Richard Voß Die Auferstandenen – Erster Band Noch immer war es tiefer Winter. Die ungeheure wilde Steppe lag verschneit und vereist mit erstarrten Lebensgeistern. Nach allen Richtungen hin erstreckte es sich unabsehbar, unendlich; als würde von diesem Punkt der Erde aus die ganze Welt mit Schnee und Eis überzogen. Gewaltige graue Dunstwände hingen rings am Horizont vom Himmel herab wie die Gardinen eines Riesenamphitheaters. Jeden Augenblick konnte der Vorhang aufgehen und das Trauerspiel »Rußland!« beginnen. Das Personal zog bereits auf. Lange Kolonnen gespenstiger Nebelgestalten krochen über die Bühne; ein Chorus von Elenden, die lautlos litten, lautlos verzweifelten, lautlos starben. Ihre toten Leiber bedeckten den Boden. Dunkle Dämpfe entwickelten sich, als qualme die winterliche Erde. Gleich Fetzen eines ungeheuren Trauerflors, von oben bis unten zerschlitzt und zerrissen, schleppte es über den fahlen Grund. In der Höhe löste es sich, verrann es in das allgemeine Grau des Himmels, der schwer und tief herabdrückte. Vergeblich kämpfte die Sonne mit den Dünsten; nur zuweilen brach ein blutigroter Strahl hervor. Wo der Glanz hinfiel, flammte es auf. Die Stämme eines Birkenwaldes entstiegen strahlend – ein Hain silberner Säulen – dem Nebel, um sogleich wieder darein zu versinken; denn schon war das schöne Hinmelslicht von dem gierigen Gewölk aufgesogen worden. In breitem, tiefem Bette durchzog ein mächtiger Strom in vielfachen Krümmungen das öde Land, Der Fluß war gefroren. An den jäh abfallenden, wild zerrissenen Ufern waren seltsame Laute vernehmbar; unter der starren Eisdecke klang es wie ruheloses Tasten geisterhafter Hände, wie ersticktes Aufschluchzen nach Befreiung, Licht, Leben. Jetzt fuhr heulend der Sturm über die Steppe. Er hetzte die Nebel vor sich her, zerriß sie, jagte sie auf, trieb den Himmel von der Erde zurück. Durch die Luft wirbelte der Schnee. Dort wurde er fortgeweht, hier türmte er sich empor. Schwarze Flecken erschienen auf dem lichten Boden, gleich einer Reihe von frischen Gräbern. Schwärme von Raben erhoben sich mit heiserem Gekrächz. Sie mußten lange umherflattern, ehe sie einige verkrüppelte braune Weiden erspähten. Schneehühner trippelten aufgeregt hin und her, ein hungriger Wolf beschlich einen Hasen, der schrille Schrei eines Raubvogels gellte. Dann wieder tiefste Lautlosigkeit. In schnurgerader Linie durchschnitt die Wildnis eine Straße, die so wenig befahren wurde, daß sie gänzlich verschneit lag. Aber heute, am Tage vor Ostern, kam unter dem dünnen Geklapper einiger blechernen Schellen, von drei lebensmüden Gäulen gezogen, eine Kibitta daher. Von Zeit zu Zeit machte der Kutscher den Versuch, seine Tiere anzutreiben; doch blieb es jedesmal bei einer trägen Handbewegung und einigen, in den Bart gemurmelten Liebesworten; es war schließlich ganz gleichgültig, wann man ankam. Der einzige Reisende – ein noch ziemlich junger Mann – mußte indessen anderer Ansicht sein. Tief vorgebeugt, schaute er starr ins Weite, als wollte er wenigstens mit seinen Blicken vorwärtskommen. Aber auch das hielt schwer; denn vor ihm türmte sich die Nebelmauer auf. Da er keinen Pelz besaß, hatte er sich in eine Pferdedecke gewickelt, die jedoch von seinem mächtigen Körper nur Schultern und Brust bedeckte. Von Zeit zu Zeit schien er die Kälte zu fühlen; dann bemühte er sich, seine großen, roten Hände in die Ärmel seines Moskauer Studentenrocks zu stecken, was ihm niemals gelingen wollte. Sehr bald fuhr er aus seinem improvisierten Muff wieder hervor und fuchtelte mit beiden Armen in der Luft umher, wobei er sich der schönen Täuschung hingeben mochte, die müden Gäule damit zu größerer Eile anzutreiben. Er besaß ein echt russisches Gesicht mit tiefliegenden, melancholischen, grauen Augen. Bei Nase und Stirn hatte die Natur gekargt; vielmehr war sie damit nicht ganz fertig geworden. Denn die Stirn war zu kurz und die Nase zu stumpf geraten. Um so vollständiger waren die Wangen und der Mund ausgefallen, in dessen Kraft und frischer Sinnlichkeit sich die ganze Jugend des Mannes konzentriert zu haben schien. Der Flaum eines Bartes zeigte sich an seinem Kinn und das fahle Haar stieg ungepflegt borstenähnlich rings um die abgegriffene Pelzmütze auf. Mit dem Ausdruck von Ungeduld und Erregung auf seinem breiten, unschuldigen Gesicht hatte er etwas von einem großen Kinde, das den Anfang eines Festes nicht erwarten kann. Ohne seine Haltung zu verändern, starrte er unverwandt geradeaus, wo vor ihm die Welt in Schnee und Nebel versank. Aber, obgleich er es vor Ungeduld und Erwartung kaum auszuhalten vermochte, fiel es ihm doch nicht ein, den trägen Kutscher zu schnellerem Fahren aufzufordern. Einmal sprang er in seiner Aufregung aus dem Schlitten und lief stolpernd vor den Pferden her. Der Kutscher wollte ihm etwas zurufen, stieß jedoch nur einige dumpfe Laute aus. Nachdem der Reisende einige Werst gelaufen, gab er die Sache auf, bestieg sein Gefährt von neuem und kroch ergebungsvoll unter seine Decke. Es ward dunkel, eine sternenlose, windige Nacht brach an. Der junge Mann schauerte zusammen, lehnte sich zurück und versuchte zu schlafen. Vor seinen geschlossenen Augen stieg ein Gewimmel von Funken auf, die in schwindelerregender Schnelle vorüberstoben. Seine Gedanken verwirrten sich, eine bleierne Schwere senkte sich auf ihn, ihm war's, als stürzte er mit gefesselten Gliedern in einen bodenlosen Abgrund. Unter den Tritten der Pferde und den Kufen des Schlittens knirschte der Schnee. Der Reisende horchte darauf. Zuerst deuchte es ihm wie fernes, leises Klirren und Schwirren. Das wuchs an, das schwoll auf zum Sausen und Brausen. Erschrocken fuhr er empor, ohne indessen imstande zu sein, die Augen zu öffnen. Dann schlief er ein. Ihm träumte: ... Ein gewaltiges Weib erschien ihm; schattenhaft, als Phantom. Sie entstieg der Erde, die weit aufklaffte wie eine Gruft. Moder umhüllte sie. Ketten fesselten die starren Füße, schlangen sich um den hagern Leib, um die nackten, totenhaften Arme. Ihr herrliches Antlitz war fahl, ausdruckslos – leblos. Wie in Wahnsinn stierte sie vor sich hin, geradeaus, in ein Nichts. Zuweilen seufzte sie, stöhnte sie. Es war ein schrecklicher Ton. Da brauste es auf wie Sturm, wie Orkan. Eine wilde Stimme rief: »Frei!« Und »Frei! – Frei! – Frei!« tönte es fort und fort in hundertstimmigem, gellendem Echo. Der Boden erbebte und die Gruft wurde zugeschüttet. Blumen erblühten; blasse Glocken mit blutrotem Kelch. »Frei!« seufzte das gewaltige Weib aus tiefster Brust und klirrend zersprangen die Ketten. »Frei!« hauchte sie, und dem Träumenden war's, als vernähme er den mächtigen Atemzug, mit dem das Leben in ihr erwachte. »Frei!« jubelte sie, schritt und bewegte sich – lebte! Aber noch tat sie beides wie ein lahmes, blindes Kind. Sie tappte, tastete. Nun war's, als ob sie sich besänne. Aber noch wußte sie nichts von Gedanken, noch hatte ihr erster Laut ihr nicht die Sprache gegeben. Denn da sie reden wollte, begann sie zu stammeln und zu lallen, bis ein Daseinsschauer durch ihren Leib lief, ein Lebenshauch über ihre Züge glitt. Sie öffnete den bleichen Mund und sog gierig die eiskalte Luft ein. Dabei quoll ein Blutstropfen zwischen ihren Lippen hervor. Lange Zeit stand sie bewegungslos. Dann schien ihr etwas zu fehlen und sie begann zu suchen; rasch, hastig, angstvoll. Sie schien nicht zu finden, sie sank nieder und wühlte mit ihren Händen unter dumpfem Ächzen den Boden auf, darin sie begraben gelegen. Was mag sie suchen? dachte der Träumende schaudernd. Sie hatte seinen Gedanken erraten. Ohne Unterlaß wühlend und grabend, wandte sie sich um nach ihm, stierte ihn aus hohlen Augen an und lallte: »Meine Seele.« Mit einem Schrei erwachte Sascha. Das russische Volk – das freie russische Volk suchte voller Todesangst seine Seele. Erster Band. Erstes Kapitel. In Eskowo, einem nordrussischen Steppendorf von etwa dreihundert Einwohnern – noch bis vor kurzem hieß es »Seelen« – rüstete man das Osterfest des Jahres 1879. In den Häusern, elenden Baracken aus Birkenstämmen und Lehm, wurden ernstliche Reinigungsversuche unternommen; man schaffte den Kot hinaus und ließ den Schmutz liegen. Nur die »heilige Ecke« erfreute sich einiger Sauberkeit. Dort war der Boden wenigstens trocken und zum Überfluß sogar mit Buchs bestreut, den die Kinder unter lautem Jubel aus dem Schnee gegraben hatten. Das Heiligenbild selbst, dessen Antlitz mit starren, braunen, byzantinischen Zügen feierlich genug aus seiner Umrahmung von getriebenem Kupfer hervorsah, schmückten Birkenreiser, mit langen Streifen farbigen Papiers und Goldschaum behängen. Geweihte Kerzen brannten davor. Schon stand in der Nähe des gewaltigen Ofens die Ostertafel gerichtet. Sie war gedeckt mit buntsäumigem Sonntagslinnen, dicht besetzt mit bemalten hölzernen Tellern, Schüsseln und Krügen, schwer beladen mit Festspeisen; gedörrten und gesalzenen Fischen, geräuchertem und gebratenem Fleisch, Steppenhühnern, Hasenpastetchen, eingemachten Schwämmen, Gurken und Backwerk aus Honig und Anis. Ein stattliches Tonfäßchen enthielt den vielgeliebten Kwaß, im Ofen kochte die Kohlsuppe und die mit Pfeffer gewürzte Grütze, brieten die Piroggen. Vom frühesten Morgen an wurden die beiden Badestuben des Dorfes geheizt. Jung und alt nahm Dampfbäder. Wer zu den Honoratioren von Eskowo gehörte, bewies seine Ansprüche auf Ansehen dadurch, daß er sich kräftig mit Birkenruten streichen ließ. Von Zeit zu Zeit sprang die Tür des Badehauses weit auf, eine Dampfwolke quoll heraus, aus der sich eine Schar nackter Kinder entwickelte. Schreiend liefen sie auf die Gasse, wälzten sich im Schnee und stürzten dann, rot wie gesottene Krebse, wieder zurück in die Glut. So trieb man es bis zum Abend. Dann gingen die Leute heim und legten die Festkleider an; die Männer den sonntägigen Schafpelz, die Frauen und Mädchen ihre schönen und feierlichen weißen Wollengewänder. Sie trugen reichen Schmuck und auf dem Kopf glänzte der Powoinik wie ein Diadem. Am Abend saß Wera Iwanowna, die Tochter des Starosten, von Kindern umringt in der väterlichen Hütte. Während sie Mädchen und Knaben das Haar kämmte, versuchte sie, ihnen begreiflich zu machen, weshalb in Rußland so lange Winter sei. Die Kleinen prangten bereits in ihren Festkleidern und harrten ungeduldig des Augenblicks, wo sie aus der Abendschule entlassen werden sollten. Darauf würde alsdann jedes sein Licht anzünden und alle gemeinsam in die Kirche ziehen, deren Fenster bereits hell erleuchtet durch die Winternacht strahlten. Doch hatten die Kinder das junge Mädchen mit dem ernsten, schönen Gesicht viel zu lieb, um sich nicht alle Mühe zu geben, ihre Ungeduld zu bemeistern und aufmerksam zuzuhören. Wera sprach mit tiefer, weicher Stimme, oft stockend und abbrechend. In ihrem Wesen lag etwas seltsam Befangenes, zugleich Feierliches. Als das letzte der Kinder mit möglichst glattgekämmtem Kopf vor ihr stand, faltete sie die großen, weißen Hände im Schoß und sah darauf nieder: So konnte sie besser reden. »In anderen Ländern, meine Lieblinge, ist's jetzt bereits Frühling, in anderen Ländern blühen jetzt auf den Wiesen bereits Primeln und Veilchen und die Birken haben längst Blätter. Bei uns ist's immer noch Winter.« Sie schwieg, hob den Kopf und sah mit müdem, verschleiertem Blick zum Fenster hinaus auf die öde, winterliche Landschaft. »Warum ist's bei uns immer noch Winter?« Wera wandte ihr Gesicht dem kleinen Frager zu. Sie antwortete mit einem Seufzer; dann besann sie sich: »Weißt du das nicht mehr? Wer von euch hat es sich besser gemerkt?« Eine Weile allgemeines Schweigen; dann streckte ein kleines rothaariges Mädchen den Arm in die Höhe. »Ich weiß es.« »So sag's.« »Weil – weil – –« Die Kleine schien rettungslos ins Stammeln zu geraten; aber plötzlich fiel es ihr ein: »Weil bei uns Rußland ist,« deklamierte sie triumphierend. »Weil bei uns Rußland ist,« wiederholte die junge Lehrerin leise und langsam. Dabei blickte sie wieder auf und hinaus; müde und hoffnungslos. »Du, Wera Iwanowna, warum ist's bei uns in Rußland nicht auch wie in anderen Ländern?« forschte eine kleine Wißbegierige. »Wir wollen auch zu Ostern Blumen haben, Primeln und Veilchen.« Wera, ihre Gedanken sammelnd, belehrte: »In Rußland ist der Winter viel länger als in anderen Ländern, weil bei uns die Sonne viel weniger warm scheint. Paßt gut auf! Die Sonne scheint in Rußland viel weniger warm, weil –« Sie stockte. Sie suchte nach dem rechten Worte, nach dem rechten Gedanken, fand jedoch beides nur mühsam und unvollkommen. »Bei uns in Rußland ist es viel kälter als in anderen Ländern, weil unser armes Rußland so weit von der Sonne entfernt liegt. Deshalb grünt und blüht bei uns alles viel später; denn nur da, wo die Sonne recht warm und hell hin scheint, kann es wachsen und gedeihen!« Sie schwieg, atmete schwer und sah hilflos um sich. Ein seines Stimmchen rief: »Ich denke mir etwas. Darf ich's sagen?« Wera ermunterte den kleinen Zagenden: »Gewiß darfst du es sagen. Du mußt stets sagen, wenn du dir etwas denkst und stets, was du dir denkst. Der Mensch darf niemals anders reden, als seine Gedanken sind, sonst ist er ein schlechter Mensch. Und du willst doch ein guter Mensch werden. Das wollen wir alle. Also was denkst du?« »Es ist gar nicht hübsch vom lieben Gott, daß er Rußland jedes Jahr einen so langen und kalten Winter schenkt. Hat Rußland dem lieben Gott etwas zuleide getan?« Wera heftete ihre schwermütigen Augen auf den Knaben. Der kleine Kerl schaute ganz trotzig drein; doch konnte sein kindlicher Eifer der Lehrerin kein Lächeln abgewinnen. Sie rief ihn zu sich, legte ihre Hand auf sein helles Haar und sagte laut und feierlich: »Auch Rußland wird von Gott geliebt. Und Gott mag wohl so streng gegen Rußland sein, damit hier die Leute besser werden als in anderen Ländern; die kleinen Knaben brave Männer und die kleinen Mädchen wackere Frauen. Wenn es in Rußland recht viele brave Männer und wackere Frauen gibt, schenkt ihnen der liebe Gott immer mehr von seinem warmen goldenen Himmelslicht, immer, immer mehr! Dann werden bei uns auf den Wiesen Primeln und Veilchen ebenso früh blühen, wie in anderen Ländern.« Ihre Feierlichkeit machte den Kindern bang. Alle waren still. Der Knabe, der mit dem lieben Gott unzufrieden war und auf dessen Kopf Weras Hand noch immer lag, schmiegte sich an das Mädchen und flüsterte: »Wenn wir recht brav werden, schicken sie uns dann auch nach Sibirien und in die Gruben wie meinen Vater?« Leidenschaftlich drückte Wera das Kind an sich und rief: »Es wird eine Zeit kommen, wo in Rußland niemand mehr nach Sibirien und in die Gruben geschickt wird – niemand, der ein braver Mann ist. »War denn mein Vater kein braver Mann?« »Dein Vater war ein Held, ein Märtyrer!« Ihre bleichen Wangen überflog ein tiefes Rot, ein heißer Glanz strahlte in ihren Augen auf. Sie erhob sich und stand mitten unter den Kindern mit leuchtendem Gesicht. »Ich will auch ein Held werden, sie sollen mich auch nach Sibirien schicken,« rief der junge Sohn des Nihilisten. Die Kinder begannen zu flüstern und zu kichern; aber Wera nickte dem kleinen Zukunftshelden ernsthaft zu: »Wenn ihr erst groß seid, wird alles anders geworden sein: alles besser, viel, viel besser! Ihr versteht es nicht und ich kann es euch auch nicht sagen. Wenn dann alles anders und besser ist, so gedenkt der Heiligen des russischen Volkes; nicht nur derer, welche in den Kirchen wohnen und von euch angebetet werden, sondern eurer Väter, von denen niemand weiß und die doch für alle gelitten haben; von denen viele für uns gestorben sind. – – Und jetzt müßt ihr in die Kirche.« Ein fröhliches Getümmel entstand. Jedes Kind suchte sein Licht. Dann ging es ans Anzünden, was durchaus nicht so bald geschehen war; aber schließlich flackerte über jedem festgeschlossenen Händchen eine kleine Flamme. Wera war beiseite getreten und blickte mit herzlichem Anteil auf das Treiben des jungen Völkchens. Die kleine Marfa kam zu ihr. »Du hast ja dein weißes Kleid noch nicht an. Gehst du nicht mit in die Kirche?« »Ich bleibe zu Hause.« »Bist du krank?« »Ich bin nicht krank; aber – – « Wieder fehlten ihr die rechten Worte. Wie hätte sie auch dem Kinde erklären sollen, weshalb sie am heiligen Osterfest ihr weißes Gewand nicht trug und nicht mit in die Kirche ging. Hastig bückte sie sich und küßte das Mädchen auf die Stirn. Das meinte wichtig: »Wenn du nicht mit in die Kirche kommst, wird der Pope böse auf dich.« Das hörte der junge Dimitri. Er stellte sich breit vor Wera auf: »Aber schlagen soll er dich nicht!« Er war ganz aufgeregt. Wera suchte ihn zu beruhigen: »Ich lasse mich nicht schlagen.« »Meine Mutter wird alle Tage geschlagen,« verriet einer. Er sollte den anderen nichts voraus haben; denn sogleich meldete ein zweiter: »Meine Mutter auch – vom Vater, alle Abend. Dann schreien sie.« Nun kam es heraus. Die meisten Mütter wurden geschlagen, mitunter auch die Väter. Vater und Mutter tranken Branntwein – jeden Abend! Dann schrien sie und schlugen sich. Blaß und stumm stand Wera und hörte zu. Sie wagte nicht aufzusehen und in die unschuldigen Kindergesichter zu blicken. Sie schämte sich, als wäre sie es, die täglich von rohen Händen geschlagen würde. Sie mußte sich anstrengen, zu sprechen: »Aber jetzt fort mit euch. Ihr wißt doch, weshalb ihr diese Nacht in die Kirche geht?« »Heute gibt's Kwaß und Kohlsuppe. – Ja, und Piroggen! – Und Fleisch! – Und Pastetchen!« jubelte es durcheinander. Wera wollte die Kinder belehren; sie wollte ihnen sagen: »Ihr feiert heute das Osterfest: Christus ist von den Toten auferstanden.« Aber sie schwieg. Es waren Wunder, die sie mit Ehrfurcht erfüllten, die sie jedoch nicht begriff. Sie schickte die Kinder hinaus. »Morgen vormittag kommt ihr wieder. Was willst du, Kleine?« »Meine Mutter erlaubt nicht, daß ich wieder komme,« schluchzte das Kind. »Sie läßt dir sagen; das wäre nun einmal so, der Pope hab' ihr's verboten. Der Pope hat gesagt, du hetztest uns auf. Ja, und noch viel mehr hat der Pope gesagt, ich hab's nur wieder vergessen. Sie sind alle böse auf dich: du wärst gar keine Christin.« Die Kinder waren still geworden. Scheu blickten sie auf Wera, die sich mit der weinenden Kleinen beschäftigte und diese schnell zu beruhigen wußte. »Ich werde morgen deine Mutter besuchen und mit ihr reden. Jetzt geht, sonst kommt ihr zu spät.« Hand in Hand traten sie hinaus in die finstere, kalte Nacht. Die Wachskerzen hielten sie dicht vor ihren Gesichtern, so daß man bei der tiefen Dunkelheit von den winzigen Gestalten nur die Köpfchen sah. Die grell beleuchteten blühenden Kindermienen mit den strahlenden Augen und den lachenden Lippen tauchten auf aus der Finsternis und schwebten dahin wie eine Schar geflügelter Engelsköpfe – so dachte Wera, am Fenster stehend und ihren kleinen Freunden nachblickend, bis sie von dem Zuge der übrigen Kirchgänger aufgenommen wurden. Der jungen Lehrerin von Eskowo ward das Herz schwer. ... Da trippeln sie hin, mit ihren Lichtern durch die Osternacht wie vom Himmel gefallene Sterne. Arme, junge Brut! Jetzt noch so froh, so gut, so unwissend; die rosigen Blumenknospen des russischen Winters. Das wird bald anders sein. Aber sind sie nicht frei geboren, sollen sie nicht frei bleiben? Frei. Das ist auch eines von den Worten, bei denen das russische Volk sich nichts denken kann. Man müßte es ihm erklären, damit es wüßte: Wir sind frei! damit es mit seiner Freiheit etwas anfangen könnte. Aber so, wie es nun einmal ist, weiß es nichts davon. Was kann ich tun, um zu erfahren, was das russische Volk mit seiner Freiheit anfangen soll? Niemand sagt es mir. Überall Elend und Jammer und – Unwissenheit. Und nirgends Hilfe. Was kann ich tun, um zu helfen? Sie starrte hinaus, als erwarte sie die Antwort auf ihre angstvolle Frage von draußen. Aber die Nacht blieb schwarz und der Lichtschein, der aus der Kirche drang, wußte ihr auch nichts zu sagen, so gern sie seine Sprache vernommen und verstanden hätte. Zweites Kapitel In die Stube trat Weras Vater, der Starost Iwan Iwanowitsch Martinow. Es war ein Mann in den Fünfzigern, klein und vertrocknet, gleichsam gedörrt; mit Beinen, die in dem kurzen Oberleib wie falsch eingeschraubt saßen. Sein farbloses Haar hing ihm glatt abgeschnitten bis tief in die Augen, die wie hinter einem Vorhang scheu und tückisch hervorblinzelten, wenn sie nicht den starren, gläsernen Blick des Berauschten hatten. Auch der untere Teil des Gesichts war mit Haaren bedeckt. Er hatte die Angewohnheit, unaufhörlich zu schwatzen und mit den Armen in der Luft herumzufuchteln, als erlebte er noch immer die schönen Tage der Knute, die er einstmals über die unglücklichen »Seelen« Eskowos geführt hatte. Auch in nüchternen Stunden hatte er einen schleppenden, schwankenden Gang und eine weinerliche Stimme. Da er Tag und Nacht, betrunken oder nicht betrunken, auf dem Ofen lag, so roch er wie ein geräucherter Stör, dessen Farbe er mit den Jahren auch angenommen hatte. Brutal und feig zugleich, käuflich und träge, schmierig an Leib und an Seele, war er der echte Typus des Starosten eines nordrussischen Steppendorfes. Als er zu seiner Tochter ins Zimmer trat, war seine Stimme gerade im Begriff, sich zu metamorphosieren. Er schluchzte: »Eh, Töchterchen, Täubchen, zur Kirche!« Wera trat vom Fenster zurück und ging auf den Berauschten zu: »Was soll ich wohl in der Kirche?« Auf diese Frage war das Väterchen nicht gefaßt. Im Tone tiefsten Überlegens kam es von seinen Lippen: »Eh – was sollst du wohl in der Kirche? Eh?!« Plötzlich fiel es ihm ein: »Trost in Leiden suchen, mein Seelchen,« wimmerte er. »Trost in Leiden? Der Pope wird kreischen, daß die Leute heute nacht nicht zu viel Branntwein trinken sollen und wird der erste sein, der sich im Straßenkot wälzt.« Wera sagte das ruhig und gleichmütig, wie eine Sache, die sich von selbst versteht. Sie sah dabei ihren Vater an, mit ihrem gewöhnlichen, tieftraurigen, müden Blick, unter dem Iwan Iwanowitsch sich indessen förmlich krümmte. Doch als Starost von Eskowo mußte er den Popen von Eskowo entschuldigen. Er tat es aus tiefster Seele. »Schimpf' nicht auf den Branntwein. Solch guter Branntwein! Mußt den armen Väterchen ihren Branntwein lassen. Was Warmes im Leib; Trost in Leiden.« Und er begann laut zu schluchzen. Aber auch daran war seine Tochter gewöhnt; ihre Antwort klang, als spräche sie zu sich selbst: »Beim Popen und im Branntwein Trost in Leiden suchen. Alle Tage betrunken, alle Tage eure Weiber schlagen oder euch von euren Weibern schlagen lassen, und dann: Trost in Leiden im Branntwein suchen! Wie soll ich es euch nur sagen, daß wir für unsere Leiden – die groß sind – anderswo Trost suchen müssen, als beim Popen und im Branntwein.« Der Starost murmelte allerlei Klägliches in den Bart, wobei er unverwandt nach dem festlich gedeckten Tisch hinüberblinzelte, dessen Herrlichkeiten er schon jetzt schmatzend genoß. Der Duft der Kohl- und Fischsuppe durchdrang das ganze Haus. Und da stand ja auch der Kwaß! Die großen Leiden des russischen Volkes kamen dem Starosten von Eskowo in diesem Augenblicke recht erträglich vor. Die Stimme seiner Tochter riß ihn aus seiner optimistischen Lebensanschauung. Sie konnte so ernst und streng klingen, diese Stimme, ganz anders, als die des Popen. »Ich habe es Ihnen, Iwan Iwanowitsch, längst einmal sagen wollen. Anna Pawlowna, unsere Herrin, befindet sich in Moskau. Sie hat uns freigegeben; im übrigen kümmert sie sich nicht um uns. Wir sind arm und unwissend, aber wir sind keine Leibeigenen mehr. Sie sind der Starost des Dorfes, Sie sind ein freier Mann, Sie gelten hier etwas, Sie könnten hier Gutes tun. Verstehen Sie mich: Gutes könnten Sie hier tun! Das ist etwas Großes, etwas Heiliges; ja, das ist es. Der russische Bauer hat einen solchen Starrsinn, eine solche Gleichgültigkeit! Ihm ist alles gleich, alles bleibt beim alten. Und doch muß etwas geschehen – was, das weiß ich ja nicht. Aber auch wir müssen etwas tun, sonst wird es schlimmer und schlimmer, wo es doch hohe Zeit ist, daß es besser und besser werde. Trost in Leiden geben, das ist nichts; Hilfe in Leiden, das ist alles. Aber wo ist die Hilfe?« Sie sah sie nicht, sie sah sie nirgends, unwissend, wie sie war. Der Starost hörte anfänglich voller Zerknirschung zu; als er aber merkte, daß seine Tochter an ihm vorbeiblickte, in die Nacht hinein, schlich er sich zum Tisch und stahl eine Gurke, an der er andächtig saugte, während Wera fortfuhr: »Ich weiß, wodurch es so schlimm bei uns steht: durch die Beamten; sie sind das Unglück von Rußland, Rußlands Elend und Schande; denn vom Starosten angefangen, bis hinauf zum Gouverneur sind es schlechte Beamte. Der Zar soll uns andere Beamte geben, dann wird er ein anderes Volk haben.« Aber da brach das Väterchen in ein Jammergeschrei aus. An dem letzten Stück der Gurke würgend, ächzte der würdige Beamte von Eskowo: »Wera Iwanowna, Töchterchen; stürze dein Väterchen nicht ins Unglück. Was kann es tun? Darf sich nicht regen, wird unterdrückt, unterdrückt. Und dann nicht mal Trost in Leiden – – « Schluchzend verstummte er. Sein Blick klammerte sich Hilfe suchend an das Tonfäßchen. Er fühlte sich so elend, daß ihm ganz schwach wurde. Er wankte hin, legte die Hand an den Spund, wandte sich nach Wera um und meinte pfiffig: »Kwaß ist nicht Branntwein. Eh, Töchterchen?« »Es steht auch Branntwein auf dem Tisch,« erwiderte Wera verächtlich. Drittes Kapitel. Voll und feierlich klang das Geläut der Glocken durch die Osternacht. Wera war allein im Hause. Sie versuchte, sich zu beschäftigen, aber es ging ihr alles schwer von der Hand; sie war zu allem so ungeschickt! Ihr einziges Talent bestand in der Sehnsucht: sie sehnte sich unsäglich, etwas zu vollbringen, etwas zu tun, etwas zu helfen – irgend etwas! Sascha, ihr Gespiele, ihr Jugendfreund, der Student in Moskau war, der tat etwas, der vollbrachte etwas, der half, daß in Rußland weniger Unwissenheit und Unfreiheit ward. Aber seit Jahren hatte sie nichts von Alexander Dimitritsch gehört; auch er hatte sie verlassen. So verzehrte sich denn dieses Mädchen in Sehnsucht nach Taten. Ihr war's, als wäre es auch in ihrer Seele Winter. Wie schön müßte es sein, wenn auch die Menschenseele ihren Frühling bekam, wenn auch in das starre Gemüt des Unglücklichen die Sonne hinein schien, die Eisesrinde des Jammers hinwegtauend: tausend Triebe regen sich, alles drängt zum Licht, hundertfältig sprießt, grünt, blüht es im Herzen. Die Haustür wurde geöffnet, die Einsame hörte Schritte im Vorraum, und dann von einer sanften, zärtlichen Stimme ihren Namen rufen: »Wera!« »Ich bin hier, Tania. Komm herein!« Die Tür ging auf und über die Schwelle trat, gleich einem Seraph, der die Osterverkündigung brachte, ein junges Mädchen im weißen Festgewand, eine brennende Kerze in der Hand. Der Sitte gemäß hatte sie für die Osterfeier das Haar aufgelöst; fast bis zu den Knien fiel es in rötlichem Glanz herab, sie hätte sich darin einhüllen können. In dieser strahlenden Umgebung erschien ihr rosiges Gesichtchen wie ein byzantinisches, auf Gold gemaltes Heiligenbild. »Heilige Osternacht, Wera.« »Heiliges Auferstehen, Tania.« Wera ging ihrer Freundin entgegen und führte sie ins Zimmer; dabei rief sie in den dunklen Vorraum hinaus: »Komm doch auch herein, Colja!« Ein dumpfes Knurren antwortete; dann ein mächtiges Stampfen auf dem harten Lehmboden, ein heftiges Schnauben und Colja kam »auch« herein. Es war der Knecht Tanias, ein ungeschlachter, häßlicher Mensch, der sich in den vierzig Jahren seines Lebens noch immer nicht an sich selbst gewöhnt hatte und aus einem dumpfen Erstaunen über das Riesenmaß seines Leibes gar nicht herauskam. Er schien geboren zu sein, um über jeden denkbaren und undenkbaren Gegenstand zu stolpern; die Dinge schienen nur da zu sein, damit er daran Anstoß nehmen konnte. Dabei sah er sich pflichtschuldigst jedes Ding, das für seinen gewaltigen Körper ein Hindernis abgegeben, aufmerksam an; und selbst bei Sturm und Regen, oder beim härtesten Frost konnte er betroffen werden, wie er tiefsinnig und mit höchster Entrüstung einen Stein, einen Baum oder einen Graben betrachtete, der ihn soeben zu Fall gebracht. War er einmal so glücklich oder so unglücklich, durchaus keinen Gegenstand des Anstoßes zu finden, so wußte er sich nicht anders zu helfen, als unter Aufbietung seiner ganzen Einbildungskraft an allerlei imaginären Steinen und Ecken anzurennen. Ebenso stolperte dieser merkwürdige Mensch über jeden Begriff und wenn es der Begriff war, daß Colja ein Knecht und kein Leibeigener, daß Branntwein ein angenehmes Getränk, Nichtstun eine wunderhübsche Sache sei, und daß die Herrin, das Täubchen Tania Nikolajewna eine – – Aber dafür fehlte ihm überhaupt jeder Begriff, jeder Begriff und jeder Ausdruck. Er hatte einen Mund, so groß, und Augen, so klein, wie das überhaupt nur möglich war. Mit dem Blick eines mürrischen, schläfrigen Hundes pflegte er unverwandt seine junge Herrin anzustarren und sprach er einmal, das heißt, stieß er einmal einige heisere Gurgeltöne aus, so geschah es, um mit seiner Herrin zu reden, oder über seine Herrin lange, unverständliche Monologe zu halten. Jetzt stand er hinter ihr, in der Nähe der Tür an der Wand lehnend wie der mürrische Trabant einer Elfenkönigin, der seine Gebieterin zu den Menschen begleitet hat und nun Wache hält, daß die Erde nicht den Saum des Kleides Ihrer luftigen Majestät beflecke. »Wie gut von dir, daß du gekommen bist. Ich fühlte mich gerade recht einsam,« vertraute Wera der Freundin an; durch den Gegensatz mit der Lieblichen erschien Wera noch ernster und herber. »Ich mußte hier vorbei und wußte, daß du zu Hause bleiben würdest. Colja verriet es mir.« Sie wandte sich nach ihm um und lächelte den Unhold so holdselig an, daß dieser seine Augen in beängstigender Weise aufriß und es fast zu einer Rede gebracht hätte: »Ja, Tania Nikolajewna, Täubchen –« Das übrige ging unter in Gebrumm. Die beiden Mädchen setzten sich und plauderten leise. »Aber du kommst zu spät zum Gottesdienst,« meinte Wera besorgt. »Ich schleiche mich wohl noch ein, ohne daß der Pope mich sieht. Du sollst hier nicht so verlassen sitzen.« »Hat Wladimir Wassilitsch aus Moskau geschrieben?« »Schon lange nicht mehr.« »Du brauchst darüber nicht traurig zu sein; er liebt dich zärtlich.« »Er ist so wild.« »Er ist der wahre Freund des russischen Volkes.« »Was tut er in Moskau?« »Sascha ist ja auch dort.« »Das ist mein Trost. Sascha ist ein solch guter, starker Mensch. Wo Sascha ist, kann nichts Böses geschehen.« »Böses? Was redest du?« »Wera, Wera, was tun sie in Moskau?« Die Angst erstickte ihre Stimme; aber Wera geriet in Begeisterung: »Was sie tun? Gutes, Großes: sie lernen! Sie, die Söhne von Leibeigenen, unterrichten sich über alles, was der Mensch wissen muß, wenn er in seiner Seele ein freier Mensch sein will. Ich kenne Sascha. Ich weiß, daß er lernt, um helfen zu können. Und du solltest deinen Verlobten besser kennen. Der Name Wladimir Wassilitsch wird für das russische Volk einst der Name eines Helden sein. Und du dann dieses Helden Weib. Du weinst?« Colja ward an bei Tür unruhig. Er stieß gurgelnde Laute aus und geriet in eine schwankende Bewegung; ganz wie ein Bär. Dann rieb er seine gewaltigen Hände gegen seine Stirn und starrte ingrimmig nach der heiligen Ecke hinüber, wo die Mädchen unter dem Madonnenbilde Platz genommen. Wera saß im Schatten, aber auf Tania fiel der Kerzenschein und verklärte die liebliche Gestalt. Sie hob ihr tränenüberströmtes Gesichtchen zur Freundin auf, ein Bild holdseligsten, hilflosesten Leidens. Colja fühlte einen dumpfen Trieb, zu ihr zu gehen, eine der geweihten Kerzen anzuzünden, sich auf die Knie zu werfen und alles herzumurmeln, was er an Gebeten wußte. Das war freilich nicht viel. Auf Weras Gesicht war ein Ausdruck tiefsten Mitleids erschienen, welcher die strengen Züge wie ein Schein überflog. Sie neigte sich über die Traurige und flüsterte: »Warum weinst du, Tania?« »Weil mir so bang ist, weil uns ein großes Unglück bevorsteht.« »Ich verstehe dich nicht.« »Wladimir ist so wild, sage ich dir. Er kann so schrecklich hassen.« »Wen haßt er?« »Ach, ich weiß es auch nicht; aber ich glaube alle, die das Volk bedrücken. Die Briefe, die er mir bisweilen durch einen Boten zuschickt, sind fürchterlich. Niemals ein Wort von Liebe zu mir; nur von Haß ist die Rede, immer nur von Haß! Er schreibt mir: Ich liebte ihn nicht, wenn ich nicht alle die haßte, die er haßt. Sie wären die Verderber Rußlands.« »Das sind sie!« rief Wera. Sie war aufgestanden. »Sie müßten alle sterben.« »Sterben?!« »Alle, alle! Erst dann kämen bessere Zeiten für Rußland, denn dann würde in Rußland das Volk herrschen.« »Das Volk herrschen? Was versteht das Volk davon? Das Volk weiß ja nicht einmal, was ihm fehlt, weshalb es unglücklich ist. Es müßte dem Volke erst gesagt werden, das Volk müßte erst lernen, nicht unglücklich sein zu wollen. Es regt ja keine Hand, läßt alles gehen, wie es gerade geht, ist ganz dumpf und stumpf. Und dann in Rußland das Volk herrschen! – – Was willst du, Colja?« Er wollte nichts, gar nichts! Er brummte und murrte nur. Nicht einmal das Glas Kwas, welches Wera ihm einschenkte, wollte er austrinken: Tania Nikolajewna, das Täubchen, schluchzte immer noch. »Was schreibt dir Wladimir sonst in diesen heimlichen Briefen?« Sie stand, vergebens bemüht, ihre Aufregung niederzukämpfen, mit angehaltenem Atem auf die Antwort wartend. »Was er sonst schreibt? Sonst nichts. Es ist immer dasselbe, in jedem Briefe dasselbe. Er wird gewiß recht haben.« »Er hat nicht recht. Aber Colja, so sei doch still.« Aber Colja war nicht still; Colja fuhr fort, vor sich hin zu murmeln und zu murren. »Ich glaube, daß er recht hat,« sagte Tania leise und eine tiefe Röte überzog ihr Gesicht. Die sanften Augen bekamen Fieberglanz, sie erhob sich und trat von Wera fort. Eine Pause entstand. »Wann denkst du, daß dein Verlobter zurückkommen wird?« »Er wird gar nicht zurückkommen.« »Nie?« »Er wird nach mir schicken, wenn er es an der Zeit hält.« »Und dann?« »Dann werde ich zu ihm gehen.« »Aber deine Eltern?« »Dann werde ich zu ihm gehen,« wiederholte Tania und sie setzte hinzu: »Ich bitte Gott, die Madonna und alle Heiligen jeden Morgen und Abend, daß er bald nach mir schicken möge.« »Wirst du allein gehen?« »Colja begleitet mich – natürlich.« Jetzt kam der große Augenblick: Colja sprach und wie sprach er! »Colja begleitet sie – natürlich! Wera Iwanowna, Mütterchen, seien Sie unbesorgt: Colja begleitet das Täubchen. Wenn es fortflattert, flattert Colja mit – natürlich! Colja ist ein Knecht, Colja tut, was man ihm befiehlt. Ruft die Herrin: Colja hier! kommt Colja her – natürlich! So ist's.« Es war die längste Rede, die er jemals gehalten. Vollständig erschöpft sank er gegen die Wand und schloß die Augen. Da hörte er Tania leise auflachen; über Colja – natürlich! Fast hätte er vor Vergnügen mitgelacht. Statt dessen leerte er das Glas Kwas, das er immer noch in der Hand hielt. Jetzt konnte er trinken: Tania Nikolajewna hatte gelacht Viertes Kapitel. Als Wera wieder allein war, löschte sie die Lampe, die auf dem Tische stand, so daß in dem großen Gemach nur in der heiligen Ecke ein Licht brannte; darauf setzte sie sich ans Fenster, drückte ihre Stirn gegen die kleinen, trüben Scheiben und starrte hinaus. Noch immer zogen die Leute der Kirche zu. Warum sie nicht? Der Gekreuzigte, der Begrabene, der Auferstandene ließ heute alle zu sich kommen. Warum kam sie nicht? Wie oft hatte sie sich diese Frage vorgelegt. Aber sie fand niemals eine Antwort. Und diese Sehnsucht in ihr! Wonach? Sich auch an ein Kreuz schlagen zu lassen. Wofür? Um des Leidens Rußlands willen. Und zu Ihm, der sich um des Leidens der Welt willen hatte ans Kreuz schlagen lassen, ging sie nicht, wenn die Osterglocken zum Grabe des Auferstandenen riefen? Hatte Christus denn die Welt erlöst? Es ist so lange her, dachte sie, daß Christus am Kreuz gestorben und nach drei Tagen wieder auferstanden ist von den Toten; es ist so viel darum gebetet und gedankt worden – beinahe zweitausend Jahre! Wenn einmal das russische Volk sein Osterfest hat, so wollen wir es feiern und dafür danken – auch zweitausend Jahre! Gekreuzigt wurde es ja oft genug, daß sein armer Leib nichts trägt, als blutige Wunden. Und ich selbst – – Herr, Herr, wecke mich! Ich bin wie in einem Grabe. Wenn ich meine Hände bewegen und ausstrecken könnte, müßte ich den Deckel meines Sarges fühlen. Aber ich kann mich nicht regen. Und wenn es über mir Frühling wird, weiß ich nichts davon. Wecke mich! Herr, Herr, wecke mich! Du kannst Wunder tun. Tue an mir ein Wunder! Rühre mich an und sprich: Weib, steh' auf und wandle – lebe! Sie fiel mit dem Kopf gegen die Wand und während aus der Kirche der Gesang der Gläubigen zu ihr herüberdrang, betete sie, daß ihre Seele geweckt werde, daß die Seele des russischen Volkes auferstehen möchte aus tausendjährigem Todesschlaf. ... Wera Iwanowna war das einzige Kind ihrer Eltern. Ihre verstorbene Mutter hatte in ihrer Jugend in dem Rufe gestanden, eine große Schönheit zu sein. Diese Frau kam mit ihrem zwölften Jahre auf den Hof, wo sie zuerst für die niedrigsten Küchenarbeiten verwendet wurde, aber schnell bis zur Zofe der Herrin avancierte. Von dieser ward sie bald gestoßen und geschlagen, bald mit Zuckerwerk gefüttert und mit Putzsachen beschenkt. Im Winter wurde sie mit nach Moskau genommen. Plötzlich fiel sie bei der Herrin in Ungnade und ward in aller Eile mit Iwan Iwanowitsch, einem berüchtigten Trunkenbold auf dem Steppengut Eskowo verheiratet. Der Mann der hübschen Person war ein Mensch, der infolge seines Lasters zu nichts anderem zu verwenden war, als zum Knuten, ein Geschäft, dem er sich mit ganzer Seele und beiden Fäusten hingab. Bereits nach einigen Monaten wurde Wera geboren und ihre Geburt kostete der schönen Mutter das Leben. Das Kind wäre elend umgekommen, hätte nicht eine Nachbarin Erbarmen gefühlt. Der Mann dieser mitleidigen Frau arbeitete wegen Auflehnung gegen den Verwalter bereits seit fünf Jahren in den Bergwerken: er hatte nur einen Sohn zurückgelassen, ein starkes, plumpes unschönes Kind, das sich vor anderen Kindern scheute niemals spielte und am liebsten einsam in irgendeinem Winkel hockte. Kaum war das kleine Mädchen im Hause, so ging mit dem Knaben eine wunderliche Veränderung vor. Er erwachte aus seiner Stumpfheit, es kam Leben und Jugend in ihn. Wenn das fremde Kind schrie, geriet er ganz außer sich, gab sich nicht eher zufrieden, als bis es beruhigt war. Unaufhörlich plagte er seine Mutter mit der Kleinen; alles, was sie zu essen hatten – es war wenig genug – sollte das Mädchen bekommen. Daß seine Mutter den Säugling nicht mit Stör und Kwas, den beiden größten Leckerbissen, die die Welt für ihn besaß, auffütterte, verzieh er ihr nicht. Den ganzen Tag schleppte er sich mit dem Püppchen herum, glücklich, wenn es mit den winzigen Händchen nach ihm griff und ihn an seinem struppigen Haar zerrte. Als die Kleine ihn zum erstenmal anlachte, geriet er in Ekstase. Diese leidenschaftliche Zärtlichkeit nahm mit den Jahren womöglich noch zu. Im übrigen blieb er ein scheuer, verdrossener, träger Junge, durch dessen Gehirn die Gedanken wie Schnecken krochen. Zündete jedoch einmal etwas in ihm, so loderten gleich Flammen. Da vom Lernen gar nicht, von Arbeit kaum die Rede war, so lebte Sascha mehr auf der Steppe als im Dorfe oder im Hause; und da es ohne Wera keinen Sascha gab, so trieb sich das Mädchen einen großen Teil des Jahres mit ihm herum. Beide kannten meilenweit um Eskowo jeden Birkenbaum und Wacholderbusch. Wera war ein ernstes, in sich gekehrtes Kind, dem das Reden schwer fiel. Das nämliche war bei Sascha der Fall; aber sobald sich dieser mit seiner kleinen Genossin allein befand, ward er wunderbar beredt. Er wußte Geschichtchen ohne Zahl und Ende, die niemand ihm erzählt hatte. Wenn die beiden über Wiesen liefen und den Birkenwald durchstreiften, so erfuhr Wera allerlei geheimnisvolle Dinge von wilden Wasserweibern und weisen Luftfrauen. Der Knabe entfaltete vor der Seele des Mädchens den ganzen Reichtum seiner Phantasie, jedoch ohne sie dadurch ihrer nachdenklichen Art entreißen zu können. Oft kauerten sie am Rande des Flusses, der im Frühling die Steppe mit braunen Fluten überschwemmte, stumm zuschauend, wie die schlammige Wassermasse sich schwerfällig und träge in unheimlicher Lautlosigkeit dahinwälzte. Oder sie lagen auf der Steppe mit geschlossenen Augen, lauschten auf den Schlag der Amsel und das Pfeifen des Wasserhuhns und ließen das hohe Gras über sich hinwehen. Die grüne, blumendurchzogene Welle schlug über ihren jungen Gesichtern zusammen; öffneten sie die Augen, so blickten sie durch die nickenden Halme und Knospen in ein Meer von Dunst und Glanz, das der Sonnenuntergang mit glühendem Purpur übergoß, darin nach und nach die Sterne aufblinkten. Die einförmigste und ödeste Natur besitzt des Phantastischen und Geheimnisvollen immer noch genug, um ein Kindergemüt mit Schauern zu erfüllen. So kam es, daß Wera ein überaus seltsames Kind ward. Gleich ihrem lieben Sascha wußte sie nichts von Spiel und anderen Kinderfreuden; die hübschen Märchen, die ihr Gefährte für sie erdichtete, verstand sie nicht, wenn sie auch noch so lange darüber nachgrübelte. Denn ganz im Gegensatz zu ihrem Freunde, konnte sie nicht fabulieren. Für sie blieb die Blume eine Blume, der Baum ein Baum. Sie hatte gar keine Einbildungskraft, sondern wußte nur mit der Wirklichkeit der Dinge etwas anzufangen. Einen Gegenstand beständigen Nachdenkens bildete für sie die Frage: weshalb in Eskowo die Kinder stets so schmutzig und zerlumpt einhergingen? Da die meisten Mütter hatten, so konnte Wera es nicht ausfindig machen und verfiel darüber in tiefe Traurigkeit. Gar zu gern hätte sie etwas getan – irgend etwas! Zum Beispiel gehungert oder sich schlagen lassen, wenn dadurch in Eskowo alle Kinder gewaschen und reinlich gekleidet worden wären. Sie machte mit Sascha aus: wenn sie beide erst »ganz« groß geworden, so wollten sie dafür sorgen, daß es in Rußland nur sauber gewaschene und reinlich angezogene Kinder gäbe. Auch sollte dann niemand mehr die Knute bekommen, niemand mehr betrunken sein, oder in die Bergwerke geschickt werden, wo Saschas Vater unterdessen gestorben war. Daß es auf der Welt – das heißt in Eskowo – Prügel und Trunkenheit gab, verursachte beiden viel Herzeleid. Vergebens versuchten sie zu begreifen, warum zweierlei Menschen da seien: Solche, die schlagen ließen, und solche, die geschlagen wurden. Gott und die Heiligen waren ihnen nebst der Gutsherrschaft, dem Verwalter und dem Popen ziemlich gleich unbekannte und schreckliche Persönlichkeiten. Da im Dorfe keiner so schmierig einherging, keiner so oft betrunken war wie der Pope, so setzten sie dasselbe von Gott und den Heiligen voraus, welche göttlichen Eigenschaften der kleinen Wera den größten Kummer bereiteten. Von dem Herrn, der Herrin und dem Verwalter wußten sie, daß diese – gerade wie Gott und die Heiligen – alles vermochten, und daß durch sie die Knute in die Welt gekommen. Freilich forderte Wera ihren Kameraden auf; wenn er erst »ganz« groß geworden, sich nicht von dem Verwalter schlagen zu lassen, wie die anderen das taten. Häufig kam es vor, daß Wera zusah, wenn ihr Vater prügelte. Sie lief dann nicht fort, sondern wohnte der Prozedur bei, leichenblaß, die kleinen Hände geballt, mit weit aufgerissenen, starren Augen. Bei jedem Schlage zuckte sie zusammen, als wäre sie getroffen worden. Mancher dieser Mißhandelten, dem das Bewußtsein geschwunden, fand beim Erwachen aus seiner Betäubung neben sich die kleine Wera kauern. Sie war vierzehn Jahre alt, als die Gutsherrin starb. Iwan Iwanowitsch und seine Tochter hatten bei dieser Dame so tief in Ungnade gestanden, daß sie selbst zum Handkuß nicht vorgelassen wurden. Das änderte sich nun. Kaum war die Dame begraben, als nach Wera geschickt wurde. Eine Dienerin holte sie ab und brachte sie zu der Frau des Verwalters, die das Kind bis dahin niemals zu sehen bekommen hatte. Es war eine ältliche, fette, faule Dame, die sich altrussisch kleidete und den ganzen Tag über Eingemachtes aß, das sie meisterlich zu bereiten verstand. Sie bewohnte einen Divan mit eingesunkenen Polstern und zerrissenem Überzug, aber so behaglich aufgewärmt, daß sie sich nur dann von den Kissen erhob, wenn sie Honigfrüchte einkochen ließ. Diese bequeme, vortreffliche Seele überschüttete Wera mit Liebkosungen und Leckerbissen, ließ sie in ihrer Gegenwart auf das zierlichste ankleiden und führte sie dann in eigener Person zu Anna Pawlowna. Die junge Herrin von Eskowo empfing die kleine Vasallin ziemlich gnädig. Sie trug ein Pariser Trauerkostüm, darin sie reizend aussah. Ihr ganzer Hofstaat umgab sie: Beau, das Bologneser Hündchen, Bella, die große Tigerkatze, Karo, der gelbschopfige Kakadu. Außer diesen Günstlingen, zu denen man noch die Zwergin rechnen konnte, befanden sich von menschlichen Zugehörigen in dem Gemache: Madame Henri, die Gouvernante, Herr Lehmann, der deutsche Tanzmeister, und Lisaweta, die alte Amme. Auf einer mit maisgelbem Atlas bezogenen Ottomane lag ein wunderschöner Knabe, der Vetter Anna Pawlownas, der kaum älter als Wera war. Boris Alexeiwitsch war ganz in schwarzen Samt gekleidet, hatte weiche, kastanienbraune Locken, dunkle, müde Augen, eine Gesichtsfarbe und Lippen wie ein Mädchen. Er unterhielt sich damit, über dem Kopf des Kakadu die Reitpeitsche sausen zu lassen, schien jedoch an dem Spiel kein besonderes Vergnügen zu finden. Wera fand die Situation sehr tumultuarisch. Der Hund bellte, der Kakadu schrie, die Zwergin kreischte, die Gouvernante zankte mit der Amme (die eine sprach Französisch, die andere Russisch), Boris pfiff und der deutsche Tanzmeister machte einen falschen Pas, wobei er der Katze auf den Schwanz trat. Jetzt kam noch die Verwalterin dazu. Anna Pawlowna ließ die fette Dame sprechen, wie sie den Vogel kreischen ließ, betrachtete gemächlich ihren Besuch von Kopf bis zu den Füßen, befahl alsdann Räucherwerk anzuzünden, den Samowar aufzustellen und Wera ihren Schmuck und ihre Kleider zu zeigen. Plötzlich trat im Jagdanzug, Paul Gregorowitsch ein, er küßte seine Tochter auf die Stirn, nickte der Amme zu, reichte dem Kakadu ein Stück Biskuit, machte Miene, die Französin anzureden, sah über den Tanzmeister hinweg und fragte die Zwergin – es war Mittwoch – ob heute Samstag wäre? Dann sah er Wera. Auf diesen Augenblick hatte die Verwalterin nur gewartet. Unter Verbeugungen, die sie ächzen und stöhnen machten, trat sie vor und begann über die Tochter des Trunkenbolds eine biographische Skizze herzusagen. Aber Paul Gregorowitsch runzelte ungnädig die Stirn, was die Verwalterin so aus der Fassung brachte, daß sie mitten im Satz verstummte. Bald darauf ging er. »Welche Ähnlichkeit!