Romeo im Fegefeuer Roman von Walter Seidl   Berlin Erich Reiss Verlag 1932 7 1 Die Eltern Yvetts und die Eltern Lottes pflegen Sonntag vormittag gemeinsam zu promenieren, bei gesellschaftlichen Gelegenheiten treten sie stets eng verbunden auf den Plan, und überhaupt betrachten sie sich gegenseitig als über allen Zweifel erhabene Familien. So darf Lotte, natürlich, stets das tun, was Yvett von den Eltern gestattet wurde, und umgekehrt. Auch wenn Yvett in Wahrheit gar nichts gestattet worden war; Lotte behauptet es nur mit frecher Stirn. Und umgekehrt. Selten einmal kam der düstere Schwindel ans Tageslicht. Liebe verbindet die sechzehnjährige Lotte und die sechzehneinhalbjährige Yvett freilich nicht gerade. Auf keinen Fall eine Liebe, der man irgendein bedeutenderes Opfer zumuten dürfte. Viel eher schon sind gelegentlich kleine gegenseitige Bosheiten mit diesem Gefühl zu vereinen. Besonders Lotte hat sich da manches geleistet. Wie oft hatte Yvett Ursache, herzzerreißend über die Rücksichtslosigkeit der Freundin zu weinen. Ob aus Schmerz darüber, daß Lotte fähig war, wieder einmal dermaßen unschön an ihr zu handeln, oder vielleicht auch nur aus Erbitterung, daß die Strahlende sie eben ständig im Schatten läßt, das weiß Yvett wohl selbst nicht. Sie weiß wenig. Dafür freilich fühlt sie alles doppelt stark. Es wäre aber voreilig und ungerecht, Lotte ihrer 8 Rücksichtslosigkeit wegen nun gleich zu verdammen. Bedenkt man nämlich, daß Yvett doch aus weitaus begüterterem Hause stammt, so wird man einräumen, daß Lotte töricht wäre, würde sie ihren natürlichen Vorrang – den Vorrang ihrer blond und gehaltvoll strotzenden Persönlichkeit vor der dunkleren mäßigeren der Freundin – taktvoll verwischen. Lotte ist die Tochter des Oberregierungsrats Dr. Freißler. Das Töchterchen eines simplen Beamten letzten Endes also, der aber, immerhin, in der guten Gesellschaft von Rietheim geradezu die Hauptrolle spielt. Hier weiß man sein sicheres zielbewußtes Auftreten, seine organisatorische Tüchtigkeit ebenso zu schätzen wie in der Hauptstadt, im Ministerium. Er versteht es glänzend, wertvolle Beziehungen anzuknüpfen, fast noch besser versteht er es aber, solche Beziehungen unmittelbar nachher für sich und Rietheim nutzbar zu machen. Das kann er sich auch ruhig leisten, ohne daß er in den Augen der Mitbürger dabei etwas von seinem unbeugsamen Charakter einbüßen würde, denn er ist – und jetzt kommt die Hauptsache – er ist ganz der Mann, der Gegendienste zu leisten vermag. Das ist wohl auch der Grund, weshalb der Dr. Freißler, gewiß als einziger simpler Beamter in Rietheim, Aufnahme gefunden hat in eine glanzvolle geheime Gesellschaft von sonst nur vielerwerbenden Männern des Handels und der Industrie, die indessen in aller Öffentlichkeit alljährlich einen glanzvollen Ball veranstaltet, bei dem zugegen gewesen zu sein als höchste allbegehrte, aber nur wenigen zugängliche Auszeichnung gilt. Einmal soll die Frau des 9 Gewerbeschuldirektors, als alle Schritte eine Einladung zu erlangen bereits ergebnislos verlaufen waren, den Phosphor aus fünf Zündholzschachteln aufgegessen haben. Die Frau wurde gerettet, aber trotzdem nicht eingeladen. Tatkraft und Ausdauer sind die Gründe der Ausnahmestellung, die der Regierungsrat Freißler genießt, mit Recht genießt. Mit kaum 45 Jahren schon Oberregierungsrat zu sein, ist allerlei. Aber man hält es allgemein für ausgemacht, daß er es noch zu einer leitenden Stellung in der Regierung und – sollte er sich auch politisch ein wenig ins Zeug legen – vielleicht sogar zum Minister bringen wird. Als künftigem Minister fehlt es ihm heute bereits nicht an Neidern. Anarchisch gesinnte Elemente, Bohemiens, die ihn dadurch zu verunglimpfen suchen, daß sie ihn, seiner Tüchtigkeit und Umsicht wegen, spöttelnd den »Napoleon von Rietheim« nennen. Indessen wurde, ihnen zum Trotz, der Dr. Freißler in der diesjährigen Hauptversammlung des Volksbildungs- und Unterhaltungsvereins nun schon zum sechsten Mal, nahezu einstimmig, zum Obmann gewählt. Und daß er in dieser Eigenschaft schon wahrhaft bedeutende Künstler und Gelehrte zu Vorträgen nach Rietheim gebracht hat, das müssen selbst seine Widersacher zugeben. Seine Frau, Lottes Mutti, ist eine schöne Frau. Mit so engelreinen Zügen, wie man sie heutzutag nur noch auf alten Stichen findet. Zwar hört man da und dort, sie sei dumm. Doch wer behauptet das. Natürlich die übrigen Frauen, die solch engelreine Züge nicht haben. Provinz! Deswegen muß man aber nicht gleich annehmen, daß auch dem Volksbildungs- und 10 Unterhaltungsverein etwa bloß eine relative Bedeutung zukäme. Rietheim ist eine mittlere Stadt, und dieser Verein könnte in jeder modernen Großstadt bestehen. Auf Lotte sind die Eltern sehr stolz. Begreiflich. Sie ist ein gesundes Kind, bildhaft gewachsen, artig und freundlich gegen jeden, der sie nicht beachtet, hochintelligent ist sie und ein ausgesprochenes Maltalent. Auch tanzt sie wunderschön. Nicht etwa bloß die gewöhnlichen, die Gesellschaftstänze. Die erlernt bald eine. Nein, sie tanzt – rhythmischen Tanz! Sie stellt mit dem Körper die Gefühle dar. Zudem ist sie sehr lebensklug, ist von einem gesunden Egoismus gleichsam durchleuchtet, hat sich dabei aber auch Gemüt zu bewahren gewußt und kann sogar recht schwärmerisch werden. Verlieren wird die sich nie. Dazu betrachtet sie die Welt durch allzu offene Augen. Das hat sie vom Pappi. Ganz anders Yvett. Das ist wieder die Tochter des Herrn Winternitz, der die große Bindfadenfabrik draußen vor der Stadt besitzt, die schon seinem Vater und Großvater gehörte. Wenn der mit seiner Tochter reist, spricht man ihn häufig Herr Graf an. So aristokratisch sieht er aus. Von ihm behaupten auch manche, er sei dumm. Dabei ist er aber moderndenkend bis in die Fingerspitzen, war in Rietheim zum Beispiel der erste, der eine rührige Propagandatätigkeit für die neue Paneuropa-Idee entfaltet und im Volksbildungsverein darüber sogar einen Vortrag gehalten hat, wobei er alles ganz genau auf der Landkarte demonstrierte. Im Gegensatz zu ihrem Vater wird Yvett wohl zeitlebens unzufrieden mit sich sein. Sie hat in nichts 11 Zutraun zu sich, und tatsächlich gelingt ihr auch fast nichts. Dabei hegt sie aber den heißen Wunsch, etwas zu bedeuten. Denn sie ist ungewöhnlich feinfühlig, und aus ihren großen dunkelblauen Augen leuchtet es manchmal eigenartig einsam hervor. Zu den dunkelblauen Augen aber hat sie blauschwarzes strähniges Jungenhaar, das auffallend schwer ist, wenn man's in Händen hält. Trotzdem gereicht sie den Eltern nicht recht zur Freude. Der Vater wollte stets eine Lotte aus ihr machen, und bei der Mutter, die, selbst gedrückten Wesens, in ihre eigenen Kümmernisse versponnen ist – es heißt, ihre Ehe mit Herrn Winternitz sei nicht glücklich – fand Yvett niemals Zuflucht. Schon Yvetts Kindheit war einem ältlichen französischen Fräulein ganz und gar überlassen gewesen. Noch heute, wenn Yvett einen besonders bösen Traum hat, handelt er von der Mademoiselle. Suchte sie bei den Eltern damals Schutz gegen die schlechte und ungerechte Behandlung von Seiten der bleichsüchtigen Erzieherin, so fand sie dort selten Glauben: man wußte längst, daß Yvett gern übertrieb und auch vieles dazulog. Tatsächlich hielt sie sich selten an die Wahrheit, das gab sie nachträglich auch stets willig zu. Aber konnte sie dafür, wenn in ihrer Fantasie einfach alles so riesenhaft anschwoll und sie das Eingebildete dann für die Wirklichkeit hielt? Zu leiden hatte sie doch auch nicht etwa nur den geringfügigen Schmerz, der den Tatsachen entsprach, sondern den großen brennenden Schmerz, der ihr in der Fantasie zugefügt worden war. – Haß, ein flammender versteckter Haß gegen die Mademoiselle erfüllte sie 12 damals. Ein Haßgefühl, das dann, in sehr frühen Jahren schon, mit Yvetts erwachender Sinnlichkeit zuerst chaotisch in eins verschmolz und schließlich verdrängt wurde. Von einer verworrenen Geschlechtlichkeit, deren verborgene Glut die Kleine in völliger Unkenntnis des Eigentlichen durch dunkel-fantastische Vorstellungen stets neu zu entfachen, zu löschen versuchte. Einem Stubenmädchen im Hause gefiel es später, die Fantasie des Kindes mit plastischeren Bildern zu nähren, es sogar einmal zum verborgenen Zuschauer eines rohen Liebesakts mit einem Trainsoldaten zu machen. Yvett war dadurch tagelang wie vom Blitz gelähmt. Dann brach eine wilde Zärtlichkeit in ihr los, deren Ziel die noch völlig unbefangene Lotte wurde. Stets scheu um Lotte herum, ersann Yvett immer neue Vorwände, sie am Arm, an der Brust, an den Knien berühren zu dürfen. Am liebsten hätte sie sie freilich auf den Nacken geküßt, unter die keck gelockten Härchen. Aber so weit reichte Yvetts Wagemut niemals. Lotte wurde ihr von den Eltern in allen Dingen als ein Vorbild hingestellt. Das schmerzte Yvett damals kaum. Empfand sie doch selbst nur zu gut, wie spielerisch leicht der Lotte alles gelang, was sie selbst nur mühevoll oder gar nicht zu erreichen vermochte. Anbetend blickte sie selbst zu Lotte empor. Und von keinem verzärtelt, bettelte sie stumm nur um ein wenig Liebe der süßen Freundin, die alle verwöhnten. Um diese Zeit betrachtete Yvett, abends beim Auskleiden, ihren Körper oft eingehend im Spiegel. Man wiederholte ihr ständig, daß sie sich schlecht halte. Aber hier sah sie nun deutlich, daß das nicht der 13 Grund ihrer körperlichen Unvollkommenheit war, daß vielmehr ihre Brust sich allzu flach, allzu kräftelos wölbte. Lottes kleine Brüste hingegen reckten sich mit jedem Tag härter und selbstsicherer. * Das war wohl auch der Grund, warum Lotte in der Tanzstunde ständig umringt war. Und weshalb zwei Schüler der 7. Gymnasialklasse sich ihretwegen duelliert hatten. Eine Fechtart, die den Unterarm und den halben Oberarm der Waffe des Gegners preisgab. So daß der eine Schüler dann über 14 Tage die rechte Hand in der Binde trug. Hingegen waren Yvetts Tänzer fast ausnahmslos die wenigen jungen Leute, die von den Eltern manchmal zum Tee geladen wurden. Es kam wohl vor, daß einer für Yvetts abgründige Augen nicht unempfänglich blieb, aber auch der zeigte sich bald ermüdet von ihrer unklaren, durch ihn hindurch gleichsam ins Weite zielenden Sehnsucht. Wenn dann zum Überfluß noch die schimmernde Lotte an ihm ihre Stärke erprobte – das unterließ die Freundin eigentlich selten – dann war er für Yvett sogleich verloren. An solch einem Verlust jedoch empfand Yvett schmerzlich nur das plötzliche Wiederalleinstehen. Zeitweise regten sich ungestüm Kräfte in ihr. Und es überflutete sie der Gedanke, sie müßte bloß eine Lebensaufgabe haben, irgendwas Großes und wahrhaft Bewegendes, und ihr Körper müßte bloß frischer werden und strotzender, wie der Lottes, dann würde auch sie gierig im wirklichen Leben wurzeln und Erfolge haben. 14 Eifrig turnte sie dann einige Morgen hindurch. Und in der pathetischen Haltung eines die Heilsbotschaft verkündenden serafischen Wesens suchte sie dann auch sogleich ihre ganze Umgebung für Nacktheit in Sonne und Luft, Wasser und Bewegung einzunehmen. Sogar die Mademoiselle, die übrigens um diese Zeit ihre Entlassung erwirkte. Aber eine Melodie oder ein tief klingender Vers drückten Yvett dann wieder stundenlang träumend in eine Ecke. Meist unzart aufgeschreckt aus der Welt des Geträumten, suchte sie sich dann beschämt und ungeschickt zurechtzufinden, nahm immer mehr ein gehetztes verlogenes Wesen an und wirkte geradezu unangenehm auf ihre Umgebung. Eine tagelang anhaltende Nervenkrise war bei Yvett einmal die Folge einer Naturgeschichtsstunde, in welcher der Stamm der Weichtiere besprochen wurde. Damals fürchtete man ernsthaft für Yvetts Vernunft. Denn bei gänzlich verfallenem Aussehen wiederholte sie idiotisch, sie sei eine Molluske. Ohne Knochen. Molluske . . . Tief verstrickt in Unmöglichkeiten, erhoffte sie auch Rettung nur von Unmöglichem. Wo blieb ein Erlöser? 2 Um sich von Lotte etwas zu lösen, deren beharrliche Triumphe in ihrem Bereich ihr allmählich doch unerträglich wurden, im Maße nämlich, als Yvett reifer wurde und statt Lottes Knie nun doch lieber die Knie eines Jünglings berührt hätte – um sich von Lotte etwas zu lösen, schloß sich Yvett heimlich enger 15 an ein Mädchen an, das, älter als sie selbst, ihr ungeheuer wissend vorkam und Kind einer in Rietheim wenig geachteten Familie war. Der Ernährer dieser Familie, eine rheumatische Null, war Prokurist in der Fabrik von Yvetts Vater, die Familie selbst bestand neben ihm aus einer mannstollen Frau und zwei mannstollen Töchtern, und in dieser Familie besaß der Ernährer keinerlei Prokura. Im Gegenteil. Nicht wenige noch in der Pubertät begriffene Jünglinge wollen nacheinander die ganze Familie mit Ausnahme des Vaters besessen haben, und auf dem schwarzen Brett des Gymnasiums war einmal verlautbart worden, daß bis auf weiteres den Schülern aller Klassen Besuche in Privathäusern nur mit der ausdrücklichen schriftlichen Einwilligung der Eltern, beziehungsweise des verantwortlichen Erziehers, gestattet seien. So arg mußte es dort bereits zugegangen sein. Yvett hatte von alldem natürlich gehört. Und eines Vormittags konnte sie nicht länger an sich halten und nahm eine Einladung zu ihrer neuen Freundin, Erna hieß sie, an. * Schuldbewußt und linkisch trat sie am Nachmittag dort ins Zimmer. Auf dem Sofa saß ein Jüngling mit einem Mädchengesicht. In seinem Haar hatte die Schwester Ernas gerade ihre Finger. »Die ist nicht so dumm, sondern genießt das Leben«, fuhr es Yvett durch den Kopf. Und verlegen starrte sie den Jungen an. Der sprang leicht errötend auf und stellte sich vor. »Romeo Reif!« Wobei er sehr weltmännisch und sicher war. 16 Es war noch ein zweiter Junge zugegen, größer und älter, der indessen auf dem Sofa ruhig sitzen blieb und Yvett nun ziemlich dumm anlächelte. Er war aber sehr gut gewachsen, und Yvett erinnerte sich plötzlich, daß er ihr doch aus der Theatervorstellung eines Dilettantenvereins bereits bekannt sei. Damals hatte sie über seine übertriebene Art zu deklamieren und die Augen zu rollen mit Lotte furchtbar gelacht. Immerhin schwärmten, wie sie wußte, einige Mitschülerinnen von ihm. Der Mime begann auch sogleich mit geistlos-schlüpfrigen Bemerkungen um sich zu werfen. Lustvoll sekundierten ihm dabei die Schwestern. In diesem Augenblick sahen sie, nicht ohne Feindseligkeit, in Yvett vermutlich nur die Tochter ihres Brotgebers, das unbescholtene vornehme Mädchen, und weideten sich an ihrer hilflosen Verlegenheit. Auch Romeo Reif tat sehr blasiert und verkommen. Solange Tee getrunken wurde, saß man gemeinsam um den Tisch herum; jetzt nahmen die Schwestern mit den beiden Jünglingen neuerdings auf dem Sofa Platz und begannen wie selbstverständlich Zärtlichkeiten auszutauschen. Yvett sah sich allein am Tisch, einsam, von der Welt gänzlich abgeschnitten. »Aber setzen Sie sich doch zu uns, Fräulein Winternitz!« rief schließlich Romeo, auf den die ratlos ertrinkenden Augen Yvetts offenbar Eindruck machten. Yvett hatte sich – wohl zum ersten Mal in ihrem Leben – schon einige Minuten in den Schoß ihrer, ach, wie friedlich-anständigen Familie zurückgesehnt; doch erst diese Aufforderung gab ihr die Kraft zu einem unsicheren Aufbruchsversuch. Damit rief sie jedoch 17 eine so laute Heiterkeit hervor, daß sie, blutrot und völlig verzweifelt, in der Mitte des Zimmers stehen blieb und sich nun weder zum Fortgehen noch zum Bleiben entschließen konnte. »Aber was hast du denn, Yvett!« stieß Erna unter Lachen hervor. »Wir tun eben einfach was uns Spaß macht und kümmern uns den Teufel darum, was die Leute von uns denken. Verlaß dich drauf, man lebt besser so.« »Natürlich! Antike Sinnesheiterkeit sei 's Panier! Ein Hundsfott, der sie schmäht!« deklamierte der Dilettant aus dem Theaterverein und griff nach Ernas Brust. Erna schrie kreischend auf. Yvett dachte: Dann ist es zumindest gemein, daß ihr mich hier allein am Tisch sitzen laßt. Laut aber stammelte sie bloß: »Ach nein, das ist es auch nicht . . . Aber Mama erwartet mich bei der Schneiderin . . . Es hat mir im Gegenteil doch sehr gut bei dir gefallen, Erna! Aber wegen Mama geht es nicht, leider . . . Auf Wiedersehen, Erna. Guten Tag.« Da merkwürdigerweise aber alle taktlos schwiegen, während Ernas Schwester in die vorgehaltene Hand hineinkicherte, vermochte Yvett, vor lauter Peinlichkeit wie gelähmt, kein Glied zur Tür hin zu regen. Am liebsten wäre sie wohl spurlos in die Erde gesunken. »Guten Tag«, würgte sie mit angstgeweiteten Augen noch einmal hervor, und dann wankte sie mit steifen Beinen zur Tür. Der Dilettant, weltmännisch die Situation rettend, sprang vom Sofa empor, pflanzte sich breit vor die Tür hin: »Deinen Mund beut mir zum Abschied, göttliches Mädchen!« 18 Aber auch Romeo hatte sich erhoben. Er trat zwischen die beiden. »Laß das, du verhinderter Tragöde«, sagte er und geleitete Yvett mit vollendeter Ehrerbietung auf den Korridor hinaus. Er vermutete, auf diese Weise mehr Eindruck zu machen. Yvett gefiel ihm. »Wenn Sie gestatten, Fräulein Winternitz, werde ich Sie noch zu der Schneiderin hinbringen. Ich meine, damit Ihnen ähnliche Anfechtungen erspart bleiben.« Es war heller Tag. »Nein! Bitte, bleiben Sie«, hauchte Yvett, atemlos; »danke schön. Adieu.« Romeo ging trotzdem neben ihr her. Die Treppe hinunter, die Straße entlang. Und redete. Er sei Jurist im ersten Semester, aber er fahre nur zu den Immatrikulationen in die Hauptstadt. Von seinen Plänen sprach er; daß er Künstler werden wolle, und daß in ihm eine merkwürdige Sehnsucht nach Höhenflügen der Seele sei. Erna und ihre Familie streifte er nur kurz und verächtlich. Dorthin ginge er übrigens nur zu dem Zweck, um psychologische Studien zu machen, ob sie ihn denn verstehe? Da Yvett aber noch keine Silbe erwidert, sondern mehrmals nur heftig mit dem Kopf genickt hatte, kam er gewandt auf Allgemeines, auf die Festspiele dieses Sommers zu sprechen. Jetzt hatte sich Yvett schon so weit gefaßt, daß sie einzuflechten vermochte, auch sie habe einen Abend in Salzburg mitgemacht. Romeo war entzückt. Wie er sie beneide! Und bei welcher Aufführung sie denn zugegen gewesen sei? »Ja es war ganz wunderbar«, ereiferte sich Yvett. »Die Oper war es von . . . warten Sie . . . von – ? –« »Na von Mozart doch jedenfalls«, ergänzte 19 Romeo mit nachsichtigem Lächeln. »Welche war es denn?« Yvett wußte plötzlich gar nichts mehr; das war ihr nun doppelt peinlich. »Na warten Sie, Fräulein, nehmen wir Mozarts Opern einfach nach der Reihe durch. Dann wird es Ihnen schon einfallen«, sagte Romeo aufmunternd. Und ohne allzu merkbare Überlegenheit begann er sogleich, ohne zu stocken: »›Bastien und Bastienne‹ war es sicher nicht. ›Cosi fan tutte‹ auch kaum. ›Entführung aus dem Serail‹ vielleicht? ›Figaros Hochzeit‹ . . . Auch nicht? ›Don Juan‹?? ›Zauberflöte‹?! Ja hören Sie, sonst gibt es doch nichts mehr!« Yvett erschrak. Denn der gesuchte Titel fiel ihr plötzlich ein. »Nein!« rief sie. »›Jedermann‹ hieß es, natürlich! ›Jedermann‹.« »Tja, das ist dann freilich was anderes«, bemerkte Romeo, und nun legte er sein Gesicht unverhüllt in tadelnde Falten. »Ein Schauspiel war es also. Von Hofmannsthal. In der Reinhardtschen Inszenierung.« »Ja«, suchte Yvett freudig zu bestätigen, aber da Romeo belastend schwieg, verstummte sie rasch. Schweigend gingen sie einige Sekunden nebeneinander her. »Gott, wie Sie das wissen«, hauchte Yvett bewundernd, mutlos, und in ihre Augen traten Tränen. »Na, na«, wehrte Romeo bescheiden ab, »das weiß doch heute jedes Kind.« »Nur ich weiß es nicht«, murmelte Yvett, ohne Ton, »sobald ich es nämlich wissen sollte.« Und sie lächelte, weil im Augenblick offenbar gar keine Möglichkeit für sie bestand, Selbstmord zu begehen. 20 »Was? Wie meinten Sie?« erkundigte sich Romeo. Aber Yvett wandte bloß stumm den Kopf zur Seite. Yvett blieb stehen. Sie waren bei ihrem Hause angelangt. »Guten Tag, Herr . . . Herr . . .?« »Reif«, ergänzte Romeo verbindlich. Es war ihm mit einem Mal eigentümlich traurig zumute. »Wann kann ich Sie wiedersehn, Fräulein Winternitz?« »Nie!« stieß Yvett unbeherrscht hervor, »es ist besser für Sie!« Eigentlich meinte sie: »für mich«. Aber gleichzeitig merkte sie selbst das Pathetische ihrer Antwort – eine neue Entgleisung. Und verzweifelt stürzte sie ins Haus. Den ganzen Abend spielte sie dann zum Staunen der Eltern Sonaten von Mozart und gab auf keine Frage Antwort. * Am nächsten Tag, nach der Schule, erwartete Romeo sie unweit vom Ausgang des Schulgebäudes. Mit einer Miene, als wartete er hier seit Monaten täglich auf sie. Aber auch Yvett war in keiner Weise verwundert, Romeo hier zu erblicken; sie wäre im Gegenteil erstaunt gewesen, hätte sie ihn nicht vorgefunden. Ängstlich blickte sie nur mehrmals zurück. Ob ihnen nicht am Ende die Lotte gleich wieder folge – in aller Harmlosigkeit, wie sie es immer machte. Doch nichts war von Lotte zu sehen. Wahrscheinlich scherzte sie auf dem Gang noch immer mit dem alten Religionslehrer . . . Und unvermittelt sprach sie den Wunsch aus, Romeo möge sie künftig nie mehr vor dem Schulgebäude erwarten. Der Professoren wegen, begründete sie. 21 Und auch in den nächsten Wochen, da sie sich nahezu täglich mit Romeo traf, verbarg sie ihn peinlich vor Lotte. Er war so nett angezogen und so gescheit. Jung schien er ihr auch – wenn sie seine Art mit der ihren verglich. Und schon dachte sie ängstlich daran, wie jung auch Lotte war . . . Jedenfalls sollte die ihn nicht haben. Noch nicht haben. Diese Egoistin! 3 Aber Lotte hatte schon vorher einen Fund gemacht, wie sie es nannte, den sie Yvett verschwieg. In der Stadt lebt völlig abseits vom allgemeinen Treiben ein Herr Axel Kolbenstetter. Abkömmling einer begüterten alten Rietheimer Kaufmannsfamilie. Dennoch wurde er von den Mitbürgern bereits aufgegeben. Sozial untüchtig. Unzuverlässig. Ein Narr, milde gesagt. Zwar behaupten gewisse jugendliche Schwarmgeister mit Nachkriegsansichten – Elemente demnach, das kennt man doch, die sich grundsätzlich in Gegensatz zu der herrschenden Meinung stellen – diese Elemente also behaupten, Herr Kolbenstetter hätte auch beileibe nicht den Ehrgeiz, ein nützliches Mitglied der menschlichen Gesellschaft zu sein. Er habe ganz andere Interessen, und er sei so hochgeistig, daß er lediglich in Ruhe gelassen werden wolle. So etwas behaupten diese Grünlinge, ohne Herrn Kolbenstetter auch nur jemals von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben. Denn der ist nicht zu sehen. Fragt man dann aber, womit sie diese Ansicht eigentlich begründen wollen, so 22 wissen sie nichts Vernünftigeres zu erwidern als: ein Mensch, der so viele Bücher besitzt und mit keinem Rietheimer spricht, der müsse ganz einfach ein Genie sein. Daß dieser Herr Kolbenstetter eine ausgedehnte Bibliothek besitzt und allerlei kostbare Sammlungen, das mag schon stimmen. Das berechtigt ihn aber noch lange nicht, sich über die anderen zu erheben und deren höchste Güter zu verhöhnen. Wie das offenbar seine Art ist. Bitte, da hat zum Beispiel der Installatör, der übrigens im Gemeinderat sitzt und im Hause Kolbenstetter eine Reparatur durchzuführen hatte, erzählt, im Korridor hänge dort, inmitten von lauter alten schmutzigen Holzschnitzereien, in einem kostbaren Rahmen auch ein Reklameflugblatt in den Landesfarben »Kauft nur vaterländisches Abortpapier!« Das ist allerdings ein starkes Stück. Wie kann ein noch so geschäftstüchtiger Fabrikant solcher Artikel zu dermaßen geschmacklosen Propagandamitteln greifen. Zugegeben. Daß aber dieser Prospekt, und noch dazu kostbar gerahmt, ausgerechnet im Vorzimmer dieses Herrn Kolbenstetter hängen muß, das ist provokativste Verhöhnung seiner Landsleute. Wenn aber einmal seine Wasserleitungsröhren verstopft sind, dann erinnert er sich seiner Volksgenossen, dann braucht er sie! Oder könnte er sich seine Röhren etwa selbst reinigen? – Der Installatör, als er es erzählte, bemerkte dazu auch ganz richtig, das grenze an Volksverrat. Jedenfalls sind alle, die in Rietheim etwas bedeuten und leisten, einig darin, daß es sich hier um einen völlig unbrauchbaren Fantasten und Büchernarren handelt, der sich zu 23 allem noch größenwahnsinnig – oder ist er nicht vielmehr lichtscheu? – vor seinen Mitbürgern abschließt. * Dieser Herr Kolbenstetter also war Lottes »Fund«. Und das war folgendermaßen gekommen. Eines Tages war vielleicht auch in Lotte das Weib erwacht. Denn sie begann plötzlich die Einsamkeit aufzusuchen, und da träumte sie dann von einem ganz und gar ungewöhnlichen bedeutenden Menschen, den sie lieben werde. Sobald das aber einmal bei ihr feststand, sah sie sich auch sogleich – hocherhobenen Hauptes und mit freiem offenen Blick, wie das eben in allem ihre Art war – in Rietheim nach einem ungewöhnlichen und bedeutenden Menschen um. Aber in ihrem Kreis fand sich keiner, der dem geträumten Bilde entsprochen hätte. Und so stellte sich bald eine ganz unklare ziellose Sehnsucht nach romantischen Geschehnissen, nach außergewöhnlichen Situationen, bei ihr ein. Was man da und dort über Herrn Kolbenstetter sprach, fesselte sie von da an. Sie vernahm, daß sein Vater ein großer und sogar in der Hauptstadt geachteter Kaufmann gewesen sei. Und daß der Sohn, nach dem Urteil des alten Gymnasialdirektors, schon in der Schulzeit zwar von lobenswerter Denkschärfe gewesen wäre, aber einen tadelnswerten Zynismus nicht habe verleugnen können. Nach dem Abitur habe er sich jahrelang im Ausland herumgetrieben, angeblich auf Universitäten, und erst nach seines Vaters Tod sei er dann in die Stadt zurückgekehrt. Mit einem Christusbart, doch ohne jeden akademischen Grad. Von da 24 an habe man nur noch beobachten können, daß unaufhörlich Kisten vor seinem Haus abgeladen wurden. Vermutlich mit Büchern und sonstigem alten Kram. Axel Kolbenstetter selbst aber konnte und könne man nur sehr schwer zu Gesicht bekommen. Von Zeit zu Zeit verreise er, heißt es. Bei Nacht! Und kehre auch nur bei Nacht wieder zurück. Für Frauen scheint er nichts übrig zu haben. Wiewohl er doch bereits an die vierzig gehen muß . . . Doch gerade bei dieser letzten Bemerkung erinnerte man sich der Anwesenheit Lottes und sprach nicht weiter. Eines Tags aber konnte Lotte nicht länger an sich halten. Es war Winter, sie trug ein blaues Kostüm mit Pelzbesatz, sie hatte rote Wangen, und sie wartete auf der Straße. Als der Briefträger in das Haus Kolbenstetter trat, schlich sie ihm nach. Im Korridor machte der Postbote vor einer Tür halt und läutete. Zweimal kurz, einmal lang. Lotte war ihm ungesehen gefolgt. Die Tür öffnete sich wie von selbst mit einem dumpfen surrenden Ton. Ohne lang zu überlegen, schlüpfte Lotte hinter dem Postboten durch die Tür. Der gewahrte sie jetzt erst und blickte sie, wie es Lotte vorkam, erstaunt an. Lotte nahm aber ihre ganze Keckheit zusammen, musterte ihn ihrerseits mit hochgezogenen Brauen und tat im übrigen völlig unbefangen. Da schlüpfte der Briefträger wortlos in Filzüberschuhe, die hinter der Tür bereitstanden, schritt bis ans Ende des Vorzimmers, wo er abermals kurz an eine Tür klopfte, legte die Post auf ein Tischchen und verließ daraufhin sogleich die Wohnung. Nicht ohne Lotte, die jetzt harmlos ein Bild an der Wand betrachtete, von neuem verwundert gemessen 25 zu haben. Jetzt stand Lotte unschlüssig im Halbdunkel. Eine drückende Stille umgab sie. Sie vernahm nichts als die kurzen harten Schläge ihres Herzens . . . Die Tür, an welche der Briefträger geklopft hatte, öffnete sich mit einem Mal sanft, eine hohe Gestalt in einem bis an die Füße hinabreichenden Mantel – oder war es ein Schlafrock? – erfüllte fast gänzlich den Lichtausschnitt, ein Arm schob sich vor, nahm die Briefe an sich. »Ich bin die Lotte Freißler!