Ernst Willkomm. Die Familie Ammer – Dritte Abtheilung. Geprüfte Seelen. Deutscher Sittenroman Erstes Buch. Erstes Kapitel. Rückblicke. An dem Nordabhange eines der vielen steilen Paßwege über das Gebirge lag unter hoher Tanne, deren dunkle Nadelbehänge beinahe die Erde berührten, ein Mann. Unter seinen Kopf hatte er einen schweren Pack geschoben, der einem Sacke von grober Leinwand ähnelte, oben aber zugeschnürt war. Grobe, weite Beinkleider von gleichem Stoffe, nur durch langen Gebrauch stark abgenutzt, plumpe Stiefel, eine blautuchene Jacke und ein rothbaumwollenes Tuch, lose um den sehnigen Hals geschlungen, bildeten die dürftige Kleidung des Wanderers. Der Weg zog sich weiter abwärts über kahle, grauweiße Sandsteinblöcke fort, auf denen man hie und da tiefe Radspuren bemerkte, oder er senkte sich in tiefe Schlünde, die mit Geröll angefüllt und zu beiden Seiten mit üppig wucherndem Brombeergesträuch, auch wohl bisweilen mit mannshohen Königskerzen, bewachsen waren. Erst tiefer unten, in einer Entfernung von wohl zwei Stunden, blickte aus sonnigem Thale der braunrothe Thurm einer Kirche und weiterhin sah man Ziegeldach an Ziegeldach sich reihen bis an die begrünten Hügel, welche den Horizont im Norden begrenzten. Der rastende Wanderer hatte die Augen geschlossen und beide Hände unter den Kopf gelegt, um die heißeste Tageszeit in dieser Lage abzuwarten. Ein lautes Pfeifen, das er anfangs für die rufende Stimme eines Waldvogels hielt, machte ihn aufhorchen, als es nach und nach näher kam. Gleichzeitig vernahm er Tritte, und bald zeigte sich in der obern Windung des Passes die stattliche Figur eines gemächlich herabklimmenden Mannes, der sich zur Unterhaltung ein Liedchen pfiff. So oft sein Fuß auf dem steilen und glatten Sandstein ausglitt, was häufig der Fall war, unterbrach er sein Liedchen und brummte oder stieß unverständliche Worte aus. Einige Augenblicke richtete sich der unter dem schattigen Tannenbaum Siesta Haltende halb auf, da er aber sah, daß er von keinem Wegelagerer bedroht werde, nahm er ruhig seine frühere Lage wieder ein und schloß abermals die Augen, als wolle er schlafen. Der fröhliche Wanderer kletterte indeß vollends die felsige Stiege herab und zeigte sich jetzt als ein Mann in den besten Jahren, schlank von Wuchs und in einer Kleidung, die schon von Weitem seinen Charakter, seine Stellung in der Welt errathen ließ. Der lange Rock von dunklem Tuche, die hohen, blanken Stiefel und die schwarze Halsbinde mit dem feinen, weißen Rande unter dem Kinn ließen den katholischen Geistlichen nicht verkennen. Gegenüber der Tanne, auf der andern Seite des Pfades, lag ein moosbedeckter Sandsteinblock. Diesen erwählte jetzt der zweite Wanderer zum Ruhesitze, nahm seinen Hut ab, trocknete sich den Schweiß von der Stirn, strich die etwas kurzen und dünnen Haare zurück und schlug dann mit seinem Stocke auf ein paar kleinere, im Wege liegende Sandsteinbrocken, die, was nicht selten ist, einen leise verhallenden Ton von sich gaben. Jetzt bewegte sich der Liegende, richtete sich auf und begrüßte den Sitzenden mit dem üblichen »guten Tag«. Ein heißer Johannistag, entgegnete der Sitzende, den Gruß erwidernd. Man hat an sich selbst genug zu tragen, wie schwer mag es Euch erst werden, die Ihr solche Lasten über die Berge schleppen müßt. Hätte man auf der Welt nichts Schlimmeres zu dulden, erwiderte der Mann unter der Tanne, so wäre man wohl auch aufgelegt, sich unterwegs ein Lied zum Zeitvertreib zu pfeifen. Geht der geistliche Herr sammeln auf die Dörfer? So ist es, versetzte dieser, ein barmherziger Bruder aus Prag, die alljährlich in den Grenzdörfern einsprechen, um milde Gaben für die Pflege Kranker zu erbitten, welche die humane Brüderschaft Jedem, gleichviel, welchem Religionsbekenntnisse der Bedürftige angehören mochte, bereitwilligst angedeihen ließ. Da könnten wir einander Gesellschaft leisten, sagte der Andere, wenn nämlich der geistliche Herr sich nicht an meinem Rock stößt. Wie könnte ich! sagte der barmherzige Bruder. Ich werde mich unterhalten, dabei meine Kenntnisse erweitern, und brauche vor langer Weile nicht mehr zu pfeifen. Zu viel Güte, erwiderte der Mann unter der Tanne. Ein armer Mensch wie ich, der Jahraus Jahrein mit Niemand zusammenkommt, als mit den Spinnern im Gebirge, hat selten Gelegenheit, etwas zu lernen. Ich weiß selber so viel wie nichts, wie könnte ich Andern und gar einem Gelehrten, einem geistlichen Herrn von meiner Armuth etwas abgeben! Doch, doch, mehr als Ihr glaubt, sagte der Geistliche. Ihr blickt in Verhältnisse, die Tausenden unbekannt bleiben, weil man die Kreise gering achtet, die Ihr gründlich kennt. Ihr verkehrt mit Menschen, die auch ein Glied bilden in der großen Kette, welche das Volk ausmacht. Gewiß, wenn man Euch fragte, Ihr würdet mehr zu erzählen wissen, als mancher vornehme Herr, der mit Vieren von einem Ende der Welt zum andern fährt. Nun so fragt, lieber Herr, versetzte der Andere munter, indem er rüstig aufsprang, seinen schweren Packen auf den Rücken hob, den starken Dornstock ergriff und, beide Hände darauf stützend, den barmherzigen Bruder mit offenen, gutmüthigen Augen ansah. Sind Sie wieder bei Kräften, so können wir aufbrechen. Die Zeit wird uns rascher vergehen, als da vom Kamm herunter, wo man jeden Schritt mit Winkelmaß und Zirkel hätte ausmessen mögen. Der Geistliche war bereit. Indem er behutsam voranschritt und dem schwer Bepackten vorsorglich die sicher zu betretenden Stellen des noch immer beschwerlichen Pfades andeutete, sagte er: Der Aussprache nach müßt Ihr ein Schlesier sein, aus der Gegend vom Iserkamme her? Da bin ich zu Hause, erwiderte dieser, ich habe mich aber auch sonst im Lande weit und breit umgesehen, weil's das Geschäft so verlangt. Ihr sagtet vorhin, warf der Geistliche ein, daß Ihr viel mit den Spinnern des Gebirges verkehrtet. Hinauf auf die Kämme und breiten Kammwiesen bin ich nie gekommen, weil das, fügte er mit schalkhaftem Lächeln hinzu mein Geschäft wenig fördern dürfte. Es soll aber den armen Leuten dort oben seit Jahren nicht allzu gut gehen. Wie mag das kommen? Darüber, gelehrter Herr, ließe sich Vieles sagen. Ganz genau weiß ich selber auch nicht Bescheid, was ich aber so hörte, hat mich wohl einen Blick in die Verhältnisse thun lassen, so daß ich wenigstens darüber sprechen kann. Ich bin begierig, Eure Ansicht zu erfahren. Ehedem, d. h. schon vor längeren Jahren, fuhr der Gebirgsmann fort, hatten die Leute in den Bergen, nach ihrer Art zu leben, guten Verdienst. Sobald der Herbst kam, und später, wenn es ganz zuwinterte, spann Alt und Jung, und schmolz der Schnee im Frühjahre, konnten sie die Arbeit ihrer Hände leicht verwerthen an die großen Garnhändler, die mit Pferd und Wagen nach den Gebirgsdörfern kamen. Das ist jetzt anders geworden, nicht auf einmal, sondern nach und nach, eigentlich ganz unmerklich. Die Leute sind aber übel daran und kommen arg zurück. Und wie läßt sich diese traurige Erscheinung erklären? Tragen die kriegerischen Zeitläufe Schuld daran? Schwerlich, Herr, es mag wohl mehr im Ganzen liegen, in den veränderten Ansichten der Menschen und in der Sucht, alle gute Leinewand ganz und gar abzuschaffen. Der barmherzige Bruder hemmte seine Schritte und wartete, bis der ihm folgende Gebirgsmann an seiner Seite stand. Das ist doch wohl noch keinem vernünftigen Menschen eingefallen? sagte er. Nie habe ich ein Wort davon gehört. Es spricht auch Niemand davon, dennoch muß es sich so verhalten, denn wie wäre es sonst möglich, daß nur äußerst wenig Handgespinnst jetzt begehrt wird? Daß selbst das Feinste im Preise gesunken ist und daß nur selten einer von den großen Fabrikanten ein paar Schock des besten Garnes monatlich verarbeiten läßt? Und doch stand die Weberei nie zuvor in solcher Blüthe, meinte der geistliche Herr, einen waldigen Wiesenpfad einschlagend, der gerade auf ein großes Gehöft zuführte. Der Gebirgsmann schüttelte den Kopf. Das ist bloße Rederei, sagte er. Der Weber sind freilich mehr geworden als je zuvor, gehoben aber hat sich das Geschäft, der Nahrungszweig selbst nicht, denn wer heut zu Tage mit dem »Schützen« umgeht, der hat immer auch schon die Nähnadel eingefädelt, mit der er sich den Bettelsack nähen kann, wenn's einmal über Nacht ein Ende nimmt. Die letzten Worte sprach er bitter, gab seinem schweren Packen einen kräftigen Ruck und legte den Stock quer unter denselben, ihn an beiden Enden fassend, um sich dadurch die Last etwas zu erleichtern. Ihr habt doch nicht selbst traurige Erfahrungen gemacht? forschte der Geistliche weiter. Ich selber nicht, lautete die Antwort, mein Bruder aber, wenn er noch lebte, könnte davon erzählen. Doch wozu über nicht zu ändernde Dinge unnütze Worte verlieren! Eins steht fest, lieber Herr, es gibt schon seit Jahren wenig reelle Weber mehr. Darum darben die Flachsspinner im Gebirge; darum hält man wenig vom Handgespinnst und darum haben wir meistentheils schlechte Leinwand. Schlechte Leinwand mag ich aber noch weniger leiden, als das baumwollene Zeug, was jetzt so viele Tausende dem besten Linnen vorziehen. Der geistliche Herr aus Prag konnte auf diese Bemerkungen seines Begleiters nichts erwidern, da er sich auf ein Feld versetzt sah, wo er sich durchaus nicht heimisch fühlte. Man hatte inzwischen das Gehöft erreicht, die Gegend öffnete sich, ein prächtig bewaldetes Thal, in dessen Tiefe ein klarer Fluß rauschte, ward sichtbar, und weiter thalabwärts zeigten sich hohe Gebäude, deren Wände und Fenster jetzt in der Nachmittagssonne hell erglänzten. Wie heißt der Ort dort mit den vielen prächtigen Häusern? fragte der barmherzige Bruder. Weltenburg, versetzte der Gebirgsmann. Ein schönes Besitzthum, obwohl ich keine Lust verspüre, dort zu wohnen. Weltenburg? wiederholte nachdenklich der Geistliche. Gehört das nicht den reichen Ammer? Die reichen Ammer nennt man die Herren von Weltenburg, erwiderte etwas düster der Mann mit dem Packen. Ich weiß nicht, ob das Gerücht wahr spricht, aber ich mag die Herren nicht, obwohl ich häufig mit ihnen verkehre. Ihr verkauft ihnen wahrscheinlich Gebirgsgarn? Ja, Herr, und erhalte dafür pünktlich reelle Bezahlung. Und deßhalb mögt Ihr sie nicht leiden? Das hat einen andern Grund, Herr. Ihr habt etwas auf dem Herzen; wenn Ihr sprecht, wird Euch leichter werden. Kann sein, erwiderte der Gebirgsmann, ich spreche nur nicht gern davon, weil ich Niemand Unrecht thun mag. Da wir nun aber doch einmal darauf gekommen sind, kann ich's Ihnen ja wohl sagen. Ich habe außer meiner eigenen Familie auch noch die Wittwe meines Bruders zu ernähren, und da muß ich mich wacker rühren, um durchzukommen. Und doch wollen das die Ammer auf Weltenburg niemals einsehen. So oft ich sie auch bediene, wie sie's wünschen mögen, bei der Bezahlung wird doch jedesmal abgezogen. Jetzt wissen Sie, weßhalb ich nicht in dem prächtigen Schlosse wohnen möchte. Der barmherzige Bruder bemühte sich, den Garnhändler auf andere Gedanken zu bringen. Er führte an, daß Geschäftsleute wie die Herren von Weltenburg gewöhnlich mit weit mehr Sorgen belastet seien, als man glaube, daß Sparsamkeit bei Ordnungsliebe und Pünktlichkeit ihnen Niemand zum Vorwurf machen dürfe, da sie ja sicherlich Verbindlichkeiten der mannigfachsten Art zu erfüllen haben würden. Dann würden Männer mit so ausgebreiteten Geschäften von Zahllosen bestürmt, von Manchem auch wohl in unziemlicher Weise und dies verstimme sie dann und ließe sie vielleicht hart erscheinen, ohne daß man ihnen mit Grund einen solchen Vorwurf machen könne. Der alte Ammer, schloß er seine längere Auslassung, war ein grundehrlicher, dabei in hohem Grade mildthätiger Mann. Ich weiß nicht, ob er noch leben mag; unsere Brüderschaft ehrte ihn sehr, wie er auch uns wieder gewogen war. Meine älteren Collegen besuchten ihn jährlich zweimal, und nie verließen sie sein Haus ohne reiche Geschenke von ihm zu erhalten. Da haben Sie Recht, lieber Herr, versetzte der Garnhändler. Wären die Herren Söhne nach dem Vater gerathen, so müßte jetzt in Weltenburg das Himmelreich auf Erden anzutreffen sein. Allein in den jungen Herren, die freilich jetzt auch nicht mehr die Allerjüngsten sind, ist Alles ausgeartet. Darum mit Verlaub hass' ich sie eigentlich, obwohl ich mir sagen muß, daß dies unchristlich, vielleicht gar sündhaft ist. Die Wanderer waren jetzt dem Schlosse mit seinen vielen Nebengebäuden so nahe gekommen, daß sie die ganze großartige und schon von Außen imponirende Anlage überblicken konnten. Jedermann mußte schon bei diesem Anblick überzeugt sein, daß die Eigenthümer einer so ausgedehnten Besitzung durch ihre großen Mittel mächtig und vielgebietend dastehen müßten. Dieser Eindruck verlor sich auch nicht, je näher man den Gebäuden kam, denn überall sah man unverkennbare Zeichen nie ruhender Thätigkeit. An der im Thale liegenden Walkmühle trennten sich die Wanderer. Der barmherzige Bruder stieg den Schloßberg hinan, der Garnhändler wandte sich nach einem abgesondert liegenden nur einstöckigen Hause mit grünen Jalousieen, über dessen Thür auf langer schwarzer Tafel mit weithin leuchtenden Buchstaben die Worte zu lesen waren: Comptoir der Gebrüder Ammer. Während der aus den Gebirgen kommende Garnhändler in dieses tritt und der barmherzige Bruder dem Portale des alten Schlosses zuschreitet, werfen wir einen Blick auf die Vergangenheit, um uns im Schooße der Familie, deren Schicksale uns beschäftigen, zu orientiren. Es sind Jahre vergangen seit jener Nacht, wo Fürchtegott seine junge Gattin nach Weltenburg führte. In dieser langen Zeit hatten die Ammer viel Trübes erfahren. Eine Reihe von Unfällen, die, sich oft wiederholend, wie Nadelstiche prickelten und Niemand Ruhe gönnten, störten den Frieden der ganzen Familie. Wenige Wochen nach Fürchtegott's Vermählung wurden die Brüder eines Tages von der Nachricht erschüttert, das Haus Zobelmeier in Wien habe plötzlich seine Zahlungen eingestellt, der Chef desselben sei flüchtig geworden, das Geschäft versiegelt. Die Gebrüder Ammer hatten Wechsel auf jenes Haus laufen, welches für sie die Hauptagentur ihres Handels nach der Levante besorgte. Diese Wechsel mußten vor Allem gedeckt werden, um größeres Unglück zu verhüten. Deßhalb entschloß sich Christlieb, genau vertraut mit den Verhältnissen, ohne Säumen nach Wien zu reisen, um durch seinen Einfluß wenigstens den vollen Ausbruch eines Concourses zu verhindern und überhaupt zu retten, was etwa noch zu retten sein möchte. Allein noch ehe er abreisen konnte, traf ein Eilbote auf Weltenburg ein, den Zobelmeier selbst entsendet hatte. Dieser überreichte den Brüdern ein Schreiben, dessen Inhalt sie in die größte Bestürzung versetzte. Es war zur Kenntniß der Behörden gekommen, daß durch Anwendung geheimer List ein ansehnlicher Gewinn im Lotto an die Ammer gefallen war, nähere Nachforschungen, die man in größter Stille und äußerst behutsam anstellte, warfen ein verdächtigendes Licht auf Zobelmeier, man bemächtigte sich unerwartet seiner Papiere, fand einen bisher unbeachtet gelassenen Zettel von Christlieb Ammer's Hand, und gab darauf unverweilt Befehl, diesen Mann, dessen Name wohl bekannt war und der, seines großen Einflusses wegen, der Behörde wichtiger als jeder andere erschien, zu verhaften, sobald er die Grenze überschreiten werde. Christlieb's zitternder Hand entfiel dies Unglückspapier, er selbst war dem Umsinken nahe. Nur Fürchtegott's resolutes Wesen, das noch immer bei jedem bedeutenden Unfälle eine außergewöhnliche Spannkraft entwickelte, richtete den Niedergeschmetterten wieder auf. Die persönliche Freiheit mußte um jeden Preis gesichert werden. Nach langem Hin- und Hersinnen erklärte Fürchtegott eine offene Anfrage an geeignetem Orte durch einen unbetheiligten Dritten für das sicherste Auskunftsmittel. Es galt nur, das eigene Vermögen zu retten und gleichviel auf welche Weise den drohenden Verhaftsbefehl für immer aufzuheben. Dem ungemein klugen Vorgehen Fürchtegott's gelang wirklich Beides, freilich erst nach mehreren Monaten und mit sehr großen Geldopfern. Christlieb durfte ungefährdet den Kaiserstaat wieder betreten, das in Stocken gerathene Geschäft ward geordnet, die abgebrochenen Verbindungen auf's Neue angeknüpft, allein es gingen weit über hunderttausend Gulden dabei verloren! Diesen Verlust würden beide Brüder leichter verschmerzt haben, wäre es ein solcher gewesen, von dem sich sprechen ließ. Aber man mußte ihn geheim halten, durfte ihn nicht einmal den Nächststehenden ahnen lassen. Dies peinigte und drückte die Brüder, machte sie bisweilen unsicher, sogar unentschlossen in wichtigen Geschäftsangelegenheiten und entwickelte in Beiden eine gewisse Schärfe, die sie am unangenehmsten ihre Untergebenen, und unter diesen wieder die Abhängigsten mehr als Andere fühlen ließen. So kam es, daß bald das Gerücht sich verbreitete und immer mehr Kraft gewann, die reichen Gebrüder Ammer seien harte, herzlose Menschen, denen es bisweilen Vergnügen gewähre, Bedürftige zu quälen und sie ihre unbegrenzte Macht fühlen zu lassen. Die Brüder selbst ahnten nichts davon, sie hatten auch nicht die Absicht, Andere ungerecht zu behandeln, denn welch scharfe und leicht verwundende Spitzen und Hacken in ihrem Charakter sich angesetzt hatten, das vermochten sie schon darum nicht zu beurtheilen, weil ihnen alle Selbstprüfung fremd war und sie, im Gefühl gethanen Unrechtes, sich alle mögliche Mühe gaben, jeden Gedanken, jede Erinnerung daran gänzlich in sich zu ertödten. Um in allen rein geschäftlichen Dingen völlig unabhängig zu sein, vielleicht auch um trübere Stimmungen den Näherstehenden leichter verheimlichen zu können, erbauten sie jenes kleine, aber comfortable eingerichtete Haus mit den grünen Jalousieen, das entfernt vom Schlosse mitten zwischen den rastloser Arbeit gewidmeten Etablissements lag. Dahin verlegten die Gebrüder Ammer ihr Comptoir. Fast wider Erwarten gelang die Ausgleichung der Wiener Fatalität so geräuschlos, daß nicht einmal der ewig spionirende Wimmer die geringste Kunde davon erhielt. Mit diesem Gelingen begnügten sich aber die Brüder nicht. Sie waren freilich reich, dennoch schmerzte sie der gehabte Verlust, und gerade, weil die Schuld ihnen ganz allein zufiel, wollten sie das Verlorene auch wiedergewinnen. Die einmal glücklich überstandene Gefahr machte sie vorsichtig. Nicht durch Umgehung der Gesetze wollten sie ihr Besitzthum vermehren, kaufmännische Genauigkeit sollte ihnen von jetzt an eine ungleich festere Brücke zu sicherem Gewinne bauen. Ihr Herz hing bereits dergestalt an dem blinkenden Metall, daß sie es gegen Andere unverhohlen aussprachen, das größte Unglück auf Erden sei der Nichtbesitz des Geldes. Damit war auch der Grundsatz kundgegeben, man dürfe nie aufhören, eine Habe zu mehren. Bei den ungeheuern Verbindungen der Gebrüder, bei den vielen tausend Händen, welche sie beschäftigten, die von ihnen abhingen, waren immer große Summen zu verdienen, wenn man den Arbeitern unmerkliche Abzüge machte. Die Concurrenz eines Mächtigeren hatten die Brüder nicht zu fürchten, im Gegentheil, sie verbanden sich Andern durch Einführung eines solchen Verfahrens. Die Gelegenheit dazu war bald gefunden. Eine Handelsstockung von nur einigen Wochen, die aber doch hemmend auf die Production zurückwirkte, nöthigte die Brüder zu der längst beabsichtigen Erklärung gegen ihre Arbeiter, wobei sie es diesen anheimstellten, ob sie gänzliche Entlassung einer so geringfügigen Lohnverkürzung vorzögen. Was man vorausgesehen hatte, geschah. Kein Einziger verließ die Arbeit, vielmehr baten eine ansehnliche Zahl erst neu dazu Gekommener, die Herren auf Weltenburg möchten doch ihre Hand nicht von ihnen abziehen. Rentirte schon dies Manöver, so warf ein anderes, das dem rastlos thätigen Gehirn Fürchtegott's entsprang, noch ungleich größere Summen ab. Die ernste Warnung des Kaufmann Mirus an seinem Hochzeitstage, die ihm den Himmel seiner Flitterwochen gar sehr trübte, hatte doch gute Folgen. Die alten Kunden in Amerika, die nur deßhalb von dem ihnen gespielten Betruge nichts gemerkt hatten, weil zufällig die ersten Sendungen jener unsoliden Waaren raschen Absatz in die westlichen Staaten und überhaupt in das Innere des unermeßlichen Landes fanden, konnten seit jenem ersten Drohworte nicht besser bedient werden. Die Gebrüder Ammer waren, um in jeder Hinsicht solid bleiben zu können, so vorsichtig, daß sie sich nur für eine geringere Quantität verpflichteten, und die so Bedienten erhielten fort und fort nur Waaren von den alten Ammer'schen Webstühlen. Diese überaus kluge Machination befestigte den Credit auf's Neue, und weil man jetzt einen nicht mehr wankenden sichern Grund hatte, auf dem man zu jeder Zeit fußen konnte, war in anderer Weise schon wieder etwas zu wagen, ohne sich selbst zu schaden. In Surinam fand die leichtere, mit Baumwolle gemischte Leinwand ungleich mehr Beifall als die ächte. Dort sah man mehr auf das Aeußere und wäre vielleicht nicht einmal abgeneigt gewesen, eine besonders anmuthig in's Auge fallende Apretur mit höheren Preisen zu bezahlen. Auf diese Apretur ward demnach jetzt ganz außerordentliche Sorgfalt verwandt, dagegen war der Stoff von gar keiner Haltbarkeit. Aber auch hier blieb den klugen Brüdern das Glück treu. Ihre Agenten in Surinam waren befriedigt, erneuerten regelmäßig ihre Bestellungen und sendeten pünktlich den Betrag dafür in guten Papieren auf die ersten europäischen Häuser ein. Erforderten alle diese schwierigen Unternehmungen auch viele Arbeit, war deren Zustandekommen mit Sorgen und Aerger mancherlei Art verbunden, dennoch würde die Welt die Gebrüder Ammer zu den vom Glück selten Bevorzugten gezählt haben. Ein trauriges Ereigniß aber, das schon im dritten Jahre nach Fürchtegott's Verheirathung eintrat, stürzte die ganze Familie in tiefe Betrübniß. Vater Ammer hatte auf Zureden seiner Söhne eine neue Einrichtung in der Färberei treffen lassen, um gewissen Stoffen, die in der Levante stark begehrt wurden, mittelst derselben eine besonders glänzende Farbe geben zu können. Dazu bedurfte es der Verwendung einer giftigen Substanz, die nur verabfolgt wurde, nachdem deren Verwendung in genügender Weise nachgewiesen worden war. Ammer selbst war ein zu vorsichtiger Mann, als daß durch eine Vernachlässigung seinerseits irgend Jemand hätte gefährdet werden können; allein er wußte nicht und man hatte es ihm zu sagen vergessen daß während des Kochens der geringste damit in Berührung kommende Funke die Substanz sofort entzünde. Es war tief im Herbst, das Wetter hell, aber windig, als Ammer noch vor Schlafengehen die erwähnten Ingredienzen zum Gebrauch für den nächsten Tag vorbereiten wollte. Der starke Wind schlug dabei heftig die Thür der Färberei zu, wehte von dem brennenden Lichte eine glimmende Flocke ab und trieb sie in den brodelnden Kessel. Sogleich schlug eine dunkelrothe Lohe hoch auf bis an die Decke, der Kessel strömte über, erstickender, die Lungen schwer belästigender Rauch erfüllte den Raum, und ehe der erschrockene, von dem giftigen Dunst fast betäubte alte Mann sich noch besinnen konnte, stand das ganze Gebäude bereits von der Sohle bis zum Giebel in hellen Flammen. Ammer stürzte hinaus in die Nacht. Die rothe Gluth, von der Windsbraut erfaßt, rollte fort über die nächsten Gebäude, und ehe noch irgend Jemand an Rettung oder Hilfe denken konnte, stand das ganze Gewese des reichen Webers, das Haus des Nachbars Seltner und mehrere andere in vollen Flammen. In den vom Winde strudelnd umhergetriebenen Feuerflocken versengten die weißen Haare des alten Mannes, der, um das Wichtigste der Vernichtung zu entreißen, in sein Cabinet stürzte. Eiligst erschloß er hier mit zitternder Hand, während Schauben und Sparren schon von der gefräßigen Lohe verzehrt wurden, einen Wandschrank, entnahm demselben mehrere Papierrollen, schnallte sich möglichst schnell eine schwere Geldkatze um den Leib, knöpfte seinen Rock fest zu, sah sich nochmals um in den ihm so theuern Räumen, wo er so viel verlebt, so manche bange Stunde durchgekämpft hatte, und wollte nun sein dem Untergange verfallenes Eigenthum für immer verlassen, da prasselte, als er eben das Wohnzimmer durchschritt, ein Theil des aus Holzwerk gezimmerten Giebels nieder in die Gasse. Der immer heftiger vom Gebirge hereinfegende Wind jagte die Flammen dem Weber gerade entgegen, so daß in wenigen Secunden die mit Oelfarbe und einem Lacküberzuge angemalte Hausthür sofort in Brand gerieth. Ammer schrie nach Hilfe und suchte durch die Hinterthür zu entkommen. Allein hier wirbelten die Flammen des Färbehauses, die bereits auf die Wohnung Seltners hinübergesprungen waren und jetzt über den nächsten Gruppen der Obstbäume ein roth glühendes Gewölbe bildeten, ihm toddrohend entgegen. Dennoch mußte die Flucht über brennendes Gebälk am Boden, durch stürzende Schindeln, Latten und niederprasselndes Stückwerk gewagt werden. Ammer faltete die Hände über seiner breiten Brust, betete laut und entfloh dann mit dem Rufe: Sei und bleibe bei mir, mein Gott und Herr bis an's Ende! Es gelang ihm, mit unbedeutenden Brandwunden die Trümmer zu überspringen. Schon glaubte er sich gerettet, da schnurrte der letzte Rest des zusammenbrechenden Schaubendaches, dessen hoher First mit breiten Ziegeln belegt war, herab, einige der größten Ziegelstücke erreichten den Fliehenden, er stürzte nieder unter lautem Schmerzensruf, und wie Rauch und Flammen über ihm zusammenschlugen, vergingen dem Aermsten die Sinne. Als der greise Weber wieder zum Leben erwachte, sah er an seinem Schmerzenslager seine Gattin, die weinende Flora, beide Seltner, Vater und Sohn, und seinen Enkel Otto, der den Großvater mit seltsamen Augen betrachtete. Der Brand wüthete noch immer. Die zur Rettung Herbeigeeilten waren nur auf Einengung des entfesselten Elementes in gewisse Grenzen bedacht. Die einmal vom Feuer ergriffenen Gebäude mußte man bei dem Forttoben des Windes und der heftigen Gluth verloren geben. Ammer war schwer verletzt. Der herbeigerufene Arzt fand ihn nicht allein von mehreren Brandwunden beschädigt, er bemerkte auch, daß der alte Mann die rechte Schulter ausgesetzt und den linken Fuß gebrochen hatte. Diese Nachricht berührte den bis dahin so rüstigen Mann so schmerzlich, daß er sich kaum der Thränen zu enthalten vermochte. Also doch noch ein Krüppel geworden auf meine alten Tage! sagte er bekümmert. Nun, es wird hoffentlich nicht mehr lange dauern, und der Herr folgt dem Gehäuse, das ihn bis dahin beherbergt hat. Ammer besaß aber eine eiserne Constitution. Trotz der heftigen Körperschmerzen, die ihn Tag und Nacht peinigten, und ungeachtet der tausend Sorgen, die auf ihm lasteten, blieb er geistig doch frisch, wie sonst. Von seinem Lager aus disponirte er über geschäftliche Angelegenheiten, ließ sich die Risse zu dem Neubaue zeigen und von den Architecten und Polirern erklären, was ihm undeutlich daran war, verfügte über die erforderlichen Geldmittel, ja prüfte sogar die Weben, die allwöchentlich seine Arbeiter ihm ablieferten. Darüber vergingen Wochen. Endlich war der alte Herr wieder so weit hergestellt, daß er sein Lager verlassen konnte. Da freilich gewahrte er zu seinem großen Verdruß die Unfähigkeit, ohne Hilfe und Stütze Anderer auch nur einen Schritt thun zu können. Der rechte Arm blieb schwach; er konnte sich seiner nur bedienen, wenn er einen festen Ruhepunkt hatte. Ihn selbstständig zu bewegen, dazu fehlte es Muskeln und Sehnen an Kraft. Der gebrochene Fuß war auch nach den Versicherungen aller Aerzte vollkommen kunstgerecht geheilt, allein biegen konnte ihn der Weber nicht. Fußblatt und Knöchelgelenke schienen in eine feste, starre Masse zusammengewachsen zu sein. Bei dieser Entdeckung sank Ammer wieder zurück in seinen Lehnstuhl und wiederholte die Schmerzensworte: Also doch ein Krüppel! Dies unvorhergesehene Brandunglück, von dem auch noch mehrere Andere betroffen wurden, war ein schwerer Schlag für die Familie Ammer. Der Verlust an weltlichen Gütern ließ sich kaum berechnen. Außer den Werthpapieren und der zum Glück nicht übergroßen Summe baaren Geldes, welche der Weber gerade im Hause vorräthig hatte, war Alles ein Raub der Flammen geworden. Das ganze reiche Lager an fertigen Waaren, ein großer Vorrath des feinsten Garnes war verbrannt. Und weder diese Waaren noch die Baulichkeiten hatte Ammer versichert! Seine praktischeren Söhne forderten ihn wiederholt auf, diese Vorsichtsmaßregeln auf alle mögliche Fälle doch ja nicht zu vernachlässigen; sie führten ihm zu Gemüthe, daß Graf Alban, ebenso Wimmer und der alte, grämliche Mirus gleichfalls diese neue Einrichtung für zweckmäßig erklärt und Alle davon Gebrauch gemacht hätten; Ammer schüttelte consequent den Kopf und sagte hartnäckig: Nein! Will mein Schöpfer mich strafen oder prüfen, sprach er, so wird er's dann erst recht thun, wenn ich aus purem Mißtrauen oder aus eitel Verstandesübermuth so frech bin, zwischen mich und seine allmächtige Hand einen Streifen Papier zu schieben. Wer's verantworten kann vor seinem christlichen Gewissen, mag es thun, ich für mein Theil spreche früh und Abends mein Bitt- und Dankgebet, und lasse dem Herrn freie Hand und freies Spiel allüberall nach seiner unerforschlichen Weisheit. Diesen Verlust an Hab' und Gut, so bedeutend er war, und so sehr er unmittelbar nach der Katastrophe eine Menge Menschen drückte, verschmerzte Ammer von Allen zuerst und am leichtesten. Er machte ihn selber nicht arm, und das Verlorne war ja durch Arbeit wieder zu gewinnen; schwerer dagegen konnte er sich an seine körperliche Gebrechlichkeit gewöhnen. Da Flora's Haus von den Flammen verschont geblieben war, richteten Vater und Mutter sich vorläufig ganz bei ihr ein. Ammer konnte hier vom Fenster aus den Bau gewissermaßen leiten und überwachen, und hatte eine Freude daran, die vielen Gebäude täglich mehr emporwachsen und endlich sich vollenden zu sehen. Nach gänzlicher Beendigung auch der innern Einrichtung, die den Bedürfnissen der Neuzeit etwas mehr entsprach, als die des abgebrannten alten Hauses, wollte der Weber wieder Besitz davon nehmen, allein schon die erste Besichtigung machte ihn anderen Sinnes. Nichts war so, wie es sonst gewesen, wie er es von Jugend auf gewöhnt war. Alles war schöner, nach Ammer's Behauptung aber viel, viel unbequemer. Dies machte ihn mürrisch, über die Maßen eigensinnig und oft sogar zänkisch. Seine besten Arbeiter konnten ihn nicht mehr befriedigen. Er verwarf Alles, fand überall zu tadeln, und wenn er dann seine Aussetzungen rechtfertigen wollte und der rechte Arm ihm den Dienst versagte, gerieth der alte Mann in einen stillen Ingrimm, daß die Nächststehenden mit vereinten Bitten in ihn drangen, er möge sich doch fortan schonen und das ganze Geschäft, das ihm doch keine Freude mehr gewähre, für immer aufgeben. Anfangs weigerte sich Ammer hartnäckig, da aber die angedeutete Stimmung und in Folge deren auch die heftigen Scenen sich wiederholten, der gebrechliche Mann auch durchaus nicht zu bewegen war, den zweckmäßigen Neubau zu beziehen, kam er nach einiger Zeit selbst zu der Einsicht, es sei besser für ihn, wenn er das Arbeiten und Sorgen jetzt Andern überlasse. Nach langen und ausführlichen Unterhandlungen, an denen seine sämmtlichen Kinder Theil nahmen, übertrug Ammer seinem Schwiegersohn Albrecht Seltner das Geschäft, ließ das neu erbaute Haus auf ihn umschreiben und setzte sich selbst zur Ruhe. Als diese Uebertragung rechtskräftig beendigt war, seufzte Ammer, denn er kam sich jetzt überflüssig vor in der Welt. Ich wollte, nun käme bald mein Schöpfer, sagte er, berührte meine Augen mit seinem Finger und spräche: Komm Alter, ich will dich sehen und dich verstehen lehren die Gefilde der Seligen und die Räthsel des Glaubens. Aber so leicht wird es mir nicht werden. Mein Herz, ich fühl's, schlägt noch gar zu weltlich und sodann ist's auch sündhaft, hab' ich mir allzeit vorpredigen lassen, sich selber den Tod zu wünschen, zumal wenn man noch zu leben hat und Kinder, die einen alten, hinfälligen Menschen, wenn's sein muß, pflegen können. Darum: wie der Herr will! Ammer's Gemüthsstimmung heiterte sich auf. Er mochte gern am Fenster sitzen, mit Otto oder auch, wenn die Zeit es ihr erlaubte, mit Flora plaudern, und auf die Arbeitsleute, besonders auf die Garnschläger achten, die an sonnigen Tagen stets einige Stunden damit beschäftigt waren, gefärbte oder auch nur gebrühte Garne auf Stangen zum Trocknen aufzuhängen und dann so lange auszuschlagen, bis jeder Faden sich wieder von dem andern gelöst hatte. Es bedurfte zu dieser für den Fabrikanten wichtigen Arbeit sehr zuverlässiger Leute, weil sie Vorsicht und Ausdauer erheischt. Es kam daher auch nicht selten vor, daß der Finger des alten Mannes an das Fenster klopfte, wenn einer der Garnschläger auch nur zufällig in dieser Beziehung sich eine kleine Nachlässigkeit zu Schulden kommen ließ. Bei trübem oder gar bei Regenwetter gab es leider nichts zu beobachten. An solchen Tagen fuhren kaum einige Frachtwagen vorüber, und wenn nicht das Spiel der Wolken, das Verschwinden und Wiedersichtbarwerden der Bergkuppen in den rollenden feuchten Nebeln ihm einige Unterhaltung gewährte, fühlte Ammer bald Langeweile. Er griff dann wohl nach einem Chronikbuche und blätterte darin, allein des Lesens ungewohnt, schmerzten ihn sehr bald die Augen. Auch enthielten die Geschichten für ihn nichts Neues, denn er hatte sie wohl zehnmal schon gelesen. Seltner, der es bald merkte, daß sein Schwiegervater Zerstreuung suchte, legte, ohne vorher anzufragen, ein paar Volksschriften neueren Datums auf das Fensterbrett. Ammer sah sie an, las Titel und Jahreszahl und schob sie dann ungelesen bei Seite. Weßhalb? konnte Niemand erfahren, denn er verlor darüber kein Wort. Bisweilen machte es dem in seiner gezwungenen Unthätigkeit sich unwohl fühlenden Greise Vergnügen, mit seinem Enkel Mühle zu spielen. Er freute sich dann, beim Ansetzen der Steine den aufgeweckten Knaben in die Irre zu führen, ließ ihn aber aus Gutmüthigkeit stets gewinnen. Fast ein ganzes Jahr hatte der alte Ammer dies Leben mit leidlicher Geduld ertragen, da erklärte er plötzlich, es sei ihm unmöglich, länger mit ansehen zu müssen, wie Andere arbeiteten und er selbst, obwohl er noch wohl bei Kräften sich fühle, dem lieben Gott die Tage abstehle. Das neu erbaute Haus hatte er schon lange nicht betreten. Der Buchhalter bewohnte jetzt die für ihn selbst bestimmt gewesenen Zimmer. Er mochte, wie er ohne Umschweife erklärte, nicht mehr sehen, daß Andere, wenn auch ihm zunächst stehende, auf seinem Revier handthierten. Ich bin nichts mehr nütze allhier, sagte er, und darum werde ich auswandern zum Mai. Im alten Thurme auf Weltenburg will ich den Wächter machen. Dort kann mir Erdmuthe 'was vorplaudern oder meinetwegen auch vorlesen, und sind wir beide des weltlichen Wirrwarrs überdrüssig, so reden wir zusammen von himmlischen Dingen. Flora sah es zwar ungern, daß der alte, seit dem unglücklichen Brande der Pflege so bedürftige Vater die Heimath ganz verlassen wollte, dennoch wagte sie auch nicht, ihm abzurathen. Ammer traf Anstalten, welche bewiesen, daß sein Entschluß ihm Ernst und unwiderruflich sei, und Ende Mai übersiedelte er wirklich mit Anna, seiner treuen, nie ungeduldig werdenden Pflegerin, nach Weltenburg. Dort bezog er die schon erwähnten alterthümlichen Zimmer im alten Schlosse, die ihn so oft der prächtigen Aussicht wegen gefesselt hatten. Zweites Kapitel. Dunkle Aussichten. Nach diesem Rückblick in die Vergangenheit wenden wir uns der Gegenwart wieder zu, und treten zuerst mit dem Gebirgsmanne in das Comptoir der Gebrüder Ammer. Hier finden wir in einem besonders abgegrenzten Zimmer Christlieb allein. Der noch junge Mann hat sichtlich gealtert. Seine Züge sind fahl und hart, die tiefliegenden Augen fliegen stets scheu von einem Gegenstände zum andern und fallen durch ihren Mangel an Glanz seltsam auf. Man sieht es dem reichen Mann an, daß er seit Jahren Tag und Nacht rastlos gearbeitet haben muß, daß aber alle Arbeit die Sorge nicht von seinem Lager, nicht hinter seinem Schreibstuhle zu vertreiben vermocht hat. Christlieb sieht Rechnungen durch und bemerkt sich den Gesammtbetrag derselben auf einem Zettel mit Rothstift. Ein leises Klopfen stört ihn in seiner Beschäftigung. Er fährt unmerklich zusammen, wie stark nervöse Menschen bei jedem Geräusch zu thun pflegen, dann ruft er Herein! Die Thür öffnet sich und der Mann aus dem schlesischen Gebirge, jetzt ohne seinen Packen, tritt in's Comptoir. Bitte um Entschuldigung, Herr Ammer, wenn ich störe, sprach respectvoll der Gebirgsmann. Ich habe dreimal geklopft und war schon Willens umzukehren, als ich des Herrn Stimme hörte. Ach, Ihr seid es, Bolder, sagte Christlieb etwas zerstreut. Habt Ihr ein Anliegen? Ich bringe Garn, Herr, das feinste aus dem ganzen Gebirge im Umkreise von zehn Meilen. Ich glaube, es wird des Herrn Billigung finden. Ist's viel? O nein, ein paar Schocke. Was soll's kosten? Ich lass' es dem Herrn noch zum alten Preise, obwohl ich es eigentlich nicht kann. Dann behaltet's für Euch; ich habe Garn mehr, als ich brauche. Ich verlange ja nicht mehr, sagte Bolder so bescheiden und freundlich, als verstecke sich hinter seinen Worten eine Bitte. Darf ich's hereinbringen? Meinetwegen, sagte verdrießlich Christlieb, sich abermals über seine Rechnungen beugend. Ich habe nicht viel Zeit, macht also rasch. Bolder eilte hinaus und kam sogleich mit einem Bündel des feinsten Garnes, das einen nicht unangenehmen, reinen Flachsgeruch verbreitete, zurück. Christlieb warf nur von der Seite einen Blick darauf und befühlte es mit prüfendem Finger. Nicht wahr, Herr, das ist noch ein Gespinnst, worüber man sich freuen kann? Hab's schon besser und auch feiner gehabt, erwiderte Christlieb kühl, ergriff die Feder, schrieb eine Zahl auf Papier, setzte seinen Namen darunter und gab es dem Garnsammler. Hier, sprach er, laßt Euch den Betrag vom Cassirer auszahlen. Einer Quittung bedarf's nicht, denn Ihr könnt ja doch nicht schreiben. Bolder nahm den Zettel und betrachtete die Zahl. Das ist zu wenig, Herr, sagte er betrübt. Mir ist's beinahe schon zu viel, ich geb' nicht mehr. Bedenkt, was ich für Risiko dabei habe! Der Handel geht nicht mehr wie sonst. Seit sie die Schnellbleiche erfunden, ist mit reellen Waaren nichts mehr zu verdienen. Ich muß zusetzen alle Jahre, und wenn ich Unglück habe mit dem Versenden, wenn wohl gar eins meiner Schiffe zu Grunde geht oder leck wird und mit halb verdorbener Ladung in der neuen Welt ankommt, muß ich bei richtig befundener Verklarung den Schaden allein tragen. Ich sag' Euch, Bolder, greift zu! Wenn Ihr wieder kommt, geb' ich nicht mehr so viel. Sie kennen meine Verhältnisse, Herr Ammer O ja, aber Ihr kennt die meinigen nicht, Bolder. Glaubt meinem Worte, Ihr würdet mit mir nicht tauschen, obschon ich Herr auf Weltenburg bin. Das mag wohl sein, dennoch bitt' ich – Geht, Bolder, wenn wir Freunde bleiben sollen. Ich gebe, was ich aufgeschrieben habe, keinen Deut mehr! Bolder seufzte und verließ das Comptoir. Christlieb sah ihm von der Seite nach und als er den Gang hinabgeschritten war, griff er hastig nach dem Bund Garn, löste die Schnur, welche es zusammenhielt, und betrachtete die seidenweichen, untadeligen Fäden mit sichtbarem Wohlgefallen. Diesmal, sagte er lächelnd, diesmal werde ich meinem ewig unzufriedenen Bruder doch wohl zu Dank gekauft haben. Der Himmel weiß es, ich thue es ungern. Bolder braucht es wirklich. Er ist der beste Sammler im Gebirge und macht ihn uns ein Anderer abspänstig, so würden wir Mühe genug haben, den Verlust zu ersetzen. Aber was soll man thun? Jeder ist sich doch selbst der Nächste, und je billiger der Einkauf, desto sicherer der Verdienst. Wenn er nur nicht etwa wieder hereinkäme, um sich über das Geld zu beschweren. Ich wäre am Ende schwach genug, ihm das Agio nachzuzahlen, nur um nicht in sein unglückliches Gesicht sehen zu müssen, das mir dann regelmäßig viele Nächte hintereinander im Traume erscheint. Bolder kam jedoch nicht. Christlieb sah ihn bald darauf nachdenklich zwischen den Spinnereien nach dem zu Thal führenden Wege gehen. Etwas später trat Fürchtegott sehr erhitzt in's Cabinet. Was hast du? fragte Christlieb den Bruder. Du bist doch in dieser Hitze nicht ausgeritten? Wohl, erwiderte dieser. Das ewige Sitzen, Rechnen und Schreiben verdickt das Blut. Ich kann es nicht aushalten. Ein recht toller Ritt, womöglich immer im Galopp, erhitzt mich zwar, stimmt mich aber auch wieder heiter. Wo warst du? Bei der Försterei. Im Walde war es köstlich; hätte ein Luftzug die Bäume bewegt, man würde am liebsten ganz dort geblieben sein. Die Jäger haben, genau betrachtet, doch ein weit naturgemäßeres Leben, als wir Handelsleute. Hast du gekauft? Ja. Billig? Sehr billig. Es ist auch nöthig; unsere Verluste sind zu bedeutend gewesen in den letzten Jahren, und wenn wir auch ferner vor neuen verschont bleiben, haben wir doch alle Ursache, sparsam zu sein. Im letzten Jahre konnten wir doch nicht klagen. Gewiß nicht, allein ich lebe ewig in Furcht. Die Briefe Beinheim's klingen so wunderlich, und Wimmer schreibt gar nicht mehr. Beide werden alt, sagte Christlieb, und Beide haben von jeher ihren Jargon gehabt. Das kennst du ja schon! Das ist's nicht allein, erwiderte Fürchtegott. Ich fürchte eine veränderte Handelsrichtung. Kann man sich ihrer bemächtigen, während sie im Entstehen begriffen ist, so würde der Unterschied von wenig Belang sein, überrascht sie uns aber und erhalten wir erst sichere Kunde, wenn sie bereits fertig ist, so dürften wir schwer darunter leiden. Unsere Producte müssen immer gehen, erwiderte Christlieb zuversichtlich. Die Façon und mancherlei Anderes mag der Mode unterworfen sein, den Stoff selbst kann die Welt nicht entbehren. Und wir sind ja biegsam, machen es den Andern theils nach, theils thun wir es ihnen zuvor. Du bist wie der Vater, sagte Fürchtegott, der wird auch noch beim letzten Athemzuge behaupten, seine Art, Handel zu treiben, sei die beste gewesen. In gewissem Sinne hat er auch Recht. Sie war immer sicher und darum gut. Unsere balancirt auf der scharfen Schneide der Willkür unserer Abnehmer. Fürchtegott antwortete nicht, sondern las die für ihn bereit liegenden Briefe. Als er damit fertig war, fragte er den Bruder: Ist sonst etwas vorgekommen? Mir ist nichts bekannt. Dann will ich zum Vater gehen. Er hat mich zu sprechen gewünscht, und bisweilen muß man ihm doch zu Gefallen leben. Kommst du bald nach? Sobald ich mit dem Rechnungsauszuge fertig bin. Nun denn, auf Wiedersehen! Fürchtegott verließ das Comptoir, ging jedoch nicht zum Vater. Er ward schon seit Wochen von innerer Unruhe gepeinigt, die ihn nirgend lange rasten ließ. Seiner Umgebung konnte diese auffallende Verwandlung nicht gänzlich verborgen bleiben, obwohl der junge Mann einige Fortschritte in der Kunst der Verstellung gemacht hatte und sein Gesicht selten ein klarer Spiegel seines Innern war. Was ihn in diese Unruhe versetzte, wußte Niemand, selbst Christlieb erhielt auf seine dahin zielenden Fragen keine bestimmte Antwort. Da inzwischen in geschäftlicher Hinsicht weder Stockungen vorkamen noch beunruhigende Nachrichten eingingen, nahm Christlieb an, der Bruder möge körperlich leidend sein. In dieser Ansicht bestärkten ihn die häufigen weiten Touren, welche Fürchtegott zu Pferde machte, und von denen er, wenn auch nicht immer heiter, doch jederzeit gesprächig zurückkehrte. Ueberdies war er ein ebenso kühner als leidenschaftlicher Reiter geworden, so daß er für ein tadelloses Roß bereitwillig eine bedeutende Summe ausgab, auch wohl selbst dem Geschäft sich einige Tage entziehen konnte, wenn irgendwo ein Wettrennen veranstaltet ward oder eine renommirte Kunstreitergesellschaft ihre anziehenden Vorstellungen eröffnete. Dreimal schon war er, um sich diesen Genuß zu verschaffen, in der Residenz gewesen und jedesmal gleichsam neu aufgelebt zurückgekommen. Obwohl der jüngere Ammer nicht weniger mit Sorgen zu kämpfen hatte, war er doch bei Weitem nicht so stark gealtert, als Christlieb. Dies mochte in seiner Lebensweise liegen, die zu manchen aristokratischen Gewohnheiten hinneigte. Außer seinen häufigen Spazierritten spielte er Billard und ging oft mit auf die Jagd. Nur zum Tanzen wollte sich keine Gelegenheit zeigen. Christlieb dagegen enthielt sich aller derartigen Vergnügungen, da er keinen Gefallen daran zu finden vorgab. Verließ er Abends das Comptoir, so machte er regelmäßig einen Spaziergang in's Thal, durchwanderte den Schloßgarten, Park genannt, und bestieg dann den Thurm, in dessen oberstem Theile er sich ein kleines Gemach hatte einrichten lassen. Dort blieb er oft bis tief in die Nacht hinein sitzen, um ungestört lesen zu können. Wir überlassen beide Brüder sich selbst und betreten jetzt den alten Schloßbau. Hier lagen in dem geräumigen ersten Stock drei in einandergehende Zimmer. Das größte derselben, einen Vorsprung in der Mauer bildend, war jenes schon früher beschriebene mit dem alterthümlichen Kamine. Statt der Tapeten bedeckten die Wände alte Landschaftsgemälde, die noch immer recht gut erhalten waren, obwohl sie das Gemach verdüsterten. An einem der großen, hohen Bogenfenster, das dunkler Epheu umrankte und unter dessen oberstem Sandsteinbogen ein Schwalbennest hing, stand ein Rollstuhl. In den weichen Polstern desselben saß der alte Ammer. Er trug noch immer sein volles, weißes Haupthaar, durch den halbmondförmigen Kamm zurückgestrichen in den Nacken. Ueber die schwarzsammetnen Beinkleider waren dicke, weißwollene Strümpfe weit über das Knie heraufgezogen, und die leidenden Füße steckten in weichen, bequemen Pelzstiefeln. Der früher so fleißige Weber hielt einen Krückenstock in der Linken, hatte den lahmen rechten Arm auf das weiche Fensterpolster gelehnt, und sah bald hinaus in die sonnige Landschaft, bald lächelte er freundlich der jugendlichen Frau zu, die auf niedrigem Sessel neben ihm saß und ihm vorlas. Diese Frau war sehr sauber, aber einfach gekleidet, und wäre gewiß durch ihr Aeußeres nicht aufgefallen, hätte sie nicht die herrnhutische Schwesterhaube getragen. Wir erkennen in dieser Gesellschafterin des verunglückten Webermeisters seine jugendliche Schwiegertochter Erdmuthe. Du bist müde, Papa, sprach sie, das Buch, aus dem sie vorgelesen, weglegend. Es ist auch auffallend schwül heut; du mußt ein wenig Mittagruhe halten. Lege nur das müde Haupt zurück in den Sessel. Ich wehre dir die Fliegen ab, Väterchen, und damit du nicht gestört wirst, gebe ich zuvor Befehl, Niemand zu dir zu lassen, nicht einmal die Mutter. Ammer wendete sein Gesicht Erdmuthe zu, reichte ihr die Hand und sagte: Wo du bist, da ist der Frieden. Deine Einrichtungen und Vorkehrungen sind immer gut. Rasch eilte Erdmuthe durch das ungemein wohnliche Gemach und wollte eben die dunkle, hohe, schwere Eichenthür öffnen, als sie klopfen hörte. Sie trat ein paar Schritte zurück und lauschte. Klopfte nicht Jemand? fragte der Greis, wieder in die Landschaft hinausblickend. Hindere ihn nicht einzutreten, meine Tochter; mein Schlaf kommt immer zurecht, denn du weißt ja, ich gehöre jetzt zu den ächten, richtigen Freiherrn. Ammer lächelte gutmüthig. Indem klopfte es zum zweiten Male und auf das sofortige laute Herein! des gebrechlichen Alten trat der barmherzige Bruder in das Gemach. Erdmuthe erkannte sogleich den katholischen Geistlichen in dem Fremden, und indem sie sich gemessen vor ihm verbeugte, forderte sie ihn durch eine Handbewegung auf näher zu treten, indem sie sprach: Belieben Ew. Hochwürden Platz zu nehmen? Der barmherzige Bruder erwiederte die Verbeugung der jungen Frau, indem er sagte: Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, daß ich es wage, so ganz ohne vorangegangene Anmeldung hier einzutreten. Man sagte mir, Herr Ammer, der ehemalige Weber in**, lebe jetzt hier, und da unsere Brüderschaft diesem vortrefflichen Manne vielen Dank schuldig ist, konnte ich unmöglich hier vorübergehen, ohne den würdigen Wohlthäter zahlreicher Menschen von Angesicht zu Angesicht kennen zu lernen und mich nach seinem Befinden zu erkundigen. Ich glaubte hier oben, wohin ein Dienstbote mich wies, irgend Jemand zu finden, bei dem ich nähere Erkundigungen würde einziehen können, und nun Ja, mein Herr Pater oder Caplan, unterbrach ihn jetzt Ammer, sichtlich erheitert, da hätten Sie lange warten müssen. Schloß Weltenburg ist freilich mein Eigenthum, oder vielmehr, die paar