Rudolph Stratz Lieb Vaterland Vorwort In diesen Tagen, da es wieder ein Glück und ein Stolz ist, ein Deutscher zu sein, nahm ich dies Buch zur Neubearbeitung in die Hand, das ich vor Jahren im tiefsten Frieden schrieb. Im scheinbaren Frieden der Tage zwischen Algesiras und Agadir, blauer Himmel und goldene Sonne über Deutschland, Tages Arbeit und Abends Feste und die ganze Welt bei uns als Gäste, und um uns, unsichtbar spinnend, lautlos wühlend, rastlos geschäftig, die lauernde Todfeindschaft einer ganzen Welt. Und in unseren Seelen bei manchem doch wohl ein Ahnen der kommenden, ehernen Notwendigkeit: »Was du ererbt von deinen Vätern hast – erkämpf' es, um es zu besitzen!« Kämpfen aber, so kämpfen wie das deutsche Volk in diesen herrlich großen Tagen kann man nur für das, was man mehr liebt als sich selbst: das Vaterland. Auf unser liebes deutsches Land wollte ich damals, für mein bescheidenes Teil, mit diesem Buch Blicke und Herzen wenden, in einer Zeit, wo vielfach und gottlob nur äußerlich Ausländerei uns umnebelte. War das wirklich einmal? Wir wissen's kaum mehr! So Gewaltiges und Wunderbares ist uns seitdem widerfahren. Wenn jetzt »Lieb Vaterland« in seiner neuen Gestalt wieder vor die Leser tritt, wird es emporgehoben und mitgerissen, wie ein Blatt im Sturm, von einem Ruf wie Donnerhall aus Schloß und Hütte, von Maas und Memel, von groß und klein: »Lieb Vaterland – magst ruhig sein – Fest steht und treu die Wacht am Rhein!« München , im glorreichen August 1914 Rudolph Stratz 1. Karl Feddersen war an diesem Januar-Nachmittag vor einer Stunde auf der Durchreise von Moskau nach Paris in Berlin eingetroffen. Im Hotel hatte man den jungen deutsch-russischen, in Frankreich wohnhaften Millionär mit der geziemenden Rücksicht empfangen. Seine gewohnten Zimmer standen bereit. Die Briefschaften des Welthauses Iwan Feddersen und Söhne, zu dessen Inhabern er gehörte, lagen auf dem Diplomatenschreibtisch. Er hatte sie flüchtig durchmustert, sich gebadet und umgezogen. Nun stieg er, während sein französischer Kammerdiener den Koffer auspackte, den kurzen Treppenabsatz in die Vorhalle des Hotel Adlon hinab, ein stattlicher Mann mit blauen Augen und blondem Schnurrbart, mit solider Eleganz nach Pariser Mode gekleidet, das verwöhnte Lächeln eines reichen Junggesellen in den Dreißigern auf den kühlen, selbstbewußten Zügen. Als er vorhin angekommen, hatte die Hotelhalle noch völlig leer in träumerischem Dämmern dagelegen. Jetzt war da eine Flut von Licht und Gelächter, Uniformen, wippende Riesenhüte, blaubefrackte Diener – das Gewimmel des Five-o'clock-tea's . Karl Feddersen war das neu. Er kam selten nach Berlin. Seine Fahrten von Paris nach Südrußland machte er gewöhnlich mit dem Orient-Expreß über Wien. Ein Kellner, der aus seiner schwerfälligen ausländischen Eleganz ein reiches Trinkgeld herauswitterte, richtete ihm ein eigenes kleines Tischchen und schob ihm einen Strohsessel hin, in dem der blonde Finanzmann halb versank und, sich eine Zigarette anzündend, phlegmatisch das Gewühl vor sich betrachtete. Das schwirrte, das schwatzte und lachte, das kam und ging und schob sich durcheinander. Viel Offiziere. Elegante junge Frauen. Hübsche Mädchen. Schlanke, große Erscheinungen. Karl Feddersen kannte keine Menschenseele in diesem bunten Jahrmarkt – überhaupt in ganz Berlin vielleicht ein halbes Dutzend Leute ... Ein lautes Lachen von dem großen Rundtisch vor ihm weckte ihn aus seinen Träumen. Eigentlich wurde dort immer gelacht, solange er hier saß: junges Volk. Ein halbes Dutzend Leutnants, ein halbes Dutzend Mädchen, ein paar davon im Reitkleid, wie sie vom Tatterfall kamen, die andern im Straßenkostüm, ein Gekicher und Geflirte. Der junge Millionär sah sich das nüchtern an, mit Nachsicht, wie man spielende Kinder betrachtet. Da stand plötzlich einer der Offiziere, ein glattrasierter Ulan, auf und kam lachend auf ihn zu: »Kennen Sie Ihren alten Kabinenkameraden von der »Therapia« noch, Herr Feddersen? Wie ich vor zwei Jahren meine große Mittelmeerreise mit der Levante-Linie machte, da kamen Sie doch auf dem Rückweg in Batum an Bord und fuhren bis Odessa mit!« »Ach ja – richtig!« Karl Feddersen machte so häufig die Ueberfahrt von Südrußland nach dem Kaukasus, daß er sich gerade dieser Reise nicht weiter entsann, aber er neigte mit der beistimmenden, unpersönlichen Höflichkeit, die ihn als Geschäftsmann nie verließ, das blonde Haupt. Der andere fuhr fort: »Drollig, wie man sich so wieder trifft! ... Höllisch weltstädtisch wird dies Berlin nachgerade – nicht?« »Ja, mir scheint! Ich bin hier ein seltener Gast.« »Darum sitzen Sie auch hier so einsam und verlassen! Warten Sie auf jemanden?« »Erst in einer Stunde. Auf meinen Bruder!« »Dann kommen Sie doch ein bißchen zu uns hinüber! Fidele Gesellschaft! ... Da tauschen wir dann noch Reiseerinnerungen aus!« Der junge Reitersmann sah den andern freundlich an, und jener dachte: Warum nicht? Er ging Menschen nie aus dem Wege. Schließlich konnte man immer da und dort etwas hören, was für das Geschäft nützlich war. »Wenn ich nicht störe ...« »Ach wo! Sehen Sie sich doch nur die Blase an!« Aber an dem runden Tisch, an den sie traten, war die Heiterkeit plötzlich in tiefe Stille umgeschlagen. Ein anderer Offizier stand da. Er hatte eine Hiobspost gebracht. Jetzt rief er sie auch dem herankommenden Ulanen zu: »Elendt – wissen Sie schon: Gellin ist in Südwest gefallen!« »Herrgott, ne – wo denn?« »Ganz unten, mit dem Kamelreiterkorps in der Kalahari. Gegen versprengte Witboys. Eben kam die Kabeldepesche.« Auf den ernst gewordenen Gesichtern der jungen Mädchen, der jungen Leutnants lag ein für Karl Feddersen, den Kosmopoliten, seltsamer, gleichförmiger Ausdruck, des Sich-eins-fühlens mit diesem einen Toten in fernen Landen, mit den ganzen Kolonien, mit der großen deutschen Armee. Es waren keine Verwandten des Gefallenen anwesend. Die wären aufgestanden und weggegangen. Aber es war doch, als habe dieser Verlust hier die Mitglieder einer bis ins Unendliche weitverzweigten Familie getroffen, so feierlich war die Stimmung. Es wurde weniger als sonst beachtet, daß plötzlich ein fremder Zivilist vorgestellt wurde und an der Tafelrunde Platz nahm. Gleich darauf begann wieder das Gespräch über den toten Gellin – wo er früher gestanden – ob er dann in das zweite oder dritte Seebataillon gekommen sei – wann er zur Schutztruppe übergetreten, ob der andere Gellin, der sich drüben nach dem Aufstand als Farmer niedergelassen habe, sein Vetter oder sein Bruder sei – Namen und Jahreszahlen schwirrten durcheinander. Dann versetzte der neuangekommene Leutnant: »Großartig, wie der Vater das trägt! ... Winkt jedem, der kondolieren will, schon an der Türe ab und meint, es sei höchste Zeit, daß wieder einmal ein Gellin für den König gestorben sei ...« Ein Schweigen entstand. Eine Stimme rief: »Das ist aber doch zu spartanisch!« Andere widersprachen. Nein, das sei groß. Uebrigens habe er ja noch zwei Söhne! Das war eine Welt, die Karl Feddersen nicht verstand – ein Hauch von Kurbrandenburg – von Roßbach und Leuthen, von Waterloo und Sedan. Er tadelte das nicht. Er tadelte überhaupt nie etwas. Er war gewohnt, Menschen und Dinge nicht zu beurteilen, sondern zu benutzen. Er dachte sich: also solche Leute gibt es! ... und schwieg, als wohlerzogener Mann, bei einer Sache, die ihn nichts anging, und saß mit ruhiger Teilnahme da. Dabei fiel ihm auf, daß das junge Mädchen ihm gerade gegenüber ein anderes Gesicht machte als die andern. Was sich darauf spiegelte, war schwer zu sagen. Am ersten schien es eine Art stiller Widerspruchsgeist zu sein – so, als ob sie manches lieber für sich behielte, was sie dachte. Vorhin, als er vorgestellt wurde, hatte er sie nur mit einem flüchtigen Blick gestreift. Nun sah er sie näher an. Sie hatte dunkles Haar und dunkle, glänzende Augen. Der Mund war sprechend, halboffen. Aber sie schwieg. Sie seufzte nur mit einer seltsamen, verächtlich kurzen Schulterbewegung in kaum merklicher Ungeduld vor sich hin. Jetzt war deutlich ein Zug von Ironie auf ihrem jugendlichen Gesicht, dessen Hautfarbe nicht so rosig war wie die der übrigen jungen Mädchen, sondern leise in das Bräunliche schimmerte und ihr dadurch etwas Fremdartiges gab. Die anderen achteten nicht auf sie. Sie schienen diese stumme Art bei ihr schon gewohnt. Aber als nun die Rede auf die Römergröße des alten Generals von Gellin kam, konnte sie nicht mehr an sich halten und murmelte, mit gebeugtem schlanken Nacken, vor sich hin auf die Tischplatte schauend, und hartnäckig ein Stückchen Teegebäck zwischen den schmalen weißen Fingern zerzupfend: »Sagt mal, Kinder: Was hat man denn davon, wenn man nun glücklich für den König stirbt?« Dieser Ausspruch erregte Entsetzen. Es war allgemeiner Protest. Von der anderen Seite des Tisches rief eine Stimme: »Quatsch' nicht so dämlich, Gretel ... wenn ich bitten darf – ja?« So grob konnte nur ein Bruder sein. Karl Feddersen blickte, innerlich belustigt, hinüber. Jawohl: dieser hübsche, hochmütige junge Gardeinfanterist, in dessen rechter Augenhöhle das bandlose Monokel wie festgewachsen stak, sah der Rebellin vor ihm ähnlich. Die warf den Kopf zurück und sagte nachlässig: »Regt Euch nur nicht auf! Es ist weiß Gott nicht der Mühe wert!« Es ging aus ihren Worten nicht hervor, ob es um ihret- oder um der andern willen nicht der Mühe wert sei. Sie zuckte wieder die schmächtigen Schultern, wie jemand, der gewohnt ist, in Meinungsverschiedenheit mit seiner Umgebung zu leben, und rührte verstockt in ihrer Teetasse. Eine Freundin, ein zartes, blondes Persönchen, nahm sie in Schutz. »Laßt sie doch in Ruhe. Sie meint's doch nicht so! Ihr kennt doch die Grete!« »Nein, Ihr kennt mich nicht!« erwiderte die Angegriffene eigensinnig. Die andern lachten. Man nahm sie nicht ernst. Das Gespräch ging wieder seinen Gang. Nur Karl Feddersen beobachtete, während er sich mit seinem damaligen Reisegefährten, dem Ulanen-Rittmeister von Elendt, unterhielt, verstohlen sein Gegenüber. Sie gefiel ihm. Es war ein schönes Mädchen zu Anfang der Zwanzig. Sie war ziemlich einfach gekleidet, in eine weiße Tüllbluse, durch deren Gitterwerk die zarte Haut des Halses und der Arme schimmerte. Ihr dunkles Jäckchen hatte sie hinter sich auf die Stuhllehne gelegt. Ein großer, schief aufgesetzter weißer Filzhut mit steifer, schwarzer Sammetschleife beschattete ihr längliches, schmales Gesicht. Er konnte sie unauffällig betrachten. Seine Blicke mußten eigentlich, so wie er saß, von selbst auf dem hübschen, trotzigen Mädchengesicht da drüben ruhen. Sie beobachtete es nicht. Sie hatte noch einmal mit dem verächtlichen Zug um die Mundwinkel, der ihr eigen war, für sich gemurmelt: » Pour le roi de Prusse !« Dann tat sie, als ob sie die ganze Sache weiter nichts anginge, und schaute, absichtlich die Gelangweilte spielend, durch den Saal. Sie nickte dabei da und dort einer Freundin zu und erwiderte mit einem halben kameradschaftlichen Lächeln den Gruß von jungen Offizieren. Sie gehörte offenbar, wenn auch als schwarzes Schaf, mitten in diese Clique von zweifarbigem Tuch hinein. Aber wie sie hieß, wer sie war, ahnte Karl Feddersen nicht. Und hätte es doch gerne erfahren, ohne sich Rechenschaft geben zu können, warum. Nun hörte er, wie jemand von der anderen Seite des Tisches her laut zu ihrer Nachbarin rief: »Gräfin ... geben Sie doch mal der Grete 'nen Stups! Sie sitzt ja da wie drei Tage Regenwetter!« »Sie bockt wieder mal!« sagte die kleine Blondine in einem Ton, der hieß: da ist nichts zu machen. Karl Feddersen spürte einen merkwürdigen Aerger. Wer war denn das, der so familiär per Grete von der da drüben sprechen durfte? Der monokeltragende, brünette, elegante Bruder von der Garde nicht. Wer das gerufen hatte, konnte auch nicht ein anderer Bruder von ihr sein. Es war ein blonder, vierschrötig-gesunder Leutnant, mit dem schwarzen Samtkragen der Linien-Feldartillerie. Seine klugen, grauen Augen zwinkerten humoristisch, während er mit einem versöhnlichen Lächeln zu dem schönen Mädchen sagte: »Du, Grete ...« »Ich heiße Margarete! ... Grete klingt so ordinär! ... Das ist auch so Euer Ton! Was ich den schon dick hab' ...« Sie machte dabei eine matte Bewegung mit der Hand gegen den Hals, als bekäme sie keine Luft mehr. Der stämmige Artillerist wurde tiefernst. Nur in den Augen blieb der Schalk. »Ich werde Dich Marguerite nennen! Ist das fein genug? Ja? Du ... Nun sei doch nicht so! ... Stell' Dich doch nicht so an! ... Es beißt Dich doch keiner!« Auf ihrer glatten Stirne, über der das reiche dunkle Haar sich widerspenstig wellte, standen immer noch wie Wetterwölkchen drei senkrechte Falten. Aber es schien Feddersen, als ob der blonde Offizier drüben mehr Macht über sie habe als andere Sterbliche. Denn sie antwortete, wider Erwarten, bereitwillig: »Gott! Du hast recht, Moritz! Es verlohnt sich alles gar nicht ...« Und wieder dachte sich der Finanzmann: Grete ... Moritz ... sind das Vetter und Cousine? Oder miteinander verlobt? Diese Vermutung gab ihm einen Stich. Er hörte, halb geistesabwesend, auf das Stimmengeschwirr um ihn und saß still, mit seinem gewohnten verbindlichen und undurchdringlichen Geschäftsausdruck da. Außer ihm schwieg nur noch eine am Tisch und war mit ihren ketzerischen Gedanken offenbar wo anders. Das war das schöne, dunkeläugige Mädchen ihm gegenüber, die er für sich bereits Margot nannte. Der Name gefiel ihm besser als Grete. Unter Grete stellte man sich so etwas derb Teutonisches vor. Sie aber hatte eher in ihrem Aeußern einen romanischen Reiz. Sie erinnerte an die brünetten Erscheinungen, an die er in Paris gewohnt war. Nur besaß sie einen viel klareren, gesunderen Teint als die gepuderten Französinnen und einen ganz unbefangenen Gesichtsausdruck. Es schien ihr völlig gleichgültig, ob und welchen Eindruck sie machte. Offenbar weil sie schon von einem Einzigen beherrscht war. Dem da drüben am Tisch. Dem breitschultrigen, klugen Artilleristen. Karl Feddersen dachte daran, zu gehen. Er fühlte sich sonderbar aufgeregt, ganz gegen seine Art, und unbehaglich in dieser Gesellschaft, in die er so gar nicht hineinpaßte. Was waren das für Kirchturminteressen ... die gerade von einer Garnison zur anderen, von der Rekrutenbesichtigung zum Wohltätigkeitsbasar reichten? Und dabei schlug ihm überall aus den hellen Stimmen der Mädchen, dem Lachen der Leutnants ein naives Selbstbewußtsein entgegen: Wir sind die Ersten im Lande, die Nächsten am Thron, die Edelsten der Nation – ein Stolz, der ihn verstimmte und der doch eigentlich frei von Ueberhebung war. Denn er sah zu deutlich aus dem Respekt der Kellner, in den wohlwollenden Blicken des andern Publikums, wie zufrieden alle Welt damit war, daß so reichlich Offiziere mit ihren Damen den gedrängten vollen Raum schmückten und aus der dunklen Masse des Zivils aufleuchteten wie der rote Mohn aus dem Feld. Er konnte es gar nicht vermeiden, daß seine Blicke und die des schönen Mädchens ihm gegenüber sich immer wieder kreuzten. Sie waren die beiden einzigen, die sich – sie freiwillig, er unfreiwillig – aus dem allgemeinen Gespräch ausschlossen. Er hätte sie gern angeredet. Aber er fand beim besten Willen keinen Anknüpfungspunkt. Da kam sie ihm plötzlich zu Hilfe und fragte ihn in einer norddeutsch kühlen und herrischen Art, in der, ohne daß sie es selbst wußte, etwas vom Hochmut der Generalstochter gegen einen Zivilisten mitklang: »Leben Sie hier in Berlin?« Er mußte lachen. Er hätte beinahe geantwortet: »Gott sei Dank, nein!« Die Reichshauptstadt war ihm nicht nur eine fremde, sondern eine feindliche Welt. Sie war die Hochburg der Konkurrenz, der verwünschten deutschen Konkurrenz ... aber er erwiderte nur höflich: »Doch nicht, gnädiges Fräulein! ... Ich bin nur einen Tag auf der Durchreise hier.« »Wo wohnen Sie denn für gewöhnlich?« »In Paris!« »Ach!« sagte sie erstaunt und verstummte. Er hatte den komischen Eindruck, daß er dadurch in ihren Augen stieg. Aber es war noch die alte Herablassung in ihrem Ton, als sie wieder anhub: »Kamen Sie jetzt aus Paris?« »Nein! Aus Samarkand!« »Samarkand? ...« Sie war nicht ganz sicher. »Das liegt doch so ... so ganz da hinten?« »In Zentralasien, gnädiges Fräulein!« »Um Gottes willen, was haben Sie denn dort gemacht?« Er lachte. »In Europa ruhen doch die Eisenbahnschienen gewöhnlich auf Holzschwellen – nicht wahr?« »Ja.« »Nun: in Turkestan hat die Natur aus unbekannten Gründen einen Bohrwurm hervorgebracht, der alle hölzernen Schwellen zernagt. Infolgedessen liefern wir dorthin lauter eiserne. Dann gibt es doch dort einen großen Anbau von Baumwolle, die zum Transport zusammengedrückt werden muß. Dazu stellen wir eiserne hydraulische Pressen. Ferner sind eiserne Brücken nötig. In Transkaspien haben wir immer Geschäfte.« »Wer denn wir?« »Unsere Firma: Iwan Feddersen und Söhne. Mein Vater ist seit einigen Jahren tot. Seitdem führen wir drei Brüder das Geschäft!« »Da haben Sie also eine Fabrik?« »Wir haben Eisengießereien im südrussischen Donetz-Bassin. Auch Kohlengruben, Dampfmühlen, Stahlwerke. Im ganzen mehr als 15 000 Arbeiter!« »Aber Sie sagten doch vorhin, Sie lebten in Paris?« »In Paris haben wir unser Bankbureau.« »Und das haben Sie alles unter sich?!« »Die russischen Werke kontrolliert mein jüngster Bruder. Unser Pariser Direktionsbureau, die › Compagnie métallurgique ‹, mein ältester. Ich selbst bin Chef der Finanzierungsgruppe, einer › Société anonyme ‹, und als solcher meist auf Reisen. Jetzt muß ich wahrscheinlich wieder von Paris weiter nach Marokko.« Die lebhaften Augen seines Gegenüber hatten sich vor Erstaunen geweitet. Sie rief mit ihrer natürlichen Raschheit mitten in eine Pause der Unterhaltung hinein: »Habt Ihr gehört? Der Herr hier ...« Offenbar hatte sie seinen Namen nicht verstanden oder bei der Vorstellung nicht darauf geachtet, »war schon in Samarkand. Er fährt jetzt nach Marokko. Er hat fünfzehntausend Arbeiter!« Es klang wie ein Triumph, daß sie diese Entdeckung gemacht und den unscheinbaren Gast an das Tageslicht gezogen hatte. Es war, als wollte sie den übrigen sagen: Seht Ihr – es gibt auch noch andere Leute auf der Welt! Alle Augen richteten sich nach Karl Feddersen, und irgend jemand sagte: »Donnerwetter! das ist ja ein Bombenbetrieb!« Eine der jungen Damen, eine frische, mächtige Blondine, meinte mit tiefer Stimme: »Herrgott – wer so reisen könnte! ... Wir geh'n den Sommer nach Rügen ...« »Und bei uns langt's nach Ostende – aber man knapp!« Man lachte über das naive Geständnis der zarten kleinen Gräfin neben Margarete. Die saß allein gleichgültig da. Nachdem sie ihren Zweck erreicht hatte, der Tafelrunde einen ordentlichen Hieb zu versetzen, und hauptsächlich – so schien es Feddersen – dem stiernackigen Artilleristen unten am Tisch. Er merkte, wie die beiden sich mit herausfordernden Blicken maßen, und empfand als Zeuge dieses Liebesgeplänkels eine plötzliche Regung von Eifersucht. Der Bruder des schönen Mädchens, der Leutnant von der Garde, ging jetzt aus seiner bisherigen Zurückhaltung heraus und frug den Gast: »Da haben Sie also bei dem marokkanischen Klimbim gehörig die Hand im Spiel, was? Na – da legen Sie sich mal da unten ordentlich für unsere deutschen Interessen ins Zeug!« »Das wird mir allerdings schwer fallen. Ich vertrete eine französische Interessengruppe!« versetzte der junge Millionär lächelnd. Er war erstaunt über die Wirkung seiner Worte: Ein betretenes Schweigen ... Ein Blickewechseln. Dann versetzte der Monokelträger trocken: »Da arbeiten Sie also gegen uns?« »Das klingt wohl zu tragisch! Das Kapital kämpft immer und überall auf der Erde. So auch die Belgier und wir gegen die deutschen Syndikate. A la guerre comme à la guerre !« Der Leutnant verstummte kopfschüttelnd. Sein Nachbar, der Artillerist, wurde statt seiner plötzlich munter. Er reckte sich in den Schultern, mit einem anscheinend dummen, schläfrig-schlauen Lächeln auf dem gesunden Gesicht, ein verdächtiges Zwinkern in den grauen Augen. »Sie müssen Nachsicht mit uns haben!« sagte er einfach. »Wir sind hier furchtbar rückständige Leute, ohne viel Geld im Hosenbeutel. Darf ich mal ganz töricht fragen? Sie sagen, Sie stemmen sich aus Leibeskräften gegen Deutschland. Sie sind aber doch ein Deutscher!« »Ich bin russischer Untertan! Mein Großvater wurde es schon!« »Aber Sie leben doch in Paris?« »Ja.« »Als was betrachten Sie sich denn dann?« »Als Kosmopoliten!« sagte Karl Feddersen kühl. Dies Verhör durch einen kleinen Leutnant langweilte ihn. Aber der andere ließ nicht locker. »Und ... verzeihen Sie ... ich rede jetzt immer dämlicher ... wie Sie noch ein kleiner Junge waren, in welcher Sprache hat da wohl Ihre Frau Mutter des Abends mit Ihnen gebetet?« »In deutscher. Es wurde bei meinen Eltern immer Deutsch gesprochen.« »Leben sie noch?« »Leider nicht mehr!« »Und in welcher Sprache hat man wohl an ihrem Grab das Vaterunser gesagt?« »Natürlich in deutscher! Wir sind Lutheraner. Aber nun möchte ich ...« »Bitte – werden Sie nicht böse! Ich hab' noch nicht viel gesehen und erlebt! Ich möchte mich nur belehren. Sie erzählen, Sie haben große Reichtümer in Rußland. Haben Ihre Vorfahren die nicht dadurch erworben, daß sie deutsche Tüchtigkeit ins Land gebracht haben?« »Ja gewiß!« »Nun steht mir also der Verstand still!« versetzte der Linienartillerist anscheinend bescheiden. »Was Sie haben, verdanken Sie den deutschen Vorfahren! ... Sie sind deutsch geboren ... deutsch aufgewachsen, und dann hauen Sie mit den Rothosen auf Ihre Stammesbrüder los! Verzeihen Sie: das ist nicht schön! ... Die Zeiten sollten doch weiß Gott vorüber sein!« Karl Feddersen verlor seine Ruhe nicht. »Sie meinen, Herr Leutnant, – wenn man Deutsch redet, muß man ein Deutscher sein?« »Gott Strombach, ja – das mein' ich!« sagte der Artillerist ehrlich. »Dann muß also, wer Englisch als Muttersprache spricht, sich in zwei Teile teilen. Eine gehört nach London, eine nach New York! Oder umgekehrt: Es fühlt sich einer als Schweizer! Was redet er dann? Die Schweiz hat drei Sprachen!« »So meine ich es nicht! ... Das sind überhaupt Gefühlssachen! Die müssen einem sagen, wohin man gehört!« »Ja bitte – was soll ich denn also nach Ihrer Ansicht tun?« frug Karl Feddersen höflich mit einer einladenden Handbewegung. »Was raten Sie mir, Herr Leutnant?« »Vor allem, finde ich, sollte man deutscher Reichsangehöriger werden!« »Schön! Wer leitet dann unsere Geschäfte in Rußland? Ein Ausländer darf dort nicht Grund und Boden besitzen und keinem Großbetrieb vorstehen!« »Dafür gibt's Beamte!« »Mit solchen Strohmännern werden wir tolle Erfahrungen machen! ... Und wer treibt in Paris die Millionen auf, um Kultur unter die Wilden zu bringen? Ein Reichsdeutscher bekommt keinen Sou! Auf die Weise geht unser Geschäft zugrunde, das könnte ich nicht verantworten! Theoretisch ist es leicht, streng zu sein. Aber stehen Sie einmal mitten in einem solchen Getriebe – sehen Sie die Unzahl kleiner Existenzen, die ihr bißchen Wohl und Wehe einem anvertraut haben – dann werden Sie zugeben: Das ist unmöglich!« Der Artillerist hatte einen roten Kopf bekommen. Er fühlte die Ueberlegenheit des Weltmanns drüben auf einem Gebiet, auf das er ihm nicht folgen konnte, und fühlte trotzdem, daß er recht hatte, und wiederholte: »Das mag alles ganz gut und schön sein. Darüber hab' ich kein Urteil. Aber der Mensch hat nur eine Muttersprache und die ...« »Vorgestern ungefähr um diese Zeit fuhr ich von Moskau weg!« sagte der Millionär. »Da sprach ich mit Geschäftsfreunden auf dem Bahnhof Russisch. Heute, wo ich die Ehre habe, mich unter Ihnen zu befinden, rede ich natürlich Deutsch. Uebermorgen, in Paris, würde ich mich damit keinem Menschen begreiflich machen können und gebrauche daher das Französische. Wenn ich nächstens über Gibraltar komme, werde ich mich auf englisch verständigen. Wie?« Er hatte seinen Kammerdiener sich mit einer Visitenkarte durch das Gedränge heranwinden sehen und nahm sie ihm ab. »Mein Bruder ist draußen? Schön! Ich komme!« ... Karl Feddersen hatte, während er sprach, unbewußt seine Worte nicht an den gleichgültigen Leutnant da drüben, sondern an das schöne Mädchen ihm gegenüber gerichtet, ohne sie einmal dabei anzusehen. Er wußte trotzdem: sie hörte gespannt zu. Er merkte, daß sie auch jetzt mit einem gewissen Interesse seine seidenschillernde Pariser Weste, seine vatermörderähnlich hochgeschlungene schwarze Krawatte musterte. Er war befriedigt, daß er ihr ein vorteilhaftes Bild von sich hinterließ. Er war ein großer, stattlicher, gut aussehender Mann, wie er da vor ihr stand, dem Rittmeister von Elendt zum Abschied die Hand reichte und sich dann gegen sie und die anderen verbeugte. Eine Sekunde schwankte sie. Dann streckte sie ihm im Sitzen mit einem freimütigen Lächeln und einem kurzen Nicken des dunklen Kopfes ihre kühle, schlanke Rechte herüber. Das galt nicht ihm; das war wieder Trotz gegen den Hitzkopf im schwarzen Artilleristenkragen. Karl Feddersen war zu besonnener Geschäftsmann, um sich den Täuschungen bei Eitelkeit hinzugeben. Die ganze Sache erschien ihm jetzt komisch und zugleich voll einer unerklärlichen Wehmut. Er drückte die schmale Mädchenhand und sagte: »Auf Wiedersehen, mein gnädiges Fräulein!« und dachte sich, als er durch das Gedränge fremder Menschen dem Ausgang zuschritt: »Was heißt denn das: Auf Wiedersehen! ... Ich seh' sie ja nie wieder ...« 2. Kaum hatte Karl Feddersen den Saal verlassen, so reckte sich sein Feind, der Feldartillerist, in den eckigen Schultern und meinte trocken: »Das sind die Leute, die ich liebe! ... Kinder: man soll ja nicht über 'nen Abwesenden sprechen, wenn sein Platz hier noch warm ist. Aber was zu toll ist, ist zu toll. Wie haben Sie sich nur dies Gewächs aufgegabelt, Herr Rittmeister?« Baron Elendt war ärgerlich. »Sie könnten auch höflicher sein, wenn ich einen Gast hier am Tisch einführe, mein lieber Lünemann! Ich weiß doch auch, was ich tu'! Ich reiße mir doch auch nicht um jeden beliebigen Zeitgenossen die Beine aus dem Leib. Der Mann ist eine Nummer! Auf dem Schiff damals hätten Sie den Respekt der Russen und Ausländer vor ihm sehen sollen. Er galt allgemein als ein Reichmeier erster Güte!« »Das hat er ja auch hier betont!« sagte Margaretes Bruder, der Gardeleutnant. Seine Stimme schwankte zwischen Ironie und unfreiwilliger Hochachtung. »Ach ... blasse Renommage ... weiter nichts!« Der Oberleutnant Lünemann stand auf, um zu zahlen. Auch die anderen erhoben sich. In dem allgemeinen Aufbruch trat Margarete an ihren Verlobten heran. Sie blickte ihn an und kämpfte mit sich. Sie war in ihn verliebt. Er war nicht schön. Aber sie fand ihn schön. Sie sah tausend Züge an seinem Aeußeren, die anderen entgingen. Sie war verliebt in den Klang seiner Stimme – in die Wölbung des Kinns – in den Schalk in seinem Blick. Ihre Züge hatten sich verändert. Sie waren weich und kummervoll geworden, in den Augen lag ein feuchter, schmerzlicher Schein. Sie hielt die Hände ineinander gepreßt, um die Tränen zu unterdrücken. »Wirklich, Moritz ... Es ist schon furchtbar mit Dir!« sagte sie mit zuckenden Lippen. »Was hab' ich denn wieder verbrochen?« »Du hast Dich wieder so unvernünftig benommen wie nur möglich!« Er warf einen Blick nach den übrigen. Die kümmerten sich nicht um sie. Die kannten diese Auftritte zwischen den beiden schon, zwei Leuten, die sich heiraten wollten und aus Mangel an Mitteln nicht konnten und in dem ewigen Suchen nach einem Ausweg beide schon ganz nervös und herunter waren. Das junge Mädchen musterte den Artilleristen traurig und schüttelte den Kopf. »Hat man 'mal irgendwo die Spur von einer Möglichkeit, dann mußt Du es doch auch gleich wieder verpatzen ... mit Deiner ewigen Dickfelligkeit. Da schneit 'mal durch Zufall ein Millionär in unseren Kreis, ein Mensch, der vielleicht Stellungen oder sonst was zu vergeben hat, und ich gebe mir die gräßlichste Mühe, nett und freundlich zu ihm zu sein und ihn uns warm zu halten – Du weißt: ich bin sonst gar nicht so überströmend liebenswürdig ...« »Das hat mich ja gerade geärgert!« »... und da fährst Du dazwischen und verdirbst alles! Auf die Weise wird es natürlich nie etwas mit uns werden, Moritz! Da können wir noch zehn Jahre nach einem Posten im Zivilberuf für Dich suchen!« Sie verstummte betrübt und schritt neben ihm zum Ausgang, mit ihrem hohen, schlanken Wuchs ihm bis über die Schulter reichend. Moritz Lünemann machte zornig Halt. »Ich tu' doch, was ich kann, Grete! Ich schreib' mir ja doch schon die Finger krumm und lauf' mir die Absätze schief, um mit Anstand irgendwo unterzukommen! Und was hat's geholfen? Nichts! Die Leute halten einen hin. Man ist ja ein Esel, wenn man's ernst nimmt!« Draußen war Winterabend und lichterhell. Sie gingen zu Fuß nach dem Westen zu, wo sie alle wohnten. Moritz Lünemann und Margarete allein hinter den anderen. Das junge Mädchen hatte seinen Arm genommen. Sie schmiegte sich im Dahinschreiten leise an ihn. In der Wehmut, in der sie sich befand, mochte sie gar nicht reden. Moritz Lünemann aber sagte plötzlich wie aus ihren Gedanken heraus: »So ein Kerl, wie dieser vaterlandslose Geselle von vorhin, der mit Leichtigkeit zehn oder hundert Familien ernähren könnte, der hat natürlich keine Frau ...« »Nein, er trug keinen Trauring!« »Und unsereins wieder, der ums Totschlagen gern heiraten möchte, der hat wieder kein Geld. Es ist zu dämlich im Leben eingerichtet. Das Schicksal haut immer daneben!« »Ja. Wenn mir 'ne Million hätten ...« pflichtete das junge Mädchen bei. Die Vorstellung fiel in ihrer Seele auf fruchtbaren Boden. Sie fing an, sich etwas auszumalen, was man wohl im Besitz einer Million tun würde. Sie rechnete es sich und dem Verlobten vor: Erst gab man natürlich den Eltern gehörig ab. Die Geschwister kriegten auch was, wenn sie nett waren. Den Rest – vielleicht drei Viertel oder zwei Drittel – behielt man für sich. Es gab so herrliche Sachen auf der Welt: Die Trauungsfeier im Dom, das Festmahl bei Adlon, die Hochzeitsreise nach Paris – Schmuck von Lalique – Kleider von Paquin – solche Dinge und Adressen vergaß sie nicht, wenn sie sie einmal gehört und gelesen hatte – die Riviera – ein Auto ... Mitten in diese erträumte Seligkeit hinein sagte der Leutnant Lünemann trocken, fast strafend: »Wie stellst Du Dir das eigentlich vor? Denkst Du denn, dann täte man überhaupt nichts mehr, als so als Hotelwanze da und dort zu vegetieren? Nee – ich bin für stramme Arbeit! Dann gerade! Ich bin kein solcher Faulpelz wie Du ...« Margarete seufzte. Die Worte ihres Bräutigams ernüchterten sie schmerzlich. Eine Wolke der Enttäuschung verdüsterte ihr Gesicht. Er tat ihr immer weh mit seinem schonungslosen Verstand. Er war ein harter Mensch. Auf einmal empfand sie wieder, wie manchmal, die tiefe Kluft zwischen seinem und ihrem Wesen, die nur die Liebe von beiden Seiten überbrückte. Sie ärgerte sich und wurde heftig. »Schön! Dann reite Du vor Deinen Kanonen herum, bis Du alt und grau bist! Und ich verhutzle daheim bei den Eltern sachte mit! Das ist eine reizende Perspektive! ... Tu' mir den einzigen Gefallen, Moritz, und schau nicht so phlegmatisch drein, als ob Du Dir im Laden ein paar Zigarren kauftest, statt daß wir über unser Lebensglück sprechen!« »Du solltest unser Lebensglück von einer ernsteren Seite ansehen, Grete. Was sollen denn all die Kinkerlitzchen? Du bist viel zu äußerlich ... viel zu sehr aufs Vergnügen erpicht!« »Ja. Ich bin nun einmal so! Ich bin für so ein Leben wie geschaffen!« Sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. Sie fuhr rasch und trotzig fort: »Ich glaub' nicht an das Spartanertum, das unsereinem in unseren Kreisen von Kind an eingebläut wird. Das mag früher so gewesen sein, noch zu Mamas Zeit – aber jetzt ... Warum sollen es denn andere besser haben als ich und Du – das möchte ich bloß wissen! Ihr seid alle viel zu bescheiden! Das macht mich immer so wütend, wenn Ihr Euch immer gleich so duckt! Du besonders!« Plötzlich kamen ihr die Tränen. Sie blieb stehen und weinte hellauf. Zum Glück war es mitten auf dem halbdunklen Viktoria-Luise-Platz, wo sich niemand in der Nähe befand als ihre vorausgegangenen Gefährten, die umdrehten und zu dem unter einer Laterne stehenden Paar zurückkehrten. Der Gardeleutnant musterte seine schöne Schwester kaltblütig durch das Monokel. »Na, Du Heulliese! Was ist denn nun wieder los?« »Gott ... sie hat sich!« sagte Lünemann ärgerlich. »Grete, sei doch vernünftig! Du blamierst einen ja auf offener Straße!« Aber sie schluchzte krampfhaft weiter. »Ich möcht' bloß wissen, wozu man eigentlich auf der Welt ist! Es wär' viel besser, man wäre gar nicht geboren! Dann hätte man doch nicht die ewige Plackerei! Das geht nun so zweiundeinhalb Jahr mit uns! Und Du fühlst Dich, scheint's, ganz wohl dabei! ... Du zuckst ja immer bloß die Achseln! Du hast mich ja gar nicht lieb!« Sie schaute blaß und bang, am ganzen Körper zitternd, zu ihrem Verlobten hinauf, der den Arm um sie legte und nur sagte: »Ich hab' Dich lieb, Grete!« Das beruhigte sie ein wenig. Sie fing wieder an leis zu weinen und murmelte, während die anderen weitergingen: »Sei nicht bös! Ich bin so auseinander! ... Wie zerprügelt ... Ich bin so mutlos, Moritz!« »Ach was!« Er sah sich rasch um, ob jemand sie beobachtete, und gab ihr einen Kuß, sie holte tief Atem, zupfte sich den Schleier zurecht und wurde gefaßter. Beide setzten ihren Weg fort. Der Artillerieleutnant fühlte, daß er seiner Verlobten Trost schuldig war. Eigentlich war sie noch gar nicht recht seine Verlobte, es war noch nicht offiziell ausgesprochen oder gar angezeigt worden, bei der vorläufigen Aussichtslosigkeit ihrer Lage. Margaretens Eltern drückten nur einstweilen die Augen zu. Alle Welt war nachsichtig, in Erwartung irgendeines Glücksfalles. Plötzlich ein Jauchzen in ihrer Stimme. »Moritz! Jetzt hab' ich 'ne Idee!« »Na?« »Nein. Das sag' ich Dir nicht! ... Du machst doch bloß wieder flau! Und dabei ist es das reine Ei des Columbus! Laß mich nur allein machen! Am Ende wird nun alles gut!« Sie waren jetzt dicht bei den anderen, die vor Margaretens Elternhaus standen. Das junge Mädchen ging elastisch auf die Gruppe zu. Sie trug auf einmal den Kopf im Nacken und musterte die anderen belustigt von oben herab. »Ach ... Ihr ...,« sagte sie. Weiter nichts. »Was denn?« »Ihr seid dumm! Allesamt! ... Aber meinetwegen! Macht nur weiter, wie Ihr's versteht! Wir fliegen Euch doch eines schönen Tages davon!« »Na ... glückliche Reise!« meinte der Bruder und öffnete die Tür. »Ihr seid furchtbar langweilige Leute! ... Du auch, Moritz! Aber ich hab' Dich doch gräßlich lieb!« Sie sprach es weicher und innig. Er sah den geheimnisvollen glücklichen Schein auf ihrem Gesicht und zog sie ein paar Schritte abseits in das Halbdunkel. »Erzähl' doch, was Du vorhast!« bat er. Aber sie schüttelte hartnäckig den Kopf. »Nein! Frag' mich nicht! Das darf man nicht berufen!« 3. Karl Feddersen hatte inzwischen mit seinem Bruder im Hotel Adlon diniert. Alexandre Feddersen war blond und blauäugig, von unverkennbar teutonischem Typus wie er, aber kleiner und von schmächtiger Gestalt. Paris, sein langjähriger Aufenthaltsort, hatte auf ihn abgefärbt. Sein Gesicht war blaß und nervös, er gestikulierte im Sprechen viel mit den Händen. Mit seinem Spitzbart und dem Zwicker vor den Augen erinnerte er an einen französischen Advokaten. Die beiden redeten miteinander Deutsch. Das war Gewohnheit in der Familie geblieben, so wenig sie sich auch als Deutsche fühlten. Die laufenden Finanzangelegenheiten nahmen sie während der Mahlzeit so in Anspruch, daß sie rein mechanisch aßen. Karl Feddersen meinte: »Das Balkangeschäft geht überhaupt nicht nach Wunsch. Wir sind da schlecht vertreten! Wir sind ewig ungenügend informiert! Dabei gilt unser Moise Kabiljo zum Beispiel da unten als Autorität. Lewy Frères in Saloniki auch. Und trotzdem ...« »Weißt Du, was der Grund ist?« »Da bin ich gespannt!« Alexandre Feddersen suchte nach gallischer Art die klarste Form für das, was er sagen wollte. »Es kommt daher, mon ami , daß das alles Kaufleute sind. In diesen halbwilden Gegenden aber – sei es Marokko oder der Balkan – entscheidet immer noch mehr oder minder die Gewalt, die Waffe – die militärische Seite einer Angelegenheit. Das können wir nun gar nicht beurteilen ... Wir haben ja selber auch in Rußland nicht gedient! Darin sind uns die Deutschen über. Wir müßten unter unsern vielen Leuten einen Sachverständigen dafür haben – einen fixen Kerl – irgendeinen früheren Offizier, den man nach Bedarf da und dorthin schickt ...« »Ja, gewiß!« sagte Karl Feddersen. Er hatte nur halb zugehört. Seine Augen schweiften durch den Grillroom, die Treppenstufen hinab in die jetzt leere Vorhalle. Dann sagte er, mehr für sich, als zu seinem Bruder: »Zu drollig ... die Gesellschaft, mit der ich vorhin da unten gesessen hab'!« »Ja, Du hast's erzählt!« »Leute, die buchstäblich von nichts eine Ahnung haben! Und dabei in einer Weise von sich überzeugt ... Ein junges Mädchen war darunter. Die schien ein wenig anders als die andern!« »Auf das merkwürdige junge Mädchen kommst Du nun schon zum drittenmal heute abend. Bleib' doch bei der Sache!« »Ja! Wovon sprachen wir doch? Nein, Sascha: was die Antitrust-Bewegung betrifft! Die Standard Oil ist stärker. Unsere Petroleumpreise in Baku ...« »Das haben mir bereits beim Fisch festgestellt,« sagte der Pariser kaltblütig. »Hast Du denn die ganze Zeit geschlafen? Hör' doch gefälligst zu ...« Er wiederholte seinen Vortrag. Karl Feddersen saß ihm zerstreut gegenüber. Der leere Tisch in der Vorhalle ließ ihn nicht los. Wenn er die Augen halb schloß, nickte da unten eine große, steife schwarze Sammetschleife von einem weißen Tellerhut, eine lichte Bluse schimmerte, und dazwischen war ein lebendiges, schönes Mädchengesicht – tiefdunkles Haar – große dunkle Augen ... »Ich hab' in der Sache Briefe aus Liverpool!« Er hörte die Stimme des Bruders wie aus der Ferne. »Es nimmt mit dem Baumwoll-Corner in New York noch ein schlimmes Ende!« »Recht so!« pflichtete Karl Feddersen mechanisch bei. Er vernahm über den Tisch etwas von Diskonterhöhung der Bank von England, von einem halben Prozent ... aber die Versteifung des internationalen Geldmarktes ließ ihn heute kühl, und er brachte in der ersten Pause die Rede wieder auf den Tisch da unten: »Eine gute Rasse ist doch noch hier im Lande!« sagte er. »Die Gesellschaft, mit der das junge Mädchen vorhin zusammen war ...« Sein Bruder warf ihm einen mehr als mißtrauischen Blick zu. Er wurde unruhig. Aber er zweifelte noch. Der gute blonde Charley war so gar nicht der Mann, sich Hals über Kopf zu verlieben. Er klopfte vorsichtig auf den Busch. »Hör' mal, mon cher ... die alte Frage ... Du bist doch nun zweiunddreißig. Warum heiratest Du eigentlich nicht?« »Gott ... Du weißt doch ... Ich bin noch nicht dazu gekommen ... Die ewige Arbeit seit Papas Tod. Aber ich lass' es mir immer 'mal durch den Kopf gehen. Es wäre auch ganz gut, wenn die Firma mit ihren Geldmitteln etwas liquider würde!« Der blonde Deutsch-Pariser war beruhigt. Gott sei Dank: sein Bruder dachte noch an die Mitgift! Er sagte wie beiläufig: »Dieser Tage war Mademoiselle Pharasli zum Tee bei meiner Frau!« »So ... Die Pharasli ...!« Karl Feddersen schnitt eine Grimasse. Der andere runzelte die Stirne. » Eh bien ... was hast Du denn gegen sie?« »Nichts!« » Tiens ! Das wäre so eine Partie für Dich! ... Es ist so ziemlich das erste levantinische Haus an der Pariser Börse. Dabei ist sie hübsch, in ihrer Art ...« »Ein winziges, schwarzes Püppchen ist sie!« »Herrgott ... es geht doch nicht nach dem Gardemaß!« Karl Feddersen wurde ohne allen Grund zornig. »Doch! Ich bin, unberufen, ein stattlicher Kerl. Das ist ja lächerlich: ich und dieser Knirps! Nein ... bringe mir eine« ... Er brach ab. Er hatte fortfahren wollen: »Die etwa so ausschaut wie das junge Mädchen da unten.« Sein Herz wurde wieder unruhig. Er schwieg. Der Bruder erriet seinen Gedanken. Er wußte jetzt genug. Es war wirklich Gefahr im Verzug. Er frug: »Mir scheint, Du denkst schon wieder an die junge Dame von vorhin? Wer war denn das eigentlich?« »Das weiß ich nicht!« »Wie heißt sie denn?« »Grete. Ein scheußlicher Name! Nicht?« Dabei formte sich in seinen Ohren wie ein Klavierakkord das weiche, helle, gallisch tändelnde: Margot. Der andere forschte: »Und ihr Familienname?« »Den weiß ich nicht!« »Was ist denn der Vater?« »Weiß ich nicht!« »Wo wohnt sie denn?« »Weiß ich nicht!« »Was treibt sie denn?« »Weiß ich nicht!« Sascha Feddersen mußte lachen. Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Charley! ... Charley!« sagte er. »Ich hätte Dich für vernünftiger gehalten! ... Sieh mir ins Gesicht!« Karl Feddersen tat es und wurde unter dem spöttischen Blick des anderen ein wenig rot. Ihm war unbehaglich zumut. Der Pariser schaute ihn scharf an. »Du bist ja im Begriff, Dich zu verlieben, Du Unglücklicher!« »Unsinn!« »Und noch dazu in eine Unbekannte ...« »Ach, laß mich in Ruhe!« »Und gar noch in eine Dame, von der Du selbst vorhin erzähltest, sie sei schon mit einem Offizier verlobt! ... Charley ... Gib mir mal Deine Hand ...« »Wozu?« »... und versprich mir, daß Du morgen abend mit mir nach Paris fährst!« Eine Pause. Dann sagte Karl Feddersen zu des anderen Erstaunen mit einem plötzlichen Entschluß und in seinem alten, nüchternen Ton: »Gut! Ich komme mit!« » Parole d'honneur ?« » C'est décidé !« Aber als am nächsten Abend die zehnte Stunde sich über Berlin senkte, das Gepäck fertig dastand, die Hotelrechnung quittiert daneben lag, saß Karl Feddersen immer noch untätig in seinem Zimmer. Sein Bruder hatte noch auf dem französischen Generalkonsulat zu tun. Es war verabredet, daß sie sich auf dem Bahnhof treffen sollten. Hinter ihm hustete es diskret. Sein Kammerdiener mahnte: »Monsieur, es ist höchste Zeit!« »Stören Sie mich jetzt nicht, Adolphe ...« Und wieder nach zehn Minuten: »Monsieur können zur Not noch mit dem Handgepäck in einem Auto zurechtkommen!« »Adolphe ... Sie wissen, daß ich nicht gerne ewig unterbrochen werde!« Die Uhr schlug ein viertel nach zehn. Der Glattrasierte verzog keine Miene. Er begann schweigend das Reisenecessaire wieder auszupacken. Karl Feddersen wandte unwirsch den Kopf. »Was machen Sie denn da, Adolphe?« »Monsieur, der Nord-Expreß ist vor fünf Minuten abgegangen!« Sein Herr stand auf. Er mußte lachen, wenn er an das enttäuschte Gesicht seines Bruders dachte, der jetzt allein im Abteil des Luxuszuges saß. Am nächsten Morgen schon kamen entrüstete Depeschen von Sascha: eine von Hannover, eine aus Köln, eine von der Grenze. In allen dasselbe: Ein Kaufmann halte das Wort! Auch unter Brüdern! Karl Feddersen ließ das ganz kühl. Er warf die Telegramme in den Papierkorb. Nachmittags sprang er plötzlich auf, als ob er etwas Wichtiges vergessen hätte, sah auf die Uhr und ging hinunter in die große Halle des Hotels. Da war das Treiben des Five-o'clock wie gestern. Der blaubefrackte Diener hatte ihm einen Platz reserviert, dicht vor jenem runden Tisch. Aber an dem saßen heute nur gleichgültige, unbekannte Leute. Fremde Gesichter überall. Karl Feddersen wartete gut zwei Stunden, bis der große Raum fast leer war. Dann zog er seinen Frack an, dinierte allein, las dabei gähnend die neuesten blauen Wolffschen Handelsdepeschen und legte sich mit den Hühnern schlafen. Am nächsten Tage ging das ebenso, am dritten auch. Jeden Nachmittag sah er andere Gestalten an dem runden Tisch. Das junge Mädchen kam nicht wieder. Die Millionenstadt hatte sie verschlungen. Dabei flogen die Briefe des Bruders aus Paris. Jeden Tag einer. Er mußte sie lesen, weil auch Geschäftliches darin stand, und dazwischen immer ein wütendes »Was soll das? ... Wann fährst Du?« ... Und endlich eine unverhüllte Drohung: »Wenn Du nicht gleich kommst, erzähle ich überall, daß Du Dich hoffnungslos in eine kleine Berlinerin verliebt hast ... Alle lachen Dich dann hier aus!« Das wirkte am meisten. Karl Feddersen war empfindlich. Er hatte eine starke Meinung von sich und seinem Geldwert. Er war gewohnt, respektiert zu werden und fühlte selber: er stand im Begriff, sich ein wenig lächerlich zu machen ... auch vor sich selber ... Er sagte sich: Sascha hat reich geheiratet – eine Amerikanerin. Auch Nicolais, des Moskauer Bruders, Frau, eine Russin, hatte viel Geld. Er, Charley, war es der Firma schuldig, auch eine Millionen-Mitgift hineinzubringen. Er stieg noch einmal hinunter zu dem Five-o'clock . Hunderte von Menschen waren da. Das einzige Gesicht, das er suchte, nicht. Er faßte einen letzten Entschluß. Er winkte dem Kellner. Wer das neulich wohl alles an dem runden Tisch gewesen sei? Aber der Blaubefrackte entsann sich nur noch dunkel. Er kannte die Herrschaften nicht. Die kamen sonst nicht hierher. Nun gab Karl Feddersen es auf. Eigentlich fühlte er sich erleichtert durch den Entschluß, noch diesen Abend abzureisen. Es war das einzig Vernünftige. Er war mit sich zufrieden, während sein Adolphe auf dem Boden des Hotelzimmers kniete und wieder die Koffer packte. Dann verschloß er seine Geschäftsbriefe in einer Mappe, da klopfte es. Der Kellner brachte eine Karte. Der Rittmeister Baron Elendt wünschte seinen Besuch zu machen. Er stand draußen im Vorraum des Hotelzimmers, trat säbelklirrend ein, schüttelte ihm die Hand und nahm Platz. »Entschuldigen Sie, daß ich Sie des Abends überfalle, Herr Feddersen! Aber bei Tag hab' ich höllischen Dienst! Ich komme nämlich mit einer Bitte – nicht für mich, sondern für jemand anderen ... oder eigentlich mehr mit einer Anfrage ... ganz im Vertrauen ...« »Und womit kann ich dienen?« frug Karl Feddersen kühl. Er, der reiche Mann, war diese Einleitungen schon gewohnt. Sein Besucher sah sich in dem Gemach um und pfiff durch die Zähne. »O weh!« versetzte er. »Mir scheint, ich komme zu spät ... gerade vor Toresschluß! ... Sie sind im Begriff, abzureisen?« »Ja. Um zehn!« »Gott, wie schade! ... Hätt' ich das nur vorher gewußt. Da hat es eigentlich kaum mehr Zweck, daß ich mich meines Auftrages entledige! ... Aber schließlich, ich habe es nun einmal übernommen, es auszurichten: Fräulein von Teuffern hätte Sie für ihr Leben gerne noch einmal gesprochen!« Der Millionär hatte zerstreut zugehört. Solche Bittgesuche waren sein tägliches Brot. Er wiederholte gedankenlos: »Fräulein von Teuffern?« »Erinnern Sie sich nicht, neulich hier unten ... die Dame, die Ihnen gerade gegenüber saß? Sie sprachen noch so viel mit ihr ...« Karl Feddersen wandte dem Ulanen den Kopf zu. Er hatte Mühe, sich zu beherrschen. »Die schlanke, dunkle Dame ...? Der Bruder war auch dabei ...« »Ja. Eben die!« »Das ist ein Fräulein von Teuffern?« »Der Alte ist Generalleutnant z. D. Sie wohnen draußen in Charlottenburg. Eine sehr gute Familie. Ich komme manchmal Sonntags hin. Eigentlich wollte Ihnen Fräulein von Teuffern schreiben. Aber dann fürchtete sie, das käme am Ende nur in die Hände Ihres Sekretärs und von da in den Papierkorb. Sie kriegen doch gewiß täglich massenhaft allerhand Wische. Da entschloß sie sich lieber, mich zu schicken ...« »Ich stehe zur Verfügung!« sagte Karl Feddersen. Seine Stimme schwankte vor Erregung. Der Rittmeister achtete nicht darauf. Er spielte mit seinem Säbel, den er zwischen den Knien hielt. »Sie mochte Sie nämlich etwas fragen!« sagte er. »Nur ein paar Minuten, aber möglichst ungestört. Das ginge nun zum Beispiel bei dem Five-o'clock da unten nicht. Da setzen sich gleich zehn, zwölf Bekannte von uns ungebeten mit an den Tisch. Aber im Tattersall in der Luisenstraße etwa ... es kommen da vormittags viele Damen hin, um zu reiten ... da geht man ganz ungeniert auf und nieder ... Es war natürlich von Haus aus unbescheiden, Ihnen den kleinen Weg zuzumuten! Und nun, wo es der Unstern will, daß Sie in wenigen Stunden schon abdampfen ...« »Einen Augenblick, bitte!« unterbrach Karl Feddersen und griff heftig, um seine Verwirrung zu verbergen, nach einigen Depeschen, die ihm der Diener hingelegt hatte. Er riß sie auf. Zwei enthielten gleichgültige Geschäfte. Die dritte war aus Paris: »Du bist ein Deserteur! Wenn Du nicht kommst, hole ich Dich übermorgen persönlich. Sascha!« Er faltete das Blatt zusammen und sagte mit erkünstelter Ruhe: »Das trifft sich merkwürdig, Herr Baron! ... In diesem Moment bittet mich ein Geschäftsfreund dringend, nicht abzureisen. Er sei im Begriff, mich hier aufzusuchen. Ich muß wohl oder übel bleiben!« »Ah famos! ... Mir fällt förmlich ein Stein vom Herzen! ... Die Sache ist natürlich für Sie nicht wichtig, aber für die anderen sehr. Haben Sie denn auch wirklich morgen ein paar Minuten Zeit?« »Viel nicht!« Karl Feddersen gab sich den Anschein eines von Arbeit überhäuften Mannes. »Aber es läßt sich schon machen. Würde es wohl um elf Uhr passen?« »Wann Sie bestimmen! Also um elf im Tattersall. Und inzwischen herzlichen Dank!« Der Ulan klirrte händeschüttelnd hinaus. Der andere schloß die Türe hinter ihm, setzte sich an den Schreibtisch und drahtete an seinen Bruder. »Bin mündig. Bleibe Du in Paris. Gruß. Charley.« Voll Unruhe und Ungeduld, eine unbestimmte, lächerliche Hoffnung im Herzen, fuhr er am nächsten Vormittag die Linden entlang und über die Spree nach dem Tattersall. Am Eingang stand schon der Rittmeister und wartete. Er führte ihn geschäftig auf die hölzerne Estrade, die die Stirnseite der Reitbahn abschloß. Da blieb Karl Feddersen stehen. Es waren wenig Pferde in der Bahn. Nur ein paar Zuschauer auf den Tribünen. Gegenüber auf der anderen Schmalseite des Rechtecks, wo links der Eingang zu den Ställen war, tauchte ein Mützchen aus billigem weißen Möwengefieder auf. Dann ein ebensolcher kleiner weißer Schulterkragen. Er erkannte mit einem jähen freudigen Schrecken das lebhafte Mädchengesicht, die dunklen Haare, die dunklen Augen. Sie schien ihm noch schöner, als er sie in der Erinnerung gehabt. Sie trug eine einfache Jacke, einen kurzen grauen Rock und lenkte doch alle Blicke auf sich, während sie leichtfüßig und schlank den Gang herunterkam. Karl Feddersen sagte sich, während er ihr entgegenging: Wenn die ein Pariser Schneider, eine Pariser Hutkünstlerin anzögen, was gäbe das für eine Erscheinung ... Margarete von Teuffern streckte ihm unbefangen die Hand hin. Sie lächelte. Sie unterdrückte ihre Aufregung. Sie war durchaus ein Mädchen von Welt. Das sah er gleich. Das gefiel ihm. »Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Feddersen! Es ist so furchtbar nett von Ihnen, daß Sie gekommen sind! Ich habe mir eigentlich hinterher schreckliche Vorwürfe gemacht, Ihnen das zuzumuten! Aber ich weiß faktisch nicht mehr, wo mir der Kopf steht ...« »Wenn ich Ihnen irgendwie nützlich sein kann, mein gnädiges Fräulein, so ist es mir eine Freude!« Karl Feddersen sagte das höflich und ruhig und rückte sich den spiegelglatten Zylinder, den er zur Begrüßung abgenommen, auf dem blonden Haupt zurecht. Sie schwieg. Es war eine Pause. Dann sagte sie stockend: »Ich weiß gar nicht, wie ich anfangen soll, Herr Feddersen! Bisher war ich ganz guten Muts. Aber nun, wo's drauf ankommt, fällt mir direkt das Herz in die Schuhe! ... Ich bin Ihnen doch so ganz fremd! ...« Karl Feddersen kam unwillkürlich auf die rechte Antwort. »Sie müssen sich denken, daß sich sehr oft Menschen an mich wenden! Das ist jemandem wie mir nichts Neues!« Das gab ihr wieder Mut. Sie entschloß sich, ihm ins Gesicht zu sehen. »Es handelt sich um eine Bitte, Herr Feddersen!« sagte sie freimütig. »Ich hoffte ja auch, daß Sie sich das schon von selber denken würden! ... Sonst würde ich nie ... Ich habe auch meinen Eltern nichts davon erzählt! Ueberhaupt keiner Menschenseele, außer Elendt! Ich tue es ganz auf eigene Faust! Schließlich langt man nach einem Strohhalm ... wenn man so gar keinen Rat mehr weiß ... nicht wahr?« »Es wird schon nicht so schlimm sein! ... Erzählen Sie einmal recht ruhig und der Reihe nach, mein gnädiges Fräulein!« Sie beugte den schlanken Oberkörper über die Holzwandung der Reitbahn, stützte sich den Ellbogen darauf und musterte die Pferde. Er sah: sie war bemüht, ihrem Beisammensein vor den anderen den Charakter einer zufälligen Begegnung, eines gleichgültigen Geplauders zwischen zwei Bekannten zu geben. »Es hat mir so imponiert, was Sie mir neulich über den Umfang Ihrer Geschäfte erzählten, Herr Feddersen! Ich verstehe nichts davon. Aber die müssen ja riesenhaft sein!« »Es gibt noch viel größere, Fräulein von Teuffern!« »Immerhin! ... Jedenfalls haben Sie Verbindungen mit allen reichen Leuten in Europa ...« Er mußte lachen. »Wenigstens mit einer Anzahl!« »Und darum dreht sich eben mein Anliegen!« Sie sprach stockend, aber entschlossen. »Es handelt sich um einen jungen Offizier. Sie kennen ihn. Er saß neulich auch mit am Tisch. Leider Gottes hat er sich unfreundlich und herausfordernd gegen Sie benommen!« »Ach, der mit dem schwarzen Kragen?« »Ja. Der Feldartillerist! Ein Leutnant Lünemann. Er ist so ein schrecklicher Dickkopf. Ich hab's ihm auch nachher gesagt. Ich hoffe, er bereut's! Er dachte, er müsse mit seinem Preußentum auftrumpfen! Das ist bei uns so Mode! ... In meinem Elternhaus auch. Wer da nicht mitmacht ... Aber ich bin nicht so. Was hat man denn davon?« Sie furchte trotzig die Stirne. Dann fuhr sie fort: »Dumm ist Lünemann nicht. Er sucht sich nur einen anderen Wirkungskreis. Die Friedenskarriere ist bei uns ja trostlos. Er möchte bei der Industrie unterkommen. Er hat ganz nette Vorkenntnisse. Er hat sich schon an Gott und die Welt gewandt. Aber es wird nichts. Ich glaube, es liegt rein nur an ihm. Er kommt immer schon so herein, als ob er die Leute fressen wollte, von denen er etwas haben möchte. Da natürlich ... Ich hab' mir in der Verzweiflung gedacht: jetzt nehme ich 's mal in die Hand ...« »Wir möchten uns nämlich dann heiraten!« sagte sie nach einer kurzen Pause heftig, den Blick am Boden. Es klang wie feindselig gegen Karl Feddersen, daß er ihr dies Geständnis erpreßte. Ein leises Rot überzog ihre Wangen. Er sah von der Seite ihr zartes Profil. Er mußte sich niederbeugen, um besser zu hören. Sie murmelte beinahe nur noch, immer die Augen trotzig von ihm abgewandt. »Sie haben doch gewiß auch in Deutschland Bekannte, die eine Stellung zu vergeben haben! Können Sie Lünemann nicht irgendeine verschaffen? Nur für den Anfang! Wir wollen ja nichts Großes! Wir sind ja mit allem zufrieden ... Nur, daß wir leben können! Sie tun ein gutes Werk! ... Ich sorge dafür, daß Lünemann Ihrer Empfehlung keine Schande macht! Das schwöre ich Ihnen! Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, vor dem er Angst hat ...« Karl Feddersen schwieg. Sie harrte bekümmert und unsicher. Sie verstand sein Stummbleiben nicht. Dann seufzte sie auf. »Ich hab's ja gewußt!« »Was denn, gnädiges Fräulein?« »Moritz verdirbt immer alles! Er hat Sie neulich so vor den Kopf gestoßen! ... Wie kann man da verlangen, daß Sie ...« »Das hat auf mich gar keinen Eindruck gemacht, Fräulein von Teuffern!« »Also können Sie ihm aus anderen Gründen nicht helfen?« »Davon hab ich doch noch kein Wort gesagt! Sie müssen mir doch ein bißchen Zeit zur Ueberlegung lassen!« Der junge Millionär sprach es fast ärgerlich. Margarete von Teuffern wagte nicht, ihn noch einmal durch eine Frage zu stören. Sie hatte sich von der Brüstung aufgerichtet und stand frei da und sah ihn mit vor Erwartung angstvoll zusammengepreßten Lippen, aber ohne Scheu, aus ihren dunkeln schönen Augen an. Eine Sekunde regte sich in ihm noch die Versuchung des reichen, vielgeplagten Mannes: was tat man oft mit den Leuten, die Mögliches und Unmögliches von einem forderten? Man hielt sie hin ... Man vertröstete sie auf die Zukunft. Nein, diesmal wollte er wirklich helfen. Dieses Mädchen, das einen Eindruck auf ihn gemacht hatte wie keine je zuvor, sollte ihm dankbar sein. Dann konnte auch er später ohne Aschermittwochsstimmung an diese paar wunderlichen Berliner Tage zurückdenken. »Wir wollen sehen, Fräulein von Teuffern!« sagte er. »Es trifft sich günstig: ich habe gerade in diesen Tagen so etwas gehört ... Ich kann von mir allein aus nichts entscheiden. Aber ich werde anfragen. Ich telegraphiere jetzt gleich nach zwei, drei Seiten. Bis heute abend habe ich Antwort und Sie morgen früh von mir Bescheid!« Sie traute ihren Ohren nicht. Er mußte es wiederholen, bis sie es glaubte. »Schon morgen früh?« »Warum nicht? Wenn die fragliche Stellung nicht schon besetzt ist, was ich nicht glaube ...« Fräulein von Teuffern trat sprachlos auf den Millionär zu. Ein Schimmer von Glück lief plötzlich wie ein Sonnenstrahl über ihre schönen Züge. Sie streckte unwillkürlich die Hände aus. Sie verlor ganz die anerzogene Zurückhaltung. Sie hatte nicht mehr das Gefühl, einem jungen Mann gegenüberzustehen, sondern einem Wohltäter. »Ich bin noch wie ... wie vor den Kopf geschlagen!« versetzte sie mit einem schwachen, halb ratlosen Lächeln. »Am Ende bild' ich mir das alles bloß ein! ... Ich träume es nur!« »Es ist doch nichts so Ungeheuerliches!« »Also ist's wirklich wahr?« »Ja, gewiß!« Ihre Augen wurden feucht. »Ich danke Ihnen von Herzen!« sagte sie leise und einfach. Sie hielt ihm immer noch die Hände hin. Er nahm sie. Und verspürte dabei, zu seinem eigenen Erstaunen, keine Genugtuung über seinen Edelmut, sondern nur die Angst: Herrgott, sie wird doch nicht zu weinen anfangen! Nahe daran war sie ... Und ihm war der Kopf heiß. Es drängte ihn plötzlich von Margarete von Teuffern weg. Sonst war er, der nüchterne Geschäftsmann, noch imstande, zu guter Letzt irgend eine Dummheit zu sagen oder zu tun und alles zu verderben. Er nahm rasch, unvermittelt, Abschied. »Also wäre vorläufig alles erledigt!« versetzte er. »Verzeihen Sie, wenn ich jetzt einer anderen dringenden Verabredung folge ... Auf Wiedersehen, mein gnädiges Fräulein ...« Während er draußen durch das unwirtliche Winterwetter mit hochgeklapptem Pelzkragen, die Hände in den Taschen, langsam zu Fuß seinem Hotel zuschritt, dachte er sich mit einem leisen Seufzer: Ja ... die ist nun versorgt! ... und hinterher: Wer wird wohl einmal Deine Frau sein? Er konnte sich nicht helfen: Dies Bild der Zukunft trug immer noch, immer wieder Margarete von Teufferns Züge. Er blieb ärgerlich stehen und stampfte mit dem Fuß auf. Er wollte jetzt diese Dummheit vergessen. Er trat in sein Zimmer und öffnete die eingelaufenen Depeschen, darunter auch eine sehr gereizte seines Bruders aus Paris. »Der Ton Deines Gestrigen ist durchaus unkaufmännisch. Ich mache Dich darauf aufmerksam, daß Du Teilhaber der Firma Feddersen bist, aus ihr Deine Revenuen ziehst und ihr mithin auch Deine Arbeitskraft schuldest. Wir Brüder haben ausgemacht, daß einer von uns immer nur mit Genehmigung der beiden anderen sich außergewöhnlichen Urlaub erteilen kann. Du hast also kein Recht, Dich wochenlang plötzlich in Berlin aufzuhalten, wenn dies nicht im Interesse des Hauses geschieht!« Karl Feddersen zündete sich eine Zigarre an, setzte sich und schrieb das Antworttelegramm. »Bin hier im Interesse des Hauses. Habe hier auf Deinen ausdrücklichen, neulich geäußerten Wunsch militärisch geschulte Kraft für unser Orientgeschäft gewonnen. Erbitte Vollmacht, abzuschließen. Reise dann postwendend Paris.« Am späten Nachmittag war die Erwiderung da: »Engagiere, wen Du willst! Aber komm!« Und drei Stunden darauf eine Depesche aus Jekaterinoslaw, wohin Karl Feddersen dem dritten der Brüder, Nicolai, gedrahtet hatte. Ein bündiges »Karaschô!« Es ist gut! Als dies alles geordnet war, schrieb Karl Feddersen an Margarete. Er hielt seine Worte so knapp wie möglich: »Sehr geehrtes gnädiges Fräulein! Die inzwischen telegraphisch festgesetzten Bedingungen wären: möglichst baldiger Eintritt, zunächst probeweise auf ein Jahr, dann dauernde Anstellung mit Verpflichtung zu Auslandsreisen aller Art. Das Salair ...« Er zögerte. Wieviel? Er hatte ja freie Hand. Er wollte nun wirklich großmütig sein. Dagegen warnte der Kaufmann in ihm. Er fuhr fort: »Das Salair vorläufig zehntausend Francs jährlich, und Ersatz aller Spesen. Könnte der Herr Leutnant – sein Name ist mir leider entfallen – morgen mittag um ein Uhr bei mir vorsprechen? Er würde dann alles Nähere von mir erfahren. Ich reise morgen abend. Ihr ergebener Diener Karl Feddersen.« Unten beim Portier schlug er in dem Adreßbuch den Namen des Generalleutnants z. D. von Teuffern auf und fügte Margaretes Straße und Hausnummer auf dem Umschlag hinzu. Ein Page nahm ihm dienstfertig den Brief ab und warf ihn in den Kasten. Karl Feddersen atmete auf. So. Nun war's geschehen. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirne. Als erwache er aus einem Traum. Aber aus einem Traum, in dem er sich tadellos benommen hatte. Er war hinterher über sich selber erstaunt. Er hätte sich das gar nicht zugetraut. 