Sophus Bauditz Der alte Hauptmann Wie und wo ich die Bekanntschaft von Hauptmann Riis machte, ist ja im Grunde gleichgültig, im übrigen geschah es auf einer Treibjagd im Terper Walde. Daß ich ihn schon früher dem Namen nach kannte, versteht sich von selbst – wer in Jütland kennt nicht den Hauptmann aus dem Hjortholmer Wald? Jeder Jüte – wenigstens jeder Ostjüte – wußte, daß er mit achtzehn Jahren, im Jahr 48 freiwillig mitgegangen war, sich zum Leutnant heraufgedient hatte, nach der Schlacht bei Fredericia dekoriert worden war, und als Hauptmann den Krieg von 64 mitgemacht hatte. Und dann wußte außerdem jeder, daß er ein Waidmann von Gottes Gnaden war, und ein willkommener Gast, wo er sich zeigte. Mein erster Eindruck von dem Hauptmann entsprach ganz dem, was ich von ihm gehört hatte: eine Hünengestalt war er, mit hoher Stirn, gebogener Nase und einem mächtigen, blonden Schnurrbart; sanfte, klare Augen hatte er, und Lebensfreude strahlte von ihm aus. Er erinnerte im Grunde an einen der mannhaften dänischen Ritter aus der Renaissancezeit, an einen von denen, die in der Zeit der Fehde immer voran waren, und in Friedenstagen Hirsch und Hindin daheim in den Wäldern jagten, um schließlich oben auf dem Epithaphium über dem Familienbegräbnis knieend zwischen mehreren Frauen und vielen Kindern zu enden. Verheiratet gewesen war der Hauptmann nun freilich niemals, und seine Stammtafel war höchst bürgerlich: Der Vater war Förster gewesen und der Großvater Unterförster – »natürlich« in Jütland, wie er selbst zu sagen pflegte. Von seiner Kraft wußte man Sagen zu erzählen. Einmal hatte er zusammen mit dem Jäger aus Skovsgaard friedlich im Vadumer Krug gesessen, als plötzlich vier angetrunkene Individuen auftauchten, ausschließlich um Händel anzufangen. Gutmütig bis zum äußersten, wie der Hauptmann war, hatte er erst versucht, den Unruhstiftern Vernunft zuzureden. Aber es half nichts; sie gingen ihm und dem Jäger zu Leibe, und der Hauptmann hatte dann den ersten von ihnen genommen und niedergeschlagen; er fiel hart, denn er blieb vorläufig liegen. Als der Hauptmann das sah, wandte er sich bedenklich an den Jäger und sagte: »Besorgen Sie die Sache lieber allein, ich bin wohl zu stark!« Aber die dreie hatten schon Reißaus genommen, so daß der Jäger diesen Tag nichts mehr zu tun bekam. Ein anderes Mal, in seinen besten Zeiten, war ein Einspänner-Fuhrwerk auf der Viborger Chaussee durchgegangen und sauste direkt auf ihn los, während er vor dem Ulkenborger Krug stand. – »Aber die Sache lief ganz gut ab,« hieß es, »denn das Pferd stürzte ja freilich, aber der Wagen nahm keinen weiteren Schaden, als daß die Deichsein durchbrachen,« – stark muß der Hauptmann ja gewesen sein! An dem Tage im Terper Walde wurde ich zu der Jagd in Stenkilde für den folgenden Tag eingeladen, und als der Hauptmann hörte, daß ich in Zweifel war, ob ich der Einladung Folge leisten könne, da der Weg nach Stenkilde vom Lyngeter Krug, wo ich im Quartier lag, zu weit war, so bat er mich gleich mit liebenswürdiger Gastfreundschaft, fürlieb zu nehmen und bei ihm zu übernachten. Ich nahm die Einladung mit Dank an, und das war also das erste Mal, daß ich im Waldhäuschen schlief, aber es blieb nicht das letzte, denn allmählich bildete es sich zu einer festen Regel aus, daß ich mehrmals im Jahr zu dem Hauptmann hinüberkam. Wir gingen zusammen auf Jagd und wir plauderten miteinander, und trotz des Altersunterschieds – er mochte wohl zwanzig Jahre älter sein, als ich – kann ich wohl sagen, daß wir nicht nur gute Kameraden, sondern auch gute Freunde wurden. Das »Waldhäuschen« lag mitten im Hjortholmer Wald, und hier hatte der Hauptmann ganz allein gewohnt, seit er bald nach dem letzten Krieg seinen Abschied erhielt. Eine benachbarte Frau, Waldhüters Marie, kam jeden Morgen und machte bei ihm rein und wusch für ihn, sonst besorgte er sich alles allein: er bürstete seine Kleider und schmierte seine Stiefel, machte Feuer an und bereitete das Essen. – »Ich lebe beständig auf Feldfuß,« sagte er, »leider habe ich keine Manöver-Zulage mehr!« Und die hätte der Hauptmann wohl gebrauchen können, denn er hatte außer seiner Pension nur eine kleine Leibrente und freie Wohnung. Trotzdem kam er bei seinen bescheidenen Ansprüchen an das Leben gut aus, und konnte sogar mit geringen Mitteln eine auf ihre Weise unbegrenzte Gastfreundschaft entfalten. Immer war man willkommen bei ihm, und während er im täglichen Leben sozusagen nur Wasser trank, das er aus der kalten Quelle draußen vor dem Haus schöpfte, so fand er, wenn er Gäste hatte, immer irgend eine bestaubte Flasche, die er von einem seiner vielen Freunde geschenkt bekommen hatte. Im voraus schwelgte er dann in dem Bukett und dem Spiel des Lichts im Wein, freute sich, wenn der Gast es verstand, das Geschenk zu würdigen, konnte aber förmlich trauern, wenn dieser gedankenlos den edlen Traubensaft heruntergoß, als sei es Dünnbier gewesen. Ich habe nie ein Haus gekannt, das gemütlicher gewesen wäre als das Waldhäuschen. Klein und strohgedeckt war es, baufällig auch. Aber der eine Giebel war mit Epheu überwuchert, der andere mit wildem Wein, und im Sommer ragte eine Reihe prächtiger Stockrosen vor der »Fassade« auf. Ein kleiner, winzig kleiner Garten gehörte zu dem Haus, und darin war das Hervorragendste eine große Blutbuche, die an Sommertagen mit ihrem hellen Johannislaub auf dem dunkeln Hintergrund einen selten schönen und festlichen Eindruck machte, und von der der Hauptmann behauptete, daß es der schönste Baum in der Welt sei. Unmittelbar an den Garten stieß der Wald, der ihn gleichsam umschloß, und am Rand des Waldes stand die hohle, kronenlose Eiche, in der jedes Jahr eine Schar junger Eulen ausgebrütet wurden – die zählte der Hauptmann zu seinen Haustieren. An Haustieren waren da im übrigen sein Pferd, sein Hund, eine Katze, Hühner und Tauben, die er natürlich alle zusammen selbst versorgte. In der Zeit, als ich ihn kannte, fuhr er mehr, als daß er ritt, aber in seinen jüngeren Tagen war er ein leidenschaftlicher Reiter gewesen, der, die Flinte und die Jagdtasche über der Schulter und einen Mantelsack hinten aufgeschnallt, halb Jütland abgesucht und die Rittergüter »beschossen« hatte. Das war in jenen Zeiten, wo er oft wochenlang von Haus fort war und selbst niemals wußte, wann er zurückkommen würde; aber als er älter wurde, fuhr er, wie gesagt, mehr, als daß er ritt, und war selten länger als ein paar Tage zur Zeit fort. Seine Hunde – ich habe nach und nach drei Generationen von ihnen gekannt – waren ihm geradezu Kameraden und persönliche Freunde. Er war fest davon überzeugt, daß sie nicht nur alles verstanden, was er sagte, sondern auch wußten, was er dachte, und wenn auch das letztere eine leichte Übertreibung sein dürfte, so steht das doch fest, daß ich nie intelligentere und liebenswürdigere Tiere getroffen habe. Warum er eigentlich Hühner und Tauben hielt, habe ich niemals verstehen können. Er konnte es nämlich nicht übers Herz bringen, eins davon zu schlachten, und wenn sie nicht freiwillig an Altersschwäche starben, bekam Waldhüters Marie deswegen Ordre, während er selbst fort war, die elendesten Exemplare umzubringen, und die wanderten dann in Waldhüters schwarzen Kochtopf. Drinnen im Waldhäuschen, in den kleinen, winzig kleinen Stuben, war alles wie geleckt, aber äußerst einfach. Im »Wohnzimmer« stand die alte Schatulle des Hauptmanns, ein Sofa, das die Hunde in der Regel gepachtet hatten, ein Tisch, auf dem »Mynsters Betrachtungen« immer aufgeschlagen lagen, und einige Stühle. An der einen Wand hingen sein Säbel, seine Pistole, seine Doppelflinte und seine Büchse, an der anderen Wand gerade gegenüber, eine Guitarre, ein Paar lithographierte Schlachtenbilder aus dem ersten Krieg und ein Porträt von General Schleppegrell, das letztere immer mit einem Kranz von Anemonen oder Imortellen. Die Eßstube wurde auch »Bibliothek« genannt, denn hier war die Wand mit lauter gedruckten Versen tapeziert, Ausschnitte aus Gedichtsammlungen, Liederbüchern und Zeitungen, altes und neues bunt durcheinander. – »Poesie muß man um sich haben,« erklärte der Hauptmann, »und wenn einmal mein Auge auf die Wand fällt, dann begegnet es diesem oder jenem, woran ich Freude habe – hier redet die Blüte dänischer Dichtung!« Niemals ward dem Hauptmann die Zeit lang, trotz der Einsamkeit, in der er in der Regel lebte. Er hatte genug damit zu tun, für die Tiere, für das Haus und den Garten zu sorgen; er tischlerte und malte, er machte Perikum- und Walnußbittern, und im Herbst war er ein eifriger Nußpflücker. – »Ich sammle Wintervorrat wie das Eichhörnchen,« sagte er. Immer war er fröhlich. »Wenn ich mich des Abends niederlege,« pflegte er zu sagen, »dann danke ich dem lieben Gott für den Tag, der vergangen ist – man hat immer etwas, wofür man danken kann – und dann freue ich mich auf den nächsten Morgen – man hat auch immer etwas , worauf man sich freuen kann, nicht wahr?« Und in bezug auf den Hauptmann war dies wirklich wahr – ich habe nie einen so glücklichen Menschen gekannt. Daß er das war, räumte er auch willig ein, gewöhnlich mit dem ihm eigentümlichen Ausdruck: »Ja, ich kann wohl lachen: ich habe fast immer den Wind im Rücken gehabt.« Für das größte Glück, das ihm in der Welt beschieden war, hielt er selbst den Umstand, daß er Offizier geworden war. – »Was hätte ich sonst wohl werden sollen,« konnte er ausrufen, »sagen Sie mir das, wenn Sie es können!« – Und dann, daß es ihm vergönnt gewesen war, für sein Land zu kämpfen und an der Schlacht bei Fredericia teilzunehmen. Er sprach verhältnismäßig wenig von seinen Kriegserinnerungen und immer mit einer rührenden Bescheidenheit von dem Anteil, den er selbst an den Begebenheiten genommen hatte, aber es war doch leicht zu merken, daß der dreijährige Krieg seines Lebens Stolz war und blieb. Und das hing ganz natürlich zusammen mit seiner instinktiven, aber innigen Vaterlandsliebe. Die Liebe zu dem Vaterland und die Ehrerbietung vor dem König und seinem Hause waren für ihn ein Teil seiner Religion, und es ist in dieser Hinsicht bezeichnend, daß, so wie er ausnahmslos stehen blieb und den Kopf entblößte, wenn der Schlag der Betglocke am Abend von einer Kirche ertönte, wo die Sonne zur Rüste geläutet wurde, er auch an keinem Haus vorüberging, wo der Danebrog wehte, ohne die Hand an die Mütze zu heben. Honneur vor dem lieben Gott, und Honneur vor der Flagge! Aber wenn er Dänemark über alles in der Welt liebte, so war da doch ein Teil des Landes, den er mit ganz besonderer Liebe umfaßte, nämlich Jütland, – Jütland enthielt für ihn alles, was schön und gut war, und mit Jütland konnte kein anderer Teil des Landes den Vergleich aufnehmen. So war es denn auch sein voller Ernst, wenn er behauptete, daß nur Jütland wirkliche Hügel, Wiesen und Moore, Bäche und Mühlen habe. – »Haben Sie wohl beachtet,« sagte er einmal, »daß drüben auf den Inseln nur die Bäume Schatten werfen können? Aber hier in Jütland können die Hügel das auch, und haben Sie je etwas Dunkleres gesehen, als den Sommerschatten auf dem Heidehügel – ich nicht!« Im Grunde war es jedoch nur ein Teil von Jütland, der seinem Herzen so nahe stand. So bildete der Limfjord die nördliche Grenze für seine spezielle Liebe, und Ost- und Mitteljütland kannte er am besten und liebte er am meisten. »Die Nordsee ist wunderbar,« räumte er ein, »und es ist herrlich, einen Tag lang oder auch zwei zwischen den Dünen zu leben, aber wenn die Leute heutzutage meinen, es sei das Beste in der Welt, einen ganzen, langen Sommer nur Wasser und Sand zu sehen und Sand und Wasser, dann ist das eine Modesache und nichts weiter. Stellen Sie sich vor, den Wald gegen den Sand zu vertauschen, den Wald, wo die Tauben gurren und die Sonne zwischen den Laubhängen spielt – das ist doch unnatürlich! – Und dann die herrlichen Städte, die Jütland besitzt! – wie denken Sie über Viborg? Können Sie sich etwas Stimmungsvolleres denken, als einen Abend bei Asmild-Kloster, wenn der letzte Sonnenschimmer sich über den stillen See legt und die Hügel violett werden – blauviolett! Da hätte man ins Kloster gehen können, ja, ich hätte es fertig gebracht. Ich habe davon gelesen und gehört, daß gewisse Mönche – die mehr weltlichen, versteht sich – von der Mitternachtmesse dispensiert werden konnten, wenn sie auf einen späten Entenstrich gegangen waren, oder einen frühen Morgenbock für die Klosterküche liefern sollten, – so ein Mönch hätte ich gern sein mögen! – Oder was sagen Sie von Aarhus! Jedesmal, wenn ich mit dem Dampfer nach Jütland komme, und nur den St. Clemens Turm auftauchen sehe, habe ich ein Gefühl, als werde ich wieder willkommen geheißen! Und die Bucht – kennen Sie etwas prachtvolleres als die Kalöer Föhrde und die Kalöer Schloßruine! Und der Riiser Wald mit den tiefen Schluchten zwischen dem Eichengestrüpp – solche Schluchten kennt man auf den Inseln gar nicht! Und Marselisborg mit den ausgestorbenen Waldmühlen – wo in aller Welt haben Sie Waldmühlen gesehen –! Nein, ich möchte doch um Jütland gebeten haben – Hügel und Täler und Bäche mit Mühlen, Turmlose Kirchen aus grauem Gestein, Buchten mit Wäldern, die Wellen umspülen, Rotblühende Heide im Sonnenschein, Enten im Weiher, Birkhahn und Reiher – Jütland – von Dünen zum Buchenhain! – aber ich bin nun freilich mehr für die Buchenhaine!« Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Hauptmanns, daß er häufig kleine Verse, die er selbst gemacht hatte, in seine tägliche Rede mischte, aber er tat es nur in Umgebungen, wo er sich heimisch fühlte, und am liebsten unter vier Augen. Anfänglich stutzte man wohl darüber, allmählich aber fand man das aus seinem Mund ganz natürlich und wunderte sich im Gegenteil, wenn in einer längeren Auseinandersetzung nicht ein Reim abfiel. Hin und wieder konnte einer seiner »eigengemachten« Verse, wie er sie selbst nannte, ja vielleicht improvisiert sein, in der Regel aber waren sie sicher vorher gemacht – während er fuhr oder ritt, während er auf dem Anstand im Walde oder auf dem Entenstrich saß – und er hatte offenbar eine so große Auflage davon, daß er nie in Verlegenheit war, einen zu finden, der zu der Situation oder der Stimmung paßte. Seine Verse niederzuschreiben, fiel ihm jedoch niemals ein, und ich entsinne mich noch, wie entsetzt er war, als ein guter Freund ihn einmal veranlassen wollte, ein Gelegenheitsgedicht zu schreiben. – » Ich und Lieder schreiben!« rief er aus. »Ein ganzes Lied mit Anfang und Schluß und Zusammenhang und dem Ganzen – unmöglich! Ich kann nur Anfänge machen. Und wie sollte ich mich wohl von vornherein für eine und dieselbe Melodie das ganze Lied hindurch bestimmen – ich würde ja in zwanzig verschiedene übergehen, ehe ich noch bis zur Hälfte gelangt wäre!« Und darin hatte der Hauptmann gewiß Recht. So wie seine Rede und seine Erzählungsart springend waren, hatte es auch damit seine Richtigkeit, daß er selten mehr als den Anfang einer Melodie sang oder summte, um gleich darauf in eine andere überzugehen, Er liebte Musik ungeheuer und klimperte hin und wieder selbst ein wenig auf seiner Guitarre, war jedoch am liebsten Zuhörer – und am allerliebsten, wenn eine Frau sang und spielte. Die Frauen liebte der Hauptmann ritterlich, ja, ich kann wohl sagen, anbetend. Einer alten, grauhaarigen Freundin, die längst Großmutter war, erwies er dieselbe Huldigung wie in ihren jungen Tagen, aber es läßt sich freilich nicht leugnen, daß so eine Huldigung doch mehr eine Äußerung seiner seltenen Treue war, als seiner Neigung. Der Hauptmann liebte Schönheit und liebte Jugend. Sah er etwas besonders Hübsches bei einer Frau, so mußte er es sagen, und sein Blick verriet augenblicklich seine Bewunderung: er strahlte vor Freude, wohin er kam, war er deswegen mehr als gern gesehen bei allen Frauen, und noch in seinen älteren Jahren war da manch eine junge Dame, die lieber mit dem alten Hauptmann tanzen wollte, als mit irgend einem andern. Sechzehn- und siebzehnjährige Mädchen, für deren Mütter er geschwärmt hatte, scharten sich um ihn, und er war ihr ritterlicher Vertrauter, dem sie ihre Sorgen und Hoffnungen mitteilten; aber trotz dieser Väterlichkeit bin ich doch nicht ganz sicher, daß nicht von Seiten der Mädchen, ihnen selbst unbewußt, gleichsam ein Körnchen Erotik in ihrem Verhältnis zu dem Hauptmann enthalten sein konnte – er war ein großer Charmeur! Ursprünglich hatte ja die Jagd den Hauptmann und mich zusammengeführt, und die trieben wir bis zuletzt im Verein, wenn ich im Waldhäuschen auf Besuch war. Ich habe auch niemals irgend jemand auf meinem Wege getroffen, mit dem zu Felde und in den Wald zu gehen eine solche Freude war, wie mit dem Hauptmann. Jäger war er mit Leib und Seele, die größte Anziehung für ihn bei dem Jägerleben war aber doch die Gelegenheit, die sich ihm bot, sich beständig im Freien zu bewegen und dort zu sehen, was nur der Jäger sieht. Ein schöner Sonnenuntergang und ein stürmischer Herbstabend, der Lauf eines Baches durch grüne Wiesen und ein weißer Winterwald, alles konnte ihn in Stimmung versetzen und ihn zu begeisterten Ausrufen veranlassen. Und ein sowohl schneller als auch sicherer Beobachter war er, auch Einzelheiten gegenüber. Er entdeckte sofort eine seltene Pflanze weit da draußen zwischen den Hügeln am Moor, er kannte jeden Vogel im Wald an der Stimme, und es war ihm immer eine besondere Freude, später mit erstaunlicher Frische davon zu erzählen, was er gesehen hatte, und seine Betrachtungen über den großen Haushalt der Natur anzustellen. So erinnere ich mich, wie er einmal ganz außerordentlich erfüllt war von einem paar Kuckuckseiern, die er im Sommer gefunden hatte. Das eine stammte aus einem Zaunkönignest, das andere aus einem Bachstelzennest, und jedes von ihnen hatte in bezug auf Grundfarbe und Zeichnung vollständig den Eiern des Zaunkönigs beziehungsweise der Bachstelze geglichen. – »Wie geht das nur einmal zu?« sagte er, »Denkt der Kuckuck darüber nach, während er seine Eier legt, und ist die Farbe und die Zeichnung eine Folge des Nachdenkens? – Können Sie mir das sagen? – nein! Oder kann mir ein anderer das sagen? – nein! Überhaupt: wir haben während der letzten hundert Jahre eine unendliche Menge von Erfahrungen und Beobachtungen gemacht, und einen Teil davon haben wir auf beste Weise praktisch ausgenutzt, wissen wir aber im Grunde jetzt mehr als vor tausend Jahren? – nein! wir wissen eine Menge »daß«, aber kein »warum«. Der liebe Gott läßt sich nicht so in die Karten gucken!« Und wie die Jagd dem Hauptmann, durch das Leben in der freien Luft, das sie mit sich führte, ein Jugendquell war, so war es auch die Jagd, die ihn beständig mit Menschen in Berührung brachte und seinen großen Freundeskreis stets ergänzte, während die alten Bekannten nach und nach wegfielen und zu der »großen Armee« versammelt wurden. »Ich tue ja nichts,« pflegte er zu sagen, »nichts außer auf Jagd und auf Besuch gehen. Aber glauben Sie nicht auch, daß da jemand sein muß , der nichts tut, jemand, der »Zeit hat« – und Zeit haben heutzutage so wenige – Zeit, Gäste zu sein! In alten Tagen kam hin und wieder ein wandernder Harfenspieler auf die Burg, und er ward immer gut aufgenommen, denn er brachte Neuigkeiten mit, und er sang alte Lieder zu dem Laut der Saiten. So ein vagabundierender Ritter bin ich gewesen, auch ich bin immer gastfrei von guten Menschen empfangen worden – ganz unverschuldet – aber die Menschen sind auch besser – viel besser – als es in der Regel heißt – jedenfalls hier in Jütland!« Es war wiederum so charakteristisch für den Hauptmann, daß er überall »gute Menschen« fand, wo er auch war, aber das kam ganz einfach daher, daß er nicht nur die Menschen liebte, sondern auch eine ganz seltene Fähigkeit besaß, immer das Gute zu entdecken, und das Schöne an ihnen im Großen wie im Kleinen zu sehen. Fast immer war derjenige, von dem er gerade sprach, ein »prächtiger Kerl«, eine »brillante Frau« – er sparte weder an Adjektiven im allgemeinen noch an Superlativen – und die Leute konnten seinetwegen Anschauungen haben, welche sie wollten, das focht ihn nichts an; er war tolerant geboren und verständnisvoll geboren. Das Einzige in der Welt, was er nicht verstand, war Rohheit, und nur, wenn das , was ihm selbst heilig war, geradezu verhöhnt oder verspottet wurde, konnte er in Harnisch geraten, und dann nahm er kein Blatt vor den Mund. Aber wenn ich ihn oft in starken Worten den einen oder den anderen lobpreisen hörte, von denen die wenigsten wohl am Ende Gutes gesprochen haben würden, so mußte ich daran denken, wie oft man diesen oder jenen rühmt, weil er einen ungewöhnlich »scharfen Blick« hat, und damit doch nur meint, daß es dem Betreffenden leicht wird, Fehler zu finden, und leicht wird, zu sehen, was häßlich ist. Und dann fand ich eigentlich, daß der Blick des Hauptmannes im Grunde reichlich so scharf war, wie der der meisten, und ich war nicht weit davon entfernt, ihn darum zu beneiden. Wenn wir nach beendeter Jagd ins Waldhäuschen zurückkehrten, machte es sich ganz von selbst, daß der Hauptmann das Wort führte. Es war im Laufe des Tages irgend etwas passiert, was ihn an die Vergangenheit erinnerte, an etwas, was er erlebt hatte, und es machte ihm ebensoviel Spaß, zu erzählen, wie es mir Spaß machte, Zuhörer zu sein. Eines Abends sagte ich zu ihm, er solle doch seine Erinnerungen niederschreiben, sie würden auch wohl andere interessieren als mich. Davon wollte er indessen nichts hören. »Sollte ich Bücher schreiben,« rief er aus, »davor bewahre mich der liebe Gott! Ich kann erzählen, aber schreiben, nein – es ist mir seinerzeit schon schwer genug geworden, meine Berichte zusammenzusetzen! Und wenn ich schreiben sollte, so wie ich spreche, wie würde das wohl aussehen, was meinen Sie? Haben Sie denn nicht entdeckt, daß ich hauptsächlich in Parenthesen und Apropos rede? Es würde mir mit meinen Schreibereien akkurat so ergehen, wie mit verschiedenen geschichtlichen Werken und mit den Zeugnisbüchern der Schuljungen: die »Anmerkungen« würden das Artigste werden! – Aber ich könnte wohl Sie und ein paar andere mit Motiven versehen, so daß sowohl Geschichten mit Handlung als mit Ereignissen daraus würden, – das ist heutzutage so selten! – denn etwas erlebt habe ich, und meine Augen habe ich auch gebraucht! Allmählich, als ich im Laufe der Jahre mehr und mehr von den Geschichten des Hauptmannes gehört hatte, gewann ich indessen ganz natürlich immer größeres Interesse daran. Ich lernte die Orte und die Personen kennen, die Orte und die Personen kehrten wieder, und ich traf plötzlich mitten in einer neuen Geschichte Figuren, deren ich mich aus einer früheren erinnerte. Und dann begann ich ganz im Geheimen niederzuschreiben, was er erzählte, und rahmte die einzelnen Abschnitte in dasselbe Milieu ein, in dem ich sie von ihm gehört hatte, und eines Abends überraschte ich den Hauptmann, indem ich ihm eine Geschichte vorlas, die er mir selbst ein paar Abende vorher erzählt hatte. »Das ist doch des Teufels!« rief er aus, »Kann ich wirklich so gut erzählen – das hätte ich nicht geglaubt!« »Viel besser, Hauptmann,« erwiderte ich, »denn wenn Sie erzählen, zeichnen Sie sich selbst deutlicher als ich oder irgend ein anderer es vermöchte, und das ist nicht das Geringste bei Ihren Geschichten!« »Soll ich denn gedruckt werden?« fragte der Hauptmann nach einer Weile, ganz ängstlich. »Ja, wahrscheinlich – haben Sie etwas dagegen?« »Nein, eigentlich nicht – aber welchen Titel soll ich denn haben?« »Ach, ich denke mir so etwas wie »Hauptmann Riis' Erlebnisse« oder »Hauptmann Riis« allein.« »Um keinen Preis!« erklärte der Hauptmann bestimmt, »Ich will meinen Namen nicht auf dem Titelblatt haben. – Nein, nennen Sie das Buch in Gottes Namen »Der alte Hauptmann«, das klingt viel besser, und es paßt auch viel besser.« »Aber sie dürfen mich erst zehn Jahre nach meinem Tod herausgeben, hören sie – so lange will ich meinen Nachruf in Frieden besitzen!« Jetzt sind die zehn Jahre vergangen und nun geht der Hauptmann in den Druck – d. h. eine kleine Auswahl seiner vielen Geschichten, die zusammengehören und sich ineinander verschlingen, wie die Glieder in einer Kette. Sie können im Anfang vielleicht zufällig gewählt und ohne innere Verbindung erscheinen, aber es wird sich doch allmählich herausstellen, daß sie ein Ganzes bilden – ein Ganzes, das in erster Linie von dem alten Hauptmann getragen wird und von seiner Liebe zu dem Land und dem Volk, das er so hoch hielt. Mit der Hühnerjagd in Hjorthold ist es nie weit her gewesen, und mehrere Jahre hatten daher der Hauptmann und ich davon gesprochen, daß wir doch einmal zusammen sein altes Rebhühnerrevier aus den Leutnantstagen, drinnen in Mitteljütland, südlich von Viborg, aufsuchen wollten. Und dann wurde schließlich Ernst daraus. Wir trafen uns am fünfzehnten September in Kundby, erhielten Nachtquartier bei einem alten Bauern, den der Hauptmann dort im Dorf kannte, und hatten im übrigen vorläufig keinen andern Schlachtplan, als daß wir die nächste Nacht im Ulkenborger Krug schlafen wollten. »Ach, wie ich mich freue!« sagte der Hauptmann am Abend, als wir im Begriff waren, uns zur Ruhe zu begeben. »Solange man das kann, ist man doch nicht wirklich alt, nicht wahr? – Und ich weiß, ich schlafe über Nacht nicht mehr als eine halbe Stunde hintereinander, aber es ist ja nur ein Vergnügen, auf die Weise zu erwachen und daran zu denken, was man in Aussicht hat, nicht wahr? – Und träumen tue ich ja, Gott sei Dank, auch noch von den Kriegsjahren und von schönen Mädchen und von Jagd – der Schuß will im Schlaf nie losgehen, ist das nicht sonderbar? – Na, dann gute Nacht, und schlafen Sie gut – das heißt, wenn Sie es können !« Am nächsten Morgen das herrlichste Septemberwetter, nicht eine Wolke am Himmel, und einen ganzen, langen Tag vor uns! Ja, wie köstlich lang ist der erste Jagdtag, und wie sind die Erwartungen gespannt – Jäger und Hunde sind gleich ausgelassen vor Freude! Draußen im Garten schüttelt man, ehe man hinausgeht, die Pflaumen von den Bäumen sie fallen mit eigentümlich dumpfem, weichem Laut, der nichts anderm in der Welt gleicht, in das betaute Gras hinab, und der zarte, matte Duft, der auf der gelben oder grünen Schale liegt, macht sie doppelt einladend – das ist nicht, wie die des Fruchthändlers, die befühlt und betastet sind, so daß der jungfräuliche Hauch von ihnen abgegriffen ist, schon lange ehe sie in die Stadt kommen! – Und dort auf dem Rasen liegen die heruntergefallenen blutroten Calvilles – die Kerne rasseln inwendig, wenn man sie schüttelt – und man kann die Gravensteiner riechen: kein Geruch in der Welt kann sich damit vergleichen – » Bouquet de l'automne ,« sagt der Hauptmann. Ein paar davon in das Netz, das über der Tasche hängt, ein Lebewohl an unsern Wirt und nun von dannen – die Hunde sind kaum mehr zu halten! Und dann geht es über Grasflächen und Stoppelfelder – die herbstlichen Stoppelfelder, auf die Tauperlen mit der Hand des Reichen in das feine Spitzengewebe hineingestreut sind – über den jungen, zarten Roggen, durch Rübenäcker und an den Zäunen entlang – Bewegung bekommt man! Das erste Volk am ersten Tag! Und der erste Schuß! – Ist es Einbildung, daß der anders klingt als die vielen späteren – schärfer, festlicher? Ja, natürlich ist das Einbildung – aber doch! Und das erste Rebhuhn, das einem der Hund bringt – man nimmt es sorgfältig in die Hand, wie einen seltenen Vogel, und hängt es ganz stolz an die Tasche – so viele Umstände macht man sich bei den späteren nicht mehr! Wo ist das Volk eingefallen? Der Hirtenjunge hat natürlich nichts gesehen – Hirtenjungen sehen ja nie etwas – aber da steht Diana schon unten an dem Zaun – jetzt gilt es nur, sich zu sputen, und wir sputen uns! Piff, paff – die Schüsse fallen à tempo, und die Hühner auch. Und während die Hunde nach dem krankgeschossenen Huhn drinnen in den Brombeerranken suchen, pflücken wir im vorübergehen ganze Hände voll von den reifen, glitzernden Beeren – »Hurra, der Herbst soll leben!« ruft der Hauptmann. Drüben am Rand einer Mergelgrube mit herbstlich klarem, blaugrünem Wasser, verzehren wir unser Frühstück, und herrlich schmeckt es – den Schnaps nicht zu vergessen! Ein Hollunder mit schwarzen, wässerigen Beeren beschattet uns, rote Hagebutten und stahlblaue Schlehen zu beiden Seiten – ja, Farben, die hat unser Herbst! Und die Luft ist so rein und durchsichtig, man sieht meilenweit um sich, und alles – Bäume und Gehöfte, die Mühle auf dem Hügel und der Wagen des Kuhhirten, alles steht so weich und schön in dem Bilde, nicht mit den scharfen Konturen wie unter der Frühlingssonne. Und der Hauptmann sieht still, fröhlich in das Dasein hinaus, streichelt seinen Hund und ist offenbar dem lieben Gott dankbar, weil er ihn noch eine Saison hat erleben lassen. »Ja, es ist ein schöner Tag gewesen,« ruft er aus, »und dann freue ich mich wie ein Kind darauf, daß ich in meinem alten Krug, in dem Ulkenborger Krug, schlafen soll – ich bin in den letzten fünfundzwanzig Jahren nicht dagewesen! – Ja, ich freue mich auch, daß Sie einen richtigen jütischen Krug sehen sollen, für mich knüpfen sich freilich eine ganze Reihe Kindheitserinnerungen daran, die vor den Gedanken aufmarschieren, so wie nur der Name genannt wird. Im Ulkenborger Krug, im »alten Krug«, wie er immer hieß, da machten wir in meinen Knabenjahren Rast, wenn wir nach Süden fuhren, und in Ulkenborg machten wir Rast, wenn wir gen Norden fuhren, da habe ich in der Kriegszeit gelegen, und da habe ich als Jäger gehaust, großartig aufgehoben war man da immer. Es ist ja nun auch kein gewöhnlicher Krug – nein, es ist ein ganz herrschaftliches Gebäude, das werden Sie sehen: ein altes grundgemauertes Haus mit drei Giebelfenstern und dem roten Schild mit »Königlich privilegierter Krug« über der Haustür, das verleiht ein Relief. Und da ist eine Gaststube, so groß wie ein Saal für die Honaratioren, und eine Kellerstube für Kutscher und Viehtreiber. Sie müssen nämlich wissen, daß die Glanzperiode des Krugs damals war, als die Ochsen zu Tausenden nach Holstein hinübergetrieben wurden – damals herrschte dort Leben, das können Sie mir glauben, Leben und Wohlstand! Wenn die Aufkäufer vom Husumer Markt mit den blanken Talern in kleinen, zugeschlagenen Tonnen, die unter dem Wagensitz lagen, nach Hause kamen, so waren sie nicht bange, etwas zu spendieren, und da konnte der Champagner in dem alten Krug fließen. – Ob sie da Champagner hatten? Ja, darauf können Sie Gift nehmen! Eine lange Zeit lebte man von dem Strandungsgut von der russischen Fregatte, die waren für den Hof in St. Petersburg liefern sollte, aber vor Lönstrup auf Grund stieß und Wrack wurde – haben Sie davon nicht gehört? Ja, nach dieser Strandung schmierte manch ein Bauer an der Westküste seine Wagenräder mit französischer Pomade und kochte Suppe von Chambertin – das ist wirklich wahr. Und vor fünfzig Jahren war auch der Ulkenborger Krug so bekannt in Jütland, wie, sagen wir einmal, das Hotel d'Angleterre in Kopenhagen. Der Kaffeekessel kam weder bei Tag noch bei Nacht aus dem Kochen, und man bekam dort einen Speckpfannkuchen – nie im Leben habe ich etwas ähnliches geschmeckt! Und wie Madame Knudsen eine Ente braten konnte – hellbraun und saftig und doch durchgebraten und knusperig – davon können Sie sich keinen Begriff machen! Und dann der Reisestall, – das war nun der Teil des Krugs, für den ich mich als Kind am meisten interessierte – der Reisestall, in dem es immer dämmerig war, und wo immer Zug herrschte! Ich sehe den Stallknecht, den alten Franz, noch so deutlich vor mir, wenn er an Winterabenden da drinnen herumhumpelte mit einer bestaubten Laterne, die so schwach leuchtete, daß nur auf die allernächsten Gegenstände ein matter, flackernder Schein fiel; und wenn er dann hinging und den Deckel der ungeheuren Häckerlingskiste öffnete, dann durchlief mich ein kalter Schauder, denn der Reisestall hatte auch seine unheimliche Romantik: einmal in den zwanziger oder dreißiger Jahren war ein reicher Spitzenhändler aus Tondern hier im Stall ermordet und ausgeplündert worden, und seine Leiche hatte man unter der Futterkiste gefunden – Franz entdeckte sie dadurch, daß der schwarze Pudel des Spitzenhändlers vor der Kiste saß und heulte. Einen von den Mördern erwischten sie übrigens bald; er wurde oben auf einem Hünengrab, das sie Timhügel nennen, ein wenig südlich vom Krug, hingerichtet – ich will Ihnen die Stelle zeigen. Aber wie man sagte, waren es Dreie gewesen, und die andern beiden hatten sich vorläufig in Sicherheit gebracht, von dem einen hat man nie etwas gehört, er war wohl auf See gegangen – und der andere wurde später ein großer Mann, eine ganze Strecke weiter südwärts, erzählte man; aber dann sickerte doch einige Zeit nach dem Morde etwas von der Sache durch, und da mußte er einen mächtigen Haufen Geld an die Christianshafener Kirche bezahlen, wie es hieß, und kam nur dadurch frei, daß er einmal im Jahr nach Kopenhagen fuhr und dort des Königs Eisen im Stockhaus trug. – Das ist ja eine von den Sagen, wie sie überall erzählt werden. Aber der alte Franz selbst, der war die Poesie des Reisestalles! Er hatte als Dragoner unter dem großen Napoleon gedient, war mit in Spanien und bei Waterloo gewesen, war verwundet und gefangen worden und hatte eine große Narbe oben auf dem Kopf, die von einem österreichischen Säbelhieb herrührte – er bekam auch im Jahre 58 die St. Helena-Medaille, also muß er doch seine Papiere in Ordnung gehabt haben. Wenn er, obeinig, wie es sich für einen abgedankten Kavalleristen geziemt, und steif von der Gicht, die er sich im Reisestall im Zug geholt hatte, mit seinem stoppelbärtigen Gesicht in die Kellerstube hineingehumpelt kam, dann war ja an und für sich gerade nichts sonderlich Imponierendes an ihm, aber Sie können sich denken, daß man als Junge doch mit Bewunderung zu ihm aufsah – ein wirklicher Dragoner aus der Kaiserzeit, einer, der den kleinen Korporal mit eigenen Augen gesehen hatte! Und wenn irgend jemand aus der Gaststube ihn bat, das Lied von »Alongs« zu singen und ihn mit einem Wunsch traktierte, dann trat er in die Tür der Kellerstube und sang die Marseillaise, daß es schallte, und zwar in einem Französisch, das bedeutend echter klang, als das, was mein Lehrer auf dem Gymnasium sprach. – Er konnte wirklich auch ganz gut aussehen, wenn er sich die beiden Male im Jahr, wo er zum Abendmahl ging, fein gemacht hatte; dann ließ er sich von dem Schmied rasieren, lieh den alten Zylinder und die Stiefel des Krugwirtes, und auf seinem Mantel baumelte das rot- und grüngestreifte Band der Medaille – Sie können mir glauben, Franz tat es bei solcher Gelegenheit nicht billig! Sehen Sie den Raubvogel da oben, der gen Süden segelt! Ja, der Zug hat begonnen. – Ist das nicht ein Sperber – ja, wirklich! Er sollte doch wohl nicht hier herumkommen, so daß wir ihm einen Salut geben können – nein, da bog er ab! ... Aber wir waren ja bei dem Krug! wenn man von Norden kommt, so ist da eine lange, lange Kastanienallee – eine bepflanzte Chaussee, verstehen Sie – die führt da hinauf, Es sieht ganz vornehm aus – das heißt im Sonnenschein – denn ich kenne nichts Melancholischeres, als an einem regnerischen Novembertag durch eine entblätterte Allee zu gehen, wo das Wasser an den Stämmen heruntertreibt, und von den Zweigen tropft – man bekommt ja förmlich Wintergedanken bei dem Anblick, nicht wahr? Und Die lange Allee, wohin mag sie gehen, Mit den kahlen Zweigen, so traurig zu sehen Zur herbstlichen Abendstunde? Ihr Sommergewand verlor die Allee, wo führet sie hin? – In den Winterschnee, In des Jahres kreisender Runde! Aber an einem Sommermorgen oder im Herbst, an einem Tag bei Sonnenschein, der das braune Laub vergoldet, da ist die Allee prachtvoll! Und wenn dann die Diligence gefahren kam des Morgens von Viborg und des Abends nach Viborg – zuweilen mit zwei Beiwagen im Gefolge, das war ein Fest zu sehen! Ich habe, weiß Gott, manches liebe Mal von langen Reisen und fremden Ländern geträumt, nur wenn ich den Postillon blasen hörte, und was für ein Vergnügen war es, den Postkutscher und die Passagiere in die Gaststube hineinkommen zu sehen, während Rast gemacht wurde! Dann versuchte man zu raten, wer wohl der sei und wohin der wolle – man konnte sich geradezu eine ganze Geschichte über die Diligencepassagiere zusammendichten, die man im nächsten Augenblick schon aus den Augen verlor, um sie nie wiederzusehen. Das war ja nämlich das Eigentümliche bei so einem alten Krug, daß dort ein beständiger Wechsel von Personen und Bildern vor sich ging, die ohne Text, ohne Kommentar und ohne Verbindung miteinander aus dem Rahmen herausfielen, – Und dann kann es doch zuweilen geschehen, daß man das Ende einer Art von Faden zu fassen kriegt: man hält ihn fest, und dann entschlüpft er doch wieder, man starrt und starrt einem Wagen nach, weiß aber nicht, wo in aller Welt er hinfährt – davon werde ich Ihnen gelegentlich eine Geschichte erzählen. Und wenn man dann bedenkt, daß die Zeit der Diligence sozusagen ganz vorbei ist! Ich bin überzeugt, es gibt schon jetzt Tausende von erwachsenen Menschen hier zu Lande, die Dutzende Male mit der Eisenbahn gefahren sind, die aber noch nie so eine gelbe Schachtel auf vier Rädern gesehen haben, und doch vertreten ja die Diligencen die Poesie der Landstraße, nicht wahr? Ja, Heh! Peitschengeknall und Posthornklang in lustiger Symphonie! Nun spielt uns der Postillon seine beste Melodie! Die Töne sind ein wenig falsch, ein wenig schrill und hoch. Am Sommermorgen klingen sie gar schön und lieblich doch. Besonders, wenn man blasen hört in einiger Distanze Den feuerroten Postillon der gelben Diligence! – ja, wie die Farben zueinander standen, das ist gar nicht zu beschreiben! Nun, die Diligencepassagiere, die waren ja nur Passanten, die kamen und wieder verschwanden; aber der alte Krug hatte seine Stammgäste. Ich denke nicht an die Bauern, aber da war nun erstens der Doktor aus Lyngkjar, Kriegsrat Schäbel; er kam regelmäßig zweimal in der Woche und hielt Sprechstunde in der Gaststube ab, und wenn er einem Patienten einen oder zwei Zähne auszog – das war seine Lieblingsbeschäftigung, und es wurde behauptet, daß er es oft gratis tue, nur zu seinem Vergnügen – so wohnten alle Gäste mit großem Interesse der Operation bei, ohne daß es den Doktor oder das Opfer zu genieren schien; aber den konnte ich eigentlich nicht leiden: er war mir zu sehr Schlächter! – Nein, da war mir allerdings Ole Ras lieber – er war gewissermaßen mein Freund. Wenn man gerade heraus sagen wollte, was er war, so war er Wilddieb und nichts weiter. Aber Ole Ras würde auf das Bestimmteste dagegen protestiert haben, wenn jemand gewagt hätte, ihn so zu nennen, denn er betrachtete, was die Jagd anbetraf, alles Land als ihm gehörig, so weit der Himmel blau und der Schnee weiß war. Und seine Jagd war nun allerdings auch ganz eigener Art, und ein richtiger Jäger, so was Sie und ich darunter verstehen, das war er garnicht, insofern als er die Jagd ausschließlich von dem Gesichtspunkt des Lebensunterhalts betrachtete; er schoß nur, wenn es sich bezahlte – am liebsten zwei Rebhühner mit einem Schuß und den Hasen im Sitzen – und seine liebste Jagd war die Entenjagd. Man sagte von ihm, er könne jeden Köter, dem er auf seinem Weg begegnete, locken, so daß er ihm folgte, und ihn zum Stehen bringen, aber apportieren mußte er ja in der Regel selbst und zwar zu Lande wie zu Wasser, trockene Füße hatte er infolgedessen nur noch selten, Er hatte eine baufällige Hütte – oder wohnte dort zur Miete – war aber sozusagen nie zu Hause und kam eigentlich auch nur selten aus den Kleidern; am liebsten lag er im Krug auf einer Bank oder auf dem Heuboden, und im Krug verkaufte er in der Regel auch sein Wild, was ihm genug für seinen Unterhalt verschaffte, denn das einzige, wofür er Geld ausgab, war eine Mahlzeit Eisen und Pulver und Schrot, Die Bauern gaben ihm auch oft etwas, denn sie waren eigentlich bange vor ihm; man sagte nämlich, er habe Zigeunerblut in den Adern, und er sah wohl danach aus: schwarze, listige Augen unter scharf gezeichneten Brauen und eine dunkle, gelblichbraune Hautfarbe. Der Bart war ein reiner Urwald, lang, verfilzt, auf dem Kopfe trug er Sommer und Winter dieselbe abgegriffene Mütze aus einem unbestimmbaren Fell, und an seinem zerlumpten Rock fehlten gewöhnlich alle Knöpfe, so daß er einen Strick um den Leib binden mußte, um ihn zusammenzuhalten. Er sah eigentlich aus wie einer von den Wildmännern in dem dänischen Wappen – oder vielleicht noch mehr wie »das alte Jahr« auf einer der modernen Neujahrskarten, die Sie ja kennen. Ja, schön war er nicht, aber Riesenkräfte hatte er, und dabei war er doch eigentlich immer furchtbar gutmütig, nur hin und wieder konnte das Böse einmal in ihm aufsteigen, und dann suchte er nach besten Kräften mit irgend jemand Streit anzubandeln, aber das mißglückte fast immer, denn da war niemand, der mit ihm anzubinden wagte. – Das machte sich übrigens der Kammerrat auf Reistrup zunutze, aber das habe ich Ihnen gewiß schon erzählt? nicht wahr? Ja, der Kammerrat hatte einen schönen Wald von ein paar hundert Tonnen Land mit ganz gutem Wildbestand, und ich zweifle nicht, daß Ole Ras sich manch liebes Mal da drinnen einen Bock oder eine Ricke geholt hat. Aber dann kamen einen Winter ein paar professionierte Wilddiebe von Fünen hier in die Gegend herüber, und die lüfteten allen Ernstes zwischen dem Reistrupper Wild aus. Darüber ärgerte sich ja der Kammerrat, und da sein eigener Förster die Räuber nicht fassen konnte, so schickte er nach Ole Ras und fragte ihn, ob er nicht auch fände, daß es eine Schande sei, daß so ein paar Leute aus Fünen hier oben im jütischen Land ihr Geschäft treiben dürften. Ja, das fand Ole Ras auch. – Ob Ole Ras sie denn nicht im Guten oder im Bösen bewegen könne, sich zu verziehen? Es sollte auch nicht auf einen Blauen ankommen, wenn sie erst fort wären, und um eine Doktorrechnung solle er sich auch keine Sorgen machen. – Ja, Ole Ras war sehr willig, den Versuch zu machen, und dann begann die Schlacht. Die Leute aus Fünen saßen eines Abends nach beendetem Tagewerk im Krug und tranken einen Kaffeepunsch. Da kam Ole Ras herein, sagte guten Abend und trank erst den Punsch des einen und dann den des andern aus, ohne nur um Erlaubnis zu bitten; aber die Leute aus Fünen sahen den Hünen an und sagten klüglicherweise nichts. Da mußte Ole sie denn ein wenig hart auf die Schienbeine treten, und schließlich ging denn auch der Zank los – der erste Schlag fiel. Da kam der Krugwirt hinzu, und Franz und noch ein paar andere wollten auch herein und sich die Geschichte mit ansehen, aber da rief Ole: »Raus aus der Stube mit euch, so lange die Sache währt! Ich will keine Zeugen haben! Ihr könnt kommen, wenn es still geworden ist!« und in demselben Augenblick schlug er nach der Hängelampe, so daß sie herunterfiel und es stockdunkel wurde. Zehn Minuten später war es in der Gaststube ganz still, von den Leuten aus Fünen hat nie wieder jemand etwas gesehen, und nachdem Ole vierzehn Tage mit zwei gebrochenen Rippen im Bett gelegen hatte, war er wieder der alte. »Nein, sehen Sie doch nur, da kommen, weiß Gott, ganze drei Hasen aus dem Wald gehoppelt – das wäre ein Anblick für den alten Ole Ras gewesen! – Es ist übrigens sonderbar, wie viele Hasen man vor dem 21. sieht – aber so bald man sie schießen darf, sind sie wie weggeblasen! Ja, Ole Ras ist längst tot und begraben, und der Küster Christen auch – den hätten Sie kennen sollen, der wäre ein Mann für Sie gewesen! Er wohnte dem Krug schräg gegenüber, und jeden Abend das ganze Jahr hindurch, wenn die Diligence erwartet wurde, kam er herüber, um zu sehen, wer mitgekommen sei, und dann blieb er gleich eine Weile da, stopfte seine Pfeife und trank seinen Grog – natürlich in der Gaststube. Er war die personifizierte Überlieferung aus der Vergangenheit, einen schwarzen, blank geschlissenen Frack, der sich nicht mehr über seinem rundlichen Bauch zusammenknöpfen ließ, schwarze Beinkleider, die in ein paar hohen Stiefeln endeten, und ein weißes Halstuch. Aber die Lebensfreude und das Wohlwollen leuchteten aus seinem runden, bartlosen Gesicht, und wenn er seine Fiedel hervorholte und eine der alten Melodien darauf strich – mehr gut gemeint als eigentlich rein – und den Takt mit dem Fuß markierte, dann sah er aus, als sei er aus einem Bild aus Rahbeks Zeiten herausgesprungen. Akademiker war er übrigens auch – wohl einer der letzten »lateinischen Küster« in Dänemark. Er hatte im Jahre 1807 im Studentenkorps unter der Waffe gestanden und war seit jener Zeit ein persönlicher Bekannter von Ingemann und Blücher, er hatte auf Duzfuß mit Jars Matthiesen gestanden und war mehrere Jahre erster Liebhaber an einem der damaligen vielen Privattheater gewesen. Ja, dann hatte er sich als Student in eine zweifelhafte Verbindung eingelassen, die nicht ohne Folgen blieb und dann – ja, dann heiratete er die Verbindung und wurde Vater der Folgen – so ist es ja schon andern vor ihm gegangen. Sein Staatsexamen machte er natürlich niemals, sondern strandete hier oben in Jütland als wohlmeritierter Rüster und Schullehrer; er fühlte sich höchst erhaben über seine gewöhnlichen »unstudierten« Berufsgenossen und ermüdete nie, von seinen Studentenjahren in Kopenhagen, von Theater und Musik, von Klubs und Maskeraden zu sprechen. »Erbärmlich, sehr erbärmlich waren seine Verhältnisse – er hatte natürlich ein Nest voll Kinder – aber die gute Laune behielt er bis zuletzt, und das war ja das Wesentlichste. Ja, den hätten Sie kennen sollen – und Ole Ras – und den alten Stallknecht Franz – sie sind alle heimgegangen, alle, die alt waren damals, als man selber jung war und fand, daß es ein langer Weg war bis zum Alter. – Ja, jetzt findet man auch, daß es ein langer Weg ist bis zum Ulkenborger Krug, und doch ist man vor Abend da – das heißt, wenn wir nicht den ganzen Tag hier bei der Mergelgrube liegen bleiben. – Na, denn nur auf mit Ihnen, und dann kommen Sie nur!