« zischelte die Zwergin der Amme zu. Diese stieß einen tiefen Seufzer aus und verdrehte die Augen. Wera wollte weder Tee trinken noch von den eingesottenen Früchten essen, trotzdem Anna Pawlowna selbst sie ihr reichte. »Wie stolz das Täubchen ist,« zeterte die Zwergin. »Wie frech!« rief Boris Alexeiwitsch, stand auf, schlenderte zu Wera hin, blieb dicht vor ihr stehen, fixierte sie eine Weile, hob dann die Reitpeitsche und schlug zu. Über Weras weißes Gesicht zog sich ein blutroter Streifen. Die Zwergin lachte laut auf, die anderen sagten nichts, nur der deutsche Tanzmeister murmelte: »Pfui!« Aber wie eine Megäre fuhr Anna Pawlowna auf ihren Vetter los, dann fiel sie Wera um den Hals und küßte sie auf die Wange, welche die Peitsche getroffen. Sogleich begann die Zwergin zu schluchzen. Wera ertrug die Liebkosung, wie sie die Mißhandlung ertragen; vollkommen regungslos. Dabei wandte sie keinen Blick von Boris. Dieser junge Held hatte sich unterdessen als zweites Opfer den armen Deutschen erwählt, von dem er sich, ohne überhaupt nur hinzusehen, bald diesen, bald jenen Tanzschritt vormachen ließ, dazu mit der Reitpeitsche Knalleffekte ausführend, welche die Französin bewundern mußte. Wera war, nachdem sie sein momentanes Mißfallen erregt hatte, für ihn gar nicht mehr vorhanden. Endlich durfte die Verwalterin das Mädchen wieder mit sich hinausnehmen. Kaum befand sich die würdige Dame außer Hörweite, als sie auf Wera losfuhr und sie mit Vorwürfen überhäufte, wie man sich so dumm und grob benehmen könnte. Wäre sie so klug gewesen, sich respektvoll und gefügig zu zeigen, so hätte Anna Pawlowna sie gewiß in ihren besonderen Dienst genommen, wie die verstorbene Herrin das vormals mit ihrer Mutter getan. Wie gnädig von dem Herrn, ihr die hübschen Kleider zu schenken! Aber Wera wollte sie nicht behalten. Mit zitternden Händen entledigte sie sich des fremden Putzes, schlüpfte in ihre alten Kleider, schlich fort, lief in den Birkenwald, warf sich auf den Boden, weinte und schluchzte. Als sie sich wieder aufrichtete, stand Sascha vor ihr mit so verstörten Mienen, so wildem Blick, daß Wera vor Schreck laut aufschrie. Sascha hatte im Dorfe erfahren, daß Wera zur Herrin geholt worden und war ihr gefolgt. Durch das Gesinde hatte er alles, was im Salon geschehen, gehört. »Laß uns beide nur erst groß geworden sein,« war alles, was er hervorbringen konnte und mit zitternder Stimme immer von neuem sagte. Er war damals siebzehn Jahre alt, ein langer, hagerer, ungelenker Mensch mit den Augen und der Seele eines Kindes, so daß er wirklich erst »groß« werden mußte. Dann aber hatte Wera eine innige Freude: ihrem Vater wurde die Knute abgenommen, und der größte Trunkenbold des Dorfes zum Starosten von Eskowo gemacht. Das hatten alle Leute erwartet. Der neue Starost, der seit dem Tode der Herrin sich äußerst ergeben gegen seine Tochter benahm, gewöhnte sich ihr gegenüber mehr und mehr ein demütiges Wesen an, worunter das Mädchen mehr litt, als früher unter den Brutalitäten ihres Väterchens. Übrigens ließ er sich nur dann vor ihr sehen, wenn er noch nüchtern genug war, um auf seinen Füßen zu stehen. So bekam sie ihn denn nicht oft zu erblicken. Trotz ihres »unklugen« Benehmens stand Wera bei Anna Pawlowna in hoher Gunst. Diese schickte häufig nach ihr, was Sascha jedesmal außer sich brachte. Seine kleine Freundin konnte ihn dann kaum durch die Versicherung beruhigen, daß man sie gut behandelte, was übrigens wahr war, und daß Boris Alexeiwitsch nie mehr im Salon anwesend sei – was sie um Saschas willen log, und was ihr schwerer fiel, als hätte sie sich für ihn prügeln lassen. Sie hatte gebeten, in ihren eigenen Kleidern bleiben zu dürfen, was man ihr, da sie in dem groben Kostüm immer ungemein sauber aussah, gnädig gestattete. Auch quälte die Herrin sie nicht mehr, Tee zu trinken und Honigfrüchte zu essen. Die Frau des Verwalters war wieder ganz Zärtlichkeit und Freundschaft, während die Zwergin sie haßte und die Amme fortfuhr, über die »Ähnlichkeit« laute Seufzer auszustoßen. Madame Henri redete sie zuweilen französisch an und Herr Lehmann hätte ihr für sein Leben gern das Walzen beigebracht, der einzige Liebesdienst, den diese gute Seele der Menschheit zu leisten vermochte. Die Reitpeitsche bekam sie nicht wieder zu fühlen, aber so oft Boris Alexeiwitsch das »freche Geschöpf« sah, begannen seine Nasenflügel zu zucken, und seine schönen, müden Augen nahmen einen bösen und grausamen Blick an. Beide schienen sich nicht um einander zu kümmern, und doch wußte jeder, daß der andere sein Feind war. So oft Wera sich bei Anna Pawlowna befand, besuchte Paul Gregorowitsch den Salon seiner Tochter, bei der er dann stets eine Zeitlang verweilte und zerstreut über das leibeigene Bauernkind hinwegsah. Zuweilen durfte Wera den Lektionen beiwohnen, die der russische Lehrer Anna Pawlowna erteilte: Geschichte, Geographie, Himmelskunde, alles durcheinander. Das Mädchen hatte dann ihren Platz in einem Winkel, wo sie, aus Furcht fortgeschickt zu werden, nicht wagte, sich zu rühren. Hätte sie nur besser verstehen können! Es fiel ihr alles so schwer, jeder Gedanke kostete ihr Mühe. Der Lehrer sagte etwas, das sie nicht begriff, sie sann darüber nach und sie sann noch, wenn die Stunde längst vorbei war. Die glückliche Anna Pawlowna! Glücklich, weil sie lernen konnte. Wozu sie übrigens lernte? Sie wußte alles. Wera fing an, sie zu beneiden, ein Gefühl, das sie unsäglich angstvoll und unglücklich machte. War Anna Pawlowna bei besonders guter Laune, so befahl sie, daß der Lehrer Wera eine Frage vorlegen sollte. Zitternd vor Erregung, stand diese auf und sagte mit stockendem Atem, aber heiligem Ernst, als ob es sich um Tod und Leben handle, was sie von der Sache wußte. Gewöhnlich lachte Anna Pawlowna hell auf, worauf dann der ganze Hofstaat mitlachte, und gewöhnlich fand der Lehrer im geheimen, daß Weras Antwort durchaus nicht lächerlich sei. Jede dieser Stunden bildete in Weras Leben ein Ereignis. Wurde sie einmal nicht durch das Bewußtsein ihrer Unwissenheit beschämt und gänzlich entmutigt, so schwelgte sie in der Empfindung, etwas gelernt zu haben. Mit geröteten Wangen und strahlenden Augen suchte sie sogleich ihren Freund Sascha auf, dem sie von jedem Wort strenge Rechenschaft ablegte. Sie konnte dann ganz beredt sein und von einer Zukunft schwärmen, wo Sascha – an sich dachte sie niemals – lernen würde, viel, viel lernen! Der gute, träge Junge fuhr jedesmal tief aufseufzend mit beiden mächtigen Händen über sein breites Gesicht und durch sein struppiges Haar. Seine Einbildungskraft konnte sich wohl bis zu den unglaublichsten Geschichten, den wunderbarsten Märchen versteigen; aber niemals in eine Region, in welcher der Sohn eines russischen Bauern Geschichte und Geographie lernte. Wera jedoch teilte fortan die Menschen nicht mehr ein in Herren und Leibeigene, in Geschlagene und Schlagende, Betrunkene und Nichtbetrunkene, sondern in Leute, die vieles, und solche, die nichts wußten. Als Kind waren ihr von Saschas guter, aber durch Mangel und Fronarbeit halb blödsinniger Mutter einige Gebete gelehrt worden, mit der Weisung, daß man, wenn man dieselben unablässig, recht eifrig hersage, von den guten Heiligen alles, um was man bete, geschenkt erhielt. Also betete die kleine Wera eifrig, daß Saschas Vater aus den Bergwerken zurückkommen, daß keiner mehr betrunken sein möge, keiner mehr geschlagen würde und daß die Kinder von ihren Müttern gewaschen und gekämmt würden. Jeden Abend freute sich das Kind: morgen kommt Saschas lieber Vater zurück, morgen wird die garstige Knute verbrannt und der böse Branntwein in den Fluß geschüttet, morgen sind alle Kinder gewaschen und gekämmt – morgen! Doch keines dieser Wunder wollte sich in Eskowo zutragen, und Saschas Vater starb in den Bergwerken. Da bekamen Weras Augen allmählich jenen schwermütigen Ausdruck, der sich von nun an selten veränderte. Gar zu gern hätte sie, nachdem sie das menschliche Spielzeug Anna Pawlownas geworden, morgens und abends eifrig, eifrig gebetet, daß die Heiligen die Leute recht viel lernen lassen möchten; sie war jedoch gegen den guten Willen der Himmlischen etwas mißtrauisch geworden. Da geschah in Eskowo das Unerhörte: auch Anna Pawlownas Vater gab seine Bauern frei. Die toten Seelen sollten auferstehen. Auf der Dorfstraße umarmte und küßte sich jung und alt. Es war wie zu Ostern. Acht Tage lang war in Eskowo alles betrunken, auch die Frauen – selbst die Kinder. Der Pope und der Starost lagen beide wie im Starrkrampf. Auch in den nächsten Wochen war es kaum besser. Prügeleien kamen jetzt sogar im nüchternen Zustande vor; die Männer prügelten ihre Frauen und umgekehrt; sie waren ja frei! Das währte so eine Zeitlang; dann gab es hundert Werst im Umkreise keinen Branntwein mehr, dann bekam man die Freiheit überdrüssig. Viele begannen zu murren. Noch einige Zeit später und die »freien« Seelen von Eskowo schickten mitten im Winter eine Deputation nach Moskau zu ihrem Herrn: »Das Väterchen möchte doch so gnädig sein, alles beim alten zu lassen.« Niedergeschlagen kehrten die Leute wieder zurück: »Es sollte in Rußland alles neu werden.« Dagegen war nichts zu machen. In Eskowo fing man an, die neue Zeit zu hassen. So blieben denn die freien Seelen in Gottes Namen frei, ein Begriff, der ihnen in Gottes Namen dunkel blieb. Wera glich einer Verzückten. Sie war neunzehn Jahre alt, groß und schön. Und auch glücklich. Durch die Welt und ihre Seele zog es wie Frühlingshauch, wie der göttliche Odem einer geistigen Auferstehung. Hand in Hand mit Sascha ging sie hinaus auf die Steppe, durch deren Blumenfelder der vom Eise befreite Strom mit ungestümen gelben Fluten dahinbrauste, die Dämme zerbrechend, über seine Ufer tosend, weit ins Land hinein. Zum erstenmal empfand Wera die furchtbare Große einer entfesselten Naturgewalt. Doch sie erschrak nicht davor. Es war eine Kraft, furchtbar und zerstörend, aber doch voll mächtigsten Lebens. Dieselbe Macht hatte auch in den Seelen der Menschen geschlummert: in der Seele des russischen Volles. Und jetzt war sie erwacht. Ihr junges, begeistertes Haupt wie eine Seherin erhoben, kündigte sie ihrem Freunde an, daß er fort müsse: nach Moskau und dort lernen, lernen, lernen! Dann zurückkehren und lehren, lehren, lehren! Denn jetzt käme eine neue Zeit, eine Zeit, wo in Rußland den Steinen gepredigt werden müßte: das russische Volk ist frei! Als die beiden auf der frühlingsgrünen Steppe sich so kindlich-feierlich besprachen, flossen Himmel und Elbe in Abendsonnengluten zusammen. Und Sascha ging fort, ging, wohin er geschickt wurde, blindlings gehorchend, mit dem vollen Willen, alles zu tun, was man von ihm verlangen würde, aber ohne zu wissen, was er tun sollte. Zugleich mit ihm verließ Eskowo eine andere freie Seele: Wladimir Wassilitsch. Derselbe war viel jünger als Sascha; eine wahre Lichtgestalt, das strahlende Antlitz von langen, hellen Locken umwallt. Mit seinem Feuergeist und seiner ungebändigten Jugendkraft schien er für die Unsterblichkeit geschaffen. Seine Gedanken waren so verwegen und zündend wie Flammen, und er hätte damit am liebsten die Welt in Brand gesetzt. Er war heimlich mit Tania verlobt, das einzige Wesen, welches außer dem russischen Volke für ihn existierte. Mit den herrlichsten Gaben ausgestattet, besaß er ein Genie zum Schwärmer und Fanatiker. Es gab Zeiten, während deren der ganze Mensch eine konzentrierte Idee war: Rußland! Über Sascha herrschte er wie ein Gott, Wera scheute ihn. Sie wußte auch, daß Tania dem Dämon dieses wunderbaren Menschen rettungslos verfallen sei; für ihren Freund hingegen glaubte sie so wenig fürchten zu müssen, wie für sich selbst. Nun war Sascha in Moskau. Nur während des ersten Jahres erhielt Wera Briefe von ihm. Sie küßte das Papier mit der unbeholfenen Kinderschrift und bewahrte jedes Schreiben wie ein Heiligtum. Sascha lernte, weiter wußte sie nichts von ihm; es war ihr genug. Dann verstummte er und sie hätte gar nichts mehr von ihm vernommen, wenn nicht Wladimir in seinen Briefen an Tania manchmal des Genossen Erwähnung getan. Doch die Weise, in der das geschah, beunruhigte und demütigte Wera. Sie hörte, daß Sascha noch immer Student war, aber daß das russische Volk nichts von ihm zu hoffen hätte. Also lernte er nicht. Was tat er sonst? Diese angstvolle Frage, auf die sie keine Antwort erhielt, war es, welche sie während der letzten Jahre unaufhörlich beschäftigte und quälte. Wladimir schickte Tania allerlei Schriften, die seine Braut »vorbereiten« sollten für ihre »Mission« als das Weib eines Sohnes des »neuen« Rußlands. Dem Mädchen wurde tiefes Geheimnis geboten. Zugleich erhielt sie Befehl, alle Hefte, Zeitungen und Flugblätter Wera mitzuteilen: diese sei eine Seele, welche für das »neue« Rußland gewonnen, welche gleichfalls »vorbereitet« werden müßte. Wahrend Tania das Eintreffen jeder neuen Sendung einen wahren Todesschrecken bereitete, geriet Wera jedesmal in ein Fieber von Aufregung und Erwartung. Die kostbaren Schriften an ihren Herzen verborgen, gingen die beiden Mädchen hinaus auf die Steppe, lasen die Blätter und suchten die wilden, wirren Ergüsse zu begreifen. Beide verstanden nichts und glaubten alles; die eine: weil Wladimir alles verstand und glaubte, die andere: weil alles um der Leiden des russischen Volkes willen erdacht und geschrieben worden war. Tania wollte übrigens gar nichts verstehen, sondern nur glauben; Wera dagegen machte es tief unglücklich, daß sie nichts verstand und nur glaubte. Die Schuld lag natürlich lediglich an ihr und ihrer Unwissenheit. Wie erhaben klangen die Reden an das russische Volk, wie gewaltig tönte die Sprache der Empörung über seine Knechtung, wie machtvoll der Aufruf zur Erhebung und Befreiung. Alle Schuld lag an ihr! Sie fühlte sich unwürdig, teilzunehmen an dem großen Werke, das vor sich gehen sollte. Aber war es nicht Glück genug, daß es überhaupt vor sich ging? Allein trotz ihrer glühenden Hoffnung, trotz ihres unerschütterlichen Glaubens konnte sie nicht verhindern, daß allmählich ihre Augen wieder den alten traurigen Blick annahmen; konnte sie nicht verhindern, daß in Eskowo alles beim alten blieb. Sie vermochte nichts dagegen zu tun. War es doch schon eine Tat zu nennen, wenn sie bisweilen ihren Vater einen Tag lang vom Trinken abhielt. Im übrigen flickte sie mühselig die Lappen einiger verwahrloster Kinder zusammen, wusch und kämmte sie und machte ihnen begreiflich, daß in Rußland deshalb so lange Winter sei, weil Rußland – so wenig Sonnenschein habe. Der Herr von Eskowo, von dem sie jetzt wußte, daß er ihr Vater war, starb, Anna Pawlowna wurde Herrin, vermählte sich, lebte in Moskau oder Deutschland, oder Frankreich; und – – Und Sascha kam noch immer nicht zurück! Fünftes Kapitel. Noch immer sangen sie in der Kirche. Plötzlich ward es still. Wera schreckte auf. Sie mußte sich erst auf sich und ihre Umgebung besinnen. So war sie; anstatt nach der Kohlsuppe zu sehen, saß sie und legte die Hände in den Schoß; anstatt etwas zu tun, träumte sie. So machte sie es immer. Hastig steckte sie die geweihten Kerzen an und setzte sie auf den Festtisch. Die Magd kam aus der Kirche zurück. Diese gute Seele hegte gegen die Wirtschaftlichkeit ihrer Herrin starkes Mißtrauen, und die Furcht vor dem Zugrundegehen der Osterleckerbissen beeinträchtigte ihre Andacht dermaßen, daß sie mitten aus dem Gottesdienst fortlief. Bei dem Anblick der eingekochten Suppe und bei angebrannten Gerste stieß sie ein Schmerzensgeheul aus, während Wera wie eine ertappte Verbrecherin daneben stand. Nachdem sich die Magd einigermaßen beruhigt, fiel derselben ein, daß der Krämer von Pokrow ihr in der Kirche einen Brief für ihre Herrin gegeben. Sie zerrte das große Schreiben zerknittert und beschmutzt hervor und begann darauf von neuem zu jammern. Wera war beim Anblick des Briefes erblaßt, sie zitterte heftig, vor ihren Augen ward es dunkel. Schwankend trat sie zu dem Heiligenschrein, öffnete den Brief, hielt ihn zu den Kerzen hinauf. Sie hatte längst gelesen und stand noch immer regungslos. Sascha kam, am Osterabend wollte er eintreffen: am Osterabend, heute – – Sie las wieder und wieder, zuletzt halblaut, um die Osterbotschaft auch zu hören. Endlich war es ihr deutlich geworden. Sie faltete den Brief sorgfältig zusammen, trug ihn in ihre Kammer und verschloß ihn in ihre Truhe. Dann kam sie zurück, besprach in ihrer gewöhnlichen ernsthaften und ruhigen Art mit der Magd einige wirtschaftliche Angelegenheiten, warf ihr Tuch über den Kopf und verließ das Haus. Dichter Nebel füllte die Dorfgasse. Um die hell erleuchtete Kirche lagerte ein breiter Streifen rötlichen Dunstes. Wera blickte hinüber. Jetzt feierte auch sie ihr Ostern. Und sie grüßte sich selbst mit dem schönen Ostergrüße: Glückseliges Auferstehen. Denn sie wußte es – plötzlich wußte sie es: Nur ihretwillen kam er, um sie zu holen! Und sie würde mit ihm gehen, mit ihm lernen, mit ihm arbeiten, mit ihm etwas nützen, etwas helfen, etwas tun! Bei dem bloßen Gedanken daran war es ihr, als würden ihr Fesseln abgenommen, als strömten glühende Lebensfluten in sie ein, als fielen Hoffnungslosigkeit und Schwäche von ihr ab wie ein Gewand, das sie beiseite warf. Sie erreichte die Steppe. Ringsum wälzten sich die Dunstwellen, schlugen über ihr zusammen, verschlangen sie. Ihr aber war, als wandle sie auf blumigen Fluren unter einem strahlenden Sternenhimmel. Auf einmal tauchte es dicht vor ihr auf: riesengroß, eine graue, unheimliche Nebelgestalt. Im nächsten Augenblick war sie bei ihm. »Sascha! Sascha!« »Wera!« Sie standen nebeneinander auf der Landstraße, stumm und regungslos. Das Dunstmeer wälzte sich über die beiden Vereinigten. Wera drängte ihr Gesicht gegen das des Freundes, um so besser seine Züge zu erspähen. Aber Nacht und Nebel bedeckten Saschas Antlitz wie eine Maske. Langsam kam die Kibitka herbei. Das Schnaufen der ermatteten Gäule klang in der Lautlosigkeit der nächtlichen Wildnis schauerlich wie Gestöhn, Unwillkürlich horchten beide darauf. Sie ließen den Schlitten an sich vorüber und standen wiederum lauschend, bis sie nichts mehr vernahmen. Dann tastete Wera nach Saschas Hand, faßte sie, hielt sie. »Sechs Jahre warst du fort.« »Sechs Jahre.« Wera fuhr zusammen. Wie müde seine Stimme klang! Sechs Jahre, dachte Sascha verwundert. Er hatte sich die in Moskau verbrachte Zeit noch niemals vorgerechnet. Sechs Jahre, grübelte er und konnte es nicht begreifen. Sechs Jahre – seltsam! Und seiner Gewohnheit nach, versank er in diesen ihm vollständig neuen Gedanken, Weras Stimme weckte ihn. »Was hast du in den sechs Jahren getan?« »Getan?« Und er wäre vor Erstaunen in dem Worte beinahe steckengeblieben. »Was sollte ich wohl getan haben?« Er war ganz betroffen. Ihm fiel ein, daß er oft gehungert hatte, daß er oft verächtlich behandelt worden war, daß er sich vor der Polizei hatte verborgen halten müssen. Es war ihm in den sechs Jahren herzlich schlecht gegangen. Volle zehn Monate hatte er im Gefängnis zugebracht: »Nihilistischer Umtriebe« wegen. Er war darüber ungemein verwundert gewesen, hatte es sich niemals recht zusammenreimen können; denn er hatte nichts getan, durchaus nichts – zu seiner Schande mußte er es sagen. Die anderen »taten« etwas, Wladimir Wassilitsch und – eben die anderen, alle die anderen. Aber er, Sascha, was hätte er wohl tun können?! Welche sonderbaren Fragen seine Freundin ihm stellte. Mit stockendem Atem wartete Wera auf Antwort. Schwer und kalt, wie leblos, lag Saschas Hand in der ihren. Plötzlich bückte sie sich und drückte einen leidenschaftlichen Kuß darauf: Er wollte von seinen Taten nicht reden. Daran erkannte sie ihn. »Was tust du?« stammelte Sascha ganz entsetzt und ihr seine Hand heftig entreißend. Aber aus Wera brach die seit Jahren zurückgehaltene mächtige Empfindung gewaltsam hervor. Als ob die sternenlose Nacht nicht dunkel genug wäre, hielt sie ihr Gesicht von ihm abgewendet, damit er nicht sehe, wie die Scham darauf brannte; denn sie hatte nichts getan! »Nichts habe ich getan! Gar nichts! Gewartet habe ich, immer gewartet, sechs Jahre gewartet! Wenn ich dem Starosten die Branntweinflasche fortnahm, einem Kinde das Haar kämmte, oder ihm seinen zerrissenen Rock flickte, so war das schon viel getan. Und wie unwissend ich geblieben bin! Denke dir; nicht einmal, daß ich den Kindern heute sagen konnte, weshalb Rußland so lange Winter hat. Nichts weiß ich, nichts nütze ich, mit nichts kann ich unserem armen Volke helfen. Und geholfen muß dem Volke werden. Das steht ja auch in allen den Zeitschriften und Heften, die du mir im ersten Jahre geschickt hast. Ich habe alles gelesen, ich kenne alles auswendig. Es ist wunderschön, es klingt so erhaben und feierlich. Wenn ich es nur besser verstünde – – Sagtest du etwas?« Er hatte nichts gesagt; er hatte nur geseufzt, tief und schwer. Also: Sie hatte alles gelesen; es war so schön, es klang so feierlich, aber – – aber sie verstand so wenig davon. Das war es ja eben! Und plötzlich dauerte sie ihn, plötzlich wünschte er, nicht gekommen zu sein, oder die weite Reise – nicht aus eigenem Antriebe hatte er sie unternommen, wahrhaftig nicht! – umsonst gemacht zu haben. Aber darin hatte sie recht: dem Volke mußte geholfen werden, dem »armen« Volk, wie sie es nannte. Sie war so gut, so klug und stark. »Freilich,« murmelte Sascha, »freilich muß dem Volke geholfen werden; wir, die Männer des Volkes, wir müssen dem Volke helfen.« Es war die Redensart, die ihm in den sechs Jahren seines Moskauer Aufenthalts so geläufig geworden, daß er sie oft laut vor sich hinsprach, was ihm stets eine gewisse Befriedigung gewährte. Mit starker Stimme bekräftigte die Freundin: »Das müssen wir, das ist unsere heilige Pflicht. Es gibt so großes Elend auf der Welt.« Sascha sah scheu auf die hohe Gestalt an seiner Seite, die der Nebel mit geheimnisvollen Schleiern umwob. Sie war ihm fremd geworden. Ihre Feierlichkeit machte ihn beklommen, ihre Leidenschaftlichkeit erschreckte ihn. Es wird wohl nichts helfen, dachte er. Ich werde sie wohl mitbringen müssen, wie sie mir aufgetragen haben. Du wirst sehr unglücklich werden, aber unglücklich werden müssen alle, die dem Volke helfen wollen. Das ist nun einmal so. Ich bin begierig, was sie tun wird. »So erzähle mir doch, wie es in Moskau war.« Sascha mußte sich erst darauf besinnen. Langsam reihte sich Gedanke an Gedanke, langsam Wort an Wort. Er unterbrach sich häufig, stockte häufig. Er gewahrte nicht, mit welcher leidenschaftlichen Spannung ihre Augen an seinen Lippen hingen. »Wie es in Moskau war? Prächtig! Eine prächtige Stadt! So viele Kirchen und Paläste! Es strahlt alles nur so. Und so viele Menschen! Man glaubt's gar nicht. Wohl an tausend Popen! Und Gouverneure, Staatsräte, Beamten. Das sind mächtige Herren. Sie tun alles was sie wollen. Und das Volk –« »So sprich doch,« drängte Wera. »Ja, das Volk – Es ist so hilflos, es weiß so wenig von sich selbst, es ist wie ein Kind, wie ein armes, krankes Kind. Ein krankes Kind kann auch nicht sagen, was ihm fehlt. Da liegt es, das arme, kleine Ding, so – nun eben so hilflos. Weint und wimmert und weiß nicht einmal, warum es wimmert und weint. Man kann es doch nicht so liegen lassen; man muß dem armen, hilflosen Geschöpf doch helfen. Muß man nicht, Wera Iwanowna?« »Ja, ja ja!« Sascha sah zu Boden und rieb mit seinen großen roten Händen hilflos die Ellbogen. Nach einer Weile stieß er hervor: »Und muß man das Volk wohl verachten?« »Wer verachtet es?« »Alle verachten es! Alle, die dem Volk helfen sollten – die dem Volk helfen könnten. Sie kennen es eben nicht. Wie sollten sie auch? Sie wissen nichts vom Volk, nichts von seinem Leben, nichts von seiner Seele. Es hat nicht einmal eine Sprache für sie. Es ist tot für sie, schlimmer als tot; denn sie verachten es! Sie verachten das stumme, kranke, hilflose Kind, das ihnen nichts sagen kann von seinen Schmerzen. Sie knechten es. Und wenn es dann seine Hände regt und ihnen sagt, daß es frei sei, so werfen sie es in die Gefängnisse, so verschicken sie es nach Sibirien in die Bergwerke und Gruben: Mann und Weib. Sie machen das Volk schlecht und träge, kriechend und heuchlerisch, elend und niederträchtig, und dann – dann verachten sie es.« Er sprach ganz beredt. Wera lauschte wie auf die Verkündigung eines Evangeliums. Eine tiefe Zuversicht überkam sie, eine feste Hoffnung, ein unerschütterlicher Glaube. Mit erstickten Tränen in der Stimme, bat sie: »Sprich weiter.« Die Finsternis und Weras Nähe gaben Sascha ein Gefühl der Sicherheit und Ruhe, wie er es vorher noch niemals gekannt. Auch hatte man ihn noch niemals um seine Meinung befragt; noch niemals war es jemandem eingefallen, Sascha als einen Menschen zu betrachten, der auch eine Meinung besitzen könnte. Sechs Jahre hindurch hatte er »helfen« wollen und »nichts getan, gar nichts« – sechs Jahre hatte er darüber nachgedacht und geschwiegen. Nachdem nun das erste Wort gesprochen, kam es über ihn wie eine Befreiung. »Sie haben uns immer verachtet. Sie haben uns verachtet, wo sie uns hätten beweinen sollen – jawohl, beweinen! Aber sie dachten: ist das Volk zum Schinden da, so taugt es auch zum Schlachten. Und sie schlachteten es. Arme, dumpfe, stumpfe Masse, die sich in den Tod treiben ließ! War dann in den Kriegen unser Blut geflossen, daß man damit Rußlands Schneefelder hätte fortspülen können, so durften die Übriggebliebenen wieder in ihre Dörfer zurück-* kehren, so durften sie ihre vom Feinde eingeäscherten Häuser wieder aufbauen, sich vom Edelmann wieder ins Joch spannen, sich von der Knute wieder blutig peitschen lassen, wenn sie etwa murrten. Indessen sie murrten nicht. Aber geschlagen wurden sie doch ! Nicht allein die Hunde haben traurige Augen – traurige Augen hat auch der russische Bauer. In seinen traurigen Augen ist es zu lesen, darin steht alles. Aber sie, die Klugen und Weisen, die alle Sprachen der Welt verstehen, können es nicht lesen: die stumme Sprache des Volles kennen sie nicht; sie verstehen nicht, daß die »Seelen«, wie sie uns nannten, auch wirklich Seelen besitzen. Wir sollen frei sein. Warum lassen sie uns dann nicht auch frei handeln? Weil wir zu stumpf sind. Warum sind wir zu stumpf? Weil wir bei lebendigem Leibe dem Leben abgestorben sind. Wir haben zu viel erduldet. Damit ist alles gesagt.« »Alles!« hallte es wie ein dumpfes Echo tonlos zurück. Doch Sascha sprach weiter. Er hätte jetzt gesprochen und wäre es heller Tag gewesen, und hätte ihm nicht nur Wera, sondern das ganze Volk zugehört. »Es geht manches vor in Rußland, aber das russische Volk weiß nichts davon. Wozu braucht es auch etwas davon zu wissen? Was geht es das Volk an, ob man es retten oder noch mehr verderben will, ob man es liebt oder haßt. Aber trotzdem das Volk nichts davon weiß, wartet es. Es wartet immer . Es wartet seit Jahrhunderten. Worauf wartet es? Auf Befreiung. Aber die Befreiung ist ja gekommen. Es gibt in Rußland keine Leibeigenen mehr, das russische Volk ist frei! Geht und fragt das russische Volk danach. Viele werden gar nichts davon wissen. Und haben sie sich darauf besonnen, werden sie schnell in die Schenke laufen und so lange Branntwein trinken, bis sie ihre Freiheit im Rausch wieder vergessen. Denn das Volk weiß nicht, was es mit seiner Freiheit anfangen soll. Es hat während der langen Knechtschaft verlernt, frei sein zu können. Also müssen diejenigen, die das Volk kennen und lieben, es das Volk lehren.« Wieder vernahm Sascha jenes dreimalige feierliche, gelobende Ja! Er tat einen tiefen Atemzug und fuhr fort: »Denn ist es einst ein starkes Volk gewesen, so kann es das auch wieder werden. Und das bezweckt ja wohl auch die Regierung. Aber die Regierung kennt das Volk nicht. Wie sollte sie auch? Deshalb müssen Männer und Frauen aus dem Volk es vollbringen, indem sie zum Volke reden in der Sprache, die das Volk versteht. Denn noch immer ist es ein junges, starkes Volk, was es dadurch beweist, daß es noch immer wartet, immer noch hofft. Es ist ein kindliches Volk. Und Jugend hat unverwüstliche Lebenskraft. Laßt uns nur erst wissen, daß auch wir Geschöpfe sind, gleichberechtigt mit anderen Geschöpfen, Menschen, geschaffen nach dem Ebenbilde Gottes. Laßt es das Volk nur erst wissen, und es wird seinen gebeugten Rücken wieder aufrichten. Seine Augen werden zum Himmel sehen. Es wird nicht mehr vor den Augen seines Herrn zittern und kriechen, um hinter dem Rücken seiner Feinde zu knirschen und Rache zu schwören; sondern es wird lieben und glauben und vertrauen. Es wird an sich selber erfahren, daß ein Volk etwas Großes und Starkes sein kann. Wir müssen das Volk mit seinen natürlichen Feinden versöhnen; wir müssen zwischen Volk und Gesellschaft vermitteln, die einen zu den anderen führen, die einen lehren, die anderen zu verstehen und zu würdigen. Wir müssen im Volke das Gefühl seiner Würde wecken, damit Gesellschaft und Regierung vergessen zu verachten und lernen zu achten. Alle, die wir vom Volke sind, müssen zusammentreten, müssen es unterrichten und erheben, damit nicht wahr werde, was sie sagen, daß Rußland, wie es keine Vergangenheit und keine Gegenwart habe, so auch keine Zukunft haben werde. Das Volk muß unserem Lande seine Zukunft bringen und wir alle müssen dabei helfen.« Er schwieg erschöpft. Seine Lippen zuckten, Tränen standen in seinen Augen. »Daß du so reden kannst!« war alles, was Wera zu erwidern vermochte. Und leise setzte sie hinzu: »Daß ich dich verstehen kann!« »Was verstündest du nicht? Das sagte ich auch den anderen, in Moskau. Ich sagte ihnen: Wera Iwanowna ist ein kluges Mädchen, klug und stark.« »Wem sagtest du das in Moskau von mir?« Sie war stehengeblieben. Sascha fühlte ihren Blick, der in seiner Seele zu lesen schien; es war ein Blick, vor dem keine Lüge bestand. Er antwortete langsam und mühsam: »Wem ich das in Moskau von dir gesagt habe? Nun, eben den anderen. Wera Iwanowna ist stark, sagte ich ihnen. Sie kann alles, was sie will, und sie will alles. Ich kenne sie. Dann geh und hole sie, befahlen sie mir. Wir brauchen starke Frauen. Ich ging und – nun, und da bin ich.« Eine ganze Weile erwiderte sie nichts darauf: sie war zu ergriffen. Dann rief sie leise seinen Namen: »Sascha.« Er fuhr zusammen: »Ja,« »Ich wußte, daß du kämst, mich zu holen,« »Das wußtest du?« »Du sollst mich mit dir fortnehmen nach Moskau, ich soll etwas lernen, etwas tun, etwas helfen! O Sascha, Sascha!« Aus ihrer Stimme klang ein solcher erstickter, schwer unterdrückter Triumph, ein solcher Jubel, daß ihn ein Schauer überlief. Sollte er es ihr sagen, sollte er sie warnen: Geh nicht mit! Du darfst nicht auch verdorben werden! Aber ihm war befohlen wurden und er mußte gehorchen. Gehorchen – das war alles, was er tun konnte. »Aber du sagst ja nichts. So sage mir doch, wer dich zu mir geschickt hat.« »Die Unseren. Du wirst sie kennen lernen. Sie sind es, welche die Bücher schrieben und druckten, die ich dir heimlich geschickt habe. Sie heißen die ›Auferstandenen‹. So nennen sie sich selbst.« Ein Ausruf des Erstaunens, des Entzückens entfuhr Wera. Aber Sascha fühlte sich von neuem heftig beunruhigt. Wenn sie nur bleiben würde, wenn er sie nur zurückhalten könnte! »Die Auferstandenen, das ist ein schöner Name, ein heiliger Name,« sagte Wera leise. »Die Auferstandenen.« Ihre Stimme bebte. »Sie heißen auch die Nihilisten – so werden sie von den anderen genannt. Es sind schrecklich gescheite Köpfe darunter, wahre Hitzköpfe, Wladimir Wassilitsch ist der erste und wildeste. Das ist ein mächtiger Auferstandener, ein gewaltiger Nihilist! Es soll jetzt viel vor sich gehen.« »Was? Was?« Sascha zauderte mit der Antwort. »Ich weiß es auch nicht recht,« meinte er endlich verdrossen und erklärte dann aufrichtig, »sie sagen mir nämlich nicht alles. Ich glaube sie trauen mir nicht ganz; ich fürchte, sie mißachten mich etwas. Ich habe ja auch noch gar nichts tun können. – – Da fällt mir ein: Nihilisten kommt aus dem Lateinischen. Das Wort heißt nihil und bedeutet: nichts. Die Nihilisten sind Menschen, die nichts bestehen lassen wollen, die an nichts glauben. Es ist jedoch nicht so schlimm.« »An nichts glauben, Sascha? Sie sollten an nichts glauben und sie wollen dem Volke helfen? Sie müssen aber doch an das Volk glauben und daß sie diesem etwas Gutes tun? Es wird gewiß anders sein, sicher irrst du dich. Wie könnte ein Mensch an nichts glauben?« »Vielleicht irre ich mich,« gab Sascha in tiefer Niedergeschlagenheit zu. »Wenn du mitkommst, wirst du selber sehen, daß alles anders ist, als ich dir sagen kann. Du brauchst aber nicht mitzukommen – wenn du nicht willst. Einer allein kann freilich nichts ausrichten, dazu sind ihrer viele nötig; und wo viele sind, muß der einzelne gehorchen. Der einzelne muß hoffen und vertrauen und – du hast recht: und glauben . Ach, Wera, wir beide sind so unwissend, so hilflos; ganz wie das russische Volk. Wer zeitlebens in der Steppe gelebt hat und dann plötzlich herauskommt und dann plötzlich zu begreifen anfängt – – Alles ist Wirrwarr! Wirrwarr! Du wirst es auch erfahren. Aber vielleicht kommst du doch nicht mit?« »Der einzelne kann nichts ausrichten,« entgegnete sie ihm mit seinen eigenen Worten. Sie schwiegen beide. Es war kälter geworden, der Nebel hatte sich zum Reif verdichtet. Durch die Dunstschicht brach siegreich ein strahlender Sternenhimmel. Wie ein wunderbares Metallgewölbe, das mit zahllosen Brillanten besetzt war, leuchtete es auf die Weiße, glanzbebeckte, feierliche Landschaft nieder. Der gefrorene Schnee sprühte buntglitzernde Funken, die Stämme der Birken glichen Kristallsäulen mit einem phantastischen Aufputz von ungeheuren weißen Straußenfedern. Wo soeben, einer Feuersbrunst gleich, der Vollmond aufstieg, schob sich am Horizont eine goldig schimmernde Nebelwand empor. Gleich fühlbaren mystischen Wesen ruhten die Öde, die Unendlichkeit, die Lautlosigkeit über der Steppe. Während die rote Riesenkugel des Mondes langsam, langsam aufschwebte, überkam es Wera wie eine Vision... Vor ihren Augen wandelte sich das wilde, winterliche Land zu einer blühenden Gegend; unabsehbar dehnten sich Felder und Gärten, jede Scholle strotzte von Fruchtbarkeit. Der Boden schüttete alle seine Schätze aus über Rußland. Es war ein Verschwenden, ein Vergeuden der köstlichsten Gaben. Wie ein Hymnus brauste durch das lachende Land der Ruf: »Die Freiheit des russischen Volkes!« Wera ward vom Schwindel erfaßt. Sie schloß die Augen, sie taumelte. Als sie wieder aufsah, stieß sie einen Schrei aus. Versunken war das schöne Bild, eine entsetzliche Wildnis starrte sie an, das einzig Lebende darin waren zwei menschliche Gestalten. Kettenbeladen schwankten sie dahin und eine ersterbende Stimme seufzte: »Das leiden wir für die Freiheit des russischen Volles.« Da wandte das eine der beiden einsamen Geschöpfe sich um und Wera sah – ihr eigenes Gesicht. »Was ist dir? Warum schriest du so auf?« Sie kam wieder zu sich. »Es ist nichts, O Sascha, Sascha! Was ist dies für ein feierlicher Tag. Ich bin so dankbar, so glücklich!« »Du willst mit mir gehen?« »Ich will mit dir gehen.« »Du wirst viel leiden müssen.« »Ich will viel leiden.« »Du mußt gehorchen, blindlings gehorchen. Wirst du das können?« »Ich werde es können.« »Du mußt alles tun, was sie von dir fordern; hörst du wohl? Alles! Ohne Wort, ohne Gedanken – –« »Ich will alles tun.« »Bedenke auch das: Staat und Regierung sind sehr hart gegen uns. Sie nennen uns Verbrecher und Missetäter, sie werfen uns ins Gefängnis, sie verurteilen uns zum Schafott, sie verschicken uns nach Sibirien und in die Bergwerke!« »Sie sollen mich nach Sibirien schicken – auf das Schafott.« Wiederum ein langes Schweigen. Mehr und mehr überflutete das Mondlicht die Steppe. Es war ein Flimmern und Schimmern, ein Strahlengeriesel, als zerflössen Erde und Himmel in dem Glanz. Bereits lag Eskowo dicht vor ihnen; die Lichter des Dorfes funkelten gleich großen Rubinen. Da nahm Sascha seinen ganzen Mut zusammen. Er fühlte sein Herz hämmern, und das Blut gegen die Schläfen dringen. »Etwas muß ich dir noch sagen.« Aber er schwieg. Sobald er an sie dachte, versetzte es ihm den Atem. Und er sollte Wera jetzt ihren Namen nennen. »Was mußt du mir noch sagen?« »Unsere Herrin – Anna Pawlowna – du weißt doch – – « Doch sie wußte nicht. Sie fragte ihn und er mußte antworten. »Anna Pawlowna gehört seit kurzem auch zu den unseren.« Daß der Mond gerade so hell scheinen mußte! Sascha zog den Kragen seines Rockes noch höher, drückte seine Kappe noch tiefer in die Stirn: es war so grimmig kalt. »Zu den Unseren – – Anna Pawlowna?« Sie verstand ihn nicht; er mußte es ihr erklären. »Viele Edelleute gehören zu den Unseren – ganz heimlich, verstehst du. Das ist sehr gut für uns, das nützt unserer Sache sehr. Diese verachten das Volk nicht mehr – im Gegenteil. Ja, so ist es.« Wieder versuchte sie in sein Gesicht zu spähen. Da bückte er sich. Aber auf der Steppe wuchsen jetzt keine Blumen. »Die verachten das Volk nicht mehr? O Sascha, Sascha!« Warum sagte sie das so klagend, so zweifelnd? Glaubte sie ihm nicht, oder mißtraute sie jenem? Das wäre sehr unrecht von ihr, sehr unrecht! Er wurde fast heftig. »Anna Pawlowna ist edel. Sie tut sehr viel für die Sache, wir müssen ihr sehr dankbar sein.« »O Sascha! Sascha!« Es war nicht mehr eine Klage, es klang wie eine Anklage. Das Blut stieg ihm zu Kopf. »Wenn du an Anna Pawlowna zweifelst, so ist es besser, du bleibst hier. Das wird überhaupt am besten für dich sein; denn du mußt nämlich wissen, daß Boris Alexeiwitsch auch einer der Unseren ist.« Er sagte es ihr so ins Gesicht hinein, es kam ihr so unerwartet, daß sie nicht wußte, wie ihr geschah: Boris Alexeiwitsch auch einer der Ihren! Sie erwiderte nichts. Sie war so verwundert, so betroffen, daß sie es nicht einmal zu begreifen versuchte. Sascha wurde plötzlich ganz redselig. »Er ist ein ganz anderer geworden, gar nicht mehr stolz und hochmütig, ein prächtiger Junge! Er liebt das Volk, er will das Volk kennen lernen, er will dem Volke helfen. So ist es.« »Er liebt das Volk, er will das Volk kennen lernen, er will dem Volke helfen. Wer? Boris Alexeiwitsch?« Sie rief den Namen ganz laut und verstummte erschrocken. Gern hätte sie ihn wieder gewarnt: »O Sascha! Sascha!« Aber es wollte ihr diesmal nicht über die Lippen. »Er war es, der den anderen zuerst sagte, sie sollten mich zu dir schicken und dich nach Moskau holen lassen.« Er war es? Weras Gedanken verwirrten sich. »Aber du kannst ja bleiben. Es ist gewiß am besten, wenn du bleibst.« »Warum?« Sie stieß es so feindselig heraus, sie war so beleidigt, daß er keine Erwiderung wagte. »Tut es dir leid, daß du gekommen bist?« Jetzt war an ihm die Reihe klagend, fast anklagend zu sagen: »O Wera, Wera!« »Welches Recht hat Boris Alexeiwitsch, nach mir zu schicken, welche Pflicht hast du, Boris Alexeiwitsch zu gehorchen?« »Ich sagte dir ja, gehorchen müssen wir alle; gehorchen mußt du auch.« »Boris Alexeiwitsch?« Ihre Stimme klang heiser. »Gehorchen muß auch Boris Alexeiwitsch, wenn über ihn verfügt wird.« »Wer verfügt über ihn?« »Das Komitee der ›Auferstandenen‹. Er brachte es beim Komitee nämlich in Anregung, daß man dich holen lassen möchte – – Also du willst wirklich mitkommen?« »Ich will,« rief Wera laut und feierlich wie ein Gelöbnis. Da wandte Sascha ihr sein Gesicht zu. Der Mond beschien es, entsetzt starrte sie ihn an »Sascha!« Er fuhr zusammen. »Wie siehst du aus? So verändert!« Sascha konnte darauf nichts entgegnen, denn eben betraten sie die Dorfstraße. Der Gottesdienst war zu Ende. Aus der Kirche strömte es hervor, ein Gewimmel von Lichtern. Alles fiel sich in die Arme, alles küßte sich. »Glückseliges Auferstehen!« »Glückseliges Auferstehen!« Sie blieb stehen, umfaßte den Freund mit beiden Armen und küßte sein bleiches, entstelltes Gesicht. Sechstes Kapitel. Einige Wochen später fuhren zwei elende Bauerntelegen die Landstraße hin, die aus dem Norden nach Moskau führt. Im ersten Gefährt saßen inmitten von Gepäck und Körben mit Lebensmitteln für die weite Reise Sascha und Colja, im zweiten Wera und Tania. Saschas Aussehen hatte sich gebessert. Ein Schimmer von Jugend und Hoffnung lag auf seinem breiten Kindergesicht, das er häufig nach dem zweiten Wagen zurückwandte. Jedesmal nickte Wera ihm freudig zu und jedesmal tröstete er sich mit der Versicherung: Sie ist stark; sie werden ihr nichts anhaben können; nicht die Sache und nicht Boris Alexeiwitsch. »Ich will!« hat sie gesagt, und sie kann. Sie wird der Sache nützen, sie wird dem Volk helfen, sie ist stark. Seitdem er sich wieder bei ihr befand, stand er ganz unter dem Zauber ihrer Persönlichkeit. Es war ihm wie eine Erlösung. In Moskau hatte er so viel an Anna Pawlowna denken müssen, daß sein Kopf es gar nicht mehr ertrug. Anna Pawlowna war so edel, so großmütig, so schön; sie liebte das Volk, sie wollte dem Volk helfen, sie war eine der »Unseren«. Sascha war ihr dafür in einer Weise dankbar, daß er – aus Dankbarkeit – mit tausend Freuden für sie gestorben wäre, oder sich für sie hätte ins Gefängnis werfen, nach Sibirien verschicken, zum Tode verurteilen lassen. In einen riesigen Schafspelz gewickelt, eine steile Mütze aus Iltisfell auf dem Kopfe, erschien neben Sascha Colja wie eine einzige gewaltige, gelbliche Haarmasse. Bei jedem Stoß, den die Telega bekam – und sie fuhr ununterbrochen in die Höhe – flog er getreulich mit, so daß er sich mehr in der Luft als auf festem Boden befand, und bei jedem Stoß, den sein Körper erhielt, verspürte er lebhafte Unruhe, wie der Kwas, von welcher Gottesgabe ein ansehnliches Tönnchen die Reise nach Moskau mitmachte, die Sache aufnehmen würde. Niemals zuvor hatte sich sein Geist in einer ähnlich aufreibenden Tätigkeit befunden; denn abgesehen von der Sorge um das Lebenselixier, welches er mit sich führte, mußte er sich ohne Unterlaß wundern, daß er in einer Telega saß und nicht neben einer Telega herlief – nämlich neben der zweiten, in der Tania Nikolajewna nach Moskau reiste. Gerade lachte es hinter ihm hell auf; und sofort begann es in den Fellen zu dröhnen und zu stöhnen, daß Sascha förmlich erschrak. »He, Colja, was ist dir?« Aber Colja hatte nur gelacht. Tania war selig. Gleich dem Mädchen aus dem russischen Volkslied saß sie neben Wera, mit flatternden gelben Zöpfen und strahlenden blauen Augen, so holdselig und siegreich, als wäre sie die Göttin des Frühlings selbst. Soweit sie blicken konnte, war die wilde Steppe mit Blumen bedeckt. Eng drängten die blauen, die roten, die gelben Blüten sich aneinander, daß ringsum das Land einer unübersehbaren Mosaik glich, darüber die Sonne ihren Goldglanz warf. Die Luft tönte vom Schwirren der Insekten, vom Jubilieren der Vogel. Aus den silberweißen Birken brachen die ersten Blattknospen hervor, so daß es von ferne erschien, als seien die schönen Bäume mit meergrünen Schleiern umwoben. Rings um den weiten Horizont stieg lichtes, hohes Gewölk in das sanfte Blau des Himmels, eine phantastische Alpenkette mit tausend schimmernden Gipfeln. Tania bestaunte alles, bejubelte alles. Sie plauderte und lachte, daß ihr Mündchen keinen Augenblick zur Ruhe kam, die Grübchen aus ihren rosigen Wangen gar nicht verschwanden, die Zähne immer wieder zwischen den blutroten Lippen hervorblitzten. Und Anfang und Ende aller Lust war Moskau, Wladimir – Wladimir, Moskau. Entstand in dem Rütteln und Schütteln einmal eine Pause, so versuchte sie es sogar mit einem Liede. Es waren trübselige, wehmütige Steppengesänge – aber von ihren Lippen klangen auch Schwermut und Sehnsucht gar holdselig: »Eine rote Rose blühte auf im Schnee, Was tut mir denn mein junges Herz so weh? Ach Gott, mein junges Herz hat, wie mir scheint, Grad' eine rote Trän recht bitterlich geweint.