heute noch hängt, die es als Orakelspruch achtet. Wir wissen, daß Christlieb zuerst die Bekanntschaft Zobelmeiers machte und daß dieser ihn veranlaßte, eine Terne im Lotto zu besetzen. Er that es, ohne zu gewinnen. Inzwischen war der Vater dem Beispiele des Sohnes gefolgt, hatte dabei dem Zufalle völlig freies Spiel gelassen, und siehe da, das launenhafte Glück warf ihm Hunderttausend in den Schooß! Es ist Volksglaube, daß man mit erborgtem Gelde glücklich spielt; dasselbe gilt von Zahlen, die Jemand aufgedrungen worden oder die man irgendwo findet. Schon ein zufälliges Erlangen derselben wird für ein günstiges Zeichen gehalten. Ferner glaubt man fest daran, daß alles verbotene Spiel Glück bringe, selbst ein offenbares Unrecht, eine Unredlichkeit, die dabei mit unterläuft, kann das Glück eher anlocken und festhalten, als vertreiben. Von diesen verführerischen Lockungen förmlich umstrickt, glaubte Christlieb Ammer einen Griff in die dunkel verhüllte Zukunft thun zu dürfen. Er hatte das Glück nicht aufgesucht, ein Fremder brachte Nummern, die es sich auserlesen haben konnte, in's Haus, spielte sie ihm in die Hände! Sollte er sie von sich weisen? Sollte er sie gleichsam auf die Straße werfen, damit ein Dritter sie auffange, der weniger skrupulös war, als er selbst? Und was ging ihn das Verbot an? Es bedurfte ja nur einiger Zeilen an Zobelmeier und Alles war bestens geordnet. So trug denn der Sohn eben so verschwiegen die Glücksnummern zur Thür hinein, wie sie einige Minuten früher der Vater zum Fenster hatte hinausflattern lassen. Das Thun Beider blieb Allen ein Geheimniß. Schon während des Gesprächs mit dem Glassammler hatte es angefangen stark zu dunkeln; es war daher für heute an eine Rückkehr des jungen Ammer mit dem Herrnhuter nach Weltenburg nicht mehr zu denken. Frau Anna traf Anstalten, für Wimmer das Gastzimmer herzurichten, und Flora mußte für eine kräftige Abendmahlzeit die Sorge übernehmen. Ammer zeigte sich, nachdem eine offene Aussprache gegen den alten Freund ihm das Herz erleichtert hatte, völlig unbefangen und sogar cordial. Er war gesprächig, erzählte Anecdoten, brachte längst vergessene Geschichten aus früher Jugend wieder auf's Tapet und kam endlich auf den ermordeten Grenzjäger und die an dem Orte der Blutthat vorgefundenen Papiere. Plötzlich ward er ernst und sah nachdenklich vor sich hin. Was ist dir, Vater? fragte Flora, den Abendtisch deckend. Je mehr ich mir's überlege, sprach Ammer, desto mehr will mir's einleuchten, daß wir dem alten, geschwätzigen Narren die Papierstücke entweder gar nicht hätten zurückgeben oder ihn anhalten sollen, sie dem Gerichte auszuliefern. Sie gehören mit zu dem, was die klugen Herren von der Feder Corpus delicti nennen. Wer weiß, ob sie nicht gerade mit zur Entdeckung der Mörder beitragen könnten! Hm, hm! Ich denke, es kann nichts schaden, wenn ich mich selber noch aufmache und dem Leisetritt in's Gewissen rede. Am Ende gäbe es sonst noch ein Unglück mit dem fatalen Funde. Du kannst ja lieber Jemand schicken, bemerkte Christlieb, oder ich will statt deiner hingehen. Hast Recht, ruf mir den Färber. Christlieb entledigte sich eiligst seines Auftrages, und ein paar Minuten später war der Färber, ein zuverlässiger und besonnener Mann, auf dem Wege zu dem alten Glassammler. Wimmer streifte sein ihm zur Gewohnheit gewordenes, nach Frömmelei schmeckendes Wesen ab und war ungewöhnlich heiter. Die Reminiscenzen seines Freundes erweckten auch in ihm alte Erinnerungen, und so gab es denn bei Tische eine recht angenehme und erheiternde Unterhaltung. Flora und die Uebrigen verloren schon deßhalb ihre üble Laune, weil sie den Vater so gut gestimmt sahen, was eine nicht eben alltägliche Erscheinung war. Sie schlossen daraus, daß die Unterredung mit dem Herrnhuter seine Zweifel beseitigt, seine Bedenken gehoben, seine Bekümmernisse abgeworfen haben müsse. Sage mir aber jetzt, alter Freund, sprach er während der Abendmahlzeit, warum mischt sich eigentlich Graf Alban in eure Handelsangelegenheiten? Ich habe früher immer geglaubt, dem sehr kenntnißreichen Herrn liege nur das Seelenheil der Brüder und derer, die sich im Stillen zu ihnen halten, am Herzen, und nun hat er doch seine Hand zwischen deren weltlichen Angelegenheiten. Das ist mit wenigen Worten gesagt, erwiderte Wimmer. Die Brüdergemeinden besitzen keinen Mann, welcher die überseeischen Länder gründlicher kennen gelernt hat, als Graf Alban. Seine Erfahrungen, die er im Süden und Norden Amerika's als Missionär eingesammelt, die genaue Kenntniß der Zustände, Verhältnisse und Bedürfnisse aller wilden Völkerstämme jener unermeßlichen Länder befähigen ihn mehr als irgend Jemand, denen, die in irgend einer Weise mit denselben verkehren müssen, wohlwollende Winke zu ertheilen. Die Brüder thun deßhalb nichts, ohne zuvor seine Meinung gehört, seinen Rath eingeholt zu haben. Graf Alban ist dadurch für unsere Gemeinde eine Art Vorsehung geworden, und während er von Hause aus nur den heiligen Zwecken der evangelischen Mission dient, fördert er doch auch durch sein kluges und vorsichtiges Rathen deren weltliches Gedeihen, indem die Mittel der Brüder zur Bekehrung der Heiden sich mehren. Graf Alban hat also keinen wirklichen Antheil an euern Geschäften? fragte Ammer. Nicht den geringsten. Und doch schrieb er mir damals, als mein Sohn die große Reise antreten sollte! Ihm vor Allen habe ich das hartnäckige Beharren des trotzigen Jungen auf seinem Vorhaben zu danken. Ich leugne nicht, daß mich dies beunruhigte, daß es mich ärgerlich machte, und wäre mir der lang aufgeschossene Bengel nicht stehenden Fußes auf und davon gegangen, so hätte es wohl sein können, der alte Ammer im Rohr wäre mit ein paar altlausitzischen Redensarten dem Herrn Grafen in die Stube gefallen. Es geschah dies auf den Wunsch deines Sohnes, erwiderte Wimmer. Fürchtegott aber ist deßhalb vollkommen zu entschuldigen. Der willige, für seinen Beruf schon damals ich möchte fast sagen fanatisch eingenommene Mensch war sich bewußt, dein Mißfallen erregt zu haben. Er konnte sich's im Voraus sagen, daß du nie und nimmer freiwillig in eine so weite Reise, in ein so weit aussehendes Unternehmen willigen würdest. Er gestand mir und dem Grafen, daß die Stimmung zwischen dir und ihm, durch die Verhältnisse hervorgerufen, eine dergestalt gespannte geworden sei, daß es nur einer geringen Veranlassung bedürfe, um einen vollständigen, vielleicht nie wieder gut zu machenden Bruch herbeizuführen. Einem so großen Unheile wollte Fürchtegott vorbeugen, und deßhalb erbot sich Graf Alban, dir in der bewußten Angelegenheit zu schreiben. Anfangs war ich dazu entschlossen, indeß, du weißt, lieber Bruder, es hatte sich auch zwischen uns die erkältende Nebelatmosphäre des Mißtrauens bereits gelagert, und so glaubte ich, ein Brief von mir, auch wenn er noch so ruhig, überlegt und sanftmüthig abgefaßt wäre, würde dein Mißfallen erregen und ganz das Gegentheil von dem bewirken, was wir beabsichtigten. Daß ich dich richtig beurtheilt hatte, bewies der unfreundliche, leider auch zu übereilte Fortgang des ungestümen Fürchtegott. Wider Erwarten der Uebrigen nahm Ammer diese Auseinandersetzung mit größter Ruhe, ja selbst mit nicht zu verkennender Freundlichkeit auf. Er nickte beifällig mit dem Haupte, ließ sich, was er nur bei guter Laune zu thun pflegte, von Flora seine Meerschaumpfeife reichen und erwiderte, als sie glücklich in Brand gerathen war: Es hat doch sein Gutes, wenn ein paar Menschen, die einander lange kennen und zwischen denen etwas unklar geworden ist, sich unumwunden aussprechen. Hätte ich gewußt, was ich jetzt weiß, mir wäre viel Kummer erspart worden. Na, so schenk' ein, Anna, dir selber und auch der Florel dazu. Auf zukünftiges, gutes Einvernehmen und eine glückliche Heimkehr des Reisenden in's Vaterland und's Vaterhaus! Mit Freuden und ohne Rückhalt ließen Alle diesem Trinkspruch die Gläser klingen. Wimmer ward sehr gerührt und mischte seinen Wein mit ein paar Thränen. Noch schlürften die Zufriedenen die goldenen Perlen vom Rhein, als der Färber von seiner Sendung zurückkam. Christlieb wechselte ein wenig die Farbe. Na, hast du die Dinger? fragte Ammer, ohne aufzusehen. Was sagte Leisetritt? Herr, erwiderte der Gefragte, der Glassammler läßt Euch sagen, es thue ihm grausam sehr leid, daß er weder Euch noch dem Gerichte den Gefallen thun könne, denn er habe das unnütze Geschmier auf dem Heimwege in 'n Mühlbach geschmissen. Christlieb's Wangen nahmen ihre gewöhnliche Farbe wieder an, er athmete frei auf und schlürfte behaglich den Rest seines Weines. Der Narr! brummte Ammer. Na, warte nur! Wenn ich dich wieder zu Gesicht kriege, will ich dir deinen Wirrkopf schon zurecht setzen. – Aber, was ist dir, Anton? Du siehst ja aus wie eine frisch gebleichte Leinwand! Ja, ich hab' mich auch grausam sehr erschrocken, Herr! Gibt's irgendwo Feuer? Sie zünden wieder an seit ein paar Monaten. Hab's lange merken können; wird sich wieder um die fremden Arbeiter aus dem Königreiche und aus Schlesien handeln. Nein, Herr, es steht kein Feuerzeichen am Himmel. Ich habe noch 'was Schlimmeres vernommen. Nun, was denn? Ist's ein Geheimniß, das Niemand mitgetheilt werden darf? Das nicht, Herr, – Sie erzählten's vor dem Kretscham. Ein Reitender hatte es gebracht. So erzähle doch, lieber Freund, warf Wimmer ein. Es heißt, sie haben ihn. Wen? sprach Ammer, die Mütze in den Nacken schiebend. Den Mörder des Grenzjägers, sagte Anton. Desto besser, so kommt kein Unschuldiger in Untersuchung und keines redlichen Mannes Ehre wird beschädigt. Wer ist's? Ach, das eben hat mich erschreckt, daß ich noch jetzt wie Espenlaub zittere! Na, na! sagte Ammer. Ein Mensch von deinem Knochenbau zittert wohl nicht gleich. Ist's ein Bekannter? So bekannt, daß sein Name weit hinausreicht über die Grenzen des Landes. Der Herr erschrickt sich auch, wenn ich ihn nenne. Ammer hörte auf zu rauchen und sagte: Nenne ihn. Ich will ihn hören. Der Reitende, versetzte der Färber, der Reitende nannte den Advocaten Block! Ein Blitzschlag aus heiterm Himmel hätte die Anwesenden nicht furchtbarer erschüttern können, als diese wenigen Worte. Ammer entfiel die Pfeife; sein Gesicht ward fast aschfarben. Anna faltete die Hände und schlug die Augen zum Himmel auf. Wimmer senkte seine Blicke und summte die Melodie eines ihm geläufigen Chorals. Die Uebrigen sprangen auf, um dem Vater nahe zu sein, dessen stark zitternde Bewegungen das Herannahen einer Ohnmacht vermuthen ließen. Ammer jedoch wehrte die Kinder ab und sagte mit so fester Stimme, als er es im Augenblicke vermochte: Bleibt, bleibt! Ich komme auch darüber hinweg. Geliebt hab' ich ihn nie, den Block, aber daß er so 'was Schlechtes thun könne, das hätt' ich nimmer geglaubt! Zweites Buch. Erstes Kapitel. Im Urwalde. Am hohen Ufer des Surinam, unter drei neben einander stehenden Pallisadenpalmen, deren schlanker Wuchs sie jetzt in der tropischen Nacht gleich fein ausgemeißelten Säulen erscheinen ließ, auf denen das dunkle, von zahllosen flimmernden Sternen besäete Himmelsgewölbe ruhte, war ein Zelt aufgeschlagen. Um ein beinahe ausgebranntes Feuer lagerten vier Männer, von denen zwei schon an ihrer Kleidung als Europäer zu erkennen waren. Ihre Gefährten zeigten die dunkle Gesichtsfarbe der Eingebornen des Landes. Die Inwohner dieses, nach der Flußseite zu offenen Zeltes schienen zu schlafen, wenigstens bewegte sich Keiner von ihnen. Die beiden Europäer lagen, in ihre Decken gehüllt, im Hintergrunde, während die beiden Eingebornen wie bronzene Statuen zunächst dem Feuer, und zwar einander gegenüber, Platz genommen hatten. Von Zeit zu Zeit schlug aus dem verglühenden Aschenhaufen eine scharfe, rothe Flamme auf, flackerte Secunden lang auf und nieder und verlosch dann plötzlich wieder. Bei dem Aufflammen solcher vereinzelter Lichtblitze hob wohl einer der Indianer unmerklich sein Haupt und ließ scharf markirte Züge sehen, die jetzt von einem schläfrigen Augenpaar nur matt belebt erschienen. Im nahen Walde herrschte tiefe Ruhe. Außer dem dumpfen Gemurmel des Flusses vernahm man nichts als das klingende Gesäusel der Palmenkronen. Nur aus der Ferne, wo das Gebüsch dichter ward, drang manchmal ein rufender Ton herüber, der wie das Echo der Stimme des Naturgeistes langsam auf den schwingenden Luftwellen ausklang. Nach Mitternacht änderte sich die Scene. Der Wind, bisher aus Osten wehend, hatte sich südwärts gedreht und berührte mit feuchtwarmen Schwingen den Urwald. Ueber dem Untergebüsch und in den dunklen Laubgrotten, welche der Hochwald bildete, begannen rothe Flämmchen zu tanzen, auf und nieder zu steigen, bald in dem üppigen Pflanzenwuchse, der die Erde überwucherte, sich festzusetzen, bald durch die Kronen der Bäume und um die prachtvollen, federartigen Fächer der Palmen zu schwärmen. Auch an den Flußufern zeigte sich dies bewegte, wunderbar fesselnde Flammengewimmel, das von den aufgescheuchten großen Leuchtkäfern, den Laternenträgern, herrührte. Gleichzeitig ward der ganze Urwald lebendig. Hier zirpten Hunderte von Cicaden, dort pfiffen aus sumpfiger Flußniederung Kickfrösche, oder die seltsamen Bewohner dieser Gegenden, die Bauskröten ließen ihre lächerlich schnarrenden und dumpfen Töne hören, als wollten sie den fremden Gästen des Waldes ein Concert geben. Aus der Ferne endlich rollte es bisweilen wie Donnergetöse eines aufziehenden Wetters. Es waren Brüllaffen, die vom Winde in ihrer Nachtruhe gestört, ihren Verdruß darüber durch jene donnerähnlich tönenden Brülllaute zu erkennen gaben. Die Indianer, von Jugend auf an dieses Leben im Walde gewöhnt, ließen sich nicht dadurch in ihrer Ruhe stören. Statuenartig steif, den Kopf nur wenig nach vorn gebeugt, blieben sie ruhig am erloschenen Feuer sitzen, ihre Gewehre quer über den Schenkeln haltend. Die Europäer dagegen erwachten und der Jüngste von ihnen sprang sofort auf und sah halb erschrocken, halb neugierig durch den offenen Zeltspalt hinaus in die Nacht, wo die tanzenden Funken der Laternenträger sich mit dem blauweißen Geflimmer der Sterne um die Herrschaft stritten. Beim Aufspringen stieß er seinen Gefährten unwillkürlich hart an, weßhalb dieser, sich streckend und noch mit dem Schlafe ringend ihm zurief: Bleib doch, es ist nichts. Solche Töne muß man hören können, ohne sich aus süßen Träumen davon aufschrecken zu lassen. Der Morgen nähert sich und da beginnt die Thierwelt des Urwaldes lebendig zu werden. Ahme unsern Führern nach. Wenn ich's könnte, warum nicht? Aber meinst du, ich sei in die Wildniß gezogen, um ruhige Tage und Nächte zu verleben? Nicht doch! Ich will lernen; ich will mit diesen meinen Augen sehen, wodurch ein Urwald der Tropen sich von einem deutschen Eichen- oder Fichtenwalde unterscheidet, um, wenn ich dereinst wieder zurückkehre in's alt werdende Europa, den daselbst still Fortlebenden sagen zu können, was anders ist in der neuen Welt, als in der alten. Sein Gefährte lachte und suchte sich eine bequemere Lagerstelle aus. Man wird nicht auf dich hören, oder doch den Kopf dazu schütteln, sagte er. Treibt dich sonst nichts in die Wildniß, so hättest du keinen Schritt aus Mynheer Vanderholst's Comptoir zu thun brauchen. Mich treibt aber noch etwas Anderes in die weite, weite Welt. Nun, und darf man das nicht wissen? Wenn du schweigen kannst, und das Vertrauen eines Freundes nicht mißbrauchst, sehr gern. Ich stamme von angelsächsischem Blute, sprach mit Nachdruck der zweite Zeltbewohner, sich jetzt ebenfalls erhebend. Sage mir getrost, Ammer, was dieser capriciöse und nebenbei sehr kostspielige Zug in die Wildniß zu bedeuten hat. Ich bin immer bereit dir zu dienen, werde aber nie ein Wort von dem, was du mir etwa mittheilen magst, über meine Lippen gehen lassen. Fürchtegott Ammer hatte sich auf leisen Sohlen bis an die Zeltöffnung vorgeschlichen: hier horchte er kurze Zeit auf die sonderbaren Stimmen im Walde, ergötzte sich an dem Funkengeschwärm der Laternenträger, und trat, als er sonst nichts Auffälliges oder Beunruhigendes gewahrte, wieder zurück in das luftige Nomadenhaus. Nachdem er sich auch überzeugt hatte, daß die beiden Indianer fest eingeschlafen waren, setzte er sich auf sein verlassenes Lager und sprach: Du weißt, lieber Walter, daß meiner Reise nach Amerika für mich recht unangenehme Auftritte in der Heimath vorangingen. Gern will ich zugeben, daß dieselben, hätte mich ein anderer Geist regiert, durch größere Fügsamkeit zu vermeiden gewesen wären. Allein ich bin nun einmal ein Mensch, der vom Moment fortgerissen, bezaubert wird, der entweder rasch und kühn handelt oder lieber gar nichts thut. Ihr Gelehrten nennt das ja Temperament. Hat mir nun also die Natur oder, wie der Vater sagen würde, mein Schöpfer, ein so geartetes Temperament gegeben, so meine ich, es müsse auch Bestimmung oder Schicksal meines Erdenlebens sein, was sich sonst Gutes oder Uebles an dies mir verliehene Temperament knüpft, mit allen seinen Folgen zu tragen. Das klingt ja ungemein ernsthaft, unterbrach ihn Walter, ein junger Arzt, der im Hause Vanderholst's lebte und dort die Bekanntschaft unsers jungen Freundes gemacht hatte, den er seines raschen und meistentheils heitern Wesens wegen schnell lieb gewann und deßhalb ihn auf seiner Reise in die von Weißen noch wenig besuchten Urwälder Surinams zu begleiten versprach. Ich will nicht hoffen, daß du mit verbotenen Gedanken dich trägst. Ziehst du etwa auf Eroberungen aus? Wenn du es so nennen willst, warum nicht? fuhr Fürchtegott fort. Ich habe sogar eine sehr bestimmte Veranlassung, um nicht zu sagen, Aufforderung dazu, denn von meiner Person ist in diesen Wildnissen gewiß schon häufig die Rede gewesen. Walter lachte. Ohne daß dich Jemand kennt? In der That, das finde ich originell und hast du Recht, so kann ich dir deine Hinneigung zum Fatalismus nicht verargen. Immer scherze, sagte Fürchtegott, ich habe dennoch ein Recht, so zu sprechen. Freilich hat mein Auge nie zuvor einen tropischen Urwald gesehen, lange vorher aber, ehe ich noch daran denken konnte, eine Reise nach Surinam unternehmen zu wollen, schritt ich schon als mein eigener geistiger Doppelgänger über den Wipfeln dieser Bäume fort. Ich verstehe dich nicht, sprach Walter, ich warne dich aber mein Freund, laß deiner Phantasie nicht zu sehr die Zügel schießen, denn ein derartiges geistiges Schwärmen ist in diesem feucht-heißen Klima häufig, ja fast immer mit ernsthaften Fiebererkrankungen verbunden. Unser Freund sah nachdenklich in die durchleuchtete Nacht hinaus, die man jetzt nicht mehr todt nennen konnte. Im Gegentheil, die im Walde sich aufhaltenden, verschiedenen Thiere lärmten, als wollten sie mit ihren grellen, jetzt krächzenden und schreienden, dann wieder hohl bellenden Stimmen eine Schaar eingedrungener Feinde daraus vertreiben. Dazwischen vernahm man das Rauschen des Südwindes, der die tausend und aber tausend Kronen gewaltiger Riesenbäume schüttelte und die Wellen des Surinam kräuselte. Bist du wohl früher mit einem oder dem andern der hier im Lande lebenden Missionäre zusammengetroffen? fragte Fürchtegott nach kurzer Pause seinen Begleiter. Zusammengetroffen nicht eigentlich, entgegnete Walter, denn ich muß bekennen, daß ich mich für diese Heidenbekehrer, diese Epigonen des Apostelthums wenig interessire. Mir ist es von jeher so vorgekommen, als sei bei diesen Menschen das apostolische Wesen nur eine scheinheilige Maske, um mittelst derselben die unwissenden Wilden leichter bethören und sich Unterthan machen zu können. Diese Ansicht scheint hier unter der Menge allgemein verbreitet zu sein, erwiderte Fürchtegott. Dennoch glaube ich, man thut den Missionären Unrecht. Nicht Alle verfolgen bloß eigennützige Zwecke, es gibt unter ihnen auch wirklich Auserwählte Gottes, die getrieben vom Heiligen Geiste des Evangeliums zu predigen hieher gehen. Weißt du das so gewiß? Ich weiß es, und weil ich es weiß, sitze ich jetzt hier. Walter sah den jungen Ammer fragend und ungläubig an. Es mögen zwei Jahre her sein, fuhr dieser fort, daß ein deutscher Missionär, Namens Johannes, nach Paramaribo kam. Er machte damals mit seiner jungen Frau, einem schwärmerischen Gemüthe, einiges Aufsehen, wie ich sehr genau weiß, und hat das Gerücht, welches über das Weltmeer zurückdrang in die Heimath des frommen und willigen Bruders, nicht gelogen, so sind ihm und seiner ihn begleitenden jungen Frau viele Bekehrungen gerade unter den am schwersten zugänglichen Indianerstämmen gelungen. Wahrhaftig, sagte Walter, jetzt erinnere ich mich dieses Mannes. Es war ein hagerer, bleich aussehender Mann, äußerst still, und den Freuden und Vergnügungen der Welt gänzlich abgewandt. Ganz recht, ganz recht! Man bedauerte damals seine Frau, die niedliche, kleine Herrnhuterin, die Aller Augen auf sich zog und um deren Besitz mancher reiche Mynheer den schlichten, stillen Mann im braunen Rock beneiden mochte. Die etwas leichtfertige Gesellschaft Paramaribo's erzählte sich viel von dem auffallenden Paare und fand es höchst originell, und freilich auch sehr unbegreiflich, daß die kleine Frau aus überschwänglicher Liebe zu dem Missionär diesen in die Wälder begleiten wollte. Ausgeführt muß sie ihren Vorsatz wohl haben, denn das seltsame Pärchen war eines Tages verschwunden und ist seitdem nicht wieder in Paramaribo gesehen worden. Fürchtegott's Wangen färbten sich während dieser Mittheilungen röther; jetzt fragte er: Hast du nie wieder etwas von dem Prediger-Missionär Johannes gehört? Nein, sagte Walter, auch kümmerte ich mich nie um die Heidenbekehrung. Mir hat es von jeher wichtiger und verdienstlicher geschienen, die Menschen leiblich gesund zu machen, als ihre Seelen mit religiösen Einbildungen zu verkümmern. Aber weßhalb interessirst du dich denn so gewaltig für den Mann? Weil ich Aufträge für ihn aus Europa mitgebracht habe, versetzte Fürchtegott Ammer. Ja, du staunst, und dennoch verhält es sich so. Walter mußte herzlich lachen. Nun, das muß ich sagen, sprach er, die deutschen Herrnhuter verstehen das Geschäft gründlich. Während sie, ich weiß nicht, womit Handel treiben und unermüdlich sind im Anknüpfen neuer Verbindungen an allen Ecken und Enden der Welt, haben sie den Kopf voller Bekehrungsgedanken. Also du treibst in der Stille auch ein wenig Proselytenmacherei? Gehörst du vielleicht gar der Brüdergemeinde an? Keineswegs, versetzte Fürchtegott, weil ich aber wesentlich Mitgliedern dieser Gemeinde mein aufblühendes Glück verdanke, weil sie mich unterstützen, meine Unternehmungen billigen, meine Pläne fördern, bin ich gern bereit, mich ihnen dankbar zu beweisen. Kennst du den Grafen Alban? O ja, sagte Walter heiter, so genau wie den Bruder Fitzliputzli's. Man sagt, es sei ein sehr frommer Mann und wenn ihm die Gläubigen noch nicht göttliche Ehrfurcht erwiesen, so soll es bloß daran liegen, daß seine Glatze noch nicht groß genug ist, um sie für den aufgehenden Mond zu hatten, wenn er bei einbrechender Nacht auf hohem Söller stehend das Himmelsgewölbe betrachtet. Laß deine Scherze, Freund, nahm Fürchtegott etwas verstimmt das Wort wieder. Graf Alban ist eine höchst respectable Persönlichkeit. Von ihm habe ich Briefe an den Prediger-Missionär Johannes, und nun zu meiner Zufriedenheit die Handelsgeschäfte meines Hauses erledigt sind, bin ich verpflichtet, den, wie es den Anschein hat, beinahe verschollenen Mann um jeden Preis aufzusuchen. Darum habe ich mir zu Führern diese beiden kräftigen Indianer erwählt, die mir als ehrliche Neubekehrte empfohlen worden sind. Du wirst jetzt, denk' ich, meine Reise stromaufwärts mitten in den Urwald nicht mehr bloß abenteuerlich finden, mich aber, nun du den Zweck derselben kennst, hoffentlich auch nicht verlassen; weil das Romantische derselben dadurch vielleicht etwas an ursprünglichem Reiz verliert. Nach dieser Darlegung der Verhältnisse, von denen Walter allerdings keine Ahnung gehabt hatte, betrachtete er die Reise von einem andern Gesichtspunkte, obwohl er einige leise Zweifel in Bezug auf die wahre Absicht seines Freundes nicht ganz zu unterdrücken vermochte. Da über dem schwarzen Waldsaume im Osten bereits der Himmel sich mit fleckigem, weißen Gewölk überdeckte, beschlossen die Reisenden aufzubrechen. Ein Ruf weckte die Indianer, rasch ward das Zelt abgebrochen, zusammengerollt und, während der Tag vollends anbrach, auf unbetretenem Pfade in die Waldung tiefer eingedrungen. Für die beiden Europäer war die fernere, mit großen Beschwerlichkeiten verbundene Reise durch schwer zugängliche Wildnisse von vielfachem Genusse. Der tropische Pflanzenwuchs, seine Farbenpracht, die häufig ganz seltsamen, eben deßhalb das Auge fesselnden Formen desselben, ferner die buntbefiederten Vögel, die zahlreichen Papageien und Arrase, die possierlichen Affen, die bald neugierig, bald die abscheulichsten Grimassen schneidend, auf Palmen und Immergrüneichen hockten oder einander in den kecksten Sprüngen von Baum zu Baum verfolgten: dies Alles unterhielt, gab Anlaß zu den mannigfachsten Gesprächen und machte alle Mühen vergessen, ließ alle Gefahren unbedeutend erscheinen, obwohl die letzteren bisweilen bedenklich genug waren. Schon hatten die Freunde vier Tage lang die Wälder durchirrt und noch immer zeigte sich keine Spur menschlicher Niederlassungen, Fürchtegott ward nachdenklich und äußerte zu seinem Begleiter, ob man den Indianern wohl trauen dürfe oder auf seiner Hut sein müsse, um nicht etwa von ihnen in einen Hinterhalt gelockt zu werden. Walter theilte diese Bedenken nicht. Es fällt mir nicht auf, sagte er, daß wir noch kein indianisches Dorf gesehen haben. Unsere Führer meiden ein Zusammentreffen mit ihren Landsleuten absichtlich, um nicht selbst feindlicher Behandlung sich auszusetzen. Bekehrte sind nämlich denjenigen, welche fest halten an ihren alten barbarischen Sitten und Gebräuchen, sehr verhaßt. Betrifft man sie und kann sich ihrer bemächtigen, so entgehen sie selten dem Tode. Sie werden dem Zorn ihrer Götter geopfert, häufig durch grausame Martern, ja es ist nicht ungewöhnlich, daß in solchen Fällen selbst die abscheuliche Sitte, Menschenfleisch zu essen, bei einigen der wildesten Stämme noch Vertreter und Liebhaber findet. Die Europäer haben in der Regel nichts von den Ureinwohnern zu fürchten, ausgenommen, man reizt sie und ruft in ihnen den Durst nach Rache auf. Sie wissen, daß sie von den Weißen Vieles lernen können. Darum begegnen sie fremden Reisenden gern freundlich, sind immer erbötig, einen Tauschhandel mit ihnen einzugehen, und nicht selten haben ganz einsame Wanderer solcher Art Monate lang die gastlichste Aufnahme unter diesen Kindern der Natur gefunden. Wahrscheinlich dringen unsere Führer auf Umwegen nach dem Gebirge, wo gegenwärtig, der gesunderen Luft wegen, die Missionäre gewöhnlich ihren dauernden Aufenthalt nehmen. Diesen verlassen sie freilich oft, weil sie lehrend und predigend von Stamm zu Stamm, von Dorf zu Dorf pilgern, wobei sie denn auch bisweilen mehrere Wochen als Nomaden in Zelten unter freiem Himmel campiren oder im Schooße des Waldes unter breitästigen Sycomoren ihre Wohnung aufschlagen. Diese Auseinandersetzung des Freundes verscheuchte die trüben Gedanken, die bereits Fürchtegott's freudige Naturbetrachtung beeinträchtigten. Er sollte indeß bald erfahren, daß Walter die indianischen Führer richtig beurtheilt hatte. Am Abend des fünften Wandertages zeigten sich nämlich in einer Entfernung von etwa zehn geographischen Meilen im Westen blaue, verlockende Bergsäume. Der Urwald war nicht mehr so undurchdringlich, wie in den ersten Tagen, selbst Spuren eines Jagdpfades, der nicht ganz selten betreten zu werden schien, kreuzten die Indianer. Diese Spuren veranlaßten die Führer der Freunde zur Abhaltung einer kurzen Berathung, worauf sie in nordwestlicher Richtung weiter vordrangen. Man entfernte sich dadurch scheinbar wieder von dem erblickten Gebirge, wenigstens konnte man den emporragenden Kamm desselben am nächsten Morgen nicht mehr entdecken. Neues Bedenken verursachte im Laufe dieses Tages unserem Freunde ein höchst eigenthümliches Geräusch, dessen Entstehung er sich auf keine Weise erklären konnte. Auch Walter zeigte sich weniger heiter und sorglos, als gewöhnlich. Die Reisenden hörten nämlich, anfangs sehr fern und dumpf, später in größerer Nähe und deßhalb auch deutlicher und stärker, einen Knall, bald vereinzelt und in langen Pausen sich wiederholend, bald rasch auf einander folgend. Er hatte die größte Aehnlichkeit mit einem Pistolenschuß, nur daß er nicht so scharf und gellend klang. Auch die Indianer lauschten diesem Tone, sprachen eifrig miteinander, stießen dabei ein den europäischen Pilgern unbekanntes Wort mehrmals unter lebhaften Gebehrden mit funkelnden Augen und ihre Büchsen wie im Triumph schwingend aus, und konnten überhaupt eine ausgelassen heitere Laune nicht mehr verbergen. Sind das Freudenschüsse oder was mag dies Geknalle sonst zu bedeuten haben? sprach der besorgte Fürchtegott. Walter zuckte die Achseln, machte ein komisches Gesicht und sagte resignirt: Bin völlig außer Stande, mit einer vernünftigen Antwort zu dienen. In diesem Augenblicke öffnete sich der Urwald; die Riesenbäume mit ihren undurchdringlichen Laubkronen hörten auf, eine ganz andere, aber wunderbar üppige, farbenstrahlende Vegetation von bezaubernder Schönheit lag in unübersehbarer Breite vor den Blicken der Ueberraschten und kündigte ihnen das nahe Aufhören des Waldes selbst an. Jubelnd schwangen die Indianer abermals ihre Feuerwaffen, deuteten auf die prangende Pracht des Niederwaldes und riefen, ihre flammenden Augen den Europäern zukehrend und mit der Linken vorwärts zeigend: Cancantri! Cancantri! Dicht vor ihnen aus dem wehenden Blätter- und Blüthenwalde, über dem außer schlanken Palmen eine Menge wunderbar gestalteter Bäume sichtbar wurden, die ganz so aussahen, als ließen sich ihre breiten Stämme scheibenartig auseinander schieben und dadurch beträchtlich ausdehnen, ward jetzt wieder schnell hinter einander der räthselhafte Knall vernehmbar und machte die Freunde abermals stutzig. Cancantri! Cancantri! riefen von Neuem die Indianer und tanzten vor Freude und Glückseligkeit. Fürchtegott vermuthete, die Indianer wollten mit diesem Rufe ihre heimathliche Gegend bezeichnen, und richtete deßhalb einige darauf bezügliche Fragen an sie. Die Indianer lachten und klärten den Europäer über seinen Irrthum, den sie höchst ergötzlich fanden, mit vieler Zuvorkommenheit auf. Es war der riesige, so wunderbar gestaltete Cancantri-Baum, der durch das Platzen seiner großen Blüthenknollen schon von fern den Indianern angezeigt hatte, daß die Region des Urwaldes bald überschritten sei. Dieser Baum, der zur Zeit der Blüthe über dem grün schimmernden Fächerwerk seiner vom Hauptstamme auslaufenden, breiten Fortsätze eine schneeweiße Bedachung reizender Blüthen trägt, bietet den wunderbarsten Anblick und eine von der schöpferischen Natur selbst für die Bewohner dieser heißen Tropenländer mitten im Sonnenbrand erbaute, phantastische, kühle Laubwohnung. Es ist der poetischste Baum der Welt, der Liebling der Indianer Surinam's und der treueste Beschützer ihrer leicht gezimmerten Hütten. Wo der Cancantri seine Fächerschirme in die goldblaue Luft ausbreitet und seine schattigen Nischen bildet, in deren Inneres herab der Lockenschmuck seiner weißen Riesenblüthen hängt: da siedelt der Indianer sich gerne an; im Schutze dieser Baumnischen schlägt er nicht selten seine Hütte auf, an deren Schwelle er Abends ruht, wenn die Leuchtkäfer der heißen Zone wandernden Lichtern gleich in zahllosen Schwärmen über den thauigen Purpurkelchen phantastisch geschmückter Gewächse geräuschlos auf- und niedergaukeln. Mit diesem kunstlosen und doch so wunderbar schönen Cancantri-Hause läßt sich nichts auf Erden vergleichen. Fürchtegott konnte wohl zuweilen in Erstaunen gesetzt, äußerst selten aber von irgend etwas freudig entzückt werden. Jetzt aber riß ihn die Großartigkeit, die Pracht und Fülle dieser tropischen Pflanzenwelt doch zu einem lauten Freudenruf hin. Einen Anblick, wie er sich dem erstaunten Europäer darbot, hatte er in seinen phantastischsten Träumen nicht einmal geahnt. Da lag sie vor ihm, die Augenbraune des Urwaldes, sonnenbeglänzt, wie ein auf die Erde gebreiteter Regenbogen. Und weit in die Ferne, am Rande dieser hundertfarbig blitzenden und funkelnden Welt stieg das Gebirge auf, von so durchsichtigem Duft überhaucht, als sei es erbaut aus Amethyst und Lapislazuli. Bei Gott, dies ist ein wunderbares Paradies, sprach Fürchtegott nach minutenlangem Anschauen der vor ihm entfalteten Naturherrlichkeiten. Und diese Heimath konntet ihr mit dem dunstigen Aufenthalte in den Straßen einer Stadt vertauschen? setzte er hinzu, sich an die Indianer wendend. Dazu gehört wirklich große Selbstüberwindung oder Verlockungen ganz eigener Art. Ich glaube, in dieser Natur könnte ich ewig leben, ohne je wieder das Bedürfniß nach Veränderung, nach alten Gewohnheiten zu fühlen. Vermiß dich ja nicht zu hoch! warnte Walter. Hast du erst acht Tage hier gesessen und auch Bekanntschaft gemacht mit den mancherlei kleinen und großen Unannehmlichkeiten, die sich unter dieser lockenden Farbendecke verbergen, so bist du all' des Schimmers überdrüssig und ein kaufmännisches Waarenlager hat zehnmal mehr Anziehungskraft für deinen verdorbenen, inneren Menschen. Walter lachte, Fürchtegott achtete jedoch vorerst noch nicht auf die ein wenig spöttisch klingende Rede des Freundes. Neben den Indianern fortschreitend, sagte er: Gibt es Wohnungen in diesem zaubervollen Lande? Bisweilen, Herr, antwortete der rothbraune Sohn der Wälder in schlechtem Holländisch, denn diese Sprache war den mit den Europäern verkehrenden Eingebornen außer ihrem eigenen Idiom allein verständlich. Diese herrliche Gegend ist demnach unbewohnt, ein wüst und wild liegendes Paradies? Der Geist böser Krankheiten bewohnt es, sagte einer der Führer. Der rothe Mann besitzt nicht Kraft genug, um mit diesem Geist zu kämpfen. Er wird matt, kurzathmig, die Muskeln erschlaffen ihm und mit schlotternden Gliedern legt er sich nieder unter die brennenden Blumenblätter und schließt seine Augen für immer. Da hast du dein Paradies, sagte Walter. Ja ja, lieber Freund, unter den Tropen ist noch weniger Alles für Gold und Edelstein zu halten, was glänzt und funkelt, als in dem nicht ganz so bunt aufgeputzten Europa. Wo wohnen denn eure Stammesbrüder? fragte Fürchtegott, ein wenig mißmuthig und jetzt schon mit gleichgiltigerem Auge die wunderbar schöne Natur betrachtend. Dort, jenseits der blumigen See, wo die Hügel sich an die Füße der Berge schmiegen. Treffen wir dort auch die europäischen Prediger? Wir werden ihnen begegnen, sagte der Indianer, denn sie wandern von Ort zu Ort, wie die Wolke, welche das Land mit Wasser begießt, wenn der Feuerathem des großen Lichtes es ausgedorrt hat. Und wie weit ist es bis zu jenen Hügeln? Eine Tagereise, Herr, wenn uns die Thiere dieses blühenden Pflanzengartens nicht zu weiten Umwegen nöthigen. Also auch giftige oder reißende Thiere haben Besitz von diesem Paradiese genommen? Viele, sehr viele, Herr, sagte mit ernster Miene der Indianer. Der Leopard, der Panther und die Unze schlafen unter dem weißen, wallenden Moos der Bäume, im Sumpf wälzt sich der Kaiman, und die Klapper- und Brillenschlange theilt gern das Lager mit dem ermüdeten Menschen. Es ist gefährlich in dieser schönen Wildniß unter freiem Himmel zu übernachten. Meinst du jetzt noch, es sei hier gut Hütten bauen? fragte Walter seinen jungen Freund. Dieser holte tief Athem und versetzte: Die Welt bleibt, wie ich merke, überall dieselbe. In Europa, wo es weder giftige Schlangen noch gefräßige Alligators gibt, übernehmen die Menschen das Geschäft Beider, und hier, wo die Einwohner die Kinderschuhe einer naturwüchsigen Unschuld bei aller Barbarei noch nicht ganz ausgezogen haben, ist die Thierwelt wenigstens eben so viel Herr der Erde, als der vernunftbegabte Mensch, der ein Ebenbild Gottes sein soll und auch sein will. Freund, fiel Walter ein, halte dich nicht mit unnützem Philosophiren auf. Damit kommst du in diesem jungfräulichen Lande nicht weit. Du weißt nun, daß alle Paradiese nur zur Augenweide der verderbten Menschenbrut da sind, nicht um sich darin niederzulassen. Richte also dein Augenmerk auf die etwas weniger anlockende Ferne und denke daran, daß du als ein Sendbote einflußreicher Männer zu den Sendboten des Christenthums ziehest. Du hast Recht, erwiderte Fürchtegott. Ich will wieder praktisch werden. Damit überwindet man zuletzt doch am sichersten auch die größten Schwierigkeiten, und, was noch höher anzuschlagen ist, man läßt sich nicht täuschen, weder von der Natur noch von den Menschen. Diesem Vorsatze blieb Fürchtegott von jetzt an auch treu. Sein jugendlicher Geist, der seit einiger Zeit von den neuen Eindrücken, die er täglich empfing, dem Schönen und Erhabenen viel zugänglicher geworden war, wandte sich wieder der realen Welt zu. Befand er sich dabei auch nicht in einer glücklichen Stimmung, so vermied er doch wieder alle nutzlosen Aufregungen, und ein heiterer Gleichmuth, der ihn befähigte, stets völlig ruhig zu urtheilen und zu handeln, gab seinem Thun eine gar sichere Stütze. Am Abend dieses Tages ruhten die Freunde bereits außerhalb der eigentlichen Region des Waldes. Sie schlugen ihr Zelt unter dem schirmenden Fachwerk eines ganz vereinzelt stehenden Cancantri-Baumes auf, und hatten in diesem Asyl das Glück, noch einmal, nur in größerer Entfernung, das zauberhaft berückende Leben der Nacht in dieser unbetretenen Welt zu bewundern. Am Morgen zogen sie weiter westwärts. Schon nach zweistündigem Wandern sahen sie eine starke Rauchsäule hinter niedrigen Hügelrücken aufsteigen, wie von einem Brande. Die Indianer jauchzten, schwangen ihre Waffen und erklärten den Europäern, dies sei das erste indianische Dorf. Mit erwartungsvollem Herzklopfen schritt Fürchtegott die Hügel hinan. Auf dem Gipfel angekommen, überblickte er ein weites, fruchtbares Thal, dessen grüne Feldmarken von einem Flusse bespült wurden, der seine silberblitzenden Wellen dem fern im Vorwalde still fortziehenden Surinam zuführte. In malerischer Zerstreuung gruppirten sich auf weit ausgedehntem Raume leicht gezimmerte Hütten, umschattet von herrlichem Gebüsch. Im Hintergrunde dieses lieblichen Thales stieg das Gebirge empor. Etwa in der Mitte der Niederlassung, auf welcher die Blicke der beiden Freunde mit Wohlgefallen ruhten, erhob sich aus einem Kranze schlanker Palmen die Rauchsäule, welche den Wanderern zuerst das Vorhandensein menschlicher Wohnsitze verkündigt hatte. Zweites Kapitel. Die Begegnung. Unschlüssig lagerten sich unsere Freunde an einer schattigen Stelle. Die auffallende Ruhe in der Niederlassung und der räthselhafte Rauch, der ununterbrochen zwischen den Palmen emporwirbelte, machten sie stutzig. Waren es friedlich gesinnte Eingeborene, die hier in einer Abgeschiedenheit, um welche sie Dichter und Philosophen hätten beneiden können, ihren Neigungen lebten, oder befand sich die männliche Bevölkerung der Hütten etwa auf einem kriegerischen Streifzuge? Diese Fragen legten sich sowohl Fürchtegott als Walter vor, und daß auch die Indianer nicht völlig sicher waren, ob man einen freundlichen oder feindlichen Empfang bei den Einwohnern des schönen Thales finden werde, ging aus dem vorsichtigen Umherspähen, dem lebhaften Gedankenspiel und dem gänzlichen Schweigen Beider nur zu deutlich hervor. Nach längerem Harren richtete Walter folgende Fragen an die Führer: Kennt ihr diese Niederlassung? Beide schüttelten das Haupt. Wofür haltet ihr die Bewohner der Hütten? In diesem Augenblicke verzog sich der Rauch, man hörte einen Gesang, verbunden mit verworrenem Rufen Vieler, das jedoch bald verstummte und durch singende Stimmen übertönt ward. Die Melodie, welche ein lauer West zu den Hügeln trug, ähnelte vollkommen einem Choralgesange, obwohl kein Wort davon zu verstehen war. Jetzt sprangen die Indianer freudig auf, indem sie sagten: Es sind weiße Prediger, wir treffen Freunde! Unverweilt brachen die Lagernden wieder auf und stiegen, obwohl mit Vorsicht, ins Thal hinab, indem sie alle Gebüsche möglichst vermieden. Nun ward es auch lebendig bei einzelnen Hütten. Man sah Frauen und Kinder vor den Thüren, und von dem Kreise, welchen die Palmengruppe bildete, schritten eine beträchtliche Menge festlich geschmückter Indianer, von mehreren Männer in europäischer Tracht begleitet. Diesem Trupp näherten sich jetzt die Ankömmlinge, schon von fern durch Zeichen des Friedens ihre freundlichen Gesinnungen verkündigend. Ernst gaben die Bewohner der Niederlassung ebenfalls durch Zeichen zu erkennen, daß man die Fremden gastlich aufnehmen werde. Ein Viertelstunde später finden wir unsere Freunde im Innern einer der größten Wohnungen des glücklichen Dorfes wieder, umgeben von mehreren, meistentheils sehr ernst blickenden und eine stolze Würde zur Schau tragenden Indianern und drei Europäern. Fürchtegott empfängt so eben aus der Hand des Hausherrn die Friedenspfeife, die er mit seltsamen Gefühlen und mit einer Art Andacht annimmt, um der Sitte zu huldigen. Nachdem diese Ceremonie vorüber und somit ein friedliches Zusammenleben der Weißen mit den rothen Männern sicher angebahnt ist, wendet sich der Häuptling mit der Frage an unsere Freunde, was sie in diese entlegene Gegend geführt habe? Der Sprache unkundig verdolmetscht diese einer der Europäer, worauf denn Fürchtegott Ammer eine genügende Antwort gibt. Die rothen Männer waren zartfühlend genug, nach diesem kurzen, politischen Examen sich zurückzuziehen, weil sie es den fremden Ankömmlingen ansehen konnten, daß diesen eine ungestörte Unterhaltung mit den vorgefundenen Landsleuten sehr erwünscht sein werde. Diese Landsleute waren umherziehende Missionäre, hatten so eben in der Mitte jener Palmen, über deren Wipfeln die Rauchwolke stand, eine Anzahl Männer getauft, und dabei mit Bewilligung der bekehrten Indianer Alles, was diese an ihr früheres Heidenthum später wieder hätte erinnern können, auf besonders zu solchem Zwecke errichteten Scheiterhaufen feierlich den Flammen übergeben. So erklärte sich die verrätherische Rauchsäule, deren Entstehung die Freunde sich nicht zu deuten wußten. Das Anstimmen des evangelischen Chorals »Nun danket Alle Gott« hatte die Feierlichkeit geendigt. Fürchtegott pries sein gutes Glück und seinen Stern, der ihn so gut geführt hatte, und wendete sich mit Fragen an die Prediger-Missionäre, von deren Beantwortung seine ferneren Beschlüsse, sein weiteres Vordringen in die Wildniß abhängen mußten. Sind Ihnen, werthe Landsleute, die Namen aller Missionäre, die in diesen Gegenden das Wort von Christus verkündigen, genau bekannt? sprach er zu dem Aeltesten und, wie es ihm scheinen wollte, auch Mildesten der drei Prediger. Er wählte diese, von Natur seinem Charakter eben nicht zusagende Redeweise, weil ihm die Phraseologie der ächten Herrnhuter alten Styls vollkommen geläufig war und ihm jetzt Alles daran lag, für fromm und rechtgläubig zu gelten. Wenn der Heiland mein Gedächtniß nicht hat schwach werden lassen, wofür ich ihm ja auch danken würde als sein unwürdiger und demüthiger Knecht, versetzte der Prediger, so glaube ich mit gutem Gewissen diese Frage mit einem zuversichtlichen Ja beantworten zu dürfen. Dann kennen Sie gewiß den gegenwärtigen Aufenthalt Ihres Collegen und Bruders im Herrn, des Predigers Johannes? fragte Fürchtegott, während sein Herz so heftig zu klopfen begann, daß er die Worte nur mit Mühe über seine Lippen bringen konnte. Die sanften Züge des Missionärs nahmen einen wahrhaft verklärten Ausdruck an. Seine schwärmerischen Augen blickten in den tiefblauen Himmel, und während er die Hände betend zusammenlegte, erwiderte er: O ja, dem Heiland sei Dank, den kenne ich. Und geht es ihm wohl? fragte Fürchtegott hastig weiter. Sehr wohl, lautete die Antwort. Lebt er weit von hier? Ein glückliches Lächeln überstrahlte das Antlitz des frommen Missionärs, während er versetzte: Lieber Freund und Bruder in Christo, diese Frage kann ich unmöglich mit völliger Bestimmtheit beantworten. Ich hoffe und glaube, daß er nicht weit von hier weilt, ja für meine Seele ist die beglückende Annahme eine Erquickung, daß er unsere Unterredung vielleicht hört, indem er ja leicht mitten unter uns sein kann Johannes! unterbrach Fürchtegott den Sprechenden. Gewiß, fuhr der Missionär fort. Es hat dem Herrn gefallen, den frommen Dulder schon vor einigen Monaten abzurufen und jenen Schaaren der Seligen beizugesellen, die da ausruhen von ihrer Arbeit in der unmittelbaren Nähe ihres Heilandes und sich erquicken am Gesange des nie verklingenden Hallelujah. Also todt! sagte Fürchtegott wie in Gedanken, und glühende Röthe überflammte sein bisher sehr bleiches Gesicht. Johannes, der Prediger ist gestorben! Im Glauben an seinen Herrn und Meister, und beglückt und beseligt in dem Gedanken, Gott gedient zu haben, soweit seine Kräfte reichten. Kennen Sie des Verewigten Ruhestätte? fragte Fürchtegott, mit festem Willen seine Bewegung bemeisternd. Ich kenne sie, mein Freund, und will Ihnen den Ort beschreiben, denn ich darf wohl annehmen, daß ich in Ihnen einen sehr vertrauten Freund des Seligen vor mir sehe. Statt einer Antwort machte Fürchtegott ein stummes Zeichen der Bejahung. Nun so hören Sie und merken Sie genau auf meine Worte, begann der Missionär. Eine halbe Tagreise von hier flußaufwärts öffnet sich ein lieblich bewaldetes Thal, von steilen Felsgebilden und hohen Bergkuppen so wunderbar umrahmt, daß die heißen Strahlen der Sonne nur gebrochen in die kühlen Gründe desselben hinabdringen. Diese merkwürdig geschützte Lage verleiht jenem Thale eine wahrhaft paradiesische Temperatur und macht es zu einem der gesundesten Aufenthaltsorte in diesem so überheißen Lande. Dort lebte der fromme Johannes; dorthin kamen die von ihm und seiner treuen Gattin Bekehrten, um ihren Lehrer zu sehen, und Trost und Kraft aus dem Honig seiner Rede zu saugen. In jenem Thale unter zwei gewaltigen Sycomoren haben wir betend und weinend seinen verblichenen Leichnam in den Schooß der Mutter Erde gebettet, die ihn tragen und wiegen möge bis zum Tage der Auferstehung. Der tiefinnige Ton des Sprechenden, der ungekünstelte Schmerzensausdruck in den so ruhigen Mienen des gottergebenen Missionärs machten auf Fürchtegott einen gewaltigen Eindruck. Auch Walter, der mehr zum Scherzen aufgelegt war und zu manchen Stunden dem ganzen Missionswesen mit scharfer Geißel zu Leibe gehen konnte, ward gerührt. In des jungen Ammer's Seele kreuzten sich nach Anhörung dieser Erzählung eine Menge Gedanken. Vergangenheit und Zukunft knüpften in schnell entstehenden und momentan ihn entzückenden Bildern einen wunderbaren Freundschaftsbund. Er sah sich im Geiste wieder daheim vor seinem innern Gesicht lag der stille Friedhof der herrnhuter Brüdergemeinde, ein Grabstein mit dunkeln Buchstaben schimmerte zu seinen Füßen, und jenseits desselben wandelten zwei Frauengestalten in Trauergewandung. Er schwieg eine Zeitlang, in tiefes Sinnen verloren. Die reizvolle Umgebung, in die ein abenteuerlicher Drang oder göttliche Bestimmung ihn geführt, existirte nicht mehr für ihn, sein aufgeregter Geist schwärmte in ungemessenen Weiten. Endlich führte ihn die Berührung und ein sanftes Wort des Predigers wieder zurück in die Gegenwart. Mein Bruder ist betrübt, sprach der fromme Mann. Es ist ihm in Johannes gewiß ein sehr lieber Freund gestorben. Fürchtegott richtete zerstreut die Frage an den Missionär: Was ist seit dem Tode Johannes aus dessen Wittwe geworden? Erdmuthe lebt und lehrt, versetzte der Gefragte. Sie ist eine so edle, reine, große Seele, daß, wenn es Heilige gibt, sie dereinst gewiß einen Ehrenplatz unter denselben einnehmen wird. Und wo lebt und lehrt Erdmuthe Gottvertraut? fragte Fürchtegott auf's Neue. Sie hat ihre Hütte unfern des Thales, das ich dir beschrieben, und in dessen kühlem Schatten der Prediger Johannes ruht, aufgeschlagen. Du findest ihren Wohnort ohne Führer, mein Bruder. Merke auf meine Rede und präge dir fest ein, was ich dir sage. Hinter den Sycomoren am Grabhügel des Verewigten wirst du Spuren eines Pfades entdecken. Dieser Pfad führt an den schönen Abhängen des Thales fort bis zu einem hohen Plateau, das sich durch die Zahl und Größe seiner unvergleichlich schönen Cancantribäume auszeichnet. Dort lebt Erdmuthe, die fromme Dulderin, umgeben von einer Anzahl von ihr getaufter Indianer und Indianerinnen, die sie wie ein höheres Wesen verehren. Ist sie glücklich? fragte Fürchtegott mit erschreckender Heftigkeit. Kann die zarte, europäische Frau glücklich sein unter Halbwilden? Mein Bruder, versetzte der Prediger-Missionär. Du scheinst zu vergessen, daß die sie umgebenden Indianer Christen, fromme, herrnhutische Christen sind, wie wir selbst; daß sie im Bade der heiligen Taufe den alten Adam ausgezogen und einen neuen Menschen angelegt haben mit Beten und Seufzen, und du weißt ja wohl und begreifst, was da geschrieben steht im Worte Gottes: »Unter allerlei Volk, wer Gott fürchtet und Recht thut, der ist ihm angenehm!