Steine, welche die Wände der von mir bewohnten Zimmer bilden, gehören mir, aber an die vornehmen Manieren und Sitten kann ich alter Knabe, der Zeit seines Lebens immer nur mit gemeinen Leuten verkehrt hat, mich nicht gewöhnen. Ich besitze, obwohl ich ein ganz erbärmlicher Krüppel bin, weder Bediente noch Kammerdiener. Mein Krückenstock da ist mein Führer, mein Rollstuhl die Equipage, in der ich aus einem Zimmer in's andere kutschiere, und hier meine kleine Heilige behütet ihren alten Schwiegervater besser, als die Erzengel die hochseligen Märtyrer. Also nur näher heran, und seien Sie mir recht von Herzen willkommen. Der geistliche Herr nahm dem alten Weber gegenüber Platz. Zu meinem großen Bedauern muß ich hören und sehen, sprach er, daß auch Sie den Prüfungen, welche Jedem bevorstehen, nicht entgangen sind. Ich hoffe aber, daß Ihre Seele nicht darunter leidet. Ihr freies, klares Auge wenigstens deutet auf ein heiteres Gemüth. Gott sei Dank, versetzte Ammer, dem der Besuch des barmherzigen Bruders gar nicht unerwünscht kam, weil er sich von jeher mit diesen trefflich unterrichteten Herren gern unterhalten hatte; jetzt, nun ich das Schlimmste, ich meine den Anfang des Nichtsthuns überwunden habe, jetzt beginne ich die Welt und Alles, was geschieht, mit ganz andern Augen zu betrachten. Früher war ich der Meinung, das allzuviele Nachdenken ohne sichtbaren Zweck sei vom Uebel, davon bin ich itzund zurückgekommen. Ich denke eigentlich jederzeit ohne bestimmten Zweck nach, und wenn ich Methusalem's Alter erreichen sollte, glaube ich, würde noch eine Art Philosoph aus mir. Die Sonne schien jetzt hell in's Zimmer und ihr heißer Strahl fiel auf das Antlitz des Greises. Ammer ergriff deßhalb seinen Krückenstock und schob sich mit Hilfe desselben in seinem Rollstuhl etwas mehr vom Fenster zurück. Was gibt es Neues im Königreiche? fragte er. Der Geistliche lächelte fast ironisch. Wenn Sie mein Geburtsland damit meinen, Herr Ammer, erwiderte er, so bin ich freilich nicht der Mann, welcher Ihnen viel erzählen kann von dem, was dort Neues geschieht. Hier draußen über den Bergen aber, wie wir drinnen wohl manchmal sagen, hier scheint sich mehr geändert zu haben, als bei uns. Ich hörte unterwegs davon sprechen. Ammer ward aufmerksam. Was könnte das sein? fragte er. Es schlägt recht eigentlich in Ihr Fach; aber freilich, da Sie selbst schon seit längerer Zeit sich von Geschäften zurückgezogen haben, wird Ihnen auch Manches entgangen sein. Nun, da wäre ich wirklich begierig, ein wenig von Ihnen zu erfahren. Ammer kehrte sich um und gab Erdmuthe durch einen Augenwink zu verstehen, daß er mit dem barmherzigen Bruder allein zu sein wünsche. Erdmuthe verließ stillschweigend das Zimmer. Wer war diese zarte, wie es scheint, innerlich leidende Frau? fragte der geistliche Herr. Ammer holte tief Athem. Meine Schwiegertochter, versetzte er seufzend, ein Gemüth voll wahrer unerschöpflicher Christenliebe, ein Herz, rein und treu wie Gold, und eine edle, jeder Aufopferung fähige Gattin. Ich wußte nicht, daß die Herren auf Weltenburg Zu den Herrnhutern gehören, wollen Sie sagen? fiel ihm Ammer in's Wort. Nein, das konnten Sie nicht wissen, weil bisher noch kein Ammer der Brüdergemeinde sich angeschlossen hat. Ich weiß auch nicht, ob es jemals geschehen wird; wenn aber die Brüder viele solcher Mitglieder zu den ihrigen zählen, wie diese meine Schwiegertochter, so möchte ich wohl wünschen, daß alle Menschen Herrnhuter würden. Wir kennen keine Heilige in unserer protestantischen Kirche, Herr Pater, dennoch will es mir manchmal vorkommen, als sei dies ein Mangel unseres Bekenntnisses; denn Menschen mit solchen Gesinnungen, wie die Frau da, die uns eben verlassen hat, nimmt's mit dem heiligen Nepomuck und, wenn's sein muß, glaub' ich, auch mit dem heiligen Antonius auf, von denen uns doch die Legenden erzählen, daß sie rechte Kerle gewesen sind. Ammer sprach diese Worte mit Feuer, fast mit Begeisterung, und der sammelnde Bruder war zu sehr gebildeter Priester, als daß er dem lahmen, wohlwollenden Greise zu widersprechen Miene gemacht hätte. Ich freue mich aufrichtig, Sie in so guter Gesellschaft zu sehen, sagte er mit freundlicher Theilnahme. Danke, danke, erwiderte ungeduldig Ammer, und nun, mein Hochwürdiger, was können Sie mir von Veränderungen mittheilen, die hier bei uns vorgegangen sein sollen? Der barmherzige Bruder erzählte, was er aus den Mittheilungen des Garnsammlers erfahren hatte und knüpfte daran noch einige moralisirende Bemerkungen. Ammer ward darüber sehr nachdenklich. Hochwürden haben mir da wirklich etwas zugeflüstert, wovon ich noch von Niemand ein Wort vernommen bis heute, sprach er. Es ist mir lieb, so wenig mein Herz sich deßhalb in Freude regt. Bin ich auch alt und hinfällig und kann diesen Stuhl nicht mehr verlassen ohne Anderer Hilfe, so denke ich doch, ein Wort von mir, zu rechter Zeit gesprochen, soll nicht allerwärts ungehört verhallen. Sie sind beunruhigt, Herr Ammer, sagte der sammelnde Bruder, verzeihen Sie mir, wenn ohne mein Wissen und Willen ein Theil der Schuld auf mich zurückfällt. Was Schuld, Herr Pater, Dank hab' ich Ihnen zu sagen. Ein Unkraut, das eben keimt, läßt sich entfernen, das schon in Blüthe und Frucht geschossene streut weithin den Samen des Unheils und ist nicht mehr auszurotten. Führt Sie vielleicht Ihr Weg nach der Stadt? Ich hoffe, schon morgen daselbst einzutreffen. Dann möchte ich mir von Ihnen eine Gefälligkeit erbitten. Ich bin gern zu jedem Dienst bereit, Herr Ammer. Dienen ist Christenpflicht; Gehorsam und Dienstwilligkeit sind heilige Vorschriften unseres Ordens. Es lebt mir in der Stadt ein Freund, sagte Ammer, ein geradsinniger Mann, etwas schroff im Auftreten, zackig und abstoßend von Außen, aber im Inneren lauteres Gold. Der Mann heißt Mirus und ist Kaufmann. Sie können ihn leicht finden. Er wohnt am Markt. Wollten Sie ihn mündlich von mir grüßen und hinzufügen, es wäre mein Wunsch, den Herrn zu sprechen, sobald seine Zeit es erlaubte, so wird diesen Liebesdienst unser Schöpfer und Herr Ihnen dereinst hoch anrechnen. Verlassen Sie sich auf mein Wort. Hier meine Hand, Herr Ammer. Der greise Mann schüttelte die Hand des katholischen Priesters, ihm mit einem warmen Blicke dankend. Zugleich stieß er wiederholt mit seinem Stocke gegen die Diele. Erdmuthe trat ein. Auf einen stummen Wink des Greises kam sie näher, drückte dem sammelnden Bruder ein versiegeltes Papier in die Hand und sprach: Möge es Vielen zum Segen und zur Erquickung gereichen, Hochwürden! Der Priester dankte durch eine stumme Verbeugung und empfahl sich. Drittes Kapitel. Die Unterredung. Erdmuthe nahm wieder Platz auf dem niedrigen Sessel zu Ammer's Füßen. Der Greis, beide Hände auf den Krückenstock legend, sah hinaus in die sonnige Luft, man konnte jedoch an dem Ausdruck seiner Augen bemerken, daß nicht die Außenwelt ihn beschäftigte, sondern sein Blick nach Innen gerichtet war. Du denkst, bester Vater, sagte Erdmuthe, ihren Arm auf seine Kniee legend und theilnehmend zu ihm aufblickend. Hat der Besuch des Bruders dich beunruhigt? Ammer schüttelte den Kopf. Beunruhigt hat er mich nicht, erwiderte er, wohl aber gibt er mir zu denken. Wie heißt es doch in der Schrift? »Wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms, den wir vor Gott haben sollen.« Ja, ja, so ist es. Ruhm begehren wir wohl, aber leider nur Ruhm, den die Welt gibt, den rechten, der von Oben kommt, den stoßen wir von uns wie einen räudigen Hund. Und sollten doch auf unsern Knieen bitten, daß er bei uns bleibe alle Tage bis an unser Ende. Du bist bewegt, Vater. Soll ich dir vorlesen aus dem Leben der Missionäre? Das wird dich unterhalten, erquicken, deinen Geist in ferne Gegenden versetzen und von allerlei Trübem, das hier um dich schwirrt und Nebelkreise um deine reine Stirne legt, abziehen. Ammer ließ seine lahme Rechte vom Krückenstocke herab auf das dicht an sein Knie gebeugte Haupt Erdmuthe's gleiten und sagte: Gute, fromme Seele! Wie schwer würde ich zu tragen haben an der Last meiner Jahre, und an den Schmerzen, die mir die Welt bereitet, hätte mein Schöpfer mir nicht vergönnt, in dein von gutem Geist erleuchtetes Auge zu sehen. Verlasse mich nicht, Erdmuthe, wenn dereinst der Sturm an den Grundvesten meines Hauses rütteln sollte, und nun lies mir vor aus deinen prächtigen, belehrenden Büchern. Erdmuthe küßte die Hand des Greises, nahm dann ihr Buch wieder zur Hand und las mit wohltönender Stimme die merkwürdigen Schicksale und Abenteuer eines Missionärs unter den Malayen. Da Ammer nicht Alles verstand, unterbrach er die Lesende oft, und Erdmuthe erklärte mit würdiger Bescheidenheit dem Greise, was er wünschte, und setzte die Lectüre erst fort, wenn er sagte, es sei nun genug, er begreife jetzt, was der gelehrte Buchschreiber gemeint habe. In dieser friedlichen Beschäftigung wurden Beide durch den Eintritt Fürchtegott's gestört. Erdmuthe legte sofort ein Zeichen in das Buch, schlug es zu und verließ ihren Sitz, um Fürchtegott entgegen zu gehen. Dieser duldete mehr die Umarmung seiner Gattin, als daß er sie erwiderte, obwohl er sie mit seltsam flammendem Auge betrachtete. An ihrer Hand trat er zu dem Vater, nach dessen Befinden er sich in reinem Geschäftstone erkundigte. Du hast mich lange warten lassen, mein lieber Sohn, sagte Ammer, ihn scharf ansehend. Weßhalb läßt du dich immer erst bitten, ehe du zu mir kommst? Ist es dir eine Last, mit deinem alten Vater zu sprechen? Die Geschäfte, du weißt Sie machen dir unruhige Stunden, fiel Ammer ein. Ach ja, ich weiß zwar nicht, aber ich habe so meine eigenen Gedanken über die Geschäfte von heute. Bist du schon wieder mißtrauisch? warf Fürchtegott empfindlich ein. Siehst du, Vater, das ist's, was mich verdrießlich macht, mich verletzt. Immer fragst du die Kreuz und die Quer, daß Einem die Geduld ausgeht. Alles willst du wissen, und wenn man dir mit größter Bereitwilligkeit antwortet, so bist du nie zufrieden, tadelst das Geschehene und sähest es am liebsten, man machte es ohne Widerrede nach deinen Vorschriften. Das Letztere kann ich nicht, mithin finde ich es überflüssig, darüber zu sprechen. Recht so, sagte Ammer. Immer schlage den Alten auf den Mund. Gar lange hält er doch nicht aus, so schweigt er; und wenn nur der Mund erst still geworden ist, so wird das Auge wohl auch nicht gar lange wachsam bleiben. Weißt du auch, daß ich Grund habe, dir nicht volles Vertrauen zu schenken? Grund? Den möchte ich kennen. Es ist mir gar mancherlei zu Ohren gekommen, mein Sohn. Die Welt munkelt dies und das und erzählt sich wunderliche Geschichten. Die Welt! erwiderte lachend Fürchtegott. Wenn ich nicht annehmen soll, daß meine Frau, über deren zu großer Theilnahme an weltlichen Angelegenheiten ich bis jetzt zu klagen durchaus keine Ursache hatte, dich von den Dingen unterrichtet, welche in der Welt sich ereignen, möchte ich die Behauptung aufstellen, du sei'st darüber nicht unterrichtet. Das bin ich auch nicht; dennoch kann ich dem Winde nicht verbieten, er solle nicht rauschen, und meinem Ohre nicht, es solle nicht hören. Ich habe gehört und nicht lauter Gutes, mein Sohn, und darum begehre ich als dein wohlmeinender Vater, von dir zu erfahren, was Andere mir nicht mittheilen können. Weigere ich mich dessen? Sprich, wenn ich antworten kann, werde ich nicht schweigen. Denkst du immer daran, daß deine Arbeiter zugleich deine Nebenmenschen sind, und behandelst du sie als solche? Hat mich etwa Jemand verklagt? fragte Fürchtegott leicht erröthend. O nein, sagte Ammer. Das würde Keiner wagen, denn vergäßest du über dem Gewinn die Milde, so würde eine Klage denjenigen, der sie mir vortrüge, später sicher in's Unglück stürzen. Nun, erwiderte der vornehme Sohn mürrisch, so darf ich mit gutem Gewissen behaupten, daß über mich Niemand sich beschweren kann. Ich drücke Keinen, sollte sich dennoch irgend Jemand gedrückt fühlen, so steht es ihm ja frei, mit mir sich zu verständigen, auch hat er volle Freiheit, zu gehen, wenn es ihm bei mir nicht gefällt. Mein Sohn, versetzte Ammer, ich will dir weder Vorschriften machen, noch Rath ertheilen. Kenne ich ja doch, was die junge Welt davon hält. Weil ich aber noch der alten angehöre, mach' ich's, wie weiland unser Herr und lege meine Ansicht in einem Gleichniß dir an's Herz. Siehe mein Sohn, es lebte vor Zeiten ein Mann, den speiste Gott nicht mit Manna, das er des Nachts vom Himmel fallen ließ, sein tägliches Brod war harte Arbeit und Trübsal. Der Mann aber blieb schlicht und wacker, und es gelang ihm nach langer Zeit, sich emporzuschwingen, also daß er weltliches Gut in Fülle erwarb, und alsbald des Reichthums fast schier zu viel bei ihm ward. Da vergaß er, daß er ehedem ein gar kärgliches Leben geführt hatte, der Besitz machte ihn stolz, übermüthig und hart, und wenn ein Bedürftiger ihn ansprach um Hilfe, da wendete er sich kalt von ihm ab oder er half in einer Weise, die mehr eine Strafe als eine Wohlthat für den Bedürftigen war. Das trieb der Uebermüthige viele, viele Jahre. Da trat der Herr eines Tages zu ihm und sagte, indem er ihn berührte: Du bist lange genug im Glück gewesen, damit nun deine Seele von dem Purpurstaube nicht verschüttet werde, der da abfliegt von den kostbaren Gewändern, welche du trägst, magst du die letzten Jahre in tiefer Finsterniß zubringen. Kehre in dich in dieser Nacht der Sinne und reinige deine Seele von den Flecken, die sie jetzt beschmutzen. Da ward der Mann blind und bedurfte der Hilfe Anderer. Und er rief an Vornehm und Gering, daß sie ihn führen möchten, und wenn Einer seine Stimme nicht hörte oder seinen bittenden Ruf nicht beachtete, da strauchelte der Arme und litt viele, viele Schmerzen Ammer schwieg und sah dem Sohn fest in's Gesicht. Ist das Alles? fragte Fürchtegott. Es ist ein Gleichniß, so verständlich, mein' ich, daß wer nur hören will, den Sinn desselben wohl fassen kann. Fürchtegott wendete sich plötzlich zu Erdmuthe, die bisher schweigend dieser Unterredung beigewohnt hatte. Liebes Herz, sprach er, lernt der Vater das Alles von dir? In früheren Jahren mußten wir uns wohl auch zuweilen von ihm zurechtweisen lassen, und nahmen das gern an, wie es christlichen Kindern geziemt. Es geschah aber in einer mehr derben Manier; jetzt spricht der Vater fast wie ein Apostel, und dieser Sprache bin ich, zu weit entfernt von apostolischer Weisheit, weit schwerer zugänglich. Erdmuthe ergriff die Hand ihres Gatten und erwiderte: Fürchtegott, ich habe dir Hand und Herz und mich selbst zu eigen gegeben, weil ich dich liebte; ich werde auch nie von dir weichen, nie dich allein die Wege der Welt ziehen lassen; Eins nur, mein Freund, bitte ich: bändige die Leidenschaften, die dich beherrschen, und frevle nicht mit Worten und Gedanken! Sie zog ihn mit sich zu dem Lehnstuhle des Greises. Hier, mein Freund, fuhr sie fort, sich auf ein Knie vor Ammer niederlassend, hier ist eine Stelle, die uns heilig sein soll. Du schmähst mich in Gedanken, weil ich mitten im Reichthume mich nicht entäußern will der Einfachheit, die mir Glück und Frieden gebracht hat; du verlachst meine Gespräche und meine Beschäftigungen, die, wenn sie auch ein irdisches Ziel haben, doch nie der Zukunft ganz vergaßen, und du findest es albern, daß ich als Frau die Hülle nicht ablegen will, in der mich der Herr dereinst gesegnet hat. Das ist Unrecht, mein Freund, und trübt unser Glück, vor Allem das deines Vaters. Versprich mir, dies ändern zu wollen, und gelobe es bei dem Haupte deines greisen, jetzt eben von dir beleidigten Vaters. Erdmuthe sprach mild und doch so ernst, daß jedes ihrer Worte wie ein Befehl klang. Ihr gewöhnlich sehr bleiches Gesicht überglänzte eine feine, durchsichtige Röthe. Fürchtegott erstarb das Wort auf den Lippen. Er stand verwirrt, unschlüssig neben ihr. Folge meinem Beispiele, werther Freund, sagte Erdmuthe in demselben ernst-milden Tone des Befehlens. Wir demüthigen uns nicht, wir ehren uns nur, wenn Vater Ammer ohne unsere Bitte seine Hand auf unsere Häupter legt und spricht: Gehet hin in Frieden! Wie es geschah und wie es geschehen konnte, wußte Fürchtegott selbst nicht, aber er sah sich plötzlich neben Erdmuthe niedergebeugt, die zitternde Hand des Vaters berührte seine Stirn und das Gelöbniß war, wenn auch nicht in Worten, gethan. Ich danke dir, Freund meiner Seele, sagte jetzt Erdmuthe mit jenem wunderbaren Zauber ihres Wesens, der Alle entzückte und ihr zu dienen und zu huldigen nöthigte, und indem sie liebreich lächelnd den so ganz anders gearteten Gatten in ihre Arme schloß, sank Fürchtegott überwunden an ihr Herz. Ohne Aufforderung reichte er jetzt dem Vater die Hand, und wenn er auch nicht sprach, so lag doch in seinen Blicken das Geständniß einer Bitte. Ich will nach deinen Worten handeln, lieber Vater, sprach er nach einer Weile, so schwer es auch sein mag, Welt und Herz dauernd mit einander zu versöhnen. Aehnliche Scenen waren schon einige Male vorgekommen, seit Ammer auf Weltenburg lebte. Bisweilen hatte es den Anschein, als würden sie durch das ganz eigenthümliche Wesen und Walten Erdmuthe's veranlaßt. Hätte die Welt ahnen können, was in den Räumen des alten Schlosses vorging, so würde sich bald das Gerücht überall hin verbreitet haben, der junge Ammer lebe in einer höchst unglücklichen Ehe. Wahrhaft glücklich konnte man den zwischen Fürchtegott und Erdmuthe geschlossenen Bund in der That nicht nennen, und dennoch liebten Beide einander mit einer leidenschaftlichen Innigkeit. Die äußern Verhältnisse einerseits, die Verschiedenartigkeit der Charaktere Beider andererseits ließen es aber nicht zu, diese leidenschaftliche Liebe vor Andern zu bekennen. Fürchtegott war zu stolz, um sich vor den Augen der Welt eine Blöße zu geben; auch kam es ihm nicht in den Sinn zu bitten, wo er befehlen zu dürfen glaubte, hätte er nur im Voraus wissen können, ob ein Befehl von Wirkung sein werde. Erdmuthe dagegen trug die felsenfeste Ueberzeugung in sich, es müsse ein Tag, eine Stunde, ein Augenblick im Leben ihres Gatten sich einstellen, der ihn von selbst zur Umkehr zwingen und ihr ganz zu eigen geben werde. Wie dies zu bewerkstelligen sein möchte, darüber sann die ehemalige Missionärin zwar häufig nach, es fiel ihr jedoch nicht ein, selbst unmittelbar darauf hinzuwirken, da sie ihrer religiösen Ueberzeugung nach die Umkehr Fürchtegott's der Gnade Gottes anheim geben zu müssen glaubte. Das junge Ehepaar blieb kinderlos und dies mochte mit zu der Verstimmung beitragen, die man häufig an Fürchtegott wahrnehmen konnte. Sein Benehmen gegen Erdmuthe, die schon am Tage nach der Vermählung in ihrer gewohnten einfachen Kleidung wieder erschien, und durch alles Bitten des Gatten nicht zur Ablegung des Schwesterhäubchens zu bewegen war, blieb fast immer kühl, nicht selten etwas ironisch. Den spöttisch-ironischen Ton schlug Fürchtegott am leichtesten an, wenn er seine Frau als Vorleserin und gewissermaßen Lehrerin seines Vaters traf. Ueberhaupt mußte er sich darin finden, Erdmuthe in den schmucklosen Räumen aufzusuchen, die der alte Ammer nach ihrem Wunsche für sie auf seine eigenen Kosten hatte einrichten lassen. Weiße Wände ohne Spiegel und ein Meublement, an dem keine Spur von Zierrath oder gefälligem Schmuck zu entdecken war, zeichneten den Aufenthalt Erdmuthe's aus. Hier lebte sie, wenn sie allein sein wollte. Von den allerdings mit unnützer Pracht ausgestatteten Zimmern ihres Gatten, der ein fast krankhaftes Wohlgefallen an Glanz und Schimmer fand, hielt sie sich fern. Sie würde selbst die Wohnung ihrer Schwiegereltern noch zu reich und verschwenderisch gefunden haben, wäre Ammer in Folge seines Unfalles nicht der sorgsamsten Pflege und größerer Bequemlichkeit bedürftig gewesen. Die Vorliebe Erdmuthe's für alles Prunklose, ja im gewissen Sinne für das Aermliche, und das hartnäckige Wohlgefallen Fürchtegott's an Glanz und Pracht ließen sich unmöglich vereinigen. Dieser mochte aus männlichem Trotz nicht nachgeben, und bei Erdmuthe war es eine Art religiöser Scheu, eine heilige Keuschheit des Gemüthes, die sie abhielt, Theil zu nehmen an der Verschwendung ihres Gatten. So geschah es, daß Beide sich immer nur in den Zimmern der Eltern trafen, ausgenommen, wenn sie bisweilen einen gemeinschaftlichen Spaziergang im Park machten oder zusammen ausfuhren. Auch dann waren sie nur selten allein, sondern entweder von Christlieb oder Walter begleitet, der als Hausarzt und Freund ebenfalls einige Zimmer auf Weltenburg bewohnte und Allen unentbehrlich geworden war. Hatte Erdmuthe ihrem Gatten eine Mittheilung zu machen, die zu Erörterungen und Auseinandersetzungen Veranlassung geben konnte, so erwählte sie Walter zur Mittelsperson, und umgekehrt gab Fürchtegott seine Willensmeinung ebenfalls durch den Mund seines Freundes kund, wenn er bei etwaiger Gegenrede Erdmuthe's heftig zu werden besorgen mußte. So hatte sich zwischen dem jungen Ehepaar eine Etikette gebildet, die kaum in hochfürstlichen Häusern strenger gehandhabt werden konnte. Und dennoch würde man ihnen Unrecht gethan haben, hätte man behaupten wollen, Fürchtegott und Erdmuthe liebten einander nicht, sie fühlten sich in ihrer gegenseitigen Gebundenheit, in der schroffen Verschiedenheit ihrer Naturen unglücklich. Es war nichts als ein Kampf geheim gehaltener oder in strenge Formen eingeengter Liebe und diese Liebe wird für Beide erst dann eine beseligende, das Leben verklärende werden, wenn Einer oder der Andere den starrsinnigen Gegner vollständig besiegt. Viertes Kapitel. Der Schatten des Unglücks. Es hatte wirklich den Anschein, als werde die zuletzt mitgetheilte Unterredung Fürchtegott's mit seinem Vater und das Zureden Erdmuthe's nicht ohne Folgen bleiben. Die Brüder besuchten den Vater regelmäßig alle Tage, bald jeder allein, bald zusammen, und es kam wiederholt vor, daß sowohl Christlieb wie Fürchtegott Fragen an den Greis richteten, in deren Beantwortung schon eine Entscheidung, mithin auch ein Wink lag, wie zu verfahren sei. Diese Veränderung zum Bessern, dieser erste Schritt zu einem mehr geschlossenen und friedlichen Zusammenleben Aller erheiterte Ammer und beglückte Erdmuthe. Sie glaubte jetzt den Weg betreten zu haben, auf welchem sie ihrem Gatten nachschleichen, ihn mit liebenden Armen umfassen und endlich für immer sich und den Eltern ganz wieder erobern könne. In diesem sichern Gefühle ihres Glückes setzte sie sich hin und machte Flora von dem Vorgegangenen Anzeige. Der Brief war überhaupt das Auskunftsmittel, dessen die im Herzen so einigen Schwägerinnen sich gewöhnlich bedienen mußten, um ihre Ansichten auszutauschen, denn Flora war ebenso sehr an ihre Häuslichkeit gebunden, wie Erdmuthe. Nur an hohen Festen oder den Geburtstagen der Eltern fanden regelmäßig gegenseitige Besuche Statt, doch wählte man als Sammelplatz, schon aus Rücksicht auf den leidenden Vater, gewöhnlich Weltenburg, so daß die eigentliche Heimath der Ammer mehr und mehr verwaiste, obwohl das Geschäft unter der umsichtigen und reellen Thätigkeit Albrecht Seltner's in gedeihlichster Blüthe stand. Einige Monate nach Ammer's Uebersiedelung bemerkte Flora, daß Albrecht oft nachdenklich wurde und, wenn es seine Zeit erlaubte, mit finsterm Gesicht die Gänge des seit dem Brande vergrößerten Gartens auf- und abschritt. Sie drang wiederholt mit Fragen in ihn, konnte jedoch keine befriedigende Antwort erhalten. Klug und vorsichtig, wie sie war, beschloß sie nunmehr, den geliebten Mann ganz im Geheimen zu beobachten, ohne ihn je wieder mit neuen Fragen zu bestürmen. Sie achtete auf die täglich einlaufenden Briefe und wie diese bei der Durchsicht auf Albrecht's Stimmung wirkten. Da Seltner nur das Geschäft seines Schwiegervaters, dies aber im weitesten Umfange übernommen hatte, so stand er zwar in fortwährender Verbindung mit seinen Schwägern, eigentlichen Theil an deren Handelsverkehr nahm er jedoch nicht. Das Ammer'sche Geschäft erfreute sich fortwährend des Rufes untadeligster Solidität und Seltner unterließ nicht, seinerseits diesem Rufe Ehre zu machen. Bei ihren stillen Beobachtungen konnte es nun Flora nicht verborgen bleiben, daß Albrecht gewöhnlich von den Briefen ihrer Brüder in eine eigenthümlich unruhige Stimmung versetzt ward. Sie mußte unwillkürlich der Vergangenheit gedenken und wie Fürchtegott unter dem Schutze Wimmer's, ja gewissermaßen von diesem veranlaßt, gegen den Vater intriguirt oder ihm doch zuwider gehandelt hatte. Auf dieser Fährte angelangt, hielt sie es für Pflicht, mit gerader Frage in Albrecht zu dringen, um zu erfahren, ob dieser gegründeten Anlaß zu seinem unruhigen Wesen haben möge. Du verbirgst mir etwas, Albrecht, sagte sie eines Tages, als dieser wieder sehr zerstreut von der Lectüre seiner Briefe zurückkam. Wie sehr du mir auch verheimlichen magst, was dich beunruhigt, ich weiß es doch, Liebster, denn ich besitze noch immer die Gabe, in deinen Augen zu lesen, wie damals, als du bereits innerlich entschlossen warst, um mich zu werben, dir aber meines lieben polternden Vaters wegen der Muth dazu fehlte. Fürchtegott schreibt dir unangenehme Dinge, gesteh' es nur. Es ist so etwas der Art, erwiderte Albrecht. Dein Bruder verlangt von mir, was ich nicht kann und nicht will. Er verlangt Unerlaubtes. Man kann es so nennen, wenn man deines Vaters Gewissen hat. Besitzest du ein anderes? Albrecht, fügte das gutherzige, ehrliche Weib mit Lebhaftigkeit hinzu, ich glaube, es wäre der Tod meiner Liebe, wenn du anders dächtest! Was verlangt mein Bruder? Du weißt genug, versetzte Albrecht, begnüge dich jetzt. Ich mag nichts von seinen Vorschlägen wissen und damit ich versichere dich existiren sie überhaupt nicht mehr. Das werde ich ihm heute ganz kurz melden und somit hat dies sich immer von Neuem wiederholende Drängen ein Ende. Weitere Forschungen Flora's blieben resultatlos. Sie erfuhr nichts von ihres Bruders Anliegen; selbst ein darauf bezüglicher Brief an Erdmuthe brachte in seiner Beantwortung keine Aufklärung. Die Schwägerin gebrauchte darin die gar mannigfacher Deutung fähigen Worte: »Fürchtegott kämpft einen schweren Kampf mit seinem eigenen guten Herzen und den Forderungen der Welt. Er wird ihn bestehen und als Sieger daraus hervorgehen, allein vorher werden wir noch böse Tage sehen.« Daraus vermochte Flora nicht klug zu werden, indeß ließ sich auch Erdmuthe, vielleicht weil sie selbst gänzlich im Finstern tappte, auf eine weitere Auseinandersetzung oder Erläuterung ihrer Worte nicht ein. Seltner zeigte nach diesem erstmaligen Abschütteln einer aus der Ferne gegen ihn geworfenen Schlinge auch wirklich viele Wochen lang sein gewohntes unbefangenes Gesicht. Ohne weder rechts noch links zu blicken, ging er den geraden, ihm vorgezeichneten Weg, und wenn er auch mehr als sein starrer Schwiegervater auf die Erfindungen und Verbesserungen der Neuzeit achtete, so ließ er sich doch nicht leichtsinnig davon bestricken, sondern nahm etwas wirklich Fördersames erst nach wiederholten mit größter Vorsicht angestellten Versuchen an. Allein Fürchtegott gab seinen Plan nicht auf. Als er vermuthen durfte, man habe vergessen, daß er seinem Schwager nur ihnen bekannte Vorschläge von einigem Risico gemacht habe, trat er abermals, diesmal jedoch in etwas anderer Form, damit hervor. Er bedurfte Albrecht's und darum konnte er ein längeres Zurückhalten dieses Mannes, dessen Namen ein gänzlich unbescholtener war, nicht entbehren. Seltner antwortete auf diese neuen Anträge keine Sylbe, aber er zog Erkundigungen ein, was ihm bei der Kenntniß der meisten mit seinen Schwägern verbundenen Arbeiter leicht ward. Diese Erkundigungen öffneten ihm die Augen, trieben ihn aber auch zu einem raschen Entschlusse, ohne daß irgend Jemand das, was er zu thun beabsichtigte, ahnen konnte. Dies muß ein Ende nehmen, sprach er zu sich, oder nicht wir allein sind unwiederbringlich verloren, auch der Handel unserer ganzen Provinz und damit der Wohlstand zahlloser Tausende ist für immer untergraben. Albrecht's Rechtlichkeit hielt ihn von jedem Schritte zurück, der nur entfernt einen Schein gesetzlosen Verfahrens hätte verbreiten können. Er schrieb an Niemand, denn alle schriftliche Auslassungen mußten, geriethen sie zufällig in die Hände Uneingeweihter oder Feinde, gefährlich, wo nicht verderblich werden. Er entschloß sich, so schwer es ihm fiel, zu einer längeren Reise. Flora war über diesen unerwarteten Entschluß allerdings ganz erstaunt, fand ihn aber, als Albrecht ihr seine Gründe ruhig entwickelte, ohne ihr die wahre Veranlassung zu offenbaren, vollkommen gerechtfertigt. Diese Reise Seltner's dauerte mehrere Wochen. Als er endlich zurückkehrte, erschrak Flora über sein Aussehen. Sie hielt ihn anfangs für krank, beruhigte sich indeß mit den wiederholten Versicherungen des geliebten Mannes, der Alles nur den ungewohnten Strapatzen, der gänzlichen Ruhelosigkeit und den vielen Sorgen Schuld gab, die während einer so langen Abwesenheit von Haus und Geschäft auf ihm gelastet. Albrecht kehrte zurück, ohne seinen Zweck erreicht zu haben. Erst jetzt, als er wieder daheim am Rohr saß, sagte er sich, daß er etwas völlig Nutzloses unternommen habe. Der Schwerpunkt der ungeheueren Handelsverbindungen seiner Schwäger lag nicht in Europa, sondern drüben in Amerika. Dort wurzelte der tausendästige Baum des Glückes, in dessen Schatten sie sich bisher gesonnt, von dort allein mußte der Sturm herüberbrausen über das Weltmeer, der sie zerschmettern, von der Erde für immer wegfegen konnte. Die Gewißheit, daß er, sollte das Furchtbare wirklich geschehen, nicht retten, nicht einmal helfen könne, erschütterte seine Gesundheit. Sein ganzes Sinnen und Trachten war darauf gerichtet, wie im Fall der Noth dem Allerentsetzlichsten vorgebeugt werden möchte, und in dieser Hinsicht traf er seine Vorkehrungen. Seltner's Reise fiel in die Zeit, wo jener geschilderte Auftritt zwischen Fürchtegott, Erdmuthe und dem Vater sich zutrug. Von all diesen Vorgängen in Weltenburg erfuhr selbst Flora nichts, sie blieben mithin auch deren Manne verborgen. Wenn aber auch Seltner ausführliche Kunde davon erhalten hätte, würde er sich doch schwerlich bewogen gefühlt haben, nur ein Wort darein zu reden. Unmittelbar nach seiner Heimkehr wollte Albrecht nochmals ernstlich mit seinen Schwägern sprechen und ihnen vorstellen, was sie Alles auf's Spiel setzten und welche traurige Zukunft sie sich, ihrer Familie und zahllosen Andern bereiten könnten, wenn sie ihr seit Jahren eingehaltenes Verfahren nicht alsbald aufgäben. Nach reiflicher Ueberlegung hielt er aber auch dies nicht für klug und zweckdienlich. Ich fürchte, sie sind dergestalt gebunden, daß nicht einmal ein Einhalten mehr möglich ist, sagte er bekümmert zu sich selbst. Die Schlingen liegen ihnen um ihre Füße, daß ein einziger Ruck sie zum Fallen bringen, sie ihren schlauen Feinden wehrlos in die Hände liefern muß. Seltner beobachtete nun unverbrüchliches Stillschweigen gegen Jedermann, auch gegen Flora, ganz in der Stille aber forschte er unermüdlich, um nur einigermaßen einen Einblick in die Geschäftslage seiner Schwäger zu erhalten. Allein, wie sehr er sich anstrengte und mühte, er blieb darüber in völliger Ungewißheit. Inzwischen schöpfte Christlieb, der außer dem Wiener Geschäft nur die eigentliche Fabrik überwachte und den transatlantischen Handel nur oberflächlich kannte, selbst Verdacht. Er wartete von einem Tag zum andern, ohne ein Wort gegen seinen Bruder zu äußern; als aber die Anzeichen immer bedenklicher, zugleich auch immer bedrohlicher wurden, vermochte er nicht mehr zu schweigen. Liebster Bruder, sagte er, als mit dem ankommenden Postpaquet abermals die ganze transatlantische Correspondenz ausblieb, obwohl die Paquetschiffe als richtig eingelaufen angezeigt waren, was hat dies Schweigen unserer Correspondenten zu bedeuten? Seit anderthalb Monaten kein Brief weder von New-York noch New-Orleans, keine Nachrichten aus Washington, Charlestown und Cincinnati, kein kleinstes Blättchen Papier aus Surinam! Wie erklärst du dir dies räthselhafte Schweigen! Es beunruhigt mich schon längst, erwiderte Fürchtegott, und doch weiß ich keinen andern Rath, als ruhig zu warten, bis es unsern Correspondenten beliebt, wieder einmal die Federn einzutauchen. Ich würde ohne Sorgen sein und mich zufrieden geben, hätten in den letzten vier Monaten heftige Stürme auf den Meeren gewüthet, denn alsdann ließe sich annehmen, daß unsere Schiffe süd- oder nordwärts weit verschlagen, vielleicht gar von treibenden Eisbergen eingeschlossen worden waren; aber nicht allein ist das Wetter günstiger denn je in einem früheren Jahre gewesen, wir wissen sogar, daß alle unsere Schiffe glücklich und ohne die geringste Havarie in die verschiedenen Häfen der neuen Welt eingelaufen sind. Es ist völlig unbegreiflich, sagte Fürchtegott so zerstreut, daß Christlieb eine qualvolle Bangigkeit überfiel. Weißt du wirklich nichts? fragte er dringend. Du hast mich in den letzten drei Monden nie dein Briefpaquet öffnen lassen. Nichts, gar nichts, erwiderte Fürchtegott wie vorher; aber es ist zum Verzweifeln, zum Rasendwerden, fügte er hinzu. Was soll mit unsern neuen Waaren geschehen? fuhr Christlieb fort. In drei, höchstens in fünf Wochen ist die Sendung complett und wir haben keine Ordre! Bedenke die enormen Kosten, die Baarsummen, die wir darauf verausgabt haben! Zähle die Wechsel zusammen, die auf uns laufen, von denen beinahe die Hälfte binnen sechs Wochen bezahlt sein muß und ich bitte dich, Bruder sieh in unsere Kasse! Die ganze Valuta für die große transatlantische Sendung fehlt noch, und diese beläuft sich weit über eine Million! Wir müssen uns mit Papieren aus der Levante helfen oder borgen! Das Erstere ist unmöglich, das Zweite erregt Verdacht. Die Summe ist zu groß. Hat Wimmer noch immer nicht geschrieben? Nein, sagte Fürchtegott kurz. An ihn habe ich schon wiederholt gedacht; er allein kann uns auch aus dieser fatalen Verlegenheit helfen, wenn die Rimessen uns wirklich ausbleiben sollen. Er kennt ja unsere Verhältnisse, er hat uns gewissermaßen in Händen, weil die meisten Geschäfte durch seine Hände gegangen sind, aber ich muß gestehen, daß ich mich nur sehr ungern ihm entdecken möchte. Dennoch muß es geschehen und zwar bald, sagte Christlieb entschlossen. Noch länger zaudern wollen, hieße die Erde zum eigenen Grabe mit geschäftiger Schaufel aufwerfen. Du mußt schon morgen aufbrechen, Bruder, mußt dringende Rücksprache mit Wimmer nehmen, und ich setze mich hin und mache inzwischen die Bilance. Es ist um so nöthiger, daß wir energisch handeln, weil ich bereits unter unsern Arbeitern eine verdächtige Stimmung zu meinem größten Entsetzen seit einigen Tagen bemerkt habe. Fürchtegott konnte dem Drängen des Bruders nicht widerstehen. Er begriff die Nothwendigkeit schnellen und energischen Handelns und so ward seine Abreise auf den nächsten Morgen unwiderruflich festgesetzt. Eine schwerere Nacht hatten wohl beide Brüder noch nicht durchlebt. Nachdem sie, unaufschiebbare Geschäfte vorschützend, den Vater früher als sonst verlassen, begab sich Fürchtegott in seine glänzenden, öden Gemächer, während Christlieb, ein Paquet Rechnungen in der Hand, auf sein kleines Thurmzimmer hinaufstieg, um dort noch ungestört zu arbeiten. Unruhe, Furcht vor der Zukunft, wohl auch Vorwürfe, die er sich machte, und die als erste, leise Mahnungen des Gewissens um seine Seele schwirrten, ließen Fürchtegott nicht ruhen. Er wagte nicht, zu Bette zu gehen, aus Furcht vor quälenden Traumbildern. Schon geraume Zeit war sein Schlaf nicht mehr ein wohlthuendes Ausruhen nach mühevoller Arbeit, eine Erquickung des Körpers und der Seele; ihm ward die Nacht fast immer zur Qual. Kaum schloß er die Augen, so mußte er rastlos thätig sein, mußte kämpfen und ringen mit phantastischen Gebilden, die sich ihm feindselig erwiesen, oder er jagte auf mastlosem Schiffe steuer- und führerlos über das stürmende Weltmeer, und unter sich in unergründlicher Tiefe sah er Weltenburg, wie es bald von Nebeln umhüllt, bald in seltsamem Feuerdunst strahlend immer weiter von ihm sich entfernte, bis er nichts mehr von dem ganzen glänzenden Besitzthume erblickte, als das von grünen Epheublättern umsponnene Bogenfenster des Zimmers, wo sein Vater wohnte. An diesem Bogenfenster bemerkte er das ehrwürdig weiße Haupt des Vaters, wie es sich rastlos bewegte und die ehrlichen blauen Augen zornig und vorwurfsvoll unverwandt zu ihm, dem ruhelos Segelnden, emporblickten. Diesem nächtlichen Traumspuk zu entgehen, verließ Fürchtegott Ammer nach zehn Uhr den neuerbauten Schloßflügel und trat hinaus in's Freie. Die Nacht war sternenhell und warm. Im Park sang eine späte Nachtigal ihre verlockenden Lieder. Vom Thal herauf scholl das Rauschen des Flusses über das Wehr und das monotone Gestampf der Walken. Fürchtegott schritt dem Neubau entlang nach den Spinnereien, die jetzt feierten. Das Arbeiten des Nachts hatte er nie eingeführt, weil sein Bruder die damit verbundene große Feuersgefahr fürchtete. Die Spinner der Gebrüder Ammer durften deßhalb auch nicht über harte Behandlung oder angestrengte Arbeit Klage führen. Vor dem größten dieser Gebäude blieb er stehen und betrachtete die im Sternenschein jetzt matt glitzernden Fensterreihen. Dies ist die Geburtsstätte, die Wiege unseres Unglücks, sprach er dumpf. Gehen wir zu Grunde, so haben wir in diesen Mauern den Beginn des Verderbens zu suchen, das uns verschlingt. Er ging weiter, stieg hinab in die Thalmulde, betrat die über den Fluß führende Brücke, lehnte sich an das Geländer und sah hinunter in die klaren Wellen, die hier langsam und leise murmelnd in engem Bette weiter zogen. Das Wasser ist tief, sagte er zu sich selbst, ein kecker Sprung kühlte mir Stirn und Brust. Ich könnte auch das Geländer zerbrechen dann würde Niemand auf verdächtige Gedanken kommen. Aber ich will zuvor doch lieber noch den Herrnhuter sprechen. Er soll beichten oder ich setze ihm Daumschrauben an. Den Hügel zum Schloß wieder hinaufsteigend, bemerkte Fürchtegott das Licht im obersten Thurmgemache. Auch weiter unten schimmerte hinter zugezogenen weißen Vorhängen noch der Schein einer trüb brennenden Lampe. Erdmuthe betet und der Bruder rechnet! sprach er nachdenklich weiter schreitend. Ihr mildes Antlitz spiegelt den Frieden wieder, der in ihrem Herzen wohnt, und von der Stirne des Bruders werden dicke Schweißtropfen rinnen. Sie, die Arme an weltlichen Gütern, die sie stets verschmähte, die sie nicht einmal aus meiner Hand annahm, als ich sie ihr schenkte: sie ist reich in ihrer Armuth, während wir darben unter Haufen Goldes! Trübe, böse, unbegreifliche Welt! Wohl dem, der bei Zeiten deinen Täuschungen zu entfliehen vermag! Ihn verfolgen weder Strafe noch Reue! Mitternacht war längst vorüber, als Fürchtegott wieder seine Zimmer betrat. Er warf sich angekleidet auf die schwellenden Polster des Divans und ließ die Lampe brennen. Nur Ruhe suchte er, nicht Schlaf. Als sich dennoch das Bedürfniß danach bei ihm einstellte, sprang er auf, durchwandelte die Zimmer und zündete sich eine schwere Havanna-Cigarre an, um sich leichter zu ernüchtern. So erwartete er die Morgendämmerung. Beim Aufgang der Sonne sattelte er eigenhändig seinen Goldfuchs und stieg dann die Thurmtreppe hinan, um den Bruder nochmals zu sprechen. Dieser kam ihm entgegen. Seinem angegriffenen Aussehen nach hatte er entweder die ganze Nacht angestrengt gearbeitet oder vor Sorgen nicht schlafen können. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen und glänzten wie im Fieber. Fürchtegott fragte aber nicht nach dem Befinden des Bruders; er drückte ihm nur die Hand und sagte bedeutungsvoll: Wenn ich wieder komme, bringe ich Gewißheit. Bis dahin reinen Mund und laß tüchtig arbeiten! Christlieb bejahte kopfnickend, begleitete den Bruder in's Thor und sendete dem Davoneilenden noch tausend stille Glückwünsche nach. Fünftes Kapitel. Neue Hoffnungen. Anfangs ließ Fürchtegott seinen Goldfuchs rasch austraben, später ritt er langsamer, weil er zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt war, um auf das Thier zu achten. Auch hielt ihn ein unerklärliches Etwas zurück, und schien ihm in den Zügel zu fallen, so daß er immer langsamer vorwärts kam. In der Waldschenke, wo er vor vielen Jahren das arme Zigeunermädchen hart behandelte, rastete Fürchtegott. Er mußte jenes Tages, jener Scene wieder gedenken, und das ganze Erlebniß, auf das er damals gar keinen Werth gelegt, stand jetzt wieder deutlich vor ihm. Wie hatte sich seit jener Zeit Alles verändert! Mit welcher Lebenslust war er damals an den Wagen des Grafen getreten, wie siegesgewiß sah er in die Zukunft, die zwar noch unenthüllt, aber doch nur von rosigem Schimmer umglänzt, vor ihm lag! Und jetzt? Auf schwindelnder Höhe stehend, gähnten ihn auf allen Seiten die furchtbarsten Schlünde an. Er hatte erreicht, was er als Jüngling wünschte, fast mehr erreicht, als er zu hoffen, zu begehren jemals wagte. Die Welt hatte sich ihm aufgethan, und unermeßliche Reichthümer rollte das Weltmeer an die Schwellen seiner Speicher. Aber er war nicht froh in seinem Besitz geworden. Kaum ein Dreißigjähriger, zeigten sich schon graue Haare an seinen Schläfen, und fühlte er sich auch körperlich noch kräftig, geistig noch ungebrochen, die Heiterkeit des Gemüthes war schon seit Jahren, ohne daß er es wußte, gänzlich verschwunden. Aus allem Glanz, den er um sich aufgehäuft hatte, blickte ihn nur die Sorge tausendgestaltig an. Und selbst dieser Reichthum – er wußte nicht mehr, ob er ihn sein nennen, ob er noch stolz darauf sein durfte! Wieder gedachte er der Zigeunerin, die er gemißhandelt und die ihm später vor seiner Reise nach Amerika in der verlassenen Torfhütte so seltsame Worte zugerufen. Jetzt möchte ich sie sprechen, sie um Rath fragen! dachte er, ohne das aufgetragene Frühstück, das er vorhin bestellt hatte, zu berühren. Ich bedarf des Rathes eines Unparteiischen und würde ihn gern mit Gold aufwiegen. Es stellte sich aber weder ein wahrsagendes Zigeunermädchen noch irgend ein Anderer ein, um den sorgenvollen Kaufmann zu ermuthigen, der im festen Vertrauen auf die Unwandelbarkeit des Glückes und in dem sichern Gefühl des Besitzes zu viel gewagt hatte. Als Fürchtegott sein Roß wieder bestieg, kam von der andern Seite her ein Wagen und bog in die Umhegung des Gasthauses ein. Der Wagen hielt und der darin Sitzende stieg aus. Es war der Kaufmann Mirus. Auch dieser hatte den jungen Herrn von Weltenburg bemerkt, grüßte und redete ihn an. Schon so früh auf der Reise? fragte er den Reiter. Herr, ich muß Ihr sagen, wenn Geschäftsleute mit der Sonne zu Pferde steigen oder sich in eine bezahlte Kalesche setzen, haben sie immer gegründete Ursache dazu. Gewiß, Herr Mirus, erwiderte Fürchtegott. Zum bloßen Vergnügen trabe ich nicht in die Welt hinein, und, da Sie selbst ein so ungemein pünktlicher Geschäftsmann sind, darf ich wohl annehmen, daß auch Sie höchstens das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden. Kann sein, daß Sie Recht haben, sagte Mirus, bin aber ganz ruhig, habe die Nacht sanft geschlafen und sehe nicht übernächtig aus. Herr, ich muß Ihr sagen, sobald der Mensch verheirathet ist, will sich alles Nachtschwärmen nicht mehr für ihn schicken. Fürchtegott erröthete, während er lächelnd erwiderte: Diesmal hat der kluge Kaufmann sich doch geirrt. Das Schwärmen bei Tag und Nacht ist dem vielbeschäftigten Ammer junior schon längst vergangen; dafür muß er desto angestrengter arbeiten, und will der Tag nicht zureichen, so muß die Nacht bisweilen aushelfen. Aendern Sie das, junger Herr, versetzte Mirus trocken. Bin auch nicht faul gewesen, habe jederzeit viel zu thun gehabt und dennoch nie des Nachts gearbeitet. Aber ich verstand freilich meine Zeit einzutheilen, und führte Buch auch über Tag und Nacht. Ist zu empfehlen, mein Herr Ammer auf Weltenburg. Wird dabei alt, ohne zusammen zu schrumpfen und den fröhlichen Muth zu verlieren. Fürchtegott wendete sein Pferd. Glückliche Reise! sagte er und sprengte davon. Wünsche ein Gleiches, rief der alte Kaufmann ihm nach, fürchte aber, setzte er leise hinzu, wird lange suchen müssen, ehe er den eiligen Flüchtling bei einem dünnen nachblätternden Bändchen wieder erfassen kann. Fürchtegott ließ jetzt seinen Goldfuchs laufen, so rasch er wollte. Das Zusammentreffen mit diesem kühlen, zähen und fast groben alten Handelsherrn war ihm unheimlich. Er wagte nicht zu fragen, wohin sein Weg ihn führen werde, denn er fürchtete eine Antwort zu hören, die ihn beunruhigen konnte. Trug er doch bereits der Sorgen so viele, daß eine noch größere Anhäufung derselben ihn unfähig zu jedem überlegten Entschlusse gemacht haben würde. Als er die rothen Dächer des Brüderortes über dem schwarzen Tannenwald auftauchen sah, klopfte sein Herz so stark, daß er kurze Zeit rasten mußte. Dann ritt er zögernd in die rein gefegte Straßen hinein. Herr Wimmer ist nicht zu Hause, sagte Martha, als sie den ihr wohlbekannten Herrn auf Weltenburg in die Hausflur treten sah. Nun, dann wird er wohl bald wiederkommen, erwiderte Fürchtegott. Ich werde warten. Wenn der Herr Zeit haben, weßhalb nicht? sagte die Haushälterin. Indeß kann ich nicht bestimmen, wie lange dies dauern dürfte. Wo ist denn Herr Wimmer? fragte Fürchtegott zerstreut. Verreist, Herr Ammer, schon seit mehreren Tagen und ganz weit, fast so weit, daß man's kaum ausdenken kann. Fürchtegott fühlte, daß sein Blut stockte, daß sein Herz ihm still stand. Verreist? wiederholte er. Und du weißt weder wohin, noch wann er zurückkommt? Hat er meine Briefe denn nicht erhalten? Ist dem Herrn Alles nachgeschickt worden, wie er befohlen hat, versetzte Martha. Dann mußt du doch den Ort seines Aufenthaltes wissen? Nein, sagte die Haushälterin. Die Briefe werden in ein Papier gesiegelt und an einen HerrnG., der sie weiter befördert, in die Residenz geschickt. Diese Reise Wimmer's trug nicht zur Verminderung der Sorgen des jungen Ammer bei. Der Herrnhuter machte wohl Ausflüge und zwar ziemlich häufig; diese hatten aber jederzeit einen bestimmten Zweck, und Ziel derselben waren regelmäßig einige in der industriellen Welt bekannte Ortschaften am Fuße des Gebirges. Die Residenz hatte Wimmer seit undenklicher Zeit nicht besucht, und eine noch weitere Reise anzutreten, ohne daß sehr wichtige Gründe dazu drängten, lag gar nicht in dem Charakter des immerhin etwas bequemen Hagestolzen. Als er nach einigen an Martha gerichteten Kreuz- und Querfragen die Ueberzeugung gewann, daß die Haushälterin wirklich nicht unterrichtet sei, beschloß Fürchtegott dem Grafen einen Besuch abzustatten. Graf Alban ist sicherlich eingeweiht auch in die geheimsten Verhältnisse Wimmer's, sprach er, sich selbst beruhigend. Von ihm also werde ich erfahren können, was meinen alten Gönner so plötzlich und ohne daß selbst seine nächsten Geschäftsfreunde nur eine Ahnung davon haben, in die verhaßte große Welt hinaustreibt. Zehn Minuten später zog Fürchtegott die Glocke an der friedlichen Gartenwohnung des Grafen. Der Bediente öffnete und bejahte die Frage unseres Freundes, ob Graf Alban zu Hause sei. Dann melde mich sogleich, sagte er. Ich habe Eile, habe höchst wichtige Angelegenheiten mit dem Herrn Grafen zu besprechen. Bei Nennung von Fürchtegott's Namen kam Graf Alban diesem bis an die Schwelle seines Zimmers entgegen, begrüßte ihn auf das Freundlichste, drückte ihm wiederholt die Hand und versicherte, daß es ihm großes Vergnügen gewähre, nach so langer Zeit ihn wieder einmal bei sich zu sehen. Fürchtegott mußte sogleich eine Menge Fragen, die seinen Eltern, seiner Gattin und andern nächsten Verwandten galten, beantworten, denn Graf Alban nahm an der ganzen Familie Ammer wohlwollenden Antheil und freute sich unverhohlen, wenn er hörte, daß es ihr wohlgehe und daß Unfälle, von denen sie heimgesucht worden war, von der Alles heilenden Zeit, wenn nicht gänzlich in Vergessenheit gerathen, so doch mehr und mehr verschmerzt wurden. Nachdem Fürchtegott den Grafen in dieser Beziehung befriedigt hatte, lenkte er das Gespräch auf die Gemeinde, erkundigte sich nach einigen von ihm bekannten Persönlichkeiten und fragte endlich, scheinbar ganz unbefangen, ob Herr Wimmer vielleicht in Gemeindeangelegenheiten verreist sei? Aus der Antwort des Grafen ging hervor, daß dieser ebensowenig als die Gebrüder Ammer von Wimmer's Reise unterrichtet war. Jetzt vermochte Fürchtegott nicht länger an sich zu halten. Bekümmert sprach er: Das ist ja überaus seltsam. Dem Grafen