4. Am nächsten Vormittag stand Karl Feddersen am Fenster seines Hotelzimmers und blickte müßig auf den Pariser Platz hinab. Sonderbar schauten die Menschen von da oben aus. Eigentlich sah man nur ihre Hüte, ihre Schirme, die Stiefelspitzen darunter. Da war ein großer weißer Tellerhut mit schwarzer Schleife. Neben ihm ein Militärhelm mit abgerundetem Knauf. Der oben zuckte zusammen. Das war Margarete. Sie begleitete ihren Freund bis an das Tor. Er sagte sich nervös: Das hätte sie mir auch ersparen können, ihn mir persönlich heranzuschleppen! Dann kam das Gerechtigkeitsgefühl: sie weiß doch von nichts. Ich bin für sie eine Art Geldschrank. Fertig! Mit melancholischem Lächeln verfolgte er das Paar. Die beiden drückten sich unten stumm die Hand. Dann wandte sich der Leutnant ab, trat ein und ließ sich melden. Der Kammerdiener empfing ihn auf französisch. Er unterhielt sich mit ihm in der gleichen Sprache, während er den Mantel ablegte, und zugleich sagte Karl Feddersen schon durch die halb offene Tür zum Vorraum, auf deren Schwelle er stand: »Nun ... Ihr Französisch ist ja gut! ... Guten Morgen, Herr Leutnant ... Wie steht's denn mit dem Englisch?« »Ebenso.« »Italienisch?« »Das kann ich nicht! Aber ich werde heute abend damit anfangen, es zu lernen!« »Sonstige Vorkenntnisse?« »Nur Stenographie und Buchführung!« »Und Ihr bisheriges Fach, die Waffenbranche?« »Das gründlich!« Da war man schon mitten in der Sache. Der junge Offizier wußte gar nicht, wie er hineingekommen. Eine leichte Röte von Verlegenheit und Selbstüberwindung erschien auf seinen Wangen. »Aber vor allem, Herr Feddersen ... es hat da neulich einen kleinen Disput zwischen uns gegeben ... Ich hätte den vermeiden sollen ... gerade einem Fremden gegenüber. Ich habe mir das nachher gesagt und wollte Ihnen jedenfalls jetzt gleich auch ...« »Ach ... lassen Sie das doch gut sein!« Der junge Millionär machte nur eine nachlässige Handbewegung. Er war jetzt ganz der vornehme Weltmann, der seinen Gast nicht seine Abhängigkeit fühlen ließ. » Du choc des opinions jaillit la vérité! Setzen Sie sich doch, Herr Leutnant ... Zigarre? Oder Papyrossen? Ich hab' sie noch selbst aus Rußland mitgebracht.« Er gab dem andern Feuer für seine Zigarette, zündete die seine an und behielt, sich im Sessel zurücklehnend, eine kühle Nachlässigkeit im Tone bei. »Also Sie möchten hier heraus? Auch ins Ausland? Strapazen scheuen Sie nicht?« »Das ist mir alles wurst, Herr Feddersen!« »Kurage? Nun selbstverständlich ... Bitte wollen Sie Ihren Helm nicht abstellen, Herr Leutnant ... Gesundheit?« »Tadellos!« »Und Sie glauben, sich veränderten Verhältnissen anpassen zu können?« »Ich weiß, daß ich mich unterordnen muß. Das muß ich jetzt beim Militär auch!« »Was ist Ihr Herr Vater?« »Gymnasialdirektor a. D.« »Lebt er noch?« »Meine beiden Eltern.« »Aha, sehr schön!« Es war eine Pause. Karl Feddersen wiederholte: »Schön! Dann kann ich die betreffende Firma benachrichtigen, daß Sie zum sofortigen Eintritt bereit sind?« Der Artillerist war ergriffen. Er streckte halb die Hand aus. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Herr Feddersen!« sagte er unsicher. Karl Feddersen rührte sich nicht. Er zog nur, wie erstaunt, die blonden Augenbrauen hoch und versetzte trocken: »Ich wüßte nicht wofür! ... Ich bin nicht Waisenrat, sondern Geschäftsmann! Ich suche die geeignete Kraft für die geeignete Stellung. Voilà tout! « Und nach kurzem Ueberlegen setzte er hinzu: »Nachdem wir nun einig sind, kann ich Ihnen ja auch das Nähere mitteilen: es handelt sich um unser eigenes Haus, Iwan Feddersen und Söhne in Petersburg und Paris.« Er glaubte einen kaum merklichen Schatten über das Antlitz seines Begleiters gleiten zu sehen. Aber wenn dem so war, dann war es im Augenblick wieder überwunden. Der junge Offizier hatte sich in der Gemalt. Er wollte sein Ziel erreichen. Es war niederdeutsche Hartnäckigkeit um seinen Mund und ein bißchen von seinem sonstigen Humor in den grauen Augen, während er seine Entschuldigung von vorhin wiederholte: »Da muß ich Ihnen wirklich doppelt dankbar sein, Herr Feddersen, daß Sie sich nicht von vornherein durch mein neuliches Auftreten abschrecken ließen! Das war ja eine nette Dummheit von mir!« Der andere zuckte nur ablehnend die Achseln und sah nachlässig den Wölkchen seiner Zigarette nach. Kein Ton nahm jetzt, nach »Abschluß der Verhandlung, eine leise Herablassung gegenüber dem künftigen Untergebenen an. »Sie sehen, mon cher: il ne faut jurer de rien! Und nun ...« Er rückte seinen Stuhl einen halben Zoll als Andeutung, daß der Empfang zu Ende sei. »Lassen Sie mir bitte Ihre genaue Adresse hier! Sie bekommen in einigen Tagen den Vertragsentwurf und auf Wunsch einen Reisevorschuß und können sich dann, wenn es Ihnen paßt, in Paris einmal persönlich meinem Bruder vorstellen, Mit dem Sie auch geschäftlich zu tun haben werden!« Moritz Lünemann war trotz des Winkes noch sitzengeblieben. »Verzeihen Sie mir bitte nur noch eine Frage. Aber was habe ich da hauptsächlich zu tun? Mit meinen Kenntnissen hapert es doch natürlich noch höllisch! Ich möchte sie so rasch wie möglich noch erweitern.« Karl Feddersen brannte sich eine neue Papyros an. »Wir brauchen keine Kenntnisse, sondern eine Persönlichkeit. Ich sprach neulich mit meinem Bruder darüber. Wir fanden da in unserm Betrieb eine Lücke. Seitdem war es mein fester Vorsatz: den ersten preußischen Offizier, der in unser Lager übergeht, den nehme ich!« »Wieso ... in Ihr Lager?« »Wir sind doch eine halb französische, halb russische Gesellschaft. Sie wissen als Militär besser als ich, daß es ein Grundsatz im Kriege ist, den Feind möglichst mit seinen eigenen Waffen zu schlagen!« »Im Kriege mit wem?« »Ja, wer wird es wohl sein?« meinte Karl Feddersen halb ärgerlich über diese fortgesetzte Fragestellung. »Ueber Spanier und Griechen lassen wir uns keine grauen Haare wachsen. Aber die deutsche Konkurrenz – das ist's!« »Die deutsche Konkurrenz ...« »Wo man hinkommt, sind Ihre Landsleute am Werk! ... Sie sehen mich so erstaunt an, Herr Leutnant?« »Ich weiß nicht ... Ich muß mir erst allmählich den Sinn Ihrer Worte deutlich machen, Herr Feddersen ...« Der junge Kosmopolit zuckte die Achseln. »Die sind doch klar genug ... Durch nichts und wieder nichts wird wirtschaftliche Ueberlegenheit nicht gewonnen. Also ist bei Euch etwas, was anderswo mangelt. Und zwar unter vielem andern der militärische Instinkt. Den wollen wir uns in unserm Einzelfall bei Ihnen nutzbar machen. Wir erwarten nur, daß Sie als Ehrenmann auch wirklich ganz auf unserer Seite stehen.« »Und daß ich zum Beispiel auch gegen die deutschen Interessen arbeite?« »Ja. Grade gegen die. Das hoffen wir ja eben ...« Moritz Lünemann fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Er war ganz verwirrt. »Aber ... verzeihen Sie ... Sie betrachten mich dann ja einfach als eine Art Ueberläufer.« »Sie schnallen doch jetzt Ihren Säbel ab, das sind doch künftig nur Kämpfe auf dem Papier!« »Ja, aber gegen Deutschland ...,« murmelte der Leutnant unsicher. Der junge Millionär unterdrückte ein Gähnen. Er wollte ein Ende machen. Es gehörte sich überhaupt nicht, daß neuengagierte Angestellte da einfach sitzen blieben und ihm die Zeit wegnahmen. Karl Feddersen wurde ungeduldig. »Was soll das Reden, Herr Leutnant? An den Tatsachen ändert das nichts ...« »Gegen Deutschland? Wie soll ich denn meinem Vater noch unter die Augen treten? Er hat den Krieg siebzig mitgemacht ... er hat das Eiserne Kreuz ...« »Das ist ja sehr schön von dem alten Herrn, aber was geht uns das Jahr siebzig an? Um die Zeit waren wir beide noch gar nicht auf der Welt.« »Sedan geht mich nichts an? Aber Herr Feddersen ... Ich bin doch Offizier.« »Sie wollen es doch nicht mehr sein!« »Gewiß ... Ja ... Aber man hat doch ererbte Anschauungen von Kindesbeinen an ...« »Diese Anschauungen lassen Sie nur daheim.« »Und was hat man dann? Zehntausend Francs jährlich und kein Vaterland!« Moritz Lünemann sah ganz verdutzt und erschrocken, wie hilfesuchend, den andern an. Der stand ärgerlich auf. »Meinetwegen bleiben Sie in der Kaserne! Da haben Sie ja Ihr Vaterland! Aber eine internationale, über ganz Europa verzweigte Firma kann es Ihnen nicht bieten« Das müssen Sie sich doch selber sagen! Oder hätten Sie sich sagen müssen, ehe Sie sich hier meldeten ...« »Die Anmeldung geschah ja eigentlich ohne mein Vorwissen ... und ich wußte ja auch, als ich hier eintrat, nicht, um was es sich handelte.« Der Leutnant Lünemann hatte sich gleichfalls erhoben. Er stand aufrecht und spielte unruhig mit dem Portepee seines Säbels. »Ich bin so beschämt. Alle meinen es so gut mit mir ... Sie auch ...« »Gewiß, Herr Leutnant! Mehr als Sie denken! Solche Posten sind rar ...« »Nicht wahr? Ich kann es doch gar nicht verantworten, so mein Lebensglück aus der Hand zu geben? Solch eine Gelegenheit kommt nicht wieder! Ich mache mir hinterher die bittersten Vorwürfe! ... Und trotzdem: Das geht mir so gegen die Natur ... Ich bin ein Deutscher ...« Der Millionär war ärgerlich im Zimmer auf- und niedergegangen. Jetzt blieb er vor seinem Besucher stehen, die Hände in den Hosentaschen, die Zigarette im Mundwinkel. »Ich begreife Sie nicht! Sie erklären: Mir ist alles recht, wenn ich nur heiraten kann! Ich nehme diese Versicherung ernst, offeriere Ihnen eine Stellung, um die sich hundert andere reißen würden, und nun kommen Sie nachträglich mit Ihren ›Wenn‹ und ›Aber‹ ... Ja, mein Verehrtester ... Opfer muß man bringen! On ne fait pas une omlette sans casser des cenfs !« »Das weiß ich alles, Herr Feddersen. Ich wiederhole es mir ja selbst die ganze Zeit. Und trotzdem ...« Karl Feddersen warf erzürnt die Papyros fort. »Ich erscheine mir in einem ganz komischen Licht,« sagte er. »Daß ich jemandem noch lange zurede, in unsere Dienste zu treten! Wir sind wahrhaftig nicht in Verlegenheit in betreff unseres Personals! Ich bringe diese Langmut auch nur auf, weil ich Fräulein von Teuffern nun einmal versprochen habe ... ich glaube wirklich: Ihr Fräulein Braut denkt in diesem Punkte vernünftiger als Sie.« »Das weiß ich nicht!« Moritz schüttelte halb verzweifelt den Kopf. »Und den Entschluß muß ich von mir allein aus fassen. Es geht doch um meine Seelenruhe. Und um mein Pflichtbewußtsein! Ich kann mich doch nicht als unnützer Brotesser bei Ihnen herumschubsen und schließlich wieder wegjagen lassen ... Ich muß doch was leisten können, wofür man mich bezahlt ...« »Das werden Sie schon, wenn Sie einmal in den neuen Verhältnissen drin sind!« »Ich fürchte: nein!« versetzte der Artillerist entschlossen. Er wurde plötzlich ruhiger und sehr blaß, im Schrecken vor der verspielten Zukunft. »Wenn ich auch die Schiffe hinter mir verbrennen würde ... ich fühle es zu gut: ich werde den deutschen Michel doch nie los ...« »Inwiefern?« »Und wenn Sie mir hunderttausend Francs im Jahr geben, ich wäre doch immer im Herzen drüben auf der deutschen Seite, so wie es einen Batteriegaul nach seinem alten Stall zieht! Das Biest kann nicht anders! Für die Franzosen gegen Deutschland – nein – das ist einfach Fahnenflucht. Herr Feddersen, das bring' ich nicht fertig! – Das kann kein Mensch von mir verlangen ...« »Ja. Dann treten Sie Ihr Glück mit Füßen!« Karl Feddersen sah auf die Uhr. »Mir kann es ja schließlich gleich sein!« »Herr Feddersen ... Haben Sie denn keine andere Anstellung für mich?« »Es tut mir leid: nein!« »Ich bitte Sie inständig ...« » Mon Dieu, Monsieur ... Sie haben doch keine kaufmännischen Kenntnisse! Ihre militärischen Fähigkeiten wollen Sie uns nicht dienstbar machen! Was soll ich also mit Ihnen anfangen?« Der Leutnant starrte zerknirscht vor sich nieder. »Man ist ein solcher Esel!« murmelte er. »Man sollte mit beiden Händen zugreifen und kann doch nicht! Herrgott ja ... und wenn ich mir in Gedanken das Innerste nach außen kremple, so kommt immer noch ein waschechter Preuße zum Vorschein.« »Bleiben Sie ein Preuße!« sagte der Kosmopolit gleichgültig und blickte wieder auf die Uhr. Moritz Lünemann war auf einen Stuhl gesunken. Er hatte den Kopf auf die Hand gestützt und die Zähne zusammengebissen. Er kämpfte einen verzweifelten letzten Kampf. Dann stand er langsam, mit einem tiefen Seufzer auf. »Sie mögen das von einer höheren Warte aus überschauen, Herr Feddersen,« sagte er. »Ich glaube das wohl. Sie sind ein Mann, dem das Schicksal alles im Leben gegeben hat. Und doch hab' ich den Eindruck, als fehlte Ihnen, ohne daß Sie es wissen, gerade das, was Sie an mir nicht verstehen!« »Bitte, lassen Sie mich aus dem Spiel. Es handelt sich nur um Sie!« »Ja ... und ich ... Ich stecke nun einmal in meiner Haut! Es ist Blödsinn, was ich tue. Es kommt Unglück dabei heraus! Ich muß weiter auf dem Kasernenhof rumstiefeln und weiter wegen einer Brotstelle antichambrieren ... Aber ich kann nicht anders! Und wenn mich der Teufel holt, Herr Feddersen: ich bleibe ein Deutscher!« »Ganz, wie Sie wollen, Herr Leutnant!« »Nein – ich muß!« »Aber denken Sie auch an Ihre Braut!« Der Artillerist suchte nach seinem Helm und nahm ihn in die Rechte. »Meine Braut ist eine preußische Offizierstochter, sie wird verstehen, daß ich nicht anders hab' handeln können.« Er verbeugte sich auf der Schwelle. In Karl Feddersen kam die französische Höflichkeit zu ihrem Recht. »Auch ich bedaure sehr! Und glauben Sie mir, bitte, daß ich Ihre Gesinnung, wenn auch nicht teile, so doch respektiere!« Er machte eine verbindlich entlassende Bewegung mit dem Kopf. Und der Leutnant Lünemann ging. 5. Als der Oberleutnant Lünemann wieder vor dem Hotel Adlon stand, schien ihm das Ganze wie ein Traum. Langsam schritt er dahin, in einem dumpfen Erstaunen, das allmählich einem Zorn wich. Es hatte eben so sein müssen! Eine verbissene Selbstzufriedenheit, mit der er den letzten Rest von Enttäuschung niederkämpfte, spiegelte sich auf seinem Gesicht, als er im Teuffernschen Haus an der Flurtür klingelte. Margarete war nicht da, sondern rasch über die Straße gegangen – erzählte ihm die Generalin, die ihn im Salon empfing. »Mein Mann ist auch noch nicht aus der Stadt zurück! Aber erzählen Sie! Sie waren bei diesem Herrn Feddersen? Es ist alles in Ordnung?« Dem jungen Offizier war gar nicht zum Reden zumute. Die Tür zum Speisezimmer stand offen. Ihm schien, als sei der Tisch festlicher als sonst gedeckt. »Um Gottes willen ... da sind doch nicht etwa schon Vorbereitungen für eine Art Sedanfeier getroffen?« frug er rauh. Die Exzellenz zuckte die Schultern. »Halten Sie 'mal Grete zurück, wenn sie ihren Rappel hat! Sie wollte es durchaus! ... Sie ist ja wie unsinnig vor Freude! ... Ich bin überzeugt, sie legt augenblicklich ihr ganzes Taschengeld drüben in Blumen an.« Moritz Lünemann wandte sich ab und biß sich auf die Lippen. Er hätte am liebsten laut aufheulen mögen. Er hörte, wie Frau von Teuffern hinzusetzte: »In Gottes Namen, mein lieber Lünemann ... Wer will es schließlich einem jungen Mädchen verdenken, wenn sie sich ihres Glückes freut ...« »Erst muß das Glück da sein!« »Es ist doch da! Sie brauchen doch nur zuzugreifen ...« »Jawohl! Wenn das so einfach wäre, Exzellenz! Aber bei solchen Geschichten hat der Teufel seine Hand im Spiel! ... Ich bin mit den besten Absichten hingegangen, Exzellenz! Aber ich bin unter die Seelenverkäufer geraten, Exzellenz! Dort in dem Hotel sitzt ein Kerl, Exzellenz – der ist nicht nur stolz darauf, daß er selbst als Deutscher keiner ist – nein – der will auch andere ehrliche Deutsche zu Franzosen machen ... Der ist geradezu unser alter Erbfeind in Person ... die verfluchte Vaterlandslosigkeit ... jawohl ... so hat die Geschichte aus der Nähe ausgesehen, Exzellenz ...« Er hatte sich in Atemlosigkeit hineingeredet. Er schöpfte Luft und brach von neuem los: »Das konnt' man sich doch schließlich vorstellen, daß bei Deubel nichts um Gottes Lohn tut! ... Das mußte jeder wissen. Nur die Grete nicht, die mich da hingeschickt hat! ... Der Mann war eigentlich ganz nett ... sehr höflich ... Wir begreifen uns nur eben nicht ... Ich, ein preußischer Offizier, soll auf einmal für Frankreich schuften ... nee ... da dank' ich gehorsamst ... da dank' ich für Obst und andere Südfrüchte ... mein Vater schmeißt mich ja unbesehen hinaus ... meine Kameraden stehen vom Tisch auf, wenn ich komme ... ich spuck' vor mir selber aus ... nee ... wenn man sich das so nachträglich überlegt ... ich bewundere meine Geduld, daß ich den niederträchtigen Quatsch überhaupt bis zu Ende angehört hab'.« »Und was haben Sie denn geantwortet?« »Nichts! Wie so sachte die ganze Schweinerei – pardon, Exzellenz! – ans Tageslicht kam, da nahm ich einfach die Klinke in die Hand!« »Wirklich?« »Ja, was denn sonst, Exzellenz? Die Geschichte ist aus und begraben!« Ein Schreckensruf an der Türe ließ ihn sich jäh umwenden. Da stand Margarete. Sie hatte seine Worte gehört. Um sie am Boden flimmerte es bunt von den Blumen, die ihren Händen entglitten waren. Sie sprach kein Wort. Mit großen Augen, die zitternden Lippen halboffen starrte sie ihren Verlobten an. Ihm wurde das Herz weich. Er ging auf sie zu, bittend, beinahe demütig, die Hände ineinandergelegt. »Grete ... liebe, gute, süße Grete ... Es ist gräßlich ... da hat uns das Schicksal einen bösen Possen gespielt ... Es wäre eben zu schön gewesen! ... Es sollte nicht sein ...« Sie schaute ihm ungläubig ins Gesicht. »Du hast Dich nicht mit ihm geeinigt?« »Nein.« »Wann wirst Du's?« »Nie!« »Nie?« wiederholte sie mechanisch. Dann brach sie plötzlich in ein krampfhaftes Lachen aus. Er war erschrocken. Es klang so wild und bitter. Es wäre ihm lieber gewesen, sie hätte geweint. Er nahm sie sanft am Arm und führte sie zu einem Stuhl. »Komm ... setz' Dich, Schatz! Wir wollen stark und gefaßt sein ...« »Du gehst nicht noch einmal zu Herrn Feddersen hin?« »Es hätte keinen Zweck!« »Also können wir uns nicht heiraten?« »Vorläufig ist alles beim alten!« Da warf sie den Oberkörper vornüber, den Kopf in die Hände und verfiel in ein heißes, unaufhaltsames Schluchzen. Die letzten italienischen Feldblumen, die sie bisher festgehalten, glitten ihr in den Schoß, fielen zu Boden. Sie lagen wie Zeichen zerstörten Hoffens um sie her. Er zertrat sie achtlos, während er neben ihr stand, sich zu ihr niederbeugte, ihr gut zusprach, ihr erklärte, ihr berichtete. Sie hörte es nicht in ihrem verzweifelten Weinen. Ebensowenig, was die Mutter mahnte: »Grete ... man gibt sich nicht so nach ... Grete ... sei vernünftig ...« »Mama ... sei Du doch still! ... Was weißt denn Du davon? Ueberhaupt – bitte – laß uns jetzt allein!« Frau von Teuffern hielt ihr Tuch vor die Augen und ging. Drüben im Salon war Moritz Lünemann bemüht, seine Braut zu trösten. »Grete ... geh' ... sei doch tapfer ... denk' doch, wie lieb wir beide uns haben ...« Da warf sie sich jäh zu ihm herum. Er blickte in ihr blasses, über und über verweintes Gesicht und erschrak vor dessen rätselhaftem, fast feindseligem Ausdruck. Er wiederholte unsicher: »Wir haben uns doch so lieb ...« »Nein! Du liebst mich nicht ...« »Aber, Grete ...« »Du liebst mich nicht! Jetzt weiß ich es genau!« »Da Hort aber doch die Weltgeschichte auf! ... Grete ... sei 'mal ruhig, um Gottes willen ... lasse Dir erklären, warum ich ...« »Es ist mir ganz gleich, warum Du unser Lebensglück mit Füßen getreten hast! Mir genügt, daß Du es getan hast!« »Ich hab's tun müssen! ... Höre doch nur ...« »Ich höre nichts! ... Hast Du Herrn Feddersen ›Ja‹ oder ›Nein‹ gesagt!« »Nein! ... Zum Kuckuck... das erzähle ich ja die ganze Zeit!« »Also liebst Du mich nicht!« sagte Margarete plötzlich ruhig und hoffnungslos, ließ die Hände in den Schoß sinken und starrte vor sich hin. Dann fügte sie mit einem bitteren Zucken um die Mundwinkel hinzu: »Wenn man jemanden wirklich liebt, dann bringt man jedes Opfer! Und ist das wirklich solch eine furchtbare Ueberwindung – eine Lebensstellung, die man Dir auf dem Präsentierbrett anbietet? Aber nicht einmal so viel bin ich Dir wert! Das ist nun der Dank ... Zweieinhalb Jahre hab' ich Dir Treue gehalten! Ich hätt' ein paarmal heiraten können in der Zeit ... einmal sogar glänzend. ich hab's Dir nie gesagt ... Mama war wütend ... Papa auch! Mir war's egal! Ich hab' zu Dir gehört! ... Pah ... Nun wirfst Du mich fort ...« »Ich Dich? ... Bist Du denn wahnsinnig, Grete?« Sie sprang auf. »Was glaubst Du denn, was dazu gehört, daß ich, ein Mädchen wie ich, zu einem wildfremden Herrn hinlauf' und für Dich bettle? ... Was glaubst Du, was ich hier zu hören gekriegt hab'? ... Gelacht hab' ich dazu! Ich hab's ja für unsere Liebe getan! Und wie steh' ich jetzt da? ... Ich kann mich ja nicht mehr sehen lassen ... ich muß mich ja in die Erde hinein schämen ... Eine nette Braut, die so von ihrem Verlobten im Stich gelassen wird! ... Nächste Woche fahre ich zu Tante Adelheid nach Küstrin! Ich schreib' ihr gleich. Dort bleib' ich bis auf weiteres! ... Da kennt mich niemand! Da sehe ich niemand ...« »Und ich?« »Tu' Du doch, was Du willst! Wenn ich rechts geh', gehst Du ja doch immer links. Also gehen unsere Wege eben auseinander! Ahnst Du denn, was ich an Opfern für Dich gebracht hab' in der ganzen Zeit? Glaubst Du denn, irgend jemand hätt' es mir leicht gemacht? Im Gegenteil: Papa hat gepredigt, Mama hat gepredigt, alle haben gepredigt: Was willst Du eigentlich mit dem Lünemann? Er hat keinen Namen. Er hat kein Geld. Er hat keine Verbindungen. Er steht nicht besser aus als tausend andere! Ja ... Ich hab' immer geantwortet: Mir ist sein Name recht! Ich find' ihn schön! Ich hab' ihn lieb! ... So lieb ... Ich war stolz auf Dich! Ich hab' immer gedacht, Du bringst es noch zu was. Du ziehst mich zu Dir hinauf!« »Siehst Du, Grete ...,« sagte der Leutnant Lünemann traurig, »Du denkst immer zu sehr an das Aeußere! ... Unter »hinauf« da verstehst Du eine Masse Moneten, Equipage, die Exzellenz auf der Visitenkarte – lauter Zeug, das einem doch nicht wie die gebratenen Tauben in den Mund fliegt ...« »Ja. Ich bin ehrgeizig. Es gehört zu mir. Ich hatte auch ein Recht darauf. Denn Du bist klug. Du kannst es weit bringen. Das sagen alle – auch die, die Dir gar nicht grün sind! Wer dazu mußt Du unbehindert sein. Ich wäre Dir im Leben nur eine Last! Seit einer Stunde ist mir das ganz klar ...« »Grete!« Er versuchte es noch einmal mit der Liebe: er sah sie innig an. »Grete! Wir wollen Geduld und Hoffnung haben! Wir können ja warten. Wir sind ja noch jung ...« Sie lachte auf. »Ich werde dreiundzwanzig! ... Ich geh' im vierten Winter aus ... Bis übernächstes Jahr bin ich abgetanzt und 'ne angehende alte Jungfer!« »Rede doch nicht solchen Unsinn!« »Ewig können mich Mama und Papa nicht in Gesellschaft schicken. Denkst Du, es ist dann ein Vergnügen, bei den Eltern daheim zu hocken und zu warten bis ins Aschgraue ... ganz ins Ungewisse hinein ... während einem die Sehnsucht nach dem Leben auf den Nägeln brennt ... Rein verrückt bin ich schon manchmal vor Ungeduld ... Du hast's gut! Du kannst noch in zehn, fünfzehn Jahren, bis hoch in die Vierzig hinauf, als gemachter Mann heiraten! Da wundert sich niemand. Wenn Du dann Geld hast, kriegst Du gleich eine ... Soll ich Dir dann ein Hochzeitsbukett schicken? Und Du denkst Dir: Herrgott ... die Grete ... lebt die auch noch? ...« Es war ein krampfhaftes Weinen in ihrer Stimme. Aber sie bezwang sich. »Ihr habt viel Zeit vor Euch, mein lieber Moritz: Wir müssen die paar Jahre nützen – wenigstens, wenn man weiß, daß man sein bißchen Jugend und Hübschheit und alles sonst ja doch umsonst opfert! Du hast offenbar Dinge im Kopf, die Dir wichtiger sind als Deine künftige Frau! ... Sonst hättest Du mir nicht heute alles so mutwillig verdorben! Gut! ... Ich beiße die Zähne zusammen! Ich komme schon drüber weg! Aber wenn Du so vernünftig bist, will ich es auch sein! Also Adieu, Mutz!« »Grete! ... Sei doch gerecht! Ich kann doch nicht mein Vaterland verraten! Wir sind doch nun einmal Deutsche! Wir sind Preußen!« »Ich pfeife auf Euer Preußentum, wenn man nichts davon hat als Kummer und Not! Ihr kommt mir einfach komisch vor mit Eurem Patriotismus. Ich hab' längst keinen. Ich hab' gar keinen Grund, hurra zu schreien und mit dem Taschentuch zu wedeln! Mir ist zum Heulen zumut! ... Das wird auch nicht besser, wenn ich mir eine schwarz-rot-weiße Schleife ins Haar stecke! ... Pah! ...« »Nun ist's aber genug mit dem Unfug! Ich höre nicht weiter zu, Grete!« »Ja, da stehst Du, stolz wie ein Märtyrer, und sagst: Ich esse kein französisches Brot! ... Aber deutsches kriegst Du auch nicht – in Deiner heiligen Einfalt! Ach du lieber Himmel ... Ich würde gleich Französin werden, wenn ich auf keine andere Weise was vom Leben haben kann! ... Man lebt doch für sich und nicht für die anderen.« »Nein, Grete! Ein Mann hat Grundsätze, die ...« »Gut! Heirat' Du Deine Grundsätze! Ist mir recht! Verlange nur nicht, daß ich noch länger mitmach'! ... Ich hab' eine zu böse Lehre empfangen heute mittag! Die vergess' ich nicht wieder ... Ach ... bloß nicht mehr reden ... nichts mehr sehen ... nichts mehr von Euch hören! Ich vertrag' Euch einfach nicht mehr! Ihr fallt mir zu sehr auf die Nerven! ... Ihr steht großartig da, und ich muß die Zeche zahlen! ... Und Ihr dünkt Euch dann noch was als Preußen, auf meine Kosten ...« »Grete... Du mußt gegen diese Verbitterung ankämpfen!« »Ja, glaubst Du denn, ich säße jetzt nicht auch lieber hier an dem Tisch als Deine Braut? ... Und die Meinen herum, und der Himmel voller Geigen? Ich hab' selbst den Tisch gedeckt mit tausend guten Gedanken für Dich und mich! ... Ich hab' mir vorgestellt: so deck' ich bald in unserem eigenen Heim, für uns beide! ... Ich hab' mir, wie ich die Blumengläser richtete, im stillen gedacht: Ich will Dir eine treue, gute Frau sein – ein rechter Kamerad! ... Ich wär' es auch geworden! Aber da kommst Du ... es ist ja eben Unsinn, wenn man einen Menschen so lieb hat, wie ich Dich gehabt hab'! Man wird dafür bestraft ...« Der Leutnant Lünemann fuhr sich verzweifelt mit der Hand durch die Haare. »Wenn ich nur wüßte, Grete, was ich tun kann, um Dich aus dieser Stimmung zu reißen!« Sie wurde auf einmal ruhig. »Ist Herr Feddersen noch in Berlin?« »Er wollte heute abend reisen.« »Willst Du mir zeigen, daß Du mich lieb hast?« »Ich tu' alles!« »Dann geh' jetzt noch einmal zu ihm hin! Sag' ihm, es wäre ein Mißverständnis gewesen! Du hättest Dich jetzt anders besonnen. Du seiest bereit, seine Vorschläge anzunehmen ...« »Grete ... um Gottes willen ...« »In den paar Stunden wird die Stelle noch nicht besetzt worden sein!« »Aber er bietet sie mir doch nicht zum zweitenmal an!« »Sag' ihm, ich ließe ihn darum bitten: dann tut er's! Er war so nett und freundlich zu mir. Er ist ein guter Mensch!« »Das ist unmöglich, Gretel« »Warum unmöglich?« »Erstens ist die Sache entschieden! Da kommt man unter Männern nicht wieder darauf zurück. Er würde das gar nicht verstehen ...« »Er versteht viel! Er kommt so viel herum und mit so vielen Leuten zusammen. Er wundert sich über nichts ... Muß ... lieber Muß ...« Sie faltete flehend die Hände. »Das ist noch ein Hoffnungsschein ... Und wenn er uns trügen sollte – Du hast mir dann doch wenigstens gezeigt, daß Du mich liebst ... daß Du Dich überwinden kannst um meinetwillen. Das ist mir mehr wert als alles andere ... Muß ... nimm Deinen Helm ... rasch ... geh' ... die Minuten sind kostbar ... wenn Du zurückkommst, ist alles gut, und wir sind glücklich ...« Moritz Lünemann kämpfte einen kurzen, schweren Kampf. Dann schüttelte er den Kopf. »Grete ... das kann ich nicht ...« »Du mußt Deinen Stolz überwinden!« »Das ist es nicht! ... Aber Franzose werde ich nicht ... Das geht mir gegen die Natur!« »Auch nicht, wenn Du mich dann bekommst?« »Ich hätte nichts mehr davon! Ich wäre dann ein kaputer Mensch! ... Innerlich fertig! ... Deiner gar nicht mehr wert!« Sie nestelte sich mit einer raschen Bewegung den schmalen goldenen Reif vom Finger und warf ihn vor sich auf die Tischplatte. Er rollte bis vor ihn. Er wäre zu Boden gefallen, wenn seine Hand ihn nicht aufgehalten hätte. »Da ist Dein Verlobungsring, Moritz! Gib mir meinen auch wieder! ... Es ist aus!« »Grete!« »Es ist aus! Laß es Dir gut gehen, Moritz! Vergiß mich! ... Such' Dir eine Frau, die Geld hat! Und laß mich meiner Wege gehen ...« »Ich lasse Dich nicht!« »Du hast mich ja selber von Dir gestoßen. Ich will nichts von einem Mann wissen, der mich nicht liebt! ... Gib mir meinen Ring!« »Grete ... wir wollen nicht weiter sprechen ... Wir wollen warten, bis wir ruhiger sind. Morgen ...« »Nein. Ich will jetzt gleich ein Ende machen. Ich hab' es satt. Du bist frei, Moritz! ... Gib mir meinen Ring und geh'!« »Grete!« »Geh' ... ich will nichts mehr hören ...« Es war ein Schweigen. Dann Lünemanns Stimme: »Ueberleg' es Dir noch einmal ... zum letztenmal ...« Sie antwortete nicht. Sie sah ihn nicht an. Sie hörte ein leises, feines Klirren. Das war sein Ring, den er abzog und auf den Suppenteller vor sich legte. Ihr Herz stand still. Nun war es entschieden. Sie empfand keinen Schmerz. Nur nachträglichen Schrecken. Dann bitteren Zorn. Auf ihn, auf sich, auf die ganze Welt. Sie rührte sich nicht. Vor ihr brach sich die Wintersonne voll bunter Regenbogenlichter in einem leeren Sektglas. Das Glas blieb ungefüllt. Es kam in den Schrank zurück. Die Farben verschwanden. Der Trank des Lebens blieb ungetrunken. Sie weinte heiß und hilflos. Als sie nach einer Weile aufblickte, war das Zimmer leer. Der Leutnant Lünemann war hinausgegangen ... 6. Um dieselbe Zeit saß Karl Feddersen in seinem Hotel beim zweiten Frühstück und ärgerte sich. Er schenkte sich ein Glas Wein ein. Der alte Bordeaux schmeckte wie Tinte. Er wollte essen und schob gelangweilt den Teller von sich und zündete sich eine Zigarre an ... Er nahm seine Kraft zusammen. Diese Aschermittwochstimmung mußte überwunden werden. Diese Tage hier ... das war wie ein Stück Traum ... ein Ende Willenlosigkeit ... nun war der Augenblick, wo man Schluß machte – ein für allemal! Heute abend ging es nach Paris ... Was inzwischen tun? Es war erst früher Nachmittag. Kaum drei Uhr. Plötzlich kam die Versuchung über ihn: Eigentlich schickt es sich nicht, so wortlos abzureisen! Ich müßte noch einmal Margarete Teuffern sehen oder vielmehr ihren Eltern einen Besuch machen. Ich müßte ihr alles erklären, ihr sagen, daß ich nichts dafür kann, daß aus der Anstellung nichts geworden ist. Ich bin es mir schuldig. Gott weiß, wie sonst ihr Verlobter die Sache darstellt. Sein Herz hämmerte heftig. Er stand auf. Er war plötzlich entschlossen. Er sah unten im Hotel die Wohnung des Generals nach und stieg in ein Auto, das ihn in fünf Minuten nach dem Westen brachte. Die weiten Dimensionen des Berliner Mietspalastes, vor dem es hielt, machten auf ihn den Eindruck, wie auf die meisten Ausländer. Er war jetzt geneigt, den Teuffernschen Hausstand zu überschätzen. Es war doch jedenfalls eine gute Familie. Hier in dieser Stadt sicher unter den ersten. Er drückte beruhigt auf den Klingelknopf der Flurtür. Er mußte ein zweites Mal läuten, ehe geöffnet wurde. Vorher war drinnen ein unruhiges Hin- und Hergelaufe gewesen. Im Innern des dunkeln Flurs erblickte er grade noch die Gestalt eines kleinen, alten Herrn, der eilig, um nicht gesehen zu werden, verschwand. Irgend etwas war da nicht in Ordnung. Das merkte er. Auch das Stubenmädchen, das auf der Schwelle stand, machte einen verstörten Eindruck. »Die Herrschaften empfangen heute leider nicht!« meldete sie, nahm die Karte des Besuchers und schloß gleich wieder die Tür. Karl Feddersen stieg kopfschüttelnd die Treppe hinunter. Es war alles so schnell gegangen. Eigentlich hätte er es sich selber sagen können. Eine bittere Enttäuschung übermannte ihn. Nun war die letzte, allerletzte Gelegenheit vorüber. Er blieb unten im Stiegenhaus stehen ... ärgerlich. In dem Tor vor ihm klirrte ein Drücker. Es wurde hastig aufgestoßen, eine große, schlanke, junge Dame hob sich mit ihrem weißen Tellerhut nun der Helle des Glasfensters ab und stürmte achtlos mit gesenktem Kopf an ihm vorbei, so hastig, daß er das Wehen und Fegen ihrer rasch bewegten Rockfalten wie einen Hauch verspürte. Er sah ihr schönes, düsteres Profil. Ein freudiger Schrecken durchzuckte ihn. Er hatte gerade noch Zeit, halb vor sie hinzutreten, ehe sie die erste Treppenstufe gewann, und seinen Hut zu lüften. »Mein gnädiges Fräulein ...« Sie schaute auf. Nun erkannte sie ihn. Sie wurde noch bleicher, als sie schon war. In ihre dunkeln Augen kam ein feindseliger, kalter Schimmer. Sie maß ihn kurz, beinahe verächtlich, neigte hochmütig das Haupt und wollte Weiter. »Bleiben Sie doch einen Augenblick stehen, gnädiges Fräulein!« Sie hemmte zögernd den Fuß. Er fuhr fort: »Und geben Sie mir wenigstens die Hand ...« Sie tat es mechanisch. Er sah durch den Schleier ihre vom Weinen geröteten Augen. Er empfand durch die Kälte des Handschuhs das Zittern ihrer Finger. Er versetzte: »Und schauen Sie mich nicht so böse an, Fräulein von Teuffern! Es tut mir weh! ... Ich verdiene das nicht! ... Ich kann doch nichts dafür! Ich habe mein Bestes getan ... Sie ja auch ...« »Ja, gewiß! Verzeihen Sie ...« Sie sagte es mühsam, mit abgewandtem Gesicht. »Ich bin heute so außer mir! ... Ich bin überhaupt so dumm ... Ich danke Ihnen nochmals ... Leben Sie wohl ...« Er stand so, daß sie nicht gut an ihm vorbei konnte. »Nein. Noch nicht! Ich möchte mich doch vor Ihnen rechtfertigen. Ich weiß nicht, was der Herr Leutnant Lünemann hier im Hause erzählt hat! Ich kann Ihnen nur versichern, ich habe mir jede Mühe gegeben! Ich habe ihm zugeredet wie einem Freund, nicht wie einem künftigen Angestellten. Es ist sonst nicht mein Brauch. Iwan Feddersen und Söhne laufen niemandem nach. Ich tat es wegen Ihnen! Aber que faire ? Er wollte nun einmal nicht. Ihr Herr Bräutigam muß ja wissen, was er tut ...« Sie warf den Kopf zurück. »Bitte, nennen Sie ihn nicht mehr meinen Bräutigam!« Sein Stutzen bemerkend, fügte sie hinzu: »Ich habe vorhin die Verlobung gelöst. Es ist aus zwischen ihm und mir ...« »Aber, mein gnädiges Fräulein ...« »Aus für immer! ... Sie ahnen nicht, welche Ueberwindung mich das kostet, hier zu stehen und noch einmal mit Ihnen zu sprechen, nachdem ich mich so weit vergessen hab' ... Aber Sie sollen es wissen, daß ich mir nicht alles gefallen lasse! Diesen vergeblichen Gang nach dem Tatterfall verzeihe ich ihm nie. Er wollte Ihre dargebotene Hand nicht haben. Dann braucht er meine auch nicht! Wir haben uns vorhin für alle Zeit getrennt ...« Sie nickte ihm traurig zum Abschied zu. »Und seien Sie nicht böse, daß wir Sie mit unseren kleinen Sorgen belästigt haben. Ihnen mögen sie komisch erschienen sein. In unseren Verhältnissen bedeuten sie das Leben selber. Oder haben es bedeutet.« Sie wollte gehen. Karl Feddersen war so betroffen, daß er kaum die Worte fand. »Ja ... und was wird denn nun, gnädiges Fräulein?« Margarete von Teuffern zuckte die Achseln. »Was soll denn jetzt werden?« Dann setzte sie hinzu: »Nächste Woche fahre ich zu meiner Tante nach Küstrin. Ich komme eben vom Telegraphenamt. Ich habe ihr eine Depesche geschickt, um mich anzumelden!« »Und was tun Sie in Küstrin?« »Nichts.« »Warum gehen Sie denn dann erst hin?« »Irgendwo muß man doch sein ... Es ist ja ganz gleich, wo ... Denn hier hab' ich alles so dick bis an den Hals ... aber auch alles ... Gott verzeih' mir die Sünde ...« Sie stand jetzt schon auf der Mitte des ersten Stiegenaufgangs, drei Stufen höher als er. Er konnte ihr nicht gut weiter folgen. Sie sah mit ihrem schönen blassen Gesicht auf ihn hinunter und neigte noch einmal leicht das Haupt. »Also gute Reise, Herr Feddersen. Und tragen Sie mir nichts nach!« Ohne seine Antwort abzuwarten, stieg sie die Treppe hinauf. Rasch und elastisch, die rechte Hand lässig auf dem Geländer, mit der Linken ihr dunkles Kleid raffend. Dann war sie verschwunden. Karl Feddersen sah ihr immer noch nach. Er kam nur langsam wie aus einem Traum zu sich, trat auf die Straße hinaus, winkte der nächsten Droschke und fuhr ins Hotel. Sein reiches Zimmer dort schien ihm kahl und öde, die Straßen draußen grau, ihn selber fröstelte. Er war in einem Zwiespalt von Ungeduld, wegzukommen, und Unentschlossenheit, zu bleiben, von Galgenhumor, sich und die ganze Sache lächerlich zu nehmen, und wieder von einem so trostlosen Weltschmerz, daß er am liebsten an seinem Schreibtisch, vor dem er saß, in helle Tränen ausgebrochen wäre. Er haßte die Schriftstücke, die da lagen – diese Depeschen – diese Firmenaufdrucke – diese Zahlenreihen ... immer die gleiche Tretmühle ... man war eine Rechenmaschine ... man hatte nichts vom Leben. Mit stillem Ingrimm musterte er einen dicken, eben aus Paris eingetroffenen Brief. Da schrieb der Bruder Sascha schon wieder. Er schrieb jeden Tag, den Gott werden ließ. Oder vielmehr: die Firma rief. Ewig die Firma: Die alte Leier ... Geschäfte ... Geschäfte hier ... Geschäfte dort ... Geschäfte überall ... Karl Feddersen stand heftig auf und stampfte mit dem Fuß. Herrgott, wenn man es bei rechtem Licht betrachtete: das war ja nur Dummheit – Gewohnheit – Gedankenlosigkeit: diese ewige Rücksichtnehmerei auf die Firma und die Brüder. Er war mündig. Er konnte tun und lassen, was ihm beliebte. Niemand hatte ihm Vorschriften zu machen. Niemand. Aber auch niemand. Dann sagte er sich: »Nur kaltes Blut! Es tut Dir ja auch keiner etwas! Halte Du Dich nur selbst im Zaum!« Und im selben Augenblick stand schon wieder Margarete von Teufferns Bild vor ihm. Und mit ihm ein wundervoller, atemloser Schrecken: »Nun ist sie ja frei ...! Du hast es aus ihrem eigenen Mund gehört! ... Du könntest Dein Glück probieren ...« Es durchzuckte ihn: »Wenn Du ihr nun schriebst? ...« Aber was? Doch nur das eine, ob sie Deine Frau werden will ... Er zitterte. Auf einmal war das alles in greifbare Nähe gerückt! Ach, Unsinn ... ihr schreiben ... in der Verfassung, in der sie war ... gedemütigt, wie sie sich durch ihn fühlte ... ein Fremder wie er ... Sie antwortete ihm womöglich gar nicht ... Und überhaupt ... dazu dachte er zu sehr als Dreiviertel-Pariser, der er war: in solchen Dingen wandte man sich nach französischer Sitte zuerst an die Eltern und ließ das Mädchen aus dem Spiel. Vater und Mutter kannte er nicht ... nein ... er rief den Diener und ließ ihn für die Reise weiter packen. Er war jetzt ruhig. Er fühlte es mit Trauer. Er hatte es hinter sich. Er war vernünftiger, als er gedacht und gehofft. Morgen war er in Paris. Er raffte die letzten Schriftstücke auf seinem Schreibtisch zusammen, um sie in die Geschäftsmappe zu stecken. Da war der Zufall wieder. Da lag ein weißer Bogen. »Adolphe!« »Monsieur ...« »Ist mein Coups für den Nord-Expreß reserviert?« »Noch nicht, Monsieur!« »Warum denn?« »Der Beamte unten meint, Monsieur bestellten ja doch im letzten Augenblick immer wieder ab. Er wolle lieber noch warten ...« Karl Feddersen wurde zornig. »Der Herr unten hat gar nichts zu meinen! Gehen Sie sofort und belegen Sie die Plätze. Diesmal reise ich bestimmt!« Er sah dabei gereizt, sich eine Zigarette anzündend, in das glattrasierte Lakaiengesicht ihm gegenüber. Es ging ihm durch den Sinn: Ob der Kerl wohl etwas ahnt? Anmerken konnte man seiner stoischen Ruhe nichts. Man hörte es kaum, wenn er, wie jetzt, die Tür hinter sich schloß. Karl Feddersen sah um sich. Er war allein. Drüben lag der Bogen ... Und gleich darauf setzte er sich an den Tisch, warf seine Papyros fort und begann mit vorgebeugtem Kopf, hastig, in seiner fließenden Kaufmannshand, wie um ein wichtiges versäumtes Geschäft nachzuholen, zu schreiben: »Euer Exzellenz! Es ist mir nicht vergönnt. Euer Exzellenz persönlich bekannt zu sein. Trotzdem wage ich es, mich an Sie zu wenden. Ich hege einen Wunsch, dessen Unbescheidenheit niemand besser kennt, als ich selbst. Ich möchte Sie bitten, mir Gelegenheit zu geben, während der Zeit, die ich noch in Berlin zu bleiben gedenke, in Ihrem Hause verkehren zu dürfen. Diese Bitte – ich gebe es zu – hat etwas Befremdendes für einen Ihnen Unbekannten, einen Ausländer, der nur dadurch mit Ihrer Familie in flüchtige Berührung gekommen ist, daß er sich nach Kräften, aber ohne seine Schuld vergeblich bemüht hat, einen ihm von Ihrem Fräulein Tochter ausgesprochenen Wunsch zu erfüllen. Ich bin untröstlich, daß gerade durch diesen an meine Person geknüpften Zwischenfall Ihr Fräulein Tochter, wie sie mir selbst vorhin bei einer zufälligen Begegnung auf der Treppe Ihres Hauses sagte, veranlaßt worden ist, sich wieder als völlig frei zu betrachten. Anderseits würde ich ohne diese Wendung nie den Mut und das Recht zu der Bitte haben, daß Sie und Ihre verehrte Frau Gemahlin nur Ihr Haus öffnen, um mich kennen zu lernen. Und in dieser Andeutung ist wohl auch der Zweck meines Briefes klar genug enthüllt ...« Es räusperte sich immer jemand hinter ihm. Adolph? stand da. »Hier die Billette, Monsieur! Ich habe sie gleich bezahlt!« »Sehr gut! Geben Sie her!« sagte Karl Feddersen, zerriß sie geschäftsmäßig, warf sie in den Papierkorb, winkte dem Diener, der keine Miene verzog, wieder zu gehen, und fuhr eilig mit dem Schreiben fort: »Zu meiner Einführung bemerke ich, daß ich Mitteilhaber einer in mehreren Staaten Europas domizilierenden Weltfirma, des Hauses Iwan Feddersen und Söhne, bin. Ich selbst wohne für gewöhnlich in Paris. Ich bin ein reicher Mann. Ich glaube nicht, daß meine künftige Frau sich je irgendeinen Wunsch würde versagen müssen ... Mein seliger Vater war in Rußland Kaufmann erster Gilde, Kommerzialrat und erblicher Ehrenbürger. Ich gehöre mithin einer hochangesehenen Familie an. Inwieweit nun, was wichtiger ist, meine Persönlichkeit für mich spricht, das erproben zu dürfen, ist die Bitte dieser Zeilen, die ich in der Hoffnung, hierdurch ganz korrekt zu verfahren, nur an Eure Exzellenz, nicht an Ihr Fräulein Tochter richte, deren augenblicklichen, bekümmerten Gemütszustand niemand mehr bedauern und ehren kann als ich. Ich würde auch mit meinem Ansuchen an Sie noch eine taktvolle Frist gewartet haben. Aber die vielen Geschäfte meines Hauses, deren Sklave ich mehr bin als ihr Herr und die mich von einer Stadt zur andern treiben, rauben mir die Möglichkeit, hier ruhigere Tage abzuwarten. Zu jeder weiteren Auskunft finden mich Eure Exzellenz stets willig bereit. Ich bitte, Ihrer Frau Gemahlin meinen Respekt zu Füßen legen zu dürfen und sich der vollkommenen Hochachtung versichert halten zu wollen, mit der ich bin Euer Exzellenz ergebenster Diener Karl Feddersen.« Der junge Millionär schloß das Schreiben, adressierte es und trug es selbst hinunter. Vor dem Hotel gab er es eigenhändig einem Radfahrdienstmann zur sofortigen Besorgung. Er trat mit bloßem Kopf unter die überwölbte Vorfahrt und sah durch die Laternenhelle des Pariser Platzes die rote Mütze des Boten, den weißen Schein des Briefes nach dem Dunkel des Tiergartens zu entschwinden. Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Er war auf einmal ganz klar mit sich. Er begriff nicht, warum er diese Zeilen nicht gleich schon heute nachmittag geschrieben hatte. Das alles mußte ja so sein ... 7. Der Generalleutnant z. D. von Teuffern, ein kleiner, Herr mit weißem Schnurrbart, saß am nächsten Mittag in seiner Wohnung, die Zigarre in der einen, den Brief Karl Feddersens in der anderen Hand. Er wog ihn zweifelnd und mißtrauisch, wie eine Bombe, die ein friedlicher Spaziergänger unterwegs gefunden, schüttelte den Graukopf, rückte den goldenen Zwicker auf der scharfgebogenen Nase zurecht, prüfte noch einmal die Unterschrift und murmelte: »Feddersen ... hm ... Feddersen ...« Dann wandte er sich zu seiner Frau, die neben ihm saß: »Vor allem, Mutter, sag' der Grete kein Sterbenswort! ... Wo steckt sie denn?« »Sie liegt immer noch im Bett! Sie macht mir auch nicht auf, wenn ich klopfe.« »So geht das heutzutage!« Der General wurde in seiner Ratlosigkeit plötzlich streng. »Wenn ich denke, wie wir verlobt waren, Hildegard: nicht fünf Minuten saßen wir auf dem Sofa in der guten Stube, da steckte schon die olle Spinatwachtel, die Tante Minna, ihre schiefe Nase durch die Türe ... da wurde aufgepaßt ... da kam nicht so jeder Hinz und Kunz ... mir nichts ... dir nichts ... Feddersen ... hm ... Feddersen ... wenn das nun etwa ein stellenloser Oderkellner ist, Hildegard ... he?« »Ader ich bitte Dich!« »Und überhaupt: Da schneit ein Ausländer nach Berlin, will übermorgen weiter und unter anderem Handgepäck meine Tochter mitnehmen ... ja ... ich wundere mich ja nicht, daß die Leute auf solche Gedanken kommen, wenn meine Tochter ihnen mit ihrem Anliegen bis in die Reitbahn nachläuft ...« »Herrn Feddersen trifft dabei doch keine Schuld!« »Nee! Das ist ja die Geschichte ...,« sagte Exzellenz von Teuffern unbehaglich und steckte den Brief zu sich. »Aber, Hildegard, man kann nicht vorsichtig genug sein! Wer weiß, was der Mann für Geschäfte treibt! ... Man liest immer von Heiratsschwindlern ...« »Du bist grotesk, Hans!« »Ich bin Vater, meine Beste ... Ich lasse mir keinen Sand in die Augen streuen ...« »Antworten mußt Du jedenfalls!« »Aber zum Kuckuck, was?« Herr und Frau von Teuffern saßen betreten da. Der General räusperte sich. »Am einfachsten wäre, ich schriebe: ›Mein guter Herr! Ich kenne Sie nicht! Sie sind Ausländer! Suchen Sie sich eine Frau in Ihren Kreisen!‹ ... Aber man hat doch wieder eine Verantwortung der Grete gegenüber! Es könnte doch etwas Wahres an der Geschichte sein!« Draußen klirrte ein Säbel: Der Sohn des Hauses trat ein, das Monokel in dem hübschen, jungen, der Schwester ähnlichen Gesicht, im Glanz des silbernen Gardekragens. Er wohnte in der Kaserne und fand nur Sonntags, nach dem Kirchgang, den Weg zu Muttern und ihren Fleischtöpfen. Er begrüßte die Eltern, und der Vater fragte: »Sag' mal. Du kennst Herrn Feddersen? Was macht er denn so für einen Eindruck?« »Gott – ganz nett ... ein bißchen langweilig – ein Bombenbrillant als Busennadel. Ob der echt ist, weiß ich nicht!« »Siehst Du: ob der echt ist, weiß Adalbert nicht!« sagte der General triumphierend zu seiner Frau. »Und ob der ganze Kerl echt ist, weiß ich nicht. Aber ich denke mir mein Teil. Wir wollen da lieber die Finger von lassen!« Exzellenz von Teuffern vergaß in seinem Eifer halb, daß der Sohn zuhörte. »Weißt Du, Hildegard: ich schreib' dem Feddersen gleich: wir bedauern!« »Was interessiert Euch denn so furchtbar an diesem Herrn Feddersen?« »Die Frage, wer er ist, mein Sohn! ... Nein, Hildegard: Ich will hier nicht jemanden am Tisch sitzen haben, und gleich darauf klopft's und die Polizei holt ihn ab! Wenn einer so mit der Tür ins Haus fällt, vor dem halt' ich die Tür zu!« »Aber wenn er wirklich Millionär ist, wenn?« »Das kann ich nicht feststellen!« »Geht denn das uns etwas an, Papa?« »Ja. Ich hab' meine Gründe!« »Dann wende Dich doch an ein Auskunftsbureau.« »Kann man denn das?« »Na – ich denke doch!« »Gut! Das ist eine Idee! Das werde ich versuchen!« Am nächsten Vormittag stieg General von Teuffern die Treppe zu der Auskunftei empor. An der Bureauschranke empfing ihn ein Herr. »Sie wünschen mit einer Firma Geschäfte zu machen? Anders geben wir keine Auskunft!« »Ja!« sagte der alte Herr gedrückt und reichte seine Visitenkarte hinüber. Als der Beamte den Generalstitel las, wurde er höflich. »Bitte, Exzellenz! Um wen handelt es sich?« »Um einen gewissen Feddersen!« »Um Iwan Feddersen und Söhne?« »Ja, um eben die! Was hört man denn so von den Leuten?« »Es sind drei Brüder. Das Stammhaus, wie Sie ja wissen, in Petersburg und Moskau. Ein Direktionsbureau in Paris. Aus dem Kopf kenne ich eine enge Fusion mit William Oldekop and Son in Liverpool, einem Onkel der Inhaber, mit der Michailow'schen Interessengruppe im Donetzbassin und Transkaspien, mit der Société anonyme métallurgique du Maroc ... Inwieweit die Neue Russische Kommerzbank in Jekaterinoslaw direkt von Feddersen abhängt, kann ich im Augenblick ...« »Also ist da Geld?« »In welcher Höhe ist denn ungefähr das Geschäft, das Exzellenz mit Feddersen machen wollen?« General von Teuffern war betroffen. Auf diese Frage war er nicht vorbereitet gewesen. Er sagte aufs Geratewohl: »Hunderttausend Mark!« Der Beamte lächelte. »In betreff dieser Summe können Sie ganz ohne Sorge sein, Exzellenz! Bis zu dreißig Millionen sind Iwan Feddersen und Söhne unbesehen gut.« »Wa – was? Dreißig Millionen?« »Mindestens, Exzellenz!« »Ja – wie: Millionen Rechenpfennige? Oder was sonst?« »Mark natürlich, Exzellenz!« »Und es sind drei ... da wäre dieser Herr Feddersen ja zehnfacher Millionär!« »Ich glaube, Sie können die Summe ruhig verdoppeln, Exzellenz! Die Herren haben noch sehr bedeutende Privatvermögen.« Der alte Herr schwieg, zahlte und ging. Unterwegs überlegte er sich den Fall noch einmal, besprach ihn mit seiner Frau, und war mit ihr am Abend eins und meinte, entschlossen vom Kanapee aufstehend: »Ablehnen kann ich seine Bitte nicht, nachdem er uns diesen Gefallen erwiesen hat. Also mag er in Gottes Namen einmal kommen. Aber das sag' ich gleich: Zureden tu' ich der Grete nicht. Und wenn der Mann noch zehnmal mehr Geld hätte, sie soll ganz frei entscheiden!« Er setzte sich an den Schreibtisch. Seine Hand zitterte so, daß er zwei Briefbogen nacheinander wegwerfen mußte, bis er endlich seine Fassung hatte und wieder begann: »Euer Hochwohlgeboren geschätzte Zeilen vom Gestrigen sind, wie dies ja nicht anders zu erwarten, meiner Frau und mir eine außerordentliche Ueberraschung gewesen, meiner Tochter Margarete insofern nicht, als wir es für richtig erachtet haben, ihr vorläufig nichts von ihrem Inhalt mitzuteilen. Ich danke Ihnen, daß Sie sich zunächst an mich und nicht an meine Tochter gewandt haben. Durch Ihr freundliches Eintreten für die Interessen meines Hauses haben Sie sich das gern von mir anerkannte Recht auf ein Betreten dieses Hauses erworben. Meine Frau und ich bitten Sie für ...« Er brach ab, stand auf und ging in das Nebenzimmer. Dort sah die Generalin von Teuffern, ihren Sohn zur Seite, das Tuch vor den Augen. Bei diesem Anblick wurde er ärgerlich. »Warum heulst Du denn, Mutter?« »Hans ... dreißig Millionen!« »Erstens sind sie noch nicht da! ... Zweitens ist das nicht unsere Sache, sondern die der Grete ... und überhaupt ...« Der alte Herr ging, die Hände auf dem Rücken, stillen Eigensinn in den freundlichen blauen Augen, vor seiner Frau auf und nieder. »Ueberhaupt ... wißt Ihr, Kinder: Mir imponiert das Geld weiter gar nicht!« sagte er lebhaft, beinahe erfreut über seine eigene Entdeckung. »Es ist ja sehr schön, wenn man's hat, aber ...« »Hans, rede nicht so! Es ist ja, als wenn man das Große Los ...« Er blieb stehen. »Sehr richtig! Das Große Los kann jeder Schneidergeselle gewinnen, Hildegard! Aber wenn alle Millionäre der Welt nach Berlin kommen, so können sie sich für ihr Geld nicht des Königs Rock kaufen, den der Adalbert trägt, oder das Eiserne Kreuz, das ich im Knopfloch trage! Nee ... nee ... nee ... Wir wollen da auch nicht so kleinmütig sein. Und nun sage, Mutter: Auf wann wollen wir ihn einladen?« »Vor übermorgen bin ich mit den Vorbereitungen nicht fertig!« »Es gibt keine Vorbereitungen!« sagte der General gebieterisch. »Das bitte ich mir aus! Es gibt einfache Hausmannskost! Eine Kalbskeule!« Er verstärkte seine Stimme, um jeden Widerspruch zu ersticken. »Eine Kalbskeule mit Kartoffelsalat! Punktum, Streusand darauf!« Und da seine Frau noch etwas entgegnen wollte, schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ich biete meine Tochter nicht wie Sauerbier aus! Ich bin, wer ich bin! Wenn's Herrn Feddersen nicht paßt, kann er's ja bleiben lassen! ... Also zum Mittwoch, Hildegard? Schön.« Er vollendete, in sein Gemach zurückgekehrt, den Brief: »Meine Frau und ich bitten Sie für übermorgen abend acht Uhr zu einem Butterbrot und Glase Bier im Familienkreis. Bitte Ueberrock. In vorzüglicher Hochachtung Euer Hochwohlgeboren ergebenster von Teuffern.« Karl Feddersen mußte nicht, was der altmodische Ausdruck »im Ueberrock« in der Einladung bedeutete. Er hatte sich erst danach erkundigen müssen und sah am Mittwoch abend bei seinem Eintritt in den Salon zu seiner Erleichterung, daß Exzellenz von Teuffern nicht etwa den Frack, sondern den gleichen dunklen Gehrock wie er trug. – Ein unscheinbarer alter Herr, der ihm freundlich, aber ohne viel Wesens die Hand reichte. Ebenso zurückhaltend waren auch Frau von Teuffern und ihr Sohn, der Leutnant. Anderswo wäre man einem Gaste wie ihm unter solchen Umständen an den Hals geflogen. Hier vergab man sich nichts. Der junge Millionär dachte daran, was er neulich voll Pariser Erstaunens seinem Bruder gesagt: »Es gibt hierzulande wirklich noch ganze Stände, die nicht für Geld zu haben sind, obwohl sie selbst keins haben ...« Das imponierte ihm jetzt eigentlich. Aber es raubte ihm ein wenig die Sicherheit. Wo man ihn kannte, wurde er als das empfangen, was er war, und konnte sich so geben. Hier war er einfach ein Gast wie andere. Wie der kahlköpfige Major da mit seiner Frau, wie der junge, lange, mit alten Schmissen bedeckte Regierungsassessor in der Ecke. Er hatte der Generalin die Hand geküßt und war den Töchtern des Hauses vorgestellt worden – Gertrud, der mittleren, und Sofie, der jüngsten. Beide waren dunkel wie Margarete, aber nicht annähernd so hübsch. Sie selbst war noch nicht anwesend. Das beunruhigte ihn. Er war zerstreut und wortkarg, während man sich setzte. Er war an sich kein belebender Gesellschafter. Hier auf fremdem Boden, unter fremden Sitten besonders nicht. Er hielt sich vorsichtig zurück. Er hörte mit höflichem Lächeln den anderen zu. Er fing einen belustigten Blick der Jüngsten an ihre Schwester auf, deren Backfischgemüt der schweigsame ausländische Zivilist mit der hohen Würgekrawatte und dem Stehkragen schon furchtbar komisch vorkam, und merkte, wie die freundlichen blauen Augen des Generals von der Seite her still prüfend auf ihm ruhten. Nicht ohne Wohlwollen. Der große, stattliche, blonde Mann besaß in seiner Nüchternheit etwas Vertrauenerweckendes. Kein aufgeregter, exotischer Flaps, wie Herr von Teuffern im stillen gefürchtet – gute Kinderstube – respektvolle Manieren – ein bißchen langweilig – na, das schadete am wenigsten ... die Grete hatte Temperament für zwei. Da erschien sie endlich. Im letzten Augenblick. Es war ihr gräßlich gewesen, Karl Feddersen noch einmal zu begegnen. Es hatte alle Bitten der Eltern gebraucht, um sie überhaupt zu bewegen, sich zu zeigen. Nun kam sie gleichgültig hereingeschlendert, als ob sich das von selbst verstände, daß man auf sie wartete. Karl Feddersen sprang auf. Das Zimmer war auf einmal sonnenhell, die fremden Gesichter um ihn verklärt, Wärme und Leben in der Welt: Sie war da! Sie trug ein einfaches, brennend rotes Krepp-Kleid mit breitem schwarzen Gürtel, das einen viereckigen Ausschnitt am Halse und die Unterarme frei ließ und eigenartig ihre dunkle, mädchenhafte Schönheit hervorrief. Sie schien heute schöner denn je. Gerade weil sie so bleich und düster, so ganz anders als die Alltagsgesichter um ihn war. Er dachte sich wieder: Wie sieht sie jetzt schon aus, in den armseligen Fähnchen! Was gäbe das für eine strahlende, gebieterische königliche Erscheinung ... da drüben überm Rhein ... in Paris ... Er beugte sich über ihre Rechte. Sie ließ es geschehen und sagte wenig liebenswürdig zur Begrüßung: »Was tun Sie denn noch in Berlin, Herr Feddersen? Ich dachte, Sie wären längst über alle Berge ...« »Ich bin unvermutet durch Geschäfte festgehalten, gnädiges Fräulein, und hatte so das Vergnügen, die heutige Einladung noch annehmen zu können!« Sie machte ein Gesicht, als wollte sie sagen: »Na, wenn das ein Vergnügen ist, ... bei uns ...« Aber sie erwiderte nichts, sondern setzte sich, legte die Hände im Schoß zusammen und sah vor sich hin. Jetzt war wieder der stille, ironische Zug um ihre Mundwinkel, wie damals, als er sie bei jenem Nachmittagstee zuerst erblickte. Sie mokierte sich innerlich über ihre Umgebung, und die war es schon gewohnt und nahm davon keine Notiz, und das Gespräch lenkte, da Karl Feddersen sich nur mit wenigen und nichtssagenden Aeußerungen daran beteiligte, in die gewohnten Bahnen ... Armee ... Verwandte ... Bekannte... Der General fühlte die Notwendigkeit, den Gast zu unterhalten. Er zeigte ihm eine Anzahl Speere und Schilde an der Wand. »Die hat mein zweiter Junge aus Südwestafrika geschickt!« sagte er mit väterlichem Stolz. »Oh ... der junge Herr ist Kolonialoffizier?« »War's. Er ist gottlob schon seit einem Jahre heil wieder zurück. Steht jetzt bei den Dragonern! Da ... die Postkarte haben wir gestern aus Havanna von unserem Benjamin bekommen. Der schwimmt augenblicklich als Fähnrich zur See in Westindien. Ganz begeistert von dem Leben an Bord. Na – ich gönn' es ihm ... ich alte Landratte ...« »Gewiß ... ein schöner Beruf!« pflichtete Karl Feddersen bei. Er war aus Gewohnheit außergeschäftlich immer der Meinung des anderen. Er dachte sich: Drei Söhne und drei Töchter! Da ist es kein Wunder, wenn in der Familie Schmalhans Küchenmeister ist! Aber eigentlich war alles sehr anständig: die Empfangsräume ... die Möbel ... die Toiletten der Damen ... es lag in dem ganzen eine gewisse Vornehmheit, eine absichtliche Betonung, daß man diese Aeußerlichkeiten nicht überschätzte – daß man das nicht nötig hatte – daß man mehr war. Er verstand das nicht. Dies Preußentum war ihm fern, es war ehern in sich abgeschlossen. Man gehörte hinein oder man gehörte nicht hinein. Ein Drittes gab es nicht. Und drüben lächelte das schöne Mädchen vor sich hin, als sei sie allein hier mit ihm geistesverwandt. Sie hatte offenbar gar kein Wohlwollen für die Welt, in der sie hineingeboren war. Es war, als höre sie alles, was man um sie sprach, mit einem inneren Vorbehalt und füge ihre eigenen rebellischen Gedanken hinzu. Um Feddersen kümmerte sie sich überhaupt nicht. Sie schaute gar nicht auf ihn hin. Er merkte: es war ihr drückend, noch einmal in seiner Nähe zu sein. Sie fühlte sich gedemütigt Sie wünschte ihn weit weg von hier. Sie saß stumm ihre Zeit hier ab, weil es die gute Erziehung einer Haustochter so verlangte, und in ihm wuchs ein Bangen: mein Gott – wie komm' ich ihr nur nahe? Man ging zu Tisch. Er reichte der Generalin den Arm. Er knüpfte gleich, als man sich setzte, ein Gespräch mit ihr an. Aber es blieb ein mühsames Hin und Her. Herr von Teuffern hob wohlwollend sein Glas gegen seinen Gast. Der Mann war ja ledern und schwer ein Wort aus ihm herauszubringen. Aber Leute von Zurückhaltung und guten Manieren hatten bei ihm immer einen Stein im Brett. »Also willkommen, Herr Feddersen!« versetzte er und stieß mit ihm an. »Möge es Ihnen in Berlin und bei uns gefallen!« Dann fuhr er freundlich und lebhaft fort: »Nun sagen Sie mal. Sie leben für gewöhnlich in Paris?« »Jawohl, Exzellenz!« »Und haben Sie da als Junggeselle eine eigene Wohnung? Oder wie haben Sie sich das so eingerichtet?« Karl Feddersen war froh, endlich einmal reden zu können. Er lachte: »Das ist eine sonderbare Sache. Ich habe ein Haus, in dem eigentlich nichts fehlt als eine Frau. Küche, Silberzeug, Personal: alles ist fix und fertig. Ich könnte jeden Augenblick, wenn ich wollte, ein Diner für fünfzig Personen geben ...« »Ei, wie kommt denn das?« »Ein Vetter von mir besaß das kleine Hotel mit seiner Frau, einer Amerikanerin, und starb plötzlich vor zwei Jahren. Seine Witwe kehrte in ihre Heimat zurück und überließ mir alles, wie es ging und stand ...« »Ein schönes Geschenk!« sagte die Generalin. »Ach – wir schenken uns eigentlich nichts in meiner Familie, Exzellenz! Es war ein Ausgleich gegen gewisse Forderungen meinerseits. Ich sagte mir: Einmal heiratet man ja doch. Dann hat man gleich alles ... Vorläufig fühle ich mich da natürlich etwas einsam ...« Er konnte sich nicht enthalten, eine Sekunde über den Tisch nach Margarete zu sehen. Ihr Gesichtsausdruck schien geistesabwesend. Sie war vollkommen ahnungslos. Der Assessor platzte heraus: »Das muß Sie aber doch ein Heidengeld kosten!« Der Millionär überhörte das geflissentlich. »Es war mir auch insofern ganz lieb,« sagte er zu Frau von Teuffern, »als ich da endlich meine kleine Bildersammlung aufhängen konnte ...« »Hübsche Bilder?« »Ich verstehe nichts davon. Ich habe sie von einem Onkel geerbt. Aber Kenner schätzen einige Stücke darin: Ein Meissonier, ein Manet, ein Bouguereau ...« Man kannte hier diese Meister nicht so genau. Der Hausherr forschte, das Glas des Gastes füllend: »Na ... und was haben Sie denn da alles für Räume?« Karl Feddersen lächelte. »Alles, was ein Junggeselle nicht braucht: Salons, Boudoirs, Billardzimmer, Wintergarten, Musiksaal – ein Bijou von einem Pferdestall ... Garage ... wie gesagt: es fehlt nichts!« »Wo liegt denn dieser Palast?« »Draußen vor dem Bois de Boulogne. Ganz dicht bei dem Triumphbogen!« »Ach – das kenn' ich!« sagte der alte Herr erfreut. »Da sind wir einundsiebzig einmarschiert!« Es war das einzige Band, das ihn mit der französischen Hauptstadt verknüpfte. Seine Frau warf ihm einen strafenden Blick zu. Der Gast war doch Pariser. Feddersen fühlte mit dem Instinkt des Weltmannes ihre Besorgnis. »Vor mir können Sie ruhig von der année terrible sprechen, Exzellenz!« sagte er. »Ich bin doch russischer Untertan!