« Fürchtegott fühlte, daß er unvorsichtig eine lieblose Aeußerung gethan hatte, die er jetzt wieder gut zu machen suchte. Verzeihe, sprach er zu dem Missionär, deine Nachrichten haben mich zu gewaltig erschüttert und meinen Geist schier übermäßig angegriffen. Ich glaubte einen Freund in diese meine Arme schließen zu können, und finde statt seiner einen Grabhügel, dessen Blumen ich nur mit meinen Thränen benetzen kann. Diese Gewißheit, lieber Bruder, hat mich ungerecht gemacht. Auch ist meiner Sendung gewissermaßen die Spitze abgebrochen, denn ob die Wittwe des Predigers Johannes meine Aufträge ihrem ganzen Inhalte nach auszuführen vermag, ist mir im Augenblicke noch unklar. Nun aber, fuhr er fort und reichte dem Missionär die Hand, nun empfange von Herzen den Dank eines Bruders für deine Mittheilungen. Ich darf nicht länger hier weilen. Die Pflicht ruft mich, weiter zu wandern, um in Seinem Dienste als treuer Knecht erfunden zu werden. Dir, du wackerer Kämpfer im Heere des Herrn, wünsche ich Glück und Segen, damit du noch viele so schöne Tage sehen mögest, wie den heutigen, wo eine Schaar dem Herrn Gewonnener dankbar zu dir aufblickt. Mit einem Bruderkuß verabschiedete sich Fürchtegott Ammer von dem Missionär und seinen Begleitern, rief dann seinen indianischen Führern zu, die inzwischen ein lebhaftes Gespräch mit ihren Stammgenossen geführt hatten, und schickte sich darauf zur Weiterreise an. Die Prediger und einige der Neubekehrten begleiteten die beiden Europäer bis an die Grenze der Niederlassung, während Frauen und Kinder aus dem Schatten ihrer Wigwams den Fremden neugierig nachsahen. Als man sich getrennt hatte und die prachtvolle Niederlassung bereits einige hundert Schritt hinter unsern Freunden lag, berührte Walter den Arm Fürchtegott's und redete ihn folgendermaßen an: Weißt du, Freund, daß du einen Weg dahinwandelst, der nicht eigentlich für so profane Füße, wie die deinigen, geebnet wurde? Du hättest Schauspieler werden müssen. Der junge Ammer sah ihn mit großen Augen verwundert an. Ganz gewiß, fuhr Walter fort. Wenn ich bedenke, wie natürlich du Ton und Haltung eines lehrbegierigen Herrnhuters, vielleicht ohne es recht zu wissen, im Gespräch mit dem Missionär annahmst, so möchte ich fast bedauern, daß ein so köstliches Nachahmungstalent der Bühne verloren gegangen ist. Oder steckt wirklich eine herrnhutische Ader in dir? Fürchtegott lachte. Nein, Freund, erwiderte er. Ich bin ein zu großes Weltkind, liebe Glanz, Vergnügen, irdische Güter aller Art zu sehr, als daß ich mich dem geflissentlichen Kopfhängen mit Herz und Seele ergeben könnte. Aber du weißt, daß, wenn man ein großes Ziel erreichen will, man auch oft genöthigt ist, mit den Wölfen zu heulen. Ich füge mich einfach den Verhältnissen; ich bin fromm und gläubig, weil eine fromme Atmosphäre mich umfluthet. Schlürfe ich Seeluft, so klopft mein Herz anders und die Lippe spricht andere Worte, und falle ich räuberischem Gesindel in die Hände, so wäre es nicht unmöglich, daß ich mich, um Leben und Freiheit wieder zu erhalten, zum Schein an einer ihrer wenig lobenswerthen Unternehmungen betheiligte. Der weise Salomo oder war's ein Anderer, hat es ja schon gepredigt, man solle sich in die Zeit schicken. Gut, versetzte Walter, ich kenne jetzt deine Weltansicht so ziemlich und will dir ob derselben keine Vorwürfe machen, eine Frage aber wirst du mir noch beantworten, nicht wahr? Wenn ich kann, weßhalb nicht? Hast du wirklich Aufträge der Brüder, die in diese entfernten Gegenden dich führen? Zweifelst du daran? Ja, seit der Unterredung mit dem Missionär. Warum? Weil du ihm tüchtig etwas vorgeflunkert hast. Schadet ihm das? Nicht, daß ich wüßte, mir aber hat es viel genützt, denn ich nähere mich, durch seine Auslassungen trefflich unterstützt, viel rascher, als es ohne seine Weisungen hätte geschehen können, dem Orte meiner Bestimmung. Also du bist gewiß und wahrhaftig beauftragt, unter die Heiden zu gehen und den Missionären Instructionen zu überbringen? Du, das arge Weltkind, ein Bote frommer Heidenbekehrer? Und darüber geräthst du in so gewaltiges Erstaunen? sagte Fürchtegott. Ich hätte dir mehr Weltklugheit zugetraut. Weißt du denn gar nicht oder hast du es nie beachtet, weil es freilich nicht in dein Fach gehörte, daß die Obern dieser predigenden Missionäre sehr fromme Christen und nebenbei auch sehr kluge Handelsleute sind? Es ist gewiß ein Verdienst, Seelen zu retten, aber es macht viel Freude, sein Gut sich nebenbei mehren zu sehen. Wenn nun das Eine durch das Andere erreicht werden kann, glaubst du, es sei in diesem Falle der herrnhutische Bruder so thöricht, die Hand nicht auszustrecken nach dem Mammon, nicht niederzufallen vor dem goldenen Kalbe? Mein Freund, du irrst. Wir sind allzumal materiell gesinnte Menschen und ich bin ein Sendling unter die Heidenbekehrer, um weltliche Geschäfte besser noch als bisher in Flor bringen zu können. Jetzt kennst du das Ziel dieser abenteuerlich scheinenden Reise. Hab' ich's erreicht, so werde ich auf Flügeln des Windes diese schöne Wildniß verlassen, und vielleicht mich nach der Himmelsgegend wenden, unter deren Horizont das alte Europa liegt. Walter hatte dem Freunde mit Aufmerksamkeit zugehört, jetzt sagte er, sich ein wenig auf's Aushorchen legend: Also Handelsgeschäfte willst du unter den Heiden und mit den Heidenbekehrern machen? Und das ist Alles, was dich hierher treibt? Ich hoffte auch alte Bekannte wieder zu sehen, sagte Fürchtegott kühl, wodurch sein Begleiter veranlaßt wurde, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. Walter ahnte, daß der junge Kaufmann ein Geheimniß in seine Brust verschließe, das er einem Dritten entweder nicht enthüllen könne, oder nicht wolle. Mit weiteren Fragen in ihn zu dringen, schien nicht zeitgemäß zu sein. Schon nach dreistündiger Wanderung erkannten die Reisenden, daß sie dem beschriebenen glücklichen Thale sich näherten. Sie befanden sich wieder vollkommen in der erhabenen Einsamkeit der tropischen Natur. Ungeheure Baumriesen ragten mit ihren schlanken Wipfeln in schwindelnde Höhe empor. Schlinggewächse, wie sie Fürchtegott nie gesehen, umrankten in zahllosen Windungen die colossalen Stämme und schütteten aus dem dunkeln Laubgewirr der Baumkronen ein reiches Füllhorn duftender Blüthen, das an zartem Pflanzengefaser netzartig zur Erde herabhing und wie ein colossaler Schleier im Luftzuge erzitterte. Oder prachtvolle Moose quollen schäumenden Bächen gleich aus dem breiten Geäst gewaltiger Bäume oder flatterten im Winde wie Bärte versteckter Riesen. Alles war wunderbar, fesselnd, großartig, aber keines Menschen Fuß weilte in dieser Gegend. Nur die Thierwelt schien sich wohl in dieser totalen Einsamkeit zu befinden, denn selbst die schüchternsten Vögel ließen sich durch das Erscheinen der fremden Wanderer nicht stören, sondern sahen mit klugen Augen ihnen neugierig nach und schüttelten höchstens ihr buntfarbiges Gefieder in der goldblauen, sonnendurchleuchteten Luft. Gegen Abend betraten die Freunde das beschriebene Thal. Obwohl die Sonne noch ziemlich hoch stand, fiel doch schon seit längerer Zeit kein Strahl derselben in diese Bergbucht. Die Luft war von wohlthuender Weiche, die smaragdgrünen Bergmatten erquickten das Auge; das Gebüsch bildete köstliche Bosquets und die von dem hohen Bergrücken herabspringenden Quellen eilten unter Kichern und Plaudern dem größeren Bache zu, der mit seinen klaren Wellenaugen dies versteckte Paradies neugierig betrachtete. Fürchtegott glaubte nicht mehr in Südamerika zu sein. Das war europäische Vegetation; so klang das Lied der Berggewässer, so rauschten die Bäume, so schlug der Buchfink, so hämmerten Specht und Häher. Ein glückliches Gefühl bemächtigte sich beider Freunde, und stumm reichten sie sich die Hände. Nach halbstündiger Wanderung entdeckten sie die von dem Missionär ihnen bezeichnete Sycomoren-Gruppe, unter deren Schatten sich das Grab befinden sollte. Bald standen sie neben dem unscheinbaren Hügel, den eine liebevolle Hand mit Blumen besteckt hatte. Dies mußte erst vor Kurzem geschehen sein, denn viele waren noch fast ganz frisch. Mitten auf dem Grabe lag ein schmaler Stein, der in nicht sonderlich gerathenen Buchstaben die Worte trug: »Dem Andenken des evangelischen Missionärs Johannes Gottvertraut seine dankbaren Jünger im Herrn.« Obwohl Fürchtegott Ammer den Mann, der unter diesem Hügel schlief, nie mit Augen gesehen hatte, überwältigte ihn doch die Rührung und eine unwiderstehliche Macht drückte ihn beinahe gewaltsam auf die Kniee nieder. Walter folgte seinem Beispiele, während die dunklen Gestalten der beiden Indianer bewegungslos in einiger Entfernung stehen blieben. Fürchtegott faltete die Hände zum Gebet, seine Lippen bewegten sich, hätte ihn aber Jemand gefragt, was er bete, in welche Worte er die Empfindungen seines Herzens an diesem Grabhügel kleide, so würde er darauf keine Antwort haben geben können. Er handelte wie ein Träumender, und als er jetzt gewahrte, daß ein paar Thränen seinen Augen entfielen, da sprang er rasch auf, kehrte dem Grabe den Rücken zu und schritt durch die Gruppe der Sycomoren, um den Pfad zu suchen, der nach dem mit so verführerischen Worten geschilderten Plateau geleiten sollte. Nach einigem Hin- und Hergehen fand man Fußspuren, die indeß schwer zu verfolgen waren in dem hohen üppigen Graswuchse, welcher das ganze gesegnete Thal erfüllte. Den scharfen Augen der Indianer, von frühester Jugend an das Aufspüren schwer zu entdeckender Pfade gewöhnt, war es jedoch ein Leichtes, sich hier zurecht zu finden. Sie schritten voran, gefolgt von den Freunden, und schon nach halbstündigem Emporklimmen in schmaler, mehrfach sich windender Schlucht, erreichten die Wanderer die Hochebene. So viel Neues, Eigenthümliches und Wunderbares Fürchtegott in den letzten Tagen auch anzustaunen gehabt hatte, es ward jetzt durch den Anblick der vor ihm liegenden Landschaft doch gänzlich verdunkelt. Die am wolkenlosen Himmel langsam versinkende Sonne warf goldene Duftschleier über das ganze gegen Westen mäßig ansteigende Plateau, das von drei Seiten schön geformte Hügelzüge begrenzten. Die zahllosen Cancantribäume auf der mehrere Stunden breiten Hochfläche erschienen in diesem Abendsonnenglanz von blühenden Rosenlauben überwölbt zu sein, denn der Schnee ihrer die grünen Fächer überdachenden Blüthenfülle erschien rosig angehaucht. Hin und wieder zeigten sich grasende Heerden, und über den Rosenbaldachinen tanzten tiefblaue oder auch purpurfarbene Rauchsäulen, je nachdem sie ein Sonnenstrahl traf oder der feine Schatten einer schlanken Palme sie deckte. Diese Rauchsäulen verliehen der ganzen wunderbar reizenden Gegend einen ungemein friedlichen Anstrich. Es hätte nicht noch der mancherlei thierischen Töne, nicht des fröhlichen Jauchzens spielender Kinder bedurft, um den Freunden die Gewißheit zu geben, daß sie hier eine jener wenigen Oasen wirklichen Weltglückes betraten, an denen die Erde so reich sein könnte und die doch nur so selten zu finden sind, und fast immer nach kurzem Bestehen durch feindlich heranbrausende Stürme mit dem Flugsande der Unzufriedenheit oder der Mißgunst Fremder wieder überschüttet werden. Ein schmaler Pfad, anfangs wenig betreten, später sich zum Wege ausbreitend, führte auf die schönste Gruppe der Cancantribäume zu, und bald bemerkten die Freunde mit freudigem Erstaunen, daß in der natürlichen Fächerumzäunung jedes dieser wunderbaren Bäume eine reizende Hütte stand, aus deren Schornstein Rauch aufwirbelte und durch das Laubwerk und das Blüthendach dringend, seinen weithin erkennbaren Wimpel stillen Friedens in die sonnige Luft emporflattern ließ. Drittes Kapitel. Erdmuthe Gottvertraut. Es war Nacht, die dunkelblaue Himmelskuppel glich jetzt einem sammetnen Baldachin mit Sternen bestickt. Ueber der grünen Erde, in dem zarten Gefieder der Pflanzen, auf dem Blüthenchaos der Bäume nistete auch nicht die kleinste Nebelflocke. Die Luft glänzte in der ganzen wunderbaren Durchsichtigkeit der Tropen und wehte lind fächelnd durch die offenen Fenster der im Schatten der Bäume jetzt kaum mehr sichtbaren Hütten. In eine dieser Hütten führen wir den Leser. Sie ist klein und schmucklos, das Mobiliar entbehrt aller Eleganz. Unerfahrene Hände scheinen es zur Nothdurft aus frisch gefällten Bäumen gezimmert zu haben. Nur den Fußboden überbreiten kunstreich geflochtene Matten aus Palmenbast. Diese Flechtereien würde man in Europa höchst wahrscheinlich sehr theuer bezahlt haben, denn sie konnten, auch was Zeichnung und Schattirung betraf, für Meisterwerke gelten. In einer Ecke der Wohnung bildeten aus gröberem Stoff über einander gehäufte Matten ein leidlich bequemes Lager. Vor demselben stand ein Tisch, auf diesem eine Lampe. An der Wand über dem Bett hing das Bild des Gekreuzigten, unter demselben ein indianischer Bogen nebst einem Köcher, gefüllt mit schön gefiederten Pfeilen. Nur zwei Personen befanden sich in diesem schmucklosen und doch so eigenthümlich anziehenden Gemach, ein Mann und eine junge Frau. Das dem vollen Licht der Lampe zugekehrte Gesicht des Mannes läßt uns in diesem Fürchtegott Ammer erkennen. Er sitzt auf roh gearbeitetem Schemel vor dem Tisch, hat beide Hände gefaltet und blickt unverwandt in die blassen, von himmlischer Milde wahrhaft verklärten Züge der Frau, die ihm gegenüber auf dem Ruhebett Platz genommen hat. Das kleine blüthenweiße Häubchen auf dem blonden Haar, so schlicht, ja fast nonnenhaft mit den beiden Seitenbändern um das Kinn schließend, das zurückgenommene schöne Haar, das sich nie zur koketten Locke gekräuselt hat, das weiße, bis dicht an den Hals hinaufreichende Brusttuch verrathen uns die herrnhutische Schwester. Der schwarze bauschige Tuchrock, den sie trägt, verbunden mit den schwarzen Kreppschleifen auf Busentuch und Häubchen lassen uns eine in tiefe Trauer Versenkte erkennen. Die Herrnhuterin, welche das Schicksal hierher verschlagen hat, befindet sich in großer Gemüthsaufregung. Offene Briefe in ihrem Schooße scheinen dieselbe hervorgerufen zu haben; sie müssen aber doch mehr Freudiges als Trauriges enthalten, denn sie erfaßt sie jetzt mit ihren beiden schmalen, durchsichtig weißen Händen und drückt sie wiederholt an ihre Lippen. Fürchtegott ist diesen Bewegungen bisher schweigend gefolgt, um die Ergriffene nicht zu stören. Jetzt, wo die Herrnhuterin ihm mit einer raschen Wendung die Hand reicht, um ihm zu danken, spricht er: Man liebt Sie sehr, Erdmuthe, in Ihrer Heimath. Graf Alban sprach immer nur mit wahrer Begeisterung von Ihnen und wie der Bischof von Ihnen und Ihrem bisherigen Wirken unter den Heiden denkt, muß Ihnen sein eigenhändiger Brief gesagt haben. Erdmuthe Gottvertraut lächelte glücklich, eine Thräne zerdrückend. Er meinte es immer gut mit mir armen Magd, der hochwürdige Bischof, versetzte die Missionärin. Seine Worte waren Manna für meine Seele, von der sie sich nährte im Brand der Wüste. Wenn ich zurückdachte an ihn, ward ich immer frei und froh, selbst mitten im Unglück, mitten im Schmerz. Auch die tiefste Wunde vermag der Wunder-Balsam eines theilnehmenden Wortes zu heilen. Erdmuthe, sagte Fürchtegott mit unsicherer Stimme, verließen Sie gerne und ohne großen Schmerz die alte Welt, als das Loos Ihnen einen Gatten und einen Bestimmungsort zugleich gegeben hatte? Ich vergaß Alles über dem Ruf, der an mich ergangen war, gab die Missionärin zur Antwort. Eigentlich dachte ich damals, fuhr sie nach kurzem Sinnen fort, über das, was mir künftig bevorstehen könnte, gar nicht nach. Ich lebte in einer fortwährenden Gemüthsaufregung, die mir zum Ueberlegen keine Zeit ließ. Das Loos war geworfen, es hatte mich unter die Auserwählten gestellt, und der Mann, der mir Schirm und Stütze sein sollte, harrte des Augenblickes, die Braut und Gattin als treue Lebensgefährtin auf einem höchst wahrscheinlich sehr mühe- und dornenvollen Pfade zu begrüßen. Aber Sie kannten gewiß den Mann, welchen des Himmels Rathschluß Ihnen zuführte? fragte der junge Ammer. Erdmuthe erröthete unmerklich und versetzte völlig unbefangen und mit einer bewundernswürdigen Gottergebenheit: Ich hatte früher von ihm erzählen hören und zwar nur Rühmliches. Johannes ward zu den befähigtsten Brüdern gerechnet. Seine Geduld, seine Sanftmuth, seine Liebe, seine Ausdauer in Durchführung eines einmal gefaßten Entschlusses erregten die Bewunderung aller Brüder und verschafften ihm die Achtung der Vorsteher. Das Herz zog ihn in die Ferne, unter die blinden Heiden. Er wollte gar nicht, oder nur als Prediger des Evangeliums leben und wirken. Wäre sein Körper so kräftig gewesen wie sein Geist und sein Wille, er würde Großes erreicht und dereinst als gefeierter Apostel der Christenheit noch in späten, späten Zeiten fortgelebt haben. So brach sein Körper vor der Zeit zusammen. Die letzten Worte hatte Erdmuthe mit sichtlicher Begeisterung gesprochen. Das Andenken des Mannes, den Gottes Rathschluß ihr zugeführt, war ihr heilig und hatte sie ihn auch nie in weltlichem Sinne und in irdischer Weise geliebt, so klammerte sie sich doch mit inniger Hingebung an ihn fest und würde gern für ihn in den Tod gegangen sein. Sie haben gewiß recht viel Schweres erfahren, recht trübe Tage und Wochen hier verleben müssen, sagte Fürchtegott. Gänzlich unbekannt mit den Gewohnheiten und Sitten des Landes, der Sprache nicht mächtig, mußten Sie sich unaussprechlich unglücklich fühlen. Nein, erwiderte die trauernde Missionärin mit verklärendem Lächeln. Unglücklich konnte ich wohl nicht sein, weil ich meinen Gott und den Glauben an ihn so fest in mir trug, wie die Mutter das werdende Kind unter ihrem klopfenden Herzen. Schwäche aber und Zaghaftigkeit haben mich bisweilen befallen, und oft sogar recht lange. In so schwerer Zeit half mir entweder fortgesetztes Gebet, recht schwere, körperliche Arbeit und ich muß es gestehen das Vertiefen in den Gedanken an eine mir vielleicht doch noch bevorstehende Rückkehr in's Vaterland! In der Heimath, in meinem schönen Berglande lebten ja alle meine Verwandten, alle Freunde und lieben Schwestern. Die Erinnerung an sie belebte mir die Einsamkeit mit lieblichen Gestalten, die ich willkürlich zu mir rufen, mit denen ich mich, ohne zu sprechen, nur in süßem Denken lange unterhalten konnte. Ein solches Hinübersegeln meiner Seele, wie Johannes es nannte, beglückte und stärkte mich für lange Zeit. Und sonderbar muß es wohl in solchen Stunden mit mir gewesen sein, denn Johannes meinte, ich schlummere, weil ich bleich und regungslos, die Augen fest geschlossen, Stunden lang dieser beglückenden Unterhaltung mit meinen Lieben in Europa mich hingeben konnte. Gedachten Sie denn auch des letzten Zusammenseins mit den Brüdern? warf jetzt Fürchtegott schüchtern fragend ein, während er die sanfte Missionärin nicht anzublicken wagte. Warum kommen Sie darauf? entgegnete überrascht Erdmuthe. Weil ich davon wiederholt erzählen hörte. Ach ja, ich kann es mir denken. Graf Alban gehört ja zu meinen Führern. Er hat Ihnen gewiß die feierliche Einsegnung und Entlassung geschildert. Sie schwieg befangen und Fürchtegott bemerkte, daß ihr Busentuch sich stärker hob und senkte. Graf Alban hat gewiß nicht unterlassen, in dem Ihnen übersandten Schreiben auch des Ueberbringers zu gedenken, nahm Fürchtegott abermals das Wort. Ich habe es nur dem großen Vertrauen und der väterlich-liebevollen Theilnahme zu danken, daß ich zu so wichtiger Botschaft würdig befunden wurde. Meine rein weltliche Beschäftigung konnte mich dazu nicht eigentlich befähigen. Allein Graf Alban, ein Freund auch meines Vaters, wünschte, daß im Interesse der evangelischen Mission Handelsverbindungen mit den noch nicht bekehrten Indianerstämmen angeknüpft werden möchten, und in dieser Absicht trug er mir auf, das Terrain zu sondiren und etwa Nöthiges für die Zukunft vorzubereiten. O verzeihen Sie, sprach entschuldigend Erdmuthe, und griff nach dem Schreiben des Grafen. Noch habe ich die darauf bezügliche Stelle seines Briefes nicht gelesen. Ich brach ab, als ich gewahrte, daß die geistliche Botschaft erledigt sei. Erdmuthe rückte näher zur Lampe und begann den Schluß des erhaltenen Briefes langsam und mit voller Aufmerksamkeit zu lesen. Die Blicke des jungen Ammer hingen erwartungsvoll an den so zarten und milden Zügen der Missionärin. Mein Gott, sagte sie und schlug schüchtern das Auge zu Fürchtegott auf, Sie sind also jener Ammer, von dem ich schon einmal früher gehört habe? Wie ist mir doch! Der bin ich, versetzte unser Freund, ja, Erdmuthe, ich bin jener Ammer, den Sie in Ihrem Tagebuche nennen. In meinem Tagebuche? unterbrach ihn die Missionärin zerstreut und beunruhigt. Was können Sie von meinem Tagebuche wissen? Fürchtegott griff in die Brusttasche seines Rockes und holte das uns schon bekannte, zierliche Büchlein hervor, dessen Inhalt ihn so wunderbar gefesselt und zu allen nachfolgenden Schritten begeistert hatte. Erdmuthe erschrak beim Erblicken dieses Büchleins so heftig, daß ihre Lippe verstummte. Der junge Ammer war bereits aufgestanden, vor der Missionärin niedergekniet und sprach jetzt, während er wiederholt die feinen Hände der jungen Wittwe küßte: Lebt in Ihrer Erinnerung nicht auch heute noch der Schattenriß eines Jünglings, der ohne sein Wissen und Wollen Ihnen in einem der wichtigsten Augenblicke Ihres Lebens gleichsam den Weg vertrat? In diesen Selbstbekenntnissen, die Sie dem Grafen Alban vor langer Zeit als ein Zeichen Ihrer Anhänglichkeit und Hochachtung sandten, gaukelte jener Schatten noch vor ihrer Seele. Sie trugen ihn fort über's Meer, gleich einem Amulet, das in Ihr Herz hinabgesunken war und Niemanden sichtbar ward, als Ihnen allein. Der Besitz des nunmehr schon abberufenen Johannes vermochte jene Erinnerung nicht zu verwischen; sie lebte fort in Ihnen, rein und keusch, so rein und keusch, wie jener Kuß, der im Augenblick des Abschieds der Unbekannte Ihnen auf die jungfräuliche Lippe drückte. Der Sohn des reichen Ammer und jener Fremde beim Liebesmahle sind ein und dieselbe Person. Er liegt jetzt vor Ihnen und bittet, daß Sie nach so langer Zeit ihm anhängen wollen mit gleicher Treue, wie früher! Die junge Wittwe bebte vor Aufregung und Ueberraschung. Thränen entstürzten ihren Augen, sie begann laut zu schluchzen. Dabei legte sie beide Hände wie segnend auf das Haupt des Knieenden. Fürchtegott ließ die Erschütterte gewähren. Als sie sich etwas mehr beruhigt hatte, ergriff sie des Jünglings Hände und bat ihn leise, er möge aufstehen. Dann erhob auch sie sich, schritt durch den engen Raum des Gemaches und trat unter die Thür, den Blick gen Himmel wendend. Fürchtegott trat an ihre Seite und ergriff ihre Hand. Erdmuthe, sprach er mit ungewöhnlicher Weichheit, Erdmuthe, Sie sind eine glaubensstarke Frau und besitzen ein von allen irdischen Schlacken geläutertes Herz; ich wate in einem Meer von Irrthümern und menschlichen Schwächen, und habe vielleicht mehr Anlage zum Schlechten als zum Guten. Ein räthselhaftes, unerklärliches Schicksal hat uns zusammengeführt, und bin ich auch kein gläubiges Gemüth, so kann ich doch auch nicht zweifeln, daß es Gottes unerforschlicher Wille gewesen ist, durch dieses Zusammenführen größere Zwecke zu fördern. Wie Sie seit jener ersten Begegnung mich still im Gedächtnisse trugen, so lebte Ihr Bild fort in meinem Herzen. Es war mir jener Augenblick, wo Ihr Mund mich küßte, so heilig, daß niemals ein Wort davon über meine Lippen gekommen ist. Ich liebte Sie, Erdmuthe, ich liebe Sie noch, und ich kann noch in diesem Augenblicke nicht glauben, daß Ihr tieffühlendes Herz dem braven Manne, der jetzt dort unten im Thale unter den rauschenden Sycomoren ausruht von den Mühen des Lebens, mehr zugehört habe, als jenem in Ihrer Erinnerung fortlebenden Schattenbilde des jungen Freundes, wie Sie mich nennen. Sprechen Sie, Erdmuthe! Geben Sie der Wahrheit die Ehre! Erleuchten Sie mit einem Wort das Dunkel, das noch meine Gegenwart und meine Zukunft verhüllt! Fürchtegott Ammer, versetzte die erschütterte Missionärin, seien wir von dieser Stunde an Bruder und Schwester! Ich bedarf der Ruhe, des Nachdenkens, der Prüfung. Die Wege des Herrn sind wunderbar und unerforschlich, aber er führet Alles herrlich hinaus. Bedenke, mein Bruder, daß es mein Beruf ist, das Evangelium zu verkünden den unwissenden Völkern dieses weiten und herrlichen Landes. Gott hat mich gestärkt, auch in tiefer und schwerer Trübsal; er hat mir immer Kraft verliehen, daß ich zu tragen vermochte, was mir auferlegt ward. Aber er hat mir auch Freuden gegeben, an denen meine Seele sich erquickt, an denen mein oft recht banges Herz immer auf's Neue erstarkt. Es ist mir gelungen, hier in dieser stillen Abgeschiedenheit dem Herrn eine Gemeinde zu gründen, an welcher er so glaube ich Wohlgefallen hat. Alle, die hier wohnen, lieben und verehren mich. Ich bin ihnen Mutter, Rathgeber, Prediger, Lehrer, und bisweilen sogar, fügte sie mild lächelnd hinzu, Vorsehung. Mir aber sind diese dem Heidenthum durch meine Bemühungen abgerungenen Seelen theuer geworden, als wären sie mein Eigenthum. Ich umfasse sie alle mit derselben Liebe, gleich einer Mutter ihre Kinder, und ich weiß nicht, mein Bruder, ob ich leben könnte, wenn ich von diesen meinen Kindern im Herrn scheiden sollte. Erdmuthe breitete während der letzten Worte ihre Arme aus, als wolle sie den um sie Wohnenden allen zugleich ihren Segen ertheilen. Und wenn die Aeltesten dich abriefen, Erdmuthe, würdest du einem solchen Rufe ungern Folge leisten? fragte Fürchtegott, überzeugt, daß die Missionärin ihn liebe, aber einen schweren Kampf mit dem zu bestehen haben würde, was sie ihre Pflicht, ihren Beruf nannte. Daran, mein Bruder, ist wohl nicht zu denken, erwiderte die junge Wittwe. Es wäre auch nicht gut für die so jungen Christen. Sie würden einem andern Prediger nicht mit der Liebe anhangen, die sie an mich kettet. Darum werden die Aeltesten mich nicht abrufen. Dann, meine Schwester, müssen wir uns in sehr, sehr kurzer Zeit wieder trennen, sprach aufseufzend Fürchtegott. Diese Trennung, Erdmuthe, wird mich unglücklich machen, denn ich fühle es schon jetzt, und will und kann es nicht länger vor dir geheim halten, daß ich dich nie vergessen kann, und daß ein Leben ohne dich für mich nur ein halbes sein wird! Erdmuthe, du hast gewirkt und gebaut für den Himmel, du hast Gott, wie ihr sagt, Seelen geworben, du stehst rein und groß, eine hehre Lichterscheinung vor diesen bekehrten Indianern. Verschwinde ihnen plötzlich als eine solche, und ihr Glauben an den Gott, den du ihnen kennen gelehrt hast, wird völlig unerschütterlich sein. Sie werden dich verehren als Heilige, als ihren Schutzengel. Du aber kannst völlig befriedigt zurückkehren in die Welt und auch hier Segen verbreiten in weitem Umkreise. Laß uns beten, mein Bruder, damit wir nicht in Anfechtung fallen, versetzte Erdmuthe mit schwer verhaltener Rührung. Siehe, es ist spät geworden, ich erkenn' es an dem Stande der Gestirne. Gehe hinüber zu deinem Freunde; er wird auf dich warten. Ueberlasse mich der Einsamkeit, lieber Bruder! Da werde ich mich prüfen; da werde ich erfahren, was das menschliche Herz ist; da wird Gott mich erleuchten und mich retten vor mir selbst! Gute Nacht, Fürchtegott fürchte Gott! Die letzten Worte sprach Erdmuthe mit warnender Stimme. Zugleich drängte sie den Jüngling sanft über die Schwelle und ehe er sich noch besinnen konnte, fiel die aus Rohr und Bast gezimmerte Thür zu und ward von Innen rasch verriegelt. So sah er sich denn genöthigt, mit einem Herzen voll überströmender Sehnsucht, unbefriedigt, ja sogar ohne große Hoffnung die Hütte aufzusuchen, die man den Fremden und ihren Führern zur Wohnung angewiesen hatte. Viertes Kapitel. Die Trennung. Körperlich und geistig abgespannt, verbrachte Fürchtegott die Nacht in unruhigem, traumreichen Schlummer. Früh am Tage erweckte ihn und seinen Freund ein wohlthuender Choralgesang. Eine zahlreiche Versammlung indianischer Männer und Frauen hatte sich in weitem Kreise um Erdmuthe's Hütte gruppirt, um hier ihre Morgenandacht zu halten. Nach Beendigung des Gesanges trat die Missionärin unter sie und las mit zum Herzen dringender, milder, aber überzeugender Stimme einen Psalmen in der Sprache des Stammes, dem die Bekehrten angehörten. Walter und Fürchtegott, die unbemerkt Zeugen dieses Auftrittes waren, fühlten sich Beide davon ergriffen. Es war so viel Naturwahrheit in dem, was da draußen von den Indianern geschah. Es gab unter den Versammelten keinen Zerstreuten, keinen Zweifler, keinen Spötter. Und darum machte dieser einfache, ungekünstelte Gottesdienst unter dem tiefblauen Dome des Himmels einen wahrhaft erhebenden Eindruck. Ich glaube beinahe, sagte Walter, wenn ich lange hier bleiben sollte, würde ich zuletzt selbst Heidenbekehrer. Du, scheint mir, bist schon bekehrt, denn du machst heute eine so fröhliche Miene, als wolltest du noch vor Sonnenuntergang deine erste Predigt halten. Wir werden vor Abend der Niederlassung wieder den Rücken kehren, versetzte Fürchtegott. Meines Auftrages, den ich im Namen der Gemeinde zu überbringen hatte, habe ich mich bereits gestern Abend entledigt, heut bleibt mir nur noch übrig, meine eigenen Angelegenheiten zu ordnen, und dies muß innerhalb weniger Stunden ebenfalls geschehen. Du bist merkwürdig ernsthaft, um nicht zu sagen bewegt, erwiderte Walter. Solltest du beunruhigende Mittheilungen von der kleinen, blassen Missionärin erhalten haben? Fürchtegott legte seinen Arm in den des Freundes. Walter, sprach er, deine Ahnung trog dich nicht. Diese Herrnhuterin, die so frühzeitig zur Wittwe geworden, sah ich schon früher. Ein gegenseitiger Blick verband unsere Seelen für immer, obwohl wir uns nie sprachen. Das Schicksal entführte Erdmuthe ich glaubte sie verloren. Da kam mir zufällig Kunde von ihr zu, aus der ich mit freudigster Bewegung die Gewißheit ihrer Gegenliebe erfuhr. Seitdem litt es mich nicht mehr in der alten Welt. Der Glanz, die Hoffnung auf reichen Gewinn stählten meine Thatkraft, mein Herz aber schlug nur der Stunde entgegen, wo es mir vergönnt sein würde, die verloren geglaubte Geliebte von Angesicht zu Angesicht wieder begrüßen zu können. Diesen glücklichen Tag habe ich gestern durchlebt, und Erdmuthe weiß jetzt, was ich für sie fühle. Walter schüttelte zu dieser Eröffnung den Kopf. Freund, sprach er nach kurzem Sinnen, ich glaube, du hast da einen dummen Streich gemacht. Tief eingeweiht in herrnhutisches Treiben bin ich zwar nicht, ich müßte mir aber ganz falsche Vorstellungen von diesen Leuten gemacht haben, wenn ich glauben könnte, daß sie eine Missionärin mit einem Manne ziehen lassen sollten, der mit weltlichen Dingen sehr viel, mit himmlischen desto weniger bis jetzt zu schaffen hatte. Und bist du denn auch gewiß, daß die junge Wittwe deine Neigung erwidert? Schon der Gedanke eines Zweifels wäre Sünde und Beleidigung meinerseits, versetzte mit Feuer der junge Ammer. Stände Erdmuthe nicht um herrnhutisch zu sprechen im Dienste des Herrn, würde sie gewiß noch heute mir folgen. Was sie mir rauben oder längere Zeit vorenthalten kann, ist allerdings ihre Stellung. All mein Dichten und Denken muß deßhalb darauf gerichtet sein, sie aus dieser Stellung abzurufen. Gelingt mir dies und es muß gelingen hört Erdmuthe auf Missionärin zu sein, so wird einer Verbindung mit mir nichts mehr im Wege stehen. Vielleicht doch, bemerkte Walter. Du äußertest neulich, daß dein Vater ein etwas sonderbar gearteter Mann sei und daß du nicht in allzu herzlichem Einvernehmen mit ihm stehest. Wenn er nun nichts von einer Schwiegertochter hören will, die Jahrelang mit wilden Indianern, Mulatten und Negern auf Du und Du gestanden hat? Du lästerst, erwiderte Fürchtegott, denn du thust zwei edle Menschen, Erdmuthe und meinem Vater, gleich großes Unrecht. Es ist wahr, das Band, das mich dem Vaterhause verknüpfte, hat sich stark gelockert, gelöst aber ist es noch nicht; ja mir ahnt fast, daß die Zuführung einer so braven und frommen Tochter, wie Erdmuthe es ist, mir die Liebe und Zuneigung des Vaters wieder vollkommen gewinnen würde. Mein Vater ist fromm, ohne kopfhängerisch zu sein, und Erdmuthe, bilde ich mir ein, ist ein Menschenbild recht nach dem Herzen Gottes. Noch während dieses Zwiegesprächs der Freunde bereitete sich draußen eine ganz eigenthümliche Scene vor. Die Indianer hatten sich nach gesprochenem Gebet entfernt, die Missionärin war, wie immer, still und nachdenklich in ihre Hütte zurückgekehrt. Nun aber erschienen mehrere junge indianische Mädchen in leichte wollene Gewebe gekleidet. Jedes von ihnen trug ein aus Bast geflochtenes Körbchen, diese in der Hand, jene auf dem Haupte, und in jedem dieser Körbchen lag irgend ein Geschenk für ihren Schutzengel Erdmuthe. Mit den glücklichsten Mienen von der Welt legten die Indianerinnen ihre Geschenke vor der Hütte der Missionärin nieder und entfernten sich dann eiligen Laufes, ohne den Dank ihrer Lehrerin und Erzieherin abzuwarten. Die Freunde hatten diesem Schauspiele mit wachsendem Vergnügen zugesehen. Jetzt, als die Indianerinnen sich nach allen Seiten hin über das grüne Plateau zerstreut hatten und verscheuchten Rehen gleich unter den malerischen Gruppen der Cancantribäume verschwanden, sagte Walter zu Fürchtegott gewandt: Beim Himmel, ich kann es begreifen, wie das Leben in der Wildniß oder doch unter Volksstämmen, die der Cultur erst gewonnen werden sollen, selbst für verwöhnte Europäer einen unwiderstehlichen Reiz haben kann! Diese Naturmenschen geben sich ohne Scheu ihren Gefühlen hin und drücken sie in ungezwungenster Weise aus. Wir überlegen, ehe wir selbst den edelsten Regungen unseres Herzens folgen, ob das, was wir gern thun möchten, auch mit den giltigen Regeln der Sitte und Wohlanständigkeit vereinbar sei, oder ob es Jemand geben könne, der es zu belachen wagen möchte. Fürchtegott fühlte die Wahrheit dieser Worte, erwiderte jedoch nichts darauf. Sein ganzes Augenmerk war in diesem Augenblick auf einzelne Gruppen Indianer gerichtet, die bald hier, bald dort zu ihrer Arbeit gingen und deren Tracht seine Gedanken urplötzlich zurückversetzte in die Heimath der industriellen alten Welt. Dabei leuchteten die Augen des jungen Mannes, als hätte er eine Quelle Reichthums entdeckt. Erst, nachdem er sich bezwungen, gab er dem Freunde zur Antwort: Für Leute, die nichts Höheres kennen, als unberührt vom beunruhigenden Lärm der Welt zu leben, mag dieses Vegetiren unter gutherzigen Kindern, deren schlimme Neigungen man nur nicht reizen muß, etwas überaus Angenehmes haben; wer aber etwas Bleibendes erringen, wer Andern Anstoß geben will zu nie rastendem Vorwärtsstreben, der würde sich doch bald genug selbst in diesem Paradiese langweilen, und solche Naturen, glaub' ich, hat Gott uns Beiden verliehen. Ob auch der frommen Missionärin? sagte Walter forschend. Sie ist und war nie ein Weltkind, wie ich aus deinen Aeußerungen erfahren habe; sie wird jetzt dem Welttreiben Europas, wo überall das Interesse, der Eigennutz, nirgend die reine Menschenliebe vorwaltet, noch weniger Geschmack abgewinnen können. Und doch müßte ihr dies möglich sein, sollten deine Wünsche gekrönt werden. Die wahre Liebe vermag mehr als dies, bemerkte Fürchtegott, und ob ihre Liebe wahr und innig ist, ob sie ihr höher steht als alles Andere auf Erden, das will ich jetzt mit klaren Worten aus ihrem eigenen Munde hören. Walter fühlte sich nicht verpflichtet, dem Freunde abzurathen oder gar ihn abzuhalten. Er sagte ihm deßhalb ein von herzlichen Glückwünschen begleitetes Lebewohl und ging mit den beiden indianischen Geleitsmännern durch Urwälder und Steppen in die prachtvolle Hochebene, um die Niederlassung und den etwaigen Einfluß der christlichen Lehre auf deren Gestaltung etwas näher in Augenschein zu nehmen. Erdmuthe empfing unsern Freund mit jener ruhigen Heiterkeit, die in sich abgeschlossene Naturen als ihnen eigenthümliche Atmosphäre umgibt. Fürchtegott traf sie noch bei ihrer Privatmorgenandacht. Die Bibel lag aufgeschlagen auf dem Tische und über die schon vergilbten Blätter des noch aus Europa stammenden Buches hielt sie die Hände. Du hast schon Gottesdienst gehalten, liebe Schwester, redete sie Fürchtegott nach der ersten gegenseitigen Begrüßung an. Pflegst du diese christlich frommen Uebungen täglich mit deinen jungen Zöglingen vorzunehmen? Sie handeln nicht nach Vorschrift oder weil es ihnen von mir befohlen wird, erwiderte Erdmuthe, sondern ganz nach freiem Entschlusse. Wenn ihr das Bedürfniß fühlt, lehrte ich ihnen, euch gemeinschaftlich mit Gott zu unterhalten oder euch gegenseitig durch Anstimmung eines christlichen Liedes zu erheben, so versammelt euch, wie und so oft ihr mögt, vor der Thür meiner Hütte, und ihr werdet zu jeder Zeit