« rief Lotte mit dem letzten Rest ihrer Keckheit aus dem Halbdunkel. Aber angstvoll krampfte sie auf dem Rücken die Finger ineinander. Die Gestalt fuhr heftig zusammen, um dann einen Augenblick völlig bewegungslos zu verharren. Lotte wurde es von Sekunde zu Sekunde unheimlicher; sie fand auch nichts, was sie noch hätte hinzufügen können. So albern es scheinen mag – nur das Märchen vom Rotkäppchen und vom Wolf fiel ihr im Augenblick ein. Da, endlich, brach ein herzliches wohlklingendes Gelächter aus dem riesigen Schatten hervor. »So. Die Lotte Freißler bist du. Also komm nur herein, Lotte Freißler«, rief die Gestalt aus. Trotzig trat Lotte nach kurzem Zögern ein. Ein Raum war es, wie ein Wintergarten anzusehn. Die Wände entlang, auf Regalen, standen unzählige verschiedenartige Kakteen. Und auf einem altertümlichen Tisch – dieser Umstand gab Lotte ihre ganze Sicherheit zurück – die Reste einer eben genossenen Mahlzeit: Schinken und Eier. Der Riese hinter ihr hielt immer noch die Tür 26 offen. Er schien Lotte von rückwärts zu betrachten. »Also die Lotte Freißler bist du«, rief er unter Lachen noch einmal aus, »aha!« Damit setzte er sich, ihr gegenüber, in einen Lehnstuhl und blickte sie höchst belustigt an. Lotte ärgerte diese Heiterkeit allmählich. Mit fast verächtlich vorgeschobener Unterlippe erwiderte sie trotzig seinen musternden Blick: Ein älterer, ziemlich beleibter Mann in einem Schlafrock, wie ihn auch Pappi in früheren Jahren zu Hause gern trug, ein spitzbärtchenumrahmtes wohlwollendes Gesicht mit zarter rosiger Haut, Hornbrille und schwach ergrautem Haar. »Entschuldigen Sie, Herr Kolbenstetter«, begann Lotte; denn sie fand es nun doch unschicklich, so lange nichts zu sagen, »– ist es wahr, daß Sie so schrecklich viele Bücher haben?« Enttäuscht suchte ihr Blick dabei die einfarbig getönten leeren Wände ab. Mehr noch als die Bücher vermißte Lotte Retorten und Skelette. Dergleichen hatte sie nämlich mit Bestimmtheit hier erwartet. »Nein! mein Fräulein«, lachte der Riese im Schlafrock. Und als hätte er die Ursache ihres offensichtlich enttäuschten Blickes erraten, fügte er hinzu: »Sie haben wohl in der Schule soeben den Faust gelesen und vermissen nun hier ›Urväter Hausrat‹, nicht wahr? Aber da gibt es doch jetzt ein viel besseres Stück als den Faust: ›Lotte Freißlers Ausflug ins Romantische‹. Hilfe! Au!« Jetzt preßte er beide Hände gegen den Bauch und erstickte beinahe vor Lachen. In Lotte schwoll der Zorn. »Wenn Sie sich schon 27 weiter über mich lustig zu machen gedenken, so könnten Sie wenigstens wissen, was sich gehört, und mir einen Stuhl anbieten!« »Gibt's nicht, Mäderle! Stehen bleiben! Du bist zu nett! Ich muß alles sehen von dir!« Er lachte noch immer. Lottes Wangen waren vom Winter und vom Unmut doppelt gerötet. »Was fällt Ihnen eigentlich ein, mich zu duzen?« rief sie. »Ich gehe wieder, Herr Kolbenstetter. keine Angst! Aber Sie brauchen sich wirklich nicht einzubilden, daß ich gekommen bin, weil etwa Sie mich interessierten. Ich . . .« Lotte hielt inne, denn etwas ganz und gar Unerwartetes geschah: Herr Kolbenstetter wurde über und über rot. Und er blickte plötzlich sehr ernst zu Boden. »Ja, ich muß um Entschuldigung bitten«, sagte er, einigermaßen stockend. »Aber es geschieht schließlich auch nicht alle Tage, daß eine junge Dame mich besucht.« Das »junge Dame« sagte er ohne allen Spott; obwohl es ihm nicht eben leicht von den Lippen zu gehen schien. »Und da bin ich mir vielleicht nicht mehr ganz der Formen bewußt . . .« Er brach ab und blickte Lotte nun wieder voll ins Gesicht. »Hat Sie ein bestimmtes Anliegen zu mir geführt, Fräulein Lotte?« Gewiß hatte sich Lotte ein Anliegen zurechtgelegt. Aber der Respekt, mit dem Herr Kolbenstetter sie auf einmal behandelte – und es schien ihm durchaus ernst damit zu sein – verwirrte sie plötzlich. Fast wäre es ihr nun eine Erleichterung gewesen, wenn er sich weiter über sie lustig gemacht hätte. Auch befürchtete sie mit einem Mal, daß er ihr 28 Anliegen sogleich als einen Vorwand durchschauen könnte. Was aber würde sie dann sagen? »Ja ich wollte, Herr Kolbenstetter«, stammelte sie, »– ich wollte Sie eigentlich bloß um eine Gefälligkeit ersuchen. Sie werden es wahrscheinlich merkwürdig finden . . . Aber da es doch allgemein hieß, daß Sie so schrecklich viele Bücher haben . . . Vielleicht haben Sie aber gar keine Bücher . . .« Sie verstummte und suchte ihre wachsende Verlegenheit nun in keiner Weise mehr zu verbergen. Es schien ihr im Gegenteil angezeigt, verwirrt zu sein. Und in dem Gefühl, daß es gut war, so verwirrt wie möglich zu erscheinen, spürte sie auch schon wieder neue Sicherheit in sich aufsteigen. »Nun, und ohne daß ich die Bücher habe, könnte ich Ihnen nicht gefällig sein, Fräulein Lotte?« vergewisserte sich Herr Kolbenstetter, sehr ernst und höflich. »Ich weiß es nicht, Herr Kolbenstetter«, sagte Lotte und lächelte so scheu und allerliebst wie sie nur konnte. »Um was handelt es sich denn . . . ungefähr?« erkundigte sich Herr Kolbenstetter, und eine leichte Röte flüchtete abermals über seine Wangen. »Nun, wir haben in der Schule, bitte lachen Sie nicht wieder – für Montag eine Hausarbeit aufbekommen: Der Triumph der bürgerlichen Moral in Hebbels ›Maria Magdalena‹ . . .« Herr Kolbenstetter lachte bereits wieder. Nicht mehr so eruptiv freilich wie vorher, sondern behaglicher, gleichsam schnurrend. »Nun und – Fräulein Lotte?« Jetzt lachte Lotte mit ihm. Sah sie doch, daß sie 29 das Spiel fürs erste gewonnen hatte. »Und da dachte ich mir, da Sie doch soviel wissen, wie es heißt, daß Sie mir bei dieser schwierigen Arbeit doch eigentlich recht gut helfen könnten!« Diese Idee war ihr gleich gekommen, als das Thema an die Tafel geschrieben wurde. »Vielleicht wissen Sie aber gar nicht so viel?« setzte sie mit schalkhaften Augen rasch hinzu. Herr Kolbenstetter schien das zu überhören. »Der Triumph der bürgerlichen Moral . . .«, wiederholte er auf eine sonderbare Art und irgendwie nachdenklich. Dann erhob er sich von seinem Sitz. »Nun, ich will es mir überlegen, Fräulein Lotte. Denn ein so schwieriges Thema, wie Sie selbst richtig sagten . . . Für welchen Tag haben Sie die Arbeit doch gleich aufbekommen?« »Für Montag«, entgegnete Lotte zaghaft. Es brachte sie aus der Fassung, daß Herr Kolbenstetter ihr jetzt allen Ernstes bei der Arbeit helfen wollte. Auch hätte sie zu gern noch gewußt, warum der Postbote hier Filzpantinen tragen mußte. Aber danach zu fragen, schien nun gar keine Möglichkeit mehr zu bestehen. »Für Montag«, wiederholte Herr Kolbenstetter überlegend. Dann starrte er sie plötzlich mit einem eigenartigen Blick an, wie voll Sehnsucht, und entschied hastig: »Also kommen Sie doch, wenn es Ihnen recht ist, morgen um die gleiche Zeit hier vorbei.« Und schon schritt er Lotte voran zur Korridortür, öffnete sie. Lotte blieb nichts zu tun übrig als kindlich beglückt für die große Bereitwilligkeit zu danken. Was nicht ganz ihren Wünschen entsprach. »Also auf Wiedersehen, Herr Kolbenstetter!« »Auf Wiedersehn, Fräulein Lotte.« 30 Lotte war gegangen. Zerstreut stand Axel Kolbenstetter noch einige Sekunden hinter der geschlossenen Tür; aber seine Finger hielten weiter die Klinke. Dann kehrte er mit langsamen Schritten in den Raum zurück, der wie ein Wintergarten aussah. Gedankenlos zog er an den Fenstern die Vorhänge zusammen. Graues Dunkel senkte sich über das Zimmer. Nur an der einen Wand behaupteten sich Streifen von Wintertageslicht. Axel Kolbenstetter ließ sich, als wäre er müde, in den Lehnstuhl fallen, neigte den Kopf weit zurück und blickte starr auf die Lichtstreifen an der Wand. Er lachte kurz auf, doch er verstummte ebenso jäh. Minuten verstrichen mit dem geheimen Geräusch eines fernen elektrischen Geräts. Eine Tür ging. Und kaum merklich hub irgendwo in der Wohnung ein Hantieren mit Töpfen und Tellern an. Axel Kolbenstetter hörte es nicht. Er schien zu schlafen. * Am nächsten Tag, pünktlich um die gleiche Zeit, fand Lotte sich quellfrisch abermals bei Herrn Kolbenstetter ein. Eine kleine romantische Hoffnung hatte sie freilich schon tags zuvor, gleich beim Anblick des Schinkenomeletts auf dem Tisch und der bürgerlichen Leibesrundungen des Einsiedlers, zu Grabe getragen. Aber eine urgesund durchschlafene Nacht hatte ihr die ganze Geschmeidigkeit ihres Wesens zurückgegeben. Lotte hielt sich jetzt einfach an die gegebene Wirklichkeit, und die war schließlich noch immer überaus interessant. Axel Kolbenstetter 31 war kein Faust, gewiß, er war kein spukhafter Feind allen Lebens in Rietheim und noch weniger ein erlösungsbedürftiger bleicher Prinz mit brennenden Augen, er war ein schinkenessender Mann in einem Hausrock, wie auch Pappi ihn früher mal trug, zugegeben. Aber barg sich nicht gerade hinter seiner unwahrscheinlich geheimnislosen Art eine nur um so größere Überlegenheit und doch so etwas wie ein Geheimnis? Und schließlich – welches Mädchen in Rietheim konnte von sich behaupten: mich empfängt der gelehrte und sonst so abweisende Eremit in aller Heimlichkeit bei sich, mich fordert er errötend zum Wiederkommen auf, damit wir zusammen einen großen Aufsatz über die bürgerliche Moral in Hebbels ›Maria Magdalena‹ schreiben, ich habe das gellende Hohngelächter eines allseits gefürchteten Volksverräters gezähmt und in scheue Ehrfurcht verwandelt. Soll nur Yvett das mal probieren! – Mit solchen Gedanken hatte Lotte sich leicht über die anfängliche Enttäuschung hinweggeholfen. Und dann fand auch ihr Hunger nach Außergewöhnlichem immer noch Nahrung bei den unzähligen Kakteen an den Wänden und bei den Filzüberschuhen, die der Postbote tragen mußte, auf daß er die unheimliche Stille des weiten Hauses nicht störe. So blieb Axel Kolbenstetter für Lotte trotz allem ein Fund. Es ist bekannt, daß es Papas Tochter eben ganz und gar entsprach, sogar aus Eiter noch Honig zu saugen. Dieses selten häßliche Sprachbild stammt allerdings aus dem üblen Mund eines ihr wenig gewogenen Tanzstundenzynikers, der irgendwo an der Peripherie von Rietheim ansässig war. 32 Ohne furchtbaren Sturz aus den lichten Höhen ihrer Einbildung sollte es freilich auch bei diesem Besuch für Lotte, die munter und voll Erwartung erschien, nicht abgehen. Der ganz und gar ungehobelte Mensch empfing sie mit schallender Heiterkeit; er erwiderte ihr artig-vertrauliches »Guten Tag, Herr Kolbenstetter«, einfach mit den Worten: »Die bürgerliche Moral tommt . . . Hilfe!« Und wurde blaurot im Gesicht vor Lachen. Lotte traf es wie ein Keulenschlag. Gestern – da hatte dieses unerhörte Gelächter nicht so auf sie gewirkt, nicht dermaßen herabsetzend und verletzend. Da hatte sie es, wenn sie sich die für Herrn Kolbenstetter doch reichlich absonderliche Situation vergegenwärtigte, mehr oder weniger begreiflich gefunden. Ja sie hatte zuletzt schon kämpfen müssen, um von diesem stürmischen Gelächter nicht angesteckt zu werden. Aber heute –! Wo er ihre Vorzüge doch bereits kannte, und wo es ihr am Morgen vorgekommen war, als hätte er die ganze Nacht an sie gedacht . . . In Lottes Augen erschienen zwei böse Tränen. »Bitte, benehmen Sie sich!« herrschte sie Herrn Kolbenstetter an, vibrierend vor Aufregung. Der gab, erstickend, nur einen quiekenden Laut von sich, wie ein Tier. Eine unzähmbare Wut überkam Lotte, ein fürchterliches Haßgefühl gegen das quiekende und prustende Ungeheuer. Sie stampfte mit dem Fuß. »Also genug!« rief sie erbost. »Wenn Sie mich nicht behandeln, wie es mir gebührt, sag ich's dem Pappi, dem Doktor Freißler! Der wird schon mit Ihnen fertig werden! Warum haben Sie mich zum Wiederkommen 33 aufgefordert, wenn Sie sich bloß . . . – ach was! Überhaupt wissen alle, daß Sie ein Volksverräter sind. So. Und nun – guten Tag. Also lassen Sie mich doch schon hinaus, Sie –!« Herr Kolbenstetter lehnte mit dem Rücken an der Tür, verstellte ihr so den Ausgang. Die Tränen schossen ihm aus den Augen, vor Lachen, er rang hilflos die Hände. Endlich gelang es ihm hervorzustoßen: »Mäderle! Nicht! Nicht böse sein! Aber ›Pappi‹! Und ›Volksverräter‹! Das ist zuviel! Hilfe, Hilfe! Ja, wie ich jünger war – da konnte man mir solche Sachen noch erzählen! Aber heute! Bei dem Umfang – –!« Er preßte beide Hände gegen den Magen und bekam jetzt plötzlich die Augen eines die Strafe erwartenden Kindes. Diese Augen besänftigten Lotte. Sie empfand mit einem Mal – komisch! – etwas für Herrn Kolbenstetter . . . ein Gefühl war es, das sie vorher nie gekannt hatte. Ähnlich wie Mitleid. Ob das am Ende die Liebe ist, ging es ihr durch den Kopf. Doch sie verwarf den unsinnigen Gedanken. Allmählich beruhigte er sich. Er trocknete sich Stirn und Wangen mit einem Taschentuch. »Entschuldigen Sie, Fräulein Lotte«, sagte er, schwach, »ist schon wieder gut.« Damit vollführte er eine einladende Handbewegung und öffnete eine Tür. Lotte trat ein. Die Bibliothek! – durchfuhr es sie. Ein riesiger Raum. Herr Kolbenstetter drückte auf Knöpfe an der Wand. Strahlendes Licht schoß aus unzähligen elektrischen Kerzen auf die Wände, auf den märchenhaft herrlichen Teppich, der den Boden bedeckte. So was besaßen nicht einmal die 34 Winternitz! Lotte stand geblendet. Geblendet von der verschwenderischen Fülle und der schimmernden Farbwirkung der Bücher, die bis zur Decke empor die Wände bedeckten. Sie hielt den Atem an. Sie wandte den Kopf nach Herrn Kolbenstetter zurück. Sie lächelte stumm und artig, und in ihren Augen schimmerte es perlmutterbraun. Axel Kolbenstetters Wangen waren schlaff. Er machte eine kleine Bewegung, als wollte er sie bei der Hand oder an der Schulter fassen, aber er unterließ es. »Sie sind ein gutes Kerlchen, Fräulein Lotte«, sagte er rasch, als wollte er sich verbessern. »Sie sind mir nicht mehr böse, nicht wahr?« Und er lächelte gutmütig. »Nein«, sagte Lotte und schüttelte bedächtig den Kopf. Sie sagte es seelenvoll. Beide schwiegen. »Und meine Hausarbeit, Herr Kolbenstetter?« Damit wandte sie sich ihm, schalkhaft, nun vollends zu. Eine Sekunde lang war es ein zerstreutes schmerzliches Lächeln, das um Axel Kolbenstetters Lippen spielte; wenigstens kam es Lotte so vor. Gleich darauf aber lachte er voll herzhafter gewinnender Heiterkeit. »Sie sollen mich kennenlernen. Den Spaß laß ich mir wirklich nicht entgehen. Die einzige Gelegenheit, mich in meinen Jahren noch einmal produktiv auszuleben. Kommen Sie, Fräulein Ulrike. Sie heißen doch Ulrike, nicht? Ach, Lotte, so, natürlich, Lotte. Also wie lautet eigentlich das Thema?« Sie waren in ein anderes kleineres Zimmer eingetreten, das gleichfalls voll von Büchern stand, sonst aber nahezu ärmlich war. Unvermittelt begann Herr Kolbenstetter hier sogleich, während er mit großen Schritten den Raum durchmaß, Lotte die Hausarbeit 35 zu diktieren. Nicht ohne zeitweise Heiterkeitsausbrüche. Denn er gab sich sichtlich alle Mühe, das Thema so einfach und ungelehrt wie möglich zu behandeln. Dennoch spürte Lotte einen ihr bis dahin fremden umfassenden und geradezu unmenschlich unparteiischen Geist aus den Sätzen heraus. Das freute sie zunächst Herrn Kolbenstetters wegen. Bald darauf gerieten ihre Gedanken freilich in eine andere Richtung. Während sie mechanisch niederschrieb, was der gelehrte Einsiedler ihr diktierte, schwelgte sie bereits in der Vorstellung, was wohl der Professor über diese »weitaus originellste und gründlichste Arbeit« in der Klasse sagen werde. Im Lehrerzimmer würde das Heft selbstverständlich von Hand zu Hand gehen und voll Staunen betrachtet werden. Und Pappi! Dem wird sie zunächst natürlich nichts von dem allen erzählen. Erst wenn er von Lottes Ruhm aus dem Munde der Professoren und des Direktors gehört haben werde, da wird sie dann ganz schlicht bloß bemerken: »Nun ja, Pappi, dieses Thema hat mich eben mal stärker interessiert.« Ja, genau so würde sie sagen. Nichts weiter. Und auch in der Schule, und besonders Yvett gegenüber, würde sie so tun, als wäre das ganze doch gar nicht so viel Aufhebens wert: Ach Gott, sie hatte doch schließlich immer »vorzüglich« unter ihren deutschen Aufsätzen gehabt. Einige von den neidischen Gänsen würden zwar, wie immer, miteinander tuscheln . . . – So, also glaubt ihr vielleicht, ihr Gänse, daß mir mein Vater bei der Arbeit geholfen hat? Mein Vater kennt den Aufsatz bis heute gar nicht! Soll ihn Yvett doch noch heute fragen, ob er eine Ahnung hat, daß wir das Thema überhaupt zu 36 behandeln hatten! – Nur gut, dachte Lotte, daß kein Mensch gerade Herrn Kolbenstetter dahinter vermuten wird. Ihn doch am allerwenigsten. – Hingegeben an diese Gedanken, füllte Lotte mechanisch Seite auf Seite mit ihrer sauberen Kinderschrift. Plötzlich schrak sie auf. »So, mein Fräulein, ich denke das wird genügen«, hatte sie Herrn Kolbenstetter ausrufen hören. Wie bei einer schlechten Tat ertappt, sprang Lotte errötend auf; hastig legte sie die Blätter zusammen. Dann stammelte sie verlegen einige Dankesworte. Aber Herr Kolbenstetter unterbrach sie, gut gelaunt. »Ich stelle nur die eine Bedingung, daß Sie mir das Heft bringen, sobald Sie es vom Professor korrigiert zurückerhalten haben, Fräulein Lotte.« Damit schritt er ihr auch schon voran, ganz so wie gestern, zur Tür. Lotte versprach, mit dem Heft wiederzukommen. »Es interessiert mich doch brennend zu wissen, wie ich in einem Mädchenlyceum heute abschneiden würde«, setzte er lachend hinzu und reichte ihr zum Abschied die Hand. »Das weiche Patschhändchen!« murmelte er noch, und es schien Lotte, als wenn er mit einem Mal wieder traurige Augen machte. 4 So merkwürdig es scheint, Lottes Geist und auch Lottes Sinne hatten sich an Herrn Kolbenstetters Gelächter entzündet. Dieses taumelhafte gequälte gierige atemlose Gelächter, das ihn bei ihrem Anblick diesmal ergriffen hatte, seine körperliche Erschöpftheit nachher, die leichte Trauer in seinem Blick und der 37 matte gütige Klang seiner Worte – alles das wirkte in der Erinnerung eigenartig erregend auf Lotte. Denn in ihrer Vorstellung empfand sie es so, als hätten sie sich in diesem Lachensrausch aneinander erschöpft, als wären sie nachher miteinander traurig und gütig gewesen, und als wären sie schließlich Hand in Hand, auf dicken weichen Teppichen, in die strahlende Helle des Bücherwunderlandes hineingeschritten. Lotte dachte in diesen Tagen viel und beinahe zärtlich an Axel Kolbenstetter, und unaufhörlich hörte sie das Lachen des Außenseiters in sich klingen. Es wirkte so überzeugend und kam aus dermaßen hohen Gefilden des Geistes herab, daß Lottes Glaube an die würdigen ernsten Pflichtmenschen, die sie umgaben, wankend wurde. »Mit ihm verglichen . . . sind sie alle . . . Pinsel«, sagte sie sich. »Axel Kolbenstetter, ja, der steht über dem Leben: er lacht.« Vor dem Einschlafen strich sie mit den Fingerspitzen liebevoll über die Blätter, auf die sie, seinem Diktat folgend, die Hausarbeit notiert hatte – das einzige, was sie von ihm jetzt besaß. Diese Blätter waren ihr lieb und teuer wie einer Mutter das erste Kind ihrer Liebe. Sie hatte die Arbeit noch am gleichen Abend in das Schulheft eingetragen, das Heft gleich am nächsten Morgen abgegeben und die Blätter seitdem nicht mehr angesehen. Sie strich bloß im Dunkeln mit den Fingerspitzen über die Seiten. Lesen wollte sie die Arbeit mit eigentlichem Genuß erst dann, wenn ihr die Professoren und der Vater und überhaupt alle, alle bereits staunendes Lob gezollt haben würden. Und erst dann würde sie mit dem Heft auch zu Herrn Kolbenstetter gehen . . . 38 Als beim Abendbrot die Eltern plötzlich den Namen Kolbenstetter erwähnten, errötete Lotte heftig; sie fühlte ihr Herz stillestehn. »Dieser Mensch hat sich im letzten Jahrzehnt in Rietheim bei Tageslicht ein einziges Mal gezeigt!« hörte sie wie im Halbschlaf den Vater ausrufen. »Und dieses eine Mal erregte er überdies allgemeines Ärgernis. Es war am Tage des großen Schützen- und Feuerwehrfestes, das die Gauleitung in einem der ersten Nachkriegsjahre hier veranstaltet hatte – du warst mit Lottchen, glaube ich, bereits in die Sommerfrische vorausgefahren. Wer beschreibt das Erstaunen der guten Rietheimer Gesellschaft, die aus der Ferne dem Feste zusah, als mitten im frohen Treiben des Volkes plötzlich Herr Kolbenstetter auftauchte, den man, seit er Mann geworden, doch nirgends mehr erblickt hatte. Man freute sich einigermaßen darüber, ja manch einer dürfte ihm im Stillen sogar abgebeten haben, was über seine nationale Lässigkeit und unsoziale Denkart damals schon Übles im Umlauf war. Freilich tat dieser Kolbenstetter alles, um den günstigen Eindruck alsbald in helle Empörung umzuwandeln. Nun, ich war auch niemals ein Vereinsmeier und etwa ein ungeistiger Mensch, aber als da mit klingendem Spiel und inmitten höchster Begeisterung des Volkes die nach Tausenden zählenden Kolonnen der auswärtigen Schützenvereine – lauter treue gediente Leutchen – am Festesplatz aufmarschierten, da fühlte ich meine Augen doch feucht werden. Und sogar Rudi Winternitz, der – wie soll ich sagen – dem wahren Volkstum doch ferner steht als wir, verlieh seiner Ergriffenheit spontan Ausdruck. Was tat indes dieser 39 bessere Herr Axel Kolbenstetter? Er brach in schallendes andauerndes Gelächter aus – widerlich anzusehen! – und mußte schleunigst vom Platze verschwinden. Nur der Gutmütigkeit unserer Bevölkerung ist es zu danken, daß er nicht gezüchtigt wurde.« – »Geschadet hätte es ihm ja am Ende nicht, diesem größenwahnsinnigen Nichtstuer«, setzte der Vater nach einem kurzen düsteren Schweigen mit Nachdruck hinzu. »Ja –?« seufzte Frau Freißler auf, tief und gedankenlos. Lotte erhob sich ein wenig aus ihrer geduckten Haltung. »Kennst du Herrn Kolbenstetter denn eigentlich, Pappi?« fragte sie mit fester Stimme. Der Regierungsrat blickte mit hochgezogenen Brauen kurz vom Teller auf. »Nein!« entgegnete er, sichtlich ungehalten. »Das ist zur Beurteilung dieses Mannes auch weder nötig, noch habe ich das geringste Bedürfnis danach.« Lottes Halsadern pochten. Heldisch kämpfte sie die aufsteigende Furcht vor dem Vater nieder; sie wußte, daß er, besonders in der Familie, keine Meinung neben der seinen vertrug. Aber sie fühlte es in sich als eine heilige Verpflichtung, für den fernen unverstandenen Freund einzutreten. »Dann hast du aber auch nicht das geringste Recht, Pappi, so verächtlich über Herrn Kolbenstetter zu sprechen«, erklärte sie mit vor Erregung gepreßter Stimme. »Was bedeutet das?!« rief der Regierungsrat jetzt aus und legte zürnend die Gabel nieder. »Sollte sich meine Tochter gegen ernste erfahrene Männer, die ein Leben unentwegter Arbeit dazu verwendet haben, sich selbst und die Nation 40 höher zu bringen, etwa auf die Seite eines untätigen und überheblichen Narren stellen wollen?! Ja dann muß ich mich allerdings fragen, ob mein Leben und Schaffen nicht zwecklos gewesen ist!« Flammend und vernichtend sprühte sein Blick zu Lotte hinüber. Die schöne Mama war bleich geworden. Ängstlich gab sie Lotte verstohlen ein Zeichen, nichts mehr zu erwidern. Und liebevoll legte sie dem erbosten Gatten hastig noch etwas Braten auf den Teller. Der schob den Teller von sich. »Danke!« sagte er schneidend. »Da muß ich mich ja fragen, ob ich überhaupt noch ein Anrecht darauf habe, zu essen, wo mein leibliches Kind, die Inkarnation meiner Hoffnungen« – am Vorabend hatte er im Volksbildungsverein dem Vortrag eines bekannten Anthroposophen beigewohnt – »keinen unerschütterlichen Glauben mehr in mich setzt!