Die Kriegsurlauber Humoristischer Roman von Freiherr von Schlicht (Wolf Graf von Baudissin)     Leipzig Verlag von B. Elischer Nachfolger. [1916]     I. Oberleutnant Hans Arnim von Kühnhausen, ein großer, schlanker, hübscher Infanterieoffizier, mit einem klugen, intelligenten Gesicht und hübschen, übermütigen Augen und einem kurzen flotten, dunklen Schnurrbart, war in der Krankenstube des Lazarettes, die er bisher bewohnt hatte, damit beschäftigt, seinen Koffer zu packen, um bis zu seiner völligen Genesung in das Haus der reichen Frau Konsul Behnke zu übersiedeln, die ihm in liebenswürdigster Weise Gastfreundschaft angeboten hatte, weniger um seiner selbst willen, denn er persönlich kannte die Dame noch gar nicht, sondern wohl lediglich, weil es in dem Lazarett an Platz mangelte und weil die halbwegs gesunden Offiziere und Mannschaften, sobald es ging, in Bürgerquartieren untergebracht werden mußten. Auch er wurde in gewissem Sinne einfach umquartiert, nur daß für ihn in dem neuen Quartier keinerlei Quartiergeld bezahlt wurde, sondern daß er lediglich als Gast bei der Frau Konsul wohnen solle. Bis zu einem gewissen Grade war ihm das peinlich und genant, aber es blieb ihm ja schließlich nichts weiter übrig. Am liebsten wäre er nach Hause zu seinen Eltern gereist, aber er befand sich mit seinem Fuß, den nicht weniger als drei feindliche 2 Infanteriegeschosse durchbohrt hatten, immer noch in ärztlicher Behandlung. Die Wunden selbst waren zwar geheilt, aber es war doch noch eine niederträchtige Schwäche im Fuß zurückgeblieben, die ihn zwang, sich bei dem Gehen stark auf den Stock zu stützen. Deshalb hätte er natürlich trotzdem nach Hause reisen können, aber er wußte es im voraus, daß dort dann sehr bald wieder das Gejammere über seine Schulden losgehen würde, und die Mutter würde abermals klagen, wie schrecklich es ihr sei, von neuem die Hilfe der Verwandten für ihn in Anspruch nehmen zu müssen. Gewiß, das hatten sie ihm in ihren Briefen geschrieben, sie wollten ihm gern helfen, denn jetzt waren sie ja alle stolz auf ihn. Aber die Verwandten verlangten vorher, daß er selber de- und wehmütig für sein früheres flottes Leben um Verzeihung bäte und daß er sich schriftlich und ehrenwörtlich verpflichten solle, in Zukunft ein neues, solides Leben zu führen. Dagegen aber lehnte sich sein Stolz auf. Seine Schulden bekennen wollte er gern, aber deswegen um Verzeihung bitten? Eher sollten die Verwandten sich bei ihm entschuldigen, daß sie ihn früher so wenig unterstützten und sich mühselig ein Zwanzigmarkstück vom Herzen abrangen, wenn er sie um einen Hundertmarkschein bat. Und nun gar Besserung geloben und sich schriftlich verpflichten, bis an sein Lebensende ein Tugendbold zu bleiben? Das fiel ihm ja gar nicht ein. Aber seine Schulden los werden mußte er. Für den Fall, daß er auf dem Felde der Ehre bleiben sollte, hatten ihm seine Verwandten die Regulierung seiner Verbindlichkeiten zugesagt, aber nun, da er Gott sei Dank noch lebte, 3 mußte er, wenn er nicht zu Kreuze krocht selber sehen, wie er damit fertig würde. Und er war sich auch längst darüber klar, wie er das machen könne, sogar aus eigener Kraft! Er würde ganz einfach ein schwerreiches, junges Mädchen heiraten, an denen hier nach allem, was er auf Befragen darüber erfuhr, absolut kein Mangel herrschte. Hier in der kleinen, hübsch gelegenen Stadt Mitteldeutschlands, die sich als Luftkurort eines gewissen Rufes erfreute, sollten die reichen Mädchen, wie in Sachsen nach dem alten Liede die hübschen, sogar auf den Bäumen wachsen. Na, und er würde sich von den Reichen schon die Allerreichste zu kapern versuchen. Natürlich mußte sie auch hübsch und liebenswürdig sein, aber vor allen Dingen reich, enorm reich, so reich, daß er seinen Verwandten eines Tages einen Brief schreiben konnte, in dem es hieß: »Ich bin zwar kein Rothschild, aber trotzdem, wenn Ihr mal vorübergehend um fünfzig- oder hunderttausend Mark verlegen seid, dann bitte wendet Euch nur an mich.« Bis doch wieder Zweifel in ihm aufstiegen, ob er dieses Ziel wohl erreichen würde? Aber warum sollte ihm das nicht gelingen? Ein hübscher Mensch war er, das wußte er selbst sehr genau, ohne deswegen eitel zu sein. Die jungen Mädchen in seiner alten Garnison hatten ihn stets sehr gern gehabt, und wenn er ernstlich gewollt hätte, dann hätte er damals schon eine gute Partie machen können. Aber damals wollte er noch nicht und damals hatte er sich auch nicht so recht getraut, ernsthaft um ein reiches, junges Mädchen zu werben, denn da war er doch weiter nichts als ein junger Offizier mit einem großen Sack voll Schulden. Heute aber 4 stand er anders da. Er hatte den Krieg mitgemacht, und an seiner Brust prangten drei Orden. Das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse, die er für einen mit Todesverachtung gegen eine russische Batterie unternommenen Sturmangriff erhielt, und nicht zuletzt die österreichische goldne Tapferkeitsmedaille, die er sich erwarb, als sein Regiment mit den Österreichern zusammen Schulter an Schulter in den Karpathen kämpfte. Na, und konnte er als ein Offizier, der da bewiesen hatte, daß er sein Leben für die zu Hause mehr als einmal auf das Spiel setzte, nicht ruhig um jedes reiche junge Mädchen freien? Und für das Geld, das sie ihm in die Ehe brachte, bekam sie mit seiner Person doch schließlich auch etwas wieder. Vielleicht nicht allzu viel, aber immerhin doch etwas. Na, ein Glück, daß er heute endlich aus dem Lazarett herauskam und daß gerade die reiche Frau Konsul ihn bei sich aufnahm. Sicher hatte die eine Tochter, die hoffentlich nicht nur den Vorzug besaß, das Kind ihrer Mutter zu sein, sondern die auch noch andere Vorzüge aufzuweisen hatte. Und er würde in dem Hause der Frau Konsul, oder sonst irgendwie, auch noch andere Bekanntschaften machen. Die Kriegsurlauber, die schon wieder soweit hergestellt waren, daß sie in einigen Häusern gesellschaftlich verkehrten, trotzdem jetzt zu Beginn des Sommers die Gesellschaftssaison natürlich längst vorbei war, hatten sich über einen Mangel an Einladungen bisher nicht zu beklagen gehabt. Überall hielten sich die lieben Menschen hier gleichsam für verpflichtet, den Kriegsurlaubern das Leben so angenehm wie nur irgend möglich zu gestalten. Da würde auch er schon 5 Bekanntschaften schließen. Die Hauptsache blieb für ihn natürlich, daß er sich nicht verlepperte, daß er sein Ziel stets im Auge behielt und daß er sich nicht in zwei schöne Augen vergaffte, nur weil die schön waren. Seinen Gedanken nachhängend war es mit dem Einpacken nicht allzu schnell gegangen, so blickte er denn erstaunt und erschrocken zugleich auf, als es an die Tür klopfte und als gleich darauf ein alter Diener in einfacher, aber geschmackvoller Livree bei ihm eintrat, um ihm zu melden, daß der Wagen der Frau Konsul vorgefahren sei. Richtig, richtig, nun fiel es ihm wieder ein, die Frau Konsul hatte ihm sagen lassen, sie würde ihm um elf Uhr ihren Wagen schicken. Aber war es denn schon so spät? »Wenn ich dem Herrn Oberleutnant vielleicht etwas helfen könnte?« erkundigte sich der Diener, und mit dessen Hilfe war das Packen der letzten Sachen dann sehr bald erledigt, so daß Leutnant von Kühnhausen, der sich bereits vorher von Allen im Lazarett verabschiedet hatte, dem Diener ins Freie folgen konnte. Wie schön das Sommerwetter war, merkte er eigentlich erst, als er nun auf die Schwelle des Lazarettes trat. Der Himmel erstrahlte im hellsten Blau, die Sonne schien schön und warm, und in vollen Zügen atmete er die frische Luft ein, während er zugleich voller Anerkennung das Gespann der Frau Konsul musterte. Eine Frage lag ihm auf den Lippen, warum diese beiden schlanken und doch kräftigen und muskulösen Jucker nicht für den Krieg ausgehoben seien, aber was ging das ihn an. Vielleicht, daß die Pferde trotz ihres blendenden Aussehens doch irgend einen organischen 6 Fehler hatten, der sie für den Kriegsdienst untauglich machte. Auf jeden Fall konnte das Gespann sich sehen lassen, ebenso der alte Kutscher, der in untadelhafter Haltung auf dem Bock saß, die Zügel mit der Peitsche in der Linken, die rechte Hand grüßend an dem Hut. Und er war nicht der Einzige, der den Wagen und die Pferde bewunderte. Als er sich zufällig noch einmal umblickte, ob vielleicht doch noch jemand zu sehen wäre, dem er vergessen hätte, Lebewohl zu sagen, bemerkte er an den Fensterscheiben viele Gesichter der kranken Mannschaften, die ihm beinahe voller Neid nachsahen, als wollten sie ihm zurufen: »Ja, du hast es gut, du fährst davon, vielleicht einem neuen glücklichen Leben entgegen, wir aber bleiben hier zurück und wer kann es wissen, wie lange noch.« War das von dem »neuen glücklichen Leben« wirklich in den Blicken der anderen zu lesen, oder bildete er sich das nur ein, weil sich ihm plötzlich dieser Gedanke im Zusammenhang mit dem, was ihn noch vor kurzem beschäftigte, aufdrängte? Auf jeden Fall war es ihm beinahe peinlich, sich so anstarren zu lassen, und er schämte sich fast, in dem Wagen Platz zu nehmen, als nun sein Koffer auf den Bock gestellt war. Gleich darauf zogen die Pferde an, und lautlos glitt die leichte, offene Chaise auf Gummirädern dahin. Das Militärlazarett lag etwas außerhalb der Stadt, inmitten eines schönen Waldes, zwischen alten Buchen und Eichen, so daß der Weg zuerst durch den Wald selbst führte, bis man dann die Stadt erreichte, durch deren Straßen der Wagen noch leichter dahin rollte und fast noch schneller als bisher, denn die Jucker schienen es zu wissen, daß es dem Stall entgegen 7 ging. Bis dann plötzlich in der Hauptstraße der Kutscher mit einem scharfen Ruck die Zügel anzog, daß er die Pferde fast a tempo zum Stehen brachte, während gleichzeitig vorn auf der Straße lautes Sprechen und Schelten ertönte und zwischendurch das »Hüh hüh! Hott hott!«, mit dem man einen wohl ermatteten Gaul neu anzutreiben versuchte. Was gibt es denn da für einen Aufenthalt? wollte Hans Arnim dem alten Diener zurufen, aber er unterließ es doch. Er war ja gewissermaßen nur ein Gast in diesem Wagen, und außerdem schien es sich nur um eine ganz kurze Verkehrsstockung zu handeln, sonst hätte sich der Diener wohl von selbst nach ihm umgewandt, um ihn darüber aufzuklären, was vorläge. Aber der Wagen hielt doch länger, als er gedacht hatte. In die rechte Ecke zurückgelehnt saß Hans Arnim und wartete darauf, daß es weiter gehen solle, bis er jetzt, als er den Kopf einmal ganz zufällig zur Seite wandte, unmittelbar neben dem Wagen ein Auto halten sah, das wohl lautlos herangeglitten sein mußte, denn er hatte es jedenfalls nicht kommen hören. Donnerwetter, das Auto und dreimal Donnerwetter das Mädel, das in dem wundervollen Auto saß! Einen Augenblick starrte er die junge Dame fassungslos an, dann aber – ja wahrhaftig, hätte er sich nicht selbst wieder mit Gewalt auf den Sitz zurückgedrängt, dann wäre er vor Erstaunen über so viel Schönheit und Anmut, ohne an seinen schlimmen Fuß zu denken, in die Höhe geschnellt. So aber besann er sich doch noch zur rechten Zeit auf sich selbst und begnügte sich damit, sich mit einem sogenannten 8 hörbaren militärischen Ruck im Sitzen stolz und stramm aufzurichten. Dann jedoch sah er sich die junge Dame, von der er sowieso den Blick noch nicht wieder abgewandt hatte, noch genauer an. Herrgott noch mal, war das ein Mädel! Anscheinend mittelgroß, schlank und geschmeidig gewachsen, hatte sie ein entzückendes, bildhübsches Gesicht mit zwei großen kugelrunden, tiefschwarzen Augen, die von dichten Wimpern beschattet waren, und unter dem großen runden Strohhut quoll eine Fülle des herrlichsten hellblonden Haares hervor. Schwarze Augen und hellblonde Haare! Donnerwetter, das wirkte. Und dazu der pfirsichrote Teint, die im Profil äußerst fein und zart geschnittene Nase, der kleine, verführerisch hübsche Mund, der nur dazu geschaffen schien, um zu küssen, vor allen Dingen aber, um geküßt zu werden. Herrgott von Strammbach noch einmal! Er fühlte ganz deutlich, wie ihm sonderbar zumute wurde. Das war doch noch mal ein Mädel. Wenn die wollte, in die verliebte er sich sofort, ohne erst danach zu fragen, ob sie auch reich wäre. Und das schien sie zum Überfluß auch noch zu sein, denn wer in einem solchen Auto fuhr, der mußte in der Wahl seines Vaters sehr vorsichtig gewesen sein. Er vermochte den Blick nicht von ihr abzuwenden, selbst auf die Gefahr hin, dadurch etwas aufdringlich zu erscheinen, und jetzt bemerkte er ganz deutlich, während er fühlte, wie sein Herz laut und unruhig zu schlagen begann, wie sie nun auch ihn ansah. Zuerst sicher nur gleichgültig und ohne jedes Interesse, bis er dann doch zu bemerken glaubte, – oder bildete er es sich nur ein, daß auch sie ihn mit einer gewissen Neugierde betrachtete? 9 Da wandte er erst recht den Blick nicht von ihr ab und mit einemmal sah er sie ganz anders an, als bisher. Die Nähe der bildhübschen jungen Dame berauschte ihn. Dazu der klarblaue Himmel, das schöne Sommerwetter, die Freude, den engen Wänden des Krankenhauses entronnen zu sein, das Bewußtsein, wenn auch nur langsam seiner völligen Genesung entgegenzugehen, das alles stimmte ihn plötzlich nicht nur froh und glücklich, sondern sogar übermütig, und aus diesem Übermut heraus sah er sie mit einem lächelnden, schelmischen, aber zugleich auch mit einem verliebten Augenaufschlag an. Er warf ihr seinen Blick zu, wie er den nannte, und von dem er bisher in der alten Garnison stets behauptete, den könne ihm keiner der Kameraden nachmachen. Und die jungen Damen hatten ihm darin beigestimmt und ihn mehr als einmal im Scherz gebeten: »Herr von Kühnhausen, machen Sie doch einmal wieder Ihren verliebten Augenaufschlag!« Jetzt tat er es unaufgefordert, und die Wirkung blieb auch diesmal nicht aus. Allerdings entsprach die, wenigstens zuerst, nicht ganz seinen Erwartungen, denn die junge Dame machte ein Gesicht, als sei sie mehr als empört und sie sah ihn nun ihrerseits an, als wolle sie ihm zurufen: »Wie können Sie es wagen, mir derartig in die Augen zu sehen, das ist beinahe, nein, das ist sogar wirklich mehr als ungezogen.« Aber dann bemerkte er doch, wie es auch in ihren Augen aufblitzte. War das nur Zorn, oder ein, wenn auch nur zurückgehaltenes Lachen? Und auch um ihren Mund zuckte es, als müsse sie sich bemühen, ganz ernsthaft zu bleiben. Aber gleich darauf nahm ihr süßes, kleines Gesicht wieder 10 einen strengen, strafenden Ausdruck an, bis sie plötzlich ihren Sonnenschirm aufspannte und den ostentativ gegen ihn hinhielt, so daß sie für ihn unsichtbar wurde. Aber wie es kam, wußte er selber nicht, er hätte darauf schwören mögen, daß sie hinter dem Schirm lachte und daß sie den mehr aufspannte, um ihn zu ärgern, als um sich weiter vor seinen Blicken zu schützen. Ob sie wohl noch einmal wieder sichtbar werden wird? dachte er im stillen. Aber sein Hoffen sollte nicht in Erfüllung gehen, denn gleich darauf zogen die Pferde, da der Weg wieder frei geworden war, von neuem an, und an ihm vorbei rollte lautlos das Auto, dessen Nummer sich Hans Arnim einprägte, um baldmöglichst in Erfahrung zu bringen, wem es gehöre und welcher sicher sehr reiche Vater diese auffallend hübsche Tochter besäße. Sicher, es war ja ein Wahnsinn, zu glauben, daß es ihm gelingen könne, diesen hübschen Goldfisch einzufangen, aber trotzdem, versuchen wollte er es, wenn es nicht zu spät war, wenn der sich nicht schon verlobt oder noch nicht in einen anderen verliebt hatte. Aber dem Mutigen gehört die Welt und er war es schon seinem Namen schuldig, auch hier, wie bisher draußen vor dem Feinde, es an Kühnheit nicht fehlen zu lassen. Ganz in Gedanken versunken achtete er gar nicht weiter auf den Weg, den der Wagen zurücklegte, um erst wieder aufzusehen, als die Pferde plötzlich scharf nach rechts abbogen und als der Wagen die Straße verlassen hatte und durch ein weit geöffnetes Tor in einen Garten einbog, der in seiner Ausdehnung und mit seinen alten Bäumen eher einem Park glich. Man schien an Ort und Stelle zu sein, wenigstens 11 tauchte nun eine große, schneeweiße, im Stil eines englischen Landhauses gebaute Villa auf, die nur aus einem, allerdings sehr geräumigen Erdgeschoß bestand, während sich unter dem ziemlich hochgehaltenen Dache nur wenige Fenster zeigten. Von dem Garten führte eine niedrige Treppe mit breiten Stufen in das Haus, aber zu seinem Erstaunen fuhr der Wagen nicht dort vor, sondern bei der Rückfront des Hauses, von der eine gleiche Treppe wie vorn in das Freie führte. Der Wagen hielt, und der alte Diener kletterte etwas steif und mühselig vom Bock, um ihm bei dem Aussteigen behilflich zu sein. Gleich darauf ging Hans Arnim, auf seinen Stock gestützt, die Treppe hinauf, um sich, sobald er die erstiegen, und die Tür geöffnet hatte, in seinem Wohnzimmer zu befinden, denn der alte Diener klärte ihn darüber auf, die gnädige Frau hoffe, er möge sich in diesen Räumen wohl fühlen. Die gnädige Frau habe ihm gerade dieses Zimmer mit dem daneben gelegenen Schlafgemach anweisen lassen, damit der Herr Oberleutnant hier ganz ungeniert sei. Hans Arnim verstand. Er hatte hier sein kleines Reich für sich, er konnte kommen und gehen, wie es ihm beliebte, ohne jedesmal mit den anderen Hausbewohnern zusammenzutreffen. Er hatte sogar seinen besonderen Eingang, angenehm für ihn, angenehm auch für die Frau Konsul. Da trugen die Ordonnanzen, oder wer sonst zu ihm kam, keinen Schmutz in das Haus, da brauchten die nicht erst vorn an der Haustür zu klingeln, um dadurch die Dienstboten von der Arbeit abzurufen. Und wie bequem er es hatte, wenn er von seinem Zimmer in den schönen Park gehen wollte, 12 und wie hübsch die Aussicht aus seinem Zimmer war. Nein wirklich, besser hätte er es gar nicht treffen können. Wie groß sein Wohnzimmer war und wie bequem und behaglich zugleich eingerichtet. Ein großer Teppich bedeckte den ganzen Fußboden, an den Wänden hingen alte Ölbilder, um den Tisch herum standen bequeme Klubsessel, eine breite Chaiselongue stand bereit, wenn er sich einmal ausruhen wollte. An den Fenstern waren echt orientalische Kelims angebracht, und die halbgeschlossene Jalousie hielt das grelle Sonnenlicht ab. Aber auch sonst hatte man dafür gesorgt, daß er sich hier wohlfühlen solle. Jetzt sah er es erst, auf einem der kleinen Tische standen sogar ein paar Kisten Zigarren, importierte und gute Hamburger, und auf einem anderen Tische stand ein Strauß herrlicher dunkler Rosen. Hans Arnim war über soviel Aufmerksamkeit ganz gerührt und so fragte er den Diener: »Hat die Frau Konsul das alles selbst mit soviel Liebe für mich, der ich ihr doch fremd bin, hergerichtet?« »Hauptsächlich hat das gnädige Fräulein das besorgt, Herr Oberleutnant,« lautete die Antwort. Also war doch eine Tochter im Hause! Seine Wünsche und seine Hoffnungen schienen in Erfüllung gehen zu wollen, aber trotzdem, jetzt ließ ihn die Nachricht ziemlich kalt, denn seitdem er vorhin die junge Dame in dem Auto gesehen hatte, was ging ihn da die Tochter des Hauses an, mochte die noch so reich oder noch so hübsch sein. Allerdings, ganz vernachlässigen durfte er die auch nicht, das erforderte schon die Dankbarkeit gegen ihre Mutter, die ihn so gastfrei aufnahm, und auch er mußte ihr von Herzen danken, daß sie 13 sein Zimmer so wohnlich für ihn einrichtete. Und wenn die Autodame, wie er die im stillen nannte, für ihn wirklich unerreichbar sein sollte, oder wenn die bereits vergeben war, der Gedanke, sich hier in diesem reichen Hause als Schwiegersohn zu etablieren, war schließlich auch noch nicht der dümmste. Natürlich immer vorausgesetzt, daß er sich in die Tochter auch verliebte, denn ein Mädel nur des Geldes wegen zu nehmen, das brachte er denn doch nicht fertig. Er humpelte in dem Zimmer auf und ab und warf einen Blick in das große, helle, geräumige Schlafzimmer, an das sich ein Baderaum anschloß, während der Diener wieder hinausgegangen war, um das Gepäck zu holen. Der schickte sich dann auch an, die Sachen auszupacken, aber Hans Arnim wehrte dankend ab: »Nein bitte, lassen Sie nur, das besorge ich schon allein, ich möchte Sie nicht länger von Ihren sonstigen Pflichten abhalten, sicherlich braucht die gnädige Frau Sie auch. Nur noch eine Frage: Läßt sich die Frau Konsul bei ihrem Titel oder »gnädige Frau« nennen?« »Immer nur ›gnädige Frau‹,« lautete die Antwort. »Schön, daß ich das weiß, und dann noch eins, nur damit ich darüber orientiert bin. Sie sprachen vorhin von dem gnädigen Fräulein. Hat die gnädige Frau nur diese eine Tochter, oder sind sonst noch Kinder im Hause?« »Kinder sind überhaupt nicht da, Herr Oberleutnant,« klärte der Diener ihn auf, »das gnädige Fräulein, das ich erwähnte, ist die Gesellschafterin, ein Fräulein von Greusen. Und ehe ich es vergesse, das gnädige Fräulein läßt den Herrn Leutnant bitten, sie nur bei ihrem Namen, niemals aber »gnädiges Fräulein« zu nennen, denn sie behauptet 14 immer, diese Anrede stehe ihr nicht mehr zu. Aber wenn wir von ihr sprechen, wir nennen sie doch nur stets »gnädiges Fräulein,« namentlich tue ich das. Denn als ich noch jung war, war ich einmal Bursche bei einem Major und weiß ich doch, wie man eine Majorstochter anzureden hat. Und schließlich kann Fräulein von Greusen doch auch nichts dafür, daß sie durch diesen Krieg nicht nur ihren Vater. sondern auch den letzten Rest ihres Vermögens verloren hat und daß sie nun gezwungen ist, als Gesellschafterin sich bei fremden Leuten ihr Brot zu verdienen.« »Ach Herrjeses,« entfuhr es Hans Arnim voll ehrlichster Anteilnahme, bis er dann hinzusetzte: »Dieses Fräulein von Greusen entstammt also einer Offiziersfamilie?« »Ja, ja, Herr Oberleutnant,« stimmte der Diener ihm bei, »es ist, wie ich sagte. Ich glaube, das gnädige Fräulein hat viel Schweres in ihrem Leben durchmachen müssen, aber allzu sehr brauchen der Herr Oberleutnant das gnädige Fräulein doch nicht zu bedauern, denn die gnädige Frau ist sehr gut und lieb mit ihr, es sind überhaupt alle nett mit ihr und tun für sie, was sie können. Na, nun lacht das gnädige Fräulein auch schon manchmal wieder, aber zuerst, als sie vor länger als einem halben Jahre zu uns kam, war sie immer so ernst und traurig, daß einem das Herz weh tun konnte. Noch dazu, wo das gnädige Fräulein so auffallend hübsch ist. Wirklich, Herr Oberleutnant, sie ist so hübsch, daß man gar nicht begreift, daß die früher keinen Mann bekommen hat,« bis er sich dann selbst mit den Worten unterbrach: »Der Herr Oberleutnant müssen mich nicht für einen alten Schwätzer halten, daß ich soviel rede, aber wenn 15 das Gespräch auf das gnädige Fräulein kommt, geht mir jedesmal das Herz durch. Nun aber entschuldigen mich der Herr Oberleutnant wohl. Wenn ich denn doch nicht helfen soll, und im übrigen brauchen der Herr Oberleutnant nur zu klingeln, dann kommt das Stubenmädchen, die Nanny. Ich werde mir erlauben, den Herrn Oberleutnant abzuholen, wenn es Zeit wird, zu Tisch zu gehen. Präzise ein Uhr wird gegessen. Die gnädige Frau lassen den Herrn Oberleutnant bitten, sich bis dahin in keiner Weise stören zu lassen.« Gleich darauf war Haus Arnim allein und er machte sich daran, seine Sachen auszupacken und diese in die Kommoden und in die Schränke zu legen. Das ging aber doch nur langsam, fast noch langsamer, als vorhin in dem Lazarett das Einpacken. Nicht nur, weil das Gehen von dem Schrank zu dem Koffer und wieder zurück ihm Schwierigkeiten bereitete, sondern weil er jetzt noch mehr als am frühen Morgen seinen Gedanken nachhing. Aber sonderbarerweise beschäftigten die sich jetzt eigentlich weder mit seiner eigenen Person, noch mit der Autodame, sondern lediglich mit der Gesellschafterin hier im Hause. Er würde ja nun sehr bald selber sehen, ob die wirklich so hübsch war, wie der Diener ihm vorschwärmte. Na und wenn schon, was ging es ihn an? Ihm wollte es nur nicht recht in den Sinn, daß er eine Offizierstochter jetzt plötzlich nicht mehr »gnädiges Fräulein«, sondern »Fräulein von Greusen« nennen solle. Das widersprach seinem Empfinden und er dachte im stillen: »Wenn dieser Krieg dem gnädigen Fräulein schon so manches nahm, den Vater, das Elternhaus und das 16 Vermögen, dann hätte man ihr wenigstens die gesellschaftliche Anrede lassen sollen, die ihr früher zukam und an die sie doch als selbstverständlich gewöhnt war.« Ja ja, dieser Krieg, der brachte viel mit sich, der wertete viele Werte um, und mancher, der noch vor einem Jahr in guter Position dasaß, war heute gezwungen, sich sein Brot zu verdienen. Gewiß, das war für keinen Menschen, auch nicht für Fräulein von Greusen, eine Schande, aber trotzdem, ihm persönlich wäre es lieber gewesen, wenn die Gesellschafterin dieses Hauses anderen Kreisen als gerade einer Offiziersfamilie angehört hätte. Der helle Schlag einer kleinen alten Standuhr ließ ihn aufblicken. Doch schon halb eins, da wurde es Zeit, sich zu beeilen, damit er nachher nicht wieder den Diener warten lassen müßte, wenn der kam, um ihn zum Mittagessen abzuholen. Und der erschien mit dem Glockenschlage ein Uhr: »Die gnädige Frau lassen bitten.« Da es der erste offizielle Besuch war, hatte Hans Arnim den Überrock mit dem Waffenrock vertauscht, den Helm zur Hand genommen und sich das Schlachtschwert um die Lenden gegürtet. So hinkte er, sich auf den Stock stützend, hinter dem alten Diener her, der ihn durch eine ganze Flucht von Zimmern führte, bis er in einem mit behaglichem Luxus ausgestatteten Empfangssalon der Frau Konsul gegenüberstand, einer mittelgroßen, ein klein wenig zu starken Dame, mit einem unendlich guten und liebenswürdigen Gesicht, aus dem zwei hellgraue Augen mit einer fast jugendlichen Lebhaftigkeit in die Welt blickten. Sie war eine Erscheinung, 17 der man, wie man so sagt, auf den ersten Blick gut sein mußte. Und Hans Arnim dachte, während er die Hand, die sich ihm zum Willkommen entgegenstreckte, an die Lippen führte: daß es Fräulein von Greusen bei dieser alten Dame gut hat, glaube ich ohne weiteres, die sieht nicht danach aus, als ob sie ihre Angestellten schlecht behandelt und als ob sie die ihre Abhängigkeit fühlen ließe. Dann aber dankte er mit herzlichen warmen Worten für die außerordentlich gastfreie Aufnahme, die er hier gefunden habe, um hinzuzusetzen, er wisse wirklich nicht, wie die gnädige Frau dazu gekommen sei, ihm ihr Haus zu öffnen. Aber die Frau Konsul lehnte mit ihrer weichen angenehmen Stimme jeden Dank ab: »Es ist wirklich das Wenigste, was wir Zivilfamilien für die noch der Schonung bedürftigen Herren Offiziere tun können, daß wir die bei uns aufnehmen und nach besten Kräften für sie sorgen. Wieviel haben sie alle, die sie krank oder verwundet aus diesem Kriege zurückkommen, nicht da draußen vor dem Feinde für uns getan? Ich habe gar manche Nacht nicht schlafen können, wenn ich am Abend in den Zeitungen davon las, welche ungeheuren Strapazen unsere braven Truppen namentlich in diesem Frühjahr in den Karpathen durchgemacht haben. Und da dachte ich mir immer, wenn du doch nur einem dieser Braven dafür anders danken könntest, als dadurch, daß du für ihn betest. Und als ich zufällig erfuhr, daß auch Sie an diesen Kämpfen teilnahmen und daß für Sie ein Privatlogis gesucht würde, da stand mein Entschluß, Sie zu mir einzuladen, sofort fest. Jetzt habe ich nur den einen Wunsch, daß Sie sich bei mir wohlfühlen möchten.« 18 »Das Gegenteil brauchen Sie, gnädige Frau, ganz gewiß nicht zu befürchten,« gab er mit seiner hübschen, sonoren Stimme zur Antwort. »So fürstlich wie in den beiden mir freundlichst zur Verfügung gestellten Zimmern habe ich selbst vor dem Kriege niemals gewohnt, und da Sie, gnädige Frau, außerdem noch von einer solchen großen Güte sind, können Sie überzeugt sein, daß ich stets voller Dankbarkeit an die Zeit zurückdenken werde, die ich bei Ihnen verleben durfte.« »Und damit Sie das wirklich tun, Herr von Kühnhausen, bitte ich Sie, sich in keiner Weise einen Zwang auferlegen zu wollen. Sie sollen nicht die geringste Rücksicht auf mich nehmen. Leben Sie ganz, wie es Ihnen gefällt. Wenn Sie die Mahlzeiten mit uns zusammen einnehmen, mittags um ein Uhr, abends um sieben Uhr, dann werde ich mich dessen stets freuen. Wünschen Sie aber, zuweilen in Ihrem Zimmer zu speisen, oder in der Stadt mit den Kameraden zusammen, bitte ich Sie nur, das vorher dem alten König, dem Diener, zu sagen. Heute am ersten Tage wünschte ich Sie natürlich als Gast bei mir zu Tisch zu sehen. Hoffentlich haben Sie keine andere Verabredung? Nun, das freut mich,« setzte sie hinzu, als er ein »keineswegs, gnädige Frau« dazwischen warf, »und ich denke, wir können jeden Augenblick zu Tisch gehen. Aber wollen Sie nicht ablegen, es hätte wirklich nicht nötig getan, daß Sie meinetwegen in voller Uniform erscheinen, wie man das wohl nennt.« Er schnallte den Säbel ab und sah sich gerade nach einem Platz um, wohin er den mit dem Helm legen könne, als der Diener die Tür öffnete, um zu melden, daß serviert sei. 19 »Sehr schön, König, wir kommen,« meinte die Frau Konsul, und er trug rasch den Helm und den Säbel nach draußen auf den Korridor, um schnell wieder zur Stelle zu sein, als Hans Arnim, der der Frau Konsul seinen Arm geboten hatte, mit dieser das große, helle Eßzimmer betrat. Und dort in dem Eßzimmer, sie beide erwartend, stand eine große, schlanke, junge Dame von höchstens zweiundzwanzig Jahren, mit vollem, dichtem, kastanienbraunem Haar und ein Paar großen, stahlblauen Augen. Und so schön war sie, daß Hans Arnim sie einen Augenblick ganz entgeistert anstarrte, bis er sich sagte: »Gott sei Dank, daß du schon unrettbar in die Autodame verliebt bist, denn sonst würde die hier es dir antun, und anstatt dich durch eine reiche Partie zu rangieren, wärest du imstande, später der einen Heiratsantrag zu machen und dir zu deinen vielen alten Sorgen eine neue große auf den Hals zu laden.« Aber es mußte ihm doch wohl gelungen sein, das, was ihn beschäftigte, nicht zu verraten, wenigstens verriet die junge Dame in keiner Weise, daß sie an seinem Blick irgend etwas Besonderes bemerkt habe, und die Frau Konsul hatte auf den wohl wirklich nicht geachtet, denn ganz unbefangen vermittelte sie jetzt die Bekanntschaft: »Mein liebes Fräulein von Greusen, erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Gast, Herrn Oberleutnant von Kühnhausen, vorstelle,« und erklärend setzte sie hinzu: »Fräulein von Greusen ist allerdings erst seit reichlich einem halben Jahr bei mir im Hause, aber sie ist mir bereits eine außerordentliche liebe Hausgenossin geworden.« Hans Arnim empfand es auf das Angenehmste und 20 dankbarst, daß die Frau Konsul wohl absichtlich das Wort »Gesellschafterin« vermied. Dann machte er Fräulein von Greusen eine zeremonielle Verbeugung, die diese durch ein leises, aber freundliches Neigen des Hauptes erwiderte, bis er dann an dem runden Eßtisch Platz nahm, zur Rechten der Hausfrau, Fräulein von Greusen gegenüber. Der alte König servierte leise und geräuschlos, und das Gespräch drehte sich zunächst wieder darum, daß die Frau Konsul abermals wünschte, daß er sich bei ihr wohlfühlen möge, bis sie dann hinzusetzte: »Wenn Sie noch irgendeinen Wunsch haben sollten, Herr von Kühnhausen, wenden Sie sich bitte an Fräulein von Greusen. Ich habe es ihr überlassen, Ihnen die Zimmer einzurichten, da Fräulein von Greusen besser weiß, welche Bequemlichkeit ein Offizier liebt, da Fräulein von Greusen einer Offiziersfamilie entstammt und da ich ihre Anwesenheit bei mir dem traurigen Umstande verdanke, daß Fräulein von Greusen das Unglück hatte, den Vater in diesem entsetzlichen Kriege zu verlieren.« Er tat, als höre er das zum erstenmal, er hielt es nicht für passend, zu erzählen, daß der alte König bereits mit ihm über sie sprach. So fand er denn für Fräulein von Greusen jetzt ein herzliches Wort der Teilnahme, bis er, sich an die Frau Konsul wendend, meinte: »Ich glaube nicht, gnädige Frau, daß ich noch in die Lage kommen werde, auch nur den leisesten Wunsch zu äußern, denn Fräulein von Greusen hat an alles, aber auch an alles gedacht.« »Und doch habe ich absichtlich etwas vergessen,« widersprach diese mit einer ruhigen, äußerst angenehmen Stimme. »Das wäre?« fragte er ganz erstaunt. »Denn ich kann 21 mich wirklich nicht besinnen, auch nur das Geringste vermißt zu haben. Was könnte das wohl sein?« »Ein paar gute Bücher,« lautete die Antwort. »Ich habe natürlich auch daran gedacht und lange vor dem Bücherschrank gestanden, aber ich wußte nicht, was ich für Sie auswählen sollte. Ich kenne Ihren Geschmack in der Richtung ja absolut nicht. Vielleicht treffen Sie nachher selbst Ihre Auswahl, ich werde Ihnen gern dabei behilflich sein.« »Wenn Sie das wollten, Fräulein von Greusen, wäre ich Ihnen aufrichtig dankbar,« stimmte er ihr lebhaft bei, »wir alle, die wir aus dem Felde zurückkommen, haben einen wahren Heißhunger nach guten Büchern mit nach Hause gebracht und doch hat es uns auch da draußen in den Schützengräben nicht an Büchern gefehlt, die wir als Liebesgaben erhielten. Aber es waren doch eigentlich immer dieselben Bücher, die uns geschickt wurden, und so haben wir uns manchmal fürchterlich in den Schützengräben gelangweilt. Und dann begann er auf Wunsch der Frau Konsul von dem Leben im Kriege zu erzählen. Aber um Fräulein von Greusen nicht etwa durch die Schilderung der Schrecknisse an den Tod ihres Vaters zu erinnern und um durch die Erwähnung der zahllosen traurigen Bilder, die er gesehen, keine trübe Stimmung aufkommen zu lassen, schilderte er in humoristischer Art nur kleine lustige Episoden, die sich in den Schützengräben oder im Quartier abspielten. Manches absichtlich stark übertreibend, aber mit dem gewünschten Erfolg, denn selbst Fräulein von Greusen, deren hübsches Gesicht einen ernsten Ausdruck trug, lachte ein paarmal fröhlich auf. Auch die Frau Konsul amüsierte sich sichtlich 22 über seine Art zu erzählen. So herrschte an der kleinen Tafel bald eine heitere, frohe Stimmung und für Hans Arnim wurde die noch durch die schönen Speisen und durch die edlen Weine erhöht, die die Wirtin servieren ließ. Ja, ihm zu Ehren gab es heute sogar eine Flasche französischen Sekts, obgleich man den in dieser Zeit ja eigentlich gar nicht trinken dürfe, wie die Frau Konsul äußerte, als der alte König den perlenden Wein in die Gläser einschenkte. Hans Arnim lachte fröhlich auf: »Darüber haben wir, als wir noch in Frankreich kämpften, bevor wir nach dem Osten geschickt wurden, wesentlich anders gedacht, gnädige Frau. Wir haben den französischen Sekt in Strömen getrunken, bis dann eines Tages etwas eintrat, das man bei einem preußischen Leutnant, wie er früher immer geschildert wurde und wie er ja auch in Wirklichkeit war, wohl niemals für möglich gehalten hätte. Wir konnten keinen Sekt mehr sehen, geschweige denn den noch trinken. Aber jetzt habe ich mich in der Hinsicht schon längst wieder zu meinem Nachteil verändert.« »Dann also nochmals herzlich willkommen,« rief die Frau Konsul, und gleich darauf stießen alle drei mit den Gläsern an. Und bei der Gelegenheit geschah es zum erstenmal, daß Fräulein von Greusen ihn ganz offen und frei ansah. Nicht, als ob sie es vorher vermieden hätte, ihren Blick zuweilen auch auf ihn zu richten, aber sie hatte sich doch dabei stets eine gewisse Zurückhaltung auferlegt, hauptsächlich wohl seinetwegen, damit er in seiner übermütigen Stimmung, in die er nach und nach geraten war, auch nicht einen 23 Augenblick vergessen möge, in ihr etwas anderes als nur die Gesellschafterin der Frau Konsul zu sehen. Nun aber sah sie ihn offen und frei an und da bemerkte er eigentlich erst ganz deutlich, was sie für wunderbar schöne stahlblaue Augen hatte. Die waren tatsächlich so schön, daß er es bis zu einem gewissen Grade beinahe bedauerte, sich bereits in zwei andere Augen verliebt zu haben. Bis er sich doch aber wieder im stillen zurief: »Hans Arnim, sei vernünftig, mache keine Dummheiten, denk' an deine Verwandten, setze dich dem nicht aus, die wieder anpumpen und später vielleicht sogar von ihrer Gnade leben zu müssen.« Das brachte ihn wieder zu sich selbst und in seiner fröhlichen Art plauderte er weiter darauf los, bis man sich nach einer guten Stunde erhob, um in dem Wintergarten den Kaffee zu trinken. »Auf die Zigarre werden Sie in meiner Gesellschaft leider verzichten müssen, Herr von Kühnhausen,« erklärte die Frau Konsul liebenswürdig, »es tut mir ja selbst am meisten leid, Ihnen die Freude rauben zu müssen, aber ich kann nun einmal keinen Zigarrendampf vertragen. Deshalb gehe ich so ungern zu meinem Schwager, obgleich ich den sonst sehr liebe. Umso lieber gehen die Herren dorthin, sein Zigarrenlager ist fast noch beliebter als sein Weinkeller.« Und nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Haben Sie meinen Schwager, den Kommerzienrat Bachhof, schon zufällig kennen gelernt?« Und als er das bedauerte, setzte sie hinzu: »Dann müssen Sie ihm nächstens Ihren Besuch machen. Er wird sich sehr darüber freuen, er hält auch jetzt noch sein gastliches Haus offen, in erster Linie für die 24 Kriegsurlauber. Er war früher selbst mit Leib und Seele Reserveoffizier und wäre am liebsten auch jetzt noch mit ins Feld gezogen, aber seine Geschäfte hielten ihn zurück. Auch ist er nicht mehr ganz jung, bald ebenso alt wie ich, Mitte der Fünfzig. Na, umso stolzer ist er auf seinen Sohn, den Viktor, der sich als flotter Husarenleutnant schon das Eiserne Kreuz I. und II. Klasse holte.« »Da gratuliere ich herzlichst,« meinte Hans Arnim, bis er sich an Fräulein von Greusen, die den Kaffee einschenkte, wandte, um sie zu bitten,: »Sie sind wirklich sehr liebenswürdig, Fräulein von Greusen, aber ich bitte keinen Zucker und auch keine Sahne, ich trinke den Kaffee am liebsten schwarz.« Man plauderte noch eine kleine Weile, aber doch schon mit dem stillen Gedanken, dem Zusammensein bei der nächsten Gelegenheit für jetzt ein Ende zu machen, als der Diener mit der Meldung erschien, es sei aus der Villa des Herrn Kommerzienrat antelephoniert worden. Das gnädige Fräulein lasse um Erlaubnis bitten, um halb vier Uhr zum Kaffee mit möglichst viel Schlagsahne und Kuchen kommen zu dürfen, und wenn die gnädige Frau es erlaube, möchte das gnädige Fräulein im Anschluß daran gegen fünf Uhr mit Fräulein von Greusen etwas auf den Tennisplatz gehen. »Die Kitty kommt!« rief die Frau Konsul erfreut, als der Diener wieder gegangen war. »Das ist aber lieb von ihr und auch, daß die Sie zum Tennisplatz abholen will, Fräulein von Greusen. Selbstverständlich müssen Sie mit ihr gehen, schon weil Kitty mich sonst ausschilt,« und erklärend setzte sie hinzu: »Sie müssen nämlich wissen, Herr 25 von Kühnhausen, meine Nichte ist ein kleiner, übermütiger Racker, der keinen Widerspruch duldet. Aber sie ist ein liebes, herziges Geschöpf, das sicher auch Ihnen gefallen wird, nur vor einem möchte ich Sie gleich warnen, verlieben Sie sich nicht in die, das hat schon mancher getan, aber bisher ohne jeden Erfolg.« »Ich danke Ihnen für die Warnung und werde mich nach der zu richten wissen, gnädige Frau,« meinte Hans Arnim lachend und übermütig und am liebsten hätte er hinzugefügt: »Sie brauchen nichts zu befürchten, gnädige Frau, ich bin schon verliebt, aber in eine andere,« und doch hielt er diese Worte zurück, schon weil er sie mit Rücksicht auf Fräulein von Greusen unpassend fand. Aber da er das nicht sagen konnte, suchte er nach ein paar anderen Worten, die er noch als Erklärung hinzufügen wollte, aber bevor ihm auch nur eine halbwegs gescheite Ausrede eingefallen wäre, fragte Fräulein von Greusen: »Wie ist es, gnädige Frau, soll ich den Kaffeetisch für heute Nachmittag wieder wie in den letzten Tagen im Garten in der großen Laube decken lassen, oder im Eßzimmer?« »Lieber im Freien,« stimmte die Frau Konsul ihr bei, »denn das Wetter ist ja geradezu herrlich. Nun aber, Herr von Kühnhausen,« bat sie, »müssen Sie mich bis ein halb vier Uhr freundlichst entschuldigen. Ich schlafe zwar des Nachmittags nicht, aber ich bin es doch gewohnt, mich etwas hinzulegen. Also auf Wiedersehen um halb vier Uhr im Garten, denn soweit ich Kitty kenne, würde die schön schelten, wenn ich ihr meinen lieben Gast nicht gleich vorstellen wollte.« »Ich werde mich mit militärischer Pünktlichkeit einfinden,« 26 gab Hans Arnim zur Antwort, »jetzt aber bitte ich, mich verabschieden zu dürfen, damit Sie, gnädige Frau, sich zur Ruhe begeben können.« Aber als er sich nun mit einem Handkuß und einer devoten Verbeugung entfernen wollte, hielt die Frau Konsul ihn zurück: »Ich denke, Fräulein von Greusen wollte Ihnen noch ein paar Bücher heraussuchen? Wollen Sie ein paar Minuten warten, Fräulein von Greusen wird gleich wieder bei Ihnen sein.« »Selbstverständlich tue ich das sehr gern, gnädige Frau,« und es dauerte wirklich keine fünf Minuten, bis Fräulein von Greusen wieder eintrat, um ihm sofort zuzurufen: »Wenn ich also bitten dürfte, Herr von Kühnhausen, mir in das Bibliothekszimmer zu folgen?« Und ohne seine Antwort abzuwarten, schritt sie ihm voran. Auf seinen Stock gestützt folgte er ihr, dabei immer von neuem voller Verwunderung ihre herrliche, schlanke, große Figur bewundernd und auch die Art, wie sie leicht und elastisch über den weichen Teppich dahin schritt, bis er dann doch bat: »Wäre es vielleicht möglich, Fräulein von Greusen, das Marschtempo etwas zu mäßigen? Mit meiner Humpelei komme ich da nicht mit und ich möchte nicht plötzlich allein hier stehen. Ich würde mir da vorkommen, wie ein einsamer Wanderer, der sich in einem Ausstellungspalast verirrte, denn es scheint mir hier fast noch mehr Zimmer zu geben als in einem solchen Gebäude.« »Ganz soviel doch nicht,« erwiderte sie, nun an seiner Seite bleibend, »das Parterre besteht nur aus achtzehn Zimmern.« 27 »Das nennen Sie nur?« meinte er halb ernsthaft, halb erschrocken. »Wie kann man nur soviel Zimmer haben und die dazu noch alle im Parterre?« »Aus einem sehr einfachen Grunde. Der verstorbene Herr Konsul hat dieses Haus ganz nach seinem eigenen Entwurf bauen lassen, da ein Herzleiden es ihm fast unmöglich machte, Treppen zu steigen. Daher mußten alle Räume zusammenliegen. Es wird sicher auch Ihnen aufgefallen sein, wie niedrig und bequem die Treppen sind, die von dem Garten in das Haus führen. Die Stufen sind so geschickt angelegt, daß es nicht die leiseste Schwierigkeit macht, die hinauf oder hinab zu steigen. Das wird auch Ihnen sicher angenehm sein, denn als für Sie Quartier gesucht wurde, hieß es ausdrücklich, es würde möglichst ein Haus ohne Treppen gewünscht, da Ihr Fuß noch sehr der Schonung bedürfe« »Deshalb also,« meinte er, »na, das habe ich damals auch nicht gewußt, als ich verwundet wurde, daß ich den Geschossen ein so herrliches Quartier zu danken haben würde. Aber wenn mich mein Auge nicht täuscht, dann dürfte hier wohl nun endlich das Bibliothekszimmer sein.« Und sich voller Verwunderung in dem großen Saale umsehend, an dessen Wänden ein Bücherschrank dicht neben dem anderen stand, rief er in komischem Entsetzen: »Und hier finden Sie sich zurecht, Fräulein von Greusen? Ich könnte das selbst dann nicht, wenn ich als berufsmäßiger Bibliothekar auf die Welt gekommen wäre.« »Es ist nicht so schlimm, wie Sie glauben, Herr von Kühnhausen,« beruhigte sie ihn, »denn alles ist hier auf das 28 Tadelloseste geordnet,« und sie bewies ihm, daß sie hier sehr gut Bescheid wußte, denn schon nach wenigen Minuten hielt sie ihm einige Romane, die seit dem Ausbruch des Krieges erschienen waren, zur Prüfung hin: »Vielleicht sehen Sie einmal nach, Herr von Kühnhausen, ob Sie das eine oder das andere bereits kennen, und auch, ob es Ihrem Geschmack entspricht.« Er tat, wie sie es wünschte, aber als sie zu den Büchern, die sie bereits herausgesucht hatte, noch weitere suchen wollte, bat er: »Um Gotteswillen nicht mehr, das reicht ja mindestens für die nächsten acht Tage. Ich bitte, sich wirklich nicht weiter bemühen zu wollen, gnädiges Fräulein.« Es war das erstemal, daß ihm diese Anrede entschlüpfte, aber kaum war das geschehen, als Fräulein von Greusen ihn auch schon bat: »Bitte nennen Sie mich nur stets bei meinem Namen.« Es klang zwar höflich, aber zugleich doch sehr bestimmt und ablehnend, so daß er für den Augenblick etwas verlegen wurde, bis er meinte: »Muß das wirklich sein? Muß das auch sein, wenn wir uns unter vier Augen befinden?« »Dann erst recht, Herr von Kühnhausen, denn ich möchte nicht, daß Sie, auch wenn wir miteinander allein sind, jemals etwas anderes in mir sehen als die Gesellschafterin der Frau Konsul. Sie werden mich ohne weiteres verstehen und Sie werden wissen, wie ich das meine. Trotzdem ich mir jetzt mein Geld selber verdienen muß, habe ich vor mir selber natürlich nicht aufgehört, die zu sein, die ich war, als mein guter Vater noch lebte. Aber das »gnädige Fräulein« ist nun trotzdem das »Fräulein von Greusen« geworden. 29 Und im Zusammenhange damit bitte ich Sie noch um eines: bemitleiden Sie mich nicht etwa im stillen, fühlen Sie sich bitte nicht veranlaßt, mich durch irgendwelche Aufmerksamkeiten, selbst wenn diese auch nur in Worten beständen, erfreuen zu wollen, damit ich nach Ihrer Ansicht es wenigstens zuweilen vergäße, mich nun in abhängiger Stellung zu befinden. Daß Sie etwas Ähnliches im stillen dachten, habe ich Ihnen bei Tisch angemerkt. Das macht Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber trotzdem, oder gerade deshalb, je weniger Sie mich durch Ihr Verhalten mir gegenüber daran erinnern, daß ich selbst ein Offiziersmädel war, desto dankbarer würde ich Ihnen sein.« Geduldig hatte er ihr zugehört, um sie nun zu fragen: »Sind Sie jetzt mit der Instruktionsstunde fertig, Fräulein von Greusen? Mit der Instruktionsstunde über das Thema: Verhaltungsmaßregeln für den Oberleutnant Hans Arnim von Kühnhausen gegen Fräulein von Greusen, die sich von anderen ihres Geschlechtes dadurch unterscheidet, daß sie mit Vornamen heißt?« »Wenn Sie das irgendwie interessiert, will ich Ihnen das gern verraten, ich heiße Maria Elisabeth. Aber nun müssen Sie mir versprechen, daß Sie meine Instruktion auch gewissenhaft befolgen wollen.« »Ich werde mir wenigstens die allergrößte Mühe geben,« stimmte er ihr bei. »Dann bin ich beruhigt,« gab sie zur Antwort, »nun aber muß ich um Erlaubnis bitten, Sie allein lassen zu dürfen. Meine Pflicht ruft mich ab, und auch Sie werden sicher jetzt endlich die langentbehrte Zigarre rauchen wollen. Wenn 30 es Ihnen recht ist, klingle ich dem alten König, damit er Ihnen die Bücher in Ihr Zimmer trägt. Es ist auch wohl besser, daß er Ihnen nochmals den Weg zeigt, damit Sie sich nicht am Ende wirklich verlaufen. Und vergessen Sie bitte nicht, daß um ein halb vier Uhr im Garten in der Laube der Kaffee getrunken wird. Sie können uns dort gar nicht verfehlen, die große Laube liegt gleich an dem Haupteingang an der rechten Seite.« »Ich werde mich schon zurecht finden,« meinte er, und als kurz darauf der Diener eintrat, nach dem Fräulein von Greusen geklingelt hatte, verabschiedeten sie sich mit einem gegenseitigen »Auf Wiedersehen!« Bald darauf gab er sich in seinem Zimmer dem Genuß der wirklich langentbehrten Zigarre hin, aber so schön die auch war, die war doch nicht imstande, eine gewisse Mißstimmung zu verscheuchen, die sich seiner bemächtigt hatte. Er ärgerte sich noch nachträglich etwas über die Instruktion, die Fräulein von Greusen ihm erteilt hatte, und doch sah er ein, daß die wohl nötig gewesen war, denn sonst hätte er doch sicherlich versucht, sie durch kleine Aufmerksamkeiten und durch ein besonders ritterliches Benehmen ihr gegenüber darüber hinweg zu trösten, daß sie sich nun in abhängiger Stellung befand. Und wenn sie auch nicht wollte, daß er irgendwelches Mitleid mit ihrer Lage empfand, so tat er es dennoch. Gewiß, für den Augenblick hatte sie keinen Grund zur Klage, aber wie würde es später mit ihr werden, wenn sie alt war? Es gab nach seiner Ansicht für Maria Elisabeth nur eins, die mußte sobald wie möglich heiraten, und wenn er dazu etwas beitragen konnte, daß er unter 31 seinen Kameraden den passenden Mann für sie fand, der natürlich über etwas Vermögen verfügen mußte, dann wollte er alles tun, was in seinen Kräften stand, um den in sie verliebt zu machen. Er wußte selbst kaum, wie es kam, daß Fräulein von Greusens Zukunft ihn im Augenblick fast noch mehr beschäftigte als seine eigene. Sollte er der wirklich zu tief in die stahlblauen Augen gesehen haben? Aber das war ja Unsinn, er empfand für Maria Elisabeth weiter nichts wie aufrichtige Teilnahme, aber wie dem auch immer sein mochte, so viel wußte er, wenn er nachher bei dem Kaffee die Nichte der Frau Konsul kennen lernte, würde er sich die gar nicht erst daraufhin ansehen, ob die überhaupt Augen habe. Für ihn gab es vorläufig nur zwei Augen auf der Welt, und ehe er die nicht wiedergefunden hatte – – – Er saß da und sann und träumte vor sich hin, bis er beinahe erschrocken zusammenfuhr, als es jetzt plötzlich an die Tür des Zimmers klopfte. Na, zum Kaffeetrinken ist es doch noch viel zu früh, dachte Hans Arnim, verwundert, was will der alte Diener denn nun schon wieder? Aber als er dann »herein« gerufen hatte, erschien nicht der Diener auf der Schwelle, sondern ein allerliebstes, blitzsauberes und adrettes Zimmermädchen, das in ihrem einfachen schwarzen Kleide mit der weißen Schürze und dem weißen Häubchen auf dem Kopfe wirklich sehr appetitlich aussah. Aber das nicht allein, die schien sich des Wertes ihrer werten Persönlichkeit bei aller Bescheidenheit in ihrem Wesen voll bewußt zu sein. Das merkte Hans Arnim nun an der Art, in der sie zierlich und graziös vor ihm knickste, 32 während sie ihm zugleich einen etwas koketten Augenaufschlag zuwarf, als sie nun fragte: »Der Herr Oberleutnant haben nach mir geklingelt?« »Ich, verehrte Dame?« meinte der erstaunt, »Ich habe mich in der letzten halben Stunde nicht mal mit meinen Gedanken von diesem Stuhl erhoben, geschweige denn mit meiner Person. Da muß also schon mein heiliger Geist geklingelt haben, oder sonst jemand.« »Aber das ist mir ganz unverständlich,« flötete das Zimmerkätzchen, »ich habe es doch ganz deutlich gesehen, daß unten an der Tafel die Nummer dieses Zimmers gefallen ist.« »Sollten Sie das wirklich gesehen haben, Fräulein Nanny. denn nicht wahr, Sie sind doch die Nanny, von der mir der Diener erzählte?« Das Zimmermädchen drehte sich kokett in den Hüften und meinte dann: »Der alte König hat dem Herrn Oberleutnant schon von mir gesprochen, das macht mich stolz und glücklich, denn hoffentlich hat der nur das Beste von mir erzählt.« »Nur,« stimmte Hans Arnim ihr anscheinend ganz ernsthaft bei. »Er sagte mir, Sie wären das Zimmermädchen, hießen Nanny, und ich brauchte nur nach Ihnen zu klingeln, dann kämen Sie sofort. Eins aber erzählte er mir nicht von Ihnen, daß Sie auch dann kommen, wenn man Sie nicht klingelt.« Natürlich hatte Nanny sich das, was sie von dem Glockenzeichen, das sie gehört hätte, berichtete, erfunden, sie war lediglich erschienen, um den Herrn Oberleutnant, von dem der alte König so viel in der Küche zu berichten gewußt 33 hatte und der ein so hübscher Mensch sein solle, endlich von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen. Dennoch meinte sie jetzt: »Ich weiß gar nicht, wie der Herr Oberleutnant dazu kommen, so etwas von mir zu glauben. Ich bin ein durch und durch anständiges Mädchen und einen Schatz habe ich auch schon.« »Na, dann bin ich beruhigt,« meinte Hans Arnim, der sich Mühe geben mußte, ganz ernsthaft zu bleiben, bis er jetzt sagte: »Selbstverständlich steht Ihr Schatz auch draußen im Felde?« »Er war draußen, Herr Oberleutnant, nun ist er hier als Kriegsurlauber, ich habe ihn erst kürzlich kennen gelernt. Ach, den müßten der Herr Oberleutnant mal sehen, er ist ein zu hübscher Mensch, und ist sogar Kavallerist.« »Kann ich mir denken,« neckte er sie. »Sie kennen ja auch sicher das schöne Lied »Mein Schatz muß ein Reiter sein«? Vielleicht bietet sich mir später mal Gelegenheit, Ihren Herzallerliebsten persönlich kennen zu lernen, nun aber – –« Nanny erriet, daß der hübsche Offizier sie wieder fortschicken wolle, aber das war nicht nach ihrem Sinn und so meinte sie denn: »Haben der Herr Oberleutnant wirklich nicht nach mir geklingelt und kann ich mich denn gar nicht irgendwie nützlich machen? Der Diener erzählte mir, der Herr Oberleutnant wären sicher mit dem Auspacken der Sachen noch nicht fertig, da helfe ich sehr gern, ich habe Zeit,« und mit ihrem kokettesten Augenaufschlag setzte sie hinzu: »Ich habe Nachmittags zwischen zwei und ein halb 34 vier Uhr, während die gnädige Frau ruht, immer Zeit. In der Küche brauche ich natürlich nicht zu helfen, ich bin nur für die allerleichtesten Hausarbeiten da.« »Das freut mich Ihretwegen, Fräulein Nanny, aber ich möchte trotzdem des Nachmittags Ihre kostbare Zeit nicht in Anspruch nehmen. Aber nun, da Sie einmal da sind, wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie mir etwas helfen wollten. Ich bin tatsächlich mit dem Einräumen meiner Sachen vor Tisch noch nicht fertig geworden.« Hans Arnim erhob sich von seinem Platz, um in das Schlafzimmer zu gehen und voller Verwunderung sah er gleich darauf zu, mit welcher Geschwindigkeit, aber auch mit welcher Ordnung und Geschicklichkeit die Nanny alles aufräumte, so daß er ihr voller Anerkennung zurief: »Wissen Sie was, Fräulein Nanny, an Ihnen ist wirklich ein tadelloser Offiziersbursche verloren gegangen. Schade, daß Sie nicht als Mann auf die Welt gekommen sind.« »Mir ist es aber schon lieber so, Herr Oberleutnant,« widersprach die Nanny. »Die Männer sind zwar auch für mich der Inbegriff aller Seligkeit, aber trotzdem möchte ich selbst kein Mann sein und noch dazu jetzt, wo wir Krieg haben. Wenn ich mir da denke, daß ich auch mit im Feuer stehen sollte und die Granaten flögen mir um den Kopf und ruinierten mir dabei allein durch den gewaltigen Luftdruck meine Frisur, das könnte ich nicht aushalten. Da würde ich vor Wut einfach rasend werden, da stürzte ich auf den Feind los, wenn ich auch nur den Sonnenschirm in der Hand hätte. Aber mein Schatz sagt, man dürfe nicht 35 einmal darauf los stürmen, wenn man wolle, man müsse den Befehl dazu abwarten, und auch das könnte ich nicht, das erlaubt mir mein Temperament nicht und ich habe viel Temperament.« »Umso besser für Ihren Schatz,« neckte er sie abermals. Nanny bekam unwillkürlich einen roten Kopf, dann sagte sie: »So wie der Herr Oberleutnant das auffassen, war das natürlich nicht gemeint« und das Gespräch ablenkend, bemerkte sie jetzt: »Wären wir denn nun schon mit dem Einräumen fertig? Das ist ja flink gegangen.« Suchend sah Nanny sich um und Hans Arnim tat dasselbe, aber da auch er nichts mehr fand, sagte er: »Es ist vollbracht, Fräulein Nanny, und ich danke Ihnen nochmals.« Gleichzeitig griff er in die Tasche, um ein paar Mark hervorzuholen, aber Nanny lehnte ab: »Nein, Herr Oberleutnant, dafür nehme ich kein Geld an, das habe ich gern umsonst getan. Wenn der Herr Oberleutnant mir später bei der Abreise für die Dienste, die ich dem Herrn Oberleutnant noch leisten werde, für das Aufräumen und Reinigen der Sachen etwas geben wollen, dann werde ich mit Freuden so frei sein, aber heute nehme ich auf keinen Fall Geld.« »Na, ganz wie Sie wollen, Nanny, dann also nochmals besten Dank.« Aber wenn er glaubte, Nanny würde sich nun gleich entfernen, irrte er sich. Die blieb an ihrem Platze stehen und sah ihn mit verlangenden Augen an und es kam ihm sogar so vor, als spitze sie ein klein wenig das süße Mäulchen, als wolle sie ihm zu verstehen geben: ›Geld nehme 36 ich zwar nicht an, aber für ein Küßchen würde ich gern zu haben sein.‹ Unter anderen Umständen und wenn er hier in diesem Hause nicht als Gast geweilt hätte, würde er von dem freundlichen Anerbieten vielleicht Gebrauch gemacht haben, sicher aber hätte er das nicht so leichten Herzens abgelehnt, wie er es nun tat. Er tat ganz einfach, als bemerke er die Verführung, die in diesem Falle keiner Schlange, sondern einem hübschen Kätzchen glich, gar nicht, und so blieb Nanny denn nichts anderes übrig, als ihr vorgeschobenes niedliches Kußmündchen wieder in die normale Lage zu bringen. Hans Arnim merkte es ihr an, so ganz leicht wurde ihr das nicht und sie schien die Hoffnung auf einen Kuß immer noch nicht aufzugeben, bis er ihr jetzt zurief: »Na, Fräulein Nanny, wenn Sie denn jetzt wirklich kein Geld von mir annehmen wollen, muß ich das auf später verschieben, wobei ich schon jetzt der Hoffnung Ausdruck geben möchte, daß es mir dann gelingt, mit dem Trinkgeld Ihre vollste Zufriedenheit zu erlangen.« Nanny machte ihren zierlichsten und graziösesten Knicks: »O, das wird dem Herrn Oberleutnant später sicher gelingen, ich bin ja so bescheiden und der Herr Oberleutnant sehen nicht danach aus, als ob der Herr Oberleutnant einem armen Mädchen gegenüber sparsam sein würden.« »Wir werden uns später schon einigen, Fräulein Nanny,« brach Hans Arnim das Gespräch ab, »nun aber muß ich Sie bitten, mich allein zu lassen, mir fällt eben ein, daß ich unbedingt noch rasch einen Brief schreiben muß.« Aber als er die Nanny gleich darauf los war, dachte er 37 nicht an das Briefschreiben, das er nur als Vorwand gebraucht hatte, sondern er nahm eins der Bücher zur Hand, die Fräulein von Greusen ihm ausgesucht hatte und begann zu lesen, um während des Lesens ein paarmal stillvergnügt vor sich hin zu lachen, als er nun doch unwillkürlich an die hübsche Nanny zurückdachte, die ihm so verführerisch ihr Kußmündchen angeboten hatte. – 38   II. Obgleich Hans Arnim der Frau Konsul versprach, sich mit militärischer Pünktlichkeit präzise ein halb vier Uhr in der Laube zum Nachmittagskaffee einzufinden, war es doch schon fast ein viertel vor vier Uhr, als er sich endlich auf den kürzen Weg machte. Um nicht zu früh zu kommen, hatte er darauf gewartet, daß die Damen, wie sie das nach seiner Ansicht mußten, an seinen Fenstern vorüber gingen. Aber das war nicht geschehen, auch hatte er nichts davon bemerkt, daß der Diener in den Garten ging, um den Kaffeetisch zu decken. Da mußte also entweder der Plan, den Kaffee im Freien einzunehmen, aufgegeben sein, oder die Damen waren um die andere Seite des Hauses herum in den Garten gelangt. So wußte er selbst nicht recht, woran er war, als er nun sein Zimmer verließ. Aber als er sich dann der Laube näherte, schallte ihm von dort schon lautes Sprechen und frohes Lachen entgegen und als er sich gleich darauf mit der Bitte, sein verspätetes Kommen zu entschuldigen, zur Stelle melden wollte, da überfiel ihn plötzlich eine unbeschreibliche Freude, in die sich aber zugleich ein mordsmäßiger Schrecken mischte, denn vor ihm stand völlig unerwartet die Autodame von heute Morgen, die 39 ebenso wie Fräulein von Greusen bereits das Tenniskostüm trug und die ihm nun freundlich und anscheinend völlig unbefangen die Hand reichte, als er ihr vorgestellt wurde. Das also war die Nichte der Frau Konsul, das also war Fräulein Kitty Bachhof, vor der er gewarnt worden war. Aber wie jede Warnung, war auch diese zu spät gekommen, denn ganz deutlich fühlte er, wie sein Herz ein klein wenig unruhig schlug, wie ihre Nähe ihn verwirrt und verlegen machte, das aber wohl hauptsächlich deshalb, weil er sich fast vor ihr genierte, sie heute Morgen derartig angesehen zu haben. Was dann, wenn sie ihn nun in Gegenwart der beiden anderen Damen danach fragte, wie er dazu gekommen sei und was er sich dabei gedacht habe? Aber glücklicherweise schien die gar nicht darauf zu kommen und doch wäre es ihm lieber gewesen, sie hätte, wenn auch nur mit einem flüchtigen Wort, die Begegnung des Morgens erwähnt, als daß sie stillschweigend über die hinwegging. Wollte sie ihn für seine Keckheit dadurch strafen, daß sie so tat, als habe sie ihn heute noch gar nicht gesehen? Er wurde nicht recht klug daraus, aber ihre völlige Unbefangenheit gab auch ihm schnell seine Ruhe und Gelassenheit wieder und soweit er es vermochte, beteiligte er sich an dem Gespräch der Damen, das sich zuerst um gemeinsame Bekannte drehte, bis es dann allgemeiner wurde und bis er auch jetzt, wie schon bei Tisch, von dem Kriege erzählen mußte. Fräulein Kitty stellte tausend Fragen. Ob es denn wahr wäre, wie es damals in den Zeitungen stand, daß sie in den Wintermonaten in den Karpathen mehr als 40 fünfundzwanzig Grad Kälte gehabt hätten? Wie es möglich sei, diese Temperatur auszuhalten, ohne zu erfrieren? Wie die Truppen es angefangen hätten, durch den doch oft meterhohen Schnee vorwärts zu kommen, und noch vieles mehr. Hans Arnim stand Rede und Antwort und es glückte ihm auch jetzt, einen leichten, lustigen Ton zu finden, so daß Kitty zuweilen fröhlich auflachte, während sie dabei einen Windbeutel mit Schlagsahne nach dem anderen aß. Bis sie plötzlich mit einem Ausdruck aufrichtigen Bedauerns in dem auffallend hübschen Gesicht den Teller beiseite schob und ausrief: »Tante, und wenn du mich noch so sehr quälst, mehr kann ich jetzt nicht essen.« »Aber ich quäle dich doch nicht, Kitty,« verteidigte die Frau Konsul sich. »Doch quälst du mich, wenn auch nur indirekt,« gab Kitty zur Antwort, »denn wenn du mir soviel Windbeutel vorsetzt, dann heißt das mit anderen Worten: »Ich erwarte von deinem Pflicht- und Ehrgefühl, daß du die auch aufißt und bei diesen teuren Zeiten nichts umkommen läßt.« Aber ich kann wirklich nicht mehr, Tante, ich bin zu voll. Ich werde mir ja nachher auf dem Tennisplatz genug Bewegung schaffen, aber trotzdem hätte ich nicht übel Lust, nun dreimal um den großen Rasen zu laufen,« und sich an Hans Arnim wendend, bat sie: »Wie ist es, Herr von Kühnhausen, laufen Sie mit? Wollen wir etwas Haschen spielen? Ach so, richtig, daran wird Ihr kranker Fuß Sie ja hindern, aber trotzdem leisten Sie mir auf dem Verdauungsspaziergang vielleicht etwas Gesellschaft? Ich zeige Ihnen bei der Gelegenheit den schönen Garten, den Sie sicher noch nicht 41 kennen. Nicht wahr, Tante, du erlaubst mir doch, dem Herrn Oberleutnant hier alle meine Lieblingsplätze zu zeigen.