in mir eine freudige Hirtin eurer Seelen, eine Pflegerin eurer guten Vorsätze finden. So kommt es denn, daß oft Tage vergehen, ohne daß irgend Jemand sich zum Gebet hier einfindet. Aber glaube ja nicht, mein Bruder, daß diese jungen Christen darum ihres Wohlthäters vergäßen. Sie wandeln dann in die freie Natur, wenn sie ihre Arbeit gethan haben, und bewundern den Allerhalter in der Allmacht und Pracht der Schöpfung. Mancher Prediger hielt es für unerläßlich, den Neubekehrten das Vergnügen der Jagd zu untersagen, weil es leider häufig in ungezügelte Leidenschaft umschlägt, die dann nicht selten einen grausamen blutdürstigen Charakter annimmt. Ich fand jedoch dieses Verfahren nicht zweckdienlich, am wenigsten bei einem Volksstamme, der seit undenklichen Zeiten fast ausschließlich von der Jagd lebte und dessen Vorstellungen eines seligen Lebens nach dem Tode sich an wildreiche Jagdgründe knüpfen. Deßhalb ließ ich ihnen gern diese Gewohnheiten, nur bemühte ich mich, sie zum Nachdenken über ihr Thun zu veranlassen, den Maßstab christlicher Vorschriften daran zu legen und dann dem zu folgen, was reife Prüfung und ruhiges Urtheil ihnen sagen werde. So gelang es mir, in nicht gar langer Zeit, die Jäger in meiner kleinen Gemeinde nicht auszurotten, wohl aber die Leidenschaft der Jagd, die frevelhafte Schößlinge treibt, zum bloßen Geist und Körper stärkenden Vergnügen abzudämpfen. Glaube mir, mein Bruder, mit einem Herzen voll Liebe und Geduld ist es leicht, Menschen zu bilden und zu beherrschen, nur muß der, welcher Andere leiten will, sich nie von dem Dünkel der Selbstüberhebung kitzeln lassen. Nur Bescheidenheit veranlaßt zu einer Nacheiferung, welche Segen bringt. Die Ruhe, Klarheit und Bestimmtheit in Allem, was Erdmuthe sprach, imponirten dem jungen Ammer. Er mußte sich zu seiner eigenen Demüthigung gestehen, daß, wenn er auch möglicherweise in rein weltlichen Dingen mehr berechnende Klugheit als die Missionärin besitze, ihm doch alles aus tiefster Ueberzeugung entsprossene feste und unwandelbare Urtheil abgehe. Er fühlte die durchgebildete, geistige Ueberlegenheit Erdmuthe's, und war dies auch in mancher Beziehung drückend, so ließ sich doch mit vieler Zuversicht dem Wort und Entschluß eines so klaren Charakters unter allen Umständen vertrauen. Indem er für das eben Gehörte der Missionärin seinen Dank ausdrückte, wagte er zugleich die Frage um Entscheidung über sein Schicksal an sie zu richten. Du bist einig mit dir, theure Schwester, sprach Fürchtegott, darum rede und trage einen Antheil des Friedens, der in dir wohnt, in mich über. Zögernd versetzte Erdmuthe: Ich habe in vergangener Nacht schwer zu kämpfen gehabt, mein Freund. Die Lage, in der ich mich befinde, ist eine sehr sonderbare. Du kennst ja meine innersten Gedanken seit meiner Abreise aus der Heimath, ich darf also dir gegenüber so offen sein, wie vor dem Richterstuhle meines eigenen Gewissens. Was hülfe es mir jetzt, wollte ich verheimlichen, daß nur das Gebot der Aeltesten, der Zwang der Pflicht, die mir der Beruf auflegte, mich dem heimischen Strande zu entführen vermochte? Hätte ich dem Zuge des eigenen Herzens folgen dürfen, ach, Fürchtegott, ich wäre wohl nie über die Grenze der nächsten Gebirgswälle hinausgekommen! Einmal dem Schicksal oder meiner Bestimmung mich willenlos hingebend, indem ich mich nur als Werkzeug eines Höheren betrachtete, fand ich mich bald in mir selbst, in meinen Gedanken und Wünschen zurecht. Ich darf es dir gestehen, daß ein wunderbar dunkles Sehnen mich dir im Geiste immer wieder zuführte, so oft ich mich auch deßhalb verklagte und mir Vorwürfe machte. Dein Bild stand nicht im Spiegel meiner Erinnerung, wenigstens nicht in festen Umrissen. Der Blick hatte dich mächtiger noch gestreift, als meine Lippe die deinige. Aber deine ganze Gestalt war eins mit mir geworden, und wenn ich später an Johannes Seite wandelte, ohne ihn scharf anzublicken, so meinte ich immer deine Nähe zu fühlen. Später verlor sich dies, und seit ich in der Wildniß meinen dauernden Wohnsitz nahm, hat mich diese lockende Täuschung nicht mehr beunruhigt. Nun trittst du plötzlich wieder vor mich hin, mein theurer Freund und während ich glaubte, ich hätte mich gänzlich und für ewige Zeiten besiegt, muß ich erfahren, daß unser Herz ein gar schwer zu bezwingender Feind ist. Du rufst mich, und ich möchte deinem Rufe Gehör schenken; du gehst und ich werde bleiben, wo des Höchsten Wille mich hingestellt hat, aber du nimmst den Frieden mit dir, der seither meiner Hütte und meiner Seele treuester Wächter war! Das ist nicht gut, allein ich betrachte es als eine neue Prüfung, die der Herr mir schickt, um mich noch mehr zu läutern und dann mich fester mit seiner Hand zu halten. Erdmuthe schwieg, die heftige, innere Bewegung hinderte sie weiter zu sprechen. Fasse ich den Sinn deiner Worte recht, sagte Fürchtegott beengt, so wendest du dich von mir. O nein, entgegnete die Missionärin, das habe ich nicht gesagt, werde ich nie sagen, aber ich darf und will die mir anvertraute Heerde nicht verlassen, ohne abgerufen zu werden. Sollte auch mein Herz ganz vereinsamen, und tiefe Bekümmerniß mein unzertrennlicher Gefährte für alle noch übrige Lebenstage sein; ich würde dennoch nicht klagen und nicht anders handeln. Fürchtegott athmete beruhigter auf. Kannst du mir mit Hand und Mund versprechen, daß du dies buchstäblich jederzeit halten wirst? Weßhalb sollte ich mich dessen weigern, mein Freund, ich stelle mich mit diesem freien Entschlusse Gott zur Verfügung und mich dünkt, dies ist unser Aller heiligste Pflicht! Gib mir also darauf deine Hand! Erdmuthe reichte Fürchtegott ihre Rechte. Dieser hielt sie lange fest und drückte wiederholt seine Lippen darauf. Sie wird mir Segen bringen, sagte er, Segen, Heil und inneres Glück, wie allen denen, über welche sie sich je betend erhoben hat. Ich danke dir, Erdmuthe, und gehe jetzt von dir ohne Schmerz. Ungefähr in Monatsfrist werde ich Surinam verlassen. Bis dahin wirst du mir Briefe nach Paramaribo senden. Von mir erhältst du ebenfalls Nachricht. Bedarfst du irgendwie in rein weltlichen Dingen kräftiger Unterstützung oder solltest du mir Wichtiges zu sagen haben, so wende dich an meinen Freund Walter. Er ist unterrichtet und deines unbedingten Vertrauens werth. Erdmuthe sagte zu und so schienen durch eigenthümliche Verkettung der Verhältnisse zwei Herzen, die schon Jahre lang für einander schlugen, abermals auf ungewisse Zeit, vielleicht sogar für immer, von einander getrennt zu sein. Als Fürchtegott einige Stunden später sich mit seinen Begleitern zur Abreise rüstete, vermochte Erdmuthe ihre Erschütterung kaum mehr zu bewältigen. Sie begleitete den Freund bis zu den Sycomoren im Waldthale. Hier reichte sie ihm zum letzten Male die Hand am Grabhügel ihres Gatten, wiederholte ihr Versprechen und trennte sich. Fürchtegott sah die Gestalt der Geliebten, von der ihn zum zweiten Male ein unerbittliches Schicksal trennte, lange noch unter den Sycomoren weilen, bis eine Wendung des Thales sie für immer seinem Auge entrückte. Fünftes Kapitel. Briefe aus der Heimath. Ohne Unfall erreichten die Reisenden nach etwa achttägiger Wanderung durch früher nicht betretene Gegenden die Hauptstadt Surinam's. Auf dieser Rückreise machte Fürchtegott Entdeckungen, die ihm wichtig schienen. Die Indianer hatten nämlich schon früher erzählt, daß in mehr südlicher Richtung, wo die Waldung weniger dicht und in Folge dessen der Anbau mitten im Lande leichter zu bewerkstelligen sei, schon leidlich gute Verbindungsstraßen sich befänden, welche die Indianerdörfer durchzögen. Diese Mittheilung stimmte trefflich mit den Bemerkungen Erdmuthe's in ihrem Tagebuch zusammen. Fürchtegott wollte sich nun gern mit eigenen Augen von diesen cultivirenden Vorarbeiten überzeugen und wandte sich deßhalb den bezeichneten Gegenden zu. Ungeachtet des verlängerten Weges freute er sich doch seines Entschlusses. Er hatte Gelegenheit, mitten unter ein indianisches Leben zu kommen; er konnte dabei beobachten, was diesen Naturmenschen besonders lieb und werth sei und in welcher Weise sich am vortheilhaftesten ein Tauschverkehr mit ihnen anknüpfen lasse. Sein praktischer Blick unterstützte ihn dabei, und hätte er nicht um Erdmuthe Sorge getragen, er würde hochentzückt in die lebhafte Hafenstadt wieder eingezogen sein. So hielt die Sehnsucht nach der verlassenen und vielleicht nie zu gewinnenden Geliebten die Freude über seine sonstigen vielversprechenden Entdeckungen etwas nieder. In Paramaribo waren inzwischen Briefe aus Europa für unseren Freund eingelaufen, die ihn lebhaft aufregten und mehrere Stunden so ausschließlich beschäftigten, daß er alles Andere darüber vergaß. Es wird nöthig sein, ein paar dieser Schreiben hier wörtlich folgen zu lassen. Fürchtegott griff zuerst nach einem Briefe Wimmer's, dessen eckige Schriftzeichen eine wunderbare Anziehungskraft für ihn hatten. Der alte Herrnhuter ließ sich gegen den jungen Rheder folgendermaßen aus: »Mein lieber junger Freund und Bruder! »Es hat dem Herr gefallen, mich sonderlich zu begnadigen. Dein Vater, der alte Starrkopf, ist in sich gegangen, hat mir seine Hand zur Versöhnung gereicht und versprochen keinen Lärm mehr zu machen Deinetwegen. Daran magst Du erkennen, daß Ausdauer und festes Beharren auf einem Punkte immer Früchte trägt. Frei hab' ich Dich auch gemacht nach allen Seiten hin, so daß uns Niemand mehr drein reden wird. In Weltenburg schnurret es, daß die Zwerge ausziehen würden aus den alten Bergen, wäre das gottlose Volk nicht schon seit Jahrhunderten durch das christliche Glockengeläute vertrieben worden. Dein Bruder ist brav und schickt sich prächtig an. Die Wollspinnerei ist schon in Angriff genommen und da es an baaren Mitteln nicht gebricht, so wird sie schon unter Dach sein, wenn Du mit des Heilandes Willen glücklich zurückkommst. »Deine Frau Mutter hat es gut auf Dich, nicht so die Schwester, meine Pathe. Die kleine Frau ist zu ehrlich, um Dich ehrlich zu finden. Aber, mein junger Freund und Bruder, ehrlich und klug zusammen währt länger, als Ehrlichkeit, die sich Blößen gibt. Bleibe mir nur fein treu in allen Dingen, und ich will den Staub schon wieder fortblasen, der sich auf Deiner Schwester blaue Augensterne gelagert hat. »Mit Vanderholst mach' es fest. Ich habe schon Rücksprache mit mehreren Arbeitern genommen. Sie meinen es gehe, und fange man es nur klug an, so leide Niemand darunter. Dein Vater darf freilich nichts davon wissen. »Advocat Block ist in Haft. Er hat einen sehr dummen Streich gemacht, von dem ich aber aus Vorsicht nicht weiter reden mag. Graf Alban läßt Dich grüßen und bitten, mitten im Drang des Irdischen nicht zu vergessen, daß diese irdische Scholle doch nur eine Schule sein soll für den Himmel, und daß Alles, was wir thun, ein Loblied sein muß auf den Herrn, damit wir die Gnade unseres Heilandes verdienen, trotz unserer Sünden, die so zahlreich sind, wie der Sand am Meere! Auch ich schließe mich dieser Bitte an, vergesse nie Dein und Deiner Sendung zu gedenken im brünstigen Gebet am Morgen und Abend, und bleibe Dir zugethan in wandelloser Liebe als Dein Bruder und Freund in Christo Lazarus Wimmer.«         Ueber Fürchtegott's Züge lief ein fast spöttisches Lächeln, als er diese Zuschrift weglegte, um eine zweite zu entfalten, er erkannte seines alten Vaters bereits zitternde Handschrift. Unter starkem Herzklopfen erbrach er das Siegel. Ammer schrieb: »Mein lieber Sohn! »Allem Vermuthen nach muß es Dir sonderbar gut ergehen in der Fremde, sonst würdest Du wohl nicht so trutziglich gerad' vor Dich hinsehen und eine so scharfe Rede führen. Mich freut's zwar aufrichtig, daß sich mein Sohn als ein richtiger Ammer kund gibt auch unter den Heiden und anderem Volk, jedennoch wäre es mir grausam lieb, so ich unter der Kraft und dem Willen auch einige Demuth des Herzens entdecken möchte. Finde davon in Deinem Schreiben wacker wenig, und das gefällt mir nicht. Schaffe das ab ein nächstes Mal und ich werde mich freuen. »Der Wimmer ist ein Tausendsasa. Wir waren hart aneinander, aber das Licht der Wahrheit und Freundschaft brachte uns wieder auf heitere ebene Wege. Bin's nun zufrieden, wie Ihr's treiben wollt, separirt wird jetztund aber noch nicht! Das stände mir schön an, nun ich's schier gebracht habe bis zum Herrn auf Weltenburg, daß ich allein fortklepperte mit meinen alten Gezehen , während die Herren Söhne im Sturmwind in's Große hineinwirthschafteten. Nein, lieber Sohn, es bleibt, wie's gewesen ist bisher. Wird's mir zu schwer, so packe ich schon von selber ein und setze mich zur Ruhe auf dem alten Thurm in meinem Schlosse. Die Aussicht von seiner Zinne ist aparte schön und auch 'was weit, so daß Einer mit einem guten Mond- oder Sonnengucker von der neumodischen Manier bis halb an's Ende der Welt sehen kann. Und unten zu Füßen liegt die schöne Gotteswelt mit all ihren Freuden und Leiden. Da rauchen die Schornsteine, die Bienen fliegen summend über das Wiesenfeld, und wenn die Sonne in Gold geht, brennen Wald und Thal, also, daß ich mich einmal recht deutlich an die Stelle Mosis versetzen konnte, als er in Rauch und Flamme den Herrn sah. »Nun, mein Sohn, ich denke, bis jetzt bist Du zufrieden mit Deinem alten Vater. Ich thu' nur, was ich vor meinem Gewissen verantworten kann, und weil selbiges etwas eng gerathen, fällt's mir wohl schwer zu Zeiten ohne lange Ueberlegung alsogleich zu jeglichem Vorschlage beistimmend zu nicken. Ich thu's gern, wo ich die Handhabe sehe, die mich steuert und trägt, wenn der Fuß straucheln will. »Die Mutter ist, Gott Lob, wohl auf, aber immer 'was still, die Geschwister thun ihre Pflicht. Die Florel hat einen Jungen, der Otto heißt, und wär's einer kaiserlichen Prinzessin Junge, wohl auch 'mal Otto der Große heißen könnte. Mein Herr Mirus hat Gevatter gestanden, Gott wolle es ihm lohnen! »Letzthin sind böse Geschichten hier vorgefallen, die mir Sorge und Unruhe genug machen. Es läuft eben viel schlechtes Gesindel herum auf Gottes Erdboden, und mancher, der ein gefälteltes Jabot trägt oder gar einen gekrausten Busenstreifen und brillantene Hemdeknöpfe, ist ein größerer Schuft, als solch ein armer Teufel, der wegen ein paar im Zwielicht ausgegrabener Kartoffeln auf dem verkehrten Ackerbeet in doppelfarbiger Hose und Jacke die Gasse kehren oder Holz schlagen muß. »Da wäre ich wohl fertig. Fällt mir just nichts von Wichtigkeit ein. Also lebe wohl und halte Gott vor Augen und im Herzen. Guten Wind zur Heimkehr! Apropos, die Florel möchte gern eine indianische Halskette haben. Schaff's, wenn Du kannst, sollt' es Dich auch ein paar holländische Ducaten kosten. Das Weibervolk bleibt in alle Ewigkeit eitel und mithin zugänglich den Verführungskünsten, die uns das Paradies gekostet haben. Zur nächsten Kirmes, die auf Weltenburg gefeiert werden soll, will sie's tragen, das närrische Mädel Weib wollte ich sagen. Nochmals Gott befohlen. Empfange den Segen Deines alten Vaters, und laß Dich mit Heiden und Menschenfressern nicht in gefährliches Tractiren ein. Dein treuer Vater Ammer.«         Dieser Brief beruhigte Fürchtegott und erfüllte seine Brust mit neuen und schöneren Hoffnungen. Ja, das war sein wunderlicher, so starrer und doch wieder so körniger Vater. Derb, geradezu, voll Sonderbarkeiten, aber doch ein seelenguter Mensch alten Schlages, alter Zeit. Fürchtegott wollte anfangs antworten, bald jedoch besann er sich eines Andern, da er sich sagen mußte, sein Brief würde die Heimath nicht früher erreichen, als ihm dies unter günstigen Witterungsverhältnissen persönlich möglich sei. Freute es nun Fürchtegott, die Schatten sich verziehen zu sehen, die bisher eine kalte und störende Scheidemauer zwischen ihm und dem Vater gebildet hatten, so glaubte er doch den Rathschlägen desselben nicht geradezu wörtlich und nach allen Seiten hin nachkommen zu müssen. In diesem Punkte fühlte sich Fürchtegott beinahe verletzt, denn er, der Heimische in beiden Hemisphären, mußte doch ein sichereres Urtheil über die Verhältnisse in der alten wie in der neuen Welt haben, als ein Mann, der kaum je über die Grenzsteine seines Geburtsortes hinausgekommen war und dessen Blick nur an das Nahe, Alltägliche, Greifbare gewöhnt, das Ferne unmöglich richtig und vorurtheilsfrei aufzufassen vermochte. Aus diesem Grunde legte der junge Ammer gar kein Gewicht auf die Schlußäußerung in seines Vaters Briefe. Mit Heiden und Menschenfressern, wie Ammer sich ausdrückte, zu tractiren, hielt er gerade jetzt für äußerst gewinnbringend. Das war auch trotz aller herrnhutischer Phrasen die Meinung, ja der bestimmte Rath Wimmer's, und darum glaubte Fürchtegott nichts Besseres thun zu können, als wenn er seine Absicht ohne Säumen sofort zur That werden lasse. Eine mehrere Stunden dauernde Unterhaltung mit dem phlegmatischen Holländer Vanderholst, einem gewiegten, bei aller Vorsicht aber unternehmenden Kaufmann, bestärkte unsern Freund noch in seinem Vorhaben, Vanderholst führte die Agentur des Hauses »Ammer Söhne \& Compagnie« in Paramaribo und ganz Surinam, und mußte schon deßhalb zu Rathe gezogen werden. Sehr befriedigt kehrte Fürchtegott von diesem Geschäftsgange zurück, ging an den Hafenquai und ließ sich an Bord seines Schiffes »das gute Glück« rudern, um Rücksprache mit dem Capitän zu nehmen; denn es war sein Plan, Surinam unmittelbar nach Einnahme der Rückfracht zu verlassen. Diese Rückfracht sollte diesmal aus Artikeln bestehen, von denen sicherlich nur geringe Quantitäten auf europäischen Märkten vorhanden sein konnten. Namentlich fiel Fürchtegott's Augenmerk auf die schon erwähnten Decken von Palmbast, ferner auf Gewebe von zarten Fasern der Kokusnußpalme, auf Rohrgeflechte von eigenthümlich schönen Formen, und endlich auf gestickte Gürtel, in deren Verfertigung die indianischen Frauen Meisterinnen waren. Alle diese Artikel ließen sich höchst vortheilhaft eintauschen gegen Glasperlen und bunte Tuchstücke. Letztere verarbeiteten die Indianer zu schurzartigen, kurzen Röcken, und zwar nicht ohne Geschmack, obwohl dieser etwas von dem des civilisirten europäischen Salonmenschen abweichen mochte. Alle Indianer, besonders die noch nicht von den evangelischen Missionären bekehrten, gaben ihre kostbarsten Besitzthümer für derartige Tuchstücke hin, und bildeten sich etwas Rechtes ein, wenn sie, gleich Harlekinen, die hohe Federkrone auf dem Haupte, in so bunt schillernder Tracht einherstolziren konnten. Einigemale ließen sich so wunderlich aufgeputzte Häuptlinge selbst in Paramaribo sehen, wahrscheinlich um den handeltreibenden Europäern in ihren einfarbigen grauen oder braunen Röcken durch ihr Erscheinen recht zu imponiren. Sie sahen wenigstens mit wahrer souveräner Verachtung auf dieselben herab, bemerkten aber dabei freilich nicht, daß diese verachtenden Blicke mit einem sehr klugen und milden Lächeln entsprechend erwidert wurden. So vergingen einige Wochen unter angestrengter, doch nicht ermüdender Thätigkeit. Fürchtegott hatte ungemein viel anzuordnen. Bald mußte er da, bald dort seine Meinung abgeben. Hier trug ihm ein allzu vorsichtiger Mann sein Bedenken vor, dort traute man der in der kaufmännischen Welt noch so wenig bekannten und deßhalb nicht hinlänglich accreditirten Firma nicht. Alle diese verschiedenen und nicht immer angenehmen Geschäfte abzuwickeln, bedurfte es der ganzen Energie des jungen Kaufmannes und Rheders, um dennoch rasch und glücklich zum Ziele zu kommen. Gewöhnlich genügte eine einmalige Rücksprache der Bedenklichen mit Fürchtegott und ein Vorzeigen der von Graf Alban erhaltenen Empfehlungsbriefe, womit unser Freund nicht sehr sparsam war, schon weil es seinen Ehrgeiz, seine Eitelkeit kitzelte, ein anfangs kühles oder barsches Entgegenkommen durch Anwendung dieses, jederzeit praktischen Mittels in die devoteste Ergebenheit umschlagen zu sehen. Endlich war Alles geordnet. Die Ladung im Schooner war gestaut, der Capitän wartete nur auf eine frische Brise, um den Hafen von Paramaribo verlassen zu können. Fürchtegott's Unruhe wuchs mit jeder Stunde, denn noch immer harrte er vergebens auf Briefe von Erdmuthe Gottvertraut, ohne die er unmöglich die Küsten Surinam's verlassen durfte. Der Capitän drängte zur Eile, er drohte sogar, absegeln zu müssen ohne den Rheder, wenn dieser sich noch länger weigere an Bord zu gehen. Zum Glück schlug in dieser großen Bedrängniß der Wind plötzlich um, es trat völlige Windstille ein, verbunden mit furchtbarer Hitze, die eine Sistirung aller Geschäfte, so weit sie nicht völlig unabweisbar waren, nöthig machte. So unwohl sich körperlich auch Fürchtegott in dieser ihn träg und brühwarm umfluthenden Atmosphäre befand, diesmal dankte er dem tropischen Clima, daß es sich als Retter in's Mittel gelegt hatte. Und wirklich, noch während die infernalische Temperatur unbeweglich über Stadt und Land ihre glühenden Fittiche ausgebreitet hielt, langte ein Bote Erdmuthe's mit den verheißenen Briefen an Graf Alban und die Aeltesten der Brüdergemeinde an. Was diese, wie es den Anschein hatte, sehr umfangreichen Schreiben enthalten mochten, war in diesem Augenblick Fürchtegott völlig gleichgiltig. Er sah nur zu, ob in dem Paquet nicht ein Brief für ihn liege, und da er nicht umsonst darnach suchte, erbrach er das fein zusammengefaltete Papier mit Ungestüm und durchflog es mit gierigen Blicken. Erdmuthe schrieb: »Mein Freund und Bruder! »Ob ich Recht oder Unrecht thue, indem ich an Dich, bevor Du diesen Welttheil verläßest, noch einige Worte richte, mag Der entscheiden, dessen Name über alle Namen ist. Im Geist gehöre ich Dir an durch Gedanken und stilles Gelöbniß; ich bin vor Gott, dem Allwissenden, Deine Braut, Fürchtegott, allein bis diesen Augenblick kann nur das allsehende Auge Gottes von unserm in der Einsamkeit und der heiligen Stille der Nacht geschlossenen Herzensbunde etwas wissen. »Noch weiß ich nicht, ob mich der Heiland, wenn ich dereinst vor ihm erscheine, dieses Herzensbundes halber frei sprechen wird. Er sagt freilich, die Liebe solle alle Menschen umschlingen, aber er meint jene allgemeine Nächstenliebe, die ein Ausfluß Gottes ist und in der wir athmen, von der wir leben. »Doch darüber wollen wir nicht rechten, noch grübeln, schon weil keine Zeit dazu gegeben ist. Mich drängt es, nochmals mein Herz auszuschütten vor Dir, mein Bräutigam vor dem Herrn, ehe Du Dich hinauswagst in die große, wilde Wasserwüste, die schon das Grab zahlloser Tausende geworden. Ich habe Dir noch eine Bitte vorzutragen, die Du beherzigen wirst, weil Du mich liebst. »Siehe, mein Bruder, die Magd, welche der Herr gerufen hat in seinen Weinberg, daß sie die Trauben lese von den fruchtbaren Reben und die unfruchtbaren mit dem Wasser der Hoffnung und des Glaubens tränke, sie ist jetzt niedergeschlagen und irrt nicht selten einsam durch die Nacht, um Trost zu finden im Aufblick zu dem gestirnten Himmel, der ihr noch immer ein gar starker Halt gewesen ist in bangen Tagen. Aber seit ich, eine Sendbotin des Erlösers, nun Braut und Geliebte eines Erdensohnes, ihm nicht mehr allein, ja wohl zu wenig angehöre, seitdem trösten mich die Sterne nicht, und der Thau, welcher die Erde netzt, dient meinem Herzen nicht mehr zum lindernden Balsam. Ich fürchte, daß ich eine Unwürdige geworden bin vor dem Herrn, und eben weil ich dies glaube, bitte ich Dich, bei dem hochwürdigen Herrn Bischof oder dem vielvermögenden Grafen Alban ein Fürwort für mich einzulegen. Gram und Kummer und ach ich muß es gestehen Gewissensbisse müßten mich verzehren, müßte ich es selbst ansehen, wie ich, eine Unwürdige, aus der Gnade des Herrn Entlassene, die Schöpfung, welche ich begründet, selbst wieder zerstörte! Das kann weder der Herr, unser Aller Vater und Richter, wünschen, noch könnten es die Aeltesten der Gemeinde verantworten, wenn sie einer so schwachen Kraft so Großes ohne Unterstützung überlassen wollten. »Aus diesen Worten, mein Freund, wirst Du errathen, für welches Anliegen ich in dieser wichtigen Stunde Deine wärmste Verwendung erflehe. Ich bin die Aeltesten angegangen, mir einen Gehilfen, einen begeisterten Lehrer und Prediger des Evangeliums zur Unterstützung zu senden, und wie ich die Brüder kenne, werden sie diese Bitte einer Vereinsamten, einer Verwaisten sicherlich nicht abschlagen. »Dich aber, mein Bruder, nehme Gott in seinen hochheiligen Schutz! Mögen die himmlischen Heerschaaren die Raaen Deines Schiffes halten, wenn der Sturmwind sie zu zerbrechen droht, und den Kiel frei und heil hinwegtragen über alle Klippen und Riffe der tückisch rollenden Meerfluth! »Lebe wohl, mein Freund und Bruder! Noch glaube ich Dich wieder zu sehen. Mögen die Tage, die zwischen diesem Schreiben und jenem Augenblicke liegen, den Gedanken des Schöpfers gleichen, vor welchen Jahrtausende nicht mehr sind und nicht längere Dauer haben, als das kaum sichtbare Zucken einer blinzenden Augenwimper! Mit Herz und Seele in ewig treuer Liebe Deine Erdmuthe.«         Von diesem Schreiben war Fürchtegott nicht sehr erbaut. Es verstimmte ihn, ohne daß er sich genaue Rechenschaft über den Grund seiner Verstimmung ablegen konnte. Hätte das Schiff nicht aufgetackelt, jede Secunde des Absegelns gewärtig, im Hafen gelegen, er wäre vielleicht noch einmal in's Innere des Landes vorgedrungen, um zu erfahren, wie Erdmuthe gestimmt sei. Ihn sah aus diesem Briefe mit zweifelhaftem Muthe eine Unschlüssigkeit an, die er bis dahin nie im Charakter der Missionärin bemerkt hatte. Dann glaubte er wieder, sie liebe ihn nicht; es reue sie, daß sie sich ihm gegenüber schwach gezeigt, daß sie sich zu Aeußerungen habe hinreißen lassen, die vielleicht einer Heidenbekehrerin übel ausgelegt werden konnten, wären sie vor Zeugen gefallen. Die Meldung des Capitäns, der Wind sei jetzt günstig und bei nächster Fluth werde er die Anker lichten, verscheuchte diese selbstquälerischen Gedanken unseres Freundes. Es blieb nichts übrig, als sich in Geduld zu fassen. Noch einmal wurden einige Freunde besucht, noch einmal schüttete Fürchtegott sein Herz an der Brust Walters aus, der ihm Muth und Hoffnung zusprach, und bestieg dann die Planken seines Schiffes, das, von frischem Winde erfaßt, rasch hinaustrieb auf die hohe See. An den Mastbaum gelehnt, sah Fürchtegott zurück nach den schön bewaldeten Küsten Surinams, bis sie im rollenden Goldnebel der niedergehenden Sonne seinen Blicken für immer entschwanden. Sechstes Kapitel. Block und Mirus. Um die alterthümlichen Mauern und breiten Schornsteine des Bürgerthurmes in der zum Flusse abwärts führenden Gasse heulte der Weststurm. Dicke, schwere Regenwolken zogen in unabsehbaren, immer von Neuem sich ergänzenden Geschwadern über die Bergkämme und entluden sich in wahren Sturzbächen. Der finstere, schaurige Abend verödete frühzeitig die Straßen der Stadt, die sonst vom Verkehr stark belebt waren. Selten eilte hart an den Wänden der Häuserreihen eine einzelne Person fort, um nicht unter die Rinnenausgüsse zu gerathen, die aus gräulichgestalteten blechernen Schlangen- und Drachenköpfen das von den Dächern zusammenströmende Wasser weit auf die Straße hinabschleuderten. Aus einem stark vergitterten Fenster des erwähnten Bürgerthurmes schimmerte trüber Lampenschein in die stürmische, finstere Regennacht. Der matte Schimmer lief aber nur über spitze Dächer fort, erklomm Brandmauern und Schornsteine und beleuchtete höchstens auf Liebesabenteuer ausgehende Kätzchen, von der Straße aus konnte ihn Niemand bemerken. Gerade unter diesem Thurmfenster ging gemessenen Schrittes, in ihren Mantel gehüllt, eine Schildwache auf und nieder. Im besten Zimmer des Bürgerthurmes, das weder geräumig, noch mit übertriebener Eleganz ausmeublirt war, saß an vierecktem Eichentisch, auf einem Schemel mit steifer Lehne Advocat Block, beschäftigt, bei der schlecht brennenden Lampe sich die Langeweile mit Lesen zu vertreiben. Es war ein großer Foliant, der vor ihm lag, und da es uns erlaubt ist, unsichtbar an den Advocaten hinanzutreten und über seine Schulter einen Blick in das Buch zu werfen, bemerken wir, daß es die Fahrten und Thaten des vielberüchtigten Lips Tullian sind, in denen Advocat Block allem Anscheine nach sehr eifrig studirte. Der Gefangene, dessen hagern, spärlich beharrten Scheitel die hohe, schwarze Sammetmütze bedeckt, ist bleich, seine Züge sind hart, die buschigen Brauen verdecken das kleine, graue Auge, das ihm geblieben ist, fast ganz. Dem Anscheine nach ist er voll Aerger und Ingrimm, nicht aber niedergeschlagen. Der höhnische Zug um den Mund, der etwas Diabolisches hat, deutet auf allerhand kühne Entwürfe, die der gewandte und gefürchtete Rechtsgelehrte in seinem erfinderischen Kopfe trägt. Block ist, wie wir wissen, eingezogen worden, weil der Verdacht auf ihm ruhte, den im Rohr aufgefundenen Grenzjäger erschlagen, oder doch bei dieser Mordthat sich betheiligt zu haben. Seit jenem Tage galt er dem Volke für den Mörder, und Jedermann bezeichnete ihn als solchen, vielleicht, weil gerade die Menge der Ansicht war, derjenige, dem es leicht sei die schwierigsten Processe zu führen, ohne genau die Moral dabei ängstlich zu Rathe zu ziehen, könne allenfalls wohl auch selbst eine verbrecherische Handlung begehen. Es waren bereits Monate vergangen, Block hatte wiederholte Verhöre zu bestehen gehabt, allein bis jetzt konnte der Untersuchungsrichter des erreichten Resultates sich nicht eben rühmen. Der schlaue Advocat leugnete einfach die That, behauptete, man begehe himmelschreiendes Unrecht, daß man überhaupt ihn eines so abscheulichen Verbrechens für fähig halten könne, und wußte alle an ihn gestellte Fragen mit einer Schärfe, Kaltblütigkeit und wohlberechneten Feinheit zu beantworten, daß dem Inquirenten selbst der Angstschweiß dabei ausbrach. Zweierlei nur verdächtigte den Advocaten schwer und gestattete seine Entlassung selbst gegen Erlegung bedeutender Caution in keiner Weise. Dies war die Unmöglichkeit, sein Alibi nachzuweisen, und der auf dem Mordplatze aufgefundene übersponnene Knopf. Dieser Knopf fehlte auf dem aller Welt bekannten Rocke des Advocaten, dieser Knopf war unbedingt im Kampfe abgerissen, dieser Knopf endlich war den übrigen am Rocke befindlichen vollkommen gleich. Die Auffindung desselben leitete auch zuerst die Aufmerksamkeit auf Block und gab die erste Veranlassung zu seiner Vorladung und Verhaftung. In Berücksichtigung seiner bürgerlichen Stellung gestattete man dem Gefangenen mancherlei Andern entzogene Vergünstigungen. Man gewährte ihm Licht, Schreibmaterialien und Bücher. Dagegen bewachte man ihn doppelt scharf, indem man ihm eine Wache unter das Fenster seines Gefängnisses, eine zweite unmittelbar vor die Thüre des Kerkers stellte. Von diesen Vergünstigungen machte nun auch der Advocat den weitesten Gebrauch, nur wunderte sich Jedermann über den seltsamen Geschmack, den der Gefangene hinsichtlich der von ihm begehrten Lectüre entwickelte. Block las, anstatt wissenschaftliche, juristische Bücher zu begehren, fast nur Biographien großer Verbrecher. Was ihn veranlaßte, sich gerade in diese Art Lectüre zu vertiefen, erfuhr natürlich Niemand. Die Rathhausuhr, deren Glockenschelle zersprungen war, hatte eben mit blechern klingendem, schrillendem Tone halb neun geschlagen, als der Gefangene sehr stark mit dem schweren, metallenen Widderkopfe an die Eingangspforte des Bürgerthurmes klopfen hörte. Dies war nichts Seltenes, da der Gefangenmeister häufig neuen Gästen, wenn auch oft nur auf wenige Stunden, Herberge in seinem Revier anweisen mußte. Bald darauf aber hörte Block auf dem Gange mehrere Stimmen, die Wache schulterte und präsentirte sodann, wie das Klirren des Gewehres ihm verrieth, und gleich darauf ward die Thüre seines Kerkers geöffnet. Eine Stimme, in der er den Stadtrichter erkannte, sagte zu einem Andern: Also zwei Stunden! Auf Wiedersehen! Ohne zu antworten, trat eine Person in's Gefängniß, die Thür ward verschlossen und der Advocat fand sich jetzt gemüßigt, langsam zur Seite zu sehen, seinen Sitz zu verlassen und mit erhobener Lampe dem unerwarteten Besuche entgegen zu leuchten. Bestürzt trat er rasch wieder zurück, setzte, nicht ohne einen Anflug von Zittern, die Lampe auf den Tisch und lehnte sich selbst, die Arme über der Brust kreuzend, gegen denselben. Sie, Herr Mirus? sprach er mit verhaltenem Groll. Sie besuchen mich, und noch dazu so spät am Abend? Haben Sie etwa in Ihrer Feindseligkeit gegen mich einen neuen Moment aufgefunden, um mich gründlich zu verderben? Wäre dies meine Absicht, Herr Advocat, erwiderte Kaufmann Mirus, so stände ich nicht hier. Ich wüßte dann andere Wege einzuschlagen. So sprechend, schritt er dann ebenfalls nach dem Tische, umging diesen und setzte sich auf die an der Wand befindliche Pritsche, wo für den Bewohner dieser Zelle das Nachtlager aufgeschlagen war. Mit Erlaubniß, sagte der Kaufmann. Es ist ein widerwärtiges Wetter draußen, der Sturm versetzt einem den Athem, und ich bin schier müde geworden. Ich muß es wohl erlauben, versetzte Block mürrisch. Ein Gefangener hat ja keinen Willen. Mirus überhörte diese Bemerkung oder vielmehr er wollte sie nicht hören, und sagte: Sie wundern sich, Herr Advocat, mich hier zu sehen? Ja, das thue ich wirklich, und wie ich glaube, mit sehr gutem Grunde. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr in sehr ernstem Tone der würdige Kaufmann fort, ich habe meinerseits gar keine Ursache, Ihnen gefällig zu sein. Wo Sie bisher konnten, traten Sie mir in den Weg, legten mir heimlich Fallstricke, suchten mich auf alle erdenkliche Weise zu schädigen. Advocat Block lächelte giftig, rieb sich vor Vergnügen die Hände und sagte in seiner Art glücklich: Ja, das that ich, bei Beelzebub! – denn ich will den Namen Gottes nicht unnützlich im Munde führen und ich bedaure nur, daß ich Ihnen nicht noch schärfer auf Ihr zähes Fell habe rücken können. Aber es geschah Alles auf dem Wege Rechtens und Sie waren deßhalb nicht im Stande, mit Ihren armseligen Pfuschern von Advocaten mir persönlich etwas am Zeuge zu flicken. Man thäte demzufolge wohl ein gutes und gottergebenes Werk, erwiderte Mirus, wenn man geruhig zusähe, wie Sie für so viel Schlechtes, das Sie unter dem Deckmantel des Gesetzes straflos ausübten, jetzt endlich gehangen würden? Block riß sein einziges Auge so weit auf, als er konnte, und indem er seine lange, hagere Gestalt weit über den Tisch vorbeugte, daß sein Gesicht scharf von der Lampe beleuchtet ward, sagte er: Das ist eben der Spaß. Man möchte wohl, aber man kann nicht! Dabei lachte er heiser in sich hinein und rieb sich abermals selbstzufrieden die magern, knochigen Hände. Was würden Sie wohl thun, Herr Advocat, nahm Kaufmann Mirus wieder das Wort, wenn Sie diesen Käfig für immer verlassen könnten? Ich würde einen satanischen Proceß gegen unsere Criminaljustiz führen und mich freuen, wenn ich sie bei unserm Landvolke um allen Credit brächte. Haben Sie Hoffnung frei zu werden? Geht Sie das etwas an? Oder können Sie etwas dazu thun? Vielleicht, sagte Mirus trocken. Vielleicht? wiederholte Block. Ich möchte doch wissen, wie Sie das anfangen wollten. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr der Kaufmann fort, obwohl Sie es um mich nicht verdient haben, daß ich nur einen kleinen Finger Ihrethalben krümme, widersteht es doch meinem angeborenen Rechtsgefühle und meinem guten Gewissen, Jemand, und wär' es auch mein Feind, unschuldig leiden zu sehen. Ich bewundere Ihr Zartgefühl, warf der Advocat mit höhnischem Zucken der Lippen ein. Also Sie wissen, daß ich unschuldig bin, und können es beweisen? Ja, Herr Advocat, das kann ich, sagte Mirus fest, aber nur, wenn Sie zuvor einen Pact mit mir schließen. Ich würde mich dabei am Ende dem Teufel selbst verschreiben müssen, versetzte Block. Aber lassen Sie hören. Ich sage Ihnen im Voraus, ich bin egoistisch, sehe nur auf mein Bestes und mache mir nichts daraus, wenn ein paar Andere dabei zur Hölle fahren. Was haben Sie zu proponiren? Herr, ich muß Ihr sagen, wenn Sie mir statt eines Eides in diese meine reine Hand geloben, künftig keine ungerechte Sache mehr anzunehmen, und vor Allem, in keinerlei Weise, unter keiner Bedingung, nicht für Berge von Gold dem Herrnhuter Lazarus Wimmer mehr zu dienen, mache ich mich anheischig, Sie aus Ihrer Haft zu erlösen und stehe dafür ein, daß die Ehre Ihres Namens unbeschädigt bleibt. Das können Sie nicht, sagte der Advocat brummig. Der Kaufmann Mirus, mein Herr Advocat, kann immer was er sagt. Weßhalb verlangen Sie, daß ich Wimmer nicht mehr dienen soll? fragte Block lebhaft. Ist er schlechter als hundert Andere? Ist sein Geld leichter? Führt er etwa ungerechte Processe? Nein, das thut er nicht. Dazu ist der Herrnhuter viel zu vorsichtig. Man kann aber andern und zwar grundbraven Leuten schaden, ohne mit ihnen zu processiren! Das versteh ich nicht, erwiderte Block. Wimmer ist mein Client, so gut wie Andere, und wenn ich dereinst frei werden sollte und man mir die Praxis nicht legt, so werde ich meinen juristischen Beistand dem Herrnhuter nicht entziehen. In diese Lage werden Sie, beharren Sie auf Ihrem Eigensinn, niemals kommen. Ich bedaure gestört zu haben. Mirus stand auf und schritt der Thür zu. Block folgte ihm mit seinem giftigsten Blick. Als der Kaufmann schon die Hand erhob, um anzuklopfen, sprach der Advocat. Vergleichen wir uns, Herr Mirus. Dieser wendete sich gleichgiltig halb um, indem er sagte: Was bieten Sie? Meine Hand, daß ich Sie künftighin Frieden lasse. Ist zu wenig. Ich will Herrn Wimmer an einen andern Rechtsgelehrten empfehlen. Wäre ein maskirtes Geschäft. Nein, Herr Advocat, offenes Geschäft, gutes Geschäft! Sie brechen für immer mit Wimmer und seinem ganzen Anhange, besonders auch mit dem Grafen Alban, und dienen dagegen mir und meinen Freunden, wenn ich es verlange. Ach, das ist etwas Anderes, sagte Block ungleich geschmeidiger. Das ist ein rechtlicher Clientenwechsel, wogegen sich nichts einwenden läßt, und die Firma Mirus hat meines Wissens noch immer recht einträgliche Processe geführt. Unter dieser Bedingung bin ich der Ihrige, versteht sich, daß Sie zuvor Ihr Versprechen erfüllen können. Mirus hatte sich wieder auf die Pritsche an der Wand gesetzt und der Advocat nahm Platz auf seinem Schemel. Sind Sie jetzt zufriedengestellt? fragte Block nochmals. Ich denke, daß ich es sein kann, versetzte der Kaufmann. Also, Ihre Hand! Da ist sie, sagte Block, und zwar ohne Rancüne. Ohne Rancüne! Jetzt hören Sie mich an! Sie erinnern sich gewiß noch des Tages, an welchem die Verordnung wegen Verbot des Lottospieles herauskam. Hatten Sie an jenem Tage nicht Besuch von zwei Männern aus dem Grenzdorfe ***? Der Advocat sann einige Zeit nach und bejahte alsdann. Kannten Sie jene Männer? Sie waren nie früher bei mir gewesen. Wissen Sie, was sie wollten? Sehr genau. Sie fragten, ob es möglich sein werde, auf dem Wege der Petition die erwähnte Verordnung rückgängig zu machen. Und was sagten Sie darauf? Ich rieth den Narren, sie sollten trotz des Verbotes spielen, sagte der Advocat ärgerlich. Werden Sie nicht ingrimmig, sprach der Kaufmann weiter. Ich kann Ihnen jetzt noch mehr sagen. Sie ertheilten jenen Männern, deren Namen Sie nicht wußten, nicht nur den eben zugestandenen Rath, sondern Sie spielten selbst das verbotene Spiel und besetzten gleiche Nummern mit denselben. Da Mirus schwieg, fragte Block: Nun, und was weiter? Jene Männer, welche sehr nöthig Geld brauchten, fuhr Mirus fort, ersannen eine List, die zu sicherm Gewinn führen mußte. Sie hatten Vertraute im Königreich, ebenfalls geldbedürftig, wie sie selbst, unternehmend dabei, tollkühn und im Nothfall zu jeder That entschlossen. Mit diesen setzten sie sich in Verbindung und verabredeten untereinander, daß sie von den Gipfeln der Berge eine Art Correspondenz unter sich mit Flaggen und solchen Dingen einrichten wollten. Auf die Weise ließen sich im Augenblick der Ziehung die herausgekommenen Nummern besetzen und es war also bisweilen, denn oft konnte man diesen Schritt nicht wagen ein Gewinn zu machen. Mirus hielt inne und beobachtete den Advocaten, der ruhig an seinem Tische saß und unverwandt in das aufgeschlagene Buch blickte. Da Block nichts erwiderte, fuhr der Kaufmann fort: Ein Grenzjäger, der Paschern auflauerte, bemerkte zufällig diese Signale, ward aufmerksam, schlich vorsichtig den Operirenden näher und entdeckte das trügerische Spiel. Um sicher zu gehen, zog er sich wieder zurück, machte aber gehörigen Orts Anzeige davon. Man beauftragte ihn, seine Beobachtungen fortzusetzen, und wenn abermals das Signalisiren geschehen würde, die dabei Betheiligten festzunehmen. Noch wußte weder jener Gensdarme noch die Behörde, was eigentlich mit dem Aufziehen verschiedenfarbiger Fähnchen und in einer bestimmten Ordnung, Größe und Form bezweckt werden sollte; deßhalb umstellte man die Berghöhen, auf deren Gipfeln die Unbekannten in so seltsamer Weise miteinander correspondirten. Am Abend vor dem Tage, wo man den Todten im Rohr fand, fuhr eine einspännige Kalesche in das Grenzdorf *** und hielt daselbst vor dem Wirthshause. Es stieg ein einzelner Mann aus in einem langen grauen Rocke, der durch seine fast thalergroßen, mit feiner, grauer Seide übersponnenen Knöpfe sich auszeichnete. Jedermann erkannte in dieser respectablen Persönlichkeit den berühmten Rechtsanwalt Block, dem es wohl schwerlich einfallen wird, leugnen zu wollen, daß an genanntem Tage seine Anwesenheit wegen eines aufzusetzenden Testamentes in dem Gerichtskretscham zu *** nöthig war. Ich habe dies nie in Abrede gestellt, bemerkte Block, und eben weil ich dies nicht kann, auch mein Weg genau an dem Mordplatze vorüberführte, bin ich in so schlimmen Verdacht gerathen. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach Mirus ernst und würdevoll, wäre ich an der Stelle des Advocaten gewesen, so hätten sie mich nicht in den Bürgerthurm gesteckt. Vielleicht aber kann der Advocat den Grund recht genau angeben, weßhalb es geschah und geschehen mußte? Und wenn er diesen Grund nicht angeben will, fragte Block, den Kopf hochmüthig in den Nacken werfend, wird man ihn dazu zwingen können? Advocat Block kennt die Gesetze; er weiß sehr genau, daß man ihn nach langem Inquiriren und Torquiren zuletzt aus Mangel mehreren Verdachts freisprechen muß. Kann sein, meinte der Kaufmann, um die Praxis aber und um den guten Namen möchte es dann geschehen sein. Block lachte höhnisch und schlug sich dann auf die Tasche. Ehre und Achtung läßt sich, wie Alles in der Welt, mit Geld kaufen. Auch würde Advocat Block so dumm nicht sein, in diesem Neste von engherzigen Philistern seine noch übrigen Lebenstage zubringen zu wollen. Mirus zuckte die Achseln. Mir würde das jede Stunde verbittern, sagte er, indeß die Ansichten und die Charaktere sind verschieden, und Jeder handelt nach seinen eigenen Gedanken. Der Zufall hat mich nun aber wider Ihren Willen zum Mitwisser dessen gemacht, was nur Sie und noch zwei Andere wissen könnten, und ich will nicht schweigen. Block entfärbte sich ein wenig, behielt aber doch seine kühle, an Gleichgiltigkeit streifende Haltung bei. Sie wollen mich also blamiren? fragte er nach einer Weile. Wenn Sie mich zwingen, muß ich es thun, um mein Gewissen zu salviren. Wer hat mich verrathen? Der Zufall. Dann wissen Sie auch, daß ich unschuldig bin. Weil ich es weiß, sitze ich hier. Block lächelte wieder. Es ist schade, sagte er, daß Sie Gott im Zorn zum Kaufmann gemacht hat. Sie hätten Advocat oder lieber noch Criminalist werden müssen. Niemand kann einen Feind in gehässigerer Weise verfolgen, als Sie. Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Mirus! Sie wollen mich zwar retten, aber ich hasse Sie dessenungeachtet! Soll ich weiter erzählen, erwiderte der Kaufmann, oder wünschen Sie, daß ich mich von hier unmittelbar zum Stadtrichter verfüge? Er ist vorbereitet und erwartet mich, wenn Sie nicht zu erweichen sind. Block kämpfte einen harten Kampf mit sich, endlich sprach er: Sie haben mein Wort, und ein Schuft, der mir nachsagen will, ich hätte, um eine Schwäche zu verbergen, mein Wort gebrochen. Nach einer Pause ernsten Nachsinnens erzählte der Advocat: Während ich zu Abend aß im Gerichtskretscham, kamen jene beiden Männer, die früher das wunderliche Anliegen an mich gestellt hatten. Sie grüßten mich, genossen ebenfalls etwas und gingen dann ihres Weges. Eine Stunde später fuhr ich fort, schlug den Waldweg ein und kam an die bewußte Stelle. Dort stand ein Grenzjäger. Er hielt mich an und suchte nach verbotenen Waaren denn Sie müssen wissen, daß jener Weg die Grenze mehrmals kreuzte und dort gerade wieder ins Land einbog. Da ich nichts Steuerbares bei mir hatte, ließ ich mich in ein Gespräch mit dem Menschen ein. Er war auf den Tritt meines Wagens getreten und schwazte sorglos. Da hörte man ein Pfeifen, die Pferde scheuten und um nicht das Genick zu brechen, griff der Arme nach mir, erfaßte einen meiner Knöpfe und riß ihn mir, da die Pferde fortjagten, gänzlich ab. Gegen einen Baumstamm rennend, schlägt die Kalesche um, aber die wild gewordenen Thiere blieben stehen. Als ich mich aufrappelte, sah ich die beiden Männer vor mir. Sie sahen ängstlich und verlegen aus. Herr Advocat, redete mich der Verwegenste an, Sie könnten uns einen Gefallen thun. Habt Ihr gestohlen? fragte ich barsch. Ungefähr, wie der Herr Advocat auch, sagte der Andere und grinste mich an, daß ich drohend meinen Stock gegen ihn erhob. Keine Gewaltthat, Herr, rief der Erstere. Wir wollen's kurz machen. Ja, Herr, wir haben den Kaiser bestohlen, denn wir beluxten seine Lotterienummern. Das hat uns Geld eingetragen. Die Grauröcke sind uns aber auf den Hacken und lassen uns nirgends durch. Wenn Sie uns aus der Patsche helfen, sind wir gewiß erkenntlich. Nehmen Sie die Nummern an sich, damit die Kerle, wo sie uns betreffen, nichts bei uns finden. Ich nickte stumm mit dem Kopfe, der Sprecher greift in die Tasche und zieht ein paar Papierfetzen heraus. Welche haben gewonnen? frage ich. Die da, sagt er, und zeigt auf ein paar Zahlen, die ich selber besetzt hatte. Da übermannte mich der Aerger, ich kriege ihn an der Gurgel und schüttle ihn, indem ich rufe: Schuft, die Nummern gehören mir! Nun packt der Andere auch zu wir ringen und drängen hin und wieder. In diesem Augenblicke hat der Grenzjäger uns erreicht er weiß schon, um 'was es sich handelt, nennt mich bei Namen, droht uns alle anzuzeigen, erhascht die Nummern und zerreißt sie. Ein paar Knittelhiebe treffen seinen Kopf durch den einen der mir bekannten Männer ich sehe, daß es Ernst wird, rufe Hilfe und eile von dannen, um zu sehen, ob ich meines Kutschers habhaft werden kann. Aber ich verfehle den Weg, höre immerfort schreien, kehre um, erreiche den Ort des Kampfes und finde die verröchelnde Leiche! Die Männer waren verschwunden. Mir schien es, als rausche es überall in den Büschen. Mein Gott, denke ich, trifft man dich hier, so giltst du für den Mörder, denn ich sah wahrlich nicht zum Besten aus, hatte Schrammen im Gesicht und an den Händen. So renne ich denn dummerweise über Stock und Stein auf und davon, und treffe erst eine gute Viertelstunde waldabwärts meinen Wagen. Der Kutscher sieht mich verwundert an. Na, sagt er, Sie haben bei der Balgerei wohl auch 'was abgekriegt? Balgerei? antworte ich, was fällt dir ein? Ach, ich hört' und sah es ja, wie Sie den Kerl um die Ohren schlugen! Damit steigt er ein und wir fahren weiter. Ich treibe zur Eile an, komme auch glücklich nach Hause, höre aber schon am andern Mittag, daß man im Rohr einen erschlagenen Grenzjäger gefunden habe. Abends um acht tritt der Gerichtsdiener ein und ladet mich zum Stadtrichter. Das Andere wissen Sie. Von alle dem haben Sie dem Richter nichts erzählt? fragte Mirus. Daß sie mich hätten hängen können? fuhr Block auf. Glauben Sie, ich füge zur Unvorsichtigkeit auch noch die Dummheit? Die beste Vertheidigung in meiner malitiösen Lage war kluges Schweigen und keckes Leugnen. Es sprach Alles gegen mich, meine blutigen Hände und mein zerkratztes Gesicht; es hätte auch noch der Aussage des Kutschers und des verfluchten Knopfes bedurft, um mich zum Mörder zu stempeln. Mit einem einzigen von so vielen Indicien hätte ich den ehrlichsten Kerl von der Welt an den Galgen gebracht. Die beiden Männer aber, deren Namen ich nicht wußte, und von denen nie wieder die Rede war, konnte ich nicht zur Stelle schaffen, wenn nicht ein Ungefähr sie der Gerechtigkeit in die Hände lieferte. Herr, ich muß Ihr sagen, fiel Mirus dem Advocaten in's Wort, das Ungefähr ist eingetreten, und weil mir's scheint, als wolle Gott seine Hand noch nicht ganz von Ihnen abziehen, hat er mich, Ihren Todfeind, in dieser ernsten Sache zum Mittelsmann gemacht. Die Mörder sind der That geständig, gestraft aber können sie nicht werden, denn ihr Mund ist verstummt auf ewig! In Block's gewöhnlich eisig kalten Zügen ward jetzt eine Bewegung sichtbar, die eine schwache innere Rührung anzeigen konnte. Wär' ich ein Herrnhuter, sagte er, so würde ich die Hände falten, die Augen verdrehen und de- und wehmüthig ausrufen: O, du mein Herr und Heiland, wie danke ich dir für diese unverdiente Gnade. Da ich aber nur ein schlichter Advocat bin, ein sogenannter Höllenbrand, wie Viele meinen, so frage ich Sie: Wie zum Teufel sind Sie zur Kenntniß dieser Umstände gekommen? Gottes Fügung oder die göttliche Vorsehung hat das so angeordnet, erwiderte Mirus. Es würde Ihnen deßhalb ganz wohlanständig sein, Herr Advocat, wenn Sie sich ein wenig demüthigen wollten vor dem Herrn, der sich in seiner Langmuth gnädig gegen Sie bewiesen hat. Aber es ist nicht meines Amtes, den Fürsprecher und Moralprediger zu machen und da Ihnen, wie ich sehe, Ihr Spitzkopf unter der Mütze schon zu heiß wird, will ich ordnungsgemäß berichten und meines mir von einer höheren Macht gewordenen Auftrages mich vollends entledigen. Ich bin begierig, die Wendung zu erfahren, die mich in den Augen der Welt wieder ehrlich macht, sprach Block, schon wieder in seinen spöttischen Ton verfallend. Mich riefen vor einigen Tagen Geschäfte nach G... zum Fabrikanten M..... erzählte Mirus, dem ich schon vor längerer Zeit Aufträge ertheilt hatte. Während ich, ganz vertieft in unsere Angelegenheiten, mit dem mir wohlbekannten Manne mich unterhalte, tritt der Nachbar ein mit der Meldung, drei Häuser weiter liege ein Mann in den letzten Zügen. Er sei von einem Baume gestürzt, dem er die Wildzweige habe stutzen wollen, und erwarte nun mit zerbrochenem Rückgrat unter heftigen Schmerzen seine Auflösung. Man habe schon zum Pfarrer geschickt, auch einen Reitenden abgefertigt, um den zunächst wohnenden Arzt herbeizurufen. Der Verunglückte aber winde sich in entsetzlichen Körper- und Seelenschmerzen auf seinem Lager, verlange Gerichtspersonen und Zeugen, und stoße wiederholt die Worte aus: Advocat Block! Der unglückliche Advocat Block! Diese Erzählung machte mich stutzig. Wenn's erlaubt wäre, sagte ich zu M....., so möchte ich den Mann wohl sehen. Allem Vermuthen nach hat er ein Geständniß abzulegen, sein Gewissen zu erleichtern von einem Geheimniß, ehe der Tod ihn ereilt. Sollte er den Advocaten Block genauer kennen? Sollte er über ihn etwas wissen? Block ist ja des Mordes an dem Grenzjäger so gut wie überführt, sprach M..... Aber nicht geständig! bemerkte ich. Das ist merkwürdig, sagte M....., zieht sich seine Jacke an und winkt mir. Kommen Sie nur mit, spricht er, der Mann verlangt nach Zeugen. Sie sind hier allen Leuten bekannt, Ihr Name ist als der eines Ehrenmannes geachtet weit und breit; man kann Ihnen als meinem Freund den Zutritt nicht wehren. So gingen wir denn selbander in das bezeichnete Haus, vor dessen Thür sich schon ein Trupp Neugieriger gesammelt hatte. Gleichzeitig mit uns erschienen die Gerichtsleute, ein paar Minuten später der Pfarrer. Wir traten in eine niedrige, dunstige Stube, eine ächte Weberstube. Auf der Ofenbank auf einer Pferdedecke oder »Kotze«, wie der Bauer sich ausdrückt, lag der Verunglückte mit bleichen, verzerrten Zügen. Der Todesschweiß hatte dem armen Manne eine Krone durchsichtiger Perlen um die Stirn geflochten, die ihn mehr drücken mochten, als weiland den Herrn die stachliche Dornenkrone. Der Mann ächzte und stöhnte, daß es einen Stein hätte erbarmen können. Und dazwischen rief er stammelnd: Advocat Block! Ach, der arme Block! Kennt Jemand von den Anwesenden den Advocaten? fragte jetzt der Dorfrichter, und da Niemand Antwort auf diese Frage gab, trat ich vor und bemerkte, der Genannte sei zwar kein Freund von mir, wohl aber kenne ich den so Beklagenswerthen recht gut. Wie menschenfreundlich war das von Ihnen, sagte Block. Ich sollte eigentlich gerührt werden und Ihnen dafür um den Hals fallen, weil ich aber ein so verflucht dürrer Teufelsbraten bin und die Entwickelung dieser Criminalgeschichte mich weit mehr interessirt, als Ihre christliche Gesinnung, so bitte ich nur um gefällige Fortsetzung. Es hört sich Ihnen ganz prächtig zu. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr Kaufmann Mirus in seiner Erzählung fort, wir Alle, die wir in jener hochwichtigen Stunde an's Sterbelager des Unglücklichen versammelt waren, wir fühlten damals die Macht und Nähe des Herrn. Der dem Tode bereits Verfallene beichtete und der Gerichtsschreiber schrieb die Beichte nieder. Und als er geendet hatte, setzte der Bedauernswerthe mit zitternder Hand seinen Namen darunter, so gut es gehen wollte, und wir andern Alle thaten desgleichen. Die Beichte des Armen aber lautete dahin, daß er und sein Begleiter, der inzwischen auswärts vom Tode ereilt worden ist, die Mörder des Grenzjägers seien, daß sie den Todten fortgeschleppt hätten in der Hoffnung, man würde die eigentliche Mordstelle nicht auffinden, und daß Advocat Block gänzlich unschuldig sei. Das Alles bestätigte er durch eine Menge Einzelnheiten so genau, daß Niemand an der Wahrheit seiner Aussagen zweifeln konnte. Als er geendet und die Absolution empfangen hatte, ward er still. Die Schmerzen minderten sich, er betete ernst und ergeben, bat Gott um Gnade und Vergebung und verschied darauf lächelnden Angesichtes. Ich aber eilte zurück, begleitet von Richter und Pfarrer, und machte von dem Geschehenen Anzeige. Darauf ward mir gestattet, Sie in dieser Angelegenheit zu besuchen, und ich denke, Herr Advocat, daß ich jetzt für den vielen Aerger und Kummer, den Sie mir in zwanzig Jahren gemacht, mich genügend gerächt habe. Ich danke Ihnen, sagte der Advocat. Wir bringen's auf's Kerbholz. Es ist das eine hübsche Episode in meinem etwas monoton gewordenen Leben, und es freut mich, daß durch die infamen Lottospieler mir ein Stück Romantik zwischen die Füße geworfen worden ist. Schade nur, daß der wirkliche Mörder der weltlichen Gerechtigkeit entschlüpfen mußte! Ich würde den Teufelskerl mit Vergnügen die Galgenleiter haben erklimmen sehen. Und nun, gute Nacht, lieber Herr Mirus. Daß ich für gewisse Dienstleistungen erkenntlich sein kann, soll Ihnen die Zukunft lehren. Mirus klopfte an die Kerkerthür, sie ward geöffnet und eine stumme gemessene Verbeugung beider Männer bildete den Schluß ihrer inhaltreichen Unterredung. Siebentes Kapitel. Eine merkwürdige Verwandlung. Die Kunde von Block's vollständig erwiesener Unschuld und Freilassung durchlief wie ein Lauffeuer Stadt und Land, und bildete für Wochen fast das ausschließliche Tagesgespräch. Da genaue Angaben über die Art und Weise, wie die Unschuld des Advocaten an den Tag gekommen, nicht in die Oeffentlichkeit gelangten, so schmückte die Phantasie des Volkes die nur den allgemeinen Umrissen nach Gemeingut Aller gewordene Entdeckungsgeschichte des wirklichen Mörders so abenteuerlich aus, daß kein Bänkelsänger sich einen besseren Stoff für Unterhaltungen auf Jahrmärkten wünschen konnte. Und in der That erschien einige Wochen später ein Volkslied, das die wunderbare Mordgeschichte im Leierkastenton behandelte und den Advocaten nicht wenig verherrlichte, worüber Block selbst, der auf allen Gassen seine eigenen Schicksale singen hörte, nicht sonderlich erbaut war. Von allen Bekannten des Advocaten kam durch diese völlig unerwartete Wendung Niemand in größere Verlegenheit, als die jederzeit zungengewandte und urtheilsfertige Frau Sempiterna Still, in deren Behausung Block bekanntlich wohnte. Die Ablieferung ihres Miethsmannes, vor dessen Kenntnissen und praktischer Wirksamkeit die praktische und gewandte Frau den größten Respect gehabt, zog ihr anfangs eine wirkliche Ohnmacht zu. Sie war, als sie den Zusammenhang erfuhr, dermaßen erschrocken, ja entsetzt, daß ihr jedes Wort buchstäblich im Gaumen stecken blieb. Mit wahrem Abscheu sah sie die Fortschaffung besonders des grauen Rockes an, der so stark gegen den Advocaten zeugte. Seit ihrer Verheirathung mit Still war sie nie so lange und so ruhig auf ihrem Zimmer geblieben, das sie der gelehrten Atmosphäre wegen, die in den nur wenig gelüfteten Räumen sich festgesetzt hatte, wenig liebte. Es mußte ihr wohl unheimlich vorkommen in ihrem eigenen Hause, und deßhalb suchte sie jetzt die Gesellschaft ihres Gatten, der sich über das Vorgefallene gar nicht ausließ und zu dem, was man sich erzählte, höchstens verwundert den Kopf schüttelte. Im Uebrigen änderte dies Ereigniß seine gewohnte Lebensweise durchaus nicht. Nachdem aber Frau Sempiterna den ersten Schreck in sich verarbeitet hatte, änderte sich auch ihr Benehmen. Sie sprach mit Jedem über den entsetzlichen Vorfall, war empört über den Schimpf, den der Advocat ihrem Hause angethan, ließ mit einem Worte kein gutes Haar an dem peinlich Angeklagten, und drang bald mit Bitten, bald mit Scheltworten in Still, er solle die »Sündenbude«, wie sie sich ausdrückte, je eher, je lieber verkaufen. Mit diesem Anliegen stieß sie aber bei ihrem stets willigen und nachgiebigen Gatten gegen alles Erwarten auf hartnäckigen Widerstand. Der Candidat weigerte sich entschieden, in seiner ruhigen Weise, ohne viel Worte zu machen, aber so fest, daß Frau Sempiterna bald einsah, es werde ihr diesmal ein harter Kampf aus dieser Weigerung erwachsen. Da jedoch die resolute und herrschsüchtige Frau immer von Neuem auf ihre Forderung zurückkam, erklärte Still eines Tages rund heraus, sie solle sich um die Küche und das übrige Hauswesen kümmern, Geschäfte aber und Angelegenheiten, die Frauen nichts angingen, den Männern überlassen. Sempiterna fuhr wie ein Sprühteufel im Zimmer herum, allein Still war gepanzert, blieb taub gegen die Schmähungen seiner Ehehälfte, schnitt aber zuletzt ihre nicht enden wollende Rede mit der harten Drohung ab, er werde sich eher scheiden lassen, als ihrem dummen Verlangen genügen. In der That, der sanfte Candidat erlaubte sich, mit recht indignirter Miene und mit wegwerfendem Tone das Anliegen seiner Gattin »dumm« zu nennen. Von diesem Augenblicke an zeigte Frau Sempiterna Anlage zum Philosophiren. Sie ward stiller, dachte über den Wandel alles Irdischen nach, und kam zu der Ueberzeugung, daß ihr unerfahrener, so leicht zu regierender Mann nur darum eine so unerlaubte Selbstständigkeit zu entwickeln beginne, weil ihr die Stütze des ränkevollen Advocaten fehle. Sie bedauerte deßhalb die That Block's, schmähte ihn nach wie vor und brach sichtlich über das ganze Männergeschlecht den Stab, indem sie alle Männer wankelmüthig, unzuverlässig, voller Marotten, eigensinnig bis zur Tollheit, egoistisch und herzlos nannte. Candidat Still war mit dieser Verwandlung seiner Frau ganz zufrieden. Er hatte sich nie glücklicher gefühlt, war nie weniger in seinen Studien gestört worden, als seit der Verhaftung des Advocaten. Die keifende Stimme Sempiterna's ließ sich nur dann hören, wenn das Mädchen aus Nachlässigkeit es versäumte, beim Umwechseln eines großen Geldstückes die zurückerhaltene kleine Münze nachzuzählen. Es war vorgekommen, daß in solchen Fällen ein paar Pfennige gefehlt hatten, und diesen Ausfall am Wirthschaftsgelde mußte dann die unachtsame Dirne tragen. Diese fast gänzliche Umgestaltung im Hause des friedfertigen Candidaten machte diesen selbst lebenslustiger, als er es je gewesen war. Die Nachbarn hatten schon nach wenigen Wochen den ganz unerhörten Anblick, den stillen Gelehrten mit erhobenem Kopfe, selbstständig und keck ausschreitend in seinem Garten umherwandeln und man hätte es nicht glauben sollen ein Studentenlied ganz vernehmbar singen zu hören. Ja, eines schönen Abends, als sich Still, die Gänge auf- und abgehend, eine frischgestopfte Pfeife selbstzufrieden anzündete, bemächtigte sich seiner eine wahrhaft olympische Begeisterung, und ohne zu fragen, daß er sich damit zum Stadtgespräch machen werde, sang er, so gut es seiner rauhen Kehle gelingen wollte: Knaster, den gelben, Hat uns Apollo präparirt, Und uns denselben Recommandirt. Edite, bibite etc. Sempiterna stand am Küchenfenster und rang die Hände. Aber, Still, rief sie hinunter. Die Kinder weisen ja auf dich! Willst du mich denn mit aller Gewalt in die Grube bringen oder soll man dich von Staatswegen in's Tollhaus schicken lassen. Still dämpfte seinen lauten Gesang zu leisem Brummen ab, nickte Sempiterna, deren Stimme ihn sonst zum raschesten Davonlaufen brachte, freundlich zu und sagte: Sorge dich nicht, liebes Weib, mein Singen bringt weder mich noch Andere in's Tollhaus. Ich freue mich meines Daseins und darum jauchzt meine Seele auf in Tönen eines mir von der Studentenzeit her noch im Gedächtniß gebliebenen Liedes. Frau Sempiterna machte sich und ihrem Zorn zwar durch einen schreiartigen Seufzer Luft, die Gesangeslust des Candidaten aber konnte sie damit nicht unterdrücken. Es war nicht mehr zu bezweifeln, die Wendung, welche das Schicksal Block's genommen, hatte den Candidaten emancipirt. Und so segnete denn Still gewissermaßen die Unthat seines früheren Miethsmannes, ohne ungerecht zu sein gegen die vortrefflichen Eigenschaften, welche Frau Sempiterna als sparsame Wirthin und ordnungsliebende Gattin von jeher entwickelt hatte. Mit der Befreiung des Advocaten aus dem Gefängnisse gerieth Frau Sempiterna in eine neue Verlegenheit. All' ihr Raisonnement, die vielen zweideutigen, ja verleumderischen Aeußerungen, zu denen sie sich hatte fortreißen lassen, hatten einen Widerhall bei zahlreichen, alten Frau Basen gefunden und waren somit Gemeingut der ganzen Stadt geworden. Erkundigte sich Jemand nach dem Ursprung irgend einer nachtheilig klingenden Rede über Block, so hieß es bei weiterer Nachfrage gewöhnlich: Frau Candidatin Still habe es gesagt! Nun aber drehte sich plötzlich der Wind, der Advocat ward als völlig unschuldig der Haft entlassen, und zu dem Bedauern, das man jetzt dem unwürdig Behandelten zollte, gesellten sich auch mancherlei Hochachtungsbezeugungen. Außer einer Menge Beglückwünschungsbriefen sendeten dem juristischen Veteranen seine Collegen eine silberne Bürgerkrone und die Schulburschen brachten ihm sogar ein Fackelständchen. Frau Sempiterna gerieth in große Bestürzung. Wie gern hätte sie jetzt jedes Wort, das sie über ihren Inwohner gegen Andere unbedachtsam herausgelassen, wieder zurückgenommen! Sie verwünschte die unglückselige Geläufigkeit ihrer eigenen Zunge und bat ihren Gatten, der sie wiederholt, obwohl sehr mild und vorsichtig, auf diese ihre größte Schwachheit aufmerksam gemacht hatte, im Geiste ihre nicht in freundlichstem Tone gehaltenen Entgegnungen ab. Halb und halb hoffte sie, jetzt abermals ganz wieder Hahn im Korbe, d.h. unbeschränkte Herrin ihres Hauses und auch Beherrscherin ihres Candidaten zu werden. Insoferne war die Rückkehr Block's ihr erwünscht. Auch störte es ihr empfindliches Gemüth nicht, daß der finstere, steife und kalte Advocat geraume Zeit in so einem Geruch gestanden. Ihr eigenes Unrecht gegen den der Freiheit und bürgerlichen Thätigkeit wiedergegebenen Mann suchte sie durch ein zuvorkommendes Wesen wieder gut zu machen; sie traf ferner mit schlauer Umsicht Vorkehrungen, damit ihre früheren Aeußerungen möglichst dadurch entkräftet werden möchten. Frau Sempiterna fürchtete nämlich, der streitsüchtige alte Herr, dem für sich oder Andere zu processiren, Lebensbedürfniß geworden war, könne und werde ihr einen entsetzlichen Injurienproceß an den Hals werfen, der für sie selbst leicht ehrenrührig endigen und sehr, sehr viel Geld kosten dürfte. Diesem Unglück vorzubeugen, bedurfte es der ganzen Schlauheit eines mit solchem Rüstzeug wohl ausstaffirten Weiberkopfes. Advocat Block nahm jedoch gar keine Notiz von dem, was die Leute, Freunde und Feinde, während der Dauer seiner Haft Gutes oder Schlechtes von ihm erzählt hatten. Als Menschenkenner und Menschenhasser kannte er die Gelüste der Massen sehr wohl und mußte sich selbst sagen, daß dem ersten Steinwurf auf ihn ein ganzer Steinhagel gefolgt sein werde. Dafür Rache zu nehmen an irgend einer Persönlichkeit, gleichviel, ob diese zurechnungsfähig war oder nicht, erschien ihm kleinlich. Er wußte sich zu hoch erhaben über dem gedankenlos schwatzenden vornehmen und geringen Pöbel, so daß ihm diese Verleumdungen keine Secunde lang die Heiterkeit seiner Seele gestört haben würden, hätte er diese überhaupt noch besessen. Candidat Still empfing seinen alten Hausgenossen mit all der herzigen Gutmüthigkeit, die sein ganzes Wesen charakterisirte, einen Umgang mit dem bissigen und unheimlichen Manne anzuknüpfen, vermochte er jedoch nicht. Es würde dies seinen innern Frieden gestört haben. Auch konnte er sich selbst es nicht verbergen, daß ihm vor dem Advocaten graue. Dies in seiner Seele verborgen nistende Grauen, das er sich wohl hütete gegen irgend Jemand zu äußern, steigerte sich bis zum Entsetzen, als eines Morgens zu früher Stunde der Advocat in sein stilles, mit Büchern vollgepfropftes Museum trat. Still erschrak dergestalt, daß er weder aufstand, noch den Gruß des Eintretenden erwiderte. Ohne darauf zu achten, ergriff Block einen der wenigen wackligen Stühle von alterthümlicher Form, schob ihn an die Seite des Candidaten und setzte sich neben diesen. Still schwieg noch immer. Seine ganze Aufmerksamkeit war auf einen einzigen Punkt an der Kleidung des Advocaten gerichtet, der freilich Jedem bemerkbar werden mußte. Der Advocat trug den alten, grauen, langen Rock mit den übersponnenen Knöpfen. Da, wo ihm der unglückliche Grenzjäger wider Willen einen derselben abgerissen hatte, war jetzt die schadhafte Stelle mit einem Kreuz von schwarzem Tuche ausgebessert. Block wollte symbolisch damit darthun, daß er unschuldig gelitten habe und zugleich über das Geschehene trauern. Man ließ ihn von Obrigkeitswegen zwar wissen, daß eine so auffällige Tracht nicht gestattet werden könne, er wenigstens nicht auf der Straße in einem solchen Anzuge erscheinen dürfe; allein Block achtete dieser Weisung absichtlich nicht. Mein lieber Herr Candidat, redete Block den Hausherrn an, Sie wissen, daß die Welt mir bitter Unrecht gethan hat. Es heißt nun freilich, als guter Christ müsse man gerade dafür besonders dankbar sein, und zwar zuvörderst Gott, der das Unrecht in seiner unergründlichen Weisheit zuließ, und sodann den Eseln von Menschen, die es ausübten. Nun steife ich mich aber aus Grundsatz schon seit geraumer Zeit darauf, kein guter Christ in diesem Sinne zu sein, weil ich es mit meinen Begriffen von Recht und Gerechtigkeit nicht vereinbaren kann. Folgt daraus von selbst, lieber Herr Candidat, daß ein Kerl von Kopf und Energie, so Einer ihn bei hellem Tageslicht vor allem Volk in's Gesicht gespukt und einen Schurken geheißen hat, sich eclatant rächen muß. Und das will ich redlich und mit Freuden thun. Herr Advocat! stotterte der erschrockene Still. Ja, rächen will ich mich, fuhr Block fort. Sie sollen sich wundern, meine Feinde! Der alte Block wird ihnen so viel Teufelszeug zwischen die Füße werfen, daß das ganze Gesindel darüber purzeln und im Fallen mit den hirnlosen Köpfen die Perrücken dazu verlieren soll. Hallunken, infame! Er rieb sich die Hände im Vorgenuß der zu nehmenden Rache, zog die Stirne kraus und riß sein einziges Auge weit auf, mit durchbohrendem Blick den zusammengedrückt neben ihm sitzenden Candidaten ansehend. Aber, mein Gott, was soll das mir? versetzte mit weinerlicher Stimme der erschrockene Still, Wollen Sie etwa noch Rache an mir nehmen, weil – weil – Weil Ihre Frau eine leichtfertige Zungendrescherin ist? fiel Block, höhnisch lachend ein und schlürfte mit Behagen eine Prise. Dann den Deckel seiner Dose zweimal auf- und zuklappend und mit den Fingern darauf trommelnd, setzte er hinzu: Bah! daß man sie ein wenig stäupe, ich meine mit zurechtweisenden Redensarten vor dem Rügengericht, hätte Frau Sempiterna wohl verdient, weil sie aber ein Weib ist und in meinen Augen kein Weib für vollkommen verständig gelten kann, mag sie mit der Angst davon kommen. Block nahm abermals eine Prise und Still athmete wieder auf. Um meine Rachepläne auszuführen zu können, fuhr der Advocat fort, muß ich diese Stadt verlassen. Das Ihnen anzuzeigen und zugleich meine Wohnung aufzukündigen, erlaubte ich mir, Sie so frühzeitig in Ihren Studien zu stören. Candidat Still war über diese Eröffnung sehr erfreut, doch ließ er sein Entzücken den Advocaten äußerlich nicht merken. Es bedurfte dazu keiner großen Verstellung, denn diese würde dem arglosen Manne schwerlich gut gelungen sein. Er bedauerte aufrichtig, einen so langjährigen Hausgenossen für immer zu verlieren, obwohl er ihn eigentlich immer gestört, oft sogar in ganz empfindlicher Weise genirt hatte; dann aber war es ihm wieder erwünscht, eine Persönlichkeit, die nach dem Vorgefallenen Gegenstand der allgemeinsten Aufmerksamkeit bleiben mußte, nicht täglich um sich sehen zu dürfen. Binnen drei oder vier Tagen werde ich abreisen, sprach der Advocat. Ich gehe zuvörderst in die Residenz, um dort an geeignetem Orte die erforderlichen Einleitungen zu meinem Rachewerke zu treffen. Ich will es ihnen eintränken. Einen Proceß will ich führen, daß man davon reden soll noch nach fünfzig Jahren! Der Candidat, der keine Idee von einem Proceß hatte und nur wußte, daß Processe viel Geld kosten und mit großen Unannehmlichkeiten verbunden sind, hörte nicht einmal gern davon sprechen. Um doch etwas zu erwidern, da es ihm schien, als warte der Advocat darauf, sagte er: Was wird denn aber aus Ihrer Praxis, wenn Sie uns verlassen wollen? Die hänge ich an den Nagel, versetzte Block lachend. Ich habe mir, Gott Lob, etwas verdient und kann es aushalten. Mit Weib und Kind bin ich nicht belastet, mithin kommt wenig darauf an, ob mein Hab und Gut mit dem zu beginnenden Processe darauf geht. Hinterlassen will ich meinen Erben, die lauter Kopfhänger sind, nichts. Wenn ich sterbe und ich werde unsern Freund Hein schon heranschleichen fühlen verbrenne ich den Rest meines Vermögens. Ha, ha, ha! Die Narren sollen nichts als ein Aschenhäufchen finden! Candidat Still konnte nicht unterlassen, über diese seltsamen Vorsätze seine Verwunderung durch wiederholtes Kopfschütteln auszudrücken. Machen Sie Ihre Frau mit meinem Entschlusse bekannt, Herr Candidat, endigte Block die Unterredung. Sie wird mich wahrscheinlich vermissen und deßhalb darauf zu denken haben, einen andern Miethsmann heranzuziehen. Der ich mich gehorsamst empfehle. Block war bereits aufgestanden, nahm bei den letzten Worten seine hohe schwarze Mütze ab und machte eine steife Verbeugung. Kaum hatte er das Zimmer verlassen, so stürzte Frau Sempiterna mit zornglühendem Gesicht herein. Sie hatte offenbar gehorcht und das Loblied, welches der giftige Advocat von ihr gesungen, sehr deutlich vernommen. Erbärmlicher Wicht von einem Manne! rief sie dem Candidaten zu. Nicht einmal vertheidigt hast du deine Frau? Das hatte der Rechtsver Frau Sempiterna konnte nicht ausreden. Der erschrockene Candidat faßte sich ein Herz, umschlang die Theure mit der Linken und drückte seine Rechte fest auf ihren Mund, indem er ihr schreckensvoll in's Ohr raunte: Still, still, mein lieber Engel! Proceß! Er führt Proceß! Diese Worte bewirkten Wunder. Sempiterna verstummte augenblicklich; die Röthe des Zornes wich bleicher Furcht. Die Arme weit ausbreitend, sank sie gerührt dem Candidaten an die Brust und lispelte ahnungsvoll: Er führt Proceß, der Entsetzliche! Still war hocherfreut, die Ergrimmte durch dieses Zauberwort besänftigt und sich selbst einen Auftritt erspart zu haben, der ihm zwar nicht neu war, den er aber durchaus nicht zur Erhöhung seines ehelichen Glückes für nöthig erachtete. Achtes Kapitel. Der unerwartete Besuch. In Weltenburg hatten die letzten vier Monate abermals große Veränderungen hervorgebracht. Neue Gebäude waren entstanden, um in der von Fürchtegott angedeuteten Weise das Fabrikgeschäft zu vergrößern. Handelsverbindungen in Süd und Ost machten es nöthig, einen eigenen Correspondenten zu engagiren, der in mehreren Sprachen sich geläufig ausdrücken konnte. Besonders hatte man die Levante scharf im Auge und arbeitete darauf hin, Stoffe, die dort gesucht und mithin gut bezahlt wurden, in großen Massen zu fabriciren. Da der alte Ammer seinem Sohne Christlieb freie Hand ließ, so unternahm dieser Manches, wovon der Vater gar nichts wußte. Nur Wimmer blieb genau unterrichtet und ließ es sich nicht verdrießen, entweder persönlich von Zeit zu Zeit auf Weltenburg zu erscheinen, oder instruirende Briefe an Christlieb zu schreiben, die dieser auch regelmäßig aus Achtung vor den Erfahrungen des Herrnhuters befolgte. So schoß das neu etablirte Geschäft rasch in Blüthe, das darauf verwandte Capital kehrte zurück in die Hände der Eigenthümer und vergrößerte sich in dem Verhältniß, wie es coursirte. Das Land zählte die Ammer alsbald unter die reichsten Familien; sie selbst wußten sich Nicht genau abzuschätzen, der alte Ammer widersprach jedoch nicht, wenn man ihn scherzweise einen Millionär nannte. Christlieb, der nicht der ächte Sohn seines Vaters hätte sein müssen, wäre er ganz frei gewesen von Eigenheiten, begann jetzt im Gefühle des sich mit jedem Tage mehrenden Reichthums, Spielereien zu treiben, die seine Neigungen, seine geheimen Wünsche verriethen. Auf dem runden verwitterten Thurme des alten Schlosses, dessen Baulichkeiten ein neuer Flügel in modernem Styl angefügt wurde, pflanzte er einen gewaltigen Flaggenstock auf, den er wohl scherzweise seinen »Weberbaum« nannte. Sonn- und Feiertags, bisweilen aber auch in der Woche, flatterte an diesem Flaggenstocke eine Fahne, entweder in den Farben der Provinz oder der Stadt, zu deren Jurisdiction Weltenburg gehörte. Das Wappen der frühern Besitzer des Schlosses war herabgenommen und an dessen Stelle das sehr einfache Zeichen der Ammer mit einer Schnörkelei darüber, die sich allenfalls zu einer Freiherrnkrone zusammenziehen ließ, eingemauert worden. Der junge Fabrikant hörte sich gern Herr von Weltenburg nennen, und man sah es ihm an, daß er sich gegen eine Standeserhöhung sicherlich nicht gesträubt haben würde. Obwohl gutmüthig von Natur und in keiner Weise schlimm geartet, brachte der sich mehrende Reichthum, veränderter Umgang und die Führung eines so großartigen, weitgreifenden und einflußreichen Geschäftes, doch eine andere Färbung in seinen Charakter. Untergebenen begegnete er nicht mehr so freundlich, wie ehedem; wer von ihm etwas zu erlangen wünschte, den ließ er auf eigenthümliche Weise seine Erhabenheit fühlen. Christlieb spielte mit einem Worte den gebietenden Herrn und zeigte Anlage zu allerhand feudalistischen Mucken. Dies machte ihn freilich bei allen denen, die von ihm abhängen, weil sie ihre Existenz aus seiner Hand empfingen, nicht beliebt, indeß war doch in der Sache selbst nichts zu ändern. Ammer, der Vater, mied Weltenburg, so lange er konnte, und mußte er sich einmal dort zeigen, so konnte ihm Niemand nahe kommen, denn er war dann jedesmal in einer gereizten Stimmung, ohne derselben Worte zu leihen. Die Kunde von der Unschuld des Advocaten Block hatte sowohl in Weltenburg wie im Wohnorte Ammer's freudige Sensation erregt. Dem alten Weber fiel mit dieser Nachricht, wie man zu sagen pflegt, ein Stein vom Herzen, denn es drückte ihn Tag und Nacht, daß sein langjähriger Rechtsbeistand, dessen Schwächen er allerdings wohl kannte, zu einem gemeinen Verbrecher geworden sein sollte. Die Freude über seine Freilassung war bei Ammer so herzlich, daß er ihn eigenhändig in einem Briefe beglückwünschte, so ungern er auch schrieb, und ihn zu sich einlud, um in der freien Natur von den gehabten Leiden und Kümmernissen sich erholen zu können. Block antwortete nicht, theils, weil es keine Geschäftsangelegenheit war, theils, weil er persönlich auf Herzensregungen keinen besondern Werth legte; dennoch freute ihn die Theilnahme des Alten, denn er mußte sich sagen, daß diese Beglückwünschung eine ungekünstelte sei und ohne versteckte Absichten. Jetzt, als er sich entschlossen hatte, die Stadt zu verlassen, wo er doch nie mehr aus dem Munde der Leute gekommen sein würde, erinnerte sich Block wieder der erhaltenen Einladung und da ihn Geschäfte nicht abhielten, beschloß er, den alten Freund zu besuchen. In seiner Zerstreuung aber hatte er nicht daran gedacht, daß Ammer noch immer sein unscheinbares Weberhaus bewohne, und so kam es, daß Block, anstatt nach Ammer's Geburtsort, nach Weltenburg sich auf den Weg machte. Christlieb befand sich in seinem Thurmzimmer mit Brieflesen beschäftigt, als ihm der Advocat gemeldet wurde. Erschrocken, als habe man ihn bei einer unerlaubten Handlung ertappt, packte er die Schriften schnell zusammen und verschloß sie in sein Pult. Kaum hatte er den Schlüssel zu sich gesteckt, so trat der Advocat herein. Ihr habt Euch hier verteufelt nett eingerichtet, sagte er mit seiner scharfen Stimme zu dem jungen Ammer, na, und dazu mußte man den alten Starrkopf fast zwingen. Wer hat's nun am besten gemacht, he? Der knöcherne, grobe Rechtsverdreher, wie Ihr mich hinter'm Rücken nennt, oder der Weber, der immer ein Stück Predigt hält, wenn unser einer den Stier bei den Hörnern faßt? Christlieb hieß den Advocaten freundlich willkommen, konnte aber nicht sogleich alle Befangenheit los werden. Die im Schlosse befindlichen Personen machten sich nach und nach alle etwas im Hofraum zu thun, näherten sich dabei dem Fenster und warfen einen Blick auf den so merkwürdig gewordenen Mann. Block entging weder die Befangenheit Christlieb's, noch die Neugierde der Unterthanen desselben. Seid Ihr närrische Menschen, fuhr er, höhnisch lachend, fort, indem er sich bequem in dem großen Lehnstuhl niederließ, der dem alten Weber gewöhnlich zum Ausruhen diente; seit mich die Hochweisen eingesperrt haben, komme ich mir vor wie ein Schwanzstern, den auch alle Leute angaffen. Meinetwegen! Aber sagt, wo steckt der Alte? Hilft er drüben in der Fabrik, wo es rasselt, als kämpfe ein Heer eingesperrter Dämonen, etwa mit haspeln? Das kann er bleiben lassen. Sagt's ihm, daß ich hier bin, und daß ich nach so langer Zeit mich ordentlich sehne, wieder einmal frei vom Herzen mit einem ganzen Menschen zu plaudern. Christlieb bedauerte, diesen Wunsch nicht erfüllen zu können, da weder sein Vater noch sonst Jemand von seiner Familie auf Weltenburg sich aufhalte. Block war dies zwar unangenehm, indeß ließ er sich die Stimmung dadurch nicht verderben. Gut denn, sagte er, so vertreiben wir uns zusammen die Zeit. Laßt mich zuerst einmal die Aussicht sehen. Als ich den alten Bau für Euch erstand, hatte ich nicht Zeit überall herumzuklettern, jetzt bin ich geschäftslos, lebe nur dem Vergnügen und spintisire, wie ich allen Nichtswürdigen Schwärmer in die Rocktasche practiciren kann. Hättet Ihr nicht Lust gehabt zur Juristerei, wenn man Euch von Jugend auf den Sinn darauf gerichtet? Jammerschade, daß kein Ammer Jurist geworden ist! Ein Königreich müßtet Ihr Euch erprocessiren können. Wisset Ihr, warum ich die Juristerei jeder andern Wissenschaft, jeder andern Beschäftigung vorziehe? Der junge Ammer verneinte, indem er die Thür zur Thurmtreppe öffnete und den Advocaten vorausgehen ließ. Ich will's Euch sagen, aber blos für Euch allein braucht's den Andern, die doch nichts davon verstehen, nicht auf die Nase zu binden. Seht, fuhr er fort, mit juristischen Kenntnissen haltet Ihr Euch den Teufel vom Leibe, und könnt Ihr ihn nicht entbehren, so holt Ihr ihn Euch damit. Ich hoffe, Ihr sollt es noch erleben, dies Schauspiel mit eigenen Augen zu sehen. Ich werd' es Euch bereiten. Ich verschreibe mir jetzt den Teufel; er soll mir helfen. Christlieb mußte über diese Betheuerungen des einäugigen Advocaten lachen, die er für Aufschneidereien hielt, wie sie ihm der Ingrimm über die erlittene Behandlung auf die Lippen trieb. In sofern fand er sie eben so natürlich als entschuldbar. Ihr lacht? sprach Block weiter, den Fuß auf die Plattform setzend, und sein scharfkantiges Gesicht mit einem wilden Blick dem jungen Manne zukehrend. Seht Euch vor, daß Ihr nicht einmal dafür weinen müßt! Was macht der alte herrnhutische Duckmäuser? Meinen Sie damit Herrn Wimmer? fragte Christlieb. Ja, ja, Herrn Lazarus Wimmer, erwiderte Block, mit rascher Bewegung die gewöhnliche, demüthige Haltung des Bruders nachahmend und seine Stimme zu trüber Sanftheit mäßigend. Meines Wissens, versetzte der junge Ammer, ist er rüstig wie immer, und arbeitet unermüdlich, heute für die Welt, morgen für den Himmel. Jetzt lachte Block. Trefft Ihr mit Mirus zusammen? fragte er. Bisweilen. Sagt's Wimmer, mit dem Mirus müsse er sich auf einen guten Fuß stellen. Sind die Herren denn übel auf einander zu sprechen? gegenfragte Christlieb. Ich weiß von nichts! Nicht? Nun dann werden sie wohl einig sein, sagte der Advocat gleichgiltig, legte die Hände auf den Rücken und sah in die Gegend hinaus, die im bunten Schmuck des Herbstes einen eigenthümlichen Eindruck machte. Was habt Ihr da für einen Lappen aufgezogen? fragte der Advocat nach einer Weile, die Fahne an dem Flaggenstocke gewahrend. Das sind ja die böhmischen Farben. Und auch die unserer Stadt. Richtig, aber wozu. Es sieht gut aus und – ich bin Patriot, erwiderte mit scheuem Blick der Fabrikant. Block erhob drohend den Finger und sah ihn durchbohrend an. Hütet Euch, Christlieb Ammer, sprach er, die Worte scharf betonend, daß Ihr nicht auf verbotenen Wegen Reichthümer suchen geht! 's ist ein gefährlich Ding, mit dem selbst erfahrene Juristen nicht jederzeit umzuspringen verstehen! Daß ich's Euch nur sage, die Stange da oben und mehr noch, die Flaggen daran, sind nicht unbeachtet geblieben. Ich komme, Euch zu rathen, diese Spielerei (Block sprach das Wort sehr langsam) wieder abzuschaffen. Geschieht's mit des Vaters Genehmigung? Christlieb verneinte kopfschüttelnd. Um so mehr herunter mit dem Lappen! sagte der Advocat, ergriff die Schnur und ließ die Fahne herabgleiten. Ich habe jetzt genug von der Aussicht, die Luft zehrt; kommt und gebt mir 'was zu essen! Wann kehrt der Bruder zurück? Wir erwarten ihn täglich, versetzte Christlieb, die Thurmtreppe wieder hinabsteigend. Vielleicht ist er schon unterwegs zu uns, bestimmte Nachrichten sind noch nicht eingelaufen. Block schien mit dieser unsichern Auskunft zufrieden zu sein. Wie in früheren Tagen, wenn er Ammer besuchte, ließ er sich's vortrefflich schmecken, that dabei die frappantesten Aeußerungen, die Niemand ungeneckt ließen, schimpfte auf alle Welt, machte sich selbst lächerlich, und war dann wieder plötzlich so ernsthaft, daß es schwer hielt zu ermitteln, welche der vielen widersprechenden Charakterseiten wohl eigentlich die wahre oder doch faßbare dieses sonderbaren Mannes sein möge. Er verweilte den ganzen Tag auf Weltenburg, ging Christlieb nicht von der Seite, ließ sich überall herumführen, durchspähte jeden Winkel und erkletterte zuletzt sogar das Gerüst, aus dessen Gebälkumzäunung der neue Schloßflügel emporstieg. Erst spät am Abend verließ der Advocat das Schloß, dem jungen Bewohner desselben viele Grüße an »die Alten« auftragend und beim Abschiede ihn mehrmals mit merkwürdigem Mienenspiel und erhobenem Finger warnend. Christlieb gab dieser Besuch, der zwar dem Anscheine nach seinem Vater gelten sollte, viel zu denken. Er beeilte sich, die vorhin weggeschlossenen Briefe, sobald er sich allein sah und unbeachtet wußte, wieder hervorzuholen, einzelne davon auszulesen und sofort zu vernichten. Einen bereits früher angefangenen beendigte er sodann und adressirte ihn an Zobelmeier in Wien. Die Fahnen am Flaggenstocke sah man aber seit jenem Tage nicht wieder wehen, außer Sonntags in den Nachmittagsstunden, wenn die Sonne Gebirge und Thäler hell beleuchtete. Neuntes Kapitel. Das Wiedersehen. Dicke, schwere Nebel verhüllten seit mehreren Tagen Gebirge und Ebene. Des Nachts fiel starker Reif und ein eisig kalter Wind aus Nordwest machte den Aufenthalt im Freien höchst unerquicklich. Endlich, als die niedrig ziehenden Nebel sich hoben und zu Wolken gestalteten, begann es zu schneien und zwar in einer Weise, die in Gebirgsländern immer für das untrügliche Zeichen eines früh eintretenden, strengen Winters gehalten wird. Es rieselte ganz feiner Schneestaub auf die gefrorene Erde herab und hüllte binnen wenigen Stunden alle Gegenstände weit und breit in die glänzend weiße Tracht des Winters. Wimmer mußte an diesem Tage es war Anfang Novembers länger als gewöhnlich auf die Ankunft der Post warten, die damals nicht in so fliegender Schnelligkeit wie heutigen Tages zahlreiche Meilen in einer verhältnißmäßig nur geringen Stundenzahl zurücklegte. Schnell- oder Eilposten gab es in jenen Tagen noch nicht, man begnügte sich mit einem zweirädrigen offenen Karren, der sogenannten Reitpost, auf welchem sich der Postillon stundenlang auf den fast unbefahrenen Wegen stoßen lassen mußte, um nur eine Meile weit zu kommen. Die bequemste Beförderung Reisender geschah in der berühmten »chursächsischen gelben Kutsche«, die aber regelmäßig fünf, wohl auch sechs Tage brauchte, um aus den Ebenen Leipzig's bis in das bergische Grenzland vorzudringen. Diese Kutsche sollte Vormittags schon in Herrnhut eintreffen und für Wimmer das große Briefpaquet mitbringen, das er sich wöchentlich einmal von Leipzig schicken ließ. Nun hatte aber die Glocke auf dem Bethause schon drei Uhr nach Tische geschlagen, und noch immer hörte man keinen Ton eines Posthornes. Wimmer öffnete ein paarmal das Fenster und steckte den Kopf in den unaufhörlich herabrieselnden Schnee hinaus. Die Gassen des Brüderortes waren menschenleer, der Schnee lag bereits einen Schuh hoch und nach der Dicke der Luft zu schließen, mußte das Wetter im Freien noch ungleich heftiger sein. Stecken geblieben sind sie, ich kann's mir denken, sprach er zu sich selbst. Oben bei Holzkirch oder Eisenrode fegt sicher der Wind vom Tschernebog gewaltig herein und legt ellenhohe Schneemauern über die Straße. Martha! He, Martha, geh' doch in's Gemeinlogis und frag' nach, ob der Herr Graf heute Morgens von seinem Ausfluge zurückgekommen ist. Schwester Martha, die Haushälterin, warf ein großes Tuch zum Schutze gegen Schnee und Wind über den Kopf, fuhr in dicke, rindslederne Schuhe und stapelte, bis über die Knöchel in den weißen Flocken versinkend, nach dem nur einige hundert Schritte entfernten Gemeinlogis. Der Herrnhuter blätterte unterdessen in einer Menge auf seinem Arbeitspulte liegenden Schriften, zerriß einige, numerirte andere und legte die so geordneten in ein besonderes Fach. Schon nach zehn Minuten kam Martha zurück mit der Nachricht, Graf Alban habe Herrnhut des schlechten Wetters wegen gar nicht verlassen und die Post müsse sogleich ankommen, denn man höre ganz deutlich das Schmettern des Posthornes durch den dicht fallenden Schnee. Eine Stunde später hielt Wimmer das sehnlich erwartete Briefpaquet in den Händen. Es war diesmal auffallend groß und dick, so daß der sonst nicht neugierig zu scheltende Bruder es mit vieler Hast erbrach. Ach! rief er freudig aus. Briefe von meinem Hamburger Correspondenten! Laß doch sehen, was der mir zu eröffnen hat! Der Brief war von Herrn Beinheim und enthielt Folgendes: »Lieber Herr und Bruder! »So eben habe Nachricht erhalten, daß drei Schiffe, die bei dickem Wetter einige Tage bei Helgoland ankern mußten und später beinahe auf Dicksand festgerathen wären, in Cuxhafen eingelaufen sind. Unser »gutes Glück« befindet sich darunter. Alles wohl an Bord. Viel conträren Wind gehabt unterwegs, bis über die Shetlandsinseln nördlich durch Sturmböen verschlagen worden. Das Schönfahrsegel gerissen, sonst nichts beschädigt an der Takelage. Ladung voll und gut. Werth eine halbe Million Marc Banco. Indianische Matten, Paradiesvögel und ähnliches Zeug Hauptfracht. Denke die Sachen gut zu verkaufen; habe heut schon an der Börse herumgehorcht. »Herrn Ammer junior erwarte schon übermorgen. Ist ungeheuer praktisch der junge Mensch möchte wohl, ich hätte eine Tochter, gäb' sie ihm auf der Stelle. Da Sie wünschen, daß er unverweilt heimkehren soll, will ich ihn nicht halten. Ein Tag wird genügen, um uns zu verständigen. In Geschäftssachen bin ich ungeheuer praktisch und liebe die Kürze. »Herr Erichson hat Trauer, seine werthe Frau Ehewirthin ist heimgegangen, Gott segne sie. Hatte sich etwas übernommen mit fetten Speisen bei einem Besuch in der Marsch; muß ihr auf das Geblüt gefallen sein, denn ein Schlagfluß raffte sie dahin. Schade, sehr schade, war ungeheuer praktisch, die brave Frau! Wird jetzt immer seltener in dieser flüchtigen, neumodischen Zeit. »Bitte, werther Herr Bruder wollen dafür sorgen, daß nächstes Frühjahr mit Aufgang des Eises zwei volle Schiffsladungen abgehen können. Nettes und festes Geschäft drüben in Amerika mit Yankee's und Wilden. Liebe das immer baar Geld oder gute Waare. Ist ganz ungeheuer praktisch. Mit Bruderkuß im Herrn Dero wohlaffectionirter Beinheim.