Hermine Villinger Die Rebächle I »Großmama kommt!« Große Aufregung im Kinderzimmer des Herrenhauses. Die Aelteste kam mit der Bürste, denn sie hatten alle viere lange, leuchtende tief über den Rücken fallende Mähnen, die ewig in Unordnung waren. Und wie ging diese Zehnjährige mit den Haaren ihrer Schwestern und ihrem eignen um! Aber trotzdem, trotz aller »Au's« und »Ach's!« immer wieder der laut hervorbrechende Freuderuf: »Großmama kommt!« Mademoiselle holte die schlichten weißen Sonntagskleidchen aus einem der beiden uralten Schränke im Hintergrund der Stube – wahre Kunstwerke an Gediegenheit und Schönheit. Der Raum selbst, ein Saal fast, hoch, luftig, gleich links vom Eingang des Herrenhauses gelegen, mit drei Fenstern nach seitwärts in den Garten und dreien nach vornen auf die staubige Landstraße, an der sich ein ödes, stilles, wie ausgestorben erscheinendes Dörflein hinzog. Um so lebendiger ging's im Herrenhause zu. Die Aelteste – Leithammel hatte sie Großmama getauft, und wenn Großmama taufte, das saß fest – Leithammel hatte ihre jüngeren Schwestern, die sich beim Anziehen nicht gehörig tummelten, geohrfeigt. Nun heulten die beiden, und Leithammel schrie sie im höchsten Grade empört an: »Ihr werdet doch nicht Großmama mit roten Augen empfangen wollen –,« tauchte ein Handtuch ins Wasser und wollte damit den Schwestern übers Gesicht fahren. Sie schrien und suchten sich zu retten, indem sie über Tische und Stühle sprangen, wobei die frischgebürsteten Haare von neuem in Unordnung gerieten. Sie waren aber lange nicht von derselben herrlichen Ueppigkeit wie Leithammels Löwenmähne. Auch von dem sprühenden Leben der älteren Schwester war an diesen beiden Mädchen, die acht und neun Jahre zählten, nichts wahrzunehmen. Die ältere hieß Georgine, und da sie immer zusammenhielten und sich wenig voneinander unterschieden, nannte sie Großmama die Georginen. Sie hatten sich hinter Mademoiselle geflüchtet, die eben die kleine Unnütz kämmte. Ein noch ganz kleines Geschöpfchen lag in der Wiege, friedlich schlummernd, trotz allen Lärmes. »Quel pays,« seufzte die Französin, als die Mädchen bei ihrer wilden Jagd sie fast umrissen. Aber sie mischte sich nicht in ihre Händel – dazu war ihre Stimme viel zu schwach, und dann – »Mademoiselle,« sagte die kleine Unnütz, indem sie der Erzieherin mit tiefen, aufmerksamen Augen in das verblühte Gesicht sah, »Sie haben immer ein rotes Bäckle, wenn Großmama kommt– warum denn nicht zwei?« Die Französin lächelte, indem sie mit sanfter Hand über des Kindes Wangen strich. Ueber ihrem mit Schulheften und Büchern beladenen Arbeitstisch hing ihr Jugendbildchen, eine kleine, noch in Paris aufgenommene Photographie, die trotz der Krinoline, welche die junge Französin trug, ihre feine, schlanke Gestalt in dem hellen Musselinkleidchen erkennen ließ. Eine kurze schwarze Seidenmantille fiel ihr von den Schultern, und aus dem weißen Kapottehut sah ein schmales, von schwarzen Haaren umrahmtes Gesichtchen, mit dunkeln, hilflosen Augen. Die behandschuhten Händchen mit weit ausgestrecktem kleinem Finger ruhten ergeben übereinander. Eine Waise, hatte sie ihr Leben von der frühesten Kindheit an in einem Kloster des Sacré-Coeur in Paris zugebracht, und es war ihres Herzens innigster Wunsch, sich für immer dem Dienste Gottes zu weihen. Niemand war da, der sich diesem Wunsche hätte widersetzen können, aber nun wollte es das Schicksal, daß gerade sie vom Kloster dazu bestimmt wurde, sich in der deutschen Sprache auszubilden. Eine Stelle in Deutschland wurde für sie ausgesucht, wo sie die Kinder im Französischen unterrichten und dafür von der ältesten Tochter im Hause deutschen Unterricht erhalten sollte. Allein die Lippen der armen Mademoiselle Cassal waren nicht für die deutschen Laute geeignet. Trotz aller Mühe – Mademoiselle machte keine Fortschritte. Sie selbst war eine ausgezeichnete Lehrerin; schon in kurzer Zeit hatten die ihr anvertrauten Zöglinge das schönste Französisch gelernt. Sie war darum der Meinung, es fehle ihr am richtigen Unterricht, und wechselte ihre Stelle. Sie wechselte fort und fort, indem sie immer wieder bei ihrem Kloster um Verlängerung ihres Aufenthaltes in Deutschland bat. So war sie eines Tages auf ihren Irrfahrten bei der Großmama ihrer jetzigen Zöglinge gelandet. Wie gütig, wie herzenswarm war ihr damals diese junge, strahlende, wunderschöne Frau entgegengekommen – ihr, der so schüchternen, sich überall fremd fühlenden und ewig nach ihrem Kloster sehnenden Französin! Frau Grossi sprach ein schauderhaftes, für die Ohren einer Französin geradezu unmögliches Französisch. Mademoiselle versuchte sich mit einigen deutschen Brocken verständlich zu machen, und das Ende vom Liede war, daß die beiden Frauen Tränen lachend voreinander saßen, sich immer wieder die Hände schüttelten und, ohne daß sie auch nur das geringste voneinander wußten, mit »oui, oui« und »ja, ja,« – ihre Zusammengehörigkeit bekräftigten. Nachträglich erfuhr dann Mademoiselle, daß sie bei einem Künstlerpaar Stellung genommen hatte. Aber sie hatte nicht den Mut, der schönen, ihr so sympathischen Frau das Wort zu brechen. Sie hatte auch nicht den Mut, ihrem Kloster gegenüber mit der Wahrheit herauszurücken. Sie berichtete nur, daß sie endlich auf dem rechten Wege sei. Ein kleines, sechsjähriges Mädchen war ihr anvertraut. Ein deutscher Lehrer kam täglich ins Haus, dessen Stunden Mademoiselle beiwohnte. Sie bemerkte, daß sie bisher niemals einen so gründlichen Unterricht genossen, und gab sich darum der Hoffnung hin, in kurzer Zeit ihr Ziel erreicht zu haben. Bald aber – schon nach wenigen Wochen – machte sie die Entdeckung, nicht den Stunden des deutschen Lehrers, sondern ganz allein dem Umgang mit Madame hatte sie ihr plötzliches Verstehen der deutschen Sprache zu verdanken. Wenn Frau Grossi mit den Worten bei ihr eintrat: »Gelt, Cassalele, du denksch nimmer an dein Kloster – du siehsch ja, wie notwendig du mei'm Alicele bisch –« Mademoiselle zog ihre Stirne ein wenig kraus und stammelte in Anbetracht des ihrer wartenden Berufes ein » Mon Dieu –«. Frau Grossi aber fuhr unbeirrt weiter: »Was soll denn aus dem arme Kind werde ohne dich – Künstler sollte keine Kinder habe – 's steht ewig Sturm im Kalender in einer Künstlereh – einmal bin ich wütig, einmal isch er wütig – immer umschüchtig, wer gerad eine große Roll hat – Guck, ich bet nit oft, aber ebe dank ich jeden Abend Gott, daß ich dich gefunde hab. Ich werd noch ganz fromm, Cassalele, wenn du bei uns bleibsch –« Die Wangen der Französin umzogen sich mit einer feinen Röte. »O Madame, wenn ich Ihre Seele Gott zuführen könnte!« »Bleib nur, dann wirsch sehe,« lachte die schöne Frau sie an. Und die Französin nahm sich vor: ein Jahr oder zwei, das bin ich einer solchen Seele schuldig – Und wiederum bat sie um Verlängerung ihrer Studienzeit. Ihren alten soliden Holzkoffer packte sie darum doch nicht völlig aus, auch beschäftigte sie sich nach wie vor in ihren einsamen Abendstunden mit ihrer Reise nach Paris, dem Ziele ihrer Sehnsucht. Inzwischen nahm sie sich auf das gewissenhafteste der Erziehung der kleinen Alice an. Ein stilles Kind, bildhübsch, mit großen, freundlichen Augen. Mademoiselle konnte sich nicht genug wundern, wie wenig oder besser gar nichts diese Kleine von der lauten, oft so heftigen Art ihrer Eltern an sich hatte. Und daß diese sich so gar nicht vor ihrem Kind in acht nahmen! Wie konnte Herr Grossi oft seine Frau anfahren und über sie herfallen und schelten und sie mit Vorwürfen überschütten – Und sie, ohne eine Spur von Angst oder Verlegenheit: »Was hab ich denn wieder gemacht – daß ich manchmal ein bißle vergeß, daß ich verheiratet bin – was isch denn da dabei –« Dazu jenes unnachahmliche Achselzucken, womit die schöne Frau alle Unannehmlichkeiten des Lebens kurzweg von sich zu weisen pflegte. Oft des Abends, wenn Mademoiselle mit ihrem Zögling in ihrem kleinen Hinterstübchen, dem Lernzimmer, saß, wie ging es da in den Studierzimmern der Eltern zu! Einer Posaune gleich dröhnte das schöne Organ des Schauspielers durch das Haus; und Mademoiselle glaubte oft deutlich das Wort Scheidung unter dem Schwall von Vorwürfen zu verstehen, deren übriger Sinn ihr dunkel blieb. »Die Eltern studieren,« sagte sie zu dem Kind, das sich übrigens nicht im mindesten aufregte, während Mademoiselle die ganze Nacht nicht schlief vor Angst um ihre geliebte Madame, die sie nach einer solchen Szene am Abgrund der Verzweiflung vermutete. »Etsch,« hörte sie sie am andern Morgen auf der Treppe zu ihrem Gatten sagen, »ich hab mir doch wieder ein Paar neue Handschuh kauft; auf der Gass' kannsch mich nit schelte –« Zuweilen, nach dem Theater, wenn das Publikum das Künstlerpaar besonders gefeiert hatte, konnte es vorkommen, daß sich die beiden wie kleine Kinder um ihre Lorbeerkränze stritten. Alles in der unverfälschten Sprache ihrer Heimatstadt, in der sie beide aufgewachsen waren. Gar seltsam machte es sich, wenn dann die kleine Alice mit ihrem » Boujour, papa, bunjour, maman, « wie ein Püppchen angezogen zwischen ihren frisch darauflos »gässelnden« Eltern erschien. Ein Kind, das niemals ohne Erlaubnis von den Bonbons aß, welche die jungen Mädchen der Stadt dem entzückenden Töchterchen des angeschwärmten Künstlerpaares zusteckten. »Ich weiß nit, wie ich zu dem Teigaff komm,« sagte Mama Grossi, indem sie den Inhalt der gewissenhaft abgelieferten Düten selber aufaß, »nit ein Aederle hat sie von mir –« Daß sie so gern naschte, daß es ihr nirgends wohler als auf der Gasse war, das alles gab täglich zu den unliebsamsten Szenen zwischen den Eheleuten Anlaß. »So renn doch nicht immer fort,« schrie Herr Grossi seiner Frau nach, »kannst du denn nie zu Hause bleiben – dein Mann soll dir genug sein –« »Er isch mir aber nit genug,« gab sie ihm lachend zur Antwort, »ich brauch mein bißle Bewunderung – Mensche brauch ich, die mich anlache – mach du dein finstres Gesicht an d' Wänd hin –« Dann wieder kamen Tage, da war eitel Sonnenschein im Hause. Herr Grossi, der blutjung aussah mit seinem bartlosen Gesicht und der überschlanken Gestalt, nahm dann wohl die kleine Alice auf den Schoß und sang ihr ein Liedchen vor. Aber so sehr er sich auch mit ihr abmühte, sie hatte kein Gehör. »Wie alt bist du denn jetzt, Liebling?« fragte er die Kleine eines Tages. »Zehn Jahre, Papa,« gab das Kind zur Antwort. »Hui, rief er aus, »das ist ja schon ein ganz gehöriges Alter. Weibele, weisch noch,« wandte er sich zu seiner Frau, »mit zehn Jahren kam mir's zum erstenmal zum Bewußtsein, was Liebe ist – vorher, in der Kleinkinderschul haben wir uns – wahrscheinlich aus unverstandener Sympathie – am liebsten gehauen. Später dann, an einem Sonntag, ich seh dich noch im weißen Kleidle aus dem Herrengäßle treten – da bin ich wie wahnsinnig heimgerannt: »Mutter, Mutter, ich hätt nicht geglaubt, daß die Lieb so schnell kommt – sind meine Ohren sauber, Mutter?« Nun lachten sie herzlich und sprachen von ihren Kinderstreichen, und wie sie sich zum erstenmal geküßt – »Damals vor dem kleine Konditorlade, für die süße Mandle,« sagte Frau Grossi. »Ich glaub, ich hab dir nie gesagt, wo ich das Geld dazu hergenommen –« meinte der Gatte. Bei diesen Worten erhob sich Mademoiselle und wollte die kleine Alice rasch von den Knien ihres Vaters ziehen. »Halt,« rief dieser, »Pardon, Mademoiselle, noch eine ernste Frage: Gestehe deinem Vater, Alicele, weißt du schon, was Liebe ist?« »O ja,« sagte das Kind, »j'aime, tu aimes, il aime –« Und während die Eltern sich vor Lachen nicht zu lassen wußten, verzog sich Mademoiselle schleunigst mit ihrem Zögling in die hintern Stübchen. »Cassalele,« sagte Frau Grossi einmal nach einem solchen Auftritt, »warum laufsch denn immer gleich mit dem Kind davon, wenn's ein bißle bunt bei uns hergeht? Du mußsch mir mei Alicele nit so vornehm erziehe – ein Kind soll wisse, was es für Eltern hat, das schadet gar nix. Mein Vaderle selig isch auch jeden erste Sonntag im Monat mit einem Räuschle aus 'm ›Kaiser Alexander‹ heimkomme. Da hat er geschimpft wie ein Rohrspatz und recht wüscht getan. Am andern Morge aber isch alles wieder gut und vergesse gwese. ›Ich hab halt mei Räuschle,‹ hat er gsagt, ›wie d'Mutter ihren Waschtag hat – man muß alles hinnehme.‹ So mein ich, soll auch 's Alicele die Licht- und Schatteseite ihrer Eltere hinnehme lerne –« Aber Frau Grossi war nicht die Person, ihre Ansichten durchzuführen. Was sie gesagt, hatte sie schon im nächsten Augenblick wieder vergessen. Und Mademoiselle erschrak vor der Zumutung, einem Kind derlei Einblicke ins Leben zu gestatten. Hielt man nicht im Kloster den Kindern alles fern, was ihrer Unschuld zu nahe hätte treten können? Nein, bei allen Vorzügen ihrer geliebten Madame, von Kindererziehung hatte sie keine Ahnung. Sie sagte es ja selbst. Die Aufgabe, Alice zu einem ausgezeichneten Geschöpf heranzubilden, lag also ganz allein in ihren, der Erzieherin Händen. Und sie erlebte nur Freude an dem Kinde. Das Lernen wurde der Kleinen zwar sehr schwer, aber sie war von einer beispiellosen Unschuld, und nie noch war eine Frage über ihre Lippen getreten, die Mademoiselle schwer gefallen wäre zu beantworten. Aber wie lange noch, fragte sich die Französin, werde ich sie in dem Wahne erhalten können, daß ihre Eltern in einer glücklichen Ehe leben? Und sie zitterte vor dem ersten Zweifel in des Kindes klarem Blick – Allein bevor dies geschah, stand die kleine Alice eines Tages schwarz gekleidet vor dem Sarge ihres Vaters, während ihre Mutter sich zu dessen Füßen wand und der Theaterchor im Nebenzimmer in getragenem Tone »Wie sie so sanft ruhen« sang. Der beliebte Künstler war in einer Probe in eine Versenkung gestürzt und hatte das Genick gebrochen. »Er isch in seine eigne Grub gefalle,« teilte Frau Grossi eines Abends ihrem Cassalele unter heißen Tränen mit, »'s war sein ewiger Vorwurf, ich ließ mich auf der Bühn küsse – Ach Gott, ich bin immer so in meiner Roll, ich hab keine Ahnung, küßt mich einer oder küßt er mich nit – da hat er mir in der Generalprob aufgepaßt und schießt auf einmal wie ein Wahnsinniger hinter der Kuliß vor, mitte in die Versenkung nein –« Sie schluchzte zum Erbarmen. »Guck, Cassalele,« preßte sie unter ihren Tränen hervor, »wir ware so glücklich – von Kindesbeine an habe wir uns gern gehabt – du hasch ja keine Ahnung, was das heißt, so eine große Lieb zu verliere – er war ja manchmal ein bißle wild, aber wenn er immer zahm gewese wär, hätt ich ihn nit halb so lieb gehabt. Er war ein Engel – o Cassalele, gelt, gelt, du verlaßt mich nit in mei'm tiefe Elend, du bleibsch bei mir?« »Ewig, ewig,« versprach die Französin. Und als Frau Grossi in überströmender Dankbarkeit das kärgliche, scheue Geschöpf an ihr warm pulsierendes Herz zog, da wäre die Französin am liebsten gleich auf der Stelle für ihre geliebte Madame durchs Feuer gegangen. Sie hatte aufgehört, an ihr Kloster zu schreiben. »Bis Alice erwachsen ist,« beschwichtigte sie die Stimme ihres Gewissens. Und Alice wuchs heran, und wie von selbst taten sich ihr die besten Häuser der Residenz auf, und die feinste aller Tanzstundsgesellschaften erkor sie zu ihrer Königin. Denn sie war schön. Und ihre Zurückhaltung, ihr süßes Erröten begeisterte die jungen Leute mehr, als alle klugen Worte der Welt es hätten tun können. Sie galt in aller Augen als das holdeste Rätsel der Weiblichkeit, und unter den vielen, die sich sehnten, diese junge Seele wachzuküssen, trug Baron von und zu Rebach den Sieg davon. Er war jung, dreiundzwanzig Jahre alt und schon unbeschränkter Besitzer seines Gutes im Schwarzwald, das ein Verwalter bewirtschaftete. Frau Grossi sagte: »Unterhalte kann man sich nit mit dem Dickkopf, aber wenn ihn d' Alice will, in Gotts Name –« Sie war während der Brautzeit ihrer Tochter viel abwesend, auf Gastspielreisen. »Die Aristokrate solle sehe,« sagte sie, »daß unsereins auch seine Kinder auszustaffiere versteht!« Es war kurze Zeit nach der Hochzeit, als Mademoiselle Cassal eines Tages mit allen Zeichen der Bestürzung von ihrem ersten Besuch bei ihrem Zögling zurückkehrte. Alice hatte sie gebeten, sie möchte doch, bevor Mama komme, ein wenig nach dem Rechten sehen. »Als raus mit der Sprach, Cassalele,« redete Frau Grossi die Zurückkehrende an, »brauchsch kein Blatt vor den Mund zu nehme –« Der Erzieherin liefen die Tränen über die Wangen: »O Madame, eine so große Unordnung, eine so völlige Ratlosigkeit ihren Pflichten gegenüber – meine Schülerin – ich hätte nie gedacht – quel pays !« »Ich hab immer gewußt, daß nix da isch,« sagte Frau Grossi, »und der Rebach –« Sie zuckte die Achseln, »so isch's halt im Lebe – er hätt eine tüchtige Frau gebraucht und sie einen klugen Mann, und jetzt tauge sie alle zwei nix –« »O Madame,« ächzte die Französin auf, »ich kann wohl sagen, ich habe Alice nach meinem besten Ermessen erzogen – besonders in der letzten Zeit ging ich immer wieder meine leçons de civilité , die ich im Kloster nachgeschrieben, mit ihr durch – die Pflichten der Braut, die Pflichten der Gattin, der Hausfrau in bezug auf den Gatten, die Geselligkeit, die Dienstboten –« Frau Grossi lachte hell auf: »O Cassalele, du bisch halt einzig!« »Aber Madame, ich verstehe nicht –« »Das isch's ja grad,« sagte Frau Grossi, »unbezahlbar bisch, denn wenn ich wieder lache muß, dann bin ich wieder froh –« Aber eines Tages gab's Tränen, auch bei Frau Grossi. Das junge Paar erwartete ein Kleines. »Cassalele,« sagte die Künstlerin, »du musch halt jetzt bei der Alice aushelfe, die letzt Haushälterin hat ihr die halb Wäsch mit fortgenomme. Wenn das so fort geht, sitze sie da und habe nix mehr. Wir hätte schön miteinander lebe könne, Cassalele, wenn ich nur an dei guts Kaffeele denk – aber ich muß jetzt soviel als möglich durch Gastspiele zu verdiene suche, denn das hab ich schon gemerkt, der Rebach isch gerad so ein schlechter Landwirt als d' Alice eine schlechte Hausfrau isch – und so müsse wir in Gottes Name in den saure Apfel beiße und uns trenne, Cassalele –« Der alte, solide Holzkoffer stand aber nur zur Hälfte ausgepackt in dem freundlichen Gutszimmer, das Mademoiselle mit dem Neugeborenen teilte. Sie nahm sich vor: sobald dieses Kind die französische Sprache vollständig innehat, kehre ich zu meiner geliebten Madame zurück. Paris, das frühere Ziel ihrer Sehnsucht, machte dem kleinen Künstlerheim Platz, in dem immer frische Blumen dufteten und immer ein frisches Lachen klang. Es kam aber ein zweites Kind im Gutshause an, ein drittes und so fort – Das arme Cassalele saß fest. Darum, wenn es hieß: Großmama kommt! waren die Schritte der schmächtigen Erzieherin nicht minder rasch, und ihre Augen blickten nicht minder glänzend als die ihrer Zöglinge, wenn sie die öde Landstraße entlang dem nächsten Städtchen, der Bahnstation, zueilten – Leithammel voran mit weitausgreifenden Beinen und wehender Mähne. Die Georginen hielten Schritt mit Mademoiselle, und den Schluß bildete Unnütz. »Da kommen die Rebächle,« sagten die Dorfkinder, wenn die »Herrschaftlichen« zur Bahn eilten, und rannten von allen Seiten, aus Gassen und Gäßlein herbei. Und obwohl Apothekers Thildele versicherte: »Sie habe ja nie nix Rechts an – was e bißle was Feins isch, tragt in der Residenz Jakonett, und die Rebächle hän alleweil nur Pers an –« Die Bewunderung der Dorfkinder ließ sich dadurch nicht irre machen; wenn die Rebächle zur Bahn zogen, das war und blieb das Ereignis des Tages. Einige Minuten vor Ankunft des Zuges erschien der herrschaftliche Wagen mit dem Baron und der Baronin. Sofort stürzte Leithammel ihnen entgegen, riß eine Decke aus dem Wagen und breitete sie sorgsam über den ältlichen Schimmel aus. Rosinante hatte ihn Großmama getauft, da aber Unnütz das R noch nicht recht aussprechen konnte, nannte sie den Liebling Poppinante, und dieser Name blieb ihm. »Papa,« sagte Leithammel mit einem Blick tiefsten Vorwurfs, »Poppinante schwitzt –« Und sämtliche Kinder fingen an den Schimmel zu reiben und grämten sich um ihn. Aber die noch eben kummervollen Stirnen wurden plötzlich glatt, ja, der ganze Bahnhof wurde hell und lebendig, als die herzgewinnende Gestalt der Großmama dem Zuge entstieg. Der Bahnbeamte zog die rote Kappe wie der Blitz herunter. Der Schaffner bemächtigte sich mit einer Art Wonne der unzähligen Gepäckstücke der schönen Frau, und die Dorfkinder knicksten wie vor einer Fürstin. Die Enkelinnen aber wollten alle zugleich der Großmama an den Hals fliegen. Sie trug in jedem Arm ein paar große Düten und schrie aus Leibeskräften: »Halt, halt – um's Himmels wille, ihr verdrückt mir ja alles –« Die Düten wurden ihr abgenommen und auch das übrige Gepäck im Wagen untergebracht; und nachdem Großmama die Kinder sowie ihr Cassalele, das vor Freude immer ein wenig schluchzte, ans Herz gedrückt, stieg sie in die altmodische Kutsche mit dem verblichenen Wappen derer von und zu Rebach auf dem Wagenschlag. »Vergiß nicht, Großmama,« flüsterte ihr Leithammel von hinten zu, »Papa soll Poppinante nicht schlagen – leid's ja nicht, Großmama –« Der Baron auf dem Bock pfiff, und der Schimmel setzte sich gemächlich in Bewegung. Zwei bildschöne Frauen, Mutter und Tochter, Zug für Zug einander ähnlich, nur mit dem Unterschied, daß der Mutter Körperformen voll und üppig waren und ihre Gesichtszüge von Leben sprühten, während die Tochter fast überschlank war und müde und apathisch aus den Augen schaute. »Wie geht's, Jeremia?« wandte sich die Mutter nach der ersten Begrüßung an sie, »seh dir's an, wieder Kopfweh – du liebe Zeit – will nit hoffe, daß wieder eins in der Wieg liegt!« Es lag eins drin, und die Baronin seufzte und wagte es nicht zu gestehen. Der Baron wandte einen Augenblick das bartlose rosige Bubengesicht nach der Großmama, fand auch den Mut nicht und schlug ärgerlich auf die Poppinante. »Weiß gar nicht,« sagte er, »warum die Kreatur nicht vom Fleck kommt –« »Weil sie halt kein heurigs Häsle mehr isch,« rief Großmama aus, »merksch das auch wieder nit, mei lieber Mann im Mond – hau sie nit und laß sie Schritt fahre, dann komme meine liebe Rebächle gleich mit –« Da kamen sie schon und winkten mit ihren dünnen, sonnenverbrannten Kinderarmen, Mademoiselle hinter ihnen drein, graziös das Taschentuch schwenkend. Großmama wandte sich auf ihrem Sitze um, um sich besser an dem Anblick ihrer Enkelinnen erfreuen zu können. Mit Tochter und Schwiegersohn war sie immer bald fertig. »Sie sind nicht nahrhaft,« pflegte sie von ihnen zu sagen. Aber im wirbelnden Staub, hinter dem Wagen, diese lachenden Gesichter und fliegenden Mähnen – »Jesses, Kinder,« entsetzte sich Großmama, »wie Störchle seht ihr aus in eure verwachsene Sache –« Sie schrien vor Freude und machten Sprünge wie junge Böcklein. Großmama hatte kaum den Wagen verlassen, als die Kinder sie umringten und jubelnd in das hochgiebelige Herrschaftshaus zur Wiege des neuen Schwesterchens zogen. Sofort gab's großen Streit. Leithammel wollte den Namen bestimmen, die Georginen wollten's nicht leiden. »Ich bin die älteste,« erklärte Leithammel, »ihr könnt das nächstemal drankommen –« »Um Gottes wille,« schrie Großmama, »malt den Teufel nit an die Wand, genug Schwesterle, mehr als genug –« »Aber warum,« fragte eine der Georginen, »Mimi-Kuh bekommt doch auch jedes Jahr ein Kälble –« »Und Daggi kriegt sogar viele, viele kleine Daggi,« meldete das helle Stimmchen der Unnütz. Worauf sie alle übereinkamen: »Wir wollen auch noch viele, viele Schwesterle und Brüderle –« Großmama aber stand tiefsinnig vor der Wiege. »Isch das ein wüschter Krabb!« seufzte sie auf. Da hatte die arme Kleine ihren Namen weg. Was half es ihr, daß sie Kornelia getauft wurde – Jenseits der Kinderzimmer, rechts vom Eingang des Herrenhauses, wohnten die Eltern. Nach vorn lag das geräumige Speisezimmer, dessen Wände über und über mit Hirschgeweihen und Rehgehörnen verziert waren. Nach hinten lagen Schlaf- und Wohnzimmer. Die im oberen Stockwerk gelegenen Räume lagen beständig unter Schloß und Riegel. »Die Gesellschaftsräume,« pflegte der Baron mit einer Bewegung der Hand nach oben zu sagen. Es war aber von dort so ziemlich alles von Möbeln heruntergeholt worden, um die untauglich gewordenen Gegenstände im unteren Stockwerk zu ergänzen. Die Kinder speisten des Abends nicht mit den Eltern. Großmama saß mit diesen an dem nachlässig gedeckten Tisch. Der nach Stall und Tabak duftende Hausdiener trug eine schäbige Livree und servierte den Braten. Der Baron und seine Gemahlin, die immer in der Angst vor Großmamas Ausfällen lebten, zeigten sich so einsilbig wie möglich, während Frau Grossi lustig darauflos schwatzte. »Sagt einmal, Kinder,« bemerkte sie mit einem Male, »habt ihr denn auch schon ein bißle darüber nachgedacht, was aus dene viele Mädle werde soll?« Die Baronin seufzte und der Baron meinte: »Heiraten sollen sie, wie andre Mädle auch.« »So, ah was,« rief Großmama aus, »holsch du ihne vielleicht, wenn's Zeit isch, einen Baron vom Mond runter, Herr Schwiegersohn?« Da er schwieg und ein Glas Wein hinunterstürzte, fuhr sie in begütigendem Tone fort: »Nehmt mir's nit übel, wenn ich mich um meine Enkele sorg. Man muß die Auge ein bißle aufmache, Kinder – auf einmal habt ihr ein paar große Mädle dasitze – was dann?« »Ich hab' noch Wald genug,« brummte der Schwiegersohn. »Die Hälft isch verkauft,« fiel ihm Großmama ins Wort, »zu einer Aussteuer für die Mädle langt's also nimmer, und schön werden sie alle miteinander nit. Da werde die Männer nit grad Sturm laufe in euer gottverlasses Nescht.« »Edmund hofft noch immer auf einen Erben,« warf Alice schüchtern ein. »Was soll denn der erbe?« fragte Großmama. »Er soll das Gut bewirtschaften,« sagte der Schwiegersohn, »und dann –« »Die Mädle an d' Luft setze,« fiel ihm Frau Grossi ins Wort, »Ich weiß, du hasch jetzt e Wut,« wandte sie sich an den Schwiegersohn, »aber 's bleibt nix andres übrig, die Mädle müsse was lerne – Leithammel zum Beispiel tät ganz gut zum Theater passe –« »Nie,« erklärte der Baron, »eine von und zu Rebach –« »Wenn du's anständiger findsch, daß deine arme von und zu Rebächle verhungere –« Frau Grossi zuckte die Achsel. Die Baronin brach in Tränen aus. »Meine Frau ist noch sehr angegriffen –« wollte der Baron sagen, ein Husten unterbrach seine Worte. »Mein Lieber,« sagte Großmama, »du weisch recht gut, wo du dein ewige Katarrh her hasch –« »Ich lass' mir die Jagd nicht verbieten,« lautete die Antwort des Barons. Auf Großmamas klarer Stirn hatten sich Falten gebildet, sie sah plötzlich um Jahre gealtert aus. »Die Kinder warte auf mich,« sagte sie und verließ mit raschen Schritten den Speisesaal. Drüben wurde sie im Nu wieder die Alte. Zu den offenen Fenstern schien die Abendsonne herein. Auf dem Tisch stand ein irdener Topf mit Milch und eine Schüssel voll großer glänzender Stücke Wabenhonig. »Halt, halt,« wehrte Großmama den mit klebrigen Fingern auf sie zueilenden Kindern, indem sie sich hinter einen Stuhl verschanzte, »wascht erst eure Pfote und Mäuler, ihr Ferkele, pappige Küß mag ich nit –« Lachend kehrten sie auf ihre Plätze zurück und bissen in ihr Honigbrot. »Wo habt ihr denn den schönen Honig her?« erkundigte sich Großmama. Da erzählten sie wichtig: »Selbst gezogen. Wir haben einen Bienenstock. Der Lehrer hat ihn uns eingerichtet. Der Lehrer hat uns alles gezeigt, wie man mit Bienen umgeht. Er ist ein Engel. Wir nennen ihn Hesperus, Großmama.« »Potztausend,« verwunderte sich diese, »wie in aller Welt kommt ihr auf Hesperus?« Leithammel erklärte: »Wir haben den Namen in einem Gedichtbuch gefunden. Weißt du, Großmama, ich nehm' mir immer ein Bändchen mit, wenn ich bei dir bin. Das letztemal war's ›Maria Stuart‹. Jetzt sollst du einmal sehen, wie fleißig wir geübt haben!« Nun ging's an das Wegräumen der Stühle, Möbel wurden gerückt – Leithammel kommandierte. Der Lärm war unbeschreiblich – »Sie spielen den ganzen Tag Theater,« seufzte Mademoiselle, »o Madame, und jedesmal diese Unordnung –« Großmama klopfte ihr die Wange: »Mei arms Cassalele, du hasch's nit leicht. Aber ich auch nit, ich krieg halt niemand, der so für mich sorgt wie du – über den ich so lache muß – und der mir ein so guts Kaffeele kocht –« Der schrille Ton einer Glocke erklang. Die Tür öffnete sich und Maria Stuart erschien in einem langen schwarzen Schal und einer uralten, umgestülpten Samtkapotte. Die kleine Unnütz gab die Hanna. Burleigh und Leicester, die in alten Kleidern des Barons steckten, trugen lange Bärte von Roßhaar. »Was ist dir, Hanna?« begann Maria, die ältere der Georginen, »Ja, nun ist es Zeit! Hier kommt der Scherif, uns zum Tod zu führen. Es muß geschieden sein! Lebt wohl! lebt wohl!« Hanna, die die ganze Zeit über schon leise geweint hatte, brach jetzt in ein herzbrechendes Schluchzen aus und hing sich so fest an Maria, daß diese unfähig war, einen Schritt zu machen. Leithammel gab den Leicester. Nachdem Maria, Hanna mit sich schleifend, die Szene verlassen hatte, sprach Leicester seinen Monolog. Er sprach ihn mit solcher Empfindung, solch leidenschaftlicher Kraft, daß es den Kindern, die ihn eng umstanden, kalt über den Rücken lief. Und als Leicester nach den Worten: »Sie kniet aufs Kissen – legt das Haupt –« in einen markerschütternden Schrei ausbrach, stimmten sämtliche Kinder mit ein. Großmama aber zog die kleine verweinte, an allen Gliedern zitternde Unnütz auf die Knie: »Kind, Würmle,« suchte sie die Kleine zu trösten, »was fallt dir denn ein – wer wird so weine, dummes Dingele –« »Das macht sie immer so, Großmama,« sagte Leithammel, »sie nimmt's furchtbar ernst.« »Aber so spielt doch was Lustigs,« rief Frau Grossi aus, »wart, ich sorg euch dafür – 's Lache isch gesünder als 's Heule – So, und jetzt holt mir einmal eine von selbige Düte dort –« Seligkeit ohne End'! Zuckerbretzeln aus der Residenz! Die hohe dramatische Spannung verschwand und machte dem hellsten Vergnügen Platz. Eng umhockten sie die liebe Großmama. »Cassalele, zünd d' Lamp an,« sagte Frau Grossi, »du weisch, ich kann 's Halbdunkel nit leide.« »Großmama, o Großmama, bleib immer bei uns!« rief Leithammel in beschwörendem Ton. »Nein, Kind,« bekam sie zur Antwort, »weisch, 's Landlebe, das isch nit mei Fall. In jeder Gass' ein paar Mischthaufe, und wo man hinsieht, Gäns –« »Aber die Berg, Großmama,« fiel ihr Leithammel in die Rede, »und der Wald und –« »Ach geh mir weg,« wurde sie unterbrochen, »ich muß mei lange Straß habe und mei Parad am Sonntagmorge –« »Nach der Kirche,« schaltete die Französin in bittendem Tone ein. »Ha,« machte Großmama, »da müßt ich lüge, Cassalele, eine große Kirchgängerin bin ich meiner Lebtag nit g'wese –« »O Madame!« rief die Französin aus, »es war von jeher mein größter Kummer, daß Sie nicht beten –« »Was!« empörte sich Großmama, »da bisch du aber auf 'm Holzweg, ich bet freilich – Jeden Morgen, wenn ich aufwach, bet ich zum liebe Gott: Schenk mir heut ein Freudle. Und schenkt er mir keins, bin ich auch zufriede – So, und jetzt ins Nescht mit euch –« Aber die Kinder schrien: »O nein, nein, Großmama, bitte, bitte – erst noch die schöne Geschicht, wie du Schauspielerin geworden bist –« »Nun also,« begann Frau Grossi, »wenn's Mademoiselle erlaubt – Es waren einmal ein paar Eltern, die lebten in Friede mit Gott und der Welt, und waren brave Schreinersleut im kleinen Herregäßle Nummer 21. Da schenkte ihnen der Himmel eines Tages ein wunderschönes Mägdelein –« »Großmama!« jubelte Leithammel. »Ja, 's Zellers Liesele, und es ging in die Kleinkinderschul in der Blumenstraß. Zwei Schwestern hielte die Schul. ›Mei Liesele isch mei Herzblättle‹, hat die schön Fräulein Binder gesagt, ›'s Liesele isch e Lauskrott.‹ Im selbe Haus hat die Frau Grossi gewohnt und war beim Theater, und ihr Büble mit mir in der Kleinkinderschul. Er hat ein lumpigs Samtröckle angehabt mit einer karierte Schärp quer über der Schulter. Ich hab ihn 's Vagabümmele geheiße.« »Großpapa!« rief Leithammel. »Ja, und wir habe uns alle Tag geprügelt. Da isch eines Tags die Frau Grossi zu meiner Mamme gekomme und hat gesagt: ›Ihr Liesele isch zwar ein rechter Fratz, aber dürft's nit in einem Stück im Theater mitspiele, ich brauch zwei Kinder. Sie solle ein Billett dafür habe, Frau Zeller.‹ ›Ach,‹ hat mei Mamme gesagt, ›nie hat mei Mann Geld fürs Theater, jetzt komm ich doch einmal nein –‹ Zweimal war ich zur Prob auf der Bühn mit dem Vagabümmele, und Frau Grossi hat sich mit uns vor ein Pferd hingeworfe, auf dem ein böser Mann gesesse isch –« »Der Geßler aus Schillers ›Tell‹, schaltete Leithammel ein. Die kleine Unnütz auf Großmamas Knien schlug zornig nach der älteren Schwester, die immer die Erzählung unterbrach. »Wo bin ich denn stehegebliebe?