« Und den Rest des Nachmittags jagten wir, fanden noch ein paar Völker Rebhühner und hatten das große, heutzutage so seltene Glück, einen Fuchs drüben in den Rüben des Pfarrers aufzujagen – tot im Knall! Und dann gelangten wir müde und warm gegen Abend an den Ulkenborger Krug. Da lag er, der berühmte »alte Krug« und sah ganz aus wie nach der Beschreibung. Aber da waren keine Wagen im Reisestall, niemand kam heraus, um uns in Empfang zu nehmen, und als wir in die Gaststube kamen, war sie leer. »Großer Gott,« rief der Hauptmann aus, »wie verändert es hier ist! Ja, die Krugwirtschaften sterben aus, so wie die großen Bekassinen – und wovon sollen die Leute auch leben! Keine Diligencen, keine Handelsreisenden, die die Nacht über da bleiben, kein Teepunsch. Heutzutage kommt da höchstens ein schweißtriefender Radler und trinkt eine Zitronenlimonade – nein, es ist Enthaltsamkeit in die Leute gefahren: das ist ja sehr ehrenhaft, aber gemütlich ist es nicht!« Dann ging der Hauptmann in die Küche hinaus, um sich persönlich nach der Zubereitung von einigen unserer Rebhühner umzusehen – das vertraute er nämlich der ihm unbekannten Krugwirtin nicht an. Währenddes saß ich in der leeren Gaststube und betrachtete die Merkwürdigkeiten dort, viele waren es freilich nicht. Unter der Decke hing eine »Unruhe«, an der einen Wand ein pyramidenförmiges Bort oder, wie es hier in der Gegend heißt, ein »Pirremi«, und an der anderen ein kleiner, wohl recht seltener Kupferstich, der die Hinrichtung von Struensee und Brandt darstellte – das waren die Luxusgegenstände. Zu den Notwendigkeitsartikeln muß man wohl einen der bekannten Fliegenfänger aus Glas zählen, mit der nach unten offenen Kuppel, unter der sich ein Glasrand mit saurem, dunkelbraunem Bier befindet; das Bier war ganz dick von den ekelhaften, schwarzen Tieren, die hier ihr Leben hatten lassen müssen, aber leider waren noch lebende Fliegen genug in der Stube, träge, matte Septemberfliegen, die auf dem fettigen, kleberigen Tisch herumkrochen, und die nicht abzuschütteln waren, wenn sie sich erst auf einen gesetzt hatten. In einer Ecke befand sich der Schenktisch, und daneben stand eine Tür offen, die in einen langen Gang mit Türen auf der einen Seite hinausführte – offenbar die »Gastzimmer«, und an dem entgegengesetzten Ende der Stube war eine Tür, die ebenfalls offen stand: die führte in die »Kellerstube« hinaus, die ebenso groß war wie die Gaststube. Die Hunde bekamen ihr Fressen, rollten sich mitten auf dem Fußboden zusammen und schliefen gleich ein – sie waren offenbar totmüde. Dann kam der Hauptmann aus der Küche zurück; ein Tischtuch wurde auf den Tisch gelegt, und die Rebhühner wurden aufgetragen – sie waren köstlich gebraten, und wir aßen mit einem wahren Heißhunger, tranken ein Glas Bier oder auch zwei dazu, bekamen einen Pfannkuchen – von dem hatte die Krugwirtin allein die Ehre – und dann zündeten wir uns die Pfeifen an und mischten uns einen Grog. »Sehr ordentlich,« sagte der Hauptmann, als er den ersten Schluck genommen hatte. »Aber Strandungsrum von der alten Sorte ist es freilich nicht – nein, die Zeiten haben sich verändert! Aber die Betten sind gut – ich bin hin gewesen und habe sie inspiziert – und nach der Anstrengung des Tages werden wir schon gut schlafen – besser als ich die eine Nacht geschlafen habe, die ich kurz vor dem ersten Krieg hier zugebracht!« »Warum haben Sie denn damals nicht gut geschlafen?« »Ach, ich habe eigentlich gar nicht geschlafen – in der Nacht hatte ich an anderes zu denken, das können Sie mir glauben! – Es war übrigens die Geschichte, die ich Ihnen oben an der Mergelgrube versprach.« Und dann erzählte der Hauptmann. Ich kam an einem Oktober-Nachmittag von Süden hierhergereist. Ich war in Aarhus gewesen, um bei dem Erstgeborenen eines Kameraden Gevatter zu stehen – es war also kein Jagdausflug, verstehen Sie, nicht die Spur – und ich ritt deswegen in voller Uniform, mit Säbel und allem, was dazu gehörte. Es war ein Hundewetter: strömender Regen und halbwegs Sturm. Wäre das Wetter anständig gewesen, dann wäre ich gleich in einem Zug nach Viborg geritten, aber mein Mantel war fast durchgeregnet, und als ich an dem Timhügel vorüberkam, entschloß ich mich, hier im Krug zu übernachten – ich brauchte mich erst am nächsten Mittag in Viborg zu melden. Alles sah so trübselig wie nur möglich aus. Die Pappeln am Wege wehten hin und her und pfiffen im Wind, Wasser und Schmutz spritzte an einem auf, und viel mehr als hundert Schritte konnte man vor Nebel und Dämmerung nicht sehen. Den Timhügel – den »Henkerberg«, wie wir ihn auch nannten – konnte ich noch so eben draußen auf dem Felde erkennen, und ich dachte daran, wie mir als Kind, wenn wir daran vorüber mußten, immer ganz unheimlich zu Mute gewesen war, bei dem Gedanken an den Mörder des Spitzenhändlers, der hier aufs Rad geflochten war; ich dachte auch an den Zweiten, der mit bei dem Morde beteiligt gewesen sein sollte, der aber freigekommen war, und nun südwärts ein »großer Mann« geworden sein sollte, und an den Dritten, von dem niemand etwas wußte. – Ja, Sagen sind Sagen, sagte ich zu mir selber und gab Lotte die Schenkel – Trab, freier Trab, jetzt sind wir bald am Wegesende! Da liegt der aus Feldsteinen erbaute Hof des Dorfschulzen, da haben wir das Spritzenhaus, und da vor mir leuchtet es blendend und warm aus dem Halbdunkel heraus: das ist die Schmiede mit der offenen Tür, dann ist es nicht mehr als ein paar hundert Schritt bis zum Krug! Ich liebe eine Schmiede zur Abendzeit. Sie nicht auch? Die Gestalten da drinnen nehmen sich ganz märchenhaft aus in dem glühenden Schein, der Blasebalg faucht um die Wette mit dem Sturm, und wenn der große Hammer Schlag auf Schlag auf den Amboß fällt, so daß die Funken stieben, so klingt das wie Musik – männliche, feste Musik in Dur – ja, eine Schmiede kann eine Landschaft förmlich beleben! Ein paar Minuten später war ich im Reisestall; der alte Franz kam breitspurig heraus mit der Laterne, hielt sie nur dicht vor das Gesicht, um zu sehen, wer es sei, und bot mir freundlich Gutenabend, als es ihm klar wurde, daß ich es war. Franz schien mir noch obeiniger geworden zu sein als früher, vielleicht auch noch ein wenig ducknackiger, aber der alte Soldat war trotz der vielen Jahre, die seit der Napoleonzeit verstrichen waren, doch noch an ihm zu erkennen, und ich merkte deutlich, daß er mich anders als alle andern behandelte, bloß weil ich Offizier war. Ordnungshalber kümmerte ich mich darum, daß er Lotte mit einem Strohwisch tüchtig trocken rieb, und als sie dann Wasser und Futter bekommen hatte, ging ich in die Gaststube. Der Krugwirt und seine prächtige Frau empfingen mich als alten Bekannten, und ich bekam natürlich das beste Zimmer mit zwei Betten, weniger konnte es nicht tun – die zweite Tür zur Rechten, da unten im Gang; mein Ofen wurde geheizt, mein nasser Mantel wurde auf zwei Stühlen davor ausgebreitet, ich schnallte den Säbel ab und ging dann in die Gaststube. Dort saßen ein Paar Bauern und schliefen halb über einem geleerten Kaffeepunsch, aber sie gingen bald darauf, und dann war ich allein. Ich guckte in die Kellerstube hinein. Da war niemand weiter als ein Frachtmann, den ich nicht kannte, aber dann tat sich die Tür auf, und Ole Ras – Sie entsinnen sich seiner wohl noch – der Jäger, kam herein. Er war natürlich auf Entenjagd gewesen und brachte fünf Stockenten mit, die der Krugwirt sofort für 3 Mark erstand – teuer war Ole Ras nicht! Dann setzte sich Ole an den Ofen, so dicht heran, wie er nur konnte, um zu trocknen, so wie mein Mantel, und das war hoch nötig, denn er war natürlich bis aufs Fell durchnäßt, und bald stand ein ganzer kleiner See unter ihm, da, wo er saß. wir plauderten über die Jagd, ich bot ihm eine Zigarre an, und er bat, ob er sie bis »nach dem Abendbrot« aufheben dürfe, d. h. er steckte sie weg, um sie aufzupriemen – und dann kehrte ich in die Gaststube zurück, denn ich hatte meinen Freund, den Küster Christen, dort eintreten sehen. Er trug seinen drolligen, alten Kutschermantel mit dem Messingschloß am Hals über dem Frack, und er hatte seinen alten baumwollenen Regenschirm in der Hand, folglich war er trocken. Dessenungeachtet mußte er sofort einen Pommeranz wegen des schlechten Wetters trinken – den trank er übrigens auch, wenn Sonnenschein war – dann stopfte er sich seine Pfeife aus dem Tabakkasten, der zu freier Benutzung auf dem Tisch stand, und dann erzählte er mir, was sich an Bemerkenswertem in der Gegend zugetragen hatte, seit ich zuletzt hier gewesen war. Ich bat ihn zu bleiben und mein Gast beim Abendbrot zu sein, und darauf ging er gern ein, fing aber dann an, unruhig zu werden und nach seiner großen Tombakuhr zu sehen, das war ein Zeichen, daß die Diligence bald erwartet werden könne. Und ganz richtig: nach einer Weile hörte man durch den Sturm den Laut eines schwerrummelnden Wagens, dann ertönte das Horn des Postillons – merkwürdig erkältete Töne waren es – und dann, einen Augenblick später, hielt die Diligence im Reisestall. Der Küster fuhr zur Tür hinaus, wie aus einer Kanone geschossen, um nachzusehen, wer in der Kutsche saß – er konnte seine Neugier nicht so lange zügeln, bis die Passagiere hereinkamen! An diesem Abend war da nichts Interessantes: ein paar Handelsreisende, die einen Teegrog tranken, und eine deutsche Madame, die sich ebenso wie der Kutscher eine Tasse Kaffee geben ließ – das war das Ganze. Zehn Minuten später rasselte die Diligence wieder von dannen, und der Küster und ich blieben allein. Ich schickte mich eben an, eine ernsthafte Unterredung mit der Krugwirtin, Madame Knudsen, einzuleiten, in bezug auf das, was das Haus heute abend zu bieten vermochte, als der Küster plötzlich anfing, die Ohren zu spitzen. »Aber was ist denn das?« rief er aus, »da kommen, weiß Gott, zwei Wagen von Süden her, und zwar sind es Federwagen, das kann ich hören – wer wohl in diesem Wetter draußen sein mag!« Ja, das stimmte, es kamen zwei Wagen gefahren, und als ich zum Fenster hinaussah, unterschied ich einen holsteinischen Wagen mit einem Dach von Regenschirm darüber und einen kleinen Einspännerwagen dahinter. Nach einer Weile wurden drei, vier mächtige Koffer aus Seehundsfell und ein Holzkoffer durch die Gaststube getragen, das Küchenmädchen schleppte ein Schlachtschwert und ein paar vergoldete Helme herein, und hinter diesem Aufzug erschien eine Gesellschaft von vier Personen, zwei Herren und zwei Damen – es tropfte von ihnen herab, so naß waren sie. »Nein, sind Sie es!« – »daß wir uns hier treffen sollten! das ist doch amüsant!« so ging es, als wir einander erst angesehen hatten. Es waren der Schauspieler und Schauspieldirektor Didriksen mit seiner sehr rundlichen Gattin und Jungfer Wilhelmsen, die erste – und einzige – Primadonna der Gesellschaft, die überall, wohin sie kam, die ganze Stadt sich zu Füßen legte, und endlich, was ich später erfuhr, der Komiker, Herr Jensen oder Nielsen – ich weiß nicht mehr recht, wie er hieß, aber ein langweiliger Patron war er, der nichts sagte, im übrigen aber, was sich später herausstellte, mit der Jungfer verlobt war. Die Gesellschaft sollte mit den übrigen Mitgliedern der Truppe in Viborg zusammentreffen, wie mir der Direktor erzählte, und hatte ebenso wie ich die Absicht gehabt, noch in dieser Nacht dort einzutreffen, das Wetter war ihnen aber zu arg geworden, sie waren schon ganz durchnäßt, und dann hatten sie beschlossen, im Krug zu übernachten. Sie bekamen die beiden letzten freien Doppelzimmer – die Damen für sich, die Herren für sich – und dann gingen sie schleunigst hinein, um die nassen Kleider auszuziehen. Vorher hatte ich indessen die ganze Gesellschaft auf Ole Ras' wilde Enten zum Abendessen eingeladen – es war damals meine flotte Periode, wissen Sie, als ich die 2000 Taler von meinem Onkel in Lögum geerbt hatte und glaubte, daß das Geld nie ein Ende kriegen könne – und als dann der Küster nach Hause lief, um seine Fiedel zu holen, die, wie er meinte, im Taufe des Abends schon Verwendung finden könne, blieb ich allein zurück. Ich sah zu, wie der Tisch gedeckt wurde, und schwelgte in dem Duft der Enten, die draußen in der Küche schmorten; aber hinauszugehen und nachzusehen, so wie ich es vorhin mit den Rebhühnern getan habe, das würde ich nicht gewagt haben: Madame Knudsen litt keinen Topfgucker, und sie war auch selbst imstande, die Tiere so zu behandeln, wie sie behandelt werden mußten! Ich war eigentlich sehr angeregt durch die Aussicht, einen fröhlichen Abend zusammen mit den Schauspielern zu verleben – ich habe nun einmal stets eine Schwäche für das »fahrende Volk« gehabt! Schon allein, daß sie immer, mehr oder weniger, von der Hand in den Mund leben, ohne festes Budget, ohne zu wissen, wie es morgen werden wird, kurz, das ganze Leben auf Feldfuß, das sagt mir zu! Und dann waren die damaligen umherreisenden Schauspieler-Gesellschaften etwas ganz für sich, etwas ganz anderes wie heutzutage. Mein Gott, große Künstler waren sie wohl eigentlich nicht, aber sie besaßen den Glauben an sich selbst; keine Aufgabe war ihnen Zu hoch: Schiller und Oehlenschläger, Heiberg und Herz – sie spielten alles, und alles gleich gut, und dann war ihre – ja, wie soll ich es nennen – ihre Moral – aber es ist eigentlich nicht das , was ich meine – das war ganz anders, als jetzt. Ich weiß recht gut, daß die weiblichen Mitglieder auch damals nicht reine Vestalinnen waren, aber sie bewahrten den Schein, den guten Anstand, und das mag ich doch nun gern – Sie nicht auch? – Ja, ich rede aus einer gewissen Erfahrung, denn ich habe alle die hervorragendsten Mitglieder der Didriksenschen Gesellschaft während des Krieges kennen gelernt, damals, als sie in Sonderburg spielten, und später habe ich sie wiederholt in andern Städten getroffen. Und es hat Zeiten gegeben, wo ich drei Meilen hin- und drei Meilen zurückritt, nur um Jungfer Wilhelmsen spielen zu sehen – sie war großartig! – Ob sie Talent hatte? Ja, das mag zweifelhaft sein – wie viele haben eigentlich Talent? – Aber sie spielte mit ihrer Person, und die Person war allerliebst. Eine Figur wie eine Venus, sage ich Ihnen! – und eine Singstimme – ja, ich fand auf alle Fälle, daß sie brillant war! Und dann war sie so sanft und freundlich – nicht gleich freundlich gegen alle – aber ich habe mich über nichts zu beklagen gehabt. Dann kam der Küster mit seiner Fiedel zurück, und nach einer Weile war die Gesellschaft zum Fest geschmückt, Ich entsinne mich noch, daß Jungfer Wilhelmsen ein weißes Kleid mit blauer Schärpe anhatte, ausgeschnitten und mit bloßen Armen – sie sah ganz entzückend aus! Das sagte ich ihr natürlich, und er, der Komiker – oder der Verlobte – sah mich an, als wolle er mich auffressen – damals konnte ich einen Mann noch eifersüchtig machen! Und dann kamen die Enten und wir gingen zu Tisch – ich führte Madame Didriksen. Sie war auch ausgeschnitten – offen gestanden: reichlich ausgeschnitten – aber es half ja, daß sie gegen den Zug einen roten, mit Hermelin verbrämten Mantel um ihre rundliche Gestalt gehüllt hatte – den Mantel kannte ich übrigens aus »Hagbarth und Signe«, wo ich sie damit als Königin Bera gesehen hatte – aber wenn der Mantel herunterglitt – und das tat er oft – so ließ es sich nicht vermeiden, daß man – nein, man soll lieber ahnen als Gewißheit haben, nicht wahr? Der Krugwirt richtete an, und seine tüchtige Frau stand in der Tür und sah zu, wie wir aßen – das war nun ihr Vergnügen! wir bekamen Rotwein – guten Wein und reichlich Wein – und wir hatten alle einen wahren Heißhunger und waren in strahlender Laune. Didriksens und ich sprachen von alten Erinnerungen aus der Kriegszeit, die Jungfer sandte mir von Zeit zu Zeit, ohne etwas zu sagen, einen verstohlenen Blick zu, der vielleicht von alten Erinnerungen erzählte, und der Küster war glücklich, von längst entschwundenen Tagen berichten zu dürfen, als er selbst noch Privatkomödie in Kopenhagen gespielt und die heimgegangenen Berühmtheiten im Königlichen Theater gesehen hatte. Endlich waren wir dann satt, es wurde abgedeckt, und ich bestellte eine Feuerzangen-Bowle, die ich natürlich selbst bereitete – das war Zu jener Zeit eine meiner Spezialitäten. Es wurde Rum – richtiger Strandungsrum – und Graves in die Bowle gegossen, ich legte einen halben Zuckerhut – oder sagen wir einen viertel – über zwei Feuerzangen – im Felde habe ich manch liebes Mal drei Bajonette dazu benutzen müssen – und dann zündete ich den braunen See an und schöpfte die bläulich brennenden Wogen über den weißen Berg, so daß es Funken sprühte und knisterte – den Anblick habe ich immer gern gemocht! Die Feuerzangenbowle wurde, wenn ich es selbst sagen darf, großartig – Madame Didriksen sagte freilich, sie sei zu stark, – und als ich selbst das erste Glas geleert hatte, übertrug ich das Amt eines magister bibendi dem Küster – das war etwas, was für ihn paßte. Und der Sturm heulte und der Regen strömte, die Lindenbäume draußen schlugen mit den Zweigen gegen die Fensterscheiben – es war wunderbar gemütlich, und wir waren in aller Harmlosigkeit fröhlich und waren zufrieden mit uns selber und mit einander. Didriksen deklamierte »Der englische Kapitän« – das war eine seiner Bravournummem – und die Madame sang eine Arie aus der »Regimentstochter« zu der Violine des Küsters; es ward ihm ein wenig schwer, bei den schnellen Passagen zu folgen, aber lieber etwas überspringen als zurückbleiben, meinte er, und dann ging es im großen Ganzen gut. Ich sang Bellmann – ich habe singen können, obwohl man es nicht glauben sollte – und Jungfer Wilhelmsen holte die Guitarre und trug zu eigener Begleitung ein italienisches Volkslied vor. Wovon es handelte, das mag Gott wissen, denn ich kann nicht Italienisch – das heißt, ich kenne die notwendigsten Redensarten wie »Gib mir einen Kuß« und »Schönes Mädchen, ich liebe dich« – die habe ich von einer Kunstreiterin gelernt, mit der ich vorzeiten in Aalborg bekannt war – aber darüber hinaus, kann ich, wie gesagt, nichts von der Sprache. Das war nun auch garnicht nötig! Ich brauchte eigentlich garnicht zu hören , ich hatte genug vom Sehen . – Gibt es eine Situation, die vorteilhafter für eine Frau ist – natürlich nur wenn sie jung und hübsch ist – als mit der Gitarre im Schoß und dem seidenen Band um den Nacken da zu sitzen? Die ganze malerische Stellung – genau so wie auf einem florentinischen Bilde – es ist doch florentinisch das, was ich meine? Ja, ich dachte mir auch, daß es florentinisch wäre – den linken Arm halb gebogen, die rechte Hand, deren Finger gleichsam spielend in die Saiten greifen – ach, charmant! Nun, wir klatschten alle wie besessen, als sie fertig war, und der alte Franz und Ole Ras standen in der Tür zur Kellerstube und lachten vor Vergnügen über das ganze Gesicht. Da fing der Küster plötzlich an aufzuspielen – einen Walzer natürlich – die Madame knickste vor mir, und der Komiker vor der Jungfrau – und dann walzten wir vier auf dem sandigen Fußboden herum, daß es eine Lust war. Und der Krugwirt und seine Frau standen hinter dem Schenktisch und sahen zu, und die Mädchen schlichen aus der Küche herein, und schließlich faßte Didriksen den Küster um die Taille, und er mochte wollen oder nicht, er mußte zugleich tanzen und spielen – ja, in alten Zeiten, da war man gemütlich! Aber dann wurde plötzlich mitten während des Walzers stark von außen an die Fensterscheiben gepocht – dort an dem Fenster, der Tür zunächst, die nach der Straße hinausgeht; der Küster hielt mitten in einem Takt inne, Didriksen ließ den Arm sinken, und wir anderen hörten natürlich auch auf zu tanzen. Nun, der Krugwirt geht an die Tür und öffnet sie, um zu sehen, wer es sein kann, und herein kommt ein Paar: ein junger Mann in elegantem, dunkelblauem spanischen Mantel, und eine Menge Dame in Mantel und Kapuze – das sind freilich unerwartete Gäste. Sie wären auf dem Weg gen Norden, erzählte er, im eigenen Kaleschewagen, aber da sei etwas am Wagen zerbrochen – ein Rad oder eine Feder, was es nun sein mochte – und der Schmied da unten, bei dem sie angeklopft hätten, könnte es erst am nächsten Morgen wieder instand setzen. So hätten sie denn die Pferde in dem nächsten Gehöft eingestellt und seien die paar hundert Schritte hier heraufgegangen, um Unterkunft im Krug zu suchen. »Wir – meine Frau und ich,« sagte er, »möchten gern Zimmer für die Nacht haben, läßt sich das wohl machen?« Bei den Worten »meine Frau« sah er sie so liebevoll an, daß es mir förmlich gut tat, sie aber schlug die Augen nieder und wurde dunkelrot. »Aha,« dachte ich bei mir, »Neuvermählte, wahrscheinlich auf der Hochzeitsreise!« und da sah ich mir das Paar natürlich näher an. Er war ein schöner, kräftiger, junger Mann mit einem gewissen militärischen Schnitt, und sie – ja, sie war lieb und sein, aber sie sah eigentlich aus wie ein eingeschüchterter Vogel. Nichts von einem Singvogel, ganz und gar nicht – aber ich erinnere mich, daß ich einmal an einem Herbsttag einen zerzausten, nassen Turmfalken fand, der in einem Erlenbusch saß und die Flügel nicht heben konnte – an den erinnerte sie mich. Der Krugwirt kraulte sich den Kopf und sagte, es seien keine anderen Zimmer im ganzen Haus frei als eine schräge Bodenkammer und die – ja, weiter kam er nicht, denn ich bot dem Ehepaar natürlich mein doppeltes Zimmer an und sagte, daß ich mit Vergnügen in die Bodenkammer hinaufziehen wolle. Sie sah ihn an und er sah sie an, dann faßte er offenbar einen schnellen Entschluß, zog mich ein wenig beiseite und sagte: »Wir sind nicht verheiratet – noch nicht. Die junge Dame ist meine Verlobte, ich habe einen Königsbrief in der Tasche, und wenn alles so gegangen wäre, wie wir berechnet hatten, wären wir morgen vormittag bei meinem Onkel, der ein wenig weiter nördlich Pfarrer ist, getraut worden. Verhältnisse, über die ich nicht Herr bin, bewirken, daß ich weder den Namen meiner Braut noch meinen eigenen zu nennen wünsche.« – Ich verbeugte mich, – »Aber wenn Sie wirklich so liebenswürdig sein und meiner Braut ihr Zimmer überlassen wollen, würde ich Ihnen unendlich dankbar sein – dann verbringe ich die Nacht hier auf ein paar Stühlen in der Gaststube.« »Aus keinen Fall dürfen Sie das,« erwiderte ich, Sie bedürfen offenbar mehr der Ruhe als ich! Sie legen sich oben in die Bodenkammer, dann decke ich mich mit dem Mantel zu und lege mich auf das Sofa drinnen im Kontor!« »Das Kontor« war der kleine Raum hier nebenan, die erste Tür rechts – Sie können sie von hier aus sehen! Nun, er dankte mir vielmals, und sie auch – verschämt und mit niedergeschlagenen Augen – und ich hörte sie flüstern: »Ach, mein Gott, ich bin so bange! Denke doch nur, wenn Vater jetzt käme und uns fände!« »Das hat keine Not,« erwiderte er. »Dein Vater ist noch gar nicht nach Hause gekommen, und außerdem –« Mehr hörte ich nicht, aber das genügte ja. Eine reguläre Entführung also, von einem grausamen Vater fort – das Paar hatte selbstverständlich meine wärmste Sympathie! Gott sei Dank habe ich immer Sympathie mit der Jugend gehabt, und habe sie auch jetzt noch. Die beiden jungen Leute legten ab, der Krugwirt trug meinen Mantel und meinen Säbel in das Kontor, und dann lud ich die Verlobten zu einem Glas Feuerzangen-Bowle ein – essen wollten sie nicht. Das nahmen sie an, und es währte nicht lange, bis der Gesang von neuem begann. Der Küster stimmte »Auf das Wohl der Maid mit dem blonden Haar« an, Didriksen brummte »Im tiefen Keller sitz' ich hier«, und Jungfer Wilhelmsen sang »Nein, nichts in der Welt ist so schön wie ein Ball« – das sang sie brillant. Die Verlobten – oder sagen wir lieber: das junge Paar – saßen nebeneinander; jeden Augenblick ergriff sie seine Hand, und wenn man draußen auf der Landstraße einen Wagen rummeln hörte, zuckte sie zusammen und lehnte sich ängstlich an ihn an. Dann streichelte er ihr zärtlich die Wange und flüsterte ihr etwas zu, und dann war sie wieder ruhig – bis man einen neuen Wagen hörte. Wer eigentlich auf den Einfall kam, weiß ich nicht mehr, aber einer – es war gewiß der Krugwirt – machte den Vorschlag, daß Franz »Allongs« singen solle. So bekam denn Franz ein Glas Punsch an die Tür, leerte es und begann. Den ersten Vers sang er wie gewöhnlich, aber bei dem zweiten war es, als wenn alle alten Erinnerungen an die große Armee und die stolzen Tage in ihm erwachten, er bekam Haltung, gestikulierte mit der Hand und sang schließlich mit förmlicher Begeisterung und mit einem Vortrag, um den ihn manch ein professioneller Sänger hätte beneiden können. Es wurde Bravo gerufen, und das Beifallklatschen schien gar nicht wieder aufhören zu wollen. Dann gingen das Brautpaar und ich hin, um dem Sänger unsere Komplimente zu machen. Ich sah, daß der junge Mann ihm einen Speciestaler gab, und ich hörte ihn sagen! »Vielen Dank für den Gesang, Kamerad!« und sie drückte dem alten Franz die Hand und sagte mit weicher, bewegter Stimme: »Ich danke Ihnen vielmals, das Lied werde ich nie vergessen!« Franz war natürlich ganz überwältigt von dem vielen Geld und den vielen Danksagungen, aber es war doch, als ob der Umstand, daß eine junge Dame, – eine wirkliche Dame – verstehen Sie, ihm ihre Huldigung bezeugte, den alten Dragoner am allermeisten beglückte; er beugte sich förmlich galant über sie, ergriff ihre Hand und küßte sie mit einem Anstand, als wenn er mindestens Marschall gewesen wäre – das lernt eine jütischer Bauernknecht wohl nur im französischen Dienst, und vermutlich nur unter Napoleon! Nun, Franz richtete sich wieder auf, aber als er das junge Mädchen ansah, da war offenbar irgend etwas an ihrem Äußeren, das seine Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich zog, denn er starrte sie unverwandt mit seinen kleinen, blitzenden Augen an, genau so, wie eine alte, fette Ratte auf dem Heuboden. »Entschuldigen Sie, Jungfer, aber woher haben Sie das da?« fragte er und zeigte auf eine Nadel, die in ihrem Busentuch steckte – eine Nadel mit einem roten Korallenkopf in Form einer geballten Hand, die einen Dolch hielt. »Die habe ich von meinem Vater bekommen,« erwiderte sie – aber es war, als ängstige sie sich fast, nur den Namen Vater zu nennen. »So, also von ihm,« sagte Franz, »ei, ei! – Lebt Ihr Herr Vater denn noch?« Sie nickte. »Na, der lebt also noch – das ist ja recht nett!« fuhr Franz fort. Dann bekam er noch ein Glas Punsch, Ole Ras bekam auch noch eins – und wir übrigen tranken noch mehrere. Endlich war die Bowle leer, und ich war gerade im Begriff, Ingredienzen zu einer neuen zu bestellen, da aber sagte der Bräutigam: »Gestatten die Herrschaften, daß ich Champagner kommen lasse?« Ja, dagegen hatten die Herrschaften natürlich nichts einzuwenden, und dann kam der Champagner. Und der knallte und der schäumte, und wir stießen an und wir tranken, und wir waren alle mehr oder weniger ausgelassen, mit Ausnahme des Brautpaares natürlich und des Komikers; dieser Esel konnte nicht einmal betrunken werden, obwohl er soff wie ein Loch! Es war auch schon weit über Mitternacht, als wir uns endlich zur Ruhe begaben. Der Küster ging zuerst. Es ward ihm schwer, seine Fiedel in den Pelzbeutel hineinzupraktizieren, denn ganz sicher auf den Beinen war er nicht, und wir mußten ihm behilflich sein, den Mantel zuzuknöpfen und den Kragen über die Ohren zu schlagen. Das wäre nun freilich gar nicht nötig gewesen, denn es war klares Wetter geworden; der Regen hatte aufgehört, der Wind hatte sich gelegt, es war der schönste, strahlendste Mondschein. Madame Didriksen nahm Jungfer Wilhelmsen unter ihre mütterlichen Schwingen, Didriksen und der Komiker gingen als gute Kameraden zusammen hinaus, und dann waren das Brautpaar und ich allein übrig, Sie sagte erst mir und dann ihm Gutenacht – ich wandte mich natürlich währenddem um, damit sie sich in Ruhe küssen konnten – und dann ging sie in ihr Zimmer, mein ehemaliges – er sah ihr sehnsüchtig nach, als die Tür sich schloß. Dann dankte er mir noch einmal, daß ich ihr mein Zimmer überlassen hatte, und war offenbar kurz davor, mir etwas anzuvertrauen, besann sich aber und ging, ohne etwas weiteres zu sagen, nach oben, in seine Bodenkammer, und ich ging in das Kontor. Ich legte mich auf das Sofa mit dem Roßhaarbezug und deckte mich mit meinem Mantel zu, schlafen konnte ich aber nicht, der Mond schien mir gerade ins Gesicht, und ich lag da und dachte und dachte, hauptsächlich an das junge Paar, das geflohen war und das morgen, wenn alles gut ging, Hochzeit feiern sollte. Wer war er , und wer war sie ? Er war Offizier, davon war ich fest überzeugt – schon allein die Art und Weise, wie er »Danke, Kamerad!« zu Franz gesagt hatte, bezeichnete ihn als solchen – in so etwas irrt man nicht – aber sie! Aus welchem Nest war sie fortgeflogen? – Und nun lag der kleine, eingeschüchterte Vogel allein hier nebenan; und ihr Verlobter befand sich an dem andern Ende des Hauses, weit weg, obwohl sie am nächsten Tag schon Mann und Frau sein würden, – nun, man denkt ja nicht immer so ganz artig, wie man wohl sollte, nicht wahr? – – ich jedenfalls nicht! Schließlich war ich aber doch wohl eingeschlafen, denn plötzlich fuhr ich in die Höhe, als ich den Laut eines scharf trabenden Pferdes von Süden her vernahm. Einen Augenblick später schlug der Kettenhund draußen an, ein anderer Hund, etwas weiter entfernt, stimmte mit ein, und dann hörte ich, daß an die Tür gedonnert und etwas mit einer groben Stimme gerufen wird. Der Krugwirt öffnete selbst, es wurden einige Worte zwischen ihm und dem fremden Reiter gewechselt, und dann – dann wird die Tür zu meiner Kammer aufgerissen und herein stürmt – die junge Dame! »Ach, um Himmels willen, helfen Sie mir, beschützen Sie mich,« schluchzte sie, »das ist Vater – ich kann seine Stimme erkennen!« Sie zitterte am ganzen Leibe, das kleine Wesen, und zwar nicht vor Kälte – obwohl sie keine Zeit gehabt hatte, etwas über ihr weißes Nachtgewand zu ziehen – offenbar waren der Schrecken und die Angst Schuld daran. »Verlassen Sie sich nur auf mich, gnädiges Fräulein,« sagte ich, schloß die Tür ab und hüllte sie in meinen Mantel. Sie kroch darunter in der entlegensten Ecke des Zimmers zusammen und zitterte wie Espenlaub; der eine nackte Fuß guckte unter dem Mantel hervor – sie hatte in der Eile draußen auf dem Gang den einen Schuh verloren – und den krümmte sie und streckte sie unwillkürlich nervös – nie habe ich einen entzückenderen Frauenfuß gesehen! Jetzt entstand draußen auf dem Gang Spektakel: der Krugwirt und der, von dem sie gesagt hatte, daß es ihr Vater sei, näherten sich. »Liegt sie hier in dieser Stube!« rief der Fremde mit unverkennbar schleswigschem Akzent, stürmte in die leere Stube hinein und dann wieder heraus, als er niemand fand. »Aber hier liegt ja ein seidener Schuh!« brüllte er. »Da kann die Dirne nicht weit sein! – Machen Sie hier auf, oder ich schlage die Tür ein!« Und dann kam ein Donnerschlag, so daß ich fast bange wurde, er könne Ernst aus seiner Drohung machen. Aber jetzt war die Reihe an mir. »Wollen Sie sich wohl in Acht nehmen, Sie da draußen,« rief ich, »Der erste, der hier herein kommt, rennt in meinen Säbel hinein!« Jetzt hörte ich, wie der Krugwirt den rasenden Vater beschwichtigte, plötzlich ertönte aber eine andere Stimme – es war Franz' Stimme. »Ach du bist es!« sagte Franz – »Lassen Sie mich doch ein paar Worte mit dem fremden Mann reden, Herr, dann wird sich das schon geben!« Ich vernahm einen unterdrückten Fluch, und als ich dann mein Ohr an die Tür legte, hörte ich Franz sagen: »Na, so also siehst du jetzt aus – du bist eigentlich schön von Gesicht geworden, ja, das bist du – aber du weißt wohl noch, was du unter der Futterkiste vergraben hast? – Ja, das habe ich mir gedacht! Na, dann ist es wohl am besten, daß du dahin reist, wo du hergekommen bist, und das Mädel und uns in Ruhe läßt!« »Hol der Deubel –« murmelte der andere mit unterdrückter Wut. »Ja, das wird er schon tun, wenn die Zeit da ist, mach' du nu man, daß du wegkommst!« Es tönten Schritte den Gang hinab, und eine Minute darauf hörte ich ein Pferd südwärts traben. Dann kam Franz zurück, klopfte an die Tür und sagte: »Nu kann die kleine Jungfer gern wieder in ihr Bett gehen und ruhig schlafen. Dem hab' ich die Giftzähne ausgezogen, der kommt nich wieder. – Gute, geruhige Nacht!« Franz ging, und mein nächtlicher Gast, die kleine Dame – sie hatte glücklicherweise so weit von der Tür entfernt gesessen, daß sie nichts von der Unterhaltung zwischen Franz und dem Vater hören konnte – fuhr auf und – ja, nun erwarten Sie wohl, daß Sie mir um den Hals gefallen wäre usw. – nein! Sie sagte bloß, »tausend, tausend Dank!« weder mehr noch weniger – und schlüpfte dann wieder in ihr Zimmer hinein. Aber meine Feuerzangen-Bowle mußte doch stark gewesen sein, wie Madame Didriksen sagte, denn weder die Schauspieler noch der Bräutigam oben hatten nur das Geringste von dem nächtlichen Auftritt gehört, sondern das Ganze friedlich verschlafen. Etwas davon muß sie ihrem Verlobten indessen doch wohl erzählt haben, denn der junge Mann gab Franz einen blauen Zettel und wußte garnicht, wie er mir danken sollte, obgleich ja an und für sich gar kein Grund zum Danken vorlag. Und dann verabschiedeten wir uns von einander, und dann fuhr das junge Paar winkend und wehend gen Norden, die Kastanienallee hinauf, dem Glück entgegen. Der Himmel war blau und die Sonne schien, und die braunen Blätter in den Wagenspuren sahen aus, als seien sie pures Gold, »Truggold«, wie man es nennt. Draußen vor dem Hof des Rademachers sprang ein kleiner, lockiger Junge auf und setzte sich hinten auf den Wagen. Es war vermutlich einer von den Jungen des Rademachers, aber ich meinte doch bestimmt, daß ich sehen konnte, wie dem Knaben Flügel aus den Schultern herauswuchsen, als er sich ein wenig seitwärts beugte, und so lange meine Augen dem Wagen folgen konnten, saß er noch da – es war ein wunderschöner Anblick! Denn wohl ist es gut, einen Königsbrief in der Tasche zu haben, wenn man mit seiner Braut in die weite Welt hinausfährt, noch besser ist es aber, Eros selbst im Rücken zu haben – das wollen Sie doch wohl nicht leugnen! Ja, mehr ist da nicht zu erzählen – wenigstens vorläufig – aber glauben Sie wohl, daß man so eine Nacht in einem modernen Hotel erlebt – nein! Die Zeit der Krugwirtschaften ist vorbei, und vorbei ist es mit der Poesie der Landstraße – aber Gott sei Dank, hat man sie doch gekannt. Der Hauptmann und ich waren auf Entenjagd gewesen. Nicht auf der großen alljährlichen auf dem Hjortholmer See, sondern auf einer kleinen, privaten Entenjagd, die im Pindser Mühlenteich begonnen und sich dann über alle die zunächst gelegenen Moorlöcher und Mergelgruben erstreckt hatte. Und die Jagd hatte die gewöhnlichen Überraschungen und die gewöhnlichen Enttäuschungen gebracht. An einer Stelle waren die jungen Enten zu klein, dafür aber war auf einem fast zugewachsenen Sumpf, auf dem Gelände des Schulzen, ein großes, starkes ??Schof. Die Bläßhühner waren nicht aus dem Heidemoor heraus zu kriegen, obgleich wir sie die ganze Zeit drinnen in dem dunklen Rohrdickicht vor dem Hunde hatten plätschern hören; aber sie tauchten ununterbrochen, und wenn das vor Dianas Nase passierte, steckte sie die Schnauze in die Luft und heulte vor Erstaunen darüber, daß eine solche Durchtriebenheit überhaupt möglich sei. Eine kleine Ermunterung war es ihr, mitten zwischen den Bläßhühnern in einem Röhrichthügel, ein grünbeiniges Wasserhuhn zu erwischen, das sie, ohne ihm auch nur eine Feder gekrümmt zu haben, ganz lebendig zu dem Hauptmann brachte, der es natürlich wieder aussetzte. Den Abend hatten wir auf eindringliche Aufforderung in der Pindser Mühle zugebracht, und Müller Sörensen und seine prächtige Frau wußten natürlich garnicht, was sie uns alles zugute tun sollten. Sörensen hatte eben sein Heu eingefahren – das letzte Fuder stand noch im Tor und sperrte die Passage, Überall auf dem Weg und auf dem Hof lag Heu, Heu hing dem Müller in den Haaren und an den Hemdärmeln, und nach Heu duftete die ganze Mühle – das macht Appetit. Daran fehlte es nun freilich schon im voraus nicht, und die frisch geschossenen Enten – von Madame Sörensen tadellos gebraten – glitten eine nach der anderen herunter, und ein Schnaps oder zwei schlichen sich mit durch. Als die Uhr dann auf halb zehn ging, sagten wir Adieu, und bald nach zehn waren wir daheim im Waldhäuschen. Es war ein sengend warmer Tag gewesen, und angestrengt hatten wir uns ja auch, so war es denn an und für sich ganz natürlich, daß wir uns jetzt Zur Ruhe begaben, aber der Hauptmann erklärte mit großer Bestimmtheit, von solchen Abenden, so windstill und tageswarm, gäbe es in einem Sommer höchstens ein Dutzend, deswegen sei es eine Schande, jetzt zu Bett zu gehen – Zu Bett könne man ja jeden Abend gehen. Ich war natürlich mehr als bereit, aufzubleiben – des abends zu Bett zu gehen und des morgens aufzustehen, das kann ich eigentlich nicht ausstehen – und dann stellten wir einen Tisch und ein paar Stühle vor die Tür hinaus, steckten unsere Pfeifen an und setzten uns. Der Hauptmann hatte eine große Kanne herrlich kalten Wassers aus seiner eigenen Quelle geholt – was ihm natürlich eine willkommene Gelegenheit gab, von neuem zu behaupten, daß es außerhalb Jütland eigentlich gar keine richtigen Quellen gäbe – und Whisky stand auch auf dem Tisch – wir waren beide keine Abstinenzler. Dann saßen wir eine kleine Weile da und genossen den schönen Abend und die Ruhe, betrachteten den Neumond, der so gerade über den Wald hinübergucken konnte, und hörten, wie die alten Eulen drinnen im Tannendickicht die Kleinen das Schreien lehrten – ich habe ja immer gefunden, daß Eulengeschrei so gemütlich klingt. Anfänglich sagte eigentlich niemand von uns etwas. »Pausen sind in der Unterhaltung ebenso notwendig wie in der Musik«, pflegte der Hauptmann zu sagen – aber dann wurden wir uneinig über die Entfernung bis oder die Lage von irgend etwas, und dann ging der Hauptmann hinein, um die Karte zu holen, und brachte zugleich einen Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen heraus. Es sah ganz festlich aus, als der auf den Tisch gestellt wurde, und der Abend war, wie gesagt, ganz windstill, so daß die Flammen gerade in die Höhe stiegen wie in einer geschlossenen Stube. Wir betrachteten die Karte – der Hauptmann hatte natürlich Recht, denn er kannte sein Ostjütland in- und auswendig – und es entstand wieder eine Pause, die Diana dazu benutzte, um heranzukommen und ihren Kopf auf mein Knie zu legen, und mir ihre Schnauze zu zeigen, die ganz zerschnitten und blutig war von dem scharfen Röhricht und all den Wasserpflanzen, durch die sie sich im Laufe des Tages so tapfer hindurchgearbeitet hatte. Plötzlich kam dann, wie das so leicht selbst an dem windstillsten Abend geschehen kann, ein Luftzug, eine Brise, die die Flammen zwang, sich ganz horizontal niederzulegen, und die sie für einen Augenblick zu erlöschen drohte. Aber es waren auch nur ein paar Augenblicke, dann richteten sich die Flammen wieder auf, und alles war wieder wie vorher. – »Ist es nicht sonderbar mit so einem Windhauch,« sagte der Hauptmann. »Man kann an einem Abend tief drinnen im Walde stehen, nicht ein Blättchen rührt sich, nicht einmal an den Birken – und dann kann plötzlich ein Windhauch kommen, der die ganze Fläche des Waldsees kräuselt – wo kommt der her, und wo geht der hin?« »Ja, antwortete ich, »das kommt wohl davon, daß –« »Behalten Sie nur Ihre Erklärung für sich!« unterbrach er mich. »Ich mache mir überhaupt nichts aus Erklärungen – im Gegenteil! Aber das erinnert mich an einen Abend –« »Entschuldigen sie, Hauptmann« – jetzt unterbrach ich ihn – » kann überhaupt irgend etwas passieren, was Sie nicht an irgend etwas erinnert?« »Nicht viel, das gebe ich zu,« erwiderte er lächelnd. »Aber woran erinnerte Sie denn dieser Windstoß vorhin?« »Ach, an einen Abend in Svendsö,« »Svendsö?« »Ja, sind Sie da nie gewesen?« »Nein, da war ich nie gewesen.« »Dann reisen Sie dahin, Mensch!« rief der Hauptmann aus. »Lieber morgen als übermorgen – nein, das ist wahr, morgen sollen wir ja die Laasbyer Enten schießen, dann müssen Sie noch ein paar Tage warten – aber hin müssen Sie! Svendsö ist der schönste Grundbesitz in Jütland!« Es war nun einmal charakteristisch für den Hauptmann, daß der Ort, von dem er gerade sprach, immer »der schönste in ganz Jütland« war, aber ich gab ihm natürlich das Stichwort, indem ich fragte, wo Svendsö läge, und dann erzählte er. »Svendsö liegt dicht am Kattegat, und gleich südwärts vom Hof liegt der große Svendsöer See – da war eine Jagd, das können Sie mir glauben! Der Wasserstand des Sees ist nur niedrig, er ist aber ein bodenloser Moorsumpf, und nur im Norden und im Süden von den kleinen Inseln in der Mitte, wo wohl seinerzeit ein Ziegelofen gestanden hat, geht ein schmaler überschwemmter Damm bis an das Ufer, – das ist der alte Ziegeleiweg – und hier kann jemand, der gut Bescheid weiß, mit Vorsicht hinüberwaten. An halb schwimmenden Inseln und an Schilfwerdern gibt es rings umher im See genug, und wenn wir in früheren Zeiten uns in fünf, sechs Booten um so einen Werder legten und die Hunde losließen, dann flog da was auf, das können Sie mir glauben! Da waren Stockenten und Krickenten, Löffelenten und Spießenten; da waren mausernde Gänse und Erpel, und jedes Jahr wurden sowohl rotbraune als graue Sumpfhabichte und große Haubentaucher geschossen – die mit dem breiten, getollten Priesterkragen um den Hals, Sie wissen ja – und mit der wunderschön silberglänzenden Brust, ja von den Bälgen habe ich eine Menge an junge, hübsche Mädchen verschenkt, die jetzt längst würdige Mütter sind! Und Rohrdommeln waren da – ich habe sie nicht nur gehört, sondern auch gesehen – und auf sie vorbeigeschossen – das muß ich zu meiner Schande gestehen! Nun, es ist ja nicht allein die Lage und die Jagd, die Svendsö zu dem macht, was es ist. Es ist ein großer Besitz – Wald von, ich weiß nicht wie vielen hundert Tonnen Land, und Boden erster Güte, Und dann das Schloß selbst! Das »neue«, das der Kammerherr gebaut hat – Sie wissen, Kammerherr Hjelmsted, der als Leutnant den ersten Krieg mitgemacht hat, und dann das »alte Schloß«, das unbewohnt daneben steht – haben Sie davon nicht gehört? Nicht! Ja, das ist ein altes, rotes Schloß mit Gräben – ausgetrockneten Gräben – rund herum, aber es ist, wie gesagt, unbewohnt und ziemlich verfallen, – Haben Sie denn wirklich nie davon gehört? Da spukt es ja! Oben in einem Zimmer neben dem Rittersaal steht ein Himmelbett mit einer zerfetzten Ledermatratze, und darauf werden noch ein paar schwarze Flecke gezeigt, das ist das Blut von Niels Skade, so heißt es, der auf der Jagd vor ein paar hundert Jahren draußen im Süd-Lyngeter Wald zu Schanden geschossen wurde und oben im Schloß an seinen Wunden starb Die Sage will wissen, daß seine eigene Gattin, Mette Munk – von den jütischen Weintrauben-Munks – Sie wissen ja – ihn durch einen Jäger aus einem Hinterhalt erschießen ließ, um sich dann später mit Palle Brok verheiraten zu können, den sie ursprünglich wohl mehr geliebt hatte, dem sie aber treulos wurde, weil der alte Niels Skade Svendsö und andere Herrlichkeiten besaß. Mit dem Mord ist es nun übrigens nichts – wenigstens sagen die Historiker, daß die Aktenstücke das beweisen – aber das Leben einer Sage ist ja zäher als das einer alten Katze, und das steht fest, seit Menschengedenken hat niemand eine Nacht in dem alten Svendsö schlafen mögen, weil Mette Munk Schlag zwölf Uhr dort spukt, und es soll nicht angenehm sein, ihr zu begegnen. – Ich muß gestehen, ich möchte um keinen Preis dort eine Nacht liegen, denn man hat doch, Gott sei Dank, noch so viel Phantasie und so heißes Blut, daß einem da oben kein Schlaf in die Augen kommen würde, und es mag wohl sein, daß dieser Spuk mitbestimmend war, als mein alter Kriegskamerad, der Kammerherr, damals, als er Svendsö kaufte, ein ganz neues Schloß baute, statt das alte zu restaurieren, obwohl er ja freilich behauptete, daß das nur geschehen sei, weil das Restaurieren sehr viel teurer geworden wäre. Verkehrt war es nun doch gewissermaßen von ihm, es stehen viel zu viel alte dänische Schlösser leer und verfallen da – nicht wahr? – und das ist doch ein Jammer. Nun, jetzt sind es ja viele Jahre her, es war ein paar Jahre vor dem letzten Krieg – als ich an einem Sommertag gerade vor Beginn der Entenjagd nach Svendsö geritten kam. Ich entsinne mich noch, daß ich, als ich auf die Hügel westlich vom Schloß hinaufkam, halten mußte, um über den See und das Kattegat hinauszusehen und mein Auge an dem Anblick zu ergötzen. Da lag der See glitzernd in der Sonne, da lag die Ziegelei-Insel und die Schilfwerder, und ringsherum zwischen ihnen hindurch ruderten die Bläßhühner, diese schwarzen Galgenstricke, ganz munter herum, als wenn die Jagd sie gar nicht angehe. Ich freute mich wie ein Kind über das, was ich sah, und bei dem Gedanken an die fröhlichen Tage, die mir jetzt bevorstanden, umsomehr als ich ein paar Jahre nicht in Svendsö gewesen, und die Tochter des Hauses, Agnes, nicht gesehen hatte, seit sie erwachsen war. Agnes war nun immer mein spezieller Liebling gewesen, und sie hielt auch, das kann ich wohl sagen, große Stücke auf mich. Seit sie ganz klein war, hatte sie mich, trotz meines verhältnismäßig jungen Alters, als einen alten Großvater betrachtet, hatte auf meinem Schoß gesessen und sich damit belustigt, mich an dem Bart zu ziehen, und manch liebes Mal schlug sie die kleinen Arme um meinen Hals und wollte mich absolut küssen, aber dann sagte ich, wie ich immer bei solchen Gelegenheiten zu sagen pflegte: »Nein, warte nur damit, bis du sechzehn Jahre alt bist, mein Kind!