« Wera sprach wenig; aber sie hörte mit so heiterer Ruhe zu, daß Tania ihre Scheu vor der ernsten, nachdenklichen Freundin mehr und mehr verlor. Seit Ostern war Wera aus der Weihestimmung nicht herausgekommen; sie hatte nicht aufgehört, stumme Gelübde abzulegen und sich für den großen Opferdienst vorzubereiten. Sie kam sich dessen unwürdig vor. Aber ihr starkes: Ich will! gab ihr Glauben und Zuversicht. Ohne das Bewußtsein ihres heiligen Ernstes für die Sache wäre ihr gewesen, als stünde sie im Begriff, ein Sakrileg zu begehen. Wenn sie die junge Welt um sich her betrachtete, die so unberührt und heiter war, wie am ersten Schöpfungstag, so mußte sie immer von neuem denken: Auferstanden! Auferstanden! Für die Ungeduld der beiden Mädchen ging die Reise viel zu langsam vonstatten. Übergetretene Flüsse, betrunkene Kutscher, zerbrochene Wagen gehörten zu den täglichen Hindernissen. Oder es stürzte auf dem oft grundlosen Weg ein Pferd, eine schlecht geschmierte Achse fing Feuer, ein Feiertag verschuldete, daß kein Kutscher fahren konnte, denn sie waren alle betrunken. Wenn sie Pferde bekamen, reisten sie auch des Nachts. Indessen waren sie nur selten so glücklich. Gewöhnlich verbrachten sie die Nächte mit anderen Reisenden auf einer Poststation in der allgemeinen Passagierstube, einem elenden Raum, darin eine abscheuliche Luft war. Das Zimmer starrte von Schmutz und wurde dürftig von einer Tranlampe erhellt, die von der braunen Decke herabhing. Es wurde Tee und Branntwein getrunken und dabei sinnlos geschrien und gelärmt. Die Leute aus Eskowo drückten sich mit ihrem Gepäck in eine Ecke zusammen. Colja lag zu Tanias Füßen, ohne ein Auge zu schließen und knurrte jeden an, der sich seiner Heiligen näherte. Sobald Tania schlief, stand Wera auf und schlich sich hinaus, gefolgt von Sascha. Draußen in der feierlichen Nacht besprachen sich die beiden. Es war immer dasselbe Thema: das russische Volk war elend, dem russischen Volke mußte geholfen werden. Einigemal kam es vor, daß Reisende, die mit einem Kronpaß versehen waren, ihnen auf der Landstraße die Pferde vom Wagen abspannten, ohne daß sie dagegen hätten Einwand erheben können. Endlich, am zehnten Tage, näherten sie sich Moskau, das sie von einer Höhe aus zuerst erblickten. Es lag vor den Reisenden auf dem frühlingsgrünen Lande, welches ein blinkender, belebter Strom durchzog, zwischen heiteren Hügelketten, gleich dem Zauberbild einer Fata Morgana. Wie eine Goldflut schlug der Schein der Abendsonne über der Riesenstadt zusammen, mit seinem feurigen Licht ringsum alles Land und alle Höhen übergießend, daß die »heilige« Stadt ein Kranz von Gluten umschloß. Mitten aus dem Schimmer stieg ein Chaos von bunten Türmen zu dem lodernden Himmel auf, ein phantastischer Kirchhof von Kreuzen, die, an goldenen Ketten hängend, in der Luft zu schweben schienen. Hier in tiefem Purpur brennend, dort in feierlichem Ultramarin, in leuchtendem Smaragdgrün strahlend, erglänzten über den funkelnden Kirchendächern, ungeheuren Edelsteinen gleich, die Kuppeln. Wera erhob sich im Wagen und blickte in stummer Ergriffenheit hinüber, wo sich ihr Leben erfüllen sollte. Ihre Sehnsucht nach Taten hatte sich zum leidenschaftlichen Verlangen nach einem Martyrium gesteigert: Sie wollte ihr Kreuz auf sich nehmen! So grüßte sie denn ihr Golgatha. Auch Tanias Gemüt war voll frommer Gedanken; in einer Stunde sollte sie Wladimir wiedersehen. Immer strahlender ward die Glorie um das Haupt der Heiligen unter Rußlands Städten. Moskau lohte auf in einem himmlischen Feuer, und von den Kuppelmassen des Kreml schienen sich Flammen niederzuwälzen. Wie ein Baldachin aus düsterem Purpur glühte über dem Zarenpalast die Abendröte. Dann ging die Sonne unter, dann brach die leuchtende russische Frühlingsnacht an. In der Preobraschenskaja-Vorstadt wurden beide Telegen von einem Polizisten angehalten und einem langen Examen unterworfen. Sascha wies seinen Paß vor und bezeichnete Wera als eine ehemalige Leibeigene Anna Pawlownas. Die darauf bezüglichen Papiere – Boris Alexeiwitsch selbst hatte sie besorgt – waren völlig in Ordnung, so daß sich dagegen nichts einwenden ließ. Mit geröteter Stirn hörte Wera den Verhandlungen über ihre Person zu; sie gab auf keine Frage eine Antwort, was zur Folge hatte, daß der Beamte sie als »verdächtig« aufschrieb. Tania begann gleich bei dem ersten Wort, welches der Mann an sie richtete, bitterlich zu weinen, worauf der Beamte sie mit einem Achselzucken unbehelligt ließ. Colja schien man, trotz seines gewaltigen Gebrumms, gar nicht zu bemerken. Bald umbrandete die Reisenden das nächtliche Leben der fabelhaften Hauptstadt. In buntem Wechsel zog die ganze Bilderreihe der wunderbaren Steppenresidenz an ihnen vorüber: Hütten und Paläste, Kirchen und Klöster, Felder und Parks, zahllose Fuhrwerke, zahllose Menschen. Wera verlor alle Fassung. Wie sollte sie sich jemals in diesem Gewimmel und Getümmel zurechtfinden, wie jemals ihre Hände regen können, um allen diesen zu helfen? Es waren Tausende und aber Tausende; und sie war eine einzelne! Alle schienen einen Lebenszweck zu haben, alle schienen tätig und zufrieden zu sein. Niemand würde sie brauchen, kein einziger ihrer bedürfen. Und sie hatte sich dem ganzen Volke opfern wollen! Der Begriff des Volkes, der ihr bis dahin eine vertraute Einheit gewesen, ging ihr gänzlich verloren; er wuchs und schwoll zum Ungeheuren, darein ihr Geist versank, wie in ein uferloses Meer. Siebentes Kapitel. Mitternacht war nahe, als die beiden Telegen in der Nowaja Andronowska-Vorstadt, dort wo die letzten Häuser standen, vor einem Gebäude hielten, das mehr Ruine als Haus zu sein schien. Es lag auf freiem Felde, in einem Gemüsegarten ohne Gemüse, und sah so verlassen, elend und verkommen aus wie ein Trunkenbold, der am Wege liegengeblieben ist. Im Hofe befand sich ein zerfallener Brunnen, von dem man sich nicht vorstellen konnte, daß er Wasser zu geben vermöge, und ein verkrüppelter Birnbaum, der sich nicht grün und blühend denken ließ. Die nächste Umgebung des Häuschens bestand aus Kot und Schmutz, dann folgte ein Zaun im letzten Stadium des Verfalls, dann wiederum Kot und Schmutz. Das trostlose Haus schien seit langem nicht mehr bewohnt zu werden. Die Tür war verschlossen und durch die teils blinden, teils zerbrochenen Scheiben glänzte die helle Nacht in das dunkle Innere. Doch befanden sich im Erdgeschoß einige Fenster, die mit starken Läden versehen waren. Um sich blickend, gewahrte Wera die gewaltige Silhouette des vielkuppeligen Kreml am lichten Himmel, ein Bild von großartiger Schönheit. Indessen Sascha und Colja das Gepäck abluden, standen die beiden Mädchen im Hofe. Vergebens schaute Tania nach ihrem Bräutigam aus. Das arme Kind bebte wie Espenlaub und hatte die Augen voller Tränen. Dann fuhren die Telegen fort, dann kam Sascha und führte, ohne ein Wort zu sprechen, die Neuangekommenen um das Haus, zog unter einem Stein einen Schlüssel hervor, mit dem er die Hintertür öffnete. Sie traten ein, in einen finsteren, feuchten Raum. Sascha schloß die Tür, ließ die anderen im Dunkeln stehen und kehrte nach einer Weile mit Licht zurück. »Er ist fort,« berichtete er mit gedämpfter Stimme, als fürchtete er, belauscht zu werden. »Er wird bei einer Versammlung sein; da kommt er vor Tag schwerlich zurück. Es gibt so viel zu beraten für das Voll und gegen unsere Feinde. Keiner tritt so auf für die Rechte des Volks und gegen unsere Unterdrücker wie Wladimir Wassilitsch. Aber kommt doch herein.« Sie folgten ihm in einen großen, öden Raum mit nackten, grauen Wänden, schmierigem Fußboden, und nur mit den notwendigsten Gerätschaften versehen: einem Tisch, einem Schrank und einigen mit roter Farbe angestrichenen Stühlen aus Birkenholz. Es war das Zimmer des Hauses, welches von innen Fensterläden verwahrten. »Unser Arbeitszimmer,« erklärte Sascha mit einer Handbewegung, als stelle er den Angekommenen jemand vor. »Ihr glaubt nicht, was für ein behaglicher Raum es ist; besonders im Winter. Der Ofen heizt vortrefflich. Und wenn der Wind um das Haus fährt und der Schnee sich bis zu den Fenstern auftürmt, und wenn man dann denkt, daß man eigentlich ebensogut draußen sein könnte, und wirklich so viele draußen sind bei Sturm und Schnee – ihr glaubt nicht, wie behaglich es dann hier ist.« »Gewiß glauben wir das,« sagte Wera im Tone größter Zuversicht. »Es scheint ein vortreffliches Haus zu sein. Wem gehört es?« »Anna Pawlowna,« erwiderte Sascha, und ward rot vor Vergnügen über das dem Hause gespendete Lob. »Es ist die Wohnung eines ihrer Gärtner. Als der Mann starb, schenkte sie es uns. Sie ist so gut, sie tut so viel Gutes, sie liebt das Volk so sehr. Und dann – Welcher Polizist wittert Propagandisten in einem Hause, das Anna Pawlowna gehört? Wir sind hier ganz sicher. Anna Pawlownas Name verschafft uns völlige Sicherheit. Es ist nicht zu sagen, wie viel Gutes sie uns erwiesen hat und fortwährend erweist.« Wera stand in der Mitte des Zimmers. Sie sah nicht dessen Trostlosigkeit, ihr schien es ein Heiligtum, denn hier arbeiteten die Ihren! Hier arbeiteten sie für das Volk. Hier würde sie arbeiten – für das Volk! Die arme Tania war nahe daran, von neuem in Tränen auszubrechen, weil Wladimir nicht da war. Sie blickte hilflos um sich. Nur Colja schien an sie zu denken – natürlich! Wenigstens stand er da und starrte sie an. Sie nickte ihm zu und versuchte ein freundliches Gesichtchen zu machen. Indessen fuhr Sascha fort, das Haus zu rühmen. »Laßt es nur erst Sommer werden, dann ist es hier draußen prächtig. Wenn es in der Stadt nicht mehr auszuhalten ist, haben wir hier die beste Luft. Tania Nikolajewna kann sogar im Grase Blumen pflücken; Gänseblümchen und Stiefmütterchen – wahrhaftig! Beim Birnenbaum habe ich rote Bohnen gepflanzt, sie müssen schon aufgegangen sein. Denkt euch, wie schön es aussehen wird: der Baum ganz von brennendroten Blüten umsponnen. Und dann die Bohnen! Wera Iwanowna kann Bohnen brechen, als ob sie in Eskowo wäre. Einen Teil davon kann sie für den Winter trocknen, den anderen verspeisen wir frisch, mit Hammelfleisch und Zwiebeln. Das wird schmecken!« »Es ist alles sehr schön, wir werden alle sehr glücklich sein,« bekräftigte Wera mit starker Stimme. »Das habe ich ganz vergessen,« rief Sascha etwas unsicher. Bevor ich an euch abgesandt wurde, kaufte ich herrlichen Kattun zu Vorhängen für die Fenster, gelb mit roten Rosen, eine wahre Pracht! Wladimir Wassilitsch schalt mich deswegen. Er nennt nämlich dergleichen Dinge Überfluß und wollte mir nicht erlauben, die Vorhänge aufzustecken. Aber Tania Nikolajewna wird ihn darum bitten, dann gestattet er es gewiß, und dann leben wir hier wie in einem Schlosse. Es ist wirklich sehr edel von Anna Pawlowna, daß sie uns hier wohnen läßt.« Wera pflichtete ihm bei. Sie tat es aus vollster Überzeugung. »Doch ihr müßt Hunger haben. Ich werde gleich den Samowar aufstellen; auch ein Geschenk Anna Pawlownas. Etwas Brot und Fleisch wird sicher auch da sein.« Er ging zum Schrank und kramte allerlei Speisereste hervor. Wera hatte bereits den Samowar entdeckt und suchte jetzt nach Geschirr; es waren jedoch nur ein Topf und ein Glas zu finden. Colja wurde nach dem Brunnen geschickt, um Wasser zu holen. Während Wera den Samowar herrichtete – einige glühende Kohlen hatten sich in der Küche auf dem Herde gefunden – machte Sascha die Mädchen mit ihrem zukünftigen Wohnorte näher bekannt. »Wir Männer schlafen oben, ihr schlaft nebenan;« er deutete auf eine rot angestrichene Tür. »Es ist Platz genug im Hause. Wenn Wladimir Wassilitsch und Tania Nikolajewna sich – –« Er stockte, errötete, geriet ins Stammeln, fuhr, mühsam nach Worten suchend fort: »Gewiß; Platz ist genug! Vielleicht werden Wera oder ich selbst vom Komitee verschickt, irgendwohin. Dann müssen wir gehen. – – Habe ich euch schon gesagt, daß im Hofe Kohl wächst? Auch Gurken und ein Stachelbeerstrauch! Es ist wunderhübsch. Da kocht bereits das Wasser.« Sie setzten sich, aber nur die Männer aßen. Wera war derartig von ihrem neuen Leben erfüllt, daß sie für nichts anderes Sinn hatte. Am liebsten hätte sie augenblicklich zu »arbeiten« begonnen. Sie konnte keinen Bissen anrühren und bemerkte nicht, daß Tania ihr stumm und blaß gegenüber saß. Colja räumte gewaltig unter den Speiseresten auf, ganz gegen seine Gewohnheit aufgeregt schwatzend, was niemand verstand, und immerfort Tania anblinzelnd. Sascha sprach mehreremal von den »Unseren« und der »Sache«, wobei er sich mit dem Samowar zu schaffen machte, den er besonders in sein Herz geschlossen zu haben schien und auf den er ungemein stolz war. Sehr bald standen die Mädchen auf und begaben sich mit einem Licht in die Kammer, deren Tür sich nicht verschließen ließ. Kaum waren sie fort, als Colja mit einem heftigen Ruck seinen Stuhl neben den Saschas setzte, diesen vertraulich mit dem Ellbogen in die Seite stieß und ihm begreiflich zu machen suchte, daß er trotz der »Unseren« und der »Sache« über das Täubchen Tania Nikolajewna wachen würde, und sollte er dabei die »Unseren« und die »Sache« totschlagen müssen »wie einen Hund, Brüderchen.« Mit zugekniffenen Augen Sascha verständnisvoll zunickend und freundschaftlich angrinsend, wobei zwischen den Zotteln seines Bartes sein gewaltiges Gebiß hervorblinkte, zeigte er pantomimisch, wie er einen Hund totschlug: »So, Brüderchen. Und hin bist du.« Die Männer saßen noch am Tisch, als Wera zurückkam, zum Ausgehen gerüstet. Sie flüsterte aufgeregt: »Sie schlief ein, überdies bleibt Colja bei ihr. Du wirst gewiß noch Wladimir Wassilitsch und die Unseren aufsuchen wollen. Sie beraten ja wohl? Ich bin gar nicht müde. Willst und darfst du mich mitnehmen, so laß uns gehen.« Er durfte sie mitnehmen, tat es aber nicht gern. Weras Art gegenüber war aber nichts anzufangen, Sascha brauchte eine Weile, bis er sich bedacht und entschlossen hatte; dann gingen sie. Sie passierten den Rogaschskaja-Schlag und begaben sich an dem Nischgorod-Bahnhofe vorbei in das Straßengewirr zwischen dem Prokowsky-Kloster und dem Tajanskaja-Platz. Durch ein Labyrinth von Gassen, in denen sich viele Blockhäuser befanden, gelangten sie nach halbstündiger schweigsamer Wanderung zu einer Teeschenke. An dem Eingang, aus dem Geschrei und Gelächter hervordrang, vorbeigehend, pochte Sascha zweimal leise an eine kleine Tür, welche sich sofort öffnete und hinter ihnen wieder zuschlug. Finsternis umgab sie. Sascha faßte Wera bei der Hand und tastete sich mit ihr die Wand entlang. Nach einer Weile vernahmen sie das Geräusch gedämpfter Stimmen. Es ging eine steile, hölzerne Treppe hinab, bis eine Mauer sie zum Stehenbleiben zwang. Sascha stieß eine Tür auf und Wera sah bei der trüben Beleuchtung einer Petroleumlampe, in einem von Tabakdämpfen erfüllten, kellerartigen Raum ungefähr vierzig Personen, Männer und Frauen durcheinander. Es waren die »Auferstandenen«. Achtes Kapitel Da sich die Versammlung gerade in leidenschaftlichster Debatte befand – darin befand sie sich stets – und niemand den Eintritt der beiden beachtete, konnte Wera sich die »Ihren« ruhig betrachten. Aber das Mädchen aus Eskowo war eine schlechte Menschenkennerin. So erkannte sie denn nichts, sondern sah nur. Sie sah blühende Männer, darunter halbe Knaben, von denen sie wußte, daß sie für das russische Volk leben und sterben wollten; sie sah Frauen, darunter blutjunge, hübsche Geschöpfe, die bereit schienen, jeden Augenblick eine Heldentat zu begehen. Ihr Herz pochte, daß es ihr den Atem versetzte; sie warf einen strahlenden Blick auf ihren Freund, der sich wieder einmal beharrlich von ihr abwandte. In dem Geschwirr gellender und heiserer Stimmen vernahm Wera einzelne emphatisch ausgerufene Worte, wie: »Die Sache! Das Volk! Die Sache des Volkes! Slavophilen! Selbsthilfe! Unser Prinzip! Unsere Theorie! Unsere Tendenz! Unsere Arbeit!« Sie vernahm einzelne gewaltig tönende Sätze, wie: »Das Volk muß das Volk erheben! Das Volk muß die Sache des Volkes führen! Wer aufbauen will, muß vorher zerstören! Wir müssen vorgehen! Nur keine halben Maßregeln! Es ist an der Zeit! Europa sieht auf uns – zeigen wir uns Europa! Der Terrorismus ist eine logische Folgerung.« Da mehrere Reden zu gleicher Zeit gehalten wurden, konnte Wera nicht mehr verstehen. Die Gesichter glühten von Enthusiasmus und Spirituosen, die Augen funkelten, ein allgemeiner Ausbruch von Begeisterung erfolgte. Wera sah nicht die unweiblichen Weiber, nicht die Männer, deren Inneres ebenso verwildert zu sein schien, wie ihr Äußeres es war; sie sah nur eine Versammlung von Helden und Heldinnen, die sich für das russische Volk nach Sibirien verschicken und in Kerkern begraben ließen, die für das Volk auf das Schafott zu steigen begehrten. Wera hielt nicht länger an sich. Mit bebender Stimme flüsterte sie Sascha zu: »Sage ihnen doch, daß ich da bin und daß sie mir etwas zu tun geben sollen.« Sascha trat mit ihr vor. Jemand rief: »Da sind sie!« Alle wendeten sich um, alle blickten auf sie. Einen Augenblick entstand tiefe Stille. »Das ist Wera Iwanowna aus Eskowo,« rief Wladimir Wassilitsch, ging auf sie zu und gab ihr die Hand. Er war einer der Jüngsten, eine zarte, anmutige Gestalt, mit einem blassen, mädchenhaften Gesicht, das eine Fülle langer, rötlicher Locken umrahmte. Er war bestrickend schön. Aber in keines anderen Blick glühte es so unheimlich, wie in diesen großen, prachtvollen Augen, keinem anderen Mund stand eine solche hinreißende Beredsamkeit zu Gebot, wie diesen anmutigen, weichen Lippen, in keines anderen Seele war die Begeisterung für die Sache zu solchem wahnsinnigen Fanatismus geworden, wie in diesem edlen, aber gänzlich verwilderten Gemüt. Die stärksten und brutalsten Männer scheuten oder haßten ihn, die Frauen beteten ihn an. Manche hätte sich für ihn steinigen und kreuzigen lassen. Doch ihm war der Haß der Männer so gleichgültig wie die Liebe der Frauen. »Das ist Vera Iwanowna aus Eskowo!« Wladimir wiederholte: »Das ist das Mädchen, von dem ich euch gesprochen habe.« Und er führte sie mitten unter die Versammlung. Man drängte sich um sie, man schüttelte ihr die Hände, umarmte sie, jauchzte ihr zu. Wera wußte nicht, wie ihr geschah. Sie wagte nicht aufzusehen. Das Bewußtsein ihres Unwerts mußte ihr ja auf der Stirne brennen! Zugleich fühlte sie sich unter den »Ihren« wie bis in die Wolken erhoben. Sie war plötzlich in eine Genossenschaft eingetreten; ihre Vereinsamung hatte für alle Zeit aufgehört, aufgehört für alle Zeit hatten ihre eigenen Leiden, hatte ihr eigenes Wesen, ihr so wertlos dünkendes Selbst. Die Empfindung dieses Aufgehens in eine Allgemeinheit, dieses Sichselbstverlierens, das Gefühl einer sicheren Zugehörigkeit überkam sie wie ein Taumel. Es war der glücklichste Augenblick ihres Lebens. Sascha stand im Hintergrund und sah mit angstvollen Blicken dem Tumult zu. Vielleicht wäre sie, wenn er ihr dringender abgeraten hätte, doch nicht mitgekommen. Nun war es geschehen, nun hatte er die Verantwortung zu tragen. Erst vor kurzem waren zwei Nihilisten vor das Kriegsgericht gestellt und zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurteilt worden; und Wera hatte eine solche unbändige Sehnsucht, ihr Leben für die Sache des Volkes zu lassen. Er betrachtete ihre hohe, starke Gestalt, und eine unerträgliche Angst überfiel ihn. Da kam Wladimir Wassilitsch auf ihn zu. »Und Tanila?« »Ist auch da.« »Natürlich ist sie auch da. Warum ist sie nicht mit hergekommen?« »Sie war so erschöpft, wirklich todmüde. Und so traurig.« »Traurig?« »Weil sie dich nicht sah.« »Unsinn.« »Sie liebt dich zärtlich,« »Nun ja – natürlich. Aber was tut sie?« »Sie schläft, Colja bewacht sie.« »Ist der Bursch auch mitgekommen?« »Colja? Natürlich ist der auch mitgekommen.« »Man wird ihn anstellen müssen.« »Er ist folgsam.« »Wie ein Hund!« Wladimir lachte auf, ein helles, melodisches Lachen, wie das eines Knaben. Bei Tanias Namen war es einen Augenblick gewesen, als ob eine weichere Empfindung in seinem Blick aufleuchtete, ein mattes Rot sein blasses Gesicht färbte. Aber gleich darauf wandte er sich von Sascha ab, trat unter die Versammlung, brachte sie zur Ruhe und hielt eine Anrede an Wera, darin er sie im Namen der Sache unter den Ihren begrüßte und in flammenden Worten den Nihilismus als Religion der Zukunft proklamierte: »Für alle Völker, in aller Zeit.« Jetzt folgte Rede auf Rede. Neuntes Kapitel. »Nihilisten,« nahm Wladimir Wassilitsch das Wort, »ich habe euch heute wichtige Beschlüsse vorzulegen: Wir müssen anstreben, alle einzelnen Teile der revolutionären Partei in Rußland zu vereinigen und dann gemeinsam vorgehen. Sollten wir nicht dazu gelangen, uns über die zum Zwecke der Revolution verwendbaren Mittel zu verständigen, so müssen wir wenigstens dem Feinde gegenüber als ein geschlossenes Ganzes dastehen. Um das zu können, müssen wir einig sein. Um die Verhandlungen zu erleichtern, schlage ich vor, daß alle Mitglieder einer Partei je zu einer Gruppe zusammentreten, und daß jede Gruppe unter sich einen Führer erwählt, der ihre Ideen darlegen und verteidigen soll.« Dieser Vorschlag fand einstimmigen Beifall, die Versammlung teilte sich in drei Gruppen. »Ich sehe,« sagte Wladimir Wassilitsch, indem er die verschiedenen Gruppen ins Auge faßte, »daß hier fünfzehn Anarchisten, zehn Propagandisten, zwölf Terroristen und ein Gemäßigter beisammen sind. Welchem der Sprecher soll ich zuerst das Wort erteilen?« »Behalte das Wort!« schrien mehrere Stimmen. Und Wladimir Wassilitsch begann von neuem: »Ich werde mich darauf beschränken, die Ansichten meiner, der anarchistischen Partei darzulegen, ohne mir über die Bestrebungen der anderen revolutionären Gruppen ein Urteil zu erlauben. Nihilisten! Dieses ist das anarchistische Ideal: Wir wollen die politische und soziale Freiheit und Gleichheit für jedermann. Alle Menschen sollen sich bei ihrer Geburt unter den gleichen sozialen Bedingungen befinden. Denn so lange nicht alle Kinder die gleiche normale physische Erziehung erhalten, so lange wird die Ungerechtigkeit fortbestehen, die jetzt unsere moderne Gesellschaft beherrscht. Die Freiheit des einzelnen Individuums soll keine anderen Grenzen kennen, als die Freiheit von seinesgleichen. Die normale Bedingung einer jeden Existenz aber ist der Kampf gegen die Natur mit Hilfe der physischen Kraft. Alle müssen in gleicher Weise vorbereitet werden, diesen Kampf, der die Bedingung jeden Fortschritts ist, aufzunehmen. Wir wollen vor allem keine Gesellschaftsklassen mehr. Wir wollen nicht länger, daß ein Mensch schon vor seiner Geburt bestimmt werde, Hammer oder Amboß zu sein. Wir wollen nicht länger, daß ein Teil der Menschheit die Privilegien der Zivilisation genieße, während der andere Teil unter Bedingungen geboren wird, die elender sind, als diejenigen, unter denen ein Wilder sein Leben beginnt. Aber wie können wir dazu kommen, eine Gleichheit der Kinder herzustellen? Man schlägt uns die Aufhebung der Erbschaft vor. Natürlich ist die Aufhebung der Erbschaft die Bedingung sine qua non. So wie das Kind nicht verantwortlich ist für die Sünden der Eltern, ebensowenig soll es Erbe der Frucht ihrer Arbeit sein. Der Mensch ist nicht mehr, wie in unvordenklichen Zeiten, ein nur von niedrigen Trieben geleitetes Tier; Vater- und Mutterliebe sind nicht mehr ein bloßer Instinkt, sondern ein bewußtes Gefühl. Als Beispiel diene folgendes: Wir sehen in der Gesellschaft Väter ihre natürlichen Kinder vernachlässigen oder selbst verlassen, während sie ihre legitimen Kinder mit Sorgfalt umgeben. Diese Unterscheidung ist nicht instinktiv, sie ist bewußt. Wir sehen Mütter die Frucht einer strafbaren Liebe töten, aber heroisch ihre rechtmäßigen Söhne dem Vaterlande zum Opfer bringen. Vom Vatergefühl gilt durchaus das gleiche, denn wir sehen Männer sich in die Flammen stürzen, um ein fremdes Kind zu retten, ohne daran zu denken, daß sie durch ihre Rettungstat das eigene Kind zur Waise machen können. Nun gut: Ich verlange ebenso, daß jeder von uns einem unglücklichen Kinde zu Hilfe komme, denn an dem Tage, wo eine Mutter zwischen ihrem eigenen und einem fremden Kinde keinen Unterschied mehr machen wird, an diesem Tage wird die Idee der Erbschaft ausgelebt haben. Allein selbst nach dieser Abschaffung der Erbschaft wird noch immer ein Unterschied bestehen bleiben zwischen dem Kinde einer in Überfluß lebenden und dem Kinde einer armen, unwissenden Familie. Das Mißverhältnis zwischen diesen beiden wird sich hauptsächlich in den ersten Jahren der Emanzipation des Menschengeschlechts fühlbar machen. Also muß ein Mittel erdacht werden, dieses Mißverhältnis zu beseitigen und Gleichheit herzustellen; ist diese Gleichheit doch die Basis der sozialen Gerechtigkeit. Nihilisten! Ich kenne nur ein Mittel, diesen Zustand zu erreichen; das ist die freie Anschließung aller an die Prinzipien der absoluten Freiheit und Gleichheit. Dort, wo der leiseste Druck besteht, gibt es keine Freiheit mehr. Wir wollen keinen Zwang! Es soll kein Mensch dem anderen untergeben sein. Jeder soll das Recht haben, seinem Gewissen, seinen Überzeugungen, seinen Neigungen nach zu leben. Und ist es wirklich so schwer, zu dieser allgemeinen Freiheit zu gelangen? Keineswegs! Es genügt, die Form dafür zu finden, die jedem gestattet, seine Meinung geltend zu machen. Ich will mich näher erklären. Wenn Millionen Menschen sich vereinigen in einer gemeinsamen Idee über die Steuern, über die Frage der Sklaverei, über die Ehe, über eine Regierungsform – warum sollen Millionen Menschen nicht ebensogut dahin kommen, eine allgemeine Form für die Idee des Eigentums, der Arbeit und der Teilung des Kapitals zu finden? Sehen wir uns in Rußland um. Der Boden gehört niemandem. Er ist ein Geschenk Gottes. Jeder soll darauf arbeiten können, wo er will, wie er will. Und er soll mit Weib und Kind den Ertrag seiner Arbeit verzehren dürfen. Aber die Beamten des Zaren betrügen den Bauer um seine Arbeit, sie lassen ihn das Recht bezahlen, die Erde zu bebauen, und genießen selbst die Frucht seines Schaffens. Neben den Beamten des Kaisers, die ihn berauben, kann jeder Zufall die Arbeit des Bauern gefährden und vernichten. Um sich vor derartigen Katastrophen zu schützen, ist die Gemeinde gegründet worden. In manchen Distrikten ist schon jetzt alles abgeschafft, was Grundbesitz heißt. Die Bauern bearbeiten gemeinschaftlich den Boden, der allen gehört, sie säen, ernten und verteilen alsdann den Ertrag je nach den Bedürfnissen der einzelnen. Andere Gemeinden wiederum lassen ein zeitweiliges Besitztum der einzelnen zu, das heißt: der Boden wird in so viele Teile geteilt, als Familien bestehen, das Los entscheidet, Die Erträgnisse der Felder jedoch werden wiederum verteilt.« »Die Bauern in ihrer Einfalt verstehen sich besser auf die Gerechtigkeit, als unsere weisen Gesetzgeber!« rief einer der Zuhörer. »Gewiß verstehen sie das besser,« erwiderte Wladimir Wassilitsch beifällig, »denn dieselbe Solidarität der Interessen findet sich auch bei unseren Bauern, wenn sie des Winters in den Industriestädten Arbeit suchen. Sie lieben die Assoziation, sie begreifen, daß Maschinen und Werkzeuge nicht der Besitz einzelner, sondern Gemeingut einer Gesellschaft sein sollen. Ihr könnt daraus erkennen, daß die Aufhebung des Grundbesitzes die Negation des Staates bedeutet, mit einem Worte: daß die Anarchie der instinktive Wunsch des russischen Bauern ist. Es bleibt mir noch einiges zu sagen über die Religion und über die Beziehungen der beiden Geschlechter zueinander. Wir Anarchisten respektieren vor allem die persönliche Freiheit, und die religiöse Frage ist uns gleichbedeutend mit völliger Gewissensfreiheit. Wenn es jemandem einfällt, hundert Kirchen zu bauen und tausend Priester zu unterhalten – wir werden ihn nicht daran verhindern. Ebenso aber werden wir jedem gestatten, den zügellosesten Atheismus zu proklamieren, denn wir zweifeln nicht, daß die Wahrheit, sei sie welche sie wolle, schließlich doch triumphieren wird. Dasselbe gilt von der Ehe. Es gibt Individualitäten, die sich für das häusliche Leben eignen, es gibt andere, die, wie der Schmetterling, das Bedürfnis haben, von Blume zu Blume zu flattern. Urteilt selbst: Gesetzt, wir proklamierten die Ehe als dreimal heilig, würden wir damit erreichen, daß sie heilig gehalten wird? Nein! Denn die Entartung, die Frivolität, die Ausschweifungen können gar nicht schlimmer sein, als sie gegenwärtig in unserer modernen Gesellschaft sind. Da also auch die heiligsten Formen nicht die Ausschweifung und Entartung verhindern können, so wollen wir der Liebe Freiheit gewähren. Das Fehlen jeglichen Zwanges wird edle Herzen nicht verderben können, solche Herzen nämlich, die in der Liebe der Frau noch anderes suchen als Befriedigung eines Naturtriebes, das heißt: ein intellektuelles Leben, eine Vereinigung, welche die Veredlung des Individuums, die Gründung der Familie zum Zwecke hat. Wir müssen alle lernen in der Frau ein Wesen zu sehen, das unseresgleichen ist vermöge ihrer Fähigkeiten, ihrer Bestrebungen, ihrer Arbeit. Bald werden alle Mißbräuche verschwinden, die Polygamie wird aufhören, die Vereinigung von Mann und Frau wird als Zweck die regelmäßige Entwicklung aller der Kräfte haben, mit denen die Natur den Menschen begabt hat. Solange aber der Staat existiert, so lange wird die individuelle Freiheit nicht existieren, wird der Fortschritt nicht realisiert werden können. Setzt hingegen an Stelle des Staates eine Gemeinde von Autonomen. Wie leicht wird es dann für alle sein, ihrem Leben eine gemeinsame Idee zugrunde zu legen. Nur auf diese Weise können die berechtigten Bedürfnisse und Wünsche zum Ausdruck gelangen. Nur auf diese Weise werden wir in dem Verhältnis der Arbeiter zum Kapital, sowie in den Beziehungen des Mannes zur Frau eine Umbildung erreichen. Die Wissenschaft wird in eine neue Phase treten und, wie das gute Beispiel ansteckender wirkt als das böse, wird die Wahrheit triumphieren. Ich gehe jetzt zu den Mitteln über, die nötig sind, um die Gemeinde der Autonomen ins Leben zu rufen. Vor allem hat die anarchistische Partei beschlossen, alles daran zu setzen, um in jeder Landgemeinde, jedem Dorfe zehn bis zwölf Anhänger unserer Idee zu haben. Eine Bevölkerung, darin die Anarchie erst einmal Wurzel gefaßt hat, wird bald ganz zu den Unseren gehören. Sind wir erst dahin gelangt, dann wird eine neue Ära über Rußland aufgehen. Der Staat wird gelebt haben und mit seinem Leichnam werden alle sozialen Übel begraben. Dann proklamieren wir die Eidgenossenschaft der autonomen Gemeinden. Zum erstenmal wird dann der Mensch frei sein, frei in der Arbeit, frei in seinen Empfindungen, frei in seinem Gewissen.« Während dieser Rede wich Wera nicht von ihrem Platz, den sie an einem Tische bei den jüngsten Volksfreundinnen eingenommen hatte. Sie bemühte sich, ihre Erregung zu bemeistern und mit allen Sinnen bei der Sache zu sein. Aber je aufmerksamer sie zuhörte, desto weniger verstand sie, desto unwissender kam sie sich vor. Sie kannte nicht einmal alle von Wladimir gebrauchten Ausdrücke. Sobald von der propagandistischen Arbeit für das Volk die Rede war, horchte sie hoch auf. Wladimir Wassilitsch fuhr fort: »Aber, Nihilisten, wir haben noch nicht einmal die paar tausend Menschen beisammen, die wir brauchen, um in den verschiedenen Distrikten für uns zu arbeiten. Und wir werden sie vielleicht schwer auftreiben können, denn man muß lange suchen, um den Menschen zu finden, der sich erinnert, was er dem Volke schuldet. Unser Feind dagegen hat eine disziplinierte und bewaffnete Armee zu seiner Verfügung. Während wir nun einerseits sichere Leute aussenden, um Propaganda zu machen, organisieren wir in den Städten und Dörfern Emeuten. Diese Emeuten haben den Zweck, stets eine Art von Gärung zu unterhalten und stets im Volke von uns reden zu machen. Nach meiner Meinung kann die Sache dabei nur gewinnen. – Was willst du, Balkulin?« Balkulin war der eine Gemäßigte. Balkulin wollte reden und Wladimir Wassilitsch gab ihm das Wort. Er sprach, wie er dachte; ruhig, würdevoll, gemäßigt. »Ebensowenig, wie ich den Staat will, der jede Individualität tötet, ebensowenig kann ich dieses Emeutensystem billigen. Das dient nur dazu, die Reaktion von seiten des Staates zu verstärken und jede Propaganda auf friedlichem Wege unmöglich zu machen. Wir dürfen weder den blutdürstigen Appetit unserer Feinde wecken, noch Anklagen gegen unser gewalttätiges Vorgehen hervorrufen. Die bis jetzt eingeschlagenen Wege können uns nur schaden, dem Feinde nur nützen. Und glaubt mir: die Emeuten reizen gegen uns auf, nicht nur das Publikum und die gesamte russische Presse, sondern auch die ausländischen Mächte. Um also die Lage der Dinge kurz zusammenzufassen, möchte ich mich dahin aussprechen, daß die von euch angewandten Mittel kein anderes Resultat haben werden, als das unnütze Aufopfern von Menschenleben. Das einzige Mittel, mit dem wir zum Ziele gelangen können, ist die friedliche Propaganda durch Wort und Buchstaben.« »Keine Bücher, denn das Volk kann nicht lesen,« protestierten einige Stimmen. »Wir werden es lesen lehren,« rief der Gemäßigte, »Außerdem sorgen wir für mündliche Verbreitung, Und dann – – « Aber er kam nicht weiter. Ein Tumult entstand. Wladimir Wassilitsch mußte beruhigen, was er mit vieler Klugheit und Umsicht tat. Darauf begann er: »Balkulin übersieht, daß wir die friedliche Propaganda durchaus nicht ausschließen. Wir betrachten sie sogar als die Hauptsache. Aber neben dieser Propaganda auf dem Lande müssen wir Propaganda in den Städten machen, und dazu sind die Emeuten das beste Mittel. Das Volk liebt Taten. Es wird nur dann Vertrauen zu uns haben, wenn den Worten die Handlung folgt.« »Aber damit richten wir unsere Bestrebungen zugrunde,« warf Balkulin gelassen ein. Wera wandte dem Sprecher ihr Gesicht zu; sie wäre am liebsten zu ihm gegangen und hätte ihm die Hand gedrückt oder sich auch nur ruhig an seine Seite gestellt. »Mißversteht mich nicht,« fuhr der Gemäßigte fort. »Ich fasse die Anarchie auf wie ihr, und glaube an ihren endlichen Triumph. Aber dieser liegt für mich in einer fernen, ungewissen Zukunft. Um den Gedanken der Anarchie zu verwirklichen, muß sie von der ganzen Welt angenommen werden, aus freiem Willen, aus dem menschlichen Antriebe aller. Denn die Anarchie kann nicht durch Gewalt eingesetzt werden. Wie wollt ihr, daß der Bauer von heute, der ganz absorbiert ist von seinem, ihn niederdrückenden Tagewerk, sich zu euren humanen Ideen erhebe? Um die anarchistische Freiheit zu begreifen, muß man frei sein von jedem sozialen und religiösen Vorurteil und außerdem Muße genug für Studien übrig haben. Ich sage euch noch einmal: Was mich betrifft, so halte ich in diesem Augenblicke die Anarchie für unausführbar! wir müssen ihr als Vorgänger erst Reformen vorausschicken.« »Es ist keine Stunde her,« rief ein Propagandist, »daß ich Landleute sagen hörte: Das, was uns not tut, sind weniger Steuern und mehr Land; haben wir das erst, so wollen wir dem Zaren dienen und ihm zu Hilfe kommen, wenn er uns braucht, vorausgesetzt, daß er auch uns zu Hilfe kommt, wenn wir Mißernten haben.« »Fragt doch Balkulin, wer seine Reformen herbeiführen soll?« rief Wladimir Wassilitsch. »Der Zar,« erwiderte Balkulin mit starker Stimme. Alle tobten und lachten. Wladimir schrie: »Die Reformen des Zaren? Wir wissen, zu was sie führen. Seht als Beispiel die Aufhebung der Leibeigenschaft, die als Resultat das Proletariat in Rußland hervorrief.« »Ich stimme mit Wladimir Wassilitsch überein,« meinte der Gemäßigte, »darin stimme ich mit ihm überein, daß die Aufhebung der Leibeigenschaft nur den Herren genützt hat. Aber warum hat sie dem Volke nichts genützt? Weil sie nicht vom Volke ausging, sondern unter dem Einfluß der aristokratischen Partei zustande kam, die nur ihre eigenen Interessen wahrt. Der Adel allein ist das Unglück Rußlands. Laßt den Zaren von edlen Geistern beeinflußt sein, und alle die unter der Regierung Alexanders II. ins Werk gesetzten Reformen werden einen Fortschritt, ein Vorwärtsschreiten nach der freien Zukunft bedeuten.« – Ein Tumult erhob sich. Alles schrie durcheinander, es gab einen Höllenlärm. Wera sah sich nach Sascha um und entdeckte endlich seine große Gestalt zusammengedrückt in einem Winkel. Des Qualms wegen konnte sie sein Gesicht nicht erkennen; doch war ihr, als ob er zu ihr herüberblicke. Sie nickte ihm zu, ohne eine Erwiderung ihres Grußes zu erhalten. Erschrocken sah sie auf, als sich unter den Frauen ein Mädchen erhob, sichtlich in der Absicht, gleichfalls zu reden. Sie schien viel jünger als Wera, der sie durch ihr leidendes Aussehen längst aufgefallen war. Die arme gebrechliche Gestalt schien kaum Lebenskraft genug zu besitzen, um sich aufrecht zu halten, das Gesicht war von Krankheit und Seelenschmerzen entstellt, überdies hielt sie das einzige, was in diesem wachsbleichen, kummervollen Antlitz schön war, ihre Augen, hinter grünen Brillengläsern versteckt. Ihr tiefschwarzes, ungewöhnlich starkes Haar trug sie rund um den Kopf abgeschnitten, ohne jeden Versuch einer Frisur. Sie ging überaus nachlässig, in grobe Gewänder gekleidet, die eher den Zuschnitt eines Kaftans als den eines Frauenkleides zeigten. Sie hatte weiße, schlanke, vornehme Hände, mit denen sie, wie Wera später erfuhr, die gröbsten Arbeiten verrichtete. Dieses Mädchen hatte sich erhoben und wollte reden; aber ihre matte Stimme verhallte ungehört in dem wüsten Lärm. Sie stand so hilflos da, sie sah so schwach und hinfällig aus, daß Wera jeden Augenblick erwartete, sie umfallen zu sehen, und von heftigem Mitleid ergriffen wurde. Da rief jemand: »Ruhe! Natalia Arkadiewna will reden.« Sogleich trat Stille ein. Das kranke Mädchen wurde das Ziel aller Blicke. Sascha kam aus seiner Ecke hervor, sogar Wladimir trat näher. Wera glaubte zu bemerken, wie Natalia Arkadiewna bei seinem Anblick zusammenfuhr und heftig zu zittern begann. Was hat sie mit Wladimir Wassilitsch, dachte Wera. Sie kann gewiß kein Wort vorbringen, sie wird besinnungslos werden. Aber Natalia Arkadiewna blieb stehen und begann ihre Rede mit sanfter, klagender Stimme, die Wera zu Herzen drang. Anfänglich vermochte sie nicht zuzuhören, denn ihre Nachbarin teilte ihr flüsternd mit, wer diese Natalia Arkadiewna sei. »Die Tochter des Geheimen Staatsrats Michael Danilitsch Niklakow und der Fürstin Marsa Jurjewna Leontow. Sie hat sich für das Volk von ihrer Mutter verfluchen und von ihrem Vater verstoßen lassen. Anna Pawlowna nahm sie auf, Anna Pawlowna ist nämlich ihre Tante. Ehe sie krank wurde – ich glaube, sie hat die Auszehrung – soll sie sehr schön gewesen sein. In ihr Haar konnte sie sich bis zu den Füßen einhüllen. Als sie eine der Unseren ward, schnitt sie es ab, verkaufte es und streute den Erlös unter das Volk auf der Straße aus: ›Das ist alles, was ich euch geben kann.‹ Noch vor einem Jahr war sie gesund. Aber sie läßt sich die schwersten Arbeiten auftragen und sich im Winter aufs Land verschicken, um unter dem Volk Propaganda zu machen, immer zu Fuß und ohne Pelz. Wladimir Wassilitsch fand sie einmal beinahe erfroren auf der Landstraße. Die Bauern, die sie gegen ihren Herrn aufreizen wollte, hatten sie geschlagen, daß sie für tot hinsank. Seitdem ist sie so elend. Aber sie läßt sich keine Zeit zum Kranksein und ist eifriger als je. Lange wird sie es nicht mehr machen. Dann kommt eine andere an ihre Stelle. Alt werden wir alle nicht. Entweder verschicken sie uns nach Sibirien oder wir kommen sonst um. Was tut's?« Natalia Arkadiewna sprach. »Ich rede im Namen meiner Schwestern und Gesinnungsgenossinnen. Größer als die Unfreiheit des Mannes ist diejenige der Frau – folglich bedürfen wir einer größeren Erhebung. Die Zivilisation hat an der Frau Verbrechen über Verbrechen begangen. Indem man uns für das Haus, für den Herd und den Mann bestimmte, verurteilte man uns zu ewiger Leibeigenschaft. Wohin ein solcher Zustand führt, sehen wir am russischen Volke: es ist ein Volk von Unfreien, von Kreaturen, von geistig Verkrüppelten. Nun wohl: kreaturenhaft, unfrei, geistig verkrüppelt ist auch die Frau. Seit Jahrtausenden wird unsere Gattung durch die Bestimmung, der eine abscheuliche Willkür sie übergab, tyrannisiert, also demoralisiert. Wir verkümmern. Weil wir nur für die Bequemlichkeit, für die Eitelkeit und die Leidenschaften der Männer da sind, werden alle unsere Organe, unsere Talente und Fähigkeiten nach dieser Richtung hin entwickelt. Das Höchste, was die Frau durch solche Erziehung erreichen kann, ist leibliche Schönheit und Begabung für Haus, Herd und Wiege. Die Frauen sind nicht die Genossinnen der Männer, sondern ihre Putzgegenstände, ihre Haushälterinnen, die Ammen ihrer Kinder. Wir sind nicht Gattung, sondern Geschlecht, keine Individuen, sondern Geschöpfe. Die Korruption der Frau ist ohnegleichen. Alle sind wir käuflich, alle sind wir da, um gekauft zu werden. Wir verkommen in Scharen – es braucht durchaus nicht immer auf der Gasse zu sein. Fort mit der Larve unseres Geschlechts! Ohne dieselbe werden wir die freien Genossinnen der Männer. Fordern sie von uns unsere Liebe, so fordern wir von ihnen einen Teil ihrer Arbeit. Gebt uns von eurer Arbeit! Ihr habt uns bis an den Rand des tiefsten Abgrunds geschleudert – erhebt uns! Erhebt uns so hoch daß unsere Stirne derselbe Glanz umleuchtet, den ihr bis dahin für eure Häupter allein beansprucht habt: gebt uns die Glorie der allgemeinen Gleichheit . Ihr schuldet sie uns! Wie das russische Volk in seiner vielhundertjährigen Knechtschaft ein starkes Volk geblieben, so blieben die Frauen in ihrer vieltausendjährigen Leibeigenschaft ein starkes Geschlecht. Laßt uns euch das beweisen. Eine kurze Zeit der Gleichberechtigung und wir werden euch gleich sein. Prüft uns! Verwendet unsere Leidenschaften zu größeren Zwecken; gestattet nicht mehr, daß wir Sklavinnen sind, und wir werden Heldinnen sein. Verbietet, daß wir uns für euch schmücken, und wir werden unser Haar abschneiden, unsern Körper in eine Zwilchjacke stecken und doch von euch schön gefunden und geliebt werden. Laßt uns euch voranstürmen. Wir werden nicht wanken und nicht weichen. Verfügt über uns! Sendet uns unter das Volk und laßt uns für die Sache Propaganda machen. Wir tun es mit Wonne. Schickt uns in die Kerker, in die Bergwerke, auf das Schafott. Wir werden glückselig sein. Ich sage euch noch einmal: Weil die Frau am tiefsten gesunken, muß sie sich am höchsten erheben.« Dieser Rede folgte eine solche Lautlosigkeit, daß man Nataliens rasselndes Atmen vernahm. Als sie auf ihren Stuhl zurücksank, stand Wera vor ihr, sah sie mit leuchtenden Augen an und faßte ihre beiden Hände, die sie heftig preßte. Natalia Arkadiewna flüsterte: »Wir wollen Freundinnen sein. Komm morgen zu mir. Ich habe dir vieles zu sagen.« Sie lächelte Wera zu und deutete auf Wladimir, der sich zum Reden anschickte. Er entwickelte den Revolutionsplan seiner Partei. Danach löste sich die Sitzung auf, die »Auferstandenen« gingen auseinander. Das mußte sehr vorsichtig geschehen. Einzeln verließen sie das Versammlungslokal; durch eine Tür und einen Gang, der in die Teestube führte. Wladimir und Sascha waren mit Wera und Natalia die letzten. Sie fanden die Gaststube bereits voller Arbeiter, die ihren Morgentrunk einnahmen; doch bekümmerte sich niemand um sie. Nur die Wirtin, ein großes, stattliches Weib, das sich mitten unter ihren Gästen das prächtige gelbe Haar auskämmte, blickte bei dem Eintritt der viere auf. Wera kam es vor, als sähe die Frau sie böse und feindselig an. Als Sascha an der Wirtin vorüberging, schlug ihm diese mit einem ihrer mächtigen Haarsträhne ins Gesicht, daß es laut klatschte. Sie tat es lachend, doch ihre dunklen Augen funkelten und ihr schöner Mund verzerrte sich. Gleichmütig nickte Sascha der Frau zu: »Du bist heute morgen bei guter Laune, Marja Carlowna. Die Heiligen bescheren dir einen gesegneten Tag.« »Kommst du diesen Abend herein, Brüderchen?« fragte die Wirtin mit rauher, gebieterischer Stimme. »Es gibt rote Rübensuppe.« Sascha antwortete nicht, Marja Carlowna begann hinter ihm her zu singen. Es klang wild und drohend. Zehntes Kapitel. Kaum waren sie zum Hause hinaus, als Wladimir sich nach Sascha umdrehte und ihn anherrschte: »Daß du heute abend zu Marja gehst! Sie hat uns mit Gefahr ihrer Freiheit ihr Haus für unsere Zusammenkünfte gegeben, weil sie sich in dich vergafft hat. Untersteh dich nicht, sie zu vernachlässigen. Du kannst Marja Carlowna küssen und deswegen doch in Anna Pawlowna verliebt sein.« »Was sind das für Dummheiten,« murmelte Sascha und schielte scheu zu Wera hinüber. Diese blickte vor sich hin und sah bei dem fahlen Morgenlicht erschreckend bleich aus. Er näherte sich ihr; doch sie wich zurück. Wladimir wollte Natalia nach Hause begleiten; denn dieselbe schien mit ihren Kräften zu Ende und taumelte mehr als sie ging. Indessen da Wladimir sie ansprach, faßte sie heftig Saschas Arm und erwiderte mit abgewandtem Gesicht, sie habe bereits mit Sascha verabredet, daß dieser sie nach Hause bringe. Was ist das nun wieder? dachte Sascha, der von keiner Verabredung mit Natalia Arkadiewna wußte. Doch sagte er nichts; denn ihm fiel ein, daß Natalia Arkadiewna bei Anna Pawlowna wohnte. So schlug er denn mit ihr die Straße nach dem Kraßnajaplatze ein, nachdem Wera Natalia Arkadiewna hatte versprechen müssen, sie noch diesen Vormittag zu besuchen. Schweigend setzten die beiden anderen ihren Weg fort. Begierig atmete Wera die frische Morgenluft ein. Mehr und mehr nahm das Erlebte für sie die Gestalt eines Traumes an, aber es tat ihr leid, daß sie erwacht war. Sie mußte tief aufseufzen. Plötzlich fragte sie: »Sascha sagte mir, daß Boris Alexeiwitsch auch zu den »Unsern« gehöre. Ist das wahr?« »Ja.« »Warum war er nicht bei der Versammlung?« »Sehnst du dich nach ihm?« Er sah sie scharf an; mit einem bösen Lächeln um den Mund, der so rot und frisch war wie der eines Mädchens. Wera verstand ihn nicht. In ihrer ernsten und herben Weise entgegnete sie ihm: »Was mich Boris Alexeiwitsch angeht? Ich fragte dich nach ihm, weil es mich freuen würde, wenn er nicht mehr so hochmütig wäre und sich der Sache des Volks von Herzen annähme.« »Was schert Boris Alexeiwitsch die Sache des Volks?« »Wie?« »Aber freilich; die Sache des Volks kann unter Umständen selbst für einen Boris Alexeiwitsch ihre Reize haben. Wenigstens ist sie ihm neu. Und wem die Welt etwas so Altes ist, wie ihm trotz seiner achtundzwanzig Jahre, dem ist jedes Neue ein Leckerbissen. Wenn man sich die Delikatesse nur mit Gefahr seines Lebens gewinnen kann, so setzt man eben sein Leben an die neue Trüffelpastete. Übrigens hat er recht, du bist merkwürdig schön geworden. Er mußte das wissen.« »Warum war er heute nicht bei der Versammlung?« fragte Wera zum zweitenmal mit großer Heftigkeit. »Er glaubte dich noch nicht angekommen. Das nächste Mal ist er sicher dort.« Mit zuckenden Lippen rief Wera: »Was hat Boris Alexeiwitsch mit mir zu tun?« Sie fühlte ihre Wange brennen; dort hatte seine Peitsche sie getroffen. Wladimir ließ sich nicht aus seiner spöttischen Ruhe bringen. »Du bist stolz, mein Täubchen. Desto besser! Du wirst ihm sein Spiel schwer machen. Das gefällt mir! Gewinnen wird er es doch. Das ist gut für die Sache! Laß ihn zappeln. Er soll dich teuer erkaufen, er soll dem Volk für dich zahlen; entweder so oder so; entweder mit seinem Gelde, seinem Namen, seiner Ehre oder mit seinem Blut. Wir wollen ihm den Preis hoch setzen.« »Du bist betrunken,« sagte Wera kalt und ließ ihn vorausgehen. Anstatt die Richtung nach dem Prokowskykloster einzuschlagen, an dem vorbei ihr Weg in die Nowaja-Andronowska-Vorstadt führte, lenkte Wladimir seine Schritte der inneren Stadt zu. Bald befanden sich beide in demjenigen Teile Moskaus, wo die meisten Paläste liegen. Einige der hohen, prächtigen Gebäude waren noch strahlend erleuchtet. Vor den Portalen warteten die Equipagen in langer Reihe. An den beiden Fußgängern rollte eine Karosse vorüber, aus deren mit dunklem Samt ausgeschlagenen Kissen eine weiße Atlasrobe leuchtete. Wladimir ballte die Hand und schüttelte sie gegen die glanzvolle Gestalt. »Ihr seid schuld daran, ihr und euresgleichen! Von euch ist ausgegangen, was jetzt mit Schrecken und Entsetzen enden wird. Ihr verdarbt uns an Leib und Seele. Während ihr über uns die Knute schwingen und unseren Acker im Schweiße unseres Angesichts für euch bebauen ließet, während ihr schwelgtet und praßtet, kroch der Neid in unsere Seelen, der höllische Neid! Denn das ist der teuflische Ursprung von allem: Wir beneiden euch ! Darum hassen wir euch, darum wollen wir euch aus der Welt schaffen; darum, darum! Wenn wir es auch nicht eingestehen, wenn wir auch einen prunkenden Lappen um das Ding hängen – es bleibt als erste und letzte Ursache der gemeine, schändliche, höllische Neid. Wir wollen uns an eure Stelle setzen; denn ihr habt, was wir nicht haben. Das ist es! Das ist Sozialismus, Nihilismus, Anarchismus. Es sind nur verschiedene Namen für denselben Gegenstand: für unseren grimmigen Neid! Und darum, darum: weil ihr uns den Neid gegeben , hasse ich euch, wie ich das Böse selbst hasse, das ich doch mit Wonne begehe, um euch zu vernichten. Warum prunkt ihr vor unseren Augen mit Schätzen, während wir darben? Warum vergeudet ihr, während wir Mangel leiden? Warum verpraßt ihr, während wir umkommen?! Da schwatzt ihr von einer himmlischen Vergeltung, von einer göttlichen Gerechtigkeit – schwatzt nur! Indessen übt das Volk in seiner göttlichen Gerechtigkeit irdische Vergeltung an euch. Seht euch vor! Das Richtbeil schwebt über euch.« »Aber nicht über allen,« stammelte Wera. »Sie werden nicht alle schuldig sein.