« fragte Großmama. »Direkt vor der Vorstellung,« sagte Leithammel. »Richtig. Also wir sind in Lumpe gehüllt worde, 's Vagabümmele und ich, habe ein paar Händvoll Gutsele kriegt, und dann naus auf d' Bühn. Die Frau Grossi hat sich vors Pferd geschmisse und uns mitgerisse, daß wir nur so rumgepurzelt sind. Sie fahrt sich wie eine Verzweifelte ins Haar, und ein dicker Strang fallt ihr vom Kopf. Husch, schiebt sie den Haarwisch unter ihren Rock. Hab's recht mache wolle und hol ihn vor und reich ihn ihr hin. Jesses, wie hat sie mich angeschaut –« »Schwiegermama,« fiel Leithammel ein. »Und wie hat 's Publikum gelacht – ›Du erbärmlicher Fratz,‹ hat Frau Grossi gesagt. Hab aber doch wieder mitspiele dürfe – im ›Verschwender‹ – 's Vagabümmele hat's durchgesetzt – dann hat uns Frau Grossi in die Lehr genomme – ›Du gehörsch ins Lustspiel,‹ hat sie zu mir gesagt, und zum Vagabümmele: ›Kerl, du bisch der gebore Tragöd –‹« »Aber geprügelt habt ihr euch doch noch,« frohlockte Leithammel. »Und wie! Einmal bin ich mit einer dick verschwollene Back heimkomme, und 's andre Mal hat er mir alle Hahnefederle vom Hut gerupft –« »Weil du ihn noch immer Vagabümmele genannt hast,« ergänzte Leithammel, »aber du hast dich gewehrt, gelt, Großmama, tapfer?« »Und ob, Kretzer hat er gehabt übers ganz Gesicht. Und eines Tages war ich ein großes schönes Mädle und 's Vagabümmele ein großer schöner Herr und habe miteinander gastiert am Hoftheater –« »Und herrlich gefallen, herrlich, herrlich!« schrie Leithammel. Großmama nickte: »Hinter der Kuliß habe wir uns verlobt und sind auf der Stell engagiert worde, und im Mai war Hochzeit. Amen.« Die größeren Mädchen faßten sich bei der Hand und umtanzten Großmama mit ausgelassener Freude. Die kleine Unnütz auf ihrem Schoß aber fragte: »Habt ihr euch dann auch noch geprügelt, Großmama?« Diese küßte das Kind, um ihr Lachen zu verbergen: »Was denksch, Mädele, große Leut prügle sich doch nit –« »O doch,« erklärte Unnütz, »ich hab's gesehen, wie der Kronenwirt mit der Zipfelmütz' seine Frau geschlagen hat. Ich hab' zum Fenster hineingeguckt. ›Du wüschter, wüschter Kronenwirt!‹ hab' ich geschrien. Da hat er gesagt: ›Aber Baroneßle, 's war ja nur ein Späßle –‹« »Ja, denke dir, Großmama, Unnütz schaut den Leuten zum Fenster hinein. Sonst kann sie nichts,« berichtete Leithammel. »Doch, Geschichten erzählen,« nahmen sich die Georginen der Kleinen an. »Die aber nicht wahr sind,« ereiferte sich Leithammel. »Hui!« rief sie plötzlich aus, »ich hab' ja noch Papas Rock an – ich schwitz' wie ein Braten –« Sie riß sich das Kleidungsstück vom Leib, sprang auf das Fenstergesimse und von da in den Garten. »O Madame,« seufzte die Französin, » quel pays ! Jeden Sonntag, in den leçons de civilitè sag' ich ihnen: › Mesdemoiselles , ein Pferd schwitzt, ein Mann transpiriert und ein junges Mädchen hat ein wenig warm –‹ Aber diese Kinder nehmen nichts an,« schloß sie seufzend. »Wir wolle die Range ins Bett bringe,« sagte Großmama, »dann sitzsch noch ein bißle zu mir, Cassalele, und mir halte unser Schwätzedle–'' »O Madame,« seufzte die Französin, als sie, ein klägliches Bild der Abgeschafftheit, auf Frau Grossis Bettrand saß, »wenn Sie doch diesmal etwas länger als nur über den Sonntag bleiben könnten!« »'s geht nit, Cassalele,« sagte Frau Grossi, deren rosiges Gesicht appetitlich wie ein Kindergesicht aus der duftigen Tüllrüsche ihres Häubchens herausschaute, »ich hab am Montag zu tun, Gott sei Dank! Denn weisch, wenn ich aus euerm Nescht komme, bin ich immer um zehn Jahr älter, so wimmelt's von Sorge in mir. Jetzt sag mir vor alle Dinge, wann hasch deinen letzte Gehalt bekomme, Cassalele?« Die Französin errötete. »Von Ihnen, bei Ihrem letzten Besuch.« »Und wie steht's mit dem Schulgeld?« »Sind wir auch schuldig,« seufzte Mademoiselle. »Hol mir mein Portemonnaie vom Tisch,« sagte Frau Grossi, »wir wolle gleich alles in Ordnung bringe – »Du siehsch,« meinte sie, nachdem dies geschehen war, »das sind böse Geschichte – da könnt man fascht sein Humor verliere – ich muß ihn mir aber hüte, denn wenn ich traurig bin, bin ich krank, und ich muß verdiene und luschtig sein. Ach Gott, Cassalele,« rief sie aus, sich behaglich in ihrem Bette dehnend, »was könnt mir's so wohl sein, wenn die verflammte Rebächle nit wäre! Wie ein Haufe Stein liege sie mir auf dem Herze – Gelt aber, ich bin noch schön?« nickte sie mit einem fröhlichen Auflachen. »Und weisch warum, Cassalele – weil ich noch schön sein will . Ein paar unschuldige äußere Mittele und ein guter Humor – damit isch 's Alter überwunde. D' Alice wird's einmal nit überwinde. Die link Schulter hängt ihr schon jetzt runter wie e nasse Fahn. Lieber Himmel, und wie hasch du das Kind dressiert, Cassalele.« Diese nickte: »Darum – nach dieser Erfahrung hab' ich's mit meinen jetzigen Zöglingen anders gehalten. Ich lasse sie machen –« »Wie sollsch denn auch imstand sein, sie nit mache zu lasse,« fiel ihr Frau Grossi lachend in die Rede, »mir gefalle sie, die wilde Fratze – ›Herrgott,‹ hab ich oft bei meim Alicele denkt, ›hat denn das Kind gar nix von seiner Mutter?‹ Einfach überhupft hab ich eine Generation und komm jetzt bei meine Enkele wieder zutag. Wenn nur die Frag nit wär: Was soll aus ihne werde?« »O Madame, der liebe Gott wird sorgen –« »Ich weiß nit, Cassalele, ich bin dafür, man sorgt selber – darum hab ich mir ausgedacht – der Mann im Mond will zwar nix davon wisse – aber aus 'm Leithammel ließ sich eine prächtige Schauspielerin mache –« »O Madame,« schrie Mademoiselle in hellem Entsetzen aus, »um Gottes willen nicht zum Theater –« »Ja, warum denn nit? 's gibt ja überhaupt nur eins auf der Welt, und das isch's Theater! Ich werd sie in die Lehr nehme. Und kann sie was, so isch sie was, denn der Moment wird komme, daß es dene arme Rebächle ins Dach regnet. Zweimal schon hab ich eine gehörige Rechnung vom Dachdecker kriegt, mei Liebe, und 's könnt halt doch sein, daß ich nit ewig leb – Aber mit den Georgine,« seufzte sie auf, »um 's Himmels wille, was macht man mit dene? Da isch kei Farb, da isch kei Lebe, da rührt und regt sich nix. Kannsch mir denn gar kein Tröstle gebe, Cassalele?« »Madame,« sagte die Französin, »so ungeschickt sind sie doch nicht. Sie verfertigen ganz wunderhübsche Puppenkleidchen. Niemand hat es ihnen gezeigt – wenn's Leithammel zuließe, am liebsten säßen sie den ganzen Tag über ihrem Nähzeug –« »So,« freute sich Großmama, »das unterstütz, Cassalele, das unterstütz – Jesses, wer verdient denn mehr, heutzutag, als tüchtige Schneiderinnen –« »O Madame, die Baronessen Rebach –« »Red mir nit auch so dumm – Arbeit schändet nit – Als raus ins feindliche Lebe und Hand angelegt. Wenn sie ihr Rebach so gern habe, so solle sie sich's auch erhalte – Unnützle freilich – das Kind hat Auge wie ein Märle – Gelt, den Gefalle tusch mir, fürs Unnützle sorgsch du?« »Aber, Madame, lebe ich denn ewig –« »O Cassalele,« wurde sie unterbrochen, »jetzt isch mir's wohl, ganz erlöst bin ich – Die Mädle sind untergebracht – Geh in dein Nescht und schlaf bis morge früh –« Mademoiselle nahm die Lampe, die ihr wehmütiges Lächeln beleuchtete: »Wenn mir die Kleine ein paar Stunden Ruhe läßt –« »Ach du mei lieber Herrgott, isch's denn nit möglich, zu seim bißle Seeleruh zu komme –« seufzte Frau Grossi auf und schlug mit beiden Händen auf die Bettdecke, »hol mir schnell das Bröschle dort auf dem Tisch, Cassalele, du weisch, wie lieb mir das Bröschle isch, und daß ich's schon zwanzigmal verlore und immer wiederkriegt hab – da hasch's – 's gehört dein, nimm's und mach auf der Stell ein freundlichs Gesicht –« Die Französin riß die Augen weit auf: »O Madame, diese entzückende Brosche – ich – einen Brillanten tragen – darf ich denn – ist es denn möglich –« » Quel pays !« murmelte sie, sich zurückziehend, » quel pays ,« wiederholte sie den ganzen Gang entlang. II. Großmama hatte wie immer den sonntäglichen Gottesdienst verschlafen und saß allein beim Frühstück. Vom Fenster aus sah sie die Enkele mit ihren wilden Mähnen die Dorfstraße entlang stürmen, Leithammel voran, hinterdrein das verträumte Unnützlein. Mademoiselle sah fein und elegant aus, obwohl sie noch immer dieselbe Mantille trug, die sie damals aus Paris mitgebracht hatte. Heute aber war es ordentlich, als gehe von dem leuchtenden Bröschle der Großmama ein warmer Hauch über das gelbliche Gesicht der Französin. Lange nicht hatten ihre dunkeln, sanften Augen einen so freudigen Schein ausgestrahlt. Sie kam zwar immer gehoben aus der Kirche, denn die Gebete in dem kleinen, in blauen Samt eingebundenen Gebetbuch mit der Aufschrift » Fiat « pflegten ihre Seele hoch über alle Schwernis des Lebens zu tragen. Aber vielleicht war an diesem Morgen doch hauptsächlich das Bröschle schuld daran, daß dieser Flug über alles Irdische hinweg so besonders gut gelungen war. »O Madame,« sagte sie, bei Frau Grossi eintretend, »ich habe nur einen Kummer, nur –« »Ich weiß, ich weiß,« fiel ihr die Künstlerin in die Rede, »weil ich nit in d' Kirch geh – da sieht mich mei arms Cassalele schon zu unterscht in der Höll –« »O Madame, o nein, nein,« ereiferte sich die Französin, »ein so gütiges Herz – niemals – niemals – nur vielleicht nicht ganz so oben im Himmel als –« »Laß du mich nur mache,« beruhigte sie Großmama, »ich werd schon zu meim Plätzle komme, hab ich's doch zeit meines Lebens verstande, mich durchzudrängle –« Die vor Ungeduld zappelnden Enkelinnen ließen Großmama nicht weiterreden. Wohl oder übel mußte sie sich in den Garten schleppen lassen und gute Miene zum bösen Spiel machen, denn nun galt es lauter Dinge zu bewundern, für die sie nicht das geringste Interesse hatte. Nichts wurde ihr geschenkt. Ueber den gepflasterten Hof ging's, zuerst in den Stall. Großmama mußte Poppinante ein Stückchen Zucker geben und Mimi-Kuh ein Büschel Heu. Sie mußte Daggi und ihre sechs Jungen bewundern, und es wurde ihr fast übel, als die Kinder, nachdem sie die weichen kleinen Hunde geherzt und geküßt, direkt über Großmamas ebenso weiche Wangen herfielen. Sie mußte sich neben das verlassene Wochenbettchen der armen Bimbelina setzen, der Ernestine, die hartherzige Köchin, sämtliche junge Kätzchen ersäuft hatte. Alsdann ging's über den Mist weg zum andern Ende des Stalles, wo der alte Stallknecht, den Kehrbesen zu Füßen, mit dem ganzen Gesicht grinste. »Wie geht's denn, Herr Hoflakai?« sagte Großmama und reichte ihm die behandschuhte Rechte. »Ha, ich dank der gütige Nachfrog, Frau Großmama,« gab er zur Antwort, »'s isch mir halt allemol e rechti Freud, daß Sie's nit vergesse, daß ich beim Hof war. Im Stall mit em rote Kitteli. Sunst könnt mir's e wenig besser geh, wenn 's Ernstin nit gar so e grobs Luder wär. D' Poppinante tät große Auge mache, wenn ich ihr 's Fresse so grob hinlade wollt –« »Lieber Herr Hoflakai,« fiel ihm Großmama in die Rede, »wenn man bei Hof war, geht's eim halt nach. Was kann man denn von so einem Rauhbein verlange, das die Nas nie über sein Dörfle nausgestreckt hat?« »Sell isch wohr,« nickte der Hoflakai, »jo, sell muß mer bedenke –« Großmama lenkte zur Küche, »denn,« sagte sie, »einem böse Hund muß man zwei Brocke hinwerfe. Gute Tag, mei Liebe!« rief sie das Rauhbein an, »wie geht's, Ernstin, wie geht's?« »Wie werd's gehe,« brummte die Köchin, die ein Huhn ausnahm und nicht aufblickte. »Nix für ungut, Liebe,« sagte Großmama, »man sieht doch gern ein freundliches Gesicht –« »Wenn mer lauter kaputs Geschirr hat,« fuhr Ernestine auf, »da vergeht eim 's Lache –« »Da habe Sie recht, Ernstine,« sagte Großmama, »verzage Sie nit, Sie solle neus Geschirr habe –« »Hm,« machte das Rauhbein, »i hab au selle Gläser noch nit, die Sie mir versproche –« »Jesses!« rief Frau Grossi aus, »jetzt mach ich aber gleich zwei Knöpf an mein Taschetuch – sind Sie jetzt zufriede, Ernstine?« »Mer wolle's abwarte,« meinte diese. »Prachtvolle Person,« lachte Frau Grossi in sich hinein, als sie mit ihren Enkelinnen zum Garten schritt, »so einheitlich – ganz prachtvoll –« »Großmama,« verwunderte sich Leithammel, »du hättest sie doch eigentlich für ihre Unfreundlichkeit zanken sollen –« »Bewahr mich Gott!« rief Frau Grossi aus, »weisch, Kind, der eine hat seine Freundlichkeit im Mundwinkel, der andre in de Händ – laß es damit gut sein, daß sich die Ernstin halber tot für euch schafft –« Im Garten ging alles streng der Reihe nach, denn Leithammel hatte System. »Still!« rief sie ihren Schwestern zu, als jede von ihnen Großmama etwas andres zeigen wollte. »Zuerst kommt der Gemüsegarten – hast du schon solche Gelberüben gesehen? Spalierobst ziehen wir auch. Wir hatten kein Spalierobst früher, und jetzt überall. Alles durch Hesperus.« Von den Gemüserabatten ging's zu den Bienenstöcken, und obwohl sich Großmama entsetzlich vor einem Stich fürchtete, es half nichts, sie mußte ganz nahe treten und Leithammels Erörterungen über die Bienenzucht standhalten. Aber die kleine Unnütz hielt sich nicht länger. »Großmama, Großmama!« schrie sie, mit dem Fingerchen auf den dicht mit Bienen besetzten Eingang des Bienenkorbes zeigend, »denke dir, Großmama, eine Königin wohnt da drin, und sie legt immerfort Eier und bekommt viele, viele kleine Prinzessinnen. Sie schlafen in weißen Bettchen von Wachs, und die Vorhänge sind von Wachs und alle Tische und Stühle. Und die wunderlieben Püpple der Prinzessinnen sind auch von Wachs –« »Hör auf,« fiel ihr Leithammel in die Rede, »Bienen spielen nicht mit Püpple –« »So laß sie doch,« nahm Frau Grossi den kleinen Liebling in Schutz. Da machte Leithammel große Augen: »Großmama, du redest der Unwahrheit das Wort?« Aber schon im nächsten Augenblick riefen Großmamas unglaubliche Irrtümer in bezug auf die Namen der Blumen die größte Heiterkeit hervor. Sie kannte nur Stadtblumen. Von den schönen farbenfreudigen Landblumen wußte sie nichts. »Hört auf mit euerm Gebabbel!« schrie sie und hielt sich die Ohren zu, »mir schwirrt der Kopf vor lauter Kraut und Rübe und Bauereblume und Bienegesums. Gehe wir hinaus auf die Gass', wo man vielleicht ein paar Mensche sieht –« In der breiten, sauber gefegten Dorfgasse standen die Weiber und knicksten tief, als die Rebächle mit ihrer schön gekleideten Großmama des Weges kamen. Aus den niedrigen Häuslein rechts und links fuhren die Köpfe. Da nickte Großmama und lachte und war guter Dinge. Sie blieb vor einem der Häuslein stehen und sprach mit einem Mann, der ein schmales, tiefsinniges Gesicht hatte und aus einem niedrigen Fenster wie ein Vogel aus seinem Nest sah. »Herr Bürgermeister« hatte Großmama ihn angeredet. Er schüttelte den Kopf: »Bürgermeischter bin i gsi. Davon wüßt i e langi G'schicht zu verzähle. Die G'schicht vom Item. Aber ich bin alt, und Kopfarbeit isch schwer. Mei Geischt isch der Pflug, und der Bode isch hart. Der Bode isch mei eigner Leib.« Die Kinder lachten. Großmama nickte dem Alten zu und wollte eben nach der Bedeutung des Item fragen, da ertönte von weitem lautes Geschrei. Hinter einem Karren kam's hervor. Das Meile war's, ein Mütterchen von über siebzig Jahren. Sie holte des Morgens das Weißbrot aus dem Städtchen. Nun hatte sie's dem Bäcker abgeliefert und wollte mit dem leeren Karren heim. Da gewahrte sie die Herrschaftlichen. »Heidegale!« schrie sie, »Heidegale!«, ließ ihren Karren stehen und schoß auf Großmama zu, eine kleine, dürftige Gestalt, das Gesichtchen voll Falten, mit ein paar Augen wie ein Sperber. »Sind Ihr au wieder da – bigut, isch das e Freud – Gelt aber, 's geht gut – gelt aber? Jo jo, 's Bete – 's Bete hilft – Alle Tag hab ich ein Vaterunser für Euch bet – 's Bete isch di höchschti Kraft uf dere Welt – das weiß kei Mensch besser als i – Hilft mir St. Peter nit, geh ich uf St. Märge – Wie der Speck im Sauerkraut lieg ich unserm Herrgott im Ohr – Und, bigut, i bring allis fertig – do wäre drei schlimmi Weiber im Ort – ›bigot‹ habe sie g'sagt, solang der Tag war – ›bigot – bigot‹ – Und isch doch so e argi Versündigung am Name Gottis – Zum Steinerweiche hab i bet – ganz umesunst, nit für ein Kreuzer Geld – alleweil bet und bet – Wolle Ihr das Wunder höre? Ueber eimol, am Fronleichnamstag, hör i sie ›bigut‹ sage – alli drei sage sie ›bigut‹, und der Name Gottis war gerettet. Im Himmel isch d' Freud nit größer g'si als bi mir – Heidegale!« schloß sie und schnalzte mit der Zunge. »Was heißt denn Heidegale, Meile?« fragte Großmama, »ich hab das Wort noch nie gehört –« »Sell will i meine,« sagte die Alte, »mer isch gar pfiffig, wenn mer so gut mit seim Herrgott steht, isch mer gar erleuchtet – Heidegale – das heißt: uf die Galeer mit de Heide, die nit an der lieb Gott glaube – das isch 's Aergscht – das isch bigut 's Aergscht uf dere Welt – und 's Herz druckt mir's fascht ab, wenn i denk, 's gibt Leut, die unsern Herrgott nit liebhabe – unsern liebe Herrgott, der keins uf der Welt im Stich laßt – Aber jetzt hab i en Fall,« setzte sie eifrig hinzu, »der isch bigut noch der allerschwierigst, do muß ich bis nuff nach St. Märge. Der Kronewirte ihren Mann soll ich sanftbete. E halbs Märkli krieg i für de Weg. Acht Bittgäng sind ausg'macht. Hilft's nit, muß i zwei Märkli rausgebe. Heidegale, unser Herrgott wird mi doch nit im Stich lasse!« »Nein,« sagte Großmama, nahm ihr Portemonnaie aus der Tasche und zahlte Meile vier Mark in die Hand. »Bigut!« schrie sie auf, »do hab ich's glei für mei Zweifle – Heidegale, jetzt heißt's uf der Stell en Bittgang mache um die göttlich Verzeihung –« Schnell schlug sie ein Kreuz, nahm ihren Karren und fuhr davon. »Um 's Meile und den Bürgermeister wär ein mancher froh,« sagte Großmama wie in Gedanken vor sich hin. Es war aber nur die kleine Unnütz, die sich dafür interessierte, wer froh um die beiden sein könne. »Weisch, Kind,« bekam sie zur Antwort, »die Leut, die male, und die Leut, die Geschichte schreibe –« Sie waren auf dem kleinen Marktplatz mit der Kirche und dem Schulhaus, das zugleich das Rathaus war, angekommen. Da flog ein Rosenstrauß aus einem der Schulfenster direkt vor Großmamas Füße hin. »Vom Hesperus,« sagte Leithammel, »das weiß ich ganz gewiß –« »Den wolle wir aber gleich besuche,« schlug Großmama vor und schritt mit ihrem schönen Strauß dem Hause zu. Leithammel öffnete die Tür. Gleich rechterhand war das Schulzimmer. Sie traten ein. Großmama sah sich in dem weißangestrichenen Raume mit den niedrigen Schulbänken um. An der Wand hing eine große Weltkarte, daneben eine kleinere, das badische Land. Ueberall an den Wänden hingen kleine, aus Zeitschriften herausgeschnittene Bilder mit den Köpfen von Moltke und Bismarck, Schiller und Goethe. Zu den offenen Fenstern schien die Sonne herein, und aus dem kleinen Gärtchen drang ein herrlicher Duft von Nelken und Reseden. Ein Heer summender Bienen umschwärmte die Blumen. Die schöne Frau stand auf dem Katheder, als Hesperus die Treppe heruntergepoltert kam und gleich darauf in kopfloser Hast ins Schulzimmer trat. Er trug einen leinenen Kittel, unbeschreiblich schlotterige Beinkleider und grasgrüne Schlappen. Aber ein junger, lieber, kluger Kopf saß auf der bäuerischen Gestalt, und klare blaue Kinderaugen leuchteten dem schönen Frauenbild entgegen, das seinen Platz einnahm und ihn dermaßen bezauberte, daß er am liebsten in die Knie gesunken wäre. Frau Grossi streckte ihm die Hand entgegen. »Ich muß doch den Herrn Lehrer kenne lerne,« sagte sie, »von dem meine Fratze ihre Weisheit habe –« Da wurde ihm leicht: »Ach Gott, ach hochverehrteste Künstlerin – wenn Sie wüßten – der Inbegriff, der Inbegriff – ich war nämlich als junger Lehrer in der Residenz – wenn Sie spielten, fror ich zwei Stunden ohne Mantel vor der Theaterkasse – wie ein Wahnsinniger hab' ich mir den besten Platz erkämpft – und das geschieht noch jetzt – zweimal im Jahr – zur zeitweiligen Erfrischung. Gehorsamer Diener.« Er verneigte sich tief. Großmama gab ihm auf das zierlichste seine Verbeugung zurück. »Sie mache mir 's Herz froh, Herr Lehrer! Mir tun alle Kinder leid, wenn so ein Erzlangweiler auf 'm Katheder sitzt. Sie sind ein Mensch, der lache kann, das sieht man Ihne auf weit an.« Die Mädchen umjubelten ihren Schullehrer, und Leithammel wischte ihm sorgfältig den mit Erde beschmutzten Rockärmel ab. »Darf ich der edlen Künstlerin vielleicht mein Gärtlein zeigen?« fragte er. »Ach nein, Herr Lehrer, lieber nit,« meinte sie, »ich hab schon so viel Grüns gesehe heut morge – und dann – in der Natur blamier ich mich immer – 's isch mir nämlich ganz einerlei, wie die Blume und die Bäum und die Berg alle heiße – ich hab kein Gedächtnis für Name, besonders nit für Fremdwörter – die sind mir ganz zuwider.« Die Kinder schauten errötend ihren Lehrer an, der zuerst ein verdutztes Gesicht machte, dann aber so herzlich darauflos lachte, daß die Kinder wie erlöst mit einstimmten. Großmama zeigte auf einen großen Schwamm, der in einer Schüssel auf dem Katheder lag. »Isch der am End für die Dorfnäsle?« fragte sie, indem sie den Schwamm mit der Spitze ihres Schirmes berührte. Der Lehrer wurde dunkelrot: »Nämlich,« stotterte er, »ich bin von Haus aus ein Zornnickel. Unbegabte bringen mich an den Rand der Verzweiflung – wenn sie mich so anglotzen und nicht verstehen – fünf Minuten lang, zehne – fünfzehne – zweimal schon hab' ich mich hinreißen lassen und draufgeschlagen – sinnlos, wütend und leider recht kräftig – daher meine Versetzung in dies Nest – von der Residenz in dies Nest – Schicksal, Frau Grossi –« schloß er mit einem tiefen Aufatmen, »Schicksal –« »Ich kann's nicht beklage,« sagte Großmama, »jetzt kommt's meine Enkele zugut, daß Sie hier sind. Aber –« sie deutete von neuem auf den Schwamm – »ich weiß noch immer nicht –« »Richtig, richtig,« nickte der junge Mann, »den halt' ich mir für die Unbegabten – nämlich, wenn's mir so in den Fingern zuckt und ich mir nicht mehr zu helfen weiß, dann schmeiß' ich ihnen den Schwamm an den Kopf. Das gibt kein Loch – und mir ist wohl –« »Wissen Sie was, Herr Lehrer,« fiel ihm Großmama ins Wort, »Sie sind ein herziger Mensch – ein ganz herziger – wenn Sie wieder in die Residenz komme und wolle ins Theater – nur zuerst bei mir angeklopft – ich hab immer ein Plätzle für Sie – Sie solle nie mehr zwei Stund an der Kass' stehe, mei Lieber –« »O Frau Grossi,« rief er aus, »Sie wollten wirklich meiner gedenken –« »Jawohl,« nickte sie, wie Sie da stehe, mitsamt Ihre schöne grüne Pantoffle –« In seinen treuherzigen Augen zeigte sich eine Träne. »Die Pantoffel hat mir noch mein Mutterle selig auf dem Krankenbett gestickt –« »Das hab ich doch dere Arbeit gleich ang'sehe,« sagte Großmama, »prachtvoll, ganz prachtvoll –« Sie gingen. Leithammel schritt eine Weile mit tiefernstem Gesichtchen vor Großmama und den Schwestern her. Plötzlich wandte sie sich um. »Findest du diese Pantoffel wirklich prachtvoll, Großmama?« Diese lachte laut auf: »Was denksch – abscheulich sind sie, ganz abscheulich!« »Dann hast du ja die Unwahrheit gesagt –« kam es ganz entsetzt von Leithammels Lippen. »Geh mir weg,« bekam sie zur Antwort, »man verdirbt doch den Leut nit ihre Freud, und wenn's noch so eine dumme isch –« Bei Tisch wollte der Baron sich mit seiner Vaterwürde brüsten und hatte unausgesetzt an seinen Töchtern zu tadeln. »Sind das Manieren,« fuhr er schließlich Mademoiselle an, »sie schmatzen ja – was tun Sie denn eigentlich hier, bitte?« »Das ging' meines Erachtens nit auf zwei Böge Konzeptpapier, was mein Cassalele hier tut,« gab Großmama dem Schwiegersohn zur Antwort. »Großmama gibt mir doch nie recht,« wandte er sich gekränkt an seine Frau. Diese meinte mit ihrem müden Lächeln: »Das ist ja nur Spaß. Großmama meint es nie ernst.« Da sie aber in diesem Augenblick etwas über das Gesicht ihrer Mutter huschen sah, das auch ihr nicht ganz geheuer erschien, raffte sie sich plötzlich aus ihrer Apathie auf mit der Frage: »Mademoiselle, haben die Kinder genug Braten gehabt?« »Aber Mama,« antwortete Leithammel anstatt der Französin, »du weißt doch, daß wir nie Braten bekommen, weil er sonst nicht reicht –« Großmama brach in ein köstliches Theaterhüsteln aus, während der Baron Mademoiselle belehrte: »Ein Kind hat überhaupt nicht bei Tisch zu reden. Bei meinen Eltern durften wir sogar niemals ungefragt den Mund auftun, meine Schwester und ich –« ›Das merkt man dir noch heut an,‹ dachte Mama Grossi – »Meine Frau ist zu zart,« fuhr der Baron zu sprechen fort, »um den ganzen Tag mit den Kindern sein zu können. Darum arten sie aus.« Alice seufzte: »Ich weiß nicht, was das ist, ich werde nie fertig –« »Aber ich weiß, Mama,« rief die kleine Unnütz aus, »weil du nie dein Fadenröllchen findest, das ist's –« Und sie heftete ihre Augen triumphierend, aber mit dem Ausdruck unerschütterlicher Bewunderung auf ihre schöne, tieferrötende Mama. Leithammels Blicke drückten etwas andres aus. In ihrem bisher kindlich vertrauenden Gemüt war durch Großmamas Lüge plötzlich ein Zweifel an der Vollkommenheit der Erwachsenen erwacht. Und dieser Zweifel nahm im Nu merkwürdige Dimensionen an. Er wurde zu einer Leuchte, der die verborgensten Ecken, in die noch nie ein Lichtschimmer gedrungen war, plötzlich mit Tageshelle übergoß. Hatte Mama überhaupt jemals etwas getan? Wenn sie ins Kinderzimmer kam, seufzend, um eine Anzahl Kleidungsstücke zu holen, wurden nicht all diese Sachen eines Tages von Mademoiselle wieder geholt und ausgebessert, da nichts daran geschehen war? Oder wenn Mademoiselle Mama im Kinderzimmer festhielt und ihr die zerrissene Wäsche zeigte und von notwendigen Anschaffungen sprach, hielt sich da Mama nicht die Ohren zu oder brach in Tränen aus mit den Worten: »O Mademoiselle, liebe Mademoiselle, schreiben Sie an Großmama –« Eines Tages kam dann ein großer Packen mit Strümpfen und Schuhen und neuer Wäsche, und obenan thronte unwiderruflich die Düte voll köstlicher Gutsel. Den Kindern aber war diese von jeher die Hauptsache unter all den Sendungen gewesen, deren Nützlichkeit ihnen wenig Kopfzerbrechen verursachte. Ein leiser Seufzer stahl sich von Leithammels Lippen. Hinter der schön gewölbten Stirne dieses elfjährigen Mädchens vollzog sich in aller Stille eine schwere Gedankenarbeit. Sie wußte plötzlich, es gab noch andre Dinge auf Erden als Düten voll Süßigkeiten, herbe, unklare Dinge gab's, die unsäglich auf die Seele drückten und sich nicht in Worte kleiden ließen. Des Nachmittags mußte Großmama mit den Kindern zur Burg hinauf. Hinter dem Garten erhoben sie sich auf waldiger Höhe, die Reste der alten Stammburg derer von und zu Rebach. Ein steiler, unbequemer Weg führte zu dem schmalen Hochplateau. Ach, dieser Weg – mit heimlichem Seufzen legte ihn Großmama jedesmal zurück, denn weder ihre Füße noch ihre Stiefelchen waren für mühsame Wege eingerichtet. Aber den Kindern eine Freude verderben? Also ließ sich Großmama in Gottes Namen hinaufschleppen, rechts und links von ihren Enkelinnen unterstützt. Von hinten schob Mademoiselle. Da oben im Stammschloß gab's einen wunderbaren Raum mit massiven Wänden und einer ebensolchen Decke. »Das Schwalbennest« nannten die Kinder diese Zufluchtsstätte, der bisher Wind und Wetter nichts anzuhaben vermocht. Ein grober, unschieriger Tisch stand in der Mitte, um ihn herum eine Anzahl glattgehobelter Baumstümpfe. Alles von den Kindern mit Hilfe des Lehrers schlecht und recht zusammengezimmert. Nach Westen hin öffnete sich ein hohes, ganz und gar mit wildem Wein umwuchertes Fenster. Die grünen Zweige krochen herein und klammerten sich an Decke und Wände. Vögel und Fledermäuse nisteten in der grünen Umkleidung. Im Herbst war sie von leuchtendem Rot. Die Kinder freuten sich immer von neuem über die herrliche Aussicht ihres Turmfensters, kannten jeden Berg und jedes Dorf, das sich ihren Blicken bot, und wollten es nie begreifen, daß Großmamas Augen nicht das Straßburger Münster zu entdecken vermochten, das sich wie ein dunkler Strich aus der lichten Rheinebene löste. »Bei Sonnenuntergang kann man ganz gut in den Himmel schauen,« behauptete Unnütz, »einmal hab ich sogar ein Engele gesehen. Es trug goldene Stiefel und hatte einen funkelnden Apfel in der Hand. Es war wunderschön, wie es die große goldene Sonnentreppe hinunterstieg.« Die Kleine sah ein wenig ängstlich nach Leithammel hin, die ihr sonst immer die schönsten Geschichten mit ihrem: »Das ist ja alles nicht wahr –« verdarb. Aber Leithammel hatte diesmal gar nicht achtgegeben. Sie hing sich an Großmamas Arm, als diese sich beeilte, den modrigen Raum zu verlassen. »Großmama,« sagte sie, »ich weiß auch eine Geschichte, aber eine wahre. Der Bäck am Bach hat sieben junge Entlein, ganz klein noch, mit gelbem Gefieder. Ich hab ihnen lang zugesehen – bald rennen sie über Hals und Kopf in den Bach, dann plötzlich in den Stall oder auf die Wiese – keinen Augenblick haben sie Ruhe. Manchmal auch verlieren sie einander und schreien und jammern, bis sie sich wieder zusammengefunden. Der Bäck hat gesagt: ›Sie sind halt mutterlos, da wisse so Tierle nit, wo sie hingehöre, renne nur alleweil die Kreuz und Quer und suche und suche –‹« Unnütz sah der Schwester gespannt in die Augen. Das kleine Herz klopfte ihr bis in den Hals, während ein leises: »Was suchen sie denn?« von ihren Lippen kam. »Großmama,« sagte Leithammel in geheimnisvollem Tone, »da hab ich mit einemmal gewußt – uns geht's gerad wie den armen Entle – wir rennen auch so die Kreuz und Quer und wissen nicht, wo wir hingehören –« »Aber Kind,« rief Großmama im höchsten Grade erstaunt aus, »was fällt dir denn ein – ihr habt doch eure Eltern –« »Ja, überm Gang,« bekam sie zur Antwort. Großmama machte eine rasche, beinahe heftige Wendung. Dies geschah an jener Stelle des Hochplateaus, wo das Geröll plötzlich jäh und abschüssig in die Tiefe führte. Großmama verlor das Gleichgewicht und stürzte in die Knie. Sie wäre ohne Zweifel ins Rutschen gekommen, wenn nicht Leithammel, an deren Arm sie sich hielt, so fest auf den Beinen gestanden wäre. Auch war schon Mademoiselle zur Stelle. Mit eiserner Kraft griff sie in die Rockfalten ihrer geliebten Madame, auf der Erde kniend, der eignen Gefahr nicht achtend. Die Kinder schrien laut. Unnütz rannte wie von Sinnen auf und davon. Großmama, die beim Fallen tiefblaß geworden war, stand schon nach wenigen Augenblicken mit Hilfe von Mademoiselle und der Kinder wieder auf den Füßen. Sie atmete tief. Ein Blick in die Tiefe belehrte sie: die Gefahr war groß. Plötzlich flutete eine leuchtende Röte über das noch eben blasse Gesicht der Frau. Sie breitete die Arme aus. »›Goldne Sonne, leihe mir Die schönsten Strahlen, lege sie zum Dank Vor Jovis Thron –‹ Kinderle, Kinderle, fascht wär's um mich geschehe g'wese. Ach Gott, ach Gott, wie isch 's Lebe so schön – noch einmal so schön, wenn's ei'm an Krage gange isch –« Mademoiselle streckte Großmama eine Handvoll Spitzenvolants hin, die ihr beim Zugreifen in der Hand geblieben waren – »Schmeiß sie weg, Cassalele, schmeiß sie weg,« lachte Frau Grossi, »was hälfe mir alle Volants der Welt, wenn ich da unte liege tät –« Fröhlich und guter Dinge traten sie den Rückweg an. Von den elternlosen Entlein war nicht mehr die Rede. Großmamas Mißgeschick hatte alles andre in den Hintergrund gedrängt. Nur in der Seele der kleinen Unnütz wachte nach dem Schrecken mit Großmama das Schicksal der mutterlosen Entlein wieder auf. Mit völliger Geistesabwesenheit nahm sie ihr Abendbrot ein, und bald zogen von ihrem Teller Milch und Honig, sich zu einem gemeinsamen Spaziergang entschließend, einträchtiglich über den Tisch hin, hinüber zu Mademoiselle, die unverdrossen ihren langen Schiffärmel in die klebrige Sauce tunkte. Wenn ihre geliebte Madame verunglückt wäre! Etwas andres vermochte die Französin nicht zu denken. Auch die Eltern überm Gang waren durch das Ereignis auf der Burg aus ihrem Gleichgewicht gebracht worden. Alice griff nach ihrer Stickerei, die sie vor der Geburt ihres ersten Kindes angefangen, mit dem Vorsatze, alle ihre Kinder in reizende, von ihr gestickte Röckchen zu kleiden. Inzwischen waren fünf Kleine gekommen, aber die Stickerei war noch immer nicht fertig geworden. Jedesmal nach Großmamas Besuch wurde diese Arbeit hervorgeholt. Diesmal mit einem ganz besonderen Gefühl von Reue und Scham. Alice eröffnete die Unterhaltung mit dem schmerzlichen Ausruf: »Gott, wenn Großmama verunglückt wäre – denke doch, Edmund –« »Ja,« sagte er aus der Rauchwolke heraus, die seiner mit dem Hauswappen gezierten Pfeife entstieg, »es ist ja nun aber nicht geschehen –« »Wie unbeschreiblich untüchtig bin ich doch im Vergleich zu ihr,« fiel ihm die Gattin in die Rede. »Unsinn!« fuhr er auf. Sein Jagdschnupfen, wie er die häufigen Erkältungen nannte, die er sich bei der Jagd zuzog, hatte sich verschlimmert. Er mußte alle Augenblick niesen und war von der schlechtesten Laune. Das Ehepaar saß an einem kleinen Seitentisch des Speisezimmers. Eine Lampe, um die sich ein paar Falter jagten, stand zwischen ihnen. Der Baron dampfte ingrimmig darauflos. Immer, wenn Großmama da war, nahm seine Frau diese widerwärtige Arbeit zur Hand, und in der Regel gab's dann einen trübseligen Abend. Um vorzubeugen, begann er mit dem Bericht: »Heute eine prächtige Jagd gehabt – sieben Reb –« »Unsre Kinder,« fiel ihm die Gattin ins Wort, »tragen keine Schuhe, keine Strümpfe, die nicht von ihr kommen –« »Gut, dafür lasse ich mich auch behandeln wie einen grünen Jungen. Mehr kannst du nicht von mir verlangen.