« Nun, wenn die Mädel erst sechzehn Jahre alt geworden sind, dann vergessen sie ja freilich oft, was sie mir auf die Weise schuldig geworden sind, aber immerhin – ich kann mich nicht beklagen! Jetzt war Agnes indessen sechzehn oder gar siebzehn Jahre alt, und verlobt war sie auch, mit dem Sohn eines andern alten Kriegskameraden, des Rittmeisters Bergen. Den Sohn – den Verlobten – hatte ich niemals gesehen, aber ich wußte, daß er als Leutnant bei den Dragonern in Randers stand, und daß er in jeder Beziehung ein braver Mensch war: der beste Reiter des Regiments, ehrenhaft in seinen Gesinnungen und unglaublich verliebt in Agnes – was kann man noch mehr verlangen! Ein paar Schulden hatte er wohl, aber, du lieber Gott! Ich habe nun nie die Mittel gehabt, Schulden zu machen, daher ist ja nicht mein Verdienst, daß ich es nicht getan habe, aber so ein himmelblauer Dragoner-Leutnant, der einmal ein mittelgroßes Gut erben soll, und der mit der Tochter von Svendsö verlobt ist – Agnes war das einzige Kind – nicht wahr? Wenn da weiter nichts im Wege ist, wie? – Das wollte ich meinem Freund Hjelmsted auch sagen, denn ich hatte gehört, daß er nicht recht einverstanden mit der Partie sein sollte, sondern lieber einen Nachbar als Schwiegersohn gehabt hätte, den jungen Rishöi aus Tonsbo, der sein Gut frei und frank besaß. Nun, schließlich hatte ich mich denn an dem See satt gesehen und ritt weiter über die Brücke nach dem alten Svendsö. Ich liebe es, den Aufschlag des Pferdes unter mir auf einer Brücke zu hören! Eine hölzerne Brücke, die über den Bach nach der Mühle führt, ist schon ganz gut, aber eine gemauerte Brücke nach einem alten, roten Schloß, das war doch etwas anderes – »Es donnert der Hufschlag,« wie es in dem alten Lied heißt – das sind Worte, in denen Klang ist, nicht wahr? So ritt ich denn über das holperige Pflaster in den Schloßhof, wo das Gras rings umher hervorsproß und eine gelblichgrüne Einfassung um die rundlichen, kleinen Steine legte, durch das halbgeöffnete Tor am Nordflügel, und dann war ich an dem neuen Schloßgarten angelangt. Und da hatte ich wieder einen Anblick, der einem alten Kavalier gut tut. Mitten auf dem großen Rasenplatz steht, oder stand auf alle Fälle – eine breitkronige Eiche, und in ihrem Schatten war in der warmen Mittagsstunde die ganze Jugend des Schlosses in einer Gruppe gelagert, die sich mehr als malerisch ausnahm, Svendsö war nämlich – wie immer zur Sommerzeit – mit Hausbesuch angefüllt: Agnes' Freundinnen, Kusinen und Vettern, Freunde und Freundes Freunde – herrliche, fröhliche Jugend – ich liebe Jugend! Ich konnte denn auch nicht an mich halten, sondern rief schon aus weiter Entfernung mein »Halloh«, und dann kam Leben in das Lager: ehe ich noch vom Pferd abgestiegen war, hatten sich alle um mich geschart, und da war ein Gutentagsagen und ein Händedrücken und ein Vorstellen, so daß ich natürlich anfänglich kaum die Hälfte der Namen von allen diesen jungen Leuten behalten konnte – aber das machte nichts, wir kamen deswegen doch ebenso gut miteinander aus. Als ich den Staub abgespült hatte und in einer etwas präsentableren Verfassung war, und den Kammerherrn und seine liebenswürdige Gattin ordentlich begrüßt hatte, da kam Agnes zu mir hin, und ich sah sie mir gründlich an. Ja, wie schön war sie in den Jahren geworden, die ich sie nicht gesehen hatte – eine vollkommene Schönheit! Ein tannenschlank gewachsenes junges Mädchen, mit tiefen, blauen Augen und einem Lächeln, das einen Eiszapfen auftauen mußte, geschweige denn mich, der ich nie zu den Kalten gehört habe. Es war mir aber doch, als wenn sie mir nicht ganz so offen in die Augen sähe, wie früher, und als ich nach dem Verlobten fragte, den sein Dienst in der Garnison zurückhielt, da kam mir die Antwort ein wenig trocken und vorbehalten vor. – »Aber du bist doch wohl so recht fröhlich und glücklich, mein Kind?« fragte ich und sah ihr, so lange ich konnte, in die Augen. Ja, natürlich war sie froh und glücklich, und dann schob sie den Arm unter den meinen und führte mich in einen der entlegenen Gänge des Parks. »Onkel Hauptmann,« rief sie plötzlich aus – ich bin nun einmal Onkel für die Hälfte der jütischen weiblichen Ostküste – »ich will dir etwas anvertrauen!« »Ja, sprich du nur frisch von der Leber weg,« erwiderte ich, »ich bin ganz Ohr.« »Nein – ich will es doch lieber nicht tun,« sagte sie und kehrte um – so wurde denn nichts daraus. Dann kam das Mittagessen – stilvoll, ganz magnifique. Sie wissen, ich kann mich auf ein Stück gebratenen Specks und einen Schnaps bei Waldwärter Christen im Moor freuen, aber – warum sollte ich es leugnen – ich bin auch nicht gefühllos einer strahlenden Tafel gegenüber, die fast zusammenbricht unter Blumen, und wo man alten Madeira und Pfirsiche aus dem Treibhaus bekommt. – Und dann all die jungen, schönen Mädchen! – Ich glaube, es war Bischof Münster, der einmal sagte: »Ich kann mich nicht der Zeit erinnern, wo ich nicht verliebt gewesen bin!« Gott segne den Bischof für die schönen, ehrlichen Worte – ich mache sie zu den meinen, und ich danke Gott, daß ich das kann. Also: das Mittagessen war tadellos! Aber da war doch etwas, was mir nicht gefiel, nämlich, daß Agnes offenbar mehr Wesens von diesem Nachbar, Herrn Rishöi aus Tonsbo, machte, als ich für ein verlobtes Mädchen passend fand. Und er machte ihr offenbar stürmisch den Hof, beugte sich fortwährend zu ihr hinüber, flüsterte und lachte mit ihr – meiner Ansicht nach recht unfein. Nun, das Essen zog sich ziemlich in die Länge, und hinterher saßen wir lange draußen auf der großen, geschlossenen Veranda bei Kaffee und Likör – ja, das mit dem Likör ist eigentlich ein Unding, aber er schmeckt verdammt gut! – ich für mein Teil schwelgte in dem Anblick der vielen jungen Mädchen. In leichte, lichte Gewänder, in klare Farben waren sie gekleidet – wasserblau und rosa, lindengrün und weiß – und es sah großartig aus, wenn eine Gruppe von ihnen einen Augenblick in der offenen Verandatür stand und die Abendsonne ihre Köpfe mit goldenen Konturen umgab – kein Heiligenschein ist doch so strahlend, so warm, wie der der Abendsonne! Und in fast ununterbrochener Bewegung befanden sie sich: bald verschwand ein paar, bald ein anderes in den Garten hinaus, und dann hörte man ein frisches Lachen, jetzt im Nußgang, jetzt hinter einem Boskett. – Die Leute sind oft so empört über das, was sie »Flirt« nennen, ja, wenn er grobkörnig wird, wenn er die Grenzen der Schönheit überschreitet – pfui Kuckuck! Aber wenn es nichts weiter ist als ein graziöses Spiel mit den kleinen Eroten, wenn die Worte von dem einen zu dem andern hinüberfliegen wie der Ball beim Tennisspiel, und wenn das Höchste, was vorkommen kann, ein Händedruck oder ein Handkuß ist – meinetwegen auch ein richtiger Kuß – draußen in den dunklen Gängen, wo niemand es sieht – Ach, wie kann das doch schön sein! – Leichte Gewänder und leichter Sinn Zarte Röte auf Wange und Kinn, Rosengerank um den Fensterrahmen, Knospende Rosen am Busen der Damen – das kann einen wohl zwanzig Jahre jünger machen, nicht wahr? Eros in den hellen Nächten Gibt der Jungfer Stelldichein, Trifft aus dem Versteck im Haine Mitten in ihr Herz hinein – aber er muß freilich nicht auf die Verlobten zielen, und das tat er, wie gesagt, hier. Nun, glücklicherweise kam jetzt eine Zeit, in der Monsieur Rishöi nicht an Annes Seite weilen konnte, denn sie und eine Freundin spielten einige Duos für Klavier und Violine, – die Freundin Violine, Agnes Klavier. – War das ein Genuß! Sie spielten zusammen, als hätten sie ihr ganzes Leben lang nichts weiter getan – es waren zwei Seelen und eine Melodie! Besonders Mendelssohns »Venetianisches Gondellied«. Ich bin nie in Venedig gewesen und komme wohl nie dahin – aber ganz Venedig lag vor mir in diesem Lied, und dann in Offenbachs Barcarole, – die aus »Hoffmanns Erzählungen«, Sie wissen ja, die ich viele Jahre später kennen lernte. Mendelssohns Lied, das ist die schwarze Gondel, die einsam auf den engen, todstillen Kanälen dahingleitet – man hört ja förmlich das Ruder durch den festen, einförmigen Rhythmus streichen – aber Offenbach, das ist Serenade und Stelldichein auf dem mondbeleuchteten Canale Grande – die Luft ist ja gleichsam mit Erotik gesättigt, wenn das so gespielt wird, wie es gespielt werden muß – und so habe ich es, Gott sei Dank, spielen hören. Schließlich war das Repertoire der beiden jungen Mädchen erschöpft – leider! – und da die Uhr über elf war, begann der Kammerherr zum Aufbruch zu blasen. Aber da ertönte plötzlich hinter dem alten Schloß Musik von einer ganz anderen Art als die, der wir soeben gelauscht hatten, Es waren die Knechte und Mägde, die nach beendeter Heuernte auf alte, gute jütische Weise Mähefest hielten und drüben in der Scheune tanzten. Die ganze Musik bestand vermutlich aus nichts weiter als einer scharrenden Klarinette und einer falschen Violine, aber mit schlechten Instrumenten geht es ja so, wie es oft mit gewissen Menschen geht: wenn man sie nur in einer hinreichenden Entfernung hat, so nehmen sie sich eigentlich ganz gut aus, und es lag wirklich eine gewisse Stimmung über den fernen Tanzmelodien, von denen man nur einzelne Töne auffaßte. »Ach, lassen Sie uns nach der Musik der Leute tanzen,« schlug jemand vor, »nur eine halbe Stunde!« »Ja, nach »gebrauchter Musik« tanzen,« sagte ein anderer, »das ist doch was neues!« »Nein, das kann nichts nützen,« wandte der Kammerherr ein, »sobald man zu tanzen beginnt, hört man hier keinen Ton mehr!« »Aber ich habe einen anderen Vorschlag zu machen,« sagte Vishöi, »gehen wir in den Rittersaal des alten Schlosses hinüber und machen wir alle Fenster auf, von dort muß man die Musik ganz deutlich hören können, und da ist ja Platz genug!« Ich sah zu Agnes hinüber. Sie hatte von Kindheit an eine fast krankhafte Angst vor dem alten Schloß und vor Mette Munks Spuken gehabt, und ich erwartete daher, daß sie sich ganz entschieden Rishöis Vorschlag widersetzen werde – aber nein! Mit großen, strahlenden Augen sah sie zu ihm auf, klatschte in die Hände und sagte: »Ach ja, das kann herrlich werden! Wir nehmen jeder ein brennendes Licht mit hinauf, und dann tanzen wir bis an den hellen Morgen!« Ich hatte ein bestimmtes Gefühl, daß in der Gesellschaft mehrere waren, die in Wirklichkeit gar keine Lust hatten, um die Mitternachtstunde in dem alten Rittersaal zu tanzen, aber es ging hier, wie es immer geht: niemand hat den Mut, seine Furcht zu bekennen, und deshalb riefen alle die jungen Leute durcheinander, so wie Agnes, daß es herrlich sei, und einen Augenblick später bewegte sich eine Prozession mit brennenden Armleuchtern und brennenden Kerzen langsam über den Schloßhof – es nahm sich fast aus wie eine katholische Wallfahrt. Es war völlig still, so daß die Lichter nicht einmal flackerten, aber einige von den jungen Leuten hielten doch vorsichtshalber die Hand um die Flamme, und es sah hübsch aus, eine feine Mädchenhand von dem Feuer durchscheinen und gleichsam von inwendig herausglühen zu sehen. Unwillkürlich war die laute Lustigkeit verstummt, und als der Schlüssel in das Schloß gesteckt wurde und sich kreischend herumdrehte, trat Totenstille ein. Durch die große, öde Halle, die immer so eisig kalt aussah mit ihrer trübseligen Ausschmückung, grau in grau gemalt, die Treppe hinauf – sie knarrte bei jedem Schritt – und in den Rittersaal hinein ging der Zug. Da drinnen wurden die Leuchter auf ein paar alten, wurmzerfressenen Schränken und Stühlen angebracht, die sich noch vorfanden, und die Fenster wurden geöffnet; das tat auch nötig, denn es herrschte dort eine eingeschlossene, moderige Luft, wie in einem Grabgewölbe. An dem einen Ende des Saales hing das Bild von Frau Mette selbst, das ich so gut von früheren Besuchen her kannte: eine düster aussehende Dame in schwarz und weißer Witwentracht, das Weinranken-Wappen in der Ecke oben. Sie hing schief an der Wand, sehr schief, aber niemand schien Lust zu verspüren, sie gerade zu rücken, und ich glaube wohl, daß die ganze Gesellschaft sich jetzt ohne Ausnahme in das neue Schloß zurückwünschte, von woher wir gekommen waren. Da ertönten plötzlich die Klarinette und die Fiedel unten aus der Scheune herauf, und die Musik machte neuen Mut. – Welch eine verteufelte Macht doch die Musik auf uns Menschen hat! Wird nur eine lustige Melodie geblasen, so kann man jede Kompagnie dazu kriegen, mit dem Bajonett vorzugehen, und so lange man hören kann, daß eine Melodie auf den Saiten gestrichen wird, hat ja der größte Feigling den Geistern der Nacht gegenüber Mut! Nun, Rishöi forderte dann Agnes auf, die andern folgten dem Beispiel, und bald herrschte hier wieder lärmende, ausgelassene Lustigkeit, wie vorher draußen auf der Veranda. Aber dann geschah das , was ich als die Katastrophe bezeichnen möchte. Die Schloßuhr fing an, zwölf zu schlagen. Gleich bei dem ersten Schlag hielten alle unwillkürlich mit dem Tanzen inne, und man konnte deutlich sehen und merken, daß alle auf das warteten, was nun kommen würde – etwas mußte ja kommen. Man vernahm keinen Laut im Rittersaal mit Ausnahme der Schläge der Uhr – die Musik in der Scheune war verstummt – Acht, Neun, Zehn, Elf, Zwölf – endlich! Ja, was geschah denn da? Das ist eigentlich ganz schwierig zu sagen. Wäre Frau Mette leibhaftig aus dem Rahmen getreten, oder wäre eine hohle Stimme aus dem Grab ertönt – ich glaube nicht, daß das dieselbe Wirkung gehabt haben würde, wie das, was sich jetzt zutrug. Und dann war es doch nichts weiter – »nichts weiter«, das sagt man nun hinterher, wissen Sie! – als daß die Tür zu dem Schlafgemach, dort, wo Niels Skades blutbeflecktes Bett stand, plötzlich halb aufknarrte, und im selben Augenblick kam ein Zugwind, ein Windstoß, der alle Flammen niederdrückte, so daß sie nach der Seite schlugen, und die Hälfte von ihnen auslöschte. Es entstand ein Kreischen, ein Schreien, das ich nie vergessen werde, und zum Saal hinaus, zur Treppe hinab stürmten sie – viele strauchelten, einige fielen – das war Panik, das war mehr als Todesangst. Rishöi hatte Agnes Arm in dem Augenblick losgelassen, da die Tür aufsprang, und war wohl der erste, der hinauskam, und im selben Augenblick stürzte sie zu mir hin, der als Zuschauer bei dem Tanz dagestanden hatte, schlang die Arme um meinen Hals und preßte sich an mich, schluchzend und zitternd – ich mußte sie die Treppe hinabtragen. Ich entsinne mich, wie ich einmal draußen im Rynger Walde ein neugeborenes, fast verschmachtetes Rehkitz gefunden hatte, dem die Mutter wohl von einem Wilddieb weggeschossen war – diese Kerle schrecken ja vor nichts zurück! Ich nahm das Kitz auf den Arm, trug es nach Hause, um es mit der Flasche aufzuziehen – was mir auch gelang – und ich fühlte, wie sein kleines Herz dem meinen vor Angst entgegenschlug, während es in meinen Armen zitterte. Daran mußte ich denken, während ich Agnes trug. Mit geschlossenen Augen lag sie da, und ihr Mund war dem meinen ganz nahe – aber anvertrautes Gut ist Kirchengut – selbstverständlich. Nun, ich trug sie über den Schloßhof und legte sie auf ein Sofa in der Gartenstube, und dann wollte ich gehen, aber sie behielt meine Hand in der ihren und bat mich zu bleiben – das beruhige sie, sagte sie. Eine Weile lag sie ganz still, aber auf einmal richtete sie sich halb auf, sah mir in die Augen und fragte, offenbar in Todesangst vor der Antwort: »Hast du etwas gesehen, Onkel Hauptmann?« »Nicht das Geringste!« »Hast du auch nichts gehört ?« »Nichts weiter, als daß die Tür aufsprang. Es ist ja überhaupt nicht das Geringste geschehen!« »Das meinst du ja nicht!« rief sie heftig aus und krallte ihre Finger in die meinen hinein. Ich schwieg. »Glaubst du, daß sie wirklich –« begann Agnes wieder nach einer Pause. »Nein!« erwiderte ich. »Ich glaube ganz und gar nicht, daß sie ihren Mann hat ermorden lassen; es ist kein historischer Anhaltspunkt dafür vorhanden – ganz im Gegenteil!« »Aber was glaubst du denn?« fragte Agnes. Die Frage war ja gewissermaßen schwierig zu beantworten, aber plötzlich bekam ich – ja, ich möchte es eine Eingebung nennen, und dann sagte ich: »Ich glaube an und für sich nichts, aber es wäre ja denkbar, daß die, deren Namen du nicht nennen magst – etwas anderes als ihren Mann – ja, sagen wir einmal, getötet hätte!« »Was willst du damit sagen?« Ich will damit sagen, daß sie vielleicht ihre eigene erste und wahre Liebe zu Palle Brok getötet hat. Sie getötet hat, indem sie sich Niels Skade für Gut und Geld verkaufte, während sie ihn doch in Wirklichkeit nicht liebte. Und wenn sie da s getan hat, so ist das – jedenfalls nach meinem Katechismus – eine Sünde, vor der sie, das könnte ich mir sehr gut denken, keine Ruhe im Grabe finden kann, ehe sie nicht –« »Ehe sie nicht was?« fragte Agnes. »Ehe sie nicht ihre Sünde gesühnt hat, z. B. indem sie eine warnte, die vielleicht auf dem besten Wege ist, denselben Versuchungen zu erliegen wie Frau Mette!« Agnes sah mit Augen voller Tränen zu mir auf, schlang die Arme um meinen Hals und gab mir den Kuß, den ich mir nicht genommen hatte, als ich sie trug. Dann erhob sie sich, reichte mir ihre Hand zur Gutenacht und begab sich zur Ruhe. Aber der Kammerherr und ich gingen noch allein oben in den Rittersaal hinauf und löschten die Lichter, die noch brannten – ganz ruhig, die Flammen kerzengerade in der Luft, aber mit langen knorrigen Stearinzapfen an den Seiten herab. Nun, ein Jahr darauf hielt Agnes Hochzeit mit ihrem himmelblauen Leutnant, und sie hat es nie bereut. Ich war auf der Hochzeit, natürlich, große Hochzeit, mit der Regimentsmusik aus Aarhus, das war etwas anderes als nach »gebrauchter Musik« von der Scheune her zu tanzen, – aber wir tanzten ja auch nicht mehr in dem alten Rittersaal! Die Lichter auf dem Tisch waren während der Erzählung tief in den Leuchtern heruntergebrannt, und es war über Mitternacht, als wir zu Bette kamen, aber dann schliefen wir den nächsten Morgen eine Stunde länger und schossen trotzdem noch eine hinreichende Menge von den Laasbyer Enten. Es war zu Anfang Juni. Der Hauptmann, der insofern als »Jäger« auf Hjortholm fungierte, als er alles schoß, was auf dem Gut geschossen wurde, hatte mich gebeten, auf einen Bock zu pürschen, und eines Abends kam ich nach dem Waldhäuschen und wurde mit gewöhnlicher Gastfreundschaft empfangen. An dem Abend wurde nun nicht viel aus der Unterhaltung: wenn man halb vier am nächsten Morgen geweckt werden soll, hat man in der Regel keine Lust, lange aufzusitzen, denn, wie der Hauptmann sagte, »das frühe Aufstehen am Morgen ist immer am schlimmsten am Abend vorher.« Präzise um halb vier weckte mich mein Wirt, ich fuhr in die Kleider, trank die obligate Tasse Tee und eilte dann an den kleinen Wagen hinaus, vor den das alte Reitpferd des Hauptmanns gespannt war. Diana lag in ihrem Korb und guckte, das eine Auge halb geöffnet, uns nach, ohne sich zu rühren – ein anständiger Hund mißbilligt immer auf das Bestimmteste eine Pürschjagd, teils weil er weiß, daß er da nicht mitkommt, teils weil die Jagd zu einer so unvernünftigen Tageszeit vor sich geht. Und dann fuhren wir – ich mit dem berühmten Drilling des Hauptmanns ausgerüstet – in den grünen, grünen Wald hinein. Die Buche steht in ihrem schönsten Schmuck da, die Eiche hat sich eben mit dem ersten, zarten gelblichroten Laub bekleidet, aber die Esche besinnt sich noch. Alles ist neu und üppig, Blatt und Gras sind so frisch, und überall herrscht eine verschwenderische Blütenpracht. Die Dolden des Faulbaums duften, und der weiße, rotgesprenkelte Spitzenschmuck des Weißdorns läßt den Schlehdorn ganz grau erscheinen; am Zaun blühen die wilden Rosen zwischen Brombeerranken und Geißblatt, und drinnen in dem Garten des Holzschuhmachers ist es ganz lilagelb von hochragendem Flieder und herabtropfendem Goldregen; die Apfelbäume sind gleichsam bedeckt von einem zarten rosafarbenen Schleier, und in dem kleinen Sumpf daneben heben sich die schwefelgelben Iris über das schwarze Moorwasser. – »Großartig,« sagt der Hauptmann. Alles ist still, erwartungsvoll still, die Natur harrt noch auf das Wunder des Sonnenaufgangs. – Da rührt sich etwas – was ist das! – Es ist nur eine schwarzbunte Katze, die mit erhobenem Schwanz auf das Feld geht – wohl kaum, um mit Andacht der Frühpredigt der Lerche zu lauschen! Eigentlich sollte sie eine Kugel haben, die Räuberin, aber der Hauptmann erklärt, es sei die »Mies« von Holzschuhmachers Sidse, und dann bleibt sie am Leben. Wir fahren an dem Moor dahin, an dem großen, endlosen Moor. Der Nebel ruht feucht und dicht darüber und macht die bekannte Gegend so fremd und verworren. Das Moor gleicht einem Meerarm, der sich in das Land hineingedrängt hat, und die Hügelkette auf der anderen Seite ist die Küste jenseits des Wassers. – »Das erinnert mich an den kleinen Belt an einem Sommermorgen im Jahre 49,« sagt der Hauptmann. » Hier ist Fredericia und dort drüben liegt Hindsgavl – ja, das waren stolze Tage!« Und dann bricht die Sonne aus dem Nebelmeer hervor, plötzlich, wie infolge einer Explosion. Die blutrote Scheibe hebt sich über den Horizont und zerstört im Nu den Nebelteppich, der sich in leichten Wogen zusammenrollt, die fliehen und schwinden, und dann ist das Meer wieder festes Land und bekanntes Land. Die Sonnenstrahlen glitzern in den Tauperlen auf dem Gras, spielen zwischen den Stämmen auf der Westseite, erleuchten und wärmen – jetzt erst merkt man, daß es kühl gewesen ist. Und nun erwacht alles. Ein Stück Wild springt über die Waldhecke, und in der Ferne brüllt eine Kuh; der Fasanenhahn kräht drinnen im Tannendickicht, der Kuckuck ruft, und die Holzhäher schreien. Eine Drossel schlägt Alarm zwischen den Haselbüschen, als sei es nicht ein einziger Vogel, sondern eine ganze Schar, und ringsumher, hoch oben und tief unten ertönt im Laufe von wenigen Minuten eine vielstimmige Morgenhymne von allen den kleinen Vögeln, die über das Geschenk des Lebens jubeln: »Es scheint die Sonn', es ist Tag, heller Tag!« Nun kommt der Storch über das Moor dahergeschwebt, – mit langen, stolzen Flügelschlägen; ein taunasser Hase, schwarz und groß anzusehen, hüpft unbeholfen auf dem Weg dahin, ohne uns zu sehen, und da – nein, wie schön das ist! ganz vertrauensselig kommt eine Ricke aus dem Dickicht heraus, um ihr neugeborenes, geflecktes Kitz zu sonnen – ja, die Ricke weiß es wohl, daß zur Zeit weder ihr Leben noch das ihres Kitzes in Gefahr schwebt! – Wir fahren wieder in den Wald hinein, eifrig nach einem Bock ausspähend, jeder auf seiner Seite. Der Hauptmann kennt natürlich nicht nur seinen Wald in- und auswendig, sondern er hat auch einen Namen für jede Lichtung, jede Tanneninsel und jede kleine Moorstrecke; Namen, von denen viele des Versuchs einer ethymologischen Erklärung spotten. Das da ist der »Farnenberg«, und das da ist das »Gänsemoor«, und hier liegt die »Quellwiese« und dort hinten kommt »Franz Franzens Moor« – alle Einzelheiten erhalten gleichsam Individualität und neues Leben, wenn sie so benannt werden. Und der Hauptmann kennt den Wildbestand. Im Eschenmoor, wo die Rinde an mehreren Stellen in Fetzen von den jungen Stämmen herabhängt, hat der gute Sechserbock neulich gefegt, aber heute ist er nicht da; zwischen den hohen Nesseln im Mühlenwald pflegt jeden Morgen ein Gabelbock zu stehen – da ist er! Kaum fünfzig Schritte vom Weg steht er mit gesenktem Hals, den Kopf versteckt, – jetzt hebt er ihn – nein, es ist eine Ricke. Dann biegen wir vom Weg ab, in ein Dickicht hinein, wo nur eine undeutliche Wagenspur zu erkennen ist, und wo der Weg bald nach der einen, bald nach der anderen Seite abfällt, so daß wir dem Gleichgewicht nachhelfen müssen, indem wir den beweglichen Ballast bilden; schließlich hört die Wagenspur ganz auf, und wir fahren über den weichen Waldboden hin, hinweg über Gras und Himbeerranken, über knackende Aste und bemooste Steine. Wir steigen vom Wagen – das Pferd hütet sich indessen selbst und schnappt Zweig auf Zweig von dem saftigen Buchenlaub – und gehen dann so vorsichtig und lautlos wie nur möglich nach dem Staarmoor hinab. Drüben unter der großen Eiche, ganz da drüben auf der anderen Seite, steht ein Stück Wild. Der Krimstecher wird sicherheitshalber herausgeholt – ja, es ist ein Bock. Ich finde natürlich, daß die Entfernung zu groß ist, aber der Hauptmann sagt, ich soll schießen, und der Hauptmann ist gewohnt, daß man ihm gehorcht, also, den Drilling an die Wange und ruhig gezielt – ganz ruhig, wenn auch das Herz pocht und die Hand vor Spannung zittert – das ist fast zu viel verlangt! »Feines Korn, ja nicht zu hoch!« flüstert der Hauptmann, und dann fällt der Schuß – der Bock ist verschwunden, aber als wir hinüberkommen, wo er gestanden hat, liegt er auf dem Fleck in dem hohen Gras. Er hebt den Kopf halbwegs in die Höhe, fällt aber gleich wieder nieder, das Auge bricht – es ist, als wenn eine bläuliche, opalisierende Haut darüber gezogen wird – und dann ist er verendet – ein glücklicher Tod! Wir tragen ihn im Verein an den Wagen, steigen auf, zünden unsere Pfeifen an und schlagen die Richtung nach Haus ein. Jetzt steht die Sonne schon verhältnismäßig hoch am Himmel; der Waldarbeiter geht an sein Tagewerk, grüßt uns und betrachtet voller Interesse den Bock hinten im Wagen, das Mädchen des Waldwärters ist auf dem Weg nach dem Melken, und die jungen Störche oben auf dem Dach gucken neugierig über den Rand des Nestes heraus, während der blaue Torfrauch aus dem Schornstein daneben davon zeugt, daß Feuer unter dem Kaffeekessel ist. Wir kommen heim nach dem Waldhäuschen, das Pferd wird ausgespannt und der Bock abgeladen – der Hauptmann bricht ihn drüben am Giebel selbst auf. Diana, die sich fest vorgenommen hat, die Beleidigte zu spielen, weil wir ohne sie fortgefahren sind, und die uns deswegen bei unserer Heimkehr nicht empfangen hat, kann doch ihrem besseren Gefühl nicht länger widerstehen, sondern kommt ganz langsam und ganz leise wedelnd auf uns zu. Mit ungeteiltem Interesse verfolgt sie das Aufbrechen, und als der Hauptmann ihr schließlich das Herz des Tieres gibt, scheint die Beleidigung vergessen zu sein; sie sieht verliebt zu der Leber hinüber, aber das fehlte noch – die ist ja unser Frühstück, und wie der Hauptmann es versteht, eine Rehleber zu bereiten – nein, das macht ihm niemand nach! Als der Bock an einem der Haken des Giebels aufgehängt ist, und wir ihm mit Rücksicht auf die Fliegen den leeren Bauch mit frisch gepflückten Nesseln gefüllt haben, wäre es ja eigentlich am natürlichsten, sich nun in seinen »Bau« zu begeben und ein paar Stunden zu schlafen, aber als wir erst eine Pfeife angezündet und uns in die offene Tür mit der Aussicht auf den Wald gesetzt haben, und als der Hauptmann eine große Kanne Wasser aus der Quelle geholt hat, da sitzen wir so gut, daß niemand von uns der Erste sein will, der aufbricht. »Stellen Sie sich vor, die Uhr ist nicht mehr als sechs,« sage ich, »und doch hat man schon das Gefühl, als hätte man gar nicht so wenig in dieser Morgenstunde ausgerichtet.« »Das Gefühl habe ich auf alle Fälle an einem Sommermorgen gehabt,« erwidert der Hauptmann ernsthaft. »Wo war denn das?« »Das war am sechsten Juli nach der Schlacht bei Fredericia – den Morgen vergißt man nie! Vorher unten am Moor dachte ich gerade daran.« »Ja, Sie sprachen ja von dem kleinen Belt und von der Fünenschen Küste. – Warum haben Sie mir eigentlich nie etwas von Ihren Erlebnissen von damals erzählt?« »Von meinen Erlebnissen!« wiederholt der Hauptmann. »Was glauben Sie, das ein Gemeiner oder ein neugebackener Leutnant von einer Schlacht erzählen kann! Er sieht und faßt ja nur das auf, was er gerade vor Augen hat, und wenn er dann hinterher den Rapport des Oberkommandos hört, so wundert er sich manch liebes Mal darüber, daß wirklich seine Abteilung dieses oder jenes ausgeführt hat. Und dann sind es obendrein oft nur ganz wenige, scheinbar unbedeutende Einzelheiten, zufällige Augenblicksbilder, die überhaupt in der Erinnerung zurückbleiben. Für mich ist der Ausfall und der Sturm auf die Schanzen nicht das, was nur am klarsten in der Erinnerung steht, wenn Fredericia genannt wird. Es ist vielmehr die Morgenstimmung, der Siegesjubel nach der Schlacht, und dann – vielleicht am allermeisten – was voraus ging.« »Meinen Sie die Belagerung und die Spannung vor der Entscheidung?« fragte ich. »Auch das; in erster Linie denke ich aber an den Abend vor der Schlacht – das sind die märchenhaftesten Stunden, die ich jemals erlebt habe.« »Wieso?« »Ja, das war Karl Hortens Verdienst.« »Karl Horten?« »Ja, habe ich Ihnen nie von ihm erzählt?« Ich schüttelte den Kopf, und dann legt der Hauptmann die Pfeife hin, trinkt ein großes Glas Wasser und erzählt. Im Jahre 48 ging ich als Freiwilliger mit, wissen Sie, und 49 marschierte ich als Leutnant aus. Ich stand in Schleppegrells Brigade und war also während der ganzen Belagerung in Fredericia. Zu Anfang, als sich die Deutschen damit begnügten, die Festung zu zernieren und ihre Batterien und Verschanzungen noch nicht angelegt hatten, war es ja ein verhältnismäßig friedliches Dasein: regelmäßig auf Vorposten, wo man gelegentlich zu einer kleinen, munteren Rekognoszierung alarmiert wurde, und im übrigen ein sorgenloses Leben mit den Kameraden, einfache, aber fröhliche Zusammenkünfte und Spaziergänge rund herum auf dem Wall, von wo man alles beobachten kann, was draußen vor sich geht. Am liebsten stand ich, wenn ich keinen Dienst hatte, oben auf der Bastion Dänemark – der nordöstlichsten, wie Sie wissen, nach dem kleinen Belt hinaus – und an manch einem Sommermorgen habe ich von hier aus die entzückendste Aussicht über das Wasser genossen und gegen Norden nach dem Trelder Wald ausgespäht. Hier war immer genug zu sehen. Bald kam von Hindsgavl eine Flottille von Billes Ruderkanonenbooten, um eine Demonstration gegen den Feind vorzunehmen – sie glichen mächtigen Wasserskorpionen mit vielen Beinen, die sich alle auf einmal bewegten, und es lag etwas eigentümlich Beruhigendes darin, die Fahrzeuge den Kurs innehalten zu sehen, auch wenn die feindlichen Kugeln gerade vor dem Steven in den Wasserspiegel einschlugen; bald war Unruhe zwischen den Vorposten – das brachte Leben! Plötzlich ein Schuß von einer Vedette, Aufblitzender Schein der Bajonette, Man rühret die Trommeln, es tönt ein Horn. Und die Reihen stürmen vorwärts durch taufeuchtes Korn! – ja, so einen Sommermorgen vergißt man nie wieder! Allmählich, als der Feind sein schweres Geschütz in Stellung gebracht hatte und allen Ernstes anfing, die Stadt zu bombardieren, wurde es ja weniger gemütlich. Immer mehr Häuser wurden eingeäschert oder beschädigt, mehrere von der Besatzung wurden getötet oder verwundet und der größte Teil der zivilen Bevölkerung der Stadt verzog sich. Nun, man gewöhnt sich ja schnell an alles, auch an Bomben. Am Tage sieht man so ein Ding als winzig kleinen, schwarzen Punkt, ungeheuer hoch oben, und man meint immer, daß sie absolut direkt einem auf den Kopf fallen muß, was sie doch nur sehr selten tut. Platzt sie in der Luft, so entsteht zuerst eine kleine, kreideweiße Wolke, dann hört man ein scharfes Geknatter, darauf ein Geräusch, als wenn ein Volk Rebhühner auffliegt. Des Nachts sieht man natürlich mehr; dann zieht die Bombe einen Feuerschwanz hinter sich drein wie ein Komet, und platzt sie an der Erde, so steigt eine ganze Fontäne aus ihr heraus, prachtvoll, sage ich Ihnen, aber selbstverständlich nicht ohne Risiko! Mit der Verpflegung war es natürlich nur so so la la, und viele klagten jammervoll darüber, aber ich habe immer eine gewisse Anlage gehabt, eine Scheibe Speck oder andere Naturalverpflegung auf der Pfanne prasseln zu machen, daß es nach etwas aussieht und nach etwas schmeckt, und außerdem will ich auch nicht leugnen, daß zuweilen auch etwas anderes auf die Pfanne kam als gerade Naturalverpflegung. – Mein Gott, man ist ja so oft empört darüber, daß sich der Soldat In Kriegszeiten etwas »gampft«, aber kann es ihm eigentlich jemand verdenken, daß er in einer eingeschlossenen Festung von den Gottesgaben ißt und trinkt, die er findet – ich jedenfalls nicht! Ich gestehe ganz offen, ich habe längere Zeit herrlich gelebt von einer halben Elle Mettwurst, die ich in einem Schornstein eines abgebrannten Hauses hangen fand – sie war ja freilich ein bißchen extra geräuchert, wie Sie sich denken können! – und ich schäme mich nicht, daß ich allmählich all den Wein ausgetrunken habe, der in dem Keller lag, da, wo ich mich einquartiert hatte – das war in einem alten Kaufmannshaus in der Prinzessinnenstraße; der Besitzer war mit seinem ganzen Hausstand geflüchtet, aber ich bezahlte ihm selbstredend später den Wein, und ich glaube nicht, daß er einen schlechten Handel dabei gemacht hat. Es war übrigens ein vorzügliches Quartier, so lange es währte! Sofa, Klavier und Lehnstühle im Wohnzimmer – ganz herrschaftlich – und das Schlafzimmer mit zwei tadellosen Betten lag nach einem kleinen Garten hinaus, wo an der Wand eines Wirtschaftsgebäudes die schönsten Rosen blühten – Centifolien, wissen Sie; wenn ich das Fenster öffnete, strömte der Duft zu mir herein, eine ganze Sommerbrise von süßem, berauschendem Wohlgeruch – keine Rosen duften doch wie die alten Centifolien! Nun, nach und nach wurde ja der Dienst streng, der Feind rückte uns näher auf den Leib, immer mehr Mörserbatterien eröffneten ihr Feuer, und manch liebes Mal konnten mehrere Tage vergehen, ohne daß man aus den Kleidern kam. Eines Nachts hatte ich die Wache in dem Blockhaus, das, südlich von der Festung zwischen der Überschwemmung und dem Strand lag, und das die Leute »Lundings Lust« nannten, weil es ganz allgemein hieß, daß der Kommandant ihm eine besondere Bedeutung beilegte. Das steht fest, er hatte dem Leutnant, der da draußen fallen würde, ein Begräbnis mit Majors-Ehren versprochen, und das war ja sehr ermunternd für einen jungen Ehrgeiz, – Nun, ich fiel ja nicht und kam auf die Weise um die Honneurs herum, aber als ich am Morgen aus dem Blockhaus wieder ausrückte und nach Hause in die Prinzessinnenstraße kam, da hatte eine Bombe freilich die Herrschaftlichkeit ein wenig reduziert. Sie war durch das Dach gegangen, gerade durch den Dachfirst und war in der Wohnstube geplatzt; der Fußboden war halb aufgerissen, ein Stück Mauer war herausgeschlagen, und das Klavier hatte ein Bein verloren. Das Schlafzimmer aber war fast unberührt und meine Rosen dufteten nach wie vor. Es kann ja nichts nützen, es leugnen zu wollen: je längere Zeit verging, um so unbehaglicher wurde es in Fredericia, und während zu Anfang hie und da einmal eine Bombe gefallen war, so fielen jetzt so viele, daß man es aufgab, sie zu zählen. Nun, offen gestanden, es war gewissermaßen eine Erleichterung, denn man hörte schließlich ganz auf, sich vor ihnen zu ducken, ganz so, wie man bei Regenwetter anfänglich immer unter einem Baum oder hinter einem Zaun Schutz sucht, aber wenn es wirklicher Platzregen wird, so daß man sich doch nicht dagegen wehren kann, schließlich Schutz Schutz sein läßt und seinen Weg geht, als wenn es eitel Sonnenschein wäre. Eine große Ermunterung war es ja, daß alle Abteilungen – jedenfalls alle Abteilungen der Infanterie – abwechselnd vier, fünf Tage zur Zeit drüben auf Fünen waren. Das war eine Veränderung! Stellen Sie sich vor, was das heißt, aus dem belagerten Fredericia, aus angestrengtem Vorpostendienst, Wache im Blockhaus oder auf dem Wall, von Bomben und Naturalverpflegung weg, nach dem herrlichen Garten Fünens hinüberversetzt zu werden und den Frieden zu genießen! Das Korn wogte auf dem Felde, der Flachs läutete mit seinen blauen Glocken, und die Lerche sang – ich erinnere mich noch, daß ich mich geradezu darüber wunderte, daß sie so fröhlich und ruhig singen konnte, ganz, als gäbe es nichts, was Krieg heißt! Drüben in Hindsgavl, da war das Hauptquartier, und abends spielte die Brigademusik im Hindsgavler Walde. Dann hielt in der Regel der alte, prächtige General Schleppegrell – alt war er ja nun übrigens garnicht – zu Pferde und sah zu, wie Offiziere und Mannschaften sich im Tanz mit den Damen und Mädchen der Umgegend drehten – einen Standesunterschied gab es nicht. Den Mützenriemen hatte der General immer unter dem Kinn, und vergnügt sah er aus – geradezu strahlend vergnügt, mochte er Zuschauer bei dem Tanze oder bei einem Sturm sein – aber einen gewaltigen Respekt hatte man vor ihm, das ist sicher! Ich sehe ihn nach so deutlich vor mir, dort draußen unter den Hindsgavler Buchen, den einen Tag auf seinem Rappen, den andern auf seinem Fuchs – die beiden Pferde waren ja in der ganzen Brigade bekannt. Es waren wunderbare Abende, und vernahm man dann drüben von Fredericia her plötzlich dumpfes Dröhnen, und sah man die gebogenen Feuerlinien über der Stadt, ja, dann verlieh das dem friedlichen Idyll nur noch mehr Reiz, und man ließ sich weder bei seinem Tanz noch beim Kurmachen stören – es ist ja ein beneidenswertes Leben, unter Feldverhältnissen Uniform zu tragen. Niemals fallen so viele Küsse für den Soldaten ab, und selbst wenn der Krieg die Reihen lichtet, so hilft er dafür auch die Bataillone der Zukunft rekrutieren. – Da, ich will das nicht verteidigen – keineswegs – aber es ist sehr schwer, Heiliger zu sein, wenn man auf Feldfuß lebt! Nun, drüben in Hindsgavl war es übrigens leichter, ein Heiliger zu sein, da die Offiziere der ganzen Brigade sämtlich in die schöne Liese verliebt waren – so sonderbar es klingen mag, ich ahne nicht, wie sie mit Nachnamen hieß. Sie war eine Nichte – oder auf alle Fälle eine Verwandte – eines Gutsbesitzers dort in der Nähe, und sie war jeden Abend im Hindsgavler Walde. Eine regelmäßige Schönheit war sie vielleicht nicht einmal, aber über ihrer ganzen Erscheinung lag etwas so – ja, etwas so Dänisches, so Kerngesundes, und dabei war sie so allerliebst – so »wohltuend allerliebst«, wie mein Hauptmann sagte. Auch sie kann ich noch vor mir sehen, Haar so gelb wie des Adlers Klau', Tief wie das Meer der Augen Blau; Der Busen so voll und der Arm so rund, wie zum Kuß geschaffen der rosige Mund – Aber es bekam doch niemand Erlaubnis, den Mund zu küssen! Sie war gleich freundlich und gleich natürlich gegen alle, aber darüber hinaus – nein! Zuweilen bildete ich mir ja freilich ein, wenn wir zusammen tanzten, und ich mir zum Dank erlaubte, ihre Hand zu drücken, daß ich einen schwachen Druck wieder verspürte, aber den gab sie auch wohl den andern, dachte ich mir dann, und war deswegen nicht im geringsten eifersüchtig auf die Kameraden. Am letzten Abend, als ich zum Tanz in Hindsgavl war, traf ich unvermutet meinen Freund Karl Horten. Er war ebenso wie ich als Freiwilliger beim Ausbruch des Krieges 48 mitgegangen, und war wie ich Leutnant geworden, aber ich hatte ihn eine geraume Zeit nicht gesehen, denn einmal war er in ein anderes Bataillon versetzt, zum anderen hatte er längere Zeit krank im Billeshaver Lazarett gelegen. Jetzt hatte er sich eben wieder zum Dienst gemeldet, genug, um bei der Entscheidung mit dabei zu sein. von der wir alle ein bestimmtes Gefühl hatten, daß sie in der Luft lag. Karl Horten ist einer von den Menschen, die ich am innigsten geliebt und am meisten bewundert habe. Er war einige Jahre älter als ich, war Student und hatte angefangen, Theologie wie auch Medizin zu studieren, glaube ich, aber ohne sich bei einem der Studien beruhigen zu können. Dann hatte er auch kurz vor Beginn des Krieges einen Band Gedichte herausgegeben – anonym. Die hatten offenbar keinen Erfolg gehabt, und verdienten es auch wohl nicht, aber daß er doch ein Dichter war, oder es werden würde, davon war er selbst und auch ich fest überzeugt. Nie habe ich jemanden gekannt, den ich in so hohem Maße eine poetische Natur nennen könnte. Er konnte sprudelnd lebhaft und tief niedergebeugt, exaltiert, begeistert und gemütlich-kameradschaftlich sein, und dabei war er empfänglich für jede Stimmung und hatte unwillkürlich Einfluß auf alle, mit denen er in Berührung kam. Er war einer der kühnsten Soldaten, die ich je gesehen habe, vergöttert von den Leuten und beliebt bei allen Kameraden. Ihm war der Krieg gerade recht gekommen; die ewige Unruhe des Feldlebens paßte zu seinem unruhigen Sinn, und ich glaube eigentlich, ihm graute oft vor dem Gedanken, wie es ihm ergehen sollte, wenn einmal Friede würde und er wieder an demselben Ort unter ruhigen, täglichen Verhältnissen leben sollte. Sein eigentlicher Traum war wohl von Anfang an gewesen, wie ein Ronget de l'Isle eine dänische Marseillaise in der Nacht vor der Schlacht zu schreiben und als berühmter Mann heimzukehren, aber bisher hatte er sich freilich damit begnügen müssen, wo er auch im Quartier gelegen hatte, seine Umgebung dadurch zu erfreuen, daß er die Lieder anderer zu eigener Begleitung sang – er war sehr musikalisch und komponierte auch ein wenig. Namentlich Heibergs unvergleichliche »Gassenlieder« sang er, und nie habe ich sie jemand so vortragen hören wie ihn, mit einem solchen Glauben und einer solchen Frische der Improvisation. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß alle Frauen, wohin er auch kam, in ihn verliebt waren, und zwar von dem Edelfräulein bis zum Hühnermädchen – er nahm sie alle im Sturm gefangen! Ich entsinne mich noch eines Pfarrhofes in Sundeved, wo er und ich zusammen mit einem Kameraden – er hieß Zimmer und fiel später bei Idstedt – im Jahre 48 im Quartier lagen. Da waren drei Töchter, nette, gutmütige Mädchen, und obwohl wir nur eine Nacht dort gelegen hatten, weinten sie alle drei, als ob sie geprügelt würden, als wir am nächsten Morgen zum Abmarsch ausrückten. Rimmer und ich taten ja freilich so, als wenn wir glaubten, daß die zwei von ihnen um unsertwillen weinten, aber sie weinten, weiß Gott, alle drei um Horten; das ist bombensicher! Mich hatte er in sein Herz geschlossen – ich glaube eigentlich ursprünglich, weil er mich als eine Art Kollegen auf dem Gebiet der Dichterei betrachtete, da ich ja immer die Gewohnheit gehabt habe, hin und wieder ein paar gereimte Zeilen in meine Rede hineinzustreuen – und ich kann wohl sagen, daß ich sein Gefühl aus ganzem Herzen vergalt: ich liebte ihn wie einen teuren Bruder, und ich sah zu ihm auf. Es versteht sich von selbst, daß er und ich unbeschreiblich glücklich waren, als wir uns an jenem Abend in Hindsgavl wiedersahen. Ein wenig abgezehrt und bleich sah er aus nach der Krankheit, aber die Laune war glänzend, und er tanzte wie der Fröhlichste von den Fröhlichen – er tanzte natürlich tadellos! – am meisten mit Lise. Gegen Mitternacht wurden wir nach Fredericia zurückgeführt. Man wurde in Transportfahrzeugen eingeschifft, wo man zusammengedrängt wie die Heringe in einer Tonne stand, dann schleppte der Dampfer die Fahrzeuge hinüber an die Brücke vor dem Kastell, und da ging man an Land. Über dieser Fahrt lag immer eine eigentümliche Stimmung. Die Deutschen sandten uns regelmäßig ein paar Bomben nach, denn sie wußten ja, um welche Zeit der Transport stattfand, und hätten die uns getroffen, so wären wohl kaum viele lebend in Fredericia angelangt; daran dachte man indessen nicht – wenigstens nicht lange – man fühlte sicheren, festen Grund unter den Füßen auf Deck des Prahms, und sah in der hellen Nacht abwechselnd hinüber nach Jütland und zurück nach Fünen – nie sind mir die hellen Nächte so hell erschienen wie damals. Nun, als wir in jener Nacht nach der Festung zurückgekommen waren, nahm ich Horten mit nach Hause in mein Quartier und bot ihm mein bestes Bett an – sie waren übrigens wohl beide gleich gut – und dann schliefen wir süß bis zum nächsten Morgen, – es wird der 4. Juli gewesen sein. Erst am Morgen sah ich, was geschehen war, während ich auf Fünen gewesen: das Wirtschaftsgebäude war niedergebrannt. Die Mauern standen, aber meine schönen Rosen waren weggesengt; nur ein einziger Zweig trug noch eine ganz frische Knospe, der Zweig selbst war aber von der Hitze verdorrt, dem Tode geweiht. Lange dachte ich freilich nicht an die Rosen – anderes und wichtigeres legte Beschlag auf unsere Gedanke». Daß ein Ausfall unmittelbar bevorstand, mußte nämlich einem jeden klar sein. Neue Truppenabteilungen, die man bisher nicht gesehen hatte, ließen sich in den Straßen blicken, und es kamen immer mehr – es waren die Brigaden de Mezas und Ryes, die allmählich von Alsen und Helgenäs übergeführt wurden. Man hatte so lange darunter gelitten, nur die Eingeschlossenen zu sein, daß der Gedanke, endlich einmal Luft zu bekommen, einen natürlich mit Freude erfüllte, – hinaus, nur hinaus, auf das offene Feld, wenn da auch noch so viele feindliche Verschanzungcn waren – so lautete die Losung. Ich hatte aber eine ganz persönliche Sorge, nämlich Horten. Er, der Kühnste der Kühnen, er, der noch am vorhergehenden Abend drüben in Hindsgavl der Fröhlichste unter den Fröhlichen gewesen, er war wie verwandelt. Elend sah er aus und mehr als nervös war er, antwortete kaum auf das, wonach man ihn fragte, und rührte nicht den delikaten, durchwachsenen Speck an, den ich auf der Pfanne gebraten hatte. Wir gingen zusammen die Prinzessinnenstraße hinab, als eine Bombe in eins der Häuser an der Seite niederfiel; die Dachsteine prasselten herunter – es war ein abscheuliches Geräusch – fast im selben Nu ertönte ein Krachen, und dann fiel ein Stück von der Seitenwand auf den Bürgersteig hinaus. Ich wollte weitergehen, Horten aber blieb, leichenblaß und am ganzen Leibe zitternd, stehen. – »Bist du verwundet?« fragte ich. – »Nein,« erwiderte er und nahm sich soweit zusammen, daß er mitkam, aber wunderlich schwankend und unsicher war sein Gang. – »Daß man auch verdammt sein muß, hier drüben zu sein,« rief er plötzlich aus, »und nicht fortkommen kann – das ist nicht zum Aushalten!« »Fort!« wiederholte ich. »Wohin?« »Nach Fünen,« antwortete er. Ich sah zu ihm auf, er schlug den Blick nieder. Nun ist es ja eine bekannte Sache, daß der Mutigste plötzlich Anfechtungen bekommen, einer dunklen Ahnung unterliegen und seiner eigentlichen Natur ganz untreu werden kann, und so dachte ich mir denn, daß Horten, der ja eben erst aus dem Lazarett kam, noch nicht ganz genesen sei, und sagte: »Melde dich doch krank – du bist zu früh entlassen!« Er wurde dunkelrot – offenbar bei dem Gedanken, daß ich ihn auch nur einen Augenblick für feige hatte halten können – und rief: »Ich mich krank melden! Heute, wo die Entscheidung vor der Tür steht – nie im Leben! Glaubst du vielleicht, daß ich –« »Nein, das glaube ich nicht,« erwiderte ich und wollte noch etwas hinzufügen, als ich in demselben Augenblick von einer Ordonnanz eingeholt wurde, die mir den Befehl überbrachte, während der Nacht nach Fünen hinüberzugehen und einem der Bataillone, die noch nicht übergeführt waren, einen Befehl zu bringen; am nächsten Tag, also am 5ten, sollte ich mich in der Festung zurückmelden. Als ich Horten erzählte, was mir die Ordonnanz gebracht hatte, stand er einen Augenblick still und besann sich, und dann sagte er: »Kann ich nicht statt deiner hinübergehen?« »Bist du verrückt, Mensch,« erwiderte ich, »der Befehl war ja für mich und nicht für dich!« Dann stand er wieder einen Augenblick still und besann sich, und sagte darauf feierlich: »Kamerad, willst du mir einen Gefallen tu»?