« »Alle, alle sind sie schuldig! Denn sie gleichen sich alle; einer ist wie der andere! Wenn dieser oder jener sich das Ansehen gibt, als wäre er anders, so spielt er Komödie, weil er das Schwert über sich fühlt, weil es in der Welt nach Blut riecht. Und wir tun, als glaubten wir ihnen. Denn es ist die höchste Lust der Strafe, dieses entartete Geschlecht sich durch sich selbst richten zu sehen. Wir müssen sie festhalten, wir müssen sie teilnehmen lassen an unseren Taten, und wäre es auch nur, um den Triumph zu erleben, Ihnen sagen zu können: Seht! Eure Laster sind so angewachsen, daß sich aus eurer Mitte die Empörung gegen euch erhoben hat, daß ihr euch selbst zerstört! Wer kann uns der Ungerechtigkeit anklagen, wenn die Zeugen wider euch in euren Reihen stehen?! Wer kann das Volk beschuldigen, wenn die Gesellschaft selbst – –« Er brach mitten im Satze ab und blieb stehen. Sie befanden sich einem Palast gegenüber, daraus sich soeben die letzten Gäste entfernten. Wladimir machte Wera auf einen Mann aufmerksam, der einige Schritte von ihnen unter dem Portal einer Kirche stand und, ohne die beiden zu bemerken, unverwandt nach dem prächtigen Hause hinübersah. Der Mann war Sascha. »Was tut er hier?« flüsterte Wera. »Er wartet.« »Weshalb?« »Um den Schatten Anna Pawlownas an der Gardine vorbeischweben zu sehen.« »Wohnt sie da drüben?« »Ja. Es ist der Palast Petrowsky.« »Der Prinz Petrowsky ist in Petersburg?« »Er geht zu Hof.« »So gehört er nicht zu den Unseren?« »Gewiß nicht.« »Aber seine Frau, Anna Pawlowna – –« »O die!« »Was sagst du?« »Sie liebt ihren Mann nicht. Ich glaube, sie haßt ihn.« »Behandelt er sie schlecht?« »Nein. Aber sie ist ihm verkauft worden, und da sie sehr stolz ist – – übrigens ist er sechzig Jahre alt, und sie noch nicht dreißig.« »Was tut das?« Wladimir lachte. »Meinst du? Du kennst sie nicht.« »Wen kenne ich nicht?« »Die vornehmen Damen.« »Hintergehen sie ihre Männer? Das kann doch nicht möglich sein!« »Du meinst, weil sie verheiratet sind, in der Kirche, durch den Popen? Vielleicht sind sie gerade deswegen so geworden. Der Mensch läßt sich nicht zwingen; am allerwenigsten darin.« »Worin läßt der Mensch sich nicht zwingen?« »In seinen Leidenschaften und Begierden. Doch das verstehst du nicht.« »Nein. Hintergeht Anna Pawlowna ihren Mann?« »Bis jetzt noch nicht. Es ist merkwürdig genug. Man wird nicht klug aus diesem Weibe. Nun, wir werden ja sehen.« Er blickte zu Sascha hinüber. Weras Augen folgten den seinen. Er steht noch immer da, dachte sie mit tiefem Kummer. Was für ein Zauber liegt auf ihm? Eine Prinzessin und eine verheiratete Frau! Wie kann eine solche Sünde für ihn möglich sein? Ich möchte ihn auffordern, mitzugehen; es ist seiner nicht würdig, so dazustehen. Aber Wladimir hielt sie zurück. »Laß ihn! Es paßt in meinen Plan, daß er dort steht. Er ist doch nicht zu anderem zu verwenden, mit seinem dicken Blut und schwerfälligen Denken. Seine Seele muß erst erweckt werden – durch die Leidenschaft. Erst dann wird er ein Auferstandener sein, an dem wir noch Freude erleben werden.« Eine Pause entstand. Auch Wladimir und Wera beobachteten das gegenüberliegende Haus. Wera war zu sehr geängstigt; sie wollte mehr hören, sie mußte sich Gewißheit verschaffen. »Sie liebt das Volk.« »Wer soll das Volk lieben?« »Anna Pawlowna.« »Hm!« »Was sagst du?« »Frage Sascha.« »Er sagte es mir.« »Nun, er muß es wissen.« »Wie meinst du das'?« »Ich meine,« sagte Wladimir, jedes Wort scharf betonend, »daß Anna Pawlowna das Volk liebt, genau so wie Boris Alexeiwitsch es liebt, und daß beide ihre Liebe büßen werden.« »Warum büßen? Was tut Boris Alexeiwitsch, daß er zu büßen hätte?« »Du wirst es erfahren. In diesem Augenblick tut er, was er immer getan hat und immer tun wird, er genießt sein Leben.« Er deutete auf das Vestibül des Palastes. Die mit persischen Teppichen belegte Marmortreppe stieg eine vom Kopf bis zu den Füßen in einen golddurchwirkten Burnus gehüllte Dame herab. Man hörte ihre schwere Robe rauschen. Wie eine Blutwelle floß hinter der goldenen Gestalt der rote Atlas die Stufen herab. An ihrer Seite befand sich ein Herr, den Wera sofort erkannte – Boris Alexeiwitsch! Der Portier trat vor den beiden auf die Gasse heraus und rief den Wagen auf: »Fürstin Danilowsky!« Der Wagen der Fürstin fuhr vor, ein in Pelze gehüllter Diener öffnete den Schlag; die Dame und der Herr stiegen ein. »Das hat Boris Alexeiwitsch zu tun,« wiederholte Wladimir. Er deutete auf ihn, wie er neben der Fürstin in die Kissen des Wagens sank. Jetzt sah Boris die beiden. Er schnellte auf, beugte sich vor, da zogen die Pferde an. »Morgen wird er sicher in die Versammlung kommen,« meinte Wladimir gelassen. »Laß uns nach Hause gehn.« »Aber Sascha?« »Der mag stehenbleiben!« »Nein.« Und sie ging zu ihm. Elftes Kapitel. Als Wera in die Kammer trat, um sich noch für einige Stunden niederzulegen, war es voller Tag. Die ersten Strahlen der Sonne füllten den elenden Raum und vergoldeten das schlechte Lager, darauf die holde Tania in friedlichem Schlummer lag. Der Traum mochte sie mit ihrem Verlobten zusammengeführt haben, denn ein glückseliges Lächeln spielte um ihre Lippen. Wera mußte an Wladimirs Lachen denken. Plötzlich sah sie Tanias Lächeln in einem tiefen, schmerzlichen Seufzer hinsterben. Der Sonnenschein schwand von der reizenden Gestalt. Aber, als dränge sich aller Glanz zu dem Haupt der Schlummernden, sammelte sich um dieses eine Korona von Strahlen. Spät erwachte Wera, Tania war bereits aufgestanden und nicht mehr in der Kammer. Aber von draußen vernahm sie ihrer Freundin sanfte Stimme, leise, flehend, häufig von ersticktem Weinen unterbrochen. Sie hörte Wladimir antworten und dann hinausgehen, hörte ein lautes, krampfartiges Aufschluchzen. Darauf wurde es still. Eine Weile zauderte Wera, dann ging sie in das Zimmer, darin sich Tania allein befand, das Gesicht in Tränen gebadet. Unfähig ein Wort zu sprechen, ließ sie sich von Wera in die Kammer führen. »Was ist vorgefallen?« Sie wollte es nicht sagen. Als Wera jedoch nicht weiter in sie drang, sondern sie nur zu beruhigen suchte, kam sie selbst damit heraus, indem sie die Freundin heftig umschlang und ihr Gesicht an deren Brust barg. »Ich soll seine Frau werden; aber – denke dir! nicht in der Kirche, nicht im Namen Gottes; wir hätten nichts mit der Kirche, nichts mit Gott zu tun! Es gäbe gar keinen Gott, es gäbe auch keine Heiligen. Nicht einmal mein liebes, schönes Madonnenbild darf ich behalten. Wera! Wera!« Doch Wera vermochte auf diesen Angstruf, auf diesen Notschrei keine Antwort zu geben. »Es ist mir ja nur um seinetwillen,« klagte Tania. »Wenn er Gott und die Heiligen verwirft, so wird er von Gott und den Heiligen verworfen werden. Ich liebe ihn und ich kann ihm nicht helfen! Und ich werde doch sein Weib sein – nein, nicht sein Weib! Ich weiß nicht, was ich werde, aber sein Weib werde ich nicht. Stoße mich fort, verachte mich. O Pfui, wie häßlich ich bin!« Sie warf sich, von wilden Schauern geschüttelt, auf das Bett. Hilflos stand Wera daneben, bemüht, ihre Gedanken zu sammeln. Als Tania endlich aus Erschöpfung ruhiger ward, begann ihre Freundin: »Ich weiß es ja auch nicht! Es geht so viel vor in der Welt, was wir nicht verstehen, nicht verstehen können. Aber deshalb darfst du dich nicht gleich verloren geben; weder dich, noch deinen Verlobten. Wenn er dich aus der Kirche verjagt, kannst du die Kirche um so schöner und heiliger in deinem Herzen aufbauen; wenn er dir Gott nehmen will, wirst du Gott um so unentreißbarer in deiner Seele festhalten. Vielleicht, daß du deinen Verlobten dir zu Gott nachziehst. Er will sich nicht durch die Kirche mit dir verbinden lassen« – sie errötete bis unter die Haarwurzeln – »deshalb wirst du doch sein rechtmäßiges Weib sein, wenn auch nicht vor den Menschen, so doch vor Gott. Ich kann es dir auch nicht deutlich machen; aber mir sagt eine innere Stimme, daß die Frau durch die Liebe das wahre Weib eines Mannes wird und nicht durch den Popen. Seit ich hier bin habe ich schon erkannt, daß die Unseren sich von allem losgesagt haben, was sonst Brauch und Sitte ist. Sie haben sich außerhalb der Weltordnung gestellt, also auch außerhalb der Gebote des Himmels. Sie sind wahrscheinlich dazu gezwungen worden; denn es gibt keinen Frieden zwischen uns und jenen, die der göttlichen Weltordnung ins Gesicht schlagen, indem sie uns knechten an Leib und Seele. Unsere schwere Herzensnot komme über sie! Wir aber dürfen nicht verzagen, sondern müssen hoffen.« Sie half der heftig Weinenden in die Höhe, strich ihr das wirre Haar aus der Stirn und küßte sie herzlich auf Mund und Wangen. Dann forschte sie: »Was hast du Wladimir erwidert?« »Ich habe geweint und gebeten. Wenn du es ihm sagen wolltest – –« »Was?« »Daß es geschehen soll, wie er fordert.« »Ich werde es ihm sagen.« Da rief im Nebenzimmer Sascha nach ihr: »Wera! Wera Iwanowna!« »Hier bin ich! Ich komme.« Sie ließ Tania allein, die sich auf ihre Knie warf und inbrünstig betete, daß die Schuld Wladimir vergeben werden möchte, daß die Todsünde auf sie falle. »Du sollst zu Wladimir kommen,« sprach Sascha Wera an, indem er ängstlich vermied, ihr beim Reden ins Gesicht zu sehen. »Er will dir unsere geheime Druckerei zeigen. Aber trinke vorher Tee.« »Später. Wo ist Wladimir Wassilitsch?« »Auf dem Hofe. Er läßt Colja Kohl pflanzen; die Bohnen sind schon aufgegangen. Wolltest du nicht heute Natalia Arkadiewna besuchen?« »Ich versprach es ihr.« »So werde ich dich begleiten. Du wirst auch zu Anna Pawlowna müssen.« »Das weiß ich noch nicht.« »Sie ist eine der Unseren. Die Unseren sind ihr großen Dank schuldig. Auch wohnst du in ihrem Hause.« »So werde ich zu ihr gehen und mich bei ihr bedanken.« »Das ist recht. Du darfst Wladimir Wassilitsch nicht glauben.« »Was darf ich ihm nicht glauben?« »Er war heute betrunken, als er das von Anna Pawlowna und der Wirtin Marja Carlowna sagte. Glaube ihm ja nicht.« »Ich werde selbst sehen, was ich zu glauben habe und was nicht.« »Ja, so bist du, so – so eigensinnig. Keiner vermag etwas über dich.« Sie waren während dieses kurzen Gesprächs hinaus auf den Hof getreten, der selbst an diesem sonnigen Frühlingstag einen trostlosen Anblick darbot. Zwischen vorjährigen verfaulten Kohlstrünken war Colja mit Umgraben des Bodens beschäftigt; das Bücken ward ihm in Moskau nicht leichter, als es ihm in Eskowo geworden. Wladimir stand bei ihm und schlug mit einem Stocke die Erdklumpen auseinander. Als er die beiden kommen sah, warf er den Stock weg und ging ihnen entgegen. Er sah so schön und strahlend aus, als hätte er an diesem Morgen eine große Tat vollbracht und wäre sehr zufrieden mit sich. Nach Tania fragte er nicht. Sie begaben sich zu einem Schober, der mit Holz und allerlei Gerümpel gefüllt war. Davon wurde einiges beiseite geschoben, und darauf der Boden in dem Umfange eines Quadratmeters von Spänen und Erde befreit. Eine eiserne Falltür ward sichtbar. Sascha hob sie auf und Wera sah in eine dunkle Tiefe hinunter, in welche Wladimir zuerst auf einer Leiter hinabstieg. Als auch Wera drunten angelangt war, ließ Sascha die Tür von außen zufallen und blieb daneben stehen, um Wache zu halten. Wladimir machte Licht und Wera sah, daß sie sich in einer Art von Grube befanden. Die Einrichtung der Druckerei war die einfachste von der Welt. Einige Kästchen mit Lettern, ein kleiner Zylinder mit einer klebrigen, leimartigen Substanz beschmiert, ein großer, mit Tuch überzogener Zylinder, der als Druckwalze diente, zwei Flaschen Druckerschwärze und ein Paar Bürsten und Schwämme. Alles war so geordnet, daß es in einer Viertelstunde zusammengepackt und fortgeschafft werden konnte. Nachdem Wladimir dem Mädchen alles gezeigt und erklärt hatte, öffnete er den Deckel einer schwarz angestrichenen Truhe, die beinahe einem Sarge glich und in der Mitte des unterirdischen Raumes stand. »Was ist in der Kiste?« »Dynamit« Wera wollte fragen, was das sei, aber Wladimirs Mund zeigte wieder jenes Lächeln, welches ihr Grausen einflößte. Hastig trat sie von dem unheimlichen Kasten zurück, dessen Deckel er zufallen ließ. Es dröhnte wie ein Schuß. Wladimir stand im Begriff, die Druckerei zu verlassen, als Wera ihn zurückhielt. »Ich sollte dir auch sagen – –« Aber sie stockte. »Was solltest du mir sagen?« »Tania hat mit mir gesprochen. Sie ist sehr unglücklich, aber sie ist stark. Sie will dir überallhin folgen; auch dorthin, wo, deinem Willen gemäß, kein Gott und kein Glaube sein sollen. Du hast sie ganz in deiner Hand, du kannst mit ihr beginnen was dir beliebt. Aber ich sage dir: Du bist ein Mann der Freiheit, du verkündigst die Freiheit der Völker als Evangelium, dein Weib aber willst du zu deiner Sklavin machen. Du knirschest gegen sie, die uns zu ihren Leibeigenen gemacht hatten, aber die einstige Mutter deiner Kinder willst du knechten an Leib und Seele. Du willst Tausende retten, aber dieses reine und heilige Gemüt willst du verderben. Hüte dich, Wladimir Wassilitsch! Du hast einen wilden, ungöttlichen Geist. Und mit diesem gedenkst du die Sache des Volkes zu führen? Freilich, du liebst ja wohl das Volk mehr, als du dein Weib lieben wirst. Sieh dich vor, daß du nicht beide verdirbst.« Er starrte sie sprachlos an; doch sie kehrte sich nicht an seinen Blick, sondern stieg die Leiter empor und pochte an die Platte, die sogleich von Sascha gehoben wurde. Im nächsten Augenblick stand Wera wieder im Sonnenlicht. Zwölftes Kapitel. Später begleitete Sascha sie zu Natalia Arkadiewna, von der er mit Begeisterung sprach. »Das ist eine Seele, die Vater und Mutter verlassen hat, um dem Volk anzugehören. So sollten alle sein; Anna Pawlowna ist auch so. Sie hat unsäglich viel Gutes an Natalia Arkadiewna getan und sie von der Straße in ihr Haus aufgenommen, wo doch schon die Polizei hinter ihr her war. Es ist wundervoll!« Es kam Wera vor, als spräche er von Natalia Arkadiewna nur, um Anna Pawlowna rühmen zu können. Sie war Anfang und Ende aller seiner Gedanken; sie war es, ohne daß er sich dessen bewußt gewesen wäre. Wera hörte stumm zu. übrigens glaubte sie der Ekstase Saschas mehr als Wladimirs Haß. Weshalb sollte Anna Pawlowna keine gute Nihilistin sein? Und ebenso Boris Alexeiwitsch. Weshalb wären beide sonst Nihilisten geworden? »Natürlich müssen sie es ganz im geheimen sein,« erklärte ihr Sascha. »Denn solche Damen, wie Anna Pawlowna – du begreifst. Ihr Mann ist ein Magnat. Wenn sie in Petersburg ist, geht sie zu Hof. Du wirst einsehen – Sie hat es ungemein schwer, sie bringt der Sache die größten Opfer. Das sollten wir anerkennen. Und welche Summen sie für die Sache herschenkt. Es ist erstaunlich! Wir müßten ihr sehr dankbar sein. Doch wir sind undankbar, denn wir hegen Mißtrauen. Sie begibt sich der Sache wegen in Gefahr. Es ist außerordentlich! Wenn sie entdeckt würde! Aber sie ist so mutig, ein gewaltiges Weib!« »Und Boris Alexeiwitsch?« Sascha fuhr mit der unförmlichen Hand durch sein kurzes Haar und antwortete nicht. Wera wiederholte ihre Frage. Sie tat es in der Hoffnung, von Sascha über den Betreffenden Besseres zu hören, als sie von Wladimir gehört hatte. »Und Boris Alexeiwitsch?« »Er ist Anna Pawlownas Vetter. Anna Pawlowna bürgt für ihn; also ist er ganz sicher. Ist das ein hübscher, vornehmer Herr! Bei Anna Pawlowna ist er wie zu Hause. Er kann immer um sie sein, bis spät in die Nacht hinein. Er lacht und plaudert mit ihr, spielt und singt mit ihr, trinkt den Tee bei ihr. Es ist ganz erstaunlich! Sie liebt und schätzt ihn sehr, sie hat ihn uns zugeführt, einen solchen vornehmen Herrn! Du siehst, wie dankbar wir ihr sein müßten.« Mißbilligend und zugleich traurig schüttelte er sein ehrliches Haupt und murmelte in tiefer Niedergeschlagenheit wieder und wieder: »Aber wir sind's nicht. Nein, wir sind's gar nicht!« Auf der Straße blieben die Leute stehen und sahen Wera nach. Sie trug immer noch ihr ländliches Kostüm; eine Kleidung, die das Ernsthafte und Feierliche ihres Wesens noch auffälliger machte. Bei Anna Pawlownas Palast angekommen, gingen die beiden an der Eingangshalle vorüber, die Dienerschaftstreppe hinauf. Sascha war ganz stolz auf die herablassende Behandlung von Seiten eines ihnen begegnenden Lakaien. Er warf Wera einen Blick zu, der zu sagen schien: Bin ich nicht bei Anna Pawlowna wie zu Hause? Aber nachdem der Diener das Mädchen aus Eskowo von Kopf bis zu den Füßen gemustert hatte, ließ er beide stehen. Sascha versuchte, böse zu tun, aber Wera beruhigte ihn. Sie wollte zuerst Natalia Arkadiewna aufsuchen und dann mit Sascha zu Anna Pawlowna gehen. Nach vielen Fragen und langen Zugängen fand Wera die junge Nihilistin im Hintergebäude, in einem dunklen, finstern Zimmer, das um nichts besser war, als das sogenannte Arbeitszimmer von Sascha und Wladimir. Natalia Arkadiewna war damit beschäftigt, Broschüren und Zeitungsblätter zu ordnen, die sie noch an dem nämlichen Tage unter das »Volk« verteilen wollte. Sie begrüßte ihren Besuch mit einem Lächeln, das den abgezehrten Zügen einen weichen, unendlich rührenden Ausdruck gab. »Setze dich, wir wollen plaudern. Es geht mir heute viel besser. Ich kann den Tabakrauch nicht vertragen; aber ich werde mich daran gewöhnen. Ich freue mich, daß du gekommen bist. Du bist so schön und stark. Man wird gesund, wenn man dich nur ansieht. Ich will mich an deinem Anblick kräftigen. Aber du darfst nicht denken, daß ich schwach sei; ich sehe nur so aus. Der Mensch darf nicht zugeben, daß der Körper Gewalt über den Geist gewinnt. Es hängt alles vom Wollen ab. Ich will leben und ich werde leben, obgleich die Ärzte mich aufgegeben haben.« »Sie sollten sich schonen,« bemerkte Wera zaghaft. »Ist dieses Zimmer nicht feucht?« »Nenne mich du. Sind wir Frauen nicht alle gleich, die Zarin wie die Bettlerin? Jede Frau wird unterdrückt, jede Frau leidet. In der neuen Zeit, die hereinbrechen wird, hört das freilich auf, da leidet die Frau nicht mehr, sie handelt. Erst dann wird sie dem Manne gleichberechtigt sein. Solange die Frau das nicht ist, so lange bleibt der Mann unser Herr, unser Tyrann. Doch, um deine Frage zu beantworten: Dieses Zimmer ist allerdings etwas feucht; ich will indessen kein anderes bewohnen. Anna Pawlowna hatte die Güte, mir ein Gemach mit Brüsseler Teppichen und Pariser Möbeln anweisen zu lassen; da aber auch das Volk nichts weiß von Spitzenvorhängen und Damastfauteuils, lehnte ich dieses Anerbieten ab; und da das Volk in dunkeln, feuchten Gelassen lebt, bat ich, hier wohnen zu dürfen. Ich fühle mich in diesem Raume sehr wohl.« Mit sichtlichem Behagen sah sie sich in ihrer traurigen Behausung um. »Hast du Hunger?« fragte sie dann. »Ich koche mir mein Essen selbst und habe von gestern übrig behalten. Freilich ist es kalt.« »Ich kann nicht essen. Wenn es dich nicht anstrengt oder ungeduldig macht, möchte ich dich bitten, mir etwas von dir zu erzählen. Ich bewundere dich so sehr.« »Das darfst du ja nicht, damit würdest du mich beleidigen. Das Natürliche und Selbstverständliche ist niemals bewundernswert. Ich kann nichts dafür, daß ich so geworden bin. Das ist kein Verdienst von mir. Es lag in mir und ich mußte so werden. Sie haben dir gewiß gesagt, ich hätte eine Geschichte, wie sie es nennen. Davon weiß ich gar nichts. Ich war ein verwöhntes Kind, in Pracht aufgewachsen, von Dienstbarkeit und Schmeichelei umgeben. Alle meine Gedanken drehten sich um Putz und Näscherei. Als ich älter wurde, träumte ich von einem Leben voller Herrlichkeit. Ich sollte Hofdame der Großfürstin werden, ich sollte mich mit einem Manne verloben, der ein stadtkundiger Wüstling war, aber ein ungeheures Vermögen besaß. Mir war es recht. Da fiel mir ein Buch in die Hände – das erste russische Buch, »Raskolnikow« von Dostojewskij. Nach den ersten Seiten warf ich das Buch empört fort. Aber ich nahm es wieder auf, las weiter, las bis zu Ende. Darauf erkrankte ich heftig, wurde gesund, wurde schwermütig. Ich wollte mir das Leben nehmen. Eines Abends schlich ich mich heimlich fort zur Alexanderbrücke. Da drängte sich eine Volksmenge in meinen Weg, um einen Trupp verhafteter Nihilisten zu sehen, die zum Bahnhof transportiert wurden. Ich folgte der Menge, ich sah, wie die Nihilisten ausgeladen und in niedrige, schwarze Waggons getrieben wurden. Ich hörte die Hammerschläge, mit denen man ihre Ketten festschmiedete. Es waren auch Frauen darunter und Mädchen, nicht älter als ich. Ich kehrte nach Hause zurück, verschaffte mir heimlich nihilistische Schriften und Flugblätter und fühlte mich zum erstenmal in meinem Leben glücklich. Als ich meinen Dienst bei Hof antreten, als ich mich mit dem Fürsten verloben sollte, erklärte ich, daß ich – eine Nihilistin wäre. Und nun bin ich hier.« Während Natalia Arkadiewna dies in dem einfachsten Tone erzählte, fuhr sie in ihrer Beschäftigung fort, die groben, mit großen Buchstaben bedeckten Blätter auf das sorgfältigste zusammenzulegen und zu ordnen. Dann fragte sie, ob Wera bereits Anna Pawlowna gesehen habe, und als das Mädchen verneinte, bemerkte sie: »Das ist eine eigentümliche Frau. Man sollte glauben, alles auf der Welt sei ihr gleichgültig. Ich meine immer, ihre Seele schläft. Ehe sie mich bei sich aufnahm, bedeutete für sie ein Nihilist nichts anderes als einen Begriff, den der größte russische Schriftsteller erfunden und unter die Leute gebracht hatte. Ich will auch nicht sagen, daß ich sie bekehrt habe. Man wird eben nicht klug aus ihr.« »Sascha verehrt sie sehr.« »Sascha ist ein guter, reiner Mensch.« »Er macht mir Sorge.« Natalia Arkadiewna erwiderte nichts. Plötzlich nahm sie ihre Brille ab und sagte, Wera mit ihren wunderbaren klaren, blauen Augen voll ansehend: »Und Wladimir Wassilitsch?« »O, das ist ein wilder Geist.« »Ein großer Geist ,« verbesserte Natalia. »Von dem wird man in Rußland noch hören.« »Er kann schrecklich sein.« »Mit Sanftmut befreit man kein Volk. Wer dem Volke dienen will, darf vor nichts zurückschrecken; weder vor Leiden und Tod, noch vor Verbrechen.« Wera dachte daran, daß auch sie vor nichts zurückscheuen wollte, daß auch sie ein Gelübde getan. Sie fragte Natalia, ob sie von Tania Nikolajewna gehört hätte. »Nein. Wer ist das?« »Wladimirs Verlobte.« Natalia stieß einen leisen Schrei aus. Es war wie ein Krampf. Aber es ging schnell vorbei, sie erklärte es für einen Anfall ihres alten Leidens und fuhr sehr bald in ihrer Beschäftigung fort. »Wo ist das Mädchen?« »Sie kam mit uns.« »Beschreibe sie mir. Sie muß sehr schön sein.« »Sehr schön. Strahlende Augen, prächtiges Haar.« »Goldblond, nicht wahr?« »Goldblond. Woher weißt du das?« »Ich denke es mir. Sie ist zart und sanft, mit einer leisen, lieblichen Stimme?« »Ganz recht.« »Und sie betet Wladimir an?« »Sie betet Wladimir an; sie tut alles für ihn, alles, sogar ein Verbrechen, das aber für sie kein Verbrechen ist, da Wladimir Wassilitsch es befiehlt.« »Ich möchte sie kennen lernen.« »Sie wohnt mit mir in einer Kammer; nicht lange mehr, denn – –« Und sie erzählte Natalia Arkadiewna den Vorgang vom Morgen, etwas verwirrt durch die leidenschaftliche Aufmerksamkeit, mit der ihre neue Freundin zuhörte. »Wladimir Wassilitsch hat recht,« begann Natalia mit einer gewaltsamen Anstrengung zu sprechen. »Die Eheschließung vor dem Popen ist und bleibt eine konventionelle Sitte und jede konventionelle Sitte ist eine Tyrannei. Aber nun wird es Zeit, daß du zu Anna Pawlowna gehst. Diesen Nachmittag besuche ich dich und Tania Nikolajewna. Du kannst mich dann später begleiten und mir diese Bücher verteilen helfen.« »Ich danke dir. Laß mich etwas tun.« »Dazu wird genug Gelegenheit kommen.« Wera ging, wurde aber von Natalia noch einmal zurückgerufen. »Du wirst bei Anna Pawlowna ihren Vetter, Boris Alexeiwitsch, finden. Hüte dich vor ihm. Verderben und Fäulnis geht von ihm aus. Leute wie er sind Rußlands wahre ›toten Seelen‹, die über das Land den Geruch der Verwesung verbreiten. Wera Iwanowna, gelobe dir selbst, dir eher das Herz auszureißen, als es dir von einem dieser Würgegeister zermalmen zu lassen. Ich sehe dir an, du wirst den Kampf bestehen.« Wera ging. Sie vernahm nicht mehr, mit welchem Jammer die junge Nihilistin den Namen Wladimir stöhnte; sie sah nicht mehr, wie die schwache Gestalt zusammenbrach und sich in wilden Krämpfen auf dem Boden wand. Dreizehntes Kapitel. Anna Pawlowna befand sich in ihrem Kabinett. Die Fürstin Xenia Alexandrowna Danilowsky und Boris Alexeiwitsch waren bei ihr. Das Kabinett war ein quadratischer, fensterloser Raum mit einer Kuppel aus geschliffenem Glase. Darunter hin lief ein Fries, von einem großen französischen Künstler gemalt. Es war darauf die Geburt der Venus dargestellt, wie die Göttin, aus dem Schaum einer Welle hervorleuchtend, mit einer Gebärde höchsten Entzückens beide Arme dem strahlenden Himmel entgegenstreckt und mit geöffneten Lippen die Sonnenstrahlen einzuschlürfen scheint, die aus einer purpurnen Wolke hervorbrechen. Dann durchzieht die junge Herrscherin der Welt im Triumph die Meeresflut, welche den herrlichen Leib mit Rosen und Lilien umspült. Tritonen und Najaden tauchen aus der Tiefe und umschwimmen die Schöne. So gelangt Aphrodite nach Zypern, wo sie von blühenden Jünglingen und reizenden Jungfrauen empfangen wird, die beim Anblick der Göttin in Liebe zueinander entflammen. Sie bauen der hehren Himmlischen einen Tempel, in dessen Hallen der Priester die Paare vermählt. Zu dem Liebeshof der Venus gesellen sich alle Götter und Göttinnen, und Jupiter entdeckt eiligst eine einsame Schöne; so stehen Himmlische und Irdische unter dem Zepter der schaumgeborenen Frau, welcher der galante Franzose auf dem ersten Bilde die Züge Anna Pawlownas gegeben hatte. Unter diesem Friese, den gekoppelte Bronzepilaster trugen, schimmerte an den Wänden silbergrauer Atlas in reichen Falten, über welche sich durch das gefärbte Glas der Kuppel ein matter, bläulicher Schein ergoß. Ringsum waren hinter einem vergoldeten Gitter exotische Pflanzen und blühende Frühlingsgewächse aufgestellt. Kamelien und Rosen, Narzissen und Hyazinthen drängten sich durch das strahlende Netzwerk. Weiße Bärenfelle bedeckten den Boden, orientalische Stoffe die Ottomanen und Sessel, vor denen niedrige, mit Büchern und Quincaillerien beladene Tischchen standen. In der Mitte des Gemaches, auf einem Sockel aus blutrotem Jaspis, war die Bronzestatue eines nackten Knaben aufgestellt, der in seiner emporgehaltenen Rechten eine pompejanische Lampe hielt. Unter dieser Bildsäule saß in einem Morgenkleid aus heliotropfarbener Seide Anna Pawlowna, anscheinend völlig in die Lektüre eines Flaubertschen Romans vertieft. Aber sie las nicht. Ihr Kopf mit dem farblosen Gesicht, von ihrem rötlichen unfrisierten Haar wie von Flammen umgeben, ruhte zurückgelehnt gegen den Purpur des Steins. Ihre meergrünen Augen starrten vor sich hin, mit demselben Ausdruck, den ihnen der Maler auf dem Bilde gegeben: Venus Anadyomene in die aufgehende Sonne schauend. Mit einem Seufzer schloß sie die Augen, und nun erschien das schöne Haupt leblos und starr auf dem blutroten Hintergrund. Die Fürstin und Boris Alexeiwitsch befanden sich auf der anderen Seite der Bildsäule; die Dame ausgestreckt auf einem Diwan, der Kavalier hinter ihr auf einem Taburett. Das Promenadenkostüm der Fürstin war mit metallisch glänzendem Schmelzwerk bedeckt; das Neueste, was Paris für die Frühjahrssaison proklamiert hatte. Xenia Alexandrowna war lächerlich stark geschnürt, überreich gepudert und abscheulich frisiert, à l'enfant ! Obgleich sie durchaus nicht mehr jung, ziemlich fett und fast häßlich war, besaß sie mehr Anbeter – besonders unter sehr jungen Männern – als Anna Pawlowna. Übrigens war sie gutmütig und ziemlich witzig. Ihr großes Vermögen, ihr uralter Name und ihre gänzliche Unabhängigkeit verschafften ihr in der Gesellschaft aller Länder eine sichere Position, trotzdem sie nicht aufhörte, sich stark zu kompromittieren. Sie benahm sich äußerst unvorsichtig und zeigte sich mit ihrer Gunst wie mit ihrem Gelde so freigebig, als es ihre jungen Freunde nur wünschen konnten. So hatte die böse Welt denn wohl nicht unrecht, wenn sie behauptete, daß Xenia Alexandrowna Romane lieber erlebe als lese. Ihren Aufenthalt wechselte sie wie ihre Neigungen. Sie reiste durch die halbe Welt und sie kannte alle Welt. Nach Paris ging sie der Toiletten und des » pschutt « wegen; nach England, um die Rennen zu sehen; nach Weimar, um Liszt anzubeten; nach Monaco, um zu spielen und nach Rom, um nachmittags auf dem Pincio Korso zu fahren. Sie hatte mit Gladstone gewettet, bei Sarah Bernhardt soupiert, an den Herzog Karl von Braunschweig zehntausend Franken verloren, war von Paul Heyse empfangen und von der Königin von Italien nach Turin eingeladen worden. Ihrer Autographensammlung wegen bildete sie sich ein, mit allen europäischen Berühmtheiten in Korrespondenz zu stehen. Natürlich war sie Wagnerianerin. In den letzten Jahren sprach sie viel von Schopenhauer, Proudhon und Bakunin und hatte sich auf Völkerpsychologie und Sozialismus geworfen. Gegenwärtig interessierte sie sich, obgleich sie nichts davon begriff, für den Nihilismus. Um Boris Alexeiwitsch willen, in den sie leidenschaftlich verliebt war, kam sie seit einigen Jahren regelmäßig im Frühling auf einige Monate nach Rußland. Übrigens verursachte Boris Alexeiwitsch ihr Kummer. Da er sich ihr gegenüber als völlig unzugänglich erwies, liebte sie es, ihn wie einen verwöhnten, trotzigen Knaben zu behandeln, wie einen ungezogenen Liebling der Grazien, dem man seinen Willen nicht lassen durfte. Wohl oder übel mußte sie sich ihm gegenüber als die ältere, erfahrene Frau aufspielen. Was Boris Alexeiwitsch anbetraf, so ließ er sich das Verhältnis zur Fürstin gefallen, weil er sich dieser Frau gegenüber völlig gehen lassen konnte. Anfänglich war Xenia Alexandrowna ihm unangenehm gewesen. Als er aber die Leidenschaft entdeckte, welche diese abgestumpfte, zügellose Frauennatur für ihn gefaßt hatte, begann er einigen Anteil an ihr zu nehmen, das objektive Interesse, das der Anatom an den Zuckungen seines Objekts nimmt. Neugierig, wie sich die Sache entwickeln würde, sah er ihren Liebesleiden zu. Schließlich langweilte auch sie ihn – wie alles. Boris hatte seinen Sitz zum Diwan der Fürstin geschoben; ein Bein über das andere geschlagen, begann er, seine Zigarette rauchend, mit gedämpfter Stimme ein Gespräch. »Boris Alexeiwitsch!« sagte Xenia Alexandrowna. »Fürstin?« »Boris Alexeiwitsch, ich langweile mich.« »Xenia Alexandrowna, ich langweile mich.« »Welches Echo! Und so galant.« »Pardon! Aber ein Nihilist darf nicht galant sein.« »Pfui! Aber reden wir einmal ernstlich davon.« »Von der Langeweile?« »Von dem Nihilismus.« »Als Mittel gegen die Langeweile?« »Ein gefährliches Mittel.« »Das uns für immer um die Langeweile bringen kann.« »Ernstlich, ernstlich!« »Wie Sie befehlen!« »Können Sie wirklich ernsthaft sein?« »Es kommt auf das Thema an.« »Ich gebe Ihnen das Thema: Ist der Nihilismus wirklich eine solch ernsthafte Sache? Überall redet man darüber.« »Ja, wie von dem letzten Skandal der Stipani mit dem Grafen Worsky, wie von der Robe, die Sie gestern auf dem Balle der Prinzessin trugen.« »Ist das Ihre Ernsthaftigkeit? Jedenfalls ist sie amüsant.« » Merci. « »Wovon sprachen wir doch?« »Von der neuesten Mode.« »Das ist frivol.« Aber Xenia Alexandrowna lachte. Dabei wandte sie den Kopf, um Boris Alexeiwitsch ins Gesicht zu sehen; diese spöttische Laune stand ihm so gut. Je leichtfertiger er war, um so unwiderstehlicher fand sie ihn. So versuchte sie denn, die alberne Szene fortzuspielen. »Also sind Sie Nihilist aus Mode?« »Sollte ich es etwa aus Überzeugung sein?« »Zeigen Sie mir einen Nihilisten, aber einen echten.« »Mit Vergnügen, sogar ohne Entree. Aber Sie müssen Ihr Flakon gebrauchen.« »Warum?« »Weil der Mann aus Überzeugung nach Branntwein riecht.« »Sie könnten mich neugierig machen.« »Sie wissen doch, daß Nihilisten an nichts glauben?« »Das muß sehr bequem sein. Aber glauben sie wirklich an nichts?« »Die Männer an eure Reize.« »Und die Frauen an eure Treue.« »Gewiß nicht. Der Nihilismus erhebt den Wechsel zum Prinzip. Er ist sehr bequem.« » Mais c'est affreux. « »An eines, fällt mir ein, glauben auch die Nihilisten.« »Was ist das?« »An das Nichts.« »Ein unangenehmer Glaube.« »Wieso? An keine ewige Langeweile glauben zu müssen, ist Ihnen das unangenehm?« »Das ist zynisch.« »Das ist nihilistisch.« »So ist nihilistisch zynisch?« »Wohl möglich.« »Jetzt habe ich genug.« »Schon? Übrigens sind Sie zur Nihilistin verdorben.« »Weshalb?« »Weil Sie ästhetische Bedürfnisse haben. Das ist ganz gegen unsere Theorie.« »Muß denn eine Theorie immer gleich praktisch verwertet werden?« »Im Nihilismus entschieden. Was mich betrifft, so verkehre ich direkt mit dem Volk. Heißt das nicht ein Nihilist der Praxis sein?« »Sie werden dabei sicher praktisch verfahren.« »Das war boshaft.« »Es soll reizende Frauen unter den Nihilistinnen geben.« »Sie kennen uns.« »Monsieur – – « »Madame – – « Beide standen auf. »Nicht drei Sätze Französisch,« rief Boris triumphierend. »Was sind wir für Russen!« » Les vrais Slavophiles. « Ein Diener in altrussischer Tracht schlug die Portiere zurück und meldete mit leiser, singender Stimme: »Der Student Alexander Dimitritsch Russikow und die Bäuerin Wera Iwanowna Martjanow aus Eskowo bitten vorgelassen zu werden.« Anna Pawlowna hatte gerade das Buch aufgenommen und las so eifrig, daß der Diener seine Meldung wiederholen mußte. »Führe sie in das gelbe Zimmer,« erwiderte sie endlich und blätterte um. »Wer ist dieser Alexander Dimitritsch?« »Das müssen Sie meine Cousine fragen. Sie wird Ihnen antworten: Voilà, un homme.« »Vraiment?« meinte die Fürstin gedehnt und blickte nach Anna Pawlowna hinüber, welche, ohne eine Miene zu verziehen, nachlässig sagte: »Dieser Alexander Dimitritsch ist in der Tat – – « »Eine ehemalige Seele Anna Pawlownas,« fiel Boris Alexeiwitsch lachend ein. »In der Tat eine Seele, die ihr noch immer gehört, eine etwas plebejische Seele.« Anna Pawlowna runzelte die Stirn und fuhr, die Unterbrechung unbeachtet lassend, fort, wo sie aufgehört hatte. » – – Ist in der Tat einer von jenen jungen Leuten, welche das Unglück haben, eine große Leidenschaft zu fühlen und dabei keine Egoisten zu sein.« »Das heißt?« erkundigte sich die Fürstin, etwas unsicher, ob man sich nicht über sie lustig mache. »Das heißt,« demonstrierte Boris Alexeiwitsch mit einem zynischen Zucken seines schönen Mundes, »daß dieser Alexander Dimitritsch ein Nihilist ist.« »Ein Nihilist in deinem Hause! Aber du kompromittierst dich.« »Sie sollten sich den Mann ansehen,« riet Boris der Fürstin mit ungemeiner Höflichkeit. »Natürlich werde ich das!« »Er ist kein wildes Tier,« sagte Anna Pawlowna. Sie hatte den tiefen Ton in ihrer Stimme, den ihr Vetter so gern hörte; er liebte es, dem spröden Metall solche Funken zu entreißen. »Anna Pawlowna hält ihn für einen Mann,« warf er nachlässig hin. »Ah!« »Boris Alexeiwitsch beliebt es, anderer Ansichten zu fälschen,« erwiderte Anna Pawlowna, sich zur Fürstin wendend in ihrer kältesten Weise. »Dieser Student Sascha ist ein Gemüt voller Einfalt, Kindlichkeit und Uneigennützigkeit, eine Seele voller Glauben, Vertrauen und Hingebung, dabei – – « Sie suchte nach dem rechten Wort. Boris Alexeiwitsch fand es. »Voller Urkraft.« Er lächelte. »Ganz recht,« wiederholte sie langsam, ihn mit ihren Nixenaugen anblickend, »voller Urkraft.« Dann erhob sie sich. »Ich bin gleich wieder zurück.« »Beeile dich nicht, ma chère ! Wer aber ist diese Bäuerin Wera Iwanowna aus Eskowo?« »Ich kenne sie nicht,« murmelte Boris Alexeiwitsch, seinen Schnurrbart kräuselnd. Anna Pawlowna, die schon an der Tür stand, drehte sich nach ihm um. »Du kennst sie nicht?« »Es ist lange her, daß ich in Eskowo war.« »Du schlugst ihr damals mit der Reitpeitsche ins Gesicht. Hoffentlich trägt sie noch die Narbe davon.« »Die ist's? Sie war schon damals ein freches Ding, das gezüchtigt zu werden verdiente.« Anna Pawlowna zuckte die Achseln und entfernte sich. »Wissen Sie, Fürstin, wer diese Wera ist? Denn jetzt fällt es mir ein.« »Nun?« »Anna Pawlownas Halbschwester.« »Mon dieu! – – Was will sie in Moskau?« »Da fragen Sie mich zu viel.« Vierzehntes Kapitel. Langsam durch die Reihe von Gemächern schreitend, dachte Anna Pawlowna: Eigentlich haben jene beiden ganz recht, wenn sie eine schlechte Komödienszene daraus machen. Auch die russische Gesellschaft spielt in diesem Augenblick das Drama »Nihilismus«. Es kommt Blut und Mord darin vor, aber sie betrachtet das Stück trotzdem nur als Spiel. Die Epoche der französischen Sittenkomödie auf der Bühne wie im Leben naht ihrem Ende; selbst gegen das Ehebruchsdrama ist die Gesellschaft gleichgültig geworden. Deshalb werfen wir unsere Leidenschaften beizeiten auf ein anderes Gebiet, auf den Sozialismus. Da jedoch unsere ermatteten Nerven der Reizung bedürfen, so verschärfen wir den Sozialismus zum Nihilismus. Ich bin begierig, wie wir dieses neue Gebiet für uns ausbeuten, was für Resultate die Experimente, die wir mit dem Volke und mit uns selbst anstellen, ergeben werden. Wir wollen das Volk mit der Gesellschaft mischen, das heißt zwei der denkbar verschiedensten Stoffe vereinigen, die kein Atom miteinander gemein haben, die sich gegenseitig heftig abstoßen. Es muß eine Explosion geben. Eh bien, erwarten wir sie. Aber wird dieses Leben mehr für uns sein, als eine bloße Zerstreuung? Schlägt unser Herz dabei in Wahrheit lebhafter? Und wofür? Für das Volk? Das Volk! Wir stellen uns freilich an seine Seite, wir proklamieren uns allerdings als seinesgleichen und das Volk – nun und das Volk glaubt uns. Aber glauben wir uns selbst? Wir mit unserer Selbsterkenntnis, unserer Selbstanalyse? Oder sollte Boris recht haben, wenn er behauptet, daß es lediglich das Neue ist, das diese Gewalt über uns ausübt? Der Nihilismus als Mode, als Sport. Abscheulich! Ich will die Frage umkehren: Könnte die russische Gesellschaft aus innerster Überzeugung nihilistisch sein? Warum nicht? Sind wir doch zu der Überzeugung gekommen, daß wir nichts taugen. Dennoch wird nie und nimmer die Gesellschaft den Heroismus haben, sich gegen sich selbst zu empören. Infolgedessen können wir dem Volke gegenüber keine ehrlichen Mitspieler sein. Wir betrügen es und können uns nicht einmal damit entschuldigen, daß wir uns selbst betrügen. Und ich – Was ist es mit mir? Sie blieb stehen und preßte ihre Hand gegen die Stirne. »Und ich – was ist es mit mir?« wiederholte sie halblaut. Sie sah auf und erblickte in einem Spiegel ihre Gestalt in voller strahlender Schönheit. Ernsthaft spähte sie in ihr Gesicht, in ihre Augen, als könnten diese es ihr sagen. Aber ihre Augen blieben so unergründlich wie das Element, dessen Farbe sie trugen. »Ob das, was ich empfinde, wohl Sehnsucht ist?« sprach sie vor sich hin. »Aber Sehnsucht wonach? Nach einem vollen, reichen Leben, das ich nirgends finden kann? Überall habe ich danach gesucht, im Himmel und auf Erden; warum sollte ich da nicht einmal beim Volke suchen?« Sie versank in Gedanken. Dabei sah sie unverwandt ihr schönes Spiegelbild an. Endlich bemerkte sie, daß eine Locke sich gelöst hatte. Das brachte sie wieder zu sich selbst. Sie steckte das rebellische Haar auf und trat sodann in das »gelbe« Zimmer. Saschas Gesicht nahm bei dem nicht unfreundlichen, aber gemessenen Gruße seiner Herrin die Farbe seiner Hände an. Zugleich strahlte es in seinen Augen auf. Wera die Stirn küssend, meinte Anna Pawlowna: »Ich hätte dich nicht wiedererkannt. Sieh doch, was aus dir geworden ist. Nun, Gott sei dir gnädig. Du wirst in Moskau bleiben?« »Man hat mich gerufen. Alexander Dimitritsch holte mich.« »Du möchtest dich gern nützlich machen?« »Ich habe noch gar nichts getan.« Anna Pawlowna betrachtete sie forschend; dann sagte sie herablassend: »Setzt euch doch.« Sascha nahm augenblicklich Platz, Wera blieb stehen. »Warum brachten Sie Wera Iwanowna nicht gleich zu mir?« redete Anna Pawlowna Sascha an, »Sie wohnt natürlich bei mir.« »Ich danke Ihnen sehr, aber ich muß bei Tania Nikolajewna und den anderen bleiben,« erwiderte Wera an Saschas Stelle mit großer Entschiedenheit. Sascha rückte unruhig auf seinem Stuhle und warf seiner Freundin einen vorwurfsvollen Blick zu, der zu sagen schien: Wie kannst du es nur übers Herz bringen, nicht gleich mit tausend Freuden ihre Wünsche zu erfüllen? Sieh sie doch an, wie wunderschön sie ist! Und gar nicht beleidigt über deine Widerspenstigkeit. O Wera! Wera! Auch Saschas Augen konnten beredt sein. »Ich muß tun, was man mir aufträgt,« erwiderte Wera auf eine Frage Anna Pawlownas nach ihrer mutmaßlichen Tätigkeit mit einer Feierlichkeit, als handelte es sich um ihr Seelenheil. Wieder streifte die Prinzessin das Mädchen aus dem Volke mit einem Blick, der in ihr Inneres zu dringen schien. Plötzlich sagte Sascha sehr langsam und sehr laut: »Ja, das muß sie. Sie muß alles tun, was man ihr aufträgt. Das müssen wir alle.« »Traf Tania Nilolajewna auch bereits ein?« fragte Anna Pawlowna ablenkend, ihren Blick von Wera langsam zu Sascha hinüberwendend. »Was will sie in Moskau? Gleichfalls alles tun, was man ihr aufträgt?« »Sie kam mit uns nach Moskau, weil auch sie gerufen wurde, von – von Wladimir Wassilitsch, welcher – –« Wera stockte. Sie konnte Anna Pawlowna unmöglich sagen, was sie Natalia Arkadiewna gesagt hatte. Also schwieg sie mitten im Satze. Eine Erklärung fordernd, sah Anna Pawlowna Sascha an, welcher, durch ihren Blick verwirrt, stammelte: »Nun ja, so ist es! Was hilft's? Wladimir Wassilitsch will es nun einmal nicht anders. Er spuckt auf die Kirche und den Popen. Es ist schlimm für Tania; aber wer kann's ändern? Sie liebt ihn nun einmal und wir werden sie auch so achten und ehren. Wera Iwanowna verläßt sie nicht.« »Fangt ihr so an?« meinte Anna Pawlowna mit einem eigentümlichen Blick. Sascha, in tödlicher Verlegenheit, sprach aufgeregt weiter: »Wladimir Wassilitsch will sie für die Sache beschäftigen – Wera Iwanowna nämlich. Er hofft, daß sie der Sache sehr nützlich sein werde. Das wird sie auch. Sie meint es sehr ernst damit, ganz heilig ernst. Sehen Sie sie doch an, Anna Pawlowna, und sagen Sie ihr, daß sie nicht mutlos werden soll. Ihnen glaubt sie.« »Mir glaubt sie?« »Ja, ja, ja!« »Glauben auch Sie mir?« »Ach, Anna Pawlowna –« »Glaubt mir auch Wladimir Wassilitsch?« »Ich bitte Sie, wollten Sie doch begreifen – Sie sollten wirklich – denn sonst –« stotterte der arme Sascha. »Wladimir Wassilitsch mißtraut mir, er und alle anderen.« »Es ist sehr unrecht von ihnen, sehr, sehr unrecht,« rief Sascha und sprang auf. »Ich will sie zur Rechenschaft ziehen, sie sollen Ihnen Abbitte tun. Es ist ein Verbrechen. Das ist es!« »Alexander Dimitritsch, sagen Sie mir, womit kann ich euch beweisen, daß ich es mit euch aufrichtig meine?« »Es ist ein Verbrechen,« wiederholte Sascha leidenschaftlich. »Was könnten Sie wohl noch mehr tun? Es ist unmöglich! Jeder Mensch muß das begreifen.« »Schicken Sie Wladimir Wassilitsch zu mir; noch heute. Ich will selbst mit ihm reden.« »Das wird das Beste sein, dann ist alles gut; er wird Ihnen Abbitte tun.« Wera plötzlich mit Sie anredend, verabschiedete die Prinzessin die beiden. »Ich hoffe, Sie zuweilen bei mir zu sehen. Sie sind zwar vollständig frei und Ihre eigene Herrin, aber ich hoffe es dennoch. Vielleicht kann ich Ihnen bei Ihren Unternehmungen behilflich sein. Nur muß ich zuerst klar wissen, um was es sich handelt. Bis jetzt ist alles Wirrwarr. Wladimir Wassilitsch räsoniert, aber er handelt nicht. Solange man mich im Dunkeln läßt –« »Das ist es ja eben,« schnitt Sascha heftig atmend ihr das Wort ab. »Man läßt Sie im Dunkeln, man verständigt sich mit Ihnen über gar nichts, man fordert nur von Ihnen, fordert und fordert und mißtraut Ihnen, wenn Sie nicht gleich geben und geben. Was ist das für eine Sache, die so im Dunkel bleibt, die sich nicht hervorwagt, die immer spioniert und räsoniert und ihre Wohltäterin anklagt? Es ist sehr schmerzlich.« Er seufzte und sah tief unglücklich aus. »Sie sind ein guter Mensch,« sagte Anna Pawlowna ernst und entließ ihn. In einem wahren Rausch von Glück entfernte sich Sascha mit Wera. »Was habe ich dir gesagt? Sie ist ein gewaltiges Weib, ein herrliches Weib! Und wie sie das Volk liebt, wie sie sich der Sache hingibt. Es ist gar nicht zu glauben.« Wera schwieg. Sascha blickte sich scheu um und flüsterte: »Du weißt doch, daß sie mit ihrem Manne sehr unglücklich lebt? Alle Welt weiß es. Sage, kannst du das begreifen? Eine solche Frau! Überhaupt ist es sehr, sehr traurig, daß so etwas vorkommt. Es muß ein schönes Brüderchen sein, dieser Prinz Peter Petrowitsch, ein ganz abscheuliches Väterchen! Jetzt ist er wieder in Petersburg. Was er da wohl zu tun hat? Nun, alle Welt weiß es; aber es ist nicht zu glauben. Eine solche Frau wie Anna Pawlowna zu hintergehen! Wer kann das begreifen? Es heißt, daß die Ehe etwas Frommes und Heiliges sei, und dann leben sie so – die Männer natürlich. Welche Verworfenheit! Davon macht man sich gar keine Vorstellung.« Er ist wirklich ein guter Mensch, dachte Wera, und verehrt Anna Pawlowna aus reinem Herzen. Aber was für eine Welt ist das! Gott sei mir gnädig! Fünfzehntes Kapitel. In einem der Vorzimmer stießen die beiden auf Boris Alexeiwitsch. »Sieh doch, Freund Sascha!« rief er in der ihm eigenen liebenswürdig-nachlässigen Weise, mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme. »Wie geht es Ihnen? Was machen die Studien? Sie wollen sich schon wieder entfernen? Das ist unrecht. Anna Pawlowna hat Sie so gern. – – Ist das Ihre Schwester?« Er sah Wera flüchtig an. Diese stand da, wie damals, als sie von ihm den Schlag empfangen. »Das ist ja Wera Iwanowna!« »Welche Wera Iwanowna, wenn ich fragen darf?« »Wera Iwanowna aus Eskowo,« stammelte Sascha vollständig fassungslos, daß Boris Alexeiwitsch, auf dessen Vorschlag hin man Wera hatte kommen lassen, diese gar nicht mehr zu kennen schien. »O wirklich! Wera Iwanowna aus Eskowo. Welches merkwürdige Zusammentreffen!« rief Boris Alexeiwitsch und lächelte in einer sonderbaren Art. »In der Tat; Wera Iwanowna aus Eskowo. Welche Überraschung! Nun, wir kennen uns.« Diese Worte waren direkt an Wera gerichtet, welche, statt aller Antwort, zu Sascha sagte: »Wir müssen gehen.« »Ich werde Sie begleiten.« »Ich muß zu Natalia Arkadiewna; Sascha, gehe du mit dem Herrn.« »Natalia Arkadiewna läßt Ihnen sagen, daß sie ausgegangen sei. Sie wüßten, wohin,« meldete ein Diener in schnarrendem Tone. »Also kommen Sie!« rief Boris Alexeiwitsch fröhlich. »Sie begeben sich gewiß zu Wladimir Wassilitsch.« »Ja. Wir wollen in die Nowaja-Andronowka-Vorstadt.« »Nichtswürdige Gegend! Was treibt dieser schöne Fanatiker? Ein Prachtexemplar von einem Gesinnungsgenossen!« Und er lächelte wieder. Dann meinte er nachlässig: »Ich will ihn bald aufsuchen. Er interessiert mich. – – Nicht dort, meine Herrschaften. Dort ist der Ausgang für das Gesinde. Wera Iwanowna, so kommen Sie doch.« Er wußte sehr wohl, daß sie schwankte, ob sie nicht, trotz seiner Aufforderung, die andere Treppe hinuntersteigen sollte; und er triumphierte, als sie, obgleich mit gerunzelter Stirn und zusammengezogenen Brauen, ihm folgte. Er geriet in die beste Stimmung und lachte innerlich über das verstörte Aussehen Saschas, dessen Gesicht ganz deutlich sagte: Boris Alexeiwitsch, Brüderchen, du bist doch eigentlich ein widerwärtiger Patron. Lebhaft plaudernd stieg er neben ihnen unter Palmen und blühenden Rhododendren die Marmortreppe hinunter, auf welcher Wera ihn in der Frühe an der Seite der Fürstin gesehen hatte. Im Vestibül grüßte der Portier nur Boris Alexeiwitsch. Dieser stellte sich vor den Mann hin und schrie ihn an: »Du Hund von einem Wortschik; siehst du nicht, daß sich in meiner Gesellschaft eine Dame befindet?