« »Aber gern, Kitty, wenn es dem Herrn Oberleutnant nicht zu anstrengend ist,« stimmte die Frau Konsul ihr liebenswürdig bei. Und als Hans Arnim dem widersprochen hatte, bat Kitty, sich von ihrem Platz erhebend: »Dann kommen Sie also, Herr von Kühnhausen.« Aber als er gleich darauf an ihrer Seite dahinhumpelte, sagte sie so laut, daß die Zurückbleibenden es hören mußten: »Ach herrjeses, das ahnte ich ja nicht, daß Ihnen das Gehen noch solche Schwierigkeiten bereitet. Da wollen wir doch lieber zurückgehen,« und so leise, daß nur er es verstand, setzte sie schnell, noch bevor er hätte antworten können, hinzu: »Sie müssen unbedingt mit mir kommen, ich habe mit Ihnen zu sprechen.« »Als ob ich das nicht gleich geahnt hätte,« sagte sich Hans Arnim im stillen. »So dumm bin ich denn doch nicht, daß ich nicht sofort erriet, dieser Spaziergang durch den Park sei nur ein Vorwand.« Laut aber sagte er: »Es ist für meinen Fuß nur gut, wenn ich mir Bewegung mache. Wir können den Weg meinetwegen ruhig fortsetzen.« Das taten sie denn auch, und anscheinend in ganz unbefangener Art machte Kitty ihn bald auf diesen, bald auf jenen alten Baum aufmerksam, zeigte ihm bald hier bald dort eine besonders hübsche Stelle, bis sie dann schließlich abermals eine große Laube erreichten, vor der Kitty Halt machte: »So Herr von Kühnhausen, hier ruhen Sie sich einmal aus und setzen Sie sich dorthin auf die Bank. Ich selbst werde lieber stehen bleiben. Wir sind zwar hier vor 42 jeder Überraschung sicher, aber es ist vielleicht trotzdem besser, wenn ich aufpasse, damit kein Lauscher in unsere Nähe kommt, denn was ich Ihnen zu sagen habe, braucht kein Dritter zu hören.« »Gnädiges Fräulein hätten mir etwas zu sagen?« entgegnete er absichtlich mit dem erstauntesten Gesicht von der Welt. »Da bin ich aber wirklich mehr als begierig.« »Und ich bin es erst recht auf das, was Sie mir antworten werden,« gab sie zurück. »Als ich Sie heute Morgen in dem Wagen meiner Tante sitzen sah, wußte ich natürlich sofort, daß Sie der Kriegsurlauber seien, den meine Tante bereits seit einigen Tagen erwartet. Ich wußte also auch sofort, daß ich Sie hier wiederfinden würde. Ihretwegen habe ich mich auch nur heute nachmittag zum Kaffee angemeldet. Und nun bitte beantworten Sie mir eine Frage: Wie kamen Sie dazu, Herr von Kühnhausen, mich heute Morgen derartig anzusehen? Daß man mich ansieht, bin ich ja schließlich gewohnt, denn ich bilde mir ein, nicht gerade die Allerhäßlichste zu sein, aber so, wie Sie das taten –« Schon bei ihren ersten Worten, die ihm nicht viel Gutes zu verraten schienen, hatte er sich im stillen gesagt: Nun heißt es, frech sein, so frech, wie es nur ein königlich preußischer Leutnant sein kann. Und so meinte er denn jetzt, ihr lustig und übermütig in das Wort fallend: »Nicht wahr, gnädiges Fräulein, das war doch noch mal ein Blick, den ich Ihnen zuwarf! Und daß das vor mir in der Weise noch kein anderer getan hat, das glaube ich Ihnen gern. Dieser Augenaufschlag ist gewissermaßen mein geistiges Eigentum. Ich wollte den sogar schon mal patentamtlich schützen lassen, 43 aber mir wurde gesagt, das ginge nicht. Ich könnte auf den höchstens den Musterschutz, oder wie es sonst heißt, bekommen. Na, vor dem Kriege habe ich die Sache verbummelt, aber sobald wir wieder Frieden haben, hole ich das Versäumte nach.« Mit einem vorwurfsvollen Blick sah sie ihn an: »Ist das wirklich alles, was Sie zu Ihrer Entschuldigung zu sagen haben?« »Wollen Sie mir als Antwort eine Gegenfrage erlauben, gnädiges Fräulein?« bat er, »dann sagen Sie mir bitte ganz wahrheitsgemäß: Wenn Sie der Infanterie-Oberleutnant Hans Arnim von Kühnhausen wären und ich das Fräulein Kitty Bachhof, hätten Sie mich da mit einem anderen Augenaufschlag angesehen, als ich es heute Morgen tat?« »Sicher,« widersprach sie, »denn Ihr Blick war ungezogen, Herr von Kühnhausen, nein bitte, verteidigen Sie sich nicht,« fuhr sie fort, als er sie unterbrechen wollte, »der Blick war ungezogen. Wie ungezogen, das fiel mir erst hinterher ein, als ich zu Hause in Ruhe darüber nachdachte.« »Warum denken Sie aber auch nach, gnädiges Fräulein?« meinte er mit so vorwurfsvoller Stimme, daß sie unwillkürlich lachen mußte. Und dieses Lachen verriet ihm, daß sie ihm gar nicht mehr böse war, daß sie ihm vielleicht sogar nicht ernstlich gezürnt habe, und so sagte er denn jetzt: »Hätten Sie denn wirklich über gar nichts anderes nachdenken können, gnädiges Fräulein?« »Ich habe das sogar auch getan,« stimmte sie ihm schnell 44 bei, »und zwar über die Strafe, die Sie verdienen und die ich über Sie verhängen werde. Strafe muß sein. Ich bitte Sie, wenn ein anderer diesen Blick bemerkt hätte, ich hätte mich ja noch mehr schämen müssen, als ich es ohnehin schon tat. Ich bin vor Empörung abwechselnd blaß und rot geworden.« »Aber erst, als Sie den Sonnenschirm aufgespannt hatten, gnädiges Fräulein, wenigstens habe ich vorher nichts davon bemerkt.« »Da haben Sie eben keine besonders scharfen Augen,« schalt sie, »denn ich weiß ganz genau, daß ich abwechselnd blaß und rot wurde, so etwas fühlt man doch selbst am besten.« »Natürlich fühlt man das,« pflichtete er ihr anscheinend sehr ernsthaft bei, »nun aber ist dieses Wechselfieber, wenn ich das so nennen darf, ja glücklicherweise längst überwunden, wenigstens wechseln Sie jetzt die Farbe nicht mehr.« »Das kann doch auch nicht den ganzen Tag andauern, aber wenn Sie glauben, daß Sie deshalb Ihrer Strafe entgehen, dann irren Sie sich sehr. Ich wiederhole nochmals, Strafe muß sein, denn ich habe mich hinterher so rasend über Ihre Keckheit geärgert, daß ich ernstlich daran dachte, mich über Sie zu beschweren.« »Sogar dienstlich? Mit dem Helm auf dem Kopfe?« neckte er sie kühn, um gleich darauf zu fragen: »Bei wem denn nur? Bei dem hiesigen Garnisonältesten, dem Herrn Oberst von Aschenbach? Bei meinem Herrn Hauptmann draußen vor dem Feinde? Bei meinem Major oder am Ende gar bei Seiner Majestät dem Kaiser? Ich glaube nur, der 45 Allerhöchste Herr hat jetzt wirklich Wichtigeres zu tun, als solche Beschwerden zu entscheiden.« »Das habe ich schließlich auch eingesehen,« stimmte sie ihm bei, »und deshalb habe ich beschlossen, die Strafe selbst über Sie zu verhängen.« »Das ist mir auch entschieden lieber,« rief er übermütig, »denn Sie sehen wirklich nicht danach aus, gnädiges Fräulein, als ob Sie mit einem reuigen Sünder allzu streng in das Gericht gehen würden, wobei ich allerdings zu meiner Entschuldigung hinzufügen muß, daß es mit meiner Reue nicht allzu weit her ist.« »Sie schämen sich wohl gar nicht, Herr von Kühnhausen?« schalt sie, ihn mit ihren hübschen vorwurfsvollen Augen ansehend. »Muß ich das denn wirklich, gnädiges Fräulein? Aber schön, wenn Sie es verlangen, dann will ich es Ihnen zuliebe gern tun. Also sehen Sie mich bitte mal genau an, damit Sie auch bemerken, wie ich mich schäme.« Und als sie ihn dann ansah, um sich davon zu überzeugen, ob es ihm mit seinen Worten wenigstens einigermaßen ernsthaft sei, da machte er zwar ein völlig niedergeschlagenes Gesicht, verdrehte aber zugleich in so komischer Weise die Augen, daß sie abermals hell auflachen mußte, bis sie ihm zurief: »Warten Sie es nur ab, Sie werden schon sehr bald ein anderes Gesicht machen, und wenn Sie glauben, daraus, daß ich über Sie lache, falsche Schlüsse ziehen zu können, dann sind die eben sehr falsch. Ich werde Ihnen sofort Ihre Strafe diktieren, vorher aber müssen Sie mir schwören, daß Sie die auch hinnehmen werden und gegen mein Urteil keine Berufung einlegen.« 46 Er kratzte sich nachdenklich mit der rechten Hand hinter dem Ohr: »Das ist, mit Respekt zu sagen, 'ne verdammte Geschichte, gnädiges Fräulein, denn was man schwört, muß man schließlich doch auch halten, und ehe ich nicht weiß, was Sie von mir verlangen, ganz abgesehen davon, daß ich natürlich nach meiner Ansicht gar keine Strafe verdiene –« »Das überlassen Sie bitte mir, als Ihrer Richterin,« fiel sie ihm in das Wort, und so fragte sie noch einmal: »Wollen Sie nun schwören oder nicht?« »Wenn es denn sein muß, meinetwegen, vorausgesetzt natürlich, gnädiges Fräulein, daß Sie nicht die Todesstrafe über mich verhängen und nicht von mir fordern, daß ich mich totschießen soll, um Ihnen nie wieder vor Ihre schönen Augen zu kommen.« »Das brauchen Sie nicht zu befürchten,« beeilte sie sich, ihn zu beruhigen, »an Ihrem Tode liegt mir gar nichts, sondern nur sehr viel an Ihrem Leben, denn wenn Sie tot wären, könnten Sie mir doch nicht den Hof machen.« Zuerst glaubte er, nicht recht verstanden zu haben. Mit ganz verdutzten Augen sah er sie an, bis die sich dann immer mehr und mehr verklärten, bis er nun so schnell, wie es ihm möglich war, von seinem Platze aufsprang und ihr freudestrahlend zurief: »Gnädiges Fräulein, höre ich recht, ich soll und darf Ihnen den Hof machen? Na, gnädiges Fräulein, wenn Sie keine größere Strafe über mich zu verhängen beabsichtigen als die, die nehme ich mit tausend Freuden auf mich, das schwöre ich Ihnen hiermit feierlichst,« und die Finger der rechten Hand zum Schwur erhebend, setzte er ganz ernst hinzu: »So wahr mir Gott helfe.« 47 Kitty mußte es sich eingestehen, er war wirklich ein auffallend hübscher Mensch, wie er ihr so gegenüberstand, hoch und stolz aufgerichtet. Und ihr gefiel auch das hübsche, männliche Gesicht, mit den vor Freude nun fast verklärten Zügen und den leuchtenden Augen. Er sah tatsächlich sehr gut aus, wie er jetzt dastand, frei von jeder theatralischen Pose, und seine Worte »so wahr mir Gott helfe« hatten fest und entschlossen geklungen, als ob er eben erneut geschworen, für seinen Kaiser und für sein Vaterland zu sterben. Es tat ihr nun fast leid, ihn bestrafen zu müssen, aber das war ja einzig und allein seine Schuld. Gewiß, zuerst war sie heute Morgen empört gewesen, dann aber hatte sie doch lachen müssen, bis dann zu Hause abermals der Zorn über sie kam, obgleich sie sich offen eingestand, daß auch der nicht ganz echt war, daß sie sich nur künstlich in den hineinredete, um einen Grund und einen Vorwand zu haben, eine Strafe über ihn zu verhängen, die ihm sicher nichts schadete und die ihr selbst – – Aber zu solchen Erwägungen war jetzt keine Zeit, denn immer noch stand er ihr erwartungsvoll gegenüber, bis er ihr jetzt, da sie immer noch schwieg, zurief: »Sie haben es gehört, gnädiges Fräulein, ich habe den Eid, den Sie von mir verlangten, sogar bei Gott geleistet. Ist das mit dem Courmachen aber auch wirklich das Einzige, was Sie von mir fordern?« »Ja, nur das,« stimmte sie ihm bei, aber als sie sah, wie es von neuem in seinen Augen aufblitzte, setzte sie schnell hinzu: »Aber freuen Sie sich nur nicht zu früh, Herr von Kühnhausen, denn die Sache wird ganz anders verlaufen, 48 als Sie glauben. Trotzdem, ein Zurück gibt es nun nicht mehr für Sie.« »Und selbst wenn es das gäbe,« fiel er ihr in das Wort, »selbst dann müßte ich doch, mit Respekt zu vermelden, Tinte gesoffen haben, wenn ich an einen Rückzug dächte. Hier gibt es nur ein Vorwärts, ein Vorwärts bis zum Siege!« »Und doch werden Sie den niemals, unter gar keinen Umständen erringen,« dämpfte sie da jählings seine Freude. Ebenso glücklich wie vor ein paar Minuten, ebenso entsetzt sah er sie jetzt an, bis er dann stotterte: »Ich werde den Sieg niemals erringen? Ja, warum denn nicht und warum soll ich Ihnen da erst den Hof machen?« »Weil Sie sich das heute Morgen wünschten, als Sie mich sahen,« gab sie zur Antwort. »Da erriet ich Ihre geheimsten Gedanken, die da ungefähr lauteten: »Donnerwetter, das ist doch noch mal ein Mädel, oder nannten Sie mich im stillen eine junge Dame? Das bleibt sich ja schließlich gleich, auf jeden Fall dachten Sie sich: Donnerwetter, der möchtest du mal den Hof machen und sogar feste! Der möchtest du immer wieder sagen, wie hübsch du sie findest, der möchtest du Rosen auf ihren Weg und unter ihre kleinen Füße streuen, vorausgesetzt, daß sie kleine Füße hat und die habe ich wirklich, Herr von Kühnhausen.« »Dann werde ich also sobald wie möglich mit dem Rosenstreuen beginnen, denn das war tatsächlich meine Absicht, gnädiges Fräulein, als ich Sie heute im Auto sah,« stimmte er ihr bei, »und offen gestanden träumte ich auch da von einem herrlichen Sieg, und nun soll es mit dem nichts werden? Aber warum denn nicht?« 49 »Weil es doch eben nur eine Strafe für Sie sein soll, daß Sie mir die Cour schneiden, und das müssen Sie bei jeder Gelegenheit tun, die sich Ihnen bietet und wenn sich Ihnen keine bietet, müssen Sie eine solche suchen. Sogar auf dem Tennisplatz dürfen Sie keine andere bevorzugen, wie nur mich, und deshalb dürfen Sie auch kein ordentliches, sondern nur ein außerordentliches Mitglied unseres Flirtklubs werden.« »Was ist denn das für ein Klub?« erkundigte er sich verwundert. »Von dem habe ich ja noch gar nichts gehört.« »Das werden Sie später schon noch erfahren, vielleicht heute Nachmittag schon, wenn Sie mit uns zum Tennisplatz hinausfahren,« und ihn schelmisch lächelnd ansehend, setzte sie hinzu: »Ich habe mir nämlich unser Auto herbestellt, Herr von Kühnhausen, Ihretwegen, denn auch das merkte ich Ihnen am Vormittag an, daß Sie sich im stillen sagten: »Donnerwetter, in dem Auto möchtest du auch gern einmal sitzen, aber selbstverständlich nur mit der jungen Dame zusammen.« Sie sehen, auch der Wunsch geht für Sie in Erfüllung, wie überhaupt Ihre Strafe darin besteht, daß sich alle Ihre Wünsche erfüllen sollen, bis auf den letzten. Ich erlaube Ihnen, mir den Hof zu machen, bis Sie lichterloh brennen, und dann – –« »Und dann?« fragte er mehr als neugierig, als sie nun absichtlich schwieg, um seine Spannung zu erhöhen. Aber auch jetzt ließ sie ihn noch eine kleine Weile zappeln, bis sie endlich meinte: »Dann verlobe ich mich mit einem anderen.« War er vorher vor Freude bei ihren Worten aufgestanden, 50 so ließ er sich jetzt ganz entsetzt auf die Bank zurückfallen, um gleich darauf die Mütze abzunehmen und sich mit dem Tuch über die Stirn zu fahren: »Herrgott von Bibra,« stöhnte er schwer auf, »ist mir eben aber heiß geworden. So habe ich ja nicht mal bei fünfundzwanzig Grad Kälte in den Karpathen geschwitzt, obgleich uns dort trotz der Kälte zuweilen verdammt warm wurde, wenn wir durch den hohen Schnee vorstürmen mußten. Aber jetzt handelt es sich ja nicht um mich, sondern um Sie, gnädiges Fräulein, nein, doch um mich, oder besser gesagt, um uns beide, nein, doch nur um Sie, denn Sie wollen wirklich, wenn ich mich ernstlich in Sie verliebt habe, sofort einen anderen heiraten. Aber warum denn nur? Lieben Sie den denn? Und selbst wenn das der Fall ist, das wäre doch noch kein Grund, einen anderen Menschen, noch dazu mich, unglücklich zu machen.« »Sie werden sich später schon zu trösten wissen,« meinte sie so ernsthaft, daß er es wirklich mit der Angst bekam, dann aber lachte er plötzlich auf und rief ihr lachend zu: »Das ist ja alles Unsinn, gnädiges Fräulein, Sie glauben ja selbst nicht an das, was Sie mir da erzählen.« Offen und frei sah sie ihm in die Augen, bis sie ihn dann ihrerseits fragte: »Was ich glaube oder nicht, das ist ja schließlich meine Sache, aber glauben Sie, Herr von Kühnhausen, daß ich einen mir doch völlig fremden Herrn so ohne weiteres auffordern würde, mir den Hof zu machen, wenn ich nicht genau im voraus wüßte, daß die Sache für mich völlig ungefährlich bleiben würde?« »Das schon,« stimmte er ihr nach einer kleinen Pause 51 bei, bis er fragte: »Sagen Sie mir bitte eins, gnädiges Fräulein, kenne ich diesen anderen, den Sie zu lieben angeben? Und wenn ich ihn zufällig kenne, obgleich ich hier ja noch ziemlich fremd bin, ist es ein Kamerad?« »Glauben Sie etwa, ich wäre in dieser kriegerischen Zeit so wenig militärfromm, daß ich einen Zivilisten heiraten würde?« fragte sie ihn mit einem vorwurfsvollen Ton in der Stimme. »Meinem Vater wäre es allerdings lieber, ich hätte mich in einen gutgestellten Zivilisten verliebt, denn der meint, selbst ein Kommerzienrat habe heutzutage an einem Leutnant in der Familie genug, da könne sich selbst ein Kommerzienrat den Luxus eines zweiten Leutnants als Schwiegersohn nicht leisten.« »Das käme doch wohl noch sehr darauf an,« warf Hans Arnim ein. »Sie meinen wohl auf die finanziellen Verhältnisse des künftigen Schwiegersohnes?« fragte Kitty. »Nein, im Gegenteil,« widersprach er, »ich meine, das käme doch nur auf das Vermögen des Schwiegervaters an. Aber soweit sind wir ja leider noch nicht, ganz abgesehen davon, daß es mir natürlich sehr peinlich ist, ein so heikles Thema mit einer jungen Dame zu besprechen, der man verpflichtet ist, den Hof zu machen.« »Ja, das sind Sie,« rief Kitty ihm zu, »und ich bin nur begierig, wann Sie endlich damit anfangen werden.« »Endlich ist gut,« verteidigte er sich, »ich muß doch erst die Situation übersehen, ehe ich zum Angriff gegen Sie vorgehe, gnädiges Fräulein. Ich muß doch auch erst wissen, 52 wer der andere ist, oder wären Sie so liebenswürdig, mir seinen Namen zu nennen?« »Glaub en Sie nicht, daß das sehr indiskret von mir wäre?« »Da haben Sie wieder recht, gnädiges Fräulein, aber ich kann mir nicht helfen, ich glaube immer noch nicht so recht an diesen Anderen.« »Der existiert aber wirklich,« widersprach sie sehr lebhaft, »wenn Sie es wünschen, bin ich sogar bereit, das meinerseits zu beschwören.« »Das verlange ich natürlich nicht,« fiel er ihr in das Wort, »aber wenn dem so ist, wie Sie sagen, dann verstehe ich nur eines nicht. Warum haben Sie sich denn nicht bereits früher mit dem verlobt und warum soll ich Ihnen da erst noch den Hof machen? Sie müssen bei Ihrem Plan irgend einen Hintergedanken haben, und halt,« unterbrach er sich triumphierend, »jetzt weiß ich auch welchen. Ich kenne Ihren zukünftigen Gatten ja zwar noch nicht und ich will den natürlich auch nicht beleidigen, aber trotzdem, er ist das, was man einen blöden Trottel nennt.« »Erlauben Sie mal, Herr von Kühnhausen, wie können Sie sich erdreisten, in solchen Ausdrücken von meinem zukünftigen Manne zu sprechen?« schalt Kitty anscheinend ganz empört. Aber Hans Arnim bewahrte seine Ruhe: »Noch ist der nicht Ihr Gatte, und ob er es wird, das wollen wir mal abwarten, denn ein kleines Wort habe ich da auch noch mitzureden. Aber gleichviel, ich glaube jetzt zu wissen, warum ich Ihnen den Hof machen soll. Der andere ist 53 so blöde, daß er sich nicht getraut, Ihnen seine Liebe zu gestehen. Da wollen Sie ihn nach dem alten, längst bewährten Rezept eifersüchtig machen, und damit ich ihm bei Ihnen nicht zuvorkomme, soll der endlich den Mut finden, das entscheidende Wort zu sprechen. Nicht wahr, so ist es doch?« Kitty zuckte die Achseln, dann meinte sie gelassen und gleichgültig: »Vielleicht haben Sie recht, vielleicht aber auch nicht, denn es wäre doch immerhin möglich, daß ich mit meinem Plan und mit der Ihnen auferlegten Strafe noch etwas anderes bezwecke.« »Und darf man wirklich nicht wissen, was das ist?« bat er. »Nein, Herr von Kühnhausen, das darf man nicht wissen, wenigstens heute noch nicht,« gab Kitty zur Antwort. »Aber Sie brauchen deswegen nicht ein so enttäuschtes Gesicht zu machen. Die Stunde wird schon noch kommen, in der Sie alles erfahren, und wenn Sie Ihre Sache gut gemacht haben, wird die Belohnung für Sie auch nicht ausbleiben, dann sollen Sie bei meiner Hochzeit der erste Trauzeuge sein.« »Ach nein, wirklich?« fragte er, sich verstellend, und sich selbst ironisierend setzte er hinzu: »Sie wissen gar nicht, gnädiges Fräulein, wie ich mich schon heute auf diese Auszeichnung freue. Der erste Trauzeuge! Da gehe ich also unmittelbar hinter Ihnen. Aber das sage ich Ihnen gleich, gnädiges Fräulein, ich übernehme keinerlei Garantie dafür, daß ich auf dem Kirchgang nicht plötzlich einen Eifersuchtskoller bekomme und daß ich Ihrem, natürlich auch von mir hochverehrten Gatten nicht unvermittelt an die Gurgel fahre, 54 denn wenn ein Mensch ja auch einen gewissen Prozentsatz Wasser in sich herumträgt, nur aus Wasser bestehe ich denn doch nicht. Ich habe auch Blut in meinen Adern, sogar manchmal verdammt heißes, und deshalb täten Sie vielleicht besser, sich später nach einem anderen Trauzeugen umzusehen.« »Herrgott, können Sie aber mit den Augen funkeln, da kann man es ja förmlich mit der Angst bekommen, wenn man Sie ansieht,« rief sie ihm jetzt zu, als sie bemerkte, wie es bei dem Gedanken an den Anderen in seinen Augen aufblitzte. Und es waren nicht nur leere Worte, die Kitty da sagte, sie ängstigte sich wirklich ein klein wenig vor ihm, trotzdem aber freute sie sich im stillen darüber, daß er selbst solchen Gefallen an ihr fand, daß er sie schon jetzt keinem anderen überlassen wollte. Aber der Andere lebte tatsächlich, und wenn sie trotzdem beschlossen hatte, sich von ihm den Hof machen zu lassen, ja, wenn sie das sogar nach ihrer festen Überzeugung tun mußte, dann brauchte er das Warum und Weshalb ja heute noch nicht zu wissen. Je später er alles erfuhr, umso besser für ihn, wenn die Zukunft ihm dann wirklich eine große Enttäuschung bereiten sollte, wie sie es sicher zu wissen glaubte. So meinte sie denn jetzt: »Ich glaube, wir tun gut, das Gespräch nun abzubrechen, Herr von Kühnhausen. Bis zur Hochzeit ist es ja noch lange hin, und wenn der Tag erst da ist, sind Sie vielleicht gar nicht mehr hier in der Stadt und haben mich längst wieder vergessen.« »Das glauben Sie wohl selber nicht, gnädiges Fräulein,« widersprach er. »Ich will Ihnen natürlich keine Schmeichelei sagen – –« 55 »Warum denn nicht?« fragte sie anscheinend ganz verwundert. »Das gehört doch mit zu dem Hofmachen, und wenn man den Schmeicheleien selbstverständlich auch nicht glaubt, man hört sie trotzdem gern, ich tue das wenigstens, also bitte los mit den Komplimenten!« »Ja, das sagen Sie so, gnädiges Fräulein,« meinte er kleinlaut, bis er abermals zornig werdend aufbrauste: »Es ist weiß Gott ein Skandal! Da habe ich mich nun so darauf gefreut, Ihnen den Hof machen zu dürfen, und nun, da ich es darf, ist mir die ganze Freude verdorben. Im Hintergrunde sehe ich immer den Anderen vor mir, und was das Schlimmste ist, ich sehe ihn gar nicht deutlich, weil ich ja nicht einmal weiß, wer er ist. Aber verlassen Sie sich darauf, gnädiges Fräulein, ich werde das schon herausbekommen und zwar sehr bald. Und wenn ich den erst kenne, nehme ich den Konkurrenzkampf mit ihm auf. Daß ein so auffallend hübsches junges Mädchen wie Sie sich nicht in den ersten besten Kriegsurlauber verliebt, denn um einen solchen handelt es sich doch wohl –« »Das allerdings,« stimmte sie ihm bei. »Na also,« meinte er, »da weiß ich wenigstens, wo ich die Konkurrenz zu suchen habe, und wenn ich ihn fand, ich wiederhole, gnädiges Fräulein, in den ersten Besten haben Sie sich ganz gewiß nicht verliebt, denn sonst wäre es ja auch keine Ehre für mich, den auszustechen. Je stärker der Feind, desto ruhmvoller der Sieg! Wie wahr dieses alte Wort ist, haben wir da draußen im Felde täglich aufs neue erfahren. Aber mag der Gegner noch so stark sein, mag er noch soviel Vorzüge haben, ich ringe ihn zu Boden, gnädiges 56 Fräulein, nicht, weil ich mir einbilde, in jeder Hinsicht über jeden anderen hervor zu ragen, sondern weil ich ganz einfach siegen will, und der Wille zum Sieg hat noch stets jedes Hindernis beseitigt!« Und seinen Ton plötzlich ändernd, schloß er ganz unvermittelt: »Und da dem so ist, wie ich sage, gnädiges Fräulein, da wäre es doch eigentlich das Einfachste, wenn Sie mir gleich heute den Sieg zusprächen.« »Sie sind wohl ganz von Gott verlassen, Herr von Kühnhausen?« entfuhr es ihr unwillkürlich, um dann fortzufahren: »Mir ist doch weiß Gott schon mancher Leutnant begegnet, aber so wie Sie sah mich noch keiner an, so keck wie Sie ist noch keiner darauf losgegangen. Ob aber solches blinde Draufgehen immer den gewünschten Erfolg hat, ist doch noch sehr die Frage. Bei mir ist das ja aus dem Grunde, den ich Ihnen schon nannte, nicht nur jetzt, sondern für immer ganz ausgeschlossen.« »Na na, gnädiges Fräulein, warten wir es ab!« warf er übermütig ein. »Schön, warten wir es also ab,« stimmte sie ihm bei, »ich kann warten.« »Und ich erst recht, gnädiges Fräulein.« »Da sind wir uns also wenigstens über diesen Punkt einig,« neckte sie ihn, »nun wollen wir aber für den Augenblick Schluß der Debatte machen. Es wird auch Zeit, zu den anderen zurückzugehen, denn so groß ist selbst dieser schöne Park nicht, daß man in dem ewig und drei Stunden herumgehen könnte. Ihr kranker Fuß muß als Ausrede dienen, wenn wir zu lange fortgeblieben sein sollten. Also kommen Sie jetzt und lassen Sie sich nur nochmals kurz an den Eid 57 erinnern. Ich werde Ihnen Gelegenheit geben, mich öfters zu sehen. Wenn nicht anders, dann täglich auf dem Tennisplatz. Gespielt wird dort allerdings sehr wenig, desto mehr aber geflirtet, daher der Name Flirtklub. Aber auch da dürfen Sie sich nur um mich kümmern.« »Und das werde ich auch, gnädiges Fräulein, darauf können Sie sich verlassen,« stimmte er ihr so lebhaft bei, daß sie ihn bat, seine Stimme zu dämpfen: »Wir sind gleich wieder in der Kaffeelaube, also Vorsicht! Die Tante und Fräulein von Greusen brauchen ja nichts von unserer Unterhaltung zu erfahren,« bis sie leise hinzusetzte: »Natürlich dürfen Sie auch nicht einmal Fräulein von Greusen, wenn auch nur in unverbindlicher Art, den Hof machen, obgleich ich gerade der gewünscht hätte, daß die an Ihnen einen ernsthaften Courmacher fände. Denn nicht wahr, Fräulein von Greusen ist nicht nur eine Schönheit, sondern sie hat auch in ihrem Wesen so viel Liebes und Nettes, daß man ihr unbedingt gut sein muß. Wenn es nach mir ginge, hätte ich ihr schon längst die Freundschaft und das vertrauliche Du angeboten, aber sie will es ja nicht, sie will ja einmal nur das Fräulein von Greusen bleiben. Na, vielleicht gelingt es Ihnen, sie in der Hinsicht wenigstens teilweise zu bekehren.« »Das glaube ich kaum, gnädiges Fräulein,« widersprach er, »ich habe es vorhin schon im Kleinen versucht, aber ohne jeden Erfolg. Auf jeden Fall möchte ich Ihnen aber sagen, gnädiges Fräulein, fast noch mehr als Ihre Schönheit und Ihr Wesen, soweit ich das bisher kenne, nimmt mich eins für Sie ein, die außerordentlich freundliche Art, in der Sie 58 sich über Fräulein von Greusen äußerten. Das freut mich viel mehr, als ich sagen kann.« Kitty blieb unwillkürlich stehen und sah ihn mit ihren großen, runden Augen völlig erstaunt an, dann meinte sie plötzlich, ihm scherzend mit dem Finger drohend: »Na na, das soll doch nicht etwa heißen?« Und ein klein wenig böse werdend und mit dem rechten Fuß auf den Sand stampfend, setzte sie hinzu: »Nein, Herr von Kühnhausen, das gibt es ganz einfach nicht. Das lasse ich mir nicht gefallen, daß Sie sich auch in Fräulein von Greusen verliebt haben. Ein Wunder wäre das ja weiter nicht, aber trotzdem, wie sagt doch die Jungfrau von Orleans: »Mein ist der Helm und mir gehört er zu!« Und so gehören Sie jetzt mir, Herr von Kühnhausen, einzig und allein mir, als mein Courmacher, als mein Ritter und mein Knappe, bis Sie Ihre Strafe verbüßten, oder bis ich Sie vielleicht schon früher in Gnaden aus Ihrer Kerkerzelle entlasse.« »An alledem wird Fräulein von Greusen auch nicht das Allergeringste ändern,« stimmte er ihr bei. »Jetzt aber heißt es, noch vorsichtiger sein, denn jetzt sind wir wirklich in der Hörweite der beiden anderen Herrschaften angelangt.«^ Und gleichsam zum Beweise dafür, daß er recht habe, rief die Frau Konsul ihm jetzt aus der Laube entgegen: »Na, Herr von Kühnhausen, da kommen Sie ja endlich wieder zum Vorschein. Daß man so lange in dem Park spazieren gehen könnte, hätte selbst ich nicht geglaubt. Das soll natürlich kein Vorwurf sein, als hätten Sie mich etwa zu lange allein gelassen, aber ich fürchtete nur, Sie könnten sich mit dem Gehen überanstrengen.« 59 »In der Hinsicht habe ich schon auf den Herrn Leutnant aufgepaßt,« nahm Kitty jetzt völlig unbefangen das Wort. »An Ruhebänken ist ja nirgends ein Mangel, und während der Herr Leutnant saß, habe ich ihn auf alle Schönheiten, die sich vor seinen Augen ausbreiteten, aufmerksam gemacht,« und da sie wußte, daß sie damit ihrer Tante eine Freude machte, setzte sie hinzu: »Herr von Kühnhausen ist von deinem Park genau so begeistert wie ich.« »Nicht wahr, der Park ist wirklich schön?« meinte jetzt die Frau Konsul voller Stolz und doch voller Bescheidenheit, um ihrem Gast dann ausführlich zu erzählen, wie dieser Park damals vor ungefähr dreißig Jahren, als ihr längst verstorbener Mann sich hier ankaufte, noch zu dem Stadtwald gehört habe, wie damals kein Mensch daran dachte, daß sich die Stadt jemals so weit ausdehnen würde, daß hier, wenn auch nur ein kleines Villenviertel, entstehen könne. Die Frau Konsul kam in das Erzählen und plauderte darauf los, schon weil sie in Hans Arnim einen so aufmerksamen Zuhörer gefunden hatte. Aber wenn der sich im stillen deswegen auch unhöflich und ungezogen schalt, er wünschte doch, daß endlich das Auto kommen möge, damit sie zu den Tennisplätzen fahren könnten, damit er womöglich schon heute gleich festzustellen vermöchte, wer denn eigentlich nun der Andere wäre. Endlich, endlich meldete der Diener, daß das Auto des Herrn Konsuls vorgefahren sei, und gleich darauf verabschiedete sich die Jugend, nachdem Kitty um Erlaubnis gebeten hatte, bald einmal wieder zum Kaffee kommen zu 60 dürfen, denn die Schlagsahne und die Windbeutel hätten ihr heute zu gut geschmeckt. »Oder du bist selbst ein kleiner Windbeutel und hast dich zu gut mit dem Herrn Leutnant unterhalten,« dachte die Frau Konsul und in dieser Vermutung wurde sie bestärkt, als sie nun sah, wie die drei im lebhaften Gespräch, plaudernd und lachend davon schritten. Schon nach kurzer Fahrt war bald darauf der Tennisplatz erreicht, auf dem bereits ein mächtiger Betrieb herrschte, wie Kitty das nannte. Und Kitty hatte mit der Äußerung nicht ganz unrecht. Sicher mehr als zwanzig junge Damen, alle im weißen Tenniskostüm, waren versammelt, und sicher ebenso viele, wenn nicht noch mehr, Offiziere aller Waffengattungen, diese alle aber in Uniform, einmal, weil keiner der Herren schon wieder so gesund war, um sich an dem Spiel beteiligen zu können, dann aber auch, weil der Garnisonälteste es den Kriegsurlaubern ein für allemal verboten hatte, in Zivil zu gehen, es mußte denn sein, daß der Arzt zur Erleichterung des Kranken den Zivilanzug verordnete. Die Herren spielten gar nicht und auch die Damen hätten den Schläger ruhig zu Hause lassen können. Nur ganz vereinzelt standen sich hier und da zwei junge Damen an dem Netz gegenüber, die meisten standen oder gingen in kleinen Gruppen mit den Offizieren zusammen auf und ab. Viele hatten sich auch von den Gruppen abgesondert und gingen mit einem der Offiziere allein oder saßen mit ihrem Partner plaudernd auf einer Bank. Es dauerte eine ganze Weile, bis Hans Arnim sämtlichen 61 jungen Damen vorgestellt worden war und bis er sich auch den Kameraden, soweit diese ihm noch fremd waren, bekannt gegeben hatte. Dann aber machte er sich gleich an das Beobachten, denn wenn es wirklich einer der Kriegsurlauber war, den Kitty später zu heiraten gedachte, dann würde der sie doch auch heute sicher vor allen anderen auszeichnen. Aber so sehr er auch seine Augen anstrengte, ihm fiel nichts Besonderes auf, ja, es kam ihm beinahe so vor, als würde Fräulein von Greusens Gesellschaft mehr gesucht als die Kittys, obgleich Fräulein von Greusen sich den Offizieren gegenüber wenn auch nicht gerade ablehnend, so doch zurückhaltend benahm und obgleich sie auch sofort mit dem Spiel begann, an dem sich dann auch Kitty bald beteiligte, nachdem es ihm so vorgekommen war, als habe sie sich ein paarmal suchend umgesehen, als erwarte sie noch jemanden. Nein, ihm fiel wirklich nichts Besonderes auf, bis er dann im Laufe des Gespräches von einem Kameraden, der sich ihm als ein Herr von Natzel vorgestellt hatte, erfuhr, daß heute nachmittag der Betrieb doch nicht vollzählig sei, daß manche fehlten, unter diesen auch der Vorsitzende des Klubs, der Kürassierleutnant von Hohenebra, allgemein bekannt unter dem Spitznamen »der schöne Hugo«. Und bei der Gelegenheit erfuhr er denn auch das Nähere über diesen Flirtklub, wie der ernsthaft genannt wurde und der auch tatsächlich ein solcher war, denn man flirtete hier zum Besten des roten Kreuzes. Anfänglich waren die Offiziere hier herausgekommen, nur um dem Spiel der jungen Damen zuzusehen. Dann waren sie von diesen 62 aufgefordert worden, sich an dem Spiel zu beteiligen, und da den Herren das nicht gelang, waren sie später nur gekommen, um mit den jungen Damen zu plaudern, und aus diesen Plauderstunden waren nach und nach die Flirtstunden geworden. Jeder Offizier konnte den Wunsch äußern, welcher jungen Dame er den Hof zu machen wünsche, und die Dame mußte im Interesse des guten Zweckes diesen Wunsch erfüllen, wenn nicht ganz gewichtige Gründe dagegen sprachen. Wurde der Flirt, der nur in den seltensten Fällen länger als eine Woche dauern durfte, angenommen, so mußte der Herr dafür mindestens den Betrag von fünf Mark in die Vereinskasse stiften. Wurde er aber als Courmacher abgelehnt, dann mußte er zur Strafe den doppelten Betrag zahlen, den er sonst freiwillig gegeben hätte. Natürlich bestand in der Hinsicht kein Zwang, aber es wurde von jedem Offizier erwartet, daß er sich einen Flirt zulegte. Nur die außerordentlichen Mitglieder brauchten nicht mitzuflirten, aber deren Anzahl war augenblicklich gering. Von den Herren waren alle ordentliche Mitglieder und von den Damen nur eine, Fräulein von Greusen, ein außerordentliches Mitglied. Die war, wie der Kamerad erklärte, nun einmal nicht zum Flirten zu bewegen, die kam wirklich nur, um zu spielen, obgleich der ganze Flirt hier wirklich nur sehr harmloser Art war, denn der erste Paragraph der ungeschriebenen Statuten hieß: »Der Flirt darf unter keinen Umständen in eine Verlobung ausarten.« Das war, wie der Kamerad weiter erzählte, die Bedingung gewesen, unter der die Mütter ihren Töchtern erlaubt hätten, hier täglich mit den Kriegsurlaubern zusammenzutreffen. 63 »Und wenn es nun trotzdem zu einer Verlobung kommt?« erkundigte sich Hans Arnim. »Dann würden die Mütter selbstverständlich auch nicht böse sein,« lautete die Antwort, »im Gegenteil, die hegen sogar sicher im stillen den Wunsch, daß möglichst viele von uns Kriegsurlaubern auf die jungen Damen anbeißen, und daß die jungen Damen über eine Verlobung sehr traurig sein würden, glaube ich natürlich auch nicht. Aber trotzdem, man muß es den jungen Damen lassen, keine von ihnen versucht hier, ihre Angel auszuwerfen, es herrscht ein völlig freier, kameradschaftlicher Ton, man betrachtet den ganzen Flirt lediglich als einen äußerst angenehmen Zeitvertreib.« Hans Arnim hörte aufmerksam zu, während er sich im stillen darüber amüsierte, auf welche sonderbaren Ideen die Menschen doch in diesem Kriege verfielen, um Geld in die Kassen zu bekommen. Belustigt betrachtete er die einzelnen Paare, die miteinander plaudernd an ihm vorbeischritten und seine Augen erfreuten sich an dem Anblick der vielen, wirklich sehr hübschen jungen Damen. Und wenn die zum größten Teil auch noch reich waren, wie man ihm im Lazarett erzählte, dann wunderte er sich darüber, daß es bei diesem Flirten immer nur bei dem Flirten geblieben war. Aber das lag wohl mit daran, daß die meisten Kameraden nur den einen Gedanken hatten, baldmöglichst wieder an den Feind zu kommen und daß die sich nicht vorher binden wollten, damit sie keine Braut zurückließen, wenn sie doch noch auf dem Felde der Ehre bleiben sollten. Na, bei ihm war das ja etwas anderes. Ehe sein Fuß wieder so stark war, daß er mit dem würde marschieren, 64 oder auch nur reiten können, vergingen sicher noch mehrere Monate und bis dahin mußte doch selbst dieser Krieg sein Ende haben. Für ihn war der eigentlich schon jetzt zu Ende, leider, leider, aber er mußte sich eben in das Unabänderliche fügen, wenn auch noch so schweren Herzens. Leutnant von Natzel hatte sich schon längst von ihm verabschiedet, um auch seine Flirtpflicht zu erfüllen, und die schien ihm auch nicht weiter unangenehm zu sein, denn Hans Arnim sah ihn nun im Gespräch mit einem allerliebsten jungen Mädchen, der Tochter des Garnisonältesten, des Obersten von Aschenbach, das in ihrer ganzen Erscheinung einer zierlichen Meißner Porzellanfigur glich. Und er mochte ihr allerlei lustige Sachen erzählen, denn sie lachte fortwährend vergnügt vor sich hin. Der Flirt war im besten Gange und der blieb es auch, trotzdem sich zu den beiden nun noch ein anderer Offizier hinzugesellte, auf dessen Namen er sich im Augenblick nicht mehr besinnen konnte, der aber dem anderen, dem Natzel, auffallend ähnlich sah. Und auch sonst wurde überall geflirtet. Nur er stand hier einsam und verlassen herum, während er zugleich dem Spiel zwischen Fräulein von Greusen und Kitty zusah. Beide gaben einander in der Kunst des Tennis nichts nach, bis Maria Elisabeth sich anscheinend nun doch für besiegt erklären mußte, denn Hans Arnim hörte, wie Kitty jetzt fröhlich auflachte, während sie zugleich mit dem Spielen aufhörte und es Fräulein von Greusen überließ, sich eine andere Partnerin zu suchen. Und wenig später stand Kitty vor ihm, mit lachenden, übermütigen Augen, mit frischen, vom Spiel geröteten 65 Wangen, um ihm zuzurufen: »So, Herr von Kühnhausen, nun kann das Courmachen beginnen. Erst mußte ich mir mal ordentlich Bewegung machen, denn ich habe heute nachmittag bei dem Kaffee tatsächlich mindestens sechs Windbeutel zu viel gegessen, jetzt ist mir wieder wohl und darum und deshalb: Das Spiel kann beginnen!« Kitty sang die Worte aus dem Prolog zum Bajazzo mit heller, frischer Stimme, ihm dabei neckend in die Augen sehend, aber er blieb trotzdem sehr ernst, um ihr zu entgegnen: »Was Sie ein Spiel nennen, gnädiges Fräulein, ist für mich bitterer Ernst.« »Das soll es auch für Sie sein,« gab sie zur Antwort: »sonst wäre es für Sie keine Strafe,« und abermals ein klein wenig ärgerlich mit dem Fuß aufstampfend, setzte sie hinzu: »Mein Gott, wann werden Sie denn nun endlich mit dem Courmachen anfangen? Hätte ich das geahnt, daß Sie ein so steifer, langweiliger Mensch sind –« »Na erlauben Sie mal, gnädiges Fräulein,« verteidigte er sich, »das hat mir noch keine junge Dame gesagt, und ich werde Ihnen sofort beweisen, daß Sie mir bitter unrecht tun.« »Auf den Beweis bin ich aber wirklich neugierig,« neckte sie ihn. »Na und nun ich erst,« stimmte er ihr bei, »denn wo ich den plötzlich hernehmen soll, das weiß ich auch nicht. Aber bitte warten Sie mal einen Augenblick, gnädiges Fräulein, und sehen Sie mich dabei recht freundlich an, wenn es Ihnen dabei auch nicht von Herzen kommt. Tun Sie so, als wenn Sie bei dem Photographen wären. Ja, so ist es recht, gnädiges Fräulein, der Ausdruck ist so sehr schön, Sie müssen 66 nur das rechte Ohr etwas tiefer nehmen, das linke etwas höher, die linke Schulter mehr vor, das Kinn etwas herunterdrücken –« Er korrigierte in der Art eines Photographen endlos lange an ihr herum, bis sie halb lustig, halb verdrießlich fragte: »Werden Sie mit Ihren Vorbereitungen heute noch fertig werden?« »Ich bin es sogar schon,« gab er zur Antwort, »allerdings erst seit einer halben Minute. Als das Magnesiumlicht aufflammte, mit dem ich in Gedanken von Ihnen eine Aufnahme machte, da blitzte es auch in meinem Schädel auf. Alles ist bereit, der Tisch ist gedeckt, darf ich bitten, gnädiges Fräulein?« »Aber wohin denn nur?« fragte Kitty ganz erstaunt, als er ihr nun ritterlich den Arm bot. »Wohin, gnädiges Fräulein?« gab er zurück. »Doch natürlich zu Tisch, wohin denn sonst? Sie glauben doch nicht etwa, daß ich damit anfangen kann, Ihnen hier aus dem Stegreif heraus den Hof zu machen? Hier geht es bei dem zweiten- und zwanzigstenmal, aber für den Anfang muß der richtige Ort die richtige Stimmung über uns bringen. Dann kommt das andere ganz von selbst. Also bitte reichen Sie mir Ihren Arm.« Und als sie das getan, setzte er hinzu: »Wissen Sie wohl, gnädiges Fräulein, daß Sie anscheinend einen sehr schönen Arm und außerordentlich hübsche Hände haben? Doch das nur nebenbei, ich führe Sie jetzt in den großen Saal, den ich ganz deutlich vor mir sehe. Alles ist hell erleuchtet, aber das Licht ist gedämpft durch große Girlanden dunkelroter Rosen, die alle Glühkörper verdecken 67 und die sich von der Decke herab zu der Tafel ziehen. An der Tafel selbst sitzen Herren in bunter Uniform und im ordensgeschmückten Frack an der Seite schöner Frauen, an deren entblößten Schultern und Nacken Brillanten und Perlen schimmern. Die Tafel ist gedeckt mit den edelsten Damasttüchern, das Service besteht aus dem wertvollsten Meißner Porzellan, die Gläser aus ganz altem, geschliffenem Kristall. Und an dieser Tafel, an der wir nun Platz genommen haben, ganz dicht nebeneinander, serviert man die köstlichsten Speisen. Von diesem Damwildrücken würde ich an Ihrer Stelle unbedingt noch einmal nehmen, gnädiges Fräulein, der ist einfach ein Gedicht, so schön und so zart, und dazu ein Glas französischen Champagners. Und nun, da der Sekt mir die Zunge löste, jetzt sage ich Ihnen, wie schön Sie sind, gnädiges Fräulein, so schön, daß ich meinen Augen nicht zu trauen glaubte, als ich Sie heute morgen zum erstenmal sah. Und während ich Ihnen das erzähle, während Sie meinen Worten lauschen, als säßen wir beide ganz allein an der großen Tafel, da – hören Sie die Klänge der Musik? Nur ganz leise tönt es zu uns herüber, es müssen Zigeuner sein, die da spielen, nur ein Zigeuner kann so auf der Geige klagen und weinen und nur der vermag auf seinem Instrument so zu singen. Und nun gehen die in eine andere Melodie über. Hören Sie, gnädiges Fräulein? Jetzt spielen Sie einen Walzer. Fühlen Sie es, wie die Töne sich in das Ohr einschmeicheln, wie die Musik von dem Ohr durch den ganzen Körper geht, bis herab zu den Fußspitzen? Wenigstens mir geht es jetzt so, denn was die Zigeuner da spielen, ist mein Lieblingswalzer aus dem Grafen von Luxemburg, zu 68 dem der Text da lautet: Ich weiß es genau, genau, genau, du wirst meine Frau, meine Frau, meine Frau!« Nur halblaut, um die Stimmung nicht zu zerreißen, in die er sich künstlich hinein versetzte, während er mit ihr auf einer etwas abseits gelegenen Bank Platz genommen hatte, sang er den Text zwar mit einem völlig ungeschulten, aber doch sehr hübschen Bariton leise vor sich hin und noch einmal wiederholte er: »Ich weiß es genau, genau, genau, du wirst meine Frau, meine Frau, meine Frau!« »Bilden Sie sich um Gotteswillen nur nichts ein,« unterbrach ihn da Kitty etwas verstimmt, aber zugleich auch belustigt. Die hatte, als sie sah, wie er mit geschlossenen Augen auf sie einsprach, ebenfalls die Augen geschlossen gehalten und auch ihrerseits die Tafel, die er ihr schilderte, deutlich vor sich gesehen. Ja, es war auch ihr gewesen, als höre sie sogar in Wirklichkeit die Klänge der Geigen, aber bei seinen letzten Worten erwachte sie jäh aus dem Traum und rief ihm nun nochmals zu: »Wirklich, Herr von Kühnhausen, bilden Sie sich nur nichts ein. Und im übrigen singen Sie den Text falsch, es heißt nicht: »Du wirst meine Frau, sondern: du bist meine Frau. Na und daß ich das nicht bin –« »Was nicht ist, gnädiges Fräulein, kann noch werden,« fiel er ihr in das Wort, »und wenn Sie erst meine Frau sind, wird es für mich noch viel schöner sein, als es heute schon ist. Aber warum haben Sie uns durch Ihren Zwischenruf von der Tafel verscheucht? Das war nicht nötig, denn der Operettentext ist doch nicht von Schiller oder Goethe. Die muß man ja im Wortlaut zitieren, wenn man sich nicht gegen die großen Geister versündigen und von seinem 69 Klassenlehrer zum Nachsitzen verurteilt werden will. Aber sonst kommt es doch nicht so genau auf den Text an. Schade, daß Sie dazwischen sprachen, ich war so schön im Zuge. Ich hätte Ihnen sicher noch viel Schöneres gesagt, aber vielleicht kommt die Stimmung wieder über mich.« Und es gelang ihm, sich wieder in die hinein zu versetzen. Abermals hatte er die Augen geschlossen und sprach jetzt weiter: »Hören Sie die Geigen auch jetzt noch? Die sind für uns erwachsene Menschen, was für die Kinder das Wiegenlied ist. Die lullen unsere Gedanken ein und führen uns, wenn auch wachend, in das Traumland. Und im Traume sitze ich nun wieder neben Ihnen und schaue Ihnen in die Augen. Ich darf Ihnen doch nicht alles sagen, was ich auf dem Herzen habe, die Stunde ist für uns beide noch nicht da. Mein Mund schweigt, aber meine Augen sprechen dafür desto beredter zu Ihnen, die sagen Ihnen immer aufs neue, wie schön Sie sind, wie Ihre Augen bei Ihrer Begegnung mich berauschten, wie die gleich den Wunsch in mir wachriefen, die einmal küssen zu dürfen. Und auch das Haar möchte ich küssen, aber meine Küsse wären nicht wild und stürmisch, denn das wäre ganz falsch. Auch das Küssen ist eine Kunst, die da verstanden sein will. Ein Kuß darf nichts geben, sondern der muß fordern. Ein Kuß darf keinen Wunsch erfüllen, sondern er muß stets neue Wünsche erwecken. Man darf sich an den Küssen nicht satt trinken, sondern die müssen den Durst nur immer größer und größer machen. In Worten ist das alles sehr schwer auszudrücken, aber vielleicht kommt die Stunde, in der ich Ihnen das alles anders erklären darf.« 70 Immer weiter sang er ihr das Lob ihrer Schönheit und immer aufs neue dankte er ihr dafür, daß sie ihm erlaubt habe, ihr den Hof zu machen. Aber Kitty dachte darüber wesentlich anders, denn sie bereute es beinahe, ihn zu dieser Strafe verurteilt zu haben, denn wenn es ihm heute schon auch nur teilweise ernst war mit allem, was er ihr da sagte, dann würde er sehr bald in hellen Flammen stehen und sich tödlich in sie verlieben. Das hatte sie allerdings ja auch von ihm verlangt, aber doch mehr aus Übermut, und jetzt bereute sie schon beinahe ihre Worte, obgleich es ihr natürlich schmeichelte und obgleich es ihr Vergnügen machen würde, sich so geliebt zu wissen. Aber der arme Leutnant, der ihr da soviel vorschmeichelte, tat ihr dennoch aufrichtig leid. Eine so harte Strafe hatte er für seinen kecken Blick doch eigentlich nicht verdient. Wie furchtbar würde für ihn das Erwachen sein, wenn er eines Tages erfuhr, daß sie schon einen anderen liebte. Und darum und deshalb durfte er nicht weiter so zu ihr sprechen, wie er es auch nun noch tat. Sie wollte ihn unterbrechen, ihn in die Wirklichkeit zurückrufen, aber sie schwieg dennoch, sie fürchtete seinen Tadel, wenn sie ihm durch einen Zwischenruf die Stimmung abermals verdarb, und sie schwieg auch, weil er sie mit seinen Worten einlullte, weil die ihre Ohren und ihre Sinne umschmeichelten, wie die Klänge der Zigeunergeigen, die da zu singen und zu weinen verstehen. – 71   III. Der Kürassierleutnant Hugo von und zu Hohenebra, nicht nur im Kreise seiner Kameraden, sondern auch von den jungen Damen hier in der Stadt, wenn die unter sich waren, nie anders als »der schöne Hugo« genannt, lag in seinem Bett und krümmte sich vor den entsetzlichsten Kopfschmerzen. Das heißt, er wollte sich winden und krümmen, aber er konnte es nicht. Er lag still und unbeweglich da, ein Bild des Jammers, und er hatte einen Jammer, sogar einen solchen Katzenjammer, wie er es in seinem bisherigen Leben niemals auch nur für möglich gehalten hätte. Nun lag er da und büßte die Sünden des gestrigen Nachmittags und des gestrigen Abends, denn da er wußte, daß sein langer Körper eine unendliche Menge Alkohol vertragen konnte, ehe der auch nur die geringste Wirkung ausübte, hatte er schon gestern nachmittag, als er auf dem Tennisplatz fehlte, damit begonnen, sich zu betrinken, und er hatte diese Tätigkeit den ganzen Abend fortgesetzt. Nun lag er in seinem Bett und hatte schwer Kopfweh und von seiner sonstigen Schönheit war nichts zu sehen. Die sonst so frischen bräunlich gefärbten Wangen, deren Farbe sich so malerisch von dem gelben Kragen der Kürassiere 72 abhob, war jetzt blaßgrün, der Mund mit den schneeweißen Zähnen, der schon so manchen Mädchenmund geküßt hatte und der von so manchem wiedergeküßt wurde, war fest zusammen gekniffen und um ihn zeigte sich eine tiefe Falte. Von den hübschen, dunklen, braunen Augen, die sonst schwärmerisch und melancholisch dreinzublicken pflegten, war, da er sie fest geschlossen hielt, sogar gar nichts zu sehen. Auch die ein klein wenig zu niedrige Stirn und das dichte schwarze Kopfhaar waren völlig unsichtbar, denn der ganze Kopf war in nasse Umschläge eingehüllt. Der sonst so schöne Hugo lag in seinem Bett und hatte rasendes Kopfweh, und neben seinem Bett saß sein getreuer Bursche Paul Paulsen, ein geborener Norddeutscher. Der war mit seinem Leutnant zusammen an ein und demselben Tage schwer verwundet worden. Beide waren von einem Granatsplitter an der Brust getroffen. Beide wurden bewußtlos in ein und dasselbe Feldlazarett geschafft und auf seine Bitten hin hatte man den Burschen auch bei seinem Herrn gelassen, als der auf dem Etappenwege hierher in die Stadt transportiert wurde, um völlig zu genesen. Paul Paulsen war bei seinem Herrn geblieben, um den, wenn er auch selbst zuerst noch der Pflege bedurfte, pflegen zu können, wenn es einmal nötig sein solle, und das tat er denn nun heute. Seit Stunden schon machte er seinem Leutnant kalte Umschläge und nun nahm er das Handtuch, das er seinem Herrn um den Kopf gewickelt hatte, wieder ab, um es in das kalte Wasser zu stecken, das in einem großen Eimer neben ihm stand. Dann rang er das Tuch aus und legte es 73 seinem Herrn mit seinen großen mächtigen Händen leise und behutsam wieder um den Kopf. »Ach das tut gut, Paul Paulsen,« meinte Herr von Hohenebra, einen Ton des Wohlbehagens von sich gebend, bis er jetzt, wenn auch mit schwacher Stimme fragte: »Sag mal, Paul Paulsen, glaubst du wirklich, daß ich die Kopfweh in meinem Leben noch einmal wieder loswerde?« »Aber selbstverständlich, Herr Leutnant,« lautete die Antwort. »Die Kopfweh gehen sogar noch in diesem Jahre wieder vorbei. Jetzt sind wir im Juni, zu Weihnachten wissen der Herr Leutnant schon nichts mehr davon.« Doch sein Leutnant widersprach: »So schnell geht es denn doch nicht, Paul Paulsen, wenn es ja auch sehr hübsch von dir ist, daß du mir Trost zusprichst, aber –« bis er sich dann unterbrach und einen Schmerzensruf ausstieß: »Verflucht noch mal, mein Schädel! Jedes Haar auf dem Kopfe tut mir weh, da hilft nur eins. Lauf mal rasch zum Friseur, Paul Paulsen, der soll Schere und Rasiermesser mitbringen, um mir die Haare abzurasieren, ich lasse mir in Zukunft eine Riesenglatze wachsen.« »Nein, Herr Leutnant, das tue ich nicht, den Befehl führe ich nicht aus,« widersprach der Bursche, »und im übrigen nützte das dem Herrn Leutnant auch gar nichts, es würde dem Herrn Leutnant da mit den abgeschnittenen Haaren so gehen, wie den Verwundeten mit den amputierten Armen und Beinen. Die haben in denen selbst dann noch Schmerzen, wenn sie die Glieder längst nicht mehr besitzen. Nee, Herr Leutnant, die Haare wollen wir nur ruhig sitzen lassen,« 74 und als sein Leutnant nun abermals in unnennbarem Weh schwer aufstöhnte, meinte Paul Paulsen voller Teilnahme, aber auch voller Neugierde: »Das ist ja schrecklich mit dem Herrn Leutnant, wenn das so weitergeht, hat das Pfingsten übers Jahr ja auch noch kein Ende. Aber eins verstehe ich gar nicht, der Herr Leutnant können doch sonst 'nen ganz gehörigen Kommißstiefel voll vertragen, was haben der Herr Leutnant sich denn gestern Abend nur alles zusammengetrunken?« »Nur Lethe, Lethe, egal Lethe.« Paul Paulsen, das Bild eines hünenhaften Kürassiers, hatte natürlich von diesem sagenhaften Trunk des Altertums, in dem die Seelen der Verstorbenen Vergessenheit zu trinken pflegten, nie etwas gehört. Er wußte gar nicht, was Lethe war, trotzdem oder gerade deshalb aber meinte er jetzt mit vorwurfsvollem Ton: »Ja, wenn der Herr Leutnant aber auch ein solches elendes Zeug in sich hineingießen, da muß einem Christenmenschen ja miserabel und speiübel werden.« »Wenn ich wenigstens nur speien könnte, dann würde mir wohl besser werden,« jammerte sein Leutnant. »Wird auch schon noch kommen,« meinte Paul Paulsen gelassen, »warten der Herr Leutnant es nur ruhig ab, jetzt haben wir Juni, spätestens im Oktober ist es soweit.« Aber sein Leutnant widersprach abermals: »Nee, Paul Paulsen, du irrst dich, so schnell kommt das ganz bestimmt nicht. Vielleicht bis Weihnachten, das wäre ja möglich, aber eher nicht.« 75 Wieder lag der sonst so schöne Hugo nun eine Weile still und regungslos da. Er beschäftigte sich im stillen mit der vielen Lethe, die er gestern trank, um zu vergessen, was gestern vor zwei Jahren gewesen war, und um bei der Gelegenheit noch manches andere, das ihn in der letzten Zeit beschäftigt hatte, ebenfalls zu vergessen. Und aus diesem Zusammenhange heraus fragte er nun plötzlich seinen Burschen: »Sag mal, Paul Paulsen, hast du in deinem Leben von einem Mädel schon mal so etwas Ähnliches wie einen Korb bekommen?« Der Kürassier machte zuerst ein ganz verwundertes Gesicht, dann aber richtete er sich im Sitzen stolz auf, während ein triumphierendes Lächeln über sein hübsches Gesicht flog, und meinte: »Ich sollte schon mal einen Korb bekommen haben? Nee, Herr Leutnant, das gibt es bei mir nicht, und das Mädel möchte ich mal sehen, die es wagen würde, bei mir »nein« zu sagen. Die könnte ihr Wunder erleben! Verhauen tät ich sie natürlich nicht, ich würde sie nur vertobacken, daß sie sich mang ihre Kochtöpfe setzte und die nächsten vierundzwanzig Stunden nicht wieder aufstände. Nein, Herr Leutnant, ich lasse mir keinen Korb geben, den teile ich höchstens selber aus. Da ist zum Beispiel die rothaarige Luise drüben von dem Regierungsrat. Die hat es mir offen eingestanden, sie hätte gern mit mir zusammen getechtelmechtelt, aber ich habe ihr abgewunken. Erstens bin ich nicht für die Rothaarigen und dann bin ich nun in Bezug auf meine Bräute komplett und feldmarschmäßig ausgerüstet. Ich habe nun glücklich alle acht zusammen. Für jeden Wochentag eine und für den Sonntag zwei, da 76 habe ich eine von drei bis acht und die andere von acht bis elf.« Trotz seiner Kopfschmerzen hatte sein Leutnant ihm zugehört, jetzt aber bat er: »Paul Paulsen, acht Bräute auf einmal, hör' bloß damit auf, da bekommt ja selbst ein gesunder Mensch Kopfschmerzen.« »Ich nicht,« widersprach der Kürassier, »und damit ich keine babylonische Verwirrung, oder wie das sonst heißt, anrichte, habe ich mir das mit meinen acht Bräuten sein eingeteilt. Am Montag poussiere ich mit der Monika. Das ist ja eigentlich für 'ne Köchin ein komischer Name, aber sie hat mir erzählt, sie wär 'ne Katholische und die hießen manchmal so. Na und am Dienstag habe ich die Drina, eigentlich heißt sie Trina, aber damit ich das am Dienstag nicht verwechsle und immer gleich weiß, wer dran ist, habe ich ihr erklärt, ich wäre ein halber Sachse und könne kein hartes T aussprechen. Am Mittwoch habe ich die Minna, dann die Dora, die Frieda, am Sonnabend die Sonja, das ist eine von den polnischen Arbeiterinnen, die hier ganz in der Nähe auf dem Gut sind. Na, und am Sonntag zuerst die Sidonie und Abends die Suse. Und damit der Herr Leutnant nichts Schlechtes von mir denken, weil ich soviel Bräute auf einmal habe, ich bin allen treu. Aber jeder natürlich nur vierundzwanzig Stunden. Ich habe denen gleich erklärt, länger ginge das nicht, wo heutzutage im Kriege alles so knapp wird, da wird es die Treue erst recht. Die Kriegstreue kann nun einmal nicht länger dauern. Im Frieden ist das ja natürlich etwas anderes, aber jetzt und deshalb –« 77 »Nun hör' schon mal mit deinen sämtlichen Liebsten auf,« fiel sein Leutnant ihm ins Wort, »denk' lieber an meinen Kopf und mache mir einen neuen Umschlag.« Der Bursche schickte sich an, den Befehl auszuführen, aber plötzlich meinte er: »Herr Leutnant, ich glaube, diese Umschläge helfen doch nichts. Ich habe dem Herrn Leutnant schon beinahe 'ne ganze Wasserleitung auf den Schädel gelegt, aber eigentlich ohne jeden Erfolg. Ich glaube, ich weiß was Besseres. Ich mache dem Herrn Leutnant nun mal ein ganz eisekaltes Bad, und in das steigen der Herr Leutnant hinein, aber zuerst mit dem Kopf. Die Füße tun dem Herrn Leutnant ja nicht weh und sauber sind die ja auch, die können ruhig draußen bleiben. Aber der Kopf muß rein in die Wanne, ganz tief, bis auf den Boden, so vielleicht 'ne halbe Stunde lang und wenn der Herr Leutnant dann mit dem Kopfbad fertig sind, dann besorge ich für den Herrn Leutnant ein schönes Frühstück. Zuerst zwei schöne saure Heringe, dann eine Tasse starken, schwarzen Kaffee, dazu essen der Herr Leutnant zwei Rollmöpse, zwischendurch trinken der Herr Leutnant zwei Gläser Kognak und hinterher möglichst drei Glas alten, abgestandenen Bieres und dazu rauchen der Herr Leutnant –« Aber weiter kam Paul Paulsen nicht. Bei den lukullischen Genüssen, die er da seinem Herrn aufzählte, drehte sich dessen Magen plötzlich mit einem lauten, vernehmbaren Ruck um, während sich die Wangen des sonst so schönen Hugos immer grüner und grüner färbten. Dessen Mund kniff sich immer fester zusammen und die Nasenspitze wurde immer dünner 78 und spitzer, bis sie schließlich so spitz war, daß sie selbst durch das kleinste Nadelöhr gegangen wäre. Dann aber richtete sich der Leutnant mit einem blitzschnellen Ruck empor, beugte sich weit über den Bettrand, und das ging alles so schnell, daß Paul Paulsen grade noch Zeit fand, den Waschtischeimer zu erwischen. Gleich darauf spielten die Fontänen, und Paul Paulsen sprach seinem Herrn Mut zu: »Na also, Herr Leutnant, das ist ja noch schneller gegangen, als wir glaubten, nun aber man feste, immer heraus mit der verfluchten Lethe. Nun spucken der Herr Leutnant den verdammten englischen Schweinehunden mal ordentlich auf den Kopf, die können gar nicht genug bekommen, denn die Brüder sind doch schuld daran, daß wir beide den Granatschuß bekamen. Immer weiter, Herr Leutnant, man bloß keine Müdigkeit vorschützen. Die kommt nachher, wenn es soweit ist, ganz von allein. Dann ruhen sich der Herr Leutnant noch eine halbe Stunde aus und dann stehen wir hübsch aus, ziehen uns an und machen hinterher 'nen ordentlichen Frühschoppen. Nur immer feste drauf wie Blücher bei Waterloo, oder wie Hindenburg bei Tannenberg.« Gott sei Dank, endlich hatte auch dieser Krater sich ausgespieen, und nun lag der schöne Hugo völlig erschlafft und ermattet in seinen Kissen, aber schon nach einer halben Stunde kam das Leben zwar langsam, aber sicher in ihn zurück, und als er dann ein kaltes Bad genommen, in das er aber vorsichtshalber doch zuerst mit den Füßen stieg, und als sein Bursche ihm aus der Küche des Hotels, in dem er einquartiert war, ein gutes Frühstück besorgt hatte, da wurde 79 ihm sehr schnell wieder wohler. Ja, selbst die Zigarre schmeckte ihm, als er sich die, wenn auch etwas zögernd, anbrannte, und als er sich angekleidet hatte und sich im vollen Schmuck der kleidsamen Kürassieruniform vor dem Spiegel betrachtete, da war er sehr mit sich zufrieden. Wer es nicht wußte, sah es ihm unmöglich an, wie schlecht es ihm noch vor zwei Stunden gegangen war. So griff er denn jetzt in die Tasche, um seinem Burschen für die treu geleistete Pflege zu danken, aber der lehnte den Taler ab: »Ich brauche wirklich kein Geld, Herr Leutnant, ich habe doch meine Kriegslöhnung und der Herr Leutnant geben mir auch sonst so viel. Und wenn der Herr Leutnant etwa glauben, daß ich wegen meiner acht Bräute Geld brauche, irren sich der Herr Leutnant sehr. Natürlich gehe ich mit den Mädchen aus und lade sie zum Abendessen ein, schon weil ich doch selber essen muß, aber das habe ich meinen Bräuten gleich erklärt, Unkosten dürfen mir durch diese Einladungen nicht entstehen. Das haben sie natürlich auch sofort eingesehen, die werden sich die Ehre, mit mir ausgehen zu dürfen, schon was kosten lassen. In der Hinsicht war ich vorsichtig, ich habe mir nur solche Bräute ausgesucht, die sich ein paar Groschen gespart haben.« »Du scheinst mir ein Gemütsmensch zu sein,« schalt ihn sein Herr, »na, ich würde lieber hungern, als daß ich mir von einem Mädel auch nur ein Glas Bier bezahlen ließe, aber darüber denkt Ihr ja leider Gottes nun einmal anders. Das mache also, wie du willst, aber den Taler steck' trotzdem nur ruhig ein, du wirst ihn schon gelegentlich für dich allein verwenden können.« 80 »Na, wenn der Herr Leutnant denn meinen, dann bin ich so frei, und wenn der Herr Leutnant mal wieder Lethe getrunken haben –« »Nee, lieber nicht,« wehrte der ab, »wenigstens habe ich vorläufig von dem Zeug mehr als genug, überhaupt von allem, was trinken heißt.« »Das sagen der Herr Leutnant nur so,« meinte Paul Paulsen, »wenn der Herr Leutnant nachher bei dem Frühschoppen sitzen, wird es schon wieder schmecken, denn rein schmeckt es ja immer viel schöner als raus. Und zu dem Frühschoppen müssen der Herr Leutnant unbedingt hinkommen. Jetzt fällt es mir wieder ein. Die beiden Herren Leutnants, mit denen der Herr Leutnant gestern Abend unten im Hotel kneipten, die haben es mir auf die Seele gebunden, ich dürfe den Herrn Leutnant unter keinen Umständen die Zeit verschlafen lassen, der Herr Leutnant müßten heute in der Weinstube erscheinen, es sei heute Mittwoch und der Herr Leutnant sollten nur nicht die Kurliste vergessen.« »Die Kurliste?