« Ja, natürlich wollte ich das. Und dann kam es ganz exaltiert und stoßweise, heraus. Er hatte sich verliebt – zum erstenmal in seinem Leben – hatte sich in die schöne Lise verliebt. Er hatte sie schon mehrmals getroffen, aber erst an jenem letzten Abend war es ihm klar geworden, daß sie die Rechte, die Einzige sei. Er hatte es ihr sagen wollen, ehe er Hindsgavl verließ, aber da war sie schon fortgewesen. Und jetzt konnte er sich gar nicht vorstellen, daß er in den Kampf gehen sollte, ohne die Gewißheit zu haben, daß auch sie ihn liebte – was er hoffte, ohne sich jedoch darauf verlassen zu können. Und nun sollte ich, da er ja an den Fleck gebunden war – sie aufsuchen, seine Sache führen und ihr Ja – oder Nein mitbringen. Das war ja ein höchst aparter Auftrag. Aber ich sah Hortens bleiches Gesicht an, in dem es um die Mundwinkel zuckte, ich hörte seine zitternde, halb heisere Stimme, und dann versprach ich zu tun, um was er mich bat – so weit die Zeit und der Dienst es mir gestatten würden. Ich kam nach Fünen hinüber und überbrachte dem Bataillon den Befehl, und ich hatte noch ein paar Stunden zu meiner Verfügung. So begab ich mich denn auf das Gut, wo Lise wohnte, bat, mit ihr reden zu dürfen, und ging mit ihr in eine Lindenlaube, wo wir uns setzten, – ich entsinne mich noch ganz genau, daß die Bank grün gestrichen war. Ich hatte früher nie für mich selbst gefreit – wenigstens nicht richtig – geschweige denn für einen andern, und ich war wohl ebenso verlegen wie Lise, als ich anfing. Was ich sagte, das weiß ich natürlich nicht; in einer solchen Stunde kommt es übrigens weniger auf das an, was gesagt wird, als darauf, wie man es sagt – c'est le ton, qui fait la chanson , wie der Franzose sagt – aber ich fing denn ungefähr so an, daß da ein Offizier sei – sie errate wohl wer – der sich nicht vorstellen könne, in die Schlacht zu gehen, ohne vorher zu wissen, ob diejenige, die er in sein Herz geschlossen habe, ihn auch liebe, und deswegen sollte ich – ja, so weit kam ich und vorläufig nicht weiter. Denn Lise, die zu Anfang meiner Rede dagesessen und ihr Schürzenband ein paarmal aufgelöst und wieder zugeknöpft hatte, und schließlich damit endigte, die Bänder zu verknoten – fuhr von der Bank auf und legte den Arm um meinen Hals, barg erst ihren Kopf an meiner Brust und endete damit, mich zu küssen. Es ist dies wohl das einzige Mal in meinem Leben, daß ich nicht wieder geküßt habe, aber ich war ja in dienstlichem Auftrage hier – als Vertrauensmann eines Kameraden – also nichts von dergleichen – selbstverständlich! Und so befreite ich mich denn sanft aus ihren weichen Armen und sagte ihr, wie sich die Sache verhielt, daß Nicht ich es sei, sondern Horten, und daß ich nur in seinem Namen geredet hatte. Sie erwiderte kein Wort, sondern entschlüpfte mir wie eine scheue Hündin – die Antwort war ja auch deutlich genug. Am Nachmittag kehrte ich nach Fredericia zurück. Der arme Horten stand an der Landungsbrücke – da hatte er wohl lange gestanden – und kaum war ich an Land gekommen, als er schon auf mich zustürzte und fragte: »Hast du sie getroffen?« Ich nickte. »Und was hat sie geantwortet?« Er hatte mich beim Handgelenk gepackt, und ich fühlte, daß seine Hand kalt wie Eis war; ich warf ihm einen Blick zu und sah, daß er wie Espenlaub zitterte, und dann – ja, dann kam der Mut der Feigheit über mich, und ich antwortete: »Sie hat Ja gesagt!« Nie im Leben habe ich eine solche Veränderung gesehen, wie sie mit Horten vorging. Er umarmte mich, er preßte mich an sich, er warf seine Mütze in die Luft und sang aus voller Kehle, und plötzlich rief er: »Jetzt sollen Lise und das Bataillon Ehre von mir haben!« Und damit stürzte er von dannen. Ich ging nach Hause in mein Quartier, warf mich auf das Bett und versuchte, ein wenig Ruhe zu finden. Aber das ging nicht so leicht – fortwährend mußte ich an das denken, was ich getan hatte, und wie die Sache enden sollte. Endlich gegen Abend war ich dennoch eingeschlafen, aber plötzlich wurde ich durch jemand geweckt, der schnell die Tür aufriß – es war Horten. Er sah überirdisch strahlend aus. »Nun habe ich ein Lied gedichtet,« rief er aus, »ein Lied, wie es seinesgleichen nicht in der dänischen Poesie gibt, und du sollst der Erste sein, der es hört! In acht Tagen wird es von jedem Soldaten in der Armee, im Biwak und in der Sturmkolonne gesungen werden, und dein Kamerad wird ein berühmter Mann sein – aber Lise hat ihn dazu gemacht! – Hilf mir nur, das lahme Klavier auf die Beine Zu bringen, damit ich singen kann!« Mt vereinten Kräften stellten wir eine Kiste und meinen Koffer unter das Klavier, statt des fehlenden Beines, dann setzte sich Horten davor, schlug ein paar Akkorde an und sang sein Lied. »Es waren vier, fünf Verse, glaube ich, und ein Refrain – dessen erinnere ich mich ganz genau. Die Melodie – sie war von ihm selbst, ich kannte sie jedenfalls nicht – glaube ich zuweilen noch inwendig hören zu können, versuche ich aber, sie laut zu singen, so verschwindet sie sogleich, bleibt weg, weit draußen, wo nichts ist. Und der Text, ja, von dem Text erinnere ich mich auch keines Wortes, buchstäblich nicht eines einzigen Wortes; nie im Leben aber hat mich etwas so hingerissen wie Hortens Gesang. Es klang durch ihn die Begeisterung hindurch, die mit fortreißen mußte , fand ich, und alles klang durch das Lied hindurch: Vertrauen auf die Vorsehung, Liebe zum Vaterland, Siegeszuversicht und der Jubel, geliebt zu sein. Horten sang es einmal und er sang es zweimal, und ich war ebenso außer mir vor Freude wie er. »Du hast es doch wohl niedergeschrieben?« fragte ich nach einer Pause. »Nein – glaubst du, daß man ein solches Lied vergißt?« antwortete er und sah mich an, stolz wie ein junger Gott. »Man vergißt es nicht,« wandte ich ein, »aber –« »Ach, du meinst, ich könnte fallen?« unterbrach er mich mit einem Lächeln. »Nein, Kamerad, man fällt nicht, wenn man Lisens Jawort erhalten hat und wenn man ein Dichter ist wie ich – morgen nach dem Sieg – denn der Sieg ist uns gewiß – werde ich es aufschreiben. Und Horten sang es noch einmal, trank ein Glas Wein und sah selbst aus wie das Modell zu einem Siegesmonument. Gegen neun trennten wir uns – die Bataillone sammelten sich in den Straßen. Gegen Mitternacht ertönte das Kommando: »An die Gewehre! Richt euch! Das Gewehr über!« – Schleppegrell ritt durch seine Brigade. Plötzlich hielt er das Pferd an und sprach: »Geht sparsam mit eurem Pulver um und laßt dem Feind keine Zeit, zweimal zu schießen, sondern geht mit dem Bajonett darauf los! Kann ich mich auf euch verlassen?« Und dann geschah das Unerhörte, daß man rings umher aus den Reihen ein gedämpftes, treuherziges: »Jawohl, Herr General!« vernahm – und dann ritt Schleppegrell weiter. Gegen ein Uhr hörte man ein paar Schüsse draußen vor den Wällen und dann folgten einen Augenblick später zehn, hundert und dann knatterte das Gewehrfeuer, und es wurden Bomben und Granaten gegen die Tore der Festung geworfen. Schleppegrells Brigade rückte erst eine halbe Stunde später aus – zum Königstor hinaus, wir begegneten gleich Scharen von Gefangenen, wir sahen Tote und Verwundete, Freunde und Feinde – und in der dämmerigen Beleuchtung erkannte man die wehenden Bataillons- und Kompagnie-Fahnen; Hörner gellten, Kommandorufe erschallten und Kanonen brummten. Aber was weiß ich von der Schlacht! Ich weiß, daß wir zuerst gen Westen rückten und dann gen Süden; dann nahmen wir die Skovstrupper Schanzen im Sturm – das war ein harter Kampf – und dann, ehe man sich's versah, war die Schlacht auf der ganzen Linie gewonnen. Die Sonne beleuchtete einen Sieg, so stolz wie nur je, und nie – nie – habe ich einen solchen Jubel, eine solche Dankbarkeit für das Leben empfunden, wie an jenem herrlichen Julimorgen. Als wir dann nach Fredericia zurückkehrten, mischte sich ja die Wehmut in die Siegesfreude: man hörte von den Gefallenen. Unter ihnen war Horten – wie ein Held gefallen, von drei Kugeln durchbohrt, als er als Erster seines Bataillons die Fahne auf die feindliche Brustwehr pflanzte. Ich ging »nach Hause« in die Prinzessinnenstraße, setzte mich betrübt an das offene Fenster und sah in den kleinen Hof mit dem niedergebrannten Wirtschaftsgebäude hinaus. Mein einsamer Rosenzweig war in der Nacht aufgebrochen, war zu einer duftenden, voll entwickelten Rose geworden; der Zweig, der sie trug, war dem Tode geweiht, aber durch eine letzte Kraftanstrengung, ein Aufflackern des Lebens hatte er das, was bisher nur eine Knospe war, zur Entfaltung zu bringen vermocht. Und das hatte ja auch Horten getan. Was würde ich gemacht haben, wenn er nicht gefallen wäre? Ich weiß es nicht. Aber ich glaube felsenfest, daß der liebe Gott mir meinen Betrug verziehen hat. Nun fiel Horten als tapferer Soldat für König und Vaterland – gibt es wohl einen schöneren Tod? Er war glücklich im Glauben an seinen Dichterberuf und im Glauben an Lises Liebe – was kann ein Mensch noch mehr verlangen? Und wenn wir uns dort oben einmal begegnen sollten, Horten und ich, dann wird auch er mir verzeihen und sagen, daß es gut war, wie es kam, und daß ich mir keine Vorwürfe zu machen habe. Und Lise? – Ja, das weiß ich nicht – ich kam nie wieder nach Hindsgavl. Ein kluger Mann hat einmal gesagt, man soll sich nie Vorwürfe über das machen, was man getan hat, sondern nur über das, was man nicht getan hat, und manch liebes Mal habe ich mir Vorwürfe darüber gemacht, daß ich sie nicht später aufgesucht habe. Aber dazu fehlte mir der Mut – ich hatte ja nur für Horten gefreit, und es noch einmal und für mich selber zu tun – nein! Hätte ich es aber getan, so wäre wohl vieles anders gekommen. – Dann würde ich jetzt auch wohl nicht als verabschiedeter Hauptmann hier im Waldhäuschen sitzen. An einem Sommernachmittag saß ich in der Wohnstube des Hauptmanns. Wir hatten eigentlich in die Tviser Wiese hinab sollen, um Bekassinen zu schießen, aber es war Regenwetter geworden, rettungsloses Regenwetter, und in dem abgespannten Zustand, in dem sich jeder normale Mensch befindet, wenn er daran verhindert ist, das zu tun, was er sich vorgenommen hat, und unter der einschläfernden Wirkung, die ein anhaltender Sommerregen immer hat, sagte niemand von uns recht viel. »Der Hahn des Gewehrs war in Ruhe«, wie der Hauptmann zu sagen pflegte. Selbst die alte Diana konnte sich nicht dazu aufraffen, wie sie das innerhalb der vier Wände zu tun pflegte, von ihrem Herrn zu mir und von mir zu ihm zu gehen, um abwechselnd von uns beiden verhätschelt zu werden; resigniert und demonstrativ hatte sie sich vor der offenen Tür aufgerollt, wo sie unbeweglich lag und nur hin und wieder nervös zusammenzuckte, wie es Hühnerhunde tun, wenn sie lichte Träume von Fährten und Stand träumen. Mein Blick fiel auf die alte Schatulle des Hauptmanns. Die Klappe war zurückgeschlagen, und eine der Schubladen mit dem gelb eingelegten Muster in dem braunen Holz stand offen. »Was verwahren Sie da eigentlich, Hauptmann?« fragte ich nach einer langen Pause – mehr um etwas zu sagen, als um eigentlich eine Antwort zu erhalten. »Ja, was ich da verwahre,« wiederholte er, »allerhand Verschiedenes, aber hauptsächlich alte Reliquien, die nur durch die Erinnerungen, die sich daran knüpfen, Interesse haben. – Aber sehen Sie selbst nach – es sind keine Geheimnisse!« Ich folgte der Aufforderung und fing an, die Schublade zu durchstöbern, und bei jedem Gegenstand, den ich hervorholte, erhielt ich eine Erklärung. Das Ritterkreuz hatte er aus Friedrichs des Siebenten eigener Hand im Jahre 49 erhalten, und das silberne Kreuz mit Christians des Neunten Namenszug war von 64. Die Spitzkugel – eine preußische – war als matte Kugel ein paar Schritte vor ihm in der Schlacht bei Schleswig niedergefallen, und der Granatensplitter – ebenfalls ein preußischer – stammte von Dannevirke. Dann kamen ein paar welke Sträuße, jeder sorgfältig in einen Briefumschlag gelegt – ich sah ihn fragend an. »Ja, die Blumen habe ich aufbewahrt,« sagte er mit einem Lächeln, »aber die Briefe, die sie begleiteten, habe ich verbrannt, Ein braver Kerl nimmt die Blumen und die Küsse hin, die ihm geboten werden, aber er prahlt nicht damit, und es soll nichts Schriftliches nach mir gefunden werden, was Lebende oder Tote kompromittieren könnte.« » Die hat wohl auch ihre Geschichte?« fragte ich und zeigte ihm eine danebrogfarbene Schleife. »Na, und ob!« erwiderte er, »Aber von wem ich sie bekommen habe, weiß ich nicht. Sie war an einen Kranz gebunden, der mir aus einem Fenster in der Wimmelskaft zugeworfen wurde, damals als wir nach Beendigung des dreijährigen Krieges unseren Einzug in Kopenhagen hielten, und ich habe den Kranz mit meinem Säbel aufgefangen – ja, den Tag vergißt man nie im Leben! War das eine Stimmung, war das ein Jubel – das waren glückliche Zeiten!« »Und was ist denn das ?« fragte ich und hielt ihm eine kleine Schachtel hin. »Das weiß ich wirklich nicht mehr – sehen Sie doch einmal nach.« Ich öffnete die Schachtel. Ein kleines, rotbraunes, kegelförmiges Ding lag darin, offenbar mit der Hand geformt, und ein merkwürdiger, süßlicher, ekelerregender Geruch schlug mir daraus entgegen. Ich reichte dem Hauptmann die Schachtel, und er erwiderte: »Mein Gott, ist es die ! – ja, das ist, was man in alten Zeiten ein Räucherkerzchen nannte – man zündete die Dinger an der Spitze an und ließ sie dann stehen und verglimmen, während sie die Stube parfümierten. Aber die gewöhnlichen, die man in der Apotheke kaufte, waren freilich schwarz – und sie waren auch nicht von derselben Sorte wie das da – glücklicherweise.« »Warum glücklicherweise?« fragte ich. »Ach, weil – weil die roten Räucherkerzchen nicht gesund sind! – Mein Gott, ich hatte ganz vergessen, daß ich das Ding noch habe.« »Woher haben Sie es denn?« ,Ja, das ist eine lange Geschichte, und –« »Aber der Regen hört ja heute doch nicht auf,« unterbrach ich ihn, »dann können Sie sie mir ebensogut erzählen.« »Meinetwegen!« erwiderte der Hauptmann, und dann erzählte er. Es war im September, drei Jahre nach dem Krieg, also im Jahre 53. Ich war seit dem Friedensschluß in Kopenhagen in Garnison gewesen und hatte mich beständig nach Jütland gesehnt – nun bekam ich endlich Urlaub, und so zog ich denn hinüber, natürlich zu Pferd. Ich hatte damals eine prächtige, rote Stute, die ihre fünf Meilen am Tag ging, ohne daß es ihr etwas antat, und die so schußfromm war, als habe sie bei der Artillerie gedient. Zuerst war ich ein oder zwei Tage in Fredericia und frischte alte Erinnerungen von 49 auf, dann ritt ich gen Norden. Ach, wie glücklich ich war! Jetzt war ich wieder daheim! Das war mein Jütland: Hügel und Täler, von Unterholz beschattete Bäche, und Wassermühlen, halb verborgen hinter Erlen, Granitkirchen ohne Türme und schwarzbuntes Vieh – das ist was anderes als das rote seeländische! Und dann diese prächtigen Bauerngehöfte mit geteertem Balkenwerk auf ockergelbem Grund – die Farben kennt man ja gar nicht auf den Inseln! Und dann das, in die weite Welt hinaus zu reiten auf seinem eigenen Pferd, ohne andere Bepackung als einen Mantelsack hinten auf dem Sattel, und die Flinte über der Schulter; am Morgen auszureiten, ohne zu wissen, wo oder wann man des Abends unter Dach kommen wird – man kommt sich ja vor wie ein Herzog! Und dann das Bewußtsein, daß man, wann man will, von dem Ganzen wegreiten kann! Ja, mein Pferd war gar oft mein allerbester Freund; Meine Sorgen und mich kann es tragen! Hoch zu Roß, wenn die Welt zu eng mir erscheint, Über Stock und Stein wir jagen! Und dann einen Nachmittag ritt ich an der Küste entlang, an der herrlichen, jütischen Ostküste. Ich hatte ursprünglich gedacht, an diesem Abend noch bis Audinghof zu kommen, wo ich während des Krieges in Garnison gelegen hatte, und wo ich wußte, daß ich willkommen war, aber auf den Äckern der Faarsleter Bauern waren mehr Rebhühner-Völker gewesen, als ich berechnet hatte, so sah ich denn ein, daß ich nicht vor Mitternacht nach Audinghof kommen würde, und da beschloß ich denn, in Kjärvig – einem Mittelding von Bauern- und Fischerdorf – zu übernachten; wie ich aus der Generalstabskarte ersehen konnte, war dort ein Krug. Ich ritt hart am Meeresstrande entlang, der so fest und eben war wie eine Tenne, und zur linken Hand hatte ich fast immer Wald, bald als Teppich aus Unterholz, das ganz bis an den Strand reichte, bald als weiße Buchensäulen, die das grüne Laub über gelben Lehmabhängen trugen – stellen Sie sich vor, so Meile auf Meile zwischen Wald und Unterholz dahinreiten zu können! Der Wald folgt und der Wald verliert sich, und draußen in dem niedrigen Wasser – dem grünblauen Wasser mit wechselnden perlmutterfarben – da heben sich die Pfähle mit Fischernetzen, wie ein Spitzenmuster von dem gewässerten Grund ab – großartig! Gegen Abend, als ich ausrechnen konnte, daß ich nicht mehr weit bis Kjärvig haben würde, kam ich an einen Ort, wo eine scharf eingeschnittene Schlucht in den Strand mündete. Der Boden war üppig grün, grün in der Weise, wie er nur sein kann, wo fließendes Wasser ist, und ich sah denn auch das Wasser zwischen Krauseminze und Weiderich hindurchsickern, langsam bis an den Meeresstrand hindurch, wo der letzte Rest von dem , was weiter landeinwärts wohl ein Bach ist, jetzt in vielen kleinen Deltas sich einen Weg nach dem Meer hinaus und durch den Sand bahnte, der hier und da gleichsam sprudelte und Blasen warf. Ich dachte an nichts und wollte weiter reiten, als ein Bursche, der plötzlich hinter einem Busch sichtbar ward, mich auf das Bestimmteste davor warnte, weiter zu reiten. Da, wo der Bach lief, könne niemand gehen, sagte er, geschweige denn reiten, denn da sei loser Sand – der »Kjärviger Sand« – und da seien Pferde und Wagen und Wanderer verschwunden, ohne jemals wieder zum Vorschein zu kommen. Ich dankte ihm für den guten Rat und bat ihn, mir den nächsten sicheren Weg nach Kjärvig zu zeigen. Dazu war er auch sehr bereit, denn er sollte nach derselben Richtung hin, und so blieben wir denn beieinander; aber es war ein ziemlich weiter Weg, hoch oben ins Land hinein, so daß es schon zu dämmern begann, ehe ich die grüne Schlucht umritten hatte. Was ich eigentlich in Kjärvig wollte? fragte der Bursche unterwegs. Ja, ich wollte dort nichts weiter, als im Krug übernachten. »Ach so, – aber da is' nu gar kein Krug mehr in Kjärvig, der is' niedergelegt.« Wo ich denn ein Unterkommen finden könne? »Ja, das is' nicht gut zu sagen, denn da sind nur ganz kleine Häuser in Kjärvig, und das is' kein Quartier für einen Offizier.« Ich ritt nämlich mit meiner Uniformmütze. Aber wenn ich bei dem Kapitän zu wohnen kommen könnt! der hätt' Platz genug, das heißt – wenn er aufmachen wollt'. Wer denn der Kapitän sei? Und nun wurde dem Burschen plötzlich die Zunge gelöst. Der Kapitän, das sei ein Schiffskapitän, der vor ein paar Jahren hier in die Gegend gekommen sei. Er sei wohl viele Jahre auf langen Reisen gefahren, aber wo er gewesen wäre, das wisse keiner, und wo er sein Geld verdient hatte – denn er sei sehr reich – das wisse auch kein Mensch. Einige sagten ja freilich, er wäre Seeräuber gewesen, und einige, er wäre Sklavenhändler gewesen, aber man sagt ja so viel. Er habe sich das kleine Haus gekauft, das am nördlichsten Ende des Dorfes lag, ganz für sich, draußen auf einer schmalen Landzunge, und das habe er instand setzen und einen hohen Bretterzaun darum ziehen lassen, und vor allen Fenstern seien Laden angebracht, und oben vor dem Giebelfenster eiserne Stangen, und als das Haus fertig gewesen sei, da sei er mit seiner Tochter – »oder was sie sonst war« – da hineingezogen. Die hätte aber kein Mensch gesehen, denn sie kam selten heraus, und wenn sie herauskam – nie allein – dann hätte sie immer ein buntes Seidentuch um den Kopf gebunden, so daß kein Mensch ihr Gesicht sehen konnte. Den Kapitän kenne eigentlich auch niemand, denn er lebte ganz für sich, sprach mit niemand und grüßte kaum wieder, wenn man ihn grüßte. – Aber der Herr Leutnant könnte ja einmal versuchen, ob er nicht Nachtquartier bei ihm bekommen könnte – da liegt das Haus!« Wir waren wieder an den Strand hinabgekommen, an den kahlen, flachen Strand. Es war ganz windstill, man hörte nirgends einen Laut außer dem Pfeifen der Strandläufer und eines vereinzelten Regenpfeifers, und auch nur ein ganz vereinzelter Gegenstand fing den Blick auf: eine mächtige Weide, die unten am Strand stand und sich über das Wasser neigte. Aber die tat es mir an – ich liebe Weiden! Nicht daß sie mein liebster Baum wäre: alle unsere dänischen Bäume sind ja schön, und ein jeder von ihnen hat seine Individualität und seine Stimmung. So zum Beispiel die Eiche , knorrig und robust, aber imponierend durch Kraft, repräsentiert sie die Vergangenheit. Sie ist wie die alten Geschlechter, die dem Uradel des Landes angehören, und sie hält stolz auf ihr ererbtes Recht, fordert Licht und Luft, und duldet nicht, daß andere sie überschatten – dann macht sie lieber Platz. Und es ist eine Familie, die Tradition hat: an dieser Eiche band Niels Ebbesen sein Pferd, als er von Randers hergeritten kam, und im Schatten jener Eiche hat Christian der Vierte gesessen – Respekt vor der Eiche! Die Buche , das ist unser nationaler Baum. Unser Land »steht mit breiten Buchen«, und sie bildet einen kuppelförmigen Saal, der wie zum Fest geschaffen ist, zum Hochsommerfest in den lichten Nächten mit Fiedel und Klarinette, und mit Tanz über den weichen Rasen. – Gleite nur nicht aus beim Tanzen, schöne Jungfrau, der Rasen ist so glatt in den hellen Nächten – ach, diese hellen, lauen Nächte! Und dann die Birke ! Die Birke mit dem leichten, glitzernden Laub, das wie ein rieselnder Quell ist, die Birke mit den weißen Stämmen, die erhellt eine Landschaft ja förmlich – hauptsächlich wohl im Mondschein und auf einem Teppich von Heidekraut – die weiße, jungfräuliche Birke. Die Kastanie mit den großen, gefingerten Blättern, die ist der Schattenbaum und der Sonntagsbaum! Wenn sie ihre strahlenden Blütenkerzen anzündet, ist es wie eine Illumination in der Allee, man kann sich garnicht denken, daß es Alltag ist – man erwartet jeden Augenblick, den Brautzug aus der Kirche kommen zu sehen: das Viergespann mit dem blitzenden Beschlag und den Vorläufern – hörst du, wie die Peitsche knallt – eine errötende Braut, die sich in einer Ecke der verschlossenen Kutsche versteckt, und der Hochzeitsmarsch – Hochzeitsmarsch auf krummen Waldhörnern geblasen, die in der Sonne glitzern – die Braut soll leben! Die Linde , die ist vornehm – aber sie hat nicht so viele Ahnen wie die Eiche. Sie paßt nicht vor das Haus des Bauern, sondern in den geschlossenen Burghof – in einen rotbraunen Burghof mit Turm und Erker – und wenn die Linde blüht – ja, wenn die Linde blüht und die gelben Büschel die Luft mit Duft erfüllen, dann kann man sich einen Sommerrausch unter ihren Kronen antrinken, einen Rausch, der uns halbwache Träume von hochgeborenen Damen schenkt – von Damen in Seide und Sammet – oh, du seidenfeine Linde! Der Baum des armen Mannes ist der Hollunder ! Sieh, wie er genügsam in bezug auf Platz und in bezug auf Sonne an eine lehmgekleckste Wand lehnt und gleichsam beschützend seine Zweige über baarfüßige Kinder ausbreitet, die in seinem Schatten spielen! Sieh den Hollunder an, wenn er in seiner eigengemachten Pracht dasteht, wenn er seine gelblichweißen Schirme aufspannt und einen würzigen betäubenden Duft um sich verbreitet! wie schmückt er dann das Haus, sowohl dann wie auch später, wenn die weißen Schirme zu schwarzvioletten Beeren geworden sind, die in der Sonne Funken sprühen – von dem Hollunder will ich Ihnen einmal eine ganze Geschichte erzählen! Die Erle mit dem Fuß im Wasser und mit den dunklen Stämmen, die Erle, die ihr Laub abwirft, wenn es noch grün ist, sie ist der Baum der Poesie, der Volkssage. Bald steht sie am Rande des brausenden Baches, wo die Forelle in ihrem Schatten in die Höhe schnellt und die Otter ihr Loch zwischen ihren Wurzeln hat, bald bildet sie ein ganz verschlungenes Dickicht mit wippendem tückischem Boden, wo die Moorfrau braut und die Elfen tanzen können. – Ja, hüte dich vor dem Erlengestrüpp, junger Bursche, hüte dich vor den Elfen! – Aber ob er es tut! – ich habe es auch nicht getan! Aber ich bin ja ganz von der Weide abgekommen. Ist die Weide nicht gleichsam ein Bild des Friedens, des Abendfriedens im dänischen Land? Nicht die gestutzten Weiden, die in Reihe und Glied am Landwege stehen, sondern die Weide so wie sie ist, wenn sie wachsen darf, wie der liebe Gott sie geschaffen hat. Die werde mit dem runzeligen Stamm und dem gleichsam verblaßten Laub, das so wunderlich verständnisvoll in die farblose Dämmerung hineingleitet, ganz, als sei es daraus hervorgewachsen – wie paßt sie nicht zu dem Abendfrieden, besonders wenn sie, wie hier in Kjärvig, allein an einem flachen Ufer steht! Ich könnte mir auch gar nicht denken, daß da überhaupt etwas anderes als gerade eine Weide an der Stelle stehen könnte, und ich könnte sie mir nicht wegdenken – sie mußte da stehen, wo sie stand, einsam und friedlich an dem stillen Abend. Und ich sehe die Weide in diesem Augenblick wieder vor mir, wie ich sie damals sah. Sie hat sich mir unauslöschlich in das Gedächtnis eingeprägt, wie die Trauerweide auf dem Bild von Napoleons Grab auf St. Helena, das ich als Kind in dem alten Bilderbuch sah, das jetzt verschwunden ist. – Ja, Silbergraue Weide am silbergrauen Strand – Friede zur See und Friede im Land! – aber dann auf einmal war der Friede fort. Aus dem östlichen Giebelfenster oben im Hause des Kapitäns strahlte plötzlich ein Lichtschimmer heraus, der nicht in die Umgebung hineinpaßte. Es lag gleichsam etwas Brutales darin, und wie er sich in der Meeresfläche wiederspiegelte, in der stillen, farblosen Meeresfläche, wirkte er wie eine schneidende Dissonanz – eine wunderliche, brandrote, fremdartige Farbendissonanz – fremd in der friedlichen dänischen Abendlandschaft. Das Haus des Kapitäns lag nur einen Büchsenschuß von mir entfernt, und mit dem recht hohen Bretterzaun ringsumher glich es im Grunde einem Blockhaus mit Palisaden darum. Ich dankte meinem Wegweiser und verabschiedete mich von ihm und ritt dann auf das Haus zu. Warum ich es tat? Warum ich nicht lieber Nachtlager in einem der kleinen Fischerhäuser suchte? – Weil mich natürlich das Abenteuer lockte! Ein ehemaliger Seekapitän, der vielleicht Seeräuber und Sklavenhändler gewesen, und der jetzt hier an der Ostküste gestrandet war und als Einsiedler mit seiner Tochter, oder »was sie sonst war« – lebte, das war mehr als genug für mich, um Nachtquartier bei ihm zu suchen, mochte er auch noch so abweisend und ungastlich sein. Überhaupt, wenn einige Menschen mehr erleben als andere, so kommt das meiner Ansicht nach ganz einfach davon, daß einige mehr Verlangen danach haben als andere und – wie ich stets zu sagen pflege – man soll nicht immer nur der Landstraße folgen, sondern auch Nebenwege einschlagen, und da, wo gar kein Weg ist – da wächst das Abenteuer noch heutigen Tages. Nun, ich hielt das Pferd vor dem Blockhause des Kapitäns an, stieg ab und klopfte an das Tor. Niemand kam. Da donnerte ich gehörig mit dem Schaft meiner Reitpeitsche darauf los, und das half, denn jetzt hörte ich, wie eine Tür geöffnet wurde, und eine barsche Stimme fragte, wer da klopfe. »Ein wegfahrender Mann, der um Obdach für eine Nacht bittet,« erwiderte ich. »Hier ist keine Krugwirtschaft!« ertönte es drinnen hinter dem Bretterzaun. »Nein, das weiß ich,« sagte ich, »aber da hier in Kjărvig kein Krug ist, so dachte ich –« Im selben Augenblick wurde von einer viereckigen Luke im Tor ein Brett weggeschoben, und ein Gesicht zeigte sich, das mich genau beobachtete. »Sie sind Offizier?« fragte der Kapitän. »Ja, ich bin Leutnant,« erwiderte ich. »Und Sie haben den Krieg mitgemacht?« »Freilich habe ich den Krieg mitgemacht!« »Dann kommen Sie herein und bleiben Sie über Nacht hier. – Sie müssen ja von heißen Schlachten mit Schüssen und Hieben und gespaltenen Schädeln erzählen können – es tut einem gut, hin und wieder einmal so was zu hören –. Nein Ihr Pferd muß dort im Schuppen untergebracht werden, jetzt will ich Ihnen den Weg zeigen. Mein Wirt kam heraus, und ich nahm ihn in Augenschein. Soweit es die Dämmerung gestattete, sah man gleich, daß man einen Seemann vor sich hatte, das konnte man an der Physiognomie wie an dem Gang auf den ersten Blick erkennen, im übrigen aber ist es mir jetzt nicht mehr möglich, mir etwas anderes von seinem Äußeren in mein Gedächtnis zurückzurufen, als einen unsicheren, wenig anziehenden Blick und eine lange Narbe über der Stirn, die offenbar die Erinnerung an eine ursprünglich schlecht zusammengenähte Hiebwunde war. Zampa wurde im Schuppen untergebracht, und als ich ihr Futter und Wasser gegeben hatte, ging ich mit dem Kapitän ins Haus. Er zündete eine Lampe an, bat mich, Platz zu nehmen oder mich im Zimmer umzusehen, was ich am liebsten wolle, während er Anordnung wegen des Abendessens und des Bettes träfe, und dann verließ er mich. Ich sah mich natürlich um, und da war auch genug zu sehen. Es war wie ein Zimmer in einem ethnographischen Museum, oder vielmehr wie ein Raum, der mit Strandungsgut von einem Chinafahrer angefüllt war. Ringsumher an den Wänden hingen fremdartige Waffen – Lanzen und Schwerter – ostindische Porzellanvasen standen auf Borten zwischen lackierten Sachen und vergoldeten Bronzen, und in einer Ecke, auf einer ausgeschnitzten Konsole, ragte ein Buddhabildnis, mit einer Lampe und frischen Blumen davor, auf. Ich wollte gerade irgend einen Gegenstand in die Hand nehmen, um ihn genau zu betrachten, als ich im selben Augenblick in einer dunklen Ecke zwei grüne Lichter entdeckte, die wie schwache Blinkfeuer kamen und wieder verschwanden. Ich ging auf die Ecke zu und sah dann, daß das, was so leuchtete, die Augen einer mächtig großen, langhaarigen Katze waren, die unten am Fußboden saß und den Schwanz hinter sich spielen ließ. Sie tat mir nichts, aber sie verfolgte eine jede meiner Bewegungen auf eine wunderlich hinterlistige Weise, und ich hatte ein Gefühl, daß sie auf mich losspringen würde, sobald ich irgend einen Gegenstand im Zimmer berührte oder ihr auch nur den Rücken wandte. Während ich dastand und das Tier fixierte, hörte ich den Kapitän in einem andern Zimmer reden, aber es war eine Sprache, von der ich keinen Muck verstand; ja ich konnte nicht einmal erraten, was für eine Sprache es sein könne. Dann hörte ich ein paar Worte – aber ganz leise – von einer anderen, offenbar weiblichen Stimme, und dann sprach der Kapitän wieder laut und gleichsam drohend. Darauf wurde alles still, und einen Augenblick später kam mein Wirt zurück; die Katze fuhr scheu unter das Sofa, und ich sah vorläufig nichts mehr von den grünen Augen der Bestie. »Nun, haben Sie sich umgesehen, Herr Leutnant?« fragte der Kapitän. »Ja, ich habe mir so allerlei gesammelt – ich bin auch beinahe dreißig Jahre in den warmen Zonen gefahren.« »Wohl hauptsächlich in Ostasien?« fragte ich. »Ach ja, hauptsächlich da,« lautete die Antwort, aber so, daß sie jedes weitere Fragen abschnitt. »Kennen Sie so ein Ding?« fragte er und nahm eine Art von großem Dolch auf, der in einer klotzigen Holzscheide steckte, die oben mit einem breiten, schiefsitzenden Querstück abschloß. »Das ist ein Khris, der stammt aus Java, ziehen Sie ihn heraus, dann werden Sie es sehen!« Ich zog den Dolch aus der Scheide und sah, daß das dünne, zweischneidige Blatt flammenförmig gebildet und damasziert war, in der Mitte waren Wellenlinien aus Gold eingelegt. »So einer macht häßliche Wunden,« sagte er mit einem eigenen Lächeln, »die heilen fast nie – nein, nehmen Sie sich in Acht und ritzen Sie sich nicht an der Spitze – die ist vergiftet.« » Wissen Sie das?« fragte ich. »Ob ich es weiß – nein – wovon sollte ich das wissen,« erwiderte er mit einem eigentümlich lauernden Blick, »aber diese Art Dinger pflegen vergiftet zu sein,« Wir gingen zusammen im Zimmer umher, ich fragte und er erklärte. Dann nahm ich eine kleine Metalldose mit durchbrochenem Deckel auf, die auf dem Bort unter der Buddha-Figur stand, und als ich sie öffnete, zeigte es sich, daß sie eine Menge von diesen roten Räucherkerzchen enthielt, von denen Sie vorhin eines gesehen haben. »Was ist das?« fragte ich – ganz so wie Sie vorhin. »Ach, das ist etwas, was sie drüben auf Java oder Sumatra gebrauchen, um es vor ihren Götzenbildern zu brennen,« erwiderte er. – »Und zuweilen brennen sie sie auch anderswo,« fügte er hinzu. »Aber man schläft nicht gut in der Luft, die sie verbreiten – sie rufen Träume hervor.–Wollen Sie ein paar davon haben, bitte schön!« Ich dankte und nahm ein Räucherkerzchen mit, aber wie Sie sehen, habe ich es noch nie angezündet. Jetzt ertönte draußen ein dreimaliges schwaches Händeklatschen, und dann erhob sich mein Wirt und sagte: »Das Abendbrot ist fertig, treten Sie näher!« Damit öffnete er die Tür zu einem Seitenzimmer, und da drinnen leuchtete eine Hängelampe über einem gedeckten Tisch. Ich hatte natürlich erwartet, die Tochter bei Tische zu sehen, hatte erwartet, die verschleierte Schöne den Becher kredenzen zu sehen, aber es war nur für Zwei gedeckt, und etwas an meinem Wirt bewirkte, daß ich es nicht ratsam fand, zu fragen. Wir aßen von altem ostindischen Porzellan – von dem mit bunten Blumen auf schwach blaugrünem Grund – ich bekam ein stark gewürztes Fleischgericht mit Reis, das vorzüglich schmeckte. Mein Wirt schenkte mir fleißig ein, der Wein war gut, und ich begann, die Situation zu genießen und mich wohl zu fühlen. Aber dann geschah etwas. Gerade mir gegenüber hatte ich eine Tür – vermutlich zur Küche hinaus – und darin war ein kleines, rundes Loch, das auf der Außenseite mit einer Holzklappe bedeckt war, so wie in Gefängnissen, damit der Aufseher in die Zelle hineinsehen kann. Plötzlich wurde nun diese Klappe lautlos zurückgeschoben und ich sah ein funkensprühendes Auge, das mich gleichsam saugend beobachtete; es war ein schwarzes – kohlschwarzes – Menschenauge, doch wirkte es auf mich in gleicher Weise wie die Augen der Katze. Der Kapitän, der mit dem Rücken nach der Tür saß, mußte vermutlich aus meinem Gesicht erraten haben, was vorging, denn er wandte sich schnell um, aber ehe er sich noch auf dem Stuhl umgedreht hatte, war die Klappe wieder vorgeschoben und das Auge verschwunden. Das Gesicht des Kapitäns bekam einen häßlichen, bösen Ausdruck, die Narbe an der Stirn sah ganz blutunterlaufen aus, und er schlug ein paarmal hart mit dem Messerschaft auf den Tisch, als wolle er jemand warnen, etwas zu tun, das strenge verboten war. Ich vernahm einen klagenden Seufzer von draußen her, aber obwohl es klang, als wenn jemand unter dem Willen eines Despoten jammere, hatte ich doch – aus welchem Grund, weiß ich nicht – ein Gefühl, als ob der Kapitän der Unsichtbaren gegenüber vielleicht ebenso unsicher war, wie sie ihm gegenüber. Nachdem wir gegessen hatten, kehrten wir in das frühere Zimmer, die »Museumstube« zurück, der Kapitän bot mir eine Zigarre – eine große, dunkle Cerut – und ging dann allein hinaus; wie er sagte, um für einen Grog zu sorgen. Wieder kam die unheimliche Katze aus ihrem Hinterhalt geschlichen und beobachtete mich genau. Wieder hörte ich den Kapitän reden, gedämpft, aber offenbar drohend, in derselben unbekannten Sprache, und wieder hörte ich ein paar Worte, die mit derselben weiblichen Stimme wie vorher gejammert wurden. Dann kehrte der Kapitän mit einem Teebrett zurück, auf dem warmes Wasser, Zucker und Zitronen standen, und in der Hand hielt er eine kurze, langhalsige Flasche – ich entsinne mich noch, daß Reishülsen in dem roten Lack saßen. Er stellte das Teebrett hin, zog die Flasche auf und mischte uns jedem einen Grog, einen Arakgrog, wie ich nie etwas ähnliches geschmeckt habe. Allmählich, während der Kapitän trank – zwei und drei Glas wurden es wohl – und stark waren sie – taute er auf und wurde bis zu einem gewissen Grad mitteilsam. Anfänglich ließ er mich freilich von dem Krieg erzählen, aber das, wovon er hören wollte, waren, wie er gleich gesagt hatte, »heiße Schlachten und zerspaltene Schädel«, und da meine Berichte ihm offenbar nicht Blut genug hatten, führte er selbst das Wort. Er erzählte von dem Leben in den Tropen und den Kämpfen mit den malaiischen Seeräubern; erzählte von ihrem Entern bei Windstille, wo die gelbbraunen Teufel, die Klinge im Mund, wie die Katzen, an der Seite des wehrlosen Schiffes hinaufkletterten und niederstießen, wen sie trafen. – »Kein Pardon – nie Pardon!« wiederholte er mit einem gewissen Wohlbehagen, das einen fast glauben machen konnte, daß der Bauernbursche vorhin Recht gehabt hatte, als er meinte, der Kapitän sei selbst Seeräuber gewesen. »Und dann die malaiischen Mädchen,« rief er plötzlich aus, »kennen Sie die, Herr Leutnant?« Nein, ich gestand meine Unbekanntschaft ein. »Nein, die kennen Sie nicht,« rief er aus, »und danken Sie Ihrem Gott dafür! Die sind die reinen Satans, aber wunderschön! Kein Weib kann küssen wie die – Keines! Stellen Sie sich ein weiches Pferdemaul vor, das weichste, das gefühlvollste, das es gibt – so sind die Lippen des malaiischen Mädchens. Und wenn sie küßt, dann ist es, als söge sie einem erst das Herzblut und dann die Seele aus dem Leib – wie ein Vampyr, wissen Sie! Und wenn sie Sie mit ihren Armen umschlingt! Es ist, als umklammerten einen die Arme eines Riesentintenfisches – man kann sich nicht rühren; sich nicht von ihr befreien – sie läßt nicht los! – Und dann ist sie auch nicht bange, einen Khris zu gebrauchen, so einen, wie Sie vorhin gesehen haben – nur eine Schramme – fertig! – wissen Sie, daß die weibliche Spinne, wenn das Männchen seine Schuldigkeit getan hat, in der Regel ihren tiefen Stachel in ihn hineinhaut und ihn dann aussaugt, wie eine Fliege? – Das wissen Sie nicht? Ja, das ist ganz sicher! – Prosit, Herr Leutnant! – wo wollen Sie von hier aus hin?« Ja, ich wollte weiter nach Norden zu, zuerst nach Andinghof, dann nach Lögum und später nach dem Ulkenborger Krug, von wo ich mehrere Heidemoore in der Umgegend bejagen wollte. Kaum hatte ich indessen den Ulkenborger Krug genannt, als der Kapitän merkwürdig nervös wurde und forciert eifrig begann: »Der Ulkenborger Krug – das war da , wo sie seiner Zeit den Spitzenhändler totschlugen – nun, das wissen Sie! Ja, der Eine wurde einen Kopf kürzer gemacht, aber da waren noch zwei andere mit dabei gewesen, sagte man; der Eine soll irgendwo im Süden sitzen und sein Schäfchen im Trocknen haben – er hat wohl einen andern Namen und hat wohl nun Frau und Kinder – und der Andere, der hat sich auch aus dem Staube gemacht. Er konnte sein Alibi nachweisen, wissen Sie, und ging dann in See und fuhr in den heißen Zonen. Das habe ich auch getan, aber ich bin nie im Ulkenborger Krug gewesen, nie im Leben! Ich habe seiner Zeit den alten Franz, diesen Spitzbuben, ein wenig gekannt – was hatte der auch unter der Futterkiste zu suchen, die Sache ging ihn ja gar nichts an, nicht wahr? – Prosit, Herr Leutnant! – Ja, die beiden haben sich in Sicherheit gebracht – das heißt einstweilen – glauben Sie nicht auch? Da waren ja keine Zeugen! Und der Eine konnte sein Alibi nachweisen! Aber schließlich finden sie durch Blei oder Stahl ihr Ende – sie werden nicht aus einem Himmelbett ins Jenseits hinübergehen. Und dazu ist nichts zu sagen: Blut für Blut! Aber der Teufel hole den alten Aasgräber, diesen Franz – er war Schuld an dem Ganzen! – Noch ein Glas, der Arak ist gut!« Allmählich wurden das Benehmen und die Reden meines Wirtes mir immer unheimlicher, und da ja doch keine Aussicht vorhanden war, die unsichtbare »Tochter« zu sehen, entschuldigte ich mich schließlich mit Müdigkeit und bat, mich zur Ruhe begeben zu dürfen. Der Kapitän zündete ein Licht an, begleitete mich durch das Eßzimmer, öffnete eine Tür, die der Küche gegenüber lag und bat mich, mit dem Nachtlager fürlieb zu nehmen. Da war kein Grund, Entschuldigungen zu machen: das Zimmer war klein, aber rein und ordentlich, und an dem einen Ende stand ein offenbar eben bezogenes Bett, mit frischen, einladenden Laken. Der Kapitän zündete das Licht auf dem Nachttisch an, sagte Gutenacht und wollte gehen, als er plötzlich den Kopf erhob und mit der Nase witterte, wie ein Hund, der Wind von etwas bekommt. Dann ging er schnell nach der einen Ecke des Zimmers, stampfte mit dem Fuß und sagte, halb vor sich hin: »Ja, habe ich mir's nicht gedacht!« und im selben Augenblick sah ich, daß er mit den Fingern die glühende Spitze eines der roten Räucherkerzchen auslöschte, die man, wie er gesagt hatte, da drüben auf Java und Sumatra vor den Götzenbildern anzuzünden pflegte, »und zuweilen auch anderswo.« »So, das Räucherkerzchen wäre ausgelöscht!« sagte er. »Sie schlafen ruhiger ohne das Jux in der Nase – dann träumen Sie nicht – gute Nacht!« Er ging; ich hörte ihn nach oben hinauftrampeln, hörte ihn rufen und hörte einen Schrei – dann wurde alles still. Ich ging zu Bett und schlief schnell ein, müde wie ich war. Aber ohne Träume sollte mein Schlaf doch nicht sein. Ich sah die Spitze meines Räucherkerzchens wieder erglühen, es sah so aus, als wenn sich ein schwach leuchtendes Band darum legte; ein schwarzer, dichter Rauch, blau wie es Torfrauch auf dem Hintergrund eines schwarzen Gewitterhimmels sein kann, stieg daraus empor und füllte das Zimmer mit einem süßlichen, betäubenden Geruch, der mich gleichsam lähmte. Ich wollte aus dem Bett aufstehen und es löschen, konnte mich aber nicht rühren, und das Räucherkerzchen wurde nun zu einer ganzen indischen Pagode, aus deren Spitze Rauch und Flammen aufstiegen, so daß das Dach schließlich über dem Feuer zusammenbrach – Dann tat sich die Tür auf, und dann kam sie – sie, die ich die ganze Zeit gehört und gespürt hatte, von der ich aber nichts weiter gesehen hatte, als das lauernde Raubtierauge hinter dem Guckloch. Und es war das malaiische Mädchen mit einem ganz nackten Oberkörper und goldenen Halsketten, die über den vollen, wunderbar schönen Busen herabhingen. Und sie warf sich über mich, preßte mich an sich und küßte mich, wie ich nie früher oder später geküßt worden bin. Ich mußte immer an die Worte des Kapitäns denken: weicher als das weichste Pferdemaul waren die Lippen, bald umfaßte sie damit die meinen, bald preßte sie sie dazwischen. Ja, es war ein Vampyr; es war das Herzblut, das Leben selbst, das sie aus mir sog, und hin und wieder fühlte ich mit Grauen die Spitze ihrer Zunge, die wie die einer Schlange in meinem Munde spielte. Ich versuchte, mich von ihr zu befreien, aber es war mir unmöglich; ich hatte ein Gefühl, als umklammerten mich die unbarmherzigen Arme des Tintenfisches – aber es waren heiße, begehrliche Arme. Und ich wollte um Hilfe rufen – auch das konnte ich nicht, nicht ein Laut kam über meine Lippen. Da hörte ich auf einmal durch den Traum hindurch, durch diesen wunderlichen, phantastischen Traum, deutlich mein Pferd draußen wiehern, und der Laut gab mich im selben Augenblick der Wirklichkeit zurück. In den Volkssagen, da ist es der Hahn, der mit den Flügeln schlägt und kräht; hier war es das Wiehern meines Pferdes, das ertönte, aber der Hahn und das Pferd repräsentieren ja dasselbe: das Leben, das ruft und die Schatten der Nacht in die Flucht treibt. Ich machte eine letzte, verzweifelte Kraftanstrengung, ich richtete mich auf, schleuderte sie von mir – und erwachte aus meinem Alpdruck. Aber in demselben Augenblick, als ich erwachte, hörte ich ganz deutlich etwas vor meinem Bett an die Erde fallen, es war mir, als würde meine Tür geöffnet und wieder geschlossen, und ich hatte ein Gefühl, als ob mein Mund voll Blut sei. Anfänglich war ich ganz verwirrt, ich wußte gar nicht, wo ich mich befand, wußte nicht, was Traum und was Wirklichkeit war, und es währte eine ganze Weile, bis ich mich soweit aufraffte, daß ich ein Fenster öffnen und die Laden zurückschlagen konnte, um frische Luft zu schöpfen, und das hatte ich wirklich nötig, denn das ganze kleine Zimmer war mit einem ekelerregenden, erstickenden Wohlgeruch angefüllt. Es fing an zu dämmern, und ich sah, daß das Räucherkerzchen, das der Kapitän am Abend vorher auszulöschen geglaubt hatte, doch noch Glut in sich gehabt haben mußte und weiter gebrannt hatte, denn nun war es ein weißer Aschenkegel. Und vor meinem Bett lag der Khris des Kapitäns, wie der dahin gekommen war, ahnte ich nicht, aber ich war fest überzeugt, daß er nicht da gewesen war, als ich mich am Abend zur Ruhe begeben hatte. Wie ich in die Kleider gekommen bin, weiß ich nicht; ich taumelte herum wie in einem Rausch, aber ich wollte fort – fort von all diesem Unheimlichen. Die Tür war von außen verschlossen, da sprang ich aus dem Fenster, kletterte über den Bretterzaun und sattelte mein Pferd. Und als ich wieder im Sattel saß und wieder die Weide mit den tiefhängenden Zweigen sah, die silbergrau in der Morgendämmerung unten am Strande stand und dort zu stehen schien, um den Frieden zu bewachen, da atmete ich wieder frei auf und füllte meine Lungen mit frischer, heimatlicher Luft. Plötzlich erblickte ich aber oben in dem Giebelfenster mit den eisernen Stangen davor, ein gelbliches Frauengesicht mit funkelnden, schwarzen Katzenaugen; eine geballte, drohende Hand streckte sich nach mir aus, und ich hörte einen gellenden, sinnverwirrenden Schrei. Da spornte ich meine Zampa und sprengte in sausendem Galopp gen Norden – fort, fort von der nächtlichen Zauberwelt. Ich hatte ein Gefühl, als lache und schreie es zugleich hinter nur her, wagte aber nicht, mich umzuwenden. Als indessen die Brücke, die über den Örkiler Bach führt, hinter mir lag, und sich Wasser zwischen mir und der gelben Fratze in dem vergitterten Fenster befand, da hatte ich ein Gefühl, wie der Jüngling im Volkslied, der von den Elfen fortgeritten ist und den geraubten silbernen Becher in der Hand hält, und doch hatte ich keine andere Beute mitgebracht, als das kleine, rote Räucherkerzchen. Wie ich selbst über diese Geschichte denke, und wie ich sie mir erkläre? Ich denke nichts, und ich versuche gar nicht, irgend etwas zu erklären. Nur in den Romanen hat man immer eine Erklärung und einen Abschluß – die Wirklichkeit macht ja oft ein Fragezeichen, wo ein Schriftsteller einen Punkt machen würde. Haben Sie nie eine Spur gesehen, die plötzlich aufhört und verschwindet, selbst in frisch gefallenem Schnee? Solche Spuren habe ich gesehen – und wo liegt die Erklärung? Ja, die ist mit dem Schnee geschmolzen. – Aber ein andermal sollen Sie erfahren, wie es dem Kapitän später ergangen ist. »Wollen wir jetzt einen Spaziergang machen, denn nun hat der Regen aufgehört?!