Richard Voß Römisches Fieber 1. Ein Münchner Regentag Das Wetter war schauderhaft! Schnee und Regen durcheinander. Dabei scharfer Nordwind, und auf Straßen und Plätzen ein Schmutz, daß der kühne Fußwanderer Pfützen durchwaten und wahre Moräste durchschreiten mußte inmitten der lieben Hauptstadt des schönen Bayerlandes. Und zwar geschah solches nicht etwa im grauen, barbarischen Mittelalter, sondern in der aufgeklärten Zeit einer universellen Skepsis und des Glühlichts. München bei Novemberregen! In der fashionabeln Briennerstraße einige tiefgesenkte, hin und her schwankende Schirme; auf dem friedlichen Odeonsplatz kein einziger Fiaker; die ganze lange, klassische Ludwigsstraße bis hinauf zum feierlichen Siegestor kaum eine lebendige Seele. Der Regen rauschte und rauschte, der Tag wurde trüber und trüber; aus dem durchweichten Boden, aus sämtlichen kleinen und großen Wasserlachen stiegen Dünste auf; vom Himmel sanken dichter und dichter die Nebel herab, die der Wind wie Rauchwolken vor sich her trieb. Die winzigen, blauweiß angestrichenen Wagen der hauptstädtischen Pferdebahn, mit dem einen einzigen, lebensmüden Rößlein davor, glitten wie Nürnberger Riesenspielzeug durch den Dunst hin und her. Bei dem stattlichen Eckhaus, in dessen Erdgeschoß Thierry und Breuil die neuesten, allerliebsten Quincailleriekapricen Altenglands feilhält und die alte, biedere Brienner Bäckerei ihre Gäste mit gut bürgerlichem Kaffee und massiven Backwaren erquickt – an dieser bedeutsamen Stelle des großstädtischen Verkehrs ertönte von Zeit zu Zeit, das Rauschen des Regens und das Brausen des Windes durchgehend, der schrille Pfiff des bedauernswerten Rosselenkers. Er und der Kondukteur hatten ihr leuchtendes Himmelblau unter dunkeln Hüllen verborgen, als müßten sie mithelfen, das Bild eines echten deutschen Regentages grau in grau zu malen. Ein farbiger Punkt! An dem Pferdebahnwagen, der, aus der Briennerstraße kommend, soeben scharf um die Ecke bog, eine hellgrüne Scheibe. Der Wagen kam vom Bahnhof her. Er hielt. Zum Einsteigen war keine Seele da. Aber jemand stieg aus. Ein Mädchen: jung, hoch aufgeschossen, eckig, ganz und gar anmutslos. Sie steckte vom Kopf bis zu den Füßen in einem jener häßlichen, mißfarbigen Säcke, Regenmäntel genannt, darin jedes echte, weibliche Münchner Kind von Himmels wegen zur Welt kommen sollte. Die junge Dame hatte das bescheidene Gewand hoch aufgeschürzt und sich mit derben Gummischuhen ausgerüstet. So wohlverwahrt patschte sie auf nicht allzu zierlichen Füßen mutig nach dem Hofgarten und dem gegenüberliegenden Ufer zu. Während dieses Unternehmens dachte sie: ›Eigentlich ist es eine wahre Schande, so trocken und faul mit der Tram gefahren zu sein! Was mir wohl schlechtes Wetter tut? Wäre ich zu Fuß gegangen, so hätte ich jetzt zehn Pfennig mehr in der Tasche. Sogar fünfzehn! Denn der Kondukteur mußte bei dem Schandwetter doch seine kleine Extrafreude haben. Zur Strafe für solche Verschwendung werden Prinzessin Prisca die Gnade haben, sich während dieser ganzen Woche, in der es natürlich Tag für Tag regnen wird, auf höchsteignen Füßen von Schwabing nach München und von München nach Schwabing zu bewegen. Ihrer Hoheit gestrenge Hofdame, das majestätische Glöcklein, wird zwar ob solchen etikettewidrigen Benehmens in ein indigniertes Bimmeln verfallen und sogleich von gemeinbürgerlich nassen Füßen, von der niederträchtigen Influenza, von Tod und Begräbnis läuten, aber‹ – und sie lachte laut auf – ›ich und krank sein, ich sterben, ich begraben werden!‹ Ihr Lachen tönte so kräftig und sonnenwarm, daß der Regen eigentlich hätte aufhören und der Himmel blau werden müssen. Sie stand jetzt drüben, verhältnismäßig im Trockenen, und hob den Kopf mit einem gewissen trotzigen Ruck, als wollte sie dem mit Erkältung und Influenza drohenden Himmel so recht offen ihr lustiges Gesicht zeigen, dem kein Regenwetter etwas anhaben konnte. Das war nun gerade kein schönes, nicht einmal ein hübsches Gesicht. Solche Gesichter liefen zu Dutzenden in der Welt herum, und diese kehrte sich nicht daran. Wie viel weniger Zeit dazu hätte der so stark in Anspruch genommene Himmel gehabt! Es war nämlich ein Gesicht, dem es selten geschehen mochte, daß irgendein recht harmloser junger Mensch – etwa ein solider Student der Philologie, der glücklich am Ende seines letzten Semesters stand, flüchtig hineinspähte, wenn er ihm auf der Straße etwa begegnete. Aber an einem sehr schönen Tage, im Wonnemonat Mai zum Beispiel, hätte auch dieser Solide für das unscheinbare Mädchengesicht sicher kein Auge gehabt. Dazu mußte schon solch nichtswürdiges Herbstwetter sein! Denn dann schaute das unschöne Gesicht unter der grauen Kapuze, die die Stirn umkrauste, so hell, lebenswarm und hoffnungsfroh in die trübe Welt hinaus, daß bei seinem Anblick der Solide vielleicht zu der praktischen Eingebung inspiriert wurde: ›Höre, meine Junge! Das gäbe eine tüchtige Frau für einen Mann von deiner erprobten Solidität. Die würde sich Wind und Wetter gehörig um die Ohren schlagen lassen, sämtliche Lebensstürme inbegriffen, ohne sich sonderlich darum zu kümmern. Die hat der liebe Gott eigens für dich geschaffen, mein Sohn, um deine abgerissenen Hemdknöpfe anzunähen, deine defekten Socken zu stopfen, deine Leibspeisen zu kochen, deine Kinder aufzupäppeln und dich allmählich zu einem guten, alten, brummigen Ehemann in Pantoffeln und Schlafrock heranzuhätscheln. Und das alles wird sie tun unentwegt mit dieser heiteren Stirn, diesen frischen Wangen, diesem unscheinbaren, ehrlichen, guten Gesicht.‹ Und doch wäre der Solide in seiner löblichen Absicht zugunsten seines lieben Ichs stark erschüttert worden, hätte er die junge Dame heute unter dem Torbogen der Arkaden stehen sehen und zufällig den Blick erhascht, mit dem sie eben jetzt geradeaus in die Luft schaute, mit einem Ausdruck, der, nach der Meinung des Soliden, zu dem praktischen Regenmantel und den verständigen Gummischuhen gar nicht recht passen wollte; mit einem Ausdruck, der etwas von geheimer, heißer Sehnsucht ausplauderte, von einem bedenklichen Hang zum Träumen und Phantasieren, von einer ganz gefährlichen Anlage zu Schwärmerei, Begeisterung, Ekstase. Denn wie um in dem häßlichen Stimmungsbild wenigstens einen Zug von Schönheit zu erhaschen, stand sie und blickte regungslos nach der Feldherrnhalle hinüber. Sie dachte nicht daran, daß mit der bloßen sklavischen Nachbildung nichts getan sei, daß jedes Kunstwerk seine eigne göttliche Seele habe, die sich nicht wie eine beliebige Sache von einem Ort zum andern verschleppen läßt, ebensowenig wie der Grund und Boden selbst, auf dem das Werk gewachsen ist, wie die Kultur, die es geboren hat. Sie dachte nicht, daß nur ein nationales Publikum, das notwendig dazu gehört, imstande ist, solches Werk als ein aus ihm heraus geschaffenes zu genießen, sei es auch nur in glückseliger Dumpfheit, lediglich mit dem Instinkt für das Schöne; denn ihre Phantasie schmückte die Münchner Feldherrnhalle mit all dem unentbehrlichen, seelischen Zubehör, das der königliche Bauherr der Kopie nicht hatte geben können. Sie spannte einen tiefblauen Himmel über die grauen Wölbungen, ließ sie von der Sonne des Südens durchleuchten, füllte sie mit blassen Marmorgestalten, um die her ein braunes, wohlgestaltetes Sonnenvölklein sein tosendes Wesen trieb. Das vollbracht, stellte sie den ganzen ehrsamen deutschen Bau mit einem einzigen kühnen Schwung mitten in das Herz von Florenz hinein, gerade gegenüber dem herrlichen Palast der Signorina, gegenüber der engen Gasse, aus deren Tiefe Giottus lichte, schlanke Himmelssäule aufstrebt. Natürlich ließ sie sich, als an der Loggia der Lanz drum und dran hängend, die Uffizien nicht entgehen, mit ihrem gesamten Vorrat an Marmor und bunter Leinwand nebst der ehrwürdigen braunen Brücke über den blonden Arno und der endlosen, wunderlichen Galerie zum Palast Pitti hinüber. Hier angelangt, packte die kecke Münchner Maid den ganzen Prachtkoloß mir nichts dir nichts für ihren Hausbedarf in ihr weites Herz ein, ohne auch nur einen einzigen Tizian oder Raffael zurückzulassen. Hierauf usurpierte sie auch noch die Boboligärten und ruhte dann von der ungewohnten Anstrengung wonnevoll in einem düsteren Lorbeergang aus, grüßte nach dem leuchtenden San Miniato hinüber und nickte zum Schluß Michelangelos David zu: »Guten Morgen; da bist du ja, Kleiner!« Sie hätte sicher noch eine kurze Vergnügungsreise nach Fiesole unternommen, das mit seinen Kirchen und Villen über silberhellen Olivenwaldungen und paradiesischen Landsitzen gar zu verlockend ins Tal hernieder glänzte. Aber da trieb ihr ein tückischer Wind den kräftigsten Regenschauer als abkühlendes Sturzbad ins Gesicht. Nicht ohne einen tiefen Seufzer fand sie sich plötzlich von ihrem Phantasieritt ins gelobte Land unter dem Torbogen des Hofgartens wieder. Doch ihre tapfere Seele nahm auch jetzt die Wirklichkeit nicht grauer, als sie war. Sie besann sich einen Augenblick, weshalb sie eigentlich stehen geblieben war und welchen Weg sie jetzt einschlagen sollte. Sie wählte den, der sie durch die Arkaden führte. Aber sie wählte ihn nicht, weil er trockener war als der unter den triefenden Bäumen des Gartens und durch den Schlamm des aufgewühlten Bodens, sondern weil unter den Arkaden »die Rottmann« waren – die »lieben« Rottmann, wie das junge Mädchen mit einem leisen, das unhübsche Gesicht geradezu verschönernden Lächeln die berühmten Fresken nannte. Niemals sagte sie die herrlichen, die himmlischen oder gar die reizenden, sondern stets nur die »lieben« Rottmann. Es hatte aber auch mit den lieben Rottmann für das junge Mädchen eine eigne Bewandtnis. 2. Der gute Joseph Auzinger Prisca war noch ein kleines, dummes Ding, als sie schon von den »Rottmann unter den Arkaden des Hofgartens« reden hörte. Diese Leute, die Rottmann nämlich, nahmen in ihrer lebhaften Einbildung mit der Zeit etwas ganz Gewaltiges an, als stammten sie von einem Geschlecht von Riesen. Das phantastische Kind hätte sich vor ihnen gefürchtet, wenn ihr Vater, der hellhaarige Hüne, davon nicht stets mit einem sonnigen Glanz in seinen genzianenblauen, melancholischen Augen gesprochen. Was in Priscas Blick in leidenschaftlicher Sehnsucht nach Schönheit und Sonne aufgeleuchtet hatte, als sie vorhin die öde Feldherrnhalle betrachtet, war Seele von ihres Vaters Seele gewesen. Dieser heißgeliebte, frühverstorbene Vater hatte es in seinem kurzen Leben, das von Anfang bis Ende einem regnerischen deutschen Herbsttag geglichen, trotz aller ehrlichen Mühe niemals weit gebracht. Dabei sah der Mann wie ein junger Siegfried aus, voller Saft und Kraft. Aber in diesem gesunden Körper wohnte eine kranke Seele mit fiebernder Phantasie, die mit dem wirklichen Leben nichts anzufangen wußte, die sich eine eigne, wirre Welt gestaltete und sich darin in exotischen Fieberträumen verlor. Wäre der gute Joseph Auzinger gewesen, was vor ihm so viele Auzinger waren: tüchtige Leute mit nüchternem Handwerk, so wäre es ihm schwerlich so schlecht ergangen. Aber dieser eine Auzinger sollte durchaus etwas Besonderes, etwas Besseres und Höheres werden. Alte Freunde des elterlichen Hauses, wohlmeinende, ehrliche und getreue Menschen, hatten in dem nachdenklichen und absonderlichen Buben einen genialen Künstler entdecken wollen. So wurde denn der junge Künstler – Maler! Und nebenher wurde er ein verträumter, unglücklicher Mensch, der Großes vollbringen wollte und der nicht einmal Kleines vollbrachte. In der Tat gar nichts. Niemals machte er ein Bild fertig. Er brachte keinen Entwurf über eine allererste mysteriöse Skizze hinaus, die nur dem Künstler selbst verständlich war. Übrigens bekam sie nie ein fremdes Auge zu sehen. Er versteckte sein bekritzeltes Papier und seine verschmierte Leinwand wie der ärgste Geizhals seine heimlichen Schätze. Dabei lebte in seiner Seele ein Gewimmel von herrlichen Gestalten, lauter nacktes, lustiges Heidengesindel und olympisches Göttervolk. Alle diese schönen, unirdischen Geschöpfe bewegten sich in einer idealen Landschaft voll bacchischer Üppigkeit, unter einem strahlenden Himmel, in goldigen Lüften mit der unbändigen Lebenslust der alten Niederländer und zugleich in Tizianischer Farbenglut. Aber sie wollten aus der Seele des Künstlers nicht heraus! Es war, als scheuten sie das nüchterne Tageslicht und eine unbarmherzige graue Wirklichkeit, die für solch glückselige Existenzen keinen Raum hatte. So behielt er denn – in seiner Art auch ein Prometheus – seine selbstgeschaffene Welt im tiefsten Busen verschlossen. Leider war aber auch die andre Welt da, jene wirkliche, auf welcher der Mensch die Erfüllung allerlei Bedürfnisse nötig hat, um auf ihr weiterexistieren zu können, was freilich bisweilen ein etwas teuer erkauftes und zweifelhaftes Vergnügen sein mag. Der arme närrische Auzinger fristete sich dieses kostbare Dasein mühselig genug durch eifriges Zeichnen von Karikaturen für Witzblätter zweiten und dritten Ranges. Sie waren herzlich schlecht, ohne jeden künstlerischen Wert; aber sie träuften von Gift und Galle. Darum wurden sie viel begehrt und – erbärmlich bezahlt. All sein beißender Spott und ätzender Hohn trugen ihm gerade nur so viel zum Beißen ein, als er notwendig brauchte, um die schöne Beschäftigung des Atemholens fortsetzen zu können. Niemand entgeht seinem Schicksal; also entging auch der gute Auzinger dem seinen nicht. Und dieses Schicksal war es, das ihn schließlich noch in sehr jungen Jahren in sein Verderben führte. Dieser Märtyrer seiner Phantasie in Gestalt eines alten Germanenhelden verliebte sich wahnsinnig. Die Betreffende war noch dazu ein italienisches Modell, ein halbwildes, blutjunges, prachtvolles Geschöpf aus einem Felsennest im Albanergebirge. In einer grimmig kalten Winternacht begab sich Joseph Auzinger aus einer kleinen italienischen Bottega, wo er sich dann und wann ein festliches Glas gönnte, nach seiner entlegenen Vorstadtwohnung zurück. Nach gut Münchner Biedermannssitte war die junge Großstadt vom Glockenschlag neun an wie ausgestorben. Joseph Auzinger hätte die an seinem Wege kauernde Gestalt – sie drängte sich, wie Wärme und Schutz suchend, dicht an eine Hausmauer – wahrscheinlich gar nicht bemerkt, wenn er nicht neben sich ein leises Wimmern vernommen hätte. Er blieb stehen, sah das weinende Wesen, von dem er nicht gleich wußte, ob es ein Kind oder ein Weib sei, redete es an, erhielt jedoch keine Antwort. Aber das winselnde Klagen hörte sofort auf. Jetzt beugte sich der Künstler herab und erkannte, daß der Kopf des verlassenen Geschöpfes tief auf die Brust gesunken war und die Arme schlaff herabhingen. Wenn er nicht soeben das leise Wimmern gehört, so hätte er glauben können, daß die Gestalt tot wäre – erfroren. Er faßte das stille Frauenwesen bei der Schulter und schüttelte es. Da hob es den Kopf. Joseph Auzinger erkannte undeutlich ein kindlich junges, totbleiches, wunderschönes Antlitz, aus dem große, finstere Augen ihn anstarrten, als wäre er eine Erscheinung. »Was tust du hier?« Es erfolgte keine Antwort. Jetzt sah er auch, daß das Mädchen, es war wirklich ein halbes Kind, eine Italienerin sein mußte. Sie trug das typische Kostüm, darin die Modelle nach München zu kommen pflegen. Eine Italienerin! So jung! Ganz verlassen! Und erfrierend auf der Straße. Dabei so schön! So ganz seltsam fremdartig, geheimnisvoll schön! Mit vieler Mühe gelang es ihm, durch seine wenigen Worte Italienisch, das er als Knabe kurze Zeit getrieben, um dadurch dem Lande seiner Sehnsucht näher zu kommen, das arme Kind zum Reden zu bringen und es einigermaßen zu verstehen. »Du bist Modell?« »Ja.« »Aus Rom?« »Aus Rocca di Papa.« »Bist du schon lange in München?« »Gestern angekommen.« »Ganz allein?« »O Madonna!« »Deine Eltern ließen dich ganz allein fort?« »O Madonna!« »So sprich doch. Leben deine Eltern nicht mehr?« »Tot ... beide.« »Mit wem kamst du nach Deutschland?« »Mit wem soll ich gekommen sein?« »Das eben frage ich dich.« »Mit meinem Vater.« »Ich denke, dein Vater ist auch tot?« »Seit drei Tagen. O Madonna!« »Wo starb dein Vater?« »Irgendwo.« »Nicht in dieser Stadt?« »Irgendwo.« »Ja, und du?« »Ich lief fort.« »Von deinem toten Vater? Du bekümmertest dich gar nicht, wie er begraben wurde?« »Wenn ich doch kein Geld hatte!« »Dann hast du wohl großen Hunger?« »Ja, ja! Hunger!« »Armes Kind! Armes, verlassenes Kind ... Wie heißest du denn?« »Maria.« »Arme, kleine Marietta! Du hast Hunger! In der kalten Nacht mutterseelenallein ... Wie alt bist du?« »Sechzehn Jahr.« »Arme, kleine Maria ... Und was willst du hier anfangen, so mutterseelenallein?« »Weiß nicht.« Er hatte sie aufgerichtet und war mit ihr weitergegangen. Aber sie war zu Tode erschöpft und konnte nicht mehr. Sie fiel einfach hin. Da nicht daran zu denken war, zu dieser Stunde in München einen Wagen zu finden, nahm er sie wie ein kleines Kind auf die Arme und trug sie fort. Sie lag ganz still und war nach wenigen Augenblicken bereits fest eingeschlafen. Joseph Auzinger war zumute, als hielte er die Erfüllung seines Lebens an seinem pochenden Herzen. * In der nämlichen Stunde brachte er seinen römischen Fund bei seiner Wirtin unter, einer Münchnerin von altem Schlag, der alles Absonderliche und Fremdartige gegen die Natur war, die dabei aber Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte. Ihr gescheiter Kopf hieß ihrem Herzen, sich wider den welschen Findling nachdrücklich aufzulehnen; ihr gutes Herz herrschte ihrem Kopf zu, sich zu schämen – einstweilen wenigstens. Fürs erste mußte der Bewußtlosen schleunigst ein Lebenselixier eingeflößt werden. Dieses bestand für Frau Babette Huber in einem braunen, schäumenden Saft, welchen sie jeden Abend in einer dickbauchigen Kanne »frisch angezapft« holen ließ und der Augustinerbräu genannt wurde. Das Augustinerbräu besaß für Frau Babette die wunderbare Wirkung, sich gegen jedes Erdenleid heilsam zu erweisen. Auch bei dem Findling zeigte der Trank seine Zauberkraft; denn gleich nach dem ersten, mühsam eingeflößten Schluck folgte eine leidenschaftliche Lebensregung der jungen Fremden, die sich vorerst freilich nur darin äußerte, daß sie sich heftig sträubte, die bittere »Medicina« noch weiter einzunehmen. Übrigens verfiel sie sofort wieder in Schlaf. Am andern Tag erklärte die weise Frau Babette Huber ihrem Mieter mit düsterem Pathos, daß er sich sein Unglück auf den Hals geladen hätte. Welsch wäre welsch! Und dieses Stück Welschland überdies viel zu bildsauber, als daß solch ein Halbnarr, wie der Herr Joseph Auzinger nun einmal einer sei, sich nicht mir nichts dir nichts in das gelbe Gesicht und die kohlschwarzen Augen vergaffen sollte. Das vortreffliche Herz entschied jedoch in einem Atem mit dem Haupt: sie, Babette Huber, würde nie und nimmer dulden, daß der braune Fratz von irgendeinem Mannsbild der Welt auch nur angerührt werde. Für das letztere hätte übrigens Marietta schon selbst Sorge getragen. Sie war scheu wie eine wilde Katze und dabei von so herber und trotziger Art, daß es sogar einem erfahrenen Frauenjäger schwer gefallen wäre, an dieses seltene Wild nur heranzukommen, geschweige denn es zu erbeuten. Vollends für Joseph Auzinger, der mit seinen gelben Haaren und blauen Augen zum Don Juan ebenso kläglich wenig Talent besaß wie zum Bankdirektor, war die sechzehnjährige Römerin ein Sanktuarium, nach dem nur ein Frevler und Heiligenschänder eine ruchlose Hand ausstrecken konnte. Da er jedoch mit jedem Tage mehr vor brennender Verliebtheit aus einem Halbnarren zu einem ganzen Narren wurde, blieb ihm nichts andres übrig, als die sechzehnjährige Marietta von Rocca di Papa zu Frau Joseph Auzinger zu machen und zwar so rasch als möglich. Das heißt, so bald als alle nötigen Papiere herbeigeschafft waren, die Staat und Kirche bösartigerweise von jungen verliebten Leuten verlangen. Was der gute Joseph Auzinger an Onkeln und Tanten, Vettern und Basen nur irgend besah, erhob ein lautes Zetergeschrei gegen die Zumutung, das braune welsche Gewächs als jungen grünen Ast ihrem soliden deutschen Stammbaum aufzupfropfen; sie nannten die Heirat eine himmelschreiende Undankbarkeit gegen sämtliche Auzinger, die jemals gelebt hatten, und bedrohten den Übeltäter mit Ausstoßung und Fluch, wenn er das römische Subjekt nicht sogleich wieder laufen ließe. Joseph Auzinger besaß die Stirn, sich an niemand von seiner ganzen lieben Sippe auch nur im mindesten zu kehren. Die Verstoßung in aller Form erfolgte, zugleich aber auch die Heirat, gleichfalls in aller Form, in der staatlich gebotenen sowohl wie in der kirchlich üblichen. Während alle diese interessanten Dinge vor sich gingen, befand sich das würdige Haupt der Frau Babette Huber in beständigem heftigem Streit mit ihrem nicht minder respektabeln Herzen. Je mehr das Haupt der verständigen Sippe der Auzinger recht gab, um so kläglicher und sentimentaler gebürdete sich das Herz. Schließlich gelangten die beiden großen Mächte zu folgendem Kompromiß: das gefühlvolle Herz sorgte für einen christlichen Hochzeitskranz, zugleich aber auch für einen saftigen Hochzeitsbraten – es war gerade die Zeit der ersten zarten jungen Hühner – und das praktische Haupt kündigte dem jungen Paare drei Tage nach gemeinsamer Verspeisung der Backhähndeln die Wohnung; denn das Elend, welches aus der Geschichte noch einmal entstehen würde, wollte Babette Huber nicht mitansehen; und von der Herde kleiner brauner Mariettas und Seppels, die gewiß in welscher Sprache schreiend auf die Welt kamen, wollte sie auch nichts wissen. So nahm denn der gute Joseph Auzinger sein schönes Schicksal bei der Hand, verließ traurig das vortreffliche Herz der Frau Babette und zog in eine andre Vorstadtwohnung, die noch entlegener, dafür aber noch billiger war. Frau Babette Hubers gutes Herz weinte dem allerliebsten Pärlein eine Träne nach, deren Wehmut durch ein triumphierendes Schütteln des weisen Hauptes bedeutend gemildert wurde. Dann wanderte das dickbäuchige Krüglein zum Augustinerbräu, und dieses Allheilmittel half das weiche Herz völlig beschwichtigen. In ihrem ganzen langen, christlichen Leben hat sich Frau Babette Huber nie wieder um die beiden gekümmert. * In den Kreisen, in denen Joseph Auzinger oberflächlich bekannt war, wunderte man sich nicht sonderlich über diese bizarre Tat des Karikaturenzeichners. Einige lachten ihn einfach aus, andre beneideten ihn heimlich – nicht um die angetraute Frau, sondern um das schöne Weib, und wiederum andre sagten ihm ins Gesicht hinein: er wolle sich fortan selbst zu einer Karikatur machen. Joseph Auzinger ließ sich auslachen und verspotten, zog sich nunmehr gänzlich von jedem Verkehr zurück und lebte ausschließlich für seine junge Albanerin, die ihm alle die Pracht und Schönheit verkörperte, nach der er sich Zeit seines Lebens verzehrend gesehnt und mit deren leuchtenden Bildern er die Seele angefüllt hatte. Jetzt besaß er leibhaftig ein solches Urbild und zwar für Zeit seines Lebens. In der kahlen Dachkammer eines entlegenen Hinterhauses, weit draußen in jener entlegenen Vorstadt, gab es eine wunderliche Häuslichkeit. Die junge Frau sprach keine deutsche Silbe, der junge Gatte ein paar Dutzend italienische Worte. Sie verständigten sich am leichtesten durch Gebärden, Zeichen, Blicke. In der Wirtschaft konnte die Fremde nur wenig tun. Auch hatte sie dazu nicht die mindeste Lust. Sie hatte zu ganz anderm Lust. Zum Beispiel: möglichst lange im Bett liegen zu bleiben, möglichst lange halb angekleidet herumzulungern, sich dann möglichst bunt herauszuputzen, am liebsten als »Signora«. Da sie das nicht konnte, trug sie ihr heimisches Kostüm wenigstens mit allerlei fremden Zutaten von bunter Seide, grellfarbigem Bandwerk und anderm schimmernden Tand. Später am Tage wollte sie ihre »Minestra« verspeisen, und nach diesem Genuß verlangte sie von ihrem »Giusé« spazieren geführt zu werden. Der gute Auzinger führte sie also spazieren. Er wollte die einsamsten Wege weit draußen hinter der Vorstadt gehen, sie die belebtesten Straßen im Innern der Stadt. Er ging also mit ihr in die Kaufingerstraße und weiter, bis in die vornehme Maximilianstraße. Wie die beiden angegafft wurden! Bei seiner Menschenscheu wagte er gar nicht aufzublicken, während sie ihre finsteren, mächtigen Augen leuchten und lodern ließ. Einmal wurde sie von einem Fremden angesprochen, im reinsten Italienisch. Sie antwortete sogleich in ihrem Albanerdialekt, wollte ganz vergnüglich einen kleinen Diskurs beginnen; aber ihr Mann riß sie hinweg. Nun sollte sie nicht mehr spazierengehen, sollte sie überhaupt nicht mehr aus dem Hause! Was für die Wirtschaft notwendig war, hatte bis dahin fast alles der Mann besorgt. Fortan besorgte er es ausschließlich. Um sich nicht zu Tode zu langweilen, wollte sie wieder Modell stehen. Aber da kam sie bei ihrem Giusé schön an. Es gab Zank, Streit und immer wieder Zank und Streit, mit leidenschaftlichen Gebärden, wütenden Blicken, kreischenden Worten ihrerseits geführt; von seiner Seite gewöhnlich nur unterstützt mit einem Zucken seiner mächtigen und doch so kraftlosen Hände. Also gut! Sie sollte wieder Modell stehen! Aber nur ihrem Manne! Er stellte auch wirklich eine längst verstaubte Staffelei in Bereitschaft, spannte eine mächtige Leinwand auf, die erst vom Schmutze gereinigt werden mußte, kramte aus Winkeln und Ecken Farben und Palette hervor. Nun putzte er sein Modell heraus; jetzt so, dann wiederum so. Bald löste er ihr wundervolles blauschwarzes Haar, hüllte sie ganz darin ein; bald mußte es wieder eingeflochten werden, und er knotete es eigenhändig in dem herrlichen Nacken zusammen. Er gab ihr diese und jene Pose. Aber sie war in einer jeden so schön, daß er nicht wußte, welche er wählen sollte. Endlich kam er so weit, daß die Arbeit angefangen werden konnte. Jeden Morgen begann er mit dem Herausputzen seines wunderbaren Modells, stellte es, wollte malen, die Leinwand füllen; aber – es ging nicht! Er quälte sich bis zur Verzweiflung, bis zur völligen Ermattung, bis zum halben Wahnsinn. Aber – es ging nicht! Dabei füllte sich seine Seele mit einem ganzen Maria-Zyklus: Bild auf Bild drängte herbei! Und jedes Bild, jede Gestalt war ein Kunstwerk, ein Meisterwerk – in der Phantasie. Aber auf die Leinwand brachte er nichts, gar nichts! Sank er erschöpft in sich zusammen, so sprang sie auf, ergriff das Tamburin, warf die Arme über das Haupt und tanzte wild und toll den Saltarello. Oder sie stürzte wie ein Raubtier auf ihn zu und biß ihn in die weichen roten Lippen. So lebten die beiden ... Um jedoch überhaupt leben zu können, mußte schließlich etwas getan, etwas gearbeitet werden, wenn die Albanerin auch mit ihrer ewigen Minestra, ihrem bescheidenen Salat und dem trockenen Brot vollständig zufrieden war und er, der junge Riese, sich beinahe ausschließlich mit letzterem begnügte. Also mußte er zeichnen und zeichnen, Karikatur auf Karikatur, eine ganze Galerie von Zerrbildern, die seine wunderschöne Frau viel zu häßlich fand, um darüber lachen zu können. Denn sie wußte genau, was schön war, erkannte klar die Unfähigkeit ihres Mannes. Sie fing an, ihn zu verachten ... Jetzt ward es still in den öden Kammern. Die junge Frau ging fast keinen Schritt mehr aus dem Hause, lauerte den ganzen Tag in einem Winkel, gebärdete sich nicht mehr wie eine Rasende; aber sie putzte sich auch nicht mehr, wollte nicht mehr Modell stehen, spielte nicht mehr das Tamburin, tanzte nicht mehr den Saltarello, küßte ihren schönen Giusé nicht mehr. Dieser verzehrte sich in Liebe, Leidenschaft, Eifersucht. Er bewachte sie Tag und Nacht; er wurde hohläugig, fiebernd, krank. Dann wurde ein Kind geboren, ein Mädchen. Der junge Vater war selig, und die Mutter – die Mutter war eines schönen Tages, kaum vierzehn Tage nach der Geburt ihres Kindes, spurlos verschwunden. Joseph Auzinger lief von dem Kinde fort. Er suchte die Mutter. Einen ganzen Tag, eine ganze Nacht suchte er sie. Er lief zu Bekannten, die ihn längst nicht mehr kannten; er lief in die Ateliers von Wildfremden, die ihm die Tür wiesen; er lief zu allen italienischen Modellen Münchens, denen er sich oft nicht einmal verständlich machen konnte. Er fand nichts, gar nichts! Er kam nach Hause .... Da erst fiel ihm das Kind ein – ihr Kind! Es war, während der Vater nach der unnatürlichen Mutter suchte, sicher gestorben. Es mußte umgekommen sein. Er hatte es getötet! Er stürzte die steilen Treppen hinauf .... Da hörte er kräftiges Kindergeschrei, das ihm wie Engelsgesang erklang. Ihr Kind lebte! Eine wildfremde Frau hatte inzwischen an seinem verwaisten Kinde aus Barmherzigkeit Mutterstelle vertreten. Nun suchte er nicht mehr nach der Verlorenen; keinen Schritt tat er mehr um ihretwillen aus dem Hause. Er mußte bei dem Kinde bleiben, mußte für das Verlassene sorgen. Wunderbar, wie schnell und gut er das lernte. Es war die einzige Kunst, die der junge Mann mit dem hellen Haar und der düsteren Seele jemals ausüben konnte. Hier vollbrachte er das große Werk, welches ihm sonst nur glanzvoll vorschwebte, hier erwies sich der Dilettant als Meister. Wenn er die kleine Prisca nicht wartete, kauerte er vor dem Bette, darin das Püppchen eingebündelt lag, starrte dem winzigen Ding ins Gesichtchen und spähte angstvoll nach einer Ähnlichkeit mit der unnatürlichen Mutter. Aber er fand keine Ähnlichkeit! Außer in den Augen nicht die geringste. Fortan grübelte der Vater stundenlang darüber, ob es für seine Tochter nicht besser gewesen wäre, überhaupt nicht geboren zu werden. Wie gerade die vollsaftigsten und massivsten Naturen oft durch eine Kinderkrankheit zugrunde gerichtet werden, so erging es schließlich auch Joseph Auzinger. Er erholte sich nicht mehr von dem Schlage, der sein Gemüt getroffen hatte. Sein Leben wurde zu einem völligen Siechtum. Er fuhr fort, sich die Seele mit leuchtenden Gestalten zu füllen und dabei seine Karikaturen zu zeichnen, sein Kind mit der Sorgfalt einer treuen Wärterin aufzupäppeln und dabei in die Augen der Kleinen zu schauen. Aber ein verlorener Mensch war und blieb er. Allmählich nahm er die Gewohnheit an, häufig vor sich hinzusprechen: mit einer leisen, melancholischen Stimme, auf die das Kind lauschte wie auf Wiegengesang. Er redete zu sich selbst von den göttlichen Gestalten, die er in sich trug, von seiner leidenschaftlichen Sehnsucht nach einem fernen Lande voller Schönheit und Glanz, das er wie eine Vision erblickte und doch niemals in Wirklichkeit betreten hatte. Diese Selbstgespräche des Gemütskranken waren die Märchen, die Priscas Phantasie erfüllten und von der Erde hinwegführten. Sie kam selten ins Freie, kannte keine Kinderspiele, kein Kinderglück; aber sie verkümmerte darum doch nicht. Es war, als hätte sie von ihres Vaters Voreltern die groben Fäuste und die unverwüstliche germanische Natur ererbt. Ihr helles Gesicht und helles Haar erglänzten wie Sonnenschein in der dunkeln Wohnung; ihre frische, fröhliche Stimme füllte die öden Räume mit Leben und Klang. Von ihren Fenstern aus ließ sich nur ein kleines Stück Himmel erspähen. Diesen einmal »ganz« zu sehen, war Priscas sehnsüchtigster Wunsch. Einmal hatte Joseph Auzinger einen guten Tag. Obgleich es weder Sonntag noch Feiertag war, durfte Prisca ihr bestes Kleidchen anziehen und ihren Vater hinausbegleiten. Sie gingen durch die Arkaden des Hofgartens, und dem Kinde wurden zum erstenmal die »Rottmann« gezeigt. Höchlich verwundert schaute die Kleine auf; die Rottmann waren gar keine schrecklichen Riesenmenschen, wie sie sich stets vorgestellt hatte, sondern hübsche, bunte Bilder auf leuchtenden Wänden. Am besten gefiel ihr das tiefdunkle Blau, womit Himmel und Erde von dem genialen Künstler reichlich bedacht worden waren. Auzingers Seele verweilte indessen in den Ruinen des griechischen Theaters von Taormina, an den Zaubergestaden des Golfes von Neapel, auf dem Gipfel des Berges Cavo bei Rom. Von dort aus konnte man die schöne Heimat des jungen Weibes sehen, welches ihm das Herz gebrochen hatte. »Dahin, dahin, laß uns, o Tochter, ziehn!« »Dahin« zog der gute Auzinger nun freilich nicht. Zu solcher Fahrt reichte der Ertrag der Karikaturen nicht aus; obgleich sie ihm jetzt besser bezahlt wurden, weil sie, je mehr sein Gemüt sich verdüsterte, um so galliger und giftiger wurden. Aber sie trugen wenigstens genug ein, um Prisca eine gute Erziehung geben zu lassen. Unter ihren Mitschülerinnen blieb sie ziemlich unbemerkt. Auch die Lehrer kümmerten sich wenig um das unscheinbare, hagere und eckige Geschöpf. Sie erwies sich als aufmerksam und fleißig, als frühzeitig selbständig und praktisch. Sie versprach recht »tüchtig« zu werden, vielleicht einmal eine gute Lehrerin. So wurde sie vierzehn Jahre, als für sie und noch mehr für ihren Vater ein bedeutsames Ereignis eintrat. Der große tannene Tisch stand dicht an das Fenster gerückt, damit das Tageslicht möglichst hell darauf fiel. Vater und Tochter saßen sich daran gegenüber. Joseph Auzinger kritzelte seine ewigen, trostlosen Fratzen; aber auch Prisca hatte heute, statt ihre Schulaufgaben zu machen, ein Blatt vor sich, darauf sie mit heißem Gesicht und heiligem Eifer allerlei zeichnete. Als Auzinger auf die ungewöhnliche Beschäftigung seiner Kleinen aufmerksam wurde, durchfuhr ihn heißer Schreck: ›Herrgott, sie zeichnet gewiß Karikaturen! Was sollte sie als deine Tochter andres zeichnen?‹ Er mußte sich zuvor ein Herz fassen, ehe er sich getraute, genau hinzuschauen, aus Furcht, es könnten ihm seine eignen Grimassen entgegengrinsen. Wie aber wurde ihm zumute, als er auf dem Blatt in naivster Weise, aber doch mit starkem Talent gezeichnet, die Umrisse einer Landschaft gewahrte, die entschieden Ähnlichkeit mit seinen idealen Phantasiegebilden besaß. Er riß seine Tochter an sich, küßte sie leidenschaftlich und empfand die erste reine Freude seines Lebens. Nun raffte er sich auf, um selbst Prisca zu unterrichten. Zuerst sollte es nur im Zeichnen sein, später im Malen – im Komponieren! Wenn dereinst seine, des armen Joseph Auzingers, Tochter in Linien und Gestalten, in glühenden Farben dasjenige würde aussprechen können, was seine ganze Seele erfüllte – wenn die Welt einstmals in dem Talent der Tochter den Genius des Vaters erkennen würde ... Die schwere, verantwortungsvolle Arbeit begann. Joseph Auzinger lehrte und lehrte; und Prisca wollte für ihr Leben gern lernen und lernen. Aber – es ging nicht. Er konnte zu wenig, mißtraute auch dem Wenigen zu sehr. Sie entwickelte zwar ein erstaunliches Talent zu erraten, abzulauschen, zu ergänzen, ihren Weg mühselig durch die väterlichen Irrpfade hindurch zu suchen, aber – es ging eben doch nicht! Schließlich wußte sie nicht mehr aus noch ein. Auzinger mußte den Unterricht aufgeben. Er sammelte seine letzten Kräfte und überwand scheinbar seine grenzenlose Enttäuschung, Scham und Selbstverachtung – scheinbar! Prisca tröstete, stützte, richtete auf. Sie, das Kind, verband die starke Liebe einer Mutter mit der zarten Sorge eines Weibes, ohne den gebrochenen Geist gewahr werden zu lassen, daß sie trösten, stützen und aufrichten mußte. Sie verstand es sogar, ihm die Einbildung zu geben, er wäre der Starke und Stützende. Je trüber Joseph Auzingers Seele sich umflorte, um so heller leuchtete ihr unhübsches Gesicht, um so frischer tönte ihre kindliche Stimme. Jetzt suchte Prisca selbst nach einem Lehrer für sich. Sie gab nicht nach, bis sie einen solchen gefunden hatte, und machte dabei ihren Vater glauben, er selbst hätte seine Tochter so vortrefflich versorgt. Es begannen für das Mädchen schwere Lernjahre, in denen sie ihr Talent und zugleich ihren Charakter erproben konnte. Sie arbeitete rastlos, mit eisernem Fleiß und niemals versagender innerlicher Kraft. Bereits konnte sie die Zeit voraussehen, wo sie durch ihre Kunst würde verdienen können. Es würde freilich noch Jahre dauern. Aber das machte nichts. Wenn nur ihr Vater so lange aushielt. Auch dafür hatte sie zu sorgen: Tag für Tag, jahrelang. Und auch das vollbrachte sie. Jeden Feiertag führte sie ihren Vater spazieren: zu den Rottmann unter den Arkaden des Hofgartens! So wurden diese leuchtenden Bilder aus einer andern schönen Welt ihre treuen Gefährten, ihre guten Freunde. Was alles der gute Joseph Auzinger seiner Tochter angesichts der Rottmann vorschwärmte, was die kleine Prisca dabei dachte und empfand ... Dann kam ein glückseliger Tag: das erste kleine Bild wurde verkauft. Als Prisca diese Nachricht erhielt, dachte sie nur an ihren Vater. Sie stürzte vor ihm nieder, umfing ihn, weinte und lachte; sie stammelte: »Vater, lieber Vater! Jetzt brauchst du nicht mehr Karikaturen zu zeichnen.« Nein, keine Karikaturen mehr! Damit war es für Joseph Auzinger aus und vorbei. In Ewigkeit keine Karikaturen mehr! Denn die Karikatur dieses Künstlerlebens verlöschte die barmherzige Hand des Todes, leise und lind wie mit mütterlichem Erbarmen. Als Prisca in das stille Antlitz blickte, war es ein solch feierliches und herrliches Menschenbildnis, daß die Tochter erkannte: hier war ein wahrer Künstler dahingegangen, ein – großer Künstler! Von der Gruft zurückkehrend, besuchte sie ihre lieben Rottmann. Und oft kam sie wieder. Denn der Weg von diesen bis zu einem beachteten Platz in der Kunstausstellung unter den nämlichen Säulenhallen war auch für das rastlos arbeitende und in allen Lebensnöten ausdauernde Talent von Joseph Auzingers Tochter ein gar weiter und mühseliger. Prisca ging ihn Schritt für Schritt, ohne Pausen und Ruhepunkte, oft in tiefer Ermüdung, die jedoch niemals völlige Ermattung ward, und vorderhand noch ohne jede begründete Hoffnung auf das Erreichen eines heiß ersehnten fernen Zieles, oder auf den Ausblick nach einem lockenden, leuchtenden Horizont. Manche Wegstelle auf ihrer weiten, einsamen Straße war eine Station, deren heimliche Leiden nur derjenige kennt, der selber solchen Weg geschritten ist: dahin auf mühevollen Künstlerbahnen, durch eine Welt, so grau und dunkel, daß alles Licht auf Erden erloschen scheint; durch ein Leben, so rauh und häßlich, daß darin die Schönheit, die Güte und das Glück zu einer frommen Sage geworden. Denn nicht mit Rosen wird die Stirn des Künstlers bekränzt, sondern mit Dornen, die der Seele blutige Wunden reißen. Das schönste Erbteil, welches Joseph Auzinger seinem verwaisten Kind hinterließ, sollte Prisca erst viele Jahre nach dem Tod des armen Künstlers mit dem verfehlten Leben verstehen und würdigen lernen. Es war dies eine fanatische Liebe, eine glühende Verehrung für ihre – tote Mutter. Prisca wußte es nicht anders, als daß ihre Mutter in einem Alter von siebzehn Jahren gestorben sei, kurze Zeit, nachdem sie ihrer Tochter das Leben gegeben; und zwar gestorben an unüberwindlicher Sehnsucht nach ihrer fernen, schönen Heimat, gestorben an Heimweh nach dem blauen Himmel Italiens. Welcher Schmerz mußte dazu gehören, um ein Herz vor Sehnsucht brechen zu machen, wie mußte ein solches Herz sein Heimatland lieben! Als wäre sie eine Gestalt aus einer Sage, so hatte Joseph Auzinger dem Kind von seiner Mutter erzählt: von seiner jungen, wunderschönen Mutter, die wie eine exotische, farbenprächtige Blume kurze Zeit unter dem deutschen Himmel geblüht hatte und dann aus Mangel an Sonne verwelkt war. Aus Rom war dieses fremdartige Menschenkind zu Joseph Auzinger gekommen, Maria ihr Name gewesen ... Alles dieses hatte Prisca über ihre Mutter aus dem Mund ihres Vaters erfahren. Nichts andres, kein einziges andres Wort. Daß sie aus keinem fremden, keinem mitleidlosen Munde etwas über ihre Mutter erfahren könnte, war bis zu seinem letzten Atemzug Joseph Auzingers heimliche Sorge gewesen. Schon als Prisca noch ein ganz kleines Kind war, hatte er jene wenigen Personen aufgesucht, die von der schönen Maria von Rocca di Papa etwas wußten; das heißt, die wußten, daß sie den närrischen Joseph Auzinger geheiratet und ihn bereits nach einem kurzen Jahr verlassen hatte. Einem jeden hatte er einzeln mitgeteilt, daß für sein Kind die Mutter gestorben sein müsse; einen jeden hatte er inständig gebeten, ihm bei dieser frommen Lüge zu helfen, wenn das jemals notwendig sein sollte. Seine traurige Stimme hatte dabei einen Ton, seine melancholischen Augen hatten einen Blick gehabt, daß jeder es ihm gelobte, denn sie alle dauerte der arme Karikaturenzeichner. So war es denn Joseph Auzinger gelungen, seiner Tochter die Gestalt ihrer Mutter rein von jedem Flecken zu erhalten, so daß Marias schönes Bildnis durch Priscas ganzes Leben als das einer Verklärten erglänzte. Marias schönes Bildnis ... Alles, was Joseph Auzinger nach diesem wunderbaren Antlitz in flüchtigen Umrissen gezeichnet oder gemalt hatte, war von ihm selbst nach der Flucht seines Weibes vernichtet worden. Auch das hatte er für seine Tochter getan, und auch das sollte von dieser erst nach langen Jahren als höchste Liebestat erkannt werden. 3. Prisca faßt einen Entschluß Langsam und gedankenvoll schritt Prisca heute durch die Arkaden und nickte ihren alten Freunden an den Wänden zu; heute mit ganz besonders zärtlicher Liebe, mit einem ungewöhnlich starken Gefühl geistigen Eigentumsrechtes. Denn seitdem sie am Zentralbahnhof Kasse fünf, Richtung Rosenheim-Kufstein, aus des Beamten eignem Munde erfahren hatte, daß ein Billett von München nach Rom nur sechsundfünfzig Mark kostete – dritter Klasse natürlich! –, fühlte sie sich bei sämtlichen Rottmann, von dem idyllischen Trento angefangen, bis tief hinunter zu den zerstörten Tempeln von Selinunt, bereits vollkommen zu Hause, gewissermaßen an diesen sämtlichen klassischen Stätten bereits wohnlich eingerichtet. Sie konnte gar nicht begreifen, daß München so bevölkert war, daß ganze Scharen von Künstlern hier lebten, wenn doch ein Billett von München nach Rom nur sechsundfünfzig Mark kostete! Und daß sie selbst immer noch da war! Weshalb hatte sie seit drei vollen Jahren durch halbe Nächte Geburtstags- und Neujahrswünsche gemalt, Tisch- und Tanzkarten entworfen und für Haarwasser und Zahnbürsten bunte Riesenplakate verfertigt? Denn wer sich erst das Brot verdienen muß, damit seine Kunst überhaupt erst nach Brot gehen kann, der darf sich nicht stolz in die Brust werfen: » Anch' io son' pittore !« Oder vielmehr: er darf es tun, wenn er nebenher das ehrliche Kunsthandwerk nicht verschmäht. Prisca übte es, wie gesagt, halbe Nächte hindurch, um dafür am Tage mit ruhigem Gewissen vor ihrer Staffelei sitzen zu können. Hätten Leinwand und Farben nur nicht die unangenehme Eigenschaft gehabt, Geld zu kosten, von den Rahmen gar nicht zu reden! Noch dazu von den modernen Rahmen, die möglichst originell sein sollten, damit wenigstens sie die Blicke auf sich zogen. Und wenn Prisca auch die unmodernsten für ihre Bilder auswählte, so waren diese glitzernden Goldleisten immerhin noch teuer genug. Und dann die Pension bei dem guten Glöcklein! Sie war eigentlich winzig; und jedesmal, wenn Prisca mit ihrer kleinen Wirtin sich zu Tisch setzte, schämte sie sich der zwerghaften Summe und ihres Riesenappetits. Sie wollte mit Gewalt mehr zahlen, um mit einer würdigeren Empfindung mehr essen zu können. Aber das Glöcklein hub jedesmal, so oft die Sache zur Sprache kam, ein wahres Höllengebimmel an, so daß die Pensionärin schließlich Nein beigeben mußte. Jeden Tag nahm die gute Prisca sich vor, nicht gar so »gräßlich« viel zu essen. Ihr gesunder Hunger ließ sie jedoch täglich von neuem die Entdeckung machen, daß sie zur Aszetin und Säulenheiligen nicht das mindeste Talent besaß. Also aß sie, und es schmeckte ihr prächtig. Und wenn sie einmal über ihren vorzüglichen, zweiundzwanzigjährigen Appetit allzu heftige Gewissensbisse empfand und sich kasteien wollte, so begann das Glöcklein umgehend mit seinem silberhellen Stimmchen so jammervoll zu lamentieren, als sollte Prisca demnächst eines gewaltsamen Hungertodes verbleichen. Also aß sie! Trotz der Ausgaben für Leinwand, Farben, Rahmen, Kleidung, Lebensunterhalt und andre Notwendigkeiten, einige bescheidene Freuden mit eingerechnet, war es Priscas unermüdlichem Fleiß gelungen, ein bescheidenes Sümmchen zusammenzusparen, davon ein Billett nach Rom, allerdings nur in der dritten Klasse, sich bestreiten ließ, und das auch noch ein kleines Weilchen weiter reichen würde. Aber die nüchterne und praktische der beiden Seelen in ihrer Brust gebot ihr streng: ›Höre, liebe Prisca, du wirst nicht eher nach Rom gehen, als bis du sichere Aufträge und feste Bestellungen erhalten hast. Früher nicht einen Schritt hinein in dein gelobtes Land, meine junge Dame! Mag deine zweite, phantastische, einfach unzurechnungsfähige Seele auch noch so verführerisch locken und winken; ich behalte die Oberhand!‹ Fräulein Priscas zweites liebes ich ließ nach solchen strengen Worten den Kopf hängen, seufzte, schmollte, wagte wohl gar heftige Widerreden, zog jedoch stets den kürzeren. Sogar mit Hungernmüssen hatte die wirklich unangenehm nüchterne und verständige Seele gedroht. Es war wahrhaftig eine unerträglich hausbackene Seele! Prisca schämte sich beinahe, ein solch philiströses andres Selbst in ihrem Busen zu tragen. Gott sei Dank, daß Seele Nummer zwei noch da war, deren Zeit schließlich auch einmal kommen würde. Prisca vermochte sich vieles vorzustellen; aber daß der Mensch in Rom Not leiden und Not fühlen könnte, das ging für sie über alle Vorstellung. Für sie war Rom gleichbedeutend mit Glanz und Glück ohne Ende, mit Blühen und Sonnenschein ohne Aufhören. In Rom graue Tage, in Rom traurige, trostlose Wochen! In Rom von des Lebens Jammer gepackt werden! Am Tiber genau ebenso leiden, darben, krank sein, sterben, wie man an der Isar litt, darbte, krank wurde und schließlich starb – sie konnte sich das eben nicht vorstellen... »Nein, dieser alte, närrische Kauz!« Prisca hörte eine junge, frische Männerstimme, ein herzliches Lachen, blickte auf, um sich den »alten, närrischen Kauz« auch anzusehen, sah aber nur zwei junge, lustige Herren, die vor ihr herschlenderten und die Fresken betrachteten. Von einem alten, närrischen Kauz war weder unter den grauen Arkaden noch im nassen Hofgarten etwas zu erblicken; und es dauerte ein Weilchen, bis Prisca begriffen hatte, daß jene komische Persönlichkeit kein andrer sein sollte als ihr geliebter Rottmann. Ihn lachten die beiden Lustigen aus. Es waren Fremde, und es schienen Künstler zu sein, wenn sie auch in ihren übermäßig modischen Überröcken und kleinen, steifen englischen Hüten wenig danach ausschauten. Der alte, närrische Kauz machte ihnen entschieden ungeheuer viel Spaß. Sie amüsierten sich höchlich über die alte Manier, die veraltete Technik, über jeden Pinselstrich, lauter Dinge, die sich längst überlebt, die als die Mumie einer vorsintflutlichen Kunst lediglich die Berechtigung einer Museumsexistenz hatten. Und nicht etwa, daß sie sich über den alten Rottmann ärgerten, die liebenswürdigen jungen Herren, daß sie über ihn debattierten, etwa dieses und jenes gelten ließen – nichts dergleichen! Sie machten sich einfach über ihn lustig wie über einen Spaßmacher, der abgetan ist, sobald man mit dem Lachen über ihn fertig ward. Die gute Prisen, bald ihre lieben verspotteten Gemälde, bald die vergnügten kritisierenden Jünglinge anblickend, hörte mit einer Empfindung zu, als würde vor ihren Augen ein Heiligtum in den Schmutz geworfen. Aber dann hätte sie ja hinstürzen und das geschändete Sanktuarium aufheben können! Was sollte sie hier tun? Denn etwas mußte sie doch tun! Wer läßt in seiner Gegenwart einen lieben Freund verhöhnen? Sollte sie mit flammendem Zorn an die Spötter herantreten und ihnen begreiflich machen, wie herrlich diese Gemälde waren? Es wäre die Stimme eines Predigers in der Wüste gewesen. Priscas gesunder Sinn für Humor erwachte. Sie, im Regenmantel mit Gummischuhen, unter den Arkaden als Prediger in der Wüste! Aber stumm bleiben konnte sie doch auch nicht. Und obgleich es – was hätte ihre Hofdame, das Glöcklein, dazu gesagt! – durchaus unschicklich für eine junge Dame war, ging sie mir nichts dir nichts auf die beiden Lustigen zu, machte selbst ein lustiges Gesicht und redete die Fremden folgendermaßen an: »Wie ich höre, amüsieren Sie sich über die Rottmann. Es ist recht schade, daß der alte Herr nicht mit dabei sein kann. Er hätte Sie vielleicht gefragt: ›Meine jungen Herren Künstler, Sie werden die Sache gewiß viel besser machen?‹ Nun, dem alten Rottmann kann es recht sein.« Prisca schlug die Augen so groß auf, wie sie nur konnte, lächelte, ging weiter. Die beiden Lustigen hielten es für einen famosen Witz, auf offener Straße von einem jungen Mädchen wegen des alten, närrischen Kauzes angerempelt zu werden. »Wäre sie nur etwas hübscher gewesen!« »Etwas hübscher? Aber Mensch! Mit solchen Augen ...« * Aufgeregt durch das kleine Abenteuer, kam Prisca in die Säle der permanenten Kunstausstellung, die sich unter den Arkaden des Hofgartens befindet, und in der es an diesem grauen Novembernachmittag fast so öde war, wie in der breiten, langen und langweiligen Ludwigsstraße. Einsam wanderte die junge Künstlerin unter den Bildern umher. Da hingen sie nun: die Jungen, die Jüngsten, die Allerjüngsten. Sie alle, welche die ganze große Vergangenheit der Kunst mit einer leichten Handbewegung beiseite schoben, die mit dem titanischen Selbstbewußtsein der Modernen in der flammenden Lohe des Zeitgeistes die Kunst neu schmiedeten und denen die Zukunft gehörte – so glaubten sie wenigstens. Prisca war diesem Chaos von Erscheinungen und Ideen gegenüber aus einer gewissen Beklommenheit nie herausgekommen. Jeder war von dem andern gänzlich verschieden, ein jeder eine Persönlichkeit für sich. Fühlte sie sich von diesem starken Talent und Temperament lebhaft angezogen, so stieß jenes andre sie um so heftiger ab; und doch schienen beide, trotz aller Verschiedenheit, genau dasselbe zu wollen. ›Herrgott,‹ so dachte sie oft, ›wie viele Arten von Augen hast du eigentlich deinen Malergeschöpfen gegeben? Der eine sieht alles blau, wo der andre alles nur violett erblickt! Da ist einer, der schaut die ganze Welt rosenrot an, wo der andre überhaupt keine Farben sieht.‹ Prisca fühlte für all dies Verschiedenartige und Entgegengesetzte ein fast fieberndes Interesse, hütete sich ängstlich vor jedem Absprechen und Verurteilen. So klar sie über sich selbst Bescheid wußte, so sicher sie ihren eignen Weg ging, verwirrten sie doch die Wege und Ziele der andern. Die Verwegenheit der künstlerischen Glaubensbekenntnisse, die Kühnheit der Probleme, die waghalsigen technischen Experimente erschreckten sie. Ihr eignes künstlerisches Glaubensbekenntnis zeigte eine wohlgeordnete Harmonie, von ihr streng unter Kontrolle gehalten; und in der Kunst der andern leuchtete ihr das wildeste Chaos in allen Farben entgegen. Es war eine Revolution, die Anarchie zu bringen schien. Von dem oft brillanten Können geblendet, durch die Rücksichtslosigkeit und Aufdringlichkeit der individuellen Anschauung geängstigt, gehörte ihre ganze kräftige Natur dazu, um diesem gewaltsamen Anprall von fremden Eindrücken, dieser Sturmflut von neuen Begriffen zu widerstehen. Denn sie wollte in sich nur aufnehmen, was ihr naturgemäß war; und es gab Stunden, wo sie sich unter all diesen Modernen alt, uralt vorkam, eine überlebte Manier, ein unglückseliger Epigone unter einer Generation, mit der sie, als wahre Tochter ihres Vaters, nichts gemein hatte. Dort hing ihr Bild; dort im Winkel, ganz oben, halb im Dunkeln. Wer sah und beachtete es dort? Und wenn es jemand beachtet hätte, würde es gefallen? Und wenn es gefiele, würde man es kaufen? Ganz sicher nicht. Und doch war es ein gutes Bild. Es stellte eine Landschaft vor, die vollkommen einer Idealwelt angehörte: geheimnisvolle, schattige Haine, strahlende Blütenmassen, glanzvolle Menschengestalten unter einem leuchtenden Himmel, auf einer frühlingsgrünen Erde. Es war eine Welt, die Prisca nur in ihren Träumen geschaut und die sie nur dort drüben – jenseits der Alpen – in Wirklichkeit schauen konnte. Dort allein würde ihr Traum Wahrheit werden. Und warum dieses fortwährende leidenschaftliche Sehnen? War es nicht wie ein Notruf ihres ganzen Ichs? Ihre Natur schrie nach dem ihr Gemäßen, das sie unter diesem grauen Himmel, in diesem farblosen Leben niemals finden würde. Mußte aber der Mensch seiner Natur nicht folgen? Und mußte der nicht zugrunde gehen, der seiner eigensten Natur Gewalt antat, der Untreue übte gegen sich selbst? Auch Priscas frisches Wesen unterlag bisweilen einer jener »Stimmungen«, die sich wie Gewaltherrscher manchen Gemütes bemächtigen. Eine jähe Angst überfiel sie dann: würde ihr kleines Künstlerleben sich erfüllen? Der trübe Tag mit seinem tief herabdrückenden Himmel; die glanzvolle Vision, die sie unter den Hofarkaden gehabt; das kleine Abenteuer mit den beiden lustigen Herren; die menschenleere Ausstellung mit der Fülle neuer und verwirrender Eindrücke und schließlich ihr eignes, fremdartiges Selbst dort oben – alles kam heute zusammen, um sie schwer zu bedrücken, zugleich aber auch, um den Trieb der Selbsterhaltung in ihr zu erwecken. Worauf wartete sie eigentlich? Auf den Verkauf ihrer Ideallandschaften? Auf Bestellungen? Auf die Sicherung einer behäbigen Existenz? War nicht gerade das Leben eines Künstlers beständiger Drang, nie endender Kampf? Würde ihr langes Hoffen und Harren, ihr geduldiges Warten ihr den Kampf erleichtern oder gar ersparen? Wünschte sie überhaupt solche Schonung ihrer Kraft? Sie war jung und stark. Hatte sie nicht ihr Talent, an das sie glauben wollte bis zu ihrem letzten Atemzuge? Und zu ihrer Jugend, ihrer Begabung kam ihr rastloser Fleiß, ihre eiserne Willenskraft. Das alles, zusammen mit ihrem ehrlichen Glauben an sich selbst, war ein Talisman, dem nichts widerstehen konnte. So meinte sie wenigstens. ›Ich gehe fort! Ich gehe nach Rom! Bald gehe ich fort! Ja, ja, bald!‹ Es war der Entschluß eines Augenblicks. Wie so häufig, entschied auch hier ein Augenblick ein ganzes Leben. Prisca schwindelte es. Vor ihren Augen zitterten Farben und Strahlen. Ihre Seele wurde von einem Taumel erfaßt und durch leuchtende Unendlichkeiten gerissen. Ihr war's, als blickte sie in die Zukunft, und diese war eitel Sonne und Glanz: die heilige Sonne Roms, der berauschende Glanz des Südens. Und diese überirdische, vertrauensselige Stimmung hielt stand; sie verflog nicht sogleich. Dergleichen lag nicht in Priscas Natur. Was sie einmal ergriff, das hielt sie fest. Sie wurde plötzlich ganz übermütig. Sie ging durch die Ausstellung, von einem Modernen und Modernsten zum andern; und sie sagte diesen Herren ihre Meinung – übrigens mit allem schuldigen Respekt. Diesen und jenen fragte sie so nebenher: ob er wohl schon von einer gewissen Sixtinischen Kapelle und den vatikanischen Stanzen gehört hätte? Die Gefragten lachten ihr natürlich einfach ins Gesicht, worauf Prisca wieder lachte, so recht von Herzen vergnügt. »Oh,« meinte sie, »lachen Sie nur, meine lustigen Herren! Was sollten Sie wohl mit Raffael anfangen? Der hat sich ebensogut längst überlebt, wie ein gewisser alter, närrischer Kauz ... Übrigens gehe ich hin. Jawohl, meine Herren, ich gehe nach Rom!« Das gellende Hohnlachen, das dieser vertraulichen Mitteilung folgte, vernahm die gute Prisca nicht. Die beiden kleinen Worte: »nach Rom!« rauschten und brausten durch ihre Seele, als wollten sie darin zur unendlichen Melodie werden, so recht zur Zukunftsmusik. Zuletzt machte sie sich noch ein kleines Extravergnügen. Sie begab sich ganz ehrbar ins Bureau der Ausstellung, machte ein möglichst würdevolles Gesicht und sagte ernsthaft: »Sollte jemand meine ›Ideallandschaft mit Staffage‹ – Prisca Auzinger, Saal II, Nummer 173, rechte Querwand, oben im Winkel – zu kaufen wünschen: der Preis ist 2300 Mark. Ich empfehle mich Ihnen.« Das glücklich ausgeführt, ging sie durch Wind und Regen von dannen, ohne von dem Unwetter das mindeste zu empfinden. Sie ging die ganze lange öde Ludwigsstraße hinauf und weiter dem idyllischen Schwabing zu. Unterwegs dachte sie: ›Was wird das Glöcklein dazu sagen daß ihre Prinzeß nach Rom geht? Ohne Hofdame, mutterseelenallein, mit dem Personenzug dritter Klasse ... Mein gutes, komisches Glöcklein! Ich werde sie ordentlich vorbereiten müssen, damit ihr der Schreck nicht in ihr armes Seelchen fährt. Aber schön ist es doch, daß es auf der Welt jemand gibt, der erschrickt, wenn ich plötzlich auf und davon will. Überhaupt: nur nicht einsam sein, nur liebgehabt werden ... Wie das erst sein muß, wenn man geliebt wird?! So ganz ohne Maß, ohne Besinnung, ohne Ende! Ob das wohl vorkommt? ... Ich kann es mir nicht vorstellen. Und doch ...‹ 4. Im Idyllenhäuschen Im lieben, alten Schwabing steht noch immer jenes greise Dorfkirchlein, das andre, ganz andre Zeiten gesehen hat; Zeiten, in denen ein Mensch, der die Eisenbahn und den Telegraphen, das Glühlicht und Telephon als etwas ganz Natürliches angesehen hätte, unfehlbar der schwarzen Kunst angeklagt worden wäre. Wer nun bei dem kleinen, altersgrauen Gotteshaus, welches in das neue, großstädtische München sowenig paßt wie ein Stück Urväterhausrat in einen Salon mit der modernen Ausstattung von heute, nordwärts geht, gelangt in Gassen und Gäßchen, in denen ihn eine Empfindung überkommt, als lebte er im Anfang dieses Jahrhunderts, statt an dessen Ende. In einem dieser stillen Erdenwinkelchen befindet sich noch heute ein Hauch das einstmals für eine kleine Fee oder sonst ein puppenhaftes Wesen gebaut worden zu sein scheint; so winzig ist das Haus und alles, was dazu gehört, als da sind Türen und Fenster, ein Klingelzug und ein Brünnlein. Das wunderbarste an dem kleinen Hause ist ein alter, prächtiger Birnbaum, der dicht an seiner Mauer aufgewachsen ist und nun wie ein ungeschlachter Riese daneben steht und das Idyllenhäuschen zu bewachen scheint. Zum großen Leidwesen der Schwabinger Jugend trägt dieser stolze Baum Jahr für Jahr kleine, harte, entsetzlich herbschmeckende Früchte: Holzbirnen! Aber zur großen Freude eines einzigen Menschenherzens blüht der nämliche Baum, der eine solche Enttäuschung für die Kinder ist, Jahr für Jahr ebenso herrlich, als wüchsen auf ihm die köstlichsten Früchte. Dieses dankbare Menschenherz schlug in der Brust des älteren, ehrsamen Fräuleins Gismonda Glocke, gemeiniglich von ihren Freunden das Glöcklein genannt. Es wäre auch wirklich nicht möglich gewesen, die gute, kleine Dame schlechthin Glocke zu nennen. Für jeden, der das Vergnügen hatte – denn es war entschieden ein Vergnügen –, sie zu kennen, hätte dieser Name zu roh, geradezu barbarisch geklungen. Um schlechtweg Glocke zu heißen, war sie viel zu zart und zu zierlich. Wer sie kannte, konnte also gar nicht anders, als aus der groben Glocke ein Glöcklein zu machen. Man stelle sich vor: ein winziges Körperchen mit elfenhaften Händen und Füßen; ein Kinderköpfchen mit einem Puppengesichtchen. Kurzum: an Seele und Leib eine Filigranarbeit des lieben Herrgotts, eben ein Glöcklein und keine Glocke. Vollends ihr Stimmchen konnte nur einem Glöcklein angehören, so hell und fein war sein Ton. Zwar für gewöhnlich etwas wehmütig, sentimental nannten es gefühlsrohe Menschen, wie ein ländliches Abendglöcklein, das mit zarten Lauten – mit Gewimmer, wie wiederum die brutalen Empfindungslosen behaupteten – den lieben, schönen Gottestag zu Grabe läutet. Dafür bekam die Welt von diesem guten Glöcklein auch niemals einen Mißton oder gar etwas Schrilles, Gellendes zu hören. Das gute Glöcklein war das einzige Kind der ersten Kammerfrau – Verzeihung! – der ersten Kammerdame einer regierenden Herzogin (von dem Vater, einem kleinen Hofbediensteten, zu reden, verlohnt wirklich nicht der Mühe). Sie besaß demnach ein angeborenes Talent für wirklich exzellente Manieren. Es waren Manieren, die das Gismondchen geradezu prädestinierten, hoffähig zu werden. Hätte die biedere Seele des Glöckleins es jemals dazu gebracht, auf etwas stolz zu sein, so wäre sie das auf ihre Manieren gewesen; und wollte jemand ihr schmeicheln, so brauchte er nur auf den Ehrentitel einer Hofdame hinzuweisen, durch welchen Titel Glöckleins Vertraute ihr die gebührende Hochachtung erwiesen. Um keinen Preis der Welt hätte sie ohne Handschuhe ihr Zimmer abgestäubt, Fische mit dem Messer gegessen oder wäre sie an der rechten Seite einer Dame höheren Alters und Standes gegangen, oder hätte sich mit einem Herrn in Konversation eingelassen, der ihr nicht vorgestellt worden war. Niemals würde sie andre Handschuhe als tadellose Glacés, andres Schuhwerk als ausgezeichnetes getragen haben. Daß sie manch liebes Mal im geheimen hungerte, um vor der Welt perfekt gantiert und chaussiert erscheinen zu können, solche Kleinigkeit tat nichts zur Sache. Ein Idealist fühlt keinen Hunger, erleidet er ihn doch eines großen Zweckes willen. Überhaupt das Große! Alles Große war des Glöckleins ganze Wonne und Seligkeit. Große Allüren, große Welt, große Menschen! Mit großen Allüren war sie selbst begabt, in der großen Welt lebte sie aus der Entfernung in ihrer Phantasie; und was die großen Menschen anbetraf, so behaupteten jene schon erwähnten Gefühllosen: das Glöcklein wäre lediglich darum in allen Ehren ein älteres Fräulein geworden, weil sie keinen Mann gefunden, der ihrem idealen Maßstab von Größe entsprochen hätte. Das war natürlich Verleumdung. Von ihren tadellosen Handschuhen und Stiefeletten wurde berichtet. Leider befand sich alles übrige, das den zarten Leib des Glöckleins einhüllte, in einem höchst bedenklichen Zustand; und zwar lag der Grund hierfür weniger in der Mittellosigkeit des Glöckleins, als in ihrer – Ehrfurcht. Die selige erste Kammerfrau der höchstselig Regierenden hatte nämlich von der abgelegten Garderobe Ihrer Hoheit alles erhalten, was der Mensch überhaupt an seinem Leibe tragen kann; sowohl das allerintimste Stück Leibwäsche wie die offizielle goldgestickte Schleppe: ein jegliches Ding hatte allgemach seinen Weg von dem hoheitsvollen Körper der Regierenden bis herab zur gewöhnlichen irdischen Hülle der ersten Kammerfrau genommen. Die meisten dieser Sachen, obgleich sanktioniert durch die leibliche Berührung mit einer der Großen dieser Erde, wurden verkauft, oft zu wahren Spottpreisen, denn für jene persönliche Weihe durch Ihre Hoheit gab der Jude nichts. Aus dem Erlös entstand allmählich ein Vermögen, genau so winzig wie das Persönchen, das nach dem Tode ihrer Mutter davon leben sollte. Soviel herzoglicher Trödelkram nun aber auch fortgeschafft worden, behielt das Glöcklein von den einstmaligen Herrlichkeiten immer noch Kisten und Kasten voll zurück; und sie hätte sich nie, nie davon getrennt! Jedes Stück besaß seine eigne Nummer, stand in einem zierlichen Heftlein gebucht und war womöglich mit einer ehrfurchtsvollen Anmerkung versehen: zu welcher Gelegenheit Ihre Hoheit das betreffende Stück getragen, wessen Meisterhände das Kunstwerk verfertigt, und wann es in den Besitz von Höchstdero ersten Kammerfrau übergegangen war. Seit ihren Kindertagen war das Glöcklein aus diesen Reliquien gekleidet worden, was nicht wenig dazu beigetragen hatte, ihrer kleinen Erscheinung die große Würde und ihren hübschen Manieren die außerordentliche Noblesse zu geben. Denn wie hätte sie sich in einem solchen Gewande, solchem Mantel, solchem Hute anders als gleichsam hoffähig benehmen können? Trug sie doch das alles mit dem erhabenen Gefühl: du trägst an deinem unwürdigen Leibe, was einstmals die erlauchte Person Ihrer Hoheit geschmückt hat! Mache deinen durchlauchtigsten Kleidern also Ehre, kleines Glöcklein. Wie sie's in der Kindheit gewöhnt gewesen, so war's auch geblieben; aus dem Kind war ein Jüngferchen, aus diesem allmählich eine alte Jungfer geworden. Da nun aus einer einzigen weiland Regierenden jedesmal ganz bequem drei lebendige Glöcklein zurecht geschneidert werden konnten, so ergab das Resultat einen etwas komischen Anblick, der sich mit den großen und feierlichen Allüren des kleinen Fräuleins nicht recht in Einklang bringen ließ. Dazu kam, daß die herzogliche Hinterlassenschaft beinahe ausschließlich aus Samt, Brokat, Atlas, Tüll und Spitzen bestand, meistens leuchtende Farben hatte und so das arme Glöcklein mit ihrem vergilbten Gesichtchen, ihrem spärlichen, mißfarbigen Haarwuchs wie eine grellkolorierte Reklame für eine Bude auf der Oktoberwiese in der Hauptstadt umherzog. Aber Handschuhe und Chaussure waren in der Tat tadellos! Weil das Gismondchen nun schlechterdings nicht am Hofe leben konnte, zog die kleine Dame vor, fern vom Hofe in dem idyllischen und zugleich wohlfeilen Schwabing zu leben. Durch die erstaunlichste Sparsamkeit, deren Geheimnisse nur ihr bekannt waren, gelang es ihr, sich zur alleinigen Mieterin des Häusleins unter dem Holzbirnbaum emporzuschwingen, das sie nach berühmten Mustern »Solitude« taufte. Glöckleins Lustschloß war eine Sehenswürdigkeit Schwabings, nein, Münchens! In den Zimmern, welche die Herrin persönlich bewohnte, repräsentierte jeder Winkel ein Raritätenkabinett, ein Sanktuarium, dem Gedächtnis der Höchstseligen gewidmet. Ihre Hoheit waren gegen Höchstihre erste Kammerfrau außerordentlich freigebig, aber in der Wahl ihrer Gnadengeschenke stets etwas sehr – zerstreut gewesen. Denn japanische Teeservice, chinesische Papierfächer, französische billige Nippes, türkische Schleier, englische Kolorierungen und Photographien aus Italien, darunter die ganze Antikensammlung des Vatikans – fürsorglich und besonders liebevoll war solche Auswahl Ihrer Hoheit kaum zu nennen; die erste Kammerfrau müßte denn eine Persönlichkeit mit großen künstlerischen Interessen und von kosmopolitischer Bildung gewesen sein. Der gesamte bunte Firlefanz, der einen Wohltätigkeitsbasar gefüllt hätte, war vom Glöcklein auf das zierlichste geordnet, auf das sinnigste aufgestellt worden. Überall gab es eine geheimnisvolle Allegorie, ein geistreiches Symbol zu enträtseln. Jedes Tischchen bildete eine besondere Abteilung, und in jeder dieser Spezialausstellungen war kunstvoll ein Ruheplätzchen oder ein Plaudereckchen eingerichtet. Um dorthin den Weg zu finden, brauchte es freilich durch dieses Labyrinth von Raritäten eines Ariadnefadens. Die Wände der Wohnung bestanden eigentlich nicht aus Mauern, sondern aus Illustrationen zum Gothaer Almanach. Nirgends, an keiner Stelle, war Tapete zu sehen. Einer jeden Persönlichkeit, die das hohe Glück genoß, irgendeinem Hofe Europas, wäre er auch noch so klein gewesen, anzugehören und infolgedessen bei irgendeiner festlichen Gelegenheit in den illustrierten Blättern zu erscheinen – einem jeden solchen Auserwählten wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, den Augen und der Schere des Glöckleins zu entgehen und nicht an ihrer Wand aufgekleistert zu werden. Über jedem Diwan oder einem andern, dem ähnlichen, mit Kissen und Decken belegten Gegenstand, der ein solches Möbel vorstellen sollte, war den verschiedenen Porträten der weiland Herzogin der Ehrenplatz eingeräumt worden. Diese und eine Photographie Seiner Hoheit des Herzogs waren die einzigen Bilder, die in Rahmen prangten, und zwar in den leuchtendsten, welche tiefe Loyalität aufzutreiben vermocht. Das Porträt Seiner Hoheit des Herzogs! Er war ein Riese gewesen und hatte ein Gesicht mit stolzen, strengen Zügen. Führte das Glöcklein in ihr Allerheiligstes einen Besuch, so richteten sich ihre unschuldigen, matten Äuglein starr auf dessen Gesicht: ob ihm beim Betrachten des Porträts Seiner Hoheit nicht eine gewisse frappante Ähnlichkeit auffallen würde. Verschämt saß das arme Glöcklein unter dem Bilde des Höchstseligen. Jede Miene in ihrem welken Puppengesichtchen zitierte Hamlets: »Es gibt mehr Dinge« und so weiter ... Zum Glück für den guten Ruf der ersten Kammerfrau Ihrer Hoheit fiel es keiner Menschenseele ein, jene vermeintliche entsetzliche Ähnlichkeit mit einem andern Gesichtlein zu entdecken. Tatsache jedoch war, daß das Glöcklein nach der eigenhändigen Unterschrift Seiner Hoheit – es waren riesengroße, gebietende Schriftzüge, in tiefster Heimlichkeit und im Schweiße ihres Angesichts ihre Unterschrift eingeübt hatte: Gismonda Glocke. Die erste Kammerfrau besaß eine Schwäche für die Menüs der Hoftafel und hatte sich von jedem Diner, von jedem Festsouper die Speisekarte verschafft und getreulich aufgehoben. Diese seltsame Kollektion gab der hungrigen Phantasie des guten Glöckleins nicht allein reichliche, sondern auch exquisite Nahrung. Die Karten waren sorgfältig nach Jahrgängen und Daten geordnet; und zu jeder Mahlzeit wurde das Menü des betreffenden Tages aufgelegt. Während Gismonda ihr Rindfleisch mit Gemüse oder eine heimatliche Mehlspeise verzehrte, schwelgte ihr bescheidenes Gemüt in den petits plats einer wahrhaft lukullischen Hofküche. An schönen Sonntagen war es der kleinen Dame höchstes Festvergnügen, sich möglichst reichlich mit herzoglichem Nachlaß auszustatten und nachmittags spazierenzugehen, und zwar mit Vorliebe an Orten, wo voraussichtlich eine Hofequipage passieren würde. Geschah das ersehnte Ereignis, so kam der große Augenblick: das Glöcklein stellte sich kerzengerade in Positur und tauchte alsdann möglichst tief unter, so tief, daß sie eine Weile nur noch als kleines Klümpchen erschien. Dieses plötzliche Verschwinden ihres ganzen Persönchens nannte sie mit Pathos eine »Hofverneigung«. * So winzige Portionen Rindfleisch das Glöcklein zur stetigen Entrüstung ihres Schwabinger Fleischlieferanten auch genoß – der Monatsbedarf belief sich knapp auf zehn Pfund –, so wollten diese doch immerhin ehrlich bezahlt sein, und Gismondas Revenuen hatten leider nicht die angenehme Eigenschaft, mit der Verteuerung der Lebensmittel einer werdenden Großstadt zu wachsen. Auf welche Weise sollte man sich auf Erden weiterhelfen, wenn man in Gottes Namen vom Himmel in jeder Beziehung nur als ein Glöcklein geschaffen war? Es mußte selbstredend eine hochanständige Weise sein, darauf die Bildnisse der Regierenden gnädig herabblicken konnten. Diese bittere Notwendigkeit erzeugte in dem spärlichen Gehirn der kleinen Dame ein halbjähriges Überlegen und Kopfzerbrechen, dessen Resultat schwarz auf weiß als Inserat in den »Münchner Neueste Nachrichten« erschien. »Ein älteres Fräulein aus seiner Familie wünscht in ihrem idyllisch gelegenen Heim eine junge Dame aufzunehmen. Gefällige Offerten unter ›Solitude‹.« Es kamen in der Tat einige Offerten, die das Glöcklein mit ihren herzoglichen Riesenschriftzügen umgehend beantwortete, und es erschienen auch wirklich einige junge Damen, um das idyllische Heim zu besichtigen. Da gab es denn gegenseitige starke Enttäuschungen. Entweder fand die betreffende junge Dame das Solitude-Idyll, kurz gesagt, etwas verrückt, oder Gismondas zarte Natur wurde durch die geschäftsmäßige Behandlung der Angelegenheit und die rücksichtslos gezeigte Verachtung für ihre höchsten Heiligtümer tödlich verletzt. Es stellte sich sogar eine etwas ältere Dame ein, welche das offerierte idyllische Heim mit einer wünschenswerten »stillen Zurückgezogenheit« verwechselt hatte, ein unvergeßliches Ereignis in des Glöckleins tugendreichem Leben. Die letzte, die in der Solitude erschien, war Prisca Auzinger, und sie war die erste, die dem Glöcklein gefiel. Das Wort gefallen ist viel zu kalt und nichtssagend. Sie war die erste, in die sich das brave Glöcklein gleich beim ersten Anblick sterblich verliebte. Die letzte junge Dame, die kam, war so frisch, gesund, heiter und hoch aufgeschossen, ach, so wundervoll hoch aufgeschossen! Gismondas kleines Herz zitterte, als sie Prisca durch die innersten Gemächer führte, der Fremden alle ihre Wunder enthüllend. Prisca schlug denn auch die Augen mächtig hoch auf; es glänzte und strahlte in diesen dunkeln Sternen verdächtig, aber – Glöckleins Busen entrang sich ein tiefer, glückseliger Seufzer: keine Miene in dem unhübschen Gesicht der jungen Dame verriet Spott oder gar Verachtung. ›Wenn sie doch mieten würde – ach, wenn!‹ Und Prisca mietete! Das Stübchen, daran sich ein Dachkämmerchen schloß, war in beschränktem Maße mit herzoglichen Heiligtümern ausmöbliert. Es war sauber und hatte prächtiges Nordlicht. Für Priscas Bilder war es auch groß genug. Aber noch einen gewaltigen Chok sollte das Glöcklein erleben. Das war, als sie erfuhr, daß die junge Dame – Künstlerin sei. Entsetzt starrten die guten Äuglein auf Priscas heiteres Gesicht, als stünde dort ein flammendes Menetekel geschrieben. Künstlerin! Oft genug hatte die erste Kammerfrau berichtet, wie die höchsten Herrschaften über dergleichen Leute dachten; und diese große, prächtige Person sollte eine von diesen sein? Lieber Gott! Ihre Hoheit würde Glöckleins Pensionärin niemals empfangen haben. Es kostete einen bitteren Kampf, aber Priscas Augen und Länge hatten es der guten Gismonda nun einmal angetan. Die Damen verständigten sich. Eine Woche später durchlief jenen idyllischen Teil Schwabings die Sensationsnachricht: »Das Glöcklein hat an einem einzigen Tag anderthalb Pfund Rindfleisch gekocht!« 5. Prisca verläßt die Solitude An jenem grauen Regennachmittag ward es frühzeitig dunkel. Das Glöcklein, das die noble Passion für taghell erleuchtete Räume besaß (nicht Petroleum, am liebsten Öl, am allerliebsten Kerzenlicht), hüllte sich in ihre schwedischen Handschuhe, um mit deren Hilfe und einem leisen Seufzer, den ihr jeden Abend ihr bescheidenes Lämplein abpreßte, Licht anzuzünden. Jeden Abend gereichte ihr die Vorstellung zum Trost: welchen feenhaften Eindruck die Solitude bei Kerzenglanz machen würde. Zur Feier ihres sechzigsten Geburtstages sollte Schwabing dieses Ereignis bestaunen, Grund genug für Gismonda, das Ende ihrer fünfzig Jahre sehnlichst herbeizuwünschen. Jener Winkel der Solitude, der den Namen Boudoir trug, war erleuchtet. Gismonda umschleierte die häßliche Lampe mit einer Riesenhülle aus rosa Seidenpapier und zerknitterten seidenen Apfelblüten, schloß die Läden, steckte die aus den verschiedensten Courschleppen genial komponierten Gardinen zusammen und deckte sodann ein Tischchen für den afternoon tea – alles mit den Schwedischen an ihren Händlein. Nachdem diese Vorbereitungen vollbracht waren, sah es auch wirklich recht niedlich aus: das Tischchen mit dem blütenweißen Deckchen und einem der herzoglichen japanischen Teeservice, mit dem Körbchen selbstgebackener Zwiebäcke und in einem chinesischen Väschen – von Gismonda auf den feierlichen Namen »Jardiniere« getauft – ein Sträußlein purpurfarbiger Blüten. Ungeduldig erwartete jetzt die kleine Hofdame ihre große Prinzessin – denn dieses Verhältnis hatte sich im Lauf der Jahre zwischen den beiden Bewohnerinnen des Idyllenhäuschens herausgebildet; und während sie wartete, stellte sie ihre stillen Betrachtungen an. ›Wie sich der Mensch doch an alles gewöhnt! Sogar an die Kunst. Wenn Ihre Hoheiten geahnt hätten, daß es unter diesen Leuten ein Wesen geben könnte, wie meine liebe Lange eines ist: durch und durch comme il faut und ladylike . Dabei keine Spur von einem Modell oder sonst etwas Unanständigem. Und daß die Kunst selbst etwas so Hübsches sein kann, etwas so – Großes. Jawohl: Großes! Das hätten Ihre Hoheiten niemals geahnt, das weiß aber ich. Meine liebe Lange hat es mich gelehrt. Überhaupt sie! Ach Gott, aber –‹ Und jetzt brachen über das Gemüt Glöckleins tausend Ängste und Befürchtungen herein. Denn: ›Sie hält es hier nicht aus. Nein, nein! Es ist etwas in ihr; wohl von ihrer Mutter her, die immerhin ein Modell gewesen war. Das soll so sein in der Welt. (Mit einem scheuen Blick auf das Porträt Seiner Höchstseligen Hoheit.) Und dann kann sie eben nichts dafür. Wäre ich nur größer, ich wollte ihr schon helfen. Aber so kann ich nichts für sie tun, rein gar nichts! Es ist wirklich sehr ungerecht, daß ich so klein bin.‹ Und das sagte sie Seiner Hoheit so paff ins Gesicht hinein. Im nächsten Augenblick bereits erstarrte sie schier vor Schreck über solchen völligen Mangel an schuldiger Devotion. Beinah wäre sie aufgesprungen, hätte sich kerzengerade hingestellt und mit ihrem perfektesten Hofknicks Seine Hoheit untertänigst um Verzeihung gebeten. Aber der Durchlauchtigste Herr lächelte so harmlos huldreich auf sie herab, als könnte Hochderselbe sich absolut nicht erinnern, irgendwie an dieser Miniaturfigur schuld zu sein. Dann erschallte ein helles Klingelchen, das sich entschieden die Stimme des Glöckleins zum Vorbild genommen hatte, und Gismonda huschte hinaus, um ihrer lieben Langen die Pforte der Solitude zu öffnen. Die beiden Damen saßen beim Tee. Nachdem Regenmantel und Kapuze abgeworfen, erschien Prisca in ihrer ganzen germanischen Eckigkeit, dafür aber auch in dem vollen Schmuck ihres hellen, prachtvollen Haares. Sie trug es in starken Zöpfen einfach um den Kopf gewunden, was ihr das Aussehen einer Achtzehnjährigen gab. »Und dein Bild ist noch immer nicht verkauft?« klagte das Glöcklein. »Was wollen die Menschen denn eigentlich? Ich kann mir nur denken, daß den Leuten dein Bild zu klein ist. Male doch nur um Himmels willen große Bilder. Du kannst es ja. Du kannst alles.« »Wie schade, daß deine Hoheiten nicht mehr am Leben sind, die hätten mir sicher meine Riesenbilder samt und sonders abgekauft. Ich habe eben meine rechte Zeit verpatzt.« Prisca sprach wie von tiefster Überzeugung durchdrungen. Sie wußte, daß sie ihrer kleinen Freundin kein größeres Vergnügen bereiten konnte, als wenn sie deren Höchstselige Hoheiten als die wahren Mediceer hinstellte. Ein leiser, zweifelnder Seufzer Gismondas sollte der zuversichtlichen Behauptung der jungen Künstlerin bescheidentlich widersprechen. Aber Prisca wiederholte ihre Meinung mit solchem Nachdruck, daß des Glöckleins Gemüt von Gewissensbissen gepackt ward, sie hätte dem heiligen Gedächtnis ihrer Herrschaften ein himmelschreiendes Unrecht zugefügt, und mit Seiner Hoheit wäre ein erhabener Beschützer der Künste dahingegangen! Und von wem sollte sie selbst dieses erstaunliche Verständnis für Kunst empfangen haben? Etwa von ihrem Vater, dem Hoflakaien? In glückseliger Verschämtheit über dieses neue, bedeutsame Argument stippte sie ihren Zwieback in den Tee, nicht wagend aufzusehen, um nicht dem Blick Seiner Hoheit zu begegnen. Prisca unterbrach das feierliche Schweigen, indem sie mit ihrer sonnenhellen Stimme lustig sagte: »Übrigens komme ich auch ohne deine Hoheiten durch die Welt. Freilich nicht ganz so leicht und, bequem. Große Bilder! Du triffst eben immer das rechte. Ich muß große Bilder malen. Wenn ich damit durchkomme – und ich komme durch! –, so habe ich das auf Gottes weiter Erde keiner Menschenseele zu danken als dir, du liebes, feines, silberhelles Glöcklein. Aber um solche riesigen Sachen überhaupt machen zu können, muß ich einen großen Raum haben; zum mindesten noch einmal so groß, als unsre ganze herrliche Solitude ist. Das wird meine weise Hofdame doch wohl einsehen?« »Noch einmal so groß? Aber Prisca! Ein solches Atelier gibt es ja gar nicht.« »In München schwerlich. Hier ist alles winzig. In Italien gibt es die vielen alten Paläste. Manche sollen ganz leer stehen, sollen verfallen, ohne daß man sich darum kümmert. In einem oder dem andern fände ein Sonntagskind vielleicht billige Unterkunft. Da könnte ich dann malen.« »O Prisca!« »Nun ja, liebes Glöcklein. Ich war heute auf dem Zentralbahnhof und erkundigte mich dort wegen eines Billetts nach Rom. Denke dir, es kostet nur siebenundfünfzig Mark! Der Mann fragte, ob ich kein Rundreisebillett nehmen wollte? Es käme bedeutend billiger und gälte zwei volle Monate. Ein Rundreisebillett, süßes Glöcklein! Und nach zwei Monaten in Rom wieder nach München zurück!« So war es denn glücklich heraus ... Aber es dauerte eine gute Weile, bis Gismonda begriffen hatte, daß sie ihre liebe Prisca in kurzer Zeit und für lange verlieren sollte. Je weniger sie klagte, um so mehr griff es Prisca ans Herz. Diese ganze Woche hindurch sah sich die nach einem Ersatz für das treulose Pflegekind der Solitude um; und schließlich fand sie auch einen solchen. Es war eine junge Dame der höheren Stände, welche die Vorzüge des Schwabinger Lustschlosses nach Gebühr zu schätzen wußte; obenein Künstlerin und nach Menschenmöglichkeit hoch aufgeschossen. Aber das Glöcklein mochte von keinem Ersatz für ihre liebe Prisca hören. Ihr Kämmerchen sollte leer stehen bleiben, und die kleine Dame wollte zu ihren zehn Pfund Rindfleisch pro Monat zurückkehren: hatte sie doch dazu die Menüs von der herzoglichen Hoftafel aufliegen. »Es mußte wohl einmal so kommen,« meinte das arme Geschöpf weinerlich. »Wenn es nur nicht Italien wäre! Das Land mag ja wohl angehen. Aber die Leute dort. Wenn du das Land mit all seinen Apfelsinen- und Zitronenbäumen auch noch so schön abmalst, mit den Leuten wirst du dein blaues Wunder erleben. Unter uns gesagt: ich begreife Bismarck nicht. Er weiß doch ganz gut, daß es alle Deutschen immerfort nach Rom zieht und daß sie dort von diesen abscheulichen Italienern rein ausgeplündert werden. Warum hat der Mann denn aus Italien nicht eine deutsche Provinz gemacht? Er hätte es ja doch gekonnt, wenn er nur gewollt hätte; geradeso, wie du alles kannst, was du willst.« * Die Vorbereitungen zur Reise wurden begonnen. War das auf der einen Seite eine Glückseligkeit! Prisca verglich sich mit einer Braut, die an ihrer Aussteuer näht. Seit sieben Jahren hatte sie gesammelt und gespart. Nun sollte sie ihren ganzen Schatz ausgeben dürfen, um dafür einen ganz andern Reichtum einzuheimsen: Lebensglück. Da war vor allem ihre kleine Reisebibliothek: Heyses »Italienische Novellen«, Gregorovius' »Römische Figuren«, Ullmers' »Schlendertage«, Viktor Hehn, Hermann Grimm und Jakob Burkhardt. Prisca hatte alle diese Bücher gelesen und immer wieder gelesen; und wenn sie davon sprach, schlug sie ihre prachtvollen Augen mit einem leuchtenden Blick auf, der ihr ganzes Gesicht verklärte. In diesen Winterabenden mußte sich Gismonda zum dritten oder vierten Male Goethes »Italienische Reise« vorlesen lassen. Aber je begeisterter darin die Grazie des Volkes gepriesen ward, um so mißmutiger bezeigte sich das Glöcklein. »Das ist es ja eben! Die Grazie ist es! Ach, meine liebe Lange, die Grazie ist der Teufel, der in diesem Volke steckt. Gott behüte deine arme, reine Seele vor diesem Satan!« Prisca meinte lachend: »An mich ungelenkes, eckiges deutsches Ding macht sich der Versucher gar nicht heran. Wer von allen Grazien verlassen ist, auf den hat der leibhaftige Gottseibeiuns, der dort drüben sein Wesen treiben soll, überhaupt keine Absichten.« Aber mit der Miene einer Sibylle antwortete das Glöcklein: »Gerade darum.« Prisca baute Luftschlösser und entführte dabei ihre Freundin von der Isar hinweg an den Tiberstrand. »Wenn mein erstes großes Bild gemalt und glücklich verkauft ist – ich verkaufe es selbstverständlich sofort, so komme ich umgehend und hole dich herüber: mit dem Eilzug in der zweiten Klasse! Dann gründen wir vor der Porta del Popolo eine römische Solitude. Darin hausen wir beide – mit deinen sämtlichen Hoheiten natürlich. Gismondas matte Augen bekamen einen feuchten Schimmer; ein leuchtendes Lächeln huschte über das welke Gesicht: »Ach ja, Prisca. Mit meinen Hoheiten in dem großen, ewigen Rom! Aber,« so setzte sie kleinmütig hinzu, »es geht doch wohl nicht. Denn was sollten die hiesigen Münchner Herrschaften wohl von mir denken, wenn sie am Sonntag nicht mehr von mir gegrüßt würden? Ihre kaiserliche Hoheit, Prinzeß Gisela, haben mich erst letzthin durch ein ganz besonders huldreiches Nicken ausgezeichnet. Höchstdieselbe müßte mich ja für ganz abscheulich undankbar halten, wenn ich von München fort nach Rom gehen wollte.« Prisca erlebte, was wohl jeder erlebt, der zum erstenmal die Wanderschaft nach dem Süden antritt, die selbst in unsrer Zeit noch für manchen eine Wallfahrt bedeutet. Mit welcher Wonne studierte sie Landkarte, Fahrplan und Reisebuch immer und immer wieder. Stieß sie dabei auf den Namen Rom, so klang und rauschte es ihr durch das Gemüt wie das Wort der Verheißung, wie eine Verkündigung des Heils. Das Einpacken ward zum Fest. Als sie im Reisebureau an dem Promenadeplatz das Billett löste – auf Glöckleins flehentliche Bitte hin zweiter Klasse und für den Schnellzug – da klopfte ihr das Herz, als ob sie postlagernd unter Chiffer »Hoffnung« ihren ersten Liebesbrief abholte. Dann machte sie ihrem lieben Rottmann unter den Arkaden einen Abschiedsbesuch. »Trient, Verona. Wenn ich morgen an euch vorbeikomme, ist es leider schon Nacht. Wenn ich übermorgen aufwache, bin ich da!... Es war zu dumm von mir, dem guten Glöcklein nachzugeben und zweite Klasse zu fahren. Für das viele Geld hätte ich eine halbe Woche in Florenz bleiben können. Aber meine treue Hofdame lamentierte gar zu erbärmlich. Ich will es also in Gottes Namen machen wie Goethe, der auch nirgends Ruhe hatte, als bis er durch die Porta del Popolo einziehen konnte: jetzt hast du dein Rom sicher! ... Roma ! Da ist es! So leuchtend, so herrlich, so unfaßlich groß. Roma antica! O ihr Säulen auf dem Forum! ... Übermorgen mittag komme ich an. Dann gehe ich sogleich über Kapitol und Forum nach dem Palatin. Übermorgen – Prisca Auzinger! Ja, ist es denn nur möglich?« Und sie dachte an ihren armen Vater, und daß sie jetzt wirklich dahin, dahin zog – ohne ihn. * Glöckleins helles Stimmchen war schon seit einer Woche vor Wehmut ganz matt, und an diesem allerletzten Tage erfüllte es die Gemächer der Solitude mit leisem Klageton. Gismonda hatte für den letzten afternoon tea , ihr herrlichstes herzogliches Service aufgestellt und zum Souper ein eingemachtes Huhn mit Nudeln bestimmt. Statt der vulgären Petroleumlampe brannten an diesem Abend auf einem Armleuchter aus versilbertem Zinn fünf Kerzen, deren festlicher Glanz in Glöckleins Gemüt die Finsternis des Trennungsschmerzes ein wenig erhellte. »Schicke mir ums Himmels willen ein Tagebuch. Ich beschwöre dich! Und wenn du das Fieber bekommst, daran in Rom die Menschen wie die Fliegen sterben sollen, dann zerkoche gleich in einem Glase Rotwein eine Limone. (Die wachsen dort ja an den Bäumen wie bei uns Äpfel und Pflaumen.) Davon mußt du jede Stunde einen Eßlöffel voll nehmen ... Ach Gott, und die Modelle! Da drüben nimmst du gewiß sofort ein Modell ins Haus, und einer davon sticht dich tot. Übrigens ist es auch ganz unschicklich für eine junge Dame, nach lebendigen Modellen zu malen. Wozu auch? Bis jetzt war ich so stolz auf dich ...« Ein Klang der Hausglocke unterbrach des Glöckleins Jeremiade, der Prisca mit einem träumerischen Lächeln zuhörte. Da die Aufwärterin, welche an diesem Abend ausnahmsweise in der Solitude anwesend war, hinreichend mit dem eingemachten Huhn und den Nudeln zu tun hatte, ging Gismonda selbst, um zu öffnen. Sie kam mit einer bürgerlich aussehenden Frau zurück, die ein gedrücktes Wesen und ein vergrämtes Gesicht hatte. »Besuch für dich, Prisca. Frau Pirngruber hat gehört, du reisest nach Rom, wo sie eine Tochter hat. Sie sagt, ihre Tochter sei mit dir zusammen in die Schule gegangen.« Prisca erinnerte sich sofort der hübschen, lustigen Fanni Pirngruber. Auch daß sie schon seit vier Jahren in Rom sei, fiel ihr jetzt ein. Sie freute sich sehr, dort eine Schulkameradin wiederzufinden, und fragte nach ihrer Adresse. »Ich habe sie Ihnen aufgeschrieben mitgebracht, denn ich wollte Sie recht sehr bitten, sich einmal nach unsrer Fanni umzusehen. Wir hören gar nichts mehr von dem Kinde; es ist gewiß etwas mit ihr geschehen. Aber was? Als sie damals vor vier Jahren nach Rom ging, meinten wir, sie käme direkt in den Himmel, da doch in Rom der Heilige Vater ist und Sankt Peter, der den Himmelsschlüssel hat. Und ihre Stelle als Bonne für die beiden kleinen Mädchen des Herrn Cavaliere – den Namen kann unsereins nicht aussprechen; er steht hier aber aufgeschrieben ... Sehen Sie, liebes Fräulein Auzinger, fünfzig Mark monatlich und freie Station, und dann in Rom, wohin doch immer gewallfahrtet wird, und wo mehr Kirchen sein sollen als bei uns Häuser – unsre Fanni konnte sich ja gar nichts Besseres wünschen. Alle Monat schrieb sie, schickte Geld und tat, als wäre sie im gelobten Lande. Denken Sie sich, alle Tage Wein! Die Kinder waren nett, die Frau Cavaliere kümmerte sich im Hause rein um gar nichts, und der Herr – na, der muß so ein rechter Welscher sein; die Fanni mochte ihn nicht ausstehen, was mir ganz lieb war. Denn bei solchen Italienern weiß man ja gar nicht, wie sie eigentlich sind. Aber dann weniger, immer weniger Briefe. »›Was denn wäre?‹ fragten wir. – ›Nichts wäre‹, antwortete sie. ›In Rom gäbe es jetzt schlechte Luft, die könnte sie nicht vertragen, und einmal hätte sie auch schon das römische Fieber gehabt.‹ ›Da sollte sie doch nach Hause kommen,‹ schrieben wir. ›Das könne sie nicht, der Kinder wegen. Die Frau Cavaliere bekümmere sich eben um rein gar nichts, und sie müsse der Kinder wegen dableiben.‹ Das war ja nun brav von der Fanni. Und von ihm, dem Herrn Caoaliere, keine Silbe. »Jetzt schreibt sie fast nie mehr, schickt auch kein Geld, so not es uns tut bei den schweren Zeiten. Und älter wird man auch. Und alles ist hier so teuer. Bitten möchten wir die Fanni nicht. Wozu erst bitten? Sie weiß es ja. »Und wenn sie uns einmal schreibt, merkt man, daß es sehr vergnügt klingen soll. Es klingt aber sehr traurig. Von der schlechten Luft und dem römischen Fieber kein Wort mehr. Auch von der Frau und dem Herrn Cavaliere kein Wort. Nur immer von den Kindern: sie müsse und müsse bei den Kindern bleiben. »Was sollen wir tun? Liebes Fräulein, nicht wahr, Sie besuchen unsre Fanni und schreiben uns, wie es ihr geht?« Prisca tröstete die bekümmerte Frau und versprach der Dankbaren, ihre Tochter sofort aufzusuchen. Nach ihrem Weggang blieb sie in nachdenklicher Stimmung zurück. Aber nun trat Gismonda ihr Herrscheramt an. Mit hundert kleinen, listigen Künsten verstand sie es, ihrer lieben Langen über die tiefe Wehmut der letzten Stunden des Beisammenseins hinwegzuhelfen. * Priscas Reisetag fiel in die letzte Novemberwoche und war so dunkel wie des Glöckleins Gemüt. Die kleine Dame hielt sich jedoch tapfer. Sie schwärmte von dem blauen Himmel Roms, beschwor ihre liebe Lange, für die Bilder Ihrer Hoheiten dann und wann in einem Schächtelchen frische Blumen zu schicken – so recht mitten im Winter! und unterdrückte, Prisca zuliebe, jeden Ausbruch von Mißtrauen gegen die Italiener, die ihr nun einmal in tiefster Seele verhaßt waren. Natürlich fuhr sie mit zur Bahn, dermaßen in herzogliche Tücher eingewickelt, daß sie sich unter Priscas Siebensachen wie ein Stück Handgepäck ausnahm. Auf dem Perron trippelte sie eilfertig neben ihrer letzten und liebsten Freundin auf der Welt her und rief in hellstem Glockenton: »Rom, zweite Klasse!« Dann stellte sie sich vor der offenen Coupétür auf das Trittbrett und schien Lust zu haben, dem Schaffner, als er die Tür schließen wollte, mit ihrem gewaltigen Regenschirm zu Leibe zu gehen. Jedenfalls wich sie nicht eher, als bis sie ein in weißes Seidenpapier gewickeltes, mit rosa Seidenband gebundenes Paket Schokolade aus der Tasche gezerrt hatte. Das schleuderte sie in den Wagen, der sich bereits in Bewegung setzte, schluchzte laut, sprang vom Trittbrett herab und stürzte davon. Ohne sich an das Lachen der Leute zu kehren, lief sie zum Bahnhof hinaus. Bitterlich weinend stieg sie in ihren Schwabinger Tram, kehrte sie in ihre einsame Solitude zurück. Zu Mittag gab es ein winziges Stückchen Rindfleisch, das in einer wässerigen Brühe schwamm, und zum erstenmal lag dazu kein Menü der Hoftafel auf. 6. Die Fahrt ins gelobte Land An diesem Tage fiel Priscas letzter Blick aus dem Wagenfenster unmittelbar hinter Ala auf lange Strecken öder Schneefelder. Dann schlief sie trotz aller Erwartung und Aufregung fest ein. Als sie erwachte, glaubte sie zu träumen. Im hellen Morgenlicht frühlingsgrüne Felder mit schlanken Bäumen, deren Stämme und zartes Laubwerk in hellem Silberglanz leuchteten. Die glanzvollen Haine stiegen aus der Ebene in weichen Wellen hügelan, umhüllten helle, mit fröhlichen Altanen geschmückte Landhäuser und ließen die schimmernde Laubflut ihrer Wipfel um schöngeformte Höhen branden. Hierauf ein ausgedehntes Tal, von lieblichen Bergketten umschlossen, mit grauen Städten auf den Gipfeln, die sich in langgeschwungenen, herrlichen Linien über den Ölwäldern hinzogen. Jetzt eine große Stadt. Schlanke Türme, Kuppeln, Paläste, immergrüne Gärten. Mitunter eine steife, hohe Zypresse, scharf die Luft durchschneidend. Der Zug hält. Laute einer fremden, klangvollen Sprache schlagen an Priscas Ohr. »Firenze!« Prisca Auzingers Kindertraum war erfüllt, war zur Wahrheit geworden! In Florenz stieg ein junger Deutscher zu Prisca, der es seltsam vorkam, daß alle Welt nicht voller Erstaunen sie anstarrte: ›Wie kommst denn du nach Italien?‹ Prisca mußte aber ihrerseits den Landsmann immerfort anschauen, ein Benehmen, über dessen Unschicklichkeit das Glöcklein einfach außer sich geraten wäre. Indessen, ein deutscher Reisegefährte auf dem Wege zwischen Florenz und Rom! Und dann: genau so mußte ihr armer Vater ausgesehen haben, bevor er ihre arme Mutter geheiratet hatte. Der junge Fremde war hünenhaft groß. Eine schlanke, athletische Gestalt, helles, gelocktes Haar um ein Gesicht, darauf es wie ein Schimmer unsterblicher Jugend lag. Die blauen, strahlenden Augen, die tiefroten, lachenden Lippen – Prisca Auzinger, voll harmloser Freude über das sonnige Menschenkind, gestand sich: ›Das ist der schönste Mann, den du jemals sahst.