Johann Meyer Theodor Preußer   Eine Episode aus dem Kampfe bei Eckernförde.   Drama in zwei Akten.     Verfaßt für den Verein der Schleswig-Holsteinischen Kampfgenossen von 1848-51 in Kiel und zum ersten Male vor demselben aufgeführt zur Feier des Jahrestages der Schleswigholsteinischen Erhebung am 24. März 1883, später mehrfach im Kieler Stadttheater und in verschiedenen Vereinen.     Was Ihr getan, kann nimmermehr Alldeutschlands Liebe Euch vergessen! Wie kühn hat Euer kleines Heer Für sie sich mit dem Feind gemessen! An Schleswig-Holstein wunderbar, Aus vieler Kämpfe blut'gem Ringen Entfaltete der deutsche Aar Auf's neu' die Größe seiner Schwingen! Wie mancher, der es mit geseh'n Und mitgekämpft, schläft schon in Frieden! Die Jahre kommen und vergeh'n   Und, ihnen gleich, wir all' hienieden! Und wenn der fünfzigjähr'ge Tag Einst zum Appell ruft sie Getreuen, Wie wen'ge sind geblieben nach Von allen, die sich heute freuen! Drum bleib' dem Feste keiner fern,   Und was noch sonst sein Aug' gesehen, Nach jener Zeit, von Gott, dem Herrn, Dem deutschen Volk zum Heil geschehen,   Deß sei er froh bewußt sich heut', Wie dessen, drum er hergekommen, Daß um so größer seine Freud', Weil alles solch ein End genommen!   Und die,   ach, nun in Sorg' und Leid,   Stets taten, was für uns das Beste, Die feiert mit, wie allezeit, Auch heut' auf Eurem schönen Feste! Zu Gott empor ein frommes Wort. Daß er es beiden reichlich lohne! Des Lebens Freud' Alldeutschlands Hort: Dem Kaiser und dem Kaisersohne! Personen: Theodor Preußer , Unteroffizier bei der 5. Festungs-Batterie. Eine junge Frau , dessen Quartiers-Wirtin. Katharina , deren alte Dienstmagd. Anton , Invalide und Angestellter im Christians-Pflegehaus. Ein Kanonier aus der Südschanze. Ein Offizier vom 3. Reserve-Bataillon. Soldaten vom 3. Reserve-Bataillon.   Die Handlung spielt im Hause der jungen Frau im Jahre 1849 und zwar der 1. Akt am 4. April nachmittags bis zum Alarmschuß, der 2. Akt am 5. April nachmittags nach dem Waffenstillstande, von Wiederbeginn der Feindseligkeiten bis nach der Explosion »Christian VIII«. Erster Akt. Dekoration: Zimmer im Hause der jungen Frau. Rechts im Vordergrunde zwei Fenster. Hinter dem letzten Fenster eine Tür nach der Küche, links eine solche nach der Stube des Einquartierten führend. In der Mitte eine Doppeltür. Vor dem hinteren Fenster ein Blumentisch voll blühender Gewächse, darunter rote Rosen, Veilchen, Heliotrop, weiße Kamelien, rote Kamelien und rote Oleander. Zu oberst auf dem Blumentisch eine blühende rote Nelke. Um denselben auf dem Fußboden gleichfalls Topfgewächse. Zwischen diesen, nach vorn ein Lorbeerbaum. Links im Zimmer, freistehend, ein Tisch mit zwei Stühlen. Auf dem Fußboden bei den Blumen eine Gießkanne. Rechts und links immer vom Zuschauer aus.   1. Auftritt. Katharina . (Durch die Mitte, einen Korb tragend.) Was solche Einquartierung doch für Umstände macht!   Nun mußte ich schon wieder nach dem Kaufmann.   Und Wir haben doch nur den einen.   Bei Dehns am Markt haben sie das ganze Haus voll, was muß es da für eine Wirtschaft sein!   Madam hat auch wohl nur einen gekriegt, weil die Leute es wissen, daß sie so patriotisch ist.   2. Auftritt. Junge Frau. Katharina. (Aus der Küche kommend.) Junge Frau. Bist du wieder da, Katharina?   Bringe es nur nach der Küche! Katharina. Ja, Madam, gleich!   Es ist doch eigentlich nicht recht, daß wir den Unteroffizier haben! Junge Frau. Nicht recht?   Katharina. Bei so beschränktem Platz?!   Madam hat ihm ihre beste Stube gegeben.   Aber warum hat Madam ihn auch nicht ausquartiert. Junge Frau. Katharina!   Wer könnte in einer so großen Zeit so kleinlich sein?!   Und wenn man mir zehn schickte, ich ließe keinen wieder fort;   lieber schliefe ich auf Stroh! Katharina. Madam ist doch ganz wie ihr seliger Herr Vater! Junge Frau. Ich müßte nicht seine Tochter sein!   Wenn der noch lebte!   Aber ich begreife dich nicht,   du hast doch alles mit uns durchgemacht.   Katharina. Freilich!   Ach Gott, ja!   Weiß Madam noch?   ich kam gerade ins Pastorat, als Madam sich verlobt hatte.   Es war nun Ostern vor fünf Jahren,   aber was für traurige fünf Jahre! Junge Frau. (Seufzend.) Das magst du wohl sagen! Katharina. Zuerst die selige Frau Pastorin.   Und dann das Unglück mit Madam.   Noch so jung und schon Witwe!   Und dann Madam ihr seliger Herr Vater!   Daß die Dänen ihn mit fortschleppten, war doch sein Tod.   Ach, was solche Politik doch mitunter für Unglück bringt! Junge Frau. Haben wir es denn nicht würdig getragen?   Wir taten's für unser Vaterland und seine gerechte Sache,   und du wolltest uns das zum Vorwurf machen? Katharina. Sei Madam mir nur nicht böse.   Das wollte ich nicht.   Ich meine nur so!   Gott ja, das ist wahr!   ich sollt' ja nach der Küche! (Ab mit dem Korb nach der Küche.) Junge Frau. Du alte, treue Seele, wer könnte dir zürnen?!   Du hast alles redlich mit uns geteilt!   (Seufzend) Ja, ja! das waren böse Zeiten, und schwere Opfer erheischten sie!   Aber wozu die Erinnerung an jene tränenreiche Vergangenheit in einer solchen Gegenwart?!   Es ist keine Zeit zum Klagen   wir leben der Zukunft!   Kann nicht eine jede Stunde uns schon Großes bringen?   Der Waffenstillstand ist zu Ende,   vor der Königsau und auf Alsen steht der Feind, und die Unseren eilen ihm schon mutig entgegen,   Ja, es steht Großes bevor!   Und auch hier,   kann uns nicht jeden Augenblick der Däne seine Seekolosse vor die Stadt senden?!   Aber auch hier halten die Braven Wacht, das Vaterland zu schützen!   Und Gott und unser Recht! Mein Schleswig-Holstein darf nicht zagen!         3. Auftritt. Katharina. Junge Frau. Katharina. (Aus der Küche kommend,) Madam, hat Madam auch schon gehört? unser Unteroffizier ist avanciert! Junge Frau. Avanciert? wozu? Katharina. Zum Hauptmann! Junge Frau. Vom Unteroffizier zum Hauptmann?! Unmöglich!   Katharina. Na, zum mindesten kommandiert er doch auch schon eine Schanze, ebensogut wie sein Hauptmann! Junge Frau. Aber doch immer nur als Unteroffizier;   er hat es mir selber schon gesagt.   Katharina. Denn weiß Madam schon?   Junge Frau. Sein Hauptmann hat Befehl, sobald etwas passieren sollte, in der Nordschanze zu bleiben.   Darum hat er denn unserm Unteroffizier das Kommando in der Südschanze übertragen. Katharina. Er ist ja doch nur Unteroffizier.   Warum haben sie denn keinen Leutnant oder Hauptmann dazu genommen? Junge Frau. Weil sie keinen hatten.   