« Es war an einem der letzten Tage im August; der Storch war gen Süden gesegelt, und die Schwäne fingen an, Reisefieber zu bekommen, wir hatten eine ganze Zeit lang in diesem Jahr beständiges, warmes Wetter gehabt; viele Landleute hatten ihre Ernte schon eingebracht und ringsumher lagen die Stoppelfelder und schimmerten in der Sonne, jedes mit seiner eigentümlichen Farbennüance – am schönsten doch die graulila Roggenstopoeln und die dunkelgelben Weizenstoppeln. »Nichts in der Welt hat einen so warmen Ton, wie Weizenstoppeln,« sagte der Hauptmann, als wir das Feld durchquerten, um nach dem Lundinger Moor hinabzukommen, »und keine Zeit ist so erfreulich, wie der Herbst, – Sehen Sie, da fährt Nielsen das letzte Fuder ein! Ja, der kann wohl lachen, er ist immer im Voraus. – Und dann ist es so verteufelt bequem, sich draußen herumzutreiben, wenn das Korn vom Felde ist – alle Entfernungen werden ja viel kürzer! Und es ist angenehm, wenn man so geht und dann denkt, daß es jetzt nicht lange währt, bis die eigentliche Jagdzeit beginnt! – Der alte Pastor Toft, den Sie ja auch gekannt haben – er war ein Ehrenmann, ein Geistlicher von der alten Schule – der wünschte immer, daß er in der Adventszeit heimgehen möge – in der Zeit der Erwartung, der Hoffnung – aber ich, der ich ein Weltkind bin, ich könnte mich versucht fühlen zu wünschen, daß ich in meiner Adventszeit heimgehen könnte: gerade ehe die Hühnerjagd eröffnet wird! – Nun, das ist ja nicht so gottlos gemeint, wie es klingt! – Wir bekommen übrigens in diesem Jahre einen frühen Herbst, das sollen Sie sehen,« fügte er nach einem Augenblick des Schweigens hinzu. »Die Vogelbeeren sind schon gelb, und die Brombeeren sind ganz rot – sehen Sie, wie sie dort am Zaun glitzern! – und gestern habe ich im Veilbyer Holz gesehen, daß die Nüsse schon anfangen, braun zu werden – da sind so viele, wie nie zuvor, und die Dolden sind so groß, als wären sie Trauben! – Ja, wir bekommen einen frühen Herbst!« Unten im Lundinger Moor schossen wir jeder fünf oder sechs Bekassinen – alles doppelte, nicht eine von den ganz großen – und da offenbar nichts anderes Lebendes mehr im Moor war, als eine verirrte Schwalbenschnepfe, die regelmäßig hundert Schritt vor dem Hund aufstand, so legten wir uns in das weiche Gras nieder, den Rücken gegen eine Torfmiete, und verschnauften ein wenig. »Nein, die ganz großen Bekassinen, die sind fast ausgestorben,« sagte der Hauptmann, »und die doppelten werden ihnen wohl bald nachfolgen, wir drainieren und dämmen schließlich das ganze Land ein, sodaß Laaland und Falster damit enden, auf dem Trocknen zu liegen; jetzt gibt es bald kein ehrliches Moor mehr, und wo sollen die Langschnäbel dann ihr Leben fristen! – Es ist ja auch ein Jammer um das Moor selbst! Gibt es etwas Großartigeres als ein Moor! – Lauschen Sie dem murmelnden Röhrichtwald, der immer ein Geheimnis zu haben scheint, das er dem Abendwinde anvertrauen muß, und sehen Sie sich die Rohrkolben an, die gerade vor den feinen Wasserviolen und den grauen Porschbüschen stehen! Können Sie hören, wie das Heidekraut mit den großen rosa Blüten den Herbst einläutet, und haben Sie sich wohl einmal recht das blanke schwarze Wasser da draußen mit den halb umgebogenen Wasserrosen-Blättern angesehen? – Sehen Sie, da sprang ein Hecht! – Nein, das war wohl doch nur ein Frosch, der ins Wasser hüpfte! – Und dann hat das Moor seine eigene düstere Poesie! Hinterlistig ist es mit seinen überwucherten stellen und dem schwankenden Boden, aber es bewahrt getreulich alles, was ihm anvertraut wird – es ist ja ein großes Museum! Die Hörner des Auerochsen und die Geweihe des Edelhirsches kann man da aufbewahrt finden, und zuweilen Dinge, die noch besser sind: goldene Kleinodien und verrostete Schwerter aus der Heidenzeit, – Erinnern Sie mich daran, daß ich Ihnen gelegentlich, vielleicht heute abend, von Mads Lune und dem Schatz im Erlenteich erzähle – das ist eine von meinen besten Geschichten! – Nein, wie doch die Sonne sengt! Aber ich habe die Schnapsflasche und auch das Bierfaß in die Quelle hineingelegt, ehe wir von Hause fortgingen, folglich werden sie beide schön kühl sein, wie denken Sie über einen kalten Schnaps zu gekochtem Barsch! – gekochter Barsch mit Petersiliensauce, Mensch, das ist was Gutes! – wie? Sie machen sich nichts aus Barsch? Ja, das ist am schlimmsten für Sie selbst, denn was anderes gibt's heute nicht!« Und dann sah der Hauptmann mit einem vergnüglichen Lächeln zu dem blauen Himmel empor und dachte wahrscheinlich abwechselnd an die im Moor vergrabenen Schätze und an den kalten Schnaps. Wir lagen gut – zu gut – aber nach Hause mußten wir ja, und da wir den Entenstrich an der großen Mergelkuhle auf dem Hjortholmer Frohnacker mitnehmen wollten, mußten wir gegen sieben Uhr aufbrechen und quer über die Äcker gehen. Infolgedessen kamen wir an dem Wier-Hügel vorüber. Das Gras darauf war fast vollständig von der Sonne weggesengt, aber an der Südseite ragte eine mächtige Königskerze auf; die sah so schön aus, daß der Hauptmann natürlich oben auf den Hügel hinauf mußte, um die Aussicht zu genießen, obwohl wir eigentlich gar keine Zeit hatten. »Ja, wer hier nun wohl in diesem Hügel liegt,« sagte er, »vielleicht ein König! Und was der alte Wiking wohl mit ins Grab genommen haben mag, das zu wissen, verlohnte sich schon! Wo Königskerzen blühn aus dem Hünengrab, Grub eine Krone aus rotestem Gold man hinab, Und wo Zauberkraut zwischen Porsch steht in sumpfiger Erd, Da sind vier Ellen hinab bis zum rostigen Schwert. – ja, so ungefähr pflegte Paul Tonning zu sagen – aber er drückte sich freilich nicht in Versen aus. Erinnern Sie mich heute abend, wenn wir gegessen haben, daran, daß ich Ihnen erzähle –« »Ja, Sie wollten mir von dem Schatz im Erlenteich erzählen,« unterbrach ich ihn, »daran werde ich Sie schon erinnern.« »Den Schatz können Sie ein anderes Mal bekommen,« antwortete er, »Nein, erinnern Sie mich lieber an die alleinstehende Pappel, dann kommt die Geschichte schon von selbst!« Und damit stieg der Hauptmann den Hügel hinab, und ich folgte ihm. Der Weg am Wald entlang war strahlend schön. Die Abendsonne vergoldete das Laub, das hier am Rande schon stark braun war, und zwischen die Bäume fielen die letzten, starken Strahlen, trafen einen Stamm oder verschwanden ganz im Dickicht. Plötzlich regte sich ein schwacher Luftzug, die Baumwipfel zitterten, einzelne dürre Blätter fielen rasselnd zur Erde, und dann wurde alles wieder still. »Spürten Sie das kalte Erschauern, das durch den Wald ging?« fragte der Hauptmann. »Den Wald überkamen wohl Laubfallgedanken, und die kommen mir auch! – Es war eigentlich gar nicht wahr, was ich vorhin sagte: daß ich mich so auf den Herbst freute. Das habe ich früher getan, und wenn die Jagdzeit da ist, meine ich, natürlich in diesem Jahre auch, daß ich erst so recht lebe – aber trotzdem: der Frühling, der lichte, der verheißende, das ist doch die eigentliche Adventszeit der Natur, und das ist nach und nach meine beste Zeit geworden – daran kann ich merken, daß ich alt werde. Im Herbst träume ich jetzt Winterträume – das tat ich früher nie! Aber man weiß ja auch nicht, wann einem der liebe Gott den Platz zum letzten Treiben anweist – nein, das weiß man nicht! Und ich glaube, es ist leichter zu sterben, wenn man noch jung ist – auf eine Weise natürlich. Ich will gar nicht davon reden, an der Spitze seiner Kompagnie zu fallen – ein schöner Blattschuß, während die Musik spielt und die Gewehre knallen – dazu gehört ja kein Mut! Aber den Strohtod zu sterben – und allein – nicht wahr, das kann vielleicht wunderlich genug sein. – Ja, wenn dann doch nur eine von den Frauen, die man ja von Herzen lieb gehabt hat, bei einem sitzen und einem die Hand halten und ein Gebet zu Gott für einen beten wollte – das glaube ich, könnte einem über das letzte hinweghelfen; denn in dem Glauben der Katholiken an ihre Heiligen – oder vielmehr an ihre Heiliginnen – da ist etwas, was ich so gut verstehe. Die Fürbitte einer edlen Frau, die hat Macht, das können Sie mir glauben, denn wenn eine Frau für einen Mann beten will , so muß doch etwas an ihm sein – die Frauen sind viel, viel besser als wir! Nun, wenn die Zeit kommt, wo der liebe Gott einen abruft, wird er einem wohl auch den Mut geben, der dazu gehört – nicht wahr? Wenigstens hoffe ich das!« Die Mergelkuhle erreichten wir gerade zu rechter Zeit – in dem Augenblick, als der erste Stern am Himmel erschien, – und da lagen wir hinter einem Garbenhaufen und warteten auf den Entenstrich. In solchen Augenblicken entgeht der Aufmerksamkeit nichts; man sieht alles und hört alles, es ist, als ob die Sinne, doppelt scharf wären. Jetzt wird oben in der Mühle Licht angezündet – in der Gesindestube, aber es bewegt sich langsam durch das ganze Erdgeschoß und langt endlich oben im Giebelzimmer an. Weit, weit nach Osten zu rasselt ein Wagen – das wird auf dem Igumer Weg sein. In den Gerstenstoppeln lockt das Rebhuhn, eine wehmütige Handharmonika klingt jenseits des Baches und – endlich, da sind die ersten Enten! Man hört sie, sie ziehen vom Strand herauf – ein einzelner Ruf, ein Laut, wie ein fernschwirrender Pfeil, der die Luft zerschneidet und schnell näherkommt, und dann – lange, ehe man es für möglich halten sollte – ist das Paar oder das Schof über unserem Kopfe – im selben Augenblick aber wieder in die Dunkelheit hinein verschwunden, wie fliehende Schatten. Ringsumher schwirrt es in der Luft, das Naturkonzert wird vielstimmig und vielgestimmt – es ist allmählich unmöglich, einen einzelnen Laut aufzufassen. Da kommt ein Zug Krickenten gesaust, als seien es pfeifende Büchsenkugeln; sie nehmen den Kurs gerade auf uns zu – nein, setzt biegen sie ab, und fort sind sie. Da kommt ein paar besonnenerer Stockenten; sie mäßigen ihren Flug, schweben gleitend herab und lassen sich auf das Wasser nieder; man hört das plätschern, aber wie sehr man sich auch anstrengt, sehen kann man sie nicht: sie liegen schon versteckt zwischen den schirmenden Zweigen der Weide, die über dem Graben hängen. Der Schutz knallt, der Blitz zuckt auf, aber nur hin und wieder hört man einen schweren Fall in die Stoppeln, und dann geht Diana dem Laut nach und bringt ihrem Herrn eine geflügelte Stockente. Eine kleine Viertelstunde, dann ist der Entenstrich vorüber, und wir gehen nach Hause. Waldwärters Marie hat die Barsche gekocht und Petersiliensauce dazu bereitet, Schnaps und Bier sind gleich quellkalt. Als wir aber, den Schnaps getrunken haben und das Bier einschenken wollen, kommt dem Hauptmann ein Gedanke. »Ich habe ja noch eine Flasche von dem alten Rheinwein, den mir der Graf auf Skovsgaard zu meinem letzten Geburtstag schickte,« sagt er; »der kann keine bessere Verwendung finden, als zu den Barschen getrunken zu werden, und er hat die richtige Temperatur, denn Rheinwein soll nie mehr als Kellerkälte haben, das pflegte Kandidat Matthiesen immer zu sagen!« Und wir essen die Fische – ich muß zugeben, daß sie tadellos schmecken – wir trinken den Wein, und als abgedeckt ist und wir »Rauch in den Mund« bekommen haben, wie der Hauptmann es zu nennen pflegt, sage ich: »Dann war da ia die Geschichte von dem Schatz im Erlenteich.« »Nein, die war da nicht!« erwidert er. »Aber Sie sagen doch selbst, daß die eine von Ihren allerbesten Geschichten ist!« »Das ist sie, aber die können Sie immer noch hören. – Nein, heute abend will ich die von der alleinstehenden Pappel erzählen.« Jetzt sollen Sie einmal hören! In meiner Jugend lebte ich nach meines Vaters Tode einige Jahre bei einem Bruder meiner Mutter, ein paar Meilen südlich von Viborg. Ich entbehrte freilich im Anfang das Meer und den Buchenwald, mit denen ich aufgewachsen war, aber dafür bekam ich hier etwas, das ich vorher nicht gekannt hatte: die Heide. Das Gut meines Oheims lag an der Grenze zwischen Heide und Ackerland, und noch heutigen Tages, wenn ich zurückdenke, ist es mir, als gäbe es keine schönere Gegend in der Welt. Die Heide, die hügelige Heide, mit Hünengräbern, Mooren, Teichen und Bächen, mit grünen Wiesen, die wie Oasen in der schwarzen Wüste stehen, und mit melancholischen, jungfräulichen Heideseen, an die man nicht glaubt, ehe man sie oben von den heidebewachsenen Hügeln zu seinen Füßen liegen steht – ja, ich gewann die Heide lieb, und ich betrachte sie im Grunde noch immer als das verlorene Paradies meiner Kindheit. Da draußen – in der Lögumer Kirche – wurde ich konfirmiert, und dahin ging ich also auch zum Einsegnungsunterricht. Es war ein langer Weg – ungefähr eine halbe Meile – aber die eine Viertelmeile ging an der »Priestermauer« entlang. Die »Priestermauer« war eine hohe Umzäunung aus Steinen, die der Edelmann auf einem längst parzellierten Meierhof seinerzeit von den Frohnbauern hatte errichten lassen, und daran entlang hatte sich allmählich ein Weg von der Filialkirche bis nach Lögum gebildet – daher der Name. In gerader Linie nach Aorten zu erstreckte sich die Mauer, die aus großen Feldsteinen errichtet war; ich entsinne mich noch ganz genau, daß ich damals fand, diese Steine hätten alle Gesichter – einige barsche, einige freundliche, wenn man sich nur die Zeit ließ, sie genau anzusehen. Und zwischen den Steinen wuchs der gelbblühende Mauerpfeffer und am Fuße der Mauer standen die prachtvollsten Adlerfarne, wo die wachsen, wissen Sie wohl, haben einstmals Bäume gestanden, und die Sage berichtet auch von ehemaligen Wäldern. Der alte Reiter Thrän hatte von seinem Großvater gehört, daß sein Vater sich eines Abends in einem Eichendickicht verirrt hatte, da wo jetzt nur noch Heidekraut und verkrüppeltes Unterholz steht, und die schweren Balken, die die Decke der Lögumer Kirche trugen, sollten hier in der Gegend gefällt sein. Dergleichen Sagen – Waldsagen – hat man ja überall auf der Heide. »Die alleinstehende Pappel«, wie alle sie nannten, stand am Ende der Priestermauer, da , wo diese in rechtem Winkel mit einer anderen, aber kleineren Mauer zusammenstieß, sie stand also in einer »Dreifelderscheide«, wie man in alten Zeiten zu sagen pflegte. Die Pappel kannte die ganze Gegend, nicht nur, weil sie im meilenweiten Umkreis der einzige große Baum war, sondern auch weil sie sozusagen eine Art »Seezeichen« zu Land war. Nach ihr steuerte man zur Winterszeit, wenn der Schnee die Heidespur verweht und Hecken und Scheiden ausgelöscht hatte, und nach ihr richtete man sich an dunklen Abenden, wo man mit genauer Not ihre Krone unterscheiden konnte. Sie war uralt – »älter als sich die ältesten Leute erinnern« – mit einem dicken, gefurchten Stamm, der sich vier bis fünf Ellen über der Erde in zwei mächtige Zweige teilte, von denen der westliche natürlich der kleinere war. Und dann war das Vergnügliche bei dieser alleinstehenden Pappel, daß man, wenn man von Süden her an der Priestermauer entlang gegangen kam, plötzlich die Spitze des Lögumer Kirchturmes gerade mitten zwischen den beiden Zweigen auftauchen sah, und allmählich, wenn man weiter kam, stand der ganze Turm da, und schließlich lag die Lögumer Kirche wie eine Silhouette in der Gabel. Das war etwas, woran Paul Tonning und ich jedes Mal, wenn wir zum Pfarrer gingen – zweimal in der Woche – unsere Freude hatten, und jedes Mal war es uns gleich neu und gleich interessant. Paul Tonning war der Sohn des »alten Tonning« auf dem Hügelhof. Das war ein verhältnismäßig großer aus Granitsteinen aufgebauter Bauernhof, der östlich von der Mauer lag, und es war das einsamste Gehöft, das man sich denken konnte – man hatte von dort wohl eine halbe Meile bis zum nächsten Nachbar und anderthalb Meilen bis zum Ulkenborger Krug. Paul und ich wurden Freunde – er war der einzige Altersgenosse, den ich dort in der Gegend hatte – und wer von uns zuerst zu der ein für allemal verabredeten Stelle an der Priestermauer kam, wartete getreulich auf den andern. Paul war in vielen Beziehungen ein wunderlicher und ein begabter Junge. – Ihm waren zufällig Thieles Volkssagen in die Hände gefallen, und das Buch ward gewissermaßen seine Bibel, obgleich er ja allmählich auch alle anderen Bücher ähnlicher Art las, deren er habhaft werden konnte. Er wußte es auswendig, aber namentlich alles, was darin von versunkenen Burgen und vergrabenen Schätzen, von Kobolden und Moorsagen stand, das hatte für ihn das größte Interesse. Stundenlang konnte er davon erzählen, was er gelesen hatte, und unbewußt dichtete er die Sagen um und lokalisierte sie, so daß er wohl nicht weit davon entfernt war zu glauben, daß die Gegend, in der er geboren war, der Schauplatz von mindestens der Hälfte der dänischen Sagengeschichte gewesen sei. Mir war es auf alle Fälle ein wahres Vergnügen, auf dem Weg zum Pfarrer und wieder zurück von all dem zu hören, was er ausfindig gemacht hatte. In dem Hünengrab mußte ein großer Häuptling liegen – in der Regel meinte er damit den Ufer Hügel, ein großes Hünengrab ganz in der Nähe des Gehöfts – und es sei ja sehr wohl möglich, daß gleichzeitig mit ihm ein großer Goldschatz dort vergraben wäre, denn auf dem Gipfel des Hünengrabes blühte immer eine Königskerze. Unten im schwarzen Moor war einmal eine mumienartige Leiche aus der Heidenzeit, in eine Tierhaut eingehüllt, gefunden – das mußte sicher Königin Gunild gewesen sein – und da der Lögumer See – ein kleiner Heidesee, nicht weit von dort entfernt – am Ufer am tiefsten war und in der Mitte seichtes Wasser hatte, so unterlag es ja keinem Zweifel, daß da draußen einmal eine Burg gelegen hatte, eine Burg, die entweder unter Königin Margrethe abgebrannt oder als Strafe für das gottlose Leben des Burgherrn in die Tiefe versunken war. Ob man Paul eigentlich im gewöhnlichen Sinn abergläubisch nennen konnte, weiß ich nicht; er glaubte doch wohl kaum an unterirdische Geister so, wie er an den lieben Gott glaubte, aber es gewährte ihm trotzdem eine eigenartige Befriedigung, sich vorzustellen, daß der Königsschatz im Ufer Hügel von den kleinen Erdgeistern bewacht werde, und in einem Punkt begegnete er sich mit ihnen in vollster Sympathie: er war ebenso ängstlich bei Gewitter wie die Erdgeister es sein sollen. Der Pfarrer in Lögum – der alte Pastor Tost, den ich schon früher erwähnt habe – war auf Pauls Interesse für Lektüre aufmerksam geworden, und da der Pastor zu den guten, altmodischen Pfarrern gehörte, die immer nach Genies unter den Bauernkindern spähten, so sprach er mit Pauls Vater darüber, daß er doch den Sohn studieren lassen solle. Paul selbst wollte nichts lieber als das, aber der alte Tonning war taub für diesen Vorschlag. – »Der schwarze Mann in Lögum hat nichts über mich und die Meinen zu sagen,« erklärte er, und Paul sollte werden, was sein Vater war, »ein Bauer und eines Bauern Sohn. Ich habe oft darüber nachgedacht, ob es wohl ein Glück für Paul gewesen sein würde, wenn der Rat des Pfarrers befolgt wäre und er studiert hätte, – wäre er Gelehrter geworden oder wäre er Dichter geworden? Ich glaube es nicht; sein Kopf hätte es nicht ausgehalten. Er konnte Jahr für Jahr und Tag aus Tag ein dasselbe wieder und wieder lesen, aber der Zeitpunkt kam sehr früh, wo er nichts neues mehr lesen wollte: sein Vorstellungskreis war abgeschlossen. Nein, er wäre unglücklich geworden, wenn er studiert hätte! Ich bin nun übrigens des Glaubens, daß jeder Mensch hier in der Welt in Wirklichkeit auf den Platz kommt, wohin er paßt. – Hätte ich mich wohl zum Studieren geeignet, wie es der Wunsch meines Oheims war? Nein! und wäre der Krieg nicht gekommen, und wäre ich nicht als Freiwilliger mitgegangen, was wäre dann wohl ans mir geworden? Nichts! Aber der Krieg kam, und nun habe ich doch als Hauptmann geendet! Aber wenn ich darin dem alten Tonning Recht geben muß, daß er seinen Sohn nicht studieren lassen wollte, so muß ich mich auf der anderen Seite dagegen verwahren, daß ich irgend welche Sympathie für ihn gehabt hätte – im Gegenteil! Er war sehr unbeliebt in der ganzen Umgegend, und mit Recht. Tüchtig auf seine Weise war er, aber hartherzig und ungewöhnlich geizig. Er war Witwer und Paul war sein einziges Rind, aber dessenungeachtet konnte er sich kaum dazu entschließen, ihm das Nötigste zu geben, so daß der Sohn einfacher gehalten und schlechter gekleidet war, als irgend ein Häuslerkind. Daraus machte sich Paul indessen nichts, wenn er nur Erlaubnis hatte, in seiner freien Zeit sein eigenes Traumleben zu führen, mit vergrabenen Königskronen und im Moor versunkenen Schätzen, und mich genierte des alten Mannes Mangel an Gastfreundschaft nicht; wenn ich hin und wieder einmal nach dem Hügelhof kam, duldete er mich doch, fand sich darin, daß ich ein Stück Brot mit sehr dünn gestrichener Butter und Käse bekam, und ließ mich auf seine Bekassinen und Hühner vorbeischießen – er selbst war kein Jäger, ebensowenig wie Paul. – Und dann kam der Krieg und fünf Jahre lang sah ich nichts vom Hügelhof, aber im Jahre 53 kam ich wieder in die Gegend – das war gleich nachdem ich die wunderliche Nacht bei dem Kapitän in Kjärvig verbracht hatte – und dann suchte ich Paul natürlich sofort auf. Er war zu Anfang gleichsam ein wenig scheu mir gegenüber und wußte nicht recht, ob er du oder »Herr Leutnant« zu mir sagen sollte, aber das gab sich schnell, und wir verkehrten bald mit einander, wie alte Freunde aus der Kindheit zu tun pflegen. Auf dem Hügelhof hatte sich etwas Großes zugetragen, während ich fort gewesen war, es war noch jemand ins Haus gekommen. Paul erzählte mir selbst, wie das zugegangen war. An einem Sommermorgen, gleich nach Sonnenaufgang war er auf den Aser Hügel gegangen und hatte dort wahrscheinlich wie gewöhnlich gestanden und darüber nachgegrübelt, was der Hügel wohl in seinem Schoß bergen möge, als er plötzlich an der Ostseite etwas wie Jammern hörte, dort, wo ein verwehter Dornenbusch im Heidekraut stand. Und als er dann dem Laut nachgegangen war, gewahrte er unter dem Busch ein schwarzäugiges, zappelndes, kleines Mädchen von ein paar Jahren, das streckte weinend die winzig kleinen Ärmchen nach ihm aus. Es war, sagte er, leibhaftig, als habe ein Kind der Erdgeister Erlaubnis erhalten, in der hellen Nacht unter offenem Himmel zu spielen, sei aber von der Sonne überrascht und konnte nun nicht wieder in den Hügel hinein. Paul trug das kleine Mädchen nach Haus und hatte natürlich ein unbestimmtes Gefühl, daß sein liebes Hünengrab ihm gleichsam einen lebenden Schatz anvertraut habe, und wie es nun auch gegangen sein mochte, er erreichte wirklich von dem Vater, daß das Kind auf dem Hügelhof bleiben durfte. Die Kleine wurde getauft und erhielt in der Taufe den Namen Karen, aber woher sie gekommen war, das wurde nie aufgeklärt. Eine Zigeunerbande war am Tage vorher in der Gegend gesehen worden, und zu denen gehörte sie wohl, sie ließen aber nie wieder von sich hören, und so blieb sie denn auf dem Hügelhof. Karen war Pauls Ein und Alles. So lange sie klein war, pflegte er sie wie die zärtlichste Mutter, und als sie heranwuchs, unterrichtete er sie, erzählte ihr, was er selbst wußte und sorgte in jeder Weise für sie. Ich kam in der Regel jedes zweite Jahr nach dem Hügelhof und blieb dort ein paar Tage – in Parenthese bemerkt: ich bleibe niemals irgendwo so lange, daß die Leute Zeit haben, meiner überdrüssig zu werden. Paul wußte immer ganz genau, wo die Rebhühner und der Birkhahn lagen, und dann zogen wir zusammen aus, er seinen Eichenknüppel in der Hand, ich mit meiner Flinte. Mit jedem Jahr war Karen schöner und schöner geworden – schließlich war sie geradezu eine Schönheit, mit strahlendem Blick unter den langen, schwarzen Wimpern und von einer Gestalt, die einem Bildhauer als Modell hätte dienen können. Es war ein Genuß, sie nur gehen zu sehen: mit leichtem, wiegendem Gang schritt sie über Pfade und Grasflächen dahin – die kleinen Füße gingen wie Trommelstöcke, und es hätte einen wirklich nicht verwundert, wenn sie plötzlich die Holzschuhe weggeworfen hätte, und, die Hände in die Seite gestemmt, in einem Tanze dahingeschwebt wäre, den niemand dort in der Gegend kannte. Es lag nun freilich keine Gefahr vor, daß sie das tun würde, denn Karen war die stillste, frommste Seele, die ich jemals gekannt habe. Tief religiös, sanft den Menschen gegenüber und gut gegen Tiere. Und dann war sie außerdem so tüchtig im Hause wie sonst niemand, früh auf und spät zu Bett, niemals müßig. Selbst der alte Tonning, der immer geiziger wurde, und zuweilen halblaut häßliche Worte darüber fallen ließ, daß »die fremde Betteldirne ihn aus dem Hause herausäße«, selbst er mußte einräumen, daß sie »ungewöhnlich geschickt mit den Händen sei«, und das ist sicher, sie war ihm Goldes wert, denn sie arbeitete ohne Lohn und immer mit einem freundlichen Lächeln. Über das Verhältnis zwischen Paul und Karen konnte man bald nicht im Zweifel sein. Sie las ihm jeden Wunsch aus den Augen ab und folgte ihm, wo er ging und stand, draußen und drinnen, mit einem sehenden, liebevollen Blick, und er – er bewunderte und vergötterte sie stumm. So lange der Alte lebte, konnte Paul natürlich nicht daran denken, sich mit einem armen Findelkind zu verheiraten, und so wartete er denn – wartete in Zucht und Ehren – ich bin sicher, daß nie ein eigentliches Liebeswort, geschweige denn ein Kuß zwischen ihnen gewechselt ist – nun, ich bin ja selbst nie ein Heiliger gewesen, aber ich bewundere aufrichtigen Herzens den, der es sein kann. Paul lebte als Knecht auf dem Hof des Vaters, als Knecht, weder mehr noch weniger. Der alte Tonning vertraute ihm nicht einmal den Verkauf eines Stück Viehes an, nein, er ging selbst auf den Markt, wenn Vieh verkauft werden sollte, und brachte das Geld in der Viborger Sparkasse unter. Es konnte garnicht die Rede davon sein, daß jemand anders als er selbst das besorgte, wenn die Ernte beendet oder das Vieh verkauft war. Da war nur Raum für einen Willen auf dem Hof, und das war der Wille des Vaters, und er und der Sohn wechselten wohl kaum zehn Worte im Laufe des Tages. Dann kam indessen die Zeit, wo der Alte schwächer und gebrechlicher wurde, wie ein bemooster Erlenzaun, und selbst nicht mehr nach Viborg fahren konnte, und dann wurde er allmählich ganz sonderbar oder »rappelig«, wie die Leute es nannten; gönnte sich kaum die nötigste Nahrung und sprach davon, daß er schließlich noch der Gemeinde zur Last fallen würde. Oft sah man ihn jetzt auch an der Priestermauer entlang, gehen und mit seinem Stock zwischen den Steinen herumstochern, und die Leute sagten, daß er das Geld, statt es auf die Viborger Sparkasse zu tragen, in die Mauer vergraben hätte, was aber schlimmer war, man behauptete schließlich allgemein, er habe vergessen, wo er es versteckt habe, und das sei es, was ihn rappelig mache. Eins steht fest – ich habe es selbst unzählige Male gesehen, daß er Tag aus Tag ein an der Priestermauer entlanghumpelte und versuchte, bald an dem einen Stein, bald an dem andern zu rütteln, und doppelt unheimlich wurde es, als er schließlich immer zur Abendzeit hinaus wollte, namentlich im Herbst und im Winter – und dann mit einer brennenden Laterne in der Hand an der Mauer auf- und niederging – schon aus weiter Entfernung sah man den flackernden, trüben Schein. Und dann starb er endlich, und obwohl er einen schönen Batzen in der Viborger Sparkasse hinterließ, war es doch nicht so viel, wie man erwartet hatte, und das gab ganz natürlich Veranlassung zu dem Glauben, daß er, wenn auch nicht einen Schatz, so doch eine runde Summe, in die Mauer versteckt habe; dieses Gerücht breitete sich mehr und mehr aus, und natürlich gab es auch Leute, die zu erzählen wußten, daß man an dunklen Herbstabenden seinen Geist mit der Laterne und dem Stock an der Priestermauer spuken sähe. Ein Jahr nach seinem Tode feierten Paul und Karen Hochzeit – er war zwischen vierzig und fünfzig, sie war in den Zwanzigern. Das Glück kehrte in den Hügelhof ein – aber es war zu spät gekommen. Paul war zu lange Knecht gewesen, um sich so recht als freier Mann fühlen und den Rücken gerade halten zu können. Er trug sie indessen, wie man zu sagen pflegt, auf Händen, und sie war demütig dankbar, als seine Frau auf dem Hof zu herrschen, auf den sie als Findelkind gekommen war, aber wenn ich sie zusammen über das Feld gehen sah, in der Regel Hand in Hand, konnte ich mich doch nicht des Gedankens erwehren, daß der Alte nur so lange gelebt habe, weil er den Jungen das Herzblut ausgesogen hatte. Für andere war es indessen gut auf dem Hügelhof zu sein; kein Armer ging ohne Unterstützung fort, und wenn ich dahin kam, war es wie ein Fest! Kücken und Enten mußten ihr Leben lassen, und Karen braute ein Märzbier – mit gelbem, fettem Schaum, – wie ich es nie besser getrunken habe, und von dem immer ein paar Flaschen für die Rebhühnerzeit aufgehoben wurden. Kinder bekamen sie nicht, und das war ja ein Kummer, namentlich für Karen, obwohl sie sich so weit wie möglich nichts davon merken ließ – aber Wohlstand war auf dem Hügelhof, im Verhältnis zu der Gegend natürlich, und Paul war auch auf seine weise froh und zufrieden. Aber dann in einem Herbst hatte ich gleichsam ein Gefühl, daß nicht alles so war, wie es gewesen war, und wie es sein sollte. Paul war bedeutend gealtert, fand ich, noch mehr zusammengesunken und noch gebeugter in seinem Gang als früher – man mußte an den Vater denken, wenn man ihn sah. Und dann waren da ein paar Kleinigkeiten, die mir auffielen. Erstens war in diesem Jahre kein Märzbier gebraut. Sie können das ja gern eine Kleinigkeit nennen, aber ich konnte doch nicht lassen, darüber nachzudenken. Karen kam, sanft und milde wie immer, mit vielen Entschuldigungen, weil sie mir nur gewöhnliches Bier vorsetzen könne, aber Paul murmelte etwas davon, daß zu viel Malz und Hopfen zu dem Märzbier gebraucht würde; das könne man ja doch entbehren, und gespart werden müsse ja. Nun, ich sagte ja nichts weiter dazu, aber dann eines Abends kam eine Frau und bat, einige Worte mit Karen sprechen zu dürfen, und Karen ging hinaus; und als sie nach einer Weile wieder hereinkam, fragte Paul, was da gewesen sei. – »Ach, es war nur Marie aus dem Moorhaus,« erwiderte Karen, sie sei dagewesen und habe um etwas Milch gebeten. – »Hast du ihr Vollmilch gegeben?« fragte Paul dann. – »Ja, natürlich,« antwortete Karen. – »Na, – Magermilch hätt's auch wohl getan,« wandte Paul ein. Aber nun stieg Karen das Blut zu Kopf und sie versetzte mit einer Heftigkeit, wie ich sie früher nie bei ihr bemerkt hatte: »Die Mich war für ihr Kind, Paul! Gönnst du nicht einmal mehr armer Leute Kindern einen Pott Vollmilch!« – »Ach ja – ach ja, immerhin,« erwiderte Paul bedächtig, und dann wurde nicht mehr über die Sache geredet. Aber mir war das Ganze doch höchst wunderlich, und noch wunderlicher ward es mir an einem der folgenden Abende, als Paul ohne weitere äußere Veranlassung anfing, von dem Vater zu reden: daß er weniger hinterlassen habe, als man hätte erwarten können, und daß es doch wohl seine Richtigkeit damit habe, was die Leute sagten, daß er sein Geld in der Priestermauer versteckt habe. »Ach Unsinn,« sagte ich, »das ist nur so ein Gerede der Leute!« »Ja, und was sollten wir wohl mit mehr Geld,« meinte Karen, »wir haben ja doch genug.« »Ach ja, immerhin,« erwiderte Paul zögernd, » genug, daß ist nun freilich ein großes Wort – wer hat überhaupt genug?« Dann saß er da und wiegte sich auf dem Stuhl hin und her und kam schließlich damit heraus, daß der Alte, als er in den letzten Zügen lag, davon gemurmelt habe, daß da »was Aufgeschriebenes« sei, und dieses Aufgeschriebene, meinte Paul, müsse wohl eine Bezeichnung sein, wo das Geld versteckt sei. – »Könnte man das Aufgeschriebene bloß finden,« sagte er, »dann wäre man gut heraus, aber ich habe gesucht und gesucht und bin noch ebenso weit. – Es ist doch wirklich ärgerlich, zu denken, daß vielleicht ein ganzer Reichtum daliegt und auf einen wartet – ohne daß man dazu gelangen kann,« »Ja, was wolltest du eigentlich tun, wenn du das Geld bekämest?« fragte ich. »Ach, man könnte ja die Scheune umbauen,« lautete die Antwort, »die hat es groß nötig.« »Aber das tätest du ja doch nicht,« wandte ich ein. »Ach, nein, vielleicht nicht, aber dann hätte man doch das Geld!« Im Jahre darauf hatte ich eigentlich die Absicht, den Hügelhof von meinem Jagdplan zu streichen, weil ich halb und halb Hjelmsted versprochen hatte, nach Svendsö zu kommen, und Svendsö lag ja in einer ganz anderen Gegend des Landes; aber dann erhielt ich einen Brief von Karen, worin sie schrieb, daß ich doch auf alle Fälle kommen müsse, denn mit Paul sei es ganz schlimm. Und dann ritt ich natürlich dahin. Ich war zuerst ein paar Tage in Audinghof und war ein paar Stunden später von dort fortgekommen, als ich beabsichtigt hatte, so daß ich erst gegen Abend Bulbro erreichte. Es war schon ganz dunkel, als ich an der Priestermauer entlang nach dem Hügelhof hinaufritt. Ich saß in Gedanken versunken da und überließ das Pferd sich selbst, als es plötzlich mit einem Ruck stillstand, die Ohren zurücklegte und vor Angst schnob. Ich gab ihm die Schenkel, so daß es zusammenfuhr, aber es zitterte nur am ganzen Körper und rührte sich nicht vom Fleck. Ich sah geradeaus, und ich sah nach allen Seiten, da war nichts zu entdecken. Es ist nun so ungefähr das Unheimlichste, was ich kenne, wenn ein Pferd nicht im Dunkeln weiter will, und man selbst nicht sehen kann, was es ängstlich macht. Denn daß es etwas sieht oder wittert, das weiß man ja. Plötzlich gewahrte ich jedoch einen schwachen, flackernden Schein, wie von einer Laterne, die sich langsam vorwärts bewegte, immer auf und ab – und gleichzeitig vernahm ich ein merkwürdiges Geräusch, als wenn ein leichter Schlag gegen die Steine der Mauer geschlagen würde. Jetzt kam das Licht näher – das Pferd war nicht zu halten, es wollte umkehren – und aus der Dunkelheit heraus glitt eine Gestalt, die ich kennen sollte, ducknackig und gebeugt, eine Laterne in der Hand. Ich wollte meinen eigenen Augen nicht trauen – das war ja unmöglich – aber es war der alte Tonning, der da spukte und nach der Stelle suchte, wo er das Geld versteckt hatte! Ich will mich nicht gern besser oder mutiger machen, als ich bin – ich war kurz davor, umzuwenden. Aber im selben Augenblick erhob die Gestalt den Kopf, das Licht der Laterne fiel auf das Gesicht des Wandernden, und ich sah nun, daß es nicht der Alte war, sondern Paul, den ich da vor mir hatte. »Was in Himmels Namen tust du hier!« rief ich noch ganz benommen aus. »Ach, ich mache nur so einen kleinen Gang,« lautete die Antwort. »Übrigens herzlich willkommen – dann wollen wir man sehen, daß wir nach Haus kommen!« Am nächsten Tag nahm mich Karen bei Seite. Paul sei ganz, ganz sonderbar geworden, sagte sie, sie sei oft bange um seinen Verstand. Er gönne es sich kaum, sich satt zu essen, und er denke an nichts weiter als an das Geld, das der Vater in der Mauer versteckt haben solle; danach suche er früh und spät, und er rede von nichts als von dem Aufgeschriebenen, das darüber berichten sollte, wo der Versteck sei. Dann, am nächsten Tag, als wir draußen auf dem Jagdrevier waren, – er wie gewöhnlich mit seinem Eichenknüppel, ich mit der Flinte – sprach er wieder ganz vernünftig und erwähnte kein Wort von dem verborgenen Schatz, aber es lag doch während der ganzen Zeit etwas Gedrücktes, etwas Verschlossenes über ihm. Wir mußten doch schon mehrere Stunden früher, als wir beabsichtigt hatten, nach Hause eilen, denn von Süden her zog ein Gewitter herauf, und Paul hatte noch die ganze Angst seiner Kindheit vor dem Gewitter. Es ward ein Unwetter von der Art, wie man es oft in der Heide erlebt, wo ein Gewitter nur fortzieht, um gleich darauf von einem andern abgelöst zu werden, und wo es im Grunde ununterbrochen ganze Tage oder Nächte blitzen kann, bald über unserem Kopf, bald weit hinten am Horizont. Paul war bange wie ein Kind. – »Wenn es nun hier auf dem Hof einschlägt!« rief er mehrmals aus. »Dann ist es Gottes Wille!« erwiderte Karen, »Ich bin heute abend so bange!« sagte er plötzlich, »Dann schlage die Bibel deines Vaters auf und lies dich zur Ruhe!« erwiderte Karen. Und Paul erhob sich, ging in das Zimmer des Vaters, das noch unberührt seit seinem Tode dastand, und kam nach einer Weile mit einer verstaubten, messingbeschlagenen Bibel zurück, die er öffnete und aufs Geratewohl aufschlug. Aber da, da wo er aufschlug, lag ein Zettel – ein abgerissenes Stück von einer Tabakdüte – und darauf stand etwas geschrieben – er und ich entdeckten es zur selben Zeit. »Mein Gott, das ist ja Vaters Handschrift,« sagte Paul. »Was steht denn da?« fragte ich. Paul war leichenblaß geworden, seine Hand zitterte, als er mir den Zettel reichte. Mit deutlicher, aber ungeübter Hand stand da: »Die Turmspitze in der Gabel; feines Korn.« Ich muß gestehen, daß es mir eiskalt über den Rücken hinunterlief – es war also doch wahr mit dem versteckten Geld, und »das Aufgeschriebene« war wirklich da! »Ach Gott, ach Gott,« stöhnte Paul, »und da ist man noch ebenso weit, was ist die »Gabel«?« »Die Gabel,« erwiderte ich, das ist selbstredend die Gabel der alleinstehenden Pappel, und an der Stelle in der Priestermauer, wo man die Lögumer Kirchturmspitze gerade zwischen den Zweigen sehen kann, da hat der Alte das Geld versteckt – das ist ja ganz klar!« Ich glaube, Paul hätte mir für diese Erklärung um den Hals fallen können, obwohl für den, der in der Gegend bekannt war, ja nicht viel Scharfsinn dazu gehörte. Aber er begnügte sich damit, mir die Hand zu drücken, dann stand er auf und rief »Ich will hinaus! Ich will mein Erbe haben!« Im selben Augenblick flammte ein Blitz auf, der greller war, als irgend einer der vorhergehenden, und einen Augenblick später ertönte ein Donnerknall, prasselnd und krachend, als werde ein Felsen gespalten. »In Jesu Namen!« – sagte Karen und hielt sich unwillkürlich die Augen zu. »Das hat eingeschlagen!« Der Regen ward jetzt zu einem förmlichen Wolkenbruch, ein Blitz folgte dem andern – es konnte ebensowenig davon die Rede sein, in die Nacht hinauszugehen, als sich zu Bett zu legen. Am nächsten Morgen stellte es sich heraus, daß der Blitz in die alleinstehende Pappel eingeschlagen hatte. Der Strahl war gerade zwischen den beiden Zweigen niedergefahren; in zwei Teile zerspalten lag der alte Baum da, das »Seezeichen« war nicht mehr, und niemand konnte mehr die Turmspitze der Lögumer Kirche in der »Gabel« sehen – weder als »feines Korn« noch als »gestrichenes«. Paul nahm den Blitz als Gottesgericht hin! er sollte also das versteckte Geld nicht finden, er sollte verzichten. Und von nun an kam Friede über Pauls Gemüt, und er lebte still und glücklich mit seiner Karen. – Jetzt sind die beiden tot, und ich kenne die entfernten verwandten nicht, die den Hof geerbt haben. – Ja, das ist die Erzählung von der »alleinstehenden Pappel« – Ein andermal sollen Sie die Geschichte hören, wie diese Pappel »spukte« und mir auf den rechten Weg half – jetzt ist es zu spät geworden, um mehr zu erzählen. Ich hatte dem Hauptmann versprochen, Anfang April zu ihm zu kommen und nachzusehen, ob da noch Schnepfen seien, und ist freute mich schon im voraus sehr darauf; nicht, daß die Gegend um Hjortholm ein besonders gutes Revier gewesen wäre, sondern weil das Aufstöbern einer Schnepfe in Gesellschaft des Hauptmannes mir mehr wert war, als ohne ihn zehn aufzustöbern. So verließ ich denn Kopenhagen eines Morgens und machte die lange Eisenbahnreise durch Jütland hinauf. Die meisten finden sie ermüdend und sehnen sich nur danach, an ihr Ziel zu gelangen. Für mich ist die Fahrt immer ein kleines Erlebnis: ich bin ja in Jütland – schon allein das ist genug! – und da ist immer etwas im Vorüberfahren zu sehen, finde ich. Diesmal lag ja obendrein Frühling in der Luft, früher Frühling freilich. Hie und da lagen noch Schneeschollen an den Nordseiten der Hecken, aber die Maulwurfhügel in der Wiese waren so schwarz und so locker, und rings umher auf dem Feld blitzten in den Niederungen kleine Seen, von denen die Generalstabskarte nichts weiß, und die, wenn ein frischer Südwind sie im Sonnenschein kräuselt, ganz meerblau sein können. Wie unbarmherzig ist aber die Frühlingssonne – gerade so unbarmherzig wie eine unretouchierte Photographie von einem runzeligen Gesicht! Nicht nur wir Menschen sehen im April aus, als wären wir im letzten November zehn Jahre älter geworden, das ist auch mit der Staffage in der Landschaft der Fall: das Strohdach des Bauern hat Löcher an der Westseite, und der Zaun um den Garten neigt sich vornüber, die Strohmiete hat Schlagseite bekommen und der Kalkputz ist von der Scheunenwand abgefallen. Aber trotzdem liegt etwas ganz Unbeschreibliches, etwas Verheißungsvolles hinter all der Vergänglichkeit, und ich spähe aus dem betauten Fenster meines Abteils mit noch größerer Freude als in der Jugendzeit nach jedem kleinen Frühlingszeichen aus. In dem kleinen Garten des Bahnwärters werden die Stachelbeerbüsche schon grün, und die Hühner des Häuslers geben auf eigene Faust ins Feld, um gegen Abend heimzukommen und Ostereier zu legen; an einer Stelle werden die Tannenzweige von einer Rose fortgenommen, an einer andern Stelle zieht man der Pumpe den Strohmantel aus, und dort unten – an dem kleinen See – teert der Fischer sein Boot – wenn es etwas ist, was Frühling bedeutet, so ist es ein Boot, das geteert wird. Gegen Abend, als die Keile der wilden Gänse schnatternd über das Moor dahinzogen, kam ich an die Station. Der Hauptmann hielt dort mit seinem kleinen Gig, und dann fuhren wir dem Waldhäuschen zu. »Ja, wie das Wetter morgen sein wird,« sagte er unterwegs, »dafür kann ich nicht einstehen – Sie wissen ja. Die Silhouette des April – Ein Regenschauer, der lachen will, aber der Frühling ist da, und bei mir zu Hause ist es herrlich: Über der Hecke liegt grünender Schein, Auf dem Giebel nisten Stare sich ein, sind eben häuslich installiert. Vorgestern hatten des Nachts wir Frost, Doch die letzte Nacht mit Extrapost Ist die Schnepfe arriviert. Ja, wenn wir zuhause anlangen, können Sie sehen, daß es wahr ist, denn da hängen zwei Langschnäbel an der Mauer, die ich heute vormittag geschossen habe, und die wir morgen verzehren wollen – heute abend müssen Sie sich mit täglicher Kost begnügen!« Aber die tägliche Kost schmeckt tadellos in des Hauptmanns Eßstube und in des Hauptmanns Gesellschaft; das tun auch die Pfeifen und der Grog, und es wird uns schwer, aufzubrechen. Aber einmal muß es ja sein, so sagen wir einander eine Gutenacht, und ich schlafe süß, bis mich der Hauptmann am nächsten Morgen weckt. »Über Nacht haben wir Südwestwind und Sprühregen gehabt,« sagt er freudestrahlend – »also sind da Schnepfen! Und jetzt scheint die Sonne – so lange es währt – sehen Sie selbst!« Und ich sehe zum Fenster hinaus, atme die kühle Morgenluft ein und genieße das Idyll, das vor mir liegt: Der Star sitzt auf seinem Stock und flötet, die Hauskatze Musch, die Diana wohl auf dem Hof, nicht aber in den Stuben duldet, ist draußen und schleckt Sonne, und die Spatzen zerhacken die gelben Krokus, so daß die Blütenblätter ringsumher auf dem Rasen herumfliegen. Eine halbe Stunde später sind wir im Wald – nie ist er so groß und hoch wie im Frühling. Die blanken Buchenstämme machen förmlich den Eindruck, als reckten sie sich und höben die Kronen in der starken Sonne hoch empor, aber die Eichen bemühen sich vergeblich, ihre krummen Rücken zu richten, und schämen sich offenbar, wenn sie die geraden, scharfen Schatten sehen, die ihre Nachbarn auf den braunen Laubteppich werfen können. Die Weide unten im Erlenmoor hat schon gelbe Kätzchen, während die Kätzchen der Haselstaude erst im Aufblühen begriffen sind, und an einer vereinzelten Stelle steht schon eine blaue Anemone; sonst aber hat der ganze Wald unten wie oben diesen wunderlich zarten neutralen Farbenschimmer, der dem April so eigentümlich ist, – »Der Frühlingswald,« sagt der Hauptmann, »der erinnert mich im Ton immer an einen Eulenflügel – an einen weichen Eulenflügel, der alle Farben hat und doch keine Farbe – der Frühlingswald ist etwas ganz für sich!« Nur die Tannen, namentlich die dunklen Edeltannen, verleihen dem Bilde Tiefe; sie stehen da wie Vordergrundkulissen, die im Laufe des Winters all das verlorene Grün an sich gesogen haben, und jetzt stolz darauf sind, es zeigen zu können – sie wissen ja, daß man vergißt, sie anzusehen, wenn erst alle Bäume in ihrem Blätterschmuck prangen. In einem Teil des Waldes ist das Terrain stark koupiert, hier zieht sich eine tiefe, langgestreckte Schlucht zwischen dem Eichengestrüpp dahin, und auf dem Boden, wo es im Sommer ganz trocken ist, hüpft jetzt ein fröhlicher, kleiner Wildbach mit einem Fall hinter dem andern und mit silberweißem Schaum in den Stromschnellen. Hier ist ein schmaler Steg ohne Geländer und der Steg ist glatt, aber der Hauptmann geht aufrecht und sicher darüber hin, und als er auf der anderen Seite angelangt ist, bleibt er einen Augenblick stehen, lauscht und sagt: »Hören Sie nur, wie der Bach summt, und hören Sie die Orgeltöne des Südwindes drinnen aus dem Hochwald – das sind zwei von den Stimmen der großen Frühlingssymphonie, die zu hören man nie ermüdet – niemals! – Es ist doch schön von dem lieben Gott, daß er mich diesen Jubel noch einmal wieder erleben läßt – denn einmal muß es ja doch das letzte sein,« fügte er hinzu, »und eine Schnepfe wird ja auch die letzte werden!