‹ Auch sie schien dem Reisegefährten aufzufallen und ihm, seinem warmen Blick nach zu urteilen, sehr sympathisch zu sein, ein Geschmack, der des Glöckleins lieber Langen unverständlich erschien. Er mußte sie ja grundhäßlich finden! Besonders wenn er von ihr hinweg auf diese paradiesische toskanische Landschaft blickte. »Wie schön! Wie wunderschön!« Prisca rief es unwillkürlich laut aus bei dem Anblick eines mit Zypressen und Steineichen bewachsenen braunen Tuffsteinhügels, der wie ein Gemälde von Böcklin auf der saftgrünen, mit gelben Blumen gesprenkelten Wiese inmitten von Sonnenfluten dalag. In ihrer Begeisterung hatte sie gar nicht daran gedacht, daß sie nicht mehr allein war. »Reisen Sie etwa um der Schönheit willen nach Italien, mein Fräulein?« rief eine wohllautende Männerstimme spöttisch. Das war nun eine seltsame Frage! Verdutzt wandte sich Prisca nach dem Sprecher um, dessen ganzes Gesicht leuchtende Heiterkeit und Schönheit war. »Aber, mein Gott! Reisen denn Sie nicht um der Schönheit willen nach Rom?« »Ich? Ganz und gar nicht! Das sollte mir einfallen. Um der Schönheit willen? Gewiß nicht!« Prisca mißtraute ihren eignen Ohren. »Weshalb gehen Sie sonst nach Italien?« »Ich habe für Rom vom Staat ein Stipendium erhalten. Also muß ich in Gottes Namen von Staats wegen nach Rom gehen.« »Wie sonderbar Sie das sagen. Sind Sie Archäolog oder Historiker?« »Keines von beiden, sondern Maler.« »Ja, aber –« »Das scheint Sie in Erstaunen zu versetzen?« »Ich verstehe gar nicht ... Sie sagten doch vorhin, daß Sie nicht um der Schönheit willen nach Rom gingen?« »Ganz gewiß nicht.« »Aber Sie sind doch ein Künstler?« »Und zwar ein leidlich guter. Wenigstens halte ich mich selbst für einen solchen. Was die andern zu meiner Malerei sagen, das gesamte kunstsinnige Publikum, kümmert mich nicht im geringsten. Das Stipendium hat man mir doch geben müssen. Wäre es wenigstens für Holland oder die Normandie gewesen, anstatt für dieses typische, langweilige Rom.« Prisca stammelte: »Verzeihen Sie, aber ich verstehe Sie wirklich nicht. Sie müssen nämlich wissen, daß ich selbst Malerin bin und eben jetzt im Begriff stehe, die Erfüllung meines sehnlichsten Wunsches zu erreichen.« »Ach so! Sie gehen nach Rom, um in der ewigen Stadt mit Pinsel und Palette der sogenannten »göttlichen Schönheit« zu Leibe zu gehen?« Und der »Schönste der Männer« brach in ein herzliches Lachen aus, das so sonnig war wie der ganze Mensch. Immer verwirrter wiederholte Prisca: »Ich verstehe Sie ganz und gar nicht.« »Sehr einfach: alles Schöne – was man so nennt – ist mir unleidlich, ist mir geradezu verhaßt. Eine sogenannte schöne Landschaft, schöne Beleuchtung, schöne Linie und vor allem einen schönen Menschen finde ich unausstehlich. Für mich ist nur das sogenannte Häßliche schön.« »Also darum gefalle ich dir,« dachte die ehrliche Prisca inmitten ihres Entsetzens. Sie mußte sich eine Weile besinnen, ehe sie den fanatischen Anbeter des Unschönen fragen konnte: »Und was malen Sie eigentlich?« Fast hätte sie hinzugesetzt: Sie Unglücklicher? »Was ich male? Alles, was mir gefällt. Also alles, was man allgemein häßlich findet.« »Zum Beispiel?« »Einen häßlichen Menschen, eine häßliche Mauer. Oder eine langweilige Landstraße, oder den niederträchtigsten Regenhimmel, und was in solche Lust paßt: eine in Lumpen gehüllte Gestalt, ein Kehrichthaufen, eine Pfütze, oder sonst etwas recht Trostloses und sogenannt Unschönes.« Er sagte das mit solchem heiligen Ernst, solcher inbrünstigen Überzeugung, daß jede Übertreibung ausgeschlossen schien. Dabei kam er Prisca von Minute zu Minute strahlender und schöner vor, in Wahrheit eine glanzvolle Menschengestalt. »Und Sie gehen nach Rom,« sagte sie nach einer Weile leise, fast traurig. »Werden Sie auch in Rom malen?« »Gewiß. Ich lebe nur, wenn ich arbeite. Und ich will unersättlich leben. Denken Sie doch, wie jung ich noch bin!« »Aber was werden Sie denn in Rom malen? Bitte, stellen Sie sich das doch nur vor: in Rom!« »Ich werde mir in Rom ein möglichst großes Atelier mieten, mir darin eine möglichst große Leinwand aufspannen und irgendeine römische Straßenszene malen. Etwa ein altes, fieberkrankes Weib, gegen eine zerbröckelnde Mauer lehnend. Oder sonst etwas dergleichen.« »Sie werden aber doch in den Vatikan gehen?« »Zum Heiligen Vater?« »Zu Raffael und Michelangelo.« »Aber wozu denn?« Prisca sah von jetzt ab steif aus dem Fenster. Sie fuhren am Berg Soracte vorbei, und das große Epos der römischen Landschaft begann. Obgleich der junge Fremde Prisca weniger anging als der antike Meilenstein draußen an der Landstraße, fühlte sie doch gegen ihn Zorn und Schmerz im Herzen. Er war ein Deutscher! Und die gute Seele schämte sich ihres Landsmanns mit dem strahlenden Siegfriedgesicht und dem sonnigen Lachen. 7. Erste Eindrücke Die römische Campagna! Die christlichste Seele konnte beim Hochamt nicht andachtsvoller durchschauert werden, als es jetzt Prisca geschah. Sie durchfuhr eine Galerie von Rottmann, Preller, Claude Lorrain, die Wirklichkeit geworden war. Die weite, wüste Steppe mit den Herden silbergrauer, mächtig gehörnter Rinder und langmähniger Pferde, welche, vor dem Bahnzug in wilder Flucht davonjagend, von dem berittenen Hirten im schwarzen, flatternden Mantel, mit lanzenähnlichen Stecken zusammengehalten wurden ... Das zerrissene gelbe Tiberbett mit den olivenfarbenen Wogen und der Wildnis vertrockneter Farnkräuter am Ufer ... Tiefe, geheimnisvolle Schluchten voll dunkeln Lorbeers, darunter gewiß ein Nymphlein schlummerte, ein junger Faun die Flöte blies ... Braune, steile Hügel mit braunem, altem Römergemäuer, welches langsamen, lautlosen Fluges Falken umkreisten ... Das schimmernde Sabinergebirge mit seinen hochgelegenen trotzigen Bergstädten, inmitten der Felsenwildnis und Einsamkeit ... Und Prisca gedachte ihres armen Vaters, dessen Sehnsucht bis zu seiner Todesstunde »dahin, dahin« gestrebt hatte. Dann verwilderte Gärten, dunkle Haine. Hier Pinien, dort Zypressen! Verlassen aussehende Landhäuser mit zerbrochenen Marmorbildern. Ruinen. Immer wieder Ruinen. Mehr und mehr! Der zertrümmerte Bogenbau einer antiken Wasserleitung. Unmittelbar neben der Bahn blaues Basaltpflaster einer antiken Landstraße. Volk der Sabina zu Fuß, zu Pferd, im zweiräderigen bunten Karren. Die Albanerberge mit einem leuchtenden Städtekranz. Noch immer Ruinen! Und dann – ja dann war Prisca Auzinger in Rom. * Das Getöse des römischen Lebens betäubte sie, der Eindruck der modernen häßlichen Straßen bewirkte einen traurigen Rückschlag ihrer bis zum Himmel gehobenen Empfindung. Mechanisch wiederholte sie die Adresse, die ihr hellockiger Landsmann ihr auf dem Perron beim Abschied zugerufen hatte. Es war eine Atelieradresse: Villa S... vor der Porta del Popolo. »Dort sehen wir uns wieder, Kollegin!« Und der ganze Mensch hatte sie angelacht und angeleuchtet wie römischer Sonnenschein. Aber Prisca wäre über die »Kollegin« fast zornig geworden. Denn sie, die Tochter Joseph Auzingers, das geistige Patenkind des alten Rottmann, die Kollegin eines Menschen, der nach Rom ging, nur weil er für Rom ein staatliches Stipendium erhalten hatte; eines Menschen, der nicht die Sixtinische Kapelle, nicht die Stanzen besuchen würde, denn: »Wozu?« Prisca die Kollegin eines Menschen, der ein Künstler sein wollte, und zwar ein leidlich guter, und dabei solche Lästerungen wider den heiligen Geist ausstieß? Noch dazu mit solchem Gesicht! Schon in München hatte Prisca mit Hilfe ihres lieben Glöckleins jedes im Bädeker verzeichnete römische Gasthaus einer so eingehenden Betrachtung unterzogen, als das ein bloßer Name nur irgend zuließ. Das Glöcklein war zuerst für das Albergo der »Minerva« begeistert, weil diese so wohltönende Fremdenherberge Eigentum einer geistlichen Genossenschaft war. Als es aber vernahm, die »Minerva« gehörte dem Jesuitenorden, legte sich ihr Enthusiasmus vollständig, und Priscas Hofdame sprach ihre heilige Überzeugung dahin aus, daß in dem Gasthause zur männlichen Heidengöttin junge unbeschützte Damen von den Jesuiten mittels Maccaroni und Risotto vergiftet würden. Schließlich hatte man sich in der Solitude über ein bescheideneres Absteigequartier dritten Ranges in der Via Bocca di Leone geeinigt, eine Straße in unmittelbarer Nähe des Korso und des Spanischen Platzes: des Spanischen Platzes, liebes Glöcklein, mit der berühmten Spanischen Treppe! Sie mußte ihrer kleinen Anstandsdame den Namen der Straße in ihr geliebtes Deutsch übertragen: Bocca di Leone: Löwenrachen. Darob war großes Jammergeschrei entstanden: der Szylla des Jesuitenhotels glücklich entronnen, sollte ihre liebe Lange ein Opfer der Charybdis und direkt vom Rachen des Löwen verschluckt werden. Aber Prisca beharrte auf ihrer Wahl. Ein schmales Zimmer, mit Ziegelsteinen gepflastert, mit grellroten Vorhängen, goldgelben Möbelbezügen und einer gewaltigen eisernen Bettstatt, dunkel und öde. Ach, und kalt, eisig kalt ... Aus ihrem Fenster, dessen Scheiben von der Gottesgabe des Wassers nichts wußten, blickte Prisca durch einen Schleier von Staub und Schmutz in einen engen Hof hinab, dessen graues Mauerwerk von oben bis unten mit aufgehängter Wäsche drapiert war. Aber aus der Tiefe leuchtete ein über und über mit scharlachroten Blüten bedeckter hoher Kamelienbaum zu ihr herauf, und in einen altrömischen Marmorsarkophag fiel aus dem Munde einer antiken Maske ein Wasserstrahl rauschend nieder. Wunderbar und wundervoll war auch die Mahlzeit in dem echt römischen Gastzimmer des kleinen Albergo. Es war eine wahre Wonne, mit dem braunen, schlanken Knaben, der sie bediente, in ihrem besten Italienisch zu plaudern. Sogar die römische Speisekarte vermochte sie so ziemlich zu entziffern. War das ein Stolz! Etwas schmerzlich empfand sie allerdings, daß ihr statt der sehnlich erwarteten Suppe eine merkwürdig süße Speise: »Zuppa inglese« oder »betrunkener Zwieback« als erstes Gericht vorgesetzt wurde. Aber mit den Maccaroni hatte sie es durchaus richtig getroffen. Und welch ein aufgehäufter Teller! Und dazu der rote Wein von den Castelli romani in einer winzigen, strohumflochtenen Flasche. Und das Dessert, bestehend aus in Italien gepflückten Orangen, in Italien getrockneten Feigen ... Über Wein und Dessert machte sich Prisca heftige Gewissensbisse. Aber die Ankunft in Rom mußte doch gefeiert werden! Eigentlich war es eine Schande, in Rom zu sein und in einem häßlichen, dunkeln Zimmer zu sitzen und wie ein Werwolf zu essen. Zum Glück waren es Maccaroni alla napolitana – einen Kalbsbraten hätte sie sich niemals verziehen. Auch mußte sie gleich bei dieser ersten Gelegenheit die beunruhigende Entdeckung machen, daß sie ihren Münchner Appetit auch nach Rom mitgebracht hatte. Aber dann eilte sie hinaus. Es dämmerte bereits: die Dämmerung des Südens mit ihren durchleuchteten Schatten und einem in flammendem Abendrot stehenden Himmel, dessen Widerschein die hellfarbige Tünche der Häuser, den goldigen Travertin von Kirchenfassaden, Palästen und Ruinen in Gluten auflodern ließ. Gleich einer goldenen Himmelsleiter lag vor Prisca die Spanische Treppe, gekrönt mit dem Obelisken des Augustus und der Kirche Trinitá dei Monti, von einer feurigen Aureole umflossen. Die bunten Gestalten der römischen Modelle, die auf den Treppen ihr munteres Wesen trieben, erschienen ihr wie die Bewohner einer andern Welt. Das Plätschern und Rauschen des Brunnens auf dem Platz; die Menge der von der Korsofahrt heimkehrenden Wagen und schönen Equipagen; die vielen Blumenverkäufer mit den wandelnden Blumenbeeten auf dem Kopfe; das Gedränge der Spaziergänger aller Nationen – alles steigerte die unirdische Stimmung, darin sie sich befand. Immer wieder aber bestaunte sie diese Blumenfülle mitten im Winter. Welche Massen von Blumen, die ihr angeboten wurden, die sie alle hätte kaufen können: Narzissen und Anemonen, Rosen und Kamelien, Azaleen und Veilchen, einen ganzen deutschen Frühling von Veilchen! Sie ging durch die Condottistraße und gelangte auf den Korso, den eine doppelte Reihe von Equipagen füllte, und den Massen von Fußgängern sperrten. Im Gedränge eingekeilt, stand Prisca und sah die Schönheiten der römischen Aristokratie in den Wagenpolstern lehnen, mit jener göttlichen Anmut, davon sie selbst nichts, gar nichts, besaß und die sie doch so ganz gefangennahm. Dann ließ sie sich von dem Menschenstrom der Richtung zutreiben, wo, wie sie wußte, Kapitol und Forum lagen. Sie fragte möglichst oft nach dem Wege, und wäre es auch nur gewesen, um die Laute der fremden Sprache zu hören, dieser Sprache, die schon so viele Herzen berückt und berauscht hat, für so viele zum verderblichen Sirenengesang geworden ist. Um sich herum hörte sie Französisch, Englisch, Deutsch sprechen, was sie in Empörung versetzte; namentlich ihre eigne Muttersprache deuchte ihr unleidlich. Sie war doch nicht nach Rom gekommen, um Deutsch reden zu hören: Norddeutsch und Sächsisch! Die Dunkelheit war angebrochen, als sie zwischen Palmen und Blütenbüschen zu dem feierlichsten Platze Roms emporschritt. Die Finsternis erhöhte das Geheimnisvolle der unbekannten Stätte. Der Mann auf dem bronzenen Pferde war also Marc Aurel, und jene majestätische Treppe vor dem Senatorenpalast, diese lange, festliche Säulenhalle des andern, den engen Raum abschließenden monumentalen Baues, hatte Michelangelo erdacht ... Und jetzt stand Prisca über dem Forum. Unter ihr lag die Größe der römischen Welt in Trümmer zerschlagen; feierliche Säulen stiegen, wie einsame stolze Menschengeister, aus Verwüstung und Verfall zu einem strahlenden Sternenhimmel empor. Ihr gegenüber der gigantische Schattenriß des Kolosseums und schmal und lang, ein Ruinenberg darauf die Wipfel von Palmen und Zypressen scharf von dem hellen Himmel sich abhoben. Der Palatin! Und Prisca dachte bei diesem Anblick, daß sie, die Glaubensstarke, eine Wallfahrt angetreten habe und im Allerheiligsten angelangt sei. Ihre demütige, sehnsüchtige Seele warf sich der Gottheit zu Füßen und flehte um Kraft für den Kampf, den sie bestehen wollte; für den Kampf, sich selber treu zu bleiben bis zum letzten Atemzuge. Und in ihr tief erregtes Gemüt zog ein feierlicher Friede, ein großes, festliches Glücksgefühl. 8. Unter Lorbeer und Rosen Auf einem Hügel bei der Villa Borghese, zwischen hohen Lorbeer- und Laurustinuswänden, durch Rosenhecken von der Welt abgeschlossen, eine kleine Kolonie von Künstlerbehausungen, und Prisca die glückselige Bewohnerin eines solchen Wunderbaus. Rings um sie her Ateliers und Kollegen! Es kostete sie einen kleinen Kampf, bevor sie sich entschloß, dem guten Glöcklein das Entsetzliche mitzuteilen. Nachdem sie das Geständnis abgelegt, überhäufte sie sich mit Vorwürfen, die Gemütsruhe des treuen Geschöpfes gestört zu haben. Zum Glück hatte sie verschwiegen, daß ihr deutscher Reisegefährte, dessen ihre ehrliche Künstlerseele sich geschämt hatte, jene junge, strahlende Siegfriedgestalt, ihr nächster Nachbar geworden war. Übrigens kümmerte sie sich vorderhand gar nicht um ihre malenden und meißelnden Kollegen, sie hatte zuviel mit sich selbst zu tun. Die Herrlichkeit Roms überwältigte sie, und sie war dem Ansturm von Eindrücken gegenüber machtlos. Wie würde das Chaos jemals sich ordnen, wie sollte sie in dem Schwall von Schönheit sich jemals zurechtfinden, jemals so weit zur Ruhe gelangen, daß sie mit festem Geist und sicherem Blick aus der Überfülle von Motiven dasjenige herausgriff, was für sie naturgemäß war?! Allein römisches Licht und römische Luft leidlich anständig auf die Leinwand zu bekommen, bedurfte sie einer vollständig neuen Technik, deren Schwierigkeiten sie anfangs ratlos machten. Das beschämende Gefühl ihres Nichtkönnens, das grausam klare Bewußtsein ihrer Unzulänglichkeit, ihrer jammervollen Kleinheit, überfiel sie oft mit solcher Gewalt, daß sie tagelang umherschlich, als hätte sie das römische Fieber. Sie war unfähig, Pinsel und Palette anzurühren. Jeder Blick aus dem Fenster ihres Ateliers erfüllte sie mit schmerzlicher Wonne, und Tag für Tag entrang sich ihrer Seele der Entzückungsruf – der Angstschrei: ›Heilige Gottheit, wie schön! Wie unsäglich schön! Wer das malen könnte! ... Ich kann es nicht.‹ Aber Tag für Tag nahm sie sich kräftig ins Gebet: ›Holla, meine liebe Lange! Was ist denn das mit dir? Du bist ja das schwächlichste, erbärmlichste, unnützeste Malerwesen, das die Sonne bescheint. Noch dazu ist es die Sonne Roms, du jammervolle Kreatur! Gleich benimmst du dich anständig! Wer eine neue Sprache lernen will, der muß mit dem Abc anfangen. Also tapfer buchstabiert, mein Fräulein! Rom ist nicht in einem Tage erbaut – Rom malen wird nicht in einem Tage gelernt. Mutig begonnen, sonst ist eine gewisse Prisca Auzinger das erbärmlichste Geschöpf auf der Welt. Was würde das Glöcklein dazu sagen? Das würde ein Gebimmel hören lassen. Pfui, schäme dich, Lange!‹ In solcher Weise las sie sich gehörig den Text, was wenigstens so viel bewirkte, daß es sie aus ihren tatlosen Träumereien riß und ihr am Ende der zweiten Woche ihres römischen Aufenthaltes – allerdings etwas gewaltsam – den Pinsel in die zögernde Hand drückte, um das erste beste: eine von Rosen durchrankte Lorbeerwand, unter strahlendem Himmel, in strahlender Luft abzukonterfeien. Selbst das war schwer genug! Mit dumpfer Verwunderung sah sie zu, wie ihr germanischer Nachbar, der junge Siegfried, vor seinem Atelier eine gewaltige Leinwand aufspannte und ganz unverfroren frisch drauflos pinselte. Das häßlichste aller Modelle Roms ließ er der Länge nach in allen seinen Lumpen auf dem staubigen Boden mitten in der Sonne sich lagern. Das war das »Bild«. Rom nach allen Richtungen durchstreifend, war Prisca noch immer nicht im Vatikan gewesen. Sie wollte sich erst etwas mehr sammeln und fassen, sich erst mehr vorbereiten auf das Größte unter all dem Großen. Aber bei ihrer rückhaltlosen Aufrichtigkeit gegen sich selbst, erkannte sie ganz richtig, daß dies nur ein Vorwand und der eigentliche Grund dieser Unterlassungssünde Schwäche und Feigheit war. Fast täglich kamen Briefe aus München vom Glöcklein. Das kleine Wesen behauptete steif und fest, gar keine Sehnsucht nach ihrer lieben Langen zu empfinden und mit Hilfe ihrer unerschöpflichen herzoglichen Menüs so vergnügt wie Gott in Frankreich zu leben – wäre in Rom nur eines nicht gewesen: jene lorbeerumgrünte, rosendurchduftete Künstlerkolonie auf dem Hügel bei der Villa Borghese! Die reizvolle Niederlassung deuchte der kleinen Hofdame tausendmal schrecklicher als Jesuitenhotel und Löwenrachen zusammengenommen. In einem ihrer Briefe berichtete sie, daß die gute Frau Pirngruber bei ihr gewesen sei, um sich zu erkundigen, ob das »liebe« Fräulein Auzinger noch immer nicht ihre arme Fanni besucht habe. Den nämlichen Tag, da diese leise Mahnung aus bedrängtem Mutterherzen in Rom eintraf, trat Prisca, einer schmählichen Selbstsucht sich anklagend, den Weg zu ihrer alten Schulkameradin an. Der Cavaliere Ottavio Brugnoli wohnte am Barberinischen Platz. Prisca mußte die enge, finstere, schmutzige Steintreppe bis zum obersten Stock hinauf. Oben stand die Tür weit offen, eine kreischende Frauenstimme, wüstes Kindergeschrei, ein brutales Schimpfwort aus Männermund drangen aus der Wohnung auf den Flur. Zaudernd blieb Prisca vor der Schwelle stehen. Eine Klingel existierte nicht, und ihr etwas beklommener Ruf ging bei dem Getöse verloren. Also schritt sie endlich vorwärts durch einen Flur, der einer Rumpelkammer glich, einem Zimmer zu, dessen Tür angelehnt stand. Sie schaute hinein, und sie sah: Einen großen, öden Raum, der seit Wochen nicht in Ordnung gebracht worden zu sein schien, mit einer weit offenen, auf eine Terrasse hinausführenden Tür, in der Mitte des Zimmers ein mächtiges, zerwühltes Bett; und darauf, halb angekleidet, ein nicht mehr junger Mann, mit einem so fein und edel geschnittenen Gesicht wie eine griechische Kamee. Er rauchte Zigaretten und trank schwarzen Kaffee. Dabei diktierte er – der Cavaliere war seines Zeichens Journalist – einer schwarzgekleideten Frauensperson mit ungekämmtem Haar einen wütenden politischen Leitartikel. Vielmehr, er schrie seine galligen Ausfälle gegen die Regierung mit heiserer Stimme seiner Sekretärin zu. Sie schrieb ihm nicht rasch genug, so daß er seine donnernde Philippika jeden Augenblick unterbrach, um sie mit Schimpfworten zu überschütten. Die Schreiberin saß von der Beschauerin abgewendet, so daß Prisca nur ein kleines Stück des Gesichts erblicken konnte: eine hagere, fahle Wange. Sie wußte selbst nicht, wie sie dazu kam, aber sie rief plötzlich laut und angstvoll: »Fanni!« Niemals in ihrem Leben hatte Prisca ein solches Erbeben, solches Erschrecken gesehen. Als wäre ihr Name von einer Geisterstimme gerufen worden, fuhr das Mädchen in die Höhe und stand da in sprachlosem Entsetzen, zitternd vom Kopf bis zu den Füßen. Der Schreck der Angerufenen übertrug sich auf Prisca, denn dieses verwahrloste, welke, kranke, jammervolle Geschöpf war die einstmals so frische, blühende, übermütige Fanni! Ohne sich an den schönen Herrn auf dem schmierigen Bett zu kehren, eilte Prisca auf die Bebende zu. »O Fanni, was fehlt dir? Du bist krank, Fanni! Du bist sehr krank! Erkennst du mich nicht? Ach, Fanni, so sprich doch!« Aber Fanni stand regungslos und starrte mit weitaufgerissenen Augen auf die Angekommene, als sähe sie eine Erscheinung, zitterte und schwieg. »Sage mir doch, was mit dir ist.« Aber Fanni schwieg. Da rief Prisca: »Ich komme aus München. Ich soll dich von deiner Mutter grüßen.« »Meine Mutter!« Es war wie ein erstickter Aufschrei, ein Schluchzen, ein Stöhnen ... Der schöne Herr auf dem schmierigen Bett murmelte eine Verwünschung, und in der Tür des Nebenzimmers erschien eine kleine, fette Dame in schmierigem Unterzeug, das nicht unschöne Gesicht stark gepudert und das üppige schwarze Haar hoch auffrisiert. Ihre Kinder, zwei kleine Mädchen, wunderhübsche, zum Ausgehen prächtig aufgeputzte Geschöpfe, drängten sich vor. »Was ist?« fragte die fette Dame mit schriller Stimme und aufgeregtem Blick. »Eine Freundin von Fanni,« erwiderte der Cavaliere mürrisch. »Was willst du? Diese Deutschen sind alle verrückt.« Jetzt kam Bewegung in die zitternde Gestalt. Sie trat unsicheren Schrittes auf Prisca zu und stammelte noch immer mit ihrem entsetzten Blick: »O Prisca, bist du's? Komm fort! Was willst du in diesem schrecklichen Rom?« »Was ich hier will? ...« Aber Fanni rief heftig: »Schweige! Sprich nicht! Nicht hier. Komm fort.« Und indem sie Prisca mit sich fortzog, wieder ihre angstvolle Frage: »Was willst du in diesem schrecklichen Rom?« Sie führte die Jugendfreundin in ihr Zimmer. * Fannis »Zimmer« war ein fensterloser Raum, der einen schwachen Lichtschimmer durch die Küche erhielt. Das dunkle Gelaß sah genau so vernachlässigt und traurig aus wie seine Bewohnerin, die früher ihrer Sauberkeit wegen sprichwörtlich gewesen. Auf Priscas Seele legte sich die Luft dieser Umgebung wie ein Alp. Sie hätte weinen mögen. Fanni zündete eine dreiarmige messingene Öllampe an und schloß die Türe. Dann schlug sie beide Hände vors Gesicht und begann krampfhaft zu schluchzen. Prisca umfaßte sie sanft und drückte sie auf den Reisekoffer hinab, der in dem elenden Raum statt einer Kommode dienen mußte und dicht neben der Türe stand. Auch Prisca setzte sich und ließ den Kopf der Unglücklichen an ihrer Brust ruhen. Eine lange Weile blieben beide stumm. Dann begann Prisca zu reden, so leise, als liege ein Sterbender in der Kammer. »Wie war es nur möglich, Fanni, daß alles so kam?« »Meine Eltern, meine armen, braven Eltern!« Und immer wieder in dumpfer Verzweiflung die nämlichen Worte: »Meine armen, braven Eltern!« Endlich gelang es dem innigen Zureden Priscas, das Mädchen zum Sprechen zu bringen. Prisca mußte sich tief herabbeugen und angestrengt lauschen, um die mühsam hervorgestoßenen, von häufigem Schluchzen unterbrochenen Worte zu verstehen. »Zuerst war's solche Freude, als ich nach Rom kam, in ein gutes Haus, wo ich mein ehrliches Brot verdienen konnte. Es war im Sommer und die Familie in Villeggiatur drüben in Tivoli. »Aber das Heimweh zuerst, ach, das Heimweh! Bei der schrecklichen Hitze die Welt wie ausgebrannt. Keine Blume und nichts Grünes als die grauen Ölbäume und die schwarzen Zypressen. Den lieben langen Tag über schrien die Heuschrecken. »Ich verstand keinen Menschen, und niemand verstand mich. »Die Signora konnte mich von Anfang an nicht ausstehen und war immer wie in Wut gegen mich. Nur die Kinder hingen sehr an mir. Aber das Heimweh, ach, das Heimweh! »Wenn ich an mein liebes deutsches Vaterland dachte, hätte ich laut aufschreien mögen. »Da hatten sie mir so viel von dem Italien erzählt, als wenn dort das Himmelreich wäre; und mir schien's die Hölle selber zu sein. Nach Hause schrieb ich aber kein Wort davon. »Und der Schmutz und die Faulheit! Kaum daß die Menschen bei der Hitze sich anziehen mochten. Den ganzen Tag lagen sie herum und schliefen. Rein zum Ekeln war's! Oft dacht' ich: wie ist es nur möglich? Jetzt bin ich geradeso ... Und immerfort meinte ich: du hältst es nicht aus! Die ganzen Nächte lag ich wach und dachte: du hältst es nicht aus! Aber dann schämte ich mich, so schnell wieder nach Hause zu kommen, zu meinen braven Eltern. Wie müßte ich mich erst jetzt schämen – Herrgott! Herrgott! »Dann im Herbst kam Regen. Da wurde es etwas besser. Es war gerade, als wenn's wieder Frühling würde. Blumen blühten, und der Mensch konnte doch Atem holen. Ich aß etwas mehr und schlief besser. Aber das Heimweh behielt ich. »Abends gingen wir spazieren. Die Signora kam dann aus ihrem Unterrock und ihrer Nachtjacke heraus, denn nur für die Passeggiata, wie es heißt, zog sie sich an: in Samt und Seide, mit langer Schleppe. Und ebenso die Kinder. Die hatten Federhüte auf, wie bei uns keine Prinzeß. Aber zu Hause war das schmierigste Zeug gut genug. »Jeden Samstag kam aus Rom ein Freund des Herrn Cavaliere zu uns auf Besuch. Das war ein Feiner! Und blutjung. Er war ein Graf und sonst nichts. Was Arbeit war, wußte er nicht. Den halben Tag saß er im Café, und abends stand er an den Straßenecken, und bis spät in die Nacht hinein machte er im Salon den Hof. So sind hier Hunderte und Aberhunderte. »Den Kindern brachte der Herr Graf jedesmal aus Rom Süßigkeiten mit. Sie hatten ihn lieber als ihren Vater, dessen ein und alles sie doch waren. Die Mutter kümmerte sich gar nicht um sie. »Das Weib! Aber ich darf nicht den Stein aufheben – ich nicht. Lange Zeit wollt' ich's nicht glauben – ich wollte nicht. Ich war ganz krank davon, wie verrückt. Aber es war schon so; alle Leute wußten es. Ja, und keiner fand etwas dabei. Nicht einmal der eigne Mann, der doch die Kinder so schrecklich gern hatte – des andern Kinder! »Ich verstand die italienische Sprache schon ganz gut und mußte alles hören, was die Leute sich über meine Herrschaft erzählten. »Ach, das Heimweh! Und der Ekel, die Wut! Wieder packte mich's: zurück nach Haus, zurück zu meinen braven Eltern! Aber ich blieb doch ... Wie die Kinder mich dauerten! Und der Mann auch: weil er die Kinder des andern so herzlich gern hatte. Aber es soll hier so hergebracht sein; da konnte er denn auch nichts andern. »Er kümmerte sich gar nicht um mich. Nur wenn er mich zusammen mit den Kindern sah, die so sehr an mir hingen, blickte er mich an aus seinen kohlschwarzen, trübseligen Augen. Und dann dauerte er mich. »An die Eltern mußte ich lauter Lügen schreiben. Hätten sie die Wahrheit gewußt, so hätte ich gleich heim müssen; denn nicht einen Tag würden sie mich in einem solchen Hause gelassen haben, meine braven Eltern. »Und der armen Kinder wegen, die so an mir hingen, mußte ich bleiben. »Mein Herr reiste in seinen Geschäften oft nach Rom. Bisweilen kam dann der andre, der junge Feine, längere Zeit zu uns hinaus und spielte dann den Herrn im Hause. Und kein Mensch fand etwas dabei. »Im November zogen wir in die Stadtwohnung. Wie die aussah! Überall Schmutz und Unordnung. Aber wir hatten einen feinen Salon mit seidenen Vorhängen, Plüschmöbeln und einem prachtvollen Teppich. Ich ward in dieses dunkle Loch gewiesen. »Ich war bereits so an das welsche Wesen gewöhnt, daß es mir schon ganz natürlich vorkam, als ob es gar nicht anders sein könnte. Auch mein Loch von Kammer machte mir nichts aus. Aus Liebe zu den Kindern und weil mein Herr gar so traurige Augen hatte, ertrug ich alles. »In Rom gefiel mir's ganz und gar nicht; nicht einmal im Sankt Peter. Wenn ich an die beiden Türme von unsrer Liebfrauenkirche und an den lieben Marienplatz dachte, traten mir gleich die Tränen in die Augen. Aber mit dem Heimweh war es doch besser geworden. »Der Herr fing an, freundlicher mit mir zu sein, wozu die Signora nur lachte. Seit der Herr mich beachtete, zeigte sie mir ihre Abneigung weniger. Damals verstand ich das gar nicht. Jetzt weiß ich, warum. »Sogar italienische Stunden gab mir der Herr: ich wäre ein so kluges Mädchen, und in Italien seien die Frauen so dumm. Nicht einmal seine Frau könne richtig schreiben. Sie könne nur kreischen, sich pudern und Staat machen. Ich wäre so ganz anders: so frisch, so gesund und stark! Wenn ich erst gut Italienisch schreiben könnte, sollte ich ihm bei seinen Arbeiten helfen. Ich dürfte nie sein Haus verlassen – niemals! Die Kinder hingen so herzlich an mir. Ich wäre ihnen wie eine zweite Mutter, wie ihre einzige Mutter. »Ich versuchte im Hause etwas Ordnung und Sauberkeit zu schaffen. Anfangs ging es auch. Aber die Signora lachte mich nur aus und half mir in nichts; und jetzt ist's wieder, wie es immer war. »Jeden Abend kam viel Besuch. Dann sah es im Salon ganz fein aus. Und die Signora immer in Samt und Seide. Der junge Herr Graf kam Abend für Abend. Das war nun einmal so. »Auch an mich wollte er sich heranmachen. Da hörte ich einmal, wie die Signora mit ihm darüber sprach; sie kreischte, daß man's im ganzen Hause vernehmen konnte. Der Mensch lachte nur dazu. Dann nahm auch der Herr sich ihn vor, und von der Stunde an hatte ich Ruhe. Und da war ich dem Herrn so dankbar ... »So ist es gekommen! »Und jetzt – jetzt kann ich nicht mehr fort. Jetzt muß ich bleiben, der Kinder wegen; und weil ... »Meine Eltern, meine armen, braven Eltern!« 9. Prisca wird orientiert Es dauerte eine gute Weile, bis Priscas gesunde Natur die in dem Hause des Cavaliere Brugnoli empfangenen Eindrücke überwunden hatte. Einige Tage ging sie ganz verstört umher, und über dem strahlenden Himmel Roms lag es für sie wie ein schwerer Wolkenschatten. Je höher sich ihre begeisterte Seele gehoben gefühlt durch das Entzücken über die Herrlichkeit der einzigen Stadt, deren Wunder sich ihr täglich mehr offenbarten, um so unmöglicher erschien ihr, daß hier Sonne und Luft, Schönheit und Grazie den Menschen einer andern Zone derartig verderblich werden könnten, daß er unter ihrem Einfluß allmählich sittlich verkam. Schließlich kämpfte sie sich tapfer zu der Anschauung durch: der Mensch, der in Rom – gerade wie durch einen Gottesdienst, nicht geläutert wird, trägt einzig und allein selbst die Schuld daran. Denn das Land ward vom Himmel eigens dafür geschaffen, dem Gemüte eine Weihe zu geben. Und Prisca war bei solcher Betrachtung zumute, als ob ihre Existenz auf dem rosen- und lorbeerbewachsenen Hügel vor der Porta del Popolo ein Talisman wäre, der sie gegen Unglück und Gefahr, gegen jede Niedrigkeit und Häßlichkeit schützen müßte. Es war in diesem Jahre ein außergewöhnlich milder Winter mit vielen hellen und trockenen Tagen. Die Laurustinushecken waren dicht mit rötlichen Knospen bedeckt, der Lorbeer setzte bereits seine langen, gelblichen Blütendolden an, und um Priscas Atelier blühte ein großes Veilchenfeld, das ein dichter Kranz gelber Narzissen umgab. Aber den Wipfeln der Pinien und Steineichen der Villa Borghese und Medici leuchteten die Sabiner- und die Albanerberge jede Stunde in wechselnder Farbenpracht herüber. Allmählich orientierte sie sich auch über die Bewohner der andern Ateliers der Kolonie. Vielmehr, sie wurde darüber orientiert. Das besorgte der Knabe Checco, ein dreizehnjähriges Modell aus Frascati, der Prisca bediente und des Glöckleins liebe Lange sehr bald unter seinen besonderen Schutz nahm. Ja, die blonde, anmutslose Münchnerin wurde des munteren Jungen erklärte Protegé, was sie sich gern gefallen ließ. Dieses bunte, heitere Modelleben, das sich rings um Prisca entfaltete, gehört mit zu jenen geheimnisvollen, satanischen Ingredienzien, daraus für den Künstler, zumal für den deutschen, in der großen Hexenküche der Zaubertrank gebraut wird; und wer dann den vollen Becher bis zur Neige leert, der ist für eine andre Welt, als die Roms, Zeit seines Lebens verloren. Aber nur wenige, denen der Pokal kredenzt wird, haben die Kraft, ihn nach einigen tiefen Zügen wieder von den durstigen Lippen zu setzen und sich so mit knapper Not vor der ewigen Circe der Städte zu retten. Zwischen den Blumenbüschen der Künstlerkolonie wimmelte es von den schlanken Gestalten der Kinder der römischen Berge. Sie waren die tollen Geister des Ortes, die zwischen den Sitzungen tausend Possen trieben. Der Knabe Checco war der Hauptanführer. In vielfach wechselnder Gestalt erschien er Prisca. Bald steckte er in seinem leibeignen, verblaßten, bunten Heimatskostüm: bald kam er als Hirtenknabe, Sandalen an den Füßen, im langen, braunen Mantel. Oder er war als junger antiker Römer drapiert, der der Leiche des großen Cäsars nachläuft; war als Orientale in goldgestickte Stoffe gehüllt. Jetzt ein geflügelter Cherub, verwandelte er sich am nächsten Tage in Eros selbst, dessen unverhüllter Leib in der Mittagssonne wie ein Bild aus Goldbronze aus einem Rosenstrauch hervorleuchtete. Unter dem Wust seiner schwarzen Locken lachte das durchtriebenste Schelmengesicht hervor, das aber jeden Augenblick die Miene desjenigen Charakters annehmen konnte, als welchen der Künstler ihn gerade posieren ließ. Er sprach unverfälschten Frascataner Dialekt, den er, da er stolz auf seine Heimat war, um keinen Preis verleugnet hätte. Prisca verstand ihn zuerst so gut wie gar nicht, was ihn jedoch nicht im geringsten hinderte, endlos in sie hineinzureden, wobei Blicke, Mienen, Gesten ebenso beredt waren wie seine Junge. Er besorgte Priscas kleinen Haushalt und brachte aus der Trattorie in der Via Flaminia, wo die Künstler aus jener Gegend speisten, das Essen für sie herauf. Merkwürdigerweise waren es fast immer seine Lieblingsgerichte, wie zum Beispiel in Öl gebackene Artischocken, in Öl gebackene Fische und fruti di mare . Oder es waren mit reichlicher Tomatenkonserve zubereitete Maccaroni, Nudeln und allerlei problematische Ragouts. Oder er schleppte gar triumphierend die heißgeliebte, stark mit köstlichem Knoblauch gewürzte »Trippa«, auf gut deutsch »Kutteln« genannt, im Schweiße seines ehrlichen Angesichts den Berg hinauf. So geschah es, daß es dem Knaben Checco Tag für Tag prächtig schmeckte. Verspürte er – und beileibe nicht Prisca, einmal Appetit auf Vermicelli, oder Fettucini, oder sonst eine leckere Minestra, so waren diese herrlichen Genüsse jedesmal so besonders echt römisch zubereitet, daß für Priscas großen Appetit die kleinere Hälfte vollkommen ausreichte. Als Folge dieser eigentümlichen Erscheinung stellte sich bei Prisca häufig ein recht unangenehmer Hunger ein, während der Knabe Checco stets satt war. Auch sonst ließ er es sich in seiner leidenschaftlichen Fürsorge für die Signorina nicht nehmen, jeden Tag mit einem andern gutgemeinten und gutschmeckenden Leckerbissen bei ihr aufzutauchen; und er hatte die Delikatesse jedesmal mit dem ganzen Aufwand seiner Beredsamkeit für die » bionda Tedesca « besonders billig erhandelt. Gestern waren es süße Fenchelwurzeln, heute stark gesalzene und geröstete Nußkerne oder mächtige Stücke eines safrangelben glatten Kuchens; morgen würden es vielleicht gebackene Froschschenkel sein. Prisca war dankbar für die gute Absicht, und dem Knaben Checco schmeckte es wiederum prächtig. Dieser liebenswürdige braune Schlingel machte sie also mit Namen, Charakter, Eigentümlichkeiten, Geldverhältnissen und sonstigen Intimitäten ihrer Kollegen bekannt. Besonders scharf sprach er sich über das Maß von Talent eines jeden aus, und in geradezu erstaunlicher Weise wußte er Bescheid darüber, wieviel es einem jeden einbrachte. Von Priscas Talent hatte er entschieden die Ansicht, daß es ihr sehr wenig einbringen würde. Aber, wie gesagt, er protegierte sie trotzdem, was gewiß ein hübscher Charakterzug des Knaben Checco war. Sehr interessierte er sich für einen gewissen »Signor Carlo«, der eine ganz merkwürdige Persönlichkeit sein mußte. Der Frascataner erging sich über ihn in allerlei geheimnisvollen Andeutungen, denen Prisca entnahm, daß der betreffende Herr zum mindesten der Held eines Trauerspiels oder Schauerstücks sein mußte und daß dem Knaben Checco gleichfalls von einer höchst mysteriösen Persönlichkeit bei Todesstrafe verboten worden sei, über den großen Signor Carlo ihr, Prisca, ein Sterbenswörtchen zu verraten. Da sie nun um keinen Preis ein so junges, hoffnungsvolles Leben auf ihr Gewissen laden wollte, so drang sie mit keiner Silbe in ihn, jenes furchtbare Verbot zu verletzen, was Checco sehnlich zu hoffen schien. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, daß ihr über den unbekannten Herrn einige Notizen gemacht wurden. Dieser gewisse Herr Carlo war auch ein Deutscher, seinem Berufe nach ein Bildhauer. Da Prisca den Landsmann noch nicht gesehen hatte, wurde er ihr vom Kopf bis zu den Füßen geschildert und zwar mit solcher Schärfe der Charakteristik, daß sie nach Checcos Beschreibung sein Porträt hätte zeichnen können. Schön war dieser vielgenannte Signor Carlo nicht! Ein wahrer Barbar, hoch aufgeschossen, mit ungelenken Gliedern, gewaltigen Händen und Füßen; mit fahlem, sommersprossenbedecktem, völlig bartlosem Gesicht, rotbraunem, struppigem Haar. Nach Checcos Behauptung hatte er hinter blanken Brillengläsern gelbgrüne Augen und einen Blick, scharf wie eine Dolchspitze. Besonders die Weiber fürchteten sich vor den gelben, durchbohrenden Augen des häßlichen Menschen. Er war arm wie eine Kirchenmaus. Der Knabe Checco holte ihm daher weder in Öl gebackene Fritturen noch sonstige Leckerbissen. Infolgedessen erfreute er sich zwar keiner besonderen Verehrung des Knaben Checco, wußte sich jedoch trotzdem bei ihm gewaltig in Respekt zu setzen. Erstens seines bösen Blickes wegen, gegen den sich der tapfere Frascataner mittels kleiner Büffelhörner aus Korallen und Porzellan kräftig verschanzte, und zweitens weil dieser häßliche, armselige, bösartige Signor Carlo ein »gran ingenio« war. Wollte Prisca von dem großen Genie des Signor Carlo Näheres hören, so zuckte der Knabe Checco halb ehrfurchtsvoll, halb mitleidig die Achseln und sagte mit vielem Nachdruck: »Der? O der! Ein wahrer Michelangelo! Aber was wollen Sie? In unsrer Zeit! Bedenken Sie doch! Noch dazu ein Bildhauer! Wo Marmor doch so teuer ist! Und dann ein wahrer Michelangelo! Zu dumm!« Weil dieser arme geniale Signor Carlo in unsrer Zeit ein wahrer Michelangelo war, würde er sicher Hungers sterben, prophezeite ihm der Knabe Checco. Dagegen schwärmte Checco von einem andern Künstler, Mario di Mariano. So oft er von diesem sprach, glühten seine schwarzen Augen, als ob er die Mirakel eines Heiligen oder die Millionen des Herzogs von Torlonia beschriebe. In Checcos Augen war dieser wunderbare Mario di Mariano der Mann des Tages, der Bildhauer aller Bildhauer, der neue Messias der Kunst. Er war ein Neapolitaner, der Sohn eines Fischers vom Posilip. Blutjung und bettelarm war er nach Rom gekommen, hatte erst nach Jahren der rastlosesten Arbeit in dem schlechtesten Atelier der Kolonie sich einmieten können, wo er beinahe Hungers gestorben war, weil kein Mensch seine Sachen auch nur hatte ansehen, geschweige denn kaufen wollen. Und jetzt – jetzt wohnte dieser einst so armselige Mann im Palazzo Borghese, davor jeden Nachmittag die Equipagen der Fürstinnen und Herzoginnen in langen Reihen hielten. Die Ausstellung eines Werkes dieses einst so verhöhnten, jetzt so gepriesenen Mario di Mariano war ein Ereignis, das ganz Rom in Bewegung brachte; und das Werk war bereits an einen Amerikaner oder Engländer verkauft, noch ehe es aus dem Atelier kam. Jetzt besaß dieser selbe, ehemals Hunger leidende Fischerssohn die eleganteste Equipage, die berühmteste Schönheit von Rom und bei Tivoli eine Villa. Und alle diese Herrlichkeiten binnen zehn Jahren! Es geschahen in Rom eben immer noch Zeichen und Wunder. Begierig erkundigte sich Prisca: »Sind die Sachen dieses Herrn Mario di Mariano denn gar solche Meisterwerke?« »Ach was!« Sie verstand nicht. Da erklärte ihr Checco: »Es sind nicht halb solche Meisterwerke wie die Sachen des Signor Carlo. Aber der eine versteht's eben sehr gut, der andre versteht's gar nicht. Und verstehen muß man's.« Prisca mußte viel über diese beiden Künstler nachdenken. Den einen, ihren armen Landsmann, der es nicht verstand, bewunderte sie im stillen, während der glänzende Neapolitaner ihr Abneigung einflößte. Jedenfalls war es sehr traurig, daß man es auch in der Kunst »verstehen« mußte, um es in der Welt zu etwas zu bringen, wenn es auch nur eine Equipage, eine Maitresse und ein Landhaus war. Höchlichst belustigte sich Priscas kleiner Kammerdiener über ihren Landsmann, den jungen Siegfried, den Todfeind alles Schönen. Er hieß übrigens Artur Freiherr von Schönaich, führte also einen wunderschönen Namen und Titel und war aus einer Familie lauter wunderschöner, großer, blonder Menschen, den Photographien seiner Eltern, Geschwister und Vettern nach zu urteilen, die er samt und sonders mit nach Rom genommen hatte, und die von Checco als eine wahre Schönheitsgalerie begutachtet wurden. Im übrigen erklärte er pathetisch, er habe bereits manchen verrückten Forestiere gesehen, aber solchen Narren, wie diesen Signor Arturo, noch niemals. Er war seit seiner, Ankunft in Rom – Checco wußte es genau – noch nicht bis auf den Pincio gekommen, dessen Palmen und Zedern wie die hängenden Gärten der Semiramis dem Hügel vor der Porta del Popolo gerade gegenüber lagen. Die Herrlichkeiten der Villa Borghese, die er gleichfalls vor der Nase hatte, würdigte er keines Blickes; über die klassischen Linien der Sabiner- und Albanerberge ärgerte er sich nur, und einem weiblichen Modell, der größten Schönheit von Saracenesco, das sich ihm angeboten hatte, war er so grob begegnet, als wäre er der heilige Antonius von Padua und das reizende Geschöpf eine höllische Versucherin. Seine Riesenleinwand mit der staubigen Straße und der abscheulichen Alten war das Gaudium sämtlicher Modelle der Kolonie. Noch von einem andern, höchst seltsamen Kauz erfuhr Prisca durch den Mund ihres Faktotums. Es war das auch ein Landsmann und auch ein Maler mit Namen Peter Paul Enderlin, der in ganz Rom »San Sebastiano« oder »Padre Angelico« genannt ward. Zum einen Teil seines kinderreinen und sanften Wesens wegen, zum andern, weil er seit vierzig Jahren hauptsächlich Heilige malte, mit Vorliebe San Sebastian. Denn seit vollen vierzig Jahren lebte Herr Peter Paul bereits in Rom; und er wünschte sich nichts Besseres, als noch einmal vierzig Jahre dort leben zu können. Er gehörte zu jener würdigen, im Aussterben begriffenen Schar »alter Römer«, die noch von Viterbo her mit dem Vetturin angekommen waren und hinter La Storta an der bewußten Stelle, angesichts der Peterskuppel, das berühmte »Eccola Roma!« vernommen hatten. Ein Jahr wollte der Zwanzigjährige in Rom bleiben. Für diesen einjährigen Aufenthalt in der ewigen Stadt hatten Eltern und Tanten, Gevattern und Basen ihr Erspartes zusammengelegt. Aber sie waren gestorben, ohne Peter Paul wiedergesehen zu haben; denn Peter Paul wollte aus Rom nicht mehr fort. Weltberühmt wollte er werden, und – nur bei den kleinen Kunsthändlern, die bei der Minerva und im Borgo beim Vatikan ihr frommes Bilderwesen für Pilger und Wallfahrer treiben, war er als Künstler bekannt; als strenger Protestant kam er nach Rom, und – ein strenger Katholik war er daselbst geworden. Er hauste seit fast vierzig Jahren inmitten des alten Rom und zwar in einem halbzerfallenen Palast, ließ keine Seele zu sich ein und betrieb, außer seiner San Sebastianmalerei, von der jedermann wußte, etwas andres, sehr Geheimnisvolles, das niemand zu sehen bekam. Man munkelte von einem gewaltigen Gemälde, gewaltig auch im Format, daran Peter Paul in aller Heimlichkeit malte: ohne jedes Modell und seit fast vierzig Jahren. Es war zum Totlachen! Dieser wunderliche Heilige besuchte Abend für Abend in der Künstlerkolonie auf der schönen Höhe vor der Porta del Popolo eine gute Freundin, die sein weibliches Gegenstück war. Es war dies das bereits recht ältliche Fräulein Friedrike Baumbach, die Tochter eines Berliner Wirklichen Geheimrats, die ihrer Zeit Vater und Mutter, Berlin und Preußen verlassen hatte, um mit Leib und Seele Rom anzuhangen. Sie trug noch immer die Gewänder aus ihrer wohlhabenden geheimrätlichen Jugendzeit: schwarz im Winter und hell und bunt geblümt im Sommer, und ward in den römischen Villen stets mit einem gewaltigen Pompadour gesehen, darein sie die heimlich gepflückten Kamelien und Rosen, Rhododendron und Orangenblüten versteckte. Seit dreißig Jahren kopierte sie in römischen Galerien und hatte, einer boshaften Legende zufolge, seit dreißig Jahren noch keine einzige Kopie an – den Engländer gebracht. Jeden Sonntagvormittag verbrachte sie, ebenfalls seit dreißig Jahren, gemeinsam mit dem getreuen Peter Paul im Kapitolinischen Museum, und jeden Sonntagnachmittag, bei Sonnenglut und Winterkälte, wandelten die beiden einträchtiglich auf den Palatin. Es gehörte einfach zu den unmöglichen Dingen, daß in Rom ein Kirchenfest oder die besondere Feier eines Heiligen stattfand, ohne daß die zwei Unzertrennlichen dabei zu sehen waren. Einen Tag in der Woche fuhren sie regelmäßig mit dem Vetturin – beileibe nicht mit der Bahn! – nach Frascati, Albano oder Fiumicino. Beide haßten ihre liebe deutsche Muttersprache und beide sprachen noch immer das Italienische mit der heimatlichen Klangfarbe: der gute Herr Peter Paul als echter Schwabe und das gute Fräulein Friedrike Baumbach als echte Berliner Geheimratstochter. Gemeinschaftlich aßen sie in einer Trattorie, die vom Römischen das Allerrömischste war, haßten jeden Neuling, der in ihre ewige Stadt eindrang, verkehrten mit Begeisterung in einigen römischen Familien sehr zweifelhaften Charakters, die sie jedoch für das Muster aller Gentilezza hielten, und wären imstande gewesen, die modernen Römer, die das moderne Rom geschaffen hatte, durch Gift oder Dynamit aus der Welt zu bringen. Die boshafte Fama behauptete, daß sie seit dreißig Jahren sterblich ineinander verliebt wären, sich aber nicht geheiratet hätten aus Furcht, vielleicht Kinder zu bekommen. Und sie wollten auf der Welt nichts lieben als Rom, welche Gottheit keine andre neben sich duldete. Die Wahrheit war, daß Peter Paul seiner alten Freundin mit der Ritterlichkeit eines altprovenzalischen Troubadours ergeben war und daß Fräulein Friedrike Baumbach durch ihn in den Schoß der alleinseligmachenden Kirche geführt worden war. Zu diesen beiden eigentümlichen Exemplaren von Römlingen fühlte sich Prisca trotz der hämischen Schilderungen ihres Pagen ungemein hingezogen, und eines schönen Tages entschloß sie sich, dem Fräulein Friedrike Baumbach einen Besuch abzustatten. 10. Alte Römer Um der Berliner Geheimratstochter möglichste Ehre zu erweisen, putzte sich Prisca zu dem Besuch nach Kräften heraus und machte sich dann auf den Weg. Es war Nordwind und grimmig kalt. Selbst Priscas hell glühende Begeisterung mußte zugeben, daß der Mensch auch in Rom gehörig frieren konnte; und sie bedauerte lebhaft, Muff und Pelzkragen in München zurückgelassen zu haben. Das Glöcklein hatte jedoch bei dem Gedanken, nach Rom Muff und Pelzkragen mitzunehmen, vor Entrüstung geradezu Sturm geläutet. »Aber ich bitte dich, liebe Lange, du wirst damit in Rom einfach ausgelacht!« Und ausgelacht zu werden, war für das arme lächerliche Glöcklein eine entsetzliche Sache; nur eines konnte noch schrecklicher sein: beim Cercle von den höchsten Herrschaften geschnitten zu werden. Der Knabe Checco mußte die Neue bei der Signorina feierlich anmelden, welche Zeremonie er mit der Gewandtheit eines erfahrenen Hoflakaien ausführte. Er blieb lange aus und kehrte zu der im Garten wartenden und vor Frost zitternden Prisca mit dem Bescheid zurück: es würde der Signorina sehr angenehm sein. Dann schilderte er mit den Gesten und der Mimik eines Komikers par excellence die Szene, wie die Signorina mit dem San Sebastian, der zufällig bei ihr war, Rat abgehalten, und wie darauf die beiden alten Römer einen feierlichen Empfang der Neuen vorbereitet hatten. Padre Angelico wollte in das Atelier seiner Freundin etwas Ordnung bringen und sogar abstäuben, was jedoch das Fräulein absolut nicht gelitten hatte. Halb neugierig, halb befangen betrat Prisca das Atelier ihrer Landsmännin, fand jedoch nur die Dame anwesend. Die Geheimratstochter empfing sie mit steifer Würde in einem abgetragenen schwarzen Merinokleid, einem schwarzen Spitzentüchlein um den ergrauten Kopf, am Arm den bewußten famosen Pompadour. Sie mochte ehemals eine sehr reizende Dame gewesen sein, die jedem Berliner geheimrätlichen Salon zur Zierde gereichte; jetzt war sie, trotz der stattlichen Haltung, ein vertrocknetes Geschöpf, das etwas Verkümmertes, ja Verkommenes hatte. So wenigstens war Priscas erster Eindruck; und das Mitgefühl, das sie sogleich für die deutsche Kollegin empfand, wuchs augenblicklich zu einem warmen, starken Mitleid. Verfehlte Hoffnung, schwere Enttäuschung, langes, tief verschwiegenes Leid, heimlich erduldete große Not – von allen diesen trostlosen Dingen erzählte das würdevolle, welke Gesicht des armen alten Fräuleins eine lange, traurige Geschichte. Prisca wurde mit dem steifen Anstand des ersten Empfanges auf einen Gegenstand, der einen Diwan vorstellen sollte, zum Sitzen genötigt; Fräulein Friedrike Baumbach nahm neben ihr Platz, hielt sich kerzengerade und leitete alsdann mit der Neuen, die sicherlich nicht die mindeste Befugnis hatte, nach Rom zu kommen, das Gespräch ein. »Also, Sie sind aus München?« Prisca mußte einräumen, daß sie aus dieser Stadt sei. »Und Sie sind Malerin?« Auch das konnte Prisca nicht leugnen. »Und Sie kamen nach Rom? ... Mein Gott, jetzt kommt alle Welt nach Rom, seitdem es überall Eisenbahnen gibt. Mein alter Freund Peter Paul – Sie werden ihn kennen lernen, ein großer Künstler, der eines Tages weltberühmt sein wird, kam mit dem Vetturin von Viterbo durch die Porta del Popolo hier an. Das waren damals andre Zeiten! Aber davon können Sie sich natürlich keine Vorstellung machen. Überhaupt – was wissen denn diese Neuen von Rom? Von Roma vecchia , wissen Sie!« Prisca gestand schüchtern, daß sie nichts davon wüßte, gar nichts! Und daß ihr das schrecklich leid täte; daß sie hoffte, von Fräulein Baumbach etwas davon zu erfahren. Es würde sie so interessieren! Die Geheimratstochter schaute aus ihren matten Augen auf das Münchner Kind, welches gar nicht so übel zu sein schien. Wenn es sich nur nicht in den Kopf gesetzt hätte, ebenso wie alle Welt auch, gerade nach Rom zu kommen. »Lieber Gott, was wollen Sie denn eigentlich in Rom?« Prisca begann sich ganz schuldig zu fühlen. Ja, was wollte sie eigentlich in Rom? Schüchtern legte sie das Geständnis ab, daß sie hergekommen sei, um in Rom zu malen. »Zu malen!« Es sollte ein Auflachen sein, klang jedoch mehr wie ein ersticktes Stöhnen. Prisca war erschrocken zusammengefahren, so schrill und dabei so tief schmerzlich war der Ton gewesen. Eine Pause entstand. Während derselben ließ Prisca ihre Augen durch das Atelier der Berlinerin schweifen ... Also so sah es bei einer alten Römerin aus! Fetzen von verschossenen Stoffen garnierten die Mauern, Lappen von alten Teppichen lagen auf dem häßlichen, selten gesäuberten Fußboden aus Ziegelsteinen. Fetzen und Lappen auf Kisten und Kasten, hingen als Draperie an dem schmutzigen Fenster, über dem feuerlosen Kamin; Fetzen und Lappen überall, wo Armseligkeit verdeckt werden sollte. Und zwischen den vielen, vielen bunten Fetzen und Lappen, aus denen sozusagen die ganze Einrichtung der alten Römerin bestand, bemalte Tamburins und bunte Wasserkrüge mit verstaubten Palmenblättern, mit verstaubten Zypressen-, Öl- und Steineichenzweigen, verstaubten Disteln, Kannenrohr und Tiberschilf. Dann ein Museum antiker Marmorstücke, Ton- und Glasscherben, in dem großen schwarzen Pompadour mühselig herbeigeschleppt: ein Stücklein vom alten Rom. Ja, und dann die Bilder! Alle die unverkauften Kopien der völlig talentlosen armen Berliner Geheimratstochter ... Kopien von Tizians »Irdische und himmlische Liebe«, von Guido Renis »Aurora«, von Carlo Dolces »Heilige Agnes«, Raffaels »Fornarina« und von dem populärsten römischen Frauenbildnis: der unglückseligen, holden Beatrice Cenci. Kopien der Beatrice Cenci zu Dutzenden, in allen Größen! Prisca überlief ein Schauder. Sie war ganz blaß geworden, so blaß, das Fräulein Baumbach besorgt fragte, ob sie sich unwohl fühle. »Es ist so kalt.« »Kalt? Aber meine Liebe, wie können Sie es kalt finden? Kalt in Rom! Ich lebe volle dreißig Winter hier und habe es noch niemals kalt gefunden. Wenn Sie es schon jetzt und bei mir hier kalt finden, werden Sie sich niemals eingewöhnen. Da hätten Sie besser getan, in ihrem München zu bleiben, wo ja wohl die vielen modernen Kunstausstellungen sind und alle die modernen Maler wohnen. In Rom friert der Mensch nicht. Merken Sie sich das!« Prisca, deren Schuldbewußtsein wuchs und wuchs, senkte ganz verzagt den Kopf. Aber nur einen Augenblick. Dann sah sie aus ihren mächtigen, strahlenden Augen der niemals Frierenden lächelnd ins Gesicht, faßte, ehe diese sich dessen versah, ihre beiden Hände und drückte sie herzhaft. Wie eisigkalt diese armen, fleißigen Hände waren, die alle diese vielen, vielen unverkauften Kopien gemalt hatten! Ganz erstarrt und steif vor Frost, trotzdem der Mensch in Rom nicht fror. Zugleich entdeckte Prisca auf dem Tisch einen kleinen Henkeltopf aus glasiertem Ton. Das Gefäß füllte Asche, in deren Mitte einige verglühende Kohlen funkelten. Es war dies jedenfalls der »Ofen«, der die alte Römerin seit dreißig Jahren wärmte, bei dessen Glut sie niemals fror! Ganz verdutzt durch den plötzlichen herzhaften Händedruck der Neuen, die auch nach Rom gekommen war, um in Rom zu malen, wozu sie sicher durchaus keine Befugnis besaß, wollte die Geheimratstochter sich noch steifer auf ihrem mit Kissen belegten und mit Fetzen bedeckten, einen Diwan repräsentierenden Koffer in die Höhe richten. Aber Priscas Augen waren zu groß, ihr Blick zu glanzvoll, ihr Lächeln zu heiter, um solche zeremoniöse Pose zuzulassen. Und so geschah es, daß Fräulein Friedrike Baumbach die jungen, trotz des Frostes lebenswarmen Hände in ihren vor Kälte ganz blauen Fingern behielt und mit einem eigentümlichen Zucken der welken Lippen dem Eindringling in das von Mitgefühl und Güte leuchtende, so unschöne und doch so schöne Gesicht blickte. Dabei rief sie aus: »Lieber Gott, Sie scheinen ja eine ganz nette junge Dame zu sein! Wenn Sie doch nur nicht hergekommen wären, um hier zu malen ... Verzeihen Sie einer alten Römerin, sie meint es gut mit Ihnen,« setzte sie fast herzlich hinzu. Die Bekanntschaft des Herrn Peter Paul machte Prisca an diesem für sie so denkwürdigen Vormittage nicht. Fräulein Friedrike entschuldigte ihren langjährigen Freund: »Er hat mich zwar heute vormittag ausnahmsweise in einer wichtigen Angelegenheit besucht; aber fremde Menschen sieht Peter Paul um diese Zeit nie. Es würde ihn ganz aus der Stimmung reißen. Und wenn er nicht in Stimmung ist, kann er nicht arbeiten. Stimmung ist bei Peter Paul alles. Und wo auf der Welt könnte er diese leichter finden als in Rom? Darum ist Rom auch der einzige Ort, wo er ...« Mitten im Satze brach sie ab, als wäre sie im Begriff gewesen, dieser wildfremden Person ein Geheimnis zu verraten. Sie nahm eine womöglich noch hoheitsvollere Haltung an und fuhr mit ihrer würdevollsten Miene zum Lobe ihres Freundes fort: »Er läßt in sein Atelier niemals sogenannte Romreisende ein; darum ist er auch lange nicht so bekannt, als er verdient. Er ist stolz. Ein stolzer Künstler hat es natürlich viel schwerer, bis er durchdringt. Aber mein Freund wird durchdringen! Überhaupt – ginge es auf der Welt gerecht zu, so müßte er längst ein berühmter Mann sein. Nun, das tut weiter nichts. Peter Paul ist darum doch ein großer Künstler. In seinen San-Sebastian-Darstellungen ist er unerreichbar. Sie werden ja selbst sehen. Er wird sich gestatten, Ihnen seine Aufwartung zu machen, was er eigentlich noch niemals getan hat, indem er noch mehr als ich es vermeidet, fremde Menschen kennen zu lernen. Noch dazu Deutsche! Und vor allem Künstler! Verzeihen Sie, liebes Fräulein; aber wenn Sie erst vierzig oder auch nur dreißig Jahre in Rom gelebt und die deutschen Künstler in Rom kennen gelernt haben, werden Sie unsre Zurückhaltung begreifen. In Rom braucht der Mensch überhaupt keinen Verkehr. Werden Sie glauben, daß wir: ich, die ich schon dreißig Jahre, und Peter Paul, der schon vierzig Jahre hier lebt, eigentlich noch immer nicht gut Bescheid in Rom wissen? Man braucht dazu mehr als ein Menschenleben. Hüten Sie sich also vor der Einbildung, daß Sie sich sobald auch nur annähernd hier auskennen werden.« Prisca versprach ihr möglichstes, sich von diesem Wahn freizuhalten, eine Versicherung, die Fräulein Friederike sehr wohlwollend aufnahm. »Ich sehe, Sie werden einmal eine Ahnung bekommen von dem, was Rom ist, was es immer noch bedeutet, trotz aller Verwüstungen dieser modernen Barbaren, die sich die neuen Römer nennen, und die verdienen, durch die Verachtung der ganzen gebildeten Welt gebrandmarkt zu werden. Die Bedeutung Roms nach einer Reihe hier verlebter Jahre auch nur zu ahnen, ist ein köstliches Glück. Ihnen werden die Augen aufgehen, wenn Sie erst gelernt haben, sie in Rom zu gebrauchen. Das erste ist, daß Sie sehen lernen müssen. Lassen Sie sich also um Himmels willen nicht einfallen, hier gleich zu malen. Fangen Sie nicht eher mit dem Malen an, als bis Sie sehen lernten. Also vielleicht in drei bis vier Jahren! Aber daß Sie überhaupt malen wollen? ... Mein liebes Fräulein, ich meine es wirklich gut mit Ihnen.« Prisca fühlte das. Und weil sie das warme Gutmeinen der armen Geheimratstochter erkannte, so konnte sie nicht verhindern, daß ihr etwas beklommen zumute ward; »wieder einmal«, wie sie sich selbst ausschalt. Als sie nach einem fast herzlichen Abschied durch die Rosen- und Lorbeerhecken nach ihrem geliebten, aber ach! so kalten Studio zurückging, ward ihre Seele von einem Frosthauche durchweht, den sie aus dem Zimmer der Berlinerin mit sich genommen hatte, und alle Pracht der Blüten ringsum, aller Glanz des sonnigen Tages kam ihr unwahrscheinlich vor wie märchenhafte Dinge. Und immer wieder tönte es in ihrem Innern nach: ›Erst Rom sehen lernen und dann erst ...‹ Und auch dann hätte sie, die Kleine, Armselige, Zwerghafte, in dem Rom eines Michelangelo, eines Raffael keinen Pinsel anrühren dürfen. So riet ihr jemand, der es gut mit ihr meinte und der es wissen mußte. Genau nach der Regel der guten Welt wurde Priscas Visite den zweiten Tag darauf erwidert. Fräulein Friedrike erschien in einem schwarzen Federhut und einer schwarzen, mit langen Seidenfransen besetzten Mantille nach der Mode der sechziger Jahre. Sie wurde von Herrn Peter Paul begleitet, der in einem kaffeebraunen, altväterischen Leibrock prangte und einen grauen, breitrandigen Filzhut bei sich führte, eine Form der Kopfbedeckung, wie sie die Häupter der Rompilger zu Anfang des Jahrhunderts geziert hatte. Selbstverständlich trug der alte Herr bis auf die Schultern herabfallendes Haar. Es war schneeweiß und umrahmte ein feines, rosiges Gesicht mit einem Kinderausdruck und hellen, unschuldigen Augen. Zu diesem liebenswürdigen Antlitz, an dem Prisca sogleich ihre herzliche Freude hatte, paßte die zarte und zierliche Gestalt des alten Römers ausnehmend gut. Auf den Besuch vorbereitet, hatte Prisca die deutsche spießbürgerliche Ordnung und Sauberkeit, die in dem im übrigen sehr öden Raum herrschte, dadurch zu erhöhen gesucht, daß sie ihr bereits am dritten Tage – man denke! – in Rom angefangenes Bild »Römischer Lorbeer mit Rosen« und sämtliche aus München mitgebrachten Skizzen voll ängstlicher Scheu versteckt hatte: aus Feigheit, wie sie sich ehrlich gestand. Auf dem Tische prangte als einziger Schmuck in einem hübschen bunten Tonkrug, den Checco für das Dreifache seines Wertes für seine Signorina eingehandelt hatte, ein mächtiger Strauß frischen Grüns, dessen Knospen – es war noch nicht erblühter Laurustinus – rosig glänzten. Das Gespräch kam natürlich auf Rom, auf die alten Römer, die alten Zeiten, die alten Künstler, die alten Ideale. Herr Peter Paul plauderte allerliebst von diesen Dingen, mit einem feinen, hellen Stimmchen in der Sprache seiner Heimat, die er in Rom verleugnete, wie auch die Tochter des Herrn Geheimrats trotz ihres Berliner Dialektes sich durchaus als echte Römerin fühlte. Prisca fiel auf, wie sehr gerade diese beiden das ihrer Nationalität Eigentümliche beibehalten hatten, so daß beide noch jetzt als Typen ihrer Heimat gelten konnten. Einigemal schwenkte die Unterhaltung von Rom ab, was Prisca benutzte, um ein Wörtlein zu Ehren ihres lieben, alten Münchens einzuschalten, wobei sie auch das dortige Kunsttreiben berührte. Sie nannte die gefeierten Namen Lenbachs und Stucks und sprach von der Sezession und deren siegreichen Kämpfen. Da sie von diesen scharfen Tagesfragen sich selbstredend ganz fern gehalten hatte, für sich nichts andres verlangte, als ihr Talent voll ausleben zu lassen, und da sie ferner alles gelten ließ, was mit wirklichem Können dargestellt und zugleich ehrlich empfunden war, so redete sie von dem deutschen Kunstwesen mit leidenschaftsloser Objektivität, freudig anerkennend und nur ungern und zaudernd absprechend. Bald jedoch wurde sie aus ihrem ruhigen Wesen aufgeschreckt, indem sie gewahrte, wie Fräulein Friedrike ihr verstohlen heftige Zeichen machte, sie bittend, zu schweigen. Als sie in ihrer Verwirrung ihren andern Besuch ansah, erschrak sie über den Ausdruck, den das feine Greisenantlitz plötzlich angenommen hatte. Unruhe, Angst und noch ein andres, wofür Prisca nicht gleich den Namen fand, malte sich auf den Zügen des alten Heiligenmalers in solcher Stärke, daß sie sogleich verstummte. Um das Peinliche der Situation zu mildern, erklärte Fräulein Friedrike in möglichst gleichgültigem Tone: »Sie sind, ich muß es Ihnen wiederholen, noch vollständig unbekannt damit, wie der Mensch, für den Rom keine Stadt mit Ruinen, sondern ein erfülltes Ideal bedeutet, hier lebt, wie wir, Herr Peter Paul und meine Wenigkeit, hier leben. Uns beiden bedeutet Rom die ganze Welt. Sie sprachen von Lenbach und Stuck, von Sezession und so weiter. Mein Gott, wir beiden wissen kaum, wer Lenbach und Stuck sind, und was für ein Wesen die Sezession in München ist. Wir kümmern uns nicht um diese Menschen und diese Dinge. Wir kümmern uns nur um Rom, um unser Rom! Peter Paul malt seit vierzig Jahren seine lieben, herrlichen Heiligen, besonders seinen unübertrefflichen San Sebastian – Sie sind darin unübertrefflich, mein Bester! – und meine Wenigkeit kopiert seit dreißig Jahren Raffael und Guido Reni, Tizian und Leonardo da Vinci. »Das sind Namen, das waren Männer, das ist Kunst! Und das bleibt ewig Kunst, das einzig und allein.« »Wir wissen hier also von keiner modernen Zeit; ausgenommen das eine, daß sie eine Barbarin ist und Rom zerstört hat. Wir wissen hier von keiner modernen Richtung. Sie haben mit dem ewigen Wesen Roms nichts zu tun. Auch Sie, mein liebes Fräulein, sind absolut kein moderner Mensch, wenn Sie sich vielleicht auch einbilden, ein solcher zu sein. Sie sind ein so unmoderner Mensch, daß Sie verdient hätten, mit dem Vetturin von Viterbo nach Rom gekommen zu sein, anstatt mit dieser abscheulichen Eisenbahn. Deshalb eben gefallen Sie Herrn Peter Paul und meiner Wenigkeit. Ich hoffe, wir werden gute Bekannte; und Sie werden mit unsrer Hilfe wenigstens einmal ahnen, was Rom ist. Nur tun Sie uns beiden alten Römern den großen Gefallen, zu uns nicht von Menschen und Dingen zu sprechen, die uns hier ganz und gar nichts angehen, und die wir hier bei unserm Raffael und Guido Reni, im Vatikan und auf dem Palatin, in der Campagna und in Frascati absolut nicht brauchen können.« Diese bedenkliche Rede hielt die alte Dame mit so heiliger Überzeugung, solchem fanatischen Glauben an das Dogma: Rom sei das Universum, daß Prisca nichts zu entgegnen vermochte. Aber ihre lebenswarme Seele fühlte sich durch das gespenstische Wesen der zwei alten Römer angeweht wie von einem Geisterhauch. 11. Der schönste und der häßlichste der Männer Den jungen Siegfried, im gewöhnlichen Leben Artur Freiherr von Schönaich genannt, sah Prisca tagtäglich. Es geschah gar nicht zu ihrer besonderen Freude; denn so oft sie ihn erblickte, mußte sie sich über ihn ärgern. Es war nicht zu beschreiben, mit welchem wohligen Behagen der »schönste der Männer« seinen scheußlichen Alten mitten im Sonnenlicht malte. Ein Schwelgen in Häßlichkeit war's. Sie wollte den Menschen, der ihr das herrliche Rom in so schnöder Weise entweihte, gar nicht ihrer Beachtung würdigen; sie vermied seinen Anblick, wo sie nur konnte, und machte weite Umwege, um ihm im Garten nicht zu begegnen. Mußte sie jedoch einmal an seiner gewaltigen Leinwand, die so frech durch das Grün des Lorbeers und die Gluten der Rosen glänzte, und an ihm selber vorbei, so tat sie es ohne aufzusehen und womöglich ohne ihn zu grüßen. Dafür grüßte der Schöne sie. Und er grüßte sie so strahlend heiter, mit solchem Sonnenglanz in seinen Blicken und seinem Lächeln, als hätte er nur auf sie gewartet und wäre nun glücklich, sie grüßen zu können. Ja, er ahnte so wenig die antipathischen Empfindungen, die er seiner Münchner Kollegin einflößte, daß er sie in fröhlichster Harmlosigkeit anredete, sie dadurch zwingend, ihn zu beachten, ihn wieder zu grüßen, wohl gar bei ihm stehenzubleiben und einige Worte zu erwidern, freilich in möglichster Kürze, mit Unfreundlichkeit. Er schien dieses feindselige Wesen seiner Reisegefährtin gar nicht zu bemerken. Jedenfalls schreckte es ihn durchaus nicht ab, unbefangen von diesem und jenem zu plaudern, von Prisca höchst unbedeutend erscheinenden Dingen. Er tat, als befänden sie sich nicht auf einer zauberischen Höhe oberhalb Roms, sondern irgendwo in der gleichgültigsten Gegend der Erde, und schien im übrigen mit sich und seiner Kunst, mit Gott und der Welt unendlich zufrieden zu sein. Die einzige Genugtuung, die sich Prisca diesem Gebaren gegenüber verschaffen konnte, war, daß sie sein Bild, jenen greulichen Alten, vollkommen ignorierte. ›Nein, diesem Menschen wird Rom nichts anhaben können, weder im Guten noch im Bösen,‹ dachte sie voll verächtlicher Entrüstung. Dann wieder mußte sie gestehen: ›Es ist wirklich schade um ihn. Übrigens, was geht's mich an? Ich kann mit gutem Gewissen den Pharisäer spielen und sprechen: Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie dieser.‹ Wie erstaunte sie daher, als der schönste der Männer und verächtlichste der Künstler die Artigkeit – sie nannte es Keckheit – besaß, in aller Form ihr einen Besuch abzustatten, weil sie nun doch einmal Landsleute, Kollegen, überdies Reisegefährten wären. Prisca bemühte sich, ungemein gehalten zu sein, ungemein hoheitsvoll, wie ihre kleine Hofdame diese Miene und Pose ihrer Prinzeß mit großer Genugtuung nannte. Aber Signor Arturo war wiederum dermaßen unbefangen, dermaßen sonnig und liebenswürdig, mit einem Wort: eigentlich geradezu bezaubernd, daß Priscas Herbigkeit zusehends schwand, nicht anders wie deutscher Schnee unter römischer Sonne, und sie sich schließlich dabei ertappen mußte, wie sie mit ihrem unerwünschten Besuch auf das vertraulichste plauderte. Sie machte kaum diese Entdeckung, als sie schon fühlte, wie sie vor Ärger über sich selbst bis über die Stirn errötete. Aber das Unglück war geschehen und ein scheinbar freundschaftlicher, ja herzlicher Verkehr zwischen den beiden angebahnt, von ihrer Seite allerdings unfreiwillig, wie sie mit dem Versuch, sich zu entschuldigen, immer von neuem sich sagte. Auch war es ja undenkbar, gegen einen Gast unhöflich zu sein. Aber sogar diese Entschuldigung ärgerte sie. Jedenfalls wollte sie dafür sorgen, ihren Fehler baldmöglichst wieder gut zu machen; sie würde ein nächstes Mal kühl ablehnend sein. Gleich darauf schalt sie sich: ›Wäre das wohl anständig und eines ehrlichen Menschen würdig? Pfui, schäme dich, Prisca!‹ So kam es, daß »der schönste der Männer« und ein häßliches Mädchen sehr schnell gute Freunde wurden. Doch versäumte Prisca nicht, den Signor Arturo immer wieder ihre Meinung über seine Malerei wissen zu lassen und ihm ihre volle Verachtung seiner fanatischen Liebe für das Häßliche ins Gesicht zu schleudern. Aber Signor Arturo wurde nach solchen Szenen jedesmal, so deuchte es der empörten Prisca, nur um so strahlender. Es war unerträglich. Wie sie sich über ihn ärgern mußte! Und dann wieder darüber, daß sie sich ärgerte. Auch jenen andern deutschen Mitbewohner der Kolonie, den gewissen Signor Carlo, jenen wahren Michelangelo, für den der Knabe Checco eine so große Geringschätzung, Prisca jedoch eine förmliche Hochachtung fühlte, lernte sie kennen. Eines Abends, es war kurz vor Weihnachten, ließ Fräulein Baumbach bei ihr anfragen, ob sie nicht nachbarlich zu einer Tasse Tee herüberkommen wolle. Da nun Priscas Abende stets ganz einsam verliefen – sie wurden frierend bei einer kleinen Lampe mit Lektüre über Rom, mit Briefen an das Glöcklein oder am Tagebuch schreibend zugebracht, so nahm Prisca sehr gern die Einladung an. Sie fand das Atelier bei Lampenlicht, es brannten zwei altrömische, dreiarmige Leuchter, und mit einem bescheidenen Kaminfeuer etwas weniger trostlos als bei ihrem ersten Morgenbesuch, obgleich es trotz der brennenden Holzscheite noch immer so bitter kalt war, daß man den Hauch sehen konnte. Aber die vielen bunten Fetzen und Lappen führten bei dem matten Lichtschein eine Art von Theaterleben, das ihnen einen trügerischen Glanz verlieh. All das verstaubte Wesen der vertrockneten Pflanzen, bemalten Tamburins und antiken Scherben spielte mit Komödie; und sogar die unverkäuflichen Kopien von Tizians beiden Lieben und Carlo Dolces heiliger Agnes, von Guido Renis Aurora und der Beatrice Cenci erhielten einen schwachen Hoffnungsschimmer, als riefen sie ihrer Schöpferin zu: ›Laß nur gut sein. Vielleicht kommt doch noch einmal ein sehr reicher und sehr verrückter Engländer, der an uns Gefallen findet. Wenn er dann uns alle die abkauft; dann, Friedrikchen ...‹ Einstweilen war Friedrike in ihrem erleuchteten Salon vom Kopf bis zu den Füßen die Tochter des Herrn Geheimrats, die Besuch bei sich empfing. Sie führte Prisca feierlich zu dem bewußten Sofa. Auf dem Tisch davor waren allerlei festliche Vorbereitungen getroffen: ein Tellerchen mit einigen Mandarinen, ein zweites Tellerlein mit einigen Biskuits, ein drittes mit einigen Semmelschnittchen, die dünn mit Butter bestrichen und zierlich mit gelochtem Schinken, mit Bologneser Mortadella und Sardellen belegt waren. Die Einladung zu einer Tasse Tee schien – wohl eine Reminiszenz ehemaliger Berliner Geheimratstage – nur sinnbildlich gemeint zu sein; wenigstens war nirgends eine Vorbereitung zur Herstellung dieses wärmenden und daher so überaus wohltätigen Getränkes zu entdecken. Dafür standen neben den drei Tellerchen eine strohumflochtene Flasche, darin ein goldiger Wein funkelte, und vier kleine, sehr kleine Gläser. Prisca hatte schon vorher, natürlich durch den Knaben Checco, erfahren, daß die würdige Dame ihr Leben durch eine sehr kleine Pension fristete, die sie als Tochter ihres Vaters aus Berlin erhielt, und von der sie überdies an eine gleichfalls in Rom lebende und gleichfalls nichts verkaufende Kollegin – so war des Knaben Checco mit ungeheurer Verachtung vorgebrachte Mitteilung – einen Teil abgab. Und Prisca sah nicht ohne Rührung auf die drei Tellerlein, dabei voller Grauen ihres großen Appetits gedenkend, mit dem sie ihr liebes, gutes Glöcklein fast ruiniert, und der sich in Rom zu ihrem Leidwesen womöglich noch gesteigert hatte. Sie nahm sich sogleich vor, heute abend nicht den mindesten Hunger zu verspüren. Um ihrer Wirtin etwas Freundliches zu sagen, rühmte sie die Behaglichkeit des Raumes bei Lampenlicht und Kaminfeuer und erhielt die Antwort: »Sehen Sie, meine liebe Freundin, so kann der Mensch eben nur in Rom wohnen. Und ich behaupte, daß er nur in Rom menschlich wohnen kann. Gar nicht davon zu reden, daß man zu dieser Jahreszeit eigentlich schon bei offenem Fenster sitzen könnte. Aber Sie haben sich in unser Klima noch nicht eingewöhnt; ich habe darum ein Kaminfeuer gemacht, was ich diese ganzen dreißig Winter nur höchst selten tat. Neulich froren Sie sogar bei mir!« Prisca überfiel wieder das alte Schuldbewußtsein. Eigentlich war sie eine ganz erbärmliche Person, daß sie in Rom gegen Ende Dezember bei acht Grad Reaumur im Zimmer frieren konnte! So wagte sie denn auch nicht die geringste Entschuldigung. Bald darauf kam Peter Paul, in Erscheinung und Wesen wiederum ganz und gar eine Gestalt aus der goldenen Zeit, da noch die Künstler im Herbst vor der Porta del Popolo mit Musik und Reigen die Weinlese feierten und die Feste in den Cerveragrotten einen Weltruf hatten. Er begrüßte Prisca – welcher Fräulein Baumbach bei seinem Eintritt noch rasch zugeflüstert hatte: Dieses Mal um Himmels willen nicht über Menschen und Dinge von »da drüben« zu reden – als wäre sie eine gute Hausfreundin und hätte ihren Einzug in Rom ganz regelrecht per Betturin über den Ponte Molle gehalten. Die Damen hatten sich erhoben. Fräulein Friedrike, um mittels eines zierlichen Messingzängleins den Docht der Lampen höher zu ziehen; Prisca, um mit Peter Paul ein Sternbild zu betrachten, das wie ein Symbol groß und glänzend gerade über der Peterskuppel stand. Aber bald setzte man sich um den Tisch. Mit dem bescheidenen Symposion jedoch wurde auf den Gast gewartet, für den das vierte Gläslein bestimmt und der kein andrer war als Herr Karl Steffens. Fräulein Friedrike – Peter Paul nannte sie galanterweise stets »Signorina Rica«, was sich nicht allein sehr poetisch, sondern auch echt römisch anhörte –, Signorina Rica fragte Prisca, ob sie bereits von dem Bildhauer Karl Steffens gehört hätte. Prisca bejahte. »Also kennt man ihn dort drüben doch auch schon?« Unter dem »drüben«, das stets eine nachlässige Handbewegung begleitete, als wäre damit irgendein gleichgültiges Etwas gemeint, war nicht allein das ganze Deutsche Reich verstanden, sondern alles, was nicht Italien, vielmehr was nicht Rom war. Prisca mußte zu ihrem Bedauern gestehen, daß ihre Kenntnis der Existenz des Herrn Karl Steffens sich auf die kurze Mitteilung beschränkte, die ihr von dem Knaben Checco gemacht worden war. Sie beeilte sich, hinzuzufügen, daß sie nach jenen Schilderungen einen außerordentlichen Respekt vor dem Herrn empfände und sich auf seine Bekanntschaft freute: er schiene ein starkes Talent zu sein, das sich gewiß Bahn brechen würde. Die beiden alten Römer antworteten nicht. Sie blickten sich schweigend und tief aufseufzend an. Nach einer Weile bemerkte Signorina Rica mit dumpfer Stimme: »Sie kennen dort drüben den Karl Steffens nicht? Sie haben dort drüben ihre Götzen, zu denen sie beten, und den Gott kennen sie nicht, den Gott verleugnen sie. Aber – sie werden ihn kennen lernen!« Bei den letzten Worten sah sie Peter Paul an, als hätte sie ihre Rede an diesen gerichtet. Dabei leuchtete es in dem alten, welken Frauengesicht wundersam auf wie eine heilige Zuversicht, wie ein Glaube, der auf Felsen gegründet war. Dann wiederholte sie mit strahlendem Blick und leiser Stimme: »Jawohl! Ja, ja! Sie werden ihn kennen lernen.« Auch Peter Paul schaute wahrhaft feierlich drein, so daß sich Prisca von den beiden wunderlichen alten Leutchen ganz ergriffen fühlte. Mit aufrichtigem Interesse erkundigte sie sich nach dem erwarteten Gast, auf dessen Bekanntschaft sie immer gespannter Voll Pathos erklärte die vortreffliche Signora Rica: »Karl Steffens ist das größte Genie des Jahrhunderts. Nur in Rom konnte er sich so gewaltig entwickeln, dort drüben wäre er einfach verkommen. Ein Titan, sage ich Ihnen! Nun stellen Sie sich vor, daß dieser Prometheus seit zehn Jahren Not leidet: Not! Sie dürfen sich natürlich nicht anmerken lassen, daß Sie das wissen; ich sage es Ihnen im strengsten Vertrauen und nur darum, damit Sie verstehen, was für ein Mensch er ist. Er hat gewiß oft gehungert. Aber der Hunger hat ihm sicher nicht weh getan. Nicht im geringsten. Er hat es wahrscheinlich nicht einmal gespürt. Was will es heißen, hungern zu müssen, wenn man den Glauben an sich selbst hat? An seine Kraft, an seine Berufung. Ja, und wenn man obein begnadigt ist, diese Mission in Rom erfüllen zu können. In Rom! Nicht wahr, Peter Paul?« Und die beiden Alten tauschten wiederum einen ihrer heimlichen, glänzenden Blicke. Es war nicht anders, als ob sie aus eigner Erfahrung wüßten, was es heißt, hungern zu müssen, daß aber auch ihnen Hunger nicht weh getan hatte, nicht im geringsten! Also glaubten auch diese beiden an sich selbst und an ihre Berufung auf Erden ... Priscas Augen fielen auf alle die vielen Kopien an den Wänden, und ihr war's, als würde sie von des Lebens ganzem Jammer gepackt, der ihr in diesen zwei rührenden Gestalten verkörpert zu sein schien. Dann erschien Herr Karl Steffens. Er war wirklich sehr häßlich. Er war so häßlich, daß Prisca meinte, niemals an den Anblick solcher Häßlichkeit sich gewöhnen zu können. Auf das heftigste fühlte sie sich abgestoßen und begriff nicht, wie ein Mensch, der so aussah, etwas so Außergewöhnliches sein konnte. Als er eintrat, sah er Prisca steif an, blieb stehen und – ja, und benahm sich höchst wunderlich, höchst unmanierlich. Nachdem er sie eine Weile schweigend angestarrt, trat er rasch auf sie zu, so nahe, daß sie unwillkürlich zurückwich, und glotzte sie durch seine Brillengläser an, als hätte sie, Prisca Auzinger aus München, die Tochter Joseph Auzingers, etwas ganz Besonderes an sich. Als er dann mit ihr bekannt gemacht wurde und ihren Namen hörte, fiel es ihm nicht ein, die fremde Dame zu grüßen; er machte nur eine mürrische Gebärde und murmelte: »Fräulein Auzinger aus München? Aus München! Wie kann man aus München sein und dabei solche Augen haben? Überhaupt – sind Sie sicher, Fräulein, Auzinger zu heißen und aus München zu sein?« Er fragte so scharf und grob, daß Priscas guter Humor die Überhand über ihren Ärger gewann und sie Herrn Karl Steffens – er mußte wirklich ein Genie sein, denn nur ein Genie konnte sich so benehmen! – lachend die Versicherung gab, daß sie wirklich Auzinger heiße und aus der bayrischen Hauptstadt sei. Der häßliche Herr murmelte darauf etwas, das wie »unbegreiflich« und »widersinnig« klang, nahm seine Brille ab, putzte sie, um Prisca von neuem wie ein Naturwunder anzustarren. Als er endlich am Tische Platz nahm, sprach er kein Wort mehr. Dafür waren die beiden alten Römer ganz Gesprächigkeit und Freude, den Mann der Zukunft bei sich zu sehen und bewirten zu können. Nachdem Prisca sämtliche drei Tellerlein angeboten erhalten und sich davon bescheidentlich bedient hatte, wurden die gesamten Tafelgenüsse von Signorina Rica dem Genie überantwortet, und Peter Paul holte eigenhändig ein großes Glas herbei, das er bis zum Rand voll schenkte. Ach, das gefüllte große Glas und die drei Tellerlein waren alles, was die beiden Alten für das hungernde Genie zu tun vermochten. Sie selbst rührten keinen Bissen an, tranken keinen Tropfen. Herr Karl Steffens aß und trank, bis es nichts mehr zu essen und zu trinken gab, was sehr bald der Fall war, starrte Prisca durch seine funkelnden Brillengläser an und – sprach kein Wort. Signorina Rica schwatzte von allem, was in den letzten Tagen in der Welt, das heißt in Rom, geschehen war: daß der Papst in der Sixtinischen Kapelle eine Messe gelesen, das Apartamento Borgia renoviert und die Galerie Borghese verkauft werden sollte; daß dieses Jahr in der Villa Doria-Pamfili die Anemonen gewiß sehr frühzeitig blühen und im Karneval wieder die Barberi laufen würden. Auch der gute Padre Angelico plauderte von allerlei Römischem: von jenen Zeiten, da er nach Rom gekommen war; vom römischen Leben, wie es damals gewesen, von römischen Frauen und Männern und tausend römischen Dingen, die es längst nicht mehr gab. Aber nur Prisca hörte zu und zwar zerstreut, denn ihre Aufmerksamkeit war zu sehr durch Herrn Karl Steffens in Anspruch genommen: wie groß sein Hunger sein mußte, da er doch nicht annähernd satt geworden zu sein schien; weshalb er wohl diese sonderbaren Fragen an sie gerichtet hatte und sie auch jetzt noch so rücksichtslos anstarrte. Etwas Schönes sah er an ihr sicher nicht. Plötzlich – die Tellerlein waren längst geleert, der Wein längst ausgetrunken, wandte sich Herr Karl Steffens mit solcher leidenschaftlichen Heftigkeit, solchem Groll in Stimme und Gebärde an Prisca, daß diese erschrocken zusammenfuhr: »Sie, Fräulein Auzinger! Was wollen Sie hier in Rom? Die große römische Komödie: ›anch' io son' pittore‹ mitspielen? Noch dazu mit solchen Augen! Sollten Sie noch hundert Lire im Beutel haben, so packen Sie schleunigst Ihre Siebensachen und fahren Sie morgen mit dem ersten Zug nach Ihrem München zurück, wo Sie sich gewiß der Menschheit auf eine andre Weise nützlich machen können. Besitzen Sie aber keine hundert Lire mehr – und Sie sehen nicht sehr nach Schätzen aus –, so nehmen Sie morgen Ihr Päcklein auf den Rücken und wandern Sie mit dem frühesten zum Tor hinaus: wohl' verstanden zu demjenigen Tore, durch welches es nach dem grauen Germanien geht. Betteln Sie sich meinetwegen bis zum Isarstrand zurück, kommen Sie mit zerrissenen Schuhen und blutenden Füßen daheim an. Aber gehen Sie von hier fort! Meinetwegen fallen Sie um auf der Landstraße. Aber gehen Sie fort von hier! Einen besseren Rat gab Ihnen in Ihrem ganzen Leben noch kein Mensch. Natürlich fällt Ihnen nicht ein, sich raten zu lassen; natürlich bleiben Sie; natürlich ergeht es Ihnen hier, wie es bereits Tausenden in dieser verfluchten Stadt ergangen ist, wie es nach Ihnen Tausenden ergehen wird. Sie sind nur eine von vielen!« Er sprang auf, fuhr mit beiden Händen durch sein rotgelbes, struppiges Haar, rannte wütend im Zimmer auf und ab, wobei er bald vor der einen, bald vor der andern Kopie der Beatrice Cenci stehen blieb, und tobte seinen Grimm wacker aus. »Wissen Sie, was dieses wahnsinnig gepriesene, glorreiche, herrliche, ewige Rom ist? Eine teuflische Totschlägerin, eine Mörderin! Sie würgt uns, saugt uns das Blut aus, bricht uns das Herz, bringt uns um unser Stücklein Menschenwürde, um unser bißchen Verstand, geradeso wie ein schönes dämonisches Weib. Freilich, wenn Sie Hinz und Kunz sind, so können Sie in Rom abends ruhig zu Bett gehen und werden am Morgen vergnügt aufwachen. Wenn Sie aber etwas in Ihrem Blute haben, so etwas Gewisses, wenn Sie stark für Fieber inklinieren, so können Sie sich darauf verlassen, daß Sie den Bazillus auch schlucken und das römische Fieber bekommen werden; daß Sie, fünf gegen eins gewettet, an der römischen Todkrankheit elend zugrunde gehen müssen – wenn Sie sich nicht schleunigst auf und davon machen. »Und Sie, Fräulein Auzinger aus München, haben so etwas in den Augen ... »Gehen Sie fort, gleich morgen! »Da kommen die Leute, die nicht Hinz und Kunz sind, her: Wirklichkeit gewordener Traum, erfüllter höchster Wunsch, Wonnen ohnegleichen, Glück ohne Ende und wie die Duselei und der Blödsinn heißt. Neapel sehen und sterben ... Unsinn! Man sollte sagen: nach Rom kommen, ein berühmter Künstler werden, ein sogenannter großer Künstler, und – an Rom krepieren. »Die Gräber der an Rom krepierten Künstler füllen einen gewaltigen Kirchhof. Die Peterskuppel ist darauf die Cestiuspyramide. »Ja, ja! Da kommen die Leute her, welche die große Sehnsucht haben: die Sehnsucht nach Sonne, nach Farbe, nach Schönheit, nach Grazie. Sie kommen und trinken aus dem heiligen römischen Gesundbrunnen, der alle Künstlerschmerzen heilen soll. Sie schlürfen und schlürfen und finden kein Ende. Und wenn sie dann eines schönen Tages erwachen aus dem Rausch, und wenn sie dann hinaus sollen ins feindliche Leben, etwas Großes zu leisten, so können sie nicht mehr. Einfach, sie können nicht! Sie können nicht mehr leben ohne dieses herrliche, dieses furchtbare Rom. Nicht mehr durch den Korso und über den Spanischen Platz schlendern zu sollen; nicht mehr auf dem Kapitol und dem Palatin zu stehen; nicht mehr von Tivoli und Frascati aus auf die Campagna hinabzublicken – sie können es einfach nicht! Die goldene römische Sonne und die göttliche römische Grazie, oder wie sie sonst den Teufelsspuk nennen, wird für ihre kranken Seelen zu Morphium. Denn nur die Kranken sind es, die sich von Rom zugrunde lichten lassen, die nicht die Kraft besitzen, sich loszureißen. Und man kennt ja diese Morphiumsüchtigen: solange sie das süße Gift nehmen, so lange können sie das Leben ertragen: nur so lange! Ohne die tägliche Ration Giftstoff im Leibe sind sie verloren. Es ist vorbei mit ihnen, aus und vorbei. »Betrachten Sie hier den Padre Angelico und dessen Seraph, die engelgleiche Signorina Rica – Romsüchtige, sage ich Ihnen. Sie wissen es beide sehr genau. Und ganz genau wissen sie, daß es mit ihnen beiden aus und vorbei ist am selben Tage, da Rom ihnen entzogen würde. »Sie! Fräulein Auzinger aus München – aber und abermals rate ich Ihnen, retten Sie sich vor der großen Teufelin, solange es noch Zeit ist. Ich sage es Ihnen ins Gesicht hinein: Sie haben so etwas in den Augen ...« Prisca wollte eben in ein helles Lachen ausbrechen, als es plötzlich wie eine Vision vor ihr stand. Sie sah vor sich die arme Fanni, die ehemals die hübsche und lustige Fanni gewesen war; und der blasse Schatten des unglücklichen Mädchens sagte ganz laut und deutlich: ›O Prisca, warum kamst du hierher? Prisca, geh fort, geh fort!‹ Das gespenstische Antlitz, das sie in diesem einen Augenblicke vor sich sah, die Geisterstimme, die sie vernahm, erstickten ihr Lachen, mit dem sie dem dunkeln Rater und Warner sagen wollte: ›Aber so sieh mich doch nur an! Sehe ich denn trotz meiner Augen aus wie eine Kranke, wie eine, die Morphium notwendig hat? Ich will hier arbeiten – leben will ich hier! Sieh doch nur, wie gesund und stark ich bin; so recht brutal germanisch gesund. Ich inkliniere nicht im mindesten zu dem mörderischen römischen Fieber.‹ Die beiden alten Römer hatten bei dem leidenschaftlichen Ausbruch des Genies schweigend mit blassen, ängstlichen Gesichtern dagesessen. Sie wagten nicht aufzublicken und sich anzusehen, waren zu sehr außer Fassung geraten, um imstande zu sein, auf die donnernde Philippika gegen ihr geliebtes Rom auch nur mit einer Silbe zu entgegnen. Prisca, ihre Augen fest auf die funkelnden Brillengläser des häßlichsten aller Männer gerichtet – wie sie Herrn Karl Steffens im Gegensatz zu dem schönsten aller Männer bereits bei sich selbst nannte, fragte mit einem ihrer glanzvollsten Blicke: »Und Sie?« »Und ich? Oh, Sie wollen hören, wie es um mich steht? Und warum ich nicht beizeiten gegangen bin, der ich doch andern so gut zu predigen weiß? Bah, ich! Betrachten Sie einmal gefälligst mein Gesicht. Doch das taten Sie ja bereits! Häßlich, einfach scheußlich, nicht wahr? ... Haben Sie schon etwas von römischen Frauen gehört? »... Gewiß. Sie haben sie sogar schon gesehen. Herrlich, einfach göttlich, nicht wahr? ... Nun ja! Sehen Sie, so ist es! Und nun sehen Sie mich an. Basta!« In Prisca wallte es heiß auf. Sie rief, und sie bemühte sich dabei nicht einmal, ihre Erregung zu dämpfen: »Ich kenne Sie nicht, aber ich hörte, Sie wären ein starkes Talent. Man gibt Ihrer großen Begabung sogar einen noch höheren Namen, den höchsten, den man einem Künstler geben kann. Und dann sollten Sie so schwach und feige sein? Jawohl, Herr Steffens, so schwach und feige, daß Sie sich um einer solchen Sache willen von Rom, das Sie für verderblich, für geradezu mörderisch halten, nicht losreißen könnten?« Steffens lachte laut und grell auf. »Eine solche Sache nennen Sie das? ... Aber was können Sie davon wissen! Mögen Sie es also immerhin unbegreiflich finden.« »Ich werde es stets unbegreiflich finden. Denn niemals, niemals werde ich verstehen, daß ein genialer Mann sich selbst und seiner Kunst treulos werden kann, weil er vielleicht von einem schönen Weibe nicht wiedergeliebt wird.« Prisca war so erregt, daß sie kaum wußte, was sie sprach. Sie sah Steffens an. Sein häßliches Gesicht war entstellt durch eine Leidenschaft, von deren Dasein im Menschenherzen Prisca nichts wußte. Er war totenbleich geworden. Bald darauf ging er. 12. Das große Bild Trotz Priscas Bemühungen, den Abend nach dem effektvollen Abgang des Genies zu retten, blieb es so ziemlich ein gestörtes Opferfest. Die beiden alten Römer versuchten bald den rauhen Germanen zu entschuldigen, bald ihr geliebtes Rom in Schutz zu nehmen, und sie verteidigten denn auch das Kapitol mit einem Heldenmut, der an die hehre Zeit der Republik erinnerte. Signora Rica klagte: »Ich habe zwar auch gefragt: Sie wollen hier malen? Ich war überhaupt gar nicht sehr freundlich gegen Sie. Das kam daher, weil wir Sie nicht kannten. Ach, und weil wir gegen alle, die nach Rom kommen, nun einmal großes Mißtrauen hegen. Da dachten wir eben, Sie waren auch nur hier, um alles zu bemäkeln und zu bekritteln. Denn stellen Sie sich vor, es gibt solche Menschen. Aber nun wir Sie kennen, sagen wir Ihnen: bleiben Sie! Ja, und malen Sie! Sie werden Ihr Wunder erleben, wie Sie sich hier entwickeln und auswachsen. Denn wenn man ein Künstler ist, kein moderner oder arg hypermoderner, dann, mein liebes Fräulein – »Es ist ja wahr, daß hier viele an Rom zugrunde gehen. Aber glauben Sie uns, um die ist es dann auch weiter nicht schade. Und nun gar Sie mit Ihren klaren, prachtvollen Augen und Ihrer klaren, festen Seele ... Sie sehen, wie gut wir Sie bereits kennen. »Wie sollen wir Ihnen nur sagen, was Rom für Tausende und Abertausende geworden ist, die mühselig und beladen waren und die alle ihre Heilung hier fanden. Wer ein großes Leid in der Seele trägt, wer vom Leben schwer enttäuscht ward, wer ein köstliches Glück begraben hat und wer entsagen muß – er soll nur herkommen unter den römischen Himmel! »Und sie kommen alle, alle, die unter einem grauen Himmel nach Schönheit sich sehnen, nach jener Schönheit, die Seele hat. Sehen Sie, liebes Fräulein, sagen läßt es sich nicht, was für solchen armen Erdenwurm diese einzige Stadt ist.