« fragte sein Herr ganz erstaunt, bis ihm dann einfiel, was die anderen damit meinten, das von ihm geführte Verzeichnis über den Flirt auf dem Tennisplatz. Er mußte ganz genau Buch darüber führen, welche Paare bisher miteinander geflirtet hatten und welche Beträge dieser Flirt für das Rote Kreuz erbrachte. So steckte er denn das Notizbuch ein und machte sich gleich darauf auf den Weg. Es war zwar für den Stammtisch noch zu früh, aber er wollte vorher noch einen Spaziergang machen und etwas frische Luft einatmen, denn wenn es ihm auch wieder gut ging, so ganz extra war ihm doch 81 noch nicht. So schlenderte er denn jetzt durch die Parkanlagen dahin, als er sich plötzlich beim Namen rufen hörte, und als er dann aufblickte, stand Fräulein Viki von Aschenbach, die Tochter des Garnisonältesten vor ihm, um ihn gleich, nachdem sie ihm in unbefangener Weise die Hand gereicht hatte, zu fragen: »Aber wo waren Sie denn nur gestern nachmittag, Herr von Hohenebra? Es war doch das erste Mal, daß Sie nicht kamen, und gerade gestern haben wir Sie vermißt. Wir hätten von Ihnen gern Näheres über einen neuen Kriegsurlauber erfahren, der zum erstenmal auf dem Tennisplatz auftauchte, ein Herr von Kühnhausen, obgleich der sich gar nicht um uns kümmerte, sondern sich nur mit Fräulein Bachhof unterhielt.« Bei der Nennung dieses Namens zuckte der schöne Hugo, trotzdem er gestern so viel Lethe getrunken hatte, nun doch für eine Sekunde schmerzlich zusammen, aber nur so wenig, daß Fräulein Viki das unmöglich bemerken konnte, dann meinte er völlig gleichgültig und gelassen: »Herr von Kühnhausen? Den kenne ich selber noch nicht, vielleicht mache ich aber nachher bei dem Frühschoppen seine Bekanntschaft und werde die Gelegenheit benutzen, um ihn sofort für unseren Klub als ordentliches Mitglied zu gewinnen.« »Ja, tun Sie das bitte,« stimmte die ihm bei, »je mehr Mitglieder und je mehr Geld einkommt, desto besser. Das Geld ist ja die Hauptsache, denn wenn das nicht wäre, ich glaube, dann hätte der Vater den Klub schon längst aufgehoben. Er wagt es nur nicht, weil er fürchtet, sich sonst mit den Vorstandsdamen des Roten Kreuzes zu erzürnen. Auf jeden Fall ist er mal wieder auf den Klub sehr schlecht 82 zu sprechen. Er sagt, die Herren Kriegsurlauber könnten ihre Zeit besser anwenden, aber wenn man ihn dann fragt, inwiefern, bleibt er die Antwort darauf schuldig.« »Und doch hat Ihr Herr Vater mit seinen Worten vielleicht nicht so ganz unrecht,« warf er ein, »mir ist zuweilen auch schon ein ähnlicher Gedanke gekommen.« »Aber warum denn nur?« fragte sie ganz erstaunt, um gleich darauf zu bitten: »Tun Sie mir nur den einzigen Gefallen, Herr von Hohenebra, und behalten Sie diese lasterhaften Gedanken für sich, denn wenn der Vater erfährt, daß Sie, der Vorsitzende unseres Klubs, seine Ansicht teilen, ist mit ihm gar nicht mehr auszukommen. Er ist ohnehin auf die Kriegsurlauber schlecht genug zu sprechen. Es ist ihm sogar nicht mal recht, daß die Herren sich täglich bei dem Frühschoppen treffen, er sagt, der Alkohol wäre für die Meisten, die doch der Erholung bedürften, Gift, und ich glaube, er will den Stammtisch sogar verbieten.« Unwillkürlich dachte der schöne Hugo an die vielen gemütlichen Stunden, die die Kameraden schon in der kleinen Weinstube verlebt hatten, im gegenseitigen Gespräch ihre Kriegserlebnisse austauschend und zugleich neue Pläne für die Zukunft schmiedend. Es waren harmlos fröhliche Stunden, und wenn die nun wirklich aufhören sollten, so würden sie alle in gleicher Weise darunter leiden. So machte er denn jetzt ein ganz entsetztes Gesicht und fragte: »Aber warum ist Ihr Herr Vater denn nur sogar gegen dieses gesellige Zusammensein?« »Ich sagte es Ihnen ja schon, Herr von Hohenebra, weil der Vater den Alkohol für Gift erklärt, obgleich er selbst einen 83 guten Tropfen weder am Morgen noch am Abend verachtet. Deshalb glaube ich auch, daß das alles nur ein Vorwand ist. Ich vermute, daß er die Herren Kriegsurlauber eigentlich nur beneidet, aber nicht wegen ihres Urlaubs, sondern weil die schon draußen vor dem Feinde kämpften und wieder an die Front zurückgehen, während er selbst doch nur Friedensarbeit tun kann.« »Das könnte vielleicht bis zu einem gewissen Grade stimmen,« meinte der Kürassier nach kurzem Besinnen, »aber ganz richtig ist das, glaube ich, auch noch nicht, denn Ihr Herr Vater hat doch, wie jeder weiß, als blutjunger Fähnrich den Krieg 1870/71 mitgemacht und sich da schon das Eiserne Kreuz geholt. Da hat Ihr Herr Vater es doch wirklich nicht nötig, uns um unsere Heldentaten zu beneiden, die er schon längst vollführte. Es muß noch etwas anderes dahinter stecken, daß der Herr Oberst uns nicht allzu stürmisch liebt. Was das ist, oder was es auch nur sein könnte, ahnt mein Herz nicht, geschweige denn mein Verstand, denn im Vertrauen gesagt, gnädiges Fräulein, ich bin ein klein bißchen auf den Kopf gefallen.« Fräulein Viki lachte fröhlich auf, dann meinte sie neckend: »Und diesen Schönheitsfehler verraten Sie erst heute?« Erstaunt blickte er sie an: »Wieso Schönheitsfehler, gnädiges Fräulein? Ach so, Sie meinten das ironisch. Nein, gnädiges Fräulein, das gibt es nicht, nicht einmal im Scherz, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen, sondern ich bin mal auf den Kopf gefallen . Das ist ein verdammter Unterschied, aber trotzdem, damit hängt es vielleicht doch zusammen, daß meine Geistesgaben nicht dazu ausreichen, 84 um Rätsel zu lösen. Und nicht nur für mich, sondern für viele von uns lautet das Rätsel: Was haben wir dem Herrn Oberst getan, daß der uns nicht besonders leiden kann?« »Und das ist auch nur ein Glück, daß er das nicht weiß,« dachte Viki im stillen, denn sie selbst kannte natürlich längst den wahren Grund. Ihr Vater, der sie über alles liebte, der sie am liebsten immer um sich behalten hätte, wünschte ihr trotzdem täglich einen netten Mann, sogar den besten, den es nur gab, und er nahm es den Kriegsurlaubern direkt übel, daß von all diesen auch nicht ein einziger trotz des ganzen Flirtes sich bisher ernstlich in sie verliebt habe. Er betrachtete es sogar als eine Beleidigung, die man seinem hübschen Kinde zufügte, da diese außer ihren anderen Vorzügen auch noch den besaß, ihrem späteren Manne eine, wenn auch nicht übertrieben hohe, aber doch immerhin sehr anständige Mitgift in barem Gelde mit in die Ehe zu bringen. Viki selbst allerdings dachte über diese Heiratspläne wenigstens vorläufig wesentlich anders. Sie war doch erst einundzwanzig Jahre alt und konnte noch warten. Es genügte ihr vorläufig, in harmloser Weise zu flirten. Und im Zusammenhang damit meinte sie nun: »Heute ist ja wieder Mittwoch, Herr von Hohenebra, da werden ja die neuen Flirts bestimmt, hoffentlich verschaffen Sie mir einen recht netten.« »Sogar den Allernettesten, den ich auf Lager habe, gnädiges Fräulein, das bin ich doch schon der Tochter Ihres Herrn Vaters schuldig. Sollten Sie in der Hinsicht selbst irgendwie einen Wunsch haben, dann bitte ich nur, den zu 85 äußern. Es widerspricht zwar etwas den Statuten, daß Sie als Dame sich Ihren Flirt selbst aussuchen, aber man könnte da vielleicht etwas künstlich nachhelfen. Wer war denn in der letzten Woche der Glückliche?« »Leutnant Ratzel,« gab Viki schnell zur Antwort, so schnell, daß der Kürassier daraus und aus dem Klang ihrer Stimme hörte, sie bedaure es etwas, daß der Flirt nun vollendet sein solle. »Und in der Woche vorher?« erkundigte er sich. »Leutnant Natzel,« gab sie zur Antwort, um dann hinzuzusetzen: »Wie können zwei Menschen nur einen so ähnlichen Namen haben, wie Ratzel und Natzel. Und auch sonst sind die beiden sich ja eigentlich sehr ähnlich, sie haben mir erzählt, daß sie in ihrem Regiment, dem sie beide angehören, oft miteinander verwechselt werden, wenn auch wohl nur aus Scherz, denn so ähnlich sind sie sich ja doch nicht, daß man sie nicht auseinanderhalten könnte.« »Das allerdings, gnädiges Fräulein, aber wie ist es nun, möchten Sie noch eine Woche weiter mit Leutnant Ratzel flirten, oder wollen Sie zur Abwechslung einmal wieder Leutnant Natzel als Partner haben?« »Das ist mir wirklich vollständig gleich,« und schon, daß sie das sagte, obgleich sie sich erst vor wenigen Minuten einen besonders netten Flirt gewünscht hatte, bewies ihm, daß sie einen von diesen beiden zum mindesten nett, wenn nicht sogar sehr nett fand, und so meinte er: »Das sagen Sie nur so, gnädiges Fräulein, denn wenn eine junge Dame erklärt, von zwei Herren sei ihr jeder als Courmacher gleich willkommen, dann sagt sie das nur, weil sie nicht verraten will, 86 welchen von beiden sie im stillen am meisten bevorzugt. Nein wirklich, gnädiges Fräulein, widersprechen Sie mir nicht, denn Sie wissen ja selber am besten, daß ich Recht habe. Im übrigen können Sie sich mir ruhig anvertrauen, was ich erfahre, betrachte ich als Amtsgeheimnis, und nun sagen Sie mir, wer ist der Glückliche?« »Aber das weiß ich doch selbst noch nicht,« entschlüpfte es ihr unwillkürlich, während sie dabei ein klein wenig verlegen wurde, bis sie ihm jetzt zurief: »Wenn Sie aber aus dem, was ich Ihnen sagte, irgendwelche Schlüsse ziehen sollten, Herr von Hohenebra, dann irren Sie sich sehr.« »Ich ziehe prinzipiell nichts,« beruhigte er sie, »am allerwenigsten Schlüsse, das überlasse ich anderen. Aber um zu einem Resultat zu gelangen, möchte ich Ihnen da vorschlagen, daß auch für die nächste Woche Leutnant Ratzel Ihr Courmacher bleibt, ich werde das schon einzurichten wissen.« Aber Viki widersprach: »Wenn es Ihnen doch gleich ist, welchen Sie mir bestimmen, dann bitte ich um Leutnant Natzel. Auch mir ist es zwar gleich, welcher von den beiden mit mir flirtet, aber wenn Leutnant Ratzel wieder derjenige ist, welcher, dann bildet der sich etwas darauf ein und meint, daß ich ihn bevorzuge. Und der andere denkt dann am Ende, ich wollte ihn absichtlich zurücksetzen. Also lassen wir es schon bei Leutnant Natzel.« »Ihr Wille geschehe, gnädiges Fräulein, vorausgesetzt, daß ich nachher mit den beiden Namen keine Konfusion anrichte. Also Natzel, Natzel, da werde ich an meine Nase denken, die fängt ja auch mit einem N an. Ich werde die Sache nach Möglichkeit zu arrangieren wissen, aber nun bitte 87 ich Sie, sich von mir zu verabschieden. Sagte ich Ihnen: »Meine Zeit ist abgelaufen, die Pflicht ruft mich,« dann wäre das sehr unhöflich. Vielleicht sagen Sie mir deshalb, daß Ihre Pflicht Sie ruft und daß Sie noch eine ganze Menge Besorgungen zu machen haben.« »Das ist sogar wirklich der Fall, es wird auch für mich jetzt die höchste Zeit.« Gleich darauf setzten beide, nachdem sie sich die Hand gereicht hatten, ihren Weg fort, und als der schöne Hugo wenig später die kleine Weinstube betrat, fand er dort bereits eine zahlreiche Gesellschaft vor. Auch Hans Arnim hatte sich eingefunden und sich bei der Frau Konsul durch den alten Diener entschuldigen lassen, daß er nicht zu Tisch kommen könne, da er in der Stadt eine Verabredung habe. Das war natürlich nur ein Vorwand, um den Damen heute nicht schon wieder zur Last zu fallen, hauptsächlich aber war er gekommen, um vielleicht hier irgendwie zu erfahren, wer der Andere sein könne, von dem Kitty ihm gestern sprach. Und als der Kürassier eintrat, glaubte er das sofort zu wissen. Herr von Hohenebra war wirklich ein auffallend hübscher Mensch, dem die Uniform ausgezeichnet stand, aber als dann die Bekanntschaft geschlossen war, als er im Laufe der Unterhaltung sehr bald merkte, daß der Kürassier sicher ein durch und durch anständiger Mensch, aber ebenso sicher kein allzu kluger war, wurde er in seiner Annahme doch wieder irrig. Sollte Kitty wirklich auf die Dauer an einem solchen Manne Gefallen finden können? Bis er sich dann doch wieder eingestand, daß ein Mensch, wenn er liebt, nicht viel danach fragt, ob der, den er liebt, klug oder weniger klug ist. 88 Er liebt eben, ohne selbst zu wissen, warum und weshalb. Weshalb liebte er selbst Fräulein Kitty, obgleich er die doch kaum kannte? Er liebte die doch nur, weil er sie schöner und begehrenswerter fand als irgend eine andere, und wer konnte wissen, ob Kitty über den Kürassier nicht ebenso dachte. Und so weit kannte er das weibliche Geschlecht doch auch, daß das sich in erster Linie in das Äußere eines Mannes vergafft. Und er konnte Kitty nicht mal Unrecht geben, wenn die den Kürassier hübscher und begehrenswerter als einen der anderen Kriegsurlauber fand. Ja, er gestand es sich sogar offen ein, daß er selbst den Vergleich mit dem nicht aushalten könnte, obgleich er eitel genug war, sich nicht für den häßlichsten aller Menschen zu halten. Er hatte Zeit genug, seinen Gedanken nachzuhängen, denn der Kürassier hatte auf allgemeinen Wunsch die Kurliste herausgezogen und gleich darauf begann die Verteilung der Flirts. Aber dann wurde Hans Arnim doch wieder aufmerksam, er wollte ja aufpassen, wer als Kittys eifrigster Courmacher in Frage kam. Aber zu seinem höchsten Erstaunen entstand kein allzu lebhafter Streit darum, wer in der nächsten Woche mit der flirten solle. Und er erfuhr auch den Grund. Fräulein Kitty verlangte im Gegensatz zu allen anderen jungen Damen, wenn auch nur für die kurze Dauer einer Woche, einen sehr ernsthaften Flirt, anstatt eines flüchtigen. Kitty legte es förmlich darauf ab, jeden in sich verliebt zu machen, und wenn es dann nach Verlauf der acht Tage soweit war, dann lachte sie den Leutnant, der sich in sie verliebt hatte, gehörig aus. Allerdings tat sie das in so lustiger, liebenswürdiger Weise, daß ihr niemand deswegen 89 böse wurde, aber trotzdem hatten nur die wenigsten Lust, sich diesem Ausgelachtwerden auszusetzen, bis sich doch plötzlich vier Flirtbewerber auf einmal meldeten, von denen derjenige gewählt wurde, der den größten Betrag für das Rote Kreuz stiftete. Dann wurde die Verteilung der anderen Flirts wieder aufgenommen und als letzter wurde der mit Fräulein Viki von Aschenbach ausgeboten. Das hatte der Kürassier absichtlich so eingerichtet und es auch zu schieben verstanden, daß nur noch die beiden Regimentskameraden Natzel und Ratzel in Frage kamen. Nun entspann sich zwischen diesen ein edler Wettstreit, einmal, weil jeder von ihnen an dem zierlichen hübschen jungen Mädchen wirklich mehr als nur ein vorübergehendes Interesse fand, dann aber auch, weil die beiden auch sonst stets Rivalen waren. Der Natzel gönnte dem Ratzel nichts und umgekehrt, weil jeder stets behauptete, es läge lediglich eine Namensverwechslung vor, denn was dem einen zufiele, sei eigentlich dem anderen zugedacht gewesen. Nur bei einer Gelegenheit stritten sie sich nie, wenn in früheren Friedenszeiten derjenige, der es wirklich verdient hatte, von dem Vorgesetzten angepfiffen wurde. Das gönnte der eine neidlos dem anderen. Jetzt stritten sich aber beide um die Ehre, Fräulein Viki den Hof machen zu dürfen, und da die beiden von Hause aus ziemlich wohlhabend waren, bot der eine für das Rote Kreuz immer noch mehr als der andere, bis schließlich der Kürassier erklärte: »Das geht nicht, Herrschaften, das Wohltun darf auch nicht in Verschwendung ausarten. Solche Beträge wie Ihr sie jetzt bietet, werden einfach nicht 90 angenommen. Das könnte ja so aussehen, als ob einem von Ihnen wirklich daran gelegen sei, mit Fräulein von Aschenbach flirten zu dürfen. Das aber widerspricht den Statuten und deshalb entscheide ich die Streitfrage dahin, daß Leutnant Natzel derjenige wird, welcher. Widerspruch wird nicht geduldet, der Fall ist erledigt, Amen.« »Amen!« summten ihm alle bei, nur Leutnant Ratzel stieß einen halb unterdrückten Fluch aus, weniger weil er unterlegen war, als weil er es voraussah, daß der Kamerad ihn nun wieder die nächsten acht Tage necken und foppen würde. Aber es blieb ihm ja nichts weiter übrig, als sich zu fügen. Der Kürassier klappte seine Kurliste zusammen und rief, sich nun an Hans Arnim wendend, diesem zu: »Ich habe bisher ganz vergessen, Sie danach zu fragen, aber es ist wohl auch ohnedem selbstverständlich, daß Sie unserem Klub als ordentliches Mitglied beitreten? Die Anmeldung Ihrer Person ist lediglich Formsache. Wenn Sie wollen, können Sie sich schon von der nächsten Woche an tätig und tüchtig an dem Flirt beteiligen.« Hans Arnim dankte dem Kürassier, der ihm schräg gegenüber saß, durch eine Verbeugung, dann meinte er: »Was Sie da sagen, Herr von Hohenebra, ist zwar sehr liebenswürdig, aber trotzdem bedaure ich, von dem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen zu können. Schon im Interesse des guten Zweckes möchte auch ich dem Klub natürlich beitreten, aber nur, und ich betone diese Worte ausdrücklich, als außerordentliches Mitglied.« Alle blickten erstaunt und verwundert auf, und einer der 91 Kameraden rief ihm zu: »Nanu, weshalb denn so tugendhaft? So sehen Sie eigentlich gar nicht aus.« Und auch die anderen wollten wissen, warum er sich denn nicht regelmäßig an dem Flirtklub zu beteiligen gedächte. Hans Arnim sah es schließlich ein, mit einer leeren Ausrede war es nicht getan, er mußte schon eine positive Antwort geben. Aber er konnte doch unmöglich eingestehen, daß Kitty ihm verboten hatte, ein ordentliches Mitglied zu werden. Er mußte sich eine Ausrede erfinden und so meinte er denn jetzt: »Schön, wenn die Herren es denn absolut wissen wollen, ich bin bereits so gut wie heimlich verlobt.« Das war ja nun zwar eine große Lüge, und ob es je mit Kitty dahin kommen würde, wer konnte das heute wissen? Es war auch schließlich nur eine Ausrede gewesen, denn den Namen seiner heimlichen Braut ahnte ja niemand. Aber seine Worte verfehlten trotzdem ihre Wirkung nicht. Man sah plötzlich ein, daß es ihm unter diesen Umständen keinen Spaß machen könne, mit einer anderen, wenn auch nur zum Scherz zu flirten. Nur einer der Kameraden war darüber anderer Ansicht und meinte: »Ich sehe absolut nicht ein, Herr von Kühnhausen, warum Sie sich nicht trotzdem für das Rote Kreuz opfern wollen. Ihr zukünftiges Fräulein Braut wohnt doch nicht hier, sonst wüßten wir natürlich alle schon längst von der Geschichte. Da wird Ihr Fräulein Braut von dem Flirten doch gar nichts erfahren, aber wenn die trotzdem Talent zur Eifersucht hätte, dann hätte die doch schon Grund genug, denn Sie haben ja gestern Fräulein Bachhof in einer Art und Weise den Hof gemacht, na, ich danke.« 92 Hans Arnim bekam einen maßlosen Schrecken, aber trotzdem warf er zuerst einen prüfenden und forschenden Blick zu dem Kürassier hinüber, ob der bei diesen Worten vielleicht so etwas wie Eifersucht zur Schau trüge. Aber dessen Mienen veränderten sich nicht im geringsten, und so antwortete Hans Arnim anscheinend ganz gleichgültig und verwundert: »Ich hätte Fräulein Bachhof den Hof gemacht? Davon ist mir selbst nicht das Geringste bekannt. Ich habe mich lediglich mit dem gnädigen Fräulein über meine zukünftige Braut unterhalten.« »Kennt Fräulein Bachhof die denn?« erkundigte sich der Kamerad verwundert. »Na, wenn Kitty die nicht kennen soll, wer kennt die wohl sonst,« dachte Hans Arnim im stillen, dann aber log er frisch weiter darauf los: »Natürlich kennt Fräulein Bachhof meine zukünftige Braut, die ich hoffentlich auch bald öffentlich meine Braut nennen darf. Die beiden Damen haben sich im vorigen Jahr kurz vor Ausbruch des Krieges auf einer Reise kennen gelernt. Da ist es doch nur natürlich, daß ich mich gestern gerade mit Fräulein Bachhof über sie unterhielt, und wenn ich das auch in Zukunft tun werde, dann hat das ebenfalls seinen besonderen Grund. Es stellen sich meiner öffentlichen Verlobung noch einige Schwierigkeiten entgegen, bei deren Beseitigung ich auf die Hilfe von Fräulein Bachhof rechne, die ich zufällig dadurch näher kennen lernte, daß ich jetzt in dem Hause ihrer Tante, der Frau Konsul Behnke wohne. Über das Nähere kann ich mich natürlich nicht auslassen, fast fürchte ich, überhaupt schon zuviel gesagt zu haben, denn über 93 eine Verlobung soll man erst sprechen, wenn sie perfekt ist.« »Sehr richtig,« stimmte ihm da der Kürassier bei. Hans Arnim blickte überrascht und betroffen auf. Hatte der ihn durchschaut, erriet der, daß er sich im stillen um Kitty bewarb, und wollte der ihm nun zurufen: »Mein Junge, ehe es so weit ist, habe ich auch noch ein Wort mitzureden.« Oder war dessen Äußerung nur ganz allgemein gehalten? Hans Arnim vermochte sich darüber nicht klar zu werden, denn auch jetzt verrieten die Gesichtszüge des Kürassiers keinerlei Eifersucht oder Erregung. Der blickte gleichgültig vor sich hin, bis er plötzlich sagte: »Herrschaften, seid mal einen Augenblick still. Mir fällt nämlich eben etwas ein, was mir schon gestern einfiel und was ich wieder vergessen hatte.« »Und das wäre?« erkundigte man sich neugierig. »Ja, wenn ich das im Augenblick nur selber wüßte,« meinte der Kürassier ganz kleinlaut, »ich habe es schon wieder vergessen. Mein Gedächtnis ist nämlich 'ne Sehenswürdigkeit. Wenn nach dem Friedensschluß mal irgendwo wieder eine Weltausstellung eröffnet wird, dann stelle ich das öffentlich aus, meinetwegen sogar in Spiritus. Herrgott, was war es denn noch? Gestern nachmittag habe ich es ganz deutlich gewußt, da habe ich im Zusammenhang damit auch einen Entschluß gefaßt, den ich Ihnen Allen mitteilen wollte, und als Herr von Kühnhausen vorhin davon sprach, daß er nur als außerordentliches Mitglied – – ach so, ja richtig, nun fängt es an zu dämmern. Und nun weiß ich es sogar,« fuhr er triumphierend fort. »Ich habe 94 gestern nachmittag beschlossen, sobald wie möglich mein Amt als Vorsitzender des Flirtklubs niederzulegen, und da möchte ich Ihnen Allen schon heute vorschlagen, Herrn von Kühnhausen zu meinem Nachfolger zu ernennen.« »Sie wollen Ihr Amt niederlegen?« riefen ihm alle völlig erstaunt zu, »Aber warum denn nur?« Der Kürassier schwieg eine ganze Weile, um die Spannung auf seine Worte zu erhöhen, dann sagte er so feierlich wie nur möglich: »Warum? – darum!« »Na, nun wissen wir es ja,« neckten ihn die Kameraden »aber trotzdem, wenn Sie keinen anderen Grund haben –« »Bitte sehr, dieser ist sogar äußerst stichhaltig. Über Einzelheiten kann ich mich nicht weiter auslassen. Und wenn ich Ihnen als meinen Nachfolger Herrn von Kühnhausen vorschlage und wenn ich Sie darum bitte, mir da beizustimmen, dann geschieht das in erster Linie, weil Herr von Kühnhausen, wie er uns eben erzählte, in dem Hause der Frau Konsul Behnke wohnt. Vielleicht wird er als Vorsitzender das erreichen und durchsetzen, was bisher noch keinem von uns gelang, daß Fräulein von Greusen dem Klub fortan als ordentliches Mitglied beitritt und daß auch die erlaubt, daß die Kameraden mit ihr flirten. Ich sage absichtlich die Kameraden, denn ich selbst werde mich in Zukunft nur noch selten auf dem Tennisplatz sehen lassen. Auch dafür habe ich meine Gründe, die rein privater Natur sind und mit dem Klub als solchem, oder gar mit den Mitgliedern in keiner Weise zusammenhängen.« Wie es kam, wußte Hans Arnim selber nicht, aber er sagte sich im stillen: »Wenn das wahr ist, was du da eben 95 sagtest, will ich mir ruhig den Kopf abschlagen lassen.« Aber er kam nicht dazu, sich weiter in Vermutungen zu ergehen, denn die anderen Kameraden redeten jetzt plötzlich lebhaft auf ihn ein und baten ihn, den Vorsitz des Klubs zu übernehmen, denn die hatten nun alle das größte Interesse daran, daß Fräulein von Greusen endlich aus ihrer Reserve herausträte. Man beschwor ihn, alles zu tun, was in seinen Kräften stände, um das durchzusetzen. Aus allem, was man ihm da zurief, hörte er mit aufrichtiger Freude heraus, daß keiner diesen Wunsch aus Egoismus hegte, sondern daß dabei alle nur an Fräulein von Greusen dachten. Deren Lebensgeschichte war ihnen bekannt. Alle, die hier saßen, wollten ihr Aufmerksamkeiten erweisen, wollten ihr, wenn nötig, beweisen, daß keiner von ihnen heute etwas anderes in ihr sah, als das, was sie bei Lebzeiten des Vaters war. Es tat ihnen leid, wenn sie es mit ansahen, wie Fräulein von Greusen sich stets etwas zurückhielt und daß die meistens ein so ernstes Gesicht machte. Die sollte wieder mit den jungen Offizieren lachen und ihren Unsinn treiben, sich amüsieren und ihre Jugend genießen. Aus jedem Wort hörte Hans Arnim das heraus. »Was an mir liegt, soll sicher geschehen, um Ihre Wünsche durchzusetzen,« gab Hans Arnim zur Antwort, obgleich er im stillen nicht daran glaubte, daß seine Überredungsversuche irgendwelchen Erfolg haben würden. Aber auf alle Fälle wollte er Marie Elisabeth erzählen, wie ritterlich und kameradschaftlich die Herren hier über sie dachten. Das würde sie sicher erfreuen. Bis das Gespräch dann, nachdem Hans Arnim 96 versprochen hatte, das ihm überraschend kommende Anerbieten, der Vorsitzende werden zu sollen, anzunehmen, endlich auf den Krieg kam. Für den war man doch vorläufig nur auf der Welt. Der Krieg blieb die Hauptsache, auch für sie, die hier verwundet, krank, oder erholungsbedürftig herumsaßen und voller Ungeduld den Tag der Genesung herbeisehnten. Der Krieg war der Zweck ihres Lebens, und wenn sie mit den jungen Damen des Nachmittags herumflirteten, oder sich des Morgens bei einem harmlosen Frühschoppen trafen, so geschah das doch nur, um sich die Zeit zu verkürzen und um die Gedanken etwas abzulenken. Der Ernst der Zeit lastete auf ihnen allen, wenn sie auch zuweilen heiter und lustig erschienen. Man sprach vom Krieg und dazu trank man in bescheidenen Maßen sein Glas Wein. Man trank sehr mäßig, weil man sich in der Hinsicht nach den Vorschriften des Arztes richtete und der Frühschoppen dehnte sich auch nie lange aus. Wie immer erhoben sich auch heute alle Herren mit dem Glockenschlag ein halb zwei Uhr, um nach Hause zu gehen. Nur zwei Kameraden waren an dem Tisch sitzen geblieben, ohne daß sie sich deswegen verabredet hätten. Das war der Kürassier und Hans Arnim, der hier zu Mittag essen wollte. Und als sei der Kürassier dem anderen dafür eine Erklärung schuldig, daß er Hans Arnim noch Gesellschaft leiste, sagte er, als er mit diesem nun allein war: »Sie werden sich vielleicht wundern, daß ich noch nicht aufbreche, aber offen gestanden habe ich vorläufig von allem, was 97 irgendwie mit brechen zusammenhängt, mehr als genug. Mir war noch vor ein paar Stunden so saumiserabel zumute, wie kaum je zuvor. Ich nannte einen Riesenkater mein eigen. Nun ist das Viech Gott sei Dank wieder davongelaufen. Na. laß es laufen, ich rufe es nicht wieder zurück!« »Das glaube ich Ihnen gern,« stimmte Hans Arnim ihm bei, »ich will nur hoffen, daß Sie sich gestern in freudiger Veranlassung die Nase begossen haben.« Der Kürassier sah ihn mit einem entsetzten Gesicht an, um ihn dann zu fragen: »Sagen Sie mal, verehrter Freund und Kampfgenosse, Sie wollen mich wohl uzen?« »Aber warum denn nur?« gab Hans Arnim ernsthaft zurück, »Ich kann doch unmöglich wissen, was Sie veranlaßte, gestern zu tief in das Glas zu blicken. Aber da es keine freudige Veranlassung war, wie Sie andeuteten, bedaure ich aufrichtig, daß es eine traurige war. Na, hoffentlich haben Sie die nun überwunden?« »Die überwinde ich überhaupt nie,« widersprach der Kürassier so ernsthaft, daß Hans Arnim überrascht aufblickte, und der Kürassier mußte das bemerkt haben, denn er meinte nach einer kleinen Pause: »Ich weiß selbst nicht, Herr von Kühnhausen, warum Sie mir von der ersten Minute an so sympathisch waren. Aber das nicht allein, ich faßte sofort Vertrauen zu Ihnen. Helfen können Sie mir natürlich auch nicht, das kann kein Mensch, aber eine Aussprache erleichtert ja auch schon zuweilen des Menschen Herz, vorausgesetzt, daß man da der strengsten Verschwiegenheit sicher sein kann.« »In der Hinsicht können Sie sich vollständig auf mich verlassen,« gab Hans Arnim zur Antwort, während er im stillen 98 über das Geständnis, das der Andere ihm bereits machte, etwas verwundert war, und erst recht über das bevorstehende Geständnis, denn er glaubte zu ahnen, daß das irgendwie mit Kitty zusammenhinge. Der Kürassier saß da, als wisse er nicht recht, wie er mit seiner Aussprache beginnen solle, bis er jetzt plötzlich unvermittelt fragte: »Sagen Sie mal, Herr von Kühnhausen, haben Sie in Ihrem Leben schon mal einen Korb bekommen?« Das war dieselbe Frage, die er heute morgen an seinen Burschen stellte, und jetzt war er neugierig, was Hans Arnim darauf antworten würde. Der blickte ihn zuerst völlig verständnislos an, um ihn nun, von einer bangen Ahnung erfaßt, zu fragen: »Ich erwähnte vorhin vielleicht etwas unbesonnenerweise, ich betrachtete mich bereits als heimlich verlobt, wollen Sie mir da mit Ihren Worten etwa andeuten, daß ich mir später einen Korb holen könne?« Aber der Kürassier widersprach: »Wie sollte ich Ihnen wohl so etwas prophezeien wollen? Ich kenne Ihr Fräulein Braut doch gar nicht. Ich dachte bei meinen Worten nicht an Sie, sondern nur an mich, denn ich beging gestern die Wiederkehr des Tages, an dem ich mir vor zwei Jahren in meiner alten Garnison einen Korb holte. Da habe ich mich in Lethe betrunken, um die Geschichte wieder zu vergessen, aber ganz vergißt man so was nie.« »Bis zu einem gewissen Grade glaube ich Ihnen das gern, aber man darf so etwas auch nicht zu schwer nehmen,« versuchte Hans Arnim den Kameraden zu trösten. Der seufzte schwer auf: »Das sagen Sie so, lieber Freund, 99 das sagen Sie nur, weil Sie selbst etwas Ähnliches noch nicht durchgemacht haben. Sich einen Korb zu holen, ist das scheußlichste Gefühl, das es auf der Welt gibt, das ist noch ekelhafter, als wenn ein Rasierjüngling einem mit der nassen Seifenhand in das Gesicht fährt. Man kommt sich bei der Gelegenheit nicht nur saudumm, sondern beinahe ehrlos vor. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir zumute war. So ähnlich wie einem armen Musketier, mit dem ich vorübergehend in demselben Lazarett lag. Der hatte eine nur kleine Wunde, die nicht mal besonders schmerzhaft war, aber die saß ihm im Rücken. Nicht, weil er für seine Person feige ausgekniffen wäre, sondern weil er den Schuß erhielt, als er den Befehl zum Rückzug ausführte. Aber trotzdem schämte er sich dieser Wunde, als sei er durch die ehrlos geworden, und so geht es mir mit meinem Korb.« »Das ist doch aber eine übertriebene Auffassung,« widersprach Hans Arnim aus ehrlichster Überzeugung. »Kann sein, kann auch nicht sein,« meinte der Kürassier. »Sie hätten recht, wenn ich mich einer Niederlage leichtsinnig ausgesetzt hätte, aber ich glaubte meiner Sache völlig sicher zu sein, denn die betreffende junge Dame machte mir die größten Avancen.« Der Kürassier saß so geknickt da, daß er Hans Arnim aufrichtig leid tat und so meinte er denn tröstend: »Wenn die junge Dame Sie gern hatte und trotzdem Ihren Antrag ablehnte, dann haben vielleicht andere Gründe mitgesprochen. Ich will natürlich nicht indiskret sein, aber vielleicht war die junge Dame sehr reich und Sie selbst –« »Ausgeschlossen, lieber Freund,« widersprach der andere 100 lebhaft. »Gewiß war die junge Dame sehr reich, aber doch nicht annähernd so, wie ich es bin. Das Protzen und das Prahlen liegt mir vollständig fern, aber trotzdem, von dem, was ich persönlich jedes Jahr allein an Steuern zu bezahlen habe, kann selbst eine sehr kinderreiche Familie ein Jahr hindurch mehr als anständig leben.« »Donnerwetter, alle Hochachtung,« entschlüpfte es Hans Arnim unwillkürlich, bis er hinzusetzte: »Es muß ein sehr schönes Gefühl sein, so etwas von sich behaupten zu können.« Der Kürassier schüttelte den Kopf: »Sagen Sie das nicht, reich zu sein ist keine Schande, aber es verhilft auch nicht immer dazu, glücklich zu werden. Das habe ich ja, als ich mir den Korb holte, zur Genüge erfahren.« »Einmal ist keinmal,« versuchte Hans Arnim den Kameraden abermals zu trösten. Der sah ihn zuerst verständnislos an, bis er fragte: »Ach so meinen Sie das? Sie denken, ich solle zum zweitenmale mein Glück versuchen, natürlich nicht bei derselben jungen Dame, sondern bei einer anderen? Das ist ganz ausgeschlossen, denn ehe ich mich einem zweiten Korb aussetze, ehe das geschieht, geschieht sonst etwas. Deshalb habe ich mir auch an jenem Tage geschworen, mich nie wieder zu verlieben.« »Und selbstverständlich haben Sie diesen Schwur nicht gehalten?« Der Kürassier bekam unwillkürlich einen dunkelroten Kopf, dann fragte er: »Woher wissen Sie das? Wer hat Ihnen das verraten, wer kann davon überhaupt etwas wissen?« 101 »Verraten hat mir das natürlich niemand,« gab Hans Arnim zur Antwort, »aber ich kann mir das doch ungefähr auch so denken. Wahrscheinlich werden Sie sich heute morgen auch geschworen haben, nie wieder einen Tropfen Alkohol zu trinken, und trotzdem schmeckt der Ihnen jetzt wieder sehr gut.« »Das schon,« meinte der andere etwas kleinlaut, »aber mit der Liebe ist es etwas anderes, die ist doch kein Alkohol.« »Bis zu einem gewissen Grade doch, denn an beiden berauscht man sich,« warf Hans Arnim ein, »und es ist noch sehr die Frage, wer einen größeren Kater hinterläßt, der Wein oder die Liebe.« »Der Teufel soll alle beide holen,« rief der Kürassier erregt, »deshalb habe ich mir gestern auch meinen Schwur wieder erneuert.« »Und Sie sind trotzdem noch verliebt?« neckte Hans Arnim den Kameraden. Der sah ihm offen und frei in die Augen: »Ich war es, aber ich habe meine Liebe und meine Liebste gestern in dem Sektglas ertränkt.« »Das braucht Sie aber nicht weiter zu beunruhigen,« warf Hans Arnim ein, »da holen Sie die Tote einfach wieder heraus und stellen mit der Wiederbelebungsversuche an. Ich gehe jede Wette mit Ihnen ein, daß die sehr schnell die Augen wieder aufschlägt. Und sicher hatte die sehr schöne Augen, vielleicht tiefschwarze?« Das war eine allerdings plumpe Falle, die Hans Arnim dem andern da stellte, aber wenn der ihm nun beistimmte, dann wußte er, daß es sich um Kitty handelte. Aber der 102 schöne Hugo schien die letzte Bemerkung gar nicht gehört zu haben, wenigstens gab er darauf zunächst gar keine Antwort, sondern meinte nur nach einer langen Pause: »Wenn man einen Menschen lieb hat, fragt man doch gar nicht danach, was der für Augen hat. Aber davon ganz abgesehen werde ich keine Wiederbelebungsversuche anstellen.« »Deshalb wollen Sie wohl fortan auch dem Tennisplatz fernbleiben?« versuchte Hans Arnim, den Kameraden zum zweitenmal hineinzulegen. »Nein, das hat ganz andere Gründe,« widersprach der Kürassier so unbefangen, daß Hans Arnim ihm glauben mußte, »wenngleich ich zugeben will, daß das bis zu einem gewissen Grade doch damit zusammenhängt, denn je weniger man die anderen hübschen jungen Damen sieht, desto weniger wird man unwillkürlich an die Eine erinnert.« »Aber wenn Sie die wirklich lieb haben und wenn Sie glauben, daß es Ihnen gelingen kann, sich deren Gunst zu erringen, warum wollen Sie dann nicht weiter um die werben?« rief Hans Arnim dem Kürassier zu. »Die traurige Erfahrung, die Sie das einemal machten, kann Sie doch nicht allen Ernstes veranlassen, bis an ihr Lebensende Junggeselle zu bleiben.« »Doch,« widersprach der schöne Hugo, »obgleich ich offen eingestehe, daß an mir ein sehr guter Ehemann verloren geht. Jede Frau würde mit mir glücklich werden. Ich würde sie niemals fragen, wo sie war, denn da sagt sie ja doch nicht die Wahrheit. Aus demselben Grunde würde ich, wenn sie ausgeht, auch niemals fragen, wohin sie geht. Ich habe ferner nicht das leiseste Talent zur Eifersucht und 103 ich würde meiner Frau schließlich stets noch mehr Geld geben. als sie haben will. Ich wäre der idealste Gatte und der zärtlichste Vater geworden. Kinder liebe ich über alles und daß meine Kinder nun gar nicht auf die Welt kommen, tut mir für die aufrichtig leid. Die hätten es gut gehabt, statt dessen müssen die nun bis zum Weltuntergang in den Nilsümpfen herumsitzen. Die Kinder tun mir weiß Gott leid, aber ich mir selbst erst recht, denn wenn ich mir vorstelle, daß ich nach meinem Tode in der Zentralheizung verbrannt werden soll, ohne daß ich bei Lebzeiten noch das Glück hatte, einen Sohn auf meinem Schoße wiegen zu dürfen –« »Ohne Sie erzürnen zu wollen, muß ich Ihnen erklären, daß alles, was Sie sich da zusammenreden, Unsinn ist,« fiel Hans Arnim ihm ins Wort. »Wenn ein Mann so über das Heiraten und über die kleinen Kinder denkt wie Sie und wenn er finanziell in der Lage ist, ein Schock Kinder ernähren zu können, dann ist es in der jetzigen Zeit seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, schon dem Staate gegenüber, diese Kinder auf die Welt zu setzen. Und wie Sie es dem Staate schulden, zu heiraten, so schulden Sie es auch dem jungen Mädchen, das Sie lieben, vorausgesetzt natürlich, daß das Sie wiederliebt.« Hans Arnim hatte noch allerlei auf dem Herzen, um dem anderen die törichten Gedanken auszutreiben, aber jetzt schwieg er doch, weil er plötzlich einen mordsmäßigen Schrecken bekam und weil ihm seine eigne Dummheit klar wurde. Er selbst hatte sich auf den ersten Blick in Kitty verliebt, hatte keinen anderen Wunsch, als deren Gunst zu 104 erringen, und statt dessen redete er nun fortwährend dem Kürassier zu, sich eine Frau zu nehmen, die ganz sicher Kitty Bachhof hieß, denn daß Kitty sich in den verliebt hatte, das war für ihn sonnenklar, obgleich er für diese Vermutung auch nicht den leisesten Schatten eines Beweises besaß. Und im übrigen, was ging es ihn an, ob Herr von Hohenebra heiratete oder nicht? Jeder sollte nach seiner Fasson selig werden, aber trotzdem, der arme Kürassier, der unter der Nachwirkung der eben erhaltenen Strafrede ganz geknickt dasaß, tat ihm aufrichtig leid. Was nützte dem sein vieles Geld, wenn er auf ewig auf das verzichten sollte, was er sich am meisten wünschte, eine Frau und eine Schar Kinder. Und so meinte er jetzt abermals: »Sie müßten wirklich heiraten, lieber Freund, und wenn Sie sich auch einmal einen Korb holten, du großer Gott, Sie sind doch Kavallerist.« »Das war ich,« widersprach der Kürassier, »denn seitdem sie uns in diesem Kriege im Westen die Pferde abknöpften, hat es sich ausgekavalleristet. Mit dem Reiten ist es vorbei, ich weiß kaum noch, wie ein Gaul aussieht, und seitdem man uns damals im Schützengraben zum Zeichen unserer neuen Würde einen Infanteriespaten in die Hand drückte und uns das Buddeln beibrachte, seitdem werde ich den Gedanken nicht los, daß die Kavallerie sich heutzutage überlebt hat. Passen Sie mal auf, nach dem Friedensschluß müssen wir es alle lernen, statt auf dem Gaul, auf einer Taube zu reiten.« »Auch da befinden Sie sich in einem Irrtum,« widersprach Hans Arnim, »es wird schon alles wieder so werden, wie es war. Und da möchte ich Sie daran erinnern, wenn 105 Sie früher auf Ihrem Gaul saßen, um ein Hindernis zu nehmen, dann gaben Sie das Geschäft doch auch nicht auf, wenn der Gaul nicht gleich bei dem erstenmal über die Hürde hinweg kam. Da setzten Sie sich doch erst recht in den Sattel, gebrauchten das Gesäß und die Schenkel und die Sporen und sagten: »Nun gerade!« Und Sie ruhten nicht eher, bis der Gaul die Hürde spielend nahm. So sollten Sie es auch jetzt mit den jungen Mädchen halten. Nahm die eine Sie nicht, dann dürfen Sie nicht eher ruhen, bis Sie sich die zweite eroberten.« Aber der Kürassier schüttelte den Kopf: »Was Sie mir da erzählen, habe ich mir selbst schon tausendmal vorgeredet, aber es hilft alles nichts, ich heirate nur in einem einzigen Falle.« »Und der wäre?« fragte Hans Arnim neugierig. Der Kürassier schwieg eine kleine Weile, bis er sagte: »Meine zukünftige Frau muß mir einen Heiratsantrag machen.« Hans Arnim lachte unwillkürlich hell auf: »Wie denken Sie sich das in Wirklichkeit, lieber Freund? Soll die junge Dame Ihnen etwa erklären: ›Herr von Hohenebra, ich kann nicht mehr ohne Sie leben; seit dem Tage, an dem ich Sie zum erstenmal sah, verfolgt Ihr Bild mich Tag und Nacht, ich habe keinen anderen Gedanken mehr, als nur Sie, ich flehe Sie an, ich beschwöre Sie bei allen Göttern, werden Sie mein Mann.‹ Und wenn die junge Dame Ihnen das erklärt hat, dann fallen Sie ihr gerührt und errötend um den Hals und flüstern ihr in das Ohr: »Mein Fräulein, sprechen Sie mit meiner Mutter.« 106 »Na, das letztere wäre ja gerade nicht nötig,« meinte der Kürassier unbeirrt, »ich bin ja schon lange mündig, habe mein eigenes Vermögen, und kann heiraten, wen ich will, ohne daß meine Eltern sich da irgendwie hineinmischen. Aber sonst denke ich mir die Sache tatsächlich ungefähr so, wie Sie das eben schilderten, nur könnte die junge Dame mir das Liebesgeständnis auch schreiben, wenn es ihr peinlich wäre, mir das mündlich zu sagen. Auf jeden Fall aber muß die Sache von ihr ausgehen.« »Ich fürchte, auf den Tag, an dem Sie das erleben, werden Sie lange warten können,« warf Hans Arnim ein, »Eine gebildete junge Dame kann doch gar nicht so zu Ihnen sprechen, wie Sie es von ihr verlangen, und eine ungebildete –« »Die kommt natürlich für mich als Frau ebensowenig in Frage, wie eine arme junge Dame« fiel der andere ihm in das Wort. »Eine ungebildete selbstverständlich nicht,« stimmte Hans Arnim ihm bei, »aber warum nicht eine arme, das verstehe ich tatsächlich nicht.« »Und doch ist die Sache sehr einfach,« lautete die Antwort, »denn da ein reiches junges Mädchen mich abwies, wurde ich, wenn ich ein armes junges Mädchen heiratete, niemals den Gedanken los werden, die hätte mich nur meines Geldes wegen genommen.« »Das käme doch wohl sehr auf das junge Mädchen an,« widersprach Hans Arnim, »denn gerade unter den armen findet man doch sehr häufig solche, die verdammt stolz sind, denen nicht einmal ein gefüllter Geldschrank imponiert, es 107 sei denn, daß das junge Mädchen den Mann, dem dieser Geldschrank gehört, auch wirklich liebt. Ich wenigstens kenne eine solche junge Dame, und Sie kennen sie auch.« Der Kürassier setzte das Glas, das er eben an den Mund führen wollte, ab und sah Hans Arnim ganz verständnislos an: »Die kenne ich auch? Wer sollte das wohl sein?« »Na, viel Phantasie scheinen Sie mir nicht zu haben,« meinte Hans Arnim, »denn Sie haben die junge Dame schon viel öfter gesehen und gesprochen, als ich selbst. Ich denke an Fräulein von Greusen. Auf die paßt sicher, was ich eben sagte, der imponiert kein voller Geldschrank und um des Geldes willen würde die Sie niemals heiraten, dafür lege ich meine Hände in das Feuer.« Der Kürassier blickte lange schweigend vor sich hin, er vergaß sogar, das Glas wieder an die Lippen zu führen und den Trunk nachzuholen, den er vorher versäumte, bis er plötzlich mit einem ganz verklärten Gesicht ausrief: »Wissen Sie was, lieber Freund, da haben Sie mich auf eine glänzende Idee gebracht. Fräulein von Greusen muß sich in mich verlieben, und das sage ich Ihnen schon heute, wenn die mir einen Antrag macht, die heirate ich gleich.« »Das glaube ich Ihnen gern,« meinte Hans Arnim belustigt, »aber ob gerade die Ihnen eine Liebeserklärung machen wird, das bezweifle ich doch sehr.« Aber der Kürassier widersprach: »Warum nicht, wenn Sie mich eines Tages wirklich lieben sollte? Wenn ein junges Mädchen einen Mann liebt, dann sagt sie ihm doch später so Vieles, warum soll sie ihm zuerst da nicht auch die paar Worte sagen: ich liebe Dich?« 108 »Na, ich will Ihnen wünschen, daß Sie mit Ihrer Hoffnung Recht behalten,« warf Hans Arnim ein, bis er hinzufügte: »Und ich will Ihnen auch wünschen, daß Fräulein von Greusen sich in Sie verlieben möge, vorausgesetzt, daß die Liebste, die Sie gestern ertränkten, auch wirklich tot ist. Denn daß Sie Fräulein von Greusen den Hof machen und eines Tages wieder von der abschwenken, weil die andere Liebe wieder in Ihnen lebendig wurde; das gibt es natürlich nicht, für ein derartiges Spiel ist Fräulein von Greusen zu gut.« Der Kürassier bekam einen dunkelroten Kopf: »Was denken Sie denn eigentlich von mir, lieber Freund? Halten Sie mich denn für einen ehrlosen Menschen? Daß ich leider Gottes nicht der Allerklügste bin, das weiß ich allein, aber ich bin trotzdem nicht so dumm, daß ich mich über meine Beschränktheit nicht zuweilen selbst lustig mache. Ich gestehe es neidlos ein, es gibt viele tausend Männer, die klüger sind als ich, aber in bezug auf die Anständigkeit der Gesinnung nehme ich es mit jedem auf.« Hans Arnim reichte dem Kameraden über den Tisch die Hand: »Seien Sie wieder friedlich, lieber Freund, nichts lag mir ferner, als Sie irgendwie zu kränken, oder gar beleidigen zu wollen. Und wenn ich meine Äußerung überhaupt fallen ließ, geschah es nur, weil Sie vor Fräulein von Greusen, die Sie nun lieben wollen, doch schon eine andere liebten.« »Die andere hat aber nicht das Geringste davon bemerkt,« verteidigte der Kürassier sich, »ich habe mit keiner Silbe verraten, wie es mit mir bestellt war, die weiß nichts davon, was ich für sie empfand, nicht das Leiseste.« 109 »Da nehme ich erst recht alles zurück, was ich sagte,« erklärte Hans Arnim offen und sein Glas erhebend, trank er dem Kameraden zu: »Also seien Sie wieder gut und auf noch bessere Freundschaft.« Der Kürassier knurrte noch allerlei vor sich hin. So schnell schien der Hans Arnims Worte doch nicht vergessen zu können, dann aber erhob auch er sein Glas: »Auf gute Freundschaft«. Bis auch er nochmals bat, Hans Arnim möge alles tun, was er könne, damit Fräulein von Greusen sich später an dem Flirt beteilige. Hans Arnim versprach, die Bitte zu erfüllen, und nach einer weiteren halben Stunde brachen die beiden auf, nachdem Hans Arnim die Zigarre, die er sich nach dem Essen, das er während des Gespräches mit dem Kürassier einnahm, zu Ende geraucht hatte. Beide suchten ihre Wohnung auf. Der Kürassier ging nach rechts, Hans Arnim nach links, und während er dahinhumpelte, dachte er darüber nach, wie es ihn für Fräulein von Greusen freuen würde, wenn die sich wirklich in den Kürassier verlieben sollte. Gewiß, der Allerklügste war der nicht, aber wohl wirklich ein sehr anständiger Mensch. Das war für ein späteres Eheglück zum mindesten ebenso viel wert wie ein großer Verstand. Sollte Fräulein von Greusen sich in den verlieben, dann zog sie in vieler Hinsicht das große Los, dann war sie nicht mehr gezwungen, in Stellung zu gehen. Aber ob die sich je in ihn verlieben würde? Ja, ob die überhaupt noch auf den Tennisplatz kam, wenn er ihr den Wunsch der Kameraden unterbreitete? Von dem speziellen Gedanken des Kürassiers durfte er natürlich gar nichts 110 erwähnen, denn sonst war es mit dem Gelingen dieses Planes von Anfang an aus. Ganz in Gedanken versunken ging er dahin, und als er dann zufällig einmal aufblickte, sah er vor einem Geschäftshause, in dem sich zur Rechten ein Blumenladen, zur Linken eine Buchhandlung befand, ein Auto halten, das ihm merkwürdig bekannt vorkam, und als der Chauffeur ihn nun grüßte – richtig, das war ja das Auto, in dem er gestern mit nach dem Tennisplatz gefahren war und in dem gestern morgen Kitty saß. Sollte die jetzt in der Nähe sein? Und er hatte kaum fünf Minuten anscheinend voller Interesse die Bücherauslage bewundert, als Kitty wirklich aus dem Laden heraustrat und ihm, als sie ihn erblickte, herzlich die Hand reichte, während sie ihm zugleich zurief: »Haben Sie auf mich gewartet, damit ich Sie mit Ihrem kranken Fuß nach Hause fahre? Das tue ich selbstverständlich sehr gern, denn Sie haben noch einen weiten Weg vor sich.« »Der schadet mir nichts,« widersprach er, »und wenn ich auf Sie wartete, gnädiges Fräulein, geschah es aus zwei Gründen. Erstens wollte ich Sie fragen, wie Ihnen gestern das Diner bekommen ist, bei dem ich als Tischherr an Ihrer Seite sitzen durfte?« »Danke, danke,« rief sie fröhlich, »es ist mir ausgezeichnet bekommen, die Speisen und die Weine waren vorzüglich.« »Und die Unterhaltung?« fragte er sie neckend. »Die ging,« neckte sie ihn nun ihrerseits, »die war stellenweise sogar sehr hübsch.« »Na, da bin ich beruhigt, gnädiges Fräulein, und Sie 111 können sicher sein, daß ich Sie das nächstemal noch besser unterhalte.« »Das verlange ich sogar von Ihnen,« rief sie ihm zu, »nun aber bin ich für den Augenblick neugierig, aus welchem anderen Grunde Sie noch auf mich warteten.« »Um Ihnen ein Geständnis zu machen, gnädiges Fräulein.« »Sie mir? Hier auf offener Straße?« rief sie ihm anscheinend ganz entsetzt zu. »Und doch muß es sein, gnädiges Fräulein,« bat er, »wir sind ja beide wohl gute Protestanten, aber trotzdem muß ich vor Ihnen die Ohrenbeichte ablegen und ich erbitte im voraus Vergebung meiner Sünden.« »Das kommt ganz auf die Sünden an, also los mit der Beichte, was haben Sie verbrochen?« Er stand ihr gegenüber, als wäre er wirklich ein reuiger Sünder, dann sagte er anscheinend völlig zerknirscht: »Gnädiges Fräulein, ich bin maßlos frech gewesen.« Fräulein Kitty lachte fröhlich auf, dann rief sie ihm zu: »Glauben Sie, daß dieses Geständnis aus Ihrem Munde mich wirklich irgendwie überrascht? Nach Ihrem Blick von gestern morgen traue ich Ihnen jede Keckheit zu, was haben Sie denn nun also wieder begonnen?« Und er erzählte ihr, wie er bei dem Frühschoppen, als er den Grund angeben solle, warum er dem Flirtklub nur als außerordentliches Mitglied angehören wolle, keine andere Ausrede gefunden habe als die, er betrachte sich bereits als verlobt und er habe sich gestern mit ihr nur deshalb so lang und ausführlich unterhalten, weil sie mit seiner zukünftigen 112 Braut auf einer Reise bekannt geworden sei und weil er hoffe, sie, Kitty, würde ihm helfen, die Hindernisse aus dem Wege zu räumen, die seiner späteren offiziellen Verlobung noch entgegen ständen. Im Gegensatz zu den Kameraden, die seine Worte ja unmöglich deuten konnten, verstand Kitty natürlich sofort, was er mit denen meinte, daß sie die Braut sei, an die er sich bereits gebunden hielte und daß sie selbst alles beseitigen solle, was sie jetzt oder später daran verhindere, sich mit ihm zu verloben. Auf jedes Geständnis aus seinem Munde war sie vorbereitet gewesen, aber auf ein so keckes denn doch nicht, und so rief sie ihm denn jetzt nicht nur voll ehrlichsten Erstaunens, sondern auch mit einer gewissen Empörung zu: »Und so etwas wagen Sie mir wirklich zu sagen? Nicht nur, daß Sie so etwas im stillen denken und wünschen, Sie sprechen sogar ganz frei darüber? Nein, dafür fehlt es mir wirklich an Worten!« »Die werden Sie schon wiederfinden, gnädiges Fräulein,« beruhigte er sie. »Im übrigen bin ich aber wirklich sehr froh, daß ich Sie hier treffe, denn wenn ich Ihnen das, was ich Ihnen eben beichtete, jetzt nicht hätte sagen können, dann wäre ich gezwungen gewesen, Ihnen noch heute nachmittag alles schriftlich zu erklären, damit Sie im Bilde gewesen wären, wenn sich heute nachmittag auf dem Tennisplatz jemand mehr oder weniger indiskret bei Ihnen nach meiner Braut erkundigt hätte. Nun können Sie, wenn auch nur im allgemeinen zur Antwort geben: Ja, ich kenne die junge Dame wirklich, sie ist außerordentlich hübsch, sehr liebenswürdig, sie kann das wenigstens sein, wenn sie will, und meistens 113 ist sie es sogar. Na, überhaupt mit einem Wort, das Mädel ist charmant, und wenn Herr von Kühnhausen sich die einfängt, dann kann er von Glück sagen.« »Da hätten Sie allerdings recht,« stimmte sie ihm nun doch wieder belustigt bei, um ihn gleich darauf zu fragen: »Habe ich Ihnen eigentlich schon erzählt, daß wir uns heute auf dem Teunisplatz nicht sehen werden und morgen und die nächsten Tage auch nicht? Mein Vater hat in geschäftlicher Angelegenheit in Berlin zu tun. Er reist so furchtbar ungern allein, da hat er die Mutter und mich gebeten, ihn zu begleiten. Spätestens in acht Tagen werden wir aber wieder hier sein.« Voller Entsetzen hatte er ihr zugehört, nun bat er: »Gnädiges Fräulein, das geht doch nicht so ohne weiteres, da habe ich doch auch noch ein Wort mitzureden.« »Sie, Herr von Kühnhausen, aber inwiefern denn nur?« fragte sie ihn, nun ihrerseits verwundert. »Weil ich doch sobald wie möglich brennen soll,« gab er zur Antwort. »Ich soll Feuer und Flamme für Sie werden und das kann ich doch nicht, wenn Sie die Zündhölzer in Gestalt Ihrer beiden wundervollen Augen von mir fortnehmen und mir statt dessen einen Kübel kalten Wassers über den Kopf gießen, denn Ihre Nachricht hat mich wie ein Sturzbad getroffen. Nein, ernsthaft gesprochen, gnädiges Fräulein, fassen Sie nur mal meine Uniform an, die ist klitschenaß.« »Die wird schon wieder trocken werden,« tröstete sie ihn lachend, mehr über sein verdutztes Gesicht als über seine Worte belustigt. »Und wie ich Ihnen ja schon erklärte, ich 114 bleibe doch nicht ewig fort, schon damit Sie Ihrer Strafe nicht entgehen. Spätestens in acht Tagen bin ich wieder da.« Hans Arnim stand noch immer ganz geknickt vor ihr, bis er jetzt plötzlich und unvermittelt fragte: »Werden Sie wenigstens zuweilen Sehnsucht nach mir haben, gnädiges Fräulein?« »Ich nach Ihnen?« lachte Kitty fröhlich auf. »Das wäre doch wohl etwas zu viel verlangt. Sie haben sich doch sicher auch nur versprochen, Sie wollten mich um Erlaubnis bitten, sich nach mir sehnen zu dürfen. Das sollen und müssen Sie sogar.« »Na, daß ich das tun werde, ist doch selbstverständlich,« stimmte er ihr bei, »und wenn die Sehnsucht mich verzehrt, wenn Sie bei Ihrer Rückkehr von mir nur noch ein Häufchen Asche vorfinden, nicht wahr, gnädiges Fräulein, dann tragen Sie die fortan in einem kleinen Medaillon an einer goldnen Kette um den Hals und wenn Sie das Medaillon gelegentlich mal öffnen und den Inhalt Ihren Freunden und Bekannten zeigen, dann denken Sie wenigstens an mich und erklären dazu mit lauter Stimme: ›Schade, daß er so früh hat sterben müssen, denn als er noch lebte, war er wirklich ein sehr netter Mensch‹.« »Das entspricht zwar ganz gewiß nicht der Wahrheit,« neckte sie ihn, »aber da man von den Toten nur das Beste reden soll, wird Ihr Wunsch in Erfüllung gehen. Aber ich glaube nicht, daß es dahin kommt, ich werde Sie schon noch lebend wieder antreffen. Nun aber müssen Sie mich entschuldigen, Herr von Kühnhausen, wir fahren schon heute nachmittag um sechs Uhr, da habe ich noch eine ganze Menge 115 Besorgungen zu machen,« und ihm die Hand reichend, setzte sie hinzu: »Leben Sie also wohl, Herr von Kühnhausen, und wenn Sie die Zeit meiner Abwesenheit zu nützlichen Dingen verwenden wollen, dann bessern Sie sich.« »Ich werde den Teufel was tun,« widersprach er lebhaft, »ich fühle nicht die leiseste Sehnsucht in mir, ein braver Musterknabe zu werden, und mit den Menschen, die sich ändern, ist es genau wie mit den Kleidern, die geändert werden, es kommt nichts Gescheites dabei heraus.« »Na, dann bleiben Sie also meinetwegen so, wie Sie sind,« pflichtete sie ihm bei, »nun aber nochmals, leben Sie wohl.« »Und Sie noch wohler, gnädiges Fräulein.« Schon während der letzten Worte hatte sie sich, während sie bisher plaudernd langsam mit ihm auf und ab schritt, dem Auto genähert, um nun darin Platz zu nehmen. Und schon wollte sie dem Chauffeur das Zeichen geben, abzufahren, als Hans Arnim plötzlich bat: »Halt, noch einen Augenblick, gnädiges Fräulein, eine Bitte hätte ich noch auf dem Herzen, die müssen Sie mir erfüllen, denn wer kann es wissen, vielleicht ist es meine letzte. Erlauben Sie mir noch rasch, hier in den Blumenladen zu humpeln und Ihnen eine Rose mit auf den Weg zu geben.« »Aber wirklich nur eine,« bat sie, seinen Wunsch erfüllend, um ihn nicht zu verletzen. »Na, sagen wir zwei, gnädiges Fräulein. Bitte gedulden Sie sich nur einen Augenblick, ich bin gleich wieder da.« Es vergingen aber doch beinahe fünf Minuten, ehe er zurückkam, und als er dann wieder erschien, stützte er sich mit 116 der linken Hand auf den Stock, während er die rechte mit den Blumen hinter seinem Rücken verbarg. Dann trat er ganz dicht an das Auto heran und sich über die geschlossene Tür beugend, rief er ihr plötzlich anscheinend ganz erschrocken zu: »Um Gotteswillen, gnädiges Fräulein, wie kommt denn die nur dahin, sehen Sie nur, unter dem Rücksitz Ihres Autos, dicht bei Ihren Füßen – eine Maus, eine Maus!« Unwillkürlich stieß Kitty einen leisen Schrei aus und zog blitzschnell die Füße in die Höhe, um diese auf den Rücksitz zu legen, ohne darauf zu achten, daß ihr Rock sich dabei in die Höhe schob und daß ihre Füße, die mit dünnen, durchbrochenen braunseidenen Strümpfen und mit sehr koketten braunen Halbschuhen bekleidet waren, ebenso sichtbar wurden wie der schlanke Ansatz ihrer Glieder. Doch darauf achtete sie nicht, sie stieß nur abermals einen leisen Schrei aus, als sie jetzt unter ihren Füßen etwas rascheln hörte. Aber als sie dann hinsah, raschelte dort keine Maus, sondern das leise Geräusch kam von dem Niederfallen der schönen Rosen und Veilchen, die Hans Arnim schnell auf den Boden des Autos geworfen hatte. »Aber Herr von Kühnhausen, was machen Sie denn da?« fragte Kitty völlig verständnislos, »und warum haben Sie mir nur den Schrecken mit der Maus eingejagt, denn ich fange an zu glauben, daß die gar nicht im Auto sitzt.« »Natürlich nicht, gnädiges Fräulein,« pflichtete er ihr bei, »das war nur ein Trick, um mich davon zu überzeugen, ob Sie tatsächlich so hübsche kleine Füße hätten, wie Sie mir gestern erzählten. Und der Wahrheit die Ehre, gnädiges Fräulein, die sind in der Tat bezaubernd, und ich muß 117 Ihnen auch das Kompliment machen, daß Sie sehr viel Wert auf Schuhe und Strümpfe zu legen scheinen.« Jetzt erst fiel es ihr ein, daß sie immer noch ihre Füße auf dem Rücksitz hielt, und weil sie sich dessen ein klein wenig schämte, das erst recht, weil sie nun erst sah, wie sich der Rock verschoben hatte, rief sie ihm, während sie die Füße schnell zurückzog, zu: »Sie schämen sich wohl gar nicht, Herr von Kühnhausen?« »Aber warum soll ich mich denn schämen?« fragte er ganz verwundert. »Weil Sie so hübsche Füße haben? Deshalb brauche ich mich doch nicht zu schämen, darüber kann ich mich doch höchstens mit Ihnen zusammen freuen. Und wenn ich Ihnen die Blumen nicht in die Hand gab, sondern die dahin warf, wo sie nun liegen, wissen Sie auch, warum ich das tat, gnädiges Fräulein? Weil Sie mir gestern erzählten, Sie hätten in meinen Augen den Wunsch gelesen, Ihnen Blumen unter die Füße streuen zu dürfen. Nun habe ich es getan, hoffentlich sind Sie wenigstens in der Hinsicht mit mir zufrieden?« Kitty freute sich im stillen über die Huldigung, die er ihr darbrachte, aber das verriet sie natürlich nicht, sondern meinte nur vorwurfsvoll: »So wörtlich war das doch nicht gemeint und es ist ein Jammer um die hübschen Blumen, daß die jetzt zertreten werden sollen.« »Das werden Sie mit Ihren kleinen zierlichen Füßen auch nicht tun, gnädiges Fräulein,« widersprach er. »Wenn Sie die Rosen nachher zu Hause aufheben lassen und in das Wasser stellen, werden die sich sehr schnell wieder erholen.« 118 »Hoffentlich,« stimmte sie ihm bei, »nun aber zum letztenmal, leben Sie wohl und vielen Dank für die Blumen.« »Bitte, bitte, gar keine Ursache,« widersprach er, »es war mir ein Vergnügen, sogar ein ganz besonderes Vergnügen.« Kitty wußte, worauf sich diese Worte bezogen, daß sie ihm den Anblick ihrer kleinen Füße bereitet hatte, und das machte sie nun nochmals so verlegen, daß sie die Freude über die Huldigung, die er ihr vorhin bereitete, darüber wenigstens für den Augenblick ganz vergaß. So rief sie denn jetzt dem Chauffeur zu, loszufahren, und gleich darauf rollte das Auto von dannen. Ob er mir wohl nachsieht? dachte Kitty im stillen, während sie davon fuhr. Sicher! Aber wenn er glaubt, daß ich dasselbe tun werde, dann irrt er sich sehr. Ob sie sich wohl nach mir umsehen wird? dachte Hans Arnim im stillen. Sicher! Aber wenn sie glaubt, daß ich mich nach ihr umsehe, dann irrt sie sich sehr. Und Hans Arnim sah ihr absichtlich nicht nach, damit Kitty sich über ihn ärgern solle, wenn sie sich vergebens nach ihm umsähe. Und Kitty ärgerte sich denn auch wirklich, als sie noch einmal den Blick nach ihm zurückwandte und als sie bemerkte, daß er gar nicht stehen geblieben war, um ihr nachzusehen, sondern daß er ruhig in entgegengesetzter Richtung davonhumpelte. 