« Das kam Lotte nun allerdings maßlos übertrieben vor, erbitterte sie. Aber in diesem Augenblick sah sie die Mutti in leises Schluchzen ausbrechen, und auch Pappis Kinn bebte wie in verhaltenem Weh. Da senkte Lotte im Zwiespalt den Kopf. – – Gerührt und ängstlich blickte Frau Freißler auf den Regierungsrat. Es sah aus, als wollte das Eis in der Seele des düster vor sich hin schweigenden Mannes soeben zu schmelzen beginnen und sich wieder einmal in einer schmerzlich-gütigen Aufzählung alles dessen auflösen, was er bereits geleistet hat, auf daß seine Tochter sich dereinst mit Stolz ihres Vaters erinnern könne. Da vernahm Lotte abermals, diesmal zwingend, den Klang von Herrn Kolbenstetters Gelächter in sich. Voll Angst spürte sie's in die eigene Kehle hinaufsteigen. Um Ernst zu bewahren, blickte sie dem Vater starr 41 ins Gesicht, wodurch ihre Augen einen stumpfblöden Ausdruck annahmen, und um ihren Mund zuckte es unterdrückt. Im Gemüt des Herrn Regierungsrats wollten gerade wieder die weicheren Regungen siegen, sah er doch, wie mutig sein Kind gegen das Weinen ankämpfte. »Mein Kind –«, hub er männlich gerührt an. Da platzte Lotte so unbeherrscht heraus, daß ein feuchter Sprühregen bis ins Antlitz des Vaters spritzte; Lottes Kiefern aber vollführten hilflos kauende Bewegungen, als ob sie das katastrophale Lachen damit totbeißen könnte. Der Vater sprang vor Empörung flammend auf, gab Lotte über den Tisch hinweg eine schallende Ohrfeige. So hatte der Mann sich niemals vergessen. »Dreckgöre, verkommene!« brüllte er und stürzte aus dem Zimmer. Lotte schrie klagend auf, daß ihre Kinnlade ausgerenkt sei, die schuldlose Mutter aber lief jammernd, ziellos wie eine aufgescheuchte Henne, in der Wohnung umher und bemühte sich abwechselnd um den maßlos aufgebrachten Gatten und um die Kinnlade der Tochter. Sie hatte Erfolg aber nur mit der Kinnlade. Denn der Regierungsrat weigerte sich hart, das entratene Kind noch zu sehen, er ließ sich Käse und Obst – nicht einmal von der Gattin, nein, vom Mädchen – auf seinem Zimmer servieren und legte sich zu Bett. In Lottes Brust aber tobten noch die halbe Nacht zwei feindlich entgegengesetzte Welten im Kampfe. * Am gleichen Abend, während die unglückliche Lotte mit den Eltern bei dem verhängnisvollen Abendbrot 42 saß, hatte Yvett von der süßen Liebe die erste beglückende Sensation gekostet. Und das hatte sich folgendermaßen zugetragen. Wie in den letzten Tagen zumeist, hatte sich Yvett auch an diesem Nachmittag mit Romeo Reif auf den Feldern draußen vor der Stadt getroffen. Sie hatten, ziellos dahinschlendernd, von Gott und der Welt gesprochen, und als die Essenszeit herannahte, hatte Romeo Yvett bis zu ihrem Hause zurückgeleitet. Hier standen sie nun und blickten sich inniglich in die Augen, im Halbdunkel des Hausflurs heimatlich geborgen. Sie sprachen nicht aus, was sie beide bewegte. Nur in Yvetts zärtlich leuchtenden Augen spiegelte sich ein wahres Märchen der Auferstehung. Endlich besaß sie ein Wesen, das ihr, und nur ihr, gehörte. Das fühlte sie in diesen Sekunden mit überirdischer Klarheit. Im Anfang hatte Romeo sie mit zynischen Äußerungen noch öfters einzuschüchtern versucht. Als sie ihm zum Beispiel anvertraute, daß sie, um ihm auch in der Trennungszeit ganz ganz nahe zu sein, seit ihrem ersten Gespräch mit ihm allabendlich Mozart spiele, da hatte er sich höhnisch dagegen verwahrt, daß sie »ihr Denken an ihn mit diesem albernen abgeschmackten Rokokogebimmel verwässere«. Oder als sie ihm gestand, sie könne sich nicht helfen, sie sei vielleicht altmodisch, aber sie liebe ganz einfach die Veilchen, da hatte er so was wie »Quatsch« oder »Kitsch« gemurmelt. Heute aber kannte Yvett ihn schon besser. Und heute wußte sie auch genau, daß er solche Dinge bloß sagte, weil er sie eben in irgendwelchen neuartigen Büchern gefunden hatte, daß er in 43 Wirklichkeit aber noch gar nicht erlebt hat, sondern ein guter, im Grunde gefühlvoller dunkelblonder Junge ist. Jetzt standen sie aber, verstummend vor dem Wunder ihrer nicht mehr zu verbergenden Gefühle, im Hausflur und blickten sich nur noch groß und voll Bangigkeit in die Augen. Yvett fühlte ihre Kehle trocken werden. Vom Turm schlug es dreiviertel. Yvett schrak zusammen: um Gotteswillen. Seit einer halben Stunde mußte oben die Familie grollend beim Abendessen sitzen! Das Leuchten in ihren Augen erlosch. »Adieu, mein . . . Romeo«, hauchte sie. Romeo ergriff ihre Hand. »Meine Yvett . . .« Ganz ganz langsam streifte er zart den Handschuh von ihrer Hand . . . Ein namenlos süßer Schauer rieselte Yvett dabei den Rücken hinab. Erblassend schloß sie die Augen; Halt suchend taumelte sie zurück gegen die Wand. Romeo erschrak. »Was ist dir, Yvett?« stammelte er und ließ ihre Hand los. Yvett öffnete übermäßig die Augen. Das Weiße darin erschien im Halbdunkel rötlich, wie entzündet. »Liebster!« schluchzte sie leise auf und stürzte davon, die Treppe hinauf. Romeo stand wie gelähmt. In der Faust hielt er immer noch den Handschuh. Er betrachtete ihn, erst mechanisch, dann mit steigendem Entzücken. Ein Wollhandschuh . . . Wunderbar, diese grobe Wolle an der Hand eines so vornehmen Mädchens! Und hier war gar ein Loch . . . Und ein großer dunkler Fleck, wie von Tinte . . . Und hier noch ein Loch. Nein, ein 44 Prachtgeschöpfchen, diese Yvett. Dermaßen verinnerlicht –! Romeo preßte den Handschuh mit beiden Händen gegen die Lippen. »Mein Engel, mein einziger guter.« Wie verfolgt stürzte er auf die Straße hinaus. * Lyceum. Auf dem Korridor hatte es eben geläutet. Eiliger als sonst kehrten die Mädchen ins Klassenzimmer zurück, hastig und erwartungsvoll nahmen sie ihre Plätze ein. Heute mußte der Professor die korrigierten Hausarbeiten über den Triumph der bürgerlichen Moral in Hebbels »Maria Magdalena« zurückbringen. Semesterschluß stand vor der Tür, die Note unter der Arbeit war für das Zeugnis fast jeder Schülerin ausschlaggebend. Nur Yvett war von der allgemeinen Spannung in keiner Weise angegriffen. In den Augen ein heimliches Leuchten – ein Licht, das kaum diesen Schuldingen galt – kehrte sie zerstreut auf ihren Platz zurück. Als letzte trat schlendernd, doch etwas blaß, Lotte ins Klassenzimmer; auch sie schien der Angelegenheit gar keine Bedeutung beizumessen. Strammer als sonst erhoben sich die Mädchen, als der Professor das Zimmer betrat und eiligen Schrittes das Podium gewann: er trug die Hefte! »Setzen!« Teilnahmlos blickte Lotte durchs Fenster den Himmel an: Winterwolken . . . Gern hätte sie mit einem Blick, mit einem ganz kurzen Blick nur, das Antlitz des Professors gestreift. Doch sie bezwang sich. Bald mußte die Reihe ohnehin an sie kommen. Der 45 Professor würde sie aufrufen – »Fräulein Freißler« würde er sie diesmal rufen, so tat er in ganz seltenen Fällen der Auszeichnung mitunter. Dann erst aber wäre es an der Zeit, wie aus tiefer Gedankenverlorenheit aufschreckend, ihm den Blick zuzuwenden – einen Blick, in dem nichts, aber so gar nichts von der besondren Erwartung staunenden Lobes zu lesen wäre. Sie würde vielmehr selbst überrascht sein, daß eine schließlich so selbstverständliche gewöhnliche Leistung so ungebührlich wohlwollend hervorgehoben werde. Allerdings wird sie sich auch in keiner Weise zieren und etwa errötend bescheiden tun. Das wäre das allerdümmste. Nein. Einfach ruhiger sachlicher Ernst, nur ein klein wenig Überraschung im Blick. Und während der Professor ihre Arbeit nachher der Klasse vorliest, wird sie . . . da wird sie . . . nun, eben interessiert zuhören, gleichsam wie bei einem fremden Geistesprodukt. Kritisch zuhören, das Kinn in die Hand gelehnt. – Lotte spürte, daß ihre Handflächen durch die Erregung ein wenig feucht wurden. Sie fuhr mit den Händen leicht über das Kleid. Eigentümlich, wie schlecht gelaunt die Stimme des Professors klang: sicher waren es wieder lauter ganz unselbständige durchschnittliche Leistungen. Das Taschentuch verwendete Lotte absichtlich nicht; es würde am Ende so aussehen, als ob sie vor Erregung feuchte Hände bekommen hätte. – – Winterwolken draußen . . . »Winternitz!« – – Yvett kehrte mit ihrem Heft, das der Professor ihr wortlos eingehändigt hatte, in die Bank zurück. »Zeig mal!« flüsterte Lotte ihr erregt zu. Gleich 46 darauf ärgerte es sie, daß sie irgendwelche Aufmerksamkeit geäußert hatte. Yvett warf bloß einen kurzen, wenig interessierten Blick auf die Note unter der Arbeit, sie schob Lotte das Heft bereitwilligst zu. Lotte betrachtete es mit betonter Gleichgiltigkeit und scheinbar nur deshalb, weil es eben das Heft der Freundin war. Der Aufsatz, flüchtig geschrieben und voller Flecken, wies die gewohnten Rechtschreibefehler auf – nun ja, Yvett. Er trug die Note »genügend« und den Vermerk: »Gedankenlos und flüchtig gearbeitet. Schwach wie immer.« Lotte reichte Yvett über die Schulter das Heft zurück und nickte ihr flüchtig zu: gütig und aufmunternd. Yvett übersah es; sie schob mit dem Federhalter angelegentlich die Haut an ihren Nägeln zurück. Lotte wandte den Kopf von neuem zum Fenster hinüber. Mit einem ganz kurzen Blick hatte sie dabei nun doch das Gesicht des Professors gestreift: nicht eben freundlich, so schien es ihr, hatten in diesem Augenblick auch seine Augen auf ihr geruht. Aber das hatte sie sich gewiß bloß eingebildet. Lächerlich. Sie war eben ein wenig nervös. Es war vielleicht nur ein sehr ernster Blick gewesen, der ihr gegolten hatte. Nun ja, ein solcher Grad von geistiger Reife bei einer Schülerin der sechsten Klasse – das war nun auch nichts dermaßen Gewöhnliches, daß der Professor es etwa mit einem anerkennenden Zulächeln abtun könnte. – – Winterwolken draußen . . . Herrgott, jetzt mußte die Reihe doch endlich an sie kommen! – Ein elendes Wetter draußen!! – – » Freißler! « 47 Wie ein Kanonenschuß war der Anruf Lotte in die Nerven hineingefahren. Aber auch den übrigen Mädchen; es war ein Kanonenschuß, dieser Ton, und bedeutete nichts Gutes. Verblüfft hob alles den Kopf. Lotte stand auf; sie wandte dem Professor – viel hastiger als sie beabsichtigt hatte – die Augen zu, in denen nichts, aber so gar nichts von der besonderen Erwartung eines staunenden Lobes zu lesen war. »Kommen Sie heraus, Freißler!« Unheilverkündend klang das. Lotte gab sich alle Mühe, aufrechten Schritts das Katheder zu erreichen. Was bedeutete dieser Ton? Kein Zweifel mehr: nichts Gutes! Aber, um Gott, wieso nur? Die Augen des Professors sprühten Verderben; eine kleine Weile ließ er wortlos verstreichen. Lotte färbte sich dunkelrot. »Freißler! Haben Sie diese Arbeit verfaßt?« Nur für den Bruchteil einer Sekunde senkte Lotte die Lider. Dann erwiderte sie im Ton einer grenzenlosen Befremdung und nicht ohne gerechte Empörung: »Gewiß, Herr Professor!« Abermals ließ der Professor eine bange Weile verstreichen. Aus einer der letzten Bänke drang unterdrücktes Kichern in die atemlose Stille. »Wer hat gelacht?« fuhr der Professor in die Höhe. Kein Ton mehr in der Klasse. Der Professor nahm wieder Platz, seine Augen gingen langsam und mit furchtbarer Drohung über die Bankreihen hin. »Freißler!« hub er von neuem an, gedämpfter als zuvor, doch mit unheimlichem Nachdruck. »Glauben 48 Sie mir, ich will Ihnen nur wohl, wenn ich Sie frage, ob Sie diese Arbeit verfaßt haben. Sie vermuten bestimmt etwas Falsches. Sie vermuten, ich will Sie ›hineinlegen‹, dadurch, daß ich Sie zu gestehen veranlasse, daß ein anderer, ein der Schule fernstehendes Element sozusagen, diesen Aufsatz geschrieben hat. Gestehen Sie das ruhig ein, hören Sie! Es ist besser für Sie. Ich sage: es ist besser für Sie, Freißler! Merken Sie wohl, Freißler, es ist das Schlimmste nicht – – hören Sie? – wenn man sich eine Hausarbeit einmal in sechs Jahren von einem anderen machen ließ. Es gibt da weit schlimmere Dinge. Dinge, die einen Konferenzbeschluß nötig machen würden! Wenn sich nämlich zum Beispiel – ich sage: zum Beispiel – in dem Aufsatz einer Schülerin eine gewisse Verworfenheit des Denkens, eine gefährliche Amoral sozusagen, äußern würde – ich sage ausdrücklich: äußern würde!« – Pause. – »Nun, Freißler, antworten Sie. Haben Sie diesen Aufsatz verfaßt?« Lotte war sprachlos. Was konnte ›die deutschklassische Hochblüte‹ bloß mit dem allen meinen? Trotzig schob sie die Unterlippe vor: »Ich habe den Aufsatz geschrieben, und niemand hat mir dabei geholfen. Ich wüßte nicht, wer!« Nun lächelte sie gar noch herausfordernd. Der Professor ließ die Faust schwer auf die Tischplatte niederfallen, seine Stimme zitterte leicht: »Freißler, besinnen Sie sich! Zum letzten Mal frage ich Sie: haben Sie diesen Aufsatz geschrieben, oder hat ihn nicht vielmehr ein anderer geschrieben, der nicht der Schule untersteht?« 49 Das klang nun beinahe gütig. Alle in der Klasse verstanden, daß der Professor Lotte irgendwie zu Hilfe kommen wollte. Selbst Yvett war aufmerksam geworden: was hatte die kluge und nie fehlende Lotte da nur angestellt? In Lottes Kopf wirbelten die Gedanken. Sie spürte nun selbst deutlich, daß sie sich in einer schrecklichen Gefahr befand – was mochte zum Kuckuck nur in dem Aufsatz stehen? Aber zugeben – vor all diesen Mädchen, die sich doch diebisch darüber freuen würden – zugeben, daß sie ihre Hausarbeiten von anderen Leuten abfassen ließ? Nein. Mochte daraus was immer werden! Etwas Dummes enthielt der Aufsatz bestimmt nicht, sicher nur etwas unerhört Kühnes und Gefährliches. Und schon empfand Lotte einen schmerzlich-beglückenden Reiz in dem Gedanken, daß sie für ihre neuartigen und kühnen Ideen nun werde leiden müssen. »Nun, Freißler, Sie schweigen. Ich nehme dieses Schweigen als ein Geständnis, ich will Sie hier vor der Klasse auch nicht zu weiteren Aussagen zwingen . . .« Lotte hob stolz und leidend den Kopf. »Sie irren, Herr Professor«, fiel sie ihm sanft in die Rede. »Ich schweige, weil ich nichts anderes sagen kann als ich schon zweimal gesagt habe. Ich hab den Aufsatz geschrieben, und kein anderer hat mir dabei geholfen. Ich mache mir eben meine eigenen Gedanken über alles, Herr Professor. Und dieses Thema da hat mich eben ganz besonders interessiert. Ich kann's nicht ändern. Bin so.« Damit nickte sie dem Professor zu, freundlich höflich, aber doch gemessen, und ging langsam zu ihrem Platz zurück. 50 Der Professor blickte ihr grenzenlos verblüfft nach, eine Sekunde lang stand sogar etwas wie Bewunderung in seinen halb zugekniffenen Augen zu lesen. Gleich darauf riß er die Augen weit auf, eine dunkle Röte schoß ihm ins Gesicht, er schleuderte Lotte das Heft nach. Raschelnd fiel es hinter ihr zu Boden. »Sie kommen sich wohl noch wichtig vor, Sie blöde Gans, Sie!« brüllte er. Lotte war bleich geworden. Sie saß nun ganz still in der Bank. Eine Mitschülerin hob das Heft vom Boden auf, schob es vor sie hin. Lotte ließ es unberührt vor sich liegen. Der Professor strich sich mit der Hand mehrmals über die Stirn. »Freißler, richten Sie Ihrem Herrn Vater aus, daß er mich noch heute nachmittag in der Schule besuche. Ich lasse ihn dringend darum bitten.« Lotte erhob sich. In ihren Augen blinkten Tränen, unter den Augen lagen ganz leichte Schatten. In dieser Minute war sie wahrhaftig hübsch. In einem Ton, so ehrlich betrübt und ruhig, wie ihn nur das Bewußtsein eines grenzenlosen Unrechts hervorzurufen vermag, sagte sie: »Ich bitte um die Erlaubnis, jetzt nach Hause gehn zu dürfen. Ich fühle mich nicht wohl.« »Bitte. Gehen Sie«, entschied der Professor und starrte auf die Tischplatte nieder. Lotte packte das Heft, die Bücher zusammen und ging. In diesem Augenblick gehörten ihr die Sympathien aller Mädchen, und wohl auch die des Professors. Yvett meldete sich. »Bitte, darf ich nachsehen, ob der Freißler vielleicht schlecht ist?« Müde winkte der Professor Gewährung. Yvett eilte auf den Gang hinaus. 51 Auf der Treppe holte sie Lotte ein. Yvett war ehrlich bewegt; sie umschloß mit beiden Händen Lottes Hand. »Lotte, liebe Lotte, mach dir nichts draus, sieh mal!« Lotte wandte den Kopf zur Seite. »Laß nur, Yvett«, murmelte sie, tragisch. Das Mitgefühl der Freundin, in dem auch ein Ton von Bewunderung und Staunen mitschwang, tat ihr in diesem Augenblick wohl. »Was hast du denn um Gottes willen bloß geschrieben, du Unglückskind«, drang Yvett in sie. »So zeig doch endlich mal das Heft her!« Selbst plötzlich äußerst gespannt, schlug Lotte das Heft auf: kaum ein Satz war in der ganzen Arbeit, der nicht mit roter Tinte grauenhaft verstümmelt oder dick unterstrichen gewesen wäre. Der ganze Rand war eng beschrieben mit Bemerkungen. »Satzungeheuer!« konnten die Mädchen da lesen, »Gedankengang einer Hysterischen. Keine Spur von Logik oder auch nur von Vertrautheit mit Hebbels Dichtung, die einen echt deutschen Idealismus vertritt!« Der »echt deutsche Idealismus« war dreifach unterstrichen. Auf den letzten Seiten hörten die Randbemerkungen plötzlich auf. Und nur als Schlußvermerk stand darunter: »Kann von dieser Stelle aus überhaupt nur als Stilleistung klassifiziert werden. Als eine solche – mit Rücksicht auf die früheren guten Leistungen – noch kaumgenügend . Wegen des moralisch bedenklichen Inhaltes hingegen im Disziplinarwege zu behandeln.« Und die Unterschrift des Professors. Yvett starrte Lotte wie ein von den Sternen gefallenes Fabelwesen an. 52 »Gedankengang einer Hysterischen . . .«, ging es Lotte durch den Kopf, und Herr Kolbenstetter fiel ihr ein. Sie lächelte unfrei. »Na siehst du, Lottchen, du lachst schon wieder. Recht so«, rief Yvett erlöst aus, und sie umarmte Lotte stürmisch. Es tat ihr wohl, es erfüllte sie mit Dankbarkeit, daß einmal sie es war, die einem anderen, und gerade Lotte, Mut zusprechen konnte. »Na, es ist gut«, sagte Lotte und schob das Heft verächtlich wieder zwischen die Bücher. »Beunruhige dich bloß nicht meinetwegen, Yvett, ich bitte dich recht sehr. Ich hab eben mal einen Aufsatz geschrieben, der zu gescheit ist für diesen kindischen Schulbetrieb!« Damit ließ sie die verdutzte Yvett stehen und schritt grußlos die Treppe hinab – eine verwundete Königin. * Die Stunde des Abendbrots, sonst bei Freißlers so pünktlich eingehalten, war längst überschritten, als der Regierungsrat erst vom Besuch des Professors nach Hause kam. Kein Blick galt der Tochter, ein sehr kurzer Gruß nur seiner Frau, als er das Eßzimmer betrat und mit einer knappen düsteren Handbewegung das Zeichen zum Beginn des Essens gab. Diese Mahlzeiten, fürwahr, begannen für die arme Mutti – und sie wollte doch stets nur das beste – geradezu eine Folter zu werden. Wie kam sie eigentlich dazu? Daß etwas Schreckliches heranzog, das hatte sie schon am Nachmittag deutlich gespürt, als Lotte dem Vater mitteilte, der Professor wünsche dringendst ihn zu sprechen. Aber weiter war aus dem 53 verstockten Kind auch nicht das geringste herauszubringen gewesen. Was war denn da nun wieder los? Nie hatte es mit Lotte in der Familie Mißhelligkeiten gegeben. Was für ein gefährlicher Geist war denn plötzlich in sie gefahren? Sollte das nun ewig so weitergehen? Wie kam bloß sie, die Mama, eigentlich dazu? Jeder Versuch, den Gatten in ein harmloses Tischgespräch zu verwickeln und ihn damit ein wenig besser zu stimmen, war indes sinnlos; das las sie von seiner mörderischen Miene ab. Nachdem die Mahlzeit in lähmendem Schweigen zuende gegangen war, brach der Regierungsrat plötzlich los. Am Beginn seines Lebensabends müsse er sich vom eigenen Fleisch und Blut mit Schande bedecken lassen, jawohl, mit Schande! Einfach haarsträubend, das, was er sich heute von einem simplen Mittelschullehrer habe anhören müssen. Eine derartige Hausarbeit abzuliefern! Da muß man sich ganz einfach an den Kopf greifen! Nicht genug an der elenden Stilleistung – also haarsträubend! Bitte: einzelne Sätze von über Seitenlänge! Alles geschwollen unverständlich und . . . na ganz einfach blödsinnig. Sogar Yvett, die dumme Yvett, habe eine weit bessere Note bekommen. Da wird der Herr Winternitz sich schön erhaben fühlen! Aber nicht genug an der Erbärmlichkeit der sprachlichen Leistung, habe Lotte sich im Inhaltlichen der Arbeit noch außerdem in geradezu provokanter Weise für einen Schurken eingesetzt – er wisse nicht mehr genau, welche Figur des Dramas es sei, na, er ist ja schließlich auch kein Schüler mehr und habe ernstere Dinge im Kopf – jedenfalls handle es sich um einen notorischen Bösewicht und 54 Gauner, und für den habe Lotte unverhehlt Partei ergriffen, gegen alle gesitteten und ordentlichen Menschen in dem Drama. Da könne man wirklich nur sagen: haarsträubend! Was aber noch allem die Krone aufsetze: Lotte, sein Kind – er, ein reifer Mann, erröte dabei, es vor der Mutter seiner Tochter zu wiederholen, und dabei sei er doch alles nur nicht unmodern – also Lotte habe den Sündenfall, die höchst unerlaubten Liebesbeziehungen der Maria Stuart, der Heldin des Dramas, gewissermaßen gebilligt. Jawohl, gebilligt und vielleicht sogar noch verherrlicht! Das sei ja schon nahezu jener zersetzende, das gesunde Volkstum vergiftende Geist, wie er in den Literatenkaschemmen der Großstädte gedeihen mag, aber in seiner Familie nie und nimmer gedeihen wird, das schwöre er bei allem was ihm heilig ist, und müsse er selbst über die Leiche seines eigenen Fleisches und Blutes hinwegschreiten! Übrigens müsse sich Lotte heimlich irgendwo den Urtext des Dramas verschafft haben, da sie auf Dinge anspiele, die, wie der Professor versichert, in der Schulausgabe überhaupt fehlen. Also noch außerdem Hehlerin. Seine Tochter. Und das alles ihm, der ein Leben unentwegter Arbeit darauf verwendet hat, sich selbst und die Nation höherzubringen. Das wisse er aber schon von neulich, wo Lotte wegen eines anrüchigen Volksverräters dem eigenen Vater ins Gesicht gespuckt habe, jawohl, Hohn ins Gesicht gespien habe! Wie? Ruhe! Es müsse ihm allein überlassen bleiben, sich diesen haarsträubenden Vorfall zu deuten. Dazu benötigte er die Meinung einer verbrecherisch nachsichtigen Affenmutter keineswegs. Man möge ihm 55 lieber dankbar dafür sein, daß das Gewicht seiner Persönlichkeit, und nur dieses allein, es beim Lehrkörper zu verhindern gewußt habe, daß Lotte nicht noch heute mit Schimpf und Schande aus der Schule ausgeschlossen wurde. Denn er habe dem Professor zu verstehen gegeben, es sei unverantwortlich – jawohl, unverantwortlich! – sechzehn- und siebzehnjährigen Mädchen ein dermaßen heikles Thema zur Behandlung zu geben. Die Früchte dieser famosen modernen Unterrichtstendenzen müßten die Herren Jugendbildner sich nachher in erster Linie selbst zuschreiben. Jawohl, so habe er mit dem Professor verhandelt, und der sei hübsch stille geworden, der Herr Professor. Imponieren lasse er sich von diesen Herren beileibe noch nicht, nein. Zwar könne er sein Einschreiten kaum mit seinem Gewissen vereinbaren, denn von Rechts wegen hätte er, und handle es sich auch zehnmal um sein eigen Fleisch und Blut – hätte er mit spartanischer Härte diese geborene Dirne . . .! Ein aus durchstochenem Mutterherzen schrillender Aufschrei »Robert!« ließ ihn innehalten. »Da muß ich doch wirklich fragen«, setzte er, etwas betreten, noch hinzu, »ob ich nicht besser daran täte, mich gleich ins kühle Grab hineinzulegen, statt mühsam und früchtelos weiter zu schaffen.« Damit drehte er sich auf dem Absatz herum, schmetterte die Tür hinter sich zu und ging in die Ausschußsitzung des Volksbildungs- und Unterhaltungsvereins, wo er durch seine außergewöhnliche Zuvorkommenheit und muntere Gesprächigkeit allgemein auffiel. 5 56 Von diesem Tag an lebte Lotte mit sich und der Welt in Feindschaft. Düster und schweigsam verbrachte sie ihre Zeit fast ausschließlich über den Schulbüchern, und auch beim lockendsten Eislaufwetter war sie nicht zum Verlassen der Stube zu bewegen. Schon gar nicht aber zum Besuch der Tanzstunden. Sie lernte mit wütendem Fleiß, stets mehr als man in der Schule aufbekommen hatte; auch ließ sie keine Gelegenheit vorbeigehen, ohne ihre Kenntnisse strahlen zu lassen. Besonders dann, wenn eine Mitschülerin unmittelbar vorher bei der gleichen Frage versagt hatte. Sie zeigte freilich keinen Schimmer von freudiger Genugtuung darüber, aber sie tat es doch und tat es hartnäckig immer wieder. Nie half sie durch Vorsagen bei den Schularbeiten, was sie früher aus dem einfachen Bedürfnis, als anständig zu gelten, doch manchmal getan hatte; noch weniger nahm sie für sich selbst fremde Hilfe in Anspruch – das hatte sie jetzt bei Gott auch nicht nötig. Sie drückte mit ihrem ständig bereiten Wissen die Noten der übrigen um mindestens einen Grad herab, denn wo früher keine in der Klasse etwas gewußt hatte, da wußte jetzt eine etwas. In der Pause hielt sie sich auf dem Korridor stets abgesondert von den übrigen, und sie erregte kurzum in allem und jedem allmählich die höchste Erbitterung der Klasse. Die Geschichte mit der Hausarbeit war nach Dr. Freißlers männlichem Dazwischentreten im Sande verlaufen, in der Form nämlich, daß Lotte vor der Klasse eine formelle Verwarnung erhielt ›wegen nicht empfehlenswerter 57 Privatlektüre, deren unverdauter Genuß sich in der letzten deutschen Hausarbeit der Schülerin deutlich niedergeschlagen hat.