« Am nächsten Morgen erschien Signorina Rica bei Prisca, um ihr mit feierlichem Gesicht die Mitteilung zu machen, sie und Peter Paul hätten beschlossen, das »liebe« Fräulein Auzinger mit der großen Sache ihres Lebens bekannt zu machen. Diese große Sache war das große Bild, woran Peter Paul seit fast vierzig Jahren heimlich malte; und Prisca erinnerte sich jetzt des Geschwätzes, das der Knabe Checco über das geheimnisvolle Bild geführt und dem sie damals keine besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Peter Paul hatte das große Bild im ersten Jahr seines römischen Aufenthaltes, also vor vollen vierzig Jahren, begonnen. Rom hatte ihn dazu begeistert. Nur in Rom konnte er es vollenden. Also war er in Rom geblieben. Um sein großes Bild malen zu können, hatte er seit vierzig Jahren kleine Bilder hergestellt, lauter Heilige, vornehmlich San Sebastian. Dieser Heilige war Peter Pauls großer Liebling, weil er bei der jugendschönen, unverhüllten Gestalt wagen durfte, antik zu sein. Denn der alte Peter Paul, der in seinen jungen Jahren durch die allmächtige Wirkung Roms ein strenger Katholik geworden war, betete neben der süßen Mutter des Herrn in aller Unschuld auch die Schönheit an. Zu winzigen Preisen hatte er seit fast vierzig Jahren die Scharen seiner Heiligenbilder an die Kunsthändler bei der Minerva und im Vatikanischen Borgo verkauft, von dem Erlös sein Leben gefristet – kümmerlich genug! – und daneben unermüdlich an seinem großen Bild weiter und weiter gemalt. Er hatte – lange war es her! – die Berliner Geheimratstochter kennen gelernt, hatte sich in sie verliebt, sie aber nicht heiraten können. Erst mußte sein großes Bild vollendet sein! Wenn das geschehen, wenn er durch sein großes Bild ein bekannter, ein berühmter Mann geworden, dann erst wollte er seine geliebte Friedrike heiraten. Denn es wäre gewissenlos von ihm gewesen, ihr Leben an das seine zu fesseln, bevor er nicht sein Ziel erreicht, sein großes Bild nicht vollendet hatte. So dachte er und wartete. Es vergingen fünf und zehn Jahre. Es vergingen zwanzig, dreißig, vierzig Jahre! Und noch immer warteten die Verlobten geduldig auf die Vollendung des großen Bildes, warteten sie auf den Erfolg, den Ruhm, das Glück. Vierzig Jahre waren verstrichen und bald, schon im nächsten Jahre, sollte das Bild vollendet sein. Zweifellos würde die Nationalgalerie in Berlin Peter Pauls Bild ankaufen. Und dann, dann ... Dann kamen alle guten Geister des Lebens zu den beiden alten Leuten. Sie drängten, sie stürmten herbei: der Erfolg, der Ruhm, der Reichtum, das Glück! Nein! Der Reichtum brauchte nicht zu kommen. Nur der Erfolg, die Anerkennung und damit das Glück. Die beiden hatten gar nicht gemerkt, daß sie über dem langen Harren und Hoffen allmählich alt geworden waren, recht alt. Herr Peter Paul Enderlin trug zwar noch immer seinen langen, kaffeebraunen Rock und seinen breitkrempigen, grauen Kastorhut, und des Fräulein Friedike Baumbachs bester Staat war noch immer ihr schwarzes Merinokleid, ihre schwarze Samtmantille und ihr schwarzer Federhut. Und immer noch jung waren ihre guten, treuen, tapferen Herzen; voll Vertrauen und Glauben an alles, was auf Erden edel und schön war, voller Liebe und Begeisterung für ihr einziges, herrliches Rom. In Rom wurden die Menschen eben nicht alt! Rom war die Stadt der ewigen Jugend! Anderswo hätten sie dieses lange, lange Harren und Hoffen gar nicht ertragen können – in Rom, in ihrem einzigen, herrlichen Rom ertrugen sie es. Nur eins war schlimm für die beiden alten Römer: das war die Welt dort drüben, die freilich für sie gar keine Welt war. Aber schließlich existierte sie nun doch einmal. Ja, man würde sich sogar entschließen müssen, Peter Pauls großes Bild, sobald es vollendet war, hinüberzuschicken, da die Berliner Nationalgalerie das Bild jedenfalls ankaufen würde. Bis es jedoch so weit war, und um das Bild in aller Seelenruhe vollenden zu können, war es am besten, möglichst wenig an jene Welt zu denken. Es sollten neue Künstler erstanden, sollte eine vollständig neue Kunst geboren worden sein: die moderne Kunst, die so ganz anders war als die alte. Diese sollte von der neuen Kunst abgetan, einfach beiseite geschoben worden sein, sozusagen totgeschlagen. War das möglich? War die Kunst nicht – nun eben die Kunst? Die ewig gleiche, ewig unveränderliche, weil ewig göttliche, deren Wesen die Schönheit war? Wer konnte an etwas Ewigem rühren und rütteln? Etwa die neue Zeit? Still davon, o still! In der Kunst gab es keine neue Zeit. Und wenn man gar in Rom lebte, in dem ewigen Rom, in dem Rom des Michelangelo und Raffael ... Also davon nur ja nicht sprechen. Die neue Zeit und die neue Kunst totschweigen, solange wie möglich, bis das große Bild vollendet war. Dann würde die alte Kunst, die tot sein sollte, in Peter Pauls großem Bild ihr Auferstehen halten, ihren Triumph feiern. Denn das große Bild würde kommen, würde gesehen werden und einen Cäsarsieg erringen. Niemand außer Fräulein Friederike hatte jemals Peter Pauls großes Bild gesehen. Es war ein tiefes Geheimnis. Jeder Blick eines andern auf sein Werk hätte den Künstler beunruhigt, verwirrt, erschreckt. Natürlich war ein sehr großes Atelier notwendig gewesen. Einen solchen Raum hatte Peter Paul vor vierzig Jahren in einem alten Palast in der Via Giulia entdeckt, zwar etwas öde, aber herrlich groß. Da der Palast in der klassischen Via Giulia sehr alt und verfallen, also die Miete sehr billig war, hatte auch das prächtig gepaßt. Fast vierzig Jahre hatte Peter Paul mit den Gestalten seines großen Bildes in dem Gemäuer am Tiber gehaust. Er hatte mit ihnen gelebt, als wären sie sein eigen Fleisch und Blut. Sie waren die Gefährten seiner Tage, die Vertrauten seiner Hoffnungen geworden, die er so heiß liebte, daß er im Grunde seines Herzens glücklich darüber war, sich noch nicht von ihnen trennen zu müssen. Aber das sollte nun doch bald geschehen! Bald, bald sollten sie, die Seele von des Künstlers Seele waren, hinausziehen in jene ferne und fremde, in jene kalte und lieblose Welt: fort aus Rom, in welchem und durch welches sie entstanden waren. Und Prisca Auzinger war würdig befunden worden, das große Bild anzuschauen. Am Nachmittag wollte Fräulein Rica sie abholen, um sie zu dem Palast in der Via Giulia zu begleiten. Es würde für alle drei eine große Stunde sein. Prisca war sehr dankbar, sehr gerührt und – sehr erschrocken. Sie konnte sich keine Vorstellung von einem Werke machen, an dem länger als ein Menschenleben gearbeitet worden war. Welche Erwartungen sollte es erfüllen? Die Hoffnung eines ganzen Menschenlebens. Wie – und wenn diese Hoffnung getäuscht wurde? Zur bestimmten Stunde erschien Signorina Rica. Sie hatte für die festliche Gelegenheit ihr bestes Gewand angelegt und befand sich in Feiertagsstimmung. Jedenfalls zweifelte sie keinen Augenblick, daß Erfüllung, die schönste Tochter des größten Vaters, schließlich freundlich zu ihrem Peter Paul niedersteigen und den Rest seines Erdenwallens mit himmlischem Glanze füllen würde, für sein stilles Martyrium – denn ein solches war es trotz aller römischen Herrlichkeit, die Gloriole bildend. Die Damen mußten an dem jungen Siegfried vorüber, der von der heißen Arbeit des Vormittags unter Rosen und Lorbeeren ausruhte, so in tiefster Seele vergnügt, so mit seinem scheußlichen Alten und sich selber zufrieden, daß ihm Prisca für seinen vertraulichen Gruß mit einem ganz bösen und höchst gemessenen Kopfnicken dankte, während Fräulein Friedrike den schönsten der Männer, »dessen Kultus des Häßlichen« bereits das Gespött der Kolonie geworden war, keines Blickes würdigte. Auch dieser zweifelte keinen Augenblick an der Erfüllung seiner Hoffnungen, wie Prisca voll schmerzlichen Zornes dachte; denn sie blieb dabei, daß es schade um ihn war, wirklich jammerschade! Sie hatten einen weiten Weg, aber das Wetter war herrlich, und es gibt nichts Köstlicheres, als an einem schönen Tage Rom zu durchschlendern. Fröhlich wie ein ausgelassenes Schulkind an einem Feiertage stürzte sich Prisca mit ihrer Gefährtin in das bunte Gewühl römischen Lebens. Wie diese Menschen schreien konnten! Empfindsamen Ohren mußten diese gellenden Töne barbarisch klingen; für solche von Gesundheit und Kraft strotzende Natur, wie sie des guten Glöckleins Prinzeß besaß, galten sie indessen als Äußerungen eines unbändigen Lebensdranges. Selbst das gewiß nicht liebliche Organ eines römischen Zeitungsjungen und Marktschreiers wirkte auf ihre Nerven erfrischend. Sie gingen durch die Ripetta, dann an der Cancelleria und dem Palast Farnese vorüber. Fräulein Friedrike rief unaufhörlich: »Sehen Sie doch! Aber so sehen Sie doch nur! Ist es nicht herrlich? Das Haus dort drüben ist aus dem Cinquecento! Und diese Fassade – ein echter Bramante! Und der Torso der Marmorstatue an der Ecke! Er könnte hellenisch sein! ... Lasen Sie die Inschrift auf dem antiken Gebälk? Sie wurde dem Augustus vom Senat dediziert ... Mein Gott, und dieses Gesicht! Ein wahrer Botticelli-Kopf ... Aber sehen Sie, so sehen Sie doch nur! Wo auf der Welt gibt es dergleichen, als einzig in Rom? Nun, ist es nicht göttlich?« So ging es fort, in lauter Superlativen, jeder Satz dick unterstrichen und drei Ausrufungszeichen dahinter. Das eine mußte Prisca zugeben: diese alten Römer wußten ihr geliebtes Rom zu genießen. Die Straße des großen Papstes Giulio erreicht, war Prisca nach wenigen Schritten aus dem verwandelten und entstellten Rom der Modernen in dem Rom des Mittelalters angelangt. Wären die Gestalten des neunzehnten Jahrhunderts, die diese Straße von Palästen spärlich belebten, nicht gewesen, so hätte die Einbildung vollkommen sein können. Wie von einem Zauber umfangen, schritt Prisca schweigend neben ihrer Führerin dahin. Auch das enthusiastische Fräulein war endlich stumm geworden. Durch weit offen stehende Tore blickte Prisca in einsame Hallen, aus denen prächtige Marmortreppen in das obere Stockwerk führten, in von majestätischen Arkaden umschlossene Höfe, darin üppig aufschießendes Unkraut zwischen gestürzten antiken Säulen und zertrümmerten Statuen wucherte. Manche Wand war über und über mit eingemauerten Resten des alten Rom bedeckt. Überall Versunkenheit und Schlaf, Verfall und Verödung: das Gespenst einer toten Welt in Marmor und Travertin. Bisweilen lehnte aus dem Fenster eines ehemaligen Kardinalpalastes ein Weib mit ungekämmtem Haar, im schmierigen Morgenkleid; eine sabinische Magd, die in einem altrömischen Sarkophag, der als Brunnen diente, ihre Wäsche spülte, schrie einen endlosen, unmelodischen Gesang ab. Aus dem Hause, in das Prisca jetzt trat, schlug ihr eisige Kälte und Moderluft entgegen. Fröstelnd blieb sie unter der finsteren Wölbung der Eingangshalle stehen und schaute durch das ihr gegenüberliegende offene Tor auf eine mit grünem Unkraut bedeckte Terrasse, die über dem hier noch unregulierten Tiber lag. ›Lieber himmlischer Vater, laß mich immer in der Sonne leben!‹ so dachte sie, und der Gedanke war ein Gebet. Ungeduldig drängte Signorina Rica, die von dem Grabeshauch dieser Mauern nichts zu fühlen schien, zum Weitergehen. Die marmorne ehemalige Staatstreppe hinauf, an leeren Hallen und Sälen vorüber, höher und höher! Über den Türen gemalte verblaßte Wappenschilde; in den Wänden eingemauerte antike Inschrifttafeln und Fragmente von Bildwerken; auf Säulen und Konsolen Büsten römischer Kaiser und Päpste, überall dasselbe trauervolle, ruinenhafte Wesen, ein spukhaftes Etwas, das Prisca zuraunte: ›Der du hier eingehst, laß alle Hoffnung hinter dir. Hier wohnt das Hoffnungslose.‹ Im höchsten Stockwerk – unterwegs begegneten sie keinem lebenden Geschöpf, vernahmen sie keinen Laut – erreichten sie ihr Ziel. Peter Paul hatte ihre Schritte gehört und empfing sie vor seiner Wohnung. Prisca war so beklommen zumute, daß sie dem alten Herrn ihre Hand entgegenstreckte, ohne ein Wort sprechen zu können. Zum Glück wurde ihr Schweigen, sehr zu ihren Gunsten, als atemlose Erwartung auf das Große gedeutet, das sie im nächsten Augenblick erleben sollte. Dann öffnete Peter Paul den Damen die Tür, schlug einen alten, schweren Teppich zurück; Prisca trat in einen saalähnlichen Raum, der sein Licht durch eine wundervolle weite Loggia empfing, und stand vor dem großen Bilde, der Lebensarbeit des alten Künstlers. Sie stand davor und beschaute es lange, lange, ohne sich um Fräulein Friedrike und deren greisen Verlobten zu kümmern, ohne eine Bewegung zu tun, ohne ein Wort zu sagen, und – obgleich sie selbst eine Unmoderne war, hätte sie laut aufweinen mögen. Das Gemälde nahm die ganze Hinterwand des großen Raumes ein, eine nach akademischem Rezept figurenreiche Komposition. Jede Gestalt war mit größter Ängstlichkeit auf den richtigen Platz gestellt und nach einem bestimmten Schema gemalt. Die meisten Figuren mochten zwei-, dreimal, immer wieder und wieder umgeschaffen worden sein, mit unendlicher Sorgfalt, unter qualvoller Mühe. Und alles, alles lediglich visionär geschaut; nichts, gar nichts auch nur mit einem Schein der Wirklichkeit. Dazu ein blasses Kolorit, ohne jede Leuchtkraft und von einer Wirkung, als wären die hundert und mehr Figuren eine Versammlung von Geistern. Ein blasses Kolorit in der glanzerfüllten Luft des Südens, unter dem strahlenden Himmel Roms! Das Gemälde stellte dar: Kaiser Nero hat bei dem ersten Bacchanal in seinem über dem Schutt der niedergebrannten Hauptstadt errichteten goldenen Hause eine Vision: die Erscheinung des über das heidnische Rom triumphierenden Gottessohnes. Eine Halle, deren goldenes Dach Säulen aus Blutjaspis tragen, deren Wände aus afrikanischem Leuchtstein gebildet sind. Die Decke öffnet sich, und auf das mit wahnwitziger Pracht gerüstete Gastmahl regnet es Rosen herab. Über die Speisebetten Neros und seiner Gäste werden Purpurpolster gebreitet, werden Veilchen geschüttet, Massen von Veilchen, darin die Leiber der Schlemmer versinken. Die schönsten Jünglinge, die schönsten Jungfrauen des Reiches sind des Cäsars Geladene. Sie tragen schwere Kränze von weißen Narzissen und gelben Lilien im Haar. Während die Orgie um Nero rast, ist dieser aufgesprungen. Acte, seine hellenische Geliebte, die ihn küssen wollte, hat er von sich geschleudert. Das Haupt des reizenden Kindes fiel gegen den Fuß einer Säule und zeigt eine klaffende Wunde, daraus Blut strömt. Nero ist in wallende Gewänder aus Goldstoff gehüllt und mit Lotusblumen bekränzt. Vor seinen trunkenen Blicken ist die Wand der strahlenden Halle, dem Polster des Imperators gegenüber, zurückgewichen. Der Herr der Welt erblickt ein in Trümmer gesunkenes Rom. In Trümmer liegen die Tempel, die Altäre, die Bildsäulen der Götter und der göttlichen Kaiser. Und über diesem gestürzten Rom schwebt eine stille, lichte Gestalt zu einem geöffneten Himmel voll seliger Geister empor. Das Haupt des Leuchtenden trägt eine Dornenkrone, aber die grauen Stacheln treiben wundersame Blüten, deren Kelchen himmlischer Glanz entströmt. An Händen und Füßen strahlen die Wundmale, durch die Falten des weißen Gewandes schimmert die Narbe des Speerstichs. Mit einem Antlitz voll göttlichen Erbarmens, mit einem Meer von Gnade im Blick sieht Christus auf den Imperator hinab, in dessen vom Cäsarenwahnsinn verzerrten Zügen sich bleiches Entsetzen malt. Ohne sein Auge von dem Allerbarmenden zu wenden, greift Nero hinter sich, um einen goldenen Dreifuß zu packen, diesen nach der himmlischen Erscheinung zu schleudern. Aber Christi Blick scheint seinen Arm zu lähmen ... Das Wollen des Künstlers, der diese Komposition erdacht, war gewaltig gewesen; aber sein Unvermögen lähmte seine Schöpferkraft. * Prisca starrte auf die wie aus Holz geschnittenen toten Gestalten, die in der Idee des Künstlers ein unvergängliches Dasein führen sollten. Sie wagte nicht umzuschauen; sie fand nicht den Mut, ein bewunderndes Wort zu äußern, eine fromme Lüge zu sagen. Da hörte sie dicht neben sich Fräulein Friedrike leise aufschluchzen und mit erstickter Stimme ihr zuflüstern: »Ist es nicht groß? Sehen Sie, ach, sehen Sie doch nur! Ist es nicht groß? Ein Meisterwerk, das größte Kunstwerk unsers Jahrhunderts! Eine Welt von Gedanken! Und wie gedacht, wie dargestellt! Nun sie das Bild sahen, werden Sie mir beipflichten müssen, nur in Rom konnte ein solches Werk entstehen! Und selbst hier war es nur dadurch möglich, daß der Künstler von der ganzen Welt sich abwendete. Und er hat Recht gehabt. Es war oft recht schwer, und wir haben oft ... Aber das ist jetzt alles vorüber. Wenn Sie wüßten, ach, wenn Sie wüßten ... Ein ganzes Menschenleben, sage ich Ihnen, ein Künstlerleben! Jetzt sehen Sie es erfüllt. Aber niemand kann ahnen ... Nur ich allein; denn ich half ihm auch dabei. Nur etwas. Ich meine im Ausharren und Dulden und Hoffen. Ach, mein liebes Fräulein! ... Und die über diesem Werke alt gewordene Künstlerbraut, deren ganzes Leben von dieser einen, glänzenden Hoffnung getragen ward, begann bitterlich zu weinen. Prisca umfaßte die Schluchzende mit beiden Armen und führte sie sanft hinaus auf die Loggia, wo die Sonne Roms so hell und frühlingswarm schien. Unmöglich konnte sie ihr sagen, daß dieses Werk eines Menschenlebens ein verfehltes und verpfuschtes sei. Aber nein – nicht verfehlt! Denn es wurde verklärt und erhoben durch die höchste, reinste Liebe einer edeln, alles erduldenden Frauenseele. Wie aber, wenn die Erkenntnis kam? Dann würde des armen Künstlers himmlische Liebe auf Erden ihm helfen, auch das zu ertragen. 13. Aus Priscas Tagebuch Rom, im Januar. ... Jetzt, erst jetzt im zweiten Monat meines Aufenthaltes, fange ich an, zum Bewußtsein meiner Umgebung zu kommen. Bisher war alles, trotz der Winterkälte, wie ein Frühlingstraum, wie ein Farbenrausch. Aber auch die Erkenntnis, daß ich wache und Wirklichkeiten erlebe, ist immer noch traumhaft genug. Und da gibt es Leute, die von Enttäuschungen reden, wenn sie von Rom sprechen! Mein Anfang hier war eigentlich eine einzige gewaltige Warnungstafel. Ein Riesenplakat war für mich armes Erdenwurm wie eine Flagge auf dem Kapitol aufgehißt, und darauf stand in Riesenlettern geschrieben: ›Liebe Künstlerseele, hüte dich vor Rom! Es vernichtet.‹ Die arme Fanni Pirngruber, Peter Paul Enderlin, Signorina Rica, selbst Herr Karl Steffens, sie alle wurden hier zu lebendigen Warnungen, die mir laut und leise, wissentlich und unbewußt die flammenden Worte des Menetekel, das am Himmel Roms verzeichnet steht, wieder und wieder zurufen: Prisca Auzinger – hüte dich! Nun ja! Ich will es nur gestehen: es hat auch seine Wirkung gehabt. Ich war erschrocken, wurde verwirrt; es überschlich mich eine große Angst: wirst du hier durchdringen? Dieser elende Zustand ist glücklich vorüber. Ich mache wieder mein fröhliches Münchnerkindlgesicht; schaue wieder – gewiß aus ungeheuer großen Augen, mutig und entzückt in diese fremde, glanzvolle Welt hinein, lache über mein unprophetisches Gemüt; freue mich ganz frech meines Lebens und sehe den römischen Himmel voller Geigen hängen ... ein ganzes Orchester, das eigens für mich eine jubilierende Zukunftsmusik spielt. Freilich! Tüchtig zusammennehmen muß sich meines guten Glöckleins liebe Lange. Aber das ist sie gewöhnt von Kindheit an – ihrem lieben Vater sei Dank. Weshalb sollte sie es also nicht können, jetzt, wo sie groß geworden ist wie ein preußischer Grenadier, stark und gesund wie ein Bauernjunge, so recht brutal gesund! Und noch dazu, wo es sich um ihre Kunst, also um ihr Lebensglück handelt. Wie das klingt: um ihr Lebensglück ... Vor dem Hunger fürchte ich mich auch nicht, obgleich ich kein Genie bin, sondern nur ein Talent. Vielmehr ein Talentlein. Da ich mich jedoch nach Möglichkeit sattmachen möchte, und dieweil der Mensch nicht von Luft allein, nicht einmal von römischer Luft, leben kann, so muß ich arbeiten, arbeiten, arbeiten! Meine »Römischen Rosen mit Lorbeer« sind fertig. Heute noch werden sie eingepackt, und morgen schon gehen sie, die Armen, als Eilgut über die Alpen nach München, und zwar direkt zu meinem lieben, alten Rottmann in die Ausstellung unter den Arkaden, wo vielleicht ein paar junge, lustige Herren auf sie stoßen und sie auslachen werden. Diese Begegnung wäre mir unangenehm, denn ich will meine »Römischen Rosen mit Lorbeer« im Kunstverein verkaufen, und zwar möglichst rasch zu einem möglichst hohen Preis. Was male ich nun? EZ ist hier eine Ab erfülle: jeder Blick ein Bild! Was greife ich aus der Menge heraus? Wiederum das erste, beste, das nächste. Mein allernächstes ist – denn es steht dicht vor meinem Atelier, der Torso einer antiken Jünglingsstatue. Ringsum blühen hohe violette Levkojen in solcher Menge, daß der Boden davon purpurn leuchtet, und den Hintergrund bilden rankende Glyzinen, die sich aus dem Wipfel einer Pinie herabstürzen und gewiß auch bald blühen werden. Das wäre ein prächtiges Vormittagsmotiv. Nun muß ich noch ein Nachmittags- und ein Dämmerungsmotiv haben; denn ich muß arbeiten, arbeiten! * Ich leide Hunger! Nicht aus Notdurft – noch nicht; sondern des kleinen Ungetüms wegen. Ich werde sichtlich magerer, und Checco wird ebenso merklich fett. Um nicht jetzt schon in Rom zu verhungern, werde ich mich von meinem Raben, der mir zu seinem eignen Vorteil Speise und Trank zuträgt, entschieden emanzipieren müssen. So fasse ich denn einen großen Entschluß und gehe fortan zum Speisen aus. Und zwar speise ich in der Künstlertrattorie der Via Flaminia. Dort speisen Römer und Spanier, Germanen und Franzosen, Männlein und Weiblein. Dort speisen mein junger Siegfried und Herr Karl Steffens; und es speisen dort seit kurzem, das Essen ist niederträchtig geworden, mit wahrer Wonne Peter Paul und Signorina Rica. Also kann auch ich dort hingehen, frei von meinem unersättlichen Cherub, unter starkem moralischem Schutz, so daß selbst mein gutes Glöcklein nicht gleich Sturm läuten würde. Aber trotz der in schlechtem Öl gebackenen schlechten Meerfische, trotz der zweifelhaften Fritti von Gemüsen, von Leber und Hirn, der Eierfrittaten, der ewigen Minestren – trotz allem und allein: welche Mahlzeiten, welche Symposien! Man schimpft über nichts, läßt sich alles schmecken. Nicht einmal über die Fliegen ärgern mir uns, die es hier sogar im Winter gibt; nicht einmal über den Kellner, der sogar hier (in Rom!) betrügt; nicht einmal über etwelche Kollegen, die sogar hier bisweilen bösartige, neidische, unangenehme Menschenkinder sind. Wir essen, trinken, schmatzen, lachen, debattieren. Durch die offene Tür dringt höllischer Lärm schrillrasselnder Kastagnetten herein, der grelle Pfiff der Tram, der zum klassischen Ponte Molle geht, Gezeter von Weiberstimmen, Geheul der Ausrufer ... Aber: sogar das ist schön! Wie kommt es nur, daß hier selbst die Werktage zu Feiertagen werden, daß hier der Mensch auch bei bewölktem Himmel und in grauer Zeit eine Reihenfolge von Sonnenfesten erlebt? Ich dachte darüber nach, und ich glaube, ich fand den Grund: wer in dieser wunderbaren Stadt mit voller Empfindung lebt, der fühlt sich aus seiner Alltagsexistenz hoch hinausgehoben. Er läßt den Dunst der Tiefe unter sich und führt auf leuchtenden Bergeshöhen ein seelisches Freilichtdasein. Das muß den ganzen Menschen erheben und verklären. Und in einer solchen verfeinerten Existenz sollte eine Gefahr liegen? Unmöglich! Ach nein! Nur zu leicht möglich. Um aus dieser ewigen Weihestimmung ja nicht herausgerissen zu werden, um den schönen Rausch, denn das ist er, ja nicht mit einer Ernüchterung vertauschen zu müssen, versucht man alles, um zu verhindern, nicht an die so viel weniger schöne reale Welt erinnert zu werden. Das also ist die Gefahr, von der das große Genie Karl Steffen sprach; ihr fielen meine beiden alten Leutchen zum Opfer. Wer aber diese Gefahr mit klarem Auge erkennt, der ist dagegen gefeit. Ich sehe sie, und ich ... Mein gutes Glöcklein, über ein solches tragisches Geschick deiner lieben Langen kannst du ruhig sein. Solchem Schicksal wird sie nicht verfallen; trotz des geheimnisvollen Etwas in ihren Augen. Was das nur sein mag? * »Sie malen ja gar nicht wie ein Frauenzimmer!« Diesen Ausruf tat hinter mir eine mürrische Männerstimme, als ich eben vor meinem Atelier an der Studie zum Torso der antiken Jünglingsgestalt malte. Ich drehte mich um und sah in das ganz und gar nicht schöne Antlitz des Herrn Karl Steffens, der unbemerkt hinter mich getreten war und meine kaum angefangene Skizze mit höchst kritischen Blicken betrachtete. Etwas verwirrt war ich zurückgewichen, obgleich es mich im geheimen freute, nicht wie ein Frauenzimmer zu malen. So sind wir Frauenzimmer nun einmal; und es ist eigentlich eine Schande, daß mir so sind. Da ich mich über meine heimliche Freude ärgerte, machte ich gewiß ein recht einfältiges Gesicht. Übrigens kommt es bei meinem Gesicht gar nicht darauf an, welchen Ausdruck es hat. Nachdem Herr Steffens eine lange Weile meine Skizze betrachtet hatte, trat er dicht vor mich hin, blitzte mich durch seine häßlichen Brillengläser an und sagte mir seine Meinung über meine Malerei ins Gesicht hinein. Diese Meinung war: Obgleich ich gar nicht wie ein Frauenzimmer malte, war an meinem Bilde eigentlich so gut wie alles schlecht, pfuscherhaft, mit einem Wort: miserabel. Da stand ich und hörte zu. Während Herr Karl Steffens über mich sein Urteil abgab, das eigentlich eine Verurteilung war, mußte ich anerkennen, wie klug der Mann sprach. Er gab für alles seine Gründe. Und zwar waren es Gründe, die ich nicht widerlegen konnte, denen ich beipflichten mußte, die mir schon früher halb und halb, mit einer dumpfen Angst, selbst zum Bewußtsein gekommen waren, nur nicht so grausam klar, so unerbittlich logisch richtig. Ja, und da stand ich nun ... Er war ganz rücksichtslos, fast brutal, wie vielleicht eine andre in meiner Lage gedacht hätte. Und doch – ja, und doch mußte ich ihn bewundern. Und wie er so in mich hineinsprach, immer beredter wurde, wie er große Gedanken groß äußerte, begriff ich, die er mit seinen großen Gedanken zermalmte, plötzlich nicht mehr, wir ich ihn hatte häßlich finden können. Nun, meine liebe Lange, in diesen Dingen bist du ganz und gar ein Frauenzimmer. Ja, und da stand ich denn. * Jetzt heißt's tapfer sein nach der zermalmenden Kritik des Herrn Steffens. Warum sollte ich denn nicht tapfer sein können? Ich habe ja doch entschieden starkes Talent, sogar ein garadezu männliches Talent, da ich ganz und gar nicht wie ein Frauenzimmer male. Und das ist schon etwas sehr Großes und Bedeutsames, wohlverstanden für solch armes Frauenzimmer. Also bin ich denn tapfer! Lieber himmlischer Vater! Tapfer mußte ich von Kindesbeinen an sein, tapfer werde ich bis zum letzten Atemzuge sein müssen. Ich habe den Torso einer antiken Jünglingsstatue zerstört und neu begonnen, bei jedem Pinselstrich der Kritik des Herrn Steffens gedenkend. Also muß mein Bild dieses Mal besser werden; es muß! Ich beiße die Zähne zusammen und sage mir immer nur das eine Wort: »Es muß, muß, muß!« In dem Wort liegt ein Zauber. * Ich habe jetzt keine Zeit, Rom zu sehen, denn ich muß arbeiten, arbeiten! Auch mein junger Siegfried hat für nichts andres Zeit. Den geniert Rom indessen nicht weiter. Der tut, als gäbe es auf der Welt gar kein Rom, als lebte er nicht mitten darin. Kürzlich hat er mir seine Ansicht über Rom wieder einmal ins Gesicht gesagt, sogar ohne dabei schamrot zu werden. Rot vor Scham, daß ein Künstler so reden konnte, wurde statt seiner ich. Zu dumm, nicht wahr? Übrigens beehrt mich der Herr seiner besonderen Beachtung; ja, er ist gegen mich beinahe ritterlich, geradezu liebenswürdig. Wahrscheinlich findet er mich häßlich genug. Ich muß mich darauf vorbereiten, daß er mir eines Tages die Erklärung macht: ›Mein Fräulein, Sie sind so herrlich anmutslos, so köstlich eckig, so himmlisch häßlich, daß ich mich in Sie verliebt habe. Darf ich vielleicht Ihr Bild malen? Etwa gegen eine alte Mauer lehnend, bei voller Mittagsbeleuchtung, damit Ihre wundervolle Häßlichkeit so recht von der Sonne beschienen wird. Verlassen Sie sich darauf, ich gewinne mit Ihrer Häßlichkeit einen Preis, mein Fräulein.‹ Vielleicht bin ich ihm gar häßlich genug, mich zu seiner Lebensgefährtin zu erkiesen, da er eine andre, dermaßen häßliche, eckige, von allen Grazien verlassene Dame so leicht nicht finden dürfte. Und kommt dazu meine männliche Manier zu malen ... Pfui! Es gibt doch nichts Verfehlteres und Verpfuschteres unter der Sonne als ein Weib, das nicht in allem ein echtes, ganzes Weib ist! Und wenn die Götter dem Weibe die Schönheit versagten, sollten sie wenigstens mit der Anmut nicht geizen. * Ich wollte berichten, was der Freiherr Artur von Schönaich mir kürzlich über seine Meinung von »diesem Rom« anvertraute. Er sagte wörtlich: »Da machen die Leute solchen Lärm davon! (Von diesem Rom nämlich.) Wo steckt es denn eigentlich? Wenn ein Germane nur den Namen hört, gebärdet er sich sofort wie von der Tarantel gestochen. Wissen Sie, was für eine Bewandtnis es in Wahrheit damit hat? Es liegt im Namen! Denn: Rom, das klingt so sonderbar, so geheimnisvoll, so feierlich. Es ist einfach Humbug. Infame Heuchelei ist die ganze Geschichte! Ein echter Germane kann seiner ganzen Natur nach mit diesem italienischen Lotterwesen nichts gemein haben. Dieses Italien muß ihm im Grund seines Herzens unangenehm sein, seiner ganzen Natur zuwider. Aber derselbe Mensch, der jenseits der Alpen ein ganz verständiges Lebewesen ist, hält es für seine Pflicht und Schuldigkeit, hier allmählich seinen Verstand zu verlieren, und zwar um nichts und wieder nichts: um eine Stadt, welche die ewige genannt wird, um dieses Rom. »Der berühmte römische Wein ist ja soweit ganz trinkbar, aber doch lange nicht das, was wir ›süffig‹ zu nennen pflegen. Und was die römischen Frauen anbetrifft – nun, mein wertes Fräulein, der deutsche Mann muß ein ganz erbärmlicher Kerl sein, der wegen einer solchen Römerin auch nur für einen Augenblick um seine Vernunft kommt. Alles Heuchelei und Humbug, glauben Sie mir.« Ich dachte: diesem Manne kann nicht geholfen werden. Ist auch gar nicht nötig. * Ich war in der Sixtinischen Kapelle, ich sah im Vatikan die Stanzen, endlich, endlich! Aber – ich spreche nicht davon. Ich kann nicht. Mein Vater! O mein Vater! * Ich verbringe meine Sonntage köstlich, obgleich ich nicht umhin kann, jedesmal ein schlechtes Gewissen zu haben. Und zwar habe ich es wegen meiner beiden alten Leutchen, die mich ganz unverdienterweise liebhaben und mir Gutes über Gutes erweisen möchten. Nun können sie mir nichts Besseres erweisen, als mich in Rom, in ihrem Rom herumzuführen. Sie kennen jeden Winkel, behaupten indessen, noch einmal ein volles Menschenleben zu gebrauchen, um darin »nur annähernd« Bescheid zu wissen. Des Sonntags nun wollen sie mich schier gewaltsam mitnehmen: vormittags in das Kapitolinische Museum, nachmittags auf den Palatin. Ich bin ihnen von Herzen dankbar, aber in meinem tiefsten Gemüt bin ich gar zu sehr ein der Freiheit und Einsamkeit bedürftiges Menschenkind. Schon in München wurde es mir bisweilen herzlich schwer, alle Liebesgewalt meines guten Glöcklein mir gefallen zu lassen; und nun gar erst hier ... Ich habe nämlich an mir selber die Erfahrung gemacht, wie recht Fräulein Friedrike hat, daß es geradezu zur Qual werden kann, in Rom nicht unabhängig, nicht frei und einsam zu sein. Ich glaube, selbst ein geselliger Mensch könnte in Rom dahin gelangen, die Menschen zu meiden. Woher kommt diese gefährliche Wirkung? Hier spricht die Menschheit zu uns, die Menschheit von Jahrtausenden; hier lebt man mit den Gestalten längst vergangener Zeiten und Kulturen. Und wer mit Geistern verkehrt, der bedarf nicht nur der Lebenden nicht, sie stören ihn sogar. Also fliehe ich undankbare Kreatur an meinen freien Sonntagen den vortrefflichen Peter Paul sowie seine vortreffliche Signorina Rica und genieße mutterseelenallein, schwelge in Schönheit und Einsamkeit. Am letzten Sonntag schlich ich mich mit schlechtem Gewissen, aber glücklich in aller Heimlichkeit frühzeitig fort. Ach, solch römischer Wintersonnenmorgen, wo schon auf goldigen Wolken der Frühling über der Erde schwebt und Strahlen und Veilchen herabstreut! In Santa Maria del Popolo hielt ich, strenge Protestantin, glühende Andacht vor dem Genius Raffaels und trat dann mit einem stillen Leuchten in der Seele hinaus auf den Platz, wo um den Obelisken des Augustus die Brunnen rauschen und die Gartenterrassen des Pincio leuchtend aufsteigen. Die Stufen der Brunnen, selbst die Sockel, die die steinernen Löwen tragen, nahm eine Herde schwarzer, langhaariger Ziegen ein. Die Hirten melkten die klugen Tiere, und römische Hausfrauen und Mägde standen herum, um sich ihr Krüglein oder Glas füllen zu lassen. Als ich hinzutrat und verlangend auf die schaumige Milch schaute, wurde mir sogleich von mehreren Seiten Gastfreundschaft angeboten. Ich hatte noch nicht gefrühstückt, verspürte, ach, wie immer! heftigen Hunger, nahm einer ärmlich aussehenden Frau das gefüllte Glas ab und hielt angesichts des Pincio und des Obelisken das köstlichste Frühstück. Als ich der Frau meine Milch zahlen wollte, stieß ich zunächst auf heftigen Widerstand und mußte der guten Seele meine Soldi schließlich aufdrängen. Es sind doch nicht alle Römer wie mein junger Frascataner Checco! Alsdann machte ich in der Ripetta meine Einkäufe für den Tag: zwei weiße Brote und ein halbes Dutzend Orangen. Da ich mein Skizzenbuch bei mir hatte, mußte ich diese Vorräte in meinen Taschen unterbringen, welche Behältnisse sich als dermaßen unpraktisch erwiesen, daß ich mir vornahm, mir demnächst einen umfangreichen Pompadour zuzulegen. Damit wäre dann glücklich der Anfang gemacht, um einstmals in dreißig Jahren eine zweite Signorina Rica, eine zweite alte Römerin zu werden. Nur vor einem schütze mich, mein guter Genius, der du mich nach Rom führtest: daß ich, um in Rom nicht Hungers zu sterben, Kopistin werden muß! Dutzende von Auroren, von Beatrice Cenci ... Selbst wenn ich sie alle zu herrlichen Preisen verkaufen würde, es wäre entsetzlich! An einem leuchtenden Sonntagmorgen durch den Korso zu schlendern, über den Venezianischen Platz, an der Trajanssäule vorbei, vorbei an Forum, Palatin und Kolosseum und dabei solche nachtschwarzen Betrachtungen anzustellen, das ist strafbar. Ich hielt mir denn auch sofort eine meiner kräftigsten Predigten und sah darauf das ganze Leben so heiter an, wie es der römische Himmel war. So und so viele menschenfreundliche Kutscher boten mir ihre Wagen an. Aber ich lachte sie aus, denn ich und fahren! So und so viele bettelnde Kinder versicherten mir, daß sie am Verhungern wären. Sie lachten dabei, und ich lachte auch; und dann gab ich ihnen, und dann lachten wir zusammen: sie über meine Dummheit und ich vor lauter Herzensfreude, daß ich lebte, daß ich etwas Talent hatte und daß ich in Rom war, die Tasche voller Orangen und auf dem Wege hinaus in die Campagna, mutterseelenallein! Es sollte zwar in der Campagna Briganten geben und bissige, mächtig große Wolfshunde. Die einen Ungetüme sollten den harmlosen Fremden entweder erst ausrauben und dann totstechen oder gleich mit in den Buschwald schleppen, um mehr Lösegeld herauszuschlagen; die andern Ungeheuer sollten sich auf den Wanderer stürzen und ihn womöglich in Stücke reißen. Pah, es würde wohl so schlimm nicht sein! Furcht, weder vor Räubern noch vor Gespenstern, weder vor grauen Tagen noch sonst vor allerlei Trübem und Traurigem, das Menschen treffen kann, hat meines Vaters Tochter nie gekannt. Ich wüßte nur eines, was mich schrecken könnte: gelebt und nicht gearbeitet zu haben! Und dann noch eines: sich selbst untreu zu werden. Und wäre es nur auf einen Augenblick. Sagte nicht irgendein Weiser, daß kein Mensch für sich selbst einstehen könnte? Nun, dafür stehe ich bei mir ein! Grellweiße Gartenmauern, darüber ein hoher Lorbeer zu einem indigoblauen Himmel aufsteigt. Immer wieder blendende Wände, an denen graue, grüngefleckte Eidechsen hinauf und hinab huschen. Auf der Straße wenige Fußgänger und bisweilen ein zweiräderiges ländliches Fuhrwerk, bunt angestrichen, mit einem wunderlichen Zeltdach über dem Kutschersitz, daran ein lärmendes Schellenwerk rasselt. Dann ein Stück freies Feld, von Rosenhecken eingezäunt, mit Artischocken bepflanzt, deren schönes, silberhelles Blattwerk prächtig zu den blühenden Rosen steht. Eine einsame Villa mit verwildertem Garten, blau von Veilchen, gelb von Narzissen, die Wege mit weißen und roten Levkojen eingefaßt. Ein verlassenes Kirchlein, um welches das Gras hoch aufsprießt. Dann wieder Mauern, Gemüsefelder, Rosenhecken, und endlich durch einen engen Hohlweg, dessen braune Abhänge von blühendem Laurustinus schimmern, ein Ausblick auf die freie, weite Landschaft. Beschreiben kann ich die römische Campagna so wenig, wie ich sie malen kann. Ich kann sie nur empfinden. Gott sei Dank, daß ich das kann! Ich lief und lief, sah mich todmüde, hatte die Seele so voll leuchtender Bilder, daß, wenn ich die Augen schloß, eine ganze Galerie römischer Landschaften an meinem inneren Gesicht vorüberglitt. Bisweilen schlug ich mein Skizzenbuch auf und notierte mir einen Umriß. Oder ich saß vor dem leeren Blatt, begann zu träumen, zu fabulieren. Endlich gelangte ich auf eine Höhe, zu einem Hain von Steineichen, unter deren Schatten ich angesichts der Albanerberge Mittagsrast hielt und meine Orangen verzehrte – das ganze halbe Dutzend! Ein Göttermahl! Im Hain der Egeria – denn keine geringere Stätte hatte ich mir für mein Diner ausgesucht, ward Siesta gehalten, und darauf ging es querfeldein über eine Wiese, die schneeweiß war von wilden Margueriten, zur Via Appia und dem Grabmal der Metella. Dann die Gräberstraße weitergewandert, bis ich umkehren mußte. Als ich mich am späten Nachmittag wieder im Korso befand, so entzückt über den verlebten Tag, daß ich keine Müdigkeit verspürte, sah ich in einer prächtigen Equipage die größte römische Schönheit. Zugleich erlebte ich ein kleines Abenteuer. Daß es ein solches war, bilde ich mir wenigstens ein. Das Gewühl der sonntäglichen Spaziergänger war so groß, daß ein Gedränge entstand und ich – es war an der Ecke der Via belle Vite – nicht weiter gelangen konnte. Durchaus nicht ungern ließ ich mich von der Menge einstauen und schaute dem unterhaltenden und prächtigen Schauspiel der Korsofahrt zu. Die römische Aristokratie, die ganze einheimische und fremde elegante Welt defilierte an mir vorüber. Ich staunte über so viel Frauenschönheit in einer einzigen Stadt. Auch was Grazie und Vornehmheit war, hatte ich bisher nicht gewußt. Wie diese Aristokratinnen in ihren effektvollen Umhängen aus Samt und Seide, überreich mit Federn und Spitzen besetzt, in ihren sensationellen Pariser Modellhüten unter prächtigen Pelzdecken im offenen Wagen sich zurücklehnten, wie sie einer befreundeten Dame zuwinkten, die Grüße der Herren erwiderten, mit einer leisen Bewegung des Hauptes, so nachlässig, so gleichgültig, so königlich! Ja, eine Ausfahrt von lauter Königinnen schien es zu sein. Neben mir standen zwei junge Leute, zwei Prachtexemplare der goldenen Jugend, eine Menschenklasse, die ich sonst nicht ausstehen kann. Aber hier ist mir sogar diese fatale Spezies, von der ich nicht begreife, warum sie existiert, weniger zuwider; und diese zwei schönen, überflüssigen Jünglinge besaßen so viel Anmut, daß ich nicht umhin konnte, sie mir genau zu betrachten. Die beiden Adonis kannten nicht nur die ganze Aristokratie, nannten nicht nur die Namen aller der Herzoginnen und Prinzessinnen, Gräfinnen und Marchesen, die an uns vorbeifuhren, sondern sie erzählten sich bei diesem und jenem Namen zugleich eine Anmerkung aus der Chronique scandaleuse . Soviel ich von dem eleganten Geschwätz verstand, handelte es sich bei allen Schönen um denselben häßlichen Gegenstand: cherchez l'homme ! In mir stieg es heiß auf. Da saßen sie mit einer Miene, einer Haltung, als wäre es Frevel, diese stolzen Gestalten auch nur mit einem Hauch zu berühren! und dann sollten sie alle, alle – Ich mochte nicht weiter hören, hätte den beiden Anmutsvollen am liebsten laut zugerufen, daß sie infame Lügner wären, drängte hinweg und kam in die erste Reihe der gaffenden Müßiggänger zu stehen, die neben den Equipagen Spalier bildeten. Jeder kennt das seltsame Gefühl: plötzlich, ganz plötzlich, ohne jede Ursache, überläuft uns ein Frösteln, ein kalter Schauder; jemand geht über unser Grab, so lautet die Redensart. Jemand also ging über mein Grab, als ich gestern am späten Nachmittag im Korso an der Ecke der Via delle Vite stand. In demselben Augenblick sah ich eine auffallende, elegante Equipage. Kutscher und Diener trugen eine Livree aus weißem Tuch mit Silbertressen, silbergraue Atlasweste und silbergraue Seidenstrümpfe. Mit Weiß war auch der Wagen ausgeschlagen. Eine Dame saß darin. Welch ein Gesicht! Daß es auf Erden etwas so Vollkommenes gab! Die Phantasie des größten Künstlers hätte keine vollendetere Schönheit ersinnen können. Es geschah bei dem unerwarteten Anblick dieses wunderbaren Frauengesichtes, daß es mich auf einmal so unheimlich überlief. Obgleich ich nur das Gesicht anstarrte – ich glaube neben ihr saß ein älterer, sehr vornehm aussehender Herr, weiß ich doch genau, wie sie gekleidet war. Echt frauenzimmerlich von mir! Sie trug ein Kostüm aus schwarzem Samt, mit Blaufuchs besetzt. Ihr Hut bestand aus einem kunstvollen Gewirr von Goldspitzen und grauen Federn. Ihr Gesicht hatte eine Farbe wie Alabaster, und ihre Augen ... Ich staunte sie so an, in solcher Ekstase, daß sie meinen Blick zu fühlen schien. Wenigstens sah sie plötzlich zu mir herüber. And da geschah etwas Seltsames. Sie heftete ihre mächtigen, brennenden Augen auf mich und starrte mich an wie ich sie. Jawohl, mich, Prisca Auzinger, starrte sie an! Unglaublich, aber es war so. In der Wagenreihe entstand eine Stockung. Gerade vor mir machte die Equipage halt. Wir befanden uns einander gegenüber und starrten uns an, bis der Wagen weiterfuhr. Welche lächerliche Phantasie ich hatte! Mir war, als ob in dem Blick, den die herrliche Frau auf mir ruhen ließ, etwas Feindseliges läge, etwas wie – ich finde keinen Namen dafür. Sagte ich auch, daß sie gar nicht mehr jung ist? Aber das ist ja bei ihr ganz gleichgültig. * Hinter mir, dicht hinter mir ein Seufzer! Nein, ein ersticktes Stöhnen, daß ich mich erschrocken umsah nach dem Menschen, der so grausam litt. Karl Steffens war's. Er gewahrte mich gar nicht, denn er schaute jener Dame nach mit einem Ausdruck ... Sie also ist die Frau, um derentwillen er sich aus Rom nicht losreißen kann, um derentwillen auch er vielleicht dem Schicksal so vieler verfällt: in Rom zugrunde zu gehen. * Als Karl Steffens mich endlich bemerkte, als er mich ansah, betrachtete er mich mit demselben fast entsetzten Blick von damals, als ich ihn bei den beiden alten Römern kennen lernte. Er sah mich an, nicht anders, als wäre ich mein eignes Gespenst. Ich begrüßte ihn mit möglichster Unbefangenheit, aber statt mir meinen Gruß zurückzugeben, rief der merkwürdige Mensch: »Jetzt weiß ich, an welche Augen mich die Ihren erinnern! Aber wie ist denn das nur möglich? Denn Sie und ...« Da ich nicht wußte, was er meinte, so sagte ich, es wäre spät, und ich fühlte mich müde, denn ich sei seit dem frühen Morgen unterwegs. »So müssen Sie eilen, nach Hause zu kommen. Die Sonne geht unter, das ist die gefährlichste Zeit, um sich das Fieber zu holen.« »Im Korso?« »Der Teufel von Malaria kann Sie hier überall in seine Klauen bekommen.« »Ich fürchte nicht, daß er mich holt.« »Vielleicht hat er Sie schon bei den Haaren. Der Satan nämlich, den ich meine.« Ich drängte mich durch die Menge, welche die Trottoirs wie eine lebendige Mauer umschloß. Und da ich im Korso nur mit Mühe vorwärts gekommen wäre, schlug ich den Weg ein, der mich an der Post vorüber zum Spanischen Platz führte. Karl Steffens war mir gefolgt und schien mich begleiten zu wollen, was mir nicht angenehm war, da ich mich plötzlich völlig ermüdet fühlte und keine Lust zum Sprechen hatte. Dabei beschäftigte mich unausgesetzt der Gedanke an jene schöne, vornehme Römerin, und daß sie es war, die Karl Steffens liebte. Dieser schien zum Glück auch nicht in mitteilsamer Stimmung zu sein, was ich bei einem Menschen, der soeben mitten unter andern so jammervoll aufgeseufzt hatte, sehr begreiflich fand. Aber auf einmal begann er zu reden, leise, fast flüsternd, und die Worte heftig hervorstoßend. »Haben Sie sie gesehen? Sie müssen sie gesehen haben. Solches Gesicht übersieht man nicht.« Da ich ihn nicht merken lassen wollte, daß er sich verraten hatte, so fragte ich: »Sie meinen die Dame in der Equipage mit der weißen Livree?« »Ich kann nur die eine meinen.« »Sie ist wunderschön.« »Wunderschön? Sie ist ... Aber Sie haben sie ja gesehen!« »Wer ist sie?« »Das wissen Sie nicht?« »Wie sollte ich, da ich hier fremd bin.« »Sie müssen aber doch von ihr gehört haben? Sie ist ja geradezu berühmt! Ein Meisterstück der Natur.« »Also wer ist sie?« »Die Fürstin Romanowska.« »Romanowska? Ich glaubte, sie sei eine Vollblutrömerin.« »Vollblutrömerin wie eine Agrippina! Oder wie eine keusche Lukretia, wenn Ihnen das besser gefällt.« Er lachte auf, so grell, daß es mich durchfuhr. Nur um etwas zu sagen, bemerkte ich: »So stelle ich mir Frauenhoheit vor.« »Hoheit? Sagen Sie lieber Majestät. Alles an dieser Frau ist wie an einer geborenen Souveränin, wenn sie auch von der Gasse kommt und weder lesen noch schreiben kann. Übrigens ist die Fürstin Romanowska eine Römerin, wenn auch keine Romana di Roma.« »Sondern?« »Sie ist aus Rocca di Papa.« »Aus Rocca di Papa? Ist das möglich?!« »Finden Sie darin etwas so Außerordentliches?« »Daß die Fürstin Romanowska aus Rocca di Papa stammt ...« »Es kommen viele Modelle von dort her.« »Aber die Fürstin Romanowska war doch nicht ...« »Jawohl! Sie war ehemals Modell. Sie sehen, in diesem wundersamen Lande ist alles möglich.« Ich tat einen Ausruf. Unklugerweise sagte ich dann: »Und Sie kannten die Fürstin schon damals, als sie noch ...« »Ganz richtig, als sie noch Modell war. Sie reden ja, als hätten Sie niemals von meiner ›Tochter der Semiramis‹ gehört.« »Es soll ein herrliches Werk sein.« Er höhnte mit einem beißenden Spott; der mir förmlich physisch weh tat: »Ein herrliches Werk? Es ist eine Pfuscherei, wenn Sie das Urbild damit vergleichen.« »Die Fürstin Romanowska?« »Nun ja, ja! Eben dieselbe, die vorhin wie eine Göttin an uns vorüberfuhr und meinen demütigen Gruß nicht erwiderte.« »Warum grüßen Sie sie also?« »Ja, warum ...« Darauf ein langes Schweigen. Mir ward mehr und mehr unheimlich zumute. Wenn er doch nur gegangen wäre. Er blieb jedoch und sagte, vielmehr er stieß hervor: »Was für ein Schwächling ich bin! Ich, der ich ein Genie sein soll! Ein Mensch, der eines schönen Weibes wegen um den Verstand kommt, ein Genie! Nicht einmal ein ganzer Mann ist der Kerl! Und ein solcher Mensch läuft noch immer auf Erden herum! Und er läuft nur herum, weil ... Doch das sind Dinge, von denen eine reine Seele wie Sie nichts wissen kann, auch gar nichts wissen soll. Pfui, wie erbärmlich!« »Oh, Herr Steffens!« »Lassen Sie sich nicht etwa einfallen, mich zu bedauern, einen Mann, der so verächtlich geworden ... Nein, sehen Sie mich nicht so an! Hören Sie nicht? Sie sollen mich nicht so ansehen, mit diesen Augen –« Er murmelte etwas, das ich nicht verstand, drückte den Hut in die Stirn und war plötzlich von meiner Seite verschwunden. Die ganze Nacht tat ich kein Auge zu. Ich sah immerfort das alabasterbleiche, wunderschöne Gesicht der Fürstin Romanowska, die ein Modell gewesen, und die mich so seltsam angeblickt hatte; ich hörte immerfort das Stöhnen des Mannes, der diese Frau liebte, der durch seine Liebe so unglücklich geworden, daß er sich selber verachten mußte, und der ein großer Künstler gewesen war. Denn jetzt – nein, jetzt war er es sicher nicht mehr. Er dauert mich. Ach Gott, wie er mich dauert! Was er nur immer mit meinen Augen hat? 14. Maria von Rocca di Papa Vor ungefähr achtzehn Jahren ward sie zum erstenmal in Rom gesehen. Allzu jung war sie schon damals nicht mehr, etwa Anfang der zwanzig. Eines schönen Morgens kam sie vom Barberinischen Platz her langsam die Via Sistina hinaufgegangen. Sie war schlecht gekleidet, in einem Kostüm, wie es ehemals die Mädchen von Albano trugen, und wie man es dort jetzt nur noch selten an hohen Festtagen sieht und dann ausschließlich bei älteren Frauen. Die Farben des Mieders und des Rockes waren verblaßt, und sie trug nicht den mindesten Goldschmuck; selbst das Ohrgehänge fehlte, das im römischen Lande doch sonst die Ärmste besitzt. Es mußte ihr schlecht gegangen sein, und das lange Zeit. Aber sie hatte eine Art zu schreiten und den Kopf zu halten; sie war von solcher stolzer, solcher triumphierender Schönheit, daß alle Leute ihr nachschauten. In Rom will das etwas sagen. Sie kümmerte sich um die staunenden Blicke genau so viel wie um das Pflaster unter ihren Füßen, ging gelassen ihres Weges bis zu der schönen Kirche der heiligen Dreieinigkeit über dem Spanischen Platz, ging die Stufen hinab, als wäre es die Treppe eines Palastes und sie dessen Herrin. Auf den Terrassen warteten die römischen Modelle auf Arbeit. Als dieses Völklein die Fremde sah, geriet es in helle Erregung; teils weil es sie nicht kannte, teils weil sie so schön war und so stolz tat. Die Unbekannte stellte sich auf die unterste Treppe, lehnte ruhig gegen die Mauer und wartete auf einen Künstler, der ihr zu tun geben würde. Für die übrigen, die doch ihresgleichen waren und zu demselben Zwecke herumlungerten, hatte sie weder Wort noch Blick. Aber eine ältere Frau aus Rocca di Papa kannte sie und rief laut: »Das ist ja die Maria von Rocca di Papa!« Die Maria von Rocca di Papa warf der Sprecherin einen gelassenen Blick zu und regte sich nicht. Alle Modelle scharten sich um die Frau und wollten von der Maria hören. Nun, die Maria war als Kind mit ihrem Vater (die Mutter war längst tot) als Modell in die weite Welt gezogen, und man hatte seitdem nichts von den beiden gehört. Plötzlich war sie ohne ihren Vater wieder da und stand auf der Spanischen Treppe. Man umringte sie voll gutmütiger Teilnahme, begrüßte sie, fragte sie aus. Sie antwortete aber nur kurz und bündig. »Wohin ging dein Vater mit dir?« »Wir gingen eben von Rocca fort.« »Wohl gar bis Florenz?« »Bis Florenz. Und viel weiter.« »Fandet ihr zu tun?« »O ja.« »Wurdest du Modell?« »Freilich.« »Und dein Vater?« »Oh, der!« »Was ist's mit dem?« »Der starb.« »Du Arme! Ohne Vater und Mutter!« »Nun ja.« »Ohne Vater und Mutter und dann nicht einmal in deiner Heimat! Wie alt kannst du wohl gewesen sein?« »Fünfzehn.« »Und dann ganz allein! Was tatest du nur?« »Ich stand Modell.« »Also ging dir's gut?« »Nicht schlecht.« »Standest du immer Modell?« »Nicht immer.« »Was tatest du denn noch sonst?« »Was soll ich getan haben?« Das war nun freilich keine Antwort. Das bunte, lebhafte Völklein war jedoch für das Schicksal der armen Waise so interessiert, daß es auf die ausweichenden Antworten nicht sonderlich acht gab, sondern mit fieberhafter Ungeduld weiter fragen und hören wollte. Die Alte erkundigte sich: »Wir hörten in Rocca, ihr wäret in Deutschland gewesen.« »Nun ja. In Deutschland. Mein Vater starb dort.« »Wie lange bliebst du dort ganz allein?« »Oh, nicht lange.« »Wohin gingst du dann?« »Nach Frankreich.« »Oh!« »Was ist dabei? Wenn man hingehen kann, wohin man will.« »Warst du dort auch Modell?« »Freilich!« »Es ging dir dort gewiß schlecht?« In den mächtigen Augen der Maria von Rocca di Papa leuchtete es eigentümlich auf. »Ich hätte dort eine Dame werden können! Eine Dame, die sich jeden Tag einen neuen Hut aufsetzt, in einem schönen Wagen fährt und Schmuck hat wie eine Herzogin. Ja, eine solche Dame hätte ich dort werden können.« Als das gewaltige Staunen ihres Publikums sich einigermaßen gelegt hatte, wurde sie von neuem mit Fragen bestürmt; sie antwortete indessen mit noch weniger Bereitwilligkeit ... Fünf volle Jahre blieb sie in Paris, stand Modell und verdiente Geld, viel Geld; denn alle Künstler wollten ihr zu tun geben. Plötzlich erkrankte sie schwer und ward in ein Spital geschafft. Dort erfaßte sie eine glühende Sehnsucht: ›Sobald du gesund bist, gehst du fort, nach Italien, zurück in den Sonnenschein, nach Rom.‹ Als sie aus dem Spital entlassen wurde, war sie sehr schwach, hatte nur noch wenig Geld, wollte jedoch nicht länger bleiben, wollte fort. Einen großen Teil des weiten Weges von Paris bis Rom legte sie zu Fuß zurück. So schlecht war es der Maria von Rocca di Papa zuletzt ergangen; aber jetzt war sie wieder da. Und sie wollte in Rom bleiben, denn was sollte sie in Rocca di Papa? Sie hatte dort niemand mehr außer einigen Tanten und Basen, um die sie sich nicht kümmerte. Eine einzige Freundin hatte sie dort gehabt, die Pia Anna. Dieser hatte sie sogar einmal schreiben lassen, damals aus Deutschland. Dem Briefe hatte sie eine Photographie beigelegt: das Porträt ihres Verlobten, eines schönen, großen blonden Mannes, den sie in dem Briefe an die Pia Anna ihren langen bel biondo nannte. Das war lange her, und das Porträt mußte längst verblaßt sein. Sollte sie auf den Monte Cavo steigen, nur um die Pia Anna und die verblaßte Photographie wiederzusehen? Wozu? Wer weiß, ob die Pia Anna überhaupt noch lebte? Sie konnte sich ja gelegentlich einmal nach ihr erkundigen. Aber warum hätte sie sie aufsuchen sollen? Sie würde sie gewiß gleich nach ihrem bel biondo fragen, und das ... Besser, sie stieg nicht den hohen Berg hinauf! Also blieb sie in Rom. Und sie brauchte sich nur zu zeigen, so waren die Künstler gleich von ihr wie behext. Jeder wollte sie zum Modell haben. Die Franzosen und Spanier wollten sie für sich allein in Beschlag nehmen und gerieten ihretwegen mit den Deutschen und Italienern beinahe in Streit. Maria ließ sich davon nicht anfechten, wollte keinem von allen ausschließlich angehören, soviel sie dabei auch verdient hätte. Auch als Modell wollte sie frei sein. Sie wählte sich stets selbst den Künstler, dem sie stehen wollte. Weder dem Reichsten noch dem Schönsten verdingte sie sich, sondern dem Talentvollsten, wenn er auch der Ärmste war. Denn kein Kunstkritiker oder Kenner weiß besser mit dem Talent der Künstler Bescheid als die Modelle. Sie stand stets dem Künstler so lange Modell, bis seine Arbeit ganz vollendet war, und nahm an dem Werk ein glühendes Interesse: war es doch ihre Gestalt und oft mehr als das – ihre Seele! Die leidenschaftliche Teilnahme erkaltete, sobald der Künstler mit seiner Arbeit fertig war. Das Schicksal des Werkes, das häufig durch das schöne Modell eine besondere Berühmtheit erlangte, kümmerte sie nicht mehr. Eine andre Absonderlichkeit des schönen Geschöpfes war, daß sie keinem Künstler zu einer zweiten Arbeit Modell stand, mochte er sie noch so sehr bitten, ihr noch so viel bieten. Inzwischen vernahm man in Rom allerlei über sie: sie sollte im Ausland durch ihre Schönheit ebenso wie durch ihren Charakter viel Unheil angerichtet haben. Aber niemals war sie die Geliebte eines Künstlers gewesen. Auch in Rom galt sie für unnahbar, was die magische Gewalt, die von ihr ausging, nur verstärkte und noch verderblicher machte. Auch Karl Steffens stand sie Modell. Dieser war damals ein Neuangekommener, der eine Menge großer Entwürfe in der Phantasie fix und fertig hatte. Aber es war einstweilen herzlich wenig Aussicht vorhanden, auch nur einen einzigen aller dieser Gedanken zu verwirklichen, geschweige denn zur Ausführung zu bringen. Ein Hauptgrund seines Aufenthalts in Rom war, daß hier die schönsten Frauenmodelle zu finden sein sollten. Und für ihn, den »häßlichsten der Männer«, war Schönheit die größte Göttin. Er war arm, würde jedoch um keinen Pfennig reicher geworden sein, auch wenn er hübsch zu Hause, in Deutschland, geblieben wäre. Er hatte sich bei so und so vielen Konkurrenzen beteiligt, so und so viele Preisrichter hatten über seine Entwürfe die weisen Häupter geschüttelt: ›Sehr merkwürdig, viel zu merkwürdig!‹ Und irgendein großer Akademiker erhielt den ersten, ein minder großer den zweiten Preis und so fort, bis herab zur ehrenvollen Erwähnung. Der viel zu merkwürdige Karl Steffens stellte sein Ton- oder Wachsmodell zu dem übrigen, putzte seine Brillengläser, überzählte seine Barschaft, murmelte etwas zwischen den Zähnen und – ging schließlich den nämlichen Weg, den vor ihm, aus den nämlichen Gründen, schon mancher talentvolle Künstler gegangen: er reiste nach Rom, wo man unter einem »ewig blauen« Himmel weniger Geld brauchen sollte, und wo schöne Menschen wohnten, namentlich, wie schon gesagt, schöne Frauen. Sehr bald indessen machte Karl Steffens die Entdeckung, daß die Geschichte von dem ewig blauen Himmel ein Märchen sei. Mit der andern Sache hatte es indessen entschieden seine Richtigkeit; hungern ließ es sich in Italien leichter als da drüben – wie Fräulein Friedrike mit der gewissen Handbewegung zu sagen pflegte. Überdies hatte er ja den Kopf voll großer Entwürfe! Und jung war er auch noch, ganz lächerlich jung: zweiundzwanzig Jahre. Nur war es schade, daß man nicht auf dem Papiere modellieren und gewaltige Werke schaffen konnte, daß das billigste Material für einen Bildhauer Ton war. Und bis aus dem Ton Marmor wurde ... Jedenfalls bedurfte er, auch um den Ton zu modellieren, einer Werkstatt. Es gab in Rom wahrlich deren genug: die ganze Via Margutta bestand aus Ateliers. Alle leeren Studii sah er sich an, fand viele sehr schön, alle jedoch zu teuer, viel zu teuer. Lange Zeit brauchte er, um ein Studio zu finden, das billig war, sogar spottbillig. Dieser Raum, darin Karl Steffens sein neues Leben einrichtete und seine unsterblichen Werke schaffen wollte, hatte noch dazu eine wunderbare Loggia, in einem ganz neuen, sehr prächtigen Hause zwischen Esquilin und Caelius, gerade gegenüber dem Kolosseum. Das Atelier ging auf einen engen, dunkeln und feuchten Hof, der das reine Treibhaus war: so üppig schossen darin Unkraut und wilde Blumen empor. Sogar die Mauern waren grün überzogen von dem reizenden Blattwerk der Nymphenfarne. Auch war das Studio selbst ganz merkwürdig feucht. Und es herrschte darin eine ganz sonderbare Luft. Je nun! Ein feuchtes Atelier besaß für ihn das Gute, daß der Ton nicht so schnell trocknete. Es traf sich alles famos. In dem ganz neuen und sehr prächtigen Hause wohnten merkwürdigerweise nicht viele und gar keine feinen Leute, und die wenigen Bewohner hatten ganz merkwürdige Gesichter: so sonderbar fahl! Und mit ganz sonderbaren Augen sahen sie den neuen Mietsmann an, so forschend, als wollten sie sehen, ob sein Gesicht auch schon fahl wurde. Mit seinem von großen Plänen wimmelnden Kopf und dem bedenklich leeren Geldbeutel war Karl Steffens bester Laune: endlich, endlich sollte einer seiner vielen Entwürfe aus dem Kopf als Meisterwerk in die Welt gesetzt werden! Es war das eine Gruppe, der er den Namen »Die Tochter der Semiramis« geben wollte. Diese Dame war wie ihre erlauchte Mutter gleichfalls Königin gewesen. Einem etwas eigentümlichen Gesetz zufolge, das die junge Majestät selbst zu erteilen geruht hatte, durfte sie sich unter den schönsten Jünglingen des Landes den Gemahl wählen. Das königliche Paar wurde vermählt und – der junge Gatte am nächsten Morgen hingerichtet, durch Henkershand erwürgt. Karl Steffens wollte die Königin darstellen, wie sie von ihrem Lager sich erhebt und zu ihren Füßen den Gemordeten erblickt, den Strick um den Hals. Sie sieht ihn und wird für den Toten von heißer Liebe entflammt. Unaussprechliches wollte Karl Steffens in diesem Frauenantlitz ausdrücken, mit solcher Gewalt ausdrücken, daß der Beschauer von tiefstem Grausen, zugleich von innigstem Mitleid gepackt würde. Also ein Modell für seine Tochter der Semiramis! Ein junges, schönes Weib! ... Und Karl Steffens suchte nach einem solchen Weibe. Er sah viele schöne Frauen. Einige waren so wunderbar, daß er in helles Entzücken geriet. Aber, selbst angenommen, diese Schönheiten hätten für Geld und gute Worte dem Künstler Modell gestanden – für seine grausame, herrliche Königin war ihm keine schön genug. Also suchte er weiter. Inzwischen wollte er wenigstens etwas tun, denn wozu war er in Rom, wozu hatte er sein herrliches Studio? Er wählte daher am Spanischen Platz ein Modell, wurde handelseinig, sagte seine Adresse, sorgte für frischen Ton und wartete am nächsten Morgen auf den bestellten Jüngling. Der jedoch blieb aus. Voll Ärger ging er nachmittags hin und mietete einen andern. Aber auch das zweite Modell fand sich nicht ein. Erst von dem dritten erfuhr er den Grund, warum kein Modell zu ihm kommen wollte, denn als dieser dritte die Adresse vernahm, erklärte er gerade heraus, er würde nicht kommen. Es würde keiner zu dem Künstler kommen! Der Grund war: das neue, prächtige Haus gegenüber dem Kolosseum war eine berüchtigte Brutstätte der Malaria. Alle Künstler, die in diesem Hause gewohnt hatten – es befanden sich darin noch mehrere Ateliers –, erkrankten sehr bald schwer am römischen Fieber, und ein Deutscher war dort sogar vor kurzer Zeit an der Perniciosa gestorben. Darum der billige Preis, darum die armseligen Mieter, darum die fahlen Gesichter und der sonderbar forschende Blick, der zu fragen schien: ›Bist du nicht auch schon krank?‹ Er war jedoch gesund und blieb wohnen; denn es war gar zu wundervoll billig! Das mit dem römischen Fieber war sicherlich sehr übertrieben. Jedenfalls würde er es nicht bekommen. Und wenn die Modelle absolut nicht kommen wollten – was für kindische Geschöpfe es doch waren! –, so mußte er sich einstweilen ohne sie behelfen. Sahen sie dann ein, daß es ihm nicht ans Leben ging und er das Gespenst auslachte, so kamen sie sicher. Also blieb er wohnen. Aber eines Abends, als er nach Hause kam, trat ihm auf dem Flur eine Schar schwarz Vermummter entgegen. Sie hielten hohe, brennende Wachskerzen in Händen und trugen auf ihren Schultern eine lange, schmale, mit einem schwarzen Tuch bedeckte Kiste. Die freiwillige Totenbrüderschaft war's, die einem, der ausgelitten hatte, den letzten Dienst erwies. Einer der wenigen Mieter wurde hinausgetragen ... Nun, sterben muß einmal ein jeder! Er fragte einen Knaben, der vor der Tür stand, nach dem Gestorbenen und erhielt zur Antwort: »Irgendeiner am Fieber. In dem Hause sterben alle am Fieber.« Er wollte trotzdem wohnen bleiben! Wenigstens fürs erste. * Karl Steffens war jemand, der schon »dort drüben« seine einsamen Menschen- und Künstlerwege gegangen war; um wie viel mehr tat er das in Rom. Er verkehrte mit niemand und machte namentlich um jeden Kollegen einen weiten Umweg; sein Mittagessen nahm er in einer kleinen Trattoria ein, die in der Nähe von San Pietro in Vincoli lag und die, von keinem Fremden gekannt, billig war. Sein mehr als bescheidenes Abendbrot kaufte er sich irgendwo zusammen. So gehörte er denn mit Leib und Seele zu der Gemeinde derer, die nach der Ansicht der beiden alten Römer berufen waren. Nur durch diese Art zu leben konnte es geschehen, daß er nichts von dem schönsten weiblichen Modell, der Maria, vernahm; außerdem erschien sie, da sie das gesuchteste Modell war, auf der Spanischen Treppe nie mehr. Sie wohnte bei einem alten Fruchthändler in der Nähe des Laterans, begab sich am frühen Morgen in ihr Atelier und kehrte am Nachmittag gewöhnlich durch die volkreichen Viertel der Monti in ihr entlegenes Quartier bei der Basilika des großen Heiligen zurück. Da lernte Karl Steffens sie kennen, wobei er zugleich eines jener Abenteuer bestand, die selbst in der modernen Kapitale des geeinigten Königreiches immer noch ziemlich alltäglich sind. Er liebte es, die ungesundeste Tageszeit, die Dämmerung, im Kolosseum zuzubringen. In jener Stunde war der Aufenthalt in der menschenleeren Ruine wahrhaft magisch. Der gewaltige Steinring schien die Lichtfluten des Tages wie mit gewaltigen Armen zu umfassen; die Travertinmassen hatten die Sonnenfluten so gierig aufgesaugt, daß die Riesenwände, welche Cäsarenwahnsinn aufgetürmt, noch wie Alpengipfel leuchteten und gleißten, wenn die Schatten der Nacht bereits allen sonstigen Schein auslöschten. Eines Abends wurde der Künstler, der, ganz in seine Phantasie verloren, das Amphitheater mit Gestalten seiner Welt bevölkerte, durch den Schrei einer Frauenstimme aus seinen wachen Träumen aufgeschreckt. Es klang wie ein Hilferuf und drang aus einer der Arkaden, in deren dunkeln Wölbungen selbst am hellen Tage mit aller Gemächlichkeit jemand ermordet werden könnte. Karl Steffens eilte hin und fand ein Mädchen aus dem Volke gegen die Mauer lehnen und heldenmütig mit einem Menschen ringen, der mit einem Dolchmesser bewaffnet war. Als der Bursche den Fremden gewahrte, ließ er sein Opfer fahren, stieß eine Verwünschung aus und verschwand in den dunkeln Bogengängen. Die Züge des Mädchens zu erkennen, war es zu finster; aber ihre Gestalt und die Haltung des Kopfes waren prachtvoll. Sie schien sich bereits wieder gefaßt zu haben, wenigstens war sie vollkommen gelassen und erzählte, sie habe sich auf dem Nachhauseweg verspätet, wohne in der Via Marc Aurelio und habe geglaubt, bedeutend abzukürzen, indem sie den Weg durch die Arkaden des Kolosseums statt über die obere Fahrstraße nehme. Jener Mensch müsse ihr aufgelauert haben, ihr nachgeschlichen sein und – ja, und wäre der Herr nicht gekommen gerade zu rechter Zeit, so hätte ein Unglück geschehen können. Sie danke dem Herrn. In seinem besten Italienisch versicherte Karl Steffens, er sei glücklich, ihr den kleinen Dienst geleistet zu haben, und bat um nähere Auskunft über den Überfall: ob sie den Buben kenne und ob sie wisse, warum sie verfolgt worden sei. Sie kannte ihn und sie wußte auch ... Sie machte nur eine Bewegung mit dem Kopf, und Karl Steffens verstand sofort, daß sie den Burschen abgewiesen und dieser sich dafür hatte rächen wollen. Was sie tun würde. Nichts! Sich mehr in acht nehmen, nicht mehr so spät solche Wege gehen, stets ein Messer bei sich tragen. Er sollte es nur noch einmal probieren! Sie verließen zusammen den unheimlichen Ort. Als sie wieder ins Freie traten, war es gerade noch hell genug, daß der Künstler sehen konnte ... Solches Antlitz hatte er für sein Bildwerk geträumt. Leibhaftig stand das schönste Weib Roms, das schönste Weib der Welt vor ihm. Auch sie blickte ihn an: Heilige Jungfrau, wie häßlich er war! Er wollte sie nach Hause begleiten, aber das litt sie nicht und sagte es ihm in wenigen Worten, jedoch in einer Weise, daß er gehorchen mußte. Da folgte er ihr heimlich nach, um sie zu schützen und – um sie vor sich herschreiten zu sehen. Ihm war zumute, als wandelte er auf mondhellen Bergeshöhen. 15. Die »Tochter der Semiramis« Die Folge dieses Abenteuers war eine Reihe schlafloser Nächte und arbeitsloser, ruheloser Tage. Steffens befand sich in einem Zustand, von dem er einige Male selbst glaubte, es sei das römische Fieber. Das hielt ihn auch gepackt, und zwar für eine Natur wie seine in bedenklichster Art. Denn noch niemals war er in Wahrheit ernstlich verliebt gewesen. Noch niemals hatte er eine Frau gesehen, die der häßlichste der Männer schön genug befunden hätte. Auf einmal nun war er nicht nur verliebt, sondern er liebte! Wahrscheinlich, vielmehr ganz sicher, liebte er hoffnungslos; denn wie würde, wie könnte solch wunderbares Geschöpf einen Menschen lieben, der sein Gesicht hatte? Unmöglich! Der bloße Gedanke an die Möglichkeit einer Gegenliebe besaß für ihn, den rasend Verliebten, den leidenschaftlich Liebenden, etwas, das sein ästhetisches Gefühl empörte. So hoffnungslos er sich auch fühlte, begab er sich dennoch Abend für Abend in die Nähe ihrer Wohnung, um sie von einem versteckten Platz aus glücklich heimkommen zu sehen und in Sicherheit zu wissen. Natürlich erfuhr er, wer sie sei: ein Modell, das berühmteste in Rom, über dessen kapriziöses Wesen die seltsamsten Dinge erzählt wurden, ebenso wie von ihrer Sittsamkeit. Sie war ein Modell, und er ein Künstler. Warum sollte sie nicht auch ihm Modell stehen? Modell zu seiner »Tochter der Semiramis«, deren verkörpertes Ideal sie war. Man zahlte ihr selbstredend einen Preis, der für ihn unerschwinglich war, da er sie jedenfalls lange, sehr lange gebrauchte. Unerschwinglich?! Unsinn! Der Preis mußte geschafft werden, und sollte er sich dem Teufel selber oder, was das nämliche bedeutete, einem Kunsthändler verkaufen müssen. Doch was sollte daraus werden, wenn er sich noch mehr in sie verliebte – noch leidenschaftlicher sie lieben würde? Und daß es so kam, war eine Naturnotwendigkeit. Was sollte daraus werden? Er fühlte, wie er brennend rot wurde vor Scham. Nichts sollte daraus werden; denn niemals würde sie erfahren – Karl Steffens war nicht nur ein einsamer, sondern auch ein stolzer Mensch. Niemand ahnte, wie stolz er war. Also nahm er sich vor, sie an einem der nächsten Tage in durchaus geschäftsmäßiger Weise zu fragen, unter welchen Bedingungen sie ihm Modell stehen wolle. Natürlich mußte er dann sofort ein andres Atelier suchen, denn er durfte sie nicht der Gefahr aussetzen, in seinem Studio die Malaria zu bekommen. Die Vorstellung, daß so viel Schönheit so leicht vergänglich sein könnte – durch einen Zufall, einen Atemzug, eine Erkältung, hatte etwas Brutales. So oft er auch den Entschluß faßte, sie aufzusuchen, führte er ihn doch niemals aus. Wahrscheinlicherweise würde sie ihm Modell stehen; hatte er sie doch aus Todesgefahr gerettet, wofür sie sich, vielleicht nicht einmal ungern, erkenntlich erwies. Aber ihre Dankbarkeit wollte er nicht. Eines Vormittags stand er in schlechtester Stimmung vor seinem Wachs, daraus irgend etwas zurechtknetend, als an seine Tür geklopft wurde. Das war sehr ungewöhnlich; denn er empfing keine Besuche, erhielt auch keine Briefe. Er öffnete, und vor ihm stand die Maria von Rocca. Sie trat sogleich ein, vorüber an ihm, der die Tür weit offen hielt und kein Wort hervorbrachte; so ruhig und sicher trat sie ein, als hätte er sie bestellt, als wäre es ihre Pflicht gewesen, zu kommen. Als sie den feuchtkalten Raum betrat, zog sie mit einer unwillkürlichen Bewegung das schmale, buntgestreifte Wollentuch fester um die Schultern. »Guten Tag, Signor Carlo.« »Du weißt meinen Namen?« Es war das einzige, was ihm einfiel; dabei stand er noch immer mit der offenen Tür in der Hand. »Die andern sagten mir, wie Ihr heißet und wo Ihr wohnt. Und da bin ich.« »Da bist du. Nun ja. Und da bist du.« Er sagte es stammelnd, während er jetzt auch von der Tür zurücktrat, die krachend hinter ihm zufiel und ihn mit ihr zusammen abschloß von der ganzen übrigen Welt. »Die andern sagten mir, Ihr brauchtet ein Modell,« nahm Maria das Wort. »Der Künstler, bei dem ich zu tun hatte, wurde mit seiner Arbeit nicht früher fertig; und ich konnte doch nicht nur so von ihm fortgehen. Aber da bin ich jetzt. Könnt Ihr mich brauchen?« Ob er sie brauchen konnte! Und sie entschuldigte sich förmlich bei ihm, daß sie nicht früher hatte kommen können! Aber jetzt war sie da! Es war wie ein Traum, eine Fieberphantasie! Richtig: das römische Fieber ... Mit Anstrengung brachte er hervor, daß er sie freilich brauchen konnte, sogar recht gut. Längst hatte er sie fragen wollen, ob sie einmal – aber sie hatte ja immer so viel zu tun! Und überdies müßte er erst ein andres Studio haben. Dieses war zu ungesund wegen der Malaria. Erst wollte er einen andern Raum suchen; wenn sie dann Zeit hatte ... Statt aller Antwort warf Maria ihr dickes Tuch ab. Steffens sah ihr schweigend zu. Dann stieß er hervor: »Nicht jetzt, nicht hier!« »Fangt nur immerhin an.« »Wie, jetzt gleich? Hier?« »Warum nicht?« »Wegen des Fiebers; fürchtest du dich nicht vor der Malaria?« »Ich fürchte mich vor nichts.« »Die andern kamen doch deshalb nicht zu mir.« »Pah, die andern!« »Wenn du nun das Fieber bekämst?« »Das kann ich auch wo anders; und soll ich es nicht bekommen, so bekomme ich es auch hier nicht. Sagt mir nur, wie ich mich aufstellen soll.« Steffens hörte kaum, was sie sprach. Er betrachtete sie staunend und wurde sich dabei nur des einen Gedankens bewußt: Gleich jetzt bleibt sie hier. Du kannst gleich jetzt deine »Tochter der Semiramis« anfangen. Fange an! Aber Mensch, so fange doch an! Worauf wartest du denn? Und er fing an. Vorerst begann er eine flüchtige Skizze in Wachs. Er versuchte, seinem Modell die Sache verständlich zu machen. Maria hörte aufmerksam zu und nahm dann sofort die bezeichnete Pose an. Fast hätte Steffens laut aufgeschrien: in einer so erschreckend richtigen Weise hatte sie die furchtbare Situation erfaßt. Er machte eine Skizze, darauf noch eine und noch eine dritte. Stunde um Stunde verstrich. Er zeichnete die Umrisse seiner Idee in Wachs, schaute auf sein Modell, zeichnete wieder, schaute ... Stunde auf Stunde blieb Maria unbeweglich, auch ihre Mienen veränderten sich nicht. Steffens arbeitete wie im Rausch. Sein Modell inspirierte ihn; er befand sich in einem Zustande der Ekstase. Ermattet ließ er endlich die Arme sinken ... Er hatte einen Augenblick erlebt, in welchem der sterbliche Mensch einem unirdischen Wesen gleichkommt! Der Künstler schafft ein Werk, welches der Odem ewigen Lebens beseelt. In dem Dasein dieses Künstlers sollte eine zweite gleichgroße Stunde nie wieder kommen. »Ich danke dir. Ich brauche dich heute nicht mehr. Wenn du also wirklich wiederkommen willst ...« Er dachte nicht mehr an das römische Fieber. »Ich komme morgen wieder. Lebt wohl.« Sie nahm ihr Tuch, wickelte sich fest ein, als fröre sie's, und ging, ohne die Gestalt, die nach ihr geschaffen worden war, zu betrachten. Ganz zufällig fiel ihr Blick darauf. Wie angenagelt blieb sie stehen: »Das ist schön!« Erst nach einer ganzen Weile sagte sie das. Dann sah sie auch den Mann an, der das Schöne geschaffen hatte, und wieder mußte sie denken: ›Wie häßlich er ist!‹ »Gefällt dir's?« Daß er solche Frage stellen konnte! Einem Modell! Er, der stolze Karl Steffens! Sie wiederholte gelassen: »Das ist schön. Also auf morgen.« Er öffnete für sie die Tür und ließ die Schönheit, die den öden Raum wie Glanz aus einer andern Welt durchleuchtet hatte, hinaustreten. Dann blieb er lange, lange vor seiner Arbeit versunken stehen. Es war die glücklichste Stunde seines Lebens, vielleicht die einzig glückliche. * Am nächsten Morgen kam sie wieder, und so alle Tage. Von einem andern Atelier war nicht mehr die Rede; der Künstler sowohl wie sein Modell fürchteten sich nicht vor dem römischen Fieber. Überdies war's die beste Jahreszeit: Winters Anfang. Steffens hatte den herrlichsten Ton angeschafft und das Werk in der geplanten Größe, etwas über lebensgroß, aufgebaut. Er arbeitete, daß er in seinem Feuereifer die empfindliche Kälte nicht spürte, für die auch sein Modell unempfindlich zu sein schien. Aber eigens für Maria hatte er ein altertümliches, sehr schönes Kupfergefäß erhandelt, das, mit glühenden Kohlen gefüllt, neben ihr aufgestellt wurde. Häufig genug indessen erlosch die Glut, ohne daß er es gewahrte, und Maria erinnerte ihn nicht daran. Nachdem die erste Woche vorbei war, wollte er sein Modell bezahlen. Er hatte es nicht über sich gewinnen können, sie vorher zu fragen, was sie fordere. Denn natürlich hatte sie keinen festen Preis für die Sitzung, sondern konnte verlangen, was ihr gut dünkte. Ohne zu zählen, reichte er ihr eine Anzahl von Geldscheinen, die einen nicht geringen Teil seines Barvermögens ausmachten, und wartete, ob sie damit zufrieden sein würde. Sie nahm das Geld, zählte es und gab dann mehr als zwei Drittel zurück: der Signor Carlo hätte sich verrechnet, ihr viel zu viel gegeben. Das sagte sie wieder mit jenem Ton, jener Miene, der selbst ein Mann wie Karl Steffens gehorchen mußte. Schweigend nahm er sein Geld wieder zurück und wandte sich hastig ab, damit sie sein glückliches Gesicht nicht sehen sollte. Er nahm sich vor, wenn seine Gruppe vollendet, ihr etwas sehr Schönes zu schenken, und hätte er das Geld dazu durch niedrige Lohnarbeit, so nannte er das Kopieren, verdienen müssen. Ob sie sein Geschenk wohl annehmen würde? Sie hatte in ihrer ganzen Art eine stolze Heiligkeit, die ihn nicht minder entzückte als ihre klassische Schönheit. Um keinen Preis hätte er sie weniger stolz, weniger unzugänglich gewünscht. War doch ihre Unnahbarkeit der einzige Trost, den er bei der Hoffnungslosigkeit seiner Leidenschaft zu finden vermochte, an den er sich in dem Orkan seiner aufgerührten Empfindungen festklammerte wie ein Schiffbrüchiger an die rettende Planke. Er blieb seinem Stolz und sich selber getreu; mit keiner Silbe, keinem Blick verriet er das Geheimnis seiner Liebe; nur daß er sie nicht behandelte wie ein Künstler sein bezahltes Modell, sondern wie ein Ritter seine Dame. Sie ließ sich diese Art von Huldigung für ihre Schönheit gefallen, als merkte sie dieselbe gar nicht, und ihm war ihr apathisches Betragen beinahe lieb. Während der langen Sitzungen fiel zwischen ihnen selten ein Wort. Einige Male versuchte er, sie über dieses und jenes in ihrem Leben zu befragen, fand sie jedoch so verschlossen, daß er schließlich aufgab, in sie zu dringen. Einmal sagte sie ihm aus freien Stücken und eigentlich ohne jede Veranlassung, daß sie niemals einen Liebhaber besessen hätte, niemals einen besitzen würde. Er mußte einen Jubellaut ersticken, um sich nicht zu verraten. Wäre er ein andrer gewesen, hätte er nicht diese hagere Gestalt, nicht dieses unmögliche Gesicht gehabt – alles würde er daran gesetzt haben, Maria zu seinem Weibe zu gewinnen. Doch wie er nun einmal beschaffen war – unmöglich, ganz unmöglich! Nie würde er sie fragen, nie sie ahnen lassen – dabei mußte es bleiben! Wäre er anders gestaltet gewesen, so hätte er noch andres getan: er hätte sich selbst dargestellt als jenen unglücklichen Jüngling, der sein kurzes Liebesglück mit seinem Leben zahlen mußte und entseelt zu den Füßen seiner königlichen Gattin lag. Er hätte in seinem eignen Antlitz ausgedrückt: ›Beklagt mich nicht. Mein war das höchste Glück des Lebens. Ein Glück, so selig, daß dessen Ende nur der Tod sein konnte.‹ Den Jüngling hatte Steffens immer noch nicht skizziert. Er gestand sich ein, daß er eifersüchtig auf den Toten war, den sein Meißel zu Marias Füßen verewigen sollte, und der von ihr geliebt wurde – wenn auch im Tode erst. Steffens hatte bis dahin nur Nacken und Antlitz seiner weiblichen Figur geschaffen. Die Gestalt selbst blieb nur angelegt. In unverhüllter Schönheit sollte die junge Königin sich vom Lager erheben; dafür mußte er ein andres Modell suchen, denn Maria ließ nur ihr Antlitz abkonterfeien. Das wußte ganz Rom. Für Marias Antlitz eine andre Gestalt! Eines Tages sagte er ihr, daß er sie für den nächsten Morgen nicht benötige; er wolle die Arbeit an der weiblichen Figur ruhen lassen und einstweilen den toten Jüngling beginnen. Wieder hatte er sich abgewendet, damit sie nicht sein Gesicht sehen sollte. Sie antwortete nicht, wickelte sich in ihr Tuch, öffnete die Tür ... Ihm war's, als bliebe sie zaudernd stehen. Aber er wendete sich nicht um. Gewiß täuschte er sich. Warum hätte sie denn zaudern sollen?« »Lebt wohl.« Er nickte nur. Da ging sie. * Um seiner Stimmung nicht nachzugeben, begab er sich gleich am nächsten Morgen auf den Spanischen Platz, um für den toten Jüngling ein Modell zu suchen. In der kleinen Kolonie war es natürlich längst bekannt geworden, daß die Maria von Rocca dem brutto Tedesco wie das Völklein ihn getauft, den halben Winter über gestanden hatte, ohne auch nur einen Anfall der gefürchteten Malaria zu bekommen. Wie denn auch er immer noch lebte, freilich mit einem Gesicht, dessen bleiche Farbe und wilder Ausdruck ihm nicht gerade zur Verschönerung gereichte. Allein der Umstand, daß die Maria von Rocca ihm Modell gestanden, verschaffte Steffens unter der bunten Bande mehr Achtung, als wenn er das Doppelte und Dreifache des üblichen Preises bezahlt hätte. So wurde er denn, als er wiederum suchend erschien, mit ganz andern Augen betrachtet, und er konnte einen herrlich gewachsenen Sabinerjüngling dingen, der auch wirklich Wort hielt, am nächsten Morgen erschien und sich als ein wahrer Antinous erwies, nur kraftvoller und männlicher. Während Steffens den Jüngling modellierte, war die Gestalt des Weibes, zu dessen Füßen jener hingestreckt lag, mit feuchten Tüchern umwickelt, so daß die verhüllte Frauengestalt als das verschleierte Bildnis zu Sais erscheinen konnte; der Jüngling hatte dessen furchtbare Schönheit geschaut und war von derselben entgeistert worden. Zur Zeit der Pfirsichblüte war auch dieser Teil des Werkes vollendet. Es war Frühling! Ein Frühling mit heißen Tagen und schwülen Schirokkonächten, mit Fluten von Blumendüften und mit Chören von Amselgesang. Dabei jung sein und zum ersten Male verliebt, wie noch niemals vorher ein Mann auf Erden gewesen,– dabei Künstler sein und den ersten Frühling in Rom verleben; dabei im Atelier ein fast vollendetes Werk ... Ein halbvollendetes Werk ... Wie sollte es jemals fertig werden können, wenn er zu dem herrlichen Nacken und Haupt nicht auch den herrlichen Leib nachbilden konnte? Es half nichts, er mußte ein andres Modell suchen. Nein und abermals nein! Es war ja ein Frevel. Für diesen Nacken, dieses Haupt eine andrer, fremder Leib – es war Entheiligung. So mochte denn sein Werk niemals vollendet werden! Schon lange ließ er jetzt seine Ateliertür offen, um wenigstens etwas Luft und Wärme einzulassen, womöglich auch einige Sonnenstrahlen. Bei offener Tür lag er auf einem sehr primitiven Diwan, den er sich aus Kisten und seiner Reisedecke zusammengestellt hatte. Stundenlang lag er so, müßig sein Werk anblickend, davon er jetzt häufig die Tücher abnahm ... Am liebsten hätte er seine Arbeit wieder zerstört, denn wie sie jetzt dastand: unfertig und niemals fertig werdend, war sie ein Zerrbild, ein Unding. Und wenn er denken mußte, daß sie sein Meisterstück hätte werden können! Sein Meisterstück, also etwas, das ihn überleben würde, ein Stück Ewigkeit! Ja, ja! Er bekam in diesem feuchten Mauerloch sicher das Fieber. Aber auch das war gut! Das war am besten. Ein Schatten fiel in das Atelier, gerade auf die unvollendete Gruppe. Jemand war leise in die offene Tür getreten und darin stehen geblieben. Steffens richtete sich auf und fühlte einen kalten Schauer, einen Fieberschauer. Nein, es war Freude; ein Glück war's, das ihm für einen Augenblick das Blut erstarren machte. Maria war wieder da! Und – sie blieb da! Den ganzen Vormittag, den ganzen Nachmittag! Auch am nächsten Morgen kam sie wieder und alle Tage, eine ganze Woche – viele Wochen lang. Sein Werk sollte vollendet werden. * Es ward Sommer: der Sommer Roms, der die Seele dessen, der rettungslos dem großen Romzauber verfiel, umschlossen hält, als seien es die Arme eines schönen, üppigen Weibes: er kommt nicht mehr los davon. Alle Fremden verschwunden, wie fortgefegt. Rom ohne Engländer, Amerikaner und Deutsche, ohne Baedeker, Gsell-Fels und Murray. Von neuem das unentweihte, das wiedergeheiligte Rom – trotz des bösen, bösen Jahres achtzehnhundertundsiebzig. Nur einige wenige Künstler bleiben. Von allen sonderbaren Romschwärmern sind sie die sonderbarsten; die Fanatiker, welche der römische Sommer in Ekstase, die sehr irdischen Schweißströme aber dafür in den himmlischen Zustand von Siestakultus versetzt. Nüchterne Gemüter nennen eine solche Existenz vegetieren. Schon am frühen Morgen der grelle, grelle Sonnenschein, der alles einhüllt, alles durchdringt. Wie ein funkelnder, flammender Goldteppich hängt er von den Wänden der Häuser herab, liegt er über die Plätze, die Terrassen, die Treppen gebreitet, scheint er hoch über all den Säulen, Obelisken, Türmen und Kuppeln hinweg durch die Lüfte gespannt. Auf den Straßen idyllische Ziegenherden; aus den Höfen der schwüle Wohlgeruch der Magnolienblüten; die Gärten glühend von den brennendroten Granaten, von den rosenfarbenen Büscheln des Oleanders. Um die Mittagsstunde, jener heiligen Zeit, da ehemals der große Pan schlief, ist das sonst von Gedränge und Lärm erfüllte Rom fast dörflich still. Ja, das ist dann freilich ein Zauber ... Die meisten Künstler fort aus Rom. Fort alle Modelle. Nicht doch, die Maria von Rocca war geblieben. Steffens arbeitete rastlos, fieberhaft. Schon früh um sechs Uhr befand er sich in voller Tätigkeit, und schon früh um sechs Uhr war sein Modell bei ihm. Bis zehn oder elf Uhr arbeiteten sie, dann begab sich Steffens in seine Trattorie, Maria nach Hause. Um fünf Uhr waren sie wieder beisammen, oft bis in die Dämmerung hinein. Die Tür konnten sie offen lassen, ohne fürchten zu müssen, gestört zu werden. In allen andern Höfen war die grünende, blühende Wildnis des Unkrauts längst von der Sonne verbrannt, so daß man es förmlich rascheln hörte, wenn die Lazerten durch das vertrocknete braune Blattwerk schlüpften. Aber in dem feuchten Grunde vor dem Studio des deutschen Bildhauers sproßten noch immer üppiges Grün und Blumen auf, die sonst nur an sumpfigen Orten gedeihen. Seit dem Sommer waren der wenigen armseligen Mieter des neuen prächtigen Hauses gegenüber dem Kolosseum noch weniger geworden. Schwarz Vermummte mit den brennenden Wachskerzen hatten auch sie in der Dämmerungsstunde herausgetragen. Nur noch eine Woche, und das Werk war vollendet! Nur noch eine Woche mußte die Kraft aushalten. Nur noch eine Woche keine Ermattung, keine tödliche Erkrankung, mochte hernach kommen, was da wollte, wenn das Werk nur vollendet war. Schon seit Wochen konnte Steffens kaum noch etwas genießen. Er lebte ausschließlich von Gemüsen und Salat, trank Wasser und Limonaden, niemals Wein. Er fühlte, wie die Krankheit sich an ihn heranschlich, wie sie ihn zu überwältigen drohte, wie das Fieber kam. Es durfte jedoch nicht kommen – noch nicht! Und er kämpfte dagegen mit wahrer Heldenkraft. Auch Maria durfte nichts wissen. Sie mußte fort sein aus Rom,– erst dann durfte er vielleicht sterben. Nur noch drei Tage! ... Zwei Tage nur noch ... Um Gottes willen nur noch zwei Tage! ... Jetzt noch einen Tag, einen einzigen, letzten. Morgen schon lam der Gipsgießer. Wenn der Ton nur erst zertrümmert, wenn der Gips nur erst geformt war, dann, ja dann ... Er sah sein Werk vollendet dastehen in der starren, weißen, toten Masse. Wie schön es war, selbst in dem häßlichen Stoff. Wie es lebte – wie sie lebte, die Tochter der Semiramis, die herrliche, grausame junge Königin, deren Kuß mordete. Von ihren Küssen sich töten zu lassen ... Mußte er nicht leben bleiben, um sein vollendetes Werk in Marmor erstehen zu sehen? In Marmor von Carrara. Marias Antlitz und Gestalt! Ihre göttliche Schönheit verklärt als glanzvolles Marmorbild. Am nächsten Morgen wollte sie fort, irgend wohin in die Sabinerberge, nicht nach Rocca di Papa. Dort wollte sie den Rest des Sommers verbringen, und dann – nein! Ein zweites Mal würde sie ihm nicht wieder Modell stehen. Nie wieder! Er hatte Abschied von ihr genommen, hatte sich dann eingeschlossen, war zu seinem Lager getaumelt und darauf niedergesunken. Gleich danach wußte er nichts mehr von sich. Nur sein Werk sah er mit schwindenden Sinnen noch einmal aufleuchten, bevor es Nacht um ihn ward. 16. Unter Zypressen Wenige Tage darauf, eines frühen Morgens, verließ ein mit zwei Pferden bespannter, bequemer Wagen Rom durch die Porta San Giovanni. Der Wagen war geschlossen, und in seinem Innern befand sich ein mit aller Sorgfalt gebetteter todkranker Mann und ein junges, schönes Weib: Karl Steffens und Maria. An dem Morgen, da sie Rom verlassen wollte, um sich irgendwo in Villeggiatur zu begeben, kam sie noch einmal in das Atelier; der Signor Carlo hatte am Abend zuvor ausgesehen wie ein Sterbender. Und wie er sie angeblickt hatte... Maria fand die Tür verschlossen. Sie pochte laut und lauter; ihr wurde jedoch nicht geöffnet. Sie rief angstvoll, immer wieder, aber die Tür blieb zu. Nun holte sie Leute, die Tür ward gewaltsam geöffnet, und die Eintretenden fanden den Künstler besinnungslos auf seinem Lager. Der sofort herbeigerufene Arzt erklärte den Fall für hoffnungslos. Aber Maria gab die Hoffnung so leicht nicht auf. Sie blieb bei dem Todkranken, legte ihm fortwährend frische Eisbeutel auf die Stirn, gab ihm kleine Eisstückchen zu schlucken, wachte bei ihm, pflegte ihn wie eine Samariterin. Am dritten Tage kam Steffens zur Besinnung, und der Arzt murmelte etwas von einem Mirakel. »Wenn er jetzt aus Rom fortgeschafft würde? Aber sogleich?« »Fortgeschafft? Bist du bei Sinnen? Er stirbt unterwegs.« »Er stirbt nicht.« »Also weißt du's besser?« »Ich weiß, daß er nicht sterben wird.« »Dann schaffe ihn fort.« »Das will ich.« »Mich geht die Sache nichts mehr an, hörst du?« »Nein.« »Du bist wohl seine gute Freundin?« »Gewiss.« »Schön ist dem Freund gerade nicht! Du wirst leicht einen andern finden können.« »Vielleicht.« »Auch einen Reicheren.« »O ja.« »Tu mit ihm, was du willst. Sein Tod kommt über dich.« »Er wird nicht sterben! Er ist ein großer Künstler und ...« »Und dein Liebhaber.« »Und er darf nicht sterben.« Sie bezahlte den menschenfreundlichen Arzt, der ihr ein unverschämtes Honorar abverlangte. Steffens befand sich noch immer in demselben Zustand, darin die Welt und alle Dinge ihm nur Phantome waren. Maria hielt er für eine Erscheinung und sprach zu ihr, als hätte er eine Vision. Doch verfiel er bald darauf in einen tiefen Schlaf. Maria fand in dem menschenleeren Hause endlich eine Frau, die sie bat, statt ihrer eine Stunde bei dem Kranken zu bleiben, bestellte bei dem nächsten Betturin für den andern Morgen einen Wagen und richtete alles für die Abreise ein; mit einer Sorgfalt, als wäre der brutto Tedesco in Wahrheit ihr Liebhaber, den sie auf das hingebendste, auf das leidenschaftlichste liebte: sie, das schöne, stolze Geschöpf, die Maria von Rocca. So oft sie ihn angesehen, hatte sie denken müssen: ›Heilige Jungfrau, wie häßlich er ist! Du würdest sterben, wenn du ihn küssen müßtest.‹ Aber – er war ein großer Künstler, der nicht sterben durfte! So verließ sie denn mit ihm Rom. Nachdem sie die vielen ländlichen Trattorien, die wenigen Villen und Villetten, die sich an der Via Appia Nuova befinden, hinter sich hatten, ließ Maria den Wagen halten und das Verdeck aufschlagen. Die Luft war rein und noch frisch und kühl und mußte dem Kranken gut tun. Dieser lag mit geschlossenen Augen. Bisweilen bewegte er sich unruhig, murmelte einige Worte in seiner Muttersprache, flüsterte einen Namen, den er fort und fort wiederholte, den Maria fort und fort mit anhören mußte. Sie tat es mit unverminderter, liebevoller Sorge für ihren Patienten und mit ebenso unveränderter kalter und strenger Miene. Es war eine eigentümliche Fahrt, die des Todkranken und seiner Pflegerin, durch die Campagna, über welche unabsehbar jene funkelnde, flammende Strahlendecke ausgebreitet lag, bis zu den Albaner- und Sabinerbergen, die bereits am frühen Morgen ein feiner, silberheller Dunst umbraute. Durch die versengte Steppe zogen sich die braunen Bogenreihen der antiken Wasserleitungen. Aus verdorrtem Farnkraut und mannshohen, blassen Disteln erhoben sich die Ruinen von Landhäusern, Gräbern; mittelalterliche Wachttürme standen wie von der Zeit vergessene Posten inmitten dieses ungeheuern Kirchhofes, darauf ein Stück Weltgeschichte bestattet lag, mit all ihrem Ruhm und ihrer Herrlichkeit. Und durch dieses Grabgefilde fuhr langsam der Wagen mit dem schwerkranken Künstler, den ein Weib dem Tode entreißen wollte ... Alsdann stieg die Straße empor, und jetzt ward es wundersam. Mit jedem Schritte wich die traurige Wüste zurück, und ein grünes Sommerland öffnete sich, das ringsum die Höhen bedeckte, alle Täler füllte. Reben und Ölbäume, Ulmen und Eichen, Grün und Blumen, Gärten und Parks, freundliche Villen und prächtige Paläste, Lebensfülle und bacchische Daseinsfreudigkeit. Sie waren in Frascati angelangt. Bereits nach einer Stunde war der Kranke bestens untergebracht bei einer freundlichen Witwe, Rosa Principini mit Namen, die in der Nähe des Grabmals von Lucull eine bescheidene Wohnung an Sommergäste vermietete. Das Zimmer, darin Steffens gebettet wurde, war groß und reinlich und hatte eine kleine Loggia, hoch über dem schönen Garten der Villa Lancellotti gelegen, über deren Blumenparterre, Wasserwerken und Steineichenalleen man weit hinaufsah auf andre prächtige Villen, andre köstliche Gärten, hinauf zu den klassischen Höhen Tuskulums, wo es sogar saftige Wiesen und tiefschattige, grüne Waldungen gab. Dazu wehte vom Meere, welches in weiter Ferne wie eine unendliche, glanzvolle Flur den ganzen westlichen Horizont abschloß, eine kräftige Brise herüber: in diesem Paradiese konnte der Mensch ja nicht sterben! Und Karl Steffens blieb leben – dank der schwesterlichen Pflege Marias. Es dauerte lange, bis es entschieden war, und der bangen Stunden kamen viele. Aber die Samariterin verzweifelte und ermüdete nicht, und ihr fester Glaube behielt recht. Sie galt den Frascatanern als dasselbe, was sie jenem redlichen Jünger Äskulaps gegolten hatte, und wurde, der strengen Landessitte gemäß, wie eine leichtfertige Dirne mißachtet. Nur ihre Mieterin, Sora Rosa, behandelte sie voll wahrhaft christlicher Nächstenliebe, die etwas Mütterliches hatte. Aber auch sie duldete nicht, daß die Römerin mit einer ihrer jungen hübschen Töchter zusammenkam. So lebte denn Maria in einer Art von Acht. Sogar ein geistlicher Herr besuchte sie, um ihr in bester Meinung ins Gewissen zu reden. Als der fromme Mann gar vernahm, daß der Kranke ein Künstler und kein Katholischer, also kein Cristiano wäre, bekam sie böse Dinge zu hören. Sie hörte alles an mit derselben unbeweglichen Miene, mit der sie die allgemeine Verachtung hinnahm: sie, die nicht für den Schmuck einer Herzogin eines Mannes Geliebte geworden wäre. Dabei mußte sie wieder und wieder denken: ›Wenn ich ihn küssen müßte – lieber sterben als ihn küssen!