119   IV. Wenn Herr von Hohenebra an dem Stammtisch Hans Arnim erzählte, die junge Dame, die er bisher geliebt, habe nicht das Leiseste davon bemerkt, wie er im stillen über sie dachte, und wenn er dann andeutete, er könne jederzeit den Rückzug antreten und sich einer anderen Dame widmen, so war er von der Wahrheit dessen, was er sagte, felsenfest überzeugt. In Wirklichkeit aber verhielt sich die Sache wesentlich anders, denn Kitty, um die es sich handelte, hatte es längst sehr deutlich bemerkt, wie es um ihn stand. Gewiß, der schöne Hugo war ihr mit keinem Wort zu nahe getreten, sein Mund hatte keine Silbe gesprochen, die nicht jeder andere hätte mit anhören können, aber umso deutlicher hatte Kitty aus seinen schönen träumerischen, schwermütigen Augen herausgelesen, wie er über sie dachte. Und wenn er ihr gegenüber trotzdem schwieg, dann erklärte sie sich das ganz einfach dahin, daß er die Zeit noch nicht für gekommen hielt, um ernstlich um sie zu werben. Als Soldat hielt er den Augenblick für einen Sturmangriff wohl noch zu früh, und wenn sie sein Zögern auch nicht recht verstand, so war sie ihm auf der anderen Seite doch dankbar, daß er ihr dadurch Zeit ließ, sich daraufhin zu prüfen, ob die 120 Gefühle, die sie für ihn empfand, wirklich die der echten wahren Liebe seien. Kitty hatte sich gleich bei der ersten Begegnung in ihn verliebt. Ihr gefiel seine große, stattliche Figur und sein hübsches Gesicht. Auch sie fand seine Stirn etwas zu niedrig und auch sie hatte es bald heraus, daß er nicht der Allerklügste war, aber du großer Gott, das war doch kein Grund, einen Menschen nicht zu lieben, wenn man ihn sonst liebte. Und sie liebte ihn, wenigstens hatte sie sich in sein Äußeres verliebt, am meisten aber in seinen wirklich auffallend hübschen Mund mit dem kurzen dichten schwarzen Schnurrbart, unter dem zwei Reihen blendend weißer Zähne hervorleuchteten. Kitty war durchaus kein übertrieben sinnliches oder sonst irgendwie veranlagtes junges Mädchen, aber sie konnte sich nicht helfen, wenn sie an diesen Mund dachte und sich zuweilen vorstellte, von dem einmal geküßt zu werden, dann durchströmte ein liebes, süßes, ihr bisher völlig unbekanntes Gefühl ihren Körper, so daß sie die Augen schloß und vor sich hin träumte. Noch manches andere kam hinzu, das den Entschluß in ihr wach werden ließ, den oder keinen anderen zu heiraten. Es reizte sie, daß er Kavallerieoffizier war und in einer mittelgroßen Residenzstadt in Garnison stand. Kitty hatte immer für die Kavallerie geschwärmt, für die Infanterie hatte sie nie viel übrig. Hätte sie einen Infanterieleutnant heiraten wollen, dann hätte sie das schon längst gekonnt, denn die Offiziere des Bataillons, das in Friedenszeiten hier in der Stadt lag, hatten sich alle in sie verliebt und so ernstlich wie nur möglich um sie geworben. Mehr als einmal war der eine oder der andere dicht daran gewesen, sich ihr zu erklären, aber im letzten Augenblick 121 war es ihr immer noch gelungen, ihr und dem anderen die peinliche Szene zu ersparen. Nicht, als ob sie nicht einige der Offiziere ganz gern gehabt hätte, aber trotzdem, einen Infanterieleutnant wollte sie nicht. Sie wünschte sich einen Mann, der schon durch seine Uniform eine glänzende Erscheinung bot, und sie dachte sich das Leben in einem Kavallerieregiment auch für die Offiziersdamen viel freier und ungebundener. Da dachte man in mancher Hinsicht sicher nicht so kleinlich und nicht so kommissig. Auch die Gesellschaften waren, schon weil die Offiziere sich finanziell besser standen, sicher anders, als diese Kommißpeccos bei der Infanterie. Dazu kam Kittys Vorliebe für den Sport. Wenn der Vater aus übertriebener Liebe und Ängstlichkeit für sein Kind es auch nicht erlaubte, daß sie ritt und sich dadurch der Gefahr eines Sturzes aussetzte, später, als die Frau eines Kavalleristen, war es doch ganz selbstverständlich, daß sie das Reiten lernte. Ach, wie schön würde das sein, wenn sie dann mit ihrem Mann spazieren ritt, oder sich mit den anderen Damen des Regiments an dem Jagdreiten beteiligte. Es war gar nicht auszudenken, wie schön das sein würde. Mindestens zwei Reitpferde wollte sie sich halten und, wenn möglich, auch noch einen eigenen kleinen Kutschierwagen mit zwei hübschen Juckern. Ihr Vater war ja reich, der würde ihr schon eine sehr hohe Mitgift geben, und Herr von Hohenebra sollte ja erst recht reich sein, das wußte sie aus gelegentlichen Äußerungen, die der Vater hatte fallen lassen, und wenn der als vorsichtiger Geschäftsmann schon einen Menschen für reich erklärte, sogar für außerordentlich reich, dann mußte schon sehr viel dahinter 122 sein. Und es schmeichelte ihr auch, daß der Kürassier sie lediglich um ihrer selbst willen zu lieben schien, daß der sich ganz sicher noch nicht ein einzigesmal gefragt hatte, was sie ihm wohl an Geld mit in die Ehe brächte. Vor allem aber lockte es sie, daß Herr von Hohenebra als Garnison eine hübsche Residenz hatte. Der Herzog war sogar der Chef des Regiments. Da kamen nicht nur die Offiziere, sondern auch deren Damen zu Hofe, und das reizte sie sehr. An und für sich pflegten solche Hofgesellschaften ja wohl eigentlich nicht allzu amüsant zu sein, aber schon das Bewußtsein, bei Hofe zu verkehren, mit zu der Hofgesellschaft zu gehören, war doch etwas sehr Schönes. Alles sprach dafür, daß sie sich mit Herrn von Hohenebra verlobte, und wenn der trotzdem das entscheidende Wort noch nicht sagte und wenn sie ihn noch nicht ermuntert hatte, das zu tun, so dachte er darüber wohl genau so, wie sie selbst. Die Sache eilte nicht, verloben würden sie sich todsicher miteinander, und ob das nun heute oder morgen geschah, war ja schließlich ziemlich gleichgültig. Und je näher man sich nicht nur vor der Ehe, sondern auch vor der Verlobung kennen lernte, desto besser war es für alle Teile. Kitty hatte mit dem Verloben Zeit, sie konnte warten, das umso mehr, da sie seiner absolut sicher zu sein glaubte. Eher ging die Welt nach ihrer Meinung unter, ehe er sich in eine andere verliebte. Dafür hatten seine Blicke ihr denn doch zuviel verraten und noch mehr verschwiegen, und ehe sie ihrem hübschen Kürassier, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde und wenn auch nur in Gedanken untreu wurde, eher geschah sonst etwas. 123 Und es geschah ja auch wirklich etwas: ihre Begegnung mit dem maßlos frechen Infanterieoberleutnant Hans Arnim von Kühnhausen. Als sie den in dem Wagen ihrer Tante neben ihrem Auto halten sah, als sie schon nach dem Geschirr gleich wußte: das also ist der Kriegsurlauber, den meine Tante bei sich im Hause erwartet, da hatte sie sich den unwillkürlich etwas genauer angesehen und sich im stillen gesagt: ein hübscher Mensch, wenn auch nicht annähernd so hübsch wie der Kürassier, aber trotzdem, wenn überhaupt einer, dann könnte der dir vielleicht doch noch gefährlich werden. Und als er sie dann mit seinen verdrehten und verliebten Augen ansah, da wußte sie, daß er es darauf anlegen würde, ihre Gunst zu erringen. Zuerst war sie über seine Keckheit wirklich empört gewesen. Ja, wenn er sie zu Hause oder in einem geschlossenen Raume so angesehen hätte, dann würde sie sich das vielleicht, aber auch nur vielleicht haben gefallen lassen, aber hier auf offener Straße – unglaublich! Nur ein Glück, daß nicht zufälligerweise einer ihrer Bekannten vorüber ging und diesen Blick von ihm auffing. Was hätten die von ihr denken sollen, die würden doch unfehlbar geglaubt haben, sie hätte ihn zu einem solchen Blick gereizt. Kitty war im ersten Augenblick tatsächlich so empört gewesen, daß sie allen Ernstes daran dachte, sich bei dem Vater ihrer Freundin Viki, dem Garnisonältesten, über das Benehmen dieses Herrn von Kühnhausen zu beschweren, aber dann hatte es sie gelockt und gereizt, ihn selbst zu bestrafen. Die Keckheit. die er ihr gegenüber bewies, sollte er ihr büßen. Und wenn er genug gebüßt hatte, wenn er sich aus Liebe zu ihr nicht mehr lassen konnte, dann verlobte sie sich sofort mit dem Kürassier. Sie freute sich schon heute auf das Gesicht, das Herr von Kühnhausen dann machen würde, denn im Gesichterschneiden war er ja groß. Und sie gestand sich offen ein, daß er auch sonst nicht unnett war. Seine frische natürliche Art gefiel ihr, ebenso sein Humor, der zuweilen zum Durchbruch kam, und ebenso gefiel ihr die wenigstens bisher originelle Art, in der er ihr den Hof machte. Sicher war er amüsanter, klüger und lustiger als der Kürassier, aber trotzdem war es natürlich vollständig ausgeschlossen, daß sie sich jemals in ihn verlieben würde. Die Sache konnte ihm wohl passen, aber daraus wurde nichts, unter gar keinen Umständen. Das stand bei ihr schon fest, als sie mit den Eltern nach Berlin fuhr, und als sie dort eine jungverheiratete Pensionsfreundin besuchte, mit der sie früher in der französischen Schweiz zusammen gewesen war, da wurde sie in diesem Beschluß noch bestärkt, denn nachdem die Freundin sich bei ihr erkundigt hatte, wie es nun mit ihrem kleinen Herzen aussähe und als sie dann ernsthaft von dem Kürassier und lachend und belustigt von dem Infanteristen erzählte, da rief die ihr zu: »Kitty, wenn du auf den Rat einer alten Frau hören willst und ich bin eine alte Frau geworden, obgleich ich kaum ein Jahr verheiratet bin, dann nimm von deinen beiden Bewerbern denjenigen, der dir jetzt als der langweiligste erscheint,« und erklärend hatte sie hinzugesetzt: »Wir Frauen verändern uns in der Ehe sicher sehr oft zu unserem Nachteil, die Männer aber tun das immer. Mein 125 Mann ist dafür der beste, fast hätte ich gesagt, der schlechteste Beweis. Ich wollte ihn ja auch eigentlich gar nicht heiraten, aber er verstand es, so lustig um mich zu werben, er ersann sich immer neue Dinge, um mich für ihn einzunehmen, er tat alles, was er konnte, damit ich ihn lustig, liebenswürdig, voll Humor und Gott weiß was sonst noch alles fände, nur damit ich endlich ja sage und nun, da ich es tat, ist er der langweiligste Peter geworden, den es gibt. Und wenn ich ihm manchmal sage: »Aber Carl Otto, du warst doch früher ganz anders,« dann gibt er mir zur Antwort: »Ja, liebes Kind, da hatte ich dich eben noch nicht und du hast es mir so schwer gemacht, dich einzufangen, daß du dich nichts darüber wundern darfst, wenn ich mich bei der Gelegenheit für längere Zeit geistig verausgabte.« Und deshalb, Kitty, höre auf mich, heirate unter allen Umständen deinen Kürassier. Der verstellt sich dir gegenüber wenigstens nicht, der zeigt dir schon jetzt seine wahre Natur, der täuscht dir keine Kenntnisse und keine geistigen Fähigkeiten vor, die er auf die Dauer doch nicht besitzt.« Eigentlich fand Kitty diese lange Rede der Freundin ziemlich überflüssig, denn sie dachte doch gar nicht darauf einen anderen als den Kürassier zu heiraten, aber trotzdem war sie der Freundin für die Warnung dankbar und so nahm sie sich vor, Herrn von Kühnhausen bei ihrer Rückkehr noch deutlicher als bisher zu verstehen zu geben, daß sie niemals, unter gar keinen Umständen, wie er es hoffte, seine Frau werden würde. Und schon, um ihm das klipp und klar erklären zu können, sehnte sie mit einer gewissen Ungeduld den Tag ihrer 126 Rückkehr herbei, aber ihr Aufenthalt in Berlin zog sich doch länger hin, als sie geglaubt hatte. Die Geschäfte des Vaters wickelten sich langsamer ab, als der anfänglich vermutete, und so vergingen fast vierzehn Tage, ehe sie mit den Eltern die Rückreise antrat. Und als sie dann zum erstenmal wieder den Tennisplatz aufsuchte, harrte ihrer dort eine große Überraschung. Der Kürassier schien auf dem besten Wege zu sein, ihr untreu zu werden. Es fiel ihr schon bei der Begrüßung mit ihm auf, daß er sie etwas anders als sonst ansah, und als sie den Grund hierfür zu erfahren sich bemühte, da glaubte sie ganz deutlich zu merken, daß seine Blicke, die bisher ihr verraten hatten: »Ach, dürfte ich dir doch sagen, wie ich dich liebe und wie schön und wie begehrenswert ich dich finde,« da merkte sie, daß diese Blicke nun einer anderen galten und zwar Fräulein von Greusen, die von einer Schar junger Offiziere umgeben war und die sich nach allen Regeln der Kunst den Hof machen ließ. Kitty traute zuerst ihren Augen nicht, dann aber wurde die Eifersucht in ihr wach, bis sie sich doch eingestand, daß zu der gar keine Veranlassung vorläge. Gewiß war auch Maria Elisabeth eine Schönheit, aber auch sie war sich ihres äußeren Wertes bewußt, ganz abgesehen davon, daß sie als die reiche Tochter ihres reichen Vaters doch in jeder Hinsicht eine bessere Partie war als Maria Elisabeth, und wenn der Kürassier der nun etwas den Hof machte, dann geschah das lediglich, um sie selbst eifersüchtig zu machen, um sie dafür zu bestrafen, daß sie ihn bisher so wenig ermutigte, aus seiner Reserve herauszutreten. Nach wie vor würde es ihr nur ein Wort kosten und er lag zu ihren Füßen. Aber nun 127 sollte er noch länger warten als bisher, ehe sie das Wort aussprach, das sollte seine Strafe sein. Und der Gedanke daran, nun auch den, wenn auch in ganz anderer Art als Herrn von Kühnhausen, etwas necken, foppen und quälen zu können, machte ihr im stillen viel Vergnügen, so daß sie schnell ihre gute Laune wiederfand, ja, daß sie sich im Interesse von Maria Elisabeth sogar aufrichtig darüber freute, daß zu den Courmachern, die sie umgaben, auch der Kürassier gehörte. Aber was war inzwischen mit Fräulein von Greusen vorgegangen? Welche Veranlassung hatte die dahin gebracht, daß auch die nun flirtete und sich den Hof machen ließ, während sie bisher jedem harmlosen Flirt abhold gewesen war? Das mußte sie sobald wie möglich erfahren, aber gerade, als sie sich mit einer Frage deshalb an sie wenden wollte, erschien auf dem Tennisplatz Herr von Kühnhausen, nach dem sie sich bisher vergebens umgesehen hatte. Und sie sah es ihm schon von weitem an, als er nun mit möglichst schnellen Schritten auf sie zueilte, der war in den beiden letzten Wochen, die sie ihn nicht sah, entschieden hübscher geworden, er hatte eine viel bessere Gesichtsfarbe bekommen, er war von der Sonne verbrannt und gebräunt und hatte sich bei der guten Pflege im Hause ihrer Tante sichtlich erholt und gestärkt. Und wie er sich freute, sie wiederzusehen! Seine Augen leuchteten und lachten. Das war ja beinahe rührend, aber wenn er glaubte, daß ihm das etwas helfen würde, dann irrte er sich sehr, nein, sie blieb ihrem Kürassier treu, und wenn der sich wirklich etwas in Maria Elisabeth verliebt 128 hatte, dann würde sie sich ihn schon zurückzuerobern verstehen. Endlich stand Hans Arnim, der auf dem Wege zu ihr ein paarmal aufgehalten worden war und, wenn auch nur widerwillig, Rede und Antwort hatte stehen müssen, vor ihr, um ihr gleich darauf zuzurufen: »Sie sind also endlich wieder da, gnädiges Fräulein, und noch dazu so überraschend und so plötzlich? Warum haben Sie mir denn nicht geschrieben, oder telegraphiert, oder telefoniert: ›Hans Arnim, ich kehre zurück, alle Ihre Sünden sind Ihnen vergeben.‹ Na, die Hauptsache ist und bleibt, daß Sie wieder da sind, gnädiges Fräulein. Sie glauben ja gar nicht, wie ich mich nach Ihnen sehnte, ganz krank bin ich gewesen.« »Danach sehen Sie auch gerade aus«, neckte sie ihn. »Sie meinen, weil ich inzwischen braune Backen bekommen habe?« verteidigte er sich. »Sie glauben, das hätten die Sonne und die gute Luft hier getan? Da irren Sie sich aber sehr. Ich habe aus Sehnsucht nach Ihnen eines Tages in Flammen gestanden, und als ich das Feuer dann löschte, war es teilweise zu spät, das Gesicht war und blieb verbrannt. Aber das schadet ja nichts, wenn Sie nur wieder hier sind, um hoffentlich jetzt auch hier zu bleiben.« »Ja, das tue ich, das muß ich sogar,« entschlüpfte es ihr unwillkürlich, denn sie dachte daran, daß sie das Terrain, das sie anscheinend hier verloren hatte, sehr schnell zurückerobern wollte. »Der Himmel segne Sie für diesen Entschluß,« dankte er ihr herzlich, bis er nach einer kleinen Pause fragte: »Und Sie haben sich inzwischen gar nicht nach mir gesehnt, 129 gnädiges Fräulein, wie Sie mir das beim Abschied versprachen?« »Nein, wirklich nicht, Herr von Kühnhausen,« gab sie zur Antwort, und er hörte aus ihren Worten deutlich hervor, daß sie die Wahrheit sprach. Ganz geknickt sank er in sich zusammen und stützte sich noch schwerer als sonst auf den Stock, bis er jetzt fragte: »Und mitgebracht haben Sie mir aus Berlin auch nichts, gnädiges Fräulein, nicht mal die geringste Kleinigkeit, ein Zigarrenetui mit Ihrem Namenszug, oder im silbernen Rahmen Ihr Bild, mit eigenhändiger Unterschrift: »Mit bestem Dank für treues Gedenken.« Nicht mal das?« »Nicht mal das, Herr von Kühnhausen,« neckte sie ihn abermals. »Da bin ich denn aber doch ein besserer Mensch,« schalt er sie anscheinend ganz ernsthaft aus, »denn ich habe die Zeit Ihrer Abwesenheit benutzt, um mich für Sie photographieren zu lassen und zwar gleich viermal.« »Für mich?« fragte sie ganz erstaunt. »Und gleich viermal?« bis sie dann lustig hinzusetzte: »Warum nicht noch öfter?« »Weil das einfach nicht ging, gnädiges Fräulein,« gab er zur Antwort. »Kopf, Brust, Knie und ganze Figur, mehr schöne Körperteile vermag ich nicht aufzuweisen, aber wenn Sie später auch Wert auf ein Rückenbild von mir legen sollten –« Kitty lachte fröhlich auf: »Was soll ich denn nur mit all den Bildern anfangen, ich hätte nicht mal für eins Verwendung.« 130 »Das sagen Sie heute, gnädiges Fräulein,« warf er ein, »aber warten Sie es nur ab, der Tag wird schon noch kommen, an dem Sie selbst an diesen vier oder fünf Bildern von mir nicht genug haben, an dem sie immer noch mehr zu erhalten wünschen werden.« »Na, auch den Tag kann ich abwarten,« widersprach sie belustigt, »im übrigen werden auch Sie sehr bald darüber anders denken, denn ich habe mir in Berlin fest vorgenommen, Ihre Strafe noch zu verschärfen. Sie müssen mir noch viel mehr den Hof machen, als bisher hier auf dem Tennisplatz, Sie müssen auch im Hause meiner Eltern baldigst Ihren Besuch machen, damit wir Sie zu uns einladen können und damit Sie da, wenn Sie an einer wirklich festlich geschmückten Tafel neben mir sitzen, sich noch mehr begeistern, als Sie es letzthin taten, als wir dort auf jener Bank unser Diner doch nur in Gedanken einnahmen.« »Auf den Besuch im Hause Ihrer Eltern sollen Sie ganz bestimmt nicht länger als vierundzwanzig Stunden zu warten brauchen,« pflichtete er ihr lebhaft bei, um sie gleich darauf zu fragen: »Könnten Sie es nicht vielleicht einrichten, daß ich ganz in das Haus Ihrer Eltern übersiedle, daß die mich nun als Kurgast und als Rekonvaleszenten bei sich aufnähmen? Da wäre ich doch beständig in Ihrer nächsten Nähe und das würde mir meine Tätigkeit Ihnen gegenüber ganz bedeutend erleichtern. Allerdings ist es fast eine Sünde, so zu sprechen, denn Ihre Frau Tante ist von einer so rührenden Güte gegen mich und im Verein mit Fräulein von Greusen sorgt sie derartig für mich, daß ich wirklich oft nicht weiß, wodurch ich auch nur die Hälfte von dem, was man mir Gutes tut, verdient habe.« 131 »Da bleiben Sie also nur ruhig da, wo Sie sind, ganz abgesehen davon, daß es Ihnen mit den Worten, zu uns überzusiedeln, doch nur ein Scherz war.« »Das schon,« stimmte er ihr bei, »denn das dürfte ich Ihrer Frau Tante gar nicht antun, daß ich ihr Haus verlasse, und ich glaube, auch Fräulein von Greusen würde mir ernstlich böse werden, wenn ich ihr die Gelegenheit nähme, für mich zu sorgen.« Während Hans Arnim mit Kitty plauderte, hatte diese ein paarmal wie zufällig nach der Gruppe hinübergesehen, in der Fräulein von Greusen mit einigen anderen jungen Damen stand und sich von den verschiedenen Leutnants den Hof machen ließ. Jetzt erklang dort plötzlich ein helles frohes Lachen, aus dem Kitty die Stimme Fräulein von Greusens deutlich heraushörte, und so fragte sie denn jetzt: »Sagen Sie mir nur eins, Herr von Kühnhausen, ich habe Sie ja zwar selbst darum gebeten, aber trotzdem, wie haben Sie nur das Kunststück fertig gebracht, daß Fräulein von Greusen jetzt wieder flirtet, daß sie lacht und fröhlich ist?« Hans Arnim nahm unwillkürlich die Mütze ab und strich sich mit dem Taschentuch über die Stirn, dann meinte er: »Gnädiges Fräulein, durch Ihre Frage erinnern Sie mich an den schwersten Tag meines Lebens. Wenn ich an den zurückdenke, schwitze ich in der Erinnerung einen Wasserfall nach dem anderen aus meiner Stirn heraus, denn Fräulein von Greusen zur Vernunft zu bringen, war tatsächlich eine Schweine-, pardon, ich wollte natürlich sagen, eine Sauarbeit. Ich hatte erst Erfolg, als ich an ihr patriotisches Gewissen appellierte. Ich habe ihr klar gemacht, das 132 Vaterland erwarte es ganz einfach von ihr, daß auch sie für die hiesigen Verwundeten und kranken Offiziere täte, was in ihren Kräften stände. Ich habe ihr erklärt: ›Die Kriegsurlauber wünschen mit Ihnen zu flirten, Fräulein von Greusen, da müssen Sie auch deren Wunsch erfüllen, ebenso wie es die anderen jungen Damen hier in der Stadt tun.‹ Na, da hat Fräulein von Greusen denn endlich nach und nach klein beigegeben, allerdings mit allerlei Einschränkungen. Nicht ein einzelner darf mit ihr flirten, sondern nur immer gleich mehrere zusammen, damit die Sache auch wirklich harmlos bliebe. Auch kommt Fräulein von Greusen nicht jeden Tag hier heraus, sondern nur so oft ihre Zeit es erlaubt,« und er schloß mit den Worten: »Ich glaube wirklich, gnädiges Fräulein, da habe ich nicht nur für Fräulein von Greusen, sondern auch für die Kameraden ein gutes Werk getan. Allerdings hat man das ja von Anfang an von mir erwartet, als man mir das Amt des ersten Vorsitzenden dieses schönen Klubs übertrug.« Kitty blickte ganz erstaunt auf: »Sie sind jetzt unser Präsident? Ja, warum ist denn das Herr von Hohenebra nicht mehr?« »Vielleicht, weil es ihm auf die Dauer zu langweilig wurde, immer nur dekorativ wirken zu sollen,« gab Hans Arnim zur Antwort, »vielleicht aber auch aus einem anderen Grunde, der darin besteht, daß er, wie er mir eingestand, seine Zeit als Kriegsurlauber benutzen will, um eine Arbeit zu vollenden, die ihn schon lange im stillen beschäftigt. Er hat eine Erfindung gemacht, von der ich persönlich allerdings nicht viel verstehe. Er hat sich mit seinem 133 Kavalleristenschädel einen Sattel ausgeklügelt, der es auch dem schlechtesten Reiter ganz unmöglich machen soll, sein Pferd zu drücken. Das will er nun theoretisch in einer Denkschrift beweisen, gleichzeitig aber will er seine Erfindung hier von einem Sattler konstruieren lassen. Na, jedenfalls kommt der Kürasser nun ebenfalls nicht mehr täglich zum Flirten, sondern nur noch, wenn seine Zeit es ihm erlaubt.« »Also genau wie Fräulein von Greusen,« dachte Kitty im stillen und es lag ihr auf der Zunge zu fragen, ob der vielleicht nur an jenen Tagen käme, an denen er vermutete, Fräulein von Greusen zu treffen. Aber sie behielt das doch für sich, denn das hätte ja so aussehen können, als ob sie auf Fräulein von Greusen etwas eifersüchtig sei, und vor allen Dingen hätte sie dadurch ja verraten, daß der Kürassier »der Andere« war, von dem sie Hans Arnim erzählte. So meinte sie denn anscheinend nur leichthin: »Eine solche Erfindung hätte ich Herrn von Hohenebra eigentlich gar nicht zugetraut, vorausgesetzt, daß die sich später bewährt und sich als brauchbar erweist. Aber daß die seine Zeit derartig in Anspruch nimmt, daß er sich hier nur noch selten zeigen kann, das verstehe ich nicht recht, dahinter muß noch etwas anderes stecken.« Aber kaum hatte sie das gesagt, als sie es auch schon bereute, denn Hans Arnim meinte anscheinend völlig gleichgültig, aber doch mit einem neckenden Unterton, den sie sehr deutlich heraushörte: »Wenn Herr von Hohenebra wüßte, gnädiges Fräulein, welches Interesse Sie daran nehmen, ob der sich hier täglich oder nur dann und wann zeigt, würde ihn das sicher sehr glücklich machen.« 134 »Bitte sehr, da haben Sie mich ganz falsch verstanden,« verteidigte Kitty sich schnell, »ob der Kürassier sich hier sehen läßt oder nicht, ist mir so gleichgültig wie kaum etwas anderes auf der Welt. Ich dachte mit meiner Bemerkung gar nicht an ihn, sondern eigentlich nur an die jungen Damen, von denen die eine oder die andere sicherlich im stillen gehofft haben mag, aus dem harmlosen Flirt, den sie mit dem Kürassier trieb, möchte mit der Zeit ein ernsthafter werden.« »Vielleicht denkt der Kürassier ebenso,« warf Hans Arnim wiederum anscheinend völlig gleichgültig ein, »vielleicht interessiert er sich sogar ernstlich für eine junge Dame und zeigt sich nun seltener, um fern von der heimlich Geliebten in Ruhe zu prüfen, ob die Gefühle, die er für sie zu empfinden glaubt, auch wirklich die richtige Liebe sind.« Kitty mußte sich mit Gewalt beherrschen, um nach außen hin ihre Ruhe zu bewahren und um sich nicht zu verraten, dann fragte sie voller Neugierde: »Wie kommen Sie nur auf die Vermutung, oder ist es mehr als nur eine solche? Hat Herr von Hohenebra sich Ihnen in der Hinsicht anvertraut? Bitte, das müssen Sie mir erzählen, das interessiert mich außerordentlich. Wissen Sie auch, wen er bisher zu lieben glaubte?« Kittys Herz schlug so laut, daß sie fürchtete, er würde das starke Klopfen ihres Herzens hören, aber Hans Arnim mußte wirklich von der Angst, die sie überfallen, und von der Unruhe, die sie ergriffen hatte, nicht das geringste bemerkt haben, denn er meinte nur völlig verwundert: »Wie sollte ich das wohl wissen, gnädiges Fräulein, und selbst 135 wenn ich es wüßte, dürfte ich doch nicht darüber sprechen. Außerdem kenne ich den Kürassier viel zu wenig, als daß er mir irgendeinen Einblick in sein Inneres hätte gewähren können,« aber im stillen sagte er sich gleichzeitig: »Was ich bisher vermutete, weiß ich also jetzt. Du bist diejenige, die der Kürassier zu lieben glaubte, und er ist derjenige, den du heiraten willst, wenn ich mich in dich verliebt habe.« Und diese Erkenntnis machte ihn froh und glücklich, aber als er nun gleich darauf Kitty heimlich und verstohlen von der Seite ansah, wurde seine Freude schnell wieder gedämpft, denn er sah, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick in Kittys Gesicht einen Ausdruck der festen Entschlossenheit, der ihm da zu sagen schien: »Ich will doch einmal sehen, wer seinen Willen durchsetzt, der Kürassier oder ich. So leicht soll der mir nicht entschlüpfen und wenn der glaubt, daß er bei seinem Flirt mit mir hat spielen können, dann irrt er sich sehr.« Wie es kam, wußte Hans Arnim selber nicht, aber in die Freude, die er darüber empfand, daß der Kürassier seine Liebe zu Kitty ertränkt habe, mischte sich nun doch aufrichtiges Mitleid für diese. Wenn die ihn wirklich liebte, fühlte er es ihr nach, wie sie darunter leiden mußte, wenn sie einsah, daß sie nun plötzlich erledigt war und daß der Kürassier sich einer anderen zuwandte. Arme Kitty, dachte er jetzt im stillen, du bist so jung, so hübsch und gerade du mußt unglücklich lieben. Aber würde diese Liebe denn wirklich eine unglückliche bleiben? Ganz gewiß nicht. Der Kürassier hatte doch nur aufgehört, sich für Kitty zu interessieren, weil er sich den 136 blödsinnigen Schwur leistete, nur die zu heiraten, die ihm da ihrerseits einen Antrag machte, aber das war natürlich alles Unsinn und der Kürassier würde Kitty schon wieder lieben, denn eine Zuneigung läßt sich doch schließlich nicht in ein paar Minuten ertränken, wie eine Maus, die man gefangen hat. Aber dann dachte er wieder an sich selbst. Was würde da aus ihm werden? Unter Kameraden war es ja schließlich ganz egal, wer die Braut heimführte, aber das Wort galt nur für den glücklichen Bräutigam, der andere blieb trotz aller kameradschaftlichen Gefühle doch mit einem verdammt dummen Gesicht stehen und blickte den Glücklichen neidisch nach. Und was würde auch aus Fräulein von Greusen werden, wenn die bis dahin, allerdings gegen alles Erwarten für den Kürassier Interesse gewonnen hatte? Dann war auch die unglücklich, und das durfte sie nicht werden. Die hatte ohnehin schon genug Schweres in ihrem Leben durchgemacht, und nun vielleicht auch noch eine unglückliche Liebe, das durfte nicht sein. Und er begriff sich jetzt selbst nicht mehr, daß er dem Kürassier nicht gleich abgeraten hatte, als der davon sprach, er wolle versuchen, Fräulein von Greusen in sich verliebt zu machen. Und er, Hans Arnim, hatte den, wenn auch nur indirekt, sogar selbst auf den Gedanken gebracht, hatte aus finanziellen Gründen und im Interesse von Maria Elisabeth gewünscht, der Kürassier möge Erfolg haben. Statt dessen sah er jetzt voraus, oder glaubte es wenigstens vorauszusehen, daß bei der Sache nichts Gutes 137 herauskommen würde, wenigstens nicht für Maria Elisabeth, und er sah plötzlich ganz deutlich vor sich, wie er mit der zusammen in der großen Laube saß und sie zu trösten versuchte, weil der Kürassier sich mit Kitty verlobte. Er tröstete Maria Elisabeth, obgleich er selbst am meisten des Trostes bedurfte. Und als wisse die, wie ihm um das eigene Herz sei, begann die nun, ihn zu trösten. So trösteten sie sich gegenseitig, bis sie einander in die Arme fielen und bis sie beide sich miteinander verlobten, schon um dem glücklichen Brautpaar zu zeigen: Wir brauchen Euch gar nicht, bildet Euch nur nicht ein, daß einer von uns einen von Euch liebte, wir haben nur so getan, als ob. Im Grunde unseres Herzens haben wir beide uns schon lange, lange geliebt. Ja, so ist es, ganz einerlei, ob Ihr es glaubt oder nicht. Das könnte 'ne schöne Geschichte werden. Dagegen gab es nur ein Mittel, Kitty mußte sich in ihn verlieben, ob sie wollte oder nicht. Das war ja auch von Anfang an sein Wunsch und sein Wille gewesen, aber bisher hatte er dabei immer in erster Linie an sich selber gedacht, nun aber mußte Kitty sich auch ihretwegen in ihn verlieben, damit ihr kleines Herz alles Leid und allen Kummer wieder vergaß. Er wußte gar nicht, wie lange er so dagestanden hatte, seinen Gedanken nachhängend. Er blickte erst wieder auf, als plötzlich Kittys Stimme an sein Ohr klang, die ihn fragte: »Wissen Sie wohl, daß Sie die letzten fünf Minuten oder waren es gar fünfzehn, ein sehr langweiliger Gesellschafter waren? Worüber haben Sie nur solange nachgedacht?« »Das möchtest du wohl gern wissen, das glaube ich schon,« 138 dachte er im stillen, laut aber sagte er mit dem verdutztesten Gesicht von der Welt: »Ich hätte nachgedacht? Worüber denn nur? Und muß man denn immer wirklich gleich denken, wenn man denkt? Ich habe nur mit wachenden Augen vor mich hingeträumt, ich saß in einer großen schönen, schattigen Laube und neben mir saß ein auffallend hübsches junges Mädchen.« »Mit dem Sie hoffentlich nicht wieder mich meinten?« fiel sie ihm in das Wort. »Nein, diesesmal war es tatsächlich eine andere,« widersprach er. »Aber das dürfen Sie nicht,« schalt sie ihn, »Sie sollen sich doch immer nur mit mir beschäftigen, auch in Ihren Gedanken« und voller Neugierde fragte sie: »Wer war denn die Andere?« »Die hatte gar keinen Namen,« log er sich schnell heraus, »die war noch gar nicht getauft, es handelte sich um eine Phantasiegestalt. Ich sagte Ihnen doch schon, ich träumte, da sah ich eine Märchenprinzessin vor mir, die war so schön und so gut und sie hatte mich auch so lieb, gnädiges Fräulein, die sah mir an, daß ich Kummer hatte –« »Na, was Sie schon für Kummer haben mögen!« neckte sie ihn. »Na, vielleicht größeren als Sie, gnädiges Fräulein,« gab er zurück. »Bitte sehr, ich habe gar keinen,« widersprach sie schnell, und was sie da sagte, entsprach auch im Augenblick der Wahrheit. Während der langen Zeit, die Hans Arnim schweigend neben ihr stand, hatte sie schnell ihre gute Laune 139 wiedergefunden. Ernstlich brauchte sie Maria Elisabeth als Rivalin nicht zu fürchten, denn gerade weil der Kürassier so reich war, würde er sicher lieber eine reiche Frau nehmen als eine arme. Und schließlich hätte sie kein junges Mädchen sein müssen, wenn sie sich nicht zum mindesten für ebenso hübsch gehalten hätte wie Fräulein von Greusen. Ja, sie fand sich sogar noch hübscher, und daß sie das war, bewies ihr ja auch die Ausdauer, mit der Leutnant von Kühnhausen so unermüdlich um ihre Huld warb. Allerdings für einen kurzen Augenblick wollten nun Bedenken in ihr wach werden, ob Hans Arnim ihr auch wohl dann so huldigen würde, wenn sie nicht so reich wäre? Aber um ihrer selbst willen verscheuchte sie diesen häßlichen Gedanken sofort wieder. Und sie wußte doch auch gar nicht, ob nicht auch Herr von Kühnhausen vermögend sei. Daß er Infanterist war, bewies noch lange nicht, daß er einer armen Familie entstammte, und mit einemmal glaubte sie sogar ganz genau zu wissen, daß auch er reich sei, denn nur das konnte ihm doch den Mut geben, einer jungen Dame derartig in die Augen zu sehen, wie er es tat. Nur das Vertrauen, finanziell unabhängig zu sein, ließ ihn auch sonst so keck und übermütig auftreten. Ein armer Leutnant hätte das nach ihrer Ansicht niemals gewagt, der würde viel bescheidener, wenn natürlich trotzdem zuversichtlich sein, und den Vorwurf der Bescheidenheit konnte man Herrn von Kühnhausen bei dem besten Willen nicht machen. Nein, den Vorwurf verdiente er wirklich nicht, denn jetzt fragte er sie, wie sie vorhin ihn: »Wissen Sie wohl, gnädiges Fräulein, daß Sie in den letzten fünf Minuten, oder waren es gar fünfzehn, wirklich eine sehr wenig amüsante Partnerin waren?« 140 »Das ist doch einzig und allein Ihre Schuld,« verteidigte sie sich, bei dem Klang seiner Stimme schnell alle ihre Gedanken verscheuchend, »warum unterhalten Sie mich nicht besser? Sie wissen doch, wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es zurück.« »Das schon,« stimmte er ihr bei, »und wenn ich trotzdem nichts in den Wald hineinrief, so wollte ich das Schweigen des Waldes, ich meine natürlich Ihr Schweigen, nicht stören.« »Und warum taten Sie das schließlich doch?« erkundigte sie sich. »Weil ich zu der Überzeugung kam, daß Sie nun nachgerade genug über mich nachgedacht haben.« »Über Sie?« kam es ihr ganz entrüstet über die Lippen. »Ich weiß wirklich nicht, Herr von Kühnhausen, Sie haben ein Selbstvertrauen, das einfach klassisch ist, und Sie haben eine Einbildungskraft, um die Sie mancher Schriftsteller beneiden könnte. Warum soll ich wohl ausgerechnet über Sie nachgedacht haben? Ich dachte tatsächlich nur an völlig gleichgültige Dinge.« »Gerade deshalb,« rief er ihr zu, »denn vorläufig habe ich ja noch das keineswegs erbauliche Vergnügen, Ihnen gleichgültig zu sein, oder sollte ich mich in der Hinsicht zu meinen Ungunsten irren?« »Auch diesesmal möchte ich Sie bitten: Bilden Sie sich nur nichts ein.« »Das tue ich, soweit es sich um meine Person handelt, niemals, gnädiges Fräulein, Ich bin nicht so eitel, mich zu überschätzen, ich glaube, ich beurteile mich mit meinen guten Seiten, die schließlich ja jeder Mensch hat, ebenso richtig 141 wie mit meinen schlechten. Und wenn Sie vorhin sagten, ich besäße eine starke Einbildungskraft, dann stimmt das auch nicht. Hätten die armen Künstler keine größere Phantasie als ich, dann müßten sie alle sterben, da verdienten die nicht einmal so viel, um sich die berühmten Hungerpfoten kaufen und an denen lutschen zu können. Und wenn ich trotzdem behauptete, Sie, gnädiges Fräulein, hätten vorhin an mich gedacht, oder besser gesagt: über mich nachgedacht, dann war das keine Einbildung, sondern Wahrheit.« Und so keck und herausfordernd sah er sie dabei an, daß sie unwillkürlich errötete, bis sie ihm nun zurief: »Sie haben heute anscheinend nicht Ihren guten Tag, Herr von Kühnhausen, ich muß Ihnen offen gestehen, heute langweilen Sie mich etwas mit Ihren Behauptungen.« »Die Wahrheit ist nie sehr amüsant, gnädiges Fräulein,« meinte er gelassen, »nicht mal in der Kunst, geschweige denn im Leben. Da wollen wir die Wahrheit gar nicht hören, da soll man uns nur Märchen erzählen, schöne, bunte, farbige Märchen, und je unwahrscheinlicher die sind, umso leichter werden sie geglaubt.« »Dann wäre also alles, was ich bisher aus Ihrem Munde hörte und das mir bewies, wie die über Sie verhängte Strafe schon zu wirken begann, lediglich ein Märchen gewesen?« fragte sie ihn, wider ihren Willen nun doch ein klein wenig verstimmt. »Was hörten Sie denn bisher von mir, gnädiges Fräulein?« erkundigte er sich, da er sie nicht gleich verstand, bis er fortfuhr: »Ach so, nun weiß ich, daß ich Sie schöner finde, als eine andere, daß ich Sie liebe und daß ich noch lange 142 die Hoffnung nicht aufgebe, Sie möchten mich wiederlieben. Nein, das war leider, wenigstens für mich leider, kein Märchen, sondern bittere Wahrheit. Aber da die Wahrheit Sie langweilt, gnädiges Fräulein, wie Sie vorhin erklärten, müßte doch eigentlich das, was ich Ihnen sonst erzählte, Sie auch gelangweilt haben.« Ein klein wenig ärgerlich biß sie sich auf die Lippen. Da hatte sie sich festgerannt, ohne daß sie gleich einen Ausweg fand. So meinte sie denn jetzt ausweichend: »Das sind Wortfechtereien, Herr von Kühnhausen, und im übrigen dürfen Sie das, was ich Ihnen erklärte, auch nicht allzu ernsthaft nehmen, wenigstens dürfen Sie sich nichts darauf einbilden, wenn ich Ihnen sagte, daß ich es gern höre, wenn Sie mich anschwärmen. Sie wissen ja zur Genüge, warum Sie das tun sollen. Nun aber glaube ich wirklich, daß es Zeit wird, etwas zu den anderen zu gehen. Es könnte doch am Ende zu sehr auffallen, wenn wir beide uns hier fortwährend allein miteinander unterhalten.« Und nach einer kleinen Pause fuhr sie fort: »Wie ist es, wollen Sie hier allein weiter stehen bleiben, oder begleiten Sie mich?« »Wenn es denn geschieden sein muß, gnädiges Fräulein, dann gehe ich selbstverständlich mit Ihnen,« stimmte er ihr bei, »wenn ich Ihnen also meinen Arm anbieten dürfte?« »Aber was fällt Ihnen denn ein?« meinte sie verwundert und lachend zugleich, »wir können doch nicht Arm in Arm anspaziert kommen.« »Warum denn nicht?« fragte er anscheinend ganz 143 ernsthaft. »Neulich, als Sie mit mir zu Tisch gingen, haben Sie meinen Arm auch angenommen.« »Das war aber auch etwas ganz anderes,« erklärte sie ihm. »Schade!« rief er ihr zu, um sie gleich darauf zu bitten: »Wollen wir nicht doch lieber zu Tisch gehen, gnädiges Fräulein? Ich sehe in meiner Phantasie hier ganz in der Nähe dort unter den dichten Zweigen der großen Kastanie ein stilles, verschwiegenes Restaurant. Wir würden dort um diese Stunde sicher die einzigen Gäste sein, aber wir könnten uns zur Vorsicht trotzdem ein kleines Zimmer für uns allein geben lassen. Neulich auf der Gesellschaft war es ja auch ganz nett, aber es saßen doch schließlich zu viele Leute um uns herum. Dort wären wir heute ganz ungestört, nur der Kellner, den es ja auch nur in meiner Einbildung gibt, würde von Zeit zu Zeit kommen, um nach unseren Befehlen zu fragen, aber auch den würde ich fern zu halten wissen. Ich erklärte dem ganz einfach: Lieber Freund, Sie bekommen zehn Mark Trinkgeld, wenn Sie nur dann kommen, wenn ich klingle, und Sie bekommen zwanzig Mark Trinkgeld, wenn Sie selbst dann nicht erscheinen, wenn ich schon dreimal nach Ihnen geklingelt habe. Also wie ist es, gnädiges Fräulein, lockt Sie dieses tête à téte nicht, oder sagt man dafür auf deutsch jetzt: ›Kopf an Kopf‹?« »Für ein so intimes Zusammensein mit Ihnen danke ich doch wirklich,« lehnte sie die Einladung lachend ab, um gleich darauf, als sie sein enttäuschtes Gesicht bemerkte, hinzuzusetzen: »Vielleicht ein andermal, aber für heute ist es 144 überdies schon zu spät, ich muß mich nun wirklich auch etwas den anderen widmen.« Hans Arnim erriet natürlich sofort, wer die anderen waren. Kitty wollte sich davon überzeugen, ob der schöne Hugo sie wirklich ganz über Fräulein von Greusen vergessen hatte. So ging er denn nun mit Kitty auf die anderen zu, aber die näherte sich nicht gleich der Gruppe, in der der Kürassier und Fräulein von Greusen standen, sondern sprach erst hier und dort mit einer Bekannten und mit einigen der Offiziere, bis sie dann, ganz allmählich und wie ganz zufällig auf Maria Elisabeth zutrat, um diese nochmals voller Herzlichkeit zu begrüßen und ihr die Hand schüttelnd zurief: »Wir haben uns ja erst ganz flüchtig guten Tag gesagt, liebes Fräulein von Greusen. Nun kann ich das bisher Versäumte endlich nachholen und da möchte ich Ihnen zunächst sagen, wie aufrichtig es mich für Sie freut, daß Sie endlich aus Ihrer bisherigen Zurückhaltung heraustraten und wenigstens hin und wieder an dem Flirt teilnehmen. Herr von Kühnhausen hat mir erzählt, daß es ihm, wenn auch mit vieler Mühe, gelungen ist, Sie umzustimmen.« »Ja, leicht ist es ihm wirklich nicht geworden, gnädiges Fräulein,« stimmte Maria Elisabeth ihr bei. »Ich habe mich mit Händen und Füßen gesträubt, aber nun bin ich dem Herrn Leutnant aufrichtig dankbar, daß er mit seinen Überredungskünsten nicht eher aufhörte, als bis ich endlich nachgab.« Kittys Worte, mit denen sie Fräulein von Greusen begrüßte, waren ehrlich gemeint gewesen und waren aus 145 aufrichtigem Herzen gekommen. Aber nun, da Maria Elisabeth ihre Freude an dem Flirt so offenkundig verriet, wurde Kitty doch wieder ein klein wenig verstimmt. Sollte das doch irgendwie mit dem Kürassier zusammenhängen? Sollte die in stillen Stunden davon träumen, die Braut dieses reichen Offiziers zu werden? Wenn es eine gab, die ihr von ganzem Herzen wünschte, daß sie nicht bis an ihr Lebensende es nötig habe, in Stellung zu gehen, dann war sie, Kitty, das ganz gewiß, aber es gab doch unter diesen vielen Kriegsurlaubern sicher noch andere, die etwas Vermögen besaßen. Warum suchte Maria Elisabeth sich unter diesen keinen Courmacher aus und versuchte, den in sich verliebt zu machen? Und warum verliebte sie sich nicht in Hans Arnim? Mit dem einen Flirt zu beginnen, war ihr doch leicht und bequem gemacht. Bis Kitty sich wieder eines anderen besann. Mit dem sollte Maria Elisabeth auch nicht flirten, der gehörte vorläufig ihr und der sollte noch lange darauf warten, bis sie ihm zurief: »So, nun haben Sie Ihre Strafe verbüßt, jetzt heirate ich den Anderen.« Und jetzt wandte sie sich dem zu. Es geschah nur zufällig, daß sie dem Kürassier dabei voll in das Gesicht sehen konnte, aber sie bemerkte mit freudiger Genugtuung, daß der nun ein klein wenig verlegen wurde, als ihr Blick ihn traf. Bis er gleich darauf völlig unbefangen ein paar Schritte näher auf sie zutrat und die Hand an die Mütze legend meinte: »Auch mir ist es bisher nur flüchtig vergönnt gewesen, gnädiges Fräulein, Sie zu begrüßen. Herr von Kühnhausen hatte Sie ja gleich derartig mit Beschlag belegt, daß Sie für die übrigen Menschen verloren waren.« 146 »Hoffentlich hat mein Verlust Sie nicht allzu sehr betrübt, Herr von Hohenebra?« neckte sie ihn anscheinend nur übermütig. Mit seinen schwärmerischen, melancholischen Augen sah er sie sinnend an, dann rief er ihr zu: »Der Verlust war ja nur ein vorübergehender, gnädiges Fräulein, wenn er auch ziemlich lange dauerte. Nun sind Sie uns wenigstens für den Rest des heutigen Abends wiedergegeben,« und das Gespräch verallgemeinernd, fragte er schnell: »Wie wir teils mit aufrichtigem Bedauern, teils voller Neid hörten, gnädiges Fräulein, waren Sie inzwischen beinahe vierzehn Tage in Berlin?« »Allerdings,« stimmte sie ihm bei, »und ich hoffe, daß Sie, Herr von Hohenebra, mir das kleine Vergnügen nicht neideten, sondern daß Sie zu denen gehörten, die meine Abreise bedauerten.« Das war eine kleine Falle, die sie ihm da stellte, denn aus seiner Antwort würde sie ja heraushören, ob er sie wirklich vermißte und zu ihrer großen Freude stimmte er ihr nun bei: »Ich habe Ihre Abwesenheit sogar aufrichtig bedauert, gnädiges Fräulein, das auch schon Ihretwegen, denn ich kann es mir nicht besonders schön denken, bei diesem herrlichen Sommerwetter beinahe vierzehn Tage in Berlin zu sitzen. Ich habe Sie sogar fast bemitleidet.« »Dazu lag aber wirklich nicht die leiseste Veranlassung vor,« widersprach sie, »ich habe mich sehr gut amüsiert, und wenn Sie mich nur deshalb vermißten, weil Sie in erster Linie mir eine baldige Rückreise aus Berlin wünschten, 147 dann scheint Ihr Bedauern über meine Abreise nicht allzu groß gewesen zu sein.« Auch das klang vollständig harmlos, als solle es nur eine Neckerei sein, daß er nicht einmal aus Ritterlichkeit ihr gegenüber ein größeres Bedauern über ihre Abwesenheit äußerte, aber sie wußte ja selbst am besten, daß die Worte ganz anders gemeint waren. Aber er ahnte nichts von den Schlüssen, die sie aus seiner Antwort ziehen würde. Er hörte aus ihren Worten lediglich heraus, daß sein Ausdruck, sie vermißt zu haben, nicht allzu ernsthaft geklungen hatte, und das tat ihm Kittys wegen leid. Die konnte doch schließlich nichts dafür, daß er im Begriff gewesen war, sich in sie zu verlieben, und wenn er das nun nicht mehr tat, dann war das doch kein Grund, gegen sie, wenn auch nur im geringsten unliebenswürdig oder irgendwie unhöflich zu sein. So meinte er jetzt schnell: »Sie haben mich ganz falsch verstanden, gnädiges Fräulein, oder meine Worte absichtlich falsch gedeutet. Ich habe Sie außerordentlich vermißt und jeden Tag habe ich mich gefragt, ob und wann Sie wohl zurückkehren würden.« Das erstere war eine Lüge, das zweite war die Wahrheit, aber in einem ganz anderen Sinne, als Kitty es ahnte, deren Augen bei seinem Kompliment freudig aufleuchteten, so freudig, daß der Kürassier einen mordsmäßigen Schrecken bekam und sich im stillen sagte: Um Gottes willen, Fräulein Kitty wird das, was du ihr da eben vorlogst, doch nicht etwa in das falsche Halsloch bekommen haben? Denn wenn du nach ihr aussahst, ob und wann sie wiederkäme, dann tatest du das doch nur, weil du dir im stillen wünschtest, sie möchte 148 noch recht lange fortbleiben, wenigstens so lange, bis Fräulein von Greusen sich in dich verliebt hat. Aber nun war Kitty wieder da und stand sogar mit leuchtenden, lachenden Augen vor ihm, doch das letztere mußte er sich wohl nur eingebildet haben, denn als er sie abermals ansah, hatten ihre Augen wieder den gewöhnlichen Ausdruck angenommen. Und warum sollten die wohl auch geleuchtet haben? Kitty war doch sicher klug genug, um ohne weiteres zu wissen, daß seine Worte weiter nichts gewesen waren als eine Schmeichelei, zu der sie ihn gewissermaßen auch noch gereizt hatte. Und Kitty war wirklich klug, wenn auch nicht so klug, wie er glaubte, sie nahm seine Äußerung für bare Münze und so sehr sie sich auch darüber freute, schon weil die endgültig all die dummen Gedanken verscheuchte, die sie sich heute nachmittag gemacht hatte, so vermied sie doch weiter auf das bisherige Sehnsuchtsthema einzugehen, sondern meinte jetzt nur: »Ich habe zu meinem Erstaunen gehört, Herr von Hohenebra, daß Sie das Amt des ersten Vorsitzenden niederlegten und daß Sie sich jetzt in der Hauptsache nur mit der Erfindung eines neuen Sattels beschäftigen. Das interessierte mich schon deshalb, weil ich alles, was Pferd heißt und was irgendwie mit dem Pferde zusammenhängt, ganz besonders liebe.« »Das freut mich sehr zu hören, gnädiges Fräulein,« dankte er ihr, »denn auch für mich gibt es nur ein Tier auf der Welt, das Pferd. Aber wenn dem so ist, wie Sie sagen, gnädiges Fräulein, wie kommt es, daß ich Sie noch nie zu Pferde sah?« 149 »Weil ich keins besitze und weil mein Vater mir das Reiten nicht erlaubt. Da er nur mich als Tochter hat, fürchtet er für mein kostbares Leben und sieht mich fortwährend von dem Gaul herabgeworfen mit blutigem Kopfe auf dem Straßenpflaster liegen.« »Aber wenn Ihr Herr Vater so denkt, dann ist das doch übertrieben,« widersprach er aus ehrlichster Überzeugung. »Da dürfte er Sie auch nicht mit auf Reisen nehmen, oder auch nur über die Straße gehen lassen. Verunglücken kann der Mensch, wenn er es soll, doch überall, und Sie wissen doch, wie es in der Bibel heißt: »Ohne Gottes Willen fällt kein Apfel von dem Baume, geschweige denn ein Reiter von dem Gaule.« Kitty lachte fröhlich auf: »Das mit dem Apfel stimmt wohl, aber daß in der Bibel auch etwas von dem Reiter und seinem Pferd vorkommt, glaube ich denn doch nicht,« bis sie jetzt, einem plötzlichen Gedanken folgend, bat: »Wissen Sie was, Herr von Hohenebra, Sie waren ja schon einmal bei meinen Eltern zu Gast und hoffentlich sehen wir Sie dort bald einmal wieder. Die Eltern wollen in der allernächsten Zeit für die Herren Kriegsurlauber wieder eine Gesellschaft geben, sicher werden auch Sie dort da eingeladen, und nicht wahr, Herr von Hohenebra, dann reden Sie einmal mit meinem Vater über die Reiterei, vielleicht, daß er mir dann die Erlaubnis gibt.« »Das will ich sogar sehr gern tun,« versprach er ihr, »das halte ich als Kavallerist sogar für meine Pflicht.« Kitty dankte ihm mit einem warmen Blick ihrer Augen, dann meinte sie: »Das wäre wirklich zu nett von Ihnen, 150 und wenn Sie meinen Wunsch bei dem Vater durchsetzen sollten, ach, ich würde mich zu schrecklich freuen, schon weil ich mir seit einer Ewigkeit so leidenschaftlich ein Reitkleid wünsche.« »Ach so, nur deshalb, gnädiges Fräulein?« fragte er ein klein wenig enttäuscht, »Sie lieben den Sport nur des Kostümes wegen?« »Aber wie können Sie so etwas auch nur im Scherz von mir glauben,« verteidigte Kitty sich, »wenngleich ich nicht leugnen will, daß ich mich auf ein Reitkleid freue, weil ich glaube, daß gerade das mir besonders gut stehen wird.« »Das ganz gewiß,« meinte er, ihre Figur mit einem schnellen Blick umspannend. »Allerdings müßte das Kleid sehr gut gearbeitet sein, nicht etwa, als ob Sie nicht selbst in einem schlechtsitzenden Kleide sehr hübsch aussehen würden, sondern aus praktischen Gründen. Ein schlechtsitzender Reitrock hindert viel mehr am Reiten, als ein Laie glaubt. Deshalb reiten ja jetzt so viele Damen im Herrensattel und tragen dazu den geteilten Rock, obgleich auch der sich oft als hinderlich erweist, namentlich bei dem Reiten im Gelände und auf den Jagden. Wenn ich Ihnen daher einen guten Rat geben dürfte, gnädiges Fräulein, dann würde ich an Ihrer Stelle in Herrenbridgets reiten. Die Figur und den Wuchs haben Sie dazu wie nur Wenige,« und als sie ihn ein klein wenig erstaunt ansah, setzte er hinzu: »Bei uns im Regiment reiten alle jungen Damen so und auch einige jungverheiratete; braune Schnürstiefel, braune Gamaschen, dazu Herrenbridgets, bis zu den Knieen sehr eng anliegend, dann nach oben weiter werdend. Um die 151 Taille einen hübschen Ledergürtel, dazu weiße Bluse und Reitrock.« »So reiten bei Ihnen die Damen des Regiments?« fragte Kitty ehrlich verwundert. »Ja, aber gilt das Kostüm denn nicht als etwas anstößig?« »Aber warum denn nur?« erkundigte er sich, da er sie nicht verstand. Kitty wurde ein klein wenig verlegen, dann rief sie ihm zu: »Bei dem Kostüm sieht man doch aber nicht nur sehr genau den Wuchs einer Dame, sondern auch den« – um Gottes willen, um ein Haar hätte sie sich verplappert. Sie fühlte, wie sie jetzt dunkelrot wurde, und so verbesserte sie sich schnell: »Ich meinte natürlich nicht den, sondern das« – aber auch da schwieg sie wieder, denn selbst das Wort »Gesäß« wollte ihr einem Herrn gegenüber nicht über die Lippen. Aber er hatte sie auch so verstanden und meinte nun seinerseits: »Selbst wenn man »das« sähe und sieht, dabei ist doch nichts Unpassendes, denn das »das« wie Sie es eben nannten, ist bei dem Reiten die Hauptsache. Ich habe in der Schule mal was von einem berühmten Maler gehört. Wie der Mann heißt, weiß ich nicht mehr, denn wer kann sich auch schließlich alle Farbenkleckser merken. Na, der Name tut ja auch nichts zur Sache, aber von dem hieß es, der wäre selbst dann der größte Maler geworden, wenn er ohne Arme auf die Welt gekommen wäre. Ob das wahr ist, entzieht sich natürlich meiner Beurteilung, obgleich ich in der Hinsicht ziemlich alles glaube, seitdem ich letzthin einen Artikel über unsere Krüppel las. Da wurde auf einen Artisten hingewiesen, der ohne Arme auf die Welt 152 gekommen ist und der mit seinen Füßen so geschickt ist, daß er sich mit denen sogar die Zähne putzt.« »Bitte hören Sie auf,« fiel Kitty ihm in das Wort, »das ist doch mehr als unappetitlich.« »Aber warum denn nur?« fragte der schöne Hugo verwundert. »Der Mann putzt sich die Zähne doch nicht mit den Zehen, sondern mit der Zahnbürste, die er zwischen den Zehen hält, und man ersieht daraus, wie schließlich jeder Mensch sich zu helfen weiß. Aber trotzdem, eins steht fest, selbst der größte Schulreiter, den die Welt jemals sah, der berühmte James Fillis, wäre niemals auch nur ein halbwegs leidlicher Reiter geworden, wenn der ohne das »das« auf die Welt gekommen wäre, denn kein Wort ist so wahr wie das: »Zum Reiten gehören drei Dinge, eine kosende Hand, ein tändelnder Schenkel und ein eiserner – Ach du lieber Augustin, alles ist hin, ach du lieber Augustin, alles ist futsch,« sang er plötzlich vor sich hin, denn wie Kitty sich vorhin beinahe verplappert hätte, so wäre ihm um ein Haar für diesen Körperteil jener kräftige Ausdruck entschlüpft, den Goethe den Götz von Berlichingen in dem berühmten Zitat gebrauchen läßt. Kitty hatte erraten, was er sagen wollte, so wurde sie dunkelrot, aber als er nun zu singen anfing, mußte sie doch lachen, und schon aus Verlegenheit lachte er mit, bis er gleichsam zu seiner Entschuldigung anführte: »Aber recht habe ich doch, gnädiges Fräulein, ohne diese drei Dinge geht es nun einmal nicht, das wird Ihnen später Ihr Reitlehrer, wenn vielleicht mit etwas anderen Worten, auch sagen, vorausgesetzt, daß es hier im Städtchen einen 153 Reitlehrer gibt, der sein Handwerk versteht. Na, im schlimmsten Falle wäre ich ja auch noch da, um etwas aufzupassen, daß der Mann den Unterricht, den er Ihnen erteilt, nicht von Anfang an verpfuscht. Das darf natürlich nicht sein, denn das ist später nicht wieder gutzumachen.« Kitty hatte ihm voll freudigster Überraschung zugehört, noch nie war er gegen sie so ritterlich und aufmerksam gewesen. Ihr kleines Herz schlug höher und höher, was hatte sie sich da vorhin nur für einen Unsinn eingeredet? Bewiesen seine Worte ihr nicht, daß er über sie noch genau so dachte, wie sie es ihm früher angemerkt hatte? Warum sollte er sich auch plötzlich für sie weniger interessieren, als er es bisher tat, und nun, da er wußte, daß sie den Wunsch hatte, eine Reiterin zu werden, würde das Interesse, das er an ihr nahm, sicher erst recht erwachen, denn es war ja eine alte Geschichte, daß ein Lehrer sich fast immer in seine Schülerin verliebt, noch dazu, wenn die selbst schon in ihn verliebt ist. Das alles schoß ihr blitzschnell durch den hübschen kleinen Kopf, dann rief sie ihm zu, deutlich ihre Freude verratend: »Das wäre wirklich außerordentlich liebenswürdig von Ihnen, Herr von Hohenebra, wenn Sie sich wenigstens in den ersten Reitstunden meiner etwas annehmen wollten, und ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen für Ihr Anerbieten danken soll.« »Bitte, bitte gnädiges Fräulein,« wehrte er bescheiden ab, »mir brauchen Sie gar nicht zu danken, aber wenn Sie es trotzdem wollen, dann tun Sie es dadurch, daß Sie eine gute Reiterin werden und daß Sie dem Reitsport alle Ihre Liebe entgegenbringen.« 154 »Das will ich und das werde ich,« stimmte sie ihm bei, bis sie plötzlich etwas kleinlaut hinzusetzte: »Immer vorausgesetzt natürlich, daß es Ihnen gelingen wird, den Widerspruch meines Vaters zu beseitigen.« »In der Hinsicht dürfen Sie auch nicht zu schwarz sehen, gnädiges Fräulein,« versuchte er, sie zu beruhigen, »auf jeden Fall werde ich mein Möglichstes tun. Nun aber, gnädiges Fräulein, wird es wohl auch für uns Zeit, an den Aufbruch zu denken. Ich sehe, daß sich die Plätze leeren, auch kommt es mir so vor, als ob Fräulein von Greusen und Herr von Kühnhausen auf Sie warten.« Und das war, als Kitty sich nun ihrerseits umwandte, wirklich der Fall. Nur ein einziges Paar, das aber aus drei Personen bestand, stand noch lachend und plaudernd zusammen, Fräulein Viki von Aschenbach mit ihren beiden unzertrennlichen Courmachern, dem Leutnant Ratzel und dem Leutnant Natzel. Alle anderen hatten sich schon entfernt, auch Fräulein von Greusen und Hans Arnim hatten sich schon dem Ausgang genähert und sahen sich dort wartend nach ihr um, da die beiden sie sicher nicht allein zur Stadt gehen lassen wollten. »Ja ja, ich komme schon,« rief Kitty ihnen zu, dann wandte sie sich an den Kürassier: »Wie ist es, Herr von Hohenebra, gehen Sie mit uns?« Aber der lehnte dankend ab: »Mein Weg führt mich leider in entgegengesetzter Richtung, hoffentlich zürnen Sie mir nicht, wenn ich auf das weitere Vergnügen Ihrer liebenswürdigen Gesellschaft für heute verzichten muß.« »Das ist doch aber kein Grund zum Zürnen,« gab sie 155 offen zur Antwort und ihm die Hand reichend, sagte sie: »Dann also auf baldiges Wiedersehen und schon heute wünsche ich Ihnen viel Glück für die bevorstehende Unterredung mit meinem Vater.« »Das wünsche ich Ihnen auch, gnädiges Fräulein,« stimmte er ihr bei. Dann verabschiedeten sie sich mit einem herzlichen Händedruck, und als Kitty nun schnell davoneilte, war sie so froh und so lustig wie seit langem nicht. Und aus dieser Freude heraus dachte sie nun, als sie bei Hans Arnim angelangt war: »Na warte, du Frechdachs, dich will ich unterwegs aber mal gründlich ärgern. Es ist nur schade, daß wir beide nicht allein sind. Allzu viel werde ich dir da leider nicht sagen können, aber du wirst es mir auch ohnedem anmerken, daß ich mit meinen Gedanken ganz wo anders bin als bei dir.« Mit diesem guten Vorsatz trat Kitty gleich darauf mit Fräulein von Greusen und Hans Arnim zusammen den Rückweg an, und unterdessen schritt der schöne Hugo auf einem kleinen Umwege seiner Hotelwohnung entgegen. Er hätte ebenso gut Kittys Aufforderung annehmen können, aber er wollte mit sich und mit seinen Gedanken allein sein. Er wurde die Empfindung nicht los, als sei er gegen Kitty zu freundlich gewesen. Gewiß, es war kein Wort gefallen, das sie auch nur im Geringsten als Huldigung hätte auffassen können, er hatte ihr in keiner Weise den Hof gemacht, aber trotzdem war er gar nicht mit sich zufrieden. Was ging es ihn an, ob sie Reitunterricht nahm oder nicht? Wozu hatte gerade er es nötig, sich deswegen bei ihrem Vater für sie verwenden zu wollen? Er war unter den 156 Kriegsurlaubern doch nicht der einzige Kavallerist, da hätte ein anderer ihr seine Dienste anbieten können. Und warum hatte er ihr geraten, sich später nur in den Herrenbridgets in den Sattel zu setzen? Wirklich nur aus sportlichen Gründen, oder weil er sich während des Sprechens vorgestellt hatte, wie hübsch und verführerisch gerade sie in diesem feschen Kostüm aussehen würde? Seinen Gedanken nachhängend schritt er dahin, bis er sich doch wieder mit Fräulein von Greusen beschäftigte. Kitty war erledigt und mußte es für immer bleiben, das auch schon deshalb, weil dieses gesellschaftlich so verwöhnte junge Mädchen ganz gewiß aus sich selber heraus ihm niemals erklären würde: »Ich liebe dich, werde mein Mann.« Allerdings, ob Fräulein von Greusen das jemals tun wurde? Er hoffte es, wenn er es auch vorläufig noch nicht glaubte, aber um deren Gunst zu gewinnen, hatte er sich ihr in anderer Weise genähert, als er es bisher bei Kitty tat, soweit er bei der überhaupt den Versuch gemacht hatte, ihre Aufmerksamkeit zu erwecken. Kitty hatte er eigentlich nur bewundernd angesehen und auch das nur, wenn er sicher zu sein glaubte, daß sie nichts davon bemerkte. Mit Fräulein von Greusen hatte er aber auch schon gesprochen und dabei den alten Trick angewandt, auf den schon so manches junge Mädchen hineingefallen war, wenn auch nicht gerade bei ihm, so doch in der Allgemeinheit. Er tat so, als bedrücke ihn ein schweres Leid, und um diese Rolle durchzuführen, brauchte er sich nicht einmal allzu sehr zu verstellen. Das Leid in Gestalt des vor zwei Jahren erhaltenen Korbes war da und ferner sein Schwur, nie wieder selbst um ein 157 junges Mädchen anhalten zu wollen. Das war zusammengerechnet sogar doppeltes Leid. Nein, er brauchte sich wirklich gar nicht erst zu verstellen, um sich interessant und bemitleidenswert zu machen. Er war ein unglücklicher Mensch. Noch so jung und doch schon nicht mehr heiraten zu dürfen! So jung und doch schon ein abgewiesener Freier! Ob Fräulein von Greusen auf ihn hereinfallen würde? Das heißt, den Ausdruck, den er da eben im Selbstgespräch gebraucht hatte, nahm er sofort wieder zurück, denn wer ihn zum Mann bekam, der fiel ganz gewiß nicht herein, und deshalb mußte er sich auch richtiger fragen: ob Fräulein von Greusen sich wohl in ihn verlieben würde? Wie hübsch die war und diese wundervollen stahlblauen Augen! Allerdings, Kittys Augen waren auch nicht häßlich, die waren sogar sehr hübsch, besonders wenn die lachten und übermütig in die Welt sahen. Und wie hatte es vorhin in denen aufgeblitzt, als sie ihn so ansah, so als ob! Na und von ihrer Seite aus gab es doch gar nichts zu »obben«. Das höchstens von ihm aus, aber das war gewesen, das durfte nicht wiederkommen, das hatte er sich geschworen, und was man schwört, das hält man auch. Das und noch manches andere wollte er sich nachher, wenn er zu Hause war, in aller Ruhe einmal sagen, aber er kam nicht dazu, diesen guten Vorsatz auszuführen, denn als er wenig später seine Hotelwohnung betrat, erwartete ihn dort bereits sein Bursche Paul Paulsen, obgleich der anscheinend nur damit beschäftigt war, noch etwas aufzuräumen. Aber der schöne Hugo merkte es zuerst gar nicht, daß der etwas auf dem Herzen zu haben schien, er wurde 158 erst helläugig, als sein Bursche noch im Zimmer stehen blieb, nachdem er ihm Säbel und Mütze abgenommen hatte, und so fragte er verwundert: »Na, Paul Paulsen, warum machst du denn nicht, daß du rauskommst?« Der lange Kürassier rückte sich mit einem strammen Ruck empor, um schon durch seine Haltung die Sympathie des Vorgesetzten zu gewinnen, dann meinte er: »Wenn der Herr Leutnant nichts dagegen hätten, möchte ich den Herrn Leutnant gern einen Augenblick unter vier Augen sprechen.« Der schöne Hugo blickte überrascht auf: »Mich? Und sogar unter vier Augen? Was gibt es denn?« Einen Augenblick schwieg Paul Paulsen nun doch noch, dann meinte er, sich nachdenklich mit der Rechten hinter dem Ohr kratzend: »Die Sache ist nämlich die, Herr Leutnant.« Sein Herr lachte lustig auf: »Die Einleitung kenne ich, Paul Paulsen, so fängt man immer an, wenn man eine Dummheit gemacht hat, oder eine Dummheit machen will.« Aber der Bursche widersprach: »Nee, Herr Leutnant, eine Dummheit ist das nun ganz gewiß nicht, und wenn heute nicht gerade Vollmond wäre und wo doch gerade jetzt im Juli die Mondscheinnächte so schön sind –« »Da willst du wohl wie ein verliebter Kater durch das Gebüsch streichen?« fiel ihm sein Leutnant in das Wort. »Du denkst wohl daran, daß deine Tage als Kriegsurlauber vielleicht gezählt sind und daß du bald wieder hinaus mußt? Da möchtest du deine freie Zeit hier noch nach Kräften ausnutzen?« »Das schon,« gab Paul Paulsen zur Antwort, »aber an die Front gehe ich nicht wieder, ehe der Herr Leutnant 159 nicht mit mir gehen. Ehe der Herr Leutnant nicht wieder ganz gesund sind, werde ich es auch nicht. Da mag der Herr Stabsarzt machen, was er will, und wenn einer von den Kameraden, oder vielleicht von den lausigen Zivilisten mich deswegen für einen Drückeberger erklärt, dann halte ich ihm meine linke Faust mit dem eisernen Kreuz unter die Nase und die rechte Faust halte ich ihm auf die Nase, daß er in den nächsten vierundzwanzig Stunden überhaupt keinen Ton mehr redet. Denn wo meine Fäuste hinschlagen, Herr Leutnant, da wächst kein Gras mehr, das habe ich an einem dammlichen Engländer ausprobiert. Nur mit der Faust habe ich dem auf den Detz gedebbert und der ist heute noch nicht wieder aufgestanden, der liegt mit den anderen Hunden zusammen in einem Grabe.« »Die Geschichte hast du mir schon oft erzählt,« warf sein Herr ein, »nun aber sage mir mal, was ist denn das mit der Mondscheinnacht? Hast du etwa vor der Angst, bist du vielleicht mondsüchtig?« »Ich und mondsüchtig?