Für beide Schanzen sind außer den Gemeinen ja überhaupt nur vier Unteroffiziere mit einem Hauptmann hierher kommandiert worden. Katharina. Da hätten sie sich ja nur einen aus Rendsburg requirieren können   oder aus Gettorf, wo die Nassauer liegen.   Aber sie hatten ihre guten Gründe! Junge Frau. Was du nicht alles weißt! Katharina. O, und ich weiß auch noch mehr, Madam!   Ich hörte es gestern schon beim Kaufmann, und eben sprachen sie wieder davon,   Es kommt eigentlich von den Offizieren her vom Reserve-Bataillon, die haben's beim Weinhändler Grün in der Gaststube erzählt.   Soll ich's Madam mal sagen? Junge Frau. (Interessiert.) Sag' nur!   Sag' nur! Katharina. Einen Besseren, haben sie gesagt, als der Preußer wäre, hätten sie für die Südschanze gar nicht kriegen können.   Und die Dänen kennten ihn auch schon! Junge Frau. (Interessiert.) Die Dänen? Katharina. Ja, von Kopenhagen her!   Er ist nämlich früher einmal Kadett gewesen und schon dicht beim Fähnrich.   Aber da hat er Streit mit seinen Lehrern gekriegt,   gerade als er im letzten Examen war, und das wegen der Geographie! Junge Frau. (Interessiert.) Wegen der Geographie? Katharina. Seine Lehrer haben nämlich gesagt: Schleswig, das hieße nicht Schleswig, sondern Süd-Jütland, und es gehöre auch gar nicht zu Holstein, sondern zu Dänemark,   und da hat er denn dagegen gestritten und seinen Abschied gekriegt. (Rascher)   Aber ich hörte die Pforte.   Am Ende kommt er schon wieder zurück aus der Schanze! Junge Frau. (Etwas erregt.) Schon gut!   Schon gut!   Geh' nur nach der Küche und sorge für den Tee. Katharina. Ja, Madam!   Und ich weiß auch mehr,   ich will Madam das schon alles mal erzählen. (Ab nach der Küche.) Junge Frau. Wie seltsam!   Aber kein Wunder!   Er schwärmt für Schleswig-Holstein! (Es wird angeklopft.) Da ist er!   Herein!   4. Auftritt. Preußer. Junge Frau. Preußer. (Durch die Mitte, in Uniform mit Tornister und Pickelhaube.) Um Verzeihung, gnädige Frau, daß ich schon wieder inkommodiere! Junge Frau. Sie inkommodieren durchaus nicht, Herr Unteroffizier!   Ich bedauere nur, daß wir es Ihnen nicht bequemer einrichten konnten.   Aber es führt ja keine andere Tür in Ihr Zimmer! Preußer. Und wenn man so vom Exerzieren kommt, mit Staub und Schmutz bedeckt, da wäre eine Kammer im Stall wahrlich schon gut genug! Junge Frau. Gar zu anspruchslos!   Gerade dann ist ein bißchen mehr Gemütlichkeit um so erquickender!   Und es sollte mich unendlich freuen, wenn mein Haus sie Ihnen böte! Preußer. Sie sind zu gütig. Junge Frau. Darf ich Sie einladen, den Tee bei mir zu trinken? Preußer. Tausend Dank für Ihre Güte!   Wo lieber, als hier?!   Dann bitte ich um Urlaub auf wenige Augenblicke! (Küßt ihr die Hand. Ab in sein Zimmer.) Junge Frau. Der arme Mensch!   er hat es wirklich recht schwer!   Früh morgens schon hinaus und erst spät abends wieder zurück,   und nichts in all der Zeit als das ewige Einerlei des Dienstes,   Exerzieren und die Rekruten schulen.   Überdies wegen all der Berichte und Rapporte auch nicht einmal die Paar Abendstunden zur Erholung!   Wahrlich, das könnte wohl den Stärksten mürbe und müde machen!     Und doch wartet er seines Amtes mit einer Lust und Freudigkeit, die ohnegleichen sind.   5. Auftritt. Katharina. Junge Frau. Katharina. (Durch die Küchentür, wichtig.) Madam!   Madam!   Ich wollte Madam ja noch was sagen!   Darf ich?       Junge Frau. Aber schnell!   er ist gleich wieder hier! Katharina. (Eintretend.) Unser Unteroffizier stammt aus einer ganz vornehmen Familie!   Das haben die Offiziere bei Grüns auch noch erzählt.   Sein Vater ist Premierleutnant bei den Dänen gewesen. Junge Frau. Premier-Leutnant? Katharina. Ja, und ist eigentlich sogar auch noch vom Adel und heißt von ! Junge Frau. Vom Adel?!   Seiner Gesinnung nach um so mehr! Katharina. Und dann haben die Offiziere auch noch gesagt,     aber das hat Madam doch seiner Zeit auch gewiß schon gehört oder gelesen.     Junge Frau. (Interessiert.) Was denn? Was denn?   Ich erinnere nicht       Katharina. Er hat sich auch schon einmal ganz gehörig mit den Dänen geschlagen,   ja, das haben sie auch noch gesagt!   Vergangenes Jahr, Madam, auf Fehmarn, als die Dänen da landen wollten.   Junge Frau. (Erregt.) Himmel, was sagst du?! Katharina. Ja, Madam, ganz gewiß!   Er und 'n paar von den Jägern und mit nur einer Kanone! Junge Frau. (Erregt.) Ja, ja!   das ist recht!   Nun erinnere ich!   Es war einer, der Preußer hieß.   Aber geh   ich höre Schritte.   Bring' den Tee und hol mir Wasser für die Blumen! Katharina. Na, sieht Madam wohl? (Ab in die Küche.) Junge Frau. (Freudig erregt.) Und das war er ?! und ich wußte es nicht?!   Ach, das tut mir leid!   Um wie viel lieber ist er mir noch!       Ja, er war es!       oder sollt' ein anderer desselben Namens       (Preußer klopft an) Herein!   6. Auftritt. Preußer. Junge Frau. Preußer. (Im Waffenrock, ohne Pickelhaube, mit militärischem Anstand) Ihrer freundlichen Einladung Folge leistend, habe ich die Ehre, mich zu melden!   Junge Frau. Und nun mir noch willkommener, denn je,   da ich weiß     leider mußte mein Mädchen mir's erst wieder ins Gedächtnis rufen,   aber verzeihen Sie, in einer solchen Zeit, wo ein Ereignis das andere drängt.     Wie konnt' ich das auch nur vergessen! Preußer. Gnädige Frau, ich verstehe nicht! Junge Frau. Waren Sie es nicht, der im vorigen Jahre auf Fehmarn?       oder existiert ein Zweiter Ihres Namens? Preußer. So viel ich wüßte nicht!   Nun ja, ich bin so frei, es gewesen zu sein!     Aber die kleine Affäre wäre nicht der Rede wert, würde sie nicht die beabsichtigte Landung der Dänen auf der Insel in so harmloser Weise vereitelt haben. Junge Frau. In so harmloser Weise? Preußer. Es floß ja nicht einmal ein Tropfen Blutes darum!   wenigstens nicht auf unserer Seite!       7. Auftritt. Katharina. Die Vorigen. Katharina. (Aus der Küche kommend mit einem Teebrett, darauf: Teetopf, zwei Tassen, Zucker- und Rahmtopf, Teller und Kuchen) Junge Frau. Aber das Ereignis bleibt in seinen Folgen darum doch nicht minder wichtig!   (Zu Katharina.) Gib nur her, Katharina!   