«         Dies Schreiben verklärte das Gesicht des alten Herrnhuters. Lange sah er schweigend auf die Schriftzüge des Kaufmannes, dann begannen seine Lippen sich zu bewegen und einzelne Worte, Brosamen von der Tafel seines Gedankenlebens, entfielen seinem Munde. Ich bin erhört, flüsterte er; Alles, was ich mir erbat von den dunkeln Mächten vor einigen Jahren sie gaben es. Der Alte, mein lieber Freund, er bricht zusammen... Die Kinder werden groß reich stolz kalt. O, wie süß thut dies meinem verwaisten, kinderlosen Herzen! Und Anna? Gott segne die Gute! Sie wird noch Thränen weinen oja, aber der Purpur, in den sie hinabrinnen, der sie auffängt, läßt ihre Farbe nicht erkennen. O, wie grundgütig ist doch der Herr, daß er so gerne hilft, Allen, die ihn gläubig bekennen! Wimmer raffte die Papiere zusammen, da er Martha vor der Thüre hörte, öffnete seine kaufmännische Correspondenz und vertiefte sich in dieselbe, während die noch immer recht hübsche und sauber aussehende Haushälterin den Kaffee servirte. Hast du bemerkt, Martha, redete er die Schwester an, daß die Katze in den letzten Tagen sich häufig putzte? Wir werden Besuch erhalten. So? erwiderte diese gleichgiltig. Ist dir das so ganz einerlei? Ach, du mein Heiland, sagte Martha, was zu uns kommt von Fremden, könnte eben so gern wegbleiben; denn gewöhnlich sind es recht langweilige Menschen. Ja, gewöhnlich, Martha, versetzte Wimmer; diesmal geschieht aber das Ungewöhnliche. Wir erhalten Besuch aus der neuen Welt. Was Sie sagen! rief freudig erstaunt die Haushälterin aus, und goß vor Verwunderung die schön gemalte Mundtasse ihres Herrn so übervoll, daß das angenehm duftende Getränk auf die feine Damastserviette herabträufelte und diese befleckte. Ei, ei, unvorsichtiges Kind! schalt in freundlichem Tone der Herrnhuter, da verdirbst du mir ein liebes Andenken. Die Serviette da gehörte vor sehr langen Jahren einem jungen Mädchen, das mir damals nicht gleichgiltig war. Aber, laß nur, laß, und werde nicht roth bis über die Ohren! Was meinst du, soll der Fremde, der für uns kein Fremder ist, ein paar Tage bei uns logiren? Mein Gott, sagte Martha, am Ende ist's der junge Herr, der – der – Na, gucke doch zurück in dein Gedächtniß, du fromme Magd! Fällt dir zuletzt doch wohl noch der Rechte ein, den ich meine. Der junge Herr Ammer? Wimmer nickte und rieb sich schmunzelnd die Hände. Getroffen, Martha, getroffen! Jener fröhliche, rasche, aufgeweckte Jüngling, der uns verschiedene Male besuchte und einmal sogar, o, ich weiß es noch ganz genau zum Scherz eines deiner weißesten Schwesterhäubchen sich aufsetzte und so geputzt zum Fenster hinaussah; er kehrt zurück aus dem fernen Surinam! Schon ist er in Hamburg oder wohl noch weiter herein in's Land. Ich denke, der wird uns gar Mancherlei erzählen können und die Einförmigkeit unseres Alltaglebens mit dem Vortrage fremdartiger und wunderbarer Begebenheiten recht heiter ausschmücken. Sieh nur zu, Martha, daß er uns nicht zu früh auf- und davonläuft. Denn Herr Fürchtegott Ammer, jetzt Großhändler und Rheder, ist ein Weltmann geworden, dem es schwerlich in unserm stillen, einfachen und anspruchslosen Brüderorte gefallen wird. Und überdies ist er ein ganzer Ammer, zäh wie Rebholz und hart wie Granit. Es gehört Kunst dazu, mit ihm fertig zu werden. Aber der Liebe, Martha, der Bruder- und Nächstenliebe, weißt du, ist Alles möglich. Martha versprach, nichts zu unterlassen, wodurch sie den von so weiter Reise Zurückkehrenden fesseln könnte, und ging besonders darüber mit sich selbst zu Rathe, welche Speisen sie dem reichen, jungen Herrn wohl vorsetzen müsse. Nicht ohne Grund nahm sie nämlich an, daß ein Reisender, der über Jahr und Tag sein Vaterland nicht gesehen, am liebsten auch mit der in demselben gebräuchlichen Küche wieder Bekanntschaft machen werde. Nach genossenem Kaffee ließ sich Wimmer von Martha seinen Mantel bringen, um durch Wind und Schneegestöber nach der Wohnung des Grafen sich zu begeben, mit dem er noch vor Ankunft des sehnlichst Erwarteten viel Wichtiges zu besprechen hatte. Es war schon finstere Nacht, als der Herrnhuter von diesem Besuche wieder in seine stille Behausung zurückkehrte. Seinem Aussehen nach mußte er innerlich recht zufrieden sein. Er blieb gegen seine Gewohnheit lange auf, um eigenhändig mehrere Briefe zu schreiben, die er am andern Morgen auch selbst auf die Post beförderte. Zwei Tage später zeigte Fürchtegott durch ein paar flüchtig hingeworfene Zeilen, die er beim Schiffsmakler Erichson geschrieben hatte, an, daß er binnen acht Tagen bestimmt in der Heimath eintreffen werde, indem er mit untergelegten Pferden »nach Art fürstlicher Couriere«, wie er sich ausdrückte, zu reisen sich entschlossen habe. Wimmer versäumte nicht, diese Nachricht unverweilt weiter zu befördern, d.h. seinen alten Freund Ammer damit zu überraschen. Der Brief, welchen er dem Weber durch einen Expressen zufertigen ließ, schloß mit den Worten: »Siehe, mein Freund und Bruder, der Herr hat es wohl gemacht mit uns Allen, und darum wollen wir ihm danken und fröhlich sein. Die Freude des Wiedersehens wird aber nur dann sich verwandeln in ein wahres Familienfest, und in ein allgemeines Hallelujah unserer Herzen, wenn wir sie gemeinschaftlich in Liebe und Eintracht genießen. Hat es nun unserm Herrn und Heilande gefallen, die Wege zu ebnen und darüber auszubreiten die weiche Decke seines Wohlwollens, damit wir uns nicht verwunden an Steingeklippe und anderen Unebenheiten, so danken ihm für solche Wohlthat seine Kinder wohl dadurch am innigsten, daß sie die winterliche Natur bewundern in ihrer Pracht und sich zusammenfinden in dem Orte, wo sie des Himmels Schutz nicht entbehren können, weil er sich selbst nennt des Herrn Hut.« So, sprach Wimmer, als er das ziemlich ausführliche Schreiben nochmals durchlas, jetzt wird mein alter, lieber Starrkopf zwar ein wenig brummen und über die herrnhutischen Redensarten böse Glossen machen, allein kommen wird er doch, und ich denke, mit der ganzen Sippschaft. Das macht einen guten Eindruck auf den jungen Herrn Rheder und gibt ihn mir völlig zu eigen. Umarmen wir uns unter Freudenthränen, geben uns den Bruderkuß und ziehen derweile mit unsichtbarem Finger die Schlinge vollends zu! Ja, ja, so ist es. Lazarus Wimmer kann sich nun ruhig schlafen legen, denn »die Rache ist mein, ich will vergelten, spricht der Herr!« Wimmer faltete die Hände über dem Schreiben und murmelte unverständliche Worte, während seine braunen, breiten Augenlider sich fast gänzlich schlossen. Dann siegelte er den Brief und übergab ihn zu schleunigster Beförderung dem harrenden Boten. Am Martinstage desselben Jahres jagten über die mit tiefem Schnee bedeckte, in der hellen Mittagssonne gleich Diamanten funkelnde Schneedecke drei sogenannte »Rennschlitten«, deren sich in damaliger Zeit nur sehr Reiche oder Vornehme bedienten. Jeder Schlitten war mit zwei muthigen Pferden bespannt, die reiche Schellenbehänge trugen. In der scharfen Kälte wirbelte der Schnee wie Staub auf, die Luft flimmerte von Milliarden kleinen Eistheilchen, und die hohen Kämme der Grenzgebirge strahlten majestätisch im Schmuck ihrer winterlichen Umhüllung. Die drei Schlitten strebten in möglichst gerader Richtung dem hochgelegenen Herrnhut zu, dessen Dachgiebel man in der durchsichtigen Winterluft schon in weiter Ferne erkannte. An eine Straße, überhaupt an gebahnte Wege kehrten die Schlittenführer sich nicht. Theils gab es gar keine gut ausgefahrene Bahn, theils bedurfte man einer solchen nicht, da die hohe Schneedecke fest gefroren war und fast überall Pferde und Schlitten trug. Eine Stunde nach Mittag wurden die Bewohner Herrnhut's durch Peitschengeknall, durch sehr starkes, fast harmonisch klingendes Schellengeläut und durch das nicht ganz wohltönende Geschmetter dreier Posthörner an ihre Fenster gelockt. Drei geräumige Schlitten, deren Insassen durch Pelze und Wildschuren gegen Wind und Kälte trefflich geschützt waren, flogen die ewig stillen Gassen entlang und hielten vor dem Hause des Herrn Lazarus Wimmer. Hastig ward die Thür von innen geöffnet, daß die angestoßene Glocke gar nicht mehr aufhören wollte zu läuten und in ihrem schwächeren Gebimmel fast wie ein langsam verhallendes Gewimmer eines schwer Leidenden erklang. Ein junger Mann eilte die granitenen Stufen hinab auf die Straße, trat an den vordersten Schlitten und umarmte die darin sitzenden, pelzverhüllten beiden Gestalten mit feurigem Ungestüm. Der Herrnhuter sah dieser Scene, auf der Schwelle seines Hauses stehend, lächelnd zu, nickte gegen alle drei Schlitten und führte die inzwischen dem ersten Entstiegenen, in deren Mitte der junge Mann ging, in das wohldurchwärmte Zimmer. Einige Minuten später finden wir hier den alten Ammer mit seiner Frau auf dem Kanapee sitzen. Zu den Füßen Beider knieet Fürchtegott, fein und modisch gekleidet, wie ein Großstädter. Er ist kräftiger und voller geworden. Das bräunliche Haar lockt sich um die dunkelfarbige Stirn, um Lippe und Kinn kräuselt sich ein blonder Bart. Fürchtegott sieht mit glücklichem Blicke zu Vater und Mutter auf, die beide ihre Hände wiederholt auf sein Haupt legen. Frau Anna kann sich dabei nicht der Thränen enthalten, Ammer aber bezwingt sich mit Gewalt und wird somit auch Meister seiner Rührung. Hinter Fürchtegott in einer zweiten Gruppe bemerken wir seinen Bruder Christlieb nebst Flora und Albrecht. Die letzten Beiden halten sich fest umschlungen und Flora lehnt ihr liebliches Gesicht schluchzend an die Schulter ihres Mannes. Am Fenster endlich steht Wimmer und neben diesem, die Blicke fest auf Fürchtegott und dessen Eltern heftend, der Kaufmann Mirus. Nun laßt's gut sein, Kinder, sprach Ammer, als er fühlte, daß seine Stimme nicht von der gewaltigen Aufregung des Wiedersehens erstickt werde. Wir haben Ursache, Gott allesammt zu danken, daß er uns diese Stunde und in solcher Weise hat erleben lassen. Nun wollen wir aber auch resolut sein, uns zusammenfassen und einen richtigen Weg in Friede und Freundschaft mit einander wandeln, damit wir noch etwas Rechtes in der Welt vorstellen können. Fürchtegott stand auf und wandte sich jetzt seinen Geschwistern zu. Christlieb vermochte nicht zu sprechen, als er den Bruder nach so langer Trennung wieder in seine Arme schloß. Flora brach in ein fast convulsivisches Weinen aus und stammelte dazwischen: Nun ist's ja gut du bist wieder unser Niemand soll dich uns noch einmal rauben! Dann schlang sie beide Arme um den Nacken des Zurückgekehrten, des Wiedergefundenen, und küßte ihn mit schwesterlicher Zärtlichkeit. Mirus hatte während dieser Begrüßungsscene verschiedene Prisen genommen. Jetzt schlug er den Deckel der goldenen Dose vernehmbar zu, und sprach: Herr, ich muß Ihr sagen, das Weibergeflenn gehört nicht zu denjenigen Dingen, die ich gern sehe und höre. Nach meinem Bedünken gibt es allhier auch mehr zu lachen als zu weinen; denn unser Auge und somit unser Herz erfreut sich an der Erscheinung eines jungen Mannes, der sich ganz allerliebst herausgemacht hat auf seinen Reisen, und der, wie mir's scheint, nicht verdorben und verwildert zurückkehrt in den Schooß seiner Familie, sondern ausgerüstet mit mancherlei nützlichen Kenntnissen, bereichert durch Erfahrungen und voll frohen Hoffnungen. So ist es, Herr Mirus, sagte Fürchtegott, jetzt auch dem langjährigen Geschäftsfreunde seines alten Vaters die Hand darreichend: Ich denke, es ist mir gut gewesen, daß des Himmels Fügung mich einige Zeit in die Welt hinausschleuderte, und darum möchte ich kaum das nunmehr, Gott Lob, Vergangene nicht erlebt haben. Es hat mich geläutert, mich ruhiger und vorsichtiger gemacht, und von jetzt an getraue ich mir, versprechen zu können, daß ich ein betriebsamer, ruhiger, guter Bürger werden und bleiben will. Das ist brav, versetzte Mirus, kräftig in die Hand Fürchtegott's einschlagend. Gute, fleißige und ruhige Bürger bilden den festesten Untergrund eines glücklichen Staates, dem so leicht Niemand, weder innere noch äußere Feinde etwas anhaben können, und Herr, ich muß Ihr sagen, wenn das Haus »Ammer, Söhne und Compagnie« und die alte Firma Mirus mit ihrer Energie und ihren Mitteln einem Staate redlich zu dienen entschlossen sind, da halten die Grundmauern desselben, hoff' ich, noch eine Weile aus. Mit dieser praktischen Wendung kam eine heitere Ruhe über die Gesellschaft. Das Gespräch ward allgemein und ungezwungen. Alle fühlten sich eines Zwanges entledigt, der früher lange Zeit die Herzen beengt, jede freie Meinungsäußerung niedergehalten hatte. Ammer erschien in dem sichern Bewußtsein, daß jetzt eine wirkliche Ausgleichung aller geistigen Differenzen, die so lange Zeit hindurch sein Familienleben getrübt hatten, eingetreten sei, wahrhaft verjüngt, und Fürchtegott, in dessen glänzenden Augen die Freude des gegenwärtigen und die Hoffnung eines noch unbekannten zukünftigen Glückes leuchtete, dem außerdem noch der Stolz, sich selbst errettet zu haben, auf der Stirne geschrieben stand, bewegte sich frei, leicht und in munterster Laune. Bald war die lebhafteste und interessanteste Unterhaltung im Gange, woran Jeder nach Vermögen Theil nahm. Hauptsprecher war natürlich Fürchtegott, denn an ihn richteten Alle unaufhörliche Fragen, die immer beantwortet werden mußten. Frau Anna und Flora waren die Stillsten, Anna, weil sie sich von jeher gern in sich selbst zurückzuziehen und mehr zu hören als zu reden pflegte, Flora, weil der Bruder für sie ein ganz anderes Wesen geworden war, das sie im Augenblick noch nicht vollständig zu fassen und zu beurtheilen verstand. Im Zorn, ein fast Verlorener, stürmte er vor so langen Monden von dannen, nicht des bittenden Rufes ihrer Aller achtend, und jetzt stand er so frisch, so schön, so männlich vor ihr, daß sie fast zweifelte, ob dieser Fürchtegott auch wirklich ihr ächter Bruder sei. Der Entfliehende war in Flora's kindlich reinem Gemüth ein großer Frevler, und den aus ungemessenen Fernen freiwillig Heimgekehrten mußte sie wider Willen bewundern und verehren. Ammer selbst, an dessen Seite Fürchtegott Platz genommen, ward nicht müde, ihm die wunderlichsten Fragen vorzulegen, über welche die Uebrigen oft lachten, die aber Fürchtegott mit der lobens- und liebenswürdigsten Geduld und Bereitwilligkeit beantwortete. Meinethalben lacht, so viel ihr wollt, sagte der alte Weber gutmüthig. Da ich in meinen Jahren und bei meinen Gewohnheiten doch niemals bis an's große Wasser komme, noch gar über dasselbe hinaus, muß ich mir's doch von dem jungen Volke, das wer weiß, vielleicht gar noch einmal über Länder und Meere hinwegfliegen wird, beschreiben lassen. Und zu genau und ausführlich kann eine solche Beschreibung für meinen alten etwas schwer zugänglichen Weberkopf gar nicht gerathen. Wimmer hatte viel zu thun, denn es war sein fest ausgesprochener Wunsch und Wille, seine Freunde einmal bei sich zu Gaste zu sehen. Mit einer Liebenswürdigkeit, die man ihm kaum hätte zutrauen mögen, machte er den Wirth und führte zum ersten Male seit ihrer Verheirathung, Frau Anna zur Tafel, die von Martha's und zweier helfenden Schwestern geschickten Händen festlich geschmückt und mit den besten Delicatessen bestellt war. Martha's Hoffnung, womit ihr Gebieter ihr geschmeichelt hatte, den von seiner Reise um die halbe Welt Zurückgekehrten einige Tage bei sich zu sehen, ging jedoch nicht in Erfüllung. Fürchtegott's Eltern und mehr noch die von mancherlei Ahnungen geängstigte Flora, der es nicht möglich war, ein rechtes Herz zu Wimmer zu fassen, bestanden darauf, Fürchtegott müsse sie begleiten. Anfangs widersetzte sich der Heimgekehrte diesem Ansinnen, weil er noch höchst wichtige Nachrichten Graf Alban zu überbringen hatte, dieser aber, was namentlich Wimmer sehr bedauerte, in Gemeindeangelegenheiten nach einem in der Haide gelegenen Brüderorte gereist war. Den verschiedenen Ansichten, machte nach längerem Hin- und Widerreden Herr Mirus durch einen Machtspruch ein Ende, ob aus eigenem Antriebe oder von Flora dazu aufgefordert, die wiederholt mit ihm sprach, wie sie denn überhaupt zu seiner Einsicht unbedingtes Vertrauen hatte, blieb unermittelt. Genug, Mirus dictirte, indem er sich an Fürchtegott wendete: Herr, ich muß Ihr sagen, ein junger Mann, der zweimal den großen Ocean befahren hat, ohne, gleich dem Propheten Jonas, in den Magen eines Wallfisches oder ist's ein Hai gewesen zu spazieren, und dem die Menschenfresser in den amerikanischen Wäldern weder ein Fingerglied noch ein Ohrläppchen abgebissen haben, wär's auch nur aus purer Neugierde und Schleckerei geschehen: ein solcher von Gott selbst sichtbarlich beschützter Mensch gehört erst ein paar Tage ganz allein den Seinigen. Nachher kann er wieder reisen und mit und für Heiden und Indianer ebenfalls auch Grafen und Fürsten dienen. Fürchtegott entschloß sich demnach, seine Eltern zu begleiten, und als Abends ein kalt flimmernder Sternenhimmel in Millionen Lichtblitzen auf den Eis- und Schneegefilden wiederstrahlte, eilte der Weitgereiste im Schlitten der Eltern dem so lange vermißten heimathlichen Herde am Rohr entgegen. Erst gegen Mitternacht erreichte man das Dorf. Der treue Wächter Bello, obgleich er seinen Herrn witterte, schlug doch ein paarmal an, als aber die Thür geöffnet ward, sprang das kluge Thier nach Begrüßung Ammer's und Flora's, sogleich an Fürchtegott empor und leckte ihm, freundlich winselnd, Gesicht und Hände. Drittes Buch. Erstes Kapitel. Ein Geständniß. Ein Zeitraum von mehr als drei Jahren liegt zwischen den folgenden und den zuletzt mitgetheilten Ereignissen. Die politische Weltlage war inzwischen eine andere, wenn auch nicht den Wünschen Aller vollkommen genügende geworden. Auf den ungeheuern Kriegslärm, in dessen Kanonendonner die Krone des gallischen Cäsar zersplitterte, folgte eine Stille, die fast unheimlich gegen die Rührigkeit der letzten Jahre abstach. Dennoch freuten sich Bürger und Bauer der neuen Wandelung, denn so bedeutend die Glücksgüter Einzelner durch die kriegerischen Zeitläufe sich vermehrt haben mochten, das Allgemeine hatte doch nur Schaden darunter gelitten. Ueberall sah man zerstampfte oder schlecht angebaute Fluren. Ganze Dörfer lagen entweder noch in Trümmern oder erstanden aus Schutt und Asche, und wenn solche neu aufgebaute Ortschaften dem Auge auch einen erfreulichen Ruhepunkt darboten, waren sie dennoch kein Zeichen befestigten Glückes, wahrhafter Zufriedenheit, gesicherten Vermögens, sondern ein Erzeugniß, das die Nothwendigkeit erheischte und die schwere Zeit gebieterisch forderte, um aus der Ferne hereindrohendem vielleicht noch größerem Drangsale dadurch zu entgehen oder doch zu begegnen. Während des Krieges, unter dem namentlich auch die mitteldeutschen Staaten schwer zu leiden hatten, trafen den Handel nach allen Seiten hin gewaltige Schläge. Große Häuser, die seit mehreren Menschenaltern mit reichen Mitteln großartige Geschäfte machten, mußten wegen mangelnder Zahlungsfähigkeit Anderer im Auslande sich theils einschränken, theils ganz zurückziehen. Dagegen war es manchem bisher unbeachtet gebliebenen Hause gelungen, durch irgend eine kühne Schwenkung oder einen unerwarteten Zufall sich größere Geltung zu verschaffen und von Andern gezwungen oder freiwillig aufgegebene Geschäftszweige an sich zu reißen. Dies Glück hatten namentlich einige Handeltreibende, die in früheren Jahren nicht für Kaufleute galten: wir meinen die eigentlichen Leinwandproducenten, also die Weber. Viele dieser Leute, wohlhabend, ja begütert, gewannen, während der Kaufmann, der nicht zugleich Producent war, Verlust auf Verlust zu tragen hatte. So überflügelte die Production, indem sie sich zugleich auf den kaufmännischen Vertrieb legte, den nicht producirenden Kaufmann. Umsichtige speculative Köpfe legten neben der arbeitenden Maschine, gleichviel ob diese von Menschenhänden oder von Elementarkräften in Bewegung gesetzt ward, kaufmännisch eingerichtete Comptoire an, gründeten in den größeren Handelsstädten des In- und Auslandes Commanditen und beherrschten durch diese schnell entfaltete Manövrirkunst die ganze, ihnen zinsbar gewordene Handelswelt eben so vollständig, als NapoleonI. seit seiner Erhebung zum französischen Kaiser die europäische Politik. Daß die Familie Ammer zu diesen theils durch eigene Kraft, theils durch ein seltenes Zusammentreffen vieler Glücksumstände Emporgehobenen gehörte, haben wir in dem Vorhergehenden darzuthun versucht. Von den Kriegsereignissen ward sie nur indirect berührt. Außer Durchzügen einzelner Heerabtheilungen und häufig sich wiederholenden Einquartierungen, schwang die Kriegsfurie die Brandfackel der Zerstörung nicht in unmittelbarer Umgebung der Ammer'schen Besitzungen. Auf die Handelsgeschäfte derselben hatte sie noch weniger Einfluß, man müßte denn die um einige Monate verzögerten Ablieferungen ihrer überaus werthvollen Versendungen nach Nord- und Süd-Amerika mit in Anschlag bringen wollen. Der zweite Pariser Frieden fand die Ammer bereits in so gesicherten Vermögensumständen, daß jedes Handelswagniß, das nicht außer aller Berechnung der einschlagenden Zeitverhältnisse lag, von ihnen mit ziemlich gewisser Aussicht auf Erfolg unternommen werden konnte. Reichten die eigenen Mittel dazu nicht hin, so eröffnete sich den Gebrüdern Ammer von allen Seiten ein nicht leicht zu erschöpfender Credit. Der Arme glaubte an ihren Stern und drang ihnen fast mit Gewalt seine unbedeutenden Ersparnisse auf, so daß ihnen, hätten sie dazu Neigung bezeigt, in gewissem Sinne die halbe Bevölkerung der Provinz dienstbar geworden wäre. In der That war dies auch in sofern wirklich der Fall, als eine sehr große Anzahl von Arbeitskräften von der Familie Ammer abhing, mit ihrem Glücke selbst zu größerem Wohlstande gelangen und im entgegengesetzten Falle mit ihnen in unergründliches Elend hinabgestürzt werden mußten. Die »Gebrüder Ammer«, wie sich seit Fürchtegott's Rückkehr aus Amerika die Firma nannte, besaßen sechs eigene Schiffe, darunter zwei Fregatten. Sie hatten Commanditen in New-York, Philadelphia, Paramaribo, Buenos Ayres, Triest und Smyrna, und dachten ernstlich daran, ihren weitreichenden Arm auch nach dem Norden Europa's, nach St.Petersburg und Archangel, endlich, um den Weg nach Asien sich offen zu halten, nach dem rasch aufblühenden Odessa auszustrecken. Der Vater, zum Unterschiede aller übrigen Ammer und auch seiner Söhne, gewöhnlich Ammer im Rohr, wohl auch der Weber schlechthin genannt, wußte zwar um diese Geschäfte, kannte die ungeheuern Verbindungen seiner Söhne und ließ sich auch bisweilen, wenn er gerade recht gut gelaunt war, von den in wunderbarer Eintracht lebenden Söhnen erzählen, was sie Alles schon erreicht hatten und zu erstreben noch beabsichtigten; selbst activen Theil nahm er an diesen Geschäften nicht. Wohl aber gewährte es ihm aufrichtiges Vergnügen, zu hören, daß seine Solidität, seine vortreffliche Waare, seine große Einfachheit und Pünktlichkeit der Grundstein dieses großartigen, fast schwindelnden Baues sei. Sein eigenes Webergeschäft war begreiflicherweise dadurch ebenfalls in viel größeren Schwung gekommen. Ohne, daß er es recht merkte, mehrte sich die Zahl seiner von ihm selbst beschäftigten Arbeiter, und mit einer Anwandlung von Schrecken fand er eines Tages, als er Abrechnung hielt, daß er deren mehr als fünfhundert besaß und allwöchentlich ein paar Frachtwagen mit eigenen Producten an die »Gebrüder Ammer« expedirte, die für deren Weiterbeförderung Sorge trugen. Auf Weltenburg waren die Gemächer des alten Schlosses, ohne ihnen den alterthümlichen Charakter zu rauben, gänzlich restaurirt worden. In diesen Räumen, die werth gewesen wären, ein Musenhof zu sein und Troubadours oder deutsche Minnesänger aufzunehmen, hätte jeder Fürst seine Residenz aufschlagen können. Diese prächtig geschmückten Hallen und Corridore genügten jedoch der Prachtliebe der Gebrüder Ammer noch nicht, und deßhalb hatten sie einen neuen Flügel anbauen lassen, der große, weite Säle neben elegant eingerichteten Zimmern enthielt, die wohl geeignet waren zur Aufnahme der ausgesuchtesten Gäste. Seit dem letzten Herbst war der Schloßbau, der neue sowohl wie der alte, beendigt. Aber beide Baue standen leer oder wurden nicht eigentlich bewohnt, denn weder Christlieb noch Fürchtegott waren verheirathet, und den alten Ammer hatte bisher alles Bitten und Drängen seiner Söhne nicht bewegen können, aus seinem gemüthlichen Weberhause in die grandiosen, aber kalt aristokratischen Gemächer von Weltenburg überzusiedeln. Drei Zimmer nur, die kleinsten, neben einander gelegen, mit der Aussicht auf das Flußthal und den schönsten Theil des südwestlich streichenden Gebirgszuges, bestimmte er sich, wie er im provincialen Dialect zu sagen pflegte, zu seinem Ausgedinge , wenn er contract werden und am Schaffen und Wirken keinen Gefallen mehr finden sollte. Das größte dieser Zimmer enthielt einen mit großer Meisterschaft geschnitzten Kamin, in dem wohl ein paar Jahrzehnte keine trauliche Flamme mehr geleuchtet und gewärmt haben mochte. Die Brüder hatten in moderner Weise, ohne die künstlerisch schöne Einfassung des Kamins anzutasten, hinter demselben einen Ofen anbringen lassen, so daß, wollte Jemand das ungemein einladende und anheimelnde Zimmer im Winter bewohnen, die Durchwärmung desselben keine Schwierigkeiten machte. Diese Zimmer bewohnte der alte Ammer bei seinen von Zeit zu Zeit sich wiederholenden Besuchen auf Weltenburg. Er setzte sich dann, namentlich gegen Abend, wenn die Sonne die malerischen Conturen der Gebirge scharf hervortreten ließ, an das hohe, epheuumsponnene Bogenfenster und prägte das wunderschöne Landschaftsbild fest seiner Seele ein. In solchen Augenblicken begegnete es dem alten Weber wohl, daß er sich der Erwerbung Weltenburgs freute, was sich für gewöhnlich nicht behaupten ließ. Entsprechend dieser großartigen und prunkenden Einrichtung des alten wie neuen Schlosses war das äußerliche Auftreten der Gebrüder Ammer. Beide hatten das Mannesalter erreicht, waren stattliche Gestalten und trugen in ihren Zügen das Gepräge von Menschen, die an rastloses gedankliches Arbeiten gewöhnt sind. Beide Brüder kleideten sich städtisch und zwar sehr elegant. Die feinsten Stoffe waren ihnen nicht zu gut, nicht zu theuer. Doch vermieden sie, gleichviel ob aus Grundsatz, aus eigenthümlichem Geschmack oder Caprice, die gäng und geben Moden, wie sie Deutschland aus Frankreich überliefert worden, mitzumachen. Der Schnitt ihrer Kleider war etwas abweichend von der streng französischen Mode, er war voller, reicher zu nennen und trug entschieden das Gepräge der Kaiserstadt an der Donau. Auf diesen Geschmack thaten sich die Brüder etwas zu Gute, indem sie Allen, die mit ihnen im Verkehr standen oder traten, damit zu erkennen geben wollten, daß sie in Wien heimisch seien. Das levantinische Geschäft erforderte einen fortwährenden Verkehr mit Wien. Diesen leitete, nach geschlossener Uebereinkunft, ausschließlich Christlieb, während der transatlantische Handel in Fürchtegott's Händen lag. Christlieb hatte zu besserer Orientirung wiederholt Wien besucht und reiste, nachdem auch dieser Geschäftszweig geordnet worden war und die erfreulichsten Resultate auswies, regelmäßig zweimal des Jahres dahin. Der letzte Ausflug Christlieb's an die Donau hatte über zwei Monate gedauert; seine Rückkehr erfolgte nicht mit der kaiserlichen Post oder, wie dies in der ersten Zeit geschah, auf dem »Stellwagen«, Christlieb erschien eines Tages vor Weltenburg in einem der elegantesten Wiener Wagen, den er sich in der Kaiserstadt gekauft hatte. Diese Equipage machte nicht geringes Aufsehen. Die ältesten und reichsten Familien der Stadt besaßen nicht ein entfernt ähnliches Gefährt. So oft einer der Brüder oder Beide, bequem und vornehm in den elastischweichen Kissen desselben ruhend, sich auf den Straßen der Stadt sehen ließen, verursachten sie fast einen Auflauf. Auf ebenem Wege hörte man diesen meisterhaft gebauten Wagen kaum rollen, so zweckmäßig wiegte er sich in seinen starken Federn. Ein paar junge, gleichfarbige, feurige Rappen, die sehr viel Geld kosteten, wurden ebenfalls angeschafft, und damit ja nichts fehlen möge, die Besitzer desselben zu vornehmen Leuten zu stempeln, brachte man ein Phantasiewappen an jedem Wagenschlage an. Der alte Ammer machte große Augen, als er den neuen Fortschritt seiner Söhne auf der breiten Straße der Cultur zum ersten Male erblickte. Er besah sich die Equipage von allen Seiten genau, betrachtete das närrische Phantasiewappen, auf dem sich der stumpfe Thurm von Weltenburg befand, erprobte mit den Händen die Elasticität der mit himmelblauem Sammet überzogenen Sitzkissen, und ging kopfschüttelnd von dannen. Hast du die Karrete an Zahlungsstatt annehmen müssen? fragte er seinen Sohn. Ein paar tausend Gulden ist sie wohl werth? Christlieb erwiderte, er habe die Equipage, da sie ihm über alle Maßen gefallen, deßhalb gekauft, damit der Vater, dem das Gehen ja doch allgemach schwer werde, recht bequem eine Spazierfahrt darin machen könne. In der Prachtkarrete? versetzte Ammer. Soll mich Gott bewahren, mich auf sammetne Kissen zu setzen! Mein Lebtage habe ich keinen Fürsten in solchem Wagen kutschiren sehen, und ich, ein schlichter Weber, sollte so fahren? Bei Leibe nicht! Und der alte Trotzkopf hielt Wort. Er machte zwar den Söhnen weder Vorwürfe, noch setzte er ihnen mit Vorstellungen zu; aber nie bestieg er den Wiener Wagen. Er bemühte sich vielmehr jetzt, wo die erwachsenen Söhne immer eleganter und vornehmer erschienen, sich darauf richteten, es den Reichsten im Lande gleich zu thun und ganz und gar die Manieren Altadliger annahmen, schlichter denn je aufzutreten. Das mit grauer Leinwand überspannte, leichte Korbwägelchen blieb nach wie vor sein Lieblingsfuhrwerk. In diesem klappernden und auf holperigen Wegen unangenehm stoßenden Gefährt besuchte Ammer seine Freunde in der Stadt, in ihm erschien er vor dem Portal seines Schlosses. Bisweilen trug er gerade dann noch seine alte Weberkleidung, nämlich weißwollene, weit über das Knie hinaufreichende Strümpfe, die oberhalb des Kniees festgeschnallt wurden, Schuhe mit schweren, silbernen Schnallen, eine weite, blautuchene Jacke mit silbernen Knöpfen und einen seines hohen Alters wegen in's Röthliche schimmernden dreieckigen Filzhut. Ungeachtet der schwer oder gar nicht zu vereinigenden Ansichten des alten Vaters mit denen seiner von der Neuzeit gleichsam besessenen Söhnen, war doch seit Fürchtegott's Rückkehr aus Amerika kein eigentliches Zerwürfniß mehr vorgekommen. Mochte der starrsinnige Vater darauf Verzicht geleistet haben, gegen die ihm gewaltsam entgegendrängende Zeitströmung anzukämpfen, oder fürchtete er eine abermalige Trennung, vielleicht einen feindlichen Bruch? Darüber vermochte Niemand Aufschluß zu geben, denn Ammer schwieg gegen Jedermann hartnäckig. Selbst Flora, die am leichtesten des Vaters Gedanken errieth, blieb im Unklaren. Dagegen freuten sich Alle über des Vaters Ruhe, seinen im Ganzen heitern Sinn, und bemühten sich deßhalb auch ihm möglichst zu Gefallen zu leben. Mit Herrnhut verkehrten die Brüder sehr viel, namentlich Fürchtegott. Dieser ritt wenigstens monatlich einmal von Weltenburg nach dem Brüderorte und logirte dann häufiger bei dem Grafen Alban als bei Wimmer. Letzterer war und blieb der Alte. Seine Natur schien von Eisen zu sein, denn wie oft er auch tagelange Reisen auf seinem bereits etwas stumpf werdenden Klepper machte, oft in dem abscheulichsten Wetter: nie fühlte er von solchen Strapatzen die geringste Beschwerde. Weltenburg suchte Wimmer ebenfalls einige Male im Jahre heim, weilte ein oder zwei Tage daselbst, freute sich, wenn er bemerkte, daß irgendwo etwas verbessert, eine neue zweckmäßige Einrichtung getroffen worden war und er die Ueberzeugung mit sich nehmen konnte, daß die Gebrüder Ammer immer angesehenere und mächtigere Herren in der Handelswelt wurden. Beim Abschiede drückte er den Brüdern dann wohl die Hand und sagte mit seinem ganz unnachahmlichen Augenaufschlage: Seht, liebe Brüder, das hat Gott gethan, und mich hat er begnadigt, die Hand dazu herzuleihen. Saß er wieder auf seinem Klepper, so zog er grüßend den breitkrempigen Hut, schlug mit der Gerte auf die gelbe Stulpe seines Stiefels und setzte lächelnd hinzu: Wenn ich euer Glück sehe, liebe Brüder, muß ich immer wieder unserer Begegnung an der Kapelle beim Feldbrunnen gedenken. Das war ein wahrer Tag des Segens! Gott gebe Bestand bis an's Ende! Bei seinem Jugendfreunde, dem alten Ammer, zeigte sich Wimmer nur selten, beide Männer standen jedoch mit einander in gutem Einvernehmen und wechselten jährlich ein paarmal Briefe mit einander. Nach dieser Darlegung der äußern und innern Verhältnisse der Familie Ammer nehmen wir den Faden unserer Erzählung wieder auf. Am Ostersonnabend des Jahres 18.., als Frau Anna glücklich den letzten Fladen vom Färber aus dem Backofen hatte holen lassen, und von der anstrengenden und peinlichen Arbeit dieses schweren Tages ungewöhnlich geröthet war, rollte die Wiener Equipage die Gasse herein und hielt vor Ammer's Thür. Fürchtegott stieg aus, begrüßte die Mutter mit Herzlichkeit und fragte, ob der Vater sein Mittagsschläfchen schon gehalten und, ohne daß er ihn störe, zu sprechen sei? Die Mutter bejahte, deutete lächelnd auf das angenehm duftende, noch warme Gebäck und sagte: Er wird gar nicht mehr lange warten, obwohl er heute Morgen noch schlimmer als in anderen Jahren mit Worten und spöttischen Redensarten mir zugesetzt hat. Gerathen sind sie und das hat Vater gerochen. Darum hustet er schon seit einer halben Stunde im Stübel. Flora und ich, wir haben zusammen gebacken. Otto half mit einrühren, der Bengel! Aber ein prächtiger Junge ist's doch. Ich mußte für ihn einen Kuchen allein backen, sonst hätt' er sich aus der Kraft geflennt. Er hat ihn auch selber geschoben und nun ist er ganz glücklich, der liebe Herzensjunge! Du bist doch munter, und Christlieb auch? Kommt er zum Fest herüber? Frau Anna sprach selten so viel. Wenn sie es aber that, so war dies ein Zeichen, daß nichts Unangenehmes vorgefallen und sie recht zufrieden mit sich und der ganzen Welt sei. Fürchtegott verhieß das Nachkommen des Bruders für den zweiten Festtag, und trat in's Zimmer. Als Ammer den festen Tritt eines Mannes hörte, öffnete er die Thüre seines Cabinetes und ging, wie er den stattlichen Sohn erblickte, diesem mit herzlichem Gruße entgegen. Du hast etwas auf dem Herzen, sprach der alte Weber, nachdem er den Sohn scharf angeblickt. Ist ein Unglück passirt? Im Gegentheil, erwiderte Fürchtegott. Ich habe dir von einem Glück zu erzählen, wenn du davon hören willst. Ammer forderte ihn durch ein kurzes Kopfnicken dazu auf, seine Gesichtszüge nahmen aber gleichzeitig einen ernsteren Ausdruck an. Du hast schon wiederholt angedeutet, begann der vornehme Sohn, daß du es gern sähest, wenn wir Brüder uns verheiratheten. Christlieb will nicht, wenigstens noch nicht so bald, ich aber, lieber Vater, habe mich unter der Hand umgesehen, gewählt und bin nun entschlossen, dir eine Schwiegertochter zuzuführen. Ammer's Antlitz hatte sich schon wieder erheitert. Je nun, erwiderte er scherzend, da es einmal göttliches und menschliches Gesetz ist und die ganze Einrichtung der Welt es mit sich bringt, daß die Menschen sich paaren, so wüßte ich nicht, warum ich mich weigern sollte, deiner Auserwählten den Platz an meinem Tische einzuräumen. Mir zu Gefallen kann sie schon morgen die Osterfladen bei uns mit probiren. Aber sag' mir, Junge oder Herr Sohn! ist's ein Stadt- oder Landkind? Jung oder alt? Arm oder reich? Und wie heißt sie? Du kennst sie, die ich mir zur Lebensgefährtin auserkoren habe, nicht, lieber Vater, sagte Fürchtegott. Obwohl ich sie schon lange Jahre im Herzen trage und deßhalb auch genau weiß, daß ich in ihrem Besitze unaussprechlich glücklich werden muß, war es mir doch nicht vergönnt, sie zu sehen, zu sprechen und mich zu erklären. Das wird romantisch, warf Ammer heiter ein. Nun, und wie hast du's denn angefangen, um sie dir zu erobern? Ich begegenete ihr jenseits des Oceans – in der neuen Welt! sagte Fürchtegott mit Nachdruck. Wie? versetzte halb ungläubig der alte Ammer. In der neuen Welt? Du bringst mir doch nicht eine braunrothe Tochter in's Haus mit tättowirtem Gesichte und einer Federkrone, ein indianisches Häuptlingskind, von denen du uns so viel erzählt hast? Lächelnd erwiderte der Sohn: Meine Braut ist eine Landsmännin, die ich hier in unserer Beider Heimath zuerst, freilich nur auf Augenblicke sah, die ich drüben in Surinam näher kennen lernte und die mir gern für immer angehören will, sobald du, der Sitte gemäß, deine Einwilligung dazu gibst. Erdmuthe so heißt meine Braut ist die Wittwe eines herrnhutischen Missionärs und ein Engel an Herzensgüte, treuer Liebe und aufopferndem Wesen. Still, still! versetzte Ammer abwehrend. Engel sind alle Mädel und Weiber, wenn man verliebt ist, später schlagen sie ab und zu auch in's Gegentheil um. Aber muß es denn gerade eine Herrnhuterin sein? Du weißt, lieber Sohn, ich habe aus mancherlei Gründen nicht viel vor mit den Herrnhutern. Und nun gar die herrnhutischen Weiber! Und eine Missionärin! Du bist just kein Heiliger, dich ziehen die Freuden der Welt mehr an, als gut ist. Wie kannst du zu solcher stillen Herrnhuterin passen? Wie willst du mit ihr Seide spinnen? Hast du das Alles reiflich überlegt? Ja, Vater, erwiderte Fürchtegott. Ich habe Zeit gehabt, mein Herz zu prüfen, nicht Wochen, sondern Jahre lang. Als ich die Reise nach Amerika antrat, wußte ich bereits, daß Erdmuthe's Seele an der meinigen hing. Ich fand sie drüben in paradiesischer Einsamkeit unter von ihr zum Christenthum Bekehrten wieder als Wittwe! Nie sah ich eine würdigere Trauer, nie eine in ihrem Schmerz gefaßtere Seele. Damals verlobte ich mich ihr und gestern gestern, mein Vater, habe ich nach Jahrelangem Harren die Zusage erhalten, daß sie mir jetzt unverweilt ihre Hand zum ewigen Bunde reichen kann! An diese Eröffnungen knüpften sich Mittheilungen, die uns bereits hinlänglich bekannt sind. Ammer erfuhr jetzt von seinem Sohne, unter wie sonderbaren Umständen er die gewesene Missionärin zum ersten Male gesehen, wie er sie in seine Arme geschlossen habe ohne sein Zuthun. Er erzählte ferner von dem bei Graf Alban gefundenen Tagebuch der jungen Frau und von der fesselnden Zauberkraft, mit der es ihm Herz und Sinne bestrickt. Zuletzt eröffnete er dem über diese eigenthümliche Verkettung wunderbarer Schicksale erstaunten, aber durchaus nicht unfreundlich davon berührten Vater, daß die mächtigen Verbindungen des Grafen Alban und seine väterlich warme Verwendung die Zurückberufung Erdmuthe's zur Folge gehabt. Jetzt schon befinde sie sich wieder auf vaterländischem Boden und zeige ihm an, daß sie binnen wenigen Tagen in Begleitung seines erprobten Freundes, des Arztes Walter, in Herrnhut eintreffen und vorerst dort im Schwesternhause weitere Nachrichten von ihm abwarten werde. Ammer freute sich unverhohlen über den Entschluß seines Sohnes. Mein lieber Sohn, sprach er nach längerer Pause, es sind in früheren Tagen Dinge zwischen uns vorgekommen, die uns wohl hätten auseinander bringen