« »Ich weiß gar nicht, was wir anfingen,« fuhr Alice in ihrer Jeremiade fort – »ich weiß es wirklich nicht – ohne Großmama – unsre Kinder hätten nichts zum Anziehen. Leithammel merkt es auch schon –« »Natürlich,« brauste er auf, »wenn Großmama mich vor aller Welt Mann im Mond nennt und dich Jeremia – wie sollen da die Kinder Respekt vor uns haben? Was sich doch gehört,« setzte er mit Nachdruck hinzu. »Nun hat sie wieder für neue Wäsche gesorgt – ich habe gar nicht gewußt – die Großen hatten alles verwachsen. So etwas müßte doch eine Mutter wissen. Ach Gott, ich habe ja den besten Willen – gehe ich nicht jeden Morgen vor dem Frühstück durch das Kinderzimmer, um zu sehen, was es zu tun gibt? Es ist immer schon fast elf Uhr, wenn ich zum Frühstück komme. Nie noch habe ich einen warmen Kaffee gehabt.« »So gehe nicht durchs Kinderzimmer,« warf der Gatte ein. »O Edmund, alles dieser armen Mademoiselle überlassen – du weißt nicht, was sie leistet, du gehst auf die Jagd und amüsierst dich, und ich sitze hier und habe Zeit, über alles nachzudenken. Ich will jetzt wenigstens das Kleine in der Nacht zu mir nehmen, es ist ja viel zu viel für Mademoiselle – ach, was möchte ich nicht alles – Leithammel wird so gewalttätig, und denke dir, Unnütz lügt – die längsten Geschichten erzählt sie, die alle nicht wahr sind – da müßte man doch einschreiten. Von morgen an will ich das Kind überwachen. Ja, ich will mir alle Mühe geben –« »Heute beruhigst du dich wieder einmal gar nicht,« fuhr ihr der Gatte in heller Ungeduld in die Rede, »ich habe dir doch sagen wollen, daß ich sieben Rebhühner geschossen – und denke dir,« setzte er triumphierend hinzu, »Stein, der Prahlhans, gar nichts. Er hat endlich zugegeben: ›Rebach, dir macht's keiner gleich‹ – ich muß mir aber wirklich einen Grog machen,« setzte er heiser hinzu und rief nach Ernestine. Sie erschien nicht. Erst als der Baron die Türe aufriß und ein Himmeldonnerwetter in den Hof sandte, kam sie herbei, halb angezogen. »Heißes Wasser!« herrschte sie der Baron an. »Jetzt noch um halber zehne,« begehrte sie auf, »das isch Tierquälerei.« »Nächstens fliegt Sie zum Haus hinaus –« »Ich kann laufe –« Der Baron kannte sich nicht mehr und griff nach der Stuhllehne. Nun kam Leben in seine Gattin. Sie flog von ihrem Sitz auf und schickte die Magd zu Bett, rasch die Türe hinter ihr schließend. »Mademoiselle,« beruhigte sie den Gatten, »wird dir heißes Wasser machen – ich werde Mademoiselle darum bitten –« Auch im Kinderzimmer war noch keine Ruhe eingekehrt; Leithammel, zu erregt, um zu schlafen, wollte auch die Georginen am Einschlafen verhindern. Als sie sich zu den Schwestern niederbeugte, machte sie eine Entdeckung. Mit zwei Sätzen stürzte sie auf die Büchse los, in der Großmama einen Vorrat von Schokolädle zu hinterlassen pflegte. Die Büchse war leer. »Das seid ihr,« fuhr Leithammel auf die Schwestern los, »das könnt nur ihr sein – ihr habt noch die Mäuler voll – ich hab's gerochen – Großer Gott,« entsetzte sie sich, »das ist ja gestohlen –« Eine der Georginen behauptete: »Unnütz war's – wir nicht –« Leithammel sah nach dem Bett der Kleinen. Es war leer. »Sie hat sich versteckt, sie hat sich versteckt,« triumphierten die Georginen. Die Mädchen durchsuchten das Zimmer, sie leuchteten auf den dunkeln Gang hinaus – keine Unnütz – Leithammel lief im Nachthemd mit bloßen Füßen in den Hof, in den Garten. Es wurde ihr angst, so daß sie immerzu rief: »Unnütz, so komm doch – es geschieht dir nichts – komm herein –« Mademoiselle saß an der Wiege der Kleinsten und hielt noch immer die Flasche in der Hand, die das Kind ausgetrunken hatte. Der Lärm im Nebenzimmer genierte sie nicht. Die Gabe, unter den erschwerendsten Umständen zu träumen, war ihr längst eigen. Nachdem sie sich den ganzen Tag über die Brosche gefreut, kam ihr nun, zur Abendstunde, das Bedenken, Madame möchte am Ende die langgewohnte Brosche vermissen. Oft, in früheren Tagen, war sie nach solch einem überschwenglichen Schenkanfall am folgenden Morgen bei Mademoiselle eingetreten mit den Worten: »Du, Cassalele, könnt ich nit mei Pelzle wiederhabe – ich frier so –« Da erschien Leithammel auf der Schwelle des Zimmers. Die Mähne stand ihr wild ums Gesicht, und ihre Stimme zitterte, als sie fragte: »Ist Unnütz bei Ihnen, Mademoiselle?« »Unnütz!« Die Französin fuhr auf. »Ist sie nicht in ihrem Bett?« »Hurtig, hurtig,« rief Leithammel den Schwestern zu, »zieht euch an – Sie, Mademoiselle, durchsuchen das Haus – ich nehme die Laterne – wir gehen ins Dorf –« »Aber Papa und Mama,« meinte eine der Georginen. Leithammel antwortete ihr damit, daß sie mit der Hand nach der Stirne wies. »Nehmt den Hoflakai, nehmt das Rauhbein mit,« schrie Mademoiselle den davoneilenden Mädchen nach. Sie waren schon auf der Gasse. Der Mond schien. Eine herrliche Sommernacht. Aus dem Walde links vom Weg tönten eigne, unheimliche Laute. Die Georginen drückten sich enger an Leithammel. »Was schreit denn so?« fragte eines der Mädchen. »Käuzlein sind's im Wald, ihr Schneegäns –« »Und dort, was blinkt denn so?« »Der Bach, ihr Simpel –« »O Leithammel, es war nicht Unnütz, wir haben die Schokolade gegessen,« gestand eine weinerliche Stimme. Leithammel schluchzte laut auf: »Wenn wir Unnütz nicht mehr fänden – ach Gott, dann bin ich ganz allein – laß uns Unnütz wiederfinden, o lieber Gott im Himmel – Vater unser – Vater unser,« fing sie laut an zu beten, und die Schwestern beteten aus Leibeskräften mit. Im Dorf regte sich nichts. Kein Lichtlein brannte weit und breit. Die Kinder kamen auf den Marktplatz, immer laut betend und dazwischen »Unnütz, Unnütz!« rufend. Gottlob, beim Lehrer war noch Licht. Er hörte die Stimmen auf der Gasse und öffnete das Fenster: »Wer ist da? Was ist los?« »O Herr Lehrer, Herr Lehrer, Unnütz ist verloren!« lautete die schluchzende Antwort. Im nächsten Augenblick war er drunten. Eng umdrängten ihn die Kinder. Leithammel umfaßte seinen Arm: »Herr Lehrer, wir werden sie doch wiederfinden –« Sie faltete die Hände: »O Herr Lehrer, helfen Sie uns, helfen Sie uns!« Wie schön war das Kind in seinem Schmerz! »Nur ruhig,« tröstete er, »das Unnützlein hat sich gewiß verträumt – besinnt euch einmal –« Er horchte plötzlich auf. Sie standen vor dem Häuschen des Bäckers. Dahinter rauschte der Fluß, und auf der mondbeschienenen Wiese irrte ein kleines Entlein herum und schrie wie am Messer. »Was tut denn das noch so allein hier –« meinte der Lehrer und nahm's auf. »Dort, dort schreit noch eins –« rief Leithammel. Sie gingen dem Geschrei nach. Mitten auf der Dorfstraße irrte ein zweites Entlein herum. »Herr Lehrer,« sagte Leithammel mit einemmal, »ich hab' Großmama von den sieben Entlein erzählt, die keine Mutter mehr haben – da hat mich Unnütz so groß angeschaut –« »Ich höre das dritte,« sagte der Lehrer. Vor der Türe des Herrschaftshauses fanden sie's. Als sie mit dem schreienden Tierchen in den Schloßhof kamen, tönte ihnen lautes Geschnatter aus dem Stall entgegen. Leithammel leuchtete hinein. Da lagen die übrigen vier Entlein bei der kinderlosen Katze im Korb, und daneben, in einem Haufen Stroh, die kleine Unnütz im tiefsten Schlummer. Leithammel jauchzte laut auf: »Das hat sie getan – sie hat die mutterlosen Entlein der armen Bimbelina gebracht –« Und sie nahm die kleine schlafende Unnütz auf ihre kräftigen Kinderarme und trug sie hocherhobenen Hauptes ins Haus. Der Lehrer sah ihr erstaunt nach. Wie schön war das Kind in seiner Freude! III »Wenn ihr nicht schreit, sollt ihr ein Geheimnis erfahren,« sagte Leithammel, lang aufgeschossen jetzt, mit Bewegungen wie ein Junge. Ihr Blick glitt über die aufhorchenden Schwestern hin, die fragend von den großen Bettüchern aufsahen, in die sie Stücke setzen sollten. »Ist's was Gutes, Leithammel?« ertönte die Stimme der Unnütz. »Nein, was Schlimmes.« Der Mund der Aeltesten zuckte. Sie gab sich alle Mühe, festzubleiben. »Das letzte Stück Wald verkauft,« preßte sie zwischen den Zähnen hervor. Nun schrien sie doch auf, alle miteinander. Unnütz, wie immer bei einer Gemütsbewegung, wollte auf und davon laufen. Sie kam aber nicht vom Fleck, da sie ihre Schürze mit dem Leintuch zusammengenäht hatte. Wie eine Verzweifelte suchte sie sich loszureißen. Es wollte nicht gehen. Da fing sie an zu lachen, lachte wie toll, während ihr Krabb die Schürze auszog und diese behutsam vom Leintuch trennte. »Still!« fuhr Leithammel die jüngere Schwester an, »wie kannst du so lachen – vielleicht wird uns eines Tages noch Rebach verkauft.« »O nein, nein!« schrie Unnütz, »Großmama wird uns helfen –« »Großmama kann sich doch nicht zu Tode spielen,« wies sie Leithammel zurecht. »Es ist gewiß nicht so traurig,« begehrte Unnütz auf, »ich frage Mademoiselle –« Leithammel hielt die Schwester fest: »Du weißt doch, daß sie Papa pflegt – er hat wieder seinen Jagdschnupfen –« Sie lachte bitter auf. Dann trat Stille ein. Unbeschreiblich schwer lag's auf all diesen über die Arbeit gebeugten jungen Häuptern. Plötzlich krähte eine süße Kinderstimme lustig auf – die Stimme des jüngsten Schwesterleins, das mitten auf dem Tisch auf einem Kissen saß. »Mondkälble« hatte es Großmama getauft, weil das Kind ganz die flache, niedrige Stirn des Vaters hatte. Bei dem Gejauchze waren die Schwestern plötzlich wie erlöst aus ihrer Versunkenheit aufgefahren. Aller Hände griffen nach den Zipfeln des Kissens, das sie mitsamt dem Liebling hurtig auf dem Tisch hin und her zogen, um das jauchzende Kind umschichtig mit Küssen zu bedecken. Es hatte der Mutter das Leben gekostet. Alice war nach der Geburt ihrer sechsten Tochter still und müde aus dem Dasein geschieden. Mit ihr war keine Mutter gegangen, die ihren Kindern unumgänglich nötig gewesen wäre. Und doch, so wenig diese Frau geleistet, sie war der Halt ihres Mannes gewesen, der nach ihrem Tode nur noch zwischen Trinken und Jagen und bösen Katarrhen sein Leben hinbrachte. Gab's keine Jagd, langweilte er sich sträflich in seinem großen, einsamen, ewig mit Tabakrauch durchschwängerten Speisezimmer. Er hätte nur über den Gang zu gehen brauchen, da war Leben und Heiterkeit genug, und junge, liebebedürftige Herzen hätten ihn jauchzend in ihren Bannkreis gezogen. Aber davon wußte er nichts, daß man sich zu seinen Kindern setzt und mit ihnen froh ist. Ein Vater war nach seiner Meinung nur zum Tadeln da. Eine andre Erinnerung hatte er ja auch von seiner eignen Jugend nicht. Mama bezahlte ihm heimlich die Schulden, Papa machte ihm den Rost herunter wegen seiner schlechten Zensuren. Erschien Großmama auf der Bildfläche, legte sich der Baron unwiderruflich zu Bett. Der Anblick dieser immer gleich frischen, lebtüchtigen Frau irritierte ihn im höchsten Grade. Manchmal aber, wenn sie gegangen war, überkam ihn ein plötzliches Gefühl der Verantwortlichkeit, und er hielt bei Tisch eine längere Rede an seine Nachkommenschaft von den Verpflichtungen, die ihnen der Name Rebach auferlege, daß sie dieser Verpflichtungen stets eingedenk zu sein hätten und sich durch nichts in ihrem Stolz irre machen lassen dürften. Im übrigen kümmerte er sich nicht im geringsten um seiner Kinder Tun und Treiben, ob sie gesund oder krank waren – wer sie kleidete, ob sie satt zu essen hatten. Dem allem stand er so fern, als lebe er wirklich im Mond. Dafür kannte er den Bestand der Wälder und der Jagd auf das genaueste, und die Bauern, an die er seine Waldungen verkauft, fühlten sich geehrt, einen Baron zum Jagdgenossen zu haben. Der Schullehrer hatte an einem uralten, aber handfesten Lehnstuhl eine kleine Deichsel und Holzräder angebracht. In diesem sie köstlich dünkenden Fahrzeug holten nun die Rebächle ihre Großmama an der Bahn ab. Denn Poppinante war eines Tages zum Schmerze aller an Altersschwäche gestorben. »Kinder, ihr seid die beschte Rößle auf der Welt,« sagte Mama Grossi, »ich prahl immer in der Residenz: auf 'm Land fahr ich vierspännig. So gut hab ich's nur bei euch.« »Wir wollen zu dir kommen und dich alle Tage ins Theater fahren, Großmama,« schlug Unnütz vor. »Ueber das holperig Pflaster,« rief Mama Grossi aus, »da wolltet ihr euch vergucke! So eine Equipag' war auch ein bißle zu auffallend in der Residenz.« »Das macht doch nichts,« meinte Unnütz. »So, wenn uns die Gassenbuben nachrennen?« fragte Leithammel. »Du wirst mit allen fertig,« gab ihr die jüngere Schwester voll Zuversicht zur Antwort. Leithammel lachte: »Sie meint, überall auf der Welt sei's wie in unserm Dorf.« Leithammel war in der letzten Zeit wiederholt wochenlang bei Großmama in der Residenz gewesen. Sie lebten im Komplott miteinander, die beiden. Großmama bildete ihre Aelteste in aller Stille zur Künstlerin aus. Wenn schon Leithammel in ihrem äußeren Gebaren die gleiche geblieben war, in ihren Augen, die immer kühn und weitschauend waren, tauchte nun plötzlich noch etwas andres auf – etwas wie ein Aufsichbesinnen, als habe sie ihren Haltpunkt gefunden. Sie zog sich von ihren Schwestern zurück und richtete sich eine kleine Stube für sich allein ein. Droben im Schwalbennest nahm sie ihre Rollen vor. Hesperus hatte plötzlich aufgehört, der Held ihrer Träume zu sein. Sie vernachlässigte den früher so geliebten Lehrer nun vollkommen, um der Ferdinande und Romeos willen, mit denen sie jetzt im Geiste verkehrte. Nachdem der Baron sein letztes Stück Wald verkauft hatte, erklärte Großmama: »Jetzt isch keine Zeit mehr zu verliere, du kommsch für den ganze Winter zu mir. Leithammel –« Freilich, das Unnützlein! – Mademoiselle hatte zu viel mit der Kleinsten und dem so oft bettlägerigen Baron zu tun, um Unnütz gehörig überwachen zu können. Immer war Leithammel bisher hinter der kleinen Landstreicherin her gewesen. Einmal hatte Leithammel die jüngere Schwester nach langem Suchen spät abends in der Nähe einer Seiltänzerbude gefunden. Die Leute gaben ihre Vorstellung beim Lichte rotleuchtender Fackeln. Abseits, hinter dem mit einem Leinendach überspannten Wagen, stand Unnütz mit einem Bündelein im Arm. Auf die Frage der Schwester: »Was tust du hier?« gab sie zur Antwort: »Ich hab' mich zum Seiltanzen verdingen wollen. Es ist so wunderschön, im roten Licht zu tanzen. Jetzt trau' ich mich nicht –« Immer fehlte ihr der Mut vor dem letzten Schritt, und immer war bisher die Schwester als rettender Engel erschienen, um Unnütz ihrem Abenteuer zu entreißen. Diese verfaßte in letzter Zeit ellenlange Gedichte, die alle mit »O Hesperus« anfingen. Im Stall, der ehemaligen Wohnstätte Poppinantens, hatte sie ihren Schlupfwinkel. Als Tisch diente ihr die alte, wurmstichige Futterkiste, in deren Inneres Unnütz all ihre Liebeslieder versenkte. Auch sie war hochaufgeschossen, nur viel schlanker noch als Leithammel und biegsamer. Ihre Haare waren nicht von dem leuchtenden Braun der Schwester, sondern von einem matten, oft wie mit Silber übergossenen Aschblond. Während Leithammel ganz Energie, ganz Lebenskraft war, schien Unnützlein gleichsam nur um seiner Eindrücke willen da zu sein. Scheu wich sie vor allem zurück, was die Heiterkeit ihrer Seele stören konnte; und was sie ängstigte, waren's Träume oder Wirklichkeiten, sie flüchtete immer zur tatkräftigeren Schwester. Trotzdem hatte diese wenig oder gar keinen Einfluß auf Unnütz. Diese erzählte nach wie vor Geschichten, die nicht wahr waren, und wenn Leithammel, was öfters des Abends geschah, im Nachthemd bei ihren Schwestern erschien, um sie in einer feurigen Rede zu ermahnen, doch um Gottes willen etwas Tüchtiges zu werden, damit sie eines Tages imstande seien, ihr geliebtes Rebach zu erhalten – Unnütz schlief sorglos ein, während die Schwestern in heller Angst um ihre Heimat das Blaue vom Himmel versprachen. Auf diese Weise waren allgemach aus den farblosen Georginen brave, tüchtige Arbeiterinnen geworden, die den Kleiderbedarf für sich und die Schwestern anfertigten. Und groß war die Freude im Haus, als an Mondkälbles weißem Kleidchen eines Tages jene Spitze prangte, die die selige Mama vor so langer Zeit angefangen und niemals fertiggebracht hatte. Großmama aber sagte mit Genugtuung: »Aus Leithammel und den Georgine wird was, Gott sei Dank, und auch aus Krabb. Der Lehrer hat zwar gesagt, sie sei die Unbegabteste von alle und glotz ihn an, daß er ihr am liebste hundertmal am Tag den Schwamm an den Kopf schmeiße möcht – besonders in der Geographie – Aber im Garte gedeih ihr jedes Pflänzle, und mit ihrem Obst könnt sie Staat mache – Immer wieder ein Ausblick, Cassalele, was liegt an der Geographie – Wenn sie mir nur g'rate, wenn mir nur meine Rebächle g'rate – einerlei was sie ergreife – Freilich, 's Unnützle –« Großmama seufzte. Sie hatte ihren Liebling schon zum öftern mit in die Residenz genommen. Es war nicht gut ausgefallen. Unnütz erschien Großmamas Stadtwohnung wie ein Käfig. Sie haßte die Gasse mit den wohlgekleideten Menschen und versteckte sich, wenn Besuch kam. Sie lief mutterseelenallein in den Hardtwald, kam nicht heim, und Großmama mußte ihre sämtlichen jungen Verehrerinnen aussenden, um das Unnützlein zu suchen. Nach ein paar Tagen wurde das Kind blaß, wollte nicht essen, weinte in der Nacht und mußte über Hals und Kopf nach Rebach zurückbefördert werden. »Wir nehme halt einmal 's Unnützle zu uns, Cassalele,« tröstete Großmama die Französin, die über das Kind geseufzt hatte, »wir habe's dann freilich ein bißle knapp, wenn ich von meiner Pension lebe muß, aber lieber in der Residenz hungere, als auf 'm Land im Ueberfluß lebe –« »Sie vergessen immer Mondkälble, Madame,« erinnerte die Französin. »Des,« rief Mama Grossi aus, »denk an mich – des heiratet mit siebzehn – das hab ich ihm schon in der Wieg ang'sehe – so e appetitliche Krott habe die Männer gern. Weißsch,« setzte sie seufzend hinzu, »Leithammel und Unnütz, das sind keine bequeme Mädle – die gebe was zu rate auf – die Männer aber habe's gern bequem –« Wie immer nach solcher Aussprache holte Mademoiselle ein gewisses Kleid aus ihrem Koffer hervor, um es genau auf seinen Wert hin zu prüfen, denn dieses Kleid, das sie so sorgfältig verwahrt hielt, wollte sie tragen, wenn sie einst an der Seite ihrer geliebten Madame durch die Straßen der Residenz ging. Inzwischen waren die gelblichen Wangen der Französin noch um einen Schatten gelber geworden, ihr Rücken um ein Teil schiefer, und ihre Stimme hatte vollends allen Klang verloren. Trotzdem erschien Mademoiselle nach wie vor jeden Sonntagnachmittag mit dem dunkelblauen Heftchen, das die règles de civilité enthielt, unter ihren Zöglingen. Sie strich sich den ergrauten Scheitel glatt, hüstelte und begann, indem sie mit einem dünnen Stäbchen auf den Tisch schlug: » Mesdemoiselles, attention s'il vous plaît! II faut toujours sortir le petit doigt – « Daß die Rebächle, die diese Anstandsregeln seit ihrer frühsten Kindheit mit angehört hatten, des Heftes Inhalt immer mit Geduld über sich ergehen ließen, dafür sorgte Leithammel. Sie selber hörte zwar längst nicht mehr zu, sondern repetierte im Innern ihre Rollen, wehe aber jeder der Schwestern, wenn sie gegähnt oder auf sonst eine Weise ihre Langweile kundgegeben hätte – Leithammels lange Arme waren immer bereit, ein strafbares Haupt zu züchtigen. Vor ihrer Abreise nahm sie noch Unnütz vor und hielt ihr eine lange Rede. Mit dem Herumstreifen sei's jetzt aus, sie müsse arbeiten. An Krabb solle sie sich anschließen. Der Lehrer habe sich angeboten, die Erträgnisse des Rebachschen Gartens mit seinen eignen an Händler zu verkaufen. »Krabb,« sagte Leithammel, »ist viel jünger als du; es wäre eine Schande, wenn du ihr nicht bei der Gartenarbeit behilflich sein wolltest.« Unnütz schüttelte den Kopf: »Ich will nicht den ganzen Tag Erde an den Händen haben.« »Aber ist dir denn gar nichts an Rebach gelegen,« schrie Leithammel, »hast du denn keine Angst, wir könnten die Heimat verlieren?« »Nein, wir verlieren sie nicht.« »Wie kannst du das wissen?« Unnütz zuckte mit einer sorglosen Gebärde die Achsel, ganz wie Großmama. Sie weinten alle, als Leithammel in einem Kleid der seligen Mama und einem Hut, den die Georginen aufgeputzt, in den Zug stieg. Ganz unbeschreiblich verlassen kamen sich die Rebächle ohne ihren Leithammel vor. Wie von einem Begräbnis kamen sie von der Bahn zurück. Aber welch seltsames Aufatmen ein paar Tage nach Leithammels Abschied! Niemand, der mehr Ohrfeigen austeilte, der die Größeren an ihre Pflichten mahnte und die Kleineren an ihre Schulaufgaben. Krabb hatte den ganzen Tag erdige Hände und blieb dem Lehrer jede Antwort schuldig. Unnütz ließ alle übrigen Aufgaben sein und exzellierte nur noch im Aufsatz. »Sie macht hervorragende Aufsätze,« sagte Hesperus zu Großmama, »aber leider voll orthographischer Fehler.« »Das macht nix,« erklärte Mama Grossi, »das hat sie von mir. Bin doch was Rechts worde.« Der Lehrer seufzte: »Ach, Leithammel, Leithammel kommt keine der Schwestern gleich –« Solange Leithammel aber auf der Schulbank saß und ihren Hesperus anschwärmte, hatte dieser nur Sinn für die schöne Großmama gehabt. In die Residenz fahren, bei der gefeierten Künstlerin Kaffee trinken und sie des Abends spielen sehen – war das Ziel seiner Sehnsucht. Nun war plötzlich Leithammel sein Abgott, und die ihren kurzen Röckchen entwachsende Unnütz schwärmte für den behäbig gewordenen Hesperus, der seinerseits alle zarten Andeutungen in den Aufsätzen seiner Schülerin unverstanden an sich vorübergehen ließ. Sie grämte sich jedoch nicht. Jemand mußte geliebt werden, und da sonst niemand da war, traf's den Lehrer. Im übrigen führte Unnütz seit dem Weggang der Schwester erst recht ein Vagabundenleben. Zuweilen des Abends, wenn sie sich droben auf der Burg, im Schwalbennest, oder drunten im Stall bei ihrer Kiste voller Geheimnisse gar so sehr verträumte, kam plötzlich Krabb angestampft und holte die Träumerin heim. Untertags aber, nach der Schule, vermochte sie kein Mensch von ihren Streifereien zurückzuhalten. Sie kannte Stellen im Wald, von wo aus sie schlanke Rehe mit ihren Kitzlein in fernen Lichtungen auftauchen und behaglich äsen sah. Hirsche mit gewaltigen Geweihen spazierten aus einem ins Abendrot getauchten Weg, äugten einen Augenblick in die Ferne und verschwanden. Rotleuchtende Eichhörnchen liefen an den Stämmen der Bäume empor, und in den jungen Zweigen sangen die Vögel ihr Frühlingslied. Unnütz sah den Wald üppiger werden, daß durch das dichte Blätterwerk kaum die Sonne noch drang. In den herbstlichen Schmuck sah sie ihn hineinwachsen, daß er aussah wie ein Märchen. Ihr Weg war mit Abenteuern übersät. Sie wurde, wenn die Bienen und Hummeln im Frühjahr die Blumen und Blüten umschwärmten, unbewußt von dem Geheimnis des Werdens erfaßt und sah in ihrer Phantasie beflügelte Königssöhne sich hold neigenden Blumenprinzessinnen nähern. Ein Taumel des Glücks konnte sie erfassen, daß sie lachte und schrie und mit ausgestreckten Armen, leichtfüßig wie ein junges Reh, ins Blaue hineinlief. Oder sie schlenderte Meile entgegen, wenn diese mit ihrem Karren voll Brot die staubige Landstraße einherzog. Immer wieder mußte ihr Meile die Geschichte ihres Lebens erzählen. »Wie war's,« forschte Unnütz, »wie war's doch, Meile?« »Heidegale, so war's,« bekam sie zur Antwort, »nie nix g'habt und alleweil fidel –« Sie war jetzt achtzig, und es ging etwas mühseliger mit dem Karren voran. »Bigut,« unterbrach sie ihren Gedankengang; »'s will nimmer so recht mit 'm Schnaufe – i muß schnell e Vaterunserle bete, daß es wieder geht –« Da legte Unnütz Hand an und half ihr den Karren ziehen. »Hab i's nit g'sagt,« frohlockte Meile, »nur brav bete, glei isch d' Hilf do –« »Habt Ihr auch so viel gebetet, wie Ihr noch jung war't, Meile?« erkundigte sich Unnütz. Die Alte schüttelte lachend den Kopf: »Heidegale, do war i lustig – wo i gange und g'stande bin, hat's g'heiße: Meile, du bisch au e schöns Meideli. – Aber gut hab i's nit g'habt, bei böse Leut war i – mehr Schläg als Brot, und Kinder g'schleppt bis in d' Nacht. D' Muetter hat dient in der Stadt. Aber wie i fünfzehni war, hat sie mi komme lasse. Heidegale, do ware Soldate – do – Bigut,« unterbrach sie sich, »daß i brav 's Maul halt –« und gab sich eins auf den Mund. Aber damit gab sich Unnütz nicht zufrieden. »Gelt, Meile, gesteht's nur – ich sag's keinem Menschen, Ihr habt einen gern gehabt?« Da lachte die Alte, daß sie eine ganze Weile still stehen mußte vor Husten und Schnaufen. »Und habt geheiratet?« forschte Unnütz weiter. »Jo, jo,« nickte Meile und nahm ihren Karren wieder auf, »'s isch e feini Hochzit g'si – d' Musik hab i g'macht, und d' Muetter hat den Takt dazu g'schlage –« »Und habt's Kätterle kriegt,« freute sich Unnütz. Die Alte sah plötzlich ernst aus. »Wohl, wohl, 's Kätterle – sell weiß i noch wie heut – von der Schul isch's heimkomme – in d' Stub isch's g'rennt – Muetter, du bisch kei Bravi. – In selbiger Nacht hab i 's Bete g'lernt. – Jo, jo, in selbiger Nacht –« »Meile,« fragte Unnütz, »was habt Ihr denn Böses getan?« Die Alte hustete ein Weilchen, dann meinte sie, und ihre Stimme klang ein wenig unsicher: »Halt d' Arbet g'scheut. – Aber selbigs Mol isch e g'segnets Johr g'si – niemet het Taglöhner g'nug g'habt – da hab i Arbet kriegt, soviel i hab wolle. – Und bet und weiter g'schafft und alleweil bet – und über eimal war mei Kätterle zwanzig, und e braver Mann hat's g'nomme – weil i so viel bet hab – Gott sei Dank!« Sie schöpfte Atem: »Jetz isch 's Kätterle lang tot; ihr ältster Bub hat's Häusle und e Stub voller Kinder. 's isch nit gut schaffe mit de Junge, und 's isch au nit gut esse mit de Junge, wenn mer keini Zähn mehr hat. Zur Winterszeit luege mer d' Eiszapfe zum Fenster vom Dachstüble rein. Aber, Heidegale, 's isch alleweil wieder Frühjahr worde und d' Märzveigele hän blüht – der lieb Gott isch halt guet.« Hatte Unnütz einen Kragen um, so schenkte sie ihn dem Meile, oder auch ihr Taschentuch, ihre Schürze. Manchmal lief sie heim und nahm das erste beste, was sie erwischen konnte, vom Tisch oder aus der Kommode, um Meile damit zu beschenken. Sie schlich auch hinüber ins Speisezimmer und holte aus ihres Vaters Tabaksbeutel eine Handvoll Tabak. Das war für den ehemaligen Bürgermeister. Täglich fast stand Unnütz vor dem niedrigen Gitter, das den schmalen Garten umsäumte, vor des Bürgermeisters Haus. Sonnenblumen und Levkojen wuchsen hier wild durcheinander und Rosmarin und Goldlack. Zwischen den Sonnenblumen, die sich hoch am Häuschen hinaufrankten, sah man Tag für Tag, zur Sommers- und Winterszeit, das spitze Gesicht des Bürgermeisters. Er trug eine grauwollene Zipfelmütze, rauchte sein Pfeiflein, spuckte und schaute tiefsinnig die leere Dorfstraße entlang. Unnütz ging nie vorbei, ohne den Bürgermeister zu mahnen: »Was ist das für eine Geschichte, die Ihr wißt?« Worauf er den Kopf schüttelte und immer dieselbe, der Fragerin so geheimnisvoll dünkende Antwort gab: »Rede isch Kopfarbet. Und Kopfarbet isch schwer. Denn mei Geischt isch der Pflug, und der Bode isch hart. Der Bode isch mei eigner Leib.« In ihrer Not war Unnütz zu Meile gelaufen, was sie denn machen solle, daß der Bürgermeister rede. Und Meile riet ihr: »Bring ihm halt e Händli voll Tobak, da wird er schon rede –« Und als der Bürgermeister seinen Tabak hatte, räusperte er sich und begann: »Item. I war en braver Mann. Dann bin i Bürgermeischter g'si, und d' Macht isch mir zu Kopf g'stiege, und mei Tun war vom Uebel. Jetzt bin i weise wie der König Salomon. Isch aber g'scheiter, mer isch dumm – denke heißt der eige Leib pflüge –« Der Bürgermeister spuckte, tat einen Zug aus der Pfeife und setzte seine Rede fort: »Item. Der Alexi Wehrle war der erscht von unsrer Schulbank, der Bürgermeischter worde isch. Hat sein Sach weg g'schafft. – ›Jo, jo, i verstoh‹ – isch sei Antwort g'si – ›Jo, jo, i verstoh –‹ Wenn der Bürgermeister durch d' Gaß geht, gebe sich Hund und Katz die Pfote. So ging die Red. – Da wollt i's anders mache, hab i denkt, das ging mir flotter von der Hand. Der Alexi isch e Schlafhaub mit seim: ›Jo. jo, i verstoh.‹ – Item isch der Huber Louis Bürgermeischter worde bei der nächste Wahl. Au mit uns auf der Schulbank g'sesse. E braver Mann. Wohl, wohl. Kreuzbrav. Jetz hat er glaubt – holla, hat er glaubt, das Geld in der Gemeindekaß isch e Vermöge. – Und isch der Bauteufel in ihn g'fahre. Bums, sind wir in Schulde g'sesse bis über d' Ohre. – Und wieder hab i denkt: ›Da wollt i's anders mache,‹ hab i denkt. ›Da wär i g'scheiter –‹« Der Bürgermeister versank in Gedanken – Unnütz wartete und wartete. Er sprach kein Wort mehr. Tags darauf brachte sie ihm eine neue Ration Tabak. Der Bürgermeister stopfte sein Pfeifchen und schwieg. Unnütz brachte mehr und mehr. Schließlich kam sie mit einer Pfeife ihres Vaters. Da fand der Bürgermeister seine Rede wieder. »Item. I war e braver Mann. Der Jean Baptist Risterer hat sich bigot sehe lasse dürfe. Manchmal eins über de Durscht, das war sei einzigs Sündli – Item. Schau mir doher! Au im Jean Baptist Risterer isch d' Macht in Kopf g'stiege. Er hat nit g'sagt: ›Jo, jo, i verstoh.‹ – Er hat g'sagt: ›So müßt ihr's mache – Und nit anders. Akkurat so, wie's euer Bürgermeischter will.‹ Da hat's g'heiße: ›Der Risterer will d' Welt verbessere. Mir aber wolle beim alte bleibe.‹ Der Bürgermeischter laßt nit locker: ›Ihr müßt nit nur der katholisch, ihr müßt au der protestantisch Kalender lese, dann kennt ihr d' Welt von beide Seite. – Ihr müßt nit nur z'samme sitze und saufe, ihr müßt politisiere lehre. Politisiere isch der Fortschritt.‹ Aber sie habe der Fortschritt nit g'wollt. Sie habe mich abg'setzt und ihren erschte Bürgermeischter wiederg'holt. Item geh i nimmer vom Fenster weg. Und schau mir jeden Mann druff an: Bisch noch so brav, sag i, bisch noch so tüchtig – Alterle, du weisch drum noch lang nit, wer du bisch, eh du nit au emal Bürgermeischter warsch – Wann i jetzt noch e Händli voll Tobak krieg,« setzte er nach einer Pause hinzu, »dann kommt noch die Salomonisch Weisheit –« Die Geschichte hatte ein Nachspiel. Im Herrschaftshaus gab's große Aufregung. Der Baron ging streng ins Gericht. Wer nahm ihm den Tabak aus dem Beutel? Wer hatte ihm die liebste seiner Pfeifen gestohlen? Im Hof war's, als er Ernestine anfuhr: »Sie muß es doch wissen – wer kommt sonst in mein Zimmer – irgendein Kerl raucht meinen Tabak – wer ist der Kerl?« »Himmelherrgottsakrament,« kam es hageldick von Ernestinens Lippen, und der Besen flog, und der Kübel flog, und die ganze Wäsche klatschte in weitem Bogen vor den Baron hin. Unnütz kam gerade mit ihrer Handvoll Tabak für die Salomonisch Weisheit aus des Vaters Zimmer. Sie hörte Ernestinens Geschrei, merkte plötzlich, um was es sich handelte, und es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. »Ich, Papa,« stotterte sie und hielt ihm die Handvoll Tabak hin, »ich hab' alles genommen – für des Bürgermeisters wunderschöne Geschichte, Papa –« Der Baron traute seinen Ohren nicht. Er schrie nach Mademoiselle. Er riß Unnütz vor diese und ihre Schwestern hin. »Das – das ist Ihre ganze Erziehung – eine Rebach, die stiehlt – eine Rebach, die stiehlt –« Kein Mensch, der den Mut hatte, diesem laut schreienden, sich wie wahnsinnig gebärdenden Mann entgegenzutreten. Nach der Peitsche griff er, die an der Tür des Kuhstalls hing. Aber da kehrte Ernestine, die schon das Haus verlassen wollte, zurück. Mit kraftvoller Hand entriß sie dem Baron die Peitsche. »Die isch doch für d' Kuh,« sagte die Magd, »Sie müsse nit so tobe, Herr Baron, Sie könne's jo nit vertrage –« Sie allein wußte von den Schwächezuständen, von denen der Baron in der letzten Zeit immer häufiger heimgesucht wurde. Auch nach dieser Erregung mußte er sich niederlegen. Die Französin benachrichtigte Großmama, und sie kam mit Leithammel. Zum Baron durfte Mama Grossi, wie gewöhnlich, nicht hinein, aber sie suchte Unnütz, die nicht zur Bahn gekommen war und wie ein krankes Tier sich immer verkroch, wenn ihrem Herzen ein Leid geschehen. Sie kniete im Stall vor der Futterkiste, ein eben unter Tränen angefangenes Gedicht: Wenn ein edler Vater schwingt die Peitsche Ob des schuldbeladnen Kindes Haupt – lag vor ihr. Schluchzend suchte sie einen Reim auf Peitsche. Da trat Großmama in den Stall. Sie nahm, ohne ein Wort zu sagen, auf der Futterkiste Platz und zog das weinende Mädchen auf die Knie. Nachdem sie es herzlich geküßt hatte, meinte sie ganz lustig, als handle es sich um nichts weniger als um ein Verbrechen: »Du, Unnützle, was hasch denn eigentlich mit dem Tabak und mit dere Pfeif g'macht?« »Und Unnütz erzählte: »Dem Bürgermeister hab' ich's gebracht, alles hab' ich ihm gebracht. Er hat mir dafür die wunderschöne Geschicht vom Item erzählt. Umsonst hätt' er's nicht getan.« Großmama barg einen Augenblick das Gesicht in dem vollen Haar des Lieblings. Dann meinte sie: »Aber gelt, jetzt weißsch's, man nimmt nit grad so mir nix, dir nix Sache weg. Bisch schon so e lange Stang, Unnützle – 's wär Zeit, daß du anfingsch zu denke –« »Oh, ich denke, Großmama, ich denke viel,« versicherte Unnütz, »steh nur auf, ich will dir's zeigen.« Großmama erhob sich, und Unnütz öffnete die Futterkiste. »Alles Gedichte von mir, Großmama –« Stockend, mit glühenden Wangen, gab Unnütz ihr Geheimnis preis. »Aber bitte, nicht lesen, Großmama –« »Da sei Gott vor,« meinte diese, »e ganze Kischt voll Gedichte. – Kannsch ruhig sein, Mädele.