und vergiß mir nicht das Wasser! Katharina. Gleich Madam! (Setzt den Tee auf den Tisch, nimmt die Gießkanne. Ab nach der Küche.) Junge Frau. (Nach einem Stuhl zeigend.) Wenn ich bitten darf! Preußer. Ich danke freundlichst! (Beide setzen sich.) Junge Frau. (Einschenkend und ihm die Tasse präsentierend.) Preußer. (Die Tasse nehmend.) Danke! Junge Frau. Sie haben es heute wohl wieder recht schwer gehabt?! Preußer. Fast die Hälfte unserer Mannschaft, auch in der Südschanze, besteht ja noch aus Rekruten,   und mit Rücksicht auf die Wichtigkeit unserer Stellung darf keine Minute versäumt werden, die Leute diensttauglicher zu machen. Junge Frau. (Sich selber Tee einschenkend.) Sie betonen die Wichtigkeit Ihrer Stellung:   Gewiß mit Recht!   Ich vermute auch, daß die Dänen es versuchen werden, hier zu landen. Preußer. Ohne Zweifel, und sicherlich schon in allernächster Zeit, wegen des Vormarsches der Unsrigen. Mögen sie's versuchen! Wir sind auf alles vorbereitet! Junge Frau. (Preußer Kuchen präsentierend, dieser macht stummen Dank.) Und hoffentlich gut genug, um auch einer etwaigen, Übermacht Trotz bieten zu können,   Preußer. Auch wenn dieses nicht wäre,   wir wagen's getrost!   Sobald das erste Segel der feindlichen Flotte vor unserer Bucht sichtbar wird, fällt der Alarmschuß!   Da ist jeder auf seinem Posten!   Und unsere Leute beseelt ein Mut, eine Lust,   daß wir das Beste hoffen dürfen!   8. Auftritt. Katharina. Die Vorigen. (Aus der Küche kommend, mit der Gießkanne bei der Tür stehend.) Als sähe ich den seligen jungen Herrn! Junge Frau. (Zu Preußer.) Aber bitte, bedienen Sie sich doch! (Präsentiert ihm die Kuchen.) Preußer. (Nimmt den Teller und setzt ihn nieder.) Danke! Katharina. So saß er auch das letzte Mal bei ihr am Tisch!   Junge Frau. Es scheint Ihnen nicht zu munden! Preußer. Doch, gnädige Frau!   sehen Sie?   (Nimmt sich ein Stück Kuchen.) Katharina. O, diese Politik!   sie war sein Tod! Junge Frau. (Ihm einschenkend.) Noch eine Tasse? Preußer. Danke sehr! Katharina. (Noch bei der Tür stehend.) Wäre er nur nicht mitgegangen! Junge Frau. (Katharina gewahrend.) Setz' nur hin, Katharina! ich danke! Katharina. (Die Gießkanne bei den Blumen niedersetzend, im Abgehen.) Nun traf die Kugel ihn,   er kommt nicht wieder!   (Ab nach der Küche.) Junge Frau. (Zu Preußer) Sie brachte mir Erfrischung für die Blumen! Preußer. Was spendet Schöneres auch die Natur?!   Sie lieben wohl die Blumen sehr?   es würde Hier sonst so hold nicht blühn!     Junge Frau. Ob ich sie liebe!   Und diese um so mehr, als ein Vermächtnis Von einem, der mir ja so nahe stand Und meinem Herzen teurer war als alles! Preußer. Verzeihung, gnäd'ge Frau, da unbewußt So schmerzliche Erinnerung ich weckte Mit meiner Frage!   O, das tut mir leid! Junge Frau. Mein Mann hat sie gezogen und gepflegt,   (In Gedanken seufzend) Er ist nicht mehr!       Preußer. Ich sah Sie nur in Schwarz, Seit mir die Ehre ward, Ihr Gast zu sein, Doch wußt ich nicht den Grund.     Junge Frau. (In Gedanken seufzend) Er fiel bei Bau! Preußer. (Sehr interessiert und laut.) Bei Bau?!   Bei Bau?!   Ihr Mann?! Junge Frau. Der Ersten einer in der kleinen Schar, Die Michelsen geführt.       Preußer. O, welch ein Schicksal! So jung, und dieses Leid!   und welch ein Opfer! Für Sie und ihn! Junge Frau. Wir brachten es dem Liebsten, Dem Vaterlande!     Ja Sie haben recht! Welch Opfer für den Edlen!   denn es hat Nicht größre Liebe einer für die Seinen, Als daß er gibt sein Leben für sie hin, Und freudig hat er das getan!     Preußer. Und Sie, Sie haben ihn gelassen, als er fragte? Und ihm gewährt die Bitte um das Liebste, Was je Ihr Herz besaß?     Junge Frau. Ich hab's getan! Zur Liebe ihm und uns'rer heil'gen Sache! Freiwillig hab' ich's, gleich wie der Entschluß Freiwillig war in ihm gereift, von mir So Schweres zu verlangen,   Ach zumal Es ja das Einz'ge, Liebste. Beste war Was mir ein hartes Schicksal übrig ließ! Preußer. So hätten Sie noch mehr als dies getan? Und hätte Ihnen feindlich das Geschick Noch andern Kummer auferlegt zu tragen? Junge Frau. Noch andern ja!   Preußer. Zwar ziemt es nicht zu fragen, Wo keine Antwort ohne neuen Schmerz! Doch könnt ein Mitleid mildern, was Sie traf, Ich würde Sie um nähere Auskunft bitten, Sie dürften der Erleicht'rung sicher sein! Junge Frau. Daß Sie es nicht schon wissen, was doch kein Geheimnis war, seit ich hier heimisch bin, Mich würd es wundern, wär's zu and'rer Zeit. Nun aber lebt man nur der Gegenwart, Vergangenes vergessend.   Und Ihr Dienst Hält fern Sie dem Verkehr mit anderen In unsrer Stadt.   Wer sollt' es Ihnen sagen, Wenn nicht ich selbst, Kath'rina nicht, die alles Mit uns erlebt und Freud und Leid geteilt Und gern erzählt? Preußer. Sie hat mir nichts gesagt,   Es bot sich die Gelegenheit ihr auch Wohl kaum dazu.         Junge Frau. So hören Sie es kurz: Mein Vater war Pastor in Angeln, eh Der Krieg begann,     die gute Mutter nahm Uns Gott zwei Jahre früher, ach sie war So herzenslieb!     nur gut, daß er sie nahm Und ihr den Kummer vorenthielt!     Ich war Der teuren Eltern einzig Kind,   und kaum Dem Gatten angetraut,   da griff der Krieg Mit rauher Hand in unser Glück,   er nahm Uns alles!                 In der Schlacht bei Bau zuerst Mir den geliebten Mann,     wie zitterte Mein Herz, als fernher donnernd durch die Luft Erdröhnte Schlag auf Schlag!     Dann ward es still, Dann kam der Abend,   ach, und dann die Nacht   Für ihn und uns!         Preußer. (Sehr erregt.) Er starb den Heldentod Im Feld der Ehre!   Arme Frau, und dann? Junge Frau. Dann kam der Feind in unser friedlich Dorf Und herzlos riß er aus der Tochter Armen Den alten Mann und schleppt' ihn mit sich fort, Dem rohen Volk ein Spott,   nach Kopenhagen Und warf ihn ins Gefängnis.       Preußer. (Sehr erregt.) Schändlich! Schändlich! Junge Frau. Sein Alter war dem Schicksal nicht gewachsen, Dort starb er,   man versagte mir die Gunst, An seinem Krankenbette ihn zu pflegen,   Verlassen und allein.   Preußer. (Sehr erregt.) O, schändlich! schändlich! Wie können Menschen nur so grausam sein?! Sie arme Frau!   O, wär es mir vergönnt, An diesen Schergen all Ihr Leid zu rächen, Wie freudig gäbe ich das Leben hin! Junge Frau. (Schnell erregt.) Für mich?! für mich?!   Preußer. (Erregt.) Für Sie! Junge Frau. Auch andre haben Ähnliches erduldet   Wir alle sind ja nur ein Teil vom Ganzen, Das Ganze aber ist das Vaterland! Preußer. (Erregt.) Und Weh dem Feinde, der ihm das getan An einem seiner Kinder!   o, er tat's Ihm selber doch!   Mit gleicher Liebe hält Es all' umfangen!     Gleiche Liebe ist Ihm jeder schuldig!   Ach, wie haben Sie Ihm diese schon erwiesen, teure Frau, In kindlicher Ergebung!     