« Hätte er eine Reitgerte bei sich gehabt, so würde das Gesicht des Menschen sie sicher zu fühlen bekommen haben. Wera zuckte zusammen, als ob es geschehen und sie selbst getroffen worden wäre. Boris Alexeiwitsch ging neben Sascha, zu dem er eifrig sprach. Von Alexander Herzen, der bald ein überwundener Standpunkt sein werde; von John Mill, den er einen Schwärmer und von Moleschott, den er einen Salon-Atheisten nannte. Er schwatzte von Poesie und Kunst, welche die Nihilisten verneinten, was ihnen bei Puschkin und Raffael etwas schwer gelingen würde. Apropos: Puschkin! Sein »Onegin« sollte in jedem russischen Bürgerhause zu finden sein, ebenso wie in Deutschland in jedem Bauernhause der »Faust« und in England Byrons »Don Juan«. Boris erklärte, daß die moderne Literatur »gar nichts« wert sei und daß Turgenjew in lächerlicher Weise überschätzt werde; allerdings nur im Auslande. Dostojewsky sei viel großartiger, aber in Deutschland und Frankreich kenne man ihn nicht. Was das für ein geschmackloses Volk sei, diese Deutschen! Kneipen und Renommieren sind ihre besten Tugenden. Und die langweiligen deutschen Frauen. Scheinbar tugendhaft, während sie doch im Grunde ihrer Seelen frivol wären wie eine Französin auf dem bal mabil . Er kenne welche von Baden-Baden und Ischl. Freilich die Wienerinnen – – So ging es fort. Sascha verstand wenig von dem eleganten Geschwätz und Wera gar nichts. Trotzdem mußte sie immer dabei denken: Gott sei mir gnädig! Welche Welt! Welche Welt! Und sich Zwang antun, es Boris Alexeiwitsch nicht ins Gesicht zu sagen, was diesen wahrscheinlich höchlichst amüsiert hätte. Auf dem Taganskaja-Platz blieb Boris Alexeiwitsch stehen; ihm fiel plötzlich ein, daß er für den Abend eine Einladung angenommen hatte. Wie lästig! Wann sollte die nächste Versammlung sein? Er würde seine Freunde in jedem Falle noch früher in ihrem Hause aufsuchen und für Wera den »Onegin« mitbringen. Sie wollten das Gedicht zusammen lesen, das würde reizend werden. Er pfiff einer Droschke und befahl dem Kutscher, nach der Eremitage am Neglinny-Projesd zu fahren. Unterwegs dachte er sich mit allem Behagen das Menü aus: Austern, potage à la reine; filets de sole frîte; pain de volaille au suprème; selle de chevreuil rôtie à la romaine; Artischocken; moscovite aux framboises . Vielleicht zog »Franzi« ein soufflet à la Schmankerle vor. Also ein leidlich verbrachter Abend! Nach dem Souper vielleicht ein kurzer Besuch in der »Alhambra«, Franzi walzte superb. Und Wera Iwanowna – – Das war ein merkwürdiges Geschöpf. Sie hatte sich ganz so entwickelt, wie er es sich vorgestellt. Was für ein brillanter Einfall von ihm, sie nach Moskau zu bringen. Es würde eine »Hetz« geben, wie Franzi in ihrem allerliebsten Wienerisch es nannte. Sie fing an etwas langweilig zu werden, die gute Franzi, mit ihrem ewigen Wienerisch und ihren ewigen Mehlspeisen. Aber – sie walzte superb! Ob die Bäuerin und Nihilistin Wera Iwanowna Martjanow aus Eskowo auch superb walzen konnte – Die Vorstellung: Wera Iwanowna in dekolletierter Ballrobe auf einem Fest in der Alhambra walzen zu sehen, hatte etwas so unwiderstehlich Komisches für ihn, daß er laut auflachte. Dann gähnte er. Was für ein lächerlicher Mensch, dieser Sascha! Und Anna Pawlowna konnte sich ernstlich für einen solchen Flegel interessieren? Ein Weib – für Boris Alexeiwitsch gab es nur Weiber – war niemals auszukennen; selbst nicht von ihm, der doch ein Kenner war. Er phantasierte sich in eine angenehme Aufregung hinein. Es gab wirklich noch Neues in dieser alten, alten Welt! Die nächste Nihilistenversammlung wollte er jedenfalls besuchen, um sich die Sache wieder einmal anzusehen. Mit welchem ernsthaften Gesicht Wera Iwanowna dasitzen wird. Wenn es dabei nur nicht nach Fusel und Kommunismus röche! Ob sie wirklich Ernst machten? Pah, es war doch alles Geschwätz und Unsinn. Da hielt der Wagen, Boris Alexeiwitsch stieg aus und wurde von einem jungen Tataren ehrfurchtsvoll in das Lokal geführt. »Separates Zimmer!« Sechzehntes Kapitel. Schweigend legten Wera und Sascha den Weg nach der Nowaja-Andronowka-Vorstadt zurück. Sie vermieden sich anzusehen; es war, als schämten sie sich voreinander. Zu Hause fanden sie im Arbeitszimmer nur Colja vor; er hatte vom Mittagbrot Tschi mit Grütze für sie aufgehoben, welches Gericht er ihnen gewärmt auftrug: Tania Nikolajewna, das Täubchen, habe es selbst bereitet. Auf Weras Frage, wo sie sei? deutete er auf die Kammer: »'s ist eine bei ihr. Sie sitzen und küssen sich und weinen zusammen.« Wladimir Wassilitsch kam aus der Druckerei, wo er hart gearbeitet zu haben schien; wenigstens sah er erschöpft aus. Er fragte sogleich nach der Aufnahme, die Wera bei Anna Pawlowna gefunden, was diese gesagt und welchen Eindruck sie auf Wera gemacht hätte. Weras lakonische Antworten schienen ihn sichtlich zu befriedigen; Saschas Einwürfe beachtete er gar nicht. Als sie erwähnte, daß Anna Pawlowna sie aufgefordert habe, bei ihr zu wohnen, äußerte er lebhafte Freude. »Das trifft sich prächtig.« »Ich sagte Anna Pawlowna, daß ich bei Tania bleiben müsse.« »Welcher Unsinn! Tania Nikolajewna bedarf deiner nicht!« »Aber – –« »Du gehst gleich morgen zu Anna Pawlowna und sagst ihr: Du habest es dir anders überlegt. Doch sie wollte mich ja wohl heute noch sehen? So werde ich es ihr selbst sagen. Ich werde ihr sagen, daß du ihr sehr dankbar wärest und daß du morgen kommen würdest.« »Wenn du es mir aufträgst – –« »Natürlich trage ich es dir auf. Das hättest du dir sofort denken können. Was für einen schwachen Verstand ihr Frauenzimmer habt. Als ob sich nicht gleich übersehen ließe, welche Tragweite es für die Sache haben kann, wenn einer der Unseren in Anna Pawlownas Hause lebt.« »Natalia Arkadiewna lebt dort.« »Natalia Arkadiewna ist ein krankes Geschöpf, das jeden Tag sterben kann. Überdies bleibt sie immer eine von jenen und wird sie schwerlich an uns verraten. Du wirst das tun.« »Was werde ich tun?« Statt ihr zu antworten, fuhr Wladimir Sascha an: »He, Sascha! Steh nicht da und starr in die Luft. Geh in die Druckerei, du wirst dort Arbeit finden. Aber beeile dich und nimm Colja mit. Der Taugenichts ist stets müßig.« So trieb er die beiden hinaus. »Was werde ich tun?« fragte Wera, als sie mit Wladimir allein war, noch einmal. »Aufpassen wirst du, bewachen, belauern wirst du sie, alle ihre Geheimnisse ausspähen. Dir werden sie trauen. Ich traue keinem von ihnen, denn alle spielen sie mit uns. Dafür wollen wir sie in den Händen halten, so fest, daß wir nur zuzudrücken brauchen und wir erwürgen sie. Ich werde dir für jeden Tag bestimmte Aufgaben erteilen, die du jeden Tag erfüllen wirst. Du hast mir an jedem Tag Rechenschaft abzulegen. Ich muß wissen, an wen Anna Pawlowna schreibt und von wem sie Briefe empfängt; ob sie einen Liebhaber hat, oder ob sie einen haben möchte. Und wen? Ich muß erfahren, mit wem ihr Mann in Petersburg in Verbindung steht, ob er viel bei Hofe verkehrt und wie man im Staatsrat über uns denkt. Das und noch mehr wünsche ich durch dich kennen zu lernen. Ich sehe, daß du mich begriffen hast.« Sie hatte ihn begriffen, und sie sagte es ihm mit funkelnden Augen, mit bebenden Lippen: »Ich soll eine Schändlichkeit begehen?« »Wie nennst du es?« »Eine Schändlichkeit! Oder ist es etwas anderes?« »Bist du nach Moskau gekommen, um mir Moral zu predigen?« »Ich bin nach Moskau gekommen um Gutes zu tun?« »Wer für die Befreiung des Volkes wirken will, darf die Mittel nicht scheuen. Wir brauchen nicht deine schönen Worte, sondern deine Taten. Wenn du uns nicht gehorsam sein willst, wenn du Furcht empfindest oder Gewissensbisse hast, so kehre gleich morgen wieder zurück, woher du gekommen bist. Wir haben uns dann in dir getäuscht und du gehörst nicht zu uns.« Er sah die Wirkung seiner Worte und daß diese Drohung ihm Macht über sie gab. Sollte doch alles, was er von ihr zu tun verlangte, für das Volk geschehen! Ein Verbrechen war es, sich auch nur mit einem Gedanken gegen eine Sache, die für das Volk geschah, aufzulehnen, eine Sünde, auch nur mit einem Gedanken an der Gerechtigkeit dieser Sache zu zweifeln. Sie war ganz zerknirscht, ganz unglücklich über sich selbst. »Willst du morgen zu Anna Pawlowna gehen oder nicht?« »Ich will.« »Du wirst dort täglich mit Boris Alexeiwitsch zusammentreffen. Das ist gerade, was ich wünsche. Es wird von dir abhängen, wie weit du dem Volke dienen willst.« Doch das begriff sie nicht. Nun, sie würde es früher oder später begreifen. Dafür würde Boris Alexeiwitsch Sorge tragen. Für heute hatte er genug erreicht, weiter durfte er für's erste nicht gehen. Schade, daß Sascha ein solcher Bär war. Wie dumm und schädlich zuweilen die Tugend sein konnte. Pah, Tugend – – Da vernahm er in der Kammer Tanias süße Stimme. Unwillkürlich lauschte er darauf. »Wer ist bei ihr?« »Natalia Arkadiewna.« Es war Wera, als ob Wladimir errötete, doch wandte er sich sogleich ab, um seine Mütze zu suchen. »Diese Weiber!« hörte sie ihn murmeln. Er ging indessen nicht, sondern näherte sich wie zufällig der Kammertür, lauschte, vernahm aber nichts. Die Stille nebenan regte ihn auf. Ohne anzuklopfen, öffnete er die Tür mit einem heftigen Ruck. Die beiden Mädchen saßen eng aneinander geschmiegt auf dem Bette; selbst Wladimir machte der Kontrast zwischen ihnen betroffen. Die eine blühend, holdselig, ein Bild des lieblichsten Lebens, die andere einer Sterbenden gleich. Und von beiden wurde er so leidenschaftlich geliebt, daß er über die Seele einer jeden verfügen konnte, als wäre er der Gott, der sie geschaffen. Diese beiden Frauen so innig verbunden zu sehen, erweckte in ihm ein unangenehmes, peinigendes Gefühl; ihre Liebe belästigte ihn. Bei seinem Eintritt fuhr Tania erschrocken auf, als fürchtete sie sich, gescholten zu werden. Natalia Arkadiewna erhob sich mühsam und sagte mit einem matten Lächeln: »Tania Nikolajewna und ich sind Freundinnen geworden, wir werden uns häufig besuchen und treu zusammenhalten. Was für eine schöne Lebensaufgabe haben Sie, Wladimir Wassilitsch, das russische Volk befreien zu helfen und dieses süße Geschöpf glücklich zu machen.« Wladimir warf ihr einen düstern Blick zu und erwiderte: »Das klingt alles sehr schön; aber Sie wissen, daß ich die schönen Redensarten nicht leiden kann. Wir machen alle viel zu viel Worte und versäumen darüber das Notwendige. Anstatt hier zu sitzen und in Empfindungen zu schwelgen, sollten Sie unter das Volk gehen und Propaganda machen. Gefühle allein führen zu nichts. Solange wir diese nicht los geworden sind, solange werden wir zu nichts Großem fähig sein. Doch das wollt ihr Frauenzimmer niemals begreifen. Natalia Arkadiewna küßte Tania und raunte ihr zu: »Er schilt unsere Liebe und liebt doch selbst; er liebt dich und möchte es gern vor sich selber verleugnen. Bete du, daß Gott, an den du glaubst, ihn nicht strafe an dieser seiner Liebe zu dir.« Und zu Wladimir gewendet, sagte sie: »Sie haben ganz recht, wir alle könnten viel mehr tun, jeder in seiner Weise. Aber unsere Zeit wird kommen. Wo ist Wera Iwanowna? Sie wollte mich begleiten.« Wera stand schon mit ihrem Tuche bereit. Es war ein regnerischer Abend geworden, dunkle Wolken zogen auf. Der Wind erhob sich. Siebzehntes Kapitel. Der Wind jagte die Wolken, daß es über Moskau hinfuhr, als würden von dem wilden Element große Stücke aus dem grauen Himmel herabgerissen. Wladimir Wassilitsch freute sich des Aufruhrs in den Lüften. Er fühlte seine Seele in Übereinstimmung mit der Natur, nur daß er der in ihm brausenden Gewalt Fesseln anlegen mußte. Aber auch seine Sturmnacht würde kommen; dann wehe den Lebendigen! Dann Tod für Tod! Er überlegte. Auf solchen nächtlichen Wanderungen, wo sein Auge und seine Gedanken nicht durch äußere Gegenstände zerstreut und abgelenkt wurden, stellten sich ihm alle Dinge und Verhältnisse weit klarer und deutlicher dar. Alle seine wichtigen Entschlüsse wurden in der Nacht geboren. Ward es dann Tag, so entsetzte er sich oft selber vor den finsteren Geburten seines Hasses, über die er dann so lange brütete und grübelte, bis er sich überzeugt hatte, daß er dazu berechtigt wäre. Dieser reichbegabte Mensch war zum extremen Schwärmer geboren, leidenschaftlichste Parteinahme für die einmal von ihm erwählte Sache für ihn eine innere Notwendigkeit, Fanatiker zu sein der ihm natürlichste Zustand. Die Natur selbst, die ihn mit solchen verhängnisvollen Gaben ausgestattet, hatte ihn zu jedem anderen Lebensberuf untauglich gemacht. Freie Selbstbestimmung ist bei derartigen Charakteren ausgeschlossen: sie mögen wollen oder nicht, sie müssen erfüllen, wozu sie geschaffen worden. Ihre Entwicklung, die sich durch keine äußerlichen Zufälligkeiten von ihrer Bahn ablenken läßt, führt sie mit unerbittlicher Konsequenz früher oder später zu dem einen Punkt hin, der ihnen sicher das Verderben bringt. Versucht dieser oder jener von solchen Märtyrern der Phantasie sich mit Aufwendung aller seiner Kraft gegen die tyrannische Gewalt in seinem Innern aufzulehnen, so werden in dem Streite gegen sich selbst von zwölfen zehn zugrunde gehen. Es sind tragische Existenzen. Zum Fanatiker ward Wladimir Wassilitsch geboren, zum Nihilisten schuf ihn der Zufall und daß er Russe war, Russe in einer solchen Zeit, unter solchen politischen und sozialen Verhältnissen. Unter günstigeren Umständen hätte sich dieser Geist ebensogut zum Fanatiker für die höchsten und edelsten Güter der Menschheit entwickeln können. Er nannte sich selbst mit Nachdruck Terrorist. Denn der Nihilismus bedeutete für ihn den menschlichen Egoismus in anarchistischer Form. Der Nihilist – so reflektierte er – denkt an sich, der Terrorist nur an andere. Der Nihilist begehrt das eigene Wohlergehen, der Terrorist bezweckt das Glück von Tausenden, das Wohlergehen eines ganzen Volkes. Zur Erreichung dieses idealen Zweckes darf er kein Mittel scheuen, selbst nicht das blutigste. Schwer hatte er gekämpft, bis er zu diesem Äußersten gelangte. Aber er hatte das Unglück, zu einer Zeit verfolgt, eingekerkert und mißhandelt zu werden, da er noch nichts begangen hatte, als daß er die Handlungsweise der Regierung als eine schreiende Ungerechtigkeit empfunden. Er kam aus dem Kerker mit ersticktem Herzen. Er vermochte nicht mehr zu lieben, nur noch zu hassen; er wollte jetzt nicht allein helfen, er wollte auch rächen. Zuerst packte ihn Grausen vor seinem Haß und seinem Rachedurst, aber diese waren stärker als alle anderen Empfindungen in ihm, und als er erst von der Berechtigung seiner Empfindungen überzeugt war, gab es für ihn kein Schwanken länger: er war bereit, Verbrechen zu begehen, bereit, selbst den Mord nicht zu scheuen. Wladimir war bei dem Palast des Prinzen Petrowsy angelangt; bevor er jedoch eintrat, unterzog er die Umgebung desselben einer genauen Besichtigung: vielleicht, daß eine solche Kenntnis der »Sache« gelegentlich nützen konnte. Dem Palast gegenüber lag eine Sektiererkirche mit einem Kloster. Die Kirche war baufällig geworden und wurde gerade restauriert, das Kloster war in eine Besserungsanstalt für sittlich verwahrloste Mädchen verwandelt. Anna Pawlowna war eine der Protektorinnen dieses Instituts. Darin durch ihre mächtige Fürsprache eine Wärterin oder Aufseherin unterzubringen, mußte leicht sein; und man kam auf solche Weise zu einem Posten, den im Interesse der »Sache« auszubeuten nicht schwer fallen würde. Denn, wenn sein Argwohn sich bewahrheiten sollte, wenn Anna Pawlowna keine ehrliche Mitspielerin, wenn sie eine Verräterin war – – Bei ihrer sozialen Stellung, bei den Verbindungen, die der Prinz, ihr Gemahl, in Petersburg hatte, lag die Möglichkeit nahe, daß gelegentlich einer Durchreise des Zaren – – Und Wladimir maß mit den Augen die Entfernung zwischen dem Kloster und dem Palast. Die Straßenbreite betrug nicht mehr als zehn, der Abstand zwischen dem Refektorium des etwas zurückliegenden Klosters und dem Speisesaal des Palastes höchstens zwanzig Meter. Aus den höchsten Fenstern der Anstalt mußte man den Saal übersehen können. Zur Ausführung des Planes würde man eines kräftigen Mannes bedürfen, der imstande war, eine schwere, anhaltende Arbeit zu verrichten. Ihn in der Anstalt unterzubringen, gab es keine Möglichkeit. Vielleicht bei der Restauration der Kirche, Wladimir glaubte gehört zu haben, daß es dabei an Maurern fehlte. Der Plan kristallisierte sich. Achtzehntes Kapitel. Die Prinzessin empfing den Nihilisten in ihrem Kabinett. Nur die pompejanische Lampe in der Hand des Bronzeknaben brannte und beleuchtete die vornehme Frau, ihr blasses Gesicht, ihr glänzendes Haar, die Falten ihres silbergrauen Atlaskleides. Undeutlich funkelte das goldene Gitter, schimmerten die bunten Blumen durch die Schatten. Geheimnisvolle Dämmerung füllte die Kuppel. Die hüllenlose Gestalt der Liebesgöttin schwebte wie ein abgeschiedener Geist zwischen Licht und Finsternis. »Ich ließ Sie auffordern zu mir zu kommen, weil ich mich mit Ihnen zu verständigen wünsche. Sie mißtrauen mir.« »Nicht Ihnen allein.« »Sprechen wir von mir.« »Nun denn: ja, ich mißtraue Ihnen.« Anna Pawlowna hatte ihm keinen Sitz angeboten, ohne eine Aufforderung abzuwarten, setzte sich Wladimir. Aber so frei und ungezwungen er sich auch benahm, entging es der Prinzessin nicht, daß ihre Erscheinung und die Umgebung, in der er sie sah, auf den jungen, blutgierigen Anarchisten einen Eindruck machte. »Sprechen wir von mir,« wiederholte sie in ihrer gelassenen, gleichgültigen Weise. »Nur von mir, und lassen wir die Allgemeinheit. Ich gehöre nicht dazu. Sollte Ihnen das entgangen sein?« Sie lächelte. Geradezu verächtlich, dachte Wladimir, und fühlte, daß er erregt wurde. Sie verachtet uns und spielt mit uns. Er sagte ihr, was er dachte: »Sie spielen mit uns.« »Weshalb täte ich das?« »Das eben sollen Sie mir sagen. Ich bin gekommen, um von Ihnen zu erfahren, woran wir mit Ihnen sind.« »Und ich frage Sie noch einmal: Aus welchem Grunde sollte ich wohl mit Ihnen spielen? Es wäre ein zu kostbares Spiel, ein Spiel, das nicht allein ziemliche Summen verschlingt, das mir auch manches Unangenehme zumutet, zum Beispiel Ihren Besuch.« Sie sprach das so kühl und gleichmütig, als rede sie zu einem Kaufmann, dessen Waren ihr zu teuer erschienen. Wladimir fühlte sich dieser Weise und dieser Haltung gegenüber machtlos. Sie sollte in einem anderen Tone zu ihm sprechen; sie sollte aus ihrer stolzen Ruhe herauskommen. »Sie kokettieren mit uns!« stieß er hervor. »Mit Ihnen?« Wladimir verfärbte sich. »Mit dem Volke.« »Das Sie repräsentieren? Ich versichere Sie, Wladimir Wassilitsch, daß ich beim besten Willen nichts an dem Volke zu entdecken vermag, das mich veranlassen könnte, mit ihm zu kokettieren – wie Sie zu sagen belieben. Es hat grobe Hände und riecht nach Branntwein.« »Prinzessin!« »Wollen Sie nicht Platz nehmen,« warf sie nachlässig hin, vollständig ignorierend, daß er sich bereits gesetzt hatte. Sie selbst stand immer noch. Das war zu viel. Er sprang auf und stellte sich vor sie hin. »Ich habe es gewußt: Sie verachten das Volk.« »Das einzelne Individuum kann mir zuweilen unangenehm werden. Die Art und Weise des einzelnen einer Dame gegenüber nötigt mich zu dieser Auffassung.« »Sie sind offenherzig.« »Vorhin machten Sie mir das Gegenteil zum Vorwurf.« »Wenn ich nur wüßte, was Sie bei Ihren Gesinnungen für uns mit uns wollen!« sagte Wladimir und holte tief Atem. »Ich hege die besten Gesinnungen.« »Beweisen Sie das!« »Von Herzen gern.« Jetzt nahm sie Platz, sich dabei bequem in die Kissen zurücklehnend. Dadurch ward ihr Gesicht beschattet. »Von Herzen gern,« wiederholte sie freundlich. Wladimir war nahe daran, seine Fassung zu verlieren: diese Frau verwirrte und quälte ihn. »Ich habe Ihnen gesagt,« begann er nach einer Pause, während der sie ihn gelassen betrachtete, »Anna Pawlowna, ich habe Ihnen gesagt, daß ich Sie nicht verstehe, weder Sie noch die anderen Adligen, die jetzt zum Volk gehören wollen. Ihr helft uns – womit? Mit sehr wenig Geld und sehr vielen Worten. Wir verlangen indessen mehr von den Unseren, als ein paar Hände voll Rubel und einen großen Haufen von Redensarten. Vor allem verlangen wir von euch, uns die Überzeugung beizubringen, daß ihr es redlich mit uns meint. Diesen Beweis seid ihr uns bis jetzt schuldig geblieben. Warum ihr euch überhaupt den Anschein gebt, als sei es euch Ernst mit der Sache, warum ihr überhaupt so viele Worte und Versicherungen an uns verschwendet – das eben ist es, was ich nicht verstehe. Was bezweckt ihr damit? Ist das Volk doch nicht zu euch gekommen, sondern ihr zum Volk. Ihr habt dem Volk eure Hilfe angeboten – aufgedrungen. Denn das Volk ist stark, das Volk kann sich selbst helfen. Ihr hängt mit allen Fasern an der Institution der Aristokratie und nur im geheimen möchtet ihr es mit der Demokratie halten. Wer aber nicht ganz und ohne Rückhalt für uns ist, der ist wider uns, und deshalb frage ich Sie: Welches ist Ihre Absicht, was bezwecken Sie mit uns? Denn zur Salondekoration sind wir doch unmöglich zu verwenden.« Sie antwortete nicht gleich, sie sah ihn immer noch an, als ob sie ihn durch die Lorgnette betrachtete. Dann meinte sie nachlässig: »Sagen Sie mir, Wladimir Wassilitsch, was wir tun sollen, machen Sie mir Ihre Vorschläge. Was wollt ihr, was fordert ihr? Sollen wir Bäuerinnen werden und unsere Männer Bauern? Wollt ihr, daß der Gutsbesitzer unter seine Leute, die er eben erst frei gemacht hat, sein ganzes Hab und Gut verteile? Daß wir mit euch ausziehen, die Kirchen stürmen und Barrikaden bauen? Daß wir euch helfen, Priester und Beamte zu ermorden, den Zaren vom Thron zu stoßen und das Volk darauf zu setzen? Ist es das, was ihr von uns fordert?« Wladimir heftete seine Augen auf die Prinzessin; statt jeder Antwort sagte er: »Ich verstehe: Ihr fürchtet euch, mit uns in zu enge Beziehung zu treten, ihr haltet es für gefährlich. Ich sage Ihnen aber: Es ist gefährlich für uns ! Der Moschusduft, der von der Gesellschaft ausgeht, wirkt giftiger als der Blutgeruch des Terrorismus. Ich könnte Ihnen mehr als einen nennen, der von dem Parfüm betäubt wurde. Hütet euch! Ihr glaubt uns zu kennen und dadurch Macht über uns zu haben. Auch gebe ich zu, daß ihr uns mit Meisterschaft behandelt; jeden nach seinem Charakter. Und diesen Charakter meint ihr studiert zu haben. Er ist kindlich, leicht erregbar, vertrauensvoll, hingebend, treu. Noch einmal: Hütet euch! Ihr kennt nur die eine Seite unseres Wesens, die weich ist wie ein russischer Frühlingstag. Aber es kann schnell wechseln. Denken Sie an die sonnenverbrannte, sommerliche Steppe, an den Herbststurm, an die Schrecken des russischen Winters. Wir können fürchterlich sein. Wenn ihr euer Spiel mit uns treibt, könnte es leicht für euch enden, wie es einst für die Spieler der römischen Arena endete: tot lagen sie da, von wilden Tieren zerrissen. Leicht könnte das russische Volk zur reißenden Bestie werden. Ihr selbst hättet sie dann auf euch gehetzt.« Er spähte in ihre Augen, um darin die Furcht aufbeben zu sehen. Aber Anna Pawlowna zuckte nicht mit der Wimper, veränderte keine Miene. Auch sie sah ihn an, so vornehm-gleichgültig, als sei die Rede von einem neuen Ballett gewesen, das sie gelangweilt hatte. Er mochte wollen oder nicht, in diesem Augenblick mußte er sie bewundern. Sie ist wirklich anders als die anderen Frauen, dachte er. Mit einer solchen Frau ließe sich viel ausrichten. Ein leidenschaftlicher Wunsch bemächtigte sich seiner. Wenn ich sie für uns gewänne, wenn ich sie an uns fesselte, mit Banden, die einen Rücktritt für sie unmöglich machten. Und dann mit ihr zusammen operieren gegen ihresgleichen! Sie würde nicht mit der Wimper zucken, keine Miene in ihrem marmorkalten schönen Gesicht würde sich verändern, wenn sie herabblicken würde auf die blutige Arena Rußlands, auf die zerstückten Glieder der russischen Gesellschaft – Der Terrorist erbebte. Aber durch welches Mittel sie so unzerreißbar an die Sache des Volkes ketten? Durch Sascha. Er sah sie vor sich, die grobe, bäurische Gestalt, mit dem unschuldigen Kindergesicht, den blühenden Lippen, dem schwermütigen Blick. Er sah die roten Hände in dem fahlen Haar wühlen. Und er sah sie, mit dem flammenden Gelock, den grünen Nixenaugen, mit dem Munde, den ein Gott – – Was geschah ihm?! Ihm, der nie ein Weib daraufhin ansah, ob es schön ober häßlich sei, ihm erschien die Schönheit des Weibes plötzlich wie sie dort oben auf dem Fries den Wellen enttauchte: als eine leuchtende Offenbarung der höchsten Schöpferkraft. Er, der stets nur die Seele der Frauen begehrte, ward beim Gedanken an Anna Pawlowna und an Sascha plötzlich von einem Gefühl des Widerwillens, des Hasses gegen den letzteren ergriffen. Um jeden Preis mußte er diese Frau für die Sache des Volkes gewinnen, um dann mit ihr zusammen Heldentaten zu begehen, mit ihr – – Aber Tania! Tania, die er liebte. Würde er Anna Pawlowna jemals lieben können? Lieben? Nein. Aber – – Alles Blut drang ihm zu Kopf, es wurde ihm schwarz vor den Augen. Als er sie öffnete, sah er vor sich die Lippen der schönen Frau. Er starrte darauf hin, er trat näher. Aber er schwankte dabei. »Wladimir Wassilitsch, was ist Ihnen?« Sein Blick sagte es ihr. Sie fuhr auf, empört, beleidigt, mit einem unerträglichen Gefühl der Erniedrigung. »Heben wir dieses Gespräch auf. Wir werden uns doch niemals verstehen. Hören Sie wohl: Niemals.« Aber er hörte sie nicht. Sie wollte sich entfernen; er stellte sich in ihren Weg. Er wollte sprechen, konnte nicht, stieß endlich hervor: »Sie sind in meiner Hand.« »In Ihrer Hand?!« Der Ton, mit dem sie das sagte, schlug ihm förmlich ins Gesicht. »Sie haben sich bereits zu tief mit uns eingelassen; Sascha besitzt Papiere von Ihnen.« Auf einmal lachte er hell auf. Er hatte sich vorstellen müssen, wie dieses königliche Weib diesen Bauern küßte, und hell auf mußte er lachen. Dann rief er mit einem Triumph, der seine Züge verzerrte: »Sie können nicht mehr zurück. Selbst wenn Sie wollten, können Sie nicht mehr.« »Wer hat Ihnen gesagt, daß ich zurück will?« »Wie – Sie wollen nicht? Ich verstehe: Um Saschas willen – –« »Sie haben den Verstand verloren.« Ihre Stimme klang um keinen Ton lauter oder erregter; aber er hatte gesehen, wie es in ihren Augen aufleuchtete, zum erstenmal. Er trat vor sie. »Sascha liebt Sie, unsinnig, toll. Sie haben ihn um den Verstand gebracht. Wenn Sie ihn aufgeben, wenn Sie die Sache aufgeben, wird auch er uns verlassen. Dann wäre er verloren, er und Sie; denn dann müßten wir ihn richten, ihn und Sie. Und Sie wissen, welche Strafe bei uns auf Verrat steht?« »Was geht das mich an?« Sie war aufgestanden. Ihr Blick begegnete dem seinen, sie maßen einander mit den Augen. So standen sie sich eine Weile stumm gegenüber. Dann hob sie leicht ihre Hand. »Gehen Sie!« Er verneigte sich tief und ging. Anna Pawlowna wollte etwas tun, den Diener rufen und den Frechen die Treppe hinunterwerfen lassen. Doch, sie regte sich nicht. Neunzehntes Kapitel. Wladimirs Phantasie war erregt. Er dachte nicht an den Sieg, den er für die Sache über Anna Pawlowna davongetragen; er fühlte nur die Niederlage, die er durch sie erlitten. Es war, als würde plötzlich ein Vorhang vor seinen Blicken hinweggezogen, als täte sich ein Abgrund vor ihm auf. Mit einem Schlage erschloß sich ihm eine bis dahin gänzlich unbekannte Welt, deren Gottheit das Weib war. Er wollte sie nicht anerkennen und mußte sie doch anbeten; anbeten mit einem inneren Knirschen, mit einer Wut, die er gegen sich selbst richtete. Höhnisch warf er sich vor, daß er so lange wie ein Mönch gelebt, um plötzlich in sich den Wüstling zu entdecken. Warum hatte er sich nicht längst übersättigt – übersättigt bis zum Ekel?! Dann wäre er nun fertig damit. Denn nichts durfte ihn jetzt beunruhigen und quälen, jetzt, wo es galt, den ganzen Menschen auf eine Idee zu konzentrieren, für die Sache! Jede Empfindung, die ihn davon ablenkte, war ein Verbrechen gegen den heiligen Geist seines Werkes, war eine Untreue, eine Unsittlichkeit. Er fühlte schon genug Dämonen in seinem Innern entfesselt, um nicht auch noch dem Dämon der Leidenschaft Gewalt über sich zu geben; nicht eine Faser seines Wesens durfte diesem Teufel gehören. Das Spukbild, das die Schönheit Anna Pawlownas in ihm heraufbeschworen, mußte um jeden Preis gebannt werden. Und das beste Mittel, seine Phantasie von dem Bilde der schaumgeborenen Venus zu befreien, war, diese Frau, die ihn vor sich selbst verächtlich machte, verachten zu können. Anna Pawlowna mußte fallen, nicht durch ihn, auch nicht durch diesen Aristokraten Boris Alexeiwitsch, sondern durch den Bauern und Nihilisten Sascha. Wieder fiel ihm Tania ein. Er liebte sie leidenschaftslos, aber innig; sie sollte sein werden ohne kirchliche Fesseln, aber ihm unzertrennlich verbunden durch das heilige Band der Treue. Dennoch fühlte er bereits Reue, daß er sie hatte kommen lassen, daß er sein Leben unlöslich an das ihre knüpfen wollte. Würde sie ihn in seinen großen Entschlüssen und Taten nicht hindern? Sie war so zart. Aber sie sollte nicht nur seine Taten nicht hemmen, sie sollte dieselben mit ihm teilen. Er wollte sie zu seiner treuen Genossin, zu seiner starken Mithelferin heranbilden, zu einer todesmutigen Terroristin. Und wenn er in dem Kampf gegen die Feinde des russischen Volkes fiel – und er würde sicher fallen – dann sollte sein Weib zurückbleiben, um seinen Sohn zu seinem Nachfolger und Rächer zu erziehen. Aber wie, wenn er sie schwach finden würde, wenn sie sich mit ihrer Liebe und ihrer Angst für sein Leben an ihm klammern sollte, ihn hindernd, wohl gar ihn entmannend – – Was dann? Dann fort mit ihr! Er wandte seine Gedanken wieder dem Plane mit Sascha und Anna Pawlowna zu. Es unterlag keinem Zweifel, daß Sascha, der schwerfällige Sascha, von einer Leidenschaft für die schöne Frau ergriffen war, daß sein ganzes Gefühl eine gewaltsame erstickte Flamme war. Noch wußte er es selbst nicht, denn noch schlug er seine Augen mit der Inbrunst eines entzückten Beters zu Anna Pawlowna auf, in dem Glauben, daß sich eher der Himmel zu ihm herabneigen könnte, als diese Frau. Und dann war sie ja verheiratet, Untreue und Ehebruch gehörten zu den Dingen, die sein Gehirn nicht begriff, nicht zu begreifen vermochte. Daran würde der ganze Plan scheitern. Denn selbst wenn Anna Pawlowna die Lehrmeisterin abgäbe – – War dieser Fall denkbar? Doch was war einem schönen und leidenschaftlichen Weibe unmöglich? Wenn Anna Pawlowna diesen eigentümlichen Menschen, der so fremd in der Welt – in ihrer Welt – so einsam darin stand, wenn sie ihn wirklich lieben, für ihn eine Leidenschaft empfinden sollte, so würde sie auch zustande bringen, ihm das Unbegreifliche begreiflich machen. Dann würde dieser Bauer besitzen, was Wladimir versagt blieb. Die Seele voll glühender Bilder und Gestalten, gelangte er zu seiner Wohnung. Zum erstenmal fiel ihm auf, daß das Haus einer Höhle glich, der Hof die Umgebung eines Stalles zu sein schien. An den Palast Petrowsky und das Kabinett der Prinzessin denkend, überkam ihn eine wilde Freude. Denn je größer bei jenen der Luxus und die Verschwendung, um so berechtigter die Empörung des darbenden Volkes, um so berechtigter als Konsequenz des Nihilismus der Terrorismus. Im Hause war alles dunkel. Wera befand sich mit Natalia Arkadiewna auswärts, um die neueste Nummer der Flugschrift »Tod für Tod« unter das Volk zu verteilen und bei einem jungen Gutsbesitzer in der Nähe der Stadt Propaganda für die »Sache« zu machen. Sascha arbeitete noch in der Druckerei; aber Colja war da. Er lag vor der Kammertür der beiden Mädchen und machte durch ein kräftiges Brummen Wladimir seine Anwesenheit bemerkbar. »Wo ist Tania?« herrschte Wladimir ihn an. Wo das Täubchen wohl sein sollte, wenn Colja vor der Tür Wache hielt? Er würdigte eine solche Frage gar keiner Antwort. »Steh auf!« Aber Colja regte sich nicht. »Hörst du nicht?« Er hörte nicht. Wladimir trat zu ihm und stieß ihn mit dem Fuße. »Auf, Bestie!« Nun erhob er sich, langsam, schwerfällig. Wie ein Block stand er vor der Kammertür, sie mit seinem Riesenleibe deckend. »Aus dem Weg!« Aber Colja regte sich nicht. »Marsch, fort!« Colja stieß einen dumpfen, drohenden Ton aus und rührte sich nicht von der Stelle. Da packte ihn Wladimir. Colja ließ sich von ihm schütteln und schlagen und – blieb stehen, wo er stand. »Hund!« Plötzlich warf der Knecht sich auf Wladimir. »Willst du sie zu deinem ehrlichen Weibe machen? Willst du?« Wladimir rang mit ihm. »Willst du?« Wladimir schlug ihm ins Gesicht. »Du willst nicht? So will ich dich – –« Und er packte ihn bei der Gurgel. »Colja!« rief in der Kammer eine klagende Frauenstimme. Wladimir fühlte, wie die entsetzliche Klammer an seinem Halse sich löste, wie er wieder atmen konnte. Und noch einmal Tanias Ruf, lauter, angstvoller, flehender: »Colja! Colja!« Diesem sanken beide Arme wie gelähmt herab. »Wladimir, bist du es?« Die Tür wurde frei, Wladimir trat in die Kammer. Zwanzigstes Kapitel. Sascha befand sich in einer wunderlichen Stimmung. Wladimir hatte ihm in der Druckerei den Befehl zugeflüstert, sich am Abend zu der Wirtin in der Teeschenke zu begeben, von der er erwartet würde. Diese Marja Carlowna war für die Moskauer Nihilisten eine wichtige Persönlichkeit. Nicht nur, daß sie die Kellerräume ihres Hauses als Versammlungslokal hergegeben hatte, auch das Laboratorium der Verschwörer befand sich bei ihr. Es waren dafür drei Zimmer erforderlich gewesen, die im obersten Stockwerk liegen mußten; denn die chemischen Stoffe, aus denen das Sprengmaterial verfertigt wurde, verbreiteten einen penetranten Geruch, weshalb es nötig war, einen Abzugskanal direkt ins Freie herzustellen. Auch eine Wasserleitung durfte nicht fehlen. Die größten Vorsichtsmaßregeln waren notwendig, die geringste Nachlässigkeit konnte zu einer Entdeckung führen. Es gehörte außer vollster Hingabe an die Sache persönlicher Mut dazu, sein Haus für diese Unternehmungen herzugeben. Marja Carlowna stammte von tatarischen Eltern ab und hatte das wilde Blut ihres Stammes geerbt. Ihre Vergangenheit war etwas dunkel. Sie gab sich für eine Witwe aus, was ihr dieser und jener – Sascha zum Beispiel – auch glaubte. Doch war bekannt, daß ihr Name ein angenommener sei. Jedenfalls wußte sie sich mit der Moskauer Polizei trefflich zu stellen, was die Nihilisten nicht abhielt, ihr vollständig zu trauen, übrigens kannte Wladimir Wassilitsch ihre Geschichte, über die er jedoch schwieg. Sie war noch ziemlich jung, ungefähr dreißig Jahre alt und immer noch sehr schön. Ihre braune Hautfarbe leuchtete wie Bronze. Unter den Künstlern war sie ihrer Gestalt und ihres Nackens wegen berühmt; doch vermochten weder Bitten noch Vorstellungen sie zu bewegen, Modell zu stehen. Da man sich aus ihrer Vergangenheit noch ganz andere Dinge erzählte, so fand man diese Zurückhaltung unbegreiflich. Aber auch sonst war sie völlig unnahbar. Dabei machte sie sich nichts daraus, sich im Kreise ihrer Gäste das Haar zu kämmen, das sie sehr geschickt mit rotem Band und Perlenschnüren durchflocht und in vielen Zöpfen herabhängen ließ. Auch sonst gab sie viel auf Putz. Gewöhnlich trug sie einen Kaftan aus dunkelblauem Tuch, mit bunten Stickereien verziert, und um Hals und Arme reichen Schmuck. Zuzeiten ward sie von tiefer Niedergeschlagenheit und Schwermut befallen. Ihr Gesinde und ihre Gäste kannten diese Anfälle und gingen ihr an solchen Tagen aus dem Weg. Sie saß dann still in einem Winkel, starr vor sich hinblickend, mit zusammengepreßten Lippen und kümmerte sich um nichts. Manchmal kam es vor, daß sie aus ihrem Brüten auffuhr und mit einer Magd oder einem der Gäste Streit anfing. Sie sah dann aus, als könnte sie einen Mord begehen. Mitten in diesem Wutanfall stürzte sie fort in ihr Schlafzimmer und kam gewöhnlich erst nach einigen Tagen wieder zum Vorschein, fahl im Gesicht, mit eingesunkenen Augen. Sie war dann für Wochen still und traurig, was ihrer fremdartigen wilden Schönheit einen eigentümlichen Zauber verlieh. Ihre größte Leidenschaft war ihr Haß gegen die Russen. Die Nihilisten, denen sie mit Gefahr ihrer Freiheit und ihres Lebens Zuflucht in ihrem Hause gab, glaubten diesem Umstande Maria Carlownas Protektion zu verdanken, ohne zu bedenken, daß sie selbst Russen waren. Wladimir Wassilitsch allein schien es besser zu wissen und belächelte in seiner zynischen Art den Glauben seiner Genossen. Ihm war zuerst der Eindruck aufgefallen, welchen der ehrliche, brave Sascha auf Marja Carlowna machte. Als es sich darum handelte, die Räumlichkeiten für das geheime Laboratorium zu erlangen, war er mit Sascha zufällig in die Teeschenke geraten, deren Wirtin ihm schon damals genau bekannt war und von ihm für seine Zwecke sehr beachtet wurde. Doch hatte sie sich stets ablehnend gegen ihn verhalten, was ihm fatal war. Denn er hatte sich nun einmal den Satz konstruiert, daß eine Frau nur dann für eine Sache leidenschaftlich Partei nehme, wenn sich dabei ein Mann im Spiele befand. Auch diesmal schien ihm, wenn freilich nicht in bezug auf sich selbst, der Erfolg recht zu geben. Nur war er erstaunt, daß die Neigung der Frau auf den stillen, stummen Sascha fiel, der ihre Schönheit gar nicht bemerkte. Immerhin mußte aus dem Umstande Nutzen gezogen werden und Sascha erhielt den Befehl, sich mit der Frage in die Teeschenke zu begeben, ob er, ein Student der Chemie, sich in ihrem Hause einmieten könne. Die Wirtin bejahte und Sascha lebte lange Zeit bei ihr, ohne auf den Gedanken zu kommen, daß er seiner schönen Hausfrau eine wärmere Empfindung einflößen könnte, übrigens war Marja Carlownas Benehmen gegen den Studenten so zurückhaltend, daß es Wladimirs scharfer Augen bedurfte, um den Stand der Dinge zu erkennen. Allmählich wurde sie eingeweiht, allmählich durch Sascha ins Vertrauen gezogen, auf Wladimirs Befehl. Sie richtete für die Revolutionäre in ihrem Hause das Versammlungslokal ein, sie kannte die Arbeit, mit welcher ihr Mieter beschäftigt war, sie täuschte die Polizei, sie verwickelte sich tief in die Verschwörung, alles lediglich Sascha zuliebe. Als ihm Wladimir eines Tages diesen Umstand bemerklich machte, starrte Sascha ihn beinahe erschrocken an. Eine Frau wäre in ihn verliebt? Marja Carlowna! Er glaubte es nicht, es war nicht möglich, es war einfach lächerlich. Und er lachte. Bald aber verging Sascha das Lachen. Er beobachtete, wurde nachdenklich, unruhig. Zu seinem höchsten Erstaunen glaubte er wirklich zu erkennen, daß Wladimir recht hatte, obgleich er es nicht begriff. Ängstlich vermied er fortan, seiner Wirtin zu begegnen oder sie anzureden. Zu dieser Zeit schenkte Anna Pawlowna den Nihilisten das einsame Gärtnerhäuschen in der Vorstadt; Sascha wohnte dort zusammen mit Wladimir und besuchte das Haus Marja Carlownas von nun an lediglich um der Versammlungen und seiner chemischen Arbeiten willen. Dann wurde er nach Eskowo geschickt, um Wera zu holen. Während seiner Abwesenheit ging in Marjas Benehmen gegen die Nihilisten eine Veränderung vor, die Wladimir mit Besorgnis erfüllte. Sie wurde unfreundlich und lau gegen die Operationen der Genossenschaft, bedrohliche Anzeichen, denen beizeiten begegnet werden mußte. Natürlich war Saschas alberne Sprödigkeit die Ursache von Marja Carlownas Kälte. Das mußte ein Ende nehmen, und deshalb hatte Wladimir Sascha heute abend zu der schönen Wirtin geschickt. Einundzwanzigstes Kapitel. Was ist nun das wieder? dachte Sascha, langsam der Teeschenke zuschlendernd. Was will sie von mir? Wenn ich Wladimir Wassilitsch wäre. Aber so! Es kann nichts daraus werden, es ist unmöglich. Was würde Anna Pawlowna von mir denken. Sie müßte mich ja verachten. Das müßte sie. Er blieb stehen; am liebsten wäre er wieder umgekehrt. Ein heftiger Unwille gegen Wladimir bemächtigte sich seiner. Wie kann er das von mir verlangen? Es ist abscheulich! Was kümmert's mich, daß sie schön ist und die Männer verrückt macht. Wer weiß, was das für eine ist. Aber nein, damit tue ich ihr unrecht. Warum sie wohl zuweilen so traurig sein mag? Und wie sie mich immer ansieht! Übrigens sind wir ihr Dank schuldig, sie tut viel für die Sache. Aber deswegen kann ich doch unmöglich zu ihr gehen und ihr sagen, daß ich sie lieb hätte. Es wäre ein Betrug und eine große Lüge. Was soll ich tun? Er überlegte. Wenn ich nur nicht gehorchen müßte. Aber es ist eine Aufgabe, die mir von meinem Vorgesetzten aufgetragen wurde. Wie darf ich da nicht gehorchen? So will ich mich denn bemühen, möglichst freundlich gegen sie zu sein, übrigens halte ich sie für eine anständige Frau. Sobald sie eingesehen haben wird, daß ich nichts für sie empfinde, nichts als Dankbarkeit, daß ich also ihr Liebhaber nicht werden kann, wird sie alles begreifen. Es ist am besten, ich rede ganz offen mit ihr. Sie wird sich schämen und alles wird gut werden. Wahrscheinlich kann sie mich dann nicht mehr leiden. Um so besser. So ermutigte sich Sascha, dabei immer tiefer sich in eine Art von moralischer Entrüstung hineinredend. Zugleich begeisterte er sich für den Gedanken, Marjas Seele zu retten. Auch über die »Sache« wollte er mit ihr reden und sie flehentlich bitten, ihren Groll gegen ihn nicht auf diese zu übertragen. In solcher Verfassung erreichte er die Teeschenke. Aber Marja Carlowna befand sich nicht im Gastzimmer, was Sascha sehr angenehm war. Er setzte sich in einen Winkel, bestellte Tee und schielte bei jedem Öffnen der Tür hinüber, in der Furcht, die hohe Gestalt eintreten zu sehen. Doch sie kam nicht. Schließlich wurde er ganz unruhig. Seltsam! Warum kommt sie nicht, wenn sie mich doch erwartet? Wladimir wird böse sein. Aber ich kann wirklich nichts dafür. Ich habe es gleich gesagt, daß es Unsinn ist; sie denkt gar nicht an mich. Nun, mich freut's. Wenn es nur der Sache nicht schadet. Dieser letzte Gedanke beunruhigte ihn sehr. Er begriff plötzlich, welche Wichtigkeit es für die Sache hatte, die Wirtin bei guter Laune zu erhalten. In seiner Unruhe fragte er nach ihr. Sie würde wohl irgendwo sein, gab man ihm zur Antwort. Endlich faßte er den Entschluß, sich hinauf in sein Laboratorium zu begeben; vielleicht begegnete er ihr im Hause. Er bezahlte, verließ das Zimmer und stieg die dunkle Treppe hinauf, deren Stufen unter seinem Tritt ächzten und knarrten. Seit Wochen hatte er nicht gearbeitet, das heißt, kein Dynamit verfertigt, das einzige, was ihm zu tun erlaubt worden war. Alles, was er fabrizierte, wurde stets sogleich abgeholt, des Nachts von Frauen. Welche Quantitäten hatte allein Natalia Arkadiewna mit ihren schwachen Kräften fortgeschafft! Wozu sie es wohl brauchen? dachte er. Wenn ich Wladimir Wassilitsch frage, lächelt er nur. Sie werden doch nicht den Kreml in die Luft sprengen wollen? Ein solches Verbrechen! Alle die schönen Heiligenbilder! Und warum wohl? Als ob man damit – – Aber er wagte es nicht, den Gedanken auszudenken. Da hörte er Marja Carlowna singen; leise, klagend. Die Stimme kam aus ihrem Schlafzimmer, daran er vorüber mußte und dessen Tür offen stand. Unschlüssig, was er beginnen sollte, tat er noch einige Schritte und blieb dann stehen. Jetzt sah er sie. Sie stand, das Gesicht von ihm abgewendet, am Tische, mit einer häuslichen Arbeit beschäftigt; die Kerze beleuchtete das reine und stolze Profil. Sie sah merkwürdig jung aus. Und wie sie sang! Um ihres Gesanges willen war sie berühmt. Wie oft hatte Sascha in seinem Laboratorium mit Entzücken zugehört, wenn sie unter ihm in ihrem Schlafzimmer ihre wilden Tatarenlieder sang. Dann hatte er sich hinaus auf die Treppe geschlichen und gelauscht; oft bis tief in die Nacht hinein. Er verstand von der fremden Sprache kein Wort, er verstand nicht einmal die Empfindung, welche die bald wilden und leidenschaftlichen, bald sanften und zärtlichen Weisen beseelte. Und doch befand er sich während ihres Gesanges unter einem Bann, aus dem er sich erst befreien konnte, wenn der letzte Ton verhallt war. Mit todestrauriger Seele schlich er dann jedesmal zu seiner Arbeit zurück. Auch heute erging es ihm wunderlich. Wie hatte er sein Inneres gegen sie gewappnet, wie wollte er sie erniedrigen und beschämen! Nun sang sie und nun dauerte sie ihn; so wehmütig und traurig klang ihr Lied. Er nahm sich vor, die Treppe vollends hinaufzusteigen und später, wenn sie nicht mehr sang, ihr alles zu sagen, was er gegen sie auf dem Herzen hatte. Aber er war bereits von ihr bemerkt worden. Ihren Gesang abbrechend, rief sie seinen Namen: »Alexander Dimitritsch!« Sie blieb am Tische stehen und sah ihn an; mit jenem funkelnden Blick, den er an ihr kannte und fürchtete. Ob sie wieder ihre bösen Stunden hat? dachte er. Aber dann singt sie nicht. Und er ging langsam auf die Tür zu. »Darf ich hineinkommen?« fragte er, unwillkürlich mit gedämpfter Stimme redend. »Kommen Sie nur herein. Ich habe auf Sie gewartet. Es ist spät.« »Ich dachte, Sie würden hinunter ins Schenkzimmer kommen.« »Nein.« Er war eingetreten und hatte in seiner Verwirrung die Tür hinter sich zugemacht. Das hätte ich nicht tun sollen, dachte er in demselben Augenblick. Was muß sie davon denken! Als ob ich mit ihr allein sein wollte. Und er ärgerte sich über sich selbst, fühlend, wie er unter ihren mächtigen Augen, die sie nicht von ihm wandte, bis an die Haarwurzeln errötete. Sie liest in deiner Seele, sie weiß alles. Um so besser! so brauche ich es ihr nicht zu sagen. »Es ist spät,« wiederholte Carlowna; »du hast mich lange warten lassen.« Sie ging zu einem Schrank, dessen Türen seltsam groteske Schnitzereien bedeckten, nahm daraus eine Flasche und ein Glas hervor und schenkte ein: eine Mischung von Kwas und allerlei Essenzen, die sie selbst braute. Dann holte sie eine Schale mit Backwerk, die sie auf den Tisch setzte. »Trink und iß und sei mir willkommen!« Sascha zauderte. »Es ist kein Liebeszauber,« sagte Marja mit ruhigem Spott. »Wenn du bei mir bist, mußt du dich als meinen Gast behandeln lassen. Einem Tataren ist sein Gast heilig; und heilig sollst du mir sein.« Sie sagte das mit solchem Ernst, daß Sascha nicht wagte, ungehorsam zu sein. So trank er von dem Gebräu, daß sehr kräftig schmeckte und aß von dem Gebäck. »Nun habe ich dich mit Trank und Speise gelabt, nun werde ich dich nicht verraten können.« »Verraten? Wollten Sie mich verraten?« »Du hörst ja daß ich es jetzt nicht mehr kann.« »Aber ich bitte Sie, sagen Sie mir – –« »Nichts sage ich dir. Setze dich!« Es lag etwas in ihrem Wesen, das ihr Gewalt über ihn gab. Sie deutete auf einen Sitz und er nahm Platz. Während Marja Carlowna vor ihm stand und ihn ansah, dachte sie: Er liebt eine andere und er ist ein Mann, für den es auf der Welt nur eine Frau gibt. Das wußte ich, da ich ihn zum erstenmal sah. Und ich wußte, daß ich niemals jene eine Frau sein würde. Jetzt fürchtet er sich vor mir, aber er ist in meiner Macht. Wenn ich wollte, könnte ich die erste Frau sein, die er auf den Mund küßt. Was hülfe es mir? Und ihn würde es verderben. Doch was will ich eigentlich von ihm? »Du denkst Übles von mir,« sagte sie endlich, »weil ich dich bei Nacht in mein Zimmer lockte. Es ist dir unleidlich und du möchtest gern fort von mir. Dennoch bleibst du. Übrigens warum bist du gekommen?