‹ Zuhause übersah Lotte, höflich aber gemessen, mit Hartnäckigkeit die Versöhnungsbereitschaft des Vaters und reizte den unbeugsam Stolzen dadurch stets von neuem zu gerechtem Zorn auf. Man saß, wie Frau Freißler sich Frau Winternitz gegenüber ausdrückte, in der Familie nur noch auf einem Pulverfaß. Die Mutter war es nämlich in erster Linie, die von Lotte geradezu schandbar behandelt wurde; die schuldlose Schöne ging Lotte mit ihren ewig erneuerten, wehmütig-gütigen Vorstellungen, daß das undankbare Kind lieblos und ungerecht gegen den einzigen Pappi sei, auf die Nerven. Lotte bemühte sich, an Herrn Kolbenstetter nicht mehr zu denken. Und nach anfänglichem kurzen Schwanken gelang ihr das auch, wie ihr eben alles gelang, was sie bei sich einmal fest beschlossen hatte. Sie war ihm keineswegs böse. Ganz im Gegenteil. Gleich am Tag, der dem furchtbaren Zornesausbruch des Vaters gefolgt war, hatte Lotte den Aufsatz mehrmals aufmerksam durchgelesen. Doch das meiste darin war ihr völlig unverständlich geblieben. Bis sie endlich auf den Einfall kam, in Vaters Zimmer aus dem Bücherschrank, der die deutschen Klassiker in schönen goldgeschmückten Bänden enthielt, Hebbels »Maria Magdalena« zu nehmen. Jetzt, nachdem sie das Drama in seiner eigentlichen Fassung kannte, entschleierte sich ihr ahnungsweise auch manches von Herrn Kolbenstetters Gedanken. Von Blödsinn und Geschwollenheit, wie der Vater sich ausgedrückt hatte, 58 konnte da gewiß nicht die Rede sein. Herr Kolbenstetter hatte auch gar nicht für den Bösewicht und gegen die ordentlichen Leute in dem Stück Partei ergriffen – diese ordentlichen Leute kamen Lotte übrigens recht beschränkt und hartherzig vor – er hatte den Bösewicht vielmehr nur mit dessen innerer Dürftigkeit und Schwäche zu rechtfertigen versucht, und das war doch schließlich nur schön von Herrn Kolbenstetter gewesen. Der Sündenfall der Maria Magdalena freilich erschien in dem Aufsatz ganz ohne Rückhalt verherrlicht. Das entsprach aber ganz und gar auch Lottes innerstem Empfinden. Zwar wußte sie nicht recht, worin dieser Sündenfall eigentlich bestand – das Mädchen bekam eben ein Kind. Ein Kind, nun ja . . .? – – Alles, was diese Maria Magdalena aber auch getan haben mochte, sie hatte es gewiß nur aus Liebe getan. Und das war sicherlich ein großes, ein herrlich schönes Gefühl. Auch sie würde einmal so lieben . . . Sollte sie mit dem Heft, wie sie's versprochen hatte, zu Axel Kolbenstetter gehen? Nein. Er würde am Ende wieder zu lachen beginnen, und das könnte sie jetzt nicht ertragen. Jetzt nicht. Unendlich viel aber gäbe sie darum, zu wissen, wer nun eigentlich der bessere, der größere Mensch war: der Vater, der so dachte, wie alle dachten, die ihr in Rietheim bisher begegnet waren, oder Axel Kolbenstetter, den alle verurteilten, weil er anders war als sie alle. Oder konnte einer der bessere Mensch sein und dabei doch gewöhnlich, ja spießbürgerlich wirken? Und der andere der größere Mensch sein und 59 doch das verachten, was alle für das Gute hielten? – vielleicht gerade deshalb der größere Mensch sein? – In diesem Fall wollte Lotte lieber ein großer Mensch sein als ein guter Mensch, ja. Aber solche Gedanken mündeten stets in ein unerforschliches Dunkel ein. Zum Schluß fand man sich überhaupt nicht mehr zurecht. Lotte verbot es sich also, derlei Gedanken noch weiter nachzuhängen. Und diesem Selbstverbot blieb sie auch geraume Zeit treu. Durch einige Tage beunruhigte sie noch das uneingelöste Versprechen, Herrn Kolbenstetter die korrigierte Arbeit zu bringen, dann dachte sie auch daran nicht mehr. Mit sich und der Welt zerfallen, reizte sie etwas anderes vielmehr zum Widerstand. Es war jenes halbverborgene Fluidum von Glücklichsein, das in letzter Zeit aus Yvetts ganzem veränderten Wesen strahlte. Yvett war eine schlechtere Schülerin als jemals zuvor. Aber statt daß diese anhaltenden Mißerfolge sie, wie früher, mit Verzweiflung erfüllt hätten, jetzt erschütterten sie in keiner Weise Yvetts sieghaften Gleichmut. Lotte ahnte, daß Yvett ein sie heimlich erfüllendes und sicherheitspendendes Glück vor ihr verbarg, und was sich in Lotte darüber allmählich regte, war Vernichtungsdrang. * Die vielen Stunden, die Yvett an den Nachmittagen außer Haus zubrachte, Gott weiß wo, hatten bereits den Verdacht der Eltern erregt, die erst vor kurzem 60 von einer Mittelmeer- und Italienreise zurückgekehrt waren, bis zum Bersten voll von traumhaften Hotel- und Landschaftseindrücken. Das katastrophal schlechte Zeugnis, das Yvett aus der Schule nach Hause brachte und das für die Versetzung ernstlich befürchten ließ, tat ein übriges. So daß Herr und Frau Winternitz – einer der seltenen Fälle, wo sie einig waren – zu dem Entschluß kamen, Yvett in Zukunft nun aber ganz gehörig auf die Finger zu sehen. Yvett bangte für den Fortbestand ihrer süßen erregenden Heimlichkeit mit Romeo. Sie lebte längst nur noch in diesen Stunden des Zusammenseins: in der Erwartung und im Nachgenuß. Nichts sonst hatte Bedeutung für sie. Nahm man ihr jetzt die Möglichkeit mit Romeo zusammen zu sein, dann stand sie vor dem Nichts. Doch die Eltern, das wußte Yvett, würden sie in der nächsten Zeit schwerlich allein vor die Türe lassen. Was war zu tun? Lotte ins Vertrauen ziehn? Freilich, wenn die mit im Bund wäre, dann müßte es möglich sein, die Wachsamkeit der Eltern manchmal zu täuschen. Und alles überhaupt wäre nicht dermaßen hoffnungslos. Aber Romeo mit der Lotte bekanntmachen? Eben das nun herbeiführen, was sie mit ihrer ganzen armen Schlauheit bis heute angstvoll zu verhindern gewußt hatte –? Nein. Lieber wollte sie den vergötterten Jungen nie mehr sehn! Lieber Gott, gab es denn wirklich keinen anderen Ausweg, keinen? Sie würde doch mit so wenig zufrieden sein. Auch lernen würde sie jetzt, für die 61 Schule. Wirklich. Und überhaupt alles tun, was man von ihr verlangte. Nur Romeo manchmal, ganz selten, noch sehen können. Wenn schon nicht anders, dann wenigstens im Kreise von Eltern und anderen fremden gleichgiltigen Menschen. Ihn gar nicht sprechen, nur von weitem sehen – den lieben Jungen! Wie sollte sie denn auch anders leben können? Herrgott, wie könnte man's nur geschickt so einrichten, daß die Eltern, ganz von sich aus, Romeo mitunter zum Tee einladen würden. Früher waren doch auch immer junge Leute ins Haus gekommen. Mit Lottes Hilfe wäre gewiß auch das zu erreichen, ohne daß die Eltern Verdacht schöpften . . . Aber – genug davon. Gerade in Lottes gegenwärtiger Verfassung war so was auf keinen Fall zu riskieren. Die Finstere würde nichts anderes als namenloses Unheil stiften. So blieb denn wahrhaftig nichts mehr als zu verzweifeln –? In heller Not riß Yvett Blätter aus ihrem Schulheft; sie schrieb Romeo, daß sich etwas Fürchterliches ereignet habe, daß eine Welt von Feinden sie umlauere – die Eltern vor allem. Daß alle es darauf angelegt hätten, den Fortbestand ihrer wunderbar herrlichen Freundschaft im Lebensnerv zu zerstören – genau so schrieb die Ärmste. Sie werde Romeo jetzt nimmer sehen können, schrieb sie, obwohl es bald Frühling sein und bald die armen Veilchen geben werde. Aber ein allerletztes, ein einzig Mal wolle sie ihren lieben lieben Jungen doch noch sehen, bevor . . . Drei Punkte machte sie hin, nichts weiter. Sie werde zu diesem Zweck morgen am Vormittag der Schule fernbleiben, und Romeo möge sie bei der 62 Laterne unterm Viadukt – wie immer, doch morgen zum allerallerletzten Mal erwarten. Den Brief schrieb Yvett viermal nacheinander ab, weil beim Durchlesen ihr die Schriftzüge immer noch zu ordentlich, zu wenig wirr und verzweifelt vorkamen. Dann tat sie ihn in ein Kuvert mit dem Aufdruck »Winternitz \& Co. Rietheim, Telegrammadresse: Bindfadenitz«, das sie auf dem Schreibtisch des Vaters gefunden hatte. Marken lagen in einem Kästchen daneben. Yvett klebte eine große Anzahl auf den adressierten Brief und schrieb noch, dick mit Rotstift unterstrichen und mit vielen Ausrufungszeichen versehen, »mit Eilboten« und »eingeschrieben« an den Rand. Den fertigen Brief zerknitterte sie sorgfältig mit beiden Händen, so daß er schließlich den Eindruck hervorrief, als hätte sie selbst ihn, an der Brust oder im Strumpf verborgen, durch jene Welt von Feinden zur Post geschmuggelt. Dann beauftragte sie das Stubenmädchen, mit dem Brief zur Post zu eilen. Vor dem Mädchen verbarg sie ihre Verzweiflung in keiner Weise. Im Gegenteil. Sie erteilte der Pauline den Auftrag mit fliegendem Atem, und Augen machte sie dabei, in denen der Wahnsinn flackerte. Ein Mensch mußte es doch sehen, wie nahe sie dem Selbstmord war. Die Pauline machte auch wirklich ein ganz verdutztes Gesicht und verbarg ihren Mund rasch hinter der Hand. Klatschen wird die den Eltern doch hoffentlich nichts von dem Brief –? Später, im Einschlafen, kostete Yvett in der Erwartung des kommenden Vormittags schließlich ein fremdes tiefes Glücksempfinden aus; so intensiv, wie 63 kaum jemals zuvor. Wie wird Romeo morgen blaß und erregt sein! – Um nichts in der Welt hätte Yvett jetzt von dem Unheil, das ihrem Liebesbund drohte, etwas missen mögen. Es war doch eigenartig schön, so mitten im Lebensnerv getroffen zu sein. 6 Romeo schrak aus wildbewegten Morgenträumen auf; schrill, aufgeregt hatte an der Wohnungstür soeben die Glocke getönt. Ein Telegramm! – war Romeos erster Gedanke. Er hatte in seinem Leben niemals ein Telegramm erhalten, eben darum aber spürte er jetzt auch deutlich, daß es eine dringende Nachricht war, die ihm galt. Von Yvett! – fuhr's ihm durch den Kopf. Er setzte sich im Bett zurecht, strich sich die Haare aus der Stirn. Da hörte er im Vorzimmer auch schon die schlürfenden Schritte der Mutter – die müden Schritte einer vorzeitig altgewordenen Frau, die ihren Sohn und sich selbst, mühselig genug, von einer Witwenrente erhielt. Romeo hörte, wie draußen die Wohnungstür geöffnet und von einer fremden Stimme sein Name genannt wurde. Noch erwartungsvoller setzte er sich im Bett zurecht. Die Mutter trat ins Zimmer. In Händen einen Brief, dessen Adresse sie eingehend betrachtete. Ungeduldig schob sich Romeo bis ans Fußende des Bettes vor, ihr entgegen. Er riß ihr den Brief aus der Hand, der mit den vielen Marken und den roten Zetteln ungeheuer wichtig aussah. »Winternitz \& Co.«, las er. »Wieso von Winternitz?« erkundigte sich die 64 Mutter, wie immer sogleich besorgt. »Das ist doch die Bindfadenfabrik, nicht?« »Aber so laß mich doch erst mal lesen!« schrie Romeo sie erregt an. »Zuerst mußt du doch hier unterschreiben!« erklärte die Mutter, ebenso aufgeregt wie er, und hielt ihm ein Amtsformular unter die Augen. Romeo unterschrieb, flüchtig wie ein Senatspräsident. Die Mutter hastete mit dem Zettel davon. Mit zitternden Fingern erbrach Romeo den Umschlag. Mühsam entzifferte er die ersten Zeilen. Er las sie gleich darauf noch ein zweites Mal und fühlte sein Herz dabei stillstehen. Von neuem erschien im Türrahmen die Mutter. »Was ist es denn, Romeo?« fragte sie voll Bangigkeit. »Herrgott, ich hab's doch selbst noch nicht gelesen, laß mich doch endlich in Ruhe!« schrie er. Aber da er die guten, in seinem Gesicht forschenden Augen der alten Frau gewahrte, setzte er rasch hinzu: »Nichts ist es, gar nichts. Von einem Freund, der bei Winternitz angestellt ist. Aber jetzt geh schon, Mutter, und laß mich endlich lesen!« »Ja, aber weshalb denn mit Eilboten? Und eingeschrieben?« suchte sie mit leicht zitternden Lippen noch zu erfahren. Doch da sie den Zorn in Romeos Zügen bemerkte, verließ sie kopfschüttelnd das Zimmer. Wie betäubt las Romeo den Brief zuende. Dann sprang er aus dem Bett. Aus der Tasche seines Rocks, der über der Stuhllehne hing, zog er einen Kamm hervor und strich sich das Haar zurück, planlos immer von neuem. Mit einem Mal fielen seine Hände schlapp hinab. Er hielt den Kamm in der Hand, er stand und stand. 65 Er war im Hemd, es fror ihn. Er zog sich den Mantel an, machte den Kragen hoch, setzte sich auf den Bettrand, zog die Beine an die Brust, er las den Brief von neuem. Mehrmals nacheinander las er ihn. Plötzlich spürte er den Kamm in seiner Hand; er schleuderte ihn mit verquältem Gesicht auf den Fußboden. In seinem Kopf jagten die Gedanken einander. Yvett! Er würde sie künftig nicht mehr sehen können . . . Sein Leben würde jetzt ohne den Blick ihrer tiefen lieben Augen verlaufen. War das möglich? – Ein Kältegefühl durchdrang ihn bei dem Gedanken. Im gleichen Augenblick mußte er wieder an das Ereignis von Mittwoch, abend denken: der entblößte Leib des Dienstmädchens aus dem zweiten Stock . . . Und im gleichen Augenblick fand er es eigentlich erstaunlich, daß Yvetts Nachricht ihn dermaßen aufrührte. Beinahe wie eine Todesnachricht . . . Was bedeutete ihm Yvett denn eigentlich? War es wirklich so schlimm, sie zu verlieren? Noch vor ein paar Tagen – ja, da hätte dieser Gedanke ihn niedergeschmettert. Denn da war, bei Tag und bei Nacht, seine einzige Spannung, seine einzige Erwartung Yvett gewesen. Aber das war doch nur knabenhaft. Inzwischen jedoch war er zum Manne geworden, er hatte in der körperlichen die eigentliche Liebe des Mannes kennengelernt. War ihm sein Umgang mit Yvett, diese überspannten Gespräche, die armseligen Liebesbezeigungen, die keinen anderen Ausdruck fanden als leuchtende Blicke und zaghafte Händedrücke – war ihm das alles seit dem Mittwoch nicht kindisch, ja lächerlich vorgekommen? Freilich, er war Yvett seit 66 dem Tag seiner Vermännlichung noch nicht gegenübergetreten – vielleicht würde auch Yvett, und gerade Yvett, jetzt ganz anders und richtig auf ihn wirken: erotisch. Aber hatte er denn in diesen drei vier Tagen auch nur einen Gedanken für sie übrig gehabt? Nein. Bestenfalls hatte ihn eines gelockt: die Aussicht, ihr das nächste Mal bereits als ein gereifter Mann entgegenzutreten und sie das irgendwie auch merken zu lassen. Sagen würde er ihr als ein Mann von Geschmack und Verschwiegenheit natürlich nichts von seinem Abenteuer. Denn damit würde er gleichzeitig verraten, daß er erst vor ein paar Tagen die körperliche Liebe kennengelernt hat. Und er hatte doch stets durchblicken lassen, daß er, hm, so mancherlei erlebt habe, aber bloß nicht davon spreche. Direkt sagen würde er ihr also nichts; aber Yvett würde es, in ihrer Liebe unfehlbar, dennoch sogleich gewahr werden. Und auf die Weise macht so was dann auch einen viel besseren Eindruck, als wenn er wie ein halbwüchsiger Junge mit seinen Erlebnissen vor ihr geradezu protzen würde. Zum Teufel, aber was dachte er sich denn da für blödsinniges Zeug aus! Das war doch jetzt, nach Yvetts Nachricht, bereits ohne Sinn und Bedeutung. Hatte er denn vergessen, daß er Yvett heute wahrscheinlich zum letzten Mal sehen würde? Und in einem solchen Augenblick fiel ihm wahrhaftig nichts Edleres ein? Wie gemein es eigentlich von ihm war, daß er der armen Kleinen, aus purer Eitelkeit, zuguterletzt noch einen derartigen Höllenschmerz zufügen wollte. Oder meinte er etwa, daß die Geschichte mit dem Dienstmädchen Yvett nicht grenzenlos 67 nahegehen müßte, wenn sie etwas davon erriet? Pfui, er war doch nur ein schlechter frivoler Kerl. Übrigens –! Wollte er sich am Ende selber was vorgaukeln? Wollte er sich einreden, daß sein Mannesabenteuer ihn etwa übermäßig beglückt oder auch nur außergewöhnlich aufgeregt habe? Ja, freilich –! Angst hatte er ausgestanden. Und als er sich dann schließlich doch ermannte – bloß deshalb, weil das alberne Luder über seine Befangenheit so gellend lachte – da erwies sich das ganze nachher als ein ziemlich belangloser Schwindel, jawohl. Gar nichts Besonderes war dabei. Ein Händedruck – jawohl, ein bloßer Händedruck von Yvett hatte oft einen süßeren Schauer bei ihm ausgelöst, als Brust und Hüften und die ganze fragwürdige Herrlichkeit des nackten Weibsbilds zusammengenommen. Lachhaft, wirklich lachhaft, wenn man sich dagegen jetzt all die fantastischen, diese unzähligen lockenden und bangen Vorstellungen vergegenwärtigte, die man sich die ganzen langen Knabenjahre hindurch von der Liebe heimlich gemacht hatte. Allerdings, daß sein erstes richtiggehendes Liebeserlebnis dermaßen schal – jetzt hatte er den Ausdruck – schal ausfallen mußte, daran war aber doch nicht die Liebe an und für sich schuld, oder gar er selbst, daran war bestimmt nur das Mädel schuld. Die gute Emma aus dem zweiten Stock war im ganzen eben nichts anderes als ein bleichsüchtiges, ziemlich reizloses und unreizbares Geschöpf. Wahrscheinlich trieb sie's auch schon sehr lange und empfand wohl gar nichts Besonderes mehr dabei. Ach was! Das ganze war schließlich keine solche 68 Affäre, und er hatte letzten Endes andere Sorgen. Jedenfalls würde es seinem Herzen mehr Ehre machen, wenn er statt dessen lieber an die Seele der armen Yvett denken wollte –! Ob ein so schmalhüftiges Wesen wie die Emma wohl überhaupt sein Typ war –? Quatsch. Wenigstens hatte er den Rummel jetzt endlich mal aus der Nähe kennengelernt, und das war schon allerlei. Denn bei künftigen besseren Gelegenheiten würde er nun wenigstens nicht mehr gegen seine blödsinnige knabenhafte Scheu von ehedem anzukämpfen haben. Herrgott, wie brachte er es fertig, unentwegt nur an sich zu denken – dermaßen niedrige Dinge noch dazu. Und die gute einzige Yvett, seine Yvett, war währenddessen sicherlich der grauenhaftesten Verzweiflung preisgegeben . . . Übrigens: um welche Zeit sollte er doch gleich beim Viadukt auf sie warten? Romeo wußte genau, daß er um halb zehn Uhr dort zu sein hatte, ebenso genau war ihm bewußt, daß er es wußte. Trotzdem nahm er den Brief zur Hand und vergewisserte sich. Um halb zehn Uhr . . . Und jetzt war es –? Herrgott, gleich neun! Aber da war es doch allerhöchste Zeit, daß er sich anzog! Romeo sprang auf; er begann sich hastig und geräuschvoll zu waschen. Ebenso hastig fuhr er in die Kleider. Während er sich vor dem Spiegel mit nervösen Fingern die Kravatte band, durchfuhr ihn plötzlich der Gedanke: Was hindert ihn jetzt eigentlich noch daran, Yvett zu seiner Geliebten zu machen? Diesen Gedanken suchte er so rasch wie möglich zu verscheuchen. Lächerlich, er würde Yvett doch heute zum letzten Mal sehen! – begründete er vor 69 sich selbst. Doch gleichzeitig sagte ihm eine geheime Stimme, daß dies das eigentliche Hindernis nicht sei. Denn er würde Yvett auch dann nicht zu seiner Geliebten machen, falls er weiterhin täglich mit ihr zusammen wäre. Was mochte wohl das wahre Hemmnis sein? War er von seiner idiotischen Scheu vor der eigentlichen Berührung vielleicht immer noch nicht geheilt? Ja und warum hatte er eigentlich bei dem vertrockneten Dienstmädchen früher zugegriffen als bei Yvett, die im Innersten fraglos viel stärker nach sinnlicher Lust verlangte und die ihm gewiß auch keinen ernsthaften Widerstand entgegengesetzt hätte? Entgegensetzen würde . . . Himmel, aber jetzt hatte er doch wahrhaftig nicht Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen! Viertel vor zehn! Romeo warf einen letzten Blick in den Spiegel, riß Mantel und Hut von der Wand, stürzte aus dem Zimmer. Er würde es aber doch noch ein- oder zweimal mit der Emma versuchen – ging's ihm dabei flüchtig durch den Kopf. Die erste Zigarette hatte ihm schließlich auch nicht gleich Vergnügen gemacht! Er hatte kaum die Wohnungstür hinter sich zugeschlagen und die ersten Treppenstufen genommen, als auf der Schwelle die Mutter erschien, die ihn mit leicht zitternden Lippen zurückzurufen suchte. »Wohin denn, Romeo?« fragte sie bange. »Mitten hinein ins Unglück!« dröhnte er. »Mußt du denn von jeder Kleinigkeit wissen?« rief er noch, ohne stehnzubleiben, und nahm immer drei Stufen auf einmal. Auf dem Treppenabsatz setzte er dann etwas freundlicher hinzu: »In die Gemeindebücherei muß 70 ich, na also.« Und winkte grüßend mit der Hand nach oben. Unten am Haustor band er sich die Schnürsenkel und verspürte dabei einen gelinden Stich in der Gegend der Blase. Im gleichen Augenblick erinnerte er sich auch, daß er etwas, ohne das es am Morgen bei ihm niemals abging, heute noch nicht getan hatte. Er wollte auch schon umkehren, doch sein besseres Gewissen siegte über den niederen Drang: Nein, er konnte Yvett heute zu allem nicht noch warten lassen. Übrigens würde er das ganz gut einmal auf kurze Zeit hinausschieben können – beruhigte er sich und stürzte aus dem Hause, in der Richtung zum Viadukt. * Als es von der fernen Turmuhr drei Viertel schlug, näherte sich Romeo, von seinem Dauerlauf außer Atem, dem Viadukt. Den ganzen Weg hatte ihn ein einziger Gedanke beherrscht: sollte sich Yvett, wie sonst zumeist, auch diesmal verspätet haben, dann könnte er im Dunkel des verlassenen Bahnübergangs doch ganz gut noch rasch . . . – Fast inbrünstig hoffte er, als erster zur Stelle zu sein. Denn mit jedem Schritt, so schien es ihm, wurde der fatale Drang fühlbarer, unerträglicher. Oder spürte er ihn etwa nur deshalb so arg, weil er unentwegt daran dachte? Und später, im Gespräch, würde er ihn vielleicht völlig vergessen –? Ach was, wenn schon! Wenn bloß Yvett noch nicht da wäre. Sonst ließ sie ihn doch auch immer warten. Romeo war zur Stelle; er stützte sich mit der Hand gegen die Mauer des Viadukts. Tief ausatmend – es 71 schmerzten ihn die Rippen – spähte er angestrengt ins Innere des Tunnels. Es verstrichen jedoch einige Sekunden, bis seine Augen sich so weit an das nur durch eine schmutzig-fahle Laterne durchbrochene Dunkel gewöhnt hatten, daß er mit einer Aufwallung von heißer Genugtuung festzustellen vermochte: Yvett war noch nicht gekommen. Kein Mensch war in dem eisig feuchten Tunnel zu erblicken. Zur Sicherheit warf Romeo noch einen Blick nach der Stadt zurück. Niemand. Nur ganz in der Ferne kam ein altes Weib mit einem Korb auf dem Rücken. Wo nur Yvett wieder blieb? Daß sie sich aber auch immer verspäten mußte! Na, wenigstens hatte er jetzt massenhaft Zeit gewonnen: für etwas weit Wichtigeres. »Des Menschen Schicksal ruht in seinem Unterleib«, ging es Romeo durch den Kopf. Er lächelte. Und ohne besondere Eile, so, als wollte er das befreiende Bewußtsein, jetzt könne ihm nichts Schlimmes mehr widerfahren, erst noch eine Weile auskosten, trat er lässig in den Schatten eines Eckpfeilers. Aufseufzend schickte er sich an . . . – da, verflucht, Schritte! Von der anderen Seite! Männerschritte? Nein, Frauenschritte, die im Tunnel bloß übermäßig hallten. Hastig brachte Romeo mit steifen nervösen Fingern seinen Anzug in Ordnung. Mit wutverzerrtem Gesicht trat er, unverrichteter Dinge, in die Mitte des Wegs zurück. Von neuem suchte er mit den Augen die Finsternis zu durchdringen. Jemand näherte sich zaghaft. Eine schlanke Frauengestalt. »Romeo, bist du es?« fragte es bange aus dem Halbdunkel. 72 »Ja, Yvett!« Romeo stürzte zu ihr hin, streckte ihr die Hand entgegen. Yvett ergriff seine Hand nicht. Ihr Kopf lehnte – zum ersten Mal – an seiner Schulter. »Romeo«, hauchte sie, »ich hab mich so furchtbar gefürchtet.« »Kleines!« murmelte Romeo beruhigend und dachte, daß er sie nun eigentlich in die Arme schließen müßte. Ihr Kopf grub sich Schutz suchend in seine Brust. »Yvett, was . . . was ist denn also eigentlich geschehn, Yvett?« stotterte Romeo. Und er wehrte sich gegen den Gedanken, daß er doch wenigstens ihren Kopf streicheln müßte. Yvett antwortete nicht. Wie in einem übermäßig verhaltenen Leid, rieb sie bloß ihre Schläfe an seinem Mantel. Auch Romeo verstummte in dumpfer Ergriffenheit. In einer unfreien Bewegung strich er mit der Hand über ihren glatten Hut hinweg, der sich, von dem Köpfchen darunter, wundersam erwärmt anfühlte. Mit einer Gebärde verzweifelter Leidenschaft riß sich Yvett den Hut vom Kopf. Sie schüttelte ihre schweren Haare durcheinander, bis sie gelockert zurückfielen. Dabei fuhr sie mit der Stirn heftig gegen Romeos Kinn. »Oh«, flüsterte sie erschrocken, »ich hab dir wehgetan!« »Ach, keine Ahnung«, beeilte sich Romeo zu versichern. Wehe lächelnd fuhr er mit der Hand ans Kinn. »Ja, Romeo, ich hab dir wehgetan!« rief Yvett 73 schmerzerfüllt aus. Ganz leise berührten ihre Finger sein Kinn. »Mein armer – lieber Junge . . .!« Der Schauer einer lockenden Erinnerung rieselte Romeo den Rücken hinab. Erst zögernd, dann mit festerem Druck setzte er seine Hand auf ihrem Rücken auf, den zweiten Arm hielt er unentschlossen in der Luft. Yvett hielt hörbar den Atem an. Das erregte ihn fremdartig. »Yvett!« stieß er unterdrückt hervor und knirschte mit den Zähnen. Yvett war ganz starre Erwartung. Jetzt schlang Romeo den Arm heftig um sie. Seine Fingerspitzen berührten ihre Brust. Eng preßte er Yvett an sich. Yvett seufzte matt, wie todeswund auf. Ihr Kopf fiel in den Nacken zurück, zwischen ihren halbgeschlossenen Lidern brach ein feuchtschimmernder Strahl hervor, ihre Lippen öffneten sich ein wenig. Romeos Mund fiel über ihre feuchtwarmen Lippen her, daß seine Zähne gegen die ihren schlugen. Er erschrak darüber. Und wie seine Hand an ihrer Brust jetzt zugriff, bog sich ihr Leib nach hinten. Seltsam. Ein Wonnegefühl, wie er's noch niemals verspürt und bei Yvett auch am wenigsten zu finden gehofft hatte, durchschauerte ihn. Yvett wand sich. Seinen Mund zwischen ihre Lippen gepreßt, knöpfte er mit der freien Hand wie im Fieber erst ihren, dann seinen Mantel auf – er spürte die Wärme, die Unruhe ihres Körpers, seine Hand ballte sich zur Faust, die Faust preßte sich – es mußte Yvett wehe tun – in ihr Rückgrat hinein, die Faust öffnete sich wieder, die Finger strichen über Seide hinab, fieberhaft streichelten sie, was sich ihnen, verlangend und zurückschauernd 74 zugleich, darbot . . . Yvett windet sich wie toll. Maßlos aufgeregt, ohne Besinnung, preßt Romeo sie noch enger unter sich, noch weiter biegt er sie zurück – ein Lustgefühl, ungeheuerlich wie im Traum, durchpulst ihn, mit einem dumpfen Todeslaut wirft er den Kopf zurück, und in letzten unsinnigen Lebensschauern verströmt seine Lust . . . Keuchend riß er sie empor. Ein süßlich schales Gefühl im Hals, löste er sich von ihr. »Nein!« stöhnt Yvett fiebernd heraus und sucht ihn gierig festzuhalten. »Noch nicht!« Im gleichen Augenblick spürte Romeo einen neuen heftigen Stich in der Blasengegend. Entsetzt stieß er Yvett von sich und taumelte zurück. Gequält aufschluchzend richtete sich Yvett in die Höhe. Es schwindelte ihr, sie suchte mit den Armen Halt im Leeren. »Nur hier heraus!« stöhnte Romeo. »Hier erstickt man!« Und ohne sich auch nur mit einem Blick zu vergewissern, ob Yvett ihm eigentlich nachfolge, stürzte er aus dem Tunnel hinaus, ins Freie. Wie ein gehetztes Tier blickte er sich nach einer Gelegenheit um. Verflucht, aber da trat auch schon Yvett, ein wenig schwankend und mit zärtlichem Vorwurf in den Augen, aus dem Viadukt hervor und stürzte, da sie Romeo erblickte, sogleich zu ihm hin. »Romeo!« Den Hut hielt sie zerquetscht immer noch in der Hand. »Was denn, mein Engel?« stotterte Romeo, wie bei einem mörderischen Vorhaben ertappt. Und er bemühte sich, verträumt zu lächeln. Yvett dehnte die Arme. Ihre Brust weitete sich in einem langen tiefen Atemzug. Von ganz nahe her 75 strahlte es aus ihren übermäßig geöffneten Augen in sein Gesicht. »Jetzt bin ich deine Frau, Romeo«, sagte sie, schlicht. »Ja«, beeilte er sich freudig zu bestätigen. Gleichzeitig verspürte er einen neuen fürchterlichen Stich. »Ja!