Wann wird mir Das Glück zu teil, als Würdiger vor Ihnen Mein Opfer ihm zu bringen?     Junge Frau. Tun Sie's nicht Im schweren Dienst'?   Und taten Sie's nicht schon, So nah dem Ziel, nach welchem all Ihr Sinn Und Streben sich gerichtet?     Preußer. Wie, Sie wüßten? Junge Frau. Nicht mehr als andre, und was alle wissen. Preußer. (Erregt.) Ja, ihm zur Liebe!   zehnfach ihm, nun Sie In Ihrer Größe mir ein leuchtend Vorbild! O, könnt' ich für Sie sterben!   Junge Frau. (Erregt.) Niemals! Niemals! Ich schätze Sie zu hoch,   es nähm' Ihr Tod Mir gar zu viel;   nun ich den Herzschlag fühle In Ihrer Brust für unser heilig Recht! (Man hört fernes Glockenläuten.) Preußer. (Den Kopf stützend, gedankenvoll, mit Todesahnung.) Die Glocken läuten,   seltsam, da vom Tod Wir eben sprachen.     Junge Frau. Doch kein Grabgeläute! Nein, frohe Botschaft!   Ist nicht Ostern nah? Der Auferstehung Fest?         Preußer. (Ebenso.) Der Auferstehung!       Junge Frau. Gründonnerstag ist morgen und sie läuten, Den ersten Festtag ein!       Preußer. (Ebenso.) Gründonnerstag!   9. Auftritt. Katharina. Die Vorigen. Katharina. (Aus der Küche kommend.) Da steht die Kanne noch!   (Zur jungen Frau.) Ich wollte nur fragen Madam, ob ich sie wieder füllen soll für Ihre Blumen. Junge Frau. Ah, die lieben Blumen! Sie harr'n der Pflege noch,   ich hätt' sie fast Vergessen!   Geh nur!   wenn die Kanne leer, Werd ich dich rufen! (Geht zu den Blumen.) Katharina. Vergessen ihre Blumen?   Das ist seltsam! Zum erstenmal in all der Zeit!     (Ab nach der Küche.) Junge Frau. (Die Gießkanne nehmend.) Fast ist's, als ob sie zürnten,   meine Nelke, Die gestern erst ihr glühend Aug' erschloß, Läßt schon das Köpfchen hängen,   sonderbar, Nun komm' und trink' Erfrischung! (Begießt sie.) Preußer. (Aufstehend, sich ihr nähernd.) Welche Pracht, In feuerroter Glut!   und welch ein Duft! Sie war von jeher meine Lieblingsblume!   Junge Frau. (Interessiert.) Und meine auch!   fast liebe ich sie mehr Als aller Blumen Königin, die Rose! Preußer. (Interessiert.) Ich auch!   ich auch!   O, schenken Sie sie mir! Ich bitt' darum!     Ich will wie einen Orden Aus Ihrer Hand sie tragen auf der Brust, Der teurer mir als alles!       Junge Frau. (Mit sichtlicher Erregung, zögernd ihm sie gebend,) Nun, da ist sie! Geh' hin, mein Kind, und blühe deinem Herrn! Preußer. (Küßt die Nelke, und steckt sie an die Brust.) O, tausend Dank!   sie leuchte mir als Stern, Bis ihr der Tod das stumme Aug' gebrochen! Junge Frau. (Zum Lorbeerbaum gehend.) Mein Lorbeer läßt sogar die Blätter hangen. Preußer. Um seiner Herrin willen!   aus Verlangen Nach kühlem Trunk' aus Ihrer Hand!     Junge Frau. (Begießt ihn. Es erdröhnt ein Kanonenschuß . Sie schreit leise auf. Ihr entfällt die Kanne.) Preußer. (Sehr erregt.) Was war das?!   Nun wird's was geben! (Er stürzt fort in sein Zimmer.)   10. Auftritt. Katharina. Junge Frau. Preußer. Katharina. (Aus der Küche kommend.) Ach Gott Madam!   Hat Madam gehört?   es wurde Alarm geschossen!   Junge Frau. (Sehr erregt.) Alarm! Alarm!   Sie geben das Signal! Des Feindes Flotte nähert sich der Stadt! Er stürzte fort!   Wie schwach sind doch wir Weiber Mir fiel vor Schreck die Kanne aus der Hand!   Und du, wie bang!   Es war doch nur der eine, Und haben wir doch beide schon einmal Sie dutzendweis' gehört!         Katharina. Ja, das ist wahr! So nahe aber nie!     Ach, wie ich zitt're! Junge Frau. Gib her die Kanne! (Katharina gibt ihr die Kanne. Die junge Frau nähert sich dem Lorbeerbaum, um ihn zu begießen.) (Preußer tritt, mit Tornister, Pickelhaube und Seitengewehr angetan aus seiner Stube herein.) Würde Ernst daraus. (Dem Baum Wasser gebend.) So grün', mein Lorbeer, für die Stirn des Helden! Preußer. Und wenn wir siegen, wird auch mir ein Kranz Aus Ihrer Hand?   O, süßen Glückes Traum! (Durch die Mitte fortstürzend,) Junge Frau (ihm nachrufend.) Ein Kranz?!   Dann bleibt kein grünes Blatt am Baum' (Sehr erregt.) Er stürzte fort, wie wird mir denn, Daß ich mich selbst nicht wieder kenn'?! Mein Sinn so wirr,   mein Herz so schwer! Mir ist, als käm' er nimmermehr! (Sie kniet nieder) Ach, alles wollt' ich geben, Ließ Gott ihn nur am Leben! (Wie sinnverwirrt und in Verzweiflung.) Alles?!       Alles?       Meine Blumen?     Mein Lorbeer!       Mein   mein Mann       (Sie schlägt zu Boden) Herr Gott im Himmel,   vergib mir die Sünde. (Der Vorhang fällt.) Zweiter Akt. (Dasselbe Zimmer, wie im ersten Akt. Man hört in der Ferne Kanonendonner)   1. Auftritt. Junge Frau. (Sie steht am geöffneten, ersten Fenster, abwechselnd hinausschauend.) Wie eine weiße Taube kam die Stille Des Friedens nach dem Donner der Geschütze! Ach, allzukurz nur für die armen Menschen, Die hier sich mordend gegenüberstehn, War ihre Zeit!     Von heute morgen früh Bis Mittag, welche Stunden banger Angst Und zwischen Furcht und Hoffnung!     Und als da Mit einem Mal' hinschwebte durch die Flut Die kleine weiße Flagge auf dem Boot', Vom Feind entsandt, um Waffenruhe bittend, O, Welch ein Augenblick!     Nur allzurasch Floh'n die Minuten, die ihm folgten und Zu Stunden wurden!     Ach, und nun auch diese Vorüber wieder!   und der heiße Kampf Aufs neu entbrannt!     Und wütender denn je Die Furien der Schlacht, zu grausem Tod' Hinmähend junge Menschenleben!         Halt'!   Was bebst du denn so bang, mein armes Herz, Und zitterst in der Not?   ertapp' ich dich, Wo du nicht weilen darfst, wie müd' du bist, Und süß die Rast,     in dieser Stunde nicht, Wo's um das Höchste geht?               Und ringt auch er Nicht mit darum?   Auch er, dem fröhlich du Gelobt des Sieges grünen Kranz?!     O, all' Ihr guten Götter, schützt und schirmt ihn mir! Und steht ihm bei,     abwehrend, was mich senkte In Nacht und Grauen,       wenn       Hinweg! Hinweg Du finsterer Gedanke! Und du     auch du,     noch finsterer,   der wieder, Wie oben, da ich knieend im Gebet Zum Himmel flehte,     mir den Sinn verwirrt!     (Katharina tritt ein durch die Mitte, unbemerkt von der jungen Frau) Mir ist, als säh ich     einen Sterbenden, Die Hand gepreßt auf seine blut'ge Wunde,     Das treue Auge brechend,     während noch Die bleichen Lippen meinen Namen hauchen!       Und ihm   ihm   tat ich das?!   ich das?   O, Gott, Wie prüfst du mich so schwer!     wie bin ich elend!   Wie krallt verdoppelt sich der wilde Schmerz Um meine arme Seele!     (Sie wird Katharina gewahr) A, Katharina! Gut, daß du kommst!     