fiel der trübe Ton Fürchtegott's auf, und als er den jungen Mann jetzt schärfer in's Auge faßte, erschrak er noch mehr über dessen Aussehen. Ist Ihnen unwohl? fragte er besorgt, oder bekümmert Sie wohl gar etwas? Herr Wimmer steht ja in so lebhaftem Briefwechsel mit Ihnen. Fürchtegott sah ein, daß es Thorheit sei, jetzt den Zurückhaltenden spielen zu wollen. Er kannte die wohlwollenden Gesinnungen Graf Alban's; er wußte, daß sein Einfluß, sein Wort, nöthigenfalls seine Fürbitte bei allen Herrnhutern, wo sie auch in der Welt leben mochten, Widerhall und Anklang finden würden. So erschien dem Bedrängten plötzlich seine gefahrvolle Lage in einem weniger trüben Lichte, und ohne lange zu zögern, sprach er mit der ganzen Wärme eines tief bewegten Herzens, die Hand des Grafen krampfhaft zwischen seinen beiden pressend: Herr Graf, edler, uneigennütziger Mann, Sie sehen einen Unglücklichen vor sich! Lieber Freund! fiel Graf Alban ein. Hören Sie mich, Herr Graf, dann urtheilen und rathen Sie mir, wenn Sie können, fuhr Fürchtegott in fliegender Eile fort. Sie kennen das Band, das uns an Herrn Wimmer knüpft; Sie wissen, wie wir auf seine Veranlassung und zum Theil auf Ihren eigenen Rath unsere Handelsverbindungen von Monat zu Monat vergrößerten; wie es uns durch Regsamkeit, Unterstützung Bemittelter und mächtige Empfehlungen, unter denen Ihre eigenen, Herr Graf, stets in erster Reihe genannt werden müssen, gelang, unsern Producten einen bisher nicht gekannten Absatz in der neuen Welt zu verschaffen. Auf ihren eigenen Wunsch, Herr Graf, traten wir mit den Missionären und deren Agenten in Verbindung, um den Handel als Mittel zu einem großen Zweck zu benutzen. Was ich persönlich während meines Aufenthaltes in Surinam in dieser Beziehung gethan, eingeleitet und für die Zukunft gearbeitet habe, davon will ich hier nicht sprechen, um nicht ruhmredig zu erscheinen. Sie, edler Mann, Sie vor Allen billigten meine Schritte; nie vorher, waren Sie so freundlich gegen mich zu äußern, hatten die Sendboten der evangelischen Brüdergemeinde eine so reiche Saat der Liebe unter den Heiden aufsprossen sehen, als seit die Gebrüder Ammer ihre Producte den Wünschen jener Naturmenschen angemessen herzustellen sich bereit erklärten. Wir sind Kaufleute, verehrter Herr Graf, wir mußten also, ohne den heiligen Zweck aus den Augen zu verlieren, doch auch darauf denken, bei unserm mit vielen Sorgen verknüpften Handel zeitlich zu gewinnen. Wir benutzten deßhalb, meistentheils auf den Rath erprobter Freunde Wimmer's, glückliche Chancen und fanden uns Jahre lang in unseren Speculationen und Berechnungen nie getäuscht. So wuchs mit dem Glück unser Muth, mit dem Muthe unsere Speculation. Wir bedurften, in den letzten Jahren zu den außerordentlichen Unternehmungen, die wir durchzuführen gewissermaßen durch die kaufmännische Ehre verpflichtet waren, des Credites und wir beuteten ihn aus im weitesten Sinne des Wortes. Auch hier lauteten Wimmer's Antworten stets beistimmend. Erst seit etwa Jahresfrist ward er zurückhaltender, stiller, was uns Brüdern nicht auffallen konnte. Wir hielten es für die natürliche Folge des Alters. Mit seiner Schweigsamkeit nahm begreiflicherweise auch seine Schreiblust ab, doch ließ er nie einen Geschäftsbrief unbeantwortet. Nur seit etwa sechs Wochen blieben wir ohne alle Antwort. Aus kaufmännischem Vertrauen oder, wenn Sie wollen aus einer Art kindlicher Anhänglichkeit an den Mann, durch dessen alleinige Vermittlung wir uns von einfachen Webern zu Welthandelsherren aufgeschwungen haben, in deren Händen gegenwärtig das Wohl, das Glück und die Zukunft eines sehr großen Theiles der Bewohner dieser Provinz liegt, überließen wir Herrn Wimmer auch später, als wir unsere Firma ganz allein für uns hier und anderwärts besaßen, die Weiterbeförderung unserer transatlantischen Correspondenz. Diese so überaus wichtige Correspondenz fehlt seit Wochen, und jetzt, wo wir es wissen, daß sie eingetroffen sein muß, wo wir unverweilt disponiren müssen, soll nicht Alles aus Rand und Band gehen, jetzt hat Herr Wimmer eine Reise auf unbestimmte Zeit angetreten und Niemand weiß, wohin! Versetzen Sie sich in unsere Lage, Herr Graf, und urtheilen Sie, welche kaum zu ertragenden Sorgen in dieser entsetzlichen Bedrängniß auf uns lasten. Graf Alban hatte dem Erregten theilnehmend und aufmerksam zugehört. Jetzt versetzte er mit der ihm eigenen ruhigen Würde, die ihn nie verließ: Ich begreife vollkommen Ihre Besorgnisse, werther junger Freund, und verhehle Ihnen auch nicht, daß mir das ganz unerklärliche Verfahren meines alten Freundes, Herrn Wimmer's, sonderbare Bedenken erregt. Was aber auch geschehen sein mag, es wird sich ja bald aufklären und Alles wieder ordnen lassen. Das Wichtigste im Augenblicke ist, daß man Ihnen hilft. Kennt Ihr Herr Vater die bedrängte Lage, in der Sie sich befinden? Er ahnt sie nicht, darf sie nicht ahnen! Ich begreife. Haben Sie sich sonst Jemand entdeckt oder vielleicht durch die Unruhe, die Sie beherrscht, verrathen? Weder mündlich noch schriftlich. Außer meinem Bruder lebt selbst mein eigener Schwager in gänzlicher Unkenntniß. Sie bedürfen Deckung? fragte Graf Alban. Auf Fürchtegott's Antlitz trat die Röthe der Scham und halb und halb des Zornes, als er stumm bejahte. Seien Sie ruhig, sie soll Ihnen werden, sagte der Graf. Wie lange haben Sie noch Zeit? Nur wenige Wochen. Das genügt. Ich selbst bin freilich nicht reich genug, um die Wechsel eines Hauses von der Bedeutung der Gebrüder Ammer auch nur zum sechsten Theile einlösen zu können, aber ich habe Freunde und Verbindungen unter den Brüdergemeinden, denen schon Schwereres möglich geworden ist. Es wäre mehr als undankbar, wollte die Gemeinde den Mann einem blinden Zufall überlassen, der mehr als die begabtesten, gotteifrigsten Prediger-Missionäre durch seine Handelsthätigkeit das Werk des Evangeliums gefördert hat und somit gleichsam selbst ein nicht unwürdiger Jünger unseres Heilandes geworden ist. Fassen Sie Muth, mein Freund! Schon zweimal gingen Sie, nicht bloß getröstet, sondern beglückt aus diesem Zimmer, Sie sollen es zum dritten Male nicht als ein Hoffnungsloser verlassen. Die Brüder werden Ihnen helfen. Nur haben Sie Acht, daß Ihre Verlegenheit nicht bemerkt wird. Es ist weltklug und doch nicht unerlaubt, sich stark zu stellen, wenn man bereits schwach ist. Es wäre vielleicht ganz zweckmäßig, fänden Sie eine schickliche Gelegenheit, Ihre so schwere Bedrängniß durch ein Fest zu verdecken, welches die Menschen beschäftigt, das ihnen zu sprechen gibt. Ach, des Vaters Geburtstag! sagte aufathmend der zu neuem Leben erwachende Fürchtegott. Recht, recht, sprach der Graf. Feiern Sie des Vaters Geburtstag. Veranstalten Sie ein Fest, von dem die halbe Provinz spricht. Ich werde nicht dabei fehlen. Und es soll ein Geburtstag sein, der Ihnen die Pforten eines neuen, schöneren, ruhigeren Lebens öffnet! Binnen wenigen Tagen werden Sie von mir hören. Wenn auch nicht völlig beruhigt, so doch bedeutend erleichtert, verabschiedete sich Fürchtegott von dem wohlwollenden, menschenfreundlichen und zu helfen stets bereiten Grafen. Es war ihm jetzt fast lieb, den alten Wimmer nicht getroffen zu haben, obwohl ihm dessen hartnäckiges Schweigen, mehr noch die in geheimnißvoller Stille angetretene Reise viel zu denken gab. Allein, wie er sich auch abmühte, den Anlaß zu entdecken, welcher dem Herrnhuter zu seinem auffallenden Verfahren Grund gegeben haben möge, sein Sinnen und Denken blieb in dieser Hinsicht völlig resultatlos. Sechstes Kapitel. Das Briefpaquet. Körperlich und geistig erschöpft, traf Fürchtegott erst spät wieder in Weltenburg ein. Außer dem dämmernden Lichtschimmer in Erdmuthe's Wohnung lag der weitläufige Schloßbau dunkel und schweigend vor ihm. Kaum jedoch näherte sich der späte Reiter der Pforte, so bewegte sich diese geräuschlos in ihren Angeln, und ein todtenbleiches Gesicht sah zu ihm empor. Christlieb? fragte Fürchtegott, rasch aus dem Sattel springend. Du lebst in Sorgen. Du bist es, versetzte der Bruder beklommen. Du kommst so spät, und ich vergehe vor Angst! Hast du ihn gesprochen? Nein, sagte Fürchtegott fest und zuversichtlich, um den Geängsteten zu ermuthigen, aber das thut nichts. Es ist so vielleicht noch besser. Das thut nichts, sprichst du, und unsere Noth vergrößert sich mit dem Ablauf jeder Secunde! Wir haben Besuch gehabt und es sind Briefe angekommen ein großes Paquet nur für dich! Seit sechs Stunden liegt es schon vor mir und unter meinen Füßen fühl' ich ein Erdbeben, so oft meine Blicke es berühren! Briefe! wiederholte Fürchtegott. Von Wimmer? Nein, von unserm Correspondenten und Agenten in Hamburg. Ach, von Beinheim! Der Mann ist ja ungeheuer praktisch, fügte er scherzend hinzu. Gib Acht, er meldet uns Gutes. Es werden Anweisungen eingegangen sein. Gott gebe! sagte Christlieb, noch immer niedergeschlagen. Aber der Besuch beunruhigt mich sehr. Kaufmann Mirus? sagte Fürchtegott, und sein Herz begann stärker zu klopfen. Hast du ihn gesprochen? Er war beim Vater, erwiderte Christlieb, ganz allein – wohl vier Stunden lang. Niemand weiß, was die Beiden mit einander verhandelt haben. Als er endlich fortging, ließ der Vater Erdmuthe rufen und sich aus dem alten Gesangbuche das Lied: »Wer nur den lieben Gott läßt walten« vorlesen. Dabei weinte er ganz laut, er schluchzte beinahe ich konnt' es auf dem Corridor hören denn die Angst ließ mir keine Ruhe. Erdmuthe fragte, was ihm fehle. Da sagte er: Nichts, meine kleine Heilige. Ich fühlte nur so ein Drücken auf dem Herzen; du hast's fortgeweht mit deinen Engelslippen nun bin ich wieder leicht. Hierauf schickte er deine Frau wieder fort und Mutter mußte bei ihm bleiben. Mich aber mich, setzte Christlieb erschüttert hinzu, mich, lieber Bruder, wollte der Vater nicht sehen. Er könnte blind werden, ließ er mir sagen, wenn er in meine Augen blicke! Mirus hat uns verklagt, murrte Fürchtegott ingrimmig. Ich dachte mir's wohl, konnt' es aber nicht hindern. Nun, ich hoffe, er verrechnet sich, wie mancher Andere! Komm, Bruder, und sei ein Mann! Foppen dich die Nerven, so trinke Wein. Wir müssen den Kopf oben behalten. Wimmer ist fort verreist wohin? darüber wird der Teufel oder Beelzebub oder sonst einer seiner Brüder wohl die beste Auskunft geben können. Aber ich lasse mir von einem Pferdefuß nicht auf die Zehen treten. Ich war bei Graf Alban, habe mich entdeckt und die feierliche Zusage von ihm erhalten, daß er im Fall der Noth mit seinen und seiner zahlreichen Freunde Mitteln für uns eintritt. Gott sei gelobt! rief Christlieb. Wenn der Graf Wort hält, dann sind wir außer Gefahr. Er wird und muß es, sagte Fürchtegott zuversichtlich. Und nun gib mir die Briefe. Wo hast du sie? Oben im Thurmzimmer. Ich weiß nicht, wie es kam, aber ich hielt sie im Comptoir nicht für sicher. Deßhalb nahm ich sie mit mir, als ich dasselbe nach dem Weggang aller Uebrigen verließ. Ich bin erschöpft, Bruder, erschöpft bis zur Ohnmacht. Hole Wein und etwas Brod, aber nur trockenes Brod, nichts weiter. Benachrichtige auch nicht Erdmuthe, daß ich wieder hier bin. Ich kann sie jetzt doch nicht sprechen, ihr Anblick machte mich vielleicht gar unschlüssig, falls Beinheim's Nachrichten nicht erfreulichster Art sein sollten. Während Christlieb dem Bruder die begehrten Erquickungen holte, löste Fürchtegott voll banger Erwartung die Siegel des vor ihm liegenden Briefpaquets. Eine Menge Briefe, alle von transatlantischen Correspondenten, fielen ihm entgegen. Auch von Beinheim fand sich ein Schreiben vor, das Fürchtegott zuerst entfaltete. Der alte Handelsherr schrieb: »Mein Werthester, Habe von Anfang an wenig Freude an der Neuerung gefunden, die Sie zu treffen für gut hielten. Herr Vanderholst mag recht calculiren in seiner Weise, mich kümmert das aber nicht. Er ist ein Holländer, hat anderes Blut als Unsereiner, und überdies sitzt er drüben in der neuen Welt, wir in der alten. Blieb deßhalb lieber bei den Tuchlappen, denn ich bin gern immer ungeheuer praktisch. Jetzt, mein werther Herr und Freund, haben Sie gehandelt, wenn Sie nicht verschlucken können, was drüben die Yankee's Ihnen eintränken. Bitter schmeckt's, aber nur hinunter damit! Ich bin ungeheuer praktisch. Und haben Sie's jetzt satt mit dem halbschierigen Krame, so treten Sie als Compagnon in mein Geschäft. Es ist weniger glatt von Außen, aber sicher, Freund, sicher! Und Sicherheit ist immer ungeheuer praktisch. Bitte um baldigen Bescheid. Der ich hochachtungsvoll verharre ergebenst Beinheim.«         Ohne eine Miene zu verziehen, erbrach jetzt Fürchtegott einen Brief nach dem andern, las ihn aufmerksam durch und legte ihn offen vor sich hin. Er gab keinen Laut von sich, aber er ward immer blässer, die Hände begannen zu zittern, kalter Schweiß rieselte auf die ausgebreiteten Papiere herab. So traf ihn der zurückkommende Bruder. Christlieb, in dem Glauben, der starke Ritt und die geistige Aufregung hätten den Bruder in diesen Zustand körperlicher Schwäche versetzt, reichte ihm unverweilt Brod und Wein. Nimm, sprach er, es wird dich stärken. Fürchtegott trank das gereichte Glas auf einen Zug aus. Mehr! sagte er mit lallender Zunge, noch immer Briefe öffnend, lesend und sie zu den übrigen legend. So trank er rasch hintereinander vier Gläser. Er hatte die Lectüre beendigt. So, sprach er aufstehend und seinen Bruder auf den verlassenen Sessel niederdrückend. Jetzt lies du, und ich will Mundschenk sein. Unsere Firma heißt »Gebrüder Ammer«, wir müssen deßhalb aus brüderlicher Liebe Alles, was wir unter dieser Firma verdienen, gleich unter uns vertheilen. Du kannst dir übrigens das Geschäft bequem machen, indem du nur einen einzigen Brief zu lesen brauchst, denn sie lauten alle vollkommen gleich, als hätte man sie nach einer Schablone abgefaßt. Christlieb folgte der Aufforderung seines Bruders, allein weniger stark von Charakter als Fürchtegott, verließ ihn schon nach Durchlesung des ersten Schreibens die Kraft zur Einsicht der übrigen. Er schlug beide Hände über sein Gesicht, beugte sich nieder und legte so den Kopf auf die mit dem Angstschweiß seines Bruders getränkten Papiere. Fürchtegott hörte ihn röcheln, wie einen Sterbenden. Er schenkte das leere Glas voll. Nimm! sprach er. Der Wein erfreut des Menschen Herz, behaupten die Altmeister einer feinen Küche. Wir wollen's probiren. Noch sind wir nicht verloren. Graf Alban hat mir Hilfe zugesichert, er muß sein Versprechen halten, schon der Gemeinden wegen, in deren Interesse wir gehandelt. Mögen sie's wissen, daß sie getäuscht worden sind, mögen sie die Zahlung verweigern, mögen sie processiren; die Firma steht fest, so lange Herrnhut für uns bürgt. Es lebe Graf Alban und seine Freunde diesseits und jenseits des Oceans! Dies Glas weihe ich der Zukunft, an deren Pforte er als Schließer steht. Er leerte es zur Hälfte, dann rüttelte er den immer noch stöhnenden Bruder, bis dieser sich ermannte und den Rest des Weines wie ein Träumender schlürfte. Ohne zu sprechen sank er wieder zurück in seine vorige Stellung. Die heisere Schelle von Weltenburg schlug die zweite Morgenstunde und noch immer saßen die Brüder in dem kleinen Thurmgemache neben einander. Fürchtegott's Vorstellungen, verbunden mit den belebenden Geistern des Weines, hatten Christlieb schon längst aus seiner Betäubung oder fernem apathischen Hinbrüten wieder zu vollem Leben erweckt. Ihre gegenseitigen Mittheilungen erleichterten wenigstens vorübergehend die Last des Schmerzes, der sie beinahe erlegen wären. Vor Allem hielt sie die Hoffnung der gräflichen Zusage aufrecht. Einig mit sich, nur der unabwendbaren Nothwendigkeit zu weichen, beriethen sie den Plan ihres ferneren Handelns in den nächsten Wochen. Uns steht Niemand im Wege als Mirus und Wimmer, sagte Fürchtegott, Beide müssen deßhalb unschädlich gemacht werden, vorausgesetzt, was leider für uns noch ein zu ermittelndes Geheimniß ist, daß sie uns schaden wollen oder können. Mirus mag in seiner Weise ein braver Mann sein, der es ganz ehrlich meint, namentlich mit dem Vater, dennoch kreuzt er mit seinen peniblen Begriffen von Solidität und ehrlichem Handel unsere Pläne dergestalt, daß er uns noch viel gefährlicher werden kann als ein offen operirender Feind. Dennoch möchte ich auf möglichste Schonung gerade dieses Mannes dringen, bemerkte Christlieb. Ich vermag nicht zu beweisen, daß er sich freundschaftlich gegen uns gezeigt habe, eher ließen sich Beispiele für das Gegentheil anführen, aber ich weiß, daß er den Vater liebt und Wimmer haßt. Von dem Herrnhuter später, sprach Fürchtegott. Er kommt nicht in Betracht, so lange Graf Alban auf unserer Seite steht, und außerdem, wer kann wissen, ob er nicht gerade diese Reise vor Jedermann so geheim gehalten hat, um uns zu nützen? Es liegt etwas in dem einsamen Charakter dieses ungewöhnlichen Menschen, das mich vermuthen läßt, er könne in aller Stille für uns handeln, und wenn Alles durch seine kluge Vermittelung geschlichtet und wieder geordnet ist, lächelnd vor uns hintreten und sagen: Da, liebe Brüder, mache ich euch ein christliches Geschenk, ein andermal verfahrt aber klüger. Dagegen fürchte ich Mirus. Er hat mich durchschaut, schon seit Jahren, und den Vater gegen uns erbittert. In welchem Lichte müssen wir ihm erscheinen! sagte Christlieb. Was sollen wir zu unserer Entschuldigung anführen? Ueberlasse das dem Zufall und einer glücklichen Eingebung des Augenblickes. Seine Anklage wird uns der beste Fingerzeig sein. Du schwankst, du bist eingeschüchtert, du kannst auch nicht dreist auftreten, wenn es die Noth erheischt. Tritt also mir die Erörterung dieses ärgerlichen Punktes ab. Wie steht die Bilanz? Gut, es fehlt nur an baaren Mitteln. So laß uns hoffen. Die Arbeiter ahnen doch nichts? Christlieb sagte achselzuckend: Manchmal besorge ich, daß sie etwas Ungewöhnliches erwarten, und dann scheint es mir wieder zweifelhaft. Wüßte ich, wie man sie mit einer geschickten Täuschung gänzlich verblenden könnte, so würde wenigstens keine Stockung eintreten. Für diese Täuschung hat der richtige Tact des gewandten, die Welt kennenden Grafen den besten Ausweg gefunden. Wir müssen demnächst mit ganz enormem Glanz auftreten, dürfen in keiner Weise karg oder kleinlich erscheinen und vor Allem nicht säumig im Zahlen sein. Ich werde die nöthigen Summen auftreiben, um diese Karte unseres Glücksspieles reich mit Gold zu besetzen. Ein Fest, wie es Weltenburg, wie es die ganze Provinz noch nie gesehen, soll arrangirt werden und zwar zu Ehren des Mannes, dem wir den Besitz dieses Schlosses verdanken. Des Vaters siebzigjähriger Geburtstag soll die reich decorirten Schloßhallen von Weltenburg mit der glänzendsten Gesellschaft des Landes erfüllt sehen. Vergißt du des Vaters Abneigung gegen alle rauschenden Feste und seine Hinfälligkeit? Ich vergesse nichts, Bruder. Der Vater wird uns nicht hindern, er wird unser Verfahren sogar billigen, sobald die Einflüsterungen des alten Mirus durch mich entkräftet worden sind. Und wie lange, glaubst du, kann man ihn über unsere wahre Lage täuschen? Für immer, d. h. bis an seinen Tod. Graf Alban's gegebenes Wort ist mir ein ganzes Vermögen werth. Christlieb schien ruhiger zu werden. Was fangen wir mit diesen Briefen an? fragte er, einen scheuen Blick auf die unordentlich durch einander geworfenen Schreiben werfend. Man muß den Unseligen doch antworten. Morgen! sagte Fürchtegott. Einige Stunden Ruhe werden uns helle Gedanken in das fieberheiße Gehirn träufeln. Laß sehen, wie glücklich wir im Erfinden sind. Wer weiß, ob unser Schöpfer uns nicht aus demselben Holz geschnitzt hat, aus dem man sagt, daß man Poeten mache! Fürchtegott erschien in seiner Aufregung fast heiter, und Christlieb, der sich eben so leicht von Umständen wie von Menschen leiten ließ, ward dadurch oberflächlich beruhigt. Die Lage der Brüder war in der That eine verzweifelte. Sämmtliche Abnehmer ihrer Waaren sowohl in den vereinigten Staaten, wie in dem Süden Amerika's und auf den Antillen hatten sich geweigert, die letzte Sendung anzunehmen, weil Alle gleichzeitig die Entdeckung machten, daß sie statt der gewünschten reinen Leinwand eine Mischung aus Linnen und Baumwollen empfangen hatten. Wie sie zu dieser Entdeckung gekommen, war noch unermittelt. Sie drohten nun mit öffentlicher Bekanntmachung dieser Fälschung, im Fall die Firma »Gebrüder Ammer« sich weigern sollte, gegen Tragung aller Kosten die unächten Waaren wieder anzunehmen und dagegen ächte für einen billigeren Preis zu senden. Ging die Firma auf diese Bedingungen ein, so wollte man aus Rücksichten der Billigkeit und Humanität schweigen, von einer Zahlung aber könne vor genügender Regulirung dieser Angelegenheit unter allen Umständen nicht die Rede sein. Nur zwei Häuser in Boston und Philadelphia machten eine Ausnahme. Sie allein waren stets reell bedient worden. Die von beiden eingehenden Zahlungen ermöglichten vorerst den Brüdern, das grenzenlose Unglück, das sie betroffen, den Augen der Welt zu verbergen. Siebentes Kapitel. Ammer und seine Söhne. Schlummerlos wie die Brüder verbrachte auch der alte Ammer diese Nacht. Sein scharfes Ohr vernahm den Hufschlag des spät heimkehrenden Sohnes; er hörte die Tritte der Brüder auf der knarrenden Wendeltreppe, welche in die oberste Etage des Thurmes führte. Während die Söhne ihr Gehirn anstrengten, um Rettungspläne zu ersinnen, überdachte der Vater sein Leben, es prüfend Jahr nach Jahr vor seinem Geiste aufrollend. Er war nicht selbstsüchtig und anmaßend genug, um seine Vergangenheit tadellos, fehlerfrei zu finden, ach nein! Auch er hatte geirrt, gefehlt, bisweilen wissentlich, öfter in dem unklaren Drange, das Gute zu wollen, ohne es doch erreichen zu können. Was Andere entschuldbar gefunden hätten, das machte sich der alte Mann schon zum Verbrechen. So erhob er im Gedanken selbst eine Anklage gegen sich, die jetzt schwer auf dem Vielgeprüften lastete. Mit seinen Söhnen mußte er sprechen, denn die Ehre seines Namens war für immer verloren, wenn die Eröffnungen seines alten Freundes Mirus nicht auf bloßen kaufmännischen Voraussetzungen beruhten. Was er aber den beiden jungen Männern sagen sollte, darüber konnte er mit sich selbst nicht einig werden. So verging die Nacht. Erst gegen Morgen schlief der Greis einige Stunden, aber dieser Schlaf erquickte ihn nicht, denn schreckhafte Träume gaukelten um seine Seele. Die Brüder gaben sich ihren gewohnten Arbeiten hin. Niemand erfuhr, in welche Lage sie gedrängt waren, was Alles in der nächsten Zukunft geschehen konnte, wenn Graf Alban entweder sein Versprechen zu halten nicht vermochte oder sonst Umstände eintraten, die dies unmöglich machten. Gegen Mittag ließ endlich der alte Vater beide Söhne zu sich entbieten. Sie folgten dieser Einladung unverweilt. Unterwegs vom Comptoir in die Wohnung des Vaters sprach Keiner ein Wort, nur ihre Blicke begegneten sich einige Male bedeutungsvoll, und gaben sich schweigend zu erkennen, daß sie einander verstanden. Ammer war allein in seinem Zimmer. Er saß in seinem Rollstuhle neben dem Tische, der mit weißer Damastserviette überdeckt war. Vor ihm lag das Buch Hiob aufgeschlagen, in dem er wohl gelesen haben mochte. Beim Eintritt seiner Söhne wendete er den Kopf ein wenig und machte mit der kräftigen linken Hand eine gebietende Bewegung. Tretet mir gegenüber, sprach er, und laßt mich euch einmal in die Augen sehen. Ich habe immer gehört, daß jeder ehrliche Mann den Blick eines Gerechten aushalte und sei er auch scharf wie ein zweischneidig geschliffener Dolch, oder so blendend, wie das Feuer, welches der Herr im Wetter auf die Erde herabschleudert. Dahingegen erinnere ich mich, gelesen zu haben, daß sündhafte Menschen und schwer beladene Gewissen keinem Ehrenmanne grade in's Auge schauen sollen. Die Brüder hatten bereits dem ernst blickenden und in strengem Tone sprechenden Vater gegenüber Platz genommen, nicht aber mit der Miene Schuldiger oder Bittender, sondern mit jener Nonchalance, die anzeigen sollte, daß sie zwar aus Achtung vor dem alten Manne seine Einfälle anhören wollten, daß sie dies aber durchaus nicht als eine ihnen obliegende Pflicht betrachten möchten. Du sprichst seltsam, Vater, erwiderte Fürchtegott. Ich will nicht hoffen, daß du uns für Diebe hältst. Ich spreche seltsam und ihr handelt seltsam, gab Ammer zur Antwort, und ich habe, denk' ich, ein Recht so zu sprechen, weil es mein fester Vorsatz ist, nicht zu gestatten, daß ein Makel auf meinen reinen Namen sich festsetze, welcher losen Buben Anlaß geben könnte, mit Fingern auf mich zu deuten. Seht, diese meine Haare sind grau und endlich weiß geworden mit Ehren. Ich will nicht in die Grube fahren, bis daß jedes einzelne ausgefallen ist, wenn meine Kinder mich um die Reputation bringen, die mir höher stand, als äußerlicher Glanz und eitel hohle Pracht! Vater, vermiß dich nicht! sagte Christlieb mit bittender Stimme. Ammer beugte sich hastig vorn über und indem er heftig und wiederholt mit seinem Krückenstocke auf den Tisch schlug, rief er den Söhnen stirnrunzelnd und mit heiß aufflammenden Augen zu: Habt ihr Waaren verfälscht, he? Habt ihr baumwollene Lappen in die Welt geschickt und drauf geschrieben, es sei altes, gutes, haltbares Linnen? Habt ihr das gethan, ihr Herren auf Weltenburg? Der Krückenstock des erzürnten Webers schlug nochmals dröhnend auf den Tisch und im Zucken der Aufregung raffte er das aufgeschlagene Bibelbuch damit herab. Hat man uns dessen bezichtigt? fragte Fürchtegott, eine bequeme nachlässige Stellung einnehmend. Denkt ihr, ich alter Mann führe mit meiner lahmen Hand in die blaue Luft hinein und griff nach dem, was da herumfliegt, um es zusammen zu ballen, mir vor die Füße zu werfen und aus purem Eigensinn oder Langeweile mir einen Stein des Anstoßes daraus zu formen? Ich bin kein Thor, der sich selbst mit spitzer Hacke auf's Herz schlägt, um sich zu martern, denn ich fühlte niemalen die Stimmung und Lust in mir, zu den Märtyrern und Heiligen gezählt zu werden. Wenn aber die erprobte Redlichkeit zu mir tritt, mir auf die Schulter klopft und sagt: Ammer, reiß die Augen auf und sieh um dich, es zerrt eine leichtfertige Hand an dem Gewande deiner bürgerlichen Ehre herum und hat schon ein Loch hineingerissen: da fahr' ich auf und greife nach der frevlen Hand; und kann ich sie packen, und mein Schöpfer stärkt mir noch einmal die alten Sehnen und Muskeln, so brech' und zermalm' ich solche Hand, ohne danach zu fragen, von wessen Körper sie ein Theil ist! Redet, ihr Herren aus der neumodischen Zeit, habt ihr dem Kaufmann Mirus jederzeit reines Leinenfabrikat, gestempelt mit meinem Stempel, geliefert? Ammer's Auge lag wie ein versengender Sonnenstrahl auf den Mienen seiner Söhne. Dennoch ertrugen sie den Blick des Forschenden. Fürchtegott versetzte kalt: Ist uns niemals eingefallen, Vater. Wenn Herr Mirus baumwollene Zeuge von uns begehrte, hat er sie eben so gut erhalten, wie jeder Andere. Ist es etwa verboten, mit baumwollenen Artikeln Handel zu treiben? Es ist nichts verboten, als der Betrug, der schlau vorbereitete und durchgeführte Betrug! rief Ammer, ergrimmt über den eiskalten Ton des Sohnes, den er für schuldig hielt. Mirus hat niemals Baumwolle statt Leinwand von euch gefordert, und dennoch habt ihr zu so unerhörtem Frevel euch aus elender, gemeiner Gewinnsucht verleiten lassen! Fürchtegott lächelte mitleidig. Wenn du nicht schon so heftig erbittert gegen uns wärest, fiel er ein, so könnte ich dir dies Räthsel, das Mirus freilich nicht begreifen wollte, mit wenigen Worten lösen. Bin sehr begierig auf diese Lösung, bitte aber zu bedenken, daß mit neumodischen Flausen meinem alten ehrlichen Webergewissen keine Narrenkappe aufzusetzen ist. Löse es, wenn du kannst. Ach, ich sehe ein, sprach Fürchtegott seufzend, du bist voreingenommen gegen uns; es wird mir demnach nichts helfen, wenn ich dir auch die ganze Wahrheit sage. Sage sie! Die Wahrheit schändet Niemand; sie kann selbst begangenes Unrecht zuweilen wieder gut, ob auch nicht ungeschehen machen. Herr Mirus, sagte Fürchtegott leichthin, indem er ein prächtiges ostindisches Taschentuch entfaltete und damit den Staub von seinen sehr elegant gearbeiteten Glanzstiefeln wischte, Herr Mirus erhielt durch einen bloßen Zufall, durch eine Verwechselung jene Kiste, von der hier ganz allein die Rede sein kann. Wir vermißten sie später und konnten uns ihr Verschwinden durchaus nicht erklären. Trotz allen Suchens fand sie sich aber nicht wieder. Erst lange nachher brachten wir in Erfahrung, daß der peinliche, alte Herr sie erhalten hatte, was uns sehr ärgerlich war. Es hätte dem erfahrenen Kaufmanne, der so gern von seiner Redlichkeit spricht, wohl angestanden, uns Meldung zu machen, als er die Kiste entdeckte, denn von uns konnte man doch schwerlich verlangen, daß wir an alle unsere Kunden dieser Bagatelle wegen durch die halbe Welt ein Circulär laufen ließen, um zu ermitteln, wo sie geblieben, an wen sie zufällig gekommen war. Herr Mirus schwieg aber, schwieg lange und sprach erst, als uns durch sein beharrliches Schweigen der Verdacht des Betruges treffen mußte. Der Inhalt der Kiste ward durch einen Dritten verkauft, bemerkte Ammer. Nicht Mirus entdeckte, daß er statt Linnen nur Halbleinen erhalten, sondern der, welcher die Kiste kaufte. Mag sein, fiel Fürchtegott ein, indeß kann uns dies gar nicht zur Last fallen. Nie früher und auch nie später ist dieser Fall wieder vorgekommen. Hätte Mirus, als er von seinem Abnehmer die ärgerliche Kunde erhielt, unverweilt uns Anzeige davon gemacht, so würden wir gewiß nicht säumig gewesen sein, den Fehler einer Verwechselung in genügender Weise wieder zu verbessern. Gut, ich will dir glauben, sagte etwas ruhiger der alte Ammer, dennoch ist es Thatsache, daß ihr mit gemischter Leinwand handelt und dadurch euern Ruf untergrabt, vielleicht schon untergraben habt. Könnt ihr das leugnen, und habt ihr nicht immer mir in's Gesicht behauptet, ihr triebt das Geschäft unverwandelt, wie ich es getrieben, es euch gelehrt habe, nur daß ihr es zehnfach erweitert hattet? Warum sollten wir dies leugnen, Vater? So habt ihr mich betrogen, ihr – Lotterbuben! Fürchtegott zuckte zusammen, alle Farbe entwich aus seinen Wangen, er sah den ergrimmten Vater an wie ein Geist. Ich glaubte in meiner schlichten Weise Christen erzogen zu haben, und nun sitzen zwei Lügner vor mir in feinen Kleidern, fuhr der Alte fort. Wollte, ihr müßtet den linnenen Kittel wieder anziehen und ich könnte euch meine reine Hand reichen zum Gruße als Ehrenmänner. Jetzt that es Noth, ich verbänd' mir die Augen, damit ich euch nicht sähe und der Gram ob eurer Unredlichkeit mir nicht das Herz abfresse. Fürchtegott sprang auf und stellte sich dem Vater gegenüber. Die Arme zusammenschlingend versetzte er: Es hat Alles seine Grenzen, Vater, auch die Rechte der Eltern über die Kinder. Was du an uns gethan, wir danken dir's, seit wir jedoch Männer geworden sind, haben wir verlernt, auf bloße Winke zu gehorchen, und seit wir als Männer selbst denken und prüfen, wollen wir den schulmeisterlichen Ton eines grillenhaften Vaters eben so wenig hören, als die Ruthe küssen, die uns schlägt. Es könnte sich ereignen, Vater, daß die zu Männern herangereiften Söhne in solchem Ausnahmsfalle die Ruthe zerbrechen oder sich wie Männer wehrten. Die Beleidigung unter sechs Augen wollen wir verzeihen, für Beleidigungen, von denen die Welt unterrichtet wird, gibt es den Schutz der Gesetze. Und es wäre wohl nicht das erste Mal, daß ein Advocat den Söhnen gegen den Vater diente. Hast du noch mehr auf dem Herzen, so schleudre es von dir. Ich meinestheils habe Lust, dieser artigen Unterhaltung noch eine Viertelstunde meiner Zeit zu opfern, für eine längere Dauer würde ich jedoch danken müssen. Ammer hatte sich während dieser Worte mit Hülfe seines Krückenstockes langsam aus dem Stuhle erhoben, die Mütze war dabei seinem Haupte entfallen und das volle silberne Lockenhaar rollte in glänzenden Ringeln um das stolze Gesicht des ehrwürdigen Greises. Er sah den Sohn mit wunderbaren Augen an, sich fest auf den Krückenstock lehnend. Fürchtegott, Fürchtegott! sagte er jetzt mit einer Stimme, die wie der Ruf eines warnenden Gottes klang, du versündigst dich schwer, aber ich will dich nicht strafen. Die Schuld, die du leugnest, steht mit flammender Schrift geschrieben auf deiner Stirne! Du hast mich belogen und du belügst mich jetzt wieder. Lüge bleibt Lüge, mag man sie beschönigen, wie man will! Du drohst mir, deinem alten, rechtlichen Vater, mit dem weltlichen Gerichte. Nun immerhin! Geh', du Entarteter, von den Dämonen des Reichthums Besessener, geh' und hetze deine Advocaten gegen mich, ich werf' sie zu Boden mit sammt ihren Gesetzen durch einen Blick meines Auges. Fürchtegott, Fürchtegott, du wandelst die Wege des Verderbens, des weltlichen wie des ewigen! Kehre um! Wasche den Lotterbuben ab, den der Vater dir als Kennzeichen in's Herz gedrückt, und wenn du ein anderer, ein besserer Mensch geworden bist, dann komm' wieder! Zitternd sank der alte Mann zurück in seinen Stuhl. Die bebenden Füße berührten die Bibel. Er wollte sich bücken um sie aufzuheben. Christlieb kam dem Vater zuvor. Ammer's Auge haftete auf dem Blicke seines ältesten Sohnes. Er nahm ihm die Bibel aus der Hand. Da, sprach er, Christlieb unverwandt ansehend, das ist die Schrift, von der die Christenheit glaubt, es stände der Wille Gottes drin, den er kundgegeben dem sündhaften Geschlecht der Menschen. Ich alter Mann hab's auch geglaubt und glaub's noch. Wenn ihr neumodischen Herren mit dem weiten Gewissen gleicher Meinung seid und nicht Alles verlacht, was in dem alten Bibelbuche steht, so legt jetzt drei Finger eurer Rechten darauf, hier oben auf das Kreuz, darüber das Auge Gottes gemalt ist, und schwört, daß ihr mich nicht belogen, sondern jederzeit ehrlichen Handel getrieben habt, wie ich, mit allerlei Volk, diesseits und jenseits der großen Wasser. Schwört, so wahr euch Gott helfe und sein heiliges Evangelium! Zweimal schon hatte es geklopft, allein weder Ammer, der Vater, noch seine Söhne hörten den Störer in der gewaltigen Aufregung, die sich Aller bemeistert hatte. Der alte Weber wiederholte nochmals mit gebieterischer Stimme sein: Schwört! den Söhnen die Bibel hinhaltend. Schon trat Fürchtegott vor und streckte seine Rechte aus, obwohl erdfahle Bläße sein Gesicht überzog, nur Christlieb wich zaudernd zurück. Da ward geräuschvoll die Thüre geöffnet und eine Stimme, die sofort die verhängnißvolle Situation veränderte, rief in das Zimmer hinein: Richtig! Tres faciunt collegium! Darum geht es auch so überaus laut zu. Der Herr Vater hält den Herren Söhnen, wie es scheint, eine Vorlesung. Bitte um Entschuldigung, wenn ich störe; kann aber nicht helfen. Durch einen von allen Seiten sanctionirten, Staats- oder vielmehr Familienvertrag derer von Weltenburg und des Herrn Ammer, beigenannt »im Rohr«, ist mir die Verpflichtung auferlegt worden, für das Wohl sämmtlicher Mitglieder der Ammer bestens, d.h. nach Befragung und Begutachtung meines rite examinirten und promovirten ärztlichen Gewissens Sorge zu tragen. In Folge dieses gegen- und allseitig genehmigten Familien- oder Burgvertrages bin ich genöthigt, die gegenwärtig gepflogene, allzu lebhafte, ja, dem Anscheine nach sogar leidenschaftliche Unterhaltung eines Vaters mit seinen Söhnen zu unterbrechen. Dem Alter ist es noch weniger gut als der Jugend, daß es sich ereifert. Ich decretire deßhalb, als wohlbestallter Leibarzt aller Bewohner Weltenburg's, ganz besonders aber des Herrn Ammer senior, der die seltsame Grille besitzt, zu allen Tages- und Nachtzeiten sich für dreißig Jahre jünger zu halten als sein Taufschein, dies aufregende, die Gehirnnerven angreifende und den Herzschlag in bedenklicher Weise beschleunigende Gespräch sofort abzubrechen. Gleichzeitig befehle ich den geehrten Herren auf und zu Weltenburg, bekannt in Alt- und Neu-England, nicht minder im Feuer- und Kaffernlande als »Gebrüder Ammer«, sich in ihre fürstlichen Apartements zu begeben, sintemal ein alter, leicht reizbarer Weber, der nicht aller seiner Gliedmaßen Meister mehr ist, solchen sinnlosen Spectakel ohne Nachtheil für seine Gesundheit gar nicht vertragen kann. Die Herren werden von mir, wegen Mangel an Schlaf, ein Opiat erhalten, und dem alten, ehrwürdigen Herrn Ammer wird Brause-Limonade die trefflichsten Dienste thun. Sie sind entlassen, meine Herren, der Arzt befiehlt, wo der Wille anderer Gestrenger nicht mehr ausreicht. Wer mich übrigens, seines Zustandes wegen, allein zu sprechen wünscht, der weiß mich jederzeit zu finden. Diese mit schalkhafter Miene und in scheinbar heiterster Stimmung gehaltene Rede entfloß dem Munde Walter's, dessen unbemerktes, aber scharfes Beobachten längst schon einen Sturm zwischen Vater und Söhnen vermuthen ließ. Er kleidete mit Absicht seinen Vortrag in ein schalkhaftes Gewand, um eine Handlung zu verhindern, deren Folgen unabsehbar sein mußten. Seine List gelang, Ammer legte, während Walter sprach, die Bibel auf den Tisch, lehnte sich zurück und zeigte alsbald die Züge eines Mannes, dem vor Allem körperliche und geistige Ruhe Noth thut. Die Brüder gewannen inzwischen ebenfalls Zeit, sich zu sammeln, und da eine matte Handbewegung des gänzlich erschöpften Vaters für sie ein Wink zu sein schien, daß sie sich entfernen möchten, verließen sie das Zimmer des Greises, einige sprechende Blicke mit dem Allen gleich befreundeten Arzte wechselnd, der gleichsam als ein Bote von Gott im Augenblick der höchsten Noth erschienen war. Achtes Kapitel. Ein ungebetener Gast. In Folge dieser gewaltsamen Erschütterungen erkrankte Ammer. Walter fürchtete den Ausbruch eines hitzigen Fiebers, der alte Weber besaß aber eine so unverwüstliche Natur, daß schon nach wenigen Tagen die Hilfe des Arztes nicht mehr erforderlich war, und er bald eben so kräftig und geistig klar wie früher wieder in die Welt schaute. Zwischen Vater und Söhnen dauerte die Spannung fort, doch nöthigte die Weltklugheit beide Theile, den weit aufklaffenden Riß Andern möglichst zu verbergen. Walter übernahm als Vertrauter Aller unter der Hand das Amt eines Vermittlers, verdiente sich aber, wie fast immer in solchen Fällen, Niemandes Dank. Durften auch die Brüder und ganz besonders Fürchtegott den trefflichen Menschen als treu ergebenen Freund betrachten, in ihre weltlichen Verhältnisse, die in Folge der Zeitumstände so seltsam verwickelt sich gestaltet hatten, wollten sie ihn doch nicht blicken lassen. Da nun die eigentliche Veranlassung der herben Verstimmung zwischen dem Vater und seinen Söhnen dem Vermittler ein Geheimniß bleiben mußte, so konnten auch seine Bemühungen nur Geringes wirken. Es ward durch sie kein Frieden, nur ein grollender Waffenstillstand geschlossen. Walter hoffte nun durch die Befragung Erdmuthe's tiefer in die Verhältnisse eingeweiht zu werden, diese jedoch, die immer stiller, trauriger und nachdenklicher ward, schwieg hartnäckig, und ließ endlich auf wiederholtes Drängen des wohlmeinenden Arztes die Aeußerung fallen, ihre Zeit sei noch nicht gekommen. Ein Glück für die Brüder war es, daß überhäufte Geschäfte ihre Thätigkeit mehr als gewöhnlich in Anspruch nahmen. Sie hatten damit eine Jedermann einleuchtende Entschuldigung für die Vernachlässigung des Vaters, den sie seit jenem traurigen Auftritte nicht mehr sahen. Inzwischen geschah Manches in Weltenburg, was nicht ganz spurlos vorübergehen konnte. In den Spinnereien wurden Einrichtungen getroffen, die auf eine lauere Betreibung des Baumwollengeschäftes hindeuteten. Die Brüder entließen aber ihre Arbeiter nicht, im Gegentheil, sie zahlten den plötzlich zum Feiern Gezwungenen einen vollen Wochenlohn aus und versprachen ihnen sogar Zulage, falls sie sich schnell mit der Flachsspinnerei vertraut machen wollten. Dies gab viel zu sprechen, und da eben eine beträchtliche Anzahl ganz feierte und ihre Mußezeit nach Belieben verwenden konnte, so hieß es bald in der ganzen Umgegend von Weltenburg, die Gebrüder Ammer wollten demnächst den Handel mit baumwollenen Stoffen ganz aufgeben und nur noch Linnen fabriciren. Was die feiernden Arbeiter erzählten, sprach sich bald weit und breit im Lande herum. Es ward von Fremden Mancherlei hinzu erfunden, von Andern geglaubt, von Hunderten weiter erzählt, und so ballte sich über den Häuptern der ruhelos arbeitenden Brüder eine Wolke zusammen, die je nach den Umständen befruchtenden Regen oder verheerende Blitze aus ihrem Schooße auf sie herabschleudern konnte. Eines Morgens, Ende Juli, traf der Walkmüller mit einigen Arbeitern zusammen, die aus der Waldschenke zurückkamen und in fröhlichster Stimmung waren. Schon von Weitem hörte er sie singen und jodeln. Als sie ihn bemerkten, blieben sie stehen, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Was ist Euch denn zugestoßen? sagte Leberecht. Die liebe Sonne meint's gut mit uns und Allem, was da lebet, mag's laufen, kriechen oder fliegen, und Ihr steht da, seht dem Herabschäumen des Wassers zu und macht dabei ein Gesicht, als ob Ihr wünschtet, da unten im Strudel zu liegen. Hätte auch nichts dagegen, erwiderte der Walkmüller. Wenn Einer sieht, daß es mit ihm rückwärts geht, fehlt die Courage. Nun, geht's mit Euch denn rückwärts? fragte der Arbeiter. Das wißt Ihr nicht? Die Herren haben mir ja gekündigt. Nach einem halben Jahre soll die Walke ganz eingehen. Ja, warum denn? fragte Leberecht. Da fragt die Herren, die können's Euch sagen, d.h. wenn sie Lust dazu haben. Ich schlage mich so mit allerhand Gedanken. Doch nicht mit bösen? Der Walkmüller zuckte die Achseln. Wie Ihr's nehmen wollt, erwiderte er. Es will mir vorkommen, als wenn die goldenen Füße der Stühle, auf denen die Ammer sitzen, in heftigem Feuer ständen und nahe am schmelzen wären. Die Arbeiter lachten. Was Ihr Euch einbildet! Die Ammer sind die reichsten Handelsherren im ganzen Lande. An hundert Matrosen führen ihre Schiffe über alle Meere. Wenn die Post kommt, ist immer ein eigner Kasten für die Ammer drauf, in dem die Gelder verschlossen werden, die allwöchentlich in ihre Truhen fließen. Nein, Walkmüller, das sind eitel thörichte Einbildungen. Wenn die Ammer aufhören reiche Leute zu sein, dann hört auch die Sonne auf zu scheinen und zu wärmen. Nicht voreilig! sagte der verdrießliche Walkmüller. Ich hab' so meine Anzeichen, die mich noch niemals betrogen. Wenn ein Licht erlöschen will, flammt's zuvor gern ein paarmal noch recht hell auf. Gerade so machen's auch die Reichen. Sie bestecken und umhüllen sich mit Allem, was glänzt, funkelt und recht in die Augen fällt. Damit soll die Menschheit geblendet werden. Hintennach kommt auf einmal der Ruin, und dann hat alles Funkeln ein Ende. Haben sie denn nicht alle Hände voll zu thun? erwiderte Leberecht. Richten sie nicht neue Spindeln für uns zu und bezahlen sie uns nicht besser als sonst? Thun das etwa Leute, die nicht wissen, wo's Geld wächst, he? Oder die sich's von Andern gegen hohe Zinsen borgen müssen? Im Trüben fängt man Fische, meinte der Walkmüller. Kann aber auch sein, fügte er hinzu, daß ihnen der Hochmuth zu Kopfe gestiegen ist und sie vor Uebermuth nicht mehr wissen, was sie beginnen sollen. Man könnt' auf solche Gedanken verfallen, sieht man die Vorkehrungen zum Geburtstage des alten Herrn. Seht, das gefällt mir, Walkmüller, fiel der Arbeiter ein. Der alte, lahme Herr feiert im nächsten Monat seinen siebzigjährigen Geburtstag und hat fünfzig Jahre auf eigene Rechnung handthiert. Aus einem kleinen Weber ist in dieser Zeit ein großer Herr, ein Schloßbesitzer geworden, seine Söhne sind Kaufherren und ihre Wechsel gelten drüben in der neuen Welt und bei Mongolen und Chinesen eben so gut, wie hier. Wer's so weit gebracht hat durch eigene Kraft, der darf wohl den Kopf in den Nacken werfen und fragen: Was kostet die Welt? Will mir's überlegen, ob ich ein Stück davon an mich bringe! Der Alte hat's um die ganze Weberei verdient, daß man ihn ehrt. Es heißt sogar, er solle zu seinem Geburtstage einen Orden kriegen. Darum sind auch die Minister eingeladen. So? sprach der Walkmüller. Und das wißt Ihr so genau? Leichtgläubige Narren! Die Minister haben mehr und Wichtigeres zu thun, als bei einem gewesenen Weber einen Löffel heiße Suppe zu essen. Eingeladen sind Viele! versetzte der Gefährte Leberechts, und darunter Grafen und Herrn. Es müssen ein paar Hundert Personen zusammenkommen, wenn nicht einige ausbleiben. Seit vierzehn Tagen schon wird im neuen Schloßflügel geputzt, polirt und Sammt und Seide massenhaft verschnitten, um die Säle wahrhaft fürstlich auszustaffiren. Solche Pracht soll noch gar nicht erfunden sein. Zwanzig Kronleuchter haben die Herren direct aus Wien kommen lassen, und alle zwanzig sind reich vergoldet, daß es einem ordentlich vor den Augen flirrt, wenn man sie nur ansieht. So ist's, sagte der Walkmüller. Die unnützen Dinger kosten mehr, als zwanzig arme Familien in einem Jahre verzehren dürfen, und wenn ich einen Stein nehme und schmeiße ihn hinein, da ist der ganze Plunder keinen Zehnkreuzer mehr werth. Wißt Ihr, wie das vernünftige Leute nennen, die das Geld zu schätzen verstehen? Dumme, unsinnig dumme Verschwendung! Der Alte gibt's aber doch zu, erwiderte Leberecht, und der hat, wie alle Welt weiß, sein Lebtag kein Wohlgefallen an unnützen Geldausgaben gehabt. Ob er es zugibt, weiß ich nicht, sagte der Walkmüller; daß er es nicht hindern kann, ist mir dagegen sehr einleuchtend. Wenn sich ein paar Hunde um einen Knochen beißen, bleibt immer derjenige im Besitze des Knochens, der die schärfsten Zähne hat. Ihr denkt unwürdig von den Brüdern, sprach Leberecht; die tragen den Alten auf den Händen. Vielleicht haben sie's gethan, erwiderte der Walkmüller, gegenwärtig vermuthe ich, daß sie sich die Augen nicht ausweinen würden, wenn plötzlich ein Schlaganfall ihn hinraffte. Ich hab' zufällig einem Gespräch der Herren zugehört, ohne daß ich just Verlangen darnach trug. Die Haare standen mir dabei zu Berge und ich sagte mir im Stillen, wo solcher Unfriede, solche Bitterkeit, solcher Grimm und Haß zwischen Vater und Söhnen herrscht, da zieht auch das Glück aus! Das Glück ist verletzbar, wie die unsichtbaren Hauskobolde, die uns nur so lange treu und ehrlich dienen, als wir in der Furcht des Herrn bleiben. Hier wurden die Sprechenden durch die Ankunft einer ganzen Schaar Arbeiter unterbrochen, die sich irgendwo gütlich gethan haben mußten, denn sie waren ausgelassen munter und brachten in ihrer glücklichen Laune den freigebigen Herren auf Weltenburg ein Lebehoch nach dem andern. Sie nahmen die mit dem Walkmüller Sprechenden in die Mitte, zogen, so breit die Straße war, Arm in Arm weiter, und wankten, immerwährend singend und jauchzend, den Hügel hinan, um endlich in der großen Spinnerei zu verschwinden. Der Walkmüller folgte den Singenden mit den Augen, ließ dann noch lange seine Blicke auf den stattlichen Gebäuden und dem alten Schlosse von Weltenburg ruhen, und trat endlich mit den Worten: Wem wird das Alles dereinst gehören? in die feiernde Mühle. Ammer erfuhr das Vorhaben seiner Söhne zuerst durch Walter. Dieser war gewissermaßen beauftragt, den alten Herrn auszuhorchen. Wozu wollen sie's thun? fragte er den Arzt. Etwa mir zu Ehren? Hat mein Schöpfer bisher seine Hand über mir gehalten, wird er's auch ferner thun, bis die Stunde meiner Abberufung herannaht. Ich sag' zu ihr: sei willkommen, denn ich kann abkommen. Lieber wär' mir's, mein Herr Doctor, sie ließen es sein. Ich hab's ungern, daß die Leute viel von mir reden. Es läuft immer 'was Ungewaschenes mit dazwischen. Ihre Söhne, Herr Ammer, versetzte Walter, glauben diese Festlichkeit ihren Geschäftsfreunden schuldig zu sein. Mit Veranstaltung eines glänzenden Festes können sie, wie sie mir auseinandergesetzt haben, unmöglich noch lange zögern. Es ist eine Aufmerksamkeit gegen alle diejenigen, deren Hilfe und Unterstützung sie bedurften, um die großen Erfolge zu erringen, deren sie bisher sich zu erfreuen hatten. Ihnen aber, Herr Ammer, gebührt doch unter Allen die höchste Ehre, der Zoll des innigsten Dankes. Herr, sagte Ammer, wenn's just so wäre, wie Sie sagen, könnt' ich's wohl loben; daß man aber wieder mit maskirtem Gesicht spricht, sehn Sie, das verdrießt mich. Jedennoch will ich nicht stören, beileibe nicht! Mein alter Vater pflegte zu sagen: wie man sich bettet, so liegt man, und ich füge hinzu: schluckt einer zu gierig, so verdaut er schwierig. Also lasse