« widersprach Paul Paulsen. »Sehe ich etwa danach aus, Herr Leutnant? Nein, die Sache ist 'ne andere. Heute ist Donnerstag, da wäre die Dora an der Reihe, aber die kann heute Abend nicht fort, ihre Gnädige ist krank, da muß sie zu Hause bleiben. Na und als ich vorhin die Drina traf und der mein Leid erzählte, da hat die mir versprochen, mich zu trösten. Die hat ja heute eigentlich nicht ihren Ausgang, aber sie wird sich schon frei machen, die erzählt ihrer Gnädigen einfach, ihr Bruder, der auf Kriegsurlaub gewesen sei, käme heute Abend um ein halb zwölf Uhr hier durch, und da müsse sie 160 unbedingt auf die Bahn, um ihm guten Tag zu sagen, denn man könne doch nicht wissen, ob sie ihren Bruder jemals wiedersehen würde,« und erklärend setzte er hinzu: »In Wirklichkeit hat die Drina natürlich gar keinen Bruder.« »Das habe ich mir von Anfang an gedacht, Paul Paulsen, aber da sieht man trotzdem wieder, wozu die Kriegsurlauber nicht alles gut sind.« Der Kürassier richtete sich nun plötzlich in seiner ganzen Strammheit auf und meinte, seinen Herrn voller Stolz und beinahe mit verklärten Augen ansehend: »Herr Leutnant, wir sind nicht nur für alles gut, sondern wir sind sogar noch viel mehr. Ich habe neulich mal in dem Wirtshaus zugehört, wie ein Kriegsurlauber seine Weisheit auskramte. Der war in seinem Zivilberuf Volksschullehrer, na und da mußte der doch von so was Bescheid wissen. Und der sagte, wir Kriegsurlauber wären sogar eine staatserhaltende Notwendigkeit, denn wenn der Kaiser keine Kriegsurlauber in das Land schickte, denn gäbe es im Jahre 1936 keine Rekruten, weil nicht genug Kinder auf die Welt gekommen wären, und wenn wir Kriegsurlauber in der Hinsicht nicht unsere verdammte Pflicht und Schuldigkeit täten, dann sähe das mit dem menschlichen Nachwuchs sehr traurig aus, denn auf die Zivilisten, Krüppel und auf die Greise, die während des Krieges zu Hause geblieben wären, sei kein Verlaß.« »Na, desto mehr kann sich der Staat aber in der Hinsicht wohl auf dich verlassen?« rief sein Leutnant belustigt und wie schon so oft mit staunenden Blicken die riesenhafte Figur seines getreuen Burschen musternd, der schon vor 161 Ausbruch des Krieges in der alten Garnison bei ihm gewesen war und der es als eine ihm zugefügte tödliche Beleidigung empfand, als er den zum erstenmal »Sie« anredete, wie es der Befehl vorschrieb. So war es denn bei dem »Du« geblieben. Paul Paulsen strahlte bei der ihm ausgesprochenen Anerkennung über das ganze Gesicht, dann sagte er: »Ich tue nur meine Pflicht, Herr Leutnant, in Kriegs- und in Friedenszeiten, bei Tage und bei Nacht und an welchen Orten es auch immer sei, wie es in den Kriegsartikeln heißt.« Sein Leutnant lachte hell auf: »In den Kriegsartikeln wird, soviel ich weiß, eine andere Pflichterfüllung von den Soldaten verlangt. Na, das ist ja aber schließlich einerlei, nun sage mir lieber, damit wir zu Ende kommen, was denn nun mit deiner Drina los ist.« »Ach so, ja richtig, Herr Leutnant, die hätte ich ja beinahe ganz vergessen,« rief Paul Paulsen erschrocken, um gleich darauf fortzufahren: »Die Sache ist nämlich die. Die Drina will mich heute abend darüber trösten, daß die Dora nicht ausgehen kann, und sie hat sich den Kriegsurlauberbruder erfunden, um möglichst lange von Hause fortbleiben zu können. Es ist doch heute Mondscheinsnacht, Herr Leutnant, und diese Nächte liebt die Drina über alles. Die sagt, das Schönste, was es für sie auf der Welt gäbe, wäre, sich in einer schönen Mondscheinsnacht in den Anlagen auf einer verschwiegenen Bank nach allen Regeln der Kunst abknutschen zu lassen. Das wäre ja auch sonst ganz schön, aber wenn der Mond dazu scheint, dann wäre es einfach mondscheinschön schön. Und da wollte ich denn den Herrn 162 Leutnant bitten, ob ich der Drina den Liebesdienst erweisen und sie mal ganz gehörig abknutschen kann?« »Von mir aus gern,« stimmte sein Herr ihm bei. »Dann danke ich dem Herrn Leutnant auch vielmals,\< meinte Paul Paulsen. »Bitte, bitte, keine Ursache,« lehnte der jeden Dank ab, »nun aber mach', daß du raus kommst, ich habe noch ein paar Briefe zu schreiben.« Aber anstatt nun gleich zu gehen, stand Paul Paulsen abermals da, sich mit der Rechten nachdenklich hinter dem Ohr kratzend, bis er jetzt, den verwunderten Blick seines Herrn bemerkend, sagte: »Die Sache ist nämlich die, Herr Leutnant. Die Drina hat aus dem Kalender nachgesehen, richtig scheint der Mond heute erst von zehn Uhr ab, und der Herr Leutnant wissen doch, daß wir Kriegsurlauber des Abends nur bis um einhalb zehn Uhr Urlaub haben. Um halb zehn muß alles in den Quartieren oder in der Kaserne sein. Und da wollte ich den Herrn Leutnant bitten, ob der Herr Leutnant mir nicht bis um zwölf oder noch besser bis um ein Uhr 'nen schriftlichen Urlaubszettel geben können, damit ich den vorzeige, wenn ich unterwegs auf der Straße von einer Patrouille oder von einem Vorgesetzten angehalten werde.« Mit beinahe flehenden Augen sah der Kürassier seinen Leutnant an, aber der schüttelte den Kopf: »Es tut mir für dich und deine Drina aufrichtig leid, Paul Paulsen, aber das Geschäft ist mit mir nicht zu machen. Du weißt, daß es uns Offizieren von dem Garnisonältesten ein für allemal streng verboten ist, ohne seine Einwilligung solche 163 Urlaubszettel auszustellen. Der Herr Oberst vertritt den ganz richtigen Standpunkt, daß die Kriegsurlauber früh in das Bett gehören, damit sie bald wieder felddienstfähig sind. Na, bei dir Riesen ist solche Fürsorge zwar überflüssig, aber trotzdem, die Verbote müssen befolgt werden und daß ich, wenn du heute abend gesehen wirst, deinetwegen etwas auf den Kopf oder gar Stubenarrest bekomme, na, das wirst du doch wohl selbst nicht wollen.« »Das natürlich nicht, Herr Leutnant, aber ich habe es vorausgesehen, daß der Herr Leutnant mir diese Antwort geben würden, ich kenne ja auch das Verbot des Herrn Oberst, das uns Mannschaften ebenfalls bekanntgegeben wurde.« »Na also,« meinte sein Leutnant, »was bittest du mich da denn erst?« Obgleich Paul Paulsen ganz genau wußte, daß er mit seinem Herrn allein in der Stube sei, sah er sich trotzdem erst vorsichtig um, ob auch wirklich kein Lauscher in der Nähe sei, dann machte er plötzlich ein äußerst schlaues und pfiffiges Gesicht, um triumphierend auszurufen: »Ich wüßte trotzdem, wie der Herr Leutnant mir die Erlaubnis geben könnten, mich in der Stadt zu zeigen.« »Ich nicht, Paul Paulsen,« gab sein Herr verwundert zurück. »Na, ich bin ja auch nicht in deine Drina verliebt, und die Liebe zu der scheint dich erfinderisch gemacht zu haben. Also was hast du dir da Schönes ausgedacht?« »Was sehr Einfaches, Herr Leutnant. Der Herr Leutnant gehen ja doch immer früh zu Bett, schon weil der Herr Oberst es nicht liebt, daß die Herren Offiziere lange 164 in den Wirtshäusern sitzen. Das haben der Herr Leutnant mir ja selber erzählt und wenn der Herr Leutnant nun heute vielleicht noch etwas eher zu Bett gingen, etwa so um halb zehn, weil sich der Herr Leutnant nicht ganz wohl fühlen, dann könnten der Herr Leutnant im Bett ganz plötzlich krank werden, oder sich wenigstens einbilden, es zu sein. Natürlich dürfte es sich da um nichts Schweres handeln, nicht wieder um einen Granatsplitter oder etwas Ähnliches, denn dann müßte ich doch den Herrn Stabsarzt holen und wenn der käme, dann käme ja auch gleich der Schwindel heraus. Aber der Herr Leutnant könnten vielleicht an Migränin erkranken.« »An was für einem Zeug?« fiel der schöne Hugo seinem Burschen in das Wort. »An Migränin? Das gibt es doch gar nicht, es gibt höchstens Migräne und an der leiden doch nur nervöse Frauenzimmer.« Aber Paul Paulsen widersprach: »Nein, Herr Leutnant, das weiß ich besser, meine Minna, die bei einem alten Geheimrat dient, hat mir erzählt, der alte Herr litte fürchterlich an Migränin und für den muß sie immer Migräninpulver holen.« »Migränepulver heißt es,« widersprach sein Leutnant abermals, »aber für das Zeug habe ich wirklich keine Verwendung.« »Dann könnte ich dem Herrn Leutnant vielleicht etwas anderes besorgen,« bat Paul Paulsen, »etwas Kampferspiritus zum Einreiben, oder ein Abführmittel, oder ein Mittel gegen Zahnschmerzen, oder Hühneraugenringe, oder Baldrianstropfen, oder sonst irgend was, was mir 165 schon noch einfallen würde. Vielleicht ein Schlafmittel, oder – –« »Nun hör' aber schon mal auf,« rief sein Leutnant dazwischen, »sonst schleppst du mir noch die ganze Apotheke hier in die Wohnung, was soll ich denn nur mit dem Zeug?« »Gar nichts, Herr Leutnant, der Herr Leutnant können es ja nachher ruhig wieder wegwerfen, für mich kommt es nur darauf an, daß ich dem Vorgesetzten oder der Patrouille erklären kann, ich müsse für den Herrn Leutnant in die Apotheke, um dort irgendetwas zu holen, oder aber, wenn es spät ist, ich käme eben aus der Apotheke. Da könnte ich dem Vorgesetzten dann auch gleich zeigen, was ich gekauft habe. Und deshalb habe ich mir ausgedacht, daß der Herr Leutnant mir einen Zettel mitgeben, auf dem geschrieben steht: da ich zu Bett liege und krank bin, habe ich meinen Burschen, den Kürassier Paul Paulsen, zur Apotheke geschickt. Na und wenn ich für den erkrankten Herrn Leutnant auf dem Wege zur Apotheke oder auf dem Rückwege von dort auf der Straße getroffen werde, dann kann doch kein Vorgesetzter deswegen dem Herrn Leutnant oder mir etwas auf den Kopf geben.« Der schöne Hugo mußte nun doch lächeln: »Das hast du dir ja sehr schlau ausgedacht.« Wieder sah ihn Paul Paulsen mit flehenden, bittenden Augen an, dann sagte er: »Und nicht wahr, der Herr Leutnant geben mir diesen Zettel?« Der stand noch einen Augenblick unschlüssig da, dann meinte er: »Na schön, meinetwegen. Ich will dir den Zettel schreiben, aber nur unter einer Bedingung. Wenn 166 du etwas für mich aus der Apotheke holst, dann hole auch etwas Vernünftiges, etwas, was man wirklich notwendig braucht, denn wenn du der Patrouille oder wer es sonst ist, für zehn Pfennige Brausepulver oder etwas Ähnliches vorzeigst, errät natürlich jeder Mensch sofort, daß dein Gang zur Apotheke nur ein Vorwand war. Also anstrengen mußt du deinen Schädel schon etwas.« »Da können der Herr Leutnant sich ganz auf mich verlassen, ich werde schon was finden, und wenn nicht, da frage ich die Drina und wir beide zusammen werden schon das Richtige herauskriegen.« »Na, da bin ich begierig,« meinte sein Leutnant belustigt, der sich inzwischen an den Schreibtisch gesetzt hatte, »so, hier hast du deinen Zettel und nun mach' aber wirklich, daß du fortkommst. Ich brauche dich heute nicht mehr, also laß dich vor morgen früh, ehe du mich weckst, nicht wieder sehen.« Und diesen Befehl führte der Kürassier auf das Gewissenhafteste aus. Er verschwand, um erst wieder am nächsten Morgen um neun Uhr in dem Schlafzimmer seines Herrn zu erscheinen. »Nun, wie war es denn gestern?« erkundigte sich der schöne Hugo, als sein Bursche die Vorhänge und die Jalousien zurückgezogen hatte. Der machte ein ganz verklärtes Gesicht: »Es war wirklich mondscheinschön schön, Herr Leutnant, und soviel ich weiß, wenn ich der liebe Gott wäre, ich ließe den Mond jede Nacht scheinen,« und noch einmal wiederholte er: »Es war einfach mondscheinschön schön!« 167 »Na, dann ist es ja gut,« winkte sein Leutnant jeden weiteren Herzenserguß ab. Und da sein Leutnant nicht weitersprach, hielt auch Paul Paulsen den Mund, während er seinem Herrn behilflich war, sich anzukleiden. Aber dieses Schweigen bedrückte ihn, auch wunderte er sich darüber, daß sein Herr ihn gar nicht fragte, was er denn nun in der Apotheke geholt habe, und er war auf seinen Einkauf doch so stolz. Nur ein Glück, daß seine Drina ihm erzählte. sie habe vor Jahren, als sie noch auf dem Lande war, mal ein scheußliches Blutgeschwür gehabt, sonst wäre er auf die gute Idee, die seine Drina ihm eingab, ganz sicher nicht verfallen. Warum fragte sein Leutnant ihn nur nicht? Sollte der seinen Weg zur Apotheke vollständig vergessen haben? Und das war tatsächlich der Fall, der dachte gar nicht mehr daran, weil er sich in einem schönen Traume so lang und ausführlich mit Fräulein von Greusen beschäftigt hatte, daß deren Bild auch jetzt noch ganz deutlich vor ihm stand, als er nun Toilette machte. Endlich war er mit der fertig und trat in das Wohnzimmer. in dem Paul Paulsen schon vorher den Frühstückstisch gedeckt und auf den der Kellner auf ein Glockenzeichen aus dem Schlafzimmer hin das Frühstück gestellt hatte. Aber als der schöne Hugo dann an dem Tisch Platz genommen, bemerkte er dort außer der Glasbüchse mit der Marmelade noch eine andere kleine verschlossene Glasbüchse, in der er, als er die zur Hand nahm, etwas entdeckte, das er früher noch nie sah. Was war denn das nur? Das waren doch Tiere, Würmer, oder etwas Ähnliches? Ihm wurde bei diesem Anblick beinahe schlecht und mit Ekel setzte 168 er die Dose wieder fort, um seinem Burschen zuzurufen: »Pfui Teufel, Königliche Hoheit, da kann einem ja schon morgens blümerant um den Magen werden, was ist denn das?« »Was das ist, Herr Leutnant?« gab Paul Paulsen stolz und siegesgewiß zur Antwort. »Das ist mein Einkauf aus der Apotheke. Als ich den gestern abend der Patrouille vorzeigte, da glaubte die mir sofort, daß der Herr Leutnant wirklich krank seien, denn nur so zum Spaß kauft sich doch kein Mensch Blutegel.« »Wenn du nun kein Lob erntest, dann bekommst du in deinem ganzen Leben keins,« dachte Paul Paulsen, aber es kam wesentlich anders, als er glaubte. Einen Augenblick starrte sein Leutnant ihn fassungslos an, dann aber sprang der blitzschnell in die Höhe, ergriff mit der Rechten die Glasbüchse und für eine Sekunde sah es so aus, als ob er die seinem getreuen Paul Paulsen an den Kopf werfen wollte. Der aber zuckte mit keiner Wimper, das hatte er nicht mal im schlimmsten feindlichen Granatfeuer getan, da sollten ihm ausgerechnet so ein paar lumpige, hungrige Blutegel Angst einjagen? Nein, er fürchtete sich nicht und dazu lag auch kein Grund vor, denn er bekam die Blutegel nicht an den Kopf, sondern nur ein jeder Beschreibung spottendes Donnerwetter auf den Kopf, von dem er nur die Schlagworte verstand: »Verdammte Schweinerei – noch dazu auf dem Frühstückstisch – nie wieder Urlaub – erst recht nicht beim Mondenschein – bald an die Front – der Teufel soll dich holen – scher dich raus und iß deine Blutegel selber auf.« 169 Das letztere tat Paul Paulsen zwar nicht, wohl aber scherte er sich, als sein Leutnant endlich schwieg, zum Tempel des Herrn hinaus, und als er in seinem Zimmer angelangt war, zerbrach er sich vergebens den Kopf darüber, wie diese armen kleinen unschuldigen Tiere seinem Leutnant derartig die Laune hatten verderben können, bis er des Rätsels Lösung gefunden zu haben glaubte, und zwar statt der einen Lösung gleich zwei. Entweder hatte sein Leutnant heute morgen einen Kater, weil er gestern wieder zuviel von diesem hundsgemeinen Lethe-Gesöff getrunken hatte, oder sein Leutnant war auf ihn wütend und neidisch, weil er, Paul Paulsen, gestern nacht die Drina bei Mondscheinbeleuchtung hatte abknutschen dürfen, während er selbst, der Herr Leutnant, die ganze Nacht hindurch ungeknutscht in seinem Bette hatte liegen müssen. Das war es, nur das, der Neid! Dann aber überlegte er, was er mit den Blutegeln anfangen solle. Daß sein Leutnant für die keine Verwendung haben würde, das hatte er natürlich gleich gewußt, aber die kleinen Tiere nun fortwerfen? Das brachte er doch nicht über das Herz. So beschloß er denn, sie aufzuheben, bis ihm plötzlich einfiel, daß seine Drina ja in den nächsten Tagen ihren Geburtstag hatte. Da wollte er ihr die geben, für den Fall, daß sie doch einmal wieder ein Blutgeschwür bekam, und er selbst kam auf diese Weise billig zu einem ebenso hübschen wie aparten Geburtstagsgeschenk. 170   V. Als Hans Arnim eines Nachmittags ohnehin nicht in der rosigsten Laune von dem Tennisplatz zurückkam, fand er unter anderen Postsachen auf dem Schreibtisch einen Brief seiner Mutter vor und so sehr er sich auch freute, nach langer Zeit endlich einmal wieder von der zu hören, so wurde er trotzdem die Befürchtung nicht los, daß dieser Brief ihm keine allzu frohe Nachricht bringen würde, das schon deshalb nicht, weil der so lange auf sich hatte warten lassen. Vielleicht war das nur eine Vermutung, die sich später als falsch erwies, aber trotzdem öffnete er das Schreiben nicht gleich, sondern sah erst die anderen Postsachen durch, bis er endlich den Brief doch zur Hand nahm. Aber ehe er das tat, setzte er sich in den bequemsten Sessel und zündete sich von den guten Zigarren, die nach wie vor stets in seinem Zimmer standen und die schon viele Male erneuert und ergänzt worden waren, die allerbeste an, damit er bei der Lektüre wenigstens eine Freude habe. Dann öffnete er mit dem Papiermesser vorsichtig das Kuvert und entnahm diesem die vollgeschriebenen Seiten. »Ach herrjeses,« seufzte Hans Arnim unwillkürlich, »gleich sechs Seiten auf einmal! So viel Glück gibt es gar nicht, 171 die Glücksnachrichten sind immer kurz und kurzbeinig, nur das Unglück hat einen so langen Atem und so lange Stelzen. Also was gibt es denn nur?« Und gleich darauf las er: »Mein lieber guter Sohn! Du wirst Dich gewundert haben, daß ich so lange nichts von mir hören ließ und daß ich Dir für Deinen letzten Brief noch nicht dankte. Ich hätte das natürlich schon längst getan, wenn – ach, mein Sohn, wie wäre dieses Leben schön, wenn es kein »Wenn« gäbe, keinen Krieg, keine Verwundeten, keine Krüppel, keine Blinden, keine Sorgen und kein Leid. Wie gesagt, mein lieber guter Junge, ich hätte Dir schon längst geschrieben, wenn – doch ich will versuchen, diesen Brief ohne dieses fortwährende »Wenn« zu Ende zu bringen. Deshalb komme ich gleich zur Sache und da muß ich Dir offen gestehen, die Verwandten, Onkel Christian, Tante Milly und Vetter Eduard sind sehr böse auf Dich. Ich unterstreiche das Wort »sehr« dreimal und ich brauche Dir ja auch nicht erst zu sagen, warum die Verwandten böse sind. Weil sie von Dir bisher immer noch nicht das leiseste Wort des Dankes dafür erhalten haben, daß sie sich bereit erklärten, Deine vielen Schulden zu bezahlen, Sie sind böse, weil Du sie wegen Deines früheren leichtsinnigen Lebenswandels noch nicht um Verzeihung batest, und schließlich, weil Du ihnen immer noch nicht gelobtest, in Zukunft, wenn Du nach Beendigung dieses Krieges wieder in Deiner Garnison Dienst tust, ein braver, solider Offizier zu werden, der seinen ganzen Ehrgeiz darein setzt, mit seiner Zulage auszukommen, die Deine Verwandten 172 Dir in Anerkennung Deiner vor dem Feinde bewiesenen Tapferkeit monatlich um 75 Mark erhöhen wollen, und zwar in der Art, daß jeder der drei oben Genannten Dir zu dem Zuschuß, den Dein Vater Dir gibt, noch monatlich 25 Mark zulegt.« »Donnerwetter, das ist aber anständig,« lachte Hans Arnim spöttisch auf, »ganze 25 Mark für jeden im Monat! Wenn die reiche Sippschaft bei dieser Verschwendung nur nicht finanziell ruiniert wird!« Dann las er weiter: »Du wirst sicher von diesem Beweis der Freigebigkeit und der Güte Deiner Verwandten aufrichtig gerührt sein, mein guter Junge, besonders wenn ich Dir sage, daß sie für diesen Beweis ihres Edelmutes keinen anderen Dank von Dir erwarten, als den, daß Du fortan durch Deine Führung dich dieser erhöhten Zulage würdig erweist. Selbstverständlich machen aber die Verwandten die Erfüllung dieser Zusage davon abhängig, daß Du ihnen nun wirklich in der allernächsten Zeit schriftlich dafür dankst, daß sie Deine Schulden begleichen wollen, und daß Du sie wegen der Vergangenheit um Verzeihung bittest. Tust Du das nicht, dann ziehen sie die Hände von Dir und was dann werden soll, weiß ich nicht. Du, mein lieber guter Junge, schriebst mir vor ein paar Wochen, Du brauchtest Onkel Christian und die anderen nicht, und ehe Du zu Kreuz kröchst, eher wolltest Du versuchen, aus eigener Kraft heraus Dein Leben zu ordnen. Das war ein stolzes Wort, das ich aber nicht recht verstand. Was heißt in diesem Falle »aus eigener Kraft«? Als Offizier hast Du keine Gelegenheit, Geld zu verdienen, und daß Du daran denken solltest, 173 später Deinen Abschied zu nehmen, um drüben in Amerika Dein Glück zu versuchen, wäre ein Wahnsinn, ganz abgesehen davon, daß auch dort drüben nicht jeder das Glück und das Geld findet, das er sucht. Und deshalb, mein lieber guter Junge, schreibe deinen Verwandten, oder wenn Du das nicht kannst, dann komme zu uns und sage es ihnen mündlich, obgleich eine mündliche Bitte um Verzeihung Dir sicher noch schwerer fallen würde. Aber mache das, wie Du willst, nur komme bald zu uns, denn Du ahnst ja gar nicht, wie wir uns nach Dir sehnen, ich und der Vater. Und auch die Verwandten sind stolz auf Dich und werden Dich, sobald Du ihre Verzeihung erbatest, mit offenen Armen willkommen heißen. Komme, sobald Du kannst. Mich wundert es, daß ich Dich erst darum bitten muß, denn wenn Dein Fuß, wie Du schreibst, jetzt nur noch der Ruhe und der Erholung bedarf, dann findest Du die doch auch bei uns. Ich fühle es Dir ja nach, daß Du Dich in dem reichen Hause der außerordentlich liebenswürdigen Frau Konsul so wohl fühlst, aber das Elternhaus ist und bleibt doch nun einmal das Elternhaus. Denk' an uns, an mich und an Deinen Vater. Obgleich ich Dich natürlich lieber heute als morgen bei mir hätte, verlange ich trotzdem nicht, daß Du gleich heute die Koffer packst, aber ich rechne mit Sicherheit darauf, daß Du zu Deinem Geburtstage bei uns bist. Bis dahin sind es ja noch fast drei Wochen, bis dahin wird es Dir sicher möglich sein, Dich in die Heimat beurlauben zu lassen. Auch hier wirst Du viele Kameraden treffen, in deren Gesellschaft Du Dich wohl und glücklich fühlen wirst. 174 Also komme bald, mein lieber guter Junge. wir haben lange genug auf Dich gewartet, nun komm! Der Vater und ich senden Dir wie immer viele herzliche Grüße und die besten Wünsche für eine baldige völlige Stärkung Deines Fußes. Ich aber küsse Dich in treuer Liebe als Deine Mutter.«         Die Mutter! Wild und heiß wurde plötzlich die Sehnsucht nach ihr in ihm wach. Wie oft hatte er sich draußen im Felde danach gesehnt, zu Hause zu sein, wieder einmal bei dem Vater und der Mutter zu sitzen, und nun, da er dorthin reisen konnte, nun, da es ihn nur ein paar Worte kostete, sich bis zur völligen Genesung in die Heimat beurlauben zu lassen, jetzt fuhr er doch nicht, denn er verspürte nicht die leiseste Neigung, seinen Verwandten gegenüberzutreten und vor denen de- und wehmütig zu Kreuze zu kriechen. Ehe er das tat, eher half er sich wirklich aus eigener Kraft. Abermals nahm er den Brief der Mutter zur Hand und las nochmals, was die ihm darüber schrieb. Die verstand nicht, was er damit meinte, und er selbst verstand sich auch nicht mehr. Wie leicht hatte er sich damals alles gedacht, als er an dem schönen Sommertag das Lazarett verließ, als er den Wagen mit den schönen Pferden bestieg, als er auf Gummirädern dahinrollte, einer neuen Zukunft entgegen, wie er es nannte, und als er zum erstenmal in Kittys Augen sah. So leicht, so stolz und glücklich hatte er sich gefühlt, hatte sich soviel eingebildet auf seine vor dem Feinde erworbenen Orden, hatte geglaubt, jetzt wirklich mehr zu sein als früher, hatte im jugendlichen Übermut gedacht: ich 175 brauche nur zu wollen, dann erreiche ich alles, was ich will. Und er hatte inzwischen einsehen müssen, daß es doch ganz anders gekommen war, als er es sich dachte. Dabei hatte die Sache, wenigstens nach seiner Ansicht, so schön und vertrauensvoll für ihn angefangen. Mochte Kitty auch ruhig einen anderen lieben und den heiraten wollen, er hatte es ihr angemerkt, daß die Strafe, die sie über ihn verhängte, ihr selbst Spaß machte. Er sah es doch, wie gern sie sich mit ihm unterhielt, mit welchem Vergnügen sie seinen Schmeicheleien und Liebesbeteuerungen lauschte, er hörte es ja, wie sie hell und freudig auflachte, wenn er ihr seinen Unsinn vorredete. Ja, sie hatte es ihm sogar eingestanden, daß sie ernstlich verstimmt gewesen war, weil er sich damals, als sie sich vor der Reise nach Berlin von ihm verabschiedete, nicht einmal nach ihr umgesehen habe, als sie im Auto davonfuhr. Er war so glücklich gewesen, er hatte an den endlichen Sieg, wenn auch an keinen leichten geglaubt, aber dann war plötzlich der Rückschlag gekommen. Er erinnerte sich des Tages und der Stunde noch so genau als wäre es gestern gewesen, und es waren doch schon drei Wochen seitdem vergangen. Er war Kittys Aufforderung, ihren Eltern einen Besuch zu machen, gefolgt und hatte in Kittys Mutter eine außerordentlich vornehme, liebenswürdige Dame kennen gelernt, die ihm ebenso gefiel, wie der Kommerzienrat, der in seinem ganzen Wesen eine gewisse joviale Gemütlichkeit zur Schau trug. »Mit den Schwiegereltern würdest du stets ausgezeichnet auskommen«, war sein erster Gedanke, als er die kennen lernte, und dieser Gedanke hatte sich in 176 ihm befestigt, als er dann ein paar Tage später zu einer Abendgesellschaft geladen wurde, an der außer ihm und dem Kürassier verschiedene andere Kriegsurlauber und verschiedene junge Damen des Flirt-Klubs teilnahmen. Auch Fräulein von Greusen war geladen worden, hatte aber zu seinem aufrichtigen Bedauern absagen müssen, da sie sich nicht wohl fühlte. Der Kommerzienrat hatte seinen Gästen zu Ehren ein lukullisches Mahl bereiten lassen, zu dem an der reich, aber äußerst geschmackvoll gedeckten Tafel die edelsten Weine gereicht wurden. So herrschte schon von Anfang an eine fröhliche, lustige Stimmung und er, Hans Arnim, schwamm in dem bekannten Meer der Seligkeit, denn er war von Kitty selbst als ihr Tischherr bestimmt worden, während Herr von Hohenebra, der Fräulein Viki von Aschenbach zu Tisch führte, ihnen beiden gegenübersaß. Er war in der übermütigsten Stimmung und seine frohe Laune steckte Kitty immer mehr und mehr an. Und wenn er es darauf anlegte, Kitty ganz zu gewinnen, so legte die es anscheinend erst recht darauf an, ihn in hellen Flammen aufgehen zu lassen. Aber wenn er auch schon längst brannte, das wollte er ihr denn doch nicht verraten, erst sollte auch sie mit brennen. So entwickelte er denn seine ganze Liebenswürdigkeit und ließ alle Geschütze, die er zur Verfügung hatte, auffahren, um die Feste einzunehmen. Er ließ sein Herz, seinen Mund und seine Augen sprechen. Er war so keck, wie er es in den Grenzen der Wohlerzogenheit einer jungen Dame der Gesellschaft gegenüber nur sein durfte. Aber trotzdem war es tatsächlich keine Keckheit, sondern 177 lediglich ein Zufall, als sein Fuß den ihrigen leise berührte. Nur ganz leise, aber er fühlte es dennoch deutlich, wie das Blut ihm heiß durch die Adern schoß, wie die Erregung sich seiner bemächtigte. Da traf ihn Kittys Blick, groß, starr und verwundert, dann aber doch lachend und übermütig, bis sie ihm endlich zurief: »Na, wirklich Herr von Kühnhausen, Sie legen es darauf an, Ihrem Namen alle Ehre zu machen, denn was Sie sich da eben erlaubten, hat noch kein Herr an meiner Seite gewagt.« »Und auch ich hätte das nie getan,« verteidigte er sich, sie offen und frei ansehend. »Es war ein Zufall, allerdings will ich mich nicht besser machen, als ich es bin, und daher offen eingestehen, daß ich diesen Zufall einen glücklichen nenne. Aber Absicht war es keineswegs, das brauche ich Ihnen wohl nicht erst zu sagen, gnädiges Fräulein. Ich könnte es sonst beschwören, und diesem Schwur würden Sie doch sicher glauben?« »Selbstverständlich,« pflichtete sie ihm bei, »obgleich ich Ihnen offen und ehrlich gestanden auch diese Keckheit zugetraut hätte, denn wer wie Sie auf offener Straße einer Dame gegenüber mit seinen Augen so keck ist, der wagt doch schließlich auch den Versuch, etwas zu fußeln, um dadurch sein Ziel zu erreichen.« Das klang mehr lustig und übermütig als strafend, aber sie mußte ihm doch nicht so recht geglaubt haben, das hörte er aus ihren Worten deutlich hervor und das verstimmte ihn. Das ließ ihn nicht gleich wieder den alten übermütigen Ton finden, bis er plötzlich fühlte, wie ihr Fuß den seinen 178 berührte. Er fühlte es deutlich, aber Kitty merkte anscheinend nichts davon, die wurde erst aufmerksam, als er jetzt, um sie nicht abermals zu erzürnen, seinen Fuß so leise und vorsichtig, wie er nur konnte, zurückzog. Da allerdings wurde sie glühend rot und rief ihm zu: »Um Gotteswillen, was habe ich da nur gemacht? Na, hoffentlich werden Sie es mir ohne weiteres glauben, daß es nur ein Zufall war, und zwar ein sehr unglücklicher, wie ich es im Gegensatz zu Ihnen nenne. Oder soll auch ich Ihnen etwa erst schwören –?« »Das ist selbstverständlich nicht nötig, gnädiges Fräulein.« fiel er ihr schnell in das Wort, bis er, um sie dafür zu strafen, daß sie ihm nicht sofort geglaubt hatte, hinzusetzte: »Wundern sollte es mich allerdings bei Ihnen nicht, gnädiges Fräulein, wenn es mehr als lediglich ein Zufall gewesen wäre, denn wenn eine junge Dame es so darauf anlegt wie Sie, einen Herrn unter allen Umständen in Flammen aufgehen zu lassen, warum sollten Sie da, um dieses Ziel zu erreichen, nicht auch den Versuch machen, etwas zu fußeln?« Er wußte es selbst sehr genau, die Antwort, die er ihr da mit ihren eigenen Worten zurückgab, war das, was man einen starken Tabak nennt, und der schien für Kitty sogar zu stark zu sein. Die wurde bei seinen Worten abwechselnd blaß und rot und so strafend, so voller Zorn sah sie ihn an, daß ihm himmelangst wurde und daß er sich sagte: »Wenn Kitty jetzt vom Tisch aufsteht und einen Eklat macht, weil sie sich weigert, länger neben dir zu sitzen, sollte es Dich nicht weiter wundern.« Für einen Augenblick sah es wirklich so aus, als wenn er mit seiner Befürchtung Recht behalten solle, aber wie so 179 oft bei den jungen Mädchen und bei den Frauen kam es auch hier ganz anders, als er dachte. Ebenso schnell wie Kittys Zorn erwachte, ebenso plötzlich war der wieder verflogen, bis sie hell auflachte und ihm zurief: »Na, wissen Sie, Herr von Kühnhausen, auf Sie paßt wirklich die Berliner Redensart: Der Mensch ist gut, der kann so bleiben!« Aber das Lachen schien ihr doch nicht recht von Herzen zu kommen und es dauerte auch diesesmal eine ganze Weile, bis die Unterhaltung in der alten Weise weiterging. Er fand den alten Ton zuerst wieder, aber auch dann legte Kitty sich anfangs noch eine gewisse Zurückhaltung auf, bis auch sie wieder fröhlich und lustig wurde, um ihm zuzurufen: »Ich merke es Ihnen ja an, daß Ihnen die Antwort leid tut, die Sie mir vorhin gaben. Ich war wirklich zuerst maßlos empört, aber Sie können ja nichts dafür, daß Sie so keck sind, wie Sie es nun einmal sind. Wären Sie anders, dann wären Sie als Gesellschafter wahrscheinlich sehr viel weniger amüsant. Also bleiben Sie schon tatsächlich so, wie Sie sind, wenn ich das natürlich auch nicht als Anerkennung Ihrer vielen schlechten Eigenschaften meine. Aber ein Tadel soll es trotzdem auch nicht sein.« Da erst wurde er wieder übermütig und versuchte, Kittys Gunst zu erringen, wie auch die wieder begann, ihn in sich verliebt zu machen. Aber er merkte es ihr doch an, eine kleine nervöse Erregung war in ihr wach geblieben und die zeigte sie auch noch, als sie nach Beendigung des Diners mit den Herren, ihre Zigarette rauchend, bei dem Kaffee zusammensaß. Bis sie plötzlich aufstand und sich mit dem Kürassier, um den sie sich bei Tische kaum gekümmert hatte, 180 von den anderen trennte, um sich mit dem lange unter vier Augen zu unterhalten und um ihren alten Platz erst wieder einzunehmen, als der Kürassier sich dem Kommerzienrat näherte und sich von diesem, wie es Hans Arnim vorkam, etwas absichtlich die vielen vorhandenen reichen Kunstschätze zeigen und erklären ließ, bis er dann im Gespräch von dem Hausherrn in ein Nebenzimmer geführt wurde, sicherlich, um auch dort die Sehenswürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. An und für sich war an der Sache absolut nichts Auffallendes, aber er, Hans Arnim, wurde den Gedanken nicht los, als werde dort nebenan eine Frage erörtert, die für sein ganzes späteres Leben und namentlich für sein Verhältnis zu Kitty von ausschlaggebender Bedeutung sei. Was hatte Kitty mit dem Kürassier so lange zu besprechen gehabt, warum zog der sich mit dem Vater zurück? Hielt der Kürassier etwa offiziell um Kittys Hand an, hatte die ihn heute nur deshalb so ausgezeichnet, um ihm gleich hinterher zurufen zu können: »So, nun haben Sie Ihre Strafe verbüßt, hier stelle ich Ihnen meinen Verlobten vor?« Aber das war doch alles Unsinn! Der Kürassier hatte sich in der letzten Zeit kaum um Kitty gekümmert und die sich ebenso wenig um ihn. Aber daß es dort nebenan sich nicht um eine Bagatelle handelte, das merkte er auch Kitty an, die er fortwährend prüfend beobachtete. Und wenn die auch seine Blicke ruhig und anscheinend völlig gleichgültig aushielt, ja, wenn es ihm auch zuweilen so vorkam, als umspiele ein leises, übermütiges, siegesgewisses Lächeln ihren 181 Mund, so traute er diesem Lächeln und dieser nach außen hin zur Schau getragenen Ruhe doch nicht allzu sehr. Und daß er sich darüber nicht täuschte, bewies ihm Kitty dadurch, daß sie sofort aufsprang und dem Kürassier entgegeneilte, als der nun allein wieder zurückkam. Aber dessen Mienen schienen ihr nicht allzu viel Gutes zu bedeuten, denn auf halbem Wege blieb sie plötzlich stehen, so daß die Entfernung zwischen ihr und seinem Stuhl nicht gar weit war und daß er, wenn auch mit einiger Anstrengung ein paar Worte auffing, zumal der Kürassier sein Organ nicht allzu sehr dämpfte. So erfuhr und erriet er denn, um was es sich handelte. Der Kommerzienrat hatte den Wunsch seiner Tochter, Reitunterricht nehmen zu dürfen, abgeschlagen, selbst die wärmste Fürsprache des Kürassiers habe nicht vermocht, den umzustimmen. Allerdings, für einen Augenblick sei der schwankend geworden, dann aber habe er ganz zufällig einen Blick in die auf dem Tisch neben ihm liegende Zeitung geworfen und ihm dort ein fettgedrucktes Telegramm gezeigt, das den schweren Unglücksfall einer sehr bekannten Berliner Dame meldete, die auf dem Morgenspazierritt im Tiergarten von dem durchgehenden Pferde geschleudert und sehr ernstlich verletzt worden sei. Er, Hans Arnim, sah, wie Kitty erblaßte, wie sie heftig mit dem Fuß auf den weichen Teppich aufstampfte, und er verstand, wie sie, den Kürassier scharf ansehend fragte: »Und Sie haben wirklich alles getan, was in Ihren Kräften stand, wirklich alles, um meinen Wunsch bei meinem Vater durchzusetzen?« Was der Kürassier zur Antwort gab, konnte er nicht hören, 182 denn in dem kleinen Kreise, in dem er saß, hatte jemand eine Anekdote erzählt, deren Pointe schallende Heiterkeit und ein Gelächter auslöste, das es ihm unmöglich machte, weiter auf das hinzuhören, was die beiden anderen sich da noch zu sagen hatten. Und viel mußte das nicht mehr gewesen sein, denn nach einer kleinen Weile nahm Kitty ihren alten Platz wieder ein, und man mußte sie schon so scharf beobachten, wie er es tat, um ihr anzumerken, daß sie nicht mehr dieselbe war wie bisher im Verlaufe des Abends. Mit Rücksicht auf ihre Gäste, um nicht auch denen die Laune zu verderben, nahm Kitty sich sehr zusammen. Die Anerkennung mußte er ihr zollen, nur ihm warf sie zuweilen einen Blick zu, der ihm da deutlich ihren Unwillen und ihre schlechte Stimmung verriet. Warum gerade mir? dachte er, ich kann doch ganz gewiß nichts dafür, daß der Kommerzienrat seiner Tochter die Reiterlaubnis nicht erteilte. Daß Kitty sich darüber ärgert, fühle ich ihr ja nach, aber warum sie gerade an mir ihre Mißstimmung auslassen zu wollen scheint, ist mir unverständlich. Er verstand das auch in den nächsten Tagen nicht, er wußte nur so viel, daß Kitty ihn seitdem derartig schlecht behandelte, daß er sich oft im stillen sagte: das darfst du dir als Offizier und als anständiger Mensch eigentlich gar nicht gefallen lassen. Und ein paarmal hatte er ihr das auch offen in das Gesicht gesagt. Dann bat sie ihn um Verzeihung und war ein paar Tage wieder die Freundlichkeit und die Liebenswürdigkeit selbst, da nahm sie seine 183 Einladungen zu einem Plauderstündchen hinter der großen Kastanie an, trank dort mit ihm, wenn auch nur in Gedanken, ein Glas Champagner nach dem anderen, lachte und machte ihren Unsinn und konnte es gar nicht genug mit anhören, wie er dabei um sie warb, bis sie plötzlich die Stimmung wechselte, weil sie von neuem daran denken müsse, daß er es gewagt habe, an dem Abend in dem Hause ihrer Eltern mit ihr zu fußeln, und weil er so maßlos keck gewesen sei, zu behaupten, auch sie habe seinen Fuß absichtlich berührt – daß er es wenigstens für möglich gehalten habe, sie könne jemals so etwas absichtlich tun. Über das kleine Erlebnis kam sie nicht hinweg, und es half auch nichts, daß er noch so lange auf sie einsprach, um sich zu rechtfertigen. Es war durch diesen kleinen Vorfall ein Mißton in dem gegenseitigen Verkehr entstanden, der den früheren harmlosen Ton fortan unmöglich zu machen schien. Auch heute nachmittag hatte Kitty wieder davon angefangen, aber das nicht allein, sie hatte mit der Geschichte gar nicht wieder aufgehört. Bis er sich endlich unwillig abwandte und sie ganz einfach stehen ließ. Er war wirklich nicht in der rosigsten Stimmung nach Hause gekommen und nun fand er zum Überfluß auch noch den Brief seiner Mutter vor. Was sollte nun werden? Hatte es noch einen Zweck, sich weiter um Kittys Gunst zu bemühen? Wenn er ganz offen und ehrlich gegen sich selbst sein wollte, dann war die Sache so aussichtslos wie nur irgend eine, denn die Vermutung, Kitty behandele ihn nur deshalb so schlecht, weil sie sich in ihn verliebt habe und weil 184 sie ihm das nur nicht zeigen wolle, hatte er längst als total irrsinnig wieder aufgegeben, schon weil er doch selbst die Blicke bemerkte, mit denen sie zu dem schönen Hugo hinübersah, wenn der sich auf dem Tennisplatz zeigte. Nein Kitty liebte ihn nicht, sie haßte ihn höchstens, aber leider Gottes nicht mit jenem Haß, der sich bei den jungen Mädchen oder bei einer Frau über Nacht so schnell in Liebe verwandelt. Hätte sie ihn im stillen geliebt, wenn auch nur ein klein wenig, dann hätte auch sie sich in der Hinsicht, wenn auch nur ein einzigesmal, sicher irgendwie verraten, denn das tut in solchen Fällen jedes junge Mädchen. Aber Kitty fiel nicht aus der Rolle, und das war der beste Beweis dafür, daß sie ihm keine Komödie vorspielte, sondern daß sie sich ihm gegenüber so gab, wie sie in Wahrheit über ihn dachte. Hans Arnim stöhnte schwer auf, es war wirklich, um sich die Haare auszuraufen, bis er es plötzlich als ein Glück empfand, daß seine Mutter ihn an seinen herannahenden Geburtstag erinnerte. Der gab ihm, wenn er auch bis dahin sein Ziel nicht erreichte, auch Kitty gegenüber eine selbstverständliche Veranlassung, zu den Eltern zu fahren, das würde seine Abreise nicht als Flucht erscheinen lassen, und schon morgen wollte er Kitty erklären, daß seine Tage hier nun gezählt seien. Das würde sie vielleicht veranlassen, ihr Verhalten ihm gegenüber zu ändern, vielleicht, vielleicht, aber auch nur vielleicht. Und mit wachenden Augen träumte er nun davon, daß es ihm doch noch gelingen würde, Kitty zu erobern. Ach und im wachenden Traume gelang ihm das auch sehr bald. 185 Er hielt Kitty plötzlich in seinen Armen, er küßte ihren süßen kleinen Mund, ihre Haare, ihre Stirn und ihre Wangen, und mit einemmal saß Kitty auf seinem Schoß und schlang ihre Arme mit einem Jubelschrei um seinen Hals und küßte und küßte ihn. Und wie die küßte! Sie war doch weiß Gott nicht die erste, die auf seinem Schoß saß und manche andere hatte ihn schon vorher geküßt, aber so blindlings wie Kitty es tat, hatte noch keine andere darauflos geküßt. Ihm wurde ganz heiß dabei, er bekam beinahe keine Luft mehr, so fest preßte Kitty ihren Mund auf seine Lippen, und mehr als einmal wollte er ihr zurufen: »Kitty, nun hör' mal für ein paar Minuten auf, sonst bleibe ich dir tot und damit ist dir doch auch nicht gedient,« aber er ließ sich trotzdem immer weiter küssen, bis es plötzlich an seine Tür klopfte. Und so deutlich hatte er vor sich hingeträumt, daß er nun erschrocken zusammenfuhr und Kitty halblaut zurief: »Um Gottes willen, Kitty, sei vorsichtig, es kommt jemand« und er machte mit den Händen eine Bewegung, als wolle er Kitty von seinem Schoß herunterheben. Bis er dann ganz wieder munter wurde und bemerkte, daß er allein war. Schade, dachte er, mehr als schade, der Traum war so süß. Na, so viel weiß ich, den erzähle ich morgen der Kitty, mag die hinterher ruhig so böse werden, wie sie will, meinetwegen noch böser, mir soll es recht sein. Da klopfte es zum zweitenmal an die Tür und auf das »herein« trat Fräulein Nanny über die Schwelle. »Nanu, Fräulein Nanny,« begrüßte er die wie immer tief und kokett Knicksende, »wie kommt mir dieser Glanz in 186 meine sogenannte Hütte, noch dazu zu so ungewohnter Stunde?« Nanny sah ihn mit ihren hübschen Augen verführerisch lächelnd an: »Nicht wahr, Herr Oberleutnant, das ist doch noch mal eine freudige Überraschung, wenigstens für mich. Ich hätte mich gern schon heute nachmittag einmal nach dem Herrn Oberleutnant umgesehen, aber es war wirklich nicht zu machen, ich hatte ausnahmsweise um die Stunde etwas für die gnädige Frau zu tun.« »Das ging selbstverständlich vor, das sehe ich natürlich ein,« meinte Hans Arnim anscheinend ganz ernsthaft, »umso größer ist daher für mich die Freude, daß ich Sie nun doch sehe.« »Ach und wie ich mich erst freue, Herr Oberleutnant,« kokettierte Nanny, »der Herr Oberleutnant haben es sicher schon längst erraten, daß der Herr Oberleutnant mein stiller Schwarm sind? Natürlich und selbstverständlich in allen Ehren, denn ich bin nun doch mal ein anständiges Mädchen, das seinem Schatz treu ist, obgleich der meine Treue gar nicht verdient. Ich bin schon längst dahinter gekommen, daß der mich betrügt, und deshalb bin auch ich nicht allzu traurig, daß er morgen wieder an die Front geht. Da wird er schon zur Vernunft kommen und einsehen, was er an mir hat. Allerdings, ob ich meinen Schatz später auch heirate, das werde ich mir noch sehr überlegen, denn als anständiges junges Mädchen stehe ich mich in mancher Hinsicht doch sehr viel besser, als wenn ich erst eine anständige Frau bin.« Hans Arnim verstand zuerst nicht recht, was Nanny 187 damit meinte, dann aber stimmte er ihr bei: »Da bin ich ganz Ihrer Ansicht, Fräulein Nanny, und vor allen Dingen sind Sie zum Heiraten viel zu hübsch. Das bleibt Ihnen später, wenn Sie alt und verschrumpfelt sind, immer noch. Aber wie ist es, Fräulein Nanny, sind Sie nur zu mir gekommen, um mit mir über Ihre eigene holdselige Persönlichkeit zu plaudern, oder führt Sie auch noch etwas zu mir?« »Auch das,« rief Nanny ihm zu, »der alte König bat mich, zu dem Herrn Oberleutnant zu gehen, da er selber im Augenblick keine Zeit hat. Da hat er mich gebeten, dem Herrn Oberleutnant zu melden. daß die gnädige Frau sich nicht ganz wohl fühlt. Die hat sich schon vor einer Stunde niedergelegt, Fräulein von Greusen leistet ihr noch etwas Gesellschaft, da läßt die gnädige Frau den Herrn Oberleutnant bitten, das Abendessen allein einzunehmen, und der alte König läßt fragen, wo nun gedeckt werden solle, ob im Speisezimmer, ob hier unten, oder im Garten?« »Wenn es nicht zuviel Mühe macht, dann bitte im Garten,« entschied Hans Arnim sich nach kurzem Besinnen. »Im übrigen tut es mir natürlich aufrichtig leid, daß die gnädige Frau sich nicht wohl fühlt, hoffentlich ist es nichts Schlimmes?« Und nachdem Nanny ihn darüber aufgeklärt hatte, daß es sich tatsächlich nur um ein leichtes Unwohlsein handle, das vielleicht durch die große Hitze hervorgerufen sei, setzte er hinzu: »Umso besser! Aber bestellen Sie bitte trotzdem der gnädigen Frau, daß ich es aufrichtig bedaure, sie heute nicht mehr sehen zu können und wünschen Sie ihr bitte von mir herzlichst gute Besserung.« Das waren mehr als leere Worte, denn Hans Arnim 188 hatte die liebenswürdige alte Dame sehr in sein Herz geschlossen und es tat ihm aufrichtig leid, den Abend nun allein verbringen zu müssen, den er sonst regelmäßig mit den beiden Damen zusammen verlebte. Um die ihm gewährte Gastfreiheit auch nicht zu sehr zu mißbrauchen und um den Damen nicht allzu lästig zu fallen, aß er des Mittags oft in der Stadt, aber des Abends saß er, seinen Wein trinkend, bei den Damen, las ihnen die neuesten Kriegsberichte aus den Zeitungen vor, erklärte ihnen das eine oder das andere, das sie nicht verstanden, erzählte ihnen zwischendurch auch manchmal wieder etwas von seinen eigenen Kriegserlebnissen, oder plauderte sonst mit ihnen, bis Fräulein von Greusen sich an den Flügel setzte. Schade, gerade heute hätte er sich durch das Spiel gern etwas ablenken lassen und auch gern etwas geplaudert, um sich zu zerstreuen. So überlegte er denn, als Nanny ihn verlassen hatte, ob er nach dem Abendessen nicht nochmals zur Stadt gehen solle, um dort irgendwie Gesellschaft zu suchen, aber er entschied sich dann doch dafür, zu Hause zu bleiben. Soweit er die gnädige Frau in ihrer Güte kannte, würde die ihn sicher nicht den ganzen Abend allein lassen, sondern ihm, sobald ihr Befinden es ihr erlaubte, Fräulein von Greusen etwas zur Gesellschaft in den Garten schicken. Und das geschah auch wirklich. Allerdings hatte Hans Arnim, der in der Laube längst sein Essen eingenommen hatte, und sich im Anschluß daran bereits die zweite Zigarre anbrannte, fast die Hoffnung aufgegeben, daß Maria Elisabeth doch noch kommen möge, bis er sie durch den Garten 189 auf sich zukommen sah. Auch heute noch auf seinen Stock gestützt, eilte er ihr, so schnell es ging, entgegen, um sie zu begrüßen: »Nein, das ist aber zu nett von Ihnen, Fräulein von Greusen, daß Sie mich hier nicht ewig warten ließen. Ich hatte gehofft, daß Sie kämen, und es ist nur gut, daß Sie nun da sind. Ich bin vor Einsamkeit schon ganz stumpfsinnig geworden, mir ist sogar. als müsse man mir das ansehen.« »Äußerlich aber doch nicht,« widersprach sie, um dann hinzu zu setzen: »Ich wäre ja selbst sehr gern schon eher gekommen, denn auch ich habe heute etwas Kopfschmerzen, aber ich mußte oben bleiben. Die arme Frau Konsul hatte solche starke Migräne, da mußte ich abwarten, bis sie eingeschlafen war. Nun habe ich aber Zeit, die gnädige Frau braucht mich nicht mehr, oder wenn doch, will sie es mir durch eins der Mädchen sagen lassen.« »Umso besser für uns beide,« meinte er fröhlich, »wenn ich Sie also bitten darf, mir in meiner Laube Gesellschaft zu leisten?« Maria Elisabeth folgte seiner Aufforderung, bis sie plötzlich erstaunt ausrief: »Aber was sehe ich? Sie Ärmster sitzen ganz trocken hier? Sie sind es doch sonst gewohnt, des Abends Ihren Wein zu trinken, hat man Ihnen den nicht angeboten?« »Das schon,« gab er zur Antwort, »aber ich wußte nicht, ob ich das Anerbieten auch annehmen könne, wenn ich allein wäre.« »Und dabei hat die gnädige Frau Ihnen den ganzen Weinkeller zur Verfügung gestellt,« schalt Fräulein von 190 Greusen. »So bescheiden zu sein, liegt gar keine Veranlassung vor, dadurch erzürnen Sie die gnädige Frau, wenn die etwas davon erfährt. Deshalb müssen Sie auch heute unbedingt ein Glas Wein trinken, sogar eine Flasche Sekt.« »Aber warum gerade den?« erkundigte er sich verwundert. »Das erzähle ich Ihnen nachher,« gab sie zur Antwort, »nun aber entschuldigen Sie mich bitte einen Augenblick, ich will für Sie den Champagner und für mich eine Flasche Selterwasser bestellen.« Er schüttelte sich in komischem Entsetzen: »Pfui Spinne! Selterwasser? Sekt in Zivil? Da ist mir der in Uniform doch lieber. Wissen Sie was, Fräulein von Greusen,« fuhr er gleich darauf übermütig fort, »wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, dann bestellen Sie gleich zwei Flaschen Sekt, eine für mich und die andere für Sie. Ich wäre gerade heute in der richtigen schlechten Stimmung, um fröhlich darauflos zu kneipen.« Schon im Gehen, wandte sich Maria Elisabeth noch einmal nach ihm um: »Hörte ich recht, Sie haben heute auch schlechte Laune?« »Und Sie auch, Fräulein von Greusen?« fragte er zurück, »Mit dem Wort »auch« haben Sie sich verraten. Aber das schadet ja nichts und daß Sie schlechter Stimmung sind, schadet erst recht nichts, im Gegenteil, das ist famos, da gründen wir mit unseren gemeinsamen Kümmernissen eine Aktiengesellschaft, oder eine G. m. b. H. Wir beide werden natürlich die Direktoren und lassen uns ein glänzendes Gehalt bezahlen, ganz abgesehen von den hohen Tantiemen und unserem Gewinnanteil. Sagen Sie selbst, Fräulein 191 von Greusen, die Idee ist doch glänzend, darauf müssen wir unbedingt anstoßen, ich mit Sekt und Sie mit Selterwasser, na meinetwegen.« Gleich darauf eilte Maria Elisabeth davon und mit dem Gefühl aufrichtigster Zuneigung sah Hans Arnim ihr nach. Jetzt fiel ihm ein, daß es ihm doch ganz seltsam vorkommen würde, wenn er nun schon so bald auch Maria Elisabeth gar nicht mehr sehen solle. Ja ja, er würde Maria Elisabeth sehr vermissen und das nahm er sich in diesem Augenblick fest vor: Wenn Kitty doch noch seine Frau werden sollte, dann würde er mit der einen Ehekontrakt aufsetzen, in dem der erste Paragraph lautete: »vom ersten Tage an werden in unserem Hause zwei Zimmer für Fräulein von Greusen eingerichtet, die stets in Stand gehalten werden müssen, so daß Fräulein von Greusen nicht als Gast, sondern als Mitglied der Familie vorübergehend, oder für immer bei uns wohnen kann, wenn die Not des Lebens einmal an sie herantritt, und es soll die heiligste Pflicht der beiden Unterzeichneten sein, für Fräulein von Greusen zu sorgen, als sei sie eine sehr nahe und vor allen Dingen eine sehr geliebte Verwandte.« Gewiß, das wollte er tun und darauf gab er sich selbst die Hand. Und er dachte noch weiter an Maria Elisabeth, bis der alte König erschien, um die Flasche Sekt, das Selterwasser und die Gläser auf den Tisch zu stellen, während er gleichzeitig meldete: »Das gnädige Fräulein läßt sich noch für einen kurzen Augenblick entschuldigen, das gnädige Fräulein sieht sich nur noch mal rasch nach der gnädigen Frau um.« Und es dauerte wirklich nur ein paar Minuten, bis 192 Fräulein von Greusen zurückkam: »So, Herr von Kühnhausen, nun kann die Gründung der Aktiengesellschaft vor sich gehen. Ich war eben noch mal in dem Zimmer der gnädigen Frau, die schläft glücklicherweise ganz fest, da ist sie morgen ihre Migräne wieder los, das kenne ich schon von früher her. Nun schenken Sie uns beiden also bitte ein.« »Ganz wie Sie befehlen,« gehorchte er, aber als er dann die Selterwasserflasche zur Hand nahm, wehrte sie entsetzt ab: »Nein, nein, das nicht, wenigstens noch nicht gleich, erst möchte auch ich ein Glas Sekt.« »Ach so, nun verstehe ich,« meinte er belustigt, »ich sollte, wie Sie vorhin sagten, eine Flasche Sekt trinken, weil Sie auf die Appetit verspürten. Aber wenn dem so ist, warum haben Sie sich da nicht auch ein Sektglas mitbringen lassen? Warten Sie, ich werde Ihnen eins holen.« Aber Maria Elisabeth hielt ihn zurück: »Nein, unter keinen Umständen. Erstens brauche ich Ihnen, dem königlich preußischen Oberleutnant, doch nicht zu erklären, daß man den Sekt auch sehr gut aus Wassergläsern trinken kann, und zweitens brauchen die Dienstboten es nicht zu wissen, daß ich abends mit Ihnen allein in der Laube sitze und Sekt trinke.« »Ganz wie Sie meinen,« pflichtete er ihr bei, um dann, nachdem er die Gläser gefüllt hatte, ihr den Sektkelch hinüber zu schieben, während er selbst das Wasserglas nahm, bis er doch im letzten Augenblick fragte: »Oder wollen Sie lieber das Wasserglas, weil da mehr hineingeht?« Zu seiner Verwunderung sagte sie »ja«, bis sie erklärend hinzusetzte: »Eigentlich käme mir wohl der Sektkelch zu, 193 aber ich möchte das, was mich heute bedrückt, am liebsten mit einemmal hinunterspülen, nicht nach und nach, und ich weiß, wenn ich dieses Glas geleert habe, wird mir wieder leichter sein.« »Dann also herunter mit dem Gift,« ermunterte er sie, und wenn auch in mehreren Zügen, und ein paarmal absetzend, leerte sie das Glas. »Na, ist Ihnen nun wieder wohler?« erkundigte er sich voller Teilnahme. Aber Maria Elisabeth schüttelte den Kopf: »So schnell geht es denn doch nicht, der Wein muß ja auch erst wirken. Nein wirklich, ich danke, mehr trinke ich auf keinen Fall,« lehnte sie ab, als er ihr nun von neuem einschenken wollte. »Nein, nicht mehr trinken, erzählen Sie mir bitte etwas recht Lustiges, oder noch besser, erzählen Sie mir, worüber Sie sich heute geärgert haben, oder was Sie bekümmerte. Wenn ich Ihnen wahrscheinlich auch nicht helfen kann, so erleichtert die Aussprache vielleicht doch Ihr Herz.« Hans Arnim schwieg aber trotzdem. Gewiß, er wußte, daß Maria Elisabeth es gut mit ihm meinte, aber er konnte nicht sprechen, ohne Kittys Namen zu erwähnen. Das wollte er auch jetzt nicht, wie er bisher auch niemals über Kitty mit ihr gesprochen hatte, schon weil sie ihm gegenüber nie von Kitty sprach, wohl weil diese eine Verwandte ihrer jetzigen Brotgeberin war und weil sie da mit ihren Äußerungen mehr als vorsichtig sein mußte. Und daß er ihr von dem Briefe der Mutter erzählte, hatte auch wenig Zweck, denn der war in dem Augenblick hinfällig, in dem er sich vielleicht doch noch mit Kitty verlobte. So meinte er denn 194 jetzt ausweichend: »Ihre liebenswürdige Aufforderung ehrt Sie und mich –, aber trotzdem nee, lieber nicht. Wenn der Schein des elektrischen Lichtes hier in der Laube nicht täuscht, sehe ich es Ihnen ohnehin deutlich an, daß auch Sie Sorgen haben. Warum soll ich Ihnen da auch noch von den meinigen erzählen? Viel besser wäre es, Sie schütteten mir Ihr Herz aus. Wenn der Sack Ihrer Kümmernisse nicht gar zu groß ist, werde ich den schon noch mit mir herumschleppen können.« Maria Elisabeth saß eine Weile nachdenklich da, als kämpfe sie mit sich, ob sie sprechen solle oder nicht, dann meinte sie: »Warum soll ich Ihnen schließlich nicht erzählen, was mich bedrückt, helfen können Sie mir ja natürlich nicht, denn sonst würde ich Ihnen selbstverständlich gar nichts davon sagen.« »Na erlauben Sie mal,« meinte er verwundert, »das ist doch eine komische Auffassung.« »Aber trotzdem die einzige richtige,« widersprach sie. »Wer da solchen Leuten sein Leid anvertraut, die ihm helfen können und die es vielleicht auch tun sollen, der macht sich dadurch so unbeliebt wie nur möglich.« »Und bei mir möchten Sie sich nicht unbeliebt machen?« neckte er sie. »Das fühle ich Ihnen vollständig nach, nun aber erzählen Sie mir trotzdem, um was es sich handelt.« Einen Augenblick zögerte Maria Elisabeth doch noch, dann sagte sie ganz plötzlich und unvermittelt, ohne irgendwie näher auf den Grund ihres Kummers einzugehen: »Wissen Sie wohl, Herr von Kühnhausen, was ich mir jetzt oft 195 wünsche, ohne dabei in erster Linie an mich zu denken? Ich möchte reich sein, so reich – ach, noch viel reicher.« »Das fühle ich Ihnen vollständig nach,« pflichtete er ihr bei, »und doch, Fräulein von Greusen, gibt es ein altes, banales Wort, dessen Wahrheit ich an meinem eigenen Leibe allerdings noch nicht ausprobieren konnte, das alte Wort: Reichtum macht nicht glücklich.« »Das sage ich mir natürlich auch stets,« gab sie zurück, »und ganz besonders denke ich an das Wort, so oft ich mit Herrn von Hohenebra zusammentreffe und wenn ich mich mit dem unterhalte.« Nanu, dachte Hans Arnim im stillen verwundert. Es war das erstemal, daß sie in seiner Gegenwart diesen Namen aussprach, und so spitzte er denn unwillkürlich die Ohren. Wie kam Maria Elisabeth gerade auf den Kürassier? Sollte dessen Liebeswerben auf sie doch irgendwelchen Eindruck gemacht haben? Er hielt das zwar schon deshalb für ausgeschlossen, weil sie dann sicher seinen Namen nicht genannt hätte, aber trotzdem wurde seine Neugierde geweckt. Aber das nicht allein, er hielt es plötzlich für seine Pflicht, sie für alle Fälle davor zu warnen, an dem schönen Hugo ein wärmeres Interesse zu nehmen. Von alledem aber, was ihm jetzt blitzschnell durch den Kopf schoß, durfte er natürlich nichts verraten und so meinte er denn nur: »Da haben Sie vollständig recht, Fräulein von Greusen, der gute Hohenebra ist wirklich der beste Beweis für die Wahrheit des alten Wortes, denn wenn einer so fabelhaft reich ist, wie der und trotzdem fortwährend so melancholisch in die Welt blickt dann hat er von seinem Gelde auch nicht viel Freude.« 196 »Ja, was kann ihn aber nur derartig bekümmern?«^ fragte Fräulein von Greusen völlig unbefangen, bis sie plötzlich äußerte: »Wissen Sie wohl, daß ich zuweilen schon auf die Vermutung gekommen bin, daß der Schmerz, den er zur Schau trägt, gar nicht echt ist, daß er sich nur verstellt, um sich aus irgend einem Grunde interessant zu machen?« »Da tun Sie ihm aber bitter Unrecht,« verteidigte er rasch den Kameraden, »denn ich weiß, was ihn bedrückt. Er hat sich mir in einer schwachen Stunde einmal anvertraut, und da er mich in keiner Weise zum Schweigen verpflichtete, kann ich es Ihnen ruhig wiedererzählen, nur müßte ich Sie bitten, sein Geheimnis nicht an die große Glocke zu hängen.« Fräulein von Greusen hätte kein junges Mädchen sein müssen, wenn ihre Neugierde durch das Wort »Geheimnis« nicht auf das Höchste gesteigert worden wäre. So rief sie nun schnell: »Das ist doch ganz selbstverständlich, nie würde jemand etwas von mir darüber erfahren.« »Dann hören Sie also, Fräulein von Greusen, oder nein warten Sie noch einen Augenblick, ich muß mich erst wieder darauf besinnen, wie die Sache in allen Einzelheiten war.« In Wirklichkeit wußte er das ja sehr genau, aber er konnte ihr doch nicht einfach sagen: der schöne Hugo hat mal einen Korb bekommen, er hat sich geschworen, nie wieder um eine junge Dame zu werben, sondern wartet nun darauf, daß eine ihm ihre Liebe zuerst gesteht und daß die ihm einen Antrag macht. Das würde Fräulein von Greusen ihm nicht glauben, oder wenn doch, dann würde 197 sie über den Kürassier genau so urteilen, wie er es zuerst tat, dann würde auch sie sagen: »Er ist verrückt!« Er mußte ihr die Sache schon irgendwie anders beibringen. Hatte er vorhin das Wort »Geheimnis« gebraucht, dann mußte er sich auch ein solches erfinden, das auch schon deshalb um Maria Elisabeths Interesse für den Kürassier, falls ein solches schon vorhanden war, zu steigern, gleichzeitig aber mußte er sie darauf aufmerksam machen, daß es völlig zwecklos sei, an dem irgendwelches Interesse zu nehmen. Und war es Interesse an dem schönen Hugo, oder war es wirklich nur Neugierde, daß Fräulein von Greusen jetzt fragte: »Ist die Sache denn so kompliziert, daß die Ihnen immer noch nicht eingefallen ist, oder machen Sie diese Kunstpause nur, um dadurch die Wirkung Ihrer Worte zu erhöhen?« »Nichts von alledem,« gab er zur Antwort, »denn Sie werden gleich selber urteilen können, daß das Geheimnis schon als solches wirkt.« »Und worin besteht das denn nun?« fragte sie abermals, ihn voller Neugierde ansehend. Jetzt machte Hans Arnim wirklich eine kleine Kunstpause, dann sagte er plötzlich und unvermittelt, seiner Stimme dabei einen Klang gebend, als sei er im Begriff, ihr eine Schauer und Gespenstergeschichte zu erzählen: »Herr von Hohenebra darf niemals in seinem Leben Großvater werden.« Maria Elisabeth starrte ihn an, als habe sie ihn nicht richtig verstanden, dann fragte sie: »Was darf er nicht werden? Großvater?« 198 »Es ist so, wie Sie sagen,« stimmte er ihr mit Grabesstimme bei. Immer noch sah ihn Maria Elisabeth mehr als verwundert an, bis sie plötzlich hell auflachte: »Entweder hat Herr von Hohenebra, als er sich Ihnen anvertraute, sich über Sie lustig gemacht, oder Sie machen sich jetzt über mich lustig, weil Sie mich für meine Neugierde bestrafen wollen, denn wenn ihn weiter nichts bedrückt – –« »Erlauben Sie mal, Fräulein von Greusen,« fiel er ihr schnell in das Wort, »dieses »nichts«, wie Sie es nennen, ist in Wirklichkeit 'ne ganze Menge. Hören Sie nur weiter. Als der Großvater des schönen Hugo seine letzte Stunde kommen fühlte,« log er nun frisch darauf los, weil ihm plötzlich einfiel, daß der Kürassier ihm einmal von seinem verstorbenen Großvater erzählte, der ein etwas sonderbarer alter Herr gewesen sein sollte, »da berief er seine Enkel an sein Sterbelager, wie sterbende Großväter das ja manchmal zu tun pflegen. Dann schickte er alle anderen, die das Krankenbett umstanden, hinaus und ließ seinen Enkel schwören, daß er niemals Großvater werden wolle. Aus welchem Grunde er diesen Schwur verlangte, weiß der schöne Hugo selber nicht. Vielleicht hat der Großvater mit der Großmutter als solcher traurige Erfahrungen gemacht. Vielleicht hatte er aus sonstigen Gründen ein Haar darin gefunden, Großvater zu sein, und wollte deshalb seinen Enkel, den er über alles liebte, vor einem Leid, wie er es als Großvater hatte durchmachen müssen, bewahren. Aber wie die Sache auch immer zusammenhängt, auf jeden Fall ließ er seinen Enkel diesen Schwur schwören.« 199 Was Hans Arnim selbst kaum für möglich gehalten hatte, geschah dennoch: Maria Elisabeth glaubte, was er ihr da erzählte. Das merkte er an der atemlosen Spannung, mit der sie ihm lauschte, und erst recht an der Art, wie sie nun nachdenklich und traumverloren dasaß, als er jetzt schwieg. Dann aber meinte sie: »Das ist ja eine höchst sonderbare Geschichte, die ich offen gestanden noch nicht recht verstehe. Ich werde aus diesem Großvater nicht klug, aber erst recht nicht aus Herrn von Hohenebra. Wie konnte der dem Sterbenden einen solchen Schwur leisten, denn ob ein Mensch so alt wird oder nicht, daß er es noch erlebt, Großvater zu werden, das steht doch gar nicht in seiner Macht, das steht doch allein bei Gott.« »Im allgemeinen ja,« stimmte er ihr bei, »aber in diesem besonderen Falle liegt die Sache etwas anders.« Völlig überrascht blickte sie ihn an: »Das verstehe ich nun erst recht nicht, denn der Großvater kann doch unmöglich von ihm verlangt haben, daß er sich freiwillig das Leben nimmt, wenn er eines Tages Großvater werden sollte. Überhaupt ist das Ganze ein Unsinn,« fuhr sie nach einer kleinen Pause fort, »denn ehe man Großvater wird, muß man doch erst Vater sein. Das eine hängt mit dem anderen unzertrennlich zusammen.