« schrie er ohne faßbare Ursache noch einmal heraus, und in ratloser Qual trat er von einem Fuß auf den andern. Befremdet, leicht beunruhigt blickte Yvett ihm jetzt forschend ins Gesicht. Romeo färbte sich rot unter ihrem Blick. »Fehlt dir etwas, Romeo? Ist dir kalt?« »Kalt? Aber woher denn!« »Du bist so blaß . . . das heißt, im Gegenteil: so rot bist du im Gesicht!« In ihre Stimme kam plötzlich ein schmachtender Ton. »Bist du krank, mein Kindchen? Sag!« Da, als Romeo gerade fühlte, er würde die nächste Minute niemals überstehen können, zeigte sich ihm blitzartig ein Ausweg. »Krank? Nein«, stieß er hastig heraus. »Aber, weißt du, für mich war das vorhin ein übermächtiges – wie soll ich sagen – ein nahezu mystisches Erlebnis. Ich meine . . . Nicht daß du glaubst, ich hätte so was zum ersten Mal mitgemacht, nein. Aber . . .« Er schloß in angespannter Qual die Augen; mühsam sprach er weiter, doch mit seiner letzten Energie suchte er seiner Stimme einen Klang von Ergriffenheit zu geben. »Weißt du, was schön wäre, Yvettchen?« »Was?« »Wenn wir jetzt schweigend voneinander gingen, jeder in anderer Richtung – jetzt gleich, ja – damit 76 wir den wunderbaren Eindruck unabgeschwächt mit uns nehmen. Willst du?« Yvett seufzte verhalten auf. »Ja, Romeo«, sagte sie, hingegeben, und legte die Arme um seinen Hals. Romeo trat sich mit dem Absatz auf die Zehen; für den Bruchteil einer Sekunde hatte er Lust verspürt, Yvett mit der Faust auf die Nase zu schlagen. Apathisch neigte er sich über ihren verlangenden Mund, berührte ihre Lippen und schob sie mit verquältem Gesicht hastig von sich. Sein Atem ging rasch, doch in dem unklaren Wunsch, daß sie das alles nur als Anzeichen seiner seelischen Erschütterung deuten möge, suchte er seinen Zügen einen Ausdruck von mühsam niedergehaltener Leidenschaft zu geben. So etwa, als könne er nur mit dem Aufgebot seiner ganzen Beherrschungskraft der Lockung widerstehen, sich neuerdings über Yvett zu werfen. Erregt stieß er hervor: »Nein! Nicht mehr! Laß uns ohne alles auseinandergehn!« Doch im gleichen Augenblick riß sein stechender Schmerz ihn von neuem zusammen; leise aufstöhnend preßte er beide Fäuste gegen den Magen und bückte sich. »Romeo! Was ist dir, um Gotteswillen?« rief Yvett aus, jetzt ernstlich erschrocken und ratlos. »Ich . . . ich weiß selbst nicht . . .«, flüsterte Romeo. Langsam richtete er sich aus seiner gebeugten Stellung auf. In diesem Augenblick war der schmerzhafte Druck wieder völlig geschwunden. »Nichts ist mir«, knurrte er. »Was soll denn schon sein! Vielleicht Blinddarmreizung . . .« »Romeo!« schrie Yvett unterdrückt auf. »Da mußt du doch sofort . . .« 77 »Zum Arzt, was?« höhnte Romeo, wütend. Er sah durch die unvorhergesehene Gesprächswendung die Möglichkeit, auf schickliche Weise von hier fort zu kommen, abermals in die Ferne gerückt. »Mein Blinddarm, der ja!« höhnte er, feindselig. »Aber mein Seelenzustand – für den bringst du kein Verständnis auf, wie?« Yvett starrte ihn ungläubig an. »Aber ja, Romeo, ich verstehe dich schon. So ungefähr wenigstens«, stammelte sie. »Ungefähr« . . . Hatte sie das nicht mit spöttischer Betonung gesagt? Erriet sie am Ende schon –? Romeos Stirn lief dunkel an. »Ja ja, gewiß!« schrie er gereizt. »Der Mann empfindet bei so was eben viel tiefer als die Frau. Leider!« »Gott, also was hast du nur, Romeo«, schluckte Yvett, und in ihre Augen traten anklagende Tränen. »Du bist so . . . so sonderbar bist du zu mir, Romeo! Auf einmal!« Sie ergriff seine Hand, hielt sie fest in der ihren. »Sag, mein Liebling, mein Kindchen, hast du deine Yvett eigentlich noch ein bißchen, ein ganz kleines bißchen . . .« »Nichts mehr!« keuchte Romeo. Er riß sich los, lief drei Schritte von ihr weg, blieb stehen und wandte ihr das Gesicht zu: das Gesicht eines Gekreuzigten. Auf seiner verquälten Stirn perlte der Schweiß. Nur nicht hier! – betete er unhörbar. Nicht hier, vor ihren Augen, die Katastrophe! – – Seine Stimme klang schrill unangenehm überstürzt. »Hast du, zum Teufel, denn gar kein Empfinden dafür, daß wir durch jedes weitere Wort unser gemeinsames Erlebnis entheiligen, trivialisieren?! Aber was! Mach du, was du willst. Ich meine . . . denke darüber wie du willst, 78 lach mich aus, meinetwegen, aber ich . . . ich verschwinde jetzt, basta. Adieu.'« Brüsk drehte er sich auf dem Absatz herum und stürzte ohne alle Beherrschung dem Viadukt zu. »Romeo!« rief Yvett ihm ratlos nach. »Aber wir müssen doch wenigstens besprechen, wann wir uns . . .« »Schreib mir!« schrie Romeo zurück, ohne im Laufen innezuhalten. Er litt Höllenqualen bei jedem Schritt, und er hatte nur noch den einen Gedanken, das Innere des Tunnels zu erreichen, bevor . . . Trotzdem zwang ihn etwas, was stärker war als er selbst, den Kopf nochmals nach Yvett zurückzuwenden. Sie stand reglos, mit weit aufgerissenen Augen immer noch auf dem gleichen Fleck. »Vertrau mir, mein Engel!« rief er ihr durch das Schallrohr seiner Hände zu. Seine Zähne schlugen wie im Schüttelfrost gegeneinander; ohne Yvetts Antwort abzuwarten, lief er weiter. Unklar hatte er noch den einen tröstlichen Gedanken, er werde sie, wenn alles erst glücklich vorüber ist, unter irgend einem Vorwand wieder einholen und den peinlichen Eindruck seines Benehmens dann schon irgendwie verwischen. Sein Atem fliegt, als er jetzt in das Dunkel des Viadukts hineinstolpert. Zitternd am ganzen Leib, nestelt er, reißt er mit den frosterstarrten behandschuhten Händen an seinen Knöpfen – doch jetzt, in diesem heiß ersehnten Augenblick, erlahmt auch plötzlich all seine übermenschlich aufgebotene Widerstandskraft, er kann einfach nicht länger: nicht eine Sekunde – und erlöst und verzweifelt zugleich, läßt er seinem Drang einfach die Freiheit; ganz wie er eben ist, ohne die nötigen Vorbereitungen beendet zu 79 haben. Und in dem dumpfen Gefühl einer maßlosen Erleichterung verläßt ihn für Sekunden alles klare Bewußtsein . . . Als er es wieder erlangte, begann ihn zu frieren. Und jetzt überkam ihn auch eine heiße wütende Scham. Er stöhnte dumpf auf, er war den Tränen nahe. Nun konnte er Yvett natürlich nicht mehr einholen und ihr verschiedenes ausreden. Was mußte die sich von ihm nur denken! Ach was. Gleichgiltig. Alles aus. Nur nach Hause. So rasch wie möglich nach Hause. Ohne gesehen zu werden. Ausziehen, sich waschen – und dann ins Bett. Schlafen. – – 7 »Was ist, Yvett, wie siehst du denn wieder aus! Halt dich gerade!« nörgelte Herr Winternitz, der mehr denn je wie ein Graf aussah und für die ganze Familie Brot abschnitt, patriarchalisch wie immer am oberen Tischende thronend. »Was stiert sie eigentlich wieder und hört nicht zu, was man spricht?« wandte er sich, als Yvett nicht antwortete, geärgert an seine Frau. Frau Winternitz seufzte. Kopfschüttelnd warf sie Yvett einen mahnenden Blick zu. Herr Winternitz hielt die Stirn in tadelnde Falten gelegt. »Wo es so wichtige Dinge zu besprechen gibt! Dazu hat man nun eine fast erwachsene Tochter im Hause«, grollte er. Und dann seufzte er selbst so tief, als wäre er von Gott und den Menschen verraten und verlassen. Yvett richtete sich im Sessel ein wenig auf. »Aber ich höre doch, was ihr sprecht«, log sie und seufzte. 80 »Was gibt es da zu seufzen!« herrschte der Vater sie an. »Diese Dinge langweilen das gnädige Fräulein wohl gar?« »Aber nein, warum sollen sie mich denn langweilen«, erwiderte Yvett gelangweilt, indem sie ein neues Aufseufzen, das ihr bereits in der Kehle steckte, im letzten Augenblick unterdrückte. Herr Winternitz schien in seinem Gedächtnis angestrengt nach irgendeinem Ausdruck zu fahnden. Plötzlich glomm es in seinen schwarzen Augen freudig auf. »Dich hätten sie sollen in einem Sack auf die Seufzerbrücke stecken!« verkündete er, fast jubelnd, und begann auch sogleich schallend über die Äußerung zu lachen. Um ihn nicht zu verstimmen, zauberte Frau Winternitz ein kurzes beifälliges Lächeln auf ihre Lippen, um gleich darauf wieder düster und hart vor sich hin zu starren. Auch Yvett lächelte pflichtschuldigst, als der Vater sie beim Lachen werbend anblickte, und auch das Mädchen, das die Schüsseln herumreichte, lächelte bescheiden, als Herr Winternitz auch sie beim Lachen werbend anblickte. Trotzdem schien Herr Winternitz von dem Echo seiner witzigen Äußerung nicht restlos befriedigt zu sein. »Ich hab dir doch von der Seufzerbrücke in Venedig erzählt, wie?« wandte er sich leicht gekränkt an seine Tochter. »Ja natürlich«, beeilte sich Yvett zu erwidern, wobei sie sich abermals zu einem kurzen zerstreuten Lächeln zwang. »Na also!« tadelte Herr Winternitz. »Trotzdem scheinst du den Witz nicht verstanden zu haben, wie? Die Seufzerbrücke ist eine Brücke in Venedig, auf der die Doschen jeden, der . . . –« Er unterbrach sich. »Die Schüssel 81 immer von links herreichen!« fuhr er mit bösem Blick das zusammenschreckende Mädchen an. Denn Yvett hatte mit den Kinnladen soeben ein Gähnen zerbissen. Schweigendes Kauen. Yvett fühlte, daß sie den Vater durch ihr Gähnen beleidigt hatte. Sie mußte das Gespräch nun irgendwie wieder auf Venedig bringen, um zu zeigen, daß es sie interessierte und daß sie eben nur so gegähnt hatte. Aber es fiel ihr nichts ein. Endlich fiel ihr etwas ein. »Unser Professor sagt: Dogen«, bemerkte sie. Der Vater fuhr mit der Hand an die Ohrmuschel. »Wie?« »Unser Professor spricht es aus: Do-gen. Ge. Weiches Ge. Gh!« Der Vater sah die Mutter an: »Verstehst du, was sie will?« Frau Winternitz zuckte mit den Schultern. »Sie meint, daß es in der Schule Do-gen ausgesprochen wird. Do-gen! Mit weichem Ge!« »Ja, aber was denn?« rief der Vater, sehr erregt. »Was meint sie denn damit? Was soll denn das heißen: Do-gen?« Frau Winternitz' Lider zuckten nervös. »Sie meint, daß es nicht Doschen heißt, sondern Dogen.« »Ach so! Von den Doschen spricht sie noch immer!« rief Herr Winternitz befreit aus; er war jetzt im Bilde und sogleich wieder besänftigt. »Nun, du weißt doch hoffentlich, wer die Doschen – oder Dogen, je nachdem wie man's ausspricht – waren?« wandte er sich belehrungsfreudig an Yvett. »Die Doschen waren . . . – –« 82 Yvett vernahm längst nichts mehr; trotzdem sie dem Vater noch immer lauschend ins Gesicht blickte. Es war einfach schon, um junge Katzen zu bekommen! Seit die Eltern von ihrer Mittelmeerreise zurück waren, war von nichts anderm mehr die Rede als von Italien. Und in den letzten Tagen nur noch von der Venezianischen Nacht, die die Eltern übermorgen im Hause veranstalten wollten. Alle Klubfreunde des Vaters mit ihren Frauen waren dazu geladen. Und noch viele andere Leute. Was das für Aufregungen mit sich brachte! » . . . und jeder, der einen Konkurrenten umbringen wollte, brauchte bloß in das Maul des steinernen Löwen ein Denunziationsschreiben hineinzuwerfen. Das genügte!« hörte sie den Vater ihr erklären. »Aha«, machte sie, sehr interessiert. »Ja, und da gab es auch noch . . .« »Erklär ihr das ein andermal, Rudi!« unterbrach ihn die Mutter, entnervt. »Du sagtest doch selbst, daß wir noch so viele wichtige Dinge zu besprechen haben, wegen übermorgen.« »Ja gewiß, ja«, ereiferte sich Herr Winternitz. »Ich möchte wirklich nur wissen, wie das mit dem Lautenspieler zum Beispiel werden soll! Muß ich denn für alles allein sorgen?« »Ja, mein Lieber, ich weiß nicht, wo man hier einen solchen Lautenspieler herbekommen soll«, gab die Mutter nervös zurück. »Noch dazu einen, der italienisch singen kann.« »Was heißt das: ich weiß nicht«, wies Herr Winternitz sie zurecht. »Ich weiß auch nicht. Und niemand weiß. Aber haben müssen wir einen solchen 83 Lautenspieler. Sonst ist es keine Venezianische Nacht, sondern ein Blödsinn und für uns eine Blamasch.« Frau Winternitz zuckte mit den Schultern. »Na ja, aber tu etwas dagegen.« Sie legte ihrem Mann von der Mehlspeise auf den Teller. »Und muß denn so ein Lautenspieler unbedingt sein?« fragte Yvett, denn sie wollte nicht den Eindruck hervorrufen, als nähme sie so gar keinen Anteil an den Sorgen der Eltern. »Ist das ein dummes Ding!« entrüstete sich der Vater. »Der Lautenspieler ist doch das allerwichtigste dabei!« »Wieso, Vater?« »Wieso! Wieso! Das fragt sie noch!« schrie der Vater und schlug sich mit der flachen Hand mehrmals gegen die Stirn. »Weil du ganz einfach nicht aufpaßt, während man diese wichtigen Dinge erörtert! Du weißt doch, daß gleich nach dem Diner die ganze Gesellschaft auf die Veranda zu strömen hat, wo inzwischen bereits die Lampions in Brand gesteckt worden sind. Dort lehnen sich die Damen und älteren Herren jetzt behaglich in die Korbsessel zurück, während wir jüngeren Herren auf dem Boden Platz nehmen, der mit einer großen Strohmatte und vielen Polstern bedeckt ist. Haben Bondys übrigens schon die Polster herübergeschickt, die sie uns leihen wollten? So, na also. So, und jetzt wird also der Mokka serviert, und jetzt . . . Also jetzt frag ich dich: Was, meinst du wohl, soll nun geschehen, wie? Jetzt muß eben von unten, von der Garasche, gedämpftes Lautenspiel und italienischer Gesang heraufklingen. Sonst ist es keine Venezianische Nacht, 84 sondern ein Blödsinn und für uns eine Blamasch. Trotz der großen Kosten.« Herr Winternitz seufzte bekümmert auf, er blickte düster vor sich hin. Frau Winternitz fuhr mit einer Bewegung des Erschreckens plötzlich zu ihrem Mann herum. »Ja, aber . . . Wir haben mit einem nicht gerechnet. Es ist doch Winter und in der Nacht sehr kalt!« »Was heißt das: es ist Winter«, entrüstete sich Herr Winternitz. »Wir haben doch die Zentralheizung auf der Veranda.« »Ja, aber während unten im Hof gesungen wird, muß auf der Veranda doch ein Fenster geöffnet werden, sonst hört man nichts«, fiel Yvett eifrig ein. »Aber wieso denn?« tadelte Herr Winternitz. »Ich sagte doch ausdrücklich: gedämpftes Saitenspiel. Oder wollt ihr vielleicht behaupten, daß man's hier oben nicht hört, wenn im Hof unten die Leierkastenmänner mit den Leierkästen musizieren und singen?« »Ja, da hat Vater schon recht«, beschied sich Yvett; sie zauberte damit einen Schimmer von Befriedigung auf das Antlitz des Vaters. »Aber so meinte ich es doch gar nicht«, bemerkte Frau Winternitz mit noch immer erschreckten Augen. »Ich meinte, daß der Lautenspieler bei der Kälte unten auf dem Hof ganz erstarrte Finger bekommen und nicht spielen können wird.« »Ja, da hat Mutter auch recht«, rief Yvett aus, die sich mit einem Mal brennend für eine Lösung des Problems zu interessieren schien. Herr Winternitz blickte ratlos von einer zur anderen. »Das heißt, wartet mal!« besann sich Frau 85 Winternitz. »Der Lautenmann kann ja schließlich im Hausflur warten, wo es warm ist, und erst in dem Augenblick, wo er zu spielen und zu singen hat, tritt er dann rasch auf den Hof hinaus. Da hat er ja schließlich noch keine erstarrten Finger, natürlich.« »Na eben. Natürlich. Er wartet doch im Hausflur«, bekräftigte der Vater, maßlos erleichtert. »Also. Dann ist ja auch diese Schwierigkeit glücklich beseitigt«, sagte Yvett, nahezu beglückt von dieser überraschend friedlichen Lösung. Denn sie fühlte, wie nah es dem Vater gegangen wäre, hätte sein Lieblingswunsch unerfüllt bleiben müssen. Herr Winternitz warf ihr einen anerkennenden Blick zu. »Könnte man nicht auch einige junge Leute zuziehn als Gesellschaft für Yvett?« wandte er sich an seine Frau. Es war ihm darum zu tun, Yvett für ihr freundliches Interesse sogleich irgendwie zu belohnen. »Ach Gott, Vater, du weißt doch, wie wenig mir daran liegt«, murmelte Yvett. Aber sie war brennend rot geworden. Denn sie hatte sogleich an Romeo gedacht. Die Mutter hatte ihr Erröten bemerkt; eine Sekunde lang ruhte ihr Blick voll argwöhnischer Sorge auf der Tochter. »Lotte kommt doch mit ihren Eltern«, entgegnete sie unfrei. »Ach was, Lotte«, tadelte der Vater. Er war plötzlich in strahlender Laune und hatte den Gesichtsausdruck eines Operettenbonvivants. »Ich meinte doch: einige junge Leute! Tänzer für Yvett. Denn es soll doch später auch getanzt werden. Und in meinem Hause soll sich meine Tochter ebenso gut 86 amüsieren wie der letzte meiner Gäste.« Er meinte: der erste von seinen Gästen. Yvett lächelte, ein wenig geniert. »Es ist sehr lieb, sehr aufmerksam von dir, Vater . . . Aber, wirklich, ich brauche das doch nicht.« .,Unsinn!« verkündete der Vater, sehr aufgeräumt. »Ein junges Mädchen muß tanzen und singen und springen und sich unterhalten!« Frau Winternitz' Augenlider zuckten nervös. Mit schlecht verhehlter Erbitterung richtete sie sich im Sessel empor: »Entschuldige, Rudi –! Du scheinst – aber total – zu vergessen, daß Yvett jetzt ganz andere Dinge im Kopf zu haben hat . . .« Der Vater riß vor Erstaunen die Augen weit auf. »Wieso? Was . . . ich verstehe nicht.« »Na ja, wie immer«, rief die Mutter, mit hochrotem Kopf. »Du spielst den feschen Kerl – sogar deiner Tochter gegenüber – aber wenn sie bei Schulschluß dann durchgefallen sein wird, dann tobt der Herr Winternitz wieder – natürlich! – und ich bin für alles verantwortlich. Mir überläßt du es, jetzt wie immer, der Popanz zu sein, die Spielverderberin . . .« »Na höre mal, Doris!« »Aber Mutter – –« »Schweigt! Ich danke für diese Rolle, ich habe es satt! Du weißt ebenso gut wie ich, wie es mit Yvett steht. Vor zwei Tagen haben wir erst davon gesprochen. Aber, natürlich, der fesche Herr Winternitz ist fesch wie immer, seine Tochter muß sich in seinem Hause amüsieren. Kolossal. Das ist jetzt die Hauptsache. Die Venezianische Nacht. Aber 87 vorgestern, als Yvetts Zensur ins Haus kam, da hast du gebrüllt wie ein Büffel und mir die Schuld gegeben, was? Da könnte man doch wirklich –!« Frau Winternitz hielt inne. Nur die Schlagader an ihrem Hals hämmerte beängstigend. Herrn Winternitz' Miene hatte sich jäh verdüstert. »Ja es ist selbstverständlich, daß deine Schulpflichten nicht im mindesten darunter leiden dürfen«, fuhr er die betretene Yvett jetzt böse an. »Sonst könntest du mal was von mir erleben, du dumme gleichgiltige Gans. Spiel dich nicht auf, das sag ich dir.« »Ja gewiß, natürlich!« höhnte Frau Winternitz voll tiefem Groll. »So macht man's. Genau so. Deine Erziehung!« Sie verstummte gereizt: das Mädchen war, unsicher und mit hektischen Flecken auf den Backen, wie immer, wenn bei den Herrschaften drin ein Streit im Gang war, ins Zimmer getreten. Sie trug ein Tablett mit zwei Mokkatassen. Yvett war vom Genuß dieses Giftes im allgemeinen ausgeschlossen. »Also lassen wir das jetzt«, suchte Herr Winternitz nach kurzem Schweigen einzulenken. »Also – dann wäre die Sache mit dem Lautenspieler ja also so ziemlich geregelt, wie? Gibt es sonst noch was wegen übermorgen zu besprechen?« »Aber ich bitte dich, wir haben doch noch gar keinen Lautenspieler!« verkündete Frau Winternitz, mühsam beherrscht. »Was heißt das?« fuhr Herr Winternitz verblüfft empor. »Wir haben doch gerade festgelegt . . .« »Ja, daß er im warmen Vorhaus warten kann, anstatt draußen in der Kälte. Aber damit ist doch noch 88 nicht gesagt, daß wir einen Lautenmann überhaupt finden werden!« Die Spannung in den Zügen des Vaters schwand plötzlich dahin und machte einem Ausdruck von Schlaffheit und Traurigkeit Platz. »Ach richtig, wir haben ja noch gar keinen Lautenmann«, murmelte er. Frau Winternitz kämpfte mit sich. Aller Groll war plötzlich vergessen. Diesen Gesichtsausdruck, diesen Ausdruck eines schmerzlich enttäuschten verratenen Kindes und diesen unglücklichen Ton von Verlassenheit in der Stimme, das konnte sie nicht ertragen. Das war es, was sie unter allem am meisten fürchtete; das hatte sie diesem Mann gegenüber seit jeher schwach gemacht und versöhnlich. Ein Lautenspieler! Es mußte ein Lautenspieler gefunden werden! Sonst war er wieder tagelang unglücklich und hatte im Blick und in den Gebärden und in der Stimme wieder diese unbegründete, unbegreiflich ansteckende Schwermut, die sie so oft schon den Tränen nahegebracht hatte. Er war, dieser Mann, mit seinen silbernen Haaren heute an den Schläfen, niemals etwas anderes gewesen als ein Kind, ein dummes Kind, voll von Einbildungen, dem man vieles nachsehen, dessen Launen und Fantasien man erfüllen mußte, so weit es eben ging, und dem man im Grunde gut sein mußte. Liebte sie ihn gerade dieser Kindhaftigkeit wegen noch immer? Was hatte der Mann ihr nicht alles schon angetan! So viel – und so unentwegt, die ganzen Jahre, daß ihr niemals genügend Atem übrig blieb für das Kind, für Yvett. Ach, aber jetzt mußte vor allem einmal dieser Lautenmann gefunden werden. Himmel, wo könnte man 89 einen solchen Lautenspieler doch gleich auftreiben. Einen, der italienisch singen kann . . . Yvett saß geduckt. Mehrmals schon hatte sie Anlauf genommen, etwas zu sagen. Doch in dem brütenden Schweigen, das eingetreten war und das, wie sie deutlich empfand, hellhörig war auch für die geheimsten Untertöne ihrer Stimme, würde es ihr nicht unbefangen genug von den Lippen gehen. – Das brütende Schweigen herrschte ungebrochen weiter. Yvett hielt den Blick auf die Tischplatte geheftet, sie zwang sich zur äußersten Gelassenheit. »Wartet mal!« rief sie plötzlich aus, so lebhaft, als wäre der Gedanke ihr in diesem Augenblick urplötzlich gekommen. »Wartet mal. Mir scheint, ich kenne einen, der . . . der von so einem Lautenspieler vielleicht wüßte. Ja. Möglich.« Unbefangen lächelnd blickte sie zuerst den Vater, dann die Mutter an; doch es schien ihr, als errötete sie dabei abermals. Aber darauf schien jetzt keiner zu achten. Der Vater hob mit leidendem, doch unverkennbar interessiertem Ausdruck sogleich den Kopf, und die Mutter herrschte sie gereizt an: »Warum sagst du denn das nicht gleich?« »Weil's mir jetzt eben erst einfiel«, erklärte Yvett, ein wenig beleidigt. Im Innern war sie höchst befriedigt. Sie hatte ihre Sache gut gemacht. Jetzt nur nichts übereilen, predigte sie sich, nur weiter hübsch vorsichtig und geschickt zu Werke gehen! »Na?« fragte die Mutter erwartungsvoll. »Also wer?« fragte auch der Vater, atemlos. »Wer wäre das?« Er konnte seine Ungeduld nicht länger verbergen. 90 »Ja, ich weiß ja nicht . . . Ich meine nur . . .«, entgegnete Yvett gedehnt. »Also gu-u-ut!« fiel Herr Winternitz ihr nervös in die Rede. »Aber sag schon! Wer!« »Ach Gott, wer weiß denn, ob er – der, den ich eben meine – zufällig einen solchen Lautenspieler kennt. Möglich wäre es. Er ist sehr musikalisch . . . und verkehrt viel in Musikerkreisen, glaube ich wenigstens.« »Wer denn nun?!« »Ach, ein Bekannter von der . . . von einer Bekannten, einer Mitschülerin . . . Ich meine, ich weiß ja nicht, aber . . .« »Von welcher Mitschülerin?« unterbrach die Mutter. »Von der Erna«, log Yvett ohne Wimperzucken. Und erst in der nächsten Sekunde wurde ihr klar, daß sie da gar nicht gelogen, sondern zufällig die reine Wahrheit gesprochen hatte: Romeo war doch tatsächlich ein Bekannter von Erna! Hatte sie da, weil sie die Wahrheit sagte, nicht etwa eine gefährliche Unklugheit begangen? »Von der Erna –?« vergewisserte sich die Mutter, stirnrunzelnd. »Das wird dann schon was Rechtes sein. Überhaupt: mit der Erna verkehrst du?« »Herrgott, aber das ist doch jetzt nicht das Wichtigste, Doris!« fuhr Herr Winternitz seine Frau gereizt an. »Immer mußt du alles unnötig komplizieren. Laß Yvett doch erst mal fertig reden!« Freundlich wandte er sich Yvett zu. »Ein Bekannter von der Erna? So. Und der weiß von einem Lautenspieler?« »Das weiß ich nicht, ob er von einem weiß«, 91 verteidigte sich Yvett. »Aber er ist, glaube ich, sehr musikalisch und verkehrt viel . . .« »Ja!! Das sagtest du schon!« unterbrach sie der Vater voll Ungeduld, doch unentwegt freundlich. »Ob er aber von einem Lautenspieler weiß –? Das ist doch die Hauptsache.« »Das weiß ich nicht bestimmt. Aber ich könnte . . . man könnte . . . Das heißt, mich geht's ja eigentlich nichts an, nicht wahr? Ich meinte nur . . . Bloß, weil ihr . . .« »Was heißt das: dich geht es nichts an!« tadelte Herr Winternitz. »Du, als die Tochter des Hauses – –!« Er unterbrach sich, warf seiner Frau einen Blick voll Haß zu. »Jetzt hast du sie gleich wieder kopfscheu gemacht!« fauchte er. Zärtlich strich er mit der Hand über Yvetts Scheitel. »Laß dich von Mama nicht einschüchtern, Yvett. Also sag schön, wer ist dein Bekannter eigentlich? Wie heißt er, wo könnte man mit ihm verhandeln?« Yvett spürte, daß ihre Sache gut stand. Drum tat sie jetzt auch, als wäre sie im Innersten gekränkt, unterdrückt und wieder einmal zu Unrecht gescholten. »Ach, ich sehe schon, ich sag am besten gar nichts mehr. Die Mutter – –«, schluckte sie mit tränenerstickter Stimme. Erschrocken blickte sie auf: die Mutter hatte sich mit einem Ruck erhoben, die Serviette zu Boden geworfen, sie hatte die Augen voll Tränen, und jetzt stürzte sie zur Tür hin. »Doris!« rief der Vater ihr nach. Yvett eilte hinter der Mutter her, holte sie ein, hielt sie am Ärmel fest. Sie fühlte, daß sie zu weit gegangen war, daß alles, was so günstig für sie begonnen, jetzt auf dem 92 Spiele stand. Die Mutter mußte unter allen Umständen versöhnt werden. Sogleich. »Aber Mutter!« bat sie vorwurfsvoll. Jetzt war auch der Vater hinzugetreten. »Aber Doris! So mach doch keine Geschichten, bitt dich. Hat dich vielleicht jemand beleidigt?« Frau Winternitz strich mit dem Taschentuch über die Augen. Mit einer heftigen Bewegung befreite sie ihren Arm aus Yvetts Umklammerung; sie maß Gatten und Tochter mit einem verächtlichen schmerzerfüllten Blick, wortlos schritt sie zum Tisch zurück. Herr Winternitz und Yvett folgten ihr, ein wenig betreten. Alle drei nahmen ihre Plätze wieder ein. »Also kommt, hört auf. Damit wir schon endlich zu einem Resultat kommen«, suchte Herr Winternitz mit unsicherer Gemütlichkeit einzulenken. »Besprechen wir jetzt alles in Ruhe zuende.« »Bitte«, sagte Frau Winternitz in starrer Ruhe; sie hielt die Lippen aufeinandergepreßt und den Blick von den beiden abgewandt. »Na?