« Und Unnütz vertraute ihr an: »Ich wollte ein großes Verzeihungsgedicht an Papa richten, – ach, Großmama, Großmama, glaubst du, daß er mir verzeiht –?« »Ha, natürlich, er hat ja schon alles vergesse, kannsch wieder ganz vergnügt sein, Unnützle –« Im Laufe des Winters erkrankte der Baron an einer neuen Erkältung, der seine schwachen Kräfte nicht mehr gewachsen waren. In tiefer Trauer geleiteten die sechs Rebächle ihren Vater zur letzten Ruhestätte. Sie beweinten ihn aufrichtig. Eng zusammengedrängt saßen sie nach dem Begräbnis in ihrem Kinderzimmer und sprachen von ihm als dem besten der Väter, obgleich sie nun wußten, daß er, zu dem Verkauf der Waldungen hin, auch noch fünftausend Mark auf das Herrschaftshaus aufgenommen hatte. Nur Krabb, die alle Dinge von der praktischen Seite ansah, meinte plötzlich mitten in all die Trauer hinein: »Wozu hat man denn eigentlich Eltern?« Leithammel war voll Selbstherrlichkeit. Sie erklärte den Schwestern, daß sie überzeugt sei, es ganz allein zustande zu bringen, Rebach freizumachen. Nach ihrer Ausbildung wolle Großmama mit ihr gastieren. Da müsse ja das Geld zu Tausenden zufließen. Die Georginen, voll Neid, erklärten, sie brauchten nur erst in einem großen Konfektionsgeschäft eingetreten zu sein, dann könnten auch sie ihr Scherflein zur Erhaltung der Heimat beitragen. Die noch nicht zwölfjährige Krabb bemerkte altklug: »Ich verdiene schon jetzt, da mir der Lehrer mein Obst und mein Gemüse nach der Stadt verkauft. Er sagt, mit der Zeit könnte ich Hunderte verdienen.« Unnütz allein saß versonnen da, während die Schwestern sich um ihre Heimat sorgten. Nicht nur, daß sie für diese nichts tat, sie führte ihr auch noch eine neue Last zu, indem sie sich's nicht nehmen ließ, Meile im Gutshause unterzubringen. Unnütz hatte die nun schon über Achtzigjährige angetroffen, wie sie eben unter der Last ihres Karrens mitten auf der Landstraße zusammenbrach. Sie half der Alten auf die Beine, aber obgleich diese sich wieder aufraffte, den Karren vermochte sie nicht mehr zu schieben. Unnütz schob ihn bis zum Bäcker. Das Meile jammerte: »Die werde bös schaue daheim, wann i kei Arbet mehr tu kann –« Da sagte Unnütz: »Jetzt kommst du zu uns, Meile, und ruhst dich von der Arbeit aus.« In einer Kammer überm Stall, da saß nun das Meile und betete den ganzen Tag. Vor ihr auf dem Tisch stand ein Kruzifix mit einem brennenden Lichtstümpchen. Fortwährend zählte sie alle die Gnaden auf, die ihr während ihres langen Lebens zuteil geworden waren. Nur ein einziges Anliegen hatte sie noch auf dem Herzen: die unwirsche Ernestine sanft zu beten. Denn da Meile ihrer gichtkranken Füße wegen die Kammer nicht mehr verlassen konnte, war Ernestine genötigt, der Alten das Essen zu bringen. Das ging der Magd gegen die Ehr. Denn bei ihr allein hatten die Ermahnungen des Barons an seine Töchter, ihren Namen hochzuhalten, Früchte getragen. Ernestine redete nie ein Wort mit den Bauern im Dorf, pflegte jeden Sonntag das Grab des seligen Barons, und ihre ständige Rede war: »Ich und der selig gnädig Herr, wir habe uns halt verstande –« Unnütz aber saß beim Meile und betrachtete mit verwunderten Augen das kleine, zusammengeschrumpfte, über und über mit Falten bedeckte Gesichtchen. Sahen nicht ganz so auch die kleinen Kinder aus, kurz nachdem sie auf die Welt gekommen waren? Ja, auch die jungen Birken im Wald machten in ihrem letzten herbstlichen Schmuck genau den Eindruck wie in ihrem ersten Frühlingskleid – Alle diese Wahrnehmungen, die Unnütz beschäftigten und über die sie grübelte, kamen in ihren Aufsätzen zutage, die der Lehrer mit immer größerem Staunen las. Dies junge Mädchen sprach oft Dinge aus, die weit, weit über ihre Jahre hinausgingen. Ebenso oft aber kam es vor, daß sie weniger klug war als das kleinste Dorfmädchen. Unnütz war kein Schulkind mehr, sie nahm nur den Unterricht in der deutschen Sprache fort. So geschah es, daß dem Lehrer Leithammel ferner und ferner rückte, weil die schlanke Unnütz mit ihren Märchenaugen es ihm angetan. Diese aber richtete ihre Gedichte jetzt an eine wunderbare, unbekannte Seele, die irgendwo in der Welt herumirrte und nach der ihren suchte, und der früher so oft und heiß von ihr besungene Hesperus war zum gewöhnlichen Sterblichen herabgesunken. Dafür war aber jetzt Krabb, die Unbegabte, in jene Jahre gekommen, in denen sich ein junges Mädchenwesen nach einem Helden umsieht. Und wenn die kleine Dicke mit ihren erdigen Händchen auch keine Gedichte verfaßte, so war ihre Liebe und Bewunderung für den Lehrer vielleicht um so nachhaltiger. IV Großmama wohnte in der belebtesten Gegend der Kaiserstraße. Sie hatte einen kleinen Balkon und zwei hübsche Zimmer nach der Straße. Ein dunkles Eßzimmer und zwei Schlafzimmer lagen nach hinten. In dem einen schlief Großmama, in dem andern Leithammel. Aber die Georginen schliefen auch noch irgendwo. »'s geht alles,« sagte Großmama mit ihrem sorglosen Achselzucken, »man sollt's gar nit glaube, was alles geht – drum nur nie verzweifle –« »Da kommt Mama Grossi mit den Rebächle,« hieß es in der Residenz, wenn die beliebte Künstlerin mit ihren Enkelinnen zur Parade zog, rechts und links die Georginen, Leithammel voraus. Die ersteren waren in dem besten Konfektionsgeschäft der Stadt untergebracht, wo Großmama lieb Kind war. Das war sie überall, und darum hieß man ihre Rebächle auch überall willkommen und machte zwischen den künftigen Schneiderinnen und der künftigen Künstlerin keinen Unterschied. Der trat indes mit der Zeit mehr und mehr zutage. Denn die Georginen – wo man sie hinstellte, da blieben sie stehen. Sie waren brav bei der Arbeit – darüber hinaus gab es nichts für sie. Leithammel in ihrer leidenschaftlichen Strebsamkeit, Leithammel in ihrem hohen Flug stieß sich unausgesetzt an der Geistesträgheit der Schwestern. Sie schämte sich ihrer und wollte sie mit aller Gewalt ihrer Enge entreißen. Dramen sollten sie sich vorlesen lassen, wenn sie des Abends vom Geschäft heimkamen, fürs Theater sollten sie sich begeistern. Die Georginen schliefen beim Vorlesen ein und hielten sich bei Leithammels leidenschaftlichen Vorstellungen die Ohren zu. Es kam zu Szenen, und Großmama machte der Sache ein Ende und brachte die Georginen nach Frankfurt. Auch dort hatte sie Freunde, die sich ihrer Enkelinnen annahmen und für deren Unterkommen in einem erstklassigen Konfektionsgeschäft sorgten. Nun war Ruhe in dem kleinen Künstlerheim. Das heißt, Ruhe vertrug sich nicht mit einem Geschöpf wie Leithammel. Sie war schön kraft ihres Ausdrucks, ihres lebendigen Mienenspiels und ihrer prachtvollen Farben. Groß, schlank und kräftig, mit Haaren wie ein dunkler, von Sonnenblitzen durchleuchteter Wald. Voll heißen Eifers riß sie das Leben an sich, wollte alles wissen, alles erfahren, alles verstehen, an Menschen und Dinge unwiderruflich den Maßstab ihrer absoluten Wahrhaftigkeit legend. Beim Studieren mit Großmama – Kämpfe ohne Ende. »Warum soll ich diese Stelle so machen, Großmama, aus welchem Grund?« »Ha, darum sollsch sie so mache – was braucht's denn einen Grund?« »Aber Großmama, wie kann man eine große Künstlerin sein und nicht wissen, weshalb man eine Sache so oder so macht – da könnte man ja etwas Falsches bringen –« »Gott bewahre,« sagte Großmama, »wenn ich nit weiß, wo's mit einer Roll naus will, geh ich zum Kolleg Heim. Der weiß es immer.« Leithammel schlug die Hände zusammen: »Dann bist du ja gar nicht die große Künstlerin, für die ich dich hielt!« Mama Grossi lachte: »O, du Gick in die Welt, 's isch doch ganz einerlei, wo ich's her hab, wenn ich's nur recht mach –« Solche Szenen gab's täglich. War Leithammel nicht zu überzeugen, setzte Großmama ihren Hut auf: »Ich muß schnell eine Tass' Schokolad mit Schlagrahm beim Konditor trinke, daß ich wieder zu mei'm Humor komm –« Leithammel brauchte nach solchen Zweifeln Großmama nur spielen zu sehen, dann war alles wieder gut. Aus der heftigen Streiterin wurde eine glühende Bewunderin, und Stunden innigsten Verstehens vereinten die beiden. Da wurde erst ein wenig genascht und dann mit der Tüte in der Tasche Arm in Arm durch die Gassen gewandelt. Am liebsten in der Dämmerzeit. An allen möglichen Häusern gingen sie vorbei, blieben da und dort stehen, und Großmama nannte die Namen der Menschen, die hier gewohnt und mit denen sie befreundet war. Sie gingen durchs Herrengäßle und schauten in den schmalen Gang von Großmamas elterlichem Hause. Ein trübes Oellämpchen brannte, und Großmama stand und lauschte, und über ihre schönen Züge flog ein wehmütiges Lächeln. »Grüß Gott, Vaderle,« flüsterte sie. »Grüß Gott, Mutterle –« Und Leithammel schmiegte sich fester an sie, und eine Ahnung vom Wandel der Zeiten schlich ihr ins Herz und preßte es zusammen. Aber um die Ecke, in der Blumenstraße, als sie der Kleinkinderschule Fensterparade machten, lachten und naschten sie schon wieder. Leithammel, das Ausschreiten in frischer Waldluft gewöhnt, war oft krank vor Sehnsucht nach einem Spaziergang im Stadtwald. Dazu war Großmama nie zu bewegen. Höchstens der Schloßgarten wurde zuweilen des Sonntagmorgens besucht, wenn »Leut drin ware –« Mama Grossis Reich waren die Gassen, wo jeder Vorübergehende sie grüßte, und die jungen Mädchen mit vor Verehrung roten Köpfen der geliebten Künstlerin immer wieder in den Weg liefen. Einmal geschah's, daß sich solch ein junges Mädchen rasch zu Großmamas Füßen niederbückte mit den Worten: »Die Schuhnestel sind aufgegangen – verzeihen Sie, wenn ich sie binde –« Als sie sich wieder aufrichtete, gab ihr Mama Grossi einen herzhaften Kuß mitten auf der Gasse: »Dank recht schön, liebs Mädele, kannsch morge zum Sonntagnachmittag komme –« Selig flog das junge Geschöpf davon. Leithammel aber sagte: »Du hättest sie nicht einladen sollen, Großmama, deine Schuhnestel waren ja gar nicht lose, ich hab's gesehen, sie hat sie erst aufgebunden –« »Um so netter,« meinte Großmama, »solang man die Jugend noch mit einem Kuß glücklich mache kann, isch noch nit aller Tage Abend.« Als Leithammel aber noch immer nicht schwieg, sondern das Tun des jungen Mädchens absolut als ein unehrliches angesehen haben wollte, blieb Mama Grossi plötzlich stehen. Sie sah ihre Enkelin groß an: »Herrgott, Leithammel, du bisch mei ganze Mutter, du machsch mir angst – am End isch 's Theater doch nit 's Richtig für dich –« »Das sagst du, das sagst du,« rief Leithammel aus, »und kennst meine Liebe zur Kunst!« Sie schluchzte fast. »Kind,« seufzte Großmama, »du wirsch dich vergucke, wenn du glaubsch, mit deiner Wahrhaftigkeit auf der Bühn Glück zu mache – da wird ja nix als g'loge –« »Du bist doch dagegen eingeschritten – du hast es doch nicht geduldet –« »Alles hab ich geduldet,« fiel ihr Großmama ins Wort, »d' Auge und Ohre zudrückt und mitte durch – 's geht alles.« Da sagte Leithammel: »Ich werde es ganz anders machen –« Worauf sie beide verstimmt schwiegen. Am folgenden Tag war aber alles wieder vergessen. Mama Grossis Sonntagnachmittage spielten eine Rolle in der Residenz. Wie schön war's, besonders an trüben Novembertagen, in diesem zwanglosen Künstlerheim. Denn hier war immer Sonne. Junge, heitere Mädchen ersetzten die dienenden Geister, kochten den Kaffee und liefen auch schnell zum Konditor, wenn's not tat und der Kuchen nicht reichte. Und obwohl Mama Grossi nicht halb so viele Tassen besaß, als Gäste zu ihr kamen, es kam kein Mensch zu kurz. So viel leichtes Leben ging von der schönen Frau aus, die wie der Inbegriff der Behaglichkeit auf ihrem altmodischen Kanapee thronte und ihren Gugelhupf in den Kaffee tunkte. Rings um sie her bequeme, abgeblaßte Sessel. Auf dem Boden verschossene Teppiche. Auch die Beleuchtung ließ zu wünschen übrig. Und doch, wie schön! Alle Wände voll Jugendbilder der Künstlerin, Stahlstiche berühmter, längst dahingegangener Kollegen und Kolleginnen. Geschenke hoher Herrschaften in Gestalt prachtvoller Meißner Vasen und Figuren, sowie schwere Silbersachen auf Etageren. Da und dort auf einer Kommode, auf einem Sockel feierliche Standuhren, die alle nicht gingen. Auf dem Schreibtisch unter einer Glasglocke das Jubiläumsgeschenk, das Mama Grossi von ihren Kollegen erhalten – ein goldener Lorbeerkranz, mit dem sie ihren Brautkranz, vergilbte Myrten, sinnig verflochten. Sonst viel Unordnung, zum Schreiben kaum ein Plätzchen. An der Wand neben dem Schreibtisch das Repertoire und ein andrer Zettel, auf dem mit großen Buchstaben jene Worte geschrieben standen, die Mama Grossi nicht richtig zu schreiben vermochte: »Billett. Myrte. Atmosphäre. Asthma. Halleluja. Haranguieren. Verhindert.« Alle Gäste, die kamen, wurden von Mama Grossi mit freudigem Willkommgruß empfangen. Am herzlichsten klang ihre Stimme beim Eintreten ihrer Jugendfreundin, der Frau von Reut. Hinter der stattlichen Exzellenz erschien der spindeldürre Johann, der eine prachtvolle Torte aus der Serviette schälte und mitten auf den Tisch setzte. »O du mei liebs Exzellenzle,« rief Mama Grossi aus, »schon wieder eine von deine Extrafeine – laß dir ein Schmätzle gebe und komm schnell aufs Kanapee – du weisch, die Birkel spannt immer auf dein Plätzle. Gleich wird sie hereinspaziere mit ihre paar Schokoladgutsele – immer dieselbe seit Woche – allemal beim Aufbruch schleicht sie hinterrücks zum Tisch und steckt ihr Dütle wieder ein. So e steinreiche Frau! Jeder Mensch auf der Welt sieht mir's auf hundert Schritt an, wenn ich ihn nit leide kann, nur die Birkel merkt nix, merkt nix, und wenn ich's noch so deutlich mach –« Frau von Reut legte lachend die Hand auf den Arm der erregten Freundin: »Aber Liebe, jetzt hast du schon wieder deinen Birkelkoller, und sie ist noch nicht einmal da –« »'s isch immer am beschte, ich hab ihn vornweg,« sagte Mama Grossi, »ich vertrag sie nachher besser – Kinder,« unterbrach sie sich, »seht euch doch die wundervoll Tort an – Bei mir isch alle Sonntag Weihnacht! Wie geht's, Johann?« wandte sie sich an den alten Diener, der noch immer unter der Tür stand und Mama Grossi mit dem Ausdruck rückhaltloser Bewunderung anstarrte, »wie geht's, Alterle?« »Ha, ich dank recht schön, Frau Grossi,« gab er mit einem tiefen Diener zur Antwort, »die vorletzt Woch hab ich einmal ein arger Schnupfe g'habt –« »Daß Sie das noch wisse,« verwunderte sich Großmama, »alle Achtung vor Ihrem Gedächtnis. Ich weiß nit einmal mehr, was gestern war.« In diesem Augenblick erschien die Kommerzienrätin Birkel, eine kleine, schmächtige Frau in einem seidenen Schleppkleid, das zu eng war und sich deshalb aufbauschte. Auch die Spitzen an den Aermeln, an der Taille, alles ärmlich und knapp zugeschnitten, gerade wie ihr Gesicht, an dem auch überall gespart worden war. Sie meinte mit leiser Stimme, indem sie ihr Tütchen auf den Tisch legte: »Heute wieder so viele Leute da – ich fürchte fast, meine Schokoladeplätzchen möchten nicht reichen –« »Ja, das ist schon möglich,« schnitt ihr Mama Grossi das Wort ab, »aber wie Sie sehe, Frau Kommerzienräte, wir habe Sache g'nug.« Frau Birkel wollte in dem Fauteuil neben Frau Grossi Platz nehmen. »Aber Sie wissen doch,« meinte diese, »das isch ja seit Menschegedenke im Kolleg Heim sein Platz – sehe Sie, Frau Kommerzienräte, selbiger Fauteuil dort, der isch ausge –« »Ich bin aber lieber so nah als möglich bei Ihnen,« erklärte die Birkel, »und dünn, wie ich bin –« Husch, saß sie auf dem Kanapee zwischen den beiden Freundinnen. Mama Grossi sprang auf: »Nein, Verehrteste, für Käsdruckerles bin ich nit –« Weitere Gäste kamen, Professoren mit ihren Gattinnen, Künstler und Künstlerinnen. Da und dort fanden sich diese und jene zusammen, und lautes Reden und Lachen erfüllte die Räume. Auch Kollege Heim, der Freund und Zeitgenosse Großmamas, hatte in seinem angestammten Fauteuil Platz genommen. Er schlürfte eine Tasse Kaffee nach der andern, sprach selten ein Wort, sondern amüsierte sich damit, jede Affektiertheit in Wort oder Gebärde, die sein scharfes Auge entdeckte, mit einem lauten »Hm« zu rügen. Kommerzienrätin Birkel konnte keinen Satz sprechen, ohne daß ihr diese Mahnung zuteil wurde. Mama Grossi wurde dadurch so aufgeräumt, daß sie immer lustiger darauflos schwatzte und die »Haschs« und »Bischs« und »Weischs« ihr nur so von den Lippen flogen. Kollege Heim griff plötzlich nach seinen Handschuhen: »Zu viele ›Schs‹ verderben mir den Magen,« behauptete er. »Aber lieber Kolleg,« ereiferte sich Mama Grossi, »verlangen Sie doch nit, daß ich wie e schlechte Schauspielerin im Lebe wie auf'm Theater sprech –« »Nicht ein ›Sch‹ möchte ich an dir missen,« erklärte Frau von Reut. Der Künstler steckte seine Handschuhe wieder ein. Nichts machte ihm mehr Freude, als wenn man die Kollegin gegen ihn verteidigte. »Eine Künstlerin,« erklärte er, indem er die Kommerzienrätin scharf fixierte, »eine Künstlerin hat die Verpflichtung, ein vollkommenes Deutsch zu sprechen.« Richtig, Frau Birkel ging in die Falle – »Da haben Sie aber recht,« nickte sie Heim zu, »oh, wie recht, ich würde es mir zum Grundsatz machen, meine liebe Frau Grossi –« »Grundsatz,« lachte diese auf, »ich hab überhaupt keine Grundsätz, mei Liebe –« »Das kann unmöglich Ihr Ernst sein,« entsetzte sich die Kommerzienrätin. »Natürlich isch's mei Ernst! Zu was braucht denn ein anständiger Mensch auch noch Grundsätz? Was recht isch, versteht sich von selber.« Frau von Reut nickte der Freundin herzlich zu. Was diese auch sagte, es hatte immer ihren Beifall. Die Kommerzienrätin rutschte unruhig auf ihrem Kanapee hin und her: »Ich weiß doch nicht. Ich bin allerdings nur eine bürgerlich denkende Frau –« »Hm,« machte Kollege Heim. »Aber ich bin der Meinung – das heißt, ich erlaube mir als treue Freundin des Hauses, der Meinung zu sein, daß, wenn unsre liebe Frau Grossi nach Grundsätzen handelte, sie unmöglich ihre Enkelinnen, die doch von Rechts wegen zur Gesellschaft gehören, Schneiderinnen werden lassen könnte –« »So, was denn sonst, meine Liebe?« erkundigte sich Mama Grossi, während der Kollege sich behaglich, wie in Erwartung eines Genusses, in seinem Stuhl zurücklehnte. »Was sonst?« wiederholte Frau Birkel, »nun, Erzieherinnen, Gesellschaftsfräuleins – meinetwegen auch Künstlerinnen – alles standesgemäßer als Schneiderinnen.« »Soviel ich weiß,« sagte Mama Grossi, »muß eine Erzieherin was gelernt habe, und zur Künstlerin gehört Talent. Bleibt noch's Gesellschaftsfräulein. Habe Sie die Gräfin vergesse, mei liebe Birkel, die als Sonntags zu mir komme isch? War schon über fünfzig. Zwei Jahr lang hat sie nach so einer Stell g'sucht und endlich bei einer reiche Kaufmannswitwe ein Unterkomme g'funde. Was hat ihr nun die Gräfin g'nützt? Oder hat ihr die Gesellschaft, zu der sie gehörte, vielleicht g'holfe? Meine Georginne habe zu nix Talent als zum Kleidermache. Darum solle sie 's Kleidermache lerne. Und wenn sie auf eigne Füße stehe und Geld verdiene, so isch mir des tausendmal respektierlicher, als wenn sie manchmal als die Fräulene von Rebach aus Gnad und Barmherzigkeit zum e adlige Mittagesse eing'lade werde –« »Können Exzellenz verstehen?« wandte sich die Kommerzienrätin an jene. »Ich finde die Sache so klar wie das Einmaleins,« sagte Frau von Reut. Die jungen Mädchen standen unter der Türe des Nebenzimmers und lauschten und kicherten. »Nun, Fräulein von Rebach,« wandte sich die Kommerzienrätin an Leithammel, »man wird immer gefragt, wie es denn um Ihr Talent stehe. Es ist für mich als treue Freundin des Hauses sehr peinlich –« Frau Grossi schuckerte jedesmal zusammen, so oft sich die Kommerzienrätin als treue Freundin rühmte – »Sehr peinlich,« fuhr diese zu sprechen fort, »nie eine Antwort auf diese Frage geben zu können. Dürfte man nicht um eine Probe dieses Talentes bitten?« »Warum nicht,« sagte Leithammel und trat in die Mitte des Zimmers. Ihre Augen öffneten sich weit. Ihre Gestalt wuchs. »Mein ist der Helm,« begann sie mit einer prachtvollen Gebärde der Rechten, »und mir gehört er zu –« Einen Augenblick der Stille. Die Erwartung war groß. Das Mädchen sah wunderschön aus. Da brach sie plötzlich in ein gassenbubenartiges Triumphgeschrei aus, stürzte wie ein Stoßvogel auf das Tütchen der Kommerzienrätin los, eilte damit zu den jungen Mädchen unter der Türe und schüttelte sämtliche Schokoladeplätzchen über die laut schreiende Schar. Alles lachte. Nur die Kommerzienrätin stotterte erbost: »Das ist aber doch zu arg –« »Nicht wahr,« nickte ihr Kollege Heim zu, »nicht einmal vor Schokoladeplätzchen hat die heutige Jugend mehr Respekt –« Manchmal erschien auch das Unnützlein an solchen Sonntagen. Sie blieb ein Fremdling in diesem Kreise. Allein schon durch ihr Aeußeres. Großmama schickte ihr zwar die Kleider aus der Residenz, aber Unnütz, ohne das geringste zu verstehen, ging mit unbeschreiblicher Kühnheit ans Werk, die Dinge ihrem eigensten Wesen anzupassen. Sie trug ihr schönes reiches Haar in einem Knoten mitten auf dem Kopf, während alle Welt den Knoten im Nacken trug. Ging mit freiem Hals, während die Mode hohe Kragen vorschrieb. Unbefangen wie ein Kind erschien sie unter Großmamas Gästen, denn der Gedanke, irgendeine Wirkung hervorzubringen, lag ihrer Seele fern. Am liebsten saß sie wie ein Vögelchen auf Kollege Heims Stuhllehne. Der hatte plötzlich das zärtlichste Großpapagesicht, und die beiden schwatzten und kicherten miteinander wie Schulkinder. Ganz wie der menschenerfahrene Schauspieler erkannte das junge Unnützlein gleich auf den ersten Blick alles Affektierte, Unwahre und Unechte. Sie erzählte dem alten Freund von Meile und den übrigen Bewohnern ihres Dörfleins, und wie sie genau eines jeden Kummer kenne. Auch zu den Hochzeiten komme sie, zu den Kindstaufen. Da sollte er einmal sehen, wie's da zugehe. Da habe jeder sein Gesicht ganz so, wie er ist – aber hier seien die Leute, außer Großmama, alle ganz einerlei. Waren diese Leute gegangen, schlang Unnütz die Arme um Großmamas Hals: »Ich hab' dich ja so lieb – aber gelt, morgen darf ich wieder in mein Dörfle, Großmama?« »Gut,« bekam sie zur Antwort, »geh in dein Bett, Kind, morgen bring' ich dich wieder heim –« »Und bist nicht bös?« »Warum soll ich denn bös sein – du bisch halt mei Landpomeränzle –« Dann saßen sie noch lang beisammen, Großmama, Kollege Heim und Frau von Reut. Der alte Diener Johann servierte in aller Stille ein kleines Abendessen, um dessen Herkunft sich Mama Grossi nicht im mindesten sorgte. Kollege Heim war immer gesprächig, wenn Unnützlein da war. »Feldluft,« stieß er zwischen dem Kauen hervor, »ein Frühlingstraum – so viel zu denken und zu raten – und doch so haarscharf schon gezeichnet –« »Viel von mir, nicht wahr, Kolleg Heim?« warf Mama Grossi dazwischen. »Ja und nein – Sie waren sich des Eindrucks, den Sie machten, immer bewußt, liebe Grossi – haben mit Ihren ›Haschs‹ und ›Bischs‹ viel mehr um sich geschmissen, als gerade nötig war – sich sozusagen selbst mitgenossen, während Sie andre erfreuten. Noch heute –« »Da haben Sie recht,« stimmte ihm Mama Grossi bei, »das liegt in mir – ich mag mich –« Kollege Heim lächelte und klopfte der alten Freundin die Schulter. »Unnützlein,« fuhr er zu sprechen fort, »würde niemals als Schauspielerin Glück haben. Sie ist ein Wesen ganz für sich. Solche machen in der Welt wenig Aufsehen. Aber sie wird immer glücklicher sein als Leithammel.« »Jesses,« seufzte Mama Grossi, »wenn das Mädel nur an unserm Theater engagiert werde tät –« »Das wäre ihr Glück,« nickte Kollege Heim, »der würde es schrecklich schwer werden, klein zu dienen. Uebrigens,« setzte er hinzu, da Mama Grossi ein trauriges Gesicht machte, »Sie können ruhig sein, Ihre Rebächle gehen nicht verloren. Die eine hat den starken Willen – die andre – an solch ein Menschenkind wagt sich ja nichts Gemeines heran –« »Sie Lieber,« freute sich Mama Grossi und warf dem Kollegen eine Kußhand zu. Eines Tages erklärten Großmama und Kollege Heim Leithammel für reif zum Gastieren. Der Enkelin der Mama Grossi öffneten sich alsobald die Pforten des Hoftheaters. Erst aber sollte Leithammel auf kleineren Bühnen sich die nötige Gewandtheit aneignen. »Und den Unterschied kenne lerne,« sagte Großmama, »was unser Theater isch und was ein anders isch. Ich hab immer höre müsse: ›Grossi, Ihne stehe alle große Theater offe, warum ums Himmels wille bleibe Sie denn immer in Ihrem Residenzle?‹ Wo ich aber auf meine Gastspielreise noch hinkomme bin, immer hab ich denkt: Oh, du mei liebs Theäterle auf 'm Schloßplatz, meintwege fehlt dir ein bißle der groß Zug, wie sie sage – Aber dei Sauberkeit isch noch viel mehr wert. Guck, Leithammel, wenn ich's erlebe tät, daß du an unser Theater kämsch –« Großmama fing plötzlich an zu schlucken und auf dem Tisch zu trommeln, und Leithammel machte ein Paar Fäuste in der Tasche und verschwor sich: »Sie soll's erleben! Sie soll's erleben!« Im Spätsommer kamen sie von ihren Gastspielreisen zurück. Beide, Großmama und Enkelin, mit etwas abgeblaßten Wangen. Sie hatten vierunddreißigmal gespielt – Leithammel die Julie, Großmama die Amme. Immer dieselben Rollen an allen möglichen Theatern. Vom Schmutz, durch den die Großmama tapfer watete, hatte Leithammel wenig bemerkt. Sie stand unter guten Fittichen und war im übrigen von ihrer Aufgabe so erfüllt, daß sie weder rechts noch links sah. Die Künstler und Künstlerinnen, die ihr begegneten, mochten aussehen, wie sie wollten, sie sah in allen nur sich, ihr eignes Bestreben, ihr Wollen und Sehnen. Bei der Rückkehr war große Zusammenkunft in Rebach. Alle saßen sie wieder um den runden Tisch im Kinderzimmer, und Großmama erzählte von Leithammels Erfolgen, und Leithammel berichtete von den noch größeren der Großmama. Was aber die Hauptsache war – Leithammel legte den Erlös ihrer Gastspiele – tausend Mark – für ihr geliebtes Rebach hin. Ganz so war's gekommen, wie sie es sich gedacht. »Vielleicht in einem Jahr,« meinte sie stolz, »habe ich Rebach frei –« Daraufhin wagten die Georginen nur schüchtern mit ihren bescheidenen Ersparnissen herauszurücken. Altklug legte Krabb hundert Mark, das Erträgnis für ihren Honig, dazu. »Kinder,« sagte Großmama, »an den Tag wolle wir denke, und wenn wir schon lang grau sind. Wie eine Vorahnung isch mer's, meine Rebächle werde was – 's geht mir keins zugrund. Potz Blitz, wie eure Auge leuchte und eure Bäckle glühe –« »Die Ihren auch, Madame,« flüsterte die Französin. »Und du bisch nit halber so gelb als sonst, mei Cassalele,« bekam sie zur Antwort. Unnütz fing schon an zu bauen. »Wißt ihr was, wir machen aus dem Oekonomiegebäude ein Heim für die alten Weible im Ort – Ihr glaubt nicht, wie schlecht sie es haben – nirgends ist Platz für sie – überall sind sie zuviel – Du hättest sehen sollen, Großmama, wie zufrieden 's Meile gestorben ist. Heidegale – war ihr letztes Wort –« »Du warst ja gar nicht dabei,« fiel ihr Krabb in die Rede, »du bist davongelaufen, wie's mit ihr zum Sterben kam.« »Aber du hast es mir gesagt,« meinte Unnütz, »gelt, Großmama, wir dürfen bauen?« »Ha weisch, Kind,« meinte diese, »jetzt warte wir noch ein bißle. Erst müsse wir doch Rebach frei habe. Das kostet noch Arbeit und Müh genug –« »Da schau,« sagte Leithammel und packte ihre Bluse vornen zusammen, »so mager bin ich davon geworden.« Nun erschrak Unnütz, und aus ihren Augen stürzten Tränen. »Ach Gott, und ich hab' gar nichts getan –« Aber Großmama zog sie auf den Schoß, und Leithammel wischte der Schwester die Tränen ab. »Sie ist die faulste von allen,« grollte Krabb, »und doch wird sie verhätschelt; warum denn, Großmama?« »Ha, weil man die Mensche froh mache muß, auch wenn sie was ang'stellt habe,« bekam sie zur Antwort. Am andern Morgen fanden sich die zusammen, die zusammengehörten. Großmama saß bei ihrem Cassalele. »Ich sag dir,« schwatzte sie, »Blut hab ich g'schwitzt unterwegs – Jesses, hab ich oft gedacht, wenn Leithammel das oder jenes merke tät – nix hat sie g'merkt – die lumpigste Komödiante hat sie für Halbgötter g'halte – und wie's ihne g'schmeichelt hat – zum Totlache war's – Cassalele, Cassalele, sie wird doch bei uns engagiert werde – Leithammel an einem geringen Theater – g'steinigt tät sie werde – denn wenn da eins nit mitmacht, so isch's verlore – die glaube ja lieber an den Teufel als an Anständigkeit. Schenk mir schnell noch ein Täßle Kaffee ein, Cassalele, daß ich meine Bedenke nunterspül –« Sie schaute zum Fenster hinaus: »Da spaziere ja unsre Georginne – wie die Bauere gaffe – ja gelt, so Modedame habt ihr hier noch nie g'sehe, die wie die Katz um den Brei sich um ein Pfützle drehe. Aber brav, recht brav! Nur muß ich mich manchmal frage: Sind sie lebendig oder ausg'stopft? Beim Leithammel und der Unnütz – ach Gott,« rief sie aus, »die zwei sind mei ganzer Staat – wenn ich auch noch nit weiß, was im Unnützle steckt –« In ihrem lieben Schwalbennest saßen Leithammel und Unnütz ganz allein. Da war's fast dämmerig am hellichten Tag, so gründlich hatte sich der wilde Wein das Terrain erobert. Schwere Ranken fielen von der Decke und streiften fast die Häupter der beiden Mädchen. Auf der Erde kroch das Gezweig hin, schlängelte sich gierig an dem wurmstichigen Tisch empor und überzog ihn mit einer grünen, von tausend Tierchen belebten Decke. Das Fenster mit dem Blick in die ferne Rheinebene war fast übersponnen. Leithammel schaffte Luft, indem sie mit beiden Händen in das Blättergewirr griff. »Man merkt, daß niemand mehr da heraufkommt als du, Unnütz,« sagte sie zur Schwester, »du läßt alles wachsen und gehen, wie es will.« »Darum bin ich ja auch die Unnütz,« meinte diese. Leithammel zog sie zu sich auf einen Baumstumpf: »O du Kleine, du Kleine, das Leben ist himmlisch, sag' ich dir – Und was noch alles kommen mag – ich könnt's nicht mehr hier aushalten – entsetzlich, so ein Tag wie der andre – Zum Erleben ist man auf der Welt – zum Erleben großer, wunderbarer Dinge – ach, so wunderbare –« Unnütz hing an den Lippen der Schwester: »Erzähle – erzähle – deine Augen sind so anders, Leithammel – du glaubst nicht, wie anders –« Eine flammende Röte stieg in Leithammels Antlitz, sie hielt der Schwester den Mund zu. Es war so, als kämpfe sie mit sich, aber sie unterlag. »Großmama darf nichts wissen. Unnütz; Großmama ist der Meinung – immer und immer wieder hat sie mir's gesagt – ich dürfe mich nie in einen Schauspieler verlieben – das sei das größte Unglück der Welt –« »Aber Großmama hat's doch auch getan,« fiel Unnütz der Schwester in die Rede. Diese nickte und wühlte mit der Fußspitze in den Blättern am Boden. »Ich will ja auch nicht,« stieß sie hervor, »ich bin ja die Aelteste – ich muß für Rebach sorgen – Ja, das will ich. Aber schön war's doch – wunderschön –« Sie atmete tief. »Wie dein Herz klopft,« flüsterte Unnütz. »Wie die Birke dort ist er, so schlank und biegsam,« jubelte Leithammel auf – »ein so großer, großer Künstler – Zweimal haben wir miteinander gespielt – Wie anders war das – so ganz anders – Vorher, bei all den Romeos – ich dachte an nichts – ich wußte von nichts –« Eine tiefe Röte stieg in ihre Stirne. Es war ganz still. Unnütz saß mit vorgebeugtem Haupte da. Sie lauschte auf die stummen Geheimnisse hinter der Stirne der Schwester, auf alle die Dinge, die diese nicht aussprach, und die wie ein Gewirr von Tausenden von sinnverwirrenden Gefühlen das Haupt der jungen Lauscherin umgaukelten. Ganz leise sagte Leithammel: »Er wird auch am Hoftheater gastieren.« »Weiß es Großmama?« »Nein.« »O Leithammel!« schrie Unnütz auf. »Warum schreist du so,« fragte die ältere Schwester, »du wirst doch nicht glauben – ich werde niemals Großmama kränken – ich gebe dir mein Wort –« »Aber dann mußt du ihr auch alles sagen, Leithammel.« Diese nickte. Sie wollte es, sie kämpfte redlich, als sie mit Großmama wieder in die Stadt zurückgekehrt war. Aber immer, wenn Leithammel gerade in der Stimmung gewesen wäre, ihr Inneres zu offenbaren, sprach Großmama irgendein Wort, ließ sie irgendeine Bemerkung fallen, die dem jungen Mädchen den Mund verschloß. Eines Tages wurde Großmama eine Karte hereingebracht. »Allens,« las sie, »wer isch das? – der Name klingt mir bekannt –« Da gewahrte sie, wie Leithammel sich umsonst bemühte, ein Wort hervorzubringen. Die Türe ging auf, und ein eleganter, schlanker Mensch trat über die Schwelle. Nun erkannte ihn Großmama sofort. Sicher und gewandt eilte er mit den Worten auf sie zu: »Hoffentlich der künftige Liebhaber dieser wohllöblichen Residenz. Ich werde hier als Romeo mit Ihrer Enkelin gastieren.« »Hasch du das g'wußt?