« Er brach ab. Er wollte nicht weiter seine Person in den Vordergrund rücken. Es konnte die anderen hier ja nicht interessieren. Er wurde ungeduldig. Wenn Margarete nur einmal den Mund aufgetan hätte! Aber sie blieb apathisch, sie saß pflichtschuldig die paar Stunden im Familienkreis ab. Es war ja kein Wunder, nach dem, was sie in den letzten Tagen durchgemacht. Er hätte es sich selbst sagen können ... »Und da gehen Sie dann so in Paris täglich auf die Börse?« erkundigte sich Herr von Teuffern über den Tisch hinüber. »Jawohl! ... Das heißt: man hat seine Angestellten, Exzellenz ... Selbst bleibt man vom Bureau aus telephonisch mit dem Markt verbunden!« Und erläuternd fügte er hinzu: »Wenn die Hochfinanz selbst auf dem Markt erscheint, da muß schon Not am Mann sein. Ich glaube, ich war zuletzt am Montag nach dem sogenannten Roten Sonntag in Petersburg dort, als alle Russenwerte in Panik waren. Das war keine Kleinigkeit, die Kurse zu halten. Man warf die Millionen hinein wie der Koch die Butter ins Herdfeuer. Es war gleich wieder weg!« Er biß sich auf die Lippen. Da sprach er wieder vom Geld. Er konnte nichts dafür. Die anderen stießen ihn auf den Gesprächsstoff. Er hatte nachträglich die Besorgnis des Kaufmanns, die Verluste seiner Firma übertrieben zu haben. Er fügte hinzu: »Derlei muß eben durchgehalten werden. Es kommen auch wieder bessere Zeiten!« Er richtete die letzten Worte an Margarete. Sie schaute ins Leere. Unten am Tisch belehrte der Assessor die jungen Mädchen: »Das ist nämlich der ganze Witz bei der Geschichte: purzeln die Papiere, kaufen! Steigen sie, wieder verkaufen! Differenz in Sekt anlegen! ... Höllisch einfach! ... Ich spekulier' nämlich auch ein bißchen, Herr Feddersen!« »So?« sagte der junge Millionär. »Ja. Sie könnten mir eigentlich unter der Hand 'nen Tip geben! Ich liege nämlich augenblicklich nicht richtig. Ich stecke ein bißchen mit Südafrikanern fest. Die Leute in London sind so gottlos ...« Zu Feddersens Erstaunen mischte sich Margarete plötzlich in das Gespräch. »Es ist ja lächerlich, daß Du Herrn Feddersen überhaupt mit Deinen paar tausend Mark kommst!« sagte sie scharf und halb ärgerlich zu dem Vetter. »Hab' Dich doch nicht so. Das läßt sich ja gar nicht vergleichen.« Es war, als wollte sie dem Gast, der schließlich doch durch sie in dieses Haus geführt worden war, die ihm gebührende Stellung wahren. Sie verstummte gleich wieder und bekümmerte sich nicht um die beleidigte Miene des Juristen. Frau von Teuffern wollte ablenken. »Da haben Sie wohl sehr viel Verkehr in Paris?« forschte sie. Es war wieder ein unwillkürlich herablassender Ton. Sie kam von dieser Gewohnheit nicht los. »Mehr als mir lieb ist, Exzellenz!« »Ich denke mir das doch sehr interessant!« Der junge Millionär wußte darauf nichts zu erwidern. Als Exzellenz von Teuffern ihn weiter sondierte: »Da kennen Sie also alle diese reichen Leute dort?« kam ihm Margarete ungeduldig zur Hilfe: »Wahrscheinlich, Mama! Quäl doch Herrn Feddersen nicht! Das ist ihm doch langweilig, so ausgefragt zu werden.« Ihr Vater schenkte ihm wieder ein. Er frug scherzend: »Da haben Sie wohl auch Rothschild schon mal gesehen?« »Ich bin sogar weitläufig mit den Rothschilds verwandt.« Karl Feddersen sagte das harmlos und halb lächelnd. Er dachte sich nichts dabei. Es war wirklich nur eine Verschwägerung durch einen Scheffel Erbsen, durch eine angeheiratete Cousine auf dem Weg über Odessa. Er selbst machte in Paris davon gar keinen Gebrauch. Aber hier erzeugte das eine von ihm ungeahnte Wirkung. Er sah es an den betroffenen Gesichtern, an dem fast betretenen Schweigen. Was er bisher von sich erzählt hatte, was man sonst von ihm wußte, hatte etwas Nebelhaftes. Aber Rothschild – das war ein von Kindesbeinen an geläufiger Begriff. Es war der Reichtum ohne Maß und Ziel. Es war Gott Mammon selbst, und er, der einfache blonde Mann, der hier zwischen den anderen saß, dessen Vetter ... Der junge Finanzier wußte auch nicht, wie er diesen unbeabsichtigten Eindruck wieder verwischen sollte. Der war zu tief. Und nicht ihm durchaus günstig. Er merkte es wohl. Es war da etwas in die Mitte der Tafelrunde getreten, gegen das sie sich wehrte, weil es sie selbst zu sehr drückte. Das wohlwollende, gefurchte Gesicht des Generals war nachdenklich, nahezu sorgenvoll. Er schwieg. Seine Frau auch. Der Gast fühlte in dieser Stille um ihn nicht etwas wie Mißtrauen, nicht wie Feindseligkeit – aber eine Kluft tat sich auf – wurde breiter und breiter, trennte ihn von der da drüben. Er wurde unmutig. Seine Sicherheit verließ ihn. Er spielte stumm, fast verlegen, mit dem Silberlöffel vor ihm. Das schöne Mädchen ihm gegenüber hatte das eine Zeitlang mit angesehen. Plötzlich beugte sie den dunkeln Kopf über den Tisch und fing an, mit ihm zu sprechen. Es war ein jäher Umschlag ihres Wesens. Der schien ihm, wie immer, von Trotz gegen ihre Umgebung diktiert. Die wußte mit solch einem Mann nichts anzufangen. Nun wollte sie es gerade den Ihren zeigen. Karl Feddersen war erstaunt, wie rasch sie die Gesprächsstoffe fand ... Sie war sofort mit einer naiven Sicherheit mitten in der Sache. Sie zeigte alle Anlagen einer Frau der großen Welt, gerade einer Frau, die er brauchte ... Sie blieb dabei ganz gleichmütig. Es war, als erfülle sie eine Pflicht. Aber ihre Züge belebten sich doch beim Sprechen. Sie schob im Eifer, beinahe achtlos, den störenden Blumenstrauß zwischen ihnen beiseite. Er atmete auf. Er sah ihr schönes Gesicht. Er vernahm ihre Stimme. Dann hob der Vater die Tafel auf. Karl Feddersen hatte Frau von Teuffern geführt. Seine Augen suchten Margarete. Aber sie mußte bei dem Aufbruch eine Gelegenheit gefunden haben, unbemerkt zurückzubleiben. Ihre Schwestern sah er, ihren Bruder, sie selber nicht. Wieder zuckte es in ihm vor Ungeduld. Die Kaffeetasse, aus der er stehend trank, klirrte ihm in der Hand. Er ging, anscheinend die südwestafrikanischen Trophäen an den Wänden musternd, langsam durch die Räume. Da, durch einen Zufall, fand er sie, gerade im Begriff, das kleine, noch leere Rauchzimmer des alten Herrn, in dem sie Zigarren und Aschenbecher bereit gestellt hatte, zu verlassen. Die beiden standen sich gegenüber. Karl Feddersen war so erregt, daß er nicht sprechen konnte. Margarete sah ihn kühl liebenswürdig an, immer noch auf den Rückzug bedacht. »Rauchen Sie nicht eine Zigarre, Herr Feddersen?« fragte sie. »Da steht die Kiste! Für die Güte möchte ich freilich nicht einstehen! Papa hat etwas Spartanisches in seinen Lebensgenüssen ...« Stets kräuselte eine leise Ironie ihre Lippen, wenn sie von den Ihren sprach. Karl Feddersen dachte sich: Eigentlich mit Unrecht! Der alte Herr ist sehr nett! ... Er gefällt mir, obwohl er so ziemlich der erste Mensch auf der Welt ist, auf den mein Vermögen weiter keinen Eindruck macht! ... Laut sagte er: »Ich möchte nicht rauchen, gnädiges Fräulein! Aber ich wäre froh, wenn ich noch ein bißchen mit Ihnen plaudern dürfte!« Sie legte die Hände ineinander und sah ihm im Stehen kühl ins Auge. »Worüber denn, Herr Feddersen?« Und da er auf diese Gewissensfrage nicht sofort antwortete, fügte sie mit einer verächtlichen Schulterbewegung hinzu: »Das muß Ihnen hier doch alles mordend langweilig sein, Herr Feddersen! ... Mir können Sie's ruhig gestehen! ... Es ist mir schon selber zu viel ...« Er rückte einen Stuhl heran. Sie nahm mit einem unterdrückten Seufzer der Ergebung Platz. Er setzte sich ihr dicht gegenüber. »Nein, gnädiges Fräulein! Ich bin froh, daß ich gekommen bin!« »Dann sind Sie wirklich genügsamer, als Sie es nötig haben!« »Gar nicht, Fräulein von Teuffern! Denn ich freue mich so, daß ich Sie noch einmal getroffen hab'!« Sie ahnte noch nichts Böses. Sie war viel zu sehr mit sich beschäftigt und versetzte, halb im Begriff, sich zu erheben: »Nun, das war gerade noch vor Torschluß! ... Morgen geht's nach Küstrin!« »Und wie lange bleiben Sie dort?« »Ich weiß noch nicht. – Vielleicht komm' ich gar nicht wieder!« Margarete von Teuffern bereute diese Worte, noch während sie sprach. Was gingen den Gast ihre Pläne an? Oder wie sie so ihm gegenübersaß und seine kühlen blauen Augen auf sich gerichtet sah, hatte sie wieder das alte unerklärliche Zutrauen zu ihm, das er ihr schon bei der ersten Begegnung im Kaiserhof eingeflößt. Das kam wohl von den großen Dimensionen, in denen er lebte. Er nahm solche kleine Nöte und Sorgen, die man ihm berichtete, nicht so tragisch. Darum eben konnte man sie ihm anvertrauen. Karl Feddersens Herz klopfte. Weg von hier? Ja. Und dann? Er zwang sich zur Selbstbeherrschung und frug: »Was sagen denn Ihre Eltern dazu, gnädiges Fräulein?« »Die wissen noch von nichts!« Sie las das Erstaunen in seinen Augen. In ihr war der Widerspruchsgeist, sich gerade einem Wildfremden zu eröffnen, einem Mann, der morgen nach Marokko reiste und schon hinter Potsdam das alles vergaß. »Ich möchte mal 'raus, Herr Feddersen!« sagte sie. »... 'raus aus allem! ... Ich ersticke hier! Es ist mir alles zu eng. Sie, der Sie so frei leben wie ein Vogel in der Luft, Sie begreifen das gar nicht ...« »Ja, aber glauben Sie denn, daß in Küstrin das Leben solche Wellen schlägt?« »Bei der Tante! ... Lieber Gott, ja ... die legt sich um neun Uhr in die Klappe! Das ist für mich doch nur der Ausgangspunkt. Ich will mir von da aus etwas suchen. Eine Stelle als Reisebegleiterin oder als Gesellschafterin in einem großen Hause. Wenn ich nun irgend etwas von der Welt sehe! ... Ich habe so eine wahnsinnige Sehnsucht danach ...« »Ich hab' schon heute nach verschiedenen Seiten geschrieben!« fuhr sie fort. »Und ich schreib' noch nach mehr. Ich will auch inserieren. Ich werde schon etwas finden. Ich habe einen furchtbaren Dickschädel, wenn ich ernstlich etwas will.« Karl Feddersen schwieg erschüttert. Das waren ja nette Pläne! Endlich begann er: »Und das alles soll also hinter dem Rücken Ihrer Eltern ...« »Ja, glauben Sie denn, Papa erlaubt so was? I wo! Der hält mich hier an der Strippe! ... Da könnt' ich warten, bis ich schwarz werde ... Da kriegt man den Kopf so wirr und voll von dem Familiengerede, daß man gar keinen ordentlichen Entschluß mehr fassen kann!« »Und der Entschluß steht wirklich fest?« »Bombenfest!« Margarete von Teuffern sagte das so entschieden, daß er daran nicht zweifeln konnte. Es standen ihr wieder die drei unheilverkündenden Querfältchen auf der Stirne, die er schon kannte. Sie preßte unruhig die Lippen zusammen und schwieg. Er auch. Von drüben hörte man die joviale Stimme des Generals. Seine Worte verloren sich in ein Gemurmel. Karl Feddersen hatte den Kopf gesenkt. Er Überlegte. Atemlos. Möglichst rasch. Besonnen. »In vier Wochen komme ich wieder nach Berlin!« sagte er langsam. »Da würde ich Sie also nicht mehr treffen, gnädiges Fräulein?« »Nein. Da treffen Sie mich nicht mehr!« Wieder war eine Pause. Jeden Moment konnte jemand eintreten, lachen, das versprengte Paar zur Gesellschaft zurückholen. Alles war dann vorüber. Es war eine der großen Sekunden im Leben, wo das Schicksal auf einer Karte stand. Der junge Millionär erhob sich, schloß leise die Türe und kehrte zu seinem Platz zurück. Das junge Mädchen sah ihn erstaunt an. Ein erster Argwohn wurde in ihren dunklen Augen wach. »Nun muß ich also offen mit Ihnen sprechen, gnädiges Fräulein!« versetzte Karl Feddersen entschlossen. »Mit mir?« wiederholte sie langsam, ungläubig. Sie wurde plötzlich blaß bis unter die schwarzen Haarwurzeln. »Ja. Bitte, bleiben Sie! Bleiben Sie ruhig sitzen! .. Sie müssen! ... Sie sind es mir schuldig! Ich hätte ja gewartet! ... Ich hätte Ihre schmerzlichen Gefühle geschont. Aber da Sie Knall und Fall von hier fort wollen ... in die Welt hinaus, wo ich Sie vielleicht nirgends wiederfinde ...« Nun ahnte sie schon, was kam. Eine fliegende Röte schoß über ihre Wangen, verschwand wieder und machte einer noch bleicheren Blutleere Platz. Sie hielt die Hände im Schoß verschlungen. Sie schaute vor sich starr auf einen Punkt am Boden. Sie atmete schwer. Sie rührte sich nicht mehr. Er fuhr fort, gedämpft, vertraulich, um sie nicht zu erschrecken. »Ich bin doch Ihr Freund! Sie haben mich von vornherein als solchen betrachtet. Sie haben mich zu Rat gezogen, meine Hilfe gewollt. Da darf ich doch auch als Freund sprechen – nicht wahr?« Sie bejahte es nicht. Sie antwortete keine Silbe. Aber eine kaum merkliche Bewegung des gesenkten dunkeln Hauptes gab ihm Mut. »Sie haben mir viel von sich erzählt, Fräulein von Teuffern! Ich habe daraus ersehen, daß Sie nicht glücklich sind. Sie sind trotz ihrer jungen Jahre in vieler Hinsicht vom Leben enttäuscht – nicht nur in dem einen Fall, in dem jetzt Ihre Hoffnung Sie so grausam betrogen hat und den Sie so tapfer tragen – nein – überhaupt – es ist da ganz einfach ein Zwiespalt: Sie leben in Verhältnissen, die für Sie zu eng sind. Sie sind für viel größere Verhältnisse geschaffen, für die größten. Sie fühlen das auch. Sie suchen irgendwie Ihre Lage zu ändern. Aber Sie wählen den falschen Weg! Mit dem Herumzigeunern in der Welt in abhängiger Stellung wird es nicht besser ...« Er erwartete nicht, daß sie ihm etwas erwidern würde. Er fuhr gedämpft fort: »Ich bin ein nüchterner Mensch! Ein Mensch des praktischen Lebens, der sich keine Illusionen macht! Ihnen ist in letzter Zeit zu viel durch Kopf und Herz gegangen. Es wäre Vermessenheit, wenn ich annehmen wollte, Sie hätten in der kurzen Frist, die wir uns kennen, andere Empfindungen gegen mich gewonnen als ein bißchen Freundschaft und Vertrauen! Aber die sind doch da ... nicht wahr, Fräulein von Teuffern?« Sie zitterte leise. Einen Augenblick wandte sie halb den Kopf und schaute scheu zu ihm hinüber. Es war wie eine unwillkürliche Bewegung des Zweifels, ob er das auch ernst nähme, was er sprach. Er sah: es kam ihr wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Alles auf Erden hatte sie eher vermutet als seinen Antrag. Es lag nicht Schrecken, nicht Freude, nicht Zorn auf ihren Zügen, nur ein starres, grenzenloses Staunen, von dem sie sich jetzt erst langsam, allmählich erholte. Sie drehte sich wieder zur Seite, machte mit der Hand eine flüchtige, mechanisch das Haar glättende Bewegung nach der Stirne, atmete gepreßt auf und schaute wieder stumm auf den Punkt vor ihren schmalen Schuhspitzen hinab. Er glaubte, ihr stürmendes Herzklopfen zu hören. Seines auch. Er mahnte sich selbst: ›Kalt Blut! ... Langsam voran! ... Nichts überstürzen!‹ ... Er konnte aus dem Umriß ihres Profils, den gesenkten langen Wimpern, dem festgeschlossenen Mund nicht entnehmen, wie es in ihr ausschaute. Er sagte einfach: »Ich hatte es mir so schön gedacht: Wenn mich der Weg wieder nach Berlin führt, so komme ich wieder zu Ihnen ins Haus und darf mit Ihnen und den Ihren drüben am Tisch sitzen und werde ein Freund der Familie und bei Ihnen heimisch, und Sie lernen mich auf diese Weise immer näher kennen und sehen, daß ich kein böser Mensch bin, wenn ich auch Geld hab'. Ich kann mein Geld doch nicht ins Wasser werfen. Ich hab' es doch nun einmal. Es hat doch auch sein Gutes! ... Ich bin dadurch in der Lage, meiner künftigen Frau jeden, aber auch jeden Wunsch zu erfüllen, sie mit allem denkbaren Luxus zu umgeben, sie auf den Händen zu tragen ...« Er hielt inne. Er überlegte, ob er in dieser Ausmalung der Zukunft weitergehen sollte. Ja! »Mein kleines Palais in Paris wartet nur auf seine Herrin ... Ich bin ein sehr reicher Mann. Viel reicher wohl, als man sich das bei Ihnen vorstellt. Reisen, Toiletten, Schmuck, Dienerschaft, Automobile – das spielt alles bei mir gar keine Rolle. Mißverstehen Sie mich ja nicht, liebes Fräulein von Teuffern: Das ist gewiß nicht das Leben selber. Aber ein gutes Stück davon! Mancher braucht es ja nach seiner Natur. Sie zum Beispiel gewiß! Und ich hab' nur den einen sehnlichen Wunsch, das, was ich hab', mit jemandem zu teilen, den ich von Herzen lieb hab' ... vom ersten Augenblick ab, wo ich Sie sah ...« Er rückte seinen Stuhl noch näher zu ihr heran, ganz dicht. »Ich hab' an Ihre Eltern geschrieben! Ich bin mit deren Einwilligung heute hier zu Gast!« Er verbesserte sich rasch, da er das eigenwillige rasche Zurückzucken ihres Kopfes sah. »Nur um mich vorzustellen, natürlich! Weiter nichts! Ihr Vater überläßt, scheint mir, Ihr ganzes Schicksal Ihnen selbst. Das heute sollte ja nur der erste Schritt sein. Aber was tue ich, wenn ich wiederkomme und Sie sind über alle Berge! ... Ich bitte Sie, bleiben Sie doch hier! ... Versprechen Sie mir nur das eine!« Sie schwieg. Er frug sich verzweifelt: Wenn ich nur wüßte, was jetzt in ihr vorgeht! ... Aber wenigstens blieb sie sitzen. Sie hörte ihn an. Er verfolgte auf gut Glück seinen Pfad weiter. Er bat: »Prüfen Sie, wer ich bin, Fräulein Margarete! ... Machen Sie sich allmählich mit dem Gedanken vertraut, in welch glänzende Lebenslage ich Sie führen würde. Sie wollten eine einfache, kleine Offiziersfrau werden. Ich mache Sie zur vielfachen Millionärin. Stoßen Sie sich nicht daran, daß ich nicht aus Ihrer Umgebung stamme. Sie sind ja selbst von Ihrer Umgebung so verschieden. Legen Sie mir eine Prüfungszeit auf! ... Ich verspreche Ihnen: Ich will Sie nicht quälen! ... Ich will geduldig warten, bis die Zeit da ist, daß ich Ihnen die entscheidende Frage vorlegen darf ...« Margarete von Teuffern richtete sich auf und sah ihm ins Gesicht. Sie war noch bleich, aber sehr gefaßt. »Wenn das keine flüchtige Laune bei Ihnen ist ...,« sagte sie langsam. »So bin ich weiß Gott nicht! Ich hab' Sie gesehen und liebte Sie auch schon! Es ist mein heiligster Ernst ...« »Also, wenn das Ihr Ernst ist ...« Er bebte, die Worte auf ihren Lippen zu lesen. »Sprechen Sie doch weiter!« drängte er. Sie blieb mit ihren Gedanken noch eine Sekunde stehen, im letzten Entschluß. Wenn der heraus war, war alles entschieden ... »... dann können Sie diese Frage auch gleich an mich stellen, Herr Feddersen!« Der Atem stockte ihm. Er glaubte nicht recht zu hören. Es tanzte ihm vor den Augen. Seine Stimme zitterte: »Heißt das Ja oder Nein?« Das junge Mädchen schaute an ihm vorbei ins Leere. Nur die ineinandergepreßten Finger verrieten ihre Erregung. Sie sprach ganz klar und ruhig. »Wenn Ihnen vorerst mein Vertrauen genügt ... das fühle ich wirklich, Herr Feddersen ...« Er faßte ihre Hände. Sie überließ sie ihm willenlos. »Dann sagen Sie Ja?« »Ja.« »Gleich?« »Gleich!« Der freudige Schrecken lief wie Sonnenschein über Karl Feddersens sonst so phlegmatisches, gesundes Antlitz. Er sprang atemlos vor Glück und Ueberraschung auf. Sie erhob sich mit ihm. Er umpreßte die Rechte des schönen blassen Mädchens und führte sie hastig an die Lippen. Sie ließ es geschehen. In ihm jubelte es: Sie ist mein! Wir werden Mann und Frau! ... Er war verwirrt. Er wußte nicht: durfte er sie nun schon küssen? Sie hatte die Augen geschlossen. Sie wartete, was er tun würde. Er sah ihren roten Mund. Es fuhr ihm durch den Kopf: Sie ist Dir doch noch ein fremder Mensch, trotz aller Liebe! Und Du bist ihr's erst recht. Das ging zu schnell. Er neigte das Gesicht und küßte sie andächtig, innig auf die Stirne. Ihm war, als sei sie ihm dankbar für sein Zartgefühl. Sie hob die schönen dunklen Augen zu ihm auf. Er fühlte den leisen Gegendruck ihrer Hand ... 8. Vor dem Hotel Adlon in Berlin hielt gegen Abend eine Gepäckdroschke. Ein schmächtiger, blonder, spitzbärtiger Herr sprang heraus und lief nervös an die Empfangsschranke. Waren seine telegraphisch bestellten Zimmer bereit? Für Monsieur Alexandre Feddersen aus Paris? Jawohl! Schon Briefe da? Depeschen? Her damit! Und wohnte sein Bruder, Herr Karl Feddersen, wieder hier? Auch das. Der Herr war vorgestern angekommen! Dies seine Zimmernummer! Der Pariser nickte aufgeregt. Er glich, wie er in den Lift trat, sich den goldenen Zwicker zurechtrückte und die für ihn eingetroffenen Telegramme aufriß, mehr einem vielbeschäftigten Rechtsanwalt als einem kühlen Finanzmann. Unterwegs las er die Drahtnachricht seines anderen Bruders aus Moskau. »Sind gleichfalls konsterniert über Karls Verlobung. Rette, was Du kannst. Bin mit Transaktion Birsula schlimmstenfalls einverstanden. Nicolai.« Sascha Feddersen nahm sich nicht erst die Zeit, seine eigenen Räume aufzusuchen und sich um sein Gepäck zu kümmern. Er lief im ersten Stockwerk, bestaubt und in Reisekleidern, hinüber nach dem Zimmer seines Bruders und schlug erbittert mit der silbernen Krücke seines Spazierstocks gegen die Tür. »Herein!« Karl Feddersen stand mitten in dem großen, hellerleuchteten Raum. Er war in Frack und weißer Binde, eine weiße Tuberose im Knopfloch. In der Hand hielt er lächelnd und prüfend einen Riesenstrauß in Seidenpapier geschlagener weißer Lilien. Er machte einen durchaus festlichen Eindruck. Er war Bräutigam vom Scheitel bis zur Sohle. Er lachte: » Voyons ! ... Sascha ... Du auf einmal in Berlin! ... Das ist ja nett!« »Das ist gar nicht nett!« Der andere warf sich erschöpft in den nächsten Sessel und entzündete sich mit zitternden Fingern eine Zigarette. » Non, mon cher, c'est trop! ... Du siehst mich sprachlos!« Karl Feddersen zupfte sich vor dem Spiegel die goldknöpfige weiße Weste glatt und warf einen Blick auf die Bügelfalte der Beinkleider. Das beschäftigte ihn mehr als die Verzweiflung des Bruders. Der hub entschlossen an: »Was zu toll ist, ist zu toll! Du kommst vor vier Wochen Ende Januar glücklich auf mein Drängen nach Paris zurück, bist ganz der alte ... Fragt man Dich nach Deinen Berliner Herzensabenteuern, so zuckst Du die Achseln: das sei nun vorüber! ... Ich Esel glaub's! Alle glauben's, sogar meine Frau – Madge, die sonst in derlei effektiv hellsehend ist! ... Wir beruhigen uns! Wir erblickten Dich die ganze Zeit bei uns im Kontor an der Arbeit, höchstens, daß Du auf ein paar Tage nach Brüssel gingst ...« »Da war ich statt dessen inkognito in Berlin!« Karl Feddersen strahlte wie ein Schuljunge. »Ich dacht's mir doch! Vorvorgestern bist Du auf einmal verschwunden. Niemand ahnt, wohin. Vorgestern kommt von hier Deine Verlobungsanzeige! Und gleich an alle Welt! Die Sache ist an der großen Glocke! Das Telephon kam gestern in meinem Haus nicht zur Ruhe!« »Wärst Du doch in Deinem Hause geblieben! Ou peut-on être mieux qu'au sein de sa famille? Im Ernst ... Mon cher ... Ich habe mich schon bei meinem ersten Aufenthalt im Januar verlobt. Aber wenn ein in Frankreich lebender Russe eine Deutsche heiratet, so ist der Standesbeamte in Berlin nicht glücklich, bis er nicht einige Dutzend Amtspapiere und Konsulatsstempel in Händen hat. Wozu, bis das herbeigeschafft ist, das Geschrei von allen Seiten? Da wartete ich lieber, bis das Aufgebot erfolgt war und stellte Euch vor ein fait accompli . In vier Wochen ist Hochzeit!« »Also hast Du Dich die ganze Zeit verstellt?« Karl Feddersen zuckte die Schultern und besprengte sein Taschentuch mit Kölnisch Wasser. Wozu ist man denn homme d'affaires ? Mein künftiger Schwiegervater hat auch erst vorgestern die Verlobung seiner Tochter bekanntgegeben. Meiner Schätzung nach an die halbe preußische Armee. Es gingen zwei große Waschkörbe voll Anzeigen auf die Post.« Sascha Feddersen faltete gottergeben die Hände. Er war erschüttert. »Also ist auch hier schon die Sache offiziell?« »Vollkommen! Die Trauung ist im Dom. Das Festessen hier im Hause. Hundert Gedecke. Alles im größten Stil. Ich will von vornherein meiner Frau die ihr gebührende Stellung geben. Die Einladungen erfolgen morgen. An Euch auch!« »Aber ...« »Und Du wirst die Güte haben, dazu hier zu erscheinen! Und Madge wird bongré, malgré mitkommen. Und Nicolai mit seiner Frau auch!« »Gestatte einmal ...« »Ich gestatte nichts! Ich hab' es nicht nötig, meine Wahl zu verteidigen.« »Bitte! Ich habe gar nichts gegen die junge Dame. Ich habe mich schon im Januar unter der Hand erkundigt. Ich gebe gern zu, daß die Familie prima ist. Aber eben hier im Lande. In ihren Kreisen! Es ist nicht unser Land. Es sind nicht unsere Kreise!« »In die führe ich meine Frau aber ein! Du wirst Dich wundern, wieviel Talent zur Pariser Mondaine sie besitzt!« »Mag sein! Das geht mich nichts an. Unsere gemeinsamen Interessen liegen auf einem ganz anderen Feld!« »Aha! Nun kommen wir zur Sache!« sagte Karl Feddersen geschäftsmäßig. »Die Unterschrift meines Schwiegervaters in New York, mein bester Charley, gilt Millionen!« »Das ist mir keine Neuigkeit!« »Und bei Nicolais Schwiegervater, dem alten Wolkoff, braucht es nicht einmal eine Unterschrift. Sein Wort ist auf der Moskauer Börse bar Geld!« »Stimmt!« » Eh bien! Wieviel ist Dein künftiger Schwiegervater wert?« »Herrgott, er ist doch preußischer General.« »Den preußischen General in Ehren! Aber das macht seine Wechsel um kein Haar besser!« Karl Feddersen mußte lachen. Der alte Teuffern und Wechsel! Darunter verstand der leichtsinnige Querschreibereien eines verschuldeten Husarenleutnants. Davor hatte der einen Heidenrespekt. Der Pariser blies nervös den Zigarettenrauch durch die Nase und fuhr fort: »Das kommt davon, wenn man in andere Kreise heiratet! Wir sind nicht Generale, sondern Kaufleute. Charley: denke doch einmal an die Firma! Urteile nicht als Bräutigam, sondern als Associé. Wo kämen wir denn hin, wenn wir das alle tun wollten? Wir müssen doch auch einmal unsere Töchter wieder ausstatten. Wir brauchen Geld!« »Hat Dir Madge den Sermon aufgesetzt? Für Dich allein ist er zu schön, Sascha! Schade, daß Nicolai nicht auch da ist! Dann könnte ich Euch beiden zugleich meinen Trumpf auf den Tisch werfen!« »Welchen Trumpf?« »Nun eben die Karten! Entsinnst Du Dich, wie Nicolai früher in Moskau gespielt hat? Und die verrückten Spekulationen, um die Verluste zu decken? Das Reisgeschäft mit Mac Allan? Papa war wütend! Der Bruder kam uns damals teuer zu stehen!« »Er hat sich längst beruhigt!« »Und Du, mein kleiner Sascha! Wirst Du nicht noch nachträglich rot, wenn Du an Deine Pariser Streiche von früher denkst? Wie Du damals monatelang überhaupt nicht aufs Bureau kamst und Dein bewußtes Quartier drüben auf dem anderen Seine-Ufer hattest? Diese Madame Dingsda – na ... lassen wir's! Ich hab' sogar ihren Namen vergessen!« Der Pariser drehte nervös und etwas schuldbewußt den dünnen blonden Spitzbart zwischen den Fingern. »Seit ich verheiratet bin, Charley, kann mir niemand mehr etwas vorwerfen!« »Es tut's auch keiner. Aber in der Zeit, wo Du nichts gemacht hast und Nicolai nur Dummheiten, hab' ich gearbeitet wie ein Neger unter Papas Fuchtel. Ich hab' damals für Euch mitgeschuftet. Dies Saldo zu meinen Gunsten hab' ich längst in der Stille gebucht. Willst Du's anerkennen oder nicht?« Sascha schwieg. Er war ein wenig kleinlaut. »Ich heirate ein Mädchen ohne Mitgift. Die Firma gibt ihren Segen und unser Konto ist ausgeglichen!« »Halt, so rasch geht das nicht!« Es war eine Pause. Die Brüder maßen sich mit mißtrauischen Geschäftsblicken. Der Pariser bummelte, anscheinend gelangweilt und der ganzen Sache müde, die Hände in den Hosentaschen, in dem Zimmer auf und ab. Er gähnte. Er kam auf etwas anderes zu sprechen. »Du, Charley, richtig! ... ich habe da noch eine Depesche von Nicolai ... Wir wollen endlich einmal die Geschichte mit der Birsula-Brauerei in Ordnung bringen! Du weißt: Nicolai und ich stehen auf dem Standpunkt, daß Du keine Rechte an dem Unternehmen hast. Du mußt endlich einmal formell auf diesen Aktienbesitz zu unseren Gunsten verzichten!« »Ich denke nicht daran! Warum soll ich Euch denn das schenken?« »Weil wir Dir dann in Gottes Namen auch entgegenzukommen bereit sind mit Deiner Verlobung!« »Die fehlende Mitgift ist schon kompensiert!« »Nein!« »Die Hälfte will ich in Gottes Namen hergeben. Ihr Spitzbuben!« »Alles oder nichts!« »Gut. Dann behalte ich alles!« Sie bekamen rote Köpfe: Hie Heirat! Hie Brauerei! ... Sie schrien einander an – standen sich zornig und außer Atem gegenüber – nicht wie Sozien, sondern wie Preisringer. Da sah Karl Feddersen auf die Uhr. Er hatte sich lange genug anstandshalber gewehrt. »Ich hab' keine Zeit mehr!« sagte er verächtlich. »Also meinetwegen! Der Klügere gibt nach!« Der Jüngere streckte ihm die Hand hin. Er nahm sie. Beide lachten wie nach einem guten Spaß. »Aber wohlverstanden: Ihr kommt beide mit Euren Frauen zur Hochzeit und seid nett zu Margot!« »Wir werden unsere Verwandtenpflicht erfüllen!« »Und nun entschuldige mich! Mein Schwiegervater gibt heute das offizielle Verlobungsessen! Auf Wiedersehen morgen!« Unten wartete schon das Automobil. Es sauste dahin. Aber es fuhr Karl Feddersen noch zu langsam. Er verzehrte sich wie jeden Tag nach dem Anblick seiner schönen Braut. Er glaubte eigentlich erst immer wieder an ihr Dasein, wenn er sie wirklich sah. Bis dahin war sie ein Märchen. Ein Wunder. Nicht von dieser Welt, in der die Brauerei Birsula lag. An die dachte er dazwischen, nicht mit Reue, aber mit dem Trennungsschmerz des Kaufmanns. Es fiel ihm siedendheiß ein: nächstes Jahr wollten sie ja junge Aktien emittieren ... Nun schöpften die Brüder die Sahne ... Er ärgerte sich. Dann vergaß er sie in seiner Bräutigamstimmung und stürmte die Treppe zur Teuffernschen Wohnung empor. Er kam eine halbe Stunde vor den Gästen, denen er heute gezeigt werden sollte. Seine künftige Schwiegermutter war allein in dem Raum, der ebenso wie die anderen Zimmer seit Wochen exotisch verwandelt war durch die Fülle kostbarer, jeden Morgen von ihm gesandter Blumen. Margarete ordnete den ganzen Tag daran herum und pflegte und verteilte sie da und dorthin. Es leuchtete zwischen dem nüchternen Hausrat von Orchideen und Lilien, von Rosenbüschen und Fliedersträußen mitten im Winter. Wie ein Abglanz des unwahrscheinlichen Füllhorns von Reichtum und Pracht, das sich plötzlich über dieses Haus ergossen. »Ich bringe Ihnen schöne Grüße, chère maman !« sagte Karl Feddersen, der Generalin die Hand küssend. »Von meinen Brüdern und deren Frauen! Ich habe eben von ihnen wahrhaft reizende Briefe zur Verlobung erhalten. Es sind liebe Menschen! Sie nehmen Margarete mit offenen Armen auf. Ueberhaupt ... Wir werden unglaublich glücklich sein, Mama!« Die alte Dame prüfte ihn mit einem eigenen Lächeln auf dem resignierten, einst schön gewesenen Gesicht. »Ja, machen Sie nur die Grete glücklich! So leicht ist es nicht! Jetzt, lieber Karl, wo auch von Ihrer Familie aus alles in Ordnung ist, möchte ich es Ihnen doch einmal sagen! ... Eine so bequeme, einfach dankbare Frau, wie es hundert andere sein würden, werden Sie an ihr nicht haben!« »Mein Gott – wie kommen Sie darauf?« »Als ihre Mutter! Ich kenne sie besser als sonst ein Mensch. Sie hat viel von mir, mehr, als sie selber weiß. Mir hat die stete Liebe und Geduld meines Mannes über vieles hinweggeholfen, was in mir ungestillt war! ... Er war mein Halt! ... Seien Sie es Grete auch! Es tut not!« Er faßte von ihren Worten nur das Aeußere auf. Er suchte sie zu beruhigen. »Ich werde Margarete auf den Händen tragen! Ich weiß, daß sie zu Luxus neigt! Daß ihr der in erster Zeit zu Kopf steigen wird! Mag sie verschwenden! Ich rechne ihr nichts nach! Sicher nicht!« »Ja, das Geld! Für Sie ist es das Geld! Aber dann kommt der Augenblick, wo die Grete Sie sucht! Dann seien Sie zur Stelle! Dann halten Sie sie fest! ... Glauben Sie mir: Sie braucht eine starke Hand ...« Nach dem Streit mit dem Bruder nun auch hier diese unvermutete Warnung. Es paßte nicht zu Karl Feddersens rosiger Laune. Es war ja auch alles Unsinn. Er wußte nicht, was er erwidern sollte, und schwieg verstimmt. Er war froh, als der General in das Zimmer kam. Er erkannte ihn kaum wieder. Heute hatte Exzellenz von Teuffern sein Ehrenkleid angelegt. Die goldene Eichenlaubstickerei leuchtete vom Scharlach der Rockaufschläge, breit und rot flammten die Streifen an den Beinkleidern, auf der Brust funkelte die lange Reihe der Orden. Heute war der sonst so unscheinbare kleine Herr wieder ganz er selber – der von einst – ein Stück Preußen – ein Teil der Armee. Er machte unwillkürlich ein strengeres Gesicht als gewöhnlich und flößte in der fremdartigen, glänzenden Hülle auch dem Schwiegersohn einen unbestimmten Respekt ein. »So so! Die Ihren haben schon geschrieben?« sagte er erfreut auf dessen erste Worte. »Und in zustimmendem Sinn? Um so besser! ... Um so besser! ... Wir hatten immer Sorge, meine Frau und ich, daß ... Sie wissen ja, lieber Feddersen, ... ich hab' mir ja meinerseits meinen Schwiegersohn auch eigentlich anders gedacht ...« »Aber Exzellenz ...« »Verstehen Sie mich nicht falsch: mir wäre jemand aus dem Kreise, den ich überschaue, lieber ... wo ich selbst mitraten und die Verantwortung übernehmen kann ... Aber meine Tochter will's! Ich habe kein Recht, ihrem Glück im Weg zu stehen, und würde es mir nie verzeihen ...« Karl Feddersen war wieder gekränkt. Von allen Seiten warnte man ihn heute, wollte ihn nicht recht haben – ihn, mit seinem Geld. Aber der General von Teuffern schloß einfach und herzlich: »Mir ist mit der Einwilligung der Ihren ein rechter Stein von der Seele gefallen! Eigentlich betrachte ich Sie nun erst als meinen Schwiegersohn! Also auf ›Du‹, mein guter Karl! Werde glücklich und mache die Grete glücklich!« Er breitete die Arme aus. Die beiden, der preußische General und der Pariser Millionär, küßten sich. Dann kam das ›Du‹ mit Frau von Teuffern an die Reihe, und als das geschehen, frug Karl Feddersen mit gerötetem Kopf: »Wo ist denn Grete?« »Sie steckt da nebenan mit einem ganzen Haufen Mädels zusammen,« sagte der alte Herr behaglich. Er hatte ein wenig feuchte Augen. Auch die Generalin wirtschaftete mit ihrem Taschentuch. »Was hast Du da wieder für schöne Blumen? Verwöhn' mir das Kind nur nicht zu sehr ...« Sein Schwiegersohn dachte sich: Wenn Ihr ahntet, daß mich das Kind eben eine halbe Million gekostet hat! Dann schlug er sich die Brauerei aus dem Kopf. Mit dem still strahlenden Lächeln des Bräutigams stand er auf der Schwelle des Zimmers, das voll von jungen Mädchen war. Er erkannte einige von dem ersten Fünfuhrtee im Hotel Adlon wieder – die kleine Gräfin – die große, frische Blondine. Margarete stand mitten in diesem lichtblau, rosa und weiß gekleideten Schwarm, um einen halben Kopf größer als die anderen, wie eine Königin. Sie war ganz in Weiß. An ihrem Hals funkelte die mächtige Diamantbrosche, das Laliquesche Kunstwerk, das ihr der Bräutigam vorgestern aus Paris als Verlobungsgeschenk mitgebracht, und das die ganze Zeit der Gegenstand scheuer Andacht ihrer Freundinnen gewesen war. »Ihr müßt mich alle in Paris besuchen!« sagte sie. »Der Reihe nach. Jede auf der Hochzeitsreise!« »Wir dürfen doch nicht! Offiziere dürfen doch nicht nach Paris!« Daß man Offiziere heiraten würde, galt in diesem Kreis für selbstverständlich. Margarete drehte sich zu der Sprecherin um: »Da rutscht Ihr eben mit wildem Urlaub hinüber!« lachte sie, sah ihren Bräutigam und eilte ihm entgegen, in Stolz und Eifer ihn zu zeigen. Aber er wirkte hier nicht, wie er sollte. Sie fühlte es zu ihrem Verdruß. Ein einfacher, etwas schwerfälliger Zivilist ... Hier war man an schimmernde Uniformen und leichtfüßige Kasinogewandtheit gewöhnt. Und wenn schon ein Frack, dann wenigstens bunte Orden darauf – ein adeliger Name ... ein Titel ... Mit dem Herrn Feddersen wußten sie nichts anzufangen, die Schafe ... Herrgott, er konnte doch nicht gleich mit Goldstücken um sich werfen, um zu zeigen, wer er war ... Er küßte ihr die Hand und sah ihr zärtlich in das schmale, von der dunklen Haarwelle umrahmte Antlitz. Sie war mädchenhaft schön in dem weißen, fließenden Kleid und den leise vor Verlegenheit geröteten Wangen, ihrer neuen Würde äußerlich noch nicht ganz sicher und innerlich doch sehr bewußt. Sie hing sich an seinen Arm. Aber wenn man sie zusammen sah, sah man nur sie. Er verblaßte daneben. Er war das Alltägliche, sie, lachend, mit leuchtenden Augen, wie aus dem Rahmen eines Bildes herausgestiegen. Er gab sich alle Mühe. Er lud die jungen Damen, die seit seinem Erscheinen mäuschenstill geworden waren, dringend ein, doch nach Paris zu kommen. Es würde sein Automobil am Bahnhof bereitstehen. Sie würden alles zu sehen kriegen. Alle Wunder der Seinestadt in drei Tagen. Aber sein scherzender Weltmannston verfing hier nicht. Hier war man naiver. Man nahm auch das Vergnügen noch ernst. Er konnte keinen rechten Boden finden. Da machte der Hausherr die Tür auf und rief: »Kommt doch herein! Es ist ja schon alles da!« Der Salon war voll von Uniformen. Karl Feddersen hätte nie geglaubt, daß es so viele Spielarten der preußischen Armee, rote, schwarze, goldene, silberne Kragen, hellblaue, dunkelblaue, grüne und rotverschnürte Röcke, Stiefel mit und ohne Sporen geben könne. Dazwischen die Damen. Er wurde überall vorgestellt und verbeugte sich. Ohne einen Namen zu verstehen. Er schüttelte die Hände. Der Ulanenrittmeister Baron Elendt sagte ihm dabei lächelnd: »Sie sind wahrhaftig hier der einzige Zivilist!« Ein Frack unter so vielen Uniformen machte sich nie besonders gut. Margarete sagte sich das wohl, als sie am Arm ihres Verlobten zur Tafel schritt. Sie empfand wieder die alte Feindseligkeit gegen das doppelte Tuch. Und dann den Hochmut: das war nun alles vorbei ... Karl Feddersen saß neben ihr mit dem etwas gezwungenen und feierlichen Gesicht des zur allgemeinen Schau gestellten Bräutigams. Sie blickte lebhaft, lächelnd, sehr aufrecht sich haltend, über die beiden aufrecht schwatzenden und lärmenden Tischreihen hin. Sie war doch sehr befriedigt. Sie war hier der Mittelpunkt. Sie kam sich in Erinnerung wie der Schwan im Ententeich vor. Sie war zu etwas Besserem bestimmt gewesen. »Armer Kerl!« sagte sie und drückte ihrem Verlobten unter dem Tisch verstohlen die Hand. »An den Abend wirst Du denken! Sie sind gräßlich langweilig! Nicht? Na ... es ist ja nur das eine Mal! Dann hast Du's überstanden!« »Es ist nicht so schlimm! Ich bin ja neben Dir!« Sie lachte leise und goß ihm Wein ein. Er sah entzückt die rasche hausmütterliche Bewegung des schlanken, weißen Mädchenarms. Alles an ihr begeisterte ihn. Das sanfte Sichheben und Senken seines Brillantschmucks auf ihrer zarten Brust, die Art, wie sie liebenswürdig den dunklen Kopf neigte, um das Scherzwort irgendeiner Exzellenz in Empfang zu nehmen, ihre helle, kühle Stimme, mit der sie, schon ganz werdende große Dame, ein wenig herablassend, sich zu den Freundinnen wandte ... Nun vertiefte er sich, da er von ihr nur ein Stückchen Wangenrund sah, in den Anblick ihres Ohrs. Es schien ihm rührend klein – kindisch, mit dem krausen Löckchengewirr darüber ... Er hätte es küssen mögen ... und sagte sich mit einem Aufatmen: Ja, weiß Gott, ich bin ein glücklicher Mensch! Irgendwo klopfte jemand an das Glas. Es wurde still. Margarete runzelte die Stirn. Nun kam der unvermeidliche Toast von dem alten Major, dem Vetter des Hauses. Auch das mußte überstanden werden. Aber nur kurz! ... Kurz! ... Sie wippte mit der Fußspitze vor Ungeduld ... »Der Mensch denkt, und Gott lenkt ... Er führt unsere Grete über den Rhein ... In fremdes Land ...« Sie dachte sich: das wissen wir doch! Er hat sich wahrhaftig die Stichworte auf der Manschette notiert ... er dreht sie immer ... Nun geht die Walze zu Ende ... »Unser aller Wünsche begleiten Dich, liebe Grete, in Deine neue Heimat! Mögest Du Dich dort zu Hause fühlen wie hier! Ein Stück Deutschtum an den Ufern der Seine hegen und pflegen, guten preußischen Geist wahren und verbreiten in fremdem Land. Das walte Gott! Er helfe Euch! Das Brautpaar hurra! hurra! hurra!« »Warum rufen sie denn hurra?« fragte der junge Millionär erstaunt beim Aufstehen und Gläserklingen seine Braut. Es wurde doch hier keine Attacke geritten. Sie warf gereizt den Kopf zurück. Sie machte ein kampflustiges Gesicht. Der Festredner drüben sah es. »Du scheinst nicht ganz einverstanden, Grete?« forschte er streng. »Ja, aber, lieber Onkel! Was verlangt Ihr denn von mir? Ich kann doch nicht mit einer schwarz-weiß-roten Fahne in der Hand in Paris herumlaufen! Man muß mir doch nicht von vornherein Dinge zumuten, die ganz unausführbar sind!« »Bist Du etwa keine Deutsche?« »Die Staatsangehörigkeit verliere ich doch, wenn ich heirate!« »Als was willst Du Dich denn dann fühlen? Als Russin? ... Wo Du kein Wort Russisch verstehst? Oder als Französin? ... Weil Du in Paris wohnst?« »Ich werde Frau Feddersen sein!« erklärte Margarete und sah sich kaltblütig im Kreise um. »Das ist ganz genug, nicht wahr, Karl?« Dem Kosmopoliten neben ihr war der Streit mehr als peinlich. Da klaffte schon wieder die Kluft. Gerade das, was er durch Nachgiebigkeit und Höflichkeit vermeiden wollte. Zum Ueberfluß drängte von drüben jemand laut in ihn: »Entscheiden Sie selbst, Herr Feddersen! ... Sie müssen es doch am besten wissen! Als was fühlen Sie sich? Welche Nationalität haben Sie?« Er wich aus, ganz so, wie er sich in Geschäften nicht unnütz eine Blöße gab, und erwiderte verbindlich: »Vielleicht mehrere! ... Die Schranken der Völker fallen doch immer mehr. Ich kann jeden Standpunkt verstehen ...« Nun trat ein unbehagliches Schweigen ein. Man konnte da nicht mit. Es wehte nun ein erkältender Hauch über den Tisch. Margaretens Vater sah traurig vor sich hin. Es ging ihm manches durch den Kopf. Dann bezwang er sich. So durfte die Stimmung nicht bleiben. Er gab seinem Sohn einen Wink. Neben dem lag ein ganzer Haufen im Laufe des Tages eingegangener Briefe und Depeschen. Glückwünsche zur Verlobung aus dem weiten Verwandten- und Bekanntenkreis der Teuffern. Die sollten jetzt verlesen werden. Das brachte die Gesellschaft auf andere Gedanken. Der Leutnant erhob sich, runzelte die rechte Stirnhälfte über dem Monokel und begann der Reihe nach. Es war eigentlich immer dasselbe: Gerührte Tanten, enthusiastische Basen, humoristische Vettern, wohlwollende Onkel – kurze markige Worte, Sprüchlein in Vers und Prosa, Bibelstellen – der Grundton immer das Erstaunen: einmal kein Leutnant – kein Assessor ... Etwas ganz Neues! ... Der Leutnant von Teuffern entfaltete stehend ein neues Blatt und las schnell, ein wenig zerstreut, herunter: »Euer Exzellenz! Da auch ich den Vorzug hatte, lange Zeit im Hause Eurer Exzellenz zu verkehren, so gestatte ich mir, Eurer Exzellenz die Abschrift meines Schreibens beizulegen, das ich zu gleicher Zeit an Herrn Feddersen richtete. Herr Karl Feddersen ...« Der junge Offizier ließ plötzlich das Blatt sinken, biß sich auf die Lippen und schwieg, so als habe er, nichts Böses ahnend, schon zu viel vorgelesen. Alle Augen richteten sich unwillkürlich auf den jungen Millionär, der aufstand und trocken sagte: »Pardon ... von wem ist denn dieser Brief?« Sein künftiger Schwager wollte rasch das Schreiben einstecken. »Ach ... lassen wir's bis nachher!« meinte er halblaut, »der ist nichts jetzt für die Stimmung ... hier ...« Aber Karl Feddersen hatte schon einen Blick auf die Unterschrift geworfen. »Von Herrn Leutnant Lünemann!« versetzte er, »... was hat Herr Lünemann gegen mich vorzubringen?« »Später ... später ...« »Bitte: nein! Ich möchte nicht vor den Herrschaften hier den Eindruck erwecken, als ob ich irgend etwas zu verbergen oder zu beschönigen hätte! ... Darf ich bitten ...?« Er nahm den Brief und überflog ihn stirnrunzelnd für sich in geschäftlicher Kühle und mit festgeschlossenen Lippen. »Herr Karl Feddersen hat sich niedrig und verräterisch benommen, das Vertrauen, das ich ihm entgegenbrachte, mißbraucht und mir offenbar mit wohlberechneter Absicht einen Posten, von dem er wußte, daß ich ihn nicht annehmen konnte, angeboten, um durch meine Weigerung meine Stellung im Hause Eurer Exzellenz zu erschüttern und sich dann auf meinen Platz zu drängen. Dieser Plan ist Herrn Feddersen ja nun auch geglückt. Ich stehe aber nicht an, in meinem an ihn gerichteten Brief sein Verfahren als ein durchaus unehrenhaftes zu bezeichnen, und gebe mich der Hoffnung hin, daß Herr Feddersen hieraus die nötigen Folgerungen ziehen und von mir die standesgemäße Genugtuung fordern wird ...« Karl Feddersens Gesicht rötete sich einen Augenblick vor Zorn. Aber er bewahrte seine Ruhe. Er zuckte die Achseln und reichte den Brief seinem Schwiegervater, an den er ja eigentlich gerichtet war. »Derlei prallt an mir ab!« versetzte er kurz, »ich habe mich von a bis z gentlemanlike betragen! Und damit basta!« Er wollte sich wieder setzen. Um ihn war immer noch beklommene Stille. Man kannte den Inhalt des Schreibens nicht, das General von Teuffern mit steinerner Miene prüfte und in seine Tasche versenkte, aber man las ihn aus seinem Gesichtsausdruck, man ahnte ihn in diesem Kreise. Es lag Blutgeruch in der Luft. Eine Forderung. Die Damen machten angstvolle große Augen. Die Herren sahen ernst darein. Margarete rührte sich nicht und hob den Blick nicht vom Tischtuch. Ihr Bruder drängte sich an Karl Feddersen heran. Er murmelte ihm etwas zu. Man verstand es nicht. Aber ihr Bräutigam wiederholte erstaunt: »Du ...? Kartellträger? ... Wieso?« Der Leutnant winkte ärgerlich und aufgeregt ab. »Herrgott ... später ... nicht so laut ..., davon spricht man doch nicht hier vor allen Leuten ...« Der junge Millionär schüttelte den Kopf. »Wieso?« sagte er, »ich wünsche nicht, daß sich Herr Lünemann ein falsches Bild von mir macht. Ich erkläre ausdrücklich: Ich war in der ganzen Angelegenheit von bester Absicht beseelt, auch gegen Herrn Lünemann, und habe mir nichts vorzuwerfen! Nicht wahr, Schwiegerpapa?« »Ja!« versetzte der alte Herr knapp. Es kostete ihn eine innere Ueberwindung, der Wahrheit die Ehre zu geben. »... und damit ist Herr Lünemann für mich ein für allemal erledigt.« »Ja ... aber ...« Der Leutnant machte ein verblüfftes Gesicht. Umher war ein betretenes Schweigen ... vielsagende Blicke ... der alte Herr von Teuffern blieb stoisch-steinern. Er mischte sich nicht in den Handel. Mochte der künftige Schwiegersohn das halten, wie es ihm beliebte ... Aber es lag ein tiefer Gram in der Art, wie seine freundlichen blauen Augen auf seiner Tochter ruhten. »Man muß doch ...,« meinte Margaretes Bruder noch einmal unsicher. Er verstand seinen künftigen Schwager nicht. Der hob die Schultern nur und sagte kühl, mit dem Hochmut des internationalen Millionärs: »Derlei ist unter meiner Würde und in meinen Kreisen nicht Brauch. Ich kann mich nicht an allen Orten der Welt, wo ich gerade hinkomme, den wechselnden Umgangssitten anpassen. Dann müßte ich schließlich auch in Japan das Harakiri mitmachen. Ich habe nie gedient und nie eine Waffe in der Hand gehalten. Ich käme mir ja albern vor.« Niemand antwortete. Nur der alte Major, der Festredner von vorhin, hüstelte. »Aber das führt ja schließlich zum Faustrecht ...« »Gegen das Faustrecht gibt es die Polizei! In England oder Amerika würde man mich einfach auslachen.« Um ihn schwieg man immer noch. Gewiß ... ein Ausländer ... ein Kaufmann ... Aber wenn dieser fremde Millionär auch zehnmal die Vernunftgründe für sich hatte, – ein Zivilist, der, rings von Offizieren umgeben, nichts vom Recht der Waffen wissen wollte, es machte sich schlecht ... Diese Weigerung ... In der Stille hörte man plötzlich Margaretens Stimme. Sie hielt sich herausfordernd dicht neben Karl Feddersen, so daß ihre Schulter seinen Oberarm berührte. »Ich bitte mir aus, daß Ihr ihn nun nicht weiter quält!« sagte sie feindselig. »Was ist denn das für eine Art gegenüber einem Gast? Er weiß doch selber, was er zu tun hat.« »Du sei ruhig, Grete!« Ihr Vater schüttelte zornig den Kopf. Seiner Tochter war er nicht so viel Rücksicht schuldig wie dem Schwiegersohn. Sie fuhr auf: »Wenn jemand ein Recht hat, zu reden, Papa, dann ich! Ich bin doch die unglückselige Ursache. Es soll nicht noch mehr Unglück daraus entstehen! Ein Segen, daß Karl so besonnen ist! ... Sei so gut und lächle nicht so spöttisch, Adalbert! Ihr lacht über alles, was Ihr nicht versteht. Und Ihr versteht manches nicht ... Die Welt ist viel größer, als Du glaubst!« Karl Feddersen kam der ganze Sturm im Wasserglas nachgerade fast komisch vor. Er wunderte sich innerlich. Was mit den Waffen zusammenhing, regte hier so merkwürdig auf. Uralte, vererbte Instinkte wurden wach. Der General von Teuffern sagte mit einer seltsam trockenen Stimme: »Kraft meines Rechtes als Hausherr möchte ich bitten, nun über den Zwischenfall zur Tagesordnung überzugehen. Wir wollen uns wieder setzen. Die Speise wird sonst kalt!« Aber die blauen Flämmchen des Plumpuddings waren schon längst erloschen. Man stocherte nur an ihm herum. Appetit und Laune waren vergangen. Manche Sessel blieben überhaupt leer. Die Verlobungstafel nahm ohne Sang und Klang ein Ende. Es war klar, daß überhaupt kein Leben mehr in den Abend kommen würde. Die älteren Herrschaften saßen beisammen und unterhielten sich gezwungen über dies und das. Die junge Welt hätte eigentlich tanzen sollen. Aber niemand hatte Lust. Der Deckel des Instruments blieb ungelüftet. Die Mädchen lehnten darum herum und schwatzten. Ihr Gekicher und Getue mit den Leutnants war nicht so eifrig wie sonst. Ein Teil von denen hatte sich in das Rauchzimmer zurückgezogen und besprach dort den Fall. Der Sohn des Hauses saß unglückselig zwischen den Kameraden seines Garderegiments ... Ein Schwager, der kniff ... Jetzt konnte er es sich ja in Gedanken rückhaltlos sagen ... solch ein Mensch blamierte ihn ja bis auf die Knochen. Und er schämte sich unter diesen jungen Leuten von altem Kriegsadel Karl Feddersens ... Der war auch gereizt. Er war von Natur sehr empfindlich, trotz seines gelassenen Temperaments. Nun wirkte das alles erst nach. Wie kam er eigentlich dazu, sich so behandeln zu lassen? Förmlich wie ein armer Sünder hatte er dagestanden ... Er rauchte gereizt seine Zigarre. Er saß mit Margarete allein auf einem Sofa. Niemand störte sie. Er fühlte, wie sie leise seine Hand drückte. Sie bat: »Sei mir nicht böse! Ich kann nichts dafür! Sie sind alle so dumm!« Ihr Schuldbewußtsein entwaffnete ihn. Er merkte, wie sie mit den Tränen kämpfte. »Du kommst doch mit mir!« sagte er verliebt und leise. Beide schauten Hand in Hand vor sich hin, und ihre Züge überschatteten sich wieder. Dort drüben, in dem Nebenraume, stand jemand still am Fenster. Es war der alte General. Ganz einsam, im Glanz seiner Uniform, lehnte er an den Scheiben und sah gramvoll hinaus in die dunkle Nacht ... 9. » Voilà la tour Eiffel! « Eine Stimme in dem Abteil erster Klasse des Metz-Pariser Schnellzugs rief es. Andere Mitreisende sprangen empor und drängten sich an die Fenster, an denen General von Teuffern und seine Frau einander gegenüber saßen. Die beiden wachten von einem kurzen Nickerchen auf und schauten auch hinaus. Goldener Maisonnenglanz lag auf den Fluren Frankreichs. Weithin dehnte sich das grüne, mit weißen Häusern besäte Hügelland, und darüber dämmerte fern am Horizont ein seltsames, aufrechtes Spinngewebe ... der Eiffelturm ... Paris ... »Uff – da wären wir!« sagte der alte Herr, als der Zug nach einer Stunde sich dem Ostbahnhof näherte. Er sprach ungeniert und laut Deutsch. Ihm war es höchst egal, was die Franzosen für Gesichter dazu schnitten: die Gesellschaft kannte er – noch von damals her. Er hatte eigens einen Umweg gemacht, um wieder einmal die Schlachtfelder von Metz zu besuchen, und andächtig am Eingang von St. Privat unter der Statue des heiligen Michael gestanden, auf den hin im Halbrund über die aufsteigende Halde die Linien der Kriegergräber, wie jetzt noch von einem unerbittlichen, stürmenden Willen getrieben, zusammenliefen, und an die Abendstunde gedacht, in der der damalige Premierleutnant von Teuffern als der letzte Offizier seines Gardebataillons die Seinen vorwärtsgeführt, bis auch ihn die Chassepotkugel in die Schulter niederstreckte. Sein greises Herz war noch voll von kriegerischen Erinnerungen. Aber nicht deswegen klopfte es ihm jetzt so stark zwischen den Häuserreihen von Paris. Er bemühte sich, ruhig zu erscheinen. »Ich bin zu gespannt, Mutter, wie wir die Grete finden!« sagte er. »Anderthalb Jahre sind eine lange Zeit ...« »Ich war immer dafür, daß wir schon früher fahren sollten ...« »Nee ... nee ... im ersten Jahr der Ehe soll man die jungen Leutchen sich selber überlassen ... da soll man nicht hineintapern ... gerade in dem Fall ... na ... nu' komm!« Er stieg aus, half seiner Frau und schaute prüfend aus seinen freundlichen blauen Augen den Bahnsteig hinab. »Wo steckt das Kind denn nur?« murmelte er. Da unten, ziemlich am Ausgang, stand, gleichfalls suchend, eine hier unter den Franzosen auffallend groß wirkende schlanke Frau. Beinahe jeder Vorübergehende wandte den Kopf nach ihr. Das schneeweiße, enganliegende Schneiderkleid hob noch ihre stolze Erscheinung. Ihr mächtiger, kornblumenblauer Hut, mit den langwallenden Straußenfedern, überragte die Köpfe der Menge. Der glattrasierte, respektvoll hinter ihr harrende Lakai reichte ihr bis kaum an die Schulter. Jetzt erhellte sich ihr Antlitz. Sie erkannte die Eltern, sie flog lachend, mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, und nun wurde es auch den alten Teufferns klar: Das war ihre Tochter. Und doch war ihnen diese schöne Weltdame, die sie strahlend mit heiterer Sicherheit empfing, im ersten Moment der Begrüßung ebenso fremd wie der leise Hauch feinsten exotischen Parfüms, der die Luft um sie erfüllte. Aber da war ihre Stimme ... die liebe, alte Stimme ... die dunklen, lange nicht mehr so schwermütigen Augen, das Lachen von einst ... Frau von Teuffern hielt krampfhaft die Hand der schönen Frau fest ... »Grete ... meine Herzensgrete!« sagte sie bewegt. Und die gab ihr einen neuen, fröhlichen Kuß. »Endlich mal wieder jemand, der mich Grete nennt! Weißt Du, wie sie mich jetzt hier alle nennen? Daisy! Sie behaupten, es wäre im Englischen das gleiche. Ueberhaupt: Englisch ist ja jetzt mächtig Mode!« Sie sprach lebhaft und leichthin, wie jemand, der gewohnt ist, über Gott und die Welt zu plaudern, und zog die Eltern mit sich. »Hier muß ich Euch schon bemuttern!« meinte sie geschäftig. »Charley läßt sich tausendmal entschuldigen, er konnte beim besten Willen nicht kommen; er hatte jetzt gerade um fünf Uhr nachmittags eine wichtige Konferenz. Die Moskauer sind da – sein Bruder nebst Anhang. Das ist immer eine Riesengeschichte! So! Da ist das Auto! Ich hab's ein bißchen heizen lassen. Sitzt Ihr auch bequem?« Es war ein Riesenkasten, mit seinen Spiegelscheiben, dem Schirmständer, dem Klapptischchen, dem Veilchenstrauß an der Vorderwand. Draußen glitten die Boulevards vorbei, schmutzig, mit Papierfetzen besät. Die Generalin von Teuffern kam nicht dazu, hinauszusehen. Sie musterte immer wieder ihre Tochter. Ihr Frauenauge sah merkwürdige kapriziöse Einzelheiten der Eleganz an ihr. Dies Gefunkel an der Brust, das aus der Ferne wie ein großer Edelstein aussah und bei näherer Betrachtung eine mikroskopische Brillantuhr war, dieser sinnlos teure Türkis als Schirmknopf, dieser papierdünne, winzige Muff aus feinsten Spitzen – ein Muff im Mai! – mit einer kornblumenblauen Tuffe besetzt – unter ihrem Arm ein weißwollenes Knäuel, das sich als ein unwahrscheinlich kleines Bologneserhündchen erwies. »Es wiegt nur vier Pfund!« erklärte Margarete stolz und wickelte den kläffenden Zwerg in sein Deckchen. Und draußen immer weiter das Sausen der Gummireifen – Paris ... Paris ohne Ende ... freie Plätze ... Brücken ... Park ... Die Autos in zehn Reihen nebeneinander, Tausende von Wagen, Zehntausende von Menschen ... Im Hintergrund der aufsteigenden Allee der Triumphbogen ... Der alte Herr wurde lebendig. Er richtete sich straff auf. » Die Gegend kenne ich!« erklärte er erfreut. »Da sind wir doch einundsiebzig einmarschiert! Ich war gerade zum Regiment zurückgekommen!« Margarete Feddersen sah sich unwillkürlich scheu um, ob sie nicht jemand hören könnte. Dann beugte sie sich vor und legte ihrem Vater scherzhaft warnend die weißbehandschuhten Fingerspitzen auf die Lippen. »Pscht, Papa! Um Gottes willen!« »Na was denn, mein Kind?« »Das ist so ungefähr das Unglücklichste, was Du hier erzählen kannst ... Diese Reminiszenz ...« »So? Nun, für mich war es nach meinem Hochzeitstag der glücklichste Tag meines Lebens, wie ich von da oben Paris zu unseren Füßen gesehen hab'!« versetzte der General unbekümmert und laut. »Ich weiß noch, da drüben ritt ein Kavallerieregiment hinunter zum Fluß. Dem sein Oberst hatte beim Kriegsausbruch vor der Front geschworen, seine Gäule in der Seine zu tränken! Ein Riesenkerl, sag' ich Dir!« Er lachte übers ganze Gesicht. »Papa ... hab' doch ein Einsehen!« Margarete rang in komischer Verzweiflung die Hände. Vater und Tochter verstanden sich nicht. Er schüttelte den Kopf. »Das muß man heilig halten, Grete! Gerade heutzutage, wo der lange Frieden die Leute weibisch macht. Nee – mich krempelst Du nicht mehr um ...!« Das Automobil hielt vor einem Hotel. Die junge Frau sprang eilig heraus. Sie war froh, daß diese Unterhaltung ein Ende hatte. »Ich hab' Euch nämlich hier Quartier bereitet! Ganz nah' bei uns. Aber dort ist's ein bißchen zu eng. Ihr sollt doch auch Komfort haben!« »Ich glaube, die Grete ist verrückt!« sagte der General in ehrlichem Zorn, als er mit seiner Frau oben in dem Appartement stand. »Fünf Zimmer! Ich bin doch kein amerikanischer Nabob! ... Lieber Gott, was das kosten mag ... Du, Mutter ... Sie ist überhaupt ein bißchen schusselig geworden! Findest Du nicht auch?« »Wir werden ja sehen! Wasch' Dich jetzt lieber, Hans! Und dann komm!« Margarete Feddersen freute sich, wie würdig und vornehm der Vater aussah, als er die Treppe hinabstieg. Bei Mama war das selbstverständlich. Gottlob, die Eltern konnten sich blicken lassen, auch hier in dieser internationalen Gesellschaft, die auf den alten Herrn gar keinen Eindruck machte. Sein Blick ruhte nur auf einer Gruppe französischer Kavallerieoffiziere in ihren schwarzverschnürten Attilas und flammendroten Hosen und wurde dabei lebhaft und warm, als wollte er sagen: Aha, da seid Ihr ja wieder, Ihr Kerle! ... Es lag Achtung vor den Reitern von Reichshofen und Floing darin. Seine Tochter hatte mit einigen Damen zusammengesessen. Rings um sie Welt. Schwärme von Pariserinnen und Amerikanerinnen in Riesenhüten. Nun sprang sie auf und rauschte liebenswürdig den Ihren entgegen. Sie hatte die Unbefangenheit der Nordländerin verloren, sie blieb sich stets nach französischer Art ihres Eindrucks bewußt. Es war ein zierliches kleines Palais in der Avenue du Bois de Boulogne, in das sie die Eltern in ihrem Automobil hinüberbrachte, aber innen ein Schmuckkästchen, das teppichbelegte Treppenhaus gleichzeitig Gemäldegalerie, das Boudoir ein blauseidenes Nest, die Salons weiß-golden, in steifem, kostbarem Empire. Da war der kreisrund verglaste Wintergarten, da das Billardzimmer, unter dem der Stall für die Reitpferde lag. Grade gegenüber im Hof die Garage. Sehr praktisch! Freilich, man mußte sich einschränken. Es war alles zu klein ... Charley plante einen Neubau weiter draußen. Er wartete nur ein günstiges Geschäftsjahr ab. Bei der nächsten guten Getreideernte in Rußland wurde bestimmt der Grundstein gelegt. Wenn Charley das versprach, konnte man sich darauf verlassen. Er war gewissenhaft jusqu'au bout des ongles ! ... Die junge Frau erzählte das alles ihren Eltern, während sie mit ihnen in ihrem Boudoir zusammensaß, immer das Seidenhündchen Bibi auf dem Schoß, und ihnen Tee eingoß. Ihre Berichte waren abspringend, im Zickzack hin und her, wie es ihr gerade durch den Kopf ging. Die Unrast des Pariser Lebens zitterte hindurch. Die Alten hörten eine Welle still zu. Das Kreuz und Quer ermüdete sie. Endlich fragte die Mutter: »Also, es geht Dir gut, Grete?« »Ausgezeichnet!« »Und Du fühlst Dich wohl in Paris?« »Wie ein Fisch im Wasser.« »Und hast auch netten Verkehr?« »Charley ist ja mit Gott und der Welt verwandt!« »Und die sind alle freundlich zu Dir?« »Die werden sich hüten, Charley vor den Kopf zu stoßen! Dazu haben wir viel zu viel Geld, Mama! Bloß meine Schwägerin Magde, die Amerikanerin ... Wenn wir beide zusammen sind, sagen wir uns Sottisen ... stundenlang! Die andern amüsieren sich königlich!« »Auch eine Beschäftigung!« meinte der General trocken. »Das ist hier nun so der Ton! Noch eine Tasse Tee, Mama?« Margarete hatte ihre Schwägerin schon wieder vergessen. Die Eingebungen folgten bei ihr rasch. Sie sprang plötzlich auf, lief auf ihren Vater zu und küßte ihn wieder. »Du guter, alter Papa! Wenn ich Dein liebes Gesicht wieder sehe! Und Deines, Mama! ... Ich schwatz' da in einem Zug! Erzählt doch jetzt endlich etwas von zu Hause!« Ja, zu Hause ... Der alte Herr räusperte sich und begann. Seine Frau half ihm. Sie ergänzten sich. Die Verlobungen – die Versetzungen – die Hochzeiten und Todesfälle ... Margarete hatte als Mädchen immer gegähnt, wenn dies endlose Thema aufs Tapet kam, und sie hörte auch jetzt nur aus Höflichkeit zu. Sie hatte einen geistesabwesenden Blick, während die Vettern und Muhmen Revue passierten. Dann horchte sie plötzlich auf. Ihr Vater hatte ein Wort ausgesprochen ... »Mit dem Lünemann ... das weißt Du wohl, daß der ein Vierteljahr nach Deiner Hochzeit doch den Abschied genommen hat und bei einem Generaldirektor Malloney, dem Leiter von irgendeinem großen Industrieunternehmen, eingetreten ist? ... Er soll da recht gute Geschäfte machen ... Na ... Mich freut's für ihn ... ich gönn' es ihm ...« »Gott ... Lünemann ...