man den Herren Söhnen ihren Willen, besonders, da ich's nicht zu hindern wüßte. Und sagen Sie ihnen, ich würde mich 'nüber schleppen in ihr Prachtschloß, wenn ich die Zinken blasen und die Pauken brummen hörte. Ansehen wollt' ich mir die Herrlichkeit, genießen aber möcht' ich nichts davon. So leichten Kaufs glaubten die Brüder nicht davon zu kommen. Sie bezeugten sich daher gegen Walter sehr dankbar, baten ihn, auch Erdmuthe günstig zu stimmen, und waren unermüdlich in Vorbereitungen, um nur nichts zu versäumen und zu vergessen. Von den Eingeladenen hatten fast Alle zugesagt. Jeder war begierig, die reichen Besitzer Weltenburg's als Wirthe in ihren, wie das Gerücht ging, feenhaft glänzenden Räumen zu sehen. Ein kurzes Jahrzehnt hatte diese Fülle des Glückes über die Brüder ausgeschüttet. Manchem der Geladenen war es wohl noch erinnerlich, wie die jetzigen Herren auf Weltenburg in leichter Kattunjacke, bestäubt und schweißtriefend, den Schiebkarren geschoben, um ihres Vaters Gewebe nach den entfernten Bleichen am Queiß zu fahren. Seit sie Fabrik- und Handelsherren geworden waren, hörten die Meisten nur von dem ungeheuern Glück der Ammer sprechen, sehen ließen sich die Herren gar nicht oder nur selten. Es nahmen deßhalb eine Menge Menschen die ihnen zugekommene Einladung mehr aus Neugier, als aus wirklichem Interesse für die Familie an. So nahte endlich der langvorbereitete, sehnlich und doch auch wiederum mit Bangen erwartete Tag heran. Ammer mußte es sich gefallen lassen, am frühen Morgen durch ein Ständchen begrüßt zu werden. Dies Ständchen brachten ihm die Arbeiter der Fabrik mit Beihilfe einiger aus Böhmen zu diesem Behufe verschriebener Musikanten. Der Greis war freundlich genug, aus dem Fenster zu sehen und auf das dreimalige Lebehoch seine Mütze zu ziehen. Auf's Reden ließ er sich nicht ein. Es war ihm nicht so gut zu Muthe, als könne er viel Heiteres und Gutes sagen. Die Atmosphäre drückte ihn, und als er jetzt der vielen Flaggen ansichtig ward, die man ihm zu Ehren auf allen Gebäuden aufgepflanzt hatte, ward er düster und schweigsam. Er rief Erdmuthe und ließ sich von ihr vorlesen, anfangs weltliche Geschichten, später ein Kapitel aus dem Buche »Jesus Sirach«. Als Erdmuthe diese Lectüre beendigt hatte, fragte sie Ammer: Bist du heute Wirthin? Ich habe Fürchtegott versprochen, bei dem Feste nicht zu fehlen, versetzte sie, indeß verstehe ich zu wenig von diesen weltlichen Einrichtungen, um wirklich als Wirthin auftreten zu können. Dafür sind Andere bestellt, ich bin nur die Frau des Schloßherrn. Dann schmücke dich, meine Tochter, sagte der Greis, ihr sanft die bleiche Wange streichelnd. Schmücke dich recht ordentlich, da wir heute doch ganz und gar weltlich sein müssen. Du wirst deinen Gatten dadurch erfreuen und nicht ein Ziel für Spötter werden. Wenn du es wünschest, bester Vater, so will ich mich schmücken, obwohl der Magd des Herrn, deren Herz voll Sorgen, voll Bangen und Zagen ist, die Gewänder der Baalskinder eine schwere Last sein werden. Erdmuthe ging und schmückte sich. Als sie abermals in Ammer's Zimmer trat, hätte sie der Greis beinahe nicht erkannt. Die kleine, bescheidene Herrnhuterin stellte sich als Salondame vor, ohne ihr Inneres mit dieser schimmernden Hülle in Einklang bringen zu können. Sie hatte in dieser ihr gänzlich fremden Tracht ungefähr das Ansehen einer geschminkten Leiche. Erdmuthe fühlte den Eindruck ihrer Erscheinung auf Ammer und lächelte trüb. Recht so, bester Vater, sprach sie, gib immerhin deinen Widerwillen zu erkennen, der sich in dir regt gegen mich. Die Lüge ist nie liebenswürdig, sie wird ewig häßlich bleiben und alle Edlen immer abstoßen. Dennoch werde ich das Ende dieses Tages in dieser Umhüllung erwarten. Ich thue Buße. Und einer Büßerin bedarf es wohl unter so Vielen, die heute alle mit unbußfertigen Gedanken hier zusammenkommen. Ammer zog die Herrnhuterin an seine Brust und küßte ihre Stirn. Bleibe bei mir, sprach er, denn es will Abend werden, dünkt mich, und mein Lebenstag geht stark auf die Neige! Er setzte sich in seinen Rohrstuhl, stieß ihn mit Hilfe des Krückenstockes an's Fenster und beobachtete die Straße, auf der es jetzt von heranrollenden Kutschen, welche die geladenen Gäste nach Weltenburg führten, immer lebendiger wurde. Hier blieb Ammer, zu dem sich bald auch Frau Anna gesellte, in Nachdenken vertieft sitzen, bis Flora und Albrecht eintraten, die der greise Vater über Monatsfrist nicht mehr gesehen hatte. Beide Theile fanden einander verändert. Albrecht kam dem Vater gemessener, ceremoniöser vor, als er ihn früher gekannt hatte, und dieser fand den Schwiegervater so düster, daß er nach der Ursache dieser auffallenden Verwandlung nicht einmal fragen mochte. Nur die Bemerkung konnte er nicht unterdrücken, daß er sich die Grille der Brüder, wie er es nannte, nicht recht zu erklären wisse. Ammer gab darauf keine Antwort. Er schmeichelte mit Flora, die sich neben ihn setzen, ihm von seinem Enkel erzählen und mittheilen mußte, was derselbe zu jeder Stunde des Tages treibe. Unter diesem Geplauder verging die Zeit rasch. Mittlerweile waren die Gäste von Fern und Nah angekommen. Der innere Schloßhof wimmelte von Pferden und Wagen und die festlich geschmückten Räume des Neubaues strahlten schon ein Meer von Licht aus. Bald auch vernahm man erst leise, dann lauter das lustige Schmettern der Trompeten, die zum frohen Mahle riefen. In diesem Augenblicke erschienen Christlieb und Fürchtegott, von Walter und den vornehmsten Geschäftsführern begleitet, in Ammer's Gemach. Er hatte seit der geschilderten Scene seine Söhne nicht wieder gesehen und die Begegnung war ungeachtet des festlichen Tages, der sie veranlaßte, doch keine wohlthuende. Da man aber von beiden Seiten das Vergangene nicht weiter berühren, wohl aber die Gelegenheit benutzen wollte, um vor den Augen der Welt ein glänzendes Schauspiel aufzuführen, beherrschte man sich, und die Brüder gewannen Zeit, theils durch den Mund des unbefangenen Walter dem Jubilar ihre Glückwünsche darbringen zu lassen, theils selbst einige schüchterne Worte von göttlicher Fügung und dergleichen zu stammeln. Der Beglückwünschte hörte ruhig zu, das Ganze hinnehmend wie ein Schicksal. Auch als die Brüder jetzt vortraten und jeder derselben dem Vater den Arm reichte, um ihn zur bereits harrenden Gesellschaft zu leiten, widerstrebte er nicht. Gefolgt von den Uebrigen, ließ er sich über die hell erleuchteten, mit Dienern gefüllten Corridore nach dem rauschenden Saale führen. Beim Eintritt des ehrwürdigen Greises in den von Menschen fast überfüllten Raum spielte die Musik einen Jubelmarsch, unter dessen Klängen, von allen Seiten freudig begrüßt, der gebrechliche Alte nach einem Sitz geleitet ward, den man besonders für ihn und Anna bereitet hatte. Mit vielem Geschmack war am obersten Ende der mittelsten Tafel, an welcher die angesehensten Gäste saßen, aus grünem Epheu eine Laube erbaut, die genau dem Fenster des Zimmers glich, an welchem Ammer so gern in die Landschaft hinausblickte, wo er die meisten Abende hinter den violetten Waldsäumen die Sonne versinken sah. Rechts und links von diesem Sitze, den eine reizende Draperie in den Farben der Provinz überwölbte, so daß, aus der Ferne gesehen, jene grüne schimmernde Laube in glänzendem Gewölk zu ruhen schien, hatte man Ammer's Lieblinge, Flora und Erdmuthe, placirt. In den bis dahin so trüben, ja verdüsterten Mienen des alten Webers leuchtete ein Freudenstrahl auf bei diesem Anblick. Er drückte seinen Söhnen unwillkürlich die Hand und es hatte ganz den Anschein, als würde der Plan der Brüder, die große Welt über ihre gefahrvolle Lage zu täuschen, den Vater aber zu versöhnen, vollkommen glücken. Bald auch belebte ein fröhlicher Geist die Gäste. Unter ihnen fehlte kein Freund des Jubelgreises, mit Ausnahme des Advocaten Block, der zwar zugesagt hatte, aber nicht eingetroffen war, und Wimmer's, von dem die Brüder noch immer nichts wußten. Dieses auffallende Schweigen brachte sie auf die Vermuthung, der gleichsam Verschollene möge irgendwo in der Ferne verunglückt sein. Auch Graf Alban, der die Brüder mit der frohen Botschaft überraschte, daß jede beliebige Summe ihnen schon in den nächsten Tagen ausgeantwortet werden solle, sobald sie es wünschten, wußte nichts von ihrem gemeinsamen Freunde. Die Gebrüder Ammer hielten Wort. Das Fest auf Weltenburg verdunkelte Alles, was man je Aehnliches der Art in der Provinz gesehen hatte. Es war nicht nur die fabelhafte Pracht der Ausschmückung, die selbst dem in der Welt weit und breit bewanderten Grafen Alban Worte des Lobes und der Bewunderung entlockte, sondern das ganze Arrangement, das sich sogar auf die unmittelbare Umgebung des Schlosses erstreckte. Mit Einbruch der Nacht flammten Park und Waldung in bengalischem Farbenfeuer, alle Gebäude Weltenburg's bedeckten sich mit Tausenden von Lampen, und von der Zinne des alten Thurmes leuchteten in riesigen Buchstaben die Worte: » Dem Vater Ammer Heil! « ein paar Stunden weit in's Land hinein. Die zahlreiche Gesellschaft war voll des Lobes über den Geschmack der Gebrüder Ammer, und man gab dies den Anordnern des Festes von verschiedenen Seiten zu erkennen. Die Freuden der Tafel, welche mit den auserlesensten Speisen besetzt war, wurden noch erhöht durch sinnige Trinksprüche, die sich häufiger wiederholten, je gemüthlicher sich die anfangs einander fremden Elemente verschmolzen. Ammer, dem zu Ehren schon manches Glas geleert worden war, erwachte zu ungekünstelter Theilnahme, auch Flora und Erdmuthe, die oft Worte und Winke miteinander wechselten, theilte sich der allgemeine Hauch der Freude mit, und je öfter ein Toast ausgebracht wurde, je lauter die Hörner und Trompeten in das Rufen der Fröhlichen, in das Klirren der Gläser schmetterten, desto weiter entfernten sich die Schatten der Bangigkeit, die so lange um manche Seele gelagert. Schon nahte das Ende der Tafel; da trat Fürchtegott auf, erhob sein Glas und rief mit lauter Stimme, überzeugt, daß der Bau seines Glückes jetzt fester gekittet und gefugt dastehe, denn je: Einem alten Freunde unseres Vaters, einem Manne, dem wir zumeist verdanken, was wir jetzt unser nennen, einem Bruder im Herrn, der uns mehr als Freund und Rathgeber war: ihm, dem Fernen erklinge der Becher! Glück, Heil und langes Leben Herrn Lazarus Wimmer. Das Jubeln der Gäste, das Zusammenklingen der Gläser ward von dem Tusch der einfallenden Musik übertönt. In diesem allgemeinen Freudentaumel achtete man nicht auf ein Flüstern der Diener, von denen mehrere mit bestürzten Mienen vom Corridor in den Saal und gleich darauf wieder hinaus eilten. Plötzlich schrie Flora so laut auf, daß augenblicklich Todtenstille eintrat. Nur hie und da klang noch ein Glas oder das klirrende Geräusch eines niedergelegten Messers ward noch vernommen; ein paar Secunden später hätte man ein Blatt können fallen hören. Aller Augen kehrten sich dem oberen Ende der Tafel zu, wo Flora saß. Die junge Frau war aufgestanden und sah mit stieren Augen nach der Gegend, wo die Brüder ihren Platz hatten. Jetzt fühlte sich Fürchtegott von einem Finger an der Schulter berührt. Er wandte sich um und blickte in das faltige, erdfahle Gesicht des Mannes, dem er eben Glück, Heil und langes Leben gewünscht hatte. Wimmer sah den jungen Ammer starr an, nicht lächelnd wie sonst, sondern hart und kalt. Fürchtegott erbebte vor diesem Blick, denn er wußte, daß er ihm nicht Gutes prophezeie. Bitte sehr um Entschuldigung, lieber Bruder, sagte jetzt Wimmer, eine Handbewegung gegen die Gesellschaft machend, als wolle er sie zum Schweigen auffordern. Du läßt etwas viel darauf gehen, wie ich sehe. Nun, ich mag es wohl leiden, daß der Mensch sich ein Vergnügen macht, nur darf er, ehe er verschwendet, nicht vergessen, seine Verpflichtungen gegen Andere zu erfüllen; denn ehrlich, lieber, junger Bruder, ehrlich währt am längsten. Was sagst du wohl, wenn ich behaupte und zugleich beweise, daß deine Ehrlichkeit schon längst beide Beine gebrochen hat? Still, still, kleiner Zeisig! Sollst dein Liedlein alsobald ganz bequem im Käfig singen können! Mit gebrochenen Gliedern kann man nicht gehen, ich habe deßhalb ein paar Krücken mitgebracht. Wimmer richtete sich hoch auf, und indem er mit seinem Quäckerhute gegen die Thüre winkte, rief er laut, daß man es von einem Ende des geräumigen Saales zum andern hören konnte: Herein, ihr da draußen! Vier Gerichtsdiener traten ein, und näherten sich dem Platze, wo der Herrnhuter stand. Die Gesellschaft gerieth in Unruhe und Bestürzung. Frau Ammer rang verzweiflungsvoll, ohne eine Sylbe über ihre bebenden Lippen zu bringen, die Hände. Ammer saß mit vorgebeugtem Oberkörper neben ihr und bemühte sich vergeblich, aufzustehen. Erdmuthe und Flora standen hinter ihm. Jetzt griff Wimmer in die Brusttasche seines abgetragenen grauen Rockes und zog ein Papier hervor. Fürchtegott Ammer, sprach er laut, fast kreischend, du wirst verhaftet wegen überführten Betrugs! Das Gericht hat die Beweise in Händen. Es ist mir leid, aber die Gerechtigkeit muß ihren Lauf haben und Ehrlichkeit geht noch über Freundschaft. Dann machte er eine steife Verbeugung gegen die Gesellschaft, auf seinem Gesicht stand wieder das stereotype Lächeln, das Jeder an ihm kannte, und indem er sagte: Bitte die Herrschaften, sich nicht weiter stören zu lassen, wandte er sich zum Gehen. Die Stimme des Grafen hielt ihn zurück. In wessen Namen, sagte Graf Alban bewegt, geschieht das, mein Bruder? Wimmer setzte, recht wie zum Hohne, seinen Hut auf, erhob die magere Hand und sprach: Im Namen aller Gemeinden, die er betrogen hat! Fort mit dem Verbrecher! Fürchtegott ward bald roth, bald blaß. Er wollte reden, aber er vermochte es nicht. Die Kehle war ihm wie zugeschnürt, er fürchtete ersticken zu müssen. Widerstrebend, mit ihnen ringend, folgte der Unglückliche den Schergen, die sich seiner bereits bemächtigt hatten. Da fiel sein Blick auf das Antlitz des Vaters. Er sah den ehrwürdigen Greis in der Umrahmung des Epheus gerade so den Kopf bewegen, wie er ihn schon oft in seinen folternden Träumen erblickt hatte. Bei diesem Anblick schrie er krampfhaft: Mein armer, armer Vater! fiel in Zuckungen und brach zusammen. Ammer hatte dieser ganzen Scene lautlos beigewohnt. Seine Blicke waren fest auf den Sohn gerichtet. Als er ihn fortführen sah, hörte man ihn laut schluchzen und die Nächststehenden bemerkten, wie große Thränen über seine bleichen Wangen herabrollten. Zweites Buch. Erstes Kapitel. Ein schwerer Gang. Vom Thurme der Haupt-Stadtkirche bliesen die »Stadtpfeifer«, wie man damals das städtische Musikchor nannte, einen ernsten Choral. Man feierte den achtzehnten October und mit ihm die Befreiung vom französischen Joche. Es gab jedoch Sonderlinge, die bei der jedesmaligen Wiederkehr dieses halb politischen Festtages den Kopf schüttelten und nichts davon wissen wollten. Zu diesen Sonderlingen gehörte auch Candidat Still. Dieser bescheidene Gelehrte, welcher selten einen Sonntag im Jahre die Kirche versäumte, überhaupt ein großer Freund guter Predigten war, vielleicht, weil es ihm niemals hatte gelingen wollen, selbst eine gute Predigt zu halten, mied an diesem Tage die Kirche. Selbst zornig werden konnte er, freilich nur innerlich und auf seinem verstäubten Studirzimmer, wenn er das viele Glockengeläute und die vom Thurme herabklingende Melodie des Chorales vernahm. Er nannte dies eine Entweihung des Gottesdienstes. Die Witterung war überaus herbstlich. Wiederholte starke Nachtfröste hatten alle Bäume entblättert, ein orkanartiger Sturm brauste über das Land und hielt die Menschen in ihren Wohnungen. Candidat Still las in der Chronik seiner Vaterstadt und machte hin und wieder Randbemerkungen. Er ging nämlich damit um, das für die Provinzial-Geschichte nicht unwichtige Buch mit kritischen Erläuterungen neu herauszugeben und es fortzuführen bis auf die neuesten Tage. Der lateinische Gärtner hatte ihm zu dieser Arbeit, die den Candidaten schon geraume Zeit beschäftigte, sehr schätzbares Material geliefert; denn Justus führte ein genaues Tagebuch, seit er die lateinische Schule hatte verlassen müssen. Darin war nicht das geringste Vorkommniß vergessen, insofern es mit seiner Vaterstadt in irgend einer Verbindung stand. Sogar eigene Meinungsäußerungen, Betrachtungen über weltliche Begebenheiten und kirchliche Dinge fanden sich in den ziemlich voluminösen Aufzeichnungen des gewissenhaften Mannes, und so eigneten sich diese Vorarbeiten ganz besonders als zuverlässige Quellen eines mit Geist sichtenden Chronisten. Ein schüchternes Klopfen unterbrach den fleißigen Gelehrten in seiner interessanten Arbeit, die ihn die Feier des politischen Festtages und das abscheuliche Wetter gänzlich vergessen ließ. Er rief dem Klopfenden zu, einzutreten, wäre aber beinahe zusammengefahren vor Schreck, als eine sehr gekrümmte, hagere Figur mit einem affenartigen Gesicht sich durch die Thür schob und fortwährend Kratzfüße machte. Ist doch wahr, was in der Schrift steht, sagte der wunderliche Gast, jetzt aus dem Complimentenmachen in ein regelmäßiges Knicken übergehend, seine Pelzmütze drehend und den gelehrten Herrn gutmüthig anlachend. »Wer da anklopfet, dem wird aufgethan«, heißt's in der Schrift, und wenn der Klopfer auch nur ein armer Schlucker ist, dem vom vielen Bücken in einem fast achtzigjährigen Leben der Rücken krumm ward, wie ein Fiedelbogen. Ich habe dem hochgelehrten Herrn Candidaten respectvoll einen schönen Gruß zu überbringen. Still's anfänglicher Schreck über die seltsame Erscheinung wich einer Anwandlung von Heiterkeit. Dafür sage ich meinen besten Dank, lieber Mann, aber wer seid Ihr und wer läßt mich grüßen? An mir ist nicht viel gelegen, entgegnete der Fremde, nur widerstrebend und erst nach zahlreichen Knixen den dargebotenen Stuhl annehmend. Mein Geschäft ist's Glasscherbelsuchen. Ich habe mich davon ernährt, ziemlich so lange ich lebe, und 's ist auch immer gegangen, freilich zu manchen Zeiten nicht gar aparte steif. Aber ich hatte immer Freunde, mein hochgelehrter Herr Candidat, die mir immer 'was zuwiesen und bisweilen auch einmal eine Mahlzeit gaben. Und da bin ich ehrlich durch's Leben gekrabbelt und werd' mich mit Gottes Hilfe zu seiner Zeit wohl auch glücklich in's Himmelreich hineinfinden. Getauft bin ich Ehrenfried Leisetritt. Still erinnerte sich jetzt, diesen Namen oft gehört zu haben, denn Leisetritt war fast in jedem Hause der Stadt bekannt, weil er überall nach zerbrochenen Gläsern und Flaschen fragte, die er, wie wir wissen, nach der nächsten Glashütte schaffte und dort verkaufte. Auch Frau Sempiterna hatte verschiedene Male mit dem wunderlichen Manne gehandelt, obwohl bei ihrer großen Ordnungsliebe verhältnißmäßig nur wenig Geschirr und Glas in ihrem Hause zerbrochen wurde. Habt Ihr ein Anliegen, Leisetritt? fragte der Candidat, da es ihm schien, als stehe der Alte an, sich offen gegen ihn auszusprechen. Ein Anliegen? Ich? Behüte, behüte! Wie dürfte ich! Aber ein Anderer und zwar ein Besserer als ich hat ein Anliegen an den Herrn Candidaten. Dürft Ihr den Mann nicht nennen? Freilich darf ich, aber – sehen Sie – es geht mir der Name schwer über die Lippen, weil er eigentlich so gar groß ist und sich mit dem Respect nicht recht verträgt, den ich vor ihm habe. Faßt Euch ein Herz, dann wird's schon gehen, sagte Still ermuthigend. Nun, Sie kennen ihn ja auch und am Ende gar noch besser, als ich selber, fuhr Leisetritt fort, denn er war auch in seiner Herrlichkeit ein gar umgänglicher Mann, nur 'was kurz zuweilen und nicht viel für's Widersprechen. Und nun liegt er verlassen in seinem großen Schlosse und der Kummer frißt ihm schier das Herz ab. Hat's wahrhaftig nicht verdient, das grausame harte Geschick, der brave Herr Ammer! Tausenden hat er geholfen in früheren Tagen, Hunderte hat er in's Brod gesetzt, hat seinem Land Ehre gemacht und 's Geschäft in die Höhe gebracht; und nun hat ein Sturmwind des Unglücks, der über's Weltmeer hereinfuhr in's Land, ihn zusammengebrochen, daß er sich kaum mehr zu rühren vermag, und Einem schier die Augen übergehen, wenn man's sehen muß. Der gute Herr Ammer! sagte Still. Ach ja, ich erinnere mich noch jener Augustnacht und mich friert, wenn ich nur daran denke. Aber ich hörte letzthin, die Sachen ständen nicht so schlimm, es würde sich ein Vergleich abschließen lassen. Davon hab' ich keine Wissenschaft, erwiderte Leisetritt. Es werden vermuthlich Jahre in's Land gehen, ehe sie fertig werden mit der verwickelten Geschichte, denn von Processen, hochgelehrter Herr Candidat, leben gar Viele, und es ist meines Wissens niemals Brauch gewesen in unserm Lande, eine Streitsache geschwind zu Ende zu bringen. Man hat jetzt keine Freude mehr auf Weltenburg. Die Fabriken feiern. An allen Thüren klebt das Gerichtssiegel. Der junge Herr, ich meine der Christlieb, wankt umher wie ein Schatten. Er ist grau und alt geworden vor der Zeit. Ja, sie haben einen tiefen Fall gethan, sagte der Candidat seufzend, aber sie waren auch gar zu übermüthig, die beiden Herrn Söhne des wackern, alten Webers. Ihre Verschwendung überstieg alle Begriffe und mußte sündhaft genannt werden. Der alte Herr konnt' es auch nicht leiden. Drum vertrug er sich in der letzten Zeit nicht gut mit den Söhnen. Aber was hilft das Alles! Jetzt ist das Unglück einmal da und der beklagenswerte Mann bedarf der Hilfe. Ich komme heute von Weltenburg, und da hat mich der Alte gebeten, ich möge dem Herrn Candidaten einen schönen Gruß sagen und er wünschte Sie grausam gern zu sprechen. Mich? Sie, den Herrn Candidaten Still. Was kann Herr Ammer von mir wollen? sagte der ängstliche Gelehrte, dem es außerdem gar nicht genehm war, sich in seinen Studien unterbrochen zu sehen. Wer weiß, ob er nicht Ihren geistlichen Rath begehrt, meinte Leisetritt. Er hat's mir auf die Seele gebunden, dem gelehrten Herrn Candidaten diesen Auftrag auszurichten, und der gottesgelehrte Herr wird ja wohl am besten wissen, was er jetzt zu thun hat. Leisetritt stand auf und wollte sich mit einigen Kratzfüßen entfernen. Ich bitte, bleibt! sagte Still, ihn festhaltend. Das ist nicht so schnell gethan, wie Ihr glaubt. Man muß doch einen Wagen haben, man muß Geld in die Hand nehmen, und meine Frau soll darauf vorbereitet werden. Das sind Alles Dinge, worüber man, ehe man handelt, nachdenken muß. Da kann ich dem Herrn Candidaten doch vielleicht einen Rath ertheilen, sagte mit possierlichem Lächeln der Glassammler. Ich macht' es, als meine Dritte noch lebte, immer wie ich wollte, wenn sie nicht gleicher Meinung mit mir war, und wollte sie zu laut und zu viel reden über mein Thun, wenn ich wiederkam, da kriegt' ich sie regelmäßig mit der Drohung still, daß ich gleich wieder auf und davon gehen würde. Einen Wagen kann ich besorgen. Einen Augenblick! sagte Candidat Still, sich rasch besinnend. Ja, das geht! Er kleidete sich schnell an und indem er mit Leisetritt zugleich Zimmer und Haus verließ, sprach er: Jetzt glaubt meine Frau, ich gehe auf die Bibliothek. Mein Wegbleiben beunruhigt sie nicht, sie hat bloß eine Aversion vor dem Geld ausgeben. Einige Stunden später erblickte der Candidat den stumpfen Thurm Weltenburg's über schwarzer Fichtenwaldung emporragen, die jetzt von dem heftigen Sturm wie ein brandendes Meer brauste. Die neu aufgeführten Gebäude lagen still und verwaist in der herbstlichen Landschaft. Vor den versiegelten Thüren hatte der Wind kleine Sandwälle zusammengetrieben oder abgewetzte Buchen-, Linden- und Kastanienblätter bildeten dunkle, raschelnde Häufchen. Selbst ein dünner Graswuchs zeigte sich bereits vor einzelnen Gebäuden. Ueber das Wehr rauschte der eingedämmte Fluß in breiten silbernen Schaumwellen. Die Walkmühle war verlassen, der betretene Steeg über den Fluß weiter oben ganz abgebrochen. Nirgend sah man die Spuren arbeitsamer Hände, wohl aber zeigten sich allerwärts unverkennbare Merkmale eines schnell überhand nehmenden Ruins. Das sicherste Kennzeichen des traurigen Umschwunges, welcher in Weltenburg Statt gefunden hatte, war das zahlreich herumlagernde Bettelvolk, das man früher nie daselbst gesehen. Mit dem Sturze der Gebrüder Ammer hörte auf der Stelle alle Arbeit auf, und war es auch noch nicht erwiesen, daß das Geschäft gänzlich und für immer eingehen werde, so mußte es doch vorläufig auf längere Zeit sistirt werden, da das Gericht eingeschritten war. Aus allen Büschen sahen jetzt hungrige Gesichter. Jeder Wanderer auf der Straße wurde in flehendem Tone angesprochen, jeder Wagen von einem Trupp ärmlich bekleideter Menschen verfolgt, die alle um Gottes Barmherzigkeit willen um Almosen baten. Das Aussehen der meisten dieser Bittenden sprach schon für deren Bedürftigkeit. Es war nicht Scheu vor der Arbeit, welche diese Menschen in eine so beklagenswerthe Lage versetzte, sondern wirklich und zwar zu plötzlich eingetretener Arbeitsmangel. Fanden auch Einzelne durch Vermittlung Anderer ein Unterkommen, wie sie es wünschen konnten, die große Mehrzahl blieb im Augenblick unversorgt, und gerade diese lebten von der Hand in den Mund und hatten sich schon wenige Tage nach der Unterbrechung des großen Ammer'schen Geschäftes vollständig aufgezehrt. Candidat Still sah diese Verwandlung, diesen erschreckenden Wechsel irdischen Glückes mit tiefer Bekümmerniß. Der weich geartete Mann, der in seiner Einsamkeit wohl oft der Armen in ihrer Noth gedacht, nie aber dem Elend in das tief eingesunkene Auge geschaut, nie die abgezehrte Hand eines vor Hunger Verschmachtenden in der seinigen gefühlt hatte, war über diesen Anblick fast zu Thränen gerührt. Am Schloßberge ließ er halten, um den Rest des Berges zu Fuße vollends zurückzulegen. Mit schwerem Herzen stieg er die neu angelegte, jetzt schon verwildernde Straße hinan. Er blieb mehrmals stehen, theils um Athem zu holen, denn er war etwas engbrünstig, theils, um sich mehr zusammenzufassen; denn was mochte der alte starre Weber ihm, dem harmlosen Candidaten der Gottesgelahrtheit, der keinerlei Einfluß besaß, der die Welt und ihre Praktiken nur vom Hörensagen kannte, mitzutheilen haben! Dies quälte Still dergestalt, daß er selbst am Portal des Schlosses am liebsten wieder umgekehrt wäre. Indeß vertrug sich ein so feiger Rückzug doch nicht mit der ihm angeborenen Gutmüthigkeit und seinen Ansichten von Menschenliebe und Christenpflicht; auch schien man sein Kommen bereits früher bemerkt zu haben, denn Christlieb eilte mit großen Schritten über den Schloßhof, um den Candidaten zu begrüßen. Willkommen, willkommen! rief der junge Ammer, dem zögernd heranschreitenden Candidaten beide Hände zum Gruße entgegenstreckend. Wie freut es mich, daß Sie so schnell den Wunsch des Vaters erfüllen! Wir haben recht schwere Tage durchlebt, und wer mag wissen, was uns Alles noch bevorsteht! Still erwiderte den Händedruck des jungen Mannes, ohne etwas zu entgegnen, aber sein Auge suchte in den Mienen des vor wenigen Monaten noch so reichen Mannes zu lesen. Leisetritt hatte nicht zu sehr in's Schwarze gemalt. Aus diesen Gesichtszügen war aller jugendliche Reiz entflohen, die Augen Christlieb's glichen düster brennenden Ampeln in einem Grabgewölbe. Er sah nicht gerade alt, aber fahl aus. So etwa dürfen wir uns einen Menschen vorstellen, den der Fluch Gottes getroffen und der nun unter dem furchtbaren Gewicht dieses Fluches, von Menschen und Thieren gemieden, fortwandelt, mitten im Leben, das um ihn scherzt und lacht, ganz allein, nach Erlösung ruft, aber nie Erhörung findet. Christlieb's Haare waren dünn geworden und fast gänzlich ergraut. Dabei fiel es dem Candidaten auf, daß der sonst so elegant gekleidete Stutzer, der von Wien immer die allerneuesten Moden und Stoffe mitbrachte, jetzt in der ganz unscheinbaren Tracht eines Landmannes sich ihm vorstellte. Ist Herr Ammer krank? fragte endlich Candidat Still, als er an Christlieb's Seite bereits das alte Schloß betreten hatte. Krank wohl nicht eigentlich, versetzte dieser, obschon man ihn auch nicht gesund nennen kann. Vater hat nur oft recht schwere Stunden, und weil er jetzt Niemand mehr sieht, leider auch nicht sehen mag, verfällt er auf gar seltsame Gedanken. Können Sie ihn denn nicht zerstreuen? Etwa durch Lectüre? Christlieb lächelte wie ein Gefallener, der vergebens Buße thut und doch nicht Gnade findet. Meinen Sie mich? sagte er. Ach, mein lieber Herr Candidat, Sie kennen nicht unser Leben auf Weltenburg und noch weniger unsere Qualen. Mein Bruder sitzt im Gefängniß und das mag, besonders für ihn bei seiner heftigen Gemüthsart, eine schreckliche Strafe sein, aber ich glaube beinahe, es müßte ein Vergnügen, eine Lust gewähren, sich einsperren zu lassen, würde man dadurch der Existenz entzogen, zu welcher ich verdammt bin. Wissen Sie, was es heißt, Herr Candidat, die Stimme eines geliebten Vaters täglich, oft stündlich zu hören, seinen bedauerlichen körperlichen Zustand zu kennen, und ihn doch nicht sehen, ihm keine Handreichung thun zu dürfen? Dies Loos, Herr Candidat, ist mir zugefallen. In seinem ersten Grimme hat der Vater geschworen, die Buben so nennt er uns noch heute die sein Haupt mit Schande bedeckt haben, in diesem Leben nie wieder sehen zu wollen. Sie kennen des Vaters eisenharten Sinn. Vielleicht reut ihn der Schwur, vielleicht gar quält er ihn, aber damit wird es doch nicht anders. Es sind zwei Monate vergangen, seit der schrecklichen Nacht und noch noch habe ich den Vater nicht wiedergesehen! Ueber Christlieb's eingefallene Wangen rieselten ein paar Zähren. Still faltete die Hände, hatte aber kein Wort des Trostes für den Unglücklichen. Endlich sagte er, weil ihm etwas Anderes nicht einfallen wollte: Wen Gott lieb hat, den züchtigt er! Ach, dann stehen wir sehr gut angeschrieben bei unserem Herrgott, erwiderte Christlieb bitter, denn seine züchtigende Hand ruht wahrlich schwer auf uns! Sie hatten jetzt den Corridor erreicht, auf welchem eine Reihe von Zimmern sich öffnete, man sah aber weder einen Diener noch eine Magd, noch hörte man sonst ein Geräusch. Es war still wie im Grabe oder in einer Kirche. Die Tritte der beiden Männer hallten wider auf dem langen düstern Gange, den sie hinabschritten. Christlieb blieb stehen. Ich will jetzt wieder auf meine Warte steigen, sprach er. Dort orgelt mir der Sturm Melodieen vor, wie ich sie brauchen kann. Seine Donner übertönen die Stimme meines Grames und ich fühle mich dann etwas erleichtert. Dort die zweite Thür rechts führt zu dem Zimmer des Vaters. Wenn Sie klopfen, wird die Mutter, die jetzt Thürhüterin geworden ist, Ihnen öffnen. Gott geleite Sie. Christlieb lief eilig, nur mit den Zehen die Sandsteinfließen berührend, den Gang hinab nach der Treppe, welche in das obere Gestock des Thurmes hinaufführte. Still klopfte an die bezeichnete Thür, diese ward von innen geöffnet und er stand im nächsten Augenblicke der Gattin des alten Ammer gegenüber. Zweites Kapitel. Ein Auftrag Ammer's. Frau Anna war nie eitel, nie anspruchsvoll gewesen. Sie hatte sich jederzeit mit vielem Tact innerhalb der Grenzen zu halten gewußt, in die sie ihr Stand verwies. Darin harmonirte sie völlig mit ihrem Gatten, dem ja nichts mehr zuwider war, als das Hochhinauswollen, wie er wohl zuweilen sagte. Auch als das Glück sie mit Reichthümern überschüttete, blieb sie doch immer die einfache Frau des Webers. Nur auf langes Zureden ihrer vornehm gewordenen Söhne hatte sie in den letzteren Jahren feinere Stoffe getragen und den Schnitt ihrer Kleider städtischer Mode unterworfen. Allein diese modernen Kleider, die zu ihrem ganzen übrigen Wesen nicht paßten, standen der guten Frau durchaus nicht. Ammer, der gern derbe Ausdrücke liebte, wenn er Gelegenheit fand, eine Thorheit zu geißeln, meinte, sie sähe in dem neumodischen »Gelumpe« aus, wie eine Krautscheuche. Schon dies verleidete Anna die städtischen Kleider, weßhalb sie nur ungern darin erschien. Nach der unglücklichen Katastrophe packte sie dieselben sogleich in eine Truhe, verschloß sie und legte ihre alte ländliche Tracht wieder an. Die Angst um den jüngsten Sohn, der Gram um die ganze Familie und die Sorgen um den Gatten hatten Frau Anna sehr altern lassen. Candidat Still fand statt der wohlgenährten Webersfrau ein gekrümmtes Mütterchen, dessen faltenreiches Gesicht in dem einfachen, weißen Häubchen fast verschwand. Das Zimmer war sehr dunkel, denn eine spanische Wand, die fast bis an die Decke reichte, theilte es in zwei Hälften, so daß die eine Hälfte zunächst der Thür ein Vorzimmer bildete. Diese spanische Wand war beweglich, und konnte nach Belieben verkürzt und verlängert werden. Hinter derselben hielt sich Ammer auf. Er hatte die Theilung des Zimmers angeordnet, weil er von Niemand in den Tagen der Prüfung, wie er sagte, überrascht werden wollte. Still hörte die Stimme seines alten Bekannten mit tiefer Bewegung. Sie klang heiser und hart. Wer stört uns, Mutter? fragte er, mit seinem Stocke auf die Diele klopfend. Herr Candidat Still will dich besuchen, antwortete Frau Anna, diesmal mit leichtem Herzen. Er hat sich von dem schlimmen Wetter nicht abhalten lassen. Treten Sie heran, Sie halber Mann Gottes, sagte Ammer; denn wenn ein Pastor einen ganzen Mann Gottes vorstellt, muß ein Candidat doch wenigstens ein halber sein. Wie sieht's aus in der Stadt? Singen die Schüler noch, wenn ein ehrlicher Mann begraben wird, und müssen die Schullehrer noch mitlaufen in ihren schwarzen Mänteln? Möcht' gern 'was Neues erfahren, weil mich das Alte so schwer drückt. Candidat Still trat, während Ammer diese Worte zu ihm sprach, hinter die spanische Wand und ward jetzt des ehemaligen Webers ansichtig. Die harten Schläge des Schicksals hatten den alten Mann körperlich noch nicht gebrochen. Er konnte freilich seine Gliedmaßen nicht mehr gebrauchen, er war älter geworden und hagerer, aber seine großen, blauen Augen blickten noch so feurig in die Welt, wie ehedem. Still erstaunte über den Kopf des Alten. Diesen Kopf würde ein Maler wunderbar schön gefunden haben, denn um das hagere, blasse Gesicht mit den markirten Zügen, dem festen, starken Kinn, dem hart zusammengekniffenen Munde ringelten sich ein paar dünne silberne Locken. Die hohe Stirn war kahl, denn sein starkes Haupthaar war dem alten Manne in den letzten zwei Monaten massenhaft ausgefallen. Er trug deßhalb den Kamm nicht mehr, sondern ließ die ihm noch verbliebenen Ueberreste flattern und sich kräuseln, wie sie eben mochten. Sehen Sie mich nicht so verwundert an, mein lieber Herr Candidat, sprach Ammer, die Befangenheit des von Natur so nüchternen Still bemerkend. Es ist mir von Herzen lieb, daß Sie meinen etwas altväterischen Boten respectirt haben und zu mir kommen in meine Einsamkeit. Ich bin, was ja die Welt schon weiß, ein herunter gekommener Mann. Der Greis sah grimmig vor sich hin. Aus seinem Blick war alle Liebe, alle Milde gewichen. Er schien mit einem großen Entschlusse sich zu tragen. Unser Aller Herr und Gott wird Sie nicht verlassen, Herr Ammer, meinte der Candidat. Kann's auch nicht recht glauben, aber ich möchte doch selber noch die Fingerspitzen rühren, damit es wenigstens aussähe, als wär' ich ein Mann. Was dahingegangen ist in die Winde und meine ein Krampf unterbrach den ruhigen Fluß seiner Rede die da haben genug Windfänge ausgespannt das wird keines Gerechten Gebet wieder bringen. Ist mir auch in meinem Alter wenig daran gelegen. Aber meinen ehrlichen Namen will ich nicht in die Rabousche geben. Der soll herausspringen aus der Masse, die man hinausschüttet zur Beute für gierige Menschen mit Rabenherzen. Mit meinem Krückenstocke will ich danach suchen und haschen, bis ich ihn erwische, und dann soll er der Deckstein meines Grabes sein, in das ich die von der stürmischen Reise durch's Leben müden Gebeine hinabsinken lasse. Ammer sprach dies Alles hart, mit einer gewissen Wildheit in Blick und Ausdruck, so daß der Candidat für sein geistiges Wohl besorgt ward. Sie werden auch noch Freudentage sehen, Herr Ammer, tröstete Still den alten Weber. Nie, mein Herr Candidat, nie! Und wenn mein Schöpfer tausend Regenbogen ausspannte über die Erde und seine Sonne flimmerte darauf in den prachtvollsten Farben, es bliebe doch Nacht in meiner Seele! Es will kein Licht mehr brennen da drin, fuhr er etwas wehmüthiger fort, mit dem Zeigefinger auf seine breite, helle Stirn tupfend. Böse Wetter oder Grabesluft oder Verwesungsdunst nennen Sie's, wie Sie wollen erfüllt sie ganz. Es ist der Ueberrest der Opfer, die darin verbrannt worden sind: Elternliebe, Vertrauen auf das Wort meiner Nebenmenschen, Glaube u.s.w. Leuchte ich hinein mit einem Lichtstumpfen in den heißen Knochenkasten hui aus lischt es, als führe ein giftiger Wind in die Flamme! Nein, es ist zu Ende mit der Freude, Herr Candidat. Will aber auch keine mehr haben auf Erden. Ich will nur und die lahme Hand umklammerte fester den Krückenstock, ihn hart auf die Diele stoßend, ich will nur noch Gerechtigkeit! Kalt und starr hing Ammer's Blick auf den ängstlichen Mienen des Candidaten, der gar nicht errathen konnte, was der seltsame Alte, dessen Geist er gestört glaubte, von ihm begehren möge. Ich muß Hilfe haben in meiner Noth, fuhr er nach kurzer Pause fort, und mir fehlt's an einem Menschen, auf den ich mich verlassen kann. Da ist zwar die Erdmuthe, ein Weib ohne Fehl, wie kein zweites gelebt seit dem Sündenfalle, aber zu weichherzig und mild, und eben ein Weib. Schreiben kann ich nicht, denn der Herr hat mir in Flammen die Hand gelähmt. Da dacht' ich in der schweren Stunde der Angst, Sie, Herr Candidat, könnten der Mann sein, der mir seine Fingerspitzen darreichte, wenn ich Sie darum bäte. Sie sind harmlos und gehören nicht der Sorte Menschen an, die man gemeinhin Kinder der Welt nennt. Zu Ihnen allein habe ich noch Vertrauen. Wollen Sie diesen Rest des Vertrauens nicht vollends in mir zerpflücken, so dienen Sie mir. Werther Herr Ammer, sagte Still, wie gern bin ich bereit zu helfen. Aber ich habe so wenig Kenntniß von weltlichen Dingen und in das, was man Geschäfte nennt, konnte ich mich niemals finden. Es bedarf keinerlei Kenntniß zu meinem Auftrage, der einfache gute Wille reicht dazu hin, erwiderte Ammer. Lassen Sie mich schweigen von dem Vergangenen, fuhr er fort, es frommt nicht, daran zu denken. Mein Jüngster sitzt, einer schweren Unthat bezüchtigt, Tausende von Händen feiern und der bleiche Hunger hält Wache vor den Hütten derer, die einst freudige Tage in Demuth darin verlebten. Ich selbst darbe noch nicht Gott sei Dank! ich helfe, wo ich kann, und so oft mich ein Bedürftiger anspricht. Aber ich muß doch weise haushalten mit dem Meinigen, falls es zum Processiren kommt. Und dahin möcht' ich's gern bringen, nicht der Jungen wegen, sondern um meinen Namen zu retten. In Ihrer Bedrängniß, in Ihrem Kummer wollen Sie noch einen Proceß anfangen? Fange ich ihn nicht an, so wird mir der Proceß gemacht, versetzte Ammer. Es ist Vieles dunkel in der Sache, darum soll Licht hineingebracht werden. Der Mirus, mein Freund, wäre schon der Rechte, aber den Mann muß auch die Tarantel der neuen Zeit gestochen haben, denn er ist in seinen alten Tagen verreist, Gott weiß wohin! Wird ihm diese Reise viel Geld kosten und nachher ihn krippen. Und der Block hat auch nichts wieder von sich hören lassen. Wollen Sie, Herr Candidat, an den Mann schreiben? Sie verdienten sich einen Gotteslohn. Still lebte wieder auf. Mit dem größten Vergnügen, sprach er, und da Sie mein Schreiben ja doch lesen müssen, so soll es allsogleich geschehen. Ammer nickte beistimmend. Hab's vermuthet, daß Sie einen Unglücklichen nicht werden verschmachten lassen. So schreiben Sie denn in meinem Auftrage und Namen, daß ich den Herrn Advocaten zu sprechen dringend begehre, daß ich seinen Rath und seine Hilfe nicht missen kann und daß er mich besuchen solle, so bald als möglich. Zum Zweiten aber, mein Herr Candidat, reisen Sie auf meine Kosten nach Herrnhut zum Grafen Alban und laden auch diesen zu mir ein. Er ist ein mildgesinnter, wohldenkender Mann, der keinen Wohlgefallen hat an irgend Jemandes Verderben. Durch ihn will ich den Stand der Dinge klar kennen lernen. Still willfahrte dem alten Weber. Der Brief ward mit gewandter Feder zur vollsten Zufriedenheit Ammer's abgefaßt. Ihn persönlich auf die Post zu geben, gelobte der willfährige Candidat. Ammer schien zufrieden und beruhigter. Der gutmüthige Gelehrte glaubte jedoch den eigenthümlich gearteten Mann nicht verlassen zu dürfen, ohne einen Versöhnungsversuch gemacht zu haben. Er nannte deßhalb Christlieb und bemerkte, daß er den jungen Mann sehr verändert, sehr vergrämt gefunden habe. Ammer's Züge nahmen den früheren strengen, ja grimmigen Ausdruck an. Bloße Veränderung wird da wenig helfen, sagte er kalt. Der ganze alte Mensch muß vermodern und verwelken, und aus Staub und Asche ein neuer sich erheben, sonst ist keine Rettung. Besser, der Mensch geht zu Grunde in Reue und Buße, als daß er zum Schimpf aller Guten frevelhaft fortlebe. Er trauert, daß er das Antlitz seines Vaters so lange nicht mehr gesehen. Ist ihm gut, fiel Ammer ein, und wird er es auch nicht wieder sehen, es sei denn, daß er vor mich treten und mir beweisen könne, nicht seine Schuld allein habe dieses Unheil herbeigeführt. Gerade darum will ich den Advocaten sprechen und ein unbefangenes Wort mit dem Grafen reden. Ich bin nicht unversöhnlich, mein werther Herr Candidat, aber es muß Alles in Ordnung bleiben. Geschworen hab' ich meinem Schöpfer, die die Bedauernswerthen nicht zu sehen, bis das beschafft worden, und ich halte meinen Schwur, sollten auch Herz und Auge darüber brechen. Still war überzeugt, daß jedes weitere Zureden den Starrsinn des consequenten Greises nur vermehren könne, und brach deßhalb das Gespräch ab. Vorläufig meinen Dank, sagte Ammer, als der Candidat sich zum Fortgehen anschickte. Eilen Sie jetzt, und gebe der Herr zu jedem Schritte, den Sie thun, sein Gedeihen. Auf dem Corridor traf Still wieder mit Christlieb zusammen. Was begehrte der Vater? fragte der Geängstigte in fieberhafter Aufregung. Ruhe und Muth, mein Freund, sagte Still. Ihr Vater ist erbittert, wohl auch etwas verbittert, aber nicht unversöhnlich. Segnet Gott die Wege, die ich jetzt zu wandeln habe, so hoffe ich auch noch die Freude zu erleben, Vater und Sohn versöhnt zu sehen. Mit freundschaftlichem Händedrucke verabschiedete sich der Candidat, um muthvoller, als er gekommen war, nach der Stadt zurückzufahren. Drittes Kapitel. Des Candidaten Still Zusammentreffen mit den Herrnhutern. Frau Sempiterna schmollte. Still ließ sich jedoch davon nicht stören. Er schob seine Chronikbücher und Manuscripte bei Seite, bestellte trotz des fortdauernden, stürmischen Wetters persönlich einen Wagen für den nächsten Tag und zeigte sich zur Verwunderung seiner höchst unzufriedenen Gattin viel praktischer, als je zuvor. Das thut er für stockfremde Menschen, sagte sie kopfschüttelnd, und wenn er mir die Wolle halten soll, die ich zu seinen eigenen Winterstrümpfen verbrauche, verwirrt er mir den ganzen Strang. Man könnte doch gleich weinen vor Aerger über solche Verkehrtheiten der Männer. Sempiterna weinte indeß nicht, sondern begnügte sich mit sehr gemäßigtem Brummen. Still war überaus geschäftig, dabei aber auch für seine eigene Person besorgt. Der lange Weg über die hochziehende Straße in offener Kalesche einen andern Wagen konnte er nicht erhalten war keine Vergnügungsreise, und da das immerwährende Stubensitzen ihn verweichlicht hatte, so mußte er auf warme Kleidung Bedacht nehmen. Mit hochgestellten Personen war Still nie im Leben zusammengekommen. Seine an Blödigkeit streifende Schüchternheit hielt ihn ab, vornehme Verbindungen zu suchen. Graf Alban kannte er von Ansehen aus früheren Tagen her. Mit ihm, der überhaupt seinen Adel nicht stolz zur Schau trug, hatte er sogar schon Worte gewechselt, und da ohnehin der Graf in jüngeren Jahren als Prediger auf den Inseln des chinesischen Meeres gelebt und gewirkt hatte, betrachtete ihn Still in gewissem Sinne als Collegen. Er fühlte deßhalb weder Befangenheit noch Angst, als er, ungeachtet seiner warmen Kleidung, ziemlich durchfroren, vor dem Thor des gräflichen Gartenhauses ausstieg. Graf Alban empfing den Candidaten, dessen er sich flüchtig erinnerte, mit zuvorkommender Freundlichkeit, seine Züge verdüsterten sich aber, als Still das Begehren Ammer's vortrug. Erlaubten es meine Geschäfte, sagte der Graf, nachdem er den Candidaten ruhig angehört hatte, so würde ich unverweilt den vielfach bedrängten, alten Herrn besuchen. Leider aber bin ich dergestalt mit Correspondenzen überhäuft, daß ich in den nächsten Wochen keine Zusage geben kann. Indeß sollte ich meinen, ein Brief würde mein persönliches Erscheinen ersetzen können. Es kommt ja tausendfach im Leben vor, daß die Person durch einen Brief vertreten wird. Candidat Still erlaubte sich, auf die große Wichtigkeit hinzudeuten, die der Weber gerade auf ein Gespräch mit dem Grafen legte. Ich glaube Ihnen gern, Herr Candidat, erwiderte Graf Alban, dennoch kann ich dem Wunsche Ammer's nicht entsprechen. Ich weiß wohl, fuhr er fort, wir Herrnhuter sind dem alten Herrn zu Dank verpflichtet, und gern, ich gestehe es, gern möchte ich ihm beistehen, ihm irgend etwas Liebes erweisen. Allein, wie soll man in dieser traurigen Angelegenheit seine Hand dazwischen stecken, ohne sich selbst zu beschmutzen! Die Söhne des alten Herrn haben schmachvoll und undankbar an uns gehandelt, und uns zehnmal mehr dadurch geschadet, als des Vaters erprobte Redlichkeit uns nützte. Nie im Leben hätte ich geglaubt, daß so junge Männer aus Liebe zum Gewinn in kurzer Zeit so tief sinken könnten! Den Candidaten überlief es bei diesen Aeußerungen bald heiß, bald kalt. Entgegnen konnte er nichts, da ihm alles Verständniß abging, und wollte er gutmüthig entschuldigen, so konnte er sich in den Augen des Grafen lächerlich machen. Räthselhaft ist es mir nur, fuhr Graf Alban fort, daß der jüngere Ammer einen vollen Monat vor der Entdeckung seiner Unredlichkeiten die Stirn haben konnte, sich mir zu entdecken und mir dabei die frechsten Lügen in's Gesicht zu sagen. Ich war nahe daran, selbst Theilnehmer seiner Betrügereien zu werden, was er wahrscheinlich klug berechnend beabsichtigt haben mag. Zum Glück traute mein erfahrener Freund, Herr Wimmer, schon seit langer Zeit nicht und nur seiner Vorsicht, seinem raschen Handeln und seinem Schweigen gegen Jedermann habe ich es zu danken, daß ich den Brüdern nicht die enormen Summen vorschoß, welche zu decken waren. Zwei Tage später würde das geschehen sein, die Lüge hätte triumphirt und wir, die wir halfen, waren die Geprellten und mußten doch schweigen. Still begriff von dem Allen nichts. Er erwiderte deßhalb auch keine Sylbe, sondern bat nur, und zwar in sehr herabgestimmtem Tone, der Graf möge die Güte haben, dies Alles Herrn Ammer in seinem Briefe recht deutlich und ausführlich auseinanderzusetzen. Graf Alban sicherte ihm dies nochmals zu und versprach dem Candidaten, das Schreiben nach Verlauf von zwei oder drei Stunden einzuhändigen. In großer Unruhe ging Still straßauf straßab, ohne des heftigen Sturmes zu achten, der noch immer mit ungebrochener Gewalt forttobte. Es bangte ihm vor der Rückkehr, vor der Heftigkeit Ammer's, der ja ihm und seiner Ungeschicklichkeit das Mißlingen der ganzen Sendung Schuld geben konnte. Während dieses zweck- und ziellosen Umherwanderns hörte er sich unerwartet bei Namen rufen. Er blieb stehen und sah sich um, allein die Straße war leer. Da rief es zum zweiten Male und nun erst gewahrte Still an dem geöffneten Fensterflügel eines Parterrezimmers ein Gesicht, das er zu erblicken nicht erwartete. Sie haben sich wohl verirrt, lieber Herr und Bruder in Christo? redete der im Fenster Liegende den Candidaten an. Treten Sie doch herein. Mein schlichtes Haus wird geehrt, wenn der Fuß eines so wahrhaftigen Gottesgelehrten und getreuen Arbeiters im Weinberge des Herrn die Schwelle desselben überschreitet. Haben uns lange nicht mehr gesehen. Mein Auge streifte Sie, erinnere ich mich recht, beim großen Prunkfeste auf Weltenburg. Ist seitdem wohl etwas still geworden dort, wie? Ein böses, böses Ereigniß! Hab' mich selbst davor erschrocken, wahrhaftig! Aber es mußte dennoch geschehen zu Ehren der Gerechten. Hat Herrn Ammer senior etwas stark angegriffen wie? Ach ja, konnte mir's denken. Armer Mann! Theurer, beklagenswerther Freund! Wimmer erhob sich, griff in die Tasche seines faltigen