« »Wladimir Wassilitsch befahl es mir,« stieß Sascha hervor. Mein Gott, dachte er, welche Lage! Was gibt es für Sachen. Wenn Anna Pawlowna das wüßte! Marja Carlowna war nicht beleidigt. »Wladimir Wassilitsch befahl dir zu kommen? Das wußte ich. Und ich weiß, daß du ihm gehorchen mußt. Deshalb schmückte ich mich und setzte mich hierher und erwartete dich. Ich hatte Sehnsucht nach dir und wollte dich ansehen; die ganze Nacht hindurch. Du warst so lange fort und ich liebe dich so unsäglich.« Sie sprach, ohne eine Bewegung zu tun, ohne eine Miene zu verziehen mit fast tonloser Stimme. Sascha wollte aufstehen. Sie verwehrte es ihm. »Bleibe und höre mich, sonst halte ich dich mit meinen Lippen zurück; du weißt nicht, wie ich küssen kann. Wer von mir geküßt wird, ist verloren und mir verfallen, und wenn die Heiligen selbst ihn retten wollten. Ich ließ dich von Wladimir Wassilitsch herschicken, um dir zu sagen, daß du Ruhe vor mir haben sollst; du bist zu gut für mich. Wenn du wärest wie Wladimir Wassilitsch oder wie Boris Alexeiwitsch, so würde ich mir kein Gewissen daraus machen, dich zu verderben. Aber freilich, dann würde ich dich auch nicht so unsinnig lieben. So wie du nun einmal bist, habe ich über deine Seele keine Gewalt, und wen ich liebe, der muß mir mit Leib und Seele gehören, oder ich käme von Sinnen. Ich habe noch niemals geliebt. Du bist der erste und wirst der letzte sein. Und gerade dich darf ich nicht anrühren.« Ihr Gesicht wurde fahl, sie begann zu zittern. Aber sie machte noch immer keine Bewegung, wendete noch immer nicht den Blick von ihm. Sie ist von Sinnen gekommen, dachte Sascha. Denn wie ist es sonst möglich, daß ein Weib so reden kann? Die Ärmste! Marja Cailowna fuhr fort: »Also ich ließ dich von Wladimir Wassilitsch zu mir schicken, weil du mich kennen lernen sollst. Weißt du, warum ich dir von meinem Wein zu trinken und von meinem Brote zu essen gegeben? Um dich vor meiner Rache zu schützen. Denn bei uns Tataren darf ein Weib einen Mann, den es gespeist und getränkt hat, nicht töten.« Sascha erhob sich. »Was reden Sie da?« fuhr er heftig heraus, »Sie vergeben sich in Ihrer Würde und das dürfen Sie nicht. Beruhigen Sie sich doch! Bedenken Sie doch!« »So will ich denn gehen!« rief er endlich, da sie ihm keine Antwort gab. »Bleiben Sie,« bat sie demütig. »Hören Sie mich an.« »Gute Marja Cailowna, ich würde Sie doch nicht verstehen.« Er wollte gehen. Da löschte sie das Licht. »Was tun Sie? Gleich zünden Sie das Licht an!« rief Sascha zornig. Aber Marja antwortete nicht. »Wo sind Sie? He; Marja Carlowna!« Alles blieb still. Er tastete nach bei Tür, fand sie aber nicht. Was tu' ich? dachte Sascha. Rufe ich, so kommt das Gesinde; und was müssen die Leute von ihrer Herrin denken, wenn sie mich im Dunkeln hier finden? Was gibt es für Weiber! Es ist nicht zu glauben. Er blieb stehen. »Marja,« rief er leise und bittend. »So hören Sie doch, Carlowna! Wo sind Sie?« Da fühlte er sich von ihren Armen umschlungen. Er wollte sich losreißen; aber sie glitt an ihm nieder und blieb auf den Knien vor ihm liegen. Was war das? Sie weinte. Er erschrak bis ins Herz hinein. Vor diesem erstickten Schluchzen schwand sein Zorn. Dem Jammer des Weibes zu seinen Füßen vermochte er nicht zu widerstehen. »So stehen Sie doch auf. Um Gottes willen – – Was tun Sie nur?« Er beugte sich zu ihr herab und wollte sie aufheben; aber als er ihren warmen, zuckenden Leib fühlte, ließ er sie los. »Sie sind unglücklich! Kann ich Ihnen helfen? So reden Sie doch!« Er wartete auf Antwort, angstvoll mit laut pochendem Herzen. Sie weinte stärker, es schüttelte sie wie im Krampf. Aber sie stammelte und lallte, so daß er anfänglich nichts verstand. Endlich sprach sie zu ihm: »Ich bin so schlecht, so verworfen. Ich bin nicht wert, deinen Fuß zu küssen. Aber stoße mich nicht fort. Erlöse mich! Reinige mich mit deiner reinen Seele! Ich will alles tun, was du verlangst; ich will so demütig sein, so gehorsam. Seit ich dich kenne, weiß ich erst, was ich gewesen bin. Sei barmherzig! Tritt mich mit Füßen, beschimpfe mich, nur laß dir gefallen, daß ich dich liebe, damit die brennenden Spuren auf meinen Lippen verlöschen.« »Marja Carlowna!« Seine Stimme zitterte. »Richte mich!« »Wir sollen nicht richten. Aber – welches ist deine Schuld?« Sie sagte es ihm. Zu seinen Füßen, schluchzend und weinend erzählte sie ihm ihre Geschichte, die Geschichte einer Verworfenen. Sascha hörte zu, das Herz zerrissen von Entsetzen und Mitleid. Dann sprach er ihr zu, leise, mit stockender Stimme, lange, lange; dann hob er sie auf und küßte sie auf die Stirn. Sie erbebte und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Der Morgen dämmerte, als sie ihm die Tür öffnete. »Arme Marja! Arme, arme Marja,« murmelte Sascha, die Treppe zu seinem Laboratorium hinauf steigend. »Wer hätte das gedacht. Aber wer kann sie verdammen?! Wladimir Wassilitsch hat recht: sie sind unsere Verderber, unsere Mörder.« Zweiundzwanzigstes Kapitel. Eine einzige Stunde »unter dem Volk« verlebt, hatte Wera manche Erfahrung, manche Enttäuschung gebracht. Es war nicht zu leugnen, daß das Volk von seinen zukünftigen Beglückern wenig wußte, gar nichts von ihnen wissen wollte. Sie hatte es sich ganz anders vorgestellt. Das Mißtrauen, dem die beiden jungen Propagandistinnen überall begegneten, die Verachtung, die man ganz unverhohlen für sie zur Schau trug, erfüllten ihre Seele mit tiefem Kummer. So war es denn in Moskau geradeso wie in Eskowo, die Tausende hier waren gewiß nicht weniger unglücklich und vielleicht ebenso unwissend, wie die Hunderte dort; aber diese sowohl wie jene schienen ihren unwürdigen Zustand nicht einmal zu fühlen, befanden sich augenscheinlich ganz wohl dabei, wünschten durchaus keine Besserung. Und doch war Besserung dringend notwendig. Diejenigen, welche die Leiden des Volkes kannten und ihm helfen wollten, hatten die Verantwortung übernommen, wehe ihnen, wenn sie ihre Aufgabe nicht erfüllten! Das Verderben eines ganzen Volkes würde über sie kommen. So durfte denn in den Bemühungen um das Volk nicht nachgelassen werden. Und Wera betrat mit ihrer Freundin die Wohnstätten des Volkes, sie sah sein moralisches und physisches Elend, seine Roheit und seine Laster; und sie drängte dem Volke voll tiefsten Mitleids die Hilfe der »Auferstandenen« auf. Wenn sie beschimpft und verhöhnt wurde, bat sie, sie anzuhören; wenn man sie fortjagte, versprach sie, wiederzukommen. Aber was bedeuteten ihre schwachen, matten Worte gegenüber der glühenden Begeisterung, mit der Natalia Arkadiewna beim Volke die Sache des Volkes führte. Mit tiefster Ergriffenheit sah Wera, wie die vom Tod Gezeichnete plötzlich wunderbar auflebte; mit Entzücken erlebte sie, wie das Wesen ihrer Freundin auf diesen und jenen – und gerade auf die Rohesten – eine gewisse Wirkung ausübte. Daraus schöpfte sie neue Hoffnung, für das Volk sowohl wie für sich selbst. Hätte sie nur besser zu dem Volke reden können, sie, die doch eine Tochter des Volkes war! Wie sprach dagegen Natalia Arkadiewna, die ihr ganzes Leben fern vom Volk, in Palästen zugebracht hatte! Mit ihrer schwachen Stimme predigte sie mächtig das Evangelium einer neuen Zeit: Gleichheit! Gleichheit! während Wera nur stammelte: Arbeit! Arbeit! nur flehte: Trinkt nicht den schändlichen Branntwein! Lernt etwas, tut etwas, seid nützlich! Einmal überfiel sie tödlicher Schrecken. Natalia Arkadiewna verkündete künftige Teilung allen Besitzes, und die Leute hörten auf sie – zum erstenmal! Wera nahm sich vor, mit Natalia Arkadiewna darüber zu reden, sie zu bitten, nicht solche Dinge zu sagen. Sie könnten ja doch nicht in Erfüllung gehen. Denn am Tage nach der Verteilung schon würde der Besitz wieder ungleich sein; der eine mehr haben als der andere; es müßte also immer wieder von neuem geteilt werden. Manche wollten ihre Flugblätter gar nicht nehmen, andere nahmen sie und zerrissen sie vor ihren Augen, oder drohten, die verbotenen Schriften der Polizei zu bringen. Schließlich hatten sie aber doch die letzten fortgegeben. »Komm,« sagte Natalia Arkadiewna, »jetzt fahren wir nach Dawidkowo zu Grischa Michailitsch Potechin.« »Zu Grischa Michailitsch Potechin. Wer ist das?« »Ein Prachtmensch, du wirst ihn kennen lernen.« »Was sollen wir bei ihm?« »Für die Sache Propaganda machen.« »Aber es ist schon spät.« »Wir übernachten dort.« »Bei ihm?« »Bei seiner Mutter.« »Erwartet sie uns?« »Ich bin sicher, daß sie uns einen Wagen geschickt hat, der gewiß längst am Dorogomilow-Schlag hält. Bis Dawidkowo sind es zehn Werst. Grischa Michailitsch ist nämlich Landwirt.« »Wir fahren auf das Land hinaus?« »Das freut dich?« »Nun ja.« »Und du bist noch nicht zwei Tage in Moskau.« »Gewiß viel länger.« »Rechne doch nach.« »Wahrhaftig. Noch nicht volle zwei Tage. Wie ist das möglich?« Eskowo schien ihr so in die Vergangenheit entrückt, daß ihr beinahe angst wurde. Wie konnte dem Menschen so gänzlich entschwinden, was ein halbes Leben hindurch seine Welt gewesen war? Also ließ sich nichts fest und dauernd besitzen. Nicht einmal die Erinnerung. Es war so, wie Natalia gesagt hatte: am Dorogomilow-Schlag hielt der Wagen, eine zierliche Kibitka mit munteren Steppenpferden bespannt, von einem jungen, munteren Kutscher gelenkt. Er zog mit ungeschickter Höflichkeit seine Mütze, wobei er sich vor den beiden Mädchen wie vor einer Exzellenz bis zum Boden verneigte und seinen breiten Mund zu einem Lächeln verzog, so daß sein hübsches, frisches Gesicht wie aufgeschlitzt erschien. »Da bist du ja, Mischka! Wie steht's in Dawidkowo?« »Nu, so so.« »Ist Mascha Minitschna wohl?« »Wohl und emsig wie ein Bienchen.« »Und Grischa Michailitsch?« »O der!« »Nun so rede doch.« »Das ist ein Väterchen! Trinkt Kwas und ißt Gurken und läßt die Bauern tun und treiben, was sie wollen. Sein Mütterchen schüttelt ihr Köpfchen dazu. Aber was hilft's? Nun, Gott wird barmherzig sein!« »Wir wollen fahren, Mischka.« »Gleich, gleich, Mütterchen Natalia Arkadiewna.« Die Mädchen stiegen ein, Mischka kletterte auf den Bock, schwang seine lange Peitsche, begann ein zärtliches Gespräch mit den Braunen und fort ging's. Wie schön war es, nachdem die letzten Häuser hinter ihnen lagen und sie über dem freien Lande den weiten Horizont sahen, der auf den fernen, grünen Höhenzügen zu ruhen schien. Wie wunderschön, als sich rechts und links am Wege die Felder mit der jungen Saat hinzogen, daneben die dunkle Ackerkrume, welche schon Kartoffeln und Rüben in sich barg. Der Wind hatte nachgelassen, der Himmel, vom Gewölk befreit, wurde lichter und lichter. Und die laue würzige Frühlingsluft! Wera atmete in tiefen Zügen, als käme sie aus einem Krankenzimmer. Als sie die ersten Weiden, den ersten Birkenwald sah, fühlte sie sich ganz glücklich. Wie grün war seit zwei Tagen alles geworden. Es war wirklich erstaunlich. Das Gras so hoch, daß es gewiß bald gemäht werden konnte. Um Weras Freude voll zu machen, begann Mischka zu singen, ein übermütiges Lied, so voll unbändiger Lebenslust, daß der Gesang zuletzt eitel Jubel und Geschrei wurde, das weithin durch den stillen Abend drang. Wera hatte gar nicht gewußt, daß das unglückliche russische Volk solche jauchzende Lieder singen könnte. Sie versuchte ihre Gedanken Natalia Arkadiewna auszudrücken, aber diese litt unter den gellenden Tönen, und Wera war froh, als der Bursche endlich seinen Gesang mit einem wilden Aufschrei schloß. Sobald Natalia, die keine Gelegenheit versäumte, mit dem Volk zu verkehren, sich etwas erholt hatte, begann sie: »He, Mischka!« Mischka wandte sogleich sein rotes, lustiges Gesicht nach ihr um. »Mütterchen Natalia Arkadiewna?« Die schwache, kranke Natalia flößte dem von Gesundheit und Leben strotzenden Burschen solchen Respekt ein und kam ihm so alt vor, daß er sie niemals anders anredete. »Ich will dir eine Geschichte erzählen. Hörst du gern Geschichten?« Mischkas vergnügte Äuglein sagten ihr, daß er für sein Leben gern Geschichten hörte. »Dann paß auf.« Er paßte auf, mit Ohren und Augen. Seine Rößlein ließ er traben, wie sie traben wollten; die lieben Seelchen wußten ebensogut wie er, wo es nach Dawidkowo ging. Natalia Arkadiewna erzählte. »Es waren einmal zwei Brüder, die hießen Stepan und Iwan. Stepan war der ältere von beiden. Sie kamen mit ihren Weibern aus Asien herüber und waren die ersten Menschen in Rußland. Iwan, der jüngere, wollte, daß sie alles Land gleichmäßig unter sich teilten; aber das Weib des Stepan veranlaßte ihren Mann, als den Erstgeborenen, einen größeren Teil zu beanspruchen. Darüber gerieten die beiden Brüder in Streit. Endlich einigten sie sich dahin, daß derjenige, der am Abend zuerst einen großen Acker umgepflügt hätte, der Herr des anderen sein sollte. Doch des Stepan Weib ging in den Wald, sammelte kräftige Kräuter und kochte davon eine Suppe. Davon aßen Iwan und sein Weib und sie verfielen alsbald in einen tiefen Schlaf. Nun pflügte Stepan den Acker um und ward dadurch, durch Trug und Täuschung, der Herr seines Bruders und aller seiner Nachkommen. So ist es geschehen, durch Trug und Täuschung, daß in Rußland die Herren und die Knechte – die Gutsbesitzer und die Bauern entstanden sind. Deshalb soll der Bauer sein Land, das ihm betrügerisch genommen worden ist, sich wieder nehmen.« So erzählte Natalia dem Knecht, der sich über die hübsche Geschichte totlachen wollte. Dann ging über der Steppe der Vollmond auf. Bald darauf langten sie an. Lichter tauchten auf, Hunde bellten, Wera sah hohe Lindenbäume, an denen die jungen Blätter gleich zahllosen kleinen lichten, an den Zweigen hängenden Schmetterlingen und Käfern funkelten. Sie fuhren mitten in den Glanz hinein und hielten vor einem kleinen, zierlichen Hause, das wie verzaubert unter mächtigen Büschen von weißem Flieder und Goldregen dalag. Längs der efeuumsponnenen Mauern zogen sich breite Rabatten voller Narzissen hin. Dunkelrote Vorhänge glänzten hinter den erleuchteten Fenstern, an deren einem sich jetzt die Gestalt eines großen, stattlichen Mannes zeigte. Er riß das Fenster auf, beugte sich heraus und rief mit einer Stimme, die von Kraft und Lebenslust dröhnte: »Bringst du sie mit, Mischka? Wer ist die andere?« »Das ist meine Freundin, Wera Iwanowna Martjanow,« antwortete Natalia. »Ich mache Ihnen und Ihrer Mutter ein Geschenk mit ihr. Sie ist glücklich über Ihre Lindenbäume, Ihren Flieder und Ihre Narzissen. Sehen Sie sie nur an.« Wera wußte nicht, wie es zugegangen war, daß Grischa Michailitsch plötzlich dicht vor ihr am Wagen stand. Genug, er stand da, half Natalia aussteigen und sah dabei, wie ihm geboten worden, Wera so aufmerksam und eindringlich an, daß diese fühlte, wie sie errötete. Unterdessen war auch Mascha Minitschna, das Mütterchen, aus dem Hause getreten. Sie trug ein altmodisches schwarzes Seidenkleid und eine hohe Haube aus schneeweißem Tüll, mit gelben Seidenbändeln garniert. Ihr mildes altes Gesicht strahlte von Wohlwollen und Güte. »Seid Ihr denn nicht erfroren, meine Täubchen?« rief sie mit sanfter, etwas klagender Stimme. »Nicht ganz und gar verhungert auf der weiten Reise? Also kommt doch ins Haus.« Sie umarmte Natalia Arkadiewna, wobei sie in aller Heimlichkeit das Zeichen des Kreuzes über sie machte. Grischa Michailitsch wollte unterdessen auch Wera vom Wagen helfen, doch diese schwang sich ohne die Hilfe der beiden ausgestreckten kräftigen Arme von dem hohen Sitz herab. Der junge Gutsherr betrachtete sie voller Bewunderung. »Aber Grischa! He, Grischa!« rief das Mütterchen, das mit Natalia bereits in das Haus getreten war. Da besann er sich, daß er den Gast, der gänzlich fremd in Dawidkowo war, ins Haus führen müßte. Wie unhöflich er war! »Verzeihen Sie,« stammelte er. »Verzeihen Sie! Wie nannte Sie Natalia Arkadiewna?« »Ich heiße Wera Iwanowna.« »Verzeihen Sie, Wera Iwanowna. Darf ich Sie ins Haus führen? Ich freue mich sehr, daß Sie die Güte hatten, Natalia Arkadiewna zu uns zu begleiten. Und mein Mütterchen freut sich ebenfalls sehr – sehr – sehr.« Er bemühte sich, seine Stimme zu dämpfen, was indessen bei seinem mächtigen Organ nicht leicht möglich war; und als er Wera die dreifache Versicherung der Freude seines Mütterchens gab, sprach er so laut und feierlich, als rede er zu einer Volksversammlung. Natalia Arkadiewna hat recht, dachte Wera, es ist wirklich ein Prachtmensch. Da kam das Mütterchen herausgelaufen, in heller Verzweiflung. »Aber die Narzissen könnt ihr euch ja morgen am Tage ansehen. So kommt doch nur herein! Das Wasser im Samowar ist ganz böse, daß es so lange kochen muß und zischt und sprudelt. Anuschka hat uns Schnepfen gebraten und Spiegeleier und Barsche, Und Tschi und Grütze gibt's auch.« Sie trippelte voraus, ins Speisezimmer, wo der Tisch gedeckt war und Anuschka, Grischas Amme, in eigener Person die Speisen auftrug und segnete, was Grischa höchst mißfällig zu bemerken schien. Auch setzte er sich, ohne sonderlich auf das Gebet zu achten, welches sein Mütterchen leise vor sich hinmurmelte. Plötzlich rief Mascha Manitschna: »Du bist ja ein wunderhübsches Täubchen! Aber Grischa, so sieh doch!« Sie war zu Wera getreten und wiederholte, während sie, um besser sehen zu können, die kleine weiße, fette Hand über die Augen legte: »Ein wunderhübsches Täubchen!« »Aber Mütterchen!« sagte Grischa vorwurfsvoll. Er war noch tiefer errötet als Wera. »Schon gut, schon gut! Ich schweige schon. Zank' nur nicht wieder mit deinem Mütterchen,« rief sie weinerlich und setzte sich an ihren Platz, der Amme gegenüber, die Wera böse und feindselig anstarrte. »Aber nun wollen wir essen,« rief Natalia Arkadiewna heiter. »Ich sterbe vor Hunger. Anuschka, bitte, reichen Sie mir die Grütze. Nein, danke. Ich nehme keinen Rahm dazu.« »Das weiß man,« murrte Anuschka. »Sie halten es für eine Sünde, Rahm zur Grütze zu nehmen, weil die Bauern sie ohne Rahm essen. Wer hat so was erlebt?! Von meinen Spiegeleiern können Sie nehmen – Spiegeleier essen die Bauern. Aber von den Schnepfen dürfen Sie keinen Bissen anrühren – gebratene Schnepfen sind giftig. Und Grischa darf auch keine Schnepfen essen, das wäre eine Sünde. Vielleicht erlauben Sie ihm Spiegeleier und Grütze: Grütze ohne Rahm. Grischa, he, Grischa! Nimm die Grütze, mein Söhnchen, Grütze ohne Rahm, ohne Rahm – –« Und Anuschka begann heftig zu schluchzen. Um sie zu besänftigen, nahm Grischa Rahm zur Grütze. Als er Wera bat, ihm die Schüssel zu reichen, vermied er es, sie anzusehen, denn er schämte sich. Es war aber auch zu dumm, über Grütze ohne Rahm ein solches Geschrei zu erheben. Was sie denken mußte! Und sein Mütterchen hatte sie vorhin auch so schwer beleidigt. Grischa war mit seinem Mütterchen, mit Anuschka und mit sich selbst recht unzufrieden. Dabei war er doch so glücklich, daß er am liebsten vom Tische aufgestanden wäre um sogleich zu tun, was Natalia Arkadiewna seit einem halben Jahr unaufhörlich von ihm verlangte, sein halbes Gut an die Bauern zu verschenken. Sein Mütterchen hatte recht, Wera war wunderhübsch! In seiner Angst vor Anuschka aß er inzwischen, was ihm unter die Hände kam: Grütze und Spiegeleier, Barsche und Schnepfen, ein Vorgehen, welches Anuschka mit der Menschheit – Natalia Arkadiewna und die »Neue« ausgenommen – wieder versöhnte. Das Mütterchen war zu aufgeregt, um etwas genießen zu können; alle Augenblicke legte sie die Hand über die Augen und sah zu Wera hinüber. Zum zweitenmal seit zehn Minuten dachte diese: Er ist wirklich ein Prachtmensch! Seiner Amme zuliebe ißt er Grütze mit Rahm. Das täte kein anderer. Natalia Arkadiewna rührte von all den Leckerbissen, die auf dem Tische standen, wirklich nur die Grütze und das grobe Brot an. Sie konnte es gar nicht vertragen, wollte aber dennoch von dem feinen Weizenbrote, das eigens für sie gebacken worden war, nichts nehmen. Dann begann das Mütterchen ihr altes Thema, wobei Anuschka tapfer sekundierte: »Nun, wie steht's in dem Sündenpfuhl?« – Damit meinte sie Moskau. – »Hat es dort noch immer nicht Pech und Schwefel geregnet? Ich begreif's nicht! Wie man mir sagt, soll man jetzt dort ein Licht brennen, so hell wie die Sonne. Welche Sünde!« Sie meinte das Gas, welches Beleuchtungsmaterial ihr so sündhaft vorkam, daß sie sich bei jeder Erwähnung desselben bekreuzigte und segnete. In ihrem Hause wurde nur Öl gebrannt, von ihr selbst aus Mohn destilliert. Überhaupt begriff das Mütterchen die neue Zeit nicht. Ihr Sohn hatte seine Bauern freigegeben. Was sollte das heißen? Ihren Bauern ging es gut, so gut, daß sie ihre Grütze recht gut ebenfalls mit Rahm essen konnten. Aber sie sollten es noch besser haben! Nun, sie war es zufrieden. Grischa würde es ja wissen; wenn nur Grischa zufrieden war. Das konnte er aber nicht eher sein, als bis er sich eine Frau genommen. Aber woher die Frau nehmen? Aus Moskau eine holen, aus dem Sündenpfuhl, das hätte sie niemals zugegeben. Mit den Nachbarn unterhielten sie keinen Verkehr; die Nachbarn brannten Petroleum, spielten Klavier, ließen sich ihre Kleider in Moskau arbeiten, tranken Wein und aßen Eierpiroggen, die sie »Omelettes« nannten. Einige sollten sogar Französisch sprechen, statt Russisch! Nein! Aus der Nachbarschaft durfte ihr Grischa sich auch keine Frau nehmen. Und da das Mütterchen nicht wollte, so wollte auch Grischa nicht. In anderem hatte er seinen eigenen Kopf; zum Beispiel, seinen Bauern gegenüber. Auch fand er allerlei an der heiligen Religion auszusetzen, ging nur einmal des Jahres, zu Ostern, in die Kirche und wollte den Popen nicht mehr an seinem Tisch haben. Die Gottlosigkeit ihres Grischa war seines Mütterchens größter Kummer auf Erden. Sie hatte über diesen Punkt mit Anuschka endlose Unterredungen, wobei Ströme von Tränen vergossen wurden und mit Seufzern eine wahre Verschwendung getrieben ward. Die beiden Alten beteten manche halbe Nacht durch für ihren Grischa, taten für ihren Grischa die heiligsten Gelübde, ja, sie hatten sogar eine weite und beschwerliche Wallfahrt gelobt für ihren Grischa. Auch die Bekanntschaft Grischas mit Natalia Arkadiewna verursachte in Dawidkowo viel Herzeleid. Eines Tages war sie daselbst erschienen, mit Schmutz bedeckt, vollständig ermattet, halbtot. Sie ruhte sich bei dem Mütterchen aus, aß eine warme Suppe, und wollte weiter. Doch ihre Kräfte versagten. So blieb sie denn. Einen Tag, zwei Tage und länger. Grischa konnte sie zuerst nicht leiden, der Brille und des kurzen Haares wegen. Auch hatte sie schmutzige Manschetten und Kragen. Er ging ihr aus dem Weg und pfiff, wenn er sie sah. Aber einmal redete sie ihn an und er mußte zuhören. Und er hörte ihr zu, eine ganze Stunde lang, erwiderte aber kein Wort. Dann verließ Natalia Arkadiewna Dawidkowo, und das Mütterchen und Anuschka mußten immerfort die Köpfe schütteln und seufzen, was das nur mit ihrem Grischa war? Er machte sich förmlich Gedanken! Sogar Anuschkas weit und breit berühmte Speckkuchen schmeckten ihm nicht mehr. Es war ein rechtes Elend! Da, eines Samstags, war Natalia Arkadiewna wieder da und Grischa lief ihr entgegen und fragte in großer Aufregung, ob sie das Bewußte mitgebracht habe? Sie hatte es natürlich mitgebracht. Deshalb war sie ja nur gekommen, von Moskau! Sie verabschiedete sich gleich wieder, weil sie heute noch nach Pokrowskoje müßte, einem Dorf, welches von Dawidkowo acht Werst entfernt lag. Grischa wollte sie hinfahren lassen, aber sie wollte zu Fuß gehen. Und sie ging. Während der ganzen nächsten Woche beschäftigten sich das Mütterchen und Anuschka hauptsächlich damit, daß sie die Hände über dem Kopf zusammenschlugen: ihr Grischa las! Und wie las er! Hochrot im Gesicht. Wenn man ihn anredete, wurde er zornig, Grischa zornig auf sein Mütterchen! Er las Tag und Nacht. Die beiden Frauen wollten schon zum Arzt schicken, als zum Glück Natalia Arkadiewna wieder auf den Hof kam – Zum Glück! Denn Grischa empfing sie mit heller Freude. Sie führten lange Gespräche miteinander, die Grischas Stimmittel vollständig erschöpften. Natalia Arkadiewna blieb eine ganze Woche, während welcher das Mütterchen sie herzlich liebgewann. Als sie dann wieder in die Telega stieg, um sich von Mischka nach Moskau fahren zu lassen, mußte sie Grischa und dem Mütterchen das feierliche Versprechen geben, sie jeden Samstag zu besuchen; jeden Samstagabend sollte der hübsche, muntere Mischka mit seinen hübschen, munteren Braunen in Moskau an dem Dorogomilow-Schlag auf sie warten. Und so war alles gekommen. Das Mütterchen Mascha Minitschna verstand nichts davon; aber – so war eben alles gekommen. Dreiundzwanzigstes Kapitel. Die Heiligen mochten wissen, wie es zuging, daß das Mütterchen an alle diese Dinge denken mußte, während sie in ihrem sauberen, behaglichen Speisezimmer, an ihrem mit buntem Sonntagslinnen gedeckten Tische saß, das Wasser im Samowar kochen und Anuschka seufzen hörte, bald ihren Grischa ansah, wie der es sich schmecken ließ, bald Wera Iwanowna, wie die so ernsthaft, schön und sauber dasaß. Schließlich war alles recht gut gekommen, und wenn es noch besser käme – – Das Mütterchen wurde immer aufgeregter, fing an zu scherzen und zu schwatzen, fragte Wera nach diesem und nach jenem, wo sie her sei, ob ihre Eltern noch lebten, wer ihre Eltern gewesen? Begierig horchte sie und wurde ganz zornig über die kargen Antworten, die sie bekam. Sie hielt es nicht länger am Tische aus, stand auf und ließ sich von Grischa hinüber ins Wohnzimmer führen. Dort war es wunderhübsch! An den Fenstern die herrlichsten roten Vorhänge aus Wolle, an den Wänden die bunteste, lustigste Tapete, mit den buntesten lustigsten Bildern; das ganze Zimmer voller hübscher, bunter Sachen und Sächelchen, voller bunter gestickter Stühle, bunter gestickter Kissen, Fußschemel, Teppiche, Decken. Und alle die bunten bemalten Töpfe, Teller und Tassen; der bunte zärtliche Schäfer aus Meißener Porzellan; die bunten künstlichen Blumen; der bunte Stieglitz in seinem bunten Bauer. Mit einem Wort: ein prächtiges Zimmer! Natalia und Wera mußten sich auf das Sofa setzen und Grischa aus dem Speisezimmer den Samowar herüberschaffen, denn ohne ihre sechs Gläser Tee, für die sie eine ganze Zitrone nötig hatte, tat es das Mütterchen nun einmal nicht. Auch bestand sie darauf, daß Anuschka eingemachte Himbeeren und Ingwerkuchen brächte. Freilich naschte niemand als das Mütterchen von diesen Süßigkeiten, die übrigens vortrefflich zubereitet waren. Während sie im vollsten Behagen war, bat sie Natalia Arkadiewna, ihr eine neue Fürchterlichkeit aus dem Sündenpfuhl zu berichten. Denn obgleich ihr davor grauste, hörte sie doch sehr gern davon reden, wie sie überhaupt als echte Altrussin Märchen und Geschichten leidenschaftlich liebte, besonders wenn sie recht, recht traurig waren und man dabei bitterlich weinen konnte. Andernfalls taugten die Geschichten nichts und sie ward ganz zornig darüber, daß man eine alte Frau mit solchem »dummen Zeug« quälte. »Nun wohl, Mascha Manitschna, so will ich Ihnen etwas erzählen. – – Da ist die große Stadt, welche die »heilige« genannt wird und die aus Kirchen, Palästen und Hütten besteht. In den Kirchen und Palästen liegen unermeßliche Schätze: Gold, Perlen, Edelsteine. Die Popen und Adligen raffen zusammen, immer zusammen, mehr und mehr! Die Perlen und Edelsteine aber sind die Tränen des sterbenden, russischen Volkes, die Rubinen des Volkes Blut.« »O, o!« stöhnte das Mütterchen und begann zu schluchzen. Anuschka war derber geartet. Zum Entsetzen des Mütterchens, das solche bedenkliche Anzeichen nur zu wohl kannte, geriet ihr stattliches, über und über mit Handwerk und Stickerei bedecktes Haupt in heftiges Schwanken. Sie murrte: »Warum muß das russische Volk sterben? Solche Dummheit! Tränen und Blut? Gott wird barmherzig sein! 's ist ganz gesund, dick und fett! Und dann Tränen und Blut? Ja, Schnaps und Branntwein!« Um Anuschka nicht noch mehr zu reizen, unterdrückte das Mütterchen ihre Rührung, wodurch ihr freilich das halbe Vergnügen genommen wurde. Natalia Arkadiewna fuhr, ohne sich durch die Unterbrechung stören zu lassen, fort: »Und in den Palästen schimmern die Tränen, funkelt das Blut des sterbenden russischen Volkes auf den Schultern, auf den Stirnen und an den Armen der adligen russischen Damen als Diamanten und Rubinen. Und Tränen und Blut verwandeln sich in kostbare Weine und herrliche Speisen, in Teppiche, Seide und Samt. So geht es zu in Rußland: das Volk weint und blutet, die Herren lachen und prassen. Da geschieht es, daß Christus auf die Erde herabsteigt. Er zieht von Land zu Land, und sein Gesicht wird immer bleicher, sein Blick immer trüber, sein Herz immer trauriger. Wenn er aber nach Rußland kommt, blutet sein Herz. Er wandert von Dorf zu Dorf, von Hütte zu Hütte, und wenn er die letzte Hütte von Rußland erreicht, ist sein Herz zu einer einzigen klaffenden Wunde geworden, daraus sich ein Blutquell ergießt. Der flutet über Rußland und die ganze Erde. Und Christus spricht: Mit diesem Blute meines Herzens will ich der Welt eine neue Lehre geben, denn das Elend und der Jammer der Menschen ist so groß geworden, daß sie nicht mehr glauben können ! Sie müssen daher etwas anderes werden als Christen, damit ihnen geholfen werde; denn der Himmel kümmert sich nicht um sie. So geschah es, daß in Rußland die neue Lehre entstand und daß aus Christen Nihilisten wurden. Christus selbst aber verkündete den Nihilismus dem Volke; deswegen wurde er vom Kaiser verfolgt, ergriffen und gefangen gesetzt. Vor dem Richter aber sprach er: Christus bin ich gewesen, aber Anarchist bin ich geworden. Nun richtet mich nach eurer Gerechtigkeit. Und sie verurteilten Christus zum Tode. Als man ihn zum Richtplatz führte, betete er laut, daß sein Wille geschehen möge. Wißt Ihr, welches sein Wille war, von dessen Erfüllung er einzig und allein für die leidende Menschheit die Rettung erwartete? Es soll nicht mehr geben Knecht und Herr, Arme und Reiche, Hungernde und Gesättigte. Und wie der sterbende Gott gebetet, also wird es geschehen: Christus selbst wird die Teilung vornehmen, und dann wehe allen denen, von welchen er fordern muß.« Das Mütterchen schluchzte laut auf. Wer wird meine guten Honigfrüchte bekommen? mußte sie denken. Meine süßen Ingwerkuchen und die getrockneten Zuckererbsen? Gewiß Iwan Sergewitsch, der Trunkenbold, dem Zwiebel und Knoblauch eigentlich viel lieber sind. O Gott! O Gott! Wer wird sich in meine wunderschöne Wäsche teilen? Alles selbst gesponnen, gewebt und gebleicht. Gewiß die schmierige Tatjana Semeonowna und der abscheuliche Dimitri Iwanowitsch. Ach, meine schönen Tischtücher, meine feinen Hemden! Welches Glück, daß ich mir keine neuen habe machen lassen, und daß Anuschka neulich beim Bügeln eines verbrannt hat. Und wer wird auf meinem gestickten Stuhle sitzen und aus meinen hübschen Tassen trinken? O Gott! O Gott! Und das Mütterchen brach in Tränen aus. Anuschkas Entrüstung kannte keine Grenzen. Sie stemmte ihre kräftigen Arme in die Hüften, lachte kurz auf und stellte sich mitten ins Zimmer, mit einer Gebärde, die deutlich sagte: Sie sollen nur kommen! Kommt nur, meine Seelchen, meine Liebchen, meine Täubchen! Was? – Ihr wollt mir das Meine nehmen? He, wollt ihr?! Meinen prächtigen Powoynik, meine neuen Bastschuhe, meine seidenen Bänder?! Wißt ihr nicht, ihr Diebe, ihr Räuber, ihr Heiden, daß ich mir mein Eigentum sauer verdient habe? Na – kommt nur! Sie war bitterböse auf das heftig weinende Mütterchen und Natalia Arkadiewna würdigte sie keines Blickes. Auf den guten, fröhlichen Grischa hatte die nihilistische Legende sichtlich einen tiefen Eindruck gemacht. Er saß ganz in sich versunken, stieß von Zeit zu Zeit einen tiefen Seufzer aus und sah mit einer schuldbewußten Miene vor sich hin, als sitze er vor Gericht und dürfe auf keine Freisprechung hoffen. Trotz Anuschkas feindseligem Verhalten konnte Natalia Arkadiewna mit der Wirkung ihrer Geschichte zufrieden sein. »Wir wollen zu Bett gehen,« sagte sie und stand auf. Sie hatte sogleich bemerkt, daß Wera mehr geängstigt und erschreckt als überzeugt sei, daß sie, um mit ihren eigenen Worten zu reden, wieder einmal nichts begriff. Natalia nahm sich vor, mit ihr darüber zu sprechen. Als die Mädchen das Zimmer verlassen hatten, fuhr Grischa in die Höhe. Er hätte Wera so gern etwas gesagt von seinen Absichten, und daß er mit Natalia Arkadiewna ganz einverstanden sei. Das heißt, daß er einsah, daß er begriff – – Gott wird gnädig sein! Es war alles so schwer. Da war sein Mütterchen und Anuschka und – – einen Teil seines Landes hatte er seinen Bauern bereits gegeben. Vielleicht hätte es mehr sein können, aber – indessen – – Zum Abendbrot hatte es Tee, Grütze, Spiegeleier, Schnepfen und Barsche gegeben. Das war freilich viel, viel zu viel! Spiegeleier allein wären vollkommen genug gewesen; höchstens noch die Barsche. Gleich morgen wollte er mit Anuschka ein ernstes Wort reden. Auch war es sündhaft, Schnepfen zu essen, während das Volk seine Grütze ohne Rahm aß. Hätte sie nur ein einziges Mal nach ihm hinüber geblickt! Aber sie vermied es sichtlich, ihn anzusehen, sie zürnte ihm, und – – Da war sie bereits mit Natalia Arkadiewna zum Zimmer hinaus. Er hatte alle Mühe, sein weinendes Mütterchen zu beruhigen, und mußte den ganzen Ausbruch von Anuschkas Zorn über sich ergehen lassen. Beides tat er mit derselben schuldbewußten, betrübten Miene, die seinem frohen, hübschen Gesicht gar seltsam stand. Natalia Arkadiewna schickte die Magd, die sie in ihre Kammer führen sollte, fort und stieg mit Wera die alte braune Holztreppe hinauf, zu der einzigen Gaststube des Hauses. »Du hast meine Legende von Jesus Christus nicht verstanden?« »Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sein würde, wenn auf der Welt alles geschieht, wie es in der Legende gesagt wird. Christus nimmt den Reichen ihren Überfluß und gibt davon den Armen, stürzt die Tyrannen und erhebt die Unterdrückten, teilt alles Land und setzt die Anarchie ein. Was wird dann aus Christus? Übrigens glauben die Nihilisten gar nicht an Christus. Auch darum kann ich deine Geschichte nicht verstehen.« »Sie war ja nur ein Gleichnis,« erwiderte Natalia. »Schlafe wohl.« Die Antwort auf Weras Frage, was aus Christus werden würde, nachdem er in Rußland die Anarchie eingesetzt, blieb sie wohlweislich schuldig. Also es war nur ein Gleichnis, dachte Wera, die Augen schließend. Hoffentlich hat Grischa Michailitsch es auch so aufgefaßt. Er war ganz niedergedrückt. Aber darin hat Natalia vollkommen recht: er ist ein Prachtmensch! Anuschka hat mich nicht gern. Das tut mir leid. Aber das Mütterchen – – Darüber schlief sie ein. Und anstatt von Christus, dem Anarchisten, zu träumen, pflückte sie mit dem Mütterchen Levkojen und Narzissen, immer mehr und mehr, bis sie unter Blumen begraben war. Es ist doch schön, tot zu sein, dachte sie im Traum und fühlte sich wie im Himmel. Unten im Hause gab's noch lange keine Ruhe. Zwar hatte das Mütterchen die Tränen allmählich getrocknet und sehr bald ihre Rührung vergessen. Sie hatte schon ihre hübsche, bunte Nachtjacke an, als ihr plötzlich einfiel, noch allerlei Raritäten aus Urväterzeit hervorzukramen. Aus der Ecke der Truhe zog sie einen silbernen Schmuck hervor von altertümlicher, prächtiger Arbeit, mit Topasen und Türkisen besetzt. Das Mütterchen betrachtete ihn, putzte daran herum, wurde von neuem schrecklich gerührt, so daß die Tränen wieder zu fließen begannen. Das Geschmeide war für die Braut ihres Grischa bestimmt. Ob sie bei der großen Teilung auch das hergeben mußte? Und wenn sie alles verloren, so daß sie Hungers sterben müßten, so bekam ihr Liebling, ihr Herzblatt, ihr Augapfel, ihr Grischa, keine Frau. Und gerade jetzt wußte sie eine für ihn. Auch Anuschka ging nicht gleich zur Ruhe, auch sie hatte noch seltsame Einfälle. Sie ging in die Küche hinunter, jagte brummend und scheltend das Gesinde zu Bette, und tat nichts Geringeres, als bei verschlossenen Türen über den glühenden Kohlen einen bleiernen Löffel einzuschmelzen und Blei zu gießen. Ängstlich schaute sie in das leuchtende Wirrsal, jedes Stückchen aufmerksam prüfend. Aber da war nichts zu entdecken als ein formloses, flimmerndes Durcheinander, das ihr das Zusammenstürzen alles Bestehenden zu bedeuten schien. Die vielen Kügelchen und Zäpfchen waren wohl die Tränen und die Blutstropfen des »sterbenden« Volkes. Ihr Gesicht wurde immer trostloser. Schließlich warf sie sich die Schürze über den Kopf und brach in bitterliches Schluchzen aus. Also würde doch in Erfüllung gehen, was Natalia Arkadiewna heute prophezeit hatte, und ihr prächtiger Powoynik, ihre seidenen Bänder, ihre neuen Bastschuhe würden unwiderruflich unter die diebischen, schmutzigen, niederträchtigen Bauernweiber verteilt werden. Auch Grischa konnte lange keinen Schlaf finden. Sich unruhig hin und her werfend, quälte er sich mit dem Gedanken, was sie wohl von ihm denken müsse, daß er Schnepfen, Barsche und Spiegeleier aß, während das Volk nichts hatte, als in aller Ewigkeit Grütze, Grütze ohne Rahm! Sie mußte ihn verachten. Unverwandt sah er ihre ernsten, traurigen, schönen Augen auf sich gerichtet, bis er endlich, ihren Namen murmelnd, einschlief. Vierundzwanzigstes Kapitel. Als Wera erwachte, mußte sie sich erst lange besinnen, wo sie sei. Mit erstaunten Augen betrachtete sie ihre Umgebung: die blanken Dielen, die Wände aus rötlichem Fichtenholz, die bunte Balkendecke, das schimmernde Heiligenbild. Durch die offenen Fenster quollen die weißen Blütendolden des Flieders, wehte der berauschende Duft des Frühlings herein, die köstliche Frische des Morgens. Mit einem glücklichen Lächeln schloß Wera die Augen, lag eine Weile regungslos und lauschte auf das Piepsen der Sperlinge, auf das Zwitschern der Finken. Ein Hahn krähte und Tauben gurrten. Mit einer Empfindung, so leicht und freudig, wie Wera seit ihrer Kindheit sie nicht mehr gekannt, sprang sie dann mit beiden Füßen zugleich aus dem Bette, trat an das Fenster, faßte den ganzen Arm voll der schneeigen, taufrischen Blüten und drückte tief ihr Gesicht hinein, begierig den feinen Fliederduft einatmend. Nun kleidete sie sich rasch an, warf noch einen Blick auf die fest schlummernde Natalia und schlich aus dem Zimmer. Es war draußen noch viel, viel schöner, als sie bei ihrer Ankunft gestern abend geglaubt. Wera schien es, als ginge von jedem Gegenstand ein eigner Glanz aus; nicht die Sonne allein war es, die hier alles vergoldete. Ohne einem Menschen zu begegnen, gelangte sie aus dem Hause und stand plötzlich mitten unter den Narzissen. Ihr Traum fiel ihr ein. Sie mußte lächeln. Dann pflückte sie einen großen Strauß Blumen, was sie nicht getan hatte, seitdem sie mit Sascha auf der Steppe gespielt. Wie lange das her war! War sie denn schon so alt? Aber nein. Gerade heute fühlte sie sich so jung. Und sie mußte wieder lächeln, daß sie so kindisch sein konnte, nachzuzählen, wie alt sie sei. Den Strauß soll Grischas Mütterchen bekommen, dachte sie und wählte sorgsam unter den schönsten und frischesten Blumen. Da waren auch Hyazinthen, ganze Felder! Ein Blumenstengel immer prächtiger als der andere. Wie herrlich doch die Natur war! An die Natur hatte sie noch niemals gedacht. Auch war für einen Nihilisten die Natur ebensowenig vorhanden, wie für Wladimir Wassilitsch die Heiligenbilder. Die Schönheit der Natur brachte dem Volke ja keinen Nutzen. Also fort damit! Solche Fliederbäume hatte sie niemals gesehen, ein wahrer Wald! Und der Goldregen mit seinen langen leuchtenden Trauben, der Rotdorn, der dazwischen glühte. Welche Pracht! Wera schürzte ihr Kleid auf, um es mit Blüten zu füllen. Wie schade, daß Sascha nicht da war; dem würde es auch in Dawidkowo gefallen. Sascha wäre ein Freund für Grischa gewesen! Das Mütterchen hätte ihn sicher verzogen und selbst Anuschka mit ihm nicht gebrummt. Was Sascha wohl zu dem Prachtmenschen sagen würde? Sie wollte ihrem Freunde viel von ihm erzählen. Wahrscheinlich würden sie gleich nach dem Tee nach Moskau zurückfahren. So bald! Sie kam in den Lindenwald, in dessen Mitte das kleine Haus mit seinen Blumenfeldern und Blütenbäumen wie ein Hügel aufgeschütteter Knospen lag. Sonnenschein füllte den Wald, an den Zweigen funkelten die betauten Frühlingstriebe gleich Goldtropfen. Der Boden war blau von Veilchen. Ach, Veilchen! Und Wera stand da, unentschlossen, ob sie ihre Hyazinthen und Narzissen fortwerfen sollte, um sich den Schoß mit Veilchen zu füllen. Da hörte sie hinter sich Schritte und wußte auch sogleich, wer kam. Sie mußte ihm natürlich sagen, daß sie die Blumen nicht für sich, sondern für sein Mütterchen gepflückt hatte. Dennoch war ihr die Begegnung höchst unangenehm. »Guten Morgen, Wem Iwanowna! Sie sind schon auf?« Gott sei Dank! Seine Stimme klang wieder ganz fröhlich und er gebrauchte sie so kräftig, daß ringsum die Vögel auf und davon flogen. Es waren doch recht dumme Tiere! »Was ist das für ein prächtiger Morgen! Wie schön ist es bei Ihnen!« Und ihre Stimme klang so froh, als wäre sie das Echo der seinen. Mit einem Schritt war er an ihrer Seite. »Gefällt es Ihnen bei uns? Ist das möglich? Das würde mich so freuen!« Er sprach das »so« mit solchem Nachdruck, daß auch der letzte Vogel, ein kecker Spatz mit aufgeblusterten Federchen, der sich die beiden mit klugen Äuglein beschaute, schleunigst die Flucht ergriff. »Alle diese Blumen haben Sie gepflückt? Wie herrlich!« rief Grischa bewundernd, als hätte er zum erstenmal in seinem Leben Hyazinthen und Narzissen gesehen. »Wenn Sie erlauben, bringe ich sie Ihrem Mütterchen.« »Für mein Mütterchen haben Sie Blumen gepflückt? Wirklich? Wie sie sich freuen wird. Aber warum sagen Sie: Wenn Sie erlauben. Was würde Natalia Arkadiewna dazu sagen! Alles, was ich besitze, gehört doch Ihnen.« Sie gingen weiter, schweigend und langsam. Frühlingsfluten umwogten die beiden hohen kräftigen Gestalten, ihre Seelen standen, ihnen unbewußt, unter dem holden Zauber des Lenzes. Wera hatte etwas auf dem Herzen. Sie wollte von der Legende reden, die gestern abend Natalia Arkadiewna erzählt, und die auf Grischa einen starken Eindruck gemacht hatte. Sie wollte ihm sagen, daß sie die Legende nicht verstanden, und daß dieselbe sie mit großem Kummer erfüllt habe. Aber der Mund war ihr wie zugeschlossen. Grischa führte sie in den Gemüsegarten, der hinter dem Wäldchen lag und dessen Beete bereits bestellt waren. Wera konnte nicht aufhören zu bewundern. Noch niemals hatte sie ein solches Gedeihen gesehen! Der Kohl und die Rüben standen prächtig, die Erbsen hatten sich schon hoch aus dem Boden hervorgewagt, und die Bohnen waren in Dawidkowo mindestens um zwei Zoll höher als in Eskowo. Und wie gleichmäßig war der Abstand der Pflanzen voneinander, wie zierlich die Einfassung der Beete von Brunnenkresse und Erdbeerstauden, wie herrlich dufteten Thymian und Salbei! Der junge Gutsherr geriet bei Weras Lob in höchsten Eifer. Voller Stolz führte er sie zu den Frühbeeten, wo Gurken, Melonen und Salat ausgesät waren, und wo sich sogar eine Champignonbrut befand. Sodann ging es zu den Himbeer-, den Stachel- und Johannisbeersträuchern, die aufmerksam geprüft und gleichfalls hoch belobt wurden. Geradezu wundervoll war der Obstgarten mit seinen Spalieren, seinen kräftig gewachsenen Stämmen und den kleinen allerliebsten Zwergbäumchen. Pfirsiche und Aprikosen hatten bereits abgeblüht, aber Pflaumen und Kirschen standen noch in voller Pracht, und das übrige vornehmere Obst konnte sichtlich die Zeit kaum erwarten, bis es seine rosigen Knospen aufschließen durfte. Grischa wußte von einer jeden Sorte den lateinischen und russischen Namen, gab von jeder eine ausführliche Beschreibung und freute sich schon jetzt auf den Herbst, wo Wera von allem kosten würde. Dann kam es heraus: alles, was sie bewunderte, Blumen, Gemüse und Obstbäume, gehörte in das Wirtschaftsgebiet des Mütterchens, welches so herrschsüchtig war, daß in ihr Reich niemand, selbst nicht Anuschka, hineinzureden wagte. Es zeigte sich da wieder einmal glänzend, was für ein Gottessegen ein monarchisches Regiment sein konnte. »Das Schlimme ist nur,« meinte Grischa, »daß uns so viel gestohlen wird.« »Von wem?« »Von unseren Bauern.« »Die stehlen? Ich denke, Sie haben ihnen ein Dritteil Ihrer Felder gegeben?« Grischa geriet in Verlegenheit. »Nicht wahr, Sie meinen auch, daß es zu wenig ist? Denn wenn es genug wäre, würden sie ja nicht mehr stehlen. Aber was soll man machen? Ich habe sie gebeten, es nicht zu tun, und ihnen mit Erlaubnis meiner Mutter den dritten Teil von allen Früchten und Gemüsen versprochen. Es muß aber immer noch nicht genug sein; denn sie stehlen immer noch. Es ist ein großer Kummer. Lange Zeit wollten wir keine Hüter hinstellen, dann mußten wir es doch. Aber die Hüter stahlen mit den anderen, und es ist nur noch schlimmer geworden. Ich weiß nicht, was daraus werden soll. Die armen Menschen!« »Wie können Sie sie bedauern!« rief Wera heftig, »Sie sind so gütig gegen die Leute und zum Dank werden Sie von ihnen bestohlen. Haben diese Menschen denn gar kein Gewissen?« »Wir haben ihnen zu viel zuleide getan,« murmelte Grischa bekümmert. »Fragen Sie nur Natalia Arkadiewna. Und die Bauern wissen das! Natalia Arkadiewna und die anderen haben es ihnen gesagt. Nun üben sie Vergeltung an uns und wir können es ihnen nicht einmal verdenken.« »Was werden Sie tun?« »Das weiß ich noch nicht. Nun, Gott wird gnädig sein. Ich werde mein Mütterchen bitten, den Garten eingehen zu lassen und statt der Blumen Kohl zu pflanzen, damit die Leute mehr Gemüse bekommen. Blumen sind ja eigentlich auch ganz überflüssig. Daß sie Obst stehlen, können wir nicht ändern, das mögen sie sich in Gottes Namen schmecken lassen.« »Stahlen Ihre Bauern früher auch so viel?« »Wann früher?« »Als Sie ihnen noch nicht den dritten Teil Ihres Besitzes gegeben.« »O damals! Damals stahlen sie freilich auch. Allerdings, wie mir einfällt, etwas weniger, viel weniger.