« wandte Herr Winternitz sich neuerdings an Yvett, um einen Grad strenger als vorher. »Ja –?« machte Yvett gedehnt, huldvoll, als erkundige sie sich nach Vaters Wünschen. »Frag nicht so dumm!« herrschte der Vater sie aufgebracht an. »Ach ja«, beeilte sie sich zu sagen, »wegen Romeo –!« Erschrocken hielt sie inne. »Weeer?« Yvett war dunkelrot im Gesicht. Sie hätte sich für ihre Zerstreutheit ohrfeigen mögen. »Romeo!« würgte sie nochmals, möglichst harmlos, hervor. »Na ja, so heißt er!« 93 »Wer heißt so?« »Der . . . der Bekannte, der den Lautenspieler kennt.« Jetzt hatte sie sich wieder einigermaßen gefaßt. »Romeo?« »Ja! Romeo. Ich kann's nicht ändern. Glaube wenigstens, daß er so heißt.« »Ro–meo? Das ist doch kein Name. Das ist ein Theaterstück!« Der Vater schüttelte den Kopf. »Verstehst du das, Doris?« Doris schwieg mit undurchdringlichem Gesicht. Yvett war froh, daß nur der Name dem Vater aufgefallen war. »Vielleicht heißt er anders. Das ist doch auch ganz gleichgiltig«, entschied sie gelangweilt. »Na eben. Romeo wird er doch nicht heißen. Aber das ist doch auch gleichgiltig jetzt«, meinte der Vater. Yvett war wieder Herrin der Situation, oder glaubte wenigstens es zu sein. »Also sieh mal, Vater, ein junger Mann ist das, ein Student«, erklärte sie überlegen und voll Nachsicht, »ich glaube, er studiert sogar Musik . . .« »Vielleicht könnte er selbst singen?« fiel Herr Winternitz mit freudig aufleuchtenden Augen ein. »Ach nein«, hauchte Yvett und lächelte verlegen. »Warum nicht? Ist doch keine Schande.« »Also, Vater, ich werde mein möglichstes tun, dessen kannst du gewiß sein. Ob meine Bemühungen den gewünschten Erfolg haben werden, das kann ich natürlich nicht garantieren.« »Aber gleich? Ja? Du bemühst dich gleich?« vergewisserte sich der Vater ungeduldig, und da von Yvett als Antwort ein freundliches Kopfnicken kam, erhob 94 er sich, befreit aufatmend. »Gut. Dann wäre das also erledigt.« Yvett fuhr mit den Fingerspitzen an die Schläfe, als fiele ihr plötzlich etwas sehr Fatales ein. »Ja, allerdings . . . das heißt . . .«, murmelte sie nachdenklich, umdüstert. »Was ist wieder?« Leicht erschrocken, erwartungsvoll blickte der Vater sie an. »Na, nein, das ist schließlich nicht so schlimm«, besann sie sich. »Man könnte ihn ja schließlich einladen.« »Einladen? Wen?« »Den jungen Mann. Weißt du, er ist doch schließlich ein feinerer Mensch, und wenn man von ihm für unsern Gesellschaftsabend eine Gefälligkeit will, dann muß man ihn doch mindestens dazu einladen, nicht?« »Einladen –? Ja, ist er denn . . . ich meine, ist er denn . . . Kann man ihn denn einladen?« Mißmutig überlegend blickte der Vater vor sich hin. Yvett fühlte, daß die nächste Sekunde über alles entschied. »Na ja, siehst du, das ist es eben«, pflichtete sie ihm nachdenklich bei. »Man kann doch schließlich nicht einen wildfremden Menschen einladen. Da werde ich mich lieber erst gar nicht an ihn wenden, wegen eines Lautenspielers, nicht?« »Warum? Nein, das geht nicht!« stieß der Vater aufgeregt heraus. »Er muß uns einen Lautenspieler beschaffen, dieser Ro–meo.« »Ich glaube, er ist aus recht kleinem Hause«, warnte Yvett stirnrunzelnd. »Das macht doch nichts«, fuhr Herr Winternitz empört auf. »Was ist das wieder für ein alberner 95 Stolz! Morgen kann ich bettelarm sein, du Dummkopf. Sieht er denn halbwegs passabel aus?« »Das schon, o ja. Ach Gott, ja, warum nicht?« »Also dann lädst du ihn selbstverständlich ein«, entschied der Vater strenge und mit Nachdruck. »Und jetzt beeile dich und nimm die Sache gleich in Angriff, verstanden?« »Na gut, bitte, wenn du willst«, gab Yvett etwas widerwillig nach. »Also dann – auf Wiedersehn. Auf Wiedersehn, Mutter.« Nachlässig, ohne alle Hast entfernte sie sich, bedächtig schloß sie hinter sich die Tür. Draußen jubelte es in ihr auf: sie hatte erreicht, was sie von ganzem Herzen ersehnte. Romeo würde künftig im Hause verkehren! Herr Winternitz stand noch, er blickte lächelnd, gedankenverloren zu Boden. Plötzlich zuckte er, wie von einem Reptil berührt, zusammen. Etwas unnennbar Großes mußte ihm in den Sinn gekommen sein. Er stürzte zur Tür, riß sie auf. »Telefoniere mir in die Fabrik, Yvett, sobald du wegen des Lautenmanns Rücksprache genommen hast«, rief er auf den Gang hinaus. 8 Es war schon nahe an Mitternacht, entsetzlich rauchig, um Kopfschmerzen zu bekommen, war's in der engen Wirtsstube, ein Orchestrion hämmerte immer die gleichen vier Stücke herunter, Menschen, Männer und ein paar Frauenzimmer, grölten und plärrten dazu, andere schwiegen brütend. In einer Ecke saß Romeo, nun schon an die zwei Stunden, und wartete. Er wartete auf den Mann, den Böhmen. Der 96 Wirt hatte versichert, der Mann sei ein famoser Sänger und Gitarrespieler, er komme jede Nacht hier vorbei, wo er bei den Gästen sehr beliebt wäre; er produziere sich nämlich auch in anderen Lokalen, drüben im »Löwen« zum Beispiel und nachher, oft bis zum Morgen, im »Kakadu«. »Kakadu«, das war ein Nachtlokal, mit Frauenzimmern, eine Bar, von der hatte Romeo schon gehört. Das war anscheinend das Wüsteste, was es in Rietheim gab. Dort ging ein besserer Mensch wohl gar nicht hin. Die Leute erzählten davon nur mit gedämpfter Stimme. Lächerlich, was wird dort schon los sein. In Rietheim! Hier geschah doch auch nichts, rein nichts. Als Romeo so gegen zehn Uhr hier eingetreten war – den ganzen Tag war er auf den Beinen gewesen, um einen Lautenspieler aufzutreiben – da hatte er zunächst gar nicht recht gewagt, einzutreten. Da hatte der Anblick der bezechten Männer und vor allem der geschminkten Mädchen – sie kamen immer einmal von der Straße herein, um sich zu erwärmen, und gingen nach einer Weile wieder hinaus – alles hatte ihm geradezu Furcht eingeflößt. Er war nie in einem solchen Lokal gewesen, aber er hatte von ähnlichen Spelunken mancherlei gelesen und erzählen hören. Ohne Zweifel konnte einem in solchen Kneipen allerlei passieren. Aber er war doch schließlich nur deshalb hier, weil man ihn hergewiesen hatte wegen eines Lautenspielers – hier war sogar seine allerletzte, die einzige Chance, einen zu finden. Übrigens war nichts geschehen, gar nichts. Zwei Mädchen hatten ihn angesprochen, wie blühende Gräber sahen sie aus, aber er hatte sehr 97 höflich abgelehnt, und da waren sie einfach wieder fortgegangen. Gut, daß an seinem Tisch kein Platz mehr frei war, es saßen bereits vier Männer da, die spielten Karten, und ein fünfter saß dabei. Romeo fühlte sich im ganzen recht wohl hier, es interessierte ihn das Treiben im Raum und die Menschen, sozusagen aus psychologischen Gründen interessierte es ihn. Waren das . . . nun, wie heißt denn das gleich – Proletarier? Sicherlich. Man war doch im ärgsten Viertel der Stadt, draußen bei den Fabriken. Aber die hatte er sich eigentlich ganz anders vorgestellt, die Proletarier, gleichsam wilder drohender, mit hektischen Flecken auf abgezehrten Wangen. Fanatischer, feindlicher hatte er sie sich vorgestellt. Die hier aber sahen doch ganz wohlgenährt aus, sie waren gar nicht zerlumpt, und außerdem benahmen sie sich auch verhältnismäßig gesittet. Viel zu gesittet beinahe, für Proletarier. Es hätte schon endlich einmal etwas Unanständiges vorfallen können, ein Trunkenheitsexzeß, wie man das nannte, mit den Mädchen oder so. Wozu saß er, Romeo, eigentlich immer noch hier und wartete? Warum entkleidete keiner von den betrunkenen Männern kurzerhand eines der Mädchen, legte es über die Bank hin und . . . so weiter. Statt all dieser feigen Anzüglichkeiten und eben noch schicklichen Umarmungen. Das nannte sich nun stolz Proletarier. Wie kleine Postbeamte sahen sie aus, diese Kerle, und genau so unentschlossen benahmen sie sich auch. Die hatten doch gewiß nicht einmal Messer bei sich. Hingegen, ohne Zweifel, mehr Geld als er. Interessiert betrachtete er ein, wie ihm vorkam, 98 außerordentlich schick gekleidetes Mädchen von schönen, etwas üppigen Formen, das in diesem Augenblick ins Lokal getreten war und nun lässig hoheitsvoll zwischen den Tischen einherging. Sie schien jemand zu suchen; mit stählerner Ruhe überhörte sie vereinzelte Zurufe, Zweideutigkeiten und Einladungen. Welche Hurenmajestät – ging es Romeo durch den Kopf. Einem, der die Hand nach ihr ausstreckte, schlug sie mit dem Metallbügel ihres Täschchens hart auf die Finger, ohne ihn dabei auch nur anzublicken. Ihr Blick fiel zu Romeo herüber, verweilte kurz auf seinem Gesicht – Romeo erschrak – ihr Blick senkte sich prüfend hinab, blieb an Romeos Bierglas haften. Enttäuscht, fast verächtlich wandte sie die Augen von Romeo ab, von neuem suchend. Romeo war unter diesem harten prüfenden Blick leicht errötet. Ich hätte mir statt des Biers tatsächlich Wein geben lassen können, soviel Geld hab ich doch schließlich bei mir – stellte er geärgert fest und folgte dem hoheitsvoll vorüberschreitenden Mädchen mit bewundernden Blicken. Eine vollendete Dame. Weit mehr Dame als Yvett. Mit gelangweiltem Ausdruck wandte das Mädchen jetzt den Kopf nach Romeo zurück. Darüber verspürte Romeo ein Triumphgefühl in sich aufsteigen. Keck, werbend erwiderte er diesmal ihren tastenden Blick. Doch nun wandte sie sich – nein, um Gotteswillen, so hatte er's nun wieder nicht gemeint – und kam – die Syphilis! – jäh entschlossen auf ihn zu. Sogleich blickte Romeo geflissentlich von ihr weg, zur Seite. 99 »Hast du Geld, Kleiner?« Romeo wurde über und über rot bei dem Schimpf. »Erlauben Sie, Fräulein«, fuhr er voll Angst in der Kehle empor, »wie erlauben Sie sich, mit mir zu sprechen? Ich bin Akademiker. Jurist.« Aber um seine Verlegenheit vollzumachen, legten die Kerle am Tisch nun die Karten beiseite, lachten grölend los. Alle blickten sie ihm dabei ins Gesicht. Auch das Mädchen kräuselte höhnisch die brandrot geschminkten Lippen. Wie häßlich, wie verwüstet ihr Gesicht jetzt aus der Nähe wirkte. Entsetzlich. »Haben Sie Geld, mein Herr?« wiederholte sie mit herausfordernder Betonung. Und wieder grölten die anderen beifällig dazu. »Gewiß!« würgte Romeo trotzig hervor. »Aber was geht es Sie an?« »Seien Sie nicht so barsch, wenn Sie mit einer Dame sprechen«, erwiderte sie ausweichend und bereits ohne den leisesten Spott. Auch die anderen verstummten, nahmen ihr Kartenspiel wieder auf. Romeos Wahrhaftigkeit hatte imponiert. »Ich ersuche Sie, mir keine Verhaltungsmaßregeln zu erteilen, mein Fräulein«, sagte er, darüber zum vollen Bewußtsein seiner Überlegenheit gelangend, und zwei strenge akademische Falten erschienen auf seiner Stirn. »Na, so war's doch auch nicht gemeint«, lenkte sie ein, ihrerseits nun ein wenig verlegen. »Wollen wir nicht etwas Gutes zusammen trinken gehn? Kommen Sie.« »Wohin?« fragte Romeo gedehnt, während er im Geist rasch seine Barschaft überrechnete: Zu dumm, 100 daß er nur Kleingeld bei sich hatte. Dieser hochnäsigen Person hätte er gern etwas bewiesen. »Na, um die Zeit kann man doch nur noch in den Kakadu gehen, dort ist auch eine ganz andere Stimmung«, sagte sie. »Tja, ich bedauere ungemein, Fräulein, aber ich bin hier leider festgehalten, ich erwarte jemand.« »Eine Dame?« »Tja . . . nein! Einen Herrn.« »Hm . . . also dann könnte ich Ihnen einstweilen vielleicht hier Gesellschaft leisten, und nachher gehn wir mit Ihrem Freund zusammen in den Kakadu, nicht?« Romeo erschrak. Er mußte das Frauenzimmer unter allen Umständen abwimmeln, sonst kam er noch in die scheußlichste Geldverlegenheit. »Nun, also wenn Sie's durchaus wissen wollen, Fräulein« – er lächelte weltmännisch-diskret – »ich erwarte in Wahrheit . . . also natürlich . . . eine Dame. Aber vielleicht ein andermal –?« »Idiot.« Sie wandte sich brüsk auf dem Absatz und schritt hocherhobenen Hauptes von dannen, zur Tür hinaus. Romeo sank, wie vor den Kopf gestoßen, verlegen in sich zusammen, abermals färbte er sich rot, er wagte nicht aufzublicken. Die Kerle am Tisch johlten vor Vergnügen, der Fünfte, der bloß dabeisaß, starrte ihn aus halb verglasten Augen unentwegt feindlich an. Aus purem Trotz harrte Romeo weiter am Tische aus. Er würde diesen viehisch besoffenen Individuen nicht zu allem noch den Spaß eines fluchtartigen Abgangs bereiten! Aus purem Trotz blieb er sitzen. Ja, 101 und dann . . . wie sollte er aus seiner Ecke hier denn auch hinauskommen? Er müßte rein über die Knie von zweien der Kerle hinwegsteigen. Denn gutwillig würden die ihm doch den Weg gewiß nicht freigeben. Himmel, wo blieb nur der schäbige böhmische Musikant! Das hatte er, Romeo, nötig gehabt, daß er jetzt schon volle drei Stunden in einer derartigen Spelunke saß, mitten unter solch üblen Subjekten? Daß die Winternitz' auch nicht auf die naheliegende Idee gekommen waren, einfach aus einer benachbarten größeren Stadt einen Sänger herbeizuschaffen. So reiche Leute, was konnte es ihnen schon ausmachen. Er war auf diesen Ausweg ja sogleich gekommen, aber zu Yvett hatte er nichts davon geäußert, natürlich, weil Yvett doch voll Freude erwähnt hatte, daß die Eltern, falls es ihm gelingen sollte, einen Lautenmann aufzutreiben, dann auch Romeo zur Venezianischen Nacht einladen würden; als kleine Erkenntlichkeit, sozusagen. Und da hatte er sich denn gleich auf die Suche gemacht, ohne allzu große Rosinen im Kopf freilich. Und wenn nun auch hier, mit dem Böhmen, nichts werden sollte? Wenn der beispielsweise kein einziges italienisches Lied in seinem Repertoire hätte? »Repertoire« ist nicht schlecht! Dann wäre es aus, für ihn, mit der Venezianischen Nacht. Wann und wo aber würde er bald wieder Gelegenheit finden, so etwas mitzumachen. Fabelhaft mußte das sein, feenhaft, was man sich von den Festen in den Häusern der Fabrikanten und Großen von Rietheim so erzählte. Schon gar die Winternitz'. Und nun sollte er da mitten drin dabei sein – doch eigentlich herrlich! 102 Warum denn auch nicht, schließlich? In dem Ausgehanzug, den er erst vor ein paar Monaten zum Abitur bekommen hatte, da konnte er sich schon sehen lassen, jawohl. Das trug man doch jetzt bei solchen Gelegenheiten. Gestreifte Hosen und schwarzes Sakko. Da brauchte er sich vor den Herrschaften dort in keiner Weise zu verstecken, nicht im mindesten. Überhaupt, wenn diese Protzen, diese Krämerseelen, die Unterdrücker und Ausbeuter des arbeitenden Volkes sich etwa einbilden sollten, daß er weiß Gott welchen Respekt vor ihnen empfände – ja wovor denn eigentlich? Etwa vor ihrem zusammengestohlenen Reichtum, an dem noch der Schweiß des Volkes klebt? Da würden sie sich aber einmal gewaltig geirrt haben, da war er gerade der Rechte dazu, um sich von solchen Dingen imponieren zu lassen . . . Herrgott, wenn nur das stinkende Gesindel hier endlich mit dem besoffenen Gegröle aufhören wollte! Einfach widerlich! Richtig, aber solch eine taubengraue Krawatte würde er sich noch rasch kaufen für den Abend übermorgen. Eine, wie sie der Schauspieler bei dem modernen Gesellschaftsstück unlängst trug, der sah doch eigentlich hochdistingiert damit aus. Am besten wohl bei Meixner, dort hatte man stets die größte Auswahl. Was konnte eine solche Krawatte viel kosten, wie? – Gut, aber das müßte die Mutter eben einsehen, zum Teufel, daß er mit der abgetragenen alten, bei der er den Knoten schon fast am alleräußersten Ende knüpfen mußte, um die zerschlissenen Stellen zu verdecken, nicht bei Winternitz erscheinen konnte, zu einer Venezianischen Nacht. 103 Komisch eigentlich, daß es ihm nie so recht zum Bewußtsein gekommen war, daß Yvett, seine Yvett, die Tochter dermaßen mächtiger Leute ist. Erst in allerjüngster Zeit war ihm das klar geworden. Seit eben von der Venezianischen Nacht die Rede war. Ja und wie die in ihn vernarrt ist. Toll! – – »Trinkt der junge Herr noch ein Bier?« Romeo blickte auf. Die Kellnerin stand vor ihm, schwenkte das Glas vor seinen Augen hin und her. »Nein, danke«, lehnte er hastig ab. »Fräulein«, setzte er ergänzend rasch hinzu und lächelte unsicher. Auch die Kellnerin lächelte, geschmeichelt von Romeos Höflichkeit. »Vielleicht einen Wein, der junge Herr?« »Nein, danke vielmals, nichts mehr. Ich warte hier nämlich bloß auf . . .« »Laß doch den, bitt dich!« rief in diesem Augenblick der Kerl mit den verglasten Augen, unzweifelhaft ein Ortsfremder, hämisch dazwischen. »Dar sauft unser G'söff nicht, der sauft überhaupt nix, der ›junge Herr‹ . . . upp . . . der junge gnä Herr . . . A Dokter is er, der Bimpf, hat er g'sagt. Daßt es nur weißt!« Romeo verfärbte sich. Die Kerle am Tisch johlten Beifall. ». . . die Fresse, Karl!« rief die Kellnerin unwirsch aus. Mit einer verächtlichen Handbewegung wandte sie sich, doppelt freundlich, abermals Romeo zu: »Lassn Sie 'n reden, junger Herr, den albernen Kerl. Wenn der 'n Rausch hat, ist er immer so.« »Wer hat an Rausch, Rabenaas vermaledeites!« fuhr das Individuum drohend auf, um gleich darauf 104 in sich zusammenzusinken und mit schwerer Zunge Unverständliches vor sich hin zu murmeln. Ängstlich bedeutete Romeo mit den Augen der Kellnerin, nichts mehr zu erwidern. Damit sie das nicht etwa für Furcht halte, suchte er, nur für sie allein sichtbar, etwas wie stumme Verachtung in seine Miene zu legen. Zu den Betrunkenen hinüberzublicken, wagte er nicht mehr. Solche Individuen waren doch alles imstande! Doch Romeo hatte gut Zeichen machen und ängstlich abwinken, die Kellnerin, im tiefsten über das »Rabenaas« empört, war nicht zurückzuhalten. »So gemein ist der Lümmel, junger Herr, ich sage Ihnen«, verkündete sie mit zornrotem Gesicht. »Da sieht man – keine Kinderstube.« »Frieda! Friedachen! Wo bleibt denn das Bier, Himmel Arsch und Zwirn«, scholl es in diesem Augenblick von anderen Tischen herüber. »Also, entschuldigen Sie«, rief die Kellnerin Romeo freundschaftlich zu, nickte mit dem Kopf und lief an den Schanktisch. Nun war auch sie fort . . . Nachdem sie das Unheil angerichtet hatte! Romeo erstarrte. Das Blut in seinen Adern gefror zu Eis: mit einem raschen ängstlichen Seitenblick hatte er undeutlich wahrgenommen, wie der Mörder sich mit beiden Fäusten gegen die Tischplatte stemmte, mit zwei drei absonderlichen Körperverrenkungen auf die Beine zu stehen kam und nun auf Romeo zutorkelte. Schutz suchend liefen Romeos Blicke über die Tische weg: in dem allgemeinen Getöse schien keine Seele seine Bedrängnis wahrzunehmen. Romeo zog den 105 Kopf ein. Er war keines Lautes, keiner Bewegung fähig. Geduckt erwartete er den Schlag – – Nach einigen Sekunden, da nichts geschah, hob Romeo vorsichtig den Blick. Die Bestie stand vor ihm – nur die Tischplatte trennte ihn von dem Meuchelmörder – mit verglasten Augen und in die Stirn hängenden Haaren stierte der Verbrecher, beide Fäuste schwer gegen die Tischplatte gestemmt, auf Romeo herab. Seine Lippen schienen angestrengt Silben formen zu wollen. In seiner Aufregung tat Romeo, als hätte er den Herrn durch Zufall in diesem Augenblick eben erst bemerkt, er lächelte ein überraschtes blasses verbindliches Lächeln; mit zitternder Hand deutete er einladend auf den freigewordenen Stuhl ihm gegenüber. Der Betrunkene riß die Augen weit auf. Verblüffung und Argwohn waren in seinem Blick. Er grunzte etwas Unverständliches; plötzlich fiel er schwer auf den angebotenen Stuhl nieder. Fast hätte er den Stuhl und den ganzen Tisch dabei zum Kippen gebracht. »Oeha!« lallte er und suchte mit den Händen Halt im Leeren. »Oha!« flüsterte auch Romeo, gleichsam erschreckt, teilnahmsvoll, und führte eine Bewegung aus, als wollte er den lieben Menschen mit fürsorglichen Armen stützen. Der schien Romeos Bewegung indes mißzuverstehen; er fuhr mit dem Arm in die Höhe, hielt ihn schützend vors Gesicht. Romeo sah es mit Entsetzen. »Verzeihung, nein!« rief er beschwörend abwehrend aus. »Nein, ich wollte Sie bloß am Fallen verhindern!« 106 Mißtrauisch, feindselig ließ der Betrunkene den Arm sinken. »Was . . . upp . . . ja was meinens denn, Sie –! Daß ich be . . . besoffen . . .« »Aber nein, absolut nicht«, stammelte Romeo beflissen. »Das kann doch passieren. Is mir a scho passiert, hehe.« In der Erregung bemühte er sich, um keinen Rangunterschied zu markieren, den gleichen Dialekt wie sein Bedränger zu sprechen. »Verkehren Sie wohl schon lange in der . . . in der Kneipe hier, Herr . . . Herr –?« Glotzend suchte der Betrunkene sich in die Situation zu finden. Romeo ließ ihm nicht Zeit. »Fesche Weiber hier, nich wahr?« plauderte er aufgeregt weiter. »Ganz fesch, haha.« Und er deutete mit dem Finger auf ein Mädchen, dessen Kopf lethargisch hingegeben an der Schulter eines ausdruckslos ins Leere stierenden, mit dem Finger in der Nase bohrenden Mannes lehnte. Unwillkürlich wandte der Meuchelmörder den Kopf in die angegebene Richtung. »A Hur is«, knurrte er ingrimmig, apodiktisch. »Tjaja, natürlich, na was denn!« beeilte sich Romeo ihm beizupflichten. »Lauter Huren das. Da kann man sich doch nicht einlassen, was? Herr . . . Herr –?« »Prost Karl, schlapper Hund!« rief in diesem Augenblick einer der kartenspielenden Kerle hohnvoll zu dem Betrunkenen herüber. Der warf einen kurzen mißtrauischen Blick auf die feixende Gruppe, gab sich einen Ruck. »Na is das vielleicht was Schlechtes, Sie –?!« brüllte er den erbleichenden Romeo an und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die Gläser klirrten. »So a arm's Mensch wie a Hur?« 107 »Aber nein, wer sagt denn das?« stammelte Romeo; verzweifelt spähte er nach dem Wirt, nach der Kellnerin aus. »Sie ham's g'sagt, Sie Lackl Sie!« Der Betrunkene war aufgetorkelt und beschrieb nun mit der Faust Dreiecke und Kreise in der Luft über Romeos Kopf. »Sie Lackl, Sie ganz gemeiner Lackl Sie!« brüllte er ein übers andere Mal. Vom Nebentisch trat schwankend ein Mann an den Wütenden heran, packte ihn beschwichtigend am Arm. »Meensch! Meensch! Keine Aufregung, meine Herrn, keinen Bürgerkrieg bitte. Nichts ist passiert.« »Daß a Hur a arm's Mensch is, hat er g'sagt, der Lackl . . . der Lackl der!« schrie ihm der Rasende entgegen. »Er wird das sofort zurücknehmen, der Lackl, er wird auf der Stelle feierlich erklären, daß a Hur a armes bedauernswürdiges Mensch is wie a jeder andere, sonst – –« Den Rest der drohenden Äußerung verschlang das losdonnernde Orchestrion. »Richtich? Haben Sie das jesagt?« schrie der Beschwichtiger Romeo ins Ohr. »Er soll, der Lackl, er soll auf der Stelle – –!« tobte der Meuchelmörder. »Halt die Schnauze!« gebot der andere barsch. Romeo blickte ratlos erregt von einem zum anderen. Mit einem Blick maß er die Figur des Beschwichtigers. Der war zwar ebenso bezecht wie der Tobsüchtige, er war jedoch bei weitem kleiner, dicklicher und sah zu allem verhältnismäßig gutmütig aus. Nein, auf dessen Hilfe konnte man im Ernstfall 108 nicht bauen. Überdies hatte der Tobsüchtige doch die vier Kerle am Tisch jedenfalls für sich – – In der Verzweiflung seiner Bedrängnis versuchte Romeo ein Letztes. »Was mischen Sie sich hinein, was gehen unsere Angelegenheiten Sie an?« fuhr er den grenzenlos verblüfften Vermittler strenge an. »Gehen Sie augenblicklich an Ihren Tisch zurück und lassen Sie mich mit dem Herrn da in Ruhe weiter diskutieren!« Dabei wies er mit der Hand nicht ohne Achtung auf seinen Bedränger. Durch dieses ritterliche Verhalten hoffte er sowohl den Mörder, wie auch dessen vier Kumpane endgiltig für sich einzunehmen. Was aber mußte er sehen. Der Meuchelmörder hatte Romeos Verhalten offenbar gar nicht bemerkt: er schien alles ringsum vergessen zu haben, mit verklärtem Gesicht schlug er den Takt zu der Melodie des Orchestrions. Plötzlich taumelte er und fiel, Romeo genau gegenüber, in den Sessel, legte das Haupt auf die Tischplatte und schnarchte. Der Beschwichtiger vom Nebentisch hatte sich auf Romeos schmachvolles Verhalten hin grollend, leise fluchend zurückgezogen; er saß nun wieder an seinem Tisch, unentwegt bewegte er die Lippen und starrte mit einem lauernden Ausdruck bitterböse zu Romeo herüber. Verzweifelt sah sich Romeo gefangen, den schlimmsten Eventualitäten preisgegeben. Links die Mauer, rechts die vier Kerle, die auch nicht gerade versöhnt aussahen; vor ihm die schnarchende Bestie, die jeden Augenblick aufspringen konnte, um von neuem auf Romeo loszugehen, und zu allem jetzt noch der Lauerer dort, den Romeo für nichts und wieder nichts 109 nun gleichfalls zu seinem Feind gemacht hatte. Himmel, wo blieb nur das Scheusal von einem Wirt? Seit einer halben Stunde war das Vieh nirgends mehr zu erblicken gewesen. Und die Kellnerin –? Ja hatte sich denn alles, alles gegen ihn verschworen?! Und wer hatte ihm das ganze eingebrockt? Yvett, niemand anderer als Yvett. Die mit ihrem verfluchten Lautenspieler! – Ja wo blieb denn eigentlich der? Der existierte wohl gar nicht, und das ganze hier war nichts als eine Räuberhöhle, eine Falle, in die er unbegreiflich leichtsinnig hineingestolpert war –? Romeo lief es kalt über den Rücken: das schnarchende Ungeheuer begann sich neuerdings zu regen. Jetzt richtete es sich auf, strich sich die Haare aus der Stirn. Ein starrer gläserner Blick traf Romeo, ließ ihn nicht los. Ein fürchterliches Erkennen schien mit einem Mal in den Mörderaugen aufzudämmern, die Mörderlippen bewegten sich, ein Grunzton quoll zwischen ihnen hervor . . . »Waren Sie beim Militär? Waren Sie im Krieg?« fragte der Mörder mit unheimlicher mordbereiter Ruhe. Bleich schüttelte Romeo den Kopf; er hätte keinen Ton hervorbringen können. Das Haupt des Mörders sank müde auf die Tischplatte zurück, um sogleich wieder in die Höhe zu schnellen. »Ein junger Herr sind Sie? Ein Dreckkerl sind Sie. Verstanden?« Romeo nickte; er hörte nichts mehr, er sah nur die unentwegt auf sich gerichteten Glasaugen des Meuchelmörders. »Ich war im Krieg!« Der Mörder schlug sich auf die Brust. »Vier Jahre, Herr! – Feldwebel, verstanden?« 110 Romeo nickte, leblos. »Es gibt keine jungen Herren mehr und keine Kinderstuben . . . upp . . . verstanden? Sie Lackl!