Hausrockes und trocknete sich mit einem weißen Linnentuche die Augen. Er betrachtete das Tuch und sagte dann: Das ist noch ein Ueberrest von der guten alten Ammer'schen Waare. Treffliche Arbeit, wahrhaftig! Ein Faden wie der andere, man hat noch jetzt seine Freude daran. Die Kinder webten's, als sie noch in die Bleiche fuhren. Die guten Jungen! – Wollte ihnen aufhelfen und dann verwarfen sie sich. – Aber freilich, sie wurden mit dem Gelde, das ihnen von allen Seiten zuströmte, alsbald hochmüthig; sie beteten nicht und da fielen sie in Versuchung und Stricke! Just beim Trocknen meiner oft thränenden Augen entdeckte ich den Betrug. Bedaure sie aber doch, die armen, jungen Menschen. Ich will für sie bitten, recht wie ein Vater und Bruder. Sie sind so schon genug gestraft. Sind arm geworden, oder werden's doch künftig sein, und die Ehre, ach, ach die Ehre ist verloren für immer! Wie mich das dauert ich kann's wahrhaftig nicht sagen! Er zog abermals das Tuch hervor und trocknete damit seine von Thränen überfließenden Augen. Candidat Still, obwohl unerfahren in allen weltlichen Angelegenheiten, gingen doch beim Anblick dieses Mannes die sonderbarsten Gedanken durch den Kopf. Er wußte, daß Wimmer ein Freund der Familie Ammer gewesen war, daß auf sein Begehr die Verhaftung Fürchtegott's stattgefunden hatte. Die Thränen des alten Herrnhuters schienen ihm jetzt erkünstelt, wie das ganze sonderbare Wesen des schwer zu beurtheilenden Mannes. Ohne ein Wort zu erwidern, sah er ihn forschend an. Wimmer schlug die Augen nieder. Will's Gott und mein Heiland, sagte er, so gedenke ich meinen alten, lieben Freund bald wieder zu sehen. Es wird hohe Zeit, daß wir vollends Abrechnung halten mit einander, denn ich fühle auch täglich meine Kräfte mehr sinken und gedenke mich deßhalb zur Ruhe zu setzen, um als frommer Christ mich in Demuth vorzubereiten auf mein letztes Stündlein. Aber bitte, bitte, Herr Candidat, treten Sie doch ein! Meine Haushälterin soll Ihnen eine ächte Tasse Mokka bereiten. Feines Getränk das stärkt die Nerven; sag' Ihnen, wär' ein vortreffliches Mittel, den armen, eingesperrten Jungen frisch zu erhalten. Ist aber sehr, sehr kostbar, weßhalb man es dem Fürchtegott jetzt nicht empfehlen kann. Nicht Haushalten, mein lieber Herr und Bruder in Christo, nicht Haushalten kommt unmittelbar nach den sieben Todsünden! Still entschuldigte sich mit dringenden Geschäften. Wimmer's Redseligkeit und seine sich stets von Neuem wiederholenden Anspielungen auf das der Familie Ammer zugestoßene Unglück schienen eine gewisse Absichtlichkeit zu haben, die seinem Dafürhalten nach an Hohn streifte. Der Alte soll es doch wissen, sagte Still zu sich selbst. Er hat ja lange genug mit dem Schleicher gehandelt, er muß ihn besser kennen, als ich. Ich werde ihm mittheilen, was er mir da vorgeplaudert hat. Wimmer grüßte lächelnd und schlug das Fenster zu. Still ging wieder nach dem Gartenhause des Grafen, der inzwischen einen langen Brief an Ammer geschrieben hatte und diesen dem Candidaten jetzt übergab. Grüßen Sie den leidenden, alten Herrn recht freundlich von mir, sagte Graf Alban. Ich bin etwas weitläufig geworden, um einige dunkle Punkte schärfer beleuchten zu können. Mein verehrter Freund wird nach Lesung dieses Schreibens mir vollkommen Recht geben und sicher keinen Proceß anfangen. Es ist ein entsetzlicher Schlag, der die Familie getroffen hat. Die Schuldigen werden schwer dafür büßen müssen. Der Herr hat von Glück zu sagen, daß er nicht mit all den Seinigen an den Bettelstab kommt. Was er ungern that, wozu er sich erst nach langem Zureden entschloß, die Separation seines ursprünglichen Geschäftes von dem der Firma »die Gebrüder Ammer« ist jetzt seine Rettung und kann auch den Söhnen nach vollständig ausgebrochenem Banquerott noch von bedeutendem Nutzen sein. Leer an Hoffnungen verließ Still den Brüderort. Hatten seine Mühewaltungen auch bei Block keine besseren Folgen, so mußte man die Ammer verloren geben. Unterwegs überlegte der Candidat, was er thun solle. Ammer erwartete ihn wahrscheinlich persönlich in Weltenburg, um sogleich direct Erkundigungen von ihm einziehen zu können. Ein abermaliges Zusammentreffen mit dem nervös reizbaren, auffahrenden und zu heftigen Ergüssen geneigten Weber schien ihm unter obwaltenden Umständen gar nicht erwünscht. Was der Graf geschrieben, wußte er nicht, und daß er mit Wimmer zusammengetroffen, daß dieser ihn einen Blick in eine verborgene Kammer seines Herzens hatte thun lassen, ließ sich eben so gut brieflich melden, als die Versicherung des alten Speculanten, daß er mit seinem alten Freunde demnächst Abrechnung zu halten gedenke. Still wollte weder Ursache zur Aufregung und zur Erzürnung Anderer werden, noch selbst darunter leiden. Er schrieb deßhalb, in seiner Behausung wieder angekommen, sogleich an den greisen Weber, fügte seinen Zeilen den größeren Brief des Grafen bei und gab beide Schreiben unverweilt auf die Post. Mit Frau Sempiterna hatte der Candidat am Abend dieses Tages noch ein nicht ganz freundschaftliches Gespräch durchzuführen. Erst als der sehr genauen und haushälterischen Frau die wiederholte Versicherung von Seiten ihres Gatten geworden war, daß er außer seiner Zeit kein Opfer gebracht habe, gab sie sich nach und nach zufrieden über die närrischen Liebhabereien ihres Bücherwurms und dessen unbegreifliche Dienstwilligkeit für nichts und wieder nichts. Viertes Kapitel. Es tagt. Vor Ammer lagen zwei geöffnete Briefe. Auf beiden hafteten die Blicke des Greises, während tiefe Runzeln seine breite Stirne durchfurchten. Frau Anna blickte einige Male schüchtern um die halb zurückgeschobene spanische Wand und beobachtete mit sorgenvollen Mienen den schweigsamen Gatten. Schon zum sechsten Male kehrte sie wieder und noch immer saß Ammer in der früheren Haltung vor dem Tische und starrte auf die Briefe. Die Sorge ließ die Geängstigte nicht länger zaudern. Sie hustete leise und redete den Gatten an. Vater, sprach sie, du hast doch nicht abermals schlimme Nachrichten erhalten? Das Paquet war stark, es kam wohl weit her? Ammer sah seiner Frau ernst ins Gesicht. Nimmst du eine auffallende Veränderung an mir wahr? fragte er. Warum? Ich denke mir, ein Mensch, der Gott geschaut, müsse sich unterscheiden von allen anderen Creaturen dieser Welt, und wieder meine ich, daß ein irrender Sterblicher, vor dessen Angesicht unerwartet der Satan tritt, ebenfalls ein anderes Ansehen erhalten müsse. Glücklicherweise ist uns Beides nicht vergönnt, sagte Frau Anna. Die hohe Weisheit des Schöpfers hat uns vor solchen Schrecknissen bewahrt. Ammer schüttelte sein fast kahles Haupt. Du irrst, erwiderte er, dem ist nicht so. Gott den Herrn erblickt wohl selten oder nie Einer von denen, die sich gern alle Gottes Kinder nennen, mit dem Satan aber kommen wir zuweilen in Berührung; ohne daß wir's ahnen. Mir ist er auch schon begegnet, Mutter, aber immer in verhüllter Gestalt. Dennoch hat er mir die Hand gedrückt. Jetzt aber trat er gerade vor mich hin, und Auge in Auge faßten wir einander. Das hat mich gepackt im Innern, als berste die Erde unter mir; meine Seele lechzt nach himmlischem Balsam und das Herz blutet, denn ich fühl's, wie schwere, heiße Tropfen darin niederfallen. Er neigte sein Haupt auf die Brust und holte röchelnd Athem. Anna wußte nicht, was der seltsam Bewegte meine. Die Briefe aufzunehmen, die ihn ohne Zweifel in solche Stimmung versetzt hatten, durfte sie nicht wagen. Nach einiger Zeit richtete sich Ammer wieder auf und sagte mit ungewöhnlich sanfter Stimme. Hat Christlieb heute nach mir gefragt? Anna's Busen hob sich. Schon zweimal, erwiderte sie. Er war's auch, der mir die Briefe übergab. So, so; nun es ist gut. Was macht denn Christlieb? Die Mutter faltete dankend die Hände. Nie seit zwei vollen Monden war eine ähnliche Frage über die Lippen des Vaters gekommen. Sie hoffte, daß er seinen Sinn geändert habe, daß er dem tief Gebeugten endlich verzeihen wolle. Christlieb liest viel, sagte sie ängstlich. Er hat sich Bücher geben lassen von Erdmuthe. Das ist Recht, sprach Ammer zerstreut. Jetzt geh', Mutter! Laß Niemand ein. Ich muß durchaus Ruhe haben, denn mein Geist ist sehr müde geworden von der Erscheinung, die vor mir aufstieg! Einen Seufzer unterdrückend, zog sich Anna, die für den Verstand ihres Gatten besorgt war, hinter die spanische Wand zurück. Jetzt griff der Greis hastig, mit zitternden Händen und funkelnden Augen wieder nach den Briefen und durchlas sie nochmals. Graf Alban's Auseinandersetzung gab Ammer die Ueberzeugung, daß dieser Mann immer nur das Beste seiner Söhne gewollt habe. Er ersah ferner daraus, wie Christlieb und Fürchtegott, namentlich aber Letzterer, seit seiner Rückkehr aus Amerika, aufgefordert durch dortige Agenten, lange Zeit unter dem Deckmantel der Ammer'schen Verpackung halbleinene Waaren anstatt ächter Leinewand eingeführt hatten. Dieser Handel war unbemerkt betrieben worden, bis angeblich Wimmer zuerst die Entdeckung desselben machte. Ein sofort an alle mit den Brüdergemeinden in Verbindung stehende Firmen erlassenes Circulär des Herrnhuters unterrichtete diese, forderte sie zu genauer Untersuchung der nächsten Sendung auf und verlangte, falls diese sich als unächt erweisen sollte, Sistirung der Zahlung. Leider bestätigte sich der Verdacht Wimmer's und zwar in solchem Umfange, daß noch ernstere Maßregeln nöthig wurden. Graf Alban erfuhr, wie er jetzt Ammer sehr ausführlich auseinandersetzte, von allen diesen Vorgängen nichts. Selbst als Wimmer urplötzlich und ganz in der Stille verreiste, um den betrügerischen Handel gänzlich zu inhibiren und sich zu seinen weiteren Schritten die erforderlichen Documente zu verschaffen, hatte er noch keine Ahnung davon, denn er theilte dem alten Ammer Belege mit, in welcher Weise er Vorkehrungen zur Deckung der Wechsel seiner Söhne traf. Erst die Zurückkunft Wimmer's und die Verhaftung Fürchtegott's, deren Nothwendigkeit der Herrnhuter später nachgewiesen, mußte den Grafen ebenfalls anderen Sinnes machen und der Gerechtigkeit freien Lauf lassen. Dies waren, der Hauptsache nach, die Mittheilungen des Grafen. Sie entbehrten eben so wenig der Milde als der Bestimmtheit und gaben dem Vater wenig Hoffnung, den Ruin seiner Söhne, den Sturz des Hauses, das seinen Namen trug, verhindern zu können. Aehnliches, wenn auch nicht in diesem Zusammenhange, war dem Weber von anderer Seite mitgetheilt worden. Es stimmten diese Angaben mit den Aussagen des Kaufmannes Mirus in vielen Dingen überein, die Arbeiter sogar wurden zu Anklägern seiner Söhne, indem sie die Wahrheit bestätigten. Alles schien verloren. Die Gebrüder Ammer hatten daran konnte jetzt Niemand mehr zweifeln wissentlich schlechte Waare für gute verkauft. Gesetzt, das Gericht sprach sie nach längerer Untersuchung frei, in der Handelswelt mußte sie dieses Ereigniß um allen Credit bringen, und dem Banquerott konnte auf keine Weise vorgebeugt werden. Ammer hatte bis zu dem Augenblick, wo er den Brief des Grafen empfing, das härteste Urtheil über seine entarteten Söhne gefällt. Bei wiederholter Ueberlesung der gräflichen Auseinandersetzung aber stiegen ihm Zweifel auf, nicht an der Schuld seiner Söhne, sondern an deren Urheberschaft. Christlieb und Fürchtegott konnten nichts gewußt haben von Wimmer's gegen sie gerichteter Thätigkeit. Wimmer mußte sie also hintergangen, mit überlegter Schlauheit sie in ein Netz gelockt haben, das sie für immer stürzte. Entweder log Graf Alban, oder Wimmer hatte seit Jahren diesen Sturz der Familie Ammer vorbereitet. Als dritte Möglichkeit endlich ließ sich noch annehmen, daß auch der Graf, ja daß sämmtliche mit den Brüdergemeinden in genauester Verbindung stehende Agenten an diesem auffallenden Verfahren betheiligt seien. Diese Entdeckung, der allerdings noch die volle Gewißheit fehlte, schleuderte einen Feuerbrand in die Seele des alten Webers, der seine verglimmende Lebenskraft zu hell brennender Lohe anfachte. Er soll mir Rede stehen, sagte er, wie ein gereizter Tiger um sich blickend. Kommen will er ja von selbst, schreibt mir der Candidat, um, wie er sagt, Abrechnung mit mir zu halten. – Ha, ich wollt' er wär' schon da! Hier, mir gegenüber will ich ihn hinpflanzen und meine Blicke sollen ihn festpflöcken an die Stelle, wo er steht, daß er nicht wanken noch entfliehen kann, bis er gebeichtet. Hat er mich hintergangen, ist seine gleißnerische Rede der Honigseim gewesen, der die Söhne mir und dem redlichen Wandel abspänstig machte, so soll der Fluch meines verrathenen Herzens ihn treffen, daß er zusammenstürzt, wie ein vom Blitz Erschlagener! O, ich ahne schon seine Beweggründe; ich wittere die Saat, aus der diese giftigen Früchte erwuchsen, um mein Haus zu überwuchern und es zu begraben unter ihrer verderblichen Wucht! Aber ich weiche ihm nicht! untergehen will ich, wenn es beschlossen ist in Gottes Rathschluß, aber nicht allein. Mit mir und meinen Söhnen stürzt auch er in die Grube, die er mit geschäftigen Händen uns aufgewühlt hat! Der ergrimmte alte Mann, der diese Worte nur halblaut murmelte, rief jetzt mit fester Stimme nach Anna, die unverweilt nach dem Begehr ihres Gatten fragte. Wo ist unser Doctor? sprach Ammer. Ich muß mit ihm reden und seine Hilfe in Anspruch nehmen. Walter lebte seit der betrübenden Katastrophe, welche die Familie Ammer betroffen hatte, sehr zurückgezogen. Seine Versuche, den Vater milder gegen die Söhne zu stimmen, blieben erfolglos. Er mußte, wollte er den eigensinnigen, alten Mann nicht auch gegen sich selbst aufbringen, günstigere Momente abwarten, um dann seine Bemühungen von Neuem wieder aufzunehmen. Um nicht ganz müßig zu sein, trat Walter mit Christlieb Ammer in ein intimeres Verhältniß. Die feindselige Haltung des Vaters und die gedrückte Stimmung Christlieb's machten diesen mittheilsam gegen den speciellen Freund seines Bruders, und so erhielt Walter einen ziemlich klaren Ueberblick der Verhältnisse. Mußte er sich nun auch sagen, daß die Brüder sich schwer vergangen hatten, so glaubte er sich doch auch wieder der Ueberzeugung hingeben zu dürfen, daß noch nicht Alles verloren sei. Nur mußte man die rechten Wege einschlagen, durfte nicht heimlich handeln, Fehlerhaftes nicht beschönigen, Strafbares nicht rechtfertigen wollen. Walter lag Alles daran, Fürchtegott zu sprechen. Da er in keinen verwandtschaftlichen Beziehungen zu der Familie stand, glaubte er leicht Zutritt zu dem Verhafteten zu erlangen. Er hielt darum an, ward aber kurz abgewiesen. Der menschenfreundliche Arzt wendete sich nunmehr an Mirus, dessen rechtliche Gesinnung er häufig von dem alten Ammer hatte preisen hören. Dieser hörte ihn zwar an, zeigte aber nicht die geringste Neigung, für seinen gefangenen Freund einen Finger zu rühren. Mirus antwortete mürrisch, abgebrochen, sprach von Hochmuth und Dünkel superkluger Jünglinge, und meinte schließlich, wie Einer sich bette, müsse er auch liegen. Diese letztere Erfahrung entmuthigte Walter. Er begnügte sich fortan mit ruhigem Zuwarten, verkehrte mit Christlieb und Erdmuthe, sah den vergrämten alten Herrn nur äußerst selten, und stellte seine Hoffnung auf die Zukunft. Die ihn plötzlich ereilende Aufforderung, den kränkelnden Greis zu besuchen, überraschte den treuen Freund der Familie. Walter säumte keinen Augenblick; wenige Minuten nach dem an ihn ergangenen Ruf saß er bereits dem Weber gegenüber. Wenn Sie ein richtiger Helfer in der Noth sind, redete Ammer den jungen Mann an, so können Sie jetzt zeigen, was Sie vermögen. Ich habe Sie von jeher für einen zuverlässigen Freund gehalten, der das Laster des Eigennutzes und der Selbstsucht nicht kennt. An Ihrer treuen Hand bestieg Erdmuthe, die arme Taube, die schwankenden Bretter des Fahrzeuges, das sie über das Weltmeer zurück in die lang entbehrte Heimath tragen sollte. Sie haben die schwache Frau mit dem starken Herzen bis in mein Haus geleitet und für solchen Liebesdienst nichts beansprucht, als fortan dieselbe Luft mit denen athmen zu dürfen, die Ihnen lieb geworden sind. Ob Sie's inzwischen bereuten, was Sie damals für ein großes Glück hielten, werden Sie am Besten wissen. Man schlürft schon lange auf Weltenburg nicht mehr Lebensluft ein. Diese Gänge und Zimmerreihen, welche der Hochmuth der neuen Zeit prunkend aufgeputzt hat, sind mit Stickluft angefüllt, welche die Brust Aller beklemmt. Aber Sie sind dennoch nicht auf- und davongegangen. Als Freund in der Noth haben Sie sich bisher bewährt, und so denk' ich, es könnte ja möglich sein, daß Sie auch Rath und Rettung aus diesem Drangsale wüßten, das Sie genügend kennen. Ammer heftete seine tiefliegenden blauen Augen fragend auf das Antlitz des Arztes, der über diese Anrede nicht wenig erstaunte. Wären Sie nicht überzeugt, Herr Ammer, erwiderte Walter, daß ich jedes Opfer zur Rettung Ihrer Familie gern bringen würde, so sähen Sie mich gegenwärtig nicht Ihnen gegenüber. Wohl gesprochen, Herr Doctor, sagte der Weber. Ich weiß, daß Sie willig sind, aber ich weiß nicht, ob Sie auch werden verrichten können, wozu ich Sie auserlesen habe. Entsprechen meine Kräfte dem guten Willen, so dürfen Sie auf mich zählen. Ammer schob seinen Rollstuhl einen Schritt vor. Sie sollen mir einen Fuchs fangen helfen, sagte er mit funkelnden Augen. Es ist Gefahr dabei, werther Freund, aber es brächte Ehre und Ruhm, wenn's gelänge. Als weitgereister Mann und als Kenner von Gegenden, wo reißende Thiere so häufig sind, wie bei uns die Feldmäuse, fürchten Sie, rechn' ich mir, auch die schärfsten Zähne einer Bestie nicht. Kenne ich erst ihr Lager und das Revier, in dem sie sich aufhält, so werden sich auch Mittel finden lassen, ihrer habhaft zu werden. Ammer stieß mit seinem Krückenstocke auf die Diele. Nun denn, sprach er, so schaffen Sie mir meinen gefangenen Sohn hieher an einem Tage und zu einer Stunde, die ich bezeichnen werde, sobald ich sie selbst erst kenne. Wird dies möglich sein? fragte etwas kleinlaut bei von dieser Forderung überraschte Walter. Es muß möglich sein, so über uns, hinter dem blauen Gewölbe des Himmels und auf den Welten, deren Leuchten wir des Nachts bewundern, ein gerechter Herrscher thront, erwiderte Ammer. Es hat meinem Schöpfer gefallen, mich zu demüthigen zu einer Zeit, wo Hand und Fuß nicht mehr meinem Willen gehorchten. Ich nehm' es hin, als eine Prüfung. Damit meine Kinder, geblendet von dem Silberblick des Reichthums, nicht zu Verbrechern würden, hat seine mächtige Hand die Säulen zerschlagen, auf deren Kapitälen das glänzende Dach meines Hauses ruhte. Das erkenne ich in Demuth und will nicht weiter unnütze Klagen darüber führen. Wir haben auch allzumal gefehlt und also Strafe verdient. Aber es lebt ein Anderer, der schuldiger ist denn wir Alle, so Gott mein Auge nicht mit höllischem Feuer blendet. Müssen wir dulden für unsere Sünden, so soll derjenige , welcher sie heimlich gezeugt, nicht leer ausgehen für seine Missethaten. Ich hab' mir gelobt, seit ein Lichtstrahl von Oben nach langem Bitten in die Nacht meines Grames gefallen ist, Gericht zu halten, bevor ich sterbe. Wird bei diesem Gericht auch der Stab gebrochen über mich selbst, so werd' ich doch nicht zusammenbrechen darunter, gleich einem schuldbewußten Verbrecher. Der feierliche Ton in der Rede des Greises machte einen tiefen Eindruck auf Walter. Ammer sprach ohne Leidenschaft, aber mit einer Entschiedenheit, die nur das Ergebniß reiflicher Ueberlegung sein konnte. Mir verbleibt nicht mehr gar viel Zeit, fuhr der Weber fort, da sein jugendlicher Zuhörer nichts erwiderte, denn ich fühle das Nagen des Alters in dem Mark meiner Gebeine. Also muß gehandelt werden. Und ich weiß es, mein Schöpfer wird die Schleife des unsichtbaren, geheimnißvollen Bandes, dessen Enden Seele und Leib verknüpfen, nicht lösen, bevor ich dieses beschafft habe. Nicht im Finstern tappend, das Gewissen beschwert mit unklarem Verdacht, nein, im vollen Licht der Wahrheit will ich Abschied nehmen von der Erde, die mich getragen und genährt unter Sorgen und Mühen, also daß ich Ursache habe dem Herrn dafür zu danken. Brechen Sie auf, noch in dieser Stunde, setzte er lebhafter hinzu. Gehen Sie zu meinem Schwiegersohne und sagen Sie diesem willigen Manne, ich hätte die Spur des Schuftes entdeckt, der uns an den Rand des Verderbens heimlich hingedrängt. Dieser Mann heiße Wimmer. Haben Sie meinem Schwiegersohne dies gesagt, dann übergeben Sie ihm diese beiden Briefe, die Sie zuvor gern selber lesen können, und dringen darauf, daß er zu Mirus eile. Trifft er den Kaufmann nicht, so muß er ihn aufsuchen, und soll er täglich ein paar Pferde zu Tode jagen. Mirus hat mächtige Verbindungen. Durch seine Vermittelung öffnet sich der Kerker meines Sohnes. Es ist mir gleichgiltig, ob das Gericht den Gefangenen auf Ehrenwort ziehen läßt, oder gegen Bürgschaft. Füge mich auch drein, daß sie ihm ein Dutzend Häscher zur Begleitung mitgeben. Haben aber muß ich ihn, hier auf Weltenburg, sonst kann ich nicht verrichten, wozu mich Gottes Stimme treibt! Walter fühlte die Briefe in seiner Hand, die Ammer rasch zusammenfaltete und ihm aufdrängte. Wollen Sie einem alten Manne zu seinem Recht, zu einer erlaubten – Rache die Hand bieten? fragte der Greis dringend, während ein convulsivisches Zittern seine Glieder schüttelte. Ich will! sagte Walter entschlossen. Dann geleite Sie der Gott aller Gerechten! – Ammer's zitternder Hand entsank der Krückenstock. Er besaß aber noch Kraft genug, beide Hände gegen den Arzt auszustrecken, der sie feurig ergriff und dann eiligen Schrittes das Gemach verließ. Anna, welche dieser Unterredung hinter der spanischen Wand zugehört hatte, hauchte dem fortstürmenden Freunde nur ein leises: Gott sei mit Ihnen! nach. Fünftes Kapitel. Unerwartete Freunde. Die Lectüre der von Ammer erhaltenen Briefe ließ Walter dunkel ahnen, daß es sich um Enthüllung eines mit größter Schlauheit angelegten und durchgeführten Bubenstückes handelte, allein eine Handhabe, auf die man sich stützen könne, vermochte er dennoch nicht zu entdecken. Angenommen aber auch, Andere, besser Unterrichtete, in das Leben des alten Ammer tief Eingeweihte konnten die aufgefundenen Spuren mit Glück weiter verfolgen, welche Schwierigkeiten waren vorher zu überwinden, wie viele und große Hindernisse zu beseitigen! Inzwischen konnte ja auch der Gegner seine Minen springen lassen und alle Rathschläge kluger Ueberlegung zu Schanden machen. In einer Aufregung, die seinem besonnenen Charakter von Natur fremd war, erreichte Walter den früheren Wohnort Ammer's. Albrecht Seltner war glücklicherweise daheim. Flora, die in Folge der gewaltigen Schicksalsschläge viel gelitten hatte und seitdem fortwährend kränkelte, bestürmte den Arzt mit Fragen, die sich alle auf das Befinden der Eltern, namentlich des Vaters bezogen. Walter gab beruhigende Antworten und ließ sogleich die Bemerkung mit einfließen, daß sein diesmaliges Erscheinen eng mit der Lage der ganzen Familie zusammenhänge und daß, seiner Meinung nach, an die nächsten Schritte und Vorkehrungen sich höchst wahrscheinlich die ganze Zukunft der Ammer knüpfen werde. Weitere in möglichster Ruhe vorgetragene Eröffnungen unterrichteten Albrecht und Flora hinlänglich, um ihnen Terrain zu einer gesicherten Operationsbasis zu geben. Flora ward erschüttert, gerührt. Ich ahnte es immer, bester Albrecht, sagte sie, die Hände über ihrem Busen faltend. Du weißt, daß ich abrieth, daß ich dich und die Mutter zu Vertrauten machte lange zuvor, ehe der Bruder die Reise nach der neuen Welt antrat. Aber ihr redetet immer zum Besten; ihr wolltet nicht unwürdigen Verdacht hegen gegen den Mann, der, wie ihr meintet, der eigentliche Gründer unseres gemeinschaftlichen Glückes sein sollte. Leider war dein Blick klarer, als der unsrige, sagte Albrecht. Das kam daher, daß du mit dem Herzen, wir nur mit dem Verstande den Herrnhuter beurtheilten. Uebrigens vermag ich noch jetzt allerhand Zweifel nicht ganz zu unterdrücken; denn ich kann die wahre Veranlassung seines verstockten, feindseligen Verfahrens nicht entdecken. Der Vater weiß sie gewiß, meinte Flora. Darum verliert nur ja keine Zeit, sondern handelt rasch und vorsichtig. Wenige Stunden später fuhr der bekannte Planwagen Ammer's, den Seltner wieder neu hatte ausbessern lassen, über den Markt der Stadt und hielt vor dem Hause des Kaufmannes Mirus. Albrecht und Walter stiegen mit schweren Herzen ab. Der Hausknecht lehnte am Fenster der Flur und verzehrte mit gesundem Appetit sein Vesperbrod. Als er den Fabrikanten gewahrte, rückte er sein Lederkäppchen und machte Anstalt, ihm entgegen zu gehen, um, wie dies gewöhnlich sein Geschäft war, die im Wagen befindlichen Waaren in Empfang zu nehmen und auf's Lager zu tragen. Albrecht Seltner erwiderte kurz den Gruß des nicht eben übertrieben höflichen Menschen, indem er sogleich resignirt die Frage hinwarf: Herr Mirus ist wohl verreist? Gewesen, versetzte trocken der Knecht. Heute Morgen ist Herr Mirus wieder zu Lande. Auch Besuch hat er sich mitgebracht, und zwar einen ganz merkwürdigen. Seltner überhörte die letzten Worte und fragte, ob der Kaufmann zu sprechen sei? Er habe Eile und müsse sogleich mit demselben reden. Verboten hat mir's der Herr nicht, Jemand, der nach ihm fragt, zu ihm zu lassen. Wenn Sie also Geschäfte mit Herrn Mirus haben, so verfügen Sie sich nur hinauf in seine Stube. Mirus war nicht allein. Auf dem Sopha oder Kanapee, wie man dies altväterische und bereits sehr abgenutzte Möbel richtiger nannte, saß ein großer hagerer Mann, dessen Antlitz dem am Fenster stehenden Kaufmanne zugekehrt war, als Seltner in Begleitung Walter's eintrat. Das Geräusch der wieder in's Schloß fallenden Thür veranlaßte den Sitzenden sich umzukehren, und mit unheimlichem Erstaunen blickte Seltner in die harten, tiefgefurchten Züge des einäugigen Advocaten. Walter, der diese Persönlichkeit nicht kannte, fragte seinen Begleiter, dessen Unruhe er bemerkte, leise, wer der Einäugige sei, erhielt jedoch keine Antwort, da Mirus, die Eintretenden erkennend, ungewöhnlich freundlich ihnen entgegenging und Beiden die Hand reichte. Bringen Sie mir schon die neuen Tischzeuge? sagte Mirus zu Seltner. Da haben Sie tüchtig arbeiten lassen. Ich erwartete Sie vierzehn Tage später. So lange werden Sie sich wohl auch gedulden müssen, Herr Mirus, erwiderte Seltner. Heute komme ich ohne Waaren, aber dennoch in Geschäften und zwar in sehr dringenden. Ich weiß nicht, ob es erlaubt ist, in Beisein eines Dritten über eine Angelegenheit zu sprechen, die meine Familie betrifft? Herr, ich muß Ihr sagen, fiel Mirus hier ein, der Mann, den ich gegenwärtig in meinem Haus beherberge, ist Ihnen, denk' ich, wohl bekannt. Advocat Block hat seiner Zeit Ihrem Herrn Schwiegervater redlich gedient, aber wenig Dank dafür gehabt. Jetzt ist er zur Stelle und es wäre wohl möglich, daß er noch einmal mit seinen Kenntnissen einem alten Bekannten einen Dienst erweisen könnte. Kommen Sie also, was ich stark vermuthe, schon aus Ihrer Begleitung, im Auftrage meines sehr ehrenwerthen Geschäftsfreundes, so dürfen Sie ohne Umschweif reden. Sie sehen hier nur Freunde, nicht Gegner Ihrer Familie. Nicht jedem Andern würde Seltner auf diese einfache Zusage hin unbedingtes Vertrauen geschenkt haben, allein Mirus war eine so durch und durch redliche, so ohne allen Makel dastehende Persönlichkeit, daß ein Wort von ihm mehr galt, als die Unterschrift manches Andern. Seltner glaubte daher nicht bloß, einen Freund Ammer's vor sich zu sehen, er wußte in diesem Augenblicke bereits, daß sowohl der Kaufmann wie der Advocat der Familie gewonnen waren, die vor gänzlichem Ruin zu retten und vor den Verfolgungen versteckter Gegner fernerhin zu schützen, er selbst gekommen. Wenn dies der Fall ist, sagte er, so gehen unsere Wege allerdings zusammen. Ja, Herr Mirus, fuhr er fort, wir Beide sind im Begriff, nach Freunden auszuspähen, da mein Schwiegervater Nachrichten von größter Wichtigkeit erhalten hat. Zeigen Sie dem Herrn das Schreiben des Grafen, sprach er, zu Walter gewandt; es wird Ihnen, Herr Mirus, mehr Aufschluß geben, als eine lange, mündliche Auseinandersetzung, in der manches Wesentliche vergessen werden könnte. Walter überreichte dem Kaufmann Graf Alban's Brief. Mirus trat wieder an's Fenster, denn es dämmerte bereits, die Freunde aber nahmen dem Advocaten gegenüber Platz, der bis jetzt noch kein Wort gesprochen hatte. Er fixirte Beide nur scharf mit seinem einen stechenden Auge, und sah überdies aus wie ein Mensch, der von Nichts weder angenehm noch unangenehm erregt werden kann. Mirus nahm während der Lectüre des Briefes mehrmals eine Prise aus seiner goldenen Dose, die er stets mit sich führte. Endlich schlug er das umfangreiche Schreiben zusammen und gab es Walter wieder zurück. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach er, den Deckel seiner Dose auf- und zuklappend, es harmonirt dies sehr genau mit meinen eigenen Erkundigungen. Ich denke deßhalb, es wird nunmehr Zeit sein, gemeinsam zu handeln, damit Unschuldige nicht in Elend gerathen und weniger Strafbare doch mit milder Buße davon kommen. Mein Herr Advocat und lieber Freund, fuhr Mirus fort, sich jetzt ausschließlich an Block wendend, wir haben in früheren Jahren uns gehaßt, weil ein Dritter sich zwischen uns schob und wir uns demnach gegenseitig verkennen mußten. Wie leicht es ist, den ehrlichsten Mann zu verdächtigen, wie ein Windhauch ein zur Unzeit verwehtes Papier, ein durch Zufall abgedrehter Knopf auf das Haupt auch eines Ehrenmannes schmählichen Verdacht ohne jeglichen Grund häufen kann, davon wissen Sie mehr als wir Andern zu erzählen. Allein der Gerechte hat niemals Ursache sich zu fürchten. Das haben Sie ebenfalls erfahren. Und hätte Sie damals nicht die schwere Prüfung getroffen, wer weiß, ob Sie nicht heute noch mein feindseligster Gegner und der eifrigste Anwalt eines Mannes wären, der aus persönlicher Rache und kleinlichem Haß so großes Unglück über so Viele gebracht hat. Ich bin also der Meinung, daß selbst ungerechte Prüfungen in unsern Augen nothwendig sind zur Durchführung göttlicher wie menschlicher Gerechtigkeit auf Erden. Ich könnte ordentlich vergnügt sein und gegen meine Lebensordnung verstoßen, weil ich gewahr werde, daß sich jetzt Alles vereinigt, um einen Bösewicht am Kragen zu packen. Herr, ich muß Ihr sagen, der Tag, wo der Wimmer baumelt, wird für mich ein Festtag sein. Block lächelte spöttisch. Er baumelt nicht, Herr Mirus, sagte er trocken. Die Verbrechen dieses Schlaukopfes können durch weltliche Gerichte nicht bestraft werden. Wissen Sie das so gewiß, Herr Advocat? So gewiß, mein Herr Mirus, daß ich keine Feder ansetzen würde, um gegen den Herrnhuter zu processiren. Was ich Ihnen schon früher gesagt habe, wiederhole ich jetzt. Ist es Ihr Wunsch und Wille, den Mann, der Ihrem Freunde und dessen ganzer Familie unter der Maske treuester, hingebendster Freundschaft so unglaublich viel Böses zugefügt hat, zu strafen, so können Sie nur sogenannte moralische Mittel gegen ihn anwenden. Mein unmaßgeblicher Rath wäre: zwicken Sie sein Gewissen! Man sagt, Gewissensbisse seien schmerzhafter als jede körperliche Tortur. Die Tortur ist schon längst in civilisirten Staaten abgeschafft, ich wüßte mich aber nicht zu erinnern, daß unsere humane Gesetzgebung es verbiete, Jemand, den man haßt, den man strafen und vernichten will, durch geistige Martern langsam zu Tode zu quälen. Ich glaube also, es ist dies, weil eben nicht verboten, gesetzlich erlaubt, und da es nur auf die Methode ankommt, die man dazu wählen will, so ist man auch nicht verhindert, eine scheinbar humane der inhumanen vorzuziehen. Haben Sie nicht gehört, meine Herren, daß schon Menschen zu Tode gestreichelt worden sind? Herr Wimmer ist ein sanfter Mann gewesen sein ganzes Leben lang, was also hindert Sie, Sanftmuth mit Sanftmuth zu vergelten, und den ewig Bruderliebe Lächelnden ganz sanft, aber ohne Unterbrechung zu streicheln, bis er lachend die Seele aushaucht? Block lachte ebenfalls, während er sein einziges Auge fragend von Einem auf den Andern gleiten ließ. Herr, ich muß Ihr sagen, versetzte Mirus, obwohl ich mich zum Christenthum bekenne, möchte ich einen Feind doch nicht mit sammetnen Handschuhen an der Gurgel packen. Aber lassen wir das vorerst. Mir will es wichtiger scheinen, zu hören, was uns die Herren da mitzutheilen oder vorzuschlagen haben. Walter ergriff jetzt das Wort und trug Ammer's Bitte in Bezug auf Fürchtegott vor. Recht, sagte Block. Das ist ein Geschäft für unsern Freund, welches er vortrefflich versteht. Wollen Sie Ihren Liebling, den Wimmer, nicht todt streicheln, was mir ziemlich einerlei ist, so gehen Sie vorläufig dem Stadtrichter um den Bart, damit er Ihnen erlaubt, in das Gesicht des armen übertölpelten Jungen zu sehen. Seltner verdroß zwar diese wegwerfende Manier des Advocaten, über einen in mancherlei Fährnissen geprüften Mann zu sprechen, er hielt aber an sich, um den, je nach Umständen sehr brauchbaren Mann nicht zu erzürnen. Ohnehin kannte er ja die Redeweise des Rechtsgelehrten von früherher und wußte, daß er Niemand ungeneckt lassen konnte, selbst wenn er es gut meinte. Während Mirus unentschlossen im Zimmer auf- und abschritt und dabei häufig eine Prise nahm, sprach der Advocat zu Seltner: Wie geht's Eurem Papa, junger Mann? Und was macht die kleine Frau? Ich mochte sie verteufelt gern leiden in ihren Klötzelpantoffeln, und hätt' ich mich nicht geschämt, ihre Patschhand in's Gesicht zu kriegen, wär' ich dreist genug gewesen, ihr einmal in Euerm Beisein die frischen Lippen zu küssen. O, es gab 'mal eine Zeit, wo ich Glück hatte bei den Weibern. Das ist aber lange her, und später rissen sie aus vor mir, als hätte mich der Gottseibeiuns zu seinem Schleppenträger ernannt. Na, also wie geht's der Frau Liebsten? Seltner antwortete ruhig, aber kühl. Block lachte und kniff sein Auge zu. Dummer Kerl! sprach er. Nimmt mir einen schlechten Witz richtig übel. Bitte demüthigst um Vergebung! Er nahm seine hohe Sammetmütze ab und verbeugte sich tief vor dem Fabrikanten. Wißt Ihr, daß Ihr der Klügste von Allen gewesen seid? fuhr er dann fort. Euch kann der Teufel und seine Großmutter nichts anhaben, wenn auch ganz Weltenburg in den Schooß der Erde oder, was ganz dasselbe ist, in den Magen heißhungriger Gläubiger hinabsinkt. Von Euch allein können die Ammer gerettet werden. Jetzt trat Mirus zu Block. Herr Advocat, sagte er, ich hab' mir die Sache reiflich überlegt, und ich denk', so wird es gehen. Wimmer ist zwar sehr schlau, aber stärker noch als seine Schlauheit ist die Lust in ihm, sich an dem Kummer des Gestürzten zu weiden. Wie wär's, wenn wir ihn einlüden, ihm was vorspiegelten, damit er sich stehenden Fußes aufmachte und hieher käme? Dann machten Sie einen sanften Versuch mit Ihrer Streichelmethode und streichelten ihn vollends nach Weltenburg. Meinen Sie? erwiderte Block. Ich werd' es aber schwerlich thun. Meine Liebhaberei war es nie, für Andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Man verbrennt sich oft genug die Pfoten auch ohne das. Herr, ich muß Ihr sagen, fiel Mirus ein, als ich vor so und so vielen Jahren Ihnen die Riegel des Gefängnisses öffnete, dachte ich nicht so. Das war Ihre Sache, mein Herr Mirus. Es muß Jeder wissen, was er thut, und ich, ich kenne die Rechte! Eben deßhalb kommt es Ihnen zu, energischer anzutreten, als wir Laien. Im Gegentheil, sagte Block. Ich habe noch lange Zeit. Erst rührt ihr den Brei ein, und wenn er fertig ist, und so dick gerathen, daß ihr dran kleben bleibt, wie die Fliegen auf Leimruthen, schneid' ich euch mit dem Messer des heiligen Tertullian und Vulpian wieder los. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr Mirus auf, das ist ganz und gar nicht freundschaftlich von Ihnen, das nenn' ich niederträchtig undankbar handeln! Nur nicht hitzig, lieber Freund und Retter! sagte Block. Ich finde vielmehr, es liegt eine bodenlose Dankbarkeit meinem Verfahren zu Grunde. Oder ist's etwa nicht christlich, einen Freund aus einer bedenklichen Lage zu befreien? Und ist's nicht doppelt verdienstlich, wenn es auf eine Weise geschieht, an der man als Rechtsgelehrter seine Freude hat? Man will doch auch einen Spaß bei der Teufelei haben. Sie sind ein wahrer – Freund, mein Herr Mirus, fiel der Advocat ein. Und der war ich im Grunde immer, auch wenn es bisweilen nicht den Anschein hatte. Wären Sie z.B. damals Herr auf Weltenburg geworden, als ich es für den Herrnhuter erstand, so würde Wimmer nicht eher geruht haben, bis er Sie unter den Füßen gehabt und Sie wie einen Igel hätte herumkollern können. Mirus spielte mit seiner Dose und wendete sich zu Seltner und Walter. Wann möchten Sie den jungen Ammer sprechen? fragte er. Uns ist jede Stunde recht, erwiderte Walter. Zeit dürfen wir wohl schon deßhalb nicht verlieren, damit Wimmer uns nicht zuvorkommt. Geschieht nicht, warf Block ein. Leute, die sich sicher fühlen, nehmen sich Zeit und sind immer dumm. Wimmer aber ist sicher. Also heute Abend um sieben Uhr, sprach Mirus, noch eine starke Prise nehmend und die bis dahin nicht aus seiner Hand gekommene Dose einsteckend. Um sieben Uhr pünktlich wollen Sie wieder hier sein. Ich gehe, um die Erlaubniß zu erwirken, den Gefangenen sprechen zu dürfen. Geben Sie mir die Briefe. Damit die Zeit Ihnen nicht lang werden möge, rathe ich, gehen Sie auf den Rathskeller. Dort finden Sie Zeitungen, wenn auch keine Menschen. Der Herr Advocat begleitet Sie wohl. Nein, sagte Block trocken. Ich bleibe hier sitzen und zähle die Fliegen, die dort auf Euerm verpfuschten Portrait herumspazieren und Eure Nase beschnüffeln. Wenn's dunkel wird, gehe ich aus. Ich hab' einen Besuch zu machen. Mein ehemaliger Wirth, der sanftmüthige Candidat Still, freut sich gewiß, wenn er mich wiedersieht, und Frau Sempiterna, seine ehrbare Ehewirthin, gibt mir wahrscheinlich Gelegenheit, sie in diese meine Arme zu fassen, denn ich weiß genau, sie erschrickt sich beim Anblick dieses liebevollen Gesichtchens. Dies wird denn für mich ein hohes Gaudium sein. So sind die Rollen für uns Alle schicklich vertheilt. Spielt nun Jeder mit Liebe und Talent, so kommt 'was Tüchtiges dabei zu Stande. Also, Adieu auf Wiedersehn! Mirus verabschiedete sich von seinem Gaste und verließ zugleich mit Seltner und Doctor Walter sein Haus. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach er, Beiden die Hand schüttelnd, es ist ein seltsam gearteter Gesell, dieser Advocat; dennoch sitzt ein tüchtiges Stück Ehrlichkeit in seinem versteinerten Herzen. Es macht ihm Spaß, sich recht teuflisch zu stellen, und doch hilft er zuweilen, wo jede Hilfe schon verloren schien. Unser Herrgott hat wunderliche Kostgänger. So schieden die Freunde, der Kaufmann, um sein gegebenes Versprechen zu lösen, Seltner und Walter, um in traulichem Zwiegespräch ihr nächstes Handeln zu berathen. Sechstes Kapitel. Im Kerker. An den weiß getünchten Wänden des kleinen Zimmers malte das herabgebrannte, nur von Zeit zu Zeit hell aufflackernde Licht phantastische Schatten. Draußen heulte der Wind um die Schornsteine und jagte schrillend die Wetterfahne auf ihren verrosteten Spillen hin und her. Auf ärmlichem Lager lag schwer athmend ein junger Mann. Er schlief, aber bange, schwere Träume mußten ihn quälen, denn auf der bleichen Stirn, über welcher die braunen Locken seines reichen Haares unordentlich herabhingen, perlten dicke Schweißtropfen. Obwohl es nicht sehr warm im Zimmer war, schien der Schlummernde doch an Hitze zu leiden. Er hatte sich die Kleider auf der Brust gelöst und drückte die festgeballte Rechte im Schlafe gegen das Herz, während seine Linke schlaff herabhing und fast die Diele berührte. Wir befinden uns in Fürchtegott's Kerker. Der junge Kaufmann, welchen im Augenblicke stolzer Siegesgewißheit das gebieterische Wort des Mannes, dem er ein Lebehoch ausbrachte, gleichsam aus allen Himmeln herabstürzte, hatte seit jener Stunde Niemand von seiner Familie mehr gesehen. Als er die erste Ueberraschung dieses plötzlichen und schrecklichen Glückwechsels überwunden, wollte er sein Heil durch Bestechung versuchen. Er versprach dem Aufseher, gegen dessen Betragen er sich übrigens in keiner Weise beschweren konnte, eine ansehnliche Summe, wenn er ihm erlauben wolle, ein paar Briefe zu schreiben und diese pünktlich an ihre Adresse zu befördern. Diesem Antrage, den Fürchtegott am ersten Tage seiner Haft zweimal wiederholte, antwortete jedoch nur ein ablehnendes Achselzucken. Obwohl diese Pflichttreue den leidenschaftlichen und in Folge der langen, geistigen Aufregung nervös höchst reizbar gewordenen jungen Mann empörte, mußte er sich doch entweder gelassen in das Unabwendbare fügen oder sich zu andern Schritten entschließen. Zum Bitten war Fürchtegott zu stolz; es würde ihm schwer geworden sein, gegen einen ihm völlig Gleichstehenden eine ernsthafte Bitte auszusprechen, wie vielmehr gegen ein Individuum, dem er in seinem ungemessenen Dünkel kaum gleiche Menschenrechte mit sich selbst zuerkannte. Er hüllte sich deßhalb in Schweigen und hoffte auf Nachricht, entweder von seinem Bruder, seinem Schwager, oder sonst irgend jemand Anderm; denn er war fest überzeugt, daß seine Haft nur von kurzer Dauer sein könne und daß Graf Alban, mit dem er ja Alles schon früher durchgesprochen hatte, die vielleicht nur aus kaufmännischer Vorsorge ergriffenen Maßregeln durch seinen Einfluß und seine Fürsprache wieder rückgängig machen werde. Als nun aber Tag nach Tag verging, als eine ganze Woche sich zu Ende neigte, ohne daß er die geringste Kunde von den Seinen erhielt, ja, als man ihn wiederholt mit Verhören zu peinigen begann, in denen er allerdings ein hartnäckiges Schweigen und Leugnen sich zur Maxime machte, da begann er das Aergste zu fürchten. Seine Zuversicht schwand, sein Muth brach. Er fing an, sich unwohl zu fühlen, obwohl er nicht eigentlich kränkelte. Der Mangel an Beschäftigung, die Sorge um den zeitlichen Besitz, an dem jetzt, wo er mehr denn je gefährdet, ja vielleicht sogar schon verloren war, seine ganze Seele hing, versetzte ihn in fieberhafte Aufregung. Die Einsamkeit des Kerkers war für den an abwechselnden Lebensgenuß Gewöhnten eine unsagbare Pein. Mit wenigen Schritten durchmaß er das kleine Gemach, das freilich nicht comfortable eingerichtet war, als Gefängniß aber doch immer noch anständig genannt werden konnte. Er hätte schreien, toben, mit den Fäusten gegen die Thür donnern mögen, um die innere Unruhe zu beschwichtigen, die ihn aufrieb. Allein sein Verstand sagte ihm doch, daß er dadurch seine Lage nur verschlimmern werde. Erschien nun der bedauernswerthe Gefangene äußerlich auch ruhig, die Gluth des verheimlichten Grimmes fraß unter sich, steigerte seine Reizbarkeit und magerte ihn sichtlich ab. Ohne krank zu sein, fieberte Fürchtegott immer. Am quälendsten aber war für ihn die Nacht, oder wenn der Schlaf den müden Körper überfiel, was nicht gar selten auch am hellen Tage geschah. Den Aufseher dauerte dieser in der That bedenkliche Zustand des jungen Gefangenen, weßhalb er auf eigene Veranlassung hin ihm eine Erleichterung zu verschaffen bemüht war. Mit freudiger Miene sagte er ihm eines Tages, daß er gern an Jedermann schreiben dürfe, nur müßten diese Briefe unversiegelt der Behörde zur Weiterbeförderung übergeben werden. Ich will sterben, nicht schreiben, versetzte Fürchtegott auf diesen Vorschlag, kehrte dem Gefängnißwärter den Rücken und würdigte diesen seitdem keines Blickes mehr. Selbst die kurzen Nachrichten, die der mitleidige Mann bisweilen wie im Selbstgespräch seinem Gefangenen von den Personen gab, die ihm theuer und werth sein mußten, beachtete Fürchtegott nicht. Er schwieg trotzig, genoß wenig und verfiel immer mehr. In dieser schweren Bekümmerniß gewährte nur die wiederholte Lectüre jener Tagebuchblätter, die zuerst seine Sehnsucht nach Erdmuthe zur heißen Flamme angefacht hatten, dem Gefangenen einige Zerstreuung. Diese Aufzeichnungen der ehemaligen Missionärin, in denen sich ihr kindlich reines Herz, ihr edles Wollen so ungekünstelt und wahr kund gab, trug Fürchtegott immer bei sich. Sie waren ihm früher ein Talisman gewesen, der ihn vor jeglichem Unfall behütet, ihn glücklich in die Wildniß geführt und zum ersehnten Ziele hingeleitet hatte. Mit einem gewissen Aberglauben klammerte sich auch noch der verwegen handelnde Weltmann, der von der Lust am Irdischen umstrickt war, an ihn. Konnte er auch nicht sagen, daß Erdmuthe seinen Wünschen gänzlich genüge, daß er sie noch eben so leidenschaftlich liebe, als früher, es hielt ihn doch immer eine gewisse heilige Scheu ab, irgend etwas, das von ihr kam, das sie berührt, besessen hatte, mit Unachtsamkeit oder geringschätzig zu behandeln. Lange Zeit hatten Erdmuthe's Tagebuchblätter unbeachtet auf Fürchtegott's Brust geruht. Die trüben Lebenswirren, die sich auf seinem Wege häuften, ließen ihm keine Zeit übrig, an diese Seufzer einer wahrhaft christlichen Seele zu denken. Sie wurden vergessen, wie so Vieles, und hätte der Zufall sie seinem Eigenthümer entführt, würde dieser Verlust schwerlich so bald von ihm bemerkt worden sein. Erst jetzt fielen sie dem Einsamen wieder in die Hände. Mehr um die Zeit zu tödten, als weil sein Herz ihn dazu trieb, durchblätterte Fürchtegott das zierliche Büchlein. Bald aber fesselten ihn Gedanken und Ausdruck. Das war die Stimme eines von ihm selbst himmelweit verschiedenen Wesens. Welche unendliche Liebe, welche Dankbarkeit, welche Ergebenheit blickte ihn wie mit verklärten Engelsaugen aus jedem Worte an! So konnte nur ein mit Gott völlig versöhntes, ein gleichsam in Gott lebendes Gemüth schreiben. Fürchtegott las und las wieder, und je mehr er sich in Erdmuthe's Herzens- und Seelenergüsse vertiefte, desto schmerzlicher empfand er den Abstand zwischen sich und ihr. Diese Wahrnehmung gab dem Verlassenen viel zu denken. Sie machte ihn unglücklich, und doch war es ihm nicht möglich, seine Gedanken einem andern Gegenstande zuzukehren. Er las und las, bis er die Worte auswendig wußte. Eine Sehnsucht nach Erdmuthe, wie er sie nie gefühlt, seit er sie sein nannte, erfüllte jetzt wie ein Heimwehschmerz seine Seele. Was hätte der Aermste geopfert, wäre es ihm vergönnt gewesen, sie zu sich zu rufen! In der Einsamkeit des Kerkers, dünkte ihn, müßte er an Erdmuthe's Busen alle Schmerzen der Erde, allen Druck, alles Elend der Welt vergessen. Und dieses große Herz, sprach Fürchtegott zu sich selbst, habe ich achtlos von mir gestoßen! Und dennoch, dennoch kam nie ein Wort der Klage, des Vorwurfes über ihre Lippen! Wahrhaftig, sie ist eine Heilige, wie Vater sie nennt! O, und ich, ich bin ein Undankbarer, ein Frevler vor Gott und der Liebe, die uns bessern, heiligen soll! Seitdem kam eine mildere Stimmung über den Gefangenen, aber der Friede der Seele floh ihn fortwährend. Die Qual seiner Nächte rieb ihn mehr auf, als die Sorge um das Zeitliche, die Sehnsucht nach Erdmuthe und die Vorwürfe, welche sein Gewissen ihm machte. So oft er die Augen schloß, sah er das bleiche, vorwurfsvolle Antlitz seines greisen Vaters, wie es in ewiger Bewegung ihm zugekehrt blieb. Selbst das Gebet, zu dem Fürchtegott bisweilen seine Zuflucht nahm, befreite ihn nicht von diesem unangreifbaren Feinde seiner Nächte. Auch jetzt blickte er ihn wieder an, unverwandt, und sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als ruhe der Blick Gorgo's auf dem Träumenden. Der kalte Schweiß rieselte über seine zermarterten Züge, die herabhängende Hand hob sich abwehrend gegen das quälende Gespenst; er röchelte, stöhnte, schrie endlich laut auf, Erdmuthe's Namen nennend, und erwachte. O Gott! sprach er, tief aufathmend und sich emporrichtend auf seinem Lager. Immer derselbe Traum. Er ist ein Theil meines Selbst geworden, er nistet in meinem Gehirn, und nichts, nichts kann ihn mehr vertreiben. Könnte ich mir doch nur den grollenden Vater versöhnen! Sein müdes, in Schweiß gebadetes Haupt auf beide Hände stützend, blieb Fürchtegott sitzen. Er dachte nicht eigentlich, er ließ seine Gedanken schwärmen. Dies zerstreute und beruhigte ihn einigermaßen. Bald durchwanderte er die Urwälder der Tropen, bald stand er auf hohem Top und blickte über die unermeßliche Meeresfläche, deren alleinige Grenze das blaue Himmelsgewölbe war. Dann sah er sich wieder als Jüngling, die Karre schiebend oder Garn scheerend, während der rüstige Vater freundliche Worte mit ihm wechselte. Wie lange er so dem Spiel seiner Gedanken gelauscht