können. Ich hab' mich aber immer menagirt und so verständigten wir uns wieder. Heirathen stiften auch bald Frieden, bald Unfrieden; zu denjenigen Thoren aber, deren es unter uns leider sehr Viele gibt, welche es die Kinder entgelten lassen, daß sie einen andern Geschmack haben, als vordem wohl Sitte war, möchte ich nicht gern gehören. Gefällt dir also deine herrnhutische Geliebte, so nimm sie hin in Gottes Namen. Nur bitte ich mir aus, laß mich sie zuvor sehen; denn es könnte mich doch verdrießen, wenn du in diesem Punkte gar zu sehr aus der Art geschlagen wärest. Fürchtegott zeigte sich voll Dankes gegen den Vater, da er aus diesen Aeußerungen schon entnehmen konnte, daß seiner dereinstigen Verbindung mit Erdmuthe nichts im Wege stehen werde. Das Erscheinen der Mutter, der Flora alsbald folgte, unterbrach das Gespräch auf kurze Zeit. Ammer vermochte jedoch in der Freude seines Herzens nicht lange zu schweigen und machte deßhalb Frau und Tochter mit dem Vernommenen bekannt. Und nun gratulirt ihm und freut euch redlich! setzte er hastig hinzu, um jedes etwa mögliche Bedenken mit diesen Worten zu erdrücken, da er im Herzen doch überzeugt war, Fürchtegott habe gut gewählt. Frau Anna's Natur war nicht widersprechend geartet. Ihr traten bei des Vaters Mittheilung sofort Thränen in die Augen, und während sie mit einer stummen Bewegung Gott dankte, zog sie den stattlichen, hochgewachsenen Sohn an sich und küßte ihn mit mütterlicher Zärtlichkeit. Etwas zurückhaltender zeigte sich Flora. Es war nicht Neid oder Mißgunst, die ihr dazu Anlaß gaben, sondern die Befürchtung, der leidenschaftliche Bruder möge sich von einer verschmitzten Abenteurin haben täuschen lassen. Erst als sie die näheren Angaben erfuhr, auch vom eigenen Vater vernahm, daß Fürchtegott Jahre lang verschwiegen und treu der so weit Entfernten unwandelbar seine Neigung bewahrt habe, erschien der Bruder ihr in einem viel edleren Lichte. Liebt er treu und wahr, sagte sie zu sich selbst, dann ist er gerettet und sicher vor allen Nachstellungen, und ist seine Braut eine Herrnhuterin von Geist und Herz, so dürften viele Männer seine glückliche Wahl beneiden. Ungefähr dasselbe, nur mit etwas anderen Worten, sagte sie auch Fürchtegott, indem sie fragend hinzufügte, ob Bruder Christlieb auch schon darum wisse? Noch nicht, erwiderte Fürchtegott. Ich wollte das edle, anbetenswerthe Weib nicht in's Gerede bringen, darum war ich vor Allem darauf bedacht, Erdmuthe mir in jeder Hinsicht zu sichern, ehe die Welt etwas davon auch nur ahne, wie viel weniger erfahre. Ammer billigte dies Verfahren, erklärte aber nochmals in sehr bestimmten Worten, er begehre die fromme Heidenbekehrerin zu sehen, und da Fürchtegott einige Hoffnung zu haben glaubte, sie werde bereits am Ostertage Herrnhut erreichen, waren Alle es zufrieden, daß Fürchtegott schon am nächsten Morgen sich nach dem Bruderorte begeben solle. Zweites Kapitel. Eine Verlobung. Die Glocken läuteten auf allen Dörfern die Feier des Auferstehungsfestes ein, als Fürchtegott in seinem bequemen Wagen, der in allen Ortschaften die Vorübergehenden, seiner ungewöhnlichen Form und Eleganz wegen, zum Nachsehen nöthigte, Herrnhut zufuhr. Da er zeitig aufgebrochen war, erreichte er den Ort ziemlich früh. Er begab sich unverweilt in das Landhaus des Grafen, mit dem er jetzt völlig ungenirt verkehrte, ließ sich melden und ward sogleich angenommen. Sie kommen zur guten Stunde, mein Freund, redete Graf Alban den reichen Besitzer von Weltenburg an. Ich habe Ihnen Mittheilungen der wichtigsten und erfreulichsten Art zu machen. Verzeihung, Herr Graf, fiel Fürchtegott ein, wenn ich mich zuerst nach dem erkundige, was mir vor Allem am Herzen liegt. Hat Erdmuthe geschrieben? Nein, erwiderte mit feinem Lächeln Graf Alban, statt eines Briefes ist sie gestern selbst gekommen. O, Gott segne Sie ob dieses Wortes! sprach der junge Mann voll inniger Herzensfreude. Meine Eltern sind bereits unterrichtet, der Vater milder, heiterer denn je gestimmt, und wenn ich Erdmuthe bewegen kann, unverweilt mir zu folgen, um den Segen meines alten Vaters zu erflehen, so bin ich überzeugt, er schließt sie so väterlich innig und dankerfüllt in seine Arme, als hätte Gott selbst sie ihm zugeführt. Wo werd' ich sie treffen? Haben Sie, Herr Graf, schon Worte mit der edlen Dulderin gewechselt? Graf Alban nöthigte den heftig Bewegten zum Niedersitzen. Erst erholen Sie sich, junger Freund, sprach er, und werden Sie Herr über sich selbst. Es ist nie gut, in überströmendem Gefühle Wichtiges zu beschließen oder zu unternehmen. Nach ein paar Stunden sollen Sie Erdmuthe sehen; zuvor jedoch muß auch sie auf Ihr Kommen vorbereitet werden, denn mich dünkt, die Vielgeprüfte hat in den letzten Jahren, seit Sie ihr begegneten in den schönen Wildnissen Surinam's, mehr gelitten, als während ihrer Entbehrungen unter den Heiden. Ich erfuhr, daß sie leidend nicht krank, sondern eben nur von starken Gemüthserschütterungen geistig stark angegriffen sei. Fürchtegott sah ein, daß der Graf vollkommen Recht habe. Er fügte sich deßhalb ohne Widerrede in die Anordnungen desselben, obwohl die zwei Stunden sich ihm zu einer Ewigkeit ausdehnten. Endlich schlug es eilf Uhr und der Graf lud den jungen Mann ein, ihm zu folgen. Gehen wir in's Schwesterhaus? fragte Fürchtegott. Nein, mein Freund und Bruder, versetzte mit einer gewissen Feierlichkeit Graf Alban, im Bethause, wo Erdmuthe Ihnen von dem unsichtbaren Freunde, der unser Aller liebevoller Beschützer ist, zugeführt ward, sollen Sie heute die Wiedergefundene begrüßen. Es ist uns gut, daß wir im Vollgefühl zeitlichen Glückes auch der himmlischen Güter eingedenk sind, ohne die wir doch entwurzelten Bäumen gleichen, die jeder Windstoß umstürzen kann. Erdmuthe ging als Braut des Herrn in die weite Welt. Sie hat Ihm treu gedient, bis man sie abrief, und wenn sie nach ihrer Wallfahrt zu den Heiden, denen sie das Evangelium der Liebe predigte, jetzt zurückgekehrt ist, um als weltliche Braut einem braven Manne anzugehören, so werden die Seelen aller der Seligen, denen ihr Finger den Lichtpfad des Heils zeigte, sie als Brautführerinnen umschweben und einen Reigen um sie bilden, der allem Gemeinen, Frevlen, Sittenlosen, ja allem Gewöhnlichen unzugänglich ist. Sie, mein junger Freund, sind wacker und edel, aber die Welt hat vielleicht etwas zu viel Theil an Ihnen. Darum sollen Sie geweiht werden durch unser Aller gemeinsames Gebet, und der Friede des Herrn wird auf Ihrem Haupte ruhen, mit Ihrem Hause und mit Ihren Thaten sein, so lange Sie nicht von dem Herrn weichen! Fürchtegott schwieg, ergriffen von den eindringlichen Worten des Grafen. In wenigen Minuten hatten sie das Bethaus erreicht und traten in dessen schmucklose Hallen. Obwohl Jahre zwischen diesem und dem ersten Besuche Fürchtegott's in dem Versammlungsorte der Brüder lagen, machte er doch den Eindruck eines wohlbekannten Raumes auf ihn. Aber er war bewegt bis zur Erschütterung. Zu den Reihen der Brüder vorschreitend, reichte ihm jeder derselben die Hand. Einer Vorstellung bedurfte es nicht, denn jeder von einem Bruder Eingeführte galt der Gemeinde ebenfalls für einen solchen. Auch die Schwestern waren zum Theil schon versammelt. Jetzt nahte der Bischof, derselbe, welcher damals Erdmuthe eingesegnet hatte, und nun, geführt von den zwei ältesten Schwestern, trat die heimgekehrte Missionärin in den Saal. Erdmuthe Gottvertraut trug die einfache Wittwenkleidung, die jeglichen Schmuckes entbehrt. Dennoch fesselte ihre Erscheinung. Denn die junge Wittwe unterschied sich von allen sie umgebenden Schwestern durch eine gewisse Majestät, durch einen Zauber des Blickes, in dem sich Liebe und Milde mit Siegesgewißheit paarten, und weit entfernt von sinnlichem Reiz, doch Herzen gewinnen, ja berücken mußte. Sie war noch bleicher, als Fürchtegott Ammer sie in Surinam gefunden; gerade diese tiefe Blässe erhöhte in den Augen des jungen Mannes ihre Schönheit. Der Bischof erhob sich und sprach ein kurzes Gebet mit ergreifender, noch immer sonorer Stimme. Darauf hielt er eine jener zum Herzen dringenden Reden, die nicht eigentlich Predigten heißen können, noch auch sein wollen, weil sie aber gewöhnlich dem Bedürfnisse der Gemeinde, oft sogar nur dem Momente angepaßt sind, nie spurlos verhallen. Er sprach von den Segnungen christlicher Sendboten, die als Säeleute des Herrn berufen sind, unter fremden Himmelsstrichen den Samen der Liebe auszustreuen, gleichviel, ob der Boden, auf welchen dieser Samen fällt, ein fruchtbarer oder unfruchtbarer, mit Steinen und Dornen überdeckter sein möge. Daran knüpfte er Betrachtungen über die Worte, daß dem Gerechten seine Werke nachfolgten, und erläuterte dieselben in so ergreifender Weise, daß eine lebhafte Rührung in den Reihen der Brüder und Schwestern sich bemerkbar machte. Endlich forderte er die Versammelten auf, eine jener von Gott Gerufenen, die mit Liebe und Ausdauer, mit Demuth und Glaubensfreudigkeit ihre Pflicht als apostolische Missionärin treu erfüllt habe, bis die Aeltesten der Gemeinde ihr zugerufen, sie möge nun ausruhen von ihrer Arbeit, zu begrüßen und freudig als Schwester wieder aufzunehmen. Ein kaum merklicher Wink veranlaßte die Begleiterinnen der Heimgekehrten diese selbst dem Bischof zuzuführen. Erdmuthe wollte dem ehrwürdigen Greise die Hände küssen, dieser aber faßte die Zitternde, zog sie an sich, gab ihr den Bruderkuß und sagte: Nicht mir, dem Heilande allein gebührt die Ehre. Der Herr segne deinen Eingang, wie er deinen Ausgang gesegnet hat! Der Herr gebe Frieden deiner Seele, jenen schönen Frieden des starken Glaubens, den du gepredigt hast mit Engelslippen unter den Heiden und dadurch Seelen gewonnen dem Himmelreich! Der Herr erleuchte dich ferner und gebe zu Begleitern durch's Leben dir die Engel der Zufriedenheit und Geduld, damit dem Mund, nie ein Wort der Klage hören lasse und die Schläge deines Herzens ein fortgesetztes Loblied seien zum Preise Dessen, der dich geschaffen hat. Amen! Die Hände des Bischofs ruhten auf dem Haupte der tief Erschütterten. Graf Alban näherte sich jetzt mit Fürchtegott der von Allen mit Andacht betrachteten Gruppe. Hochwürdiger Bruder, sprach er, dies ist der Mann, dem die Schwester sich vermählen will für die Dauer dieses Lebens. Er bittet, ihn im Angesicht aller Brüder und Schwestern derjenigen zu verloben, die Gott ihm in der Wildniß auserwählt zu seiner künftigen Lebensgefährtin. Der Bischof reichte Fürchtegott die Hand, zog ihn zu sich heran und küßte seine Stirn. Hierauf legte er die Hand des jungen Mannes in die der gewesenen Missionärin. Die Blicke Beider trafen sich in diesem heiligen Moment. Fürchtegott Ammer, sagte der Greis, ich verlobe dich im Namen Dessen, der über alle Namen ist, dessen Rathschlüsse wunderbar und unerforschlich sind, und der da immer unser Bestes will, auch wenn wir es nicht immer einsehen können; ich verlobe dich Erdmuthe, der nachgelassenen Wittwe des in dem Herrn verstorbenen Missionärs, Johannes Gottvertraut. Sei ihr eine Stütze auf dem dornigen Wege durch's Leben, behüte ihre Seele als ein dir anvertrautes Heiligthum, und liebe sie so rein und wahr und treu, daß eure Herzen eins werden und ihr Gott und Menschen gleich angenehm bleibet, so lange ihr lebet! Berauscht von dem ihm gewordenen Glück, das er jetzt fest in seine Arme schloß, vergaß Fürchtegott dem ehrwürdigen Greise zu danken. Die geliebte Gestalt ruhte an seinem Herzen, leise schluchzend. Seine Lippen küßten wiederholt das weiche, blonde Haar, das unter dem schlichten Häubchen hervorsah, und als er seine Blicke erhob, war der Saal beinahe von allen Brüdern und Schwestern verlassen. Nur Graf Alban und die Führerinnen Erdmuthe's standen in einiger Entfernung. Erdmuthe entzog sich sanft den Armen ihres Geliebten, trat zu den Schwestern und drückte ihnen dankend die Hände. Ich werde euch nie vergessen, sagte sie weich. Ihr bleibt meinem Herzen immer die Nächsten. Dann wandte sie sich wieder zu Fürchtegott, umarmte ihn, trat auf den Grafen zu und sprach: Sie waren der Mittler, Herr Graf, zwischen ein paar verwaisten Herzen. Möge Gott Ihnen dafür lohnen! Und nun, nicht mehr mein Bruder, sondern mein Herr, fuhr sie mit einem Anflug heitern Humors zu Fürchtegott gewendet fort, nun bitte ich vor Allem, führe mich in das Haus deiner Eltern, daß ich mir auch deren Liebe und Achtung erwerbe und so deiner ganz würdig mich zeige. Erst als die beiden Verlobten in Begleitung des Grafen das Bethaus verließen, fiel es Fürchtegott auf, daß er den alten Wimmer nicht unter den Brüdern gewahrt hatte. Es war ihm dies angenehm, weßhalb, wußte er sich selbst nicht genau zu sagen. Auch daß er ihn nach der Rückkehr in die Behausung des Grafen daselbst ebenfalls nicht traf, machte ihm Freude. Dafür trat ihm schon unter der Hausthür sein Freund Walter aus Paramaribo entgegen. Dieser junge Mann hatte mit anerkennenswerther Aufopferung dem Dienste Erdmuthe's sich geweiht. Unter seiner Führung hatte sie, nach erfolgter Abberufung durch die Aeltesten, die von ihr begründete Gemeinde verlassen. Walter sorgte wie ein Bruder für sie, während ihres ziemlich lange dauernden Aufenthaltes in der geräuschvollen Hafenstadt Surinams und pflegte sie während der Ueberfahrt, die wiederholter Stürme wegen eine Menge Unannehmlichkeiten in ihrem Gefolge führte. Die Begrüßung der Freunde war herzlich. Du hast's erreicht, Octavio! sprach Walter heiter, dem Freund auf die Schulter klopfend. Damals, als wir noch mit einander im Urwalde herumkrochen und Abends, ehe wir uns schlafen legten, die Füße uns doppelt verhüllten, damit uns die Vampyrmäuse nicht das Blut aussaugen möchten, hatte ich nicht geglaubt, daß ich dich im Vaterlande als Bräutigam würde umherwandeln sehen. So weit bring' ich's nicht, ich armer Schelm, setzte er seufzend hinzu. Weiß der liebe Gott, wie's kommt, alle Mädchen mögen mich gern, mich aber zu heirathen, dazu hat kein einziges Courage. Ich glaube, ich habe das ganze weibliche Geschlecht, soweit das nicht schon an den Mann gebracht ist, zu Geliebten, die Hand für immer gibt mir nicht das liebebedürftigste Geschöpf. Mich soll es aber nicht unglücklich machen. Wozu wäre ich denn Arzt geworden? Doch wohl nur, um Andern zu helfen, wo es nöthig ist. So bin ich denn überall ein gern gesehener Gast, heute als Brautführer, wenn es an einem so gutmüthigen Thoren fehlt, morgen heile ich als Heftpflaster klaffende Wunden, schlage ein andermal dergleichen in Gestalt eines Skalpells, um gar zu unruhig gewordenes Blut wieder fein sanft durch die ihm angewiesenen Kanäle fließen zu lassen, versenke mich als Sonde in schmerzende Geheimnisse und lindere als kühlendes Bäuschchen von Charpie offenes Weh. Ich bin mit einem Wort das unentbehrliche Factotum für eine Familie, deren Glückshimmel bisweilen von drohendem Gewölk verdunkelt wird, aus dem bald da, bald dort ein Blitzstrahl niederfährt, sei's nun, um zu zerstören, bloß, um zu schrecken oder zu warnen. Willst du mich als solches Universalmittel für innere und äußere Schätzen in Lohn und Brod nehmen, so bin ich dein mit Haut und Haar! So ist's mir recht, Bin dein Diener, bin dein Knecht! Ein langer, heißer Händedruck Fürchtegott's dankte dem erprobten Freunde. Ich denke, sprach der Glückliche, wir bleiben von jetzt an unzertrennlich verbunden. Nicht aber mein Knecht oder Diener, mein Bruder und Freund sollst du sein. Das Haus der Ammer ist groß, es hat Raum für Alle, die ihm gewogen sind. Und wie dein Rath mir nicht entging in der neuen Welt, so oft ich desselben bedurfte, so wirst du mir diesen auch in der Heimath nicht entziehen, wenn die Verhältnisse schwierig werden und das Wort eines treuen und redlichen Freundes schwerer in's Gewicht fallen sollte; als Stufen lauteren Goldes. Graf Alban hatte für ein frugales Mahl gesorgt. Während die Wiedervereinten dasselbe einnahmen, hatte Erdmuthe Gelegenheit, manche merkwürdige Scene ihres bewegten Lebens dem Grafen mitzutheilen. Da nämlich Beide in fortwährendem brieflichen Verkehr mit einander geblieben waren, und häufig von der Missionärin entsendete Briefe über den Zustand der kleinen Christengemeinden unter den Indianern Surinam's Gegenstand langer Unterhaltungen in den Versammlungen der Aeltesten gewesen waren, konnte Graf Alban die frühere Missionärin leicht an Ereignisse und Vorgänge erinnern, welche Beiden wichtig sein mußten. So verging die Zeit auf die angenehmste Weise und hätte Fürchtegott nicht wiederholt an baldiges Aufbrechen gemahnt, so würde man bis spät unter Gesprächen beisammen geblieben sein, die ziemlich erschöpfend ein Thema behandelten, das allen wahren Freunden des Christenthums stets wichtig bleiben muß. Fürchtegott jedoch hatte durchaus keine Ruhe. Er konnte, was ihm weder Graf Alban noch Walter verdachte, den Augenblick kaum erwarten, wo er die Auserwählte seines Herzens, die ihm vor Kurzem feierlich vor dem Angesicht der ganzen Gemeinde Verlobte, seinen Eltern und Geschwistern als Braut vorstellen sollte. Eine Stunde vor Sonnenuntergang fuhr Fürchtegott Ammer's Equipage vor. Erdmuthe erschrak vor der blendenden Eleganz dieses Wiener Wagens. O nein, ich bitte! sprach sie zögernd: das ist kein Wagen für eine arme Missionärin. Für mich ist ein Korbwagen zu gut. Das muß ich sagen, bemerkte Walter, du hast dich nicht übel eingerichtet. Den blauen Himmel über dir, im Himmel sitzend, fährst du, den fertigen Engel im Arm, geradeswegs in's Himmelreich hinein. Fürchtegott lächelte, indem er den Wagenschlag öffnete und Erdmuthe einzusteigen nöthigte. Diese aber zögerte und sagte bewegt: Mein theurer Freund, ist es auch recht, die mittellose Magd des Herrn aus der Rohrhütte in der Wildniß so plötzlich mitten in den Glanz der großen, reichen Welt zu führen? Zürne nicht, mein Freund, aber mir wird bange im Herzen vor solcher Pracht und Herrlichkeit. Nicht, daß ich fürchte, übermüthig und stolz zu werden, nur die Befangenheit wird an die Stelle der Offenheit treten, wenn du mich mit so ungewohntem Schimmer umgibst. Du wirst mich stumm machen, statt mittheilsam, und das Brod der Liebe werde ich nicht in treuen Worten, ach nein, nur in schweigsamen, todten Küssen reichen können. Laß uns lieber demüthig sein, mein lieber, lieber Fürchtegott! Der junge Ammer gerieth bei dieser Erklärung in eine seltsame Stimmung. Die köstliche Natürlichkeit dieser unverdorbenen, dem Weltleben so gänzlich abgewandten Seele entzückte ihn, und doch hätte er ihr harte Worte sagen mögen. Ihn freute es, die aus der weiten Welt Heimgekehrte, die er sich mit seinen heißesten Pulsschlägen erobert hatte, mitten in den lachenden Glanz seines durch rastlose Strebsamkeit erworbenen Reichthums führen zu können. Er war stolz auf Erdmuthe, ihrer großen und seltenen Eigenschaften wegen; aber es würde ihn gekränkt haben, wäre irgend Jemand auf den Einfall gekommen, ihm Vorschriften machen zu wollen, in welcher Weise er sein Vermögen anwenden solle. Diese, seinem Dafürhalten nach zu weit getriebene Bescheidenheit Erdmuthe's verletzte ihn und ein erster Mißton lief schrillend über die Saiten seiner Seele. Zögere nicht länger, meine theure Erdmuthe, sagte er, während er fühlte, daß ihm das Blut zu Gesichte stieg. Dieser Wagen ist mein, oder wenn du das lieber hörst, meines Bruders, denn er hat ihn gekauft. Die Zeit verrinnt, und wollen wir die Eltern noch wach treffen, so müssen wir eilen. Es geht langsam auf unsern schlecht gehaltenen Wegen. Also rasch, mein Herz! Fasse dich nur, du wirst dann schon merken, daß sich's auf diesen Polstern bequemer sitzt, als auf deinem Mattenlager in Surinam. Mehr von Fürchtegott gehoben, als selbst gehend, stieg Erdmuthe in den Wagen. Sie zitterte und ein feuchter Glanz schimmerte in den zauberisch schönen Augen, deren himmlische Milde Jedermann entzücken mußte. Schnell sprang Fürchtegott ihr nach, schlang seinen Arm um ihren Leib und bedeckte ihren Mund mit leidenschaftlichen Küssen. Walter stieg gelassen ein und nahm Platz auf dem Rücksitze. Ein prächtiger Doctorwagen, sagte er schalkhaft. Wenn meine künftige Frau Gebieterin ihren Abscheu gegen weiche Kissen in himmelblauer Umhüllung nicht sollte überwinden können, so werde ich wohl gleich Gebrauch von meiner Kunst machen müssen. Ich verschreibe dann zu besserer Heilung von allzuweit getriebener Bescheidenheit, weil dieselbe eine Schwäche ist und jede Schwäche der Gesundheit des ganzen Menschen Schaden bringen muß, daß sie zur Stärkung ihrer zu reizbaren Nerven täglich ein- bis zweimal an meiner Seite in dieser himmelblauen Muschel, genannt Wiener Wagen, spazieren fahren soll. Mit heiterer Miene reichte er dem fein lächelnden Grafen die Hand, während Erdmuthe von dem bewährten Freunde noch durch eine stille Kopfbewegung Abschied nahm. Fürchtegott grüßte noch mehrmals mit der Hand, die schon längst unruhig stampfenden Rosse zogen an, und die elegante Equipage, zwei der glücklichsten und doch von den widersprechendsten Empfindungen gepeinigten Menschen tragend, rollte, von den Blicken vieler Neugierigen angestaunt, in den nahegelegenen rauschenden Fichtenwald hinein. Drittes Kapitel. Im Elternhause. Am zweiten Osterfeiertage war die Thür des alten Ammer von einem sich immer auf's Neue ergänzenden Schwarm harmloser Neugierigen förmlich belagert. Der greise Weber kümmerte sich eben so wenig wie die übrigen Hausbewohner um die Schaar der Gaffer; vielleicht wäre es ihm sogar erwünscht gewesen, wenn deren Zahl sich noch vermehrt hätte. Ein glücklicherer Tag war, so lange Ammer, wie er zu sagen pflegte, handthierte, noch nicht über seinem Hause aufgegangen. Durch die unter Flora's Anleitung von den Mägden dreimal geklärten Fensterscheiben gewahrten die draußen am grüngemalten Gartenstaket Lehnenden eine die ganze Breite des Wohnzimmers einnehmende Tafel. Ein feines Damasttuch, so stark geglättet, daß es an den Ecken weit abstand, überbreitete dasselbe, und was Frau Anna von seltenem Geschirr besaß, das ward heute aufgesetzt. Dadurch überlud man die Tafel dergestalt, daß sich trotz allen Hin- und Wiederschiebens der vielen Porzellangefäße doch keine rechte Symmetrie herstellen ließ. Flora that zwar das Möglichste, weil aber nichts entfernt werden sollte, blieben der Geräthschaften doch immer zu viele. Ein bisher im Hause des Webers nicht gesehener Mann war das beständige Augenmerk der Neugierigen. Der Schnitt seines Frackes hatte etwas Ausländisches, auch fielen die langen schwarzen Haare, die er gescheitelt trug, den Zuschauenden auf. Dieser Mann war Walter, der sich in seiner zuthunlichen Weise sogleich mit Flora eng befreundet hatte und jetzt, von der glücklichen, jungen Frau bereits ziemlich eingeweiht in Küche, Keller und sonstige Geheimnisse des Ammer'schen Hauses, die Rolle eines anstelligen Haushofmeisters mit wahrer Virtuosität durchführte. Walter half demnach bei Anordnung der Tafel, so schwer oder unmöglich es war, in dieses Chaos wirkliche Ordnung zu bringen. Er legte geschriebene Zettel auf die Teller, ja brach sogar Servietten. Flora schlug vor Erstaunen und Freude die Hände zusammen, als sie bald da ein Schiffchen auf silberblankem Zinnteller stehen, bald einen Fächer daraus emporwachsen sah. Diese Kunst verstand sie nicht auszuüben, obwohl sie schon früher davon gehört hatte. Walter war sogleich erbötig, die aufmerksame, junge Frau darin zu unterweisen, und so gelang es Flora nach einigen Versuchen ebenfalls Serviettenschiffchen vom Stapel laufen zu lassen. Um die Stunde, wo bei heiterm Wetter die Dorfbewohner ihren Feldspaziergang zu machen pflegten, um auf den schon früher beschriebenen Waldhöhen blühende Weidenzweige abzubrechen und die ersten Kinder des erwachenden Lenzes zu einem Strauße zu sammeln, wurde heute in Ammer's Hause getafelt. Am Abend zuvor war der Weltumsegler Fürchtegott, wie man den jungen Ammer gewöhnlich nannte, spät von Herrnhut zurückgekommen und zwar in Begleitung seiner Braut. Diese Kunde lief von Haus zu Haus, und obwohl Niemand eine Ahnung hatte, woher diese Braut eigentlich stamme, wer sie sei, so erfand doch sofort die Fama eine Geschichte, die, von dem Einen erzählt, bereitwillig von Allen geglaubt wurde. Nach dieser Erzählung hatte Fürchtegott sich die einzige Tochter eines steinreichen Pflanzers zum Weibe erkoren. Außer den unermeßlichen Reichthümern, welche sie ihm zubrachte, war sie selbstverständlich jung und ein wahrer Ausbund von Schönheit. Sie trug nur golddurchwirkte Kleider von ganz eigenthümlichem Schnitt, verstand kein Deutsch, sondern sprach Spanisch und Englisch, und wenn sie ausging, trugen zwei junge Schwarze, die sie mitgebracht, hinter ihr her große Wedel von Pfauenfedern, entweder um sie gegen die Strahlen der Sonne damit zu schützen, oder auch ihr ununterbrochen frische Luft zuzufächeln. Daß nach dieser wunderbar klingenden Erzählung Alle überaus begierig waren, die reiche, schöne Fremde mit eigenen Augen zu sehen, bedarf wohl nicht der Erwähnung. Nach längerem Harren sollten die Neugierigen für ihre Ausdauer belohnt werden. Die sehnlichst Erwartete trat an der Hand des jungen Ammer in's Zimmer und nahm zugleich mit den übrigen Mitgliedern der Familie Platz an der festlich geschmückten Tafel. Nicht aber eine hohe, strahlende Schönheit mit wallendem Lockenhaar, umrauscht von goldstrotzenden Kleidern, mit kostbaren Perlengewinden und Diamanten geschmückt, trat ein, sondern eine fast zu einfach gekleidete Herrnhuterin, an deren allerdings sehr fein gebauter und weißer Hand nur ein einziger Goldreif schimmerte. Weder Gold- noch Perlenketten umschlangen den Hals. Ihr, wie es schien, volles, blondes Haar bedeckte das Allen gar wohl bekannte Häubchen, dessen die Schwestern sich bedienen. Da aber dieses Häubchen nicht einmal mit Rosaband unter dem Kinn befestigt war, sondern mit einfacher weißer Schleife, mußte man sich schweigend sagen, die Braut des reichsten jungen Mannes der Provinz sei schon einmal verheirathet gewesen. Mit dieser unerwarteten Enttäuschung verminderte sich augenblicklich die Schaulust der Menge. Wer konnte auch an einer verwittweten Herrnhuterin viel zu bewundern finden, wer überhaupt mochte noch Interesse haben für eine so schlichte Persönlichkeit! Schon nach wenigen Minuten hatten Wald und Flur mehr Anziehungskraft für die Neugierigen als das, was im Wohnzimmer des steinreichen Webers geschah, und ehe man sich's versah, stand Niemand mehr an dem grüngemalten Staket, welches den um das halbe Haus laufenden Blumengarten des alten Ammer einfaßte. Nur dann und wann schielte ein Vorübergehender nach den Fenstern, deren untere Schieber aufgeschoben waren, um in das etwas niedrige Zimmer frische Luft strömen zu lassen. Ammer im Rohr war das Verhalten der Menge nicht entgangen, und mochte er bisweilen auch gern bewundert werden als ein nicht alltäglicher Mensch, so konnte es ihm doch noch mehr Vergnügen machen, wenn die reine Neugierde Gedankenloser keine Befriedigung fand. Er lachte daher recht herzlich, als er die langen, vor Erstaunen bald dummen, bald ärgerlichen Gesichter bemerkte, die sich noch einmal fest an das Staket drückten und dann verschwanden. Erdmuthe saß zwischen ihrem Verlobten und dessen Vater. Diesmal hatte Fürchtegott durch seine Wahl die ganze Zufriedenheit seines Vaters sich erworben. Der alte, eigensinnige und bisweilen etwas sehr wunderliche Mann würde zwar auch jedes andere unbescholtene Mädchen, das der Sohn ihm als Braut zugeführt, freundlich aufgenommen haben, ohne gerade nach ihren Vermögensumständen zu fragen; schwerlich jedoch hätte er sich recht von Herzen gefreut, wenn Fürchtegott mit einer reichen, vornehmen, anspruchsvollen und etwas verzogenen Weltdame in sein unscheinbares Haus getreten wäre. Die Herrnhuterin war ihm nicht deßhalb lieber, weil sie der Brüdergemeinde angehörte, sondern ihres bescheidenen Auftretens wegen, und daß sein anspruchsvoller und oft nur zu hochmüthiger Sohn gerade diese Schwester unter Tausenden sich erwählte, war ihm Beweis dafür, daß neben mancher tadelswerthen Eigenschaft doch eine tiefe und edle Leidenschaftlichkeit Raum in seinem Herzen finden könne. Ein fröhlicheres Familienfest, als die ohne alles äußere Gepränge erfolgende Verlobung Fürchtegott's mit Erdmuthe war in Ammer's Hause noch niemals gefeiert worden. Der Frieden, welchen die gewesene Missionärin gepredigt hatte und der seit Jahren unbestritten Besitz von ihrer Seele genommen, schien mit ihr zugleich die Wohnung Ammer's betreten zu haben. Dem mild und still waltenden Wesen Erdmuthe's gegenüber verlor alles Harte, Starre, gemein Leidenschaftliche seine Kraft. Sie bändigte mit Einem Blicke alle Leidenschaften und Begierden, und wenn sie sprach, so schmeichelten sich der Ton ihrer Stimme, wie der Gehalt und die Wahrheit ihrer Worte gleich linderndem Balsam in Ohr und Herz der Zuhörer. Ammer verhehlte seine Freude über die getroffene Wahl seines Sohnes nicht, eben so wenig machte er ein Geheimniß aus den Gefühlen, die ihn bewegten. Er sprach es in seiner treuherzigen, offenen Weise gegen Erdmuthe offen aus, daß durch ihren Eintritt in sein Haus ein neuer belebender Sonnenblick in sein schon etwas winterlich kühl und nebelreich gewordenes Leben gefallen sei. Du bist mir in's Stübel gesprungen, sagte er zu der mild lächelnden Braut, wie der Frühling, der in unseren Bergen auch oft zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang über die Berglehnen in die Thäler und Gründe hereinfliegt. Ich denk' immer, ich höre die Nachtigall schlagen oder den Triller der ersten Lerche in der bläulich schimmernden Luft verhallen, wenn du sprichst, und so thust du meinem alten Herzen wohl, und das werd' ich dir nie vergessen, bis zum letzten Athemzuge. Es konnte nicht helfen, auch Erdmuthe mußte sich zu diesem körnigen alten Manne hingezogen fühlen, der für das Muster eines rechtlichen Webers gelten konnte. Es war Alles gediegen an dem stattlichen Greise, der durch Thätigkeit und Ausbauer, zu denen sich freilich seltenes Glück gesellte, eine so große Macht sich zugeeignet hatte. Von allen Familiengliedern war aber doch Niemand innerlich so erfreut, als Flora. Das immer nur dem Rechten zugewandte Gemüth der jungen Frau hatte ihrem Bruder, dessen Schwäche sie kannte, allen Kummer vergeben, den er den Eltern durch sein eigenmächtiges Handeln bereitet. Die Wahl Erdmuthe's, die sie mit leidenschaftlicher Heftigkeit als Schwester in ihre Arme schloß, machte Alles gut. Sie segnete jetzt sogar den Tag, wo Fürchtegott ohne Zustimmung des Vaters die Heimath verlassen hatte, und als sie im traulichen Gespräch mit der Verlobten die näheren Umstände ihres geistigen Bekanntwerdens erfuhr, erschien ihr des Bruders ganzes Auftreten in viel milderem Lichte; nur konnte sie nicht begreifen oder fand es doch nicht ganz entschuldbar, daß Fürchtegott seine Neigung vor Jedermann geheim gehalten. Ihr, der liebevollen, theilnehmenden Schwester, meinte sie, hätte er sich doch anvertrauen können. Das wäre sogar gewissermaßen seine Pflicht gewesen, denn sie habe ja auch ihre Neigung zu Albrecht nicht verheimlicht. Fürchtegott scherzte über diese schwesterlichen Zumuthungen und meinte, es habe doch wohl so sein sollen. Was ihn betreffe, so sei er ganz zufrieden, daß Alles sich so gefügt habe. Das vorherige Besprechen einer so wichtigen Angelegenheit würde ihn nur gestört, seine Zuversicht geschwächt und ihn dadurch in unnöthige Zweifel und Aengste gestürzt haben. Erdmuthe's Verhältniß zu den übrigen Mitgliedern der Familie Ammer ward sonach ein in jeder Hinsicht angenehmes. Frau Anna sah ihre neue Tochter oft lange mit eigenthümlichen Augen an, umarmte sie dann heftig und sagte: Liebe, liebe Erdmuthe! Du wirst unser Aller guter Engel sein! Dann mußte die Herrnhuterin wieder erzählen, bald von sich, bald von den Wilden, mit denen sie Jahre lang zusammengelebt, und auf welche Weise es ihr möglich geworden, von Natur so wildgeartete und unbändige Naturen doch zu zähmen, ja sogar sich unterthan zu machen. Ueber diese vielen Fragen und dem unerschöpflichen Born der Unterhaltung vergaß man fast die leiblichen Genüsse, wenigstens ließ man diesen nicht in der bei so feierlicher Gelegenheit sonst üblichen Weise ihr Recht widerfahren. Immer auf's Neue gab es wieder etwas zu erzählen, nicht allgemein Bekanntes zu erläutern, und während Alle mit großer Spannung solchen Erklärungen lauschten, ruhten Hände und Lippen. Fürchtegott war hoch erfreut, ja beglückt über die Macht, welche das bloße Erscheinen Erdmuthe's übte. Er hätte vor übergroßer Freudigkeit laut aufjauchzen mögen, da nun dies aber nicht wohl thunlich, und noch weniger schicklich war, begnügte er sich mit Zärtlichkeitsäußerungen gegen seine Braut. In diesem ganzen Kreise befand sich nur Einer, der nicht vergnügt schien. Dies war Christlieb, der am ersten Osterfeiertage von Weltenburg herübergekommen und sogleich mit der Nachricht von Fürchtegott's Verlobung durch seinen eigenen Vater überrascht worden war. Auch ihm gefiel Erdmuthe, er hätte sie vielleicht, wäre sie nicht die Braut des Bruders gewesen, selbst lieben können, obwohl ihn bisher jede weibliche Schönheit ziemlich kühl gelassen hatte. Aber er fühlte sich beengt in ihrer Nähe. Einen vernünftigen Grund, aus welchem dies seltsam beengende Gefühl entsprang, wußte er nicht anzugeben, und dennoch konnte er es nicht los werden. Endlich glaubte er einen Anhaltspunkt in der gar zu großen Einfachheit seiner zukünftigen Schwägerin gefunden zu haben. Diese schmucklose, allen Glanz verschmähende, ihn vielleicht gar verdammende Schwester, die gelehrt und gepredigt hatte, gleich den Aposteln, die schon deßhalb an weltlichen Dingen, weil sie vergänglich sind und leicht die Beute der Motten und des Rostes werden können, keinen Gefallen finden durfte, wenn sie wirklich von Herzen der Brüdergemeinde angehören wollte: sie mußte sich selbst entweder nie glücklich fühlen in den mit fürstlicher Pracht ausgeschmückten Hallen von Weltenburg, oder den Bruder dahin vermögen, sich dieser äußeren Zeichen seines Reichthums zu entkleiden. Um nicht durch sein zerstreutes Wesen, das bei der bisherigen lebhaften Unterhaltung glücklicherweise von Niemand bemerkt worden war, später noch aufzufallen, beschloß er, seine Schwägerin zu erforschen. Er fragte daher, wann sie Weltenburg zu besuchen gedenke? Erdmuthe wandte ihr, von dem vielen Sprechen und der Freude, die sie durchrieselte, fein geröthetes Gesicht ihm zu, indem sie naiv entgegenfragte: Weltenburg? Wahrhaftig, das weiß ich nicht, denn ich kenne den Ort gar nicht. Ist er schön gelegen und merkwürdig? Na, das muß ich sagen, fiel Ammer heiter ein, wüßte ich nicht schon, daß ihr Beiden bis über die Ohren in Liebe und Seligkeit schwimmt, so würde mich diese Unkenntniß meiner kleinen, lieben Schwiegertochter darüber aufklären. Andere junge Herren, wenn sie um ein Mädchen freien, kollern ihm zuvor allerhand blinkernde Kostbarkeiten unter die Augen, damit sie davon geblendet werden, oder sprechen von ihren Schlössern, die weit oben hinter der spanischen See mitten hinein in die blaue Luft gebaut sind, daß es nur so seine Art hat; und mein großmächtiger Herr Sohn vergißt über seinen Liebesgedanken ganz und gar, daß er halbpart Herr auf unserm Schlosse Weltenburg ist? Mein Fürchtegott Herr eines Schlosses? sagte Erdmuthe und die Rosen auf ihren Wangen verwelkten ziemlich rasch. Ja, ja, meine liebe, fromme Schwester, fuhr Ammer fort; es hat meinem Schöpfer gefallen, mich wunderbar zu segnen mit weltlichen Gütern und ich danke ihm dafür in Demuth und Bescheidenheit. Weil ich aber als ein alter Mann, der sich an Neues, selbst wenn es besser ist, als das Alte, nur schwer gewöhnt, nicht gern aus meinen vier Pfählen herauswollte, so lange ich noch rührig handthieren kann, hab' ich das Schloß den Söhnen überlassen. Für die jungen Herren, welche die Welt mehr sahen als ich schlichter Weber, paßt das besser, und dir, mein liebes, feines Töchterchen, werden die Füßchen wohl nicht gleich müde werden, wenn du auch ein paarmal des Tages die Treppen auf und abwandeln mußt. Gewiß nicht, mein Herr Vater, versetzte Erdmuthe, ich bin nur ganz und gar nicht dazu angethan, eine Schloßfrau vorzustellen. Kind, das lernt sich! meinte Ammer. Ihr Weiber habt in diesem Punkte ein merkwürdiges Talent, euch rasch zu verwandeln. Hast du erst acht Tage lang in deinem Schlosse zugebracht, wird's dir vielleicht schwer fallen, hier in dies niedrige Weberhaus wieder einzutreten. O nein, nein, mein Vater! sprach Erdmuthe hastig. Nie kann, nie soll dies geschehen! Das Einfache, Glanz- und Prunklose wird und soll immer meine Heimath sein. Ich würde untreu werden meinem Wort, das ich dem Herrn gelobt, als ich seinen Lehren und Vorschriften gemäß zu leben versprach. Ich weiß, Glanz und Pracht müssen sein; sie sind nöthig wie die Sterne am Nachthimmel, sie gehören zur Einrichtung dieser Welt! Aber ich, bester Vater, ich bin nicht würdig und nicht fähig, in prunkenden Gemächern einherzugehen. Nicht wahr, bester, liebster Fürchtegott, das verlangst auch du nicht von deiner Erdmuthe? Diese mit starker Bewegung gesprochenen Worte wären wohl geeignet gewesen, die Freude zu stören, Ammer jedoch wollte sich nicht stören lassen. Darum versetzte er, ehe irgend ein Anderer etwas erwidern konnte, in der heitersten Laune: Habe nur keine Furcht, meine kleine schüchterne Taube. Der Herr auf Weltenburg, der da als dein verlobter Bräutigam neben dir sitzt, ist viel zu gescheidt, als daß er dir zumuthen würde, du solltest gegen deine Neigung oder deinen Willen wie eine mittelalterliche Burgfrau in Sammt, Seide und Edelsteinen einherrauschen, 's ist mir ganz angenehm zu hören, daß die weibliche Eitelkeit dein Herz fest verschlossen gefunden hat. Damit wirst du meinen prachtliebenden Sohn recht weise im Zaume halten. Und will er nicht, wie seine kluge Frau es für zweckdienlich erachtet, da wende dich nur dreist an den alten Weißkopf! O, mein Kind, der alte Ammer kann sich 'was einbilden auf seinen starren Nacken! Es hat ihn noch kein Fürst beugen können, und wird es auch Niemanden gelingen, als Gott woll' es verhüten dem ungeheuersten Unglück! Also, will dein Mann dereinst zu hoch hinaus, so klopfe nur keck an's Schiebefenster, und da wollen wir beide die zu hoch aufschießenden Zweige ihm mit der Scheere der Liebe stutzen. Aber sehen mußt und sollst du Weltenburg. Und wie du's dann haben willst, so werd' ich's dir einrichten lassen. Darauf hast du hier meine Hand! Erdmuthe küßte die Hand ihres Schwiegervaters und schien vollkommen beruhigt. Fürchtegott schwieg, obwohl er mancherlei auf dem Herzen hatte. Christlieb verhielt sich ebenfalls still, beobachtete aber sehr scharf sowohl seinen Bruder als dessen fromme Braut, und konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß aus der großen Verschiedenheit der Charaktere und Neigungen dieser beiden Menschen, die sich einander für's Leben verbinden wollten, ein ganzes Gebirge von Schwierigkeiten und Widersprüchen emporsteigen könnte, das wohl alles Glück, das sie im Augenblick sich träumten, zu verdunkeln, wo nicht ganz zu erdrücken geeignet sein möchte. Walter, dessen scharfer Beobachtung nicht entgangen war, daß die unerwartete Frage Christlieb's die vorher so gänzlich heitere Atmosphäre wie ein in weiter Ferne ausklingender Donnerschlag vibriren machte, bemühte sich, das Gespräch wieder auf andere Gegenstände und dadurch die Aufmerksamkeit Aller von Weltenburg abzulenken. Er begann deßhalb von Surinam zu erzählen, schilderte die Contraste der dort angesiedelten Europäer mit den Ureinwohnern des Landes und entwickelte dabei ein so köstliches komisches Darstellungstalent, daß in sehr kurzer Zeit sämmtliche Tischgäste in die heiterste Stimmung versetzt wurden. Der alte Ammer mußte zuletzt laut auflachen, und auch Frau Anna, deren still betrachtende Natur selten in ausgelassene Heiterkeit umschlug, konnte vor Lachen gar nicht mehr zu Athem kommen. Erdmuthe gab zu, daß wer, wie eben Walter, ein Auge für das Komische besitze, allerdings sehr viel höchst Wunderliches in jenem tropischen Lande auffallend und in hohem Grade lächerlich finden müsse. So endigte denn das Familienfest in der heitersten Weise. Später als gewöhnlich begab man sich zur Ruhe, zuvor aber ward noch festgesetzt, daß Erdmuthe bis zu ihrer Vermählung mit Fürchtegott im Hause Ammer's bleiben, die Vereinigung der Liebenden aber zu Pfingsten stattfinden solle. Viertes Kapitel. Bedenkliche Symptome. Ein Gewitter mit Sturm, Regen und leichten Hagelschauern war über das Gebirge hereingebraust, hatte die Fluren erfrischt, und zog jetzt in nordöstlicher Richtung nach den endlosen Forsten der großen Haiden. Aus dem dunklen Gewölk, das sich immer weiter entfernte, zuckten noch häufige Blitze und dumpf rollte der Donner mit wenigen Unterbrechungen, indem das Echo der Berge den verhallenden Schall von Thal zu Thal weiter fortpflanzte. Vor dem großen Fabrikgebäude in Weltenburg saßen zwei Männer, die man schon an ihren Kleidern als Arbeiter erkannte. Sie verzehrten ihr Vesperbrod und beobachteten dabei bald den Zug der Wolken, bald ließen sie ihre Blicke hinab in's Thal schweifen, wo hin und wieder auf den gegen die Berge zu smaragdgrün schimmernden Wiesenmatten die Sonne goldgelbe Lichtabschnitte zeichnete. An der Straße und zwischen den Häusern zeigten sich blühende Obstbäume, die, vom Winde leicht bewegt, mit den herabträufelnden Regentropfen auch eine Menge Blüthen abschüttelten. Die Fabrik feierte. Aus dem Flußthale herauf schritt der Walkmüller, oft stehen bleibend und sich nach den Wolken umsehend, denen er noch nicht recht traute. Bekannt mit den Gewitterstürmen dieser Gegend, besorgte er immer Wolkenbrüche, die freilich gefährlich genug werden konnten und schon einmal die ganze Walkmühle, ungeachtet ihres sehr festen Unterbaues, zerstört hatten. Traf ihn ein derartiger Unfall auch nicht direct, so schädigte er ihn doch; denn er hatte die Walkmühle von den Gebrüdern Ammer pachtweise übernommen und mußte contractmäßig jeden Monat eine bestimmte Anzahl Weben für die Versendung zubereiten. Als er jetzt die Arbeiter vor der Spinnerei gewahrte, gesellte er sich zu ihnen und sagte: Ihr habt heute ja gar vornehmen Besuch. Vornehmen wohl nicht, erwiderte einer der Arbeiter, aber respectabeln. Wie Ihr wollt, meinte der Walkmüller. Ich denke, es wird doch gut sein, wenn hier auch einmal eine Wirthschafterin einzieht. Seit die jungen Herren sich ganz niedergelassen haben im neuen Schloßgebäude, ohne daß eine Frau zum Rechten sieht, gefällt mir Vieles nicht besonders. Das geht wohl Jedem so, versetzte lachend der andere Arbeiter. Wenn sich aber die Beiden nur sonst gut mit einander vertragen, wird das nächstens schon anders werden. Der Walkmüller trat noch einen Schritt näher, und sprach mit gedämpfter Stimme: Habt Ihr gehört, wann die Hochzeit sein soll? Man spricht von Pfingsten, meinte einer der Arbeiter. Das wäre demnach in drei