« Romeo nickte, während er mechanisch dem Zeigefinger des Mörders auswich, der vor seinem Gesicht hin und her pendelte. »Es gibt überhaupt keine Studierten mehr, verstanden? Ich hab studiert . . . vier Jahre, Herr!« Romeo nickte; nur ließ er jetzt auch ein schwaches teilnahmsvolles »Ach« hören. »Stehns auf, wenn ich mit Ihnen red, Sie Lümmel!!« brüllte der Mörder, plötzlich wie wahnsinnig. Romeo stand mechanisch auf; seine Augen ertranken in den Augen des Lustmörders. »Feldwebel . . . upp . . . verstanden? Rührt euch!« rülpste der Zuchthäusler besänftigt. Er schwankte, sein steif ausgestreckter Zeigefinger fuhr Romeo zwischen die Lippen. Romeo stand, reglos vor Ekel und Furcht, bleich bis in die Lippen. Die Kerle am Tisch grölten, der Mann am Nebentisch sah mit einem eingefrorenen Lächeln zu und rieb sich ein Knie. Der Feldwebel schwankte wie bei hohem Seegang auf einem Schiff. Ein tiefsinniger rührseliger Ausdruck entspannte mit einem Mal seine Züge. »Schauns, Sie können ja nichts dafür, Sie sind doch ein besserer Mensch . . . Ein Studierter . . . upp . . . ein Mensch mit Kinderstube . . . Genau wie ich«, stieß er in weinerlichem Ton hervor, und sein Zeigefinger drückte es gleichermaßen aus. »Da müssen wir zwei doch zusammenhalten!« Er hielt sich mit der Hand an Romeos Schulter fest. »Lassens sich was sagen von mir. Alles is Scheißdreck, sag halt ich . . . Alles für 111 die Heimat!« Er hob den Zeigefinger wie zum Schwur. »Verstanden? – Hams verstanden?! . . . upp . . . Wiederholns, was ich g'sagt hab!« In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen. Fünf sechs junge Leute – Studenten, Spazierstöcke in Händen, Schmisse auf den Wangen – traten unter Scherzen ein, blieben bei der Tür stehen, blickten sich um. Romeo wagte seinen Augen nicht zu trauen; die sechs erschienen ihm als ein strahlendes leuchtendes Wunder. Seine Kameraden! Seine guten alten Schulkameraden! Willi und Otto und Kurt und Paul und Hermann . . . Romeo war nahe daran, vor Rührung freudig aufzuschluchzen. Ein guter Gott hatte sie ihm in diesem Augenblick zur Hilfe gesandt. Seine Kameraden. Wohl war er, Romeo, ihnen seit dem Abitur etwas entfremdet, denn sie waren Burschenschafter, während er lediglich einem Rietheimer Studentenverein angehörte, aber es waren doch seine Kameraden, die lieben alten Schulkameraden. Was tat es, daß er sie und sie ihn – daß sie sich vor kurzem wechselseitig brüskiert hatten. Nun hatte seine Not ein Ende! Nur mit einem raschen Seitenblick hatte Romeo das Kommen der Freunde vermerkt; denn fast im gleichen Augenblick hatte er bereits wieder von ihnen weggeblickt und durch keine Bewegung verraten, daß er von ihrer Anwesenheit überhaupt wußte. Sie durften auf keinen Fall merken, in welch schmachvoller Situation er sich nun schon geraume Zeit befand. Ob sie ihn inzwischen wohl gesehen hatten? Romeo reckte sich in der Brust, in seine Wangen kam Farbe 112 zurück. Gut, daß sie da waren, die lieben verwegenen Gesellen. Nun konnte ihm nichts mehr passieren! Der Zeigefinger des Betrunkenen pendelte, jetzt melancholisch geknickt, vor Romeos Nase hin und her. »Wiederholn solln's, was ich g'sagt hab«, weinte der Besoffene. »Sie ham halt net aufgepaßt. Das is unsere Jugend . . . Unsere einzige Hoffnung . . . Ja warum hams denn nicht aufgepaßt?« Eine dunkle Welle schoß in Romeos Wangen. Mit voller Wucht schlug er den Finger des Betrunkenen zur Seite. »Was sind das für Frechheiten, Sie Saukerl!« brüllte er den Zurücktaumelnden an. »Wenn Sie sich jetzt nicht auf der Stelle unsichtbar machen, Sie Idiot –«, Romeo ergriff sein Bierglas, hob es mit fürchterlicher Entschlossenheit in die Höhe, »– dann hau ich Ihnen die Fresse entzwei! Sie ganz gewöhnlicher Lümmel Sie!« Eine Sekunde lang herrschte eine fürchterliche Stille im Raum. Das Orchestrion hatte einen Augenblick vorher zu dröhnen aufgehört, alle verstummten jetzt, wandten die Köpfe nach Romeo, der hochatmend dastand, das Glas wurfbereit in Händen . . . In diesem Augenblick flog etwas durch die Luft, massiv an Romeos Kopf vorbei, in die Scheibe des Fensters. Glas klirrte und splitterte. Der Beschwichtiger am Nebentisch hatte sein Bierglas gegen Romeo geschleudert. Geängstigt durch den jetzt losbrechenden allgemeinen Tumult, zog der Attentäter den Kopf zwischen den Schultern ein. Romeo zitterte vor Erregung. Er öffnete, wie um 113 etwas zu rufen, den Mund, blitzschnell wandte er den Blick nach der Tür hin, wo er die Freunde wußte, und sah – – wie Willi und Hermann als die letzten hastig das Lokal verließen. Er war dem Zusammenbrechen nahe. Im gleichen Augenblick aber schoß aus einer kleinen Tür hinter dem Schanktisch der Wirt hervor; blaurot im Gesicht, blickte er wild im Raum umher, einige Hände deuteten auf den Missetäter hin; schweigend, mit aufeinandergepreßten Lippen, bahnte sich der Wirt, beiseitestoßend was ihm in die Quere kam, einen Weg zu dem geduckt dasitzenden Beschwichtiger; schweigend, mit aufeinandergepreßten Lippen faßte er ihn am Kragen, zerrte ihn in die Höhe, faßte ihn am Hosenboden, schleppte ihn so zum Ausgang; ein Gast sprang diensteifrig hinzu, riß die Tür auf; aus der Brust des Wirts quoll ein röchelnder Atemzug, er hob das Menschenbündel hoch in die Luft, schleuderte es auf die Straße hinaus, trat mit dem Fuß nach ihm. Dann klopfte er sich den Staub von den Händen, murmelte etwas wie »Scheißkerl«, schloß die Tür und kehrte, ohne irgend jemand eines Blicks zu würdigen, an den Schanktisch zurück, wo er sich sogleich ans Einschenken machte. Alle hatten mit angehaltenem Atem das blitzartig sich vollziehende bewunderungswürdige Schauspiel verfolgt. Der Wirt war alles eher als ein Athlet, er war nicht größer, nicht kräftiger als der Hinausgeworfene. Romeo stand noch gebannt, das Bierglas in der hinabgesunkenen Hand. Sacht stellte er es auf die Tischplatte, er blickte scheu, geängstigt um 114 sich und – er lachte krampfhaft auf. Seine Augen wurden kaum merklich feucht. Noch einmal lachte er auf, befreit. Denn er sah, daß sein Bedränger, der »Feldwebel«, nun mit verglasten Augen, gänzlich verschüchtert und in sich zusammengesunken, am Tisch saß, er wagte Romeo nicht anzublicken, und auch die vier Kerle warfen bloß kurze scheue, nahezu respektvolle Blicke auf Romeo. Romeo richtete sich steif empor, er legte zwei Münzen auf den Tisch. »Pardon«, sagte er in einem näselnden hochmütigen Ton; sogleich sprangen die beiden an seiner Tischseite sitzenden Kerle auf, um ihm den Weg frei zu geben. Stolz, unnahbar schritt Romeo an ihnen vorbei, dem Ausgang zu, obwohl alle Erregung der letzten Minuten noch in ihm nachzitterte. In der Tür prallte er mit einem soeben hereinstolpernden, verkommen aussehenden Individuum zusammen, in welchem er – an der Gitarre, die ihm über die Schulter hing – sogleich den böhmischen Sänger erkannte. An den Tischen wurde das plötzliche Auftauchen des Sängers mit freudig grölenden Zurufen begrüßt. Der Mann wollte an Romeo vorbei, Romeo hielt ihn am Arm fest. »Hallo, Sie, hören Sie, ich verpflichte Sie für übermorgen abend zu einem privaten Fest,« sagte er, in Ton und Haltung eines allmächtigen Kunstmanagers. »Das heißt . . . können Sie auch italienisch – ich meine, ein italienisches Lied singen?« Der Böhme blickte Romeo kurz prüfend an. Etwas in Romeos Miene schien ihm Respekt einzuflößen. »Italienisch? Jawoll, bitte schän, natierlich, bitte 115 schän«, erwiderte er lebhaft, begeistert, und riß sogleich die Gitarre von der Schulter. »Lassen Sie nur!« winkte Romeo unnahbar ab. »Sagen Sie mir nur, was Sie singen würden.« »Na ise doch nur eine italienische Lied, junger Herr, bitte schän. Santa Lucia. Sing ich sehr gut, bitte schän, hab ich schon gesungen in . . .« »Dann ist's gut«, unterbrach Romeo ihn gemessen. »Also, dann bleibt's dabei. Übermorgen abend!« »Jawoll, bitte schän. Und wo, bitte schän –?« »Im Hause des Fabrikanten Winternitz«, sagte Romeo, so, daß auch die in der Nähe Sitzenden es hören konnten. »Wissen Sie, wo das ist?« »Aber natierlich, junger Herr! Werd ich nicht wissen, wo ise Haus von Herr Winternitz!« »Gut denn. Also, auf übermorgen.« Romeo nickte um eine Spur leutseliger; er wandte sich zum Gehen. »Kißd'hand, junge Herr, danke schän!« rief der Sänger ihm nach. »Ja und ise noch . . . wegen Honorar, bitte schän.« Romeo blickte über die Schulter zurück. »Es wird Ihr Schaden nicht sein, Mann«, sagte er gemessen, mit Nachdruck; er erntete mehrere tiefe Bücklinge. Grußlos verließ er das Lokal. Draußen atmete er tief auf. Was hatte der Abend nicht an Aufregungen, an Gefahren mit sich gebracht. Aber er hatte sich kolossal schneidig benommen, was? Wie er dem Hundekerl bloß den Arm zur Seite geschlagen hatte. Erwürgt hätte er ihn, den Galgenstrick, wenn der sich noch das allergeringste herausgenommen hätte. Er hatte seine Mission zu Ende geführt, jawohl, 116 allen Gefahren zum Trotze. Übermorgen wird er bei der Venezianischen Nacht Gast sein. Immerhin, sagte sich Romeo, ich hab die Unterwelt von Rietheim doch gewaltig unterschätzt. Was da nicht alles passiert. Entsetzlich. Dieses Proletariat. Nicht anders als in der Großstadt. Und was er in letzter Zeit nicht überhaupt alles erlebte! Mehr, als früher in zehn Jahren. Nein, er war kein Knabe mehr. Er kannte nun die Liebe, er kannte die Hefe des Volkes, übermorgen würde er die oberen Zehntausend kennenlernen . . . Er kannte das Leben. 9 Yvett war fertig. Trotzdem blieb sie noch länger vor dem Spiegel stehn; sie drehte und wendete sich und betrachtete sich von allen Seiten. Na, heute konnte sie sich aber mit einer jeden messen! Unglaublich, wie gut diese lange Abendtoilette sie kleidete. Wie erwachsen sie darin wirkte. Eine fertige Dame. Allerdings . . . die Lotte würde wohl auch bereits in solch einem langen Abendkleid erscheinen. Natürlich. Die kam doch niemals zu spät, die, in gar keiner Beziehung. O Gott, wenn sie jetzt daran dachte, daß Romeo die Lotte doch heute unwiderruflich kennenlernen wird . . . Und sie ihn. Aber es war doch wirklich nicht anders mehr zu machen gewesen, das ganze. Nun sie war indessen schon so schlau gewesen und hatte Romeo von Lotte mancherlei erzählt, was nicht gerade für sie einnahm, nein, wirklich nicht. »Ein widerwärtiger Charakter«, hatte Romeo sich geäußert. Solche Weiber könne er nicht 117 ausstehn, hatte er gesagt. Und Romeo war schließlich ein Mensch mit Überzeugungen, ein Charakter, kein Schwätzer. Wenn der sich einmal ein Urteil gebildet hatte, dann hielt er daran auch fest. Wie Eisen. Mit nervösen Fingern zerrieb Yvett immer mehr Rouge auf ihren Wangen. Strahlend wollte sie heute wirken. Und alles alles in den Schatten stellen. Sie wollte denn doch einmal sehen –! O ja, Romeo war ein Charakter, das unbedingt. Wie er beispielsweise nur den Verbrecher dort in dem anrüchigen Hause gezüchtigt hatte, gleich auf die erste, die allergeringste Beleidigung hin. Gott, wenn sie dachte, daß sie, sie selbst, den lieben lieben Jungen in diese furchtbare Gefahr hineingehetzt hatte. Aber wie grundbescheiden er ihr von dem entsetzlichen Vorfall erzählt und alle Bewunderung strenge von sich gewiesen hatte; so als wenn es etwas ganz und gar Selbstverständliches wäre, daß ein Einzelner, ein so zarter feiner Junge noch dazu wie Romeo, mitten in einer Verbrecher- und Dirnenspelunke einem Angreifer kurzerhand ins Gesicht schlägt und die anderen dann mit erhobenem Bierglas in Schach hält. Also entsetzlich, das mußte sie gleich wieder wegwischen, das war schon zuviel. Zuviel Rouge. Wie ein gekochter Krebs sah sie schon aus. So, jetzt war es richtig. Noch ein allerletzter prüfender, befriedigt aufleuchtender Blick in den Spiegel, und Yvett trat in das türkische Rauchzimmer, in den Biedermeier-Damensalon hinaus. Fabelhaft war alles hergerichtet! Vater und Mutter schienen noch bei der Toilette zu 118 sein. – Yvett betrat den großen Salon. Ja was war denn das –? Davon hatte man ihr doch noch gar nichts gesagt. Die Bilder, die sonst hier hingen, das holländische Schokolademädchen, die Reiterschlacht und das ein klein wenig aufschneiderische Gemälde von Vaters Fabrik im Abendhimmel – Vater sagt zwar: nein, das liege bloß an der Perspektive – sie alle waren verschwunden, und an ihrer Stelle hingen farbige Drucke vom Lido, von der Seufzerbrücke, vom »Hotel Bauer-Grünwald«, wo die Eltern gewohnt hatten, von der Engelsburg und vom Vesuv. Wo hatten die Eltern diese Ansichten bloß aufgetrieben? Sie dachten doch wirklich an alles. Es duftete im Salon, ein ganz fremdartiger Duft war es, wie Pinien oder sonst etwas Italienisches, schön warm war es auch, gerade richtig. Sehr behaglich, sehr stimmungsvoll. Wie wird das alles auf Romeo wirken? Der hat so etwas doch noch nicht gesehen, nie mitgemacht. Ob er sie daraufhin wohl mehr liebhaben wird, weil ihr das alles doch sozusagen mitgehörte, oder am Ende weniger –? Weil sie ihm dadurch doch gleichsam ein wenig entrückt wurde. Wie die Prinzessin dem kühnen armen Sänger. Ach was, Unsinn. Die Flügeltür zum Speisezimmer war geschlossen. Yvett öffnete sie zu einem Spalt, warf einen Blick hinein. Ein Aushilfsmädchen legte die letzte Hand an den herrlich geschmückten Tisch. Sie hatte rotverweinte Augen. Da mußte es wiederum Krach gegeben haben in der Küche. Wie immer, wenn Gäste erwartet wurden. Ein Schritt wurde laut; der Vater betrat den Salon. 119 Er war anscheinend in strahlender Laune, er begrüßte Yvett mit einem lauten Zuruf. Bewundernd blickte Yvett ihm entgegen: er sah wirklich wie ein Graf aus, der Vater. Geradezu schön sah er aus, in seinem wie angegossen sitzenden Smoking, oder wie man das nannte. »Weißt du, wie mir das vorkommt, Yvett?« rief Herr Winternitz begeistert aus. »Also genau wie in der Oper . . . Tannhäuser, ja. Genau wie im Tannhäuser.« »Was denn, Vater?« »Wie, du kennst den Tannhäuser nicht, na höre mal? Nun, da sieht man auf der Bühne auch eine festlich geschmückte Empfangshalle, die ist zuerst menschenleer, aber dann kommt, also genau in der Haltung, wie ich dich jetzt hier antreffe, die schöne Tochter des Königs herein . . .« »Aber Vater . . .« »Doch, doch, du siehst reizend aus heute, Yvett, tadellos!« »Aber nein . . . ich meine: des Landgrafen!« »Was?« »Die Tochter des Landgrafen kommt herein.« »Des Landgrafen, ganz richtig, die Tochter des Landgrafen ist es. Ja aber . . . wenn du das Stück so genau kennst, dann brauch ich's dir doch nicht zu erzählen –?« »Natürlich kenn ich's, Vater. Das war doch unser vorletzter Aufsatz: ›Der Sieg des Glaubens über die Verworfenheit, dargestellt an Richard Wagners Tannhäuser‹, erinnerst du dich denn nicht? Fortwährend bekommen wir jetzt so blöde Themen. Ja, aber was 120 wolltest du eigentlich sagen, Vater, du siehst fabelhaft elegant aus!« »Na, na, ich bin doch ein alter Mann, mein Kind, ein richtiger Landgraf schon, hahaha.« Herr Winternitz begann wie besessen zu lachen. Yvett stimmte fröhlich ein. Bald würde Romeo hier sein! »Also ich bin die Elisabeth, meinst du – du bist der junge fesche Landgraf, und das hier ist die edle Halle, in die bald die Gäste einziehen werden, sehr gut, hihihi.« Beide lachten vergnügt. »Fehlt bloß der Tannhäuser«, rief Herr Winternitz aus und blickte auf die Uhr. Im Vestibül schlug die Glocke an. Yvett erstarrte. »Na also, da kommt schon jemand«, hörte sie wie im Traum den Vater ausrufen. Wie ein Bild tauchte Romeo im Türrahmen auf. Er trug gestreifte Hosen, ein schwarzes Sakko und eine funkelnagelneue taubengraue Krawatte. Er blieb unter der Tür stehen, verneigte sich zweimal steif; seine Hand fuhr in die Tasche und blitzartig wieder heraus, unschlüssig rieb er die Handflächen aneinander, während er nun einen Schritt näher trat. Eine leichte Röte flog über seine Stirn. »Na Yvettchen, so begrüße doch deinen Gast«, mahnte Herr Winternitz liebenswürdig. Yvett riß sich zusammen. Von dunkler Röte übergössen ging sie Romeo entgegen. »Guten Tag . . . Herr Reif«, würgte sie hervor. Doch um Romeo zu beweisen, daß sie durchaus Herrin der Situation war, kniff sie verschmitzt ein Auge zu. Romeo blickte erschreckt von ihr weg, zu Herrn Winternitz hin, der patriarchalisch lächelte; und jetzt erst erwiderte er 121 Yvetts Gruß mit einem stummen flüchtigen, fast widerwilligen Kopfnicken. Er wußte, was sich einem Mädchen aus so hoher Familie gegenüber schickte. Yvett rettete sich kopfüber in die Zeremonie des Vorstellens. »Herr Reif – weißt du, Papa? Der die Güte hatte, für uns einen Lautenspieler zu beschaffen. – Mein Vater.« Die Herren reichten einander die Hände. In diesem Augenblick überfiel Yvett ein sinnloses Lachen; es schüttelte sie im wahrsten Sinne des Wortes, sie krampfte die Finger ineinander und auf ihrem Hals, unterhalb der Schlagader, bildete sich ein dreieckiger roter Fleck. Verblüfft riß der Vater die Augen auf. »Aber was hast du denn, Yvett?« »Alles stimmt!« sprudelte sie hervor und deutete mit der Hand auf Romeo. »Alles stimmt ganz genau. Er war im Venusberg.« Romeo starrte sie fassungslos an; er verstand nichts und wußte nicht, wohin mit den Händen. »Wer?« staunte der Vater, »Herr Reif? Wo war er?« »Im Venusberg!« quietschte Yvett; sie hatte Tränen in den Augen. »Dort hat er doch den Lautenspieler für uns aufgetrieben!« »Ich verstehe nicht, mein Kind . . .« »Tja, in der Tat, hehe«, fiel Romeo hastig ein, »ich verstehe auch nicht.« Er lächelte beflissen. Am liebsten hätte er Yvett einen Tritt ins Schienbein versetzt. War sie denn völlig von Gott verlassen? Yvett schluckte, sie atmete tief aus, wischte mit 122 einem Tüchlein über die Augen; mit einem Mal wurde sie ernst und plötzlich sehr verlegen. »Aber auf einmal bist du nicht mehr im Bilde, Vater«, rief sie unwillig aus. »Wir sprachen doch vom Tannhäuser, nicht?« »Ja, na und –?« Yvett biß sich auf die Lippe und runzelte die Stirn. »Herr Reif sei der fehlende Tannhäuser, fiel mir eben ein – mein Gott, verstehst du denn immer noch nicht?« »Herr Reif – der Tannhäuser? So. Haha«, murmelte Herr Winternitz verständnislos. Romeo lächelte ein aufmerksames verkrustetes Lächeln, er fuhr mit den feuchten Handflächen über seinen Rock. Nicht das mindeste verstand er von dem allen. Ein sonderbarer Empfang, wirklich. Ein peinliches Schweigen war eingetreten. Yvett hätte sich ohrfeigen mögen. Ein Idiot, der Vater – dachte sie ingrimmig, während sie immer noch leise zu lachen versuchte. Ein unmögliches Geschöpf, diese Yvett! – stellte der Vater bei sich fest, während er Romeo mit einer patriarchalischen Handbewegung zum Sitzen einlud. Ein blödes Luder, diese Yvett – fauchte Romeo insgeheim, indem er sich mit einem schwachen Dankeslächeln in den riesigen Fauteuil hineingleiten ließ. Er erschrak, denn er sank tief ein, fast bis zum Erdboden. Auch federte der Sitz wie toll –. »Da unlängst hörte ich eine Tannhäuseraufführung«, stammelte er rasch, um sein Erschrecken zu maskieren, »im Rundfunk, glaube ich . . . ja!« Er brach ab. »Ich bin wohl der erste hier?« Auch dieser Umstand 123 war ihm peinlich; er war doch absichtlich später erschienen, zehn Minuten später als auf der Einladung stand, er hatte sich auf der Straße mit Absicht verzögert, und nun war er dennoch der erste. »Hören Sie viel Radio, Herr . . . Reif?« fragte Yvett, in einen Klubsessel zurückgelehnt, während sie Romeo aus zerstreuten – herrlichen – Augen glimmend anblickte. Draußen läutete es. Stimmengewirr erfüllte den Korridor. »Na siehst du«, rief der Vater vorwurfsvoll aus und sprang auf, »die Gäste sind da und Mutter ist wieder nicht fertig!« Er stürzte aus dem Zimmer. Romeo und Yvett waren allein. Sie blickte ihn aus weit geöffneten Traumaugen tieftraurig an. Oder sollte das im Gegenteil höchste Sehnsucht bedeuten? Romeo zwang sich zu einem Lächeln. Yvett interessierte ihn im Augenblick gar nicht, er hätte sich gern ein wenig im Raum umgesehn; fabelhaft, diese Einrichtung –. Erschreckt starrte er Yvett an: was hatte sie vor? Sie war aufgesprungen, trat dicht an ihn heran, jetzt beugte sie sich gar zu ihm herab – war sie wahnsinnig?! Jeden Augenblick könnten die Gäste . . .! »Romeo« hauchte sie hingegeben und suchte ihn mit dem Mund auf den Mund zu treffen. Romeo stieß sie erbittert zurück – Leute! Er sprang auf. Yvett eilte zur Tür, den Ankommenden entgegen. Wie sie jetzt auf einmal lachte und ihre Knixe machte, das verrückte Frauenzimmer! Ohne ihn, Romeo, eines Blicks zu würdigen, ohne auch nur zu 124 ihm Pardon gesagt zu haben. Unberechenbar war sie, wahrhaftig. In diesem Augenblick haßte Romeo sie beinahe. Warum stellte sie ihn denn den Leuten nicht vor? Er war ihr wohl plötzlich nicht mehr gut genug? – Unsicher, doch immerhin gemessen lächelnd, näherte sich Romeo der wild durcheinanderschwatzenden Gruppe. Alle Herren trugen Smoking – ja warum hatte Yvett ihm das nicht rechtzeitig gesagt? »Jurist Reif«, stellte er sich, da Yvett nichts dergleichen tat, selber vor; äußerst reserviert, wie er meinte. Er wurde mit vollendeter Höflichkeit begrüßt, die Leute schienen es gar nicht zu merken, daß er keinen Smoking trug. Da sah man's eben: große Welt. Bloß Yvett benahm sich . . . na geradezu läppisch. Albern benahm sie sich! Das sollte wohl Vorsicht sein, daß sie mit keinem Blick, mit keiner Silbe von seiner Anwesenheit Notiz nahm, die alberne Gans. Gerade das Gegenteil bewirkte sie doch damit, einem jeden mußte es auffallen. Da stand er nun bei all diesen fremden Menschen, lächelte beifällig zu allem was gesagt wurde und wußte nicht, wie er sich an dem Gespräch, in dem alle möglichen, ihm nur vom Hörensagen bekannten Familiennamen durcheinanderschwirrten, beteiligen sollte. Wäre er doch niemals hergekommen! Hatte er das nötig gehabt? Herr Winternitz betrat den Salon, ein strahlendes Lächeln um die Grafenlippen. Er streckte den Arm in Gesichtshöhe von sich. Das sollte wohl eine italienische Begrüßung sein? »Signori, Signorini«, murmelte er, wobei er sich altvaterisch zeremoniös verneigte. Ein großes gegenseitiges Sich-Begrüßen hub 125 an; Romeo kam sich bei dem allen von Minute zu Minute überflüssiger vor. Und die Hände! Was fing man nur mit den Händen an! Im Vestibül läutete es unentwegt, immer noch kamen neue Menschen hinzu, einzelne Damen in herrlichen kostbaren Abendkleidern. Alle schienen sie einander zu kennen, man begrüßte sich lebhaft und vertraulich. Selten einmal hatte Romeo Gelegenheit, sich gleichfalls zu verneigen und sein »Jurist Reif« vor sich hin zu murmeln. Ein festgefrorenes Lächeln um die Lippen, stand er etwas beiseite, und seine Laune ward von Sekunde zu Sekunde bedrückter. Yvett hingegen . . . die war mitten im Trubel; jetzt lief sie, aus einem prunkhaften Rauchservice Zigaretten anbietend, von einem zum andern. Mit welcher Auszeichnung sie sogar von den älteren Herren behandelt wurde! Und er –? Na gut, er wird sie das bei nächster Gelegenheit schon fühlen lassen, wart nur! Romeo wurde es siedend heiß – nun kam sie auch zu ihm. »Rauchen Sie?« fragte sie mit distingierter Miene. »Herr Reif« zu sagen, wie es sich gehörte, das war ihr offenbar schon zuviel, na gut! Mit kühler Miene und leicht zitternden Fingern nahm Romeo eine Zigarette. »Nehmen Sie eine solche«, sagte Yvett ziemlich laut und deutete mit dem Finger auf eine kleine orientalische Kassette. »Warum?« murmelte Romeo, doch willenlos nahm er eine solche. Flüchtig, verstohlen berührte Yvetts Finger dabei seine Hand. Romeo zuckte unmerklich zurück. Darauf pfiff er ihr! Wenn sie sonst nichts für ihn übrig hatte . . .! Doch schon eilte Yvett mit dem Tablett zum 126 Nächsten. Wie unangenehm es Romeo war, daß sie ihn nun so unbeachtet beiseitestehen sah. Hatte er das nötig gehabt? Aber er wollte sich wenigstens nicht anmerken lassen, wie sehr ihn das alles bedrückte. Lächelnd blickte er im Raum umher, so mit einer gelinden Dosis ganz feiner Ironie glaubte er zu lächeln, gleichsam als interessierte ihn die Gesellschaft und alles hier nur aus psychologischen Gründen. Immer noch kamen neue Menschen, die Herren alle im Smoking. Wie er sich nur vorkam, unter diesem gemästeten Kapitalistenpack, in seinem schäbigen Anzug. Da sah er nun erst, wie billig dieses sein bestes Kleidungsstück war. Und da hatte die Mutter noch zu fragen gewagt, ob er denn wirklich »seinen besten Anzug« anziehen müsse, »mitten in der Woche«, für eine »Privatgesellschaft« –. Und seine Schuhe! Alle hatten Lackschuhe an, nur er . . . »Jurist Reif«, murmelte Romeo hocherfreut; er verneigte sich beflissen, ein Hochgefühl, das ihn übermannte, so gut er konnte zurückdrängend: Ein vornehm aussehender Herr mit schneeweißem Haar, dicke Perlen in der Hemdbrust, war ganz von selbst vor ihn hingetreten, jawohl, hatte sich überaus respektvoll vor Romeo verneigt, jawohl, und seinen Namen genannt –. Der feine alte Herr hatte sich Romeo vorgestellt, nicht umgekehrt. Ja, so und nicht anders sah ein Grandseigneur aus. Nicht wie die anderen: herablassend freundlich, oder selbst das nicht, sondern ganz auf gleich und gleich . . . »Jurist? So, na das freut mich besonders«, rief der alte Herr aus, »dann sind wir ja sozusagen Fachgenossen, ich bin Advokat. In welchem Semester sind 127 Sie, Herr Kollege, wenn man fragen darf?« »Herr Kollege« hatte er zu Romeo gesagt! Romeo spürte ein unnennbares Lustgefühl in sich aufsteigen, er gehörte gesellschaftlich hier also doch irgendwie dazu. Wenn selbst dieser vornehme alte Herr ihn schon »Herr Kollege« ansprach . . . »Im dritten Semester, Herr Doktor«, log er ohne zu zögern, und mit weltmännischer Geste klopfte er die Asche von seiner Zigarette. Nur nicht allzuviel Genugtuung über die ihm widerfahrene Auszeichnung verraten – rief er sich insgeheim zu. Er mußte im Gegenteil so tun, als wäre er an dergleichen hinlänglich gewöhnt. »Sagen Sie . . . und wie ist der Geist heute dort, unter den Studierenden?