‹ Im übrigen blieb sie bei ihm, bis er völlig genesen war, aber auch dann ging sie nicht gleich. * Er war so weich, so dankbar, so glücklich! Wenn sie in sein Zimmer trat und ihm irgendeinen kleinen Dienst erwies, flog ein Glanz über sein Gesicht, daß selbst Maria es nicht mehr so abschreckend häßlich zu finden vermochte. Es ging ihm sofort besser, sobald sie bei ihm war; er wurde schlechter, wenn sie ihn verließ. Als ihm später auf der Loggia ein Lager bereitet wurde und er hinaus konnte, Maria an seiner Seite, war es wirklich wie ein Auferstehen. Gerade gegenüber befand sich eine hohe Mauer, von der sich eine bunte Kaskade von spätsommerlichem Kaprifolium herabstürzte. Schwärme von Bienen und kleinen Insekten belagerten die farbigen Kelche mit einem Gesumm, das wie ferne, leise Musik erklang. Oh, war das schön! Aber dann kam ein Tag, strahlend und wundersam wie die ganze Reihe der Tage der ersten Genesung, an dem Maria ihm mitteilte, daß sie ihn verlassen müsse; er sei auf dem Wege der Genesung, und Sora Rosa werde ihn pflegen, besser als sie selbst. Er sollte sich nur recht ruhig und verständig halten. Er sagte kein Wort, sah sie nur an und – bekam am Abend einen schweren Rückfall! Also mußte sie noch bleiben. Wiederum wurde er besser, aber jetzt wollte sie ihn nicht verlassen, nicht eher, bis kein Rückfall mehr zu befürchten war. Dann besserte er sich in kurzer Zeit so sehr, daß sie ihn ausführen konnte. Von der Loggia aus hatte er auf der tuskulanischen Höhe, inmitten silberheller Öl- und Steineichenwipfel, welche Pinien und Zypressen überragten, ein schloßähnliches Gebäude erblickt, das ihn mächtig anzog; es hatte etwas so Geheimnisvolles und Besonderes, fast wie ein antiker Tempel in einem heiligen Hain. Dorthin ließ er sich von Maria geleiten, sobald seine Füße ihn den kurzen Weg zu tragen vermochten. Sie fanden eine jener römischen Villen, die einem verwunschenen Schlosse gleichen, so märchenhaft schön, so unirdisch feierlich, daß Steffens unwillkürlich flüsternd sprach, wie um die Geister des Ortes nicht aus ihrem Zauberschlafe zu wecken. Am Rande eines Teiches rastete der Erschöpfte. Um die regungslose Wasserflut standen Reihen alter Zypressen, deren Zweigen in der heißen Augustsonne ein Duft wie Weihrauch entströmte. Zwischen ihren Stämmen und Ästen glänzte das Meer herüber. Steffens fand die Stätte so zaubervoll, daß er sich gar nicht losreißen konnte, täglich wiederkam, stets von Maria begleitet. Er war zu dankbar, zu glücklich über ihre Gegenwart, als daß sie ihn hätte verlassen können. So geschah es, daß unter den Zypressen der Villa Falconieri eine Mondnacht kam, die über Steffens' Leben entschied, die es vernichtete: das Leben des Menschen und des Künstlers, den Maria hatte retten wollen; denn nur dem Künstler hatte ihre große Liebestat gegolten, um den Menschen kümmerte sie sich nicht. Wie es hatte geschehen können, daß sie in jener sommerlichen Vollmondnacht unter den Zypressen der Villa Falconieri den brutto Tedesco küßte, hatte sie selber niemals begriffen. Aber Karl Steffens begriff es – allerdings erst später, viel später. * Am nächsten Morgen war Maria fort: weder die gute Sora Rosa noch sonst jemand wußte, wohin. Ihre wenigen Sachen hatte sie einem Knaben zu tragen gegeben, der sie bis Grotta Ferrata begleitete. Dort hatte sie den Jungen abgelohnt und einen andern Träger genommen. Weder das Zureden seiner Wirtin noch seine geringen Kräfte waren imstande, den Rekonvaleszenten zu hindern, das wonnige Frascati zu verlassen: er wollte Maria suchen – seine Maria, die ihn geküßt hatte. Er suchte überall. Zunächst wandte er sich nach Rocca di Papa, aber dort wußte niemand etwas von ihr. Die Leute wollten ihn zu einer gewissen Pia Anna führen, welche die Maria einst gekannt hatte. Aber das Einstmals kümmerte Steffens nicht, und um ja keine Stunde zu verlieren, suchte er weiter. In Grotta Ferrata war sie gesehen worden und vielen aufgefallen, denn ihre außergewöhnliche Schönheit hatte selbst unter der Landbevölkerung Aufsehen erregt; doch wohin sie sich mit ihrem zweiten Träger gewendet, war nicht zu ermitteln. Es war ein Fremder, ein Ciocciare gewesen, der nicht mehr zurückkehrte. Im ganzen Albanergebirge suchte Steffens vergebens nach der Verschwundenen. Dann begab er sich nach Tivoli, um seine Nachforschungen dort fortzusetzen, aber – vergebens. Er suchte in Palestrina, Olevano und Subiacco; selbst zu dem hohen Felsennest Saracenesco klimmte er hinan. Nirgends von ihr eine Spur! Jetzt erst kehrte er nach Rom zurück, aber auch dort war Maria von Rocca nicht zu finden. Er nahm sich sofort ein andres Atelier, ein möglichst gesundes, auf jener lorbeerumgrünten Höhe vor der Porta del Popolo. Er durfte nicht wieder krank werden; denn er mußte Maria wiederfinden, seine Maria! Inzwischen war's Herbst geworden, ein Herbst von solcher Heiterkeit und Herrlichkeit, als ob es wieder Frühling wäre. Gott Bacchus begann seine römischen Feste zu feiern. Zu dem jungen Wein, dem jungen Grün, den jungen Blüten kam neue Hoffnung, neues Leben und Glück vor dem Beginn des Winters. Die Künstler kehrten zurück und zugleich mit ihnen die Modelle. Und es kamen die Fremden, die reichen Amerikaner und Engländer, welche Bilder und Statuen kaufen sollten. Jeden frühen Morgen begab sich Steffens auf den Spanischen Platz. »Wißt ihr etwas von Maria?« fragte er die Modelle. »Von welcher Maria?« »Von der Maria von Rocca natürlich.« Sie wußten längst, wen er suchte; die Liebe des brutto Tedesco zur Maria von Rocca war längst eine bekannte Sache. Heilige Jungfrau, wie häßlich er war und dann so verliebt, obenein in die Maria von Rocca! Aber sie wußten nichts von ihr. Sie würde schon wiederkommen, später als alle andern. Sie mußte ja immer etwas ganz Besonderes tun. Plötzlich verbreitete sich unter dem bunten Völklein das Gerücht: Denkt nur, die Maria ist die Geliebte des brutto Tedesco ... Unmöglich ... Ja, ja! Es gab einen Aufruhr, fast wie an jenem Morgen, als Maria zum erstenmal an der Spanischen Treppe erschienen war. Sie, die eine Dame hätte werden, die jeden Tag einen andern Hut hätte aufsetzen, jeden Tag in einem Wagen Korso hätte fahren können, und dann – es war nicht zu glauben. Sie glaubten es aber doch; und je höher Signor Carlo durch das Unglaubliche in der Achtung der Spanischen Treppe stieg, um so tiefer sank Maria, weil sie, ohne den Schmuck einer Herzogin dafür zu erhalten, sich von dem häßlichen Deutschen hatte küssen lassen. Eines strahlenden Oktobermorgens war sie wieder da, so schön und stolz wie immer. Nein, noch viel stolzer. Auch dieses Mal lief das Völklein bei ihrem Anblick zusammen, aber es drängte sich nicht um sie. Ganz einsam stand sie da in ihrer Schönheit und in ihrem Stolz: mutterseelenallein, ausgestoßen, geächtet. Noch am selben Nachmittag fand sie Arbeit, und bald lebte sie genau so wie früher; nur daß sie in Bann getan war und einsam blieb. Als Steffens die große Neuigkeit vernahm: die Maria von Rocca ist wieder da, eilte er in die Nähe ihrer Wohnung und wartete dort an der alten Stelle auf sie, bis sie nach Hause kam. Sie sah ihn stehen, ging aber ruhig weiter, wollte ruhig an ihm vorübergehen. Aber er trat ihr in den Weg, und bleich wie ein Sterbender sprach er sie an: »Maria! Ich habe dich gesucht. Warum verließest du mich, wo du mich doch geküßt hast? O Maria, wie ich dich gesucht habe, wie ich dich liebe!« Sie erwiderte nichts, sah ihn nur an. »Ich liebe dich, Maria! Hörst du, ich liebe dich. Ich sterbe an meiner Liebe zu dir. Du hattest damals Erbarmen mit mir, du wirst jetzt Erbarmen mit mir haben. Ich werde ein berühmter Künstler werden, ich werde Großes leisten, wenn du mein Weib bist. Werde mein Weib!« Nichts erwiderte sie, nur daß sie ihn immerfort ansah. »Maria, Maria!« Und da sie beharrlich schwieg, immer wieder ihren Namen: »Maria, Maria!« Sie ließ ihn auf der Straße stehen, ohne ein Wort. Ihr Blick nur hatte ihm erwidert: Niemals! * Zunächst hoffte Steffens noch immer, bis er endlich einsehen mußte, daß es für ihn keine Hoffnung mehr gab. Zugleich erkannte er, warum sie ihm jenen einen seligen Augenblick unter den Zypressen geschenkt hatte: aus Mitleid! Als er das erst erkannt hatte, versuchte er nicht mehr, ihr in den Weg zu treten, um sich schweigend von ihr anschauen zu lassen. Aber etwas in ihm blieb zerstört, und der schwarze Schatten der schönen Totenbäume bedeckte sein Leben mehr und mehr. Aber besaß er nicht sein Werk? Dort stand es vollendet vor ihm. Nein! Noch war's nicht vollendet. Solange Marias Bild noch eine Gestalt aus Gips war, so lange hatte sie kein ewiges Leben, und das sollte sie haben. In Marmor sollte ihr Bild aus der toten Masse des Gipses zum Leben erstehen. Um ihr diese Vollendung zu verschaffen, verkaufte sich Karl Steffens. Er begab sich zu einem Bildhauer, der, nicht anders wie eine Pariser Novität, gerade zu höchst in der Mode stand, und dessen Atelier in einigen Prachtsälen des Palazzo Borghese eine pompöse Kaufhalle war. In diesem mit seltenen Gobelins und kostbaren Teppichen, mit herrlichen alten Stoffen und Waffen, mit Boulemöbeln und Spiegeln, mit Palmen und blühenden Gewächsen königlich ausgestatteten Magazin standen die Kunstwerke aufgestellt, als ob sie mit zu der glanzvollen Einrichtung gehörten. Es gab Kunstwerke von allen Arten, zu allen Größen, allen Preisen, in allen Stilen; nach der Antike und nach dem Cinquecento, modern und hochmodern, Kunstwerke in Marmor und Alabaster, in Bronze und aus farbigem Stein oder auch nach antiker Manier in Gold und Elfenbein. Alle diese Statuen und Statuetten, diese Gruppen und Genrebilder waren mit dem Namen des Mannes gezeichnet; sie zu bewundern und zu kaufen kamen die Millionäre aller Nationen, kamen Herzoge, Fürsten und gekrönte Häupter. Und zu diesem gefeierten Künstler und großen Manne kam Karl Steffens. Maria di Mariano, der neapolitanische Fischerssohn, empfing den deutschen Künstler in seinem Privatatelier, wo nur den Intimen oder einzelnen Bittstellern Zutritt gewährt wurde. Dieser Raum war, wie jede richtige Bildhauerwerkstatt sein muß, nackt und kahl, mit einem Haufen Ton, Modellierwachs, einem Podest für das Modell und einigen angefangenen Arbeiten. Der große Mann trug ein weites Beinkleid aus grauem Velvet und einen Kittel aus schneeweißem Wollstoff; eine Seidenschnur diente als Gürtel. Er sah aus, wie junge Damen sich den Masantello in der »Stummen von Portici« vorstellen. Ohne sein Modellierholz aus der Hand zu legen, fragte der große Mann mit einem leichten Nicken: »Was wünschen Sie?« »Ich möchte mich Ihnen vorstellen.« »Wer sind Sie?« »Ein Künstler.« »Bildhauer?« »Ja« »Und Deutscher?« »Allerdings.« »Was wollen Sie von mir? Ich kann arme Bildhauer nicht unterstützen, Rom wimmelt davon, und alle kommen sie zu mir. Ich bedaure also. Übrigens, warum gehen Sie nicht zu Ihren berühmten Landsleuten, den Professoren Kopf und Gerhardt?« »Die Herren würden mir nicht helfen können, auch gar nicht helfen wollen.« »Weshalb nicht?« »Oh, das sind selbständige Künstler ...« »Wie meinen Sie das? ... Noch einmal: ich kann Sie nicht unterstützen.« »Ich suche bei Ihnen auch keine Unterstützung.« »Sondern? Sie sehen, ich habe zu tun.« Er hörte in seiner Arbeit auf und warf dem deutschen Künstler einen prüfenden Blick zu. Jetzt wurde er aufmerksam. Der junge Mensch sah aus, als müßte es ihm schlecht gehen. Je nun, es ging in Rom vielen Künstlern schlecht, besonders deutschen. Sie waren so unpraktisch. Und dann: die römische Sonne, der Wein und die Frauen stiegen so vielen gleich zu Kopf, was ihnen dann vollends den Rest gab. Bisweilen konnte das ganz angenehm sein, und dieser eine sah ganz danach aus, als ob er Talent hätte. In einem etwas verbindlicheren Ton wiederholte der große Mann seine erste Frage: »Was also wünschen Sie von mir?« »Sie müssen kommen und meine Arbeiten ansehen. Allerdings habe ich nur sehr wenige zu zeigen.« »Das kann ich mir denken. In Rom arbeitet es sich schwer.« »Leider.« »Die alte Geschichte. Und zu welcher Zeit soll ich mir Ihre gesamten römischen Werke betrachten?« »Sollten Ihnen meine Sachen gefallen, so möchte ich Sie bitten –« »Gehen Sie zu einem Kunsthändler, mein Lieber.« »Und sollten Ihnen meine Sachen sehr gefallen, so möchte ich Sie bitten, mir Arbeit zu geben.« »Arbeit? Die besten Punktierer der Welt sind bekanntlich Italiener.« »Sie sollen mich auch nicht als Punktierer beschäftigen. Überdies bin ich ein selbständiger Künstler.« »Nun also! Ich kann Sie wirklich nicht brauchen.« »Vielleicht doch ...« »Wenn ich Ihnen aber sage ...« »Überlegen Sie sich's. Aber erst kommen Sie und sehen Sie meine Arbeiten. Ich heiße Karl Steffens und wohne vor der Porta del Popolo bei der Villa Borghese. Sie brauchen nur nach Signor Carlo zu fragen.« »Befinden Sie sich denn wirklich in so großer Not?« »Möglich. Jedenfalls möchte ich von Ihnen beschäftigt werden, trotzdem ich ein selbständiger Künstler bin und ein schlechter Punktierer.« »Ich werde Sie nicht brauchen können; aber Ihre Sachen will ich mir ansehen.« »Bald?« »Wenn ich gerade etwas Zeit habe. Ich bin sehr beschäftigt.« »Das glaube ich wohl; alle Ihre Werke ...« »Guten Morgen, Signor Carlo!« »Ich empfehle mich Ihnen, Herr Cavaliere.« »Commendatore, wenn ich bitten darf.« »Herr Commendatore, ich empfehle mich Ihnen.« Bereits am dritten Tage nach dieser Unterredung erschien der Herr Cavaliere – Pardon, Commendatore Mario di Mariano, dem sein wohlverstandenes Handwerk ein Atelier im Palazzo Borghese und eine Equipage eintrug, im Studio des in Not geratenen deutschen Bildhauers Karl Steffens. Er kam jedoch nicht in seinem Wagen, sondern bürgerlich bescheiden zu Fuß; auch war die Dämmerstunde bereits angebrochen. Karl Steffens zeigte ihm einige Entwürfe, über die der Herr Commendatore kein allzu günstiges Urteil fällte – es lautete sogar ähnlich dem der Herren Preisrichter verschiedener Konkurrenzen. Aber der große Mann ward wenigstens leicht interessiert. Er sah sich diskret in dem Studio um. Zu nackt, zu kahl, entschieden sehr armselig. Das war ein Gegensatz! Jene prächtigen Kaufhallen im Palazzo Borghese und dieser armselige Raum! Beinahe teilnahmsvoll erkundigte sich der große Mann: »Sonst haben Sie mir nichts zu zeigen?« »Nein, sonst nichts.« »Das ist allerdings wenig.« »Wie ich Ihnen sagte.« »Mir tut es leid, daß Sie mir nichts mehr zu zeigen haben ... Was haben Sie dort hinter dem Vorhang?« »Das lassen Sie nur dahinter!« Aber der große Mann war bereits hinzugetreten und hatte den Vorhang mit raschem Griff zurückgezogen. Er tat einen Ausruf: »Die Maria von Rocca! Ihnen hat die Maria von Rocca Modell gestanden? Übrigens ist diese Gruppe ...« Der große Mann sprach nicht aus, was diese Gruppe war. Steffens riß ihm den Vorhang aus der Hand und machte dazu ein solch beleidigtes, wütendes Gesicht, daß der Herr Commendatore sich sehr bald verabschiedete. Er tat es in fast höflicher Weise: Steffens kam es nachträglich so vor, als hätte der große Mann den Hut vor ihm gezogen. Schon am nächsten Tage schickte er Karl Steffens seine Vorschläge. Gerade sehr glänzend waren sie nicht, da der deutsche Bildhauer sich in sichtlicher Notlage befand. Überdies mußte der junge Mensch ein Narr sein; er konnte ein solches Werk schaffen und in Not geraten! Der Commendatore Mario di Mariano hätte nie ein solches Wert schaffen können; dafür war er indessen längst aus jeder Not heraus. Karl Steffens nahm die Vorschläge ohne weiteres an. Sie mußten – das war eine Bedingung gewesen – zwischen ihm und seinem berühmten Arbeitgeber tiefes Geheimnis bleiben. Jetzt arbeitete Karl Steffens für einen andern! Hatte er früher schon die Menschen gemieden, so wich er ihnen jetzt mit einer krankhaften Scheu aus, namentlich seinen Kollegen. Er schämte sich vor den Leuten, namentlich vor seinen Kollegen. Nur dem wackern Peter Paul und der Signorina Rica entkam er nicht. Diese beiden alten Römer hatten mehr als die andern von seiner Geschichte gehört, ihn in ihre menschenfreundlichen, warmen, gütigen Herzen geschlossen, sich fest vorgenommen, an sein Genie zu glauben und ihren heimlichen Liebling, den sie durchaus nicht für den häßlichsten der Menschen hielten, für ihre treue, teilnahmsvolle Freundschaft zu erobern. Letzteres hielt schwer genug, aber es gelang. Selbst diese einsame, trotzige und leidende Seele, welche die Zypressen der Villa Falconieri mehr und mehr mit Dunkel erfüllten, konnte so viel Güte und Kindereinfalt auf die Dauer nicht widerstehen. Also Karl Steffens arbeitete wieder und zwar so stark, daß er sich nichts andres gönnte, als eben diese Arbeit für den Ruhm und Gewinn eines andern. Trotz seines Fleißes blieb sein Verdienst gering, und davon wurde fast alles zurückgelegt zu einem geheimen Zweck. Es war schon damals, daß Karl Steffens die große Entdeckung machte, wie der Hunger in Rom leichter zu ertragen sei als irgendwo anders; und damals hätte er sich noch ganz gut wenigstens sattessen können. So vergingen volle zwei Jahre. Gegen Schluß des zweiten Jahres seiner unwürdigen Fronarbeit überzählte Steffens sein Erspartes, und da er die Summe groß genug fand, setzte er sich auf der Stelle hin und schrieb dem Herrn Commendatore Mario di Mariano zwanzig Worte, darin er den großen Mann ersuchte, seine kostbare Gunst fortan einem andern notleidenden Künstler zu erweisen, es gäbe deren genug in Rom. Noch am selben Tag kam der große Mann in eigner Person, um ihm einen Antrag zu machen, der beinahe glänzend war. Aber der glänzende Antrag wurde zurückgewiesen. »Sie werden sich die Sache überlegen.« »Schwerlich.« »Sie könnten so töricht sein?« »Vielleicht.« »Es wäre sehr unklug von Ihnen.« »Möglich.« »So nehmen Sie doch Vernunft an!« »Gewiß nicht.« »Sie sind verrückt, mein Lieber.« »Bin ich schon längst.« »Überlegen Sie! Überlegen Sie!« »Empfehle mich Ihnen.« Der große Mann entfernte sich in hellem Ärger und Zorn, aber: diese Deutschen sind eben zu unpraktische Leute. * Wiederum eine lange Zeit unermüdlicher Arbeit, in welcher einige flüchtige Sonnenstrahlen die Zypressenschatten durchbrachen. Zunächst begab Karl Steffens sich nach Carrara und durchsuchte die berühmten Brüche, wo vor ihm ein Größerer hatte leuchtende Blöcke schlagen lassen, denen er machtvolle Gebilde entriß, ein Geschlecht, das ihm gleich war. Endlich fand auch er den Marmor, der ihn würdig dünkte, daraus die Gestalt der Geliebten zu bilden. Das prächtige Stück wurde bar bezahlt und nach Rom transportiert. Ein fast glückliches Jahr begann. Bei seiner neuen Tätigkeit schien Karl Steffens ein andrer zu werden: ein geretteter Mensch, ein geretteter Künstler. Er wurde sogar weniger scheu und einsam; brauchte er sich doch vor den Leuten, namentlich vor seinen Kollegen, nicht mehr zu schämen. Keine fremde Hand durfte an den Stein rühren. Von Anbeginn an wollte er sein Werk neu schaffen und es bis zum Allerletzten selbst vollenden. Während dieser ganzen Zeit sah er Maria nicht, wollte sie gar nicht sehen. Solange er ihr Bildnis für alle Zeit in Marmor verklärte, sollte sein Blick nicht auf ihre irdische Gestalt fallen. Dann kam ein großer, feierlicher Tag: auch in Marmor war sein Werk vollendet! Er reinigte die Werkstatt, kaufte einen Vorhang aus alter genuesischer Purpurseide, der die Gruppe verhüllen und den nur seine Hand heben sollte, streute rings um die »Tochter der Semiramis« rote Rosen und hielt davor stille Sonntagsruhe. Abends ging er hinaus in die stolze, einsame Campagna, und in diesem hehren Gefilde, wo Erdenleid klein wird, besprach er sich mit seinem innersten Menschen. Ja, er wollte ein neues Leben beginnen, ein erstarktes, geläutertes, in Wahrheit gerettetes Leben. Und wiederum war es durch Maria gerettet. In der Nacht kehrte er hungrig und durstig in die Stadt zurück. Er ging durch den Korso, kam am Café di Roma vorüber, ging hinein und bestellte sich ein bescheidenes Festessen. Das vornehme Lokal war ziemlich leer von Gästen, nur an einem Tisch vor einer der großen Spiegelscheiben, die nach San Carlo hinausgehen, befand sich eine Gesellschaft junger Leute aus dem römischen Highlife. Sie tranken Sekt und besprachen aufgeregt die neueste Sensationsnachricht des Tages. Der Fürst Romanowski, ein Mann aus polnischem Herrengeschlecht, immens reich, der Inbegriff eines Grandseigneurs in jeder Beziehung, hatte – und zwar am Morgen des nämlichen Tages, ein römisches Modell geheiratet, die schöne Maria von Rocca. Die soeben erschienene Abendnummer der »Tribuna« hatte eine lange Depesche gebracht über die in einem kleinen Ort bei Nizza vollzogene Trauung des interessanten Paares. Ganz Rom war überrascht und erregt. Einer der jungen Leute las den Artikel in der »Tribuna« laut vor. »Die Maria von Rocca!« »Sie soll übrigens wirklich süperb sein!« »Und wirklich tugendhaft.« »Unsinn!« »Ich versichere euch.« »Unsinn, sage ich!« »Bist du etwa so glücklich gewesen?« »Leider nein. Irgendein Künstler war glücklicher als meine Wenigkeit.« »Ich glaube, es war ein Deutscher.« »Was die Frauen an diesen Germanen finden!« »Blondes Haar, blaue Augen zu schwarzem Haar und dunkeln Augen. Voilà tout! Der beneidenswerte Bursche soll überdies märchenhaft häßlich sein.« »Sie wird an ihm le beau du laid entdeckt haben ... Im übrigen, wie gesagt, durchaus tugendhaft.« Man nahm das »im übrigen« für einen famosen Witz und lachte laut. Plötzlich trat an dem heiteren Tisch tiefe Stille ein. Ein langer, hagerer junger Mann stand vor den vergnügten jungen Leuten. Sein auffallend häßliches Gesicht war mit Sommersprossen bedeckt, er hatte starkes, rotblondes Haar und trug eine Brille, durch die zwei grüne Augen – sie waren wirklich grün, die elegante Gesellschaft fixierten. Der junge Mensch war miserabel angezogen, geradezu miserabel! Nur ein Deutscher konnte sich so anziehen und nur ein Künstler. Diese seltsame Gestalt sagte in herzlich schlechtem Italienisch, aber mit eisiger Ruhe: »Verzeihen Sie, wenn ich störe. Aber die Herren sprechen so laut, etwas zu laut. Und da möchte ich Ihnen bemerken, daß Sie unverschämte Verleumder sind!« Die jungen Leute, die sich der Königin Margherita gegenüber ohne Spur von Befangenheit benahmen, fühlten sich bei dieser Anrede des miserabel gekleideten Fremden seltsamerweise etwas verlegen. Der geistreiche Jüngling, der vorhin den famosen Witz gemacht hatte, versuchte zwar laut aufzulachen, es klang jedoch etwas krampfhaft. Endlich bemerkte ein andrer, und er traf den Ton prachtvoll insolent: »Wie können Sie sich unterstehen! ... Übrigens, wer sind Sie denn eigentlich?« »Das sagt Ihnen vielleicht mein Gesicht, darin Sie möglicherweise auch eine Entdeckung machen könnten. Übrigens bleibe ich dabei, daß Sie und Ihre Herren Kollegen gemeine Verleumder sind. Sollten Sie eine nähere Begründung meines Urteils wünschen, so stehe ich Ihnen morgen vormittag Schlag zwölf Uhr in diesem Lokal zur Verfügung. Einstweilen ...« Er grüßte mit einem verächtlichen Nicken, kehrte an seinen Platz zurück, ließ sich die »Tribuna« bringen, las langsam, trank seinen Wein, zahlte und entfernte sich. An dem Tische der eleganten jungen Leute blieb es unterdessen auffallend still. Es schien heute schon sicher, daß die Jünglinge eine nähere Begründung von seiten des groben Germanen kaum wünschen würden. Aber – wie miserabel der Bursche angezogen war! 17. Die Fürstin Romanowska Die Liebesgeschichte der Fürstin Romanowska war höchst einfach, ganz und gar nicht romantisch gewesen. Der Fürst sah Maria in Rom über die Straße gehen und faßte sogleich eine leidenschaftliche Neigung zu der wunderschönen Person; in der Tat die leidenschaftlichste seines Lebens, was bei dem Fürsten Alexander Romanowski viel sagen wollte, denn die Galanterien des heißblütigen und ritterlichen Polen erfreuten sich eines europäischen Rufes. Als der Fürst Maria zum ersten Male sah, war er bereits ein hoher Fünfziger, aber noch immer eine Erscheinung von so unangekränkelter Männlichkeit und faszinierender Noblesse, daß es verständlich gewesen wäre, wenn ein achtzehnjähriges Mädchen sich ernstlich in ihn verliebt hätte. Eine schlanke, fast zarte Gestalt; ein schmales, ganz blasses Gesicht, dunkle, träumerische Augen und Lippen von einer fast weiblichen Weichheit und Anmut. Sein kurz gehaltenes Haar war schneeweiß, sein schöner Schnurrbart stark gefärbt. Aber erst wenn er sprach, empfand eine Frau den Zauber seiner slawischen Rasse, und auf viele wirkte der blasse Ton seiner Stimme, die sehr leise war, wie eine seelische Liebkosung. Der Fürst war ein berühmter Schütze und Schläger. Die Körperhaft des feinen, zierlichen Mannes war so groß, daß man sich von ihm das Jägerstücklein erzählte, wie er in seinen polnischen Waldungen mit einer angeschossenen Bärin gerungen und sie erwürgt habe. Er war strenger Katholik, Kämmerer und Liebling Seiner Heiligkeit, eine Säule der apostolischen Mission, der er geheime und wichtige Dienste leistete. In dem Atelier eines Künstlers, dem Maria Modell stand und der dem Fürsten stark verpflichtet war, lernte dieser sie kennen. Seine Absicht war durchaus keine andre und bessere, als sie das bei vielen schönen Frauen gewesen war. Gewöhnt, sein Ziel nur zu bald zu erreichen, mußte der blasierte Lebemann sehr schnell einsehen, daß das bei dieser Schönen nicht der Fall sein würde. Zuerst betroffen, fühlte er sich schließlich ganz entzückt; aber niemand könnte seine eigne Verwunderung schildern, als ihm plötzlich der Gedanke kam: nein, nicht deine Geliebte, aber – deine Frau. Sofort begann er, immer in dem Atelier jenes Künstlers, sich ernstlich um die Gnade der spröden Schönen zu bemühen, und zwar mit einem Eifer, wie er ihn nicht an den Tag gelegt haben würde, um die Gunst einer gefeierten Modedame zu erringen. Er war so liebenswürdig, so ritterlich, so anmutig, wußte seinen Worten durch den schmelzenden Ton, durch seine melancholischen Augen solchen starken Nachdruck zu geben, daß er nach einiger Zeit mit seinem Kennerblick herausfand: sie ist dir gewogen, ist dir gewonnen! Ein andrer hätte jetzt vielleicht nochmals den Versuch gemacht, jene erste Absicht zu erreichen, und möglich sogar, daß es ihm gelungen wäre. Fürst Alexander sagte sich das mit voller Klarheit selbst, ging zu Maria und – warb um ihre Hand, um die Hand des Modells. Bevor Maria antwortete, ja, sie wolle so gnädig sein, Fürstin Romanowska zu werden, erhielt der Fürst Alexander aus ihrem Munde eine überraschende Mitteilung. In einem Alter von sechzehn Jahren hatte sie sich schon einmal verheiratet. Sogar verliebt war sie in ihren Mann gewesen, einen blutjungen, bildhübschen, blonden Künstler, den sie in quella brutta Germania kennen gelernt hatte, als gerade ihr Vater gestorben war. Frischweg heiratete das Pärchen. Sie war so jung, so töricht, so unerfahren gewesen, hatte ihrem ebenso törichten, unerfahrenen jungen Mann das Leben sauer genug gemacht und es dann doch nicht bei ihm ausgehalten – unmöglich! Sie war fortgelaufen. Jawohl! Schlecht und schändlich genug war sie von ihrem guten, armen Muse fortgelaufen! Und das, als sie gerade ... Madonna, was für ein schlechtes Geschöpf sie gewesen war! Sie hatte dann freilich Reue genug gefühlt, aber zurückzukehren, wo sie doch fortgelaufen war, als sie gerade – – Gott sei ihrer armen Seele gnädig! Zurückkehren konnte sie nicht! Sie hätte sich zu Tode schämen müssen, nicht nur ihren guten armen Giusé verlassen zu haben, sondern auch ... Oh, wie schlecht und schändlich und voller Sünde war sie gewesen! Das war nun alles schon lange her und sie seitdem eine andre, ganz andre geworden. Und jetzt war ihr armer, guter Giusé, dem sie ein volles Jahr das Leben sauer gemacht hatte, tot und begraben. Das hatte sie zufällig durch ein Modell erfahren, das in quella brutta Germania ihren armen, guten Giusé gekannt hatte. So war es also. Basta. Da es nun einmal so war, ließ sich nichts dagegen tun. Überdies war alles durchaus der Ordnung gemäß zugegangen: standesamtliche und kirchliche Trauung, Trennung, Tod des Ehemannes. Fürst Alexander würde den armen, guten Guisé in die Heimat des Pfeffers gewünscht haben, wenn dieser sich nicht schon einen andern stillen Fleck Erde ausgesucht gehabt hätte, wo er von dem einen bösen Lebensjahr, das ihm seine Maria bereitet, bequem ausruhen konnte. Fürst Alexander gönnte seinem Vorgänger in dem Besitz des prachtvollen Geschöpfes sowohl das eine böse Lebensjahr, als auch jetzt die ewige Ruhe von Herzen, froh, daß es keines Dispenses des Heiligen Vaters bedurfte, um die Ehe zu trennen. Denn getrennt werden hätte sie unter allen Umständen müssen: was der Fürst Romanowski einmal besitzen wollte, das mußte er haben. Über den guten Ruf Marias Erkundigungen einzuziehen, unterließ der Fürst. Erstens hatte er von ihrem Stolz, ihrer Sprödigkeit vernommen, noch ehe er sie gesehen; zweitens, und für ihn am meisten bestimmend, hatte er darüber seine eignen Erfahrungen gemacht, die diesen Ruf in überraschendster Weise bestätigten. So wiederholte er denn seine Werbung und wurde angenommen, was ihn in einen Zustand von Verliebtheit und Glück versetzte, den er selbst früher für unmöglich gehalten hätte. Es wurde ausgemacht, daß die Verlobung strenges Geheimnis bleiben sollte; der Fürst sandte seinen Privatsekretär nach München, um dort den Tod des armen, guten Giusé sich gerichtlich bescheinigen zu lassen; er selbst begab sich nach Warschau, wo eine wichtige Angelegenheit sein persönliches Erscheinen erforderte, und Maria fand eine würdige Unterkunft in einem der vornehmsten römischen Klöster, mit dessen Priorin der Fürst vor seiner Abreise eine lange Besprechung gehabt hatte. Nie wieder sprach später die Fürstin Romanowska zu ihrem Gatten von jener Periode ihres Lebens und ihrer Jugendliebe für den armen, guten, bildhübschen Giusä. Als der Fürst mit dem Totenschein Joseph Auzingers in seinem Portefeuille zurückkam, eilte er, verliebter denn je, in das fromme Haus, wo die schöne Maria inzwischen eingekleidet worden war; nicht als Nonne und Braut Christi, sondern als Weltdame und Braut des Fürsten Alexander Romanowski. Selbst der polnische Standesherr, dieser Grandseigneur par excellence , war überrascht, als sie ihm entgegentrat: in einem Tailor made dress aus schwarzem Tuch, in moderner Frisur, in einer Haltung, mit der sie einen Souverän hätte empfangen können. Von einer weiteren Erziehung des Modells zur vollendeten Weltdame und Fürstin Romanowska wollte Fürst Alexander durchaus nichts hören. Sie waren beide nicht mehr jung? und wer so ging, sich so bewegte, so sein Haupt trug, so einen Schal sich umlegen ließ, der brauchte wahrhaftig nicht noch erst erzogen zu werden. Eine königliche Prinzeß hätte von Maria das Grüßen lernen können. Sie konnte freilich weder schreiben noch lesen. Das würde er seine Frau lehren, und köstliche Lektionen sollten es werden. Französisch mußte sie natürlich sprechen, und zwar ein perfektes Französisch nach dem Vokabular der Pariser Akademie. Man mußte eine ältere distinguierte Dame finden, und binnen eines Jahres würde außer dem Lesen und Schreiben auch das vollbracht sein. Ein Jahr tiefster Zurückgezogenheit, teils in einem idyllischen Landhause in verschönen Provence, teils auf einem prächtigen Schloß in Polen, würde für den jungen Gatten ein Jahr der Glückseligkeit bedeuten. In Rom war die Sache merkwürdigerweise wirklich tiefes Geheimnis geblieben. Man wußte, daß Maria ein durch und durch kapriziöses Geschöpf war, und als sie plötzlich ausblieb, mußte man sich eben darein finden. Sie würde schon wiederkommen. Inzwischen trat Fürst Alexander von neuem eine Reise an. Er begab sich nach Paris, um dort die übliche ältere distinguierte Dame zu engagieren und in eigner Person für seine Braut die Ausstattung zu bestellen. Es wurde ein Trousseau, der verdient haben würde, in den Journalen eingehend beschrieben zu werden, und sicher die Beachtung auch der subtilsten Dame von der Welt errungen hätte. Mit der neu engagierten Pariserin reiste der Fürst an einen kleinen Ort der französischen Riviera, wo, von einer Klosterschwester begleitet, alsbald auch die Braut eintraf. Und schon am folgenden Tage fand in Gegenwart nur der gesetzlich notwendigen Zeugen die Trauung statt. Am Abend desselben Tages bereits brachte die »Tribuna« in Rom ein langes Telegramm über die sensationelle Vermählung eines polnischen Grandseigneurs mit einem römischen Modell, der berühmten Maria von Rocca. Einige Tage später erhielt die Familie des Fürsten, erhielten seine sämtlichen Freunde und Bekannte in allen Teilen Europas folgende Anzeige: Prince Alexandre de Romanowski Princesse Maria de Romanowska née Campana mariés. St. Joice, prés de Nice 1889. Dem teils in einem Landhause der Provence, teils auf einem Schloß in Polen zugebrachten ersten Jahr folgte ein zweites, mit einer vollen Saison in Paris; ein drittes Jahr mit einer Londoner Season. Zier wie dort wurde die Fürstin Romanowska in allen tonangebenden Salons empfangen, hier wie dort erregte ihre große Schönheit und vorzügliche Haltung Sensation. Inzwischen war die Villa vor Porta Pia, deren Bau der Fürst im Jahre seiner Heirat hatte beginnen lassen, fertig geworden und in allen ihren Teilen prachtvoll ausgefallen. Die gesamte innere Einrichtung hatte ein namhafter englischer Künstler übernommen; sie war ein Nonplusultra von feinstem künstlerischem Geschmack und von einer raffinierten Behaglichkeit. Das Boudoir der Fürstin, mit einem von Siemeradzki gemalten Plafond und Fries, war mit silbergrauem Atlas ausgeschlagen, das Holzwerk der Möbel mit einem reichen, höchst originellen Ornament aus Kupferplatten verziert; die Möbel selbst mit weißem Leder überzogen, darauf der Pinsel des berühmten Polen entzückende Putten und Blumenstücke gezaubert hatte. In den Samt der Vorhänge und Draperien von einem lichten Lila waren weiße Orchideen höchst kunstvoll eingewirkt. Dazu ein Teppich von dunkelrotem Scharlach. Das Schlafgemach der schönen Frau nannte der Künstler selbst einen Farbentraum in Gelb; aber sein Meisterstück war die Toilette Ihrer Durchlaucht: ein großer Kuppelraum mit Oberlicht, dessen Einrichtung, Decke, Wände, Holzwerk, Möbel und Vorhänge in den zartesten Farben gehalten waren. Ein blütenweißer Teppich bedeckte den Boden. Das elektrische Licht brannte in märchenhaften Blumen, welche die hohen Spiegel umrankten und von der Decke herabhingen. Das Bad aus rosigem Marmor stieß an einen Wintergarten, darin zu jeder Jahreszeit nur weiße Blumen blühten; denn Weiß war die Lieblingsfarbe der Fürstin. Bereits im Frühjahr vor dem Einzug des fürstlichen Paares war aus Warschau die berühmte Galerie Romanowska in Rom eingetroffen und in den Gesellschaftsräumen der Villa untergebracht worden. Für Fremde sollte die Sammlung, die verschiedene Perlen der altitalienischen Malerschule besah, streng geschlossen bleiben. Im Herbst trafen die Herrschaften ein. Die große Welt befand sich noch in Villeggiatur, so daß die Romanowski mit den letzten persönlichen Details ihrer Einrichtung bequem fertig werden konnten, bevor sie ihre Besuche machten. Ebensogut wie in Rom hätten sie ihren ständigen Wohnsitz in Paris oder London nehmen können, wo überall die Fürstin die allgemeinste Bewunderung erregt hatte. Aber der Fürst wünschte, daß es Rom sein sollte, gerade in der römischen Gesellschaft sollte die Fürstin glänzen. Sein Fortbleiben von Rom hätte von böswilliger Seite leicht als Feigheit ausgelegt werden können, und es gibt auf der weiten Welt nichts Böswilligeres als die große Welt. Die Fürstin konnte erst dann als völlig von der Gesellschaft akzeptiert gelten, wenn das in Rom geschehen war. Der bloße Gedanke: man könnte meinen, er scheute sich, mit seiner Frau in der italienischen Kapitale zu leben, trieb dem Fürsten Alexander das Blut zu Kopf. Überdies verlangten seine intimen Beziehungen zum Vatikan alljährlich einen langen römischen Aufenthalt. Also kamen die Romanowski nach Rom, wollten dort bleiben. Seit drei Jahren hatten Agenten des Fürsten alles aufkaufen müssen, was seinerzeit in Paris und Rom an Bildwerken angefertigt worden war, zu denen Maria Modell gestanden hatte. Die höchsten Preise wurden bewilligt. Trotzdem erforderte der Erwerb oft nur einer Skizze häufig die größte Ausdauer und Gewandtheit der Unterhändler. Lange Korrespondenzen waren notwendig, Reisen mußten unternommen werden, und doch konnte, trotz allem Eifer und aller Geschicklichkeit der Aufkäufer, nur ein Teil jener großen Maria-Galerie zusammengebracht werden. Diese erhielt in der römischen Villa Aufstellung in einem Raum, der an das Arbeitskabinett des Fürsten stieß und nur von diesem betreten werden durfte. Mit einem Künstler jedoch trat der Fürst persönlich in Beziehung. Karl Steffens hatte seine in Marmor vollendete Gruppe, die »Tochter der Semiramis«, nicht nur nicht ausgestellt, sondern hinter jenem Vorhang aus Purpurseide sie jedem Blick entzogen. Er verbarg sie, obgleich von dem Erfolg, den das Kunstwerk sicher haben und der zweifellos ein ungeheurer sein würde, seine Zukunft abhing. Seine einzige Freude, die beiden alten Römer, waren auch die einzigen, welche die Gruppe zu sehen bekamen. Sie standen mit erhobenen Händen und erhobenen Seelen davor und baten ihn flehentlich, auszustellen: zunächst in Rom, dann überall in allen Hauptstädten Europas. Fräulein Friedrike vergoß heiße Tränen und besaß den Mut, trotz aller schroffen Abweisung, den halsstarrigen und sensitiven Künstler immer wieder und wieder mit Bitten anzugehen, ihm teils in beweglichen, teils in hohen Worten vorstellend, wie es seine heilige Pflicht sei – gegen sein Künstlertum sowohl wie gegen die Menschheit –, sein Werk der Öffentlichkeit zu übergeben; und sie fuhr mit Bitten und Betteln fort, bis er ihr einmal sehr ernsthaft erwiderte: »Wenn ich meine Gruppe ausstelle, werde ich vielleicht Erfolg haben, aber ich werde damit zugleich die Frau kompromittieren, die ich liebe. Diese Frau ist jetzt die Gattin eines vornehmen Mannes und hat meinethalben ihren Ruf schon einmal aufs Spiel gesetzt, worin ich nur einen Grund mehr sehe, als anständiger Mensch zu handeln. Sie, liebe Freundin, sind gewiß die allerletzte, mir zu etwas zuzureden, das ich nicht anständig finden kann.« Das gute Fräulein Friedrike rang die Hände, schwieg und erwähnte nie wieder auch nur mit einer Silbe die Angelegenheit, nachdem sie sich mit ihrem getreuen Peter Paul des langen und breiten über den kuriosen Menschen ausgesprochen hatte. In der bewundernden Achtung des Pärleins war Karl Steffens nach diesem Vorfall womöglich noch gestiegen. Sie verdoppelten ihre zarte Rücksicht auf die oft schwer zu ertragenden Launen und düsteren Stimmungen ihres Freundes, und Fräulein Friedrike lud ihn möglichst häufig zu ihren kleinen Teeabenden ein, die drei Tellerlein nach besten Kräften mit Orangen, Biskuits und belegten Brötchen füllend, während Peter Paul regelmäßig aus einer Osteria in der Nähe der Rotunde die Fogliette mit vero vino dei castelli romani herbeitrug und dazu das große Glas aus der Wirtschaft seiner Freundin auf den Tisch stellte. Das war alles, was die beiden für Karl Steffens zu tun vermochten, der allmählich von neuem in Apathie versunken war, ein Zustand, in welchem er die von Zeit zu Zeit sich wiederholenden, immer glänzenderen Anträge des Commendatore Mario di Mariano mit wachsender Heftigkeit zurückwies und sich auf seine eigne Manier sein römisches Brot verdiente, das oft wenig genug war. Da hätte er plötzlich zum reichen Mann werden können, und das auf die ehrlichste Weise. Eines Oktobertages erschien in seinem Studio, darin es womöglich noch öder und armseliger aussah als bei jenem ersten Besuche des großen Mannes, ein älterer Herr mit seinem, wachsbleichen Gesicht, mit dunkeln, feurigen Augen und prachtvollem, kohlschwarzem Schnurrbart. Als der mit höchster englischer Eleganz gekleidete Besucher seinen Zylinder abnahm und den Künstler aufs höflichste grüßte, sah Steffens, daß das Haar der interessanten Männererscheinung weiß war. Er trat ein und stellte sich Steffens vor: »Fürst Romanowski.« Steffens verneigte sich ungeschickt. »Ich komme selbst zu Ihnen, um persönlich mit Ihnen eine Angelegenheit abzumachen.« »Bitte.« Steffens bot dem Fürsten keinen Stuhl an. Die beiden Männer, die sich bis dahin nie gesehen, standen einander gegenüber, maßen sich schweigend und fühlten in diesem Augenblick beide, daß sie Feinde waren, Feinde auf Leben und Tod. Der Fürst dachte: ›Er ist bizarr häßlich, aber er hat etwas von einem bedeutenden Menschen an sich. Nun, wir werden ja sehen.‹ Mit seiner weichen Stimme, die sich wie eine Melodie in die Seele schmeichelte, begann Fürst Alexander von neuem, immerfort stehend und immerfort das Gesicht des Künstlers fixierend: »Sie sind doch der deutsche Künstler, der eine Statue von der ›Tochter der Semiramis‹ machte? Es war vor mehreren Jahren, und Sie wohnten damals in der Nähe des Kolosseums.« »Ich bin der deutsche Künstler.« »Diese Statue befindet sich noch immer in Ihrem Besitz?« »Ganz richtig, noch immer.« »Weshalb stellten Sie dieselbe eigentlich nie aus?« »Das ist doch wohl meine eigne Angelegenheit.« Der Fürst verneigte sich verbindlich. »Durchaus nur Ihre eigne Angelegenheit ... Sie führten die Statue bis jetzt – es ist ja wohl eine Gruppe?« »Eine Gruppe.« »Sie führten dieselbe bisher nur in Gips aus? Ich möchte sie bei Ihnen in Marmor bestellen.« »Sehr gütig.« »Könnte ich Ihr Werk sehen?« »Nein.« »Wie?« »Ich zeige es nicht.« »Nicht jedem, was ich begreiflich finde.« Er lächelte. »Aber doch gewiß einem Besteller?« »Ich zeige es nicht.« In den Augen des Fürsten leuchtete es auf. »Wollen Sie damit sagen, daß Sie meine Bestellung nicht annehmen?« »Ja.« »Sie wollen Ihre ›Tochter der Semiramis‹ für mich nicht in Marmor ausführen?« »Ich habe sie bereits in Marmor ausgeführt; aber ...« Der Fürst unterdrückte einen Ausruf, Steffens fuhr mit derselben Ruhe fort: »Aber für mich selbst.« »Oh, nur für Sie selbst?« »So sagte ich.« »Und Sie wollen mir Ihr in Marmor ausgeführtes Werk zu keinem Preis, unter keinen Umständen überlassen?« »Zu keinem Preis, unter keinen Umständen.« »Nicht dem Fürsten Romanowski?« »Weder diesem noch irgendeinem andern.« »Ah!« Es war nur ein Laut gewesen, aber es lag darin etwas, das dem Ton ähnlich war, mit dem sich ein Mensch auf den verhaßten Gegner stürzt – mit einem Dolch oder Pistol in der Hand. Aber gleich darauf lächelte Fürst Alexander wieder. Lächelnd und mit leiser Stimme, die so weich wie eine Liebkosung war, sagte er nachlässig: »Sie werden sich die Sache sicher überlegen.« »Das tat ich bereits.« »Vielleicht erinnern Sie sich, daß ich ein Recht auf jene Gruppe besitze?« »Sie ein Recht auf mein Werk?!« »Nun denn, ich will ein Recht darauf besitzen. Verstehen Sie wohl, ich will!« »Ich verstehe Durchlaucht ganz und gar nicht.« »Sie sind ein Unverschämter!« An dem Morgen des zweiten Tages nach diesem Vorfall fand im Hain der Egeria das Duell statt. Es lautete auf Pistolen, zehn Schritte Distanz, und es sollte bis zur Kampfunfähigkeit eines der Duellanten geschossen werden. Ein junger französischer Attaché sekundierte dem Fürsten, Peter Paul dem beleidigten Karl Steffens. Dieser hatte den ersten Schuß; er fehlte. Der Fürst erhob die Waffe, lächelte, zielte auf des Künstlers rechten Arm, lächelte, wollte losdrücken, zauderte, ließ das Pistol etwas sinken, lächelte wieder, murmelte: »Ein Finger genügt.« Er schoß. Die Waffe entsank des Künstlers Hand, sein kleiner Finger war abgeschossen, das Duell beendet. Fräulein Friedrike pflegte den Verletzten, der in ein heftiges Wundfieber verfiel. Einmal, als Steffens eingeschlafen war, schlich sich Signorina Rica an sein Lager, beugte sich tief herab und drückte ihre welken Lippen auf die Wunde. Dabei wurde sie so rot wie ein junges Mädchen, das dem Geliebten den ersten Kuh gibt. Durch seine »Tochter der Semiramis«, die kein Auge je zu sehen bekam, konnte Karl Steffens kein berühmter Mann werden. Aber er wurde es durch sein Duell mit dem Fürsten Romanowski, das ihm einen Finger der rechten Hand kostete. Wenn ein Modell dem brutto tedesco begegnete, so konnte man sicher sein, daß es auf dessen verstümmelte Hand stierte, dabei jedoch mit tiefem Respekt grüßte. Dasselbe taten auch andre. Übrigens hätte der fehlende Finger Steffens nicht gehindert, ein wahrer Michelangelo zu werden; aber sein Gemüt stand wieder von neuem ganz unter dem Zeichen der Zypressen. Zu allem übrigen, was diesen Künstlergeist aus seinen Bahnen riß, kam noch hinzu, daß er mit vieler Kunst und Selbstquälerei sich fort und fort sagte: ›Er wollte mich großmütig schonen! Darum traf er nur den einen Finger! Hätte er lieber den ganzen Arm verstümmelt, als an mir Großmut zu üben. Dieser Aristokrat Großmut an mir!‹ * Sodann machte die Fürstin Romanowska ihren Eintritt in die römische große Welt, die auf dieses Debüt so neugierig war wie auf eine Premiere von Sardou mit Eleonore Duse und Signor Ando. Das erste große Ereignis im römischen Leben der Fürstin war ihr Besuch im Vatikan, wo der Heilige Vater sie und den Fürsten in besonderer Audienz empfing und gütig und liebreich gegen die Gemahlin seines Günstlings war. Mit leuchtenden Blicken kamen beide von dieser Audienz zurück. Darauf warfen die Romanowski ihre Karten ab; zuerst in den Häusern der schwarzen Partei, darauf in einigen weniger grauen Salons und in der kosmopolitischen Fremdenkolonie. Da die Saison noch nicht begonnen hatte, wurde die Fürstin einstweilen nur bei der täglichen Korsofahrt gesehen. Das erste, was man an ihr bemerkte, war ihr Kostüm; an trüben Tagen stets schwarz, an hellen stets weiß, und immer vom besten Geschmack, war sie geradezu hervorragend in ihren Hüten. Was ihre Art zu grüßen anbetraf, so war dieselbe stupend, geradezu stupend! Man erzählte sich von einigen Herren, daß sie nachmittags an verschiedenen Orten sich aufstellten: auf der großen Pincioterrasse, am Spanischen Platz und im Korso, um vor der Principessa Maria den Hut zu ziehen und sie dreimal grüßen zu sehen. Wenn die Equipage des fürstlichen Paares auf dem Pincio hielt, war sie schon im nächsten Augenblick vollständig umringt. Während die Kapelle aus »Lohengrin«, »Carmen« und der »Cavalleria Rusticana« spielte, hielt man eine jener kleinen Konversationen ab, wie sie nur der Südländer kennt. Die Fürstin sprach wenig, aber immer mit der nämlichen erstaunlichen Haltung, die auch in ihrem Gruße lag. Sie äußerte über das neueste Ballett im Costanzi, über das neueste Schauspiel im Valle ebensogut einige passende Worte wie über den neuesten Roman von Gabriele d'Annunzio oder Marcel Prevost. Sprach sie Französisch, so hatte man Gelegenheit, mit eignen Ohren zu hören, daß ihr Pariser Akzent tadellos war. Die Unterhaltung wurde denn auch von Wagen zu Wagen geführt, die auf dem schönsten Platz der Welt dicht nebeneinander gereiht standen. Zu Wagen fand hier der erste flüchtige Verkehr mit den Damen der schwarzen Gesellschaft statt. Der Fürst stellte seine Gemahlin so und so vielen Herzoginnen, Prinzessinnen und Marchesen in einer Weise vor, die ebenso mutig wie würdevoll war und von jenen Damen ganz ehrenwert befunden ward. Nachmittag für Nachmittag war es dasselbe. Nach einem mehr oder minder kurzen Halt setzten sich die Equipagen von neuem in Bewegung, über den Pincio hinunter zur Piazza del Popolo, durch den Korso zum Spanischen Platz. Hier wurde bei der Fontäne ein zweites Mal gehalten. Sogleich sammelten sich sämtliche Blumenverkäufer um den fürstlichen Wagen, der dann mitten in einem Blütengefilde stand. Die Principessa kaufte so viele Blumen, als im Wagen nur untergebracht werden konnten. Doch nur weiße Blumen. Die Verkäufer wußten das und richteten ihre duftige Ware danach ein. Weiße Rosen, weiße Levkoyen, weiße Azaleen, Nelken, Hyazinthen, Margueriten. Oft, wenn ein Fremder am Spanischen Platz zur späten Korsostunde einen Strauß weißer Blüten kaufen wollte, wurde ihm gesagt: »Diese Blumen gehören der Principessa.« Jedesmal, wenn der fürstliche Wagen beim Brunnen auf dem Spanischen Platze hielt, stellten sich in einiger Entfernung die Modelle auf. Die goldene römische Jugend wußte das, und es gehörte zum Schick, zu sehen, wie die Fürstin Romanowska die Modelle grüßte: ganz anders, als sie selbst von der schönen Frau gegrüßt wurden: lächelnd, freundlich, vertraulich. Nein, die Fürstin Romanowska wollte keinen Augenblick verleugnen, daß sie die Maria von Rocca gewesen war. Der Fürst erschien dabei durchaus ungeniert und ganz d'accord mit seiner Gemahlin zu sein. Das flößte sogar der Jeunesse dorée Respekt ein. Aber vollständig vergessen haben mußte die schöne Frau, daß sie nach jener Frascataner Villeggiatur bei den Modellen in offenbarer Verachtung gestanden. Eine dritte, ganz besondere Art zu glühen, zeigte sie gegen eine bestimmte Person. Es war dies ein Fremder, ein deutscher Künstler. So oft ihr Wagen durch den Korso fuhr und beim Café Aragno die Ecke der Via delle Vite passierte, richteten sich die Augen der Fürstin wie magnetisch angezogen hinüber auf einen bestimmten Punkt. Und nur mit den Augen grüßte sie Karl Steffens, der jeden Nachmittag dort stand, um sich von diesen großen und mächtigen Augen grüßen zu lassen, so fremd und kalt das auch geschah. Aber mit einem Etwas darin, das wie – ja, wie was war? Aber dieses geheimnisvolle Etwas zu grübeln und immer wieder zu grübeln, damit verbrachte Karl Steffens jetzt seine Stunden und Tage. Häufig war's ihm, als hätte er den Blick enträtselt und seine stille Meinung verstanden: in dem Blick der Fürstin Romanowska war etwas wie Haß. * Unter den Fremden aller Nationen, die für den Winter nach Rom gekommen waren, befanden sich Bekannte der Romanowska aus Paris und London. Andre wieder waren mehr oder minder nur mit Fürst Alexander liiert. Alle diese machten in der Villa Romanowska Besuch. Diejenigen, welche die Fürstin noch nicht kannten und das erstemal aus Neugierde erschienen, kamen bereits das zweitemal aus Interesse. Selbst die Argwöhnischsten und Mißgünstigsten mußten gestehen, daß sie, auf das ehemalige Modell gefaßt, eine grande dame gefunden hatten. Viele waren aufrichtig von ihr entzückt, darunter sogar einige Damen. Es war allgemein bekannt, daß in Paris und London der Fürstin die ernsthaftesten Huldigungen dargebracht worden waren. Das war natürlich auch in Rom der Fall, womöglich in erhöhtem Maße. Aber die betreffenden Herren hatten entweder zu großen Respekt vor dem Charakter des Fürsten oder zu lebhafte Scheu, mit einem der besten Pistolenschützen intime Bekanntschaft zu machen, als daß das mindeste Pikante sich ereignet hätte, wie sehr auch von mancher Seite darauf gewartet wurde. Auch hätte man ebensogut einer Souveränin eine Erklärung machen können, als dieser ehemaligen Maria von Rocca di Papa. Für die Intimen des Hauses Romanowski war jeden Dienstag und Freitag abends nach zehn Uhr in den Gemächern der Fürstin Empfang, und jeden Sonntag wurde für sieben Uhr zum Diner geladen, doch nie mehr als acht Personen. Der fürstliche Koch, ein Toskaner, war selbst in Paris wegen seiner Saucen und petits plats berühmt gewesen; und die Blumenarrangements der Tafel galten für Meisterwerke der Gärtnerkunst. Vollends in Rom, wo die feinste und anmutigste Form des geselligen Verkehrs – kleine, intime Mittagessen, wenig gepflegt wird, erregten die Romanowskischen Diners Aufsehen. Dann begannen in der Gesellschaft die ersten Empfänge und Routs, und jetzt erst kam die hohe schwarze Aristokratie der italienischen Kapitale dazu, die Fürstin näher zu betrachten. Je glänzender ihr Entree in der andern großen Welt ausgefallen war, um so vorsichtiger trat man ihr entgegen. Aber auch hier errang sie einen vollständigen Sieg, und als die Romanowski ihren ersten Ball gaben, wurden nur wenige Einladungen abgelehnt. Auf diesem ersten Ball in ihrem Hause erschien die Prinzessin Maria in einer Robe aus Silberbrokat und trug ein Glanzstück des Romanowskischen Familienschmucks, die berühmten Smaragden. Fürst Alexander war während des ganzen Abends etwas nervös. Heimlich beobachtete er seine schöne Frau unausgesetzt. Als die Gäste sich entfernt hatten und die Gatten allein waren, machte er seiner Frau eine zweite Liebeserklärung, die womöglich noch feuriger ausfiel, als die erste gewesen. 18. Aus Priscas Tagebuch Rom, Anfang Februar. Mutter! Wie oft ich, seitdem ich in Rom bin, an meine Mutter denken muß! Oft, oft träume ich von ihr, weine im Traum und erwache mit einem Aufschrei: »Mutter!« Ich weiß so wenig von ihr. Ich weiß nur, daß mein Vater sie fand »verlassen, verlassen, wie der Stein auf der Straßen«, daß sie blutjung war, ein halbes Kind, wunderbar schön; daß mein Vater sich leidenschaftlich in sie verliebte und sie sich in ihn; daß sie nach einem kurzen Jahre der Glückseligkeit starb, bald nach meiner Geburt. Am Heimweh nach ihrem herrlichen, strahlenden Süden, am Heimweh nach Rom. Ihrer Tochter hinterließ sie diese Sehnsucht nach Sonne und Schönheit. Ohne dieses mütterliche Erbe hätte es mich niemals so gewaltig hierhergezogen. Das Glück, in Rom zu sein, danke ich daher meiner Mutter. Seltsam, daß mir dieser so einfache und selbstverständliche seelische Vorgang erst hier klar wurde ... Weshalb mein guter Vater mich wohl niemals an ihr Grab geführt, weshalb er wohl alle Bilder von ihr vernichtete? Verzeih mir, du Guter, Bester, aber es war nicht recht von dir. Wie darf ich mit dir rechten? Du warst ja krank, innerlich krank durch den frühen Tod meiner schönen, jungen Mutter, und du dachtest nicht daran, daß du deiner Tochter ihr Grab und Bild schuldig warst. Daß meine arme Mutter Römerin war, ist das Sonnenmärchen meines sonst so nüchternen Lebens; ist die wunderbare Romanze, die dem Kinde gesungen ward. Meine römische Mutter war ja auch das Hohelied in dem Dasein meines Vaters. Sie war das hehre Weib aus der Fremde, das ihm erschien und in seine grauen Tage einen Lenz streute, einen ganzen römischen Frühling von Strahlen und Blüten. Dann ging sie wieder, entschwand sie seinen Blicken in jenes dunkle Land, daraus niemand wiederkehrt, und lieh ihn mit seinem mutterlosen Kinde in Sehnsucht zurück. Daß ich ihr so gar nicht ähnlich sehe, in so gar nichts ihr gleiche! War das nicht grausam von der Natur, auf mein Gesicht nicht einen einzigen Strahl ihrer Schönheit fallen zu lassen, wo meine Seele doch so schönheitsdurstig ist, daß sie sich nie satt trinken wird? Ich weiß, mein Vater starb am gebrochenen Herzen, meiner schönen Mutter nach, aus Heimweh nach ihrer flammenden Sonnenseele. Auch das weiß ich längst, daß ich ihn nicht trösten konnte, ich, die ich in nichts meiner Mutter gleiche. Darum spähte er oft so angstvoll in mein Gesicht, ob er darin nicht einen, auch nur einen ihr ähnlichen Zug entdecken könnte. Nein, mein Vater, nicht einen! Er konnte niemals von ihr sprechen, selbst in seinen letzten Lebensjahren nicht. Er konnte ihren Namen nicht über die Lippen bringen, so sehr liebte er sie bis zum letzten Atemzug, meine schöne, strahlende, unglückliche Mutter. Jawohl, unglückliche Mutter. Denn unglücklich war sie. Das war das große Geheimnis, das mein Vater mit sich ins Grab nahm, an dem er nicht einmal sein Kind wollte teilhaben lassen, damit dessen dunkle Jugend nicht noch trüber werde. Wie ich sie liebe, diese nie gekannte, nie vergessene Mutter, wie ich mich nach ihr sehne, wie ich ihr Bild mir verklärt habe ... Schon als ganz kleines Kind scheute ich mich, zu andern von ihr zu sprechen. Sie war für mich eine so geheimnisvolle Gestalt, es haftete etwas so Glanzvolles, so Unirdisches an ihr. Das blieb auch so, als ich größer ward. Nicht einmal zu meinem guten Glöcklein konnte ich von ihr reden. Und auch hier, in ihrer Heimat, bringe ich ihren Namen nicht über die Lippen. Es kostete mich sogar Überwindung, den beiden guten alten Leutchen, die mich ganz unverdienterweise in ihr Herz geschlossen, zu sagen, daß meine Mutter eine Römerin war. Ich machte sie durch diese Mitteilung förmlich glücklich. Sie sind stolz auf diese Tatsache. Plötzlich ist das Rätsel ihrer großen Vorliebe für mich erklärt: ich habe eine römische Mutter! Ja, nun darf ich in Rom sein, nun gehöre ich dahin, ich hätte durch meine römische Mutter sogar das Recht, in Rom zu sterben und begraben zu werden, allerdings nicht bei der Cestiuspyramide. Aber beiden merke ich an, wie sie über mein unrömisches Gesicht im stillen ganz außer Fassung sind. Wie kann ich nur so aussehen? Ich wagte es noch gar nicht, ihnen von der Schönheit meiner Mutter zu sprechen, aus Furcht, sie durch meine Häßlichkeit noch mehr zu verletzen. Wie würden sie mich erst lieben, wie stolz würden sie auf mich sein, wenn ich ihre Schönheit geerbt hätte. Daß eine Romana di Roma ein so urgermanisches Kind zur Welt bringen konnte, mit dem gelbblondesten Gretchenhaar, bleibt ein »Zwiespalt der Natur«, wie es in der lieben, alten, herrlichen Ahnfrau heißt, und meine großen, kohlschwarzen Augen sind ihnen doch nur ein schwacher Trost. Meine Augen! Gestern stellte mich Herr Karl Steffens darüber förmlich zur Rede. »Ihre Mutter war Römerin? Das muß ich erst von andern Leuten erfahren? Sie haben natürlich ihre Augen. Und Ihre Mutter ist tot?« »Sie starb bald nach meiner Geburt.« »Wissen Sie das genau? Verzeihen Sie, aber ich habe meinen Verstand erst zur Hälfte verloren. Mit der Vernunft, die mir noch blieb, frage ich Sie, ob Ihre Mutter wirklich tot ist?« Ich hielt ihn in diesem Augenblick allerdings für halb irrsinnig, während ich ihn versicherte, daß meine Mutter wirklich tot sei. »Nun, Sie müssen es wissen,« sagte der seltsame Mensch und schaute mich an, als wäre ich mein eignes Gespenst. Ich kehrte ihm den Rücken und ging meines Weges. (Wir hatten uns im Garten der Kolonie getroffen.) Nach einer Weile kam er mir nach, er lief fast. »Bitte, verzeihen Sie mir!« Ich hatte ihm sogleich verziehen. Gerade den Abend vorher ward mir von Fräulein Friedrike die Geschichte der schönen Fürstin Romanowska erzählt. Sie hatte es nicht früher getan und auch gleich anfangs dem Knaben Checco befohlen, kein Geschwätz davon zu machen, weil sie in ihrem grundgütigen Herzen fürchtete, die Neuangekommene möchte sonst von ihrem und Peter Pauls Liebling eine schlechte Meinung fassen. Nun versteht die treffliche Signorina Rica von diesen Dingen genau so viel wie ich, vermag sich also, will sie ehrlich sein, absolut keine Vorstellung zu machen, wie ein ernsthafter Mann, der noch dazu ein genialer Künstler ist oder sein soll, in solchem Maße einer Leidenschaft sich unterwerfen und von ihr sich knechten lassen kann. Vielleicht vermag eine Frau sich dergleichen Dinge überhaupt nicht vorzustellen? Es war gestern abend rührend für mich, zu beobachten, wie sie sich Mühe gab, Karl Steffens' Wesen zu erklären, ihn zu entschuldigen, ihn in meinen Augen nicht schwächlich erscheinen zu lassen. Dabei blieb der Refrain derselbe. »Er ist doch ein genialer Künstler! Er überwindet noch einmal diese Sache! Er dringt doch durch! Sie sollten nur seine Arbeiten sehen. Und erst seine ›Tochter der Semiramis‹. Ein unerhört großartiges Werk, sage ich Ihnen.« Ach! Ich trage immer noch schwer an dem unvergeßlichen Eindruck, den Peter Pauls großes Bild auf mich machte; bin innerlich zu sehr überzeugt, daß es mir mit den Arbeiten des Herrn Steffens ähnlich ergehen wird, besonders mit seinem Meisterwerk. Ich finde daher nicht den Mut, Fräulein Friedrike zu bitten, mich in das Atelier des neuen Michelangelo zu führen, so dringend sie zu wünschen scheint, ich möchte einmal ein solches Verlangen äußern, ja entschieden diese Bitte von mir erwartet. Sowenig ich die Leidenschaft und das ganze Leben dieses Herrn begreife, so unsympathisch mir dasselbe ist, so – ich muß es aussprechen – verächtlich ich dasselbe finde, kann ich doch nicht verhindern, daß er selbst mich interessiert. Wenn ich an die Stunde denke, wo er meine Studie kritisierte, wo er mir meine Fehler zu Gemüt fühlte, ja, ja! Ich interessiere mich für ihn; aber – seine Arbeiten möchte ich nicht sehen. Übrigens zweifle ich stark, ob er sie mich sehen lassen, ob er mich für würdig finden würde, sie zu sehen. Entschieden nein! Meine »Römischen Rosen mit Lorbeer« sind verkauft! Das gute Glöcklein meldet es mir. Ich glaube, sie hat beim Schreiben vor Freude geheult; wenigstens waren ihre mächtigen Buchstaben halb verwischt. Also coraggio , liebe Lange! Sempre avanti! Es wird schon gehen. Natürlich wird es gehen, du dumme Prisca. Es muß ja gehen. Ich feierte den Verkauf meines ersten römischen Bildes durch ein glänzendes Fest, zu dem ich meine beiden alten Römer einlud. Ja! Und ich lud noch einen dritten ein: Herrn Karl Steffens. Eigentlich wollte ich auch meinen jungen Siegfried (diesen Namen führt er nun einmal bei mir) zu meinem kleinen Symposion bitten. Ich mußte mich jedoch gerade wieder zu sehr über ihn ärgern. Er hat glücklich noch etwas entdeckt, das noch häßlicher ist als sein gräßlicher Greis; es ist das eine Straße im neuen Rom. Sie liegt vor der Porta Salara, könnte jedoch ebensogut in dem scheußlichsten Quartier von London sein ... Nein, nur im modernen Rom kann etwas so Unmögliches möglich sein; und dieses wirre Traumbild malt der Mensch – riesengroß, natürlich! Strahlend teilte er mir die glückliche Neuigkeit mit und bat mich, am Nachmittag mit ihm zu gehen und sein neues Motiv zu betrachten. Ich sagte ihm im voraus, ich würde es jedenfalls abscheulich finden, welche Grobheit mir nur ein glänzendes Lächeln eintrug. Also begleitete ich ihn und – wie ich mich wieder über den Menschen ärgern mußte! Häuser, die in Trümmer gefallen, die Ruinen sind, noch ehe sie überhaupt fertig wurden. Eine Straße von Palästen sollte es werden, mit prunkenden Fassaden, säulengetragenen Einfahrten, prachtvollen Loggien und Altanen, und – himmelhoch aufgemauerte Höhlen sind's geworden! Was nicht eingestürzt ist, oder nicht gerade morgen einzustürzen droht, wird bewohnt, von Proletariern! Manches dieser Gebäude ist von oben bis unten (ich übertreibe nicht) in die graue feuchte Wäsche armer Leute eingewickelt, die zum Trocknen ausgehängt wird. Viele Fenster der bewohnten Räume haben nicht einmal Scheiben; sie sind mit Lumpen verhängt, mit Papier verklebt. Von manchen Häusern wurden die Gerüste noch gar nicht fortgenommen. Man baute fieberhaft, der große Krach kam, und die Arbeiter wurden nicht mehr bezahlt. Die Maurer nahmen ihre Kelle, die Zimmerleute ihre Axt auf und gingen davon. So blieben die unfertigen Bauten stehen. Dieses neue Rom glich einer ausgeplünderten und ausgebrannten verlassenen Stadt, von der die Herde der Heimatlosen aus der Hefe des Volkes Besitz ergriff. Alte und junge Weiber in Lumpen, Kinder in Lumpen; arbeitslose junge Leute, arbeitslose Männer – das ist die Bevölkerung dieses neuen Rom. Sie liegen schwatzend in den offenen Fenstern, sie stehen schwatzend unter den Haustüren, treiben sich schwatzend auf der Straße herum, die teils Kehrichthaufen, teils Gosse ist ... Aber die Bevölkerung ist bereits apathisch geworden durch lange, lange Entbehrung; ermattet durch Fieber, elend durch den Jammer eines solchen Lebens. Dazu blauer Himmel, der über dieser Häßlichkeit leuchtet; die strahlende Luft, die wie eine Gloriole so viel Elend verklärt. Und das malen zu wollen! »Aber, begreifen Sie denn nicht?« Ich konnte ihm und mir nicht helfen: ich begriff es ganz und gar nicht. Und ich war so böse auf ihn, so böse, daß ich ihn zu meiner Fête champêtre nicht einlud. Wenn er wenigstens nicht so talentvoll wäre! Aber das ist's ja eben. * Wenn mein gutes Glöcklein wüßte, wo Prisca Auzinger aus München die erste Festivität ihres Lebens gibt, wenn es mit seinem hellen, zarten Gebimmel dabei sein könnte! Recht viele gute Bilder malen, alle Bilder sofort zu teuern Preisen verkaufen und dann meinem guten Glöcklein ins Idyllenhäuschen ein Billett schicken, zweiter Klasse, München-Rom, hin und zurück, gültig volle acht Wochen! Ich hatte auf der Piazza del Popolo zwei Einspänner genommen, sogleich für die Fahrt bezahlt (ohne zu handeln), dann meine Gäste erwartet, sie und mich aufgeladen: in dem einen wir beiden Damen, in dem andern die beiden Herren. Für meinen jungen Siegfried wäre beim Kutscher noch prächtig Platz gewesen! Ich mußte immerfort hinsehen, mich immerfort ärgern. Unsre braven Vetturini brachten uns in prachtvollem Trabe hinaus zum Aventin, wo sich bei der Kirche Santa Prisca – Santa Prisca, man denke! – die wunderbarste, wonnigste Trattorie befindet, mit einem Hof und einer Loggia, von welcher aus man über sämtliche sieben Hügel blickt, weithin über die Campagna bis zu den Albanerbergen und der Sabina. Es ist die glanzvolle Zeit der Pfirsichblüte. In den blattlosen Weinfeldern, die gelb von dem Schilfrohr sind, daran die Reben aufgebunden werden, schimmern allüberall die großen rosigen Blumenhügel. Rosige Ströme ergießen sich von den Höhen, fluten hinaus weit ins Land, wo sie zwischen den Silbersäulen der Ölbäume sich durchwinden, die goldbraunen Ruinen umwogen, zu kleinen Blütenstreifen zusammenrieseln. Und zu diesem Frühlingslied hoch in den Lüften endloser Lerchenjubel ... Wir thronten königlich über all der Schönheit und speisten einen lukullischen Eierkuchen mit jungen, zarten Artischocken darin, speisten rubinroten Sabinerschinken mit goldigem Salat, der vor unsern Augen im Garten abgeschnitten wurde, speisten die letzten zuckersüßen Orangen und die ersten, nach nichts schmeckenden grünen Mandeln des Jahres, getrocknete Feigen und Gorgonzolakäse. Zu diesen Genüssen süßer Orvietowein, und das Beste und Schönste von allem: ich war die Wirtin, und das Geld für das Gelage erworben durch meine Kunst, erworben in Rom! Wie liebenswürdig wir alle waren! Peter Paul erzählte seine hübschesten altrömischen Geschichten, wobei ihm Signorina Rica auf das anmutigste sekundierte; Karl Steffens vergaß sogar seine Fürstin Romanowska, sprach von Kunst und allem Schönen, allem Großen und Edeln auf Erden. Er sprach begeisternd, und es versetzte mich von neuem in dumpfes Erstaunen, daß ein Mann, der so fühlen kann, imstande ist, eine derartige Untreue gegen sich selbst zu begehen um eines schönen Weibes willen ... Still, Prisca, das verstehst du nicht. An unserm Tisch war noch ein freier Platz. Wie gut hätte der andre, der Uneingeladene, dort sitzen können. Er wäre gewiß prachtvoll gewesen, genau so glänzend wie dieser köstliche Tag; und ich hätte mich einmal über ihn von ganzem Herzen freuen können, statt mich über ihn ärgern zu müssen. Aber warum malt er so greuliche Bilder! Wir kehrten zu Fuß zurück, Fräulein Friedrike hatte sich an Peter Pauls Arm gehängt, den sie jedoch jeden Augenblick losließ, um Blumen zu pflücken. Das alte Gemäuer, daran wir vorüberkamen, duftete von Goldlack; an den von Blüten leuchtenden Hecken wucherten purpurfarbenes Kaprifolium und wilde Reseda, und der starke Duft der japanischen Mispelblüte strömte uns aus den Gärten entgegen. Ich ging neben Karl Steffens. Da sagte mir der seltsame Mensch, daß er großen Respekt vor mir habe, daß er sich in meiner Gegenwart sonderbar wohl fühle und mich um Erlaubnis bitte, um meine Freundschaft werben zu dürfen. Er forderte mich auf, sein Atelier zu besuchen; ihm liege daran, ihm liege sehr viel daran. Was konnte ich anders erwidern, als daß ich kommen würde! Ich hatte eine schlaflose Nacht, in der ich wachend träumte. Es war wie Alpdruck. Meine tote Mutter kam zu mir, warf sich mit ausgebreiteten Armen über mich und würgte mich. Da erschien Karl Steffens und flüsterte mir zu, ich sei auf der Welt der einzige Mensch, der ihm helfen könnte, von dem schönen Dämon Maria sich zu befreien. Ich wollte ihm etwas zurufen, doch meine tote Mutter preßte ihren Mund fest, fest auf den meinen und erstickte mich mit Küssen. Das letzte, dessen ich mir bewußt blieb, war das leuchtende Haupt meines jungen Siegfried. Es strahlte auf meine Qualen herab, und ich hörte ihn sagen: Wir wären so glücklich gewesen! Als ich mich endlich von dem schrecklichen Spukbild befreite, graute der Tag. Ich sprang aus dem Bett und kleidete mich an. Die Glieder waren mir so schwer, daß ich taumelte und es mich Mühe kostete, mich zu bewegen. Als ich zufällig mein Gesicht im Spiegel sah, erschrak ich, so bleich kam ich mir vor, mit solchen unnatürlich großen Augen, wie in Entsetzen weit aufgerissen. Es regnete in Strömen. Wie war das nach dem gestrigen glanzvollen Tage nur möglich? Aber ich zog mich trotzdem zum Ausgehen an. Um mich ganz von dem Fiebertraum der Nacht zu befreien, mußte ich hinaus. Ich atmete auf, als ein kalter Wind mir entgegenfuhr und der Regen mein Gesicht peitschte. Ich schlug den Weg ein, der zur Villa des Papstes Julius führt, ging an dieser verfallenden Schönheitsstätte vorüber und den Hohlweg, der mich zur Acqua acetosa brachte: Goethes Lieblingsspaziergang! Der gelbe Tiber in seinem zerwühlten Bett, die grauen Regenwolken, die tief herabhingen, die braunen Ruinen und Tuffelsen – wie tief melancholisch war dieses römische Landschaftsbild! Ich konnte den ganzen Vormittag nichts arbeiten, schrieb einen langen Brief an das Glöcklein, fror heftig, dachte ganz unverständigerweise an meinen Traum, daß ich und mein Siegfried, über den ich mich so oft ärgern muß, so glücklich sein könnten, daß einzig meine Wenigkeit Karl Steffens zu helfen vermochte. Worin helfen? Seine Leidenschaft zu der schönen Frau zu überwinden? In unsern Träumen herrscht doch eine zu unsinnige Logik! Karl Steffens half dagegen mir. Seitdem er meine Malerei angesehen, darüber mit mir gesprochen, mir meine Fehler nachgewiesen, über vieles die Augen geöffnet hatte, mache ich entschieden Fortschritte. Er bestätigt mir das zwar nicht, aber ich fühle es, und schon heute würde ich keine »Römische Rosen mit Lorbeer« mehr malen, und wenn ich sie bereits auf der Staffelei verkaufen sollte. So viel Gutes erweist er mir, so große Dankbarkeit schulde ich dem Manne, den ich im geheimen gering schätze, beinahe verachte und dem ich – meinem abscheulichen Traum zufolge – soll helfen können, auf der ganzen Welt einzig und allein nur ich. Heute nachmittag will ich seine Arbeiten ansehen, da ich es einmal versprach. Ich fürchte mich unaussprechlich vor diesem Besuch und gäbe etwas darum, könnte ich ihn wenigstens als Künstler bewundern. Er soll ja doch ein Genie sein – sagt selbst das Modell Checco. Ob er mir wohl seine »Tochter der Semiramis« zeigt? * Ich war bei ihm. Ja, ja, ja! Ich darf ihn bewundern, und zugleich bin ich traurig bis ins tiefste Herz hinein. Sein starker Genius krankt förmlich an seinem schwachen Menschen, welcher an der Leidenschaft zu dieser Fürstin Romanowska, zu der »Tochter der Semiramis«, zugrunde geht. Auch sein Genius wird zugrunde gehen, wenn kein Wunder ihn rettet. Ich mußte immer heimlich nach dem Vorhang aus Purpurseide sehen, dahinter, wie ich wußte, seine Gruppe stand. Er durchleuchtete den traurigen Raum wie ein Stück Abendröte. Nun ich davorstand, fürchtete ich, daß er das Marmorbild mir enthüllen konnte. Was hätte ich sagen sollen? Selbst dann, wenn ich es groß und schön finden durfte. Zuerst schien meine Angst umsonst zu sein. Als ich aber einmal von meinem Betrachten aufblickte, sah ich – leise, leise, hatte er den Vorhang für mich zurückgezogen. Ich begreife jetzt, daß es eine Frauenschönheit gibt, die über eines Mannes Seele Gemalt gewinnen kann, wie das Böse über das Gute. Diese Erkenntnis kam mir in dem Augenblick, da ich das Marmorbild der Fürstin Romanowska sah. Noch gestern hätte ich's für unmöglich gehalten, daß eine solche Erkenntnis mir jemals kommen könnte – unfähig wie ich bin, gewisse Dinge zu verstehen. Auch das begreife ich plötzlich: diese »Tochter der Semiramis« würde den Mann, den sie einmal geküßt hat, umgebracht haben, auch wenn ihn kein barbarisches Gesetz zum Tode verurteilt hätte. Ich wünschte, daß ich dieses Meisterwerk, denn ein solches ist es, nicht gesehen, trotzdem ich seinen Schöpfer aus ganzer Seele bewundern muß. Seine »Tochter der Semiramis« quält mich wie ein Traum dieser Nacht. Ist das aber ein reines Kunstwerk, das eine solche Wirkung hervorbringen kann? Er selbst könnte sich helfen! Wenn er sein Bildwerk zerstören würde, so hätte er sich geholfen! Nicht das Werk zerstören, meine ich, sondern die Gestalt, die in seiner Seele lebt, denn sie ist der Fetisch, dem er sich selbst zum Opfer bringt. Es geht wohl leichter, einen Hammer zu nehmen und ein Marmorbild zu zerschlagen, als Herr zu werden über eine große Leidenschaft ... Wie kommt es, daß ich das plötzlich begreife? Was ich außer jenem einen, einzig vollendeten Werke bei ihm sah – es ist in Wahrheit ein einziges Werk –, bestand nur in wenigen flüchtigen Skizzen, sämtlich in Wachs modelliert. In so flüchtigen Umrissen sie auch wiedergegeben waren, konnte ich an ihnen doch voll erkennen: er ist ein Genie. Alle seine Entwürfe schrien mir förmlich zu: Sieh uns an! Die Phantasie eines wahren, eines großen Künstlers hat uns erdacht, aber wir müssen erst gestaltet werden, erst erschaffen. Bei diesem Besuche kam ich auch dahinter, womit er hier sein Leben fristet – einen so trostlosen Namen muß ich der Sache wohl geben. Er fabriziert Kopien von Antiken! Ein hiesiger Antiquar kauft sie ihm ab, wahrscheinlich für ein Spottgeld, und vergräbt sie in lehmigen Boden. Nach Jahren wieder ausgegraben, werden sie dann zu enormen Preisen als römische Funde verkauft. Die Kopien der Aurora und Beatrice Cenci der vortrefflichen Signonna Rica werden bei Karl Steffens durch den jugendlichen Augustuskopf vom Vatikan und die kapitolinische Antoniusbüste repräsentiert. Wie unendlich traurig ist das alles; doppelt traurig und kläglich, weil es in Rom ist. Natürlich wissen Peter Paul und Fräulein Friedrike um dieses trostlose Kopierwesen ihres Genies, verschweigen es aber ängstlich, hoffen jedenfalls, daß es mir verschwiegen bliebe, auch dann, wenn ich einmal in Steffens Atelier kommen sollte. Das hätte auch leicht geschehen können. Da er meinen Besuch erwartete, hätte er seinen Augustuskopf, das Modell sowohl wie die Kopien, leicht fortstellen können. Warum er das wohl nicht tat? Es ist fast, als hätte er es absichtlich unterlassen, als wünschte er, daß ich es sehen sollte. Ich bemerkte, daß er gespannt aufpaßte, welchen Eindruck diese Entdeckung auf mich machen würde. Ich sagte kein Wort; ich war viel zu traurig dazu. Auch vor seiner Gruppe vermochte ich kein Wort über meine Lippen zu bringen. Aber ich stand lange davor, und er ließ sie mich ungestört betrachten. Als ich mich endlich losriß und ihm wieder entgegentrat (ich fürchtete mich davor), vermied er, mich anzusehen, wofür ich ihm im stillen dankte. Was hätte ich ihm auch sagen sollen? Auf Fräulein Friedrike machte dieser mein Atelierbesuch starken Eindruck. In maßloses Erstaunen geriet sie über den Umstand, daß er mich aufgefordert, ja direkt gebeten hatte, zu kommen. »Das ist noch niemals geschehen; ich versichere Sie, niemals! Er selbst forderte Sie auf, ihn zu besuchen? Was wird Peter Paul dazu sagen! Und er zeigte Ihnen seine Gruppe? Was für ein Gesicht machte er dabei? Was sagte er denn nur? Und Sie? Waren Sie nicht einfach sprachlos? Denn solch ein Werk ... Und auch das andre ließ er Sie sehen? Ich meine das, womit er sein Brot verdient. O liebes Fräulein Prisca! Aber nicht wahr, welch ein Mann, welch ein Genie! ... Nein, daß er selbst Sie aufforderte!« Sie schaute mich an, als müßte sie an mir etwas ganz Neues und Seltsames entdecken, irgendeine sehr geheime Schönheit, deren Vorhandensein ihr bisher verborgen geblieben war, und die sie auch jetzt, gewiß zu ihrem größten Leidwesen, nicht finden konnte. Aber sie machte mir zu meinem sprachlosen Erstaunen folgendes Geständnis: »Stellen Sie sich nur vor, dieser seltsame Mensch; ich meine den Karl Steffens. Peter Paul hielt es für besser, Ihnen gar nichts davon zu sagen. Aber da er Sie jetzt selbst zum Besuch seines Ateliers aufgefordert hat, sehe ich nicht ein, warum Sie es nicht wissen sollen. Wenn er bei uns ist, spricht er immerfort von Ihnen – denken Sie nur! Und daß er jetzt in unsrer Trattorie mit den andern ganz menschlich zu Mittag ißt, geschieht auch erst, seitdem Sie dort sind. Wir wollten Sie wirklich gar nicht darauf aufmerksam machen. Was sagen Sie nur dazu? Peter Paul und ich, wir wissen gar nicht, was wir davon denken sollen, denn Karl Steffens und, nun ja, und ...« Das gute Fräulein wurde über und über rot. Ich mußte hell auflachen. »Es ist freilich undenkbar, daß Karl Steffens in eine andre verliebt sein sollte als in seine Principessa Maria. Und nun vollends in mich. Ich glaube, darüber können wir alle drei: Herr Peter Paul, Sie und ich vollständig ruhig sein.« Sie beruhigte sich indessen gar nicht, sondern sprang von ihrem Stuhl auf, lief hin und her und schwatzte die sonderbarsten Sachen. »Es wäre ja doch, o Gott! für den armen Menschen ein Glück. Eine Rettung wär's! Und gerade durch Sie! Denn Ihnen traue ich so etwas zu, solche Heldentat. Peter Paul sagt es auch. ›Sie ist so gesund,‹ sagt Peter Paul, ›so frisch, so stark. Sie könnte es fertig bekommen; sie kann alles fertig bekommen, was Kraft erfordert, und was gut ist.‹ Wahrhaftig, so sagte er von Ihnen ... Liebes Fräulein, ach, liebes Fräulein Prisca ...« Ich lachte nicht mehr. Ich war plötzlich sehr ernst geworden. Nein, ach nein! Ich hätte nicht die Kraft. Alle überschätzen mich. Und dann – eine Rettungstat? Wenn das Leben einer Frau nur dafür da sein sollte ... Still, meine liebe Lange, ganz still! Du bist auf dem besten Wege, den schönsten Unsinn zu reden. Dich braucht niemand zu seinem Glück, geschweige denn ein genialer Mensch zu seiner Rettung. Und würdest du einmal in die Lage kommen, irgendeinem guten Menschen in Wahrheit ernstlich helfen zu können, so – so solltest du dafür dem Himmel auf deinen Knien danken. Aber das sind ja alles nur Phantasien. In meinem Studio ist es immer noch bitter kalt, so daß ich mir nicht vorzustellen vermag, wie es darin jemals warm werden soll, zu warm! Auch arbeite ich jetzt weniger. Karl Steffens nimmt sich meiner mit großer Energie an, und ich habe dabei manche Stunde des Kampfes und der Sorge. Aber ich lerne. Bisweilen ist mir, als müßte ich alles, was ich weiß, was ich mühselig genug erlernte, erst wieder vollständig verlernen, um in seinem Geiste schaffen zu können. Ich gehe jetzt häufig des Nachmittags aus, von einer mir unerklärlichen Unruhe aus dem Hause getrieben; ein Zustand, der mich vielleicht darum so übertrieben erregt und quält, weil er so gar nicht in meiner Natur liegt. Noch etwas andres beunruhigt mich. So oft ich Rom durchschlendere und dabei jedesmal etwas Neues und Merkwürdiges oder Wunderbares und Großartiges sehe und erlebe, entdecke ich plötzlich, daß ich mich gegen sechs Uhr im Korso befinde, und zwar in der Nähe der Ecke von Via della Vite. Dort steht Karl Steffens! Ich will nicht bleiben und bleibe doch; ich will nicht auf ihn achten, und achte doch auf ihn. Ich brauche ihn nur anzusehen, um zu wissen: Jetzt kommt sie! Sobald mir die Veränderung, die in seinen Zügen vorgeht, ihre Nähe anzeigt, achte ich allerdings nicht mehr auf ihn. Ich bin dann nichts als Erwartung. Ich stelle mich so auf, daß ich sie gut betrachten kann. Übrigens fahren des Gedränges wegen die Wagen gewöhnlich sehr langsam. Ich starre sie an, und – sie sieht mich. Das heißt: sie sieht über mich hinweg nach Steffens hinüber. Aber ich fühle, daß sie weiß, wo ich stehe und daß ich sie anstarre, wie auch sie nach mir ausschaut. Meine Einbildung ist sehr töricht, ganz unsinnig, aber es ist nun einmal so. Töricht und unsinnig ist ferner meine Einbildung, daß sie mich nicht ausstehen kann, daß ich ihr geradezu verhaßt bin. Was weiß sie von mir, was kümmert sie sich um mich? Sehr wahrscheinlich ist ihr mein Anstarren lästig. Sie sollte dergleichen zudringliche Blicke allerdings gewöhnt sein, denn was ich tue, tut alle Welt, wo sie erscheint. Einige Male traf ich unmittelbar vor der Korsostunde auf Steffens. Die Begegnung schien ihn zu ärgern, und er hätte mich wohl am liebsten geschnitten. Aber er überwand sich, redete mich an, ging sogar ein Stück Weges mit mir. Ich verwickelte ihn nicht ohne Absicht in ein lebhaftes Gespräch, und fast unwillkürlich entfernten wir uns von der für uns beide so gefährlichen Straße. Ich hatte dann gute Gelegenheit, zu bemerken, wie er von Minute zu Minute nervöser wurde. Aber er blieb. Wir sprachen nicht mehr viel zusammen, entfernten uns jedoch, wie in gegenseitigem Einverständnis, mehr und mehr von unserm täglichen Standplatz, bis es zu spät geworden war, um die Fürstin Romanowska Korso fahren zu sehen. Dann atmete er tief auf, wurde gesprächig, sogar heiter und schien mir dankbar zu sein, als hätte ich ihn von einem Bann befreit. Ach! Es war ja nur für eine einzige Stunde! * Ich habe die arme Fanni nicht vergessen. Mehrere Male ging ich zum Barberinischen Platz und stieg in dem häßlichen Hause die fünf engen, dunkeln, schmutzigen Treppen hinauf. Ein erstes Mal war sie nicht zu Hause; ein zweites Mal wurde ich sehr übellaunig von ihrer Signora empfangen und fortgeschickt, ohne Fanni, die mit den Kindern beschäftigt sei, auch nur einen Augenblick gesehen zu haben; und ein drittes Mal sagte mir der Cavaliere in eigner Person, er wünsche nicht, daß die »Bonne« Besuche empfinge. Daraufhin schrieb ich ihr, erhielt jedoch keine Antwort. Jetzt weiß ich nicht recht, was tun. Helfen kann ich ja doch nicht ... Der Karneval fängt an. Auf der Piazza del Popolo werden Tribünen erbaut, denn es sollen dieses Jahr ausnahmsweise die »Barberi« laufen. Es ist etwas faul im einigen Königreich Italien, und da gestattet eine weise Regierung zur Besänftigung der erregten Gemüter und zum Gaudium der süßen Plebs in der Mitte der Stadt Pferderennen, ein Mittel, um ungezogene Kinder ein paar Stunden zu zerstreuen. Im ganzen Korso sind Fenster und Ballone zu vermieten. Schlechte Zeuge, häufig mit häßlichem Theatergold ausstaffiert, schmücken die Brüstungen dieser Logen. Nur wenige Familien der Aristokratie, die ihre Paläste am Korso haben, beteiligen sich am Karneval. Einige derselben hängen wirklich schöne, alte Stoffe aus: dunkelrote Damaste und Teppiche, und der Altan, von dem aus die Königsfamilie die klassische Volksbelustigung betrachten wird, ist ein einziges rosiges Blütennest. Die Logen der reichen Fremden, die den römischen Karneval mitfeiern, sind an dem Luxus der Ausstattung leicht zu erkennen; aber nur wenige zeichnen sich durch Geschmack aus. In der Nähe der Piazza Lucina sah ich einen Balkon, der schön war: ganz aus weißen Azaleen gebildet. Ein freundlicher Römer, der mich bewundernd davorstehen sah, hatte die Liebenswürdigkeit, mir mitzuteilen, es wäre die Loggia der Fürstin Romanowska. Die Azaleen würden während der Dauer des Karnevals täglich erneuert und kämen direkt aus Nizza. Der höfliche Herr nannte mir auch den Preis, dessen Höhe auf ihn größeren Eindruck zu machen schien als die Anmut der Dekoration. Jetzt kenne ich den Platz, wo während des ganzen Karnevals Karl Steffens stehen wird. Peter Paul und Fräulein Friedrike bekümmern sich seit länger als zwanzig Jahren nicht mehr um den Karneval. Vor dreißig und vierzig Jahren konnte man ihn sich allenfalls noch ansehen. Besonders das Tanzen der Masken in den Osterien vor der Porta del Popolo und am Ponte Molle. Und schön waren damals noch am Abend die Moccoli: als wären alle Sterne vom Himmel herabgefallen und führten dort zwischen Dächern und Straßenpflaster einen Feuerregen auf. Das ist längst vorüber. Im modernen Rom ist der Karneval so gemein wie die ganze Schöpfung der modernen Barbaren. Von Romantik und Geist ist keine Spur mehr zu entdecken; es gibt nur noch Roheit und den schalen Witz alberner Pulcinells. Auch ich will von dem lärmvollen Treiben möglichst wenig sehen, werde auf meiner schönen Höhe bleiben und arbeiten, arbeiten. Karl Steffens kommt täglich, nach mir und meiner Arbeit zu sehen. Sie entsteht unter seinem Einfluß, und ich bin noch einmal Schülerin geworden. Er hat eine große Kunst, zu lehren, und ich gewiß eine sehr kleine, zu lernen. Fräulein Friedrike lobt mich über die Puppen; doch will mich's bedünken, als ob Peter Paul leise seinen milden Kopf schüttelt. Und ich mache doch ungeahnte Fortschritte. Hätte ich nur erst wieder etwas fertig, was ich nach München schicken könnte. Nicht um zu verkaufen, um Geld zu bekommen – ich habe noch Mammon genug, sondern um zu erfahren, wie meine neue Richtung dort drüben gefällt. Ich fürchte, es dauert noch eine gute Weile, bis ich zu meinem Spediteur in der Via Condotti gehen und den Auftrag geben kann: Ein Gemälde nach München. Per Eilgut. Zwei- oder dreimal bin ich meinem Vorsatz dennoch untreu geworden – o Prisca Auzinger! – und nachmittags hinabgestiegen, um den römischen Karneval wenigstens etwas in der Nähe zu sehen; hatte jedoch keine Freude daran. Eine Sache jedoch finde ich ganz allerliebst, und diese ist der Tanz der Modelle auf der Spanischen Treppe und der Terrasse vor dem Obelisken. Zum Gerassel der Tamburins tanzen sie den Saltarello, häufig auch Mädchen untereinander. Sie tanzen ganz anmutslos, aber es ist Stimmung darin; und in der Umgebung dieser schönsten Treppe, der üppigen Vegetation des kleinen Gärtleins, das an der Seite wie ein Geschmeide in das braune Gestein der Balustrade eingelassen ist, unter dem strahlenden Himmel in der schimmernden Luft – denn wir haben das schönste Wetter! – wirken die bunten, bewegten Gestalten, wie man es sich bei uns im Norden nicht vorstellen kann. Gestern stand ich und schaute dem Tanz der Modelle zu, als unten auf dem Platz die Equipage der Fürstin Romanowska angefahren kam und gerade vor der Treppe hielt. Im Wagen saß nur die Fürstin, in einer ihrer weißen Toiletten, die ihr wunderbar stehen. Im Rücksitz befand sich ein großer, mit weißen Atlasschleifen und Azaleen geschmückter Korb, bis zum Rand mit Süßigkeiten gefüllt. Kaum gewahrten die Modelle die Equipage, als sie mitten im Tanze aufhörten und die Treppen hinabstürmten. Von allen Seiten kamen sie herbeigeeilt, was wunderhübsch aussah. Der Schwarm umdrängte den Wagen, aus dem die Fürstin ihre Näschereien warf. Sie hatte dabei etwas so Bezauberndes, daß ich mich an ihrem Gesicht nicht satt sehen konnte und gar keinen Blick fand für die lustige Balgerei, die ringsherum entstand. Natürlich führte der hübsche Auftritt eine Menge Publikum herbei, darunter viele Masken und Pulcinells, die sich indessen in ziemlicher Entfernung hielten. Es fand sich wiederum ein höflicher Zuschauer, der mir berichtete, daß die Fürstin dieses Spiel vom ersten bis zum letzten Karnevalstage betreibe; und er erzählte mir bei dieser Gelegenheit ihre ganze Geschichte, wunderbar ausgeschmückt, aber ohne die geringste häßliche Randbemerkung und in heller Begeisterung über das Schicksal, welches aus einem so schönen Wesen eine so vornehme Dame gemacht hatte. Heute sah ich sie dann im Korso in ihrer Loge unter den Zweigen der weißen Azaleen sitzen, in dem hellen, schneeigen Gewände, einen Strauß weißer Azaleen vor der Brust. Sie hatte heute jedoch ein ganz andres Gesicht als gestern nachmittag auf dem Spanischen Platz. Als ich sie heute ansah, vermochte ich mir gar nicht vorzustellen, daß sie gestern sogar gelächelt hatte. Auf den Mummenschanz, der unter ihr raste, warf sie keinen Blick, auch nicht, als ein Trupp junger Leute – ich glaube, es waren Studenten oder Künstler – ihrer Schönheit eine tumultuarische Ovation brachten. Unter ihrem Balkon entstand ein so lebhaftes Gedränge und Evvivarufen, als ob sie nicht die ehemalige Maria von Rocca, sondern die angebetete Königin Margherita wäre. Auch Karl Steffens sah ich drüben stehen. Er war wieder sehr bleich. Meinen jungen Siegfried sehe ich jetzt wenig. Er malt seine »Straße im modernen Rom« und ist bei so viel Schmutz und Häßlichkeit jedenfalls glückselig. Seitdem Karl Steffens so entschieden mein Freund und Lehrer geworden ist, geht er mir, ich merke es gar wohl, ebenso geflissentlich aus dem Weg, wie anfangs ich ihm. Ich möchte wissen, warum er mich plötzlich so auffallend meidet. Eifersüchtig braucht er doch wahrhaftig nicht zu sein. Daß meinetwegen jemals ein Mann auf einen andern eifersüchtig werden könne, davor bewahrt mich in Gnaden mein Gesicht, welches in manchen Dingen wohl mein Schicksal sein wird. Es setzte mich daher, etwas in Erstaunen, als er vor einigen Tagen, da ich vor meinem Studio an dem Torso einer antiken Jünglingsstatue malte – in neuer Manier, dritter oder vierter Versuch –, plötzlich geradeswegs auf mich zukam, eine Weile mir zusah und mir dann sehr ruhig und ernsthaft – auch bei ihm eine neue Manier – ungefähr folgendes sagte: »Verzeihen Sie einem Fremden,« – nun, gerade ein Fremder ist er mir nun doch nicht! – »wenn er sich gestattet, Ihnen einen Rat zu erteilen. Aber ich meine es aufrichtig gut mit Ihnen. Sie besitzen etwas sehr Seltenes und sehr Kostbares, nämlich eine starke Individualität. Sie sind eine Persönlichkeit, und das nicht nur als Frau, sondern auch als Künstlerin. Aber Sie stehen momentan in Gefahr, und zwar in sehr großer: Ihre Individualität zu verlieren. Diese Studie mag technisch besser sein als Ihre übrigen Sachen, soviel ich davon sehen durfte. Aber diese Studie ist nicht mehr Sie selbst, sondern die Ihres Lehrers und Freundes Karl Steffens. Ich warne Sie und bitte nochmals sehr um Verzeihung.« Dieses sagte er, als wäre er plötzlich gar nicht mehr mein junger Siegfried, sondern vom Scheitel bis zur Sohle Artur Freiherr von Schönaich. Er machte dazu auch ein ganz andres Gesicht. Dann verbeugte er sich und ließ mich stehen. Was soll ich davon denken? Daß er ernstlich eifersüchtig auf Steffens ist? Das wäre eine ganz alberne Einbildung, die ich meines guten Glöckleins lieber Langen nun und nimmer zutraue und die einer gewissen Prisca Auzinger aus München ganz und gar unwürdig ist. Also Eifersucht ist es keinesfalls, vielmehr die aufrichtige Meinung eines treuen Freundes. Ich bin sehr gerührt, sehr dankbar; aber ich glaube dem Manne nicht. Denn ich meine Individualität verlieren? Weil ich lerne? Endlich in Wahrheit lerne? Und daß ich mit Vorteil lerne, hat der Mahner selbst zugegeben. Ich sehe also wirklich nicht ein, worin für mich die große Gefahr liegen kann. Ja, wenn ich auch in meiner Kunst echt frauenzimmerlich wäre! Aber das soll ich ja gerade nicht sein, werde mich also meiner Haut zu wehren wissen. Eines tut mir aufrichtig leid: daß ich bei ihm verloren habe. Denn das habe ich entschieden. Und ich bin Frauenzimmer genug, um mir darüber allerlei krause Gedanken zu machen. 19. In der Galerie Romanowski Im Februar empfing Prisca einen Brief, darin ihr eine Offerte gemacht wurde. Das Schreiben war von einem römischen Kunsthändler aus der Via Condutti, der anfragte, ob das Fräulein für einen Preis, über den man sich verständigen würde, geneigt wäre, die »Salome« von Botticelli in der Galerie Romanowski zu kopieren. Der Besteller, der sich im Ausland befinde, habe vom Fürsten die Erlaubnis erhalten, das berühmte Gemälde für sich kopieren zu lassen. Priscas erster Gedanke war: du mußt in Rom also doch kopieren! ... Jawohl, aber es war eine feste, sehr ehrenvolle Bestellung. So töricht hatte sie's auch nicht gemeint, als sie sich damals von dem guten Geist ihres Lebens erbat, ihr Schicksal möge nicht sein, in Rom als Kopistin zu enden. Wie war man gerade auf sie verfallen? Noch niemals war eine Kopie von ihr ausgestellt worden. Woher wußte der römische Kunsthändler ihren Namen und ihre Adresse? Sollte jener fremde Besteller in München ihre »Römischen Rosen mit Lorbeer« gesehen haben? Da er sich nicht in Italien befand, so schien Prisca diese Erklärung nicht unmöglich zu sein. Aber auf jenes Bild hin eine Kopie von ihr zu wünschen, obenein die Kopie eines Botticelli! ... Und daß es gerade ein Gemälde in der Galerie Romanowski war! Sie würde sich im Hause der Fürstin befinden, die schöne Frau vielleicht sehen, von ihr vielleicht sogar angesprochen werden. Was würde Karl Steffens sagen, wenn er hörte, sie kopierte in der Galerie Romanowski! Selbst das würde ihn in Aufregung bringen. Aber das war doch kein vernünftiger Grund, den Antrag abzulehnen. Dafür fand sich überhaupt kein Grund. Weshalb auch einen solchen suchen? Sie mußte annehmen und sich freuen, annehmen zu können. Beides tat sie denn auch. Fräulein Friedrike gab zu Ehren des großen Ereignisses einen feierlichen Teeabend mit Mandarinen, Biskuits, belegten Brötchen und Wein; doch blieb nach langer Unterredung mit Peter Paul der Vierte im Bunde ausgeschlossen. Es wäre nicht möglich gewesen, die wichtige Angelegenheit, die doch nach allen Seiten hin beleuchtet werden mußte, zu besprechen, ohne den Namen Romanowski zu nennen, was für das Zartgefühl der beiden alten Römer unmöglich gewesen wäre, so sehr sie auch derartige »Verirrungen« beklagten und für »höchst sündhaft« hielten. Aber Fräulein Friedrike sowohl wie Peter Paul gehörten zu den Seelen, die kein Kieselsteinchen aufheben, um damit den lieben Nächsten zu bewerfen, sondern beide entschuldigten auch das, was sie nicht zu verstehen vermochten. Der höchste Trumpf, den sie zur Verteidigung ihres Freundes Prisca gegenüber jedesmal ausspielten, war: »Nun ja. Es ist recht schlimm. In Berlin oder München wäre eine solche Leidenschaft auch gar nicht zu entschuldigen. Dort wäre sie überhaupt gar nicht möglich. Aber in Rom; in Rom gibt es eben Frauen, wie es ähnliche auf der ganzen Welt nicht mehr gibt.