« Margarete Feddersen wiederholte den Namen langsam mit einem seltsamen Lächeln. Seit langem war er ihrem Bewußtsein entglitten. Das lag in ferner, grauer Vergangenheit. Sie war jetzt erst vierundzwanzig, aber diese Charlottenburger Zeit von einst, voll Hangen und Bangen – war abgeschlossene oder wehmütige Jugendtorheit. Ihr Vater endete: »Er war ja immer ein fixer Kerl. Sie schicken ihn jetzt schon in Geschäften ins Ausland. Er soll eine besondere Gabe haben, die Leute so recht treuherzig übers Ohr zu hauen! Ich kenn' das von seinen Pferdehändeln von früher. Da sah er auch so dumm drein, daß sogar die Kavalleristen auf ihn 'reinfielen ... Ach ... da ist ja Dein Mann!« Karl Feddersen war eingetreten, eine große Aktenmappe unter dem Arm, ein Bündel Depeschen in der rechten Rocktasche, und begrüßte die Schwiegereltern. Herzlich, aber noch ein wenig zerstreut, wie ein Finanzier, in dessen Kopf sich das Millionen-Gewölk marokkanischer, türkischer und russischer Unternehmungen erst allmählich verzog. Er war ein wenig behäbiger geworden in den anderthalb Jahren und fast noch ruhiger. Und hier, wo er Herr im Hause war, hob ihn alles umher und gab ihm den Hintergrund einer gewissen Würde. Er setzte sich. Aufregung bereitete ihm der Besuch der Schwiegereltern nicht. Es war wie nach einem abgeschlossenen Geschäft. Er hatte ja Margarete. Und an das Kommen und Gehen der Verwandten und Handelsfreunde aus allen Ecken Europas war man in diesem Hause gewöhnt. Jetzt wieder der Bruder Nicolai aus Moskau. Mit dem hat es eben einen netten Tanz gegeben. Er berichtete es Margarete. Der Mensch stak unter dem Pantoffel seiner Frau – das war das Unglück! ... Diese mächtige, phlegmatische russische Blondine hetzte ihn auf... Der General von Teuffern hörte still, die Augen halb geschlossen, dem Gespräch der beiden Gatten zu. Er beobachtete, wie sie miteinander umgingen. Es dünkte ihn eine oberflächliche Art Kameradschaft in tausend äußeren Dingen: Besuchen, Besorgungen, Einladungen, Billetten ins Vaudeville, Karten für Auteuil, eine Weinrechnung – Gesellschaftsklatsch ... sie waren beide in das Französisch gekommen, das Margarete schon so geläufig, rasendschnell auf die Endsilben hin wie eine Pariserin sprach, daß ihre Eltern nicht alles verstanden. Es war ja auch gleich. Die beiden Teuffern kannten die Anspielungen und Histörchen doch nicht, die sich immer um einen bestimmten Kreis drehten. Viel deutsche, englische, griechische Namen klangen mit. Es schien eine ganz internationale Gesellschaft. Und jedesmal, wenn Margarete ihren Mann im Eifer des Gesprächs »mon ami« nannte, gab es für den alten Herrn einen Halt in seinen Gedanken. »Mein Freund!« – Wie steif und töricht sich das im Deutschen anhörte! Er hätte lachen müssen, wenn seine Frau ihn je so genannt hätte! Es war gallisch! Da drüben saßen ein paar Franzosen. Eine davon seine Tochter. Für die beiden paßte das und für ihren leidenschaftslosen Verkehr. Sein Schwiegersohn war eben ein Geschäftsmann. Er suchte auch in der Ehe einen Associé, mit dem man möglichst wenig Aerger und Verdruß hatte, damit man den Kopf für andere Dinge klar behielt, und hatte ihn in dieser schönen jungen Frau gefunden, die glücklich und zufrieden war, wenn man ihr Paris, vom Gipfel des Eiffelturms bis zu ihrem Hündchen Bibi, als ein einziges großes Spielzeug bot. Zu Tisch erschien sie in großer Toilette – zart lachsfarben, mit weißen Perlenfransen über der Seide, die bei jeder Bewegung leise, verräterisch klangen und über ihre schlanke Gestalt hin im Licht der Silberkandelaber geheimnisvoll wie Fischschuppen aufblitzten. Ihre dunklen Augen leuchteten. Ihre Eltern selber waren betroffen, wie reizend sie war. Fremdartig. Sie hatte, auch in ihrer geschmeidigen Art, ihrem ein wenig seelenlosen Lächeln etwas von einer wunderschönen Nixe. Selbst ihre Züge schienen dem Vater verwandelt – nicht nur frauenhaft geworden, gegen die Mädchenzeit – nein, strenger, klassisch, edel. Die Mutter merkte den Grund: Es war die griechische Frisur, die sie jetzt trug – dieser schwere Knoten, der ihr schwarzes Haar auf dem Hinterhaupt zusammenfaßte und den weißen, perlenschimmernden Nacken frei ließ. Zwei Diener schlichen geräuschlos mit den Schüsseln hin und her. Karl Feddersen schickte sie durch ein Stirnrunzeln hinaus. »Man kann dann bequemer Deutsch reden!« erklärte er seinem Schwiegervater. »Ich tue es nicht gerne in Gegenwart des Personals. Man hat so leicht Unannehmlichkeiten davon ...« »Dann tät' ich es hier gerade!« sagte der alte Herr freundlich und offenherzig über den Tisch hinüber. Der andere blickte an seiner Frackklappe hernieder. In der schimmerte ein rotes Streifchen wie drüben ein schwarzweißes Band. »Du trägst das Eiserne Kreuz, Schwiegerpapa! Ich den Orden der Ehrenlegion. Das ist der Unterschied. Auf den nimmt jeder in seiner Weise Rücksicht!« »Also, jetzt bist Du auf einmal Franzose!« »Ich denke stark daran, es zu werden! ... Ich werde ja doch wohl zeitlebens mein pied-à-terre in Paris haben! Da wäre es für die Geschäfte von großem Vorteil ... Besonders auf dem Balkan. Von einem Russen, der ich jetzt bin, erwarten die Türken nun einmal nichts Gutes!« Der Generalleutnant z. D. von Teuffern schwieg. Er wollte keinen Zank. An der kühlen Selbstgerechtigkeit dieses Kosmopoliten prallte ja doch alles ab. Man erschien sich da förmlich rückständig als ein Mensch mit Vaterland, als ein ehrlicher Preuße. Aber als er spät abends in das Hotel zurückgekehrt mit seiner Frau auf dem Balkon vor ihren fünf Zimmern stand, versetzte er plötzlich erbittert: »Meine Tochter Französin! Hast Du Dir das je träumen lassen, Mutter? ... Dazu ist das Kind nun bei uns aufgewachsen und ...« »Reg' Dich nicht auf, Hans!« sagte seine Frau gottergeben. Auch sie war traurig. Ueber den beiden alten Leuten stand funkelnd klar der Sternenhimmel, um sie spielte weiche, blütenschwere Mainachtluft, vor ihnen glänzte nah und fern, mit Tausenden und Zehntausenden von Flammenpunkten das Lichtermeer von Paris. Der alte Herr sah ins Weite hinaus und schüttelte den Kopf: »Das ist eine verfluchte Stadt, Hildegard! Dreimal sind wir nun hier einmarschiert! Aber sie steht immer noch! ... Und der Teufel geht darin herum und schaut, wen er fängt! Und das Schlimmste ist, wenn einer sein eigener Seelenverkäufer ist wie die Grete! Ich hab's kommen sehen. Nun weiß ich's! Wir haben unser Kind hingegeben, Mutter! Es ist fort!« »Aber ... Mann ...« »Still, Mutter! Das weißt Du nicht! Ist denn das noch die Grete? Mein altes, gutes, ungezogenes, widerhaariges Mädel? ... Nee ... nee ... nee... die haben sie uns hier vertauscht!« »Du mußt nicht so streng sein!« »Ich habe gar nichts gegen eine große Dame!« sagte der alte General ruhig. »Auch wenn diese Weltdame zufällig meine Tochter ist. Aber meine Tochter selber wäre mir lieber! ...« »Komm, Hans! Wir wollen schlafen gehen!« Er folgte ihr zögernd in die Zimmer. Dieser aufdringliche Luxus war ihm ein Greuel. »Eigentlich ist ihr Mann doch gräßlich? Nicht, Hildegard?« »Mein Gott – wie solche Leute sind!« »Ich hab' immer Angst, ich verwechsle ihn 'mal mit seinem Geldschrank in der Ecke. Die beiden haben eine verdammte Ähnlichkeit.« Exzellenz von Teuffern ließ die Fenstervorhänge herunter, um die Stadt da draußen nicht mehr zu sehen. Die Generalin war nicht so unerbittlich wie er. Oder wenn sie es zu sein versuchte, war ihre Natur stärker. Sie hatte so wenig vom Leben gehabt. Sie war nie recht herausgekommen. Nun genoß sie, mit einer späten, matten, herbstlichen Freude, halb über sich selber lächelnd, Paris. Mit ihrer schönen Tochter an der Seite fühlte sie hier eine Art Heimatberechtigung. Zuweilen gingen ihr bei der Geldverschwendung in den großen Magazinen und in den Schauläden der Rue de la Paix doch die Augen über. Margarete gab die Tausende mit einer so unbefangenen Selbstverständlichkeit aus – sie fragte oft gar nicht nach dem Preise – man merkte: sie wollte dadurch nicht etwa imponieren – sie war es einfach so gewohnt. Der Mutter war es unheimlich. Sie entschloß sich, doch einmal mit dem Schwiegersohn, als sie unter vier Augen waren, zu reden. Aber Karl Feddersen zog erstaunt die blaßblonden Brauen hoch. »Warum soll sich denn Daisy nicht kaufen, was ihr Spaß macht?« »Aber das sind ja kleine Vermögen, die da aufgehen!« » Ma chère maman – das spielt bei mir wirklich keine Rolle!« Frau von Teuffern zögerte. Dann meinte sie ernst: »Und die Rückwirkung auf ihren Charakter ... fürchtest Du da nichts?« »Charakter ... wieso?« »Ich meine, das muß doch schließlich zur Oberflächlichkeit führen, wenn eine junge Frau so auf Putz und Schmuck aus ist ...« »Zum Glück ist sie's. Sonst würde ich sie darum bitten müssen! Ich wünsche eine elegante Frau!« Karl Feddersen begegnete der Schwiegermutter mit einer etwas gelangweilten Höflichkeit. Er wußte mit ihr nichts anzufangen. Mit dem General freilich noch weniger. Der war ihm ganz fremd. Da versiegte binnen kurzem jedes Gesprächsthema. Der alte Herr ging auch am liebsten seine eigenen Wege. Er pilgerte still in Paris herum. Er stand in dem Rondell des Triumphbogens und äugte hinüber nach dem Mont Valérien, der ihnen Anno siebzig so zu schaffen gemacht, und sah auf dem langen schnurgeraden Ausblick durch die Elysäischen Felder bis zum Louvre die weite Stelle, wo damals bald nach dem Einmarsch die Trümmer der Tuilerien rauchten, und sah den damals gestürzten Napoleon wieder klein und schwarz aufrecht auf der hohen Säule stehen. Gäste kamen um diese Zeit wenig in das Feddersensche Haus. Das Ehepaar hielt sie fern. Aber der General merkte doch: Mit dem eigentlichen Paris hatte seine Tochter wenig Fühlung. Es waren nicht jene Vollblutfranzosen, denen die Boulevards die Grenzen der Welt bedeuteten, es war eine internationale Geldclique, in der sie verkehrte. Sie gestand es ihm selbst und lachte und meinte: »Einmal müssen wir sie Euch doch vorsetzen! Zum nächsten Donnerstag haben wir alles zusammengetrommelt!« Es waren meist Verwandte, die sich an diesem Abend in der Avenue du Bois de Boulogne einfanden. Alexandre Feddersen, der Vollblut-Pariser, nervös, mit blondem Spitzbart und Zwicker, seine Frau, die Amerikanerin, in extravaganter Toilette, zu schmächtig, um mehr als hübsch zu sein, mit strahlendem Lächeln. Margarete rauschte ihr stürmisch entgegen. Beide küßten sich so zärtlich, als hätten sie sich ein Jahr lang nicht gesehen, während ihnen die Feindschaft wie den Katzen aus den Augen blitzte. Dann Nicolai, der Moskauer Bruder, und seine russische Gattin, groß, schwer, blond, mit dem verächtlichen Ausdruck einer slawischen Schönheit auf dem majestätischen, regungslosen Gesicht. Sie sprach nur Russisch mit den Brüdern Feddersen und mit Madame Lisa Campbell, der an einen Amerikaner verheirateten kleinen Baltin. Dann Monsieur und Madame Beinhauer – ein untersetzter Herr mit weißem Vollbart. Sein deutscher Name freute den General von Teuffern, er hätte ihn schon beinahe als Landsmann angesprochen. Aber jener kam zuvor: O nein, er war Elsässer ... Er hatte für Frankreich optiert. Er war Nationalist sans phrase , trotz seiner Spinnereien in Mülhausen. Und wieder nannte der Diener an der Tür die Namen: Monsieur und Madame Cogan, in Firma Cogan u. Mitchell, russischer Weizen, erläuterte Margarete flüsternd den Eltern. Monsieur van der Muylen, ein Brüsseler Bankier, in intimer Beziehung mit der dortigen Succursale des Hauses Iwan Feddersen und Söhne – Monsieur te Kloot, russische Maschinenindustrie – Monsieur und Madame Lesueur, Pariser Börse ... Die Gesellschaftsräume des Feddersenschen Hauses waren überfüllt. Es war eine erstickende Hitze. Ein Geruch wie im Parfümladen – ein Gelächter und Geschwatze, auf französisch, englisch, russisch, deutsch – zuweilen sprang einer mitten im Satz in eine andere Sprache über, sein Nachbar antwortete in einer dritten – die Worte waren ihnen wie eine gleichgültige Scheidemünze, die man beliebig bald aus dieser, bald aus jener Tasche zog. Und was man sich auf diese Weise mitteilte: bei den Männern drehte es sich fast ausschließlich um Geschäfte ... die Marge für Moskauer Baumwolle – Nachtfröste in den südrussischen Weizengouvernements die deutsche Konkurrenz auf dem Balkan ... Dann ein hitziger Wortwechsel. Die drei Brüder Feddersen stritten plötzlich wieder über die Birsula-Brauerei-Aktien ... Die Damen waren an diese Börsenstimmung zwischen Fisch und Braten, zwischen Blumenschmuck und Silberprunk schon gewöhnt. Sie schwatzten unterdessen über ihre Angelegenheiten ... Theater ... Moden ... ein paar große Hochzeiten ... Klatsch ... Auch Margaretes Antlitz war leer und liebenswürdig: das Konventionelle der Weltdame ... eine rosige Maske, hinter der der alte Teuffern sein Kind nicht mehr sah. Er war schlechter Laune. Innerlich gereizt durch diese Umgebung vergnügter Geldmänner und ihrer Frauen. Zum Unglück meinte eben jetzt sein zweiter Nachbar zur Linken, Monsieur Henry Beinhauer, in der Absicht zu scherzen: »Herr General, wie fühlen Sie sich denn so zwischen dem Zweibund?« »Wieso Zweibund?« »Nun, ich hier links als Franzose und Ihr Schwiegersohn rechts als Russe ...« »Ich sehe hier drei Leute,« sagte der alte Herr schroff. »Die heißen Teuffern, Feddersen und ... und Beinhauer, wenn ich recht verstanden habe. Ehrlichere deutsche Namen kann ich mir nicht denken! Wenn das Russen und Franzosen vorstellen sollen ... na ... ich bin ein Preuße!« Und in nachträglichem Zorn fügte er hinzu: »Aber wenn Sie so intim mit dem Zweibund sind, dann sagen Sie ihm bitte, Herr Beinhauer ... in meinem Namen ... Wir seien noch genau dieselben ekligen Kerle wie damals ... Sie wissen schon, wann ...« »Ich war sogar dabei, mein General! Ich war in Koblenz gefangen!« »Na ... sehen Sie, was dabei herauskommt!« sagte der alte Herr befriedigt und trank sein Glas aus. Dann saß er steif und gerade da. Im ersten günstigen Augenblick gab er nach Tisch seiner Frau einen Wink. Es glückte ihnen, sich unbemerkt zu empfehlen und zu Fuß durch den lauen Frühlingsabend nach ihrem Hotel hinüber zu gehen. Herr von Teuffern sprach unterwegs nicht viel. Nur einmal stieß er mit dem Stock auf das Pflaster und sagte lebhaft: »Mutter ... Was ist das für eine Menagerie!« »Ja, Ludwig – mir gefallen sie auch nicht!« »Und da fühlt sich die Grete nun wohl!« Wenige Tage darauf kam Exzellenz von Teuffern zu ungewohnt früher Stunde in das Haus seiner Tochter. Er traf sie allein, im weißen Spitzenmorgenrock, Bibi, den Kläffer, auf dem Schoß, bei der Frühstücksschokolade. Sie zeigte ihm lachend eine Stelle in dem Pariser New York Herald: »Siehst Du, da stehst Du drinnen, Papa. Gestern abend unter den Gästen im Elysée-Eden-Hotel: Monsieur le général et madame de Teuffern de Berlin ...« »Das sind Kinkerlitzchen, Grete!« Der alte Herr setzte sich. »Spielt Ihr Euch meinetwegen so'n Zeugs vor, wenn es Euch amüsiert. Weißt Du, Kind ... Mama und ich sind jetzt einig: Morgen mittag reisen wir!« »Aber Papa ... Ihr seid doch erst vierzehn Tage ...« »Es ist genug! Wir haben Dich gesehen! Wir haben gefunden, daß es Dir gut geht ... was sollen wir noch hier? Ich hab' mit Deinen Leuten nichts zu schaffen und die nichts mit mir ... Wir kosten Dich ein Heidengeld in dieser Räuberhöhle da um die Ecke ...« »Ich bitte Dich, das bißchen ...« »Na ... mir ist's leid um die schönen Groschen! Also rede nicht weiter, Grete! Du weißt: wenn ich in mir einmal etwas festgesetzt habe, dann geschieht's.« Es war eine kurze Pause. Der alte Militär sah still die schöne, dunkle, schlanke Frau vor ihm an, die aufrichtig betrübt, aber ohne weiter dem Vater zuzureden, mit der weißen, reich beringten Hand durch das Fell des Bolognesers glitt. Er bemerkte jeden Tag neue Edelsteine an ihr. Ihr Schmuckkasten schien unerschöpflich. Er fragte unvermittelt: »Sag' mal, Grete: wie stehst Du denn nun so eigentlich mit Deinem Mann?« Sie war erstaunt. Die blauen Augen des Vaters ruhten so freundlich und offen auf ihr, daß sie lachte und unbefangen erwiderte: »Sehr gut, das siehst Du doch!« »Du meinst damit: Ihr streitet Euch nicht!« »Nein, wir vertragen uns.« »Aber wie ist denn das mit Eurer geistigen Gemeinschaft? Er ist doch so ein ganz anderer Mensch! Seid Ihr Euch denn auch seelisch nahe?« »Seelisch nahe? ...« wiederholte sie. Es war ein schwaches Lächeln auf ihren Zügen, dessen Oberflächlichkeit ihn verdroß. Er betonte ernst: »Kind ... das ist doch die Grundbedingung ... Man muß wissen, wer der andere ist und was man an ihm hat!« »Glaubst Du, daß an Charley so viel zu ergründen ist?« Nun war ein Zucken um ihre Lippen, so harmlos, als belustigte sie die Vorstellung, in Karl Feddersens Seelentiefe auf Entdeckungsfahrten auszugehen. Sie meinte: »Charley verdient Geld, Papa! Und das tüchtig! ... Weitere Seiten wirst Du ihm schwer abgewinnen!« »Und das genügt Dir?« »Ich kann ihn doch nicht anders machen, als er ist! Er läßt mich auch treiben, was ich will!« »Eben, mein Kind! Ihr geht nebeneinander her. Und immer unter anderen Menschen. Ich habe Euch beobachtet: Ihr habt ja eine wahre Scheu, einmal einen Abend allein miteinander daheim zu sein!« »Das ist doch auch gräßlich langweilig!« »Wieso denn, Grete? Du bist doch zum Beispiel musikalisch!« »Aber er schläft dabei ein!« »Oder man liest zusammen ein gutes Buch!« Nun mußte sie lachen, trotz des Respekts vor dem Vater. »Ja ... den Kurszettel, Papa ... Weiter langt's nicht ...« »Das ist aber sehr traurig.« »Ja, Gott ... Charley hat nun einmal seinen Beruf.« »Schön. Und Du, Grete ... Was machst Du den ganzen Tag? ... Mir scheint: nichts!« Margarete Feddersen gab ihren Zügen absichtlich einen etwas leichtsinnigen Ausdruck. »Ich amüsiere mich! Man lebt hier nicht so schwer und bieder wie bei Euch. Ich amüsiere mich königlich, Papa ... Paris ist doch eine himmlische Stadt ... Gesteh' es nur 'mal selbst ...« »Und das soll immer so weitergehen?« »Ja, wenigstens solang' man noch jung und hübsch ist.« »Na, viel Glück, mein gutes Mädel!« sagte der General. »Aber ich rate Dir doch: suche Deinen Mann! Du bist allein hier in fremdem Land. Du hast niemanden als ihn!« »Nun – er läuft mir ja auch nicht davon!« versetzte Margarete leichthin, griff nach einem silbernen Döschen und zündete sich eine Zigarette an, mit der Ruhe einer Frau, die ihres Besitzes völlig sicher ist. Sie wußte, wie verliebt ihr Mann immer noch in sie war. Der alte Herr schüttelte den Kopf. »Zwischen Mama und mir hat's, wie wir jung waren, so manches Donnerwetter gegeben, Grete! Das war notwendig, damit wir den Weg zueinander fanden. Wir haben manche Not und Sorge zusammen durchgemacht! Wir haben Euch sechs Bälge großgezogen. Deine Mutter hat's oft nicht leicht gehabt! Aber sie hat sich auf mich stützen können. Das war meine Pflicht ... Der Mann soll in der Ehe der Freund sein ... der Führer ... Vergiß das nicht, mein Kind!« Der General hatte sich erhoben. Seine Tochter saß, die Hände im Schoß, und schaute verblüfft zu ihm auf. Bisher hatte sie leichthin geplaudert, in der Hoffnung, so dies Gespräch, in dem wieder die Nüchternheit des Elternhauses, die Langeweile ihrer Mädchenjahre nachklang, mit guter Miene loszuwerden. Jetzt fühlte sie sich auf einmal ängstlich und unsicher. Der Vater sah so besorgt darein! Was war denn passiert? Nichts! Gar nichts! ... Es konnte auch nichts geschehen! Man gönnte ihr nur wieder einmal ihre Freiheit nicht ... Das war wieder ein Hauch von einst ... von drüben, wo es als ein Verdienst galt, sich und andern immer die Hälfte aller Dinge im Leben abzuknapsen und darauf stolz zu sein, daß man auch mit dem Rest noch sein Begnügen fand. Die bloße Erinnerung machte sie ungeduldig. Sie unterdrückte einen nervösen Aerger. »Jetzt kann man noch nicht mit Dir darüber reden!« fuhr ihr Vater fort. »Jetzt tanzest Du noch wie die Mücke im Sonnenschein. Aber es gibt auch andere Tage! Das geht doch nicht für ewig, sich Paris um die Ohren schlagen, bei einem halbwegs ernsthaften Menschen ...« »Ja, Ihr denkt immer, alle Welt soll ernsthaft sein ...« Margarete schwieg. Ihre Stirne war kraus. Der General zog seine Tochter zu sich empor und küßte sie. »Suche Deinen Mann, Grete! Such' ihn beizeiten! Glaube mir, es kommt die Zeit für jede Frau, wo sie ihn braucht! ... Weh', wenn es dann zu spät ist ... So! Und nun ...« Er wurde ganz der Alte. Er fuhr ihr liebkosend mit der Hand über den Scheitel. »Nimm mir die Standpauke nicht übel! Ich hab' mein Herz einmal erleichtern müssen! Ich bin doch solch ein alter Pflichtenmensch!« »Aber ich bitte Dich, Papa! Ich bin Dir ja nur dankbar!« Margarete Feddersen sagte es mechanisch und zerstreut. Sie war froh, daß die Geschichte vorüber war. Sie haßte Szenen. Daheim hatte es ewig welche gegeben. Strafpredigten von der Backfischzeit an. Man machte es den Eltern ja nie recht. Auch jetzt noch nicht. Sie lenkte weltläufig ab: »Im Herbst, wenn Charley nach Makedonien muß, dann besuch' ich Euch, Papa! Auf einmal steh' ich eines schönen Abends in der Tür!« Der alte Herr nickte. Vorläufig war er froh, selber von Paris wegzukommen. Am nächsten Mittag reiste er mit seiner Frau ab. Margarete stand auf dem Bahnhof unter dem Fenster seines Abteils. Sie stellte sich auf die Fußspitzen und reichte den Eltern die Hände und sah noch einmal die lieben alten Gesichter, während der Zug sich langsam in Bewegung setzte. Ihre Augen waren ein wenig feucht, als sie dem Ausgang zuschritt. Aber da draußen, vor dem düsteren Gewölbe des Ostbahnhofs, lag das Sonnengold des Frühlingstages, da grünten die Bäume, da lachte Paris ... 10. Es war zu Anfang Juli – Sommerglut, weißer Staub auf den Bäumen der Avenue du Bois de Boulogne – schwüle Nächte, man schlief schlecht, trotz der offenen Fenster – Margarete Feddersen lag lange mit offenen Augen da. Es war noch ganz früh. Draußen sangen die Vögel. Sie waren allein. Das Schlafzimmer ihres Mannes nebenan leer. Karl Feddersen weilte seit drei Tagen in Brüssel zur Finanzierung seines großen Balkanprojekts. Den Kopf voll Zahlen, eine dicke Mappe unter dem Arm, war er mit einem flüchtigen Kuß abgereist. Der Pförtner machte große Augen, als er Madame um sechs Uhr morgens zu Fuß das Haus verlassen sah. Er schaute der schlanken Gestalt nach, die in dem lichten Sommerkleid dem nahen Gehölz zuschritt. Margarete hatte auf einmal eine Sehnsucht nach Luft, nach Waldesgrün, nach Stille. Es war hier alles so anders wie sonst ... die gewohnten Gesichter fehlten ... nirgends hing, in der Luft verloren, der durchdringende Benzingeruch der Automobile ... keine Kindermädchen mit ihren Pfleglingen auf den Bänken ... keine Spaziergänger. Selbst das Schnauben der Pferde aus den Reitwegen klang nur in langen Zwischenräumen. Die junge Frau fühlte sich allein. Und nicht nur diesen Morgen, überhaupt in Paris. Fast niemand von ihren Bekannten war da. Man war auf dem Lande, an der See. Die Elysäischen Felder hinunter zeigten die Häuser geschlossene Ladenreihen. Auf den inneren Boulevards hörte man mehr Deutsch und Englisch als Französisch. Die Stadt gehörte den Fremden und der Provinz. Alexandre Feddersen und seine Frau saßen längst mit einem ersten Schub aus New York gelandeter amerikanischer Baumwollverwandter in der Eleganz von Pau – gestern war auch Madame Lisa Campbell, die Deutsch-Russin – eigentlich die einzige Freundin, die Margarete hier besaß, mit ihrem Mann und ihren Kindern nach Biarritz abgereist. Nur das Ehepaar Karl Feddersen hatte bleiben müssen, um im Dienst der Firma das Vierteljahr Hochzeitsreise vom Jahr zuvor nachzuholen. Margaretes Gatte war viel zu sehr Geschäftsmann, um das nicht völlig selbst in der Ordnung zu finden. So war seine Frau auf einmal auf sich gestellt, dem Wirbel entrückt. Seltsam: sie vermißte den geschäftigen Müßiggang nicht; sie merkte nachträglich, daß er sie doch erschöpft hatte. Sie hatte in der letzten Zeit vieles nur mitgemacht, um es eben mitzumachen, aus Gewohnheit. Nun tat ihr die Ruhe wohl. Und doch lag etwas Bedrückendes in diesem Wehen der Einsamkeit um sie, als sie längs des blauen Spiegels der Seine dahinging, blauen Himmel über sich, Tauglanz auf den Wiesen um sie, auf den Büschen und Bäumen. Wie war das alles verflogen! Es hinterließ keinen Rest. Nur Leere ... Zum erstenmal, seitdem Margarete Feddersen in Paris weilte, war sie traurig. Warum nur? Sie blieb stehen. Sie spürte einen Aerger gegen sich, daß sie sich selber wieder solche Ueberraschungen bereitete. Sie hatte doch allen Anlaß, zufrieden zu sein, wollte es auch sein und es der Welt zeigen. Was war denn das nur für eine alte Unruhe? Darüber sollte sie nun doch wirklich hinaus sein ... Sie setzte ihren Weg fort. Ab und zu begegneten ihr Menschen. Sie hörte französische Laute. Sie fühlte neugierige Blicke. Man erkannte an ihrem hohen Wuchs, ihrer straffen Haltung die Ausländerin. Zum ersten Male hatte sie selbst das Bewußtsein, daß sie in der Fremde war. Allein. Was sie hieß und war, was sie besaß und bedeutete, verdankte sie einem anderen, verdankte sie ihrem Mann ... Die Stimme ihres Vaters klang in ihr: ›Geh! Suche Deinen Mann! ...‹ Sonderbar: Auf einmal hatte sie Sehnsucht nach ihm. Ein Bangen vor dem Alleinsein. Eine Reue. Sie hatte bisher alle seine Gaben und Wohltaten als etwas Selbstverständliches hingenommen, nicht einmal Danke! dazu gesagt. Und er war doch so mild und rücksichtsvoll. Er hatte sich noch nie beklagt, daß sie auch für ihn nur die kühle Liebenswürdigkeit übrig hatte, die sie allen Menschen gegenüber besaß. Sie hatte sich selbst darüber gewundert, wohin bei ihr eigentlich das Temperament ihrer Mädchenjahre verflogen war. Sie hatte das wohl überschätzt. Aber nun kam da etwas ... leise, aus einem gepreßten Herzen ... so, als ob sie träume ... so wie vor einem großen Wunder: Sie fühlte die erste erwachende Liebe zu ihrem Mann ... Und dabei waren sie schon so lange Mann und Frau. Sie wurde sich nachträglich einer schweren Schuld bewußt. Einer Wandlung. Es war gut, daß nun ein neuer Lebensabschnitt begann. Es war hohe Zeit. Wie hatte sie bisher die Tage verbracht, alles von ihm genommen – und ohne Liebe ... Er hatte sie das nie fühlen lassen. Er hatte ruhig gewartet. Er kannte sie besser als sie selbst. Er wußte: die Stunde kam ... Gegen Mittag lief sie daheim an das Telephon und ließ sich mit Brüssel verbinden. Karl Feddersen war fast erschrocken, als er die Stimme seiner Frau im Apparat vernahm. Er fürchtete, es sei etwas passiert. »Was gibt's denn, um Gottes willen, Margot?« »Nichts Besonderes, Charley! Ich wollte Dir nur rasch sagen: Ich hab' Dich so lieb!« Er hob erstaunt die Augenbrauen. »Wie, Daisy?« »Ich hab' Dich so furchtbar lieb, Charly!« Er mußte lachen, das Hörrohr in der Linken, ein Bündel Offerten für Schienenlieferungen der Adriabahn in der rechten Hand. Er hörte weiter: »Laß doch Deine dummen Geschäfte! Komm recht bald nach Paris zurück! Zu mir! Hörst Du?« »So rasch ich kann!« »Wann denn? Ich sehne mich so nach Dir!« Nun war er wirklich gerührt und geschmeichelt. Das war ihm ganz neu. Er überlegte: »Morgen abend um sieben, Daisy! Ist's Dir recht?« »Ja, ja, ich hol' Dich ab.« Er glaubte zu hören, wie sie beglückt aufatmete. Sie stand auf dem Bahnhof, als der Zug einlief. Das war der erste erfreuliche Eindruck für Karl Feddersen. Und wie sie reizend und blühend aussah! Sie hatte sich ihm zu Ehren schön gemacht. Sie war noch eleganter wie gewöhnlich, weil sie wußte, daß er das liebte. Sie eilte ihm zärtlich, mit offenen Armen entgegen. Es schickte sich eigentlich nicht, daß man sich so leidenschaftlich begrüßte. Aber er war froh. Er sah die Blicke der Umstehenden und fühlte einen Stolz. Er nahm ihren Arm und geleitete sie zum Automobil und merkte, daß sie sich enger als sonst an ihn schmiegte. Er begriff das alles noch nicht. Aber er war zufrieden. Er saß behaglich und gemütlich neben Margarete in dem offenen Gefährt und hielt ihre Hand in der seinen, und sie lächelte ihn aus ihren schönen, dunklen Augen an. So fuhren sie zusammen in die Dämmerung hinein und nach Hause ... »Was hast Du nur?« fragte Karl Feddersen acht Tage später, halb vergnügt, halb verwundert seine Frau. »Seit ich aus Brüssel zurück bin, bist Du wie ausgewechselt.« Sie antwortete nicht gleich, sondern lachte und schnellte ihm über den Tisch hin ein paar Brotkrümchen ins Gesicht. »Laß Du mich nur vergnügt sein!« sagte sie. »Sei Du's auch! Sei froh, daß ich so bin!« »Na ja ... Aber Ideen hast Du ...« Er blickte sich in komischer Verzweiflung in der Weinlaube des ländlichen Gasthauses um, in der sie beim Essen saßen. »Da verschleppst Du einen stundenweit von Paris hinaus in die Einöde, wo man keinen Menschen sieht ...« »Bist Du kein Mensch?« »Mich hast Du doch überall!« »Nein! Hier hab' ich Dich. Ganz für mich. Das will ich!« Sie streckte die Hände aus und nahm spielend seine große, schwere Rechte, an der der breite Ehering funkelte, zwischen ihre schmalen Finger. »Du bist mein Mann! ... Alles andere ist langweilig ... Hörst Du? ... Ich bin überhaupt viel zu gut zu Dir ... Aber ich muß. Ich bin jetzt in so einer Stimmung ...« Er lächelte geschmeichelt und erfreut. Er wußte nur nicht recht, was er ihr erwidern sollte. Diese Weichheit war ihm bei Margarete ganz neu. Sie erinnerte wirklich an ein deutsches Gretchen. Sie saß träumerisch da. Durch die Nebenblätter lugte neugierig der Sonnenschein und malte goldne Lichter auf ihrem dunklen Haar, ihren zarten Zügen. Ihr weißes Kleid leuchtete in der Schattendämmerung. Es war Karl Feddersen wider den Strich, daß sie sich so einfach, in Strohhut, Bluse und kurzen Rock, angezogen hatte. Er wollte eine elegante Frau. Aber sie hatte ihn nun einmal zu dieser Fußwanderung querfeldein genötigt ... So als ob sie die ersten besten Spießbürger seien. Seine Respektabilität litt schwer. Sie schaute mit glänzenden Augen in die Weite. »Ist das nun nicht wunderschön hier, Charley? ... Dies Grün ... der blaue Himmel... und wir beide ... Ach ... ich bin so froh ... Du nicht auch?« »Ja, freilich!« meinte er. Es waren da Flecken im Tischtuch vorhin, die ihn entsetzten. Er konnte sich nicht enthalten, hinzuzufügen: » A la guerre comme à la guerre ! ... Dies Kaninchenragout ... gräßlich ... und der Wein ...« Sie hob heiter ihr Glas und trank ihm zu. Er sah ihre schwarzen, lebhaften Augensterne auf sich gerichtet. »Mir schmeckt es,« sagte sie. »Mir schmeckt alles, wenn wir so nett beisammen sind ... Gott ... Du bist doch, ein lieber Mann ... Ich hab' immer noch keinen rechten Namen für Dich ... Ist das nicht eigentlich toll? ... Soll ich Dich Karluscha nennen, wie Deine russischen Verwandten? ... Nein ... Das klingt zu leichtsinnig, und Du bist doch so furchtbar solide! ... Oder Karlchen ... gut deutsch? ... Nein ... Zu Karlchen bist Du wieder ernsthaft ... Ewig bist Du ernsthaft! ... Geh! ... Lach' doch mal!« Er verzog etwas gezwungen das Gesicht. Er wollte gern auf ihren Ton eingehen, aber er fand nicht recht den Anschluß. Sie gab ihm plötzlich einen energischen Klaps auf die Hand. »Und Du?« versetzte sie strafend mit hochgezogenen Augenbrauen. »Hast Du je für mich etwas anderes als das langstielige Margot oder Daisy? Pfui – schäme Dich! ... Erfinde mal gleich auf der Stelle einen netten Namen für mich! ... Wird's? ... Strenge nur Deine Phantasie an! ... Ein bißchen Phantasie hat doch jeder Mensch.« Karl Feddersen tat ihr den Willen und überlegte. Aber nach einer Weile gestand er zögernd: »Weißt Du ... so bin ich nicht ... Mir fällt wirklich nicht so rasch was ein!« »Ach, was hab' ich für einen Holzklotz geheiratet!« sagte die junge Frau und schenkte geschäftig den Kaffee ein. Eine Sekunde war eine Wolke über ihrer Seele, eine Erinnerung: Es hatte einmal einen gegeben – im schwarzen Kragen und Artilleriehelm – der hatte nicht einen, sondern hundert kindische, zärtliche Necknamen für sie gehabt. Der schüttelte sie nur so aus dem Aermel. Dann warf sie sich die Locken aus der Stirn, ging hinüber zu ihrem Mann, sah sich rasch um, ob die Wirtin nicht in der Nahe sei, beugte sich über seinen Stuhl und gab ihm einen herzhaften Kuß. »Du bist ja ein gräßlicher Philister, Charley!« sagte sie. »Aber ich hab' Dich doch sehr lieb! ... Komm ... Da hast Du Feuer für Deine Zigarre ...« Sie reichte ihm das Wachshölzchen. Er paffte behaglich, mit einem zufriedenen Paschalächeln. Nett, wie die Langeweile des Sommers auf Margot wirkte! Ein wahres Wunder! Er hatte das Gegenteil befürchtet. Er wußte aus früheren kleinen Zusammenstößen, daß sie auch eine sehr unbequeme Frau sein konnte. Aber nun kauerte sie still und zufrieden neben ihm, den Kopf an seine Schulter gelehnt, ganz dem Genuß der Stille, der Wärme, des Sommerfriedens hingegeben. In der Ferne krähte ein Hahn. Die Grillen zirpten. »Ist das nun nicht wie ein Traum, daß da hinten irgendwo Paris liegt?« fragte sie dann und stand auf. »Aber ich glaube, Du hast gar keinen Sinn für Natur! Du bist eben kein rechter Deutscher! ... Du mußt geputzte Leute sehen und Schmuck und Autos ... sonst bist Du nicht glücklich! ... Komm ... wir wollen heim ...« Zu Hause sang sie ihm an einem Abend der nächsten Woche vor. Sie blieben jetzt oft zum Diner in ihren vier Wänden. Margarete wollte es so. Sie fand das Luftgefächel in dem glühend heißen Boulevardrestaurant, den Staub in den Champs-Elysées, die vielen Fremden unerträglich. »Es ist doch viel netter, ohne Gäste Monsieur und Madame spielen!« hatte sie gesagt, während sie noch in den Noten kramte. Ihre Stimme war nicht groß. Sie hatte, im Gegensatz zu ihrem raschen, elastischen Wesen, einen kindlichen, fast klagenden Ton. Sie füllte gedämpft den Raum. Karl Feddersen saß in der Ecke und hörte zu. Sein Gesicht trug jene gespannte Aufmerksamkeit, mit der er sonst den Ausführungen eines Geschäftsfreundes lauschte. Aber es fiel ihm schwer. Er war nun einmal unmusikalisch. Diese sehnsüchtigen deutschen Lieder klangen eigentlich eines wie das andere. Er unterdrückte ein Gähnen und fuhr schuldbewußt zusammen. Er blickte, die Hände gottergeben über den Knien verschlungen, durch das Fenster. Dort standen zwei Damen. Vollblut-Pariserinnen. Gut angezogen. Wie sie miteinander gestikulierten. Komisch, es kam wirklich da eine neue Hutmode auf ... Da fuhr Monsieur Duloup in seinem Auto vorbei ... war der auch noch hier? Nun ja ... er hatte sich wohl ein bißchen sehr weit in baskischen Minenaktien vorgewagt ... er sah sorgenvoll aus ... Karl Feddersen schloß halb die Lider. Es gingen ihm Geschäfte durch den Kopf. Seine Frau sang. Dann hörte sie plötzlich auf. Sie stand vor ihm, die beiden Hände auf seine Schultern gelegt, und schaute ernst auf ihn hernieder. »Wenn ich nur wüßte, wie man Dich findet!« sagte sie langsam. »Irgendwo muß doch ein Schlüssel zu Dir sein! Charley ... Hand aufs Herz ... wo hast Du ihn, denn eigentlich versteckt?« Karl Feddersen stand etwas verwirrt auf. »Reizend hast Du gesungen, Margot! Es war wirklich ein Genuß!« »Du hast ja nicht zugehört, Du Greuel!« sagte die junge Frau. Sie war nicht gekränkt, nur erstaunt, daß auch das nicht verfing. »Du mopst Dich überhaupt daheim – tödlich. Ich hab's schon bemerkt. Das ist nichts für Dich. Komm ... ich mache mich möglichst schön und dann fahren wir in die Stadt, wohin Du willst ...« Sie waren nun wieder mehr außer dem Haus und häufig in Paris zu sehen. Eines Nachmittags saßen sie im Cascadenrestaurant im Bois de Boulogne. Draußen wartete unter hundert anderen ihr Auto. Karl Feddersen schlürfte seinen Bock und rang mit einem Entschluß. Endlich begann er lächelnd und unvermittelt: »Was ist's denn nur eigentlich, Margot?« »Ich versteh' Dich nicht!« »Du bist seit sechs Wochen so lieb und gut mit mir ...« »Ist Dir's nicht recht?« »Ich bin glücklich darüber! Ich meine nur: Du möchtest doch sicher etwas ...« Sie machte große Augen. »Wieso?« »Und etwas Besonderes ... ganz Ungewöhnliches ... Sonst gäbst Du Dir doch nicht solche Mühe! ... Also nun schon heraus damit! ... Wenn ich irgend kann ...« Die junge Frau senkte betrübt den Kopf. Sie erwiderte nichts. Er fing an, gutmütig zu raten, um ihr das Geständnis zu erleichtern. »Ein Abstecher nach Trouville? ... Geld für nach Hause? ... Ein Schmuck?« »Ach ... Du verstehst mich nie!« sagte sie leise. Und sich erhebend, fügte sie, während der galonierte Türsteher unter die Schar der Chauffeure ihren Namen schrie, mit einem schmerzlichen Zucken der Mundwinkel hinzu: »Das, was ich brauche, gibt's nicht auf den Boulevards zu taufen. Früher hab' ich das ja selber gedacht. Aber das war Unsinn.« Am nächsten Tag war sie wieder heiter und belebt. Er bemerkte einen unruhigen Tatendrang an ihr. »Du, Charley!« sagte sie. »Ueber Nacht ist mir eine Idee gekommen! Ich hab' doch eine große Bitte!« »Na also!« Er war förmlich erlöst. Seine Frau war ihm schon ganz unheimlich gewesen mit ihrer nimmermüden, selbstlosen Liebenswürdigkeit. » Voyons ! ... Ich schaffe es Dir! Coûte que coûte !« »Es kostet Dich keinen Sou! Ewig denkt Ihr doch an Geld!« »Da bin ich aber wirklich gespannt!« Er rückte näher, lächelnde Neugier in den kühlen, blauen Augen. Sie stützte den Kopf auf die Hand, schob den Seidenpinscher vom Schoß, als Zeichen, daß sie jetzt ganz ernsthaft sein wollte, und begann: »Bei uns daheim, wenn der Papa vom Dienst kam ... zum Beispiel, er hatte sein Regiment vorgestellt ... da war ein Gelaufe ihm entgegen bis zur Treppe ... Mama ... wir alle... ein Gefrage: Wie hast Du bei der Besichtigung abgeschnitten? Was hat der Kommandierende gesagt? ... Man lebte in allem mit, was ihn betraf. Das ist in der Armee so ... weißt Du ...« Karl Feddersen bejahte verständnislos. Sie fuhr fort: »Wenn wir hier, Eure Frauen, beisammensitzen, so haben mir von Eurem Beruf, von Euren Sorgen und Geschäften keine Ahnung! Wir reden das dümmste Zeug – hauptsächlich, wie wir am schnellsten das Geld wieder ausgeben, das Ihr verdient! Ihr wollt gar nicht, daß wir wissen, wie Ihr es verdient. Ihr haltet uns absichtlich fern ...« »Ihr versteht doch auch wirklich nichts davon!« sagte ihr Mann mit einer leisen Ironie. Er zeigte jetzt häufig das Selbstbewußtsein, das sie in ihm genährt hatte. Er fand sich allmählich in seine Rolle. »Aber man kann es doch lernen, Charley! Ich bin doch nicht so dumm! Bitte, bitte ... weihe mich ein wenig in Deine Angelegenheiten ein! Ich bin doch dazu da. Dir zur Seite zu stehen. Es tut mir gut! Es wird mich ernster machen, wenn ich mich ein wenig nützlich mache, statt immer nur Wohltaten zu empfangen. Ich bin ja hier wie eine Drohne!« Karl Feddersen zeigte sonst seiner schönen jungen Frau die lächelnde Nachsicht, die man einem verzogenen Kind erweist. Aber als Geschäftsmann war er zäh. Da war er, was sie immer bei ihm suchte, er selbst. Da ging er pedantisch, wie er war, um keine Linie von dem Herkommen einer ehrbaren Firma ab. Er zog die Sache einfach ins Komische. Er griff nach seinem Hut. »Das fehlte noch, daß Ihr einem auch noch im Kontor den Kopf heiß macht! ... Du würdest Dich gut ausnehmen auf dem Drehschemel, Daisy! ... Nein. Dort müssen wir unsere Gedanken beisammenhalten! Dort herrscht Ernst, mein Kind!« Er lachte dabei und merkte zu seinem Erstaunen, daß sie, ihm die Hand zum Abschied reichend, unbefangen mit einstimmte. Aber als er am nächsten Vormittag durch die Glasscheibe blickte, die sein Privatkontor mit den davor liegenden allgemeinen Geschäftsräumen der Firma Feddersen auf dem Boulevard Sebastopol verband, lief vor seinen Augen eine seltsame Bewegung durch die Reihen der Prokuristen und Disponenten und Kommis. Madame Margot Feddersen schritt gleichmütig, wie ein Traumgebilde von Spitzen, Federn und rieselnder Seide durch den dämmerigen Mittelgang, ein zarter Hauch von Parfüm blieb hinter ihr in der staubigen Luft, das leise Rauschen ihres Rocksaums klang durch das Geklapper der Schreibmaschinen und das Stampfen der Kopierpresse, sie trat in das Allerheiligste ein, setzte sich und sagte zu ihrem Mann nur: »So, Charley ... da bin ich!« »Ja. Da bist Du!« wiederholte Karl Feddersen verblüfft und legte mechanisch die Zigarette weg. Er wußte hier rein gar nichts mit ihr anzufangen. Er hoffte, sie würde die Spielerei in einer Stunde satt haben und wieder gehen. Aber sie blieb. Sie kam auch die nächsten Tage. Sie war von einem Feuereifer beseelt, etwas hier zu erfassen. Sie nahm sich gleich das Nächste. Sie hielt ein Kursblatt in der Hand: »Was heißt ›Devise kurz London‹?« forschte sie. Er bemühte sich, ihr die Geheimnisse des Wechselverkehrs zu erläutern. »Und was ist denn immer das ›Cif‹ in Euren Briefen da?« Auch darüber gab er ihr Auskunft. Aber er war kein guter Erklärer. Diese Dinge waren ihm alle von Jugend auf viel zu selbstverständlich. Er war auch ungeduldig. Es lenkte ihn ab ... Margarete setzte sich schließlich still in eine Ecke und beobachtete. Vielleicht profitierte sie so am allermeisten, wenn sie ihren Mann bei der Arbeit sah. Am Ende der Woche fragte sie: »Sag' einmal: Eigentlich unterschreibst Du doch immer nur, was Dir die Leute von nebenan bringen. Manchmal liest Du es nicht einmal vorher durch! ... Besonders Monsieur Renard und die beiden anderen alten Herren ... die besorgen doch das meiste ...« »Ja. Die sind schon lange im Dienst der Firma.« »Und die machen das auch gut?« Er lachte. »Ich bitte Dich: die alten Füchse! ... Die kennen die Schliche und Kniffe besser als unsereiner ...« »Ja ... warum bist Du denn dann ...« Sie brach ab und machte ein erstauntes Gesicht. Beinahe hätte sie etwas Dummes gesagt. Eine Weile spielte sie nachdenklich mit ihrem Spitzensonnenschirm. Dann begann sie kleinlaut: »Weißt Du, ich hatte mir vorgestellt. Du hieltest hier das ganze Geschäft mit eiserner Faust zusammen! Alles geschähe nur nach Deinem Willen! Diese Leute wären nur wie Puppen, die tanzen, wenn Du auf den Knopf drückst, und wären ohne Dich rein verraten und verkauft ...« »Nein. Individualität muß man Angestellten lassen, wenn sie ordentlich arbeiten sollen ...« »Also ... zum Beispiel... Alexandre ist auf Urlaub ... nehmen wir an, Du würdest krank ... würde es denn dann auch gehen?« »Es muß gehen!« versetzte Karl Feddersen kühl und unterschrieb wieder einen Stoß Aktenstücke, den ein geschäftiger Herr ihm hinschob. Er sah eine sonderbare Enttäuschung auf ihrem Gesicht, so als wäre er von einem Piedestal herabgestiegen, auf das sie ihn gestellt, und setzte hinzu: »Vergesse auch nicht: das hier ist nicht meine eigentliche Domäne, sondern das Reisen draußen. Ich vertrete doch hier nur Sascha!« Und nun hellte ihr Antlitz sich wieder auf und sie meinte, merklich erleichtert: »Ja, das wird es wohl sein!« Allmählich wurden ihre Besuche auf dem Kontor seltener. Schließlich blieb sie ganz weg. Es war hoffnungslos, da zu sitzen und Dinge mitanzuhören, die man nicht verstand, und in Briefen zu blättern, deren Sinn man nicht begriff. Karl Feddersen merkte das Fehlen seiner Frau kaum. Oder wenn, dann war es ihm lieb. Er konnte jetzt keine Störung brauchen. Er saß bis über die Ohren in Geschäften. Der Zeitpunkt rückte heran, wo er, um die Mitte September, wenn die ärgste Hitze auf dem Balkan nachließ, dorthin reisen sollte. Die Koffer waren schon gepackt, das Abteil im Orient-Expreß bestellt, es herrschte eine eigene, schweigsam-feierliche und gedankenvolle Stimmung, als sich das Ehepaar am Vorabend der Abfahrt bei Tisch gegenübersaß. Zum erstenmal trennten sie sich morgen auf längere Zeit. Wie lange Karl Feddersen fern sein würde, ließ sich im voraus nicht bestimmen. Das hing von den unausbleiblichen letzten Intrigen in Makedonien ab. Aber auf vier Wochen rechnete er mindestens. Plötzlich, als der Diener das Zimmer verlassen hatte, sprang sie auf. Sie eilte um den runden Tisch zu ihm herum, hastig, wie auf der Flucht vor irgend etwas. Ihre Schleppe fegte über den Teppich. Sie blieb vor ihm stehen, der sich erstaunt erhob, und legte bittend die Hände ineinander und sagte: »Charley ... laß mich nicht allein!« »Aber Margot ...« »Ich gehöre doch zu Dir! ... Was soll ich denn ohne Dich? ... Ich bin doch ganz wurzellos auf der Welt. Du bist mein einziger Halt!« Er war ganz verdutzt über diese Störung seiner Reisepläne im letzten Augenblick: »Du könntest doch die Zeit über auch zu Deinen Eltern nach Berlin!« schlug er vor. Die junge Frau schüttelte den Kopf. Eine kleine Querfalte stand finster zwischen ihren Augenbrauen. »Das kann ich nicht, Charley! Mit Dir zusammen auf Besuch ... gern! Da freue ich mich drauf. Aber allein, da wieder unterkriechen ... daß sie sagen: ›Es flog ein Gänschen übern Rhein‹ ... nein ... das ist mir ja alles so unendlich fremd geworden ... dort ... ich hab' gewußt, was ich tat ... ich hab' meine Schiffe hinter mir verbrannt ...« »Und hier in Paris lasse mich nicht allein!« flüsterte sie wieder, halblaut an seinem Ohr, den Kopf an seine Schulter gelehnt. »Lieber nicht! Ich komme hier nur auf dumme Gedanken vor Müßiggang und Langeweile, und ärgere mich über Madge und ... ich mag nicht Strohwitwe sein ... ich bin doch Deine Frau. Ich hab' Dich doch so lieb.« Karl Feddersen war kein Mensch der übereilten Entschlüsse. Aber diesmal mußte er sich rasch entscheiden. Die Zeit drängte. Die Geschäfte auch. Er liebte kein Hindernis in Geschäften. Er sagte, ungeduldiger als er selber wollte: »Das ist ja sehr nett von Dir, Daisy! Aber laß jetzt die Capricen!« »Eine Caprice? So nennst Du meine Bitte?« » Mon Dieu ... Was denn noch, Daisy?« »Du hast nichts bemerkt ... die ganze Zeit ... das halbe Jahr, vom Frühjahr ab bis jetzt?« »Was soll ich denn da Großes bemerkt haben? Zeichen und Wunder haben sich doch nicht ereignet?« »Doch, Charley, sie waren da! Sie waren in mir! Aber wenn man sie nicht begreift, vergehen sie wieder.« Nun sprach sie in Rätseln. Solche unbestimmten, frauenhaften Klagen paßten ihm gerade in seinen Kopf, in dem sich die Geschäfte drängten. »Ich muß reisen, Daisy! Also bitte, sei vernünftig!« erklärte er in dem souveränen Ton, den er sich ihr gegenüber angewöhnt hatte. » C'est décidé ! Um Gottes willen, fang' nicht noch an, zu weinen! Was ist denn dabei? ... Ma chère . Du bist zu mimosenhaft! Du mußt Dir eine etwas dickere Haut anschaffen! Ich hab' sie doch auch.« Die Tränen, die er befürchtete, blieben aus. Statt dessen lachte die junge Frau plötzlich auf. Er furchte unbehaglich die Stirn. Was war das nun wieder für ein Umschlag? »Ja. Die hast Du wahrhaftig, Charley!« sagte sie. »Mehr als gut ist! Das hast Du gar nicht bemerkt, wie ich diese Monate hindurch um Deine Liebe geworben habe? Bist Du wirklich so taub und blind? Hast Du wirklich nur Deine Kurse und Eisenbahnschienen im Kopf, daß Du es nicht siehst, daß eine Frau, wie ich, neben Dir ist.« »Herrgott ... Du bist doch da!« »Ich war's ... ich war's ... ich hab' getan, was ein Mensch vermag! Ich hab' mehr Kräfte aufgebraucht als viele. Ich hab' meinen Stolz in die Ecke gestellt. Ich bin Dir ja nachgelaufen. Gebettelt und gebeten hab' ich um Dich ...« Karl Feddersen war mehr noch geschmeichelt als verwundert. »Aber wir haben uns doch, Daisy!« meinte er freundlich. »Was Du ›haben‹ nennst! Ich wollte mehr. Ich brauche mehr. Ich brauche Dich! Ich hab' Dich gesucht, wie man einen Menschen suchen kann – überall – in jeder Weise ... Ich hab' gedacht, irgendwo müßt' ich Dich doch finden ...« Er schüttelte halbbelustigt über ihren Eifer den blonden Kopf. Er stand als ein stattlicher, breitschultriger Mann vor ihr im Zimmer. Er hatte etwas Gemütliches. »Bitte! Hier bin ich in voller Lebensgröße, Daisy! Als Dein gehorsamer Diener! Was Du noch mehr willst, das wissen die Götter!« »Dich!« Er wurde böse. »Zum Kuckuck! Ich bin doch nicht aus Pappe! Faß mich doch an!« Ihr Blick durchkältete ihn. Er fühlte etwas zwischen sich und ihr, das er nicht erfassen konnte. »Du bist da!« sagte sie. »Das ist wahr! ... Aber mir ist das zu wenig! Ich bin nicht so genügsam angelegt. Eine Zeitlang wohl ... Aber dann.« Sie machte eine müde, ablehnende Handbewegung. »Du bist mir jetzt so fern!« sagte sie, leicht zusammenschauernd, »so furchtbar fern! ... Mir ist, als kennten wir einander gar nicht!« »Ich bin Dein Mann!« »Ja!« »Und bitte mir aus, daß Du mich als solchen respektierst, meine Liebe!« Sein Ton war barsch. Er fühlte: Jetzt galt es seine gefährdete Autorität. »Nach außen gewiß!« »Nein, überhaupt! ... Bedenke gefälligst, wen Du vor Dir hast! Ich hätte doch wahrhaftig andere Partien machen können! Aus reiner Liebe zu Dir habe ich ...« Er verstummte eine Sekunde. Aber dann konnte er sich nicht enthalten, erbittert fortzufahren: »Wer heiratet denn sonst in meinen Kreisen ohne Mitgift? Du hast doch sozusagen das Große Los gezogen! Ich habe Dich zu allem gemacht, was Du bist! Und das ist nun der Dank!« Er hätte die Worte, kaum daß sie heraus waren, gern zurückgerufen. Zu seiner Erleichterung wirkten sie, wie ihm schien, nicht weiter auf seine Frau. Sie blieb ganz gelassen. »Darauf hab' ich nur noch gewartet,« versetzte sie ruhig, »daß Du mir das sagen würdest!« »Hab' ich etwa nicht recht?« Da schrie sie plötzlich verzweifelt auf: »Poche Du nur auf Deinen Kaufpreis! Betrachte Du unsere Ehe, wie Du's verstehst! Du hast freilich recht ... Was rede ich denn hier vor tauben Ohren? Also reise nur, Charley! Reise! Ich halte Dich nicht!« 11. Der Winter war über Paris gekommen. Strenger als sonst. Vor den Fenstern des kleinen Feddersenschen Palais tanzten nordische Flocken und hüllten die Welt in Weiß. Alles war still. Kein Hufschlag. Kein Automobilrollen. Ein geheimnisvoller Friede. Die breite Fläche der Avenue du Bois de Boulogne lag bis zum Triumphbogen hinauf wie ausgestorben. »Darin sind die Franzosen doch furchtbar pimplich!« sagte Margarete zu ihrer Freundin Lisa Campbell, die sie um die Dämmerstunde aufgesucht hatte. »Aus dem ärgsten Schmutzwetter machen sie sich nichts! Aber bei einem bißchen Schnee stellen sie sich an ... Gott ... wenn ich an unsere deutschen Winter denke ...« »Oder gar bei uns in Rußland!« Die kleine Petersburgerin lächelte schwach. Sie war ein zartes Geschöpf mit blassem Kindergesicht. Die beiden jungen Frauen verstummten und schlürften ihren Nachmittagstee, der in winzigen Täßchen vor ihnen dampfte. Zu Paris gehörte Sonne. Grünes Kastanienlaub. Veilchengeruch auf den Boulevards. Im Wintersturm war die Seinestadt nicht mehr sie selbst. Da flogen die Gedanken heim über den Rhein und die Weichsel ... Unbestimmte Vorstellungen aus Kindertagen ... Holzknistern im Ofen ... Zischende Bratäpfel ... Schlittengeklingel. Margarete mußte lachen, wie verzweifelt da draußen der Herr seinen Zylinder festhielt und auf den Spitzen seiner Lackstiefel tanzte. Dabei lag der Schnee noch nicht einen Zoll hoch. Die andere erhob sich: »Ich muß jetzt fort.« »So bald?« »Wir haben doch ein Riesendiner! William will es nun einmal so. Es ist doch heute Weihnachten.« »Daran hab' ich gar nicht mehr gedacht!« Margarete Feddersen sah träumerisch in das Flockengewirbel. »Hast Du 'nen hübschen Baum daheim, Lisa?« »Ich putze keinen mehr. Es hat keinen Sinn. Mein Mann steht davor und weiß nicht, was er mit dem Ding anfangen soll. Und die drei Boys ebenso. Ich glaube, sie wundern sich heimlich, daß ihre Mammy noch so kindisch ist. Es sind doch nun einmal richtige kleine Engländer. Für sie ist der große Truthahn nachher die Hauptsache. Und die nagelneue weiße Fünfpfund-Note für jeden unter der Serviette. Die kennen sie genau ... die Schlingel!« Die kleine Deutsch-Russin lächelte melancholisch. »Deswegen bin ich heute mal rasch auf einen Sprung zu Dir!« sagte sie. »Bloß um am Heiligen Abend wenigstens ein paar Worte Deutsch zu hören. Papa war doch noch Reichsdeutscher in Petersburg. Und Mama war Baltin. Aber daheim bei mir spricht ja keiner ein Wort. Ich bin ganz isoliert in meiner eigenen Familie ...« Mrs. Campbell knöpfte ihr Seeotter-Jackett zu, ein Geschenk ihres Mannes, das zehntausend Francs gekostet hatte. Er besaß es dazu. Er verdiente viel Geld, wenn er sich auch mit den Feddersens nicht messen konnte. »William meint es so gut,« sagte sie dabei, als müßte sie irgendwelche Gedanken, die sie gar nicht ausgesprochen hatte, nachträglich rechtfertigen. »Man ist nun einmal von Haus und Heimat weg ... meine Eltern sind ja auch tot ... Man führt ein Zigeunerleben. Oder eigentlich ist's immer dasselbe: ob mir nun in Birmingham waren und dann die sechs Jahre in New Jork und nun in Paris, mein Mann ist zufrieden, wenn er die Beine gegen's Kaminfeuer streckt und seine kurze Pfeife raucht und die Seinen um sich hat. Man darf auch nicht zu viel vom Schicksal verlangen ...« »Ja, nicht wahr?« Margarete hob langsam den dunkeln Kopf, aus ihrem Nachsinnen erwachend. Sie stand vor ihrer Freundin, die viel kleiner und schmächtiger war als sie, und faßte deren beide Hände und sah ihr ins Gesicht. »Wir haben's doch gewußt, Lisa! Wir beide! Da muß man sich nun darein finden! Tausend andere haben's nicht so gut wie wir ... Müssen jeden Taler dreimal drehen ... Unsere Männer sind nicht glücklich, wenn wir nicht verschwenden ... Sag' mal: wie lange bist Du schon verheiratet?« »Dreizehn Jahre ...« »Dreizehn Jahre!« wiederholte die junge Frau. Sie dachte sich: ›Wenn ich erst so lange verheiratet bin ...‹ Es erschien ihr doch wunderlich ... diese Vorstellung ... endlos ... ein Zug der Ergebung blieb auf ihrem Gesicht. Sie küßte Lisa. »Adieu, Schatz! Grüße daheim!« »Du bist heute so weich, Margot?« Eine leise Röte überflog die Wangen der andern. Sie antwortete nicht gleich. »Lieber Gott!« sagte sie dann. »Du hast ja ganz recht. Was hilft es denn mit dem Kopf gegen die Wand rennen? Wir haben nun einmal kein Vaterland und keine Familie mehr wie andere. Wir haben nur unsere Männer. Mit denen müssen mir auskommen. Unbequem sind sie ja nicht. Es sind ja Geschäftsleute. Sie haben keine Ecken und Kanten. Sie geben gern nach ... soweit sie's verstehen!« Die kleine Petersburgerin blickte sie prüfend durch ihren graugetupften Schleier an. Sie hatte sich im vergangenen Sommer über Margaretes Lebhaftigkeit und Freude an ihrem Mann gewundert. Dann nach der Rückkehr vom Balkan seit einem Vierteljahr war es ihr aufgefallen: Die beiden gingen nebeneinander her ... ohne rechten Streit ... ohne rechtes Einvernehmen ... Sie hatte zu viel Takt, um weiter zu forschen. Sie frug nur im Weggehn: »Hast Du heute abend auch viel Leute bei Dir?« »Nein. Ich hab' Charley gebeten, daß mir diesmal unter vier Augen sind! Er hat es mir heilig versprochen. Aber Du hast mich auf eine Idee gebracht. Ich mache heute auch einen Weihnachtsbaum für ihn und für mich.« Sie schickte, sobald Mrs. Campbell gegangen, nach einer kleinen Tanne. Sie fuhr selbst aus, kaufte Aepfel, Nüsse, Lichter, ein bißchen bunten Tand. Im Zwielicht des Winterabends schmückte sie den Baum. Erinnerungen drangen auf sie ein und trübten ihr mit einem feuchten Flor den Blick. Jetzt war Weihnachten in Berlin ... Alle Straßen leer ... Die Fenster erleuchtet... Geheimnisvoll summten die Glocken ... Da hinten in Charlottentburg saßen Papa und Mama ... Die Zimmer waren hell ... Es roch nach knisterndem Tannengrün ... Nach Wachskerzen und Pfefferkuchen ... Sie dachten an ihr Kind in der Fremde ... Um sie waren die andern, die Geschwister, die Verwandten, ein weiter Kreis ... zu dem hatte auch sie gehört ... all die Jahre hindurch ... so weit sie zurückdenken konnte, seit sie als Drei- oder Vierjährige zum erstenmal in das Lichtmeer und Wunderland des Christbaums hineingetrippelt ... Margarete Feddersen kauerte vor dem Tännchen, putzte Ast um Ast. Zum erstenmal war Heimweh in ihr wach, rechtschaffenes deutsches Heimweh ... Es dunkelte in dem goldenen Käfig um sie. Ueber dem Rhein brannten jetzt Millionen Lichter. Dort lag das verlorene Paradies – lagen Kinderzeit und Mädchenjahre und schwerer Herzenskampf ... Sie unterdrückte ihre Tränen. Das war vorbei. Sie wollte vorwärts schauen. Sie war andächtig gestimmt. Ruhig und heiter. Als sie fertig war, machte sie sich für den Abend schön. Ganz in Weiß und Gold. Das stimmte zu ihrem großen Empiresalon. Der sollte erleuchtet weiden, wenn sie auch mit ihrem Mann allein war. Dann zündete sie das Weihnachtsbäumchen an, setzte sich daneben und wartete. Sie wollte Charley damit überraschen. Sie wußte: er war nach seiner gesetzten Art die Pünktlichkeit selber. Schlag sieben kam er. Sie hörte seine Stimme draußen in der Halle. Dann zu ihrem Schrecken eine zweite. Das war nicht der Diener. Das war ein fremder, weicher Bariton. Sie sprang auf, sie eilte Karl Feddersen entgegen, der den Kopf durch den Türspalt steckte. »Um Gottes willen, Du hast doch keine Gäste mitgebracht?« »Nur einen!« Er lächelte harmlos. Er begriff nicht, was sie wollte. »Wo Du mir in die Hand versprochen hast, daß wir heute ...« »Ein einzelner Mensch stört doch nicht. Es ist doch nur der Vetter Alphonse!« »Aber am Weihnachtsabend ...« »Ich hab' nachher wichtige Geschäfte mit ihm ... das hilft nun nichts! ... Komm' nur herein, mon cher ... wie ich Dir gesagt hab'! Du kommst à la fortune du pot ...« Alphonse Feddersen trat ein. Auch noch gerade dieser Gast! Sie hatte ihn in den fast zwei Jahren ihrer Ehe erst einmal flüchtig gesehen. Sie entsann sich seiner kaum mehr. Nur seines üblen Rufs. Aeußerlich merkte man ihm den nicht an. Er war ein großer, schlanker Mann, nahe an den Vierzig, viel dunkler als die blonde Hauptlinie der Feddersen, mit magerem, länglichem Gesicht, weichen, schönen Augen und spitzgeschnittenem Vollbart. Er hatte eine lächelnde Art, einem die Hand zu küssen, guten Abend zu sagen, einen anzusehen – gar nicht dreist – nur so selbstverständlich, als habe man schon einen Scheffel Salz miteinander gegessen. Er tat, als merkte er ihre Unruhe und Blässe nicht. Er setzte sich, während Karl Feddersen sich entfernte, um sich umzuziehen – er selbst war schon im Frack – und bewunderte sofort den Christbaum, den jener noch gar nicht beachtet hatte. Er hatte etwas Kindlich-Erfreutes gegenüber dem Lichterglanz. Er nickte der Hausfrau gutmütig zu, als seien sie beide die einzigen Menschen in Paris, die dafür Sinn besaßen. Er rückte vertraulich näher. Sie möge ihm doch von zu Hause erzählen. Von Weihnachten dort. Heute, an dem heiligen Abend seien ihre Gedanken gewiß bei ihren Lieben daheim. Seltsam, wie er ihre Stimmung erriet. Ihr Mann wäre nie darauf gekommen. Eigentlich gefiel ihr Alphonse Feddersen trotzdem nicht. Sie war froh, als Charley zurückkehrte. »Schau mal an! Da hast Du Dir ja auch einen Christbaum gemacht!« warf er leicht hin und setzte sich. Ihn interessierte diese Spielerei weiter nicht. Er sah auf die Uhr. Man konnte gerade vor dem Essen noch das Geschäftliche erledigen. »Ja, lieber Vetter – was die Gummi-Aktien betrifft,« sagte er achselzuckend. »Da kann ich Dir nicht helfen. Du mußt in den sauern Apfel beißen. Du hast sie nun einmal zu dem damaligen Kurs lombardiert ... Ich weiß, die Papiere steigen horrend! Aber trotzdem ...« Margarete hörte still zu. Vor ihr knisterten die Weihnachtskerzen und erloschen allmählich ... Es war ein zarter Hauch von Bienenmachs und Tannennadeln ... daheim sangen sie jetzt ›Stille Nacht, heilige Nacht ...‹ »420 Brief meinst Du höchstens?« sagte ihr Mann neben ihr laut und kaltblütig zu seinem Gast und wehte dabei mit der Hand den duftenden Qualm des Christbaums von sich ab. Die junge Frau erhob sich stumm und blies selbst die letzten Kerzen aus. Karl Feddersen beachtete es nicht. Aber sein Vetter Alphonse sah sie sonderbar mitleidig an. Der Diener meldete » Madame est servie !« Sie ging stumm am Arm des Gastes zu Tisch. Sie hatte Mühe, ein Weinen der Mutlosigkeit zu unterdrücken. Sie hatte sich diesen Abend so anders gedacht ... sie dankte ihrem Schöpfer, daß sie nicht viel zu reden brauchte. Der Vetter Alphonse besorgte das fast allein, in einer leichten, weltmännischen Art. Er erzählte von Monte Carlo, wo er jetzt, wie gewöhnlich, gewesen, von Aegypten, wohin er in nächster Zeit flüchten wollte – ganz amüsant – Deutsch und Französisch durcheinander, wie es ihm gerade einfiel. Im Deutschen fehlte ihm zuweilen ein Wort. Er hatte überhaupt nichts Deutsches an sich. Auch nichts eigentlich Welsches. Er sah unbestimmt exotisch aus – eine Mischung von Nord- und Südländer, die überall hingehören konnte. Er besaß unzweifelhaft mehr allgemeine Bildung als die andern Feddersens, hatte mehr gesehen und erlebt. Ein eigentümliches gutmütig-ironisches Lächeln schwand kaum von seinem Gesicht. Er dünkte sich offenbar den drei Brüdern überlegen, wie die Drohne den Arbeitsbienen. Nach aufgehobener Tafel ging Karl Feddersen hinüber in sein Arbeitskabinett. Die Zigarren, die der Diener gebracht, paßten ihm nicht. Er hatte da eine neue Marke in Glasröhren, direkt aus der Havanna. Margarete war mit dem Vetter in den Vorderräumen allein. Er machte auf einmal ein Armsündergesicht und stand auf. »Gute Nacht, Kusine!« versetzte er dann rasch und geheimnisvoll. »Grüßen Sie Charley!« »Sie wollen doch nicht schon fort?« »Erstens mißfalle ich Ihnen!« sagte Alphonse Feddersen mit unerschütterlicher Ruhe. »Widersprechen Sie nicht! Seien Sie froh! Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn ich einen guten Eindruck mache! Und zweitens ist hier jeder Dritte zuviel. Das sieht ein Kind. Nur der Glückliche selber nicht!