« wandte sich Mama Grossi an diese. Leithammel senkte den Blick. Da erfaßte Großmama ein Gefühl unsagbaren Schmerzes. Totenblaß saß sie auf ihrem Kanapee und hörte für einen Augenblick nur wie aus weiter Ferne die Stimmen der beiden jungen Menschen. Diese, ganz nur mit sich selbst beschäftigt, gewahrten nichts von der Veränderung, die mit Mama Grossi vor sich gegangen war. Sie hatte also Zeit, sich aufzuraffen. Prüfend glitt ihr Blick über die elegante Erscheinung des jungen Mannes hin. Ganz jung war er nicht mehr, wohl an die Dreißig. Schadhafte Zähne, dünnes Haar, eine fahle Gesichtsfarbe – verdorben – ach, so ganz und gar verdorben – Und dieses sprühende, leuchtende junge Geschöpf – ›Daß mer so en Kerl nit umbringe darf,‹ stöhnte es in Großmama auf. Er erzählte, eben habe er dem Intendanten weisgemacht, er sei aus sehr guter Familie, und der Herr habe ihm aufs Wort geglaubt. »Zu lächerlich, dieser Wert, den die Leute auf die Familie legen! Ich habe einen Kollegen, eines Geheimrats Sohn – der größte Rüpel, der mir noch vorgekommen ist – darum, welch ein Reiz, die Leute an der Nase herumzuführen, jedem etwas andres vorzumachen – Viele halten mich für den lammfrommsten Gesellen – Wundervoll, wie sie mich gegen jene zu verteidigen pflegen, die in mir der Schlimmsten einen sehen. Ich kann so bürgerlich tun, daß mir brave Seifensiedergattinnen zutraulich Mann und Töchter ans Herz legen –« Großmama schielte immer wieder nach Leithammel. Aber diese, der sonst die Wahrheit über alles ging, saß da wie das Bild vollkommener Anbetung. »Jetzt verstehe ich auch Ihren Romeo,« unterbrach Großmama die Reden des jungen Mannes, »'s hat mir was g'fehlt – die Einheit war's – viele gute Einzelheiten, aber kein Ganzes – Kein Wunder, wenn sich einer so verrupft –« Der junge Mann lachte laut auf: »Sie sind köstlich, Mama Grossi, aus Ihnen spricht die alte Schule – ein Charakter soll der Künstler sein –« »Sind Sie mir still mit dem Wort Charakter,« fiel ihm Großmama ins Wort, »ich hab's von jeher nit ausstehe könne – wie aus lauter blitzeblanke harte Stein isch's g'macht. Nein, ich bin kein Charakter, mei Lieber, dagege wehr ich mich mit Hand und Fuß –« Sie schlug sich gegen die Brust: »Bei mir kommt alles daher – 's Herz muß mer auf 'm rechte Fleck habe, dann wird alles recht – d' Kunscht und 's Lebe und schließlich auch der Tod.« »Leithammel,« sagte Großmama, nachdem der junge Mann gegangen war, »hat dir jetzt des G'schwätz wirklich gefalle könne?« »O Großmama, das war doch kein Geschwätz!« »So. Ja, findsch du so einen Mensch, der jedem was vorlügt, denn wahr und aufrichtig?« »Aber wie der Tag! Er hat ja alles gesagt. Das ist doch eine geradezu großartige Aufrichtigkeit.« Verwundet bis in das Innerste ihres Herzens, schloß sich Großmama in ihr Studierzimmer ein. Da saß sie und schluchzte wie ein Kind. Um sie her die Bilder ihrer heimgegangenen Kollegen und Kolleginnen. Direkt vor ihr das große Bild ihres Mannes. Als Mama Grossi das Taschentuch vom Gesicht nahm, war ihr plötzlich, als ob aus den Rahmen an der Wand lauter blinzelnde, lachende Augen auf sie herniederschauten. ›Haben wir's nicht alle auch so gemacht?‹ schienen sie zu fragen, ›und du, hast du es etwa anders gemacht? – Und sitzest da und tust, als sei das Unerhörteste geschehen –‹ ›Ihr habt gut lache,‹ nickte Mama Grossi ihnen zu, ›das war ganz was andres – Ihr und ich, wir habe alle mehr oder weniger leichts Blut g'habt – Aus kleine Gasse kame wir – unsre Eltern habe kein Tischtuch auf 'm Tisch und keine Glacehandschuh an de Hand g'habt – Man isch unter kräftige Wörtle aufg'wachse und hat draufschlage g'lernt – Mei Leithammel aber kommt aus 'm Wald. Mei Leithammel weiß von nix Falschem, von nix Bösem und von nix Wüstem – Für des Kind isch so e Heirat ein Sturz aus lichter Himmelshöh in de tiefscht Hölleschlund – Da soll man nit heule – da soll man nit heule, wenn man g'meint hat – so, jetzt isch man auf 'm Berg – jetzt isch's g'wonne – Ihr habt gut lache an eure Wänd da drobe,‹ schloß Mama Grossi ihre Rede, nahm Hut und Mantel und Verfügte sich zu ihrer Freundin Reut. Als sie von der zurückkam, war sie etwas ruhiger. Frau von Reut hatte zu ihr gesagt: »Aber Liebe, so gräme dich doch nicht so – meine Töchter haben alle auf ihre erste Liebe verzichten müssen – und ich auch, seligen Angedenkens. Wenn es die Verhältnisse nicht erlauben, so geht's eben nicht. Wir Alten sind dazu da, um die Jugend vor dem Unglück zu bewahren.« ›Also,‹ nahm sich Mama Grossi vor, ›ich werd's nit zulasse –‹ Die Proben für Romeo und Julia hatten inzwischen begonnen. Leithammel ging Großmama aus dem Wege, und diese ließ sie gewähren. Die Hauptsache war jetzt das Gastspiel. Erst nachher wollte sie mit der Enkelin sprechen. So kam der Tag der Aufführung heran. Mama Grossi ging als Amme zwischen den beiden hin und her, köstlicher als je, geschäftig, schwatzend und, ach, mit so blutendem Herzen! Mit tausend Ohren lauschte sie während ihrer albernen Reden nach Julia hin – Ein in Glut getauchtes, vor Leidenschaft fieberndes Wesen, alles mit sich reißend in die heiße, zitternde Atmosphäre ihres Empfindens – so war Julia! Und durch wen? Durch einen Romeo, so blaß und farblos, daß er völlig neben dieser Julia verschwand – Großmama frohlockte: ›Wenn sie das nit sieht – wenn ihr jetzt nit die Auge aufgehe –‹ Es war am Morgen nach der Vorstellung. Großmama und Leithammel kamen spät aus ihren Schlafzimmern. Der Theaterdiener war schon eine Weile da und wartete. Der Intendant hatte gleich nach der Vorstellung mit Großmama gesprochen. Sie hatten sich verständigt. Jetzt kam der Kontrakt, der die junge Künstlerin einstweilen für drei Jahre für das Hoftheater verpflichten sollte. Leithammel jauchzte laut auf. Glückselig lag sie in Großmamas Armen. Erreicht! Erreicht! Mama Grossi saß das Morgenhäubchen im Nacken. »Ach Gott, 's isch wieder kei Tinte im Tintefaß – schnell, schnell,« wandte sie sich an den Theaterdiener, »hole Sie im Leithammel sein Tintefaß –« Der Mann ging. In demselben Augenblick trat Allens über die Schwelle. Mit einem Blick übersah er die Situation. »Ich gratuliere Ihnen,« sagte er zu Leithammel. »Und Sie,« rief sie aus, »Sie sind doch auch engagiert – es ist doch nicht anders möglich –« »Ich bin nicht engagiert – ich habe nicht gefallen –« »Unerhört – o unerhört,« schluchzte Leithammel, »nach einer solchen Leistung – ich begreife nicht – ich hasse ein Publikum, das so, so – blind, so ungebildet – Ich will nichts von einem solchen Publikum wissen – Ich unterschreibe nicht –« Allens hielt sie in den Armen. Und sie weinte und schluchzte und bebte an seinem Hals. Der Theaterdiener wollte mit der Tinte kommen. Großmama hieß ihn gehen. Den Kontrakt könne er später holen. Dann trennte sie die beiden. »Ich will's,« sagte sie, als Allens zögerte, das Mädchen freizugeben. »Ich will, daß Sie mich verlasse,« wiederholte sie. Leithammel geleitete ihn zur Türe, dann wandte sie sich um, flammende Röte im Gesicht, heiße Vorwürfe auf den Lippen. Da nahm sie Großmama ganz sachte in ihre Arme und küßte und küßte sie unter heißen Tränen. »Arms Mädele,« stammelte sie, »arms, arms Mädele – ach Gott, du wirsch mer doch nit verg'rate –« Und Leithammel fiel vor ihr nieder, als habe sie ein harter Schlag getroffen, und schrie und schluchzte: »Nur Gutes – nur Gutes, Großmama, sollst du von mir hören, nur Gutes – Gutes –« V Von Leithammel kamen regelmäßige Berichte an Großmama. Wo sie überall gastiere, sie und Allens, ob sie gefallen, was sie gespielt. Dann von ihrem Engagement an einem größeren Stadttheater. Ein Jahr verging und darüber. Von Allens war nicht mehr die Rede. »Ich frag sie nit, ich laß sie mache,« sagte Großmama zu ihrem Cassalele. »'s isch immer besser, man verpfuscht sich sein Schicksal selber, als andre verpfusche 's ei'm. Arms, arms Mädele! Ich wett, er isch verheiratet und muß sich z'erscht scheide lasse. So isch's gewöhnlich. Aber diesmal isch er an die letz komme. Ich kenn mein Leithammel; eing'stehe tut sie ja nix, da ging sie lieber zugrund. Aber wenn ich in der Nacht aufwach, da fühl ich's in alle Glieder: mei Fleisch und Blut liegt in schwerem Kampf – Ich schick ihr Geld, soviel ich kann, und schreib aufs Anweisungskärtle: ›Deine Großmama, die immer die Arme offen für dich hat‹ – das muß sie wisse. Nix Stupiders auf der Welt als Eltern, die mit ihre Kinder trutze, weil sie ihre eigne Wege gange sind. Der Mann im Mond war auch so einer g'wese. Gott hab ihn selig. Leg ihm ein Kränzle aufs Grab, Cassalele, leg ihm ein Kränzle aufs Grab – Ich bin ja so froh, daß er im Jenseits isch –« Sie kam jetzt immer öfter nach Rebach und blieb immer länger. Sie hauste in den Wohnräumen überm Gang und verwandelte diese allgemach in das warme, liebenswürdige Künstlerheim, wie sie es zum Leben nötig hatte. Schließlich gab sie ihre Stadtwohnung ganz auf und wohnte, wenn sie zu spielen hatte, bei der Freundin Reut. Da nahm sie zuweilen das sich unbeschreiblich nach den Freuden der Residenz sehnende Mondkälble mit, und eine der verheirateten Töchter der Exzellenz fand Gefallen an dem bildhübschen Mädchen. Sie lud es zu Besuch und wollte es nicht mehr hergeben. Cassalele weinte. »Sei nit sentimental, Cassalele,« lachte Großmama sie aus, »freue sollsch dich, Gott danke, daß es so komme isch –« »O Madame,« lispelte die Französin, »Mondkälble ist die einzige meiner Schülerinnen, die sich die Règles de civilité wirklich zu eigen gemacht –« »Ja,« nickte Mama Grossi, »sonst aber isch nix an dem Fratz. Ganz rot isch sie worde, wie ich einmal bei meiner liebe Reut von de Georginne gesproche hab. ›O Großmama,‹ hat sie sich beklagt, ›wie kannst du vor allen Leuten sage, daß meine Schwestern Schneiderinnen sind –‹ Husch, hat sie eine auf ihr netts Mäule g'habt –« Immer seltener wurden Mama Grossis Reisen in die Residenz. Eines Tages erklärte sie: »Jetzt bleib ich ganz bei euch. Wenn ei'm die Gasse so veröde, daß mer kein Mensch mehr begegnet, mit dem man jung war, wird mer in der eigene Heimat fremd, 's isch merkwürdig, wie gleichgültig man in seine junge Jahre aneinander vorbeigeht. Man hat keine Ahnung, wie eifrig man im Alter die paar Häupter zählt, die mit ei'm grau geworde sind. Ich hätt nit gedacht, daß ich einmal zufriede sein könnt ohne mei Theater, ohne mei liebe Reut, meine Gasse und mei Parad. Ich muß lache, wie oft ich mich verschwöre, keine drei Tag hielt ich's in euerm Dörfle aus – Man sollt sich nie verschwöre – Ueberhaupt – die Birkel hat einmal zu mir gesagt: ›Sie wechsle sechsmal im Jahr Ihre Meinunge‹ – ›Ha,‹ hab ich g'sagt, ›und Sie pfeife seit dreißig Jahr immer dieselb Weis – ich weiß nit, ob das unterhaltlicher isch –‹ Weisch, Cassalele, bei dir wird alles Wehmut, bei mir wird alles Genuß. Ich studier jetzt mei Roll für mei letztes Auftrete. So viele Sache sind mir noch nie eing'falle. Der Intendant fragt und fragt: ›Auf wann darf ich Ihre Abschiedsvorstellung ansetzen?‹ Ich schreib allemal: ›Für den nächsten Monat.‹ So hab ich's immer vor mir und freu mich auf mei Publikum. Aber im tiefste Innere weiß ich's ganz genau: – ›Der Gedanke, du stehsch heut zum letztemal auf der Bühn, tät dich ja umbringe‹ – Und ich muß noch eine Weil lebe – Ich hab mein volle Gehalt, ich hab mei schöne Rent von meiner liebe selige Reut – ich kann im Leithammel schicke und schicke – 's geht keinen Mensche was an. Sie war schon an siebe Theater – Und daß es mit dem Allens aus isch – Sie sagt nix davon, aber ich weiß es –« »O Madame,« fiel ihr die Französin ins Wort, »daß sie nicht kommt, und weiß doch, wie Sie sich nach ihr sehnen.« »Die kann nit klein komme, Cassalele,« sagte Großmama, »die kann nur groß komme. Darum schick ich ihr das viele Geld. Sie muß frei sein könne. Abhängigkeit treibt so ein Geschöpf in den Tod. Ich hab das oft mit meiner liebe Reut besproche. Ach, mei liebe Reut! Wie viele war ich Wohltat! Jahr und Jahr sind sie ins Theater g'laufe und habe über ihre Grossi g'lacht. Aber mei liebe Reut, die hat g'handelt – Jede Weihnacht mei bezahlte Konditorrechnung in einem duftige Blumenkörble. Ohne mei liebe Reut säß ich jetzt in Schulde, und wer weiß, was aus 'm Leithammel g'worde wär.« Neben dem Einstudieren ihrer Rolle war Mama Grossi auch sonst noch tätig. Eine Anzahl junger Mädchen, ihre Schülerinnen, kamen allwöchentlich aus der Residenz nach Rebach, um bei der geliebten Künstlerin ihre Stunden weiter zu nehmen. Und das waren immer Freudentage, wenn die munteren Gäste kamen. Statt der früheren Näschereien gab's jetzt Milch und Butterbrot und Honig, und Mama Grossi, schön bis ins Alter und immer fein angetan, ermunterte die Jugend: »Zugreife, Kinderle, zugreife, Milch und Brot macht Wange rot –« »Salz und Brot,« korrigierte sie Krabb. Worauf ihr Großmama einen Kuß auf die rosige Wange drückte. Auch Ernestinens Grobheit amüsierte sie. »Ich weiß doch, und wenn sie mich auch noch so anfahrt, die tät uns alle miteinander aus 'm Feuer hole, wenn's brenne tät. Drum, wenn sie so in der Schafferei isch, ich geh nie an ihr vorbei, ohne daß ich sag: ›Hut ab, Ernstin, Hut ab‹ – 's isch jeder gern g'streichelt, und wenn's auch ein Rauhbein isch –« Nur wenn die Kommerzienrätin Birkel sich erkundigte, ob sie über einen Sonntag kommen dürfe, zeigte sich Großmama hart. »Schreib ihr, Cassalele, ich hätt den Schnupfe, denn vor dem fürchtet sie sich wie 's Wetter.« Als die Französin einmal einwenden wollte: »O Madame, eine so treue Freundin –« »Was treu,« fuhr Großmama im höchsten Zorne auf, »Langweil hat sie g'habt – das war ihr ganze Treu. Dreißig Jahr lang hat sie mir mein Sonntag verpfuscht – Wenn sie jetzt nit weiß, wohin damit, so kann ich nur sage: das freut mich, und zwar von Herze, denn ich bin kei Heilige und will auch gar keine sein. Du bisch eine, Cassalele,« setzte sie liebevoll hinzu. Wenn der Lehrer nicht Schule hielt, war er im Herrenhaus. Bald bei Krabb im Garten, bald bei Unnütz, die nun, ebenso wie Mademoiselle, sich überm Gang, bei Großmama, eine Stube eingerichtet hatte. Die ganze Bibliothek von Mama Grossi befand sich in Unnützens Zimmer. Die Klassiker, eine Anzahl altmodischer Bücher; auch alte Möbelstücke und Sächelchen, die Großmama hatte verschleudern wollen, hatte Unnütz liebevoll für sich gerettet. Sie hatte Freude an solchen alten Schächtelchen oder Bildchen und konnte sie oft lang in der Hand halten und darüber in Betrachtung versinken. Sie hatte feine, zarte Hände, Hände, die nicht heftig zugriffen wie die Leithammels, sondern sich langsam schlossen und innig anschmiegten. »Sie isch mei Augeweid,« sagte Großmama von dem aufgeblühten Mädchen, »aber wenn ich sag: ›Unnützle, hol mir mei Brill im Schlafzimmer,‹ bringt sie mir g'wiß ein Glas Wasser. Wüßt ich in der Umgegend ein erfreulichs Mannsbild, tät ich sage: 's Unnützle isch verliebt bis über d' Ohre – so g'heimnisvoll, so ganz erfüllt von Gott weiß was kommt das Kind daher –« Großmama mußte an die Futterkiste voll Gedichte denken und verfügte sich eines Tages ganz in der Stille in den Stall. Aber die Futterkiste hatte keinen Deckel mehr, und eine Katzenmutter saß drin auf alten Lumpen und leckte ihre Jungen. An einem Sonntag war's, als der Schullehrer über die Maßen feierlich, in Handschuhen und Zylinder, bei Großmama eintrat. Krabb folgte ihm auf den Füßen. Sie war jetzt sechzehn, eine untersetzte kleine Person mit rotem Haar und einer Gesichtsfarbe wie Pfirsichblüten. Sie sah so altklug ins Leben, als habe ihr dieses überhaupt nichts mehr zu sagen. Als der Lehrer schüchtern und hörbar atmend unter der Türe stehen blieb, gab ihm Krabb einen kräftigen Schubs, so daß er fast gegen die mitten in der Stube stehende Großmama angeprallt wäre. Mit großer Rührung, erschüttert, wollte er nach Worten suchen, da trat ihm Krabb zur Seite und sagte so ungefähr, als handle es sich um ihre Bienen oder Kohlraben: »Du, Großmama, wir wollen nämlich heiraten, Hesperus und ich –« »Potztausend,« rief Mama Grossi aus, während ihr belustigter Blick den der Unnütz suchte, die mit Mademoiselle unter der Türe erschienen war. »O wie schön,« rief Unnütz aus und klatschte in die Hände, »jetzt gehört Hesperus für immer zu uns – das freut mich –« »Gelt, wegen der Orthographie,« fügte Krabb. »O Gott, und ihr schönes Französisch,« jammerte Cassalele, »wie schade –« »Warum denn,« sagte Mama Grossi, »ziehe Sie Ihre Handschuh aus, Herr Schwiegerenkel, in dene sind Sie emal gar nit daheim – Gelt, wer hätt das gedacht Anno dazumal, als ich mit meine Rebächle zum erstemal in Ihr Schulhaus komme bin –« »Gottes Wege sind wunderbar,« nickte er, während ihm Krabb mit Aufwendung all ihrer Kräfte die Handschuhe von den Händen zu ziehen suchte. »O Frau Grossi, stehe ich Ihrer hochverehrten Familie denn nicht viel näher, als Sie glauben? Bei Ihnen angefangen, liebte ich heimlich und reinen Herzens eine Ihrer Enkelinnen nach der andern, um endlich bei meiner teuern Krabb Erhörung zu finden und Belohnung für all mein heißes Sehnen.« »Gut, daß Mondkälble fort ist,« sagte Krabb, »denn jetzt muß das aufhören.« Sie verließ das Zimmer, um gleich darauf mit hochroten Wangen und allen Zeichen der Erregung wieder hereinzustürzen. »Großmama, Großmama, Ernstin will keine süße Speise machen; wenn's ein Baron wär', hat sie gefügt, für den Schullehrer tät sie's nicht!« Alle brachen in ein herzliches Gelächter aus. Großmama griff in die Tasche. »Will's ein bißle streicheln, unser Rauhbein.« – Hesperus hing den Lehrer an den Nagel und bezog mit seiner jungen Frau die verlassenen Räume, in denen einstens die Rebächle gehaust hatten. Er verlegte sich ganz auf die Landwirtschaft, und man sah das junge Paar nur bei Tisch, wo sie von nichts anderm als ihrer Obstkultur und Bienenzucht redeten. Von ihrer Arbeit allein hing nun die Erhaltung ihres geliebten Rebach ab. Und sie arbeiteten im wahren Sinne des Wortes im Schweiße ihres Angesichtes. Leithammel, die einst so zuversichtlich die ganze Schuld abzuzahlen versprach, die Georginen, die ihre Mithilfe zugesagt – alle ließen die Heimat im Stich. Obwohl man von den letzteren wußte, daß es ihnen glänzend ging, daß die Aeltere der Georginen sich sogar mit dem Sohne ihres Prinzipals verheiratet hatte. Aber wie früher zu Hause, standen sie auch jetzt genau da, wo man sie hingestellt hatte, und dachten nicht weiter. Und ihre Angehörigen gaben sich damit zufrieden: die Georginen sind versorgt. Mit Leithammel aber war es etwas andres. Leithammel war der wunde Punkt, an den man nicht rühren durfte. Großmama wich aus, wenn man nach Leithammel fragte. Großmamas frisches Gesicht nahm plötzlich einen Ausdruck des Kummers an, wenn man ihre älteste Enkelin erwähnte. Und so wagte auch Unnütz nicht, nach ihrer Lieblingsschwester zu fragen. Sie schrieb ihr wohl oft und immer wieder, aber Leithammel wies sie auf ihre Briefe an Großmama hin. Darin standen nur Tatsachen. Daß sie es an diesem oder jenem Theater nicht ausgehalten und wieder weitersuchen müsse, bis sie das Richtige gefunden. Man möge sie nicht drängen, man möge sie nichts fragen – Auf leisen Fußsohlen ging Unnütz um Großmama herum. Manchmal war's, als wolle sie sprechen, dann plötzlich hielt sie sich den Mund zu und lief lachend davon. »Was hat das tolle Dingle,« fragte sich Großmama, »irgend etwas geht in ihr vor –« Sie sehnte sich nach einem Einblick in das Innere ihres Lieblings. Es war ihr unbehaglich. »Wenn nur keine Dummheit dahintersteckt – wenn mir nur mei Unnützle nit auch zum Theater will,« sagte sie zu ihrem Cassalele. »Die Anzeiche stimme –« Es war, als ob von Tag zu Tag in Unnütz das Herz höher schlüge und ihre Augen freudiger leuchteten. Und eines Abends, als Großmama und Mademoiselle bei ihrem Spielchen saßen, flog Unnütz, die mit den andern gute Nacht gesagt hatte, plötzlich wieder herein. Ohne ein Wort zu sprechen, legte sie ein sein eingebundenes Büchlein vor Großmama hin und einen Briefumschlag. Und rasch, wie sie gekommen, lief sie wieder davon. Mama Grossi aber las die groß auf dem Umschlag stehenden Worte: »Für Rebach.« Und als sie den Brief öffnete, glitt ihr ein Tausendmarkschein in die Hand. Auf dem Büchlein aber stand in goldenen Buchstaben: Meile Die Geschichte einer Glücklichen Von U. von Rebach Im Gemach feierliche Stille. Ein Drehen und Wenden dieses Büchleins. Wiederholte Versuche zu lesen, die immer wieder mißlangen, weil die Augen trotz der Brille so ganz und gar versagten – »Cassalele,« sagte Mama Grossi, »des isch jetzt noch die allergrößt Freud in mei'm Lebe –« Das also war das große Geheimnis, das Unnütz all die Zeit her mit sich herumgetragen. Sie hatte Großmama überraschen wollen. Und was diese auch sagte, wie sehr sie sich dagegen auflehnte, den ganzen Erlös ihrer Arbeit gab Unnütz für Rebach hin. »Großmama,« bat sie, »laß mich doch – mir hat so oft geträumt, ich hätte von der Heimat fort müssen – da war mir zum Sterben.« »Wer hätt das gedacht, Cassalele,« sagte Mama Grossi bei Tisch, »daß es unser Unnützle isch, die einmal das meiste für Rebach tut –« »Nun, die Hälfte kommt doch auf Hesperus,« meinte Krabb, »denn er hat alle orthographischen Fehler korrigiert und alles Geschäftliche besorgt –« »Aber Krabb, wie kannst du –« Der Schullehrer war dunkelrot geworden. »Ja, du bist zu bescheiden, ich muß dir immer das Wort reden –« »Da hast du ganz recht,« nickte Unnütz der Schwester zu, »ich hätte gewiß mein ›Meile‹ nirgends angebracht ohne Hesperus.« »Und mit deinen orthographischen Fehlern,« beharrte Krabb. »Du mußt nicht vergessen, Weibele,« sagte Hesperus, »die Hauptsache ist das Werk. Ich kann nichts korrigieren und nichts anbringen, sobald das Werk nicht da ist.« »Seht ihr, wie bescheiden er wieder ist,« grollte Krabb, »immer stellt er sein Licht unter den Scheffel.« »Ja, das leid du ja nit, Krabb,« sagte Großmama, »auch daß er sein Aeußeres so vernachlässigt, darfsch du nit leide. Dein Mann isch schon einen Krage und ein Krawättle wert.« Hesperus kam in große Verlegenheit. »Zu Haus,« stotterte er, »haben wir in Hemdsärmeln gegessen; 's war halt gar einfach bei uns zu Haus –« »Das isch kei Schand,« fiel ihm Mama Grossi in die Rede, »wir habe auch kei Tischtuch g'habt im Herregäßle. Aber später, wenn man eins hat, muß man sich ein bißle danach zu richte suche –« »Die Welt isch e Lustspiel,« erklärte Mama Grossi des Abends beim Zubettgehen, »der Hesperus kommt mir vor wie einer, der sich zwische die himmlisch und irdisch Lieb g'setzt. Die eine sorgt für sein Behage, die ander für seine Seelennahrung. Hasch nit schon g'sehe, Cassalele, wie er sich hinlunscht, wenn er mit seiner Krabb z'sammesitzt? Aber beim Unnützle, da isch sein Rücke so grad wie e Kerz. Das Kind! Das Kind! Die halb Nacht freu ich mich auf die hungrige Auge, die frage und frage und nie g'nug kriege –« Zwei Künstlerseelen hatten sich in Großmutter und Enkelin gefunden. »Weisch,« plauderte Mama Grossi, »ich hab immer g'wußt, daß was in dir steckt, aber ich hab g'fürchtet, 's isch 's Theater – du glaubsch nit, Unnützle, wie eine Lascht hat's auf mir gelege –« »Aber Leithammel,« wollte Unnütz einwenden. »Die kann sich helfe,« fiel ihr Großmama ins Wort, »die war unglücklich in der Untätigkeit – die wachst im Kampf, du gingsch zugrund. Mit alle Fäserle hängsch du an der Heimat. Wirsch zwar deiner Lebtag ein arms Poetle bleibe, so wie sie früher in ihre Dachstüble g'sesse sind – denn du hasch keinen Ehrgeiz, kei Schneid. Aber wenn du nur zufriede bisch, des isch d' Hauptsach –« Aber die Stunden der Enttäuschung kamen, und die junge, zage, von ihrem ersten Erfolg noch so bewegte Seele wollte verzweifeln – denn auf dies erste Buch, von dem es in einer Kritik hieß: »Wer die Geschichte eines ›Meile‹ geschrieben, darf sich an die Seite unsrer ersten Schriftsteller stellen« –, auf dieses erste Buch folgten Mißerfolge auf Mißerfolge. Mit nichts war der Verleger zufrieden. Denn nicht immer wie bei »Meile« reichte das Geschaute allein. Da und dort, fast überall fehlte das Letzte. Wohl fühlten ihre Liebenden und sprachen mit einer Leidenschaft, einer Innigkeit, wie ein in alle Geheimnisse des Fühlens Eingeweihter nicht tiefer und heißer die Liebe hätte schildern können. Wenn es sich indes um die realen Angelegenheiten einer solchen Liebe handelte, bewegten sich die Begriffe des jungen Mädchens in einer Welt, die nicht existierte. »Schatzele, du bisch e Esele.« lachte Großmama ihr trübseliges Unnützle aus, »hasch g'meint, das geht grad nur so klipp und klar mit deiner Dichterei weiter? In keinem Künstlerberuf geht's klipp und klar, sondern 's isch ein ewigs Nauf und Nunter und Hin und Her. Alle miteinander, die wir eine Kunscht treibe – kein Augeblick stehe wir auf sicherem Bode. Ich darf wohl sage – mein Humor hat keine vor mir g'habt und wird auch so bald keine nach mir habe. Und doch, wie oft isch's vorkomme – e neus G'sicht, e schöne Toilett – weiter nix. – Wer aber ihre Grossi im Stich g'lasse, das wäre meine liebe Residenzler. Oder 's hat sich irgendein blutjungs Bürschle hing'setzt und in unklare Worte bewiese, daß eine meiner beschte Leistunge weiter nix als eine Schnarre sei. Das muß man alles trage, alles schlucke lerne. Nunter mit, und wenn man fascht verstickt, weg über die Dorne am Bode, und wenn sie die Fuß blutig ritze – ›Alle Gewalte zum Trotz sich erhalte –‹ Wenn der Goethe weiter nix g'sagt hätt, verküsse tät ich ihn, wenn ich ihn hätt. – Jetzt schreie sie freilich, meine Residenzler, und greine mir nach. War ich aber bliebe, – ›die alt Grossi isch nimmer zum Ansehe‹ – tät's heiße. So sind sie, die Mensche. Man darf sie nit ernscht nehme – so weit muß man komme, dann isch's Dasein, wenn man sonst noch e gute G'sundheit hat und sein Auskomme und e paar liebe Leut, eine Gab Gottes, die man nit hoch g'nug schätze kann –« Eines Tages sagte sich Krabb: »Großmama ist verändert.« In einer dunkeln Ecke des Korridors teilte sie Mademoiselle diese Wahrnehmung mit. Und die Französin nickte weinend: »Sie schüttet heimlich ihren Kaffee aus, damit ich nicht merken soll, daß sie ihn nicht trinkt.« Die beiden gingen in die Küche, um mit Ernstin wegen Großmamas künftiger Kost zu verhandeln. Die Magd schluchzte in ihre aufgehobene Schürze: »I merk's scho lang – sie ißt nimmer recht – 's isch nit guet in dem Alter – 's isch nit guet –« »Krabb,« sagte Großmama eines Tages, als ihr die Enkelin ein Kraftsüppchen aufs Zimmer brachte, »du bisch 's gebore Mütterle, deine Bube kriege's einmal gut –« »Meine Buben,« rief Krabb in heller Freude aus, »glaubst du wirklich, Großmama?« »Zuversichtlich,« nickte diese, »ich hab's so in mir – du kriegsch lauter Bube, und der Hesperus wird nit ruhe, bis sie alle Professors sind –« Unnütz eilte in diesem Augenblick singend durch den Gang: »Und kommt das Manuskript zurück,« tönte es in die Stube, »Dann ist es aus mit allem Glück! Heidegale! Heidegale!« »Großmama, glaubst du, daß Unnütz jemals vernünftig wird?« fragte Krabb. »Nein, aber dafür bisch du's für zwei; du hasch überhaupt alle meine Erwartunge übertroffe, Krabb!« »Nachdem du auf mich am wenigsten gehalten, Großmama,« meinte die junge Frau in etwas gekränktem Tone, »du hast immer gemeint, Leithammel bringt es am weitesten.« »Ich kann dir nit helfe,« sagte Mama Grossi, »aber ich mein's noch heut. Sie hat's nur schwieriger und braucht darum länger. Du gehsch deinen einfache, gerade Weg, und so isch's recht. Bei dir heißt's immer: ›g'schafft.‹ In der Kunscht geht die Sach nit so glatt. Wenn man in zwei Welte lebt, so isch's kein Wunder, daß man im gewöhnliche Lebe manchmal fünfe grad sein laßt. Drum leg ich dir's Unnützle ans Herz. Ich hab auch immer jemand braucht, der für mich g'sorgt hat. 's gibt halt so Leut, die zeit ihres Lebens ein Mütterle habe müsse. Du bisch mei letzt's. Krabble –« Unnütz, die allein nichts von Großmamas Veränderung bemerkte, kam eines Tages strahlend ins Zimmer gestürzt: »'s war was,« jubelte sie, einen Brief vorzeigend, »mein letztes Geschichtle war was, Großmama –« »Da hat mein Schatzele keinen Wunsch mehr,« freute sich diese. »O doch,« sagte Unnütz und sah ihr bittend in die Augen, »Leithammel wiederzusehen –« Ueber Mama Grossis Antlitz flog ein Schatten. »Was kann ich mehr tun als immer und immer wieder schreibe: Komm –« »Du kannst sie holen, Großmama,« flüsterte Unnütz. Mama Grossi sagte nichts, aber es war so, als atme sie schwer; sie wollte es nur nicht Wort haben und sah zum Fenster hinaus. Plötzlich wandte sie sich um, nahm ihr Unnützle in die Arme und küßte es unter Tränen. – »Weisch 's allerneust,« sagte sie des Abends beim Auskleiden zu ihrem Cassalele, »morge reise wir, 's Unnützle und ich. Wir wolle de Leithammel hole. Gelt, Cassalele, du packsch mir – mei blaus Kleid, mei brauns und mei dunkelkarrierts mit 'm helle Einsatz – Hüt nur zwei. – Ich kann dir gar nit sage, wie mich der Gedanke aufregt – mei Leithammel – mei Leithammel –« Mama Grossi war dunkelrot im Gesicht. Sie atmete schwer: »Gelt, du packsch mir, gelt, du packsch mir–« wiederholte sie immer wieder. »O Madame,« entsetzte sich die Französin, »eine so weite Reise – Sie und Unnütz allein – das geht nicht – das kann ich nicht verantworten. – Ich werde mit Ihnen reisen. Ich bin ja im Reisen so bewandert – wenn man von Paris gekommen ist – denken Sie doch, Madame, von Paris –« Da lachte Mama Grossi – oh, wie sie lachte – »Daß wir nur ums Himmels wille nit ganz wo andershin komme, Cassalele, wir drei Weise aus dem Morgenland – daß wir nur nit wo andershin komme –« Und Mama Grossi kam in der Tat ganz wo andershin, als sie gewollt. – Schon in der Nacht hatte sie ihre Reise angetreten, allein und unbemerkt. Ohne sie zu erschrecken, hatte der Todesengel diese heitere Seele aus ihrem irdischen Schlaf in den ewigen hinübergeleitet. Dann sah man noch eine kurze Zeit die kleine, nun ganz schiefe Gestalt der Französin in aller Morgenfrüh durchs Dorf zum Gottesacker schleichen. Des Abends aber öffnete sie ihren großen, uralten Holzkoffer und strich mit zitternder Hand über das schwarze, sorgfältig ausgebreitete Seidenkleid hin. In diesem schön und würdig gefalteten Kleid wollte das Cassalele ihre letzte Reise ins Jenseits zu ihrer geliebten Madame antreten. Winterstille im Dorf. Keine Seele weit und breit. Im Schnee nur die Fußstapfen des Postboten. Ein paar Raben auf dem Dach des Nachbars. In Stroh gewickelte Brunnen. Dann und wann eine Bäuerin, bis an die Nase in ein Tuch gehüllt – das war das Dorfbild bis zum Schlusse der Schule. Dann ein paar jauchzende Kinderstimmen – fliegende Schneeballen – davonziehende Raben. Gleich darauf abermalige Stille – eine so große Stille, daß man den Schnee auf die weiße Decke am Boden fallen zu hören glaubte– An einem Fenster des Herrenhauses eine schwarze Gestalt mit rotgeweinten Augen, die trostlos einen Stützpunkt in dieser Oede suchten – Unnütz ohne Großmama und Mademoiselle – denn Großmama und Mademoiselle, die waren für sie eins – die waren für sie die beiden Menschen, an denen sie von Kindheit an mit der ganzen Kraft ihrer Liebe gehangen. Sie pflegte die Räume, in denen die Teuern gelebt, als müßten sie jeden Augenblick wieder hereintreten. An dieser oder jener Tür machte sie halt und wartete. Sie verbrachte die Abende in Einsamkeit und Sehnsucht. Krabb kam herüber, auf jedem Arm einen schreienden Buben. »Willst du nicht die Zwillinge ein wenig hüten, Unnütz, ich muß kochen, weil Ernstin wäscht.« »Könntest du mir nicht ein paar Windeln säumen, ich weiß mir nicht zu helfen vor Arbeit –« Immer wieder versuchte sie, die Schwester in ihr tätiges Leben hereinzuziehen. Tat Unnütz, was von ihr verlangt wurde, kam Hesperus. »Um Gottes willen, wie richten dir die Kinder die Stube zu! Du wirst nicht fertig mit dem wilden Volk –« Und er nahm die »Professoren«, wie Mama Grossi seine Buben schon vor der Geburt getauft hatte, beim Wickel. »Versuch's, etwas zu schreiben, Unnütz,« riet er. Sie versuchte es. Umsonst. Um nicht allein zu sein, ging sie des Abends hinüber. Hesperus las seiner jungen Frau einen Artikel über die Ueberwinterungsperiode der Bienen vor oder über Obst- und Weinbau. Wenn Krabb um acht Uhr zu ihren Kleinen ging, suchte Hesperus Unnütz für die Dinge zu interessieren, die in der Welt vorgingen, und las ihr aus der Landeszeitung vor. Der Schnee schmolz, und als die Amseln zum erstenmal sangen, läuteten sie im Dorf das Totenglöcklein. In der nächsten Nachbarschaft des Herrenhauses trugen sie den jüngsten Sohn zu Grabe. Unnütz, die überall Gast war, wo Freud oder Leid im Dorfe Einkehr hielt, Unnütz raffte sich auf und suchte die Nachbarn heim. Die Beerdigung war vorbei. Die ganze Verwandtschaft und das halbe Dorf füllten die zwei Stuben der Leidtragenden. Es wurde geweint und geschluchzt. Dann plötzlich flogen Messer und Gabeln auf den Tisch, die alte Bäuerin trug eine mächtige Suppenschüssel herein, ihre Tochter kam mit Tellern und Löffeln. Es war eine Nudelsuppe mit einem großen Stück Rindfleisch. Der alte Bauer fuhr sich mit dem Rockärmel über die Augen, die bitterlich geweint hatten, langte mit der Gabel das saftige Stück Fleisch aus der Suppe und tranchierte es auf einem Hackbrett. Jeder der Gäste kam mit seiner Gabel und langte zu. Auch die Mutter weinte nicht mehr, sondern tat wie die andern und aß mit Lust. Als die Suppenschüssel geleert war, nahm die Bäuerin sie hinaus und brachte sie frisch gefüllt wieder herein. Diesmal stak ein großes Huhn darin. Dann kam noch Schweinebraten mit Sauerkraut. Es war wenig gesprochen worden während der Mahlzeit. Von Zeit zu Zeit hatte der alte Bauer einen Hustenanfall. Als sie alle satt waren und die Teller von sich schoben, schaute die Mutter ihre älteren Kinder, zwei Söhne und zwei Töchter, die sie seit vielen Jahren nicht gesehen, der Reihe nach an. »Ihr sin au Leut worde,« bemerkte sie, »gelt, Vadder?