« Auch der versammelte Rat der drei kam zu dem Beschluß, Prisca müßte das Anerbieten annehmen. Signorina Rica, die während der ganzen dreißig in Rom verbrachten Jahre nicht eine Bestellung erhalten, freute sich über Priscas Glück, als wäre sie selbst aufgefordert worden, die »Salome« des Botticelli in der Galerie Romanowski zu einem fabelhaften Preise zu kopieren. Nachdem Priscas Angelegenheit abgesprochen, eröffnete Fräulein Friedrike ihrer jungen Freundin mit feierlichem Gesicht: Peter Paul habe sein großes Bild für die Berliner Ausstellung angemeldet und die Antwort erhalten, es der Jury auf eigne Kosten und Gefahr zur Begutachtung einzusenden. Obgleich dies durchaus das herkömmliche Verfahren war, fühlte sich Fräulein Friedrike doch aufs tiefste beleidigt, daß Peter Pauls Werk überhaupt erst einer Jury vorgelegt werden müsse, nicht schon die bloße Anmeldung in Berlin als ein künstlerisches Ereignis aufgefaßt werde und die Jury für das Kolossalgemälde nicht sofort einen eignen Saal reserviert hätte. Doch sie tröstete sich und ihren Peter Paul: »Sie sollen das Bild nur begutachten! Ich möchte nur heimlich dabei sein, um zu sehen, welche Augen die da drüben machen werden. Peter Paul wird ihnen zeigen, daß selbst heutzutage noch gut gemalt werden kann, allerdings nur in Rom und von einem dieser ›Alten‹.« Später vertraute sie Prisca an: »Jetzt muß Peter Pauls Bild einen Rahmen bekommen; ich fürchte, er wird entsetzlich teuer sein, denn das Bild ist wirklich sehr groß. Und der Rahmen muß schön sein, edel schön. Nicht wie man heutzutage Rahmen hat, daß eine ehrliche Künstlerseele sich schämen sollte. Wenn Sie mich nicht an Peter Paul verraten wollen, was bei Ihnen selbstverständlich ist, so mögen Sie denn wissen, daß ich für den Rahmen gespart habe, schon seit zehn Jahren. Selbstverständlich darf Peter Paul nichts davon ahnen, denn er ist in diesen Dingen so entsetzlich empfindlich. Ich habe mich mit dem Schreiner, bei dem er den Rahmen bestellte, heimlich in Verbindung gesetzt, und der Mann wird alles bestens besorgen. Stellen Sie sich meine Freude vor, als Peter Paul mir ganz glücklich erzählte, wie billig der Rahmen sei! »Und dann der weite Transport ... »Aber da das Bild aufgerollt und der Rahmen auseinander genommen wird, so ist das gar nicht so schlimm. Denken Sie sich, wenn wir eine Kiste machen lassen müßten! Solche gewaltige Kiste wäre ja gar nicht durch die Tunnels gegangen. »Er muß natürlich mit seinem Bild nach Berlin reisen. Und das ist für uns beide das schlimmste. Ich kann ihn nicht begleiten, denn so weit reichen meine Sparpfennige nicht. Und wie soll er da drüben ohne mich zurechtkommen? Nun, wenn er ohne sein Rom fertig wird, kann er, meine ich, auch ohne mich fertig werden. Und dann ist ja sein großes Bild bei ihm. Aber daß ich nicht miterlebe, wenn es ausgestellt ist, wenn die Leute davor stehen, wenn es die große goldene Medaille erhält, von der Nationalgalerie angekauft wird! »Ich werde es aber hier miterleben, und dann, wissen Sie, dann nehmen wir uns einen Wagen und fahren hinaus nach Frascati, nur wir zwei! Denn Sie sollen dabei sein, und Frascati ist der rechte Ort, wo wir unser Glück feiern können.« Prisca wagte nicht, ihrer Freundin ins Gesicht zu sehen, das gewiß ganz verklärt war. Wie sollten die beiden alten Leute nur weiterleben können, wenn ihre große Hoffnung zerstört und tot war? Aber hatte Prisca auf diese angstvolle Frage nicht schon einmal sich die Antwort gegeben: Durch die Liebe, die alles erduldet. Aber war Liebe so stark und machtvoll, daß sie auch Todeswunden heilen konnte? Auch Todeswunden, Prisca Auzinger! Den nächsten Tag begab sich Prisca zu Karl Steffens, um ihm den erhaltenen Auftrag mitzuteilen. Er bemerkte dazu nur: »Daß Sie gerade in der Galerie Romanowski kopieren müssen!« Nach einer Pause setzte er hinzu: »Ich kann Sie leider dort nicht aufsuchen, um zu sehen, wie Sie mit dem Botticelli fertig werden. Nehmen Sie sich vor ihm nur in acht; es ist schwer, an ihn heranzukommen.« Damit wendete er sich ab und begab sich an seine Arbeit: eine Kopie der Medusa aus der Ludovisi nach einem Gipsabgusse. Sehr erleichtert in ihrem Gemüt, machte sich Prisca auf den Weg zu dem Kunsthändler, der die Angelegenheit vermitteln sollte. Es war letzter Karnevalstag und die Stadt voller Masken. In Schwärmen zogen sie aus dem Tor, um »mit wenig Witz und viel Behagen« entweder in den benachbarten Weinschänken oder auf freier Straße ihre Possen zu treiben. Aber den Campagnolen, den Ritter, den Teufel und allenfalls einen Spanier brachte es die römische Volksphantasie selten. Der größten Vorliebe erfreute sich das weiße Pulcinellkostüm, häufig mit den einfachsten Mitteln zusammengestellt. All das krause Wesen mochte denjenigen kindlich anmuten, der so glücklich war, noch Kindersinn im Herzen zu haben. Prisca stellte sich vor, wie einem zumute sein mochte, der eine schwere Sorge oder ein düsteres Schicksal durch dieses törichte Treiben tragen mühte, und pries ihren guten Stein, der sie heute nicht als Bittende einem Kunsthändler zuführte, sondern als Erwartete. Der Kunsthändler, dieser große Mann, der so manches mühselige und beladene Künstlerherz entweder tröstend aufgerichtet, oder, und das in den häufigsten Fällen, ungetröstet von sich gehen ließ, der zu den feinsten und verderblichsten seiner Rasse gehörte, empfing Prisca mit beängstigender Höflichkeit. Er bedauerte, nicht in der Lage zu sein, über den Herrn Besteller nähere Auskunft zu geben, informierte sie, daß sie die Arbeit jeden Tag beginnen konnte, in die Galerie ohne weiteres eingelassen werden würde, und nannte ihr als Honorar eine Summe, die ihr viel zu hoch erschien, um sie mit gutem Gewissen annehmen zu dürfen. Als sie dieses starke Bedenken ihrer Ehrlichkeit dem Herrn der Kunst berichtete, sah ihr dieser ganz verdutzt ins Gesicht, lächelte leicht und bemerkte dann nur, daß das Geld jederzeit zu ihrer Verfügung stände. Am nächsten Morgen, Schlag zehn Uhr, stand Prisca vor dem pompösen Eingang der Villa Romanowski. Es war ein trüber Tag, und sie hatte ihren Münchner Regenmantel angezogen, jenen alten, mausgrauen Freund, der sie schon so oft gegen Nässe und Kälte geschützt. Schön war dieser Lebensgefährte nicht, aber er war treu; darum schämte sie sich seiner nicht im mindesten, obgleich seine enganliegende Form ihrer langen Gestalt durchaus nicht zum Vorteil gereichte. Trotz ihres neuen Reichtums hatte sie sich keinen Wagen gestattet, sondern war mit der Tram gefahren. Mit ihrem Malgerät schwer bepackt, in den grauen Regenmantel gehüllt, einen zwar anständigen, aber nichts weniger als eleganten grauen Filzhut auf dem blonden Kopf, stand sie jetzt vor dem hohen Gittertor und zog schüchtern die Klingel, plötzlich von einem starken Herzklopfen befallen. Während sie darauf wartete, daß die königliche Pforte aufsprang, schaute sie in den Park der Villa. Ein breiter, mit seinem Sand bestreuter Weg wurde zu beiden Seiten mit hohen Azaleen eingefaßt, aus deren Blütenmassen mächtige Pinien aufstiegen; Glycinien und gelbe und weihe Vansiarosen umrankten die hohen rötlichen Stämme. Alle Zweige der breiten Wipfel umwallte der Blumenwirrwarr, so daß über einer Blütenwildnis ein Zaubergarten auf Porphyrsäulen in der Luft sich auszubreiten schien. Diese herrliche Allee führte auf das ziemlich entfernt liegende Haus, ein schönes Gebäude von solcher anmutigen Festlichkeit, daß der Name des Baumeisters Palladio hätte sein können. Darauf erschien der Portier, ein junger Riese in der pompösen Romanowskischen Livree. Mit einem unbeschreiblichen Blick musterte der Weiß- und Silbergraue das mißfarbige, schwer belastete junge Frauenzimmer, welches an ihn die Zumutung zu stellen schien, eingelassen zu werden. Prisca nahm ihren Mut zusammen und nannte ihren Namen. Über diesen barbarischen Klang verfiel der Schimmernde in dumpfes Staunen, von dem er sich schließlich so weit erholte, daß er mit einem langsamen Schütteln seines Hauptes Prisca andeuten konnte: für solche Gestalten mit solchem Namen gäbe es hier keinen Eintritt. Aber jetzt wurde die Münchnerin böse und forderte von dem vornehmen Herrn rund heraus, ihr zu öffnen, da sie berechtigt wäre, in der Galerie zu malen. Zaudernd wurde ihr aufgetan. Sogar das Tor der Villa Romanowski knarrte in seinen Angeln, gleichsam in unwilligem Befremden darüber, daß es einer solchen Gestalt sich auftun mußte. Wie verzaubert schritt Prisca durch die Pinienallee dem Hause zu. Die Wipfel überwölbten den Weg, einen blühenden Baldachin bildend. In der Nähe des Hauses begann eine dichte und hohe Hecke von Marschall-Niel-Rosen, die einen grünen Rasenplatz umschloß. Antike Statuen und Marmorsitze waren ringsum aufgestellt. Ein süßer Wohlgeruch schwebte über dem ganzen Ort, an dem kein andrer Laut zu vernehmen war als Amselgesang. Prisca begegnete keiner Menschenseele und wollte eben nach einem bescheidenen Seiteneingang suchen, als sie einen Geistlichen gewahrte, welcher, sein Brevier lesend, langsam durch eine Allee von Steineichen der Villa sich näherte. Prisca blieb stehen, um von dem Priester Bescheid zu erfragen, dessen schwarze Gestalt sich in dem fast nächtlich finsteren Laubgang seltsam feierlich, fast mystisch ausnahm. Als dann der Geistliche in das volle Tageslicht trat, erkannte Prisca, daß er noch ein junger Mann war. Zugleich fiel ihr die fahle Blässe seines Gesichtes auf und der Ausdruck von Aszese darin: sie hatte dem jugendlichen Antlitz ihren scharfen Stempel aufgedrückt, der es von allen Menschen schied und für Zeit und Ewigkeit einer überirdischen Macht zusprach, der jede Regung dieser Seele verfallen schien. Der junge Geistliche sah krank aus, wie ein Schwindsüchtiger, ein Verlorener. Sein Anblick inmitten all dieser Pracht von südlicher Schönheit schnitt Prisca ins Herz. Dabei war er noch jung! Wie konnte ein Mensch nach so jung sein und doch schon ein Antlitz haben, darauf kein Schimmer von Jugend mehr ruhte? Was mußte in einem jungen Gemüt vorgehen, bis die Züge so zum Ausdruck des Innern werden konnten? ... Auch das war ein Mysterium. Der Priester war so sehr in seine Andacht versunken, daß Prisca nicht wagte, ihn anzusprechen. Aber gerade da er an ihr vorbeikam, schlug er die Augen auf – die Augen eines Fanatikers, und sah sie. Er blieb stehen, betrachtete die Fremde unverwandt und mochte erwarten, von ihr um ein Anliegen angegangen zu werden. Prisca redete den geistlichen Herrn italienisch an, erbat sich eine Anweisung, wohin sie sich zu wenden hätte, um – »Kommen Sie.« Er schritt ihr voraus der Villa zu. Er hatte ihr nicht italienisch, sondern französisch geantwortet. Aber wie kam es, daß er sich gleich dem Hause zuwendete? Sie hatte ihm noch gar nicht gesagt, was sie wünschte. Er begann ein Gespräch, und Prisca mußte im stillen sein wundervolles Französisch bewundern. Er schien ein Pariser zu sein. »Gefällt es Ihnen in Rom?« »Ich bin hier sehr glücklich.« »Es ist eine eigentümliche Stadt. Sie sind doch katholisch?« »Ja.« »Hörten Sie schon in San Carlo den Padre Filippo da Tivoli predigen?« »Nein. Ich war noch niemals in San Carlo.« »Aber Sie besuchen doch täglich die Messe?« »Nein.« »Dann tun Sie sehr unrecht. Es gibt nur eine Kirche, welche uns das Leben ertragen läßt, die katholische, und die strenge Ausübung ihrer heiligen Lehren.« »Dann bin ich wohl eine schlechte Christin?« »Das scheint so. Aber Sie werden sich bessern. In Rom bessert sich der Mensch.« »Das hoffe ich.« Sie stand vor der Villa. Der Geistliche trat jedoch nicht ein, sondern tat eine neue Frage: »Kennen Sie die Principessa?« »Ich sah die Fürstin im Korso. Sie ist herrlich schön.« Aus den düsteren Augen traf sie ein flammender Blick. »Sie sehen nur das Irdische, das Vergängliche an ihr, wie so viele, wie alle. Ich bin der Beichtvater der Fürstin, und ich hoffe ...« Er sprach nicht aus, was er hoffte, das brauchte er auch nicht. Prisca las es in dem Blick, der von der schönen Erde fort nach dem Himmel sich richtete, und wiederum überlief sie ein Schauer, fast wie damals, als sie zum ersten Male die herrlich schöne Principessa Maria gesehen hatte, deren Seele dieser junge Aszet von der Erde ab dem Himmel zuwenden wollte. Dem Lakaien sagte der geistliche Herr, daß dies die Dame sei, welcher der Fürst gestattet hätte, in der Galerie zu kopieren, und daß man sie dorthin führen solle. Prisca erschien das Wesen des Dieners dem Priester gegenüber in einer Weise respektvoll und unterwürfig, als ob nicht Fürst Romanowski, sondern dieser junge, dem Tod verfallene Mann der Herr der Villa sei. Bevor er sie verließ, wendete er sich noch einmal zu ihr. »Ich hoffe, Sie werden in San Carlo den Padre Filippo predigen hören. Es ist gerade die rechte Zeit dafür: Fasten, Einkehr in die sündige Seele, Reue, Buße, Läuterung. Ich hoffe, Ihnen wird Rom offenbart werden. Nicht jenes heidnische Rom der Kunst, sondern das ewige Rom der Kirche, den Fels Petri, den nichts zu erschüttern vermag, auch nicht diese neue Zeit, die an allem rüttelt, selbst an unserm Allerheiligsten ... Sei der Geist der Kirche mit Ihnen.« Er glühte Prisca mit der demütigen Gebärde eines Dieners des Herrn, die zugleich etwas von der stolzen Würde eines sehr vornehmen Mannes hatte, wenn auch nur in einer leisen, ganz leisen Schattierung. Dann wurde Prisca durch das prachtvolle Innere der Villa in jene Reihe von Gemächern geführt, welche nur bei festlichen Gelegenheiten geöffnet wurden und welche die kostbare Kunstsammlung enthielten. Prisca war noch so intensiv mit der Gestalt des jungen Geistlichen beschäftigt, daß sie auf die herrlichen Räume und ihre Ausstattung kaum achtete. Sie konnte sogar nicht unterlassen, an den Lakaien über die eigentümliche Erscheinung einige Fragen zu stellen. »Der geistliche Herr scheint kein Italiener zu sein?« »Gewiß nicht.« »Ein Franzose?« »Don Benedetto ist Pole.« »Oh, wirklich?« »Don Benedetto ist ein Fürst Romanowski.« »Ein Verwandter des Fürsten?« »Der Bruder Seiner Durchlaucht.« Prisca war ganz betroffen. Was für ein Schicksal mußte diesen jungen Menschen betroffen haben, welche Lebenstragödie! Der Lakai war so gütig, seinen Bericht zu ergänzen: »Don Benedetto ist sehr fromm. Das ganze Haus verehrt ihn hoch, besonders Ihre Durchlaucht. Er lebt wie ein Heiliger.« Prisca entfuhr der Ausruf: »Und der Ärmste ist so jung!« »Fünfundzwanzig Jahre.« »Dabei scheint er sehr krank zu sein.« »Von den Ärzten aufgegeben. Wir befürchteten schon mehrere Male das Ende, das ganze Haus war außer sich, besonders Ihre Durchlaucht.« »Schont er sich denn gar nicht?« »O nein. Er ist sehr fromm. Immerfort betet er. Aber er tut Buße.« »Buße?« »Ein Heiliger, sage ich Ihnen ... Wünscht die Dame noch etwas?« »Nein. Ich danke Ihnen.« Prisca stand in der Galerie und sah sich darin um. Langsam ging sie durch die lange Reihe der Gemächer und betrachtete die Gemälde. Sie kam zu der »Salome« des Botticelli und blieb lange versunken davor stehen, bis ein Geräusch sie aus ihrem schweren Sinnen aufschreckte. Hastig drehte sie sich um. Aber sie war mutterseelenallein. Nur die Werke unsterblicher Meister umgaben sie. Seltsam! Ihr war gewesen, als hätte sie in dem Nebensaal das Rauschen eines Kleides vernommen. Diesen ganzen ersten Tag kam sie nicht zum Malen, nicht einmal zu einem ersten Beginn. Botticellis Größe überwältigte sie, machte sie mutlos, ganz verzagt. Sie hielt sich die kräftigsten Sermone, donnerte gegen ihr Gewissen, sprach unumwunden einer gewissen jungen Dame ihre Verachtung über ein solches Benehmen aus – es wollte indessen nicht anschlagen. Immer von neuem rückte sie alles zurecht, bereitete sie vor, um wenigstens anzufangen. Ihr Platz war vorzüglich, das Gemälde hatte die günstigste Beleuchtung, den Saal erfüllte eine behagliche Wärme. Dabei blieb sie so köstlich ungestört. Verließ sie ihre Staffelei, um an eines der hohen Fenster zu treten, so konnte sie gerade ihren Liebling, den Soracte, sehen. Einsam, wie ein großer Menschengeist, stieg der schönste aller Felsenberge über der erhabensten aller Landschaften auf, die selbst die Bauten des modernen Rom, welche auch hier einen häßlichen Vordergrund bildeten, nicht zu verunstalten vermochten. Schließlich gab Prisca das Malen für heute auf, stellte ihre noch jungfräulich weiße Leinwand schamhaft auf die verkehrte Seite, in der Hoffnung, daß keine Hand sie umwenden, kein Auge ihre schmachvolle Faulheit entdecken würde. In einer Vorhalle stieß sie auf ihren neuen Bekannten, den fast höflichen Lakaien, der sogar die Güte hatte, für sie die Tür zu öffnen. Auch der junge Riese, der jetzt mit einem gewaltigen, silberbeschlagenen Stock am Eingang dieses Paradieses als Cherub Wache hielt, zeigte gegen den grauen Regenmantel und den unmodernen Filzhut eine etwas bessere Manier. Bereits der nächste Tag war bei weitem glücklicher. Prisca hatte sich schon am frühen Morgen mit großer Höflichkeit, aber auch ebenso großer Bestimmtheit angeredet: ›Heute, mein Fräulein, werden Sie die Güte haben, keine Geschichten zu machen, sondern sich verständig zu benehmen. Dieses Betragen wird von Ihnen erwartet. Richten Sie sich also gefälligst danach.‹ Mit Höflichkeit kommt der Mensch stets weiter als mit Grobheit, und so ging es denn an diesem zweiten Tage wirklich recht gut mit der Arbeit vorwärts. Sandro Botticelli imponierte dem Fräulein Prisca Auzinger zwar noch immer gewaltig, doch hatte sie sich nun einmal vorgenommen, dem großen Mann mit Pinsel und Farbe zu Leibe zu gehen, und dieser mußte dem tapferen Angriff der energischen Münchnerin still halten. Prisca befand sich gerade in bester Stimmung durch das Gelingen ihres Anfanges, als sie wiederum jenes Geräusch vernahm, wie von einem schleppenden Seidenkleid herrührend. Sie wendete sich rasch um und sah in einer weißen Morgentoilette die Fürstin Romanowska durch den Saal gehen, sehr langsam und wieder mit jenem sonderbaren Blick auf Prisca schauend, darin diese etwas Feindseliges zu lesen glaubte. Prisca grüßte tief, erhielt ein kaum merkliches Nicken als Antwort, und die schöne Frau rauschte vorüber. Aber plötzlich blieb sie stehen, schien zu zaudern, schien mit sich zu kämpfen und kam dann wieder zurück, langsam auf Prisca zu, welche fühlte, daß sie vor Erregung ganz bleich wurde. Die Fürstin redete Prisca an. Sie sprach Französisch. »Ist der Fußboden Ihnen nicht zu kalt? Es ist Stein. Lassen Sie sich doch einen Teppich bringen.« Prisca versetzte etwas stammelnd: sie friere nicht im geringsten, hätte wundervoll warm und sei für die Erlaubnis, das herrliche Bild kopieren zu dürfen, überaus dankbar. »Werden Sie lange damit zu tun haben?« »Es ist sehr schwer. Hoffentlich störe ich nicht, wenn ich sehr oft wiederkomme.« »Kommen Sie nur.« »Durchlaucht sind sehr gütig.« »Sie sind Deutsche?« »Ich bin aus München.« »Aus München ... Und Sie sind ganz allein in Rom?« »Meine Eltern sind tot.« »Ihre Eltern sind tot ... Ihre beiden Eltern?« »Ja, Durchlaucht.« Und Prisca fügte hinzu: »Meine Mutter war Römerin.« »Wirklich?« »Aber ich kannte sie nicht.« »Sie haben von Ihrer Mutter gar keine Erinnerung?« »Gar keine. Ich besitze nicht einmal ihr Bild. Mein Vater, der ein Künstler war, vernichtete alle ihre Bilder.« »Weshalb tat er das?« »Er liebte meine Mutter sehr, gar zu sehr. Nach ihrem Tode war es ihm nicht mehr möglich, ihr Bild zu sehen. Er wollte sie nicht einmal mehr in seinem Besitz wissen. Aber für mich ist es sehr traurig.« »Sie lieben Ihre tote Mutter, die Sie gar nicht kennen?« »Sie soll sehr schön gewesen sein, und ... und mein Vater liebte sie leidenschaftlich.« »Das sagten Sie schon einmal. Adieu.« Damit ließ sie Prisca stehen. In demselben Augenblick trat Don Benedetto in den Saal, der heute womöglich noch aszetischer, noch leidender aussah. Die Fürstin ging rasch auf ihn zu, und Prisca war's, als hörte sie dieselbe halblaut und hastig fragen: »Sind Sie zufrieden?« Die Antwort vernahm sie nicht. Sie sah auch nicht den Blick der düsteren Augen, mit welchen er der schönen Frau erwiderte: Nein! 20. Don Benedetto Als Fürst Alexander vor vielen Jahren einen Winter in Rom zubrachte, nahm er seinen jüngsten Bruder Stephan mit. Der Knabe war zart und sollte dem nordischen Klima entrückt werden. Er war der Liebling des ganzen Hauses, dessen Erziehung ein alter, frommer französischer Priester leitete, ein weiches, liebenswürdiges, aber sehr phantastisches Kind. Besonders Fürst Alexander, der um volle fünfundzwanzig Jahre älter war, liebte seinen Bruder leidenschaftlich, mit fast väterlicher Empfindung. Damals war er fest entschlossen, niemals zu heiraten, und er freute sich, daß der geliebte Knabe einstmals sein einziger Erbe sein würde. Übrigens wollten sich die Brüder so wenig als möglich trennen. In Rom sollte Prinz Stephan mehr seiner Gesundheit als seinen Studien leben. Fürst Alexander selbst leitete die Erziehung des überaus sensitiven Knaben, der ohne die besondere Billigung seines Bruders kein Buch in die Hand bekam, keine Ausfahrt und keinen Spaziergang unternehmen durfte. Außer jenem würdigen Geistlichen befand sich noch ein junger, sehr sorgsamer Arzt und ein dem Hause Romanowski mit Leib und Seele ergebener Kammerdiener um des Prinzen Person. Die Seele voll hoher und heißer Erwartungen kam Stephan nach Rom. Die Größe des antiken Rom bestand für ihn so wenig wie die Herrlichkeit der Renaissance. Rom galt ihm nur im christlichen Sinn als das Einzige und Ewige. Aber in diesem Gefühl begeisterte ihn die Vorstellung, in Rom zu sein, bis zur Ekstase. Der Ort, wo die erste Christengemeinde gebetet und gelitten, wo die ersten Märtyrer gestorben waren, deuchte ihn beinahe so ehrwürdig wie die Schollen des Heiligen Landes selbst. Zu allen diesen geweihten Stätten zu pilgern, an allen Märtyrergräbern heiße Andacht zu halten, die Katakomben zu besuchen, die Stufen der heiligen Treppe zu küssen, an den Grüften der beiden großen Apostel zu knien, erschien ihm als höchste irdische Glückseligkeit. Der Arzt beobachtete den Prinzen, wurde besorgt und bat Fürst Alexander, den Aufenthalt in Rom möglichst abzukürzen und nach Cannes oder Palermo zu gehen. Der zarte Organismus des Prinzen könnte durch die Gewalt der römischen Eindrücke ernstlich Schaden leiden. Sofort ließ Fürst Alexander eine Villa an der Riviera mieten. Bevor sie jedoch Rom verließen, wollte er seinem Bruder die feierlichsten und erhabensten Augenblicke gönnen, welche ein frommer Christ erleben kann: eine Audienz beim Heiligen Vater. Der Arzt hatte ernste Bedenken, doch der Fürst war von seinem Vorhaben nicht abzubringen, um so weniger, als Leo XIII. in seiner Teilnahme für die Romanowski bereits nach dem jungen Prinzen gefragt hatte. Also wurde Stephan auf die große Stunde, die im Vatikan seiner harrte, vorbereitet und geriet schon in der Erwartung in eine Stimmung der Andacht und Ergriffenheit, als sollte er eine Weihe empfangen, die wie der heilige Geist über ihn sich ausgießen würde. Den Tag vor der Audienz fastete der Knabe, und die ganze Nacht brachte er in heimlichem Gebet zu, damit er der bevorstehenden Heiligung würdig sein möge. Als dann die schwache, lichte Gestalt des hehren Greises vor ihm stand, als das weiße Gewand, das einen bereits verklärten Leib zu umschimmern schien, erstrahlte, als er in das wachsbleiche, leuchtende Antlitz schaute, dessen Züge nur Geist waren, Geist vom Geist Gottes – da wurde der Jüngling von einer Bewegung erfaßt, daß man ihn unter den segnenden Händen des Heiligen Vaters fortnehmen und bewußtlos hinaustragen mußte. Er erkrankte. Täglich schickte der Papst einen Kämmerer, um über den Zustand des Prinzen eingehenden Bericht zu erstatten, und er ließ dem Fürsten sagen, daß er für die Genesung seines Bruders bete. Stephan genas und erklärte, der Welt entsagen und Priester werden, in Rom bleiben und dort die Weihen empfangen zu wollen. Von diesem Entschluß würde nichts ihn abbringen können. Fürst Alexander war außer sich. Als guter Katholik vermochte er gegen das fromme Vorhaben nichts einzuwenden, als guter Bruder konnte er dasselbe nicht zugeben! Es war vorauszusehen, und der Arzt mußte dem beipflichten, daß die Aszese, welcher der Prinz zweifellos verfallen würde, seine überempfindliche und zärtliche Natur vollends untergraben müßte. So drang denn Fürst Alexander mit den liebevollsten Vorstellungen, den innigsten Bitten, schließlich mit leidenschaftlichem Flehen in seinen Bruder. Aber vergebens! Darauf machte er geltend: wenn er seiner brüderlichen Bitte nicht Gehör gäbe, so hätte er seinem brüderlichen Gebot Folge zu leisten. Trotz der Schwäche des Rekonvaleszenten befahl Fürst Alexander sogleich die Abreise. Auch das vergebens! Der Prinz weigerte sich, Lebensmittel zu sich zu nehmen, und drohte durch freiwilliges Hungern sich zu töten. Es gab nur eine halb überirdische Macht, die den Jüngling von seinem Entschlüsse abbringen konnte: der Papst! Fürst Alexander warf sich Leo XIII. zu Füßen und erbat sein direktes Einschreiten gegen die Wünsche seines Bruders. Der Heilige Vater erklärte jedoch, solches nicht tun zu können und nicht tun zu wollen. Um Prinz Stephan nicht Hungers sterben, nicht durch Selbstmord endigen zu lassen, mußte Fürst Alexander einwilligen. Der Prinz trat in Rom in ein geistliches Seminar, das sich der besonderen Vorliebe des Papstes erfreute. Mit Leidenschaft gab sich der Jüngling dem Studium der Kirchenlehre hin und genoß vorahnend schon jetzt alle ekstatischen Wonnen, die ihm als Priester aus dem Dornenkranz Christi erblühen würden. Am liebsten wäre der Prinz in die Propaganda getreten, um sich ganz der Mission zu widmen, ein hoher Beruf, zu dem ihn jedoch seine immer zarter werdende Gesundheit untauglich machte. Als einem Prinzen Romanowski war ihm einstmals der Kardinalhut sicher, doch der Prinz erklärte schon jetzt, zeit seines Lebens ein einfacher Priester bleiben zu wollen. Da er sein Ideal eines Missionsgeistlichen nicht zu erfüllen vermochte, wäre er am liebsten der Hirt einer Gemeinde von lauter Armen und Kranken geworden. In Rom empfing er die ersten Weihen. Der Heilige Vater selbst erteilte sie ihm in seiner Hauskapelle. Fürst Alexander war bei der heiligen Handlung zugegen. Während der junge Diener des Herrn, der den schönen Namen Benedetto erhielt, sich in einem Zustand von Verzückung befand, war der Fürst in tiefer und schmerzlicher Bewegung. Er hatte Tränen in den Augen, die ersten seines Lebens. Bald darauf kam das Ereignis seiner Vermählung. Don Benedetto war der einzige, dem Fürst Alexander vorher davon Mitteilung machte: an dem Tag vor seiner Abreise nach Paris. Der junge Priester umarmte ihn schweigend, lehnte jedoch ab, seine zukünftige Schwägerin zu sehen. Diese Weigerung war der einzige Schatten, der damals auf des Fürsten Bräutigamsglück fiel. Don Benedetto wußte es durchzusetzen, daß ihm ein Amt in einer kleinen Diözese in der Nähe von Rom übertragen wurde, wo er seiner Neigung, unter lauter Mühseligen und Beladenen zu wirken, ganz sich hingeben konnte. Drei volle Jahre hielt er an dieser trostlosen und öden Stätte aus, wo er sicher zugrunde gegangen wäre, hätte nicht das Schicksal eine bedeutsame Wendung gebracht. Ein typhöses Fieber befiel ihn. Und obzwar er mit seiner letzten Besinnung verbot, seine Erkrankung nach Rom zu berichten, geschah dies dennoch. Die Nachricht von Don Benedettos lebensgefährlichem Zustand traf in Rom gerade zu einer Zeit ein, wo Fürst Alexander nach dreijähriger Abwesenheit dort anlangte, um seine Frau in die große römische Welt einzuführen. Er eilte nach Tolfa, brachte seinen Bruder, sobald es anging, nach Rom und in die Villa, wo Don Benedetto nach langer Krankheit unter der sorgsamsten Pflege genas. Während dieser ganzen Zeit bekam er die Frau seines Bruders mit keinem Blicke zu sehen. Auch drückte er niemals diesen Wunsch aus, so ungeduldig Fürst Alexander darauf wartete. Bereits konnte der Patient sein Bett verlassen, bereits sprach er von seiner baldigen Abreise, zurück in sein winterliches, trostloses Tolfa. Fürst Alexander kannte seinen Bruder, wußte, daß dieser noch sterbend seinen Willen durchsetzen würde. Er würde ihn ziehen lassen müssen, um ihn vielleicht schon nach einigen Wochen als Leiche nach Rom zu führen. Aber auch jetzt noch immer nicht die Frage: wann kann ich deine Frau kennen lernen? Nicht einmal ihren Namen nannte er, den aus höchster Rücksicht für diesen zärtlich geliebten Bruder auch der Fürst niemals vor ihm aussprach. Die Zimmer Don Benedettos lagen im Erdgeschoß und führten auf eine Terrasse, von der aus man in den Park hinabgelangte. Über die flach geschnittenen breiten Wipfel der Steineichenallee hinweg fiel der Blick auf die trümmerbesäte Campagna und das Albanergebirge mit dem schirmenden Kranz seiner Städte. Der Gipfel des Monte Cavo mit Rocca di Papa und die Höhen von Tuskulum mit Frascati lagen dieser Terrasse gerade gegenüber. Eines Vormittags fiel der Herbstsonnenschein so warm und wohlig durch die weit offenen Türen in das Krankenzimmer, daß eine Regung nach Daseinsfreude, ein Drang nach Leben den jungen Priester hinauslockte. Ohne nach einer Hilfe zu rufen, wankte er an seinem Stock hinaus, schlich wie auf verbotenen Wegen die Terrasse hinunter und in die Laubgänge des Parkes, deren schwarze Schatten ein Heer flimmernder Sonnenstrahlen wie Schwärme goldiger Schmetterlinge umgaukelten. Das Leben war doch schön! Ach, es war viel zu schön, und eine Sünde war's, es zu lieben ... Plötzlich trat aus einem Seitengang ihm eine hohe, weiße Frauengestalt entgegen. Wie eine Erscheinung stand sie in der Dämmerung der Steineichen, bewegungslos auf den jungen Priester schauend. Dieser ging auf sie zu. So lernte Don Benedetto die Frau seines Bruders kennen und – von seiner Abreise nach dem mörderischen Tolfa war niemals mehr die Rede. Fürst Alexander war glückselig, den Bruder behalten und ihn bis zu seinem letzten Augenblick in Liebe und Sorge förmlich einhüllen zu dürfen. Letztere Absicht wurde ihm indessen mehr als erschwert. Sobald Don Benedetto stillschweigend in sein längeres Verweilen gewilligt hatte, verließ er seine sonnige, schöne Wohnung und wählte sich selbst sein Zimmer. Das bescheidenste und unfrohste Gelaß im ganzen Hause, ein kleiner, nach Norden gelegener Raum mußte ihm überlassen werden, nur mit dem Notdürftigsten ausgestattet. Der Fürst machte den Versuch, den Steinboden mit einem Teppich zu belegen und einen etwas bequemeren Sessel einzuschmuggeln. Doch ließ Don Benedetto sogleich beides entfernen. Aus Furcht, ihn nach dem schrecklichen Tolfa zu verjagen, wagte der Fürst keine Widerrede, ja nicht einmal eine Bitte. In der römischen Zelle lebte nun Don Benedetto, wie er in seinem trostlosen Priesterhause gelebt hatte. Sobald er ausgehen konnte, suchte er sich seine Gemeinde von Elenden und Kranken zusammen, die er in einem der modernen römischen Quartiere nur zu zahlreich fand und die sich von Tag zu Tag vergrößerte. Don Benedetto predigte nicht Nächstenliebe, sondern er übte sie. Seine Worte bestanden in Werken. Der Fürst hatte ihm eine Summe zugestellt, die den Priester in den Stand setzte, wie der Almosenier eines Königs zu verfahren. Seine Mahlzeiten ließ er sich mittags und abends auf sein Zimmer bringen. Sie durften nur aus Wein und Brot, aus Früchten und Gemüsen bestehen. Er genoß nur das Notwendigste und hielt häufig strenge Fasten. In das Weltleben seines Bruders sich zu mischen und Aszese zu predigen, kam ihm nicht in den Sinn. Don Benedetto war immerhin ein Prinz Romanowski! Und als solcher kannte er die Pflichten, die dem Chef des Hauses der Gesellschaft gegenüber oblagen. Als Fürst Alexander seinen ständigen Aufenthalt in Rom nahm, hatte er beabsichtigt, einen römischen Geistlichen, einen Kaplan, seinem Hausstand einzuverleiben und wegen dieser wichtigen Persönlichkeit selbst im Vatikan Anfrage gehalten. Bevor dies geschah, erschien in der Villa der todkranke Benedetto. Er genas, kehrte nicht nach Tolfa zurück. Nun übernahm, ebenso wortlos wie er geblieben war, Don Benedetto die Funktionen eines fürstlichen Hausgeistlichen. In der ersten Zeit verkehrte er mit seinem Bruder und dessen Frau fast nur bei feierlichen Gelegenheiten, bei der Messe, der Abendandacht und – der Beichte. Kurze Zeit, nachdem Don Benedetto sich dieser Art in der Villa Romanowski installiert hatte, wurden in München von priesterlicher Seite vorsichtige Erkundigungen nach einer gewissen Prisca Auzinger eingezogen, nach Rom berichtet und dort fortgesetzt. Auch über den Bildhauer Karl Steffens informierte man sich. Einmal jede Woche lag die Fürstin vor dem todkranken und todblassen jungen Priester auf den Knien und flehte ihn an, ihr ihre Schuld zu vergeben, was im Namen Gottes zu tun Don Benedetto sich weigerte. Sie müßte denn ihre Schuld erst gesühnt haben. Aber die Sühne, welche der Priester von der schönen Frau forderte, war für sie zu groß und schwer. Bisweilen – allerdings sehr selten, nahm Don Benedetto an der Familientafel teil; jedoch nur, wenn kein einziger Gast anwesend war. Er rührte dann von den gastronomischen Kunstwerken des Chef de cuisine , der, nebenbei gesagt, den Gehalt eines Ministers erhielt und allein für Trüffeln das Jahreseinkommen einer anständig lebenden Familie verbrauchte – keinen Bissen an, sondern es wurden ihm eigens seine nur in Wasser gesottenen Gemüse serviert. Erfuhr die Fürstin Maria, daß Don Benedetto zum Diner erscheinen würde, was ihr jedesmal gemeldet werden mußte, so trug sie stets ein hohes Kleid und legte nie Schmuck an, obgleich der Fürst seine schöne Frau auch dann gern festlich gekleidet sah, wenn sie allein speisten. Der Platz der Fürstin an dem runden Familientisch war dem Fenster gegenüber, denn sie liebte es, beim Lunch auf die Landschaft hinauszusehen. Eines Tages, als die Winterluft so klar war, daß man in der Campagna jede Ruine, von Frascati jedes Haus deutlich erkennen konnte, fragte Don Benedetto seinen Bruder: »Was ist dort über Frascati, gerade unter dem Gipfel von Tuskulum, für ein großes, leuchtendes Haus?« »Die Villa Mondragone.« »Nicht doch.« »So ist es die Villa Falconieri.« »Ist dort nicht ein berühmter Zypressenteich?« »Das kann ich dir wirklich nicht sagen, aber ich glaube, Maria weiß dort Bescheid.« Und er wendete sich an seine Frau: »Du warst gewiß oft in Frascati?« »Ich war einmal dort.« »Kennst du die Villa Falconieri und den Teich?« »Ja.« Dann sprach man von etwas anderm. Als Don Benedetto das nächste Mal mit seinen Verwandten frühstückte, bemerkte er, daß die Fürstin ihren Platz gewechselt hatte. Sie konnte nun nicht mehr die Campagna sehen, nicht mehr die Villa Falconieri mit den schwarzen Schatten der Zypressen neben dem leuchtenden Hause. Und sie behielt fortan diesen Platz. Ein andres Mal war die Rede von einem schönen und leichtfertigen Mädchen, dessen Seele Don Benedetto retten wollte. Fürst Alexander erkundigte sich nach den Verhältnissen des armen Geschöpfes. Der Priester berichtete darüber. »Sie wurde bereits als ganz kleines Kind von ihrer Mutter verlassen. Die Schuld an den Verirrungen dieser Unglücklichen trifft in erster Linie diese unnatürliche Mutter. Denn außer unsrer heiligen Religion ist Mutterliebe diejenige segensvolle Kraft, die uns für das Gute und Reine im Leben erzieht. Ein Mädchen, dem eine fromme Mutter zur Seite steht, wird den Weg der Tugend schwerlich verlassen. Hätte jenes beklagenswerte Wesen nicht eine sündhafte, treulose Mutter besessen, so wäre sie jetzt vielleicht die tüchtige Frau eines ehrenwerten Mannes.« Fürst Alexander stimmte seinem Bruder mit Lebhaftigkeit bei; die Fürstin schwieg. Am nächsten Vormittag, eine Stunde nach der Messe, welche niemand im Hause versäumte, pochte es leise an die Tür von Don Benedettos Zimmer, und auf des Priesters »Herein!« trat die Fürstin Maria ein. Der junge Geistliche grüßte stumm und holte für seine Schwägerin einen Sessel herbei. Aber sie blieb stehen. Don Benedetto sprach kein Wort und wartete auf ihre Anrede. »Ich möchte Ihnen eine Bitte vortragen.« »Daß ich das Haus Ihres Gatten verlassen und nach Tolfa zurückkehren soll? ... Ich werde jedoch bleiben. Sie wissen, warum.« »Um meine Seele zu retten.« »Ich muß sie retten. Es ist das meine Pflicht, nicht nur als Bruder, sondern auch als Priester. Diese Pflicht werde ich erfüllen und danach aus dem Leben gehen. Denn nicht eher werde ich sterben, als bis ich diese Pflicht gegen Ihre schuldbeladene Seele und meinen Bruder erfüllt habe.« »Ich soll ihm alles sagen?« »Sie sollen sühnen.« »Sie wissen, wie Ihr Bruder mich liebt.« »Sie sollen sühnen!« »Das will ich. Aber ich will Ihren Bruder nicht unglücklich machen.« Aber zum dritten Male sprach der junge Priester sein erbarmungsloses: »Sie sollen sühnen!« »Wie kann ich das, ohne den Fürsten unglücklich zu machen? Sie lieben ihn ja doch auch!« »Bekennen Sie sich zu der Tochter, die Sie treulos und schändlich verließen. Nicht nur Ihrem Mann gegenüber, vor aller Welt bekennen Sie sich zu ihr.« »Lassen Sie mich eine Wallfahrt tun: zur allerheiligsten Mutter von Genazzano auf nackten Füßen.« »Die Mutter des Herrn wird Sie abweisen, solange Sie sich nicht zu Ihrem Kinde bekannten.« Die Fürstin erwiderte: »Ich kann nicht.« »Ihre Tochter hätte werden können, was jene andre Mutterlose geworden, und es wäre Ihre Schuld gewesen.« »Ich kann nicht, kann nicht!« Don Benedetto fühlte sich an diesem Morgen besonders erschöpft und elend, so daß er, um nicht umzusinken, einen Halt an seinem Tische suchen mußte. Aber keine Miene verriet seinen Zustand, und er wendete seine brennenden Augen von der Fürstin nicht ab. Mit schwerem Atem sagte er: »Ja, ich liebe meinen Bruder, ich leide um ihn. Ich leide, weil ich seine Leidenschaft für Sie erkannt habe und weil ich diese verdammen muß. Ich leide, weil Sie ihn täuschten. Anstatt ihm alles zu bekennen, waren Sie feige, betrogen Sie ihn. Das taten Sie, die Sie ein stolzes Weib sein wollen.« Er sah, wie seine Worte sie gleich Dolchspitzen trafen, wie sie ein Stöhnen erstickte, wie sie litt: so grausam fast, wie er selbst. Es tat ihm wohl, sie so blutig leiden zu sehen. Ihr Leiden würde dieser Sünderin zur Besserung und Läuterung dienen, würde sie zur Buße und Sühne führen, sie Gott in die Arme werfen, den sie verlassen hatte, als sie ihr Kind verließ. Um die wunderschöne, schuldbeladene Frau wieder in Gottes Arme zu führen, hätte dieser Priester sie mit Wonne kreuzigen und martern können. Sie war gekommen, um Don Benedetto eine Bitte vorzutragen. Das tat sie jetzt mit leiser Stimme und demütig gesenktem Blick. »Sie erzählten uns gestern von jenem Mädchen. Ich möchte Ihnen gern helfen.« »Helfen, wobei?« »Die Ärmste von ihrer Umgebung zu befreien.« »Und dabei wollen Sie mir helfen?« »Ich bitte Sie darum.« »An der Fremden möchten Sie sühnen, was Sie an der eignen Tochter verübten?« Die Fürstin stammelte: »Ich war so jung, so kindisch jung, haben Sie doch Erbarmen mit mir!« »Sühnen Sie an Ihrer eignen Tochter.« Da brach es aus ihr heraus: »Ich würde mich vor meiner eignen Tochter zu Tode schämen müssen. Überdies hält sie mich für längst gestorben ... Don Benedetto, gestatten Sie mir, die Fremde in mein Haus zu nehmen.« »Nein!« * Sandro Botticelli machte Prisca schwer zu schaffen. Dem ersten guten Anfang folgten viele Tage neuer Mutlosigkeit, neuer höflicher Selbstgespräche und nicht immer neues Gelingen. Zu verschiedenen Malen vernahm Prisca hinter sich jenes knisternde Rauschen eines schleppenden Seidengewandes, und jedesmal empfand sie sogleich eine heftige, ihr immer unerklärlicher werdende Erregung. Sie trat dann von ihrer Staffelei zurück und grüßte die Fürstin ehrfurchtsvoll. Bisweilen ging diese, ohne sie eines Blickes zu würdigen, mit einem leichten Nicken vorüber; bisweilen blieb sie stehen und sprach Prisca an. Diese überkam dabei stets das Gefühl: es kostet ihr starke Überwindung, dich anzureden. Aber warum tut sie's dann? Sie kann dich nicht ausstehen. Wahrscheinlich bist du ihr zu häßlich, und sehr schöne Menschen können sehr häßliche Leute nicht leiden. Sie brauchte dich ja aber gar nicht anzureden, wenn du ihr so widerwärtig bist. Prisca fiel auf, daß die Fürstin nie ihre Kopie betrachtete und daß in ihrem ganzen Wesen etwas lag, als ob sie mit ihrem flüchtigen Gruß und ihrer kurzen Anrede eine Pflicht erfülle. So sehr sie die schöne Frau bewunderte, erwachte doch zuletzt mehr und mehr ein stolzer Trotz in ihr, so daß sie der Fürstin nur das Notwendigste erwiderte und sich jedesmal zwingen mußte, das Wenige möglichst gelassen zu sagen. Groß war ihr Erstaunen, als eines Tages die Fürstin ihr den Vorschlag machte, während der Dauer ihrer Arbeit in der Villa zu wohnen. Sie hätte erfahren, wie weit ihr Weg täglich sei; das Wetter sei im März meist sehr schlecht. Es würde sie freuen, wenn die Künstlerin das Anerbieten annehme, sie solle durchaus ungestört bleiben. Dankend lehnte Prisca ab. Aber sie zerbrach sich vergeblich nach einer Erklärung den Kopf. Schließlich kam sie zu dem Schluß, daß es nur eine Laune der Fürstin sei. Diese Damen der großen Welt waren sicher schrecklich kapriziös! Die majestätische Art der Fürstin Maria hatte Prisca bisher ganz vergessen machen, daß sie nicht immer eine große Dame gewesen. Als Fräulein Friedrike von dem Anerbieten erfuhr, geriet sie in hochgradige Erregung. »Und Sie lehnten ab? Aber um Gottes willen, weshalb denn nur? In einer römischen Villa wohnen zu können, das ist ja geradezu unsagbar. Sie hätten sicher die gesamte römische Aristokratie kennen gelernt, alle diese Herzoginnen und Prinzessinnen, die von den alten Römern abstammen, wissen Sie, von den ganz alten. Und solches Glück lassen Sie sich entgehen? Was wird Peter Paul dazu sagen? Sie sind aber auch wirklich ein schwer zu verstehendes Geschöpf.« Prisca behauptete lachend, das normalste, nüchternste, uninteressanteste Wesen unter der Sonne zu sein. Sie passe in die Villa Romanowski so wenig, wie die alte Schwabinger Dorfkirche in eine Großstadt und ihre liebe Signorina Rica nach Berlin unter die Linden. Letzteres war das größte Kompliment, welches ein Mensch dem guten Fräulein Riekchen sagen konnte, was die listige Prisca sehr wohl wußte. Ihre Freundin strahlte denn auch sofort über das ganze Gesicht und erklärte: Prisca verstünde sie vollkommen. Die beiden Frauen kamen überein, Karl Steffens von der Einladung nichts zu sagen; seiner daß Fräulein Friedrike an einem der nächsten Vormittage in die Villa kommen solle, um Priscas Kopie zu begutachten. »Meinen Pompadour nehme ich lieber nicht mit. Denn es ist das nun einmal meine schlechte Eigenschaft, wenn ich in einer der Villen bin und die schönen Blumen sehe, um die kein Mensch sich kümmert, und wenn ich dann meinen lieben, großen Pompadour bei mir habe, stehle ich in Gottes Namen Blumen, soviel ich nur kann. Aber verlassen Sie sich darauf, in die Villa Romanowski komme ich ohne meine Diebstasche. Ich werde Sie doch nicht kompromittieren!« Sie hielt denn auch Wort und erschien, von dem fast höflichen Lakaien geführt, ohne ihre geliebte, umfangreiche Begleiterin in der Galerie. Aber sie war so erregt, daß sie anfänglich Priscas Bild gar nicht beachtet?. »Stellen Sie sich vor, daß der Portier mich gar nicht hereinlassen wollte. Und die Römer sind doch sonst die höflichsten Leute von der Welt!« (Das war eine jener zarten Illusionen, an welcher Signorina Rica trotz aller bösen Enttäuschungen mit rührender Beharrlichkeit festhielt.) »Und dieser ist noch dazu ein solch schöner Mensch, daß ich ihn beinahe gefragt hätte, ob er mir nicht Modell stehen würde. Später war er freilich gleich sehr artig ... Sie werden sich nicht denken können, wer mich hereinließ. Raten Sie einmal.« Prisca riet auf den Fürsten. »Bewahre! Niemand anders als Ihr interessanter junger Geistlicher. Was für ein Kopf! Aber so bleich! Der arme junge Mensch kann ja keine Woche mehr leben. Ich erzählte ihm, daß ich in Rom katholisch geworden sei, und er meinte auch, in Rom müßte man katholisch werden. Auch von Ihnen sprach er, und wie leid es ihm täte, daß Sie nicht besonders fromm wären. Natürlich verteidigte ich Sie. Er meinte, Sie müßten einen großen, großen Schmerz erfahren, dann würden Sie gewiß das Heil finden. Aber so sehr ich Ihnen gönnen würde, auch im Glauben ganz glücklich zu sein, so wünsche ich Ihnen von ganzem Herzen, daß dieser große Schmerz Ihnen erspart bleiben möge. Wir Künstler machen genug durch, wovon niemand etwas ahnt ... Aber das Wichtigste habe ich ja ganz vergessen. Was sagen Sie dazu, daß Don Benedetto Karl Steffens kennt? Nicht persönlich zwar, aber sonst sehr genau. Ist das nicht merkwürdig?« »Sollte vielleicht die Fürstin von Steffens gesprochen haben?« »Das gerade wäre das Merkwürdige. Und wenn man bedenkt, daß Don Benedetto der Beichtvater der Fürstin ist ...« »Was könnte sie ihm über Karl Steffens zu beichten haben? Nach so vielen Jahren. Daß er sie unsinnig liebt, ist ja doch nicht ihre Schuld.« »Ach, lieber Gott, nein! Sie war ja doch immer kalt gegen ihn, wenn sie ihn auch damals in seiner schweren Krankheit wie eine barmherzige Schwester gepflegt hat.« »Was sagte Ihnen denn Don Benedetto über Steffens?« »Stellen Sie sich vor, er sprach von der ›Tochter der Semiramis‹.« »Wie seltsam.« »Nicht wahr?« »Und was sagte er über das Werk?« »Warum Steffens die Gruppe noch nie ausgestellt hätte? Es solle ein Meisterwerk sein und der Künstler könne damit sein Glück machen. Es sei ein Unrecht, ein solches Werk nicht auszustellen.« »Das sagte Ihnen Don Benedetto, der Bruder des Fürsten Romanowski?« »Das sagte er.« »Und Sie?« »Natürlich verteidigte ich Karl Steffens. Er sei solche seine Natur, durch und durch Gentleman. Und da die ›Tochter der Semiramis‹ nun doch einmal nach einem Modell gemacht worden sei, welches ... Aber der seltsame Mensch blieb dabei, Steffens müsse sein Werk ausstellen.« »Das verstehe ich nicht.« »Zuletzt sagte ich ihm ...« »Nun?« »Wenn die Fürstin selbst Steffens die Erlaubnis erteilen würde, wäre er vielleicht dahin zu bringen. Aber auch gewiß nur dann. War das nicht kühn von mir?« »Sehr kühn. Don Benedetto erwiderte natürlich, daran wäre nicht zu denken.« »Das meinte er durchaus nicht.« »Wie?« »Er sagte wörtlich: ›Sie haben recht. Die Fürstin muß selbst dem Künstler die Erlaubnis geben.‹« »Das tut sie niemals.« »Dasselbe sagte ich Don Benedetto; er aber meinte ...« »Was, was?« »Vielleicht tut sie's doch ... Aber nun will ich mir endlich Ihr Bild ansehen ... Sehr gut! Ganz vorzüglich! Ich gratuliere Ihnen. Wie wird Peter Paul sich freuen!« 21. Aus Priscas Tagebuch Rom, im März. Mein gutes Glöcklein läutet fort und fort in jammervollen Tönen von Schwabing über die Alpen herüber nach Rom. Das wäre ja nun so weit ganz gut, und ich bin glücklich, die lieben Heimatsklänge zu hören. Aber jedes dieser Sturm- und Notgeläute kostet dem armen Glöcklein doppeltes Porto, denn um auf mein Gemüt möglichst starken Eindruck zu machen, schreibt sie mit ihren mächtigsten herzoglichen Lettern, so daß bisweilen auf einer einzigen Seite nur wenige Sätze Platz finden. Ich bin überzeugt, daß sie, um ihr Stimmlein so häufig schallen lassen zu können, ihre tägliche Portion Rindfleisch noch verkleinert hat, und daß ihr Schwabinger Fleischlieferant nächstens Bankrott machen wird. Und was bimmelt sie so kläglich zu mir herüber? Es ist nicht zu glauben! Mein junger Siegfried sei sterblich in mich verliebt und ich in ihn. Der eklige Karl Steffens werde mich heiraten und noch einmal mein Unglück sein; dieses letztere sei übrigens schon fix und fertig, denn mein Unglück sei Rom. Trotzdem in Rom der Heilige Vater wohne, müsse das eine durchaus unchristliche Stadt sein, was sich nur dadurch erklären lasse, daß der Heilige Vater zu Rom eben gefangen sitze. Nicht einmal Fräulein Friedrike und der prächtige Peter Paul flößen meiner kleinen Hofdame Zutrauen ein: denn wenn es mit den beiden seine Richtigkeit hätte, müßten sie längst ein Paar christlicher Eheleute geworden sein. Daß sie sich in Rom katholisch gemacht, gefiel ihr nun schon gar nicht. Unsre Religion sei unsre »innere Haut«, und welcher anständige Mensch würde seine Seele in eine fremde Haut stecken?. Und alle diese Klagelieder haben den Refrain: Komm zurück! Zurück zu dem alten behaglichen München, zurück zu der guten Schwabinger Dorfkirche, zurück in das hübsche Idyllenhäuschen, zurück zu deiner getreuen Hofdame, den prachtvollen herzoglichen japanischen Teeservicen und den höchst eigenhändig unterschriebenen Porträten Ihrer Hoheiten. Liebe, liebe Lange, komm zurück – zurück! Zurück aus Rom? Jetzt schon zurück? Ich kam ja kaum an! Jetzt muß ich alle römischen Frühlingswonnen genießen, muß den römischen Sommerzauber erleben und dann nochmals die bittere römische Winterkälte erleiden. Fror ich denn wirklich so erbärmlich? Ich glaub's gar nicht! Ich glaube, Signorina Rica hat sehr recht: wie kann man in Rom frieren? Mein gutes Glöcklein, ich fürchte, du wirft läuten und läuten, locken und locken, und Fräulein Prisca Auzinger wird bleiben und bleiben; noch manchen Frühling und manchen Winter, den ich gar nicht kalt finden werde. Was will eigentlich die treue Freundin dort drüben? Schon wieder mahnen, immer noch warnen? Wovor? Mache ich hier nicht Fortschritte? ... Nur Fortschritte? Das hieße das Kind beim falschen Namen nennen. Lerne ich hier nicht erst richtig sehen, also erst richtig malen? Mein Blick öffnet sich mehr und mehr, mein Pinsel wird freier und kühner. Malte ich schon früher gar nicht wie ein Frauenzimmer, so male ich jetzt jedenfalls wie ein Jüngling, aus dem, von Karl Steffens geleitet, noch einmal ein Mann werden kann, und zwar ein ganz tüchtiger Mann. Also ruhig, sei doch ruhig, getreue ängstliche Seele dort drüben. * Etwas andres macht mich unruhig. Das Glöcklein läutet nicht einen einzigen, auch noch so leisen Ton von meinem Bild, welches in einer der letzten Wochen im Kunstverein ausgestellt ward, und das viel, viel besser ausfiel als meine sofort verkauften, entsetzlich banalen und sehr mittelmäßig gemalten »Römische Rosen mit Lorbeer«. Dieses Bild habe ich also nicht verkauft; vielleicht gerade deshalb nicht, weil es besser ist? Das meint wenigstens Steffens, und ich glaube, er hat recht. Es ist herrlich, sich das mit ruhigem Künstlergewissen sagen zu können, mag dann das Bild auch zehnmal nicht verkauft sein. Und beinahe ebenso herrlich ist ein andres Gefühl: ich brauche auf den Verkauf meines neuen und besseren Bildes nicht angstvoll zu warten, sondern kann ruhig weitermalen, ein noch besseres, wenn vielleicht auch unverkäufliches Bild. Denn erstens habe ich noch immer Geld, und zweitens liegt ein ganzes Kapital für mich bei dem römischen Kunsthändler in der Via Condotti bereit und kann mir jeden Augenblick bar ausbezahlt werden. Jeden Augenblick kannst du für deine ehrliche Arbeit dein Geld erhalten ... Ob das Leben schön sein kann!? Schön ist es allein durch erfolgreiche – nein, allein schon durch unsre ehrliche Arbeit! Oft muß ich denken, daß, um ein Frauenleben schön, groß und reich zu gestalten, es jenes andern Glückes, das doch eigentlich den Hauptinhalt eines Frauendaseins ausmachen soll, gar nicht erst bedarf. Ich für meine Person reife mit wahrer Wonne zur alten Jungfer heran. Und wenn ich bedenke, daß ich mein ehrwürdiges Alter wahrscheinlich in Rom erreichen werde, in Rom, das für alle alten Jungfern, die noch allerlei sentimentale Bedürfnisse haben, das Dorado ist, so sehe ich meinen ersten grauen Haaren mit noch größerer Ruhe entgegen. Das gute Glöcklein mag richtig ahnen: Rom wird auch mein Schicksal und zugleich mein Seelenbräutigam sein. Aber dennoch werde ich nicht zu jenen Existenzen gehören, die hier Schiffbruch erleiden. * Jeden Vormittag arbeite ich in der Villa vor Porta Pia, jeden Nachmittag in meinem Atelier, und fast täglich kommt Steffens, um nach meiner Arbeit zu sehen – wohlverstanden: nach meiner Arbeit und nicht etwa nach meiner Person. In diesen vielen Lehr- und Lernstunden, die wir miteinander haben, ist er wirklich recht menschlich. Bisweilen geht er förmlich aus sich heraus und spricht von sich selbst, von seinen Plänen und Entwürfen, die er alle, alle ausführen würde, wenn er – ja, wenn er ein andrer Mensch und Künstler wäre, als er ist. Mir gegenüber macht er gar kein Hehl daraus, wie er selbst es als Jammer und Schande empfindet, daß er sein Dasein sich so verpfuschen ließ! Er bestätigt einfach diese Tatsache, die nun einmal da ist und mit der gerechnet werden muß. Will ich mich damit nicht zufrieden geben, mich dagegen auflehnen, so zuckt er die Achseln. Ich sehe, daß er unausgesetzt leidet, und zwar viel weniger durch seine unselige Leidenschaft, als vielmehr um sein verlorenes besseres Ich: um den toten Künstler in sich! Sein Leiden, welches, glaube ich, größer ist, als meine Phantasie es sich ausmalen kann, entwaffnet meinen ganzen Zorn; und wenn ich mir vorstelle, welche Größe noch immer in manchen seiner Pläne steckt – und er plant unausgesetzt –, wenn ich denken muß, er wäre vielleicht doch noch zu retten, so überkommt mich ein blutiges Mitleid, das stärker ist als jede andre Empfindung. Von der Fürstin reden wir niemals. Ich bin jedoch überzeugt, daß er, so oft er bei mir ist, daran denkt: heute war sie in ihrer Nähe! Daß er, vielleicht sich selbst unbewußt, deshalb jetzt täglich zu mir kommt und ich, seitdem ich die »Salome« zu kopieren begann, eine besondere Anziehungskraft für seine Phantasie besitze. Sehr schmeichelhaft für mich ist das gerade nicht, aber Eitelkeit war nie meine Schwäche. Einmal sprach ich mit Steffens sehr eingehend über die beiden alten Römer und über die schreckliche Enttäuschung, die nicht ausbleiben kann. Ich bat ihn, da er die guten Menschen ja auch lieb hat, zu überlegen, wie man da helfen, sie auf den Schlag vorbereiten könnte. Wir sollten die beiden alten Leute wenigstens auf die Möglichkeit hinweisen, daß die Jury das Bild nicht akzeptiert, die Nationalgalerie es nicht ankauft. Schon vor Jahren hat Steffens versucht, die Katastrophe abzuwenden; jetzt teilt er meine Sorge und wird überlegen, wie weit eine Vorbereitung möglich ist. Diese warme Teilnahme an dem tragischen Schicksal jener armen, ausgezeichneten Menschen, die für ihn durch Feuer und Wasser gingen, ist zwar selbstverständlich, freut mich aber dennoch, denn ich hatte ihn stark im Verdacht, immer nur mit seinem eignen Geschick beschäftigt zu sein. Wie gern bitte ich ihm im stillen mein Unrecht ab. Es ist ja überhaupt so schön, wenn wir selbst unrecht haben und nicht die Menschen, die wir hochhalten und für die wir Teilnahme empfinden, wie ich sie für diese gebrochene Künstlerseele nun einmal fühlen muß. Ich wollte, ich wäre seine Schwester! Dann würde ich mir wohl zutrauen, ihm zu helfen. Auch solche Liebe ist stark, und jede starke Liebe kann Wunder vollbringen. Ich verliere mich in Grübeleien, aus welchem Grunde Don Benedetto eine Ausstellung der »Tochter der Semiramis« wünschen könnte. Und so dringlich wünschen! Der Fürst würde über die Sache doch sicher außer sich geraten, und sein Bruder wünscht sie – dieser Bruder! Ganz Rom würde in Bewegung kommen, um die »Tochter der Semiramis«, um die Fürstin Romanowski zu sehen; Steffens würde über Nacht ein bekannter, ein berühmter Mann werden. Berühmt durch solch unvornehmes Mittel, wie Sensation es ist, oder berühmt durch sein Werk? Das wäre die Frage. Und eine zweite, noch wichtigere Frage wäre, wie der plötzliche Ruhm auf Steffens wirken würde? Vielleicht so gewaltig, daß er mit einem Schlage aus seinem ganzen Jammer, seiner ganzen Schwäche herauskäme, vielleicht aber auch ... Ich wage keine Antwort zu geben. Aber alle diese Betrachtungen sind ja Phantasien! Steffens wird sich nie dazu entschließen, das Werk auszustellen, er wird sich nicht einmal aufraffen, es in einem andern Lande zu tun. Überdies wird ihm die Fürstin nie und nimmer dazu ihre Genehmigung erteilen. Sie kann es gar nicht, allein schon ihres Mannes wegen. Die ganze Sache ist ebenso hoffnungslos, wie das Interesse Don Benedettos daran rätselhaft bleibt. * Ich kann mich täuschen, aber in der Villa Romanowski scheint etwas vorzugehen und zwar zwischen den beiden Ehegatten. Die Fürstin ist unheimlich hoheitsvoll, und der Fürst, dem ich bisweilen begegne, und der stets sehr chevaleresk den Hut vor mir zieht, sieht aus, als litte er im geheimen. Es liegt jedoch in meiner Art, mir derartige interessante Dinge zusammenzufabulieren. Jedenfalls liebt der Fürst seine schöne Frau, wie – wie Steffens sie geliebt hat oder noch liebt. Wenn er nun doch nicht glücklich wäre? Nicht ganz so glücklich ... Ich fabuliere schon wieder. Fräulein Friedrike will gehört haben – und sie hört alles, was in Rom geschieht –, daß in der Villa Romanowski ein Frühlingsfest in antikem Kostüm geplant sei. Es soll im Park stattfinden, und alle Gäste müssen antik gekleidet erscheinen. Alle vornehmen Römerinnen in antiken Gewändern, schön wie die meisten sind mit ihrer königlichen Grandezza – es muß einen unerhörten Anblick geben! Die Schönste und Königlichste wird zweifellos die Wirtin sein. Ich möchte mich in einem Gebüsch verstecken, denn so etwas kann ich ja nie wieder erleben! Fräulein Friederike ist schon jetzt eitel Ekstase und auf alle ihre schönen Römerinnen, die auf dem Fest erscheinen werden, so stolz, als ob sie der Himmel auf ihre Fürbitte hin so herrlich erschaffen hätte. Steffens sprach mit ihr über Peter Pauls großes Bild und seine Berliner Reise. Sie verstand gar nicht, was er meinte, glaubt an einen Riesenerfolg so fest wie an das Evangelium und ließ ihren Liebling, das große Genie, zum ersten Male glänzend abfallen. Seitdem ist sie so traurig über seinen Unglauben an Peter Paul, als ob er die Herrlichkeit Roms geleugnet hätte. Nein! Wir können den Armen nicht helfen. Checco wird frech. Der Bursche gestattet sich, über den jungen Siegfried unverschämte Bemerkungen zu machen; vielmehr über seine neue gewaltige Leinwand und sein neues abscheuliches Motiv: eine Straße im modernen Rom. Wenn ich darüber empört bin, so bin eben ich das: des Malers Landsmännin, Kollegin und schließlich doch auch gute Freundin. Und ich bin es, weil er viel, sehr viel Talent hat und sein großes Talent so schmachvoll mißbraucht. Wie kann ein Mensch so aussehen, so viel Talent haben und derartige Sujets malen? Aber daß der junge Frascataner solche Bemerkungen macht, ist unerträglich, und ich habe es mir mit den stärksten italienischen Ausdrücken, die mir zu Gebot stehen, ein für allemal verbeten. Er war denn auch sehr verblüfft und ist jetzt ganz still. Übrigens gehen wir beide – ich meine den Baron Schönaich und meine Wenigkeit – uns einander aufs ängstlichste aus dem Weg; und das ist für beide Teile sehr angenehm, denn wir haben uns ja doch nichts zu sagen. Aber er tut mir leid. * Peter Pauls großes Bild geht fort; die Arbeit eines ganzen Menschenlebens tritt ihre Reise an! Ich bin so traurig, so traurig. Fräulein Friedrike und ich waren bei dem Verpacken zugegen. Mir schien es ein Begräbnis und die leere Stelle in dem großen Raum ganz totenhaft öde. Als die Leute den gewaltigen Packen hinaustrugen, fuhr Peter Pauls alte Verlobte mit ihrer Hand heimlich über die Bretter, darin die Leinwand eingeschient war, als liebkoste sie einen teuern Menschen. Diese leise, zärtliche Berührung der welken, zitternden Frauenhand hatte etwas so unaussprechlich Rührendes, daß mir die Tränen in die Augen traten. Wir gingen auch auf den Bahnhof, um das Bild zugleich mit dem großen, in Stücke zerlegten Rahmen, der durchaus römisch sein sollte, zu expedieren. Ich hätte Peter Pauls Werk am liebsten einen mit Lorbeer umwundenen Cypressenzweig auf die Reise mitgegeben. In einigen Wochen wird er seinem Bild folgen, und Fräulein Friedrike trifft schon jetzt für ihn Vorbereitungen, als müßte sie ihn zu einer Nordpolexpedition ausrüsten. Sie kauft die wärmsten Kleidungsstücke ein, die in Rom zu haben sind; denn sie behauptet steif und fest, »dort drüben« könne noch im Mai tiefer Winter sein. Peter Paul glaubt, was sie glaubt. Sie arbeitet heimlich an einer Strickerei aus mausgrauer Wolle, die Steffens für einen endlos langen Schal ansieht, den sich Peter Paul in dem schrecklichen Klima dort drüben um den Hals schlingen soll. Aber uns beiden fällt nicht ein, über die heimliche Arbeit zu lächeln; im Gegenteil, wir erzählen uns diese lustigen Dinge ganz ernsthaft. In diesem, durch das unabwendbare Geschick zweier guter Menschen getrübten Frühjahr hatte ich eine große Freude: Steffens versprach mir, einen seiner Entwürfe auszuführen. Ich bilde mir nicht ein, ich sei daran schuld, oder er tue es gar um meinetwillen; ich bin nur glücklich darüber, daß er es tut, daß er sich endlich, endlich aufrafft. Denn seit vielen Jahren, seit der Vermählung des Fürsten Romanowski, hat er tatsächlich nur jene Kopien nach berühmten Mustern gemacht, die er nicht einmal als seine Arbeiten anerkennen darf, sondern die er vergraben lassen muß, damit sie, »echt« erscheinend, ihren Käufer täuschen. Meine Freude über diesen Arbeitsanfang meines Lehrers und Freundes, denn beides ist er mir im vollsten Maße, ist so groß, daß ich leichtsinniges Geschöpf verschiedene kleine Kümmernisse vollkommen verschmerze. Zu diesen gehört auch ein Brief aus dem Idyllenhäuschen. Das gute Glöcklein schrieb mir endlich sehr kläglich über mein Bild. Es gefällt ihr nicht, und es gefällt niemand, wäre auch wirklich nicht verkauft. Ich werde jedoch in der allernächsten Zeit ein drittes römisches Bild nach München schicken, das vielleicht auch keiner Seele gefällt, also vielleicht auch nicht gekauft wird, das aber trotzdem ein gutes, ein recht gutes Bild ist, denn Steffens sagt es. Inzwischen werde ich mich wohl entschließen müssen, dem Herrn in der Via Condotti einen Besuch abzustatten und höflichst um eine kleine Barauszahlung zu bitten. Gott sei Lob und Dank, daß das Geld ehrlich verdient ist, denn meine Kopie verspricht, trotz strenger Selbstkritik, ein ehrliches Stück Arbeit zu werden. Für später sorge ich mich nicht, nicht im geringsten! Ich habe meine Jugend und meine Jugendkraft, habe mein Talent und meine Arbeitslust, habe meinen fröhlichen Mut und bin – last, not least! – in Rom, wo ein bißchen Hunger, den Erfahrungen andrer Leute zufolge, gar nicht wehtun soll. Es wäre indessen gut, wenn ich aus Vorsicht meinen Appetit, der noch immer brutal gesund ist, etwas mäßigen könnte. Als Fräulein Friedrike erfuhr, Steffens arbeite wieder für sich selbst – ich mußte es der guten Seele doch gleich sagen, um ihr eine Freude zu machen, was tat sie da wohl? Sie fiel mir um den Hals, dankte mir, benahm sich nicht anders, als wäre unsers Freundes endliches Auferstehen aus seiner langen, langen Apathie mein Verdienst. Ich protestierte denn auch energisch und wurde schließlich, da sie bei ihrer Behauptung blieb, ganz böse. Ich kann es nun einmal nicht ausstehen, wenn man mich überschätzt. Es hat etwas Demütigendes, denn man muß sich bei dem Enthusiasmus der andern sagen: du bist ja gar nicht so! Wenn sie wüßten, wie du im Grunde bist! Ganz anders, als sie glauben. Lange nicht so gut, so tüchtig. Wie oft habe ich mich im Idyllenhäuschen bitter schämen müssen, wenn das Glöcklein anfing, ihre Ruhmeshymne über mich zu bimmeln. Und nun gar hier, in Rom, auf meinem Lorbeerhügel vor der Porta del Popolo, angesichts der ewigen Stadt, wo dieses Schamgefühl, aus großer Selbsterkenntnis herrührend, noch zehnmal unerträglicher ist. Am schlimmsten aber will es mir scheinen, wenn ich denken müßte, daß Steffens im Bunde der dritte sein könnte. Das Glöcklein, die beiden alten Römer – denn sie sind eins – und Karl Steffens, über mich sich Illusionen machend, diese Vorstellung quält mich! * Ostern! Mein erstes Ostern in Rom! Es hilft mir nichts, ich muß mich in diesen Ostertagen Fräulein Friedrike mit Leib und Seele übergeben. Ihr Enthusiasmus grünt und blüht wie eine deutsche Osterpalme. Wenn sie das hörte! Ich ziehe sie aber doch den römischen vor. Denn die römischen Osterpalmen bestehen entweder aus einem häßlich geflochtenen und gefärbten Palmenblatt aus Bordighera oder aus einem silbergrauen Ölzweig, der ein gar feierliches Symbol ist, aber doch nichts von Auferstehung und Frühling hat, nichts Sprießendes, nichts Hoffnungsvolles. Am grünen Donnerstag wurden sämtliche Glocken Roms gebunden, und während der ganzen Dauer der Passion blieb es feierlich stumm in den Lüften, die eherne Himmelsstimme sprach nicht zu den Herzen der Gläubigen, solange der Gottessohn litt. Fräulein Friedrike begann mit mir eine endlose Wallfahrt von Kirche zu Kirche, um das Grab des Herrn zu schauen. Ach, und Schaustellungen waren es! Um geschaut zu werden, lag der göttliche Leib aufgebahrt, und um zu schauen, strömte die Menge herbei. Vor mancher Gruftkapelle mußte ich mir gewaltsam in Erinnerung rufen, wo ich mich befand, in Rom! Ich litt unter dem häßlichen Theaterpomp, der sich vor mir entfaltete. Aber in Santa Maria Maggiore und im Lateran hörten wir schöne Musik. Wie aus dem geöffneten Himmel drangen süße Knabenstimmen herab und lösten mir die Seele. Hätte ich nur so recht einsam lauschen können und in einem gotischen Dom, den mystische Dämmerung erfüllt. In der prachtvollsten Basilika Roms, in San Paolo fuori le Mura, packte mich Heimweh nach der Frauenkirche in München. In einem Kirchlein am Korso erlebten wir am Samstagabend eine Auferstehungsfeier, die sehr lieblich war. Ein Schwarm weißer Tauben wurde am Grabe des Heilands unter Orgelklang, Trompetengeschmetter und Chorgesang losgelassen. Alle Fenster waren geöffnet, bald fanden die Vögel den Ausgang und flatterten wie lichte Gottesgedanken zu einem goldigen Abendhimmel empor. Als dann die Osterglocken anhuben zu tönen und zu dröhnen, als eine mächtige Schallwoge über die Stadt hinflutete, selbst die Lüfte Stimmen empfangen zu haben schienen, um der Menschheit die Himmelsbotschaft zu künden: »Auferstanden von den Toten!« da stimmte ich aus vollem Herzen meiner begeisterten Führerin bei: Solche Ostern kann man nur in Rom erleben! Ostersonntag dagegen entrann ich Fräulein Friedrike, die mich in den Sankt Peter schleppen wollte. Ich tat ihrer guten Seele mit meiner Flucht gewiß bitter weh; aber ich mußte der meinen Folge leisten, die nun einmal in Gottes Namen ihre eignen Bedürfnisse hat und gar an solchem Tage. Ich ging wieder hinaus vor Porta San Sebastiano, wollte die Appische Straße hinaufschlendern, womöglich bis zum Casale rotondo; aber als ich das Grabmal der Cecilia Metella vor mir sah, fiel mir ein, daß ganz in der Nähe die Calixtus-Katakomben sein müßten, die ich noch nicht kannte. Das war auch eine Osterfeier, hinabzusteigen in die unterirdischen Grüfte, aus denen sich der lebendige Glaube wie eine Lerche emporschwang mit einem Jubelgesang. Die Stelle, wo der Eingang zu dieser unermeßlichen Totenstadt liegt, war an diesem Morgen ein einziges Blütenland. Soweit die Steppe zu übersehen war, schimmerte sie weiß von Margueriten, so daß die Ruinen des alten Rom sich aus einem märchenhaften Schneegefilde zu erheben schienen. Aber zu meinem Leidwesen fand ich die Katakomben geschlossen. Sehr enttäuscht wollte ich umkehren, als von dem Eingang her ein alter Geistlicher auf mich zukam. Ich klagte dem frommen Mann meine Not. Der Priester sagte freundlich: »Ich will Ihnen helfen, liebe Tochter, denn ich kann Sie hinabführen. Ich wurde heute hierherbestellt, weil eine vornehme Dame die Katakomben sehen wollte. Sie befindet sich mit dem geistlichen Herrn, der sie begleitet, bereits unten, und mich schickte man fort. Wenn wir uns etwas zurückhalten, so bekommen uns die beiden gar nicht zu Gesicht. Nur muß ich bitten, nicht laut zu reden.« Was konnte ich mir Besseres wünschen, als stumm und fast einsam jene schauervollen heiligen Stätten besuchen zu dürfen? Ich bekam ein brennendes Licht, mein Begleiter nahm gleichfalls ein solches, und wir stiegen hinab, schweigend und leise, wie auf verbotenen Wegen. Ich werde den Gang durch diese Grüfte nie vergessen. Stollen neben Stollen, Gruft neben Gruft, Völkerschaften von Toten! Darunter Bischöfe und Päpste, Märtyrer und Heilige. Mein Gefährte hob bisweilen schweigend seine Kerze, um schweigend ein Grab zu beleuchten mit den symbolischen Zeichen der Taube, des Lammes oder des guten Hirten. Und er und ich unter diesen Legionen von Gestorbenen die einzigen Lebenden! Nein! Nicht die einzigen ... Plötzlich vernahmen wir dicht neben uns einen tiefen, jammervollen Seufzer. Es klang wie aus einer der Grüfte dringend, von denen viele geöffnet waren und nur noch die Gerippe bargen; es klang wie ein Laut aus Geistermund. In demselben Augenblick sah ich sie. Sie befand sich in einem Gewölbe, auf das unser Gräbergang mündete. Vor einer der Grüfte, davor einige Kerzen brannten, lag sie auf den Knien: sie, Maria! Sie, die Fürstin Romanowska! Sie war in tiefe Trauer gekleidet und trug statt des Hutes einen schwarzen Schleier, als ginge sie in den Vatikan zur Audienz beim Heiligen Vater. Don Benedetto stand neben ihr. Er beugte sich tief zu ihr herab, sprach leise in sie hinein. Sie regte sich nicht, aber wieder stöhnte sie jammervoll auf, o daß ich fast laut aufgeschrien hätte. Im nächsten Augenblick trat ich zurück und eilte hinweg, von meinem geistlichen Führer gefolgt. Die beiden hatten uns nicht gesehen; aber ich wollte sogleich hinauf und hinaus. Ich muß sehr bleich ausgesehen haben, denn der gute Priester fragte mich besorgt, ob ich unwohl geworden wäre. Ich konnte es nicht leugnen und gestand, daß mich der Anblick der so inbrünstig betenden Dame erschreckt hätte. Er antwortete: »Die Arme! Sie tut am Grabe der heiligen Cäcilia Pönitenz. Die Madonna mag wissen, für welche Sünde. Und sie ist gewiß eine Prinzessin oder Herzogin. Es gibt auf Erden eben viel Elend und Schuld.« Ich dankte dem frommen Mann herzlich und gab ihm ein Almosen für seine Armen ... Draußen lag der leuchtende Blütenschnee über der Erde, welche die ungeheure Totenstadt barg. Die Frühlingssonne schien, und Scharen von Leichen schwangen sich empor mit Jubelgesang. Als ich mich wieder auf der Via Appia befand, begegnete mir die leere Equipage der Fürstin. Langsam kam sie von der Gräberstraße zurück, die Fürstin und ihren Beichtvater erwartend. Der Lakai ging neben dem Wagen her, erkannte mich und grüßte. ›Die Arme! Sie tut Pönitenz; die Madonna mag wissen, für welche Sünde.‹ Für eine Sünde, um die Don Benedetto weiß! Und wie jammervoll sie stöhnte. Tags zuvor hatte ich eine andre Osterbegegnung gehabt, an die ich jetzt immerfort denken muß. Es war in jener kleinen Kirche am Korso, ehe unter Orgelklängen, Trompetenschmettern und Jubelchor der Taubenschwarm aus dem Grabe des Herrn sich emporschwang. An einem Seitenaltar sah ich eine dunkelgekleidete Frauengestalt. Sie lag auf den Steinboden hingestreckt und hatte ihr Gesicht auf die Stufe des Altars gepreßt, darauf das Holzbild der Schmerzensreichen stand, von Kopf bis zu Füßen in schwarze Schleier gewickelt. Nur das ewige Lämplein brannte vor der Mutter des Herrn. Die dunkle Kapelle, die um den gekreuzigten Sohn trauernde Gottesmutter, die hingesunkene Beterin, das fahle Dämmerlicht zogen mich mächtig an, so daß ich dastand und das Bild vor mir im Geist auf die Leinwand brachte. Die Beterin lag ohne einen Laut zu tun, ohne eine Bewegung zu machen. Nur bisweilen zuckte ihr Leib zusammen, als würde er von ihrer heißen Andacht wie mit Rutenhieben gegeißelt. Dann flogen die Tauben auf, das Halleluja erbrauste, die Hingesunkene erhob sich. Ich sah ihr gerade ins Gesicht. »Fanni!« Sie erschrak, begann heftig zu zittern, warf mir einen flehenden Blick zu, schüttelte schweigend den Kopf, ging an mir vorüber nach dem Ausgang. Ich folgte ihr und holte sie auf der Straße ein. An ihrer Seite gehend, sagte ich leise: »Habe vor mir nur keine Furcht, Fanni. Ich will dich ja nicht anklagen und deine Richterin sein. Du brauchst dich auch nicht zu verteidigen, nur höre mich an.« Sie antwortete nicht, machte aber auch leinen Versuch, von mir fortzukommen. Ich sprach weiter. »Du hast meinen Brief nicht erwidert ... Sage nichts, du sollst dich nicht entschuldigen, nur mich anhören, um deiner Eltern willen, höre mich an!« Da stieß sie mit rauher Stimme hervor: »Ich kann ihnen nicht helfen, wie mir niemand helfen kann. Also geh, laß mich, verachte mich.« Ich begann wieder: »Du bist in Verzweiflung, und ich lasse dich nicht. Ich will versuchen, dich aus jenem Hause, von jenen Menschen zu befreien, denn dann wäre dir geholfen.« »Es ist zu spät. Laß mich.« »Wir sind alte Freundinnen, Fanni, Kinderfreundinnen. An unsre gute reine Kinderzeit denke. Erlaube einer Jugendfreundin, dir zu helfen.« »Zu spät!« »Ich gehe mit dir, jetzt gleich! Ich spreche mit deiner Herrschaft, ich fürchte mich gar nicht, auch nicht vor jenem Herrn, dem famosen Cavaliere. Ich packe deine Sachen, nehme dich mit mir fort, in meine Wohnung, liebe Fanni. Du bleibst bei mir, einige Tage, einige Wochen, solange du willst, bis du dich vollkommen erholt hast, dann erlaubst du mir, für dich ein Billett zu lösen, und bis Pfingsten bist du wieder zu Hause. Denke doch: zu Hause! Wieder in München, wieder bei deinen Eltern.« »Zu spät!« »Nein, Fanni, nein! Es ist nie zu spät, besser und stärker zu werden.« Da sagte sie mir's denn: »Ich liebe ihn zu sehr. Jawohl, ich liebe diesen Menschen, diesen Schuft, diesen Teufel. Er kann mit mir machen, was er will. In seinem eignen Hause, unter den Augen seiner Kinder. Ich bin so schlecht, so schändlich, so verworfen; aber – ich liebe ihn, ich liebe ihn! Und wenn er mich fortjagt, hinaus auf die Straße, so komme ich zu ihm zurück, wenn er mich wieder aufnimmt. Laß mich, verachte mich, vergiß mich! Du mußt einsehen, daß es zu spät ist.« Ach, ich mußte es einsehen. Sie warf mir einen Abschiedsblick zu, der in meiner Seele haften wird. Ich hatte bis dahin nicht gewußt, was Verzweiflung sei, jetzt wußte ich es. Aber dennoch und dennoch – selbst der armen Fanni letzter verzweifelter Blick hat auf mich nicht den Eindruck gemacht wie am Ostersonntag in den Calixtus-Katakomben jenes jammervolle Stöhnen der Büßerin. Ist ihre Schuld denn wirklich so groß? 22. Das Gartenfest In der Kolonie lebten die Künstler bereits seit Wochen im Freien, das heiterste Sommerdasein führend. Die milde Wärme des Frühlings war der Zauber, der die römische Existenz mit einem Schlage zu einer wahrhaft elysäischen machte. Laurustinus und Lorbeer waren verblüht, und verblüht waren Glyzinen und Bansiarosen; aber andre Rosen durchglühten die dunkeln Büsche, und andre Blumen wucherten überall in einer Fülle ohne Ende. Der prächtige Akanthus trieb seine unscheinbaren Dolden, der Hügel strahlte von goldigem Ginster und den gelben Blumen des wilden Fenchels, der mit seinem schimmernden Blattwerk ganze Abhänge versilberte. Abends saßen die Freunde vor dem Atelier der guten Signorina Rica. Unter ihnen lag das von Lichtern funkelnde Rom, wo es bereits anfing, heiß und schwül zu werden; von der Via Flaminia her drang gedämpft der Lärm der Vorstadt herauf, bisweilen der Klang einer Gitarre und ein volkstümlicher melancholischer Gesang. Man blieb bis spät in die Nacht hinein beisammen, aß Erdbeeren vom Nemisee und saftige japanische Mispeln, welche Leckerbissen der eine oder der andre mitgebracht hatte, und verlebte behagliche Stunden. Ungefähr eine Woche nach Ostern erhielt Prisca eine große gedruckte Karte, auf welcher Le Prince Alexandre Romanowski und La Princesse Maria Romanowska sich die Ehre gaben, Mademoiselle Auzinger zu ihrem Gartenfest einzuladen. Dasselbe sollte am ersten Mai stattfinden, und die Gäste wurden ersucht, in antikem Kostüm zu erscheinen. Prisca las die Einladung, wunderte sich sehr und freute sich ebensosehr. Es war liebenswürdig von den Herrschaften, an sie gedacht zu haben, wo sie obendrein wahrhaftig nicht geschaffen war, das Fest, welches die sämtlichen aristokratischen Schönheiten Roms und der Fremdenkolonie vereinigte, durch ihre Person zu schmücken, selbst wenn sie sich auch in ein Kostüm steckte, oder besser gesagt, sich darin versteckte. Natürlich würde sie dankend ablehnen, aber ihre Freude hatte sie doch gehabt. Spät abends trug sie diese Freude frisch aus dem Herzen hinüber zu Fräulein Friedrike, wo nur Peter Paul anwesend war, der in nächster Zeit nach Berlin reisen sollte. Als die beiden alten Römer von der Einladung hörten, gerieten sie sogleich in Ekstase. Fräulein Friedrike rief: »Ablehnen wollen Sie? Aber Kind, das wäre ja geradezu eine Versündigung, gar nicht davon zu reden, daß es undankbar aussehen müßte. Eine solche Einladung ablehnen? Daraus wird nichts, das erlauben wir nicht. Gleich morgen werden Sie der Fürstin schreiben, daß Sie dankend annehmen. Selbstredend! Vielleicht können Sie es ihr morgen persönlich sagen. Jetzt wollen wir aber gleich beraten, in welchem Kostüm Sie gehen werden. Es muß natürlich ungeheuer echt sein. Dafür lassen Sie nur uns sorgen.« Prisca versuchte lachend gegen die Liebestyrannei der Freunde sich aufzulehnen, wurde jedoch scharf abgewiesen. »Sie wollen mich doch nicht ernstlich böse machen und Peter Paul betrüben, der schon so bald nach Berlin reist, wo er ganz bestimmt frieren wird. Ich weiß recht gut, und Peter Paul weiß es auch, warum Sie so eigensinnig sind. Es ist pure Eitelkeit! Denn kommen Sie uns gefälligst nicht damit, daß es sich nicht schicken würde, allein auf das Fest zu gehen. Erstens sind Sie nicht nur eine selbständige junge Dame, sondern auch eine Künstlerin, und zweitens besuchen Sie ein römisches Fest, was etwas ganz andres ist als eine Münchner oder gar Berliner Festivität. Dort drüben kann sich allerdings ein junges Mädchen nicht allem über die Straße wagen, ohne eine Brutalität zu riskieren.« Prisca rief ganz entsetzt: »Ich wäre eitel? Ich!« »Jawohl, Sie, mein Fräulein. Wir beide wissen nämlich ganz genau, was Sie von sich halten.« »Also wissen Sie auch, daß ich mich häßlich finde?« »Aus purer Eitelkeit.« »Das nennen Sie eitel?« »Sie tun sich nämlich schrecklich viel darauf zugute, sich einzubilden: ich kenne mich! Ich weiß genau, daß ich häßlich bin und sage es mir ins Gesicht hinein, was von mir doch eine große Heldentat ist... Sie sind aber ganz und gar nicht häßlich. Fragen Sie nur Peter Paul.« Peter Paul sagte Prisca natürlich genau dasselbe, und Fräulein Friedrike fuhr erbarmungslos fort: »Sie mit Ihrer prachtvollen Gestalt... Bitte, seien Sie ganz still! Ihre Gestalt ist prachtvoll, wenn auch noch etwas zu mager, doch das gibt sich. Und Sie mit Ihrem herrlichen Haar! Und vor allem mit Ihren echt römischen Augen! Und dann wollen Sie mit Gewalt häßlich aussehen? Seien Sie so stolz, wie Sie wollen, aber das Frühlingsfest in der Villa Romanowski werden Sie jedenfalls besuchen, und Sie werden in Ihrem Kostüm einfach pompös aussehen.« Prisca war übers ganze Gesicht rot geworden, lachte herzlich und ergab sich schließlich in den Willen ihrer freundschaftlichen Despoten. Jetzt wurde das Kostüm beraten, das Peter Paul sogleich entwerfen wollte. Es mußte sehr, aber sehr echt sein und durfte nur wenig, sehr wenig kosten. Darüber waren alle drei einig. Später erschien Steffens. Da Prisca nun einmal schwach gewesen war und nachgegeben hatte, besaß sie jetzt wenigstens den Mut, dem Freunde die Sache mitzuteilen. Zu aller Erstaunen blieb er sehr gelassen und war ganz der Meinung der beiden Alten: Prisca müsse jedenfalls hingehen. Der schwierigen Kostümfrage nahm er sich voll Eifer an, und im gemeinsamen Rate wurde beschlossen, einen schön fallenden, weichen Stoff von indigoblauer Farbe zu wählen. Das Zeug sollte in reichem Faltenwurf an Prisca selbst drapiert und mehrfach mit einer starken Schnur von tiefem Violett gegürtet werden. In dem aufgelösten Haar einen dichten, völlig blattlosen Kranz von großen blaßlila Malven, sonst keinen Schmuck, nicht das kleinste Stück falschen Geschmeides. Steffens selbst wollte den Stoff aussuchen, die Farbentöne abstimmen und beim Drapieren helfen. Er schien sich darauf zu freuen, so daß die vier in bester Stimmung sich trennten. Beim Abschied konnte Fräulein Friedrike nicht unterlassen, Prisca zu umarmen und ihr zuzuflüstern: »Sie werden wunderschön aussehen!« Der nächste Tag sollte Priscas letzter Arbeitstag in der Villa Romanowski sein. Sie hatte immer von neuem eine Unfertigkeit, einen Mangel entdeckt, und sie wollte doch ihr Allerbestes leisten. Aber sie übertrieb ihre Ehrlichkeit und Ängstlichkeit mehr zum Schaden als zum Nutzen des Bildes. Zu ihrer Überraschung fiel ihr der Gedanke ganz schwer, nicht mehr durch die hohe Pforte, die ihr jetzt sogar mit einer – allerdings etwas herablassenden Verneigung aufgetan ward, in das stille Paradies des Gartens einzugehen, nicht mehr in den edeln Räumen in Gegenwart so vieler Unsterblichen zu verweilen und nicht mehr jenem geheimnisvollen Zauber verfallen zu sollen, der für sie begann, sobald sie hinter sich das Rauschen des schleppenden Seidenkleides vernahm. Diesen ganzen letzten Vormittag stand sie ziemlich untätig hinter ihrer Staffelei, horchte und wartete. Die Stunden verrannen indessen, ohne daß die Fürstin erschienen wäre. Als es Zeit wurde, die Galerie zu verlassen, packte Prisca ihre Malsachen zusammen, warf noch einen letzten Blick auf das, ach, so unerreichbare Original ihrer Kopie und ging dann, um den ihr bekannten Lakaien aufzusuchen, der ihr einen Wagen besorgen sollte, denn sie wollte das Gemälde mit sich nehmen und es sofort abliefern. Von der Fürstin dachte sie sich schriftlich zu verabschieden, zugleich ihren Dank für die gewählte Gastfreundschaft in der Galerie und für die Einladung zum Gartenfest auszusprechen. Aber der Lakai sagte ihr, die Frau Fürstin habe befohlen, die Dame, sobald diese mit dem Bild fertig sei, bei ihr zu melden. Seit jenem Ostermorgen hatte sie die schöne und, wie ihr jetzt scheinen mußte, schuldbeladene und unglückliche Frau nicht mehr zu Gesicht bekommen. Im Geist immer noch jenes jammervolle Stöhnen hörend, war sie fast voller Furcht, ihr gegenüberzutreten, so sehnlich sie auch den ganzen Vormittag darauf gewartet hatte. Daß der Zufall sie in ein Geheimnis eingeweiht, von dem vielleicht nicht einmal der Fürst wußte, erweckte in ihr eine eigentümliche Empfindung. Der Lakai kam zurück mit der Meldung, daß die Fürstin Prisca empfangen wolle. Sie war nicht ganz wohl und befand sich in ihrem Schlafzimmer. Sie lag im Morgenanzug auf einem Diwan, sah in der Tat leidend aus, hatte schwarz umrandete Augen, was ihrem Blick etwas Müdes und Apathisches gab, und einen starren Zug um den Mund, der Prisca fremd war. Bei ihrem Eintritt blieb sie liegen, mit einer matten Handbewegung auf einen Sessel deutend, der in ihrer Nähe stand. »Sie sind mit Ihrer Arbeit fertig?« »Ich liefere sie heute noch ab und danke Durchlaucht vielmals.« »Sie haben mir nichts zu danken.« »Durchlaucht waren sehr gütig gegen mich.« »Oh, nicht doch. Ich konnte nichts für Sie tun. Mein Anerbieten, während Ihrer Arbeit in der Villa zu wohnen, schlugen Sie aus. Prisca lächelte. »Ich darf mich nicht verwöhnen, und nichts verwöhnt mehr als Schönheit. Ich würde hier in Schönheit geschwelgt haben und hätte hernach vielleicht doch etwas zu starke Sehnsucht empfunden.« »Aber es geht Ihnen doch gut?« »Es geht mir herrlich.« »Werden Sie noch lange in Rom bleiben?« »Hoffentlich noch sehr lange, am liebsten mein Leben lang.« »Ihr ganzes Leben...« Die Fürstin sah so ermüdet und angegriffen aus, daß Prisca sich erhob, um sich zu verabschieden. »Bleiben Sie nur. Sie stören mich gar nicht. Sie haben solche angenehme Stimme.« Prisca errötete vor Freude und setzte sich wieder. Die Fürstin schloß die Augen und fragte: »Also an Ihre Mutter haben Sie gar keine Erinnerung?« »Gar keine. Sie starb bald nach meiner Geburt.« »Bald nach Ihrer Geburt... Und der frühe Tod Ihrer Mutter brach Ihrem Vater das Herz?« »Er blieb leben, aber... Ja, Durchlaucht, ihr Tod brach sein Herz.« »Sagten Sie mir nicht, daß er Sie lehrte, Ihre Mutter hoch zu verehren?« »Wie eine Heilige.« Wieder derselbe jammervolle Seufzer, den Prisca aus diesem schönen und stolzen Mund schon einmal vernommen hatte. Jetzt klang er freilich wie erstickt. Aber Prisca hatte ihn doch gehört und mußte sich Gewalt antun, es sich nicht merken zu lassen. Der Fürstin Teilnahme an ihrem Schicksal war plötzlich erloschen. Sie fragte nichts mehr, und als Prisca bald darauf aufstand, wurde sie nicht länger zurückgehalten. Die Fürstin sah so elend aus, daß Prisca über die freundliche Einladung zum Gartenfest nur einige Worte äußerte, die gar nicht gehört zu werden schienen. Auch reichte ihr die Dame beim Abschied nicht die Hand. Das war nicht besonders gütig; aber vor dem Tore der Villa hielt statt des Vetturins eine fürstliche Equipage, darin alle ihre Sachen bereits untergebracht waren. Neben dem Bild lag ein großer Strauß herrlicher weißer Rosen. Ihre Durchlaucht hatten den Wagen und den Rosenstrauß für die Dame befohlen. Beim Wegfahren wurde Prisca von dem Riesen in Weiß und Silbergrau tief gegrüßt. Der Kunsthändler hatte das Bild in Empfang genommen, es flüchtig betrachtet, einige höfliche Worte darüber gesagt und es sogleich fortstellen lassen, während er ihr den Rest des hohen, viel zu hohen Honorars überreichte. Zaudernd nahm Prisca das Geld, aber – sie nahm es. Welches Glück, daß sie so ehrlich und fleißig gearbeitet hatte! Die große Persönlichkeit teilte ihr dann noch mit, daß das Bild umgehend an den Besteller abgehen würde. Der generöse Unbekannte befand sich noch immer im Ausland und wünschte durchaus nicht genannt zu werden, was Prisca unangenehm war. Sie hatte gehofft, zu erfahren, für wen sie gearbeitet; wer sie dafür so übermäßig honorierte. Das Kostümfest in der Villa Romanowski beherrschte inzwischen das Interesse der römischen und internationalen Gesellschaft und wurde lebhafter debattiert als die Rennen bei den Campanelle, die Kriegslage in Afrika und der bedenkliche Gesundheitszustand des Papstes. Die lange Liste der Eingeladenen mußte täglich verlängert werden. Aus Paris, Wien und London, aus Kairo und von der Riviera wurden Gäste erwartet, es hieß sogar, daß Damen der weißen Partei sich im geheimen eifrig um Zutritt bemühten; sie würden, um unerkannt zu bleiben, natürlich tiefverschleiert erscheinen. Alle römischen Künstler waren beschäftigt, entwarfen Kostüme, zeichneten Schmuckgegenstände, setzten sich mit Stofflieferanten und Juwelieren in Verbindung, als ob sie Kaufhäuser gründen wollten. Vor dem Palast Borghese warteten stundenlang die Equipagen der vornehmsten Damen und glühten Schönheiten, um mit dem allgemeinen Liebling der großen Welt, dem Commendatore Mario di Mariano, wegen ihres Kostüms Beratungen zu halten. Hocharistokratische Römerinnen, die außer ihrem Gebetbuch und einem französischen Roman in ihrem ganzen Leben noch kein Buch zur Hand genommen hatten, studierten Kostümwerke, und die nämlichen Damen, von denen bekannt war, daß sie weder eine der römischen Galerien noch die Statuensammlung im Vatikan und auf dem Kapitol je besucht hatten, erschienen plötzlich in den Museen, um den Antiken ihren Faltenwurf abzusehen. Gewisse Statuen, wie die Agrippina, die schlafende Ariadne und die Pudicitia wurden von der eleganten Damenwelt förmlich umlagert. Wäre die einfache Draperie richtig nachzumachen nur nicht so verzweifelt schwer gewesen! Als was diese oder jene berühmte Schönheit wohl erscheinen würde, bildete einen unendlichen Gesprächsstoff. Besonders erregt ward die Debatte, wenn das Kostüm der Fürstin Romanowska in Frage kam, das tiefes Geheimnis war. Einige wollten wissen, sie werde ihre Gäste als Kleopatra empfangen, andre hatten gehört, Siemiradzki kleide sie an, wieder andre, sie werde in Gold und Juwelen förmlich eingehüllt sein, sonst nur mit florartigem Stoff angetan, und die Boshaften fügten hinzu: endlich werden wir die Tochter der Semiramis zu sehen bekommen. Auch Karl Steffens, wie alle übrigen einheimischen und fremden Künstler, erhielt eine Einladung. Natürlich konnte er nicht annehmen. Aber Priscas junger Siegfried ging. Das hatte er ihr zwar nicht gesagt, denn die beiden machten stets die mühsamsten Umwege, um einander nicht begegnen und anreden zu müssen. Der Knabe Checco hatte es Prisca verraten und zugleich die Meinung abgegeben, daß der bel biondo auf dem Fest der Schönste sein würde. Dabei so wundervoll groß! Geradeso groß wie die Signorina, über deren vermutliches Aussehen im Kostüm er im übrigen entschieden geringere Erwartungen hegte als die alte Idealistin, Signorina Rica. Richtig! Signorina Rica... Sie besuchte ebenfalls das Fest! Als römische Matrone, von Kopf bis zu Füßen in graue Gewebe gehüllt. Das erste Ballkleid aus rosigem Tarlatan hatte seinerzeit die junge hübsche Geheimratstochter nicht so beglückt wie jetzt das graue wollene Gewand, das sie in helles Entzücken versetzte. Ihre sonnige Vorfreude wurde nur dadurch getrübt, daß Peter Paul nicht als altrömischer Senator erscheinen konnte, denn er mußte schon vorher die Berliner Reise antreten. Übrigens hätte Peter Paul seine wallenden Künstlerlocken zum Opfer bringen müssen. Denn die alten Römer trugen das Haupthaar kurz geschoren, und Peter Paul wäre unter allen Umständen nie anders als »echt« erschienen, selbst um den Preis dieses Abzeichens seines stolzen Berufes. Die Freunde überlegten, ob er die Reise nicht aufschieben könnte. Aber mit geschorenem Haar nach Berlin zu kommen und einer gestrengen Jury, einem kunstverständigen Publikum und der Nationalgalerie in solch verstümmelter Gestalt als der Maler des großen Bildes sich vorzustellen – nein, es ging wirklich nicht. Berlin rettete also Peter Pauls ehrwürdige Locken. Steffens hielt Wort und sorgte für Priscas Kostüm, dessen drei Farben: Tiefblau, ein ganz dunkles und ein ganz lichtes Violett, prächtig zusammenstimmten. Nun Fräulein Friedrike sie begleitete, freute sich auch Prisca, ihren glücklichen Stern preisend, der sie das überhaupt erste Fest ihres Lebens in Rom feiern ließ und in einer so außergewöhnlich künstlerischen Weise. Ehe der glänzende Tag erschien, kam eine gar trübe Stunde: Peter Pauls Abreise! Fräulein Friedrike packte für ihn ein und vergaß nichts, was den Reisenden im kalten Norden vor dem Erfrieren schützen konnte, das wärmste Unterzeug, die wärmsten Socken, eine Magenbinde aus Flanell, eine Flasche Kognak und als Krönung all dieser Mittel gegen Tod durch Erkältung der eigenhändig gestrickte, lange und breite Schal aus stärkster Wolle! Diesen grauen Gegenstand bereits in Bozen anzulegen, mußte der Ärmste feierlich geloben. Für die Eiseskälte auf dem Brennerpaß erhielt er noch eine extra Reisedecke aufgeladen. Wenn Peter Paul damals gedacht hätte, als er vor vierzig Jahren mit der Post über den Brenner fuhr und in dem berühmten Wirtshaus zum Elefanten in Brixen übernachtete, wenn er damals gedacht hätte, daß er dereinst mit dieser ekligen Eisenbahn zurückfahren würde! Es war nur wenigstens gut, daß er schnell hinüberkam und ebenso schnell wieder hier sein konnte! Den letzten Abend verbrachten die vier Freunde vor Priscas Atelier. Prisca hatte für ein kleines Festmahl gesorgt und – nach Checcos Rezept, Risotto all sugo zubereitet, dem aus der Trattorie ein am Spieß gebratenes fettes Zicklein folgte. Checco hatte dringend zu Hühnern geraten, sein Vorschlag war jedoch abgelehnt worden, und schließlich hatte er das Zicklein unter der Bedingung akzeptiert, daß es sehr fett und sehr groß sein müßte, womöglich kein Zicklein, sondern eine Ziege. Er hatte den Braten persönlich besorgt, genau besichtigt und so lange mit der Wirtin sich herumgezankt, bis das Zicklein ganz nach seinem Wunsch ausfiel. Auch hoffte er stark auf die Abschiedsstimmung, die den Appetit gewiß beeinträchtigen würde. Der Knabe Checco kannte seine »Tedeschi«. »Den Wein werden sie aber bis auf den letzten Tropfen austrinken,« schloß er, etwas weniger freudig, seine Betrachtung, des Dursts gedenkend, den auch Karl Steffens mit seinen Landsleuten teilte. Priscas Risotto war sublim, das Zicklein köstlich gebraten, und Checcos Hoffnung wurde zum Glück für seinen Glauben an die Güte der Menschheit nicht getäuscht: der Appetit der vier war miserabel! Leider entwickelte Signor Carlo einen selbst für ihn ausgezeichneten Durst, der den Weinvorrat vertilgte. Es war noch dazu Chianti gewesen! Zur Bahn begleitete den Abreisenden Fräulein Friedrike allein. Prisca hatte den ganzen Tag nur den einen Gedanken: wie wird er zurückkehren? Daran dachte auch Fräulein Friedrike, und sie tröstete sich in ihrer betrübten Stimmung immer von neuem mit der leuchtenden Vorstellung dieser Rückkehr als preisgekrönter Triumphator. Als sie vom Bahnhof kam, begab sie sich direkt zu Prisca, um ihr zu erzählen, wie sie sich unterwegs den Empfang bei der Rückkehr Peter Pauls ausgedacht hätte. Es mußte sehr feierlich werden. Für die Gäste des Gartenfestes war die Erwägung beruhigend, daß man zu dieser Jahreszeit sich in Rom nicht zu sorgen brauchte: wird das Wetter auch schön sein? Im Mai war es eben schön! Selbst das ängstlichste Gemüt brauchte keinen Regenhimmel, kein aufziehendes Gewitter, keinen Hagelschlag zu fürchten. Niemand kümmerte sich um den Barometer, was dem Leben ein wundervolles Gefühl von Ruhe und Sicherheit gab. Mochte es in der Welt zugehen, wie es wollte – in Rom blieb das Wetter schön! Und schön, sommerlich leuchtend und sommerlich warm war es auch an diesem ersten Mai. Um sechs Uhr sollte das Fest beginnen, um bis tief in die Nacht hinein zu dauern. Fackeln und Pechfeuer würden Garten und Park erleuchten, überdies war gerade Vollmond. Auf einer Wiese fanden hellenische Spiele statt, auf der Terrasse und den Rasenplätzen vor dem Hause waren Speisebetten aufgestellt. Wer also ganz »altrömisch« sein wollte, der konnte nach der Antike soupieren. Für die weniger hellenisch Gesinnten gab es ein Büfett in der Villa. So lautete in großen Umrissen das Programm. Schon mittags begann auf dem Hügel vor der Porta del Popolo das Kostümieren, denn Fräulein Friedrike wollte sowohl an Priscas jungem Leibe wie an ihrem eignen Gewande jede Falte antik haben, und: »Ums Himmels willen kein Unterkleid! Nicht einen einzigen Rock! Nur Trikots. Die Alten trugen nicht einmal das. Aber – Trikots müssen wir nehmen.