« Aber keine von den Schnepfen des vorherigen Tages wurde diese letzte, denn einen Augenblick später steht Diana drinnen in dem niedrigen Buchenunterholz, die Schnepfe fliegt auf – Klapp, Klapp! – und steuert lautlos und geradlinig wie ein Pfeil zwischen den Eichen dahin. Der Hauptmann schießt, und die Schnepfe fällt – natürlich! Das blieb aber auch die einzige, die wir an dem Tag fanden, aber was tat das: wir waren ja trotzdem alle beide sehr zufrieden mit unserem Jagdausflug. Gegen Nachmittag gaben wir die Jagd auf und gingen über die Landstraße – die Viborger Landstraße – durch den Wald nach Hause. Als wir auf das offene Feld gelangten, wo die Sonne fast sengte, ward mir so warm, daß ich eine kurze Rast vorschlug. Dagegen hatte der Hauptmann nichts einzuwenden, nur bestand er darauf, daß wir die fünf Minuten bis zum Wier Hügel gehen sollten, um die Aussicht mitzunehmen, während wir ruhten. Das taten wir dann, warfen uns auf der Sonnenseite nieder und streckten die Glieder, zündeten die Pfeifen an, bewunderten die schöne, zusammengestimmte Farbenpracht der Schnepfe und erörterten die ewig neue Frage, ob man den Frühlingsstrich schonen solle. »Nein, wie müde ich bin,« rief ich aus, als das Thema endlich erschöpft war. »Ja, die junge Luft ist frisch aber stark,« erwiderte der Hauptmann und fuhr einen Augenblick später fort: Im Frühling soll man frei und frank Der Düfte Becher leeren, Doch Frühlingsluft wie Ostertrank Dir schweren Traum bescheren. Das heißt, wenn man jung ist, dann sind Träume den Teufel auch nicht schwer, dann sind sie leicht und licht! Die Säfte steigen im Frühling in die Stämme, es gährt und siedet, und so ist es auch mit dem Menschen – wenigstens mit einem normalen Menschen – und Gott sei Dank dafür ! – Freuen Sie sich, daß sie jung gewesen sind – das tue ich! Ach, wie bin ich jung gewesen! – Erinnern Sie sich noch der Geschichte aus dem alten Krug? So, also deren entsinnen Sie sich noch! Warum haben Sie mich denn nicht danach gefragt, ob ich später etwas von dem jungen Paar gehört habe, das an jenem Morgen von dannen zog – danach würde ich an Ihrer Stelle gefragt haben! So, daran haben Sie nicht gedacht – ja, dann muß ich wohl für Sie fragen und antworten! – Freilich, auf eine Weise – aber allerdings nur indirekt – habe ich wirklich eine Art Nachricht von dem Paar erhalten – oder vielmehr von der Braut – im Jahre darauf. – Ich habe Ihnen wohl noch nicht von der Eule erzählt, die wegflog – wie? – Nein, das dacht ich mir. Das ist eine richtige Frühlingsgeschichte, folglich paßt sie zu der Jahreszeit, und sie stammt aus meinen Leutnantstagen – sonderbar: obwohl ich jetzt über ein Menschenalter Hauptmann gewesen bin, fühle ich mich im Grunde noch immer wie ein Leutnant! – Nun, die Geschichte beginnt übrigens im Sommer! Es war im Juli, in dem Sommer, nachdem ich die bewegte Nacht im Krug erlebt hatte. Ich war ein paar Tage auf Audinghof gewesen und hatte eigentlich gedacht, zu Beginn der Entenjagd nach der Sleter Mühle zu reiten, aber dann sollte gerade an dem Tage ein großer Sommerball in Luisenhöhe stattfinden, das ja nicht mehr als eine gute Viertelmeile von Audinghof liegt, und so blieb ich denn. An und für sich ist sowohl in Audinghof wie in Luisenhöhe gute Entenjagd – eine Unmenge von Mergelkuhlen und Mooren ringsumher in den Feldern, wissen Sie, auf denen jedes Jahr eine Masse junger Enten ausgebrütet werden, und wohin allabendlich noch mehr vom Strand her ziehen – aber in der Gegend, von der ich hier erzähle, lagen unglücklicherweise alle Kuhlen mitten im Korn, und selbst wenn ich Erlaubnis gehabt hätte, trotzdem da heranzugehen, so tue ich es nicht gern: Das Korn ist mir heilig – Sie entsinnen sich wohl der Geschichte von dem Mädchen, das auf das Brot trat! Da war indessen ein Teich, oder vielmehr ein kleiner See, der Schwanenteich, wie er hieß, der nur gut hundert Schritte von dem Luisenhöher Park entfernt lag; da waren immer Enten, das wußte ich, und Bang auf Luisenhöhe hatte mir ausdrücklich Erlaubnis gegeben an dem Tag, wo die Jagd eröffnet wurde – das war also an demselben Tag, an dem der Ball stattfinden sollte – das Stück Wegs bis an den Teich durch den Roggen zu gehen, und dann – nun ja, Grundsätze hat man ja, um ihnen untreu zu werden. Dieser Schwanenteich war nun ein merkwürdiges Gewässer. Kristallklares, kühles Wasser – es war wohl eine Quelle auf dem Grund – und an der einen Seite, an der nach dem Park zu, war das Ufer flach mit Sandboden, an der anderen Seite fiel es steil ab und war mit Weiden bestanden, die sich über das tiefe, dunkle Wasser neigten, wo sowohl Wasserlilien wie Wasserrosen wuchsen. Sollte ich erklären, weshalb mir der Schwanenteich immer als ein merkwürdiges Gewässer erschien, ja, dann weiß ich wirklich nicht, was ich sagen sollte, aber gar manches Mal, wenn ich an einem Herbstabend dort auf den Entenstrich gewartet habe, ist mir ganz unheimlich zu Mute geworden, ohne daß es mir selbst klar wurde, weswegen. – Überhaupt: ich bin nie bange vor Menschen gewesen, weder vor Freunden, noch vor Feinden, auch im Dunklen bin ich nicht graulig gewesen, aber ein Wald oder ein See – namentlich so ein kleines, verstecktes Gewässer – oder ein schwarzes Waldmoor – das kann mir förmlich Angst einflößen, und ich verstehe sehr gut den Aberglauben, daß ein Wasserloch oder ein See in sturmvollen Nächten nach Leichen schreien – können Sie das nicht auch verstehen? Nun, an dem Tage, von dem hier die Rede ist, war da nichts Unheimliches, im Gegenteil: es war strahlender Sonnenschein, nicht eine Wolke am Himmel, und sengend warm. Ich gehe also an der Hecke, die den Luisenpark umgibt, entlang, bis ich an die Stelle komme, von wo der Weg bis an den Schwanenteich am kürzesten ist. Da sehe ich zu meiner größten Verwunderung und meinem größten Ärger, daß jemand vor mir auf dem Kriegspfad gewesen ist: das Korn war niedergetreten und in der Richtung nach dem Teich zu geknickt, und es war kein Wechsel, den Reineke Fuchs nach seinem Sommerbau gemacht hatte: es war ganz deutlich die Spur eines Menschen. Bang selbst konnte es nicht gewesen sein, er war ja kein Jäger, und er hatte auch anderen nicht erlaubt, dort zu gehen; das wußte ich; also war es ein Wilddieb – vermutlich Doktor Rasmus, der Esel! – der natürlich vor Sonnenaufgang dort gewesen war, ehe noch der Teufel Schuhe angezogen hatte. Da konnte ich mir wohl die Mühe sparen, dachte ich, denn jetzt waren da natürlich keine Enten mehr; da ich nun aber so weit gekommen war, so war es der Sicherheit halber wohl besser, den Teich einmal nachzusehen, und so ging ich denn, so vorsichtig wie möglich, durch das mannshohe Korn, meinen Hund auf den Fersen. Als ich ungefähr zehn Schritte vor dem Ziel war, erwartete ich natürlich den »Steg« oder die »Spur«, oder wie man es nun nennen will, nach der Seite um den Teich herum abbiegen zu sehen – denn wenn man von dem flachen Ufer, wo seine Deckung war, auf die Enten zukam, so würden sie ja zu früh aufsteigen – aber, nein! Mein Vorgänger mußte gerade darauf losgegangen sein – das sah dem durchtriebenen Doktor Rasmus eigentlich garnicht ähnlich! Ich bog natürlich ab und ging außen herum, bis ich in den Schutz der Weiden kam; jetzt war ich nur ein paar Schritte vom Rand entfernt, ich spannte die Hähne, lauschte und – drüben auf der anderen Seite rührte sich etwas im Wasser! Ich hob die Flinte in halber Höhe und ging aus dem Korn heraus, und da ward mir ein Anblick zuteil, den ich nie im Leben wieder vergessen werde. Draußen in dem klaren Wasser auf der anderen Seite stand zwischen den Wasserrosenblättern ein junges, nacktes Mädchen – das weißeste Weiß, die festlichste Schöne! Sie beugte sich herab und spritzte das Wasser mit den Händen über sich, so daß die Tropfen in der Sonne funkelten und zu Edelsteinen wurden, zu fließenden Edelsteinen, die in ihrem reichen, welligen Haar glitzerten und an ihrem schlanken Körper herabrannen; dann tauchte sie den Kopf unter die Wasserfläche, richtete sich wieder auf und stand in ihrer ganzen jungen Schönheit unter der strahlenden Sonne da. Ich war wie gebannt, gelähmt, ich glaube nicht einmal, daß ich die Flinte gesenkt habe. – Ja, ich weiß recht gut, daß Sie vielleicht sagen werden: ich hätte mich gleich umwenden und meiner Wege gehen sollen – tat aber Aktäon das, als er Diana im Bad überraschte – nein! Und da hätten Sie es getan? Nein – ich will doch um Ihrer selbst willen hoffen, daß Sie es nicht getan hätten. Sie sind doch nur ein Mann! Und Sie müssen auch nicht glauben, daß ich auch nur einen Augenblick bereue, daß ich stehen blieb. Hunderte Male habe ich mit unkeuscheren Augen Damen in hohen Kleidern angesehen, als ich dies junge Mädchen im Schwanenteich ansah; ich hätte das Knie vor der Schönheitsoffenbarung beugen können, die mir hier, Dank dem lieben Gott, zuteil wurde, ja, das hätte ich können, weil er etwas so Schönes geschaffen und mir armen Sünder vergönnt hatte, es zu sehen! – Sie war für mich in diesem Augenblick garnichts Irdisches, sie war das Märchen selbst, das aus den Wolken herabgestiegen war, die Poesie des Lebens, die Gestalt angenommen hatte – und dann denken Sie sich doch: mitten am Tage. Ja, wäre es bei Mondschein gewesen oder im alten Hellas, das wäre etwas anderes gewesen, aber: Ein Sommernachtstraum in Mittagsglut! Ein klassisches Bild aus des Nordens Blut! Von dem größten Meister ein lebend Gedicht, Eine Schönheitsoffenbarung voll Glanz und Licht! und obendrein hier zu Lande, drüben in Jütland! Nein, honny soit, qui mal y pense , und es würde mich nicht gewundert haben, wenn sie, die Prinzessin aus dem Morgenland, die im Schwanengewand hierher geflogen war, um das Bad der Verjüngung in den kühlen Wogen zu suchen, plötzlich ihre weißen Schwingen ausgebreitet und sich in die Luft erhoben hätte. Das tat sie indessen nicht. Ich muß unwillkürlich eine Bewegung gemacht und gegen meinen Hund gestoßen haben, der wurde bange und stieß einen klagenden Laut aus, in demselben Augenblick wandte sie, die Märchenprinzessin, sich erschreckt um, und tauchte in das Korn hinab, und ich hörte sie an das Ufer eilen. Eine Weile später sah ich sie schleunigst dem Park zugehen – das heißt ich sah nicht sie selbst, sondern nur das Wippen des Roggens, der über ihrem Kopf zusammenschlug. Dann ging ich nach der andern Seite des Teiches. Dort stand im Sand der Abdruck ihres nackten Fußes, und ein paar Schritte weiter in dem grünen Gras glitzerte etwas Rotes. Ich nahm es auf, und wissen Sie wohl, was es war? Es war die Nadel mit der aus einer Koralle geschnittenen geballten Hand, die die Braut im Ulkenborger Krug getragen hatte! Sie war es indessen nicht, die jetzt die Nadel verloren hatte, davon war ich fest überzeugt. es war nicht ihre Gestalt, die ich eben gesehen hatte – ganz sicher nicht – und außerdem: die Prinzessin aus dem Schwanenteich konnte nicht die Gattin eines Mannes sein, nicht wahr? Sie mußte »die Schönste der Schönen, eine holde Maid«, sein, wie Oehlenschläger sagt, nicht wahr? wie aber war denn die Nadel der Braut in ihren Besitz gelangt? Oder gab es zwei von derselben Art? Da waren Rätsel genug, aber es sang förmlich in mir von Jubel auf dem Heimweg nach Audinghof; die schwirrenden Töne der Heuschrecken am Grabenrand klangen wie himmlische Geigen, und ich fühlte ein instinktmäßiges Bedürfnis, etwas zu tun, gleichgültig was: dem ersten besten Hirtenjungen, der mir begegnete, einen Taler zu schenken, meine Flinte in die Luft abzuschießen, oder ganz unmotiviert dem hübschen Hausmädchen auf dem Schloß einen Kuß zu geben – ich glaube fast, ich habe das Letztere getan! Wer war sie? Nun, das würde ich ja am Abend erfahren, denn selbstredend war sie eine von dem Dutzend junger Damen, die in Veranlassung des Balles jetzt in Luisenhöhe waren, – Wie aber sollte ich das in Erfahrung bringen? Ich hatte ja nur einen einzigen Augenblick ihr Antlitz an der anderen Seite des Teiches gesehen, und ihre Gestalt – die würde in einem Ballkleid kaum wiederzuerkennen sein. Nun, ich verließ mich darauf, daß wir einander auf irgend eine Weise finden mußten, und so ritt ich denn am Abend nach Luisenhöhe, meine Nadel in der Tasche. Es währte nicht lange, bis ich herausbekam, welche von den jungen Damen auf dem Gut zu Gast waren, und an die hielt ich mich. Da waren Blonde, da waren Braune, da waren Kleine, und da waren Große, und da war nicht Eine, in die sich nicht ein Leutnant auf einem Sommerball hätte verlieben können – verlieben kann man sich ja in die meisten jungen Mädchen – aber die Schönheit, die Prinzessin, das war nach meiner Ansicht doch keine von ihnen. Und dann waren sie doch alle zusammen so lieb und gut gegen mich, forderten mich im Freitanz auf, und kokettierten mit mir – ich war ausnahmsweise der Löwe des Abends. Aber wissen Sie, was ich glaube, woher das kam? Das kam daher, weil der Anblick, den ich am Vormittag gehabt hatte, noch gleichsam über mir lag. wenn einem Mann ein großes Glück widerfahren ist – ein erotisches Glück, oder wie Sie es nun nennen wollen – so leuchtet das aus ihm heraus; seine Haltung wird gleichsam aufrechter, er wird schöner und er wächst in seinen eigenen Augen und in denen der Frauen – wenigstens glaube ich das. Nun, ich versuchte natürlich auf alle mögliche Weise zu erfahren, wer meine Unbekannte war, wer die Nadel verloren hatte. Der Einen gegenüber erwähnte ich ganz diskret den Schwanenteich, mit einer anderen sprach ich von dem Ulkenborger Krug, als ob das nutzen könnte! Ich brachte die Unterhaltung auf seltene Korallengegenstände, und ich machte eine Bemerkung darüber, daß man häufiger, als man glauben sollte, Gegenstände, die man verloren hatte, wiedererhielt. – Alles vergeblich – niemand biß darauf an! – Nicht, daß ich glaube, daß ich mich eigentlich zum Privatdetektiv geeignet hätte, ich habe es gewiß nicht sonderlich schlau angefangen! – Aber es war ja auch möglich, daß sie , die Rechte, sich nicht verraten wollte, dachte ich, oder vielleicht war sie auch gar nicht da? Das war allerdings höchst unwahrscheinlich, denn woher sollte sie sonst gekommen sein, wenn sie nicht nach Luisenhöhe hingehörte? Aber trotzdem konnte ich mich nicht entschließen, eine von den Anwesenden – ja, wie soll ich es nennen: unbeschreiblich genug zu finden, um meine Prinzessin zu sein. Und so legte ich denn, während einer Tanzpause, die Nadel auf einen Tisch im Kabinett hin, wo sie gesehen werden mußte: nun konnte die Besitzerin, falls sie hier war, sie ja wieder an sich nehmen, ohne sich zu erkennen zu geben. Nach einer Weile sah ich nach dem Tisch hinüber, – die Nadel war verschwunden, sie war also hier! Mein Herz pochte, als solle es in Stücke zerspringen, und ich versuchte, das Geheimnis allen den Physiognomien abzulesen, von denen die Rede sein konnte, aber da war nichts zu lesen – das Ganze wurde immer unerklärlicher! Aber es war trotzdem, ganz erklärlich, denn einen Augenblick später stellte sich der Wirt, Herr Bang, in die Tür des Tanzsaales, die Nadel in der Hand, und fragte, wer sie verloren habe. Ich tat erst, als wenn ich die Frage überhörte, und wartete darauf, daß sich die Rechte melden würde, als das aber nicht geschah, und Bang die Frage wiederholte, da meldete ich mich natürlich und bekam meine Nadel – ihre Nadel. Und dann begab ich mich den nächsten Morgen ebenso klug, wie ich gekommen war, nach Audinghof zurück, und am Tage darauf ritt ich in meine Garnison. Aber die Nadel trug ich immer bei mir, als eine Art Amulett, es war mir, als verknüpfe sie mich gleichsam mit der verschlossenen Märchenwelt, und ich hatte beständig ein Gefühl, daß sie einmal in die rechte Hand zurückgelangen würde. Und dahin gelangte sie auch – schließlich! Hier machte der Hauptmann eine kleine Kunstpause und sah zu mir hinüber, um sich zu vergewissern, daß ich nun auch hinreichend gespannt auf das war, was kommen würde. Als er aber eben wieder anfangen wollte, ertönte von Süden her Musik, Militärmusik, und wie ein altes Dragonerpferd bei den bekannten Tönen die Ohren spitzt, so fuhr der Hauptmann auf und sah zurück – es war eins von den Bataillonen aus Viborg, das auf Felddienstübung gewesen war, und jetzt in geschlossener Ordnung auf der Landstraße, die auf den Wald zuführte, heimmarschierte. Es sah prächtig aus, und es klang brillant – wann klingt Militärmusik nicht brillant! – und dem Hauptmann standen während des Vorbeimarsches Tränen in den Augen. Nachdem das Bataillon im Walde verschwunden war, kam der Adjutant, der einen ungewöhnlich feinen Fuchs ritt und selbst eine schöne, jugendliche Erscheinung war, im Galopp zurück und machte vor einem Hause Halt, wo er irgend einen Bescheid ablieferte. Dann sprengte er wieder dem Bataillon nach, in den Wald hinein, der sich um ihn schloß – es war ein schönes Bild. Aber der Hauptmann war jetzt ganz bewegt, und als ich um den Schluß der Geschichte bat, sagte er, das habe Zeit, der Abend sei ja so lang, und dann gingen wir schweigend nach Hause. Nun, seine Verstummtheit ging natürlich vorüber – sie währte nie lange Zeit – und er briet eigenhändig seine beiden Schnepfen nach allen Regeln der Kunst und bereitete »richtiges« Schnepfenbrot, dann verzehrten wir die Vögel in Andacht zu einer bestaubten Flasche Bourgogne, die der Kammerherr auf Svendsö ihm vor Gott weiß wie vielen Jahren geschenkt hatte, und der Hauptmann sagte: »Tadellos!«, als er das letzte Glas leerte. Im Laufe des Abends, nach dem ersten Grog, begann er denn auch von selbst mit der Fortsetzung der Geschichte. Es war eigentlich ganz gut berechnet, sagte er, daß wir heute nachmittag von dem Bataillon unterbrochen wurden, denn es ist eine Erzählung in zwei Teilen, und sie wurde gerade an der richtigen Stelle durchgeschnitten, – Nun kommen wir zu der Eule, die ich bereits erwähnt habe – aber die hatten Sie wahrscheinlich längst vergessen! Sehen Sie, die Eule, die gehörte dem Jäger auf Borrevang, und sie hieß Petermann. Es war selbstverständlich ein richtiger Uhu, der benutzt wurde, um bei dem Frühlings- und Herbstzug Raubvögel und Krähen zu schießen, aber während die Rasse ja in der Regel so wild und boshaft ist, daß es zuweilen ein wahres Kunststück sein kann, die Lederschlinge mit der Kette daran um einen der Fänge zu befestigen, wenn man mit dem Tier hinaus will, so war Petermann so zahm und so zärtlich wie ein Hund. Wenn man nur seinen Namen nannte, legte er den Kopf auf die Seite und gurrte wie eine Turteltaube, und wenn er, was sehr oft geschah, die Schlinge abstreifte und auf einen der nächsten Bäume flog, so brauchte man ihn nur zu rufen, dann kam er gleich wieder und ließ sich gutwillig festmachen. Und wie prächtig anzusehen war er, wenn er auf seiner Krücke vor der Krähenhütte saß, während Raubvögel und Schwarzröcke um ihn her flogen! Dann rollte er wie rasend mit den Augen, sträubte sich und blies sich auf; dann wurde er doppelt so dick wie sonst! Die Schüsse, die ihm um die Ohren knallten, fochten ihn nicht im geringsten an, und wenn die Krähen ein wenig reichlich um ihn herfielen, sah er stolz auf sie nieder und glich einem siegreichen Feldherrn, der den Wahlplatz überschaut. – Ja, Petermann war ein seltenes Tier, und wir waren gute Freunde, er und ich. Im Jahre nach meiner »Vision« am Schwanenteich war ich zur Osterzeit nach Borrevang gekommen – wir hatten in dem Jahr sehr früh Ostern – um Schnepfen zu schießen, aber da waren keine Schnepfen, und darum lieh ich mir eines Morgens Petermann und schoß Krähen für ihn, und damit amüsierten wir uns alle beide einen ganzen Vormittag ausgezeichnet. Gerade als ich nach Hause zu Tisch gehen will, hat er sich jedoch frei gemacht und fliegt in eine der nächsten Buchen hinauf, Ich rufe »Petermann«, und er gurrt noch so freundschaftlich als Antwort, als ich aber unter die Buche komme, in der er sitzt, fliegt er wieder fünfzig Ellen weiter, und das tat er wieder und wieder. Nun wissen Sie vielleicht, daß dort in der Gegend keine großen, zusammenhängenden Wälder sind, sondern meistens Brüche und kleine Holzungen, und Sie wissen vermutlich auch, daß dort ein Gut neben dem andern liegt, so daß man nur aus dem Revier des einen hinauskommt, um in das des andern hineinzukommen. Petermann flog, und ich folgte ihm, ohne eigentlich zu wissen, wo ich war, und so ging die Jagd wohl ein paar Stunden weiter, bis ich mich schließlich in einem ganz unbekannten Park stehen finde; ich war, ohne darauf zu achten, über den Zaun gekrochen, und oben in dem Wipfel einer Eiche hatte sich Petermann plaziert. – »Petermann« rief ich und Petermann antwortete freundlich, blieb aber ruhig sitzen. Ich rief wieder, ich rief viele Mal, aber das Ergebnis war beständig dasselbe. Da höre ich plötzlich hinter mir eine Stimme – die helltönendste Stimme, die ich je in meinem Leben gehört habe – eine Stimme, die ebenfalls »Petermann« ruft, und im selben Augenblick schwebt der Strolch in langsamem Flug von der Eiche herab und setzt sich hübsch vor sie hin – Sie können wohl begreifen, daß es eine Dame war! – und gurrt ihr auf die einschmeichelndste Weise zu. – Der Stimme hatte Petermann nicht widerstehen können! Ich begrüßte die junge Dame – sie mochte ungefähr zwanzig Jahre alt sein – stelle mich selbst vor und sagte, wie es zugegangen sei, daß ich unversehens auf fremdes Gebiet eingedrungen war –, aber ich glaube wohl, daß ich dabei ziemlich gestottert habe, denn nie im Leben, weder früher noch später, habe ich etwas so – ich möchte sagen – Prachtvolles, Harmonisches gesehen, wie sie. Ich weiß recht gut, daß Sie immer behaupten, daß die Dame, von der ich gerade rede, stets die schönste ist, aber diesmal ist es wirklich Ernst: Estrid Holme war das Holdeste, was meine Augen je geschaut haben, – hin und wieder einmal im Traum sehe ich noch deutlich ihr Gesicht, sonst aber, das wissen Sie ja, legt sich im Laufe der Jahre gleichsam ein Schleier über die äußere Erinnerung, und man kann sich die Züge nicht vergegenwärtigen, die man am liebsten sehen möchte; man kann alle Einzelheiten zeichnen, aber es wird kein Bild daraus. Am deutlichsten entsinne ich mich ihrer Augen. Ich hatte wohl bisher immer daran gezweifelt, daß veilchenblaue Augen anderswo als in Gedichten existierten, aber jetzt bekam ich den Beweis dafür: ihre Augen waren veilchenblau, und tief und strahlend. – Nein, wenn sie einen ansah, pochte das Blut in allen Adern – und sie sah einen viel an, mich und alle anderen – unschuldig wie ein Kind sehen kann und doch bewußt, der eigenen Macht bewußt. Sie lachte, als ich ihr von Petermann erzählte, lachte so, wie ich nur sie habe lachen hören – das war Musik, wissen Sie! – Und dann sagte sie, als sei es etwas ganz Selbstverständliches, daß ich nun doch wohl in Holmebo Einkehr halte – ich würde ihren Eltern herzlich willkommen sein. Ja, da fand ich denn auch gleich, daß dies das Natürlichste von der Welt sei, und ich blieb, und ehe eine halbe Stunde verstrichen war, hatte ihr Vater Petermann nach Borrevang hinübergeschickt und dem Boten den Auftrag erteilt, mein Pferd und meinen Ranzen zurückzubringen. Das Ganze war wie ein Traum, aber im Laufe des Nachmittags fühlte ich mich vollständig zu Hause auf dem Gut, und es war, als ob Fräulein Estrid und ich uns schon lange gekannt hätten, – immer. Es war eine merkwürdige Häuslichkeit hier in Holmebo. Der Gutsbesitzer und seine Frau hatten nur das einzige Kind und vergötterten es natürlich. – Estrid konnte tun und lassen, was sie wollte, konnte, ohne Bescheid zu sagen, fortbleiben und auf eigene Hand Gäste einladen; was sie auch tat, die Eltern bewunderten sie, und alle andern taten es auch. Alles kleidete sie, und es lag beständig gleichsam die Frische eines Bades über ihr. Und das Merkwürdigste war gewissermaßen, daß sie ihre souveräne Macht einzig und allein kraft ihrer Schönheit ausübte, der sich alle unwillkürlich beugten. – Aber ist es eigentlich so wunderbar, daß man sich ehrerbietig und demütig vor der Schönheit beugt? Ich weiß wohl, daß man zu sagen pflegt, Schönheit ist kein Verdienst, aber ist denn Genie ein Verdienst? Das Genie ist eine Gottesgabe, ganz so wie die Schönheit, und das Genie darf man verehren und bewundern – warum soll man da nicht auch einmal Erlaubnis haben, die Schönheit zu verehren – ich wenigstens bin der Ansicht – Ja, wenn ihre Schönheit von der gewöhnlichen Art gewesen wäre, eine ganz profane Schönheit – aber das war sie keineswegs. Man könnte förmlich ein besserer Mensch werden, wenn man sie nur ansah, man ertappte sich dabei, daß man lächelte, wenn sie einem nur einen Blick zuwarf, und selbst die Dienstboten lachten über das ganze Gesicht, wenn sie sie nur anredete. Und allen, die in ihren Zauberkreis kamen, erging es so. Den ersten Abend, den ich in Holmebo zubrachte, waren da zwei oder drei jüngere Herren aus der Gegend zu Besuch, allesamt! Und sie sah sie alle gleich freundlich an und genoß in aller Unschuld das Entzücken, das sie erregte, genoß die Atmosphäre von Erotik, die sie umgab. Ich brauche ja wohl nicht zu sagen, daß auch ich, noch ehe es Abend geworden war, in ihre Garde eingetreten war. Und als wir uns zur Ruhe begeben sollten, und sie meine Hand nahm, mich ansah und lächelnd sagte: »In den Märchen, da ist immer ein blauer Vogel, der voranfliegt und den Ritter zu der Prinzessin bringt; und es war ja auch ein fortgeflogener Vogel, der König Waldemar zu klein Tove führte, – aber Sie , armer Herr Leutnant, Sie haben sich mit einer Eule begnügen müssen und mit mir!« Ja, da war es um mich geschehen, vollständig um mich geschehen – »in die Montierungskammer abgeliefert«, wie mein alter Oberst zu sagen pflegte. Wie in einem Champagnerrausch begab ich mich zu Bett und ich träumte nur von ihr – Estrid, Estrid! – Auch am Tage träumte ich. Ich war am nächsten Tage mit ihrem Vater auf Schnepfen aus, aber ich schoß auf eine fehl und ließ mich von einer andern bestechen. Und als ich dann nach Tisch mit ihr vor dem Kamin saß, ja, da wußte ich gar nicht, was ich sagen sollte; am liebsten hätte ich nur dagesessen und sie angesehen und ihr gelauscht – ohne eigentlich zu hören, was sie sagte. Hin und wieder konnte sie, und das war ja das Natürlichste von der Welt, ihren Arm auf meine Schulter lehnen, und da war es mir, als bekäme ich einen elektrischen Schlag, der mich durchzuckte und mich ganz warm machte – ein solches Gefühl habe ich einer andern Frau gegenüber nie gehabt. Aber ich selbst wagte nicht einmal, ihre Hand zu berühren – ich bin sonst in der Beziehung nie ängstlich gewesen! – und ich beneidete das dumme Kätzchen, das sich an ihrem Arm scheuern durfte, und an das sie alle ihre Liebkosungen verschwendete. »Donnerstag ist hier eine jugendliche Gesellschaft mit Tanz,« sagte sie plötzlich, »und morgen kommt Kammerjunker Skarre – darauf können Sie sich freuen! Skarre ist mein Spielkamerad aus der Kinderzeit und mein bester Freund – der wird Ihnen gefallen!« Als wenn ich mich auf eine jugendliche Gesellschaft freuen könnte und mir etwas daraus machte, zu sehen, wie ein anderer Mann in Holmebo angestiegen kam – obendrein, wenn er im voraus als ihr bester Freund angemeldet war! – Und dabei war er unverheiratet und Besitzer eines Ritterguts, – nein, und beide Eltern nickten bedeutungsvoll und verständnisvoll, als sein Name genannt wurde, ganz als ob alles klipp und klar sei! – Nun, die Eltern spielten im übrigen ihr gegenüber eine so untergeordnete Rolle, eine fast bescheidene Rolle – wie das alle taten – daß ich fest überzeugt bin, denjenigen, den sie ihnen als ihren Schwiegersohn vorstellte, den würden sie augenblicklich mit offenen Armen empfangen. Am nächsten Tag kam dann der Kammerjunker. Wir nahmen sofort gleichsam Maß voneinander, fühlten uns instinktmäßig als Nebenbuhler, aber es war unmöglich, ihn nicht gern zu haben: dazu hatte er etwas viel zu Anständiges, als daß er einem nicht hätte gefallen müssen. Der Typ eines Landjunkers bester Art. Er hatte den Krieg als Freiwilliger bei den reitenden Jägern mitgemacht und lebte nun für sein Gut und seine Jagd. Einen schönen Hund hatte er mitgebracht, auf den er nicht ohne Grund stolz war, und mit dem er auch sehr zärtlich war, und es rührte mich, als er mich am ersten Abend – unsere Zimmer lagen nebeneinander – um Erlaubnis bat, den Hund mit auf sein Zimmer nehmen zu dürfen, statt ihn im Stall einzuquartieren – mich konnte es ja nicht genieren. Am nächsten Tag gingen wir zusammen auf Jagd – er schoß vorzüglich, und seine Lady machte ihre Sachen charmant. Nach Tische saßen wir dann wie gewöhnlich vor dem Kamin, Estrid zwischen Skarre und mir. Und man plauderte: Der Gutsbesitzer erzählte eine Geschichte von dem alten Kammerherrn Rodsten und dem Bleidecker, die Sie gelegentlich hören sollen, und Skarre und ich tauschten Erinnerungen aus dem Krieg aus. Dann wollten wir, daß auch Estrid etwas erzählen sollte, aber sie lehnte es ab und sagte, ihre Mutter behaupte immer, daß eine junge Dame comme il faut nie etwas erlebt hätte, und die Mama nickte beifällig. Da kam die Rede auf die jugendliche Gesellschaft, und buchstäblich im selben Augenblick baten Skarre und ich sie um den Tischtanz. Sie wissen, daß, wenn man verliebt ist, man in der Regel etwas ganz anderes sagt, als was man meint, oder auf alle Fälle eine ganze Menge darunter versteht – und es war denn auch ganz natürlich für sie und für uns, daß wir eigentlich alle beide etwas anderes und mehr mit dem Tischtanz meinten. Sie sah ihn an und sie sah mich an – ich fand ja freilich, daß der Blick, den ich erhielt, der wärmste war – und dann sagte sie mit einem Lächeln, daß es ja sehr schwierig sei, eine Entscheidung in einer so wichtigen Sache zu treffen; wer von uns beiden würde wohl in Wirklichkeit am meisten darauf Wert legen, den Tischtanz mit ihr zu tanzen? Ja, Skarre behauptete natürlich, daß er das tun würde, und dasselbe tat ich, und dann schlug der Gutsbesitzer vor, daß wir losen sollten. Nein, das wollte Estrid nicht – kein Losen. »Ja, dann stellen Sie uns eine Bedingung,« sagte ich, »und derjenige von uns, der sie zuerst erfüllt, bekommt den Tischtanz. Sollen wir z. B. alle beide die vier Meilen nach Aarhus reiten, und derjenige, der zuerst hierher nach Holmebo mit einer Rose zurückkommt, der ist der Glückliche?« Ach, Rosen könnte sie genug aus dem Treibhaus bekommen, und dann müßte sie ja unsere angenehme Gesellschaft entbehren. – »Nein,« rief sie plötzlich aus, »nun sollen Sie einmal hören: ich habe eine Idee – ich kann wirklich auch etwas erzählen!« und dann erzählte sie. Wie sie im vorvorigen Winter, als sie mit ihren Papa in Viborg zu einer silbernen Hochzeit gewesen sei, an einem schönen Novembermorgen von dort heimgefahren war. Der Vater hatte etwas mit einem Gutsbesitzer zu besprechen, dessen Gut an der großen Landstraße lag, und währenddessen war sie im Wagen sitzen geblieben. Aber es wurde ihr zu kalt, und sie stieg aus und ging eine Strecke weiter, nach Süden zu; dann wollte sie wieder einsteigen, wenn der Wagen sie einholte. Mitten auf dem Wege sah sie indessen etwas glitzern, und als sie es aufnahm, war es eine Nadel mit einer kleinen, geballten Hand aus einer Koralle geschnitten, die steckte sie dann in ihren Mantel, um sie, wenn sie im Ulkenborg-Krug Rast machten, dort abzuliefern, damit sie wieder in die rechten Hände käme. Aber als sie dort angelangt waren, war da im Reisestall so ein wunderlicher alter Bursche gewesen, den sie Franz nannten, und kaum hatte der die Nadel gesehen, als er höchst interessiert fragte, woher die kleine Jungfer die habe, und als sie ihm das sagte, habe er geantwortet: »Nun, dann hat sie, die andere, sie weggeworfen.« Das solle sie auch nur tun, denn die Nadel bringe kein Glück – das habe auch schon der Spitzenhändler gesagt!« Ihr war, wie das ja erklärlich ist, ganz sonderbar bei der Rede geworden, und sie hätte dem Alten gern die Nadel gegeben, aber er wollte sie um keinen Preis haben, und so hätte sie sie dann behalten, einen weiteren Wert würde sie wohl schwerlich haben. – »Aber diese Nadel habe ich im vorigen Sommer verloren. Sehen Sie, wenn nun einer von den beiden Herren mir übermorgen, ehe der Ball beginnt, die Nadel wiederbringt, so soll er den Tischtanz haben!« Und damit sah sie uns beide wieder an, erst den einen, dann den andern – zuletzt mich – und sagte uns Gutenacht. Sie können ja begreifen, daß mir, als ich die Nadel und den Ulkenborger Krug und den alten Franz nennen hörte, zumute ward, als höre ich ein Märchen, und als es dann herauskam, daß sie sie verloren hatte – sie also war es, die ich im Schwanenteich gesehen hatte! – und daß sie nun das Zurückbringen der Nadel als Bedingung stellte – ja, da hätte ich aufspringen und mein Glück in die Welt hinausjubeln können. Denn, das fühlte ich, es lag so viel Ernst in dieser übermütigen Mädchenlaune, daß sie wirklich denjenigen von uns, der diese scheinbar unmögliche Bedingung erfüllte, als den Mann betrachten würde, den die Vorsehung der Liebe für sie bestimmt hatte. Ich lief auf mein Zimmer hinauf und nahm die Nadel, die ich immer mit mir führte, aus dem Kissen, in das ich sie hineingesteckt hatte, sagte Skarre, der ganz stumm geworden war, Gutenacht und begab mich zu Bett. Schlafen konnte ich aber nicht, ich träumte im wachen Zustand. Eben noch war der Gast da drinnen neben mir derjenige gewesen, der alle Chancen hatte; jetzt aber war ich im Besitz des Amuletts, das die Gitterpforte zu dem Reich des Glücks erschloß. Und ich sah hinein in das gelobte Land, und ich ertappte mich dabei, daß ich mitten in der Nacht da lag und den »tapferen Landsoldaten« pfiff – das tue ich noch zuweilen, wenn ich so recht glücklich bin. Der nächste Tag war lang, das können Sie mir glauben! Es ist ja viel schwerer, seine Freude zu verbergen, als seinen Kummer, und mehr als einmal war ich im Begriff, auf mein Zimmer zu laufen, die Nadel zu holen und sie ihr zu übergeben – namentlich, da es mir so schien, als wenn Estrid mich noch ermunternder ansähe als bisher, und gleichsam mein Glück teile, oder doch auf alle Fälle ahne. Sie hatte ja indessen einen bestimmten Termin gesetzt – den folgenden Tag – und der Termin mußte natürlich innegehalten werden. Als Skarre und ich an jenem Nachmittag aus dem Wald kamen, stand Estrid auf der Freitreppe und kam uns entgegen; ihr Kätzchen spielte unten in dem Kies, Lady beschnüffelte das Kätzchen, und das Kätzchen schlug ihr seine scharfe Kralle in die Schnauze; das faßte Lady verkehrt auf, und – Haps! da lag das Kätzchen mit geknicktem Rücken, mausetot. Das sah ja schrecklich aus, und Astrid geriet einen Augenblick ganz außer sich. »Ach, pfui, pfui!« rief sie aus. »Meine arme kleine Mies! – Sie sollten lieber Ihren alten Köter totschießen, Skarre, als daß Sie ihn frei herumlaufen und Unheil anrichten lassen!« Das sagte sie natürlich nur in einem Augenblick der Erregtheit und bereute es gleich hinterher. Sie war auch später am Abend doppelt liebenswürdig gegen Skarre, aber er, der Ärmste, war ganz untröstlich und sagte kaum ein Wort. Nachdem wir uns zur Ruhe begeben hatten, lag ich noch lange im Bett und philosophierte – das soll man nun niemals tun! Liebte ich denn Estrid auch wirklich – so, daß es für ein ganzes, langes Leben vorhielt – und welche Zukunft hatte ich, der arme Leutnant ihr zu bieten, die daran gewohnt war, daß ihr jeder Wunsch erfüllt wurde? Und wenn ich ihr nun am nächsten Tag die Nadel überbrachte, dann – ja, was dann? Dann war die Entscheidung getroffen, das stand fest! Ich wurde in meinen Gedanken durch Skarre gestört, der die Türe seines Zimmers nach dem Gang öffnete, und da ich dachte, daß er vielleicht keine Streichhölzer habe, ging ich zu ihm hinein. Nein, ihm fehlte nichts, sagte er, er wollte nur mit dem Hund hinaus, der plötzlich unruhig geworden war. Nun, ich dachte nicht weiter darüber nach, aber nach einer Weile hörte ich in einiger Entfernung einen Schuß, und als Skarre zurückkam, war er ganz bleich und hatte keinen Hund bei sich. »Wo ist Lady?« fragte ich. Er zögerte einen Augenblick mit der Antwort, dann sagte er: »Ich habe sie draußen in den Tannen erschossen – sie soll nicht noch mehr Unheil anrichten!« Und damit ging er in sein Zimmer. Aber sehen Sie, der Schuß, der veränderte mein ganzes Lebenslos – und das einer andern –. Denn ich fragte mich selbst: Hättest du, wenn du an Skarres Stelle gewesen wärst, deinen Hund erschossen – so einen Hund wie Lady – und darauf mußte ich nein antworten, das hätte ich nicht getan. Und dann sagte ich zu mir selbst: Der , der das tun kann, den hat der Flügelschlag des großen Eros angerührt, und er verdient Estrid mehr als du. So ging ich denn mit der Nadel in der Hand zu Skarre hinein, sagte, daß ich zufällig in ihren Besitz gelangt sei, und daß er sie am nächsten Tag an Estrid geben solle. Er sah mich ganz verwirrt an und platzte dann damit heraus: »aber Sie selbst, Leutnant Riis, wollen Sie denn nicht –?« Da antwortete ich, so ruhig ich konnte, mir sei eingefallen, daß ich mir wohl den einen Fuß vertreten habe, folglich könne ich doch nicht tanzen, und würde morgen kein Vergnügen von dem Tischtanz haben. Ob er das glaubte, weiß ich nicht. Gott weiß, was er eigentlich geglaubt hat, aber er dankte mir tausendmal und drückte mir die Hand, als wolle er sie nie wieder loslassen. Und dann ging ich in mein Zimmer hinüber und legte mich schlafen. – Ob ich traurig war? Ja, können Sie mir das sagen? Ich habe mich ja immer um die großen Entscheidungen des Lebens herumgedrückt und habe mich nie leichter gefühlt, als wenn ich etwas Ernstes bis zum nächsten Tag habe hinausschieben können, oder wenn ich ganz davon weggeritten bin, und ich weiß nicht, ob ich nicht in jener Nacht etwas Ähnliches empfunden habe. Am nächsten Tage aber kam der Rückschlag. Ich stand da und duckte mich wie ein angeschossener Hase, als Estrid im Laufe des Vormittags im Eßzimmer auf mich zukam – es war sonst niemand da. Sie sah mich nicht an, sondern sagte ruhig und tonlose »Ja, nun habe ich Skarre den Tischtanz versprochen, und wenn er um mehr bittet – was er wohl tun wird – so bekommt er auch das, – Er hat mir ja die Nadel gebracht.« »Ja, ich weiß es,« erwiderte ich. »Er hat mit auch gesagt, daß er sie von Ihnen bekommen hat,« fuhr sie fort. Ich nickte. »Ich wußte übrigens, daß Sie die Nadel hatten,« fügte sie hinzu. » Das wußten Sie?« »Ja, ich hatte sie auf einem Kissen in Ihrem Zimmer stecken sehen – die Tür nach dem Gang hinaus stand offen, als ich vorüberging.« »Das wußten Sie!« rief ich aus. – »Haben Sie deswegen die Bedingung gestellt –« Sie sah auf, lächelte trübe und erwiderte: »Vielleicht! Aber sie können es ja eine Laune nennen – eine Laune war es auch, die mich veranlaßte, an jenem Tag, als ich wegen Mamas plötzlicher Erkrankung Luisenhöhe vor dem Ball verlassen mußte – am Schwanenteich die Nadel wegzuwerfen – das war ja der Ball, auf dem wir beide hatten zusammen tanzen sollen!« »Wissen Sie denn, daß ich –« »Ich weiß alles,« erwiderte sie und errötete. – »Ja, Sie haben ein Amulett in Ihrer Hand gehalten,« fügte sie in einem leichten Ton hinzu, »eins von der Art, die nach dem Volksglauben Menschenschicksale miteinander verknüpfen können – aber Sie haben es weggegeben. Das darf man wohl eigentlich nicht – doch geschehen ist geschehen. Jetzt liegt die Nadel auf dem Grunde des Holmeboer Sees – die Nadel bringt kein Glück, wie der alte Franz sagte!« Wir standen beide einen Augenblick schweigend da, dann begann ich: »Estrid, Fräulein Estrid – Sie müssen und sollen mich hören! Als Skarre über Nacht seinen Hund erschoß, nur weil Sie das in Ihrer Erregung verlangt hatten, da sagte ich zu mir selber, wenn Sie das von mir gefordert hätten, so würde ich nicht –« »Aber das hätte ich auch niemals von Ihnen verlangt!« erwiderte sie und sah mich zum erstenmal an diesem Tage freundlich an. Ich ergriff ihre Hand, sie ließ sie mir und sagte: »Ich höre, daß Sie uns schon heute im Laufe des Tages verlassen wollen – dann will ich Ihnen gleich Lebewohl sagen!« Ich versuchte, ihr die Hand zu küssen, aber sie entzog sie mir, besann sich dann einen Augenblick und gab mir einen langen, langen Kuß – den ersten und den letzten. Damit verließ sie das Zimmer, und eine halbe Stunde darauf ritt ich meiner Garnisonstadt zu. Einige Monate später hat Estrid Skarre geheiratet, und ist, so viel ich weiß, glücklich geworden. Ich habe sie nie wiedergesehen. Nach ein paar Jahren sollte ich während der Manöverübungen auf Skarres Gut in Quartier liegen, aber ich tauschte mit dem Auditeur und wurde beim Tierarzt eine Meile weiter nördlich einquartiert. – Ja, das ist meine einzige ordentliche Liebesgeschichte – außerordentliche habe ich ja noch eine Menge aufzuweisen! – Ich sage Ihnen nicht, wer sie war oder wo es war; die Orts- und Personennamen, die ich angegeben habe, sind nicht die richtigen, aber Estrid hieß sie – und für mich hat es immer nur eine Estrid in dieser Welt gegeben – hoffentlich begegnen wir uns in der nächsten! Der Hauptmann saß einen Augenblick da, ohne etwas zu sagen; als er seine Pfeife wieder angezündet hatte, fuhr er fort: Ja, das war aus meiner Jugendzeit, aus meinen Leutnantstagen – großer Gott, wie weit die zurückliegen! Und doch wird es mir so schwer, mich alt zu fühlen, schwer zu verstehen, daß mein Wipfel schon dürr ist, so wie der der alten Eiche da draußen – ja, freilich, alt bin ich jetzt. Aber wissen Sie, warum ich heute nachmittag da oben auf dem Wier-Hügel plötzlich so stumm wurde und Grillen fing? – Das will ich Ihnen sagen: als der junge Leutnant, der Adjutant, auf der Landstraße auf uns zugesprengt kam, da war es mir, als käme meine eigene Jugend dort gleichsam auf mich zugestürzt und brächte mir einen letzten Gruß, aber als er dann zurückritt, und der Wald sich hinter ihm schloß, ja, Sie verstehen: der Wald, der hat sich ja auch hinter meiner Jugend geschlossen – und wenn die wiederkehrt, ja, das geschieht erst jenseits des Dickichts, – dort , wo ich mit der »großen Armee« vereint werde. Ein Jahr später war ich in der ersten Hälfte des Juli nach dem Waldhäuschen gekommen, kurz vor Eröffnung der Entenjagd. Da machte mir der Hauptmann eines Tages den Vorschlag – in Ermangelung von Besserem – nach der Boder Mühle zum Fischen zu gehen, und das wollte ich natürlich gern. Wir sammelten die Fischgerätschaften zusammen und fuhren nach Tisch in der Richtung auf die Mühle zu – die eine gute Meile ostwärts lag. Es war ein schöner Weg, bald über offenes Terrain, bald durch Wald und Gestrüpp. Das Wetter war gut, warm und sonnig, aber es wehte ein wenig, und hin und wieder zogen große Wolken an dem blauen Sommerhimmel hin, so daß bald das eine, bald das andere Feld, bald eine Kirche und bald eine Ziegelei beleuchtet wurden, während das übrige im Schatten lag – das verlieh dem Bild Abwechselung und Charakter. Dann bogen wir in den Tibäker Wald ein, in den tiefen Hohlweg hinein, wo sich die Grasdecke zu beiden Seiten liebkosend um den Rand des dunkelgelben Sandabhanges mit den entblößten Baumwurzeln schmiegte, und wo eine Natter träge in einer Wagenspur lag und sich sonnte. Wieder hinaus auf das freie Land, zwischen dunkle Heidehöhen hinein, einen steilen Hügel hinauf, dann lag die Mühle vor uns. Zu beiden Seiten des gewundenen Bachs unten im Tal ausgedehnte Wiesen, auf denen das Heu in Schobern stand, dunkle Erlen hie und da – eine echt jütische Landschaft. Bei dem Müller, der neben der Mühle noch eine Art einfacher Schankwirtschaft betrieb, wurde der Hauptmann natürlich, wie überall, wohin er kam, mit offenen Armen empfangen; ich mußte die unvermeidlichen Fragen, wer ich sei und woher ich komme, beantworten. Wir tranken ein Glas kalter, fetter Buttermilch und begaben uns dann auf den Fischfang. Der Hauptmann war ein großer Fliegenfischer, und es war mir immer ein Vergnügen, die Sicherheit zu sehen, mit der er es verstand, die Fliege gerade an der Stelle der Wasserfläche spielen zu lassen, wo er wollte; abgelernt habe ich ihm die Kunst aber nie, ich mußte mich deswegen hübsch damit begnügen, auf mehr primitive Weise Hechte mit einem Rotauge als Köder zu angeln – Rotaugen waren da in Unmengen in dem tiefen Schleusenwasser vor dem hinteren Loch. Während der Hauptmann nun an dem Ufer des Baches auf- und niederwanderte und mit seiner Fliegenangel mit derselben Leichtigkeit hantierte, mit der ein herrschaftlicher Kutscher die Peitsche über dem Viergespann schwingt, ließ ich mich unter einem blühenden Hollunderbusch nieder und warf meine Angel an einer der breitesten Stellen des Bachs aus. Schön war es da, wo ich saß. Im Hintergrund hatte ich die schwarzen Heidehügel mit den Schafwegen, und vor mir mitten im Bach lag eine langgestreckte Röhrichtinsel, an deren Rand die rosaroten Ähren des Weidekrauts blühten. Die Mücken tanzten über dem langsam hinströmenden Wasser, und hin und wieder schnellte ein Fisch auf, aber es biß keiner. Man kann sich schließlich halb blind an so einem roten Floß starren, das sich leise auf- und niederwiegt, ohne unterzugehen, und die Wärme – es war allmählich ganz windstill geworden – und der Duft des frischen Heus und der eigentümliche, Übelkeit erregende, starke Geruch der Hollunderblüten machten mich allmählich ganz schläfrig – schließlich schlief ich auch ein. Ich erwachte davon, daß der Hauptmann über mich gebeugt stand und mich förmlich schütteln mußte, um mich wach zu bekommen, und es währte dann ein paar Augenblicke, ehe ich mich recht besinnen konnte, und den Schlaf aus den Augen rieb. »Siebenschläfer!« sagte der Hauptmann, »Was haben Sie ausgerichtet – Nichts! Aber sehen Sie, was ich bekommen habe: fünf prächtige Lachsforellen – sind die nicht wunderschön mit den roten Flecken auf dem hellen Silbergrund! Rot auf Silber: echt heraldisch! Da, die Lachsforelle gehört auch zu dem Adel unter den Fischen! – Es kann ganz amüsant sein, hin und wieder einmal so einen alten boshaften Hecht zu fangen, der den Angelhaken mit herunterschluckt, so daß er schließlich ganz unten im Magen des Tieres sitzt, aber im Grunde ist das ein ordinärer Sport – ein Bauernsport – nicht wahr? – Nun, wir sind ja nicht allesamt Fliegenfischer, glücklicherweise!« fügte er hinzu und setzte sich neben mich nieder. »Aber jetzt will ich hier sitzen bleiben und mal sehen, ob ich Ihnen nicht Glück bringen kann,« fuhr er fort. »Ich bin auch ganz warm geworden von dem auf und nieder schreiten, und wir haben Lachsforellen genug für das Abendbrot – mehr als wir essen!« Der Hauptmann zündete seine Pfeife an und befand sich offenbar ausgezeichnet. – »Na, Sie haben wohl einen ordentlichen Schlaf gemacht!« fuhr er fort. »Ja, ein Wunder ist es auch nicht: Heu und Hollunder im Verein können wohl bewirken, daß ein Mann ins Gras beißt! – Kennen Sie übrigens etwas Entzückenderes als den Duft des Heues – ich nicht! Aber er ist stark – es gibt ja auch etwas, was Heufieber heißt – und man soll ganz wie verzaubert werden, wenn man eine Nacht in einem frischen Heuschober geschlafen hat. Das habe ich nun freilich nie ausprobiert, aber ich entsinne mich noch, daß ich als Knabe einen alten Knecht, der bei meinem Oheim in Lögum diente, erzählen hörte, daß einer halb rappelig geworden sei, weil er zur Mahdzeit auf der Wiese geschlafen habe: »Die Heukönigin habe ihn angehaucht!« – Das ist eigentlich ganz bezeichnend, nicht wahr? – Und von blühendem Hollunder will ich nun gar nicht reden – Er duftet stark, er schläfert uns ein, Wie die Blüt' des Jasmin am weißen Strauch, So feurig wie alter, goldiger Wein Erregt und betäubt er uns auch – das habe ich oft verspürt!