Wochen. Hm, hm! Ist Euch das nicht recht? O gewiß. Aber sagt: wie gefällt Euch die Braut des jungen Herrn? Ich hätte mir 'was Anderes ausgesucht, versetzte der Arbeiter, welcher zuerst gesprochen hatte. Wer hätte gedacht, daß eine arme Herrnhuterin, und noch dazu eine Wittwe, Herrin von Weltenburg werden sollte! Nein, da wäre ich in's Land hineingefahren, links oder rechts, hätte mich nach dem schönsten, reichsten und vornehmsten Mädel erkundigt und wär's eines Grafen Tochter gewesen, und die hätte ich angesprochen. Ja, das hättest du gethan, die Ammer sehen die Welt aber mit andern Augen an, als wir übrigen gewöhnlichen Menschenkinder. Das eben ist's, sprach der Vorige. Seht, Walker, ich will Euch 'was verrathen. Die beiden jungen Herren haben nicht viel weniger Schrullen, als der Alte, nur sind sie anderer Art. Besonders der Jüngste; seitdem der die Welt und noch 'was mehr gesehen hat, seitdem ist schwer mit ihm auskommen. Weiß der liebe Gott, wo ihn der Schuh drückt aber er drückt ihn gewiß und wahrhaftig glücklich und zufrieden ist er trotz seines Reichthums doch nicht. Ist's etwa sein Bruder oder der alte Vater? sagte der Andere bedeutungsvoll. Keiner ist's! Und das läßt sich auch begreifen. Das Geld drückt sie. Sie können nicht ruhig schlafen, wie unsereins. Wenn sie sich Abends auf ihre gesteppten Seidenkissen niederlegen und nur eben die Augen schließen, raschelt's in allen Winkeln, aus den Tapeten mit den prächtigen Goldblumen daran gucken und lachen eine Menge kleiner Teufel, springen heraus aus ihrem Versteck, erklettern die mit grüner und purpurrother Seide umhängten Betten und setzen sich den Schlummernden auf's Herz und auf die Pulsadern. Dann quälen die Millionäre entsetzliche Träume von Räubern, die einbrechen und ihnen die zusammengehäuften Schätze nehmen, oder sie sehen sich auf der See schwimmen, ein Sturm wühlt die unermeßlichen Gewässer auf, thürmt sie zu Bergen, zerreißt sie in gähnende Abgründe und da hinunter treibt der Teufel das Schiff mit Mann und Maus und allen Schätzen. Wenn sie dann erwachen, sind sie matt und elend, und kalter Schweiß rinnt ihnen von Stirn und Schläfen. Woher weißt du das? fragte der Walkmüller. Ich weiß es, sagte trocken, aber bestimmt der Vorige. Das geht allen Reichen so. Sie wüßten ja auch sonst nicht, daß es Elend gibt auf der Welt. Was wir andere armen Creaturen mit vollem Bewußtsein, mit allen unsern Sinnen erleben müssen, das spielt und orgelt den Reichen des Nachts der Traum vor. Gerechtigkeit muß sein, es gäbe aber keine auf Erden, wenn es anders wäre. Der Walkmüller schüttelte den Kopf. Merkt Ihr nichts? sagte er nach einer Weile. Ist Alles noch so, wie vor drei, vier Jahren, als die Sache hier erst in Gang kam? Nicht so ganz, erwiderte der zweite Arbeiter, aber es ist nichts schlechter, sondern Alles eher besser geworden. Warum aber, sagt mir, warum hat das Flachsspinnen aufgehört? Warum wird immer und immer nur Baumwolle gearbeitet? Ich begreife gar nicht, wo die Herren diese ungeheuern Massen hinschaffen, und weiß wieder nicht, wo sie ihr Garn zu den Leinewanden hernehmen, die sie in die neue Welt versenden. Was kümmert's uns, wenn wir nur richtig bezahlt werden? versetzte der Arbeiter. Und an Geld ist bei den Ammern bis jetzt noch kein Mangel. Mag sein, versetzte der Walkmüller, ich meines Theils weiß aber auch, daß Herr Christlieb Ammer jüngst einen bösen Verdruß gehabt hat. Weßhalb? Wegen einer Kiste feiner Linnen. Sie war durch Wimmer befördert worden, sollte mit den andern nach Amerika, blieb aber, auf welche Weise, habe ich nicht ermitteln können, in Hamburg. Dort wurde sie an einen sehr accuraten Mann, einen reichen Gutsbesitzer, irgendwo dort herum verkauft, und er behauptet, er sei betrogen. Die Leinewand sei nicht reines Linnen, es sei Baumwolle darunter gewesen. Da habt Ihr Euch sicherlich etwas aufbinden lassen. Gewiß und wahrhaftig nicht! betheuerte der Walkmüller. Es ist so, wie ich sage, und seitdem hat auch Herr Christlieb Ammer keinen rechten Geist. Wenn die reichen Herren nur nicht aus lauter Uebermuth Schwindelgeschäfte treiben! Der alte Schleicher, der Wimmer, der ab und zu auf seinem spatlahmen Pferde hier hereinreitet, und dann immer Stunden lang mit den beiden Herren zusammensteckt, sieht mir gerade aus, als habe er Handgeld vom Teufel in allen Rocktaschen. An frommen, gottesfürchtigen Redensarten läßt er's freilich nie fehlen, auch gibt er zuweilen Trinkgelder, es ist aber trotz alledem ein schlechter Kerl, sonst schielte er nicht so gräulich oder schlüge nicht immer die Augen nieder, wenn er mit einem Unbekannten spricht. Sollte deßwegen der älteste der beiden Brüder neulich des Nachts so plötzlich verreist sein? warf Einer der Arbeiter ein. Aber nein, das kann damit nicht in Verbindung stehen, denn er ritt ja nach Böhmen, nicht nach Herrnhut. Still! sagte der Walkmüller. Die Herrschaften kommen aus dem neuen Schlosse zurück. Ich möchte nicht, daß es aussähe, als hätten wir nichtsnutzige Reden geführt. Eine Pracht ist's doch, den alten Herrn zu sehen! Wie er sich stramm hält und wie fest er auftritt! Dabei sieht er jedem gerad' in's Gesicht und zuckt nicht, und wenn Einer Feuer dicht vor seinen Augen anschlüge, 's ist ein ganzer Mann! Wie der, werden die Söhne nicht, wenngleich sie weiter in der Welt herumgekommen sind, viel vornehmer aussehen, und obendrein noch ein paar fremde Sprachen so flink und firm, wie unsereiner sein Deutsch, reden können. Die Arbeiter traten unter die Thür der Spinnerei, wo sie, ohne selbst bemerkt zu werden, Alles, was draußen in der unmittelbaren Nähe des Schlosses vorging, beobachten konnten. Der Walkmüller betrachtete nochmals den Himmel und die Gebirgswand, über deren blauem Saume sich schon wieder neue Wetterwolken zeigten, und stieg wieder den Hügel hinab zu seiner Pachtung. Von dem neu erbauten Schloßflügel schritten, in lebhafter Unterhaltung begriffen, der alte Ammer, begleitet von Frau Anna, seinen beiden Söhnen, Flora und Erdmuthe, gegen den alten Bau. Die Gebrüder Ammer waren, wie schon seit Jahren, höchst elegant nach der allerneuesten Mode gekleidet. Auch Flora trug wenigstens sehr reiche Kleider, wenn schon deren Schnitt vielleicht eine Modedame feinsten Styls nicht ganz befriedigt haben würde. Nur Ammer und seine Frau hatten ihre alte Tracht beibehalten. Ebenso ging Erdmuthe noch immer in ihrer Schwesterkleidung, ohne die geringste äußere Auszeichnung als die ihres eigenthümlich geformten Häubchens. Am Thorwege, welcher in den Hofraum des alten Schlosses führte, von dessen plattem Thurme heute zur Begrüßung der künftigen Herrin die Flagge wehte, blieb die Gesellschaft stehen. Fürchtegott erfaßte die Hand seiner Braut und sagte: Hast du dich noch nicht anders besonnen, liebe Erdmuthe? Du würdest mir einen recht großen Gefallen thun. Ich hatte mich so darauf gefreut, dich überraschen, dich später in den für dich so freundlich und bequem eingerichteten Räumen in wohlthuender Stille und Sanftheit walten zu sehen. Und nun magst du nicht einmal darin wohnen! Mein Freund, erwiderte Erdmuthe, mißdeute nicht meine Abneigung gegen diesen Glanz. Er beunruhigt mich, macht mich befangen und unfrei, und würde sehr bald die in meinem Herzen wohnende Zufriedenheit mit seinem Geflimmer verschütten. Hättest du mich früher auf all' diese Herrlichkeiten vorbereitet, vielleicht wären sie mir dann weniger störend. Da dies nicht geschehen ist, so bitt' ich dich, Lieber, nöthige mir nicht eine Hülle auf, die zu meinem innersten Sein und Wesen nicht paßt! Fürchtegott mußte an sich halten, um nicht heftig zu werden. Aber das ist Eigensinn, liebe Erdmuthe, oder Einbildung, sagte er. Und beide muß unser Verstand zu besiegen wissen. Erdmuthe sah ihren Verlobten mit sonderbaren Augen an, so lange, bis dieser ihren Blick nicht mehr ertragen konnte. Eigensinnig war ich nie, lieber Freund, versetzte sie dann, aber ich beharrte immer bei dem, was ich nach reiflicher Prüfung für Recht erkannte. Ich will dich ja nicht tadeln, daß du dich in dieser kostbaren Einrichtung so wohl gefällst. Ich kann es recht gut begreifen, und an sich ist es auch nicht sündhaft, sich mit solchem Glanz und Prunk zu umgeben, wenn uns der Herr reiche Mittel dazu verliehen hat. Allein Werth, mein Freund, wirklichen, bleibenden Werth haben alle diese Dinge nicht. Sie sind eben so vergänglich, wie alles Irdische. Sie zerfallen in Staub und Moder, wie dies mein unscheinbares Kleid, und was man nie vergessen sollte: sich an solchen Tand gewöhnen heißt nicht Gott, sondern dem Mammon dienen. Es weiß Keiner von uns, wie lange er im Besitze dessen bleibt, was er heute noch sein nennt! Darum soll sich Niemand überheben; denn schickt ihm der Herr früher oder später eine Prüfung, so besteht er sie ungleich schwerer, als derjenige, der niemals vergessen hat, sich in Demuth vor dem Allmächtigen zu beugen und alles Aeußerliche gering zu achten. So mild und sanft auch Erdmuthe diese Worte sprach, Fürchtegott ward dennoch sehr unangenehm davon berührt. Ich hätte nie geglaubt, sagte er in scharfem, lieblosen Tone, daß Frauen sich so tief in's Predigen hineinleben könnten. Bedenke doch, Liebe, daß du nicht mehr in Surinam unter eben getauften Helden herumschweifst, sondern umgeben bist von Christen, die gar nicht mehr genau zu sagen wissen, wann sie dieser Gnade theilhaftig geworden sind. O, spotte nicht, mein Freund! erwiderte Erdmuthe ernst. Es wäre gar schlimm mit uns bestellt, wenn das Christenthum uns alt oder unbequem erschiene. Wohl den Menschen, denen es ewig so neu, so der Rede, Beachtung und des Nachdenkens werth bleibt, wie jenen in ihrem Gott Beruhigten, die es aus voller Ueberzeugung mit Herz und Mund eben erst bekannten. Wir wollen darüber nicht streiten, liebe Erdmuthe, erwiderte Fürchtegott. Dir gegenüber würde ich doch immer im Nachtheile bleiben, weil ich zu wenig Gewandtheit, wohl auch zu wenig Kenntniß von diesen gar heiligen Dingen besitze. Ich werde das Weltkind niemals ganz in mir todt schlagen, so groß auch mein Respect vor einem feinen Leben in Christo ist, wie man das, wenn ich nicht irre, in der Sprache deiner Brüder nennt. Ammer, der mit den Uebrigen seitwärts gegangen war, um den vollen Anblick des alten Schlosses recht zu genießen, das jetzt von der Sonne glänzend hell beschienen ward, kam wieder heran, und da er auf den Mienen Beider einen Zug des Unmuthes oder leichter Verstimmung bemerkte, sprach er in zutraulich heiterm Tone: Seid ihr noch immer nicht einig? Nun, da muß ich mich wohl in's Mittel legen und befehle deßhalb: mein Herr Sohn wird meiner lieben Schwiegertochter ein paar Zimmer im alten Schlosse einrichten lassen und zwar ganz nach ihrem Geschmacke, ich aber werd's bezahlen. Und nun still! So hat Jeder von euch seinen Willen. Der da, dem es ganz besonders angenehm ist, wenn er seine Hand auf Sammet oder Seide kann spielen lassen, mag sich täglich, wenn er allein sein muß der Arbeit wegen, in eins seiner kostbaren Prachtgemächer setzen, während meine kleine bescheidene Tochter in ihrem schmucklosen Zimmer sich eben so glücklich fühlt. Hat denn der Schloßherr sich satt gesehen an seinen Tapeten und Spiegeln und Kronleuchtern, und bedarf er der Stärkung, da wird er gar flink herüberspringen zu seiner feinen Frau und in ihren Augen das Glück finden, das er unter dem kalten Glanz der Welt doch vergeblich suchte. Ist's so recht, ihr Strudelköpfe? Ja, mein Vater, so ist's recht, sagte jetzt ebenfalls heiter Erdmuthe, dem ehrwürdigen Vater dankend die Hand reichend. Was du einleitest und ausführst, muß immer das Rechte sein, fuhr sie fort, denn es kommt bei dir Alles aus einem Herzen voll Liebe. Du willst nicht paradiren, du willst immer nur Gutes thun. Still, still, kleine Herrnhuterin! versetzte Ammer, ihre Hand zärtlich drückend. Wenn du oft so von mir und zu mir sprichst, könnte ja am Ende der Sohn eifersüchtig auf seinen eigenen Vater werden. In Fürchtegott's Gemüth ließ diese Unterredung unauslöschliche Spuren zurück. Daß Erdmuthe Alles, was ihm persönlich theuer war, nicht besonders achtete, ja gewöhnlich für vollkommen entbehrlich hielt, beunruhigte den jungen, ehrgeizigen und stolzen Mann in peinlichster Weise. Er war noch lange nicht am Ziele, erst der Anfang einer Laufbahn, die seinen Namen in den Annalen der Industrie verewigen sollte, war seiner Meinung nach von ihm betreten, und Erdmuthe, jetzt seine Braut, bald sein ihm angetrautes Weib, konnte es kaum ertragen, mit gleichgiltigem Auge das zu betrachten, was er doch sein rechtmäßig erworbenes Besitzthum nannte! Es war ihm zwar recht angenehm, daß sein Vater bisher die schlimmsten Hindernisse durch sein gewissermaßen harmlos gebieterisches Zureden wenigstens scheinbar aus dem Wege geräumt und Erdmuthe's Bedenken, die in ihrer religiösen Ueberzeugung lagen, beschwichtigt hatte. Das konnte und durfte aber nicht immer so bleiben. Mit Erdmuthe's Einzug auf Weltenburg endigte der wohlthuende oder besänftigende Einfluß des Vaters. Sie sah ihn vielleicht in Wochen nicht, sie mußte sich an ihren Gatten halten, in ihn sich fügen, seinen Wünschen zu genügen suchen, oder das Band, das zwei so heiß und innig liebende Herzen vereinigte, mußte sich auf der einen oder andern Seite lockern. Diese Gedanken machten Fürchtegott schweigsam, während er an der Seite seiner nur zu schlicht gekleideten Braut nach dem Hofraume des alten Schlosses ging. Hier standen bereits die Wagen angespannt, welche den alten Ammer und seine Begleitung wieder heimfahren sollten. Zur Herfahrt hatte man sich des uns schon bekannten klirrenden und stoßenden Gefährts bedient, das Vater Ammer wenige Jahre nach seiner Verheirathung sich schon zulegte, um weitere Touren im Gebirg, namentlich bei schlechter oder unbeständiger Witterung darin zu machen. In diesem Wagen befanden sich zwei Hängesitze, die zur Noth vier Personen fassen konnten. Zu größerer Bequemlichkeit und weil er es überhaupt nicht gern sah, daß seine Braut in diesem Klapperkasten stundenlang sich auf den schlechten Wegen hin- und herwerfen lasse, hatte Fürchtegott seinen Wiener Wagen anspannen lassen, und lud jetzt die Mutter ein, sich desselben zugleich mit Erdmuthe zu bedienen. Den Vater forderte er nicht dazu auf, weil er einer abschläglichen Antwort bei diesem gewiß war, und daß Flora den Vater nicht allein werde fahren lassen, konnte er sich ebenfalls sagen. Kaum jedoch hatte Frau Anna in ihrer Gutmüthigkeit die prächtige Equipage ihrer Söhne bestiegen, als Erdmuthe, gleichsam als sähe sie dieselbe gar nicht, nach ihres Schwiegervaters unscheinbarem Korbwagen ging und die Thür desselben öffnete. Fürchtegott trat, blaß im Gesicht, als stehe ihm eine Ohnmacht bevor, an die Geliebte und sagte mit zitternder Stimme: Geh zur Mutter, Erdmuthe! Laß mich, Freund! erwiderte diese sanft und ohne jegliche Spur von Aufregung. Dein Vater fährt in diesem Wagen; wir sind ganz zufrieden und recht vergnügt gewesen unterwegs; weßhalb sollen wir uns halbiren? Schone deine Rappen, lieber Fürchtegott, setzte sie freundlich lächelnd hinzu, sie bedürfen auch der Ruhe; wenn ich aber nächstens mit dir fahre, mein Herz, will ich dir den Gefallen thun und mich recht groß und breit in die unpassende Chaise setzen. Lebe wohl, mein Freund, behalte mich lieb und bleibe demüthig. Glaube mir, Liebster, Demuth verleiht dem Herzen eine gar wunderbare Ruhe und sänftigt und bändigt alle Stürme, die es durchschauern! Fürchtegott vermochte nicht zu antworten. Er sah Erdmuthe kalt, fast entsetzt an. Den Druck ihrer Hand erwiderte er nicht. Die Mutter hatte inzwischen die Equipage wieder verlassen und stieg mit Flora's Hilfe ebenfalls in den Korbwagen. Jetzt kam Ammer, der noch einige geschäftliche Fragen an Christlieb gerichtet, und fragte: Nun, habt ihr euch eingeschachtelt? Ganz prächtig, Papa, versetzte Erdmuthe. Bleibt nur der Abend schön und kommen die Wolken dort hinter den Bergen nicht gar zu früh herauf, so wollen wir recht heiter sein, wenn wir tüchtig zusammengeschüttelt werden. Ammer hatte sich schon neben Flora gesetzt. So gefällst du mir, sagte er. Immer munter mit Manier und nicht gar hoch hinaus mit dem Kopfe. Merkt's euch, ihr Beiden! rief er seinen Söhnen zu, und nehmt euch ein Exempel daran, also daß die Welt nicht dermaleinst von euch sagen kann: Hochmuth kommt vor dem Falle! Und nun, Gott behüt' euch. Fahr' zu, Joseph! Der Korbwagen des alten Webers klapperte den gewundenen Weg vom Schloßhügel hinunter, Fürchtegott sah ihm mit verstörtem Antlitz nach, bis er die Fahrstraße erreicht hatte und Joseph das Pferd durch einige ermahnende Zurufe in einen langsamen Trab setzte. Fünftes Kapitel. Eine Unterredung der Brüder. Von Christlieb's Hand berührt, wendete sich Fürchtegott um, einen tiefen, lauten Seufzer ausstoßend. Du gehst einen ganz falschen Weg, lieber Bruder, sagte Christlieb. Deine Liebe zu Erdmuthe macht dich blind und darüber kommst du in's Taumeln und Stolpern, daß du schweren Schaden nehmen kannst. Bedenke, daß Erdmuthe Braut ist. Alle Bräute sind eigensinnig, wenn nicht von Natur, so doch aus Grundsatz, mit Absicht. Ein Geliebter dient der Geliebten und läßt sich Alles von ihr bieten. Der klügste Liebhaber ist der gefälligste Sklave seiner Braut. Später ändert sich das. Capricieuse Bräute werden gewöhnlich die gehorsamsten Frauen. Und auch das liegt in den Verhältnissen, in höchst weisen Natureinrichtungen. Eine Frau hat ihre Freiheit verloren, sie ist ein Theil des Mannes, der ihr Herr geworden. Das weiß jede, die kluge am besten. Darum fügen sie sich dann auch allen billigen Wünschen ihrer Männer. Du sprichst sehr weise und fast so gescheidt, als hättest du an dir selbst schon einmal diese Erfahrung gemacht, entgegnete Fürchtegott. Auch magst du vielleicht Recht haben; ich fürchte jedoch, es gibt, wie überall, so bei Bräuten ebenfalls Ausnahmen. Erdmuthe kann zu diesen Ausnahmen gehören, wie sie ja überhaupt eine eigenthümliche Erscheinung unter ihren Schwestern ist. Was sie als Braut will, weil sie es für Recht erkennt, indem sie leider immer nach herrnhutisch-religiösen Principien handelt, wird sie als Frau ebenfalls, vielleicht sogar noch hartnäckiger wollen. Und das ertrüg' ich nicht, beim ewigen Gott, ich ertrüg' es nicht! Komm in's Schloß, sagte Christlieb, den Bruder mit sich fortziehend. In vier Wochen ist Erdmuthe deine Frau und vier Wochen vermögen oft gar Vieles zu ändern. Sie wird unsere ganze Energie herausfordern, meinte Fürchtegott. Und gerade darum muß ich sie lieben! Ich möchte sie, wenn sie so sanft und mild sich mir widersetzt, mit diesen meinen Händen erst erwürgen, und dann wieder küssen! Bekämpfe vor Allem deine Leidenschaft, erwiderte der Bruder. Begegnest du Erdmuthe kühl, wird sie aus Furcht, deine Liebe verscherzen zu können, sich viel nachgiebiger zeigen. Und wenn sie auf ihrem Widerstande beharrt? Wenn sie ihn selbst auf Dinge ausdehnt, die ich gern entfernt wünsche? Soll ich dann in jeder Secunde daran erinnert werden, daß sie eine Herrnhuterin ist, daß sie Missionärin war? Ich will das nicht, so hoch ich's achte und anschlage. Meine Frau soll aufhören, die Mütze der Schwestern zu tragen, und sich kleiden, wie andere ehrliche Leute. Ich muß den Leuten ja lächerlich vorkommen, wenn Jeder Gelegenheit hat zu sagen: der reiche Herr auf Weltenburg hat eine Herrnhuterin geheirathet, damit des Himmels Segen seinen weltlichen Bestrebungen nicht fehle. Was die Leute sagen, das wollen wir uns nicht anfechten lassen. Alles Gute ist verlästert, alles Große mit Koth beworfen worden, so lange die Welt steht. Keine Zeit, nicht der höchste Culturstand eines Volkes, wird darin wesentliche Veränderungen hervorbringen. Laß uns nur zusehen, daß wir nicht abbiegen und in die Irre gerathen. Um dem zu entgehen, ist es nöthig, daß wir uns besprechen und in voller Uebereinstimmung handeln! Ist etwas vorgekommen, das uns Schaden bringt? versetzte Fürchtegott, jetzt ganz wieder Geschäftsmann und alle seine Gedanken nur auf das Ziel gerichtet, dem sein Leben gewidmet war. Höre mich an, sagte Christlieb, den Bruder in sein Arbeitszimmer im Thurme führend. Du wirst dann mit deiner Ansicht nicht zurückhalten. Fürchtegott horchte gespannt auf die Mittheilungen seines Bruders, der ihm folgende Eröffnungen machte: Du gabst nach deiner Rückkehr aus der neuen Welt bekanntlich unsern nur von uns Brüdern beschäftigten Arbeitern die Weisung, gemischte Leinen anzufertigen. Vanderholst hatte dich darauf aufmerksam gemacht und Wimmer billigte den Vorschlag. Wir haben dadurch viele Tausende verdient, warf Fürchtegott ein, und die neuesten Ladungen müssen das Doppelte abwerfen. Ohne Zweifel, sagte Christlieb, indeß hat sich ein fataler Zufall recht hemmend in den Weg gelegt. Wie so? Der Zusammenhang ist mir durchaus nicht klar, fuhr Christlieb fort, ich weiß nur so viel, daß Herr Beinheim mittelst eines Couriers Wimmer vor einigen Tagen benachrichtiget hat, er habe es für unerläßlich nöthig erachtet, die nach Paramaribo bestimmte Waarensendung unverweilt durch ein drittes Haus nach Nordamerika abgehen zu lassen. An wen dort? Ich weiß es nicht, auch Wimmer ist nicht weiter unterrichtet. Herr Beinheim hat nur noch hinzugefügt, erreiche diese Sendung Surinam, so sei es sicher die letzte, die wir dorthin schicken könnten. Man hat eine ganz fatale Entdeckung gemacht! Die Mischung? Christlieb bejahte. Die nächsten Sendungen müssen aus tadellos reinem Leinen bestehen, sagte Fürchtegott entschlossen. Wir nehmen lauter Handgespinnst und lassen uns es vom Vater besorgen. Merken sie's auch drüben in Nordamerika und müssen wir's auf unsere Kappe nehmen, so machen wir öffentlich bekannt, daß man uns betrogen hat. Bei Vanderholst finden sich keine Briefe, die uns der Lüge zeihen könnten, unsere Correspondenz verbrennen wir noch heute. Ganz recht, erwiderte Christlieb, wer aber kann wissen, ob Wimmer reinen Mund gehalten hat; ob die uns Dienenden, wenn wir bei ihnen plötzlich die Arbeit stellen lassen, schweigen? Es wissen's ihrer an hundert! Verdammt! Und dann, fuhr Christlieb fort, geht uns der gehabte Gewinn fast ganz verloren, wenn wir an Alle nur ächt leinene Waaren versenden. Thut nichts, sagte Fürchtegott, den Verlust halten wir aus; wenn nur das Geheimniß nicht verrathen wird. Weiß der Vater? Kein Wort! fiel Christlieb ein. Er darf auch keine Ahnung davon erhalten. Unsere eigenen Spinner – Sind vollkommen zu täuschen, sagte Fürchtegott. Was sie spannen, ging von jeher, wie ich mich wiederholt vernehmen ließ, in's Wiener und Triester Geschäft. Und so klug ist Keiner von Allen, daß sie errathen können, wie und auf welche Weise wir die letzten Jahre her die amerikanischen Waarensendungen herstellen ließen. Es ist mir nur um's Renommée zu thun, bemerkte der Bruder. Offen gestanden hatte der ganze Handel, den du noch während deines Aufenthaltes in Surinam vorschlugst, nicht meinen Beifall. Der Vater pocht, wie du weißt, auf seine Reellität; kein größeres Lob gibt es für einen Mann in seinen Augen, als wenn man ihn einen »richtigen reellen« Mann nennen kann. Erfährt er nur den Schatten eines Wortes von dem, was wir auf eigene Faust versucht haben, ich glaube, er verstößt uns noch jetzt oder der Schreck stürzt ihn in's Grab! Fürchtegott war bleich geworden. Er ging unruhig, die Arme verschränkt, im Zimmer auf und nieder. Laß uns vorsichtig sein und um des Himmels Willen nicht den Kopf verlieren! sagte er nach einer Pause. Ich trage allerdings die meiste Schuld, wenn man das Bestreben eines Kaufmannes, sein Gut zu mehren, wie immer die Gelegenheit sich ihm darbietet, Schuld zu nennen berechtigt ist. Glückt es und glückt es lange, so hebt uns die Welt in den Himmel und preist unsere Klugheit und Umsicht, indem sie uns zugleich Väter des Volkes nennt, da wir einigen tausend Menschen Arbeit und Brod geben; glückt es nicht, so verdammt man uns ungehört. Wer aber denkt nur an das Unglück, wenn er mit eigenen Augen sah, wie klug angefaßte Speculationen ganz Mittellose in kurzer Zeit zu Millionären machten. Ich will dich keineswegs des Leichtsinns zeihen, sprach Christlieb. Haben wir zusammen gewonnen, so wollen wir auch, schlägt das Glück um, zusammen verlieren. Gewonnen! rief Fürchtegott. Wie steht es denn mit dem Lotto? Du hast doch regelmäßig fortgespielt? Leider ja, erwiderte Christlieb, und wäre es möglich gewesen, immer genau aufzupassen, so hätten wir schon drei Ternen einsäckeln können. Drei Ternen? Und wir haben nicht eine? Zur Zeit noch nicht. Das Signalisiren ist zu gefährlich, deßhalb hab' ich's aufgegeben, wenigstens von hier aus. Ich muß, will ich dem Glück noch einmal in den Arm fallen, jedesmal des Nachts bis hart an die Grenze reiten. Dort an einem gewissen Orte sind von einem äußerst verschmitzten Köhler Vorkehrungen getroffen, um die gezogenen Nummern zu erfahren. Könnte ich an jedem Ziehungstage, ohne Aufsehen zu erregen, mich dahin verfügen, so wäre ich sicher, bald einen Treffer mein zu nennen. Versuch's auf alle Weise, drängte Fürchtegott. Wir sind freilich um Geld nicht verlegen, man kann aber von diesem edlen Metalle nie genug in Händen haben, besonders wenn so ungeheure Verluste in Aussicht stehen. Und dabei ist's nicht einmal möglich, den bereits begonnenen Handel in der bisher eingehaltenen Weise ganz aufzugeben. Wir haben der Kunden in den Vereinigten Staaten zu viele, die gerade nur halbleinene Waaren begehren. Mit diesen müßte man sich verständigen, sagte Christlieb. Die Hauptsache ist, dem Sturme vorzubeugen, der von den peinlich soliden Häusern gegen die Firma »Gebrüder Ammer« losbricht, wenn sie unleugbare Beweise in die Hände bekommen. Ich weiß Rath, sprach Fürchtegott. Da ich auf dem Punkte stehe, mich zu verheirathen, und ich deßhalb in den letzten Wochen weniger streng in rein geschäftlichen Angelegenheiten gewesen bin, kann es unsern Leuten nicht auffallen, wenn ich scheinbar mein nachlässiges Wesen bis Pfingsten beibehalte. Du mußt dagegen die Pünktlichkeit selbst sein, dabei den Arbeitern streng auf die Finger sehen, Niemand merken lassen, daß Sorgen dich drücken, und vor Allem auch nicht den Schein irgend einer Blöße dir zu Schulden kommen lassen. Mein Bräutigamsstand gibt mir ein Recht herumzuschwärmen, d.h. zwischen Weltenburg, der Stadt und meines Vaters Wohnorte. Ob ich des Nachts hier oder wo anders weile, kann und wird Niemand auffallen. Während nun unsere Arbeiter wähnen, ich sei bei meiner Braut, besorge ich mit größter Vorsicht und Unermüdlichkeit die Entwickelung und Ordnung dieser überaus wichtigen Angelegenheit, und vertrete des Nachts an der Hütte des Köhlers zugleich deine Stelle. Welche Nummern spielst du? Immer dieselben, sagte Fürchtegott. Außer dem Treffer des Vaters behalte ich diejenigen bei, welche ich beim ersten Zusammentreffen mit Zobelmeier diesem aufgab, und endlich die von Leisetritt am Mordplatze des Grenzjägers gefundenen. Sie hatten noch immer entschiedenes Glück. Gut, erwiderte der entschlossene, zu raschem Handeln stets bereite Fürchtegott. Noch heute Nacht statte ich dem Köhler einen Besuch ab, und morgen bei Sonnenaufgang klopfe ich an die Thür des schlauen Herrn Wimmer. Vielleicht vermag er mir einige nähere Winke zu geben, damit man nicht zu sehr im Dunkeln tappt und durch zufälliges Fehlgreifen die schlimme Sache noch schlimmer macht, als sie ist. Christlieb billigte die Vorschläge seines Bruders und ertheilte ihm die nöthigen Vorschriften, um, ohne verdächtig zu erscheinen, Eingang bei dem Köhler zu erhalten. Dann verschlossen und verriegelten sie die Thür des Arbeitsgemaches, Christlieb öffnete sein Pult, beide Brüder suchten eine Reihe von Briefen aus dicken, wohlgeordneten Paqueten, Fürchtegott zündete Feuer im Kamin an, und bald waren die verrätherischen, ihr Vermögen wie ihre Ehre bedrohenden Blätter in ein schwarzes, raschelndes Aschenhäufchen verwandelt. Sechstes Kapitel. Zwei wichtige Besuche. Zehn Uhr, sagte Fürchtegott Ammer, die Schläge der Schloßschelle zählend. Nun ist es hohe Zeit, daß ich aufbreche. Sei meinetwegen ganz ruhig, lieber Bruder. Unsere Angelegenheiten stehen noch nicht so schlecht, daß man ihnen nicht mit geschickten Schwenkungen abermals einen neuen Aufschwung geben könnte. Die Leute im Schlosse sind doch alle zur Ruhe? Sie schlafen schon seit einer halben Stunde. Dann komm! Ich führe das Pferd über den Rasen, damit man den Hufschlag auf dem Steinpflaster nicht hört, du öffnest behutsam das Thor und schließt es eben so wieder. Kein Mensch weiß dann morgen, wohin der junge Herr auf Weltenburg sich gewandt hat. Denn vor Sonnenaufgang gibt es aller Wahrscheinlichkeit nach einen tüchtigen Regenguß, der die Spur der Hufe im weichen Sandboden ziemlich auslöschen dürfte. Behutsam gingen die Brüder nach dem Stallgebäude, der flinke Renner, ein schöner, kräftiger Goldfuchs, ward aufgezäumt, in angedeuteter Weise vor das Schloßthor geführt, und wenige Minuten später flog Fürchtegott lautlos, wie ein Schatten, den Schloßberg hinab. Die Nacht war trüb und schwül. Schwere, dunkelzusammengeballte Wetterwolken lagen über den Kämmen der Grenzberge. Im Zenith funkelte da und dort ein vereinzelter Stern. Auf Weltenburg herrschte der Frieden der Nacht. In den Fabrikgebäuden schimmerte kein Licht, auch in den hübschen Wohnungen der Arbeiter bemerkte man keine Lebensregung. Nur von der Walkmühle her klang dumpf das eintönige, hohle Geräusch der Stampfen, das Rollen des Räderwerkes, das Rauschen der stürzenden Wasser. Fürchtegott begegnete Niemand. Mit vorgebeugtem Leibe, sein Roß scharf antreibend, jagte er im Flußthale aufwärts, bog rechts ab in ein schmaleres Thalbecken und befand sich bald mitten im Walddickicht. Des schlechten Weges halber mußte er hier Schritt reiten. Durch die Kronen der hohen Fichten fuhr pfeifend der Wind. Es begann zu tröpfeln, einzelne Blitze erleuchteten den Wald so grell, daß Pferd und Reiter stutzten. Obwohl Fürchtegott keine Furcht kannte, beschlich ihn doch ein Gefühl von Bangigkeit, denn die jetzt rasch auf einander folgenden Blitze ließen die alten Bäume in so abenteuerlichen Gestalten erscheinen, daß er oft Vermummte zu erblicken wähnte, die drohend ihre Arme gegen ihn erhoben. Bald brach das Unwetter mit heftigen Donnerschlägen und stromartigem Regen los und raste, die Bäume schüttelnd, wohl auch einen niederbrechend, durch den Wald. Der starke Wind vertrieb es jedoch bald oder peitschte es vor sich her, so daß schon nach Verlauf einer Viertelstunde der Himmel sich lichtete und nur ein feiner Regen noch spärlich durch die Nadelholzwaldung niederrieselte. Kurz vor Mitternacht entdeckte Fürchtegott den Meiler des Köhlers. Seitwärts, im Schutze eines phantastisch gestalteten Felsen, der hoch über die Wipfel der Bäume emporragte, stand die Hütte. Der junge Ammer stieg ab und führte das Pferd am Zügel weiter. Er klinkte an der Thür der Hütte, fand sie jedoch verschlossen. Auf wiederholtes Klopfen fragte eine barsche, tiefe Männerstimme: wer so spät Eingang begehre? Fürchtegott nannte seinen Namen. Sogleich ward die Thür entriegelt und in derselben zeigte sich die Gestalt eines Mannes von fast übermenschlicher Größe. Es war der bezeichnete Köhler, einer jener Waldmenschen, wie sie in den dichten Grenzwäldern, in Gebirgsthälern und in den vereinzelten Hütten der öden Hochebenen Deutschlands nicht selten zu finden sind. Dort unter dem Schauer findet Ihr Pferd Schutz und Futter, sagte der Bewohner des Waldes, nach einer aus Tannenzweigen erbauten leichten Hürde deutend. Fürchtegott befestigte hier seinen Renner und trat mit dem Köhler in dessen Hütte. Als deren Eigner Licht anzündete, erschrak er fast und trat ein paar Schritte zurück. Ich kenne Sie nicht, Herr, sagte er. Was begehren Sie? Auch Ihr seid mir unbekannt, versetzte der junge Ammer, nichtsdestoweniger bin ich der Genannte, nur, daß ich diesmal die Stelle meines Bruders, den Ihr kennt, eingenommen habe. Hier der Beweis. Ein Blatt Papier, worauf Christlieb Ammer in dem Köhler wohlbekannten Zügen seinen Namen geschrieben hatte, hob sofort dessen Zweifel. Es ist gut, sagt er, ich sehe jetzt, daß ich Ihnen trauen kann. Sie müssen diese Vorsicht entschuldigen, gnädiger Herr, denn dies kleine Nebengeschäft, das mir freilich ein hübsch paar Gulden jährlich abwirft, ist mit vieler Unruhe und sogar mit Gefahren verbunden. Aber was thut man nicht um das liebe Leben! Ich weiß, ich weiß, erwiderte Fürchtegott. Uebrigens sehe ich in Eurem Thun nichts Unrechtes. Das Glück finden hat noch Niemand schaden gebracht, will ich aber finden, so muß ich vorher suchen, und die Sache recht betrachtet, thun wir Beide doch nichts anderes, als daß wir den Gelegenheiten nachspüren, die uns das Glück mit einiger Sicherheit und etwas früher als Andern in die Hände spielen. Der Köhler lachte. Gerade so denk' ich auch, gab er zur Antwort, und ist das liebe Glück zu gelegener Zeit recht gut gelaunt, so gelingt's einem armen Teufel wohl auch einmal, etwas Ordentliches zu erwischen. Wißt Ihr, wann drüben wieder gezogen wird? Bestimmt weiß ich das nicht, Herr. Früher war's leichter, aber Sie kennen ja den Grund, weßhalb die Ziehungstage schon seit längerer Zeit geheim gehalten werden. Gewöhnlich indeß werde ich doch unterrichtet. Der Wirth auf *** macht sich häufig den Spaß, seine Mooshütten zu illuminiren, was die Besucher des Berges gern sehen. Dabei brennt er wohl auch ein paar Feuerräder ab und läßt zum Schluß eine Rackete, die blaue oder weiße Leuchtkugeln wirft, steigen. Wenn ich solche fliegende Lichter sehe, muß ich aufpassen am nächsten Abend. Ein Transparent mit Zeichen sagt mir dann die Nummern. Besetzt für mich oder meinen Bruder, was dasselbe ist, hier diese Zahlen. Ihr könnt es doch Euerem Freunde drüben mittheilen? Euer Schaden soll es nicht sein, wenn wir gewinnen. Hier ist Geld, und nun paßt wohl auf! Damit händigte Fürchtegott dem Köhler ein Papier mit darauf bezeichneten Zahlen nebst einer wohlgefüllten Börse ein. Der Waldbewohner dankte, versprach sein Bestes zu thun und hielt dem jungen Herrn auf Weltenburg beim Aufsteigen den Steigbügel. Wenn ich nicht wiederkommen sollte, sagte dieser und es geschieht dennoch, was wir wünschen, so entsendet einen zuverlässigen Boten nach Weltenburg. Einer von uns Brüdern ist dort immer zugegen. Gute Nacht! Die Nacht war inzwischen hell geworden. Ein glänzender Sternenhimmel flimmerte durch die Waldwipfel, die ein lauer Westwind schüttelte. Fürchtegott ritt einen Holzweg hinab, kreuzte im Trabe eine Lichtung und erreichte bald das freie Feld. Die Grenze lag schon weit hinter ihm. Gegen sein Erwarten bemerkte er jetzt, daß der nächste Weg nach Herrnhut an seinem Geburtsorte vorüberführen müsse. Diesen schlug er denn auch unverweilt ein. Gegen drei Uhr Morgens flog er im raschen Ritt am Rohr vorbei. Als er die Häuser erreichte, hielt er das schnaubende Roß an und ließ es im Schritt gehen. Im Hause des Vaters, das so friedlich in der Umhegung des Blumengartens lag, rührte sich Niemand. Sie schlafen Alle in Frieden, sprach der nächtliche Reiter zu sich selbst, und Keiner von ihnen ahnt, daß Einer, der auch glücklich sein und ruhig schlafen könnte, wenn die Welt nicht so viele verlockende Gelüste verbärge, jetzt hier auf schweißtriefendem Rosse seine Straße dahin zieht dem Orte zu, von dannen uns viel Heil gekommen ist und wer weiß es vielleicht noch mehr Unheil kommen wird! Es muß sich bald zeigen, ob Wimmer es redlich mit uns meint, oder ob er wie andere egoistische Menschen handeln wird, die nur so lange Freunde bleiben, als wir im Glücke leben! Als Fürchtegott die Gasse hinabtrabte, schallte der Hufschlag des Pferdes laut durch die Nacht. Sogleich schlug der wachsame Bello im Hause des Vaters an, ja es kam ihm sogar so vor, als öffnete Jemand ein Fenster in der Kammer. Ohne sich umzusehen, jagte der junge Ammer, von Furcht und Hoffnung getrieben, durch das Dorf, schlug nun die ihm wohlbekannten Richtwege ein, wobei er es nicht sehr genau nahm und bisweilen auch eine Hecke oder eine sogenannte »Stieglitz« übersprang, mit denen man Wege bezeichnet, die von Reitern und Fuhrwerken nicht betreten werden sollen. Er gönnte weder sich noch seinem Pferde Rast, das allerdings zu Ertragung von Strapatzen geeignet war, und so kam er schon eine gute Stunde nach Sonnenaufgang in dem Brüderorte an. Im Gemeinlogis stieg er ab, wartete noch eine Viertelstunde, stärkte sich durch ein Glas Malaga, und verfügte sich hierauf zu Herrn Wimmer. Martha öffnete dem Herrn auf Weltenburg die Thür und versprach, ihren Gebieter sogleich zu benachrichtigen. Beim Himmel, sagte der junge Ammer zu sich selbst, diese dienende Person geht beinahe in feinerem Zeuge einher, als meine Braut! Nein, das ist wirklich nicht zu ertragen und muß anders werden, mag auch Alles drunter und drüber gehen! Wimmer ließ unsern Freund nicht lange warten. Mit den freundlichsten Worten, den wärmsten Händedrücken empfing er ihn. So früh auf und schon hier! sagte er. Da mußt du ja gegen zwei oder drei Uhr Morgens aufgebrochen sein. Allerdings, erwiderte Fürchtegott. Sie wissen, daß man frühe Gewohnheiten nicht gern ablegt. Die Morgenstunden sind meinem alten Vater noch heute die liebsten zur Arbeit und mir geht es, besonders wenn ich Wichtiges vorhabe, nicht anders. Je früher auf, desto schneller ist die Arbeit gethan, die auf uns harrt. Hast Recht, lieber Freund, sagte der Herrnhuter. Morgenstunde hat Gold im Munde! Das ist bei Euch buchstäblich wahr geworden. Bis jetzt schien es so, erwiderte Fürchtegott, nun aber will es mir scheinen, als könne sich das Blatt wenden. Wimmer schlug seine Augen langsam zu seinem jungen Freund auf, indem er bedächtig sagte: Das meinst du doch nicht, weil etwas Störendes vorgekommen ist? Gerade darum, Herr Wimmer, meine ich es, versetzte Fürchtegott, und just deßhalb und zwar deßhalb allein bin ich hier. Die letzten Wochen war ich aus bewußten Gründen zu zerstreut, um alle meine Gedanken den Geschäften zuwenden zu können. Inzwischen hat mein Bruder das Vorgefallene mir mitgetheilt, und da ich darüber in große Unruhe gerathen bin, warf ich mich unverweilt auf's Pferd und eilte zu Ihnen. Ich bitte Sie, Herr Wimmer, geben Sie mir ohne Umschweife Aufklärung, ganze, genügende Aufklärung! Sagen Sie mir, wie es möglich gewesen ist, daß unser eigenes Fabrikat, richtig signirt, an unsere zuverlässigen Agenten versendet, dieses nach Amerika bestimmte Fabrikat auf deutschem Boden verkauft werden konnte? Ich begreife dies nicht, denn ich sehe hier durchaus keinen Zusammenhang. Wir könnten es ja untersuchen lassen, mein lieber Freund, erwiderte Wimmer, allein dazu rathen möchte ich nicht. Sieh, mein Bruder, du mußt denken, eine Ohrfeige, die man von einem Unbekannten unversehens erhält, ist keine Beleidigung. Man hat sie für eine wohlmeinende Warnung zu halten, künftig besser aufzupassen. Genau so geht es im Handel. Bin ich über einen Stein des Anstoßes gefallen und habe mir dabei die Nase beschädigt, so gebe ich fortan mehr Obacht, falle so leicht nicht wieder und breche am allerwenigsten den Hals. Schon gut, werther Freund, allein das ist ein Trost, keine Erklärung. Wie kommen unsere Waaren in die Hand eines Fremden? Das will und das muß ich wissen, sonst bleibt mir keine andere Annahme übrig, als die, daß irgendwo ein Verräther, ein heimlicher Feind sich an mich herangeschlichen hat unter der Maske der Freundschaft! Du bist zu hitzig, lieber Bruder, sagte Wimmer sanft und gelassen. Gibt es keinen Zufall, der uns bisweilen gar böse Streiche spielt? Ist's unmöglich, daß durch irgend ein Versehen beim Einschiffen eine Kiste nicht an Bord gekommen, daß man sie unwissentlich oder wissentlich in der Schute zurückbehalten hat? Dies Alles sind Möglichkeiten. Welche dieser Möglichkeiten sich nun in eine wirkliche Thatsache verwandelt hat, kommt gar nicht in Frage. Das Factum, das uns, das besonders dich und deinen Bruder trifft und das deßhalb womöglich aus der Welt geschafft werden muß, ist der Verkauf des Leinenzeuges als von euch herrührendes Fabrikat. Sollte wirklich Lärm geschlagen werden, so macht man einfach bekannt, daß jenes Leinenzeug nicht von euch herrührte, daß man nur eine von euren Kisten benutzt habe, und gib Acht, es spricht kein Mensch mehr davon. Aber unsere überseeische Kundschaft? Wird mit ächtem Leinenzeug vollständig befriedigt. Du weißt ja, daß Beinheim, rasch handelnd, der Ladung eine andere Bestimmung gegeben hat. Sollte das genügen? Ich fürchte, Herr Wimmer, es ist um meine Ruhe geschehen. Denken Sie an meinen Vater! Wimmer lächelte spöttisch. Mein lieber, alter Freund würde sich schwer ärgern, sagte er, vielleicht gar dergestalt erboßen, daß ihn der Schlag träfe! Na, na, junger Freund, noch ist es nicht so weit gekommen. Aber sei vorsichtig in Zukunft! Habe dich immer gewarnt. Wenn's mißglückte, das neue Geschäft, mein' ich, mir würdest du keine Vorwürfe machen können, denn ich brachte es nicht in Vorschlag. Aber Sie billigten es höchlichst und rieben sich so erfreut die Hände, als wir Sie mit dem entworfenen Plane bekannt machten, als sei in der kaufmännischen Welt nie etwas Klügeres ausgeheckt worden. Ja, das that ich, versetzte Wimmer, und pfiffig ausgedacht ist es auch, nur bei der Ausführung, dünkt mich, hättet ihr noch viel vorsichtiger zu Werke gehen müssen. Wir? Trifft uns irgend eine Schuld? Nicht doch! Wer spricht von Schuld! Aber warum, junger Freund, warum gebt ihr das Flachsspinnen plötzlich ganz auf? Warum spinnt ihr so lange nichts als Baumwolle und verschickt doch so unermeßlich viel Leinenwaaren? Nennt ihr das auch klug? Das hat mein Bruder zu verantworten, nicht ich, sprach Fürchtegott düster. Siehst du, lieber, junger Freund! Dein Bruder aber hat mich nicht zuvor gefragt. Als die Einrichtung fertig, die Spindeln in schönstem Laufen waren, da sah ich sie zum ersten Male! Und Sie fanden sie vortrefflich und hießen Alles gut. Ja, freilich! Was hätte ich denn anders thun sollen? Es war ja gar nichts mehr zu ändern. Hatte ich darauf gedrungen, so würden die Leute den Kopf geschüttelt und Verdacht geschöpft haben! Wir sind demnach im eigenen Netz gefangen, sagte der junge Ammer. Wer klug ist, läßt sich nicht fangen, versetzte der schlaue Herrnhuter. Thue, was ich dir sage. Um das Geschehene kümmert ihr euch nicht im Geringsten. Arbeitet nur fort, aber ohne Verweilen, und seht darauf, daß die nächste Sendung tadellos ausfalle. Dann legt ihr Ehre ein und die Lästerer müssen verstummen. Noch eine Frage, Herr Wimmer: Haben Sie oder Andere, mit denen Sie correspondiren, über diese Angelegenheit Briefe gewechselt? Ist dies der Fall, so bitte ich um deren Vernichtung. Auf Weltenburg findet sich nichts dergleichen. Wir haben bereits ein gründliches Autodafé gehalten. Ei sieh, das ist klug! Das flößt mir wieder Respect ein vor eurer Umsicht. Hast vollkommen Recht. Briefe tauchen gar nichts, wenn sie nicht rein sind, wie ein neugeborener Gedanke. Aber