« Nachdem dies geschehen und die Sandalen angelegt worden, wurde Prisca in den indigoblauen Stoff gehüllt. Jetzt war der Anstand gewahrt, und jetzt wurde Steffens gerufen, unter dessen artistischer Leitung Fräulein Friedrike eine Stunde und länger an Priscas schlanker, hoher Gestalt drapierte, steckte und nähte, mühsam Vollbrachtes wieder aufriß, um von neuem zu drapieren, zu nähen, zu stecken, bis der Meister und sie selbst ihr Werk loben konnten. Nach diesem schwierigen kam der erfreuliche Teil der Arbeit; Priscas prächtiges Haar wurde aufgelöst, wie ein goldiger Mantel um sie gebreitet und der blaß violette Malvenkranz aufgesetzt. Fräulein Friedrike schrie laut auf, so wunderschön fand sie die »garstige« Prisca. Steffens sagte kein Wort, aber er betrachtete die feierlich Geschmückte mit einem langen, staunenden Blick, als wäre sie ihm eine Fremde geworden. Als Prisca sich endlich im Spiegel ansah, wurde sie ganz bleich, so betroffen machte sie ihr eigner Anblick. Gleich darauf faßte sie sich, schob alles auf das prachtvolle Indigoblau und den poetischen Malvenkranz. Aber – hätte ihr Vater sie heute sehen können! Natürlich hatten sich sämtliche Modelle der Kolonie versammelt, um die Kostümierten zu sehen. Der Knabe Checco war stolz auf seine Signorina, die auch den Beifall der andern fand. Auch Fräulein Friedrike als würdige Matrone wurde mit jubelnden Evvivas begrüßt, welche Huldigung sie sich mit wahrhaft antiker Ruhe gefallen lieh. Sie hätte die Mutter der Gracchen vorstellen können, wenn auch, wie sie Prisca später eingestand, ihre großartige Haltung etwas gezwungen war und sie sich ohne Untergewänder trotz des dicken Wollstoffes, der sie vom Scheitel bis zur Sohle umwallte, fast zu Tode schämte. Aber: »Ich konnte doch unmöglich anders gehen als in Trikots! Es wäre doch sonst gar zu unecht gewesen! Welch Glück, daß ich den allerdicksten Stoff genommen hatte und mein Kostüm ein Mantelgewand war. Meinen Schleier hätte ich am liebsten vors Gesicht gezogen, so schämte ich mich. Auch daß Peter Paul mich nicht sah, war mir lieb, es wäre mir gar zu genierlich gewesen.« Etwas schwer fiel es ihr, den Pompadour zu Hause zu lassen. Priscas jungen Siegfried bekam kein Auge zu sehen. Aber Checco erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm: nichts als Fell und so was! Auch auf dem Wege zur Villa erregte Prisca Aufsehen. Viele Leute blieben stehen, einige Herren liefen ihr mit echt römischer Gentilezza Komplimente in den Wagen, und ihr Haar erregte sogar das laute Entzücken der Frauen. Prisca empfand, was je zu fühlen sie nicht für möglich gehalten hatte, aber banale Eitelkeit war es nicht. Es war ein heißes, unnennbares Gefühl von stiller Ergriffenheit, eine fast feierliche Lebensfreude: sie war wirklich nicht häßlich! Ihr erster Gedanke bei dieser ihr so ganz fremden Empfindung hatte ihrem Vater gegolten – sonderbar, daß sie gleich darauf eines andern Mannes gedenken mußte, der aussah, wie sie sich ihren Vater vorstellte, als er jung und mit ihrer schönen Mutter strahlend glücklich gewesen. Denn – so recht wie ein Siegfried, wie ein Sieger des Lebens mußte Joseph Auzinger einmal ausgesehen haben. Schöne Knaben empfingen die Gäste am Eingang, der in einen Triumphbogen umgewandelt war. Eine Architektur aus lauter Rosen wuchs aus dem Boden. Die Knaben trugen vergoldete Körbe mit Kränzen und bunten oder goldenen Bändern. Jeder Gast, der unbekränzt kam, erhielt ein Gewinde oder ein Stirnband. Eine Schar von Haussklaven und Freigelassenen jeden Alters und aller Nationen erwartete die Geladenen, die auf einer festlichen Bahn in die Gärten gefühlt wurden. Der Weg war mit Goldsand und Rosen bestreut, und zu beiden Seiten erhoben sich hohe vergoldete Stäbe, durch Rosenketten miteinander verbunden. Viele der vornehmen Römerinnen kamen in Sänften, von einem Schwarm von Sklavinnen, Freigelassenen und Klienten begleitet. Einige Ritter und Vertreter der altrömischen Jugend erschienen sogar in der Biga, dem altrömischen Zweigespann. Jede besonders prachtvolle Erscheinung, jede Schönheit wurde von dem Publikum, das die Straße vor der Villa anfüllte, mit brausendem Jubel begrüßt, und der prachtvollen Erscheinungen, der strahlenden Schönheiten waren eine solche Menge, daß der Jubel nie aufhörte. Auf dem Festplatz, einer Wiese, die ein bunter Rand von feuerfarbenen Lilien einfaßte, wurden die Gäste von dem Dominus und der Domina bewillkommt. Diese letztere trug ein schleppendes Mantelkleid aus dunkler, fast schwärzlicher Purpurwolle und um die Stirn einen Kranz weißer Tazetten. Unter- und Obergewand waren mit großen Rubinen umsäumt. Zunächst waren alle von der Erscheinung der Wirtin enttäuscht, dann ebenso entzückt; nie war die schöne Frau so schön gewesen! Aber man hatte etwas unerhört Glanzvolles erwartet und sah sich plötzlich dieser fast düsteren Majestät gegenüber. Als Prisca die Fürstin von fern begrüßte, traf sie ein fragender Blick, der ihr sagte, daß sie nicht erkannt worden war. Plötzlich ging der zerstreute und gleichgültige Ausdruck in Überraschung und Staunen über, aber ebenso plötzlich wendete sie sich ab, um einer englischen Königstochter entgegenzugehen. Während des ganzen Verlaufs des Festes fand Prisca dann keine Gelegenheit mehr, sich der Purpurgekleideten zu nähern. Was doch Farbe und Faltenwurf ausmachten! Alle diese edeln Menschengestalten gekleidet, wie auf dem nämlichen Boden ihre Vorfahren einstmals gekleidet waren! Und das antike Rom wie in Abgründe versunken, wie unter Aschenregen begraben! Und die Farben, die lebensfreudigen leuchtenden Farben! Rot, Gelb, Blau, Violett in allen Tönen unter diesem Himmel, in dieser Luft, auf diesen Blumenwiesen, diesen Blütendickichten, in diesen Laubgängen... Prisca ging umher wie im Traum, wie in stiller Verzückung. Daß die Menschen so schön sein konnten, daß die Welt so schön war! Sie wurde oft angesprochen, man sagte ihr freundliche und anmutige Dinge; sie antwortete nur mit einem strahlenden Blick, einem glanzvollen Lächeln. Sie mußte an alle die Gebilde denken, von denen ihr armer Vater ihr so oft vorphantasiert hatte, die er in seiner Seele getragen, aber niemals auf der Leinwand hatte verkörpern können. Hier waren jene Visionen eines Künstlergeistes leuchtende Wirklichkeit geworden. Das gute Fräulein Friedrike hielt sich dicht an Priscas Seite und würde sich im siebenten Himmel befunden haben, wenn auch Peter Paul die Herrlichkeit hätte sehen können. Aber auch so war sie noch selig genug und hörte nicht auf zu staunen und vor Entzücken laut zu stöhnen, wenn die Worte nicht mehr ausreichten. Prisca erwiderte auf alles: »Ich höre Ihnen gar nicht zu, aber sprechen Sie nur, sprechen Sie nur! Es ist zu schön, ich bin zu glücklich!« Sie begegneten dem jungen Siegfried. Er war als Germane gekommen, hatte den Pelz eines mächtigen Bären umgeworfen, die Stirn festlich mit Eichenlaub bekränzt. Er überragte alle um Haupteslänge, und die zierlichen Römer wichen ihm schier erschrocken aus. Dafür schauten alle Frauen auf ihn. Aber er ging dahin, als schritte er durch einen deutschen Urwald, ebenso unbekümmert um die einen, welche ihn mit Mißtrauen, als um die andern, die ihn mit unverhohlener Bewunderung ansahen. Als er die beiden bekannten Frauen erblickte, schien er unentschlossen, ob er sich ihnen anschließen und sie als ihr Ritter begleiten solle oder nicht. Er sah Prisca an, die ihn mit ihrem glücklichen Lächeln, ihren strahlenden Augen stumm grüßte. Ohne den Gruß zu erwidern, ging er vorüber. Fräulein Friedrike war empört: »Da sehen Sie es wieder! Auf der ganzen weiten Welt kann nur ein Deutscher sich so barbarisch benehmen. Wie wundervoll höflich sind dagegen diese Römer! Und sie kennen uns nicht einmal. Ich versichere Sie, manchmal schäme ich mich, von dort drüben zu sein. Wir sind doch zu grobe Leute!« Prisca antwortete nicht. Ihr Lächeln war seit der Begegnung womöglich noch glücklicher, ihr Blick noch glänzender geworden. Jetzt wußte sie's: er war eifersüchtig, er hatte sie gern, er! Wenn Prisca, dank Karl Steffens, jetzt auch beinahe schon wie ein Mann malte, so war sie doch im Herzen ganz ein Frauenzimmer geblieben – dem Himmel sei Dank! Wie es erst sein mußte, alle diese Herrlichkeiten zu erleben und dabei zu wissen, daß man heimlich gerngehabt, heimlich geliebt wird, vielleicht leidenschaftlich geliebt – Prisca wagte nicht, diesen Gedanken auszudenken. Dann ging die Sonne unter, und nun erst war es recht eigentlich eine Herrlichkeit ohnegleichen. Gelbe und purpurne Himmelsgluten die Rasenplätze überschwemmend, Blumen und Dickichte durchfunkelnd, in die düstern Steineichenwölbungen eindringend und darin wie ein blutiges Flammenspiel gaukelnd! Und all der Glanz ausgegossen über das bunte Gewühl der schönen Kinder der Welt und der festlichen Lebensfreude. Den bekränzten Germanen erblickten die beiden Frauen nicht wieder. Aber als die Gluten des Sonnenuntergangs verblaßten, als in dem schnell hereinbrechenden Zwielicht auch die Menschen im Garten großen, märchenhaften Blumen glichen, da sah Prisca einen andern Bekannten, Don Benedetto. Als wäre er heimlich herbeigeschlichen, stand er plötzlich in dem mächtigen Schatten eines Lorbeerganges und spähte hinüber nach diesem Bacchanal des Lebens, schaute regungslos auf eine hohe Frauengestalt, die sich mit der Miene eines Marmorbildes huldigen ließ. Der junge Priester war so versunken in Anschauen, daß er Prisca, die dicht an ihm vorbeiging, gar nicht bemerkte. Sie sah in sein Gesicht und mußte gewaltsam einen Aufschrei ersticken. Nie, niemals hatte sie einen solchen Ausdruck von Leiden und Qual, von Verlangen und Sehnsucht gesehen. Es war wie das Antlitz eines in ewiger Nacht Lebenden, der den Tag sucht, eines Sterbenden, vor dem das wonnigste Dasein ausgebreitet liegt, und der seine ewige Seligkeit hingeben würde für eine Stunde des Glücks. Auch das wußte sie plötzlich: dieser junge, dem Tode verfallene Mann liebte die Fürstin, die schöne Frau seines Bruders! Und er liebte sie mehr als seinen Gott und Heiland, dem er doch sein ganzes Leben zum Opfer gebracht hatte. Aber dieses Opfer war nutzlos geworden, denn Gott würde es von seinem schuldig gewordenen Verkündiger nicht annehmen. 23. Karl Steffens stellt aus Es war stärker als er und – auch Karl Steffens besuchte das Gartenfest der Romanowski. Um nicht erkannt zu werden, kam er erst nach Anbruch der Dunkelheit. Überdies hatte er sich einen Bart angeklebt, und der tief herabfallende Helmschirm eines attischen Kriegers verdeckte einen Teil seines Gesichtes. Die Pechpfannen wurden entzündet, und die als Haussklaven kostümierten Diener brachten brennende Fackeln, die sie an hohen blumenumwundenen Haltern befestigten. Dann fanden auf der Wiese »hellenische Spiele« statt, bei denen die Blüte der vornehmen römischen Jugend den Speer und den Diskus warf. Ein Tanz von Bacchanten bildete den Schluß des laut bejubelten Schauspiels, welchem beim Glanz des über den Albanerbergen aufgehenden Vollmonds das Symposion folgte. Es war nach dem Mahl, daß Steffens die Fürstin sah, seit jener andern Vollmondnacht unter den Zypressen der Villa Falconieri zum erstenmal ganz ohne Zeugen. Er befand sich allein an einer einsamen Stelle und plötzlich sah er sie langsam daherkommen, gerade auf ihn zu. Und nirgends ein Mensch, nur er und sie! Da packte es ihn wie ein Dämon. Er riß sich den Bart von den Wangen, den Helm vom Kopf und trat ihr in den Weg. Sie erkannte ihn sogleich und wich ihm nicht aus. Sie blieb sogar stehen und redete ihn an. »Wir sahen uns lange nicht. Wie geht's Ihnen?« Sie sprach, wie eine große Dame mit jemand spricht, den sie anreden und gegen den sie höflich sein muß. Daß sie ihn jeden Nachmittag bei der Korsofahrt gesehen, ignorierte sie in souveräner Weise. Und daß diese Frau, die ganz Würde und Hoheit war, jemals nicht Weltdame und Fürstin gewesen, schien Steffens in diesem Augenblick ein bloßes Hirngespinst zu sein, eine seiner vielen unsinnigen Phantasien. Aber wunderbar, wie gelassen er blieb, mit welcher Ruhe er der schönen Frau erwidern konnte: »Wir sahen uns lange nicht.« »Und wie geht es Ihnen?« wiederholte sie ihre Frage. »Gut. Ich danke Ihnen.« »Arbeiten Sie?« »Ich begann eine Arbeit.« »Warum hört man niemals von Ihnen? Sie müssen doch längst ein berühmter Mann sein?« »Das bin ich eben nicht.« »Ich hielt Sie für genial.« »Oh, Durchlaucht hielten mich für genial?« »Und kein Mensch weiß etwas von Ihnen?« »Ich bedaure, Durchlaucht so schwer enttäuscht zu haben.« »Das haben Sie in der Tat. Stellen Sie doch endlich einmal aus.« »Vielleicht tue ich das, wenn die Arbeit, die ich eben begonnen habe, fertig ist.« »Wollen Sie so lange warten? Stellen Sie früher aus. Jetzt gleich.« »Jetzt gleich?« »Jetzt sind noch die Fremden in Rom.« »Ich habe nichts, was ich ausstellen könnte.« Einen Augenblick schwieg die Fürstin, zauderte sie; nur einen Augenblick. »Stellen Sie doch Ihre Gruppe aus, die ›Tochter der Semiramis‹.« »Durchlaucht raten mir, sie auszustellen?« »Gewiß.« »Durchlaucht würden mir die Ausstellung der Gruppe nicht verbieten?« »Ich habe nicht das Recht, Ihnen etwas zu verbieten. Die Gruppe ist Ihr Werk.« »Vielleicht verbiete ich die Ausstellung mir selbst.« »So scheint es. Sonst würden Sie längst ausgestellt haben, würden längst ein berühmter Mann sein. Bitte, verbieten Sie sich so etwas nicht mehr.« »Darum bitten mich Durchlaucht?« »Wie Sie hörten.« »In Rom soll ich ausstellen?« »Gerade in Rom. Ich wünsche es sehr.« »Das sagen Sie, wo Sie doch wissen ...« Mit einer leisen Gebärde der Ungeduld unterbrach sie ihn: »Ich wiederhole Ihnen: ich wünsche, daß Sie meinetwegen keine Rücksicht nehmen. Ich wünsche, daß Sie die Gruppe ausstellen, und das gleich.« »Fürstin!« »Leben Sie wohl.« Sie grüßte vornehm und setzte ihren Weg fort, um nach wenigen Schritten von neuem umringt zu sein und sich huldigen zu lassen. Am Morgen nach dem Fest erhielt Prisca durch ein Modell einen Gruß von Steffens und die Botschaft: er wäre bereits in aller Frühe zu Fuß über Tivoli nach Subiaco, komme jedoch in einigen Tagen zurück. Daß auch er in der Villa Romanowski gewesen, hatte selbst der junge Frascataner nicht ausspioniert. Nach sechs Tagen kehrte Steffens wieder, sonnverbrannt und mit einer Frische in seinem Wesen, die ihn förmlich verjüngte. In seiner Wohnung sagte man ihm, ein junger Geistlicher hätte ihn sprechen wollen, wäre schon zweimal dagewesen und würde heute nachmittag wiederkommen. Als er von einem vergeblichen Gang hinüber zu Prisca, die mit Fräulein Friedrike ausgegangen war, zurückkehrte, fand er vor der Haustür den geistlichen Herrn seiner wartend. Steffens hätte den Priester am liebsten gar nicht eintreten lassen, sondern ihn draußen abgefertigt. Aber sein. Kopf interessierte ihn sogleich. Es hätte sich ein herrlicher heiliger Antonius von Padua daraus machen lassen: ein Antonius nach langer, schwerer Pönitenz, in einer der grausamen Buße folgenden Verzückung, ein heiliger Antonius in tiefster Ermattung, der in der nächsten Stunde sterben konnte, um sodann von Engelscharen emporgehoben zu werden. Der Ärmste mußte das Fieber haben. Aus Furcht, der Kranke könnte vor seiner Tür zusammenbrechen, ließ Steffens ihn eintreten und brachte ihm einen Stuhl, den einzigen, etwas bequemen, den er besaß. Auch fragte er, ob er ihm eine Stärkung bringen dürfe. Er hätte Marsala im Hause, oder Wermut mit Chinin wäre dem geistlichen Herrn vielleicht lieber. Der heilsame Trank könnte sogleich beschafft werden. »Weil ich etwas bleich aussehe? Mir ist durchaus wohl. Ich danke Ihnen.« Dabei sah er Steffens steif ins Gesicht. Also das war der Mann, den sie – – Er hatte es freilich schwer genug büßen müssen. Büßen? Was für eine Buße war das, und wofür büßte dieser Mensch? Seine, Benedettos Buße war eine ganz andre. Sie währte Tag und Nacht und hatte begonnen in dem Augenblick, da er sie zum ersten Male gesehen. Und nicht einmal, daß seine Hand die ihre berührt, während sie sich von diesem Menschen hatte küssen lassen. Aber auch sie würde die Schuld büßen. Gut! Mochte ihr Wille geschehen. Mochte ihre Schuld ihrem Gatten verborgen bleiben, mochte nur Gott und sein Priester darum wissen; aber – büßen sollte auch sie! Er hatte die Buße gefunden, durch die sie ihre Seele reinigen, die Sünderin dem Himmel zugeführt werden konnte. Er hatte sie vorbereitet, die Buße auf sich zu nehmen; ganz allmählich, langsam, langsam. Mit Kleinem hatte er begonnen, dann Größeres verlangend, bis er endlich das Größte von ihr würde fordern können. Wie er diese stolze, schuldbeladene Seele gedemütigt, wie er über sie Gewalt gewonnen hatte! Sie war jetzt so in seiner Gewalt, daß er sie hätte martern und kreuzigen können, so in seiner Gewalt, daß sie die grausame Buße, die er ihr auferlegt, vollbringen würde, ohne nur mit der Wimper zu zucken und sollte dabei auch ihr Herz in Stücke reißen. Um sie seinem Willen untertan zu machen, hatte er so lange gelebt – todkrank, wie er war. Nun sie ihm untertan geworden, durfte er sterben; sein Lebenswerk war getan. »Sie wünschen von mir?« Zum zweitenmal mußte Steffens an den Priester, der abwesenden Geistes ihn anblickte, diese Frage tun. Erst jetzt gab er Antwort. »Die Fürstin Romanowska sagte mir, sie hätte mit Ihnen gesprochen.« »Worüber?« »Über die Ausstellung Ihrer Gruppe.« »Das sagte sie Ihnen?« »Ich bin der Beichtvater der Fürstin.« Ein langes Schweigen entstand. Steffens mußte sich fassen, bevor er den Priester wieder anzusehen vermochte. »Die Fürstin sprach allerdings mit mir über die Ausstellung des Werkes, aber –« »Die Fürstin wünscht dieselbe dringend. Ich komme in ihrem Auftrag, um Ihnen ihren Wunsch zu wiederholen.« »Wenn Sie mir nur erklären könnten ...« »Nichts. Ich sagte Ihnen ja, daß ich der Beichtvater Ihrer Durchlaucht sei.« Wieder ein Schweigen. Dann erkundigte sich Steffens: »Weiß der Fürst von diesem Wunsch seiner Gemahlin?« »Was kümmert Sie das? Oder sollten Sie etwa befürchten –« Und unwillkürlich sah Don Benedetto auf des Künstlers verstümmelte rechte Hand. Steffens folgte dem Blick und erwiderte sehr ruhig: »Sie meinen, ich befürchte, der Fürst könnte mir nicht nur einen zweiten Finger, sondern gleich die ganze rechte Hand zuschanden schießen?« »Ich meine nicht. Ich frage Sie.« »Nun denn, mich kümmert es nicht im mindesten, ob der Fürst den Wunsch seiner Frau kennt oder nicht. Der Wunsch der Fürstin ist mir genügend.« »Also werden Sie ausstellen?« Noch einmal brach Steffens in den Ruf aus: »Könnte ich mir die Sache nur erklären!« »Werden Sie ausstellen?« »Sind Sie beauftragt, meine Entscheidung einzuholen?« »Meinen Auftrag habe ich ausgerichtet. Übrigens würde die Fürstin Ihre Entscheidung ja wohl erfahren.« »Ja.« »Befindet sich die Gruppe hinter jenem Vorhang?« »Wünschen Sie dieselbe zu sehen?« »Nein, nein! O nein!« Er wehrte angstvoll ab und erhob sich mit Anstrengung. »Bleiben Sie doch. Wenn Sie die Gruppe nicht sehen wollen – sie soll Ihnen ein verschleiertes Bild bleiben. Sie müssen sich erst etwas erholen, bevor ich Sie fortlassen darf.« »Ich sagte Ihnen schon, ich bin nicht krank. Leben Sie wohl, mein Herr.« »Sie haben doch einen Wagen?« »Ich kam zu Fuß.« »Es ist heiß, und –« »Ich danke. Der Herr sei mit Ihnen.« Er ging davon. Steffens schrieb an Prisca ein kurzes Billett: Er hätte sie vorhin aufgesucht und nicht gefunden, er würde gegen Abend wiederkommen, da er etwas mit ihr zu besprechen hätte, nur mit ihr! Sie möchte ihn also erwarten. Nachdem er das Billett abgeschickt hatte, verschloß er seine Tür und zog den Vorhang auseinander ... Als Steffens später bei Prisca eintraf, sagte er ihr: »Ich besuchte heimlich das Gartenfest, und ich denke, es war meine letzte Schwäche. Die Fürstin sprach mit mir. Ich hätte nicht für möglich gehalten, daß ich ihr gegenüberstehen, sie wieder hören und dabei so ruhig bleiben könnte; ich versichere Sie, ganz ruhig. Viele Jahre, die besten meines Lebens, war ich krank an meiner Leidenschaft für diese Frau. So schwer krank, daß auch der Künstler in mir nicht lebensfähig war – von dem Menschen rede ich nicht, auf den kommt es nicht an! Seit einiger Zeit arbeite ich wieder, ich arbeite nicht nur, sondern, was mehr ist, ich freue mich meiner Arbeit! Gehe ich abends zu Bett, so denke ich: morgen wirst du arbeiten – wäre es doch nur bald morgen! Und stehe ich früh auf, so denke ich: heute wirst du arbeiten. Wäre der Tag nur recht lang! Diese Arbeitslust, die mich wieder zu einem lebenden Wesen macht, und vor einigen Tagen meine große, innere Ruhe jener Frau gegenüber sind sichere Anzeichen, daß ich endlich, endlich von meinem Wahnwitz genas. Wahrscheinlich wird noch einmal die Zeit kommen, wo ich gar nicht mehr begreife, wie ich jemals krank sein konnte, und warum.« Prisca reichte ihm stumm die Hand, die Steffens, ebenfalls schweigend, einige Augenblicke in der seinen behielt. Dann fuhr er fort: »Das Beschämende und Demütigende bei dieser guten Sache ist nur, daß ich sie nicht mir selbst verdanke, sondern einem andern. Meine Genesung verdanke ich Ihnen ... Nein! Sie müssen mir gestatten, Ihnen das auszusprechen. Ich sage Ihnen ja nur das eine – heute nur das eine.« Er schwieg und sah Prisca, die bleich geworden war, fest in die Augen. »Es geht von Ihnen solche Kraft und Ruhe aus, solche Lebensfreudigkeit und solcher Lebensmut. Sie sind herrlich gesund und teilen von Ihrer Gesundheit andern so verschwenderisch mit – namentlich Kranken. Ich glaube, ich sagte Ihnen das schon einmal, damals, als wir von dem Fest auf dem Aventin nach Hause gingen. Aber da ich in ihrer gesegneten Gegenwart immer von neuem das nämliche empfinde, so muß ich es Ihnen noch einmal sagen. Und ich muß Ihnen sagen, daß ich, als die Fürstin mit mir sprach, plötzlich an Sie dachte, und das mit solcher Stärke, als ob Sie neben mir ständen, mir durch Ihre bloße Gegenwart die friedliche Ruhe gebend, mit der die Tragödie meines Lebens jetzt abschloß.« Endlich konnte Prisca reden. Aber sie tat es mit Anstrengung. »Nein, nein. Sie überschätzen mich und meinen Einfluß auf Sie. Allen Menschen gegenüber habe ich nur meinen guten Willen. Und das ist so wenig. Ich schäme mich oft, wenn ich sehe, wie man mich überschätzt. Sie wurden durch sich selbst gesund, und jetzt wird es schön für Sie werden! Sie werden arbeiten, werden glücklich sein durch Ihre Freude an der Arbeit, gar nicht davon zu reden, wie Schönes Sie schaffen werden. Sie können sich nicht vorstellen, wie ich mich freue! Aber danken dürfen Sie mir nie wieder, wo Sie doch recht gut wissen, wie dankbar ich Ihnen sein muß.« »Dafür, daß Sie mit meiner Hilfe unverkäufliche Bilder malen?« Prisca lachte. Es war ihr altes sonniges Lachen, bei dem man unwillkürlich an Feld und Wiese, an leuchtenden Himmel, Lerchengesang und weiten Horizont erinnert wurde. »Darum sind meine Bilder doch gut. Vielmehr, sie sind besser als früher.« »Trotzdem gibt es einen Menschen, der Sie vor mir gewarnt hat.« Prisca wollte hell auflachen, aber sie vermochte es nicht. Sie ward plötzlich ernst, traurig. Leise sagte sie: »Er meinte es gut mit mir.« »Sie hätten vielleicht besser getan, auf ihn zu hören.« »Ich hörte auf Sie,« lautete die einfache Erwiderung. Steffens stand auf und ging langsam durch das Atelier. Es wurde dunkel, aber er bat Prisca, kein Licht anzuzünden. Sie saß stumm an dem breiten Fenster, blickte hinaus in die purpurnen Schatten und waltete geduldig, was er ihr noch zu sagen habe. Wenn es nur nicht jenes – jenes eine war! »Sie vertrauen mir,« begann er nach einer Weile, »und wie sehr ich Ihnen vertraue, will ich Ihnen beweisen. Sie mögen darüber entscheiden, ob meine Gruppe ausgestellt werden soll oder nicht.« Überrascht wandte Prisca ihm ihr Gesicht zu; aber sie konnte seine Züge nicht mehr erkennen. »Sie denken daran, die Gruppe auszustellen?« Fast fröhlich rief er: »Sehen Sie jetzt, daß ich gesund bin? ... Ja, ich denke daran. Aber Sie sollen entscheiden.« »Wie kann, wie darf ich das?« »Wenn ich Sie darum bitte!« »Und wo wollen Sie ausstellen? Zuerst in München oder in Berlin?« »Zuerst hier.« Prisca tat einen leisen Ausruf. Sie wiederholte mechanisch: »Zuerst in Rom ... Aber in Rom lebt die Fürstin Romanowska.« »Nun ja.« »Aus Rücksicht für die Fürstin stellten Sie Ihre Gruppe bisher nicht aus.« »Diese Rücksicht fällt jetzt fort.« »Ich verstehe Sie nicht.« »Die Fürstin selbst wünscht die Ausstellung.« »Sie sprach mit Ihnen darüber?« »Sie teilte mir ihren Wunsch mit.« Prisca war ganz verstört. Also doch! Also hatte es der Priester doch erreicht! Aber was bezweckte er damit? Eine Demütigung der stolzen Frau? Und daß sie selbst mit Steffens darüber gesprochen, ihm diesen Wunsch persönlich mitgeteilt hatte ... Sie fragte: »Verstehen Sie die Fürstin?« »Nein. Oder vielleicht doch.« »Nun?« »Sie wird darüber erhaben sein und wünscht das zu zeigen.« »Erhaben über alles Gerede?« »Und über jede Erinnerung.« »Wenn Sie ausstellen, hier in Rom! Wenn Sie einen großen Erfolg haben, keinen Sensationserfolg ...« »Pfui!« »Sondern einen echten künstlerischen Erfolg ...« »Es kann nur von einem solchen die Rede sein.« »Wie Sie jetzt sind, gesund und schaffensfreudig, wäre es für Sie ein großes Glück.« Steffens rief erregt: »Wie ich jetzt, dank Ihnen, geworden bin, ist ein großer künstlerischer Erfolg für mich eine Daseinsfrage. Früher fragte ich nicht danach, aber jetzt. Ich bekenne Ihnen – aber nur Ihnen allein, jetzt lechze ich nach einem großen Erfolg. Und ich muß ihn hier haben, wo ich meine tiefe Niederlage erlitten ... Liebe Freundin, dieser Erfolg, den ich bestimmt durch mein Werk zu erringen hoffe, ist für mich eine innere Notwendigkeit. Verstehen Sie mich wohl, eine Notwendigkeit.« Prisca verstand ihn. Sie sagte daher: »Also müssen Sie Ihr Werk ausstellen.« Steffens rief: »Sie haben entschieden.« »Entschieden hatten Sie schon selbst. Aber ich bin gern bereit, für diese Entscheidung die Verantwortung auf mich zu nehmen.« »Das sieht Ihnen gleich. Ihnen traue ich alles zu, was gut und stark ist.« »Sie überschätzen mich schon wieder. Aber jetzt wollen wir vor allem zu Fräulein Friedrike hinüber und ihr alles erzählen. Sie hat diese Freude redlich um Sie verdient, tausendmal mehr als ich.« * Es wurde die Ausstellung der »Tochter der Semiramis« von Karl Steffens angekündigt. Sie sollte noch im Mai stattfinden in einem für diesen Zweck gut geeigneten Raum an der Piazza del Popolo. Der Eintritt sollte frei sein, und nach einer Ausstellung von nur einer Woche das Werk ins Ausland geschickt werden, zunächst nach München. Die römische Gesellschaft besaß glücklich wieder einen neuen sensationellen Stoff, der sehr bald in den Salons andre Sensationen von der Tagesordnung verdrängte. Manche der vornehmen Fremden, die orientiert waren, schoben deshalb ihre Abreise auf. Jede Miene der Fürstin Romanowska wurde streng kontrolliert, doch jede Miene war kühl und hoheitsvoll. Sie zeigte sich genau so viel wie immer, erschien bei sämtlichen Gardenparties und Picknicks, wurde jeden Nachmittag bei der Korsofahrt gesehen und wohnte den Rennen bei. Selbst die kühnste Phantasie sämtlicher heimlichen und öffentlichen Freunde des Skandals konnte nicht ergründen, was in dem Gemüt dieser Frau vorging. Viele behaupteten sogar, sie wüßte von der Ausstellung überhaupt nichts. Aber der Fürst? Auch sein Gesicht wurde scharf beobachtet; aber auch dieses verriet nicht das mindeste; auch er enttäuschte die allgemeine Erwartung. Es kam vor, daß man in irgendeinem Salon, im Café Aragno oder im Klub über die Sache sprach, gerade wenn der Fürst eintrat. Das Gespräch brach dann bei seinem Erscheinen plötzlich ab, doch ließ sich nicht einmal konstatieren, ob er die jäh entstandene Pause bemerkte. Jedenfalls beachtete er sie nicht. Was bedeutet das? Alle Welt erinnerte sich der Geschichte jenes famosen Duells im Hain der Egeria, und alle Welt war überzeugt, daß wieder etwas Famoses geschehen würde. Aber was, was? Eines Tages erhielt Steffens von dem Fürsten in französischer Sprache folgendes Billett: »Mein Herr! Sollten Sie bei Ihrem Vorhaben beharren und Ihre Gruppe wirklich ausstellen, so werde ich Sie nicht niederschießen wie einen tollen Hund. Ich werde Sie leben lassen, Ihnen jedoch den Denkzettel erteilen, der Ihnen gebührt. Hüten Sie sich. Gewarnt sind Sie.« Wäre Steffens noch irgendwie schwankend gewesen, so würde dieses Billett seinen Entschluß unwiderruflich gemacht haben. Niemand sollte ihn für feig halten dürfen, am wenigsten dieser Fürst Romanowski. Rücksicht hatte er geübt, davon war er nun nachdrücklich entbunden worden, und zwar von derjenigen Person, der er einzig und allein diese Rücksicht schuldig zu sein glaubte. Natürlich erfuhr weder Prisca noch Fräulein Friedrike ein Wort von dem fürstlichen Schreiben. Worin die Gefahr bestand, vor der er gewarnt worden, ahnte Steffens nicht; aber gerade das Unbekannte und Geheimnisvolle versetzte ihn in eine Erregung, daß er die Stunden zählte, die bis zur Eröffnung seiner Ausstellung noch verfließen mußten. Am fünfundzwanzigsten Mai fand diese statt; der Künstler war dabei nicht anwesend. Jedes äußere Mittel, den Eindruck der Gruppe wirkungsvoll zu machen, war verschmäht worden. Sie stand inmitten eines großen, vollkommen leeren Gartenhauses, das sein Licht nur durch die geöffnete Tür empfing. Die Wände waren weiß getüncht. Ein älterer Herr, der in seinem langen schwarzen Gehrock sehr würdig aussah, vertrat den Künstler und erteilte etwaigen Fragestellern die Auskunft, daß die Gruppe unverkäuflich sei. Als gegen elf Uhr Prisca und Fräulein Friedrike kamen, mußten sie des Andrangs wegen eine Weile auf dem Hof warten, ehe sie eintreten konnten. Sie blieben ziemlich lange, weniger um das ihnen bekannte Kunstwerk zu betrachten, als vielmehr um die Haltung des Publikums zu beobachten, und beide Frauen empfingen den Eindruck, daß das Werk ihres Freundes eine starke Wirkung ausübte. »Jetzt hat er gesiegt, jetzt liegt das Leben vor ihm, jetzt glaube ich an seinen neuen Menschen,« flüsterte Fräulein Friedrike fast schluchzend Prisca zu. Und triumphierend fügte sie bei: »Ich habe es ja immer gesagt! Karl Steffens ist ein Genie, Karl Steffens dringt durch – gerade wie Peter Paul.« »Ja, ja! Jetzt ist er gerettet,« erwiderte Prisca leise. Auch sie fügte in Gedanken den Nachsatz hinzu: Und zwar gerettet durch sich selbst – Gott sei Dank! Jeden Vormittag Schlag elf Uhr erschien im Café Aragno Fürst Romanowski, nahm stehend am Büfett ein Glas Marsala und einige Sandwiches, grüßte Bekannte und Freunde, plauderte mit diesem und jenem. Man trieb dabei Politik und kritisierte, was es im Klub- und Gesellschaftsleben gerade zu kritisieren gab. Auch an dem Vormittag des fünfundzwanzigsten Mai, an welchem Steffens seine Ausstellung an der Piazza del Popolo eröffnete, Schlag elf, erschien am Büfett des Café Aragno der Fürst, elegant, liebenswürdig, graziös, wie immer, mit seiner weichen, liebkosenden Stimme Freunde und Bekannte begrüßend und in gewohnter leichter Art von diesem und jenem plaudernd. Es konnte auffallen, daß an diesem Vormittag die Konversation in der Nähe des Fürsten etwas nervös geführt wurde. Alle, ausgenommen der Fürst selbst, sprachen lauter als sonst. Plötzlich trat eine seltsame Stille ein, in der jetzt nur die wohllautende Stimme des Fürsten vernommen ward. Am Büfett lehnend und behaglich sein Glas Marsala schlürfend, sagte er: »Ein deutscher Künstler, ein gewisser Karl Steffens, stellt heute ein Bildwerk aus, die ›Tochter der Semiramis‹. Es soll ein hervorragendes Werk sein, das ich mir jedenfalls heute noch ansehen werde. Sollte jemand sich einfallen lassen, den Namen jenes Herrn mit demjenigen der Fürstin Romanowska in irgendwelche Verbindung zu bringen oder nur in einem Atem zu nennen, so stehe ich dem Betreffenden zur Disposition ... Auf Wiedersehen heute abend im Klub.« Er leerte sein Glas, zahlte, grüßte und ging. Auch nach seinem Fortgehen blieb es noch eine ganze Weile still, und als dann das Gespräch wieder aufgenommen wurde, berührte es die gewöhnlichen Themen: Politik, Theater, Skandale, aber des Skandals, der in aller Gedächtnis lebte, wurde mit keinem Worte gedacht. Am Nachmittag desselben Tages hielt die fürstliche Equipage zur gewöhnlichen Zeit der Korsofahrt vor der Villa. Die Fürstin hatte zwar eine leichte Migräne, aber sie wollte trotzdem ausfahren, wie gewöhnlich in Begleitung ihres Mannes. Und auch durchaus wie alle Tage fuhr man zuerst auf den Pincio, wo die Militärmusik spielte und die Equipage auf der großen Terrasse haltmachte. Sie ward sofort umringt. Aber auch hier war heute die Unterhaltung in der Nähe des Fürsten etwas nervös, genau wie am Vormittag am Büfett des Café Aragno. Nach dem kurzen Aufenthalt wurde die Fahrt fortgesetzt, in die Nähe der Villa Borghese, dann zurück über die Piazza del Popolo. Dort befahl der Fürst am ersten Hause links zu halten. Der Wagen hielt, und der Fürst sagte zu seiner Frau: »Es ist hier die Ausstellung eines gewissen Karl Steffens. Dich interessiert die Sache wohl nicht, aber ich möchte sie mir ansehen. In fünf Minuten bin ich zurück. Entschuldige so lange.« »Beeile dich nicht.« »In fünf Minuten!« Viele gingen in das Haus, die Ausstellung zu besuchen; viele kannten die Equipage, sahen den Fürsten aussteigen und hineingehen. Die Fürstin blieb unbeweglich im Sitz zurückgelehnt und wartete auf die Rückkehr ihres Mannes. Sie hatte nicht einmal einen Schleier vorgezogen! Einige Blumenverkäufer kamen, und sie kaufte ihnen sämtliche weiße Blumen ab; es gab übrigens nur noch weiße Rosen. Dann lehnte sie sich wieder zurück und wartete. Der Fürst betrat den Raum der Ausstellung, welcher gedrängt voll war. Aber ihm wurde sogleich Platz gemacht, er stand vor der Statue und betrachtete sie eingehend, wie ein Kenner, ein Kritiker das tut. Darauf ging er zu dem älteren würdigen Herrn im schwarzen Gehrock und sagte mit lauter Stimme: »Können Sie mir den Preis nennen?« »Verzeihung, Durchlaucht...« »Sie kennen mich?« »Fürst Romanowski.« »Ganz recht.« »Die Gruppe ist nicht verkäuflich, Durchlaucht.« Unbeirrt durch diese Antwort, zog der Fürst sein Portefeuille, dem er ein Papier entnahm. »Eine Anweisung auf Zweimalhunderttausend Lire. Dafür wird die Gruppe gewiß verkäuflich sein. Jedenfalls kaufe ich sie.« »Verzeihung, Durchlaucht, aber wirklich ...« »Jedenfalls kaufe ich sie.« Und er reichte die Anweisung hin. Der würdige Herr war so verwirrt, daß er das Papier nahm und nur murmelte: »Zweimalhunderttausend Lire!« »Und nun geben Sie acht, was ich mit meinem Eigentum mache.« Wieder nur die überwältigende Zahl: »Zweimalhunderttausend Lire...« »Sie hörten, mit meinem Eigentum.« Ruhig trat der Fürst wieder zu der Marmorgruppe, griff in die Brusttasche, zog einen Revolver hervor, erhob blitzschnell die Waffe nach dem Haupte der Tochter der Semiramis, und ehe jemand ihm in den Arm fallen konnte, schoß er seine Kugeln ab. Das wunderschöne, einem andern herrlichen Gesicht so ähnliche Antlitz der jungen Königin war zerschmettert. Die Fürstin hatte nicht fünf Minuten gewartet, als ihr Gatte zurückkehrte, in den Wagen stieg und die Fahrt fortgesetzt wurde. Durch den Korso zur Piazza di Venezia, von dort zur Piazza di Spagna und dann noch einmal die ganze Tour: über den Pincio und die Piazza del Popow, wo vor dem Hause, darin die Ausstellung des deutschen Künstlers war, ein Zusammenlauf stattfand, nach dessen Ursache die Herrschaften im Wagen nicht fragten. Wie der Fürst vormittags seinen Freunden versprochen hatte, erschien er abends im Klub, wo es auffallend leer blieb. Die wenigen, welche sich einfanden, waren gegen den Fürsten sehr höflich. 24. Eine Familientragödie Es war am Abend des Tages, an dem die Ausstellung der »Tochter der Semiramis« polizeilich geschlossen wurde, als der würdige Römer, der die Besucher empfangen und dem der Fürst die »Kaufsumme« eingehändigt hatte, den Besuch eines Unbekannten erhielt. Die Magd meldete einen Priester, mit dem Bemerken, der geistliche Herr wünschte den Herrn Cavaliere – denn auch dieser ehrenwerte Mann war römischer Ritter, dringlich zu sprechen. Er wurde in den Salon geführt, jenen in allen Farben des Regenbogens prangenden Raum, den in Rom jede sich selbst respektierende, also bei sich empfangende Familie aufzuweisen hat. Beim Eintritt des Cavaliere erhob sich der Fremde mit sichtlicher Mühe von seinem Stuhl: »Entschuldigen Sie, daß ich mich setze. Aber ich fühle mich etwas angegriffen.« Er nahm auch sofort wieder Platz, sank in den Sessel zurück. »Womit kann ich dienen?« »Sie sind doch der Herr, der sich heute in der Ausstellung an der Piazza del Popolo befand?« »Ich hatte die Ehre, den Künstler zu vertreten.« »Ich möchte Sie ersuchen, mich trotz der späten Stunde die Marmorgruppe sehen zu lassen.« »Unmöglich! Die Ausstellung wurde polizeilich geschlossen.« »So befinden Sie sich nicht mehr in dem Besitz des Schlüssels?« »Der Schlüssel liegt auf der Präfektur. Erfuhren Sie nicht von der Sache?« »Ich hörte davon.« »Ein herrliches, ein unsterbliches Werk! Und durch die Hand eines Barbaren zerstört.« »Ich bin der Bruder des Fürsten.« Nach einer Pause der Verlegenheit drückte der Cavaliere sein lebhaftes Bedauern aus, dem Bruder des Fürsten so freimütig seine Meinung geäußert zu haben. »Der Herr Fürst ist ein Fremder! Und dann zweimalhunderttausend Lire! Der Herr Fürst hat bezahlt wie ein König. Daß der Künstler die Anweisung zerriß, ein fürstliches Vermögen sozusagen auf die Straße warf – was wollen Sie? Diese Künstler sind alle etwas verrückt, besonders die deutschen!« »Ich wiederhole meine Bitte, mich trotz aller erschwerenden Umstände das Werk sehen zu lassen.« »Es wird kaum gehen.« »Aber es geht. Sie sind auf der Präfektur doch gewiß gut bekannt?« »Ich habe dort einen Neffen.« »O dann! Nehmen Sie sogleich einen Wagen, fahren Sie zur Präfektur und bringen Sie den Schlüssel. Ich erwarte Sie hier... Sie werden Auslagen haben. Wollen Sie so gütig sein?« Der Herr Cavaliere war so gütig, die hundert Lire in Gold für seine Auslagen zu nehmen, versicherte nochmals, daß es schwer, sehr schwer sein würde, den Schlüssel zu erhalten, daß er sich indessen – da er auf der Präfektur einen Neffen habe, einer schwachen Hoffnung hingebe, und daß der Fürst Romanowski ein außerordentlicher Herr wäre. Damit eilte er fort. Nach einer kleinen Stunde war das schwierige Werk bestens besorgt, der Schlüssel in der Tasche des Herrn Cavaliere, der seinen Besucher auf demselben Platz fand, wo er ihn verlassen. »Es hat Mühe gekostet, und nur durch meinen Neffen war es überhaupt möglich. Aber ich muß den Schlüssel noch heute wieder abliefern.« »Bis spätestens in einer Stunde bringe ich ihn zurück.« »Zurück? Ich begleite Sie ja.« »Geben Sie mir den Schlüssel. Ich kenne das Haus und möchte das Werk allein betrachten.« »Es ist schon Nacht. Sie werden nichts mehr sehen.« »Ich dachte daran und nahm Kerzen mit. Sie befinden sich in meinem Wagen.« »Aber...« »Sie können unbesorgt sein. Forttragen kann ich die Statue nicht... Besten Dank. Also in einer Stunde.« Er erhob sich mit Anstrengung und wäre beinahe wieder zurückgesunken. Erschrocken sprang der Cavaliere dem Kranken bei, jedoch wurde seine Hilfe abgelehnt. »Ich befinde mich heute nicht ganz wohl. Die frische Luft wird mir gut tun. Nochmals meinen besten Dank.« »Und, nicht wahr, die kleine Gefälligkeit bleibt unter uns?« »Von mir wird niemand davon erfahren.« »Es könnte für meinen Neffen schlimme Folgen haben. Wenn Sie gestatten, macht mein Neffe Ihnen demnächst seinen Besuch.« »In der Villa Romanowski... Ich danke wirklich für Ihre Begleitung. Die Treppe ist sehr bequem. Auf Wiedersehen in einer Stunde.« Höchlichst verwundert über das Abenteuer begab sich der Herr Cavaliere in ein nahegelegenes Café, um einige Gläser Wermut zu schlürfen; sie waren redlich verdient. »Alle Fremden sind Narren,« meditierte der ehrenwerte Mann. »Ein Narr ist auch dieser Herr, der sich mitten in der Nacht eine zertrümmerte Statue ansehen will. Und ein Narr ist der Fürst mit seinen zweimalhunderttausend Lire. Aber der größte Narr ist doch der Künstler, der die Zweimalhunderttausend Lire auf die Straße wirft, dafür ist der Mann aber auch ein Deutscher!« Die kühle Nachtluft tat Don Benedetto wirklich wohl. Er erholte sich mehr und mehr – er wollte sich erholen, denn er wollte das zertrümmerte Marmorbild sehen! War es doch immer noch ihre Gestalt. Der Kutscher hielt vor dem Hause an der Piazza del Popolo. Don Benedetto nahm das Paket, das auf dem Rücksitz lag, und hieß den Mann warten. Das Tor stand weit offen. Der Priester ging durch den Hof, der ganz einsam war, schloß das Gartenhaus auf und – wie eine himmlische Erscheinung leuchtete dem Eindringling durch die Dunkelheit das Marmorbild entgegen. Ungeduldig wartete der Cavaliere auf die Rückkehr des Fremden. Eine Stunde war verstrichen, es verstrich eine zweite, fast eine dritte. Da wurde dem Cavaliere um seinen Schlüssel bange. In herzlich schlechter Stimmung verließ er zum drittenmal an diesem Abend seine Wohnung, um selber den Schlüssel zu holen. Auf der Piazza del Popolo fand er vor dem Hause einen Wagen warten, dessen Kutscher fest eingeschlafen war. Es war sicher der Wagen des geistlichen Herrn, der sehr genaue Kunststudien machen mußte, und das überdies bei Kerzenlicht! Aber diese Fremden waren eben alle verrückt! Bevor der Cavaliere den Kutscher weckte, begab er sich durch das Tor in den Hof. Die Tür des Gartenhauses war zu. Doch das mußte sie sein, da der geistliche Herr seine erstaunlich eingehenden Kunststudien ganz im geheimen betreiben wollte. Der Cavaliere fand die Tür verschlossen, entdeckte jedoch durch die Spalten im Innern noch Licht. Also befand sich der geistliche Herr immer noch da! Er pochte leise, aber die Tür blieb geschlossen. Jetzt nannte er seinen Namen; aber die Tür blieb geschlossen. Er klopfte lauter: es wäre bald Mitternacht und er müsse den Schlüssel haben, wenn er ihn heute auch nicht mehr auf die Präfektur bringen könnte, was für ihn und seinen Neffen schlimme Folgen haben werde. Die Tür blieb geschlossen, innen regte sich nichts. ,Er ist eingeschlafen,' dachte der Caoaliere und sah durch das Schlüsselloch. Nur der Leib des toten Jünglings, den helles Kerzenlicht beschien, war zu erkennen. Jetzt pochte er laut und lauter, jetzt rief er, jetzt bekam er Angst. Er weckte den Kutscher, und beide pochten und riefen. Da alles still blieb, mußten sie die Stadtpolizei rufen, welche die Tür aufbrechen lieh. Anscheinend tot lag Don Benedetto zu Füßen der Statue, vor der in silbernen Leuchtern zwei hohe Wachskerzen brannten. Er schwamm in Blut. Es netzte die Füße der Tochter der Semiramis, die nur noch mit der Pracht ihres Leibes in unversehrter Herrlichkeit auf die beiden stillen Gestalten ihrer Opfer herabstrahlte. Bei dem weichen Glanz der Wachskerzen schien dieser unirdisch schöne Leib ein gespenstisches Leben zu haben, indessen das Haupt – ein grausiger Anblick – zerschmettert war. Der Priester wurde aufgehoben, aber keine Wunde war an ihm zu entdecken, und der herbeigerufene Arzt konstatierte einen Blutsturz. Er lebte noch, konnte jedoch nicht zum Bewußtsein gebracht werden. In diesem Zustand fuhr ihn der Arzt, von einem Polizisten begleitet, in die Villa Romanowski. Zwei überaus würdige Vertreter der öffentlichen Sicherheit Roms stellten mit dem Cavaliere ein langes Verhör an, und der arme Mann mußte sich noch spät in der Nacht unter Bedeckung zum nächsten Polizeibureau begeben. Hier passierte seine Wohlanständigkeit abermals eine scharfe Kontrolle, bei welcher er sein römisches Rittertum und seinen Neffen bei der Präfektur nachwies, worauf er ungeleitet nach Hause gehen durfte. Er schwor sich selbst, unter keinen Umständen jemals wieder einem Menschen zu dem Schlüssel eines verbotenen Paradieses zu verhelfen, trotz seines Neffen bei der Präfektur und trotz aller goldenen Zwanzig-Lirestücke für etwaige Auslagen. Denn schließlich war man doch römischer Ritter und – noblesse oblige. Noch acht Tage könnte er leben, aber schwerlich noch einmal zur Besinnung kommen, meinten die Ärzte. Sie bestimmten für die Pflege des Sterbenden zwei Schwestern vom sacré coeur . Der Fürst ließ die Barmherzigen indessen ihren Dienst gar nicht antreten; er allein wollte um den Todkranken sein, seinem Bruder die letzten Liebesdienste erweisen. Mit geschlossenen Augen lag Don Benedetto auf seinem Lager. Seine Züge hatten einen Ausdruck, als befände er sich bereits jenseits von allem Guten und Bösen, als hätte er bereits das Leben nach blutigem Kampf bezwungen und empfände bereits alle Wonnen des Sieges und des Friedens. Der Allerbarmer Tod verwischte den grausamen Stempel, den das Leben auf dieses Menschenantlitz geprägt hatte. Im Tode wurde es wieder schön, im Tode noch einmal jung. Das Fenster stand weit offen. Der goldene römische Sommertag strahlte in das Sterbezimmer, Tag für Tag gleich glanzvoll. Die Oleanderblüten dufteten hinein, und bisweilen erklang der schluchzende Liebeslaut einer Nachtigall, die sich noch im Lenz wähnte. Fürst Alexander wich nicht aus dem Zimmer. Das so wunderbar verwandelte Antlitz seines Bruders betrachtend, saß er und dachte, grübelte, konnte kein Ende finden zu denken und zu grübeln: Was war es nur, das zwischen ihn und diese stille Gestalt getreten war, die nie wieder sich erheben würde, und die er so zärtlich geliebt hatte. Auf einmal war es da gewesen, gleichsam über Nacht. In sein Haus hatte das Gespenst sich geschlichen, in seine Ehe, in sein Herz. Plötzlich hatte er es in seinem Herzen gefühlt, und auf einmal war sein Glück zerstört, meuchlings gemordet von jenem rätselhaften, gespenstischen Etwas, dafür er keinen Namen fand. Er hatte versucht, das Phantom zu verjagen; mit seinem maßlosen, unerbittlichen Willen hatte er vergeblich alle Kraft angestrengt. Mit dem finsteren Schatten hatte er gerungen, als wäre jenes namenlose Etwas ein Mensch und sein Todfeind. Er hatte ihn packen wollen; aber immer wieder und wieder war ihm der Gegner gespenstisch entwichen. Was war es nur? Er liebte seine wunderschöne Frau. Er, der Mann der Erfahrung, der große Kenntnisreiche, der Titan des Lebensgenusses, liebte diese Frau in einer Weise, daß seine erste leidenschaftliche Jugendliebe dagegen als blasses Gefühl erschien. Was war es nur? Jenes Gespenst war nicht zwischen ihn und seine Liebe getreten, wohl aber zwischen ihn und das Glück seiner Liebe; und einmal da, war es geblieben, dieses Unfaßbare und doch so Wirkliche. Wie mit Geisterhänden stieß es ihn von seinem schönen Weibe zurück. Was er seitdem gelitten hatte – welche Qualen! Was war es nur? Er starrte in das Antlitz des Sterbenden, als müßte ihm von dort die Lösung kommen; denn seitdem dieser mit seiner blassen Aszetenmiene und seinem fanatischen Priesterblick zwischen den beiden Gatten weilte, war auch jener unheilvolle, zerstörende Geist in ihr Leben gekommen. War es sein zärtlich geliebter Bruder gewesen, dieser reine und feine Geist, der sein Haus öde und sein Herz elend gemacht hatte? Konnte er es gewesen sein? Und wodurch nur? Wodurch? Darauf begann das Denken und Grübeln von neuem, stieg von neuem die angstvolle Frage auf: Wodurch nur, wodurch? Stundenlang saß der Fürst in dem von der Sonne durchfunkelten, von Oleanderblüten durchdufteten Gemach und starrte in das Antlitz des Sterbenden, als müßte und müßte dieses ihm Antwort geben. Am dritten Tage seiner Ohnmacht schlug Don Benedetto die Augen auf. Sein erster Blick fiel auf das Haupt des Gekreuzigten, der an der Wand seinem Lager gegenüber hing. Aber der sterbende Priester wendete die Augen von den erhabenen Leidenszügen ab, um ein andres Antlitz zu suchen. Da sah er seinen Bruder. »Stephan!« Alle Zärtlichkeit für seinen Bruder, alle qualvolle Angst um diesen wie einen Sohn Geliebten lag in dem erstickten Aufschrei, mit dem der Fürst einen mit Namen rief, welcher der Welt bereits nicht mehr angehörte, seit dem Tage nicht mehr, da Stephan Romanowski die Weihe des Priesters empfing und Prinz Stephan starb – Don Benedetto lebte. Noch einmal der angstvolle zärtliche Ruf: »Stephan! Stephan!« Die Augen des Sterbenden schauten auf den, der einen Gestorbenen rief, seine Lippen bewegten sich, aber er konnte nicht reden. »Ich verstehe dich nicht. Bruder, mein Bruder, erkennst du mich? ... Ja! Und du verstehst mich? Bleibe ganz ruhig. Bewege nur die Lippen. Ich werde gewiß erraten können, was du wünschest ... Einen Priester? Nein, keinen Priester? Wozu auch? Du wirst dich wieder erholen, wirst leben, vielleicht noch einmal in Wirklichkeit leben! Bruder, mein Bruder!« »Maria!« Es war kein gesprochenes Wort, sondern ein Seufzer, ein Laut, aber der Fürst verstand den Namen. »Willst du sie sehen?« Seine Stimme bebte bei der Frage. Und es war doch kein unnatürlicher Wunsch, daß sein Bruder noch einmal die Frau zu sehen verlangte, für die er im Leben selten ein Wort gehabt hatte. Der Fürst hätte sich über diesen letzten Wunsch seines Bruders freuen sollen; statt dessen fühlte er wieder plötzlich jenes geheimnisvolle Etwas, das sich nicht fassen ließ. Don Benedetto wünschte nicht, Maria zu sehen – noch nicht. Erst wenn es Zeit, wenn der letzte Augenblick gekommen war. Durch die Macht ihres Namens hatte er noch einmal aufleben wollen. Aber er wollte, daß der bleiche Mann, der an seinem Bette saß, zugleich mit ihrem Namen alles verstehen sollte. Denn jetzt keine Lüge mehr, weder vor Gott, noch vor den Menschen. Der Fürst flößte ihm Wein ein; doch es war nicht dieser, der Don Benedetto die Kraft gab, zu reden; sondern das vollbrachte der Name Maria. »Ich will keinen Priester. Aber meine letzte Beichte will ich dennoch ablegen. Du sollst sie hören. Laß mich dir alles sagen und unterbrich mich nicht... Ich will dir meine Sünde bekennen, die eine Todsünde ist. Du brauchst mir nicht zu vergeben, vergeben darfst du mir nicht. Mit der Last der unvergebenen Sünde auf meiner Seele will ich sterben. Auch Gott wird mir nicht verzeihen. »In Ewigkeit muß ich büßen, und ich werde gerecht gerichtet ... Nichts sagen! Kein Wort. Ich verbiete dir's! Auch deine Hand will ich nicht. Ich darf deine Hand in der meinen nicht halten. Auch sterbend darf ich's nicht. So schwer habe ich mich an dir versündigt. »Jawohl, Alexander, an dir! Und an Gott. »Denn ich hätte sein Diener nicht werden dürfen; wer mit Leib und Seele dem Himmel dienen will, darf mit keiner Empfindung, mit keinem Gedanken, keinem Schlag seines Herzens der Erde mehr angehören. Ich weiß nicht, ob der Mensch das überhaupt vermag und wenn, ob es dann überhaupt noch menschlich wäre, ob der Himmel solches Menschenopfer annehmen kann, annehmen darf? »Selbst meine letzten Gedanken werden zur Todsünde, denn sie klagen Gott an. Ich war so jung, siehst du, und vom Leben wußte ich nichts. Nicht einmal über mich selbst wußte ich Bescheid. Solche Dinge kann man sich nicht sagen lassen; sie sind nicht zu lehren und nicht zu lernen, sie müssen erlebt werden. »Aber ich hatte solche Sehnsucht, von der Erde hinweg zum Himmel empor; hatte solche Sehnsucht, anzubeten, zu dienen, Gott mich hinzugeben; solche Sehnsucht, den Herrn zu umfangen und ihn nie wieder zu lassen. »Auf meinem Sterbebette, darauf jeder Gedanke Sünde und Schuld wird, aber keine Lüge mehr sein soll, heute glaube ich: meine Sehnsucht nach dem Himmel war heißes Verlangen nach der Erde. Lieben wollte ich und geliebt wollte ich werden. Aber ich wollte nicht Gott lieben, sondern einen Menschen, und nicht Gott sollte mich wieder lieben, sondern ein Mensch – ein Weib. »Das weiß ich erst jetzt. »Dienen wollte ich, Tränen trocknen, Leiden lindern, Sterbende wollte ich trösten, unter den Armen und Elenden wollte ich verweilen; denn unter ihnen hoffte ich am ehesten, den Herrn fassen, ihn halten zu können. Wenn der Mensch in mir nach einem andern Menschen schrie, antwortete ich: Gott! Gott! Gott! Und wenn in mir die Kreatur sich regte und nach Leben drängte, tat ich Buße, fastete, geißelte mich, so lange und so schwer, bis ich glaubte, jetzt ist der Mensch in dir tot, jetzt hast du die Kreatur in dir erwürgt, jetzt liegst du der Gottheit für ewige Zeiten am Herzen. »Aber der Mensch im Priester bleibt leben, solange er selbst lebt; und solange er lebt, schreit er auf – nicht nach Gott, sondern nach andern Menschen. Nach der Erde schreit er und nach allem, was von der Erde ist. »Er schreit nach Liebe! »Inzwischen wähnte ich, es sei mir gelungen, das Sterbliche in mir zu bezwingen. Ich lebte unter Armen und Elenden und war glücklich. Es war ein überschwengliches, ein überirdisches Glück, wie nur der Beter und Büßer, der Fanatiker und Schwärmer es kennt. Es war das Glück der Ekstase. Da ward ich todkrank, und sie brachten mich in dein Haus. »Du besaßest ein Weib, von dem du mir gesagt hattest, es sei das schönste Weib der Erde. Du liebtest sie und wurdest von ihr wiedergeliebt. Bereits damals begann meine Schuld und keimte meine Todsünde, denn damals bereits beneidete ich dich. »Ich, der Priester, ich, dein Bruder, beneidete dich um das Weib, welches schön sein sollte wie die Sünde. »Du sollst mir nichts sagen! »Ich lag krank in deinem Hause; aber dein sündhaft schönes Weib wollte ich nicht sehen. Ich wurde gesund, aber ich wollte Maria nicht sehen; ich fürchtete mich, ich war feige. »Da sah ich sie, und so kam es. »Schweige! Du sollst schweigen. »Vom ersten Augenblick an liebte ich sie, mit einer Leidenschaft, von der du keine Ahnung hast – selbst du nicht! Ich liebte dein schönes Weib, wie ein dem Herrn abtrünnig gewordener Engel die Sünde liebt, um derentwillen er abfiel von Gott. »Wenn du ein Wort sprichst, verschweige ich dir das letzte, sterbe ich, ohne meine Beichte vollendet zu haben. »Sie war dein; sie gehörte dir, ihre ganze Schönheit. Mit jedem Atemzug war sie dein Eigentum. Aber ich wollte sie dir nehmen, Atemzug für Atemzug, bis ihre ganze Seele dem Himmel gehörte, also mir! »Wende dich von mir, verachte mich, hasse mich! Mit einer Verwünschung wende dich von mir, wenn ich meinen letzten Atemzug tue, eine Verwünschung schleudre mir nach in mein Grab. »Ich entdeckte an ihr eine Schuld, und ihre Schuld gab mir über sie Gewalt, ich diktierte ihr die Buße. Ist die Buße erfüllt, wird ihre Schuld getilgt sein; aber die Vergebung ihrer Sünde scheidet sie von dir. »Ich, der Priester, ich, dein Bruder, den du zärtlich geliebt hast, nahm dir dein Weib. Denn ich nahm ihre Seele, die dir nicht mehr gehört, dir nie mehr gehören wird, sondern dem Himmel, einzig und allein dem Himmel. »Du wirst fortan keinen Teil an ihr haben.« »Du lügst! Du lügst auf deinem Sterbebett! Nimm die Lüge zurück!« Vor Don Benedettos letztem Lager stand der Fürst mit einem Gesicht, als wenn er der Sterbende wäre. Aber ein Sterbender, der leben wollte, leben selbst um den Preis der ewigen Seligkeit. Da ging die Tür auf, und die Fürstin kam herein. Wie durch eine überirdische Gewalt angezogen, näherte sie sich dem Bett, wo sie auf die Knie sank, die Augen starr auf das Antlitz des Scheidenden gerichtet. Dieser hob das Haupt und sagte mit klarer, lauter Stimme: »Deine Seele gehört dem Himmel; du weißt, für welche Schuld. Nütze sie! Du mußt büßen!« Die Fürstin sah in seine Augen, und ihr Blick flehte ihn an: Habe Erbarmen! Nimm die Buße von mir! Du weißt, daß du über meine Seele gebietest, wie Gott über sein Geschöpf; aber: Gott, erbarme dich deines Geschöpfes! »Büße! Du mußt büßen!« Das waren Don Venedettos letzte Worte. Zwei Stunden lag er in der Agonie. Der päpstliche Nuntius kam, um ihm den Segen des Heiligen Vaters zu bringen, der von aller Schuld freisprach. Der Sterbende erkannte den Priester und – wies ihn zurück. Er wollte keinen Segen, keine Vergebung. Bedeckt mit seiner Sünde wollte er vor seinem Gott erscheinen. Er wollte sie mit sich in die Ewigkeit nehmen und sollte auch seine Buße eine Ewigkeit währen. 25. Aus Priscas Tagebuch Rom, Anfang Juni. Friedrike und ich vergessen unsre Sorge um Peter Paul, der aus Berlin noch nichts von sich hören läßt, in unsrer Angst um den Zustand, in dem sich Steffens befindet. Wie konnte ich einen Augenblick glauben, daß er, falls er sein Werk zerstörte, damit zugleich auch seinen Dämon zerstören, sich davon befreien, Neues schaffen würde, Größeres. Jetzt hat eine ruchlose Hand das Marmorbild zertrümmert, und jetzt ist es, als hätten die Kugeln, die das Haupt seiner Statue zerschmetterten, ihn selbst getroffen und das tödlich. Scheinbar ist er vollständig ruhig. Er hört jeden an, der voll wärmster Teilnahme zu ihm kommt und ihm sagt: »Die Tat ist barbarisch und das Unglück für Sie groß. Aber es ward ja nur der Kopf zerstört; Sie können Ihrer Statue einen andern Kopf geben und den Ansatz durch eine Perlenschnur verdecken. Sie werden um des zerstörten Kopfes willen doch nicht gleich das ganze Werk zu den Toten weisen!« So sprechen alle, und er hört alle ruhig an. Nein! Nicht alle sprechen so. Weder Friedrike noch ich geben ihm diesen Rat, der ein Trost sein soll. Wir beide kennen die Geschichte dieses Werkes zu genau, um ihm diesen unkünstlerischen Rat zu erteilen. Wo sollte er auch ein zweites solches Antlitz finden? Man muß seine »Tochter der Semiramis« eben gekannt haben, man muß ihr Urbild kennen, um zu wissen: ein zweites solches Antlitz findet sich nicht. Daß ich nicht vergesse: auch ein dritter, der Baron Schönaich – wie fremd das klingt! –, riet Steffens nicht zu solchem Verfahren. Er besuchte ihn sofort, blieb lange Zeit bei ihm, und die beiden so verschiedenen Naturen verstanden sich gleich. Wäre ich über dieses tragische Ereignis nicht so tief betrübt, so würde mich die gute Freundschaft der beiden sehr freuen; aber ich vermag nichts zu empfinden als Trauer und Mitleid – blutiges Mitleid! Hat Steffens mir doch das Geständnis gemacht, wie sehr ein großer Erfolg ihm jetzt not täte, gerade jetzt und gerade in Rom. Dieses leidenschaftliche seelische Bedürfnis nach einem künstlerischen Erfolg – dem ersten großen seines Lebens! – gab ja den Ausschlag dafür, seine Gruppe auszustellen. Auf diesen Erfolg bauten wir Freunde, baute der Künstler selbst sein ganzes neues Dasein. Die Tat des Fürsten wird verdammt, aber doch nicht mit solcher allgemeinen Empörung, wie sie verdient. Nur von deutscher Seite erfährt sie volle Verurteilung. Besonders mild gesinnt zeigen sich die Römer, was Friedrike nicht zugeben will; und in der großen Welt sollen sich schon jetzt einige Stimmen erheben, die den Fürsten entschuldigen; immerhin hätte Mut dazu gehört ... Nein! Barbarei gehört dazu! Dagegen soll allgemein eine feindselige Stimmung gegen die Fürstin entstanden sein und schnell um sich greifen. Ihr schiebt man die Tat des Fürsten zu, ihr gibt man die Schuld an dem Tode Don Benedettos. Dieser Blutsturz des jungen Priesters zu Füßen des Marmorbildnisses erscheint mir von einer dämonischen Tragik. Er liebt die Frau seines Bruders, sah ihr Bild, sah es mit zerschmettertem Haupt, die Gestalt in hüllenloser Herrlichkeit und wurde von dem Anblick einer so göttlichen Frauenschönheit zu Tode getroffen. Mit Friedrike wohnte ich heute einem ergreifenden Vorgang bei. In der schwarz ausgeschlagenen Kirche der Polen war Don Benedetto aufgebahrt. Der geschlossene Katafalk stand auf hohem Postament, so dicht mit weißen Rosen überschüttet, daß der Aufbau einem schneeigen Blumenhügel glich. Zwölf mächtige Wachskerzen brannten vor der Bahre, und Kapuziner lasen davor unausgesetzt Gebete ab. Spät abends fand ein Totenamt statt, bei dem die kleine Kirche überfüllt war. Viele Herren und Damen der Aristokratie und der Fremdenkolonie waren anwesend. Auch der Fürst und die Fürstin. Sie knieten beim Sarge; er auf der einen, sie auf der andern Seite. Ich weiß nicht, wie ich zu der tollen Phantasie kam; zwischen diesen beiden Lebenden stünde der Tote, ließe sie nicht zusammenkommen, während jeder der beiden Gatten nach dem andern die Arme ausstreckte, einsam und sehnsuchtsvoll. Aber wenn sie endlich, endlich sich zu fassen glaubten, so war es eine Leichenhand, die sie ergriffen hatten, und sie bebten zurück, von Grausen gepackt. Der Chor der Sixtinischen Kapelle sang, und ich glaube, kein Auge blieb trocken, außer denen der nächsten Leidtragenden. Ich stand dem Katafalk so nahe, daß ich die Gesichter der beiden deutlich sehen konnte. Sie hatten einen Ausdruck, der von etwas ganz anderm sprach als von Trauer und Gram, von etwas, das ich nicht zu enträtseln vermochte und das mir jene Phantasie eingab. Trotz aller Ergriffenheit konnte Friedrike nicht unterlassen, mir zuzuflüstern: sie sähe keinen Vertreter des Papstes und fände das höchst sonderbar. Woran doch die Menschen, und sogar die guten, selbst angesichts der Majestät des Todes zu denken vermögen. Als die Trauergesellschaft sich entfernte, trat keine der Damen zur Fürstin heran. Dann bot der Fürst seiner Frau den Arm und führte sie in die Sakristei. Wir blieben noch, um den Sarg aufheben und hinaustragen zu sehen. Bei Fackelbegleitung, unter Musikklängen begab sich der Zug nach dem Bahnhof. Der Fürst schritt hinter dem Sarge, den junge Priester trugen. Die Leiche wird nach Polen überführt, um in der Familiengruft beigesetzt zu werden. Der Fürst begleitet seinen toten Bruder. Steffens kommt täglich zu mir. Er sitzt dann da, sieht meiner Arbeit zu, stundenlang; aber er bleibt in sich versunken. Manchmal bittet er mich zu reden: meine Stimme tue ihm wohl! Um ihm wohlzutun, rede ich, so schwer es mir auch fällt. Ich habe ein gar zu trauriges Herz. Baron Schönaich ist verlobt – wenigstens so gut wie verlobt, mit einer Cousine. Der Photographie nach, die Steffens kennt, soll sie als Frau ebenso schön sein wie er als Mann. Ich habe diese Nachricht nicht von ihm selbst, sah natürlich auch nicht das Bild; Steffens teilte mir die Neuigkeit mit. Er ist mit dem Baron ganz vertraut geworden und erfuhr es aus seinem eignen Munde. Er erzählte es ganz harmlos, wie man eine beliebige Neuigkeit erzählt; warum auch hätte er mir die Sache in andrer Weise mitteilen sollen? Ich verstehe wirklich nicht, aus welchem Grunde ich mich über die Harmlosigkeit, mit der Steffens von der Verlobung seines neuen Freundes sprach, erstaune. Übrigens freute sich Steffens darüber. Die beiden Brautleute gäben ein wundervolles Paar, als wären sie eigens vom Himmel füreinander geschaffen. Auch ich freue mich. Heute habe ich vor Freude sogar etwas geweint. Vielleicht, daß die schöne Frau auf meinen jungen Siegfried – Gott sei Dank, daß ich ihm wieder diesen ihm zukommenden Namen gab! – einen solchen Einfluß ausübt, ich meine auf seine Kunst, daß er es endlich sehen lernt: das Schöne auf der Welt, das ewig Heilige, ewig göttlich Schöne, welches nun einmal das Evangelium ist, das der Künstler verkündigen soll. Dieser Priester der Kunst hat sich schwer genug an seinem Gott versündigt, und keine Buße kann zu hart für ihn sein. Aber mich freut, daß sie von einer jungen, schönen und geliebten Frau ausgehen soll; mich freut, daß er glücklich sein wird! Übrigens fügte ich ihm ein Unrecht zu, das ich ihm abbitten muß. Da seine Braut schön ist, sieht er also doch das Schöne, liebt er es also doch! Und zwar darf ich mein Unrecht ihm nicht nur bequemerweise in Gedanken abbitten, sondern muß das einmal mündlich tun, wie es einer ehrlichen Buße geziemt: Angesicht zu Angesicht. Hoffentlich geht er mir fortan nicht mehr so scheu aus dem Wege, so daß ich bald Gelegenheit habe, ihm meine Sünde zu bekennen. (Obgleich ich freilich nicht einsehe, warum er mir fortan weniger ausweichen sollte.) Aber glückliche Menschen pflegen nicht andre zu meiden. Er hat sich ja auch Steffens genähert, allerdings aus tiefer Teilnahme, die jetzt jeder mit dem armen Künstler haben muß. Die Verlobung meines jungen Siegfried hat für mich das Gute, daß sie mir zu einem glorreichen Sieg über mein liebes Glöcklein verhilft. Denn: er sterblich verliebt – in mich! Auch mein gutes Glöcklein hat dem glücklichen Bräutigam etwas abzubitten, was sie allerdings im stillen besorgen muß. Hoffentlich finde ich ein recht warmes Wort, wenn ich ihm von seiner Verlobung spreche. Ich wünsche, daß er empfindet, wie sehr ich mich über sein Glück freue. Meine Freude wird ihm zwar höchst gleichgültig sein, aber ich muß sie ihm doch zeigen. Warum aber, um alles in der Welt, sollte es mir schwer werden, für ihn ein warmes Wort zu finden? Da es doch nicht nur von den Lippen, sondern aus dem Herzen kommt, noch dazu aus vollstem Herzen. Heute hätte ich Gelegenheit gehabt, den Bräutigam zu sehen und zu sprechen, und – ich ging ihm aus dem Weg! Ich fühle mich nicht recht wohl und sah heute früh ganz bleich aus. Ich sehe jetzt nämlich häufiger in den Spiegel als früher, wo ich mich sogar frisierte, ohne das unangenehme Glas zu benutzen, nur um mein Gesicht nicht sehen zu müssen. Und jetzt, seit dem Gartenfest... Und doch ist es nicht Eitelkeit! Wenn ich mich jetzt häufiger im Spiegel sehe, geschieht es, um zu ergründen, was damals den Menschen eigentlich an mir gefallen konnte, und ich komme mehr und mehr dahinter, daß es nur mein aufgelöstes Haar und der Malvenkranz war. Jetzt ärgert es mich, daß ich ihm heute aus dem Weg ging. Ich hätte mich wohl zusammennehmen und mein kleines Unwohlsein bezwingen können. Wenn er es gemerkt hätte? Denn sicher weiß er, daß Steffens mir von seiner Verlobung erzählte, und muß mich für recht unfreundlich halten. Ein nächstes Mal benimm dich gefälligst etwas anständiger, meine liebe Lange. Endlich ein Brief von Peter Paul! Sein Bild blieb wochenlang an der Grenze liegen. Es ist ungewiß, ob es überhaupt noch von der Jury besichtigt werden kann. Friedrike ist außer sich, und ich darf ihr nicht einmal sagen, welches Glück es wäre, wenn das Bild von der Jury gar nicht gesehen würde. Peter Paul scheint sich dort drüben gar nicht mehr zurechtzufinden. Sein Brief ist eine einzige Elegie, eine Elegie auf Rom! Er fühlt sich an der Spree vollkommen hilflos und schreibt: selbst das moderne barbarisierte Rom wäre im Vergleich mit jener Stadt auch für alte Römer ein Elysium. Man müßte erst aus Rom fort sein, um zu ahnen, was man selbst noch an diesem schimpfierten Rom besäße. Und nun gar Berlin! Diese Lobreden über die ewige Herrlichkeit der ewigen Stadt sind meiner lieben Friedrike ein kleiner Trost bei der Unbill, die Peter Pauls Bild widerfuhr, noch ehe es überhaupt dem Urteilsspruch der gestrengen Kunstlichter unterbreitet wurde. Aber Peter Pauls Bild nicht zu sehen, gehört eben zu jenen Dingen, die einfach unmöglich sind. Ist es erst einmal gesehen worden, dann – o dann... Friedrike sprach mit mir über die Verlobung meines jungen Siegfried und hatte dabei eine seltsame Art, mich anzustarren. Ich bin sonst, was die anstarrenden Blicke der Leute betrifft, ganz und gar nicht mißtrauisch, obgleich schon mancher Blick, mit dem ich betrachtet wurde, sehr leserlich war. Nur gehören meine Freunde nicht zu »den Leuten«, aber Friedrikens Augen forschten gar zu eigentümlich fragend in meinem Gesicht. Als ich sehr ruhig blieb und nur sagte, wie sehr ich mich freute, wäre sie mir fast um den Hals gefallen. Warum das? Und warum war sie so feierlich? Ich hätte sie gleich danach fragen sollen. Das wäre ehrlich gewesen, auch gehört es sich unter guten Freunden. Ich unterließ es und ärgere mich wieder einmal tüchtig über mich selbst; denn nachträglich davon zu sprechen hätte keinen Sinn. Die Fürstin Romanowska befindet sich nicht in der Villa, sondern hat sich in ein Kloster begeben, darin sie einst als Braut des Fürsten kurze Zeit verweilte. Mich beschäftigt es sehr, aber Friedrike findet nichts dabei; denn es käme häufig vor, daß vornehme Damen für einige Wochen in irgendein Heiligtum sich zurückzögen, um in Weltabgeschiedenheit Andacht zu halten. Ich mußte denken: Und um Buße zu tun. Aber Buße wofür? Ich verstehe nicht, weshalb der Fürst mich mehr dauert als seine Frau. Dabei hasse und verachte ich diesen modernen Barbaren, der kalten Blutes ein Kunstwerk zerstören konnte. Es ist schlimmer als Totschlag. Die Fürstin nach dem Tod Benedettos in einem Kloster! Steffens will nichts davon hören, den Fürsten zu verklagen, und er tut recht. Sein Werk ist verdorben, was würde eine Klage nützen? Noch dazu bei einer römischen Justiz, deren mittelalterliche Zustände sogar Friedrike einen Seufzer abnötigen. Der Fürst würde zu Schadenersatz verurteilt werden, und er hat ja das Kaufstück bereits vorher bar bezahlt! Ich glaube, man denkt hier, Steffens würde nach der Rückkehr des Fürsten diesem eine Forderung zuschicken. Es scheint dies allgemein erwartet zu werden. Ich verstehe davon nichts; aber nach meiner Empfindung kann Steffens sich gar nicht blutiger, möchte ich sagen, an dem Fürsten rächen, als indem er ihn nicht fordert, nachdem er seine infame Geldanweisung zurückgesandt hat und von keiner Klage hören will. Vielleicht, daß viele ihn für feig halten werden. Mögen sie! Er hat das unselige Bildnis, welches wirklich der Dämon des Künstlers ist, wieder in sein Atelier schaffen lassen, wo es nun an seinem alten Platz steht – wie verändert! Der rote Vorhang ist aber nicht mehr davorgezogen, so daß er jetzt den beständigen Anblick der Zerstörung vor sich hat. Auf ein Gemüt wie das seine muß das vernichtend wirken. Wenn, ach, wenn doch eine göttliche Hand nach ihm sich ausstrecken und ihn anrühren wollte, daß sein Geist aufstünde von den Toten und wandelte! Heute passierte ich die Via Condotti und blieb vor dem Schaufenster des Kunsthändlers stehen. Da bemerkte ich in einem hinteren Raum ein Bild, das verkehrt gegen die Wand lehnte. Auf der Leinwand befand sich in roter Farbe ein Zeichen, daran ich sofort mein eignes Bild erkannte: es war meine Kopie der »Salome«. Ich ging hinein, wurde äußerst höflich begrüßt, und ehe ich ein Wort sagen konnte, begann der Herr: »Ihre Kopie gefiel außerordentlich. Gerade heute wollte ich Ihnen mitteilen, daß derselbe Besteller Sie ersucht, Marattos ›Heiligen Benedikt‹ zu kopieren. Sie müßten sich dann allerdings für längere Zeit nach Brescia begeben, wo das Gemälde sich befindet. Die Bedingungen sind geradezu glänzend.« Ich erwiderte: »Übermitteln Sie jener unbekannten Persönlichkeit meinen Dank mit dem Bemerken, ich würde die glänzenden Bedingungen keinesfalls akzeptieren.« »Sie lehnen ab? Ist das möglich?« »Da Sie meine Kopie der ›Salome‹ noch gar nicht einmal abschickten, so –« Der Herr wußte sich jedoch ohne jede Verlegenheit herauszureden. »Der Besteller Ihrer Kopie sah das Bild bei mir. Sie gefiel ihm, wie gesagt, ganz außerordentlich.« »Also könnte ich mich bei dem Besteller für sein Interesse persönlich bedanken?« »Er ist bereits wieder abgereist.« »Ich bitte um die Adresse.« »Gut, mein Fräulein. Ich werde schreiben und um Instruktion bitten. Einstweilen überlegen Sie sich das neue Anerbieten wohl noch einmal.« »Einstweilen schlage ich es entschieden aus.« »Verzeihen Sie, aber das wäre denn doch etwas unpraktisch.« Ich ging. Was bedeutet das? Wer interessiert sich in solcher Weise für mich? Und warum ein Geheimnis daraus machen? Übrigens sagte ich Friedrike nichts von diesem Erlebnis. Es ist gar zu abenteuerlich. Und daß so etwas gerade mir nüchternem Alltagsmenschen passiert! ... Endlich! Endlich sagte ich's ihm! Ich glaube, ich kann ruhig sein. Ich sprach ihm meine Freude so warm aus, wie ich sie fühle. Er schien nicht erwartet zu haben, daß ich mich über sein Glück so herzlich freuen könnte. Er muß doch empfunden haben ... Was, Prisca Auzinger, was? Überlegen Sie doch einmal, mein Fräulein. Wo Sie nur konnten, sagten Sie ihm über seine Malerei Ihre Meinung, aufrichtig und kräftig genug. Sie gaben ihm recht deutlich zu verstehen, daß Sie ihn – gerade herausgesagt, zwar nicht für einen Pfuscher und Stümper, doch für etwas viel Schlimmeres hielten: für einen Menschen, der an dem heiligen Geist der Kunst Frevel über Frevel verübte, der des edeln Namens eines Künstlers gar nicht würdig wäre, trotz allem und allem Talent! Er muß empfunden haben, mein wertes Fräulein, daß Sie über ihn sich entrüsteten, daß er Ihnen unleidlich sei, daß Sie ihn, kurz und bündig gesagt, nicht ausstehen können. Und jetzt wundern Sie sich, wenn Ihre warme Freude über sein Bräutigamsglück ihm auffällt. Was geht Sie sein Glück an? Was haben Sie überhaupt nötig, ihm gar so warme Freude zu äußern? Wundern Sie sich doch gefälligst zuerst über sich selbst! Er fertigte mich mit meiner warmen Freude ziemlich kühl ab. »Ich danke Ihnen. Es ist sehr freundlich, solchen Anteil an mir zu nehmen. Ich werde allerdings in der nächsten Zeit, wenn ich nach Deutschland zurückkehre... Ich erzählte Steffens von einer jungen Cousine, und daß wir schon von Kindheit an Liebesleute wären... Sie brauchen Steffens nicht zu entschuldigen, ich habe ihn durchaus nicht gebeten, darüber zu schweigen. Leider ist's noch nicht so weit, wenigstens nicht bis zur offiziellen Verlobung. Aber ich bin Ihnen dankbar für Ihre Teilnahme.« Und das ganz kühl, so ein wenig von oben herab, so ein wenig als norddeutscher Baron. Aber mir geschah schon sehr recht. Nur um etwas zu sagen – denn ich schämte mich und bin gewiß vor Ärger ganz bleich geworden, fragte ich: »Sie sagten: wenn ich nach Deutschland zurückkehre... Werden Sie denn bald fortgehen?« »Ich denke ja.« »Und Ihr Bild?« »Oh, mein Bild, das Sie abscheulich fanden?« »Sie können doch mit der ungeheuern Arbeit unmöglich so schnell fertig werden?« »O nein. Dafür brauche ich vielleicht Jahre.« »Nun also?« »Ich male das Bild vielleicht gar nicht fertig.« »Gar nicht fertig!« »Darüber sind Sie erstaunt?« »Sie schienen von Ihrem Motiv so erfüllt.« »Ich war davon begeistert.« »Und trotzdem wollen Sie –« »Ich arbeite noch immer daran. Aber ich mache jetzt nur noch Studien. Die Aufgabe ist, wie gesagt, zu kolossal, um sie so vom Fleck weg lösen zu können. Ich bitte Sie nicht, sich meine Studie» anzusehen; es würde Ihnen wohl nur unangenehm sein, denn Sie mühten mir doch wieder Ihren Abscheu ausdrücken.« Was konnte ich darauf erwidern, wenn ich ehrlich bleiben wollte? Und allen Menschen gegenüber will ich ehrlich sein und gegen diesen besonders. Also schwieg ich. Sonderbarerweise – ich finde, daß in meinem Leben nachgerade alles sonderbar wird, begann er plötzlich von Steffens zu sprechen. Er sagte wörtlich: »Diesem Mann tat ich unrecht. Ich hielt ihn für einen Schwächling. Er ist jedoch etwas ganz andres! Er ist das Bedenklichste und zugleich Bedauernswerteste, was ein Mann überhaupt sein kann: er ist eine tragisch angelegte Natur. Und gar wenn ein solcher Mensch ein Künstler ist, obendrein ein genialer Künstler! Man sagt von diesem und jenem: er ist zum Unglück geboren. Man sagt das so flüchtig hin wie eine Redensart, ohne sich dabei viel zu denken. Aber es gibt wirklich Menschen, die zum Unglück geboren sind, und Karl Steffens ist ein solcher Unglücklicher.« Er sagte diese Dinge so ernsthaft, mit einem so starken Ausdruck von Teilnahme und Verständnis in seinen Augen – die übrigens einen gar schwermütigen Blick haben können, daß ich mich unwillkürlich gerührt fühlte. Ich dankte ihm für seine schöne Auffassung des Charakters meines armen Freundes, der so leicht falsch verstanden werden konnte. Er sah mich groß an. »Dafür brauchen Sie mir wahrhaftig nicht zu danken! Für einen anständigen Menschen ist nichts so peinlich und demütigend, als erkennen zu müssen, daß man jemand unrecht getan. Sehen Sie, Fräulein, ich bin eine sehr resolute Natur, die von solch sensitivem Empfinden, wie Steffens es hat, nicht viel weiß. Daher anfangs meine Ungerechtigkeit gegen ihn.« Ich fühlte mich eingeschüchtert und schwieg. Steffens neuer Freund fuhr fort: »Das ganze Drama seiner Leidenschaft zu jenem schönen Weibe ... Lieber Gott, so etwas versteht ein Mensch von meiner Robustheit einfach gar nicht! Überhaupt, Leidenschaft... Wie kann ein Mann an einer Leidenschaft zugrunde gehen? Sehen Sie, ein solcher Philister war ich.« »Waren Sie?« »Ja. Stellen Sie sich vor, daß ich jetzt manches begreife, was mir früher, noch bis vor ganz kurzem unbegreiflich war.« »Jetzt können Sie verstehen, was Leidenschaft ist?« »Ich verstehe, daß Liebe zur Leidenschaft werden kann. Aber ich verstehe noch immer nicht, wie es möglich ist, sich davon zerstören zu lassen, das heißt: bei einem Karl Steffens verstehe ich das allerdings.« »Ich glaube, er ist mit dieser Leidenschaft fertig. Wenigstens war er auf dem besten Wege zur Genesung, und ohne diese Katastrophe –« Er unterbrach mich. »Ja, mein Fräulein, mit dieser Leidenschaft ist er fertig. Übrigens muß ich Ihnen auch noch erklären, warum Ihr Freund mir so besonders antipathisch war. Er schien mir durch seine ganze Art, künstlerisch zu sehen – Sie wissen, wie sehr sie von der meinen verschieden ist, auch auf Ihre Kunst höchst unglücklich zu wirken, und das brachte mich gegen ihn auf.« »Sie warnten mich damals vor ihm. Es war jedenfalls sehr freundlich von Ihnen.« »Zum Kuckuck mit meiner Freundlichkeit und Teilnahme! Ich sah ein großes Talent durch ein krankhaftes gewaltsam aus seinen Bahnen gerissen und hätte als Künstler ein Barbar sein müssen... Doch für einen solchen halten Sie mich ja.« »Verzeihen Sie, daß ich Ihnen eine persönliche Teilnahme für mich zumutete.« Das war nun wieder einmal recht herzlich töricht von mir! Es klang so kleinlich, fast wie empfindlich, und ich hasse nichts so sehr wie Empfindlichkeit. Es ist so entsetzlich frauenzimmerlich. In meiner Verwirrung und Scham – denn ich schämte mich furchtbar – fragte ich ihn: »Jetzt würden Sie mich vor seinem Einfluß nicht mehr warnen?« »Jetzt nicht mehr.« »Seitdem Sie erkannten...« Aber wieder unterbrach er mich, sogar ziemlich erregt: »Ja! Nun ja! Ich erkannte. Solche Erkenntnis ist sehr unbequem. Aber es hilft nichts, dagegen sich gewaltsam zu verschließen. Es wäre Schwäche und Feigheit, wäre genau dasselbe, was mir an Steffens so unangenehm war.« »Sie sehen ihn jetzt häufig?« Ich wollte ihm durch diese Frage nur helfen, von einem Gegenstand loszukommen, der ihn sonderbar stark erregte. »Ich sehe ihn, so oft ich kann.« Ich rief: »Sie werden ihm helfen, ihn aufrichten mit Ihrer Kraft.« »Ich?! Steffens zu helfen, ihn zu einem neuen Menschen zu machen, wie ich es nennen würde, vermag nur eine einzige Person. Allerdings bedürfte es für diese Rettungstat einer Heldenkraft. Aber die besitzen Sie ja.« »Ich?!« »Auch ich, mein Fräulein, wünsche Ihnen Glück aus vollem Herzen. Sie nehmen eine schwere Mission auf sich; aber Ihre Mission ist schön, denn sie ist groß. Und Sie sind dafür geschaffen, eine solche Mission auf sich zu nehmen.« Er sagte diese sonderbaren Worte in tiefer Bewegung! Also glaubt er, daß ich Steffens liebe, daß ich... Und dazu wünscht er mir Glück, er mir... Und ehe ich ihm erwidern konnte, war er bereits fort. Wie ist mir nur? Gott, mein Gott, wie ist mir nur? Eine Mission, sagte er... Sie wäre schön und groß. Schwer wäre sie, aber schön und groß. Und ich wäre dazu geschaffen... Wofür? Um etwas zu nützen auf Erden! * Gestern habe ich mich in Frascati mit Karl Steffens verlobt. Gott helfe mir und stärke mich, daß ich meine Mission auf Erden erfülle, daß ich einem andern Menschen nützen und helfen kann. Amen. Ich bin ruhig genug, daß ich zu erzählen vermag, wie alles kam, daß ich mir darüber selbst Rechenschaft ablegen kann. Es kam schließlich ganz einfach, wie selbstverständlich, wie die Erfüllung einer inneren Notwendigkeit – um mit meinem Verlobten zu reden. Vorige Woche schlug Steffens Friederike und mir einen Ausflug nach Frascati vor. Wir waren froh, ihn von seinem verstümmelten Werk fortzubekommen, doppelt froh, daß er selbst die Initiative ergriffen hatte, und wunderten uns nur über die Wahl von Frascati. Denn er war seit vielen Jahren nicht dort gewesen, nicht einmal in Grottaferrata oder Marino. Zu Friedrikens Leidwesen fuhren wir mit der Bahn, aber wenigstens mit dem ersten Zug, so daß wir den ganzen Tag vor uns hatten und mit allem Behagen auf Tuskulum im alten Theater frühstücken konnten. Ich hatte die frühsommerliche Campagna noch nicht gesehen und lehnte, in einen Sommertagstraum versunken, aus dem Wagenfenster. Die Gemüsegärten und Felder waren von Hecken umzogen, an denen vor Blüten kein Blatt zu sehen war; Rosen, lauter Rosen! Dann begann die Campagna, einer jener Visionen gleichend, die ich mir von den Prärien machte, darin der alte, ewig junge Lederstrumpf seine Jagdgründe hatte. Aber hier umgaben die Blumenwildnisse das zertrümmerte alte Rom! Bogen der Wasserleitungen füllte riesiges Schilfrohr, und den Leib dieser Steinkolosse, die vom Gebirg her Rom zuzogen, vergoldete die Blüte des Fenchels. In weiten Strecken flammte das Land rot von Mohn. Es war, als brächen Blutströme aus dem Boden, der einst das Lebensblut ganzer Völkerschaften getrunken hatte. Dann wiederum schneeweiße und goldgelbe Gefilde, wo silbergraue Rinder weideten, die gerade nur mit dem mächtig gehörnten Haupt aus dem Blütenschwall auftauchten. Dazu schon frühmorgens in der Luft ein zarter Goldton, der das Sabinergebirge, auf dessen höchstem Gipfel noch Schnee lag, wie eine Fata Morgana erscheinen ließ. Wenn ich jetzt die Augen schließe, so treten mir jene Landschaften, die ich an dem Morgen meines Verlobungstages sah, wie Bilder aus einer andern Welt vor die Seele. Seit jenem Morgen ist ja auch die Welt für mich eine andre geworden... Der Bahnhof von Frascati liegt unterhalb einer hohen, steilen Böschung, die eine schöne Lauballee krönt. Hier setzten die holden Rosenwunder sich fort; nur daß hier breite Beete von blauen und weißen Lilien sie umrahmten. Dieser Bahnhof von Frascati ist wie die Pforte zu einem Ort, darüber in Blumenlettern geschrieben steht: Ihr, die ihr hier eingeht, lasset allen Kummer zurück. Wir ließen unsern Kummer weit, weit zurück und wurden frohe Menschenkinder. Auch Friedrike trotz ihrer Sehnsucht nach Peter Paul und ihrer Sorge um das noch immer unentschiedene Geschick des großen Bildes; auch Steffens, trotz des Gespenstes seiner Vergangenheit, das an der blumigen Scholle dieses Freudentempels kauerte, wurde froh. Und nun gar erst ich, nicht ahnend, daß an dieser sonnigen Stätte mein Leben sich entscheiden sollte. Zunächst begaben wir uns auf den hübschen Platz vor der Kirche des heiteren Weinstädtchens, um unsre Einkäufe zu machen: Schinken und Mortadella, Brot, frisch gepflückte Feigen – die ersten des Jahres – und ein Körbchen voll Erdbeeren. Friedrike erklärte uns: ein Picknick auf Tuskulum sei eine Sache, wie man sie so schön an keinem andern Ort der Welt erleben könne. Dann gingen wir. Vorerst gelangten wir auf einen kleinen häßlichen Platz, wo sich eine antike Grabruine befindet; ein Schusterlein betrieb in der ehemaligen Totenkammer sein pochendes Handwerk. Friedrike deutete mit einer pathetischen Handbewegung auf ein Stück Mauer und erklärte in tragischem Ton »Das Grabmal Luculls!« Und die Gute war enttäuscht, weil mich diese Kunde nicht tief ergriff. Aber Steffens zeigte auf ein benachbartes Haus, das an einen schönen Garten stieß, und sagte so leise, daß nur ich es hören konnte: »Dort lag ich damals krank, und Maria pflegte mich.« Ich sah ihn an und begegnete seinem Blick, der einen schönen, freundlichen Ausdruck hatte. Nun führte unser Weg bergan, zwischen Mauern hin. Friedrike überwand die Kränkung, die ich ihr zugefügt, machte den Führer und geriet mehr und mehr in Ekstase, obgleich wir noch immer einen miserabeln Weg zwischen abscheulichen Mauern emporstiegen. »Prisca, dies ist die berühmte Villa Aldobrandini, auch Belvedere genannt. Im Park, hoch oben, ist eine Fontäne unter alten Ahornbäumen, an der sich Apollo und die Musen versammeln könnten. Aber Sie müssen herkommen und hier durch dieses Gitter sehen. Ist es nicht wundervoll? Im Vordergrund der antike Sarkophag und die Lichtung in den Steineichen und der Blick über die Ölwälder nach dem Sabinergebirge gerade auf die Villa Adriana und Tivoli! ... Und sehen Sie doch nur! Dort ist ja die Villa Falconieri, und wo die Zypressen stehen –« Sie brach mitten im Satz ab und ward ganz rot vor Verwirrung. Steffens fuhr fort: »Dort liegt der Teich, von dem Sie gewiß gehört haben. Unsern Rückweg wollen wir über Camaldoli und Villa Falconieri nehmen, und ich zeige Ihnen das stille Gewässer unter den ernsten, schwarzen Bäumen. Der Ort hat einen mächtigen Zauber.« Ich begegnete wieder seinen Augen. Dieses Mal nickte ich ihm zu. Ich glaube, ich lächelte dabei. Ach, ich war so froh für ihn, so schwesterlich froh. Es war uns beiden lieb, daß Friedrike vor lauter Entzücken nur sich selbst zu Worte kommen ließ, und ihre Begeisterung steigerte sich mit jedem Schritt, denn mit jedem Schritt wurde es wonniger. Das ist der einzig richtige Ausdruck für diese Landschaft. »Liebe Prisca, das ist das berühmte« – bei Friedrike ist jeder römische Stein berühmt – »Kapuzinerkloster. Vom Garten aus soll man eine unerhörte Aussicht haben. Es ist ein wahrer Jammer, daß wir Frauen nicht hinein dürfen... Meine beste Prisca, jetzt müssen Sie voller Andacht sein, hier ist klassischer Boden. Denn hier ist der Eingang zu Ciceros Villa. Hier, gerade hier lag sein berühmtes tuskulanisches Landhaus. Der Ausdruck: sein Tuskulum haben, rührt von diesem historischen Landhaus her. Sie finden das im ›Büchmann‹. Und den Cicerone machen, leitet sich natürlich von Marcus Tullius Cicero ab. Nun, und dieser nämliche berühmte Cicero hatte hier seine Villa, eben sein Tuskulum... Das Haus muß prachtvoll gewesen sein. Sehen Sie nur, dieses Stück Gebälk! Einfach prachtvoll, nicht wahr? Ja, diese Advokaten! Denn Cicero war Advokat, wie Sie ja wohl wissen werden... Welche Einsamkeit, welche Erhabenheit, nicht wahr, lieber Steffens? Stellen Sie sich vor, Prisca, in der heutigen Villa Tusculana wurde Lucian Bonaparte von Briganten überfallen, aber statt seiner ein Maler in die Abruzzen geschleppt. Washington Irving hat aus dem berühmten Überfall eine Novelle gemacht... Und das ist nun das sogenannte Zaubergärtchen. Doch einfach ein Zauber! Sie kennen ja Paul Heyses berühmte Novelle ›Villa Falconieri‹? Dieses Gärtchen kommt auch darin vor. Es ist doch zu interessant, das alles zu sehen... Jetzt werden wir bald auf Tuskulum sein... Jawohl, ja! Alle diese Böschungen sind antike Ruinen, und die herrlichsten Marmorstücke liegen hier wie Kieselsteine herum... Prisca! Diese Wiese mit der einsamen Pinie! Doch der reine Böcklin! Und der Blick auf Rocca di Papa und den Monte Cavo. Seht, ach, seht doch nur! Ach, dieses Tuskulum! Mit Peter Paul war ich mehr als hundertmal hier oben. Mein guter, armer Peter Paul dort drüben in dem gräßlichen Berlin!« Ihre Wehmut machte sie etwas stiller, und erst als wir bei einem kleinen Pinienhain, der sogenannten Scuola di Cicero, die Höhe erreichten, brach ihr Enthusiasmus von neuem aus: »Die Räume der Villa des Kaisers Tiberius. Doch einfach unerhört... Liebe Prisca, Sie müssen sich diese gewaltigen Trümmer genauer ansehen. Und der Blick hinunter: auf der einen Seite Frascati, die Campagna, Rom, auf der andern das öde Algidumtal. Hier ein Paradies, dort eine Wildnis. Nur hier können Sie solche Gegensätze finden ... Gleich werden Sie das berühmte Gespensterhaus sehen, und dicht dabei ist das Theater. Es soll uralt sein. Denn Tuskulum wurde vom Sohn des Odysseus und der Circe gegründet. Bitte, stellen Sie sich das einmal recht deutlich vor!« Im Theater hielten wir eine köstliche Mahlzeit, bei der ein antiker Opferstein als Tisch diente. Den Schmuck unsers Symposions bildete roter Klee, der das ganze Halbrund des Theaters füllte, so daß es wie mit Purpur belegt erglühte. Das Summen der Insekten, der Lerchenjubel war unsre Tafelmusik. Blickten wir um uns, so spielte uns die Weltgeschichte mit Zuhilfenahme unsrer Phantasie Komödie vor. Es war allerdings ein Trauerspiel. Friedrike hatte natürlich ihren treuen Gefährten, den Pompadour, bei sich. Er hatte unsre gesamten Vorräte geborgen, war jetzt leer und mußte – das gehörte sich nun einmal so – mit Frascataner Blumen gefüllt nach Hause gebracht werden. So kam's, daß, als wir zum Zypressenteich der Villa Falconieri gelangten, wir beide allein blieben. Ich saß auf einem der Felsblöcke, die am Rand des stillen Gewässer« liegen, und Welt und Leben versanken mir unter dem melancholischen Eindruck der Stätte. Es war freilich schön, aber von jener Schönheit, die traurig, tieftraurig macht, denn sie erfüllt das Gemüt mit unendlicher Sehnsucht. Nicht mit Sehnsucht nach Glück. Nein, nein! Nicht nach selbstsüchtigem Menschenglück. Sehnsucht nach dem Guten, dem Hohen, dem Höchsten! Sehnsucht nach Entsagung, nach Selbstverleugnung, Sehnsucht nach einem Etwas, das nicht von dieser Erde ist! Da trat er neben mich, neigte sich zu mir herab und sagte leise: »Sie haben durch Ihre lichte Gegenwart für mich diese Stätte von dem Dämon ihrer dunkeln Erinnerung gereinigt; Sie haben mein ganzes Leben mit einer Weihe erfüllt. Wollen Sie als mein guter Geist bei mir bleiben?« Ich wendete mich nach ihm um, sah ihn an und antwortete: »Ich will Ihr Weib sein.« 26. Peter Paul kommt zurück Als Fräulein Friedrike blumenbeladen an dem Teich der Villa Falconieri endlich erschien, traten ihr die Verlobten entgegen. Sie sagten es ihr gleich: Steffens mit dem Ausdruck eines Glückes, das, einmal errungen, nicht wieder genommen werden kann; Prisca wie jemand, der einen großen Entschluß gefaßt hat, dessen Erfüllung fortan das Leben ausmachen wird. Sie waren kein jubelndes Brautpaar, aber zwei Menschen, deren Seelen eine Weihe empfangen hatten. Fräulein Friedrike sagte kein Wort. Sie lies ihren Pompadour fallen, setzte sich mitten auf den Weg und begann bitterlich zu weinen. Als Prisca sie wieder glücklich auf die Beine gebracht hatte, schluchzte sie, bald den einen, bald den andern umarmend: »Und Peter Paul muß in Berlin sein! Habt euch nur um Gottes willen auch so lieb, wie wir uns liebhaben, werdet als Mann und Frau doch auch nur so glücklich, wie wir beide als alte ewige Brautleute sind. Kinder, ach Kinder, welche Freude habt ihr Peter Paul und mir heute gemacht. Und daß ihr euch gerade in Frascati verlobt habt, gerade in der Villa Falconieri – es ist zu nett von euch! Es ist überhaupt zu schön auf der Welt. Nur daß Peter Paul nicht mit dabei ist!« Dann weinte sie wieder ein Stücklein, worauf sie von neuem in Entzücken geriet, bald Steffens, bald Prisca dankend, als hätten diese sich nur deshalb verlobt, um der guten Friedrike und dem besten Peter Paul eine Freude zu machen und das Picknick auf Tuskulum besonders herrlich zu beschließen. Dann schlug Fräulein Friedrike vor, ein Verlobungsmahl zu halten, womit das Brautpaar einverstanden war. Steffens bestand darauf, dieses Festessen bei seiner ehemaligen Wirtin, jener vortrefflichen Sora Rosa abzuhalten, die, wie er vernommen hatte, seit einigen Jahren in Frascati eine bescheidene kleine Trattorie hielt. Die gute Frau sollte erfahren, um was für ein Pranzo es sich handelte, das zusammenzustellen Fräulein Friedrike sich vorbehielt. Sie verhieß ein Menü ganz à Ia Frascatana! Bei der Popularität, deren sich Sora Rosa erfreute, war die Trattorie sofort erkundet. Von einem Schwarm von Gassenjungen begleitet – nach Fräulein Friedrikens Erklärung bestand selbst dieses Gesindel in Italien aus raffaelschen Cherubim, erreichte das Trio das volkstümliche Speisehaus. Es lag in der Nähe des Marktplatzes, war eine Art von saubergehaltener Grotte, besah jedoch eine kleine Pergola, die wie ein rebenumrankter Vogelkäfig über der alten braunen Stadtmauer hing und in der ein König hätte tafeln können, so majestätisch war der Blick aus der grünen Laube auf Land und Gebirge, auf Rom und die Meeresküste. Sora Rosa erkannte den Signor Carlo sofort und begrüßte ihn mit einer Lebhaftigkeit und zugleich einer Anmut, wie sie nur den Kindern jenes glücklichen Südens zu Gebot steht. Dabei vermied sie mit dem Takt ihres Volkes jede Bemerkung über die Umstände, unter denen sich Steffens damals in ihrem Hause befunden, jede Frage, weshalb er sich so viele Jahre nicht hatte sehen lassen. Tora Rosa war eine schöne Matrone, in deren braunem Gesicht die Augen von jugendlichem Feuer funkelten, mit schlicht gescheiteltem, dichtem grauem Haar, das prachtvoll gewesen sein mußte. Sogleich ward die ganze Familie zusammengerufen, die drei Töchter: Cristina, Vittoria, Dionisia, der Ehemann der Ältesten, Vincenzo, und deren Kinder. Es gab einen Aufstand, und es war eine Freude, als wäre ein verlorener Sohn zurückgekehrt. Und als die guten Leute gar erfuhren, daß eine Verlobung stattgefunden hatte und daß in ihrer Pergola das Verlobungsmahl abgehalten werden sollte! Wiederum hatte das triumphierende Fräulein Friedrike recht. »Meine teure Prisca, so etwas kannst du eben nur hier erleben! Denn ich nenne dich du, und Peter Paul muß dich auch duzen! Und wir wollen so fröhlich sein, als ob er bei uns wäre und euch seinen Segen gäbe.