Ich fühlt' mich so allein, Fast übermannt von namenloser Qual,     Du scheuchst sie wieder fort!     Wie ging es dir? Katharina. Gut, Madam!   Aber hab' Madam nur keine Angst! Ach Gott, das tut mir leid um Madam!     Aber nun soll Madam auch mal hören!   Ich habe alles besorgt! Junge Frau. So hast du Glück gehabt?!     Du fandest einen, der sich bereit erklärte, es hinzubringen? Katharina. Zehn für einen! (Stärkeres Schießen) Hu! wie sie wieder schießen!   Ganze Körbe voll Butterbrot und Wein wurden hinausgefahren!   Und mehr als einmal rief man mir zu: »Gib nur her!   wir nehmen's mit!«       Aber ich wollte ja noch mehr!   Junge Frau. Und dir glückte auch dieses? O, sprich! sprich! Katharina. Es lief mir einer in den Weg, als ob der Himmel ihn mir schickte,   und er ist treu wie Gold! Junge Frau. Wer? wer?       Katharina. Der alte Anton vom Christians-Pflegehause!   Er war den ganzen Tag schon mit dabei gewesen, zuerst bei der Nordschanze   und nun hier!   Junge Frau. Ja, der ist zuverlässig! Und er versprach dir alles? Katharina. Alles! Und Madam hatte mir ja auch noch vier Taler mitgegeben! (Stärkeres Schießen.) Hu, wie sie schießen! Junge Frau. Und du gabst sie ihm doch alle?   desto mehr wird er sich beeilen! Katharina. Das dachte ich auch!   Aber der machte ein Gesicht!   Hier ist das Geld, Madam! (Sie legt das Geld auf den Tisch.) »Vier Taler?   Wirf's nur in den Armenblock!   Für deine Madam tu' ich's mehr als gern!«     Er wird es längst besorgt haben! Junge Frau. Der gute alte Anton!   Hoffentlich!   Jetzt wäre es zu spät!   Während der Waffenruhe war es ja überhaupt nur möglich, die Schanze zu erreichen! Katharina. Er hat es früh genug bekommen; Madam kann sich darauf verlassen! Junge Frau. Aber dann müßte er doch schon hier sein! Katharina. Weiß Madam, was ich glaube?   (Stärkeres Schießen.) Hu wie sie schießen.   Es ist ihm wie mir ergangen.   Ich kam ja auch erst, als die Waffenruhe aus war.   Und das hätte Madam mal sehen sollen!   Vor dem Rathause standen Tausende von Menschen. Sie waren alle in die Stadt geströmt. Junge Frau. Ich sah es nur aus dem Fenster! Katharina. Und in aller Eile mußten der Bürgermeister und die Senatoren aufs Rathaus.   Die Dänen verlangten freien Abzug und drohten die Stadt in Brand zu schießen, wenn man ihn verweigerte. Junge Frau. Eine offene Stadt?! Das wäre gegen alles Völkerrecht!   Katharina. Ja, wär' es nicht?!   Aber die Herren da oben dachten anders.   Und als da der Bürgermeister ans Fenster trat und mit lauter Stimme herunterrief: »Die Bedingungen sind abgelehnt!   Der Waffenstillstand geht zu Ende!«   da hätte Madam mal hören sollen, was fürn Jubel!   Und im Nu jagten auch schon zwei Reiter nach den Schanzen!   Junge Frau. Und das kleine Boot mit der weißen Flagge ruderte wieder zurück. Katharina. Und dann fiel der erste Schuß!   Junge Frau. Und der Kampf begann von neuem. Katharina. Und alle wieder hinaus!   Die Stadt wie ausgestorben! Junge Frau. Da müßte er doch schon kommen! (Anton tritt ein durch die Mitte. Mit einem dicken Handstock und einem großen, leeren Korb über dem Arm.) Katharina. Da kommt er schon!     2. Auftritt. Anton. Die Vorigen. (Alle drei während des ganzen Auftritts sehr erregt.) Anton. (Den Korb niedersetzend.) Donnerwetter!   Das nenn' ich gelaufen!   Bitte um Pardon! War auch mit vor dem Rathause!   Hab mich verspätet,   aber alles hübsch bestellt und besorgt! Junge Frau. Ihr habt ihn gesehen?   er lebt? er ist munter? Anton. Wie der Fisch im Wasser! Junge Frau. Gott sei tausendmal gedankt! Anton. Hab es ihm selber übergeben,   und es war ordentlich, als hätt' er 'n elektrischen Schlag davon gekriegt! Junge Frau. Freute es ihn?! Anton. Ob es ihn freute!   Und tausendmal soll ich danken und grüßen! Junge Frau. (Froh.) Tausendmal! (Stärkeres Schießen.) Anton. Donnerwetter! Geh'n die aber schon wieder aufeinander los! Katharina. Hu! Es ist ordentlich graulich anzuhören! Anton. Na, für Sie und Madam!   Unsereiner kennt das! War auch Soldat,   bei der Artillerie!   Aber so was ist mir noch nicht vorgekommen! Junge Frau. Die armen Menschen! Anton. Ja, das ist wahr!   Es konnte einen dauern!   Der kleine Haufen gegen so viele!   Aber gefochten haben sie, wie die Löwen, Madam!   Und das hätte Madam man mal sehen sollen, da in der Nordschanze mit dem Hauptmann, dem   dem   dem       Junge Frau, Katharina (zugleich.) Jungmann! Anton. Richtig! Jungmann!   als die Schiffe herankamen!   Mitten auf der Brustwehr stand der Kerl und schwang seinen Säbel! Und bums!   da flogen ihm die Grassoden nur so um die Ohren!   Aber er schwang noch immer seinen Säbel!   Das war der erste!   und nun ging's los!   bumm! bumm!     bumm! bumm! bumm!     So die vier volle Stunden hindurch!   Über hundert Kanonen gegen vier! als wenn der Teufel Erbsen säte! Junge Frau. Entsetzlich! Katharina. (zugleich.) Schrecklich. Anton. Das heißt: für Sie!   Aber unsereiner kennt das!     Hielten da die Racker uns immer nur so auf die Pulverkammer!   und perdauz!   kam denn auch richtig eine Granate und riß den Türpfosten mit weg!   aber da hätte Madam mal sehen sollen! den Jungmann!   und den,   den   den Clairmont!   und alle, welche halfen!     Mitten im Kugelregen!   und gehämmert, gezimmert, gegraben, bis alles wieder flott!     Und dabei immer den beiden Dänen nur so lustig auf den Pelz gebrannt!   Zuletzt nur noch mit einer Kanone!   Junge Frau. Die Braven! Katharina. Aber sie hatten ja doch vier! Anton. Drei schon übern Haufen geschossen!       Das dumme Dänenvolk!   Dachten wohl: die haben genug!     Und nun ging es weiter gegen die andern! und wir alle mit herum nach der andern Seite! Junge Frau. Gegen die Südschanze?! Katharina. Wo unser Unteroffizier kommandiert?! Anton. Justement!   gegen ihn!     Aber da kamen sie gerade recht!     Hast du mich gesehn!     Nun ging es hier los!   noch toller als drüben!   Und zuletzt nur so immer wieder mit den vollen Breitseiten!   Aber sie standen wie die Bäume!   und er immer, wo's am schlimmsten war! Junge Frau. Er, wo's am schlimmsten war?! Katharina. Das hätt' er doch nicht tun sollen! Anton. Ha, der ist kugelfest!   sonst wär' er längst nicht mehr!   Trafen sie da die Flaggenstange,   knacks! lag die Bescherung unten!   Und das Hurra auf den Schiffen!   Wie die Hähne krähten sie!   Aber was tat er?!   Wie der Blitz hinunter von der Brustwehr!   Mitten durch die Kugeln! Mit der Flagge wieder hinauf!   Eine Latte!   Hammer!   