« Und der Hauptmann saß eine Weile da und sah vor sich hin, ohne etwas zu sagen, verfiel in Sinnen und pfiff dann ein paarmal, leise aber deutlich, eine Melodie, die ich nicht kannte; eine einfache, in die Ohren fallende Melodie mit einem wunderlich fremdartigen Klang. »Was pfeifen Sie da?« fragte ich. »Ja, was das war? – Das war ja diese Melodie!« und er summte die Melodie noch einmal vor sich hin. » Die wäre beinahe die Zutrittskarte für Schloß und Gold und alle irdischen Herrlichkeiten gewesen – nicht für mich, sondern für eine andere – wenn alles so gegangen wäre, wie es hätte gehen können. Ja, die Geschichte sollen Sie hören!« Sehen Sie, die Melodie – nein, ich will nicht mit der Melodie beginnen – ich will mit dem Hollunder beginnen. Hollunder und Wassermühlen, die gehören für mich zusammen, und ich weiß nicht weshalb, aber das Land des Hollunders und das Land der Wassermühlen, das ist für mich das südöstliche Jütland geworden. Sie wissen vielleicht, daß ich von 54 bis 56 in Fredericia in Garnison lag. Es gibt ja viele Menschen, die finden, daß Fredericia eine langweilige Stadt ist, und es gibt auch Menschen, die sie heutzutage nur als eine große Eisenbahnstation betrachten. Aber das ist Unrecht: Fredericia ist eine herrliche Stadt – das sind nun übrigens alle jütischen Garnisonstädte, jede auf ihre Art. Selbst im tiefsten Frieden hat sie den Charakter einer Festung; die Wälle schließen sich um die endlosen, gleichartig aussehenden Straßen, die sich im rechten Winkel schneiden, und die Stadt macht einen Eindruck, als sei sie gebaut, um da hineinzuwachsen, so wie ein Winterüberzieher für ein Kind. Überall Erinnerungen, Erinnerungen, in denen die Stadt lebt, und von denen sie lebt: Hier rückte diese Brigade in der Nacht zwischen dem 5ten und 6ten Juli aus, dort war das Hauptquartier, da steht ein Monument und da ist das Kriegergrab. Haben Sie wohl beachtet, daß das, worüber die alten Soldaten aus dem dreijährigen Kriege am liebsten reden und wo hinein sie sich am liebsten zurückdenken, die Schlacht bei Fredericia ist? Mir geht es ebenso, und Sie können mir glauben, ich sandte Karl Horten viele Gedanken nach, sowohl wenn ich an dem großen Massengrab vorüber ging, in dem er ruht, als wenn ich in die Prinzessinnenstraße kam, wo er seinen »Schwanengesang« dichtete! – Daß ich mich doch nie wieder der Worte und der Melodie habe entsinnen können! Die Melodie, die ich vorhin pfiff, die habe ich nicht vergessen, aber seine, deren ich mich doch so gerne erinnern wollte! Nur einmal – im Traum – ist sie mir seither erklungen – das werde ich Ihnen bei Gelegenheit erzählen. Aber ich wollte ja von Fredericia erzählen. – Gibt es etwas Prachtvolleres als die Aussicht oben von der Bastion Dänemark, wo jetzt Lundings Monument aus hartem Granit gehauen steht, so wie es sich für den unbeugsamen Kommandanten geziemt! Die Aussicht gen Norden über das flache Schlachtfeld und den Strand und die Schluchten, Äbelö am Horizont, Fünen mit Wald und Abhängen und Meer unter uns – das Meer mit Grün und Blau! Grün und Blau, die Farben stehen großartig zusammen, aber es hat lange gewährt, bis man das gelernt hat – man ist ebenso bange vor dieser Zusammenstellung gewesen wie vor den parallelen Quinten in der Musik! – Und bis nach dem Trelder Wald hinüber kann man sehen – kennen Sie den? – Nicht? Das ist schade, denn es ist einer der eigentümlichsten Wälder in Dänemark. Ein Bauernwald ist es, Eichen und Buchen, Haselstauden, Birken und Erlen, alles wächst, wie es will, ohne Spur von forstmännischer Kultur und mit Dornen- und Himbeergestrüpp auf dem Boden. Es ist sozusagen kein Weg oder Steg da drinnen, und Bäume wachsen und Bäume sterben, ganz wie im Urwald. Hier können die seltensten Vögel brüten, und die seltensten Pflanzen blühen, ohne daß irgend jemand es ahnt, bis eines schönen Tages einer kommt, der etwas findet und seinen Fund zu schätzen weiß. Das ist nun übrigens genau so wie mit der Melodie: die lag auch verborgen und unerkannt da, bis sie eines Tages – aber davon später. Ja, Fredericia war eine schöne Garnisonstadt, und die ganze Gegend war großartig. Und dann hatte man außerdem ringsumher die vielen Erinnerungen an die Spanier aus dem Anfang des Jahrhunderts – die Spanier haben mich nun immer interessiert, es müssen prächtige Leute gewesen sein. Und die Spanierinnen sind auch gewiß prächtig, ich kenne sie aber leider nicht. Ist es nicht eigentlich wunderbar, daß man sich die Spanierinnen immer als leichtsinnige Koketten vorstellt, die nur für Stelldichein und Serenaden leben und mit dem Dolch im Strumpfband herumgehen? Warum in aller Welt denkt man niemals an die Frauen, die Modelle zu Murillos Madonnen gewesen sind, an die mit den großen frommen Augen, und an die vielen, die ins Kloster gehen und für die Sünden anderer beten – denen sollte man auch einen Gedanken schenken, nicht wahr? Nun, was die sichtbaren Erinnerungen an die Spanier in Jütland betrifft, so war da ja nicht nur das abgebrannte Koldinger Schloß, sondern man trifft ja auch noch häufig auf dem Lande bald einen Burschen, bald ein Mädchen mit kohlschwarzem Haar und blitzenden, dunklen Augen, bei denen die spanische Abstammung nicht zu verkennen ist, – Krieg bringt ja immer neues Blut in die Bevölkerung! Und im übrigen nicht nur in bezug auf Menschen, auch in bezug auf die Pferde, wenigstens konnte man zu Anfang der fünfziger Jahre, wenn man überhaupt Blick dafür hatte, manch ein Pferd sehen, das ganz deutlich mit denen verwandt war, die die Spanier bei ihrer Abreise hatten hier lassen müssen, und ich selbst ritt in jenen Jahren eine prächtige Stute, die, daran zweifle ich nicht, spanisches Blut in sich hatte – ich nannte sie denn auch »Isabella«. Fromm und gehorsam war sie in der Regel – ein Kind hätte sie reiten können – hin und wieder aber konnte sich das andalusische Blut in ihr regen: dann bäumte sie sich und blähte die Nüstern, und wenn sie hin und wieder einmal wieherte, klang es wie die Trompete vor einer Attacke – ja, Isabella war ein seltenes Tier! Was nun im übrigen den Aufenthalt der Spanier in Jütland betrifft, so war man auch ein paar Jahre, ehe ich nach Fredericia kam, in direkter Weise daran erinnert worden. Es kam nämlich von der spanischen Gesandtschaft in Kopenhagen eine Anfrage an den spanischen Konsul dort nach einer gewissen »Mariquita« in »Molino« in Südjütland, und daraus entstand dann natürlich sofort das Gerücht, daß ein spanischer Grande – weniger konnte es nicht tun! – im Jahre 1809 eine Liebschaft mit einem jütischen Mädchen gehabt, und ihr nun sein Schloß und seine Dublonen hinterlassen habe. Man suchte und man redete, und die Leute in der Umgegend hätten gern ihren ehrenwerten Müttern oder Großmüttern ein Verhältnis angelogen, wenn ihnen das zu der spanischen Erbschaft hätte verhelfen können, aber es meldete sich keine Mariquita, und da war ja auch kein Dorf und kein Gehöft, das »Molino« hieß. So verzog die Goldwolke, die über der Gegend geschwebt hatte, wieder, und niemand dachte mehr an den spanischen Granden. An einem Julitag im Jahre 54 wandelte mich die Lust an, zu angeln. Ich hatte gehört, daß ein paar Meilen weiter westlich ein guter Lachsforellen-Bach sein sollte, und daß ich mein Pferd in der Hinger Mühle unterstellen und auch vom Müller Erlaubnis bekommen könne, so viel zu angeln, wie ich wollte, und so ritt ich denn um die Mittagszeit aus, natürlich auf meiner Isabella. Ich kam an die Mühle – die Landstraße ging mitten über den Mühlenhof – und ich trabte, über die Brücke auf den Hof hinauf – Sie wissen, ich trabe immer über eine Brücke, des Hufschlages halber. Die Tauben flogen erschreckt auf den Dachfirst, der Kettenhund schlug an, und der Müller trat in die Tür des einstöckigen Hauses – das ganze war, wie es sein sollte. Müller – das heißt Wassermüller – sind ja überall dieselben: rundlich und gastfrei, mehr oder weniger mehlbepudert und immer in Hemdsärmeln. So war auch Müller Kruse in Hinge, und als ich für Isabella gesorgt und Erlaubnis bekommen hatte, im Mühlenteich und am Bach entlang zu angeln, half keine Einwendung: ich mußte erst eine Tasse Kaffee trinken, ehe ich mich auf den Fischfang begab. So kam ich denn ins Haus und machte die Bekanntschaft der Frau – auch eine prächtige Frau – das sind nun die meisten Müllerfrauen, und dann saßen wir eine Viertelstunde da und plauderten. Da fallen meine Augen auf die Wand, und dort erblicke ich eine Guitarre. Ich fragte natürlich, wer in der Mühle auf dem Instrument spiele, aber der Müller sagte, das tue niemand. – wie die denn hierher gekommen sei? – Ja, die sei wohl vor fünfzig Jahren von einem Spanier hier in der Mühle vergessen worden. – »Wenigstens sagt das Tante – die unverheiratete Tante meiner Frau,« fuhr der Müller fort. »Sie ist hier im Hause geboren und wohnt jetzt bei uns, und sie entsinnt sich noch der Einzelheiten aus jener Zeit.« Ich sah mir die Guitarre an! Die ganze Form zeugte davon, daß sie spanischen Ursprungs war, und zum Überfluß stand der Name des Fabrikanten und »Madrid« deutlich auf einem Zettel inwendig geschrieben. Das interessierte mich natürlich, und namentlich freute ich mich auf die Aussicht, die erwähnte »Tante« zu treffen, die mir eine Menge von den Spaniern erzählen sollte. Aber als ich das zu dem Müller sagte, schüttelte er und auch seine Frau den Kopf. – Nein, mit Tante sei leider nicht mehr so zu reden; sie sei menschenscheu – meist allen Fremden gegenüber – und ganz ordentlich im Kopf könne man sie auch wohl nicht mehr nennen. – »Es können ganze Wochen vergehen, in denen sie ihren Mund nicht aufmacht,« sagte der Müller, »und die einzige, mit der sie eigentlich sprechen mag, das ist unsere Tochter Inger; aber der ist sie auch fast eine Mutter gewesen, und noch heutigen Tages wacht sie über sie, als sei sie noch ein ganz kleines Kind.« Ich fragte ihn nach der Tochter. Ja, sie hätten nur das eine Kind, lautete die Antwort, und zwischen sechzehn und siebzehn Jahren sei sie. Wenn ich vom Angeln zurückkäme, würde ich sie wohl beim Abendbrot sehen, sie sei nur nach dem benachbarten Dorf gegangen, wie sie zu tun pflege, um sich nach Hans – Hans Nielsen – umzusehen. »Der ist sozusagen ihr Bräutigam,« fügte der Müller erklärend hinzu. – »Das kannst du doch nicht sagen,« warf die Frau ein. »sie sind doch noch gar nicht verlobt!« – Nein, das waren sie ja eigentlich noch nicht, räumte der Mann ein, denn sie wären noch so jung, aber sie hätten sich doch schon lieb gehabt, seit sie noch Rinder waren, und es würde wohl zu einer Heirat führen. – »Denn Inger ist so riell und so honnett,« fügte er hinzu, »und der, an den sie einmal denkt, den behält sie lieb. Ader Mutter hat natürlich Recht, eigentlich verlobt sind sie ja noch nicht. – Er hat gewiß auch noch nie einen Kuß von ihr gekriegt, das glaube ich ganz gewiß!« Im selben Augenblick tat sich die Tür nach der Küche langsam und lautlos auf, und in der Öffnung erschien eine ein wenig krumm gebeugte Frau zwischen 60 und 70 Jahren, ganz weißhaarig aber mit deutlichen Spuren ehemaliger Schönheit. Ich erhaschte nur einen flüchtigen Schimmer von ihr, denn in demselben Augenblick, wo sie mich entdeckte, stieß sie einen unwillkürlichen Schrei aus, warf mir einen scheuen, bangen Blick zu und verschwand ebenso lautlos, wie sie gekommen war. – »Ja, das war die arme Tante,« sagte die Frau, »Nun wagt sie sich nicht mehr aus ihrer Kammer, so lange der Herr Leutnant in der Mühle ist.« Es war ja ein trauriger Anblick, diese Erscheinung des alten, geistesschwachen Mädchens, und mir wurde ganz melancholisch zu Mute – bei solchen Gelegenheiten werde ich immer melancholisch – aber als ich erst mit meiner Fliegenangel an den Mühlenteich gekommen war, und als die erste Forelle zappelnd im Gras lag, da vergaß ich bald, was sich zugetragen hatte, und ich dachte an nichts weiter als an meine Angelei. Gegen Abend, als die Schwalben schon niedrig über dem Wasser flogen, um die schwirrenden Mücken zu haschen, begann ich, an den Aufbruch zu denken, und ich stand gerade unter einem mächtigen alten Hollunder, der an der einen Seite des Mühlenbachs eine natürliche Laube bildete und nahm meine Angelrute auseinander, als hinter mir ein Gesang ertönte – die Melodie, die sie vorhin hörten. Es war eine Frau offenbar – eine ganz junge Frau, die sang, und eine hellklingendere Stimme habe ich niemals gehört. Sie war dünn, wenn Sie wollen, aber wunderbar rein, glockenrein, wie man zu sagen pflegt – und es war auch, als ob die Stimme, gleich einer unsichtbaren Glocke, hoch oben in der Luft, an einem unsichtbaren, dünnen Faden hing, der jeden Augenblick zerreißen konnte – aber er zerriß nicht. Und namentlich fiel mir bei dem Gesang auf, daß trotz des zarten Stimmenklanges etwas – ja, wie soll ich es nennen – etwas wie eine Fanfare in der Melodie lag – Trommeln, Pfeifen und Oboen in weiter, weiter Ferne. Ja, ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen, aber Sie haben die Melodie ja selbst gehört. Ich guckte unter dem Hollunderbusch hervor und sah eine Strecke über mir ein ganz junges Mädchen den Weg entlang gehen; sie war es, die sang. Sie war klein und fein gebaut, aber vollkommen entwickelt. Das Haar war schwarz, schwarz mit einem rauchblauen Schimmer, Sie wissen ja, – die Augen waren dunkel und die Füße klein – klein und mit hohem Spann – das sehe ich immer gleich. Und wie sie auf ihren Füßen ging, und wie sie sich hielt, vollkommene Grandezza, sage ich Ihnen. »Spanisches Blut,« sagte ich gleich zu mir selbst, »die Haltung, ganz wie die Isabellas! Wo die in aller Welt wohl hingehören mag – das muß ich doch von dem Müller erfahren!« und dann sammelte ich meine Angelgerätschaften zusammen und kehrte nach der Mühle zurück. Ich wollte eben die Müllersleute ausfragen, als sich die Stubentür auftat, und meine Spanierin hereinkam. Sie machte einen graziösen Knicks und sagte mit echt jütischem Tonfall: »Guten Abend.« Das war ja an und für sich ungeheuer natürlich, was hätte sie auch sonst sagen sollen, aber Sie wissen nicht, wie sonderbar es trotzdem klang, daß sie überhaupt jütisch konnte, daß sie nicht spanisch sprach, daß sie nicht mindestens ein paar Kastagnetten in der Hand hatte und einen schwarzen Spitzenschal über dem Kopf trug, das war nicht zu verstehen! »Ja, das ist unsere Tochter Inger,« sagte der Müller und sah sie liebevoll an. Inger! Sie hätte natürlich Ines oder Juanita oder dergleichen heißen müssen – aber Inger – Inger Kruse – vollkommen unmöglich! Nun, sie setzte sich zu uns, und ich sah sie genau an. – Nein, wie entzückend war sie doch! Die Augen groß, dunkel und ernst, und die Stirn – sie war von des lieben Gottes Hand so schön gewölbt, daß man sich nicht andere, als reine, schöne Gedanken dahinter vorstellen konnte! Und die Hände, klein und fein – ich habe nun einmal eine Schwäche für schöne Hände! Die Intelligenz und die Schönheit, die in einer Frauenhand liegen kann – nicht wahr, die läßt sich mit nichts anderem vergleichen! Und eine schöne Hand darf man auch immer küssen – glücklicherweise! Aber schöne Hände sind leider selten! Es gibt viel mehr Münder als Hände – viel mehr! Haben sie die Erfahrung auch gemacht? – Nicht? Das ist doch sonderbar! – Nun, ich saß da und sah. und sah mich ganz fröhlich, und dann gingen wir zum Abendbrot hinein. Nett und reinlich war die Anrichtung: Ein schneeweißes Tischtuch und feines Porzellan, das offenbar nur meinetwegen auf den Tisch kam – in Wassermühlen ist es ja immer reinlich. Aber es war ganz eigentümliches Porzellan: blaugrüner Grund mit bunten, phantastischen Blumen – mir war, als hätte ich es schon früher irgendwo gesehen. »Ja, Sie sehen die Teller an,« sagte der Müller. »Die habe ich vergangenes Jahr oben in Kjärvig auf der Auktion von diesem Seeräuber gekauft, der da draußen auf der Landzunge wohnte!« Kjärvig! Ja, natürlich, das war dasselbe Geschirr, von dem ich an jenem denkwürdigen Abend gegessen hatte, und nun war es hier in der Mühle gestrandet – wie die Welt doch klein ist! Und ich dachte an das unsichtbare Malaienmädchen und an das rote Räucherkerzchen, und es war, als könne ich noch den sonderbar betäubenden Geruch spüren. So fragte ich denn den Müller, ob er sonst irgend etwas von dem Kapitän gehört habe, und dann erzählte er, was er wußte. Man habe im vorigen Herbst ein paar Tage lang den Kapitän nicht aus dem Haus herauskommen sehen, man habe an das Tor gepocht – niemand habe geantwortet, nur eine Katze habe geheult, und dann – dann wurde der Dorfschulze geholt. Das Tor und die Tür wurden erbrochen und man fand den Kapitän tot in seinem Bett liegen. In der einen Hand war eine Ritze wie von einem scharfen Instrument – es lag auch so ein wunderlich geflammtes Messer an der Erde, und der ganze Arm war angeschwollen und schwarz – der Totenschein des Kreisarztes lautete auf Blutvergiftung. Aber die Tochter – »oder was sie sonst war« – die hatte niemand gesehen. Einige behaupteten, sie sei zu nächtlicher Zeit an Bord eines fremden Schiffes gegangen, das eine Strecke von der herabhängenden Weide entfernt vor Anker gelegen habe, und dies Gerücht wurde gewissermaßen dadurch bestätigt daß ein Boot aus dem Dorf vermißt wurde; man fand es später nordwärts an Land getrieben. Andere dagegen wollen wissen, sie sei nach Süden zu, am Strande entlang entflohen, aber hier vor der grünen Schlucht sei sie in den Triebsand geraten, der sich über ihr geschlossen habe. Diese Erklärung konnte vielleicht darin einen Anhalt finden, daß ein Fischer in der Nacht – gerade um die Zeit, wo man annehmen mußte, daß der Kapitän gestorben war – einen wunderlich verzweifelten Schrei unten am Kjärviger Sand gehört hatte, der weder von einer Eule noch von einem Nachtraben kam; und ein Hirtenjunge wollte am nächsten Morgen ein buntes Tuch in dem sickernden Wasser da draußen haben treiben sehen. Etwas bestimmtes darüber hatte man aber niemals erfahren. – Sicher war nur, daß seither kein Pferd zu bewegen gewesen war, sich dem Kjärviger Sand mehr als in der Entfernung eines Büchsenschusses zu nähern; der Müller hatte das selbst mit seiner eigenen Stute erlebt, und die war doch von einem Knecht geritten, der bei den Husaren gestanden hatte. Die Erzählung des Müllers interessierte mich natürlich in hohem Maße, obgleich sie eigentlich eine Erklärung in bezug auf das höchst Sonderbare gab, was mir in jener Nacht zugestoßen war, und mir wurde ganz unheimlich zu Mute, als ich mich nun hinterher der Worte des Kapitäns erinnerte, daß die beiden, die Teil an dem Mord des Spitzenhändlers im Ulkenborger Krug gehabt hatten, an »Blei oder Stahl« sterben, daß sie nicht von »einem Himmelbett aus ins Jenseits hinübergehen würden«. – War der Kapitän selbst einer von jenen gewesen, und hatte ihn nun sein Schicksal ereilt, und wartete dasselbe Schicksal auf den andern, der »nach Süden zu« lebte, und dessen Stimme ich in jener Nacht im Krug gehört hatte? Recht lange Zeit sollte ich jedoch nicht zum Nachdenken haben, denn wir standen vom Tische auf, und jetzt erst fiel mir ein, daß ich mein Fliegenbuch unten am Bach vergessen habe. Ich hatte es aus der Hand gelegt, als ich die Angelrute auseinander nahm. Inger erbot sich sogleich, es zu holen und fragte, wo es liege. Da, auf der Bank unter dem Hollunderbaum. Als sie das hörte, sah sie den Vater verlegen an und schlug die Augen nieder, – die großen, schönen Augen. Da, es sei allerdings eine unbequeme Stelle, wo ich es vergessen habe, denn dahin dürfe Inger nicht kommen – das heißt, die Tante wolle ihr nicht erlauben, dahin zu gehen, so lange der Hollunder blühte. – »Das ist eine der kleinen Sonderbarkeiten der Tante,« fügte er hinzu; »es ist so eine Art Aberglaube, aber da es niemand schadet, kann man sich ja gern nach ihr richten. Ich will den Knecht hinschicken, daß er das Buch holt.« Ich saß eine Weile da und grübelte darüber nach, wie ich es anfangen sollte, dann aber machte ich kurzen Prozeß und fragte Inger ganz offen, was für ein Lied es gewesen sei, das sie vorhin ans dem Heimweg gesungen habe. – Da, das sei ein Lied, das die Tante sie gelehrt habe, als sie noch klein war, aber die Tante könne es gar nicht mehr leiden, daß sie es sänge: die Melodie sei so schön für sie, aber von den Worten könne sie sich nur des Anfangs erinnern. »Ellinor und der Soldat Nun du bist unora –« Und darin war ja eigentlich auch gar kein Sinn – was sollte »unora« bedeuten? Ja, der Müller wußte das natürlich nicht, aber es war ja wahrscheinlich so ein altes Lied oder ein Reim, der von einem Mädchen handelte, das einen Soldaten an sich gelockt hatte, meinte er, und die Tante sähe es nicht gern, wenn über dergleichen mehr als notwendig geredet oder gesungen werde – und das möchte ja auch das Klügste sein. »Aber tun Sie mir doch den Gefallen und singen Sie es mir noch einmal vor,« sagte ich zu Inger, »nur noch ein einziges Mal!« Und dann sang sie wieder die kleine Melodie, ebenso rein wie vorher, und ich sah indessen auf ihre Hände und wünschte nur, daß ich hätte sehen können, wie sie sich zur Gitarre begleitete; dazu hätten sich die Hände wohl geeignet! Endlich verabschiedete ich mich, sprach meinen Dank aus und schwang mich in den Sattel und auf dem Rückweg pfiff ich »Ellinor und der Soldat« zur großen Freude für Isabella – sie war sehr musikalisch! Ein Jahr verging, und ich dachte, offengestanden, weder an die Mühle noch an die Melodie, aber da begegnete sie mir zum zweiten Mal – die Melodie, meine ich – jetzt hören Sie nur einmal! Es wird sich außer mir wohl noch mancher aus seiner Garnisonszeit in Fredericia des spanischen Rittmeisters, Don Diego de Miranda, erinnern, der im Frühling 53 zu uns kam und bis tief in den Sommer hinein blieb. Er war ein selten schöner und anziehender Typ eines südländischen Aristokraten; etwas unter Mittelgröße, aber schlank und elastisch, ein vollendeter Reiter, ein tipptopp Gentleman und ein aufrichtiger Katholik. Ich nehme an, daß er damals zwischen 40 und 50 gewesen sein mag, aber er sah älter aus, war unverheiratet und offenbar sehr reich, jedenfalls nach unseren Verhältnissen. Er sprach fließend Deutsch und Französisch, war belesen und hatte namentlich viel historisches Interesse. Er war hauptsächlich hierher gekommen, um Material zu einem Buch zu sammeln, das er über den Aufenthalt der spanischen Truppen in Dänemark schreiben wollte: sein vor einigen Jahren verstorbener Vater war als junger Offizier damals mit in Jütland gewesen, und der Sohn war im voraus sehr gut orientiert: er wußte, daß das Dragoner-Regiment Almansa in Ribe gelegen hatte, El Rey in der Gegend von Kolding, und das Infanterie-Regiment Princesa im Koldinger Schloß. Er verkehrte als guter Kamerad mit allen Offizieren der Garnison, und worin es seinen Grund haben mochte, weiß ich nicht, aber für mich hatte er eine ganz besondere Freundschaft gefaßt, und ich ritt viel mit ihm in der Gegend umher, war sein Dolmetscher, wenn es sich darum handelte, Aufklärungen von den Bewohnern der Umgegend zu erlangen, und machte auch längere Ausflüge mit ihm nach den benachbarten Städten. Ich zeigte ihm die Wachtstube im Koldinger Schloß, wo das Feuer zuerst ausgebrochen war, und wir bewunderten im Verein die wilden Rosen in den Fensternischen und die blühenden Hollunderbäume, die der Ruine ihr eigenartiges Gepräge verleihen. – »Ist der Hollunder ein speziell nationaler Baum bei Ihnen?« fragte er, und ich antwortete: »Nein, nicht speziell national, wohl aber typisch für die Gegend hier« – das schien ihn zu interessieren. Nach Ribe kamen wir, dort hatte ja das Regiment Almansa in Quartier gelegen – kennen Sie Ribe? – Nicht! Das ist ein Jammer! Ribe ist die eigenartigste Stadt in ganz Dänemark! In einem entlegenen Winkel, ohne Hinterland, versteckt, und gerade daher etwas ganz für sich. Einstmals die große Stadt, wo Königin Dagmar landete, wo der König auf dem Riber Schloß Hof hielt, und wohin man mit dem rheinischen Tufstein direkt bis an die Tore der Stadt segelte – und jetzt wie ausgestorben. Der Fluß teilt sich in, Gott weiß wie viele Arme, und große herabhängende Weiden, Pappeln und Hollunder – wieder der Hollunder! – neigen sich über den Strom, wo baufällige Brücken in stumpfen Winkeln von dem einen Garten nach dem andern hinüberführen. Die Dohlen umkreisen schreiend die Türme des Doms, und die Störche ziehen zwischen den Wiesen und der Stadt hin und her – damals war da ein Storchennest auf jedem zweiten Haus. Und die Häuser! Wie können einen die in Stimmung versetzen! Ein, höchstens zwei Stockwerke haben sie, aus ehrlichen, dunkelroten Ziegelsteinen erbaut, mit breiten, weißen Kalkfugen dazwischen, und öffnet man ein Tor, einerlei wo, so hat man gleich ein Interieur, eine Holbergsche Straßendekoration: schöne Fachwerk-Mauern, Wirtschaftsgebäude und dunkle Luken, Gallerien, schützende Linden und schwankende Weinranken – ja, Ribe ist eine unvergleichliche Stadt! Wir waren an einem Sommerabend gerade aus Ribe zurückgekommen, Don Diego und ich; er saß oben in meinem einfachen Leutnantsstübchen und nahm mit dem fürlieb, was das Haus zu bieten vermochte – viel war es nicht. Nach dem Abendbrot griff er nach meiner Guitarre – Sie wissen ja, ich habe meiner Zeit auch ein wenig geklimpert: so C-Dur- und G-Dur-Akkorde und die entsprechenden Dominanten, das kann ja jeder Tölpel lernen – und er fing an zu spielen – wie ein Meister sage ich Ihnen! Es war ein Genuß, seine heimischen Volkslieder zu hören, und ein Genuß, seine schönen, aristokratischen Hände das Instrument behandeln zu sehen – so soll man spielen! Dann verfällt er in Sinnen, legt die Guitarre hin, nimmt sie wieder auf und spielt eine neue Melodie – ganz leise wie zu seinem eigenen Vergnügen. »Die kenne ich!« sage ich da. – »So?« erwidert er. »Woher kennen Sie die?« – »Ja, warten Sie mal – ja, das ist ein jütisches Volkslied!« – »Nein, das ist wirklich ein spanisches Soldatenlied,« sagt er. »Wo haben Sie das gehört?« – »In einer Wassermühle, einige Meilen von hier entfernt; dort sang mir ein junges Mädchen die Melodie vor einigen Jahren vor,« »Ein junges Mädchen?« – »Ja, sie hatte sie von ihrer Tante gelernt, die ein ganz altes Mädchen war, dessen erinnere ich mich noch deutlich!« Don Diego erhob sich und fragte eifrig: »waren da draußen denn sonst keine Traditionen, keine Erinnerungen an die Spanier?« – »Nein, – ja, da war eine Guitarre, die ein Spanier in der Mühle vergessen hatte. Das wußte die Alte ganz bestimmt,« – »Lebt sie noch?« – »Im vorigen Jahr lebte sie wenigstens noch.« – »Die Mühle muß ich sehen,« rief Don Diego, »und ich muß mit der Alten reden – wollen Sie morgen mit mir da hinaus reiten?« – Ja, natürlich wollte ich das, und dann erzählte der Spanier: Sein Vater war, wie ich schon wußte, Offizier gewesen, und hatte sich im Jahre 1809 in Jütland aufgehalten, vor einigen Jahren war er gestorben, auf dem Sterbebett aber hatte er seinem Sohn anvertraut, er habe hier oben ein Verhältnis mit einem dänischen Mädchen gehabt, das Mariquita hieß, und in einer Mühle wohnte – mehr wußte er sich nicht zu erinnern. Er hatte sie nie ganz vergessen können, und er hatte den Sohn beauftragt, sie, wenn irgend möglich, nach seinem Tode ausfindig zu machen, und, wenn sie bedürftig sei, sie und sein eventuelles Kind zu unterstützen. Die Anfrage, die seinerzeit von der spanischen Gesandtschaft in Kopenhagen an den Konsul in Fredericia gekommen war, sei von ihm veranlaßt, aber sie hatte ja zu nichts geführt, und wenn er nun selbst hier nach Dänemark heraufgekommen sei, war das ja freilich geschehen, um das erwähnte Werk über die spanischen Hilfstruppen vorzubereiten, ihn habe aber zugleich der geheime Hintergedanke hierher gefühlt, etwas von der Jugendgeliebten seines Vaters und ihrer späteren Geschichte zu erfahren. »Nach dem Tode meines Vaters fand ich in seiner Schublade dies da,« sagte Don Diego und holte aus seinem Taschenbuch ein vergilbtes, zusammengelegtes Papier heraus, auf dem geschrieben stand: »Mariquita del molino. Danimarca 1809«. vorsichtig öffnete er das Papier und reichte es mir – ein getrockneter Büschel Hollunderblüten lag darin, leicht kenntlich noch an ihrem Duft. »Nun werden Sie vielleicht verstehen,« fuhr er fort, »warum ich so interessiert fragte, ob der Hollunder Ihr nationaler Baum sei, und nun werden Sie auch begreifen, wie mir zu Mute wurde, als Sie sagten, daß das alte spanische Soldatenlied, das mein Vater so oft spielte, und das er noch kurz vor seinem Tode in halbbewußtem Zustand vor sich hinsummte, heute noch in einer jütischen Mühle lebt. – Kennen Sie die Worte?« Nein, ich mußte ja antworten, daß ich nur den Anfang kenne, »Ellinor und der Soldat Nun du bist unora« und daß sowohl die Leute in der Mühle, wie auch ich selbst die Worte als ein verdrehtes Bruchstück eines alten dänischen Volksliedes aufgefaßt hatten, das von einer Soldatenliebe handelte. Don Diego lächelte. »Ihr »Ellinor und der Soldat«, wissen Sie, wie das auf Spanisch lautet? Es lautet so: El amor del soldado No dura una hora En tocando la caja: Adiós Señora! »Ja, das ist Landsknecht-Moral,« fügte er hinzu, denn es bedeutet: »Die Liebe des Soldaten währt nicht eine Stunde; wird die Trommel gerührt, dann Lebewohl mein Mädchen!« Aber ich bin nicht in Zweifel darüber, daß ich auf der rechten Spur bin!« Am nächsten Morgen ritten wir in der Richtung nach Hinge zu. Ich hatte Don Diego meine Isabella überlassen, ich selbst ritt einen Wallach, den ich von meinem Oberst geliehen hatte. Nein, wie sie einander kleideten, der Spanier und Isabella! Jetzt kann ich begreifen, daß die Indianer, damals, als die spanischen Reiter sich zum erstenmal auf dem amerikanischen Festland blicken ließen, glaubten, daß Pferd und Mann ein Wesen sei, aus einem Guß! So soll man im Sattel sitzen! Nun, wir kamen nach der Mühle, und wir kamen hinein – ich fragte natürlich gleich nach der Tante. Ja, die Tante sei tot, antwortete der Müller, vor einem halben Jahr sei sie gestorben, und oben auf dem Hinger Friedhof, eine Viertelmeile von hier, begraben worden. Ich brauchte die Worte des Müllers Don Diego nicht zu übersetzen – er hatte sie aus dem Mienenspiel verstanden, und stand nun tief enttäuscht und tief betrübt da. Und die Guitarre? – Ja, die hing noch an demselben Platz. Don Diego stürzte darauf zu und nahm sie von der Wand, und kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, als er ausrief: »Ich habe es ja gewußt! Das ist meines Vaters Guitarre! – Hier stehen obendrein seine Anfangsbuchstaben in Perlmutter eingelegt!« Und während die Augen des leicht beweglichen Südländers voller Tränen standen, küßte er die Guitarre einmal über das andere und legte sie dann sorgsam auf den Tisch. Erst jetzt hatte ich Gelegenheit, den Müller darüber aufzuklären, wer der Fremde sei, und weshalb wir gekommen waren; ich sagte ihm, wie die kleine Melodie, die die Tante seine Tochter gelehrt habe, Anlaß zu dem Besuch gegeben habe, und ich fragte ihn, ob er nicht irgendwelche weiteren Aufschlüsse geben könne. Anfänglich wollte er sich darum herumdrücken, sah fragend zu der Frau hinüber, erzählte dann aber, daß Tante Marie – da hatten wir das spanische Mariquita! – wirklich in ihrer frühesten Jugend ein Verhältnis mit einem spanischen Offizier gehabt, und ein Kind von ihm bekommen habe – eine Tochter. Diese Tochter habe sich dann nach Norden zu verheiratet, sei aber im Kindbett gestorben, und er und seine Frau hatten das mutterlose Kind – das war also Inger – angenommen und als ihr eigenes erzogen, ohne daß Inger jemals geahnt hatte, daß die Tante ihre Großmutter sei. Jetzt nach dem Tode der Tante hatten sie es ihr erzählt, aber niemand in der ganzen Gegend wußte es, und deshalb bat er mich, dies Familienverhältnis keinem Menschen gegenüber zu erwähnen. Ich erklärte Don Diego, was der Müller gesagt hatte, und er fuhr auf und rief: Aber die Enkelin – meine Nichte – wo ist die? Ist sie auch tot?« Nein, das war sie gottlob nicht, und der Müller meinte obendrein, man könne sie jeden Augenblick erwarten: sie sei nur in das Nachbardorf gegangen, um ihren Hans zu besuchen. Und dann kam der Augenblick, wo die beiden Verwandten einander in der Mühlenstube gegenüberstanden – das werde ich nie vergessen! Trotz des Altersunterschiedes, und obwohl er der verwöhnte, vornehme Reiteroffizier war, und sie ein jütisches Bauernmädchen in eigengemachten Kleidern und Holzschuhen, war die Ähnlichkeit zwischen ihnen doch nicht zu verkennen: dasselbe Adelsgepräge, dasselbe Blut, derselbe Stamm! Don Diego stand da, ohne etwas sagen zu können – es bebte um seine Mundwinkel. Inger sah verständnislos bald den einen, bald den andern an, bis der Müller ruhig sagte: »Das ist deiner Mutter Halbbruder, Inger, gib dem Mann die Hand!« – Inger tat es verlegen und errötend. Don Diego aber ergriff ihre beiden Hände, küßte sie wieder und wieder, und sah aus, wie ein Mann, der gefunden hat, was er jahrelang suchte. Ja, und was dann geschah, das ging eigentlich schneller, als es sich erzählen läßt. Don Diego bat Inger – beständig durch mich als Dolmetscher – mit ihm nach Spanien zu kommen; sie solle dort wie sein eigenes Kind gehalten werden, er wolle sie adoptieren, und sie solle ihn beerben. Als die Müllerfrau hörte, um was es sich handelte, trocknete sie eine Träne von der Wange und sagte zu ihrem Mann, sie hätten kein Recht, Ingers Glück im Wege zu stehen, und der Mann strich sich mit dem Rücken der Hand über die Augen und sagte dasselbe. Inger stand einen Augenblick da und besann sich – einen ganz kleinen Augenblick – dann sagte sie ruhig: »Nein, das wäre Unrecht gegen euch, die Ihr so gut gegen mich gewesen seid – und am meisten Unrecht gegen den armen Hans – ich bleibe, wo ich bin. – Wollen Sie bitte, dem fremden Herrn meinen allerbesten Dank für sein freundliches Anerbieten sagen!« Auch diesmal brauchte ich Don Diego nichts zu erklären – er hatte wieder alles verstanden. »Dann bitten Sie sie nur noch, mir das kleine spanische Lied vorzusingen,« sagte er bewegt. »Ich möchte gern die Töne hören, die so treulich in einer jütischen Mühle bewahrt worden sind, wenn auch die Worte im Laufe der Zeit ein wenig unkenntlich wurden!« Ich bat Inger zu tun, was er wünschte, aber sie sträubte sich anfänglich: die Tante – die Großmutter – hatte es ja nicht leiden können, daß das Lied gesungen wurde. – »Ich sitze auch nie unter dem Hollunderbaum, wenn er blüht,« fügte sie hinzu, »auch jetzt nicht, wo Tante tot ist.« Ich drang indessen in sie, und schließlich sang sie den kleinen Vers, sang von »Ellinor und dem Soldaten«, ohne zu ahnen, daß es die Geschichte der Großmutter war, die durch die rätselhaften Worte tönte. Nach einer Weile brachen wir auf. Vorher hatte Don Diego noch eindringlich gebeten, die Guitarre des Vaters kaufen zu dürfen – einerlei, was sie kosten solle; aber der Müller wollte sie um keinen Preis hergeben – sie gehöre ja auch im Grunde Inger. Aber Inger schenkte ihrem Verwandten die Guitarre mit Freuden, und als Don Diego Abschied genommen und schon den einen Fuß im Steigbügel hatte, ging er noch einmal zurück, küßte sie auf die Stirn, dann sprengte er von dannen, über die hallende Mühlenbrücke, – ich ritt hinterdrein. Auf dem Heimweg besuchten wir den Hinger Friedhof; Don Diego kniete an Tante Mariens Grabe nieder und sprach ein Gebet, dann ritten wir weiter. Aber nach kurzer Zeit trafen reiche Geschenke in der Mühle von dem fremden Gast ein, und auf das Grab der Tante ließ er einen weißen Marmorstein setzen mit der Anschrift: »Mariquita del Molino« – Marie aus der Mühle – in Goldbuchstaben. Der Stein liegt wohl noch da, aber ob noch irgend jemand ahnt, was die scheinbar so vornehme Anschrift bedeutet, das weiß ich nicht. Don Diego kehrte einige Wochen darauf nach Spanien heim, und ich glaube nicht, daß sein Werk über die Spanier in Dänemark jemals erschienen ist. Ich hatte der Erzählung des Hauptmanns mit so viel Aufmerksamkeit gelauscht, daß ich meiner Angelleine keine Gedanken geschenkt hatte; aber nun sah ich, daß an der Angelrute, die ich neben mir ins Gras gelegt hatte, heftig gezerrt wurde, das Floß war ganz unter Wasser, und einen Augenblick später hatte ich einen großen, »boshaften« Hecht an Land gezogen. »Ja, nun wollen wir nur sehen, daß wir in die Mühle kommen,« sagte der Hauptmann, »oder vielmehr nach dem Krug, denn nun wollen wir meine Forellen zum Abendbrot essen – dann kann sich der Müller an dem alten Hecht gütlich tun, und dann sollen Sie hinterher die Fortsetzung der Geschichte hören.« »Geht die noch weiter?« fragte ich. »Ob sie noch weiter geht? Ja, leider, die Geschichte endet nicht mit einer Heirat! – Aber kommen Sie jetzt, es ist schon spät geworden.« Wir ließen uns die Lachsforellen des Hauptmanns kochen und verzehrten sie mit gutem Appetit, wir bekamen selbstgebrautes Märzbier – der Hauptmann erklärte freilich, es sei nicht so gut, wie das, was Karen Tonning seinerzeit gebraut hatte – und als die Pfeifen angezündet waren, und wir die kleine Gaststube ganz für uns allein hatten, begann er von neuem: Ja, nun kommt also der dritte und letzte Teil der Geschichte. Es war ein Jahr später – ebenfalls im Juli. Wir hatten in dem Sommer verschiedene, sehr vergnügliche Regimentsübungen, bei denen wir des Nachts im Freien biwakierten, eine Nacht oder zuweilen zwei Nächte zurzeit, und eines Tages marschierten wir auf Hinge zu – dahin kamen wir sonst nie. Es war eine Gluthitze, und ich war ziemlich ärgerlich darüber, daß ich nicht mehr Adjutant war, und infolgedessen auf meinen eigenen Beinen gehen mußte, statt zu reiten, aber das hatte ja einen ganz besonderen Grund; damals hatte ich nämlich die Geschichte mit der Kommandeuse und dem Bukett gehabt, Sie wissen, – habe ich Ihnen die nicht erzählt? Ja, das ging folgendermaßen zu: Es war der Geburtstag der Kommandeuse, und obwohl ich gerade keinen Stein bei ihr im Brett hatte, und sie übrigens bei mir auch nicht –, so hatte ich doch, um die Hyäne milde zu stimmen, ein wirklich hübsches Blumenbukett für einen Reichstaler angeschafft – das war damals viel Geld – und das wollte ich ihr gleichzeitig mit meinem Glückwunsch überbringen. Nun, ich bin also auf dem Weg, und bin glücklich bis an den Marktplatz gelangt, an dem der Oberst wohnte, da begegne ich zu meinem Unglück den beiden hübschen Töchtern von Major Häklund. Wir bleiben alle drei stehen, und wir plaudern – allerliebst waren sie, wie gesagt – und da geht denn die Natur über die Erziehung: ich löse meinen Blumenstrauß auf und teile ihn höchst galant unter die Mädchen. Das hatte natürlich die Oberstin oben von ihrem Fenstertritt herab gesehen, und ich bekam keinen liebenswürdigen Empfang, das können Sie mir glauben, und mit meiner Stellung als Adjutant war es auch vorbei. – Es ist nun immer mein Unglück gewesen, daß ich zwei in den Zwanzigern einer in den Vierzigern vorziehe – aber die Geschmäcker sind ja so verschieden! Nun, wir rückten mit klingendem Spiel über den Mühlenhof – natürlich. Es ist doch nichts so elektrisierend in der ganzen Welt, wie ein Regiment, das mit voller Musik daherkommt, nicht wahr? Die hohen Töne der Flöte und der Sopranklarinette und die tieferen Töne der Fagotte, und dazu das Brummen der großen Trommel! – ja, wie kann die brummen, männlich, fast wütend! – Und dann der taktfeste Fußtritt der Leute – der Ausdruck eines Kommandos, eines Willens – das klingt fast ebenso schön auf einer Mühlenbrücke, wie der Aufschlag des Pferdes – nur anders. Und die Uniformen! Und die Sonne, die auf den Gewehrläufen blitzt und auf den blanken Knöpfen und der Fahne – der alten verschossenen Regimentsfahne, die ihre stolze Geschichte hat – ich möchte wohl den sehen, dem nicht warm ums Herz wird, und dem nicht die Augen feucht werden, wenn die vorbeigeführt wird! Ja, welch ein Fest ist es doch, wenn das Regiment mit der Musik an der Tete dahinmarschiert! Es ist vergnüglich in der Stadt, wo alle Nasen gegen die Fensterscheiben flachgedrückt werden, wo der Schusterjunge in der Eile seinen Pantoffel verliert, und das Dienstmädchen mit dem Marktkorb am Arm an der Straßenecke stehen bleibt. Vergnüglicher aber ist es doch noch auf dem Lande, wenn alle Hunde kläffen und der Hahn kräht, und wenn Alt und Jung über Feld und Hecken stürmt, um nur einen Schimmer von den Soldaten zu erwischen – wer kann wohl der Regimentsmusik widerstehen! Nun, ich war, wie gesagt, damals nicht mehr Adjutant; Merring war es an meiner Stelle geworden, er wurde dann aber bald darauf nach Viborg versetzt, und ist übrigens 64 gefallen. Er war ein flotter, schöner Mensch, ein wenig leichtsinnig – das sind ja noch andere außer ihm gewesen! – aber vielleicht gerade deswegen hatte er viel Glück bei den Frauen! Er ritt also an der Spitze des Regiments und sah ganz brillant aus. Als er auf den Mühlenhof kommt, steht Inger auf der steinernen Treppe vor dem Wohnhaus; an jenem Tag hatte sie eine rote Nelke in ihr blauschwarzes Haar gesteckt – war das eine Art Rasseninstinkt? Sicher ist jedenfalls, daß sie, wie sie da stand, mit einem so strahlenden und zündenden Blick, wie ich nie zuvor etwas ähnliches gesehen hatte, eine ganz südländische Offenbarung war – ihr fehlten nur die Mantille und der Fächer! Merring sah sie natürlich, wozu hat man sonst seine Augen im Kopf! – Ihm fiel ihre fremdländische Schönheit auf, er grüßte sie höflich und ritterlich mit gesenktem Degen. Sie wurde dunkelrot über die ungewohnte Huldigung, hielt unwillkürlich die Hand vor die Augen und lief dann wie ein scheues Reh in die Tür hinein. Merring und ich bekamen Quartier in der Mühle – der Stab lag im Pfarrhaus – und als ich mich abgebürstet und den Staub ein wenig abgewaschen hatte, plauderte ich eine Weile mit dem Müller. Über meinen letzten Besuch da draußen, und was ich von Don Diego wußte, und von Inger. – Ob sie ihren Hans, den ich noch nie gesehen hatte, nun bald heiraten werde? – Ja, eigentlich könnten sie ja heiraten, meinte der Müller, es liege kein Grund zum warten vor, denn seine Eltern seien bereit, sich auf das Altenteil zurückzuziehen, sobald sich der Sohn verheiratete, aber Inger ziehe die Sache in die Länge und sage, es habe ja keine Eile, und es sei am besten, noch eine Weile zu warten. Inger selbst sah ich an jenem Tage nur ganz flüchtig, sie hatte genug im Haus zu tun – aber es fiel mir auf, daß plötzlich etwas ganz Eigenartiges über sie gekommen war: Leben und Wärme, Feuer im Blut. Und sie, die ja früher immer wortkarg und zurückhaltend – wohl im Grunde kühl – gewesen war, sie sprach jetzt mit Merring wie mit einem alten Bekannten, lächelte und lachte – ich hatte sie früher nie lachen hören – und schlug die Augen nieder, wenn er ihr Komplimente machte, über die sie jedoch offenbar außerordentlich beglückt Zu sein schien. Am Abend machte ich dann einen Spaziergang um den Mühlenteich und rauchte meine Pfeife. Beobachtete die Lachsforellen, die nach den Mücken schnappten, und sah nach dem alten Hollunderbaum hinüber, der in voller Blüte stand – um diese Zeit durfte ja nach dem Willen der Tante niemand darunter sitzen! Aber es saß ja jemand unter dem Baum – da saßen zwei! – und die eine davon war Inger! Ich ging über den Steg, der ein wenig weiter nördlich über den Bach führt, auf den Hollunder zu, traf aber nur Merring, der unter den Zweigen herauskam. Inger sah ich an jenem Abend nicht mehr. Am nächsten Morgen aber, als wir beide mit Trommeln und Pfeifen über den Mühlenhof zogen, heimwärts der Garnison zu, da sah ich sie auf der steinernen Treppe stehen und winken und zum Abschied nicken – es war mir, als habe sie Tränen in den Augen. Nun, Merring wurde, wie ich bereits gesagt habe, bald darauf nach Viborg versetzt, und ich wurde wieder Regimentsadjutant. – Im Laufe des Herbstes sitze ich eines Morgens in meinem Zimmer; es pocht, und hereinkommt der Müller aus Hinge – er sah aus, als sei er in den paar Monaten, wo ich ihn nicht gesehen hatte, viele Jahre älter geworden. »Nun, bringen Sie gute Nachrichten, Müller?« fragte ich. – Ja, Gutes hatte er nicht zu berichten: er wollte mich nur bitten, zum Begräbnis zu kommen. – »Begräbnis! wessen Begräbnis?« rief ich. – »Ingers,« erwiderte er, und dann erzählte er mir die traurige Geschichte. Am Nachmittag des Tages, an dem wir in der Morgenfrühe von der Mühle ausgerückt waren, hatte ihn Inger so herzlich gebeten, sie nach dem benachbarten Dorf zu Hans zu begleiten, und dann habe sie in des Müllers Gegenwart ihre Verlobung mit ihrem Kindheitsfreund aufgehoben und gesagt daß sie ihn nicht lieb genug habe – sie habe ihn eigentlich nie lieb gehabt, das verstünde sie erst jetzt – und schließlich hatte sie ihm einen Kuß gegeben – den ersten und letzten, ehe sie ging. – »Den sollte er zum Abschied haben, der arme Hans,« hatte sie zum Müller gesagt, »denn dem Leutnant hätte sie so viele gegeben.« – »Und das war ja nun so honnett und riell von ihr,« fügte der brave Müller hinzu, während ihm die Tränen an den Wangen herabrollten, »aber honnett und riell, das war sie im Großen und im Kleinen!« Weiter erzählte er, daß sie in ihrer Treuherzigkeit sich fürs Leben mit dem fremden Leutnant verbunden betrachtete, obwohl sie ihn nur einen einzigen Tag gesehen habe, – »und er vergißt mich auch nicht,« sagte sie wieder und wieder, »und er hat mir versprochen, zu schreiben – morgen wird wohl ein Brief kommen!« Aber es kam natürlich kein Brief, und Inger trauerte und trauerte. Dann war sie vor ein paar Wochen zu Fuß nach Viborg gegangen, wo er, wie sie ausgekundschaftet hatte, jetzt in Garnison lag, hatte ihn gesucht und gefunden, und aus seinem eigenen Munde die trostlose Mitteilung erhalten, daß er schon seit mehreren Jahren verlobt sei und jetzt in der allernächsten Zeit Hochzeit machen wolle. Sie kam nach Hause zurück, geknickt wie eine Weidengerte, legte sich zu Bett und schwand dahin. Sie hatten den Doktor aus Maarslet geholt, und sie hatten die kluge Frau aus Tibaek geholt, aber es half alles nicht – vor zwei Tagen war sie gestorben, ohne eigentliche Krankheit gestorben. Und nun bat mich also der Müller, zum Begräbnis zu kommen, »denn Mutter und ich, wir finden doch, daß der Herr Leutnant so gewissermaßen dazugehört,« fuhr er fort; »Sie standen ja damals mit dabei, als der Spanier sie mithaben wollte – ach, wäre sie doch mit ihm gegangen! – und Sie waren auch mit dabei, als der andere Leutnant – ach, du lieber Gott!