« Und er sah so unglücklich aus, daß er Wera leid tat. Fünfundzwanzigstes Kapitel. Nun sollte Grischa ihr auch die Wirtschaftsgebäude und den Hof zeigen, was dieser seinem verlegenen und bekümmerten Gesicht nach zu schließen, nichts weniger als mit Freuden tat; doch rief er einen in der Nähe arbeitenden Burschen herbei, den er mit Weras Blumen ins Haus schickte. Dann gingen sie. Wera erschrak über die Unordnung und Verwahrlosung, die sich in den Wirtschaftsgebäuden, den Scheunen und Ställen bemerkbar machte. Einige der Häuser waren so schadhaft, daß der nächste Sturm sie umwehen konnte. Das wenige Vieh, welches sich vorfand, hatte ein schlechtes, vernachlässigtes Aussehen. Aber den betrübendsten Eindruck machte das Gesinde, das ohne jede Aufsicht zu sein schien, von Schmutz starrte, nach Branntwein roch und selbst in der Gegenwart des Herrn verdrossen und träge blieb, Grischa versuchte die Leute zu entschuldigen. »Was wollen Sie, Wera Iwanowna? Es sind auch Menschen. Sie wollen auch leben und Freude am Leben haben. Es ist schrecklich, zu denken, was sie unter unseren Vätern und Großvätern zu leiden hatten. Bevor ich Natalia Arkadiewna kannte, war mir das gar nicht verständlich; sie hat es mir erst begreiflich gemacht. Ich war ganz entsetzt, wirklich ganz außer mir; denn sie müssen uns ja hassen! Tag für Tag, jahraus, jahrein Arbeit und Leiden und dazu schlechte Beamte, betrügerische, nichtsnutzige, grausame Verwalter. Auf Natalia Arkadiewnas Rat habe ich den meinen neulich fortgejagt. Er war eine Bestie und kein Mensch. Niemals werde ich es mir verzeihen können, daß ich meinen Leuten eine solche Bestie zum Verwalter gab. Nun sehe ich selbst nach allem. Aber sie sind ganz verdorben durch schlechte Behandlung. Ich versuche durch Milde sie wieder gut zu machen, und ich hoffe, daß es mir gelingen soll, ich hoffe es wirklich. Freilich ist es manchmal etwas schwer, recht schwer; das gebe ich zu. Doch darf man deshalb den Mut nicht sinken lassen. Meinen Sie nicht auch?« Er sah sie erwartungsvoll, beinahe angstvoll an. »Keinesfalls dürfen wir den Mut verlieren,« erwiderte Wera in ihrer herben und strengen Art.« Und leiser setzte sie hinzu: »Überall ist ein solcher Wirrwarr und ein solches Unglück, daß man nicht weiß, was beginnen. Wenigstens ich weiß es nicht. Aber die anderen werden es wissen und mir zur rechten Zeit sagen; sie werden mir sagen, was ich zu tun habe. Man muß eben glauben und vertrauen. So ist es.« Sie war sich gar nicht bewußt, daß sie soeben nicht ihre, sondern Saschas Meinung ausgesprochen hatte und beinahe mit dessen Worten. Grischas Augen leuchteten froh auf, sein Gesicht verklärte sich. »Also Ihnen geht es auch so? Man weiß nicht, wo anfangen, es ist zu viel Wirrwarr. Sie haben recht, das ist es! Nun, wenn es Ihnen so geht, will ich mich nicht beklagen, sondern froh sein, den rechten Weg gefunden zu haben. Denn Sie glauben gar nicht, wie verstockt ich war. Ich lebte in Lust und Freude, hatte von allem die Hülle und Fülle, dachte an nichts, wußte von keinem Leiden auf der Welt, glaubte, es wäre alles in Ordnung, es müßte alles so sein, und wie alles war, so sei es herrlich. Welcher Irrtum! Welche Schlechtigkeit! Da wurden mir von Natalia Arkadiewna die Augen geöffnet. Ich war tief unglücklich, ich kam mir so schändlich vor; ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr. Übrigens komme ich mir noch immer nicht besser vor – besonders seit gestern.« Er schloß die Augen und atmete schwer. »Weshalb besonders seit gestern?« »Mein Gott, das ist doch ganz einfach. Gestern lernte ich Sie kennen; Sie haben so viel Mut, so viel Stärke, solche feste Grundsätze.« »Nein, nein, die habe ich gar nicht,« widersprach Wera eifrig. »Glauben Sie das nicht, Sie dürfen das nicht glauben. Ich habe noch nichts getan, gar nichts! Ich kam nur und sagte ihnen: Tut mit mir, was ihr wollt; das Elend ist gar zu groß, ich möchte gern helfen. Ich bin durchaus nicht mutig, oder stark oder sonst etwas Gutes. Und was Grundsätze sind, das weiß ich gar nicht. Überschätzen Sie mich doch nicht so. Bitte, bitte.« Und sie erhob die Hände. Grischa wagte, ihr ins Gesicht zu blicken. Sie sah in diesem Augenblicke so schön aus, daß er förmlich erschrak. Aber auch Natalia Arkadiewna mit ihrem geschorenen Haar, ihrer Brille und ihrem Leidensgesicht sollte einmal recht hübsch gewesen sein; stark und gesund. Dann hatte sie sich für das Volk geopfert und war nun so geworden, so jammervoll! Konnte eine solche Umwandlung nicht auch mit Wera Iwanowna geschehen? Diese Nihilistinnen gaben alles hin, Schönheit und Gesundheit; sie wollten elend sein, um nichts vor dem Volke voraus zu haben; denn ihre Lebensaufgabe war, das Volk an den Reichen und Vornehmen zu rächen. Wenn sie nur nicht so schmutzige Wäsche trügen, dachte der ehrliche Grischa, sich an Natalia Arkadiewnas Kragen und Manschetten erinnernd und einen bewundernden Blick auf Wera werfend, die in ihrer sauberen altrussischen Tracht wie eine Fürstin neben ihm herging. Plötzlich sagte er, und wurde ganz bleich über seine Kühnheit: »Sie sollten bei uns bleiben. Das heißt bei meinem Mütterchen und Anuschka. Wirklich, Sie sollten! Wie viel Gutes könnten Sie hier tun! Es ist gar nicht zu sagen. Ich bin ein schwacher Mensch, der eines Vorbildes bedarf; das weiß Natalia Arkadiewna sehr wohl. Deshalb erzählte sie auch gestern abend die Legende mir als Beispiel. Wenn Sie mir nun mit dem Beispiel vorangingen und – und –« »Und ich Ihnen helfen würde, Ihr Land unter die Bauern zu verteilen?« »Allerdings. Das wäre jetzt meine Pflicht. Was soll denn daraus werden, wenn wir nicht mit gutem Beispiel vorangehen; wir, die kleinen russischen Landwirte. Das müssen Sie doch einsehen! Wenn wir das Unsere behalten, in allem Frieden gebratene Schnepfen, Spiegeleier und Grütze mit Rahm essen, was können wir dann von den großen Herren verlangen? Begreifen Sie doch! Da sitzen Tausende auf ihren Landgütern, wissen gar nicht, wieviel Desjatinen sie haben und wieviel Rubelscheine. Sie sollen nichts trinken als Champagner, haben französische Köche – daraus muß ja Unglück kommen. Bedenken Sie doch! Gehen Sie mir also mit gutem Beispiel voran.« Wera blieb stehen und sah ihm entschlossen in die Augen. »Hören Sie, Grischa Michailitsch, Sie müssen mir etwas versprechen.« »Mit tausend Freuden, alles, was Sie wollen.« »Sie müssen mir Ihr feierliches Wort geben.« »Bei meinem Seelenheil – –« »Sie haben Ihren Bauern genug geschenkt, ein ganzes Dritteil! Mehr dürfen Sie nicht verteilen, keine Desjatine mehr. Geloben Sie mir das?« »Mein Gott,« stammelte Grischa, »was verlangen Sie von mir? Ich glaubte Ihnen versprechen zu sollen, meinen Bauern noch mehr als das zweite Dritteil zu geben. Und nun verlangen Sie das von mir? Was wird Natalia Arkadiewna von mir denken? Sie wird mich verachten.« »Das weiß ich nicht. Aber ich weiß, daß es ein großes Unglück wäre, wenn jeder das Seine hergäbe; ein großes Unglück, sowohl für die Gebenden wie für die Empfangenden. Damit wird dem Volke nicht geholfen, damit gewiß nicht! Ich werde es Natalia Arkadiewna sagen, daß ich mit Ihnen gesprochen habe. Sie ist ja viel besser als ich und liebt das Volk, wie es nicht zu sagen ist; aber sie kennt es nicht so genau, wie ich es kenne. Also Sie versprechen es mir?« »Werden Sie bei uns bleiben?« »Nein. Ich habe andere Dinge zu tun, es sind mir andere Dinge aufgetragen worden. Sie wissen ja, daß wir gehorchen müssen.« »Sie gehören also auch zu den Auferstandenen?« »So nennen wir uns, obgleich wohl noch mancher von uns diesen schönen, feierlichen Namen nicht verdient. Auch sind der Auferstandenen nur wenige, und sie müssen über ganz Rußland verbreitet sein, über die ganze Erde.« »Freilich, freilich!« »Sie wollen es mir also nicht versprechen?« »Ich verspreche es Ihnen, ich gebe Ihnen mein feierliches Wort darauf.« Er hätte gern hinzugefügt: Aber du darfst dein prachtvolles Haar nicht abschneiden, deine schönen Augen nicht hinter Brillengläsern verstecken und keine schmutzigen Kragen und Manschetten tragen, wie Natalia Arkadiewna. Denn damit ist dem Volke auch nicht geholfen. Versprich du mir, zu bleiben wie du bist, und ich will dir alles versprechen. »Ich danke Ihnen,« sagte Wera Iwanowna, »Nun bin ich ruhig.« Sechsundzwanzigstes Kapitel. Alles, was Wera von Grischas Landwirtschaft sah, machte auf sie den betrübendsten Eindruck. Auch die Felder zeigten die gröbste Vernachlässigung und trotz des gesegneten Frühjahrs war der Stand der Saaten schlecht. Unkraut überwucherte die Frucht und die meisten Schläge lagen völlig brach. Die Ackerstrecken, welche Grischa an seine Bauern abgetreten, waren viel besser imstande als die seinen; denn die Leute arbeiteten natürlich lieber für sich selbst als für den Herrn. »Wenn ich meinen Bauern noch das zweite Drittel gäbe,« meinte Grischa, »so wären die beiden Drittel gewiß vorzüglich in Ordnung, und ich könnte für das, was ich behielte, prächtig selbst sorgen.« »Versprechen Sie mir lieber, für Ihre beiden Drittel besser zu sorgen. Sehen Sie doch, wie kräftig der Roggen steht, der Ihnen nicht gehört, wie kümmerlich daneben der Ihrige. Jeder schwache Halm auf Ihren Feldern muß Ihnen vorkommen wie ein Mensch, der durch Ihre Schuld verkümmert. Grischa seufzte und sah wieder einmal sehr schuldbewußt aus. »Was soll ich machen? Ich tue, was ich kann. Am liebsten spannte ich mich selber vor den Pflug; denn warum sollen diese armen Menschen für einen anderen arbeiten? Ich kann das wirklich nicht einsehen. Sie, die Sie das Volk lieben, müssen das doch begreifen. Seien Sie doch nicht so hart!« »Nein, ich begreife das nicht,« erwiderte Wera. »Ich kann nur begreifen, daß der Mensch seine Pflicht tun muß, und Ihrer Bauern Pflicht ist es, Ihren Acker gut zu bestellen. Die Pflicht des Herrn ist Gerechtigkeit und Fürsorge, die des Volkes Fleiß und Gehorsam. Beide haben keine anderen Pflichten gegen einander.« Hart am Wege pflügte ein Bauer mit elenden, abgetriebenen Pferden, auf die er unbarmherzig losschlug. Wera stieg die Zornesröte ins Gesicht. »Was fällt dir ein, Bauer?« rief sie dem Wütenden zu. »Bist du ein Christ? Die Tiere können nicht besser ziehen, denn du gibst ihnen zu wenig Nahrung. So sei doch nicht so grausam.« Aber der Bauer, ohne sich nur nach der Sprecherin umzuwenden, fuhr fort, auf die Gäule loszuschlagen. »So befehlen Sie doch dem Manne, den Stock fortzuwerfen. Wozu sind Sie denn hier der Herr?« »He, Trischka,« schrie Grischa gehorsam den Bauer an. »Hörst du, Trischka!« Aber Trischka hörte nicht. Er war ein freier Bauer, pflügte auf seinem eigenen Felde, mit seinen eigenen Pferden, davon er das eine aus seines Herrn Stall erhalten. Auf dieses schlug er am wütendsten los. Grischa kannte das Tier und wurde ganz fahl im Gesicht. Er lief zu dem Manne hin, um ihm den Stock zu entreißen. »Das ist mein Pferd, Väterchen,« sagte der Mensch mit einem boshaften Grinsen. »'s ist ein verfluchter Racker, den ich totprügeln werde. Was sagst du, Väterchen? Du hast ganz recht. Ein jeder seh' nach dem Seinen.« Und von neuem schwang er seine Stange, während Grischas Arm wie gelähmt herabsank. »Es ist ein schlechtes Volk,« sagte er, als er wieder neben Wera einherging, mit tiefster Bekümmernis. »Aber wer ist schuld daran? Nun müssen wir es tragen, es ist unsere Strafe. Wir können ja auch nicht verlangen, daß sie uns dankbar sind; dankbar wofür? Daß wir sie endlich haben werden lassen, was sie sind: freie Menschen und ihnen von unserem Überflusse abgeben? Wir sollten im Gegenteil alle Tage Gott bitten, daß er Barmherzigkeit mit uns habe und daß das Volk uns verzeihen möge. Meinen Sie nicht auch?« Statt aller Antwort frug Wera: »Bringt Natalia Arkadiewna Ihnen alle Schriften, die bei uns gedruckt werden?« »Alle. Es ist nicht zu sagen, wie schön sie sind.« »Aber verstehen Sie alles?« »Ich denke darüber nach. Sie gehen mir Tag und Nacht im Kopfe herum. Vieles ist wundervoll wahr.« »Wundervoll! Also Ihnen ist alles klar?« »Wenn mir etwas nicht klar ist, so suche ich mich darüber zu belehren.« »Bei wem? Bei Ihrem Mütterchen?« »Ach nein, mein Mütterchen schüttelt zu allem nur den Kopf und bricht in Tränen aus; und Anuschka wird zornig. Nein, ich frage Natalia Arkadiewna, die deutet mir alles. Sie ist eine großartige Seele.« »Das ist sie.« »Wenn man bedenkt, daß sie, wie der Heiland in der Legende, alles mit dem Volke teilt, muß man staunen. Sie ist ein erhabenes Beispiel. Täten alle wie sie, so würde es bald auf der Welt gar kein Elend mehr geben.« Freilich würden dann wohl alle schmutzige Kragen und Manschetten haben, mußte er denken, und kam sich bei diesem Gedanken so schlecht vor, daß er sich vor sich selbst schämte. Grischa wäre an der Seite Weras am liebsten in die weite Welt hineingewandert; aber seine Begleiterin mahnte zur Rückkehr. Der Himmel war so strahlend, die Erde so frühlingsgrün und blütenbedeckt, hoch in den Lüften jubilierten Lerchen, so triumphierend, daß die beiden jungen Menschen den Jammer des Lebens, womit sie ihre Seelen ganz erfüllen wollten, wohl oder übel vergessen mußten. Sie plauderten wie alte Bekannte, und Grischa zeigte Wera aus der Ferne den Sumpf, wo sich im Umkreis von fünfzig Werst die beste Schnepfenjagd befand. Eines Morgens hatte er mit Hilfe seines Karo – im Umkreis von fünfzig Werst gab es keinen besseren Hund – von diesen Vögeln sechzehn Stück erlegt. Und wie schön in der Morgendämmerung am Rande des Waldes zu stehen, wenn es in der Natur so lautlos und feierlich war wie in der Kirche. Der Himmel mit ausgelöschten Sternen blaß und klar, im Osten mit einem orangefarbenen Streif, welcher wuchs und wuchs. Das hohe Gras so schwer mit Tau getränkt, daß es tief herabhing und der Tritt des Jägers eine dunkle Fährte zurückließ; die jungen Blätter zitternd in der kühlen Morgenluft. Die Flinte in der Hand, wartet der Jäger; jede Bewegung des Hundes beobachtend und so gespannt lauschend, daß er hört, wie hinter ihm ein verwelktes Blatt, das am Stamm überwintert hat, von dem jungen Triebe verdrängt, zur Erde fällt. Jetzt wird es immer lichter, die Flammen des Morgenrotes lodern hoch auf, der ganze östliche Himmel steht in Glut. Auf der schwarzen Fläche des Sumpfes liegt es glühend wie der Widerschein eines Brandes. Da, ein scharfer, knarrender Laut – die Schnepfe! Ein Krach, der Hund stürzt sich ins Röhricht. Karo, apport! So geht es, bis die Jagdtasche gefüllt ist, bis die betaute Wiese im Sonnenglanz funkelt wie ein Diamantenfeld. Und in seinem Entzücken über die Freuden der Jagd vergaß Grischa gänzlich sein Vorhaben, nie mehr gebratene Schnepfen zu essen. Sie hatten sich so verspätet, daß Grischas Mütterchen sich bereits ängstigte, und Anuschka in vollem Zorn den Kuchen hatte anbrennen lassen, den sie, eigentlich ganz gegen ihren Willen, für die Gäste gebacken. Der Teetisch stand unter den Fliederbäumen gedeckt und war über und über mit Weras Blumen geschmückt. Das Mütterchen trippelte den beiden aufgeregt entgegen, in großem Jammer über den verbrannten Kuchen und in heller Freude über Weras Blumen. »Wo habt ihr denn nur gesteckt? Denkt euch, Natalia Arkadiewna ist im Stalle und predigt den Mägden. Alle sind hingelaufen, Anuschka sitzt ganz allein in der Küche. Wenn das unser Pope erfährt. Was aber auch den Menschen alles einfällt? Wer hätte das in meiner Jugend gedacht? Ihr werdet bald verhungert sein, aber wir können doch nicht frühstücken ohne Natalia Arkadiewna. Vielleicht holt sie einer von euch?« Grischa wollte sogleich gehen, doch Wera bat ihn, bei seinem Mütterchen zu bleiben, und so blieb er. Sie begab sich in den Stall, wo sich ihr der wunderbarste Anblick bot: Mägde, Knechte, Bauernweiber mit ihren Kindern, um ein umgestülptes Branntweinfaß geschart, darauf die Nihilistin wie auf einer Kanzel stand und mit leidenschaftlichen Gebärden Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit predigte. Dabei bediente sie sich der dem Volke verständlichsten Sprache der Gleichnisse und Bilder. Wera erkannte die Wirkung der Predigt an den wilden, erregten Gesichtern der Männer; die Weiber dagegen waren sehr gerührt und schluchzten. Einer der Lautesten war der Kutscher Mischka. Beim Eintreten Weras deutete Natalia Arkadiewna auf sie und rief: »Seht, meine Brüder und Schwestern: Diese ist auch eine von jenen, welche um eurer Leiden willen sich verschworen hat, eure Unterdrücker von der russischen Erde fortzutilgen. Sie wird euretwillen ihre Hände in das Blut eurer Feinde tauchen; sie wird euretwillen über die Leichname eurer Tyrannen hinwegschreiten. Küsset diese Hände, diese Füße! Siehe dort, russisches Volk, deine Märtyrerin, deine Heilige.« Und zum Entsetzen Weras stürzten die Weiber auf sie zu und küßten trotz ihrer heftigen Abwehr, ihre Hände und ihr Gewand. Sie wollte reden, aber die Stimme versagte ihr. Denn ihr fiel ein, wie sie vom höchsten Glücke sich beseeligt gefühlt hatte, als damals, in der Nacht ihrer Ankunft in Moskau, die Ihren sie so tumultuarisch begrüßten. Bei der fanatischen Huldigung dieser Menschen aber, denen sie soeben als Mörderin und Totschlägerin bezeichnet worden, ergriff sie Abscheu. Sollten diese Verbrechen wirklich von ihr gefordert werden, so hätte sie dieselben vielleicht begehen müssen; aber nicht preisen sollte man sie um solcher Taten willen. Möglich, daß der politische Mord eine Notwendigkeit war – das wußte sie nicht anders, das glaubte sie den Ihren – für sie blieb es immerhin ein Mord. Freilich hatte sie noch vor kurzem selbst den politischen Mord als eine verdienstvolle Sache bezeichnet. Was war seitdem mit ihr vorgegangen? Und Wera kam sich so schuldbeladen vor, als hätte sie an der Sache des Volks einen Verrat begangen. In der gedrücktesten Stimmung kehrte sie mit der Volksrednerin nach dem Hause zurück, sich fürchtend, nach dem Erlebten dem Mütterchen unter die milden Augen zu treten und einem der leuchtenden Blicke Grischas zu begegnen. Natalia Arkadiewna dagegen hatte der im Stalle gehabte Erfolg in eine Begeisterung versetzt, daß sie wie neubelebt neben Wera herging, indem sie fortfuhr, den Nihilismus als die alleinseligmachende Religion der Völker zu verkünden. Sie mäßigte ihre Ergüsse auch nicht, als sie sich der Fliederlaube näherten, und rief dem Hausherrn schon von weitem zu: »Dieses Mal habe ich Ihre Leute in einer Weise mit der Sache bekannt gemacht, daß dem Volk die Augen aufgegangen sind. Das Volk muß das Sehen lernen, wie ein Kind das Gehen. Das Volk wird sich wundern, was es nach und nach zu erblicken bekommt. Es soll die Augen aufreißen. Schade, daß Sie vorhin nicht dabei waren! Ihr Kutscher Mischka ist ein Prachtkerl. Und wie er mich verstanden hat. An dem werden Sie noch Wunder erleben.« »Er war der Beste von meinen Leuten,« meinte Grischa und sah zu Boden. »Wir sind von Kind an zusammen gewesen und haben miteinander gespielt. Ich habe ihn lieb. Es sollte mir leid tun – verzeihen Sie, daß ich es Ihnen sage – aber wirklich, Natalia Arkadiewna, es würde mich schmerzen, wenn Sie den Mischka gegen mich aufreizen sollten. Ich hoffe, daß er auch für mich etwas Zuneigung fühlt, denn ich bin stets gütig gegen ihn gewesen.« Es war die längste Rede, die Grischa jemals in einem Atem gehalten. Sie war ihm auch schwer genug geworden; aber er dachte: Wera Iwanowna soll erfahren, daß ich noch immer in meinem Hause Herr bin. Also redete er in Gottes Namen und bereitete dadurch seinem Mütterchen die Freude, gleich am frühen Morgen gerührt sein zu können und von ihrem schneeweißen, mit selbstgeklöppelten Spitzen besetzten Taschentuch reichlichen Gebrauch machen zu dürfen. Aber dann fiel ihr der Kuchen ein und daß derselbe heute außergewöhnlich gut geraten, worüber sie sich so von Herzen freuen mußte, daß sie beim besten Willen nicht vermochte, von Herzen gerührt zu sein. Natalia Arkadiewna war von Grischas Rede weniger erbaut, sie meinte dazu: »Sie stehen noch nicht auf der Höhe der Situation, sonst würden Sie gerade von denjenigen, die Sie in Ihr Herz geschlossen haben, wünschen müssen, daß dieselben Ihnen in vollständiger Freiheit und Gleichheit gegenüberständen, aller Vorurteile des Standes los und ledig. Ich hoffe übrigens, Ihren Kutscher gegen Ihren Willen so weit zu entwickeln, wie es mir für seine zukünftige soziale Stellung das Rechte zu sein scheint.« Man setzte sich; Natalia Arkadiewna aber erst, nachdem sie rings um ihren Platz alle Blumen entfernt hatte. Weras Blumen! dachte Grischa mit stillem Ingrimm. Das Mütterchen wollte den Tee bereiten, doch Wera tat es für sie, und das Mütterchen ließ es für sich tun, in Grischas Leben ein unerhörtes Ereignis, das Wera als durchaus selbstverständlich mit großer Ruhe hinnahm und das den guten Grischa vollständig fassungslos machte. Daß sein Mütterchen sich sozusagen das Zepter aus den Händen nehmen ließ und einer anderen übertrug, das mußte im Staate Dawidkowo etwas Großes zu bedeuten haben. Über seinem Staunen merkte er nicht einmal, daß er der einzige war, der Tee trank, denn auch das Mütterchen nahm, den nihilistischen Grundsätzen Natalia Arkadiewnas und dem Frieden zuliebe, an diesem sonnigen Morgen das Essen des Volkes: die gesegnete Grütze. Sie saßen und verzehrten unter der blühenden Frühlingspracht schweigend das Frühmahl, als Anuschka gestürzt kam, heulend und scheltend; die Mägde wollten den Rahm nicht von der Milch schöpfen. Wera schenkte dem Prachtmenschen gerade zum viertenmal Tee ein. Anuschka sah es, verstummte, blieb stehen, wo sie stand, starrte bald das Mütterchen, bald Wera an, stieß einen dumpfen Laut aus, warf sich plötzlich die Schürze über den Kopf und lief ins Haus. »Was hat nur Anuschka heute wieder?« meinte Grischa, so hastig den heißen Tee herunterschluckend, daß dieser ihm in die unrechte Kehle kam und er fürchterlich husten mußte. Aber niemand wußte, was Anuschka heute wieder hatte. Nachdem Grischa den Erstickungsanfall glücklich überstanden, forderte Wera ihn auf, nach den widerspenstigen Mägden zu sehen, eine Kühnheit, die das Mütterchen mit Schrecken erfüllte. In welchen Unwillen würde Natalia Arkadiewna geraten, und was würden die rebellischen Mägde dazu sagen?! Aber wie wurde ihr, als Grischa auch sogleich ganz gehorsam aufstand, bereit, mit Wera in das Milchhaus zu gehen, ohne im mindesten auf die schreckliche Natalia Arkadiewna zu achten. Dort konnten die beiden allerdings nicht viel ausrichten, denn von den Mägden war nichts zu sehen und zu hören. Grischa war der Ansicht, sie wären zum Popen gelaufen, und fühlte sich Mannes genug, für einen freundlichen Blick von Wera die Widerspenstigen im Notfall mit Gewalt zu ihrer Pflicht zurückzubringen. Doch begnügte sich seine Herrin für diesmal damit, daß sie selbst die Sahne von der Milch abnahm. Grischa half ihr dabei. Mit wahrhaft heiligem Eifer hielt er in beiden Armen den mächtigen Sahnenapf, andachtsvoll zuschauend, wie Weras Hand sicher den breiten Löffel über die Milch führte. »Und,« so schilderte er später diesen Vorgang begeistert seinem Mütterchen, »und nicht einen Streifen Sahne ließ sie zurück. Es ist erstaunlich! Die versteht's, das gäbe eine Hausfrau! Denke doch, nicht einen Streifen!« Wera wurde über der häuslichen Beschäftigung ganz heiter. Ja, wenn sie in Dawidkowo hatte bleiben können! Es gab dort so vieles zu tun, Arbeit an allen Ecken und Enden. Aber sie würde damit fertig werden und das ohne Anuschkas Hilfe. Ach, arbeiten, arbeiten! Früher hatte sie gar nicht gedacht, welcher Segen in der häuslichen Arbeit lag, früher hatte sie das Schaffen der Frau im Hause heimlich verachtet. Und es wurde noch schöner. Natalia Arkadiewna mußte für die »Sache« tätig sein und brach gleich nach dem Frühstück auf, ohne Wera aufzufordern, mit ihr zu gehen. Sie begab sich zu einigen Bauerngehöften, darin sie ihre Mission auszuüben und das Heil des Volkes zu verkündigen hatte. Grischa wollte sie von Mischka fahren lassen, aber Natalia lehnte dieses Anerbieten ab. Sie wollte sich für das Volk müde laufen. Das war ein herrlicher Tag! Wera ging dem Mütterchen nicht von der Seite und nicht von ihrer Seite wich Grischa. Mit jedem Augenblick kamen ihr Haus, Garten und Feld schöner vor. Und das war auch kein Wunder, schien sich doch die Sonne im ganzen großen Rußland eigens das kleine Dawidkowo ausgesucht zu haben, um allen ihren Glanz darüber zu schütten. Das Mütterchen zeigte Wera das Haus von oben bis unten, vom Dach bis zum Keller. Das Haus war, wie der Gemüse- und der Blumengarten des Mütterchens Stolz. Grischa hatte sich bis dahin nicht viel darum gekümmert und »dergleichen Dinge« etwas geringschätzig behandelt. Das wurde plötzlich anders, das wurde auf einen Schlag ganz anders; denn Wera Iwanowna flößten »dergleichen Dinge« sichtlich die größte Teilnahme, ja ein unverhohlenes Entzücken ein. Da war die Leinwandkammer und die Kräuterkammer, die Kammer für das Eingesottene und alle die anderen Leckerbissen, darein sich, wenn es noch Gerechtigkeit auf der Welt gab, das russische Volk in Bälde teilen sollte. Und was für Leinwand war da! Alles unter den Augen des Mütterchens in ihrem Hause gesponnen und gewebt mit den prächtigsten, bunten Säumen. Was für herrliches Gemüse, das Mütterchen in ihrem Garten zog, das hatte Wera bereits kennen gelernt und als Naturwunder bestaunt. Aber nun die Konserven! Solche Senfgurken, solche Zuckererbsen, solche getrocknete Äpfel, Pflaumen und Birnen sollten in Rußland noch an einem anderen Orte zu finden sein. Das Eingemachte allein war für eine Hausfrau eine Reise nach Dawidkow wert. Melonen und Pfirsiche hatte das Mütterchen, zehn Jahrgänge alt. Und schmeckten wie frisch! Erdbeeren so rot, als wären sie eben gepflückt worden! Von Marmeladen gab es eine vollständige Mustersammlung und was den Ingwer anbetraf – – Wera mußte durchaus den Ingwer kosten. Und die Himbeeren! Ach, die Himbeeren – – Wera kostete, Wera bewunderte, und das Gesicht des Mütterchens wurde immer strahlender; denn auch ihr Grischa kostete von allem, wenn Wera kostete, und befand sich in einem Zustand von Ekstase, als ob das Eingemachte des Mütterchens Kwas wäre. Dann wollte die Dreieinigkeit auch die Küche besichtigen, jenen geheiligten Raum, in dem Anuschka die Oberpriesterin war und der selbst von dem Mütterchen nur mit Scheu betreten ward. Aber sie gelangten nicht hinein. Anuschka ließ sie nicht über die Schwelle, Anuschka, mit einem Gesicht so rot wie ihre Himbeerlimonade, wies sie an der Tür zurück. So gingen sie denn und waren nicht einmal über Anuschkas Zorn sonderlich betrübt. Grischa, dieser herzlose Mensch, lachte sogar über das feuerfarbene Antlitz seiner würdigen Amme, und das Mütterchen ließ gänzlich die gute Gelegenheit unbenutzt, aus tiefster Seele zu seufzen. Sie begaben sich hinaus unter die Linden, deren Blätter im Winde leise rauschten. Und die Vögel sangen in den Zweigen, die Bienen summten um die Blüten, und die Welt war so schön, als wäre es der Tag Schöpfung, an welchem der Herr das erste Menschenpaar geschaffen. Plötzlich begann das Mütterchen sich mit weinerlicher Stimme zu beklagen, daß sie so ganz allein auf der Welt sei und daß ihr Grischa ihr nichts als Kummer und Sorgen bereite. Dann küßte sie Wera und fragte diese nach ihren Eltern. Grischa erschrak. Was machte sie für ein Gesicht! Sie wurde ganz bleich, sie zitterte, und er wartete angstvoll, was sie dem Mütterchen antworten würde. Wera sagte und ihre Stimme klang scharf und hart: »Es ist so vieles Lüge auf der Welt! Eine Lüge ist auch mein Name; denn der Mann, nach dem ich heiße, war nicht mein Vater. Es ist gut, daß davon gesprochen wird. Ich will nicht in diesem gesegneten Hause mit einer Lüge sein. Nun wissen Sie, was meine Mutter gewesen, und nun fragen Sie mich nicht mehr.« Ein Schleier breitete sich über die goldene Herrlichkeit des Frühlingstages. Das Mütterchen war ganz fassungslos. Ein solches prächtiges Mädchen. Aber das konnte sie ihrem Grischa nicht antun. Dafür war sie ein zu gutes Mütterchen, um ihrem einzigen Sohne ein Mädchen zur Frau zu geben, welches eine Lüge sagen mußte, wenn man es nach dem Namen ihres Vaters frug. Natalia Arkadiewna hatte recht, es war eine böse, böse Welt. Bleich und stumm ging Grischa neben Wera. Wie sie ihn dauerte. Sie dauerte ihn so, daß er sie, die Starke und Stolze, hätte an seine Brust nehmen mögen, sich ihren Kopf an sein Herz legen, um über ihrem geneigten Kopf zu weinen und zu beten, wie über dem Haupte eines kranken Kindes. Bald darauf kam Natalia Arkadiewna zurück, halb tot vor Erschöpfung. Wera ging mit ihr auf die Stube und blieb bei ihr, bis Anuschka mit der Meldung kam, daß Mischka bereits seit einer Stunde mit dem Wagen warte. Ob er etwa wieder ausspannen sollte? Aber Natalia wollte nicht bleiben und ruhen. Sie hatte in Moskau für die Sache zu tun. Von Wera unterstützt, machte sie sich auf und schwankte die Treppe hinunter. Unten waren Grischa und das Mütterchen, welches Wera um den Hals fiel, sie unter strömenden Tränen küssend und segnend. Grischa stammelte nur einige wirre Worte. Eine schwere, totenfarbene Dämmerung lag über den Linden und dem von schimmernden Blüten umwobenen Häuschen, als die beiden Nihilistinnen nach vollbrachter Arbeit Dawidkowo wieder verließen. Siebenundzwanzigstes Kapitel. Anna Pawlowna hatte aus Petersburg Briefe von ihrem Manne erhalten, die sie in große Aufregung versetzten. Der Zar beabsichtigte eine Reise nach Odessa, und Fürst Petrowsky war zu seinem Begleiter befohlen worden. Der Prinz schrieb seiner Frau, daß der Zar sicher nach Moskau kommen würde und daß man ihm im Palast Petrowsky ein Fest geben müsse. Das waren große Auszeichnungen in den Augen der Gesellschaft; auf die Prinzessin machten sie keinen Eindruck. Die Stellung, die Anna Pawlowna zu der Zeitströmung nahm, war eine viel innerlichere, als sie selbst wußte. Sie hatte ein starkes Unabhängigkeitsgefühl, große Gerechtigkeitsliebe und eine grenzenlose Verachtung für alles Hergebrachte, was seine Berechtigung nur durch Tradition oder Sitte fand. Die leidenschaftlichen Regungen, die im Volke erwachten, schienen ihr den absterbenden Körper des Staates und der Gesellschaft mit neuem Leben zu erfüllen. Da sie nicht nur eine sehr stolze, sondern auch eine sehr mutige Frau war, so sah sie den Zerstörungen, die kommen mußten, mit großer Ruhe entgegen. Sie kompromittierte sich mit vollem Bewußtsein, ohne sich einen Augenblick die Gefahr zu verhehlen, in die sie sich begab. Der Gedanke an den Tod hatte nichts Schreckliches für sie. Ihr Leben war ihr ziemlich gleichgültig, und sie war durch langes Grübeln zu der Überzeugung gekommen, daß in der ganzen russischen Gesellschaft etwas lag, das sich überlebt hatte. Zu dieser Anschauung trug ihr eigenes Schicksal freilich am meisten bei. Ihre Ehe war von ihrem Vater gemacht worden. Der Prinz, ein bereits älterer Mann, der sein Leben in vornehmen Passionen verzettelte, erkaufte sich zuletzt durch eine hohe Stellung und ein ungeheures Vermögen die schöne Frau. In allen Dingen des Frauenlebens unwissend wie ein Kind, wurde Anna Pawlowna Gattin, um bald von dem ganzen Abscheu des erfahrenen, tödlich beleidigten Weibes ergriffen zu werden. Bei ihrer wunderbaren Schönheit konnte es nicht fehlen, daß auf ihre Gunst förmlich spekuliert wurde. Sie erkannte das und eine namenlose Empörung erfaßte sie, die sie vor jeder Verirrung ihrer Phantasie schützte. Aber sie wußte sehr wohl, daß sie nicht aus Tugend tugendhaft blieb. Denn sie hielt eine Ehe, wie die ihre, für entwürdigend und unsittlich und würde keinen Augenblick gezögert haben, dieselbe zu brechen, sobald sie geliebt hätte. Das Leben, wie sie es kennen gelernt, verursachte ihr Langeweile, Verachtung und Überdruß, und so gelangte sie dahin, daß auch der Nihilismus lediglich eine Sache war, der sie sich hingab, weil ihr Herz sich nach Aufregung sehnte. Vielleicht auch ward sie, ihr selbst unbewußt, von der Hoffnung geleitet, daß unter den Männern, die Rußlands Schicksal mit blutiger Hand umgestalten wollten, sich jener ungewöhnliche Mann befand, nach dem sie in ihren geheimsten Regungen sich sehnte. Dieser Mann konnte der Sohn eines Bauern sein und große rote Hände haben, wenn er nur von jener Leidenschaft für sie erfüllt war, welche diesem rätselvollen Frauengemüt als Liebesideal vorschwebte. Jenes Gespräch mit Wladimir Wassilitsch hatte sie, obgleich sie daraus als Siegerin hervorgegangen war, tief gedemütigt. Sie wiederholte sich jedes Wort, das sie gehört, jedes Wort, das sie selber gesprochen, grübelte darüber und kam zu den spitzfindigsten Resultaten. Saschas Gestalt begann in ihrer Phantasie eine Rolle zu spielen. Sie log sich keinen Helden vor; sie sah seine groben, roten Hände; aber sein trauriger Blick, sein kindliches Lächeln, sein heiliger Ernst, die Einfalt und Reinheit seines Wesens machten tiefen Eindruck auf sie. Er liebte sie. Es war nicht die gewöhnliche Leidenschaft der Männer, sondern eine Empfindung von so lauterer und dabei so gewaltiger Art, wie sie ihr niemals vorgekommen, wie sie gewiß durchaus ungewöhnlich war. Da trafen die Nachrichten aus Petersburg ein. Ihr Mann war in der Nähe des Zaren, der Zar selbst kam nach Moskau, in ihr Haus; welche Tragweite konnte das haben! Zweifellos würden die Terroristen diesen Umstand benützen, und faßten sie den geringsten Argwohn gegen ihre Person, so war sie verloren. Mit einem Schlage stand sie mitten in der Bewegung, die Fäden der furchtbaren Verschwörung liefen in ihrem Hause zusammen, sie hielt das Schicksal Rußlands in ihrer Hand. Das entschied. Sie hatte sich mit den Briefen in ihr Schlafzimmer zurückgezogen, überlegte alles und kam zu festen Entschlüssen. Gegen Abend ließ sie sich ankleiden und fuhr in die Stadt. Am Pokrowskaja-Schlag stieg sie aus; sandte Wagen und Diener zurück, ging eine Strecke zu Fuß, nahm dann eine Droschke und fuhr in die Nowaja-Andronowka-Vorstadt zum Hause ihres Gärtners. Sie wollte Wladimir Wassilitsch sprechen. Achtundzwanzigstes Kapitel. Als Anna Pawlowna in den Hof trat, begoß Tania gerade ihre Bohnenpflänzchen. Dabei war sie niedergekniet, um die zarten Triebe an dem verdorrten Stamm des Birnbaums aufzubinden. Bei dem Anblick der Fremden erhob sie sich, blieb jedoch unter dem Baum stehen. Anna Pawlowna trat auf sie zu. »Sie sind Tania Nikolajewna?« Tania neigte ihr Köpfchen. »Nun, ich bin Anna Pawlowna. Ist Wladimir Wassilitsch zu Hause?« »Er ist ausgegangen.« »Ich muß ihn aber sprechen.« »Darf er vielleicht zu Ihnen kommen?« »Nein.« Sie stand unschlüssig, was zu tun sei und sah Tania an, erstaunt über die Schönheit des Mädchens. Was für schwermütige Augen sie hatte! »Also Sie sind die Frau von Wladimir Wassilitsch?« Die arme Tania traf diese Frage wie ein Dolchstoß. Wenn sie wüßte! dachte sie. Ich bin ja so schlecht, daß ich keinem Menschen mehr in die Augen sehen kann. Gott möge mir barmherzig sein. »Ist, Wladimir Wassilitsch freundlich gegen Sie? Reden Sie offen, liebes Kind, ich meine es gut mit Ihnen. Ihr Mann hat eine rücksichtslose Natur, die Ihre scheint sehr zart zu sein.« »Wladimir Wassilitsch liebte mich schon, als ich noch ein Kind war; er rief mich zu sich und ich bin hergekommen und habe um seinetwillen Vater und Mutter verlassen. Er wird mich gewiß in Ehren halten.« »Sie wissen, was er hier treibt?« »Ich weiß es. Es ist furchtbar, aber es wird wohl notwendig sein, sonst würde er es nicht tun.« »Sie haben ein starkes Vertrauen zu ihm.« »Sollte ich ihm mißtrauen?« »Hoffentlich ist seine Liebe zu Ihnen groß genug, Sie von allem fernzuhalten.« »Wohin er geht, muß ich ihm folgen. Das ist meine Pflicht. Wenigstens darin will ich sein Weib sein, daß ich alles mit ihm teile.« Ich möchte wohl wissen, dachte Anna Pawlowna, ob eine so große Leidenschaft unter den Frauen der Gesellschaft gefunden würde. Dabei sind die Empfindungen dieser Leute aus dem Volke so einfach. Wir müssen uns alles komplizieren, bei uns spielt alles in hundert Nuancen. Das Volk liebt und haßt. Alle Schattierungen und Färbungen fallen gänzlich fort. Beneidenswerte Menschen! Sie frug: »Kann ich mit Wera Iwanowna reden?« »Wera Iwanowna ist mit Natalia Arkadiewna auf dem Lande. Aber wollen Sie nicht ins Haus treten?« »Und Sascha?« »Sascha ist hier. Wünschen Sie ihn zu sprechen?« »Wo ist er?« »In der Druckerei. Colja kann ihn rufen.« »Das ist nicht nötig. Ich kann zu ihm gehen.« »Es ist beschwerlich.« »Was tut das? Rufen Sie nur jemanden, der mich hinführt.« »Colja weiß Bescheid.« »Wer ist dieser Colja?« »Ein Knecht.« »Ist es nicht gefährlich, ihm solche Geheimnisse anzuvertrauen? Wird der Mann treu sein?« »Sie kennen ihn nicht.« Und Tania muhte lächeln bei dem Gedanken, daß Colja nicht treu sein könnte. Colja wurde gerufen und kam nach einer Weile angezottelt. Seit dem nächtlichen Kampf mit Wladimir Wassilitsch war eine große Veränderung mit ihm vorgegangen; es war als habe er dabei eine schwere innere Verletzung davongetragen. Tania bemerkte sein verwandeltes Wesen kaum, obgleich er um sie her schlich wie ein treuer Hund. »Das ist Anna Pawlowna, unsere Barina. Sie wünscht zu Sascha geführt zu werden. Eile dich!« Während Colja sich beeilte, dachte er: So, das ist unsere Barina? Ei, der sollte man doch! Was hat sie ihre Seelchen freizugeben. Die guten Hunde müssen auch an der Kette liegen. Läßt man sie los, werden es schlechte Hunde, stehlen und beißen, stehlen ihrem eigenen Herrn das Hammelfleisch. Will er sie hauen, beißen sie ihren eigenen Herrn ins Bein. Geschieht ihm schon recht, warum hat er den Hund von der Kette gelassen. Na warte, Anna Pawlowna, Täubchen! Die Falltür ward aufgehoben; Anna Pawlowna stieg in die Tiefe, aus der ein matter Lichtschein heraufdämmerte. Colja schloß hinter ihr zu. »Bist du es, Wera?« Er saß über seine Arbeit gebeugt und hob den Kopf nicht. Über ihm an der Wand hing eine Laterne, deren Schein voll auf seiner Gestalt lag. Anna Pawlowna fiel die Kraft dieser Gestalt auf; vor solchen Männern mußte das verweichlichte Geschlecht der entarteten Gesellschaft vergehen, solchen Männern gehörte die Zukunft. Ohne sich umzuwenden, sprach Sascha weiter: »Also, ihr seid wieder zurück? Setze dich. Ich bin gleich fertig. Nun, wie war's. Ist dieser Grischa wirklich ein solcher Prachtmensch? Ich mußte immer denken, wie er dir gefallen würde.« »Lassen Sie sich bei Ihrer Arbeit nicht stören, Alexander Dimitritsch. Ich werde warten, bis Sie fertig sind.« Und sie setzte sich auf die Kiste, darin sich die Dynamitpatronen befanden. Sascha sprang auf. »Sie sind's, Anna Pawlowna! Sie wagen es, hierher zu kommen? Wie gütig Sie sind! Und so mutig! Was wird Wladimir Wassilitsch sagen! Aber worauf sitzen Sie? Um Gottes willen, stehen Sie auf!« Es war nicht die geringste Gefahr vorhanden, doch zitterte der Riese wie ein Kind und war ganz fahl im Gesicht geworden. Wera hatte er die Kiste ohne Bedenken als Sitz angewiesen. »Warum erschrecken Sie so?« »Stehen Sie auf!« »Was befindet sich in dieser Kiste?« »Sie ist voller Sprengstoff. Ihr Inhalt könnte den Kreml in die Luft sprengen.« »Wirklich?« Sie lächelte ungläubig, ohne ihren Sitz zu verlassen. Erst als Sascha sich ihr näherte, erhob sie sich. »Und diese Mittel sollen in Anwendung kommen?« fragte sie, neugierig auf die Kiste blickend. »Sie wurden nicht angefertigt, um unbenutzt zu bleiben.« »Wer verfertigte sie?« »Ich.« »Sie verstehen etwas von Chemie?« »Genug, um Dynamit bereiten zu können.« »Ist es schwer zu fabrizieren?« »Nichts ist leichter.« »Und mit so leichter Mühe können solche furchtbaren Wirkungen erzielt werden? Dann ist es mir unbegreiflich – – « »Was ist Ihnen unbegreiflich?« »Daß der Nihilismus so lange gezaudert hat, sich des Dynamits zu bedienen, daß er damit nicht längst das halbe Rußland in die Luft gesprengt hat. Im Besitz solcher mörderischen Kräfte muß es nicht schwer sein, Terrorist zu werden; eine einzige Patrone gelegt und entzündet, und man hat sich einen unsterblichen Namen erworben.« Sie sagte das in einem leichten, beinahe leichtfertigen Tone; jedes andere Ohr als das Saschas hätte daraus die Ironie gehört. »Und wann gedenkt Wladimir Wassilitsch von diesen Mitteln Gebrauch zu machen?« »Das weiß ich nicht, das kommt darauf an. Aber wir werden wohl vorgehen müssen, sobald sich eine Gelegenheit bietet.« »Das kann bald geschehen.« »Wie meinen Sie das?« »Der Zar wird eine Reise nach Odessa unternehmen. Prinz Petrowsky begleitet ihn.« »Ihr Gemahl? Mein Gott, welches Unglück!« »Der Prinz kann gewarnt werden.« »Ganz gewiß,« rief Sascha erleichtert. »Gott sei Dank, daß er gewarnt werden kann. Es wäre sonst gräßlich.« »Sie reden, als wäre bereits ein Plan entworfen!« »Sie meinen ein Attentat auf das Leben des Zaren?« »Nun ja.« »Mir ist nichts davon bekannt. Aber ich weiß, daß die Unseren sich auf ein großes Ereignis vorbereiten.« »Der Zar wird auch nach Moskau kommen.« »Was für Nachrichten!« rief Sascha und sah Anna Pawlowna an, entsetzt über deren Ruhe und Gleichgültigkeit. »Der Prinz schrieb mir, daß er dem Zaren ein Fest geben müsse.« »In Ihrem Palast?« »Ja.« »Und das soll ich Wladimir Wassilitsch sagen?« »Wort für Wort. Deshalb kam ich her.« »Sie sind eine erhabene Frau. Verzeihen Sie mir meine Kühnheit, aber ich muß Ihnen das sagen; ich muß –« Da hörten sie Wladimir Wassilitsch' Stimme; die Falltür wurde aufgerissen, Wladimir stieg herab, so eilig, daß er die Leiter beinahe hinuntersprang. Etwas Außerordentliches mußte vorgefallen sein. Sein Gesicht war farblos, aber in seinen Augen flammte wilder Triumph. »Was ist geschehen?« riefen Anna Pawlowna und Sascha in einem Atem. »Die Unseren haben den Zaren zum Tode verurteilt und ich bin in das Exekutivkomitee gewählt.« Neunundzwanzigstes Kapitel. Die Fürstin Danilowsky hatte ihren Empfangsabend. Nach einer Mode, welche die Fürstin in gewissen Pariser Salons kennen gelernt, waren im Teezimmer sämtliche Lampen mit dichten roten Schleiern verhüllt, so daß die Dämmerung, welche in dem großen Raume herrschte, im ersten Augenblick die im Zimmer befindlichen Personen nicht erkennen ließ; es waren zum größten Teil Damen im Alter der Fürstin. Der roten Beleuchtung zuliebe, die als Novität viel von sich reden machte, trugen sie helle Soireetoiletten und waren im Gesicht nur leicht gepudert; der rosige Schein gab allen ein jugendliches Aussehen. Unwillkürlich sank in dem Zwielicht die Konversation zum Flüstern herab; man führte meistens Gespräche zu zweien. Nur um den Teetisch der Fürstin versammelte man sich zu einer allgemeinen Plauderei. Die anderen Gemächer hatten zwar eine etwas hellere Beleuchtung, doch war auch hier das Licht durch farbige Schleier so gedämpft, daß kein indiskreter Strahl in das mystische Halbdunkel des Allerheiligsten drang. Natürlich rauchten auch die Damen. Die Zigaretten wurden an einem antiken pompejanischen Lämpchen angezündet und ihre glühenden Spitzen durchfunkelten die Dämmerung und erfüllten das Gemach, darin eine Atmosphäre von Tabak, Patschuli und Räucherwerk herrschte, mit blassem Dunst. Wo die Unterhaltung lauter war, wurde das gewöhnliche Thema verhandelt: Literatur, Theater, Gesellschaft. Man hörte die gewöhnlichen Phrasen. Boris Alexeiwitsch war nicht anwesend. Er liebte die Mysterien des fürstlichen Teezimmers nicht und besuchte die Gesellschaft der Fürstin nur dann, wenn er seine Cousine Anna Pawlowna dort vermutete. Mehrere junge Männer erschienen. Einige davon waren Ausländer, Franzosen, nervöse Herren mit matten Augen und geziertem Lächeln. Gegen diejenigen Damen, von denen sie sich protegiert wußten, nahmen sie einen nachlässigen Ton an, gegen andere verhielten sie sich voll kühler Höflichkeit. Man traf sie in vielen Salons, wo sie die bequemsten Fauteuils einnahmen, kandierte Flüchte naschten und mit ihren über und über beringten, weißen, weichen Händen kokettierten. Von der übrigen Männerwelt wurden sie verachtet, aber geduldet. Dagegen konnte es geschehen, daß um ihre Freundschaft unter den Frauen Neid und Eifersucht entstand. Auch ein Deutscher war heute anwesend; doch konnte er es nicht zu Erfolgen bringen. Man fand ihn zu gesund und einem Russen nicht unähnlich genug. Am Teetisch unterhielt man sich über Anna Pawlowna, von der behauptet wurde: » La princesse n'a pas de coeur. « Dem widersprach die Wirtin: » Elle est si bonne! Et puis – sie ist unglücklich.« »Anna Pawlowna?« » Mais oui! Der Prinz vernachlässigt sie.« Rings um den Tisch wurde gelächelt. Es gab in Moskau so viele vernachlässigte Frauen. Freilich stellten einige die Behauptung auf, daß es noch mehr vernachlässigte Ehemänner gäbe. Jedenfalls war die Zahlendifferenz nicht groß. »Sie sollte sich besser arrangieren,« meinte die Gräfin Potemkin, eine Dame, die in dergleichen Arrangements Übung besaß. »Auch hat die Prinzessin durchaus kein Talent für das Allgemeine, durchaus keinen Wohltätigkeitssinn.« In der Tat beteiligte sich Anna Pawlowna nur mit ihrem Namen und ihrem Gelde und nicht mit ihrer Person an den verschiedenen Vereinen. Die Anstalt für sittlich verwahrloste Mädchen, welche sie hatte gründen helfen, interessierte sie nicht im geringsten. Wenige brachten ihr Leben mit solchen Nichtigkeiten hin wie sie. Die Lektüre eines Romans kostete sie Anstrengung und die Sorge für ihre Toilette schien sie ganz auszufüllen. In der neuesten Zeit war indessen manches anders geworden; selbst die Fürstin hatte es bemerkt und glaubte den Grund davon zu kennen. » Elle aime .« Dieser Ausruf erzeugte Sensation. Man wollte einen Namen wissen. Vorsichtig teilte die Fürstin ihren Intimen mit: » Elle aime l'opposition .« Da kam gerade die Prinzessin; in einer schwarzen Samtrobe mit schwarzer Spitzencoiffure. Sie stand auch zu den Toiletten des Teezimmers in Opposition, was die dunkle Farbe ihres Kleides in eklatanter Weise zeigte. Die Wirtin erhob sich und ging ihr entgegen: » Comme vous êtes tard .« » J'étais très occupée .« Sie ließ sich zu einem Platz führen und setzte sich, ohne jemanden zu grüßen. »Da ich in der Dämmerung deines Salons niemand zu erkennen vermag, so kann ich auch nicht grüßen,« hatte sie zur Fürstin gesagt. »Bittest du mich, trotzdem zu kommen, so ist das deine Sache.« Die Fürstin bat sie trotzdem zu kommen, und Anna Pawlowna kam und grüßte nicht. Am Teetisch lenkte man, nicht ohne Absicht, das Gespräch auf die Nihilisten. »Schade, daß man diese Menschen nicht bei sich sehen kann,« meinte die Fürstin, deren Neugier seit ihrer Unterredung mit Boris Alexeiwitsch erregt war. »Einige darunter sollen übrigens ganz leidliche Manieren haben. C'est étonnant!« »Es ließe sich vielleicht der Versuch machen,« schlug eine gewisse Frau Lermonnow vor, berüchtigt durch ihre Salondekorationen: Musiker, Poeten und interessante Charaktere. Man lachte. »Ich sage es im Ernst,« rief die Dame beleidigt. »Was meinen Sie, Prinzessin?« wandte sie sich an Anna Pawlowna, neben der sie saß. »Enfin; ce sont des hommes, qui feront crouler toute la Russie. Sie werden bald Mode sein.« »Die Nihilisten?« fragte der Deutsche, der keine Konversation machte. »Mais certainement! On en parle partout. Wissen Sie, was sie eigentlich bezwecken?« »Meinen Sie mich?« fragte Anna Pawlowna. »Vous, princesse.« Ob sie sich kompromittieren wird? war der Gedanke aller. Aber sie ist klug und kaltherzig. Sie kompromittiert sich, dachte die Fürstin. Sie ist viel zu stolz, nicht zu sagen, was sie denkt. Übrigens ist ihr alles ziemlich einerlei. Die Fürstin sollte recht behalten. »Was sie eigentlich bezwecken?