« Er zog sich lächelnd zur Tür zurück. Dort hatte er auf einmal das Bedürfnis, sie noch zu trösten. »Sie dürfen das dem guten Charley nicht übelnehmen. Stimmungen stehen in seinem Hauptbuch nicht. Er denkt immer: zwei mal zwei ist vier. Alle Feddersen denken das! Aber er ist eine Seele von einem Menschen!« Er lächelte wieder, verbeugte sich und verschwand. Er beeilte sich so wegzukommen, daß sie ihn schon draußen auf der Straße mit hochgeschlagenem Pelzkragen, den Zylinder tief in der Stirne, durch den Schnee zum nächsten Abstieg in die Untergrundbahn waten sah, als Karl Feddersen mit den Zigarren in das Zimmer trat und sich erstaunt nach Alphonse umschaute. »Er ist klüger als Du,« sagte sie müde und fuhr sich mit der Hand über das Haupt, als wollte sie da allerhand trübe Gedanken verscheuchen. »Er hat gleich gemerkt, daß er nicht hätte mitkommen sollen!« »Kunststück! ... Bei Deinem Gesicht!« Ihr Mann ging ärgerlich auf und nieder. Er fühlte, er hatte schon wieder einen Fehler begangen. Er wußte nur nicht recht, wo der eigentlich stak. Vielleicht in der Person des Vetters? »Er ist ja ein mauvais sujet !« gab er zu, »aber ... enfin ... les affaires sont les affaires !« Sie zuckte die Achseln. »Ach Gott! ... Ihr tut mit ihm, als sei er Gott weiß was! Ihr habt Euch da einen Familienpopanz zurechtgemacht in Eurer Philistrosität. Wirkliche Taugenichtse sehen doch ganz anders aus!« Karl Feddersen hatte sich gesetzt und eine seiner Fünffrancs-Zigarren entzündet. »Immerhin ... seit Ende Oktober hat er wieder ununterbrochen in Monte Carlo gespielt. Ergebnis: Eine Unterbilanz von einer Viertel Million! Er ist wieder einmal fertig! Nun können wir ihm aus der Patsche helfen! Tun's ja auch. Aber umsonst ist der Tod.« »Mit seinen weiteren Streichen will ich Dich verschonen!« schloß er. »Man könnte da Bände erzählen. Da hat er jetzt wieder mit einer sogenannten russischen Gräfin ... nun ... lassen wir's ...« Er sah ihre Traurigkeit. Er merkte, daß ihre Gedanken längst nicht mehr bei dem gleichgültigen, in der Nacht draußen verschwundenen Vetter waren. Eine Reue wurde in ihm wach. Er hatte sie irgendwie gekränkt. Ohne Wissen. Es war so schwer, sich in deutsches Empfinden hineinzuversetzen. Es gab da immer neue Winkel und Rätsel. Zu Weihnachten offenbar besonders. Aber er wollte es gut machen. Er überlegte, wie. Dann hatte er eine glückliche Eingebung. Er ging behutsam, auf den Fußspitzen, zu dem Tannenbaum und entzündete den Rest der fast herabgebrannten Lichtstümpfchen. Das Zimmer wurde geheimnisvoll hell. Wieder krachten und glühten die Nadeln, war Weihnachtshauch in der Luft. Karl Feddersen rückte zwei Sessel zurecht. Er führte seine Frau zu ihnen hin. »So ... da setzen wir uns nun!« sagte er verbindlich. »Und feiern noch einmal en petit comité Euern Heiligen Abend!« Er erkannte an ihren feucht gewordenen Augen, daß er beinahe blindlings, durch einen glücklichen Zufall, das Rechte getroffen hatte. Sie drückte ihm die Hand. Sie schaute ihn dankbar mit einem schwachen Lächeln an. »Grade heute, Charley ... ich war so traurig ... es lag mir so viel an den paar Stunden mit Dir ...« Er wollte es nachholen. Er forschte eifrig: »Hast Du irgendeinen Wunsch, Daisy? Soll ich Dir etwas kaufen? Sprich!« Sie schüttelte den Kopf. Er riet: »Ist es vielleicht das neue Haus, das wir uns draußen bauen wollen? Nächstes Jahr, wenn die Weizenernte halbwegs gerät, geh' ich ganz gewiß daran. Meine Hand drauf. Vorläufig ist ja hier noch Raum für uns beide.« Sie sprach ganz leise: »Wir werden beide bald nicht mehr allein sein, Charley! Das ist's, was ich Dir heute sagen wollte ...« Er sah sie an. Dann begriff er. Er beugte sich zu ihr und küßte sie. Es war still im Zimmer. Nur die Weihnachtskerzen knisterten ... 12. »Meine liebe gute Grete! Also gleich gesagt: Mutter und ich kommen nicht zur Taufe Deines kleinen Charles-Iwan nach Paris. So – nun ist's heraus, und mir ist leichter. Mich hat's schon die ganze Zeit gedrückt und Dich wird es jetzt betrüben, mein altes Mädel, und ich bin Dir die Gründe dafür schuldig! Wie wir im Juni vor einem Jahr bei Dir in Paris waren, da haben wir uns gefreut, Dich in Glück und Glanz zu sehen. Da war ich vor mir der Verantwortung ledig, daß ich meine Tochter einem fremden Mann in die Fremde hinausgegeben habe. Es ist gottlob gut ausgegangen, und der gute Charley trägt Dich ja auf Händen! Nun rüstet Ihr also die Taufe Eures Erstgebornen! Es wird, wie Du selbst schreibst, auf Wunsch Deines Mannes ein großes Fest. Eure ganze Verwandtschaft ist geladen. Kind – was sollen wir unter den Millionären? Dein Söhnchen gehört hinüber in Euer Lager – zu den Feddersen! Du schreibst, ich solle auch Taufpate sein, die beiden Großväternamen Iwan und Hans seien dasselbe und Iwan nur aus Geschäftsrücksichten vorgesehen! Mag alles sein, aber schau, Grete: Wenn ich für den Täufling Ja sage, so übernehme ich vor Gott und meinem Gewissen Verpflichtungen für die Zukunft eines jungen Menschenkinds. Aber kann ich das? Ich weiß ja gar nicht, was aus ihm wird. Hand aufs Herz, was ist der Junge eigentlich? Ein kleiner Russe? Rußland ist weit und Du bist eine Deutsche. Ein Deutscher auch nicht. Auch kein Franzose, obwohl er in Paris geboren ist. Also ein kleiner Weltbürger, nicht wahr? Ihr seid's auch! Ihr findet das gut! Ich kann mich in Eure Stimmung nicht versetzen. Ich hänge zäh und fest an meinem König und an meinem Vaterland. Ich bin damit verwachsen wie mit mir selber. Ich will mit Degen und Handschuh auf dem Sarg begraben werden, und die Glocke der Invalidenkirche soll dazu läuten, wie sie schon so manchem alten Soldaten geläutet hat. Wer weiß, wie bald die Stunde kommt! Und schau, meine Tochter: Deswegen taug' ich nicht zu Eurer Tauffeier. Mir tut das Kind leid. Mir tut jeder Mensch leid, der kein Vaterland hat. Nach meinem Gefühl fehlt ihm der Boden unter den Füßen. Er wird der unmerklichen Wohltaten nicht teilhaftig, die aus einer großen Gemeinschaft fließen. Mag er ein guter Gatte, Vater, Geschäftsmann werden – ihm mangelt unser Rückgrat vom Alten Fritz her: die verfluchte Pflicht und Schuldigkeit im großen! Sprich: fürchtest Du nicht, daß ein junger Mensch da leicht eigensüchtig und blasiert wird? Nun wirst Du antworten: Ein Deutscher kann unser Charles-Iwan nie und nimmer werden! Höchstens ein kleiner Franzose oder Russe, wie das schon seine Vornamen sagen. Das ist es eben! Am Taufbecken eines Knaben, der vielleicht als Mann dereinst gegen Deutschland und seine Onkel und Vettern kämpfen würde, möchte ich, ein alter preußischer General, auch nicht stehen! Das wirst Du mir von früher her, als Du noch ein Berliner Soldatenkind warst und eine preußische Leutnantsfrau werden wolltest, wohl nachempfinden! Aber seitdem – darauf kommt es immer wieder hinaus – haben sich Deine Wege von den unsern getrennt. Und somit auch die Deines Kindes und Deiner künftigen Kinder. Sei mir nicht böse, meine gute Grete: Ich sag' es Dir offen, wie mir's um's Herz ist. Ich bring' es nicht über's Herz, dabei zu sein. Das Uferlose, Unbestimmte bei Euch geht mir so wider die Natur. Ich kann nicht, liebes Kind. Ich kann nicht. Ich bin alt und krank. Es würde mich zu sehr aufregen! Sei mir nicht böse! Mama schreibt Dir noch extra! Dich liebt wie immer und segnet Dich und wünscht Dir und dem kleinen Charles-Iwan und Deinem lieben Mann alles Gute Dein treuer Vater.« Zum zweitenmal sprossen in Paris die Kastanienbäume in diesen milden ersten Septembertagen. Sie trugen rosa Blüten zwischen sommermüdem Laub am selben Ast. Tag für Tag überstrahlte die Sonne vom gleichen lachend blauen Himmel die lachende Stadt. Ein sanfter Wind scheuchte die Schwüle. Er brachte einen Hauch von Schatten und Kühlheit des Boulogner Waldes mit sich, wie er die Vorhänge an den offenstehenden Fenstern des Palais Feddersen blähte und mit dem Brief spielte, den Margarete schmerzlich in der Hand hielt. Sie las die zitterigen Zeilen des Vaters zum drittenmal. Sie merkte aus der unsicheren Schrift, wie alt er im letzten Jahre geworden. Sie wunderte sich nicht über das, was er schrieb. Sie hatte es eigentlich erwartet. Und doch tat es ihr bitter weh. Auch daß Mama nicht kam. Von sich aus hätte sie es getan. Sie ließ es in ihrem Schreiben durchblicken. Aber sie hatte ja keinen eigenen Willen. Sie ging in allen Dingen des Lebens blindlings mit dem Vater durch dick und dünn. Und die Geschwister? Gertrud, die zweite, hatte geantwortet, ein Abstecher nach Paris – das wäre freilich himmlisch. Aber so als Aschenbrödel dazustehen unter den wahnsinnigen Toiletten der dortigen Millionärinnen, dazu ihr kümmerliches Pensionsfranzösisch ... Ebensowenig konnte Sofie, die Jüngste, eben erst Vermählte, von ihrem Assessor weg. Adalbert und die anderen Brüder bekamen als Offiziere auch schwer Urlaub nach Paris. Es kostete auch zu viel für die paar Tage ... kurz ... sie fehlten sämtlich! Margarete dachte daran, wie sie einst im Übermut als Braut alle ihre Freundinnen zu sich in die Pariser Herrlichkeit eingeladen hatte. Keine von ihnen war je gekommen, der Briefwechsel mit ihnen jetzt, wo sie im dritten Jahr verheiratet war, längst eingeschlafen, die Beziehungen gelöst. Sie empfand heute deutlicher als je, was sie nur noch war, immer bleiben würde: ein Anhang des Hauses Feddersen. Und dazu ein Unerbetener. Das ließ man sie nur nicht fühlen, weil ihr Mann sie schützte. Sie fühlte, sie wurde müde an diesen Leuten. Die waren stärker als sie. Die hätten es auch gar nicht begriffen, daß sie die ganze Geschichte anders als rein geschäftlich auffaßte. Man zappelte nun einmal als Schmetterling auf der goldenen Nadel. So oder so ... Nun war der Tag der Taufe. Die protestantischen Tempel der Seinestadt boten nicht genug Raum zur Prunkentfaltung. So wurde das Fest im Palais Feddersen gefeiert. Draußen standen die Autos in langen Reihen, drängten sich die Gaffer. Innen blühte und duftete es wie in einem Gewächshaus. Kostbare Gaben für den kleinen künftigen Millionär lagen dazwischen, vom goldenen Löffelchen bis zum Scheck auf die Bank von England. Auch Margaretens Angehörige hatten ein Gesamtgeschenk gesandt, einen mächtigen, silbervergoldeten Patenbecher, auf dem das Wappen der Teuffern, die Taube mit dem Oelzweig, prangte. Es nahm sich sehr gut aus. Papa war immer anständig in solchen Dingen. Zu anständig. Er gab lieber über seine Mittel. Auch Briefe waren von daheim gekommen, von der Mutter, den Geschwistern. Der alte Herr hatte nicht selbst geschrieben. Er hatte sich, wie er meldete, beim Ausgleiten auf der Treppe die Hand verstaucht und diktierte seinem Sohn Adalbert. Es waren nur wenige Zeilen voll Liebe und Güte. Sie machten Margarete das Herz schwer. Sie saß blaß und schweigend während der Taufe in ihrem Sessel. Der schwere Duft der Blumen, der Parfüms, der Kerzen betäubte sie halb. Sie hörte wie von weitem die Stimme des Geistlichen. Sie hatte immer den dumpfen Gedanken, das ginge hier jetzt auch alles ohne mich. Ich habe meine Schuldigkeit getan. Der kleine Feddersen ist da. Er ist nun schon acht Wochen alt. Die Firma hat ihren Erben. Nun gehört er schon diesen Großkaufleuten und ihren Frauen, nicht mir, dem Eindringling. Sie fühlte einen Haß gegen diese Leute. Aber sie war zu müde, ihn lange festzuhalten. Es war Traurigkeit in ihr. Ein Abseitssein. Ein Frieren. Ein gleichgültiges Alles-mit-sich-geschehen-lassen. Dann entstand mitten in der feierlichen Handlung ein leises Kichern unter den jungen Mädchen. Das war, während Alphonse Feddersen vor den Altar trat, der übel beleumundete Junggeselle, auf dessen Erbschaft Charley dereinst für seinen Sohn hoffte. Daher dessen Wahl als Pate. Karl Feddersen hatte das seinerzeit seiner Frau erklärt und sie dabei triumphierend aus seinen kühlen blauen Kontoraugen angeblickt, und sie hatte sich beinahe geschämt, daß sie immer noch so naiv war und vergaß, worauf alles im Leben ankam ... Geld ... Geld ... immer Geld ... Alphonse zog sich im übrigen sehr gut aus der Affäre. Mit unerschütterlicher Würde hielt er das Spitzenkissen. Er war, im Profil gesehen, mit seinen scharf geschnittenen länglichen Zügen, dem spitzen Vollbart, der schlanken, hohen Gestalt in seiner Art ein schöner Mann. Und seltsam: so lange er den Täufling auf dem Arm hatte, war der mäuschenstill und schrie erst wieder, als ihn Madame Madge Feddersen, die letzte der Paten, an sich nahm. Während der Festtafel, die darauf folgte, verstärkte sich Margaretens Traurigkeit. Sie blickte die Reihen hinauf und hinunter. Ein Schauer bodenloser Einsamkeit überlief sie. Nirgends ein vertrautes Gesicht. Ein Mensch, dem sie aus der Ferne hätte zunicken können und der sie ohne Worte, mit einem Lächeln, verstand. Nichts, das aus dem, was sie war, woher sie kam, aus Kindheitstagen und Mädchenjahren zu ihr sprach. Was hätte sie darum gegeben, unter allen diesen Fremden irgendwo Papas freundliches, gefurchtes Antlitz, die stillen, immer noch schönen Züge ihrer Mutter zu sehen, einen Blick der Liebe zu erhaschen, ein wenig Wärme im Herzen zu spüren. Sie wäre am liebsten aufgestanden und aus diesem Gelächter und Stimmengewirr weggegangen. Sie hatte ein wildes Heimweh nach den Menschen daheim, die wie sie dachten und fühlten und sprachen. Aber um sie klang kein deutscher Laut. Sie hörte, wie eben jetzt ihr Mann seinem Bruder Sascha gedämpft etwas auf russisch über den Tisch sagte, mit einem Blick auf sie. Er sprach von ihr. Sie fuhr auf. Sie konnte diese Angewohnheit nicht leiden, sich in ihrer Gegenwart, wie es die Feddersens häufig taten, in der Sprache des Landes zu unterhalten, dessen Untertanin sie war, und von der sie doch keine Silbe verstand. »Was hast Du denn da wieder für Geheimnisse?« fragte sie gereizt, und Karl Feddersen antwortete, absichtlich leichthin: »Ich erzähl' es Dir nachher!« Er sah auch zerstreut und etwas angegriffen aus. Sie wunderte sich darüber. Diese auserlesene Tafel hier war sein eigenstes Werk. Er hatte sich keine Mühe und Kosten verdrießen lassen und aus allen Ecken Europas Leckerbissen verschrieben, um der Familie zu imponieren. Aber nun saß er wortkarg da. Er aß wenig. Er mußte wohl geschäftliche Sorgen haben. Margarete dachte nicht weiter darüber nach. Sie war froh, daß man sie selbst in Ruhe ließ. Man beachtete sie nicht. Man lachte und lärmte um sie herum ... über sie hinweg ... Dann klopfte jemand an das Glas. Monsieur Gustave Beinhauer, der große Mülhauser Fabrikant und Pariser Patriot, der selbst eine Feddersen, Alphonses ältere Schwester, zur Frau hatte, erhob sich zur Festrede auf den Täufling. Der hitzige kleine Herr, mit Zwicker und schneeweißem Henri-quatre , die rote Rosette der Ehrenlegion in der Frackklappe, fing heiter an. Er wollte von dem Zweibund sprechen. Dem ersten Zweibund auf Erden. Adam und Eva. Mann und Frau. Dieser Bund ist heilig. Durch ihn besteht die Welt. Ihn preisen wir auch heute und danken Gott ... Ein paar Damen lächelten gerührt. Einige Herren machten unbehaglich gespannte Gesichter. Sie kannten den Alten und seine fixe Idee. Sie ahnten schon den Uebergang. Gustave Beinhauer verstärkte seine Stimme. Er schlug nervös mit dem Messer, das er noch in der Rechten hielt, gegen die Tischkante. Er lächelte immer noch, aber mit funkelnden Augen: »Neben diesem Zweibund der Ehe, meine Damen und Herren, verkörpert der Knabe, den wir eben aus der Taufe hoben, noch eine andere Allianz. Er ist als Russe in Frankreich geboren. Das ist wie ein Sinnbild. In ihm einen sich die wichtigen und heiligen Freundschaftsbeziehungen, die die beiden großen Staaten seit den Tagen von Kronstadt ...« » Pas de politique! « schrie von unten her flehentlich eine Dame. Auch der Hausherr schaute mit warnendem Kopfschütteln zu dem Redner hinüber. Doch der ließ sich nicht beirren. Eine Welle patriotischen Zornes färbte seine gefurchten Wangen. Er hob die Hand, um sich Ruhe zu verschaffen, und zupfte sich die weiße Krawatte zurecht. »Und, meine Damen und Herren, ich gehe noch weiter! Ich – und nicht ich allein, sondern wir alle – haben etwas davon läuten hören, daß unser lieber Charley Feddersen damit umgeht, das französische Bürgerrecht für sich und damit auch für seine Nachkommen zu erwerben. Noch mehr: Nach Nachrichten, die aus dem Ministerium dringen, ist die Sache schon so gut wie spruchreif. Ich glaube, wir können heute schon Charley, den Vater, und Charles, den Sohn, als Bürger der großen französischen Republik begrüßen!« Karl Feddersen war aufgestanden, das Glas in der Hand. Er wollte dankend mit dem Redner anstoßen. Der winkte ab. Er schrie jetzt fast. Für ihn kam nun erst die Hauptsache. Der Fanatismus des Elsässer Optanten ging mit ihm durch: »Frankreich kann Männer brauchen, meine Damen und Herren! Brauchen für die große Stunde, wo seine Jugend zu den Waffen strömt und die geraubten Provinzen wieder an sich reißt. Ich neige mich im Geist vor dieser Stunde! Ich grüße Frankreichs Adler! ... Ich grüße den, den sie dereinst beschatten werden, Charles-Iwan, unseren kleinen Patrioten! Er lebe hoch!« Karl Feddersen hatte beunruhigt zu seiner Frau hinübergesehen, die während der letzten Sätze mit zusammengepreßten Lippen vor sich hinstarrte. Nun hob sie jäh das dunkle Haupt und fragte, mitten in das Gläserklingen hinein laut auf deutsch und ganz mit norddeutscher Herbheit und Kühle, die sie sonst längst nicht mehr an sich hatte: »Sagen Sie mal: daß ich 'ne Deutsche bin – das haben Sie wohl ganz vergessen?« Monsieur Beinhauer war so verblüfft, daß er plötzlich auch sehr gut auf deutsch antworten konnte: »Sie waren es, Madame! ... Sie sind es nicht mehr!« »Fühlen Sie sich nicht als Franzose?« »Ganz und gar! »Und sind es geblieben, obwohl Ihre Heimat deutsch wurde?« »Da gerade!« »Nun gut! Warum werfen Sie dann mir den umgekehrten Fall vor?« Es war still an der ganzen langen Tafel geworden. Der alte Protestler fand nicht gleich eine Antwort. Endlich meinte er: »Sie haben uns diese Gefühle bisher noch nie gezeigt, Madame!« Madame Feddersen richtete sich kalt auf. »... weil man meine Gefühle noch nie so plump und taktlos verletzt hat! Das war Ihnen vorbehalten, Herr Beinhauer!« »Aber, Madame ...« »Ich wünsche die Nichtbeachtung nicht, die darin liegt! Ich bin keine quantité négligeable ...« »Margot ...« Karl Feddersen flüsterte ihr entsetzt über den Tisch zu: »Sei doch still!« »Und ich verbitte mir, daß Sie hier an meiner eigenen Tafel den Rachekrieg gegen mein Vaterland predigen! Ich bin die Tochter eines preußischen Generals!« Plötzlich warf sie das Haupt in den Nacken. Sie lachte. Es leuchtete kriegerisch, voll Teuffernschen Geistes, aus ihren großen dunklen Augen. »Aber versuchen Sie es doch! Marschieren Sie doch an den Rhein! ... Wir sind bereit! ... Sie kommen bald mit blutigen Köpfen zurück! Wir hauen Euch alle! Samt den Russen! Wir haben Uebung darin! Wir hauen die ganze Welt!« »Margot!« schrie ihr Mann wütend. Ein Teil der Gäste war aufgesprungen. Andere, die nicht Deutsch konnten und den Grund des Aufruhrs nicht begriffen, schauten fragend um sich. Flammen des Hasses loderten auf, spiegelten sich in den verzerrten Zügen, Flammen eines wütenden, tiefinnerlichen Hasses gegen alles, was deutsch war, Deutsch sprach, Deutschem lebte. Längs der Wand standen die Lakaien mit unbewegten Gesichtern. Alphonse Feddersens weicher, heller Bariton durchdrang das Stimmengewirr. Er sprach Französisch, mit dem versöhnlichen Lächeln des Weltmannes: » Mesdames – Messieurs ... wir sind allzumal Sünder ... ich ganz besonders ... Sie brauchen nicht noch so zustimmend zu nicken, Cousine Madge ... ich weiß es selber am besten ... Und da wir Sünder sind, haben wir eine große Unterlassungssünde gut zu machen ... Pardon, Schwager Gustave ... Du hattest das Wort ... jetzt rede ich ... also: mein lieber Charley – mein lieber Sascha: Eure guten Eltern sind nicht mehr. Wir haben sie schon vor Jahren in Jekaterinoslaw zur Ruhe getragen. Sie können sich nicht mehr an ihrem Enkelchen freuen. Aber Großeltern hat der Junge doch. Die Eltern seiner lieben Mutter. Sie sind nicht hier. Sie leben – halte doch einer Gustave fest, während ich das Wort ausspreche! – Sie leben in Berlin! ... Aber sie sind gewiß jetzt im Geiste hier bei uns, und so wollen wir mit allem schuldigen Respekt auch ihrer gedenken!« Er erhob seine Stimme. »Seine Exzellenz, der General von Teuffern und Madame von Teuffern – sie leben hoch!« Er lachte dabei und stieß gleich mit dem Nächsten an. Das waren alles höfliche Leute, froh, einlenken zu können. Die Gläser klangen. Der Bann war gebrochen. Nur Gustave Beinhauer stand verbissen zur Seite. Er trank nicht auf die Gesundheit eines Preußen – er nicht! Aber man achtete nicht mehr auf ihn. Man hatte Welt. Man wußte nichts mehr von dem Zwischenfall, und Karl Feddersen flüsterte, sonderbar blaß und erregt, seiner Frau zu: »Gott sei Dank! Alphonse hat die Situation gerettet!« Sie war dem dunklen, spitzbärtigen Vetter wirklich dankbar und freundschaftlich gesinnt, während ihre Champagnerschale die seine berührte. Sie hatte ihn seit jenem Weihnachtsabend nicht mehr gesehen. Er tauchte immer nur in Geldnöten wie ein Komet am Feddersenschen Familienhimmel auf und verschwand wieder in der Richtung nach Monte Carlo. Er hatte wieder seine weichen, ironischen Augen. Er blinzelte ihr über das Glas hin verständnisvoll zu, als sei er allein hier im Saal mit ihrem Ursprung, ihren Lieben, ihrem Heim vertraut. Er hatte so nett von den Eltern gesprochen. Sie war ganz gerührt und konnte sich doch Papa und Alphonse Feddersen beim besten Willen nicht nebeneinander denken. Sie wußte, was der alte Herr nach ganz kurzer Zeit in seiner stillen, milden Art mit seinem Lieblingswort von ihm gesagt hätte: »Kind ... ein Liederjanski ... laß' ihn laufen ...« Man hatte sich wieder gesetzt. Die Aufregung hatte sich allmählich gelegt. Man speiste weiter. Nur Gustave Beinhauers Stuhl blieb leer. Der Protestler war wütend verschwunden. Auf Margarete lastete wahrend des Restes der Tafel ein seltsames, drückendes Gefühl, eine Verdüsterung ... als habe sie etwas zu bereuen – als sei sie etwas schuldig geblieben. Sie hatte doch niemanden verraten. Am wenigsten die Eltern. Sonderbar: Eigentlich hatte der alte Deutschenhasser vorhin genau dasselbe gesagt wie der preußische General: Wenn es zum Krieg kam, marschierte der kleine Charles-Iwan mit gegen die verhaßten Pickelhauben, sei es als Russe von Osten, sei es als Welscher von Westen! Und jählings durchzuckte sie ein Schrecken: Weißt Du, wen Du verraten hast? ... Dein Kind! Endlich war es vorüber. Die Gäste gingen. Das letzte Automobil wurde draußen angekurbelt und schoß knatternd in die beginnende Dämmerung hinaus. Die beiden Gatten standen einander gegenüber, er blaß und gedrückt, sie nachträglich wieder erregt. Sie trat auf ihn zu. »Wirklich reizend, vorhin ...,« sagte sie in mühsam unterdrücktem Zorn. »Wenn Du Dich schon danach sehnst, mit Leib und Seele Franzose zu werden, dann gewöhne Dir auch wenigstens die französische Ritterlichkeit an – auch gegen die eigene Frau! Statt daß Du mich unter meinem eigenen Dach beschimpfen läßt! Wahrhaftig: man mag über Alphonse sonst denken, wie man will – aber er hat im kleinen Finger mehr Takt und Feingefühl als Ihr alle zusammen!« Karl Feddersen hatte kaum zugehört. Er nahm mit sorgenvoller Miene ein paar Depeschen aus der Fracktasche. Sie beobachtete es gereizt. »Sei so gut, Charley, und lasse noch einen Augenblick Deine Kurse, wenn ich mit Dir rede!« Er räusperte sich. »Es sind keine Geschäftsnachrichten, Margot! Sie betreffen Dich! Ich muß es Dir jetzt eröffnen: Dein guter Vater ist nicht ganz wohl!« »Was ...« »Deswegen hat er Dir schon nicht selbst geschrieben, sondern Deinem Bruder diktiert. Seitdem hat es sich leider verschlimmert!« Sie schrie auf: »Und das sagst Du mir erst jetzt?« »Auf sein eigenes Geheiß, Margot! Er hat mir telegraphisch das Ehrenwort auferlegt, es Dir erst nach Beendigung der Tauffestlichkeit mitzuteilen! Du kennst ihn doch besser als ich! Er will ja nie stören ... nie zur Last fallen ... auch nur anscheinend.« Nein! Das sah Papa ganz ähnlich. Sie drückte bleich und erschüttert die Hände ineinander, um ihre Angst niederzukämpfen. Ihr Mann fuhr stockend fort: »Gerade vor Tisch ist das letzte Telegramm gekommen. Man bittet Dich nach Berlin. Am besten ist es, Du nimmst den Abendzug in zwei Stunden.« Sie antwortete nicht. Sie eilte mit zusammengebissenen Zähnen in ihre Gemächer. Sie klingelte der Kammerjungfer und half ihr selbst beim Packen. Atemlos! Wahllos! Wie es kam. Dann stand sie reisefertig vor der Wiege ihres Kindes. Dort drüben, in nächtlicher Ferne, ahnten, fürchteten ihre umflorten Augen eine Bahre. Anfang und Ende des Seins – der, der ihr das Dasein gegeben – der hier, dem sie es geschenkt – sie in der Mitte zwischen Leben und Tod ... 13. Jesus meine Zuversicht.« – Von der Empore der Berliner Invalidenkirche klang der Sängerchor, die Orgel brauste, unten im Schiff saßen, dicht gedrängt, Kopf an Kopf, die Uniformen. Vorne die alten Generale, die Waffengefährten des nun entschlafenen Herrn von Teuffern – strenge, gefurchte Gesichter, auf manchem ein Sinnen: Wann fährst auch Du zur großen Armee? Hinter ihnen die Abordnungen der Truppenteile, die Verwandten und Freunde des Hauses, die Regimentskameraden der Söhne, dazwischen, in das Bunt eingestreut, die schwarzen Trauerflore der Offiziersdamen. Vorn vor dem Altar stand der Sarg. Voll Blumen und Kränze. Ueber den weißen Handschuhen lag der Degen. Der Geistliche füllte mit kräftiger Stimme die Kirche. Er sprach von den Teuffern, die seit Jahrhunderten immer bereit gewesen, wenn die Hohenzollern riefen, und es ging wie ein Wehen durch die zu beiden Seiten niederhängenden, vermorschten und vergilbten preußischen Ruhmeszeichen, wie ein fernes Echo: › Fridericus Rex , unser König und Held – Wir schlagen den Teufel für Dich aus dem Feld!‹ ein Rauschen durch die Zeiten, Treue um Treue. Einer der Generale hob den schlohweißen Kopf und musterte eine Sekunde die Familie in der Loge links – die Witwe, die Kinder, die Schwiegersöhne und Schwiegertöchter. Vorn, neben ihrer Mutter saß Margarete, das Tuch vor den Augen ... Es war ihr wie ein Traum ... Die Reise durch die Nacht hierher ... das Sterbebett ... der Vater hatte sie noch erkannt ... sie angeschaut ... mit seiner Hand die ihre gesucht ... so, als ob er ihr noch etwas sagen wollte – gerade ihr vor allem – es lag wie eine Angst auf seinen eingefallenen, gütigen Zügen – es blieb unausgesprochen ... Er nahm es mit sich hinüber. Hinüber ... Papa war immer da gewesen ... man wußte überall seine Nähe und Hilfe. Seine stille Art wirkte in einem nach, auch wenn man getrennt von ihm war. Selbst in Paris. Margarete merkte jetzt erst, wie sie dort immer noch als Gegengewicht zu ihrem Feddersenschen Leben den Rückhalt in der Heimat gefühlt hatte. Sie spürte, wie das hier Geist von ihrem Geiste war. Und wie ein Widerhall der Erkenntnis schloß oben die Stimme des Predigers: »Sei getreu bis in den Tod, so will ich Dir die Krone des Lebens geben!« Und Degen und Helm auf dem Sarge sprachen: »Hier ruht erfüllte Pflicht!« Und auf den tiefernsten Gesichtern aller alten und jungen Offiziere lag ein Abglanz dieses »Ich dien'«. Der Sarg hob sich. Es war ein langer Trauerzug über die Straße in den Invalidenkirchhof hinein, auf dem schon so viele preußische Krieger ruhten. Die Leute auf dem Bürgersteig blieben stehen. Viele lüfteten den Hut. Ueber den Gräbern drinnen schien die Herbstsonne. Noch war das letzte Sommerlaub an den Bäumen. Noch sangen die Vögel. Fern dröhnte Berlin. Der Geistliche breitete die Hände aus ... All die funkelnden Helme sanken nieder ... mit bloßen Köpfen standen die Generale, die Leutnants ... ›Vater Unser, der Du bist im Himmel ...‹ Dumpfes Schollengekoller auf dem Sarg ... ein Händedruck nach dem andern neben dem offenen Grab. Margarete stand allein. Ihr Mann, der sie nach Berlin begleitet, hatte dringender Geschäfte wegen noch vor der Beisetzung heimreisen müssen. Sie hörte, wie einer der alten Herren halblaut, mit verbissenen Tränen, zu dem anderen sagte: »Ich hab' ihm damals noch die Fahne aus der Hand genommen, bei Alsen, wie ihm die Kugel durch die Hand ging ...« Daneben stand ein Handwerksmeister im einfachen Rock. Er glaubte, er müsse seine Anwesenheit entschuldigen: »Ick hab' et nämlich in der Zeitung jelesen,« sagte er zu Adalbert. »Da bin ick von Eberswalde herüber. Ick war mit dem Herrn Hauptmann bei Mars-la-Tour!« Die drei Söhne drückten ihm, einer nach dem andern, stumm die Rechte. Auch dem Krugwirt aus einem märkischen Dorf, einem einstigen Burschen des Herrn Obersten. Vom Verein ehemaliger Angehöriger des alten Teuffernschen Regiments war eine Abordnung erschienen. Biedere Bürger. Die Exzellenzen erkannten darunter Leute ihrer früheren Truppenteile. Sie begrüßten sie mit Handschlag. Es war wie eine Verbrüderung am Grabe. Kein Unterschied der Stände mehr. Preußen selbst, das Volk in Waffen, trug den General von Teuffern zu Grabe. Und ein Bild erschien vor Margarete ... die Tauftafel in Paris ... vor wenigen Tagen ... die satten Gesichter ... das skeptische Lächeln ... der Streit über die Kurse ... Sie fröstelte ... ihr war, als käme sie aus einem Pfuhl ... Sie schaute um sich. Die Trauerfeier war zu Ende. Die Leidtragenden verloren sich in Gruppen. Weit da hinten stand ein einzelner Herr, breitschultrig, im Zylinder und dunkeln Paletot, wie absichtlich abseits. Sie hatte ihn bisher nicht bemerkt. Er mußte sich während des ganzen Begräbnisses in den letzten Reihen gehalten haben. Er kam ihr vertraut vor. Nur etwas störte sie: der kurze, blonde Vollbart. Den trug er früher nicht. Sie zuckte zusammen. Er war es doch. Es war Moritz Lünemann. Er sah gereifter und männlicher aus. Es lag ein unwillkürliches, etwas schwerfälliges Selbstbewußtsein in seiner Haltung. Eben wandte er sich um. Er wollte sich offenbar unbemerkt zurückziehen. So mochte sie ihn nicht gehen lassen. Am heutigen Tage nicht. Ihr Herz war weich. Sie ging auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Er ergriff sie stumm, mit der Linken den Hut lüftend. Er wartete, was sie ihm zu sagen habe. Er vermied die herkömmlichen Beileidsphrasen. Es war eine kurze Pause. Dann versetzte sie: »Ich danke Dir, daß Du gekommen bist!« Es erschien ihr natürlich, ihn Du zu nennen, hier im Angesicht des Todes. Er erwiderte kurz: »Ich war es ihm schuldig! Ich hab' zu viel Hochachtung vor ihm gehabt ... immer ...« Sie verstummten und schauten auf den Kies zu ihren Füßen nieder. Dann hob sie den Kopf und frug leise: »Wie geht es Dir denn?« »Danke, sehr gut!« »Du hast den Abschied genommen?« »Schon vor mehr als zwei Jahren.« »Und bist zufrieden?« »Man ist mit mir zufrieden! Also bin ich's auch!« Wieder schwiegen sie. Er kam ihr nicht um einen Zoll breit entgegen. Er sprach nicht eine Silbe von sich aus. Er frug sie nicht einmal, wie es ihr ginge. Sie bot ihm zum Abschied die Rechte: »Leb wohl!« »Leben Sie wohl!« Als sie dann vom Begräbnis heimfuhren, Mutter, Schwestern und sie in dem geschlossenen Wagen, sie alle in der übernächtigen, zerfallenen, leeren und matten Stimmung, nach Erfüllung der letzten Pflicht, sprach aus dem trüben Schweigen heraus ihre Schwester Sofie von selbst von Moritz Lünemann: »Er macht Karriere!« sagte sie. »Er ist in der Fabrik die rechte Hand des Generaldirektors Malloney. Ich hab' neulich gehört: er verdient schon fünfzehntausend Mark im Jahr!« Nach Feddersenschen Begriffen war das nicht viel. Es tat Margarete weh, daß sie halb unbewußt diesen Vergleich zog. Das war der Geist von da drüben – das war ihr Mann ... Nein, hier mußte sie für sich sein – unter denen, die ihres Blutes waren ... ihres Namens ... ihres Geistes ... Am Abend saßen sie alle beieinander in der Wohnung der Eltern. Ueber der lag noch der Sterbehauch. Man ging unwillkürlich auf den Fußspitzen, man sprach nur halblaut – es war, als sei unsichtbar immer noch einer mehr im Zimmer, höre, was man redete, wisse, was man dachte ... Die Ehrfurcht vor seiner Nähe spiegelte sich auf allen blassen Gesichtern. Man hatte das Gefühl, daß tiefes Schweigen das Beste sei. Aber es war eine Erlösung, daß man reden mußte. Von den nächstliegenden, alltäglichen Dingen, die mit dem Todesfall zusammenhingen. Margarete saß etwas abseits von den anderen. Es war selbstverständlich, daß sie, die Millionärin, von vornherein auf jede Erbschaft verzichtete. Sie wunderte sich nur, wie ruhig und vornehm diese geschäftsungewohnten jungen Männer und Frauen, die doch alle im Punkt des Geldes nicht auf Rosen gebettet waren, miteinander verhandelten, einander entgegenkamen, ängstlich jeden Schein mieden, als suchten sie einen Sondervorteil. Die Besprechung dort dauerte nicht lange, der alte Herr hatte seine Angelegenheiten in musterhafter Ordnung zurückgelassen. Er hatte seinen Tod geahnt und in stoischer Ruhe erwartet: er schrieb es selbst in einem Abschiedsbrief an seine Söhne und Töchter, einfache, gütige Worte. Er dankte ihnen für ihre Liebe. Er war mit ihnen zufrieden, er gab ihnen seinen Segen auf den Lebensweg. Sie hatten diese Zeilen, mit der Aufschrift »An meine guten Kinder!« zuoberst in einem Fach seines Schreibtisches gefunden. Daneben hatte ein zweiter Brief gelegen. »An meine liebe Grete« stand mit zitteriger Hand darauf. Der älteste Bruder gab ihn ihr. Sie nahm ihn stumm und ging hinüber in das Zimmer ihrer Mutter. Dort stand sie allein für sich neben der brennenden Kerze und las: »Meine geliebte Tochter! Du bist dasjenige meiner Kinder, dem es am besten geht, und das einzige, das mir wirkliche Sorgen machte. Die anderen brauchen meine Ermahnungen nicht. Sie gehen ihren Gang. Zu beiden Seiten haben sie Schranken. Sollte doch einmal einer nicht recht vorwärts können, so sind genug hilfreiche Hände um ihn herum, die ihn weiter führen. Du aber stehst fern von uns, allein in einer schwindelnden Höhe – wenn man Reichtum Höhe nennen soll. – Um Dich sind Menschen anderer Art, als ich sie kenne. Ich weiß nicht, wieviel sie Dir sind. Mir haben sie, als ich bei Dir war, gar nicht gefallen. Und Du, meine gute Grete – Du mußt bedenken, ich mische mich nicht bei Lebzeiten in Deine Angelegenheiten, ich spreche jetzt, nach meinem Tode, hier noch einmal als treubesorgter Vater zu Dir – Du auch nicht! Deswegen bin ich nicht wiedergekommen. Du hast Dich in Paris verloren, Grete – das verloren, was wir Dir ins Leben mitgegeben haben. Du hast dafür Feddersenschen Geist und Feddersensche Weltanschauung eingetauscht. Und denke: wenn es Krieg gibt. Einmal muß er wieder kommen. Wir sind zu reich und froh. Wir haben zu viel Neider. Dann gibt es keine Deutsch-Russen und Deutsch-Franzosen mehr, sondern nur noch Deutsche und ihre Feinde. In welchem Lager bist dann Du? Zerreißt Dir der Gedanke nicht die Seele, daß Dein Sohn dann die Waffen gegen das Land führen soll, das Dich gebar? Kind ... Es ist mein einziger Kummer, den ich noch habe, und meine letzte Bitte ist die: Bleibe im Geist uns treu! Denke deutsch! Mache Deinen Mann wieder deutsch! Du hast Macht über ihn. Er liebt Dich. Ich habe Dich beobachtet. Glaube mir: Du wirst doch nie ganz so wie die Leute dort: Dazu muß man von Jugend auf zu ihnen gehört haben. Dir geht viel zu sehr Dein Elternhaus nach! Das magst Du zehnmal verleugnen. Du wirst es doch nicht los. Du warst doch immer so stolz, mein Kind! Ich an Deiner Stelle würde schon aus Stolz so bleiben, wie ich bin. Und eben dadurch den anderen auch Achtung abnötigen und ...« Hier brach der Brief ab. Der General von Teuffern war offenbar gestört worden und hatte nicht mehr die Zeit zur Vollendung gefunden. Margarete las die Zeilen andächtig. Dann kehrte sie zu den übrigen zurück. Sie war den ganzen Abend still. Sie wollte am nächsten Tage heim. Sie durfte den kleinen Charles-Iwan nicht länger allein lassen. Es ging ihm gut. Ihr Mann schickte ihr jeden Morgen ein Bulletin über sein Befinden. Am Nachmittag vor der Abreise stand sie mit der Mutter noch einmal vor dem Grab. Sie hörte ihr Schluchzen. Sie dachte, wie verlassen sie nun sein würde, und bat sie: »Komm doch zu mir nach Paris, Mama!« In Frau von Teufferns vom Weinen geröteten Augen las sie fast einen Schrecken über diesen Vorschlag. Daran hatte die Generalin noch nicht gedacht. Das konnte sie nicht. Sie zog nach Potsdam zu ihrer dort wohnenden verwitweten Schwester. »Nein, Grete,« sagte sie. »Ich danke Dir! Aber zu Euch passe ich nicht hin! Das weißt Du auch selbst am besten!« Und ihre Tochter schwieg mit einem trüben Lächeln und drang nicht weiter in sie. Als sie dann, von ihrer Kammerjungfer für die Nacht versorgt, allein in ihrem Abteil des Luxuszuges saß, als die Räder unter ihr eintönig rastlos rollten, selten einmal in dem bleiernen Dunkel vor den Scheiben ein verlorenes Licht vorüberglitt, als nach all den Aufregungen und Erschütterungen dieser Tage plötzlich tiefste Einsamkeit sie umgab, da sagte sie sich: Der arme Papa spricht in seinem letzten Brief so zu mir, wie er mich vor fünfviertel Jahren gesehen hat. Seitdem hat sich vieles in mir geändert. Ich brauche Rat und Hilfe jetzt noch weit nötiger als damals in dem ersten Rausch. Jetzt ist die Ernüchterung gefolgt. Ich sehe klar. Eine Stelle des Briefes stand ihr vor Augen: »Du hast Macht über Deinen Mann. Er liebt Dich ...« Sie hob in müder Hoffnung den Kopf. Das war wahr. Karl Feddersen liebte sie in seiner Art. Wer noch geliebt wurde, brauchte nicht zu verzagen. Er hatte noch den Schlüssel zu seinem Schicksal in Händen. Unter ihr donnerten die Schienen auf einer Brücke über einen unsichtbaren Fluß. Es riß sie fort durch die Nacht, aus der zerstörten Heimat weg. Sie hatte jetzt nur noch eine Zuflucht auf Erden – bei ihrem Mann und ihrem Kind. Reue erfaßte sie auf einmal. Sie warf sich vor: ich war lieblos gegen Charley! Er ist doch nun einmal mein Mann. Ich muß ihn nehmen, wie er ist. Ich hab' ihn nicht zu nehmen verstanden. Zuerst hab' ich zu leidenschaftlich um seine Liebe geworben, dann, als er das nicht begriff, stieß ich ihn durch Gleichgültigkeit zurück. Ich muß geduldiger sein. Ich muß immer daran denken, daß er mich liebt. Dann werde ich die beiden, den großen Charley und den kleinen Charles, doch noch in Wirklichkeit mein eigen nennen. Und – wer weiß – sie vielleicht doch, wie es der Vater will, unmerklich hinüberziehen in meine Welt ... Sie hatte jetzt aus den Schauern der Sterbestunde, des Begräbnisses, der Nacht vor den Fenstern ein schmerzliches Sehnen nach dem, der dazu berufen war, sie im Leben zu schützen und zu geleiten. Die Einsamkeit war wie eine Mahnung in ihr. Sie war in einer weichen, versöhnlichen Stimmung, als der Zug in Paris einlief. Karl Feddersen holte sie am Bahnhof ab und brachte sie nach Hause. Sie fing bei Tisch an, von dem Begräbnis zu berichten – von den vielen Offizieren, den Regimentsabordnungen, den Veteranen, der Predigt, den Fahnen neben dem Altar. Er hatte aufmerksam, aber ohne eigentliche Teilnahme zugehört. Plötzlich brach sie in helles Weinen aus. Er legte erschrocken den Arm um sie. »Was hast Du denn, Margot?« »Ach nein ... nein ...« Sie trocknete ihre Tränen, »es ist nur so ...« »Nun, Daisy?« »Es ist dort alles so anders wie hier.« »Wieso?« »Ich weiß selber nicht ... das versteht Ihr hier nicht ... Das tut einem so weh ...« Das reizte ihn schon wieder. »Früher hast Du Deine heimischen Verhältnisse nicht so bewundert!« sagte er trocken. Sie nickte. »Nein! Aber bei solchen Gelegenheiten merkt man doch, daß man ein Soldatenkind ist! Es steckt in einem!« »Nun ... es freut mich, daß die Feier so würdig verlief. Wie steht es denn mit der finanziellen Lage Deiner Mutter? Ich bin natürlich gern bereit ...« »Danke sehr. Papa hat für alles gesorgt!« Ihre kurze Antwort verdroß ihn. Er versetzte ziemlich scharf: »Du scheinst die Geldfrage gering einzuschätzen, nach Deinem hochmütigen Lächeln zu schließen. Ich nicht. Ich gehöre nicht zu Deinen Herren vom bunten Tuch, jenseits des Rheins! Ich bin Kaufmann! Man kann das Geld verachten, ma chère ! Aber dann sollte man es auch nicht annehmen und mit vollen Händen ausgeben!« Sie zuckte zusammen. Es war eine Pause. Endlich sagte sie langsam: »Du hast recht! Ich lebe ja hier von milden Gaben! Ach ... ich hab' solche Angst ... Charley ... um Gottes willen, hilf mir doch ... sei mir doch einmal in meinem Leben nah.« Sie war aufgesprungen. Auch er erhob sich verwundert. »Was möchtest Du denn, mon enfant ?« frug er nachsichtig, halb lächelnd. Sie ahnte schon förmlich seine Handbewegung zum Portefeuille in der Fracktasche. Sie streckte abwehrend die Rechte aus. »Laß nur diesmal Dein Scheckbuch stecken, Charley! Das ist es nicht!« »Sondern?« »Gib mir einen Halt! ... Schau, wie mir zumute ist ... Denke Dich in mich hinein ... ich irrlichtere da hin und her! Merkst Du das denn gar nicht?« »Nein.« Sein erstaunter Blick bestätigte es. Es lag Mißbilligung darin. Er wollte nach Tisch seine Ruhe haben. Er zündete sich im Salon eine Zigarre an. Er wartete, daß sie weiter sprechen würde. »Was ist denn nur passiert?« erkundigte er sich, da sie schwieg. »Nichts!« »Oder was soll denn passieren?« »Auch nichts!« » Allons! Tout va bien! ... Was willst Du denn noch, mein Kind?« ... »Mein Leben möchte ich! Es zerrinnt mir so! Ich kann es nicht fassen! ... Es ist so ein schrecklicher Zustand ... Ich möchte dasitzen und weinen ... nicht über Papa, sondern über mich ... Ich weiß nicht, was aus mir werden soll, wenn das so weiter geht.« Er rang nun ernstlich ungeduldig die Hände. »Was denn weiter geht? Margot – man muß auch nicht undankbar sein! Du hast wirklich alles, was eine Frau vom Leben erwarten kann ... Mann und Kind ... Reichtum und eine glänzende Position! Zur Kaiserin von China kann ich Dich freilich nicht machen!« »Aber unsere Ehe könntest Du anders machen!« »Wie denn?« »Inniger, Charley ... einfacher ... herzlicher ...« »Einfacher? Sollen wir etwa am Sonntag nachmittag nach St. Cloud ziehen? ... Du schiebst den Kinderwagen, ich trage das Netz mit Eßsachen ... Oder wie denkst Du Dir das?« Sie kannte seine Art, Gespräche, die ihm unbequem wurden, ins Lächerliche zu ziehen. Es zuckte um ihre Lippen. »Ich bin schon still, Charley,« sagte sie. »Es ist ja alles vergebens! Du bist blind und taub!« »Wenn Du mir nur endlich verraten wolltest, was Dir eigentlich fehlt!« »Ein wenig Wärme, Charley, weiter nichts! Ich friere so zwischen Euch! Ihr seid so kalt. Und mir tut Kälte so weh.« Er ging ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab. »Ach ... verschone mich mit diesen Sentimentalitäten von jenseits der Vogesen. Sie kommen gerade heute so unglücklich wie möglich. Komm mal her, Daisy ... Ich will Dir was erzählen!« Sie folgte seiner Aufforderung. Er legte ihr die Hand unters Kinn. »Deswegen kam ich heut' in so guter Stimmung nach Hause, ma petite ! Es ist ja nur eine Aeußerlichkeit, aber für mich doch sehr wertvoll. Mein Naturalisierungsgesuch ist heut' vom Minister unterzeichnet, von jetzt ab sind wir – Du, ich und Charles-Iwan – Bürger der französischen Republik.« Sie erwiderte nichts. Ihr Gesicht blieb unbewegt. 14. »Lieber Charley! Du schreibst, daß Deine Geschäfte Dich noch ein oder zwei Wochen in Paris festhalten! Ich hab' mir's gedacht. Eure Geschäfte dauern hinterher immer doppelt und dreimal so lang als Ihr zuerst glaubt. Du meinst, ich möge mir inzwischen die Zeit in Biarritz nicht lang werden lassen. Doch, Charley – die Zeit wird mir hier zu lang! Ich habe Sehnsucht nach Charles-Iwan, nach unserem Heim, nach Dir. Auch nach Dir! Das wird Dich wundern. Aber es ist so. Ich habe in diesen Tagen viel über mich nachgedacht, über unsere Ehe, überhaupt, wie so alles gekommen ist. Man glaubt ja immer, man tut im Leben, was man will. Aber hinterher merkt man, daß einen irgend etwas von hinten unsichtbar gepackt und geschoben hat. So bin ich Deine Frau geworden. Ich möchte mich einmal brieflich mit Dir aussprechen, ehe ich mich kurz entschließe und dieser Tage auf eigene Faust zu Dir nach Paris komme. Ich habe mir die Frage vorgelegt: Wenn es nun vier Jahre zurück wäre und Du wärest wieder Margarete Teuffern – was würdest Du ein zweites Mal tun? Würdest Du wieder Ja oder Nein sagen? Und ich habe gefunden, daß es darauf gar keine Antwort gibt. Denn der, der sich das jetzt überlegt, ist ein ganz anderer Mensch als der, der vorher die Entscheidung treffen soll. Mit anderen Worten: man kann nichts tun, als sich mit dem Gegebenen abfinden und die Folgen seiner Entschlüsse tragen. Die sind ja nicht immer froher Natur. Unsere Ehe ist nicht so geworden, wie sie hätte sein sollen und hätte sein können: Wir gehen nebeneinander her. Wir sind einander müde. Du kannst ruhig Wochen ohne mich in Paris verbringen, ich sitze hier Hunderte von Meilen von meinem Kind. Wir müssen uns viel näher kommen, Charley! Das hab' ich ja schon oft versucht – aber, wie mir jetzt klar ist, auf falschem Wege. Ich habe immer nur von Dir alles erwartet, statt einmal mich selber zu prüfen. Dazu hab' ich jetzt hier allein und in fremdem Lande Gelegenheit gehabt und habe es in der Woche seit Deiner Abreise schonungslos getan. Da hab' ich erkannt, daß auch an mir viel Schuld an unserer trüben Ehe liegt. Ich habe eine Verstandesheirat geschlossen. Ich habe keine Liebe, sondern Selbstsucht mitgebracht. Du warst mir nur der Gebende, der Schlüssel zu äußeren Dingen des Lebens, und hast es daran wahrlich nie fehlen lassen, und ich habe sie als selbstverständlich hingenommen. Und wenn ich versucht, die Liebe durch Pflichterfüllung zu ersetzen, – ja, Ihr habt mir ja nie Pflichten auferlegt. Ihr nahmt sie mir sogar aus den Händen: Ich darf noch nicht einmal die Temperatur im Zimmer meines Kindes selbst bestimmen. Ich bin rein ein Luxusgegenstand, und was das Schlimmste ist, ich habe mich darin wohl gefühlt. Das rächt sich jetzt an mir. Mein besseres Teil wird unruhig. Es fordert sein Recht. Es muß es haben. Es gerät sonst einmal auf Abwege. Denn schlafen wie bisher kann es nicht mehr. Wenn ich jetzt, ohne Dich erst zu fragen, zurückkehre, Charley, mußt Du in mir mehr sehen als bisher. Du mußt mir einen Wirkungskreis geben, der meiner würdig ist, ernste Obliegenheiten. Ich will von jetzt ab Charles-Iwan tatsächlich und in jedem Sinn eine Mutter sein. Wir beide, seine Eltern, wollen uns zusammen einleben in eine wirkliche Freundschaft. Denn wir sind doch aneinander gebunden, und ich brauche einen Halt. Kein Mensch kann auf die Dauer ganz allein sein, am wenigsten eine Frau. Warum ich Dir das alles schreibe und nicht lieber sage? Lieder Charley, ich fürchte Dein ironisches Lächeln! Vor dem erstirbt mir das Wort im Munde. Ich bringe nicht die Hälfte von dem heraus, was ich jetzt niedergeschrieben habe. Ich flehe Dich an: Lasse von nun an dies Lächeln! Sei gut zu mir, sei ernst zu mir! Ehre Deine Liebe zu mir, indem Du mich von nun ab für voll nimmst und nicht als ein Spielzeug behandelst. Sieh nicht nur mit Wohlgefallen mein bißchen Aeußeres. Gib Dir Mühe, auch einmal in meine Seele einzudringen. Vielleicht ist da mehr. Ich will es Dir lohnen. Ich will Dich lieben. Dann werden wir gewiß noch recht, recht glücklich zusammen. Ich werde schon, wenn Du mich auf dem Bahnhof erwartest, an Deinem Gesicht sehen, ob Du mich verstanden hast, daß dies eine Lebenswende für mich bedeutet. Eine Wendung zu Dir. Ich flüchte mich zu Dir. Ich muß es. Ich schicke diesen Brief heute als Noten voraus und reise selbst morgen von hier ab. Von Hendaye telegraphiere ich noch genau meine Ankunft in Paris. Auf Wiedersehen! Lies meinen Brief genau! Lies ihn lieber zwei- oder dreimal, bis er Dir alles sagt, was er sagen soll. Küsse Charles-Iwan von mir! Margarete.« Sie hatte eine Abschrift dieser Zeilen bei sich und überflog sie noch einmal einst und gedankenvoll, während der Süd-Expreß sie langsam, auf geräuschlos rollenden Rädern nach dem eigentlichen Europa trug. Die Kammerfrau steckte den Kopf durch den Türspalt und erkundigte sich flüsternd, ob Madame etwas brauche. Margarete Feddersen verneinte. Sie schloß die Augen und lehnte sich in die Polster zurück. Sie war froh, daß sie nun bald schlafen konnte. Als sie am nächsten Morgen den Vorhang zurückzog, war es schon spät. Unermüdlich surrten und sangen unter ihr die Räder. Draußen glitt Frankreich vorbei – aber nicht das lachende Hügelland wie sonst. Dieser kahle Sandboden, diese endlosen Kiefernwälder des Departements Landes erinnerten an die Heimat ... an den Grunewald ... an die Düsterkeit zwischen den Föhren – das Rot der Sonne über der Havel, wie sie es so oft in ihren Mädchenjahren gesehen ... Seltsam: bei dieser Gedankenverbindung stand Moritz Lünemann vor ihr. Sie hatte lange nicht mehr an ihn gedacht. Es hatte Monate gegeben, wo er ganz aus ihrem Bewußtsein geschwunden gewesen war. Jetzt auf einmal lebte er wieder. Sie wußte selbst nicht, wie das kam. Und eine tiefe, plötzliche Traurigkeit sagte ihr: Ja, der hat mich geliebt! Der hätte mich in seiner rauhen Art auf Händen getragen. Der wäre mir über Länder und Meere hin gefolgt. Statt dessen fahre ich jetzt von einem Weltteil zum andern hinter meinem Mann her, der mich gar nicht braucht ... Bettle um seine Liebe ... Sie preßte die Lippen zusammen. Sie kam sich entwürdigt vor und doch war sie so voll Reue und guten Vorsätzen, daß sie sich, als der Zug in die Nacht des Tunnels unter Paris hinabschoß, förmlich darauf freute, daß Charley, groß, blond und stattlich, die eigentlichen winzigen Franzosen alle überragend, auf dem Bahnhof stehen und sie begrüßen würde. Aber umsonst strengte sie, dem Coupé entstiegen, die Augen an. Karl Feddersen war nicht zu entdecken. Auch der Diener war nicht da. Das Automobil nicht. Sie schüttelte den Kopf. Ein Schauer der Enttäuschung überlief sie. Es war so traurig, daß das neue Leben gleich wieder damit anfing. Sie wollte sich vor der Kammerfrau nichts merken lassen. »Monsieur wird wohl durch wichtige Geschäfte verhindert sein!« sagte sie so gleichgültig wie nur möglich. »Besorgen Sie das Gepäck und eine Autodroschke!« Paris lag im Frühlingssonnenglanz. Von drüben am linken Flußufer leuchtete das Grün der Tuilerien, auf dem Seinespiegel schossen die Dampfschiffe, auf dem breiten Quai d'Orsay drängten sich die Menschen. Margarete sah immer noch bei der Abfahrt spähend nach vorn, ob nicht da irgendwo, am Palais Bourbon, an der Deutschen Botschaft, am Versailler Bahnhof ihr Mann ihr, durch irgendwelche Umstände verspätet, begegnen würde. Umsonst! Schon waren sie auf dem Invalidenplatz – am Triumphbogen vorbei – der Wagen hielt vor dem kleinen Palais in der Avenue du Bois de Boulogne. Es dauerte lange Zeit, bis auf das Klingeln gegen alle Vorschrift statt des Dieners ein verschlafenes Hausmädchen öffnete und Margarete verblüfft ansah. Offenbar hatte kein Mensch ihre Rückkunft erwartet. Die junge Frau trat, an dem Mädchen vorüber, in den Salon. Dort schnellte bei ihrem Eintritt der Kammerdiener aus dem Schaukelstuhl, in dem er die Zeitungen durchgeblättert hatte. Er stotterte etwas. Sie ging schweigend weiter Sie eilte die Treppen hinauf in das Kinderzimmer. Da schlummerte der kleine Charles-Iwan in seinem Bettchen. Sie kniete davor hin. Er sah noch bleicher und hagerer aus als bei ihrer Abreise. Er hatte immer noch das spitze Altmännchengesicht, als lasteten schon alle Sorgen der Firma Iwan Feddersen und Söhne auf ihm. Sie schaute mit einem schwachen mütterlichen Lächeln auf ihn nieder. Dann stand sie auf. Die Fliegen summten. Es war heiß in dem Gemach. Sie wollte ein Fenster offnen. Aber im selben Moment stand die geräuschlos eingetretene Pflegerin neben ihr: »Guten Tag, Madame! Madame verzeihen: aber Charles-Iwan hat gestern ein wenig gehustet. Der Herr Doktor hat jeden Luftzug verboten!« Dabei legte die Wärterin schon schirmend die Hand um den Fensterknauf. Margarete Feddersen wandte sich ab. Da fing es schon wieder an. Man war im goldnen Käfig ... »Wissen Sie nicht, wo mein Mann ist?« frug sie kurz. »Nein, Madame! Ich bin heute den ganzen Tag noch nicht heruntergekommen. Ich gehe immer nur abends ein wenig an die frische Luft. Vielleicht ist Monsieur in seinem Arbeitszimmer!« »Ich werde einmal nachsehen!« Die junge Frau sagte es müde. Sie hatte das alte lähmende Gefühl, allein im Kampf mit einer feindlichen Welt zu stehen. Das Schreibkabinett Karl Feddersens, in das sie mit pochendem Herzen hineintrat, war leer. Auf dem Tisch lagen Stöße uneröffneter Briefe, viel mehr, als sonst mit einer Post kamen. Ein Gedanke durchzuckte sie. Sie ging näher heran und ließ hastig die Korrespondenz durch die Finger gleiten. Richtig: da war ihr eigenes Schreiben mit dem Stempel des Postamts in Biarritz, noch verschlossen, wie sie es abgesandt. Und da zuoberst ein Telegramm, noch geschlossen. Sie riß es auf: »Bin morgen nachmittag 4 Uhr Quai d'Orsay. Margot.« Nun erklärte es sich, daß sie dort nicht abgeholt worden war. Nein. Es erklärte sich nicht. Dieser Brief mußte spätestens vorgestern, die Depesche gestern eingetroffen sein. Wo war er, ihr Mann, inzwischen gewesen? Sie klingelte nach dem Diener. »Wissen Sie, wo Monsieur ist?« »Nein, Madame!« »Wann ist er von hier fortgegangen?« »Heute früh, Madame!« In dem glattrasierten Gesicht ihr gegenüber zuckte keine Wimper. »Das ist unmöglich ... Diese Briefe sind alle schon von gestern.« »Ach ja, richtig, Madame ... Verzeihung ... Ich vergaß, Monsieur ging gestern früh von hier fort ...« »Ins Bureau?« »Wahrscheinlich, Madame!« »Es ist gut!« Der Diene: verschwand. Sie überlegte: Unzweifelhaft hatte Charley plötzlich verreisen müssen. Wahrscheinlich nach Brüssel hinüber. Es kam oft vor, daß er telephonisch dorthin berufen wurde. Während sie sich umkleidete und vom Reisestaub befreite, fand sie, daß es wohl am besten sei, wenn sie sich rasch einmal auf dem Kontor erkundigte. Dort mußten sie am besten, wo der Chef war, und hatten telephonische Verbindung mit ihm nach Brüssel. Sie konnte selbst mit ihm sprechen. Sie beorderte das Automobil und befahl dem Chauffeur, sich zu eilen, und zitterte vor Ungeduld, als, wie gewöhnlich, an der Madeleine und auf dem Opernplatz die sechs- und achtfachen Reihen von Fuhrwerken ins Stocken kamen und sich nur noch ruckweise vorwärtsschoben. Aber endlich erreichte sie doch den Boulevard Sebastopol, wenige Minuten vor Sechs, vor Torschluß, und rauschte in die düsteren, von schreibenden und rechnenden Menschen gefüllten Räume, wo sie der erste Prokurist mit tiefem Diener empfing. »Wie schade, Madame! ... Madame kommen eine Viertelstunde zu spät. Herr Feddersen ist soeben weggegangen!« Ihre dunklen, unruhigen Augen weiteten sich. Unwillkürlich umkrampfte ihre Rechte den Spitzensonnenschirm, daß die Nähte des weißen Glacéhandschuhen zu springen drohten. Dabei lächelte sie mechanisch liebenswürdig: »War er denn hier?« »Gewiß, Madame!« »Den ganzen Tag?« »Vormittags und nachmittags ein paar Stunden, wie gewöhnlich!« »Gestern auch?« »Alle die Tage!« »Ich komme nämlich eben erst an!« sagte sie leichthin. »Wir haben uns auf dem Bahnhof verfehlt. Da dachte ich, mein Mann sei am Ende verreist.« Sie brach ab. Sie konnte die Komödie nicht weiterspielen. Ihre Stimme zitterte zu sehr. Sie nickte dem an allen Tischen und Pulten aufgesprungenen Personal kurz zu und trat wieder durch die Türe, die der Buchhalter aufriß, und stand mitten im Gewühl des Boulevard Sebastopol vor der finsteren Höhle, in der die Millionen des Hauses Feddersen verdient wurden, und sagte sich, von den Menschenwellen umdrängt, in hilflosem Staunen: »In Paris ist er! Daheim ist er nicht. Wo kann er sein?« Der Chauffeur wartete, die Kappe in der Hand, auf ihren Befehl. Ja, wohin? ... Irgendwo mußte man doch Gewißheit bekommen. Aber bei wem sich Rats erholen – nur ein Lebenszeichen von ihrem Mann? Er war doch seit Wochen zurück. Er mußte sich doch bei Freunden und Verwandten gezeigt haben ... »Zu Madame Alexandre Feddersen!« beorderte sie rasch entschlossen. Sie stand mit der Schwägerin wie Hund und Katze. Ein Bruch war, der Männer und des Geschäfts wegen, unmöglich. Dafür seit Jahren eine Politik der Nadelstiche. Aber das galt ihr jetzt gleich. Sie fuhr vor dem prunkvollen Hause in den Champs-Elysées vor, dessen erste Etage Sascha mit seiner Familie bewohnte. Sie sah, wie aus einem der Fenster die Amerikanerin auf das ihr genau bekannte Automobil herunterschaute, das ratternd im Vorhof hielt. Trotzdem lispelte ihr gleich darauf der oben öffnende Diener entgegen, Madame sei leider nicht zu Hause. Der Zorn erfaßte sie. Sie war so nervös und ungeduldig, daß sie den Mann ohne ein weiteres Wort beiseite schob und mit kurzem Klopfen in das Boudoir zur Rechten trat, wo, wie sie erwartet hatte, Madge Feddersen in aller Gemütsruhe saß. Sie war zehn Jahre älter als Margarete, überschlank, überelegant, mit einem mageren, hochmütigen Kopf auf einem langen weißen Hals, den eine Kette Diamanten von halber Haselnußgröße umschloß. Ihr amerikanisch gefärbtes Französisch gab ihrer Stimme immer etwas für Margaretens Ohren Impertinentes. Ebenso war ihr Lächeln. Sie war sitzen geblieben und streckte der anderen nachlässig die Hand hin. »Sieh da, Daisy! Wie nett! Glücklich zurück ... Gesund und munter! Und ganz sonnverbrannt. Dein Teint hat ein wenig gelitten! ... Aber so nimm doch Platz!« Margarete Feddersen war stehen geblieben. Sie frug schroff: »Sag' mal: Warum läßt Du Dich eigentlich vor mir verleugnen?« Die schmächtige Amerikanerin fiel aus den Wolken. »Ich? Aber, dear ... ich bitte Dich! Das war höchstens eine Dummheit des Menschen da draußen ...« »Der wußte genau, was er tat!« Die junge Frau sprach jetzt ruhiger. Sie wollte sich nicht durch Aufregung etwas vergeben. Sie setzte sich sogar. »Es ist mir schon einige Zeit vor meiner Reise aufgefallen, daß Du Dir einen etwas nonchalanten Ton gegen mich angewöhnt hast,« versetzte sie, »so, als ob ich bei Dir nicht mehr für ganz voll gelten sollte! Laß das bitte! Wir sind nun einmal Schwägerinnen. Wir haben es uns nicht ausgesucht. Aber nun müssen wir eben miteinander auskommen. Ich möchte von jetzt ab mit aller Welt in Frieden leben. Drum sag' ich Dir das ganz offen!« »Eine Tasse Tee, Liebste?« »Nein, danke ...« »Es wird Dir gut tun! Was hast Du nur? ... Du siehst ja auf einmal elend aus ...« »Ich bin müde von der Reise, und wie ich ankam, war Charley nicht da. Ich such' ihn in der ganzen Stadt. Weißt Du nicht, wo er ist?« »Keine Ahnung!« Es war ein rätselhaftes Lächeln um die dünnen Lippen der Amerikanerin. Dann setzte sie hinzu in einem anscheinend harmlosen Ton: »Vor einer Woche war er einmal bei mir! Da fühlte er sich ganz wohl für einen Strohwitwer!« »Seitdem hast Du ihn nicht gesehen?« »Ja, soll ich Deinen Mann bewachen?« Das ›ich‹ klang so merkwürdig, halb ironisch, halb mitleidig. Man konnte durchhören: »Hüte Du ihn doch lieber!« Margarete stand auf. Sie hielt es nicht mehr aus, in diesem engen Zimmer, mit den Gedanken, die auf sie einstürmten ... Sie verabschiedete sich hastig, drückte der Schwägerin die spitzen, über und über mit Ringen bedeckten Finger, nahm einen flüchtigen Judaskuß mit auf den Weg und setzte sich in ihre Limousine und fuhr heim. Dort kauerte sie bleich und erschöpft in ihrem seidenen Schmuckkästchen von Boudoir, vor dessen Fenstern an dem lauen Maiabend die Menschenwellen, die Wagen und Automobilreihen wie das Gewimmel eines Ameisenschwarmes die breiten Anlagen zum Bois de Boulogne hinströmten, und hielt die Finger zwischen den Knien ineinandergekrampft und starrte vor sich hin, immer auf das unregelmäßige violette Fünfeck in dem alten Perserteppich, das vor Jahrhunderten irgendwo in Innerasien braune Frauenhände im Harem geknüpft. Vielleicht war sie selber auch nur solch eine Odaliske, ein teuer bezahltes Spielzeug, das man wegwarf; wenn man seiner überdrüssig war. Ihre Gedanken richteten sich jetzt unablässig auf einen einzigen Punkt, der war lächerlich und doch entscheidend: Karl Feddersen hatte alles, was er des Morgens beim Aufstehen benötigte, Zahnbürste, Kamm, Leibwäsche, hier gelassen und brachte doch die Nächte außerhalb zu. Also mußte er eine Reservegarnitur davon besitzen. Also hatte er eine zweite Wohnung. Also führte er eine doppelte Menage ... Sie stand langsam auf. Sie kam sich dumm vor, daß sie das nicht gleich begriffen, was alle anderen um sie offenbar schon lange wußten! Wie mochte hinter ihrem Rücken gelacht und getuschelt worden sein! ... Jetzt wurde ihr alles allmählich klar: daher auch die Frechheit der Schwägerin vom Moment ab, wo jene sah, daß Karl Feddersen gleichgültig gegen seine Frau geworden war – daher das geheimnisvolle neue Patent zur Verwertung der Naphtha-Rückstände, das den letzten Winter hindurch so viele abendliche und nächtliche Konferenzen mit den angeblichen Interessenten aus Baku gezeitigt hatte ... das währte schon Monate, vielleicht schon ein halbes Jahr oder noch länger ... sie war bisher blind durch diesen Sumpf geschritten ... ein jäher Ekel schüttelte sie, lief an ihrem ganzen Körper nieder, überwand in ihr Schrecken und Schwäche und Zorn, machte sie unheimlich hellsehend, daß sie die ganze Größe ihres Unglücks überschaute. Nein. Die ganze noch nicht. Sie hatte ja keine Beweise. Woher sie nehmen, wo alles gegen sie zusammenhielt und ihr ins Gesicht log? Ihr Mann war jetzt gewarnt oder wurde es in den nächsten Stunden, von zwei, drei Seiten zugleich. Der stellte dann einfach alles in Abrede. Er hatte mit Geschäftsfreunden soupiert, Konferenzen gehabt, war nach Brüssel gereist ... Basta! Bitte um Belege für das Gegenteil, mein Bester! ... Dabei lächelte er wohl kühl! ... Lächelte vielleicht auch, wenn er ihren letzten Brief endlich aufmachte und darin las, wie sie noch einmal demütig nicht um seine Liebe, nur um seine Freundschaft warb ... Das Schreiben gehörte noch ihr! Sie eilte die Treppe hinunter, um es an sich zu nehmen, durch das totenstille Haus in das Arbeitskabinett und machte erschrocken auf der Schwelle Halt. Sie hörte ein Geräusch wie das Rascheln von Papier. Eine Gestalt stand im Abendgrauen am Schreibtisch. Ihr erster Gedanke war: ein Einbrecher! Nein. Es war nur François, der Kammerdiener. Er hatte die Korrespondenz seines Herrn in ein Paket zusammengeschnürt und ging damit, ohne Margarete zu bemerken, durch die Halle und sagte nach hinten, zu dem unsichtbaren zweiten Diener: »Eugène ... Monsieur hat eben einen petit Bleu geschickt. Sie werden ihm die Briefe wieder um neun Uhr zu Leroux bringen!