« »Das ist es ja gerade,« meinte Hans Arnim wieder ganz geheimnisvoll. Abermals blickte Maria Elisabeth ihn erstaunt an, dann rief sie halb ernsthaft, halb lachend: »Ich glaube, ich habe das Glas Sekt vorhin zu schnell getrunken. Mir wird bei dem, was Sie mir da erzählen, ganz wirr im Kopfe, oder 200 habe ich Ihre letzten Worte richtig dahin verstanden, daß Herr von Hohenebra dem Sterbenden geschworen hat, um sich dem gar nicht erst auszusetzen, daß er vielleicht doch Großvater wird, – ich meine, hat er da vielleicht dem Sterbenden auch schwören müssen, niemals zu heiraten?« »Du sprichst ein großes Wort gelassen aus,« stimmte er ihr bei, »denn es ist, wie Sie sagen, Herr von Hohenebra, genannt der schöne Hugo, darf niemals heiraten.« »Darum also!« meinte Maria Elisabeth nach einer langen Pause. Und noch einmal wiederholte sie: »Darum also! Sicher hat er eine unglückliche Liebe, unglücklich deshalb, weil er, durch seinen Schwur gebunden, sich nicht erklären und sie nicht heiraten darf. Aber wie konnte er auch nur ein solches Versprechen geben? Die Folgen muß er nun tragen, aber leid tut er mir doch, aufrichtig leid.« Und es sprach aus Maria Elisabeths schönen Augen wirklich ein solches Mitgefühl, daß Hans Arnim im stillen dachte: Sollte ihr das nur um des schönen Hugo willen leid tun, oder denkt sie da vielleicht auch ein klein wenig an sich selbst? Aber das letztere war doch wohl nicht der Fall, sonst hätte ihr Gesicht sicher noch einen anderen Ausdruck gezeigt, den der Enttäuschung. Aber von dem fand er nicht die leiseste Spur, statt dessen wiederholte Maria Elisabeth nur noch einmal die Worte: »Der Ärmste, der Ärmste.« »Nicht wahr!« rief Hans Arnim, »Der arme Kerl ist wirklich zu bedauern, und dabei wäre gerade er ein so guter Ehemann geworden. Auch das hat er mir gebeichtet. Er ist außerordentlich kinderlieb, Kinder könnte er gar nicht genug bekommen, ich glaube, er wünschte sich am liebsten 201 einen ganzen Schrank voll, außerdem würde er seiner Frau später jede nur denkbare Freiheit lassen, er hat nicht das leiseste Talent zur Eifersucht, er ist in der glücklichsten finanziellen Lage und trotzdem darf er nicht heiraten, es müßte denn sein –« Wieder schwieg er absichtlich, um die Spannung auf die folgenden Worte zu erhöhen und es gelang ihm auch, Maria Elisabeths Neugierde auf das Höchste zu steigern, denn die rief ihm nun schnell zu: »Es gibt also eine Möglichkeit für ihn, daß er den Schwur nicht zu halten braucht?« »Auch da haben Sie das Richtige erraten, Fräulein von Greusen, er kann von seinem Schwur befreit werden, aber nur unter einer Bedingung. Er selbst darf der jungen Dame, die er liebt, das Geständnis nicht ablegen, sondern die muß ihm einen Antrag machen. Er muß also, wie es in den Märchen heißt, einer gütigen Fee begegnen, die ihn von dem Fluch, der auf ihm lastet, befreit. Mit ihrem Kuß muß sie ihm die Freiheit wiedergeben. Und fast noch mehr als unter seinem Schwur, leidet der schöne Hugo natürlich darunter, daß er einer solchen Fee niemals begegnen wird, denn darin müssen Sie mir doch beistimmen, Fräulein von Greusen, daß eine junge Dame ihm nicht zuerst nicht nur mit ihren Blicken, sondern auch mit ihren Worten erklärt: ›Ich liebe dich und will deine Frau sein, wenn du mich wiederliebst‹ – nicht wahr, eine solche junge Dame gibt es auf der ganzen Welt nicht, oder können Sie sich vorstellen, daß je eine so zu ihm sprechen würde?« »Warum soll ich mir das nicht vorstellen können?« gab Maria Elisabeth da zu seinem grenzenlosen Erstaunen zur 202 Antwort. »Warum sollte es eine solche junge Dame nicht geben?« Ganz perplex sah er sie an. Auf jede Antwort aus ihrem Munde war er vorbereitet gewesen, aber auf diese nicht, und so fragte er denn nun: »Habe ich Sie richtig verstanden, Fräulein von Greusen, Sie glauben allen Ernstes, daß eine junge Dame ihm zuerst ihre Liebe gestehen könnte?« »Das schon,« rief sie abermals, »das aber selbstverständlich nur unter einer Bedingung.« »Unter der, daß sie ihn liebt?« fragte er verwundert. Aber Maria Elisabeth schüttelte den Kopf: »Das würde ihr natürlich noch kein Recht geben, zu ihm zu sprechen.« »Dann weiß ich wirklich nicht, wann die sonst zu ihm sprechen dürfte,« warf er ein, um nach einer kleinen Pause fortzufahren: »Ich bilde mir sonst an Sonn- und Feiertagen manchmal ein, nicht gerade der Allerdümmste zu sein, aber trotzdem, was Sie da eben sagten, ist mir zu hoch. Und wenn Sie vorhin befürchteten, den Sekt zu rasch getrunken zu haben, dann trank ich den sicher zu langsam, denn auch mir ist nun ganz wirr im Kopfe. Ich muß Sie schon bitten, mir das Rätsel zu lösen.« »Aber ich denke ja gar nicht daran,« neckte sie ihn. »Wenn Sie es nicht allein wissen, werde ich es Ihnen auch nicht sagen.« »Und wenn ich Sie nun wirklich und ernsthaft darum bitte?« »Auch dann nicht,« widersprach sie, über seinen Gesichtsausdruck belustigt. Und ihn neckend ansehend, meinte sie: »Aber Herr von Kühnhausen, wie kann man nur so 203 begriffsstutzig sein? Die Sache ist so fürchterlich einfach, daß Sie eine ganz große Enttäuschung erlebten, wenn ich Ihnen die Lösung des Rätsels verriete.« »Auf die Gefahr hin könnten Sie mir trotzdem ruhig verraten, was mein Herz zu wissen begehrt,« bat er, »aber wenn Sie nicht sprechen wollen, kann ich Sie natürlich nicht zwingen. Da muß ich schon allein meinen Schädel weiter anstrengen, aber nicht wahr, wenn ich das Richtige gefunden zu haben glaube und Ihnen meine Lösung vortrage, dann werden Sie mir sagen, ob die auch die richtige ist?« »Das will ich gern tun,« versprach sie ihm. »Na, das ist doch wenigstens etwas,« meinte er, »allerdings, ob ich aus eigener Weisheit heraus jemals dahinterkommen werde, erscheint mir immer zweifelhafter, je länger ich darüber nachdenke.« »Da denken Sie ganz einfach nicht mehr,« tröstete sie ihn, »wenigstens heute abend nicht mehr, auch glaube ich, es wird Zeit, ins Haus zu gehen. Es kommt ein Wind auf, ich finde, es fängt an, kühl zu werden.« »Soll ich Ihnen etwas zum Umlegen holen lassen, Fräulein von Greusen?« bat er. »Ein Jakett, ein Tuch oder sonst so etwas?« Aber Maria Elisabeth lehnte dankend ab: »Nein nein, das lohnte sich nicht mehr, es ist schon spät geworden.« »Na, das ist Ansichtssache,« warf er ein. »Selbstverständlich will ich Sie aber nicht zurückhalten, Fräulein von Greusen, wenn nach Ihrer Auffassung Ihre Stunde bereits geschlagen hat. Erlauben Sie mir nur noch eine Frage, die sich mir eben aufdrängt. Darf ich dem schönen Hugo 204 etwas davon verraten, daß es nach Ihrer Ansicht eine gütige Fee geben könnte, die ihn erlöst?« Maria Elisabeth sah ihn verwundert an: »Ja, glauben Sie denn wirklich, Herr von Kühnhausen, daß der in dieser Hinsicht ebenso begriffsstutzig ist wie Sie, und daß der es nicht schon lange aus sich heraus weiß, was Sie von mir zu erfahren begehren?« »Na, erlauben Sie mal, Fräulein von Greusen,« verteidigte Hans Arnim sich, »ich kann diese meinem Verstande zugefügte Kränkung nicht ruhig auf mir sitzen lassen, die muß wieder herunter. Selbstverständlich will ich auch dem schönen Hugo nicht auf seine geistigen Hühneraugen treten, aber so viel weiß ich denn doch, mit dem nehme ich es in bezug auf seine Gehirnsubstanz noch jeden Tag auf. Was ich nicht weiß, weiß der erst recht nicht.« »Wenn Sie sich da nur nicht irren,« neckte sie ihn, »im übrigen erinnere ich Sie an das alte Wort: Man soll sich nicht überschätzen und den anderen nicht unterschätzen. Ich glaube, das tun Sie bei Herrn von Hohenebra etwas zu sehr. Ich halte ihn für viel klüger, als er sich gibt. Der hat sich vor dem Kriege lediglich in der Rolle des früheren Simplizissimus-Leutnants gefallen und hat die jetzt wieder aufgenommen, vorausgesetzt, daß er die während des Krieges überhaupt ablegte, weil er sicher sehr genau weiß, daß er seine Rolle sehr gut spielt. Die paßt zu ihm, er würde sehr viel weniger amüsant und lustig wirken, wenn er sich völlig natürlich gäbe.« Mit immer größer werdendem Erstaunen hatte Hans Arnim zugehört. Was er da zu hören bekam, war ihm völlig 205 neu, nicht nur, daß er den Kürassier bisher unterschätzt haben solle, sondern weil die Worte, die er da vernahm, ihm zu beweisen schienen, daß Fräulein von Greusen sich sicher mit dem Kürassier im stillen viel mehr beschäftigt haben mußte, als er es bisher vermutete, oder auch nur für möglich hielt. Aber diese Erkenntnis erfüllte ihn gleich darauf mit aufrichtiger Freude. Wenn Fräulein von Greusen und der Kürassier sich zusammenfanden, dann war den beiden geholfen und ihm auch, denn wenn Kitty einsehen mußte, daß der Kürassier tatsächlich für sie verloren sei, würde sie sich vielleicht doch noch für ihn entscheiden. Aber von alledem durfte er jetzt nichts verraten und so meinte er denn nur: »Ich will im Interesse des schönen Hugo hoffen, daß Sie ihn richtig beurteilen, Fräulein von Greusen, aber in einem Punkt irren Sie sich doch. Wenn der wirklich wüßte, daß es eine Fee gibt, die ihn erlösen kann, dann würde er nicht mit solchem jammervollen Gesicht in dem Walde herumlaufen, in dem die Feen nun doch einmal zu wohnen pflegen. Und darum möchte ich Sie nochmals fragen, darf ich ihm nichts von dem wiedererzählen, was Sie mir als Ihre Ansicht verrieten?« Einen Augenblick stand Maria Elisabeth unschlüssig da, dann aber meinte sie: »An und für sich war unser Gespräch ja völlig harmlos, aber trotzdem – nein,« erklärte sie plötzlich sehr bestimmt und energisch, »Herr von Hohenebra darf nichts davon erfahren, selbst dann nicht, wenn Sie meinen Namen dabei völlig verschweigen wollten. Der würde doch vermuten, daß Sie mit mir über ihn sprachen, und wenn er da hört, daß ich einen Ausweg zu wissen glaube, nein, 206 das darf auf keinen Fall sein, denn das könnte ihn zu Schlußfolgerungen veranlassen, die nicht nur völlig falsch, sondern für mich kränkend und beleidigend wären.« »Das verstehe ich nun wiederum tatsächlich nicht,« warf er ein. »Das ist dann umso besser,« gab sie schnell zur Antwort. »Also wie gesagt, ich bitte um Ihre strengste Diskretion und nicht wahr, auf die kann ich mich verlassen?« »Aber selbstverständlich,« pflichtete er ihr bei. »Dann bin ich beruhigt und ich danke Ihnen, nun aber will ich wirklich gehen, mich fröstelt.« Das war auch der Fall, selbst als Maria Elisabeth wenig später ihr Zimmer erreicht hatte, lief ihr noch zuweilen ein leiser Schauer über den Rücken. Aber daran war die Abendluft nicht allein schuld. Das Frösteln hatte sie befallen, als sie plötzlich daran denken mußte, der Kürassier könne, wenn Hans Arnim ihm das Gespräch wiedererzähle, vielleicht glauben, sie wisse nur deshalb einen Ausweg, weil sie arm sei und daß sie sich lediglich deshalb vielleicht entschließen könne, ihm zuzurufen: »Ich liebe dich!« Das Blut schoß ihr jetzt in die Schläfen, denn nun fiel ihr ein, daß auch Hans Arnim, wenn er weiter nach der Lösung des Rätsels suchte, vielleicht auch auf diese Erklärung verfallen möge. Bis sie sich wieder beruhigte. Nein, für so schlecht, für so erbärmlich würde er sie sicherlich nicht halten, denn der hatte sie in den letzten Wochen zur Genüge kennen gelernt, nein, so etwas traute er ihr sicher nicht zu. Aber dann kamen ihr doch wieder neue Bedenken. Warum hatte der Kürassier sich gerade Hans Arnim 207 anvertraut? Sicher in der Erwartung, daß er ihr eines Tages alles wiedererzählen würde, wie das ja nun auch geschehen war. Und warb Herr von Hohenebra nicht vielleicht nur deshalb so offensichtlich um ihre Gunst, weil sie arm war, weil er sich sagte, wenn überhaupt eine mir zuerst von Liebe spricht und nicht darauf wartet, daß ich das tue, dann ist ein armes Mädchen viel eher dahin zu bringen als ein reiches? Und sie hatte geglaubt, er mache sich wirklich etwas aus ihr, sie hatte sich sogar etwas darauf eingebildet, daß er, nicht nur der reichste, sondern auch zweifellos der hübscheste aller Kriegsurlauber, sie so sichtlich auszeichnete. Nun aber war es mit alledem vorbei, nun mußte sie sich ihm gegenüber noch zurückhaltender zeigen, als sie es ohnehin schon zuweilen tat, sie mußte ihm jeden Glauben daran nehmen, daß sie ihm auch nur das leiseste Entgegenkommen zeigen würde, und selbst wenn sie sich trotzdem noch so sehr in ihn verlieben sollte, durfte sie ihm das niemals zu verstehen geben. Und gerade sie durfte für ihn niemals die gütige Fee Christiane werden. Noch eine ganze Weile saß sie sinnend und träumend da, bis sie sich endlich daran machte, einen Brief an ihre Schwester zu schreiben, die gleich ihr eine Stellung hatte annehmen müssen, die es aber nicht annähernd so gut getroffen hatte wie sie selbst, und die ihr am Morgen einen Brief sandte, in dem sie finanzielle Hilfe erbat, da es ihr unmöglich sei, mit ihrem Gehalt auszukommen. Aber Maria Elisabeth vermochte nicht zu helfen. Das setzte sie der Schwester auseinander, bis sie dann, als sie mit dem 208 Schreiben fertig war, und das noch einmal durchlas, die eine Seite Wort für Wort unterstrich, auf der es hieß: »Du schreibst, Du hättest aus meinen letzten Zeilen ersehen, daß ich im Gegensatz zu Dir soviel mit den Kriegsurlaubern zusammenkäme, und Du fragst mich, ob unter den Vielen nicht ein Einziger sei, der sich in mich verlieben würde und in den ich mich würde verlieben können. Die Hoffnung muß ich Dir heute ernstlich nehmen und muß Dich ebenso bitten, im stillen nie wieder für die Zukunft auf einen reichen oder auch nur auf einen wohlhabenden Schwager zu zählen. Viel Aussicht war dazu nie vorhanden und die geringe, die vielleicht bestand, ist mir heute genommen worden, ohne daß ich Dir das alles zu erklären vermöchte. Du mußt mir das schon so glauben. Gib Dich in der Hinsicht keinen Träumen hin, das Träumen müssen wir uns in unserer jetzigen Stellung überhaupt abgewöhnen.« Aber als Maria Elisabeth sich endlich schlafen gelegt hatte, träumte sie doch. Sie war mit dem schönen Hugo ganz allein auf dem Tennisplatz und mit seinen melancholischen Augen sah er sie fortwährend so traurig an, daß ihr das Herz weh tat, bis er ihr zurief: »Warum sagen Sie mir nicht, daß Sie mich lieben? Glauben Sie wirklich, ich liebte Sie nur, weil Sie arm sind, halten Sie mich allen Ernstes für so schlecht, daß ich gerade von Ihnen das Geständnis Ihrer Liebe erbitte, weil Ihnen das nach meiner Ansicht leichter fallen sollte als einer anderen? Halten Sie mich tatsächlich für so schlecht, daß ich gewissermaßen Ihre Notlage zu meinen Gunsten ausnützen würde? Und glauben Sie ernstlich, ich würde jemals ein junges 209 Mädchen heiraten, das mich nur meines Geldes wegen nimmt? Gerade weil ich reich bin, will ich mehr als jeder andere um meiner selbst willen geliebt werden, und wenn Sie mich nicht lieben und wenn Sie mir das nicht noch heute eingestehen, dann schieße ich mich hier vor Ihren Augen tot.« Ganz deutlich sah sie im Traum, wie er aus der hinteren Rocktasche den großen Armee-Dienst-Revolver herauszog, und noch einmal fragte er sie jetzt: »Wollen Sie mir nun eingestehen, daß Sie mich lieben, ja oder nein?« Und nur, damit er sich nicht wirklich vor ihren Augen erschösse, nur deshalb und weil sie noch nie einen Toten gesehen hatte und sich nun vor dem Anblick eines solchen fürchtete, rief sie ihm fortwährend zu: »Ja ja, ich liebe dich!« Aber anstatt ihr nun um den Hals zu fallen und sie zu küssen, wie sie es befürchtete, rief er nun seinerseits: »Das Glück, von dir geliebt zu sein, ertrage ich nicht, das ist zu groß, dessen bin ich nicht würdig, das überlebe ich nicht!« Und ehe sie es verhindern konnte, setzte er den Revolver an die Stirn und drückte ab. Ganz deutlich sah sie das Aufblitzen des Feuers und gleich darauf hörte sie den lauten Knall eines Schusses, daß sie mit einem Aufschrei in die Höhe fuhr. Aber als sie aufrecht in ihrem Bett saß, da schoß sich der tote Kürassier noch einmal tot. Wieder blitzte es vor ihren Augen hell auf, und gleich darauf krachte der Schuß von neuem. Bis sie endlich begriff, woher diese Schießerei kam. Vom Himmel. Dort hatte sich allen Erwartungen entgegen nun doch noch ein Gewitter zusammengezogen, 210 und die Revolverschüsse waren nichts anderes als der Feuerschein der Blitze und das Krachen des Donners. Da legte Maria Elisabeth, die sich vor keinem Gewitter fürchtete, sich ruhig wieder in ihre Kissen zurück, und während sie trotz der Blitze und trotz des Donners gleich darauf wieder einzuschlafen versuchte, dachte sie fortwährend: »Es ist trotz alledem doch nur ein Glück, daß er sich nicht wirklich totgeschossen hat!« 211   VI. Dem Gewitter, das für alle völlig überraschend kam, war ein Regen gefolgt, der auch heute nach zwei Tagen noch anhielt und der jeden veranlaßte, zu Hause zu bleiben, der nicht unbedingt die Nase vor die Tür stecken mußte. Es war gestern und vorgestern gar nicht daran zu denken gewesen, auf den Tennisplatz zu gehen, aber morgen sollte es nun wieder gut Wetter werden. Wenigstens hofften das alle, und das Barometer schien diese Hoffnungen auch erfüllen zu wollen, wenigstens tat das so, als ob es steigen würde, aber allzu viel Mühe gab das sich damit nicht, es ließ sich sogar damit Zeit. Aber es sollte steigen, der Regen mußte aufhören und deshalb sah man am Abend voller Ungeduld dem Erscheinen des Lokalblattes entgegen, das stets für den nächsten Tag eine Wettervoraussage brachte, die sich unter hundert Fällen neunundneunzigmal als richtig erwies. So wartete man denn sehnsüchtiger als sonst auf das Blättchen, aber als die Botenfrauen das dann in die verschiedenen Häuser gebracht hatten, da suchten die jungen Damen doch nicht gleich den Wetterbericht, sondern erst lasen sie auf der vierten und letzten Seite die Todesanzeigen unter der Rubrik: »Opfer 212 des Krieges.« Das interessierte sie natürlich am allermeisten zu erfahren, ob vielleicht wieder einer hier aus der Stadt vor dem Feinde gefallen sei. Aber glücklicherweise befand sich unter den Toten auch heute keiner, der den Kreisen der Gesellschaft angehörte. Und nach den Trauernachrichten suchte man nach den Verlobungsanzeigen. Das war ja eigentlich ein Unsinn, denn wer sollte sich hier wohl verlobt haben? Wäre etwas derartiges auch nur in weitester Vorbereitung, dann hätte man das sicher schon längst gewußt. Umso größer war daher das allgemeine Erstaunen, die Verwunderung, aber auch die Empörung, als alle nun die dritte Seite des Blattes, die stets die Familiennachrichten enthielt, aufschlugen und als die jungen Damen des Flirtklubs fettgedruckt lasen, daß Fräulein Lilly Westphal sich mit dem augenblicklichen Kriegsurlauber, dem Infanterieleutnant Wolfgang von Wachwitz verlobt habe. Die Eltern des Brautpaares zeigten die Verlobung an, und darunter stand ebenfalls fettgedruckt auch noch die Anzeige des Offiziers: »Meine Verlobung mit Fräulein Lilly Westphal, einzigen Tochter des früheren Fabrikbesitzers Herrn Carl Westphal und seiner Gemahlin Emma, geborenen Kleinschmidt, beehre ich mich ganz ergebenst anzuzeigen. Wolfgang von Wachwitz, Leutnant in einem Reserve-Infanterie-Regiment, zur Zeit Kriegsurlauber. Nur ein Glück, daß die Annonce da zweimal stand, sonst hätten die jungen Leserinnen der gar nicht geglaubt, sondern hätten angenommen, es handele sich nur um einen verspäteten oder sehr verfrühten Faschingsscherz, denn sie alle 213 hatten nicht das Geringste davon geahnt, daß die Verlobung bevorstand. Ja, sie alle waren nie auf den Gedanken gekommen, daß die beiden anders als nur in der harmlosesten Weise miteinander flirteten. Aber trotzdem, der Lilly konnte man das zutrauen, die war schon in der Schule manchmal verschlossen und geheimnisvoll gewesen. Die hatte es schon damals zuweilen faustdick hinter den Ohren, aber daß sie es dort auch jetzt noch so dick sitzen hatte, das hätten alle ihr eigentlich gar nicht zugetraut. Immer wieder lasen sie die Anzeige, es wurde ihnen schwer, an die Wahrheit zu glauben, schon weil sie die glückliche Braut beneideten, denn wenn der Flirt auf dem Tennisplatz ja auch nur ein harmloser Zeitvertreib bleiben sollte, ganz im stillen hoffte doch eine jede, auch für sie möge aus dem Spiel Ernst werden, denn einen besonderen Schwarm hatte im stillen doch eine jede. Und die Lilly hatte sich nun mit ihrem Schwarm verlobt, ohne vorher auch nur einer von ihnen zu verraten, wer dieser Schwarm sei. In jedem Hause schlug die Nachricht wie eine Bombe ein, in keinem aber wirkte sie derartig, wie in der Villa, die der Garnisonälteste, der Oberst z. D. von Aschenbach, mit seiner Frau und seiner Tochter Viki bewohnte. Viki selbst nahm die Verlobung lustig und fröhlich auf, umso ergrimmter aber war ihr Vater, ein noch immer stattlicher Sechziger. Der schalt nicht schlecht vor sich hin: »Da sieht man mal wieder, wie diese Kriegsurlauber hier ihre Zeit ausnutzen. Anstatt alles zu tun, was sie könnten, damit sie schnell wieder an den Feind herankommen, oder anstatt 214 sich wenigstens wissenschaftlich zu beschäftigen, verloben die sich hier. Ist die Möglichkeit! Na überhaupt diese Kriegsurlauber! Das ist auch solche Erfindung der Neuzeit. Das kannten wir damals im Kriege 70/71 denn doch nicht.« »Aber Vater,« meinte Viki belustigt, »das war 70/71 doch etwas ganz anderes. Die Anstrengungen dieses Krieges waren mit denen des jetzigen gar nicht zu vergleichen, das hast du oft genug selbst erzählt. Damals hatten wir doch auch nicht annähernd soviel Soldaten zur Verfügung wie jetzt. Und im übrigen, Vater, weiß ich es am allerbesten, warum du heute mal wieder auf die Kriegsurlauber schlecht zu sprechen bist.« Wieder knurrte der Oberst vor sich hin: »Schön, und wenn du das zu wissen glaubst, habe ich da nicht recht?« Und sich immer mehr in Zorn hineinredend, fuhr er erregt fort: »Ein Skandal ist es, einfach ein Skandal, denn wenn diese Kriegsurlauber sich schon verloben, warum denkt da keiner daran, sich mit dir zu verloben? Du bist so hübsch wie keine andere, wenigstens ist das meine Ansicht. Du bist auch finanziell eine gute Partie, wenn auch keine so gute wie Lilly Westphal, na, auf den Geldbeutel allein kommt es schließlich auch nicht an, aber mit dem Zuschuß, den ich dir später gebe, könntest du mit deinem Manne sehr anständig leben.« Und wie immer, wenn der Herr Oberst mit dem Schelten auf die Kriegsurlauber angefangen hatte, hörte er auch jetzt noch lange nicht damit auf. Im Zimmer auf und ab gehend schalt und knurrte er vor sich hin, bis er plötzlich mitten im Satze inne hielt und verwundert auf seine Tochter 215 blickte, denn obgleich diese nach seiner Ansicht alle Ursache hatte, auch ihrerseits traurig zu sein, daß sich immer noch keiner in sie verliebt hätte, lachte Viki erst stillvergnügt vor sich hin, dann immer lauter und lauter, bis sie plötzlich hell auflachte, um gleich darauf ihrem Vater um den Hals zu fallen und um diesem zuzurufen: »Gott, Vater bist du dumm, aber du kannst ja nichts dafür, das haben Väter in solchem Falle nun einmal so an sich!« »Na, erlaube mal,« verteidigte der Herr Oberst sich, »wie kommst du dazu, so zu mir zu sprechen? Ich dumm? Wieso, warum, weshalb und inwiefern?« Aber im Gegensatz zu dem Vater hatte die Mutter ihr Kind verstanden und breitete die Arme sehnsüchtig aus: »Viki, komm an das Herz deiner Mutter, vertraue dich mir an.« »Aber warum denn so elegisch, Mutter?« rief Viki belustigt, »Zu einem feierlichen Geständnis an der berühmten Mutterbrust liegt gar keine Veranlassung vor, denn wenn man verliebt ist, braucht man deswegen doch nicht gleich zu weinen, da muß man vielmehr vor Glück und vor Freude fortwährend lachen.« Der Herr Oberst hatte seiner Tochter mit allen Anzeichen der höchsten Verwunderung zugehört. Zuerst war er völlig starr, denn auf dieses Geständnis aus dem Munde seines Kindes war er nicht vorbereitet gewesen. Nun aber freute er sich namenlos mit ihr, bis er ihr zurief: »Du bist verliebt, Viki, und das sagst du erst jetzt? Wer ist der Glückliche, dem du deine Liebe schenktest? Ist es einer von den Kriegsurlaubern?« 216 Viki nickte ihm glückstrahlend zu: »Natürlich ist es einer von denen, Vater, wozu wären die sonst wohl da?« »Das ist auch 'ne Auffassung,« meinte der Oberst heiter; »aber trotzdem, erst muß ich wissen, wer es ist.« Und auch die Mutter, die von Vikis Worten ebenso überrascht war wie der Vater, bat nun: »Ja, Viki, vertraue dich uns an, wer ist es?« Wieder lachte Viki fröhlich auf, bis sie ganz ernsthaft werdend mit trauriger Stimme erklärte: »Das weiß ich selber nicht.« »Nanu?« rief der Vater verwundert. »Du wirst doch wohl wissen, wie der, den du liebst, heißt?« Aber Viki schüttelte den Kopf: »Natürlich weiß ich das, aber manchmal weiß ich es auch nicht. Manchmal glaube ich, er heißt Natzel, und dann glaube ich wieder, er heißt Ratzel.« »Du kannst doch aber nicht beide lieben,« warf die Mutter ein. »Wenigstens kannst du nicht beide heiraten, Viki,« rief der Vater. »Im übrigen habe ich weder gegen den Natzel noch gegen den Ratzel etwas einzuwenden. Beide gefallen mir sehr gut und beide haben sich vor dem Feinde als tüchtige und tapfere Offiziere gezeigt. Daß dir die Wahl nicht leicht fällt, zumal die beiden sich ja auch in ihrem Äußeren und in ihrem Wesen sehr gleichen, fühle ich dir schließlich nach, aber trotzdem, für einen von den beiden kannst du dich doch nur entscheiden.« »Aber für welchen?« seufzte Viki schwer auf. »Wenn ich mich mit Leutnant Natzel unterhalte, denke ich, eigentlich 217 ist Ratzel doch noch netter, und wenn ich mit dem allein bin, dann denke ich: nein, ich habe dem Natzel bitter Unrecht getan, er ist der nettere. Wenn einer von den beiden fehlt, sehne ich mich nach dem, der nicht da ist, und wenn beide vor mir stehen, dann wünsche ich einen von ihnen weit fort, aber ich weiß nicht welchen.« »Das ist ja eine ganz komplizierte Geschichte, Viki,« meinte der Vater nachdenklich, »wie findet man sich da nur zurecht?« »Es kommt ja aber nicht nur darauf an, wie du über die beiden Herren denkst,« warf die Mutter ein, »es handelt sich doch hauptsächlich darum, welcher der beiden Offiziere dir bisher am deutlichsten gezeigt hat, daß er dich auch seinerseits liebt.« »Das tun sie ja beide fortwährend in derselben Weise,« antwortete Viki halb lachend, halb verzagt, »jeder von ihnen legt es darauf an, den anderen in Liebesbeteuerungen zu überbieten, so daß ich weder mir selbst, noch aus den beiden klar werde.« »Da gibt es nur eins,« entschied der Vater nach kurzem Besinnen, »du mußt sie auf die Probe stellen. Du mußt irgendein Opfer von ihnen verlangen, das sie dir zum Beweise ihrer Liebe bringen sollen, und derjenige, der diese Probe am leichtesten besteht, der liebt dich sicher auch am meisten, und den erhörst du dann.« »Daran habe ich natürlich auch schon oft gedacht,« stimmte Viki bei, »aber auf welche Probe könnte ich die stellen?« »Da weiß ich Rat,« meinte die Mutter, »denn eine schlechte Eigenschaft hat jeder Mann an sich.« 218 »Nu, erlaube mal,« knurrte der Oberst vor sich hin. Aber seine Frau ließ sich nicht beirren: »Sei du nur ganz still, Alex, du hast sogar so viele schlechte Eigenschaften, daß ich die alle gar nicht aufzählen kann. Selbstverständlich hast du ja aber auch deine guten Seiten,« und sich an Viki wendend fuhr sie fort: »Nun höre mal zu, mein liebes Kind, du mußt herauszubekommen versuchen, welche schlechten Angewohnheiten deine beiden Verehrer haben. Vielleicht trinken sie gern, oder sie spielen, oder sie sind sehr starke Raucher –« »Das sind sie beide,« fiel Viki der Mutter in das Wort. »Leutnant Natzel hat mir einmal erzählt, er rauche am Tage mindestens seine vierzig Zigaretten, die noch dazu alle durch die Lunge, und Leutnant Ratzel raucht, wie ich weiß, am Tage wenigstens seine fünfzehn Zigarren.« »Da hätten wir ja schon, was wir suchen,« erklärte die Mutter, »da mußt du ganz einfach von den beiden verlangen, daß sie dir ihre Liebe dadurch beweisen, daß sie sich das Rauchen vollständig abgewöhnen. Natürlich nicht für immer, sondern vorläufig erst mal auf einen Monat. Du wirst ja sehen, was die beiden dazu sagen, und wer dir von ihnen dieses Opfer am leichtesten bringt.« »Ach herrjeses, die armen Kerle,« meinte der Herr Oberst, der selbst ein leidenschaftlicher Raucher war, »in deren Haut möchte ich nicht stecken, denn wenn ich die Wahl zwischen dem Leben und der Zigarre hätte, ich würde mich für den Tabak entscheiden.« Und auch Viki empfand Mitleid mit den beiden jungen Offizieren, aber sie ging dennoch auf den Rat der Mutter 219 ein, schon weil sie das übermäßige Rauchen der beiden Leutnants für ungesund hielt und weil sie doch schließlich keinen Mann heiraten wollte, der sich über kurz oder lang krank rauchte. So nahm sie sich denn vor, gleich morgen nachmittag mit den beiden zu sprechen. Aber als sie sich dann am nächsten Tage auf dem Tennisplatz einfand, kam sie nicht gleich dazu, ihren Vorsatz auszuführen. Das mehr als schöne Wetter, das prophezeit und auch wirklich eingetroffen war, hatte alle Mitglieder des Flirtklubs herbeigelockt. Hauptsächlich aber fehlte natürlich niemand, weil die unerwartete Verlobung von allen in allen Einzelheiten besprochen werden mußte. Auch das Brautpaar war zur Stelle und brachte noch eine große Neuigkeit mit. Da nach den ungeschriebenen Statuten des Klubs kein Flirt in eine Verlobung ausarten durfte, hatte der Vater der Braut sich entschlossen, als Strafgeld für sein Kind, weil es so unartig gewesen sei, sich doch zu verloben, der Vereinskasse den Betrag von fünfhundert Mark für das Rote Kreuz zu überweisen. Eine Gabe, die mit vielem Dank angenommen wurde und die Hans Arnim Veranlassung gab, in halb ernsthafter, halb humoristischer Weise es den anderen Flirtpaaren nahezulegen, dem schlechten Beispiel, das die Jungverlobten gegeben hätten, sobald wie möglich zu folgen. Dann aber umringten alle jungen Mädchen die junge Braut, um ihr abermals zu gratulieren und um ihr zu zeigen, wie herzlich sie sich mit ihr freuten. Und je weniger die sich im stillen wirklich freuten, je weniger sie der das Glück gönnten, je mehr sie sich selbst 220 einen Verlobten wünschten, desto fröhlicher und heiterer waren sie. Aber nur eine war wirklich lustiger und fröhlicher als sonst, weil sie ja nun bald erfahren würde, welcher ihrer beiden Verehrer es mit seinen Liebesbeteuerungen ernst meinte. Das war Viki. Die zog sich, obgleich in dieser Woche eigentlich nur Leutnant Ratzel ihr Flirtpartner war, dennoch mit ihren beiden Verehrern, sobald sich dazu Gelegenheit bot, zurück, und als Ratzel ihr nun den Hof machte, während Natzel den fortwährend daran zu verhindern suchte, rief sie beiden plötzlich lachend zu: »Aber, meine Herren, so geht das doch auf die Dauer nicht weiter. Sie haben mir schon längst zu verstehen gegeben, daß auch Sie bereit wären, gegen die Statuten des Vereins zu verstoßen und sich ernstlich um mich zu bewerben. Da werden Sie aber niemals zu einem Resultat kommen, wenn Sie sich beide fortwährend Konkurrenz machen. Da machen Sie es doch auch mir ganz unmöglich, mir darüber einig zu werden, ob mir einer von Ihnen besser gefällt als der andere. Vorläufig ist das natürlich noch nicht der Fall,« fuhr sie anscheinend ganz ernsthaft fort, »aber was nicht ist, könnte vielleicht doch werden.« »Da dürfen Sie sich aber nur für mich entscheiden, gnädiges Fräulein,« riefen beide wie aus einem Munde. Viki lachte fröhlich auf, dann meinte sie: »Ja, das geht doch aber nicht, daß ich Sie beide erhöre,« um gleich darauf fortzufahren: »Ich habe es mir gleich gedacht, als Herr von Kühnhausen vorhin namentlich die Herren aufforderte, dem Beispiel des glücklichen Bräutigams zu folgen, 221 daß Sie beide mir heute und in Zukunft noch mehr wie bisher den Hof machen würden, und deshalb habe ich mir vorgenommen, Sie auf die Probe zu stellen, ob es Ihnen mit Ihrem Flirt auch nur halbwegs so ernst sei, wie Sie es stets behaupten. Nun bin ich nur begierig, wer diese Probe bestehen wird.« »Ich ganz bestimmt,« riefen beide wie aus einem Munde. »Dann wäre ich ja später wieder ebenso klug wie heute,« gab Viki zur Antwort, »deshalb habe ich mir etwas ausgedacht, das einem von Ihnen ganz sicher schwer fallen wird.« »Und das wäre?« fragten beide erneut gleichzeitig. Viki machte absichtlich eine kleine Pause, dann sagte sie, die beiden scharf und prüfend ansehend: »Wer von Ihnen beiden wäre imstande, sich mir zuliebe, wenn auch nur für die Dauer von vier Wochen, das Rauchen abzugewöhnen?« »Ich, gnädiges Fräulein!« riefen beide wie auf Kommando, dann aber sahen Natzel und Ratzel sich gegenseitig mit derartig entsetzten Augen an, daß Viki unwillkürlich hell auflachen mußte, bis Natzel etwas kleinlaut fragte: »Und wann soll diese Probe beginnen?« »Jetzt, sofort auf der Stelle,« rief Viki. »Und Sie erlauben uns auch nicht eine einzige Zigarette oder Zigarre zum Abgewöhnen?« bat Ratzel. »Nicht mal das,« meinte Viki energisch. Wieder tauschten die beiden einen stummen, entsetzten Blick, bis Natzel plötzlich den Kameraden anfuhr: »An der ganzen Geschichte bist du schuld, Ratzel, denn wenn du mir nicht immer in die Quere gekommen wärest, wenn ich 222 dem gnädigen Fräulein den Hof machte, dann hätte die sich schon längst für mich entschieden.« »Oder das gnädige Fräulein hätte schon längst ihre Wahl auf mich fallen lassen, wenn du – mir nicht immer in den Weg gelaufen wärest,« verteidigte Ratzel sich. »Nicht wahr, gnädiges Fräulein, das hätten Sie doch schon längst getan?« »Das ist eine Gewissensfrage, auf die ich die Antwort schuldig bleiben möchte, weil ich die selbst nicht weiß,« warf Viki ein. »Im übrigen, meine Herren, trösten Sie sich mit dem alten Wort: Geteiltes Leid ist halbes Leid. Übrigens hätte ich nicht geglaubt, daß es Ihnen so schwer fallen würde –« »Von Schwerfallen ist doch gar nicht die Rede,« fiel Natzel ihr in das Wort. »Sie wollten wohl sagen, gnädiges Fräulein, Sie hätten nicht geglaubt, daß es uns so leicht fallen würde,« rief Ratzel, »mir wenigstens wird es spielend leicht, denn seitdem Sie uns das Rauchen verboten, habe ich noch nicht die allerleiseste Sehnsucht nach meiner Zigarre empfunden.« »Und ich erst recht nicht nach meiner Zigarette,« stimmte Natzel dem Kameraden bei. Natürlich glaubte Viki den beiden keine Silbe, denn sie sah ganz deutlich, wie die fortwährend mit dem Munde die Rauchbewegung machten, bis sie ihnen nun zurief: »Na, ich bin nur begierig, wer von Ihnen beiden zuerst der Versuchung unterliegen wird. Nun aber, meine Herren, machen Sie mir bitte den Hof, und ich denke, da werden 223 Sie sich heute ganz besonders anstrengen, schon weil Sie durch das Rauchen nicht abgelenkt werden.« »Selbstverständlich!« riefen beide abermals gleichzeitig, und unmittelbar darauf rief Natzel: »Na, warten Sie es nur ab, gnädiges Fräulein, heute sollen Sie mich erst in voller Form kennen lernen, wie man das bei den Rennen so nennt, wenn die Gäule ›hast du, was kannst du, wer bist du und wie heißt du‹, über die Hindernisse dahin flutschen, daß es nur so flutscht.« »Dasselbe wollte auch ich Ihnen sagen, gnädiges Fräulein, sogar mit denselben Worten,« rief nun auch Ratzel, »aber da Natzel mir zuvorkam, kann ich mir die Worte sparen. Nur eins möchte ich für meine Person noch ganz besonders betonen: Ich bin heute zum Flirten in einer Form wie nie zuvor. Sie werden an mir Ihr grünseidenes Wunder erleben.« Und ein Wunder erlebte Viki denn auch wirklich, als gleich darauf die beiden Herren mit ihr zu flirten begannen, denn sie hätte es nie für möglich gehalten, daß auch nur einer von ihnen so langweilig sein könne, wie sie es nun beide zusammen waren, trotzdem sie sich sichtlich die größte Mühe gaben, gerade heute besonders liebenswürdig zu sein. Das waren sie ja auch immerhin, aber es fehlte dem Gespräch die Würze und der Witz. Die beiden Offiziere vermißten zu offenkundig die Zigarre und die Zigarette. Auch die anderen Flirtpaare unterhielten sich heute nachmittag nicht annähernd so gut wie sonst. Daran war Hans Arnim schuld, der die Klubmitglieder aufgefordert hatte, dem Beispiel des Brautpaares zu folgen. Gewiß, 224 das war zum größten Teil wohl nur scherzhaft gemeint gewesen, aber trotzdem nahm es den meisten die Unbefangenheit. Der harmlose Frohsinn, mit dem sie sich sonst den Hof machten und sich den Hof machen ließen, fehlte. Die jungen Damen waren etwas still und verlegen, und die Herren wagten nicht recht, aus sich herauszugehen. Besonders traf das auf den schönen Hugo zu, der sich auch heute wieder Maria Elisabeth genähert hatte, dessen Unterhaltung aber eigentlich nur darin bestand, daß er sie fortwährend mit traurigen und verzagten Augen ansah. Maria Elisabeth wußte ja nun auch, ohne daß er sich ihr anvertraute, was ihn bedrückte. Ihn hatte die Nachricht von dieser Verlobung sicher am meisten berührt. Er neidete dem Bräutigam vor allen anderen sein Glück, weil er sich im stillen fortwährend sagen mußte: »Alle anderen finden mit der Zeit ihre Braut, nur du nicht.« Er tat ihr wirklich aufrichtig leid, aber sie konnte ihn ja nicht trösten, durfte auch nicht verraten, daß sie seine Geschichte kannte, und so meinte sie denn nun ausweichend, als er jetzt besonders tief und schwer aufseufzte: »Geht es Ihnen so schlecht, Herr von Hohenebra? Sie seufzen ja, als hätten Sie das Leid der ganzen Welt zu tragen. So schlimm wird es wohl nicht sein. Sie teilen eben das Schicksal aller Erfinder, denen die Arbeit nicht so schnell vorwärts geht, wie sie es wohl möchten. Aber machen Sie sich nur keine unnützen Sorgen, eines Tages wird Ihnen die Erfindung mit dem neuen Sattel doch gelingen.« Völlig überrascht und sogar ganz verlegen sah er sie an, bis er ihr zurief: »Das Märchen ist also auch zu Ihnen 225 gedrungen, gnädiges Fräulein, und das haben Sie geglaubt? Das ist nicht hübsch von Ihnen, gerade Ihnen hätte ich das nicht zugetraut, denn daß Sie mich für so dumm halten –« Maria Elisabeth mußte über seinen Gesichtsausdruck nun fröhlich auflachen, bis sie fragte: »Ich verstehe Sie wirklich nicht, Herr von Hohenebra. Eine Erfindung machen zu wollen, ist doch kein Beweis von Dummheit, sondern unter Umständen von großer Klugheit. Ich erinnere Sie nur an den Grafen Zeppelin. Was hätten wir wohl in diesem Kriege ohne seine Luftschiffe machen wollen.« »Das schon, gnädiges Fräulein,« stimmte er ihr bei, »aber trotzdem, dem Grafen Zeppelin ist die Sache geglückt und er hat den Triumph erleben dürfen, sein Werk von Erfolg gekrönt zu sehen. Das ist eine Ausnahme mit Eichenlaub und Schwertern, aber den anderen Erfindern geht es, mit Respekt zu sagen, doch meistens verdammt dreckig. Die setzen ihr ganzes Geld zu und sterben in der größten Armut.« Und nach einer kleinen Pause fragte er: »Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein, ob ich Ihnen bereits einmal erzählte, daß ich einen Großvater hatte?« »Das nicht, aber ich kann mir ungefähr denken, daß auch Sie einen solchen Vorfahren besaßen,« meinte Maria Elisabeth belustigt, während sie zugleich bei dem Wort »Großvater« hell aufhorchte. »Ich hatte sogar einen sehr klugen Großvater,« pflichtete er ihr bei, »der mir tausend gute Ratschläge für mein späteres Leben mit auf den Weg gab und der sich jedesmal von mir schwören ließ, seine Ermahnung zu befolgen. Der 226 sagte eines Tages zu mir: »Mein lieber Hugo, wenn ich mal tot bin, wirst du viel reicher sein, als du glaubst, aber doch nicht so reich, daß du dir jemals drei Dinge erlauben könntest: in Monte Carlo zu spielen, dich mit deinem Gelde an der Gründung eines neuen Zeitungsunternehmens zu beteiligen und schließlich, eine Erfindung machen zu wollen. Das kann höchstens ein Rothschild und selbst der setzt sich dabei der Gefahr aus, ein armer Mann zu werden.« Darum habe ich ihm auch schwören müssen, meine Hände davon zu lassen.« »Ihr seliger Herr Großvater scheint Ihnen wirklich sehr gute Lehren mit auf den Weg gegeben zu haben,« warf Maria Elisabeth ein, bis sie in der Erinnerung an das Gespräch, das Hans Arnim mit ihr führte, fragte: »Und Sie haben das alles tatsächlich beschwören müssen?« »Warum nicht?« fragte er ganz verwundert. »Offen gestanden, es wurde mir nicht immer ganz leicht, den verlangten Eid abzulegen, ganz besonders einer fiel mir sehr schwer, aber es mußte sein, schon weil der Großvater es so gut mit mir meinte wie kein anderer Mensch.« Wenn Maria Elisabeth in den letzten Tagen doch zuweilen noch daran gezweifelt hatte, daß alles, was Hans Arnim ihr erzählte, auf Wahrheit beruhe, wenn es ihr in Erinnerung an den Abend zuweilen vorkam, als habe er ihr nur einen Bären aufgebunden, jetzt wußte sie, daß der doch die Wahrheit sprach, denn worauf konnten sich die Worte des Kürassiers, er leide unter einem Schwur ganz besonders, wohl anders beziehen, wenn nicht darauf, daß er keiner jungen Dame jemals einen Antrag machen 227 und daß er sich deshalb auch wohl kaum jemals verheiraten dürfe. In Wahrheit aber litt der schöne Hugo unter einem ganz anderen Eid, sich niemals ein kleines Verhältnis anschaffen zu dürfen, wenigstens keines, das länger als vier Wochen dauerte. Auch hier war diese Versuchung schon an ihn herangetreten, denn es widersprach seinem Empfinden, heute die zu küssen und morgen die, aber ihm blieb ja nichts weiter übrig, und wenn er sich das Küssen in der letzten Zeit auch ganz bedeutend abgewöhnt hatte, schon weil seinem Gedanken fortwährend bei Maria Elisabeth weilten, so sah er doch voraus, daß die Zeit kommen würde, in der er sich wieder nach einem kleinen Verhältnis sehnte, wenn es ihm inzwischen nicht gelungen war, Maria Elisabeth dahin zu bringen, daß sie ihm ihre Liebe gestand. Und in der Furcht des Herrn, daß ihm das am Ende doch nicht gelingen werde, seufzte er plötzlich abermals schwer auf. Aber Maria Elisabeth tat diesesmal, obgleich oder gerade weil sie den Grund seines Kummers kannte, so, als ob sie den Seufzer gar nicht vernommen hätte, sondern fragte wirklich verwundert: »Wenn Sie sich aber mit gar keiner Erfindung beschäftigen, Herr von Hohenebra, warum haben Sie dieses Märchen dann allen erzählt?« Der schöne Hugo bekam vor Verlegenheit einen dunkelroten Kopf, als sei er auf einer Sünde ertappt, dann meinte er: »Ich will Ihnen auch das erklären, gnädiges Fräulein – nein doch nicht, denn gerade Ihnen möchte ich das nicht sagen, wenigstens noch nicht heute. Vielleicht kommt später einmal die Stunde,« und dabei sah er sie mit seinen hübschen 228 Augen so unglücklich, aber zugleich auch so schmachtend an, daß sie seine geheimsten Gedanken erriet und daß sie sich Mühe geben mußte, völlig unbefangen zu bleiben, als sie ihm nun anscheinend ganz gleichgültig zur Antwort gab: »Verzeihen Sie bitte meine indiskrete Frage, ich weiß selbst nicht, wie ich zu der kam, nichts lag mir ferner, als neugierig sein zu wollen.« War es wirklich nur Neugierde? wollte der schöne Hugo fragen, aber er kam nicht mehr dazu, denn jetzt traten ein paar andere Kriegsurlauber hinzu, um ihm zuzurufen: »Das geht aber wirklich nicht, verehrter Freund, daß Sie Fräulein von Greusen ganz allein derartig mit Beschlag belegen. Dazu haben Sie als außerordentliches Mitglied unseres Klubs nicht das leiseste Recht, nun wollen wir auch etwas davon haben, daß Fräulein von Greusen heute herausgekommen ist.« Maria Elisabeth atmete erleichtert auf, als die anderen Herren sie nun bald in ein harmloses, lustiges Gespräch verwickelten. Das Alleinsein mit dem Kürassier hatte gedroht, eine Wendung anzunehmen, der sie unter allen Umständen aus dem Wege gehen mußte, und sie hatte es schon bereut, heute den Tennisplatz aufgesucht zu haben. Sie hatte auch nicht kommen wollen, schon weil sie sich, nachdem Hans Arnim sie über alles aufklärte, vornahm, dem schönen Hugo fortan nach Möglichkeit aus dem Wege zu gehen. Aber Hans Arnim hatte sie so gebeten, ihn zu begleiten, daß sie nicht gut nein sagen konnte, zumal auch die liebenswürdige Frau Konsul ihr sehr zuredete, nach den beiden langweiligen Regentagen den schönen 229 Nachmittag mit der fröhlichen Jugend zusammen draußen auf dem Tennisplatz zu verbringen. Und es wurde jetzt wirklich lustig, so daß Maria Elisabeth sich nun darüber freute, daß sie nicht zu Hause geblieben war. Und wie es Maria Elisabeth ging, so ging es auch Kitty. Auch die freute sich nun, doch gekommen zu sein, obgleich sie sich zuerst sämtliche Eide der Welt geschworen hatte, heute dem Tennisplatz fernzubleiben, denn die Verlobung ihrer Freundin Lilly hatte sie mehr als verstimmt, weil sie immer daran denken mußte: wann wird der schöne Hugo sich nun endlich mit dir verloben, wann wird er dir wenigstens endlich klar und deutlich zu verstehen geben, daß er dich liebt? Und sie sah es voraus, daß der Tag noch in weiter Ferne lag, denn seitdem der Reitunterricht ins Wasser gefallen war, hielt er sich sichtlich von ihr zurück. Warum? Hatte auch er gehofft, daß die Stunden in der Reitbahn sie einander näher bringen würden? Sicher, denn sonst hätte er ihr seine Dienste nicht angeboten. Aber wenn sie selbst auch immer noch darunter litt, daß ihr Wunsch nicht in Erfüllung gegangen war, so brauchte ihn das doch nicht derartig zu bekümmern, daß er ihr deshalb förmlich aus dem Wege ging. Und schließlich, wenn er ihr ernstlich den Hof machen wollte, dann konnte er das auf dem Tennisplatz ebenso gut tun, wie sonst irgendwo. Warum tat er das nicht? Sollte er sie nicht mehr lieben? Und wenn das der Fall war, was hatte sie getan, um seine Liebe, die er ihr doch von Anfang an deutlich genug durch seine Blicke verraten hatte, zu verscherzen? Darauf suchte sie vergebens nach einer Antwort und darauf durfte es auch keine 230 geben, denn sie liebte ihn immer noch. Ja, sie liebte ihn erst recht, seitdem dieser maßlos kecke Hans Arnim ihr in einer Weise den Hof machte, für die es eigentlich gar keine Worte gab. Und sogar gefußelt hatte er mit ihr! Aber das nicht allein, sie hatte ja deutlich gesehen, wie diese leichte Berührung genügt hatte, um sein Blut in Wallung zu bringen. Der war einfach zu frech! Aber es war nur ein Glück, daß er ihr glaubte, es sei wirklich nur ein Zufall gewesen, als gleich darauf auch ihr Fuß den seinen berührte. Es war eigentlich auch ein Zufall, dem sie nur ein ganz kleines bißchen nachgeholfen hatte, weil sie an sich erproben wollte, ob sie etwas dabei empfände, wenn ihr Fuß den seinen berührte. Aber das war nicht der Fall gewesen, es hatte sie so kalt, so eisigkalt gelassen, daß sogar ein leichtes Schauern ihren Körper durchlief. Ja, sie wollte und sie würde den schönen Hugo heiraten, aber trotzdem war sie fest entschlossen gewesen, heute nachmittag nicht auf den Tennisplatz zu gehen, denn der kecke Hans Arnim war imstande, ihr zuzurufen: »Na, Verehrteste, wie ist es denn nun mit Ihnen und dem Anderen? Fräulein Westphal ist Ihnen allen gestern mit einem guten Beispiel vorangegangen, wollen Sie dem nun nicht errötend folgen?« Und dann konnte sie diesem Frechdachs doch nicht erklären, warum sie mit ihrer Verlobung noch zögerte, daß sie das nur tat, weil er seine Strafe noch nicht verbüßte und weil sie es auch Fräulein von Greusen nicht antun wollte, dem harmlosen Flirt, der sich zwischen der und dem Kürassier entwickelt hatte, so bald ein jähes Ende zu bereiten. 231 Aber dann entschloß sie sich, erst recht auf den Tennisplatz zu gehen, sie würde Hans Arnims spöttische und neckende Fragen schon zu beantworten wissen und sie durfte in ihm auch gar nicht den Verdacht aufkommen lassen, als fürchte sie seine indiskrete Fragen. Und als sie dann auf dem Tennisplatz war, brauchte sie es nicht zu bereuen, daß sie gekommen war. Hans Arnim dachte anscheinend gar nicht daran, sie mit diesem Anderen, wie er den sonst stets nannte, zu necken, sondern er machte ihr lediglich den Hof. Er hatte heute anscheinend einmal wieder seinen guten Tag, er sprudelte über von Humor. Ein Witz und ein Scherzwort nach dem anderen kam über seine Lippen, so daß sie sich köstlich amüsierte, bis er plötzlich anfing, ihr ein poetisches, stimmungsvolles Märchen zu erzählen, das in den Gefilden der Seligen spielte und das natürlich von ihnen beiden handelte. Kitty saß mit geschlossenen Augen neben ihm, und Hans Arnim, der keinen Blick von ihr abwandte, bemerkte voller Freude und Genugtuung, daß er nicht umsonst auf sie einsprach, bis er sich plötzlich im stillen fragte: was Kitty wohl für ein Gesicht machen wird, wenn du ihr nun ganz unerwartet erzählst, daß deine Tage hier bald zu Ende sind und daß du abreisen mußt? Bisher hatte er ihr das verschwiegen, hatte auch der Frau Konsul und Fräulein von Greusen nichts davon gesagt, damit die es nicht etwa hinter seinem Rücken an Kitty weitererzählten. Das wollte er ihr selber sagen und sie bei seinen Worten scharf beobachten. Vielleicht, nein sicher, daß sie sich doch verriet, wenn sie auch nur das Geringste für ihn empfand. 232 Als aber er es ihr nun, mitten in dem Märchen innehaltend, zurief, da zuckte in ihrem Gesicht keine Miene, ihre Gesichtsfarbe veränderte sich nicht im Geringsten, sie wurde weder blaß noch rot, sie öffnete nicht einmal die Augen, um ihn verwundert oder erschrocken anzusehen, ja, sie hielt es gar nicht einmal der Mühe wert, aus seine Mitteilung etwas zu erwidern, sondern sie bat nur: »Erzählen Sie doch bitte weiter, ich bin mehr als begierig, wie das Märchen endet.« Ihm aber war die Lust an dem Weitererzählen vergangen. Daß seine bevorstehende Abreise Kitty derartig kalt ließ, verletzte und kränkte ihn, nahm ihm vor allen Dingen abermals jede Hoffnung, sie doch noch zu gewinnen, und so meinte er denn jetzt mehr als verstimmt: »Das Märchen endet wie jedes andere mit den Worten: ›Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute‹. Was gibt es da noch weiter zu erzählen. Erzählen Sie mir lieber, ob es Ihnen wirklich so gleichgültig ist, daß ich bald abreisen muß. Habe ich das um Sie verdient, daß Sie mir auch nicht die leiseste Träne nachweinen werden, wenn auch nur eine bildliche Träne?« »Dazu läge doch gar keine Veranlassung vor,« meinte sie verwundert, »ganz abgesehen davon, daß Sie gar nicht reisen werden. Sie haben Ihre Strafe noch nicht verbüßt, und ehe das nicht der Fall ist, können Sie nicht fortgehen, denn Sie wollen doch nicht wortbrüchig werden?« »Nein, das gewiß nicht,« verteidigte er sich, »aber trotzdem, gnädiges Fräulein, ich muß reisen. Die Eltern erwarten mich und sie rechnen bestimmt damit, daß ich 233 demnächst meinen Geburtstag bei ihnen verlebe, das werden Sie den Eltern nachfühlen.« »Das schon,« warf sie ein, »und ich will natürlich nicht so grausam sein, Sie an diesem Tage zurückzuhalten. Ich will Ihnen auch gern drei oder vier Tage Urlaub geben, aber dann müssen Sie zurückkommen, denn ehe Sie nicht in Flammen stehen –« »Wissen Sie das denn so genau, daß das noch nicht der Fall ist?« fiel er ihr in das Wort. Kitty sah ihn lachend und übermütig an: »Verlangen Sie wirklich von mir, daß ich Ihnen das glaube? So weit sind Sie noch lange nicht, denn wenn dem so wäre, dann müßte ich Ihnen das doch irgendwie anmerken.« »Das merken Sie nur nicht, weil Sie es nicht wollen,« rief er ihr zu. »Bitte sehr,« widersprach Kitty, »da tun Sie mir Unrecht. Was hätte ich wohl davon, wenn ich mich absichtlich blind stellte? Einmal muß der Tag der Befreiung für Sie kommen und je eher der da ist, desto besser für Sie und für mich. Noch aber ist es nicht so weit.« »Ihrem Urteil muß ich mich natürlich fügen,« stimmte er ihr verdrießlich bei, bis er plötzlich sagte: »Wenn ich also nach Ihrer Ansicht immer noch nicht genügend für Sie entflammt bin, dann muß das doch einen Grund haben.« »Und der wäre?« fragte Kitty neugierig. ›So,‹ dachte Hans Arnim im stillen, ›nun heißt es mal wieder frech sein,‹ dann meinte er: »Ganz klar bin ich mir darüber selber noch nicht, gnädiges Fräulein. Vielleicht liegt es an Ihnen, vielleicht haben Sie mich zuweilen zu 234 schlecht behandelt. Vielleicht aber auch, gnädiges Fräulein, – nein, das kann ich nicht aussprechen, das wäre mehr als unhöflich, aber sagen muß ich es dennoch, und da meine ich, daß Sie, gnädiges Fräulein, doch nicht ganz so liebenswert sind, wie ich das bei unserer ersten Begegnung glaubte.« Er erschrak selbst bei seinen Worten. Wenn Kitty die nicht übelnahm, dann war das mehr als ein Wunder und es schien auch für einen Augenblick, als ob sie mehr als böse sei, denn sie sah ihn starr und fassungslos an, bis sie plötzlich hell auflachte und ihm zurief: »Nein, Herr von Kühnhausen, daß Sie mir die Schuld in die Schuhe schieben wollen, das gibt es nicht. Was Sie da sagen, glauben Sie ja auch selber nicht, das ist nur eine faule Ausrede.« Da hatte Kitty natürlich recht, aber das durfte er ihr nicht eingestehen und so meinte er denn: »Vielleicht doch nicht so ganz, gnädiges Fräulein, denn in einer Hinsicht haben Sie mich neulich tatsächlich sehr enttäuscht,« und nach einer kleinen Pause, während der sie ihn neugierig und verwundert ansah, setzte er hinzu: »Es wird mir zwar nicht leicht, gerade Ihnen das zu sagen, aber trotzdem, Sie enttäuschten mich sehr, denn ich habe einsehen müssen, daß Sie leider Gottes vom Küssen keine Ahnung haben, nicht die allerleiseste.« »Von was hätte ich keine Ahnung?« stotterte sie fassungslos. »Vom Küssen? Was wissen Sie denn davon?« bis sie schnell, ihre alte Unbefangenheit wiedergewinnend, fortfuhr: »Im übrigen irren Sie sich da sehr. Fragen Sie nur meinen Vetter Fritz, der denkt darüber wesentlich anders.« 235 »Was weiß denn solcher Vetter vom Küssen?« meinte Hans Arnim geringschätzig, »Dem kommt es doch nur darauf an, daß er überhaupt geküßt wird, und sicherlich war er auch noch sehr jung.« »Bitte sehr,« warf Kitty ein, »der Vetter war damals achtzehn Jahre.« »Donnerwetter, schon so alt,« meinte Hans Arnim ironisch, »na, allerdings, in dem Alter mußte er ja Bescheid wissen, da hat man ja seine Erfahrungen hinter sich, sicher war Ihr Vetter auch schon, wie man so sagt, für immer mit den Weibern fertig?« »Das schon,« stimmte sie ihm nun belustigt bei, »im übrigen war es vielleicht sehr unrecht von mir, Ihnen von diesem Vetter zu erzählen, aber ich kann es doch nicht auf mir sitzen lassen, schlecht zu küssen, das werden Sie mir sicher nachfühlen.« »Vollständig,« pflichtete er ihr anscheinend ganz ernsthaft bei, »aber trotzdem, gnädiges Fräulein, noch sind Sie von diesem Vorwurf nicht befreit, denn das Urteil Ihres Vetters ist für mich absolut nicht maßgebend. Auch nicht das Ihrige. Sie erinnern sich, daß ich Ihnen an dem ersten Tage hier auf dem Tennisplatz eine kleine Vorlesung über das Küssen hielt. Aber die scheint auf Sie keinen allzu tiefen Eindruck gemacht zu haben, wenigstens haben Sie nicht nach der gehandelt, denn als Sie neulich nachmittag auf meinem Schoß saßen –« »Wo hätte ich gesessen?« fiel sie ihm entsetzt und erstarrt zugleich in das Wort. »Auf meinem Schoß, gnädiges Fräulein, ich sagte es 236 Ihnen doch schon, aber deswegen brauchen Sie nicht rot zu werden, dazu liegt gar keine Veranlassung vor, denn Sie werden dort noch oft sitzen, sobald Sie erst meine Frau sind.« »Also niemals!« rief sie ihm zornig zu. »Aber ich verstehe immer noch nicht, wie Sie auch nur im Scherz behaupten können, ich hätte neulich auf Ihrem Schoß gesessen. Das ist mehr als ungezogen!« »Aber ich kann doch nichts dafür, gnädiges Fräulein, daß Sie es taten,« verteidigte er sich. »Meine Schuld besteht lediglich darin, daß ich an jenem Nachmittag an Sie dachte, und da saßen Sie, wenn auch nur in Gedanken, plötzlich auf meinen Knieen. Sie schlangen Ihre Arme um meinen Hals und küßten mich. Ich bin ja zwar schon oft in meinem Leben geküßt worden, natürlich nur von meinen Cousinen, aber trotzdem, gnädiges Fräulein, so wie Sie mich küßten, hat das vorher noch keine andere getan.« Kitty hatte wider alles Erwarten ihre gute Laune schnell wiedergefunden, so meinte sie jetzt: »Na also, Herr von Kühnhausen, da könnten Sie ja eigentlich zufrieden sein?« Aber er widersprach: »Nein, ganz im Gegenteil, gnädiges Fräulein, Sie küßten zu wild und zu stürmisch, und ich glaube, wenn Fräulein Nanny nicht in das Zimmer getreten wäre, dann hätten Sie mich totgeküßt und nicht wahr, das wäre doch schade um mein junges Leben gewesen?« »Glauben Sie das wirklich?« fragte sie, unschlüssig, ob sie sich über seine Keckheit ärgern, oder ob sie über die lachen sollte. 237 » Ich glaubs!« gab er zur Antwort. »Und im Zusammenhange damit ist mir der Gedanke gekommen, ob ich Ihnen nicht vielleicht Unterricht im Küssen geben dürfte. Wir könnten ja erst mit dem theoretischen anfangen und dann nach den ersten fünf oder zehn Minuten zu dem praktischen Unterricht übergehen.« »Das könnte Ihnen wohl so passen!« lachte sie hell auf. »Aber auf die Stunden möchte ich lieber verzichten.« »Aber warum denn nur?« meinte er anscheinend ganz verwundert. »Ein junges Mädchen, das so ernsthaft daran denkt, sich zu verloben, wie Sie, gnädiges Fräulein, das kann gar nicht genug Kenntnisse mit in die Ehe bringen, und im übrigen dürfen Sie meinen Vorschlag nicht ablehnen. Sie erinnern mich fortwährend an den Eid, den ich Ihnen leistete. Da möchte ich Sie auch einmal an etwas erinnern, das Sie mir am ersten Nachmittag im Garten Ihrer Frau Tante zuriefen: ich solle nicht nur mit Ihnen in dem Auto fahren dürfen, sondern es solle mir auch sonst jeder Wunsch von Ihnen erfüllt werden, jeder, bis auf den letzten, daß Sie meine Frau würden. Da müssen Sie mir also den Kußunterricht erlauben, das ist ein Wunsch, der mit der Gewährung des letzten schließlich nichts zu tun hat, denn wenn man alle jungen Damen heiraten wollte, die man küßte, dann wäre der Sultan im Vergleich damit der reinste Junggeselle. Und schließlich haben Sie Ihren Vetter doch auch geküßt, ohne dabei an das Heiraten zu denken.« »Dafür ist es auch nur ein Vetter,« meinte sie, über seine Worte belustigt. 238 »Was man so Vetter nennt,« neckte er sie, »oder war es wirklich ein richtiggehender Vetter?« »Sie schämen sich wohl gar nicht, so etwas auch nur zu fragen,« schalt Kitty ihn mit dunkelrotem Kopf, denn sie allein wußte ja, wie weitläufig die Verwandtschaft mit diesem Vetter Fritz war. »Aber warum soll ich mich denn nur immer schämen?« fragte er verwundert. »Wenn Sie das aber wünschen, gnädiges Fräulein, will ich es auch diesesmal gern tun, aber nur unter der Bedingung, daß Sie mir erlauben, Ihnen den Unterricht im Küssen zu geben, denn wenn ich bisher noch nicht so für Sie entflammte, wie Sie es annehmen, dann liegt das vielleicht nur daran, daß wir uns noch nicht küßten. Lieben kann man sich natürlich auch ohnedem, aber die wirkliche, die leidenschaftliche Liebe kommt doch erst mit dem Kuß über die Menschen. Und ganz ernsthaft gesprochen, gnädiges Fräulein, ich kann küssen, zart und leise, aber gerade deshalb leidenschaftlich entflammend, so zart und leise, daß Sie den Kuß kaum empfänden und daß trotzdem ein süßer Schauer Sie durchströmen sollte. Daß Sie die kleinen Lippen öffnen würden, um meine Küsse zu trinken, wie die Blumen den Tau des Himmels. Meine Küsse würden Sie berauschen, daß Sie die Augen schlössen und vor sich hin träumten, daß Sie sich wünschten, der Kuß möge ewig dauern.« Schon lange bevor er ihr erklärte, sie würde die Augen schließen, hatte sie das getan und vor sich hingeträumt. Viel mehr noch als das, was er ihr da sagte, verwirrte sie die Art, in der er es tat, seine Stimme, die mehr zu singen, 239 als zu sprechen schien, die sich ihren Ohren einschmeichelte und die in ihrer Phantasie die Bilder heraufbeschwor, die er ihr schilderte. Ihre Gedanken waren bei dem schönen Hugo. Sie träumte von dem Kuß, den sie sich schon lange von ihm wünschte. Sie sah seinen hübschen Mund mit den schneeweißen Zähnen ganz deutlich vor sich. Ein leises, süßes, wonniges Gefühl durchströmte ihren Körper, immer fester preßte sie die Augen zusammen, sie wollte nichts sehen als nur den Kürassier, während Hans Arnim auch jetzt noch weiter auf sie einsprach und ihr die Freuden des Kusses schilderte. Bis sie plötzlich einen leisen, halbunterdrückten Schrei ausstieß und ihn gleich darauf mit derartig entsetzten Augen völlig fassungslos ansah, daß er seinerseits ganz erschrocken ausrief: »Um Gottes willen, gnädiges Fräulein, was ist Ihnen denn nur?« Kitty hatte sich den Strohhut weit nach hinten geschoben und strich sich nun ein paarmal mit der Hand über die Stirn: »Was mir ist?« wiederholte sie seine Frage. »Ich weiß es selbst nicht, aber nun ist es schon wieder vorüber. Ein leichter Schwindelanfall, weiter nichts. Sie brauchen deswegen wirklich kein so ängstliches Gesicht zu machen, und doch sind Sie ganz allein daran schuld,« schalt sie ihn nun aus, »jetzt weiß ich auch, was mich derartig verwirrte, das war die Art, in der Sie es wagten, mir von dem Küssen zu sprechen, weil ich daran denken mußte, Sie glaubten allen Ernstes, ich würde mich jemals von Ihnen küssen lassen. Ja, daß Sie es überhaupt wagten, mir solche Kußstunden anzubieten, daß Sie ganz zu vergessen scheinen, wer ich bin, das alles wirkte auf mich ein. So keck wie Sie ist noch 240 nie ein Herr zu mir gewesen und ich sehe es jetzt ein, ich tat unrecht, Sie bestrafen zu wollen. Die Sache ist erledigt, ich will nichts mehr davon wissen, denn wenn Sie zu jenen schlechten Menschen gehören, die da erst ein junges Mädchen küssen müssen, ehe sie Feuer fangen, dann wird es mir nie gelingen, Sie für mich zu entflammen, dann wollen wir lieber gleich heute mit dem Spiel aufhören.« Ohne selbst recht zu wissen, was sie da alles sagte, während sie sich mit den Worten überstürzte und ihm keine Zeit gab, sie zu unterbrechen, hatte sie darauflos geredet. Nun hielt sie erschöpft inne, und schweigend standen sich die beiden gegenüber. Hans Arnim viel mehr erstaunt und verwundert, als irgendwie betroffen durch die Vorwürfe, die sie ihm machte. Er wurde den Gedanken nicht los, daß ihre ganze Rede weiter nichts sei als ein Vorwand, um ihm das zu verheimlichen, was sie in Wirklichkeit beschäftigte, und so sagte er sich denn fortwährend im stillen: ›Da stimmt irgend etwas nicht.