haben mochte, wußte Fürchtegott nicht. Ein Geräusch vor der Thür störte es und machte ihn aufhorchen. War das nicht Walter's Stimme? fragte er sich. Ich kenne sie unter Tausenden. Walter, ach Walter! rief er laut aus, könntest du mir doch Trost und Rettung bringen, wie du mir Freund und Führer warst durch die Wälder Surinam's! Ich kann es, mein armer, lieber Freund! antwortete Walter, der jetzt zugleich mit Seltner und Mirus in das Gemach des Gefangenen trat. Ja, du schwer Geprüfter, ich bringe Trost und hoffentlich auch Rettung. Noch hat uns Gott nicht ganz verlassen. Freundestreue, uneigennützige Freunde haben sich um uns geschaart, und ihren vereinten Bemühungen wird es gelingen, die scheinbar so verwickelten Angelegenheiten deiner Familie zu entwirren und hoffentlich auch wieder zu ordnen. Du sollst deinen Vater wiedersehen, er hat nach dir verlangt. Schon morgen wird es dir gestattet sein, gegen Ehrenwort diesen Kerker zu verlassen. Das Alles verdanken wir Herrn Mirus, der sich unser Aller eifrigst angenommen hat. Mirus? sagte Fürchtegott mit verdüstertem Auge, indem er Walter und seinem Schwager Seltner beide Hände reichte. Ich hielt Herrn Mirus für einen meiner Gegner, denn er war es, der den Vater durch seine Mittheilungen zuerst gegen uns aufbrachte. Herr, ich muß Ihr sagen, fiel der alte, gewiegte Großhändler ein, Sie haben sich als ein junger Mann von sehr schweren Begriffen gezeigt. Meine wohlgemeinten Verwarnungen schlugen Sie eigensinnig in den Wind, und zweimal warnen ist nicht meine Manier. Bildete mir stets ein, etwas zu verstehen vom Handel; war nie leichtfertig in meinen Unternehmungen, speculirte jederzeit mit Verstand. Nur einmal habe ich mich verspeculirt. Das war damals, als der Herr Vater mich durch den geistlichen Herrn aus Prag zu sich citiren ließ und ich ihm reinen Wein einschenkte. Glaubte Recht zu thun und bin auch jetzt noch gleicher Meinung, aber die Speculation schlug doch fehl. Herr, ich muß Ihr sagen, wollte die Gebrüder Ammer retten, zur Umkehr bewegen, drängte Sie aber nur vorwärts zum Sturze. War das eine erbärmliche Speculation! Mirus nahm eine Prise und reichte Fürchtegott die Dose. Dieser dankte. Nun, fuhr der Kaufmann fort, da es so schnell zum Brechen kam, war es meine Pflicht, in der Stille mich umzuthun und nachzufragen, durch welchen Wind denn eigentlich das große, schwer beladene Glücksschiff der Ammer gescheitert sei. Wollte mir anfangs scheinen, es säße nur festgekeilt auf spitzem Korallenriff, sah aber bald, daß es stark leck war. Verzweifelte dennoch nicht, sondern setzte meine Nachforschungen fort. Der feindliche Luftzug strich direct herein von Herrnhut. Im Kopfe Wimmer's ward er gebraut, wie ich von jeher vermuthet hatte. Herr, ich muß Ihr sagen, wußte jetzt genug. Kenne den Wimmer, ist ein Schleicher, ein Meineidiger. Kann's und werd's beweisen, und gedenke ich damit dem Friedensstörer den Garaus zu machen. Vor langen Jahren schon sagt' ich's dem Bruder Christlieb, der aber nicht daran glauben wollte, denn die Sonne der Ammer stieg damals grade leuchtend über der Glatze des Herrnhuters herauf. Fürchtegott sah noch immer ungläubig aus, denn wenn er auch eben keine Ursache hatte, freundlich an Wimmer zu denken, so konnte er sich doch eben so wenig von der völligen Uneigennützigkeit des Kaufmannes überzeugen. Es würde mich freuen, erwiderte er, die dargebotene Hand des Handelsherrn kühl mit seinen Fingerspitzen berührend, wenn Sie mir zu beweisen vermöchten, daß Ihre Handlungsweise nicht mit zur Beschleunigung unseres Falles beigetragen hat. Was Herrn Wimmer betrifft, so wird er mir nach beendigter Untersuchung doch wohl gegenüber treten müssen. Dann habe ich auch noch ein Wort mit ihm zu reden. Aber bedenken Sie wohl, Herr Mirus, daß dieser Mann nicht allein steht, daß er weder Gutes noch Schlimmes ohne vorherige Ueberlegung thut, ja, daß er Beides dergestalt zu verschmelzen weiß, daß ihm schwerlich ein wirkliches Vergehen nachgewiesen werden dürfte. Herr, ich muß Ihr sagen, entgegnete Mirus, kenne meine Leute, und kannte den Wimmer noch ehe er fromm ward. Ist durch mich zu etwas gekommen, hat's mir aber schlecht gedankt. Und weil ich jetzt Gelegenheit finde, es ihm wieder zu bezahlen, will ich der frommen Bestie an's Fell. Soll mich herzinnig freuen, wenn sie recht lustig zappelt. Fürchtegott forschte weiter, allein Mirus verweigerte jede fernere Auslassung. Wollen ihn erst haben, zwischen zwei Feuern haben, und dann reell mit ihm tractiren, sagte er. Soll auch ganz frei ausgehen, nur den ehrlichen Namen will ich ihm zuvor abnehmen und lachend in meine Tasche stecken. Ist ein sehr probates Mittel, böse Herzen zahm zu machen. Fürchtegott erkundigte sich nun mit einiger Befangenheit nach seinen Eltern und Geschwistern, fragte Walter fast heimlich, wie Erdmuthe sich befinde, wie sie wohl gegen ihn gesinnt sei, und erhielt ziemlich beruhigende Antworten. Vergiß jetzt das Vergangene, sagte Walter, und richte dein ganzes Augenmerk nur auf das Kommende. Es ist ein Sturm durch unser Aller Leben gebraust, der schwere Verheerungen angerichtet hat. Noch müssen wir manches nachfolgenden Windstoßes gewärtig sein, allein trotz dem Allem haben wir doch nicht Veranlassung, zu verzweifeln. Geprüft, geläutert, weiser und vorsichtiger wirst du aus dieser Krisis hervorgehen und wenn auch weniger reich an vergänglichen Gütern, doch im sichern Besitze unvergänglicher dich glücklicher fühlen, als früher. So hoffe und vertraue der Treue deiner Freunde! Albrecht Seltner sprach in ähnlichem Sinne. Er erzählte Fürchtegott von Flora, theilte ihm mit, daß des Vaters altes Geschäft bisher noch durchaus keine Nachwehen von den Erschütterungen fühle, die vielleicht mit dem Verlust Weltenburg's endigen dürften, und trug durch diese Versicherung wesentlich bei zur Beruhigung des geistig und körperlich sehr angegriffenen Schwagers. Mirus versprach, am andern Tage noch vor Mittag wieder zu kommen, um den Gefangenen der Freiheit zurück zu geben. Herr, ich muß Ihr sagen, fügte er beim Abschiede noch hinzu, die Luft wird Ihnen wunderbar wohl thun, und werden Sie große Augen machen, wenn Sie meine Wohnung betreten. Ist tüchtiger Succurs eingetroffen, damit auch der Schlaueste keinen Spalt zum Entschlüpfen benutzen kann. Gute Nacht! Fürchtegott war wieder allein. Das Gehörte beunruhigte ihn bald, bald fühlte er sich dadurch gehoben. Schon daß er den Vater wiedersehen sollte, war ihm ein Zeichen von dessen versöhnlicher Gesinnung. Nur wie Mirus darthun wollte, daß Wimmer sich mit so schwerer Schuld belastet habe, wie er sagte, konnte er nicht begreifen. Gutes wünschte er dem Herrnhuter nicht, im Gegentheil, er würde es gern gesehen haben, hätte auch ihn ein düsteres Schicksal ereilt. Denn er war längst überzeugt, daß Wimmer absichtlich seinen Sturz vorbereitet habe, wenn er auch die Motive dieses verwerflichen Verfahrens nicht zu errathen vermochte. Um seine Aufregung zu beschwichtigen, griff er abermals nach Erdmuthe's Tagebuchblättern. Sein Herz klopfte stärker als gewöhnlich, es flirrte ihm vor den Augen. Morgen, morgen soll ich sie wiedersehen! sprach er leise zu sich selbst. Wie sehr ich mich sehne nach ihrem Anblick, so bangt mir doch auch davor. – Wie wird sie mich wohl empfangen? – Ob sie mich wirklich noch liebt, mich, der ich ihr gegenüber doch als Verbrecher dastehe. Fürchtegott saß lange vor dem Tagebuche. Er war zu aufgeregt, um schlafen zu können. Auch fürchtete er die quälerischen Träume, die mit dem Niedersinken der Wimpern alpähnlich auf seine Seele fielen. So wachte er bis nach Mitternacht. Dann übermannte ihn der Schlaf, am Tische sitzend. Das helle Schmettern eines Posthorns erweckte ihn wieder. Er vernahm das rasche Rollen eines Wagens auf der stillen Straße. Eine halbe Stunde verging und das Posthorn ließ sich abermals vernehmen. Aus dem fernen Gerassel entnahm er, daß der vorhin angekommene Wagen weiter fahre. Zu so später Nachtstunde trafen damals keine regelmäßige Posten ein; es konnte also nur eine Extrapost, vielleicht ein Courier sein. Der muß sehr eilig haben, dachte er, daß er bei diesem unangenehm stürmischen Herbstwetter des Nachts in die Gebirge hineinfährt. Fürchtegott fühlte sich sehr erschöpft und seit langen Wochen zum ersten Male verbrachte er den Rest der Nacht in erquickendem, traumlosen Schlummer. Siebentes Kapitel. Nach Weltenburg. Am Frühstückstische des Kaufmanns Mirus ging es ungewöhnlich laut zu. Der alte Herr sah selten so viele Gäste auf einmal bei sich, und ebenfalls gegen seine Gewohnheit ließ er exquisite Speisen und feinen Wein auftragen. Von Letzterem gab es sogar drei Sorten, alten Rüdesheimer, vortrefflichen Burgunder und ächten Malaga. Der lauteste Sprecher an dem Tische des heute so merkwürdig freigebigen Kaufmannes war Advocat Block. Speise und Trank hatte der kenntnißreiche, mit mancherlei diabolischen Eigenschaften ausgerüstete Rechtsgelehrte, wie wir wissen, niemals verschmäht. Die letzten Jahre konnten ihn wohl verdrießlich machen und ihm Veranlassung geben, mehr noch als früher menschliche und göttliche Einrichtungen einer schonungslosen Kritik zu unterwerfen, seinen guten Appetit hatten sie nicht einmal abgestumpft. Er ging deßhalb den übrigen Gästen des Kaufmannes mit gutem Beispiele voran und langte tüchtig zu. Den braungelb schimmernden Rheinwein im schön geschliffenen Pokale erst gegen das Licht haltend, dann mit Kennermiene prüfend und mit einem Anfluge von Andacht langsam schlürfend, sagte er zu Mirus: Für diesen Wein spreche ich Euch von allen kaufmännischen Sünden frei, denn sündhaft seid und bleibt Ihr, mögt Ihr nun kaufen oder verkaufen. Aber solcher Wein wäscht alle Flecken von Eurer Seele ab; und wenn Ihr jetzt stürbet, und St.Petrus sähe nicht recht genau zu bei Eurem Herantritt zur Himmelsthür, so ließ er Euch wahrhaftig, trotz Eurer sehr starken Anlage zur Stößigkeit, als schneeweißes Lämmlein hineinspringen. Auf Euer Wohl, Mirus! Gott erleuchte Euch, daß Ihr in Zukunft immer nur solch ächtes Gewächs führt, und Euern Gästen nicht, wie es bei Euch sonst üblich war, mit dem vermaledeiten vaterländischen Gebräu auf acht Tage die Zunge ruinirt. Wißt Ihr, Mirus, daß Euer schlechter Meißner aus Zitschewich mich auch mit zu Euerm Gegner machte? Block riß sein Auge weit auf, schob die Sammetmütze auf die eine Seite, daß sein merkwürdig spitzer Schädel halb entblößt ward, und sah den Kaufmann mit komischer Ernsthaftigkeit an. Mirus mußte lachen. Es sieht Ihnen ähnlich, versetzte er, obwohl ich der Meinung bin, der saure Wein hätte sich mittelst einiger Goldfüchse bei Ihnen versüßen lassen. Sie waren immer ein Verehrer der gelben Farbe, mein Herr Advocat, was ich Ihnen, so es gewünscht wird, beweisen kann. So? Nun, da laßt doch Euern Beweis hören. Er ist, ich wette, gerade so sauer, wie Euer früheres Lieblingsgetränk. Herr, ich muß Ihr sagen, konnte die Erfahrung zu wiederholten Malen machen, daß hochgelber Wein, wie dieser Rüdesheimer, hochgelbes Gold und ins Gelbliche schimmernde Weibsleute Euer absonderlicher Geschmack waren. Konnten Sie's doch gestern Abend nicht aushalten; um ruhig und süß zu träumen, mußten Sie erst Ihrer früheren Hauswirthin, der schweigsamen und friedfertigen Frau Sempiterna Stillin, in ihr citronenfarbiges Antlitz sehen. Jetzt lachte nicht bloß Mirus, auch die jüngern beiden Männer, Albrecht und Walter, konnten ihre Heiterkeit nicht mehr verbergen. Block aber verzog sein Gesicht zu einer malitiösen Fratze, und indem er dem Kaufmanne die Zähne wies, erwiderte er, sein Auge zukneifend und das Weinglas von Neuem erhebend: Ihr seid ein Satan, Mirus, aber es thut nichts, Euer Rüdesheimer ist doch gut, und deßhalb absolvire ich Euch. Beide stießen miteinander an, denn ungeachtet ihrer sehr verschiedengearteten Charaktere und der früheren Jahre langen Feindschaft hatten sie sich doch geraume Zeit ihrem wahren Wesen nach erkannt, und blieben einander innig zugethan. Nur das Necken konnten sie nicht lassen. Apropos, nahm der Advocat abermals das Wort, habt ihr in vergangener Nacht den Spektakel gehört? So lange ich lebe, ist es nie früher einem Postillon eingefallen, mit solcher Ausdauer das Horn zu blasen und durch seine schauerlichen Töne ehrliche Leute um ihre Nachtruhe zu bringen. Hab's auch vernommen, das Lärmen, erwiderte Mirus. Herr, ich muß Ihr sagen, muß ein Courier gewesen sein, oder ein Kerl, der viel Trinkgelder übrig hat. Kenne unsere Postillone; die blasen nur dann uno tenore , wenn sie ordentlich gespickt werden. Mirus erkundigte sich hierauf mit großer Theilnahme nach dem Candidaten und Frau Sempiterna, und Block, der keinen versteckten Hohn in den Worten des Kaufmanns bemerkte, gab bereitwillig Antwort. Ein sonderbarer Mann, dieser Still, sagte er. Als ich noch meiner Praxis oblag und häufig mit unangenehmen Besuchen lange Unterredungen halten mußte, wich er mir geflissentlich aus, als wäre ich ein gefährlicher Mensch. Nun kann es wohl vorgekommen sein, daß ich ihn bisweilen mit seltsamem Auge angeblickt habe, denn es amüsirte mich, wenn der runde kleine Mann dabei zusammenfuhr, als habe ihn eine giftige Schlange gestochen. Und seine Frau, die an sich auch eine recht brave Creatur ist, wenn man die gewöhnlichen Schwächen aller Weibsleute, die allerdings in ihr sehr ausgebildet sind, abzieht, mochte ich gern ein klein wenig an der Nase herumführen. Das gab denn ein immerwährendes Bangen, Sehnen, Fürchten, Erschrecken. Ich war der schwarze Mann, der Popanz, welcher das ganze Still'sche Haus beherrschte, so daß es meinen Launen sich fügen, nach meiner Pfeife tanzen mußte. Dies Alles nun hat sich seitdem geändert. Die gesprächige Sempiterna ist stiller und fügsamer, der Candidat lauter und widerhaariger geworden. Seht, das freut mich, weil er doch seine Mannheit herauszukehren verstanden hat, aber ich kann's Euch bei Allem, was mir heilig ist, zuschwören, ein hohes Seelengaudium würde es mir doch gewähren, könnte ich beide wunderlichen Leute noch einmal umkrempeln, und zwar so, daß der Candidat wieder unterducken müßte, und die alte Gluckhenne, die freilich keine Küchlein zu hüten hat, abermals den Hahn im Korbe spielte. Rein zu meinem Plaisir wünschte ich mir zur Ausführung dieses ganz leichten Kunststückes Zeit und Gelegenheit. Glaub's, Herr Rechtsanwalt, versetzte Mirus. Ihr Herren von der Juristerei haltet's nicht lange aus, wo die Palme des Friedens und der Oelzweig weht. Darum werdet Ihr auch nicht in den Himmel kommen. Doch, sagte Block, und das noch dazu leichter und sicherer als ihr Jünger Merkurs. Wir disputiren uns hinein, und beweisen dem heiligen Petrus im allerschlimmsten Nothfalle, daß er eigentlich der Cerberus sei, mithin gar nicht vor der Himmelsthüre mit dem Schlüssel spiele, Ihr aber könnt, habt Ihr sehr großes Glück, Euch höchstens hineinschmuggeln. Block kniff sein Auge wieder zu, lachte innerlich vergnügt, und schlürfte mit unbeschreiblichem Behagen den trefflichen Rheinwein des Kaufmannes. Mirus blieb dem Rechtsgelehrten eine passende Antwort nicht schuldig, dieser replicirte in geeigneter Weise, und so spann sich denn das einmal angeschlagene Thema noch einige Zeit in ergötzlicher Weise fort, ohne daß Einer oder der Andere sich durch die allerdings bisweilen etwas spitz ausfallenden Bemerkungen verletzt gefühlt hätte. Albrecht und Walter machten bei diesem Wettstreit der muntern alten Herren die Beobachter, und Walter äußerte später, daß er bedaure, nicht mit dem Zeichnenstift umgehen zu können, weil eine flüchtige, aber wahrheitsgetreue Skizze der beiden in scherzhafter Rede sich Streitenden ein prächtiges Genrebild abgegeben haben müsse. So kam die Zeit heran, welche der Stadtrichter zur Abholung Fürchtegott's aus dem Gefängniß festgesetzt hatte. Mirus drängte zum Aufbruche. Es ward ausgemacht, daß Block und Albrecht im Hause des Kaufmannes verbleiben, dieser aber mit Walter den ihrer Harrenden abholen sollten. Fürchtegott erschien frischer, als ihn die Freunde Abends vorher gefunden hatten, nur zeigte sein ganzes Wesen eine fieberhafte Erregung, die dem Arzte nicht gefiel. Indeß hoffte er auf die Heilkraft der Luft und einen, wie er glaubte, herzlichen Empfang von Seiten des Vaters. Mit vollen, durstigen Zügen sog Fürchtegott die Luft der Freiheit ein, obwohl der Tag neblig und kalt war und wenig Lockendes hatte. Beim Erblicken des Advocaten wechselte er die Farbe, weil er dem ränkevollen Manne nicht recht vertrauen zu können vermeinte. Mirus indeß beruhigte ihn in dieser Beziehung und gab ihm die Versicherung, daß gerade Block ihm und dem Vater mehr als irgend ein Anderer dienen werde bei dem, was er beabsichtige. Nur habe man durchaus keine Zeit mehr zu verlieren, denn es sei unerläßlich, sich vor einer nochmaligen Zusammenkunft mit Wimmer vollkommen und bis in die geringsten Details zu verständigen. Auch Block trieb zur Eile. Gegen seine Gewohnheit sprach er fast gar nicht, so daß, da auch die Uebrigen, jeder für sich, mit ihren Gedanken beschäftigt waren, die Fahrt nach Weltenburg Allen unendlich lange dünkte. In die schweigsame Gesellschaft kam erst wieder ein regeres Leben, als die Mauern des alten Schlosses mit den verlassenen Nebengebäuden über der Thalwand sichtbar wurden. Achtes Kapitel. Ein Abschied für immer. Mit eigenthümlichen Gefühlen sah Fürchtegott den Wagen in's Flußthal hinabrollen, das er vor einigen Monaten in tiefer Nacht, aber von dem farbigen Glanz bengalischer Flammen übergossen, als Gefangener halb ohnmächtig verlassen hatte. Wie trostlos, öde, kalt und traurig lagen jetzt die Werkstätten des Fleißes da, auf welche er ein so schönes Zukunftsbild sich erbaut. Ein lachender Dämon ließ ihn erreichen, was er als Jüngling sich gewünscht, aber kaum sah er sich im Besitz der Güter, an denen seine ganze Seele hing, da zertrümmerte er unter hämischem Gelächter den schimmernden Bau und trieb ihn aus dem künstlich erschaffenen Paradiese. Vor dem Schenkhause am Fuße des Schloßhügels stand eine mit zwei Pferden bespannte Kalesche. Eben als der Wagen unserer Bekannten von der Thalstraße auf den zum Schlosse führenden Weg abbog, trat ein Postillon aus der Thür und warf den Thieren noch einmal Heu in die vorgestellte kleine Krippe. Wer mag mit diesem Fuhrwerk angekommen sein? sagte Fürchtegott. Sollte Graf Alban He, Schwager! unterbrach Mirus den Sprechenden, indem er im Wagen aufstand und dem Postillon zuwinkte. Wo kommst du her und wo fährst du hin? Der Gefragte sah sich phlegmatisch um und stieß zugleich wiederholt mit dem Absatz seines Stiefels gegen die Speichen des einen Vorderrades, die, wie der Kaufmann jetzt erst bemerkte, aus roh zugehauenem, ganz frischem Buchenholze bestanden. Ei, versetzte der Postillon übelgelaunt, am liebsten führe ich zum Teufel in die Hölle, denn dorthin, glaub' ich, gehört der Kerl, mit dessen Fortschaffung ich mich die ganze vergangene Nacht habe abquälen müssen. In vergangener Nacht? sagte aufhorchend Fürchtegott. Kommst du aus Aus Herrnhut, mit Verlaub, fiel der Postillon ein. Es war schon sehr spät, als ich einspannte, auch gefiel mir die Fuhre von Herrnhut bis in die Stadt nicht, denn der Weg ist grundlos von dem vielen Regen. Und doch sollte es eilig gehen. Da verlor ich denn von dem vielen Stoßen gegen die mordverbrannten Steinklumpen, die die Frachtfuhrleute in den morastigen Weg geschmissen hatten, schon auf dieser verfluchten Strecke eine Speiche. Es war Mitternacht vorüber, als ich die Stadt erreichte. Ich begehrte einen andern Wagen für meinen Passagier, aber der Postmeister behauptete, er habe keinen. So mußte ich also mit dem wackeligen Untergestell weiter kutschiren. Zum Unglück kenne ich die Gegend nicht, denn ich bin von der preußischen Grenze zu Hause; finster war's auch, daß man seine eigene Hand kaum finden konnte, und so warf ich richtig im Walde um. Mein Passagier fluchte, obwohl er gar heilig aussieht, und bis dahin immer von Bruderliebe und dem Heilande gesprochen hatte. Aber es half nichts, er mußte sich's gefallen lassen, daß wir ganz langsam, Schritt für Schritt, fuhren. Ab und zu mußte der alte Herr auch mit anfassen und den Wagen aus einem tiefen Geleise heben helfen. Er schnitt Gesichter dabei, daß es gar spaßig anzusehen war; und so haben wir uns denn die ganze Nacht und den Vormittag noch dazu so fortgekröpelt und sind nun seit einer knappen Stunde hier. Und dein Passagier? forschte Mirus weiter. Der hat sich erst gütlich gethan, denn er scheint auf Essen und Trinken etwas Rechtes zu halten. Vor ein paar Minuten ist er hinaufgegangen in's alte Schloß; wenn er wiederkommt, was ein paar Stunden dauern kann, wie er mir sagte, wollen wir noch vor Abend die Stadt erreichen und dort soll übernachtet werden. Wie heißt der Herr? fragte Fürchtegott. Kann's nicht sagen, erwiderte der Postillon. Es ist nicht meine Art, die Leute auszufragen, die ich fahren muß, das überlasse ich Andern, die mehr Courage haben, als ich. Wohnt er in Herrnhut? Vermuthlich; grau und heilig genug wenigstens sieht er aus. Er trägt einen Hut mit niedrigem Kopfe. Ungefähr so eine Kappe hat er auf seinem verwitterten Schädel. Und erst jetzt ist er von hier nach dem Schlosse gegangen? Vor wenigen Minuten. Wenn Sie ein Bissel geschwind zufahren, und einem armen Teufel nicht Löcher in's Kamisol fragen, können Sie ihn noch an der Thür erwischen. Es scheint Ihnen ja doch viel gelegen zu sein an dem alten Herrn. Ich danke; da hast du ein Trinkgeld. Fahr zu, Kutscher, sagte Mirus. Eilig flog der Wagen den schräg aufsteigenden Hügel hinan. Es ist Wimmer, beim ewigen Gott! Beinahe wäre er uns zuvorgekommen. Aber Gott selbst hat Hemmketten um die Räder seines Wagens geschlungen. Während dieses Gespräch am Fuße des Schloßhügels geführt ward, schritt Wimmer über den innern Hof Weltenburg's, ohne daß irgend Jemand des unerwarteten Ankömmlings in der grauen, nebligen Atmosphäre ansichtig geworden war. Am Fuß der Wendeltreppe blieb der Herrnhuter stehen, nahm seinen breitkrempigen Hut ab, strich sich die dünnen Haare aus der Stirn und knöpfte zweimal den Rock auf und wieder zu, weil er immer ein oder das andere Knopfloch nicht finden konnte. Die Hände zitterten ihm, und als er zu Boden sah, bemerkte er, daß auch sein linker Fuß in einer unfreiwilligen, bebenden Bewegung leise gegen die Sandsteinfließen klopfte. Wimmer trug einen Stock, stieß jetzt mit der Hornspitze desselben die Ueberreste des morastichen Bodens von den Stiefeln, die in Folge des Herumwatens im Walde daran hängen geblieben waren, und blickte dann scheu und verstohlen um sich, die braunen Augenlider matt und halb aufschlagend. Er befand sich auf derselben Stelle, wo vor mehreren Jahren der Blitz an dem Eisengeländer niederfuhr, als er im Verein mit Graf Alban den Jugendfreund überredet hatte, auf eigene Rechnung Rheder zu werden. Der Treppe gegenüber, welche zu den bewohnten Zimmern der ersten Schloßetage empor führte, lag jenes Thurmgemach des Erdgeschosses, wo Ammer gewissermaßen aus freiem Entschluß seine Söhne zu Welthandelsleuten ernannte. Ein kaltes Lächeln glitt über Wimmer's Züge, seine farblosen, schmalen Lippen bewegten sich, und indem er nach alter Gewohnheit mechanisch mit dem Stocke gegen seine Stiefeln schlug, lispelte er leise: Es ist Alles in Erfüllung gegangen; Bitte und Gebet sind erhöret, treffen wir also Anstalt zum Abschiede, denn gar lange wird mein lieber Bruder diese Wandelungen nicht überleben. Ich will ihm nur zurufen: Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, gepriesen sei sein Name immerdar! ihm dann die Hand drücken und heimgehen, um auf mein Stündlein zu harren. So sprechend, setzte Wimmer den Fuß auf die erste Treppenstufe, griff mit der Rechten nach der kalten Eisenstange des Geländers und stieg langsam und mehr denn einmal rastend, in die erste Etage hinauf. Niemand hörte den Unerwarteten. Es war und blieb so still im Schlosse, als sei es unbewohnt. Wimmer erreichte den Corridor und harrte hier einige Secunden, sich auf den Stock stützend, und abermals den Hut abnehmend. Der Kopf war ihm heiß, er fächelte sich Kühlung zu, als ströme ihm die glühende Luft eines schwülen Sommertages entgegen. Jetzt ging er weiter, den Corridor entlang. Vor jeder Thür blieb er stehen, in gebückter Stellung horchend, ob er wohl Stimmen oder Geräusch wandelnder Menschen drinnen vernehme. Er kannte das Zimmer seines alten Freundes nicht, nur daß es im ersten Stock des weitläufigen Schlosses gelegen sei, wußte er. Schon hatte er einige Thüren zu öffnen gesucht, allein sie waren alle verschlossen. Anklopfen wollte er nicht, weil er den Jugendfreund zu überraschen gedachte. Endlich wich eine Thür seinem Drucke, er trat ein und befand sich Frau Anna gegenüber. Die Verwunderung, das Erschrecken Beider war gleich groß. Anna fuhr bei dem Anblick des Herrnhuters, der unhörbar, wie ein grauer Schatten, durch die Thür schritt, innerlich zusammen, und Wimmer erschrak über die Verwüstungen, welche die letzten Monate im Antlitz der Frau, die er einst seine Braut nannte, angerichtet. In diese tief gefurchten und dennoch milden Züge hatten Kummer, Sorge und Schmerzen vereint unauslöschbare Zeichen eingegraben. Frau Anna begrüßte den unerwarteten Gast nicht, nur ein halblauter Aufschrei entglitt ihren Lippen. Diesen Schrei hörte Ammer, der sich von Erdmuthe vorlesen ließ. Was ist dir, Mutter? fragte er. Hast du dich gestoßen? Ich hörte die Thür öffnen. Anna schwieg, eine Stuhllehne erfassend und Wimmer mit bezeichnender Handbewegung andeutend, daß er sich entfernen solle. Der Herrnhuter hatte sich aber schon gefaßt, und als jetzt die Stimme Ammer's nochmals dieselbe Frage wiederholte, antwortete Wimmer: Ein alter Freund, lieber Bruder, dessen Tage gezählt sind, wünscht seine Lieben noch einmal zu sehen und zu sprechen, ehe denn er abgerufen und versammelt wird zu denen, die vor ihm heimgegangen. Hinter der spanischen Wand vernahm man ein starkes, schurrendes Geräusch, dann das heftige Aufstoßen eines Stockes. Im nächsten Augenblicke zeigte sich die eingefallene Gestalt des Gelähmten an der etwas zurückgeschobenen Wand. Seine Blicke ruhten auf dem Herrnhuter. Tritt heran, du Gezeichneter, sagte Ammer, sich mit Mühe beherrschend, tritt heran, daß ich dich betrachten und mir dein Bild einprägen kann in meine Seele. Es hat mich verlangt nach dir schon geraume Zeit und meine Gedanken lechzten nach deiner Rede, wie ein Dürstender nach süßem Wasser. Vater, schone dich und die Deinen! bat Erdmuthe, die in ihrem einfachen, weißen Schwesterhäubchen wie ein schirmender Engel neben dem zitternden Greise stand. Zu dieser nur sanft gelispelten Bitte veranlaßte Erdmuthe der Ton Ammer's, der dumpf, gepreßt, zürnend klang. Wimmer schritt vor, er nahm erst jetzt seinen Hut ab, und indem er ihn seitwärts auf einen Pfeilertisch legte, sagte er mit freundlichem Lächeln: Armer Freund! Ach, ich sehe es mit Betrübniß, daß auch bei dir die Tage gekommen sind, von denen wir Alle sagen, sie gefallen uns nicht. Und begreifen kann ich's gar wohl, lieber Bruder. Du hast viel gelitten in dieser Zeit, hast viele Kämpfe in dir und mit der bösen Welt durchleben müssen, und was das Allertraurigste, dich derer nicht rühmen können, auf die ein Vater doch gern stolz zu sein pflegt. Ja, lieber Freund und Bruder, ich habe mit dir empfunden und getragen deine Schmerzen, aber leider war es mir nicht vergönnt, sie mildern zu können, vielmehr legte mir der grundgütige Gott in seiner unerforschlichen Weisheit die schwere Last auf, daß ich sie sogar noch mehren mußte. Ammer war zurückgesunken in seinen Rollstuhl. Die lahme Rechte hing über der Lehne und zuckte bei jedem Worte des Herrnhuters, indem die Hand sich krampfhaft ballte. Mit der Linken umfaßte er den Krückenstock. Die Blicke des alten Webers funkelten, aber er hielt an sich und ließ Wimmer ungestört sprechen. Erst als dieser schwieg, sagte er: Du sprichst ein wahres Wort. Gemehrt hast du meine Schmerzen, gefoltert meine Seele und in's Elend gestoßen meine Kinder. Noch aber sind wir nicht ganz verloren, denn die Hand des Herrn, die da züchtigte, war stark über uns Schwachen und zeigte uns diejenigen, welche gegen uns sich auflehnten aus eitel weltlichen Trieben und gemeiner Rachsucht. Wimmer, fuhr er heftiger fort, den Krückenstock drohend gegen den Herrnhuter erhebend, Wimmer, du hast mein Leben vergiftet hast mir mit süßen Heuchelworten meine Söhne gestohlen hast sie gelehrt, der Weltlust nachzulaufen und niederzuknieen vor dem goldenen Kalbe, auf welchem der Fluch des Herrn lastet von Ewigkeit her! Du hast meine Kinder zu großen und mächtigen Herren gemacht, hast ihnen abgestreift die Kittel der Genügsamkeit, Bescheidenheit und Demuth du hast sie umgürtet mit den schimmernden Gewändern, die das Licht unserer Augen entzücken und die Reinheit der Seele beflecken, und als du sie erhöht, als du sie zu Götzendienern erzogen hattest, da stießest du die morschen Stützen ab, welche den Thron trugen, auf dem sie saßen, also, daß sie einen tiefen, tiefen Fall thaten, und zum Gespött wurden für Andere. Mir aber, du Gezeichneter, mir zerfleischtest du das Herz, mir zertratest du jeden Keim und Sproß der Liebe, die früher wie ein schattiger Baum ihre Blätterkronen in mir entfalteten, und die rothe Lohe der Flamme, welche aufzuckt aus dem Pfuhl der Hölle, ließest du meinen Scheitel versengen! Sprich jetzt, du falscher Freund, warum hast du mir das gethan? Wimmer lehnte an der Wand, denn Ammer hatte ihm keinen Stuhl angeboten. Er wechselte häufig die Farbe während der tief Gekränkte sprach, dessen Worte wie Donnergeroll klangen, dessen Flammenblicke er nicht ertragen konnte. Wie Ammer jetzt sein ehrwürdiges Haupt mit den zürnenden Zügen und den weißen Locken gegen ihn schüttelte, fuhr er zusammen, denn diese Locken verwandelten sich in zischende Schlangen. Mehr aber noch als der zürnende Greis peinigte ihn die zu Ammer's Füßen sitzende, zarte Gestalt Erdmuthe's, die unbeweglich ihre klaren Engelsaugen auf ihn heftete und durch die zwingende Gewalt ihrer Blicke ihm mehr und mehr die künstliche Ruhe raubte, in die er sich gehüllt hatte. Du verklagst mich schwer, lieber Bruder, sagte Wimmer, mit Gewalt sich fassend, aber deine Beschuldigungen prallen ab von dem Panzer, welchen die Unschuld um meine Brust gelegt. Es ist wahr, ich wollte deine Kinder groß machen und reich, und ich hab's auch gethan, aber ich bin mir nicht bewußt, ihnen jemals zugeraunt zu haben, sie sollten sich in Gemeinschaft begeben mit den Söhnen Baals und abweichen auf die krummen Pfade der Unredlichkeit, die niemals zum Frieden führen. Das thaten die Bedauernswerthen aus eigenem Wohlgefallen an der Sünde, und weil es Pflicht der Nächsten- und Bruderliebe ist, Irrende auf den rechten Weg zurückzuleiten, war ich genöthigt, ihnen scheinbar wehe zu thun, und dir selbst schweren Kummer zu bereiten. Siehe, mein Freund, darum eben komm' ich ja zu dir heute. Dieser Gang, glaube es mir, ist mir sauer geworden, weil ich es aber nicht ertragen kann, daß irgend Jemand und zumal ein theurer Freund, mich in falschem Verdacht habe und mir zürne, trete ich vor dich hin, damit ich rechtfertige mein Thun und dich mir versöhne, ehe denn mein Herr und Heiland zu mir sagt: Gib Frieden, denn du hast genug gearbeitet und darfst nun eingehen zu deines Herrn Freude! Es ward jetzt vernehmlich an die Thür geklopft und gleich darauf hörte man die Tritte mehrerer Männer. Wer kommt? fragte Ammer, ohne seine zornfunkelnden Augen von Wimmer zu verwenden. Dieser kehrte die Blicke der Thür zu und seine Gesichtsfarbe ward aschgrau. Freunde, erwiderte Mirus. Herr, ich muß Ihr sagen, wir kommen, glaub' ich, gerade zur guten Stunde. Der Herr verläßt die Seinen nicht, sprach Erdmuthe mit rührender Glaubensinnigkeit, indem sie ihre zarten Hände wie betend erhob und sich dann fester an den Greis schmiegte. Gleich darauf sah sich Ammer von den uns bekannten Freunden umgeben, in deren Mitte seine beiden Söhne dem Vater sich näherten. Beide eilten dem Vater entgegen, traten aber zurück, als der strenge Blick seines Auges sie traf. Anstatt in seine Arme zu stürzen, beugten sie sich und blieben so gebückt vor ihm stehen. Mein Stock sollte auf euch niederfahren, gleich dem Blitz aus dem Schooß der Wetterwolke, sagte er düster, denn ihr habt mich und meinen Namen beschimpft vor der Welt, und weder Buße noch Reue kann diesen Schimpf wieder rein waschen; weil ich aber schon weiß, daß ihr nicht die treibenden Federn waret, welche die Vernichtungsmaschine in Bewegung setzten, sondern nur deren verblendete Werkführer, verschlucke ich den Fluch, der mir ob eurer Uebelthaten schon auf der Zunge schwebte. Hebt jetzt eure bethörten Köpfe auf, steckt Licht in eure blinden Augen, wendet euch um, dann sagt mir, wo die Schlange sich ringelt, die mit ihrer geifernden Giftzunge mich und euch, ja mein ganzes Haus bespritzen und austilgen wollte aus dem Gedächtniß aller Ehrlichen. Die Söhne ermannten sich. Fürchtegott suchte das Auge Wimmer's. Er näherte sich dem Herrnhuter, ergriff dessen Rechte, riß sie empor, und sagte, indem sein blasses, eingefallenes Gesicht eine auffallende Aehnlichkeit mit den Zügen seines Vaters annahm, der schweigend den Bewegungen des Sohnes folgte: Sie haben mir immer gesagt, Herr Wimmer, daß der Heiland Sie liebe und Ihnen an dieser Liebe Alles gelegen sei. Schwören Sie jetzt bei diesem Heilande, der ja auch der meinige und unser Aller Erlöser ist, daß Sie es immer ganz redlich mit uns gemeint haben, daß Sie uns nie doppelsinnige Rathschläge ertheilten, daß Sie aus lauterer Liebe zu uns, aus wahrer uneigennütziger Freundschaft so handelten, wie sie gehandelt, daß Sie uns nie auf schlimme Wege wissentlich geleitet. Können Sie dies mit gutem Gewissen und auf die Hoffnung hin schwören, dereinst selig zu werden, so will ich Abbitte thun vor Ihnen und ohne Murren tragen, was auch Gott ferner über mich verhängen mag. Das Auge des jungen, so schnell gealterten Mannes ruhte so ernst, so heiß fordernd auf dem Herrnhuter, daß dieser die drei Finger zum Schwure erhob, allein ein Zittern lief durch alle seine Glieder. Wenn er's thut, sprach Mirus kalt, so schwört er falsch, wie damals, als er mir das Capital abschwur, das ich ihm geliehen, weil er kein Geld nehmen wollte von Ammer, seinem Todfeinde! Herr, ich muß Ihr sagen, damals flüsterte mir der junge Bruder, der nun etwas stark grau geworden ist, in's Ohr, er hasse den Weber, und würd' es ihm eine grausam große Freude gewähren, könne er ihm so oder so das Genick brechen. Konnt' ihm nicht vergessen, daß er mehr Liebe geweckt in dem Herzen eines Mädchens, als er selbst; konnt' ihm das eben so wenig vergessen, als daß Gott ihn arm und den Weber wohlhabend gemacht hatte. Herr, ich muß Ihr sagen, ging mich nichts an, denn ich kümmerte mich ungern um das Thun Anderer. Ich gab dem Wimmer das verlangte Capital, ohne einen Schein in Händen zu haben. Später braucht' ich's und forderte es zurück. Da leugnete der Schalk, und als ich ihn drängte, schwur er mir's ab. Seitdem ward er reich. Das Glück der Welt schleuderte ihm Satan vor die Füße, das Glück des Himmels wird sein Heiland wohl ein Bischen schmälern. Wimmer vermochte die erhobene Rechte nicht mehr zu halten, sie sank herab, steif, schwer, als sei sie gelähmt. Seine Gesichtsmuskeln zitterten, sein ganzer Körper bebte. Gott wird dich strafen, Wimmer! sprach Ammer mit seiner erschütterten, festen Stimme. Mir ist niemalen am Unglück eines Andern etwas gelegen gewesen, aber ich glaub' beinahe, die Wucht des Irdischen hat durch dein Handeln sich dergestalt an mich gehängt, daß ich eine Freudenregung spürte in meinem sündigen Herzen, wenn es dir schlimm erginge. Aber ich will meinen Schöpfer bitten, daß er diese Schlacken abschlage von meiner Seele und sie reinigen helfe durch das Gebet der Gerechten! Der Engel da zu meinen Füßen, eine treu erfundene Magd des Herrn, den du nur mit den Lippen bekennst, wird mir verhelfen zu dieser Gnade Gottes. Wimmer hatte sich wieder gefaßt. Sein geistiger Stolz gestattete ihm nicht, sich schuldig zu bekennen. Er wollte bleiben, was er immer geschienen. Mit gewaltsam erzwungenem Lächeln erwiderte er jetzt, die ruhelosen Augen matt zum Himmel aufschlagend: Ich danke dir, mein Herr und Heiland, daß du mich würdig erfindest zu so harter Prüfung! Ich will euch nicht schmähen und verlästern, weder dich, mein Bruder, daß du so Böses mir zugetraut, noch dich, junger Freund, der du in meinem Herzen die erste Stelle einnahmst, noch endlich den schlimm gearteten Kaufmann Mirus, dessen Gedächtniß in so seltsam verworrenem Zustande sich heute noch eben so befindet, wie vor einigen zwanzig oder dreißig Jahren. Ach nein, das will ich nicht! Ich will dulden und leiden, wie er es gethan, der uns ein Vorbild gelassen hat, daß wir sollen nachfolgen seinen Fußstapfen. Er lästert Gott! sagte Mirus entsetzt. Sein ganzes Leben war eine Gotteslästerung, fiel Ammer ein. Ich hab' ihn zu spät erkannt, den Wolf in Schafskleidern, der in meine Hürde brach und beinahe mich und die Meinen erwürgt hätte. Wo ist der Brief, der ihn überführt? Wimmer behielt seine fromm lächelnde Miene bei, während Mirus das Schreiben des Grafen Alban Ammer überreichte. Dieser entfaltete es und zeigte auf die Unterschrift. Jedes der Worte, die hier geschrieben stehen, zeugt gegen dich, sprach der Weber. Es ist ein Bruder, der dich verklagt, ohne es zu wollen, denn er glaubt an dich. Graf Alban, einer der edelsten, die eurer Gemeinde angehören und je angehören werden, hat dir die Maske abgerissen. Leugne noch, wenn du kannst! Wimmer betrachtete die Unterschrift und las. Als er das Schreiben an Ammer zurückgab, sagte er kalt: Du hast Recht, es zeugt gegen mich, aber ich leugne Alles, was darin geschrieben steht. Statt Liebe und Friede, die ich brachte, gibst du mir Haß und Krieg zurück. Du hast viele Hilfstruppen geworben, denen ich nicht begegnen kann mit gleicher Kraft. Weil ich aber eingedenk des liebsten Jüngers unseres Herrn und seiner Worte, der da sagte, wenn er in die Versammlung der Gemeinde trat: Liebet euch unter einander! niemals das Schwert mit dem Worte vertausche, gehe ich von dannen mit friedfertigen Gesinnungen und überlasse es dir, mir durch das Gesetz zu beweisen, daß ich gethan habe, wessen du mich zeihest! Er griff nach seinem Hute, um eine für ihn unhaltbar gewordene Position zu verlassen. Da trat ihm Advocat Block in den Weg, der sich bis dahin beobachtend im Hintergrunde gehalten hatte. Sie vergessen, Herr Wimmer, sprach der Advocat, sein stechendes Auge so weit aufreißend, als es ihm möglich war; Sie vergessen, daß Sie aus einem Klagenden ein Verklagter geworden sind. Man wird Sie also nicht ruhig Ihres Weges ziehen lassen, sondern Sie packen, und kann's mit Manier geschehen, Ihnen den Pelz ausklopfen. Es liegen genug Gründe vor, die eine Verhaftung rechtfertigen. Wimmer sah den Advocaten giftig an, indem er verächtlich antwortete: Sind Sie auch hier? Ach, nun wird es erst hell vor meinen Augen! Ich sehe jetzt, wo ich mich befinde. Ein des Mordes Angeklagter und wegen nicht hinreichenden Verdachtes Freigesprochener tritt als Anwalt auf für verbrecherische Banquerottirer! Wimmer kehrte sich um gegen Ammer und dessen Söhne, setzte den Hut auf, erhob den Arm und rief mit lauter Stimme: Ja, Banquerottirer seid ihr, ich sprech' es laut aus und werd' es jetzt verkündigen auf allen Straßen, da ihr meine unergründliche Liebe mit so unerhörtem Undank belohnt. Der gewesene Advocat da kann vergiftete Pfeile gegen mich schnitzen helfen, processiren darf er nicht mehr, denn man hat ihm schon lange die Praxis gelegt. Daß aber ihr betrogen habt, weiß das Gericht, und dies Gericht soll über die unehrlichen Handelsleute Urtheil sprechen und sie hinausstoßen aus der Gesellschaft aller Redlichen! Mirus ergriff den Arm des Herrnhuters. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach der Kaufmann, Sie haben zwar den Hanf zu ihren Schlingen gut gedreht, die Knoten aber schlecht geschürzt. Man ist nicht müßig gewesen, während der milde, liebevolle Bruder einem Maulwurfe gleich die Erde unterwühlte, wo das Haus der Ammer sich erhob. Man hat gesucht und auch gefunden; und zieht es der fromme Bruder vor, statt eines Vergleiches die Gerechtigkeit ihren Gang gehen zu lassen, so möge er zusehen, wohin sein guter Name zuletzt sich flüchtet! An den Galgen, wohin er gehört! sagte Block. Persönlich kann man solche Creaturen nicht aufknüpfen, weil die Strafgesetzgebung nicht ausreicht gegen Winkelzüge schlauer Frömmler, aber in effigie soll er doch baumeln, der Herr Bruder. Wimmer lächelte. Hat sonst noch Jemand hier ein Anliegen an mich? fragte er, ergriff seinen Stock und schlug damit an die gelben Stulpen seiner Stiefel. Wimmer, sprach Ammer, du siehst mich nie wieder auf Erden. Rechtfertige dich oder bekenne, daß du dich frevelhaft vergangen an mir und meiner Familie. Bereust du, so will ich dir vergeben! Der Herrnhuter nahm nochmals den Hut ab, schlug die Augen zum Himmel auf und sagte flehend: Ich bitte dich, mein Herr und Heiland, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie thun! Dieser frevelnde Hohn empörte den alten Ammer, weil er ihm so ganz das von Lug, Trug und Heuchelkünste überfließende Herz des Frömmlers enthüllte. Er fuhr jäh empor aus seinem Sessel, daß alle Umstehende fast vor ihm erschraken. So fahre denn hin, du Falscher! rief der Erbitterte, sein Haupt gegen ihn schüttelnd. Fahr' hin, du Verderber meiner Kinder, du Vergifter meines Alters! Sei vermaledeit in Zeit und Ewigkeit! Wie ich bisher gebetet habe für Alle, mit denen ich lebte und wandelte und besonders für dich, so will ich, gibt mein Schöpfer mir Athem dazu, jeden Seufzer zu einem Fluch für dich verwandeln! Fahr' hin, Verführer meines Blutes! Möge dein Auge erblinden und dein Fuß straucheln! Möge dein Pfad bestreut sein mit Gift, daß du Tod einathmest bei jedem Schritte! Mögen die Seufzer und Klagen der Ammer sich in einen Schwarm racherufender Geister verwandeln und dich bedecken wie eine Wolke! Die Angst sei dein Begleiter, die Falschheit deine Stütze, und wenn einst dein Auge bricht, so mögest du mich und meine Kinder sehen und mit diesem Anblick hinunterstürzen in die unergründete Tiefe, welche die Ewigkeit heißt! Fort, fort, aus meinen Augen! Eine heftige Handbewegung des Greises schleuderte den Krückenstock gegen den Herrnhuter, der dem Wurfe auswich. Ammer war in der Heiligkeit seines Zornes furchtbar anzusehen. Wimmer schrak innerlich zusammen vor dieser fluchenden, grimmen Prophetengestalt. Er kehrte sich um und schritt lautlos von dannen. Ammer's Kräfte waren erschöpft. Wie gebrochen sank er nieder. Seine Hände zitterten, die Augenlider schlossen sich; er röchelte, wie ein Sterbender. Alle umdrängten den geliebten Greis. Leidenschaftlich ergriffen die Söhne die matten, erkaltenden Hände des tief Erschütterten und fast schreiend rief Fürchtegott: O Vater, Vater! Verlaß uns nicht so! Vergib deinen schuldbeladenen Kindern, ehe dein Geist sich emporschwingt zu den Höhen der Seligen! Vater, Vater, deinen Segen! Fürchtegott schluchzte, Christlieb küßte unter Thränen die Hand des Vaters. Ammer's Lippen bewegten sich. Langsam die Hände erhebend und nach den Söhnen tappend, bis er die Häupter derselben berührte, sprach er, ohne die Augen zu öffnen: Ich vergebe euch! Lebet und wirket in Frieden! Erdmuthe legte ihre Hand auf das Haupt des Greises und indem sie sich zu Fürchtegott neigte, sprach sie: Das Leid ist aus. Die Vergebung eines Sterbenden bringt Segen und Frieden! Drittes Buch. Erstes Kapitel. Eine neue Ueberraschung. Es war Ende November. Ein heftiger Schneesturm machte die Wege ungangbar und erschwerte den Verkehr namentlich zwischen Ortschaften, welche im Gebirge lagen und nicht durch stark befahrene Straßen untereinander verbunden waren. Auch Weltenburg theilte dies Schicksal mit vielen andern Orten. Als noch die Fabriken in voller Thätigkeit waren, fühlte man auf Weltenburg diesen Uebelstand allerdings weniger, jetzt aber, wo außer den wenigen Bewohnern des Schlosses alle früher daselbst lebenden Arbeiter ausgewandert waren, um anderwärts neue Beschäftigung und Lebensunterhalt zu suchen, betrat das schöne Flußthal Niemand mehr. In der Handelswelt war der Fall des Hauses Ammer eine längst bekannte Thatsache. Eine Wiederaufnahme des Geschäftes konnten die Brüder weder wünschen noch beanspruchen. Es zeigte sich zwar im Laufe der Untersuchung, daß eine Menge Zwischenfälle zu diesem Sturze beigetragen haben mochten; das Verhalten der unternehmenden Brüder erschien weniger leichtfertig, als es zuerst den Anschein hatte; man entdeckte vielmehr Spuren, die ferner Stehende als die eigentlichen Urheber der erschütternden Katastrophe bezeichnete: indeß ließen diese Spuren sich schwer verfolgen, ja man nahm Anstand, darauf zu dringen, um die Verwickelung nicht noch größer zu machen. Das Sicherste schien den Hauptbetheiligten, die größtentheils außer Landes, mehrere in Amerika lebten, ein Vergleich zu sein. Von einem processualischen Verfahren abzusehen, rieth den Parteien schon die Klugheit. Den unausgesetzten Bemühungen des Kaufmannes Mirus, der als Rathgeber den klugen und listigen Advocaten Block stets zur Seite hatte, war es gelungen, der traurigen Angelegenheit diese Wendung zu geben. Man zog durch Vermittelung des Grafen Alban, der jetzt mit Entrüstung das unehrenhafte Verfahren Wimmer's erkannte und diesem deßhalb für immer sein Haus verbot, einflußreiche Persönlichkeiten zu Rathe, legte diesen im Interesse sowohl der betheiligten Gemeinden, wie der Familie Ammer die Thatsachen vor, machte auf die Wichtigkeit einer gütlichen Schlichtung aufmerksam und erzielte damit wenigstens so viel, daß die Brüder nach Austrag der Sache freie Hand gewannen, um in anderer Weise ein neues Geschäft, wenn auch nur mit geringen Mitteln, begründen zu können. Ammer mußte schon seit Wochen das Bett hüten. Die Trennung von Wimmer, die seine leidenschaftliche Natur so gewaltig erschütterte, konnte doch die zähe Lebenskraft des starken Mannes nicht gänzlich aufreiben. Sein eiserner Wille, verbunden mit der Glaubensstärke, die ihn in schweren Stunden immer aufrecht gehalten, mochten wohl auch dazu beitragen. Obwohl seine Körperkräfte täglich mehr abnahmen, sein Geist blieb frisch und klar. Es schien, als habe er sich neu gekräftigt, seit der Schatten des unheimlichen Herrnhuters nicht direct mehr in die Lebenskreise des alten Webers hereinragte. Die Besorgnisse aller ihn Umgebenden beschwichtigte Ammer mit den Worten: Es hat keine Noth mit mir itzund. Zu Ende bin ich zwar bald mit dem Leben, das fühl' ich schon, jedennoch wird mein Schöpfer mich sicherlich nicht früher ausspannen, bis ich das Ende mit angesehen. Wohl habe ich es geahnt vordem, und konnte es doch nicht hindern, weil meine Hand nicht ganz rein war. Darum mußte diese Prüfung über mich kommen. Jetzt, wo die Wolken sich verziehen und die Sonne durchbricht, jetzt hab' ich mir wieder Ruhe erkämpft, und ich denke, meine letzte Stunde soll, gefällt's dem Herrn, eine fröhliche sein. Mit seinen Söhnen lebte Ammer in vollem Frieden. Es war rührend anzusehen, wie namentlich Fürchtegott jeden Wunsch des Vaters, noch ehe dieser ihn äußerte, zu errathen und zu befriedigen suchte. Hätte nicht die schwierige Entwirrung der Geschäftsangelegenheiten drückend und gar häufig schwer beunruhigend auf dem ehedem so stolzen Manne gelastet, das stille Familienglück der Versöhnten wäre vollständig gewesen. Christlieb und Walter waren zusammen nach der Stadt gefahren, um einem letzten Termine beizuwohnen. Während ihrer Abwesenheit brach der wilde Schneesturm aus und verhinderte sie an der Rückkehr nach Weltenburg. So lang es Tag blieb, achtete man auf dem Schlosse wenig auf das Toben des Wetters, als aber der Abend hereinbrach und bald einer entsetzlichen Finsterniß wich, zeigte Niemand eine größere Unruhe als Ammer selbst. Ich weiß nicht, wie es kommt, sprach er, als Anna ihn nach dem Grunde seines Seufzens fragte, aber mir ist bange, als sei der Herr mir nahe. Dies Stürmen gefällt mir nicht. Ich hab's selbst erlebt, als ich noch jung war, daß solches Schneetreiben die stärksten Männer erstickte. Bin selber beinahe einmal umgekommen, und hatte doch nur einen halbstündigen Weg zu machen. Fürchtegott glaubte den Vater auf andere Gedanken zu bringen, wenn er von dem Toben einer