« »So wie vorgestern?« »Geradeso.« Natürlich: Karl Feddersen hütete sich, das Geheimnis seiner zweiten Wohnung hier im Hause preiszugeben. Er bestellte sich seine Briefschaften einfach ins Restaurant. Leroux war Margarete wohlbekannt. Es lag weit von hier in der Innenstadt, nahe an den großen Boulevards, aber doch so in einer Seitengasse zurück, daß es der große Schwarm der Fremden nicht erreichte. Es war ein Lokal für die Pariser, ohne Preisangabe auf der Speisekarte, mit berühmter Küche. Karl Feddersen hatte selbst seine Frau wiederholt nach dem Theater dort hingeführt. Er ging auch heute nicht allein hin. Es zuckte um ihre Lippen. Aber sie beherrschte sich. Sie machte sich zitternd wieder zum Ausgehen fertig und verließ, in einen dunkeln Mantel gehüllt, scheu vor ihren eigenen Dienstboten sich umsehend, rasch und lautlos, wie eine Fledermaus ins Dämmern hinausfliegt, ihr entweihtes Haus. Hundert Schritte von Leroux ließ sie ihre Mietsdroschke halten, stieg aus und legte die letzte Strecke der matterhellten, Altpariser Gasse zu Fuß zurück. Sie hob unter einer Gaslaterne die Hand und sah auf die kleine diamantbesetzte Uhr an ihrem Armband. Es war noch nicht neun. Aber sie wagte nicht länger zu warten. Sonst kam der Bote mit den Briefen nach und berichtete seinem Herrn, daß Madame von der Reise zurückgekommen sei. Dann war diese einzige Gelegenheit, die ihr noch blieb, verpaßt. Sie entsann sich noch des Eingangs zu den Sonderzimmern. Entschlossen trat sie ein und durchschritt den langen, lichthellen Korridor. Die meisten Türen waren geschlossen. Man hörte Stimmengewirr und Lachen hinter ihnen. Dazwischen die elektrische Klingel. Ungeduldig. Zweimal nacheinander. Der Kellner stürzte mit flatternder weißer Schürze um die Ecke des Ganges, das feiste Gesicht gerötet. Er prallte beinahe auf Margarete. Er erkannte sie sofort, schnellte wie ein Gummiball zurück und dienerte tief. Sie versetzte gleichmütig, fast ohne ihn anzusehen: »Mein Mann erwartet mich! Bitte, führen Sie mich zu ihm!« Der dicke Frackträger setzte eine kummervolle Miene auf: »Ich bin untröstlich, Madame! Monsieur Feddersen ist nicht hier!« »Dann kommt er wohl gleich!« »Er hat sich nicht angesagt. Es wäre jetzt auch schwer ... Beinahe alle Zimmer sind besetzt ...« Wieder klingelte es. Der Kellner wandte den Kopf nach der Richtung. Es zuckte ihm in den Beinen. Er wußte nicht, wo er zuerst hin sollte. Auf seiner kahlen Stirn standen ganz kleine, feine Schweißperlen. Die Luft war drückend heiß. »Wahrscheinlich ein telephonisches Mißverständnis, Madame!« meinte er treuherzig und bedauernd. »Es kommt leider so häufig vor ...« Hinter seinem Rücken öffnete sich die Tür, die zu dem einen Cabinet particulier führte. Ein großer breiter blonder Herr im Frack stand auf der Schwelle, das Gesicht vom Wein erhitzt, eine Zigarette schief im linken Mundwinkel, die Hände in den Hosentaschen. Er war ärgerlich. »Voyons, Gaston! ... Was ist das für 'ne Wirtschaft! Ich klingele zum fünften Mal!« Zu gleicher Zeit, im Bruchteil einer Sekunde, durchmaß Margaretes Blick das Innere des Raums. Den halb abgedeckten Tisch ... den Glanz der Kandelaberkerzen über den Früchten und den beiden Champagnerschalen – durch das feine Blau der Rauchwölkchen einen mächtigen, schiefsitzenden Federhut – das Gesicht einer jungen Frau darunter ... echt pariserische, weiß überpuderte Züge, wie man sie täglich zu Hunderten sah – im nächsten Moment war Karl Feddersen instinktiv davor getreten, um zu retten, was noch zu retten war. Er schaute seine Frau an, als sei ein Geist vor ihm aus der Erde gestiegen, und sie ihn. Die Verachtung schnürte ihr die Kehle zusammen bei seinem unglücklichen Versuch, halb schuldbewußt zu lächeln, halb jetzt noch ihr gegenüber eine majestätische Haltung zu bewahren. Sie hätte ihm am liebsten mit der Hand ins Gesicht geschlagen ... Aber sie wandte sich um. Sie eilte, ohne ein Wort zu sagen, den Gang zurück, hinaus ins Freie, und hatte, als ihr die frische Frühlingsluft entgegenwehte, zuerst nur den einen Gedanken: »Gottlob ... im Frack, mit bloßem Kopf, kann er mir nicht auf die Straße folgen. Ich bin ihn los ...« Trotzdem stürzte sie den Fußsteig entlang, bis sie das Menschengewühl der Boulevards erreichte und in ihm versank wie ein Tropfen im Meer. Herrenblicke folgten ihr sofort – es tuschelte hinter ihr – es räusperte sich an ihrer Seite – sie achtete nicht darauf. Sie schritt wie eine Nachtwandlerin geradeaus, immer weiter, bis sie hellen Lichterglanz vor sich sah und merkte, daß sie die falsche Richtung nach der Place de la République, statt nach der Madeleine eingeschlagen hatte. Sie stand halb betäubt und wußte nicht, was tun. Da leuchtete der weiße Zylinder eines Droschkenkutschers vor ihr auf. Das gab ihr plötzlich die Entschlußkraft wieder. Sie rief den Wagen an, stieg ein und fuhr heim. Sie dachte über nichts mehr nach. Nur fort von hier, fort aus diesem Hause, fort aus dieser Stadt, in der man ihre Würde mit Füßen trat. Mit Packen hielt sie sich nicht weiter auf. Sie erinnerte sich, daß gegen zehn Uhr vom Ostbahnhof ein Nachtexpreß erster Klasse abging, nach Metz oder nach Straßburg ... nach Deutschland ... Sie hatte den Fiaker, mit dem sie gekommen, draußen halten lassen. Vorsichtig, auf den Fußspitzen, in Hut und Mantel und Reiseschleier schlüpfte sie in das Zimmer ihres Kindes, blieb horchend stehen und blickte sich um wie ein Dieb in der Nacht. Sie vernahm nichts als ihr eigenes wildes Herzklopfen. Sie atmete auf. Sie hatte Glück. Die Pflegerin war eben auf ihrem gewohnten Abendspaziergang. Mit bebenden Händen hob Margarete ihr Kind aus dem Bettchen, wickelte es, während es kläglich zu schreien anfing, ungeübt und ungeschickt ein, und während sie es auf ihren Armen durch die Halle zum Ausgang hintrug, hatte sie zum erstenmal in diesen Stunden der Demütigung das Gefühl eines Triumphs. Nun war sie doch die Stärkere gegenüber ihrem Mann. Sie nahm ihr Eigentum mit sich ... hinüber über den Rhein ... Als sie in die Droschke steigen wollte, stand keuchend die Wärterin neben ihr. Sie war die letzten hundert Schritte auf dem Nachhauseweg gerannt, so daß die Vorübergehenden ihr neugierig nachschauten ... Andere blieben stehen. Im Haustor versammelte sich bestürzte Dienerschaft. »Wohin, Madame?« »Das geht Sie gar nichts an!« sagte die junge Frau. »Melden Sie nur meinem Mann, ich sei mit Charles-Iwan davon! Er weiß schon warum!« »Aber ich darf Charles-Iwan nicht verlassen! ... Ich bin für ihn verantwortlich!« Die hagere Person drängte sich heran. Margaretes Augen blitzten. »Unterstehen Sie sich, mich oder den Jungen anzurühren! ... Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Mit Euch allen! ... Mit der ganzen Wirtschaft hier!« Ihre Stimme klang schneidend. Sie setzte, ohne sich umzusehen, den Fuß auf das Trittbrett. Die Pflegerin kletterte zäh hinterher und nahm ihr gegenüber Platz. »Ich bitte um Verzeihung, Madame! Ich weiche nicht von dem Kind!« »Dann kommen Sie in Gottes Namen mit. Vorwärts!« Erst am Triumphbogen nannte Margarete dem Kutscher das Ziel der Fahrt. Sie war froh über diese Vorsicht. Denn sie mußten auf dem Bahnhof noch fast eine halbe Stunde warten. Karl Feddersen hätte sie leicht einholen können, wenn er gewußt hätte, wo sie waren. Auch jetzt noch fürchtete sie, ihn jeden Augenblick in der Türöffnung des trüben, muffigen Saals erscheinen zu sehen, auf dessen verschossenen Plüschpolstern sie, Charles-Iwan auf dem Schoße, saß. Neben ihr die Wärterin. Die hatte ihr, als Margarete die Fahrkarten löste, mit einem süßlichen Lächeln den Kleinen für einen Augenblick abnehmen wollen und die junge Frau hatte dazu gelacht: »So dumm bin ich nicht, um nicht zu wissen, daß Sie mit dem Jungen spornstreichs zum nächsten Auto rennen!« Dann erhob sie sich tiefaufatmend: »Gott sei Dank! Nun ist's Zeit. Wir können einsteigen!« In der nachtdunkeln Halle stand der Wagen. Sie las: »Paris-Lüttich-Verviers-Köln« und dachte sich: In Köln hat Papa als Bataillonskommandeur gestanden. Sie zog den Schleier vor die Lampe ihres Abteils und drückte sich scheu wie ein verfolgter Verbrecher mit ihrem Kind in eine Ecke der Polster. Draußen auf dem Bahnsteig lärmte es in französischen Lauten. Offiziere gingen sporen- und säbelklirrend vorbei, Gepäckträger in blauen Blusen, spitzbärtige Herren im Zylinder. Dann wurde es stiller. Ein Pfiff. Ein Ruck in den Achsen. »Endlich!« murmelte sie, mit einem grausam harten Gesichtsausdruck zwischen den Zähnen. Der Zug setzte sich in Bewegung und rollte in die Nacht hinaus ... 15. In Werder blühten die Kirschen. Ueberall an den Ufern der blauen Havelseen standen die Bäume in weißem Schnee. Potsdam selber lag in junges Grün gebettet. Seine alten Türme, die mächtigen Kuppeln des Stadtschlosses überragten die Dächer der Kasernen und Prinzenpalais wie einst. In der warmen Frühlingsluft zitterte das Glockenspiel: »Ueb immer Treu' und Redlichkeit!« wie damals, als sie zum letztenmal an einem Sommerabend hier gewesen war, mit dem Dampfer von Wannsee herüber, eine ganze Gesellschaft junger Offiziere und junger Mädchen. Das langverblaßte Erinnerungsbild tauchte in Margarete Feddersen auf, während sie vom Pfingstberg herniedersah. Du lieber Gott ... was war aus dem Mückentanz über dem Havelspiegel geworden? Wo waren sie alle hingeraten? Versetzt, verheiratet, in alle Winde zerstreut. Eine, die blonde Magda Frisching, bis nach Südwestafrika verschlagen, von wo sie voriges Jahr einmal eine Ansichtskarte geschrieben – und sie selber, die blasse, schöne junge Frau, deren Pariser Eleganz die Offiziersdamen in den Straßen Potsdams neugierig betrachteten – war sie wirklich einmal die Margarete Teuffern von damals gewesen? Hatte sie wirklich je auf einem Holzstoß im Grunewald gesessen, die Hand des Oberleutnants Lünemann in der ihren, und bitterlich geweint, weil sie beide sich nicht heiraten konnten? Wie lange war das her? Kaum fünf Jahre. Sie glaubte es sich kaum, als sie es, still unter dem Sonnenschirm stehend, den Blick traurig auf der Stadt da unten, nachrechnete. Ihr schien ein Menschenleben dazwischen zu liegen. Langsam stieg sie herunter. Wie wunderlich war dies um sie: die stillen Straßen mit den holländischen Kanälen, die langen Leute der Gardedukorps, die ohne Koppel und Pallasch einhergingen, als sei die ganze Stadt eine einzige Kaserne, die steinernen Puppen im Lustgarten. Sie schritt rascher aus in plötzlicher Unruhe. Es war das erstemal in den acht Tagen ihrer Anwesenheit in Potsdam, daß sie das Haus ihrer Mutter, und ihr Kind darin, auf längere Zeit verlassen hatte. Draußen, in der Gegend von Sanssouci bewohnte die verwitwete Generalin von Teuffern mit ihrer Schwester den Oberstock eines friedlichen, noch aus der Zeit Friedrich Wilhelms III. stammenden Gartenhauses. Der Weg war menschenleer. Die Sonne brannte zwischen den Schattenbündeln der Bäume. Der Fuß versank lautlos in weißen Staub. Margarete Feddersen ging wie im Traum. Es war ihr zumut, als müßte sie mit einemmal wieder in Paris aufwachen, Automobilgetute vor den Fenstern statt des Käfersummens am Rain, Benzindunst in der Luft statt Blütenhauch und Frühlingsfrieden. Ein höherer Offizier trabte vorbei. Er trug den Backenbart noch nach Art des alten Kaisers Wilhelm geschnitten. Hier in Potsdam hatte alles einen altmodischen Stich. Dann ein paar gleichgültige Fußgänger. Hinter ihnen, dicht vor dem Hause, ein junger Mensch. Sie musterte ihn mißtrauisch. Er hatte kein deutsches Gesicht. Auf den Boulevards, bei den Camelots, sah man diese bleichen Lasterfratzen. Der bartlose Kerl mit dem roten Schlips tat, als beachte er sie nicht. Sie eilte ins Haus, die Treppe hinauf, in das Zimmer, in dem eben die Pflegerin Milch auf einem Kocher wärmte, legte ihr von hinten die Hand auf die Schulter und frug rauh: »Was haben Sie mit dem Menschen da unten zu schaffen?« »Ich? Nichts, Madame!« »Leugnen Sie nicht! Sie werden ja ganz rot! Das Subjekt stand schon gestern vor dem Hause. Schon vorgestern ...« »Ich habe nichts davon gemerkt, Madame!« »Und was ist das für ein Automobil, das da unten immer vorbeifährt? Das kenn' ich auch schon!« »Madame sind sehr erregt! Madame sehen Gespenster!« Die hagere Person nahm die Milch in beide Hände und trug sie vorsichtig in das Kinderzimmer. Von drinnen rief die Generalin von Teuffern: »Schon zurück, Grete?« »Ich hatte so Angst, Mama!« »Ich auch! Es war solch ein unheimlicher Bursche an der Tür. Er konnte kein Wort Deutsch. Wir konnten ihn kaum los werden. Dabei wollte die Wärterin durchaus den Kleinen im Freien spazieren fahren, obwohl Du es ihr ausdrücklich verboten hattest! Ich mußte mich mit Tante Adelheid direkt vor die Tür stellen, um sie zurückzuhalten.« »Ich danke Dir, Mama,« sagte Margarete kurz und trat in das Zimmer der Pflegerin. »Ach bitte, kommen Sie doch mal her! Sehen Sie mich mal an! Sie können's nicht. Ich weiß. Hier haben Sie Geld! Packen Sie gefälligst gleich Ihre Sachen und sagen Sie in Paris meinem Mann: Stehlen ließ ich mir Charles-Iwan nicht! Diese Versuche seien ganz aussichtslos. Adieu!« Dann wandte sie sich, zornig auflachend, und mit funkelnden Augen zu ihrer Mutter: »Das könnte denen so passen! Die denken in Paris: Wenn sie nur ihren Erbprinzen wieder haben, was liegt dann an der Mutter! Die muß dann selber zu Kreuze kriechen. Deswegen hat mein Mann in diesen ganzen acht Tagen auch noch kein Sterbenswörtchen von sich hören lassen. Aber sie sollen sich wundern. Ich bin eine Deutsche. Ich bin ihnen hier in Deutschland zehnmal über!« Frau von Teuffern hatte sich gesetzt. Sie sah seit dem Tode ihres Mannes sehr verfallen aus. Es ging ihr nicht gut mit ihrer Gesundheit. Sie blickte zu ihrer schönen Tochter empor, die hochaufgerichtet und kriegerisch vor ihr stand. »Man muß sehen, wie nun alles wird, Grete!« sagte sie müde. »Ich bin zufrieden, daß ich wenigstens so weit bin!« Frau von Teuffern fuhr fort: »Bisher ist doch nichts an die große Glocke gekommen. Ich habe überall erzählt, Du seiest bei mir auf Besuch. Das geht ja eine Weile. Aber schließlich ...« »Sag' nur: ich sei von meinem Mann fort! Das ist für mich wahrhaftig keine Schande!« »Gewiß nicht! Aber falls Du Dich doch entschließen solltest, zu ihm zurückzukehren ...« Margarete Feddersen machte große Augen. »Ich? Nach Paris zurück? Mama, ich verstehe Dich wirklich nicht!« »Kind, wieviel Geld hast Du eigentlich bei Dir?« Die Frage kam der jungen Frau unerwartet. Sie stutzte und sagte dann halb widerwillig: »Ich weiß wahrhaftig im Augenblick nicht genau, Mama!« »Aber ungefähr?« »Ich habe so ein Bündel Hundertfrancsscheine im Täschchen!« »Und was machst Du, wenn das Bündel alle ist?« Ihre Tochter schwieg. »Ich möchte Dir ja von Herzen gerne sagen: Bleibe bei mir! Aber Du bist eine unendlich verwöhnte Frau. Der Luxus ist Dir zur Lebenslust geworden. Und hier würden wir uns bis zum äußersten einschränken müssen, um mit meiner winzigen Pension durchzukommen!« »Das fällt mir auch gar nicht ein, Dir auf die Dauer zur Last zu fallen, Mama!« »Wohin willst Du denn dann?« »Ich will nirgends das Gnadenbrot essen! Weder bei meinem Mann noch sonstwo!« »Aber von der Luft kannst Du doch nicht leben!« »Ich kann mir etwas verdienen!« »Wodurch denn? Und noch dazu mit einem kleinen Kind auf dem Hals! Mach' Dir das nur einmal klar, was das für eine Stellung im Leben ist: eine aus dem Hause ihres Mannes davongegangene Frau! Da hütet sich jeder. Da helfen uns auch alle unsere gesellschaftlichen Verbindungen nichts. Da kommst Du beim ersten Schritt auf schiefe Ebene! Gerade Du mit Deiner Erscheinung ... Deinen Ansprüchen ... Deinem Temperament ...« Nun ließ sich auch Margarete nieder und stützte düster das dunkle Haupt auf die Hand. Nach einer Weile lachte sie bitter auf: »Also, Du, meine Mutter, rätst mir, auf meinen einfachsten natürlichen Stolz zu verzichten?« »Ich rate nichts, Grete! ... Ich mache mir nur meine Gedanken, was geschehen soll. Schutz können wir Dir hier nicht viel bieten. Dein guter Vater ist tot. Was würde es helfen, wenn ich oder einer Deiner Brüder Deinem Mann die Leviten lesen wollten? – einem Franzosen, einem Millionär – irgendwo im Ausland. Wir sind ja außer jeder Beziehung mit ihm und Deinem ganzen Lebenskreis. Es würde womöglich gar keine Antwort von dort kommen!« »Mama ... kannst Du mir das Herz nicht noch schwerer machen?« »Ich muß mit Dir darüber sprechen! Ich schlafe schon keine Nacht. Du hast damals diese Vernunftehe geschlossen. Du weißt, wir haben Dich nicht hineingedrängt! Wir haben es ganz Deiner Wahl überlassen. Du bist über den Rhein gegangen. Du bist Französin geworden. Wenn Du nun so zurückkommst, mein armes Kind – ich zerbreche mir den Kopf, was aus Dir werden soll.« Die junge Frau hatte sich nervös wieder erhoben. Die Hände auf dem Rücken verschlungen, trat sie zum Fenster. Dort draußen ging wieder der bartlose Mensch von vorhin vorüber. Ein zweiter stämmiger Kerl, der wie ein Berliner Budiker aussah, begleitete ihn. Sie bummelten, langsam, schweigend, anscheinend müßig, um die Ecke. »Du wirst Tag und Nacht damit zu tun haben, den Jungen zu bewahren, daß sie ihn Dir nicht stehlen,« sagte hinter ihr Frau von Teuffern. »Wie Du daneben noch etwas anderes anfangen willst, ist mir beim besten Willen nicht klar!« »Mir auch nicht. Mein Kopf ist ganz dumm, Mama! Ich bin auf einmal so müde!« Sie verstummten beide. Sie warteten. Diesen Tag, den nächsten, den dritten. Kein Brief kam aus Paris, kein Lebenszeichen. Nichts rührte sich. Auch die verdächtigen Gestalten vor den Fenstern blieben aus. Was da sich zeigte, war unverfälschtes Potsdam. Die Garde-Ulanen ritten mit flatterndem weiß-schwarzen Fähnchenwall vorüber, Soldaten schlenderten am Abend mit ihrem Schatz. Droschken voll Fremder rollten nach Sanssouci – in Margarete Feddersen wuchs die Ungeduld. Es war, als habe man sie am Strand der Seine schon ganz vergessen. Sie und ihr Kind. Das konnte nicht sein. Ihr Mann brauchte seinen Stammhalter. Sie, die Mutter, gab er wohl her, jenen nicht. Aber was plante er? Von woher kam der Streich? Diese Ungewißheit nahm die Nerven mehr mit als ein offener Kampf. Margarete wagte sich kaum aus dem Hause, und mußte doch einmal hinüber nach Berlin, um Einkäufe zu machen. War sie doch, wie sie ging und stand, von Paris weggefahren. Sie wählte eine frühe Morgenstunde und ein Warenhaus ganz im Westen, um möglichst keine Bekannten zu treffen. Sie fuhr, um zu sparen, vom Potsdamer Platz mit der Straßenbahn, was sie seit ihrer Mädchenzeit nicht mehr getan. Mit stiller Wehmut sah sie, auf dem Hinterperron stehend, die altvertrauten nüchternen Straßen und Plätze. Ueberall wurden Erinnerungen wach, tauchten vergessene Eindrücke auf. Sie schaute lange einem schlanken jungen Mädchen nach, das in der Bülowstraße elastisch vom Wagen sprang und mit raschen Schritten einer Seitenstraße zueilte. Sie dachte dabei: Das könnte ich gewesen sein, so wie ich damals war. So ging ich. So trug ich den Kopf im Nacken. Flott und hochmütig. Was konnte einem denn Großes im Leben geschehen? Hoffentlich geht's der da besser als mir ... Im Warenhaus erstand sie – ihrer Meinung nach – nur das Allernötigste und kam schließlich doch, halb aus Gewohnheit, ins Kaufen hinein. Als sie an der Kasse stand und zahlte, wurde das Päckchen Hundertfrancsscheine, das sie in der Hand hielt, um die Hälfte dünner. Sie zählte, dem Ausgang zuschreitend, verstohlen den Rest nach und erschrak: Es blieben nur noch ein paar hundert Mark übrig; sie hatte Mühe, sich das klar zu machen. Seit langen Jahren griff sie unterwegs, rein mechanisch, ohne mehr an Geld und Geldeswert zu denken, in ihre kleine, edelsteinbesetzte Börse. Das Scheckbuch lag daheim immer zur Hand. Charley zog, wenn sie ihn um Geld anging, lächelnd nie weniger als ein Tausendfrancsbillett aus seiner Brusttasche. Wenn diese kleine Summe, die sie jetzt noch besaß, aufgebraucht war, was dann? Sie war in einer gedrückten Stimmung, als sie auf die Straße kam. Es war ihr, als wehte da ein kalter Wind, als machten die Menschen feindselig fremde Gesichter. Ein Gefühl der Hilflosigkeit, eine leise Angst vor dem Leben überschlich sie. Da hörte sie hinter sich eine tiefe Altstimme: »Grete, Grete, bist Du's wirklich? Oder ist's Dein Geist?« Sie wandte sich um. Eine große, frische Blondine stand da und streckte ihr lachend beide Hände entgegen. »Wahrhaftig ... sie ist es! Und noch schöner geworden wie als Mädchen! Du – darf man denn überhaupt noch mit Dir reden, seit Du zwanzig Millionen hast? Oder sind's vierzig? Darüber sind sich die Gelehrten hier nämlich noch nicht einig! ... Wie geht's Dir denn? ... Famos natürlich! Was machst Du denn in Berlin?« Margarete sah schwach lächelnd ihrer Jugendfreundin, dem Fräulein von Frisching, ins Gesicht, die ihr mit der Wucht einer Walküre die Hand drückte, und erwiderte ihren Kuß. »Gott, Magda,« sagte sie. »Ich denke, Du steckst längst in Südwestafrika!« »Ich bin wieder zurück. Aber ich gehe nächsten Monat wieder hin. Ich equipiere mich eben da drinnen in dem Store. Weißt Du, seine Farm ist ja riesig, aber weit draußen. Da kriegt man nichts. Ich muß alles mitbringen!« »Wessen Farm?« »Karls – natürlich! Riesig, sag' ich Dir! Zehn deutsche Rittergüter sind nichts dagegen! Wir werden auch Strauße züchten!« »Wer ist denn Karl?« »Ach so, das weißt Du ja noch gar nicht! Ich hab' mich drüben stante pede verlobt! Ich heirate in einem Vierteljahr! Na – Dir mit Deiner Bombenpartie mag das ja komisch vorkommen! Aber ich bin höllisch vergnügt, Kerlchen! Ich freue mich unsinnig. Es ist ein Prachtleben da draußen. Wenn Du nicht schon versorgt wärst, würde ich Dir gleich sagen: Komm mit! Wir haben auf der Farm Platz für 'ne ganze Kompagnie. Aber wer natürlich einen halben Rothschild zum Mann hat – wie geht's denn Deinem Mann? Erinnerst Du Dich: ich war noch dabei, wie ihn der Rittmeister Elendt uns bei Adlon an den Tisch setzte. Elendt hat seinen Abschied genommen, baut seinen Kohl in Ostpreußen und macht Politik. Und unsere kleine Gräfin, die er immer haben wollte, denk' Dir nur: die hat glücklich einen Kaiserjäger in Innsbruck geheiratet – ist nach Oesterreich verschlagen. Ja, die Welt ist rund ...« Fräulein von Frisching sprudelte in ihrer Wiedersehensfreude das nur so heraus und betrachtete dabei mit schwesterlichem Wohlgefallen den zarten, blassen, brünetten Kopf ihr gegenüber. »Weißt Du, daß Du noch viel reizender aussiehst?« wiederholte sie. »Ungelogen! Du kannst so bleiben! Ein Nippsächelchen. Aber süß. Na, Dir ist ja auch der Ernst des Lebens erspart! ... Du ... gerade dieser Tage haben wir von Dir gesprochen ... Oder vielmehr von Deinem einstigen Verehrer, dem Lünemann ...« »Trifft man Dich mal wieder, Magda? Ich muß jetzt heim zu meiner Mutter nach Potsdam. Ich versäume sonst den Zug!« »Ich komm' mal dieser Tage zu Dir 'raus. Also hör' mal ...« Margarete reichte ihr die Hand zum Abschied. »Du hast mir noch gar nicht gesagt, wie Dein Mann heißt!« »Karl ...? Das ist ein Gellin. Ein Bruder von dem, der damals drunten in Südwest tot blieb – weißt Du noch? Wir redeten doch gerade davon, als Du Deinen jetzigen Mann kennen lerntest. Ja, also der Lünemann hat sich ja toll herausgemustert in Zivil! Alle sind starr! Ein Verwandter von mir hat in der Artillerie-Prüfungskommission dienstlich mit ihm zu tun. Der sagt, er sei auf dem Schießplatz die rechte Hand dieses großen Industriebonzen – Du weißt schon, wen ich meine ...« »Herrn Malloney ...« »Ja! Nun hat sich der Lünemann auch verlobt! Auch mit Umsicht und Verstand ... Der Alte hat Bergwerke in Westfalen ... Ein ganz bekannter Name ... Herrgott, ja, mein Gedächtnis ...« »So. Er hat sich verlobt?« »War Dir das auch neu? Grete, Du kommst wirklich rein vom Mond! Na, natürlich ... Deine Wege sind ja längst nicht mehr unsere Wege! ... Schließlich ... nicht wahr, er kann Dir ja nicht ewig nachtrauern? Na ... Ich komm' also zu einer Stips-Visite 'rüber! Hab' mich riesig gefreut! Gruß an Exzellenz! Adieu! Adieu!« Margarete Feddersen stieg in eine Droschke. Auf das Markstück kam es ihr jetzt auch nicht mehr an. Es war ja gleich, ob man einen Tag früher oder später mit seinem bißchen Barschaft zu Ende war. Sie winkte der Freundin noch einmal lächelnd mit der Hand zurück. Dann, als sie sich im Wagen zurechtsetzte, verdüsterten sich ihre Züge. Langsam, ganz langsam kam eine tiefe, unendliche Traurigkeit über sie, ein Empfinden, als sei nun erst wirklich alles zu Ende ... Sie hatte plötzlich nachträglich, nach Jahren, das Gefühl, von Moritz Lünemann verraten und verlassen worden zu sein. Sie tat ihm unrecht. Sie sagte es sich selbst. Er mußte doch auch einmal heiraten. Sie hatte ihm ja das Beispiel gegeben. Es war Zeit für ihn. Sie rechnete nach: Er wurde im Herbst siebenundreißig. Warum sollte er nicht auch vernünftig sein und sein Kompromiß mit dem Leben schließen? Oder hatte er sich wirklich verliebt? Es gab ihr einen Stich durchs Herz. Sie erkannte auf einmal, was für ein unbewußter Trost in diesen Jahren der Einsamkeit für sie die Vorstellung gewesen war, doch irgendwo noch ein Heim in einer Menschenseele zu haben. Nun war auch dies letzte, schwache Flämmchen, dies bißchen Licht von einst erloschen. Kein Stern am Himmel. Dunkel überm Meer. Der Glanz Berlins war vor ihren Augen grau, auf den besonnten Feldern lag, als sie nach Potsdam heimfuhr, ein trüber Nebel. Sie saß in schweren Gedanken und sann und sann. Hätte sie nur die Frisching nicht getroffen! Die war immer eine aufgeregte Plapperliese. Ohne die hatte sie nichts von Lünemanns Verlobung gehört. Oder wenigstens später, zu einer Zeit, wo sie ihr bißchen seelisches Gleichgewicht nicht so bitter notwendig brauchte wie eben jetzt. Er hätte es ihr auch selber schreiben können. Es tat ihr weh, daß er das unterlassen. Sie hätte ihm als Freundin geantwortet und Glück gewünscht. Warum sollten sie einander denn noch böse sein? Aber er war es. Er blieb es. Für immer. Wieder faßte sie die Wehmut. In der lag etwas Lähmendes. Die Willenskraft gegenüber dem Leben schwand. Sie kämpfte gegen diese Schwächeanwandlung. Sie schritt von der Station die Lange Brücke dahin und dachte sich schonungslos und trotzig: Gut! Er geht seinen Weg und schaut nicht rechts und links und läßt hinter sich, was nicht mit will. Ich muß es geradeso machen! Ich muß ihn endgültig vergessen ... Wenn nur nicht hier in Berlin und Potsdam für sie alles von Erinnerungen voll an ihn gewesen wäre! Dort drüben führte es hinunter zum Kadettenhaus. Dahin hatte sie ihn einmal zusammen mit anderen jungen Mädchen und Leutnants begleitet, zum Besuch von Neffen, die im Vorkorps waren, und über die putzigen kleinen Männer in bunten Waffenröcken gelacht, die auf dem Spielplatz Sand schippten und durcheinander wimmelten. Auf dem Heimweg an einem linden Sommerabend hatten sie sich hinter einem Baum den ersten Kuß gegeben. Seitdem betrachteten sie sich als verlobt ... »Ich darf nicht mehr an ihn denken,« murmelte sie vor sich hin und gab sich selber das Gelübde. Es wurde still in ihr. Leer. Sie ging mechanisch weiter und wachte erst wieder aus dieser müden Geistesabwesenheit auf, als ihr im Hause der Mutter das Mädchen die Flurtür öffnete. Ein Herr sei gekommen, meldete sie. Aus Paris. Er warte schon seit einer halben Stunde drinnen auf die gnädige Frau. Jetzt war Margarete sofort wieder ganz bei sich. Kampfbereit. Sie überlegte. Wer konnte das sein? Ein sehr feiner Herr – groß und schlank, mit einem spitzen, schwarzen Vollbart, wie ihn die Magd schilderte. Sie schüttelte den Kopf und trat hastig über die Schwelle und blieb vor Erstaunen stehen. Das hatte sie am wenigsten erwartet: Alphonse Feddersen ... Der Vetter Alphonse ... Das schwarze Schaf der Familie ... Sie sah trotz ihrer Verwirrung das Aeußerliche an ihm: die graue Riesenperle in der genial gebauschten schwarzen Atlasbinde, die taubengraue getüpfelte Weste, die sonderbare Glockenform des Schoßrocks, den Glanz der Zylinderscheibe – er wirkte in dieser nüchternen Umgebung wie soeben einem etwas überhitzten Schneiderhirn entsprungen. Aber sein Gesichtsausdruck, den sie ironisch und gutmütig frivol in Erinnerung hatte, war ernst und vertrauenerweckend. Sie war so verblüfft, daß sie nur sagen konnte: »Um Himmels willen, Vetter Alphonse! – Wo kommen Sie denn her?« Er hatte sich ihr genähert und ihre Hand respektvoll an die Lippen gezogen. »Ja – ich bin's!« erwiderte er in einem Ton, als bedauerte er selbst diese Tatsache am meisten. »Direkt aus Paris! Sie werden denken: Da haben die dort den Bock zum Gärtner gemacht! Nicht wahr?« »Bitte, setzen Sie sich doch einen Augenblick!« Alphonse Feddersen nahm der jungen Frau gegenüber Platz und schlug ungezwungen ein Bein über das andere, daß der graugetönte Seidenstrumpf über dem Lackschuh zum Vorschein kam: Ein ganz leiser exotischer Hauch ging von ihm aus und zu ihr hinüber. Gräßlich – ein parfümierter Mann! Und doch mißfiel er ihr eigentlich nicht. Es war ihr im Grunde des Herzens lieber, daß ihr dieser Sünder gegenübersaß, als einer von den Gerechten, etwa der trockene, nervöse Zahlenmensch Sascha. Es war, als ob Alphonse ihre Gedanken erriet. Sein längliches, lebhaftes Gesicht, dem die weichen Augen etwas Träumerisches verliehen, zeigte unverhohlenes Mitleid mit ihr. »Nicht wahr ... die Feddersen sind eine gräßliche Familie?« begann er offen und treuherzig, als seien sie beide gegen jene im Bunde. »Entweder sie taugen von Hause aus nichts – wie ich – oder es sind hoffnungslose Philister. Wenn solche Leute dann auf Abwege geraten, wirken sie doppelt peinlich! Ich hab' es Charley, als er zu mir hereinwankte, gleich zur Begrüßung gesagt ... Mensch – Du verdienst Prügel! Du hast diese Frau – eine Frau, wo jeder andere täglich dafür dem lieben Gott auf den Knien danken würde – eine Frau, der Du nicht wert bist, die Schuhriemen zu lösen ...« »Vetter ... bitte ...« »Nein. Ich muß der Wahrheit die Ehre geben, Cousine Margot. Ich weiß, was Sie Ihrem Mann sein könnten und nur durch seine Schuld nicht sind. Ich bedaure Sie seit Jahren! Ich habe ihm gesagt: Elle a toutes les qualités! ... Warum bist Du so dumm? Warum bist Du so blind? Einmal muß auch die Geduld einer Heiligen reißen ...« »Vetter ...« »Dir geschieht ganz recht, mon cher ! Nun sitzst Du da ohne Weib und Kind! Nun hast Du ja Zeit, zu Leroux zu fahren! ... Allons donc ! Man erwartet Dich! Aber nun macht's Dir keinen Spaß mehr! Nun bläst Du daheim in Deinem leeren Haus Trübsal. Aber wenn Du Dir auch das Haar ausraufst, die unglückliche Frau, die Du verraten hast, kommt so leicht nicht wieder ...« »Bitte, Vetter,« sagte Margarete kühl. »Halten Sie mich doch nicht für so dumm, daß ich an diese Art Verzweiflung meines Mannes glaube!« »Eine Ruine!« Alphonse Feddersen bog sich im Sessel vor und wiederholte leise und eindringlich: »Eine Ruine von einem Mann! Er ist einfach untröstlich. Er ist ganz zerknirscht. Er saß bei mir und weinte bitterlich. ›Wenn ich es nur ungeschehen machen könnte!‹ Das war seine Rede hundertmal hintereinander.« »Das heißt: er möchte den Jungen haben! Seien Sie doch ehrlich!« »Was ist ein Kind ohne die Mutter? Was soll er allein in seinem Haus? ... Er packte mich an beiden Schultern und bat mich: ›Fahr' zu ihr! Sprich für mich!‹ ... Ich hab' mich nicht so leicht entschlossen! Ich weiß, Sie haben etwas gegen mich! Es ist ein Fluch meines Lebens, daß das gerade den besseren Naturen mit mir oft so geht. Ich leide selbst am meisten darunter. Aber dann sagte ich mir: Wenn ich der armen Frau nicht ein Helfer und Berater zu sein versuche, – die anderen Feddersen, die sich dann einmischen, tun ihr in ihrer Plumpheit noch mehr und ganz unnütz weh. Alle Feddersen sind im Grunde roh und ungebildet. Im Ausland, ohne jeden veredelnden Einfluß der Zeit und der allmählichen Entwicklung, zu Geld gekommen. Es mangelt ihnen, was oft der Aermste hat: die Kultur des Herzens! Daran haben Sie in Ihrer ganzen Ehe gekrankt, Cousine. Ich sah es Ihnen wohl an. Ich kenne doch meinen guten Charley! Aber er wird sich jetzt bessern nach dieser Lehre ...« »Kein Mensch wird anders als er ist!« »Dann wissen Sie nicht, was Frauen aus uns machen können, Cousine Margot! Ich wollte, ich hätt' in jungen Jahren eine Frau getroffen wie Sie! Dann wär' ich auch ein anderer Mensch geworden! Charley wird es jetzt noch. Der Anfang ist die Reue. Er bekennt sich in vollem Umfang für schuldig. Er begreift hinterher gar nicht mehr, wie es möglich war. Er bittet um Verzeihung!« Alphonse Feddersen schwieg, selbst ganz ergriffen von seinen Worten, und glättete mechanisch die Krempe seines Zylinders. Es war etwas Gütiges in der Art, wie er sprach. Er schmeichelte sich ein. Aber zu seinem Erstaunen lachte Margarete auf. »Zu komisch seid Ihr Franzosen!« sagte sie. »Ihr haltet mich immer für ein Gänschen, bloß weil ich eine Deutsche bin! ... Denken Sie denn wirklich, daß ich darauf hereinfallen soll? ... Ich kenne doch auch meinen Mann! Natürlich ist er ärgerlich, daß er ertappt worden ist, und schämt sich vielleicht vor seinen Bekannten, daß ihm seine Frau aus dem Hause gelaufen ist. Und, wie gesagt, vor allem: er möchte den Jungen. Er versuchte es schon die ganze Zeit. Aber er kriegt ihn nicht!« Ihr Besucher gab es auf, mit seinen Schilderungen Eindruck auf sie zu machen. Er saß bekümmert da. Er war ihr nicht unangenehm. Er hatte sie schon in Paris gerade deswegen amüsiert, weil er den anderen Feddersen ein Dorn im Auge war und jenseits von ihrer selbstgerechten Nüchternheit und ihren kleinen Scheinheiligkeiten stand. Er gab sich wenigstens ganz, wie er war. Eine gutmütige Drohne. Und doch jeder Zoll ein echter Feddersen – nicht Franzose, nicht Russe, nicht Deutscher – ohne Heimat, ohne Ueberlieferung. Gerade hier in Potsdam, wo alles von hartem Preußentum starrte, sah man das doppelt. »Ganz richtig!« versetzte er nach einer Pause der Ueberlegung. »Anfangs hatte Charley wirklich den Kopf verloren und wollte zu Gewaltmaßregeln greifen. Ich hab' ihm das ausgeredet. Solange ich hier bin, geschieht nichts – weder gegen Sie noch gegen das Kind. Mein Wort darauf! Wenn ich freilich mit leeren Händen nach Paris zurückkomme ...« »Sagen Sie, Vetter – was hätten Sie denn nun davon, wenn Sie mich glücklich im Triumph heimbrächten? Ich bewundere Sie, daß Sie sich überhaupt mit so undankbaren Aufgaben befassen!« Alphonse Feddersen sah seine schöne Cousine weich an. »Man möchte sich doch auch einmal ein wenig nützlich machen!« meinte er, und sie mußte wieder beinahe über ihn lachen. Sie fragte kühl, mit kaum verhehltem Spott: »Was wollen Sie also eigentlich von mir, Vetter Alphonse?« »Bloß Sie bitten, Charley noch einmal zu sehen und zu sprechen! Man soll niemanden ungehört verdammen!« »Nein!« »Aber Cousine Margot ...« »Nein! Es ist zwecklos! Ich hab' es früher oft genug versucht. Wir reden aneinander vorbei, ins Leere! Wir sprechen zwei verschiedene Sprachen!« »Bedenken Sie nur: Sie sind jetzt die Stärkere! Sie haben eine ganz andere Stellung ihm gegenüber!« »Entwürdigt hat er mich! Ich will nichts mehr von ihm wissen! Das ist mein letztes Wort!« Es war ein Schweigen. Dann fragte Alphonse höflich: »Wie denken Sie sich denn da Ihr künftiges Leben?« »Das geht Sie gar nichts an!« »Mich nicht! Aber Ihren Mann, als dessen Beauftragter ich hier sitze.« Margarete warf den dunkeln Kopf in den Nacken. »Sagen Sie ihm nur, er möge sich um mich nicht sorgen! ... Ich werde mich schon durchs Leben schlagen!« »Wie denn?« »Ich werde mir irgendwie Geld verdienen!« Jetzt huschte ein Schatten von Ironie über das Antlitz drüben. Das erbitterte sie. Sie kannte dies stehende Feddersensche Millionärlächeln, halb Mitleid, halb Verachtung vor der Frau ohne Mitgift und Erbe. Er lachte nachsichtig, wie man zu einem Kinde spricht: »Geld verdienen, Cousine? ... Bei einer Schönheitskonkurrenz! – Ja, das glaub' ich! Aber sonst ...« Und nun sprang sie mit einem jähen Anfall von Zorn empor. Sie stieß ihren Stuhl beiseite. Ihr Auge suchte unwillkürlich die Tür. »Sie gehen jetzt wohl, Vetter Alphonse!« sagte sie schroff. »Es hat wirklich keinen Zweck, daß wir miteinander reden.« »Aber liebste, beste Freundin ...« Alphonse Feddersen stand bestürzt da, den Hut in der Hand. Er hatte den jähen Umschwung ihrer Stimmung nicht geahnt. Sie blickte ihn förmlich haßerfüllt, feindselig an, als wäre er die Verkörperung seiner ganzen Familie. Sie hatte die Hände geballt und schleuderte ihm ihre Leidenschaft ins Gesicht: »Hätt' ich Euch alte bloß nie gesehen! ... Meinen Mann nicht ... Euch alle nicht ... Was hab' ich schon die Stunde bereut ... Wie es auch gekommen wäre, es wäre besser als so geworden. Und wenn ich nie was vom Leben gehabt hätte und jetzt noch hier bei meiner Mutter säße oder bei fremden Leuten mir mein Brot verdiente, ich hätte doch meinen Stolz! Ich hätte noch Hoffnung auf die Zukunft. Ich wäre nicht so ganz matt und kaputt vom Leben, wie Ihr das mit mir fertig gebracht habt! ... Zertrampelt habt Ihr mich. Und dann stehen Sie da und lachen! Aber ich ducke mich nicht mehr ... Sagen Sie das nur in Paris ...« Der Vetter Alphonse blieb ganz kühl. »Daß Sie ohne weiteres nach Paris zurückreisen, ist ausgeschlossen!« räumte er ein. »Das hieße unseren reuigen Sünder dort ungehört begnadigen. Das dürfen Sie ebensowenig, als ihn ungehört verdammen. Er käme ja auch gerne hierher zu Ihnen!« »Nein!« »Aber liebste Cousine.« »Nein. Nein!« »Und wenn er schon da wäre ...« »Ich will ihn nicht sehen!« »Schon als reuiger Sünder vor der Tür stände!« »Um Gottes willen ...« »Was würden Sie dann sagen, Cousine Daisy?« »Gehen Sie!« Alphonse ging wohl zur Tür, aber nur, um sie zu öffnen, draußen stand ihr Gatte auf der Schwelle, stattlich, blond, wohlgepflegt. Er machte ein Gesicht voll nüchterner Respektabilität, so tiefernst und würdig wie etwa bei der Teilnahme an einem Begräbnis. Aber ganz wohl war ihm nicht in seiner Haut. Das verrieten seine Augen. Die irrten unstät zur Seite und vermieden es, ihrem Blick zu begegnen. Und wie der kalt auf ihm lag, da erfaßte sie beinahe ein Schrecken, daß sie so gar nichts empfand – nicht Zorn, nicht Abscheu, nicht Kränkung. Sie fühlte jetzt: sie war so müde an Karl Feddersen geworden, so todmüde, daß sie eine leidenschaftliche Verzweiflungsszene zwischen ihnen beiden noch mehr fürchtete als er selber. Er schien das zu ahnen. Er schluckte ein paarmal, er kämpfte mit sich, um von dem bösen Gewissen frei zu kommen, und begann dann in seiner kühlen, halblauten Art, in der er sonst geschäftliche Unternehmungen führte: »Ich bitte Dich um Verzeihung, Margot!« Sie blieb stumm. »Ich weiß wirklich nicht, Margot, was in mich gefahren war. C'était comme un coup de foudre! C'était plus fort que moi ! Ich bin doch sonst nicht so! ... Also verzeih'!« Noch immer erhielt er keine Antwort. »Ich verspreche Dir: Es kommt nicht wieder vor! ... Ich hab' mir selbst genug Vorwürfe gemacht und von anderen gehört und mehr Verdruß gehabt, als die ganze Sache wert war. Ich bin jetzt gewitzigt. Ich werde künftig solche Seitensprünge lassen!« Sie zuckte bei dem banalen Wort »Seitensprünge« zusammen. Es ging ihr durch den müden Kopf: Die Feddersen haben eine Gabe, alles, aber auch alles ins Alltägliche zu ziehen! ... Er sieht das nur als ein kleines Abenteuer an, ein bißchen Pariser Sichgehenlassen, bei dem man sich dummerweise erwischen ließ, was für mich ein Stoß mitten ins Herz war ... Ihre Stille gab ihm Mut. Er näherte sich vorsichtig, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Die unruhige Spannung auf seinen Zügen verschwand. Das Schlimmste war überstanden. Er hatte sein Sprüchlein als reuiger Ehemann aufgesagt. Nun war es an ihr, als Frau von Welt den Zwischenfall zu beenden. Wenn sie dabei noch für sich ein paar Bedingungen herausschlug – oh gewiß – er war zu sehr Kaufmann, um ihr das zu verargen. Er wartete nur darauf. Sie wollte auch sprechen. Aber es fiel ihr nichts ein, nichts, was sie ihrem Mann hätte sagen können. Sie schaute ihn nur an. Es war eine solche hilflose, stumme Verzweiflung in ihren dunklen Augen, daß ihm wieder nicht ganz sicher zumute wurde und er unbehaglich auf seinem Stuhle hin- und herrückte. Dann versuchte er es mit einem leichteren Ton. »Komm, gib mir die Hand, Daisy! Sag', daß Du mir nicht mehr böse bist! ... Es kann doch einmal passieren! ... Es kommt nicht wieder vor! ... Wir fahren jetzt zusammen nach Paris zurück ... Warum schüttelst Du denn schon wieder den Kopf?« »Ich geh' nicht mehr nach Paris!« Es war das erste, was sie sprach. Es klang leise und gequält. Karl Feddersen zog aufmerksam die Augenbrauen hoch, so wie wenn man bei einer finanziellen Konferenz nach dem einleitenden Hin und Her auf den Hauptpunkt kam. »Wohin möchtest Du denn?« »Das weiß ich nicht!« »Dem Gesetz nach gehört eine Frau dorthin, wo ihr Mann und ihr Kind ist!« »Der Junge kommt auch nicht wieder nach Paris!« Um die Lippen ihres Mannes war ein nachsichtiges, fast mitleidiges Lächeln. Er beugte sich vor und forschte gedämpft: »Aber Liebste ... Beste ... was erzählst Du da für Märchen? Das hast Du Dir doch von vornherein sagen müssen, daß ich nie auf meinen Sohn und das Haus Feddersen auf seinen Erben verzichten werde!« »Ihr müßt!« »Nein, Margot! Ich bin da! Wir sprechen uns aus! ... Du verzeihst mir, und alles ist gut!« Wieder streckte er seine schwere weiße Hand ihr entgegen. Sie machte keine Bewegung, sie zu ergreifen. Sie war sehr bleich geworden. Sie versetzte mühsam: »Ich will mit dem Jungen in Deutschland leben – meinetwegen von meiner Hände Arbeit ...« »... bis das nächste französische Konsulat sich in dies Stilleben einmischt! Ah, ma chère, il y a encore des juges à Berlin ! ... Also, wenn Du solch ein Kesseltreiben gegen Dich provozieren willst ... über kurz oder lang bin ich im Besitz meines Sohnes. Das garantiere ich Dir!« Sein Ton hatte sich geändert. Er hatte jetzt eine nachlässige Bestimmtheit. So pflegte Karl Feddersen im Kontor bei wichtigen Unterredungen mit dem Bleistift auf die Tischplatte zu klopfen, als pochte er auf seine Kapitalien und seine Stellung und verliehe dadurch seinen Worten das rechte Schwergewicht. Margarete senkte den Kopf. Was er da schroff aussprach, war wahr: Wie sollte sie, schutzlos, heimatlos, geldlos, erwerbslos, auf die Dauer ihr Kind gegen ihn verteidigen, dem Gesetz und Behörden zur Seite standen? Ihr Mann war jetzt so weit, daß er sich, mit einem flüchtig fragenden Blick auf sie, eine Zigarette anzuzünden erlaubte. »Vergiß das eine nicht, Margot!« sagte er dabei trocken, »man muß nie den Bogen überspannen. Sonst kommt ein Rückschlag. Ich mißbrauche auch nie eine günstige Konjunktur. Also treibe mich nicht bis zum äußersten!« Bemüht, seinen Zügen wohlwollenden Ernst zu verleihen, setzte er hinzu: »Und vor allem, denke an unseren Sohn! Ihm sein Elternhaus zu erhalten, ist unsere heilige Pflicht! Gegen die müssen wir unsere persönlichen Verstimmungen und Enttäuschungen zurücksetzen. Wenn Dir die Rückkehr nach Paris so schwer fällt, so mußt Du Dir eben denken, daß das ein Opfer ist, das Du Charles-Iwan bringst!« Sie war auf dem Stuhl in sich zusammengesunken und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Plötzlich brach sie in ein leidenschaftliches, verzweifeltes Weinen aus. Die ganze Zeit hatte sie dagegen angekämpft, um ihrem Mann keine Schwäche zu zeigen. Dieser Tränenausbruch jetzt galt nicht nur dieser Stunde. Es war das Leid eines ganzen Lebens, das sich in blindem Schluchzen entlud. Es wollte nicht enden. Karl Feddersen wartete. Er ging unbehaglich im Zimmer herum und warf zuweilen einen nervösen Blick auf die junge Frau. Er war ärgerlich. Er hatte schon gehofft, die leidige Geschichte glatt abzuwickeln. Er versuchte, ihr zuzureden. Sie hörte von Zeit zu Zeit seine halblauten, trivialen Beschwichtigungen: »Margot ... Ich bitte Dich: sei vernünftig! Margot! ... nimm Dich doch zusammen! Man hört Dich ja nebenan!« und schluchzte dann nur wilder auf. Endlich hob sie mit einer jähen Bewegung ihr blasses, nasses Gesicht von den Knien zu ihrem Mann empor, der ungeduldig vor ihr stand. »Bitte ... lasse mich jetzt allein!« murmelte sie erschöpft. »Aber erst Deine Hand, Margot – als Zeichen, daß alles in Ordnung ist!« Er nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und zog sich rücksichtsvoll, mit einem halben Lächeln, zurück. Er glaubte, für heute genug erreicht zu haben. Margarete saß, als er gegangen, lange noch da, die Hände im Schoß, ohne sich zu rühren, in einer tiefen Trauer, einer wachsenden Wehrlosigkeit, einer Willenlosigkeit, die sie schließlich ganz übermannte. Sie sagte sich: Er wird wiederkommen – morgen – übermorgen – immer wieder. Er wird mich immer wieder fragen: Willst Du mit mir nach Paris zurück? bis ich schließlich »Ja« sage, weil ich keine andere Wahl habe, weil ich keinen Ausweg weiß, weil ich tun muß, was ich nicht verantworten kann. Ja. Ich werde »Ja« sagen. Ich fühle es: ich bin zu schwach ... zu matt ... zu irr in mir und meinem Leben. Vom Leben enttäuscht ... vom Leben verbittert ... Und ist es nicht auch Angst vor dem Leben? Die leidige Gewohnheit an Fülle und Glanz? Sie wagte keine Antwort darauf. Was half die Reue? Da draußen vor dem Fenster war der helle Morgen, war der Frühling. Grüne Büsche bogen sich im Steppenwind. Ein Blatt war losgerissen. Es flog an den Scheiben vorbei, lustig tanzend und sich drehend, steuerlos ins Weite. Margarete Feddersen sah ihm nach und dachte sich: ›So fahr' auch ich durchs Leben. Ohne Ziel. Ohne Halt. Und nach außen hin sieht's aus wie ein Spiel ... Es hilft nichts. Ich hab verspielt! In kurzem bin ich wieder in Paris ...‹ 16. Ich finde wirklich gar nichts daran, wenn Sie auch einmal bei mir Tee trinken, Cousine Margot,« sagte Alphonse Feddersen gemütlich. »Sie haben so schöne Augen! Sie brauchen sie gar nicht vor Entrüstung noch größer zu machen! ... Erstens bin ich ein ganz harmloser Mensch! Das werden Sie doch bemerkt haben, seit wir nach Ihrer Rückkehr aus Potsdam gute Freunde geworden sind! Als ›bête noire‹ gelte ich nur bei Ihrem Mann und bei der Firma Feddersen – der Neid, weil ich nicht arbeite – ›la fourmi et la cigale‹ . Zweitens kommen Sie doch natürlich nicht allein, sondern mit Ihrer Moskauer Schwägerin. Außerdem laden wir noch eine Dritte im Bunde ein. Ihre Freundin Lisa zum Beispiel!« »Lisa Campbell? Die kennen Sie ja kaum!« Der Vetter zog die schwarzen Augenbrauen hoch. »Lisa? Ich bitte Sie! Es ist doch eine Cousine von mir. Sie macht nur wenig Gebrauch davon. Sie ist doch eine geborene Brettschneider von Brettschneider und Prausnick in Petersburg. Der Großvater stahl gräßlich während des Krimkrieges – daher das viele Geld!« »Sie wissen, Vetter, daß ich diesen Ton nicht ausstehen kann!« »Verzeihung!« sagte Alphonse Feddersen reumütig. »Sie haben recht. Sie sind überhaupt viel zu schade für diese Stadt und diese Menschen. Also Sie kommen nachmittags zu einem Cousinenkaffee? Ganz philiströs. A l'allemande ! Mit Napfkuchen und Veilchensträußchen. Bitte, bitte! Ich bin doch jetzt auch so viel bei Ihnen!« »Ja, ich frage mich auch, warum!« Der Vetter ließ weich seinen Blick auf der jungen Frau ruhen, die ihm im Dämmern der gegen die Sonnenglut halbgeschlossenen Jalousien in ihrem weißen Kleid gegenübersaß. »Sie tun mir leid!« sagte er, »Sie sind so einsam. Niemand kümmert sich um Sie. Seit Sie nach Ihrer Rückkehr aus Potsdam Ihrer lieben Schwägerin Madge den Stuhl vor die Türe gesetzt haben, sind Sie doch bei der ganzen Clique in Acht und Bann!« »Das ist mir völlig gleichgültig!« »Und unser guter Charley interessiert sich momentan nur für die Erzlager im Rif. Er betätigt seine Reue durch doppeltes Geldverdienen. Er ist wieder so respektabel wie sein Hauptbuch. Sie können es mir glauben. Mir macht er doch nichts vor!« »Ich habe Sie nicht beauftragt, ihn zu überwachen!« »Könnten Sie es denn, Sie arme, kleine Frau?« Alphonse schüttelte mitleidig den Kopf. »Nicht zehn Schritt weit kommen Sie auf eigenen Füßen durch Paris. Jeder Gamin schlägt Ihnen ein Schnippchen. Sie sind aus viel zu feinem Stoff. Also, wie gesagt: Ihre Verwandten wollen nichts mehr von Ihnen wissen. Ihr Mann läßt Sie allein. Es geht Ihnen wie mir! Sie haben zu viel freie Zeit! Und für solche leeren Stunden bin ich doch immer besser als nichts!« Alphonse Feddersen schaute wieder mit träumerischem Lächeln durch das kleine Boudoir und hinaus auf den Sonnenglanz und das Menschengewinnnel der Avenue du Bois de Boulogne. »Es sitzt sich gut bei Ihnen, Cousine Margot! Und draußen zieht die Welt vorbei. Bunt und dumm wie eine Seifenblase! Sehen Sie mal die Amerikanerinnen mit den Riesenhüten! Was die hier noch wollen! Die Saison ist doch vorbei! Es ist doch schon Anfang Juli!« »Warum sind Sie denn da noch hier?« Es lag ihm auf den Lippen: »Wegen Ihnen!« Aber er begnügte sich damit, Margarete stumm anzusehen! »Ich habe nirgendwo was auf der Welt verloren!« sagte er dann, »selbst mein natürlicher Landesvater, der Fürst von Monako, würde mich nicht vermissen, wenn ich einmal in den Spielsälen fehlte. Entre nous : Ich spiele eigentlich nur noch, um die Feddersens zu ärgern!« »Was haben die Ihnen denn getan?« »Sie sind da! Das genügt. Außerdem verachten sie mich. Sie verachten Sie auch, Cousine Margot! Sie werden ewig die arme Schwägerin aus Deutschland bleiben und ich der Müßiggang der Familie. Wir sind beide Opfer der Krämerseelen!« Die junge Frau beugte sich vor und goß ihm Tee ein. »Das ist das Neueste, Vetter, daß Sie sich auch noch mit mir identifizieren!« »Ich nicht! Das Schicksal hat uns beide als die Outsider der Firma Iwan Feddersen und Söhne zusammengeführt. Wir sind Leidensgefährten. Warum sollten wir uns da nicht gegenseitig trösten!« »Ich brauche gar keinen Trost! Ich sag' mir selber, was ich mir vielleicht manchmal sagen muß!« »Aber hilft es Ihnen auch? Ich glaube, wir kranken beide am Leben, Cousine Margot!« Er hatte ernst und gefühlvoll gesprochen. Sie lachte nur auf und reichte ihm die Zuckerschale. Er sah schmerzlich darein. »Sie tun mir weh. Sie nehmen mich nicht ernst! Es ist mein Schicksal. Ich bin abgestempelt seit Jahren! Ich kann mich nicht mehr ändern, weil sich die Meinung über mich nicht mehr ändert. Aber Ihnen würde ich wenigstens gerne in besserem Licht erscheinen ...« Er stand plötzlich auf und griff nach seinem Zylinderhut, um sich zu empfehlen. »Glauben Sie, es ist viel an mir gesündigt worden, Cousine Margot. Niemand hat mich je den Ernst des Lebens gelehrt. Ich habe nie ein rechtes Vaterhaus gehabt. Sie wissen: meine Eltern lebten getrennt. Zwanzig Jahre habe ich meine Mutter darunter leiden sehen, ohne ein Wort der Klage. Sie war eine Heilige. Wenn man mir jetzt Frivolität vorwirft: Ein Mann, der solch eine Mutter hatte, kann nie wirklich die Ehrfurcht vor den Frauen verlieren! Er findet nur zu schwer die Frauen, die solch eine Ehrfurcht verdienen!« In seinen schwermütigen Augen stand zu lesen: »Du bist solch eine Frau!« Dann änderte er den Ton und zeigte lachend seine Zähne. »Adieu, Cousine! Auf Wiedersehen bei mir! Ich muß jetzt Ihre Schwägerin Ljubow ins Konzert schleppen!« – Madame Ljubow Feddersen, die Gattin Nikolais, war eine imposante, blonde Slawin, mit dem verächtlichen Ausdruck einer russischen Schönheit, für ihre Jugend schon zu korpulent und voll gesunden Phlegmas, obwohl sie sich eines Leidens wegen in Paris aufhielt, sich dabei nach Moskau zurücksehnte und aus Langeweile den ganzen Tag Zigaretten rauchte und Süßigkeiten aß. Das tat sie auch jetzt, einige Tage später, in der Wohnung Vetter Alphonses. Sie hatte gar keine Scheu vor dieser Höhle des Löwen. Ob er oder eine alte Tante ihr die Honneurs von Paris machten, war ihrem schläfrigen Temperament ganz gleich. Sie war froh, jemanden zu haben, mit dem sie Russisch reden konnte: sie verstand nun einmal kein Wort einer anderen Sprache. Außerdem waren ja auch die Schwägerin Margot und Lisa Campbell da. Die drei jungen Frauen saßen um den Teetisch. Die blumengeschmückten sommerlichen Riesenhüte nickten, ein feiner Hauch von Parfüm schwebte über dem Rascheln der duftigen Kleider. Sie lachten und schwatzten und waren doch ein wenig aufgeregt, die beiden Pariserinnen und, durch sie angesteckt, schließlich auch die Russin. Es war immerhin keine Kleinigkeit, bei Vetter Alphonse zu Gaste zu sein, von dessen Wohnung und ihren Geheimnissen man sich sonst im Familienkreis nur vom Hörensagen Räubergeschichten zuraunte. Aber es war, wie immer in solchen Dingen, eine Enttäuschung. Die Vorderräume, in denen er seine Cousinen empfing, unterschieden sich in nichts von dem Interieur irgendeines anderen reichen Junggesellen. Und was sonst noch Merkwürdiges vorhanden sein konnte, das vielberufene türkische Badezimmer, das fensterlose marokkanische Rauchkabinett – diese Geheimnisse zeigte er nicht. Sein Quartier lag in einem Eckhaus des Boulevard des Italiens und einer Seitengasse, mitten im nervenerschütterndsten Lärm der Weltstadt. Er war auch darin Pariser geworden, daß seine Ohren sich gegen Geräusche völlig abgestumpft hatten. Er fühlte sich hier sehr wohl. Er saß mit einem gönnerhaft gutmütigen Lächeln zwischen den drei hübschen und übereleganten in kostbarem Schmuck flimmernden jungen Frauen, beinahe wie ein Papa unter seinen Töchtern. Er hatte absichtlich etwas Väterliches an sich. Er hatte einige Schwierigkeiten mit der Unterhaltung, denn er mußte abwechselnd mit der Moskauerin Russisch, mit Margarete Deutsch reden. Nur Lisa Campbell verstand beide Sprachen gleichmäßig. Nun war er wieder mit Madame Nicolai Feddersen beschäftigt. Er bemerkte etwas zu ihr, mit einem Seitenblick auf Margarete. Die fuhr nervös auf: »Lisa, was hat er eben von mir gesagt?« »Ach nichts!« »Erzähl' es doch!« Die kleine Petersburgerin lachte. »Er hat gesagt, Du seist die hübscheste Frau von Paris!« »Hab' ich nicht recht?« versetzte der Vetter Alphonse auf deutsch, ohne mit der Wimper zu zucken, und bot seinen Gästen seine eigens präparierten Damenzigaretten aus Teeblättern an. »Ich erwähnte diese allgemein anerkannte Wahrheit auch nur, um meine Nachbarin zur Linken etwas zu beleben. Sie heißt Ljubow. Ljubow heißt auf deutsch: Liebe. Nun sehen Sie dies Phlegma! Beneidenswert, nicht? Wenn man uns Liebe getauft hätte ...« Er lenkte rasch ein, da er sah, daß Margaretes Stirn sich umwölkte. »Aber das hat sie von ihrem Vater. Ein Russe, wie er im Buch steht! Er beißt noch den Zucker ab und bekreuzigt sich, eh' er den Tee aus der Untertasse trinkt!« Er wandte sich wieder der Moskauerin zu. Margarete stand auf und sah sich in der Wohnung um. Nebenan war ein Eckraum, den Vetter Alphonse die Stirne hatte, als sein Arbeitskabinett zu bezeichnen. Auf dem Tisch lagen Revuen in vier, fünf Sprachen, Broschüren und Bücher. Sie nahm ein paar zur Hand. Sie waren alle aufgeschnitten, zuweilen die Seiten umgebogen. Er mußte doch in seiner oberflächlichen Art vielerlei Interessen haben. Das erstaunte sie. Sie hätte es ihm nicht zugetraut. Auch die Bilder an den Wänden, die Bronzen und Marmorskulpturen zeugten von ausgesprochenem Kunstgeschmack. Dann sah sie wieder etwas Neues. Auf dem Schreibtisch, so daß sein Blick zu jeder Zeit darauf fallen mußte, stand die Photographie einer alten Dame, offenbar seiner Mutter. Ein frisches Veilchensträußchen lag davor und verbreitete seinen zarten Duft: das rührte sie beinah. Dabei erzählte er eben nebenan auf russisch eine offenbar recht gewagte Geschichte, denn Frau Ljubow lachte so herzlich, wie sie es nur bei solchen Gelegenheiten tat, und die kleine Petersburgerin schaute so streng, als es ihr zartes Kindergesicht erlaubte, an ihm vorbei in die Ecke. Dann stand er plötzlich neben Margarete. Er war ganz ernst. Er nickte ihr zu »Die Blumen vor dem Bild lege ich jeden Morgen frisch hin!« sagte er. »Das ist eine alte Angewohnheit von mir seit vielen Jahren!« Im selben Augenblick beinahe schon schlug seine Stimmung wieder ins Gewohnte um. »Kommen Sie!« bat er. »Die beiden drinnen sind zum Morden langweilig. Helfen Sie mir!« Und während er sie an seinem Arm zurückführte, flüsterte er: »Ich bin so froh, daß Sie einmal bei mir waren. Das ist für mich und diese Räume wie eine Art Weihe. Sie wissen ja gar nicht, welche Macht Sie über mich besitzen. Ich werde durch Sie ein anderer Mensch. Ich habe nie geahnt, daß einem eine Frau so im reinsten Sinne Freund werden kann!« »Margot!« rief Lisa Campbell plötzlich, als sie wieder um den brodelnden silbernen Samowar und die Sèvresschale mit Früchten und Süßigkeiten zusammenfassen, und klatschte in die Hände. »Gott sei Dank!« »Was denn?« »Eben hast Du gelacht! Zum erstenmal, seit Du aus Deutschland zurück bist ... Nun wirst Du doch endlich wieder die Alte!« »Ach, Unsinn!« »Sei doch froh! ... Du und die Kopfhängerei ... das geht doch auf die Dauer nicht zusammen!« Margarete Feddersen lachte wirklich. Sie fühlte sich sonderbar frei und leicht. »Gott, Kinder – warum soll man denn schließlich nicht vergnügt sein?« sagte sie. »Das Leben ist ja so kurz. Es lohnt sich kaum der Mühe ...« Diese Stimmung zwischen Uebermut und Traurigkeit blieb in ihr. Als das Gespräch wieder einmal in das Russische umgeschlagen war, trat sie allein auf den kleinen Balkon hinaus. Es ging schon gegen Abend. Das Blau des Himmels war verblaßt, die Luft voll eines seinen, silbergrauen Staubs, im Westen, gegen Versailles zu, über dem Häusermeer lag eine feurige Glut. Tief unter ihr, auf dem breiten Boulevard, donnerte und brauste Paris. Die Menschen wimmelten schwarz wie ein Ameisenschwarm – verworrenes Geräusch drang aus dem sprudelnden Grund – Rädergerassel – das Gellen der Zeitungsverkäufer: »Deuxième Edition!« Die ersten Laternen blinkten auf. Dazwischen bunte Farbenflecken – die Körbe der Blumenhändler. Ein halbverwehter, süßer Hauch glitt da empor, schwebte träumerisch über dem Lärm und Leben ... gab Mut ... Noch war das Leben da ... tausendgestaltig winkte es! Die alle da unten lebten. Warum nicht auch sie da oben, die einsame junge Frau? Drinnen schwatzten und lachten sie weiter. Sie gesellte sich zu ihnen. Sie machte mit. Sie war in übermütiger Laune. Alphonse Feddersen bewahrte gegen sie eine ehrerbietige, zarte Höflichkeit, die ihr wohl tat. Es plauderte sich gut mit ihm. Sie dachte, wohlig in ein Ungetüm von ledernem Klubsessel zurückgelehnt, die komische kleine Teezigarette zwischen den Lippen, nicht an das Fortschreiten der Zeit. Aber ihre Freundin Lisa sah auf die Uhr, raffte eilig den Orchideenbüschel von ihrem Platz zusammen, steckte ihn an die Brust und sprang auf. »O Gott, ich muß heim!« sagte sie. »Reginald wartet!« Sie hatte große Angst vor ihrem Mann, obwohl dieser hartgesottene Yankee mit den grausam dünnen, glattrasierten Lippen gegen sie die Rücksicht selber war. Margarete schloß sich ihr an. Die Automobile der jungen Frauen harrten auf der Straße. Der Vetter Alphonse kam eilig hinterher das Treppenhaus herunter. Er hatte eben noch rasch mit der blonden Russin zu tuscheln gehabt. Die ging nur, weil die anderen gingen. Sie wäre ebensogut auch bis zwei Uhr nachts sitzen geblieben. Ihr war alles recht. Jetzt stand Alphonse Feddersen da, lächelte und winkte dankend zum Abschied mit der Hand. Und während Margarete ihm noch einmal zunickte und ihr Coupé in das Grau des Boulevards hinausschoß, beschlich sie eine sonderbare Traurigkeit, wie der Abschied von einer Kameradschaft. Sie zog fröstelnd den lichtgrünen Seidenburnus enger um die Schultern. Unter ihr surrten die Gummireifen. Vor den Scheiben tanzten schattenhaft Gaslaternen, Menschen, Bäume vorüber. Die Welt wurde immer dunkler, immer einsamer, je weiter man hinaus bis in die Avenue du Bois de Boulogne kam ... Als sie und ihr Mann sich einige Tage später allein daheim bei Tisch gegenübersaßen, im hellen Kerzenlicht, er im Frack und weißer Binde, die Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch, sie mit bloßen Schultern, ein dickes Perlenkollier um den weißen Hals, da begann Karl Feddersen: »Hör' mal, Margot: Was war denn das für eine Geschichte nachmittags bei Alphonse? Davon hast Du mir ja gar nichts erzählt? Ich höre jetzt erst nachträglich von dritter Seite ...