Nägel!   Und die Dänen auf ihn mit Kartätschen und Granaten!   Aber er war kugelfest!     und eins, zwei, drei flatterte die schwarz-rot-goldene Fahne schon lustig wieder oben! Junge Frau. O, der Edle!   Gott schütze ihn! Katharina. Ja, Madam! Anton. Hat keine Not, ist kugelfest!   Aber da schrieen wir Hurra, all die Tausende so rund herum, daß schier die Luft davon erdröhnte! Junge Frau. Wir hörten es! Katharina. Ja, Madam! Anton. Und dieses Schießen!     Heißa! nur immer so den einen nach dem andern, mitten durch die Gefion hindurch! Katharina. Hu! Anton. Wir kennen das!   War auch Soldat!   Hinten hinein und da vorne wieder raus!   Und dann nachher mit den glühenden Kugeln     nur immer so das höllische Feuer dem großen Christian in seinen dicken Bauch!   Das half!   da wurden sie mürbe und hißten die weiße Flagge!   Ward es da aber wieder ein Hurra von allen Seiten! Junge Frau. Auch das hörten wir! Katharina. Ja, Madam! Anton. Und da der Waffenstillstand! Die Füchse!   Saure Trauben! Wollten sich aus dem Staube machen!   Junge Frau. Was sagt ihr?   Sie waren überwunden?! Katharina. Hatten wir gesiegt?! Anton. Die Gefion matt!   und der große Christian auf dem Strand!   Aber auch die kleine Schanze wie ein Schutthaufen! Junge Frau. Gott im Himmel!   und noch kein Ende! Anton. Wollten uns ja die Stadt in Brand schießen!     Müssen's noch dicker haben!     Und in der kleinen Schanze?!     Wie die Teufel sah'n sie aus!   schwarz von Rauch und Pulver!   Und wie die Pferde gingen sie ins Geschirr!   er immer voran, sich auf den letzten Angriff wieder zu rüsten!   War ja drinnen,   brachte ihnen den Korb!   Hauten sie da aber darein!   Rupps! war er leer!       Und dann riß der Strom mich mit hinein!   Mußte doch hören, wie es ablief mit diesem Waffenstillstand!     Blieb 'n bißchen lange!   Pardon, Madam!       Junge Frau. Schon gut!   schon gut!   (Das Geld vom Tisch nehmend.) Da!   nehmt dies!   Und Dank sollt ihr haben! Tausend Dank! Anton. (Ablehnend.) Von euch?   Nimmermehr!   Was täte ich nicht für euch, Madam?!       (Stärkeres Schießen.) Aber nun muß ich wieder hin!   Es geht Matthäi am letzten! Katharina. Hu! wie sie wieder schießen! Anton. (Während die junge Frau das Geld wieder auf den Tisch legt.) Tut nichts!   Das kennen wir!   Aber's Ende muß ich sehen!   Und dann komm ich wieder und rufe: Sieg! Sieg! (Ab durch die Mitte.) Junge Frau. Das walte der Allmächtige!   Gott, welch ein Kampf! Katharina. Ja, das ist wahr, Madam! Als sollte die Welt vergeh'n! Da war es bei Bau doch nur halb so schlimm!     Aber auch an das Schlimme gewöhnt man sich! Junge Frau. Mich schreckt der Donner der Geschütze nicht! Nur für sein Leben zittert meine Seele! Katharina. Noch vor kurzem war es mir jedesmal, als ob ich getroffen wäre, wenn es so durch die Luft krachte;   aber jetzt fürcht ich mich schon auch nicht mehr!   Der alte Anton hat mich mutig gemacht! Junge Frau. Für was? wozu auch Furcht?   Es werden sich Die Dänen hüten, auf die Stadt zu schießen! Zumal, wenn sich die Sache so verhält, Wie Anton uns erzählt!   Doch für die Braven, Die so viel Mut bewiesen, bangt mein Herz Und hört nicht auf zu bangen, bis die Schlacht Ein Ende hat und frohe Botschaft kommt, Daß keinen jäh der Tod hinweggerissen! (Es wird dunkler auf der Bühne.) Katharina. Es fängt schon an zu dämmern,   soll ich nicht das Abendbrot bereiten? Junge Frau. Du könntest essen?! Katharina. Ach nein, Madam,   ich nicht,   und Madam gewiß auch nicht!   Aber es könnte ja doch sein,     wenn es nun bald zu Ende wäre,     und er käme zurück.       Junge Frau. (Erregt.) Käme zurück!   Er! Er!   Katharina. Ja, und das wird er!     Posten braucht er ja nicht zu stehen,     und in der Schanze könnt' er doch nicht übernachten!   Er hat auch hier seine schöne Stube!     Junge Frau. (Erregt.) Du hast recht, Katharina!   Ja! geh'! geh'!   und sorge für alles!   Es könnte sein!     Ach, wär' es schon! Katharina. Dann will ich mich beeilen! (Ab in die Küche, den Korb mitnehmend.) Katharina. (Das erste Fenster öffnend. Am Fenster.) Noch tobt der Kampf und grimmiger denn je!   Wo bald der Wald in grünen Knospen sprießt Und laut die Drossel schlägt   und bunt von Blumen Das Ufer steht,   und aus dem blauen Spiegel Der Himmel lugt,       o, welch ein traurig Bild!!     So weit das Auge sieht, nur Rauch und Qualm! Dazwischen Blitz auf Blitz,   wie Schuß um Schuß Dann hier, dann dort erdröhnt mit mächt'gem Krach, Daß Erd' und Himmel zittern!         Ach so morden Die Menschen sich!   und heilig nicht einmal Ist ihnen der Versöhnung hohes Fest, Das heut beginnt, wo ausgetrunken Er Den Kelch für uns   und das Gedächtnismahl Gestiftet, eh' er hinging in den Tod!     Hinging in den Tod!           Ha, wieder packt Die Angst mein armes Herz und hält es fest Mit ihren Krallen!   Hilfe!   Wo ist Hilfe! Wenn alles dunkel, und das Einz'ge, was Noch trösten könnte, auch die Hoffnung uns Den Dienst versagt, o Hilfe! wo ist Hilfe?! (Sie kniet, die Hände zum Gebet faltend, im Vordergrund nieder und spricht die nun folgenden Strophen in größter Erregung, stoßweise und sehr schnell. Der Kanonendonner wird allmählich weniger. Am Ende der dritten Strophe hört er ganz auf und es beginnt, Mitte der vierten Strophe ein fernes Glockengeläute.) Du bist mein Hirt Und weidest mich Auf grünen Auen! Kann, was da wird, Mein Auge auch nicht schauen, Ich rufe dich! Und ob ich hier Im finstern Tal Auch sollte wandern, Du bist bei mir!   O, sei auch bei den andern! Und ihm zumal! Und ihm zumal Laß deine Hand Den Tisch bereiten, Der Feinde Zahl Zum Trotz!   O, hilf ihm streiten Fürs Vaterland! (Es wird nicht mehr geschossen.) Du bist mein Stab! Mein Trost im Leid! O, schirm sein Leben! (Es beginnt fernes Glockengeläute.) Ich laß nicht ab, Du wollest denn mir geben Barmherzigkeit!     (Freudig, während sie aufsteht.) Ha!   hör ich nicht die Glocken?   Ja, sie sind's! Als brächten sie des Friedens süßen Gruß! Der grüne Donnerstag will scheiden gehn,   Dem stillen Freitag gilt ihr friedlich Läuten! Fast ist's, als käm er schon!   so still ist alles! Mit einem Mal ringsum!           Katharina (Aus der Küche kommend.) Madam! Madam!   Ja, ich täusche mich nicht!   Hat Madam es noch nicht bemerkt?     Sie schießen nicht mehr!     Junge Frau. Sie schießen nicht mehr!     Ha, was sagst du?!   Ja, ja!   Nun merk' ich's auch!     Katharina, komm!   (Sie zieht sie mit nach dem Fenster.) Sieh, vielleicht vom Fenster aus,       Es wird schon dunkel fern!     Doch Rauch und Qualm ist das nicht mehr!       Katharina. (Mit ihr durchs Fenster sehend.) Nein, sicher nicht!   Das ist der Abend! Junge Frau. Sieh nur!   Sieh!   Katharina. Auch schon die Sterne! Junge Frau. Nein! siehst du nicht das Schiff?! da! da! Katharina. Nun seh' ich's auch! Junge Frau. Ich kann die Masten deutlich sehn! Katharina. Ich auch, Madam!   Ich auch! Junge Frau. Und oben auf dem höchsten, siehst du nicht?   Nur fest den Blick darauf!       Katharina. Wie etwas weißes! (Ein Soldat tritt durch die Mitte ein und bleibt im Hintergrunde stehen.) Junge Frau. Es ist die weiße Flagge! Katharina. Wo sonst die rote war! Junge Frau. O, Katharina! (Den Soldaten gewahr werdend.) Was ist das?   3. Auftritt. Soldat. Die Vorigen. Soldat. (Militärisch vortretend, einen Brief hinhaltend.) Unteroffizier Preußer schickt mich her! Junge Frau. (Sehr erregt, den Brief nehmend.) Von ihm!   Von ihm!   Er lebt!   O, Gott sei Dank! Viel herzlichen! Viel innigen! Viel tausendmal!       (Zu Katharina.) Er lebt Katharina! (Öffnet zitternd den Brief. Soldat militärisch ab.) Katharina. Na, sagt' ich's nicht?! Junge Frau. (Freudig erregt lesend.) »Großer Sieg!   Die Schiffe unser!   Alles gefangen!   Die rote Nelke schützte mich!   bald komm' ich und hole mir den Kranz!   Viktoria!« Viktoria!   so stimmen jubelnd wir In seinen Ruf mit ein!   Den frischen Kranz Dem Sieger windend!   Schnell, Kath'rina, schnell! Bevor er kommt muß der (nach dem Lorbeerbaum zeigend) entblättert steh'n! Katharina. Der schöne Baum, Madam?! Junge Frau. Aber wo hab' ich denn meinen Kopf?!   Die Freude!   die Freude!   Ich vergaß ja ganz,     (Sie nimmt das Geld vom Tisch, um es dem Soldaten zu geben.) Hier, Lieber!       Ah, er ist schon fort und brachte mir das Leben! (Legt das Geld wieder auf den Tisch.) Mit diesem Brief     (Den Brief küssend.) O, Welch ein Herzensglück! Kaum faß ich's noch!   Geschwind, Kath'rina, hilf Den Kranz mir winden!   Nein, zuvor die Schwelle Mit Blumen zu bestreu'n   erst wenn sein Fuß Darüber ging, sind sie mir 'mal so lieb! (Während des Sprechens jedesmal die betreffenden Blumen abpflückend und gegen die Eingangstür zur Erde werfend.) Ihr meine roten Rosen seid die ersten, Haucht sterbend ihm viel süßen Duft!   Und ihr, Lieb' blaue Augen, meine Veilchen, heißt Herzinnig ihn willkommen!   Und auch du,   Mein Heliotrop!   (Zu Katharina) Nun, Warum stehst du denn Noch zögernd da?   Komm her und hilf mir pflücken, Die Schwelle zum Empfange ihm zu schmücken! Katharina. Fast sträubt sich meine Hand!   Die schönen Blumen! Junge Frau. Was wäre noch zu schön für ihn?!   Nur zu! Katharina. Nun, wenn's Madam denn will, so nehm ich diese! (Die will eine weiße Kamelie abpflücken.) Junge Frau. Nicht die! sie ist ja weiß!   Nur rote! rote! Sieh jene da! (pflückend und hinwerfend) und die!   und die! und die!   (pflückend und hinwerfend.) Nur keine weiße!   nimm die Oleander! (Katharina pflückt sie ab und wirft sie hin.) Ich pflück' derweil noch diese ab! (Noch eine Blume abpflückend und hinwerfend.) Und nun (Zum Lorbeer gehend.) Auch du, mein Baum, sei willig unsern Händen, Daß wir den Lorbeerkranz dem Sieger spenden! Katharina. Der schöne Baum! Junge Frau. Was zauderst du?   Wir lassen ihm kein Blatt! Ich hab's gelobt!   Nur zu und pflück' mit ab, Daß mein Gelöbnis keine Lüge werde! Ich binde,   reiche du die Blätter nur, Dann wird es um so schneller gehn!   es muß Der Kranz vollendet sein, bevor er kommt! Katharina. Nun denn (pflückend) ich tu', was mir Madam befiehlt! Junge Frau. (Den Kranz windend.) Und teilst du denn mein Glück nicht um den Baum Und die paar Blumen, die es fordert?   Ach, Was könnt ich ihm nicht geben!   Aber schneller! Zu langsam fügt sich Blatt an Blatt!   Noch schneller! Brich ganze Zweige ab!             (Katharina bricht größere Zweige ab.) Der schöne Baum! Kann schönrem Lose nicht geopfert sein, Als eine Heldenstirn zu schmücken!     Sieh   So geht es besser!   Gib nur immer her! (Katharina fortwährend Zweige abbrechend und sie ihr hinreichend.) Das war ein schöner Zweig!     noch einen mehr! Und wieder einen!   und noch einen, bis Sie alle sind und keiner mehr am Baum! Katharina. (Wie vorhin.) Das währt nicht lange mehr! Junge Frau. (Windend.) Gib nur immer her! Allmählich wird es schon zum Kranze!   Sieh Wie willig Zweig an Zweig sich fügt!   Nur mehr! Noch immer mehr!       Katharina. (Wie vorhin.) Fast ist der Baum schon leer! Junge Frau. (Windend.) Da hätt ich kaum genug!   Dann nehmen wir Den kleinen noch dazu, der in der Küche Am Fenster steht!         Katharina. (Wie vorhin.) Auch den noch?   Nein, Madam, Das wär doch schade!   Dieser wächst nicht mehr,   Dann hätten wir ja keinen! Junge Frau. (Windend.) Gib nur her! Wir wollen sehn, wie weit es reicht! Katharina. (Den letzten Zweig reichend.) Da ist Der letzte Zweig!     ( Große Detonation , so stark, daß Türen und Fenster aufspringen. Katharina und die junge Frau stoßen einen Schrei aus. Erstere fällt vor Schreck zur Erde, steht aber sogleich wieder auf, und der letzteren fällt der Kranz aus den Händen.) Junge Frau. Was war das?! Katharina. Das war kein Schuß! Junge Frau. Die Erde bebte! Katharina. Die Tür sprang auf! Junge Frau. Das Fenster auch! (Sie tritt ans Fenster, Katharina mit.) Sieh da!   Es flammt und sprüht aus dickem Qualm! Katharina. Als wär's ein Feuerwerk! Junge Frau. Liegt nicht die Schanze dort? Katharina. Nein, weiter rechts! Junge Frau. O, Gott! wenn die es wäre! Katharina. Die kann's nicht sein! Junge Frau. Dann ist's das Schiff!   Wie grausig! Katharina. Von hier gesehen und wie wir heute sie beide dort liegen sahen, das Schiff und die Schanze, kann es nur das Schiff gewesen sein! Junge Frau. Dann flog es in die Luft!   Ich zittre noch vor Schreck! Katharina. Ich auch!   Aber soll ich nicht schnell mal hinausgehen und mich befragen, damit Madam sich nicht ohne Grund ängstige? Junge Frau. Ja! ja!   Tu das! und sieh' und hör' dich um! Zumal, ob auch die Schanze Not gelitten! Ich muß Gewißheit haben! Katharina. Nun sofort! (Ab durch die Mitte.) Junge Frau. O, bring mir gute Kunde!   Sagt er nicht Sie wären ihrer sieb'nunddreißig?   wäre Ein einziger dazwischen,   dem         ich schwebte In Todesangst, bevor ich wüßte, wer?!     (Sie tritt wieder ans offene Fenster.) Wie war's noch heute morgen?   