sturmbewegten See erzählte, weßhalb er eine lebhafte Schilderung davon entwarf. Während man so zwischen Furcht und Hoffnung lebte, vernahm man plötzlich Schellengeläute vor dem Thore. Gott Lob, sie sind es! sagte Ammer, dankend seine abgemagerten Hände faltend. Ich will recht sanft schlafen, wenn ich sie erst wiedersehe und endlich die Gewißheit habe, daß ihr Brüder wieder ganz frei seid! Bald hörte man auch Tritte; als aber Fürchtegott die Thür öffnete, trat ihm Albrecht Seltner, nicht Walter mit dem Bruder entgegen. Woher kommst du? sagte etwas erschrocken der Getäuschte. Bist du in diesem Wetter im Freien? Albrecht begrüßte den Vater, brachte Grüße von Flora und Otto, reichte Anna und Erdmuthe die Hand und sprach dann: Mich führt heute, trotz des entsetzlichen Wetters, die blanke Neugier zu euch. Vielleicht wißt ihr's auch schon? Was sollen wir wissen? versetzte Ammer. Die Zeitungen lese ich nicht mehr, seit uns das Unglück passirt ist, und Besuche verlaufen sich nach Weltenburg selten, zumal bei Schnee und Hagelwetter. Seit vier oder fünf Tagen haben wir keinen städtischen Rock gesehen. Dennoch, Vater, bringe ich wirklich eine Neuigkeit. Ist sie erfreulicher Art? fragte Erdmuthe. Wie man's nimmt, sagte Albrecht. Uns berührt sie nur, insofern ein Bekannter davon betroffen wird. Ammer richtete sich auf und sah dem Schwiegersohn in's Gesicht. Du sprichst von dem Manne, dessen Namen ich nicht gerne nenne. Hab' ich Recht? So ist es. Heute Morgens in der Frühe erhielt ich durch den alten Leisetritt die Nachricht, er habe Banquerott gemacht. Alle verstummten, Ammer nur faltete die Hände und sagte dann ernst: Das wäre ein Gottesgericht! Mir ist wohl, daß ich nicht die Hand ausgestreckt habe, um ihm sein Besitzthum zu entreißen. Aber wie ist das gekommen? Genaueres wußte mir der Glassammler nicht zu erzählen, berichtete Albrecht. Er hatte nur gehört, Wimmer sei banquerott und seit zwei Tagen flüchtig geworden. Den Gerüchten zufolge, die in der Nachbarschaft Herrnhut's umliefen und von Mund zu Munde weiter erzählt wurden, muß Graf Alban eine mächtige Rolle dabei gespielt haben. Die Herrenhuter sind merkwürdige Menschen. Bei aller Milde und Humanität können sie unterweilen doch auch hart bis zur Grausamkeit sein. Du vergibst mir, Albrecht, daß ich dich unterbreche, nahm Erdmuthe das Wort. Grausamkeit wird Niemand, der die Brüdergemeinden genau kennt, ihnen vorzuwerfen haben, wohl aber, mein Freund, sind sie streng gerecht, wenn die Unredlichkeit Gerechte übervortheilt, Schuldlose in's Unglück stürzt. Die Brüder warnen und ermahnen wie unser Herr dies ebenfalls gethan hat; allein hilft weder Warnung noch Mahnung, dann verstehen sie auch zu strafen. Und den unwürdig Befundenen, den Mann, der gegen die Grundsätze der Brüder handelte, der ein Schimpf der Gemeinde werden will, schonen sie nicht. Er wird als ein Aussätziger betrachtet und als solcher behandelt. Ungefähr dasselbe erzählte Leisetritt, fuhr Albrecht fort. Die Leute wollten wissen, man habe dem Scheinheiligen einen Wink gegeben, daß er sich je eher, je lieber entfernen solle. Ob ihn nun diese Weisung, falls sie wirklich erfolgte, fortgetrieben hat oder ob andere Beweggründe dazu mitwirkten, wer mag es wissen! Mir erschien diese Nachricht wichtig genug, um mich sogleich auf den Weg zu machen, so schlimm auch das Wetter tobte. Selbst Flora, die sonst doch so sehr besorgt zu sein pflegte, hielt mich nicht zurück. Geh' nur mit Gott, sprach sie, und überbring' die Kunde dem Vater. Sie wird ihn aufrichten, ihn wieder gesund machen, denn wenn ein Schuft seinen Lohn empfängt, muß sich jeder Rechtschaffene darüber freuen. Ammer schüttelte mißbilligend sein Haupt. Die Züge, von der langen Zeit hart und streng geworden, hatten etwas Geisterartiges. Mein Schöpfer möge mich bewahren, sprach er, daß ich über das Unglück eines Nebenmenschen, auch wenn er mir Böses gethan hat, frohlocken sollte. In der Aufregung, in einer zornigen Aufwallung kann wohl solch ein unüberlegtes Wort sich über unsere Lippen stehlen; überlegt man's aber ruhig, so nöthigt es uns eher zur Bitte als zur Freude. Ist's, wie du sagst, so hat er ein schweres Kreuz mit sich herumzutragen. Es wird ihm die Schultern wund drücken und Schwielen in sein Gehirn pressen. Verdientes Kreuz wiegt schwerer, als zur Prüfung uns auferlegtes. Armer, an seinem Schöpfer irre gewordener Mann! Hätte ich ihn jetzt hier, oder wüßte ich, wo ich ihn träfe, es wäre möglich, daß ich nochmals ganz leise an sein Herz klopfte und anfragte, ob er jetzt anderen Sinnes geworden sei? Ob er die Tage, die uns der Herr etwa noch schenken möchte zur Vorbereitung auf Jenseits, mit mir gemeinschaftlich verbringen und unsere Seelen dennoch versöhnen wollte? Das Herz des Menschen ist wandelbar und unschlüssig und mir will's nicht gefallen, daß ich wissen muß, wie es, so nahe dem Grabe, einen Menschen gibt, der mir grollt, vielleicht auch gar mir flucht. Ich habe freilich mein Unrecht an ihm lange schon gesühnt, aber den Keim zu seiner verkehrten Gedankenrichtung legte doch meine Hand zuerst mit in seine Seele. Erdmuthe's sanftmüthige Züge verklärten sich während dieser Worte. Jetzt stand sie auf, knüpfte die losen Bäder ihres Häubchens unter dem feinen runden Kinn fest und sagte: Bester Vater, ich kenne einen Weg, der zum Heile führt. Der Herr will mich erleuchten, ich fühl's! Es ist nicht geistiger Stolz, der mich so sprechen läßt, es ist Gottes Wille, der sich oft am mächtigsten zeigt in den Schwachen. O, wie oft hat dies Gefühl mich erwärmt, mich beseligt, als ich noch das Kreuz predigte den braunrothen Söhnen des Waldes in Surinam! Glaube mir, Vater, und du, mein theurer Gatte, den mir ja Gottes wunderbare Führung auch wiedergegeben, als ich schon fürchten mußte, dich verloren zu haben, glaubt mir, ich rette den scheinbar Verlorenen, wenn ich ihm die Hand reichen und Worte mit ihm reden kann, wie der Mund Gottes sie mir in's gläubige, dankerfüllte Herz legt! Albrecht, fuhr sie in wunderbarer Begeisterung glühend fort, ich begleite dich. Wir eilen nach Herrnhut, erkundigen uns dort nach dem Verschwundenen. Glaube mir, seine Spur wird uns nicht entgehen, und sind wir ihm erst auf den Fersen, so holen wir ihn sicher ein. Aber wir dürfen nicht zögern. Noch heute, noch in dieser Stunde müssen wir aufbrechen! Alle erstaunten über Erdmuthe's Wesen, das der Verzückung glich. Bedenke, was du forderst! sagte Albrecht. Draußen häuft der Sturm Hügel von Schnee über einander; kein Weg ist fahrbar, die Pferde vermögen in der eisigen Luft kaum zu athmen. In solcher Sturmnacht von hier aus über die hohen Ebenen nach dem Brüderorte aufbrechen, hieße sich leichtsinnig in Todesgefahr stürzen! Dürfen wir den zeitlichen Tod fürchten, wenn wir durch entschlossenes Handeln eine Seele vom ewigen Tode retten können? Es ist unmöglich, Erdmuthe! Wir verirren uns in diesem Schneetreiben in der ersten Stunde, und nie erblickst du Herrnhut, viel weniger den Geflüchteten! O wie kleingläubig bist du! sagte sanft lächelnd Erdmuthe. In den meisten Menschen nistet doch ein Zug der Schwäche, die schon Petrus so zaghaft machte. Sieh, auch ich hatte und habe noch Stunden, wo ich schwanke, aber wenn der Geist der Liebe in uns lebendig ist, dann hält und trägt uns die allmächtige Hand Gottes! Wolltest du mir folgen, gewiß, wir eilten leicht und sicher dahin über die rollenden Schneestrudel, wie des Herrn Fuß dereinst über die schäumenden Wogen des Meeres ging! Man hatte Mühe, diesen schönen Bekehrungseifer der jungen Frau zu bekämpfen. Was aber auch die einzelnen Glieder des traulichen Familienkreises immer gegen die Ausführbarkeit ihres Vorschlages einwenden mochten, Erdmuthe schlug jeden Einwurf mit ihrer Glaubenskraft nieder. Wer im Herrn lebt und in seinem Dienste Gefahren sich aussetzt, mit dem ist auch der Herr, sagte sie. Die Jünger und Apostel zögerten nicht, dem Rufe zu folgen, der an sie ergangen war, als es die Ausbreitung der neuen Lehre galt. Die Meisten starben als Märtyrer, aber ihr Blut düngte den Boden, in dem das Kreuz aufgepflanzt ward. Nur durch solche Aufopferung, durch solche Todesfreudigkeit konnte das Erlösungswerk des Weltheilandes ganz vollbracht werden; nur wenn wir in den Fußstapfen dieser herrlichen, großen Menschen wandeln, vollbringt es sich noch fortwährend. Und wir haben nicht einmal entfernt mit so großen Hindernissen zu kämpfen, wie die Apostel und die ersten Anhänger des Christenthums. Gegen uns tritt nicht ein fein gebildetes, machthabendes Volk auf, das geübt in allen Künsten des Lebens, geschult in der Dialectik alter Philosophen, seine Künste gegen uns spielen läßt. Unsere Gegner bekämpfen uns ferner nicht mehr mit Feuer und Schwert, sondern höchstens mit höhnischem Achselzucken. Nein, meine Freunde, ich kann euch nicht Recht geben. Wollt ihr in der That und Wahrheit Nachfolger Christi sein, so dürfen Sturm und Regen, überhaupt das Toben der Elemente den schon erhobenen Fuß nicht zurückhalten. Wir dienen Gott nur dann wahrhaft und fördern seine Herrschaft auf Erden, wenn wir ihm ganz ohne Rückhalt, zu jeder Zeit dienen! Ammer winkte der beredten Frau Beifall zu und den Andern ward es schwer, wo nicht unmöglich, ihrem Drängen zu begegnen. Du bist meine kleine Heilige, sagte der Kranke, und läge ich nicht hier der Stunde harrend, die mir erschließen soll die Pforte zum ewigen Frieden, so streckte ich wohl meine Hand aus und gäbe dir meinen Segen mit auf deinen Weg. So aber möchte ich meine Bitten vereinigen mit denen der Uebrigen und dir zurufen: bleibe bei mir! Ich fühl' es, mein Kind, daß ich nicht mehr gar lang diese Welt betrachten werde. Mein Auge wird dunkel also, als stiegen Nebel auf in mir, nicht außer mir, und ein sonderbares Ahnen und Sehnen kommt über mich. Wenn aber meine Stunde naht, so möcht' ich dich nicht missen, meine Tochter! Es kam Friede, wenn nicht in mein Haus, doch in mein Herz, als du über meine Schwelle tratest. Du hast dein frommes Auge auf mich gerichtet, als die große Trübsal hereinbrach, du hast den da, der dich fand und trotz seiner weltlichen Verblendung erkannte in deiner geistigen Größe, errettet aus großen Gefahren. Darum, Erdmuthe, lege deine Hand auf meine Schläfe. Sie wird mir Kühlung und Ruhe bringen. So sanftem Bitten konnte Erdmuthe nicht widerstehen. Während sie den Wunsch des immer schwächer werdenden Greises erfüllte, hörte man vom Thal herauf durch die rauschenden Windstöße ängstliches Rufen, das Albrecht und Fürchtegott beunruhigte. Sie verließen unverweilt das Krankenzimmer, um, begleitet von den beiden Knechten, die noch auf Weltenburg geblieben waren, nachzusehen, was es wohl gäbe. Der Schneesturm bebte noch immer mit ungeschwächter Kraft fort und machte einen Gang in die von eisigen Nebeln erfüllte Nacht wirklich gefahrvoll. Um nur einigermaßen sich zurecht zu finden, trugen die Knechte große Laternen. Als die vier Männer aus dem Thorweg traten, erscholl abermals der Ruf. Es muß Jemand zu Schaden gekommen sein, sprach Albrecht, und zwar in der Gegend der Walkmühle, denn von dort her schallt die Stimme. Die Suchenden wendeten sich nun nach dieser Gegend, sie mochten jedoch kaum dreißig Schritt durch tiefe Schneewehen weiter gewatet sein, als die rufende Stimme sich von der entgegengesetzten Seite her vernehmen ließ. Wir müssen vorsichtig sein und Antwort geben, sagte Fürchtegott. Hört man uns, so erwidert man den Ruf ebenfalls und wir verlieren die Richtung nicht. Im Schneetreiben bricht sich wegen der vielen Windwirbel in den obern Luftschichten, der Schall, und verlockt in die Irre. Wirklich erhielten die laut Schreienden alsbald in regelmäßigen Zwischenräumen Antwort. Sie bemerkten, daß die Verirrten eine ziemliche Strecke im Flußthale sich befanden und strebten nun dahin. Nach etwa viertelstündigem Wandern erreichten sie einen fast ganz in Schnee versunkenen Schlitten. Das einzige Pferd war, vom Wege abbiegend, auf den zugefrorenen Fluß gerathen, hier eingebrochen und hatte ein Bein gebrochen. Durch das Arbeiten und Schlagen des armen Thieres war der Schlitten umgestürzt und von herantreibenden Schneewellen schnell überschüttet worden. Mit freudigem Erstaunen und doch auch wieder von Schreck überrieselt, erkannten die zu Hilfe Kommenden in den Verirrten Christlieb und Walter. Ihr seid unsere Lebensretter, sprach der Arzt. Gott lohn es euch! Nie hätte ich geglaubt, daß man auf doch bekannten Wegen so ganz in die Irre gerathen könnte. Sind wir denn noch weit von Weltenburg? Kaum zehn Minuten, erwiderte Albrecht. Und seit länger als einer Stunde fahren wir, glaub' ich, hier im Kreise herum! sagte Christlieb. Hätte ich nicht an einigen Merkmalen erkannt, daß Weltenburg nicht mehr fern sei, ich glaube wirklich, ich hätte Walter's Drängen nachgegeben, der wiederholt behauptete, wir müßten uns weiter rechts halten. Aber kommt! Das arme Thier müssen wir seinem Schicksal überlassen, den Schlitten können wir bei ruhigem Wetter herausgraben. Wie geht's daheim? Fürchtegott unterrichtete den Bruder und erklärte ihm zugleich die Anwesenheit Albrecht's. Also auch ihr wißt diese Neuigkeit? sagte Christlieb ganz heiter. In der That, die Nachricht ist nicht aus der Luft gegriffen. Wimmer ist wirklich fort und auch banquerott. Uebrigens kann ich euch mittheilen, daß unsere eigenen Angelegenheiten heute zum Abschluß gekommen sind. Mirus sowohl als der alte Block haben sich dabei als Ehrenmänner benommen. Danken wir Gott, daß es ihren Bemühungen gelungen ist, einen, den Verhältnissen nach, leidlich günstigen Vergleich zu Stande zu bringen. Auf diese Weise allein konnte dem wirklichen Banquerott vorgebeugt werden. Weltenburg ist uns allerdings verloren, aber wir retten das Vermögen deiner Frau, das ich damals ihr zuzuschreiben rieth. Albrecht's Wesen ward in keiner Weise von unsern Gläubigern bedroht, die sich schon deßhalb leichter beruhigen ließen, weil unsere Fahrzeuge ihnen hinreichende Deckung gaben. Am schwersten wird es uns werden, neue Verbindungen in Amerika für die Fortsetzung unseres Linnenhandels anzuknüpfen. Diese Absatzquelle haben uns die heimtückischen Machinationen unseres falschen Freundes im Augenblick leider gänzlich verstopft. Freilich ist er selbst mit dabei zu Grunde gegangen; denn beim Zusammenbrechen unserer gemeinsamen Unternehmungen konnte Wimmer seine Nichtbetheiligung nicht nachweisen. Unsere Aussagen, unsere Bücher, die Angaben anderer Geschäftsfreunde und vor Allem das Zeugniß des Grafen Alban zeihen ihn der Lüge, der Heuchelei, der Absicht, mittelst Betruges Andere übervortheilt zu haben. Dies allein schon hätte genügt, ihm den Proceß zu machen. Seinen zeitlichen Ruin aber führte das Capital herbei, welches der Vater ihm damals geliehen hatte, das er als uns zugehörig gebucht, mit dessen Ertrage er das ganze überseeische Geschäft begründete. In dem Streben, uns zu verderben, hatte Wimmer früher durch des Vaters Geld erworbene Summen mit zu dem gemeinsamen Betriebscapital geworfen. Dies nun zu scheiden war weder thunlich, noch gingen die Anwälte der Gläubiger darauf ein. So stürzte denn der Fluch, der gewissermaßen an diesem so vielfach gemißbrauchten Gelde hängt, den Mann, der damit wuchernd uns um unsere ehrlichen Namen zu bringen trachtete und von jeher getrachtet hat. Ein kurzes Billet an Mirus, das uns dieser heute vorzeigte, spricht dies in widerwärtig giftiger Weise aus. Weil er verhaftet und noch weiter verfolgt und gerichtlich belangt zu werden fürchtete, hat er die Flucht vorgezogen. Man glaubt, er wird sich nach Hamburg gewendet haben, um von dort nach Amerika zu gehen, wo er in Pennsylvanien Freunde und Gesinnungsgenossen besitzen soll. Diese Mittheilungen machte Christlieb seinem Bruder und Schwager theils während des Ganges nach Weltenburg, theils am Bette des sehr erschöpften Vaters, der sie ruhig hinnahm. Anna und Erdmuthe hörten ziemlich gleichgiltig zu, nur schien Letztere über die Meldung entzückt zu sein, daß schon nach wenigen Wochen Weltenburg von der Familie Ammer geräumt werden solle. Auch dafür haben wir dem Himmel zu danken, sprach sie freudig ergeben. Die Erwerbung dieses Schlosses machte euch stolz, übermüthig und egoistisch. Mit seinem Verlust zieht die Bescheidenheit und jener wahre Humanismus wieder in eure Herzen ein, die Niemand mehr schmücken, als den Christen. So führt Gott durch Kummer und Trübsal die Seinigen zur Erkenntniß und zu jener Freudigkeit, die nun in einem kindlich schuldlosen oder einem im Feuer der Prüfung geläuterten Herzen Wurzel schlägt. Zweites Kapitel. Wimmer. Wir müssen uns jetzt einige Wochen zurückversetzen, um uns nochmals mit einem Manne zu beschäftigen, der so lange unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Als Wimmer, belastet mit dem Fluche seines ehemaligen Jugendfreundes, Schloß Weltenburg verließ, war er zum ersten Male seit langer Zeit nicht zufrieden mit sich selbst. Zwar konnte er sich nicht tadeln, daß er der Heftigkeit des so tief beleidigten Webers kaltblütige Ruhe entgegengesetzt, daß er überhaupt diesem Manne gegenüber nach seinem Dafürhalten nie aus der Rolle gefallen war. Er konnte mit dem Erreichten sich wohl begnügen. Wollte er doch nichts, als den vom Glück über Hunderttausende hoch Emporgehobenen sehen, wie er jetzt gedemüthigt, ein Gelähmter, Machtloser dalag, umgeben von Kindern, die er nie anblicken konnte, ohne sich selbst zu verklagen, ohne ihnen still zu grollen. Der Name Ammer war kein makelloserer mehr im Munde des Volkes. Das Wort Ammer galt nicht mehr, wie sonst; man bemäkelte es, man zuckte die Achseln, und die Aeußerung: sie wollten zu hoch hinaus, wollten es Allen zuvorthun, darum gingen sie zu Grunde oder sanken in wenig beachtete Kleinheit hinab, lief mit allerhand ehrenrührigen Nebenbemerkung durch's Land. Befriedigte einerseits den schadenfrohen Mann dies Ergebniß seiner Handlungsweise, so beängstigte ihn andererseits die offene Parteinahme für Ammer von Menschen, denen er, weil er sie für Egoisten gehalten, diese nie zugetraut. Weber Mirus noch Block waren in seinen Augen als einfach persönliche Feinde zu fürchten, wohl aber konnten sie gefährlich werden, wenn gemeinsame Pläne sie innig verbanden, und wenn sie es darauf anlegen sollten, ihm Schaden zuzufügen. Während er den Schloßhügel hinunterstieg, klangen noch immer die Worte des erzürnten Webers in seinen Ohren. Er bemühte sich freilich, diese Töne fortzulächeln, er fing sogar zur Zerstreuung an, ein Lied zu trällern, aber der Fluch saß zu fest in seinem Gedächtniß. Wie ein Rabe krächzte er fort und fort, bis ihm dabei fast unheimlich zu Muthe ward. Wimmer ließ sich Wein geben, um auf lustigere Gedanken zu kommen, aber der Wein erheiterte ihn nicht. Er machte ihm Herzklopfen und die Stimme des Webers klang noch in seinem Innern lauter als zuvor. Die Luft wird mich kräftigen, sprach er zu sich selbst, bezahlte seine Zeche und fuhr der Stadt zu. Unterwegs aber peinigte ihn der Postillon mit Fragen, die er, wenn auch nur kurz und verdrossen, doch beantworten mußte, um ihn nicht noch neugieriger zu machen. Der Mensch wollte durchaus erfahren, was die Herren, die so angelegentlich nach ihm gefragt, wohl auf dem alten Schlosse gewollt haben mochten. Dies Aushorchen brachte ihn immer und immer wieder in das Zimmer Ammer's zurück, oder es hielt ihn vielmehr ganz darin fest, so daß er sich zuletzt selbst erblickte, wie er an der Wand lehnte und der erzürnte Mann seine weißen, langen Locken gegen ihn schüttelte. Verstimmt und unschlüssig, betrat der Herrnhuter nach einer ermüdenden Reise sein leeres Haus, dessen geräuschlose Stille ihn diesmal mehr als sonst unangenehm berührte. Zwar sorgte Martha in gewohnter Weise für seine Bedürfnisse, aber was sie auch that, es geschah doch Alles nur aus Pflichtgefühl, nicht aus Liebe. Wimmer hatte es kaum jemals so schmerzlich empfunden, daß ihn auf der ganzen weiten Welt Niemand liebe, daß er völlig allein stehe unter so vielen Tausenden, daß kein Herz sich betrüben, kein Auge sich mit Thränen füllen werde, wenn ihn ein Unglück treffe oder der Tod ihn dahin raffe. Das kommt davon, daß sie mich verließ, daß ich keine Kinder habe, sagte er düster, indem er sein Pult öffnete und sich mit den Rechnungsbüchern zu schaffen machte. Ich wollte ihre Kinder an mich knüpfen, sie mir dienstbar machen ich wollte dies, um die Leere auszufüllen, die ich seit ihrem Wortbruche fühlte, und auch um mich an ihm , der mir sie stahl, zu rächen. Es ist mir geglückt, aber ihre Kinder hassen mich nun doch und fluchen mir wie der Vater! Das, ach, das habe ich schlecht gemacht! Es wird nun eine böse Zeit kommen für mich, der ich schon jetzt entgegenarbeiten muß. Wimmer vertiefte sich in seine Bücher, machte Auszüge, hin und wieder änderte er auch eine der großen Zahlen, mit denen die Folioseiten angefüllt waren. Ich muß mich vorsehen, wenn die rachsüchtigen Menschen die Oberhand behalten sollten, sprach er. Ist mein Buch in Ordnung und stehen nur die Brüder zu mir, so kümmert alles Andere mich wenig. Sie müssen doch falliren und das überkommt mein alter Freund nicht. Dann bin ich am Ziele. Ich wünsche nur noch, daß sie später genöthigt werden, mich doch im Guten wieder anzusprechen; thun sie's, so will ich ihnen helfen und alles Geschehene soll zwischen uns vergessen sein. Wimmer arbeitete zwei Tage ununterbrochen in seinen Büchern, verwendete dann andere zwei Tage zum Briefschreiben und glaubte sich schon gesichert, als eine Botschaft des Grafen ihn zugleich überraschte und beunruhigte. Graf Alban schrieb in einem steif geschäftlichen Style, den er sonst vermied, daß er »Herrn Wimmer«, nicht »seinen lieben Bruder« nothwendig sprechen müsse. Dabei gab er die Stunde an, wo er für den Handelsherrn zu Hause sein werde. Ungern und voll banger Ahnungen folgte Wimmer dieser gewissermaßen befehlenden Einladung. Der Graf empfing ihn kühl und gemessen. Wimmer's Blicke glitten ruhelos von einem Gegenstande zum andern, und blieben endlich auf der Friedenspfeife haften, welche Erdmuthe dereinst ihrem verehrten, väterlichen Freunde aus der schönen Wildniß Surinam's als Andenken geschickt hatte. Herr Wimmer, begann Graf Alban, ich habe Sie in einer Angelegenheit zu mir beschieden, die ich höchlichst bedaure. Es sind Klagen über Sie eingegangen, die nicht bloß Sie allein als Geschäftsmann, Mensch und Bruder, sondern die leider auch unsere ganze Gemeinde compromittiren. Die Aeltesten haben in Erfahrung gebracht, daß Sie sich unerlaubter Mittel bedienten, um den Gebrüdern Ammer Schaden zuzufügen. Still! Unterbrechen Sie mich nicht! Leugnen wird Ihnen sehr wenig helfen. Wir sind genau unterrichtet, da wir Zeit hatten, uns zu erkundigen. Die Verhaftung Fürchtegott Ammer's nöthigte zu Nachforschungen. Ich selbst stand lange an, dem Drängen entfernter Freunde nachzugeben, weil ich Sie für den uneigennützigsten Freund der Ammer gehalten. Erst, als mir von den verschiedensten Seiten die klarsten Beweise übersendet wurden, daß Sie in feindseligster Weise und äußerst schlau den Fall der Ammer vorbereitet, übersah ich den ganzen Plan Ihres seltsamen Spieles. Es kann mir nicht in den Sinn kommen, einem Manne von Ihrem Alter jetzt Moral predigen zu wollen, mein Wunsch und mein Streben geht einfach dahin, unsere Brüdergemeinden makellos zu erhalten, Ihnen aber womöglich eine öffentliche Schmach und eine beschämende Demüthigung zu ersparen. Herr Wimmer, Sie waren das weist Ihre Handlungsweise aus im Herzen nie einer der Unsern; Sie borgten sich die äußere Maske, Sie liehen von uns das große, edle Vertrauen, dessen sich die mährischen Brüder diesseits und jenseits des atlantischen Oceans erfreuen ihrer unantastbaren Redlichkeit halber, um im sicheren Schutz dieser erborgten Eigenschaften Ihre egoistischen Gelüste, Ihre unlauteren Neigungen befriedigen zu können. Es ist Ihnen dies, wir wissen es, leider bis zu einem gewissen Grade gelungen, weiter aber soll Ihr Triumph nicht gehen. Sie sind am Ziele, man hat Sie entlarvt. Die Gemeinde wird aber aus Rücksicht auf Sie sowie ihrer eigenen Ehre halber schweigen und das Andern zugefügte Unrecht möglichst wieder auszugleichen suchen, wenn Sie, Herr Wimmer, die Gemeinde und den Brüderort verlassen. Ich sehe wohl, daß es auch unter uns Rachsüchtige gibt und schlecht Geartete, versetzte Wimmer, die selbst die Ehre eines doch jederzeit thätig gewesenen Bruders nicht achten. Noch kann ich nicht glauben, verehrter Freund und Bruder, daß man wirklich so ungerecht sein und mich ungehört verbannen wird. Mit derselben kühlen Ruhe, welche das Benehmen des Grafen kennzeichnete, sagte dieser: Hegen Sie nicht leere Hoffnungen! Auch bitte ich, beehren Sie mich fernerhin nicht mehr mit dem Namen eines Bruders. Die Gemeinde wird Sie verdammen, weil sie sehr genau weiß, daß Sie schuldig sind und man Ihnen also kein Unrecht zufügt. Ich bin als ein näherer Bekannter von Ihnen, mit dem für mich persönlich sehr unangenehmen Auftrage von den Aeltesten beehrt worden, das, was Sie bereits wissen, Ihnen zu eröffnen. Ich habe mich dieses Auftrages ohne Umschweife und ohne Lieblosigkeit entledigt, und frage jetzt nochmals, ob Sie die Ihnen gelassene Zeit benutzen oder eine im entgegengesetzten Falle nicht ausbleibende Untersuchung abwarten wollen? Wenn ich nun auf meinem Recht bestehe, mein Bruder, wird die Gemeinde dann wüthen gegen ihr eigenes Fleisch und Blut? Sie wird den Makel, der ihr im Augenblick anhaftet, ausätzen. Die arme Gemeinde! sagte Wimmer, Sie sollte klüger und vorsichtiger sein, denn wenn sie mich verstößt, weiß sie wirklich nicht, welchen Schaden sie sich selbst zufügt. Sie wird ihn zu tragen verstehen, und zwar ohne Murren, versetzte der Graf, Sie kennen jetzt meinen Auftrag, haben Ihre eigene Zukunft in der Hand und dürfen sich nicht beschweren, wenn Ihnen später etwas Menschliches begegnen sollte. Adieu, Herr Wimmer! Der alte Speculant machte dem Grafen eine stumme, steife Verbeugung, während seine grauen Augen giftige Blicke auf ihn schossen. Ohne noch ein Wort zu erwidern, verließ er die Villa, schritt nachdenklich in seine Wohnung zurück und schloß sich hier ein. Wimmer schwankte lange, ehe er einen unwiderruflichen Entschluß faßte. Er widerstrebte ihm, seinen Gegnern zu weichen und doch mußte er sich sagen, daß er verloren sei, wenn der Graf die Wahrheit gesprochen. Um sicher zu gehen, schrieb er an einige sehr vertraute Freunde, die, bekannt mit seinen Verhältnissen, ebenfalls genaue Kunde von der Stimmung der Brüder gegen ihn haben mußten. Die Antworten auf diese Anfragen lauteten einhellig beunruhigend und unterstützten die Weisung des Grafen. Wimmer war niedergeschmettert, aber er wollte weder schwach erscheinen, noch seinen Feinden den Triumph eines Sieges gönnen. Zittern sollen Sie vor mir, sprach er zähneknirschend, in aller Eile zusammenraffend, was er von werthvollen Gegenständen besaß. Frei will ich bleiben, um ein späteres Handeln selbst bestimmen zu können. Mögen sie inzwischen mich verleumden, mich verfolgen, es kommt wohl noch ein Tag, wo ich mich wieder sehen und hören lassen kann. Entschlossen, den Brüderort vorläufig zu verlassen, trug er Martha auf, das Haus zu hüten, bestieg seinen Klepper und ritt, hinter sich einen wohlgefüllten Mantelsack, lächelnd von dannen. Niemand erfuhr, wohin er sich gewendet. Erst als seine Flucht ruchbar ward, lief das Gerücht um, die bekannte Person des Herrnhuters sei an der böhmischen Grenze gesehen worden. Das bald darauf einfallende heftige Schneegestöber verwischte jede Spur des Geflüchteten. Drittes Kapitel. Die Heimkehr. Ueber die Bergstraße herein gegen das Rohr flogen sechs Schlitten, von denen die drei vordersten bedeckt waren. Die Pferde erschienen dicht mit Reif überzogen, denn es war bitter kalt. Als sie das Rohr erreichten, zügelten die Führer ihre Pferde, um auf der glatt abschüssigen Bahn nicht etwa umzuwerfen, denn der scharfe Luftzug hatte hier nur geringe Schneemassen liegen lassen und die Passage dadurch etwas beschwerlich gemacht. Unterhalb des Rohres stiegen aus den Schornsteinen des Weberortes hohe Rauchsäulen in die stille, kalte Winterluft empor, und das Klappern und Klirren der Stühle aus den vielen sauber gehaltenen Häusern und Häuschen machte auf Fremde und Durchreisende einen wohlthuenden Eindruck. Man fühlte aus der ganzen Haltung des Dorfes, daß die Bewohner desselben nicht reich, aber zufrieden sein mußten, und daß diese Zufriedenheit wieder das Ergebniß unermüdeter Thätigkeit, strenger Arbeit war. Die meisten dieser Häuser, auch die stattlicheren, mit Ziegeln gedeckten, waren zum Schutz gegen die strenge Winterkälte »versetzt«, d.h. die Eigenthümer hatten festgeflochtene Strohbündel um die aus Holzbohlen bestehenden Wände wohl an zwei Fuß dick aufgehäuft und dieselben mittelst kreuzweise übereinander gelegten Latten befestigt. Die solchergestalt »versetzten« Häuser gewährten einen ganz malerischen Anblick, namentlich dann, wenn die Anhäufung der winterlichen Strohumhüllung mit einigem Geschmack und symmetrisch angebracht war. Auch die frühere Wohnung Ammer's, das jetzige Besitzthum Albrecht Seltner's, zeigte sich in angegebener Weise »versetzt«. Auf den Firsten sämmtlicher Gebäude funkelten die vergoldeten Spitzen mehrerer Blitzableiter, eine Vorsichtsmaßregel, welche die häufigen und schweren Gewitter nöthig machten, die während des Sommers fast regelmäßig zünden, wo man diese Franklinische Erfindung vernachlässigt. Vor diesem Hause hielten die Schlitten. Flora, die von dem näher kommenden lauten und harmonischen Schellengeläut schon auf die Schwelle der Thür gelockt worden war, trat jetzt, ihren Sohn Otto an der Hand, rasch auf den ersten Schlitten zu, stieg auf die Kufe und blickte unter die Bedachung. Gott Lob, Gott Lob! sprach sie erheitert. Da hab' ich euch ja endlich wieder! O, wie will ich euch pflegen und lieben! Ich habe Alles genau so herrichten lassen, wie es vor dem Feuer war. Du wirst dich ganz heimisch und heimlich dabei fühlen, Vater! Und du, beste Mutter, dir habe ich gerade wieder solch einen Drehschemel machen lassen, wie du ihn sonst hattest, wenn du dich Abends zum Spinnen an den Ofen setztest. Du brauchst nicht zu spinnen, bei Leibe nicht! Aber ich dachte, der Drehschemel würde dir Freude machen. Auch die alten Bilder habe ich in der mir von früher noch bekannten Ordnung aufgehangen, und da Albrecht oder ein Gehilfe bisweilen ein paar Stunden zu weben pflegt, um die Kunst nicht ganz zu verlernen, so steht auch ein Webstuhl in der Ecke. Während Flora dies Alles rasch und in heiterster Stimmung in den Schlitten hineinsprach, sprang Seltner heraus, half Frau Anna von dem Gefährt und hob dann mit starkem Arm seinen Schwiegervater, den alten Ammer heraus, ihn rasch in's Haus tragend. Mittlerweile waren aus den nächsten beiden Schlitten die Brüder Christlieb und Fürchtegott mit Walter und Erdmuthe gestiegen. Alle begaben sich eilig in's Haus, die glückliche Flora nebst Otto herzlich begrüßend. Von den drei offenen Schlitten luden später die Färbeknechte und Kutscher eine Menge Kisten, Kasten und Koffer, denn Herr Ammer und seine Söhne hatten das bereits verkaufte Weltenburg für immer verlassen, und wollten nun an den Orte, wo das Glück die ersten vielversprechenden Keime getrieben, die ersten Blüthen angesetzt, die so reiche Früchte getragen hatten, nach Ueberstehung heftiger Lebensstürme ein neues, stilleres, wenn auch weniger glänzendes Leben beginnen. Diese Uebersiedlung Ammer's, oder, wie der Greis sagte, dieser Heimgang fand etwa vierzehn Tage nach Abwickelung der Geschäftsverhältnisse seiner Söhne statt. Alle hatten ihn gewünscht, so viel auch mit diesem Glückswechsel der verkleinerungssüchtigen Welt Gelegenheit zu mißliebigen Bemerkungen gegeben war. Weltenburg kam in die Hände eines englischen Hauses, das die Besitzung besonders deßhalb an sich brachte, weil die vorhandenen baulichen Einrichtungen die Wiedereröffnung von Spinnereien ohne Schwierigkeiten gestatteten. Ammer saß jetzt in einer ganz eigenen Stimmung an derselben Stelle, wo er so viele Jahre vordem, wenn er ausruhte von der Arbeit, die Abende zugebracht hatte. Flora hatte das Wohnzimmer wirklich ganz so wieder einrichten lassen, wie sie es von früher her kannte. Selbst eine schwarzwälder Uhr mit dem Kukuk, welcher bei jedem Glockenschlage sein »Kukuk« rief, fehlte nicht. Für diese Aufmerksamkeit dankte Ammer der geliebten Tochter nur durch wiederholte Händedrücke. Uebermannt von Rührung, vermochte er geraume Zeit nicht zu sprechen. Erst als der muntere Otto dem Großvater von seinem eigenen Thun und Treiben ein Langes und Breites vorplauderte und Frau Anna jetzt wieder in althergebrachter Weise den blank gescheuerten Lindentisch mit weißer Damastserviette überbreitete, fand er Worte. Wahrhaftig, Mutter, sagte er, seinen Enkel mit beiden Armen umschlingend, die alten Zeiten kehren wieder! Wußte ich doch in den letzten Jahren gar nicht recht, wie mir zu Muthe war. Jetzt sehe ich wieder hinunter in's Thal, drüben blinken die Thürme der Stadt, ich höre das Geklapper der »Gezehe« und dort sitzt richtig Nachbar Jeremias noch an seinem fichtenen Tisch, wie ich ihn immer sitzen sah, wenn ich ab und zu manchmal über das Stacket hinüberschielte. Ja, ja, grüß' Gott, Alter! Es ist auch Zeit, daß du dich wieder sehen läßt. Konnte es ihm freilich nicht verdenken, daß er Weltenburg nicht leiden mochte. Da kommt er, noch rasch und stramm, als wäre er ein mittlerer Fünfziger! Jeremias Seltner, dem das Glück der Ammer nie behagt und deßhalb auch nie ihn aus seiner engen Lebensbahn gedrängt hatte, trat jetzt in's Zimmer und schüttelte dem Alten herzlich die Hand. Endlich wird es wieder ein vernünftiges Bissel Leben hier geben, sprach er. So lange du und deinen Kindern das Schloß am Halse hing, konnt' ich's nicht loben. Es war mir rein unmöglich, dich dort zu besuchen, und lieb ist's mir wohl, daß du nicht darauf drangst und mir deßhalb auch nicht gram wurdest. Jetzt, denk' ich, soll's hier wieder einmal nach altmodischer Weberart hoch hergehen. Ammer schüttelte den Kopf. Nicht mehr gar lange, Bruder Jeremias, sprach er. Das Feuer, das mir mein Haus verzehrte und mich späterhin forttrieb, hat mich zu arg beschädigt. Und nachher kam das große Unglück. Das nahm mir die Kräfte vollends mit, Seltner. Aber jedennoch denk' ich noch einmal Weihnacht zu feiern im Kreis der Meinen und wär's möglich, was ich freilich bezweifeln muß, so möcht' ich wohl auch noch eine Christnacht in der Kirche mitmachen. Jetzt kam Erdmuthe mit Flora aus der obern Etage zurück, wo die mitgebrachten Habseligkeiten von den beiden jungen Frauen einstweilen aufbewahrt worden waren. Sie reichte dem Greise die Hand, küßte ihm die hohe breite Stirn und umarmte dann mit hingebender Zärtlichkeit ihren Gatten, der in gar seltsame Gedanken vertieft auf der schmalen Holzbank hinter dem Webstuhle saß und spielend die Lade hin- und herbewegte. Fürchtegott war das ganze Ebenbild des Vaters geworden, nur weniger stark. Hätten statt der schon ergrauten Haare weiße Locken sein Gesicht umspielt, so hätte man Vater und Sohn wohl für Brüder halten können. Ich danke dennoch Gott heute mehr, als damals, wie wir unter dem Jauchzen der Geigen in deinen glänzenden Muschelwagen stiegen, um nach Weltenburg zu fahren, sagte Erdmuthe, eine Freudenthräne zwischen den Wimpern erdrückend. Damals betraten wir eine Welt, die uns nicht eigenthümlich zugehörte. Wir sollten uns nach ihr umformen, unser innerstes Wesen verleugnen und weil dies unmöglich war, strauchelten, wir. Erst der Fall gab uns die volle Besinnung wieder und diese zeigte uns den Pfad zur Rettung. Jetzt, mein theuerster Seelenfreund, im Besitz wahrer Zufriedenheit, werden wir uns nie zurücksehnen nach jenem Flittertand falschen Glanzes, der Herzen trennen, nie aber einigen kann. Wir wollen arbeiten und im Schweiße unseres Angesichtes uns vorbereiten auf die uns verheißene vollkommnere Welt. Fürchtegott lächelte, der Gattin die Hand küssend. Du kannst Recht haben, sagte er. Bin ich erst hier wieder eingewohnt, so ist's nicht unmöglich, daß du mich eines schönen Morgens noch einmal »den Schützen schieben« siehst. Nur glaub' ich, ich befasse mich nicht mehr mit dem für mich begrabenen Geschäft. Es knüpfen sich daran gar zu viel trübe Erinnerungen. Vielmehr denk' ich, um mit dem Vater zu sprechen, ich greif's fein vorsichtig und nicht gar groß auf andere Weise an. Die Weberei hat in den letzten Jahren wieder einen großen Fortschritt gemacht. Es ist ein verbesserter Webstuhl erfunden worden, und bin ich erst hier wieder im Gange und alle andern Wunden sind vernarbt, werd' ich's mit der neuen Weberei doch versuchen, aber fein vorsichtig und ganz stäte. Jetzt mußte Erdmuthe lächeln, der alte Ammer aber wendete sich seinem Sohne zu, nickte ihm mit vielsagendem Blicke Beifall und wiederholte scharf betonend die Worte: Ja, ja, immer fein vorsichtig und ganz stäte! Man bleibt dann jederzeit Herr seiner selbst, seiner Mittel und greift nicht weiter als man sehen kann. Die Zurückkunft Ammer's in seinen Geburtsort war für alle Bewohner desselben ein Ereigniß. Zwar dachten nicht Alle gleich, denn dem früher so glücklichen Weber fehlte es nicht an Neidern und Feinden, immerhin aber konnte man ohne Uebertreibung annehmen, daß bei Weitem die große Mehrzahl sich darüber freute. Es ist schon zu Anfang dieser Erzählung erwähnt worden, wie segensreich der Einfluß Ammer's auf eine Menge Familien wirkte; wie er dort wirklich Darbenden durch freiwillige Gaben aufhalf, hier augenblicklich Bedürftige durch Rath und That unterstützte. Sein eigenes Beispiel spornte Viele an, ihm nachzueifern, hielt Manche ab, ihren Neigungen den Zügel schießen zu lassen, und somit konnte man behaupten, daß die bloße Nennung seines Namens ein moralisches Gewicht in die Wagschaale des Lebens Aller im Orte legte. Dies war seit Ammer's Uebersiedelung nach Weltenburg anders geworden. Schon in den letzten Jahren, noch während Fürchtegott's Aufenthalt in der neuen Welt, zeigte sich der reiche Weber weniger mittheilend, als ehedem. Die weit verbreiteten Verbindungen, das Anwachsen stets neuer Sorgen, die Menge Lasten und Kümmernisse, die ihn drückten, machten ihn verschlossen, barsch und schreckten deßhalb Manchen, der sich früher mit größtem Vertrauen ihm näherte, ab, den jetzt so reichen Mann mit einer Bitte auch nur vorübergehend zu behelligen. Später, als Fürchtegott sich mit der ehemaligen Missionärin verheirathete, war Ammer aus andern Gründen wenig zugänglich, und als endlich der unglückliche Brand sein Haus zerstörte, sah Jeder ein, daß bei so großen Verlusten wenig Neigung auch bei einem Begüterten vorhanden sein konnte, Hilfsbedürftigen als bereitwilliger Retter oder Helfer sofort beizuspringen. Dennoch that Ammer, wenn er zufällig erfuhr, daß irgendwo ohne Verschulden ein Bedrängter litt, auch damals noch Gutes; nur mit seiner Abreise nach Weltenburg, um ganz dort zu bleiben, hörten diese weniger bekannten als tief empfundenen Unterstützungen für immer auf. Der ganze Ort erlitt daher durch die Entfernung des reichen Webers einen höchst empfindlichen Verlust. Jetzt, wo das Glück auch diesen begünstigten Mann seine Launen so schwer hatte fühlen lassen, gedachten Viele an das früher genossene Gute, und ohne für die Zukunft Aehnliches beanspruchen zu wollen, da ja die Verhältnisse in der Ammer'schen Familie ganz anders geworden waren, ließ Anhänglichkeit an den würdigen Greis, wohl auch eine nicht ganz kleine Dosis Neugier einer Anzahl Dorfbewohner keine Ruhe, als das Gerücht von der Heimkehr der ganzen Familie sich von Haus zu Haus verbreitete. Schon nach wenigen Stunden fanden sich erst die nächsten Nachbarn, dann auch ferner Wohnende im Hause Seltner's ein, um den vielgeprüften Greis, wohl auch, um die früh gealterten Söhne wieder zu sehen und ihnen ein paar glückwünschende Worte zu sagen. Ammer freute diese, wie er glauben mußte, im Allgemeinen ungeheuchelte Theilnahme. Er fühlte sich wieder heimisch; dies Kommen und Gehen so vieler Bekannter hatte etwas Patriarchalisches, und obgleich sowohl Anna, wie auch Flora und Erdmuthe dem Andrange immer neuer Freunde gern gewehrt hätten, indem sie fürchteten, eine solche fortwährende Aufregung des sehr geschwächten Vaters könne die nachtheiligsten Folgen für dessen Gesundheit haben, begehrte Ammer selbst doch Jeden zu sehen und zu sprechen. So ward dieser erste Tag im Hause seines Tochtermannes, das er ja auch als sein eigenes betrachten durfte, dem hinfälligen Greise zu einem wahrhaften Freudentage. Er unterließ nicht, besonders Jüngere auf die großen Wandelungen aufmerksam zu machen, die nicht bloß mit ihm selbst, sondern mit seiner ganzen Familie vorgegangen seien. Daran knüpften sich von selbst Betrachtungen der belehrendsten Art. Ammer sprach mit bewundernswürdiger Offenheit über sein Geschick. Er pries es sogar, ungeachtet der schweren Schläge, die sein ganzes Haus betroffen hatten, ja, er stand nicht an, gerade diese letzte Wandlung eine wohlthätige zu nennen, weil sie sein eigenes Herz, das bisweilen auch stolzen Regung Raum gegeben, demüthig gemacht, seine Kinder aber in der Fülle der Jahre den Willen Gottes kennen gelernt habe. Mancher verließ das Haus Albrecht Seltner's mehr erbaut, als wenn er eine in banalen Redensarten und schlecht angewandten Bibelcitaten sich bewegende Predigt mit angehört hätte. Und Ammer, einmal erregt, gefiel sich in der Rolle eines mild Belehrenden. In seinem Polsterstuhle ruhend, die müde Rechte auf den Krückenstock stützend, saß er, umgeben von allen Kindern, mitten im wohl durchwärmten Zimmer. Stunde nach Stunde verging und, als endlich der letzte Besuchende sich vorher entfernte, wunderte sich der glückliche Greis, daß die schwarzwälder Uhr auf zehn aushob. Otto, der den lieben, so lange vermißten Großvater nicht verlassen wollte, war zuletzt doch, an seinem Knie ruhend, eingenickt, selbst Frau Anna, die Platz in dem bequemen Drehschemel genommen und in dieser traulichen Umgebung sich wieder recht wohl fühlte, lehnte schon längst mit über der Brust gekreuzten Armen in ihrem Stuhle und neigte das müde Haupt, dessen Haarflechten Alter und Sorgen ebenfalls gebleicht hatten, auf die Brust herab. Unter Allen am wenigsten Beifall fanden diese vielen Besuche bei dem Brüderpaar. Sie fühlten, daß ihnen die Begrüßungen nicht galten, daß es für sie eigentlich besser gewesen wäre, sie hätten nichts davon weder gesehen, noch erfahren. Des Vaters Freunde, die jetzt erschienen, um ihn zu beglückwünschen, konnten nicht aufrichtig auch ihre Freunde sein. Waren sie selbst doch die eigentliche Veranlassung zu des Vaters Unternehmungen gewesen, hatten sie doch den am Alten hängenden Mann vermocht, dem bewegteren Treiben einer Welt sich anzuschließen, die er nicht kannte, in der er nur unsicher tappend oder dem Worte Anderer vertrauend, es Andern gleich thun konnte. Sie hatten den Vater um seine Ruhe, später um sein Vermögen gebracht. Sie waren schuld, daß er als ein Schiffbrüchiger heimkehrte in den stillen Hafen, wo er die erste Jolle befrachtete, die seines Glückes Schiff mit Gütern aller Art versehen sollte. Freilich konnten sie mittelbar auch als diejenigen bezeichnet werden, die ihn nach langer Irrfahrt zurückgeleitet in die Heimath, allein sie selbst befanden sich doch bei solchen Betrachtungen nicht sonderlich wohl. Aus diesem Grunde hielten Christlieb und Fürchtegott sich möglichst zurückgezogen während der ab und zugehenden Besuche. Sie vermieden es, mit Bekannten zu sprechen, und da es genug zu ordnen und zu besorgen gab, um, wenn auch nur für den Augenblick das Allernöthigste für die Zukunft vorzubereiten, so konnten beide Brüder ein längeres Zusammensein oder vertraulicheres Begegnen mit den Besuchenden vermeiden. Das ist mir lange nicht begegnet, Kinder, sprach Ammer, jugendlich heiter, aber bedenklich erhitzt, als der Letzte ihm auf baldiges Wiedersehen die Hand geschüttelt und das Haus verlassen hatte. Mich dünkt wahrhaftig, ich werde wieder jung. Wären nur die alten Gebeine nicht so eigensinnig steif und lahm, und der Kopf nicht so seltsam schwer. Sieh, die Mutter schläft auch, und der kleine Krauskopf da zu meinen Füßen schnarcht gar, als ob eine Katze vor lauter Freude spänne. Vergeßt nicht, Kinder, für so viel Liebe und Gnade heute noch Gott zu danken! Ich denke, mir wird wohl sein, wenn seine Engel mich einlullen. Gute Nacht beisammen! Erdmuthe und Flora, ihr sollt mir noch die Hand reichen, wenn ich schon ruhe. Mir läuft das Herz ordentlich über vor Wonne, daß ich euch endlich, endlich allesammt wieder habe zwar etwas bestoßen da und dort, aber Gott sei gepriesen doch unverloren, Alle unverloren! Ammer erhob sich mit Hilfe seines Krückenstockes aus dem Stuhle. Führt mich in die Kammer, sagte er zu seinen Söhnen. Das müssen wir morgen anders einrichten, die Treppe hinauf und dann wieder hinunter kann ich das lahme Gebein nicht alltäglich schleppen. Rechne mir deßhalb, Albrecht wird mir derweile sein Cabinet einräumen. Ich treib' es ja doch nur noch eine kurze Zeit, ehe ich mich ganz und für immer verabschiede, um zu erfahren, wie der Herr das Weltregieren treibt. Nochmals, gute Nacht! Die Brüder trugen den sehr erschöpften Vater mehr als sie ihn führten, die Treppe hinauf, und bald herrschte im Hause Seltner's eine so tiefe Ruhe, daß man das Rieseln des Schnees vernahm, der, vom leisen Westwind getrieben, an die Fenster surrte. Viertes Kapitel. Das Ende eines Gerechten. Auch die nächsten Tage brachten noch keine Ruhe, denn nun erschienen von allen Seiten die Freunde aus der Ferne, um ebenfalls den Vielgeprüften ihre Glückwünsche darzubringen. Daß unter diesen weder Mirus, der treu Erfundene, noch Candidat Still, der sich nicht genug wundern konnte, wie er ohne sein Wissen und Wollen ein Werkzeug zur Rettung der Familie Ammer geworden sei, nicht fehlten, versteht sich von selbst. Aber auch ferner Stehende fanden sich ein, und so treffen wir sowohl den aufschneiderischen Oberförster wie den lateinischen Justus in traulicher Unterhaltung mit dem Greise, der, umgeben von so vielen theilnehmenden Seelen, die bittern Erfahrungen der letzten Monate wirklich zu vergessen schien. Walter, der sich mit sammt den Brüdern in dem ursprünglich für Flora erbauten Hause wohnlich eingerichtet hatte, rieth zwar wiederholt zu größerer Schonung, Ammer jedoch schlug alle seine Ermahnungen und Warnungen in den Wind. Hat es meinem Schöpfer gefallen, sprach er, mich wieder einzusetzen, in das Reich meiner alten Herrlichkeit, dem ich hochmüthig Valet sagte, so will ich die paar Freudenstunden auch recht gründlich genießen, die er mir noch darin vergönnt. Flackert dabei in heranwehendem Freudenhauche das Licht meines Lebens vollends aus, je nun, was thut's! Es ist immer die Hand der Milde und Liebe, die mir das zufügt, und ein Abscheiden von der Welt, während Freunde um uns sind, stelle ich mir nicht allzu schwer vor, obwohl jeglichen Menschen vor dem Tode ein leiser Schauer und ein Frösteln überrieselt. So verlebte Ammer eine ganze Woche. Niemand bemerkte eine Veränderung in seinem Wesen, seinem Benehmen, nur sein Gesicht verwandelte sich merkwürdig. Es ward knöcherner, die Zügen steifer, als man sie je gesehen, und in den großen, blauen Augen des ehrwürdigen Greises leuchtete ein Glanz, vor dem Mancher erschrak, wenn der Alte ihn plötzlich anblickte. Endlich ward es wieder still im Hause Albrecht Seltner's. Ammer bewohnte das Cabinet des Schwiegersohnes, das ziemlich an derselben Stelle wieder erbaut worden war, wo früher der Weber in rühriger Thätigkeit und geräuschlosem Streben so große Erfolge vorbereitet hatte. Nur etwas größer war dieser Raum geworden. Hier unterhielt sich Ammer durch die stets offen stehende Thür mit den im Wohnzimmer befindlichen Personen. Bisweilen humpelte er wohl selbst hinüber, um an den Fenstern die Runde zu machen und nach dem Wetter auszuschauen, denn das große Familienzimmer gewährte nach zwei Himmelsgegenden und besonders auf das hohe Grenzgebirge eine freie Aussicht. In den Abendstunden besuchte regelmäßig Jeremias Seltner den Jugendfreund, um den Rest des Tages mit ihm zu verplaudern. Diese Abendstunden waren für Ammer die genußreichsten des ganzen Tages. Er durchlief und überschlug dann im Gespräch mit Seltner sein ganzes vergangenes Leben und liebte es bei allen wichtigern Epochen, mochten sie nun erfreulicher oder unerfreulicher