« »Sag' doch lieber gleich: von Madge!« »Gleichviel von wem ... natürlich: es waren ja auch die anderen da. Aber trotzdem ... es gibt Dinge, wo man auch den Schein vermeiden sollte ...« Die schöne junge Frau ließ die Gabel sinken und sah ihn frostig über den Tisch hin an. »Das ist das Neueste!« sagte sie, »daß Dir etwas nicht recht ist, was ich tue! Du hast doch sonst darin solch einen göttlichen Gleichmut!« Er schlug ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch. »Ich habe Dir meinerseits strengste Korrektheit versprochen und halte sie ein!« versetzte er scharf. »Aber ich verlange sie auch von Dir! Und wenn es auch nur Vetter Alphonse ist ... gewiß ... ça ne tire pas à conséquence ... Aber ich wünsche nicht, daß Du Dir eigenmächtig diese kleinen Freiheiten nimmst ... durchaus nicht!« In ihr war ein sonderbarer leiser Triumph. Ein Ahnen wiedererwachender Macht über ihn, wenn das da drüben Eifersucht war ... Sie dachte sich: Mein Gott! ... Ich bin ja so vernarrt ... Ich bin ja so enttäuscht ... Ich will ja auch jetzt noch, nach allem, nichts anderes als ihn! Ich hab' es gelernt, bescheiden zu sein! ... Aber die Zeit, wo sie freudig die Hände ausstreckte, um eine Gnade von ihm zu empfangen, war vorüber. Sie versetzte in kühlem Trotz: »Mein lieber Charley ... ich nehme solche Verhaltungsmaßregeln nicht an!« »Was?« »Entweder man hat einen Mann, der sich um einen kümmert, oder einen, der das nicht tut. Ich habe das letztere. Aber dann verlange ich auch Vertrauen. Das ist das geringste, was man mir zubilligen muß. Lasse Dir das gefälligst gesagt sein! Ein für allemal!« Karl Feddersen traute seinen Ohren nicht. Er war ganz verblüfft. »Das ist allerdings großartig!« meinte er endlich. »Wenn meine eigene Frau ...« »Als Deine Frau hab' ich längst hier keine Stellung mehr ... Die hast Du selber preisgegeben, seit Jahren, in jeder Art. Meine Stellung Euch allen gegenüber hab' ich nur als Charles-Iwans Mutter. Und aus der nehm' ich mein Recht, vor mir zu verantworten, was ich tue!« »Aber es gibt gewisse Rücksichten, ma chère ...« »Wer nimmt denn auf mich Rücksichten? Wer dankt denn mir etwas! Wenn ich jetzt auf meinen eigenen Füßen steh', so habt Ihr's gewollt und mich dazu gebracht!« »Du bist auf einmal ein ganz anderer Mensch, Margot!« »Gar nicht!« sagte Margarete ruhig und schob ihren Stuhl zurück, um sich zu erheben. »Ich lasse mich nur nicht unterkriegen! ... Ich bin darüber hinaus! ... Da hättest Du Dir eine Frau von anderer Herkunft suchen sollen! Wir in Preußen sind aus zähem Holz!« Karl Feddersen schwieg, als sie zusammen in den kleinen Salon hinübergingen. Er war betreten. Dann sammelte er sich. Er hatte jetzt andere Dinge im Kopf. Er schob mit seiner gewohnten Kühle den Zwischenfall zur Seite. Er fing wieder an, von Geld zu reden. »Heiß wird es nachgerade in Paris!« sagte er, sich eine Zigarre anzündend. »Unerträglich! Ich wollte, ich könnte schon mit Dir weg! Aber die Geschäfte sind augenblicklich auf einem Punkt ... Ich möchte nur wissen, wer die Deutschen erfunden hat! Ueberall sind sie einem in der Quere. Da steckt jetzt wieder dieser Generaldirektor Malloney in Paris. In Geschäften mit uns. Kein Vergnügen.« »Vertragt Euch doch!« erwiderte Margarete gleichgültig. Er machte ein nervöses Gesicht. »Wie wenig Takt dieser Malloney hat,« sagte er, »kannst Du schon aus folgendem ermessen. Er wußte sich keinen anderen Begleiter und Berater nach Paris mitzubringen als Herrn Lünemann! Ausgerechnet Herrn Moritz Lünemann! Nun bitte ich Dich ... Malloney ist ja, scheint's, über das Nähere nicht orientiert, aber so viel weiß er doch, daß wir seinerzeit Herrn Lünemann für uns gewinnen wollten und dieser es brüsk abgelehnt hat!« Sie war bei dem Namen zusammengezuckt. »Da hast Du jetzt mit ihm zu tun?« fragte sie tonlos. » Ah non, ma chère ! Das fehlte mir gerade noch. Das lehnte ich von vornherein energisch ab. Herr Lünemann scheint auch selbst gar nicht diese Absicht gehabt zu haben. Er hält sich ganz im Hintertreffen. Er bleibt unsichtbar. Er kann wohl nichts dafür. Er ist Angestellter einer Aktiengesellschaft. Er muß seine Vorgesetzten begleiten. Die kommen offenbar ohne ihn nicht mehr aus. Er hat sich, scheint's, in seinem Konzern eine sehr starke Position geschaffen. Unerquicklich bleibt's! Ich kann es nicht leiden, wenn einem geschäftliche und persönliche Beziehungen durcheinanderlaufen. Es trübt den klaren Blick ...« Er brach ab und kam nicht mehr auf das Thema zurück. Aber in Margarete klang es nach, die nächsten Tage, die folgende Woche. Es war ein seltsames Gefühl, sich mit Moritz Lünemann zusammen in derselben Stadt zu wissen, in dieser Riesenstadt, in deren Millionengewimmel man sich doch ferner war als über Länder und Meere hin, zwei Atome im Weltall – ein Zufall, wenn man sich einmal begegnete. Sie fürchtete sich vor diesem Zufall. Aber sie tat nichts, um ihm aus dem Weg zu gehen. Heimlich pochte ihr Herz, wenn sie den heißen Staub der inneren Boulevards einatmete, die schattigen Kolonnaden der Rue Rivoli durchschritt, die Mittagsglut des Vendôme-Platzes, des Tuileriengartens kreuzte. Das waren die Stadtteile, in denen sie ihre Einkäufe in den Läden machte, und in denen zugleich das Fremdenleben, der Geschäftsverkehr der Ausländer sich abspielte. Zuweilen, wenn sie in der Ferne einen mit breiten Schultern die Franzosen überragenden Herrn in Zivil sah, der etwas schwerfällig und aufrecht seines Weges ging, dachte sie, er wäre es. Aber es war jedesmal irgendein unbekannter deutscher Landsmann, der sich die Beine auf Pariser Pflaster vertrat und der schönen schwarzäugigen, jungen Frau – seiner Meinung nach ein Vollbluttyp der Pariserin – bewundernd nachschaute. Allmählich wurde sie ruhiger. Wahrscheinlich verließ Moritz Lünemann tagsüber sein Zimmer kaum, sondern saß über seinen Akten und Tabellen im Hotel. Oder schrieb an seine Braut ... Eine heiße, wilde Bitterkeit zuckte ihr durch das Herz: Jetzt erlauben sie ihm zu heiraten – jetzt nach fünf Jahren – wo mein Leben verpfuscht und verloren ist! Seines fängt nun erst recht an. Ich hab' Hoffnung und Glück hinter mir ... Sie lächelte leer im Weitergehen. Sie zeigte jetzt immer ein lächelndes Gesicht. Sie zwang sich, die Dinge nicht mehr bis ans Ende zu denken. Es ging hier auch so. Die Oberfläche des Lebens war bunt und reich. Von Gold verklärt. In unwillkürlichem Respekt vor der Macht des Goldes machten die Menschen auf dem Boulevard Sebastopol Halt, wenn ihre mächtige Limousine da majestätisch mit blitzenden Spiegelscheiben, den feierlich glattrasierten Diener neben dem schnurrbärtigen Chauffeur auf dem Bock, vorfuhr und sie ausstieg, um, wie sie zuweilen tat, ihren Mann zum Lunch abzuholen. Einmal, als sie wieder mit flüchtigen Schritten, einen zarten Veilchenhauch hinter sich in der muffigen Stubenluft lassend, in das Privatkontor trat, schnellte bei ihrem Anblick ein kleiner, stämmiger Herr auf die Beine, der da in eifrigen Debatten gesessen und den ganzen Raum mit Zigarrenqualm erfüllt hatte. Er hatte rötliches, aufrechtstehendes Haar, ein schlau-gemütliches Gesicht mit goldenem Zwicker vor den durchdringenden kleinen Augen, die weiße Weste über dem gerundeten Bäuchlein. Ihr Mann stellte ihn ihr als den Generaldirektor Malloney vor. Dann benutzte er die Gelegenheit und gewann unauffällig die Tür. »Unterhalte Dich ein wenig mit ihm!« raunte er Margarete zu. »Ich will eben mal rasch telephonieren! Ein Gauner ist der Kerl! ... Nicht zu sagen!« Sie hörte, wie er nebenan in die Fernsprechkammer lief und sich mit Brüssel verbinden ließ. Sie saß inzwischen im Allerheiligsten dem Besucher gegenüber. Er kannte sie nicht. Er wußte nur, daß sie die Gattin des Chefs war. Er hielt sie für eine Pariserin und begann in einem sprudelnd geläufigen, abenteuerlich sächsisch betonten Französisch. Sie mußte lachen. »Sprechen Sie nur ruhig Deutsch, Herr Generaldirektor! Ich bin eine Deutsche!« »Ist's die Möglichkeit?« sagte Herr Malloney verwundert. Jetzt hatte er nichts mehr von seiner vierschrötigen Energie als Geschäftsmann an sich, sondern schaute recht harmlos und pfiffig drein. In seiner Art war er ein Weltmann, gerade weil er's gar nicht darauf anlegte, ihn zu spielen. Ob mit einem türkischen Pascha oder einem Streitdeputierten seiner Arbeiter oder einer hübschen Frau – er konnte mit jedem reden. Er plauderte ganz nett und geläufig. Margarete gefiel dem alten Schwerenöter sehr. Sie merkte es. Eine Weile hörte sie ihn an. Dann fragte sie plötzlich, mitten in seine bewegliche Klage, daß er, eine Seele von einem Menschen, immer in Paris mißverstanden werde: »Sie haben Herrn Lünemann mit sich, nicht wahr?« »Ja! Kennen Sie ihn?« »Früher schon! Als Offizier! Ich hab' ihn jetzt jahrelang nicht gesehen! Wie geht es ihm denn?« »Sehr gut! ... Wenn ich jemanden manage, gnädige Frau! ... Mir ist der Hundertste nicht recht! ... Ein helles Köpfchen! ... Er sieht, wo's Geld steckt!« Dabei stieß Herr Malloney mit seinem Spazierstock gegen die Diele, als seien da Schätze vergraben, und hörte mißtrauisch auf die Verhandlungen in der Telephonzelle nebenan: Das Gespräch mit der Frau seines Geschäftsfreundes oder Geschäftsfeindes führte er nur mit halbem Ohr. Ihm entging das leise Schwanken ihrer Stimme, als sie anscheinend leichthin meinte: »Hat er nicht neulich geheiratet?« Der Generaldirektor lachte. »Nee, noch nicht,« sagte er harmlos. »Aber dichte dran ist er allerdings! Seit einem halben Jahr oder länger verlobt!« »Eine gute Partie?« Ihr Gegenüber zündete sich mit einer Verbeugung gegen sie eine neue Zigarre an. »Und ob!« sagte er zerstreut, immer im Geiste mit am Telephon nebenan. »Ein sehr hübsches Mädchen! Ich kenne sie und den Alten! Geld ist da nicht zu knapp ... Aber ich habe den Eindruck: es ist doch eine Neigungsheirat! Sonst hätte der gute Lünemann noch gewartet. Seine Chancen steigen ja von Jahr zu Jahr ... Nun – wie ist's, Herr Feddersen! Vertragen wir uns wieder?« Er wandte den roten Kopf vergnügt zu Margaretes Mann, der wieder eintrat und der verschmitzten Vertraulichkeit des andern mit vornehmer Kühle begegnete: »Wir werden sehen, Herr Malloney! Mein Bruder fährt nach Brüssel. Ohne die Belgier können wir nichts machen!« Die Verhandlungen fanden an diesem Tage keinen Abschluß. Sie dauerten auch noch die folgende Zeit. In dieser Woche war Margarete noch mehr allein als sonst. Ihren Mann sah sie nur des Abends, wenn er, nervös von den Verhandlungen, nach Hause kam ... Einmal lag auf seinem Schreibtisch ein Brief, ein Ultimatum, das er an Malloney sandte. Sie las die Adresse. Der Generaldirektor wohnte in einem der vornehmsten Hotels am Vendôme-Platz. Dort hatte er jedenfalls auch seinen Begleiter untergebracht. In den nächsten Tagen kämpfte Margarete Feddersen mit sich einen schweren Kampf. Der einzige, der etwas davon merkte, war der Vetter Alphonse. Der fand zweimal hintereinander, als er zur Teestunde kam, verschlossene Türen. Madame fühle sich nicht wohl, berichtete der Diener, und der Besucher trat kopfschüttelnd den Rückzug an. Unterdessen saß Margarete an ihrem Louis-Seize-Tischchen und schrieb mit raschen Federzügen, ohne einmal den Kopf zu heben, so, wie man sich etwas von der Seele beichtet: »Lieber Moritz! Oft habe ich in diesen fünf Jahren an Dich gedacht. Dich einmal auch gesprochen. So bist Du meinem Leben nicht fern geworden. Ich habe, soweit es mir möglich war, immer Deine Schritte verfolgt und mich gefreut, daß es Dir so gut geht und Du so vorwärts kommst. Nun bist Du wieder in meiner Nähe und stehst vor der größten Lebenswende, die uns überhaupt beschieden ist. Du selbst hast es mir nicht mitgeteilt, aber ich hab' es von verschiedenen anderen Seiten gehört, daß Du verlobt und im Begriff bist, Deinen eigenen Hausstand zu gründen. Das macht mich froh und traurig zugleich. Froh für Dich, dem ich alles Gute im Leben wünsche, traurig für mich. Denn nun erst, wo Du bald ganz einer anderen gehörst, scheidest Du völlig aus meinem Sein. Ein Stück Erinnerung, alles, was einst war, sinkt nun endgültig ins Grab. In dem liegt für mich schon vieles, beinahe alles gebettet, was ich einst hoffte und wünschte. Und doch muß ich dem Schicksal dankbar sein, daß ich endlich von der Last der Verantwortung befreit bin, die ich diese ganzen Jahre mit mir herumgetragen habe, von der Furcht davor, daß auch Dein Leben durch meine Schuld so verpfuscht bleiben möge, wie meines geworden ist. Gottlob, darüber bist Du nun hinaus, und ich halte Dir noch einmal, zum letzten Male, die Hand entgegen und bitte Dich zum Abschied: Verzeih' mir, was ich Dir Schmerzliches zugefügt habe, und behalte mich von jetzt ab in freundlicher Erinnerung. Und zum zweiten wünsche ich Dir von Herzen Glück, mein lieber Moritz. Und ich weiß, Du wirst glücklich werden. Ich habe aufgeatmet und unserem Schöpfer gedankt, als ich hörte, daß Du bei Deiner Heirat durch eine Herzensneigung bestimmt wirst. Ich will Dir jetzt gestehen: Ich hatte immer eine wahre Todesangst, Du könntest meinem Beispiel folgen und auch eine Verstandespartie eingehen – die Versuchung liegt ja für Dich so nahe – und dieselben Erfahrungen machen wie ich. Mißverstehe mich nicht! Ich will mich hier nicht als die Unglückliche aufspielen. Ich will keine unnützen Geständnisse ablegen. Ich will niemanden anklagen als mich selbst. Aber glaube mir – vielleicht ist es Dir nachträglich eine Genugtuung – für das, was ich getan, habe ich auch redlich gebüßt. Für das, was ich geopfert, hab' ich wenig Gegenwert empfangen. Ich bin einsam in fremdem Land und werde es zeitlebens bleiben und unter Fremden sterben und begraben werden. Jetzt verstehe ich, Moritz, was ich Dir damals so übel nahm: daß Du erklärtest, Du könntest nie und nimmer in französische Dienste treten. Du hast so wahr gesprochen. Hättest Du nur auch mich überzeugt. Jetzt weiß ich es selbst nur zu gut! Wir können unsere Art nicht verleugnen. Wir bleiben, was wir sind: Deutsche. Mein eigentlicher Lehrmeister im Leben bist immer Du gewesen. Du zeigst mir nun auch jetzt wieder, was ich damals hätte tun sollen. Du verkaufst Dich nicht um Geld. Du folgst Deinem Herzen. Ich bin so froh. So steht Dein Bild so rein und ungetrübt in mir. Ich kann in der Erinnerung zu Dir emporsehen und Dir sagen: Einer von uns beiden hat wenigstens den rechten Weg gefunden, wie es geschrieben steht: Was hülfe es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne und hätte der Liebe nicht? Um Dir das alles zu sagen, hab ich Dich noch einmal Du genannt. Zum letzten Mal. Sonst hätte ich es nicht herausgebracht! So – nun ist mir leicht ums Herz! Ob's recht war oder nicht, Dir von mir so viel zu schreiben – ich hab's tun müssen! Leb' wohl, vergiß mich – das brauch' ich Dir jetzt erst nicht mehr zu sagen! – Und sei glücklich! Margarete!« Ein Diener brachte diesen Brief hinüber nach dem Vendôme-Platz und meldete, daß er ihn im Hotel an Herrn Lünemann selbst, der in seinem Zimmer gesessen, abgegeben habe. Margarete zweifelte nicht, daß Moritz Lünemann ihr bald und ausführlich antworten, oder daß er selbst kommen werde. Das durfte er nach ihren Zeilen. Die waren eine Bitte um Versöhnung auf beiden Seiten. Er konnte doch nicht auch jetzt noch so nachtragend und hartherzig sein und die Hand nicht ergreifen, die sie ihm bot. Hatte doch schon einmal seither, beim Begräbnis ihres Vaters, seine Rechte in der ihren geruht. Aber die Tage kamen und gingen. Nichts rührte sich. Und eines Abends versetzte Karl Feddersen gähnend und ärgerlich nach dem Essen: »Gott sei Dank, wir werden die teutonische Invasion los!« »Hast Du Dich mit Malloney endlich geeinigt?« »Im Gegenteil! Der Kerl ist zu niederträchtig. Wir stehen vor dem Bruch! Er ist noch in Paris! Aber sein Vertrauter, Herr Lünemann, ohne den er nicht vierundzwanzig Stunden existieren kann, ist gestern abend glücklich heimgedampft. Das ist ein Zeichen, daß er ihm bald folgen wird! Meinetwegen! Da war es eben verlorene Liebesmüh'!« »Ja. Das war es!« sagte Margarete. Ihre Gedanken folgten Moritz Lünemann auf seinem Weg nach Deutschland – übern Rhein – den Strom entlang – irgendwo stand da ein Haus – etwas Weißes, wie ein Mädchenkleid, leuchtete auf der Schwelle – zwei Arme breiteten sich ihm entgegen. Die Sonne schien. Die Vögel sangen. Glück und Frieden wohnten dort im Schatten einer rheinischen Rebenlaube ... Sie sank am nächsten Nachmittag plötzlich verzweifelt auf ihrem Diwan zusammen. Sie lag stundenlang, das Antlitz in den Kissen, wie eine Tote, in einem tiefinnern herbstlichen Frösteln, als sei jetzt erst für sie die letzte Brücke zum Vaterland, zur Jugend, zu dem, was sie selbst gewesen und hätte werden sollen, abgebrochen. Dann richtete sie sich auf und starrte aus erschrockenen, tränenlosen Augen um sich. Sie war in der Verbannung. Draußen hörte sie französische Laute. Eine Männerstimme. Der Diener erschien und meldete, Monsieur Alphonse Feddersen wünsche Madame seine Aufwartung zu machen. Und zugleich streckte, diesmal entschlossen seinen Vorteil wahrnehmend, der Vetter Alphonse schon vertraulich wie ein Hausfreund seinen lächelnden schwarzen Pariser Mephistokopf durch den Türspalt. Sie sah es gleichgültig. »Darf ich eintreten, Cousine Margot?« »Kommen Sie nur herein!« sagte sie müde. Er stand schon vor ihr, lächelte wieder und beugte sich tief über die eiskalten Fingerspitzen, die sie ihm entgegenstreckte. 17. In dem kleinen Feddersenschen Hotel in der Avenue du Bois de Boulogne ging man auf den Fußspitzen und dämpfte die Stimme zum Flüstern. Karl Feddersen selbst, der Hausherr, machte ein sehr ernstes Gesicht, als er des Vormittags in sein Auto stieg, um ins Kontor und auf die Börse zu fahren. Es waren nicht Sorgen der Firma, die ihn drückten. Sein Sohn, der Erbe des Hauses Iwan Feddersen und Söhne, war krank, recht krank ... Noch vor kurzem hatte man festlich den ersten Geburtstag des kleinen Charles-Iwan gefeiert. Sein Pate, der Mülhauser Protestler Beinhauer, hatte das Hoch auf das bleiche, spitze Männchen ausgebracht, diesen kleinen Patrioten, der dereinst ... Er hatte sich da unterbrochen, mit einem Seitenblick auf Margarete, die so gleichgültig dasaß, als ob sie seine Worte gar nicht hörte. So war der große Tag feierlich vorübergegangen. Aber es hatte doch ein Unstern über dieser Rede geleuchtet. Von da ab siechte der kleine Patriot. Wurde schwächer und schwächer. Wenn die Krankenpflegerin lautlos mit ihren Tüchern und Flaschen die Treppe auf und nieder glitt, war es, als husche die Frau Sorge selber in grauen Schleiern durch das Haus. »Da zahlt nun mein Mann die teuersten Aerzte von Paris!« sagte Margarete Feddersen zu ihrer Freundin Lisa Campbell, die gekommen war, um sich nach dem Befinden des kleinen Patienten zu erkundigen. »Er verschreibt sich die Pflegerinnen aus einem wundertätigen Sacre-Coeur. Er würde hier im Kamin ein Feuer aus Banknoten anzünden, wenn man ihm sagte, daß das für Charles-Iwan gut sei. Aber auf die eine naheliegende Idee kommt er nicht, mich, die Mutter, an das Krankenbett zu lassen!« »Oder vielmehr ... sie denken wohl daran!« setzte sie nach einer Weile hart hinzu, »aber sie wollen nicht. Ich soll nun einmal keinen Teil an meinem Sohn haben. Ich bin eine Deutsche und das Kind muß ein Franzose werden! Die Geschäfte verlangen's! Lieber das arme Kerlchen leiden lassen, als ihm für später das Millionen-Zusammenkratzen erschweren. Darum ringen sie ihn mir aus den Händen. In gesunden und kranken Tagen!« Ein wildes Zucken von Leidenschaft und Angst jagte durch ihre Züge. Jählings sprang sie auf. Sie ballte die Hände. »Aber ich habe es jetzt satt! Guter Gott ... Was hab' ich mir schon alles in diesem Hause bieten lassen! Was ertrage ich nicht hier. Tag um Tag! Du kennst doch wahrhaftig meine Existenz, Lisa! Du wirst mir zugeben: Es ist kein Leben, so dazustehen, von seinem Mann vernachlässigt, von den Verwandten über die Achsel angesehen, von jedermann als ein Eindringling betrachtet – das einzige, wodurch ich es vor mir und meinem Stolz rechtfertigen kann, daß ich hier überhaupt noch ein bißchen Brot esse oder mir ein paar Handschuhe zahlen lasse, das ist doch das Kind. Dann muß ich das aber auch zeigen. Dann muß ich mir mein Recht auf Charles-Iwan nehmen. Es ist die höchste Zeit. Sie kurieren ihn mir ja zu Tode, mit ihren französischen Mittelchen und Geschichten. Ich seh' es ganz deutlich!« Die junge Frau ging schwer atmend im Zimmer auf und ab. Die Schleppe ihres kostbaren Spitzenmorgenrockes flog bei ihren ungestümen Schritten über den Perserteppich. Ihre Freundin seufzte. »Es ist ein Jammer, daß Du nicht mehr Einfluß auf Deinen Mann hast!« versetzte sie. Margarete Feddersen machte Halt und lachte. Es war kein gutes Lachen. Es grub zwei bittere Furchen der Resignation um ihre Mundwinkel: »Weißt Du, weswegen, Lisa? Mein Mann ist dafür zu sehr verparisert. So sieht er die Frau. Auch die eigene Frau. Ein Luxusartikel. Ein Spielzeug. Man läßt sich von ihr Launen gefallen, sich um den Bart gehen wie von einer Katze, sich die Dinge abtrotzen, abschmeicheln, ablisten – Lisa ... zu dem allen bin ich verloren! Ich bin anders. Ich brauchte einen Mann, dem ich Kamerad wäre – in allem – mit geschlossenen Augen durch dick und dünn. Das, was ich hier sein soll, das werd' ich nie lernen! Und was ich bin, das wird er nie verstehen! Da hast Du die Geschichte meiner Ehe in Gegenwart und Zukunft!« »Aber Liebste – wie soll denn das um Himmels willen enden?« »Vorläufig damit, daß ich jetzt die Geduld verliere und einmal die Fenster in Charles-Iwans Zimmer aufmache. Es sind mindestens zwanzig Grad darin. Aber siehst Du, nicht einmal das kann ich aus eigenem! Sogar dazu brauche ich Verbündete!« Sie klingelte und gab dem eintretenden Diener einen hastig hingeworfenen Brief. »Bringen Sie das sofort zu Monsieur Alphonse Feddersen! Es eilt!« Die kleine Deutsch-Russin machte bei der Erwähnung des Vetters Alphonse eine sorgenvolle Miene. Als sie wieder mit Margarete allein war, fragte sie: »Was willst Du denn mit Alphonse?« »Er soll mir helfen!« »Warum denn er gerade?« »Ich hab' doch sonst niemanden!« Es war eine Stille. Dann hub Lisa Campbell an: »Du, Margot ...« »Ja?« »Alphonse kommt ziemlich oft zu Dir!« »Oh ja!« »Vielleicht zu oft?« »Gott ... ich zähl' es nicht nach!« »Aber andere zählen es nach, Liebste! Da wir heute gerade bei Geständnissen sind – es lag mir schon lange auf dem Herzen, Dir da einmal einen Wink zu geben!« Margarete Feddersen war gar nicht überrascht. Sie zuckte gleichgültig die Achseln. »Kinder, Ihr seid doch wirklich komisch!« sagte sie. »Erst wird man hier von Gott und der Welt boykottiert, und wenn man sich dann irgendeine Menschenseele zum Verkehr sucht, soll man wieder gesteinigt werden. Ja, ich hab' doch kein Trappistengelübde abgelegt!« »Aber warum muß es gerade Vetter Alphonse sein?« »Mein Gott: es ist eine Art Galgenhumor zwischen uns. Eine Schicksalsgemeinschaft. Wir sind nun doch einmal die beiden schwarzen Schafe der Familie!« »Margot! Wie kannst Du Dich mit Alphonse auf eine Stufe stellen?« »Das tu' ich nicht! ... Aber Ihr tut ihm auch unrecht. Ganz einfach ein Taugenichts ist er wirklich nicht. Er ist eine recht komplizierte Natur. Es ist viel Gutes in ihm verloren gegangen, weil ihn das Leben nie vor eine ordentliche Aufgabe gestellt hat!« Die Deutsch-Russin schüttelte zweifelnd den Kopf. »Ich kenne ihn doch auch!« sagte sie. »Länger als Du. Ich bin mit ihm verwandt. Ich kann Dir nur sagen: Mache Dir nicht in der Stimmung, in der Du jetzt bist, irgendein Bild von ihm zurecht! Traue ihm nicht!« Margarete Feddersen achtete nicht auf ihre Worte. Ihre Gedanken waren nicht mehr bei dem Vetter. Sie hatte drüben in dem Kinderzimmer ein Geräusch gehört. Sie sprang auf und eilte hinüber. Ihre Freundin vernahm einen heftigen Stimmenwechsel. Die Tür war offen. Der Arzt erschien, seinen Krankenbesuch vor der Zeit abbrechend, auf der Schwelle. Er war ein gewichtiger, rundgewölbter Herr, der mit seinem kalten, glattrasierten, selbstbewußten Gesicht eher an einen Diplomaten alter Schule erinnerte. Er hielt seinen Zylinder in der Rechten und war eisig höflich. »Selbstverständlich, Madame, bedarf es kaum dieser Andeutung. Ich ziehe mich auf der Stelle zurück!« Er ging. Die junge Frau trat, blaß vor Aufregung, zu der andern in das Zimmer. »So! Der kommt nicht wieder!« sagte sie, sich auf einen Diwan weisend. »Das gibt einen netten Tanz mit meinem Mann! Mir gleich! Ich zeig' jetzt die Zähne! ... Ich werde mir mit Gewalt die Stellung im Hause erobern, die mir gebührt! Willst Du schon gehen, Lisa?« »Ja, ich muß!« Die kleine Petersburgerin war aufgestanden. »Ich hab' eigentlich daheim alle Hände voll zu tun. Aber ich wollt' einmal nach Dir sehen. Du gefällst mir in letzter Zeit gar nicht, Margot!« »Ich komme mir vor wie ein Mensch, zu dem die Gebrauchsanweisung verloren gegangen ist. Zu etwas muß man doch nutz sein! Ich klammere mich jetzt an das Kind. Ich hab' es vielleicht gar nicht so lieb wie andere Mütter ihre Kinder. Aber wenn ich es halte, halt' ich zugleich mich selber. Es ist meine letzte Rettung, daß ich nicht überschnappe oder irgendwie die gräßlichsten Dummheiten mache. Das Zeug dazu hätt' ich nachgerade in mir ...« Sie war furchtbar aufgeregt. Sie begleitete die Freundin bis zur Schwelle und küßte sie dort ein paarmal leidenschaftlich. Dann lachte sie plötzlich mit feuchten Augen auf, während ihr ganzer Körper zitterte. »Diese Schlafmützen!« sagte sie. »Diese Goldsäcke! ... Da sitzt man nun dazwischen und ... Ach, ich bin so geladen! Ich möchte ihnen allen so gerne irgendeinen Tort antun! ... Schau mich nicht so erschrocken an, Maus! ... Es ist nur dummes Gerede! Es ist nur die Angst um den Jungen! Da zuckt es einen bis in die Fingerspitzen, daß endlich etwas Vernünftiges geschieht! ... Gott sei Dank ... Alphonse ... da sind Sie!« Der schwarze Vetter trat ein. Sie schüttelten sich die Hände wie zwei Kameraden. Dann versetzte die junge Frau, während Lisa Campbell noch daneben stand: »Lieber Vetter, Sie haben mir so oft versichert, daß Sie mein uneigennütziger Freund seien! ... Sie können es mir jetzt beweisen! ... Man bringt mir hier mein Kind um. Ich will es nicht länger dulden. Ich will einen deutschen Arzt und eine deutsche Pflegerin. Auf der Stelle! Kennen Sie jemanden?« »Wen kenne ich hier in Paris nicht?« sagte Alphonse Feddersen. Es klang halb melancholisch. »Ich und ein Adreßbuch für die Boulevards sind eins. Ich hole sofort den Doktor Oesterli. Einen Schweizer. Hat in Deutschland studiert. Von erfrischender Grobheit. Nehmen Sie mich bitte in Ihrem Auto mit, Lisa! Auf Wiedersehen!« Eine lange Stunde verstrich. Eine zweite. Margarete wanderte ruhelos in den Zimmern hin und her. Zuweilen stellte sie sich ans Fenster und spähte, ob eines der vielen Hunderte von Phaetons und Limousinen, die draußen durch die kalte Nebelluft dahinschossen, die Erwarteten brächte. Dann eilte sie wieder, von neuer Besorgnis ergriffen, in das Kinderzimmer. Kein Zweifel: es ging dem kleinen Charles-Iwan schlecht. Er hatte Krämpfe. Die Pflegerin sagte es selbst. Es schien ihr wie ein nachträglicher Triumph, weil man den Arzt entlassen hatte. Da endlich ... Margarete fuhr auf ... sie hörte das Haustor schlagen ... eilige Schritte unten im Eingang ... die Stimme des Dieners ... Das mußte der Arzt sein. Sie eilte ihm auf der Treppe entgegen und stand im nächsten Moment Aug' in Auge mit ihrem Mann. So hatte sie Karl Feddersen noch nicht gesehen. Der Zorn hatte sein Antlitz nicht gerötet. Er machte es brutal. Es kam da etwas von Unbildung heraus, von Erinnerung an frühere Geschlechter. Es war, als sei ein Stück Tünche abgefallen. Er ging auf seine Frau zu und faßte sie mit beiden Fäusten an den Handgelenken, daß sie vor Schmerz zusammenzuckte. »Was fällt Dir denn ein? Du hast Dir erlaubt, in meiner Abwesenheit den Arzt wegzuschicken?« Sie machte sich gewaltsam von ihm los und trat eine Stufe zurück. »Woher weißt Du das denn schon?« fragte sie. »Die Pflegerin hat es mir telephoniert!« »Die Pflegerin fliegt auch! Heute noch!« Karl Feddersen sah sie starr an. »Sag' einmal: Bist Du denn überhaupt noch bei Verstande?« »Ich komm' jetzt allmählich zum Verstand!« Sie stand höher als er auf der Treppe. Sie schaute auf ihn hinunter. Sein Blondhaar war um den Scheitel gelichtet. Es begann da eine Glatze. Sie bemerkte das geistesabwesend. Er wollte sich an ihr vorüberdrängen. Aber sie rührte sich nicht. »Ich will doch sehen, Charley, wer der Stärkere von uns beiden ist!« »Also Du möchtest es hier auf eine Kraftprobe ankommen lassen?« »Einmal müssen wir offenbar unsere Kräfte aneinander messen! Ich bin jetzt bis auf einen Punkt gedrängt, wo ich nicht weiter zurück kann, um keinen Preis ...« Karl Feddersen hatte den Fuß auf die Stufe vor ihr gesetzt. Er zog ihn jetzt langsam wieder zurück. »Was ist denn nur in Dich gefahren?« fragte er, immer leiser werdend, je mehr der Zorn in ihm kochte. »Ich erkenne Dich nicht wieder! Aus Dir spricht ein ganz anderer Mensch. Wer steckt denn hinter Dir, der Dir den Mut zu diesem Auftreten gibt – he?« »Hinter mir, in dem Zimmer da oben, ist Charles-Iwan!« Sie blickten sich stumm in die Augen. Er hatte Angst vor ihr. Zum erstenmal stand sie ihm ganz ohne Scheu und Schwäche gegenüber. Sie hatte eine Hand auf das Geländer gelegt. Sie schirmte wie eine Schildwache den schmalen Aufgang. Zugleich hörte er von unten Schritte. Er wandte den Kopf. Vetter Alphonse eilte die Stufen herauf. Er winkte mit der Rechten und rief: »Ich hab' ihn gerade noch erwischt, Cousine! Er folgt mir auf dem Fuß!« Um Karl Feddersen kümmerte er sich nicht weiter. Er nickte ihm nur leichthin zu. Der frug: »Wer kommt?« »Mein Gott: Doktor Oesterli! ... Deine Frau wünschte es!« Im nächsten Augenblick brach Karl Feddersen los: »Und Du läßt Dich schicken! ... Du spielst hier hinter meinem Rücken den Galopin? Du bist immer hier! Was hast Du denn ewig hier zu suchen – he? Willst Du mir das nicht einmal erklären, wie ich zu der Ehre komme? Was nimmst Du Dir denn heraus, Dich hier in meine Angelegenheiten einzumischen! Das verbitte ich mir – verstehst Du! ... Ah, mon cher ... ich werde Dir zeigen, wo der Zimmermann das Loch gelassen hat ...« Er war heiser vor Wut. Seine Stimme überschlug sich. Alphonse Feddersen wahrte seine volle Kaltblütigkeit. Er wandle sich in leiser Sprechweise mit einem Achselzucken des Bedauerns an die Frau des Hauses: »Die schlechte Erziehung, Cousine! So sind die Feddersen im Grunde! ... Moskauer Kinderstube! Grattez le Russe et vous verrez le Tatare! « » Je te mettrai au camp, mon cher! « schrie Karl Feddersen und brach plötzlich ab, weil ihm einfiel, daß die Dienerschaft, wenn sie sich in französischer Sprache beschimpften, verstand, und fuhr, nach Luft ringend, auf deutsch fort: »Du ... Du hast es nötig, andern Vorhalte zu machen! Ein Taugenichts wie Du! Jawohl! Ein Tau – ge – nichts!« Er zog die Silben, um ihren Eindruck zu verstärken, breit auseinander. »Ich habe das Unglück, mit Dir verwandt zu sein! Es ist ein Unglück für einen respektablen Kaufmann. Ich öffne Dir mein Haus, statt mir die Aermel abzuwischen, wenn ich Dich aus Versehen berührt hab'! Und zum Dank ...« »Da kommt bei ihm der Großvater aus Charkow heraus,« sagte Alphonse zu Margarete. »Der warf nach der Familientradition mit der Hobelbank nach seinem Nächsten! Aber man muß die Pietät nicht übertreiben!« »Sei nur Du still ... wenn ich an die Wiener Wechsel denke ... an die Affäre mit den Konnossementen in Bordeaux – an Onkel Fedors große Seidenspekulation, die Du der Konkurrenz verraten hast ... Wir haben Dich, trotz all Deiner Streiche, durchgeschleppt, Dir immer wieder geholfen ...« »Ausgeräubert habt Ihr mich!« »... wenn Du zum Dank dafür hier Stänkereien anstellst ... z'bogóm , mein Lieder, geh' gefälligst! Und komme nicht wieder! Dort ist die Tür! Adieu!« Alphonse Feddersen wandte sich zum Gehen. Die Wutausbrüche des Vetters glitten an seiner blasierten Ruhe ab. Wie Regenstürze an einem Gummimantel. Er schaute über ihn weg, zu Margarete. »Sie tun mir leid, Cousine Margot!« sagte er. »Ich kann den Verkehr mit den Feddersens vermeiden. Sie nicht ... Wir Feddersen sind zu schnell reich geworden! Wir haben gewisse notwendige Entwicklungsstufen übersprungen. Daher Szenen wie die eben, die man unter geschmackvollen Menschen vermeidet. Aber wenn Charley Geschmack hätte ... Er ist der viel größere Verschwender als ich! Er vertut sein Bestes und sieht es nicht einmal! Adieu!« Einen Augenblick hatte Margarete einen instinktiven Drang, ihm nachzurufen: »Nimm mich mit! Gleichviel, wer Du bist! Gleichviel wohin! Nur fort aus diesem Hause!« Dann stand sie regungslos da, während der Vetter Alphonse ihr Dach verließ. Karl Feddersen schaute ihm nach und zündete sich, um seine Wut zu ersticken, mit zitternden Fingern eine Papyros an. Nun wandte er sich jäh, in neuer Angriffslust, gegen Margarete: »Wirklich reizend! Eine honette Frau, die einen derartigen Libertin zu ihrem Vertrauten macht! Ah, c'est un peu trop, ma chère! « Wenn Dir nicht das natürliche Empfinden sagt, daß ein Mensch von dieser Moral ...« »Du hast es nötig, von Moral zu reden ...« Ihr Mann war eine Sekunde verwirrt. Er biß sich auf die Lippen. Er ärgerte sich, daß seine Frau diesen Trumpf gegen ihn in Händen hatte. Sie ließ ihm keine Zeit zur Abwehr. Sie fuhr fort und ihre Augen loderten, daß er erschrak: »Nur daß Ihr Heuchler seid und er ist wenigstens ehrlich! Das macht Euch doppelt gräßlich!« »Margot!« Sie war wie von Sinnen. Sie stand mit geballten Händen dicht vor ihm. »Es ekelt einen ... Seelenverkäufer seid Ihr ... Ihr nehmt einem die Seele aus dem Leib, weil Ihr selber keine habt! Man erfriert zwischen Euch! Man erstickt unter Euch! Euch ist's egal! Ihr seid zufrieden!« »Nun bitt' ich mir aber aus ...« »An nichts glaubt Ihr! Vor nichts habt Ihr Ehrfurcht! Nichts erschüttert Euch! Nichts bringt Euch über Euch selbst hinaus! Wann kriegt Ihr jemals feuchte Augen? ... Ja, lache nur so höhnisch! Ihr seid so arm mit Eurem Geld, daß Ihr gar nicht wißt, daß andere Menschen wirklich noch etwas haben! ... Und wenn, dann wollt Ihr's einem nehmen ...« »Was hat man Dir denn genommen, meine teure Margot?!« »Alles! Viel mehr, als Du je begreifen wirst! Meinetwegen! Ich hab's hingegeben! Nur den Jungen nicht! Aus dem sollt Ihr nicht noch solch ein Pariser Jammerkerlchen machen, das bleichsüchtig vor seinem Geldschrank hockt! Er soll in die frische Luft! Er soll ...« Ihr Mann sah auf die Uhr. »Davon später!« sagte er geschäftsmäßig. »Ich habe telephonisch unsern Doktor mit äußerster Mühe wieder versöhnt! Er wird kommen, und wir werden sehen!« »Ein anderer Arzt wird kommen!« »Nein! Es war mir grade schon genug, Deine und Alphonses Eigenmächtigkeiten wieder gut zu machen! Und à propos Alphonse ...« Karl Feddersens Ton wurde schneidend in seiner Gereiztheit. »Du hast mich vorhin an einen gewissen Zwischenfall des vorigen Jahres erinnert. Es scheint wirklich, daß Ihr Frauen vergeben, aber nicht vergessen könnt. Ich habe mir seitdem nicht das geringste mehr vorzuwerfen! Aber, was dem einem recht ist, ist dem andern billig! Dann verlange ich auch von Dir Korrektheit – absolute Korrektheit! Statt dessen fängst Du auf einmal an ...« »Sprich nicht weiter!« »Und denkst, ich merk' es nicht ...« »Es tut nicht gut, Charley! Sprich das nicht aus!« »Und beginnst da hinter meinem Rücken mit Vetter Alphonse ein ...« Karl Feddersen prallte zurück und duckte unwillkürlich ein wenig den Kopf. Er hatte einen Moment die Besorgnis, daß seine Frau ihm ins Gesicht schlagen würde. Sie bebte. Ihre Brust flog auf und nieder. Ihre Augen leuchteten unheimlich. »Ein Wort noch!« sagte sie leise. »Dann ist es zu Ende!« Wie immer, wo er Entschlossenheit sah, wich ihr Mann aus. Er wurde sofort ruhiger. Er lächelte nur ironisch. »Vortrefflich! Alphonse kommt neuerdings so ziemlich jeden Nachmittag, den Gott gibt. Niemand zweifelt, daß Ihr da zusammen Patiencen legt oder Charaden löst! Was könnte es denn auch sonst sein? Jede andere Vermutung wäre ja naiv, meine beste Margot – nicht wahr?« Sein giftiger Ton entlockte ihr nur ein Achselzucken – ein kurzes Schweigen. »Ach ... ich ersticke ...,« sagte sie dann halblaut. Weiter nichts. »Soll das etwa Freundschaft sein? Ah ... ne jouez pas l'enfant , Margot! Ich wünsche nicht zum Gespött zu werden. Man wird künftig besser auf Dich aufpassen müssen, meine Liebe ...« Margarete Feddersen schauerte zusammen. »Vom eigenen Mann auch noch in Gedanken erniedrigt zu werden ...,« sagte sie wie zu sich, »... zu denken, daß ich in den fünf Jahren Dir noch kein reineres Bild von mir hab' geben können ... Was Du noch hast dazu tun können ..., das hast Du eben fertig gebracht ...« Sie wandte ihm den Rücken zu, um nach der Tür zu gehen. Auf der Schwelle macht sie Halt. Vor ihr stand der Schweizer Arzt, graubärtig, untersetzt, kurzsichtig über den Zwicker schauend. Er hatte, während sie beide sich stritten, schon oben einen Blick in das Krankenzimmer geworfen. »Ich kann Ihnen meine Besorgnis nicht verhehlen!« begann er brüsk, fast ohne Begrüßung, in seinem alemannisch rauhen Französisch. »Es steht nicht gut, Monsieur et Madame! Es ist da viel versäumt worden!« Karl Feddersen hob bereits die Hand. »Pardon, Herr Doktor! Sie werden mich in dem Vertrauen auf die sorgfältige Pflege, die bisher dem Kind zuteil geworden ist, nicht erschüttern!« »Bitte sehr, es ist ja nicht mein Kind! Mich trifft es nicht, wenn plötzlich eine Katastrophe ... Glauben Sie mir: Ich male den Teufel auch nicht gern unnütz an die Wand. Was ist denn da oben wieder für ein Spektakel?« Er hob den Kopf. Im oberen Stockwerk verteidigte die französische Wärterin ihren Platz am Krankenbett gegen die mitgebrachte englische Nurse. Zugleich fuhr ein Coupé vor. Der Pariser Arzt von vorhin stieg aus, eilte durch das Vestibül und blieb beim Anblick seines Kollegen stehen. »Ah!« sagte er, puterrot werdend. »Ah, meine Herrschaften ... Das ist zu viel ... Sie rufen mich ein zweites Mal – ich lasse mich herbei und erscheine und finde meinen Platz hier besetzt ... gestatten Sie mir die Bemerkung, daß mein Erstaunen nur noch von meiner Entrüstung übertroffen wird!« »Darauf kommt es nicht an, Herr Kollege, sondern daß das Kind oben so gut wie im Sterben liegt!« Margarete Feddersen schrie hell auf, sie taumelte. Ihr Mann selbst, leichenfahl geworden, sprang herzu, um sie zu unterstützen. Er hielt sie im Arm. Sie schaute mit verzerrten Zügen zu ihm empor. »Wenn Ihr mir auch das noch antut!« stöhnte sie, »wenn Ihr mir mein Kind mordet ...« »Still! ... Sprich das nicht aus! ... Es ist ja Unsinn!« »Nein! ... Ich glaub' ihm mehr!« »Du hast den Charlatan gerufen.« »Und Du den andern, der uns unglücklich machen wird!« Sie keuchten sich halblaut, verstört die Worte in das Gesicht. Die Aerzte stritten neben ihnen leidenschaftlich miteinander über den Fall. Oben klang das Jammern der Französin und die ruhige Stimme der Britin. Dann stürzten Schritte die Stiege herunter ... Die beiden Wärterinnen nebeneinander ... Und während die eine ängstlich rief: »Bitte ... kommen Sie rasch ... helfen Sie!«, flüsterte die andere dem Schweizer Arzt nur zu: »Es ist zu spät!« 18. Wieder war der Frühling in Paris. Kastaniengrün. Himmelblau. Sonnenglanz über der Seine. Dort lagen die verstaubten Bücherschätze der Trödler zur Schau. Auf den Boulevards hatte man die Tischchen auf die Straße hinausgerückt, in den Champs Elysées standen die Stuhlreihen. In breiten Kolonnen von Wagen und Automobilen rollte es des Nachmittags hinaus ins Bois und zurück, zeigte draußen auf den Rennplätzen, wie Felder bunter Blüten, Tausende und aber Tausende duftiger Toiletten, entlud aus den Schlünden der Bahnhöfe die Fremden-Völkerwanderung vom Atlantic und Kanal, von den Pyrenäen und dem Rhein. Das Babel lächelte, und die Sonne lachte über ihm. Brannte schon so heiß hernieder, daß Alexandre Feddersen in seinem Privatbureau in seiner Wohnung nahe am Stern aufstand, um die Vorhänge vor die Fenster zu ziehen. Das lichtgrüne Laub der alten Bäume vor den Scheiben verschwand, das Zimmer hüllte sich in ein trübes Dämmern. In seiner Mitte saß schattenhaft die Gestalt Margaretes in tiefem Schwarz, die weißen Hände im Schoß zusammengelegt, den Kopf vornübergebeugt, von dem der lange Trauerflor nach hinten über die Stuhllehne bis auf den Boden wallte. Es war still. Von ferne, von der Straße her einmal ein Wagenrollen, das Tuten einer Hupe, der Ruf eines Camelots. Innen im Hause regte sich nichts. Madge Feddersen war auf einem Abstecher nach London, um dort ihre Eltern aus Amerika zu treffen, und kam erst Ende dieser Woche mit ihren Kindern zurück. Ihr Mann hatte sich wieder gesetzt. Er drehte nervös den kleinen blonden Spitzbart, rückte den Zwicker zurecht und hub dann an, mit seiner silbenstechenden, keinen Widerspruch duldenden Bestimmtheit: »Ja, wie gesagt, liebe Margot ... ich habe mich der peinlichen Aufgabe eines Unterhändlers unterzogen ... Ein Vermittler zwischen Eheleuten hat immer einen heiklen Stand. Auf Dank muß er schon von vornherein verzichten. Aber wenn die Umstände einem diese Pflicht auferlegen – wozu wären mir denn auf der Welt, als um unsere Pflicht zu tun?« Die junge Frau erwiderte nichts. Sie kannte seit dem ersten Tag ihrer Ehe diese Feddersenschen Gemeinplätze. Die erbten sich seit Generationen in der Familie und Firma fort. Man wandte sie in jeder Sprache und in jeder Lebenslage an. Sie verpflichteten ja zu nichts. Ihr Schwager Sascha redete weiter, ein Papiermesser aus sibirischem Mammut in abgemessenen Zwischenräumen in seiner Rechten hin- und herbewegend: »Es ist nun schon eine geraume Zeit her, daß der arme kleine Charles-Iwan gestorben ist! Sonst bringt solch ein Schicksalsschlag Ehegatten einander näher. Bei Euch hat er leider im Gegenteil das letzte Band zerrissen. Es muß ein Ausgleich gefunden werden. Die Umstände erfordern zwischen Dir und Charley eine Klärung. Und da er morgen wieder auf längere Zeit ins Ausland verreist, hat er sich mir anvertraut, und ich habe Dich in seinem Auftrag zu dieser Unterredung gebeten!« Margarete Feddersen hob einen Augenblick den Kopf und sah ihren Schwager stumm an. Ihr Schleier war vorn zurückgeschlagen. Allein er konnte aus ihrem gleichgültigen Gesicht durchaus nicht entnehmen, was in ihr vorging. Er formulierte seinen Gedankengang weiter: »Gegeben ist die Tatsache, daß Eure Ehe leider nicht glücklich ist. Das war vorauszusehen. An warnenden Stimmen hat es nicht gefehlt. Aber Charley nahm keinen Rat an. Es war für ihn, von allem Persönlichen natürlich abgesehen, nicht die richtige Partie. Sie führte ihn in Kreise, die nicht die unseren sind, die gewisse Bedingungen unseres Lebens nicht erfüllen. Ich war von Anfang an dagegen!« »Mein Vater auch!« sagte Margarete. »Es war ihm gräßlich. Wir hatten noch nie einen Kaufmann in der Familie!« Sascha Feddersen blinzelte unter dem hochmütigen Gegenhieb. Dann glitt ein mitleidiges Lächeln über sein mageres, nervöses Gesicht. Er ging über den Zwischenfall hinweg. Nur wurde seine Stimme noch kälter. »Kommen wir zur Sache, wenn's beliebt! ... Charley glaubt Grund zu der Annahme zu haben, daß Du schon seit geraumer Zeit mit dem Gedanken einer Art von Scheidung spielst. Ist dem so?« »Ja,« sagte Margarete Feddersen müde. »Nun, Charley ist darin anderer Ansicht ... Erlaube, daß ich das Fenster aufmache! Es ist unerträglich heiß hier!« Der Schwager tat es, kehrte auf seinen Platz zurück und führte sein Plaidoyer weiter. »Die Gründe? Der erste liegt in ihm selbst. Er ist eine empfindliche Natur. Er hat eine starke Meinung von sich und wünscht, daß auch andere sie ihm zollen. Durch eine Ehescheidung gäbe er allen recht, die ihn seinerzeit vergebens zurückzuhalten versucht haben. Der zweite Grund betrifft uns alle. Wir wollen im Interesse der Firma keine unliebsamen Erörterungen vor dem Publikum ... keinen Scheidungsprozeß, der bei unserer Stellung hier wochenlang den Gesprächsstoff bildet und die Blätter füllt. Mit einem Wort: Charley läßt es nur dann zu einer Gerichtsverhandlung kommen, wenn Du ihn dazu zwingst, und vor der Oeffentlichkeit Dich ins Unrecht setzest und die Schuld übernimmst! Eine solche Entlastung wäre für ihn schon im Interesse seiner etwaigen späteren Wiederverheiratung geboten, die sonst ... doch das gehört nicht hierher! Du hast es ja in der Hand, meine liebe Margot! Wenn Du etwa Deinen Mann und Dein Haus verläßt, vielleicht ins Ausland gehst, bleibt ihm ja nichts übrig, als die Scheidung zu beantragen. Aber er selber wäscht dann seine Hände in Unschuld und zieht sie dauernd von Dir ab. Auf irgendwelche Unterstützungen von ihm oder von der Firma hast Du unter keinen Umständen zu rechnen. Wir zahlen nicht einen Sou. Merke Dir das!« »Ich möchte lieber verhungern, als dann noch von Euch etwas annehmen,« sagte die junge Frau. »Bleiben wir ruhig! Les affaires sont les affaires ! Was Du treibst, ist nur Deine Sache! Dein Mann jedenfalls will makellos dastehen!« »Makellos? Er hat doch längst seine früheren Beziehungen und Geschichten wieder aufgenommen. Glaubt Ihr denn, ich wüßte das nicht? Deine Frau hat es mir übrigens auch anonym geschrieben!« Der Schwager überhörte das letztere. »Nachweisen wirst Du ihm schwer etwas können,« versetzte er mit sachlicher Ruhe. »Ich billige das ja auch nicht. Keineswegs! Enfin ... Man kann ihm keine Gouvernante an die Leite geben. Er geht nun einmal seine eigenen Wege. Dafür läßt er auch Dir Deine Freiheit, in der Ueberzeugung, daß Du sie nicht mißbrauchen wirst!« »Er hofft, daß ich sie mißbrauchen werde!« sagte Margarete kalt. »Er rechnet damit! Dann hat er den Vorwand, mich zu verstoßen und selbst im weißen Unschuldsgewand dazustehen!« »Das sind Phrasen, auf die ich hier nicht antworte. Ich habe Dir unsern Standpunkt entwickelt. C'est à prendre ou à laisser !« Sascha Feddersen griff dabei mechanisch nach einem Pack von Schriftstücken auf dem Tisch. Er hatte schon wieder Angst, zu einer geschäftlichen Konferenz zu spät zu kommen. »Auf alle Fälle hast Du nun Zeit, Dir das Weitere während Charleys Abwesenheit zu überlegen!« sagte er freundlicher. »Nach seiner Rückkehr aus dem Kaukasus werden wir ja dann sehen! Und nun entschuldige mich, bitte! Ich muß auf die Börse! A propos : was hast Du denn für Nachrichten von Deiner Mutter aus Potsdam?« »Gar keine guten! Sie ist immer noch sehr leidend!« »Oh, das bedaure ich von Herzen ...« »Adieu, Sascha!« »Adieu! Adieu!« Die Helle des Nachmittags schlug Margarete entgegen, als sie vor das Haus trat. Es war wie ein Bad in warmen, schmeichelnden Sonnenfluten – dazwischen der tiefe Schatten der Kastanien, Lücken von Himmelblau in dem Gezweig – überall Lachen und Leben – geputzte Menschen – in Reihen saßen dort die Kinder vor dem Kasperletheater im Freien und jubelten ... Die junge Frau sah es mit leerem Auge. Sie hatte ihr Automobil heimgeschickt und ging zu Fuß in der entgegengesetzten Richtung. Warum – sie wußte es nicht. Es war ja gleich. Es war alles gleich. Man trieb so mit in diesem Frühlingswallen – das Leben glitt auf der glitzernden Oberfläche dahin, rasch, immer rascher – wie ein Blatt auf dem Spiegel eines Baches. Was schließlich kam? Du lieber Gott – alles nahm ein Ende. Das meiste hatte ja schon ein Ende genommen ... Die Sonne brannte auf den weiten, schattenlosen Flächen des Tuilerienplatzes. Vor dem Standbild der Stadt Straßburg lagen vergilbte Kränze. Auf einer Bank saß ein alter Herr mit einem Zylinder und dem roten Knöpfchen der Ehrenlegion und fütterte die Spatzen. Sie saßen ihm auf Hand und Schulter. Er lächelte. Unzählige Male hatte Margarete Feddersen das alles gesehen. Heute war ihr zumut, als träume sie diese Stadt und frage sich in einem Uebergang zwischen Schlaf und Wachen: Wie kam ich nur hierher? Sie sagte sich, während der Arkadenschatten der Rue Rivoli sie aufnahm: Bisher hatte ich immer noch einen Grund für mein Hiersein ... einen Zwang ... ich hatte mein Kind. Ich durfte es nicht verlassen, obwohl ich es nicht liebte. Weil ich es nicht liebte, hab' ich es nicht mehr. Nun bin ich allein. Und doch noch hier. Das ist die Entwürdigung. Die Schwäche. Das Geld. Es macht matt und satt. Es wirkt wie ein süßes Gift. Man gewöhnt sich daran. Man kommt nicht mehr von ihm los ... Da drüben, jenseits des Rheins, lag das Grau über den Vogesen, Sorge wartete auf die Heimkehrende, Not: Die Krankenstube der Mutter ... das Gnadenbrot bei Verwandten ... ein fremder Tisch, unter den man irgendwie die Füße streckte. Sie hätte aufweinen mögen, nicht aus Angst vor dem Leben, sondern aus Verzweiflung, daß sie dem Leben gegenüber nicht mehr die vollen Kräfte fand. Die Feddersen hatten sie allmählich entnervt. Sie konnte in ihrem Bewußtsein sich und den Reichtum so wenig mehr voneinander trennen wie den Duft von der Blume, den Rahmen vom Bild. Ueberall grüßte sie der Reichtum. Ueberall umschmeichelte sie Paris, das lockende, das lachende, das Paradies derer, die da nicht säen und nicht ernten. Unter dieser goldenen Sonne lebte es sich leicht, wie die Lilien auf dem Felde – schlimmstenfalls ein Pflanzendasein ohne viel Freud' und Leid. Sie ging die Rue da le Paix hinauf, mein Gott, war dies Paris reich! Hier war der Brennpunkt seiner Schätze. Ein Diamantenladen neben dem anderen. Zu Tausenden funkelten die kleinen wasserhellen Sonnen aus den Schaufenstern, lockte Perlenschimmer, Rubinenfeuer, Smaragdgrün ... Man hatte ein ruhiges Gefühl diesen Schätzen gegenüber. Man konnte eintreten und sie kaufen. Man war nicht arm. Das wenigstens hatte man erreicht, hatte man auch erreichen wollen ... Nach außen stand man groß da, vor den Verwandten daheim, vor aller Welt, eine bewunderte, viel beneidete Frau ... Wie heiß die Sonne brannte! Wie damals, als sie vor fünf Jahren um diese Zeit von der Hochzeitsreise zurückgekommen war, aus dem Blütentraum der Riviera in die Wirklichkeit der Firma Iwan Feddersen und Söhne. Der Frühling war die rechte Zeit zum Heiraten. Jetzt heiratete wohl auch Moritz Lünemann. Oder hatte es schon getan. Auf einmal war sie auf ihn geraten. Wider Willen. Sie wollte nicht mehr an ihn denken. Und zuckte doch vor Schmerz zusammen. Nie hatte ihr die Post eine Zeile Antwort auf ihren Brief gebracht. Er war über sie hinweggegangen. Ebenso wie ihr Mann sie zur Seite schob. Niemand wollte etwas von ihr wissen. Sie stand ganz allein ... Ein leidenschaftlicher Trotz war wie ein Kuppler in ihr: Nun gut! Dann laßt mich auch allein mich meines Daseins freuen. Laßt mich verschwenden, genießen – es wird mir schon gelingen, mich zu betäuben, mehr als Euch recht ist oder gerade so wie es Euch recht ist! Das wird dann einmal ein Ende mit Schrecken nehmen. Darauf sind wir alle gefaßt! Aber besser mit dem bißchen, was ich noch bin, aus dem Vollen heraus zugrunde gehen, als ... Sie schritt weiter und dachte sich in einem grundlosen Lachen, einer Aufgeregtheit, mit unruhigen Augen: Ich bin in einer gefährlichen Stimmung. Sie reizen mich bis zum äußersten, die Feddersen alle! Sie dürfen sich nicht wundern, wenn ich ihnen das Dach über dem Kopf anzünde! An Brennstoff fehlt's nicht! Ueberall in Paris schlagen die Flämmchen aus dem Pflaster und sitzen auf den Telephondrähten und tanzen über der Seine. Wer hier nur mit einem Gedanken will, der zaubert sich damit auch schon die Gelegenheit herbei ... »Cousine ... Cousine Margot!« Sie hörte hinter sich am Opernplatz eine helle, weiche Männerstimme. Sie erkannte sie sofort, obwohl sie sie seit länger als einem Vierteljahr nicht gehört hatte. Sie wandte den Kopf nicht. Sie schritt weiter. Sie dachte sich nur, sonderbar gefaßt: ›Den hab' ich mir eben selber aus dem Boden herausgewünscht, wie den Teufel im Märchen!‹ »Cousine Margot!« Endlich war es Alphonse Feddersen geglückt, im Gedränge des Boulevards atemlos an Margaretens Seite zu gelangen. Sein längliches, bräunliches Gesicht mit den schwermütigen Augen strahlte über dem schwarzen Spitzbart von treuherzigem Glück. Er streckte ihr kameradschaftlich die Rechte entgegen. Dabei verbreitete sich in Erinnerung an ihren Verlust ein mitfühlender Ernst über seine Züge. Er gab dem nicht mit Worten, nur mit einem langen, innigen Händedruck Raum. Dann sagte er weich und leise: »Wie lange haben wir uns nicht gesehen, Cousine Margot? Seit jenem schrecklichen Tag. Ich war damals so empört über Charley ... So verstört, als ich gleich nachher von dem Unglück bei Ihnen hörte ... Ich bin sofort abgereist und erst dieser Tage wiedergekommen!« Sie hätte ihm antworten können: ›Jawohl! Weil Sie wußten, daß Sie nach diesem Schicksalsschlag mir anstandshalber ein Vierteljahr Schonzeit gönnen mußten.‹ Es war entsetzlich, diese Hellseherei gegenüber all diesen Menschen um sie! Sie bewegten sich vor ihr und sprachen und gestikulierten, als wären sie von Glas. Und dabei war es ihr so gleichgültig, so unheimlich gleichgültig, was aus dem allen wurde. Auch aus ihr. Sie sah sich selbst auch als eine Fremde. Sie brachte kein Interesse mehr an ihrem Schicksal auf. Sie verfolgte es förmlich unpersönlich, ohne Spannung, ohne Willen. »Wo waren Sie denn?« fragte sie, während der Vetter Alphonse, wie wenn es sich von selbst verstände, an ihrer Linken mit ihr weiterschritt. Er lächelte. »Ich hab' mich ein wenig am Nil gesonnt! Es war nicht viel los da. Ich habe unter den Palmen von Ghesireh-Palace gefaulenzt und dabei an Sie gedacht. Dann rutschte ich rüber nach Monte Carlo. Was wollen Sie? Irgendeine Heimat muß der Mensch haben! ... Da hab' ich wieder unter den Palmen gesessen und an Sie gedacht ... Und als es zu heiß wurde, hab' ich meine Koffer gepackt und bin hierher gereist und hab' seitdem erst recht an Sie gedacht.« Sie schwieg. »Sie sehen angegriffen aus, teure Freundin!« begann er nach einer Weile mitleidig und besorgt. »Bleich wie eine schöne Statue!« »Sie wissen ja, warum ...« »Es ist nicht nur dieser eine schwere Verlust, Cousine Margot! Sie leiden an tausend Dingen. Sie leiden am Leben selber! Ich verfolge ja diesen Prozeß seit Jahren!« »Er geht Sie gar nichts an, Vetter!« »Oh doch! Wer selbst nicht mit sich zurechtkommt braucht einen Freund, einen Arzt der Seele. Darum nehme ich mir das Recht zur Hilfe! Schon als Ihr Verwandter. Als der einzige Feddersen, der es gut mit Ihnen meint. Die anderen geben Ihnen ja Steine statt Brot. Man muß sich von diesen Leuten emanzipieren. Sie von Grund aus verachten! Das ist der erste Schritt zur Genesung. Ich habe mich gründlich auf eigene Füße gestellt ... Passen Sie auf ... das Auto!« Er hielt sie, die im Begriff war, über die Bordschwelle zu treten, zurück. Dabei berührte er ihren Arm. Er ließ die Hand an ihrer Schulter liegen und geleitete sie so, mit der Sicherheit eines Vollblut-Parisers, über die Straßenkreuzung. Sie duldete es. Sie war froh, daß irgendein Mensch sich ihrer noch annahm. Als sie drüben waren knüpfte er an seine Worte von vorhin an ... »Sie nehmen das Leben zu ernst! Da hätten Sie nicht nach Paris heiraten dürfen. Aber, zum Glück, Paris ist stärker als Sie und wir alle! Sie werden sich schon noch mit der Zeit einleben! Sehen Sie mich an! Ich bin hier eingebürgert, ein Philosoph der Boulevards. Ich sage mir: Alles ist vergänglich! Also genießen wir die Stunde. Das Leben ist ja so kurz ... die Festtage darin so selten ... zum Beispiel, wenn ich Sie sehe, Cousine Margot ...« Margarete dachte sich mit einer stillen Bitterkeit: Du bist wirklich noch der einzige, der sich darüber freut! ... Sie blieb stehen und sagte laut: »Es wäre gut, wenn Sie jetzt nach Hause gingen, Vetter. Ihre Wohnung ist ja so nahe!« Er schüttelte stumm den Kopf und begleitete sie weiter. Man wurde ihn nicht los. Eigentlich wollte sie es auch gar nicht. »Sie sind keine Frau, die man jetzt allein lassen darf, Margot!« begann er wieder. »Mich täuschen Sie nicht. Ich bin ein alter Menschenkenner. In Ihnen gärt es. Kein Wunder, nach allem, was man Sie in dieser furchtbaren Familie Feddersen hat leiden lassen und noch leiden läßt! Sehen Sie, – hier auf diesem Pflaster, über das wir eben gehen, hat man vor mehr als einem Jahrhundert schon die Menschenrechte erfunden. Ja, das allererste und natürlichste Recht hat doch der Mensch auf sich selbst! Das soll und darf ihm keiner streitig machen ...« »Es tut's ja auch niemand,« sagte die junge Frau, mehr für sich als zu ihm. »Selber tut man's! ... Man plagt sich mit unnützen Skrupeln. Aber man muß die schließlich über Bord werfen, wenn man überhaupt leben will!« Er machte, von den Tuilerien aus, die sie durchschritten, eine weitausgreifende, wie zum Eintritt einladende Handbewegung über das gewaltige Rundbild von Paris. »Das ist die Stadt der freien Herzen, Margot! Hier wird alles verziehen! Hier scheint die Sonne doppelt so hell! ... Der Tag ist doppelt so reich! ... Es ist die Lebensluft für eine schöne Frau. Nirgends ist sie schöner, kann anderen mehr sein, ist sich selber mehr als hier, wo alles für sie geschaffen ist und sich nur um sie dreht! Sie sind doch eigentlich beneidenswert, Cousine Margot! Sie sind im Grunde viel glücklicher, als Sie sich in ihrem deutschen Trübsinn selber zugestehen wollen. Man muß Ihnen nur erst die Augen öffnen ...« Er sprach weiter und weiter. Sie hörte es nicht mehr recht: Seine Worte waren nur noch ein Teil des ganzen bunten Klingens und Singens umher, das sie betäubte, ihren Sinn und Willen mit einer süßen Müdigkeit gefangen nahm – die lachenden Menschen, die Sonne, der Frühling, der Reichtum ... und in einem die Jugend ... Sie hatte die Augen halb geschlossen. Sie ging wie im Traum des Weges. Plötzlich standen sie vor ihrem Hause. Alphonse hatte sie durch den Vorgarten bis zum Eingang begleitet. Das erste Ahnen des warmen Maiabends sank hernieder. Der Himmel war blaß geworden. Lange Schatten lagen über den schreienden Tulpenbeeten zu beiden Seiten des Kiespfades. Ein schwerer, einschmeichelnder Hyazinthenhauch stieg vom Boden. Die junge Frau sah ihren Begleiter ungeduldig an. »Warum haben Sie sich nicht draußen auf der Straße verabschiedet, Vetter?« sagte sie. »Wenn Sie nach dem damaligen Auftritt mit meinem Mann nur einen Zollbreit Erde betreten können, der ihm gehört ...« »Er ist ja nicht hier!« erwiderte Alphonse nachlässig. Er nahm Karl Feddersen nicht ernst. »Ihr Gatte ist überhaupt drüben in Brüssel!« »Woher wissen Sie denn das?« »Ich weiß mehr von ihm, als gut ist!« Auf den Zügen des schwarzen Vetters war ein leises mephistophelisches Lächeln. Sie verstand, was er meinte. Sie wandte sich ab und preßte die Lippen zusammen. »Er kann jeden Augenblick von Brüssel zurückkommen!« versetzte sie hart. »Also bitte – gehen Sie!« Zugleich war der Hausmeister durch die geöffnete Türe herangetreten, eine Depesche aus Brüssel in der Hand. Monsieur sei untröstlich, dort durch Geschäfte festgehalten zu sein. Es sei ihm unmöglich, rechtzeitig zum Diner in Paris einzutreffen. Er müsse den Mitternachtszug benutzen. »Na also!« sagte Alphonse mit philosophischer Ruhe und einem verdächtigen Augenzwinkern, als er das Wort »Geschäfte« hörte. Er sprach unbekümmert vor den Dienstboten Deutsch, was der Hausherr als Ehrenlegionär und frischgebackener Franzose ängstlich vermied. »Dann können Sie mir ja erlauben, noch ein bißchen einzutreten, Cousine!« »Nein!« »Warum nicht? Ich muß Ihnen noch manches sagen! ... Im Freien, unter den vielen Menschen findet man nicht die rechten Worte!« »Adieu!« Er musterte sie förmlich ergriffen. »Sie arme, kleine Frau!« meinte er kopfschüttelnd. »Ich glaube wirklich, Sie haben immer noch Angst vor Ihrem Mann. Dann sind Sie der einzige Mensch auf der Welt, dem der gute Charley dies Gefühl einflößt. Er kann stolz darauf sein. Aber er will es ja gar nicht! Tut er Ihnen denn etwas? Er kümmert sich ja gar nicht um Sie! Er läßt Sie treiben, was Sie mögen, und gibt seinen Segen dazu ... Eh bien ... dann machen Sie doch davon Gebrauch! Warum wollen Sie päpstlicher sein als der Papst?« Dabei trat er unbefangen hinter ihr in das Haus, gab Hut und Stock dem Diener und folgte ihr in die ebenerdigen Empfangsräume. In denen waren schon ein paar elektrische Lampen aufgedreht. Ein purpurnes Dämmern ging von ihren rotumflorten Kugeln aus und mischte sich mit der strömenden Helle, die durch die Türen des kleinen runden Speisesaals flutete. Dort gossen Wachskerzen, groß wie Opferstöcke, ihren weichen Schimmer über Silber und Blumen ... Es war für zwei gedeckt. Für Hausherrn und Hausfrau. Alphonse Feddersen tat bestürzt. »Verzeihen Sie nur, Cousine!