richtig, so! Ich hier und dort das Schiff, und dort die Schanze!   Gott sei gedankt!   nein diese kann's nicht sein! Sie liegt zu weit nach rechts von jener Stelle, Wo wir das Feuer sprüh'n sah'n in der Luft! Wie aber, wenn es doch nicht wär und anders, Viel anders, als wir's beide uns gedacht? Denn die Entfernung täuscht,   man kann sich irren, Und in der Dunkelheit zumal!   Gott gäbe, Kath'rina hätte wahr gesagt!       (Den Kranz gewahrend.) Da liegt Ja noch mein Kranz und harret der Vollendung! Im Augenblick des Schreckens ganz vergessen! Nun muß ich doch vom andern Baume mir Das Fehlende noch nehmen,     aber schnell! Die Zeit drängt um so mehr, als das Ereignis So störend uns dazwischen kam!       Nein! nein!   Fort töricht Bangen! nicht die Schanze war's Es muß das Schiff gewesen sein, sonst hätten Wir beid' uns ja getäuscht! (Den Kranz aufnehmend.) So komm', ich eile Dich zu vollenden, eh' er selber kommt! (Ab in die Küche.)   4. Auftritt. Katharina. (Durch die Mitte.) Da bin ich schon wieder!   Wenn man Glück haben soll!     Unser Uhrmacher kam eben daher und begegnete mir auf der Straße!   Wie schade um das schöne Schiff, das schon unser war!     Nun liegt es in tausend Stücken!     Aber das andere will ich Madam doch lieber gar nicht sagen, sie würde sich doch nur darüber ängstigen!   Er hätt' es auch nicht tun sollen!     Wir haben doch schon Angst genug um ihn gehabt!   und man soll sich nicht mutwillig in Gefahr begeben!       Aber er ist viel zu ehrgeizig!     Der Uhrmacher sagte es gerade heraus: er hätte den Kommandeur nur vom Schiffe geholt aus lauter Ehrgeiz, um schließlich auch noch einen Admiral gefangen zu nehmen.     Und dann ist er wieder hinübergefahren   und nochmal wieder   und noch einmal,   um all die Gefangenen zu holen und die armen Blessierten!   Ach Gott!   hätt' er sie doch nur alle mit ans Land gebracht!     Der Uhrmacher meinte, er habe auch das nur aus Ehrgeiz getan!   Denn die Leute hätten ihn gewarnt, und er habe doch gewußt, daß das Schiff brannte!   Aus Ehrgeiz?       So was tut man doch nicht aus Ehrgeiz!   Das ist ja Menschenliebe!     Aber mehr hab' ich nicht erfahren!   Unser Uhrmacher war schon weggegangen, als sie noch immer so mit ganzen Böten voll vom Schiffe herüber gekommen,     und gerade als er eben übern Markt ging, ist das Schiff in die Luft geflogen!   Das schöne Schiff!   Ich will nur hoffen, daß keine mehr darauf gewesen!   5. Auftritt. Junge Frau. Die Vorige. Junge Frau. (Aus der Küche kommend mit dem fertigen Kranz.) Nun, Katharina? Katharina. Es war das Schiff, Madam! Junge Frau. Und die Schanze?!   Die Schanze?! Katharina. Die war ja weit davon! Junge Frau. Gott Lob und Dank! (Den Kranz zeigend.) Sieh, Katharina,   ich bin auch fleißig gewesen! Katharina. Ein hübscher Kranz! Junge Frau. Es fehlt nur noch eins daran,   ein schönes Band! ich habe keins! Katharina. Madam hat ja an ihrem weißen Kleide noch die Atlasschleife           Junge Frau. (Schnell.) Um Gottes willen! Ein weißes Band an einem Lorbeerkranz' Das wäre ja ein Totenkranz!       Katharina. Dann wüßt ich nicht       Junge Frau. Und doch, mir fällt was ein! Ein glücklicher Gedanke!   Ja, das geht! Ich nehm' das blaue Band, das ich als Schärpe Trug, da ich mich verlobte,   drinnen liegt Es wohl verwahrt im Schrank,   o komm' geschwind Und hilf es mir als Schleife dran zu fügen, Dann wäre alles zum Empfang bereit,   Und blau ist eine schöne Farbe!   Komm! (Beide ab, in Preußers Stube.)   6. Auftritt. Anton. Vier Soldaten. (Die Soldaten tragen eine mit Grün geschmückte Bahre, auf welcher die Leiche Preußers liegt, ganz verdeckt von schwarz-rot-goldenen und blau-weiß-roten Fahnen, so daß nichts von derselben zu sehen ist. Auf den Fahnen Preußers Seitengewehr und Pickelhaube.) Anton. (Im Hereintreten zu den Nachfolgenden.) Nur hier herein!   Aber sachte! sachte!   Und stoßt mir nirgends an!   (Sich links von der Tür stellend.) Hier ist's! Ich weiß es ganz genau! Erster Soldat. Wir wissen's nicht! (Die Soldaten setzen die Bahre nieder und stellen sich rechts von derselben.) Anton. In diesem Hause lag er im Quartier! Zweiter Soldat. Der Leutnant wüßt es auch noch nicht, wohin?! Anton. Wohin denn sonst?! Erster Soldat. Beim Rathaus blieb er unverseh'ns zurück! Anton. Gewiß, um dort zu fragen! Zweiter Soldat. Wir hätten warten müssen! Erster Soldat. Aber da kamt ihr gerannt und riefet: hier! Anton. Na, sollt' ich nicht?   Hier hat er ja gewohnt! Zweiter Soldat. Ihr seid doch von der Polizei? Anton. Nein, das just nicht! Erster Soldat. Wir sahn's doch an dem Rock! Zweiter Soldat. Und hielten euch für nachgeschickt! Erster Soldat. Mit weiterem Befehl! Anton. Nein, das just nicht!   Ich kam des Wegs daher Und sah euch ratlos stehn! Zweiter Soldat. Dann sind wir hier nicht recht! Anton. Das nehme ich auf mich!   Wo anders denn? Hier sind ihm ja die Blumen schon gestreut!   7. Auftritt. Junge Frau. Katharina. Die Vorigen. Junge Frau. (Aus Preußers Stube tretend, den Lorbeerkranz mit der blauen Schleife in der Rechten tragend. Katharina hinter ihr, Als jene die Bahre erblickt, ringt sie einen Augenblick mit dem Schrecken und der Bestürzung, dann schreit sie laut auf und sinkt neben der Bahre auf die Knie, während sie die Hand mit dem Kranze auf das Fahnentuch fallen und den gegen den linken Arm gepreßten Kopf mit diesem gegen die Bahre sinken läßt.) Katharina. (In mitleidsvollster Teilnahme.) Ah, Madam!   8. Auftritt. Ein Offizier. Die Vorigen. Offizier. (Hereinstürzend, in der Mitte der Tür stehen bleibend.) Um Gottes willen nicht hier! Nach der Kirche! nach der Kirche!   Es war ein Irrtum!   (Nach der jungen Frau sehend.) Ah, zu spät!   (Musik in der Ferne, ausgeführt durch ein Quartett von Streichinstrumenten, hinter der Szene: »Es ist bestimmt in Gottes Rat«.) Junge Frau. (Laut schluchzend.) Katharina. (Wie vorhin.) Ah, Madam! Offizier. Gnädige Frau! Junge Frau. (Laut schluchzend.) Katharina. (Wie vorhin.) Gott im Himmel! Offizier. Es war der Besten Bester! Junge Frau. (Laut schluchzend.) Offizier. Gab Ruhm und Ehr' ihm auch nicht mehr das Leben, Ihm gab sie doch der Tod mit voller Hand! Junge Frau. (Laut schluchzend.) Offizier. Und schönern Tod kann's auf der Welt nicht geben, Als für die Lieb' und für das Vaterland! Junge Frau. (Das Haupt etwas aufrichtend und nach oben blickend.) Als für die Lieb und für das Vaterland!     (Läßt Kopf und Arm wieder gegen die Bahre sinken.)   (Der Vorhang fällt langsam.)