« »Jo, jo,« nickte er. »'s muß halt e Leich sein, daß mer sich wieder emol sieht,« meinte einer der Söhne. »Der letzt Pfennig isch d'r aufgange für den Leicheschmaus. Das isch uns unser Jüngster wert –« sagte die Mutter. Ein paar dicke Tränen liefen ihr über die Wangen. Dann erkundigte sie sich bei ihren Kindern: »Sin ihr au g'sund?« Diese nickten. Und da der Bauer wieder hustete, meinte eines der Mädchen: »Der Vadder hat's au bös –« »Wer lang lebt, hustet lang,« meinte der Alte, worauf sie alle lachten. Ebenso schnell, wie aufgedeckt worden war ebenso schnell wurde der Tisch geräumt. Nur der Krug mit dem sauern Wein blieb stehen. Die Leute rückten enger zusammen. Mitten unter ihnen Unnütz, die sich nicht rührte, sondern nur schaute. Der neue Schullehrer, städtisch gekleidet, der in Rebach einen Gesangverein gegründet, begann jeder Stimme den Ton anzugeben: »Brü, Brü, Brü, Brü, Brü –« Alsdann setzten die andern ein: »Brüder, reicht die Hand zum Bunde, Diese schöne Feierstunde Führ' uns hin zu lichten Höhn –« Stundenlang saßen sie und sangen Lied um Lied. Der älteste Sohn füllte immer wieder den Krug, der alte Bauer hustete sich nach jedem Lied fast die Seele heraus. »Mann,« sagte die Bäuerin, »nimm e Bröckele Zucker in Mund.« Der Bauer öffnete die Tischlade und holte die uralte, verbogene Zuckerbüchse heraus. Als er sie öffnete, war sie leer. Da klappte er sie ruhig zu, stellte sie an ihren alten Platz und nahm mit seiner heiseren Stimme den Gesang wieder auf. »Mann, hol dir ein Bröckele Zucker aus der Kommod,« sagte die Bäuerin, als der Bauer von neuem hustete. Er stand auf, öffnete die Schublade der Kommode und holte eine blaue Tüte heraus. Da sie alle gerade anstießen und der Schullehrer eine Rede hielt, merkte niemand außer Unnütz, daß auch die Tüte leer war. Ohne ein Wort zu sagen, legte der Mann die Tüte an ihren alten Platz und kehrte zum Tisch zurück. Es wurde Abend. Sie hatten ihre Lieder wieder und wieder gesungen, und ihre Augen glänzten vom Wein. Lebhaft besprachen sie die Arbeit des kommenden Tages, und fröhlich und guter Dinge gingen sie auseinander. Da war Unnütz, als höre sie Großmama sagen: »So isch's recht – so muß es sein! Das isch g'sund!« Und zum erstenmal seit Großmamas Tod hielt Unnütz wieder Umschau in der Welt. Die leere Zuckerdose fiel ihr ein, die leere Tüte, und wie der Mann, der nichts fand, kein Wort der Ungeduld, des Unmuts geäußert. Das schlichte Erlebnis nahm Gestalt an in ihren Augen, es wurde ihr zum Symbol. Zum Symbol der Menschen, die immer suchen und suchen und nicht finden. Am andern Morgen, als sie im Dorfe die Arbeit wieder aufnahmen, als ihr Pflug tiefe Furchen durch die dunkelbraune Erde zog, deren herber Geruch bis ins Dorf drang, da saß auch Unnütz wieder bei der Arbeit. Glühend vor Eifer, durchdrungen von allem, was sie erlebt, schrieb sie die Geschichte der drei Bürgermeister zu Rebach. Die heiterste Geschichte, die sie je geschrieben, aus der alle Gedanken und Empfindungen und Frische der Großmama sprach. Und eines Tages hielt Unnütz wieder ein paar hundert Mark in den Händen. Das erste, was sie tat, war, einen Teil ihres Honorars an Leithammel zu schicken. Das übrige Geld legte sie in ihres Schwagers Hände. »Oh,« frohlockte Krabb, »wie kommt uns das eben so gut!« »Was fällt dir ein,« fiel ihr Hesperus in die Rede, »nicht einen Pfennig rühren wir an. Was sich Unnütz erwirbt, werde ich für sie beim Bankier anlegen.« Unnütz wollte nichts davon wissen. Auch Krabb schmollte. Hesperus blieb fest. Auch von Leithammel kam das eingesandte Geld der Schwester wieder zurück. Von diesem Geld bekam Hesperus nichts zu sehen. Aber Krabb, die Armen im Dorf und Ernstin hatten einen guten Tag. Aus dem ehemaligen Rauhbein war mit der Zeit eine würdige Alte geworden, auf deren Antlitz Tüchtigkeit und Treue die Spuren der früheren Brutalität verwischt. Der selige Baron hatte sich immer der unwirschen Person geschämt, die, wenn zuweilen ein Besuch ins Herrenhaus kam, mit bäuerischer Unmanier Red und Antwort stand. Seit Großmamas Tod hatte Ernstin selten mehr das schwere eichene Tor für einen Besuch zu öffnen. Niemand von des Barons Sippe erinnerte sich mehr seiner Nachkommenschaft. Die Rebächle mit ihrem herrlichen Haarschmuck, die, gleich geringer Leute Kindern, ihr Brot verdienen mußten, hatten aufgehört, zu den Standesgenossen ihres Vaters zu zählen. Unnütz nahm ihr früheres Leben wieder auf. Sie verkehrte mit den Dorfleuten oder verweilte sich im Wald. Sie saß stundenlang droben im Schwalbennest und träumte. Zuweilen aber schaute sie über ihr Dörflein weg in die ferne duftige Rheinebene. Und sie sehnte sich. Sie sehnte sich nach einer Seele, mit der sie sich hätte aussprechen können, so wie sie sich mit Großmama ausgesprochen hatte. Hesperus konnte ihr die Rätsel des Daseins, die immer zahlreicher vor ihrem fragenden Blick auftauchten, nicht länger lösen. Hesperus hatte keine Zeit mehr. Seine Seele war von einer neuen Sehnsucht erfüllt: Meine Söhne müssen studieren. Im Schweiße seines Angesichtes tat er sein Tagewerk, und neben ihm Krabb, voll aufgeblüht, ausdauernd, niemals müde. – Und wie ihr Mann hatte auch sie keinen andern Gedanken als: unsre Buben müssen studieren. So kam's, daß sie immer wieder versuchte, Unnütz die Büblein aufzuladen. Und Hesperus, dem die Arbeit über den Kopf wuchs, holte seine »Professoren« nicht mehr wie früher aus der Schwägerin Zimmer. Aber Ernstin holte sie. Energisch packte sie die kleinen Wilden beim Schopf und brachte sie in die Küche. »Will euch pariere lehre,« drohte sie ihnen, »ihr seid nit von Adel – g'wöhnlichs Volk seid ihr und müßt Hieb habe –« Eines Tages kam die Antwort auf die vielen Seufzer, die Unnütz in die Ferne gesandt. Eine Seele suchte sie auf in ihrer Einsamkeit. Unnütz hielt einen Brief in der Hand, einen Brief voll Anerkennung für ihr letztes Buch, das der Schreiber das volkstümlichste Buch nannte, das er seit lange gelesen. Auf das liebevollste ging er auf alle Einzelheiten der Erzählung ein, unterschob der Verfasserin Absichten und Kenntnisse, von denen sie keine Ahnung hatte, sprach von ihrer Metaphysik, wollte wissen, welchen Lebensweg sie gemacht, um zu der großen Naturphilosophin zu werden, die aus ihrem Buche spreche, und bat sie um ein reichliches Material von Lebensnotizen, da er beabsichtige, einen Aufsatz über das Buch zu schreiben. Er nannte sich Doktor Eduard Forhard. Unnütz glühten die Wangen. Sie las und las. Was hieß Metaphysik, was wollte er mit den Worten: physiologisch und philologisch – Es blieb ihr nichts andres übrig, sie mußte Hesperus fragen. »Das hab' ich einmal alles gewußt,« meinte er nachdenklich, »aber ob ich jetzt noch imstande bin, dir die Sache klar darzulegen –« Er versuchte es. Aber viel Klarheit brachte ihr die Umschreibung der nie gehörten Worte nicht. Sie gestand dies in ihrer Antwort, in der sie schlicht und offen von ihrem Leben sprach, mit einem leisen Ansatz von Humor, der sich noch nicht recht getraute, seine Schwingen zu regen. Sie schrieb voll Demut an den großen Mann, der so freundlich sein wollte, sich für ihr Leben zu interessieren. Großmama war der Hauptinhalt ihrer Lebensnotizen. Sie konnte zufrieden sein mit dem Eindruck ihres Briefes. Doktor Forhard schrieb wieder und wieder. Er schickte ihr Bücher und Bücher. Er lockte ihr alles Liebe und Reizende aus der Seele, und seine Teilnahme war so überzeugend, daß Unnütz mehr und mehr ihre Scheu überwand und dem neuen Freunde ihr innerstes Denken kundgab. Sie war glücklich, überglücklich! Hatte sie nicht schon, noch ein Kind fast, an diesen Freund gedacht, als sie die Futterkiste im Stall mit ihren Gedichten anfüllte! Alles erfuhr sie nun – woran es ihr fehlte – woran die Schuld lag, daß so viele ihrer Arbeiten mißlangen – »Da und dort,« schrieb er bei Besprechung ihrer Schriften, »eine entzückend geniale Idee, ein herrlicher Humor. Und doch das Ganze kein Kunstwerk. Es ist bei Ihnen so: Wächst Ihnen die Form aus dem Stoff heraus, so gibt es etwas Ausgezeichnetes. Müssen Sie aber erst die Form an den Stoff heranbringen, so hapert's –« Sie fühlte sich wachsen unter der Leitung dieses Mannes. Aber nicht immer verstand sie, was er meinte. Sie klagte ihm ihr Leid, er setze zuviel voraus, sie sei zu dumm, um ihn ganz zu verstehen. Forhard hatte in seinen Briefen von seiner Mama gesprochen. Eines Tages kam ein Brief von dieser Mama. Sie und ihr Sohn seien übereingekommen, was Unnütz hauptsächlich fehle, sei die Erfahrung. Ein Schriftsteller, der nichts von der Welt wisse, könne auf die Dauer unmöglich produzieren. Nur aus dem Kontakt mit Menschen könne man Menschen schildern. Und Mama Forhard lud Unnütz ein, den nächsten Winter bei ihr zuzubringen. Rebach verlassen! Von Rebach fortgehen – weit, weit bis in den fernen Norden. – Unmöglich. – Und doch – Schwer, nur mit der größten Mühe entschloß sich Unnütz, ihren Angehörigen die Einladung mitzuteilen. Hesperus nickte: »Das tät' dir gut, das tät' dir gut, man muß etwas von der Welt wissen, wenn man Geschichten erzählen will.« Krabb erklärte: »Du mußt dich vor allen Dingen nach diesen Leuten erkundigen, Hesperus. So ins Blaue hinein lasse ich Unnütz nicht reisen.« Hesperus war in Beziehungen mit einem Gynmasialprofessor in Freiburg. Von diesem erfuhr er, Forhard sei Privatdozent an der Universität in B. gewesen. Jetzt sei er Privatgelehrter. Er und seine Mutter, eine Geheimratswitwe, mit der er zusammmwohne, lebten in guten Verhältnissen. Das also war in Ordnung. Aber die Reise! Unnütz und Krabb waren nie weiter als bis zu der kaum zwei Stunden von Rebach entfernten Residenz gekommen. Jeden Abend erklärte Unnütz: »Ich reise nicht –« Und Krabb atmete auf, und auch Hesperus fiel es wie ein Stein vom Herzen. Dann in der Nacht konnte Unnütz nicht schlafen. Immer wieder kam ihr die Vorstellung: ›Ein Mensch, der mich ruft – ein Mensch, der mich an der Hand nehmen und mir die Welt zeigen – der mich alles lehren will, was ich nicht weiß –‹ Aber das war es nicht allein, die Hauptsache war – die große, große Sehnsucht nach diesem Menschen, der ihr keine Ruhe mehr ließ und sie Tag und Nacht begleitete – Eines Tages erklärte Unnütz: »Ich reise –« Da weinten sie alle drei, und Hesperus preßte hervor: »Ich fahre mit. Ich bringe dich hin –« »Nur bis zur Bahn,« fiel ihm Unnütz ins Wort, »ich fürchte mich nicht, allein zu reisen,« log sie. Krabb atmete auf. Der uralte Holzkoffer von Mademoiselle wurde hervorgeholt, und Unnütz packte ihr bißchen Zeug hinein, das ihn kaum zur Hälfte füllte. In der Frühe sollte Ernstin den Koffer ins Städtchen zur Bahn fahren. In einem seltsamen Aufzug erschien die alte Magd. Ihre sämtlichen Röcke hatte sie an, einen über dem andern. Darüber die fadenscheinige Mantille der seligen Mademoiselle und auch ihr Hütchen, das auf dem breiten Gesicht der Magd wie ein Tüpflein saß. Wuchtig trat sie aus dem Haustor, unter dem die Geschwister, in Tränen zerfließend, Abschied nahmen. Als Krabb beim Anblick Ernstinens in hellem Entsetzen in die Worte ausbrach: »Aber um Gottes willen, wie sehen Sie denn aus!« wurde ihr die Antwort zuteil: »Ich laß mei gnädigs Fräule nit allei in d' Fremd reise – ich hab mich stattlich 'rausputzt, damit's die Leut sehe, die isch e Fräule ›von‹ und hat ihr Bedienung –« Damit nahm sie ihren Karren mit dem Koffer auf: »Hab mich g'nau erkundigt,« rief sie zurück, »bin morge um zehne wieder do –« Damit fuhr sie davon. Hinter ihr drein schritt Hesperus im Sonntagsgewand, das ihm zu eng geworden war, und Unnützlein, dem der Gedanke, nicht allein reisen zu müssen, Schwingen verlieh. VI Leithammel saß in einem wohleingerichteten Zimmer mit altmodischen Möbeln. Sie nähte an einer Gesellschaftstoilette, von Zeit zu Zeit nach der Uhr sehend. Seit Großmamas Geldsendungen aufhörten, mußte Leithammel die Veränderungen an ihrer Theatergarderobe selbst besorgen. Es war kalt im Zimmer, ihre Finger waren bläulichrot. Sie hatte es schwer, mit den Gedanken bei der Arbeit zu bleiben, denn vor ihr lag ein Brief, den sie soeben bekommen. Sie hatte ihn geöffnet – sechs, acht Bogen. Aber sie mußte bei der Arbeit bleiben. Der Brief war von Unnütz. So oft Leithammels Augen ihn streiften, flog ein schmerzliches Lächeln über ihr Antlitz. Wie hatte sie sich verändert! Keine Spur mehr von jener sieghaften Frische, mit der sie ihrem neuen Leben entgegengezogen war. Dieser schöne, kräftig geschnittene Mund schien nur noch Bitterkeit zu kennen. Strenge, ernste, Schmerz und Haß verratende Linien hatten sich um ihn gebildet. Nur die stolzen, wahrhaftigen Augen hatten sich nicht verändert. Immer wieder griff sie nach dem Brief, las ein paar Zeilen, um dann mit erneutem Eifer drauflos zu nähen. Ein leises Pochen an der Türe machte sie auffahren. Es lag Unmut in ihrem »Herein«. Ihre Stirne runzelte sich beim Eintritt der großen, schwerfälligen Frau, die mit einer Tasse dampfenden Kaffees über die Schwelle trat. »Frau Professor,« empfing sie Leithammel, »Sie wissen doch – ich habe Ihnen so oft schon gesagt –« »Ach ja, ja, ich weiß,« nickte die Frau, indem eine dunkle Röte in ihr Gesicht stieg, »mein Sohn sagt mir's ja auch immer – ›laß Fräulein von Rebach in Ruh – kümmere dich nicht um sie – 's gehört sich nicht, Mutter‹ – Aber ich kann's halt nicht lassen. Ich bin halt so; ich kann wirklich nichts dafür. Gelt, tun Sie mir den Gefallen und trinken Sie ein Täßle Kaffee. Den Kuchen hab' ich selbst gebacken. Ach, und so kalt ist's bei Ihnen! Darf ich schnell ein Feuerle anmachen –« »Nein, nein, ich danke,« fuhr ihr Leithammel in die Rede, »mir ist es sehr angenehm, so wie es ist –« »Aber den Kaffee – für heut noch?« bat die Frau. »Nun ja, ich danke Ihnen – aber es ist zum letztenmal – versprechen Sie mir –« »Nein, nein, ich versprech' nichts,« verwahrte sich die Frau Professor, indem sie Leithammel gegenüber auf dem großen Kanapee Platz nahm, »sehen Sie, Fräulein von Rebach, Wort halten ist meine schwache Seit'. Ach Gott, wie oft hat mein Mann zu mir gesagt: ›Balbin, heut bist du einmal ganz still und redest kein Wort.‹ – ›Ja, ja,‹ hab' ich gesagt, ›kein Wörtle, ich versprech's‹ – Ueber einmal bin ich dagesessen und hab' wieder alles gesagt, was ich nicht hätt' sagen sollen –« Leithammel nähte weiter und nahm von Zeit zu Zeit einen Schluck Kaffee. Er tat ihr wohl, denn das ärmliche Mittagessen, das sie sich selbst zurechtmachte, hielt nicht lange an. Die Frau Professor vor ihr, deren kleine Züge wie verloren in der großen, runden Fläche ihres Gesichtes schwammen, seufzte tief auf. »Sie sind so verschlossen, Fräulein von Rebach, nie fragen Sie was. Ach Gott, das tut mir so leid. Ich möcht' doch so gern ein bißle für Sie sorgen dürfen. Aber gleich gucken Sie mich so streng an. Darum vermiet' ich ja – damit ich eins hab', für das ich sorgen kann. Mein Sohn ist den ganzen Tag in seinem Krankenheim. Ich ging zugrund so allein. Ich bin ja nicht gebildet, ich kann ja weiter nix als ein bißle für die Gesundheit und für den Magen sorgen. Ach ja! Früher, wie mein Mann noch gelebt hat, hab' ich immer lesen müssen und Vorträg anhören – 's war schrecklich! So schad' für all das viele Geld. Ich hab' mich doch immer wieder blamiert in jeder Gesellschaft. Ich bin ja doch weiter nichts als ein arms Bauernmädle von Haus. Ich war im Dienst bei ihm und seiner Frau. Gute Leut, ach ja, recht gute Leut, aber ausgesehen haben sie wie die teuer Zeit. Ich hab' dreimal so viel gegessen wie die drin. ›Frau Professor, Frau Professor,‹ hab' ich zu ihr gesagt, ›so kann der Mensch nicht existieren, das ist den Mäus gepfiffen, was Sie auf Ihren Teller nehmen.‹ Richtig, eines Tages stirbt sie. Am Fundament hat's gefehlt – das heißt auf deutsch: am Essen und Trinken. – Ach ja, 's war noch kein Jahr 'rum, kommt der Herr Professor in die Küch und sagt: ›Balbin, Sie müssen meine Frau werden.‹ – Bis in den Tod bin ich verschrocken. Ich hätt's gewiß nicht getan, wenn ich hätt' nein sagen können. Ach ja! 's ärgst war, wie oft's der Bernhardle hat mit ansehen müssen, wie mich der Herr Professor ausgescholten. War der Herr Professor aber zum Haus draußen, oh, da waren wir vergnügt! Die Aermel 'nauf und drauflos geputzt und geschafft und mich gerührt. Das war meine Rettung Sonst wär' ich verstickt.« Leithammel, die diese Geschichte jedesmal zu hören bekam, so oft die redselige Frau bei ihr eintrat, stand plötzlich auf. Die Uhr schlug fünf, die Aufwartefrau klopfte an, um die Garderobe fürs Theater abzuholen. Leithammel machte sich auf den Weg. Nachdem sie ein paar Gassen der großen, belebten Schweizer Stadt durcheilt hatte, stand das Theater vor ihr, ein großer, kasernenartiger Bau. Ein stolzer, fast unnahbarer Ausdruck flog über Leithammels Gesicht, als die Seitenpforte des Theaters hinter ihr zufiel. Auf der Treppe, im Korridor kein Gruß der ihr begegnenden Kollegen und Kolleginnen. Leithammel hatte es mit allen verdorben, da sie nicht teil an der allgemeinen Geselligkeit nahm und es sich mit aller Energie verbeten, in den intimen Umgangston der Kollegen mit hereingezogen zu werden. Die Folge war, daß man sie verhöhnte und Fräulein »Von« nannte. Es war ihr Schicksal. An jedem Theater noch hatten die Kollegen sie gehaßt, weil sie sich fern von ihnen hielt, weil sie eine andre Meinung von der Kunst hatte und immer suchte und suchte nach solchen, die ihre Meinung teilten. Sie duldete nichts, sie verzieh nichts. Gleich war sie bereit, einem unwürdigen Vorgesetzten den Bettel vor die Füße zu werfen. Das ging alles, so lange Großmamas Hilfe ihr zur Seite stand. Jetzt war sie auf ihre Gage angewiesen. Sie spielte die Magda in Sudermanns »Heimat«. Was an Hohn und Spott und Verachtung in ihr war, brachte sie in dieser Rolle zum Ausdruck. Sie wirkte elementar. Aber – »wie schade,« hieß es da und dort, »daß sie so wenig liebenswürdig sein kann –« Die Frau Direktor in der Direktionsloge sagte zu ihrem Gatten: »Das geht nicht länger so fort – seit sie hier ist, nicht eine einzige neue Toilette – die Magda, die überhaupt nur auf Toiletten gestellt ist! Wir müssen gleich nach der Vorstellung mit der Rebach reden, hörst du?« Der Gatte nickte. Er war klein und fett und hatte sehr kurze Arme. An dem tief im Halse steckenden Kopf prangten zwei mächtige Ohren. Er war sechzig und die kleine, behende Gattin dreißig. Im Theater nannte man sie die Regentin. Seidene Unterröcke rauschten um ihre schlanke Gestalt, feine Glanzlederstiefelchen blinkten unter diesen Röcken hervor, und ein starkes Heliotropparfüm bildete ihren Dunstkreis. Sie pochte, den Gatten hinter sich herziehend, an Leithammels Ankleidezimmer. Die Garderobiere verschwand. Die Künstlerin stand vor der Direktorin. Die beiden sahen sich mit Augen an, die einander nichts verhehlten. Die kleine Frau, vor der sie alle krochen, fuhr in höchster Wut auf: »Sie sind eine hochmütige, unliebenswürdige Person, wissen Sie das?« »Ja,« bekam sie zur Antwort. »Aber das gehört doch eigentlich nicht hierher,« meinte der Direktor, »es handelt sich doch –« »Ja,« fiel ihm die Gattin ins Wort, »Sie diskreditieren unser Theater durch Ihre schundigen Toiletten. Das geht nicht länger. Wir können keine Schauspielerin brauchen, die nichts für ihre Toiletten ausgibt.« »Meine Gage erlaubt mir keinen größeren Aufwand,« sagte Leithammel, indem sie ein klein wenig mit der Achsel zuckte. »Hm,« meinte der Direktor mit einem breiten Lächeln, »das ist doch nicht Sache der Gage. Ich habe Ihnen schon oft gesagt, es gibt andre Mittel –« »Für mich nicht,« fiel ihm Leithammel in die Rede, »das habe ich Ihnen auch schon oft gesagt.« »Dann sind wir überhaupt fertig miteinander,« erklärte die Direktorin mit einem schadenfrohen Aufblitzen ihrer Augen, »die Toilettenfrage ist in Ihrem Kontrakt ausdrücklich betont – Sie vermögen ihr nicht nachzukommen – also –« Einen Augenblick war es still. Der Direktor und seine Frau warteten auf den obligaten Verzweiflungsausbruch, der ihren Kündigungen unausbleiblich zu folgen pflegte. Sie warteten umsonst. »So haben wir uns weiter nichts zu sagen,« meinte Leithammel mit einem kaum merklichen Neigen des Hauptes. Der Direktor und seine Frau wußten nicht, wie sie zur Türe hinauskamen. Sie prallten auf der Schwelle aneinander, und ihre Blicke richteten sich zu gleicher Zeit, erschrocken darüber, auf die Künstlerin. Diese wandte ihnen schon den Rücken. Was sie soeben erlebt, es war nichts Neues in ihrer Bühnenlaufbahn. Seit Großmamas Tod war ihr drei-, viermal wegen der Toilettenfrage von größeren Stadttheatern gekündigt worden. Zu Hause erwartete sie ein warmes Zimmer. Ein kaltes Abendbrot stand auf dem Tisch, die surrende Teemaschine. Leithammel war bis auf das äußerste erschöpft. Sie hatte vier Wochen lang fast alle Abend gespielt. Völlige Unfähigkeit, noch irgend etwas zu denken, hatte sich ihrer bemächtigt. Sie aß mit Heißhunger, trank eine Tasse Tee um die andre und streckte sich dann auf dem breiten, weichen Kanapee aus. Die Lampe wurde näher gerückt, Unnützens Brief zur Hand genommen. Und nachdem Leithammel die Bogen der Reihe nach geordnet, begann sie zu lesen: »Ach, Leithammel, ich bin glückselig. Ich hatte eine so große Angst. Höre, wie alles ging. Ich konnte mich nicht entschließen, Dir vor meiner Abreise zu schreiben. Ich fürchtete so sehr, Du möchtest mit meinem Vorhaben nicht einverstanden sein, mich warnen und meinen endlich gefaßten Entschluß wankend machen. Es war aber so in mir. Ich mußte fort. Ich liebte ihn ja längst durch seine Briefe. Ich habe Dir erzählt, wie er mir schrieb, daß ich alles Zeug hätte, eine berühmte Schriftstellerin zu werden, und er mir dazu verhelfen wolle. Ach, so groß erschien mir meine Zukunft, so wundervoll. Ich baute schon in Gedanken Rebach auf, ein Schloß machte ich aus Rebach. Ich sah uns alle reich und unbeschreiblich glücklich. Die Reise fand mich freilich wieder kleinlaut. Ganz schmählich war mir zumut unterwegs. Es fällt mir erst jetzt ein, welch einen komischen Eindruck Ernstine und ich auf die Menschen gemacht haben müssen. Denke sie Dir in einem ganz kleinen verschossenen Hütchen von unserm Cassalele und mit so vielen Röcken, daß sie sich auf ihrem Sitz nicht regen konnte. Auch hielt sie ihren Marktkorb fest auf den Knien, und wenn sie aß, was sie sehr oft tat, versteckte sie sich hinter dem Deckel ihres Korbes. Die Mitreisenden und auch den Schaffner behandelte sie auf das unfreundlichste und bewachte sie mit solch mißtrauischen Blicken, als hätten wir lauter Todfeinde um uns. Und als wir erst in den großen, lauten, von Hunderten von Menschen angefüllten Bahnhof unsers Bestimmungsortes einfuhren! Husch, war Ernstine auf und davon; ich sah sie wie besessen den Zug entlang rennen. ›Wo isch unser Koffer? Wo isch unser Koffer?‹ schrie sie. Alle Leute lachten. Mir aber war das Weinen nahe. Da stand ich mit meiner Handtasche, dem Regenschirm und Ernstinens Marktkorb. Plötzlich trat eine kleine, rundliche Dame auf mich zu. ›Sie sind gewiß die Unnütz?‹ fragte sie. ›Ach ja, ja,‹ rief ich aus. ›Ich bin Tante Rikchen. Die Geheimrätin, meine Schwester, erwartet Sie zu Hause. Sie ist eine vortreffliche Frau, aber sie hat keine Ahnung, wie einem Menschen zumute sein mag, der vom Lande kommt. Da habe ich mir gesagt. Sie wissen vielleicht nicht Bescheid –‹ ›Gar nichts weiß ich, gar nichts,‹ fiel ich ihr ins Wort, ›ich bin Ihnen ja so dankbar, Fräulein –‹ ›Tante Rikchen,‹ sagte sie, ›für alle Welt Tante Rikchen. Wo ist Ihr Gepäckschein?‹ ›Den hat Ernstine.‹ Ich sah nach ihr. Die Unglückliche stand, von einer Anzahl Gepäckträger umringt, die alle furchtbar lachten und auf die sie in der derbsten Weise losschimpfte. Plötzlich brach sie sich Bahn und rannte hinter einem Karren her, auf dem sie den Koffer entdeckt hatte. Da legte sich Tante Rikchen ins Mittel, und im Nu war alles in Ordnung. Der Koffer wurde auf eine Droschke geladen. Ich sollte einsteigen, da fing Ernstine fürchterlich an zu heulen, so daß sie schon wieder die Aufmerksamkeit aller auf sich zog. Tante Rikchen, die mit dem ganzen Gesicht lachte, nahm Ernstine beim Arm: ›Schnell, schnell, einsteigen –‹ ›Was fallt Ihne ein,‹ rief Ernstine und riß sich los, ›in zehn Minute geht jo mei Zug. Zum Mittagkoche muß i wieder daheim sein. Daß nur unserm gnädige Fräule nix g'schieht – i bind's Ihne auf d' Seel –‹ ›Aber, meine Liebe,‹ sagte Tante Rikchen, ›Sie müssen doch erst etwas essen hier im Restaurant –‹ ›I hab mei Futter bei mir,‹ schluchzte Ernstine, renkte mir fast die Hand aus dem Gelenk und eilte ins Bahnhofgebäude zurück, den großen Marktkorb am Arm, das kleine Hütchen von Mademoiselle im Rücken. Tante Rikchen hörte nicht auf zu lachen. ›Ach, die köstliche Person – wie schade, wie schade, daß sie nicht mitkam – die und meine Schwester – na, ich sage Ihnen, die und meine Schwester –‹ Immer wieder kicherte sie laut auf. Endlos kam mir die Fahrt vor. Das Leben in den Gassen, die hastenden Menschen, die vielen Wagen und Trams – mir schwindelte. Ich konnte Tante Rikchen, die immer drauflosschwatzte, kaum ein Wort verstehen. Und dann – du kannst dir denken, wie mir das Herz pochte: Wie wird es sein, wenn wir voreinander stehen – Endlich hielten wir vor einem großen, schönen Haus. Der elegante Eingang, die mit rotem Teppich belegte Treppe schüchterten mich sofort ein. Tante Rikchen sagte: ›Hier präsentieren sich alle neuen Häuser wie Paläste. Ist aber gar nichts dahinter. Meine Schwester wohnt drei, ich vier Treppen hoch. Auch ist hier kein Mensch mehr schüchtern. Das gewöhnt man sich schon in der Wiege ab.‹ Wir standen vor einer verschlossenen Tür mit einem Guckloch. Auf Tante Rikchens Läuten schauten ein Paar Augen durch dieses Guckloch, man hörte das Geklirre einer Kette und das Burgverließ tat sich auf. Ein Mädchen öffnete die Tür in ein hohes, geräumiges Zimmer. Längs der Wände, wo man hin sah, Bücher. Auf den oberen Schafften leuchteten ein paar weiße Marmorköpfe aus dem Dunkel. ›Da sind Sie ja,‹ sagte eine Stimme aus dem Nebenzimmer, wo der Tisch gedeckt war und ein Gaslüster brannte, ›kommen Sie, kommen Sie –‹ Im nächsten Augenblick stand ich vor der Geheimrätin, die mit unbeschreiblicher Sorgfalt Schinken schnitt. ›Schön,‹ sagte sie mit einem kurzen Aufblick, ›Edu wird sich freuen. Er ist tief in der Arbeit, aber die Mahlzeitstunden hält er ein, das habe ich mir ausgebeten. So, du kommst gleich mit?‹ wandte sie sich an die Schwester. ›Ja,‹ nickte Tante Rikchen, ›ich habe Unnützchen abgeholt, sonst wäre sie wohl noch lange nicht gekommen.‹ ›I wo,‹ verwunderte sich die Geheimrätin, ›Tante Rikchen macht sich nämlich immer ein wenig wichtig,‹ belehrte sie mich. Ich stotterte: ›Ich weiß wirklich nicht, was aus mir geworden wäre ohne Tante Rikchen. Es war so furchtbar schwierig mit dem Gepäck –‹ Die Geheimrätin schüttelte das Haupt: ›Hier ist überhaupt nichts schwierig, hier geht alles von selbst. Das einzige, was man zu tun hat, ist, sich dieser über alles Lob erhabenen Organisation zu fügen.‹ Dann wurde wieder ein dünnes, fast durchsichtiges Stückchen Schinken geschnitten. Tante Rikchen, von der ich fortwährend die Empfindung hatte, als amüsiere sie sich über die Maßen, denn immer wieder brach ein kleines Kichern über ihre Lippen, Tante Rikchen meinte: ›Unnützchen steht da wie im Verhöre, du hast sie noch nicht einmal aufgefordert, sich zu setzen, Eidechse –‹ ›Tante Rikchen,‹ fiel ihr die Schwester ins Wort, ›ich habe dir schon hundertmal gesagt, verunglimpfe mir meinen Namen nicht –‹ ›Ich habe Eudoxe gesagt,‹ behauptete Tante Rikchen. ›Nein, du hast Eidechse gesagt, nicht wahr, Unnütz, sie hat Eidechse gesagt?‹ Ich suchte mich auszureden, ich hätte nicht recht verstanden, während mich Tante Rikchen auf einen Stuhl niederdrückte. Die Geheimrätin ist eine große, imponierende Erscheinung von flacher, breiter Gestalt, die Haare, tiefschwarz, liegen ihr glatt ums Gesicht, das sehr regelmäßig und ungeheuer ernsthaft ist. Ein Spitzenhäubchen und ein Spitzenfichu geben ihrem Anzug etwas Vornehmes. Sie hat rasche und eckige Bewegungen und ist sehr kurzsichtig. Sie erzählte mir: Mein Sohn wird eine große Arbeit über die Literatur der Inder herausgeben, daneben hört er nicht auf, sich mit der deutschen Literatur zu beschäftigen. Nichts von Bedeutung entgeht seinem Kennerblick. So hat er auch sofort Ihr Talent erkannt. Sein Hauptinteresse gehört aber der indischen Literatur.‹ ›Ein Unglück, daß er gerade auf die Inder versessen ist,‹ warf Tante Rikchen hin. ›Ich habe dir schon hundertmal gesagt, davon verstehst du nichts,‹ fuhr die Geheimrätin auf. ›Na, ich frage mich nur, was hat man eigentlich von seinem Leben, wenn man mit seinen Gedanken immer in Indien und nie da ist, wo man hingehört.‹ ›Er wird die Mitwelt um einen großen Schatz bereichern,‹ erklärte die Geheimrätin, ›damit hat man das Höchste im Leben erreicht.‹ Mir wurde immer banger vor dem Manne, der mir durch seine Briefe so nahe gekommen war und von dem ich nun hörte, daß seine Gedanken immer in Indien seien. Ein Gefühl der Scham erfaßte mich – waren meine Gedanken nicht all die Zeit her bei ihm gewesen? Und nun war er nicht einmal bei meiner Ankunft da – Tante Rikchen nahm mich bei der Hand: ›Sie haben Ihr Zimmerchen oben bei mir. Meine Schwester sieht über alle Kleinlichkeiten des Lebens hinweg, aber Ihnen ist es vielleicht angenehm, sich des Reisestaubes zu entledigen.‹ Ich folgte dieser Aufforderung mit Eile und fand oben ein sehr hübsches, peinlich sauberes Zimmer, in dem sich Mademoiselles uralter Holzkoffer ganz erbärmlich ausnahm. Ebenso ich in meinem schlichten Lüsterkleidchen, das mir in Rebach so schön vorgekommen war. Ich steckte schnell meine weiße Schleife vor, das Feinste, was ich besitze. Tante Rikchen kam mich abholen, sah sofort meine Schleife und lachte. Alles unnötig. Es sind ganz vortreffliche Menschen, meine Schwester und ihr Sohn, aber es interessiert sie nicht im geringsten, wie ein andrer aussieht. Uebrigens merken Sie sich, Unnützchen, hier schließt man beim Gehen sein Zimmer ab, und lassen Sie ums Himmels willen nie wieder die Vorplatztüre offen stehen, wie eben. Müssen Sie die zu Hause denn nicht auch schließen?« ›Wir haben gar keine,‹ gab ich zur Antwort. ›O Gott,‹ rief Tante Rikchen aus, ›der reine Paradieszustand! Hier bringen sie einen wegen ein paar Mark um. Täglich können Sie zehn Morde in der Zeitung lesen, immer Einbruch. Na, Unnützchen, nur nicht bange, es wird schon schief gehen.‹ Als wir unten eintraten, kam er aus der entgegengesetzten Türe. Er trug eine Brille, durch die er mich zerstreut ansah. Alles an ihm, sein Gang, seine Bewegungen, hatten etwas Unsicheres, Kurzsichtiges. Ich sah das nicht gleich, es lag mir wie ein Nebel vor den Augen. Endlos kam mir der Augenblick vor, da wir voreinander standen und kein Mensch ein Wort sprach, niemand uns zu Hilfe kam und er mich immerfort fragend ansah und verlegen die Hände rieb. Endlich sagte ich: ›Grüß Sie Gott, ich bin die Unnütz.‹ Da war er sehr erfreut und schüttelte mir die Hand, aber so lose, daß sie fast aus der seinen fiel. Sein Gesicht ist klein und bartlos, seine Gestalt – wie soll ich mich ausdrücken? – wie ohne Knochen. Ich muß bekennen, ich war ein wenig enttäuscht, besonders weil sein Wesen so ganz anders ist als seine Briefe. Aber bei Tisch sprach er sofort von meinen Sachen und ganz wundervoll und fast ununterbrochen. Sehr oft sprach seine Mutter zugleich mit ihm, worüber Tante Rikchen leise kicherte. Einmal, als er gerade aß, sagte seine Mutter: ›Unnütz wird also jetzt für eine Weile bei uns bleiben, nicht wahr, Unnütz?‹ ›Ich hab' mich so gefreut,‹ preßte ich hervor. ›Ich habe,‹ korrigierte mich der Doktor. ›Sie sprechen ja Dialekt! Ihre Stoffe sind an und für sich schon volkstümlich genug. Ueber den Dialekt müssen wir wegkommen –‹ ›Ich fürcht',‹ fing ich an zu stottern. ›Ich fürchte,‹ fiel er mir ins Wort. ›Es wird schon schief gehen,‹ sagte Tante Rikchen. Die Geheimrätin warf ihr einen strafenden Blick zu. ›Edu, du mußt sie nicht gleich einschüchtern, sie kommt vom Lande, sie ist deine Sprache nicht gewohnt.‹ ›Ganz wie du meinst, Mama.‹ ›Unnütz muß ein wenig plaudern, nicht, Edu?‹ ›Ja ja, ja ja,‹ nickte er mit großer Heftigkeit, und alle sahen mich an. Da sagte ich: ›Sind Sie wirklich allein in Indien gewesen, Herr Doktor?‹ Tante Rikchen lachte laut auf. ›Sonderbare Frage,‹ gab mir der Doktor zur Antwort. ›Was soll Mama in Indien? Wie steht es aber mit Ihrer Arbeit?‹ ›Ich habe noch keine neue angefangen.‹ ›Was,‹ entsetzt er sich; ›man muß überhaupt immer mit einer Arbeit beschäftigt sein. Ununterbrochen! Was bietet uns das Leben sonst? Sie haben bisher Gestalten und Motive aus Ihrer nächsten Umgebung genommen. Gut. Aber weiter, weiter! In dem »Werde, der du bist« der Inder ist nicht nur das Gute gemeint. Alle schlummernden Fähigkeiten sollen erwachen. Nichts verkümmern. Sie müssen von den falschen Begriffen von Gut und Böse zurückkommen. Noch löst sich alles bei Ihnen in Harmonie auf. Falsch!