« Dann bezwang sie ihre Rührung und entfernte sich, um mit Sora Rosa eine geheime Beratung zu halten, von der sie sehr befriedigt zurückkehrte. »Diese Sora Rosa ist eine prachtvolle Person! Erster Gang: Gnochi con salsa pomi d'oro . Zweiter Gang: Capretetto alla cacciatore ; dritter Gang: Piscelli con precciutto ; vierter Gang: Pollo arrosto und als Dolce gebackenen süßen Ricotto , Früchte und Käse. Was sagt ihr dazu?« Dann wurde in der Pergola von der gesamten Familie der Tisch gedeckt und von Fräulein Friedrike mit Lorbeerzweigen und Rosen bestreut. »Römische Rosen und Lorbeer, liebe Prisca, bester Steffens! Mögen sie durch euer junges Leben duften und glühen: ruhmvolle Künstlererfolge und leuchtendes Menschenglück! Und möchten der Rosen noch mehr als des Lorbeers sein! Denn Glück ist doch das Schönste im Leben, vielleicht auch das Höchste.« ›Vielleicht auch das Seltenste,‹ mußte Prisca denken. ›Wenn ich nur glücklich machen kann!‹ Als könnte man glücklich machen, ohne nicht auch zugleich glücklich zu sein, liebe, törichte Prisca. Dann ward alles sehr festlich. Himmel und Erde bedeckten sich mit Sonnenuntergangsgluten, denen veilchenblaue Dämmerung folgte. Dem Wogenschlag eines märchenhaften Ozeans entstieg der Soracte wie ein Zaubereiland; am Horizont flammten die Lichter Roms auf, und über dem Meere lag ein ganz unirdischer Glanz. Die Welt war so feierlich schön, daß Prisca nicht verstand, wie ein Menschenherz nicht sich selbst überreden, nicht aufgehen konnte in einem Gefühl, das größer war als das eigne Geschick. Von Peter Paul waren noch immer keine Nachrichten eingelaufen, die etwas Entscheidendes über das Schicksal des großen Bildes gebracht hätten. Jeden Vor- und Nachmittag, wenn die deutsche Post kommen mußte, stieg Fräulein Friedrike im Sonnenbrand den Berg hinunter und erwartete bei der Porta del Popolo den Postboten. Diese Gänge hielt sie selbst vor Prisca so ängstlich verborgen, als befände sie sich in ihren alten Tagen auf heimlichen Liebeswegen. Was in dreißig Jahren nicht geschehen war, das begab sich jetzt: Signorina Rica las deutsche Zeitungen. Es kostete sie einen Kampf, aber sie überwand ihren Widerwillen gegen das mit deutschen Worten bedruckte Papier und las. Auch das vollbrachte sie in tiefster Heimlichkeit. Zur Mittagsstunde, wo wenigstens keine Fremden, keine Deutschen das Café Aragno besuchten, erschien jetzt regelmäßig Tag für Tag in diesem berühmten römischen Lokal ein altmodisches ältliches Dämchen in Hellem, großgeblumtem Sommerkleid mit einem gewaltigen schwarzen Pompadour, forderte eine »Bibita« und das »Berliner Tageblatt«, das Italienische so sprechend, daß die Kellner auch ohne das Tageblatt und ohne den Pompadour – nur deutsche ältliche Damen führten diesen Artikel mit sich, beim ersten Ton die »Tedesca« erkannten. Mit der Limonade und dem Tageblatt setzte sich Fräulein Friedrike in den einsamsten und hintersten Winkel und studierte die Berliner Kunstnachrichten, jeden Augenblick erwartend, den Namen Peter Paul Enderlins und die »Vision des Nero« zu lesen – mit fetten Lettern gedruckt. Aber sie fand nichts. Tag für Tag ging sie dem Postboten bis zur Porta del Popolo entgegen; Mittag für Mittag saß sie im Café Aragno und las; aber von Peter Paul und seinem großen Bild las sie nichts. Am ersten Juli sollte die Ausstellung eröffnet werden. Bereits zählte man den zwanzigsten Juni, und immer noch blieb die Zeitung über das größte Kunstereignis des Jahres stumm. Auch Priscas Sorge wuchs mit jedem Tage. Waren die Verlobten beisammen, so sprachen sie nicht von sich und der Zukunft, sondern von der Gegenwart und dem Schicksal der Freunde. Nur wenn man des Abends vor Friedrikens Atelier sich vereinigte, machten sie Pläne, jedoch mehr um die Freundin von ihren schweren Gedanken abzuziehen. Zum Herbst wollten sie heiraten: in Rom, und in Rom wollten sie bleiben; in der Kolonie vor der Porta del Popolo, wo zum Winter eines der Häuschen frei ward. Doch behielt Steffens sein Atelier. Gegen Nahrungssorge würde die Arbeitslust beider sie schützen, denn arbeiten wollten sie, arbeiten! Überdies hatte die Ausstellung des einen einzigen Tages Steffens so bekannt gemacht, daß von Kunsthändlern und Liebhabern Anfragen einliefen. Er brauchte nur ein neues Werk zu schaffen, und es war so gut wie verkauft. Daß der Commendatore Mario di Mariano sich von neuem an Steffens gewendet und diesem nicht glänzende Anerbieten gemacht hatte, erfuhr nur Prisca. Keiner sprach es aus, aber beide dachten es: die dunkelste Zeit in Steffens Leben war jene Periode, in der er für den Namen und den Ruhm eines andern gearbeitet hatte. Auch jetzt arbeiteten beide; Steffens voller Jugendkraft und Feuereifer an einem Prometheus, der das geraubte himmlische Feuer über seinem Haupte schwingt; Prisca dagegen mit einer ihr ganz fremden Unlust, die sie der beginnenden Hitze zuschrieb, ihrem Verlobten und Friedriken ängstlich zu verbergen suchte und gern sich selbst abgeleugnet hätte. Steffens hatte ihr geraten, sich an die menschliche Gestalt zu wagen, und so malte sie denn einen weiblichen Akt. Ihr Modell war herrlich, aber die Arbeit fiel ihr schwer, schien über ihre Kräfte zu gehen; doch sie ließ nicht ab, sich stets von neuem zu versuchen. Dazu kam jene seltsame Erschlaffung. Jedenfalls wirkte die Verlobung auf Steffens ganz anders als auf sie. Ihn belebte das Glück wie ein Wundermittel, während es ihr die Kraft entzog. Auch quälte es sie, daß sie in München noch immer nichts verkauft hatte, was sie ihrem Bräutigam verschwieg. Nicht aus gekränkter Künstlereitelkeit, sondern weil sie fürchtete, er möchte ihren Mißerfolg seinem Einfluß zuschreiben und unter ihrer Enttäuschung schwerer leiden als sie selbst. Was mochte Baron Artur wohl gemeint haben, als er bei ihrem neulichen ernsthaften Gespräch äußerte: jetzt befürchte er von Steffens gewalttätiger Persönlichkeit auf ihre Begabung keine verderbliche Wirkung mehr. Warum jetzt nicht mehr? ... Weil er erkannt hatte, daß sie Steffens liebte und weil es für die Frau eine natürliche Sache war dem geliebten Mann sich anzuschmiegen und unterzuordnen? Aber auch in der Kunst? ... Das mußte Steffens neuer Freund wohl meinen, was von keinem allzu großen Glauben an die freie künstlerische Persönlichkeit der Frau zeugte. Steffens hatte ihm seine Verlobung mitgeteilt und Baron Artur Prisca einige freundliche Worte geschrieben. Warum schrieb er wohl, da er sie doch täglich sprechen konnte? Ungefähr eine Woche nach dem Picknick auf Tuskulum kam Prisca eines Abends von Friedrike zurück. Der Tag war ein glühendheißer gewesen, und trotz offener Fenster und Türe wollte die Schwüle aus dem Zimmer nicht weichen. Prisca blieb daher noch im Garten, den Johanniswürmer in solcher Menge durchschwärmten, daß Büsche und Blumen in einem Regen von tanzenden Funken standen. Da vernahm sie am Eingang des Gartens Schritte; sie klangen wie die eines sehr müden, sehr erschöpften Wanderers, schleichend und schleppend. Der späte Ankömmling bog von dem breiten Wege ab und kam den schmalen Gang zu ihrem Atelier herauf. Wer konnte so spät zu ihr wollen? Und mit solchen schleichenden, schleppenden Schritten? »Peter Paul!« Sie rief seinen Namen und lief ihm entgegen. Fast wäre sie dem alten Mann um den Hals gefallen, denn sie wußte ja, was ihn so todmüde machte: die Trostlosigkeit! Der Glaube eines Lebens zerstört. »Ach, Peter Paul! Lieber, lieber Peter Paul!« Er stand vor ihr. Von dem Funkengewimmel ringsum fiel ein fahler Glanz auf sein Gesicht. Wie greisenhaft es war, und die Augen mit jenem Blick, den nur Menschen haben können, die eingingen durch das Tor des Schmerzes und jede Hoffnung hinter sich ließen. Prisca fand keinen andern Gruß; sie sagte dieselben Worte immer wieder: »Lieber, lieber Peter Paul!« Endlich sprach auch er das erste Wort: »Friedrike!« Allen Kummer und Schmerz, alle Sorge und Liebe, alles, wofür es keinen Namen gibt, nannte der gebrochene Greis mit dem einzigen, mit erstickter Stimme gesprochenen Wort. Nur an sie hatte er gedacht, als er seinem Bilde nachzog, nur an sie, als er den Urteilsspruch der Jury vernahm, nur an sie, als er zu ihr zurückkehrte: mit solchen schleichenden, schleppenden Schlitten, solchem müden, verödeten Herzen; denn ein Herz, das nicht mehr zu hoffen vermag, trägt in sich die Öde einer Wüste. Hastig versetzte Prisca: »Sie ist in ihrem Atelier und gewiß schon zu Bette. Kommen Sie herein und – nein, Sie sollen mir nichts erzählen. Ach, lieber, lieber Peter Paul, Sie brauchen mir nichts zu erzählen. Ausruhen sollen Sie sich bei mir, plaudern wollen wir zusammen! Von Friedrike wollen wir sprechen und wie doch noch alles gut wird, wie man Sie einmal noch anerkennen wird, wie Sie wieder arbeiten werden. Ja, ja, ja, mein lieber, lieber Peter Paul. Und solange wir noch arbeiten, so lange leben wir auch, nicht vegetieren, nein, leben! ... Sehen Sie mich nicht so traurig an, schütteln Sie nicht so traurig den Kopf. Kommen Sie, kommen Sie!« Sie umfaßte ihn, führte ihn in ihr Zimmer zu einem Sessel, darauf er niedersank. Dann schloß sie die Tür, aber das Fenster ließ sie offen, und sie zündete kein Licht an. Vor dem dunkeln Fenster webte die von Glühwürmern erfüllte Sommernacht einen Strahlenvorhang. Dann erzählte der Heimgekehrte: »Es war wohl für meine schwache Kraft eine zu gewaltige Aufgabe. Meine winzigen Heiligenbilder hätte ich malen müssen, fleißig und tüchtig, und mich damit zufrieden geben; es können ja auch kleine Geister zu der großen Göttin beten und ihre Diener sein, wenn auch die letzten und unwürdigsten. Ich wollte aber die Hohepriesterschaft haben! »Gleich, als es entschieden war, du wirst ein Künstler, nahm ich mir vor: du gehst nach Rom, und dort malst du ein Bild, welches dein Lebenswerk sein wird. Schon in Düsseldorf auf der Akademie dachte ich an nichts andres als an meinen römischen Aufenthalt und an mein römisches Bild. Ich reiste nach Rom – und mich armseliges Zwerglein überkam der Geist Michelangelos – so glaubte ich damals. Denn heute weiß ich, was mich in Rom überkam: Größenwahn! ›Auch du bist ein Auserwählter des Herrn.‹ »Ich begann also und malte. Sie wissen, wie lange das her ist. Niemand ließ ich mein Bild sehen. Wohl vom ersten Tag an hatte ich die geheime Angst, sie möchten in dem Titanenwerk den Zwerg erkennen. Mir selbst redete ich vor, ich wollte mich von niemand beeinflussen lassen. Nur hier konnte ich das durchführen, denn in Rom ist möglich, was sonst nirgends möglich ist. Ich glaube, auch darum liebe ich Rom so fanatisch. Der Mensch kann hier zum Narren werden, und die andern merken es gar nicht. Oder wenn sie es merken, so zucken sie die Achseln und lassen den Mann laufen. Mancher, der hier harmlos umhergeht, seines Lebens und der Sonne sich freut und sich bei gesunder Vernunft glaubt, würde wo anders in eine Irrenanstalt gesperrt werden. »Friedrike! Sie lebte mit mir in meinem Bilde, denn sie lebte in meiner fixen Idee. Ein Menschenalter lebte sie mit einem Irrsinnigen zusammen und merkte es nicht. Sie merkte es nicht, weil sie an mich glaubte, an mein großes Bild, an meine göttliche Berufung, an meine gesunde Vernunft. Und sie glaubte an mich, weil sie mich liebte. Liebe bei einem Frauenzimmer ist immer zugleich Glaube. Das hat der Himmel so gemacht und das ist eine seiner größten Taten. »Ein liebendes gläubiges Frauenherz – o Fräulein Prisca, Andacht sollte der Mann vor solchem gläubigen Herzen haben. »Als Sie damals das Bild sahen – Friedrike ließ nicht ab, bis ich Sie einlud –, welche Angst ich hatte, Sie würden den Narren erkennen. Ich redete mir freilich immer ein, keiner zu sein, obgleich ich in meiner innersten Seele stets argwöhnte, wie es um mich stand. Ich hatte indessen nicht den Mut, denn vierzig Jahre! ... Sie blieben stumm. Friedrike sagte mir, Ihr Schweigen sei tiefste Ergriffenheit gewesen, und was sie sagte, glaubte ich. Aber nicht Ergriffenheit war es, was Sie stumm machte, sondern Schreck, vielleicht sogar Mitleid. Heute weiß ich das. Dem Steffens traute ich nicht, den lieh ich nicht hinein, so sehr Friedrike auch bat. Er hätte vor Schreck vielleicht nicht die Sprache verloren, und wenn er mich aufgeweckt hätte ... Er machte so wie so Andeutungen, und ich wollte nichts hören. Kein Wort wollte ich hören vor der Entscheidung in Berlin, vor dem Urteilsspruch. »Im Traum allerdings – im Traum hörte ich das Wort oft genug. Ich hörte es wie Posaunenton, wie das Verdammungswort beim Jüngsten Gericht. Aber ich bekam es fertig, mich immer wieder zu belügen. Andre, die solche Traumwelt in der Seele tragen, werden Trinker oder Morphinisten, um das Menetekel nicht hören zu müssen; ich wurde ein alter Römer. Nur keine Wirklichkeiten. Und wer ein alter Römer geworden, für den hat die Welt keine Wirklichkeiten mehr. Doch das verstehen Sie nicht. Mögen Sie es niemals verstehen. »Kämpfe und Leiden hatte auch ich trotzdem genug, jeden Morgen! Wenn ich wieder vor meine Riesenleinwand trat, an meinem Titanenwerk wieder hinabstürzte. Oft genug wollte ich mich beim Tarpejischen Felsen hinabwerfen, oder bei Sankt Bartholomä in den Tiber. Und oft genug war die Ursache zu solch einem Vorsatz nur ein Stücklein Faltenwurf, nur eine kleine Verkürzung, nur eine nebensächliche Lichtwirkung. »Ich blieb aber immer wieder am Leben, weil mich mein Wahnsinn das Stücklein Faltenwurf, die nebensächliche Lichtwirkung immer wieder gut finden ließ! »Manchen Tag malte ich nur fünf Minuten an meinem großen Bilde, die übrige Zeit für den Broterwerb an meinen kleinen Heiligen. Aber oft tat ich auch tagelang keinen Pinselstrich an meinem großen Werk, tagelang stand ich davor und betrachtete es; ja, und ... Schließlich glaubte ich doch daran, war ich doch darüber glücklich. Mein großes Bild, meine treue Friedrike und mein herrliches Rom haben mich in meinem Leben so unendlich glücklich gemacht, daß es für mich keines weiteren Glückes bedurfte. Ich war über mein großes Bild oft so glücklich, daß ich es gar nicht fertig machen wollte, daß ich unglücklich wurde bei dem Gedanken, es müßte dereinst fertig werden, Friedrikens wegen, die daran glaubte, darauf hoffte, dafür lebte. Endlich bekam ich's fertig und ging mit meinem Bild hinüber, wo mich die Menschen nicht verstanden, ebensowenig wie ich sie, wo ich die Welt nicht mehr kannte. »Für jede Stunde Verzögerung dankte ich dem Himmel. Endlich traf mein Bild aber doch ein. Ich mußte es auspacken und in seinen Rahmen spannen lassen. Die Handwerker sahen mich dabei so sonderbar an. Aber als ich mein Bild wieder vor Augen hatte, da überkam mich die ganze Liebe zu meinem Werke, und alle Qualen, die es mich gekostet, waren niemals gewesen. Nur meine Liebe und mein Glück waren von allem zurückgeblieben. Dann kam mein Bild vor die Jury ...« Peter Pauls Stimme brach in einem leisen Stöhnen. Prisca ging zu ihm, faßte seine Hand und streichelte sie. Keines von beiden gewahrte dabei die dunkle Frauengestalt, die lauschend vor dem Fenster stand. Nach einem langen Schweigen erzählte Peter Paul weiter: »Dann gelangte mein liebes Werk vor die Jury ... Einige Tage darauf fahre ich mit der Trambahn. Mir gegenüber sitzen zwei Herren, die sich miteinander unterhalten. Sie sprechen von der Kunstausstellung. Ich hätte lieber nichts gehört, wäre am liebsten ausgestiegen, um nichts hören zu müssen. Solche Gespräche mitanzuhören, regt mich auf. So wird der Mensch, wenn er so lange in einer andern Welt, außerhalb der wirklichen Welt lebt, wie ich in Rom. Sie verstehen ... Dann unterhalten sich die beiden Herrn über etwas sehr Lustiges. Sie lachen. Einige der übrigen Passagiere, die zuhören, werden angesteckt. Auch sie lachen. Und was ist die Ursache dieser Heiterkeit? »Das riesengroße, ganz verrückte Bild eines alten, ganz verrückten deutschen Künstlers, der seit vierzig Jahren in Rom lebt, der vierzig Jahre an dem Bild gemalt hat. Die gesamte Jury hat über ihn gelacht und über Bild und Künstler sich belustigt. Es war darüber ein allgemeines Gaudium gewesen. Jetzt hatte ich's erfahren, so hatte ich's erfahren ... Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. »Mit allgemeiner Ablehnung erhielt ich dann mein Bild zurück. Ich ließ den Rahmen auseinanderlegen und die Leinwand in ein Magazin schaffen, in einen großen, leeren Raum, den ich für eine Woche mietete. Dann schloß ich mich mit meinem Bilde ein, betrachtete es noch ein letztes Mal, zerschnitt es dann in lauter kleine, kleine Stücke, die ich verbrannte. Und die Asche ... Die Asche meines großen Bildes, die Asche meiner vierzigjährigen Lebensarbeit, meines vierzigjährigen Glückes sammelte ich und nahm sie mit mir nach Rom. Zu verrückt, nicht wahr? Gestern nacht kam ich an, und heute in aller Frühe, als über dem Albanergebirge die Sonne aufging, streute ich die Asche meines Künstlertums beim Ponte Molle in den Tiber! ... »Du bist hier, Friedrike! Du hast alles gehört? Ach, Friedrike!« Sie kam herein; ohne ein Wort zu sagen, ging sie zu ihm. Mit beiden Armen umfaßte sie den gebrochenen Mann, kniete neben ihm nieder, zog sein müdes Haupt an sich, mit einer stillen, stillen Bewegung, als bettete sie es zur Ruhe. Ihre Arme umschlossen den Beladenen fest, fest, und in ihrer Brust schlug ihr Herz mit der Zärtlichkeit und zugleich mit der Kraft und Liebesgewalt, welche Wunder vollbringt. Prisca war leise hinausgegangen. – Früh am nächsten Morgen kam Fräulein Friedrike zu Prisca. Sie hatte etwas Leuchtendes im Blick und war fast heiter. »Um zur Trauung auf das deutsche Konsulat und zur Kirche zu gehen, sind wir doch schon zu alt. Es ist auch einerlei. Wer dreißig Jahr treulich Leid und Freud miteinander trug, der ist vor Gott längst ein christliches Ehepaar, und etwas andres, als treulich Leid und Freud miteinander zu tragen, haben wir niemals gewollt, hat uns auch niemand zugetraut, selbst als wir noch jünger waren. Aber wir wollen zusammenziehen, da Peter Paul sein großes Atelier ja nun nicht mehr braucht. Er wird in Frieden seine kleinen Heiligenbilder weiter malen; aber ich werde nicht weiter kopieren, denn das sehe ich jetzt auch ein! Ich werde fortan kaum etwas andres tun als für Peter Paul sorgen. Wir wollen nicht mehr in der Trattorie essen, es sind uns dort zu viele Menschen. Auch kommen immer mehr Fremde hin, die wir immer weniger vertragen. Vielleicht bin ich eine bessere Köchin als Künstlerin. Das werden wohl manche von uns Malerinnen von sich sagen können. Ich wünsche ihnen nur, sie möchten es einsehen, ehe es zu spät ist – wie bei mir. »Peter Paul ist darum doch ein großer Künstler, und sein Werk war doch ein großes Kunstwerk. Hätte er es nur in Rom ausgestellt! Aber dort drüben – die Menschen dort drüben sind eben Barbaren. Wir beide werden immerfort von unserm großen Bilde reden wie von einem teuren Gestorbenen. Peter Paul muß wieder an sein großes Bild glauben, dafür laß nur mich sorgen! Und siehst du, liebes Kind, was sollten wir beide wohl anfangen, wenn wir jetzt nicht Rom hätten? Stelle dir vor, wir müßten mit unserm toten Werke im Herzen dort drüben leben! Erinnerst du dich noch jenes Abends, an dem dein Bräutigam so ganz unverständiger Weise über Rom Herzog? Was sagte ich dir denn damals? Rom sei die Zufluchtsstätte der Mühseligen und Beladenen, ein Wallfahrtsort für traurige Seelen. Siehst du nun, wie recht ich hatte! »Denke doch, was uns beiden hier in Rom immer noch bleibt! Die Sixtinische Kapelle und die Stanzen, das vatikanische und kapitolinische Museum, das ganze herrliche Rom, die erhabene Campagna. Wir sind trotz allem und allem zwei glückliche Menschen!« Einstweilen freilich war Peter Paul noch wie ein Mensch, der sich verirrt hat und nicht weiß, ob er sich jemals wieder zurechtfinden wird. Aber seine Gefährtin faßte ihn bei der Hand und leitete ihn, als wäre er ein Blinder. Aus ihrem Atelier waren sämtliche Veatrice Cenci und Fornarinen verschwunden, und es sah jetzt mit den großen Sträußen frischen Grüns, mit denen Prisca die kupfernen Wassergefäße und altertümlichen Krüge füllte, ganz behaglich aus. Einstweilen war Peter Paul noch nicht fähig, seine Heiligenmalerei wieder aufzunehmen. Um ihn nun am Grübeln zu verhindern, mußte er schon in aller Frühe ausgehen, um die Signorina bei ihren täglichen Einkäufen zu begleiten, die der alten Römerin täglich von neuem eine freudige Aufregung gewährten. Aber sie wollte Peter Paul in die Geheimnisse des römischen Marktgehens einführen. Denn später sollte er, ganz nach römischer kleinbürgerlicher Hausherrenart, die Besorgungen allein machen. Sobald des Nachmittags vom Meer her eine kühle Luft wehte, mußte Peter Paul mit Fräulein Friedrike hinaus. Sie durchstreifte mit ihm Rom, als wäre er einer jener verachteten Neulinge, die von Rom nichts wissen. Der heißen Jahreszeit wegen mußten diese Exkursionen sich auf die Stadt selbst beschränken, und es war erstaunlich, wie viel noch nie Gesehenes, Herrliches auf diesen sommerlichen Nachmittagswanderungen die beiden entdeckten. Kamen sie des Abends heim, so hatten sie Prisca und Steffens so viele Wunderdinge zu berichten, daß Peter Paul, der erzählen mußte, gar nicht zu einem andern Gedanken kam, als zu dem über sein herrliches Rom. So ward es, wie Fräulein Friedrike gesagt hatte: die große römische Wunderquelle heilte allmählich auch dieses zu Tod verwundete Gemüt, und auch dieser Mühselige und Beladene fand in der Stadt der Städte seinen Messias. 27. Sommertage Prisca war verschiedene Male bei dem Kunsthändler gewesen, um von diesem Herrn die Adresse des rätselhaften Bestellers zu erfahren. Aber der Mann konnte sie ihr nicht angeben: seine Anfrage sei unbeantwortet geblieben, und ohne die besondere Genehmigung der betreffenden Persönlichkeit dürfe er den Namen nicht nennen. Mit diesem Bescheid mußte Prisca vorderhand sich begnügen; übrigens befand sich ihre Kopie der Salome nicht mehr im Verkaufslokal. Prisca fragte nicht danach, und das dafür empfangene und zum großen Teil bereits ausgegebene Geld brannte ihr auf der Seele. Und doch war jene Bestellung ein Glück für sie gewesen. Sie lebte davon und konnte noch den ganzen Sommer davon leben. Da sie seit ihrem ersten römischen Bild nichts verkauft hatte, wäre es ihr ohne jene Summe herzlich schlecht ergangen – schon jetzt! Und das trotz aller Arbeitslust und Schaffenskraft, die freilich seit dem Beginn der heißen Zeit merkwürdig matt geworden war, beängstigend matt bei einer von Gesundheit und Leben strotzenden Natur wie die ihre. Unter diesen Umständen konnte sie sich nicht voll und rein darüber freuen, daß Steffens' Prometheus bereits im Ton verkauft und ein Teil des bedeutenden Preises bei einem der römischen Bankhäuser hinterlegt worden war. Der Käufer, ein Amerikaner, hatte die Statue in Bronze gewünscht und Steffens sich damit einverstanden erklärt. So war denn für diesen Künstler wirklich ein neuer Lebensanfang gemacht! Täglich wiederholte er Prisca: das sei einzig und allein ihr Werk; aber sie litt zu sehr unter ihrer Untätigkeit, die sie zugleich Untüchtigkeit nannte, um sich darüber so recht von Herzen freuen zu können. Steffens arbeitend und verdienend, sie aber nichts verdienend und als seine Frau von der Arbeit ihres Mannes lebend – der Gedanke quälte sie unausgesetzt. Und die Hitze quälte sie. Sie begriff nicht, daß Steffens so eifrig arbeiten konnte, und hatte für das Entzücken, in das ihre Freundin Friedrike über die Poesie des römischen Sommers verfiel, keinerlei Teilnahme. Tag für Tag dieser wolkenlose, schon früh morgens von der Gluthitze umdunstete Himmel, Tag für Tag diese gelben, grellen Lichtfluten, dieses Flimmern und Schimmern, dieser blendende, brennende Glanz, der sich über Himmel und Erde ergoß, alle Dinge zu durchdringen, alle Schatten aufzuzehren schien. Steffens drang darauf, daß seine Verlobte Rom verlasse, die Freunde stimmten dringend bei, und Prisca entschloß sich zu einer Villeggiatur. Diese mußte möglichst billig, auch von Rom nicht allzusehr entfernt sein. Die Wahl fiel auf Rocca di Papa. In Begleitung Friedrikens reiste Prisca ab. Friedrike wollte mit ihr ein Zimmer wählen, sie ordentlich untergebracht sehen. Jede zweite Woche sollte Steffens, sollten die Freunde sie besuchen. Es war sehr hübsch ausgedacht. Die beiden benutzten die Bahn bis Frascati. Wie hatte sich die Landschaft verwandelt! Aus einem unabsehbaren bunten Blütengefilde war eine versengte braune Öde geworden, die unter einem fahlen Himmel sich ausdehnte und im Dunstgewölk sich verlor. Diese sommerliche, mit Ruinen übersäte Campagna erschien Prisca wie die letzte Szene einer Tragödie. Es war Ende und Tod. Auch das wonnige Frascati lag unter dem Alpdruck des römischen Augustmonates. Der heiße Brodem schlug bis zu diesen schönen Höhen empor, der weiße Staub bedeckte jeden Baum an der Landstraße. Als der Zug durch die Oliveten den Berg hinaufkroch, langsam, wie ein von der Gluthitze ermatteter Mensch, machten die Zikaden einen solchen Lärm, daß er das Fauchen der Maschine übertönte. In Frascati wurde ein Wagen gedungen. Schon bei der Abfahrt in Rom zeigte sich Fräulein Friedrike darüber sehr erregt. Man würde ihnen einen unverschämten Preis abverlangen; aber sie, Fräulein Friedrike, würde handeln! Der Vetturin sollte sofort sehen, mit wem er es zu tun hatte: mit einer alten Römerin! Sie würde ihn im Dialekt und per Du anreden und – nun, Prisca würde ja erleben, wie man's anfangen mußte. Prisca war denn auch höchst erwartungsvoll. Auf dem Bahnhof stand zwar ein Omnibus, der für einen bestimmten, sehr mäßigen Tarif die Reisenden nach dem hochgelegenen Bergort beförderte. Aber Fräulein Friedrike hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, zu handeln und ihr uraltes Römertum durch ein glänzendes Abkommen mit dem Vetturin zu erweisen. Womöglich würden sie im eignen Wagen noch billiger als im Omnibus fahren. Anerbieten kamen denn auch sogleich von allen Seiten: Villa Mondragone, Villa Falconieri, Castell Gandolfo, Albano, Rocca di Papa. Rocca di Papa! Sogleich wollten sämtliche Kutscher die beiden Frauen fahren. Fräulein Friedrike stand unbeirrt inmitten des tosenden Schwarmes, musterte mit Kennerblick die Konkurrenten und entschied sich endlich für einen mißfarbigen grauen Gaul, der vor ein zweirädriges, sehr seltsames Vehikel gespannt war und von einem blutjungen, verschmitzt aussehenden Burschen gelenkt wurde. »Du! Rocca di Papa! Wieviel?« Auf den horrenden Preis, der genannt wurde, war Fräulein Friedrike gefaßt,– ihre einzige Antwort bestand in einem Hohnlachen. Jetzt pries ihr der Lenker des alten Grauschimmels Pferd und Wagen mit einigen verstümmelten deutschen Worten an. Mit deutschen Worten! Darauf war Fräulein Friedrike denn doch nicht gefaßt. So etwas mußte ihr geschehen! In Frascati vor sämtlichen Vetturins und versammeltem Publikum, in Gegenwart Priscas – sie war fassungslos. Bevor sie sich von ihrem Entsetzen erholt, hatte Prisca die Sache abgemacht: einen behaglichen Wagen, ein mit roten Rosetten und hohen Fasanenfedern zierlich geschmücktes munteres Rößlein, einen freundlichen bildhübschen Kutscher, und alle drei guten Dinge für die Hälfte des zuerst geforderten Preises. Tiefgebeugt über die erhaltene Niederlage ließ die als Deutsche erkannte alte Römerin alles schweigend über sich ergehen und stieg ein. Zuerst führte die Landstraße eintönig und wenig anmutend durch Weinfelder, deren Reben in ihrer dichten weißen Staubschicht Versteinerungen glichen. Aber vor ihnen erglänzte hoffnungsvoll der Monte Cavo, an dessen, Rom zugewendeter, steil abfallender Seite die ehemalige Sommerresidenz des Papstes klebt, ein Wirrwar grauer Hütten, aus Felssteinen ausgemauert, darunter einige Häuser mit himmelblau getünchten Wänden. Sogar eine Reihe rosenfarbener Landhäuser leuchtete unterhalb des Städtleins über dem dunkeln Rande des Kastanienwaldes. Es dauerte einige Zeit, bis Fräulein Friedrike sich so weit erholt hatte, um in allerdings noch matten Tönen über die böse neue Zeit zu lamentieren, die sogar den Berg Cavo erklommen, der einstmals das höchste Heiligtum des Landes, den Tempel des Jupiter Latiaris, auf seinem Gipfel trug, und die nun auch das ehrwürdige, so malerische Mäusegrau von Rocca di Papa mit abscheulichen Farbenklecksen entweihte, von den modernen Villen gänzlich zu schweigen. Als die Straße, das Weinland verlassend, zwischen Hecken und Gräben, welche von erblühten Affodillen gefüllt waren, die Höhe hinanstieg, wurde die Atmosphäre freier und frischer. Man kam durch hochstämmigen Kastanienwald, wo es grünes Gras und gelbe Blumen gab, und wo es abends wonnig kühl sein mußte. Blickte Prisca zurück, so befand sie sich hoch über einem fahlen Brodem, der von der Meeresküste und den Sabinerbergen nichts erkennen ließ und sogar das nahe Rom unsichtbar machte. Sie erreichten Rocca di Papa, dessen Hauptstraße für Fuhrwerke schwer zu passieren ist. So machte denn der Wagen bei einem schönen Brunnen, dem Geschenk eines Papstes, unterhalb Rocca Halt. Fräulein Friedrike hegte heimlich die Hoffnung, der Frascataner Kutscher, der den ganzen Weg über mit Prisca – sie, Friedrike, ignorierte den jungen Mann! – munter geplaudert hatte, würde beim Bezahlen sein wahres Gesicht zeigen, das Geld auf die Erde werfen und das Doppelte des ausbedungenen Fuhrlohns fordern. Dann aber würde sie reden! Auch per Du, auch im Dialekt, und in einem sehr kräftigen. Prisca zahlte. Fräulein Friedrike machte sich kampfbereit, aber der Frascataner steckte vergnügt sein Geld ein, dankte höflich für die halbe Lire Trinkgeld und erkundigte sich sogleich, ob er »die andre Signora« nach der Bahn zurückfahren solle. Nein, die andre Signora werde mit dem Omnibus fahren. Die »echt römische Stimmung« des berühmten Bergnestes, die engen, finsteren, oft in die Felsen gehauenen Gassen, die kleinen schwarzen, grunzenden Schweine, die mit zu den Bewohnern gehörten, die vielen alten, häßlichen Weiber, die Herden zerlumpter Kinder, der Schmutz, das Geschrei, das Anbetteln und Nachlaufen, das Stücklein ultramarinblauen Himmels, das durch einen Spalt des grauen Mauerwerks herableuchtete, es war alles viel zu schön, um Fräulein Friedrikens empfindlich gekränkte Seele nicht aufzuheitern und sehr bald in den gewöhnlichen glückseligen Instand weißglühender Begeisterung zu versetzen. »Zier bekommst du wenigstens eine Idee davon, wie es in solchem Neste aussieht. Das nenn ich Romantik! Italienische Romantik, natürlich! Siehst du in die Häuser hinein? Die wahren Höhlen! Die Fenster haben nicht einmal Scheiben. Und das Feuer, daran sie sich ihre Minestra kochen, mitten auf dem Boden, der nicht einmal gepflastert ist ... Und diese Menschen! Sahst du soeben die junge Frau? Mein Gott, sind die Menschen hier schön, besonders die Frauen!... Ist Fürstin Romanowska nicht aus Rocca di Papa? Wie ungeheuer interessant!« Rocca di Papa der Geburtsort der Fürstin Romanowska! Daran hatte Prisca gar nicht gedacht, auch Steffens nicht, wie es schien. Prisca blieb stehen und sah sich um: Friedrike hatte recht, es war ein wunderbares Land! An solchem Orte hauste ein Menschengeschlecht, daraus so viel Schönheit hervorgehen konnte. »In solchem Nest ist ja alles untereinander verwandt,« meinte Friedrike. »Wir müssen uns jedenfalls erkundigen. Wahrscheinlich lebt noch die Familie hier. Übrigens hast du ja den ganzen Sommer über Zeit, Nachforschungen anzustellen. Es ist wie eine Novelle ... Jetzt müssen wir aber nach einem Zimmer für dich suchen. Dieses Mal laß mich machen. Ich bin eben doch etwas länger in Rom und weiß mit den Leuten umzugehen.« Prisen versprach feierlich, diesmal Friedriken nicht ins Handwerk zu pfuschen. Aber – hier ein bewohnbares Zimmer! Wenn es nicht in einer jener vornehmen Villen war, die natürlich nicht in Betracht kamen. Fräulein Friedrike machte jedoch meisterlich den Cicerone. Aus all dem Winkel- und Höhlenwerk, den Felsenstiegen und dem Gassenschmutz, der um den Gipfel der ehemaligen Arx sich lagerte, trat Prisca plötzlich auf einen kleinen Platz, dessen eine Seite frei war und wie eine Terrasse hoch über der in goldigem Mittagsdunst schwimmenden Landschaft lag. Ganz wohnlich aussehende Häuser, einige davon leider mit jener schmählichen bunten Tünche bedeckt, und eine behagliche Trattoria » Al sole « umgaben die Piazza von Rocca di Papa. Die alte Dame lief wie ein junges Mädchen bis an die Brüstung vor und rief in Ekstase: »Es ist zwar eine entsetzlich unmalerische Beleuchtung, aber darum ist es doch einzig in seiner Art. EZ ist, was Gregorovius in der Landschaft den epischen Stil nennt. Was du hier übersiehst, ist ein Völkerepos, liebe Prisca! Wäre die Marina nicht gar so umwölkt, so könntest du das Land der Aneide sehen, von der Tibermündung bis zum Circekap. Das berühmte Circekap, weißt du, das ganz mythologisch ist: antik mythologisch, meine Teure! ... Und dicht unter uns der Albanersee mit Castell Gandolfo! Ja, ich bitte dich! Dort lag einstmals Albalonga. Du kennst natürlich die berühmte Geschichte vom Kampf der drei Horatier und Kuratier und von der Zerstörung der Mutterstadt Roms? Es soll eigentlich alles nicht wahr gewesen sein. Ich glaube es aber doch und will von diesen ekligen Gelehrten, die einem alle Illusionen rauben, und wenn es auch der berühmte Theodor Mommsen selber ist, nichts wissen.« Um die beiden Frauen hatten sich einige Weiber und Kinder versammelt, und plötzlich begann Friedrike diesem Publikum einen populären Vortrag zu halten. Angesichts der Landschaft der Aneide erzählte sie von der Landung des Äneas bis zur Gründung Laviniums, um von der Dichtung ohne weiteres zur Sage und Geschichte überzugehen: nach Virgil Livius! Die ganzen ersten Kapitel dieses Historikers trug sie vor, hoch erhoben über der Stätte stehend, welche der Schauplatz so vieler erstaunlicher und erhabener Vorgänge gewesen war. Mehr und mehr Volks sammelte sich an und hörte mit leidenschaftlicher Teilnahme zu. Fräulein Friedrike stand mit leuchtenden Augen, verklärten Angesichts und dozierte in ihrem besten Berliner Italienisch, untermischt mit jenem merkwürdigen Idiom, das sie »römischen Dialekt« nannte. Ihr Publikum verstand sie nicht immer oder nicht ganz, lauschte jedoch nichtsdestoweniger atemlos und überschüttete die Rednerin bei den Effektstellen mit enthusiastischem Beifall. Prisca fand die Lektion aus der römischen Geschichte und Sage unter freiem Himmel, auf öffentlichem Marktplatz mit dieser Dekoration, dieser Zuhörerschaft und in dieser Umgebung dermaßen köstlich, daß sie während derselben im Geiste ein Bild komponierte, welches in Rocca di Papa gemalt und welches gut werden sollte. Als Friedrike geendet hatte, verlangte ihr Publikum stürmisch, genau wie im Theater, die schöne Stelle: wie der »General Annibale« von ihrem Rocca aus das gewaltige Rom belagerte, da capo . Also wurde die Geschichte noch einmal erzählt, worauf Fräulein Friedrike ein besonderes »Evviva« erhielt. Als sie danach noch vortrug, weshalb sie nach Rocca di Papa gekommen wäre und daß sie für ihre junge Freundin ein hübsches und billiges, ein sehr billiges Zimmer suche, wurden die beiden Frauen im Triumphzuge von einem Hause zum andern geschleppt. Sie sahen alles mögliche und unmögliche, was an Unterkommen zu finden war; und wenn die Padrona den Preis nannte, so handelte wiederum nicht Fräulein Friedrike, auch nicht Prisca, sondern das gesamte Gefolge, Fräulein Friedrikens ganzes Auditorium. Auf solche Weise erhielt Prisca die beste und billigste Unterkunft in der Nähe des Platzes, ein leidlich reinliches Gemach mit einem guten, sehr sauberen Bett und einer Loggia, von wo aus sie die ganze Herrlichkeit des alten Latinerlandes übersah, von den etruskischen Waldbergen bis zum Circekap. Nachdem dies zur Zufriedenheit Priscas und zum Entzücken Friedrikens erledigt war, wurde in der Trattoria ein bescheidenes Festmahl eingenommen, bestehend aus Schinken mit Salat nebst einem » Fritto misto «, und alsdann bei der Wirtin Erkundigungen nach der Familie der Fürstin Romanowska eingezogen. Natürlich war das glänzende Glück der schönen Maria von Rocca in ihrem Heimatsorte allgemein bekannt und die Wirtin des Sole so stolz darauf, als wenn es ihrer eignen Tochter begegnet wäre. Sie sollte übrigens schon einmal verheiratet gewesen sein, irgendwo in »Germania« oder »Francia«. Wer ihr erster Mann gewesen, wußte man nicht, jedenfalls kein Principe oder sonst ein »Gransignore«, da sie nach dem Tode desselben gar armselig zurückgekommen war. Verwandte von ihr lebten nicht mehr, sonst wäre sie gewiß einmal nach Rocca gekommen. Nun, jetzt war sie eine große Dame und kümmerte sich nicht mehr um ihre Heimat, wo man sie nur anstaunen würde, sollte sie noch einmal kommen. Aber sie kam eben nicht mehr. Am späten Nachmittag mußte Fräulein Friedrike aufbrechen, um mit dem Omnibus zur Station zu fahren. Prisca begleitete sie bis zur Abfahrtsstelle, und ihre letzten Worte waren: »Hättest du in Frascati mich mit dem jungen Menschen, der uns fuhr, handeln lassen, ich hätte den Wagen sicher um die Hälfte billiger bekommen. Du sahst ja doch, wie ich mit diesen Leuten sprechen kann. Aber war es nicht wundervoll? Und ist es nicht schön, in diesem Lande leben zu dürfen, selbst mit einem großen Kummer im Herzen? Ach, mein armer, armer Peter Paul!« Rocca di Papa, im August. Hier bin ich nun über dem Dunst und Dampf der glühenden Tiefe! Freilich ist es auch hier immer noch heiß genug, und ich habe Visionen, darin ich die Wellen des Starnberger Sees rauschen höre und in den Buchenwäldern von Großhesselohe wandle. Es ist schmählich, daß ich den römischen Sommer so schlecht vertrage und hier oben in kühleren Lüften weile, während Steffens mit den Freunden dort unten den erbarmungslosen Sonnenbrand dulden muß. Allerdings leiden sie nicht darunter, preisen es als das höchste Mysterium des römischen Gottesdienstes, fühlen sich beseligt dabei, was ich ihnen indessen nicht recht glaube. Den Sommer in diesem Lande als die wundersamste aller wundersamen römischen Jahreszeiten zu proklamieren, gehört nun einmal zum echten Italienschwärmer so unzertrennlich, wie zum Vatikan die Sixtinische Kapelle. Der Sommerenthusiasmus ist der Stempel, der erklärt: du bist würdig, hier zu leben, bist aufgenommen in die Gemeinde derer, die da auserwählt wurden und berufen sind! Ich sollte an Steffens schreiben. Statt dessen sitze ich und schreibe an mich selbst auf diesen leeren, blanken Blättern, die ich in so überflüssiger Weise mit Worten fülle. Auch dem Glöcklein müßte ich endlich meine Verlobung melden. Es wird jedoch ein entsetzliches Geläute anheben, und ich müßte der treuen, kindlichen Seele wohl gar ernstlich böse werden. Ich möchte den Schmerz, den sie empfinden wird, nach Möglichkeit für sie hinausschieben. Am besten wär's, sie erführe das große Ereignis erst, nachdem es geschehen ist. Ich habe meinem jungen Siegfried gar nicht Lebewohl gesagt. Wenn ich nach Rom zurückkehre, ist er längst fort. Auch ihm möchte ich schreiben. Was? Daß ich ihm goldene Lebenstage wünsche, weiß er ja. Ich arbeite. Welches Glück in dem einen kleinen Worte liegt, welche Kraft daraus strömt für den, der voller Zuversicht aussprechen darf: Arbeit! Es ist gleichbedeutend mit Segen und Glück. Und auch das ist solche Spende gütiger Götter, daß der Künstler während seiner Arbeit nicht denkt: wird sie gefallen, wird sie Erfolg haben, wirst du damit Geld verdienen, Ruhm ernten? Er arbeitet eben! Er schafft, erschafft und empfindet staunend und schauend, daß er in sich eine Kraft hat, die Schöpferkraft ist. So ergeht es wenigstens mir, wenn ich so recht, recht arbeiten kann; so arbeiten, daß ich darüber alles, aber auch alles vergesse, sogar ob meine Arbeit denn auch wirklich gut ist. Diese Frage kommt früh genug und mit ihr Zweifel, Angst, Qual, eine Qual ohnegleichen, die indessen doch nicht – nein, nein! die doch nicht größer ist als jenes Glück der Arbeit. Ich versuche die sommerliche Stimmung dieses Ortes auf die Leinwand zu bringen. Es ist unaussprechlich schwer; denn dieses flimmernde, flammende Licht, diese glimmende, glitzernde Luft, dieser glühende Glanz auf dem Mauerwerk und den Felsen sind gar nicht zu fassen, und ich vermisse meinen verständigen und nachsichtigen Lehrer, der meinen Geist leitet. Aber da ich hier oben gesund bin, so freut mich auch der Kampf, ohne den es eben keinen Sieg gibt. Daß mein Können an der schönsten Bildung der göttlichen Künstlerin Natur, am Menschen, so jammervoll scheiterte, ist eine Niederlage, die ich mir nicht verzeihe, die ich wieder wettmachen muß. Ich will es erzwingen, und – Steffens wird mir helfen. Ich befreunde mich mit diesem Ort und seinen Bewohnern, darunter Gestalten von wahrhaft heroischer Schönheit sind. Ich verstehe jetzt, daß aus solchem Menschengeschlecht ein Wunderwerk wie jene Maria hervorgehen konnte, die allerdings einzig bleiben wird. Meine Padrona ist eine Kindheitsfreundin der Fürstin, was ich gleich in der ersten Stunde meines Hierseins erfuhr und seitdem jeden Tag von neuem hören muß. Die Frau bestätigte, daß die Fürstin schon einmal verheiratet war. Sie erhielt damals einen Brief, darin ihre des Schreibens unkundige Freundin ihr die Heirat mitteilen ließ, erinnert sich nicht mehr, woher der Brief kam, dem eine Photographie des Bräutigams beigelegt war, meint ihn jedoch noch zu besitzen und nur verkramt zu haben. Da mich alles, was die Fürstin betrifft, nun einmal leidenschaftlich beschäftigt, so interessiert mich auch diese erste Heirat der schönen Frau, von der Steffens anscheinend nichts weiß. Ich mache mir Vorwürfe, daß ich auf die Vergangenheit meines Verlobten so gar nicht eifersüchtig bin, und kann diesen gänzlichen Mangel an vielleicht kleinlicher, aber doch echt weiblicher Empfindung durchaus nicht etwa »großartig« nennen. Ich könnte mich entschuldigen, könnte sagen: diese Maria ist zu schön, die Leidenschaft, die sie jedem Manne einflößen muß, ist zu begreiflich, gar nicht zu reden von einem Künstler, der in ihr ein erfülltes Ideal sieht. So könnte ich sagen, und wäre es auch nur, um mich selbst etwas besser zu verstehen. Aber ich sage nicht einmal das, mache mir Vorwürfe und vermag beim besten Willen von jener echt weiblichen Eifersucht nichts zu empfinden. Ich wünschte von ganzem Herzen, mehr wie ein Frauenzimmer zu fühlen, sollte ich auch dafür nur wie ein Frauenzimmer malen können. Wie es jetzt ist, ist es doch nicht das richtige. Meine Padrona sucht nach dem Briefe der einstmaligen »Maria von Rocca«, findet auch nicht das Bild des ersten Gatten, besteht aber darauf, beides müsse noch irgendwo im Hause sein, und hat immer noch keine Erinnerung, woher der Brief kam. Ich nannte ihr sämtliche großen Städte in Frankreich und Deutschland. Als ich »Monaco« sagte, stutzte sie und meinte, das könnte es gewesen sein, um gleich darauf zu behaupten, es wäre ein andrer Name gewesen, und die Leute, denen sie damals den Brief und die Photographie zeigte, hätten behauptet, die Stadt liege in »Prussia«, aus welchem Lande der »Bismarco, quel gran generale« wäre. Der junge Ehemann mußte übrigens ein »bei pezzo d'uomo« gewesen sein. Gott sei Dank, fühlte ich frauenzimmerlich genug, um auf diesen Brief und dieses Bild neugierig zu sein. Friedrike schrieb mir heute, sie hätte gehört, denn sie hört ja alles, der Fürst befinde sich »seltsamerweise« noch immer in Polen, die Fürstin noch immer im Kloster. Die Römer munkelten allerlei, was aber wohl Klatsch wäre, denn in Rom klatschten die Leute, ein Laster, Roms gänzlich unwürdig! Es müßte indessen zu tief in der menschlichen Natur stecken, sonst würde man doch in Rom, wo man so viele »höhere Dinge« hätte, nicht mit Klatsch und Tratsch sich abgeben. Sie schreibt viel von Peter Paul, und sie schreibt über ihn wie eine Mutter von ihrem schwerkranken Kind, das nur die hingebendste Pflege, eine Sorge bei Tag und Nacht dem Tode abringen kann. Und seitenlang schreibt sie von Steffens, wie er arbeitet, wie er auflebt, wie glücklich er ist. »Er arbeitet mit leuchtenden Augen, lächelnden Lippen, deinen Namen in der Seele. Und wenn er abends bei uns sitzt, immer nur du, immer, immer nur du! Es wird alles sehr schön werden, ihr werdet sehr glücklich sein ...« Friedrikens Brief hat nicht weniger als drei Nachträge. In dem einen Postskriptum teilt sie mir mit: »Dein junger Siegfried ist noch immer in Rom. Wir sehen ihn jedoch wenig. Aus seiner Verlobung scheint nichts zu werden.« Aus seiner Verlobung scheint nichts zu werden ... Wie leid mir das tut! Die Umgegend von Rocca hat denselben großen Stil, den ich bei manchen Gestalten seiner Bevölkerung finde. Auch hier wieder eine Galerie von Rottmann. Ach, meine lieben, schönen Rottmann unter den Arkaden des Hofgartens, ihr Kindheitsfreunde und Jugendgefährten! Wie ihr die Sehnsucht nach diesem Lande, die mein elterliches Erbteil ist, genährt habt, wie ihr locktet und locktet mit dem Sirenengesang eurer Farben, eurer Konturen! Jetzt bin ich hier, von euch und meiner Sehnsucht gewaltsam hergezogen, und jetzt hat sich hier mein kleines Frauenschicksal erfüllt. Leider kann ich die Umgegend nicht so frei durchstreifen, wie ich gern möchte, wie mir's in tiefster Seele wohltun würde. Erstens ist auch hier oben an Spazierengehen im deutschen Sinne nicht zudenken. Erst gegen Abend, wenn die Sonne sinkt, begebe ich mich aus meinem sorgfältig verschlossen gehaltenen dunkeln Zimmer hinaus, wo es noch immer heiß genug ist und eine sengende Glut den Mauern entströmt. Gewöhnlich steige ich durch den um diese Stunde von Menschen, Schweinen, Hunden und Hühnern wimmelnden, mit Geschrei und Getöse erfüllten Ort aufwärts. Jeder Blick ist ein Bild, würde Friedrike sagen und mehr als recht haben, denn aus jedem Blick läßt sich ein Dutzend Bilder machen, und was für welche! An Regentagen wäre solches Gemälde ein Motiv grau in grau. Denn grau sind hier nicht nur die Häuser, sondern auch die Menschen, deren Kostüm keine lebhafte Farbe und daher einen düsteren Eindruck macht, der zu den meist strengen und stolzen Gesichtern gut paßt. Wenn über den grauen Ort der Purpur des Sonnenuntergangs, das Violett und Veilchenblau der Dämmerung sich ergießt, so – aber das läßt sich so wenig malen wie sagen. Über dem Städtlein ragt mit steilen Wänden eine einsame Bergkuppe auf: die Rocca, die bereits in vorhistorischen Zeiten die Arx trug. Gegen die Ebene und Rom zu wachsen verkrüppelte Steineichen aus dem Felsen, der im übrigen vollkommen kahl ist. Die Silhouette dieses Gipfels, von einem meergrünen oder hyazinthenfarbenen Abendhimmel sich abhebend, ist für ein Künstlerauge von aufregender Herrlichkeit; es sind nur wenige einfache Linien, nur wenige Farbentöne, aber diese wären auf die Leinwand zu bringen, so wie das Auge sie sieht. Oft ist hier für das Künstlerauge allein das Sehen Entzücken und Verzweiflung zugleich. Als ich das erstemal auf die andre Seite des Felsens gelangte, stieß ich einen Ruf der Überraschung aus. Ich stand unter dem Gipfel des Monte Cavo, am Rande eines weiten, kreisrunden Hochtals, mit üppigem Graswuchs bedeckt, von werdenden Pferdeherden bevölkert, und trotz dieser Staffage von einer solchen weltentlegenen, wilden Einsamkeit, daß es mir unmöglich schien, mich in unmittelbarer Nähe eines Ortes zu befinden, wo sogar die elegante römische Welt Villeggiatur hielt. Hier hinauf steige ich nun allabendlich, beobachte das Schwinden des Tages, das Hereinbrechen der Dämmerung, das Wachsen der Schatten, und bleibe so lange, bis die Dunkelheit mich nötigt, wieder heimzugehen. Auch ein andres Bild ist schön. Die Stätte, die ehemals die Burg einnahm, dient jetzt den Frauen von Rocca als Trockenplatz. Auf den Köpfen ihre Lasten feuchter Wäsche, steigen sie von dem großen Brunnen langsam, langsam herauf, oft in der Haltung von Karyatiden; und ist die Trägerin eine jugendliche schlanke Gestalt, so vermag man sich keine edleren Linien zu denken. Ich muß mir die Fürstin vorstellen, wie sie, wäre sie die Maria von Rocca geblieben, zu der Höhe ihrer Vaterstadt die Last Linnen auf ihrem stolzen Haupte emporträgt. Sie wäre sicher wie mit einer Krone auf dem Haupte dahingeschritten. Meine wackere Padrona bereitet mir die Mahlzeiten im Hause. Der Hitze wegen kann ich jedoch nur des Abends etwas genießen und dann nichts als Gemüse und Früchte. Ich nehme diese Vegetarianerkost auf meiner Loggia ein und werde dort Abend für Abend von dem Zauber einer römischen Sommernacht so umsponnen, daß ich mich nicht loszureißen vermag. Dazu kommt jetzt Mondschein. Ich sehe das Meer weit, weit hinaus leuchten, und das ganze unabsehbare Land ist ein zweiter Ozean von Glanz, darin die Lichter Roms wie ein funkelndes Eiland ruhen. Es ist die Zeit der Feste. In Castell Gandolfo, Marino und Grotaferrata, in Frascati und in sabinischen Ortschaften werden nach Anbruch der Dunkelheit Feuerwerke abgebrannt. Gestern sah ich sogar vom Gipfel des Soracte Raketen und Flammengarben aufsteigen. Meine Padrona schrie zetermordio über meine einsamen Spaziergänge, obgleich ich dieselben nur bis ins »Campo d'Annibale« – so heißt jene Prärie, die einstmals der Krater eines Vulkans war – ausdehne und noch nicht einmal den Cavo erstieg. Aber die Gegend ist unsicher, was ich mir nicht vorstellen könnte, würde ich nicht fortwährend eines andern belehrt. Einsame Landhäuser werden nachts überfallen, und vor einigen Tagen wurde jener Omnibus, der die Reisenden von Frascati nach Rocca bringt, am hellen Vormittag von Maskierten angehalten und jeder Passagier ausgeraubt. Jetzt wird das öffentliche Fuhrwerk von Carabinieri eskortiert, und ich sehe diese prachtvollen Gestalten sogar auf dem öden Hannibalsfeld. Auch die Polizisten warnten mich ernstlich, und so muh ich denn meine Spaziergänge bis Samstag aufschieben, wo Steffens eintreffen will, obgleich ich ihn dringend bat, seine Arbeit jetzt nicht zu unterbrechen. Er wird aber wohl doch kommen, hoffentlich von den Freunden begleitet. Heute morgen wurde auf der neuen Landstraße, die durch die Macchie nach Aricia führt und die erst diesen Sommer der Deutsche Kaiser fuhr, ein Gemordeter gefunden. Der Leichnam lag vollkommen nackt mitten im Wege und hatte an zwanzig Dolchwunden. Es ist ein junger Vignarolo. Für seinen Mörder hält man einen der fremden Hirten, die im Hannibalsfeld die Pferde hüten. Gegen Abend fragte mich meine Wirtin, ob ich sie zum Kamposanto begleiten wolle? Ganz Rocca sei dahin auf den Beinen. Ich glaubte, es handle sich um ein Begräbnis, das mit ungewöhnlichem Gepränge stattfinde, und machte mich mit der guten Frau auf den Weg. Es schien allerdings die gesamte Einwohnerschaft hinauszuziehen. Der Kirchhof von Rocca liegt unterhalb des Hannibalsfeldes, über einer wilden Waldschlucht und ist eine solche trostlose Stätte, daß es mich wundert, wie dort die Gestorbenen für die Ewigkeit liegen bleiben, nicht aufstehen aus ihren Gräbern und sich einen andern Ruheort suchen. Als wir uns dem Gottesacker näherten, vernahm ich ein gellendes Geschrei von Frauenstimmen, von einer Wildheit, als erhöben Furien ein Getöse. Auf meine erschrockene Frage hin erfuhr ich, es wäre die Sippe des Gemordeten, welche den Mörder verwünschte, und gleich darauf sah ich ein grausiges Schauspiel. Vor dem Eingang des Kirchhofs lag der Gemordete aufgebahrt. Er war in schräger Stellung, fast wie stehend, bis zur Brust mit einer roten Decke verhüllt, der Oberkörper entblößt und alle Wunden sichtbar. Zur Rechten und Linken des Gemordeten standen die Frauen der Sippe, schwarz gekleidet, schwarze Schleiertücher auf den Köpfen. Sie streckten ihre Arme empor und stießen unaufhörlich jene gellenden, gräßlichen Laute aus. Carabinieri hielten bei dem Leichnam Wache, denn es war die Polizei, die das Schauspiel in Szene gesetzt hatte; man hoffte, daß auch der Mörder sich einfinden würde, unwiderstehlich zu seinem Opfer hingezogen. Vielleicht daß seine Mienen, seine Blicke ihn verrieten. Einzeln muhten die Leute vor dem Aufgebahrten vorbeiziehen, langsam, ganz langsam; die Polizisten sahen jedem Verdächtigen starr ins Gesicht. Als ich nach Hause zurückkehrte, entwarf ich von dem Geschauten eine Skizze. Gelingt mir das Gemälde, wie mir diese erste Aufzeichnung gelang, so wird es mein bestes Bild, so wird es ein gutes Bild! Nur arbeiten, arbeiten! Der Mörder verriet sich nicht. Drei Tage hielt man den Leichnam ausgestellt, drei volle Tage! In manchen Dingen ist es doch ein barbarisches Volk. Steffens war hier. Ei kam allein. Er hat sich sehr verändert ... Wie glücklich er ist! Ich lebe nun so still für mich hin, wünschte immer so friedlich hinleben zu können, malend auf der Piazza von Rocca di Papa, träumend auf dem öden Hannibalsfeld und auf meiner Loggia, unter mir das ganze römische Land. Traumhaft ist überhaupt mein Zustand auf dieser Höhe. Der Glanz so vieler wolkenloser Sommertage umspinnt allmählich das ganze Empfinden. Von dem glühenden Dunst, der über Himmel und Erde liegt, senkt es sich in die Seele. Diese wird betäubt, schläft ein, träumt – träumt goldene Unwirklichkeiten. Mitunter erwache ich. Dann fällt mir's ein: du bist Braut, und schon im nächsten Monat wirst du Gattin ... Schon im nächsten Monat. Ist das möglich? Wir haben ja doch noch immer vollen Sommer, und es soll ja erst im Herbst geschehen ... Wie der August dahinflog; es ist bereits September geworden ... Also wirklich schon im nächsten Monat! Daß die große Stunde mich nur vorbereitet trifft, denn die Aufgabe ist eine ungeheure, und ich bin ja doch ein ehrlicher Mensch, der die ernsten Dinge einst nimmt. Mädchen, die einen Mann heiraten, ohne diesen zu lieben – ich meine, ohne jene Liebe für ihn zu fühlen, die vom Himmel kommt wie Gottes Wort, solche Mädchen habe ich immer für sehr gering gehalten. Schlimmer. Solche Mädchen habe ich im Grunde meines Herzens verachtet; denn sich einem Manne zu geben, ohne ihn zu lieben – ich konnte es niemals begreifen. Es gehört für mich zu den Unbegreiflichkeiten. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie das überhaupt möglich sein könnte, was eine Frau dabei empfinden müßte? Daß sie nicht umkommt vor Selbstverachtung und Scham. Ich wollte ein solches Darbringen der Seele und des Leibes auch nicht als Opfer gelten lassen. Und jetzt... Man muß eben alles selber erleben, um es doch nicht begreifen zu können. Aber wie glücklich er ist! Ich fragte ihn nicht nach seinem Freunde, dem »Signor Arturo«. Etwas, wofür ich keinen Namen habe, verschließt mir gewaltsam den Mund. Auch Steffens erwähnte seiner mit keinem Wort. Ich glaubte jeden Augenblick zu hören, er wäre abgereist, und bereitete mich auf die Nachricht vor, die ich doch seit langem erwarte. Aber kein Wort! Und jetzt ist es möglich, daß ich ihn zum Herbst, wenn ich verheiratet sein werde, in Rom noch treffe, denn wenn aus seiner Verlobung wirklich nichts werden sollte, bleibt er vielleicht doch. Schmerzlich leid täte mir's, sollte er nicht glücklich werden. Sein Glück muß solchen Siegesglanz haben, wie sein Antlitz hatte. Wenn mein armer Steffens geboren ward, um unglücklich zu sein, so lebt er, um von Glück umleuchtet über die Erde zu schreiten. Auf seine Gestalt darf kein Schatten fallen, es wäre wider die Natur. Steffens geboren, um unglücklich zu sein ... Jetzt strahlt er ja vor Glück, als wenn er der andre wäre. An das Glück des Unglücklichen mußt du denken, Prisca Auzinger! Jede Stunde deines Lebens mußt du nur dieses eine denken. Es muß dein Morgen- und dein Abendgebet sein. Friedrike und Peter Paul besuchten mich. Sie meldeten sich per Cartolina an, so daß ich ihnen trotz des Geschreis meiner Padrona und der Gefahr, von Briganten überfallen zu werden, entgegengehen konnte. Ich denke, solchem armseligen Malweiblein werden die vermummten Unholde nichts anhaben. Ich stieg hinunter bis an den Saum der Castagnetta, setzte mich mit meinem Skizzenbuch, welches ich statt eines Revolvers oder Dolchmessers zur Abwehr mitnahm, ins hohe Gras und erwartete die Freunde. Sie hatten nicht geschrieben, ob Steffens sie begleiten würde. Eskortiert von Carabinieri kamen sie im gemeinen Omnibus, der seine feste Fahrtaxe hat. Es war wunderschön, als ich da plötzlich mitten auf der Landstraße stand. Friedrike sprang wie ein sechzehnjähriges Mädchen aus dem Wagen, aber Peter Paul ist doch recht alt geworden. Da der Weg anstieg, gingen wir neben dem Gefährt her. Auch die Carabinieri stiegen ab und schritten dicht hinter uns drein, ein Stück römischer Romantik, welches Friedrike begeisterte. Der Carabinieri wegen war sie auch auf dem Frascataner Bahnhof mit keinem Vetturin in Verhandlung getreten. Steffens hatte sie nicht begleitet, mir aber einen langen, langen Brief geschrieben. Sie blieben eine volle Woche, und es war herrlich. Auch Peter Paul wurde aufgefrischt. Neben Friedrikens glühendem Enthusiasmus kam ich mir mit meiner ruhigen Freude am Schönen fast fünfzigjährig vor. Sie schwelgte in römischer Sommernatur und war im Bewundern unermüdlich. Unter dem männlichen Schutz eines jungen Neffen meiner Padrona, den Friedrike sofort ausgewittert und für das Modell eines Cola di Rienzi erklärt hatte, machten wir abends Spaziergänge, die wir bis über das ganze Hannibalsfeld und hinunter zum Albanersee ausdehnten. Unser schöner Roccaner tat ungeheuer heldenhaft; ich hatte ihn jedoch in dem steten Verdacht, er würde bei dem ersten Anzeichen der Gefahr Reißaus nehmen. Zum Unglück für Friedrikens sehnlichsten Wunsch, »auch das noch in Rocca zu erleben!« begegnete uns nicht das kleinste Abenteuer, und so wurde ihre Illusion über den Charakter des jungen Volkshelden nicht zerstört. Ich sah wundersame Orte! Die Blumenwiesen von Pallazuola; die Felsenwände der Stätte, wo Albalonga gestanden, die uralten Rüstern vor dem ehemaligen Kloster auf dem Cavo und die Via Sacra, auf welcher einst Völkerprozessionen zum Tempel des höchsten Landesgottes gewallfahrtet waren und welche Julius Cäsar hinanzog, mit dem Kranze vom Laub des Ölbaums geschmückt. Friedrike wußte alles und hielt Vortrag über Vortrag. In Rocca di Papa war sie populär. Sie stieg hinunter zum Wasserbecken, in dem die Weiber wuschen, und schwatzte; sie stellte sich an den Brunnen, aus dem die Mädchen schöpften, und schwatzte; sie thronte auf dem Felsengipfel der ehemaligen Arx, wo die Wäsche trocknete, und schwatzte! Alles, was sie hörte – und es geschah nichts, was sie nicht gehört hätte, bekam Peter Paul berichtet, dem sie reizende Kinder und schöne junge Leute zuschleppte, lauter San Sebastiane und moderne Heilige, die Peter Paul entweder skizzieren oder bewundern sollte. Schrieb ich schon, daß Steffens' neuer Freund wirklich noch immer in Rom ist, daß von der Verlobung mit der schönen Cousine nichts mehr verlautet und daß unsre Hochzeit früher sein soll, schon in einer der nächsten Wochen? Ich werde bald fort müssen von diesem schönen Ort. 28. Der Gott der Sistina Prisca befand sich wieder in Rom, wo in der nächsten Woche ihre Hochzeit mit Steffens stattfinden sollte. Während der in Rocca di Papa verbrachten langen Sommerwochen hatte sie die Erfahrung machen müssen, daß es mit dem großen Entschluß eines Augenblicks nicht geschehen sei; selbst das kraftvollste Gemüt muß Zeiten des Kampfes und Leidens durchleben, um in sich ein Gefühl zu befestigen, welches der Mensch in jenem einen feierlichen Augenblick für unerschütterlich hält. Prisca überhäufte sich mit den schwersten Anklagen, daß es möglich war, überhaupt noch kämpfen und leiden zu müssen, sie entsetzte sich über ihren weiblichen Wankelmut und ihre innere Haltlosigkeit, wie sie es nannte, empfand eine marternde Selbstverachtung und bedachte nicht, wie tief diese »Schwäche« in der menschlichen Natur begründet liegt, die einen Märtyrer oder Entsagenden nicht in einem Tage schafft. In jenen drangvollen Zeiten des Ringens erschien es Prisca bisweilen, als hätte sie unter einer Hypnose gestanden. Sie kam nach Rom, lernte ihren Verlobten und ihre Freunde kennen, und alles vereinigte sich, um sie ihrem Geschick zuzuführen. Die Freunde sagten ihr: Du kannst diesen verlorenen Menschen retten – du allein! Dasselbe sagte Steffens, dasselbe sagte der Mann, den sie liebte, dasselbe sagte schließlich sie sich selbst: du mußt ihn retten; denn nur du allein kannst es! Oft schien ihr's als wäre die mächtigste Hypnose von Rom ausgegangen, von dieser Stadt der Märtyrer und Heiligen, die auf gewisse Naturen so überwältigend wirkt. Rom hatte sie über sich selbst hinausgehoben, hatte sie in einen geistigen Rausch versetzt, in jene Ekstase, in welcher der Büßer, nachdem er sich blutrünstig gegeißelt, himmlische Gesichte hat. Ihre »Mission«, die ihr von allen Seiten gepredigt worden, war solche Vision gewesen. Erst nach den Kämpfen und Leiden so vieler Wochen fühlte sie sich fähig, auszuführen, wozu sie sich in einem Augenblicke seelischer Aszese bereit erklärte; jetzt erst hatte sie in sich die Ruhe und mit dieser die Kraft der Ruhe gefunden. Jetzt hielt sie sich aber auch gegen jeden weiteren Kampf, jedes weitere Leid gefeit. Wie oft im Leben nach blutigem Schmerz und tiefem Jammer der Mensch sich völlig »gegen alles« geschützt fühlt?! Prisca kam nach Rom zurück in einer solchen schönen Heiterkeit, als wäre sie in Wahrheit eine glückliche Braut. In dieser Stimmung schrieb sie nach München dem Glöcklein, in dieser Stimmung suchte sie dem Signor Arturo zu begegnen, der noch immer nicht abgereist war, der jedoch, wie der Knabe Checco wußte, für seine »Straße im modernen Rom« längst keine Studien mehr machte. Sie traf ihn indessen weder im Garten der Kolonie noch im Atelier ihres Verlobten, der ganz seiner Arbeit lebte, um nichts sich kümmerte, was nicht diese Arbeit war. Prisca durfte voller Bewunderung vor dem »Prometheus« stehen, den der Künstler »Priscas Werk« nannte, womit er alles aussprach, was er an Glück und neuem Leben empfand. Es wurde beschlossen, in Rom sich trauen zu lassen, dann zu Wagen nach Frascati zu fahren, wo in der trefflichen Trattorie der Sora Rosa das Festmahl stattfinden sollte, und mit dem Nachtzuge nach Neapel zu reisen. Friedrike und Peter Paul sollten Trauzeugen und die einzigen Hochzeitsgäste sein. Signor Arturo war eingeladen worden, hatte jedoch abgelehnt, da dringende Geschäfte ihn in die Heimat zurückriefen. Jedenfalls würde Prisca ihn vor seiner Abreise noch sehen; dann wollte sie ihm sagen, wie leid ihr täte, daß er – warum – Nein! Sie wollte nicht lügen. Auch nicht aus übertriebenem Entsagungsmut. Als wäre nicht ihr, der Wahrhaftigen, ganzes Leben bereits zur Lüge geworden. Sie empfand heftige Sehnsucht nach Michelangelo und der Sixtinischen Kapelle, und zwar wollte sie diesen allerheiligsten Raum allein betreten. So sagte sie denn weder den Freunden noch ihrem Verlobten von ihrem Vorhaben und begab sich eines Morgens zu Fuß nach dem Vatikan. Es war doch ein eigentümliches Gefühl, mit dem sie jetzt durch die Straßen Roms ging: Also es ist entschieden – du bleibst dein Leben lang hier, bist hier fortan zu Hause, findest hier deine Heimat: in Rom! Jetzt besitzest du's sicher und zwar für dein ganzes Leben. Wonach so viele lebenslang sich sehnen, das ist jetzt dein bleibendes Eigentum. In dem Gedanken an dieses Zuhausesein in Rom lag doch etwas Befreiendes, Erhebendes und Erlösendes. In Wien oder Berlin, in Paris, London oder Neuyork eine zweite Heimat zu finden, konnte unter Umständen auch etwas recht Schönes sein: aber auf dem Kapitol zu stehen, im Vatikan aus und ein zu gehen, die Campagna zu durchstreifen und sagen zu dürfen: auf diesem Boden bist du heimisch geworden – Nein! Nichts läßt sich mit dem Empfinden vergleichen, welches den in Rom heimisch Gewordenen durchdringt. So wenigstens dachte auf diesem herbstlichen Morgenspaziergang durch Rom Prisca. Auch das war in ihrem Leben so wundersam gekommen, daß die Heimat ihrer Mutter die ihre geworden. Gerade in diesen Wochen hatte sie wieder so viel ihrer toten Mutter gedacht. Es mußte schön sein, wenn eine Braut an dem Herzen der Mutter ruhen durfte, ehe die Arme des Gatten sie umfaßten. Mit dem beständigen Gefühl des Besitzergreifens ging Prisca den gewohnten Weg am Torre di Nono vorüber zur Engelsbrücke. Die alte Gasse, in der noch bis vor kurzem das Mittelalter geschlafen hatte, war zum größten Teil abgebrochen, und die Seite nach dem Flusse zu bestand aus Schutthügeln. Es war, als hatte ein ungeheures Erdbeben Rom über Nacht zu einem Casamicciola gemacht; dennoch blieb es, mit Schutt gefüllt und auf seiner schimpfierten Scholle die häßlichste aller modernen Städte tragend, das hochherrliche, einzige Rom. Das war an diesem Morgen Priscas Empfindung, als sie auf dem kleinen Platz vor der Engelsbrücke stand, deren Zugang wegen Erweiterung des ehrwürdigen Baues gesperrt war, und nach der Engelsburg hinübersah. Rechts und links von der Brücke, hüben und drüben vom Tiber die gleichen häßlichen Bilder der Veränderung und Zerstörung: Die einstmaligen berühmten Wiesen, die Prati dei Castelli, mit dem berüchtigten Spekulationsviertel bedeckt, und an beiden Tiberufern die niedergerissenen und nicht mehr aufgeführten Bauten, die angefangene und nicht vollendete Regulierung des Strombettes. Unvollendetes und Ruinen gab es, wohin das Auge fiel! Aber trotz alledem und alledem – ein Blick auf den braunen Mauerkoloß der Kaisergruft, auf Peterskuppel und Vatikan, auf die Gärten des Janiculus und die des Monte Aventin genügte, um das ganze übrige verunstaltete Rom vergessen, das herz stärker schlagen zu machen und das Gemüt mit dem einzigen Bewußtsein zu füllen: du bist in Rom, in dem Rom der Cäsaren, in dem Rom Julius des Zweiten und Leo des Zehnten; in dem Rom Raffaels und Michelangelos! Vor der Engelsbrücke stehend und tief hineinblickend in Herbstesglanz unterlag Priscas Seele dem uralten, ewig neuen Zauber der Stätte, daß sie fast aufgejauchzt hätte: Zu Hause! Du bist hier zu Haufe! Sie schlenderte umher: durch den Borgo bis zur Porta Angelica; dann durch die Kolonnaden über den Petersplatz und um den ganzen gewaltigen Mauerring des Doms bis zum Eingang in die vatikanischen Gärten. Die Sonne brannte sommerwarm, und ein Gewitter stand in der Luft. In der großen Stadt, welche die hehre Feste des Apostelfürsten umlagerte, herrschten eine Öde und ein Schweigen, als wäre jedes Leben erstorben, jeder laute Ton der Erde erstickt. Nur die Eidechsen raschelten durch das wieder grünende Gras und Unkraut, das aus dem Pflaster der toten Straße aufsproß, und über den Gipfeln des hohen Gartens, darin um diese Morgenstunde der einsame Greis wie ein blasser Lichtstreifen wandelte, kreiste ein Falkenpaar. Wenn dieser Weg Priscas letzter Gang durch Rom gewesen, wenn sie morgen Rom hätte verlassen müssen, ohne Hoffnung, jemals zurückzukehren, so wäre es eine Trennung gewesen wie von einem heißgeliebten Menschen, den sie nie wiedersehen sollte. Aber sie blieb, blieb lebenslang, sie war in Rom zu Hause! Das Rollen eines Wagens unterbrach die schwere Stille. Es war eine herrschaftliche Equipage, deren Insassen durch den Damasushof zur Audienz fuhren. Kutscher und Diener trugen Trauerlivree, und Prisca hätte die Fürstin Romanowska, die allein in dem Coupé saß, nicht erkannt, wenn sie sich nicht vorgebeugt und zu der einsamen Spaziergängerin hinübergeblickt hätte. In dem schwarzen Schleier, der ihr Haupt umhüllte, sah die Fürstin totenhaft bleich aus; aber sie erschien Prisca schöner als je. Sie fand kaum Zeit, zu grüßen, bemerkte nicht, ob ihr Gruß erwidert wurde, und bekam bei ihrem Anblick plötzlich wiederum jene seltsame Einbildung: diese von dir heißbewunderte Frau hat etwas gegen dich, etwas Unbegreifliches und Feindseliges, das fast Haß ist. Sie ging noch etwas weiter, sah den Wagen durch das äußere Tor in die Halle einfahren und kehrte dann um. Ein Hauch von der schwülen Herbstluft hatte sich plötzlich in ihre Seele gesenkt. Sie atmete auf, als sie, an den bunten, prächtigen Gestalten der Schweizer vorüber, die herrlichste aller Treppen emporstieg. Sie war auch hier ganz allein. Es gab in Rom erst wenige Fremde, von denen manche durch den heißen Tag und das drohende Unwetter abgehalten sein mochten, den Vatikan zu besuchen. Ohne einer Seele zu begegnen, kam sie zu der so gut gekannten kleinen Tür, klopfte leise an, worauf ihr aufgetan wurde. Durch die enge Pforte ging sie ein in den Himmel der Gottheit Michelangelos ... Sie pries ihr Glück, welches sie der einzige Besucher sein ließ: der einzige selige Mensch in diesem Abglanz des höchsten Gottes der Kunst. Doch sie irrte sich: noch ein zweiter Gast war anwesend. Er lag auf der Bank rechter Hand vom Eintritt, die unterhalb der Fensterreihe an der Wand hinlief. Lang ausgestreckt lag er und starrte zur Decke empor: zu dem Chaos, daraus der Gott Sistina die Welt schafft, zu den von diesem göttlichen Geist geschaffenen Gestirnen und dem in der Lenzesschönheit der jungen Erde prangenden ersten Menschenpaare: dem herrlichsten Manne, dem wonnigsten Weibe, bei deren Anblick man nicht faßte, daß der Mensch so schön sein konnte! Dieser zweite Besucher war so in Anschauen versunken, das; er Priscas Kommen gar nicht gewahrte, die nur für jene andre überirdische Welt Auge und Sinn hatte. Sie schritt langsam durch den ehrwürdigen Raum, so leise, als störte sie eine heilige Handlung, nahm dem Jüngsten Gerichte gegenüber auf der Querbank Platz und ließ sich durch den stiftinischen Gott einer Erde entrücken, die nicht so vollkommen war wie jene von ihm erschaffene. Inzwischen war das Unwetter heraufgestiegen. Plötzlich überzog eine schwarze Wolkenwand die Sonne. Es wurde Nacht in der Kapelle, Sturm erhob sich und umfuhr das hohe Haus des Heiligen Vaters, heulend wie eine Schar von Dämonen, die in die Burg des Hauptes der Christenheit eindringen wollten. Immer wieder stürmten sie an, immer wieder entwichen sie. Dann brach das Gewitter aus. Regungslos saß Prisca und ließ das gewaltige Schauspiel vor ihren Augen sich abspielen. Ein Gewimmel von überirdischen Gestalten entstieg der Dunkelheit, lebte einen Augenblick in der zuckenden Lohe der Blitze ein Flammendasein, versank wieder in Nacht, tauchte von neuem glanzvoll auf, wurde von der Finsternis von neuem verschlungen. In Gegenwart eines Geschlechts, dem Geiste gleich, der es erschuf, vollzogen sich die Wunder der Schöpfung, vollzog sich das Ende der Welt mit der Auferstehung der Toten und dem Gericht über Gute und Böse, Gerechte und Ungerechte. Welch ein Richter! In furchtbarer Herrlichkeit erscheint er im Feuer der Blitze. Sein Blick ist nicht Gnade, sondern Gerechtigkeit; seine aufgereckte linke Hand nicht Sünden vergebend, sondern Schuldige verdammend. Es bedarf noch einer andern Gestalt, der göttlichen Jungfrau, es bedarf des ewigen Erbarmens des Weibes, der göttlichen Liebe der Mutter, die zur Rechten des Zürnenden für die Sünder bittet. Im Aufleuchten des himmlischen Feuers, begleitet vom Donnergetöse, vom Sturmgebrause, drängen die Heerscharen der Auferstandenen empor, werden die Verurteilten von der verdammenden Rechten des Richters zurückgeschaudert in die Tiefen – werden die Begnadigten in den Himmel erhoben, welchen Cherubine mit den heiligen Werkzeugen des Martyriums durchstürmen. Über der letzten Welttragödie thronen die Helden der heiligen Geschichte, sind die Vorfahren der Mutter des göttlichen »Menschensohns« versammelt, sind versammelt die Propheten und Sibyllen: alle Gedanken denkend, welche der Menschheit höchste Güter umfassen, in Sinnen verloren, welches die tiefsten Lebensrätsel durchdringt, Göttliches aufzeichnend, von heiliger Ekstase ergriffen, die Seelen verzehrt in einem Feuer, welches Flamme ist von der Flamme, deren Gluten alle diese Gestalten umhüllt, wenn am Himmel Roms die Wetterwolke zerreißt. Wundersam beim Aufzucken der Blitze war auch der Anblick all der hüllenlosen jungen Leiber, auf den Gehalten von Michelangelos fabulierter Palastarchitektur, ein Geschlecht nicht minder von Titanenart als der Beseelte, welcher sie schuf. Doch nichts kam dem Eindruck gleich, wenn die Gestalten der großen Deckengemälde beim Flammenspiel der Blitze aus Dunkelheiten auftauchen, in Dunkelheiten hinstarben, um wiederum in Lichtfluten geboren zu werden. In dem blendenden Aufleuchten sah Prisca den Gott Michelangelos die Finsternisse zerreißen: »Und es ward Licht!« sah sie ihn davonstürmen zu neuen Schöpfungstaten; im Glanze des himmlischen Feuers sah sie den gewaltigsten und furchtbarsten Gott als milden und liebenden Geist von Engeln geleitet seiner eben erschaffenen, frühlingsgrünen Erde zuschweben und mit einer würdevollen Bewegung die Rechte ausstrecken. Und siehe – – der Mensch, der atmende, beseelte, lebendige Mensch, der schuldlose, selige Bewohner des Paradieses, das vollkommenste Geschöpf dieses strahlenden Schöpfers, der schöne Sohn dieses liebenden Vaters, hob sich aus dem Leibe der jungen Mutter Erde dem göttlichen Finger entgegen, wurde dann aufgezogen, daß er stand und wandelte, emporgehobenen Hauptes der Sonne entgegen. Und aus diesem von der Glorie des ersten Schöpfungstages umflossenen ersten Menschen schuf der himmlische Vater in überströmender Liebeshuld das Weib, schuf es für ihn ... Das Unwetter wütete fort. Strahl auf Strahl zuckte auf. Oft war's, als stünde die Erde in Feuer, als hätten die Flammen den Vatikan ergriffen, züngelten an den Mauern der Kapelle empor, erfaßten die Scharen der Unsterblichen an Wänden und Decke, schlügen über der Decke und dem letzten Gerichte zusammen, begrüben eine Welt Michelangelos, begrüben den Gott der Sistina unter Donnergetöse und Sturmesgebraus. Wie es geschah, darüber wurden die beiden einsamen Besucher der Sixtinischen Kapelle niemals sich klar: es geschah eben. Der unter dem Fenster auf der Bank hingestreckte Mann erhob sich plötzlich, und im Scheine des Blitzes sahen sie sich. Wie durch eine göttliche Hand gezogen, schritten sie aufeinander zu. Als er vor ihr stand, als sie ihm in die Augen sah, da wußte sie's. Plötzlich wußte sie's! Der Blitz der Erkenntnis erhellte die Nacht ihrer Seele. Sie liebte ihn, sie liebte ihn! Und – Gott, barmherziger Gott, du Vater im Himmel! er liebte sie. Sie standen sich gegenüber, sahen einander stumm in die Augen, Über ihnen im Flammengewande der Blitze schwebte der allgütige und alliebende Gott und schuf sein erstes Menschenpaar, welches noch ohne Wissen und ohne die Sünde des Wissens war. Trat Dunkelheit ein, so standen Mann und Weib sehnsüchtig den Blitz erwartend, um einander schweigend in die aufleuchtenden Augen zu schauen. Der Custode war hinausgegangen, die beiden waren allein. Da sprach er das erste Wort. Es war eine Frage, eine schicksalsentscheidende: »Ist es zu spät?« Mit angehaltenem Atem wartete er auf ihre Antwort, versuchte, sie in ihren Augen zu lesen, als ob diese glanzvollen Sterne keine Antwort geben könnten, die vernichten würde, als ob ihm aus ihren Augen das Glück entgegenleuchten müßte. Es war jedoch finster um die beiden. Dann sagte es ihr Mund: »Zu spät!« Einen Augenblick hatte sie gezaudert; nur einen Augenblick! Dann sagte sie leise und ruhig die wenigen Worte, die ihm keine Hoffnung mehr ließen. Aber warum es zu spät war, wie es hatte geschehen können,, daß es zu spät war? Nebeneinander hergehend, erzählten sie sich's. Sie gingen langsam, langsam und sprachen so leise, als läge in der Kapelle ein Toter aufgebahrt: ihr gestorbenes Lebensglück. Und über ihnen, fort und fort von Blitzen umleuchtet, das Wunder der Schöpfung und der Seligkeit des ersten Menschenpaares vor der Schuld. »Als ich in Florenz zu Ihnen ins Coupé stieg, wie Sie mir gleich damals gefielen! Das ist nicht das richtige Wort. Ich sah Sie an und dachte: ›Bei der muß ein Mann gut aufgehoben sein! Besonders wenn es so recht stürmt und das Leben dem Menschen seine Krallen zeigt.‹ Gleich damals empfand ich, daß von Ihnen etwas ausgeht, das wohltut bis in die tiefste Seele hinein, das bei Ihnen ausruhen läßt und den dunkelsten Tag hell macht. Namentlich der Selbstling wäre bei Ihnen für Zeit seines Lebens versorgt. Und Sie wissen nicht, was für krasse Egoisten auch die Besten von uns sind. Ihr armen Frauen könnt unsertwillen vor unsern Augen einen Flammentod, ein Martyrium erleiden, und wir schauen gelassen zu. Es hat nie größere Barbaren gegeben, als wir Männer sind euch liebenden, hingebenden Frauen gegenüber. Am besten gefiel mir Ihre Ehrlichkeit. Wie empört Sie über mich waren, weil ich nicht als Wallfahrer nach Rom ging und nicht anbeten wollte. Wer mir damals gesagt hätte, daß ich Ungläubiger in Rom meinen Gott finden würde! »Zunächst fand ich Sie, obgleich Sie sich von mir nicht finden lassen wollten. Immer wieder entkamen Sie mir. Damals nahm ich mir vor: du wirst sie fassen und nicht mehr lassen; denn sie ist das Weib, welches der Gott, der das erste Menschenpaar geschaffen hat, für dich schuf. Plötzlich stand zwischen mir und Ihnen ein dritter: Karl Steffens! Ich sah, wie dieser kranke, gewaltsame Geist sich Ihrer Seele bemächtigte, und ich wollte Sie ihm entreißen. Da fiel mir ein: wenn sie ihn aber liebt! Und mir kam meine Selbstsucht zum Bewußtsein, die Sie einem andern nehmen wollte, um Sie für mich zu fordern. Ein großes Leid kam über mich, aber mein Stolz half mir,– denn es ist zu schmählich, an eine Frau zu denken, die einen andern liebt, und mußte ich auch nur hinzusetzen: die vielleicht einen andern liebt! »Dann lernte ich Steffens kennen. Wenn ich damals noch schwankend gewesen wäre und gezweifelt hätte, so wäre das jetzt vorbei gewesen. Es kam zwischen uns Männern zu einer Aussprache. Steffens gestand mir seine Liebe zu Ihnen und zugleich seine Angst, Sie würden von einem andern geliebt, der Ihrer würdiger wäre und Sie glücklicher machen würde. Aha, so dachte ich, dieser andre bist du! Karl Steffens will deinetwegen großmütig entsagen, will sie dir überlassen. Er ist von euch beiden der Selbstlosere, also der Edlere. Dabei tut diesem Manne diese Frau – gerade diese, so not, wie einer armen Mutter für ihre hungernden Kinder ein Stück Brot, und du bist doch wahrhaftig nicht der Mann, der Hungernden das Brot stiehlt. Demnach erfand ich das Märchen von der Liebe zu meiner reizenden Cousine. Ich erfand die fromme Lüge für den Fall, daß er immer noch fürchten und zweifeln sollte; denn ein Unglücklicher von dem Schlage Karl Steffens ist selbst da noch mißtrauisch, wo jeder andre blindlings glaubt. »Sie verlobten sich mit ihm... Da Sie sich mit ihm verlobten, so liebten Sie ihn auch, so mußten Sie ihn lieben. Ich bedachte eben nicht, daß Sie zu jenen Frauen gehören, die sich selbst verleugnen um eines andern willen, die sich selbst unglücklich machen um des Glückes eines andern willen, zu jenen Frauen, die sich würden kreuzigen lassen, wenn sie durch ihren Kreuzestod jemand von seinem Leide erlösen könnten. Solche Frau sind Sie!« Hier kam der Custode zurück und entschuldigte sich bei den Fremden: er hätte in der Capella Paola des Unwetters wegen etwas nachsehen müssen. Der Mann erzählte, der Blitz hätte an verschiedenen Stellen eingeschlagen und an mehreren Orten gezündet. Ob die Signori gehen wollten? Diese wollten noch bleiben. Das Gewitter war noch immer nicht vorüber, und sie wünschten sein Aufhören in der Kapelle abzuwarten. Der Custode besaß Einsicht genug, die Situation zu verstehen und das Paar auf die Aussicht eines guten Trinkgelds hin nicht zu belästigen. Er zog sich an seinen Platz bei der Tür zurück, woselbst er sich wie in einem andern Raum befand. Die beiden fuhren fort, in dem höchsten Heiligtume langsam, langsam nebeneinander hinzugehen. Prisca hatte die Empfindung, als wandelte sie an der Seite des Geliebten zwischen Himmel und Erde, von dieser befreit und jenem näher. Wie schön mußte die Ewigkeit sein: welterlöst an seiner Seite als seliger Schatten dahin zu wallen. Er sprach weiter, so leise, daß sie, um keines seiner Worte zu verlieren, ihren Atem anhielt. »So kam es, und es hätte leicht anders kommen können ... Warum ich noch immer in Rom bin? Mir war's, als könnte ich nicht fort, nicht so fort! Als müßte ich hier noch eine Stunde erleben, wo ich Ihnen sagen, wo ich an Sie die Frage richten würde, die Sie beantworten würden. Sie wissen nicht, daß ich mehr als einmal heimlich in Rocca di Papa war, daß ich Sie dort sah, daß ich Ihnen auflauerte und dann doch nicht den Mut fand, Ihnen in den Weg zu treten und Ihren Frieden zu stören – da Sie ja Karl Steffens liebten. Aber jetzt weiß ich: Sie lieben ihn nicht, Sie wollen sich ihm nur opfern; Sie lieben mich und – Sind mir denn beide von Sinnen? Es ist noch Zeit! Da Sie sich nicht opfern dürfen, da Sie mich lieben, so muß es noch Zeit sein!... Prisca! O mein Gott, Prisca, du liebst mich ja doch!« Unter Michelangelos Gott, der das erste Menschenpaar schuf, fiel er vor ihr nieder, umschlang sie und schluchzte krampfhaft. Sie stand regungslos, ließ es zitternd geschehen, fühlte, daß sie schuldig werde, daß sie ihre Schuld büßen müßte. Tonlos kam es von ihren Lippen: »Soll ich dem Hungernden das Brot stehlen?« Weiter sagte sie nichts. Er ließ sie sogleich los, erhob sich und stammelte: »Ich danke dir! Vergib mir! Du bist besser als ich! Lebewohl! Mache ihn glücklich! Sei glücklich!« Und er wollte gehen, da hielt sie ihn noch einmal zurück. »Bleiben Sie noch! Gehen Sie nicht so von mir! Sie müssen mir sagen – – Ich bitte Sie, bleiben Sie!« Er blieb stehen, kam langsam zu ihr zurück. Jetzt sagte sie ihm, was seit seinem ersten Wort ihr einziger Gedanke war: »Sie werden nicht unglücklich? Meinetwillen! Das ist ja doch nicht möglich? Meinetwillen ein edler Mensch unglücklich! Sie werden mich vergessen; Sie werden erkennen, daß Sie mich überschätzten, daß Sie mich zu hoch stellten, viel, viel zu hoch! Lassen Sie mich das für Sie hoffen. Ich wäre so glücklich, wenn Sie sich jetzt täuschen sollten – für Sie so glücklich, dem Himmel so dankbar. Sie können mich darum ja doch in freundlicher Erinnerung behalten. Und wenn wir dann einmal voneinander hören, daß wir glücklich sind – jeder in seiner Art, so wird diese Stunde nur ein Traum gewesen sein, für mich ein leuchtender Traum, trotzdem ich darin meinem Bräutigam die Treue brach. Aber das wird mir vergeben werden; denn ich will, oh, ich will – –« Sie sprach mit ersticktem Jammer, mit einem Weh, das sie zu überwältigen drohte. Doch sie bezwang sich und fuhr ruhiger fort: »Was Sie mir noch sagen müssen: von Ihrer Kunst, Ihrem besten und höchsten Leben. Sie werden nach Deutschland gehen, nach München oder Berlin, und Sie werden dort in Ihrer Kunst glücklich sein können? Das ist meine größte Sorge um Sie. Verzeihen Sie, daß ich jetzt daran denke und meine Angst Ihnen sage.« Ihre Haltung gab ihm die seine wieder. »Es sieht Ihnen gleich, in dieser Stunde an etwas zu denken, was mein Bestes und Höchstes sein sollte: meine Arbeit. Wenig andre Frauen hätten jetzt daran gedacht. Ich werde noch Deutschland zurückkehren, aber – nicht mehr als Künstler.« »Wie?!« »Denn ich bin kein Künstler.« Prisca stieß einen leisen Schrei aus, und eine Traurigkeit bemächtigte sich ihrer, wie sie zuvor niemals empfunden. Es war wie Trostlosigkeit. Mechanisch sprach sie ihm nach: »Denn Sie sind kein Künstler ...« »Das habe ich erkannt.« »Sie haben Talent! Sie haben ein starkes Talent! Glauben Sie doch an Ihr Talent!« Er trat ihr näher: »Wie ich Sie kenne, wären Sie die Letzte, die mich trotz meines starken Talents einen Künstler nennen würde – was Sie einen Künstler nennen.« Prisca schwieg. Und wenn es ihr ewiges Seelenheil gegolten, sie hätte schweigen müssen. »Sehen Sie wohl, wie gut ich Sie kenne!« Und er lächelte. Es war ein fast glückliches, war fast sein altes, strahlendes Lächeln. »Seit wann kamen Sie zu dieser furchtbaren Erkenntnis?« »Seitdem ich Sie kenne.« »Nein! O nein! Nein!« »Und seitdem ich in Rom bin.« »In Rom?« »Schauen Sie doch nur hinauf.« Er deutete mit den Augen zur Decke empor: wiederum blitzumloht der sistinische Gott. »Jener Gott offenbarte sich mir in Rom. Unter Blitz und Donner erschien er mir und rief mir zu: ›Du sollst keine andern Götter haben neben mir!‹ Der Gott Michelangelos verkündete mir in Rom seine ewige Herrlichkeit. Seine Allmacht hat mich zu Boden geschmettert und zermalmt. Ich bin fürder nicht wert, daß ich sein Sohn heiße.« Er sagte das sehr einfach, aber mit solchem tiefen Ernst, daß Prisca wußte: auch über dieses Menschenschicksal war in Rom eine Entscheidung gefällt worden, die unumstößlich war. So begnügte sie sich denn, ihm zu sagen: »Und was wollen Sie jetzt tun?« »Ein neues Leben beginnen. Sie brauchen sich darum nicht zu sorgen.« Leise erwiderte sie: »Es ist jetzt meine einzige, meine größte Sorge.« Von dieser wollte er sie befreien: »Ich bin der Sohn eines Landmannes, war von jeher zum Landmann bestimmt, hätte nie etwas andres werden sollen. Da ich noch sehr jung bin, so ist es noch nicht zu spät, um mit bester Hoffnung einen Beruf zu erfüllen, für den der Himmel mich schuf. Ich habe fortan mit der Kunst nichts mehr zu schaffen; aber der Geist Michelangelos und Raffaels, die Gottheit, die ich leugnete, wird als der Genius des ewig Schonen und Großen mit mir sein. Das dürfen Sie glauben und darüber sich für mich freuen.« Das Unwetter war vorüber. Plötzlich brach aus schwarzem Gewölk die Sonne hervor. Ein Glanz füllte die Kapelle, daß Prisca wie geblendet die Augen schloß. Als sie ihre Augen wieder öffnete, war er gegangen. In einer Gloriole von Sonnenglanz schwebte der Gott über der einsamen Frau, deren Seele er in dieser Stunde mit seinem Odem berührt und zum Leben erweckt hatte. 29. Katastrophen Prisca sah den Geliebten nicht wieder. Zunächst wollte sie Steffens alles sagen. Sie hielt es für unmöglich, ihrem Verlobten das Vorgefallene zu verschweigen, und verschwieg es dann doch. Ihr erster Gedanke war: ›Du hast nicht das Recht, diesen Treubruch – denn ein solcher war es für ihre Empfindung, deinem künftigen Gatten zu verheimlichen.‹ Ihr letzter Entschluß, zu dem sie erst nach einer schweren Stunde gelangte, lautete: es wäre ein Unrecht gegen ihn, würdest du ihm deine Schuld gestehen. Du mußt sie für dich tragen, mußt sie allein sühnen. Dein Verschweigen muß deine Strafe sein. Wenn sie mit einem Geständnis vor ihn getreten, wäre dann ihr Bekenntnis nicht zugleich die Forderung gewesen: Gib mich frei!? Du mußt mich freigeben! Durfte sie ihm zumuten, sie nicht freizugeben? Da es noch Zeit war! Und was dann? Dann hätte sie jenen schändlichen Diebstahl begangen, hätte sie dem Hungernden das Brot genommen, eine Tat, vor welcher der Geliebte zurückgebebt war. »Es ist zu spät!« So hatte sie ihm zugerufen, und es war zu spät. An das Verbrechen, welches sie gegen sich selbst beging, das Weib eines ungeliebten Mannes zu werden, daran durfte sie nicht denken. Sie wußte, daß diese Heirat nicht allein das Opfer ihres ganzen Menschen, sondern auch der Tod ihrer ganzen Frauenwürde war; aber dennoch gelangte sie immer wieder zu dem Entschlusse, schweigen zu müssen. Ihre Handlungsweise entsprang keiner Feigheit, es war Mut. Aber es war der Mut des Fanatikers; und in der tiefen Verwirrung, in die ihre sonst so klare und feste Natur gestürzt war, bedachte sie nicht, daß der Mensch – besonders das Weib, sehr oft zur unrechten Zeit Held ist, und daß die Ekstase sehr leicht Märtyrer macht, und das häufig vollkommen nutzlos. Immer war es ein und dasselbe fanatische Wort, welches Prisca mit flammenden Buchstaben ihr Wesen durchlodern fühlte: Entsagung! Es war das Motto ihres Lebens geworden. Und warum diese Aszese? Auch die Antwort auf diese Frage lautete stets gleichmäßig: um eine wertvolle Existenz zu retten, die ohne sie verloren war! Doch das Glück des Geliebten? Sie konnte nicht zu der Überzeugung durchdringen, daß sie sein Glück wirklich gewesen wäre. Er war solche Kraft! Wer mit so großem, gelassenem Mute einsehen konnte, daß er sich in seiner Kunst, die sein Lebensglück gewesen, auf falschen Bahnen befunden, wer zu erkennen vermochte, daß es nicht in seiner Natur, also nicht in seiner Macht lag, andre Bahnen einzuschlagen, und dann starken Herzens die Entsagung übte, den Künstler aufzugeben und einen andern Beruf zu ergreifen, der würde mit solcher Alltagsenttäuschung in der Liebe schnell fertig werden; der hatte des Lebensbrotes zu sehr im Überfluß, um jemals Mangel leiden zu können. Was dagegen ihren Verlobten anbetraf, so besaß sie nun einmal die für sie unumstößliche Gewißheit, daß er ihrer bedurfte, wie nur jemals ein Mensch der Hilfe und Kraft eines andern bedurft hatte. Durch alles, was ihr in der letzten Zeit begegnete, war sie in diese Zuversicht gewaltsam hineingetrieben worden; Personen sowohl wie Umstände hatten dazu beigetragen, sie in den Glauben zu versetzen, es wäre ihre Pflicht, demjenigen anzugehören, dem sie mit ihrem ganzen Sein nützen konnte. So hatte sie denn dem Geliebten gegenüber nur das eine Wort der Hoffnungslosigkeit: zu spät! Jeder Mensch muß sein Leben ausbauen, wie seine Natur von ihm verlangt. In Priscas Natur waren von frühester Kindheit an Selbstverleugnung und Hingabe machtvoll entwickelt worden; mit ihrem Vater hatte ihre Übung im Verneinen des eignen Ichs begonnen; mit ihrem Gatten sollte es sich vollenden; sie glaubte eine eigne Persönlichkeit zu sein und war doch stets mit ihrer ganzen Existenz in der eines andern aufgegangen. Ja, Prisca Auzinger, für dich ist es zu spät! Den Abend vor ihrem Hochzeitstage sollten Steffens und Prisca bei Friedrike und Peter Paul verbringen. Die Freunde hatten die ganze Wohnung mit Grün und Blumen geschmückt, vor dem Hause den Tisch gedeckt und ihn mit Malmaison-Rosen und Myrtenzweigen bestreut. In Fräulein Friedrikens »Küche« wurden frisch von Anzio eingetroffene Hummern gesotten und junge Hühner gebraten. Sogar ein Hochzeitskuchen war am Vormittage aus den Händen von Signorina Rica hervorgegangen und ihr besser geraten als seinerzeit die Kopien von Guido Renis Beatrice Cenci. Mit ihren besten Feiertagsgewändern angetan und in tiefgerührter, gefühlvoller Stimmung erwarteten die Wirte das Brautpaar, welches Arm in Arm erschien. Wer Steffens vor einem Jahre gesehen, hätte den Mann heute nicht wieder erkannt, eine solche Wunderkraft besah selbst für einen Menschen von seinem zerrissenen Wesen das Glück, jenes Glück, welches allein der sichere Besitz eines teuren Weibes zu gewähren vermag. Seine Blicke ließen nicht von Priscas Gesicht, von Priscas Augen. Ach, diese Augen, die es ihm angetan hatten! Sie trug ein hellgraues Kleid und sah heute auch ohne Kranz von blaßvioletten Malven fremdartig schön aus, aber mehr wie eine Geweihte als wie eine glückliche Braut am Vorabend ihres Hochzeitstags. Nur Steffens war redselig. Zum erstenmal sprach er von seiner Kindheit und Jugend, die elend gewesen waren. Er konnte als Beispiel dafür gelten, wie die Leiden und Drangsale einer jammervoll verbrachten ersten Lebenszeit im Gemüte unverlöschbare Spuren zurücklassen, die oft unvertilgbaren Verwüstungen gleichen; wie Geschick und Glück eines Menschen oft schon durch frühe, trostlose Erfahrungen bestimmt werden, ebenso wie Begabungen und Eigenschaften. Nur wer die Kindheit- und Jugendgerichte dieses Mannes kannte, war imstande, die Entstellungen milder zu beurteilen, die für manchen den Menschen sowohl wie den Künstler unverständlich und unsympathisch machten. Während Steffens erzählte, mußte Prisca unausgesetzt denken: »Wenn jetzt auch du ihn verlassen hättest, nachdem du dich ihm doch gegeben hast! Wie hättest du ihm das antun dürfen? Er liebt dich, er vertraut dir, er sieht in dir seine Zukunft, und du könntest ihm alles das nehmen, nachdem er es kaum empfing? Und es ihm nehmen, um mit einem andern Manne, der dich auch nicht mehr liebt als dieser, glücklich zu sein. Glücklich zu sein... Vermöchtest du das? Bedenke doch!« »Gewiß, o gewiß, du tust das Rechte! Niemals tatest du etwas, das richtiger gewesen wäre. Sei ganz ruhig, dein Tun wird gesegnet sein.« Als sie dann auseinandergingen, sagte Steffens mit Ergriffenheit: »Morgen ist der erste glückliche Tag meines Lebens. Möchte ich seiner wert sein!« Prisca faßte seine Hand und behielt sie in der ihren. Gott sei Dank, daß sie seine Hand fassen und halten konnte! Obgleich sie sich sehr müde fühlte, ging sie nicht zu Bette. Fräulein Friedrike, die noch einen Auftrag für sie hatte, fand sie vor dem Hause sitzen und in der warmen Septembernacht ausruhen. Aber als müßte sie sich dem Frieden und der Schönheit der Stunde gewaltsam entreißen, stand sie bei dem Kommen der Freundin rasch auf und ging mit ihr ins Zimmer, wo sie sogleich Licht anzündete und das Fenster schloß. Fräulein Friedrike geriet ins Plaudern. Erst als sie endlich gehen wollte, fiel ihr ein, daß sie Prisca etwas zu geben hatte: »Ein Modell aus Rocca di Papa brachte es für dich. Ich glaube, es ist ein Brief deiner Wirtin und sollte dir längst übergeben worden sein. Aber das Mädchen kannte dich nicht und lieferte das Schreiben erst heute an mich ab.