« wiederholte Anna Pawlowna langsam, aber ohne alle Lebhaftigkeit, »Das werden sie selbst nicht recht wissen. Aber wissen denn wir, was wir wollen? Nun: leben und genießen. Vielleicht wollen sie dasselbe, und ich würde es ihnen nicht verdenken, übrigens kümmern sie sich nicht viel um die Zukunft. Ihre erste Aufgabe ist, mit der Gegenwart fertig zu werden. Auf welche Weise sie damit fertig werden, das ist ihre Sache. Sie werden sich nicht lange darauf besinnen. Zur Erreichung ihres Zweckes bedienen sie sich selbstverständlich aller der ihnen zu Gebote stehenden Mittel. Sind es gute Mittel, können es gute Mittel sein? Nein! Revolutionen haben in allen Ländern, zu allen Zeiten stattgefunden, und niemals war ein Land dafür reifer als Rußland. Aber in Rußland nehmen alle Dinge eine eigenartige Form an, was nun einmal in unseren Verhältnissen liegt. Diese Verhältnisse Rußlands mußten den Nihilismus hervorbringen. Ich finde das alles höchst einfach.« Boris Alexeiwitsch war eingetreten und hatte erstaunt zugehört. Was fällt ihr ein? dachte er, und näherte sich ihr. »Vorsicht!« flüsterte er, hinter ihren Stuhl tretend. »Sie hören, ich mache Propaganda für den Nihilismus,« sagte Anna Pawlowna laut, ohne den Kopf zu wenden. »Unterstützen Sie mich.« Einige, die ferner saßen, standen auf und kamen an den Tisch. »Bon soir, Boris Alexeiwitsch!« rief die Fürstin, die sich in großer Verlegenheit befand und der Konversation eine Wendung zu geben versuchte, »Waren Sie in der Oper? Was wurde gegeben? Erzählen Sie doch!« »Verzeihen Sie, Fürstin. Man sprach hier von dem Nihilismus und meine schöne Cousine forderte mich auf, ihr Beistand zu leisten. Wie Sie hören, nimmt Anna Pawlowna die Sache ernsthaft. Das tue auch ich. Meine Herren und Damen, ich schwöre Ihnen zu, daß ich die Nihilisten für die Menschen der Zukunft halte.« Man lachte und rief: »Bravo!« »Er ist so geistvoll,« flüsterte die Gräfin Borow der Frau Lermonnow zu. Alle fanden die kleine Szene äußerst pikant; nur die Fürstin geriet in Sorge um ihren Liebling, während es ihr doch zugleich schmeichelte, daß dieser Vorgang sich in ihrem Teezimmer ereignete. On en parlera demain dans tout Moscou, sagte sie sich. In dem Tone, in welchem er im Klub seine pikanten Geschichten erzählte, fuhr Boris Alexeiwitsch nun fort: »Meine Damen und Herren, folgen Sie meiner schönen Cousine und mir und machen Sie mit uns Propaganda für den Nihilismus. Gehen wir unter das Volk, werden wir Altrussen, Slavophilen! Das Kostüm wird uns entzückend stehen und der Kaftan ist, mit dem Frack verglichen, eine klassische Tracht. Vertauschen wir den Sekt mit unserem lieben Nationalgetränk und versuchen wir, die guten Qualitäten unserer Grütze würdigen zu lernen: es wird uns vortrefflich bekommen. Stellen Sie sich die Wirkung vor, wenn wir dem Volk aus Alexander Herzen oder Moleschott vorlesen. Natürlich bekommen wir Prügel, was heutzutage in Rußland der bequemste Weg ist, zur Unsterblichkeit zu gelangen. Wir werden verdächtigt, wir müssen fliehen, mit einem falschen Paß, nach Baden-Baden oder Genf, mit einem Male sind wir Helden und Heldinnen geworden. Welche von den Damen möchte sich länger mit Pariser Blumen schmücken, wenn sie sich die Gloriole der Märtyrerin als Coiffure verschreiben kann?! Das ist mehr als chic, das ist pschutt. Und sie bekommt für diese höchste Eleganz nicht einmal eine Rechnung präsentiert,« Es ist wirklich scharmant, dachte die Fürstin, im höchsten Grade davon entzückt, wie geschickt Boris Alexeiwitsch sich aus der Affäre gezogen hatte. Und in der Tat konnte Anna Pawlowna ihrem Vetter dankbar sein; denn die schale Travestie hatte ihr sonderbares Benehmen vergessen machen. Die einzelnen Gruppen lösten sich, man redete lauter, ungenierter; ja, unter dem Schutze der Dämmerung begannen einige sich freier zu benehmen, als es sonst selbst in Moskau gestattet war. Anna Pawlowna wechselte noch einige Phrasen und erhob sich; sie blieb niemals länger als eine halbe Stunde, Boris Alexeiwitsch begleitete sie. »Das war unklug,« sagte er halblaut zu ihr, sie durch die lange Reihe der Gemächer führend. Anna Pawlowna zuckte die Achseln. »Du warst um so vorsichtiger. Ich mag nicht immer heucheln und lügen.« »So wäre, was du äußertest, wirklich deine Ansicht?« »Das solltest du wissen. Übrigens wirst auch du deine eigentlichen Ansichten geäußert haben.« »Das tue ich niemals, wenigstens nicht solchem Publikum gegenüber. Bei dir freilich – –« Sie unterbrach ihn, und sagte auf Französisch: »Sie wissen, Boris Alexeiwitsch, wir werden uns nie verstehen.« »Sie halten mich für frivol?« antwortete Boris in derselben Sprache. »Sie sind es.« »Kann man in unserer Zeit anders sein?« »Gibt es denn in unserer Zeit gar keine Männer?« »Wen nennen Sie einen Mann?« »Denjenigen, der imstande ist, eine große Leidenschaft zu fühlen.« »Sie halten mich einer solchen Empfindung nicht fähig?« »Nein.« »Und in der Hoffnung, einen solchen Mann zu finden, fühlen Sie sich zu dem Nihilismus hingezogen?« »Ja.« »Sie könnten mich belehren.« »Das will ich anderen überlassen. Ich habe jetzt ernstere Dinge vor.« »Ich merkte Ihnen gleich an, daß etwas geschehen sein müsse. Was ist es?« »Wir stehen am Vorabend großer Ereignisse. Noch können Sie sich zurückziehen.« »Und Sie?« »Ich habe mich entschieden.« »Es wird zu Ihrem Verderben führen.« Sie sah ihn auf eigentümliche Weise an; aber sie lächelte dabei. Dreißigstes Kapitel. Boris Alexeiwitsch schickte sein Coupé fort und ging zu Fuß. Also die Sache wird ernst, dachte er. Ich hoffe, nun wird mich die Sache interessieren. Solange es eine Phrase war, wußte ich nichts damit anzufangen; solange war es eben nur eine Redensart mehr. Und das Beste ist, daß diese Menschen recht haben, es ist etwas faul im Staate Rußland. Wir kranken an schlechten Säften, das Volk aber strotzt von Gesundheit, das Volk kann uns Arznei sein. Trotz unseres Barbarentums fangen wir an, uns alt zu fühlen. Das kommt daher, daß unsere Institutionen sich überlebt haben. Also gebt uns neue Institutionen und neues Leben. Auf friedlichem Wege ist das nicht zu erreichen. Also Gewalt! Ich muß dabei an den Affen denken, der uns die Kastanien aus dem Feuer holen soll; ich sehe indessen nicht ein, warum sie uns weniger schmecken werden. Wenn wir die Revolution beschützen, tun wir genug. Ist sie erst da, dann – carte blanche. Es ist wahr, der politische Kopf Europas trägt eine moderne Frisur, und Rußland noch den abscheulichen Zopf, der uns wie eine Knute den Rücken herab hängt. Rußland muß sich frisieren lassen und das Volk kann den Friseur spielen. Es kann uns unseren Zopf abschneiden; den übrigen Teil der Toilette wollen wir dann schon selbst besorgen. Er dachte an das Leben, das er führte, und es kam ihm plötzlich unsäglich leer und öde vor, Boris Alexeiwitsch gehörte zu den Männern, deren Existenz sich um einen einzigen Punkt dreht: die Frau. Nicht die chiffrierte Frau, bei der es nur auf die Höhe der Summe ankommt, sondern die Frau aus der Gesellschaft, die sogenannte anständige Frau, welche allein durch Leidenschaft – wenigstens durch eine mehr oder minder glückliche Nachahmung derselben – zu erwerben ist. Wurde dieser Punkt aus dem Leben von Boris Alexeiwitsch gestrichen, so fiel dieses in sich zusammen. Und es drohte so zu kommen. Keine Leidenschaft hatte Stich gehalten. Es war, als ruhte auf dem Besitz des Verbotenen ein Fluch, der den Genuß an dem Besitz und die Leidenschaft unausbleiblich zerstörte. Es war unerträglich! Es entnervte, stumpfte ab, erstickte jeden Wunsch bereits im Keim. Die ewige Frage: wozu? wozu alle diese Anstrengungen und Aufregungen? begann ihm Ekel einzuflößen. Denn jemand, der im Leben nichts Hohes sieht, hat es in seinen Tiefen gar bald erschöpft. An eine Ehe mochte Boris Alexeiwitsch nicht denken; er fühlte nicht die geringste Veranlassung, durch Gründung einer Familie für den Staat zu sorgen. Höchlich erstaunte er, als er in der letzten Zeit die Entdeckung zu machen glaubte, daß er besser sei, als er selber angenommen. Er sehnte sich – wonach? Er wußte es selbst nicht. Sollte wiederum eine Frau im Spiele sein? Die alte Empfindung in einer neuen, verbesserten Auflage? Mit einer Art von Neugier wartete Boris Alexeiwitsch ab, wie er sich zu der Sache verhalten würde. Vielleicht sind es die Ideen dieser jungen Schwärmer, die mir zu schaffen machen, reflektierte er. Sie sind ganz unsinnig, aber mir gerade ihres offenbaren Wahnwitzes wegen sympathisch; ganz abgesehen davon, daß ihre Verwirklichung doch einigen Nutzen bringen kann. Er beeilte sich, auf ein anderes Thema überzuspringen. Was fange ich mit dem Abend an? Für die Oper ist es zu spät. Ich könnte in der Eremitage soupieren, aber der Sekt war gestern schlecht frappiert. Bleibt der Klub! Also in Gottes Namen in den Klub! Ich werde spielen und ich werde verlieren. Er schlug den Weg nach dem Klub ein, änderte jedoch plötzlich die Richtung. Ich sollte mich wieder einmal bei Wladimir Wassilitsch zeigen. Der schöne Bursche hegt Mißtrauen. Gerade jetzt, wo ich anfange, die Sache ernst zu nehmen, wäre mir das unbequem. Ich will ihn fragen, ob er mich gebrauchen kann und wozu. Ja, wozu wohl?! Spionage treiben. Pfui. Geld geben, da müßte ich erst spielen und gewinnen. Leitartikel für den »Volkswillen« schreiben. Dazu ist meine Feder nicht blutdürstig genug. Also bleibt das Vermitteln von Korrespondenzen, das Verbergen von der Polizei verdächtigen Persönlichkeiten. Das ist wenig. Ich sehe es ein. Aber es ist genug, um mir für zeitlebens die Bergwerke zuzuziehen. Das müssen sie einsehen. Auch muß ich mich um Wera Iwanowna bekümmern. Und er wandte sich der Preobraschenskaja-Vorstadt zu. Sie ist schöner geworden als ich dachte; aber sie hat noch denselben stolzen, frechen Blick. Das ist eine geborene Anarchistin! Schade, daß sie einem dieser plebejischen Kerle gehören wird. Vielleicht mehreren. Denn sie teilen ja wohl auch ihre Weiber untereinander – tout comme chez nous! Vielleicht ist sie wirklich tugendhaft. Wie lange noch? Glücklich der Mann, welcher der erste ist. Vielleicht wird es dieser schöne, blutgierige Terrorist sein; er soll ein wahnsinniges Glück bei den Frauen haben. Oder dieser junge Kraftmensch Sascha. Wer es auch sei, ich beneide ihn. Als er das Gärtnerhäuschen erreichte, fand er daselbst nur Colja anwesend. Die Männer waren noch in der Druckerei beschäftigt und hatten sich Tania zur Hilfe geholt. Daß Wera Iwanowna und Natalia Arkadiewna noch den Abend von Dawidkowo zurückerwartet wurden, hatte er durch Anna Pawlowna erfahren; so blieb er denn, ließ sich von Colja in das Arbeitszimmer führen, setzte sich und zündete eine Zigarette an. Das öde Zimmer mit den abscheulichen, rot angestrichenen Fichtenmöbeln verletzte sein ästhetisches Gefühl dermaßen, daß er das Licht löschte, einen Laden öffnete und an dem offenen Fenster Platz nahm. Er verlor sich in Betrachtungen. Da wundert man sich, daß es Anarchisten gibt. Wenn ich zwischen diesen vier kahlen Wänden leben, auf solchem Stuhle sitzen, von solchen Tischen essen müßte, ranzige Butter und hartes Brot, durch sauere Arbeit, mit Schweiß und Mühe verdient, so würde ich auch ein wütender Terrorist sein. Warum schreien wir also so? Sobald sie die Macht haben werden, mir diesen warmen, schönen Pelz auszuziehen, ist es ganz natürlich, daß sie es tun. – – Ich glaube, da kommt sie. Ein Wagen kam langsam herangefahren, hielt und rollte dann wieder fort. Boris Alexeiwitsch hörte auf der Landstraße sprechen. »Ich gehe von hier zu Fuß nach Hause,« sagte Natalia Arkadiewna. »Nein, es soll mich niemand begleiten. Wann sehe ich dich?« »Wladimir Wassilitsch wünscht, daß ich bei Anna Pawlowna wohnen soll. Sie hat es mir angeboten.« »So wohnst du bei mir.« »Wie gern würde ich das, aber ich darf nicht, Wladimir Wassilitsch will es nicht.« »Dann hilft es nichts. Das nächste Mal mußt du allein nach Dawidkowo. Ich habe es Grischa schon gesagt, er war ganz glücklich darüber. Weißt du, daß er in dich verliebt ist?« Boris Alexeiwitsch horchte auf. Der Teufel hole den Kerl, der solchen guten Geschmack hatte. Aber was ging es ihn an? Trotzdem wartete er begierig auf Weras Antwort. »Ich hoffe sehr, daß du dir das nur einbildest; wie sollte er dazu kommen? übrigens tut er mir leid.« »Warum?« »Weil er unglücklich ist.« »Er wird glücklich sein, sobald er ganz zu den Unseren gehört. Es liegt in deiner Hand, ihn so glücklich zu machen.« »In meiner Hand?« »Es ist so, wie ich dir gesagt habe. Ich rede noch mit dir darüber.« »Aber schicke mich nicht wieder nach Dawidkowo. Ich bitte dich darum.« »Warum willst du nicht wieder hin?« »Weil es dort so schön ist, weil dort Frieden ist, weil wir den Frieden vernichten müssen. Denn wohin wir kommen, bringen wir die Zerstörung mit.« »Daran wirst du dich gewöhnen müssen.« »Das weiß ich. Ich hoffe es auch zu können; nur schicke mich nicht wieder nach Dawidkowo.« »Befürchtest du, dich in Grischa zu verlieben?« »Ach nein.« »Du scheinst es zu bedauern. Aber es wäre vielleicht recht gut für dich; denn ihr beide paßt zusammen. Diese Liebe würde dich schützen.« »Vor wem?« »Vor der Versuchung. Du kennst die Männer nicht und ihre Leidenschaften. Gedenke deines Eides, dir selbst getreu zu bleiben und hüte dich! Vera Iwanowna, hüte dich vor – –« Boris Alexeiwitsch beugte sich vor, um besser zu hören. Einunddreißigstes Kapitel. Wera fand das Haus offen, aber alles darin dunkel und öde. Während sie sich durch den Gang nach dem Arbeitszimmer tastete, dachte sie an das friedliche Haus in Dawidkowo, an seine dunklen Efeuwände, an das hübsche bunte Zimmer, wo das Mütterchen saß und vielleicht gerade bitterlich über eine Geschichte weinte, während durch das offene Fenster Flieder und Narzissen hereindufteten. Sie trat in das Arbeitszimmer und rief leise nach Tania. Niemand antwortete. Im oberen Stockwerk hörte sie Colja singen; vielmehr einige schluchzende, gurgelnde, gellende Töne ausstoßen, die Gesang bedeuten sollten. Wera stand und lauschte. Noch niemals waren ihr die Lieder des russischen Volkes so tot-traurig vorgekommen. Ein Gefühl von Vereinsamung, wie sie es bis dahin nicht gekannt hatte, überkam sie und preßte ihr das Herz zusammen. Ist es möglich, daß der Mensch sich so allein fühlen kann? dachte sie. Die Gestalten von Sascha und Tania, von Natalia Arkadiewna und Grischa traten vor sie; aber ihr war, als sei sie für immer von ihnen geschieden, als könne sie dieselben niemals wieder erreichen. Was hatte sich zwischen sie und ihre Freunde gedrängt? Nichts war geschehen und doch kam ihr die Welt so finster und verödet vor, wie das Zimmer, in dem sie sich befand. Sie wollte Licht anzünden und Colja rufen, unterließ jedoch beides und trat an das Fenster. ... Morgen fange ich meine Tätigkeit an, morgen gehe ich zu Anna Pawlowna. Dort wird Boris Alexeiwitsch sein. Was habe ich mit ihm gemein? Er und ich gehen getrennte Wege. Wir können nicht einmal miteinander reden, denn wir verstehen uns nicht. Das ist traurig. Es können also zwei Menschen dieselbe Sprache sprechen und doch nie etwas voneinander erfahren; das Volk nie etwas von denen, die das Glück des Volkes in Händen haben. Aber Sascha meint, daß sie uns kennen lernen wollen. Das müssen sie, sonst ist keine Hoffnung, nicht für sie und nicht für uns. Aber wie soll das geschehen? Wie soll Anna Pawlowna jemals Sascha verstehen, wie Boris Alexeiwitsch jemals mich ober ich ihn? Und wie soll ich von morgen an leben? Was soll ich tun, reden, denken? Ich soll Anna Pawlowna bewachen und ihr zugleich Vertrauen für mich einflößen? In ihrem eigenen Hause soll ich sie belauern; als ihr Gast, dem sie Gutes erweist, der sich von ihr Gutes erweisen läßt, und sie dann verraten. – – Es ist schändlich! Aber wenn sie das Volk verrät, muß es doch wohl das Rechte sein, überdies wird es mir geboten. Und dann geschieht es für das Volk! Könnte ich nur das begreifen: Unsere Sache ist so gerecht, daß daran nicht zu rühren ist. Warum können wir unsere Sache nicht durchfechten, ihnen allen frei ins Gesicht? Aber freilich, sie sind so ungerecht, daß sie uns zwingen, mit unserer Sache im verborgenen zu bleiben. Dann hilft es nichts, dann muß es über sie kommen. Wir aber sind schuldlos daran ... Während sie so mit ganzer Seele kämpfte, ergriff sie plötzlich eine heiße Sehnsucht nach dem Gebet, das ihr etwas vollständig Fremdes geworden war. Der Jammer, mit gebundenen Händen dem Elend des Volkes zusehen zu müssen, hatte ihre religiösen Empfindungen gelähmt. Nun war sie aus ihrem dumpfen Leben in der Heimat herausgerissen worden, nun strömten die Eindrücke wie Fluten auf sie ein, nun wurde ihr ganzes Wesen wie von einem Sturm aufgerüttelt. Sie fühlte sich haltlos und suchte in ihrer Angst nach der Hand, die sie fassen konnte. Sie hob ihr Gesicht, drückte die Hände gegen die Brust, murmelte, flüsterte. Aber es wollte nichts helfen. Sie betete Worte, nichts als Worte. Mitten im Satze hörte sie auf, von dem entsetzlichen Bewußtsein durchzuckt, daß sie nicht mehr zurück konnte; die Heilkraft des Gebetes verschloß sich ihr, das Gebet versagte seine Kraft; Gott hatte sie verlassen, wie sie sich von ihm abgewendet hatte. Was blieb ihr übrig? Der Glaube an den Jammer der Menschheit! So sollte Wladimir doch recht haben, daß der Nihilismus keine Theorie ist, sondern eine Religion; wer ihn ausübt, kann keinen anderen Glauben neben diesem anerkennen. Aber wie heißt der Gott dieses Kultus? Es war ein abstrakter Begriff: Gleichheit, Glück, Genuß – – Sie fühlte sich von Entsetzen gefaßt, ein Schwindel ergriff sie, so daß sie niedersank. In diesem Zustande halber Bewußtlosigkeit bemerkte sie die Nähe eines Menschen, eines Mannes, und daß jemand sich über sie beugte. Sie wollte aufspringen, fuhr aber nur wie im Krampfe zusammen. Dann hörte sie dicht an ihrem Kopfe flüstern: »Sie sind unglücklich, Wera Iwanowna, Sie suchen Trost und Hilfe und finden keine. Und unglücklich bin auch ich, auch ich suche Trost und Hilfe und finde keine. Wir gleichen uns, wir passen zusammen. Aber Sie sind rein, gut und edel. Das bin ich nicht. Wenn Sie wüßten, wie ich bin, würden Sie vor mir zurückschaudern. Sie sollen es wissen. Aus Ihrem Munde will ich erfahren, ob Gott mir barmherzig sein kann. Hören Sie.« Er erwartete, daß sie aufstehen, daß sie ihn fortweisen würde. Aber sie machte keine Bewegung, es lag über ihr wie eine Erstarrung. Dabei wußte sie mit vollkommener Deutlichkeit: es ist Boris Alexeiwitsch, der neben dir steht, Boris Alexeiwitsch, vor dem du dich hüten sollst, der dich haßt – der einer der Unseren geworden ist. Er flüstert dir zu mit seiner sanften, weichen Stimme. Er sagt dir, daß er schlecht sei, daß Gott ihm barmherzig sein möge, Gott sei mir barmherzig! Ich kann ihm nicht helfen. Dann horchte sie gespannt, was er ihr sagen würde. »Wenn Sie wüßten, was für ein entsetzlicher Mensch ich bin; ich schäme mich vor mir selbst. Ihre reine Seele vermag nicht, sich vorzustellen, wie es in der Welt zugeht. Keiner darf dem anderen trauen. Jeder belügt den anderen. Trauen Sie niemandem; auch mir nicht. Es kann von mir nur Unheil kommen, obgleich ich den besten Willen habe – – « Er schwieg und holte schwer Atem. Gott weiß, wo das hinaus soll, dachte er, aber den besten Willen habe ich wahrhaftig. Er fühlte seine Augen feucht werden. Was ist das? Ich weine ja wohl? Wäre ich am Ende doch ein besserer Mensch, als ich selbst weiß? Und er fuhr mit bewegter Stimme fort: »Glauben Sie, daß ein Mensch sich bessern kann, wenn er den Willen dazu hat? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, daß ich mich sehr unglücklich fühle. Wie sagten Sie vorhin in Ihrem Selbstgespräch? Sie wären nicht würdig zu glauben? Ach, Wera Iwanowna, ich bin nicht einmal würdig, zu lieben. Das ist entsetzlich, nicht wahr? Auch habe ich noch niemals geliebt; es war immer etwas anderes, etwas, wovon Sie keine Ahnung haben.« Und er unterdrückte ein Schluchzen. Jetzt stand Wera auf, Boris sah, welche Anstrengung es sie kostete. Sie lehnte sich gegen die Wand und wandte ihm ihr Gesicht zu. Warum sieht sie mich so entsetzt an? dachte er. Sollte ich mich getäuscht haben? Aber sie ist so schön, daß ich um ihretwillen wollte, es wäre alles wahr, was ich gesagt habe. »Aber so reden Sie doch,« sprach er laut. »Mein Gott, was ist Ihnen? Habe ich Sie erschreckt?« Sie schwieg immer noch. »Wenn Sie befehlen, will ich gehen.« Damit wandte er sich der Tür zu. Da endlich sprach sie; Boris hörte es ihrem Atem an, wie schwer es ihr wurde. »Boris Alexeiwitsch, warum haben Sie mir das alles gesagt, mir, die Sie mich im Grunde Ihres Herzens verachten?« »Ich Sie verachten? Ich verehre Sie!« Aus seinem Tone klang eine solche Überzeugung, eine solche Ergriffenheit, daß Wera erbebte. Mit klangloser Stimme fuhr sie fort: »Sie verachten das Volk, dem Sie doch Hilfe versprechen; Sie spielen mit ihm, und wenn es nicht mit sich spielen lassen will, heben Sie Ihre Hand und schlagen dem Volk ins Gesicht. Wie sollten Sie sich da beglückt fühlen können? Beglücken Sie doch nicht.« »Bessern Sie mich!« »Ich?!« »Sie können es, Sie allein!« Er wandte sich ihr zu und sah ihr fest in die Augen. »Sie allein können es,« wiederholte er leise und eindringlich. »Versuchen Sie es mit mir. Machen Sie aus mir einen Menschen, der würdig ist, daß er lebt. Ich bin ein schlechter Mensch, der sich bessern möchte. Noch niemals in meinem Leben habe ich so zu einer Frau gesprochen. Wenn Sie mich nicht anhören, wenn Sie sich von mir wenden, so ist es um mich geschehen. Nun tun Sie, was Sie wollen.« Er sah ihren Kampf und wußte genau, daß sie unterliegen würde, unterliegen, nicht weil sie schon jetzt ihn liebte, sondern weil sie an ihn glaubte, weil er sie dauerte. Aber er hatte kein Erbarmen mit ihr, übrigens war es keine Lüge, noch nie hatte er so zu einer Frau gesprochen. Als bald darauf Wladimir mit Sascha und Tania ins Zimmer trat, ging Wera ihnen entgegen und sagte, auf Boris Alexeiwitsch deutend: »Er wird Teil an allem nehmen, was wir vollbringen. Vertraut ihm.« Zweiunddreißigstes Kapitel. In derselben Nacht sollte sich auch Anna Pawlownas Schicksal erfüllen. Als sie von der Fürstin nach Hause kam, teilte der Wortschik ihr mit, daß der Prinz eingetroffen sei. Anna Pawlowna runzelte die Stirn. Was soll das heißen, dachte sie. Hat er Argwohn, daß er mich so überfällt? Sollte er eifersüchtig sein? Als ob er ein Recht auf mich hätte! Wurde ich ihm doch verkauft. Er soll es nicht wagen! Verkauft! Verkauft! hallte es in ihr wider, während sie die Treppe hinaufstieg und sich in ihre Gemächer begab. »Wo befindet sich Karl Petrowitsch?« »Im Speisezimmer.« Sie ließ sich ihre Umhüllung und ihren Schleier abnehmen und begab sich in das Speisezimmer. Er soll es nicht wagen! war von neuem ihr Gedanke. Sie preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie war es möglich gewesen, es so lange zu dulden? Wie abscheulich von ihr! In dieser feindseligen Stimmung trat sie dem Prinzen entgegen. »Sie sind zurückgekehrt?« begrüßte sie ihn, mit eisiger Kälte in Ton und Blick, sich der aufwartenden Diener wegen der französischen Sprache bedienend. Karl Petrowitsch hatte sich ein in aller Eile zubereitetes Souper servieren lassen, bei dem der Champagner die Hauptsache war. Er erhob sich, ging auf seine Frau zu und küßte sie auf die Stirn. Wie widerwärtig! dachte Anna Pawlowna, als sie den Druck seiner kalten Lippen fühlte. »Sie haben mich nicht erwartet?« »Nein. Warum telegraphierten Sie nicht?« »Ich wollte Sie überraschen.« »Hätten Sie Ihre Ankunft angezeigt, so würden Sie ein besseres Souper vorgefunden haben. Nun müssen Sie vorlieb nehmen.« »Wie geht es Ihnen? Sie waren in Gesellschaft?« »Bei der Fürstin Danilowsky.« »Hm.« »Sagten Sie etwas?« »Sie wissen, daß ich es nicht gern sehe, wenn Sie die Fürstin besuchen.« »Sie ist meine Freundin.« »Ich muß Sie wirklich bitten – – « »Um was?« Sie sah ihn an. Schnell wandte er sich ab, trat Zum Tisch zurück und ließ sich einschenken. »Beenden Sie Ihr Souper. Ich werde Ihnen Gesellschaft leisten.« Sie setzte sich ihm gegenüber und begann langsam ihre langen bis an den Ellbogen reichenden Handschuhe aufzuknöpfen. Der hohe bronzene Armleuchter, der zwischen ihnen stand, verdeckte ihm ihr Gesicht. »Sie haben meinen Brief erhalten?« fragte der Prinz nach einer Weile. »Ich hätte Ihnen morgen geantwortet.« »Was ist Ihre Meinung?« »Es ist eine große Auszeichnung.« »Sie sagen das so gleichgültig,« Anna Pawlowna zuckte die Achseln. »Wann gedenkt der Zar die Reise anzutreten?« »Das ist unbestimmt. Es hängt noch von Verschiedenem ab. Eben deshalb kam ich her.« »Deshalb?« »Auch wollte ich Sie persönlich um Ihre Ansicht befragen. Sie sind eine kluge Frau, Man hat Sie bei Hofe vermißt; ich mußte Sie entschuldigen. Es war sehr peinlich für mich.« »Das bedaure ich.« »Ich muß einige Tage hierbleiben. Vielleicht haben Sie die Güte, mich dann nach Petersburg zu begleiten.« »Unmöglich.« »Warum?« »Sie kennen meine Ansichten über Petersburg, Warum quälen Sie mich also? Ich lasse Ihnen vollständige Freiheit, zu gehen, wohin Sie wollen, zu tun, was Sie wollen. Ich werde Sie niemals fragen, Sie niemals belästigen. Nur lassen Sie auch mir meine Freiheit. Ich bin ein Mensch für mich und will es bleiben.« »Sie sind vor allen Dingen meine Frau,« murmelte der Prinz zwischen den Zähnen und stürzte ein Glas Sekt hinunter. In seinen matten, von tausend Fältchen umrahmten Augen sprühte es auf; im übrigen veränderte sich keine Miene in dem vornehmen Gesicht, in dessen fahlem Teint der geschwärzte Schnurrbart und die gefärbten Augenbrauen finstere Schatten zogen. Der eine Handschuh war aufgeknöpft. Anna Pawlowna warf ihn auf den Tisch und fragte statt aller Antwort: »Wird der Zar wirklich nach Moskau reisen?« »Moskau ist vorgeschlagen worden. Wenn nichts dazwischen kommt, wird der Zar jedenfalls Moskau besuchen.« »Was sollte dazwischen kommen?« »Die Nihilisten – Gott verdamme sie! – machen wieder viel Lärm – Michailitsch, nehmen Sie den Leuchter fort; das Licht blendet.« »Die Nihilisten machen wieder viel Lärm?« wiederholte Anna Pawlowna gleichmütig und begann den zweiten Handschuh aufzuknöpfen. »In Petersburg oder in Moskau?« »In ganz Rußland.« »Ich habe davon gehört. Sie finden in allen Schichten der Gesellschaft Anhänger. Das kann ich verstehen.« »Das können Sie verstehen?« »Mein Gott, gewiß. Es muß vieles anders bei uns werden. Sie, der Sie unser Staatswesen so genau kennen, sollten das am besten wissen.« »Sie überraschen mich. Was sind das für Gesinnungen!« murmelte der Prinz und heftete seine matten Augen auf seine Gemahlin. »Sie wissen es recht gut,« bemerkte Anna Pawlowna ruhig, »Sie gestehen es sich nur nicht ein, sich über gewisse Dinge klar zu werden, ist sehr unangenehm.« »Haben Sie das an sich selbst erfahren?« »Wohl möglich. Wenn ich recht verstanden, kommt der Zar nur unter gewissen Bedingungen nach Moskau?« »Sie haben mich recht verstanden.« Diese Bedingungen muß ich ergründen, dachte Anna Pawlowna. Es geht etwas gegen den Nihilismus vor. Ich muß es erfahren, laut sagte sie: »Dürfen Sie mir Näheres mitteilen?« »Warum nicht? Sie sind ja meine Frau. Aber es wird Sie kaum interessieren.« »Vielleicht doch.« »Viel kann ich Ihnen nicht sagen. Übrigens wird in den nächsten Tagen der Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow hier eintreffen.« »Der Staatsrat? Was will er hier?« »Die Lage der Dinge studieren.« »Er will Jagd auf Nihilisten machen?« »Wie man's nimmt. Befindet sich Natalia Arkadiewna noch immer im Hause?« »Befehlen Sie, daß sie es verläßt, jetzt, da ihr Vater kommt?« »Das habe ich nicht gesagt.« »Aber Sie dachten es.« »Sie müssen mir zugeben, daß Natalia Arkadiewna sich höchst ungebührlich gegen ihren Vater benommen hat. Ihre Familie erkennt sie nicht mehr an. Sie sind die einzige, die noch zu ihr hält.« »Weil ich sie bewundere.« »Sie ist offenbar eine Nihilistin.« »Das ist möglich. Was schadet das? Heutzutage sind viele Russinnen aus den besten Familien Nihilistinnen.« »Nun ja, reden wir nicht mehr davon. Der hauptsächlichste Grund, der mich hergeführt, war, mit Ihnen die Vorbereitungen zu dem Feste zu besprechen.« »Würde der Zar geruhen, unser Haus zu besuchen?« »Es wäre nicht unmöglich. Jedenfalls müßte man sich vorsehen.« »Wen wünschen Sie einzuladen?« »Davon morgen. Es wird eine lange Liste werden. Übrigens ist es spät.« Anna Pawlowna erhob sich. »Sie haben recht, ich bin müde. Gute Nacht,« »Gute Nacht. Ich sehe Sie noch.« Sie sah ihm fest in die Augen. Wage es nicht! sagte ihr Blick. Dann entfernte sie sich. Etwas muß geschehen sein, dachte der Prinz, ihr nachsehend. Aber was? Liebt sie einen anderen? Er ließ sich noch eine Flasche Sekt bringen und schickte die Diener hinaus. Eine heftige Aufregung bemächtigte sich seiner. Die Vorstellung, auf die er in der Tat zum erstenmal verfiel, daß seine Frau einen anderen lieben könnte, brachte sein Blut in Wallung. Sie gab ihm fast ein Gefühl von Jugend; in seine Eifersucht mischte sich eine eigentümliche Empfindung, die beinahe Befriedigung zu nennen war. Sie liebt einen anderen, reflektierte er, aber sie gehört mir. Jetzt habe ich sie in der Hand und kann ihr die mir zugefügten Qualen vergelten. Sie verabscheut mich, aber sie ist meine Frau. Ihr Abscheu wird ihr nichts helfen; denn ich habe das Mittel, sie zu demütigen. Und das will ich. Dreiunddreißigstes Kapitel. Anna Pawlowna begab sich in ihr im zweiten Stock gelegenes Schlafgemach, schickte die Kammerfrau fort und verriegelte die Tür. Dann setzte sie sich vor den Toilettentisch und begann ihr Haar aufzulösen. Dabei lauschte sie auf jedes Geräusch. An die eine Seite des Zimmers schloß sich eine lange Reihe von Gemächern, auf eine Säulenhalle mündend, welche über der Moskwa lag; an der anderen Seite befand sich die Wohnung des Prinzen. Jeden Augenblick erwartete die Prinzessin, es dort anklopfen zu hören. Die Dienerschaft war noch auf, dieser und jener im Korridor. Sie würde öffnen müssen ... Sie sah ihn, wie er sie anschaute, mit dem erloschenen Blicke, der sich bei dem Betrachten ihrer Schönheit unheimlich belebte. Wie er sie anlächelte mit den blassen, vertrockneten Lippen, zwischen denen die falschen Zähne hervorblinkten. Sie fühlte diese Lippen auf den ihren, stieß einen Schrei aus und wollte aufspringen. Da erblickte sie sich im Spiegel und entsetzte sich vor ihrem eigenen Bilde: das blasse Gesicht, von der Mähne ihres roten Haares wie von einer Flamme umlodert, darin ihr ganzer Leib zu versinken schien, die Lippen geöffnet, die Augen starr und weit offen – – Eine Weile betrachtete sie ihr Spiegelbild, als wäre es ihr etwas ganz Neues. Also so kannst du aussehen, so schrecklich schön! So muß Judith ausgesehen haben, als sie dem Holofernes das Haupt abschlug. Merkwürdig, daß diese Tat so selten wiederholt wird, daß nicht mehr Morde geschehen, die Frauen an ihren Männern verüben. Aber wir sind so dirnenhaft! Sie lehnte sich in den Sessel zurück, starrte auf ihr Bild und versank in Grübeleien. Da ist dieser Sascha. Er soll mich lieben, er soll eine große Leidenschaft für mich hegen, dieser junge Gigant mit den Äugen und dem Herzen eines Kindes, Seltsam, höchst seltsam! Sie beobachtete im Spiegel, wie die Starrheit aus ihrem Gesicht schwand, wie sich dieses belebte, wie bei dem Gedanken an jenen Bauernsohn ein Lächeln auf ihre Lippen trat. Was soll das bedeuten? Woran dachte ich? Sie mußte sich darauf besinnen. Ist das möglich? Sie wurde unruhig, aufgeregt. Plötzlich schreckte sie zusammen. Leise Schritte nebenan! Jetzt mußte es anklopfen. Sie wußte nicht, was sie tat; sie sprang auf, löschte das Licht, stand mit angehaltenem Atem und lauschte. Aber sie hatte sich doch wohl getäuscht? Doch nein: jemand war an ihrer Tür, eine Hand legte sich auf den Drücker. – – Alles blieb still. Er wagt es nicht! Er ist feige! Sie atmete tief auf; dann entkleidete sie sich und legte sich zu Bett. Mit einem Schauer erwachte sie. Sie hatte geträumt, daß sie von Sascha geküßt wurde, daß sie Sascha küßte. Es ist nicht möglich, suchte sie sich selbst zu beruhigen, es ist gar nicht möglich daß ich ihn liebe. Was für grobe, rote Hände er hat! Aber wie selig er war, wirklich ganz wie von Sinnen. Ich hatte eine solche Leidenschaft nicht für möglich gehalten. Mein Gott, welch ein Ausbruch! Ich bebe noch davon. Und das alles sollte nur ein Traum gewesen sein? Um sich vollends aus dem Schlaf zu bringen, öffnete sie die Augen und richtete sich in die Höhe. Aber sie mußte noch immer träumen. Sie träumte, daß ihr gegenüber die Wand sich bewegte, daß der Spiegel langsam sich drehte; sie träumte so lebhaft, daß sie, von einer entsetzlichen Angst gepackt, aus dem Bette sprang. Da stand er vor ihr. Keinen Laut vermochte sie hervorzubringen; aber hätte sie eine Pistole gehabt, so würde sie ihn mit kaltem Blute niedergeschossen haben. Auch er sagte nichts. So standen sie sich einander gegenüber. Der Prinz machte eine Bewegung, als ob er sie fassen wollte; aber sie wich, die Augen auf ihn gerichtet, vor ihm zurück. Er folgte ihr. Sie schob sich bis zur Tür, griff hinter sich, rückte den Riegel fort, und dann durch die lange Reihe der Gemächer, Schritt für Schritt vor ihrem Verfolger zurückweichend, ohne den Blick vor ihm zu wenden, ohne einen Laut zu tun. Sie kam in die Vorhalle, lautlos näherte sie sich der Brüstung, lautlos hätte sie sich hinübergeschwungen und hinabgestürzt. Da, mit einem Wutschrei, ließ er von ihr. Sie blieb stehen, ihr Auge nicht von der Stelle wendend, wo sie ihn zuletzt gesehen. Aber er kam nicht wieder. Eine Viertelstunde verging, sie rührte sich nicht. Dann kauerte sie sich nieder, und da sie trotz der warmen Nachtluft zu frieren begann, löste sie ihr Haar und hüllte sich darin ein. Welche Schmach! war alles, was sie zu denken vermochte. Sie hörte unten den Fluß rauschen und lauschte darauf. Warum hatte sie sich nicht über die Brüstung geschwungen? Gern hätte sie es noch jetzt getan; aber sie konnte sich nicht regen. Es war ihr, als müßte sie einen Gedanken fassen, der ihr so lange fern gelegen, einen Entschluß ausführen, auf den sie nicht vorbereitet war. Was mochte es sein? Sie mußte sich aus der Erniedrigung erheben, sie mußte sich reinigen oder ihr Leben beenden. Aber wie sich erheben, wodurch sich reinigen? Durch wahre Liebe! Sie mußte wahrhaft geliebt werden. Sie kannte manche, denen sie Leidenschaft einflößte; aber das war es ja eben, was ihr diese Männer abscheulich machte, was sie erniedrigte. Sie mußte wahrhaft geliebt werden! Wer aber liebte sie wahrhaft? Sie dachte nach und fand keinen. Ach, Sascha – – War sie von Sinnen, daß sie an diesen denken konnte, gerade an diesen?! Sie strengte sich an, es nicht zu tun, aber es gelang ihr nicht, ihre Gedanken von ihm zu wenden. Sie bemühte sich, ihn lächerlich zu finden, grob und plebejisch. Aber unablässig verfolgten sie sein frischer, roter Mund, seine traurigen Kinderaugen, Und diese Augen leuchteten auf in dem heiligen Feuer seiner Liebe zu ihr! Dieser Mund stammelte wirre Worte: sein Entzücken für sie! Ohne Abscheu zu empfinden, konnte sie denken, daß sie von diesen Lippen geküßt wurde wie ein Heiligenbild von einem Gläubigen, einem Verzückten. Wie, wenn sie sich von ihrer Schmach befreite, dadurch, daß sie die Liebe, die Verehrung, die Anbetung dieses Guten und Reinen gestattete? Wenn sie es recht bedachte, so mußte sie sich gestehen, daß sie noch keinen beglückt hatte, keinen Menschen wirklich beglückt, auch nicht für eine Stunde! Sie hatte Wohltaten gespendet und es war ihr gedankt worden; aber Glück bereitet hatte sie niemals. Hier konnte sie es, hier war ihr Gelegenheit gegeben, mit vollen Händen auszustreuen, zu verschwenden: Glück, Glückseligkeit! Der neue Tag, der über Rußland aufging, beseelte die Menschen mit neuen Gefühlen, der Mann aus dem Volke stand gleichberechtigt neben der Frau aus der Gesellschaft, die sich nicht länger zu ihm herabwürdigte, sondern ihn und mit ihm sich selbst erhob durch die hohe Empfindung, die sie einflößte und der sie sich hingab. Welch eine Phantasie! Eine neue Welt, darin Volk und Gesellschaft sich geschwisterlich verschmolzen; als erstes Menschenpaar der Mann aus dem Volke und die Frau aus der Gesellschaft: der Bauernstudent Sascha und die Prinzessin Anna Pawlowna – – – Es würde ein Opfer ihres ganzen Selbst sein, aber ihr Entschluß war gefaßt. Der Himmel lichtete sich, der Morgen dämmerte. Sie stand auf, warf ihre Haare zurück und hob das Gesicht dem anbrechenden Tage entgegen. Ihr war, als hätte allein schon ihr Vorsatz sie gereinigt von der Schande dieser Nacht. Neubelebt schritt sie ihrem Schlafzimmer zu. Vierunddreißigstes Kapitel. Am nächsten Tag brachte Wladimir Wera zur Prinzessin. Er hatte ihr strenge Instruktionen erteilt und war ihres Gehorsams gewiß. Denn mehr und mehr begriff die Nihilistin, daß sie der Sache am meisten durch ihre blinde Unterwerfung dienen könnte, daß diese Unterwerfung alles sei, was man von ihr erwarte, alles, was sie zu tun vermochte. Sie bemühte sich, ihr rebellisches Gewissen durch allerlei Vorspiegelungen einzuschläfern, sich vorzureden, daß sie ein störrisches Gemüt hätte, und daß es lediglich an ihrer Unwissenheit läge, wenn sie nicht voller Glauben und Überzeugung war. Auch wurde ihre Seele von ganz anderen Stürmen durchtobt, mehr und mehr bemächtigte sich ihrer Phantasie die Vorstellung eines geretteten Boris Alexeiwitsch. Mit Schaudern hatte sie seine Beichte angehört. Sie war zu rein, um sich von dem Leben und den Lastern eines solchen Mannes eine Vorstellung machen zu können. Aber mit der Intuition der Frau erkannte sie bei seinen leidenschaftlichen Ergüssen, daß es Verhältnisse gäbe, von deren Dasein sie keine Ahnung hatte. Ihre Instinkte warnten sie vor dem Wüstling, aber sie fühlte sich trotzdem von dem Wunsche durchdrungen, diesen Mann dem Volke zuzuführen. Mit seiner glühendsten Beredsamkeit hatte er ihr versichert, daß er sich schuldig fühlte, daß er seine Rettung nur in ihr sähe. Und sie glaubte ihm; weshalb hätte er sie täuschen sollen? Mit der Heftigkeit einer religiösen Schwärmerin ergriff sie die Aufgabe, an dieser verlorenen Seele ein Wunder zu tun. In solchem Zustande überlieferte sie sich vollständig dem Willen Wladimirs, dessen Anschauungen über die Frauen dabei einen Triumph feierten. Von dem Augenblick an, da Wera ihm mit Boris Alexeiwitsch entgegengetreten, glaubte er sein Spiel gewonnen. Die verführte Wera würde ein ganz anderes Werkzeug abgeben, als diese unbefleckte Reinheit. Um die Menschen nach Gutdünken verwenden zu können, mußte man mit ihren Leidenschaften rechnen. Dasselbe Exempel mit demselben günstigen Ergebnis hoffte Wladimir mit Anna Pawlowna und Sascha aufzustellen, ahnungslos, wie Zufall und Verhältnisse seine Plane begünstigten. Die Prinzessin empfing Wera sehr freundlich, ließ ihr ein Zimmer in der Nähe ihres Schlafgemachs anweisen und gab ihr, um einem etwaigen Verdacht der Polizei und Dienerschaft vorzubeugen, eine bestimmte Beschäftigung in ihrem Haushalte. Ihre nihilistischen Sympathien noch stärker zu beweisen, organisierte sie in Veras Zimmer eine wöchentliche Zusammenkunft des Komitees, der auch Natalia Arkadiewna, Boris Alexeiwitsch und Sascha beiwohnen sollten. Wera suchte sogleich Natalia Arkadiewna auf, die wieder sehr leidend war, aber nichts von Ruhe wissen wollte. »Dafür werde ich später Zeit genug haben; plagt mich nicht mit eurer Sorgfalt, Das Volk kommt durch Elend und Krankheit scharenweise um, ohne daß man sich darum kümmert. Ich will keinen Arzt haben. Gerade jetzt bin ich so glücklich, denn endlich, endlich soll es zu großen Ereignissen kommen. Wenn ich sie nur erlebe! Und dann noch eins: ich möchte dich so gern für die Sache erziehen. Du hast die besten Anlagen, aber du bist noch nicht entwickelt. Also zum Auskundschaftsdienst hat Wladimir dich bestimmt? Ich hätte ihm nicht zugetraut, daß er deine innerste Natur so verkennen könnte. Doch wer weiß, vielleicht ist es eine gute Schule für dich, übrigens finde ich dich verändert; ist dir etwas geschehen?« Wera begegnete dem forschenden Blick, der auf sie fiel, ruhig und offen. »Boris Alexeiwitsch ist zu mir gekommen.« »Schon?« »Gestern.« »Ich erwartete es; nur nicht so bald.« »Du verkennst ihn.« »Wäre das bei Boris Alexeiwitsch möglich? Aber ich sage dir, du steckst noch voller Einbildungen, du wirst noch vieles lernen müssen. Das kannst du allerdings nicht bald genug. Was wollte er von dir?« »Ich sollte ihm helfen.« »Du – ihm? Worin sollst du ihm helfen?« »Daß er aus vollem Herzen einer der Unseren würde. Er hat so gute Absichten.« »Du hast ihm natürlich alles zugesagt?« »Konnte ich anders? Bedenke doch!« »Er fängt es fein an. Sei versichert, er kennt dich, er weiß, wo du zu fassen bist.« »Du zürnst mir?« »Ich bedaure dich.« »Warum?« »Er wird seine Absicht nicht erreichen, aber du wirst dabei zugrunde gehen. Es ist schade um dich; doch ist dir nicht zu helfen. Würdest du mir wenigstens folgen und nach Dawidkowo gehen.« »Um unter den Leuten von Grischa Michailitsch Agitation gegen ihren Herrn zu machen!« »Um die Agitation zu verhindern. Wenn er seinen Bauern nicht mehr Land gibt – – « »Das wird er nicht. Er mußte es mir versprechen, es nicht zu tun.« »Dann hat er dir sein Unglück versprochen. Die Revolution unter seinen Bauern ist nicht mehr aufzuhalten.« »Die Undankbaren! Er ist so gütig gegen sie.« »Güte ist gewöhnlich Schwäche. Da du so viel über ihn vermagst, solltest du ihn veranlassen, sein Versprechen zurückzunehmen.« »Nimmermehr.« »Wie du willst. Schließlich, was kommt auf den einen an? Er wird ein Beispiel abgeben und dadurch auf andere wirken.« »Was glaubst du, daß ihm geschehen könnte?« Aber Natalia Arkadiewna antwortete nicht. Es ist ganz gut so, dachte sie. Wir müssen Exempel statuieren. Wenn Grischa von seinen Bauern erschlagen werden sollte, würde das ein solches Entsetzen verbreiten, daß Hunderte von Landwirten ihren Leuten freiwillig ihr Land abtreten. Wie gut, daß ich Wera mitnahm. Diesen Grischa wird sie lieben, aber der andere wird sein Spiel mit ihr treiben. Auch das kann uns nützlich sein. Doch daraus Nutzen zu ziehen ist Wladimirs Sache. »Hast du schon gehört, daß mein Vater nach Moskau kommt?« »Der geheime Staatsrat Arkad Danilitsch Niklakow?« »Er hat den Auftrag, die nihilistischen Verbindungen aufzuspüren.« »Wirst du ihn sehen?« »Ich werde zu ihm gehen und ihn warnen.« »Vor wem?« »Vor den Nihilisten.« »Sie werden gegen deinen Vater nichts im Schilde führen.« »Wie unverständig du sprichst. Sie müssen das! Der Staatsrat Niklalow ist ihr Feind. Nenn er uns entdecken und angeben will, mag er mit seiner Tochter den Anfang machen. Er liebt mich übrigens sehr.« »Ach, wie schrecklich.« »Ich kann ihm nicht helfen.« »Was können die Unsern ihm antun?« »Ihn zum Tode verurteilen, wenn er – – « »Nun, wenn er?« »Seine Pflicht tut und etwas Verdächtiges findet. Es muß aber um jeden Preis verhindert werden, daß er eine Entdeckung macht, da sonst die Reise des Zaren hierher unterbliebe, ein Umstand, der alle unsere Pläne zerstören würde. Ich muß also irgend etwas aussinnen, das ihn verhindert, in Moskau Entdeckungen zu machen, was bei dem Charakter meines Vaters sehr schwer sein wird; denn er ist ebenso klug und furchtlos, wie umsichtig und pflichttreu.« »Wie willst du das also anfangen?« »Ich werde gewiß etwas finden. Kann ich dabei auf deine Hilfe rechnen?« »Ja.« »Ich danke dir. Jetzt lasse mich allein.« Es wird doch schwer fallen, dachte sie, als Wera gegangen war. Er ist ein eiserner Charakter. Aber es muß versucht werden. Ihm zu schreiben, daß er getötet wird, sobald er etwas gefunden, nützt nichts. Das einzige ist, mich so stark zu kompromittieren, daß eine Anzeige seinerseits meine Transportation nach Sibirien zur Folge hätte, oder noch Schlimmeres. Er muß für mich zittern, so zittern, daß er seine Pflicht verletzt. Denn er liebt mich noch immer. Ich glaube, da kommt Wladimir Wassilitsch. Sie erblaßte und schloß die Augen; kaum, daß sie sich aufrecht halten konnte. Aber sie faßte sich schnell, und als Wladimir Wassilitsch die Tür öffnete, trat sie ihm in ihrer gewöhnlichen gelassenen Weise entgegen: »Gut, daß Sie kommen; ich habe allerlei mit Ihnen zu besprechen. Wie geht es Ihrer Frau?« Sie legte auf das letzte Wort einen besonderen Nachdruck. Wladimir Wassilitsch merkte die Absicht, ohne ihr besonders dankbar dafür zu sein. »Tania Nikolajewna ist wohl. Übrigens wird auch sie ihre Tätigkeit angewiesen erhalten.« »Wozu wollen Sie Tania Nikolajewna verwenden? Dieses holde, zarte Wesen! Wie können Sie das über Ihr Herz bringen? Auch würden Sie es sicher bereuen. Nein, nein, sie muß damit verschont bleiben.« Ei, sieh doch! dachte Wladimir, Daß ich Tania liebe, erträgt sie; aber ich soll sie nur zum Tändeln und Kosen haben. Meine Taten mit mir zu teilen, gönnt sie ihr nicht. Sie möchte sie allein begehen mit mir. Was für Frauen es gibt! Dann sagte er: »Tania Nikolajewna darf nicht untätig bleiben; sie will es auch nicht. Jeder, der zu uns gehört, muß seiner Fähigkeit und seinem Können gemäß von uns verwendet werden. Nun wird Tania Nikolajewna allerdings nicht viel leisten können; aber mit dem, was sie zu tun vermag, muß gerechnet werden. Sie wird übrigens ihre Pflicht erfüllen.« »Darf ich fragen, was Sie Ihrer Frau auftragen werden?« »Ich habe allerlei Pläne. Hörten Sie sie einmal singen?« »Nein.« »Das ist schade. Sie soll Ihnen vorsingen; Sie verstehen etwas davon. Tania Nikolajewna hat eine überaus liebliche Stimme; russische Volkslieder singt sie, daß man dabei weinen möchte. Ich bin überzeugt, sie kann mit ihrem Gesange einen jeden bezaubern. Vielleicht läßt sich dieses Talent ausnützen. Ich kann es ihr nicht ersparen, ihre Fähigkeiten und Kräfte für die Sache zu verwerten.« Und auch mir kann ich es nicht ersparen, hätte Wladimir hinzusetzen können. Denn sein Vorsatz kostete ihn große Überwindung. Von Tag zu Tag gewann das süße Glück, das er in der Liebe der holden Tania fand, mehr Gewalt über ihn. Vergebens war er bemüht, sich gegen den starken Einfluß zu wehren, sich dem Liebesbann, der auf ihm lag, zu entziehen. Er ertappte sich immer wieder auf Gedanken, die nicht bei der »Sache«, sondern bei Tania waren, auf Vorstellungen, in denen er sich mit ganz anderen Dingen als mit Terrorismus und Agitation beschäftigte. Er hatte Augenblicke der Schwäche, der Sehnsucht, der Leidenschaft. Dann überhäufte er sich selbst mit Vorwürfen und faßte die besten Vorsätze, jede Regung, die nicht der Sache gehörte, in sich zu ersticken. Wenn Tania sich direkt an der Agitation beteiligte, würde das, so hoffte er, ihn von ihr abziehen; außerdem war sie, als sein Weib, es der Sache schuldig. Natalia Arkadiewna wagte nicht, das begonnene Gespräch fortzusetzen. Zum erstenmal flößte der Mann, den sie heimlich anbetete, ihr ein Gefühl ein, darein sich bei aller Bewunderung etwas wie Schrecken mischte, Schrecken vor der allerletzten Konsequenz, die aus dem anarchistischen Prinzip sich entwickelte: du sollst nichts für dich selbst besitzen, auch nicht dein Weib! Wladimir Wassilitsch war ein Fanatiker seines Prinzips, der auch vor der allerletzten Folgerung nicht zurückschrecken würde. Und Rußland wimmelte von solchen Geistern.   Ende des ersten Bandes.