‹ Ich sah ihn verständnislos an. Er nickte. ›Entwicklung ist Widerspruch. Alle Gegensätze der unmittelbaren Wirklichkeit sind nur relative. Heraus aus Ihrem einseitigen unbewußten Ich! Die Großstadt soll diese Umbildung, diese Erweiterung an Ihnen vollbringen–‹ Ich kann Dir nicht sagen, wie er mir imponierte. Die Geheimrätin fiel ihrem Sohn in die Rede: ›Donnerstag ist unser » jour «, da sollen Sie die bedeutendsten Köpfe der Gegenwart kennen lernen –‹ Er sprach immer weiter. Sie zählte eine Anzahl von Namen an den Fingern auf. Der Kopf schwirrte mir. Tante Rikchen fing an zu kichern, und zwar immer lauter, bis Mutter und Sohn plötzlich schwiegen und die kleine strickende Tante empört anschauten. Sie sagte: ›Ihr redet und redet und merkt nicht, wie dem armen Kinde die Augen zufallen. Bedenkst du denn gar nicht, Eidechse –‹ ›Schon wieder,‹ fuhr die Geheimrätin auf, ›hast du gehört, Edu – Edu, du bist mein Zeuge –‹ ›Ich sagte Eudoxe,‹ behauptete Tante Rikchen, ›wir Geschwister sagten nie anders zu dir, als wir noch in der alten Hirschgasse im Graben spielten. ›Tante Rikchen, du willst mich bloß ärgern,‹ fiel die Geheimrätin ihrer Schwester ins Wort, während der Doktor, ohne an dem Streit teilzunehmen, mit dem Ausdruck tiefster Verstimmung im Nebenzimmer verschwand. ›Wir haben niemals in einer so gemeinen Straße wie der Hirschgasse gewohnt,‹ fuhr die Geheimrätin zu sprechen fort, ›Prinzessinnen sind nicht feiner erzogen worden als wir –‹ ›I wo,‹ platzte Tante Rikchen los, legte ihr Strickzeug zusammen und nahm mich bei der Hand. Die Geheimrätin redete zwar immerzu, aber das genierte Tante Rikchen nicht, ihr mitten hinein eine gute Nacht zu wünschen und mich aus dem Zimmer zu ziehen. Auf der Treppe sagte sie: ›Es sind ganz vortreffliche Menschen, aber falls Sie einen Wunsch haben, liebes Kind, so kommen Sie zu mir. Mein Neffe war zwar zweimal in Indien, aber in seiner Vaterstadt weiß er so wenig Bescheid wie ein dreijähriges Kind. Und auch für meine Schwester hört außerhalb ihrer vier Wände die Welt auf. Na ja, es wird schon schief gehen. – Gute Nacht, Unnützchen –‹ Ich hab' Dir den ersten Abend beschrieben, Leithammel; so sind alle Abende. Weder die Geheimrätin noch ihr Sohn verlassen jemals das Haus. Des Morgens wischt sie die vielen Bücher ab. Dann diktiert er ihr stundenlang. Des Abends strickt sie Strümpfe für einen Armenverein. Ihn sieht man nur bei den Mahlzeiten. Und nie wird bei Tisch von geringfügigen Dingen gesprochen. Schrecklich, wenn er eine Frage an mich richtet. Meine Antworten enttäuschen ihn immer. Er tadelt mich nicht, er sagt nur zu seiner Mutter, sie solle mir diese oder jene seiner Abhandlungen aufs Zimmer schicken. Manchmal des Abends, wenn er das Speisezimmer verlassen hat, erzählt sie mir von ihm, wie er als Kind nie gespielt, sondern immer gelernt habe, ihr Mann habe ihn von der Wiege an unterrichtet. ›Der Geheimrat,‹ sagte sie, ›war der bedeutendste Mann seiner Zeit –‹ ›I wo,‹ rief Tante Rikchen aus und wollte sich ausschütten vor Lachen. Wem soll man nun glauben? Ich war natürlich sehr gespannt auf die Donnerstage mit den bedeutenden Professoren und ihren Frauen. Zu meinem Erstaunen glichen die letzteren in keiner Weise der Geheimrätin, sondern waren fast alle hübsch und sehr elegant gekleidet. Die Sicherheit ihres Auftretens und die unbeschreibliche Gewandtheit, sich auszudrücken, verblüffte mich im Anfang nicht wenig. Sie nannten mich Altertümchen, aber sie waren sehr lieb gegen mich. Nach kurzer Zeit rückten sie von den gelehrten Herren weg und setzten sich eng zusammen. Oh, wie sie klagten! Todmüde waren sie alle, abgehetzt, bis zur Entkräftung nervös von dem, was der Tag und hauptsächlich die Geselligkeit von ihnen verlangte. Und was das Schlimmste war, dieser entsetzliche Donnerstag bei Forhards! Sie genierten sich weder vor Tante Rikchen noch vor mir und kamen überein, der Geheimrätin einen Schrecken einzujagen, indem sie sich vornahmen, von den dünnen Schinkenschnittchen drei statt zwei auf ihren Teller zu nehmen. Nun waren sie wie die Kinder und wollten sich halbtot lachen. ›Wie halten Sie es nur hier aus?‹ fragte mich eine der Damen. Ich fragte zurück: ›Warum kommen Sie, wenn Sie es hier so langweilig finden?‹ ›Ach, liebes Kind, zwangshalber. Er ist eine Kapazität,‹ bekam ich zur Antwort. Forhard sprach immerzu, so daß ich von der Bedeutung der übrigen Herren nicht viel wahrnehmen konnte. Nur einer schrie einmal ganz erbost: ›Sie sind in Indien ebenso in einer Klause gesessen wie hier, Doktor!‹ Da erklärte Forhard: ›Ich habe die Sanskritliteratur an der Quelle studiert und ein überaus wertvolles Material gesammelt.‹ Er hatte etwas sehr Würdiges, als er über diese Dinge sprach. Endlich, man war halbtot vor Hunger, ging man zu Tisch. Ich paßte genau auf, und wirklich, jede der Damen nahm drei von den dünnen Schinkenstückchen auf ihren Teller. Infolgedessen war die Platte leer, als Forhard, seine Mutter, Tante Rikchen und ich drankamen. Das Erstaunen der Geheimrätin war groß. ›Ich glaube, Edu war so interessant, daß ich mich versehen habe,‹ sagte sie und schnitt frischen Schinken auf. Es rührte mich, daß die Geheimrätin mit keinem Gedanken daraufkam, man könne ihr einen Streich gespielt haben. Auch merkte sie nichts von der Absicht, die in dem beständigen Widerspruch lag, den die Damen ihr gegenüber an den Tag legten. Sie sagte nur, nachdem diese gegangen waren: ›Dieses Alles-besser-wissen-Wollen der heutigen Jugend ist der Krebsschaden der Jetztzeit.‹ Sämtliche Damen hatten mich beim Gehen aufgefordert, sie zu besuchen. Die Geheimrätin hatte ihnen geantwortet: ›Wir verlassen niemals das Haus.‹ Und Forhard sprach von meiner großen Zukunft, und daß ich meine Zeit unter keiner Bedingung vertändeln dürfe. Wenn er so spricht, überkommt mich eine unbeschreibliche Freudigkeit. Dann sehe ich mich schon reich, sehe mich imstande, Euch alle glücklich zu machen. Die arme Krabb, die so sparen muß – die Armen im Dorf – Und Du, Du, Leithammel, die ich so lange nicht gesehen. Nicht wahr, wenn ich reich bin, dann sehen wir uns wieder? Tag und Nacht träume ich von dieser Stunde. Ich habe ein kleines Bildchen von Großmama bei mir, aber ich mußte es in die Schublade legen, ich darf es nicht ansehen. Ich werde sonst verrückt vor Heimweh. Weißt Du, ein solches Heimweh, daß ich manchmal schon auf der Treppe war, um auf und davon zu laufen. Ja, und denke Dir, wenn er so gelehrt spricht und kein Ende findet, da kann mich plötzlich eine unerklärliche Sehnsucht überkommen – mittenhinein – Heidegale zu schreien. Heidegale! Heidegale! – Aber damit wär' ja alles aus, meine ganze Zukunft! Er hat es mir oft genug gesagt, nur im Kontakt mit bedeutenden Menschen könne etwas aus mir werden. Und ist es nicht schön, wie er an seiner Mutter hängt? Wie ein kleines Kind folgt er ihr aufs Wort, und es ist rührend, wenn er plötzlich auf sie zutritt und ihr die Brille putzt. Ich liebe ihn ja nicht mehr wie früher, da ich ihn nur aus seinen Briefen kannte. Aber wenn er mich belehrt, dann ist er ganz wie in seinen Briefen. Nicht nur die deutsche und indische, auch die französische und englische Literatur kennt er, und ich kann nur staunen. Sein Gedächtnis ist unglaublich. Auf meinem Zimmer liegen ein paar dicke Bände, die er geschrieben, die Technik des Romans und die Technik der Novelle. Ach, ich habe erst ein einziges Mal hineingesehen. Aber ich habe nicht den Mut, ihm zu sagen, daß mir alles viel zu schwer ist. Ich habe einen so fürchterlichen Respekt vor ihm. Was ich für ihn empfand, alles ist zu Respekt geworden. Nur manchmal, wenn von unbedeutenden Dingen die Rede ist und er plötzlich ein Gesicht macht wie ein ganz kleines Kind – ich hatte nämlich bei Tisch von Rebach gesprochen, von unserm Schwalbennest, von Großmama, wie sie jeden so richtig zu taufen verstanden – es fuhr mir plötzlich alles so 'raus, ich lachte und weinte auch ein bißle – da sah ich, wie Forhard immer unruhiger wurde, wie seine Hände auf dem Tisch herumtappten, bis er sein Glas und das Salzfaß umwarf. Es war zum Totlachen. Ich konnt' mich kaum bemeistern. Tante Rikchen genierte sich nicht. ›Mama,‹ sagte er, ich habe dir doch meine Schrift über den Pessimismus für sie gegeben – Sie müssen diese Schrift beherzigen, Unnütz, sie sich ganz zu eigen machen.‹ ›Ich hab's nicht bekommen,‹ erklärte ich. ›Ich habe es‹ – korrigierte er mich, während die Geheimrätin behauptete: ›Jawohl, ich habe es Ihnen gegeben.‹ Ich wagte nicht mehr, den Mund aufzutun. Tante Rikchen erhob sich: ›Na, ich werde einmal nachsehen –‹ Schon nach wenigen Augenblicken kam sie mit der Schrift aus dem Nebenzimmer zurück. Da sagte die Geheimrätin: ›Unnütz hätte es auch auf der Treppe verlieren können.‹ Ich kann nicht sagen, wie mich diese Worte in Erstaunen setzten. Eine so bedeutende Frau, die nicht sagen kann: ›Ich habe mich geirrt.‹ Ach, Leithammel, nun fragt er mich alle Tage: ›Wie weit sind Sie mit Ihrer Lektüre? Wie weit sind Sie mit Ihrer Arbeit?‹ und sieht mich dabei so unbeschreiblich ernsthaft an, daß ich fast in den Boden sinke vor Scham. Denn ich habe noch nichts getan. Die Geschichte, die ich in den ersten Tagen meines Hierseins im Kopf hatte, auf und davon ist sie geflogen wie ein treuloser Vogel. Und der Pessimismus. Wenn ich zwei, drei Seiten gelesen habe, werf' ich ihn weg und hol mir lieber einen frischen Bogen, um Dir zu schreiben, sonst vergeh' ich vor Heimweh – Weißt Du, daß ich immer mehr drauf komme, daß wir in Rebach gar nicht so arm sind? Die Vögel finden bei uns ihr Futter, die Armen im Dorf ihr Stück Brot, ihre Suppe. Hier kriegen die Vögel nichts, und für die Armen liefert die Frau Geheimrätin zu Weihnacht vierundzwanzig Paar Socken ab. Und damit fertig. Ach, Leithammel, eine neue Sünde! Tante Rikchen nimmt mich mit auf ihren Ausgängen. Wochenlang war ich nicht zum Hause hinausgekommen. Nur immer vom Fenster aus habe ich in die von früh bis spät so belebte Straße hinabgeschaut. Ich, so des Gehens, des Umherschlenderns gewohnt! Und wagte nichts zu sagen. Sie sind dann so verwundert und begreifen nicht, daß man irgend etwas anders haben möchte, als sie es gewohnt sind. Nun nimmt mich Tante Rikchen mit. Sie sagte: ›Drin wissen sie nichts. Sie glauben, ich sitze den ganzen Tag in meinem Zimmer und fühle mich geehrt, seine wissenschaftlichen Arbeiten abzuschreiben. Ein armer Teufel in der Nachbarschaft tut's für mich mit Freuden, für eine geringe Bezahlung.‹ ›Tante Rikchen,‹ wagte ich zu fragen, ›warum sagen Sie nur immer wieder Eidechse?‹ ›Ja, wissen Sie, Kind, das ist wegen der großen Ernsthaftigkeit. Diese Menschen sind ganz vortrefflich, aber sie lachen nie. Ich muß notwendig manchmal lachen, und darum nenne ich meine Schwester Eidechse. Es ist wundervoll, daß sie immer wieder darauf hereinfällt. Wenn ihr jemand sagen würde, daß wir, statt zu arbeiten, spazierengehen, sie würde es für eine Verleumdung halten. Schon zwei Mädchen hat sie fortgeschickt, die mich verklatschten.‹ Schön ist es auf den Gassen, wunderschön! Man muß hier immer eilen, denn alles eilt. Zu meiner großen Freude kehren wir sehr oft in Konditoreien ein, und dann essen wir uns für den ganzen Tag satt. Das Höchste sind mir mit Schlagrahm gefüllte Mohrenköpfle. Tante Rikchen sagt: ›Wissen Sie, Kind, man muß sich zu helfen wissen. Edu und seine Mutter sind ganz vortrefflich, aber von dem, was man einen vernünftigen Appetit nennt, haben sie keine Ahnung. Sie sind schon ganz mager geworden, Unnützchen, Sie müssen sich an meine Tüten halten.‹ Zuweilen begegnet man Armen. Viele sind unendlich schmutzig, tragen Lumpen statt Kleider und haben böse, stiere oder hoffnungslos traurige Augen. Und niemand kümmert sich um sie. Achtlos gehen die wohlgekleideten Menschen an ihnen vorbei. Es ist keine Zusammengehörigkeit wie bei uns in Rebach. Unselig aufgeputzte Mädchen sehe ich, mit frechen Blicken, alte, gebeugte Frauen, denen weiße Strähne ins Gesicht hängen und deren magere Hände sich heimlich nach einer Gabe ausstrecken. Was sehe ich nicht alles, während Tante Rikchen vor den Schaufenstern steht und sich nicht trennen kann! Oft ist mein Inneres so angefüllt von Gesichtern und Elend und Not, daß ich mir vor Sehnsucht nicht zu helfen weiß. Wie eine Fremde sitze ich dann an den Donnerstagen unter all diesen streitenden, ganz nur von ihrer Wissenschaft erfüllten Männern. Was sie denken und was sie sprechen, geht mir lange nicht so nahe wie die Blicke all dieser Armen auf der Gasse. Und doch, was kann ich ihnen nützen? Ohne Tante Rikchen hätte ich nicht den Mut, den Fuß vor das Haus zu setzen. Ich bin und bleib' die Unnütz. Im tiefsten Wald kenne ich keine Furcht, aber vor den Menschen bin ich scheu. Ich hätte auch nicht den Mut, das Lügengewebe zu zerreißen, das sich mehr und mehr um mich gebildet. Wenn sie des Abends bei Tisch fragen, ob wir fleißig gewesen, und Tante Rikchen so wacker draufloslügt, schäme ich mich den gläubigen Augen von Mutter und Sohn gegenüber fast zu Tode – Und doch! Ich hab's so in mir: Aus all den Büchern auf meiner Stube lern' ich nicht, was ich auf der Gasse lern'. Und daß ich nasche – Ich hab Dir's im Anfang nicht gestehen wollen – man verhungert fast in diesem Haus – Sonst, Theater und Konzerte und was Tante Rikchen noch alles mitmacht, darauf lasse ich mich nicht ein. Was ich aber für notwendig halte, das geschieht – Ach Leithammel, ist es denn möglich, ein ganzes Jahr, sagen sie, müsse ich hierbleiben! Es ist ja wahr, schon viel ist anders. Die Donnerstagsgesellschaft hat meine Geschichten gelesen. Die Herren sprachen fast eine Stunde über ›Meile‹. O Gott, wie haben sie mir's zerpflückt! Meile hätte müssen unter ihrem Karren zusammenbrechen, nicht, wie bei mir, im Gutshause vor einem Lichtchen sitzen und friedlich beten. So kindlich und versöhnlich gehe es in der Welt nicht zu, das solle ich mir nicht träumen lassen. Forhard sagte: ›Ich habe ihr meine Schrift über den Pessimismus gegeben. Da werden ihr wohl die Augen aufgehen, wie es um diese schlechteste aller Welten bestellt ist. – Merken Sie sich wohl, nickte er mir zu, ›durch strenge Kritik allein werden Sie auf den richtigen Weg kommen. Kritik bis zur Vernichtung.‹ Ach Gott, Leithammel, wie schwer ist das Leben, wenn man erst vernichtet werden muß! Und doch, es muß etwas Wunderbares sein um den Ruhm! Er, der Doktor, sagt, es sei das Höchste. Man gehe wie auf Sprungfedern. Denke Dir, einer der Herren hat auf Veranlassung des Doktors einen Aufsatz über das ›Meile‹ und ›Die Bürgermeister von Rebach‹ geschrieben. Voll des Lobes, trotz aller tadelnden Stimmen vorher. Jetzt ist die zweite Auflage in Vorbereitung. Heidegale! O Leithammel, wünsche Dir etwas, laß mich Dir eine Freude machen! Du, die Du so lange schon berühmt bist, warum sprichst Du nie davon? Wenn nur nicht alles bei mir so beeinträchtigt wäre durch den Gedanken: Ich belüge sie. Er, der keine Mühe für mich scheut, dem Pflicht das Heiligste ist auf der Welt! Und die Geheimrätin! Neulich sagte sie zu mir: ›Gleich aus Ihren Briefen haben wir ersehen, daß Ehrfurcht in Ihnen ist, Ehrfurcht und Bewunderungsfähigkeit. »So,« hat mein Edu gesagt, »muß ein junges Mädchen sein –« Denken Sie sich meinen Edu mit einer Frau wie eine dieser Professorinnen, die nichts können als widersprechen! Daher, Sie glauben nicht, wie wohltuend Sie für mich und meinen Sohn sind. Lassen Sie sich um Gottes willen nicht von Tante Rikchen beeinflussen. Sie sehen an ihr, wohin Naschen und dieses oberflächliche Sich-über-alles-lustig-Machen führen kann. Die Arme hat keine Ahnung von dem, was das Höchste ist.‹ ›Was ist das Höchste?‹ wagte ich zu fragen. ›Nun, doch die Wissenschaft – was sonst? Entsagen allen gewöhnlichen Genüssen. Meine Schwester nascht. Naschen degradiert, entnervt –‹ ›Das glaub' ich nicht‹, fuhr es mir heraus, ›Großmama hat auch genascht, und wie war sie tüchtig – o so tüchtig –‹ ›Was hat sie denn geleistet?‹ ›Ihre sechs Enkelinnen erzogen und unser Gut vor dem Ruin gerettet –‹ ›Und genascht‹, sagte die Geheimrätin, ›glauben Sie, liebes Kind, wenn sie nicht genascht hätte, würde sie noch viel mehr geleistet haben –‹ Ich sagte nichts, aber ich dachte – als ob ein paar Mohrenköpfle einen schlechter machen könnten! Meiner Lebtag glaub' ich das nicht– Ich sag' Dir, ich laß sie mir schmecken. Kommt mir ein Gewissensbiß – weißt Du, was mich aufrichtet? Wenn ich an Großmamas: ›'s geht alles‹ denk' und im Geist ihr liebes Achselzucken sehe. Denkst Du auch so oft an Großmama? Ich für meine Person glaube, daß nichts so schön ist auf der Welt wie unser Rebach, und hab' ich's zu was gebracht, sollen mich keine zehn Pferd' mehr von dort wegbringen. Jetzt hab' ich Dir einen Folianten geschrieben. Ach Leithammel, da drin ist mehr Heimweh, als Du ahnst! Deine Unnütz.« Leithammel war mit dem Brief zu Ende. Die Blätter lagen rings um sie her, auf dem Tisch, auf dem Boden, den letzten Bogen hielt sie in der Hand. ›Meine kleine Unnütz,‹ murmelten ihre Lippen, ›was wird dein Schicksal sein –?‹ ›Sonderbar‹, fuhr sie in ihrem Gedankengang fort, ›die Enge verschlingt die Menschen genau so, wie jene unbegrenzte Freiheit des Künstlerdaseins sie verschlingt – dieser Professor, der nie lacht, der nur Arbeit kennt, aber unverdorben ist – ohne Argwohn – und Allens, der nichts ernst nahm, dem nichts heilig war –‹ Sie stöhnte laut auf – Lachend, lachend hatte er ihr mitgeteilt: »Ich bin nämlich verheiratet – hat aber weiter nichts zu sagen – man läßt sich scheiden –« Und sie, halb wahnsinnig, händeringend: »Dann bist du nicht – dann bist du ja nicht der – für den ich dich hielt –« Und da sie nicht einging auf seine Vorschläge – »dummes Ding« lautete sein Abschiedswort – Sie hatte diese Rückblicke immer vermieden. Aus Angst, schwach zu werden, war sie den Erinnerungen, wenn sie auf sie einstürmen wollten, entflohen. Nun kamen sie. Jawohl, sie hätte alles erreichen können. Der Ruhm, von dem Unnütz sprach, in den Schoß wäre er ihr gefallen, hätte sie den Weg eingeschlagen, den ihr Großmama vorgezeichnet. Sie aber war einem Elenden gefolgt – und dann hatte sie sich eingebildet, ihren Weg allein machen zu können – hatte sich eingebildet, stark genug zu sein. Liebte sie nicht ihre Kunst, hatte sie nicht das Bewußtsein, ein starkes Talent zu besitzen? Aber nirgends, an keinem Theater fand sie es so, wie sie es sich gedacht – erhofft – Immer und überall Verlogenheit, Gemeinheit – die Kunst, die sie so hochgehalten – wer waren ihre Jünger? Endlich wurde es ihr klar – Allens war noch lange nicht der Schlimmste. Er war wie alle. Und weil sie ihre Enttäuschung nicht zu verbergen vermochte, so bekam sie, wie von ihm, da und dort, leise und laut zu hören: dummes Ding – dummes Ding – Sie erinnerte sich, wie sie mit Großmama gastiert hatte, auch an kleinen Theatern, an Sommertheatern sogar – hatte Großmama geklagt? War sie nicht heiter und freundlich zwischen allen diesen Menschen hindurchgegangen? Sah sie nicht – oder wollte sie nicht sehen? »Sie lügen alle,« hatte sie einmal gesagt, »aber darum sind sie noch lang nit schlecht. Sie gebe ihr Letztes, wenn einer im Unglück isch. Und vor allem sind sie nie langweilig –« Jawohl, Großmama war mit ihrem Theater verwachsen, Großmama ließ sich von nichts zurückschrecken. Bis in ihr hohes Alter spielte sie, immer glücklich, immer schön, nie ihres Berufes müde – während sie, die Enkelin – so kurz erst beim Theater – ach, und schon fühlte sie, daß sie keinem Menschen mehr eine Wohltat war. Daß alles, was sie leistete, daß jedes Wort, das sie sprach, von der tiefen Bitternis ihres Innern durchtränkt war. Wie ein Traum tauchte jene Julia vor ihr auf, wie sie sie einst gespielt mit dem heiligen Feuer ihres unentweihten Herzens. Sie konnte keine Julia mehr spielen mit ihrer Herbheit, ihrem Haß – sie haßte ihren Beruf – so heiß wie sie ihn geliebt, haßte sie ihn jetzt – ›Was tun?‹ zermarterte sie sich den Kopf, ›womit könnte ich mir mein Brot verdienen –?‹ Die schwerste Arbeit wollte sie auf sich nehmen – nur weg – nur vom Theater weg! Sie war anders als Großmama, die Biegsamkeit, der leichte Sinn ging ihr ab – und dann – sie war sich so klar, so entsetzlich klar – ein Gesicht, dem Verbitterung und Ekel ihren Stempel aufgedrückt – herb, bis zur Schroffheit unliebenswürdig – – war's nicht lächerlich, ein solches Geschöpf und Schauspielerin? Und doch – ohne Mittel – eine Schiffbrüchige – verarmt in jeder Hinsicht – sie – sie– von der Großmama das meiste erhofft – so in die Heimat zurückkehren – so vor Krabb hintreten – »Nein! nein! nein!« schrie Leithammel auf, »lieber – tausendmal lieber weitermachen wie bisher –« ›Und noch tieferes Elend erfahren?‹ fragte eine Stimme in ihr. Da weinte sie laut auf. Da wand sie sich auf ihrem Lager und rang die Hände und hob sie zum Himmel: »Großmama, Großmama – wie du mich damals nahmst in deine Arme – ach, noch einmal – noch ein einziges Mal so hilfreich – so gütig – an ein Herz genommen werden – ich kann ja nicht mehr – der Ekel bringt mich um – ich bin ja gar keine Künstlerin – sonst müßte ich's doch überwinden – wie du alles überwunden hast – Großmama –« Tränen erstickten ihre Stimme – es gab ihr solche Stöße, daß sie fast schrie – sie dachte an nichts mehr, daß Menschen neben ihr wohnten, daß man sie hören könne – sie konnte nicht mehr denken – sie erlag ihrem Schmerz – Es ging auf zwei Uhr in der Nacht. Im Zimmer nebenan saß Doktor Renk. Die Mutter war längst zu Bett. Es war kalt, aber er rührte sich nicht von der Stelle. Er saß hier seit Stunden und hörte diesen Schmerz mit an. Wenn er die Künstlerin zufällig auf der Treppe getroffen hatte oder im Zimmer war, wenn sie einmal kam, wie sprach sie da immer so heiter, ja beinahe lustig! Als fehle ihr gar nichts, als gehe es ihr über alle Begriffe gut. Nie ein Wort der Klage, während doch ihre Augen aus tiefen Höhlen schauten und ihre ausdrucksvollen Mundwinkel kaum das Zittern zu verbergen vermochten, das schlaflose Nächte und körperliche und seelische Überanstrengung verschuldet. Aber er war Arzt, sie vermochte ihn nicht zu täuschen. Und er kannte das Schluchzen und Zu-Gott-Schreien aus den Tagen seiner Kindheit, wenn im Schlafzimmer der Eltern die Stimme des Vaters ertönte, so hart, so grausam scharf, und die Mutter sich unter Tränen zu entschuldigen suchte, daß es ihr wieder und wieder nicht gelungen war, ihre Sache recht zu machen. Da hatte er geweint und geschluchzt in seinem Kinderbettchen und zu Gott gerufen, gerade wie das arme Geschöpf daneben jetzt weinte und schluchzte und zu Gott rief. Das war Renks Kindheit. Groll gegen den Vater, unendliches Mitleid für die Mutter. »Nun lebe, wie es dir paßt,« war das erste, was er zu ihr sagte nach dem Tode des Vaters. Und sie kochte und fegte und war guter Dinge. »Gott sei Dank, daß keine vornehmen Leut mehr ins Haus kommen –« Sie konnte es nicht oft genug wiederholen. Aber der Sohn darbte. Er war ein Mensch von großer Kraft, breitschultrig, mit stark ausgebildetem Kopf. Das stolze, aufrechte Mädchen daneben interessierte ihn. Er stellte sich ihre Züge vor, wenn Liebe und Glück statt Hochmut und Bitterkeit aus ihnen spräche. Sonst pflegte der Doktor regelmäßig des Sonntagmorgens einen Ausflug zu unternehmen. Seine Erholung nach der unbeschreiblichen Anstrengung der Wochentage. Heute blieb er zu Hause. Er wußte, nach dem, was er am Abend vorher mit angehört, die Künstlerin mußte kommen, um ihre Wohnung zu kündigen. Er hörte, wie in ihrem Zimmer Koffer hin und her geschoben wurden. Sie war schon in voller Tätigkeit. Der Doktor saß und wartete. Es pochte. Im nächsten Augenblick trat Leithammel über die Schwelle. Die Anwesenheit des Doktors verwirrte das junge Mädchen. Sie fragte nach der Frau Professor. Renk rief die Mutter aus der Küche. Sie kam mit hochrotem Kopf und zurückgeschlagener Schürze. Leithammel trat ihr entgegen: »Frau Professor, ich muß Ihnen zu meinem Kummer die Wohnung kündigen – ich werde schon in den nächsten Tagen die Stadt verlassen –« »Was!« rief die Professorin aus, »ach du lieber Gott –« Und fing sofort an zu weinen. »Wollen wir nicht Platz nehmen?« fragte der Doktor. »Nein, das kann ich nicht«, erklärte seine Mutter, »'s verbrotzelt mir ja alles draußen – du lieber Himmel, schon wieder ein Abschied – ich kann kein Abschiednehmen mehr vertragen –« Sie hatte das Zimmer verlassen. Der Doktor wies mit einer energischen Handbewegung nach einem Stuhl. Nun saßen er und Leithammel einander gegenüber. »Sie wollen sich nach einem neuen Engagement umsehen, Fräulein von Rebach?« »Ja.« »Sie sind kaum imstande, fürs erste Ihr bisheriges Leben fortzusetzen. Ich spreche als Arzt. Sie brauchen keine Angst zu haben, Fräulein von Rebach, ich dränge Ihnen meine Teilnahme nicht auf. Wie ich jetzt zu Ihnen spreche, würde ich zu jedem sprechen in diesem Falle. Sie können ja einfach nicht mehr –« »Ich –« wollte ihm Leithammel ins Wort fallen. Er schüttelte den Kopf: »Hören Sie mich zu Ende.« Seine Augen sahen sie fest und unverwandt an, und in diesen Augen lag nicht die Spur eines persönlichen Gefühls, weder Wohlgefallen, weder Mitleid. Feste, sichere, zielbewußte Arztaugen sahen sie an und hielten sie im Banne. »Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen, falls es nicht in Ihrer Absicht liegt, sich zugrunde zu richten. Machen Sie eine Pause. Und zwar, indem Sie sich, wenn auch nur für eine kurze Zeit, einer andern Tätigkeit zuwenden. Eine Tätigkeit brauchen Sie, das ist selbstverständlich.« Sie sah ihn an. Sie wollte sprechen, aber etwas krampfte ihr die Kehle zusammen. Sie wußte nicht, wie unsagbar hilflos ihre Augen an dem Munde dieses Mannes hingen. Er hatte alle Mühe, sachlich zu bleiben. »Treten Sie in meinen Kurs zur Erlernung der Krankenpflege,« fuhr er zu sprechen fort, »dies wird zugleich eine Erholungszeit für Sie sein. Meine Mutter wird Sie mit Freude pflegen. Ich weiß nicht, ob Sie Sinn für Krankenpflege haben. Aber ich bin überzeugt, Sie geben sich der Sache mit Ernst hin. Damit wäre viel gewonnen.« Leithammel war während der Rede des Doktors abwechselnd rot und blaß geworden. Als lese er ihr die Gedanken von den Lippen ab, meinte er leichthin: »Sie treten alsdann für ein Jahr als Schwester in mein Krankenheim – natürlich ohne Bezahlung. Damit wäre Ihr Leben hier im Hause samt Ihrer Lehrzeit wettgemacht.« »Ich fürchte – ich bin – so hart,« meinte Leithammel in zögerndem Tone. »Das ändert sich,« sagte der Doktor, »die Kranken sind gute Erzieher. Entschließen Sie sich, Fräulein von Rebach.« Sie erhob sich rasch, ihr Atem ging hörbar: »Ich danke – ich nehme Ihr Anerbieten an.« Leithammel hatte ihr Pflegerinnenexamen bestanden. Ihre Wangen waren wieder rund, ihr Tun tüchtig, von einem klaren Geist und guten Willen geleitet. Sie versah ihr Amt mit der größten Gewissenhaftigkeit und freute sich, wenn bei schwierigen Fällen Doktor Renk sie an seine Seite rief. Bald verdiente sie auch hier wie einst zu Hause den Namen Leithammel, denn sowohl des Morgens als des Abends, sie war immer die erste und letzte auf den Füßen. In ihrer Seele sah es vorläufig noch aus wie in der Natur nach einem schweren Gewitter. Ruhe, nur Ruhe, kein Denken, kein Besinnen – Nur das eine erlösende Bewußtsein – keine Rückkehr mehr – Ihre Hände waren leise und geschickt. Sie vergaß nichts, keine Mühe war ihr zu groß – Aber, aber diese so klarsehenden Augen! »Ach, Herr Doktor,« klagte eine schwerkranke alte Frau, »Sie geben mir immer Hoffnung, aber die Schwester sagt kein Wort; man braucht ihr nur in die Augen zu sehen, da weiß man genug –« Leithammel stand mit dem Doktor an diesem Krankenbett. Ein paar Tage vielleicht hatte die alte Frau noch zu leben. »Herrgott,« rief der Doktor aus, »die Schwester denkt gar nichts. Das sind eben ihre Augen. Sie haben ja ein Herz wie ein junger Has! Sie können uns alle miteinander noch überleben. Im Frühjahr stehen Sie wieder auf, und im Sommer sitzen Sie in Ihrem Garten.« Da lachte die Frau: »Ach Gott, und ich hab' schon gemeint, ich seh' unsre Nelken nimmer! Ja, wenn man halt ein gesundes Herz hat!« So ging dieser Mann von Bett zu Bett, und Leithammel mit ihm, und alle seine Worte waren Lügen – Lügen, die eingefallenen Wangen einen Hauch von Röte verliehen und halberloschene Augen zum Aufleuchten brachten. Er sagte nicht zu Leithammel: »Sie müssen es machen wie ich –« Er sagte nur: »Kommen Sie mit –« Da sah sie genug. Wie die Güte wirkte, sah sie, welch unbegrenzte Dankbarkeit ein liebevolles Wort, ein Wort der Ermunterung, ein Lächeln hervorrief. Denn sie hingen alle am Leben, die Aeltesten und Kränksten wie die Jüngsten, aller Augen sehnten sich nach Täuschung, nicht nach Wahrheit – Und Leithammels spröde Lippen begannen, stockend erst und ungeschickt, es dem Mann gleichzutun, dessen Worte Hoffnung brachten von Bett zu Bett. Und als sie merkte, wie von Tag zu Tag die Blicke der Kranken sehnsüchtiger und dankbarer zu ihr aufblickten, da brauchte sie sich keine Mühe mehr zu geben, die guten Worte traten ihr von selbst auf die Lippen, von selbst kam das Lächeln, das die Herbheit aus ihren Zügen bannte. Ein heimliches, freudiges Werden erfüllte ihr Inneres – Zu etwas gut sein – einen Platz auszufüllen in der Welt – Immer seltener dachte sie an das Erlittene, Erduldete. Trotzdem gab es Augenblicke, da überkam sie es wie Angst – dann erschien sie sich selbst wie eine Fremde, und die Frage stieg in ihr auf: ›Werde ich immer so bleiben können?‹ Eines Tages kam sie dazu, wie Renk einen Wärter eines groben Versehens wegen zur Türe hinauswarf. Leithammel machte große Augen. Der Doktor fuhr sich über das erglühte Gesicht. »Ja, ja, Fräulein von Rebach,« meinte er mit einem eignen Lächeln, »wir ändern uns nicht, bilden Sie sich das nicht ein. Das einzige, was wir zu erreichen vermögen, ist die Einsicht, daß wir unrecht haben. Also verzweifeln Sie nicht, wenn einmal eines Tages Ihre schöne Engelhaftigkeit nachlassen sollte. Was uns nicht natürlich ist, hält nie lange an.« Leithammel wurde dunkelrot. Sie verstand sofort, was er mit diesen Worten meinte. Ja, sie hatte sich verstiegen; sie war, ihr alter Fehler, wieder einmal zu scharf ins Zeug gegangen. Die Blicke des Doktors suchten die ihren. Da war ihre Verlegenheit auch schon überwunden. Sie lachte. Er nickte ihr wie einem Kameraden zu. »Eine sehr strenge Erziehung von frühster Kindheit an macht viel aus. Eine kolossale Selbstbeherrschung kann dadurch erlangt werden. Aber wie viel geht auch dabei verloren! Alles Eigne oft. Und das Eigne ist doch immer die Hauptsache.« Mit einem Seufzer der Erleichterung stieg Leithammel von der Höhe herunter, zu der sie sich mühsam hinaufgequält hatte. Eigentlich war ihr jetzt erst wohl. Sie lachte insgeheim über ihre frühere Feierlichkeit. Und daß Renk sie durchschaut hatte! – Ja, der hatte Augen! Sie sollten nichts mehr an ihr zu tadeln finden. ›Jetzt,‹ sagte sie zu sich selbst, ›Jetzt erst bin ich frei –‹ Und sie nahm sich vor, endlich an Unnütz zu schreiben. Oh, sie freute sich auf ihren freien Sonntag – alles, alles wollte sie der Schwester mitteilen. Samstag vormittag wurde sie in die Stadt geschickt zu einer Kranken, welche die Anstalt verlassen, aber noch der Hilfe brauchte. Leithammel eilte die Straße entlang, und plötzlich – Richtig, sie war ja in der Nähe des Theaters. Dort an der nächsten Ecke, wo sie vorbei mußte, standen ihre früheren Kollegen – wie immer vor Beginn der Probe. Leithammel merkte auf den ersten Blick, auch sie war erkannt worden. Ein Tuscheln entstand. Alle Mienen hatten sich verfinstert. Hatten sie Böses vor? Es sah nicht geheuer aus. Umkehren? Nein. Die schlanke Schwester schritt fest an ihren früheren Kollegen vorbei und neigte freundlich grüßend das Haupt. Wie die Hüte flogen, wie sie nickten, die ehemaligen Kolleginnen – dann große Stille. Leithammel fühlte, wie aller Blicke ihr folgten. Was war nun geschehen? Ein freundlicher Gruß, und all die gerunzelten Stirnen hatten sich geglättet – ›Eigentlich habe ich immer alles verkehrt angefangen,‹ sagte sich Leithammel, ›mein ganzes Leben habe ich verkehrt angefangen – Ich wollte die Menschen lehren, wie sie sein sollten – O Großmama, du Weise, du Gütige, welchen Weg habe ich machen müssen –‹ Sie flog dahin. Alle Kraft mußte sie anwenden, um nicht laut aufschluchzen, laut aufzujubeln – ›Gesegnet sei mein Leben,‹ betete es in ihr, ›gesegnet sei mein Leben, das mich so geführt –‹ Sonntag war sie schon in aller Frühe auf, um ihren Brief zu schreiben. Zur Hälfte schon stand ihre Beichte auf dem Papier, da brachte ihr der Postbote ein Schreiben von Unnütz. Es enthielt die wenigen Worte: »Leithammel, um Gottes willen steh mir bei! Ich soll mich mit ihm verloben. Ich kann nichts machen. Ich kann mir nicht helfen. O komm wie früher und rette mich aus meiner Not! Unnütz.« Leithammel fand den Doktor noch zu Hause, eben im Begriffe, seinen sonntäglichen Ausflug zu unternehmen. Sie bat um Urlaub auf einige, vielleicht mehrere Tage. Bevor sie ihm jedoch den Grund ihrer Reise mitgeteilt, unterbrach er sie rasch, beinahe schroff: »Ich kann Sie jetzt nicht entbehren. Verschieben Sie Ihre Reise.« Das Blut stieg Leithammel in die Stirne. Sie antwortete ebenso schroff: »Ich muß jetzt reisen. Ich bitte um Urlaub.