‹ Aber was das war, wußte er jetzt im Augenblick doch nicht. Er nahm sich auch nicht die Zeit, darüber nachzudenken, denn nun bedrückte es ihn doch, daß es plötzlich mit dem Spiel, wie sie es nannte, vorbei sein solle, und so meinte er denn jetzt, wenn auch sehr gegen seine Überzeugung: »Ich sehe es ein, gnädiges Fräulein, es war wirklich unrecht von mir, wenn auch nur im Scherz so zu Ihnen zu sprechen. Daß ich nicht im Ernst daran glaubte, Sie würden sich von mir küssen lassen, brauche ich Ihnen doch wohl nicht erst zu sagen. Und darum und deshalb liegt doch für Sie auch gar keine Veranlassung vor, mich schon 241 heute aus der Kerkerzelle zu entlassen, wie Sie das damals nannten. Ich habe mich in der so froh und glücklich gefühlt, ich meine natürlich so elend und so einsam, ich habe derartig sehnsüchtig durch die vergitterten Fenster in das Freie geblickt und mir so heiß den Augenblick herbeigewünscht, in dem die eiserne Tür sich mir wieder öffnen würde, daß es für mich geradezu eine Belohnung wäre, wenn Sie mich jetzt schon befreiten und nicht wahr, die habe ich doch nicht um Sie verdient?« »Nein, ganz gewiß nicht,« stimmte sie ihm erregt bei, »ich will mir deshalb auch nochmals überlegen, ob ich meine Worte von vorhin aufrecht erhalte, aber für heute ist mir die Lust vergangen, weiter mit Ihnen zu plaudern. Ich möchte nach Hause, ich habe Kopfschmerzen.« Und wirklich sah Kitty blaß und elend aus, so daß er es nicht wagte, sie zurückzuhalten, als sie sich gleich darauf mit ein paar kurzen Worten von ihm verabschiedete, ohne ihm wie sonst ein »auf baldiges Wiedersehen« zuzurufen und ohne seine Begleitung, die er ihr anbot, anzunehmen. »Da stimmt etwas nicht,« sagte er sich auch jetzt im stillen, als er ihr nachsah, dann verließ auch er seinen Platz, um sich noch etwas unter die anderen jungen Damen und Herren zu mischen und um noch mit denen zu plaudern, aber als er näher herantrat, mußte er bemerken, daß die meisten sich schon entfernt hatten. Auch Maria Elisabeth war schon gegangen, ebenso der Kürassier, und die wenigen Paare, die noch plaudernd zusammenstanden, waren ebenfalls im Begriff, aufzubrechen früher als sonst, und das lag daran, daß heute tatsächlich keine rechte Flirtstimmung aufgekommen 242 war, ohne daß Hans Arnim wußte, daß das einzig und allein die Schuld seiner kleinen Rede war. Zehn Minuten später lag der Tennisplatz vereinsamt da. Als die Letzten waren Fräulein Viki und ihre beiden Courmacher gegangen, nachdem Viki ihnen beiden nochmals zugerufen hatte: »Ich bin nur neugierig, wer von Ihnen bis morgen Mittag sein Versprechen nicht gehalten hat!« Nun schritten die beiden Freunde und Konkurrenten schweigend nebeneinander dahin. Keiner von ihnen sprach, das tat auch nicht nötig, jeder wußte genau, daß der andere dasselbe dachte wie er: »Daß Viki uns gerade diese Prüfung auferlegte, ist mehr als hart, und wir hätten besser getan, sie um eine andere Probe zu bitten, als diese so ruhig hinzunehmen. Nun ist es zu spät, nachträglich können wir Viki nicht mehr umzustimmen versuchen, das sähe ja so aus, als würde es uns schwer fallen, ihretwegen das Rauchen zu lassen. Das dürfen wir ihr nicht einmal andeuten, denn sonst würde sie mit vollem Recht an unserer Liebe zweifeln. Aber bitter war es doch, nicht mehr rauchen zu dürfen! Sie beide waren zu sehr daran gewöhnt und so griffen sie denn plötzlich wie auf Kommando in ihre Rocktaschen und gleich darauf hielt der eine seine geliebte Zigarre und der andere seine Zigarette zwischen den Lippen, aber sie rauchten natürlich kalt. Groß war der Genuß ja nicht, aber es war doch wenigstens ein eingebildeter! Und auch als sie in ihrem Bürgerquartier in dem gemeinsamen Wohnzimmer zu Abend gegessen hatten, setzten 243 sie das kalte Rauchen fort, bis Natzel plötzlich meinte: »Weißt du, Ratzel, wir haben eigentlich alle Ursache, Fräulein Viki sehr dankbar zu sein, daß sie uns das Rauchen, wenn auch nur vorübergehend, abgewöhnen will. Wenigstens bin ich ihr dafür sehr dankbar, mir ist das Rauchen in der letzten Zeit gar nicht mehr besonders gut bekommen. Aber davon ganz abgesehen, wenn ich ihr dieses Opfer nicht brächte, wie könnte ich ihr da beweisen, daß ich sie noch mehr liebe als du.« »Wenn du dich da mit dem Nochmehrlieben nur nicht irrst,« verteidigte Ratzel sich, »und wenn du das alles eben nur nicht deshalb sagtest, um dich selbst darüber hinwegzutäuschen, wie schwer es dir wird, den Tabak zu entbehren.« Da hatte der Freund vollständig recht, Natzel litt Tantalusqualen, aber trotzdem lachte er jetzt anscheinend völlig ungezwungen auf: »Das sollte mir schwer fallen? Im Gegenteil, das wird mir so leicht, wie ich es gar nicht für möglich gehalten hätte, sicher sehr viel leichter als dir.« Diesesmal lachte Ratzel hell auf, wenn auch ihm dieses Lachen absolut nicht von Herzen kam, dann meinte er: »Wenn du dich nur nicht irrst, Natzel, ich denke gar nicht an das Rauchen, nun aber entschuldige mich bitte einen Augenblick, ich komme gleich wieder.« »Ach so, ich verstehe,« gab Natzel zur Antwort, »aber das sage ich dir gleich, Ratzel, da wo du jetzt hingehst. da gehe ich unmittelbar nach dir auch hin, und wenn ich rieche, daß du da heimlich ein paar Züge geraucht hast –« »Wie kannst du nur so etwas von mir glauben,« fiel ihm der andere schnell in das Wort, »aber wenn du mir 244 eine solche Niederträchtigkeit zutraust, kann ich ja zum Beweise, daß ich gar nicht an so was dachte, auch hier bleiben.« Wieder herrschte eine ganze Weile Schweigen, bis Natzel fragte: »Sag mal, Ratzel, was macht man denn eigentlich so den ganzen Abend, wenn man nicht rauchen darf?« Das wußte der auch nicht, aber trotzdem meinte er: »Gott, man unterhält sich, man liest die Zeitung oder ein gutes Buch, oder noch besser, man geht sehr früh zu Bett.« Das taten die beiden in dem gemeinsamen Schlafzimmer denn auch, aber als sie sich niedergelegt hatten, fragte Ratzel den Kameraden: »Du, Natzel, in der Hinsicht kann ich mich doch wohl auf dich verlassen, daß du nachher, wenn ich eingeschlafen bin, nicht heimlich aufstehst und nebenan oder sonst wo zu rauchen anfängst?« »Das ist doch ausgeschlossen,« verteidigte sich der andere, »vorausgesetzt natürlich, daß ich mich in der Hinsicht auf dich verlassen kann.« »Das ist doch selbstverständlich,« rief Ratzel beleidigt, »denn ich liebe Fräulein Viki über alles.« »Das tue ich erst recht,« meinte Natzel. »Na also, da sind wir uns ja einig, denn gute Nacht.« »Gute Nacht!« klang es zurück, aber einschlafen konnten sie beide nicht, einmal, weil es noch so früh am Tage war, dann aber auch, weil sie vor Sehnsucht nach der Zigarre und der Zigarette fast vergingen. Ruhelos warfen sie sich in den Kissen hin und her, bis Natzel endlich fragte: »Warum bist du denn immer noch nicht eingeschlafen?« »Warum bist du immer noch nicht eingeschlafen?« erkundigte sich Ratzel. 245 »Weil du so unruhig daliegst, da kann doch kein Mensch den Schlaf finden,« lautete die Antwort. »Da werde ich mich also nun still verhalten und deshalb nochmals gute Nacht.« Still und regungslos lag Ratzel nun da, beide wünschten und ersehnten den Schlaf, aber es dauerte lange, bis der kam. Endlich schliefen sie ein und da träumte dem Ratzel, der Natzel schliefe gar nicht, der sei längst aufgestanden, der säße im Zimmer nebenan und qualme darauflos, was das Zeug halten wolle. Das war ja nur ein Traum, aber er wurde doch von dem wach, und als er das elektrische Licht neben seinem Bette anknipste, war das Bett von Natzel tatsächlich leer. Und als er mit einem Satz aus dem Bett sprang und in das Wohnzimmer trat, schlug ihm von dort ein solcher dichter Tabaksqualm entgegen, daß er den Kameraden zuerst kaum zu bemerken vermochte, bis er ihm dann aber strafend zurief: »Na, du bist mir der Richtige, du kannst so bleiben. Wenn das deine ganze Liebe für Fräulein Viki ist, wird die morgen ein schönes Gesicht machen, wenn die davon erfährt.« Der andere bekam es mit der Angst und so rief er denn jetzt: »Du wirst doch nicht etwa so niederträchtig sein wollen, mich bei Fräulein Viki zu verpetzen? Wenn du durch solche Angeberei ihre Liebe erringen willst, dann solltest du dich schon jetzt schämen.« »Aber wenn sie dich nun selber fragen sollte, dann kannst du sie doch nicht belügen?« »Das werde ich auch selbstverständlich nicht tun, und 246 damit ich nicht der Alleinschuldige bin, gibt es nur eins. du mußt jetzt auch rauchen.« »Ich denke ja gar nicht daran,« lehnte Ratzel ab, bis er von seinem Rauchhunger geplagt plötzlich zu der Einsicht kam, es wäre wirklich sehr unkameradschaftlich gehandelt, wenn er sich dadurch bei Viki in ein gutes Licht zu setzen versuchen wollte, daß er den anderen allein schuldig erscheinen ließ. Denn wenn die ihn fragen würde: ›Geben Sie der Wahrheit die Ehre, ist es Ihnen wenigstens leicht geworden, mir dieses kleine Opfer zu bringen?‹, dann mußte er der Wahrheit gemäß antworten: ›Da ich an keiner Zigarre saugen durfte, habe ich an den zehn Fingern gesaugt, noch einen Tag ohne Tabak und ich bin ein kranker Mann‹. So zündete denn auch er sich jetzt seine Zigarre an, und die beiden Freunde qualmten um die Wette. Trotz des schlechten Gewissens, das sie beide vor Fräulein Viki hatten, schmeckte ihnen der Tabak glänzend, bis Ratzel nun doch meinte: »Sag mal, Natzel, beantworte mir bitte eine Frage, aber so ehrlich, wie du nur kannst.« »Ich weiß schon, was du mir sagen willst,« fiel ihm der andere in das Wort, »und dieselbe Frage wollte ich an dich richten, schon vorhin, als wir noch im Bett lagen. Aber du hättest du mich natürlich belogen, oder wenn auch nicht gerade mich, so doch dich. Nun aber, da wir hier rauchend beisammen sitzen, sag mal, Ratzel, kannst du es mit gutem Gewissen beschwören, daß du Fräulein Viki wirklich lieber hast als alles andere aus der Welt, noch lieber als deine Zigarre?« 247 »Willst du mir als Antwort eine Gegenfrage erlauben?« bat Ratzel, »hast du Fräulein Viki wirklich lieber als alles andere auf der Welt, noch lieber als deine Zigarette?« »Ja, das habe ich und gerade deshalb bin ich doch nur aufgestanden, um zu rauchen.« Ratzel blickte ganz verwundert auf, dann meinte er: »Das verstehe ich wirklich nicht, das ist mir zu hoch.« »Und doch ist die Sache so furchtbar einfach, Ratzel,« meinte Natzel. »Sieh mal, Ratzel, wenn man einem Menschen ein Opfer bringen soll, dann muß das doch auch wirklich eins sein, dann muß einem dieses Opfer schwerfallen, denn sonst ist es eben kein Opfer. Na und ob ich rauche oder nicht, das ist mir vollständig gleich. Das ist mir vorhin im Bett klar geworden, da sagte ich mir: ›es wird dir doch eigentlich wahnsinnig leicht, das Rauchen zu lassen, so leicht, daß es dir sehr viel schwerer fallen würde, zu rauchen, das auch schon deshalb, weil du das eigentlich nicht darfst. Wenn du also trotzdem rauchst, dann bringst du Viki dadurch ein viel größeres Opfer, als wenn du weiter auf das Rauchen verzichtest‹. Nicht wahr, das ist dir doch soweit klar?« »Das hast du dir ja sehr schön ausgedacht,« meinte Ratzel, »wenn man dich so sprechen hört, könnte man beinahe glauben, du hättest recht. Aber daß du es nicht hast, weißte du selbst am besten, da du bei deiner Schlußfolgerung von einer falschen Voraussetzung ausgehst.« »Das schadet aber nichts, wenn nur das Endergebnis richtig ist,« verteidigte Natzel sich, »davon aber ganz abgesehen, durfte Fräulein Viki dieses Opfer, das für uns beide keins war, gar nicht erst von uns verlangen, sie mußte im 248 voraus wissen, daß wir beide die auferlegte Prüfung mit der höchsten Auszeichnung bestehen würden.« »Das hätte ich selbstverständlich auch getan, wenn ich nicht aus Kameradschaft zu dir –« »Du brauchst das gar nicht weiter zu begründen, Ratzel, ich glaube dir das auch so,« fiel Natzel ihm schnell in das Wort, »und nun stelle dir mal vor, wir hätten nach Ablauf der verlangten vier Wochen Fräulein Viki erklärt: ›Wir beide haben Ihren Wunsch erfüllt!‹ Dann wäre Fräulein Viki genau so klug gewesen wie vorher. Dann wüßte sie auch dann noch nicht, wer von uns beiden sie am meisten liebt, und sie selber hätte auch nicht gewußt, wen von uns beiden sie wiederlieben solle, da wir beide ihr den verlangten Beweis unserer Liebe erbrachten. Darum und deshalb muß diese Streitfrage auf eine andere Weise gelöst werden, und ich habe mir auch schon überlegt wie. Wir beide werden uns nie darüber einig, wer von uns Fräulein Viki heiraten soll, da muß also die das entscheiden, und damit sie es kann, müssen wir beide für kurze Zeit verreisen. Urlaub werden wir schon bekommen, und wenn wir fort sind, kann Fräulein Viki sich daraufhin prüfen, wen sie von uns beiden am meisten vermißt und dem dann schreiben.« »Auf den Brief freue ich mich schon heute,« warf Ratzel glückselig ein. »Und ich mich erst!« stimmte Natzel ihm bei. »Ich habe ja zwar schon manchen Liebesbrief bekommen –« »Glaubst du etwa, ich nicht?« fragte Ratzel beleidigt. »Das mag schon sein,« meinte Natzel, »aber einen 249 solchen Brief, wie ich ihn von Fräulein Viki bekommen werde –« »Oder ich,« unterbrach Ratzel den Freund. »Das bleibt abzuwarten, Ratzel, aber darum handelt es sich jetzt weniger, sondern nur darum, ob du meinem Vorschlage beistimmst. In diesem Falle könnten wir schon heute mittag Urlaub erbitten und abends abreisen. Wohin ist völlig gleichgültig, wir müßten nur Fräulein Viki unsere Adresse hinterlassen. Am besten geben wir ihr beide eine adressierte Postkarte, auf die wir selbst schon die Worte geschrieben haben: »Werden Sie noch lange fortbleiben?« Da braucht Viki nur mit ihrem Namen zu unterschreiben. Wer von uns beiden die Karte erhält, der weiß Bescheid. Ist dir das so recht?« »Schön, meinetwegen,« stimmte Ratzel nach kurzem Besinnen bei, »nur möchte ich vorschlagen, daß wir die Sache noch um vierundzwanzig Stunden verschieben, damit wir heute nachmittag Fräulein Viki unseren Plan unterbreiten und von der hören, ob sie mit dem einverstanden ist. Ist das der Fall, dann können wir morgen fahren.« »Na, gut, abgemacht,« meinte Natzel, »das wollen wir so tun. Aber ob wir uns nun nicht wieder niederlegen? Mein Rauchbedarf ist bis zum Morgenkaffee gedeckt.« »Und der meine auch.« »Also dann gute Nacht!« Gleich darauf krochen die beiden wieder in ihre Betten, um nun endlich auch den Schlaf zu finden und um beide von Viki zu träumen. Und wie diese von Viki, so träumte Viki von ihnen. Die 250 hatte sich den ganzen Abend schwere Vorwürfe gemacht, von den beiden ein so großes Opfer verlangt zu haben, denn als sie nach Hause kam, traf sie vor dem Tor den stellvertretenden Stabsarzt, der dienstlich bei ihrem Vater zu tun hatte. Der Arzt, der sich gerade ein Zigarre angezündet hatte, stand ein paar Minuten mit ihr im Gespräch zusammen, und als er ihr da versehentlich einmal den Rauch in das Gesicht blies, tat sie auch ihm gegenüber, als verstände sie nicht, wie ein Mensch rauchen könne und fragte, warum er sich das nicht abgewöhne. Das müsse doch sehr leicht sein, man würfe die Zigarre einfach fort und stecke sich keine neue an, damit sei der Fall erledigt.« Aber der Arzt hatte sie eines anderen belehrt und sie darüber aufgeklärt, so einfach sei das denn doch nicht. Ein Raucher, der an das Nikotin gewöhnt sei, könne ernstlich erkranken, wenn er dieses Gift plötzlich seinem Körper entzöge. Aber das nicht allein, es könnten nicht nur körperliche Beschwerden eintreten, sondern unter Umständen auch ein Nachlassen der geistigen Funktionen. Ja, es sei sogar mehr als einmal vorgekommen, daß starke Raucher, die ihre Leidenschaft hätten aufgeben müssen, Selbstmord verübten. Viki war es bei diesen Worten himmelangst geworden, und als sie wieder allein war und erst recht, als sie sich am Abend niedergelegt hatte, wurde sie die Gewissensbisse nicht los und sie nahm sich fest vor, gleich morgen nachmittag den beiden zuzurufen: »Tun Sie mir den einzigen Gefallen und rauchen Sie wieder darauflos, ich will nicht schuld sein, daß Sie erkranken.« Mit diesem guten Vorsatz schlief sie endlich ein, aber dann 251 träumte sie: Sie stand am nächsten Nachmittag auf dem Tennisplatz und wartete auf Natzel und Ratzel, aber die kamen und kamen nicht. Als sie aber endlich doch erschienen, waren sie beide tot. Sie lagen nicht auf einer Bahre, sondern sie standen, zwei Totengerippe, vor ihr, fest aneinandergelehnt, damit sie nicht umfielen, und jeder von ihnen trug an der Stirn eine Schußwunde, aus der auch nun noch das Blut heraussickerte. Mit Totenaugen blickten die beiden sie an, aber selbst aus diesen starren Augen sprach noch der Vorwurf: Warum hast du uns in den Tod getrieben? Da packte sie das Entsetzen, aber auch das Mitleid um die so früh Verstorbenen und sie fiel vor ihnen beiden auf die Knie, um sie um Verzeihung zu bitten, schon damit sie wieder lebendig wurden. Aber die blieben tot, es kam ihr sogar so vor, als würden sie immer noch töter, bis Viki plötzlich laut aufschluchzend Natzels Hände erfaßte und diesem zurief: »Natzel, mein Natzel, wenn ich Euch beiden das Leben nicht wieder zurückgeben kann, dann werde du mir wenigstens wieder lebendig, wenigstens du, denn nun, da Ihr beide tot seid, weiß ich es, dich, meinen Natzel, würde ich viel mehr entbehren, als den Ratzel, ohne dich könnte ich gar nicht mehr leben.« »Das ist ja außerordentlich schmeichelhaft für mich,« erklang da zu ihrem Entsetzen Ratzels Stimme, aber als sie nun in die Höhe sah, da waren beide wieder lebendig geworden, und der Natzel beugte sich über sie, um sie zu küssen und sie küßte ihn wieder, bis sie sich nach Ratzel umsah. Aber der war spurlos verschwunden und zum erstenmal, da sie nun mit Natzel allein war, sehnte sie sich nicht 252 nach Ratzel und zum erstenmal glaubte sie auch nicht, daß Ratzel doch netter sei als der Natzel, nein, da wußte sie, der Natzel war der Allernetteste, nicht nur von den beiden, sondern überhaupt von allen Männern. Und abermals ließ sie sich von ihm küssen, bis sie erwachte. Da war sie zuerst sehr traurig, daß alles nur ein Traum gewesen sei, dann aber, in der Stille der Nacht, prüfte sie ihr Herz noch einmal und immer wieder sagte sie vor sich hin: »Mein Natzel, mein Natzel.« So sah sie denn dem Nachmittag voller glückseliger Ungeduld entgegen, nur eins bedrückte sie zuweilen, wie es der Ratzel ertragen würde, wenn sie dem Natzel zu verstehen gab, daß sie ihn liebe, aber auch nur ihn. Wie würde Ratzel die Botschaft und die Wahl, die sie getroffen hatte, aufnehmen? Aber alle ihre Befürchtungen erwiesen sich zunächst als grundlos, denn kaum hatte sie, von ihren beiden Courmachern bereits voller Ungeduld erwartet, den Tennisplatz betreten, als diese ihr auch sofort den in der schlaflosen Nacht entworfenen Plan unterbreiteten und ihr dann auch gleichzeitig zwei adressierte und frankierte Postkarten überreichten: »Wenn Ihr Herr Vater uns den Urlaub gibt, gnädiges Fräulein, woran wir nicht zweifeln, setzen wir uns gleich morgen in die Bahn und fahren nach Dresden auf den Weißen Hirsch. Uns ist eingefallen, daß dort verschiedene unserer Kameraden weilen, die wollen wir besuchen, und wohin wir fahren, ist ja auch ganz gleichgültig, nur fort von hier, damit Sie, gnädiges Fräulein, fern von Madrid, fern von uns, oder noch besser gesagt, wir fern von 253 Ihnen, darüber nachdenken können, wen Sie von uns beiden am meisten vermissen.« Das war eine ziemlich lange Rede, die dadurch nicht verständlicher wurde, daß die beiden Freunde zuweilen gleichzeitig sprachen, um sich dann wieder gegenseitig zu unterbrechen. Aber den Sinn verstand Viki trotzdem und sie freute sich für Ratzel darüber, daß er auf diese Art nicht dabei sein würde, wenn sie Natzels Werbung annahm. Trotzdem aber meinte sie, als die beiden endlich mit ihren Auseinandersetzungen fertig waren, anscheinend nur belustigt: »Ich mache Ihnen mein Kompliment, meine Herren, das haben Sie sich ja wirklich sehr bequem und einfach ausgedacht. Anstatt daß Sie mir beweisen, wem von Ihnen ich ernstlich glauben kann, wenn Sie beide mir fortwährend etwas vorschwärmen, anstatt mir den Beweis zu erbringen: »gnädiges Fräulein, ich bin derjenige, welcher,« verlangen Sie von mir, daß ich meine Wahl zwischen Ihnen treffen soll. So haben wir aber nicht miteinander gewettet,« und neckend und übermütig setzte sie hinzu: »Wie sollte ich auch wohl dazu kommen, Ihren Wunsch zu erfüllen und einem von Ihnen diese Postkarte zu schicken? Da müßten Sie mir doch zum mindesten vorher, wenn auch nur im Scherz, einen offiziellen Antrag gemacht haben, damit ich weiß, wen von beiden ich erhören soll.« »Wenn es weiter nichts ist, gnädiges Fräulein!« rief da statt des Natzel zu Vikis Schrecken Leutnant Ratzel, » den Antrag können Sie sofort haben, wenigstens von mir, gnädiges Fräulein, ich habe zwar auf diesem Gebiet noch keine Erfahrungen und weiß nicht rechte wie man 254 das macht, aber trotzdem, nun sollen Sie mal was erleben. Ich mache nur zur Bedingung, daß Natzel mich nicht fortwährend unterbricht.« Auch der war erschrocken zusammengefahren, als Ratzel sich sofort bereit erklärte, um Viki anzuhalten, da aber hatte die ihm leise und verstohlen mit schelmisch lachenden Augen einen kurzen, raschen Blick zugeworfen, in dem geschrieben stand: »Fürchte dich nicht, dazu hast du keine Veranlassung.« – Wenigstens glaubte er, das in ihren Augen zu lesen, aber ob er sich da nicht irrte? Auf jeden Fall schlug sein Herz so unruhig wie nie zuvor und es wurde ihm nicht leicht, dem Freunde das verlangte Versprechen zu geben, denn wer konnte wissen, ob der nicht doch das richtige Wort fand, um Viki für sich zu gewinnen. So wartete er denn voll ängstlicher Spannung auf das, was Ratzel sagen würde, und der begann jetzt mit ernster, feierlicher Stimme: »Hochverehrtes gnädiges Fräulein!« Aber weiter kam er nicht, denn Viki rief ihm tadelnd, aber zugleich hell auflachend zu: »Aber Herr Leutnant Ratzel, was fällt Ihnen denn ein? So fängt man doch keinen Antrag an. Ich habe zwar auf dem Gebiet auch noch keine Erfahrung, aber so viel weiß ich doch, der muß ganz anders beginnen. Sie machen ja eine Überschrift, als wenn Sie mir einen Brief schreiben, oder als wenn Sie sonst eine Rede auf mich halten wollten, die mit den Worten endet: ›Fräulein Viki von Aschenbach, die Tochter unseres allverehrten Herrn Oberst und Garnisonältesten, sie lebe hurra, hurra, hurra!‹ Nein, so geht das nicht.« Ratzel stand ganz verdutzt da, denn wenn es ihm auch 255 tatsächlich an jeder Erfahrung auf diesem Gebiet fehlte, so viel wußte er doch, daß es nicht sehr vielverheißend war, wenn er gleich zu Beginn seines Antrages ausgelacht wurde. Aber immerhin besser, zu Beginn als zum Schluß ausgelacht zu werden. So begann er denn nach einer kleinen Pause abermals: »Gestatten Sie mir also bitte, gnädiges Fräulein, Ihnen ohne jede weitere Überschrift zu sagen, was ich auf dem Herzen habe, und ich glaube, ich brauche da nicht erst viele Worte zu machen?« »Da irren Sie sich aber gewaltig,« unterbrach ihn Viki abermals lustig, »Sie sollen sogar sehr viele Worte machen. Sie dürfen da aber natürlich nicht in die allgemeinen Redensarten verfallen, die da ungefähr lauten: ›Von der Minute an, da ich Ihnen zum erstenmal begegnete, habe ich keinen anderen Gedanken, als nur den Sie für mein Leben zu gewinnen. Ihre Nähe entflammt mich, jeder Blick Ihrer Augen, jedes Wort, das Sie zu mir sprechen, löst ein unbeschreibliches Gefühl des Glückes und der Seligkeit in mir aus‹ – und wie das so weiter geht, wenn ein Ladenjüngling seiner Herzallerliebsten seine Liebe gesteht. Mit solchen banalen Worten haben Sie bei mir kein Glück, Herr Leutnant, nicht einmal im Scherz, das sage ich Ihnen gleich, da müssen Sie sich geistig schon mehr anstrengen.« »Aber das geht doch nicht so ohne weiteres,« verteidigte Ratzel sich, der trotz allem immer noch nicht die Hoffnung aufgab, Viki zu gewinnen, »das muß man sich doch erst in Ruhe überlegen.« »Schön, dann überlege dir das mal,« stimmte Natzel ihm nun schnell bei, »vielleicht beurlaubt dich das gnädige 256 Fräulein für eine Viertelstunde, oder wie lange du sonst brauchst.« »Länger auf keinen Fall,« rief Ratzel, »aber das sage ich dir gleich, Natzel, wenn du meine Abwesenheit dazu benutzt, um dem gnädigen Fräulein nun auch deinerseits einen Antrag zu machen –« »Bitte sehr,« fiel Natzel ihm in das Wort, »das ist mein gutes Recht,« und auch Viki meinte: »Wie soll ich wohl wissen, welche Worte mir am besten gefallen haben, wenn ich Sie nicht beide anhöre. Also denken Sie sich nur etwas recht Hübsches aus, Herr Leutnant Ratzel, damit Sie dann hinterher als der preisgekrönte Redner dastehen.« »Das werde ich auch, gnädiges Fräulein,« meinte Ratzel, »nun entschuldigen Sie mich also bitte für wenige Minuten.« Gleich darauf ging er ganz in Gedanken versunken davon, ohne sich irgendwie durch das Treiben auf dem Tennisplatz in seinem Grübeln stören zu lassen. Viki und Natzel blieben allein zurück. War Natzel verwirrt und unruhig, so war Viki es erst recht, aber trotzdem meinte sie anscheinend völlig unbefangen und lustig: »Na, Herr Leutnant, nun bin ich aber wirklich begierig, wie Sie die Sache anfangen werden. Aber erst kommen Sie, wir haben schon lange genug gestanden; wenn es Ihnen recht ist, setzen wir uns dort drüben etwas auf die kleine Bank.« Das taten sie denn auch und kaum hatten sie es getan, als Natzel Vikis rechte Hand ergriff. »Aber was machen Sie da nur?« fragte Viki, nun, da die Entscheidung nahte, doch mehr als verlegen. »Ich stelle die Verbindung zwischen uns her, gnädiges Fräulein,« gab er zur Antwort, »Sie sitzen zwar 257 unmittelbar neben mir, aber doch vorläufig nur mit Ihrem Körper, nicht mit Ihren Gedanken, und deshalb müssen Sie mir nicht nur Ihre Hand lassen, sondern Sie müssen mir auch erlauben, die leise zu streicheln.« »Aber warum denn das?« rief sie verwirrt. »Die Verbindung ist doch nun da.« »Ist sie das wirklich?« fragte er erfreut. »Aber trotzdem, gnädiges Fräulein, die Verbindung könnte wieder gestört werden, oder das Fräulein auf dem Amt könnte plötzlich auf den Gedanken kommen, abzuklingeln. Da ist es schon besser so.« Und abermals streichelte er ihre Hand, bis er endlich, ohne sie dabei anzusehen, zu sprechen begann, wenn auch nicht in origineller Weise, wie Viki das von Ratzel verlangt hatte, nur, um diesen nicht zu Wort kommen zu lassen. Er sprach ihr von seinem bisherigen Leben, wie er immer ein flotter, frischer, übermütiger Leutnant gewesen sei, der es nicht für möglich gehalten hätte, daß ihm jetzt schon bei seinen doch erst fünfundzwanzig Jahren ein junges Mädchen so gefährlich werden könne, daß auch nur vorübergehend der Gedanke in ihm wach werden solle, ihr seine bisherige Freiheit zu opfern. Da aber habe er sie kennen gelernt: »Ich will Ihnen in diesem Augenblick nichts vorlügen, gnädiges Fräulein, und Ihnen nicht erzählen, daß ich auf den ersten Blick in Sie verliebt war. Sie waren mir zuerst weiter nichts, als eine der vielen hübschen jungen Damen, die ich hier täglich sah. Ziemlich achtlos ging ich sogar an Ihnen vorüber, aber dann fand ich nach und nach an Ihnen ein immer größeres Gefallen, nicht nur an Ihrer äußeren Erscheinung, sondern auch an 258 Ihrem Wesen. Und eines Morgens erwachte ich und war in Sie verliebt. Ich war es natürlich schon längst gewesen, aber ich hatte es nur nicht bemerkt, jetzt aber war die Leidenschaft desto stärker in mir erwacht.« So sprach er noch eine ganze Weile auf sie ein, bis er mit den Worten schloß: »Sie wissen nun, gnädiges Fräulein, wie es um mich bestellt ist, und wenn der Ratzel und ich morgen abgereist sind und wenn Sie sich dann prüfen, wen Sie von uns beiden am meisten entbehren, dann denken Sie bitte an alles, was ich Ihnen eben sagte. Nichts liegt mir natürlich ferner, als den Freund durch meine Worte aus Ihrem Herzen verdrängen zu wollen, Sie werden ja hören, was der Ihnen nachher zu sagen hat.« Da kam Ratzel auch schon angestürmt mit einem glückstrahlenden Gesicht, ihnen beiden von weitem zurufend: »Ich hab's, Herrschaften, ich hab's, und das sage ich Ihnen gleich, gnädiges Fräulein, wenn Sie auf die Liebeserklärung nicht hineinschliddern, dann –« Aber mitten im Satz hielt er inne, als er nun näher gekommen war und unmittelbar vor ihnen stand, denn nun sah er, was die beiden selbst nicht wußten, daß sie immer noch Hand in Hand dasaßen. Aber das nicht allein, er bemerkte in Vikis Zügen und in deren Augen einen solchen Abglanz des Glückes und der Seligkeit, daß ihm tatsächlich das Wort in der Kehle stecken blieb, denn er wußte, der Kamerad hatte den Sieg davongetragen. Nicht, weil die Liebeserklärung, die er losließ, mit der neuen, die er sich ausdachte, auch nur im entferntesten einen Vergleich ausgehalten hätte, sondern weil Viki sich auch ohne viele Worte für den entschieden haben mußte. Das gab ihm einen 259 mordsmäßigen Ruck durch den ganzen Körper, ihm war zumute, als fiele er von der höchsten Spitze eines hohen Baumes in den tiefsten Abgrund eines unermeßlich tiefen Brunnens. Aber trotzdem durfte er das, was er empfand, nicht verraten, das war er sich selber schuldig, und so meinte er denn jetzt anscheinend nur verstimmt und verärgert: »Aber Herrschaften, das hättet Ihr mir doch eher sagen können, da hätte ich mir die Mühe erspart, mir derartig meinen Schädel anzustrengen. Ich habe nachgedacht, daß mir wenigstens zehn Haare ausgefallen sind.« »Die werden schon wieder wachsen,« tröstete Natzel den Kameraden. »im übrigen ist es tatsächlich noch nicht so weit, wie du zu glauben scheinst. Ich habe zwar dem gnädigen Fräulein mein Herz ausgeschüttet, aber daß Fräulein Viki mir bisher die Hand ließ, ist noch kein Beweis dafür, daß ich sie auch für immer behalten darf. Das wird sich erst entscheiden, wenn wir abgereist sind.« »Das glaubst du wohl selber nicht,« widersprach Ratzel, dem selbst diese Worte des Freundes keine Hoffnung mehr machten, »und selbst wenn wir reisen, dann bekomme ich ganz gewiß nicht die Karte, auf der geschrieben steht: »Wann kehren Sie zurück?« »Doch, Herr Leutnant Ratzel,« nahm Viki jetzt das Wort, ihre Hand aus der des Geliebten lösend. Und aus ihrer Bluse die Karten hervornestelnd, meinte sie abermals: »Sie bekommen die Karte totensicher, Herr Leutnant Ratzel, und damit Sie mir auch glauben, gebe ich Sie Ihnen schon jetzt, hier ist sie.« So ernst, so frei von jedem Schalk und Übermut sah sie 260 ihn dabei an, daß er sie gar nicht begriff. Sollte er doch der Glückspilz sein, für den sie sich entschied? Hatte sie mit Natzel nur deshalb Hand in Hand dagesessen, um den darüber hinwegzutrösten, daß sie seine Neigung nicht erwidere? Hatte das Glück in ihren Augen nur dem Gedanken an ihn gegolten? Schön war's, wenn es so wäre, dachte er im stillen, aber er vermochte sich doch nicht zu diesem Glauben durchzuringen und so fragte ersetzt: »Wie soll ich es verstehen, gnädiges Fräulein, daß Sie gerade mir die Karte schicken?« Da sah Viki ihn voll herzlichster Freundschaft an und rief ihm gleich darauf zu: »Weil Sie meinetwegen gar nicht erst fortzugehen brauchen, weil ich Sie als Freund nicht einen Tag missen möchte, wenn es nicht unbedingt sein muß, weil Sie mir fehlen würden, wenn Sie mir nicht auch in Zukunft, wenn auch nur im Scherz, weiter den Hof machten, und nicht wahr, Natzel, das darf er doch, oder würdest du da eifersüchtig werden?« Da hatten Natzel und Ratzel die Antwort, die sie aus Vikis Munde erwartet hatten, und während Natzel vor Freude von seinem Platz emporschnellte, trat Ratzel jetzt ganz dicht auf Viki zu, und beide warteten darauf, daß Viki sie küssen möge, den einen aus Liebe, den anderen aus Freundschaft. Und da Viki sah, daß ihr Natzel nicht die leiseste Spur von Eifersucht zeigte, da küßte sie jetzt nicht nur den Natzel, sondern auch den Ratzel, den küßte sie sogar zuerst, weil es ja der erste und der letzte Kuß war, den er von ihr erhielt und weil sie überglücklich war, daß sie den Natzel nicht nur einmal, sondern in Zukunft immer küssen durfte, so oft ihr danach zumute war. 261   VII. Der schöne Hugo saß in seinem Hotelwohnzimmer und dachte darüber nach, was größer sei, die Freude, die ihn erfüllte, oder der Kummer, der ihn bedrückte. Sein getreuer Paul Paulsen würde gesagt haben: Die Sache war nämlich die! Auf der einen Seite winkte die frohe Gewißheit, daß er nach Angabe des Arztes spätestens in acht Tagen wieder garnisondienstfähig war, wenn es auch vorläufig noch nicht an den Feind ging. Er hatte dieses Faulenzerleben auch recht satt und er freute sich, nun bald wieder in einer Reitbahn zu stehen, das Schnauben und Stampfen der Pferde zu hören und jenes Parfüm einatmen zu dürfen, das ihm, dem Kavalleristen, von allen das liebste war und das da hieß: Pferdemist! Er fieberte förmlich vor Sehnsucht danach, endlich einmal wieder Reitunterricht erteilen zu dürfen. Seine Befürchtung, daß die Kavallerie ganz abgeschafft, oder wenigstens nur auf »Tauben« beritten gemacht werden solle, schien sich glücklicherweise doch nicht zu erfüllen. Aber in diese große Freude mischte sich ein fast noch größerer Schmerz. Es hieß Abschied nehmen von dieser hübschen, kleinen, ruhigen Stadt, die er schon deshalb lieb 262 gewonnen hatte, weil Maria Elisabeth hier wohnte. Ach ja, Maria Elisabeth! Er seufzte so schwer und tief auf, daß es plötzlich einen lauten Knacks gab und daß er im ersten Augenblick glaubte, sein Herz sei zersprungen. Aber als er sich dann vorsichtig betastete, war sein Herz doch noch heil geblieben und was da geknackt hatte, war lediglich das Gummi-Taillenband gewesen, das in seiner Litewka eingenäht war. Und nun, da er freie Bahn hatte, da kein Venusgürtel ihn mehr hinderte, da seufzte er noch einmal ganz tief auf: Maria Elisabeth! Was hatte es für einen Zweck gehabt, daß er sich damals, als er sich den Korb holte, schwur, sich nie wieder zu verlieben. Gehalten hatte er den Schwur doch nicht, erst verliebte er sich in Kitty, aber das mußte wohl nicht die richtige Liebe gewesen sein, denn sonst hätte er die nicht so schnell ertränken können, und nun liebte er Maria Elisabeth und zwar so gründlich, wie nie eine zuvor. Was sollte nur daraus werden? Daß er der vor seiner Abreise einen Antrag machte, war ausgeschlossen. Zum zweitenmale setzte er sich nicht der Gefahr aus, einen Korb zu bekommen, wenigstens in der Hinsicht wollte er sich treu bleiben. Und daß Maria Elisabeth selbst ihm bei dem Abschied um den Hals fiel und ihm zuflüsterte: »O bleib' bei mir und geh' nicht fort, an meinem Herzen ist der schönste Ort!« das war auch ausgeschlossen, das schon deshalb, weil er absolut nicht daraus klug werden konnte, ob sie etwas anderes für ihn empfände als Mitleid. Daß er ihr leid tat, bemerkte er immer aufs neue, er tat aber auch fast das 263 Menschenunmöglichste, um ihre Teilnahme stets von neuem zu erwecken. Er verdrehte die Augen, daß die ihm manchmal noch hinterher weh taten und er hatte sich vor dem Spiegel einen melancholischen Gesichtsausdruck einstudiert, der sich in jedem Panoptikum sehen lassen konnte. Ja, leid tat er ihr und er gedachte des alten Wortes: »Das Mitleid aber gebieret die Liebe.« Ob das aber auch auf Maria Elisabeth paßte? Mit keinem Blick hatte sie ihm jemals ähnliches verraten, so daß er oft in Versuchung war, mit Hans Arnim darüber zu sprechen. Der war täglich mit ihr zusammen, der mußte wissen, wie es in ihr aussah. Aber immer merkte er dann aufs neue, daß Hans Arnim jedem Versuch, mit ihm ein Gespräch über Maria Elisabeth zu führen, auswich. Das nahm er bald für ein sehr schlechtes, bald aber auch für ein sehr gutes Zeichen, das letztere deshalb, weil er zuweilen hoffte, Maria Elisabeth habe sich Hans Arnim anvertraut, ihn aber zugleich beschworen, es ihm, dem schönen Hugo, unter keinen Umständen zu verraten, wie sie über ihn dächte. Der schöne Hugo fühlte sich sehr unglücklich, und da er kein Gänseblümchen zur Hand hatte, zählte er an den Knöpfen seiner Litewka ab: »Liebt sie mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich.« Und doch wußte er genau, daß sie ihn auch heute liebte, er mußte nur mit dem Zählen richtig anfangen. Aber trotzdem er auch heute damit so begann, wie in den letzten Tagen, heute liebte sie ihn nicht, und als er ganz verdutzt und verstört darüber nachdachte, warum Maria Elisabeth ihre Gesinnung gegen ihn plötzlich geändert habe, da kam er auch schnell hinter den wahren Grund, ihm fehlte ein Knopf an der Litewka, und Paul Paulsen, 264 dieser Himmelhund, hatte vergessen, den wieder anzunähen. Der Knabe fing überhaupt an, in der letzten Zeit etwas bummlig zu werden, auch für den war es Zeit, daß er nun mit ihm zusammen bald von hier fortkam, schon damit die Wirtschaft mit den acht Bräuten endlich aufhörte. Nun klingelte er nach Paul Paulsen, damit der ihm den Knopf annähe und damit Maria Elisabeth ihn wieder liebe, aber als Paul Paulsen auf das Glockenzeichen hin erschien, trat der mit einem so verstörten Gesicht in das Zimmer, daß sein Herr ihm zurief: »Aber Paul Paulsen, was machst du denn nur für eine Visage, du hast wohl geschlafen und bist noch nicht ganz munter?« Aber der Kürassier schüttelte den Kopf: »Nein, Herr Leutnant, vom Schlafen bei Tage kann nicht die Rede sein, aber wenn der Herr Leutnant denn nun doch mal so freundlich sind und danach fragen, was ich habe – ich hätte ja gern schon längst mal mit dem Herrn Leutnant darüber gesprochen, aber ich traute mich noch nicht.« »Vor mir brauchst du doch aber keine Angst zu haben,« ermunterte ihn sein Herr, »also nur heraus mit der Sprache, was gibt es denn?« Der Kürassier stand eine ganze Weile nachdenklich da, dann kratzte er sich nach seiner Gewohnheit mit der Hand hinter dem rechten Ohr, bis er endlich meinte: »Die Sache ist nämlich die, Herr Leutnant.« Der schöne Hugo glaubte seinen Burschen ohne weiteres zu verstehen, und so rief er ihm denn nun zu: »Nee, Paul Paulsen, auf den Mondschein falle ich nicht wieder hinein, dafür danke ich, daß du mir zum zweitenmal aus der 265 Apotheke Blutegel holst und mir die zum ersten Frühstück servierst. Wenn deine Drina heute wieder mondsüchtig ist, dann laß sie nur allein spazieren gehen.« »Darum handelt es sich heute nicht, Herr Leutnant,« widersprach Paul Paulsen, »und wenn ich damals vernünftig gewesen wäre, hätte ich die freundliche Einladung, die Drina beim Mondenschein abzuknutschen, gar nicht angenommen. An dem Abend ist das Unglück gekommen. Wäre ich zu Hause geblieben, hätte ich doch heute wenigstens eine Braut, die nicht von mir geheiratet sein will.« Diesesmal verstand der schöne Hugo seinen Burschen wirklich und er wußte auch, ohne daß der das näher erklärte, warum alle Bräute geheiratet sein wollten, und so meinte er denn halb belustigt, halb entsetzt: »Paul Paulsen, wie konntest du aber auch nur?« Und dann fragte er: »Alle acht?« Aber Paul Paulsen schüttelte den Kopf: »Alle acht? Nein, Herr Leutnant, aber alle neun! Der Herr Leutnant müssen nämlich wissen, ich habe mir noch eine Braut angeschafft. Das mit den acht war doch so 'ne unsichere Sache. Das habe ich damals bemerkt, als die Dora verhindert war und als die Drina für sie einsprang, und wenn die sich damals nicht hätte freimachen können, wäre ich doch einfach aufgeschmissen gewesen. Da habe ich mir für alle Fälle eine Reservebraut angeschafft, die Olga. Ein sehr hübsches Mädchen, und was das Beste an ihr ist, sie hat augenblicklich keine Stellung, sie ist immer für mich frei, ich brauche ihr bloß zu pfeifen, wenn eine von meinen anderen Bräuten mal nicht abkömmlich ist.« 266 »Und da hast du nun alle neun glücklich, oder richtiger gesagt, unglücklich gemacht?« »Nein, Herr Leutnant, unglücklich fühlen die sich nun ganz gewiß nicht,« widersprach Paul Paulsen, »die wissen doch auch, was sie in dieser schweren Zeit dem Staate schuldig sind, aber trotzdem, ich habe nur noch einen Wunsch. Ich möchte mal dem Schulmeister Landwehrmann, der damals in der Wirtschaft erzählte, wir Kriegsurlauber seien eine staatserhaltende Notwendigkeit, abends im Dunklen, wenn uns keiner sieht und hört, unter vier Fäusten begegnen. Mit dem würde ich ein paar Backzähne sprechen, der brauchte in seinem ganzen Leben nicht wieder zum Zahnarzt zu gehen.« »Das glaube ich dir gern,« stimmte sein Herr ihm belustigt bei, »aber viel Zweck hätte es ja nicht, wenn du den so liebevoll verhautest; was geschehen ist, würde dadurch auch nicht ungeschehen werden. Sage mir lieber, wie willst du dich da aus der Geschichte herausziehen? Daß du alle deine neun Bräute heiratest, ist natürlich ein Unsinn, das werden die doch auch nicht von dir verlangen.« »Natürlich nicht, Herr Leutnant,« meinte Paul Paulsen, »die wollen zufrieden sein, wenn ich nur eine von ihnen heirate, weil jede natürlich im stillen hofft, daß sie diejenige sein wird, welche. Und ich will ja auch gern eine nehmen, Herr Leutnant, ich bin doch ein anständiger Mensch, und wenn ich nach dem Friedensschluß entlassen werde und wieder nach Hause gehe, auf dem Lande und in der Wirtschaft meines Vaters kann man immer 'ne tüchtige Frau gebrauchen. Und heute Abend soll ich mich nun entscheiden. 267 Meine sämtlichen Bräute haben sich frei gemacht. Um halb neun treffen wir uns, 'ne längere Frist wollten sie mir nicht stellen, weil sie fürchten, ich möchte eines Tages mit dem Herrn Leutnant abreisen und nicht wiederkommen. Na, ganz leicht wird es mir heute Abend nicht werden, denn es sind alle neun brave, anständige, fleißige und sparsame Mädchen, aber trotzdem kann es ja nur eine sein. Das sehen meine Bräute selbst ein. Die haben mir fest versprochen, auf die, für die ich mich entscheide, keine Spur von Eifersucht zu zeigen, und sie wollen mir auch keinen Vorwurf daraus machen, daß ich gerade die und nicht eine andere wählte.« »Na, dann wünsche ich dir heute Abend viel Vergnügen,« meinte sein Herr, bis er nach kurzem Besinnen hinzusetzte: »Ich will dir noch eins sagen, Paul Paulsen, und du kannst es deinen anderen Bräuten wiedererzählen. Du bist zwar in dieser Geschichte ein Windhund gewesen, aber sonst bist du wirklich ein anständiger Kerl. Aber ich will auch schon meinetwegen nicht, daß die anderen Bräute hinter dir her schelten. Ich bin ja glücklicherweise in der Lage, mir den Luxus erlauben zu können. Sage also deinen Bräuten, ich würde ihnen finanziell helfen, wenn es erst so weit ist. Die Unkosten, die ihnen entstehen, will ich bestreiten und ich will auch jedem Kind ein Sparkassenbuch über hundert Mark schenken, mehr kann ich aber nicht tun.« »Ach, Herr Leutnant, das ist doch schon viel zu viel,« stotterte Paul Paulsen ganz verwirrt, »und ich weiß wirklich nicht, wodurch meine Bräute das um den Herrn Leutnant verdient haben. Na, da werden die Mädels aber Augen 268 machen, die werden sich nicht schlecht freuen. Der Herr Leutnant glauben ja gar nicht, wie dankbar ich bin, nun brauche ich vor den anderen acht Bräuten kein schlechtes Gewissen mehr zu haben. Ich bin ganz gewiß keine Bangbuxe, aber offen gestanden, vor heute Abend hat mir etwas gegraut, nun aber freue ich mich darauf.« »Hoffentlich freust du dich nicht zu früh,« dachte sein Leutnant im stillen, dann brach er das Gespräch ab, um weiterem Dank zu entgehen, und befahl Paul Paulsen, Nadel und Zwirn zu holen, um den abgerufenen Knopf wieder anzunähen. Das war bald geschehen und der schöne Hugo war gleich darauf wieder allein, während Paul Paulsen sich in seiner Stube zu schaffen machte und voller Ungeduld den Abend herbeisehnte, damit er sich auf den Weg zu seinen Bräuten machen könne. Und nach vielen, vielen Stunden war es denn auch so weit, aber das nicht allein, auch dieser Abend nahm ein Ende, wenn auch ein ganz anderes, als er erwartet hatte, denn als er am nächsten Morgen zu seinem Leutnant in das Zimmer trat, um den zu wecken, und als er die Vorhänge und die Gardinen zurückgezogen hatte, damit das helle Tageslicht Einlaß fände, da hatte sein Leutnant wirklich alle Ursache, ihm entsetzt zuzurufen: »Aber Menschenskind, Paul Paulsen, wie siehst du denn aus!« »Schön nicht, Herr Leutnant,« meinte der verlegen und kleinlaut und er hatte mit seiner Bemerkung vollständig recht. Schön sah er heute wirklich nicht aus, die Wangen waren zerkratzt, die Nasenspitze demoliert, die Augen 269 verschwollen und auf der Stirn trug er drei große Beulen. Und so rief sein Leutnant ihm denn jetzt zu, nachdem er ihn eine ganze Weile halb belustigt, halb voller Mitleid betrachtet hatte: »Na, Paul Paulsen, du scheinst ja gestern Abend mit deinen Bräuten eine sehr stürmische Aussprache gehabt zu haben.« »Das war schon mehr als Sturm,« gab der zur Antwort, »ich glaube, man nennt das auf hoher See Orkan oder Taifun. Zuerst ging die Sache ganz ruhig und gemütlich ab. Als ich ihnen erklärt hatte, ich wolle mich mit der Dora verloben, da zogen die anderen natürlich einen Fluntsch, wie die Weiber das ja stets tun, wenn ihnen was nicht recht ist, aber sie verhielten sich sonst ganz manierlich.« »Wofür hast du denn aber nur deine Keile bekommen?« fragte der schöne Hugo verwundert. Paul Paulsen wußte nicht gleich, ob er die Wahrheit gestehen dürfe, dann aber meinte er: »Wenn der Herr Leutnant mir das nicht weiter übelnehmen, die Keile verdanke ich ganz allein dem Herrn Leutnant.« Der starrte seinen Burschen ganz verständnislos an: »Mir? Aber inwiefern denn nur?« »Weil der Herr Leutnant viel zu gut gewesen sind,« erklärte Paul Paulsen. »Wenn meine anderen acht Bräute auch gestern Abend nicht jammerten und klagten, ich sah es ihnen doch an, daß sie neidisch auf die Dora waren, und da erzählte ich ihnen, um sie zu trösten, daß der Herr Leutnant ihnen allen in der sogenannten schweren Stunde finanziell unter die Arme greifen und auch jedem Kind ein Sparkassenbuch über hundert Mark in die Wiege legen wollten. 270 Da hätten der Herr Leutnant nur die Weiber sehen sollen! Ich dachte zuerst, sie hätten vor Freude einen Gehirnklaps bekommen, bis ich merken mußte, daß die sich vor Wut und Neid nicht mehr halten konnten. Alles verstand ich ja nicht, was die mir zuriefen, aber wenigstens die Hauptsache. Die anderen glaubten, wenn der Herr Leutnant schon für die Kinder so sorgen wollten, dann würden der Herr Leutnant das für meine richtige Braut und deren Kind erst recht tun. Das Kind bekäme wenigstens fünfhundert Mark geschenkt und sicher schenkten der Herr Leutnant der Dora auch noch 'ne Aussteuer und das Brautkleid und stände sicher bei dem Kind Gevatter und kämen auch noch zu der Hochzeit. Ob das später mal alles wahr wird, weiß ich natürlich nicht, aber die Weibsleute ließen sich den Glauben nicht nehmen und mit einemmal hingen alle acht an meinem Halse und beschworen mich, ich solle die Dora wieder laufen lassen und dafür eine von ihnen nehmen. Und als ich das nicht wollte, da fielen die Furien, wie man solche Weiber wohl nennt, über mich her. Mit ihren Nägeln, mit ihren Fäusten und ihren Schirmen. Und zwei von ihnen waren vorher in der Stadt gewesen und hatten für ihre Gnädige solche kleinen Blecheimer mit Marmelade eingekauft. Ob wirklich nur für die Gnädige oder auch für mich, das weiß ich nicht, denn plötzlich schlugen die beiden Bräute a. D. mit diesen beiden Eimern auf mich ein, immer auf den Kopf, daher die Beulen.« »Und das hast du dir alles ruhig gefallen lassen?« fragte sein Leutnant, der diesem langen Kampfbericht belustigt zugehört hatte. 271 Der Riese zuckte die Achseln: »Was sollte ich da viel machen, Herr Leutnant. Mit meinen Fäusten konnte ich doch nicht dazwischen fahren, dann lägen da jetzt acht Leichen auf einmal, und ich säße heute als Mutter- und Kindesmörder im Gefängnis. So habe ich man immer eine nach der anderen über mein linkes Knie gelegt und der den Hintersten mordsmäßig verblaut. Aber ich mußte doch Rücksicht nehmen auf die Umstände, in denen die Mädels sich befanden, ich durfte keiner ein ernstliches Leid zufügen. Aber soviel weiß ich, ich bin nur froh, daß die Geschichte mit den vielen Bräuten nun ein Ende hat. Ich bin mit den Weibern fertig, für mich gibt es nur noch eine, die heißt Dora und mit der segle ich, sobald es geht, in den Hafen der Ehe.« »Und meine heißt Maria Elisabeth,« dachte der schöne Hugo im stillen, »und mit der möchte ich auch gern baldigst in den Hafen der Ehe segeln, aber ob es dahin kommt, wer kann das wissen?« Er hing seinen Gedanken nach, und als er am Mittag von dem Frühschoppen zurück kam, war er verliebter denn je. Zweimal hatte er unterwegs Maria Elisabeth getroffen, die im Wagen mit der Frau Konsul an ihm vorüberfuhr und die in einem modernen schwarzen Taffetkleid, zu dem sie einen schwarzen Hut mit schwarzweißen Rosen trug, einfach bildschön aussah. Aber das nicht allein, sie hatte nicht nur ausgesehen, sie hatte ihn sogar angesehen. Das tat sie ja allerdings immer, so oft er sie auf dem Tennisplatz traf, aber es war ihm so vorgekommen, als habe sie ihm heute einen ganz besonders teilnehmenden Blick 272 zugeworfen. Vielleicht bildete er sich das nur ein, aber schon das machte ihn froh und glücklich und er hoffte, daß Maria Elisabeth sich auf Grund dieser unerwarteten Begegnung im stillen ebenso viel mit ihm beschäftigen möge, wie er sich mit ihr. Das war auch zufälligerweise wirklich der Fall, wenn auch aus einer anderen Veranlassung, die darin bestand, daß Hans Arnim, als er mit dem schönen Hugo zusammen den Stammtisch verlassen hatte, um heute einmal wieder bei der Frau Konsul zu Mittag zu essen, dieser erzählte, was er schon längst hatte sagen wollen, was er aber immer wieder verschwieg, um sie nicht zu betrüben, daß seine Tage hier gezählt seien und daß er schon in der nächsten Woche zu seinen Eltern fahren würde, um dort seinen Geburtstag zu feiern und um zu Hause zu bleiben, bis er wieder dienstfähig sei. In seiner Vermutung, diese Nachricht würde die Frau Konsul betrüben, hatte er sich, wie er nun sehr deutlich bemerkte, nicht geirrt. Die sah ihn ganz erschrocken an, bis sie ihm nun zurief: »Ist das wirklich Ihr Ernst, mein lieber Herr von Kühnhausen? So schnell und schon so bald wollen Sie mich verlassen? Ich fühle es Ihrer Frau Mutter nach, daß die Sehnsucht nach Ihnen hat, aber trotzdem, sang- und klanglos sollen Sie doch nicht aus meinem Hause scheiden. Auch ich will Ihnen eine Geburtstagsfeier bereiten. Es hat mich schon längst bedrückt, daß ich im Gegensatz zu meinem Schwager und so vielen anderen Familien hier die Kriegsurlauber noch niemals zu mir einlud. Nun will ich Ihnen zu Ehren das Versäumte nachholen. 273 Bestimmen Sie bitte später selbst, welche von den Kameraden Sie da um sich haben möchten und bestimmen Sie auch, welche jungen Damen kommen sollen, damit Ihre Freunde sich mit mir nicht zu sehr langweilen, denn Fräulein von Greusen kann doch auch nur höchstens zwei Herren als Tischdame gelten.« »Sie sind wirklich außerordentlich liebenswürdig, gnädige Frau,« dankte Hans Arnim der alten Dame aus vollstem Herzen, »und ich nehme Ihr freundliches Anerbieten sehr gern an, besonders, wenn Sie mir erlauben wollen, die Gäste für diesen Abend zu bestimmen.« »Das muß ich sogar,« stimmte die Frau Konsul ihm bei, »denn ich kenne die jungen Herrschaften doch gar nicht.« Bis sie dann abermals davon anfing, wie leid ihr die bevorstehende Trennung täte und bis sie nun Maria Elisabeth zurief: »Nicht wahr, mein liebes Fräulein von Greusen, wir beide werden unseren liebenswürdigen Gast und Gesellschafter in Zukunft sehr vermissen?« Maria Elisabeth pflichtete der Frau Konsul mit einigen herzlichen Worten bei, denn auch sie hatte Hans Arnim auf ihre Art lieb gewonnen. Ja, es hatte am Anfang sogar eine Zeit gegeben, in der sie zuweilen dachte, so streng brauche er die Instruktion, die sie ihm in dem Bibliothekszimmer gab, auch nicht zu befolgen, und sie wäre ihm nicht allzu böse geworden, wenn er ihr heimlich und verstohlen doch ein klein wenig den Hof gemacht hätte. Aber an die Tage dachte sie längst nicht mehr, seitdem ihr Interesse für den schönen Hugo erwachte, seitdem sie mit dem aufrichtiges Mitleid empfand, weil er immer so traurig in die Welt 274 blickte, und ganz besonders, seitdem sie wußte, welcher Schwur auf ihm lastete. Und sie dachte jetzt bei Tisch, während das Gespräch weiterging, eigentlich nur an den Kürassier und mit Schrecken fiel ihr plötzlich ein, ebenso schnell wie Hans Arnim nun fortging, obgleich sie geglaubt habe, er würde noch lange, lange bleiben, ebenso schnell und unerwartet könne der Kürassier eines Tages abreisen. Gewiß, sie erwartete und erhoffte nichts von ihm und ihrer gegenseitigen Bekanntschaft, denn daß sie ihm als die erlösende Fee begegnen würde, war ausgeschlossen. Aber trotzdem, auch der würde ihr sehr fehlen, wenn er einmal nicht mehr hier sein sollte. Und selbst wenn er noch blieb, sie würde ihn in Zukunft nur noch selten sehen, denn daß sie, wenn Hans Arnim erst abgereist war, nicht mehr so häufig auf den Tennisplatz gehen könne, war doch klar. Nur seinetwegen erlaubte es die Frau Konsul ihr jetzt so oft, sich einen freien Nachmittag zu machen, nur seinetwegen, weil Hans Arnim die alte Dame immer aufs neue darum bat. Die schönen Stunden würden nun bald vorbei sein und schon aus diesem Grunde tat ihr Hans Arnims bevorstehende Abreise doppelt leid, so daß sie sich Mühe geben mußte, um nicht ihre geheimsten Gedanken zu verraten. Das Mittagessen verlief heute viel weniger lustig als sonst. Die Frau Konsul war aufrichtig betrübt, und auch Hans Arnim fand seinen alten heiteren übermütigen Ton nicht, denn auch er litt darunter, daß er so bald aus diesem gastlichen Hause scheiden müsse. Das hauptsächlich auch deshalb, weil es für ihn keine Rückkehr gab, denn auf die 275 hatte Kitty verzichtet, als sie ihm letzthin erklärte: »Ich habe es mir überlegt, Herr von Kühnhausen, Ihre Strafe muß ja doch ein Ende haben und wenn Sie bis zu Ihrem Geburtstage für mich nicht ernstlich Feuer fingen, dann will ich die Hoffnung aufgeben, daß ein so hartgesottener Sünder wie Sie die Strafe jemals als solche empfinden wird.« Über das und so manches andere dachte er nach, als er nach Aufhebung der Tafel in seinem Zimmer bei der Zigarre saß. Wußte Kitty denn wirklich nicht, daß er schon längst lichterloh brannte, und was sollte er noch tun, um ihr das zu beweisen? Er wurde aus ihr jetzt überhaupt noch weniger klug, als bisher in den letzten Wochen, denn seitdem er ihr anbot, ihr Unterricht im Küssen zu geben, hatte sie sich ein paar Tage lang auf dem Tennisplatz gar nicht sehen lassen, und als sie endlich wieder erschien, war sie ihm zuerst völlig aus dem Wege gegangen, bis es ihm mit vieler Mühe gelang, sie wieder zu versöhnen. Dann aber war sie gegen ihn von einer Liebenswürdigkeit wie kaum je zuvor. Daß die ihr allerdings von Herzen kam, erschien ihm mehr als zweifelhaft, denn ihren Mund umspielte fortwährend ein leises triumphierendes Lächeln, das aber ganz sicher nicht ihm, sondern dem schönen Hugo galt, zu dem sie oft ihre Blicke hinübersandte, während der sich mit Maria Elisabeth unterhielt. Und dieses Lächeln schien ihm deutlich zu sagen: ›Schöner Hugo, verstelle dich nur nichts ich weiß, wie es in dir aussieht, ich brauche nur mit dem kleinen Finger zu winken, dann hast du sofort Maria Elisabeth vergessen und liegst anbetend zu meinen Füßen.‹ 276 Hans Arnim grübelte, dichte Rauchwolken von sich gebend, vor sich hin, bis er wieder an die Gesellschaft dachte, die die Frau Konsul ihm freundlich angeboten hatte. Und mit einemmal wurde es ihm klar, der Abend mußte die Entscheidung bringen. Für den galt es sich irgendwas auszudenken, um zu erfahren, wie es in Wahrheit um Kitty bestellt sei. Mehr als einmal hatte er schon daran gedacht, sie in aller Form um ihre Hand zu bitten, aber er fürchtete den Korb, den sie ihm vielleicht, nein sicher, geben würden und er mußte auch immer wieder an das denken, was der schöne Hugo ihm erzählte, welch niederträchtiges Gefühl es sei, mit solchem Korb nach Hause geschickt zu werden. Trotzdem, ehe er abreiste, wollte er Kitty erklären, wie es um ihn bestellt sei, das aber mußte in einer Form geschehen, bei der sie ihre Empfindungen mehr verriet als er die seinen. Plötzlich glaubte er auch gefunden zu haben, was er suchte, allerdings noch unklar und verschwommen, aber aus der Idee, die ihm durch den Kopf schoß, konnte mit der Zeit vielleicht das Richtige werden. Allerdings, darüber täuschte er sich schon heute nicht, es war ein mehr als gewagtes Spiel, das er da trieb. Er setzte alles auf eine Karte, und wenn er verlor, dann war er nicht nur vor sich selbst, sondern vor der ganzen Gesellschaft bis auf die Knochen der Unsterblichkeit blamiert. Deshalb mußte die Gesellschaft auch so klein wie nur möglich werden. Nur zwei durfte er noch einladen, Kitty und den Kürassier. Da mußte sich alles entscheiden, und wenn er unterlag, wollte er wenigstens in Kittys Augen sich bis zum letzten Augenblick treu und, wie sie es nannte, maßlos keck geblieben sein. 277 Je länger er nachdachte, desto klarer wurde ihm nach und nach sein Vorhaben. Gewiß, es war ein mehr als starkes Stück, das er sich da leistete, aber wer nichts wagt, nichts gewinnt. Und vielleicht gelang es ihm da sogar, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Das andere Fliegenpaar hieß Maria Elisabeth und der schöne Hugo, denn daß Fräulein von Greusen für den mehr als nur ein flüchtiges Interesse hegte, das hatte er doch schon längst bemerkt. Auch heute mittag wieder, denn wenn Maria Elisabeth sich auch von ihm unbeobachtet glaubte, er hatte es doch gesehen, wie sie bei dem Gedanken an seine bevorstehende Abreise erschrak, na und daß dieses Erschrecken nicht ihm allein gegolten hatte, war doch klar. Er grübelte vor sich hin, bis es Zeit für ihn wurde, zum Tennisplatz zu gehen. Maria Elisabeth ließ ihm sagen, sie könne heute erst etwas später kommen, aber sie würde sich draußen bestimmt einfinden. So machte er sich denn allein auf den Weg, und als er auf dem Platz ankam, fand er zu seiner Freude Kitty dort bereits vor. Die mußte ihn sogar schon erwartet haben, denn nach der ersten Begrüßung rief sie ihm gleich zu: »Sie kommen spät, Herr von Kühnhausen. Der offizielle Beginn des Flirts ist aus präzise fünf Uhr festgesetzt und jetzt ist es schon mindestens sechs Minuten nach fünf. Sie werden unpünktlich, mein Herr, und das gibt es nicht, denn wenn ich in der kurzen Zeit, die Sie noch hier sind, mein Ziel erreichen will, dann dürfen wir keine Minute verlieren. Also los, fangen Sie mit dem Hofmachen gleich an.« »Wie Sie befehlen, gnädiges Fräulein,« rief er ihr zu, 278 im stillen darüber sehr glücklich, daß sie auch heute in bester Stimmung zu sein schien, »vorher aber möchte ich Ihnen kurz noch etwas anderes sagen.« Und er erzählte ihr von dem freundlichen Anerbieten der Frau Konsul, ihm zum Abschied ein Festmahl geben zu wollen. »Das ist ja reizend,« meinte Kitty aufrichtig erfreut, »und wenn meine Tante Ihnen erlaubt, soviel Gäste einzuladen, wie Sie wollen, machen Sie hoffentlich davon ausgiebigen Gebrauch. Je mehr, desto besser, desto lustiger wird es. Aber nein,« besann sie sich plötzlich eines anderen, »Sie dürfen auch nicht zu viele einladen, je weniger wir bei Tische sind, desto intimer kann man sich unterhalten.« »So ähnlich hatte ich es mir auch schon gedacht,« meinte er erfreut, »Wen ich einlade, weiß ich heute natürlich noch nicht,« fuhr er ausweichend fort, »ich weiß nur so viel, daß ich Sie, gnädiges Fräulein, ganz bestimmt um ihr Kommen bitten werde, und nicht wahr, Sie werden auch erscheinen?« »Aber das ist doch selbstverständlich,« gab sie zur Antwort, »ich werde die letzte Gelegenheit, die sich mir da bietet, um Sie in Flammen umkommen zu lassen, nicht unbenützt lassen, da kennen Sie mich schlecht. Und das sage ich Ihnen gleich, Herr von Kühnhausen, so nett wie an dem Abend werde ich nie gegen Sie gewesen sein, und anziehen werde ich mich für Sie, daß Sie wieder im stillen denken sollen: Donnerwetter, das ist doch noch mal ein Mädel, der du sagen möchtest, wie hübsch sie ist und der du Rosen unter die kleinen Füße streuen wolltest, wenn sie es nur erlaubt.« »Warten Sie es nur ab, gnädiges Fräulein, vielleicht 279 tue ich das auch wirklich,« warf er ein. »Ich will natürlich Ihre Neugierde nicht erwecken, aber trotzdem, ich habe mir für den Abend eine Überraschung ausgedacht, die hoffentlich auch Ihnen Vergnügen bereiten wird.« Aus Kittys hübschen dunklen Augen sprach die Neugierde nur zu deutlich heraus, aber trotzdem meinte sie jetzt: »Ich habe zur Neugierde zwar nicht das leiseste Talent, aber gerade deshalb könnten Sie mir eigentlich sagen, worin diese Überraschung besteht.« »Doch nicht, gnädiges Fräulein,« widersprach er, »dann wäre es ja später keine Überraschung mehr und vor allen Dingen wäre es heute nur ein Zeitverlust. Wie Sie vorhin sehr richtig bemerkten, haben wir tatsächlich keine Minute zu verlieren, wenn Sie Ihr Ziel noch erreichen wollen. Also bitte kommen Sie, gnädiges Fräulein, setzen wir uns, wie schon so oft, drüben auf die Bank, oder hätten Sie heute einmal wieder Lust, mit mir im verschwiegenen Zimmer tête à tête zu speisen? Da könnte ich Ihnen am allerungestörtesten den Hof machen, und damit auch der Kellner nicht dazwischen kommt, können wir ja in Gedanken die Tür abschließen.« »Das lassen Sie sich einfallen,« rief sie ihm lachend zu, »nein, daraus wird nichts, die Tür bleibt hübsch offen. Das sollte mir gerade fehlen, mich Ihnen auf Gnade oder Ungnade auszuliefern. Da würden Sie schön keck werden, und wenn ich um Hilfe rief, dann käme niemand. Nein, die gar nicht vorhandene Tür bleibt offen,« entschied sie noch einmal, »nur unter der Bedingung nehme ich Ihren Vorschlag an.