« Natürlich versprach ich, zum Begräbnis zu kommen, und ich kam. Inger lag in der guten Stube, in einem offenen Sarg, und sah aus, als schlafe sie, Ich sehe noch ihre schöne, reine Stirn und die wunderschönen Hände, sie lagen ineinandergefaltet – mir fehlte nur ein Rosenkranz zwischen den Fingern. Nun, ich bin ein schlechter Gesell bei Begräbnissen, und so weinte ich denn sowohl in der Mühle wie auch auf dem Friedhof, als wenn ich geprügelt würde – aber das taten wir übrigens alle. Während ich heimritt, dachte ich daran, wie wunderbar es doch oft in der Welt zugeht. Wäre Inger eine echte Spanierin und in Spanien beheimatet gewesen, so wäre sie in ein Kloster gegangen, davon bin ich überzeugt, nun legte sie sich ruhig in ihrer jütischen Mühle zum Sterben hin. Und die spanischen Schlösser und die ganze Herrlichkeit da unten, die hatten sie nicht locken können, aber ein Regiment mit voller Musik, die Uniform, und ein gezückter Degen, der ihr zu Ehren gesenkt wurde, dem konnte das spanische Blut nicht widerstehen. – Und dann natürlich der Duft des blühenden Hollunders zur Abendzeit, nicht zu vergessen. Ja, die Tante hatte doch Recht gehabt: der Duft ist zu stark. – Ich glaube, er kann ebenso berauschend sein wie der der roten Räucherkerzchen! Der Hauptmann zündete wieder seine Pfeife an, die während seiner Erzählung ausgegangen war; bald darauf brachen wir auf, und eigentlich ohne weiter zu sprechen, fuhren wir in der hellen Sommernacht nach dem Waldhäuschen. Ehe wir uns aber zur Ruhe begaben, sagte der Hauptmann: »Erinnern Sie sich nun des Verses? El amor del soldado No dura una hora; En tocando la caja: Adiós Señora! Ja, das war Landsknechtsmoral, wie Don Diego sagte; zuletzt aber hatte Inger darunter leiden müssen – die arme, kleine Inger! Zu Weihnachten schrieb mir der Hauptmann, ich müsse zu ihm hinüberkommen, er sei nicht wohl – übrigens auch nicht krank – aber wenn ich ihn noch einmal sehen wolle, so hielte er es doch für das Beste, wenn ich nicht zu lange mit meinem Besuch wartete. Ich antwortete natürlich, daß ich kommen würde, sobald es mir möglich sei, und zwischen Weihnachten und Neujahr reiste ich dann. Wir hatten in dem Jahr längere Zeit scharfen Frost gehabt, auch eine Menge Schnee war gefallen, und da an dem Morgen, als ich von Kopenhagen abreiste, ein Schneegestöber einsetzte, mußte ich ja darauf vorbereitet sein, daß der Zug stecken bleiben würde. Es ging indessen besser, als man hätte glauben sollen; im Laufe des Vormittags legte sich der Wind, und gegen Abend erreichte ich zu planmäßiger Zeit meinen Bestimmungsort. Ich wurde vollkommen beruhigt in bezug auf das Befinden des Hauptmanns, als ich ihn selbst mit dem Schlitten vor dem Bahnhofsgebäude halten sah, und obwohl ich ja freilich, als ich ihn mir näher ansah, entdeckte, daß das Unwohlsein ihn etwas mitgenommen hatte, so war er doch ebenso lebhaft wie sonst und sprach während der Heimfahrt kein Wort von Krankheit oder Schwäche. Im Waldhäuschen bekamen wir kalte Weihnachtsgerichte – Preßkopf und Gänsebraten – und nach dem Abendbrot setzten wir uns ohne Lampe in der kleinen Wohnstube vor die offene Ofentür. »Ja, Kohlen zu brennen habe ich mich doch nie entschließen können,« sagte der Hauptmann, »nein, Buchenholz, das knistert, und feurige Glut, die in die Stube hineinleuchtet, das ist etwas ganz anderes, nicht wahr! – Sehen Sie! Jetzt reicht der Schein bis hinauf zu dem Rahmen von Schleppegrells Bild! Nichts in der Welt hat doch einen so warmen Ton wie ein alter vergoldeter Rahmen, der den Schein des Feuers auffängt, und dann eine rote Schloßmauer, die die Sonne an einem Sommerabend streift, nicht wahr? – Und gibt es wohl einen vergnüglicheren Duft als den von Bratäpfeln – hören Sie nur, wie sie drinnen in der Ofenröhre prasseln und zischen, wie eine fauchende Katze! Nun wollen wir ihnen auch noch etwas Geschmack beigeben und Nüsse mit Salz dazu essen – wir haben ein ungewöhnlich gutes Nußjahr gehabt! Und wir aßen Äpfel, und wir aßen Nüsse, und wir tranken warmen Weihnachtspunsch dazu – es war so recht gemütlich!« Am nächsten Vormittag, nicht übertrieben früh, machte mir der Hauptmann den Vorschlag, in dem guten Winterwetter einen kleinen Spaziergang zu machen, und zu meiner großen Freude nahm er seine Flinte mit und forderte mich auf, das Gleiche zu tun – dann konnte ihm doch nichts Ernstliches fehlen, meinte ich. Wir gingen die Landstraße entlang, die hartgefrorene Landstraße, wo der Schnee vom vorhergehenden Tage für den, der lesen wollte und lesen konnte , wie ein offenes Buch war; Wagen und Schlitten, Holzschuhe und Stiefel, alles hatte seine deutlichen Schriftzüge hinterlassen, da war denn viel für den Hauptmann zu buchstudieren und zusammenzulegen. Hier war der Postbote Niels nach dem Ausmärkerhof gegangen und war noch nicht wieder zurückgekommen, dort war ein Pferd ausgeglitten, und vor dem Haus des Rademachers hatte offenbar jemand gelegen und herumgewühlt – das war wohl der Rademacher Peter selbst, der im Krug gewesen und betrunken nach Hause gekommen war. Einigen Schlitten begegneten wir auch – der Dampf stand wie eine blaue Wolke über den Pferden – und ein paar verfrorene Kinder mit Fausthandschuhen und warmen Tüchern um den Hals sahen ihnen sehnsüchtig nach – nein, die Schlitten fuhren viel zu schnell, um sich daran festzuhängen! Wir kommen an den Fluß hinab und gehen ein Stück über das Eis hin; der Frost hat eine sichere Brücke geschlagen, und der Sturm hat große Flächen vom Schnee freigefegt. An einzelnen Stellen in den Biegungen am Ufer sieht das Eis aus wie farbenwechselnder Opal, aber draußen in der Mitte ist es blank und durchsichtig wie Glas, und die Wasserpflanzen dort unten, die von dem Strom auseinandergebreitet werden, gleichen einem fremdartigen Märchenwald. Unter einer Erlenwurzel findet der Hauptmann einen Otterbau, und bei dem Anblick wird er ganz wehmütig – »Mein Gott, nun ist es schon eine ganze Reihe von Jahren her, seit ich meinen letzten Otter geschossen habe,« sagt er, »und vermutlich habe ich meinen letzten Fuchs auch geschossen – das habe ich so im Gefühl!« und dann gehen wir weiter.– Drinnen im Hochwald ist genug zu sehen. Da sind Spuren von Rehen und Hasen, die sich kreuzen, eine Schar Dompfaffen sitzt in dem Haselbusch und brüstet sich mit ihrer roten Pracht, und zwischen den welken Adlerfarnen springt ein Eichhörnchen umher – im selben Augenblick ist es verschwunden, und in den Wipfel der großen Buche hinauf! Dort schreckt es einen Häher auf, der ängstlich schreiend über die Tannen dahinfliegt; wir sehen nur noch soeben einen Schimmer des hellblauen Flügelbandes – flieg in Frieden! Aus dem Wald hinaus, und an den See hinab. Ein paar Bauern in Holzschuhstiefeln und mit Pelzmützen zeichnen ihre dunklen Silhouetten von der weißen Fläche ab: das sind Aalfischer, die eine Wake in das Eis geschlagen haben, und jetzt geduldig mit der Aalgabel bis an den Boden des schwarzen Wassers herumstochern, »Läuft Ihnen das Wasser nicht im Munde zusammen?« fragt der Hauptmann. »Ja, freuen Sie sich: Sie bekommen Aalsuppe zu Mittag!« Und dann erreichen wir schließlich unser Ziel: das Schilfmoor, das große, braune Schilfmoor, wo sich in der Regel Füchse aufhalten. »Stellen Sie sich da auf,« sagt der Hauptmann, »da ist ein Wechsel – dann gehe ich einen Büchsenschuß weiter nordwärts!« Und Diana in das Schilf hinein, es kracht und es knackt – an den nickenden Büscheln kann man ihren Weg verfolgen, plötzlich schlägt sie an, mit einem bissigen, scharfen Gekläff – unten im Moor entsteht Unruhe, starke Bewegung, und als bräche sich eine Welle den Weg durch den Röhrichtwald, so kommt die Bewegung näher und näher auf mich zu – jetzt muß Reinecke da sein! Und er kommt – stürzt in einer Entfernung von zwanzig Schritt an mir vorbei. Schon habe ich die Flinte an die Wange gelegt, da erinnere ich mich aber der Worte des Hauptmanns von vorhin, daß er vermutlich seinen letzten Fuchs geschossen habe , und da schieße ich nicht. Ein paar Sekunden später gibt er Feuer, und Reinecke rollt, im Knall verendet – rollt, wie nur ein Fuchs rollen kann. »Aber warum in aller Welt haben Sie denn nicht geschossen?« ruft der Hauptmann – seine Stimme klingt vorwurfsvoll, aber ich kann doch deutlich hören, wie froh er in Wirklichkeit ist. »Ach, meine Flinte versagte,« erwiderte ich, und dann gehen wir an den Fuchs heran; seine Lippen sind in die Höhe gezogen, so daß die weißen Zähne grinsen, und als ich ihn aufnehme, schweißt er stark. »Blut ist doch nie so rot wie auf Schnee!« sage ich. »Nein,« erwidert der Hauptmann ernsthaft, »darin haben Sie recht! – Aber sehen wir jetzt, daß wir schnell nach Hause kommen, es zieht ein böses Wetter auf!« Es fing schon an, dunkel zu werden, und oben im Nordwesten ist der Himmel ganz blauschwarz. Der Wind nimmt zu, bald haben wir Sturm, und eine Viertelstunde später haben wir Schneetreiben. Die Krähen ziehen sich krächzend aus dem Feld zurück und suchen Nachtquartier in der alten Eiche am Waldesrand, weiße Wogen wälzen sich über die Acker hin wie auf dem Meer, und bald sind Himmel und Erde verschwommen – alles ist verändert, fremd und unkenntlich. »Ja, so ein Wetter hatten wir damals, als wir 64 von Dannewirke auszogen,« sagt der Hauptmann, und steht still, um Atem zu schöpfen. »Der Frost schlägt die tiefen Wasser in Bande, Heulend saust Wintersturm durch die Lande, wirbelt Schnee vor sich her in wildem Lauf, Häuft ihn zu mächtigen Schanzen auf. Hinter kahle Hecken schlüpfen die Schneeflocken geschwind, Lauern dort im Versteck auf den bösen Wind. und dasselbe taten wir damals. – So, jetzt kann ich wieder weiter gehen!« Wir kämpfen uns gegen das Wetter an, aber es währt eine gute Stunde, ehe wir das Waldhäuschen erreichen, wo die beiden Hauselstern sich längst in die Esche zur Ruhe gesetzt haben, und wo die Spatzen in dem dichten Epheu des Giebels piepsen. Wir stampfen den Schnee von den Stiefeln und hängen Mäntel und Mützen in dem kleinen Vorraum auf, der einem ganz warm vorkommt, dann gehen wir in die Stube, zünden Licht an, und sitzen nach einer Weile bei der Aalsuppe, die Holzwärters Marie nach dem Rezept des Hauptmanns bereitet hat. Nach dem Essen lassen wir uns vor dem Ofen nieder und »fressen Wärme«, wie der Hauptmann es nennt, lauschen dem Sturm und den Eulen, die draußen um die Wette heulen, und horchen auf, wenn ein Zweig geknickt wird und krachend zur Erde fällt. »Warum haben Sie eigentlich nie etwas aus dem Krieg 64 erzählt?« frage ich plötzlich den Hauptmann. »Warum? Weil ich nichts zu erzählen habe, was Sie nicht schon im voraus wissen! Ich habe keine Heldentaten verrichtet, mit denen ich prahlen könnte – nein, ich keine einzige! – und was andere getan haben, das können Sie ja viel besser lesen. – Ja, von einer Affäre, von der das Generalstabswerk nichts vermeldet, könnte ich Ihnen freilich erzählen,« fügt er mit einem Lächeln hinzu, »und doch war es ein regelrechter Überfall, bei dem ein Mann erschossen wurde.« »Ein Däne?« »So möchte ich ihn ungern nennen,« erwidert der Hauptmann, und dann hängt er seine Pfeife an die Stuhllehne und erzählt. »Sehen Sie, 64, das ist für mich, nach so vielen Richtungen hin, ein Abschluß gewesen. Nicht nur, weil ich kurz nach dem Krieg meinen Abschied bekam und mit dem Kommiß fertig war, sondern auch, weil ich während des Krieges gewissermaßen so viel von dem wiedererlebte, das mir früher passiert war – nur auf andere Weise – und jedenfalls den Schluß für eine Geschichte fand, die absolut einen Schluß haben mußte , wenn es überhaupt Gerechtigkeit in der Welt gibt, – von der will ich Ihnen jetzt erzählen! Anfang Dezember 63 bekamen wir Marschordre, und dann ging es gen Süden: durch Jütland hindurch, nach Schleswig hinein. Jeden Tag traf man alte Freunde, die man seit Jahren nicht gesehen hatte – einer war Major geworden, einer war Oberst geworden – und dann hieß es ununterbrochen: »Weißt du dies noch, und weißt du das noch?« – das war ja höchst vergnüglich. Und die Ortsnamen dort unten, die hatten allesamt einen eigenen, heimischen Klang aus dem vorigen Krieg, dort hatte man in Quartier gelegen, und da war man im Feuer gewesen – das war damals! Und auch neuere Erinnerungen frischte ich während des Marsches nach Süden auf. So kam eines Tages ein Dragonerleutnant auf dem Weg an mir vorübergetrabt, grüßt und sagt: »Kennen Sie mich wohl noch, Herr Hauptmann?« – Ob ich ihn kannte! Das war ja Bergen, der Schwiegersohn aus Svendsö, und ich erinnerte mich des Tanzes in dem Rittersaal, und der Tür, die aufsprang, und der Lichter, die erloschen – ja, Bergen konnte sich im Grunde bei der alten Mette Munk für seine Frau bedanken! – Wie es Agnes denn gehe? – Danke gut, sie sei daheim in Svendsö mit ihrem Jungen. –»Grüßen Sie, wenn Sie schreiben!« rief ich, und dann war der Leutnant fort. Ein andermal – es war ein wenig nördlich von Oversö in Jaruplund – da höre ich einen von meinen Leuten zu einem andern sagen: »Siehst du wohl den gabelförmigen Baum da – der sieht leibhaftig aus wie die alleinstehende Pappel, die daheim an der Priestermauer steht!« – Ich wende mich um, und wirklich: dort am westlichen Rande des Waldes ragt eine gabelförmige Eiche auf, zwischen deren Armen bequem Platz für einen Kirchturm gewesen wäre! – Die Priestermauer, und die alleinstehende Pappel! Und der alte Tonning, und Paul und Knarren, alles stand mir im selben Augenblick so deutlich und klar vor der Seele, als sähe ich es wirklich vor mir, und das tat ich auch: das heißt im Licht der Erinnerung. Nun, wir erreichten Dannewirke und kamen in unser Quartier – wechselnde Quartiere. Die Zeit vor dem Ausbruch des Krieges war gewissermaßen die schlimmste; Gerüchte schwirrten, jeder Tag brachte neue, und dunkle Wolken hingen über unseren Köpfen, ohne daß man wußte, wann das Gewitter ausbrechen würde. Mitten im Januar wurde mein Oberleutnant krank – er meldete sich krank für längere Zeit – und ich erhielt die Mitteilung, daß mir ein anderer Zugeteilt war, ein etwas älterer Leutnant Buur, den ich garnicht kannte, und der die Kompagnie nicht kannte – das war nicht angenehm. Nun, der neue Leutnant kam und meldete sich. Er gefiel mir ja gleich recht gut. Als er nachher in der Stube des Bauern mir gegenübersitzt, ist es mir ganz bestimmt, als müßte ich das Gesicht kennen, und ich sehe ihn forschend an. Das merkt er und sagt, mit einem halb dienstlichen Lächeln: »Ja, ich bin schon früher mit dem Herrn Hauptmann zusammen gewesen – einmal – und meine Frau, wie auch ich, sind dem Herrn Hauptmann für das Nachtlager herzlich dankbar, das Sie ihr damals überließen! es war im Ulkenborger Krug!« Im Ulkenborger Krug! Ja, natürlich; das war ja der Bräutigam! – Erinnern sie sich noch, ich erzählte Ihnen, ich hätte damals gleich gesehen, daß er etwas militärisches an sich gehabt habe? Darin irre ich nie, niemals! – Nun, ich fragte nicht – man ist ja diskret, bis zu einem gewissen Grad wenigstens – aber allmählich, als wir näher miteinander bekannt wurden, erzählte er mir doch seine Geschichte – nach und nach. Als ganz junger Mensch war er viel nach Schleswig gekommen, in die Gegend, wo damals die Sprachgrenze war, und da hatte er die Bekanntschaft seiner späteren Frau gemacht – sie war das einzige Kind eines Landmannes, der ein verhältnismäßig großes Gut besaß. Über die Vergangenheit des Gutsbesitzers wußte er nichts – nur, daß er als junger Mensch zur See gefahren war, aber man erzählte sich unheimliche Dinge von ihm, und unter den Nachbarn hatte er einen schlechten Namen, teils weil er in nationaler Beziehung den Mantel mindestens auf zwei Schultern trug, bald dänisch gesinnt, bald deutsch gesinnt, je nachdem er glaubte, daß er sich am besten dabei stand, teils auch weil seine Geschäfte einigermaßen lichtscheu waren, ebenso wie seine Neigungen. Man sagte, für Geld tue er alles; die Geldgier saß ihm im Blut, und er war so geizig, daß er der Tochter kaum die Kleider gönnte, die sie trug. Das einzige, was er an sie gewandt hatte, war eine gute Erziehung – sie war in einer Pension in Christianfeld gewesen – aber das, meinte der Leutnant, habe er nur in der Hoffnung getan, daß sie ihm einen reichen Schwiegersohn verschaffen würde, der seine Finanzen wieder in Ordnung bringen könnte; denn trotz all seiner Geldgier und seines Geizes war es damit nur schlecht bestellt: seine schmutzigen Geschäfte brachten ihm wohl mehr Verlust als Verdienst, und dazu kam noch, daß er Spieler war – und immer unglücklich spielte. Eines schönen Tages hatte sich Buur als Freier gemeldet, aber ein unbemittelter Schwiegersohn war nicht das, was der Gutsbesitzer wünschte, und er hatte ihm so ungefähr die Tür gewiesen. Das schreckte Buur indessen nicht ab, und da seine Herzliebste es bei dem Vater buchstäblich nicht aushalten konnte, blieb ihm ja nichts anderes übrig, als sie zu entführen. Das tat er denn auch, und das einzige, was sie ihm aus dem väterlichen Haus mitgebracht hatte, außer dem, worin sie ging und stand, das war die Korallennadel. Sie erinnern sich ihrer wohl noch. An dem Morgen, als sie von dem Krug ausfuhren, hatte Buur sie indessen gebeten, die Nadel wegzuwerfen, denn er glaubte, daß kein Glück an dem hafte, was der Schwiegervater besessen habe. Und dann hatten sie geheiratet, hatten zwei Kinder bekommen und waren sehr glücklich geworden; von dem Schwiegervater hatten sie Gottlob nichts mehr gesehen. Er hatte der Tochter und dem Schwiegersohn einen Brief voller Flüche und Rachedrohungen gesandt, aber von seinem späteren Leben wußte Buur nur, daß er das Gut in Schleswig hatte verlassen müssen, und daß niemand ahnte, wo er jetzt war. Sie können ja begreifen, daß die gemeinsamen Erinnerungen aus dem alten Krug Buur und mich gleichsam miteinander verknüpften, und er war auch auf alle Weise ein prächtiger Kerl: brav und zuverlässig, ein vorzüglicher Soldat im Felde, den die Leute liebten, als sie ihn erst kennen lernten. Die ersten Schüsse fielen: setzt wurde es Ernst. Bald auf Vorposten und bald in Alarmstellung auf Dannewirke, ein paar Stunden Rast in einer halbfertigen Baracke, und dann zum Aufeisen – der Frost war fast unser schlimmster Feind! In der Nacht zwischen dem 1sten und 2ten Februar bekam ich gegen Morgen einen kurzen Schlummer – in der vorhergehenden Nacht hatte ich kein Auge geschlossen – und da hatte ich einen wunderschönen Traum. Mir träumte, ich säße mit Karl Horten in der Prinzessinnenstraße in Frederica und er spielte mir seinen Schlachtgesang vor und sang dazu – sang ihn von Anfang bis zu Ende – und ohne daß er ein Wort sagte, verstand ich ganz deutlich, daß das Sieg bedeuten mußte. In den ersten Augenblicken, nachdem ich erwachte, klang mir noch die ganze Melodie in den Ohren – ich glaube, ich hätte sie singen können – nach und nach aber verschwand sie wieder – verschwand für immer. »Wenn uns der Feind heute angreift, wird er zurückgeschlagen!« sagte ich zu meinem Oberst. Und der Oberst sah mich mit einem zweifelnden Lächeln an. Im Laufe des Tages aber hörten wir Kanonendonner von dem linken Flügel her, und am Abend wußten alle, daß Hertel und seine tapferen Kameraden mit Bravour den Angriff auf Missunde zurückgeschlagen hatten – es war das erste und letzte Mal während des Krieges, daß ich Karl Hortens Lied hörte. Am nächsten Tag, am 3ten, hatten wir Nebel und Regen vor Tagesgrauen, aber als der Morgen anbrach, sah man ganz Dannewirke in Schlachtenstellung. Die Gewehre standen in Pyramiden oben auf dem Grenzwall, und da die Kanonen über die ganze Linie abgefeuert wurden, und überall gleichsam ein Echo erweckten, indem andere Kanonen in weiter Ferne allmählich mitredeten, so erhielt man dadurch einen Eindruck von der ausgedehnten Größe der Stellung, und davon, daß man überall ebenso kampfbereit war, wie an der Stelle, wo man selbst stand – das war ein Anblick, der das Herz eines Soldaten erfreuen mußte. Man erwartete einen Hauptangriff, und alles war an dem Tage Zuversicht und Vertrauen, aber der Hauptangriff blieb aus, und es entwickelten sich nur zerstreute Gefechte um Kongshöj, bei Bustrup und bei Over-Selk, die uns freilich Ehre, aber keinen Sieg einbrachten. Am 4ten – es war kühles Frostwetter – war ich auf Vorposten, aber ich erlebte nichts weiter, als daß ein paar von meinen Leuten mit einem vermeintlichen Spion angeschleppt kamen, der sich auf verdächtige Weise zwischen den Vorposten hatte einschleichen wollen, pfui, Kuckuck, wie niederträchtig er doch aussah – am meisten Ähnlichkeit hatte er wohl mit einem Zwischending von einem Laienprediger und einem Sittenverbrecher – und man hätte ihn eigentlich allein auf die Physiognomie hin aufknüpfen können, fand ich! Dann kam aber ein Stabsoffizier hinzu, der kannte ihn und erzählte mir, es sei einer von unseren eigenen Spionen; er sei hier in der Gegend geboren, kenne jeden Graben und jede Hecke, und habe uns schon ein paarmal wertvolle Nachrichten gebracht. Nun, dann mußten wir ihn ja laufen lassen, und er machte sich schleunigst aus dem Staube. Dann kam der 5te, der Tag, den man nie im Leben vergißt. Gegen Abend ließ mich der Oberst rufen und vertraute mir an, daß die Dannewirkestellung aufgegeben werden müsse; er hatte Tränen in den Augen, als er das sagte. Und dann begann der Rückzug, wie ein nächtlicher Leichenzug, lautlos, keine Musik, kein Gesang, es war Glatteis, und die Chaussee war blank wie ein Spiegel. Ein Aufenthalt nach dem anderen; bald stürzt ein schlecht beschlagenes Dragonerpferd, bald sperrt der Train mit schlafenden Kutschern die Passage. Eine Viertelstunde Schneckenmarsch, dann stockt wieder alles – eine Wagendeichsel ist gebrochen. Und der Frost beißt, und der Hunger nagt, und doch wollen die Leute eine Kanone, die keinen Vorspann mehr hatte, nicht zurücklassen: getreulich ziehen sie in Nacht und Nebel gen Norden, einen zerwühlten Kolonnenweg entlang. Am nächsten Vormittag bekam der Feind Fühlung mit uns. Zuerst die Lichtensteiner Husaren; weiße, wehende Mäntel und blitzende Klingen sahen wir – wie ein Sturmwind waren sie über uns. Bald in Schwarmattacke, bald in geschlossenem Trupp, von rechts und von links kamen sie – prächtige Leute und schöne Pferde! Dann erreichten wir Sankelmark. Ich entsinne mich noch deutlich des stolzen Anblicks, den Max Müller gewährte, wie er auf dem großen Hügel östlich von der Chaussee hielt, ruhig und überlegen wie während einer Parade, und die Österreicher kamen, und wir hielten Stand, es war ein Kampf mit blanken Waffen – Wie der Schnitter das Korn, Mäht die Helden der Tod, Rotes Blut im Schnee Ist das roteste Rot. das sollte auch ich an diesem Tage erfahren! Gegen Abend erstarrte der Streit, die Dämmerung brach früh herein. Buur war mit der Hälfte der Kompagnie östlich um den See gegangen, und marschierte nordwärts auf der Chaussee entlang nach Flensburg, ich aber war mit den übrigen Leuten in den Wald nach Westen zu bei Jaruplund, in den dunklen, dunklen Wald geraten, wo weder Weg noch Steg war. Überanstrengt wie ich war infolge von Mangel an Schlaf, von Hunger und Spannung, konnte ich mich plötzlich nicht orientieren – wo war die Chaussee, wo war Norden, und wo war die andere Abteilung der Brigade! Wie ich einen Augenblick so dastand, und weder aus noch ein wußte, tauchte hinter einem Baumstamm ein Mann in Zivil auf, den ich erkenne – er war der Spion von Dannewirke. Ich hatte ein bestimmtes Gefühl, daß er am liebsten nicht gesehen werden wollte, aber als ich ihn anrief und fragte, in welcher Richtung die Flensburger Chaussee liege, kam er doch gleich zu mir hin und gab nur eine deutliche Erklärung: dort hinter dem mit Gestrüpp bewachsenen Hügel lag die Chaussee. Ich wollte genaueren Bescheid haben, aber im selben Augenblick war er wie von der Erde verschlungen, im Dunklen verschwunden. Persönlich hatte ich nicht das geringste Zutrauen zu dem Burschen, namentlich nicht, nachdem er sich auf so verdächtige Weise unsichtbar gemacht hatte – aber der Stabsoffizier hatte ja für ihn gut gesagt, und deswegen kommandierte ich denn Marsch und hatte mich schon in der angegebenen Richtung in Bewegung gesetzt, als plötzlich am Rande des Waldes mein Blick auf die gabelförmige Eiche fällt, von der einer der Leute beim Ausmarschieren gesagt hatte, daß sie der Pappel an der Priestermauer gleiche. Und nun wußte ich, wo ich war: die Eiche stand ja am westlichen Rand des Waldes, und die Chaussee lag folglich in der entgegengesetzten Richtung von der, die uns unser Vertrauensmann angegeben hatte! Zehn Minuten später befand ich mich auf dem rechten Wege und erreichte früh in der Nacht Flensburg, wo Buur mit der anderen Hälfte der Kompagnie zu uns stieß. Aber wenn die Worte »Priestermauer« und »alleinstehende Pappel« nicht eine alte bekannte Melodie in meinen Ohren gewesen wären, hätte ich damals die Eiche wohl kaum beachtet, und wenn ich das nicht getan hätte, so wäre ich an jenem Abend südwärts, statt nach Norden gegangen, und wäre möglicherweise abgeschnitten worden. – So sonderbar kann es in dieser Welt zugehen! Nun, der Krieg ging seinen Gang, aber ich kam nicht nach Düppel; ich gehörte zu General Hegermanns Korps und ich blieb vorläufig in Jütland, war mit bei Veile, hatte hier und da ein Patrouillengefecht, und lag an den verschiedensten Stellen, an bekannten und unbekannten Stellen, in Quartier. Eines Tages – es war in der letzten Hälfte des April – erhielt ich Befehl, mich mit meiner Kompagnie in Svendsö einzuquartieren – auf Kammerherrn Hjelmsteds Gut, wissen Sie ja – um am nächsten Morgen gen Norden weiterzuziehen; der Feind stand, nach den Nachrichten, die wir erhalten hatten, mindestens eine Meile südlicher. Es war ein langer Marsch dahin; wir erreichten Svendsö erst am Abend, und die Leute waren bis zum Tode erschöpft. Aber mein alter Freund, der Kammerherr, tat alles für sie: sie bekamen warmes Essen und warmes Bier, die Hälfte wurde in Ställen und Scheunen untergebracht, und die Hälfte oben im »alten Schloß« im Rittersaal, wo eine dicke Schicht Stroh über den Fußboden ausgebreitet wurde – ein so gutes Quartier hatte sie lange nicht gehabt. Ich ließ Buur Doppelposten auf dem Weg östlich und westlich von dem Schloß aufstellen – nach Süden zu lag ja der See, wie Sie wissen – und gab Befehl, sie um ein Uhr abends ablösen zu lassen; dann ließ ich auch meine Offiziere sich zur Ruhe begeben, ich selbst blieb auf und plauderte mit dem Kammerherrn und seiner Tochter, der ich ja einen verhältnismäßig frischen Gruß von dem Gatten bringen konnte – Sie erinnern sich wohl, daß ich ihm auf dem Marsch hinunter begegnet war. Nun, die kleine Frau Agnes begab sich schließlich auch zur Ruhe, und der Kammerherr und ich blieben allein. Wir sprachen von dem ersten Krieg, und wir sprachen von dem jetzigen Krieg, und schließlich fragte ich nach der Entenjagd auf dem See – mein Gott, man kann ja auch nicht ewig vom Krieg reden – Ja, die Entenjagd, die sei so ungefähr ganz ruiniert, antwortete der Kammerherr, – Wieso? fragte ich. – Vor ein paar Jahren habe ein Schleswiger, der sein Gut da unten wohl nicht mehr habe halten können, den kleinen Hof gekauft, dessen Äcker mit der Südseite an den See stießen, und obwohl es eigentlich mehr als zweifelhaft sei, ob er überhaupt Jagdrecht habe, so jagte er doch wie ein richtiger Raubjäger, früh und spät da draußen, schoß die jungem Enten, während sie noch nicht flügge waren, nur um zu morden, und hatte obendrein die Frechheit, oft ganz bis an das Svendsöer Ufer zu waten, über den alten, überschwemmten Ziegeleiweg, der, wie ich mich dessen wohl erinnere, die Insel mit dem Land verband. »Wie hieß der Kerl?« fragte ich – und dann nannte der Kammerherr den Namen von Buurs Schwiegervater. »Und wo ist er jetzt?« fragte ich weiter, mir wurde ganz unheimlich zu Mute. »Ja, das mögen die Götter wissen,« lautete die Antwort; »vor einem Jahre mußte er auch hier von seinem Gute fort; und seitdem hat niemand etwas von ihm gehört.« Ich wurde plötzlich unruhig. Eine Angst, die ich nicht bezwingen konnte, war über mich gekommen, als der Kammerherr vorhin den alten Ziegeleiweg erwähnt hatte. Ich hatte ja südlich vom See keinen Posten aufgestellt, den Fall gesetzt, daß der Feind den Weg durch das Röhricht fand, und dann auf einmal – Ach, Unsinn! Der Feind war ja einen Tagemarsch weit entfernt, und wie sollte außerdem – im selben Augenblick schlug die Turmuhr Zwölf. Als der letzte Schlag ertönt war, hörte ich oben von dem alten Schloß her einen polternden Lärm von schweren Tritten, ein Laufen auf dem Steinpflaster, ein Klirren von Waffen und den Ruf: »An die Gewehre!« Ich auf den Hof hinaus – da stand die Kompagnie feldmäßig aufmarschiert mit Bepackung und dem Ganzen. »Was ist hier los? Wer bat euch geweckt?« fragte ich, ehe ich aber noch Antwort erhielt, sah ich im Mondlicht etwas draußen im See blitzen, drüben auf der Insel, und ich hörte deutlich, wie das Röhricht knackte. Den Krimstecher vor die Augen – es waren Pickelhauben! »Schießt, Leute, schießt, zum Teufel auch!« rief ich, und obwohl die Entfernung an und für sich für unsere armen Vorladegewehre zu groß war, hörte ich deutlich einen Schrei da unten – die Pickelhauben verschwanden, und alles wurde still. Am nächsten Morgen, sowie es hell wurde, ruderten Buur und ich mit ein paar Mann nach der Insel hinüber, und dort am Ufer, halb im Wasser, fanden wir einen Kerl in Zivil tot daliegen, das Gesicht nach unten. Ich hob ihn, auf – er war durch den Kopf geschossen – und ich erkannte ihn sofort: es war der Spion von Dannewirke und Jaruplund. Buur aber packte mich beim Arm und flüsterte mit bebender Stimme: »Herr Hauptmann! das war mein Schwiegervater!« Da ließ ich die Leute das Aas in den Sumpf hineinwerfen, wo das Röhricht am dicksten stand – ich kann noch den Plumps hören, den es gab! – und dann ruderten wir zurück. So war denn auch der letzte von denen, die in dem alten Ring über den Spitzenhändler hergefallen waren, weg – ihm wurde der Garaus durch »Blei« gemacht, der Kapitän in Kjärvig ist durch »Stahl« gestorben! Wie viel ich auch fragte, und wie gern die Leute mir auch antworten wollten, nie bin ich mir doch darüber klar geworden, was diese nächtliche Alarmierung veranlaßt hatte. Einer behauptete, Korporal Hansen habe zuerst »An die Gewehre!« gerufen, ein anderer, der Kompagniefeldwebel selbst sei es gewesen, und einer wollte sogar gehört haben, wie der Hornbläser zum schleunigen Ausrücken geblasen habe, über eines waren sie sich aber alle einig, es sei plötzlich gewesen, als wenn alle Fenster und Türen von selbst aufgesprungen wären, und sie hätten alle ein Gefühl gehabt, daß sie hinaus müßten, hinaus ins Freie. Und wissen Sie, was ich deswegen glaube? Es ist ja möglich , daß Mette Munk ihren Mann getötet hat – das haben ja noch mehr als sie getan, aber dänisch gesinnt war sie, und darum hat sie die Kompagnie rechtzeitig alarmiert – Sie können nun glauben, was Sie wollen! Aber seit dem Tage habe ich die alte Mette Munk gern gehabt, und als ich das letztemal in Svendsö war – jetzt komme ich nie wieder dahin! – da habe ich auch Honneur vor dem Bilde gemacht – ich hatte ein Gefühl, als wäre ich ihr das schuldig! Ja, über die Affäre steht nichts in dem Generalstabswerk; das können Sie nicht lesen, so haben Sie denn doch etwas Ausbeute von der Erzählung des alten Hauptmannes heute abend gehabt, nicht wahr? Wie es mir dann weiter 64 erging? – Ich habe nichts mehr zu erzählen. Ich weiß nur, daß ich mein Land nie heißer geliebt habe, als nach der Niederlage und dem Unglück, und als der Krieg beendet war und der Friede kam, da glaubte ich, daß ich nie wieder eine frohe Stunde haben könne. Aber – was soll man dazu sagen? – Sie wissen ja: Und ist der Winter auch hart und lang, Einst kommt doch der Lenz mit Lerchengesang, Mit knospenden Bäumen und Blütenpracht, Und eh man es denkt, in der Sommernacht, Schlägt im Garten die Nachtigall süß und bang – und dann – ja, wer kann dem Sonnenschein widerstehen! Man bekommt wieder Mut zum Leben, und man kann die Augen der Tatsache nicht verschließen, daß der Wald trotz allem grün ist wie vorher, und daß man doch immer des lieben Gottes blauen Himmel über sich hat, nicht wahr? Ist das ein Mangel an tieferem Verständnis? Ist es vielleicht auch Leichtsinn, wenn das Bataillon nach einem militärischen Begräbnis mit klingendem Spiel zur Kaserne zurückmarschiert! – Ich glaube nein! Das Leben fordert sein Recht. Aber in den ersten Jahren nach dem Kriege – und auch oft später – bin ich freilich hin und wieder geradezu entsetzt und empört gewesen, wenn ich diesen oder jenen die Vaterlandsliebe verhöhnen und geradezu verspotten hörte. Und dann habe ich es nicht lassen können, an die braven Lichtensteiner bei Helligbäck zu denken. Die kämpften für eine Sache, an die sie glaubten, und sie kämpften mit blanken Waffen; mit wem bin ich nun geistig näher verwandt, mit einem ehrlichen Feind oder mit einem verächtlichen Landsmann? – Ist er überhaupt mein Landsmann, nur weil er das, was mir heilig ist, auf dänisch verhöhnt? Sagen Sie mir das, wenn Sie es können! Aber wenn der Mißmut mich so hin und wieder hat befallen wollen, da denke ich an einen Sommerabend bei Fredensborg, einige Jahre nach dem Kriege – und das hilft immer gleich. Ich war nach wiederholter freundlicher Einladung hinübergefahren, um meinen lieben Freund Buur zu besuchen, der mit Frau und Kindern da draußen in der Sommerfrische wohnte, und es war wunderschön bei ihnen – Fredensborg ist doch der herrlichste Fleck von Seeland! Jütland für täglich und Seeland zu Festzeiten – in Fredensborg, finde ich, ist immer Sonntag! An einem schönen Augusttag war ich um Sonnenuntergang allein durch den Park gegangen und saß auf der Königsbrücke am Esrom-See. Die Residenz war nach Fredensborg verlegt, deswegen wehten zwei mächtige Splittflaggen von den Stangen am äußersten Rande der Brücke, und auf der Bank mir gegenüber saß ein junger, hübscher Marinematrose – wir beide ganz allein. Ich ließ mich in eine Unterhaltung mit ihm ein. Er erzählte, er sei aus Skagen – sei Fischer – der seine Militärzeit in der Marine abdiene, und zur Zeit das bequeme – und angenehme – Kommando habe, immer zur Verfügung zu sein, wenn jemand von den königlichen Herrschaften eine Fahrt auf dem See zu machen wünsche. Noch ein dritter kam hinzu, ein Gardist von der Wachmannschaft oben auf dem Schloß; er und der Seemann wollten, so weit ich verstand, späterhin am Abend zum Tanz nach Asminderöd. Die Sonne war dem Untergang nahe; der Seemann sah häufig nach der Uhr, plötzlich stand er auf. Dann trat er ruhig vor die rechts stehende Flaggenstände, entblößte den Kopf, nahm die Mütze unter den Arm und zog langsam die Flagge herunter, während der Gardist sekundierend Honneur machte. In der ganzen Art und Weise, wie der junge Seemann seine Pflicht tat, lag etwas, das ich nicht besser zu bezeichnen vermag als mit dem Worte Andacht . Wer auf einem Kriegsschiff die Flagge am Abend hat niederholen sehen, vergißt nie wieder die Stimmung, die über, der Szene liegt, nie bin ich aber doch von dem eigentümlichen Moment so ergriffen worden, wie an jenem Sommerabend draußen auf der Königsbrücke. Ich fühlte unwillkürlich, daß der blonde Skagener den Kopf vor etwas entblößte, das ihm selbst heilig war, und daß er vorsichtig, ehrerbietig das Tuch anfaßte, das er herunterzog; es war die Flagge seines Landes, die in diesem Augenblick seiner Obhut, seiner Fürsorge anvertraut war, und der Landsoldat machte zusammen mit ihm Honneur – Honneur vor der Flagge! Ja, Honneur vor der Flagge! Haben wir nicht alle – ohne Angst, einem mitleidigen Lächeln zu begegnen – hin und wieder das Bedürfnis, den Kopf vor einem Sammelzeichen zu entblößen, das uns heilig ist? Haben wir nicht alle das Bedürfnis nach einer solchen stillen Andacht, nach dem, was die alten Römer, wie ich glaube, Pietas nannten? Und wenn mich zuweilen die Furcht überkommt, daß dies Bedürfnis in unserm Volk aussterben könne, so denke ich an meine Sommererinnerung von der Königsbrücke in Fredensborg: der Seemann, der mit der Mütze unter dem Arm dastand, und der Gardist, der Honneur machte. Und dann sage ich zu mir selber; so lange wir nur eine Flagge haben , so lange sind auch Männer da, um zu schützen! Der Hauptmann war während des Schlusses seiner Erzählung sichtbar bewegt geworden, obwohl er sich nach besten Kräften bemühte, sein Gefühl zu bekämpfen. Jetzt erhob er sich, griff sich aber im selben Augenblick mit der Hand nach der Seite und stöhnte unwillkürlich, als empfinde er einen plötzlichen Schmerz. »Was haben sie nur, Hauptmann?« fragte ich. »Ach nichts,« erwiderte er, »es ist nur ein Stich – morgen ist es wieder vorüber!« Und bald darauf begaben wir uns zur Ruhe. Aber der Stich ging nicht vorüber. Am nächsten Morgen versuchte der Hauptmann freilich aufzustehen, mußte aber wieder zu Bett, er hatte heftige Schmerzen in der Seite und im Rücken, gegen Abend trat Fieber ein, ziemlich hohes Fieber – ich machte den Vorschlag, einen Arzt zu holen. Aber davon wollte der Hauptmann nichts hören. »Was soll Doktor Bigum hier!« sagte, er, »entweder erhole ich mich, oder ich sterbe, und beides kann ich ohne ihn. – Ich glaube nun übrigens nicht, daß ich es überstehe – und das glauben Sie auch nicht, – nein, das glauben Sie nicht, das kann ich Ihnen ansehen! Wenn einem, wie mir, nie etwas gefehlt hat, und wenn man dann plötzlich nicht mehr auf den Beinen stehen kann, so ist es aus mit einem. Und das ist auch am besten so. – Stellen Sie sich vor, wenn ich nun in Zukunft gebrechlich würde und mich in acht nehmen müßte: Acht geben sollte, daß ich keine nassen Füße bekäme, und nicht im Zug säße – das könnte ich nicht aushalten! Und wenn es erst so weit ist, so gibt uns wohl der liebe Gott die Kourage, die dazu gehört, um zu sterben, – Meinen Sie nicht auch? Natürlich tut er das! Von Reinecke kann man übrigens lernen, wie man sterben muß – der stirbt wie ein Mann: ohne zu jammern und ohne Aufhebens davon zu machen, rollt er sich rund zusammen und legt sich zur Ruhe – so soll es sein! Und nun will ich doch versuchen, ein wenig zu schlafen – Gute Nacht!« Aus dem Schlaf wurde übrigens nicht viel; das Fieber nahm zu, die Schmerzen auch, und im Laufe der Nacht lag der Hauptmann hin und wieder da und phantasierte. Am Morgen war er wieder klar, aber matt und heiß, und nun ließ ich auf eigene Hand Doktor Bigum holen. Er konstatierte, wie ich schon befürchtet hatte, eine heftige Lungenentzündung und machte nicht viel Hoffnung. Der Hauptmann habe freilich eine ungewöhnlich kräftige Konstitution, sagte er, aber auf der anderen Seite sei er ja schon recht bejahrt, und beide Lungen seien angegriffen, da müsse man auf alles vorbereitet sein. Mit dem Bescheid fuhr dann der Doktor. Ich saß dann den ganzen Tag da drinnen in der dunklen Schlafkammer mit den halb zugeschneiten Fensterscheiben, sah meinen alten Freund an, der so still dalag, und hörte, wie seine Brust keuchte. Diana lag vor dem Bett, stand aber von Zeit zu Zeit auf und legte den Kopf auf den Rand des Bettes, dann streichelte ihr Herr sie ein paarmal leise, sie wedelte zum Dank und legte sich betrübt wieder hin. Im Laufe des Nachmittags schien es indessen, als ob die Lebenskräfte in dem Hauptmann von neuem wieder aufflackerten, er ward beredt – lebhaft und sprach ununterbrochen. »Sie sollen Diana vor dem Begräbnis erschießen,« sagte er. – »Das können Sie nicht? Ach! Nein, das kann ich verstehen; aber sorgen Sie dann dafür, daß der Jäger in Skovsgaard es tut – sie ist zu alt, um einen neuen Herrn zu bekommen, und sie hat mir treu gedient. Meinen Säbel soll Buurs Sohn haben – er ist ja Leutnant – aber vorher soll er natürlich auf dem Sarg liegen – Klinge und Scheide gekreuzt, wissen Sie. – Mein Gott, wie lange ist es schon her, seit Buur und ich uns zum erstenmal im Ulkenborger Krug begegneten! Und der Krug existiert jetzt auch nicht mehr – ja so geht es! Das Ritterkreuz und das silberne Kreuz sollen Sie an das Ordenskapitel schicken, aber die Kriegsmedaille soll nicht zurückgegeben werden – die sollen Sie erben. Und dann meine Geschichten, natürlich. Aber wenn Sie mich drucken lassen, was Sie ja wohl tun werden, dann dürfen Sie den Namen von Buurs Schwiegervater nicht nennen, hören Sie, denn da im Süden gibt es redliche Leute, die den Namen des Schlingels tragen. Und Estrids Nachnamen dürfen Sie auch nicht nennen! – Ach, das ist ja wahr, Sie wissen ja garnicht, wie irgend einer von denen heißt! Ja, Estrid, die war doch die Rechte – wenn jemand überhaupt die Rechte gewesen ist – aber ich sollte nun keine »Rechte« haben – dazu bin ich immer ein zu loser Vogel gewesen! Und es ist auch viel leichter, von dannen zu gehen, wenn da niemand ist, den man dadurch wirklich betrübt. – Ja, ich weiß wohl, daß Sie und ein Dutzend andere vielleicht hin und wieder den alten Hauptmann vermissen werden – aber das ist ja nicht auf die Weise. – Nein, es ist am besten so, wie es ist. Und es ist doch gut, daß niemand außer Ihnen jetzt hier im Waldhäuschen ist – ich weiß wohl, ich habe früher gesagt, ich wollte wünschen, daß eine von den guten Frauen, die ich gekannt habe, in der letzten Stunde mir die Hand halten möchte, aber ich freue mich doch, daß keine da ist – ich könnte es nicht leiden, daß mich jemand hier so als Jammergestalt liegen sähe – eitel ist man ja doch bis zu allerletzt. Ich will auch nicht, daß eine Rede an meinem Sarg gehalten wird – über mich ist nichts zu sagen. Aber ein Dankgebet und eine Fürbitte, das möchte ich wohl, denn da ist viel Grund zu danken. Ich bin ja ein glücklicher Mann gewesen – ungewöhnlich glücklich. Ich habe es erreicht, Hauptmann Zu werden – zum Oberst hätte ich wohl nicht getaugt, nicht einmal zum Major – und mir ist das Glück vergönnt gewesen, an dem Kampf für mein Vaterland teilzunehmen – das sagt viel. Und viele gute Freunde habe ich gewonnen, junge und alte, und ich habe über halb Jütland jagen können, und ich habe viele herrliche Frauen auf meinem Wege getroffen – die Frauen sind viel, viel besser als wir Männer – ja, das sind sie. Und wissen Sie, was vielleicht mein allergrößtes Glück gewesen ist? Daß ich mich über Kleinigkeiten habe freuen können – über eine Blume, über ein Lächeln, über eine schöne Hand und über einen guten Schuß. Es ist ein großes Glück, sich über das Kleine im Leben freuen zu können, denn so wenige Menschen von uns begegnen ja dem Großen. Ja, der liebe Gott ist sehr gut gegen mich gewesen – glauben Sie nicht auch, daß er mir ein gnädiger Richter sein wird, jetzt wo ich zu der großen Armee gehe? Darum soll der Pfarrer bitten – ein Dankgebet und eine Fürbitte – nichts weiter! Aber dann soll das herrliche Lied »Es ist ein schönes Land« – gesungen werden – ach, ich meine natürlich »Schön ist die Erde« – aber ich glaube wirklich, Dänemark ist das Schönste auf der Welt, und daher kam es, daß ich – Sie verstehen mich wohl!« Der Hauptmann bekam einen starken Hustenanfall, der ihn sehr ermattete, und ich bat ihn deswegen, seine Stimme ein wenig zu schonen und bis morgen mit den, zu warten, was er sonst noch auf dem Herzen habe. »Morgen?« wiederholte er, »Nein, ein Morgen gibt es nicht mehr. Morgen müssen Sie die Sache in die Hand nehmen, denn dann kann ich nicht mehr. Ach, wie viele wird man doch da oben wiedertreffen! Und viel wird da zu fragen sein, und über so vieles wird man Aufklärung bekommen! – Gott mag wissen, ob das Malaienmädchen den Seeräuber wirklich getötet hat, und ob sie nach dem fremden Schiff hinausgelangt ist? Ich glaube nun doch, sie ist im Kjärviger Sand stecken geblieben! – Und was es wohl am Ende mit der kleinen Nadel auf sich hatte, die der alte Franz gleich wiedererkannte, und die nun schon so manches Jahr auf dem Grund des Holmeboer Sees gelegen hat – darüber habe ich oft nachgedacht! Glauben Sie, daß ich diesen Kerl, den Spion da oben treffen werde? – Nein, doch wohl nicht? – Aber die alten Kriegskameraden, das wird eine Freude werden! – Wissen Sie, was ich glaube? Ich glaube, ich schlage die Absätze zusammen und richte mich wie ein Rekrut, wenn ich Schleppegrell sehe – es war unglaublich, was man für einen Respekt vor dem Mann hatte! Vergessen Sie auch nicht an den Kammerherrn auf Svendsö zu schreiben, daß er nicht zur Beerdigung kommen soll – er kann die weite Reise im Winter nicht mehr vertragen! – Aber bitten Sie ihn von mir, einen Kranz um Mette Munks Bild oben im Rittersaal zu hängen, mit einer Danebrogschleife daran – hören Sie! Was ist denn das ? Das ist ja Musik! – was sagen Sie? Sie läuten die Sonne von der Seilstruper Kirche zur Rüste? – Mein Gott, ist es schon Abend! – Ich glaubte ganz bestimmt, daß Karl Hortens Lied gespielt würde – ja, nun höre ich es bald – denn jetzt geht die Sonne unter!« Der Hauptmann lag ganz still da mit geschlossenen Augen, ich konnte ihn nicht mehr atmen hören und glaubte schon, daß er tot sei. Aber plötzlich schlug er die Augen auf, richtete sich halb auf und rief mit kräftiger Stimme: »Hier!« »Was ist da, Hauptmann,« fragte ich. »Ach, nichts,« erwiderte er und fiel in die Kissen zurück. »Es war mir nur, als wenn mein Name zum Appell aufgerufen würde – von da oben her – und da antwortete ich – natürlich.« Einen Augenblick später seufzte der Hauptmann zum letztenmal tief auf. Sein rechter Arm fiel kraftlos über den Rand des Bettes, und Diana leckte seine Hand, bis sie merkte, daß sie ganz kalt war, dann ging sie in ihren Korb zurück und rollte sich resigniert zusammen. An einem schönen, stillen Wintertag, mit blauem Himmel und Sonnenschein wurde der Hauptmann beerdigt, und wenn man es früher nicht gewußt hätte, so würde man es jetzt gesehen haben, daß er in ganz Jütland ein bekannter Mann gewesen war, von weit her kamen Alt und Jung nach der Hjortholmer Kirche, und da waren hunderte von Kränzen. An einem Kranz aus lauter weißen Rosen hing eine Karte, auf der »Estrid« geschrieben stand – weder mehr noch weniger – und der Kranz wurde zu Häupten des Sarges gelegt. Der Pfarrer sprach ein Gebet, und unter den Tönen des alten Kreuzfahrer-Liedes trugen Veteranen den Sarg zu Grabe. Aber als ich zurückfuhr und die Glocken von allen den Schlitten ringsumher auf allen wegen einander so festlich und sein in der klaren Frostluft antworteten, da mußte ich an die Worte des Hauptmanns von dem Bataillon denken, das von einem militärischen Begräbnis immer mit klingendem Spiel nach Hause zieht, und als wir an dem Wier-Hügel vorüberkamen, fiel mir der Adjutant ein, hinter dem sich der Wald geschlossen hatte – jetzt befand sich der Hauptmann ja selbst »jenseits des Dickichts«.