« Aus Trotz verschwieg sie jetzt den Grund. Der Doktor eilte die Treppe hinab. »Gut, gut, reisen Sie – machen Sie, was Sie wollen –« VII In Rebach zwitscherten die Vögel. Die Morgensonne drang durch die offenen Fenster des Gutshauses und schien sich zu verwundern, daß an einigen die Rouleaus noch herunter waren. Zwei Buben flogen aus dem offenen Haustor. Ernstin kam hinterdrein. »Nur kein Lärm, ihr Professore, wenn ihr schreie wollt, schreit drübe über der Wies' – aber auf die Sonntagskleidli achtgebe, sonsch – Ja freili,« wandte sie sich an ein kleines, dickes, hinter den Buben drein watschelndes Mädchen, »der Nachtrab bleibt daheim –« Damit nahm sie die Kleine auf, hielt ihr den Mund zu und verschwand im Haus. Krabb trat ihr entgegen: »Schlafen sie denn noch immer?« »'s isch jo erst siebene,« bekam sie zur Antwort, »in der Nacht um eins habe sie mir ans Fenster klopft – bin fast g'storbe vor Freud – Schnell hab i ein zweites Bett aufg'schlage in der Großmama ihrem Zimmer – Ach Gott, ach Gott, daß wenigstens drei von unsre Sechse wieder daheim sind –« »Aber –« wollte Krabb einwenden. »Nur Geduld,« wurde sie unterbrochen, »Sie wisse nit, was Reise isch. Ich weiß es. Do tun eim alle Knoche weh und der Hals noch dazu, denn man muß nix als schreie, daß man zu seim Recht kommt –« Hesperus erschien, noch ein wenig rundlicher, noch ein wenig vernachlässigter im Aeußern. Er nahm sein übereifriges Weible beim Arm: »Komm, zieh dich zur Kirche an und laß die beiden schlafen, solang sie wollen – 's muß nicht immer alles nach der Uhr gehen –« Sie fügte sich seufzend: »Ich bin so neugierig – Gott sei Dank, daß Sonntag ist und man Zeit hat. Denke dir, ohne alles Gepäck sind sie angekommen. Und Großmama, die von Leithammel und Unnütz so viel gehalten –« Als es zur Kirche läutete, schritten die Gutsleute im Sonntagsstaat mit ihren zwei Buben durch die breite Dorfgasse, zwischen den in allen Gärtlein und Gärten bräutlich erblühten Kirschbäumen. Noch immer hatte die Sonne keine Ruhe. Wo sich ein Spalt zeigte, suchte sie neben den leinenen Rouleaus einzudringen, die noch immer die zwei Fenster verhüllten. Schließlich brachte sie es fertig, eine Stelle zu erspähen, durch die sie endlich in das Innere des Zimmers zu gelangen vermochte. Dort ließ sie sich auf ein Kopfkissen nieder – und husch, husch ging's über ein paar schlafende Augen, herein in den ruhig atmenden, halboffenen Mund und wieder heraus, direkt auf die Spitze der kleinen Nase. Sie gehörte Unnütz. »Hatschi,« machte sie und saß im nächsten Augenblick in ihrem Bette auf. »Großer Gott, daheim,« jubelte sie, »Heidegale! Heidegale!« Ihr Kopfkissen flog auf Leithammels Bett. In ihren schönen, starken Haaren lag sie da, die Aelteste des Hauses, und sah lächelnd auf die jüngere Schwester, die zwitschernde, selige Laute ausstieß, gerade wie die Vögel draußen in den Bäumen. »Du bist wie Großmama,« sagte Leithammel, »man braucht dich nur anzusehen, lernt man wieder an Glück glauben –« »Oh, ich bin verrückt –« jubelte Unnütz, »ich möchte schon alles gesehen haben – ich möchte Flügel haben –« Ernstin erschien unter der Türe mit dem Frühstück – Ganz wie früher, Milch, Brot und Honig – »Ernstin, liebe Ernstin,« freute sich Unnütz, »daß ich Ihr Gesicht wieder sehe – o wie köstlich, diese Milch – nirgends auf der Welt gibt es solche Milch, solchen Honig – Und solch eine Ernstin,« setzte sie mit einem herzinnigen Blick auf die alte Person hinzu. »Weißt du,« sagte Unnütz zu ihrer Schwester, während sie frühstückten, »ich bin so liebe–voll – ich halt's fast nicht aus – diesen Kuß der ganzen Welt – so ist mir – denke darum nicht,« unterbrach sie sich plötzlich, »daß alles, was du mir aus deinem Leben erzählt – denke nicht, daß es mir nicht schwer auf der Seele liegt –« »Das soll es nicht,« fiel Leithammel der Schwester ins Wort, »ich bin ja selber damit fertig.« »Und bist du jetzt wirklich von Herzen glücklich?« forschte Unnütz, »du warst so stürmisch früher, und jetzt –« »Jetzt hab' ich mir die Hörner abgelaufen, das hat so sein müssen. Ich bin viel zu wild ins Leben hineingegangen –« »Und ich bin recht dumm hineingegangen. Ohne dich säß' ich noch in dem großen, mit Ketten und Riegeln verschlossenen Stadthaus, ließe mich wortlos verloben, und eines Tages wäre ich in aller Stille am Heimweh gestorben. Es gibt Menschen, die müssen daheim bleiben. Das ist mir klar geworden.« Krabb streckte den Kopf herein. Sie sah in ihrem blauen, schlechtsitzenden Kleid und ihren rötlichen Haaren, die, zwar voll, aber ohne Anmut, stramm gezöpft ihren Kopf umgaben, wie eine tüchtige kleine Bürgersfrau aus. Die Wangen leuchtend rot, die kleinen schaffigen Augen in beständiger Bewegung. So trat sie in die ihr so fremde Welt der Schwestern, und ihre erste Frage war: »Wie steht's mit euerm Gepäck?« »Das von Unnütz wird wohl in den nächsten Tagen eintreffen,« sagte Leithammel, »ob ich mein bißchen Sach hierherkommen lassen will, weiß ich noch nicht –« »Dein bißchen Sach,« verwunderte sich Krabb, »all die vielen, schönen Kostüme –« »Ich bin nicht mehr beim Theater,« fiel ihr Leithammel ins Wort, »ich habe meine Garderobe verkauft. Ich bin Pflegeschwester geworden –« »Du?« Krabb brachte vor Erstaunen kein weiteres Wort hervor. Um so deutlicher sprachen ihre Augen. Leithammel nickte: »Ja, nichts weiter als Pflegeschwester –« »Großer Gott, wenn Großmama das wüßte,« meinte Krabb nach einer Pause. »Sie weiß es gewiß,« sagte Unnütz, »sie hat es ja immer gewußt, daß Leithammel den schwersten Weg von uns hat.« »Aber sie hat immer gesagt, daß Leithammel es am weitesten bringe,« beharrte Krabb. »Nun, wer sagt denn, daß sie es nicht am weitesten gebracht?« fragte Unnütz. Sie stand vor dem Spiegel und kämmte ihr Haar. Leithammel lag noch im Bette und blinzelte mit halbgeschlossenen Augen in die schönen warmen Sonnenstrahlen, die nun das Zimmer erfüllten. Krabb sah mit einer gewissen Hoffnungslosigkeit von einer der Schwestern zur andern. »Wie schön,« sagte Leithammel, »aus deinen Haaren sprüht Silber, Unnütz –« »Ja, richtig,« setzte Krabb ein, »wie steht es mit Unnütz? Man weiß ja gar nichts. Bist du jetzt berühmt und reich?« »Ach, du arme Krabb,« lachte Unnütz auf, »weder das eine noch das andre.« »Ja, was hast du denn diese ganze Zeit in der großen Stadt getan?« »Ich habe mich heimgesehnt.« »Aber dieser Forhard hat dir doch versprochen –« »Gewiß, er hatte den besten Willen. Aber ich bin ihm davongelaufen.« »Warum denn, ums Himmels willen?« »Weil er mich heiraten wollte. Da habe ich schnell an Leithammel geschrieben. Und sie kam. Das war wunderschön, Krabb, du glaubst nicht! Mit einemmal stand sie da. Kerzengerade. Sie genierte sich kein bißchen, zu sagen: ›Heute nachmittag wollen wir ausgehen, Unnütz –‹ Oben in meinem Zimmer mußte ich einen Danksagungsbrief an die Geheimrätin schreiben, daß ich nicht bei ihnen bleiben könne, weil ich fern von meiner Heimat zugrunde gehen würde. Ich schrieb auch an Tante Rikchen, sagte ihr Dank und bat sie, mir meine Sachen nachzuschicken. »Das alles ging wie der Blitz.« »Plötzlich saßen wir in der Bahn. Um Mitternacht kamen wir an und wandelten den lieben alten Weg nach Rebach. Der Mond am Himmel, keine menschliche Seele unterwegs. War's nicht prachtvoll, Leithammel? An alles dachten wir – wie wir mit unsern kurzen Röckchen und langen Haaren Großmama von der Bahn abholten. Und sie mit ihren Tüten und dem herzerfreuenden Lächeln aus dem Zug stieg. Und Cassalele vor Glück weinte – Und Poppinante – und, und – dazu immer der Mond mit seinen langen Schatten, rechts der Heimatfluß, links die Heimatberge – Und plötzlich vor uns die Burg, unser liebes Schwalbennest – Geisterhaft, nicht wahr, Leithammel, wie ein Märchen stand sie da –« »Und was nun?« fragte Krabb. Da lachte Unnütz laut auf: »O Krabb, du bist noch ganz die alte! Wie geht dir's denn? Was machen die Kinder? Ich habe dein Töchterle noch nicht einmal gesehen –« »Ja, der Nachtrab,« nickte Krabb, »wie die voraus ist – erst dreiviertel und kann schon allein gehen –« »Und heißt Nachtrab,« wunderte sich Leithammel. »Weil sie immer hinter den Buben her ist.« »In diesem Haus kann niemand seinen Namen behalten,« sagte Leithammel, »Großmama hat uns das eingebrockt. Weißt du etwas von unsern Schwestern, Krabb?« »Oh, Mondkälble ist schon lange eine Baronin. Sie hat einmal geschrieben, sie sei die einzige, die Papas Mahnung beherzigt habe, indem sie eine standesgemäße Heirat gemacht. Die Georginen, du kannst ihre Bilder sehen, es geht ihnen sehr gut, sie sind sehr dick und schicken zu Weihnacht Kisten voll Sachen für die Kinder.« Im Laufe des Morgens schritten die drei ungleichen Schwestern miteinander durchs Dorf, zum Friedhof. Sie kamen aber nur langsam weiter, denn überall, fast an jedem Haus, blieb Unnütz stehen und wollte wissen, wie es diesem oder jenem gehe. Und fehlte einer, war das Herzeleid groß. Sie trugen Kränze und Blumen, die Schwestern, und die Dörflerinnen standen am Weg und staunten sie an. Auf dem Friedhof bekamen erst die Eltern ihren Kranz. Dann gings zum Grabe der Großmama, neben der Cassalele ruhte. Plötzlich umfaßte Unnütz ihre Schwestern mit beiden Armen: »Großmama, Großmama,« rief sie, und die Tränen stürzten ihr aus den Augen, »sie sind nit vergrate, deine Rebächle – gelt, du weißt es, o gelt, du weißt es –« Es war einen Augenblick still. Leithammels Augen waren hinüber zu dem Grabe der Eltern geschweift. Dann meinte sie, indem sie Großmamas Blumenflor noch schöner zu ordnen suchte, als er schon war: »Was doch ein Mensch vermag! Es ist nicht auszudenken, was aus uns geworden wäre ohne Großmama –« Krabb sagte nichts, aber insgeheim war sie der Ansicht: ›Von uns dreien hab' aber doch ich's am weitesten gebracht –‹ Und sie sah ein wenig trotzig auf Großmamas Grab herunter: ›Immer hat sie nicht recht gehabt.‹ Sie saßen droben im Schwalbennest, Unnütz und Leithammel. Sie lächelten über die Zeiten, da sie von hier aus so sehnsüchtig nach der Welt jenseits der Rheinebene ausgeschaut. Wie zwei verzauberte Prinzessinnen saßen sie im lichten jungen Grün. Das heißt keine ätherischen, sondern lebenskräftige Gestalten, deren gesunde Fülle einmal Großmamas Stattlichkeit gleichzukommen versprach. »Heute sieht man 's Münster nicht,« sagte Unnütz, »es ist zu duftig.« Leithammels Augen hingen sinnend in der Ferne: »Was nun,« fragte sie nach einer Pause, »wie denkst du dir dein Leben zu gestalten?« »Ich – ich denke nicht, ich nehm's, wie es kommt. Aus meinem kleinen Erdenwinkel heraus will ich erzählen, wie's die Leute treiben – wie sie leben, wie sie sterben. Von den Träumen will ich erzählen, die man im Wald träumt – Leithammel,« unterbrach sie sich plötzlich und ihre Stimme sank, »als du vor Forhard standest, sah ich's plötzlich deinen Augen an, daß sie lachten – da sah auch ich ihn zum erstenmal in aller Deutlichkeit – So weit war ich noch nicht, als die Geheimrätin mir wieder einmal mitteilte, ich sei ihnen so wohltuend, und plötzlich hinzufügte: ›Ich habe keinen größeren Wunsch, als Sie und Edu würden ein Paar –‹ Ich war wie auf den Mund geschlagen – Eine Angst erfaßte mich wie nie in meinem Leben – Da schrieb ich dir – Und ich habe Forhard geliebt,« sprach sie nach einem tiefen Atemzuge weiter, »eh' ich ihn sah – ich träumte von ihm Tag und Nacht – Seine Briefe lagen unter meinem Kopfkissen – Ich habe ihn so geliebt, daß ich imstande war, die Heimat zu verlassen – Und dann – Begreifst du?« Leithammel nickte: »Vielleicht ist es meistens so bei der ersten Liebe, vielleicht ist es gar nicht der Mann, den man liebt, sondern nur die Liebe. Man kennt ihn ja kaum – ja, man braucht ihn, wie es bei dir war, nicht einmal zu sehen. Wie würdest du staunen, wenn der, den ich zu lieben glaubte, vor dir stünde –« »Wie war er?« fragte Unnütz. »In allem und jedem das Gegenstück von Forhard.« Es war eine Weile still. Dann flüsterte Unnütz: »Nun bleiben wir für immer beisammen.« Leithammel schüttelte den Kopf: »Es ist mir zu eng hier. Krabb und ich kämen uns immer ins Gehege. Bei dir ist das anders, deine und ihre Welt haben nichts miteinander zu schaffen. Krabb wird für dich sorgen wie eine Mutter, denn sie ist tüchtig – nur – Selbständigkeit duldet sie keine neben sich. Ich aber will leben und arbeiten nach meiner Manier. Ich brauche Pflichten, Pflichten,« seufzte sie tief auf. »So kehrst du wieder in dein Krankenheim zurück?« fragte Unnütz. »Das möchte ich wohl,« murmelte Leithammel, »aber es geht nicht –« »Warum nicht?« »Ich erzählte dir von Renk –« Leithammels Stimme zitterte. Da wußte Unnütz genug. Sie umschlang die Schwester: »Warum denn kannst du nicht zurück?« Es kostete Leithammel Ueberwindung, zu sprechen, aber Unnützens Augen hingen so dringend an den ihren. »Wir sind nicht gut auseinander gegangen,« kam es stoßweise von ihren Lippen, »ich bat um Urlaub – da gab er mir eine schroffe Antwort –« »Hast du ihm gesagt, wie nötig du mir seist?« fragte Unnütz. »Nein, ich konnt's nicht herausbringen – ich war auch schroff – da sagte er: ›Machen Sie, was Sie wollen –‹« »Und nun, was wirst du tun?« »Nichts. Zuwarten. Man muß nicht immer handeln. Man muß dem Schicksal auch was übriglassen. Ich habe zeit meines Lebens immer zu viel getan –« »Und ich zu wenig,« sagte Unnütz. Leithammel hatte wieder ein bitteres Lachen. »Zu wenig und zu viel verderben das Spiel. Wir sind ausgezogen, um berühmt zu werden. Was haben wir erreicht?« »Mir kommt vor, ungeheuer viel,« sagte Unnütz, »als müßten wir sehr dankbar sein – als sei es gar nicht zu übersehen, was wir erreicht. Erst wenn die Nebel weichen, ist die Aussicht frei. Wir sind noch im Nebel, Leithammel –« Eines Tages erklärte die älteste der Schwestern: »Ich habe mir überlegt – Rebach muß Unnütz und Krabb gehören. Ich werde mich mit den Schwestern in Verbindung setzen und ihnen eine Abschlagsumme anbieten. Was meinst du, Hesperus?« Er war ganz betreten: »Aber du, Leithammel?« »Ich bin nicht seßhaft – nun, Krabb,« wandte sich Leithammel an diese, »sieh mich nicht so böse an, es ist doch eine schöne Sache, auf eignem Grund und Boden zu sitzen!« »Es ist noch nicht so weit,« meinte die junge Frau, welche die Eigenmächtigkeit der Schwester kaum ertrug. Ganz wie früher brachte Leithammel auch jetzt alles fertig, was sie in die Hand nahm. Die Georginen hatten geschrieben, daß sie bereit seien, auf Rebach zu verzichten, auch ohne Abschlagsumme. Nur bat sich jede von ihnen ein Bild der Großmama aus. »Sich mal an,« sagte Leithammel zu Unnütz, »das hätte ich nicht geglaubt –« Mondkälble dagegen verlangte, daß Rebach durch einen Sachverständigen gewertet werde und von diesem die Vorschläge auszugehen hätten. Nachdem diese Angelegenheit abgetan war, erklärte Leithammel: »Jetzt geht's an die oberen Räume des Hauses.« Krabb erstickte fast an dem Bissen, den sie eben im Munde hatte. »Die oberen – aber die oberen Räume waren ja von jeher geschlossen –« »Damit ist nicht gesagt, daß sie immer geschlossen bleiben müssen,« sagte Leithammel, »ich will für Unnütz und mich ein paar Zimmer zum Wohnen einrichten. Ihr sollt euch breit machen. da unten, Krabb – Platz genug, wozu sich einschränken? Und dann die Bilder – Es müssen eine ganze Anzahl Bilder von Großmama da oben sein. Wir wollen sie aufhängen und unsre Freude dran haben –« Als Krabb später zu ihrem Mann sagte: »Warum redest du kein Wort? – Das leide ich nicht, daß Leithammel hier tut, was sie mag –« »Aber Weibele,« lachte sie Hesperus aus, »muß ich dir denn immer wieder sagen – deine Schwestern sind hier so gut im Recht wie du –« Leithammel, hochgeschürzt, mit aufgestülpten Aermeln, griff nach den verrosteten Schlüsseln vor einer der Zimmertüren im oberen Stockwerk. Unnütz kam herbei, die Augen groß offen, mit einem Kinderschein drinnen, als stehe sie auf der Schwelle eines Märchenlandes. Krabb und Ernstin brachten Besen und Kübel, um dem vieljährigen Staub, der sich hier aufgebaut, den Garaus zu machen. Wie kreischte das Schloß, als Leithammels nervige Hand den Schlüssel darin herumdrehte. »Ein Schrei wie der eines Menschen, dem man ans Leben geht,« flüsterte Unnütz. Auf flog's wie eine Wolke unter den Schritten Leithammels. Die andern blieben pustend vor dem dunkeln Raume stehen. Drinnen – krach, krach – flogen Fenster und Laden auf, und über den alten Hauskram machte sich die Sonne her, als habe auch sie da draußen auf nichts als diesen Augenblick gewartet. Und nun kam's über alle, die diese so lange verschlossenen Räume betraten, wie Erfüllung. Jeder fand, was er brauchte. Keiner kümmerte sich mehr um den andern. Leithammel entdeckte unter Ausrufungen der Freude ein schönes Bild der Großmama nach dem andern. Alte Möbelstücke entzückten ihr Auge, schwere Brokatvorhänge, uralte Teppiche – Sie lief von Zimmer zu Zimmer, jeden Fund mit lautem Freudenruf verkündend. Allein niemand hörte sie. Krabb und Ernstin rissen mit harten Händen, was ihnen an Kisten und Möbeln schlecht und verbraucht erschien, heraus auf den Vorplatz, um Luft zu schaffen, brachen morsche Stühle über den Knien zusammen und freuten sich des tüchtigen Brennmaterials, das es hier aufzuspeichern gab. Unnütz aber schlich auf leichten Sohlen hinter jenen stillen Schätzen her, die in tiefen Schiebladen verborgen lagen und aus denen die Erinnerungen wie kleine lebendige Vögel aufflatterten, sobald ihre Hand sie berührte. Sie fand im Innern eines alten Schrankes ein grob gezimmertes Kistlein seltsam alter Fassung. Als sie's ans Tageslicht zog, stand auf vergilbtem Papier, mit Oblaten aufgeklebt, folgende Adresse: »An Frau Grossi Wohlgeboren Hofschauspielerin in Freyburg Im Pfauen.« Sie rief die Schwestern herbei. Aber nur Leithammel kam. Und sie und Unnütz standen vor dem Kistlein, und wundersam ging's ihnen durch die Seele. »Ich weiß davon,« flüsterte Leithammel, »Großmama wurde von ihrer Gastspielreise an das Totenbett ihrer Mutter gerufen – Großmama sagte mir, da habe sie das Kistchen gefunden, aber sie könne es nicht aufmachen, sie müsse sich sonst zu Tode weinen. Darum wolle sie lieber noch warten.« Die Nägel, mit denen das Kistchen zugenagelt war, waren völlig eingerostet. Großmama hatte also das Kistchen niemals aufgemacht. »Nun werden wir es öffnen,« sagte Leithammel. »Ich fürchte mich,« flüsterte Unnütz, »warten wir – warten wir –« »Wie Großmama,« nickte Leithammel. Was sonst die oberen Räume bargen, war ihnen gleichgültig. Ihre Augen vermochten sich von dem Kistchen nicht zu trennen, von diesen unbeholfenen Schriftzügen, die von dem Leben ihrer Urgroßmutter erzählten, der sie alle entstammten. Und nun war immer von diesem Kistchen die Rede. Sie wollten alle beisammen sein, wenn sie es öffneten. Aber Unnütz bat: »Nur nicht des Abends, da ist alles doppelt traurig –« Krabb hatte nie Zeit untertags. Mittlerweile stand Leithammel auf einer Leiter und tapezierte mit Hilfe des Dorfschreiners die Zimmer des oberen Stockwerks. In aller Frühe schon waren sie beim Handwerk. Sie hatte die Tapeten aus der Stadt geholt, schlug Kloben in die Wände, hing die Bilder auf. Sie war unermüdlich. Schon reiften die Aepfel, und gelb blinkten die Birnen aus dem Geäst der Bäume. Der ganze Blumenflor hatte sich umgewandelt im Garten. Immer früher versank der Sonnenball in die bald lichte, bald trübe Ferne der Rheinebene. Und Leithammel wartete noch immer auf die Stimme des Schicksals. In ihrem Innern aber redete ihre eigne Stimme: ›Sollte ich nicht das erste Wort sprechen – Hätte ich ihm nicht längst den Grund meiner Reise mitteilen müssen? Er interessierte sich für Unnütz – es machte ihm Freude, wenn ich von ihr erzählte – Oh, warum habe ich damals nicht gesprochen – alles wäre anders –‹ Leithammel, so entschlußfähig, so schnell bereit, mit beiden Händen zuzufassen – Leithammel wurde fast krank unter dieser Unfähigkeit, einen Entschluß zu fassen. Sie lief ins Dorf und half den Armen und Kranken aus ihrem Schmutz und der erstickenden Luft ihrer engen Kammern. Sie pflückte im Garten das reife Obst von den Bäumen. Sie bemerkte nicht das mißvergnügte Gesicht Krabbs, der sie fortwährend ins Handwerk pfuschte, nicht Unnützens plötzliche Unruhe. Sie schlief nicht mehr, die arme Unnütz. Sie, die Träumerin, hatte gehandelt. An Renk hatte sie geschrieben, alles, alles – wie es gekommen, daß sie damals in großer Not nach der Schwester gerufen und diese ihr geholfen habe. Und nun, zu jeder Tageszeit, rannte sie hinaus auf die Landstraße oder stand droben auf der Burg und hielt Ausschau. Und eines Morgens – Sonntag war's –, wie sie da oben war und aus dem wilden Wein herauslugte, der mit seinem leuchtenden Rot die Reste der Burg umspann – da war ihr – Richtig, auf der öden Landstraße segelte einer daher – in wehendem Mantel – Unnütz, den Boden kaum mit den Füßen berührend, eilte den schmalen Seitenpfad hinunter. Wie ein Kind lief sie auf den Fremden zu: »Sie sind es, nicht wahr – und, o bitte, verraten Sie mich nicht – ich habe so viel ausgestanden – fünf lange, lange Tage –« »Das ist Unnütz,« sagte Renk, nahm den Hut ab und schüttelte ihr die Hand, »ich danke Ihnen, daß Sie uns geholfen. Es war hohe Zeit – Aber so schnell geht das nicht bei unsereinem – ich mußte den Sonntag abwarten – ich bin ein armer Pflichtmensch – Ja, ich war böse, ich trotzte, daß sie davonlief und nichts mehr von sich hören ließ – Wir dummen Menschen –« Sie waren bei dem Gutshause angekommen. »Wo ist sie?« »Ich glaube im Garten.« Unnütz lief voraus ins Haus. Drin zeigte sie ihm den Weg. »Vielleicht auf einem Baume,« flüsterte sie ihm lächelnd zu. Als er in den Garten trat, merkte er sofort an der heftigen Bewegung in der Krone eines Apfelbaumes – dort drin saß sie. Renk war sehr blaß. Nun kam auch dort oben ein blasses Gesicht zum Vorschein. »Wollen Sie sich nicht lieber herunterbemühen?« fragte er, »Sie stehen mir zu hoch.« Krafwoll schwang sie sich auf die Leiter und stieg an ihr zur Erde. Beinahe schüchtern standen sie einander gegenüber. Dann fanden sich ihre Hände. »Haben Sie denn nicht gewußt,« stieß er schwer atmend hervor, »nicht geahnt –« Sie konnte nicht sprechen. Sie gingen tiefer in den Garten. Erst kurz vor Tisch tauchten sie im Speisezimmer auf und stellten sich als Verlobte vor. Krabb war außer sich: »Hätte ich das früher gewußt – nun haben wir nichts als unser gewöhnliches Sonntagsessen –« Hesperus griff nach dem Krug: »Ich will wenigstens von unserm Besten holen, mit unserm Säuerling können wir nicht anstoßen –« »O doch, doch,« rief der Doktor, »alles lassen, wie es ist – ein neuer Bruder ist gekommen, weiter nichts –« »Den hat aber der Storch nicht gebracht,« meinte der älteste der Professoren. Da lachten sie alle und setzten sich an den Tisch, und Renk freute sich all der wunderlichen Namen, die er zu hören bekam, sah mit Lust die Hausfrau das saftige Stück Rindfleisch verteilen, und als sie sich entschuldigte und sagte: »Jetzt gibt's nur noch Pfannenkuchen und Zwetschgen«, tröstete er die kleine Frau mit der Versicherung, daß er sich auf der weiten Welt nichts Besseres wünsche. Hesperus ging herum und füllte die Gläser mit seinem selbstgezogenen Sauern; auch die Professoren unten am Tisch bekamen ihr Glas gefüllt, und Renk trank und trank, alles kam ihm prächtig vor, und nur über eins wunderte er sich – daß die alte Magd, die das Essen brachte, allein von allen mit ihrem wirklichen Namen angeredet wurde. Da sagte ihm Leithammel: »Die hat auch ihren Uebernamen gehabt – Rauhbein –, aber sie hat ihn überwunden. Ich muß den meinen erst wieder zu verdienen suchen.« »An der Gelegenheit wird's nicht fehlen,« meinte Renk, »dürfen wir hier einkehren,« fragte er, »wenn wir müde sind von der Arbeit, erschöpft von dem Leid rings um uns her? Denn große Aufgaben erwarten uns. Ich werde ein Heim gründen für Lungenleidende im südlichen Schwarzwald. Seit lange mein Wunsch. Aber jetzt erst, da ich einer so tüchtigen Gehilfin sicher bin, wage ich die Tat.« »O Leithammel,« nickte Unnütz der freudig erglühenden Schwester zu. Krabb saß die ganze Zeit in innerm Kampfe da. Die Sprache Renks, die ihr so fremd klang, wie vertraut schien sie den Schwestern zu sein. Eine Ahnung überkam sie, daß irgend etwas sie von diesen trennte, und es fuhr ihr durch den Sinn: ›Am End hat Großmama doch recht gehabt –‹ Unnütz hatte das Zimmer verlassen. Nun kam sie wieder mit dem Kistlein, vor dessen Oeffnen sie sich so sehr gefürchtet hatte. Sie stellte es auf den Tisch mit den Worten: »Wir sind jetzt alle so glücklich – da hab' ich gedacht, jetzt ist der Moment gekommen –« Leithammel teilte Renk die Bewandtnis mit dem Kistchen mit, und sie lasen miteinander die in altmodischer Schrift geschriebene Adresse: »An Frau Grossi Wohlgeboren Hofschauspielerin in Freyburg Im Pfauen.« Hesperus holte die Beißzange herbei und machte sich über die Nägel her. Sie saßen wie für die Ewigkeit eingeschlagen. Krabb kam flugs mit dem Hackmesser und schob es unter die Decke des Kistchens. Da flog's auf. Alle umstanden's, eng aneinander gedrängt. Unnütz war tiefblaß. Obenauf lag ein kleiner ovaler Rahmen. Es war ein Daguerrotyp. »Unsre Urgroßmutter mit Großmama,« sagte Unnütz. Es war ganz still. Der Doktor hielt das Bildchen in der Hand: »Diese Frau, so aufrecht, so resolut, so brav –« murmelte er, »ein Charakter – das Kind aber – da ist freilich alles Natur, Leben, Uebermut –« Das Bildchen ging von Hand zu Hand. »So war Unnütz als Kind – ganz wie Großmama,« sagte Leithammel. »Und du bist deine Urgroßmutter,« erklärte Renk. »Ja, ach ja,« nickte Leithammel, den Blick auf das Bildchen geheftet, »jetzt verstehe ich – jetzt ist mir alles klar –« »Und ich – ich?« fragte Krabb zum drittenmal. Eine augenblickliche Stille, dann rief Unnütz: »O Krabb, Krabb, du hast das Beste – du hast Großmamas sorgende Hand –« Da stieg etwas Freudiges in die Augen der jungen Frau: »Ich werde in die Küche gehen und Krapfen zum Kaffee backen,« sagte sie. »Siehst du, siehst du,« nickte ihr Hesperus zu, »ja, ohne dich ging's uns allen schlecht.« Jubelnd folgten die kleinen Professoren der Mutter in die Küche. Zwei Briefe lagen oben auf dem Kistchen, einer von der Hand der Urgroßmutter, einer von Großmama. Der übrige Inhalt bestand aus völlig zerbröckeltem, zu Stein erhärtetem Gebäck. Leithammel verglich die Daten der Briefe. »Du mußt den von Großmama zuerst lesen,« sagte sie zu Unnütz, »ja du, dann ist's, als hörten wir Großmama sprechen –« Unnütz las: »Liebe Mutter! Du kannst mir glauben, es tut jedem leid, daß ich schon verheiratet bin. Schon zwei Prinzen haben mir ihre Hand auf links angeboten. ›Hopsa,‹ hab ich gesagt, ›bedank mich schön, bin eine von Nummer Rechts.‹ Als ich hier zum Intendanten sagte: ›Wissen Sie, wir müsse unser Hochzeitsreis' rausspiele,‹ hat er sich halbtot gelacht. Dann hat er gesagt: ›Wie alt sind Sie?‹ ›Achtzehn bis zum zwanzigsten dieses.‹ ›Lieben Sie Ihren Mann?‹ fragte er. ›Heillos.‹ ›O weh!‹ ruft er. Da hab ich ihn ausgelacht. Gelt, Mutter, ich bitt Dich, sei nur ganz ruhig über meine Moral. Dein – Rechtschaffe, Rechtschaffe – tönt mir den ganzen Tag in den Ohren. Wenn ich die großen Leidenschaften seh in den Dramen und im Leben, so weiß ich, so eine bin ich nicht. Aber ich guck jeden gern freundlich an, und das ist unser Ehstreit. Wie ein Mannsbild in Sicht ist, soll ich ein finstres Gesicht machen. Allmächtiger Gott, ich kann so wie so nix Finstres leiden. Wenn er dann so wütend ist, macht er grad ein Gesicht wie damals in der Kleinkinderschul. Und ich kann nicht anders, ich muß Vagabümmele zu ihm sagen, darob er vollends fuchsteufelswild wird. In diesem Zustand haben wir gestern abend in der ›Minna von Barnhelm‹ gespielt. Er: Tellheim, ich: Franziska. 's Theater brechend voll. Kein einziges Billett mehr zu haben. Eine Atmosfähre zum Ersticken. Aber gespielt haben wir! Erst voller Wut übereinander, immer mit schiefem Blick über die Minna weg. Und dann, ich weiß selber nicht, wie 's kommen ist, plötzlich war aller Groll fort, und wir haben uns ganz unbeschreiblich gut gefallen und dem Publikum auch. Da haben wir uns, was meinsch, Mutter, auf dem Heimweg eine Flasch Schampagner mitgenommen und eine Menge Konditorsach, hauptsächlich Mohreköpfle. Soll mir der Abend gedenke, solang ich leb. Ich auf seinem Schoß und angestoßen und gesungen, und war uns das Leben so hold. Ueberschüttet hat es uns, als sei die Göttin des Glücks über uns wegkutschiert und habe ihr Füllhorn über uns ausgeschüttet bis aufs letzt Brösele. Wir sind um den Tisch herumgegangen, jeder mit seinem Gläsle, und haben wie am Spieß Halleluja gesungen. Da war mir zum Heulen dankbar zumut, und ich hab zu ihm gesagt: ›Wir wollen Gott ein Opfer bringen.‹ Worauf er schnell die Flasche zukorkte und vor's Fenster stellte. Flugs packte ich die Gutsele zusammen. Hierauf sahen wir zum Sternenhimmel empor, und mein Männle seufzte: ›Ach Liesele, wenn du mich doch nie mehr eifersüchtig machen wolltest!‹ ›Und du nicht mehr eifersüchtig sein wolltest‹, seufzte ich. Und nach einer Weil: ›Lieber, so streich mich in Gottes Namen gelb an, dann gefall ich keinem Menschen mehr.‹ Das hat er aber doch nicht gewollt. Und so, Mutterle, wird unser Lebensweg immer wieder von ein paar Wolken verdüstert werden, und Gott weiß, wohin es führt. Aber es fallt mir nicht ein, zu verzweifle, sondern ich sag wie's Vaderle selig: 's geht alles. Und darum gräm Dich nicht, wenn ich gern ein paar Mohreköpfle eß und ein Naschmaul bin. Eine böse Zung ist noch viel ärger. Ich erfreu mich halt an allem, was gut ist. Nicht nur an der Tugend. Ein paar Fehlerle müsse wir Mensche in Gottes Namen haben. Daß ich nicht vergeß – von allen guten Sachen auf der Welt sind und bleibe Deine Butterbackisle das Allerbest – was eine leise Mahnung sein soll wegen meinem Geburtstag am Zwanzigsten. Da sind wir nämlich in Freiburg. Alsdann kommen noch zehn Gastspiel in aller Herren Länder und – o Mutterle, und dann haben wir den Beutel voll und Du sollst leben wie Gott in Frankreich. Amen. Amen. Dein Liesele. Ach, wie oft hab ich Dir in der Kindheit von den Butterbackisle gestohlen. Warum hast Du mir nie was gesagt, Mutter, denn Du hast es wohl gewußt. Verzeih mir! Dein Liesele.« Unnütz legte den Brief weg. Als sie aufsah, begegnete sie lauter lächelnden, frohen Augen. »Nicht wahr,« sagte sie, »man möcht auch um den Tisch herumgehen und Halleluja singen? Mir war so angst – ich fürchtete, das Kistle berge nur Trauriges, Dunkles, Schmerzliches –« »Und nun ist alles Leben, Leben, Leben –« rief Renk aus. Unnütz griff nach dem Brief der Urgroßmutter. Diese schrieb: »Gott segne Dich meine liebe Dochter zu Deinem neunzehnten Geburtstag und schicke Dir mein Bild auf daß Du nicht vergessesch Deiner Mutter und diesen Deinen Hochzeitsbrieff, damit du alleweyl Dein Glück vor Augen haben mögest, hebbe ihn gut auf. Gott will vielleicht auch solche Koschtgänger haben wie ihr es treibt und will ich es nicht besser wissen wollen, obwohl ihr Schampagner trinkt, ein sonderbar Erlebniß in meinem bescheidenen Leben, wo ich Dir einstens nicht genug Falten hab in Dein Röckle nähen können aus Spahrsamkeit. Aber mit Zufriedenheit erfahre ich, daß Dein Mann seine Krafft mit redlichem Willen in seinen Beruf setzet und Dich ermannet zum Ernst. Also ein wackerer brafer Sohn, eine tobbelte Freude muß daß der Mutter seyn da Du von Kindheit an gar so gern über die Schnurr gehaut, so daß ich oft gebettet, Gott solle Dich doch nicht vergraten lassen. Und so kann ich jetzt wieder betten daß er mir die Haubtsorge abgenommen weil Dein Mann spahrsam und ernsthaftig ist. Es hat mir's mein seeliger Alter noch auf dem Dodenbett gedanket, daß ich alleweyl so tapfer mit seinem angebohrenen Leichtsinn hab gestreittet wie der Erz-Engel Gabriel mit dem Luzziffer. Wie eine Ladd sei ich, die lieber bricht als sich biegt, hat er gesagt. Als ich jedoch heut früh auf den Markt gewollt, bin ich auf der Trebb in die Knii gebrochen, was die Kribbe ist, die anjetzt herumgeht. Gott Lob Hab ich aber noch Eier genug im Haus gehabt, so daß ich Dir die Butterbakkisle noch schnell hab backen können, damit Du nicht alleweyl so viel Geld für den Konditer ausgiebst. Es wird mir aber das Schreiben recht sauer so daß ich schließe. Ja, ich freue mich über Euch Beyde, über meine Dochter daß sie so geblieben wie ich sie lerte und über meinen Sohn, der mir die schröckliche Sorge von der Seele genommen. Bleibet rechtschaffen, nur rechtschaffen, das walte Gott! Das Kistle wird mir die Nachbarin auf die Bost tragen. Wenn es genagelt ist, will ich mich legen und schwittzen. Das Bescht. Warum ich Dir nichts gesagt, wenn Du mir Butterbakkisle aus der Schublad genommen? Wohl hab ich's gemerkt. Aber so haben das Kinder. Ich bin auch meiner Mutter hinter die Aepfel gegangen. Was soll man da sagen? Es geht vorbei wie die Masern. Und so sag auch ich amen und laß sie dir schmecken und bleib braf. Deine Mutter.« Es war einen Augenblick still. Dann schlug Unnütz groß und hell die Augen auf: »O Leithammel, jetzt weiß ich, warum die Rebächle nicht ›vergraten‹ sind –« Renk nickte: »Ist die Wurzel heilig, sind es auch die Zweige.«