« Da Fräulein Friedrike neugierig zu sein schien, was die gute Frau aus Rocca, die als echte Latinerin des Lesens und Schreibens unkundig war, Prisca Wichtiges zu sagen hatte, öffnete diese das mit einem schwarzen wollenen Faden vielfach umwundene, in ein Exemplar des »Messaggiero« eingewickelte kleine Paket. Es enthielt einen Brief, dessen Papier und Schrift vergilbt waren, und eine Photographie in Kabinettformat. Fräulein Friederike bemächtigte sich sogleich des Bildes und rief aus: »Welch schöner Mensch! Nein, sieh doch nur! Welch wunderschöner Mensch! Wer ist denn das?« Prisca las inzwischen den Brief. Er war italienisch, von einer ungeübten Hand im Auftrag eines andern geschrieben, aus München vor vierundzwanzig Jahren datiert, und enthielt die Mitteilung eines jungen Mädchens an eine Freundin, daß ihr Vater gestorben, sie selbst seit einigen Monaten verheiratet wäre: mit einem jungen Maler, der sich wie verrückt – come un matto , in sie verliebt hätte. Zum Schluß einen Gruß ihres hübschen blonden »Giusé« an die Landsmännin seiner sposa , die Maria hieß. Ihres Giusé ... Mechanisch wiederholte Prisca den Namen. Fräulein Friedrike rief: »Das ist gewiß das Bild des Mannes der Fürstin Romanowska! Wie gut, daß ich vor deinem Bräutigam nicht von der Sache sprach ... Nein, sieh doch nur, welch wunderschöner Mensch! Er gleicht deinem jungen Siegfried, der übrigens wirklich bis zu eurer Hochzeit hätte hierbleiben können ... Mein Gott, was fehlt dir?« Prisca hatte die Photographie genommen, einen Blick darauf geworfen und einen dumpfen Jammerlaut ausgestoßen. Totenbleich stand sie und sah aus weit aufgerissenen, entsetzten Augen auf das Bild des ersten Gatten der Fürstin Romanowska. »Priska! Um Gottes willen! Was hast du? So sprich doch!« Sie konnte nicht sprechen. Als sie versuchte, ein Wort zu sagen, einen Namen zu stammeln, war's ein Stöhnen, das sich ihren Lippen entrang. Fräulein Friedrike verlor die Fassung. Sie stürzte nach ihrer Wohnung und kam mit Peter Paul zurück; sie fanden Prisca noch am Tische stehend, darauf die Photographie lag, und mit den Augen einer Wahnsinnigen das Bild anblickend. Sie merkte kaum, daß die Freundin Peter Paul geholt hatte und die beiden sie beschworen, sich zu beruhigen und ihnen zu sagen, was um Gottes willen geschehen sei. Endlich erfuhren sie's in wirren, gestammelten Worten: »Mein Vater! Mutter! Mutter! Mein Vater! Also nicht gestorben! Gelogen! Aus Erbarmen gelogen! Damit ihre Tochter sie lieben sollte! Und ei, er! Verlassen von ihr! Deswegen das gebrochene Herz! Deswegen am gebrochenen Herzen gestorben! Vater! Mein Vater!« Sie stürzte nieder, wo sie stand. Ihr Kopf fiel hart gegen den Tisch, darauf Joseph Auzingers vergilbtes Jugendbild lag und seiner in Verzweiflung hingesunkenen Tochter zulächelte. Fräulein Friedrike kniete neben sie hin und zog sie in ihre Arme. Prisca lag regungslos, wie tot. Nicht einmal weinen konnte sie. Plötzlich erhob sie sich. Ohne ein Wort, mit weit offenen, starren Augen suchte sie nach einem Tuche, das sie hastig überwarf, und nach ihrem Hute. Da sie diesen nicht sogleich fand, wollte sie ihre Wohnung ohne Hut verlassen. »Prisca! Wohin willst du? So komm doch zu dir!« Sie hörte nicht auf Fräulein Friedrikens angstvollen Ruf; sie wollte fort. »Wohin willst du?« Und die alte Dame umfaßte Prisca mit beiden Armen, um sie gewaltsam zurückzuhalten. »Laß mich! Ich will – ich muß! Zu meiner Mutter muß ich! Meine Mutter ist die Fürstin Romanowska! Ich muß meine Mutter fragen, warum sie meinen Vater verließ, warum sie ihre Tochter verließ! Sie hat meinem Vater das Herz gebrochen, sie hat ihrer Tochter die Mutter gestohlen! Sie hat an meinem Vater und an mir ein Verbrechen begangen, schlimmer als Totschlag! Sie soll Rechenschaft ablegen! Verantworten soll sie sich. Ich will sie anklagen! Des Totschlags an dem Herzen meines Vaters will ich sie beschuldigen! Diese Frau, oh, diese Frau!« ... »Es ist ja Nacht! Jetzt kannst du nicht zu ihr. So sei doch nur ruhig. Warte bis morgen. Morgen! Ach Gott, morgen ist ja dein Hochzeitstag!« »Steffens!« An ihn hatte sie nicht gedacht. Was kümmerte sie jetzt dieser fremde Mann, wo sie ihre totgeglaubte und als Tote angebetete Mutter gefunden hatte! Ja, ja! Angebetet hatte sie diese Frau, die ihren Vater verlassen, die ihrem Vater das Herz gebrochen. Und Steffens hatte dieses Weib geliebt wie ein Unsinniger, wie – ihr Vater es geliebt hatte. Das Herz hatte sie ihm nicht gebrochen, aber um seine Menschenwürde hatte sie ihn gebracht. Und morgen sollte sie die Frau des Mannes werden, der ihre Mutter so unsinnig geliebt hatte. »Die Frau des Mannes, der meine Mutter wahnwitzig geliebt hat ...« Sie mußte es sich selbst laut vorsagen, um den Sinn der Worte zu fassen. Seine Frau? Jetzt noch seine Frau? Konnte sie jetzt noch seine Frau werden? War das möglich? War das nicht wider die Natur? Und wenn sie nicht mehr seine Frau werden konnte, so war sie frei. Und wenn sie frei war, so konnte sie – Gott im Himmel, so konnte sie – »Was willst du, Friedrike?« Die alte Dame, die Prisca, um sie von ihrem unsinnigen nächtlichen Wege abzuhalten, umschlungen hielt, glitt an ihr herunter, so daß sie vor ihr auf den Knien lag. Mit leidenschaftlichem Flehen rief sie: »Dein Bräutigam darf es nicht erfahren! Du darfst ihn nicht verlassen, wie Maria deinen armen Vater verließ. Du würdest an Steffens ein Verbrechen begehen, wie jenes Weib an deinem Vater beging, und – ›es wäre ein Verbrechen, schlimmer als Totschlag‹! Prisca! o Prisca! Solltest du daran denken, Steffens zu verlassen, so würde die Verantwortung auf dich fallen, und du würdest sie nicht tragen können. Gedenke deines unglücklichen Vaters und schweige deinem Verlobten gegenüber.« »Aber wenn er doch meine Mutter geliebt hat!« rief Prisca wild. »Er hat sie geliebt; aber du weißt, daß er sie unglücklich geliebt hat. Und er ist darüber beinahe zugrunde gegangen. Was deine unselige Mutter an ihm verbrach, kannst du jetzt sühnen. Das ist herrlich, Prisca! Das ist groß! Sage, daß du ihn nicht verlassen, ihm nicht das Herz brechen willst. Bedenke, daß er dann verloren wäre. Verstehst du mich? Er wäre verloren.« »Verloren...« »Nicht wahr, du wirst ihm nichts verraten, wirst ihn nicht verlassen? Versprich es uns, seinen und deinen besten Freunden. Du bist ja so gut, so stark... Ach, Prisca, Prisca, was sagtest du?« Prisca hatte gesagt, daß sie Steffens Frau werden wolle. »Gott segne dich, Gott segne euch beide!... Peter Paul! Wo bist du? So höre doch!« Aber Peter Paul war gleich, nachdem Prisca sich bereit erklärt hatte, trotz allem Steffens Frau werden zu wollen, aus dem Zimmer gegangen. Steffens, von ihm geweckt, war aufgestanden und hatte Licht gemacht. Sodann erfuhr er's. »Die Fürstin ist Priscas Mutter. Deine Braut will es dir verheimlichen; aber mir ist, als müßtest du's wissen. Vielleicht, daß doch ... Verzeih einem alten Manne, der zugleich dein alter Freund ist.« Steffens war bei der Nachricht zumute wie jemand, der auf einem hohen Gipfel steht und zu seinen Füßen den Boden, den er für unerschütterlichen Fels gehalten hatte, weichen fühlt. Er empfand, wie er in eine bodenlose Tiefe hinabglitt, wie der Abgrund sich vor ihm auftat und ihn verschlang; er empfand, wie die Schollen des offenen Grabes über ihm sich schlossen. Jetzt war es mit ihm vorbei. Wie aus weiter, weiter Ferne hörte er sagen: »Die Frauen meinen, du würdest den Schlag nicht überwinden können, würdest dich davon zermalmen lassen. Das ist ja nicht möglich! Freilich, ich – wenn ich damals Friedrike nicht gehabt hätte ... Und auch jetzt noch. Aber ich bin auch ein andrer als du; ich bin auch kein großer Künstler. Du brauchst nur an deine Kunst zu denken, und du wirst es überwinden. Ja, und Priscas wegen! Sie ist so tapfer, so stark, so durch und durch ehrlich und gut. Ihr weidet treue Freunde sein, die besten Kameraden, wie Friedrike und ich ... Verzeih mir doch nur! Ich rede gerade, als ob du Prisca wirklich nicht heiraten könntest, als ob wirklich einmal, vielleicht damals in Frascati – Du hast es freilich keinem Menschen gesagt; ich habe auch mit niemand davon gesprochen, selbst nicht mit Friedriken ... Ich meine, daß ich immer geglaubt habe – du bist mir gewiß nicht böse? Ich weiß ja eigentlich von solchen Dingen gar nichts. Möglicherweise ist alles anders, und du heiratest morgen die arme Prisca, der ein starker Kalt und großer Trost jetzt so notwendig sind.« Steffens verstand jedes Wort, obwohl Peter Paul nur wie aus weiter, weiter Ferne zu ihm sprach. Er antwortete und hörte seine eigne Stimme, als gäbe es zwei Steffens, von denen der eine in einem tiefen verschlossenen Gewölbe aussprach, was der andre wie eine Geisterstimme vernahm. »Ich danke dir. Es war notwendig, daß du zu mir kamst. Ich mußte es wissen. Du hast mir einen großen Freundschaftsdienst geleistet. Es wäre furchtbar gewesen, wenn ich es nicht erfahren hätte. Jetzt kann noch alles gut werden – jetzt wird alles gut! Ich werde mich endlich ermannen. Sei ganz ruhig. Du siehst ja, wie ruhig ich bin. Gute Nacht. Ich muß allein bleiben, denn ich muß überlegen. Endlich werde ich stark sein. Grüße Friedrike von mir. Gute Nacht, ihr treuen Seelen, ihr guten Menschen ... Nicht doch, du kannst mich ohne jede Sorge allein lassen. Habt Dank! Lebt wohl!« »Lebt wohl?« »Gute Nacht!... Du siehst wohl noch Friedriken? Ich lasse sie bitten, diese Nacht über bei Prisca zu bleiben. Seid ganz ruhig; alles wild gut. Morgen früh komme ich zu euch. Dann besprechen wir uns. Aber jetzt geh!« Ja, alles wird gut! Er war fertig mit allem – endlich, endlich! Das war das letzte. Endlich würde er tun, was er längst hätte tun müssen, wenn er nicht durch und durch ein angefaulter Mensch gewesen wäre, ein Mensch, den römische Schirokkoluft entnervt hatte bis in den Grund der Seele hinein. Sie, die er jetzt verloren, hatte sein sittliches Rückgrat sein sollen, ihre köstliche Gesundheit ihn gesund machen, ihr warmes, junges Lebensblut seinem matten Pulsschlag – kein Mensch ahnte, wie matt er war, neue Kräfte zuführen sollen. Jetzt war s vorbei damit, und bald, bald würde es mit allem vorbei sein. Er holte Papier und Schreibzeug, stellte es auf einen kleinen Tisch, der vor seiner neuen Arbeit stand, setzte sich und schrieb: »... Also daher hast Du diese Augen! Der Himmel in seiner Weisheit hat es wieder einmal herrlich gemacht! In seiner Weisheit – ich will in dieser letzten Stunde nicht lästern. Des Himmels unergründliche Weisheit bewahre Dich davor, das Weib eines unheilbaren Schwächlings zu werden. Und es gibt für eine Frau nichts, was trostloser wäre: lebendiges Leben, an einen Leichnam geschmiedet! Du wirst keine Träne einem Manne nachweinen, der erst durch die Liebe einer starken Frau zum Manne geschaffen werden sollte. Durch die Liebe ... In meiner letzten Stunde ermanne ich mich, Dir zu sagen: ich weiß, daß es nicht Liebe ist, sondern Mitleid! Noch dazu Mitleid mit einem Menschen, der dessen nicht würdig ist. Kannst Du Dir einen Mann vorstellen, der weiß, daß eine jungfräuliche Seele aus Mitleid sich ihm ergibt, und der doch dieses Seelenopfer annimmt? Mußt Du solchen Mann nicht verachten? Nein, Prisca! Nicht eine einzige Träne darfst Du um mich weinen. Dein Mitleid war Deiner würdig, Deine Träne würde es nicht sein. Fühle Du Dich erlöst, befreit! Weide das glückliche Weib des Mannes, den Du liebst, und von dem Du geliebt wirst. Auch das wußte ich, und trotzdem – stelle Dir vor: und trotzdem! Aber eine solche schändliche Schwäche kannst Du, Reine und Hohe, Dir an einem Manne nicht vorstellen. Die Mutter ruhte aus Mitleid eine kurze Sommernacht an meinem Herzen, und die Tochter wollte aus Mitleid ihr Leben lang an meinem Herzen ruhen! Und ich hätte es mir gefallen lassen ... Nein, Prisca! Der Himmel in seiner Weisheit hat es herrlich gemacht. Lebe erlöst und befreit; lebe wohl und glücklich, und – nicht eine einzige Träne! Hörst Du! Der Morgen dämmert. Es wird heute ein glanzvoller Tag. Wieder ein glanzvoller Tag unter diesem römischen Himmel, der auch Schuld an allem trägt. Hüte Dich vor diesem Glanz. Er mordet!« Er ließ den Brief offen liegen, löschte das Licht und öffnete die Tür. Morgenlicht drang herein. Er warf einen letzten, gleichgültigen Blick auf die Gruppe der »Tochter der Semiramis« und den »Prometheus«, welcher der Vollendung nahe war. Den mit den Göttern ringenden Titanen, der Geschlechter nach seinem Bilde schafft, hatte er bilden wollen, er, der unfähig war, sich selbst zu einem lebensfähigen Menschen zumachen. Im Morgengrauen schlich er aus den Reihen der Kämpfenden, nicht besiegt, sondern entfliehend. Um an Priscas Tür nicht vorüber zu müssen, machte er einen weiten Umweg. Gegen Morgen war sie gewiß eingeschlafen, die Starke und Tüchtige, die ihn stark und tüchtig machen wollte. Verschweigen wollte sie ihm, was seine Ruhe hätte stören müssen. Sie fühlte sich kraftvoll genug, um das barmherzige, schwere Schweigen für ihr ganzes Leben zu bewahren. Wenn sie erwachte, würde ihr erster Gedanke sein, daß heute ihr Hochzeitstag war und daß ihr Gatte niemals erfahren dürfe, was ihr das Herz fast erdrückte. Sie würde sich gleich schmücken müssen zu ihrem Opfer!... Jetzt war sie fertig angezogen: in dem blaßvioletten Seidenkleide, das sie zusammen ausgesucht hatten, den mit Krokus und Veilchen besteckten Hut auf dem prachtvollen Haar. Jetzt kam Friedrike und ... Nein! Jetzt kam Peter Paul und brachte ihr seinen Brief. Wie sie ihn verachten mußte, wie ihre erste Empfindung sein würde: erlöst, befreit! Gott sei ewig Dank, du bist von diesem Schwächling erlöst und befreit! Und frei von ihm, wirft du dem andern, dem Geliebten gehören, wirft du glücklich sein. Übrigens – so ganz feig und verächtlich war seine Tat nicht! Auch er hätte lebenslang ruhig schweigen können. Zu tausend Malen kam dergleichen vor in dieser krausen Welt, darin jedes Ding möglich war ... Wenn sie ihn dann aber mit den Augen ihrer Mutter angesehen, gerade wenn er sie hätte küssen wollen... Er war stehengeblieben und ging jetzt weiter, langsam, langsam, mit schweren, schleppenden Schritten. Solcher Gang, den man tut, um sich selbst zu begraben, ist nicht gerade ein Spaziergang. Er beobachtete sich scharf und entdeckte, daß er an sich selbst wie an einen längst Gestorbenen dachte. Pfui! Was für ein erbärmlicher Wicht war dieser Karl Steffens gewesen, untüchtig und unbrauchbar für das Leben, ein Degenerierter. Das war für diesen Menschen der richtige Ausdruck: ein Degenerierter. Weil er ein Degenerierter war, konnte er an einer gewaltigen Leidenschaft, die sonst den Menschen aus Abgründen zu Bergeshöhen erhebt, zugrunde gehen; weil er ein Degenerierter war, konnte er an Rom zugrunde gehen und – an sich selbst. Fort mit solchem Gesindel! Mit solchen Angefaulten fort aus der Welt, darin für seinesgleichen kein Platz war. Er verließ die Kolonie, stieg den Berg hinunter, gelangte in die Via Flaminia, die er hinaufging bis zu der Stelle, wo es nach der Villa Papa Giulia abbog. Dann durch den Arco oscuro hinaus in die freie Landschaft, zu den Platanen an der Acqua acetosa und zum Tiber. Er ging ohne umzuschauen geradeaus, direkt auf den Strom zu, der durch die Herbstregen hoch angeschwollen war. In dem zerwühlten braunen Bett wälzten sich die gelben Wogen dem Meere zu. Immer noch ging er geradeaus fort. Die Augen hielt er offen, starr auf das mißfarbige, lehmige Wasser gerichtet. Schon wich unter seinen Füßen der Boden... In diesem letzten Augenblick sah er sich selbst. Er sah sich vor seinen Augen: tot, ertränkt, ein aufgedunsener Leichnam, der an einem öden Ufer ans Land gespült worden war und auf dem die Meergeier saßen. Pfui, wie häßlich! Die Füße bereits genäht durch die Flut, die sein Grab sein sollte, zauderte er, blieb stehen und wandte sich zurück. Er ging den Strand entlang, kam zum Ponte Molle, ging die Flaminische Straße wieder hinunter. Ein seltsamer Gang! Eigentlich war er bereits ein toter Mann, und jetzt schritt er noch einmal dahin, atmete er noch, bewegte er sich, sah und hörte er. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Eine keusche Frühe, die »heilige« Frühe, ruhte noch über der schlummernden Welt, die einen süßen Traum zu träumen schien: einen Tag des Glanzes und Glückes, ohne den Jammer des Lebens. Alle Dinge erschienen ihm fremd und neu, wie niemals gesehen; mit staunendem Künstlerblick schaute er alles, den siegreichen Kampf des Lichtes mit den Schatten der Dämmerung beobachtend. Wie reizvoll die Farben dem grauenden Morgen entstiegen, wie köstlich alles sichere Umrisse und feste Formen gewann! Ländliche Karren brachten Obst und Gemüse in die große Stadt. Die Schellen an den Fuhrwerken hatten einen von Steffens noch niemals vernommenen hellen und klangvollen Ton. Die Kutscher und die wenigen, die ihm in der Frühe begegneten, gaben seltsamerweise gar nicht acht auf ihn, und sie mußten es ihm doch ansehen, daß er ein Gestorbener und Begrabener war. Als sein eigner Geist schritt er durch die Lebenden. Durch die Lebenden ... Was für eine unbegreifliche Sache es um das Leben war, wenn der Mensch so gut wie ein toter Mann ist! Dabei fühlte Steffens nicht den mindesten körperlichen Schmerz, fühlte sich voller Kraft, war immer noch jung. Ja, das Leben! Die Tiere, die er auf seinem Todeswege sah, waren, mit ihm verglichen, göttliche Geschöpfe, denn sie waren voll Lebens. Er kam zurück zur Porta del Popolo. Links führte es in die Villa Borghese und hinauf zu der Kolonie. Zu tausend und tausend Malen war er diesen Weg gegangen, den er nie wieder gehen würde. Er schritt vorüber, schritt durch jenes Tor, das auf der Welt seinesgleichen nicht hatte, trat auf den herrlichen Platz mit dem Obelisken, dem wasserspeienden Löwen und dem Eingang in die drei Straßen. Santa Maria del Popolo war noch geschlossen; sonst wäre er in die Kirche gegangen, um noch ein letztes Mal Pinturicchios Fresken, die Grabmale im Chor und Raffaels Jonas zu sehen: in der Stunde seines Todes als Symbol der Unsterblichkeit. Die Kunst, die schaffende, göttliche Kunst! ... Und Karl Steffens, der tote Mann, war ein Künstler. An diesen Künstler war die Ausgießung des Heiligen Geistes verschwendet gewesen. Links ging es auf den Pincio. Wenn er von der höchsten Terrasse, die dem Eingang der Villa Borghese gegenüberlag, über den niedrigen Mauerrand sich schwang – der Absturz war furchtbar! Und es würde vorüber sein, noch ehe sein Körper die Tiefe erreichte ... Schnell hinauf, schnell hinunter! Was hatte er noch einen Augenblick länger unter den Lebenden zu schaffen? Er lief dem Eingang zu. Verschlossen! Er rüttelte an dem eisernen Tor, das seinen Todesweg aufhielt. Er wußte, daß kein Rütteln half, tat es indessen doch. Dann suchte er nach dem Pförtner, der ihn einlassen sollte. Es war noch zu früh; er mußte warten. Das war entsetzlich, dieses ungeduldige, qualvolle Warten auf den letzten Augenblick, auf solchen letzten Augenblick ... Er ging vor dem verschlossenen Tor auf und ab, auf und ab und stellte sich vor – er sah sich durch das endlich geöffnete Tor den paradiesischen Hügel hinaufeilen. Oben, gleich linker Hand, war die Stelle. Er lief zur Mauer, schwang sich hinüber und – Und er mußte immer noch, immer noch warten! Länger ertrug er's nicht. Auch sah er sicher so bleich aus, mit ganz verzerrtem Gesicht, daß es dem Pförtner, wenn er endlich zum Öffnen kam, auffallen mußte. Der Mann würde seine Absicht erraten, würde ihm nacheilen, ihn hindern. Nach all diesen ausgestandenen Qualen ihn hindern? Zum Glück besann er sich auf einen andern Ort, wo er es unbeobachtet und ungestört vollbringen konnte. Leider lag der Platz ziemlich entfernt. Er konnte jedoch einen Wagen nehmen. Auf der Piazza dei Popolo befand sich noch kein Vetturin, er mußte in der Via Babuino nach einem suchen. Ohne sich umzusehen verließ er das Tor. Es wäre ihm unangenehm gewesen, wenn der Wächter gerade diesen Augenblick gekommen wäre und geöffnet hätte. Langsamer, langsamer, damit er weniger auffiel! Rom belebte sich allmählich. Alle diese Menschen gingen eilig oder gemächlich ihres Weges; alle hatten ihre Leiden und Freuden; alle würden heute die Sonne auf- und untergehen sehen. Begaben sie sich abends zur Ruhe, so war er längst ein scheußlicher Leichnam. Er begegnete einem Vetturin, der für die Hälfte der Taxe sich ihm anbot. Steffens ließ den Wagen vorüberfahren. Er würde ihn sicher genommen haben, hätte der Mann sich nicht für den halben Fahrpreis angeboten. Auf dem Spanischen Platz standen Wagen genug. Steffens sprang in das erste beste Gefährt und befahl dem Kutscher, ihn zum Kolosseum zu fahren, möglichst rasch! Er würde ein gutes Trinkgeld erhalten. Da stiegen schon einige Modelle die Treppe hinunter, und an der Fontana versammelten sich die Blumenverkäufer. Sie ordneten in ihren flachen Körben die Blüten, die sie mit Wasser besprengten. Wie hübsch es war, wie farbenfreudig und lebensfroh! Jetzt hatte Peter Paul gewiß schon nach ihm gesehen, hatte den Brief gefunden – jetzt wußten sie's! Jetzt hielten sie ihn schon für tot. Vielleicht fuhr Peter Paul nach Frascati, um in dem Zypressenteich der Villa Falconieri suchen zu lassen. Das wäre ein schöner Ort zum Sterben gewesen! Schade, daß er ihm nicht früher eingefallen war ... Welch seltsames Gefühl, daß sie ihn schon für tot hielten, während er noch atmete, lebte, alle Geräusche vernahm, alle Dinge sah, sie sogar schön fand. Er hätte jetzt hingehen und arbeiten – schaffen können: ein Meisterwerk! Wenn er plötzlich lebend unter sie träte – was sie wohl sagen, wie sie sich wohl benehmen würden? Wie langsam der Mensch fuhr! Der Gaul kroch förmlich! Die Straßen waren bereits recht belebt. Römisches Straßenleben – kein andres war damit zu vergleichen! Plötzlich fiel ihm ein Bekannter ein, ein Deutscher, auch ein Künstler, auch einer von jenen sonderbaren Schwärmern, welche die gute Friedrike als »echte Römer« zu bezeichnen pflegte. Nun, dieser Echte war – auch an Rom zugrunde gegangen, moralisch und physisch. Auf ehrliches Deutsch nannte man's: ganz heruntergekommen, verlottert, verlumpt. Gute Freunde hatten dem Mann helfen wollen, dem auch nur dadurch zu helfen war, daß man ihn aus Rom fortschaffte. Ein guter Freund brachte den alten Römer also fort. Dieser kam denn auch glücklich bis zu den Alpen, hinter denen das »dort drüben« beginnt. Weiter kam er nicht. An der Grenze zwischen dem Diesseits und Jenseits stürzte sich der alte Römer aus dem ersten besten Fenster seines Gasthofs hinab auf das Straßenpflaster: was sollte er auf der Welt, wenn er nicht in Rom war? Sich das Leben nehmen, weil man nicht mehr in Rom leben konnte ... Das war auch ein Grund! Ein verrückter Grund ohne Zweifel; indessen ... Ja, ja, ja! Er konnte jenen sonderbaren Schwärmer begreifen. In seiner Todesstunde begriff er ihn. Hätten die guten Freunde den armen Kerl in Rom doch leben, immer mehr verlumpen lassen! Es gab dort so viele Winkel, wo ein Mensch, der sowieso zu den Toten zählte, sich verkriechen konnte wie ein angeschossenes Wild; wo niemand ihn aufgespürt hätte, wo er auf irgendwelche Weise sich das Glück schaffen konnte, noch ein paar Jahre lang römischen Himmel über sich zu haben, römische Luft zu atmen, römischer Sonne sich zu freuen. Er zum Beispiel ... Was hatte er mit solcher unsinnigen Phantasie zu schaffen? Nur, daß er einen solchen heimlichen Winkel wußte und auch einen Mann kannte, der ihn dort würde verborgen halten, so tief und sicher, als ob er in seinem Grabe läge, einen guten Mann, der ihn füttern würde, sogar recht gut füttern. »Schneller! Fahr schneller!« Piazza Colonna. Der liebe, behagliche Platz, auf dem man sich wie in seinem Zimmer befand ... Piazza Venezia! Herrgott, ist dieser venezianische Platz schön ... Trajansforum! Steffens freute sich, die hohe goldige Säule des weisen und guten Kaisers noch einmal zu sehen. Er merkte erst jetzt, daß dieser Schuft von Kutscher auf Umwegen zu seinem Grabe fuhr. Schon die Piazza Colonna hätte er nicht zu passieren brauchen; aber da war natürlich wieder irgendeine Straße aufgerissen. Und jetzt – anstatt den nächsten Weg zum Kolosseum durch die Via Torre de' Conti zu fahren, ging es durch die ganze Via Alessandrina zum Forum Romanum! Eines niedergerissenen Gebäudes willen mußte er diesen weiten Umweg machen. Wenn diese modernen Römer nur niederreißen konnten! Selbst den Weg zu seinem Grabe versperrten sie ihm mit ihrer barbarischen Baumut! Am Kapitol vorbei! Da der Umweg einmal gemacht war, wäre er beim Severusbogen am liebsten aus dem Wagen gesprungen und die Treppe hinausgelaufen, um auf den Marc Aurel einen letzten Blick zu werfen. Was für Gedanken und Gelüste ein Sterbender haben konnte! Er hätte es nicht für möglich gehalten. Aber jetzt kein Gedanke mehr an Prisca, keine Sehnsucht mehr nach ihr und nach dem ganzen neuen Leben, das ihm durch sie hatte kommen sollen. Das war abgetan, als wäre es niemals gewesen. Hatte er sie wirklich jemals geliebt? Vielleicht doch nur in der Einbildung? Oder war es in seiner Selbstsucht? Auch kein Schmerz um sein unfertiges hinterlassenes Werk, kein Verlangen mehr nach seiner Kunst ... Nein – ein großer Künstler war er nie gewesen! Nicht einmal ein kleiner. Er war immer nur ein Egoist und Schwächling, eben ein Degenerierter. Aber jetzt sprang er wirklich aus dem Wagen, der ihm zu langsam fuhr. Als käme er zu Fuß früher an Ort und Stelle! Er warf dem verblüfften Rosselenker einen Zehnlireschein zu und eilte davon. Das ganze Forum mußte er umgehen, damit er, an dem ehemaligen Eingang zum Palatin vorüber, zum Titusbogen gelangte. Er wollte von Rom nichts mehr sehen und mußte, wie unter einer Hypnose, jeden Stein an seinem Todeswege gewahren. In den schönsten und begeistertsten Stunden seiner römischen Jahre hatte er die Herrlichkeit Roms nicht so überwältigend gefühlt. Er geriet in Wut über den dämonischen Zauber, dem seine Seele in seinen letzten Augenblicken unterlag. Mit einer lauten Verwünschung gegen die große römische Hexe wollte er den Sprung in die gräßliche Tiefe tun; sein Fluch sollte auf dieser Welt sein letzter Gedanke sein. Jetzt war er angelangt! Er kannte in der gewaltigen Ruine eine Stelle, von welcher aus er emporklettern konnte, ohne sich von dem jedenfalls noch abwesenden Wächter das Gitter zum Eingang aufschließen lassen zu müssen. Als er damals beim Kolosseum wohnte, war er an manchem frühen Morgen, in mancher leuchtenden Mondscheinnacht an dieser Stelle eingedrungen und in dem braunen Mauerwerk wie auf einem Gebirge herumgeklettert. Das waren Stimmungen und Eindrücke gewesen! In seiner Todesstunde empfand er, daß er in Rom gelebt – daß er Rom erlebt hatte, wie solches Glück nur wenigen Sterblichen zuteil wurde; denn ein Glück war es. Jetzt befand er sich in dem einstmaligen Zuschauerraum; jetzt klomm er empor, ohne einen Blick um sich zu werfen. Höher! Immer höher! Noch höher! Von der obersten Galerie aus, dort, wo sie nach den Titusthermen zu ganz abgebrochen war, wollte er sich herabwerfen; genau über der Stelle, wo er damals in den Gewölben Maria von ihrem Angreifer befreit hatte. Oben! Gott sei Dank! Jetzt vortreten, weit, weit vortreten, bis dicht an den Rand, daß ein Ruck ihn unfehlbar hinabschleuderte. Nicht hinuntergesehen! Die Augen geschlossen! Mit geschlossenen Augen den Sprung getan! Sogleich, ohne Zaudern! In diesem Augenblick, der sein letzter sein sollte, brach durch eine über den Sabinerbergen lagernde Dunstschicht die Sonne hervor. Ihre ersten Strahlen trafen seine Augen, als er sie für ewig schließen wollte. Der Sterbende schaute in die aufgehende Sonne, schaute auf das glanzvolle Land, auf die strahlende Stadt... Herrgott, welche Schönheit! Und dann sterben zu müssen – nein, dann sterben zu wollen. Diese leuchtende Schönheit freiwillig mit dem schwarzen Tode und der Verwesung zu tauschen ... Wenn er aber doch bereits tot war? Tot für die Freunde, tot für seine Braut, tot für seine Kunst, tot für sich selbst ... Konnte er sich noch mehr verachten, als er bereits tat, wenn er feige war, wenn er vor dem Tod sich fürchtete, wenn er leben blieb? ... Leben in Rom! Leben in irgendeinem Winkel als toter Mann, aber doch leben in Rom! Herr, Herr, führe mich nicht in Versuchung! Aber ein guter Christ war er nie gewesen. Dieses Gebet war in seinem Munde eine Lästerung. Er war schon so tief gesunken, daß es eines freiwilligen Sturzes in einen Abgrund hinab nicht mehr brauchte, und so – Und so blieb er in Gottes Namen am Leben. Er verdiente es nicht besser. 30. Aus Priscas Tagebuch Rom, im Winter Sein Leichnam ist noch immer nicht gefunden. Modelle sahen ihn zuletzt über den Spanischen Platz der Via Tritone zu fahren. Der Polizei gelang es, den Kutscher zu ermitteln. Er wollte nach dem Kolosseum, stieg jedoch am Forum aus. Hier verschwindet jede Spur von ihm. Wir müssen annehmen, er habe sich beim Aventin in den Tiber geworfen und der Leichnam sei ins Meer geschwemmt worden. Ich werde nicht aufhören, suchen zu lassen, muß daher bleiben. Wohin sollte ich auch? Ich habe so Reiches verloren, muß so Großem entsagen. In Rom erfüllt sich mein Schicksal; in Rom kann ich arbeiten wie an keinem andern Ort, kann ich einsam sein, wonach ich mich leidenschaftlich sehne. Arbeit und Einsamkeit in Rom ist immerhin Glückes genug. Und das eine habe ich denn doch gelernt: daß ich dem Himmel für dieses Glück auf den Knien danken muß und lästern würde, wenn ich mein Leben arm nennen wollte. Baron Artur hat Steffens tragischen Tod in der Zeitung gelesen und mir geschrieben. Es war ein schöner Brief, der mich sehr tröstete und beglückte; denn er war seiner so ganz würdig. Er befindet sich in Norddeutschland auf dem Gute seines Oheims, wo jene schöne blonde Cousine lebt; mit der er als Kind Braut und Bräutigam spielte. Übrigens sprach er nur wenig von sich selbst und kein Wort von der Zukunft! Sie liegt vor ihm. Wenn er als Landwirt etwas Tüchtiges leisten kann, und wenn er einmal seine Cousine heiratet ... Er schrieb auch an Friedrike. Sobald ich ihn sehen könnte und sehen wollte, sollt' ich's ihn durch Friedrike wissen lassen; er werde dann sofort kommen. Friedrike und Peter Paul können sich noch immer nicht darüber beruhigen, daß ich den armen Steffens nicht liebte und trotzdem seine Frau werden wollte. Sie sind über meine Tat verstörter als über den schmerzlichen Untergang Steffens, der doch noch leben würde, wenn Peter Paul ihm nicht gesagt hätte, was ihm verschwiegen bleiben sollte. Hätte Peter Paul nicht gesprochen, so hätte ich Steffens geheiratet und dann vielleicht durch einen Zufall erfahren oder durch ein Bekenntnis, welches er seiner Frau gemacht – – ich weiß nicht, ob ich stark genug gewesen wäre, das zu ertragen, und was hätte dann aus uns beiden werden sollen? Aber daß er darum starb! Und daß er starb, weil er ohne mich nicht leben konnte – wie soll ich jemals darüber hinauskommen? Als ich erfuhr, meine Mutter lebe noch und wäre jene Frau – außer dem Unaussprechlichen, welches mich durchdrang, empfand ich durch allen Jammer, allen Abscheu, alle Verzweiflung mit ersticktem Jubel: du bist frei! Als ich mich dann darein ergab, ihm meine Mutter verschweigen wollte und Peter Paul mir seinen Brief brachte, in der Stunde des Todes an mich geschrieben – außer dem Schmerz und Grausen, welches mich packte, waren es wiederum jene Worte, die durch meine Seele brausten: du bist frei! Selbst in diesem fürchterlichen Augenblick war ich fähig, solchen Gedanken zu fassen, und das richtet mich. Niemals kann ich die Todsünde dieses Gedankens genug sühnen, niemals darf ich vergessen, wessen ich fähig war; niemals werde ich den Geliebten wissen lassen: es ist Zeit! Komme! Wir wollen uns lieben, wollen leben, wollen glücklich sein! Durch jenen Gedanken bin ich seiner für alle Zeit unwert geworden, habe ich mich selbst für Lebenszeit von allem Glücke geschieden, denn er darf kein Weib haben, welches in einem entsetzlichen Augenblick voll heimlichen Frohlockens war, weil es, durch den freiwilligen Tod ihres Verlobten erlöst und befreit, sich in die Arme des Geliebten werfen konnte. Was ich hier aufschreibe, wird kein Mensch erfahren. Ich muß es stumm in meiner Seele tragen und meine Lippen verschlossen halten, wenn sie sein Kuß auch öffnen wollte. Jetzt wird sich's zeigen, ob ich wirklich bin, was ich sein soll: »stark«. Wenn ich meinen Geist nur zwingen könnte, nicht fort und fort Steffens' letzte Stunde zu durchleben! Es ist eine Qual ohnegleichen. Ich begleite ihn auf seinem letzten Wege, empfinde alles, von dem ich mir vorstelle, daß er es empfand, sehe mit seinen Augen alle Dinge zum letztenmal, gehe den Strom entlang, suche die Stelle, wo ich mich hineinstürzen kann, ohne von jemand gesehen und gerettet zu werden, stürze mich hinab, sinke, sinke tiefer und tiefer, ersticke, ringe mit Todesqual, denke mit schwindenden Sinnen: Erlöst und befreit! Du vom Leben und sie von dir! Erlöst und befreit ... Fühlte er's denn nicht? Mit unlösbaren Banden hat er mich durch seinen Tod an sich gefesselt. Wie ich leide! ... Ich muß arbeiten, arbeiten! Das Leben darf für mich nichts andres mehr sein als Arbeit, Arbeit! Aber nur gut arbeiten, etwas schaffen, das wert ist, geschaffen zu werden. Das ist meine beständige, qualvolle Angst. Früher war mir Arbeiten Lust und Glück. Es war wie das Atemholen an einem sonnigen Frühlingstag. Wie kann es nur möglich sein, daß jetzt auch das anders, ganz anders geworden? Ich bin wie gelähmt. Kaum kann ich meine Hand heben, um den Pinsel zu fassen. Was ist das mit mir? Wenn ich nie mehr mit Luft und Leben sollte arbeiten können – dann, ja dann ... Ich war bei dem Kunsthändler in der Via Condotti und fragte ihn: »Ist der Mäzen, der mich für die Kopie der ›Salome‹ so überschwenglich bezahlte und mir für andre Arbeiten solche glänzenden Bedingungen stellen ließ, etwa die Fürstin Romanowska?« Der Mann wußte nicht gleich, was er mir antworten sollte. Ich nahm seine sichtliche Verlegenheit für eine bejahende Antwort und ließ ihn ohne ein weiteres Wort stehen. Also die Fürstin Romanowska! Also ein mütterliches Almosen! Jetzt weiß ich, was ich zu tun habe ... Weswegen sie mich wohl in ihre Nähe zog? ... Auch das weiß ich jetzt. Aus Buße? Aus einer Buße, ihr von ihrem Beichtiger auferlegt. Mein Anblick sollte dieser Sünderin eine Demütigung sein. Auf Befehl des Priesters sollte ich sogar in ihrem Hause leben! Nicht als Tochter, sondern als Mittel zur christlichen Pönitenz. Niemals hätte sie sich als meine Mutter bekannt; niemals mich anerkannt. Sie schämt sich meiner! Ich bin ihr widerwärtig; sie haßt mich. Darum ihr feindseliger Blick, darum! Und meine Seele trieb in Entzücken und Bewunderung mit ihrer stolzen Schönheit einen Götzendienst! Aber jetzt weiß ich, was ich zu tun habe. Das einzige Gute, was diese Mutter ihrer Tochter erwies, wofür die Tochter der Mutter zu danken hat, ist deren Abneigung und Haß. Wenn sie mich lieben würde ... Was sollte aus mir werden, wenn meine Mutter mich liebte, wo doch jeder Schlag meines Herzens gegen sie sich empört, wo ich doch nie aufhören werde, sie anzuklagen und zur Rechenschaft zu ziehen. Don Benedetto, der, in seiner eifersüchtigen Liebe ihrer Vergangenheit nachforschend, mein Dasein entdeckte und dieses als Bußmittel benutzte, sagte mir an jenem Morgen meines Eintritts in die Villa Romanowski: ich müßte einen großen Schmerz erleben, um durch ihn zu Gott zu gelangen; zu Gott in seinem, des Priesters, Sinn. Diesen großen Schmerz erlebte ich. Bin ich durch ihn Gott nähergekommen? Ja! Denn ich kam durch ihn dem Guten näher, was dasselbe ist. Denn auszuführen, was man als das Rechte erkannte, ist das Gute. So helfe mir denn Gott, der Versuchung nicht zu erliegen und stark zu bleiben. Amen. Ähnlich betete ich an dem Abend des Tages, an dem ich mich mit Steffens verlobte. Herr, deine Wege führen wunderbar. Es ist kalt, aber ich friere nicht. Ich trage in meinem Herzen einen Frost, der mich gegen die römische Winterkälte unempfänglich macht. Dafür habe ich einen andern Kummer, vielmehr ein Bekümmernis; denn mein großes Leid stumpft mich ab gegen kleine Leiden. Das ist an meinem Unglück das Glück. In München verkaufte ich nichts, seit meinem ersten Gemälde gar nichts! Zwar habe ich immer noch einiges Geld von jenem Honorar, welches ich für meine Kopie der »Salome« empfing, zehre also noch immer von dem mütterlichen Almosen. Aber bald werde ich nichts mehr haben. Ich muß meinen lorbeerumgrünten, von Rosen durchglühten Hügel verlassen, muß die Freunde verlassen und mir ein andres, billigeres Atelier suchen. Auch darf ich nicht mehr in der Trattorie speisen, muß an eine Arbeit denken, die mich ernährt. Jeder Pfennig, den ich über Stillung meines Hungers einnehme, muß für einen bestimmten Zweck zurückgelegt werden. Es wird mir wohl etwas schlecht gehen; aber das Hungern soll ja nicht so weh tun, als man allgemein annimmt. Ich fürchte mich auch nicht davor. Ich kopiere. Ich habe keine Bestellung, muß es eben wagen. Ich kopiere in der Galerie Borghese Tizians »Himmlische und irdische Liebe« und harre des kauflustigen, reichen Ausländers. Mit der »Himmlischen und irdischen Liebe« fange ich an, um vielleicht mit der »Beatrice Cenci« zu enden. Das würde wohl allerdings dann das Ende sein. Wie gut die Menschen doch sind! Friedrike und Peter Paul wollen mich nicht fortlassen. Sie lamentieren über meinen baldigen Abzug von dem Hügel vor der Porta del Popolo, wie einstmals mein gutes Glöcklein meine Auswanderung aus dem lieben alten München beklagte. Sie wollen mich bei sich behalten, wollen ihre Armut mit mir teilen, wollen womöglich heimlich Hunger leiden, damit ich satt werde. Ich verriet ihnen natürlich nicht, wie es in Wahrheit um mich steht. Das sollen nur meine stummen Freunde, diese weißen Seiten, erfahren. Aber ich mußte ihnen doch Gründe vorlegen, triftige Gründe. Die beiden alten Leutchen gerieten außer Rand und Band und zerren mir nun mit ihrer Liebe die Seele wund. Und du nennst dich arm, Prisca Auzinger? Arm an Lebensglück, wo du von guten Menschen geliebt wirst! Schäme dich, undankbares, törichtes Herz. Zwei andre Malerinnen kopieren gleichzeitig mit mir das berühmte Gemälde der Galerie Borghese. Beide sind ältliche, armselige Wesen, und beide waren einstmals gewiß voller Hoffnung und Zuversicht. Jetzt sind sie so traurig verblüht, so trostlos hoffnungslos. So wird der Mensch eben. Aber daß der Mensch so werden kann! Vor dem Hunger fürchte ich mich nicht, den Hunger werde ich ertragen. Aber das ertrüge ich nicht. Ich könnte es nicht. Dabei müssen sich die Armen noch allerlei kleine Allüren geben: Allüren von Künstlerinnen, denen es gut geht im Leben. Sie erzählen von den vielen Bestellungen, die sie hatten und haben, von den hohen Honoraren, die sie erhielten und erhalten, und wie man dieses köstliche Künstlerdasein nur in Rom führen könne. Ach, und wie abgeschabt ihre Kleider sind, wie dünn ihre Mäntel, wie kläglich ihre Hüte. Sie fühlen die Kälte und den Hunger. Mit blauen, steifen Fingern pinseln und pinseln sie. Sie haben etwas Eingewickeltes bei sich, dessen Inhalt sie um zwölf Uhr in aller Heimlichkeit verzehren, jede für sich. Ich sehe ihnen den Hunger an, den gierigen, unersättlichen Hunger. Das Trostloseste jedoch ist, wenn Fremde kommen. Dann diese Erwartung, diese atembeklemmende, angstvolle, entsetzliche Erwartung: Werden sie deine Kopie ansehen, werden sie deine Kopie kaufen? Du würdest sie ja hergeben für trockenes Brot! Trotz aller Bestellungen und Honorare führen sie noch zahlreiche andre unverkaufte Kopien bei sich, die neben ihnen in einer großen Mappe ausgestellt sind. Die große Mappe ist ganz voll! Ach, und wenn dann die Fremden kommen ... Und es kommen so viele! Es kommen Hunderte, Tausende, alle bleiben vor Tizians Meisterwerk stehen, und viele, so viele betrachten sich die Kopien. Wie meine beiden armen Gefährtinnen dann sich beleben! Einige fragen auch wirklich nach dem Preise. Wie sie dann erglühen vor Hoffnung. Mit zitternden Stimmen wird der Preis genannt, der ja nicht zu niedrig sein darf. Aber alle treten wieder zurück, alle gehen wieder fort! Ach, und dann die armen, enttäuschten alten Weiblein mit den steif gefrorenen Händen und dem Hunger in den Augen. Herrgott, erbarme dich meiner! Nur nicht werden, was diese geworden sind! Nur nicht das, nicht das! Ich demütige mich vor dir tief, und du weißt, wie hoch ich mich erhob. Strafe mich, Herrgott! Aber strafe mich barmherzig, mehr nach deiner Gnade als nach deiner Gerechtigkeit. Wenn die vielen Besucher der Galerie Borghese vor mir stehenbleiben, wenn sie meine Kopie betrachten, mich nach dem Preise fragen – wie ich mich dann schäme! Nicht aus Eitelkeit für mich, sondern weil ich gefragt wurde und nicht meine beiden Gefährtinnen. Aber alle treten auch von meiner Kopie zurück, gehen auch von mir fort, und – ich atme erleichtert auf. Wenn jemand in Gegenwart der beiden armseligen Malerwesen meine Kopie kaufen würde! Und doch muß auch ich harren und hoffen. Ach, so sehr. Abends, wenn ich todmüde und hungrig bin, muß ich bei den Freunden möglichst wach und wohlgemut sein, um sie nicht zu sehr zu betrüben. Und die beiden Alten haben schon ohne mich und die Bürde meines Leides schwer genug am eignen Jammer zu tragen; denn Peter Paul erholt sich doch nicht wieder trotz seiner getreuesten Friedrike und seines hochherrlichen Rom. Er macht pflichtgemäß jeden Morgen seine Spesen, pinselt sodann einige Stunden schlecht und recht an seinen winzigen Heiligenbildern, läßt sich darauf geduldig von Friedrike füttern und später durch Rom führen. Im Grunde genommen lebt er nur dafür, um seiner Lebensgefährtin nach Möglichkeit zu verbergen, daß es mit ihm aus ist. Und sie – Jeden Tag muß ich das welke Frauchen von neuem anstaunen, jeden Tag kann ich von ihr von neuem lernen, lernen mit hoher Bewunderung, voll tiefer Beschämung. Sie sieht alles und scheint doch nichts zu sehen. Damit Peter Paul nicht etwa auf die Vermutung verfiele, sie beargwöhne etwas, tut sie fast lustig. Tagsüber immer ein Lächeln der Liebe, des Mutes, des Glücks; nachts ersticktes Schluchzen und heimliche Tränen; denn ich habe sie erraten, was ich mir jedoch nicht merken lasse. Aber auch diese beiden Absterbenden, die sich fest, fest aneinander schmiegen und ihren letzten Seufzer gewiß gemeinschaftlich aushauchen werden, sind reich und glücklich im Vergleich zu der dunkeln, kalten Einsamkeit meines Herzens, die fortan mein Leben sein wird. Ach, diese gemeinsam verbrachten langen, langen Abende! Wir sitzen in einem kalten, schwach erleuchteten Raum, vor dem feuerlosen Kamin, und haben nur zwei Gesprächsstoffe: der Tod von Steffens und die Herrlichkeit Roms. Abend für Abend dasselbe. Unausgesetzt lassen wir nach dem Leichnam suchen; aber auch auf die ausgeschriebene hohe Belohnung hin ward er bis jetzt nicht gefunden. Und wir reden davon immer wieder und wieder. Ich merke es wohl: Friedrike bereitet für mich jeden Abend Butterbrote, und Peter Paul stellt jeden Abend zu der Foglietta das große Glas, welches er früher regelmäßig für Steffens brachte. Die guten Seelen wollen mich tränken und speisen. Ich versichere Abend für Abend, ich wäre weder hungrig noch durstig, und ich weiß, wenn ich fortgegangen bin, so ruht Friedrike nicht eher, bis Peter Paul sämtliche Brötchen verzehrt und ein Glas Wein getrunken hat – ein großes Glas Wein! Das ist Liebe. Und es ist noch etwas andres: es ist Elend – ist heimliches Künstlerelend. Ich fand eine Wohnung. Sie liegt in Via Ripetta, ist kein Atelier, sondern nur eine Kammer. Aber sie hat Nordlicht und ist billig. Überdies werde ich zum Malen für mich so bald nicht kommen, da ich lange Zeit kopieren muß. Ich siedle schon in den nächsten Tagen über, werde jedoch nach wie vor Abend für Abend auf dem Berge bei den Freunden verbringen und von Steffens' Tod und römischer Herrlichkeit reden. Ich muß häufiger dem guten Glöcklein schreiben und muß besser lügen. Das Gismondlein ist in solcher Sorge um mich, daß es mit seinem Kommen droht, wenn ich dieses »alte, garstige, widerwärtige Rom« nicht verlasse. Mein Zimmer im Schwabinger Idyllenhäuschen stehe bereit, und das herzogliche Menü zu dem Festessen der Rückkehr der verlorenen Tochter sei bereits bestimmt. Ich komme aber nicht zurück nach Schwabing, und das Glöcklein darf nicht nach Rom kommen. Unmöglich! Es würde mir das Herz abdrücken. Als Kopistin habe ich entschieden mehr Glück denn als Künstlerin: meine »Himmlische und irdische Liebe« ist verkauft, ehe sie nur zur Hälfte fertig ward! Es geschah in Gegenwart meiner beiden Kolleginnen – denn Kolleginnen sind wir ja, und mir war zumute, als säße ich an einer mit Speisen beladenen Tafel und schwelgte angesichts von Hungernden, denen ich nicht einmal Brosamen zuwerfen konnte. Mit welchen Augen sie mich ansahen! Und jetzt beneiden sie mich grimmig, ein Bewußtsein, welches mir wahre Qualen verursacht. Auch weiß ich ja, daß sie ihre unverkauften Kopien viel, viel besser finden. Aber ich bin jung, habe blondes Haar; dazu kommt mein niedriger Preis ... Das alles sagten sie mir nämlich, und mir wurde leichter ums Herz, als sie in dieser Weise ihren Schmerz und ihre Enttäuschung gegen mich aussprachen. Jetzt bin ich des Verkaufs aber doch froh geworden, gar nicht davon zu reden, wie bitter not er mir tat. Und daß keine Fürstin Romanowska die Kopien bestellte, ist doch auch eine rechte Wohltat. So spendet das Leben immer wieder allerlei Freuden, wenn sie mitunter auch etwas dürftig ausfallen. Der kleine Erfolg hat mich wundersam belebt. Denn Arbeit ohne Erfolg ist ein ungesegnetes Land. Die Seele wird nicht satt davon. Die Fürstin Romanowska – so und nicht anders will ich fortan mein Leben lang sie nennen – wohnt wieder in der Villa. Sie soll den Heiligen Vater persönlich angegangen sein, ihre Ehe zu lösen, aber der Fürst soll in die Scheidung nicht willigen wollen. Er kommt und geht und kommt. Es kann geschehen, daß er in Kairo oder London eintrifft, um bereits am nächsten Morgen wieder abzureisen: in einer Tour nach Rom, zu seiner wunderschönen Frau, von der er nicht lassen kann, und die er doch nicht besitzen soll; denn das ist in Rom ein öffentliches Geheimnis. Er soll vor Leidenschaft und Verzweiflung halb von Sinnen sein und seinem einst so zärtlich geliebten Bruder im Grabe fluchen. Die Fürstin Romanowska lebt inzwischen in der prachtvollen Villa wie in einem armseligen Kloster, befindet sich jedoch der Fürst in Rom, so ist scheinbar alles, wie es früher war. Die beiden gehen in die Welt und geben ihre berühmten kleinen Diners. Auch Korso fahren sie jeden Nachmittag, und die Fürstin kauft am Spanischen Platz weiße Blumen. Aber in der nämlichen Stunde, in welcher der Fürst Rom verläßt, zieht sich die Fürstin von der ganzen Welt zurück. Sie soll dann wie in einer Klausur leben. Alle diese Nachrichten erfahre ich durch Friedrike, die mich damit weich zu stimmen hofft. Als ob ich hart wäre! Ich bin nur gerecht. Konnte jene Frau eine schlechte Gattin und unnatürliche Mutter sein, so bin ich in Gottes Namen eine unnatürliche Tochter. Einmal im Leben werde ich sie noch sehen: ein einziges Mal! Dann werde ich zu ihr sprechen, und danach soll sie für mich abgetan sein, tot und begraben, wie aus höchster Liebe und tiefstem Erbarmen mein Vater sie für mich sein ließ. Aber zuvor ein einziges Mal! Ich warte darauf; oh, ich warte ... Sie soll jetzt nicht mehr zur Beichte gehen. Rom, im Frühling. Wieder Frühling! Ich erlebe nicht viel vom römischen Frühlingszauber; denn ich muß arbeiten, arbeiten! In aller Frühe stehe ich auf und male in meinem Kämmerlein. Ich komponiere! Vielmehr: ich phantasiere, fabuliere. Es ist wirres, unverkäufliches Zeug, welches mich an meinen armen Vater erinnert. Ich bin doch recht sehr Joseph Auzingers Tochter: die Tochter des Künstlers, der seine schönsten Gemälde in der Seele trug, sie jedoch niemals aus seiner Seele heraus und auf die Leinwand brachte. Es ist nur sehr merkwürdig, daß diese natürliche Erbschaft jetzt erst bei mir sich zu zeigen beginnt: in Rom und zu einer Zeit, wo ich mit dem Leben abgeschlossen habe, wo ich nicht mehr daseinsfreudig und hoffnungsreich bin. Von meinen Phantastereien und Fabeleien sende ich nichts mehr nach München auf den Markt, da sich ja doch keine Phantasten und Fabulanten finden, um sie zu kaufen. Habe ich mir einen Gedanken oder eine Empfindung von der Seele gemalt, so kommt das Stück Leben in die Mappe. Ich werde mich jedoch bald mit Stift und Kreide begnügen müssen, da Leinwand und Farben ein Luxus sind, den ich mir nur gestatten darf, wenn ich – kopiere. Ich kopiere tagtäglich. Schlag zehn Uhr stehe ich an der Pforte und harre geduldig, daß mir aufgetan wird. Dies geschieht, ich trete ein, begebe mich zu dem Meisterwerk, welches ich nachstümpere, sitze davor, harre auf den, der da kommen soll, um zu fragen, zu bestellen, zu kaufen, und bleibe außer kurzen Unterbrechungen sitzen, bis es Zeit ist, aufzustehen und zu gehen. Ich könnte dann recht gut einige Stunden schlendern, um Rom zu sehen und glücklich zu sein. Aber ich bin dann so müde, o so müde, daß ich nur mühsam in meine hohe und enge Kammer gelange, wo ich ausruhen muß, lange, lange ausruhen. Tizians »Himmlische und irdische Liebe« ist vollendet, verkauft und bezahlt, sogar leidlich gut bezahlt. Jetzt kopiere ich den Sebastian del Piombo im Palazzo Doria. Danach werde ich mich an Murillos Madonna in der Galerie Corsini wagen; danach – eben an einen andern Großen. Und so fort bis ins Unendliche, bis ... Die Freunde wollen den Sommer über mit mir nach einem Felsennest im Sabinergebirge, wo es märchenhaft schön und fabelhaft billig sein soll. Das wäre gewiß herrlich. Aber ich muß diesen Sommer über in Rom bleiben; denn ich muß arbeiten, arbeiten – kopieren, kopieren! Ich habe es den beiden so ernsthaft gesagt, daß sie's aufgaben, in mich zu dringen. Sie wollten anfangs auch bleiben, was eine schwere Verantwortung für mich gewesen wäre. Aber Peter Pauls angegriffene Gesundheit verlangt eine Villeggiatur, und so werden sie denn gehen; ich glaube, sehr bald. Dann bin ich einsam, ganz einsam, worauf ich schlechtes, undankbares Geschöpf mich freue. Dabei gibt es nichts Trostloseres unter der Sonne als Einsamkeit. Friedrike fragte mich, ob sie den Baron Artur von mir grüßen dürfte? Also schreiben sich die beiden? Er erkundigt sich bei Friedriken nach mir, und sie berichtet ihm über mich. Er weiß also, daß ich kopiere, nichts andres tue als kopieren; denn meine bunten Konturen, die ich in aller Heimlichkeit mache, bekommen die Freunde nicht zu sehen. Wenn Friedrike ihm schreiben würde, daß es mir nicht allzu gut ginge. Wenn er aus Mitleid, wie ich aus Mitleid ... Er soll nicht, er soll nicht! Er würde mich stark finden, unüberwindlich. Aber ich sprach mit Friedriken. Ich sagte ihr: wenn sie mich liebte, wenn sie mir im Leben noch etwas Gutes wünschte, so solle sie diese Korrespondenz aufgeben. Sie könne zu nichts anderm führen, als mir die Ruhe zu nehmen, die ich so notwendig brauche, und mein Inneres aufzuwühlen, welches Frieden haben muß. Ich sagte ihr vor, was sie ihm von mir schreiben solle und was ihn über mich beruhigen werde. Sie mußte ihm auch mitteilen, daß ich mich, solange Steffens' Leichnam nicht gefunden wird, trotz allem Vorgefallenen noch immer als dessen Verlobte ansähe, und daß auch danach jede Hoffnung hinter mir läge, weit, weit hinter mir. Friedrike weinte über diesen Brief, den sie schreiben mußte, bittere Tränen, aber ich konnte ihr nicht helfen, und jetzt ist es geschehen. Die Freunde sind im Sabinergebirge, aber ich habe einen Gefährten, der meine Kammer und mein Brot mit mir teilt: die arme Fanny lebt bei mir. Ich fand sie – irgendwo! Und ich fand sie in einem Elend, welches hundertfach größer ist als das meine. Sie ist zu Tode ermattet und sehr krank. Ich pflege sie, was mir unbeschreiblich wohl tut. Für solche kleinen Frauendienste bin ich viel mehr geschaffen als für die Kunst, die eben doch eine zu große gestrenge Göttin ist für mich winziges Menschenwesen. Von Fannis Schicksal will ich nur sagen, daß der Cavaliere sie schließlich aus dem Hause jagte, nachdem sie so elend geworden, daß er sie hätte in ein Spital schicken müssen. Wenn sie sich erholt hat und wenn ich hundert Lire missen kann, wird sie nach Hause zurückkehren. Ich werde in Rom leben und in Rom sterben. Rom, im Sommer. Wolkenloser Himmel, Glut und Glanz, Schirokko. Seit Wochen wolkenloser Himmel, seit Wochen Glut und Glanz, Schirokko. Große Ermattung, aber Arbeit. Der Sebastian del Piombo im Palazzo Doria fertig. Die Madonna Murillos begonnen. Nichts verkauft. Zum Glück große Ermattung, sonst großen Hunger, der doch wohl etwas weh tun würde. Fanni abgereist. In meiner Kammer ist es so heiß, wie ich mir die Bleidächer Venedigs vorstelle. Seit Wochen schlief ich keine Nacht. Aber ich arbeite. Wenn ich mir einen Festtag machen will, so gehe ich in den Vatikan, in die Sixtinische Kapelle. Drinnen ist's kühl; drinnen sitze ich stundenlang – stundenlang. Wär's nur nicht so weit bis zur Galerie Corsini! Fahren kann ich nicht. Ich schleiche hin und zurück. Das Pflaster brennt unter meinen Füßen; neben mir brennen die Mauern. Und es brennt der Himmel, die Luft. Ein Münchner Regentag! Ach, Regen, grauer Himmel, Regen! Ich glaube, ich habe etwas Fieber. Aber ich muß arbeiten, arbeiten! Ich werde etwas Chinin nehmen. Das hilft gewiß. Wäre Chinin nur nicht so teuer. Ich kann so wenig zurücklegen und muß doch die ganze große Summe haben, die das empfangene Almosen ausmacht. Ich muß eben noch weniger ausgeben und – muß arbeiten, arbeiten! Die Fürstin Romanowska war bei mir. Sie bat mich um Verzeihung; aber ich verzieh ihr nicht. Sie will mich als ihre Tochter anerkennen. Ich antwortete ihr, daß sie keine Tochter habe. Sie weinte. Ich kann kein Mitleid empfinden. Ich muß denken, daß sie meinen Vater verließ, daß sie meinem Vater das Herz brach und – nein, nein, nein! Ich kann kein Mitleid empfinden. Sie mußte wieder gehen. Wie schön meine elende Kammer mir vorkam, wie wohl mein Herz mir tat, nachdem diese Frau wieder gegangen war. Denn – ich hungere. Rom, im Winter. Gestern nacht, als ich von den Freunden nach Hause ging, begegnete ich einer Gassendirne. Es war Fanni. Sie schlich mir nach, und vor meinem Hause redete sie mich an. Sie hat von dem Cavaliere nicht fort können, ist in Orvieto ausgestiegen und nach Rom zurückgefahren, der Cavaliere hat sie auf die Straße geworfen. Sie stürzte vor mir nieder und bat mich um Verzeihung. Mit ihr hatte ich Mitleid. Meine Kopie von Murillos Madonna verkauft. Heute will ich mich satt essen. Aber es fehlt mir noch immer viel an der Summe, die ich zurückerstatten muß. Die Fürstin Romanowska hat mich wieder besucht. Ich habe sie wieder abgewiesen. Übrigens kommt es ihr nicht aus dem Herzen. Ja, wenn es ihr aus dem Herzen käme! Wahrscheinlich gebot es ihr einstmals Don Benedetto; sie aber war damals zu feige. Don Benedetto starb, und jetzt zwingt sie der Tote, seinem Gebot zu gehorchen. Wieder soll ich nur als Bußmittel dienen, aber ich weigere mich. Fanni starb im Spital. Bis zu ihrem letzten Atemzug war ich bei ihr. Sie starb an meinem Herzen. Dieser Sünderin wird Gott barmherzig sein. Mein mühsam Erspartes schmolz wieder etwas zusammen, da ich für Fanni ein christliches, vielmehr menschliches Grab besorgen mußte. Sie wäre sonst in die allgemeine, große, gräßliche »Grube« gekommen. Ich muß arbeiten, arbeiten! Und ich muß hungern. Der stumme Freund, dem ich's anvertraue, verrät mich nicht. 31. Priscas letzte Aufzeichnungen und das Ende Noch immer, immer nichts von seinem Leichnam! Aber sein armer toter Leib soll einen Grabstein erhalten, einen Denkstein. Ich setzte eine Ausstellung seiner Entwürfe sowie seiner letzten Arbeit ins Werk, die ein glänzendes Resultat hat. Ich lasse die Besucher eine halbe Lira Eintrittsgeld zahlen, lasse sie den Zweck der Sammlung wissen, und die Leute strömen hinzu. Die meisten kommen natürlich aus Neugierde und Lust an Sensation. Seine Skizzen sollen einem deutschen Museum übergeben werden, worüber wir erst kürzlich unter seinen hinterlassenen Papieren eine Notiz entdeckten; aber seinen Leichenstein soll er durch mich empfangen. Der Stein soll auf den protestantischen Kirchhof kommen, wo ich einen gar schönen Platz fand: unweit vom Grabe von Goethes Sohn, unter einer alten absterbenden Zypresse, die gelbe Rosen durchranken. Das ist das letzte, was ich für ihn auf Erden noch tun kann. Ich bin es dem Manne schuldig, der in den Tod ging, weil er ohne mich nicht zu leben vermochte. Anonym erhielt ich für sein Denkmal fünftausend Lire. Da ich zu wissen glaube, woher das Geld kommt, und da der Stein nicht mit Hilfe eines fürstlichen Almosens gesetzt werden soll, so übergab ich die große Summe einem Spital für arme Fieberkranke. Ich darf den Stein nicht eher setzen lassen, als bis sein Tod durch seinen Leichnam erwiesen ward. Gemeinsam mit den Freunden beschloß ich nun, das schlichte Denkmal in dem Garten der Kolonie aufzustellen, wo es auch dann verbleiben soll, wenn der Leichnam gefunden wird. Wir entschieden uns für einen möglichst großen unbehauenen Travertinblock, mit der einfachen Inschrift: »Zum Gedächtnis des deutschen Bildhauers Karl Steffens.« Wieder ein Brief von Artur. Er liebt mich noch immer, harrt und hofft noch immer. Sonst scheint es ihm gut zu gehen. Seine schöne Cousine läßt mich »schwesterlich« grüßen. Ich bat ihn, mir nicht mehr zu schreiben. Sollte er es trotz meiner Bitte wieder tun, so werde ich seinen Brief nicht mehr lesen. Gott wird mir die Kraft geben. Denn ich darf nicht! Hörst du mich, Geliebter? Ich darf nicht, ich darf nicht! Deinetwillen darf ich nicht. Ich bin nicht das Mädchen, welches du, Leuchtender, dein Weib nennen sollst. Ich kann dich nicht glücklich machen – mit der Finsternis in mir, von der kein Schatten auf deinen Glanz fallen darf. In mir ist etwas krank, etwas zerstört für immerdar. Höre meinen Schmerzensschrei! Sei gütig, habe Mitleid und dringe nicht in mich; denn – ich darf nicht, ich darf nicht! Ich kopiere fieberhaft fleißig und verkaufe mitunter einiges. Für mich selbst male ich längst nichts mehr. Wozu? Bald werde ich das empfangene Almosen zuückerstatten können. Es soll dann eine gute Stunde sein, eine echte Feierstunde. Daß ich danach Feierabend machen könnte? Aber der Himmel ist weniger barmherzig als bisweilen der Mensch. Steffens hat doch recht gehabt: der Hunger tut gar nicht sonderlich weh. Man gewöhnt sich daran. Das Fieber hilft mir hungern. Ich vertreibe es nicht, denn das Chinin ist viel zu teuer. Die Scharen von Armen, die auch das Fieber haben, kaufen sich gleichfalls kein Chinin, welches überdies in den kleinen römischen Apotheken stark mit Mehl gemischt sein soll. Nichts ist bezeichnender für die Zustände hier. Ich werde alt und häßlich, und auch sonst – – Meine Kleider sind aufgetragen. Ich glaube, ich sehe schäbig aus. Was tut's? Wenn ich kopiere, was ich tagtäglich tue, und wenn ich meine kurze Mittagspause mache, so führe ich jetzt auch etwas Eingewickeltes bei mir, das ich heimlich esse: so hungrig, so gierig. Ja, ja, so wird man allmählich. Aber: was tut's? Ich habe solche Sehnsucht hinaus, hinaus! Frascati, Rocca di Papa. Oh, war es schön! Die Campagna. Könnte, ach, könnte ich. Aber ich kann eben nicht. Um hinauszugehen vor eines der Tore bin ich viel zu müde und matt; und vor dem Tor sind noch weit hinaus die häßlichen Mauern. Also bleibe ich in der Stadt. Es ist ja Rom. Bedenke doch: Rom! Ich bin in Rom, komme jedoch nur in die Galerien, in denen ich gerade kopiere. Das Bild, vor dem ich gerade sitze, ist mein Rom. * Ich glaube, in meiner Kammer sieht es übel aus, übler als damals im Atelier Friedrikens. Wie war ich damals entsetzt! Und jetzt – – Man gewöhnt sich eben daran. Was soll ich tun? Meine Wirtsleute lassen mich Hausen, solange ich meine Miete bezahle, und kümmern sich weiter nicht um mich. Und ich – Zu müde und matt, viel zu müde und matt. Auch zu gleichgültig. Artur schrieb. Ich war stark und las nicht. Als ich neulich nach Hause kam, fand ich meine Kammer aufgeräumt und sauber. Auf dem Tische stand ein Strauß weißer Rosen. Friedrike hatte es getan. Ich schäme mich nicht einmal mehr. Bisweilen begegne ich im Korso der Equipage der Fürstin Romanowska. Sie beugt sich dann jedesmal weit, weit vor und sieht nach mir in einer Weise, daß die Leute stehenbleiben und mich anstarren. Ich kümmere mich nicht um die wunderschöne Frau. Manchmal sitzt auch der Fürst im Wagen. Der elegante Mann hat die Augen eines Schwerkranken und wird gleichsam über Nacht alt. Was es doch auf der Welt alles gibt! Und da spricht man noch von Romanen, die unmöglich sein sollen. Auf der Welt gibt es nichts, was unmöglich wäre. Das Leben schreibt Geschichten, im Vergleich zu denen die glühendsten Phantasien blasse Schatten sind. Bald werde ich der Fürstin Romanowska einen Besuch machen können. Friedrike schenkte mir heute einen neuen Hut. Ich weinte. Er schrieb wieder. Ich las wieder nicht – war wieder »stark«. Aber was meine Stärke mich kostet ... Nein! Auf mein Heldentum will ich nicht stolz sein. Zum Glück habe ich häufig Fieber. Eine tiefe, sinnumhüllende, wohltuende Gleichgültigkeit kommt mehr und mehr über mich. Heute sah ich ein Gespenst! Ich sah den Geist meines toten Verlobten. Ich sah seinen Geist in einer Marmorstatue, die der Commendatore Mario di Mariano in seinem Atelier ausstellte. Ich für meine Person hätte nicht einen Schritt getan, um ein Werk des Herrn Mariano zu sehen, trotzdem ganz Rom davon spricht. Vor dem Atelier dieses gottbegnadeten Künstlers stehen den halben Tag über die Equipagen der schwarzen, weißen und grauen Aristokratie und aller vornehmen oder reichen Fremden. Friedrike schleppte Peter Paul und mich hin; denn ich bin jetzt wie Peter Paul: man muß mich gewaltsam von mir losreißen. Und die gute Friedrike möchte mich am liebsten als Zwillingsschwester ihres armen alten Peter Paul an ihr von Liebe, Sorge und Kummer überströmendes Herz nehmen und mich dort ganz stille ruhen lassen. Also wir drei Schiffbrüchigen des Lebens begaben uns in das prächtige Gewölbe des berühmten Handelsmannes, und ich sah dort Karl Steffens' Gespenst, sah es mit diesen meinen Augen. Die Statue führt den Namen: »Der letzte Blick«. Sie stellt einen unbekleideten Jüngling dar. Es ist ein besiegter Krieger, der im Begriffe steht, sich in sein Schwert zu stürzen. Da sieht er noch einmal auf, und sein letzter Blick umfaßt die Schönheit der Welt, die der Besiegte heldenhaft verlassen will. Er zaudert! Einen Augenblick zaudert er, die düstere Schwelle zu überschreiten, die in das Reich der Schatten führt. Der Beschauer sieht nicht nur, wie es die lebensvolle Seele kalt überläuft; er fühlt es. Die Sonne scheint, und der Sterbende ist noch so jung. Aber er wird es vollbringen – gleich im nächsten Augenblick! Ein Geschlagener und Besiegter darf nicht verweilen, wo die Sonne scheint. Das Werk ist Geist von Karl Steffens' Geist, ist der Geist eines Toten! Ich mußte immer wieder und wieder den Namen des Künstlers lesen. In großen, schönen, römischen Lettern stand der Name tief eingegraben im Sockel. Er lautet nicht Karl Steffens, sondern: Mario di Manano. Stehen die Toten wieder auf, oder verwirrt sich mein Geist? Es muß wohl so sein, denn ich sah das Gespenst. Weder das schauende, staunende Publikum sah es, noch Friedrike oder Peter Paul. Nur ich, nur ich! Und seitdem ich's einmal sah, verfolgt es mich, schleicht es mir nach auf Schritt und Tritt, ist es jeden Tag in meiner Seele, in jedem Herzschlag, daß Grausen mich packt; denn ein Gestorbener ist wieder lebendig geworden. Alle guten Geister loben den Herrn. Hunger und Fieber. Gott sei Dank! Gott sei Dank! Ich habe die ganze Summe beisammen, ich kann das Almosen zurückerstatten. Heute noch soll es geschehen. Wie wohl mir ist! Ich war in der Villa Romanowski. Der Portier erkannte mich nicht wieder, trotz seiner guten Bekannten: des alten, grauen Münchner Regenmantels und des unmodernen Strohhuts. Ich sagte dem schönen Herrn in Weiß und Silber, daß ich die Signora Principessa zu sprechen wünschte. Er sollte nur melden: eine deutsche Malerin, die vor drei Jahren in der Galerie gemalt hätte, bäte, von der Frau Fürstin empfangen zu werden. Erst jetzt erkannte mich der Mann. Er sagte mir, der Fürst wäre nicht in Rom und die Frau Fürstin empfinge niemand. Doch bestand ich darauf, ich müßte Ihre Durchlaucht sprechen. Endlich ging der Leuchtende, aber das silberne Gitter ließ er geschlossen. Im Garten blühten wieder die Azaleen, die Rhododendren und Rosen; es ist also wieder Frühling. Wieder Frühling ... Dann kam der Mann zurück. Er öffnete das Gitter, riß es vor mir auf, stand vor meinem alten, schäbigen Regenmantel und garstigen Strohhut entblößten Hauptes. Ich trat ein durch das strahlende Tor in das paradiesische Gefilde und mußte plötzlich denken: Hier könntest du nun zu Hause sein! Schon vor der Villa kam mein ehemaliger Gönner, der junge Lakai, mir entgegen. Er war diesmal sehr höflich. Sofort sollte er mich zu der Signora Principessa fühlen, obgleich die Signora Principessa nicht wohl war. Sie lag sogar zu Bett, wollte mich aber trotzdem empfangen. Ich erinnerte mich der Stunde, wo die Fürstin mich auch empfing, trotzdem sie leidend war. Wenn sie damals gesprochen hätte! Nur ein einziges Wort, tief aus der Seele heraus; nur die beiden kleinen Worte: Habe Mitleid! Und das in einem Tone, der mir gesagt hätte, ihr Herz spräche und nicht nur ihre Lippen. Sie blieb stumm, und ich – Gott helfe mir, ich kann nicht anders. Der Lakai führte mich zu ihr. Aber nicht in jenes märchenhafte Schlafgemach, sondern in einen Teil des königlichen Hauses, wo ich nie gewesen war. In einem Korridor blieb er vor einer kleinen Tür stehen, sah mich scheu an und flüsterte mir zu: »Hier wohnte der selige Don Benedetto. Sie liegt in dem Bette, darin er starb.« Mich überlief ein Schauer. Dann ward die Tür geöffnet, und ich trat ein. Eine Zelle war's, eine Klause! Vier graue, öde Mauern und ein Boden aus Ziegelsteinen. An einer Wand das Bildnis des Gekreuzigten, in einer Ecke der Betschemel und darauf wiederum der gekreuzigte Gottessohn. Ich sah das alles, mußte das alles sehen in dem Augenblick, als ich eintrat. Sie, die in der Gewalt des Toten stand, lag in dem schmalen Bette unter dem weißen Linnen, und ich mußte sehen, wie schön sie war. Ich hatte sie nie so schön gesehen. Sie hatte sich aufgerichtet, blickte mir entgegen und rief mir zu: »So kommst du doch zu mir? So hast du mir doch vergeben?« Es waren nur Worte. Es waren Worte ohne Seele, ohne Wahrheit. Ich hörte sie an, als wären sie leerer Schall. Ich zog das Päcklein aus der Tasche, darin das Geld eingewickelt war, ging zu dem Betschemel, legte das Geld darauf, gerade unter das Bildnis des Gekreuzigten, und sagte: »Hier ist Ihr Almosen zurück. Geben Sie es einer andern armen Waise.« Da schrie sie laut auf. Der Schrei kam jedoch nicht aus ihrer Seele, ihre Seele hatte die Sprache noch immer nicht gefunden. Dann ging ich, und jetzt – wie wohl mir jetzt ist, wie wohl! * Wieder ein Jahr vorüber. Ich bin so müde, so müde. Er schreibt nicht mehr, ist gut so. So ist es am besten. Ach, wie müde bin ich doch. Ich arbeite nicht mehr – kopiere nicht mehr. Ich bin zu müde. Das Ausruhen tut mir so wohl. Mühte ich nur nicht mit einem Gespenst zusammen leben! Der Geist des Toten, der mir in jenem Atelier erschien, will und will nicht von mir weichen. Dabei darf ich seine Gegenwart keinem verraten. Man müßte mich ja für verrückt halten. Niemand kann sich vorstellen, was ich bisweilen tue. Es ist zu verrückt. Ich begebe mich mitunter trotz aller meiner Müdigkeit auf den Bahnhof, zahle zwei Soldi für den Eintritt, gehe auf den Perron und sehe den Schnellzug abfahren, der über Florenz nach Deutschland dampft. Es hat direkte Wagen: Rom-Ala-München-Berlin. Rom-München! Ich betrachte den Wagen, betrachte die Passagiere, die direkt von Rom nach München reisen, und habe dabei allerlei Gedanken ... Aber auch dafür ist es zu spät. Zu spät! Es ist ein Wort, dessen Klang das Herz wie ein Henkersbeil trifft. Zu spät! Das Wort ist ein Mörder, ein Meuchelmörder, der hinterrücks unser Lebensglück erschlägt. Zu spät! Es ist das Tor, durch welches jener, der alle Hoffnung hinter sich läßt, eingeht in den ewigen Schmerz. Ein Brief von ihm! Nach einem Jahre wieder ein Brief. Es ist zu spät, und – ungelesen lege ich seinen Brief zu den übrigen. Ich muß ausziehen; meine Kammer ist zu teuer. Welches Glück, daß Friederike und Peter Paul wieder ins Sabinergebirge gehen; denn ich hätte nicht den Mut, es ihnen zu sagen. Aber lieber in einer Höhle wohnen, als aus Not die Werke großer Künstler kopieren. Nur das nicht wieder, nie wieder! Übrigens verdiene ich mir etwas. Ich bemale Vasen, Schalen, Briefbeschwerer und dergleichen Dinge. Es bringt wenig ein, aber genug für mich. Und es ist tausendmal besser als dieses jammervolle Nachstümpern und ängstliche Warten auf den Käufer. Auch kann ich meine elenden Schildereien wenigstens frei erfinden. Aber sobald die Freunde fort sind, muß ich mir eine Wohnung suchen, die billiger, viel billiger ist. Wird das möglich sein? Es muß! Diese Briefe an Gismonda, diese Lügen sind solche Qual! Und ich muß obenein gut lügen. Denn es muß mir herrlich gehen. Aber diese frommen Lügen sind das einzige Gute, das ich auf Erden einer einsamen Menschenseele noch erweisen kann. So lüge und lüge ich denn. Am liebsten rührte ich die Feder so wenig an wie den Pinsel. Aber nur nicht daran denken, daß auch ich einmal eine Künstlerin war! Der Leichenstein des Selbstmörders ist fertig und ward aufgestellt. Ich konnte nicht mit dabei sein, da ich gerade starkes Fieber hatte. Die Freunde vertraten mich; aber ich war froh, starkes Fieber gehabt zu haben. Seitdem ich seinen Geist umgehen sah, empfinde ich ein kaltes Grausen vor allem, was mich an seinen Tod erinnert. Die Freunde erzählten mir ausführlich die Zeremonie. Alle in Rom anwesenden deutschen Künstler waren gegenwärtig, und die andern Nationalitäten schickten Lorbeerkränze. Es muß sehr feierlich gewesen sein, ein richtiges Totenamt. Auch der Commendatore Mario di Mariano ließ einen Kranz mit prächtiger Schleife und pathetischer Widmung niederlegen. Ein Kranz weißer Azaleen wurde geschickt. Wenn ich dabei gewesen wäre, ich hätte ... Das hat Kampf gekostet, diese Trennung von den beiden besten Menschen, die mich nicht verlassen wollten. Es brauchte der Mühen und Listen, der Verstellung und der Lügen, um sie zur Abreise zu bewegen. Alles, was ich an Kraft noch besaß, wurde denn auch verzehrt, aber ich muß, muß allein sein. Meine Einsamkeit ist das Brot des Hungernden, das ich mir nicht stehlen lasse. Ich schreibe nicht mehr an Gismonda. Zu müde, zu müde. Wenn ich doch kränker wäre! Aber mit dem bißchen Fieber, das ich habe, kann ich in Rom bleiben und hundert Jahre alt werden. Ich wünschte, oh, ich wünschte – – Herrgott vergib mir; ich weiß nicht, was ich rede. Wer, wenn du meine Sehnsucht kenntest – – du kennst sie. Einmal muß ich doch hin und den Leichenstein des Ertrunkenen ansehen. Sich selber getreu bleiben – als ob das so leicht wäre! Und wenn man es auch tausendfach sich selber gelobt. Eine einzige Untreue gegen uns selbst kann uns zermalmen; aber sie kann uns auch retten. Wäre ich in jener Stunde, als mir bei Blitz und Donner der Gott der Sistina erschien, treulos gegen mich selber gewesen, so könnte ich heute beide Arme ausstrecken und aufjauchzen: »Herr, Herr, sieh mich an, Herr, sieh dein glückliches Geschöpf!« Und jetzt – – Wie meine todmüde, todwunde Seele ringen und ringen muß, um die glückselige Treulosigkeit nicht zu begehen. Es würde mich nur ein Wort kosten: »Komm!« Ein einziges Wort würde genügen, und ich könnte meine beiden Arme ausstrecken und aufjauchzen: »Herr, sieh mich an! Herr, sieh dein glückliches Geschöpf!« Es ist zu spät. Ich muß schweigen, muß mir selber die Treue bewahren – seinetwillen. Das ist mein einziger Trost. Ich habe meine entsetzliche Kammer verlassen, wohne noch billiger, viel billiger, fast umsonst, und – wohne prächtig, wohne königlich. Das Haus soll nicht recht gesund sein. Es steht in einem übeln Ruf, gilt für verseucht. Was tut das? Jetzt habe ich bald seit zwei Jahren beständig das Fieber und starb davon noch immer nicht. Meine Wohnung liegt dem Kolosseum gegenüber, im letzten Stockwerk, ein großes Atelier mit zwei Terrassen. Wenn ich auf der Terrasse stehe, so scheine ich in der Luft zu schweben, und ich habe zu meinen Füßen die Herrlichkeit Roms. Unten im Hause ist ein Bildhaueratelier; es führt auf einen kleinen Hof hinaus, der sogar während dieser Gluthitze voll von grünem Gras und Unkraut ist. Seit Jahren steht es leer. Es ist das Atelier, welches Steffens einstmals bewohnte. Ich fürchte mich jedoch nicht, preise mein gutes Geschick, daß ich so unerhört billig wohnen kann und daß die Freunde fern im Sabinergebirge sind. Sie hätten sonst ein Geschrei erhoben. Die wenigen Leute, die das schöne Haus mit mir bewohnen, scheinen mir anders auszusehen als andre, und wenn wir Bewohner uns begegnen, so blicken wir uns eigentümlich an. Ich bilde es mir wenigstens ein. Jetzt könnte ich malen: in meinem großen Atelier, auf meinen hohen, herrlichen Terrassen. Oh, wenn ich jetzt malen könnte! Ich könnte mir ein Modell kommen lassen; das schönste Modell, welches zu finden wäre, eine Art Maria von Rocca. Das Modell könnte ich zu jeder Tageszeit auf meinen Terrassen Akt stehen lassen: bei römischer Sommersonne, unter römischem Sonnenhimmel! Und malen könnte ich, malen; arbeiten, arbeiten ... Aber ich kann nicht. Selbst wenn ich das Modell bezahlen könnte, so kann ich nicht! Ich bin zu müde, viel zu müde. Als ich noch nicht so müde war, hätte ich den Kampf mit der Menschengestalt nochmals aufnehmen können, und ich hätte sie vielleicht doch noch bezwungen. Jetzt geht es nicht mehr. Ich erhielt eine Bestellung! Die Beatrice Cenci soll ich kopieren. Ich wußte ja, daß es damit enden würde. Gluten, Gluten! Schirokko, Schirokko! Ich atme feurigen Staub. Alles lodert und loht. Vom Morgen bis Abend liege ich auf einer Art Ruhebett, welches mein Vorgänger zurückließ. Wenn ich mich regen muß, tun mir alle Glieder weh. Ich liege mit geschlossenen Augen, leide Flammenqualen und habe Visionen von deutschen grünen Wiesen, die voll bunter Blumen stehen; von deutschen tiefschattigen Wäldern, durch welche helle Bäche rauschen; von deutschen Sommermorgentagen ... Aber dann abends, spät abends. Wenn ich spät abends auf einer meiner Terrassen bin! Die eine liegt den Titusthermen zugewendet, die andre gegenüber dem Kolosseum, in dessen Getrümmer ich hineinblicke wie in einen Felsenkrater. Darüber Forum, Palatin und Kapitol, die Gärten des Janiculus und die Peterskuppel und gerade unter mir antike Ruinen mit den Zypressen von San Giovanni e Paolo – ein Königsblick von meinem Königssitz aus, auf dem Prisca Auzinger haust mit ihrem Fieber, ihrem Hunger und ihrer stolzen, reinen Treue gegen sich selbst. Wenn der Himmel im Feuer des Sonnenuntergangs steht, wenn die purpurne Nacht herabsinkt, die Sterne aufleuchten und der Brand des Tages allmählich erlischt – oh wie schön! wie schön! Feuchte Kühle steigt aus der Tiefe zu mir empor, die ich einschlürfe, einsauge. Die römische Sommernachtluft soll Gift sein. Wenn sie mich töten würde, so hätte ich einen königlichen Tod. Aber mir ist, als müßte ich noch etwas Wundersames erleben, bevor ich sterben, leise hinabgehen darf. Etwas Wundersames erleben ... Wie kann ich das, da er mir nicht mehr schreibt? Er schreibt nicht mehr; aber vielleicht – vielleicht kommt er! Gott, Herrgott, so ist das Herz deiner Menschen, so schufest du's, daß es selbst in der Hoffnungslosigkeit, in der Verzweiflung immer noch hofft; daß es hofft und hoffen muß bis zu seinem letzten Schlage. Ich wehre mich dagegen, ringe mit dem Versucher, nenne mich von Sinnen, will nicht hoffen und hoffe doch, hoffe immer noch – muß immer noch hoffen. Was hoffe ich denn? Ich erwarte ihn. Jeden Tag, jede Stunde erwarte ich ihn. Ich liege im Atelier und lausche auf seinen Schritt; ich stehe auf der Terrasse und schaue aus nach ihm. Sogar mitten in der Nacht. Ich muß noch etwas Wundersames, etwas Großes erleben, ehe ich sterben darf. * Lange schrieb ich nichts. Ich habe zum Schreiben keine Zeit. Ich muß auf ihn warten. Ich will kein Fieber mehr haben! Wenn er kommt, mich zu holen, muß ich gesund sein. Die Beatrice Cenci werde ich nun doch kopieren. Von dem dafür verdienten Gelde werde ich mir ein neues Kleid kaufen, ein weißes Kleid. Und Blumen, weiße Blumen! Meine Wohnung werde ich wunderschön sauber halten und jeden Tag mit weißen Blumen schmücken. Wenn er dann kommt, findet er mich in dem weißen Kleide. Still fasse ich ihn bei der Hand und führe ihn hinaus auf die Terrasse. Wir stehen hoch über Rom, wir schweben hoch über der Erde. Hand in Hand in die Lüfte erhoben, sage ich ihm, daß ich ihn liebe, daß ich auf ihn gewartet habe, daß ich leben will und glücklich sein, daß Glück etwas viel Schöneres und Heiligeres ist als Treue gegen sich selbst. Dann gehe ich mit ihm nach Deutschland. Er kommt nicht. Und ich warte. Ich muß endlich eine fromme Pflicht erfüllen und Karl Steffens' Leichenstein besuchen. Es soll für mich ein Bußgang sein, denn ich habe gegen den um meinetwillen Gestorbenen viele schwere Gedankensünden begangen, vom ersten Augenblick an, als ich mich mit ihm verlobte: vom ersten Augenblick an brach ich ihm im Geiste die Treue. Er hat sich gerächt. Wenn Artur käme, um mich zu holen, während ich meinen Sühnegang tue? Ich finde jedoch nicht eher Ruhe. Kein Geist, kein Geist! Was ich bei Mario di Mariano sah, war kein von den Toten Erstandener. Karl Steffens lebt! Ich sah ihn! Bei seinem Leichenstein sah ich ihn! Als ich kam, stand er davor und las die Inschrift: ›Zum Gedächtnis an den deutschen Bildhauer Karl Steffens.‹ Er las sich seine Grabschrift mit lauter Stimme vor. Ich erkannte seine Stimme, rief ihn beim Namen, und da, ohne sich umzuwenden, floh er vor mir. An seiner Stimme erkannte ich ihn, und ich erkannte ihn an seiner Flucht: er lebt! Er konnte nicht sterben! Er war zu feige! Und ich? Allbarmherziger Gott, und ich – ich starb fast um ihn. Gott schütze meinen Verstand! Jetzt rufe ich dich, Geliebter! Geliebter, komm! Hole mich! Ich bin erlöst und befreit. Hörst du? Erlöst und befreit! Komm, komm! Jetzt will ich leben und glücklich sein. Erlöst und befreit! Seine Briefe will ich jetzt lesen. Ach, seine Briefe ... Zu spät! In seinem letzten Brief teilt er mir mit, daß er sich mit seiner Cousine verlobt hat – nachdem er lange, lange vergebens gewartet. Es kam, wie es kommen mußte. Gut so. So ist es am besten. Vorbei, vorbei. Wie müde ich bin! Ausruhen! ... * »Roma!« In der großen Halle des Zentralbahnhofs riefen die Schaffner den Namen, der einen Wohllaut hat und zugleich solch stolzen, majestätischen Klang, wie kein andrer Städtename der Welt. Sogar die Beamten der Eisenbahn schienen den einzigen Namen mit einem pompösen Tonfall zu rufen. Die Maschine eines spät am Nachmittag von Florenz einfahrenden Personenzuges hielt keuchend und zischend wie ein verendendes Ungetüm. Die Gepäckträger stürzten herbei, rissen die Wagentüre auf, die Passagiere drängten heraus, begrüßten Verwandte und Freunde, von denen sie erwartet wurden, riefen nach einem Facchino und eilten dem Ausgange zu, wo ihnen die Fahrkarten abgenommen wurden und sie ihr Gepäck von den städtischen Steuerbeamten visitieren lassen mußten. Der zu allerletzt aussteigende Passagier war ein ältliches, winziges Frauenzimmerchen, auf das sonderlichste kostümiert und für die Reise ausstaffiert. Die kleine Dame rutschte auf das Trittbrett herab, wo sie nun stand und mit großer Anstrengung an umfangreichen Gepäckstücken zerrte, die sich in einem Wagen der dritten Klasse befanden und sämtlich »Handgepäck« waren. Ein Facchino wollte dem kleinen Geschöpf zu Hilfe kommen. Da wandte sich dieses bitterböse gegen den Mann und schrie ihn an, daß der Römer erschrocken zurückwich. »Non, non, non!« So rief das Persönchen mit einer schrillen Kinderstimme und riß dabei an einer gewaltigen Reisetasche, darauf in leuchtenden Farben Rosen und Vergißmeinnicht gestickt waren. Es schien entschlossen, sich dieses Gegenstands wie eines Wurfgeschosses zu bedienen, denn es hielt jeden von diesen braunen Kerlen für einen Feind, der es auf sein Eigentum, wohl gar auf sein Leben abgesehen hatte. Endlich hatte die tapfere kleine Dame alle ihre Schachteln und Taschen glücklich auf dem Perron um sich her aufgebaut, stand jetzt mitten darunter und schaute sich hilflos um. Sie sah so sonderbar aus und zugleich so belustigend, daß einige Bahnbeamte sich um sie sammelten und sie wie ein Wundertier anstarrten. Wer ihr jedoch nahe kam, den schrie sie wild an: »Non, non, non!« Mit diesem gellend ausgestoßenen Ruf empfing sie sogar die beiden baumlangen Carabinieri, die in ihrer ganzen Pracht und Würde auf dem Kampfplatz erschienen; denn sie hatte sich in jeder Hand mit einer Schachtel bewaffnet, um sie als Bombe dem an den Kopf zu schleudern, der ihr ans Leben wollte. Und Prisca kam ihr noch immer nicht zu Hilfe! Unbegreiflich, daß Prisca nicht da war, um sie bei ihrer Ankunft in der Räuberstadt zu empfangen. Sie hatte ihr doch Tag und Stunde genau geschrieben; denn da Prisca seit Monaten nichts hatte von sich hören lassen, keinen einzigen ihrer vielen flehentlichen Briefe beantwortete, so mußte sie schließlich selbst kommen. Sie kam, und keine Prisca war da! Allerdings war sie einen vollen Tag später und mit einem ganz andern Zuge in Rom eingetroffen. Sie hatte unterwegs die seltsamsten Abenteuer erlebt, Abenteuer, die nur ihr zustoßen konnten, und es war ein Wunder, daß sie überhaupt eintraf. Aber Prisca konnte sich doch vorstellen, daß es für ein alleinstehendes älteres Frauenzimmer – noch dazu von ihrer Figur, kein Kinderspiel war, von München nach Rom zu reisen: dritter Klasse, im Personenzug! Sie führte ihr sämtliches Gepäck bei sich, mußte wohl sechsmal mit ihrem sämtlichen Gepäck den Wagen wechseln, ließ sich von keiner Menschenseele helfen und schrie jeden, der irgend etwas von ihr wollte, mit ihrem energischen » Non, non, non !« an. In Verona blieb sie einen halben Tag liegen und in Florenz auch; und geradezu erstaunlich war es, daß sie nicht irgendwo überhaupt liegen geblieben war. Aber jetzt war sie glücklich da, und keine Prisca zu sehen. Nur rings um sie die grinsenden Gesichter dieser römischen Räuber und Mörder. Gern hätte sie Priscas Freunden geschrieben, kannte sie jedoch nur unter ihren Vornamen Friedrike und Peter Paul, was für eine Adresse doch nicht ausreichend war. So wußte sie sich denn nicht anders zu helfen, als selbst die weite, schreckliche Reise anzutreten, fest entschlossen, ohne Prisca nicht zurückzukehren. Im Idyllenhäuschen war für ihre Ankunft jedes Winkelchen vorbereitet, und das herzogliche Menü des Festessens lag bereits auf dem gedeckten Tisch. Das liebe, liebe München, das schöne, schöne Schwabing! Daß es Menschen gab, die in München und Schwabing lebten, die München und Schwabing verlassen konnten, um nach diesem abscheulichen Lande, diesem unangenehmen Rom zu gehen – der Heilige Vater möge dem Fräulein Gismonda Glocke die Lästerung verzeihen. Da sie auf dem Bahnhofe, mitten auf dem Perron, doch nicht gut Hütten bauen konnte, so mußte endlich etwas mit ihr geschehen. Am liebsten hätte sie sich auf ihrem Gepäck niedergelassen und bitterlich geweint. Aber dieses klägliche Schauspiel wollte sie den hohnlachenden Römern denn doch nicht geben – was hätte dazu Seine Hoheit der höchstselige Herzog gesagt?! Da also keine Prisca ihr zu Hilfe kam, mußte sie sich entschließen, ihren Standpunkt aufzugeben. Sie stellte ihre Verteidigungswaffen, die Hutschachteln, nieder, griff in ihre Tasche, daraus sie nach einiger Beschwerde ein Stück zerknitterten, beschriebenen Papiers hervorbrachte: Priscas Adresse. Mit diesem Scheine in der geballten Hand, ihre Schachteln krampfhaft unter den kleinen, mageren Armen haltend und die bestickte, bunte Reisetasche nach sich schleifend, strebte sie dem Ausgange zu, von einem Gefolge witzelnder und lachender Römer geleitet. Nachdem ihr Billett abgegeben, fiel sie in die Hände erbarmungsloser Zollbeamter. Sie schrie zwar immerfort »Non, non, non!« , mußte jedoch trotzdem ihr sämtliches Gepäck hergeben, öffnen und vor ihren entsetzten Augen durchwühlen lassen. Die Gute schien eine Ahnung von Priscas wahrem Zustand zu haben; denn sie hatte Mundvorräte mitgebracht, die für einen Monat ausgereicht hätten, und die sie in Kufstein sowohl wie in Ala unter beständigen wilden Non – non -Rufen glücklich durchgeschmuggelt hatte. An den Toren Roms ereilte sie ihr Geschick. Alles wurde entdeckt! Regensburger Würste, Prager Schinken, Nürnberger Lebkuchen, lauter Grüße und Genüsse der Heimat, die Prisca in der harten Fremde sich schmecken lassen sollte, lagen um die kleine, wehklagende Gestalt auf dem schmutzigen Boden herum, und das arme Glöcklein mußte zahlen, so gewaltig es auch Sturm läutete und sich mit dem einzigen, ihr bekannten Fremdworte wehrte, als ob sie keine Bewohnerin des lieblichen Schwabing, sondern eine römische Heldenjungfrau vom Kapital gewesen wäre. So öffnete sie denn jammernd den Barbaren ihr Portemonnaie. darin sich einiges für ihr hübsches deutsches Silbergeld unterwegs erhaltenes schmieriges italienisches Papiergeld befand. Die Unmenschen entnahmen ihr so viel, als der Zoll ausmachte, und sie durfte ihre richtig besteuerten Vorräte wieder einpacken. Endlich gelangte sie aber doch glücklich in einen Wagen, dessen Kutscher sie Priscas Adresse vor die Augen hielt. Der braune Mensch tat, als wäre es das gleichgültigste Ding von der Welt, daß er das Fräulein Gismonda Glocke aus Schwabing in Rom vom Bahnhof in die Via Ripetta Nr. 137 fahren sollte, wo Prisca Auzinger, die böse, böse – liebe, liebe Prisca Auzinger wohnte. Es regnete in Strömen. Seit Monaten afrikanischer Gluten und sengenden Südwinds der erste Regen! Der Himmel Roms war so grau, als läge die Stadt der sieben welthistorischen Hügel an der Isar, die Luft Roms so feucht und kalt, als wehte sie um die Tannenwälder der bayrischen Alpen. Gismonda warf einen bösen Blick auf die Mauermassen der Diokletianthermen, lehnte sich verächtlich im Wagen zurück und murmelte erbittert: »Das ist also Rom! Was das nun wohl ist? Darüber erheben die Menschen solches Geschrei! Ich habe es ja immer gesagt: Rom? Was ist Rom? Rom ist nichts!« Die breite, häßliche Via Nazionale, die der Kutscher fuhr, flößte ihr aber doch einigen Respekt ein, so daß sie Rom von neuem eines gleichgültigen Blickes würdigte. »Das wäre nun so weit ganz hübsch, obgleich gar kein Vergleich mit der Ludwigstraße. Aber um das zu sehen, braucht ein vernünftiger Mensch doch nicht nach Rom zu reisen. Und wo sind denn wohl die Altertümer, alle die scheußlichen Heidentempel und grauenhaften Heidengötter, die in Rom noch überall herumstehen sollen? ... Aber das Ärgste ist doch dieser Regen! Wer auf der Welt Regen schön findet, braucht doch wahrhaftig nur nach München zu kommen. Wo ist denn nun in Rom der ewig blaue Himmel, davon die Leute soviel Wesens machen? ... Rom, Rom! Die Menschen, die zu dir laufen, können mir leid tun ... Ach, und Prisca, du Sorgenkind! Und von hier absolut nicht wieder fort zu wollen? Ich versteh's nicht.« Mit ihren Gedanken wieder bei Prisca und ihrem großen Kummer angelangt, vergaß sie das häßliche Rom nebst seinem grauen Regenhimmel und versenkte sich von neuem in ihre Sorge um ihre liebe, böse Lange ... Weshalb sie wohl seit Monaten keine einzige Zeile geschrieben hatte? Nicht einmal auf die Nachricht hin zu antworten, daß Gismonda nun wirklich Ernst mache und selbst komme. Als ob eine Reise nach Rom ein Ausflug auf die Rottmannshöhe wäre? Wenn sie krank geworden, konnte sie doch diese zweideutige Berlinerin, das Fräulein Friedrike, oder den verrückten Peter Paul schreiben lassen ... Aber sie wollte es ihr schon sagen! Nein! Um den Hals wollte sie dem lieben, guten Wesen fallen; freuen wollte sie sich, ihre teure Lange endlich zurück zu haben; nicht wieder von sich lassen wollte sie den Flüchtling – nie wieder! Durch Jahre hatte sie sich's überlegt: sie wollte Prisca in aller Form Rechtens adoptieren! Das Idyllenhäuschen sollte eine zweite Herrin erhalten; sämtliche gnädige Geschenke der höchstseligen Frau Herzogin: die chinesischen Teeservice, die Porträts der Herrschaften mit den eigenhändigen Unterschriften und alle herzoglichen Menüs sollten einstmals Prisca Auzingers Eigentum werden – unter einer einzigen Bedingung: fort aus Rom und nie, nie, nie wieder nach Rom zurück! Die gute Gismonda schloß die Äuglein, um sich die schöne Szene vorzustellen, wenn sie Prisca ihre mütterliche Absicht mitteilte. Prisca würde unendlich gerührt sein, aber erst sie, Gismonda! Sie weinte bereits bei dem bloßen Gedanken an die herrliche, gefühlvolle Stunde, die sie bald, heute noch, erleben sollte. Via Ripetta Nr. 137! Der Wagen hielt, das Glöcklein fühlte sich von neuem hilflos. Aber das Bewußtsein der Nähe Priscas verlieh ihr Mut. Sie zog den rettenden Zettel wieder hervor, hielt ihn zu dem Kutscher empor, deutete energisch darauf und wies gebieterisch auf das hohe, häßliche Haus, davor sie hielten. Der braune Römer begriff die schwierige Sachlage sofort. Er sprach etwas für Gismonda vollständig Unverständliches, nickte ihr beruhigend zu, nahm den Zettel, sprang vom Bock, ging ins Haus. Klopfenden Herzens harrte das Glöcklein, jeden Augenblick erwartend, Prisca aus dem Hause laufen und auf den Wagen zustürzen zu sehen. Dabei horchte sie auf das ununterbrochene Klatschen des Regens auf das Straßenpflaster, auf das gellende Geschrei der Ausrufer und fühlte ihre Verachtung gegen Rom und das römische Volk mit jedem Augenblick wachsen. Um ihrem Zorn Luft zu machen und die Erwartung besser zu ertragen, sagte sie beständig halblaut vor sich hin: »Eine eklige Stadt, eine eklige Stadt! Prisca, wie konntest du nur? O Prisca! ... Aber jetzt komm doch endlich! Ich sitze ja doch hier unten im Wagen, in dem ekligen Rom!« Nach einer Weile kam – keine Prisca Auzinger, keine liebe, böse Lange, sondern der Kutscher kam wieder zurück. Er schüttelte gleichmütig seinen schwarzen Kopf, stieg gleichmütig wieder auf, wendete sein Roß und fuhr gleichmütig weiter. Gismonda schrie aus voller Kehle: »Non, non, non!« bis sie begriff, daß Prisca ausgezogen war, der Kutscher ihre neue Adresse wußte und sie praktischerweise dort hinfuhr. Der Regen strömte heftiger und heftiger herab; der Himmel Roms wurde grauer und grauer. Es dämmerte, wurde schnell trostlos trübe und dunkel. Und die Fahrt dauerte endlos! Dabei trotz des Regens ein Getöse und Geschrei, daß Gismonda der Kopf schmerzte. Einmal schaute sie aus dem Wagen und gewahrte nichts als Trümmer und Ruinen. Sie wollte schon fragen, wann es denn in Rom so fürchterlich gebrannt hätte. Dann besann sie sich jedoch, daß sie die Frage mit ihrem einzigen Fremdworte schwer ausdrücken könnte und daß diese abscheulichen Mauerreste wahrscheinlich die römischen Altertümer wären – die weltberühmten Altertümer! Diese Entdeckung empörte sie dermaßen, daß sie sich aus dem Wagen beugte und laut hinausrief: »Pfui!« Gerade fuhr sie am Trajansforum vorüber ... Ein zweites Mal hielt der Wagen vor einem großen Hause, welches bei einbrechender Dunkelheit fast prächtig aussah. Gott sei Dank! Es mußte ihr gut gehen, da sie in solchem schönen Hause wohnte. Der Kutscher sprang ab, nickte ihr zu und half ihr aussteigen. Gismonda, ohne sich um ihre Siebenfachen zu kümmern, wollte sogleich ins Haus eilen, als sie einen Schreckensruf ausstieß und voller Entsetzen stehen blieb. Aus dem Hause traten ihr vier schwarze Gestalten entgegen, den Leib in eine lange Kutte gehüllt, eine Kapuze über das Haupt und wie eine Larve vor das Gesicht gezogen. Sie trugen auf ihren Schultern etwas Langes, Schmales, welches ein schwarzes Tuch bedeckte, darauf aus Streifen hellen Stoffes ein großes Kreuz geheftet war. Mit dem langen, schmalen, schwarzverhängten Gegenstand auf ihren Schultern eilten die Vermummten fort, an Gismonda vorüber, in die leichenfarbene Dämmerung des Regenabends hinaus, so schnell, als müßten sie eine widerwärtige Last davonschleppen. Der Kutscher rührte flüchtig an seinen Hut und murmelte gleichmütig: » Un morto !« Ein Toter ...