« sagte er und griff sich vor dem Spiegel nach dem Kragen, als wolle er da nach der weißen Binde fahnden. »Ich bin nicht im Abendanzug! Ich ahnte ja nicht, welch ein Glücksfall mir bevorstand ...« »Ja, habe ich Sie denn etwa eingeladen?« In seinen samtweichen, schwarzen Augen war ein beinahe zärtlicher Vorwurf. »Sie wollen doch nicht allein hier den Abend sitzen und Trübsal blasen? Da Charley nicht kommt ...« »Er kann aber kommen! Vielleicht sind seine Geschäfte in Brüssel doch früher zu Ende ...« Alphonse Feddersen lachte hell. »In Brüssel? ... Es ist ja richtig, daß er heute den Tag über in Brüssel war. Daß er jetzt längst wieder in Paris sitzt, und zwar Gott weiß wo und Gott weiß mit wem – liebe Freundin ... Wir sind doch keine Kinder! ... Wir wollen uns doch nichts vormachen! ... Ich bewundere nur Ihre himmlische Geduld ...« Sie schaute zur Seite. Eine heiße Rachsucht knisterte mit lockenden Flämmchen in ihr. Alphonse Feddersen fuhr als milder Tröster fort: »Ihr Mann wandelt auf verbotenen Wegen! Warum sollen Sie nicht auf erlaubten gehen? Ihren richtigen Vetter in Gegenwart der Dienerschaft bei sich schauen? Guter Gott ... Sie sind doch keine Nonne, die sich einmauert, um fremde Sünden zu büßen! Und wenn Sie's täten, glauben Sie, daß es Ihnen auch nur eine Menschenseele zu beiden Ufern der Seine dankt? Auslachen würde man Sie, die prüde, kleine Deutsche, mit der ihr Mann anstellen kann, was er will!« »Bitte, warten Sie hier!« sagte Margarete. »Ich komme bald wieder herunter!« Als sie nach einer Viertelstunde wieder erschien, in halsfreiem schwarzen Kleid, mit schwarzen Spitzen, ein Perlendiadem in dem dunklen Haar, lächelte der Vetter Alphonse befriedigt. Sie hatte sich seinetwegen Mühe gegeben. Sie sah blendend schön aus, trotz ihrer wächsernen Blässe, durch die die Aufregung zitterte. Ihr Mann hatte dem Gast das Haus verboten. Sie hatte ihn sich hereingeholt. Es war ein Spiel mit dem Feuer. Es war eine Kriegserklärung. Eine offenkundige, zum Glück. Vor Augen und Ohren der Dienerschaft. Sie wechselte die Farbe und atmete rasch und unregelmäßig. Sie fühlte das Fieber des Aufruhrs in sich. Eine verzweifelte Stimmung. Lust, die Augen zuzumachen. Angst vor sich. Angst vor allem. »Morgen werde ich einen Auftritt mit Charley haben!« sagte sie, »wenn er hört, daß Sie dagewesen sind!« Der Vetter lächelte gutmütig und entfernte den Bart von seiner Auster. »Morgen reist Charley nach Baku! ... Gott mit ihm! Er kommt so bald nicht wieder. Ich kenne die Freuden von Baku: Es werden Bohrtürme zu brennen anfangen, die Schwarzarbeiter werden streiken, die Pest wird aus Turkestan herüberkommen, die Naphthapreise werden sinken ...« Er malte behaglich diese Schreckgespenster aus und trank der schönen jungen Frau zu. »Bedauern wir unseren guten Charley nicht! Er will es nicht anders. Die Feddersens sind nun einmal Kettensklaven des Geschäfts. Daß er das zuweilen durch Anwandlungen einer philiströsen Unmoral unterbricht, macht die Sache nicht besser! Im Gegenteil! Diese Leute sind in allem klein!« Er hob immer noch sein Glas. Er lächelte schmeichlerisch, mit seinen sanften, mandelförmigen Augen, den weichlichen roten Lippen. Sie hatte die seltsame klare Empfindung, daß er ihr als Mensch nie gefährlich werden könnte, nur als verkörperter Geist des Widerspruchs. Das aber wohl. Sie zögerte, mit ihm anzustoßen. Dann tat sie es doch. Ihre Hand zitterte dabei. Sie leerte den schweren Sektkelch in einem Zuge. Eine Sekunde blickten sie sich in die Augen. Dann fragte er ganz gemütlich: »Was tun Sie denn nun in nächster Zeit als Strohwitwe, Margot?« Sie zuckte die Achseln. »Was ich immer tu: Nichts!« Er beugte sich über den Tisch vor. »Ich will Ihnen einen Vorschlag machen! Aber seien Sie nicht gleich böse!« Margarete schwieg. Er strahlte plötzlich, als käme die Erinnerung an ein Paradies über ihn. »Mein Gott ... muß es jetzt in Biarritz schön sein ...! Sie sind abgespannt und erschöpft! Diese stählerne Seeluft – das ist die richtige Stärkung für Ihre Nerven ...« »Sind Sie ein Arzt?« »Ich weiß besser als eine Autorität von der Sorbonne, was Ihnen fehlt: ein bißchen Sonnenschein, innen und außen. Weiter nichts! Denken Sie nur, wie am Baskenstrand jetzt alles über und über von Magnolien blüht! Passen Sie auf: Ich pflege Sie dort schon gesund!« »Was denken Sie sich denn eigentlich dabei, Vetter? Soll ich mit Ihnen auf Reisen gehen? Ich glaube wirklich, Sie sind nicht ganz bei Trost!« Er machte ein erstauntes und halb gekränktes Gesicht. »Sie haben ein Mißtrauen gegen mich, Margot ... Alles, auch das Unverfänglichste, fassen Sie bei mir gleich falsch auf! Ueberall wittern Sie bei mir eine Falle! Sie sind doch frei wie der Vogel in der Luft. Wer hindert Sie denn, Ihre Kammerfrau und Ihre Koffer aufzupacken und nach Biarritz zu fahren? ...« »Ja, mich ...« »Und wenn Sie da am Strande promenieren und sich doch ein bißchen verlassen fühlen, da sagen Sie sich: Wie nett! Da drüben steht ja der gute Alphonse und fängt Tintenfische. Ist der auch hier? Ja – warum soll ich nicht schließlich auch nach Biarritz reisen! Ich hab' ja auch nichts vor! ... Denken Sie nur: welch Wiedersehen! Wir werden uns königlich amüsieren! Wir werden zusammen bummeln. Ich mache Ihnen die Honneurs der Pyrenäen. Ich führe Sie hinüber nach San Sebastian zum Stiergefecht. Ich bringe Sie im Auto ins Tal von Ronceval. Ich bin Ihr getreuer Reisekurier und Gesellschafter. Und dabei Ihr aufrichtiger Freund, Margot!« Er legte treuherzig die Hände zusammen. Sie hörte dem Fuchs im Schafpelz mit einem sonderbaren, zweifelnden Lächeln zu. Er redete in einem fort. Seine Worte verklangen ihr am Ohr. Vor ihr stiegen die Bläschen im Champagnerglas. So verperlte das Leben. Bald wurde es ganz schal. Noch war man jung. Die Tage flohen und flohen ... Und Alphonse Feddersen plauderte. Es war, als gösse er ihr behutsam, tropfenweise etwas Betäubendes in die Seele. Einen Schlaftrunk. Sie spürte solch eine Müdigkeit. Und eigentlich war es doch nur dummes Gerede, was er auskramte. Er wollte sie aufheitern. Es gelang ihm auch. Sie lachte ein paarmal wider Willen über seinen Galgenhumor. Sie wurde wieder lebhaft und hatte glänzende Augen, als sie nach Tisch in ihrem kleinen blauen Salon beim Kaffee saßen. Sie hatte vor, ihn nun fortzuschicken. Er hatte es sich in dem Diwan schon bequem gemacht, in fast zu lässiger Haltung. Er ließ sich schon ein bißchen gehen. Das ärgerte sie. Aber zugleich dachte sie an ihren Mann. Ein wütender Zorn und Abscheu durchfröstelte sie ... Ein kalter Hohn ... Sie war plötzlich versöhnlicher gegen Alphonse Feddersen gestimmt. Der saß jetzt wieder wohlerzogen aufrecht. Das Lächeln auf seinen Lippen war bescheiden. Es zeugte nur von Dankbarkeit, bei ihr weilen zu dürfen. Und in gewissem Sinne war sie ihm dankbar. Er näherte sich ihr sanft. Er ging zart mit ihr um ... Die Zigarettenwölkchen zogen durch den Raum und spannen ihn in bläuliche Schleier ein. Sie schwatzten beide wieder gedämpft – krauses Zeug. Dann wurde der Vetter ernster. »Haben Sie einmal einen Mann gekannt, der das Große Los gewonnen und es zerrissen hat und in den Papierkorb geworfen?« sagte er. »Ich kenne einen. Er heißt Charley Feddersen. Er ist ein Dummkopf. Er weiß nicht, was er tut. Tausend andere beneiden ihn, und er ... Erinnern Sie sich noch, Margot, was ich einmal sagte: Daß Sie die schönste Frau von Paris sind?« Dabei wollte er ihre Hand fassen. Sie entzog sie ihm rasch. Er sagte nur einfach und innig: »Du bist es wirklich!« Margarete erhob sich. »Ich habe Ihnen schon früher verboten, mich Du zu nennen!« versetzte sie kurz. Aber es war ein Schwanken in ihrer Stimme. Eine Unsicherheit. Die merkte ein Mann wie er auf der Stelle. Er lächelte und meinte, sitzen bleibend, versöhnlich: »Wir sind doch Vetter und Cousine! Ihre Feinde, wie den greulichen kleinen Sascha, duzen Sie, und ich ... Wir wollen doch Freunde und Kameraden sein in Zukunft! Wir wollen doch zusammen ein neues Leben anfangen in Biarritz, nicht wahr? Passen Sie auf: Ich bin ein guter Führer! Sie werden mit mir zufrieden sein. Aber dafür verlange ich auch Vertrauen! Bitte, bitte, meine teuerste Margot! ... Ich flehe Sie darum an bei Ihrer Schönheit, bei Ihrem Unglück, bei allem, was mir heilig ist!« Die junge Frau hatte ihm den Rücken zugewandt. Sie stand mitten im Zimmer. Nun hörte sie wieder seine weiche Stimme. »Teure Margot: Sie haben in ganz Paris, vielleicht auf der ganzen Welt, nur einen einzigen wahren Freund. Das bin ich. Stoßen Sie den Mann nicht zurück, dessen Leben sich nur um Sie dreht, der nur Ihr Glück will, wo alle anderen, Ihr Mann an der Spitze, wetteifern, Sie unglücklich zu machen, der jedes Opfer für Sie zu bringen bereit ist ... Solche Freunde sind selten! ... Da darf aber auch kein Mißklang und kein Mißtrauen mehr bestehen. Du mußt an mich glauben, Margot! Ich glaube ja auch an Dich, wie an eine Heilige ... Ich will Dir dienen ... ich will Dich auf Händen tragen ...« Mochte es wahr sein oder nicht, was er da sagte – es griff ihr in ihrer Verlassenheit ans Herz. Es klang so tröstend. Es tat so wohl. Sie hatte auf einmal das ruhige, hoffnungslose Gefühl: Jetzt ist er stärker als ich! Sie rührte sich nicht von der Stelle. Sie hatte nicht die Kraft dazu. Aber sie wußte: Wenn er vom Diwan her hinter ihrem Rücken bat: ›Komm, setz' Dich wieder zu mir!‹, dann würde sie es tun. Sie war unter seinem Willen. Da sah sie vor sich in der großen Scheibe des Fensterpfeilers sein Spiegelbild und erschrak. Ein kaltes Rieseln überlief sie vom Kopf bis zum Fuß. Ihr Herz stand still. Es war ihr, als nähme ihr jemand mit einem Griff eine Binde von den Augen. Alphonse Feddersen ahnte nicht, daß sie ihn beobachtete. Er hatte sich gespannt vorgebeugt. Sein Auge hing an ihr mit einem kaltblütigen Funkeln, wie das des Jägers am Wild: ›Gehst Du mir jetzt ins Garn oder nicht?‹ Und um seinen Mund zuckte ein heißes Lächeln wie das eines Fauns – ein Lächeln, vor dem ihr schauderte ... Plötzlich hatte sie ihre Ruhe. Sie drehte sich um. Sie trat vor Alphonse Feddersen hin. Er erhob sich unter ihrem Blick, dessen Bedeutung er nicht begriff. Er war etwas verlegen. Sie ließ ihn nicht zu Worte kommen. Sie lachte. »Gute Nacht, Vetter!« »Aber Margot ...« »Gute Nacht! Schlafen Sie wohl!« Er war verblüfft. Er stammelte: »Margot ... Sie stellen mich vor ein Rätsel!« »Versuchen Sie doch, es daheim zu lösen! Es ist schon spät!« »Jetzt, wo es am nettesten ist, schicken Sie mich fort! Ist das mein Dank?« »Was man tut, muß man um Gotteslohn tun! Gott befohlen, lieber Vetter!« Dabei drückte sie auf den Klingelknopf, eine Ankündigung für den Diener draußen, daß der Gast im Begriff sei, sich zu empfehlen. Alphonse Feddersen sah ein, daß seines Bleibens hier für heute nicht mehr war. Er ging tieftraurig nach der Tür. Dort blieb er stehen. »Sie kränken Ihren einzigen Freund!« sagte er voll schmerzlicher Sanftmut. »Ich verzeihe es Ihrer Verbitterung. Sie haben es verlernt, an Uneigennützigkeit zu glauben. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf ...« »Doch, Alphonse ... tun Sie's!« Er hielt die Klinke in der Hand. Er zögerte immer noch. »Ich scheide mit blutendem Herzen! Aber ich komme wieder ...« »Sie machen den Weg vergebens! Wir wollen lieber gleich voneinander Abschied nehmen!« »Was soll das wieder heißen, Margot?« »Das werden Sie und alle, die es angeht, morgen noch erfahren! Adieu!« Sie schloß selbst die Tür hinter ihm. Nun war er draußen. Nun half ihm der Diener in Hut und Mantel. Nun schlug das Haustor. Nun verhallten seine zaudernden Schritte in der Frühlingsnacht. Da atmete sie auf. Sie öffnete die Fenster. Ein frischer, herber Hauch strömte herein, umhüllte sie mit einer Welle von Reinheit und Kühle. Sie lehnte an der Brüstung und schaute hinüber nach dem Widerschein des nächtlichen Paris, einer trüben Lohe am dunkeln Himmel, und sagte laut vor sich hin: »Gott sei Dank!« Dann sah sie auf die Uhr. Es war gegen Elf. Sie schickte die Dienerschaft schlafen und setzte sich hin und wartete auf ihren Mann. Langsam verstrich die Zeit. Die Pendule auf dem Kamin zeigte die Mitternacht – sie meldete in regelmäßigen Abständen mit seinen silbernen Schlägen durch die Stille das weitere Vorrücken der Zeiger. Margarete achtete nicht darauf. Ungeduld und Unruhe hatten sie verlassen. Zwei Uhr ... Es war ihr gleich. Einmal mußte Charley kommen. Sie blieb hier, und wenn es bis zum hellen Tag währte. Sie war auch gar nicht müde. Der Wille zur Entscheidung hielt sie wach. Still saß sie da. Fern schlief Paris. Die Bäume vor den Scheiben rauschten zuweilen im Nachtwind. Drei Uhr. Draußen hallten Schritte Sie blickte hinaus. Nein. Er war es nicht. Ein Blusenmann aus dem Volke ging vorbei. Vielleicht schon zu seiner Arbeit. Ihr kam ein Einfall. Sie stand auf und verlöschte im ganzen Erdgeschoß das elektrische Licht. Wenn Karl Feddersen die helle Fensterfront sah, schöpfte er am Ende Verdacht und kehrte um. Er war ja feige. Er ging allem, was Aug' in Auge hieß, gern aus dem Wege. Die Laternen warfen von der Straße her einen schwachen Schimmer in die Räume. Margarete harrte, fast ohne sich zu rühren. Dann fuhr sie auf. Da knarrte leise das Tor. Da flammte das Licht im Vestibül auf. Da schlichen vorsichtige Schritte. Das war ihr Mann. Er kam heim wie der Dieb in der Nacht. Er wähnte sie längst zur Ruhe und dachte auf den Fußspitzen unbemerkt sein Schlafzimmer oben zu erreichen. Unsicher, zusammenschreckend, blinzelte er die schlanke, hohe Gestalt an, die wie eine Erscheinung vor ihm in dem dunklen Türrahmen stand, lächelte gezwungen und etwas schuldbewußt und machte Halt. In ihr war ein Schauer des Widerwillens. So hatte sie ihn noch nie gesehen. Er war übernächtig und bleich, die Lider rot gerändert. Die weiße Krawatte verschoben. Burgunderflecke auf der Hemdbrust. Seine Haltung nicht ganz sicher. Ein unbestimmter Hauch – Parfüm, welke Blumen, Wein – um ihn her. Sie spürte vor diesem Dunstkreis denselben befreienden Ekel wie vorhin vor Alphonses Nähe. Karl Feddersen hatte sich jetzt gesammelt. Er bemühte sich, würdevoll und gleichgültig auszusehen, so gut es ihm in seiner Verfassung möglich war. »Du hier?« fragte er erstaunt, mit etwas schwerer Zunge. »Warum schläfst Du denn nicht?« »Ich habe mit Dir zu reden!« »Morgen hoffentlich!« »Nein. Sofort!« »Aber Kind!« Er gähnte hinter der hohlen Hand und markierte den überarbeiteten Geschäftsmann. »Denke doch ein bißchen an meine Nerven. Ich mußte wohl oder übel heute in Brüssel bei den Leuten zum Diner bleiben. Komme jetzt eben hundemüde nach Paris ...« »Da bist Du wohl im Frack auf der Eisenbahn gefahren?« sagte sie ruhig. Daran hatte er in seinem leicht vom Wein umnebelten Gehirn nicht gedacht. Er biß sich auf die Lippen und schwieg. Margarete machte das anstoßende Zimmer hell. »Komm nur herein!« versetzte sie. »Es hilft Dir nichts! Diese Viertelstunde bleibt Dir und mir nicht erspart!« Karl Feddersen war im Augenblick so verdutzt und durch sein schlechtes Gewissen befangen, daß er ohne Widerrede gehorchte. Sie schloß die Tür hinter ihnen beiden. »Ich war heute bei Sascha,« sagte sie. »Ich habe mit ihm über meine Lage gesprochen. Danach muß alles, was für unsere Trennung erforderlich ist, nach Deinem Wunsch von mir ausgehen. Es bleibt mir also keine Wahl, als daß ich Dich verlasse und die Schuld auf mich nehme, die auf Deiner Seite liegt!« Die Ueberraschung hatte ihren Mann ernüchtert. Er zupfte sich mechanisch, mit einem Blick in den Spiegel, die Krawatte zurecht. »Herrgott – wie schau' ich aus!« murmelte er und meinte dann kalt und nachlässig zwischen den Zähnen: »Diese Phrasen können wir uns auch auf morgen versparen, meine liebe Margot!« »Es sind keine Phrasen! Was ich Dir in dieser Stunde sage, Charley, das ist mein heiligster Ernst!« Er lächelte spöttisch. »Du kannst doch nicht verlangen, daß ich Dir diese Reden vom Weggehen glaube?« »Warum nicht?« »Sehr einfach, ma chère : Weil dazu Geld gehört und ich nicht geneigt bin, irgendwelche pekuniären Opfer für eine Frau zu bringen, die mir durch ihr Weglaufen zeigt, daß sie keinen Wert auf mich und die ihr von mir gebotene glänzende Existenz legt!« Zu seinem Erstaunen nickte sie. »Du sprichst mir aus der Seele, Charley! Ich habe Dich des Geldes wegen geheiratet. Also ist es nur recht und billig, daß ich ohne Dein Geld von Dir gehe.« Er fing wieder an zu lächeln. Er nahm sie nicht ernst. »Wovon willst Du denn leben?« »Das laß meine Sorge sein! Du wirst nichts mehr von mir hören und sehen, wenn unsere Scheidung vollzogen ist. Und ich nichts mehr von Euch ... Gottlob ...« Sie waren Aug' in Auge. Sie maßen sich prüfend. Eine Weile herrschte Schweigen. Dann wich die nervöse Spannung aus Karl Feddersens Gesicht, das die blauen Ringe unter den Augen nach der durchlebten Nacht viel älter als sonst erscheinen ließen. Der gewohnte Ausdruck kühler Sachlichkeit kam zurück. Das war ja alles da drüben nur Getue, eine mitternächtige Ueberrumpelung. Nichts dahinter. Er ärgerte sich, daß er sich ein paar Minuten hatte ins Bockshorn jagen lassen. Er steckte die Hände in die Hosentaschen, stand breitbeinig da und schaute seine Frau phlegmatisch an, ob sie nun bald Ruhe gäbe. Sie hatte bei ihren letzten Worten einen Augenblick der Schwäche gehabt. Ein verzweifelter Weinkrampf wollte plötzlich über sie kommen. Sie hatte ihn mit äußerster Kraft niedergekämpft. Jetzt verflog vor seiner Schläfrigkeit der letzte Rest. Seine eisige Art durchkältete auch sie. Wie sie da mitten im Zimmer unter dem grell glänzenden Kronleuchter gelassen, gedämpften Tones, miteinander sprechend standen, konnte man glauben, es handelte sich um die alltäglichsten Dinge. Karl Feddersen war müde. Er wollte mit dem unerquicklichen Auftritt zu Ende kommen. »Das ist ja alles Unsinn – mit der Scheidung!« versetzte er trocken und trat zur Tür. »Solche Worte sind zu ernst, als daß man sie unnütz in den Mund nimmt. Ich will das künftig nicht mehr hören, verstehst Du?« »Mein Entschluß steht fest!« » Mais c'est absurde, ma chère! Wie willst Du denn einen solchen Sprung ins Dunkle wagen? Und wohin?« »Ich frag' Dich nicht, woher Du heute kommst! So frag' Du mich auch nicht, wohin ich morgen geh'!« »Ich tu', was Du willst – wenn Du mich endlich zu Bett läßt!« »Versprich mir nur, daß Du mich, wenn ich von hier weggehe, auch wirklich freigibst!« Da kehrte ihm mit den Geistern des Weins der Zorn zurück. Seine übernächtigen, schlaffen Züge belebten sich. In das kalte Blau seiner Pupillen trat ein Funkeln. Der ernsthafte Gedanke an ihre Flucht verletzte seine Eigenliebe tödlich. »Wenn Du mir diesen Schimpf antust,« sagte er kalt und herrisch, »wenn Du mir so alle meine Wohltaten lohnst ...« »Deine Wohltaten?« »Jawohl! Was warst Du denn, bis ich Dich emporgehoben und zu einer der reichsten Frauen von Paris gemacht hab'? – Wenn Du mich nun zum Dank dafür vor aller Welt lächerlich machst – dann sind wir geschiedene Leute für immer.« Sie atmete tief auf. »Das wollt' ich bloß hören!« sagte sie. Seine Erregung war schon wieder verflogen. Er gähnte. »Im übrigen ... das sind Phantastereien! Ich diskutiere heute nicht mehr darüber. Morgen ist auch noch ein Tag. Dormez bien, ma chère! « Er nickte ihr ganz freundlich zu und stieg die Treppe des Vestibüls hinauf, mit der Gelassenheit eines Mannes, der schließlich doch die Sachlage beherrscht. Er summte sogar eine Melodie zwischen den Lippen. Margarete sah ihm nach, wie er, ohne noch einmal den Kopf nach ihr zu wenden, langsam eine Stufe nach der andern nahm. Sie wartete, bis seine ein wenig unsicheren Schritte oben verhallt waren. Sie wußte, in der Verfassung, in der er sich befand, schnarchte er in fünf Minuten. Der Sicherheit halber ließ sie eine Viertelstunde verstreichen. Dann klingelte sie ihrer Kammerfrau und sagte, als die verschlafene Person erschien: »Ich muß verreisen. Monsieur hat mir eben beunruhigende Nachrichten über das Befinden meiner Mutter in Deutschland mitgebracht.« »Mein Gott, Madame – jetzt so spät in der Nacht?« »Er hat die Briefe bei seiner Rückkehr vorgefunden; sie waren an ihn adressiert, um mich nicht zu erschrecken. Ich nehme vorläufig nur das Allernötigste mit. Packen Sie rasch! Es ist nicht nötig, daß jemand im Hause aufwacht!« Die Jungfer begriff, daß ihre Herrin jetzt nicht viel Menschen und Fragen um sich haben wollte. Sie machte sich an die Arbeit. Margarete saß inzwischen am Tisch und schrieb, während draußen das erste Morgengrauen durch die Vorhanglitzen leuchtete: »Lieber Charley! Ich gehe also jetzt. Laß es Dir gut gehen. Verzeihe mir, wie ich Dir verzeihe; und mache uns auch das Aeußerliche der Scheidung nicht unnötig schwer. Meine Adresse ist bei meiner Mutter. Was Du mir an Schmuck geschenkt hast, lasse ich alles hier und lege den Schlüssel zur Kassette in diesen Brief. Ich versiegle ihn der Sicherheit halber. Wir hätten uns nie sehen sollen. Es wäre für uns beide besser gewesen. Aber es liegt nun hinter mir und ich nehme getrost den Kampf mit dem Leben auf. Ich mache Dir keine Vorwürfe mehr. Du kannst auch nicht anders sein als Du bist, und bist eben anders als ich: Ihr alle seid es. Ich war ewig fremd unter Euch und wäre es immer geblieben. Vergiß mich und lebe wohl! Margarete.« Sie schrieb nicht mehr ›Margot‹. All dieser Tand, die Spielerei, die man mit ihr getrieben, fiel. Sie drückte den Stempel in das heiße Wachs. Die Kammerfrau sah mit großen Augen zu. Jetzt wurde ihr die Sache nachgerade unheimlich, zumal auch Monsieur gar nicht zum Vorschein kam. Sie schlug vor, den Chauffeur zu wecken und ihn zu benachrichtigen, wann er morgen früh vorfahren solle. »Morgen früh!« sagte Margarete Feddersen. »Es ist ja schon morgen früh! Da« – sie schlug die Portiere zurück – »da ist es ganz hell auf der Straße. Und da hinten kommt vom Bois her eine leere Droschke. Rufen Sie die an!« Der Kutscher, der einen Nachtschwärmer heimgebracht hatte, hielt. Die junge Frau trat in Hut und Mantel auf die Straße. Die Luft war kühl und feucht. Die Spatzen piepten in der Stille. Durch unbestimmtes Grau blitzten die ersten Sonnenflimmern auf den Dächern. Tautropfen hingen wie versiegende Tränen an Baum und Strauch. Sie nahm im Wagen Platz und schickte die Jungfer, die sich ihr gegenüber setzen wollte, ins Haus zurück. Das Pferd zog an. Die Räder rollten. Da waren schon die verschlafenen Elysäischen Felder, das Riesenrundbild der Seine mit ihren altersgrauen Türmen und Palästen, gespenstig ragte, nebelumzogen, an seiner Spitze sonnenvergoldet, der Eiffelturm, hoch von seiner Vendôme-Säule sah der kleine Korse auf das Häusermeer hernieder – auf den Boulevards war schon etwas Leben, die ersten Kaffeehäuser offen, die Stiefelputzer auf der Bordschwelle, weißröckige Barbiergesellen vor ihren Läden. Auf dem Bahnhof gab es Menschen in Hülle und Fülle. Ein Gedränge, ein Pfiff der Lokomotive ... Margarete Feddersen war auf einmal unterwegs und sah draußen die morgenhellen Fluren Frankreichs vorübergleiten, die Schlösser und Meierhöfe, die Rebhügel, die Städte. Stunde um Stunde ging dahin. Welsche Laute klangen um sie. Sie dachte mit Ungeduld: Wann hör' ich endlich Deutsch? Sie fühlte sich noch nicht frei. Sie hatte immer die Vorstellung, es müsse sich noch etwas ereignen, sie zurückzurufen, damit alles beim alten bleibe. Sie sehnte den Abend herbei. Und der Abend kam, und sie war in Deutschland und glaubte noch kaum daran. Aber da vorne dämmerte eine große Stadt, in der durch das Maizwielicht schon die ersten Lichter aufflammten, und über das Meer ihrer Dächer erhob sich etwas in die Wolken: Das war nicht das kahle Eisengerippe des Eiffelturmes ... Feierlich schaute mit seinen himmelstürmenden Bogen und Zinnen der Kölner Dom auf das Gewimmel der Menschlein in der Tiefe. Hart über seinen Spitzen leuchteten hoch oben die ersten Sterne. Dort drüben, gleich hinter dem Hausgiebel, floß der Rhein ... Margarete Feddersen hatte während des Aufenthalts in Köln den Zug verlassen. Sie saß im Wartesaal, eine Tasse Kaffee vor sich. Sie hatte seit dem Morgen noch nichts genossen – und dachte sich weiter: Dort fließt der Rhein. Bald überschritt man ihn. Ihr war, als sei dann die letzte Brücke hinter ihr abgebrochen. Sie fühlte sich leicht und erlöst. Aber zugleich kam nach vollendeter Tat die Erschöpfung. Sie senkte müde die Wimpern und die Unruhe hielt sie doch wach. Die Zukunft. Sie sagte sich: Bald fahr' ich weiter, in die Heimat hinein, aber auch in die Nacht hinein. In das Dunkle und Ungewisse. Von morgen ab bin ich ein anderer Mensch, der viel zu bereuen, viel gut zu machen, viel abzuarbeiten hat. Wie fang' ich das an? Helfen wird mir keiner, kann mir keiner. Was mache ich aus mir? Sie hob den Kopf. Um sie war die Unrast des Bahnhofs. All die Menschen, die da hasteten und sich drängten, wußten, wohin sie wollten. Sie hatten irgendwo draußen in der Ferne, im Abenddämmern ein festes Ziel. Margarete Feddersen beneidete, während sie still dasaß, diese aufgeregten, geschäftigen Hin- und Hereilenden. Einmal schien ihr jemand von früher vertraut dort am Ausgang – ein kleiner Herr mit rotem Haar, der sich energisch seinen Weg durch die Menge bahnte. Aber sie sah den Generaldirektor Malloney nur von hinten. Er verschwand. Es war ihr gleich. Sie fühlte sich hier geborgen, auch ohne eine Menschenseele zu kennen. Sie hörte um sich deutsche Laute, wenn es auch nur Rufe nach dem Kellner, Wortwechsel mit dem Kofferträger waren. Sie sah deutsche Gesichter ... Offiziere, Kaufleute, Dienstmänner, Damen ... Ein nachträglicher Schauer vor Paris packte sie – das Grauen, einer tödlichen Gefahr entgangen zu sein. Nur noch ein Schritt war es bis zum Abgrund gewesen ... Ihr Auge schweifte über die Menschenmenge und blieb an einer auffallenden Kopfbedeckung hängen. Es war der breitkrämpige, an einer Seite aufgeschlagene Schutztruppenhut von Südwest. Nun sah sie auch den Träger, einen jungen Offizier, in der kleidsamen grauen Reitertracht, mit den hohen gelben Stiefeln. Freunde aus der Garnison umdrängten ihn. Sie lachten und stießen mit den mit Rheinwein gefüllten Römern zum Abschiedstrunk an. Manche Reisende blieben stehen und blickten neugierig hinüber. Margarete Feddersen atmete auf. Ihr war ein Gedanke gekommen ... Sie hatte noch Zeit bis zur Abfahrt. Sie ließ sich vom Kellner Tinte und Feder bringen und schrieb in hastigen Zeilen an ihre Freundin, das einstige Fräulein von Frisching, die nun dort drüben in Südwestafrika als Farmersfrau lebte: »Liebe Magda! Vor langen Jahren haben wir als junge Mädchen einmal nachmittags in Berlin im Hotel Adlon gesessen und von dem armen Robert Gellin gesprochen, dessen Todesnachricht eben aus Südwestafrika angekommen war. Inzwischen hast Du seinen Bruder dort geheiratet. Ich aber lernte an jenem Nachmittag meinen späteren Mann kennen. Ich wollte, die Stunde wäre an mir vorübergegangen. Mir hat sie keinen Segen gebracht. Meine Ehe ist sehr unglücklich geworden. Sie wird jetzt geschieden. Mein Kind ist tot. Ich kehre mit leeren Händen nach Deutschland zurück und habe nur noch den Wunsch, mich mit Anstand irgendwie durchs Leben zu schlagen. Zunächst erwartet mich in Potsdam die Pflege meiner Mutter. Sie ist sehr krank. Die Aerzte lassen über kurz oder lang das Schlimmste ahnen. Solange sie uns erhalten bleibt, ist natürlich mein Platz bei ihr. Aber dann? Du hast mich vor einem Jahr in Berlin als Braut im Spaß eingeladen, auch nach Südwest hinüberzukommen. Heut' nehm' ich Dich beim Wort. Hand aufs Herz: Kannst Du mich dort brauchen? Auf Eurer Farm? Oder sonst irgendeine Familie dort? Ich hoffe doch! Man hört doch immer, wie sehr noch dort arbeitswillige Hände not tun. Ich schreibe Dir ganz offen. Du warst immer ein ehrlicher, grader Kerl, schon in der Zeit, wo wir alle noch dumme Mädel waren und die Köpfe voll Krimskrams hatten und uns einbildeten, man sei zum Vergnügen auf der Welt. Du wirst mich auch jetzt nicht im Stich lassen, sondern mir gleich antworten. Das weiß ich. Es dauert ja doch ein Vierteljahr, bis ich Deinen Brief kriege. Aber es hat ja vollauf Zeit. Schreib' mir nicht, daß ich Dir leid tue, sondern ob ich kommen kann. Geld bringe ich keinen Groschen mit, das sag' ich gleich! Nur meinen guten Willen, Gesundheit und ein gottlob noch unverzagtes Herz. Grüße unbekannterweise Deinen Mann von mir und sei im voraus bedankt und geküßt von Deiner alten Grete.« Der Brief war nach dem Postamt Windhoek adressiert und noch in Eile eingeschrieben. Der Zug hatte seine Fahrt nach Berlin wieder aufgenommen. Die Häuserreihen Kölns glitten vorüber. Margarete saß am offenen Fenster. Der Abendwind blies herein. Das war nicht die weichliche schwüle Luft der Seine. Es war deutscher Frühling – leichter Regenschauer – letztes Sonnengold im Westen – frische Kühle. Und dann plötzlich die Weite: Da lag der Rhein. Mächtig ragten an seinen Ufern die Kirchen. Auf seinen Wellen lebte es von Schiffen. Weithin rauchten die Schlote. Tausende von farbigen Lichtern spiegelten sich rechts und links vom Zug in dem heiligen Strom. 19. Zu gleicher Zeit mit Margarete Feddersen hatte auch der Generaldirektor Malloney den Kölner Hauptbahnhof betreten gehabt. Er kam nicht wie sie vom Westen her, sondern vom Norden aus England. In dem Ostender D -Zug hatte niemand sonderlich auf den kleinen, jovial mit Kellnern, Schaffnern und Trägern verkehrenden Herrn geachtet. Aber als er jetzt, im Gedränge des Wartesaals stehend, ein Glas Bier trank, riß ein Vorübergehender plötzlich den Hut vom Kopf. Drüben am Tisch erkannte ihn ein Zweiter und verbeugte sich, vom Stuhl aufspringend. Der Zeitungsverkäufer auf dem Bahnsteig stand stramm und grüßte militärisch. Und wie der Stahlgewaltige nun wieder den Zug bestieg und noch eine Stunde weit von Köln durch das Dunkel in das Ruhrgebiet hineinfuhr, da wuchs von Station zu Station sein Ansehen. Die Mitreisenden musterten ihn neugierig, Herren mit Aktenmappen unter dem Arm grüßten. Auf der kleinen Station, auf der er den Wagen verließ, dienerte alles. Sein Auto wartete und führte ihn in das Reich der Kohle und des Eisens hinein. In undeutlichen Umrissen wölbten sich die Schlackenhügel unter langgestreckten Fabrikgebäuden. Die Schornsteine ragten einzeln, in Gruppen, wie Pappelwälder in die Luft. Schwaches Funkensprühen verriet ihre Spitze, mattes Leuchten am Horizont die Hochöfen, deren frühere scharlachne Glut sich nun auch still in Kraft umsetzte. Am Eingang hielt der alte Invalide Wache und schob das Tor zurück. »Guten Abend, Herr Generaldirektor!« »'n Abend! Ist Herr Lünemann noch im Kontor?« »Befehl, Herr Generaldirektor! Herr Lünemann ist ja immer dort!« Der Generaldirektor Malloney hatte seinen Wagen verlassen und stiefelte vorsichtig quer über die schlammigen Höfe dem Lichtschein zu, der aus einer Reihe Fenster zur ebenen Erde drang. Ohne anzuklopfen, trat er ein. Innen war es blendend hell. An einem mächtigen Tisch, in einem mächtigen Raum saß ein einzelner Mann, über ein Reißbrett gebeugt. Bleistifte, Zirkel, aufgeschlagene Logarithmen-Tabellen lagen um ihn. Er war so in seine Flugbahnberechnung vertieft, daß er nicht aufsah, sondern, in der Meinung, den Bureaudiener vor sich zu haben, zwischen seinen Zahlen murmelte: »Krause ... so gegen Zehn müssen Sie mir Kaffee kochen! Ich habe bis in die Nacht hinein zu tun!« »Wenn ich Sie nicht vorher zu Bett schicke, mein Gutester!« sagte der Generaldirektor gemütlich und tat Hut und Stock in die nächste Ecke. »Glauben Sie nur nicht, Lünemann, daß ich das erst abwarte, bis Sie mir mit den Nerven zusammenklappen, mit Ihrem unsinnigen Arbeiten in letzter Zeit. Es ist mir gar nicht wegen Ihnen zu tun! Aber ich brauche Sie! Sie sind nun mal der einzige von der ganzen Blase, zu dem ich Vertrauen hab'!« »Außerdem haben Sie das Talent, mit mir auszukommen!« fuhr er fort, seinen Mantel über den nächsten Stuhl werfend. »Das glückt auch nicht jedem! Ich bin ein ekliger Kerl, ich weiß es! Aber Sie mit Ihrer gesegneten dicken Haut ... Herrgott, sieht der Mensch aus! ... Wenn Sie mir umfallen, Moritz, dann wehe Ihnen! Dann enterb' ich Sie! Dann such' ich mir einen anderen Thronfolger für den Betrieb hier!« »Ich werde nicht krank,« sagte Moritz Lünemann kurz und beinahe verächtlich. Er hatte sich erhoben. Sein Gesicht hatte bei aller Energie einen überarbeiteten Ausdruck. Der kurze Vollbart ließ es älter erscheinen, als er war. Und mehr noch der Ernst in seinen grauen Augen. Malloney war schon wieder beim Geschäft. »Also die Argentinier beißen an?« forschte er vergnügt und rieb sich die Hände. »Den Auftrag kriegen wir sicher herein. Haben Sie unsere Konstantinopeler Code-Depesche noch nachgekabelt bekommen?« »Wegen der Balkanbahn?« »Ja. Augenblicklich steigen unsere Aktien am Goldenen Horn wieder rapide: Ich denke, wir drücken die belgisch-französische Gruppe ganz an die Wand!« Malloney lachte. »Also kriegen wir endlich auf dem Balkan Luft! Ein Segen! Ich hab' den ganzen Flohzirkus schon dick bis an den Hals. Geschieht den Herren Feddersen und Anhang ganz recht. Warum lassen sie nicht mit sich reden! Ich hab' seinerzeit in Paris Herrn Charles Feddersen gute Worte gegeben, wie 'nem kranken Gaul. – Nee ... er wollte nicht! Unter uns: er ist überhaupt ein Esel! Uebrigens ... vorhin hab' ich seine Frau gesehen!« »So?« sagte Moritz Lünemann, anscheinend ganz gleichgültig. »Sie saß in Köln auf dem Bahnhof und trank Kaffee. Schien auf der Reise zu Muttern. Eine schöne Person! Das muß ihr der Neid lassen!« »Haben Sie auch mit ihr gesprochen?« »Nee! Wie komm' ich denn dazu? Ich werde doch nicht mit der Konkurrenz anbändeln! Außerdem bimmelte es doch gerade zu meinem Zug!« Der Generaldirektor hatte die Briefe durchgesehen und nichts besonders Wichtiges gefunden. Er gähnte. »Ich hab' Hunger,« sagte er. »Wissen Sie was, Lünemann: Kommen Sie mit mir hinüber und leisten Sie mir Gesellschaft zum Abendbrot. Mit ihrer verfluchten Ballistik hat's Zeit. Und ich bin ein armer Strohwitwer! Frau und Kinder bei den Schwiegereltern! Also los!« Malloney hatte sein Haus mitten zwischen die Fabrikgebäude hineingebaut. Ob er da nun in der Badewanne saß, ob er sich rasierte, ob er Gäste bei sich sah – von jedem Fenster aus konnte er jeden Augenblick den Betrieb überblicken. Das nannte er Schönheit der Lage. Nerven waren ihm unbekannt. Höchstens daß er, wenn der Dampfhammer besonders in Tätigkeit trat, ein Fenster schloß. Aber sonst fühlte er sich pudelwohl in dem Lärm und Leben. Die beiden Männer hatten nur wenige Schritte bis zu seiner Wohnung zu gehen. Er kam dort unerwartet an. Aber er hatte das Haus an den Grundsatz ›Zeit ist Geld!!‹ gewöhnt. In unbegreiflich kurzer Zeit saß er mit seinem Gefährten am gedeckten Tisch und goß ein. »Trinken Sie, Lünemann! Das bringt Sie auf andere Gedanken! Ich weiß nicht, früher hatten Sie so was Humoristisches hinter den Ohren. Das ist Ihnen aber allmählich ganz abhanden gekommen!« »Sie wissen ja, was passiert ist, Herr Malloney!« Der Generaldirektor ließ Messer und Gabel sinken und schaute kauend, den Kopf schüttelnd, sein Gegenüber an. »Zu toll!« sagte er endlich. » Sie hatte ich nun immer für 'nen vernünftigen Menschen gehalten, alter Freund und Kupferstecher! ... Und gerade Sie machen ausgerechnet diese Riesendummheit!« »Im Geschäft doch nicht!« »Nee, gottlob! Da sind Sie schlau wie ein Bauer! Sie seifen mir die Konkurrenz so treuherzig ein! Aber man ist doch auch Mensch – nicht? Und da ... Sehen Sie 'mal, Lünemann: ich hab' Sie doch gemacht, sozusagen! Ich hab' Sie aus dem Nichts herausgeholt! Vorläufig bin ich ja noch hier der Mann an der Spitze. Immerhin: der Mensch wird älter. Jeder Karrengaul muß 'mal ausschnaufen. Ich brauch' allmählich auch Entlastung. Drum ziehe ich mir Sie als Nachfolger heran ...« »Ich arbeite ja auch nach Kräften, um Ihr Vertrauen zu rechtfertigen, Herr Malloney!« »Ja, mein Vertrauen! Aber Ihres schenken Sie mir nicht! Sonst hätten Sie mir längst eingestanden, was eigentlich in aller Teufels Namen vor 'nem Vierteljahr in Sie gefahren ist, daß Sie plötzlich Ihre Verlobung aufgelöst haben ...« Es war eine Pause. Dann hub der Generaldirektor ärgerlich wieder an: »Ja – das kenn' ich: Achselzucken und Schweigen! Sie sind ein verstockter Mensch, mein lieber Moritz! Sie haben den richtigen Hannoverschen Dickschädel! Aber irgend 'was muß doch in dem gedämmert haben, das Sie zu dem verblüffenden Entschluß brachte. Sie fuhren doch noch ganz fidel mit mir nach Paris, kamen von dort zurück, ohne daß 'was Besonderes in Paris passiert war ... und dann auf einmal ... ein paar Tage darauf ... ich denke, mich rührt der Schlag ...« »Ersparen Sie mir doch dies Gespräch, Herr Generaldirektor.« »Nee, mein Lieber – die Sache hat zu viel böses Blut gemacht! Wo ich hinkomm', werde ich jetzt noch drauf angeredet. Das Mädchen war doch weiß Gott nicht die erste beste! Der Alte sitzt hier zwischen Rhein und Ruhr in jedem zweiten Aufsichtsrat ... verdient gut und gern seine dreihunderttausend jährlich ... Wenn er mich sieht, macht er ein Gesicht, als hätt' er auf 'ne Spinne gebissen! ... Er denkt, ich steck' dahinter! So muß ich nun Ihre Sünden abbüßen, Lünemann!« »Was eine Notwendigkeit war, Herr Malloney, das kann kein Unrecht sein.« »Aber warum war es denn notwendig? Hat es denn Streit zwischen Ihnen und Ihrer Braut gegeben?« »Gar nicht!« »Oder mit dem Ollen?« »Auch nicht!« »Oder war Ihnen die Mitgift nicht recht?« »Die war viel zu groß!« »Ja, da werd' der Kuckuck draus klug!« Der Generaldirektor Malloney schlug zornig mit der Faust auf den Tisch. »Mensch ... wenn ich Sie nicht so verflucht gern hätte – man kommt sich ja dumm vor, wenn man Ihnen die Silben aus den Zähnen reißt ... Haben Sie mir denn wirklich nicht mehr zu sagen ...?« »Nein, Herr Malloney! Ich kann nicht. Das sind Dinge, die jeder mit sich abmachen muß!« »Also lassen wir's! ... Aber verbessert haben Sie Ihre Position hier am Rhein mit der Geschichte nicht. Wenn Sie ein zweites Mal wo anklopfen, wundern Sie sich nicht, wenn Sie auf äußerste Kühle stoßen!« »Es braucht ja nicht jeder zu heiraten!« sagte Moritz Lünemann und erhob sich zugleich mit dem anderen, um im Nebenzimmer eine Zigarre zu rauchen. »Ich für mein Teil werde es wohl überhaupt lassen!« Der Generaldirektor knipste bedächtig die Spitze von seiner Henry Clay. »Sie sind noch jung, mein Guter!« meinte er. »Und ich bin ein alter Esel. Also hören Sie auf die Stimme der Weisheit: Man soll nichts verschwören! ... Einmal kommt der Tag ...« »Bei mir nicht mehr!« Moritz Lünemann zögerte einen Augenblick. Er war blaß geworden. Dann setzte er mit rauher Stimme hinzu: »Ich möchte Ihr Vertrauen nicht zurückweisen, Herr Malloney. Ich täte Ihnen unrecht. Ich weiß, wie sparsam Sie damit sind. Sie erzählten vorhin, Sie hätten heute Madame Charles Feddersen auf dem Kölner Bahnhof gesehen ...« »Ja!« bestätigte Malloney, ein wenig verwundet »Nun – das war einst meine Liebe.« »Was? ...« »Und das ist sie noch in meinem Leben ... obwohl sie diesen reichen Menschen mir vorgezogen hat ...« »... Herrgott ... ja ...« »... und das wird sie immer sein! ... Darum hab' ich gesagt, ich heirate nicht mehr! Und nun erlauben Sie mir, daß ich wieder hinüber an die Arbeit gehe, Herr Generaldirektor! Ich will die Schießtafeln auf alle Fälle fertigstellen, falls die griechische Regierung doch bei uns anklopfen sollte ...« Er reichte dem andern die Hand und ging. Auf dem Tisch harrten die Flugbahnberechnungen und Logarithmentafeln. Er setzte sich und klingelte dem alten Diener: »Krause – haben Sie mir Kaffee gekocht?« »Jawohl, Herr Lünemann! Aber ...« »Na – was denn ›aber‹?« »Herr Lünemann sollten doch Ihre Gesundheit mehr schonen! Herr Lünemann überarbeiten sich ja!« Moritz Lünemann hatte seinen blonden energischen Kopf schon über den Tabellen. »Lassen Sie es gut sein, Krause!« sagte er zerstreut, halb in die Zahlenreihen vor ihm versunken. »Die Arbeit – das ist schließlich doch das letzte, was man hat ...« 20. Draußen auf der Straße klapperten Hunderte von Hufen, schaukelten weiß-schwarze Fähnchen über roten Attilas. Die Potsdamer Leibgardehusaren ritten vorüber. Ihre Trompeten bliesen den Finnischen Reitermarsch – erst wild, dann wehmütig klangen die Töne ... hallten in den leeren Zimmern wider ... stärker als früher, da noch der altmodische Hausrat der Generalin von Teuffern sie erfüllt hatte. Jetzt war alles ausgeräumt, die Fenster offen, daß der Morgensonnenschein in die verlassene Wohnung strömte. Der Boden rein gefegt. Auf ihm lasteten ein paar geschlossene Koffer. Auf dem einen saß Margarete Feddersen, in tiefem Schmerz. Vor ihr stand ihre Schwester Gertrud ebenso wie sie in Trauer. Als der kriegerische Lärm draußen verweht war, erhob sich Margarete wieder. Ihr schönes Gesicht war blaß und schmal geworden. »Mir glückt nur noch das Begraben, Gertrud!« sagte sie. »Nun auch unsere gute Mama! ... Wenn ich so denke, den, den ich lieb gehabt hab', hab' ich nicht gekriegt – ich habe meine Eltern verloren ... mein Kind ist tot ... von meinem Mann lass' ich mich scheiden ... Mir ist zumut, als hätt' ich schon ein langes Leben hinter mir. Und dabei hab' ich noch ein paar Jahre bis zu den Dreißig!« »Nun eben, Grete!« Die kleine Hauptmannsfrau, die aus ihrer schlesischen Garnison an das Sterbelager der Mutter gekommen war, hatte rotgeränderte Augen. »Du bist doch noch so jung ... Es wird schon alles gut werden! Du bist jetzt natürlich angegriffen. Du hast Mama dies Vierteljahr so aufopfernd gepflegt. Wir alle haben Dich bewundert. Keiner hätte Dir das zugetraut – der Doktor sagte gestern, Du hättest seit Monaten keine ruhige Nacht und tagsüber keine ruhige Stunde gehabt ...« »Es war ein Segen für mich!« »Aber Deine Gesundheit hast Du dabei ruiniert, meine arme Grete!« Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Im Gegenteil: Ich habe gesehen, daß ich noch zu etwas nützlich sein kann! Das hab' ich gebraucht! Das Bewußtsein hat mir gefehlt. Nun wird es auch dort drüben, in Südwestafrika, mit mir gehen ...« Die Schwester fing an zu weinen. »Du, Grete ... ich hab' meinem Mann geschrieben! Er ist auch damit einverstanden! Ich fahre heute mit Dir nach Hamburg!« »Das ist gar nicht nötig!« »Doch! Ich bring' Dich bis aufs Schiff!« »Das Schiff geht ja erst nächste Woche!« Margarete nahm vorsichtig aus ihrem Reisetäschchen einen auf dünnes, überseeisches Papier geschriebenen Brief und überflog ihn zum hundertsten Mal. »Ein Glück, daß mir Magda Gellin alles so genau aufgezeichnet hat ... an wen ich mich zu wenden hab', wenn ich glücklich drüben bin ... und wie die Eisenbahnstation im Innern heißt, wo ich aus dem Zug muß ... mir ist eine Zentnerlast von der Seele gefallen, wie ich neulich ihren Brief kriegte und las: Natürlich können wir Dich hier brauchen ... Ich wollt', ich wäre schon dort!« Ihre Schwester seufzte. »Später, wenn die Kinder erst größer sind,« sagte sie, »dann rutschen Fritz und ich 'mal hinüber und besuchen Dich auf Deiner Farm!« »Wie komme ich denn zu 'ner Farm, Gertrud?« »Dein Scheidungsprozeß ist doch bald zu Ende. In ein paar Monaten bist Du frei ...« »Ja.« »Und dann wirst Du doch natürlich drüben wieder heiraten.« Die junge Frau wandte sich ab. »Man kann sich auch sonst nützlich machen!« sagte sie ruhig. »Gottlob – da kommt der Wagen ...« Die bestellte Droschke rasselte heran und brachte die zwei jungen Frauen auf die Bahn. Der Zug rollte dahin. Nach ein paar Stunden wurde der blaue Sommerhimmel bleifarben vom Rauch. In der Ferne war ein undeutliches Gewimmel von Masten und Schloten, Menschengewühl in den Hallen des Hamburger Klostertor-Bahnhofs. Ueber dem Jungfernstieg flatterten die Möwen. In dem Hafen unten, durch den Margarete und ihre Schwester des Nachmittags fuhren, um sich den für nächste Woche nach Swakopmund fälligen Dampfer anzusehen, blies der Wind von Uebersee. Stumm schauten die beiden das gewaltige Bild. Das war kein Hafen wie andere. Es war, als sei eine große Industriegegend am Niederrhein stundenweit unter Wasser geraten. Mächtig ruhten die Schiffskolosse auf den Werften, qualmten die Fabrikschlote, klafften die Tore des Schwimmdocks, erhoben sich die zehnstöckigen Straßenreihen der Freihafeninsel. Es roch nach Kaffee und Gewürzen. Eisenbahnzüge rollten zwischen Wasser und Warenschuppen, die Krane rasselten und fuchtelten mit tausend Armen, hundert Dampfer schossen durch die zerpflügten, plätschernden, schäumenden Wellen, unermüdlich klang das geduldige Klopfen unzähliger Hämmer, das Keuchen der Maschinen, das Heulen der Sirenen über den weißen Dampfwölkchen, die wie Granatenrauch im Hafengrau schwebten – jedes einzelne ein Mißton und alles zusammen ein Hoheslied der Arbeit über Land und Meer. In einem der Häfen hatten Margarete und ihre Schwester ihren Dampfer entdeckt. Er lag noch still. Noch kam kein Rauch aus seinen gelben Schloten, wehte der blaue Wimpel nicht vom Mast. Aber auf ihm war schon Leben. Die Krane arbeiteten. Die Menschen liefen ab und zu. Ueber die Bordwand grinste das gelbbraune Gesicht eines Kaffernheizers herunter. Es war das erste Bild aus der neuen Heimat. Heimat ... Margarete Feddersen lächelte trübe. Wo war denn noch eine Heimat für sie? Sie hatte Gertrud, die nachmittags noch zurückkehren wollte, um nachts bei Mann und Kindern in Schlesien zu sein, an den Bahnhof begleitet. Ein letztes Tücherflattern, der letzte Schein eines vertrauten Menschengesichts, dann fühlte sie sich, als sie sich umdrehte und die Halle verließ, zum erstenmal in ihrem Leben ganz allein – mutterseelenallein in der großen Stadt – verlassen auf der weiten Welt. Sie ging langsam zur Lombardbrücke hinunter und die Binnenalster entlang. Sie sagte sich: Du hast's ja gewollt! Vor der Abfahrt siehst Du ja noch alle Deine Geschwister. Sie kommen herüber. Bis dahin ist's besser, einsam zu sein. Auch das will gelernt sein. Und noch manches im Leben! Ein Glück, daß einen hier in Hamburg niemand stören konnte. Sie zuckte beim Betreten des Hotels zusammen, als sie hinter sich eine Herrenstimme hörte: »Gnädige Frau ...! Gnädige Frau!« Sie dachte sich noch: »Ach was, das ist ein Irrtum!« und ging weiter, ohne den Kopf zu wenden. Aber es klang wieder: »Gnädige Frau ...! ... Frau Feddersen ...« Nun mußte sie Halt machen. Da stand der Generaldirektor Malloney. Er lächelte erfreut und bot ihr die Hand. Wahrscheinlich ahnte er noch nichts von ihren Schicksalen. Er hielt sie einfach für die Millionärsgattin, Madame Charley Feddersen aus Paris. Sie suchte von ihm wegzukommen. Sie legte flüchtig ihre Fingerspitzen in seine Rechte und sagte, mit der Kühle der Weltdame: »Oh ... Herr Generaldirektor ... Sie hier ...?« »Ja, wissen Sie, weswegen?« »Wie sollte ich!« »Wegen Ihnen!« Sie sah den anderen mit großen Augen an. Was wollte er denn von ihr? Er war ihr doch nur einmal im Leben, damals in Paris, im Kontor, persönlich begegnet. Er machte eine einladende Handbewegung nach zwei Lehnstühlen in der Nähe. Sonderbar: in diesem Moment hatte er etwas direkt Verlegenes an sich, das ihm kein Mensch zugetraut hätte. Er fühlte es auch. »Ja, das ist eine heikle Sache!« sagte er und setzte sich. Sie folgte seinem Beispiel. Die Leute fügten sich schließlich immer seinem Willen. »Ich hab' glattweg Angst vor Ihnen, gnädige Frau! Sie können mir die ausgepichtesten Leute aus'm Aufsichtsrat schicken, den hartgesottensten Syndikus von 'ner Bank, meinetwegen den Minister selber – ich werde mit den Brüdern schon fertig. Aber hier ... das ist mir neu ...« Er kratzte sich hinten im Genick und schüttelte den Kopf. »Wissen Sie, ich bin kein Salonmensch, Frau Feddersen. Das fällt nach kurzem jedem auf, der mit mir zu tun hat. Ich hab' nicht die Zeit dazu gehabt. Mein seliger Vater hatte 'ne kleine Barbierstube in einem Nest an der Ostsee, wo sich die Seehunde Gutenacht sagen. Ich hatte keine Lust, auch Schaum zu schlagen. Da war im Städtchen der alte Salomon. Der handelte mit Getreide und gab den Besitzern Vorschüsse auf die Ernte und nannte seine Bude ein Bankgeschäft. Da trat ich als Stift ein und fegte den Laden ... na ... und dann kam ich nach Berlin, und dann ging es ja vorwärts mit Gottes Hilfe ...« Margarete saß ergeben da und dachte sich: Was hat er nur? Eine Sekunde hatte sie den verrückten Einfall: Er wird Dir doch nicht einen Antrag machen? Auf seinem Finger, auf den sie einen verstohlenen Blick warf, glänzte ein breiter, goldener Trauring. Der beruhigte sie. Er fuhr fort: »Das gehört ja nun alles nicht hierher. Das kann Sie nicht interessieren! ... Man soll sich überhaupt nicht um fremde Angelegenheiten kümmern! Das ist auch sonst mein unverbrüchlicher Grundsatz. Ich habe lange mit mir kämpfen müssen, um in unserem Falle davon abzuweichen! ...« Nun hielt sie es doch an der Zeit, einzugreifen. Irgendein Mißverständnis lag da vor. Sie sagte: »Ehe Sie fortfahren, Herr Malloney ... wenn es sich, wie ich vermute, um eine geschäftliche Annäherung an meinen Mann handelt, die ich vielleicht unter der Hand vermitteln soll: es tut mir leid: Ich lebe in Scheidung!« »Weiß ich doch, gnädige Frau!« Der Generaldirektor Malloney wiegte dabei ganz gemütlich das rötliche Haupt und fügte hinzu: »Das hab' ich schon vor sechs Wochen, wie ich das letzte Mal in Paris war, als neueste Neuigkeit gehört. Daraufhin kam mir die Idee, Sie aufzusuchen. Da erfuhr ich, daß Ihre Frau Mutter auf dem Tode liege ... Uebrigens mein herzliches Beileid, gnädige Frau ...« »Danke!« sagte sie mechanisch und fühlte den ehrlichen Druck seiner Hand. Dann fuhr er fort: »Da konnte ich Sie natürlich nicht belästigen. Heute, gleich nach Ihrer Abreise, war ich bei Ihnen in Potsdam und hörte, Sie seien hierher. Da bin ich mit dem nächsten Zug nachgefahren, eh' Sie mir ganz aus den Augen kommen.« Er seufzte. »Was glauben Sie wohl, was ich alles durch die Spritztour hierher versäume? Zwei Sitzungen – eine telephonische Konferenz mit Berlin. Die Arbeit brennt mir auf den Nägeln. Ich kann's kaum vor den Aktionären verantworten. Aber man ist schließlich auch Mensch. Hier bin ich Mensch. Sehen Sie: Sie sagen selbst, Ihre Ehe wird geschieden. Also war sie unglücklich, natürlicherweise ...« »Ja, gewiß!« »Und sicher nicht durch Ihre Schuld! Ich kenn' doch auch die Leute dort! Hätten Sie einen anderen bekommen, wäre alles gut gegangen ...« Die junge Frau erhob sich bald. »Herr Generaldirektor, ich weiß wirklich nicht, wieso diese Frage gerade uns beide hier interessieren soll!« »Das werde ich Ihnen gleich verraten, meine Gnädigste! Bleiben Sie nur hübsch sitzen! ... Daß Sie den bewußten andern nicht gekriegt haben, das hat er mir selber vor einem Vierteljahr erzählt! Gnädige Frau ... Sind Sie mir nicht böse, wenn ich mir eine Zigarre anzünde? Ich kann nun mal nicht reden, ohne zu rauchen ... Verfluchte Angewohnheit! ... Danke schön!« Er entlockte seiner Havanna die ersten blauen Wolken und nahm ganz gemächlich das Gespräch wieder auf. »Nun – und wenn mich der eine von den beiden Teilen seines, wenn auch späten Vertrauens würdigt – warum soll ich es dann nicht auch bei dem anderen versuchen? Der Lünemann ist so ein tüchtiger Mensch! Daß er mir nun ganz vom Fleisch fällt und kopfhängerisch wird und über Gott und die Unsterblichkeit spintisiert, statt an unsere Kurse zu denken, so geht das nicht weiter. Schon im Interesse des Geschäfts! Der Lünemann muß unter die Haube!« »Er ist doch schon längst verheiratet!« sagte Margarete Feddersen. »Denkt nicht daran! Entlobt! Seit langem! Knall und Fall! Warum, wissen die Götter! Er sagt es keinem Menschen. Es war 'ne nette Bescherung! Wütend war alles auf ihn. Ich konnte ihn kaum halten. Ich hab' die erste Gelegenheit benutzt, um ihn zu lüften, und ihn in Geschäften nach Griechenland geschickt! Haben Sie denn davon nichts gehört?« »Nein!« »Auch nicht, wie Sie jetzt nach Deutschland zurückkamen?« »Ich hab' ja kaum einen Menschen gesehen und gesprochen! Ich hab' mich ganz der Pflege meiner Mutter gewidmet!« »Ach so ... ja! Was haben Sie denn, gnädige Frau?« »Nichts! Nichts!« »Sie werden auf einmal so blaß! Soll ich ein Glas Wasser holen?« »Nein, danke sehr! Es geht schon vorüber!« Margarete Feddersen saß aufrecht da. Sie beherrschte ihre Gesichtszüge. Nur ein leises Zittern überlief ihren Körper. Es war ein Schweigen zwischen ihnen. Dann hub der Generaldirektor an: »Der gute Lünemann beißt sich lieber die Zunge ab, als daß er einer Menschenseele verrät, warum er sich eigentlich entlobt hat. Aber Ihnen gesteht er's vielleicht. Falls er eben Gelegenheit hätte, mit Ihnen zu reden.« Die junge Frau hob die Augen zu dem Generaldirektor. Mit einem raschen, halb angstvollen Blick, und senkte sie wieder. Er war von neuem verlegen. Er zog emsig an seiner Zigarre. »Sie gehen mich ja nichts an, gnädige Frau! Aber wenn ich so den Lünemann Jahr um Jahr im Schweiß seines Angesichts für unsere Gesellschaft büffeln seh', ohne daß er irgendeine Freude am Leben hatte ... ich will nicht die Vorsehung spielen ... ich bin nicht der liebe Herrgott ... ich hab' bloß dem Lünemann vor ein paar Tagen nach Athen telegraphiert, er soll nach Deutschland kommen. Ich denke, er wird heute noch in Hamburg sein! Ist's Ihnen recht?« Margarete erhob sich. Auch der Generaldirektor Malloney stand auf und bettete den Stummel der Zigarre, die ihm über diese saure Viertelstunde hinweggeholfen, in einen Becher. »Wenn er hier ist, gnädige Frau, werd' ich ihm sagen, daß Sie auch hier sind. Dann rutsch' ich spornstreichs ins Geschäft zurück. Mag nun werden, was will. Ich hab' den Lünemann wirklich lieb! ... Ich wollte, ich hätt' 'nen Sohn wie ihn. Aber es sind man lauter Töchter. Uff! Adieu, gnädige Frau.« Der Generaldirektor Malloney schüttelte Margarete die Hand und lief förmlich davon, als habe er eine üble Tat begangen, und trocknete sich, während er im Lift hinanfuhr, mit einem Taschentuch die Stirne. Von oben sah er durch die Lichthalle noch einmal die junge Frau. Sie saß, ohne sich zu rühren. Menschen kamen und gingen im Getriebe des Hotels. Sie beachtete es nicht. Dann durchzuckte es sie: So wird nun auch bald Moritz Lünemann hier eintreten. Sie sprang jählings auf. Sie stand vor dem Gasthaus. Sie ging in die Straßen hinaus, ohne zu wissen, suchte sie ihn oder floh sie ihn? Wie im Traum sah sie um sich. Der Wind kräuselte den blauen Spiegel der Innenalster. Außen, auf der großen, freien Fläche schäumten weiße Wellen. Silbergrau verschwamm weiterhin der Wasserspiegel. Ein alter Mann mit einer Tüte trat ihr in den Weg. Sie sollte kleine Fischchen für die Möwen kaufen. An der Ecke standen zwei Kleinmädchen mit weißen Häubchen. Sie lispelten beim Sprechen. Es war wie auf dem Theater. Es war alles unwahrscheinlich in dieser großen fremden Stadt. Es war, als müsse man jeden Augenblick erwachen, in die Wirklichkeit von Potsdam oder Paris zurück. Der Alsterpavillon war schwarz von Menschen. Die Musik spielte. Sie schritt geistesabwesend daran vorbei – wieder in das Hotel. Sie stand am Fenster ihres Zimmers, den Kopf zwischen den aufgestützten Armen, die Handflächen an die hämmernden Schläfen gepreßt. Unten schossen die Dampfboote wie Schwalben kreuz und quer durch die Flut, Jachten blähten wie schwimmende Schwäne ihre weißen Segel, Ruderboote flitzten dahin. Eine kühle Brise wehte herein. Es war nun schon später Nachmittag. Die Sonne stand tief im Westen ... Wie hatte der Generaldirektor Malloney gesagt? Heute wird er noch kommen – von Griechenland her – über Land und Meer ... Oder er kam nicht. Er wollte nichts von ihr wissen. Und sie saß hier und wartete ... Sie stand auf einmal wieder im Freien. Sie ging mechanisch auf das Rathaus zu. An dem war eine Inschrift. Die war lateinisch. Sie konnte sie nicht lesen. Sie hatte mitten auf dem großen Platze Halt gemacht. Ihr Herz stand still. Da kam ein Mann rasch hinter ihr her. Der sah Moritz Lünemann ähnlich. Der lüftete den Hut und gab ihr die Hand und sie ihm. Dann hörte sie wie aus weiter Entfernung seine Stimme: »Eben war ich bei Malloney im Hotel! Dort sagten sie, Du seist ausgegangen, in der Richtung hierher. Da bin ich Dir nach!« »Ja.« »Und gottlob hab' ich Dich schon von weitem erkannt ...« »Ja.« Auf einmal schwiegen beide und sahen sich fast erschrocken an. Dann gingen sie langsam weiter – nebeneinander, irgendwohin in die Stadt hinein, in das Gewirr krummer Grachten und alter Gassen. Da begann er wieder und stieß es hervor: »Malloney sagte, Du wolltest von Deinem Mann fort?« »Ich bin es schon längst! In kurzem bin ich geschieden!« Sie konnte nicht anders. Sie mußte aussprechen, was ihr das Herz drückte: »Ich habe Dir doch geschrieben, wie unglücklich meine Ehe war ... damals ... zu Deiner Verlobung ... oder hast Du den Brief vielleicht gar nicht bekommen?« »Doch.« »Aber ich nie eine Antwort!« Er holte tief Atem. »Ich hab' Dir damals nicht antworten können!« »Warum nicht? Du weißt nicht, wie weh Du mir damit getan hast!« »Ich hab' nicht können! Du hast mir in dem Brief zu meiner Heirat Glück gewünscht...« »Wenn ich nicht gewußt hätte, daß Du vor der Heirat ständest, hätte ich nie eine Zeile an Dich gerichtet. Es sollte doch nur eine Versöhnung zum Abschied sein!« Moritz Lünemann hatte Mühe, weiterzusprechen: »Du hast den Brief an einen viel besseren Menschen gerichtet, als ich damals war. Du hast geglaubt, ich hätte das alles zwischen uns hinter mir und hätte eine andere gefunden, die mir dasselbe sei wie einstmals Du...« »Ich hab' es gehofft, Moritz... um Deinetwillen!« »Ich aber will Dir gestehen: Ich war in jener Zeit in einer schlimmeren Verfassung wie Du vor sechs Jahren. Eben weil ich von Dir nicht loskommen konnte, dachte ich: Mach's wie die Grete! Tausch' Dir wenigstens für Dein Unglück Geld ein! Sie hat Dir ja das Beispiel gegeben und ist ganz vergnügt. Wenn sie vergessen und sich in alles finden kann, warum nicht auch Du? Dazu war ich fest entschlossen! Da hat Dein Brief mir plötzlich schrecklich die Augen aufgemacht. An Deinem Schicksal hab' ich mein eigenes künftiges Schicksal erkannt. Du hast mich im letzten Moment gerettet, Grete...« »Und da bist Du ohne eine Zeile fort...« »Dir auch das noch zu gestehen... Ich bracht' es nicht fertig. Ich brauchte meine Kraft für das nächste. Ich bin heimgefahren und habe meine Verlobung auf» gelöst. Die Leute hielten mich einfach für verrückt... Es war ein harter Schritt. Ich habe mir damit mehr Feinde gemacht, als ich zeitlebens wieder versöhnen kann!« Sie kannte dies trotzige Lächeln an ihm. Er fuhr fort: »Um einen tüchtigen Kerl kommen sie heutzutage nicht herum: sie brauchen mich. Es heißt nun schuften. Leicht werden wir's im Anfang nicht haben! Das erklär' ich Dir gleich!« Er sprach wie selbstverständlich von ihnen beiden. Sie sagte nichts dazu. Still ging sie neben ihm her. Auf den abenddämmernden Gassen wimmelten die Menschen. Zuweilen sah man bei einer Straßenkreuzung weit in der Ferne die Masten der Wasserkante. Sie hatten die große Burstah hinter sich gelassen. Die Häuser wurden mittelalterlich, hochgiebelig, engbrüstig, noch aus der Zeit vor dem großen Brand. Moritz Lünemann begann wieder. »Ein Leben im Luxus, wie Du es bisher geführt hast, kann ich meiner Frau nicht bieten. Aber ich verdiene genug! Ich hab' es nicht zu bereuen, daß ich ebenso wie Du auf meine Art auch aus unseren alten Verhältnissen heraus bin. Und der Unterschied zwischen uns beiden, Grete, war: nur, daß ich dabei ein ehrlicher Deutscher geblieben bin und bleiben werde ... Und Du mit mir!« Er schaute sie erwartungsvoll an, ob sie ihm nicht etwas erwidern würde. Sie konnte nicht. Aber sie blieb, wie Schutz suchend, den Blick am Boden, dicht an seiner Seite. Und ihr war, wie er da neben ihr schritt und gedämpft und kräftig in seiner rauhen Herzlichkeit ihr Trost gab, als redete das Vaterland, als redete Deutschland selber zu ihr. »Grete – hast Du mir denn nichts zu sagen?« Er war stehen geblieben. Auch sie machte Halt und schlug die Augen auf und trat fast erschrocken einen Schritt zurück. Dicht hinter ihnen reckte sich ein Riese empor, hob sich turmhoch in die Dämmerung, überragte Stadt und Fluß. Ein getreuer Eckart, hielt Bismarcks Denkmal, aus steinernen Quadern, wie für die Ewigkeit gefügt, die Wache an der Pforte des Reichs. Die beiden Menschen unter ihm schienen winzig klein. Andere waren außer ihnen nicht da. Es war still auf dem Schluchtweg hernieder zu den Landungsbrücken. Nur aus der Ferne klangen von der Reeperbahn und dem Spielbudenplatz der Trubel von St. Pauli, und von unten, vom Hafen her, ein unbestimmtes, tausendfaches, ehernes Brausen der Arbeit. »Grete ...« Er breitete die Arme aus. Da sank sie ihm an die Brust. »Ich bin wieder daheim! Ich bin bei Dir!« Sie sprachen nicht weiter. Sie küßten sich stumm. Ueber ihnen stand der steinerne Riese. Der Abendschein lag über seinem mächtigen Haupt. Seine Augen blickten auf die beiden zu seinen Füßen nieder und schauten weiter in letzte Fernen und segneten das deutsche Land.