sei ruhig! Ehe Christlieb von mir Kunde erhielt, hatte ich mir schon beim Verbrennen dieser alten, häßlichen Schreibereien einen Eierkuchen gebacken. Der hat mir recht wohl gemundet, mein lieber Freund und Bruder! Und nun bist du doch beruhigt? Ich bitte, ich bitte! Kein Echauffement! Willst demnächst heirathen, noch dazu eine frühere Heidenbekehrerin, eine Art Heilige. Da darf man nicht aufgeregt, nicht zerstreut sein! Nun, ich hoffe, du wirst in den weichen Armen dieser kleinen Heiligen bald selbst ein Heiliger werden, wenn auch nur ein Heiliger, wie die Welt ihn brauchen kann. Es lag etwas in dem Tone des Herrnhuters, das Fürchtegott Bedenken erregte, dennoch glaubte er vorerst die drohendste Gefahr von sich und seinem Bruder abgewendet. Es freut mich, Herr Wimmer, sagte er, von Ihnen zu hören, daß Sie die Nothwendigkeit einsehen, reine Wirthschaft zu machen. Ich werde jetzt mit Ihrer Erlaubniß an Herrn Beinheim schreiben, den einzigen Mann in Deutschland und Europa, der meines Wissens von unserm überseeischen Geschäft unterrichtet ist. Herr Beinheim ist, wie er selbst sagt, ein ungeheuer praktischer Mann, mithin wird es bei ihm nur eines Winkes bedürfen, um ihn das Rechte treffen zu lassen. Bereitwillig räumte Wimmer dem Herrn von Weltenburg sein eigenes Pult ein, Fürchtegott schrieb, siegelte den Brief und steckte ihn zu sich. Soll Martha das Schreiben nicht zur Post befördern? fragte der alte Kaufmann. Ich will es zuvor meinem Bruder zeigen, erwiderte Fürchtegott. Nach dem Vorgefallenen scheint es mir sehr wichtig, daß wir Beide, auf deren Schultern die Firma der »Gebrüder Ammer« ruht, um Alles wissen, was wir gegenseitig thun, sei es nun wichtig oder unwichtig. Brav, mein lieber Freund! sagte Wimmer. Ein vorsichtiger Kaufmann hat jedes Unternehmen doppelt in der Tasche. Ich gratulire zu deiner Zukunft. Damit endigte die Unterhaltung des Herrnhuters mit dem jungen Herrn auf Weltenburg. Als Letzterer in den Nachmittagsstunden seinen alten Freund und Rathgeber ungleich leichter verließ, als er gekommen war, sah dieser ihm lange nach, wiegte dann bedächtig den Kopf und sprach: Er traut mir nicht mehr unbedingt, aber es thut nichts, unter die Füße kriegen beide Herren den alten Wimmer nicht. Erst gilt es Weltenburg, dann den Vater, und zuletzt kommt wohl auch der alte Wimmer an die Reihe, wenn mein Heiland diesen Kelch nicht an mir gnädiglich vorübergehen läßt. Siebentes Kapitel. Familienscenen. Unter duftender Jasmin- und Geisblattlaube saß Flora und band für ihren kleinen Otto, der, seine beiden Arme über einander gelegt, sich auf das Knie der Mutter stützte und mit vergnügten Augen zu ihr aufsah, einen Kranz aus Feldblumen, die der Knabe auf den Fluren gepflückt hatte. Als sie damit fertig war und ihn dem Kinde reichen wollte, streckte sich über Otto's Kopf eine Hand aus und nahm ihn Flora. Rasch und sehr unwillig kehrte sich der Knabe um, indem er in ärgerlichem Tone sagte: Wer nimmt mir meinen Kranz? Ich will ihn haben. Diese ärgerliche Stimme verstummte jedoch, als er die Räuberin seines Kranzes erkannte. Hinter ihm stand nämlich Erdmuthe, mit glücklichem Auge auf den Kleinen herablächelnd und den duftenden Kranz heiter scherzend bald auf den lockigen Scheitel des Knaben niedersenkend, bald ihn wieder emporhebend. Otto griff wiederholt danach, ohne sich ihn wiedererobern zu können. Gib mir den Kranz! sagte er ungeduldig. Wenn du bittest und artig bist, erwiderte Erdmuthe. Nur artige Kinder verdienen mit Kränzen geschmückt zu werden. Bitte, bitte, liebe Tante, schenke mir den schönen Kranz! sagte hierauf ohne Widerstreben der Knabe. Sogleich drückte Erdmuthe das Blumengewinde auf Otto's Scheitel, hob den Knaben auf, küßte ihm Stirn und Mund und ließ ihn dann wieder auf die Erde herabgleiten. Otto lachte in ausgelassener Lust, setzte sich den Kranz fester und sprang hinaus in den Garten, wo er unaufhörlich und ohne zu ermüden die Gänge kreuz und quer auf und nieder lief. Erdmuthe setzte sich neben Flora, die ihren Strickstrumpf wieder aufgenommen hatte und rüstig Maschen schürzte. Du hast eine merkwürdig glückliche Gabe, Kinder zu behandeln und deinem Willen zu beugen, sprach Flora. Otto ist zwar ein herzensgutes Kind, aber sehr eigensinnig, und nur selten gelingt es mir, hat er sich einmal auf etwas gesteift, ihn davon zurückzubringen, ohne daß es zuvor heftiges Geschrei gibt. Und wenn du ihn nur ansiehst, folgt er dir spielend, fast willenlos. Liebe Schwester, versetzte Erdmuthe, diese Kunst, wenn es eine genannt werden kann, ist ein Ergebniß meines vergangenen Lebens, meines Wirkens als Lehrerin. Wo hätte ich bleiben sollen in der Wildniß, ohne jegliche Hilfe und Unterstützung Anderer, wenn Gott mir nicht immer nahe geblieben wäre, mit seiner Kraft und Gnade, wodurch es mir gelang, in mein Wesen, in mein Wort und meinen Blick eine bändigende Gewalt zu legen? Diese Kraft, die ich mir aneignete in meinem früheren Wirkungskreise, ist, scheint es, mir treu geblieben, und ich glaube, dafür habe ich dem Herrn zu danken, denn oft will mich bedünken, es werden Zeiten kommen, wo es mir schlimm ergehen könnte, wenn sie mich verließe. Erdmuthe faltete die Hände und eine Thräne schimmerte in ihren wunderbar tiefen und glänzenden Augen. Sei nicht trüb, meine süße Seele! sprach Flora, die Herrnhuterin umschlingend und ihre Augen küssend. Es wird gewiß Alles gut werden und alle deine Wünsche werden sich erfüllen. Mein Bruder zeigt sich ja seit eurer letzten Unterredung viel nachgiebiger. Ich hätte nie geglaubt, sagte nach kurzer Pause Erdmuthe, daß der Mann, welcher drüben in Surinam, als er mich wiederfand, aus Liebe zu mir, hätte ich es gewünscht, vielleicht selbst Missionär geworden wäre, hier inmitten weltlicher Glücksgüter das Aeußere dem Innern, den Schein dem Wesen, die Schaale dem Kerne so hartnäckig vorziehen könnte. Ich habe ihn besiegt durch die feste Ruhe meines Begehrens, es ist wahr, dennoch fügt er sich dieser ihn zwingenden Macht nur mit Widerstreben. Kein Engel treibt ihn, der Dämon der Weltlust sitzt noch immer verkappt in seinem Herzen, und wer kann wissen, wie lange er unthätig bleibt? Darum habe ich alle Ursache, den Herrn zu flehen ohn' Unterlaß, meine Schwester, daß er mir Kraft gebe, die bösen Neigungen des geliebten Mannes durch den Frieden meines Blickes zu erdrücken. Es wird dir gelingen, liebe Erdmuthe, erwiderte Flora zuversichtlich. Hast du doch uns Alle gleichsam bezaubert. Der Vater, mit dem eigentlich, wenn er seinen Kopf aufsetzen wollte, niemals ein Auskommen war, schlägt er dir 'was ab? Niemals! Ich glaube, er kletterte, falls du übermüthig genug sein solltest, ein so thörichtes Verlangen an ihn zu stellen, dir zu Gefallen, auf den höchsten Baum, um einen Staarmatz zu haschen. Hat er's doch geschehen lassen, daß du ihm sein Haar schneiden durftest. Das hätte ein Anderer versuchen sollen! Der würde schön abgeblitzt sein. Und wie sieht die Mutter dir jeden Wunsch an den Augen ab! Mit welcher Dienstwilligkeit läuft mein Albrecht für dich! Wie fliegen alle Dienstboten, wenn du nur den Gedanken laut werden läßt, einen Wunsch äußern zu wollen! Nein, liebe Erdmuthe, dir kann auf die Dauer Niemand widerstehen. Die wildeste Natur wirst du leicht bändigen, den widerspenstigsten Willen ohne Mühe brechen. Und gelingt dir dies bei ganz Fremden, wie sollte der, welcher dir der Liebste auf Erden ist, dem du als Heilige vorschwebst, dieser fast göttlichen Allgewalt grollenden Widerstand entgegensetzen? Solcher Widerstand, gründete er sich eben nur auf die Verehrung vergänglicher Güter, würde den Himmel meines Glückes auch trüben, sagte Erdmuthe. Traurig sein oder gar verzagen würde ich deßhalb nicht, denn wir sollen ja immer kämpfen, damit wir nicht laß werden. Da kommt Albrecht, fiel Flora ein. Er wird uns Nachricht aus der Stadt bringen, ob die Vorschläge Fürchtegott's Billigung gefunden haben. Flora stand auf, um ihrem Gatten entgegen zu gehen, Erdmuthe folgte in einiger Entfernung. Auch Otto, welcher den Vater ebenfalls gesehen hatte, sprang jubelnd durch den Garten, um der Mutter in der Begrüßung noch zuvor zu kommen, was ihm denn auch zu seiner großen Freude gelang. Albrecht Seltner übergab seiner künftigen Schwägerin einen Brief Fürchtegott's, welchen Erdmuthe, die Gänge des Gartens durchwandelnd, aufmerksam las. Sie kam dann wieder in die Laube, wo das glückliche Paar mit Otto, dessen Kranz schon etwas zerzaust aussah, freundlich plauderte. Nun, was schreibt der Bruder? fragte Flora. Lächelnd erwiderte Erdmuthe: Er ist es zufrieden. Mit den zärtlichsten Worten gibt er seine volle, rückhaltslose Einwilligung. Zweifelst du jetzt noch an seiner Liebe, an deiner Kraft? Erdmuthe schüttelte den Kopf. Nicht mir ist dies zuzuschreiben, sondern Ihm, Ihm ganz allein, der da oben unsichtbar, aber allmächtig waltet; der den Sternen ihre Bahnen anweiset, die Sonnen entzündet, daß sie das Weltall mit ihren ewigen Flammen erwärmen, und der unsere Herzen läutert, daß sie seinen Ruhm verkünden! Ich danke Ihm dafür in Demuth! Es lag nichts Gemachtes in diesen Aeußerungen Erdmuthe's; sie waren der Ausfluß ihres innersten Wesens und deßhalb machten sie auch auf Albrecht und Flora tiefen Eindruck. Flora schlang ihren Arm um den Leib der jungen Wittwe und sagte, sie liebevoll anblickend: Weißt du, daß ich meinen Bruder ganz unbeschreiblich beneide? Er hat binnen acht Tagen das Glück, dich immer zu besitzen, dich immer um sich zu haben; wir Andern, die wir doch auch so gern Theil an dir haben möchten, wir sehen dich vielleicht kaum in Wochen auf Stunden. Es wird uns, bist du erst ausgeflogen, recht einsam hier vorkommen. Wir werden dich alle und überall vermissen. Erdmuthe wollte diese Ansicht bestreiten, was ihr jedoch, da sogleich auch Albrecht gegen sie Partei nahm, nicht gelang. Später fand sich Frau Anna ebenfalls ein, die zwar wenig sagte, an deren ganzem Behaben man aber sehr wohl merken konnte, daß sie den Augenblick, wo Erdmuthe von ihr Abschied nehmen würde, um dem Manne ihrer Wahl zu folgen, nicht zu den glücklichen zählen werde. Zuletzt kam noch der alte Ammer, der sich von Herzen über die vernünftige Fügsamkeit seines Sohnes freute, und weil dies vorläufig das Wichtigste war, alles Uebrige unberührt ließ. Ammer setzte sich neben Erdmuthe, nahm einen beschriebenen Bogen Papier aus seiner Tasche, legte diesen vor sich auf den kleinen in der Laube befindlichen Gartentisch und sagte: Jetzt, meine Tochter, wollen wir Musterung halten über das Volk, welches Theil haben soll an der Hochzeit meines Jüngsten. Du hast allerwärts freie Wahl, und wer dir nicht recht ist, der bleibt weg. Als Landeskind wirst du die Meisten schon kennen. Das Verzeichniß war ziemlich lang, da nicht bloß die ganze Verwandtschaft der Ammer bis in die fernsten Glieder zu diesem wichtigen Familienfeste geladen wurde, sondern auch eine ganze Anzahl sogenannter Standespersonen, mit denen der alte Weber in irgend einer Verbindung entweder noch stand oder doch früher gestanden hatte. Unter diesen figurirten obenan der regierende Bürgermeister der wohlhabenden und betriebsamen Handelsstadt, zu deren Jurisdiction Weltenburg gehörte, ferner der Stadtrichter, einige Senatoren und Scabini , sowie verschiedene Kaufleute. Als Erdmuthe's Blicke auf den Namen Block fielen, fragte sie, wer dieser sei? Dachte mir's wohl, versetzte Ammer lächelnd, daß du hier einen Schlagbaum durchlegen würdest. Nun, ich kann dir sagen, meine kleine Heilige, der Mann ist viel besser, als sein Ruf. Ich mag ihn nicht gerade zum Wächter an der Himmelsthür bestellen, denn ich glaube, Advocat Block ließe mitunter auch ein räudiges Schaf unter die reinen Lämmer hineinspringen, aus purem Spaß; dennoch ist der Mann nicht zu verachten. Sein Aeußeres freilich wie sein ganzes Auftreten hat etwas Abstoßendes. Mir ist er aber lieb geworden, besonders in der letzten Zeit nach der Affaire, die ihm bei einem Haare den Hals gekostet hätte, weil er sich dabei nach meinem beschränkten Weberverstande vortrefflich benommen. Hätte sich richtig den Hals abschneiden lassen, wäre der Mirus nicht gewesen. Der Proceß freilich, den er nachträglich aus Malice oder Caprice gegen das Gericht angezettelt, ist ihm theuer zu stehen gekommen. Ihn also, meine liebe Tochter, habe ich mit aufgeschrieben, weil ich ihm doch Dank schuldig bin von früherher, und weil ich nebenbei wünsche, daß die alten Feinde in meinem Hause einen offenen und ehrlichen Freundschaftsbund schließen mögen. Zu christlicher Versöhnung sollen wir allen unsern Nebenmenschen jederzeit Gelegenheit geben, sagte Erdmuthe, darum, mein vortrefflicher Papa, soll dein gefürchteter Rechtsmann beim Hochzeitsschmause deinem wackern Freunde Mirus gegenüber sitzen. Ich selbst bin erbötig, ihnen die Gläser zu kredenzen, aus denen sie symbolisch ewige Freundschaft schlürfen sollen. Wer aber, sag' mir, wer ist der lateinische Gärtner? Lache mich nicht aus, kleine Heilige, versetzte Ammer scherzend. Einen kenntnißreicheren Blumisten und Kenner der Obstbaumzucht findest du weit und breit nicht. Alle meine Aurikel und ich denke mein Aurikelflor kann sich sehen lassen sind von dem lateinischen Gärtner, und hätte ich nicht sein famoses Mittel gegen die Raupen an meinen Obstbäumen angewendet, könnte ich zum Nachtisch weder einen gesunden Borsdorfer noch einen ächten Stettiner aufsetzen. Warum heißt er denn aber der lateinische Gärtner? fragte Erdmuthe mit liebenswürdiger Neugierde. Wenn du ihn sprechen hörst, wirst du diese Bezeichnung leicht erklärlich finden. Herr Justus, wie er mit seinem gewöhnlichen Namen heißt, ist durch die lateinische Schule gelaufen, und da er ein sehr treues Gedächtniß besitzt, so sind viele lateinische Worte darin hängen geblieben, die er in seinen Gesprächen gern anbringt. Advocat Block meint freilich, der lateinische Gärtner schieße viele Böcke bei der Anwendung seiner Redensarten und unterläßt deßhalb nie, Herrn Justus zurecht zu weisen; mein Blumist ist jedoch mit einem gar störrigen Gemüth begabt und achtet nicht im Geringsten auf solche Zurechtweisungen. Derohalben, mein Kind, hört es sich grausam schön zu, wenn genannte Beide sich mit einander in einen richtigen Discours einlassen. Beileibe laß uns einen so unschuldigen Spaß nicht verderben, Väterchen! sagte munter Erdmuthe. Der lateinische Gärtner darf bei meiner Hochzeit durchaus nicht fehlen. Dann darfst du mir aber auch den Oberförster nicht streichen, sagte Ammer. Er ist ungeachtet seiner Schwächen und seltsamen Angewohnheiten doch ein wahrer Kernmensch, ein rechter Prachtkerl, wie der ungeschliffene Bauer sagt, und wo er sich einfindet bei einer Gesellschaft, da bleibt die Trauer vor der Thür stehen und begehrt vergeblich einen Batzen als Abfindungsgeld. Ich werde mich bemühen, mein wackerer Papa, versetzte Erdmuthe, diesem Gaste dadurch eine Ehre zu erweisen, daß ich meine Freude über seine Mittheilungen laut zu erkennen gebe. Alle andern von Ammer Bezeichneten waren Erdmuthe nicht bekannt und deßhalb ziemlich gleichgiltig. Daß als besondere Ehrengäste weder Graf Alban noch Wimmer, ebenso Candidat Still und seine ehrbare Gattin nicht fehlen konnten und durften, versteht sich von selbst. Die Hochzeit sollte zwar anfangs nach Fürchtegott's Vorschlage in den glänzenden Räumlichkeiten des neu erbauten Schloßflügels von Weltenburg gefeiert werden, der junge Handelsherr fand aber in der ganzen Familie eine so starke Opposition, daß er diesen Gedanken sehr bald aufgab. Der schärfste Gegner außer Erdmuthe, war sein eigener Vater. Hier in diesem Weberhause mit den gelbbemalten Balken, sprach er, sind die Ammer ausgekrochen, haben sich, nachdem sie flügge geworden, hinausgewagt und sich etwas versucht in der Welt. Und weil sie ein gut Stück Arbeitskraft mitbrachten, ist es ihnen gelungen, etwas zu werden. Der Alte sitzt aber noch immer auf demselben harten Sessel und an demselben fichtenen Tische, wo er die erste Werfte ausgab. Da will er denn auch, daß sein Sohn, und wär' er so groß geworden, wie weiland der Bonaparte, in diesem kleinen Weberhause, der Wiege seines Glückes, als rechtlicher Mann sein Hochzeitsessen sich schmecken lasse. Damit war die Sache entschieden, Fürchtegott widersprach nicht weiter, und Frau Anna hatte nun schon Wochen vorher alle Hände voll zu thun, um dieses zweite Hochzeitsfest in ihrem Hause so glänzend und vollständig wie möglich herzurichten. Der Freund ihres Sohnes, der Arzt Walter, der ihre Schwiegertochter so treu über's Weltmeer geleitet, ging der geschäftigen Frau in dieser plagenreichen Zeit emsig zur Hand. Wo er konnte, sprang er zu und half, ohne sich durch aufdringliches Wesen unnütz zu machen. Zu Allem zeigte er Geschick, und so vertrat er während der letzten Wochen fast die Stelle eines gut gesinnten Koboldes. Denn hatte Frau Anna auch nur im Vorübergehen einen Wunsch geäußert, so fand sie ihn sicher am nächsten Morgen beim Erwachen schon verwirklicht. Achtes Kapitel. Ein schwer wiegendes Hochzeitsgeschenk. Im Sprüchwort wie im Glauben des Volkes heißt es, weder ein Glück noch ein Unglück pflege sich vereinzelt einzustellen, das eine, wie das andere habe jederzeit Begleiter. Dieser Glaube sollte sich jetzt in der Familie Ammer auf's Neue bewahrheiten. Wenige Tage vor dem Hochzeitsfeste traf ein Brief aus Wien ein, welcher den Brüdern die frohe Mittheilung brachte, daß sie das seltene Glück gehabt, zu gleicher Zeit in der letzten Lottoziehung eine Ambe und eine Terne zu gewinnen. Beide Brüder waren über diese Botschaft erfreut, gaben sich aber gegenseitig das Wort, nichts davon verlauten zu lassen. Das Spielen im Lotto war neuerdings abermals bei strenger Ahndung verboten worden, und man durfte kaum erwarten, daß die bürgerliche Stellung eines dagegen Handelnden diesen vor der angedrohten Strafe schützen werde, sobald man ihn überführen könne, daß er wirklich gespielt habe. Aus diesem Grunde beschlossen die Brüder, die erhaltene Nachricht sowohl vor ihren zahlreichen Arbeitern und Untergebenen, wie ganz besonders auch vor dem Vater geheim zu halten. Zobelmeier in Wien ward unverweilt von diesem Beschlusse benachrichtigt und zugleich angehalten, den sehr bedeutenden Betrag auf die Waaren zu schlagen, damit es aussehe, als sei das einzusendende Geld nicht gewonnen, sondern verdient. Christlieb, welcher seit der gemachten Entdeckung besonders bedenklich geworden war, und eine gewisse Unsicherheit in Allem, was er unternahm, schwer verbergen konnte, glaubte sich und den Bruder auch durch diese Vorsichtsmaßregel noch nicht hinlänglich geschützt. Er fürchtete beinahe das Eintreffen des Geldes, das, wie wir wissen, freilich nicht sowohl erspielt, als auf unredliche Weise mit Hilfe Anderer künstlich erschlichen war. Er nahm deßhalb Fürchtegott bei Seite und sagte zu ihm: Ich hab' es mir gelobt, nie wieder das Glück zu versuchen, sobald es mir einmal gelächelt haben würde. Ich will und werde von jetzt an nie wieder spielen. Deinen Versicherungen zufolge haben wir etwas wirklich unser Geschäft Gefährdendes nicht zu befürchten. Laß uns nun vorsichtig sein und uns nicht abermals durch glänzende Vorspiegelungen Anderer zu gewagten Speculationen verleiten lassen! Diesen Gewinn wünsche ich nicht in unserm Geschäft zu verwenden. Eine geheime Angst warnt mich davor. Mich dünkt, es kann uns nur Segen bringen, wenn er das Eigenthum eines Schuldlosen wird. Ich mache deßhalb deiner Braut damit ein Geschenk. Fürchtegott wollte anfangs nicht darauf eingehen, der Bruder drang aber so lange mit Bitten und Vorstellungen in ihn, bis er seine Zustimmung gab. Sieh, lieber Bruder, sagte Christlieb, es ist so viel besser. Erdmuthe besitzt kein eigenes Vermögen. Willst du nun nicht, daß ich als Schwager ihr ein so ansehnliches Geschenk mache, so kannst du es ihr ja nach Landessitte als Morgengabe einhändigen. Mich dünkt, daran wird weder Erdmuthe noch selbst der Vater Anstoß nehmen. Sie erhält dadurch ein von dem Unsrigen völlig getrenntes Vermögen, das ihr stets verbleibt, auch falls wir vom Unglück verfolgt werden sollten, was Gott verhüten möge. Die Morgengabe ist unantastbar und so ist die Zukunft deiner Frau in jeder Weise gesichert. Fürchtegott leuchtete dies ein, und so ging denn der nicht eben allzu rechtliche Gewinn an Erdmuthe über, noch ehe er in die Hände der beiden Brüder gelangte, oder die damit Beschenkte etwas davon erfuhr. Ammer's Wohnung war mittlerweile der Schauplatz rastloser Thätigkeit gewesen. Vieles darin mußte umgestaltet werden. Man war nicht darauf eingerichtet, ein solches Heer von Gästen zu bewirthen, wie es diesmal sich einfinden sollte. Das gewöhnliche Wohnzimmer konnte die Geladenen nicht fassen, selbst wenn jegliches Möbel daraus entfernt und das Cabinet noch dazu genommen ward. In dieser Noth faßte der alte Ammer einen kühnen Entschluß. Ueber dem Färbe- und Mangelhause befand sich das Lager. Dieser Raum, dem freilich aller Schmuck fehlte, konnte leicht an hundert Personen beherbergen. Mehrere ziemlich große Fenster erhellten ihn, neue glatt gehobelte Dielen machten ihn sogar geeignet zum Tanzboden. Hier soll die Hochzeit gefeiert werden, entschied der Weber, und traf sofort Anstalten, um den etwas wüst aussehenden Raum einigermaßen wohnlich einrichten zu lassen. Zimmerleute und Tischler mußten in größter Eile das etwa Fehlende ergänzen, selbst einen Tapezier berief man, um seinen Rath und seine Vorschläge zu hören. Die schlecht gekalkten Wände, ebenso die aus blanken Brettern bestehende Decke wurden nun von den geschickten Händen der Arbeitsleute mit leichten Stoffen faltig überkleidet, so daß die geräumige Halle am Tage vor dem wichtigen Feste einen ganz feenhaften Anblick gewährte und Ammer großes Vergnügen machte. Man schmückte nun noch Fenster und Thüren mit Guirlanden, brachte einige Kronleuchter an und ersetzte die schmale und steile Treppe, welche in diesen improvisirten Saal geleitete, durch eine in aller Schnelligkeit gezimmerte neue breitere. Vor der Hauptthür des Hauses, nach der Gasse zu, ward eine Ehrenpforte errichtet, an der eine Menge Lampen mit bunt gefärbtem Wasser befestigt wurden, um dieselbe Abends zu illuminiren. Diese Ehrenpforte, auf deren Gipfel die Namenschiffern Fürchtegott's und Erdmuthe's, von aufknospenden Blümchen künstlich gearbeitet, prangten, war ein ganz besonderer Gegenstand der Neugierde für Alle, welche an Ammer's Hause vorübergingen. Dem schwesterlichen Zureden Flora's war es gelungen, Erdmuthe zur Ablegung ihrer herrnhutischen Tracht am Trauungstage zu bewegen. Es leuchtete der verständigen, in ihren Urtheilen milden und billigen jungen Frau ein, daß Fürchtegott ein Recht habe, eine etwas weltlichere Tracht an diesem Tage von ihr zu verlangen. Ebenso machte sie keine Einwendungen, als ihr Bräutigam sie zu der harrenden eleganten Equipage geleitete, die das Brautpaar der etwas ferneren Kirche zuführen sollte. Sämmtliche Hochzeitsgäste folgten in Wagen von gar verschiedener Form und zweifelhaftem Werthe. Von den geladenen Gästen waren alle bis auf einen einzigen pünktlich eingetroffen. Advocat Block ließ sich entschuldigen, wie er sich ausdrückte, um nicht aus seiner Ruhe zu kommen. Seit er nämlich seine Praxis aufgegeben und den unklug begonnenen Proceß verloren hatte, lebte er völlig zurückgezogen in der Nähe der Residenz, wo nur ein paar Jugend- und Studiengenossen von Zeit zu Zeit zu ihm kamen. Der starre Rechtsanwalt versprach aber später das junge Ehepaar zu besuchen, denn er sei, hieß es in dem an Ammer gerichteten Schreiben über die Maßen neugierig, wie eine ehrbare Frau, die einige Jahre als Heidenbekehrerin den Herrn Pastoren in's Handwerk gepfuscht habe, eigentlich aussehe. Uebrigens wünschte er der ganzen Familie Ammer vieles Glück und unterließ nicht, am Schlusse anzudeuten, daß er doch mitgeholfen habe, den Grundstein des Glückes zu legen und zu befestigen. Bei Tafel war die zahlreiche Tischgesellschaft sehr heiter. Walter hatte es sich angelegen sein lassen, die Winke Flora's und ihres Vaters genau zu beachten, und diesem zufolge Persönlichkeiten neben einander zu setzen, die sich entweder gern sahen, oder, weil sie leicht in lebhaften Disput geriethen, wesentlich zur Unterhaltung einer gemischten Gesellschaft beitrugen. Da sah man den regierenden Bürgermeister neben Graf Alban; ein paar nichts weniger als fromme Senatoren hatten Herrn Wimmer in die Mitte genommen, der sich von dieser Umgebung zwar geehrt, nicht aber recht behaglich in ihr fühlte, weil er doch genöthigt war, die schillernde Schlangenhaut seiner stets zur Schau getragenen Frömmigkeit treulich beizubehalten. Indeß verstand er es, sich mit vieler Klugheit zu benehmen, ja, er hatte sogar die Befriedigung, seine Nachbarn einige Male, namentlich gegen Ende der Tafel, durch ein paar sanft aufgeworfene Fragen ein wenig in Verlegenheit zu setzen. Auf der anderen Seite, links vom Brautpaar, ging es besonders lebhaft zu. Dort geriethen der Oberförster, dem seine grüne, reich mit Gold gestickte Jägeruniform gar stattlich zu Gesichte stand, der lateinische Gärtner Justus, der Kaufmann Mirus und Candidat Still in einen so ergötzlichen Streit über das wahre Wesen der Kriegslist, daß sie die ganze übrige Gesellschaft darüber vergaßen. Anfangs lauschten nur Einzelne auf das immer lebhaftere Gespräch, bald aber schwiegen außer den Genannten alle übrigen Tischgäste völlig und der Moment, wo das Verstummen Aller von den laut Disputirenden plötzlich entdeckt wurde, war so höchst komisch, daß ein wahrhaft homerisches Gelächter Alle zugleich ergriff. Selbst Erdmuthe ward davon angesteckt und ließ gegen Fürchtegott die Aeußerung fallen, sie hätte nicht geglaubt, daß weltliche Freuden und erlaubte Genüsse wirklich so erheitender Natur sein könnten. Fürchtegott zeigte sich viel ernster, als man ihn zusehen gewohnt war. Dies fiel jedoch Niemand auf, da Jedermann begreiflich fand, daß die Erreichung eines so herrlichen Zieles, nach dem er Jahre lang gestrebt, ihn wohl still und in sich gekehrt machen könne. Dagegen war Christlieb fast ausgelassen lustig. Die ungewöhnlich lang dauernden Tafelfreuden wurden immer geräuschvoller, da besonders die bejahrteren Herren sich nicht sehr nöthigen ließen, dem wohlversorgten Weinkeller des reichen Webers zuzusprechen. Diese nach Verlauf einiger Stunden sich rasch steigernde Lebendigkeit im Gespräch und Gebehrdenspiel beunruhigte Erdmuthe. Sie erlaubte sich, ihren Schwiegervater einige Male ernst und bittend anzublicken und dadurch ein baldiges Aufheben der Tafel zu veranlassen. Noch war es nicht spät am Tage. Die Sonne schimmerte in mattem Glanze durch weich flockiges Gewölk, ein warmer West spielte mit Blättern und Blumen und lockte die Gäste hinaus ins Freie. Hier suchte ein Theil derselben den schattigen Baumgarten auf, Andere, besonders die jüngeren Mitglieder der Gesellschaft, zogen es vor die nahen Waldhöhen zu besteigen, und einige älteren Herren forderten den Hochzeitsvater auf, sie nach der Gegend zu führen, die ihm seinen Beinamen gegeben, und ihnen die in der Nähe des Rohres sich befindende Stelle mit der berühmten schönen Aussicht zu zeigen. Ammer war sogleich dazu bereit. Er stellte sich an die Spitze seiner überaus munter gestimmten Begleitung und überließ inzwischen Haus und Wirthschaft der vorsorgenden Aufsicht Walter's mit Anna, Flora und Christlieb. Fürchtegott mit seiner jungen Gattin, die ihm heute in der feinen weltlichen Tracht, welche sie angelegt hatte, noch viel reizender und liebenswürdiger erschien, folgte dem voranschreitenden Trupp in einiger Entfernung. Am äußersten Ende des Rohres, wo man die am Waldsaume fortziehende Häuserreihe überblicken konnte und die weiteste Aussicht über die aus grünen Laubhecken und Baumgruppen hervorblickenden Häuser des Ortes, nach der Stadt in der reichen Thalmulde und auf die duftigen blauen Gebirgskämme hatte, blieb der Weber stehen. Er stützte sich auf seinen Rohrstock, sah wohlgefällig auf die vor ihm sich ausbreitende Landschaft und nickte stolz mit dem Kopfe. Das ist der Punkt, mein hochweiser Herr Bürgermeister, sagte er, und da gerade unter uns liegt das Rohr. In der That, erwiderte der überraschte Rathsherr, um diesen Platz könnte man den Webermeister beneiden. Ammer nickte abermals, denn es schmeichelte seiner Eitelkeit, ein Stück Land sein zu nennen, um das ihn schon Hunderte bloß der unvergleichlichen Aussicht wegen beneidet hatten. Ich will's meinen, mein hochweiser Herr Bürgermeister, fuhr er fort. Wär' ich ein Graf von den Einsichten und dem Vermögen des Herrn Grafen Alban, dem so Vieles, was unser einer nicht zu fassen vermag, möglich ist, und hätt' ich's Geld nur so zum Wegwerfen, wie's unter den Grafen heutzutage auch unterschiedliche gibt, just hieher oder meinetwegen auch noch ein hundert Fuß höher, dort auf den Steinfelsen, wo ich verwichen bald Hals und Beine gebrochen hätte, weil ich einer Blindschleiche nachruschelte, dorthin ließ ich mir ein Schloß bauen, so schön wie's Weltenburger, das ja zur Hälfte auch mein Eigenthum ist. Unter vier Thürmen aber thät' ich's nicht, wenn ich ein richtiger Graf wäre, und mein Wappen pflanzt' ich auf über'm Thore, daß man es eine gute Stunde weit sehen könnte. Weil ich aber bloß ein Weber bin, und es mit Gottes Hilfe auch zu bleiben gedenke, und mir jede Zaspel Garn selber auslesen muß, soll ein vernünftig Stück Leinewand daraus werden, das meinem Namen keine Schande macht: so bleibe ich dort unten sitzen in meinem Hause, wo die Musikanten jetzt eben den ersten Tusch blasen, um die jungen Leute zum Tanze hereinzulocken, 's ist zwar nicht mehr aparte vornehm, aber 's hält doch warm, und ich habe Leute gekannt, die in einem quadersteinernen Schlosse mit Spiegelfenstern und vergoldeten Wetterstangen gar erbärmlich froren. Während dieser Rede Ammer's war Mirus an ihn herangetreten, und als er sich jetzt mit unverkennbarem Selbstgefühl im Kreise seiner Begleiter umsah, versetzte der stets solide und dabei sparsame Kaufmann: Herr, ich muß Ihr sagen, ist mir aus der Seele gesprochen. So handeln, daß man seinem Namen keine Schande macht, daß er makellos bleibt vor uns und Andern: das ist's, was den ächten Kauf- und Geschäftsmann ziert. Mirus reichte seinem langjährigen Freunde die Hand und bot darauf allen Uebrigen eine Prise aus seiner goldenen Dose. Das Rohr quer durchschneidend, ging der Weber mit seinen Gästen nach der steinigten Lehde, über welche die Communicationsstraße führte. Hier blieb er bei einem großen Feldsteine stehen. Meine sehr lieben Gäste, sprach er, hier sind wir, wenn mir recht ist, auf einem merkwürdigen Punkte, denn da hat's vor alten Zeiten 'mal eine grausam blutige Schlacht gegeben. Da? fragte Candidat Still. Nun, nicht gerade auf dem Flecke, aber so rund herum. Ist mir nicht bekannt, Herr Ammer, sagte der in der Provinzialgeschichte wohl bewanderte Mann. 's steht im Chronikbuche, versetzte der Weber, aber das lesen die gelehrten Herren nicht, weil's ihnen zu ordinär, zu schlechtweg geschrieben ist. Ihr seid doch auch zu Hause in unserer Geschichte, lieber Justus, sprach der Candidat zu dem lateinischen Gärtner, erinnert Ihr Euch nicht? Ich denke eben darüber nach, mein sehr gelehrter Herr Candidat, versetzte dieser. Carpzow spricht von mehr als einer Schlacht in dieser Gegend. Obwohl dort von einer Schlacht am Berge absonderlich die Rede ist, denn genannter vir doctissimus fügt in parenthesi dazu Mons , würde sich dennoch auch die hiesige Stelle als Schlachtort bezeichnen lassen. Es ist ein locus , welcher sich abwärts erstreckt vom Berge. Gewiß, im Carpzow steht's. Aber was, mein lieber Justus, was steht dort? fragte der Candidat. Wer schlug sich hier mit wem? Nu, wer denn sonst, als Männer mit Männern, fiel Ammer ein. Ob's Fleischhauer oder Tuchmacher gewesen sind und so 'was mit von der Sorte wird's wohl dabei gegeben haben das macht mir kein Bauchgrimmen. Ritterliche Räuber, die dazumal überall das große Wort führten, haben sicherlich auch nicht weit davon gelegen; denn den Satanskerlen in ihren eisernen Kamisolen schwoll dazumal der Kamm. Aber, meine werthen Herren, das ist all' eins! 's hat hier vor vier- oder fünfhundert Jahren eine richtige Pelzwäsche gegeben; ob dabei die Schafpelze mehr Wamse gekriegt haben oder die Zobelschwänze, das ist mir justement egal. Ist's ein Fund für die gelehrten Buchmacher, so soll mich ein halber Gulden nicht reuen, wenn mir Einer oder der Andere Schwarz auf Weiß nachweisen kann, wer eigentlich zuerst den Rummel angefangen hat. Die Rathsherren mußten über den lebhaft gewordenen Weber, der in seiner Hartnäckigkeit sich diese Schlacht niemals hätte nehmen lassen, lächeln. Der Candidat schwieg kopfschüttelnd, und die Gesellschaft trat wieder den Rückweg an. Vom Hochzeitshause her vernahm man die Töne einer rauschenden Musik. Der Abend senkte sich. Schon dampften die Thäler und erfüllten die Wiesengründe am Flusse mit bläulichem Nebeldunst, dessen oberer Rand von der Sonne vergoldet ward. Ammer gewahrte Erdmuthe am Arm ihres jungen Gatten. Das klare Auge der Glücklichen hing an Fürchtegott's Blicken, der ihr viel Angenehmes gesagt haben mußte, denn ihr liebliches, blasses Gesicht strahlte wie verklärt. Als sie des Vaters ansichtig ward, sprach sie zu Fürchtegott: Bitte, bitte, einen Augenblick! Ich muß den lieben Papa ganz in der Stille um eine Gefälligkeit ersuchen. Sie ließ den Arm Fürchtegott's los und trat zu Ammer, der ihr vergnügt zulächelte und freundlich die Wange klopfte. Ein paar Secunden später fühlte Fürchtegott seine Schulter berührt. Er kehrte sich um Kaufmann Mirus stand neben ihm. Letzterer ergriff den Arm des jungen Mannes und ging mit ihm seitwärts: Mein lieber Freund, sprach der Kaufmann, Sie haben sich heute einem, wie es den Anschein hat, braven und frommen Weibe vermählt. Ein Mann, dem dies gelingt, hat immer von Glück zu sagen. Denn wird das Heiligthum unseres Hauses nicht von einem Engel behütet, so schlüpfen gar bald durch alle Ritzen und Spalten neidische Dämonen herbei und zehren den Segen auf, den rechtliche Arbeit anhäuft. Ich sage rechtliche Arbeit , wiederholte mit scharfer Betonung der gewissenhafte Kaufmann. Andere Arbeit wird niemals, wenigstens nicht lange von Segen begleitet. Das will ich als erfahrener, praktischer Geschäftsmann, als redlicher Christ und als ältester und stets zuverläßig gebliebener Freund Ihres würdigen Herrn Vaters Ihnen als goldene Regel empfehlen. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr er fort, wer es wohl meint mit seinen Freunden, der thut Jedem einen Gefallen, wenn er ihm offen die Wahrheit sagt. Mich drängt's dazu, junger Herr, aus Liebe zu Ihrem Vater und aus Vorsorge für Ihre Zukunft, auch wenn Ihnen meine Worte nicht wohl gefallen sollten. Wählen Sie Vorsicht, Klugheit und gerades Wesen zu Begleitern durch Ihr Leben. Bestreben Sie sich auch in den weiteren Kreisen, die das Glück Ihnen angewiesen, den Fußstapfen Ihres Vaters zu folgen; handeln und wandeln Sie nur auf rechten Wegen, und geben Sie vor Allem Acht, daß, wenn Sie Ihre Producte verschicken, nicht so grobe Irrthümer wieder vorkommen, wie letzthin, wo ich drei Ballen baumwollene und halbleinene Waaren statt reiner Leinwand erhalten habe. Es ist bloß des reellen Namens wegen, mein Lieber! Ich hatte es nicht bemerkt, und erfuhr es also erst aus Hamburg, wohin ich einen der Ballen versendete. Die Sache ist aplanirt, junger aber unvorsichtiger Handelsherr, ein zweites Mal möchte dies schwieriger sein. Uebrigens verlassen Sie sich auf den alten Mirus. Er kann schweigen. Nehmen Sie dies als wohlgemeintes Hochzeitsgeschenk. Es wird Ihnen, denk' ich, mehr Segen bringen als Geld und Geldeswerth. Mirus sah den zum Tode erschrockenen und leichenblassen Fürchtegott mit seinen durchdringenden Augen lange scharf an, schüttelte ihm die Hand und verließ ihn mit den etwas herber gesprochenen Worten: Nun denn, gute Besserung! Glücklicherweise war Erdmuthe, mit Vater Ammer in ein scherzhaftes Gespräch vertieft, die Verwandlung Fürchtegott's entgangen. Dieser zwang sich mit eiserner Gewalt, äußerlich ruhig zu bleiben, obwohl eine entsetzliche Angst Besitz von seinem Herzen nahm. Als Erdmuthe sich mit glücklichem Lächeln ihm wieder zuwandte, riß er sie mit Ungestüm an seine Brust und küßte sie leidenschaftlich. Aus dem Hochzeitshause klangen die lockenden Töne eines raschen Walzers. Komm, süßes Herz, sprach Fürchtegott, komm und laß uns fröhlich sein mit den Andern! Sieh, wie sie lustig durch den lichterfüllten Raum fliegen, die festlich geschmückten Kinder der heitern Welt! Dieser Tag, meine kleine Heilige, gehört der Welt und ihren Freuden ausschließlich. Wenn du Theil daran nimmst, so heiligst du sie durch deine bloße Gegenwart! Fürchtegott bat so liebevoll, sein Auge glänzte, die Pulse klopften hörbar. Nie hatte ihn Erdmuthe in so merkwürdiger Bewegung gesehen, und da sie wirklich glaubte, es sei die Aufregung des Glückes, das den geliebten Mann in eine Art von Verzückung versetzte, so vermochte sie die Bitte nicht abzuschlagen. Sie neigte gewährend das feine Haupt und bald sah man das schöne Paar unter den Tanzenden. Lange freilich vermochte Erdmuthe, schon der Ungewohntheit wegen, nicht diesem Vergnügen sich hinzugeben. Sie begnügte sich deßhalb, dem Tanze an Frau Anna's Seite zuzusehen, ohne zu verlangen, daß auch Fürchtegott darauf verzichten solle. Dieser schien durch die Musik und durch die Aufregung immer mehr und mehr in eine bacchantische Begeisterung versetzt zu werden. Nur selten sah man ihn kurze Zeit rasten. In solchen Pausen eilte er dann regelmäßig zu Erdmuthe, sprach zärtliche Worte zu ihr und wußte immer auf's Neue ihre Besorgnisse, er könne seiner Gesundheit schaden, scherzend zu beseitigen. Bisweilen erschienen zwei Persönlichkeiten im Saale, die einem ruhigen und gänzlich unbefangenen Beobachter alsbald aufgefallen sein würden. Es waren dies der Kaufmann Mirus und Wimmer, der Herrnhuter. Beide Männer hatten sich mit bemerkenswerther Geschicklichkeit den ganzen Tag über zu meiden gewußt, während es bekanntlich in Ammer's Plane lag, nur Freunde an seiner Tafel sehen zu wollen. Er selbst war zu beschäftigt, auch zu vergnügt, um daran zu denken, zwei Männer einander zuzuführen, über deren gegenseitig feindliche Gesinnungen nur unzuverlässige Gerüchte von Mund zu Mund liefen. Während Ammer mit den älteren Gästen die schöne Aussicht aufsuchte, hatte sich Wimmer einigen Andern zum Führer angeboten in den verschiedenen Localitäten des Webers, die zur schwunghaften Betreibung seines Geschäftes nöthig waren. Hier war der Herrnhuter vollkommen zu Hause und konnte mithin eben so gut wie Ammer selbst als erklärender Cicerone fungiren. Die aufmerksamste Zuhörerin unter den ihn Begleitenden war Frau Sempiterna, die sehr oft Fragen an Wimmer richtete und weder die großartige Färberei noch die Mangel eher verließ, bis sie von Allem ganz genau unterrichtet war. Ihr Gemahl würde eine sehr anzügliche und demüthigende Gardinenpredigt zu hören bekommen haben, wäre das Verhältniß zwischen den beiden wunderlichen Gatten seit Block's Auszuge nicht wesentlich ein anderes geworden. Still hörte einfach nicht mehr zu, wenn Frau Sempiterna das Bedürfniß fühlte, ihr Herz zu erleichtern. Er ließ sie stehen, auch reden, so viel und so laut sie wollte, er selbst ging aber lachend davon. So oft Mirus oder Wimmer in den Saal traten, was fast immer abwechselnd geschah – nur selten sah man beide Männer gleichzeitig und dann jedesmal an den entgegengesetzten Enden suchten die Augen eines Jeden nur Fürchtegott, der, vom Zauber des Tages ergriffen, nichts um sich her beachtete, vielleicht auch nicht beachten wollte. Wie ein paar dunkle Schatten, die einer den andern fliehen, und doch gern mit einander kämpfen möchten, umkreisten Beide die Reihen der fröhlichen Tänzer langsamen Schrittes, Mirus stolz emporgerichtet, Wimmer gebückten Hauptes. Dies regelmäßige Kommen und Gehen beider Männer machte einen unheimlichen Eindruck, und nur ein einziger Mensch unter allen Gästen gewahrte erst tief in der Nacht dies Auf- und Abwandeln, dies Erscheinen und Verschwinden des Kaufmanns und des Herrnhuters. Er schwieg, aber er schürzte einen Knoten in seinem Gedächtniß, um künftig ein scharfes Auge auf Beide zu haben. Nach Mitternacht endlich fühlte Fürchtegott das Bedürfniß nach Ruhe. Der Tanz kam ihm jetzt schaal, nüchtern, fast sündhaft vor. Die Hitze im Saal drückte ihn unerträglich. Sein Kopf brannte, alle Fibern zitterten. Er eilte zu Erdmuthe und fragte, ob sie bereit sei, dem lauten Vergnügen den Rücken zu kehren. Erfreut reichte die junge Frau dem geliebten Gatten die Hand. Wie du glühst, Theurer! sagte sie besorgt. Mein Gott, wie kann man sich so aufregen und daran Vergnügen finden! Nicht wahr, mein geliebter Freund, das wirst du von jetzt an nie wieder thun? Laß uns nach Weltenburg aufbrechen, versetzte Fürchtegott. Ich bin des Lärmens nun überdrüssig. Ich muß allein sein, bei dir, mein Engel, damit mir wieder wohl wird. Komm, Geliebter, sprach Erdmuthe, ihren Arm um Fürchtegott's Nacken legend und mit ihm den Saal verlassend. Frau Anna, desgleichen Ammer und Flora folgten. Es ist Zeit, daß wir uns trennen, Vater, sagte Fürchtegott. Mögen die andern springen und jubeln bis zum Morgen, wir wollen in der Stille das Glück genießen, das der Himmel uns verliehen. Die Nacht ist still und warm. In zwei Stunden schon können wir in Weltenburg sein, und morgen früh habe ich dann das Vergnügen, meinem kleinen Herzensweibe die prächtige Umgebung unseres gemeinsamen Eigenthumes von der Plattform des Thurmes im Morgensonnenglanz zu zeigen. Bald fuhr der Wagen vor. Das Rollen desselben hatte eine Anzahl Gäste aufmerksam gemacht und aus dem Saale gelockt. Eine neugierig gaffende Menge erfüllte die Gasse. Erdmuthe nahm Abschied von Ammer und Frau Anna. Sie hing jetzt an dem Halse Flora's, die sie nicht von sich lassen wollte, Fürchtegott ermahnte zur Eile. Als er mit der Geliebten den Wagen bestieg, warf er noch einen Blick auf das Vaterhaus und die Umstehenden. Da sah er die hochaufgerichtete Gestalt des ernst blickenden Mirus, auf der andern Seite des Wagens lehnte am Gartenstaket der Herrnhuter. Seine Augen waren nicht zu erkennen, der breiten Lider wegen, die über sie herabhingen. Er nickte den Neuvermählten zu, ein klein wenig den breitkrempigen Hut lüftend, mit dem er sich zum Schutz gegen die thaufeuchte Nachtluft bedeckt hatte. Fürchtegott überrieselte es wie Fieberschauer. Er hörte das Weinen der Geigen vom Tanzsaale her, das in seine Ohren tönte wie lautes Wehklagen. Die Erde schien unter ihm zu wanken, so glänzend hell auch die Sterne am wolkenlosen Nachthimmel funkelten. Fort, fort, so eilig wie möglich! rief er dem Kutscher zu, grüßte mehrmals Eltern und Geschwister, und drückte dann, tief und schwer aufathmend, seine glühende Stirn an die weiche, kühle Wange Erdmuthe's.