« 280 So saßen sie denn wenig später auf der Bank unter dem großen Kastanienbaum, die sie ihr Chambre séparée genannt hatten, weil sie dort ganz abgesondert von den anderen waren und weil sie dort erst gesucht werden mußten, um gesehen zu werden. Auch von dem, was sie sprachen, konnte keiner etwas hören, wenn er sich nicht geradezu als Lauscher aufgestellt hätte. Und das war auch nur gut, besonders heute, denn Kitty merkte es sehr bald: was Hans Arnim ihr nun alles erzählte, war wirklich nur für sie bestimmt, denn wenn ein anderer die Worte erlauscht hätte, wäre der totensicher auf den Gedanken gekommen, sie ließe sich allen Ernstes seine Huldigungen gefallen und das Ganze sei auch von ihrer Seite viel mehr als ein Spiel. Na, es war ja genug, daß sie selber wußte, wie es um sie stand. Gewiß tat es ihr leid, daß Hans Arnim nun bald fortging, sie würde ihn doch entbehren, ihn auch sicher in den nächsten Monaten nicht vergessen, und in mancher Hinsicht war es ja auch schade, daß er nicht der schöne Hugo hieß, daß er nicht so blödsinnig viel Geld hatte wie der Andere und daß er vor allen Dingen nicht bei den Kürassieren, oder wenigstens sonst bei einem Kavallerieregiment in einer Residenz stand, sonst hätte sie ihn vielleicht doch näher darauf angesehen, ob es sich nicht der Mühe verlohne, sich in ihn zu verlieben. Und wenn die Freundin in Berlin ihr damals den Rat gab, sich als Ehemann von allen Courmachern den langweiligsten zu nehmen, weil der sich dann später wenigstens nicht mehr in der Hinsicht zu seinem Nachteil verändern könne, dann war das im allgemeinen gewiß sehr richtig, aber wenn ein Mann später langweilig wurde, lag das 281 wohl auch etwas mit an der Frau. Man mußte den Mann ganz einfach nicht in dem Glauben lassen, die Frau mit dem Tage der Hochzeit für immer erobert und gewonnen zu haben, sondern man mußte sich immer aufs neue gewinnen lassen. Der Mann mußte jede Gunst, die die Frau ihm erwies, als ein Geschenk betrachten, das er eigentlich gar nicht verdient habe, selbst mit den Küssen mußte man sehr sparsam umgehen, damit die den Reiz der Neuheit nicht verloren, und wenn sie sich auch noch so sehr danach sehnte, später von dem hübschen Kürassier geküßt zu werden, sie würde ihm nie verraten, wie gern sie sich von ihm küssen ließ. In Träumen versunken saß sie da und wie aus weiter Ferne erklang Hans Arnims weiche, schmeichelnde Stimme an ihr Ohr. Immer wieder sang er ihr das Lied ihrer Schönheit. Wie oft hatte sie das nicht schon von ihm gehört, aber sie hörte es immer wieder gern, nicht nur, weil das ihrer natürlichen Eitelkeit schmeichelte, sondern weil er sich niemals dabei wiederholte, weil er es ihr immer in anderen Worten, oder in einer anderen Weise zu singen verstand. Bis sie doch plötzlich aufsprang und ihm entsetzt zurief: »Nein, Herr von Kühnhausen, so dürfen Sie auch im Scherz nicht zu mir sprechen und so dürfen Sie mich auch nicht ansehen, denn ich weiß, was Sie eben im stillen dachten: sie hielten mich in Ihren Armen und küßten mich.« »Darf ich das wirklich nicht?« bat er so leise, so warm und so innig, daß sie ihm nun plötzlich nicht mehr böse war, als er jetzt fortfuhr: »Darf ich Sie wirklich nicht einmal in Gedanken küssen? Es war ja nicht das erstemal. Und 282 wenn ich es Ihrem Verbot entgegen trotzdem täte, Sie, gnädiges Fräulein, brauchten mich doch gar nicht wieder zu küssen, wenn auch nur in Gedanken.« Da war er nun doch wieder keck und verwegen, sogar viel mehr, als es in seiner Absicht gelegen hatte. Fast wider seinen Willen waren ihm diese Worte entschlüpft. Und dabei hatte er Kitty um Verzeihung bitten, sie ganz gewiß nichts wieder aufs neue erzürnen wollen. Und das hatte er getan, er merkte es daran, wie sie jählings die Farbe wechselte, und da mit einemmal, als ihn ein Blick aus ihren unergründlich tiefschwarzen Augen traf, da wußte er alles, glaubte wenigstens alles zu verstehen und zu wissen, warum sie es nicht duldete, daß er sie, wenn auch nur in Gedanken, küßte, warum sie neulich so erschrak und so entsetzt zusammenfuhr, als er ihr davon sprach, wie er sie küssen würde, wenn er es nur erst dürfe. Hell loderte die Flamme der Erkenntnis in ihm auf. Aber als er Kitty ansah, verflog seine Freude, alles zu wissen, ebenso schnell, wie sie gekommen war, denn so traurig und verzagt stand sie da, daß es ihm in das Herz schnitt, bis sie nun zu ihm sagte: »Ich denke, wir gehen nun nach Hause, Herr von Kühnhausen, denn es scheint nun einmal eine üble Angewohnheit von Ihnen zu sein, daß Sie selbst in Gegenwart einer jungen Dame der Gesellschaft immer gleich Kußgedanken bekommen. Wenn Sie früher mit Ihren Freundinnen soupierten, waren solche Gelüste vielleicht angebracht, aber ich möchte solche Sehnsuchtsgefühle nicht in Ihnen erwecken. Also lassen Sie uns gehen, Herr von Kühnhausen, es wird nun ohnehin für mich Zeit, daß ich heimkomme.« 283 Das wurde es wirklich, denn Kitty wollte mit sich und ihren Gedanken allein sein. Und als sie das war, da warf sie sich in ihrem hübschen Zimmer auf die Chaiselongue, um leise und tränenlos vor sich hin zu weinen, während sie dabei erregt in ihr Taschentuch hinein biß, und während sie zugleich nach Art eines unartigen kleinen Kindes mit den Füßen in der Luft herum strampelte. Ach und sie hatte nach ihrer Ansicht auch alle Ursache, nicht nur zum Sterben traurig, sondern auch sehr böse zu sein. Sie war in den schönen Hugo verliebt und war trotzdem im Begriff, sich in einen anderen zu verlieben, wenn sie sich nicht schon in den verliebt hatte. Dabei liebte sie den hübschen Kürassier jetzt viel ernstlicher, als je zuvor. Je weniger er sich noch aus ihr zu machen schien, je mehr er ihr auswich, um sich ausschließlich Fräulein von Greusen zu widmen, umso stärker wurde die Liebe, die sie von Anfang an für ihn empfunden hatte. Er sollte und er mußte sie heiraten, sie wollte die Frau eines flotten Kavallerieoffiziers werden, mit dem sie spazieren ritt, wenn es sein mußte, auch in Herrenbridgets, obgleich sie sich mit dem Kostüm immer noch nicht recht befreundet hatte. Sie wollte später bei Hofe verkehren und sie wollte von ihm geküßt sein, von ihm allein. Aber trotzdem, als Hans Arnim ihr letzthin von der Kußstunde sprach, als sie mit geschlossenen Augen seinen Worten lauschte, um sich das Bild des Kürassiers hervorzuzaubern, da gelang es ihr auch zuerst. Ganz deutlich stand er plötzlich vor ihr, aber als er sich über sie beugte, um sie zu küssen, als ihr Mund nach diesem ersten Kuß von seinen Lippen fieberte, da stieß sie ihn doch plötzlich fast gewaltsam zurück, denn 284 er trug die Züge Hans Arnims, und ebenso war es ihr heute nachmittag gegangen, als sie Hans Arnims geheimste Gedanken erriet. Da hatte sie sich in Gedanken von dem schönen Hugo küssen lassen wollen und stattdessen war es wieder Hans Arnims Mund gewesen, der sich ihren Lippen näherte. Kitty weinte still vor sich hin. Sollte das wirklich das Ende ihrer stolzen Träume sein, daß sie sich in einen Infanterieleutnant verliebte, daß sie den heiratete und mit dem in eine kleine, elende Garnison zog, in der jede über sie zu Gericht sitzen würde, wenn sie sich auch mal wochentags ein hübsches Kleid anzog, in einer kleinen Stadt, in der es so gut wie gar keine Theater und Zerstreuungen gab? War das das Ende und hatte sie, um das zu erreichen, wirklich erst auf Hans Arnim warten müssen? Das hätte sie früher leichter und bequemer haben können. Aber nein, sie liebte Hans Arnim nicht und wollte ihn auch nicht lieben. Alles, was sie zuweilen für ihn zu empfinden glaubte, würde mit dem Tage vorüber sein, an dem er nun endlich die Stadt verlassen hatte. Gott sei Dank, nur noch ein paar Tage, dann war sie ihn los und sie wollte nicht die leiseste Sehnsucht nach ihm empfinden, wirklich nicht die allerleiseste. Und um ihm zu beweisen, daß sie auch sehr gut ohne seine Gesellschaft leben könne, würde sie jetzt nicht mehr auf den Tennisplatz gehen, nicht eher wieder, als bis er fort war. Das beste würde es auch sein, wenn sie die Einladung zu der kleinen Abendgesellschaft nicht annahm. Aber nein, da wollte sie doch hingehen, das war sie schon der Tante schuldig und sie war auch neugierig, 285 worin die Überraschung bestand, die er sich ausgedacht hatte. Sie durfte auch die Gelegenheit, sich einmal ganz besonders hübsch anzuziehen, nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Na und wenn sie bei Tisch neben ihm saß, dann wollte sie ihn noch einmal in sich verliebt machen, so toll, wie es ihr nur mit allen Künsten der Verführung gelang. Und dann war am nächsten Tage das Spiel aus, vorbei für immer. Gott sei Dank! Während Kitty ihren Gedanken nachhängend auf der Chaiselongue lag, saß Hans Arnim zu Hause und versuchte, über Kitty klar zu werden. Ganz gelang ihm das auch jetzt noch nicht, obgleich er glaubte, am Nachmittag Kitty durchschaut zu haben. Aber es war nur ein Glaube, es fehlte noch die Gewißheit, und die konnte ihm erst der letzte Abend im Hause der Frau Konsul bringen. So beschäftigte er sich denn wieder mit der Vorbereitung für das kleine Fest, und als die Frau Konsul ihn am nächsten Tag, als er zufällig mit ihr allein war, fragte, ob er sich schon darüber einig sei, wieviel Personen er einzuladen gedenke, damit sie danach ihre Anstalten treffen könne, bat er um Erlaubnis, nur zwei Gäste einladen zu dürfen, Fräulein Kitty und den Kürassierleutnant von Hohenebra. »Nur so wenige?« meinte die Frau Konsul in liebenswürdiger Weise enttäuscht, bis sie gleich darauf hinzusetzte: »Machen Sie das aber bitte ganz, wie Sie wollen, und wenn Sie für den Abend irgendwelche Wünsche haben, äußern Sie die nur dem alten Diener, oder noch besser,« rief sie ihm plötzlich zu, »wenn Sie mir einen großen Gefallen erweisen wollen, dann tun Sie so, als wenn Sie selbst das 286 kleine Fest gäben. Treffen Sie alle Arrangements, bestimmen Sie das Diner und die Weine, ordnen Sie die Ausschmückung der Tafel und alles übrige an. Besprechen Sie das mit dem Diener, nein wirklich,« setzte sie hinzu, als sie merkte, daß er ihr freundliches Anerbieten ablehnen wollte, »machen Sie mir die Freude. Da habe ich die Gewißheit, daß der Abend wenigstens in seinen Äußerlichkeiten so verläuft, wie Sie es sich wünschen. Die Sache würde auch mir Spaß machen, ich fühlte mich dann einmal in meinem eigenen Hause als Gast und wäre neugierig, was es Schönes gäbe. Ich ließe mich da ebenso wie die anderen Gäste überraschen, vielleicht denken Sie sich sogar eine wirkliche Überraschung aus.« »Das habe ich bereits getan, gnädige Frau,« stimmte er ihr bei, »und es ist mir lieb, daß Sie schon heute davon sprechen. Da möchte ich schon jetzt die Bitte an Sie richten, gnädige Frau, sich an dem Abend über nichts, aber auch über gar nichts zu wundern.« »Wenn Sie weiter nichts von mir verlangen,« versprach ihm die Frau Konsul voller Herzlichkeit, »dann können Sie unbesorgt sein.« »Da bin ich beruhigt, gnädige Frau, und ich danke Ihnen vielmals. Aber ich werde Sie trotzdem später nochmals an Ihr Versprechen erinnern und Sie im Zusammenhang damit auch noch bitten, umso mehr zu lächeln, je weniger Sie manches verstehen sollten. Es wäre möglich, daß ich Ihnen eine völlig unverständliche Rede hielte, von der Sie zuerst kein Wort begreifen. Aber trotzdem bitte ich Sie, gnädige Frau, so zu tun, als wären Sie in alles 287 eingeweiht, und je geheimnisvoller die Sache wird, desto mehr müssen Sie lächeln.« »Auch das verspreche ich Ihnen,« stimmte die Frau Konsul ihm bei, »obgleich Sie mich durch Ihre Andeutungen mehr als neugierig machen. Und schon, um nicht vielleicht doch zu früh hinter das Geheimnis zu kommen, bitte ich Sie nochmals, alles für den Abend selbst zu bestimmen. Ich habe nur den einen Wunsch, daß nicht später als um präzise sieben Uhr gegessen wird, da ich sonst des Nachts nicht schlafen kann.« Das war mehr, als Hans Arnim zu hoffen gewagt hätte, und so nahm er denn endlich das Anerbieten mit vielem Dank an. Und dieselbe Rede, die er der Frau Konsul gehalten hatte, hielt er am nächsten Nachmittag, als die gnädige Frau sich hingelegt hatte und als er Maria Elisabeth durch den Garten gehen sah und ihr gleich darauf folgte, auch dieser, so daß die ihn völlig verwundert fragte: »Aber was wird das nur für eine geheimnisvolle Ansprache werden, die Sie halten wollen?« »Das weiß ich selber noch nicht, Fräulein von Greusen,« log er frisch darauf los. »Vielleicht kommt es auch gar nicht so weit, das muß sich erst noch entscheiden. Was ich sagen werde, weiß ich erst recht noch nicht, der richtige Augenblick wird mir schon die richtigen Worte eingeben. Die Hauptsache ist für mich, daß ich während des Sprechens die Fühlung mit Ihnen nicht verliere. Ich werde Sie deshalb fortwährend ansehen, und so oft ich das tue, müssen auch Sie lächeln, und wenn Sie plötzlich glauben, Hans Arnim ist wohl 288 ganz verrückt geworden, dann müssen Sie sogar ein Gesicht machen, als seien Sie, wenn auch nur vorübergehend, der glücklichste Mensch auf der Welt.« »Aber warum denn das nur alles?« fragte Maria Elisabeth erstaunt. »Weil ich Sie darum bitte,« gab er zur Antwort. »Das Nähere erfahren Sie schon noch früh genug, und nicht wahr, Sie erfüllen mir meine Bitte? Sonst hätte es gar keinen Zweck, die Gesellschaft überhaupt erst stattfinden zu lassen, da könnten wir die zwei Gäste ruhig wieder ausladen.« »Das will ich natürlich unter keinen Umständen,« rief sie ihm schnell zu, »lieber werde ich mir schon alle Mühe geben, fortwährend zu lächeln, und wenn ich es doch einmal unterlassen sollte –« »Dann gebe ich Ihnen einen heimlichen Rippenstoß, oder erinnere Sie sonst irgendwie an Ihre Zusage,« fiel er ihr übermütig in das Wort, »im übrigen freut es mich außerordentlich, daß die Gesellschaft nun vor sich gehen kann. Eine Absage hätte mir auch schon für Herrn von Hohenebra sehr leid getan, der morgen seinen Besuch machen wird und der sehr glücklich ist, die liebenswürdige Frau Konsul, von der ich ihm soviel erzählte, nun doch noch vor seiner Abreise kennen zu lernen, denn das wissen Sie natürlich längst, Fräulein von Greusen, daß auch der in der nächsten Woche fortgeht?« Das war das Erste, was Maria Elisabeth darüber hörte. Der Kürassier hatte ihr mit keiner Silbe davon gesprochen. Warum tat er das nicht? Hielt er das nicht der Mühe wert, weil er in ihr vielleicht doch weiter nichts als nur die 289 Gesellschafterin sah, die keine besondere gesellschaftliche Rücksichtnahme erforderte, oder hatte er es ihr verschwiegen, um sie dadurch nicht früher zu betrüben, als es unbedingt nötig war? Oder schwieg er, weil auch ihm das Abschiednehmen schwer fiel? Tausend Gedanken wirbelten ihr durch den Kopf. so daß sie sich, um sich nicht zu verraten, schnell bückte, um ein paar Blumen zu pflücken. Und immer noch knieend, das Gesicht dem Beet zugewandt, rief sie Hans Arnim zu: »Also Herr von Hohenebra reist auch? Ich kann mich im Augenblick nicht darauf besinnen, daß er mir davon sprach, aber trotzdem kommt mir die Nachricht nicht überraschend. Es sind in der letzten Zeit so viele Kriegsurlauber fortgefahren, da konnte doch auch Herr von Hohenebra nicht ewig bleiben.« Das klang so ruhig und so gelassen, wie nur möglich, aber daß Maria Elisabeth sich immer noch an dem Blumenbeet zu schaffen machte, nur, um ihm ihr Gesicht nicht zeigen zu müssen, bewies ihm ja zur Genüge, wie seine Worte sie erregt, vielleicht sogar erschreckt hatten. Und um ihr zu ersparen, ihm nicht ihre geheimsten Gedanken zu verraten, meinte er nun plötzlich: »Herrgott, da fällt nur eben ein, ich muß ja noch Fräulein Nanny um eine Gefälligkeit bitten, wollen Sie mich also bitte entschuldigen?« Natürlich hörte Maria Elisabeth sofort heraus, daß dies nur ein Vorwand sei, um sie allein zu lassen, aber sie war ihm dafür dankbar, daß er nicht weiter den Versuch machen wollte, sich mit ihr über gleichgültige Dinge zu unterhalten, während sie nur das eine beschäftigte: Auch Herr von Hohenebra fährt nun schon in der nächsten Woche. 290 So hielt sie ihn denn nicht zurück, als er sich gleich darauf entfernte und in das Haus ging, nicht nur, wie sie vermutete, aus Rücksicht auf sie, sondern weil er Nanny wirklich etwas sagen wollte, und so dachte er im stillen belustigt: »Na, die Nanny wird aber Augen machen, wenn ich heute endlich tatsächlich mal nach ihr klingle. Die wird sicher glauben, ich hätte mich eines anderen besonnen und wolle ihr nun endlich den Kuß geben, nach dem sie schon so lange giepert. So klingelte er denn, als er das Zimmer betreten hatte. Er klingelte einmal, zweimal, fünfmal und dann noch sechsmal, aber die Nanny kam nicht. Die erschien erst am nächsten Nachmittag wieder, als er nicht nach ihr geklingelt hatte. »Na, Fräulein Nanny,« begrüßte er sie, »sind Sie auch mal wieder da? Das ist aber hübsch von Ihnen, ich habe Sie bereits gestern voller Sehnsucht erwartet. Sehen Sie sich nur mal meinen rechten Zeigefinger an, der ist ganz platt gedrückt, wie ein Infanteriegeschoß, das gegen eine Steinmauer schlug, derartig habe ich auf dem Knopf der elektrischen Klingel herumgedrückt, aber wer nicht hörte, das war Fräulein Nanny.« Die sah ihn ganz verdutzt an, bis sie ihm zurief: »Da habe ich mich also doch nicht getäuscht. Natürlich hörte ich das Klingeln, aber da der Herr Oberleutnant das noch nie taten, glaubte ich, die Glocke ginge von selbst. Da habe ich sie abgestellt und den Elektrotechniker antelephoniert, damit der sie wieder in Ordnung brächte.« »Das haben Sie ja sehr schlau gemacht, Fräulein Nanny,« belobte er sie, »na ich freue mich, daß Sie heute wenigstens 291 mal wieder da sind, und ich werde wohl auch bald erfahren, was mir das Vergnügen Ihres Besuches verschafft.« »Nichts Besonderes, Herr Oberleutnant,« meinte Nanny knicksend, »ich wollte mich nur mal wieder nach dem Herrn Oberleutnant umsehen. Der Herr Oberleutnant reisen ja nun bald leider Gottes ab. Unter uns gestanden, ich mag gar nicht daran denken, aber trotzdem wollte ich fragen, ob ich mich heute vielleicht irgendwie nützlich machen könnte?« »Ausnahmsweise ja,« erklärte Hans Arnim ihr. »Als ich gestern meine Oberhemden von der Waschfrau zurückerhielt, sah ich zu meinem Leidwesen, daß die Frau anscheinend keine Knöpfe leiden kann. Die hat sie wenigstens alle abgerissen, und wenn Sie mir die wieder annähen wollten, wäre ich Ihnen sehr dankbar.« »Das wäre alles?« meinte Nanny enttäuscht. »Weiter hätten der Herr Oberleutnant keine Wünsche und Befehle? Im stillen hatte ich etwas anderes erwartet, denn der alte König erzählte in der Küche, der Herr Oberleutnant planen für die Abschiedsfeier eine Überraschung. Da hatte ich gehofft, daß ich mich dabei vielleicht nützlich machen könne, denn Überraschungen sind für mich das Schönste, was es auf der Welt gibt.« »Wenn die glücken, ja,« stimmte Hans Arnim ihr bei, »aber wenn sie schief gehen, dann sind sie sehr aasig. Aber gleichviel. da Sie mir nun einmal Ihre Dienste anboten, da könnten auch Sie mir vielleicht helfen.« »Ach, Herr Oberleutnant,« knickste Nanny hocherfreut, »das wäre zu schön, wenn ich das dürfte.« »Es kommt in diesem Falle mehr darauf an, ob Sie es 292 auch können,« gab Hans Arnim zurück, und ganz plötzlich und unvermittelt fragte er: »Sagen Sie mal, Fräulein Nanny, verstehen Sie, zu lauschen und zu horchen?« »Mit dem Ohr an der Tür und mit einem Auge am Schlüsselloch?« fragte Nanny ihn nun ihrerseits. »So meinte ich das,« pflichtete Hans Arnim ihr bei, »wie steht es also in der Hinsicht mit Ihren Kenntnissen?« Da richtete sich Fräulein Nanny stolz auf und ihn mit einem ganz beleidigten Gesicht ansehend, rief sie ihm zu: »Ich habe dem Herrn Oberleutnant doch schon so oft erklärt, ich bin ein durch und durch anständiges Mädchen, aber das nicht allein, ich bin auch ein perfektes erstes Zimmermädchen, und wenn ich da nicht mal das Horchen gelernt hätte, täte ich mir selber leid, denn da würde ich nie eine gute Stellung bekommen. Hier im Hause ist es etwas anderes, die Frau Konsul hat für ihre lieben Mitmenschen so gut wie gar kein Interesse, sie ist absolut nicht neugierig, aber in meinen anderen Stellungen, da wollte die gnädige Frau immer alles von meiner früheren Gnädigen wissen, und je mehr ich zu erzählen wußte, desto besser stand ich mich. Ja, Horchen und Lauschen muß man heutzutage können, wenn man vorwärtskommen will.« »Na, da kann ich mich ja in der Hinsicht auf Sie verlassen,« meinte Hans Arnim im stillen belustigt, »dann passen Sie nun mal auf. Ich werde an dem Gesellschaftsabend eine kleine Rede halten, zuerst von meinem Platze aus, dann werde ich um den Tisch herumgehen und mit den anderen Herrschaften anstoßen. Ich werde mich dabei stets so zu stellen wissen, daß Sie mich durch das 293 Schlüsselloch der Tür, die von dem Eßzimmer in das sogenannte gelbe Zimmer führt, beobachten können, und wenn Sie sehen, daß ich Ihnen mit dem Taschentuch winke, während ich Ihnen gleichzeitig das Stichwort zurufe – was ein Stichwort ist, werden Sie doch sicher wissen, Fräulein Nanny,« unterbrach Hans Arnim sich. »Selbstverständlich,« pflichtete Nanny ihm schnell bei, »ein Stichwort ist das, was der Souffleur aus seinem Kasten den Schauspielern zuruft, wenn sie nicht weiter wissen, und was die meistens so laut schreien, daß man es selbst auf der Galerie hört.« »Sehr richtig.« meinte Hans Arnim lachend, »aber man versteht unter dem Wort für gewöhnlich doch etwas anderes,« – das erklärte er ihr, während er ihr im Anschluß daran nähere Anweisung über den Dienst gab, den sie ihm leisten solle, bis er zum Schluß meinte: »Aber eins sage ich Ihnen schon heute, Fräulein Nanny, wenn Sie von alledem in der Küche, oder gegen die gnädige Frau, oder gegen Fräulein von Greusen auch nur die leiseste Silbe verraten, sind wir für immer geschiedene Leute, dann ist es tatsächlich nichts mit dem Kuß, zu dem Sie schon so oft Ihr kleines Mäulchen spitzten.« »Aber Herr Oberleutnant,« verteidigte Nanny sich kokett, »ich bin doch ein anständiges Mädchen, sollten sich der Herr Oberleutnant mit dem Kußmäulchen nicht nur etwas eingebildet haben? Ich bin sonst in der Hinsicht kein Unmensch, und wenn gerade der Herr Oberleutnant mir die Ehre erweisen wollten, würde ich so still halten wie nie zuvor in meinem Leben.« 294 »Das ist sehr brav von Ihnen,« lobte Hans Arnim sie, »und wenn alles so kommt, wie ich hoffe, sollen Sie auch Gelegenheit finden, sich in dem Stillhalten zu üben. Es soll mir da in der Freude meines Herzens auf einen Kuß mehr oder weniger nicht ankommen, aber nur unter der Bedingung, daß Sie über alles, selbstverständlich auch über den Kuß, der Ihrer harrt, das tiefste Stillschweigen bewahren.« »Wenn es weiter nichts ist,« meinte Nanny, »von mir erfährt kein Mensch etwas, denn Geheimnisse zu haben, ist für mich das Schönste, was es auf der Welt gibt.« Über den Punkt war Hans Arnim wesentlich anderer Ansicht, denn er kam in den nächsten Tagen aus den Geheimnissen gar nicht mehr heraus. Er mußte alles mögliche mit dem Diener, mit dem Gärtner, ja auch sogar mit der Köchin besprechen, die ihn im Auftrage der Frau Konsul aufsuchte. Und auch außerhalb des Hauses hatte er geheimnisvolle Gänge zu machen, bis er endlich in der kleinen Stadt gefunden hatte, was er suchte. Und dann war der Abend da, an dem er offiziell bereits heute seinen Geburtstag feierte. Das Fest konnte losgehen. Der Kürassier hatte vor ein paar Tagen seinen Besuch gemacht und war, wie er Hans Arnim erklärte, ganz begeistert von der liebenswürdigen Frau Konsul, das auch wohl deshalb, weil er bei dem Besuch Fräulein von Greusen angetroffen hatte, mit der er sich lange unterhielt. Der schöne Hugo hatte ihm erklärt, er könne den Augenblick kaum erwarten, an dem er sich in diesem gastlichen Hause an die festlich geschmückte Tafel setzen würde, und Hans Arnim erging es, wenn auch aus 295 anderen Gründen, ebenso. Aber er war vor Aufregung derartig nervös, daß er sich im letzten Augenblick noch schnell eine halbe Flasche Sekt in sein Zimmer bringen ließ, um seine Nerven zu beruhigen und um sich Mut zuzutrinken. Das gelang ihm auch, denn als er den Empfangssalon betrat, hatte er sich völlig in der Gewalt. Er fühlte sich fröhlich und guter Dinge und sah dem Kommenden mit der größten Ruhe entgegen. Wohl fünf Minuten mußte er noch warten, bis seine ersten Gäste, die Frau Konsul und Fräulein von Greusen erschienen. Seiner Rolle gemäß eilte er den beiden Damen entgegen, um sie zu begrüßen, während er zugleich seiner großen Freude Ausdruck gab, daß sie seiner Einladung gefolgt wären. Die Frau Konsul und auch Maria Elisabeth gingen in lustiger Weise auf seinen Ton ein, so daß gleich eine harmlose fröhliche Stimmung herrschte, als sie nun plaudernd zusammenstanden und als Hans Arnim diese Zeit benutzte, um Maria Elisabeth, die wahrhaft pompös aussah, immer aufs neue zu bewundern. Na, dachte er im stillen, da wird der schöne Hugo nachher ganz aus der Tüte geraten, hoffentlich, hoffentlich, hoffentlich! Gleich darauf wurde der schöne Hugo gemeldet. Der erschien zur Feier des Abends im vollen Schmuck seiner Waffen und sah in der großen Uniform wirklich tadellos aus, so daß Haus Arnim es nun doch für einen Augenblick mit der Angst bekam, ob es ihm wirklich gelingen würde, die Konkurrenz auszustechen. Erst im letzten Augenblick erschien Kitty. Die hatte Wort gehalten und war so hübsch und verführerisch 296 angezogen, daß Hans Arnim sein Herz ganz laut schlagen hörte, als er ihr nun zum Willkommen die Hand bot und auch ihr für ihr Erscheinen dankte. Aber Kitty wehrte ab: »Da gibt es nichts zu danken, Herr von Kühnhausen, ich mußte doch kommen, und selbst die stärksten Kopfschmerzen, oder sonst irgendein Leiden, hätten mich nicht zurückhalten können, Sie wissen ja, was ich mir für heute abend vorgenommen habe.« »Ich weiß,« bestätigte er ihr, »und ich will uns beiden wünschen, daß es Ihnen gelingt.« »Weshalb mir auch?« fragte sie erstaunt. Er sah sie mit seinen hübschen Augen anscheinend nur gleichgültig an, dann meinte er: »Warum? Aus einem sehr einfachen Grunde, gnädiges Fräulein. Ich versetze mich in Ihre Richterseele hinein und kann es mir nicht sehr schön und erhaben denken, wenn man merken muß, daß die verhängte Strafe ihre Wirkung verfehlt, daß der Sünder immer neue Mittel und Wege fand, der zu entgehen. Da wünsche ich also auch Ihnen, gnädiges Fräulein, für den heutigen Abend einen vollen Erfolg.« »Und den wünsche ich Ihnen, nein mir, erst recht,« stimmte sie ihm lustig bei, dann aber wollte sie sich wieder den anderen zuwenden, da sie, wenn auch unbeabsichtigt, bei der Begrüßung mit Hans Arnim ein paar Schritte beiseite getreten war, als der alte Diener eintrat, um Hans Arnim zu melden, daß serviert sei. Der klatschte in die Hände: »Zu Tisch, meine Herrschaften, zu Tisch,« Und dann bot er der Frau Konsul den rechten Arm, Maria Elisabeth den linken und schritt der 297 Tür des Eßzimmers entgegen, um plötzlich über die Schulter hinweg den beiden anderen zuzurufen: »Verzeihen Sie, lieber Hohenebra, ich vergaß ganz, Sie sind wohl so liebenswürdig, Fräulein Bachhof zu Tisch zu führen?« Die beiden hatten den voranschreitenden Dreien mit einem völlig verdutzten Gesicht nachgesehen, denn sie hatten sich die Sache zu Hause wesentlich anders gedacht. Kitty nahm es als selbstverständlich an, daß sie neben Hans Arnim sitzen würde, ja, sie hatte im stillen mit der Möglichkeit gerechnet, daß der in seiner maßlosen Keckheit es wieder wagen würde, mit ihr zu fußeln, und sie hatte sich für diesen Fall schon einen energischen Tritt auf seinen Fuß als Antwort zurecht gelegt. Nun würde sich ihr zu dem keine Gelegenheit bieten. Und wie Kitty zu Hause in Gedanken neben Hans Arnim gesessen hatte, so der Kürassier neben Fräulein von Greusen. Der schöne Hugo traute seinen Augen nicht, als Hans Arnim mit der davonging, und am liebsten hätte er dem nachgerufen: »Aber Verehrtester, das gibt es nicht, weshalb haben Sie mich denn eingeladen? Nur, um gut zu essen und zu trinken? Das hätte ich in einem Restaurant auch haben können.« Der Kürassier machte ein so verheddertes Gesicht, daß Kitty, obgleich ihr eigentlich nicht danach zumute war, um ein Haar hell aufgelacht hätte, bis sie sich dann darüber ärgerte. Die Freude des schönen Hugo, gerade sie heute abend zu Tisch führen zu dürfen, schien nicht allzu groß zu sein. Das verletzte sie in ihrem Empfinden, ließ sie ernstlich befürchten, daß er seine Gunst doch wirklich Maria Elisabeth 298 zugewandt habe. Na, aber das würde sich bald wieder geben, morgen fuhr Hans Arnim endlich fort und damit begann für sie alle wieder das alte Leben. Dann wollte sie auf den Freierfang ausgehen und nur zu bald würde der Kürassier in ihren Netzen zappeln. Und als Einleitung dazu war es vielleicht sehr gut, daß der Kürassier schon heute abend von Maria Elisabeth getrennt wurde. Einen Augenblick standen die beiden noch verwirrt da, dann bot der schöne Hugo ihr den Arm: »Wenn ich also bitten dürfte, gnädiges Fräulein.« Die anderen schienen vor der geschlossenen Tür des Eßzimmers auf sie gewartet zu haben, wenigstens gab Hans Arnim erst jetzt dem Diener einen Wink, die Tür zu öffnen und als der das nun tat, da entschlüpfte ihnen allen ein Ausruf der Verwunderung und des Entzückens. Das ganze Eßzimmer war in verschwenderischer Weise mit dunkelroten Rosen geschmückt, überall standen die in Vasen herum, aber das nicht allein, Girlanden von dunkelroten Rosen verdeckten die elektrischen Glühkörper und zogen sich von der Decke zu der Tafel herab. Kitty mußte unwillkürlich sofort an die erste Unterhaltung zurückdenken, die Hans Arnim mit ihr draußen auf dem Tennisplatz führte, als sie bei der Gelegenheit an seiner Seite an der Tafel Platz nahm, die seine Phantasie ihnen beiden vorzauberte. Da war der Tisch genau so geschmückt gewesen wie jetzt. »Das also war die Überraschung, die er vorhatte und von der er mir sprach,« dachte Kitty im stillen. Sie wußte, nur ihretwegen hatte er das getan, und sie freute sich 299 aufrichtig darüber. Es war das eine neue Huldigung, die er ihr brachte, ganz sicher die letzte, aber gerade deshalb fand sie die besonders hübsch. Hans Arnim hatte an einer länglichen Tafel decken lassen. An der oberen schmalen Seite saß die Frau Konsul allein, zu ihrer Rechten Hans Arnim, neben ihm Fräulein von Greusen, dieser gegenüber Kitty neben dem Kürassier, der zur Linken der Frau Konsul saß, während der Platz ihr gegenüber leer war, sodaß die beiden jungen Damen nur an einer Seite einen Tischherrn hatten. Zwar war der leere Platz durch ein großes Blumenarrangement verdeckt, aber das schien die Frau Konsul ein klein wenig zu stören, denn sich an Hans Arnim wendend, meinte sie jetzt in ihrer liebenswürdigen Weise: »Es ist wirklich alles ganz wunderhübsch bei Ihnen, mein lieber Herr von Kühnhausen, ich habe lange nicht an einer so geschmackvoll dekorierten Tafel gesessen, aber trotzdem, warum haben Sie nicht an einem runden Tische decken lassen? Das wundert mich eigentlich.« Das war natürlich absichtlich nicht geschehen und so bat Hans Arnim jetzt: »Darf ich Sie an Ihr Versprechen erinnern, gnädige Frau, sich heute abend über nichts zu wundern, sondern nur zu lächeln, wenn es erst so weit ist?« »Gewiß, gewiß, das werde ich beides tun,« stimmte sie ihm bei. »Dann bin ich beruhigt,« gab er zur Antwort, um gleich darauf, als das Servieren begann, sich mit ein paar Worten an seine Gäste zu wenden: »Ich bitte sehr um Verzeihung, meine Herrschaften, daß ich Ihnen vor dieser Tasse Bouillon 300 nicht noch erst einen anderen Gang als Einleitung reichen lasse, aber Austern gibt es jetzt bekanntlich nicht, tadelloser Kaviar ist durch den Krieg und in dieser Jahreszeit auch nicht zu haben, der Hummer ist schließlich am Abend nicht jedes Magens Sache. Ich hoffe, Sie werden aber im weiteren Verlauf des Soupers doch noch zufrieden sein. Ich möchte mir schon jetzt erlauben, Sie auf den Damwildbraten aufmerksam zu machen, der nachher erscheinen wird. Die Köchin hat sich mir gegenüber verpflichtet, daß der einfach ein Gedicht sein soll, von dem Sie sich alle zweimal nehmen, und ich hoffe, daß das auch der Fall sein wird.« Auch ohne daß er bei diesen Worten Kitty angesehen hätte, wußte die sofort, daß er diesen Damwildbraten nur ihretwegen servieren ließ, weil er ihr gerade dieses Gericht bei dem ersten Phantasiediner so empfohlen hatte. Sollte auch das mit zu der Überraschung gehören, von der er sprach? In der Hinsicht hatte sie etwas Originelleres von ihm erwartet und so empfand sie nun eine leise Enttäuschung. Aber davon ganz abgesehen, wenn er das Diner genau so gab, wie er es ihr damals vorzauberte, warum saß sie da nicht auch wie an jenem Nachmittag neben ihm? Er wußte doch, was sie sich für heute abend vornahm. War es nun Feigheit von ihm, daß er der Gefahr und der Versuchung, die seiner harrte, dadurch entgehen wollte, daß er ihr diesen Platz anwies? Aber nein, das sah ihm nicht ähnlich, er mußte etwas anderes damit bezwecken, aber sie wurde vorläufig noch nicht daraus klug. Und ebensowenig wie Kitty, verstanden Maria 301 Elisabeth und der schöne Hugo ihn. Beide dachten: Warum hat Hans Arnim uns nicht nebeneinandergesetzt, er weiß, wie gern wir uns stets miteinander unterhielten, da hätte er uns die letzte Gelegenheit zu einer Aussprache nicht nehmen sollen. Mit Ausnahme der Frau Konsul waren Hans Arnims Gäste mehr als enttäuscht, aber nur, um das nicht zu verraten, wurden sie, als sie erst ein paar Glas Sekt getrunken hatten, nach außen hin desto lustiger. Kitty legte es darauf an, den Kürassier dahin zu bringen, daß der ihr den Hof machte, und es amüsierte sie köstlich, wie er auch allmählich damit anfing, wie er aber trotzdem fortwährend zu Fräulein von Greusen hinüberschielte, als wolle er der zurufen: »Um Gottes willen, seien Sie mir deshalb nur nicht böse, mein Herz weiß nichts davon, was meine Lippen reden.« Zuerst belustigte sie das wirklich, dann aber fing sie an, sich darüber zu ärgern, daß er immer wieder zu Fräulein von Greusen hinsah, das umso mehr, als sie ja deutlich sah, wie Hans Arnim der den Hof machte, wie er ihr fortwährend ein paar leise Worte zuflüsterte und wie Maria Elisabeth aus dem Lachen oder aus dem Lächeln gar nicht mehr herauskam. Und was hatte es zu bedeuten, daß ihre Tante die beiden fortwährend beinahe glückselig lächelnd ansah? Mit einemmal glaubte sie es zu wissen. Die beiden da drüben hatten die ganzen letzten Wochen hindurch ein Spiel mit ihr getrieben. Die steckten unter einer Decke, sie liebten sich gegenseitig und hatten es verstanden, sich meisterhaft zu verstellen. Nur um keinen Argwohn aufkommen zu lassen, hatte Maria Elisabeth es geduldet, daß der Kürassier 302 ihr fortwährend den Hof machte, und Hans Arnim, dieser nicht nur wahnsinnig kecke, sondern auch schlechte Mensch, hatte nur dem Scheine nach so getan, als ob er ihr, Kitty, huldige. Deshalb also hatte er gar nicht ernstlich Feuer gefangen! Nun fiel ihr auch das Wort wieder ein, das er ihr vorhin bei der Begrüßung zurief: Er wünsche auch ihr für den heutigen Abend einen vollen Erfolg. Nun verstand sie erst, daß er die Worte spöttisch und ironisch meinte. Er hatte sich über sie lustig gemacht und das sicher nicht nur heute, sondern an all den anderen Nachmittagen, wenn er neben ihr saß und ihr das Lied ihrer Schönheit sang. So also war alles gemeint gewesen! Kittys kleines Herz zuckte krampfhaft zusammen. Gewiß, sie liebte ihn nicht, sie würde ihn auch niemals lieben, aber trotzdem, das hatte sie nicht um ihn verdient, daß die beiden jetzt, wie sie es bemerkte, miteinander anstießen und sich dabei lachend in die Augen sahen. Und die Tante hatte von allem Bescheid gewußt! Es war unerhört, wie die fortwährend lächelnd zu den beiden hinüberblickte. Na, so viel wußte sie, mit der Tante war sie fertig für immer, zu der kam sie nie wieder in das Haus, denn es wäre einfach deren Pflicht gewesen, ihr zuzurufen: »Weißt du schon, Kitty, Fräulein von Greusen und Hans Arnim lieben sich, und ich hoffe, daß die beiden ein Paar werden.« So hätte die Tante zu ihr sprechen müssen, warum war die sonst ihre Tante? Die hätte ihr die Augen öffnen sollen, dann hätte sie ihre eigene Zeit besser verwenden können, als zu versuchen, Hans Arnim in sich verliebt zu machen, wie sie jetzt einsah, ohne den geringsten Erfolg. 303 Ihr kleines Herz krampfte sich immer mehr und mehr zusammen, aber dann erwachte ihr Stolz. Dieser Hans Arnim verdiente es gar nicht, daß sie sich um den auch nur eine Sekunde dumme Gedanken machte. Die Männer waren alle so schlecht, so furchtbar schlecht. Die taugten alle nichts, und wenn Maria Elisabeth wirklich auf Hans Arnim hineinfallen sollte, dann würde die später an dem eine nette Enttäuschung erleben! Die Männer waren keinen Schuß Pulver wert, höchstens der Kürassier bildete eine Ausnahme, weil der nicht so klug und so gerissen war wie dieser Hans Arnim. Na, der sollte es nach Tisch nur mal wagen, sie anzusprechen, dem würde sie schön heimleuchten. Bis sie sich schnell eines anderen besann. Nein, den Triumph durfte sie ihm nicht gönnen, daß sie ihm verriet, wie sie über sein Verhalten dachte. Es hatte nur ein Spiel zwischen ihnen beiden sein und bleiben sollen und so mußte sie höchstens darüber lachen, daß er sie genasführt hatte und mußte so tun, als habe sie das schon längst gewußt, als habe sie sich nur dumm angestellt, um ihm zu beweisen, wie dumm er war, als er sich einbildete, sie täuschen zu können. Und damit er ihr auch später ihre Lustigkeit glaubte, mußte sie schon jetzt lustig werden. Leicht fiel es ihr nicht, aber es mußte sein und schließlich gelang es ihr auch, wenn sie auch selber merkte, daß ihr Heiterkeit etwas Gezwungenes hatte. Aber die anderen schienen das glücklicherweise nicht zu ahnen. Die lachten nun über ihre Scherzworte mit und ihr Lachen steckte auch die anderen an. Namentlich Hans Arnim kam aus dem Lachen gar nicht heraus und das klang so froh, so 304 glücklich und so heiter, wie sie es noch nie von ihm gehört hatte. Das Souper nahm seinen Fortgang, bis dann der Damwildbraten erschien. Die Köchin hatte Wort gehalten, der war wirklich ein Gedicht, doch wie es kam, wußte Kitty selber kaum, aber ihr schmeckte der Braten gar nicht. Ja, der verursachte ihr beinahe Ekel und Widerwillen. So wollte sie den Teller jetzt beiseite schieben, als sie Hans Arnims Blicke auf sich gerichtet fühlte. Da machte sie doch den Versuch, weiterzuessen, denn der sollte sich um Gottes Willen nicht einbilden, daß ihr der Braten damals nur deshalb besser schmeckte, weil er dabei an ihrer Seite saß. Und selbst während sie nun langsam einen Bissen nach dem anderen zum Munde führte, wandte Hans Arnim keinen Blick von ihr ab, bis er jetzt an sein Glas schlug und sich gleich darauf erhob. »Jetzt kommt die Überraschung,« dachte Kitty im stillen und so sah sie voller Erwartung zu Hans Arnim hinüber. Der hatte während der ganzen Zeit, die sie bei Tisch saßen, Kitty beständig beobachtet, wenn auch in so unauffälliger und geschickter Weise, daß sie selbst es nicht bemerkte. Und er hatte es verstanden, ihre geheimsten Gedanken zu erraten, das schon deshalb, weil Kitty ihm das ziemlich leicht machte. Er sah ihre Enttäuschung, als er ihr nicht den Arm bot, er bemerkte, wie sie sich heiter und lustig zu stellen versuchte, er hörte an ihrer Heiterkeit und an ihrem Lachen, wie wenig ihr danach in Wahrheit zumute war, er erkannte in ihren Zügen den Ausdruck der Eifersucht, 305 wenn er sich Maria Elisabeth widmete und wenn er die anlächelte. Das alles stimmte ihn so glücklich wie nie zuvor. Nun wußte er, er war seines Sieges gewiß, aber Kitty sollte dafür büßen, daß die sich so lange gesträubt hatte, ihm zu verraten, daß auch sie ihn liebe, weil sie sich immer noch einbildete, in den schönen Hugo verliebt zu sein. Aber wenn er auch den sicheren Sieg vor sich sah, einen Augenblick zögerte er nun doch noch, bis er zu sprechen begann: »Meine sehr verehrten, lieben und hochgeschätzten Gäste! Es ist der Wille der liebenswürdigen Hausfrau, daß ich Sie meine Gäste nenne. Da danke ich Ihnen allen zunächst nochmals für Ihr Erscheinen und gebe der Hoffnung Ausdruck, daß Sie später alle gern an den heutigen Abend zurückdenken werden. Ich werde es wenigstens tun, schon weil der für mich den Abschluß einer unbeschreiblich schönen Zeit bedeutet, die ich hier in diesem Hause verleben durfte. Mich heute für alles zu bedanken, was mir hier Liebes und Gutes erwiesen wurde, ist jetzt nicht die Stunde, denn da würde ich vergessen müssen, daß ich mich heute hier nicht selbst als Gast betrachten darf. Nicht von dem darf ich reden, was als Ausdruck tiefsten Dankes mein Herz bewegt, sondern von anderen Dingen. Und da muß ich Ihnen zunächst ein Geständnis machen, oder noch richtiger gesagt, ich möchte, obgleich wir sicher alles gute Protestanten sind, vor Ihnen die Ohrenbeichte ablegen und im voraus von Ihnen die Verzeihung meiner Sünden erbitten.« War es Absicht oder Zufall, daß Hans Arnim nun eine 306 kleine Pause machte? Das wußte Kitty natürlich nicht, aber sie zuckte bei seinen Worten zusammen, denn was er da als Einleitung sagte, war fast dasselbe, was er ihr auf der Straße zurief, bevor er ihr die Rosen unter die Füße streute. Da legte er auch vor ihr die Ohrenbeichte ab, weil er so keck gewesen war, am Stammtisch zu behaupten, er betrachte sich bereits als heimlich verlobt. Was würde er nun wieder zu gestehen haben? »Ja, meine Herrschaften,« wandte sich Hans Arnim nun an die Frau Konsul und an Fräulein von Greusen, um diese an ihre Pflicht zu erinnern, »lächeln Sie nur immer weiter, weil Sie mir noch nicht glauben und weil Sie in Ihrer Güte mir vielleicht gar keine Sünden zutrauen. Aber die habe ich doch begangen und ich will auch offen erklären, worin die bestanden: Ich habe gelogen und ich war dumm. Das letztere bedrückt mich am meisten. Und wenn Sie auch nicht alles verstehen werden, was ich damit meine, so sei es dennoch gesagt. Meine Lüge bestand darin, daß ich vor Wochen einmal behauptete, bereits heimlich verlobt zu sein, meine Dummheit aber war die, daß ich an meine eigenen Worte glaubte, weil ich noch nicht wußte, was ich heute erfahren habe, daß ich damals schon alle Ursache, ja, daß ich sogar schon das Recht besaß, mich offiziell als Verlobter zu betrachten. Ja, meine Herrschaften, lachen oder lächeln Sie mich nur ruhig aus, ich verspreche feierlichst, auch nie wieder so dumm sein zu wollen. Nun aber bitte ich Sie, da ich selbst das Hoch ausbringen muß, mit mir einzustimmen in den Ruf: Hans Arnim von Kühnhausen, früher zuweilen ohne jeden Grund der maßlos Kecke genannt, er 307 und seine über alles geliebte Braut leben hurra, hurra, hurra!« Während seiner Rede hatte er keinen Blick von Maria Elisabeth abgewandt und die hatte ihm fortwährend zugelächelt, nicht nur, weil er sie darum gebeten hatte und sie von Zeit zu Zeit heimlich mit dem Fuß anstieß, sondern weil sie den Eindruck bemerkte, den seine Worte auf den Kürassier machten. Der schien allen Ernstes zu glauben, was Hans Arnim von seiner Braut erzählte, bezöge sich auf sie, sie habe Hans Arnim längst geliebt und es ihm erst heute gestanden. Und mit immer größer werdender Freude sah sie, wie der schöne Hugo darunter litt. Der wurde immer blasser und blasser, sein Gesicht nahm einen ganz entsetzten, fast leblosen Ausdruck an, und so traurig und melancholisch wie jetzt hatte er sie noch nie angesehen. Aber das nicht allein, in dem Augenblick, da sie es dem Kürassier anmerkte, daß der sie nun für immer zu verlieren glaubte, da fühlte sie erst selbst, wie gut sie ihm war, und wenn sie sich auch tausendmal eingeredet hatte, schon weil sie selber arm sei, dürfe sie ihn nicht erhören, jetzt dachte sie nur an ihn und an die Liebe, die er für sie empfand und die sie erwiderte. Und sie lächelte auch noch aus einem anderen Grunde, weil sie als einzige Hans Arnim sehr bald durchschaute, sie wußte, warum er nicht Kitty als Tischdame erwählte, weshalb er bisher kaum zehn Worte mit ihr sprach, warum er fortwährend mit ihr, statt mit Kitty kokettierte, denn wenn sie mit ihm in all den Wochen nie auf seine Äußerung zurückgekommen war, er betrachte sich bereits so gut wie 308 verlobt, ja, wenn sie sich stets so gestellt hatte, als habe sie von dieser seiner Bemerkung nie etwas gehört, sie hatte damals gleich verstanden, auf wen seine Worte gemünzt waren. Und sie sah es doch noch deutlicher, als die anderen, wie er sich um Kitty bewarb. Nun wollte er sie heute dafür strafen, daß sie ihn so lange hatte zappeln lassen, und wollte durch eine Überrumpelung ihr Herz und ihr Wort gewinnen. So stimmte denn Maria Elisabeth ebenso wie die Frau Konsul hell und laut in das Hurra ein, während des Kürassiers und Kittys Stimme kaum zu hören waren. Aber das schien Hans Arnim gar nicht zu bemerken, er stieß mit Maria Elisabeth an, um ihr dabei glückselig lachend in die Augen zu sehen, und sie erwiderte diesen Blick, als wäre sie wirklich die Braut, von der er sprach. Das hat Fräulein von Greusen wirklich sehr gut gemacht, dachte Hans Arnim im stillen, na, soweit wären wir jetzt, jetzt kommt die Fortsetzung und der Schluß, vorausgesetzt, daß es zu dem letzteren kommt. Und wenn er auch sehr genau wußte, daß es die Pflicht der Höflichkeit verlangte, jetzt zuerst mit der Frau Konsul anzustoßen, verließ er doch schnell seinen Platz und ging mit dem Sektglas in der Hand um den Tisch herum auf Kitty zu. Der drohte das Herz still zu stehen, als sie Hans Arnim kommen sah. Am liebsten wäre sie aufgesprungen und davongelaufen, aber ihre Glieder waren ihr schwer wie Blei und den Triumph wollte sie ihm auch nicht gönnen, daß sie ihm zeigte, wie grenzenlos er sie enttäuschte, weil er sich nun mit Fräulein von Greusen verlobt habe. Aber wenn sie ihm das auch nicht zeigen wollte, er las es sofort 309 in ihrem kleinen blassen Gesicht und aus ihren verzagten Augen, wie sie litt. Sie tat ihm über alles leid, aber einen Augenblick mußte er sie doch noch in dem falschen Glauben lassen. So meinte er denn nun lachend, fröhlich und übermütig: »Nicht wahr, gnädiges Fräulein, auf diese Überraschung des heutigen Abends waren auch Sie ganz gewiß nicht vorbereitet? Daß unser Spiel und daß die Strafe, die Sie über mich verhängten, so enden würden, hätten auch Sie sicher nicht gedacht? Aber es kommt eben alles anders, wie man glaubt. Nun bin ich nur auf den Glückwunsch neugierig, den Sie mir mit in die spätere Ehe geben werden, denn gerade Ihr Glückwunsch soll mir das Glück bringen.« Aber so schnell kam der nun doch nicht von Kittys Lippen. Ihr kleiner Mund zuckte und zuckte, daß sie zuerst gar nicht sprechen konnte, bis sie endlich mit leiser Stimme sagte: »Möchten Sie so glücklich werden, wie ich es Ihnen von ganzem Herzen wünsche.« »Das wünsche ich Ihnen auch, gnädiges Fräulein,« sagte er gleich darauf mit so lauter Stimme, daß sie fast erschrak, während er zugleich, von ihr unbemerkt, das Taschentuch, das er hinter dem Rücken hielt, hin und her schwenkte. Das war das Stichwort und das Zeichen, auf das Nanny im Zimmer nebenan schon lange voller Ungeduld wartete. Nun öffnete sie die Tür, und in demselben Augenblick erklangen aus einem der Nebenzimmer leise und gedämpft die Töne der Geigen, die den Walzer aus dem »Grafen von Luxemburg« spielten, aber sich der erteilten Instruktion gemäß gar nicht erst bei der Einleitung aufhielten, sondern 310 gleich mit der Melodie begannen, zu der Hans Arnim nun mit leiser, schmeichelnder Stimme, während er Kitty dabei freudestrahlend ansah, sang: »Ich weiß es genau, genau, genau, du wirst meine Frau, meine Frau, meine Frau.« Das war für Kitty zu viel, starr und fassungslos sah sie ihn an, bis sie plötzlich in Tränen ausbrach und ihm zurief: »Sie sind wirklich ein ganz schlechter Mensch, denn daß Sie sich nun auch in dieser Weise über mich lustig machen und mich verspotten, das habe ich nicht um Sie verdient.« »Aber ich denke gar nicht daran, mich über Sie lustig zu machen, gnädiges Fräulein,« verteidigte er sich lachend, »das bilden Sie sich nur ein, denn wenn Sie immer noch nicht wissen, wer meine Frau wird, muß ich es Ihnen wohl endlich gestehen. Meine zukünftige Frau sind Sie, gnädiges Fräulein, oder darf ich dich kleines Schaf nun endlich Kitty und du nennen?« Er sah, wie Kitty für eine Sekunde noch blasser wurde, dann aber schoß ihr das Blut in die Wangen und von ihrem Stuhl aufschnellend, rief sie ihm zu: »Hans Arnim, sage mir die Wahrheit, liebst du mich denn wirklich, nur mich, hast du endlich Feuer gefangen? Ach, Hans Arnim, du schlechter Mensch, ich wollte es dir ja nie verraten, weil ich es mir selbst nicht eingestehen wollte, lieb gehabt habe ich dich schon damals, als du mich so keck ansahst.« »Könntest du mir das statt mit Worten nicht lieber mit einem Kuß beweisen?« fragte er sie übermütig. Da schlang sie die Arme um seinen Hals, aber als er sich absichtlich in seiner ganzen Größe aufrichtete, reichte ihr Kopf ihm nur bis zur Brust, aber Kitty wußte sich zu 311 helfen, sie sprang schnell auf ihren Stuhl und dann küßte sie ihn immer aufs neue, um ihn endlich neckend zu fragen: »Na, küsse ich wirklich so schlecht?« »Es geht, Kitty,« meinte er, »du mußt noch viel lernen, aber wenn du mir versprichst, eine gelehrige Schülerin zu werden –« »Ja, das will ich,« fiel sie ihm in das Wort, bis sie ihn nun fragte: »Aber Hans Arnim, warum hast du mir vorhin nur einen solchen Schrecken eingejagt und was wird nun aus Fräulein von Greusen?« Aber die Antwort auf diese Frage fand sie sofort, als sie sich nun nach der umsah und als sie bemerkte, wie Maria Elisabeth an der Brust des Kürassiers lehnte. Auch da war es gekommen, wie Hans Arnim dachte, und so rief er denn Kitty triumphierend zu: »Habe ich nicht auch das glänzend gemacht? Aber trotzdem möchte ich nun wissen, ob Maria Elisabeth ihm einen Antrag machte, oder ob der schöne Hugo seinem dummen Schwur endlich untreu wurde.« »Von dem weiß ich doch gar nichts,« meinte Kitty verwundert. »Das erzähle ich dir später,« beruhigte er sie, »nun soll erst Fräulein von Greusen einmal beichten.« Und als Hans Arnim mit Kitty auf die beiden zutrat, erzählte Maria Elisabeth, wie alles gekommen war, nein nicht alles, das brauchten die beiden nicht zu wissen, aber die Hauptsache erfuhr Hans Arnim doch. Maria Elisabeth hatte dem Kürassier tatsächlich einen Antrag gemacht, oder wenn auch nicht das gerade, sie hatte dem schönen Hugo, als sie sah, wie dieser ihr im schwersten Kampfe mit sich 312 selbst gegenüberstand, als er für sein Leben gern sprechen wollte und es, um sich treu zu bleiben, doch nicht tun durfte, als sie sah, wie Kitty und Hans Arnim sich küßten, da hatte sie ihm zugerufen: »Auch ohne daß Sie sich mir erklären, Herr von Hohenebra, weiß ich, wie Sie über mich denken und wenn es Sie glücklich macht, zu erfahren, daß ich über Sie ebenso denke –« Und das hatte vollständig genügt, da hatte er sie an sich gezogen und sie geküßt. Aber als Hans Arnim sie nun fragte, ob sie ihm jetzt verraten könne, aus welchen besonderen Gründen sie als Dame der Gesellschaft zuerst von ihrer Liebe habe sprechen dürfen, da gab sie ihm lachend zur Antwort: »Ja, wissen Sie das denn wirklich immer noch nicht? Ohne sich etwas zu vergeben, darf jede junge Dame in solchem Falle das tun, wenn sie weiß, daß der Mann durch den Schwur, den er einem Verstorbenen leistete, zum Schweigen verpflichtet ist, und wenn sie nicht schuld daran sein will, daß der Geliebte ihretwegen dadurch ehrlos wird, daß er den Schwur bricht.« Es war nur ein Glück, daß der schöne Hugo, der sich eben mit Kitty unterhielt und dieser gratulierte, diese Worte nicht hörte, sonst würde der sofort gefragt haben, was es mit dem Eid, den er einem Verstorbenen gegeben haben solle, in diesem besonderen Falle für eine Bewandtnis habe. Und wenn Maria Elisabeth dann erfuhr, daß Hans Arnim ihr damals ein Märchen erzählte, – nee, lieber nicht. Das erfuhr sie, wenn überhaupt, später immer noch früh genug. Dann aber würde sie über seine Geschichte 313 höchstens lachen, während es sie jetzt vielleicht verlegen und böse machen würde, daß sie auf das, was er ihr im Garten erzählte, hineingefallen war. Gleich darauf trat Maria Elisabeth wieder zu dem schönen Hugo, während Kitty zu Hans Arnim eilte, und abermals küßten sich die Paare, bis in diese Küsserei plötzlich die Stimme der Frau Konsul erklang: »Ja, so ist die Jugend, die denkt nur an sich, um mich alte Frau kümmert sich niemand mehr und küssen tut mich erst recht keiner.« Da eilten alle auf sie zu. Kitty, die vorhin der guten Tante so böse gewesen war und sie nie, nie wieder hatte besuchen wollen, flog ihr stürmisch um den Hals und küßte sie leidenschaftlich. Fräulein von Greusen wollte der alten Dame die Hand küssen, aber die Frau Konsul zog sie an sich und küßte sie zärtlich und voller Liebe auf den Mund, und auch Hans Arnim bekam einen Kuß. Nur von dem Kürassier ließ die Frau Konsul sich lediglich die Hand küssen, während sie ihm dabei zurief: »Herr von Hohenebra, das sage ich Ihnen aber gleich, wenn Sie mir mein liebes Fräulein von Greusen nicht mehr als glücklich machen, haben Sie es für immer mit mir verdorben.« Und als der gelobt hatte, alles zu tun, was in seinen Kräften stände, damit Maria Elisabeth es nie bedauern solle, die seine geworden zu sein, fuhr die Frau Konsul fort: »Ihr lieben jungen Leute, ich habe vorhin ernstlich befürchtet, mich solle der Schlag rühren. Ich hatte tatsächlich für ein paar Minuten die Sprache verloren, als diese Küsserei begann und nach meiner Ansicht noch dazu eine ganz falsche. Ich hatte Sie doch gewarnt, mein lieber Haus Arnim, Sie 314 sollten sich nicht in Kitty verlieben, weil ich im stillen vom ersten Augenblick an hoffte, Sie und Fräulein von Greusen würden sich mit der Zeit finden, und als Sie vorhin die Rede hielten, dachte ich, daß meine stillen Wünsche in Erfüllung gehen würden. Ich war so glücklich, so unbeschreiblich glücklich. Na, auf mich kommt es dabei nicht an, sondern nur auf Euch. Möchtet Ihr alle so glücklich bleiben, wie Ihr es heute seid, daraufhin will ich nun mit Ihnen allen anstoßen.« Das geschah denn auch und gleich darauf wechselte man die Plätze. Kitty setzte sich neben Hans Arnim und Maria Elisabeth neben den schönen Hugo, während in dem Nebenzimmer die Musik unermüdlich weiterspielte: »Ich weiß es genau, genau, genau, du wirst meine Frau, meine Frau, meine Frau!« Bis Hans Arnim ihr endlich durch den alten Diener sagen ließ, sie hätte nun für heute ihre Pflicht und Schuldigkeit getan und könne nach Hause gehen. Aber so glücklich Kitty nun auch war, es wollte ihr absolut nicht in den Sinn, als Hans Arnim ihr im weiteren Verlaufe des Abends erzählte, daß er auch unter diesen veränderten Umständen schon morgen früh mit dem Neun-Uhr-Zug wegfahren wolle: »Es muß sein, Kitty, es gibt für mich keinen anderen Zug, wenn ich morgen abend zu Hause sein will. Ich habe den Eltern fest versprochen, den Geburtstag bei ihnen zu verleben, wir haben den ja schon heute hier gefeiert und an meinem nächsten Geburtstag bist du schon längst meine kleine Frau. Die Eltern warten seit vielen Monaten auf mich und ich bleibe nicht lange fort, höchstens achtundvierzig Stunden, dann komme ich zurück, 315 um bei deinen Eltern in aller Form um deine Hand zu bitten. So lange mußt du mir schon Urlaub geben, Kitty, zum größten Teile bist du ja selbst daran schuld, daß wir uns erst heute verlobten.« Das sah Kitty ja auch ein und was er da sonst noch sagte, war alles sehr schön und gut, aber sie wollte trotzdem von einer, wenn auch noch so kurzen Trennung nichts wissen, bis er ihr zurief: »Weißt du was, Kitty, während ich weg bin, stellst du meine vier Photographien bei dir auf. Damals wolltest du sie nicht haben, jetzt hast du hoffentlich für die doch Verwendung.« »Hast du wirklich nicht mehr als nur vier Bilder von dir?« fragte sie, ein klein wenig enttäuscht. »Doch,« beruhigte er sie, »nun kann ich es dir ja verraten. Ich habe mir damals gleich noch ein fünftes machen lassen, auf dem Bild stehe ich vor Freude auf dem Kopfe, denn ich wußte doch, daß du meine Braut werden würdest. Schön ist die Photographie allerdings nicht geworden, das auf dem Kopfe-stehen war etwas schwierig, ich habe dabei die Beine in der Luft nicht still gehalten, und da ich mir denen fortwährend in der Luft herumstrampelte, sieht es so aus, als hätte ich wenigstens zwanzig Beine. Na, mit den Augen der Liebe wirst du mich trotzdem erkennen und mich hoffentlich auch so sehr schön finden.« Endlich willigte Kitty in die Trennung und so nahm Hans Arnim am nächsten Morgen Abschied von seinen beiden schönen Zimmern, in denen er trotz aller Kittysorgen sich so wohl und glücklich gefühlt hatte, und er nahm auch Abschied von Nanny: »Weinen Sie nicht, Fräulein Nanny,« 316 bat er, als er bemerkte, daß sie ein ganz unglückliches Gesicht machte, »es gibt ein Wiedersehen, auch für uns. Hier wohnen werde ich wohl allerdings nicht wieder, denn ich komme nur auf ein paar Tage wieder, aber trotzdem werde ich natürlich die gnädige Frau besuchen, sobald ich zurück bin. Und dann bekommen Sie auch den Kuß. Ohne Wissen meiner Braut darf ich Ihnen den natürlich nicht geben, aber wenn ich der später alles erzählte, wie gut Sie für mich sorgten, wird die gegen den Kuß sicher nichts einzuwenden haben.« Aber Nanny schüttelte den niedlichen Kopf: »Es hat sich zwischen uns ausgeküßt, Herr Oberleutnant, wenn auch nur in Gedanken, denn daß das Fräulein Braut den Kuß erlauben würde, das glauben der Herr Oberleutnant doch wohl selber nicht. Das täte ich auch nicht, wenn ich das gnädige Fräulein wäre,« bis sie hinzusetzte: »Wer weiß, wozu es am Ende gut ist, wenn während der ganzen Zeit aus dem Küssen nichts wurde, aber schade war es doch.« Da tröstete Hans Arnim sie, so gut er es vermochte. Er legte zu dem ohnehin schon reichlich bemessenen Trinkgeld noch fünfzig Mark dazu, das Kriegsgehalt erlaubte ihm, so freigebig zu sein, und er erreichte damit seinen Zweck. Nannys Augen verloren ihren traurigen Ausdruck, sie strahlte vor Freude, aber das nicht allein, ehe Hans Arnim wußte, wie ihm geschah, gab sie ihm einen Kuß und dann noch einen, um unmittelbar darauf aus dem Zimmer zu laufen, als schäme sie sich dessen, was sie tat, denn wenn sie ihn auch küßte, er sollte deshalb nicht von ihr denken, daß sie kein anständiges Mädchen sei. 317 Belustigt sah Hans Arnim ihr nach, dann schickte er sich an, Abschied zu nehmen von der Frau Konsul und von Fräulein von Greusen, und eine Stunde später fuhr er mit dem D-Zug dem Elternhause entgegen. Wie an jenem Tage, da er das Lazarett verließ, war es heute ein herrlicher Tag, der Himmel leuchtete im tiefsten Blau, die Sonne schien so schön und warm, daß ihm das Herz aufging und daß ihm das Glück, das ihn durchströmte, für einen Menschen fast zu groß erschien. Er war ja so froh, so namenlos froh. Er liebte Kitty und wurde von der wiedergeliebt, nur noch ein paar Tage, dann war sie vor aller Welt seine Braut, und die Hochzeit sollte nicht lange auf sich warten lassen. Sein Glück kannte keine Grenzen, aber das Schönste von allem war es doch, daß er sich aus eigener Kraft von seinen finanziellen Sorgen befreit hatte. Gott sei Dank, nun blieb es ihm wenigstens erspart, vor seinen Verwandten zu Kreuze zu kriechen, die um Verzeihung zu bitten und denen für die Zukunft Besserung zu geloben. Je eher die es erfuhren, daß er ihrer Hilfe nicht mehr bedurfte, desto besser war es für ihn. Er konnte den Augenblick kaum abwarten, in dem er den Verwandten zurufen würde: »Behaltet Euer Geld, ich habe dafür keine Verwendung mehr!« Und die Gesichter, die die Verwandtschaft dann machen würde! Die Gesichter mußte er sehen und zwar so bald wie möglich. Das war auch der wahre Grund, weshalb er trotz Kittys Bitten erklärt hatte, schon heute reisen zu müssen , wenn er diesen Grund selbstverständlich auch nicht 318 nannte, denn die würde es von ihrem Vater leider Gottes immer noch früh genug erfahren, daß er einen ganzen Sack Schulden hatte. Na, glücklicherweise kam es dem reichen Kommerzienrat nicht darauf an, ob er für ihn ein paar tausend Mark mehr oder weniger zu bezahlen hatte. Bis ihn jetzt plötzlich ein Gedanke durchfuhr, den er zuerst als total verrückt wieder verwarf, der ihn dann aber immer mehr und mehr beschäftigte, bis er jetzt stillvergnügt vor sich hin lächelnd dasaß, bis er sogar plötzlich hell auflachte. Ja, er würde wirklich ausführen, was ihm eben eingefallen war. Nun, da es ihm nicht mehr schwer wurde, Besserung zu geloben, wollte er das den Verwandten gegenüber auch tun; aber das nicht allein, die sollten ihm alle seine Schulden bezahlen, alle bis auf den letzten Groschen, dazu sollten sie sich ihm gegenüber schriftlich in rechtskräftiger Form verpflichten. Und auch die erhöhte Zulage, die sie ihm versprochen hatten, sollten sie ihm schriftlich zusichern, damit sie für alle Zeiten daran gebunden wären. Und dann erst wollte er ihnen zurufen: »Das ist die Strafe für Euch, daß Ihr mich früher mit dem Gelde so knapp gehalten habt, nun habe ich es Euch Gott sei Dank doch aus der Nase gezogen, obgleich ich es gar nicht mehr nötig gehabt hätte, denn nun will ich Euch verraten, daß und mit wem ich mich verlobte.« Abermals lachte er hell auf, als er an die mehr als verdutzten Gesichter dachte, die die Verwandten machen würden. Ja, so wollte er, Hans Arnim, handeln. Selbst seinen Altern gegenüber würde er, wie er es auch bisher in seinen Briefen tat, von Kitty schweigen, bis seine Schulden 319 geregelt wären. Und ebenso überglücklich, wie er es noch vor einer Stunde gewesen war, den Verwandten nicht beichten zu brauchen, ebenso froh war er jetzt bei dem Gedanken, denen doch beichten zu wollen. Aber er wollte es nicht nur, er mußte es sogar. Da blieb ihm der peinliche Augenblick erspart, dem Kommerzienrat das Verzeichnis seiner Schulden vorzulegen, und wenn er das nicht nötig hatte, dann würde, nein, dann mußte Kitty glauben, daß er sie von Anfang an nur um ihrer selbst willen liebte und daß er dabei nicht einen Moment darüber nachdachte, ob sie reich oder arm war.