Art sein, mit einem gewissen Wohlgefallen zu verweilen. Des Irrthümlichen der letzten Jahre ward dabei ebenfalls gedacht, nicht aber mit herben Worten, sondern ruhig prüfend, indem er ohne Leidenschaft und Bitterkeit das Geschehene recapitulirte. Eines Abends sagte Ammer zu dem alten Freunde: Was meinst du, Jeremias? Ist's wohl zu billigen, daß meine Söhne es mit der neu erfundenen Weberei versuchen wollen? Du darfst's mir nicht verdenken, Alter, daß ich 'was ängstlich um mich sehe, wenn ich überschlage, was die Neuerungen mich und den Meinigen gekostet haben, und doch mag ich keine Einwendungen dagegen machen, weil's ja doch eine reelle Weberei ist, so wenig ich die Sache auch begreifen kann. Du meinst den Jaquardstuhl? erwiderte Jeremias Seltner. Gerade diesen Zippelzappel mit der Musterrolle oberhalb der Lade. Nun, lieber Freund, damit kann ein kluger Kopf viel Gutes stiften. Ich hab' mir die Sache genau besehen, und wär' ich nicht zu alt, würden mir die Augen nicht blöde und hätte ich überhaupt noch die Kräfte dazu, so versuchte ich's wohl selber auf dem Jaquardstuhle. Ich sage dir, Freund, es ist dies eine Erfindung, die jedenfalls mehr Segen bringt, als die Berthel Schwarz'sche. Mit dem Jaquardstuhle, von dem ich glaube, daß er sich noch bedeutend verbessern läßt, werden sich Gewebe herstellen lassen, die es an Sauberkeit und Schönheit mit dem feinsten Groß-Schönauer Damast aufnehmen. Das meint mein Fürchtegott auch, erwiderte Ammer nachdenklich. Vor ein paar Tagen fuhr er nach W***, um bei einem meiner ältesten Weber aus der früheren Zeit sich einen solchen Stuhl genau zu betrachten. Er hat sich die ganze sinnreich zusammengesetzte Maschine auseinander nehmen und die Einrichtung derselben zeigen lassen. Dann war er flugs bei der Hand, um sie ohne Mithilfe eines Andern wieder zusammen zu setzen. Jetzt ist er dabei, eine Musterrolle abzuzeichnen, und wenn er damit fertig sein wird, will er selbst, wie er mir sagte, ein Muster erfinden. Auch der Christlieb zeichnet von früh bis in die Nacht, und überläßt alles Andere deinem Sohne. Laß sie, mein Freund, sprach Jeremias Seltner. Der Christlieb besitzt keine gewöhnlichen Anlagen zum Zeichnen. Es ist Schade, daß er das nicht früher bemerkt hat. Aber so ist's; was man nicht versucht, das lernt man nicht kennen; und so gehen eine Menge Talente ungekannt verloren, die, hätten sie Gelegenheit gehabt, sich auszubilden, vielleicht Treffliches leisten und Hunderten damit nützen konnten. Christlieb, scheint mir, ist ein geborener Musterzeichner. Seine Ruhe, seine Accuratesse und Ausdauer befähigen ihn dazu ganz besonders. Der unruhigere Fürchtegott dagegen, der eine lebhafte Phantasie besitzt, wird sehr bald gute und originelle Muster angeben können. Geschieht dies und arbeiten dann Beide einander in die Hände, so können, ja müssen sie sich in einigen Jahren einen recht anständigen Wirkungskreis schaffen, der es mit dem verlorengegangenen Welthandel wohl aufnehmen kann, wenn er sich auch in viel enger gezogenen Grenzen bewegt. Ammer war mit dieser Ansicht des Freundes vollkommen einverstanden. Er sah es nun gern, wenn die Brüder bisweilen in sein Zimmer kamen und ihm die gemachten Zeichnungen vorlegten. Die Erklärungen begriff der intelligente Mann sehr bald, wie es ihm auch einleuchtete, daß die neue Construction des Webstuhles ein vielverheißender Fortschritt sei. Während nun so die Glieder der Familie Ammer ein immer enger sich verschlingendes Band der Liebe und gegenseitigen Duldung vereinigte, schwanden die Kräfte des alten Vaters unmerklich. Seine Umgebung würde kaum Notiz davon genommen haben, hätte Ammer nicht selbst Aeußerungen gethan, die auf eine schnell überhand nehmende Schwäche hinwiesen. Er weigerte sich, sein Zimmer zu verlassen, und beschäftigte sich, auf dem Sopha liegend, mit dem Ausschneiden von Sternen, Figuren, Bäumen und Häusern für seinen Enkel, der dem Großvater keine Ruhe ließ, weil dieser dem Knaben versprochen hatte, einen Weihnachtsbaum recht schön und bunt für ihn aufzuputzen. Ammer besaß in solchen Handarbeiten ungewöhnliches Geschick; er flocht die zierlichsten Gebilde aus buntem, schillerndem Papier und ergötzte damit Otto, der nach Art lebhafter Kinder nicht genug so glänzender Sächelchen bei Seite schaffen und zu fernerweitem Gebrauche aufbewahren konnte. So gelang es dem körperlich immer matter werdenden Greise, die Wünsche seines Enkels zu befriedigen. Selbst den Tannenbaum putzte er ihm auf. Bei dieser Beschäftigung bemerkte man, daß seine Hände heftig zitterten. Auch verfiel Ammer's Gesicht mit jedem Tage mehr. Walter, der in der Stille den Greis sehr aufmerksam beobachtete, ohne ihm durch Vorschriften und Verhaltungsmaßregeln die Laune zu verderben, gab den Brüdern einen Wink, indem er sie auf die mit raschen Schritten nahende Katastrophe vorbereitete. Der Vater erlebt das neue Jahr nicht, sprach er. Sein Lebensöl ist bis auf den letzten Rest verzehrt. Aber ich hoffe, nun ein gesicherter Frieden in seine Seele eingezogen ist, daß sein Ende sanft und völlig schmerzlos sein wird. Er wird, wie er es sich wünschte, gleich einem verlöschenden Lichte aufflackern. Drei Tage vor dem Feste begehrte Ammer plötzlich Candidat Still zu sprechen. Er gab keinen Grund dafür an, aber er verlangte mit einem Anflug von Hast, daß man den Mann alsbald herbeischaffe. Es ward deßhalb unverweilt ein Bote nach der Stadt gesendet, um den Candidaten zu holen. Inzwischen rief Ammer die Seinigen an sein Lager. Er war ruhig und gefaßt. Kinder, sprach er mit matter, immer klangloser werdender Stimme, in vergangener Nacht sah ich die Ewigkeit offen. Heute werde ich abberufen und zwar noch vor Nacht. Wenn die Sonne hinter den Hügel hinuntersinkt, wird meine Seele sich emporschwingen zu den Wohnungen, die der Herr für uns bereit hält. Ich will also Abschied nehmen von euch, nicht mit Klagen und Weinen, sondern dankend für Alles, was Gott mir gegeben hat. Durch mancherlei Fährniß sind wir von ihm geführt worden, und war's bisweilen schwer, so konnten wir's doch tragen. Viel hab' ich euch nicht zu sagen. Ich wünsche nur Dreierlei und hinterlasse euch dies als mein Vermächtniß. Zum Ersten: bleibet in Gott, so bleibet ihr auch in der Liebe zu euch und Andern; zum Zweiten: vergesset nicht, was ihr erlebt habt, damit ihr dem Hochmuthe nicht Raum gebt und der Böse keine Macht gewinne über euch; und endlich zum Dritten: thuet wohl, wo ihr könnt, und solltet ihr nochmals hören von ihm, der mich und euch geschädiget, so sehet zu, daß ihr ihn an euch kettet mit Banden der Liebe und bringt ihm die Verzeihung eines Sterbenden! So ihr dies thuet, werd' ich sanft ruhen im Schooße der Erde, die unser Aller Brautbett ist, in dem wir der Ewigkeit vermählt werden! Ammer's Augen waren schon gebrochen, noch während er sprach. Seine Hand griff tastend nach den Seinigen. Ist er noch nicht da? fragte er, das erkaltende, müde Haupt in die Kissen drückend. Ich wünschte, daß er den Segen über mich sprechen sollte, wenn mein Schöpfer die Seele von mir genommen. Er war immer ein schlichter, redlicher Mann, ohne viele Worte, und just weil ihm das Reden auf der Kanzel nicht glücken wollte, verstand er's im Zimmer desto besser, Freunden zum Herzen zu sprechen. Der Sterbende wiederholte noch einige Male seine Frage nach Still. Endlich hörte man einen Wagen. Er hielt vor Seltner's Hause. Gleichzeitig trat ein hoher Mann in dunklem Mantel auf die Flur. Er ist es, sprach Ammer, ohne sich zu bewegen. Wer begleitet ihn? Christlieb führte den Candidaten an das Lager des Vaters. Ein barmherziger Bruder aus Prag, sagte Fürchtegott, bittet um ein Viaticum. Euern Segen – Euern Segen! lallte der Sterbende. Der katholische Geistliche, welcher von Weltenburg kam, wo er Ammer noch zu treffen hoffte, fragte jetzt, wie es dem Greise ergehe? Die Bestürzung Aller gab ihm zu spät Antwort. Er stirbt? fragte er. O, so lassen Sie mich mit Ihnen vereint an seinem Lager beten. Der Tod eines Gerechten mehrt den Segen der Ueberlebenden. Ammer athmete nicht mehr. Während der Candidat, den Segen leise und gerührt sprechend, ein dreimaliges Kreuz über die Stirn des Greises schlug, umknieten die Uebrigen das Sterbelager, Einige betend, Andere leise weinend. Auch der barmherzige Bruder betete. Dann erhob er sich und verließ, von Niemand gefolgt, das Zimmer des Verblichenen. In der Wohnstube legte er einen Brief auf den Tisch. Sie werden ihn finden, sprach er leise. Möge er wirken, was er soll. Ich habe meine Pflicht gethan. Fünftes Kapitel. Eine Versöhnung. Eine allgemeine Trauer ging durch die Provinz, als sich die Kunde von dem Ableben Ammer's verbreitete. Mit ihm war ein Mann gestorben, der ungeachtet des herben Mißgeschickes der letzten Jahre die Handelsthätigkeit und besonders die Industrie verschiedener Zweige auf eine früher nie gekannte Höhe gehoben hatte. Wohin man hörte auf den großen, volkreichen Dörfern, deren Einwohner sich fast ausschließlich von der Weberei ernähren, überall ward der Name Ammer als derjenige genannt, der Leben und Regsamkeit in das Geschäft gebracht, in dessen Schule sich gewissermaßen viele hundert dankbare Schüler gebildet hatten, die, Manche als selbstständige Fabrikanten, in seinem Sinne und Geiste fortwirkten und dadurch wieder andere Hunderte der von Ammer ausgegangenen Thätigkeit zuführten. Man durfte sich daher nicht wundern, daß sein Tod Viele tief erschütterte. Dieser starre, aber bemittelte und in seinem Thun consequente Weber hatte thatsächlich mehr genützt, als mancher sogenannte große Mann, der mit Ordenssternen, die er nur seiner zufälligen Stellung, nicht seinen Verdiensten zu verdanken hat, in der Welt herumläuft. Daß es seiner Charakterfestigkeit und zuverlässigen Freunden gelungen war, noch gerade zur rechten Zeit die zu weit gegangenen Söhne vom Abgrunde zurückzureißen, machte nicht bloß außerordentliches Aufsehen, es dankten ihm dafür auch Tausende, denn der wirkliche Untergang der Ammer würde Zahllose, ja ganze Ortschaften in's Elend, viele Familienväter in Verzweiflung und Tod gestürzt haben. Der Sitte gemäß wartete man volle sieben Tage, ehe man den Verstorbenen beerdigte; eine Sitte, von der nur in höchst dringenden Fällen oder in Folge eines von der Behörde eingegangenen Befehles abgewichen ward. Der strenge Frost erlaubte dieses Hinzögern. In dieser langen Zeit wurden alle Vorkehrungen zu einem höchst glänzenden Begräbnisse getroffen. Mehr als vierhundert Personen erhielten specielle Einladungen zu dieser ernsten Feierlichkeit. Wer sonst einem Verstorbenen aus besonderer Anhänglichkeit, Achtung oder sonstigen Gründen »das letzte Geleite«, wie man zu sagen pflegt, geben will, bleibt dies unbenommen. Es wird Niemand daran verhindert, Niemand zurückgewiesen. Daher kommt es vor, daß bei Beerdigungen von Persönlichkeiten, die sich einer seltenen Popularität erfreuten, »Grabegänger« viele Stunden weit herkommen. Man kennt sogar Einzelne, welche eine Art Geschäft aus diesen Grabegängen machen, und zu diesem Behufe fast immer, aus einer eigenthümlichen Leidenschaft, Beerdigungen beizuwohnen, unterwegs sind. Ob auch bei Ammer's Beisetzung solche Grabegänger aus Liebhaberei sich eingefunden, ist uns nicht bekannt geworden, gewiß aber ist, daß Keiner von denen, die auch nur entfernt einmal mit dem Abgeschiedenen in Verbindung gekommen waren, die mittelbar oder unmittelbar von ihm oder später von den Söhnen abhingen, bei dem Begräbnisse fehlte. Man schätzte die Zahl derer, welche dem Sarge Ammer's folgten als sogenannte »Leidtragende«, auf mehrere Tausende. Diese bildeten einen Leichenzug, wie man seit Menschengedenken keinen ähnlichen gesehen hatte. Auch Abgeordnete der Brüdergemeinde bemerkte man, unter diesen den Grafen Alban, der schon zwei Tage vor dem Begräbnisse angelangt war. Die große Aufregung, welche dieser Todesfall weit und breit hervorbrachte und die ganz besonders die Hinterlassenen des Webers in den ersten Tagen zu gar keiner Ruhe kommen ließ, hatte die Auffindung des Briefes verhindert, welchen am Sterbtage der barmherzige Bruder in der Wohnung Seltner's zurückgelassen. Flora fiel derselbe zuerst in die Hände; da er nun aber an den Vater adressirt war und der unersetzliche Verlust, den sie erlitten, ihr ganzes Wesen durchschütterte, glaubte sie nichts Unerlaubtes zu thun, wenn sie das Schreiben unerbrochen bis nach der Beerdigung zurücklegte. Sie dachte auch wirklich nicht früher daran, als nach der Rückkehr von dem ziemlich fern gelegenen Kirchhofe, wo sich die Mitglieder der Familie und die vertrautesten Freunde des Verstorbenen bei Seltner wieder versammelten. Jetzt überreichte Flora den Brief ihrem Gatten, der, weil die Adresse den Namen Ammer nannte, ihn seinen Schwägern einhändigte. Christlieb erbrach und las ihn. Er wechselte die Farbe. Alle umstanden ihn erwartungsvoll. Das ist mehr als seltsam, sprach er nach kurzem Schweigen. Hört, was da zu lesen ist. Der Brief lautete: »Im Namen eines Unglücklichen hält Schreiber dieses sich für verpflichtet, Herrn Ammer den Vater und dessen Söhnen die Anzeige zu machen, daß sie ein gutes Werk thun würden, wenn sie nicht zauderten, nach R*** zu eilen, um dort im Kloster der Barfüßer sich zu melden und weitere Aufschlüsse sich vom Bruder Guardian zu erbitten. Ein im Namen und zum Wohle aller Menschen, weß Glaubens dieselben immer sein mögen, sammelnder barmherziger Bruder.« Im ersten Augenblicke waren Alle über diese räthselhaft klingenden Worte dermaßen erstaunt, daß sie selbst den großen Verlust vergaßen, den sie gehabt. Niemand wußte sich den Zusammenhang zu erklären, Niemand zu sagen, welcher barmherzige Bruder sich zum Briefträger für einen Ungenannten bereitwillig aufgeworfen haben möge. Es durchwanderten mehrere dieser Priester die Gebirgsdörfer, keiner derselben war jedoch streng auf einen bestimmt abgegrenzten Bezirk angewiesen. Endlich fiel es Seltner ein, daß am Sterbetage des Vaters einer dieser geistlichen Herren am Lager des Sterbenden gekniet und gebetet hatte. Flora, die doch eine Thorheit begangen zu haben fürchtete, gestand zögernd, sie habe den Brief gefunden und bei Seite gelegt, später aber wirklich gänzlich vergessen. Man sann und rieth hin und her, ohne zu einem Ziele zu kommen. Da sprach Graf Alban, welcher der Eröffnung des Briefes beiwohnte und den man ebenfalls mit dessen Inhalt bekannt machte: Könnte dieser Unglückliche, von welchem hier die Rede ist, nicht ein Mann sein, den wir Alle sehr genau kennen? Wer, außer einem Einzigen, vorausgesetzt, daß er noch lebt, dürfte mit dem Verstorbenen dringend zu sprechen, oder seine Söhne zu sehen wünschen? Wimmer! riefen zugleich die Brüder mit Flora und Erdmuthe. O Gott, Wimmer! sagte Frau Anna, beide Hände über ihre durch häufige Thränen gerötheten Augen deckend. Ich vermuthe, Sie sind auf rechter Fährte, fuhr Graf Alban fort. Es ist mir aufgefallen, daß man ungeachtet aller Nachforschungen gar nichts mehr von dem Verschollenen gehört hat. Man glaubte, er würde irgendwo wieder zum Vorschein kommen, da es ihm nicht an Anhängern fehlt, die wohl etwas für ihn thun könnten, wenn er in seiner eigenthümlich gewinnenden Weise Jemand zu bereden sich angelegen sein ließ. Martha, seine treue Haushälterin, hat ihn vermißt und redlich beweint. Sie ist vor Kurzem in's Schwesterhaus zurückgekehrt, da das kleine Besitzthum ihres bisherigen Brodherrn ebenfalls die Beute seiner Gläubiger ward. Meines Wissens ließen sich die Spuren des Geflüchteten bis nach Böhmen verfolgen. Auf der Glashütte, wo er eingesprochen war, verloren sie sich. Damals begann das große Schneetreiben. Die Wege wurden ungangbar, es kamen in jenem furchtbaren Wetter viele Menschen und Thiere um, Wimmer aber war verschwunden. Die Meisten von uns glaubten, auch ihn möge das böse Wetter auf einsamer Gebirgsstraße ereilt und irgendwo in eine versteckte Schlucht gestürzt haben. Diese Worte machten einen tiefen und beunruhigenden Eindruck auf die Brüder. Beide waren unschlüssig, theils, weil man ja doch nicht wissen konnte, wer der Unglückliche sein möge, theils, weil sie, falls wirklich der schlimm geartete Herrnhuter damit gemeint war, einen Widerwillen fühlten, mit dem ihnen so feindselig gesinnten Manne nochmals zusammen zu treffen. Sie äußerten diese Meinung unverhohlen gegen den Grafen und zugleich schlug Fürchtegott vor, Jemand in das bezeichnete Kloster zu schicken, um vorerst Nachfrage zu halten. Es bliebe ihnen dann ja immer noch unbenommen, zu thun und zu lassen, was sie für gut fänden. Wir dürfen wohl annehmen, entgegnete Graf Alban, daß hier ein gutes Werk Ihrer harrt. Diese barmherzigen Brüder sind ohne Ausnahme sehr wackere Christen. Wenn sie für Jemand bitten, muß er der Hilfe bedürftig sein. Nun aber liegen zwischen heut und jener Bitte schon acht volle Tage. Da drängt die Zeit. Wollen Sie also helfen, wollen Sie dem Rufe, der an Sie ergeht, Folge leisten, so dürfen Sie nicht zaudern, weder als Christen, noch als Menschen! Gewiß, meine Freunde, Sie handeln ganz im Sinne des edlen Mannes, dessen sterbliche Hülle wir heute zur Ruhe gebettet haben, wenn Sie thun, was der barmherzige Bruder von Ihnen begehrt. Sind Sie dazu gewillt und entschlossen, so bin ich gern erbötig, Ihr Begleiter zu sein, werden Sie aber durch gewichtige Gründe davon zurückgehalten, nun, dann will ich allein diesen Gang auf mich nehmen. Vielleicht komme ich noch früh genug, um einem Bekümmerten, einem tief Gebeugten, von Gewissensbissen Gefolterten die Stirn zu kühlen mit dem Weihwasser des ewigen Lebens! Diese Entschiedenheit des Grafen machte die Brüder schnell andern Sinnes. Beide erklärten ihre Bereitwilligkeit, nach R*** aufzubrechen, um dem ihrer Harrenden, wer es auch sein möchte, den begehrten Trost zu bringen. Laßt mich euch begleiten, sprach jetzt Erdmuthe. Schon früher war es mein Wunsch, mit dem Manne zu sprechen, der uns Allen so viel Leid zugefügt hat. Damals hieltet ihr mich zurück, weil Gott seine Schneewellen über die Erde rollte und der Athem des Sturmes auch einem Liebeswerke feindlich begegnen konnte. Heute schlafen die Elemente. Wir werden die alten Klostermauern des freundlichen Städtchens noch vor Abend erblicken, und, will's Gott, noch vor Nacht ein gutes Werk stiften. Fürchtegott hatte zwar mancherlei Einwände gegen diese Begleitung Erdmuthe's, allein er war genöthigt, diesmal sich zu fügen. Erdmuthe's fester Wille fand einen sehr starken Hinterhalt an dem Grafen, der mit sanftem Lächeln zu Fürchtegott sagte: Wehren Sie ihr nicht, junger Freund. Der Drang, Kranken Heilung zu bringen, ist stark in ihr entwickelt. Sie wird glücklich sein, wenn sie ihm folgen kann, und wer mag wissen, ob nicht gerade das Wort einer Frau da, wo die Mahnungen der Männer erfolglos bleiben, einen schönen Sieg erringt? Schweigend, wenn auch ungern, ließ es Fürchtegott geschehen, daß Erdmuthe sich reisefertig machte. Als man den Wagen bestieg, den man der unsichern Wege halber im Gebirge ungeachtet des hohen Schnees dem Schlitten vorzog, sprach Christlieb zu seiner Mutter: Sollten wir morgen noch nicht zurückkommen, so laßt Euch dies nicht kümmern. Ist er es, den wir finden, so scheiden wir nicht eher, als bis wir uns geeinigt haben. Das aber kann bei dem sonderbar versteckten Charakter eine geraume Zeit in Anspruch nehmen. Nach Verlauf von zwei Stunden erblickten die Reisenden die Kirche des hoch gelegenen Städtchens. Auf den Kreuzen des Klosters, das vor demselben an einer Thalsenkung mit der Aussicht auf das nahe Gebirge lag, verloschen die letzten Funken der winterlichen Sonne. In dem einzigen Gasthofe am Marktplatze ließ man den Wagen stehen und begab sich sogleich nach dem Kloster. Unterwegs dahin fiel es den Männern erst ein, indeß man möglicherweise Erdmuthe den Eintritt verwehren könne, da der Orden der Barfüßer eine strenge Observanz beobachtet und Frauen in die geheiligten Räume seiner Klöster niemals Zutritt gestattet. Erdmuthe jedoch hatte guten Muth. Wenn sie erfahren, daß ich vor meiner zweiten Verheirathung Missionärin war, sprach sie, machen die guten Mönche gewiß eine Ausnahme. Wir Missionärinnen gehören ja gewissermaßen auch einem Orden an, und meiden wir auch nicht den Umgang mit Männern, so, denk' ich, kann man uns doch eines unheiligen Lebenswandels nicht bezichtigen. Ueberdies kommen wir ja auch nicht als Neugierige. Ich bin keineswegs begierig, die Zellen der armen Barfüßer zu besuchen oder ihren Andachtsübungen beizuwohnen, nur als barmherzige Schwester einem Leidenden die Hand zu reichen, war und ist noch jetzt mein Streben. Graf Alban zog die Schelle der Klosterpforte, die grell forttönend in allen Theilen des ziemlich weitläufigen Gebäudes gehört werden mußte. Von der Kirche her scholl dumpfer Gesang, denn es war um die Zeit der ersten Abendhora. Nach Verlauf einiger Minuten erschien der Bruder Guardian, öffnete die innere Thür, welche den Eingang zum eigentlichen Kloster noch von der äußern, oben mit einem Holzgitter versehenen Pfortenthür trennte, und fragte, wer und zu welchem Zwecke man Eingang begehre? Graf Alban erkundigte sich, ob vor Kurzem ein barmherziger Bruder aus Prag das Kloster besucht und ob in demselben ein Leidender Aufnahme gefunden habe? Nennen sich der Herr vielleicht Ammer? fragte der Mönch. Ich nicht, erwiderte der Graf, aber diese meine Begleiter gehören der Familie Ammer an. Man bezeichnete mir das Haupt derselben als hinfälligen Greis, sagte der Guardian. Dieses Haupt haben wir heute in kühle Erde gebettet. O, dann treten Sie ein, sprach der Mönch, sichtlich ergriffen und schnell die Pforte öffnend. Er schien dabei gar nicht auf Erdmuthe zu achten, die auf Fürchtegott's Arm gestützt zugleich mit den Uebrigen in das Sprechzimmer trat. Sie haben wohl die Gefälligkeit eine kurze Zeit zu verziehen, Verehrte, der Mann, welcher das Haupt der Ammer zu sprechen begehrte, ist seit der Abreise unseres geistlichen Bruders viel schwächer geworden und überhaupt ein seltsamer Charakter. Wer kann wissen, ob er nicht gerade jetzt mit bösen Geistern ringt und in diesem Zustande unfähig ist, Sie zu sprechen? Der Arme hat schwer zu leiden und schon dieser entsetzlichen Leiden willen ist ihm die Ruhe wohl zu gönnen. Die beiden dienenden Brüder, die Tag und Nacht an seinem Lager wachen, entsetzen sich nicht selten über die gotteslästerlichen Worte, die er, von Körper- und Seelenschmerzen gleich heftig gepeinigt, ausstößt. Als sich unsere Freunde wieder allein sahen, sprach Fürchtegott: Es ist Wimmer, unser beklagenswerter Gegner. Wie aber kommt er hieher, in's Kloster dieser Barfüßer? Bald wird uns darüber Gewißheit werden, versetzte der Graf. Was dem Irrenden auch zugestoßen sein mag, es ist geschehen zu seiner Rettung. Erdmuthe befiel eine seltsame Unruhe. Sie ging ungewöhnlich lebhaft im Sprechzimmer auf und nieder. Der Guardian kam zurück und lud die Fremden ein, ihm in's Krankenzimmer zu folgen. Der unglückliche Mann ist still, sprach er. Er hatte nichts dagegen, die Gebrüder Ammer vor sich zu lassen, denn, sagte er, einmal begegne ich ihnen doch noch und es ist besser, daß ich sie jetzt wiedersehe, als vielleicht an einem Orte, wo man nicht einmal mehr Herr seiner Zunge ist. Was der arme Kranke damit sagen wollte, weiß ich nicht. Der Guardian führte nun die späten Ankömmlinge über lange, hallende Corridore, an deren äußerstem Ende er eine Thür öffnete. Das Gemach war traurig genug. Kahle, schmucklose Wände, ein Fenster ohne Vorhänge, jetzt mit einem Laden verschlossen, zwei Schemel, ein kleiner schmaler Tisch von Fichtenholz und am Boden ein niedriges Lager aus einigen Matratzen bestehend. In der Mitte dieses wenig einladenden Zimmers hing von der Decke herab, eine irdene Lampe, deren Schein ein trübes Licht rund umher verbreitete. Auf diesem Lager erblickten die Eintretenden die hagere Gestalt eines Mannes, dessen Arme bis zu den Ellenbogen mit dichten Hüllen umwickelt waren. Sein Scheitel war fast kahl, die Züge verzerrt und eingefallen. Alle erkannten sogleich den alten Herrnhuter, den ehemals so rüstigen Kaufmann Wimmer. Seid ihr doch gekommen? redete dieser sie an, indem er einen vergeblichen Versuch machte, seinen Oberkörper aufzurichten. Nur immer heran, ich kann euch nichts mehr anhaben, denn es hat meinem Schöpfer gefallen, würde der Alte sagen, wenn er noch lebte und fromm thun könnte, mich zum Krüppel zu schlagen in seiner unergründlichen Weisheit. Während Wimmer diese Worte mühsam und mit heiserer, kaum verständlicher Stimme herausstieß, hatten die dienenden Brüder ihn behutsam aufgerichtet, dennoch mochte auch diese sehr vorsichtige Bewegung ihm furchtbare Schmerzen verursachen, denn er schrie laut auf und sagte in scheltendem Tone: Zerreißt mich doch nicht vor der Zeit mit euern Tatzen! Bin ich erst des Teufels Eigenthum, muß ich mir's gefallen lassen, ob er mich fein brüderlich behandeln oder wie einen Kerl tractiren wird, der sich ungern in seinem feuerfarbenen Reiche niederläßt. Ein schauerliches Stöhnen unterbrach diesen höhnenden Redefluß des Gemarterten. Als er sich wieder etwas erholt hatte, richtete er seine tief eingesunkenen, funkelnden Augen erst auf den Grafen, dann auf die Brüder, und ließ sie endlich auf Erdmuthe ruhen. Dann lachte er, daß die Brüder zusammenschraken. Ha, ha, ha, ha! Ihr habt richtig nicht getraut, daß ich euch packen und zerschmeißen würde, wie hohle Scherben! Darum mußte die Fromme mitkommen und ihr Brautführer, über die ich freilich keine Gewalt habe. Nun, es ist Alles gleich, und mir schon recht. Also der Alte, der mich so lästerlich verfluchte, ist abgefahren? Bon , wünsche glückliche Reise! Es freut mich, daß er drüben Quartier bestellen kann. Invaliden gehören zusammen und ich bin jetzt ebenfalls Invalide, wie euer Vater es war. Nur hat mich nicht die Flamme, sondern ihr Todfeind, das Eis, zum Krüppel gemacht. Ha, ha, ha, ha! da heißt's, der Teufel hole die Seinen in feuriger Gestalt! Es war eine recht niederträchtige und dumme Teufelei von ihm, daß er mir statt heißer Asche, kalten Schnee in die Augen warf, um wenigstens meine Knochen zu erhaschen. Denn ganzbeinig hätte er kein Zipfelchen meines Haares erwischt, der alberne, nach Seelen lüsterne Kerl. Aus jedem Worte des Leidenden sprach eine ingrimmige Verzweiflung und die Furcht vor dem täglich, ja stündlich näher heranrückenden Tode. Ihr Ammer, fuhr er fort, ihr habt immer Glück. Ihr macht's gerade wie die Katzen; wirft man euch kopfüber von der schwindelndsten Höhe hinunter in den Abgrund, der nur zwei Fuß breit ebenen Raum darbietet, so kommt ihr gewiß mit beiden Füßen gerade auf diese ebene Stelle, und schüttelt euch höchstens. Das Genick ist euch nicht zu brechen, weder im Guten noch im Schlimmen. Euer Glück hat mich besiegt, nicht eure Klugheit, noch die eurer Freunde und Anhänger. Hätte der Alte, der mir mit seinen plumpen Weberstiefeln die Hürde eintrat, in der ich mich niederlassen und Gutes thun wollte nach meines Herrn und Heilandes Willen, mir nicht so lästerlich viele Flüche nachgeschleudert, so daß mir von dem unnützen, wüsten Lärm Sehen und Hören verging auf Wochen: ich hätte mich nicht verirrt mit meinem stegekundigen Klepper in der wilden Sturmnacht, als mich euer Glück herausgebissen aus meinem stillen Hause. Wimmer richtete seine geisterhaft funkelnden Augen fest auf die Brüder, ein dumpfes, pfeifendes Röcheln entrang sich der Brust, und indem er beide verhüllte Arme wimmernd vor Schmerz gegen sich erhob, sprach er weiter: Da hat sich das Glück der Ammer angehängt, und unten an den Beinen lastet's mit Centnergewicht. Eures Vaters Fluch, der mich dämelig machte, überheulte zehnfach den Sturm der Novembernacht und schrie immer hinter mir drein und meinem Rößlein: hinunter, hinunter! Und da mußte ich wohl folgen und mich bücken. Der Schnee fiel dichter und immer dichter, die Eispfeile bohrten sich wie feine, spitze Schwefelflammen in meine Augen, daß ein rollender Feuerpfuhl in grellen rothen Flammen um, unter und über mir loderte, und von allen Seiten über mich hinstrudelte, bis er mir die Sehkraft vernichtet hatte und schwarze Nacht über mich kam. Drei Tage später erst kehrte mir die Besinnung zurück und das Licht der Augen. Ich sah sie wieder, die vermaledeite Welt, und mich selbst. Meinem Rößlein war der parteiische Herr Himmels und der Erde gnädig gewesen in jener Nacht; er hatte es erfrieren lassen im Schneesturme. Mir aber ließ er aus Gnade und Barmherzigkeit, und wie mir von früh bis Abends diese frommen Klosterbrüder jetzt vorsingen, zu meiner Seelenrettung nur Arme und Beine erfrieren, damit ich still liegen bliebe und mich nicht wehren könne, weder gegen die Wespen, die ihre giftigen Stacheln in mein Gehirn bohren, noch gegen die bittern und scharfen Worte rechtgläubiger Bekehrungseiferer! Ich dachte, der Tanz solle rascher zu Ende gehen, wenn ich den, der dies Unglück über mich gebracht, mit der für mich sehr schweren Bitte anginge, er solle den Fluch von mir nehmen. Aber da thut er mir, um nicht aus seiner Glücksrolle zu fallen, den malitiösen Tort an, noch vorher zu sterben. Dank's ihm der Teufel! Erschöpft von Schmerz und der Anstrengung des Sprechens schloß Wimmer die Augen und sank röchelnd, das Haupt unruhig von einer Seite zur andern werfend, auf sein ärmliches Lager zurück. Ihrer Gewohnheit gemäß und wohl auch, um selbst ihren Muth beim Anblick dieses erschütternden Jammerbildes nicht zu verlieren, begannen die beiden dienenden Brüder lateinische Gebete herzusagen. Unsere Freunde waren von tiefstem Mitleid ergriffen und wären gern zu jeglichem Opfer bereit gewesen, hätte ein solches dem Unglücklichen überhaupt Linderung seiner qualvollen Leiden bringen können. Während Erdmuthe, auf Christlieb's Schulter gelehnt, ihren Thränen freien Lauf ließ, beugte Fürchtegott sich nieder zu dem Lager des Leidenden. Herr Wimmer, sprach er, wenn Sie zurückblicken in die Vergangenheit und Ihr Gedächtniß Ihnen treu ist, dann werden Sie sich auch erinnern, daß nicht wir feindlich gegen Sie auftraten. Es möge jetzt ununtersucht bleiben, welche Gründe Ihre Handlungen leiteten. Gott hat uns schwer geprüft, uns zuletzt den Vater genommen; er hat Sie fühlen lassen, daß er allein mächtiger ist, als Tausende von uns. Nach solchen Erfahrungen, sollte ich meinen, wäre es billig, daß wir uns allesammt mit Eins die Hände reichten, nicht kleinlich Schuld gegen Schuld abwögen, sondern rasch und ohne zu mäkeln das Wort der Versöhnung aufrichtig und ohne Hinterhalt sprächen. Ein häßliches Zucken bewegte die Gesichtsmuskeln des Unglücklichen. Du hast gut reden, versetzte er. Du bist die Katze, die auf die Beine kam, als ich meinte, sie würde den Schädel sich spalten zum Entsetzen des Alten, der mir das Glück der Welt gestohlen und meine Seele im Innersten geschädigt. Ich bin elend geworden und weiß, daß ich dahinfahren muß, von wannen noch Keiner zurückgekommen. Ob sie dort die Schalmeien blasen, wenn die Engelein tanzen und ihre Röcklein schwenken, oder ob die Musik der Ewigkeit aus eitel Zähnegeklapp der sogenannten Verdammten besteht, wird mir zeitig genug offenbar werden. Der Fluch deines Vaters brennt mir in Herz und Hirn. Der ihn ausstieß, lebt nicht mehr, er kann ihn also auch nicht von mir nehmen. Ich denke deßhalb, es wird christlich sein, wenn ich Gleiches mit Gleichem vergelte. So seid denn ihr, an deren Fersen das Glück dieser Welt haftet, seid ewig Gesegnet! rief mit Prophetenton Erdmuthe, neben Fürchtegott sich niederbeugend zu Wimmer's Schmerzenslager. Ich sah' es geschrieben auf deiner Stirn, über deren Falten bereits unsichtbare Hände die Schleier des Todes zusammenlegen, daß jener große Augenblick auch dir naht, vor welchem selbst todeswürdige Verbrecher zittern. Nicht Fluch, nein, ein Segensspruch soll über deine Lippen gleiten, ehe der Sendbote erscheint, den der Herr abschickt, um die Seelen einzusammeln, die er hinausstreute mit dem stillen Wunsche, daß sie wirkten und lebten zur Verherrlichung seines Namens! Wimmer, dereinst mein Bruder, ich rufe zurück in dein Gedächtniß alle die Tage, wo du im Verein mit den Brüdern das Brod der Liebe brachst. Es ist nicht möglich, daß du es thatest, ohne dabei bewegt zu werden, ohne Regungen jener heiligenden Bruder- und Schwesterliebe in dir zu fühlen, die das Band ist aller derer, welche sich zu unserm Bunde bekennen. Du magst uns verlassen haben, Bruder Wimmer, im Zorn einer trüben Secunde, verloren bist du uns dennoch nicht; denn wer das Brod mit uns brach und den Kelch der Liebe mit uns theilte, der kann niemals unser Feind und Gegner werden! Darum, du Armer, Gequälter, oft Getäuschter, öffne den Mund zum Lobe des Herrn, nicht zum Fluche deines Nächsten! Ich, die Gattin des Mannes, der ein Sohn deines Freundes ist, der nach vielen traurigen Erfahrungen auch abgeworfen hat die Schlacken des Bösen, ich, die gewesene Missionärin, der es unter dem Beistande des Heilandes gelang, selbst Wilde zu zähmen: ich öffne deinen Mund der Liebe und Vergebung, indem ich im Namen und Auftrage des Verewigten, den Fluch von dir nehme, den Ammer ausstieß im Augenblicke des Zornes, und den er, wie ich weiß, hundertmal bereute! Sei gesegnet von mir, du Geprüfter! Der Herr Himmels und der Erden nehme von dir die Last irdischer Schmerzen und lasse dich eingehen zu deines Herrn Freude! Ueber Erdmuthe war jene Begeisterung gekommen, die eine Eigenschaft und besondere Begabung aller Propheten ist. Sie sprach mit so hinreißender Beredtsamkeit, mit solcher Innigkeit des Gefühls, mit einer Ueberzeugung und Glaubenskraft, daß jeder Hörer von der Allgewalt dieser Worte bezwungen werden mußte. Nicht bloß Christlieb und der Graf, auch die beiden dienenden Barfüßer beugten während ihrer Rede die Knie und umgaben betend das Lager des Leidenden. Wimmer hatte während dem seine Augen geschlossen. Mit den erfrorenen Händen machte er Bewegungen, als wolle er sie falten. Seine Züge wurden milder, er hörte auf zu röcheln. Als Erdmuthe ein sanftes Amen flüsterte, bemerkte sie, daß Wimmer die Lippen bewegte und ein Lächeln auf die blassen, eingefallenen Wangen trat. Sie kann doch Recht haben, sprach er kaum hörbar. Mit ihrem Segensspruche hören die Schlangen auf zu nagen an meinem Herzen, und ein Thau des Friedens fällt lindernd auf meine glühende Stirn. Ich will ihnen doch nicht fluchen, ich will lieber sagen: möge Gott sie segnen, wenn sie es verdient haben. Die Barfüßer beteten. Graf Alban legte seine Hand auf die Stirn des Leidenden. Mein Bruder, sprach er bewegt, mit schwerem Herzen riß ich mich damals los, als mir offenbar geworden waren die Irrwege, die mit Vorbedacht einer der Unsrigen eingeschlagen hatte. Jetzt wird es Licht wieder auch in seinem Geiste, denn eine reine Hand und ein gotterfüllter Mund hat Wunder gethan an dir, du Armer! Fühle denn, wie wohl es thut, wenn der Haß vertrieben wird von dem Licht der Liebe, das Alles erfüllt rund umher! Von jenem Licht, in dessen Aether die Sonnen sich bewegen, das im Stein, im Moos, in jedem Grashalm, jeder Blume leuchtet, und das als Gottes heiliger Odem uns, seine Kinder, erfüllt! Meine Hand, die ich damals dir entziehen mußte zu deinem Heile, lege ich jetzt auf dich, mein Bruder. Du bist mir und Allen, was du immer warst! Lebe in Frieden, wenn du noch leben sollst, und gehe hin in Frieden, wenn deine Zeit abgelaufen ist! Die Mönche beteten noch immer; von der Kirche herauf klangen Orgeltöne und der monotone Gesang der zweiten Abendhora. Im trüben Schimmer der matt brennenden Ampel bemerkten sämmtliche Anwesende, daß aus den fest geschlossenen Lidern des regungslos Daliegenden Thränen sickerten. Er ist versöhnt mit uns und seinem Gott, sagte zuversichtlich Erdmuthe, indem sie sich erhob. Die Hände hat Gott ihm gelähmt, weil er mit ihnen gefrevelt oft und arg; diese Hände können wir ihm also nicht drücken zum Zeichen der Versöhnung und Vergebung. Berühren wir ihm deßhalb nach Brüdersitte die Stirn und sprechen dazu ein mildes Wort der Liebe. Erdmuthe war die Erste, welche dem Leidenden dies Wort zuflüsterte. Wimmer bewegte kaum merklich Lippen und Augen, aber man gewahrte an dem Ausdruck seiner Mienen, die jetzt eben so mild und sanft sich zeigten als sie früher hart und verzerrt gewesen waren, daß sein Starrsinn gebrochen, daß die Rache und der Haß der Vergebung und Liebe gewichen seien. Christlieb und Fürchtegott richteten noch einige Fragen an Wimmer, erhielten aber keine Antwort. Sein Geist schwärmt, sagte Graf Alban. Ich habe diese Verwandlung schon mehrmals erlebt und immer noch war sie ein sicherer Vorbote baldiger Auflösung. Ich glaube, wir werden in sehr kurzer Zeit diesen Versöhnten ebenfalls der Erde wiedergeben. Da dem Leidenden nach dieser erschütternden Scene möglichste Ruhe nöthig zu sein schien, gaben sie dem Pater Guardian einen Wink und verließen die Zelle. Noch immer sangen die Mönche die Hora. Im Erdgeschosse des Klosters angekommen, schimmerte Lichterglanz vom Kreuzgange her, welcher zur Kirche führte. Ist es erlaubt? sprach Graf Alban, zum Guardian gewandt. Ich weiß, daß im Innern der Klosterkirche eine Nachahmung der casa sacra di Loretto sich befindet. Die Schwester hier hat längst gewünscht, dieselbe zu sehen. Ein Wink des Guardian sagte dem Grafen, daß die Bitte gewährt sei. Unsere Freunde betraten das Innere der Klosterkirche. In der casa sacra brannte eine silberne Ampel. Der kleine Altar war trotz des Winters mit duftenden Blumen geschmückt. Erdmuthe trat in den weihraucherfüllten Raum. Sie kniete nicht, aber sie betete für die Ammer, für Wimmer, für ihre Bekehrten in Surinam. Auch für sich selbst schickte sie einen Seufzer zum Himmel, denn sie glaubte noch schwach zu sein und etwa in der Zukunft drohenden Versuchungen nicht durch eigene Kraft widerstehen zu können. Die Klosterschelle schlug die neunte Stunde, als unsere Freunde das düstere Gebäude verließen. Draußen funkelten und blitzten die Sterne am dunkeln Nachthimmel. Die Straßen waren schon still, nur der Schnee knisterte unter ihren Tritten, als sie, Jeder in seine eigene Gedanken vertieft, nach dem Gasthofe zurückgingen. Sechstes Kapitel. Schluß. Erst am Sylvesterabende kehrten die Brüder mit Erdmuthe aus R*** zurück. Graf Alban war an demselben Tage direct nach Herrnhut abgereist. Zu diesem längeren Aufenthalte wurden sie durch das Ableben Wimmer's veranlaßt, der noch vor Mitternacht nach der erfolgten Versöhnung mit den Gebrüdern Ammer, scheinbar ohne große Schmerzen, gestorben war. Der Pater Guardian machte unsern Freunden sofort Anzeige von diesem Ereigniß, und da sowohl die Brüder, wie auch Graf Alban es für schicklich hielten, der Beerdigung des Mannes beizuwohnen, der so hart bestimmend in ihr Leben eingegriffen hatte, schrieb einer der Brüder an Seltner, meldete das Vorgefallene und zeigte diesem an, daß sie erst nach erfolgter Beerdigung des Verblichenen zurückkommen würden. Die Bestattung Wimmer's war sehr einfach. Da es in R*** keinen protestantischen Kirchhof gab, eben so wenig einen protestantischen Geistlichen, wollte man den Verstorbenen anfangs nach dem nächsten Orte transportiren. Den Vorstellungen des Grafen indeß gelang es, diese Bedenken zu beseitigen. Die große und wahre Religiosität, welche die Mönche an den allerdings andersgläubigen Fremden bemerkt zu haben vermeinten, schien eine Aufnahme der Hülle des in ihrer Pflege, unter ihren Händen Verstorbenen zu entschuldigen, und so gestattete man denn die Einsenkung desselben in die geweihte Erde. Der Graf hatte ebenso wenig, als die Brüder und Erdmuthe etwas dagegen, daß am Grabe, wo Alban einige ergreifende Worte sprach, der prächtige Gesang » O Sanctissima, o piissima « von Chorknaben angestimmt ward, noch daß der fungirende Pater in der Kirche eine Seelenmesse für den Abgeschiedenen las. Frau Anna begrüßte ihre Söhne mit eigenthümlichen Gefühlen. In diesem stillen, duldenden Gemüth ging jetzt der Morgenstern eines nie gekannten Friedens auf. Sie leugnete nicht, daß sie sich vergangen habe gegen Wimmer, aber, sprach sie, ich konnte dennoch nicht anders; mein Herz zog mich unaufhaltsam zu dem Manne, der euer Vater war, und seit jenem Tage verfolgte mich und uns Alle der Beleidigte, der ja, Gott Lob, endlich auch versöhnt worden ist. Möge er sanft ruhen im Grabe, sanfter als das Leben ihn führte. Uns Andern aber, die wir noch leben und wirken sollen, uns gebe er Kraft, daß wir uns sammeln und würdig werden der Gnade, die sich an uns so seltsam erwiesen hat! Dieser letzte Wunsch der Wittwe Ammer's ging buchstäblich in Erfüllung. Mit dem neuen Jahre begann ein neuer Lebensabschnitt für die ganze Familie. Christlieb und Fürchtegott ergaben sich mit ausdauernder Vorliebe dem Betriebe der Jaquardweberei und da ihnen von früherher alle Kunstgriffe des Handwerks bekannt, wenn auch nicht mehr geläufig waren, so bedurfte es nur einiger Monate, um sie selbst zu einem Versuche zu befähigen. Schon um Ostern sah man Fürchtegott in dem Hause, das früher Flora bewohnte, hinter dem ersten Jaquardstuhle sitzen und rüstig arbeiten. Einige Wochen später stand ein zweiter im Zimmer, an dem sich Christlieb zu schaffen machte; doch wollte es diesem, der jetzt ein ganz besonderes Wohlgefallen am Zeichnen neuer Muster fand, und sich deßhalb mit Eifer dieser Beschäftigung ergab, weniger glücken als dem Bruder. Den Welthandel gaben beide Brüder auf, obschon ihnen von alten Freunden nach erfolgter gänzlicher Ausgleichung vortheilhafte Anträge gemacht wurden. Hätten sie darauf eingehen und nochmals etwas wagen wollen, so würde es ihnen wahrscheinlich beim zweiten Versuche besser geglückt sein, als beim ersten. Fürchtegott wäre wohl auch zu neuem, energischen Vorgehen zu bewegen gewesen, allein Erdmuthe, die kein Heil, keinen Frieden für die Familie darin sah, rieth so lange und mit solcher Entschiedenheit davon ab, daß ihr Gatte alle Anträge von der Hand wies. Er zog es vor, mit alten, soliden Häusern, die er von früherher kannte, in dauernder Verbindung zu bleiben und an diese seine Erzeugnisse zu liefern, die schon nach wenigen Jahren einen bedeutenden Ruf auch jenseits des atlantischen Oceans besaßen. Die Firma Ammer aber änderten die Brüder, um Niemand Anstoß zu geben. Das Haus, deren Chefs ehedem die geldmächtigen Brüder waren, nahm den Namen »Seltner und Compagnie« an. Mit dieser Veränderung des Geschäfts mußte nothwendig auch eine Umgestaltung aller Verhältnisse innerhalb der Kreise sich verknüpfen, auf welche die Ammer mit ihrem Schwager Seltner einwirkten. Alle diejenigen, welche von den Genannten abhängig waren, in wiefern sie mit ihnen und auf ihre Veranlassung arbeiteten, schwangen sich vom gewöhnlichen oder Zwillichweber zum kunstreicheren Jaquardweber auf, und war mit dieser Veränderung des Geschäfts, das eben erst gelernt werden wollte, auch nicht sogleich eine günstige Umgestaltung der materiellen Lage Aller verbunden, so konnte eine solche doch nicht lange ausbleiben, da sich Alle einer entschieden aufblühenden Thätigkeit hingaben. So wurden denn die Gebrüder Ammer, freilich erst nach Verlauf eines Jahrzehnts, die Gründer und Schöpfer des Glückes für viele Familien. Schon aus angeborenem Rechtsgefühl ließen sie es sich angelegen sein, alle früheren Arbeiter, von denen Viele in eine gar trübe Lage gekommen waren, wieder an sich zu ketten, und somit eine Schuld, die sie oft gedrückt, nach und nach gegen zahlreiche Familien abzutragen. Kaufmann Mirus, der noch eine Reihe von Jahren lebte, und, obwohl er immer lederfarbener ward, doch nie über Unpäßlichkeit zu klagen hatte, billigte das Verfahren der Brüder und ließ es nicht an Empfehlungen fehlen, um den von ihnen gelieferten Artikeln mehr Verbreitung und Absatz zu verschaffen. Er war mit dieser Wendung so wohl zufrieden, daß er nie unterließ, denjenigen der Ammer'schen Familie, welcher ihn in Geschäftsangelegenheiten besuchte, zu Tische zu laden. Er setzte diesem dann sogar ächten Rheinwein vor, indem er, die goldene Dose auf- und zuklappend, sprach: Herr, ich muß Ihr sagen, Sie haben verdient, daß man sich angreift. Ist ein Verfahren, das ein reeller Mann nur loben kann. Gelang es solchergestalt den Brüdern, nach und nach die Wunden zu heilen, die sie, wenn auch nicht ganz durch eigenes Verschulden, Andern geschlagen hatten, und sich selbst zu einer stillen Ruhe, zu gesicherter Lebensstellung durchzuarbeiten, so trugen die beiden Frauen, Flora und Erdmuthe, wesentlich bei zur Verschönerung des Familienlebens und zur geistigen Ausbildung des heranwachsenden Geschlechts. Erdmuthe, die kinderlos blieb, fühlte einen unwiderstehlichen Drang zum Lehren, und da es ihr an Gelegenheit fehlte, diesem Drange im Umgange mit Erwachsenen vollkommen zu genügen, so gründete sie eine Art Kinderschule, d.h. sie ward Vorsteherin und Leiterin einer jener Anstalten, in denen die unbeschäftigte Kinderwelt zweckmäßige Beschäftigung findet. Und der Einfluß Erdmuthe's auf die Kinder des Ortes, wo sie lebte, war ein so großer, daß man auch aus benachbarten Ortschaften dieser Herzensbildnerin bald eine Anzahl Kinder anvertraute. So setzte gewissermaßen die sittsame, feinfühlende, lehreifrige Herrnhuterin ihre Wirksamkeit als Missionärin auch jetzt noch fort. Sie ward eine Missionärin für Kinderseelen, und wenn je der Ausdruck »innere Mission« eine segensvolle Bedeutung gehabt hat, so war diese Bedeutung der segensreichen, Seelen und Herzen bildenden Wirksamkeit beizulegen, welche Erdmuthe in harmloser Stille, ohne alle Prätension und ohne jeglichen Anspruch auf weltliche Anerkennung mit nie ermüdender Ausdauer trieb. Ihrem Herzensdrange folgend, machte sie oft weit und breit beschwerliche Wanderungen in's Gebirge, um zu hören und zu sehen, wo sie etwas helfen, wo sie ein verwahrlostes oder der Verwahrlosung entgegen gehendes Geschöpf retten könnte. Sie verdiente sich den Namen »Engel des Gebirges«, den das Volk ihr dankbar beilegte und der ihr bis an ihren Tod, der nur zu früh erfolgte, verblieb. Advocat Block zog nach Ammer's Tode wieder zu Candidat Still, mit dem er sich fortan sehr wohl vertrug, wenn er auch bisweilen einen malitiösen Scherz sich erlaubte, ohne den ihm nun einmal das Leben schaal und flach vorkam. Frau Sempiterna gewöhnte sich das Schelten mit den Jahren ganz ab und konnte ihrem Gatten einigen Respect nicht versagen, seitdem derselbe die große goldene Medaille wegen Anerkennung seiner Verdienste um Erforschung und Darstellung der Provinzial-Geschichte erhalten hatte. Nicht bloß die Chronik seiner Vaterstadt war von dem fleißigen Gelehrten neu bearbeitet und in lesbares Hochdeutsch umgeschrieben worden, auch die Kirchengeschichte hatte durch ihn einen höchst werthvollen Beitrag erhalten, indem er die Reformationsgeschichte der Provinz nach gründlichem Quellenstudium lichtvoll darstellte. Walter ließ sich als Arzt in der Gegend nieder, besuchte die Brüder wöchentlich wenigstens einmal und erwarb sich durch seine Geschicklichkeit und sein zuvorkommendes Wesen die Liebe und das Vertrauen namentlich der Landleute in hohem Grade. Frau Anna überlebte ihren Gatten nur wenige Jahre, auch Jeremias Seltner folgte dem Jugendfreunde bald nach. Nur der alte Glassammler schien unsterblich zu sein. Er fuhr als neunzigjähriger Mann noch immer mit seiner »klimprigen Waare«, wie er sagte, nach der Glashütte, trug fort und fort seine altmodische Tracht und versah nebenbei den Dienst eines Briefboten zwischen den einzelnen Ortschaften. Er erlebte noch die Verlobung Otto Seltner's mit einer Schülerin Erdmuthe's, die einige Jahre nach dem Heimgange dieses Engels in Menschengestalt gar festlich begangen ward. Christlieb blieb unverheirathet. Er bildete sich zum geschicktesten Musterzeichner der Provinz aus, gründete später eine Musterzeichner-Schule und stand als solcher in eben so hohem Ansehen, wie sein Bruder Fürchtegott als Erfinder eigenthümlicher und geschmackvoller Muster. Beide Brüder erreichten kein hohes Alter. Die schweren Sorgen der ersten Mannesjahre schienen ihre Lebenskräfte früh aufgerieben zu haben. Sie starben beide in einem Jahre, bald nach der Verheirathung ihres Neffen Otto. Nur Seltner und Flora lebten und erfreuten sich jener Gemüths- und Herzensruhe, die das Erbtheil von Charakteren zu sein pflegt, welche sich ohne Schwierigkeit in die Verhältnisse schicken können und jeden glücklichen Tag als eine Blüthe betrachten, die das Leben dem Menschen nur zum Geschenk, zum Schmucke, nicht als eine täglich zu fordernde Gabe überreicht.