« erkundigte sich der Advokat mit bezaubernder Liebenswürdigkeit. »Gibt es denn überhaupt noch dieses rege gesellschaftliche Universitätsleben wie zu meiner Zeit . . . ich meine, das ist doch immerhin schon . . . warten Sie . . . na, immerhin an die vierzig Jahre her.« Romeo setzte seine abgeklärteste Miene auf. »Tja, wie soll man das sagen«, antwortete er gedehnt und blies den Rauch durch die Nase, »ich glaube, daß das Gesellschaftsleben . . .« – er hustete, der Rauch war ihm in die Kehle gedrungen. »Daß das Gesellschaftsleben sich gegenüber früher sogar bedeutend intensiviert hat, tja. In den Wintermonaten zum Beispiel kommt man aus dem Smoking kaum heraus, da jagt eine Veranstaltung die andere, es wird einem manchmal schon zur Last. Also ich hab es in dieser Beziehung freilich besonders schlecht, wenn man so sagen kann, weil ich auch in diplomatischen und in Künstlerkreisen zu verkehren gezwungen bin, und das 128 bedeutet, wie Sie sich denken können, dann natürlich eine kolossale gesellschaftliche Inanspruchnahme. Mitunter ist es ja ganz nett, auf so einer exotischen Gesandtschaft zum Beispiel, oder – tja, gewiß, es ist auch hier heute sehr nett, bei den Winternitz, das muß man wohl sagen. Allerdings, so gewisse feine Unterschiede, wissen Sie, die sind ja freilich unverkennbar, wenn man die wirklich gute Gesellschaft der Hauptstadt mit der hiesigen vergleicht, meinen Sie nicht auch, Herr Kol . . . Herr Doktor? In der Großstadt trägt zum Beispiel kein Mensch heute mehr Smoking, oder gar Lackschuhe, während hier . . .« Romeo blickte mit einem leicht sarkastischen Lächeln im Baum umher. »Na, aber alles in allem, schließlich . . .« Er hielt inne: Yvett ging vorüber. Zwei Schritte von Romeo entfernt blieb sie stehn, sprach mit einer Dame, blickte aber verstohlen zu Romeo herüber. Herrgott, wenn der Advokat doch jetzt »Herr Kollege« sagen würde, damit auch Yvett es hören könnte – das wäre ihm eine riesige Genugtuung. Er mußte dem alten Herrn rasch Gelegenheit dazu geben, am besten durch eine Frage. »Und Sie, Herr Doktor, leben Sie ständig in diesem Nest?« stieß er gepreßt hervor. Erwartungsvoll blickte er dem vornehmen Herrn ins Gesicht. Wenn er doch nur Kollege sagen würde! – Aber was sah er. Aus dem Gesicht des Advokaten war alle bezaubernde Liebenswürdigkeit geschwunden. »Verzeihen Sie, ich muß dort einmal . . .«, murmelte er, sehr zugeknöpft, und schritt ohne Gruß davon. Ließ Romeo einfach stehn. Um Gotteswillen, da hatte er wohl lauter Blödsinn 129 gesagt? Ging denn heut alles schief? Der einzige, der sich um ihn gekümmert hatte . . . Romeo mußte ihn irgendwie beleidigt haben –? Hoppla, was war denn das? Da kam ja noch einer ohne Smoking, in einem dunkelblauen Straßenanzug. Na, das gehörte sich nun aber wirklich nicht: dunkelblau! Aber wie selbstsicher, wie stolz in der Brust sich der Kerl trotzdem gebärdete, wie unbekümmert und frohgemut er dreinblickte. Freilich, es kümmerte sich auch kein Mensch um ihn. Wo hatte Romeo dieses Gesicht bloß schon gesehen? Er kannte diesen etwa dreißigjährigen derben großen Menschen von irgendwoher . . . wer war denn das gleich? Ach, richtig, jetzt fiel's ihm ein, Josef Knauschner, der Cellist war das, im Hauptberuf städtischer Beamter. Romeo kannte ihn aus einzelnen Konzerten des Gesang- und Musikvereins, wo dieser Knauschner in der Mitte des Programms stets ein Solo gespielt hatte. Ja, natürlich. Yvett hatte ihm doch kürzlich erst erzählt, daß sie Klavierstunden bei ihm nehme, er sei ein hervorragender Musiker. Jetzt fiel der Blick des Cellisten auf den abseits stehenden Romeo; ein wenig linkisch trotz aller zur Schau getragenen Selbstsicherheit, kam er schnurgerade auf Romeo zu; als würde er sich aus dem Strudel von Smokings zu Romeo retten. »Josef Knauschner«, stellte er sich treuherzig burschikos vor und streckte Romeo eine gewaltige Hand entgegen. »Jurist Reif«, murmelte Romeo, »freut mich sehr.« »Student? So, na das ist wenigstens mal was Anständiges. Unter den Parvenüs da.« 130 Romeo erschrak: er sprach ziemlich laut, der Cellist. Ängstlich blickte sich Romeo um. Nein, Herr Knauschner hatte, genau auskalkuliert, nur eben so laut gesprochen, daß es laut wirkte, ohne daß die andern es hätten hören können. »Ja, da haben Sie gewiß recht, Herr Knauschner«, lachte Romeo. Einerseits war's ihm ein wenig peinlich, daß er nun ausgerechnet mit dem Manne beisammenstand, der gleich ihm keinen Smoking anhatte, es sah beinahe wie eine Einheitsfront der gesellschaftlich Minderqualifizierten aus, anderseits hatte er nun wenigstens die Möglichkeit, sich mit einem Gleichgesinnten über die Ansammlung von Protzen hier lustig zu machen. »Lächerlich, was?« nahm der Cellist wieder das Wort. »Der alte Winternitz will wohl Präsident von Paneuropa werden? Haben Sie seinen Vortrag da unlängst gehört?« »Nein«, entgegnete Romeo mit vielsagendem Lächeln. Er hörte sogleich zu lächeln auf: Herr Winternitz war zu ihnen getreten. »Na also, die Herren haben ja, wie ich sehe, bereits Freundschaft geschlossen«, rief er jovial aus. »So ist's recht. Guten Abend, Herr Knauschner.« Er reichte dem Cellisten eine Hand. Der ergriff sie mit großer, beinahe servil wirkender Ehrerbietung. »Oh, guten Abend, Herr Direktor«, verneigte er sich, »na, ganz prächtig ist das ja heute bei Ihnen. Ich glaube, so etwas hat Rietheim noch nicht gesehen . . . doch, doch Herr Direktor!« Ja sagte man denn so zu Herrn Winternitz, ›Herr Direktor‹? Geschmeichelt lächelnd wandte sich Herr Winternitz an Romeo: »Ja, das ist ein großer berühmter 131 Musiker, der Herr Knauschner, ja, er unterrichtet auch meine Tochter«, erklärte er. »Ich weiß, Herr . . . Herr Direktor«, fiel Romeo beflissen ein, »ich kenne Herrn Knauschner natürlich von vielen Konzerten her.« »Also meine Herren, unterhalten Sie sich weiter gut, in meinem Hause muß sich auch der letzte . . . äh, müssen sich alle meine lieben Gäste wohl und zu Hause fühlen. Es wird jetzt übrigens gleich gegessen, in ein paar Minuten!« Huldvoll mit dem Kopf nickend trat Herr Winternitz zu einer anderen Gruppe. »Sehn Sie sich bloß die Wohnung an«, raunte der Cellist Romeo zu. »Diese Polster überall und die dicken Teppiche. Alles muß butterweich sein. Haben Sie schon mal in einem der Fauteuils hier gesessen? Sie, da werden Sie was erleben. Da sinken Sie mit dem Arsch zuerst bis zur Erde ein und dann federt's, daß Sie glauben, Sie fliegen bis zur Decke hinauf, hahaha. Hätte der Winternitz bei der Einrichtung nicht wohlweislich einen Innenarchitekten zugezogen, dann war vermutlich auch der Tisch noch mit Daunen ausgepolstert worden, damit Gott behüte auch die Suppenschüssel weich steht und federn kann.« »Ausgezeichnet, das haben Sie sehr hübsch gesagt!« lachte Romeo, diesmal aus vollem Herzen. Bewundernd blickte er zu dem frischfröhlichen Gesellen im blauen Straßenanzug empor. Sehr gut! Genau das gleiche würde er, Romeo, morgen zu Yvett sagen, wart nur! Die sollte sich wahrhaftig nicht einbilden, daß vor dem Reichtum ihres Vaters ein jeder auf dem Bauch liege. Romeo fühlte sich mit einem Mal äußerst wohl hier, im breiten Schatten dieses 132 prachtvoll respektlosen Naturburschen. Diese Künstler haben doch wirklich eine ganz eigene sieghafte Heiterkeit in und an sich – dachte er. Mochten die Geldsäcke ringsum nur weiter die Nase über ihn und den Künstler rümpfen –. Keiner Seele fiel es ein, das zu tun. – Soviel sie wollten! Dadurch, daß er neben einem schließlich doch sehr bekannten Cellisten im Straßenanzug stand, vergab er sich noch lange nichts, ganz im Gegenteil, die Leute sollten nur sehn, daß sie beide irgendwie zusammengehörten, als Intellektuelle gleichsam, als Bohemiens. Bohemiens hatten schließlich allerorten Zutritt in die höchsten Gesellschaftskreise, sie waren sogar sehr gesucht. Gar keine Idee, daß er sich der Gesellschaft eines bedeutenden Künstlers etwa schämen würde, nur weil der eben andere Gedanken hatte als den, stets à quatre épingles gekleidet zu gehen. Wichtig. Nein, im Gegenteil, er bekannte sich sozusagen ganz offen zu dem blaugekleideten Cellisten, er pfiff auf die Gesellschaft all der weißen Hemdbrüste da. So war er. Sollte Yvett es nur sehen! Mit schlenkernden Bewegungen, den Kopf hochgemut in den Nacken zurückgeworfen, steuerte der Cellist – seit er Romeo und dessen Beifall gefunden hatte, fühlte auch er sich bei weitem sicherer hier – auf ein Ecktischchen los und kam alsbald mit zwei Zigaretten zurück. Eine davon steckte er Romeo wortlos in den Mund. Romeo entzückte diese Geste der Kameradschaftlichkeit. »Na, wie ein Padischah sind Sie auch nicht gerade gekleidet, Herr Akademiker«, stellte der Cellist mit rauher Herzlichkeit fest. 133 »Tja, wissen Sie, ich habe meinen Smoking gar nicht in Rietheim«, log Romeo errötend. »So, na da stehen Sie ja noch weit über mir, ich hab nämlich überhaupt keinen, Verzeihung. Das heißt, ich besitze einen Frack, weil ich den zu meinen Konzerten brauche.« Romeos Gesicht war ein wenig schmal geworden. Sogar diesem Knauschner fiel es also auf, daß er armselig gekleidet war. Und dabei hatte er stets für schick gegolten. Freilich, in welcher Umgebung auch . . . Romeo zwang sich zu einem sarkastischen Lächeln. »Wir beide repräsentieren heute abend die misera plebs.« »Wie? Ja, ja, sehr gut, ha! Die einen kommen im Frack, die andern in Unterhosen, wollen Sie sagen, nicht?« Romeo lachte befreit auf. In Unterhosen – wunderbar. Das war ein grandioser Kerl, dieser Knauschner, der fand doch für alles das erlösende Wort. Dem Cellisten schien Romeos warme Anerkennung seines Mutterwitzes mächtig zu behagen. Er blickte sich nach neuen Zielpunkten um. Zwei Mädchen in weißen Häubchen machten gerade die Runde; sie boten kleine Gläser aus, die mit einer dunkelfarbenen Flüssigkeit angefüllt waren. Der Cellist zog aus der Hosentasche das Geldtäschchen, zückte eine Münze. »Fräulein«, rief er halblaut aus, »ach bitte springen Sie doch mal in die Gastwirtschaft gegenüber und bringen Sie mir ein halbes Viertel Blutwurst, eine Salzgurke und etwas Schnaps, ich hab einen Riesenhunger. Na, hören Sie denn nicht, Fräulein?« Eines der Mädchen schien den Anruf gehört zu haben, es 134 wandte sich um. Sogleich starrte der Cellist mit pfiffigem Ausdruck harmlos zur Decke hinauf. Das Mädchen lächelte verstohlen, es trat mit dem Gläser-Tablett vor die beiden hin. Romeo hielt sich ein Taschentuch vor den Mund, er erstickte beinahe vor Lachen. »Karlinchen«, flötete der Cellist mit gespitztem Mund und nahm ein Glas an sich. »Stramm, stramm!« Das Mädchen lächelte mit hochgezogenen Schultern, aus Furcht, jemand könne die Vertraulichkeit merken. »Ich heiße Anna«, flüsterte sie und hielt auch Romeo das Tablett hin. »Das macht gar nichts, Annichen«, entschied der Cellist, tiefernst, »stramm bist du jedenfalls. Müssen mal abends ausgehen zusammen!« Romeo sah, daß in diesem Augenblick Yvett zu ihnen herüberblickte. Er lachte nur um so unbändiger und rief, da ihm nichts besseres einfiel, dem davonschreitenden Mädchen halblaut nach: »Auf Wiedersehn, Annichen.« Mit einem raschen Seitenblick überzeugte er sich, daß über Yvetts Antlitz ein Schatten von Unmut und Sorge fiel. Fast im gleichen Augenblick stand Yvett lächelnd vor ihnen. »Guten Tag, Herr Knauschner«. Sie gab dem Cellisten die Hand. »Die Herren sind also schon miteinander bekannt?« »Hat auch der Herr Papa schon mit Vergnügen konstatiert, Fräulein«, gab der Cellist mit Verneigung zur Antwort. »Und wie steht Ihr wertes Befinden, wenn man fragen darf? Sie sehen ja heute unglaublich erwachsen aus!« »Na hören Sie, sonst wohl nicht?« lachte Yvett 135 aufgeregt, während ihr Blick eigentümlich ernst, forschend über Romeos Gesicht hinglitt. »Sagen Sie mal, Fräulein Yvett, wird eigentlich bald gegessen?« sprudelte Romeo, nicht minder aufgeregt lachend, hervor. »Sonst würden wir nämlich das Ännchen, oder wie die Zofe heißt, ins Gasthaus schicken, um ein Viertel Blutwurst und eine Gurke zu holen.« »Solchen Hunger haben Sie?« staunte Yvett, bereitwillig auf den Scherz eingehend. »Die Wohnung hier hat einen schweren Fehler«, nahm Romeo sogleich wieder das Wort – es kam ihm darauf an, dem Cellisten zu zeigen, wieviel er sich Winternitz' Töchterchen gegenüber herausnehmen durfte, und Yvett zu zeigen, wie wenig er sich aus dem ganzen Mumpitz hier machte. »Die Wohnung ist schön, aber sie hat den einen schwerwiegenden Nachteil, daß nicht auch der Eßtisch entsprechend weich gepolstert wurde, mit Daunen oder so etwas, damit auch die Suppenschüssel weich aufliegt und federt. Sagen Sie das Ihrem Herrn Vater gelegentlich!« Beunruhigt schielte der Cellist nach Yvett. Da er jedoch sah, daß sie die unverschämte Äußerung nicht im geringsten verletzt, vielmehr mit Lachen aufnahm – wenngleich es ein einigermaßen zerstreutes Lachen war – lachte auch er jetzt mit überbetontem Behagen los. »Ein Lausbub, der Romeo, nicht wahr?« rief Yvett, dem Cellist zugewandt, lachend aus, im gleichen Augenblick errötete sie und fuhr mit der Hand an den Mund. Da hatte sie sich ja schön verplappert! 136 »Was für ein Romeo, Fräulein Yvett?« erkundigte sich der Cellist, verständnislos lächelnd. »Haben Sie für die nächste Zeit irgendwelche Konzerte vor, Herr Knauschner?« suchte Romeo hastig abzulenken. Nicht, daß er den durch Yvetts Entgleisung möglicherweise hervorgerufenen Eindruck bestehender Vertraulichkeit zwischen Yvett und ihm hätte verwischen wollen – mochte der Cellist dergleichen doch vermuten! Vielmehr war es ihm stets peinlich, wenn ein Fremder so unvermittelt erfuhr, daß er Romeo hieß. Bereitwilligst stürzte sich der Cellist ins Beantworten der Frage. Er erzählte von einem bevorstehenden Musikvereinskonzert, bei welchem er die Romanze von Svendsen mit Orchesterbegleitung vortragen werde. Mehr hörte Romeo nicht von dem, was der Cellist in weit ausholender Rede nun entwickelte. Die Nähe Yvetts wirkte mit einem Mal eigenartig umnebelnd auf ihn. Über die mächtigen Schultern des Cellisten hinweg, starrte er in den gleißend zerfließenden Himmel von Frauengewändern; das Stimmengewoge drang nur noch wie aus weiten Fernen an sein Ohr; alles erfüllte ihn plötzlich mit einer unbegreiflich bangen Sehnsucht. Wie herrlich, wie eigenartig war es doch unlängst unterm Viadukt. Wie reizend auch von Yvett, daß sie seine wenig taktvollen Spötteleien vorhin über die Wohnung nicht krumm genommen, sondern durch ihr beifälliges Lachen im Gegenteil zum Ausdruck gebracht hatte, daß sie sich zu Romeo bekannte, gewissermaßen gegen ihre Umgebung und ihre Eltern zu ihm bekannte. War es nicht so? Auch Yvett vernahm längst nichts mehr von dem, 137 was der Cellist nun lang und breit erzählte; doch sie blickte ihm aufmerksam lauschend ins Gesicht. Würde er doch noch lange Zeit so behaglich erzählen! Das gab ihr die Möglichkeit, weiter hier zu bleiben, bei Romeo, dem sie so gern voll ins Gesicht geblickt hätte und den sie nicht anzublicken wagte. Wie schön, wie abenteuerlich war es neulich dort unterm Viadukt . . . Und wie lieb, wie herzig Romeo heute aussah, in seinem schmucken feierlichen Anzug. Wie gern hätte sie ihm von der Seite leicht die Wange gestreichelt, ganz leicht, nur so mit zwei Fingern . . . Ach! Dort drüben lag ihr Zimmer . . . Wie schön wäre es, jetzt die Augen zu schließen und an nichts mehr denken zu müssen, an nichts . . . Wo nur Lotte blieb? Wären die Freißlers doch durch irgendeinen unvorhergesehenen Zwischenfall am Kommen verhindert! Die Lotte . . . – ». . . und der Trottel nimmt die Stelle Staccato – stellen Sie sich das mal vor! – statt Détaché, hahaha.« Yvetts Herzschlag stockte: im Vestibül hatte es eben geläutet. In den letzten Minuten hatte es zwar häufig geläutet, diesmal jedoch hatte Yvett das ganz bestimmte Gefühl: das waren Freißlers, das war Lotte. Ein rascher ängstlicher Blick galt Romeo, der verträumt, gelöst vor sich hinblickte. Yvett straffte sich, sie lächelte mit einem undeutbaren Ausdruck. Familie Freißler betrat den Salon. Voran die Mutti, dann der Regierungsrat und schließlich Lotte. Yvett sah, daß sie ein raffiniert einfaches langes Abendkleid trug. Der Strudel der Begrüßung verschlang die Angekommenen für Minuten. »Verzeihung«, 138 unterbrach Yvett lächelnd den Redeschwall des Cellisten, »ich muß nur rasch meine Freundin begrüßen. Lotte ist gekommen!« setzte sie, Romeo zunickend, hastig hinzu und lief davon. »Sie müssen nämlich wissen, der Kerl hat ein fabelhaftes Vibrato, leider aber nicht in der linken, sondern in der rechten Hand, hahaha«, setzte der Cellist Romeo unbeirrt weiter auseinander. »Und eine fabelhafte Bogentechnik, aber nur beim Pizzicatospielen, verstanden?« »Sehr gut, ja«, lächelte Romeo unaufmerksam, während seine Blicke Yvett nachschlichen. Das also war Lotte, die krasse Egoistin und unfaire Freundin, jenes junge Mädchen dort, das jetzt mit so viel scheinheiliger Herzlichkeit auf Yvett zuflog, sie begrüßte. Die arme Yvett! Sie war eben zu gut, zu arglos, zu ungewandt im praktischen Leben. Na, bei ihm sollte diese Lotte aber kein Glück haben mit ihren Schlichen. Er würde es sie schon fühlen lassen, wie egal sie ihm war – so eine verzogene eitle Person. Hübsch war sie wohl, o ja, das mußte ihr der Neid lassen. Dieser blühende Körper –! Aber was war das schon. Dafür stand sie in puncto innerer Qualitäten doch weit hinter Yvett zurück. Yvett war ein weiblicher Gentleman, ohne Frage. Mit welcher inneren Vornehmheit sie beispielsweise, bei allen berechtigten Anschuldigungen, Lotte gegen ihn und andere dennoch stets in Schutz genommen hatte. Jetzt faßte Yvett Lotte unterm Arm. Und jetzt zog sie sie – ein dreieckiger roter Fleck bildete sich unterhalb ihrer Halsschlagader – scherzend zu Romeo und Herrn Knauschner herüber. 139 Sogleich richtete Romeo sich straff empor, sagte rasch etwas Belangloses zu Herrn Knauschner. Zerstreut und fast ungehalten hob er, als die Freundinnen bereits vor ihm standen, den Blick dann überrascht in die Höhe. Den Cellisten schien Lotte zu kennen, sie begrüßte ihn mit einem hellklingenden »Guten Tag, Herr Knauschner«. »Herr Reif – Fräulein Freißler«, stellte Yvett aufgeregt lächelnd vor. »Guten Tag«, sagte Lotte mit einem munteren Lächeln. Romeo verneigte sich knapp und stumm. Genau so gemessen hatte auch der französische Fliegerkapitän unlängst im Film die hübsche deutsche Spionin begrüßt. »Was macht die edle Kunst, Fräulein Lotte? Das Zeichnen?« erkundigte sich der Cellist. »Danke schön, ich suche etwas hinzuzulernen, aber das ist recht schwierig hier«, gab Lotte nett und bescheiden Auskunft. »Das Fräulein malt nämlich wunderschön«, erklärte der Cellist. »So«, sagte Romeo. Gemisch aus Düsterkeit und freudiger Überraschung. Lotte protestierte zwar nicht gegen das Lob, aber sie schien sich auch nicht sonderlich geschmeichelt zu fühlen. Das gefiel Romeo nun eigentlich ganz gut. »Ja, wunderbar zeichnet sie, herrlich!« ereiferte sich Yvett. Wovon hat sie bloß diesen unschönen roten Fleck am Halse? – dachte Romeo. Eine kurze Pause trat ein, die aber wahrscheinlich nur Romeo und Yvett fühlbar wurde. Wenigstens 140 blickte Lotte so unbefangen drein, so voll natürlicher bescheidener Höflichkeit, als fände sie das eingetretene kurze Schweigen selbstverständlich, keineswegs inhaltsvoll und bewegt. Nun, hochmütig oder anmaßend war sie aber doch wirklich nicht – dachte Romeo. »Komm, Lottchen, ich hab deine Eltern noch gar nicht begrüßt!« rief Yvett lebhaft, herzlich aus und zog Lotte mit sich. »Oder . . .«, besann sie sich, »du kannst ja hier bleiben . . . ich geh allein.« Damit zog sie ihren Arm auch schon unter dem Lottes hervor und lief zurück in den Menschenstrudel. »Auf Wiedersehen!« rief Lotte Romeo und Herrn Knauschner mit heller Stimme zu; sie folgte Yvett auf dem Fuße. Romeo blickte den Mädchen nach. Das war wohl Frau Winternitz, jene ernste strengblickende Dame, bei der Lotte und Yvett jetzt stehnblieben. In diesem Augenblick kam Bewegung in alle die durcheinanderschwatzenden Menschen, die Gespräche rissen ab. Romeo wandte den Kopf dorthin, wo jetzt alles den Kopf hatte. Die Türflügel ins Speisezimmer standen wie auf ein magisches Wort weit offen, ein Teil der mit fremdländischen Blumen herrlich geschmückten Tafel bot sich den verlangenden Blicken dar. Ausrufe der Bewunderung wurden laut. »Na also. Jetzt können wir auf unsere Blutwurst, Gott sei's getrommelt, verzichten«, murmelte der Cellist befriedigt. »Wahrhaftig«, lächelte Romeo kaum merklich; der Mann begann ihm unangenehm zu werden: er war irgendwie aufgeregt, dieser Knauschner. Herr Winternitz schritt wie ein Kämmerer an ihnen vorbei, stellte sich mit dem Rücken zur Tür in Positur 141 und rief mit einladender Handbewegung in den Salon: »Prego, Signore! Prego Signorina – il pranzo!« Fröhliche Ausrufe wurden laut. Langsam schob sich die Menge der Gäste gegen die Tür; dort geriet sie ins Stocken. Niemand wollte als erster durch die Tür. »Prego!« rief Herr Winternitz noch einmal, schlicht und herzlich. »Haben Sie das gehört?« grunzte der Cellist. »II pranzo! Der Mann ist um acht Stunden je Tag geistig zurückgeblieben. Pranzo ist Mittagessen. Auch scheint er, der Anrede nach zu schließen, nur einen Herrn und eine Dame eingeladen zu haben, das kann ja gut werden!« Herr Knauschner war lange in italienischer Kriegsgefangenschaft gewesen. Nun flutete es breit durch die Tür. »Wo sitzen wir denn eigentlich?« fragte Romeo, nur um etwas gesagt zu haben, während er neben dem Cellisten, dem er feige nicht von der Seite wich, das strahlend beleuchtete Speisezimmer betrat. »Wahrscheinlich am Ausschank, wenn es so etwas gibt«, murmelte der Cellist. »Warum ich eigentlich nicht meinen Frack angezogen hab, weiß ich selbst nicht«, fügte er ohne ersichtlichen Zusammenhang hinzu. »Ach, da gibt es ja solche Tischkärtchen mit den Namen der Eingeladenen«, entdeckte Romeo mit schwacher Stimme. »Herr Reif, nicht wahr? Freut mich sehr.« Frau Winternitz stand vor Romeo. »Ich muß Ihnen noch danken, daß Sie so freundlich waren, uns zu einem Lautenspieler zu verhelfen. Guten Abend, Herr Knauschner. Ja also . . . die Jugend sitzt wohl am 142 liebsten unter sich. Bitte dort unten vielleicht, wenn es Ihnen recht ist.« Romeo und der Cellist dankten; sie bemühten sich ans untere Ende der Tafel. Yvett, Lotte und ein drittes, schon mehr als erwachsenes Mädchen standen dort fröhlich beisammen. Yvett stellte vor; Eva Horner hieß das Mädchen und sah aus, als hätte es trotz seinen mindestens dreißig Jahren niemals vom Manne genascht. Währenddessen hatte der Cellist die Tischkärtchen überprüft. »Hier sitzen Sie, Herr Akademiker«, rief er Romeo zu, der sich in überstürzter Hast sogleich auf den angegebenen Platz begab und nun nicht wußte, ob er sich setzen oder noch warten sollte. Einige Damen saßen bereits, andere standen noch. »Da seh ich gerade«, raunte der Cellist Romeo zu, »Sie haben die lohnende Aufgabe, Frau Schmidt zu unterhalten, sie sitzt rechts von Ihnen. Die Schmidts sind nämlich erst seit 14 Tagen reich. Außerdem eingewanderte Österreicher, die Schmidts, mach ich Sie aufmerksam. Drum hat man sie auch zu uns herunter gesetzt.« Die Stimme des Cellisten sank jäh zum Flüstern hinab. »Da kommt sie schon, die Frau Schmidt. Seit einer Woche chauffiert sie, reden Sie mit ihr davon . . . – Tag, gnädige Frau, Wie geht es Ihnen? Dem Herrn Gemahl auch? Gestatten Sie, daß ich Sie mit Ihrem Herrn Tischherrn bekanntmache: Herr . . . wie heißen Sie eigentlich?« »Jurist Reif«, murmelte Romeo mit gemessener Verneigung, während die steile akademische Falte auf seiner Stirn erschien. Ein ungehobelter Mensch, dieser Knauschner! Die Falte auf seiner Stirn glättete 143 sich, denn Frau Schmidt begrüßte ihn mit ausgesuchter Herzlichkeit, mit einer wahren Kaskade von entzückten Äußerungen über das Arrangement des Abends – gleichsam als wäre er der Hausherr selbst. Sie war übrigens eine hübsche Frau, sah Romeo jetzt, auch war sie noch bei weitem kostbarer gekleidet als die meisten anderen Damen. Herr Winternitz thronte bereits am Kopf der Tafel. Jetzt nahmen auch die letzten Stehenden ihre Plätze ein. Links von Romeo saß das gereifte Mädchen, ihm gegenüber Lotte zwischen Herrn Schmidt, einem sehr gesund aussehenden Vierziger, und einem jüngeren Herrn, der sich als Studienrat Straßmann vorstellte; am unteren Ende der Tafel, noch in Romeos Hörweite, saß Yvett, von Herrn Knauschner und einem kommerziell aussehenden Jüngling flankiert. Yvett sah sehr vornehm und apart aus. Wenn aber Lotte sich zu ihrem Teller hinabbeugte, wurde der Ansatz ihrer wundervoll geformten Brust sichtbar. Romeo hatte es mit dem Essen nicht eilig. Außer Yvett, Lotte und dem kommerziellen Jüngling schien es hier unten übrigens niemand damit eilig zu haben. Es lagen da neben den Tellern nämlich eine Menge verschiedener rätselhafter Bestecke, die zudem mit einem Strohgeflecht umwickelt waren. »Das ist wohl so eine italienische Sitte, net wahr, ganz entzückend!« rief Frau Schmidt aus und blickte von der bereits essenden Lotte zu der essenden Yvett und dem bereits essenden Jüngling im Smoking. Aber auch Herr Schmidt und der junge Studienrat, das reife Mädchen, der Cellist und Romeo blickten voll Interesse auf die 144 bereits Essenden. Die hielten muschelartige Tellerchen in der Hand, aus denen sie mit einem viereckigen Silberinstrument eine dicke weißliche Soß, mit rötlichen Fleischbrocken darin, löffelten. Der Cellist und Frau Schmidt taten nun zögernd ein gleiches; schließlich entschlossen sich auch die übrigen, es gleichsam gelangweilt ebenfalls zu tun. »Wunderbar!« murmelte Frau Schmidt schluckend. »Ich flieg jeradezu auf möglichst unjewöhnliche Speisen«, rief das gereifte Mädchen eifrig löffelnd und amüsiert kichernd aus – Romeo neigte sich ihr zuhörend höflich zu. »Früher besonders, so vor zwei Jahren, da hatten wir manchmal Aal zum Abendbrot, nun, und da schlich ich vorher immer in die Küche – ich mußte, ob ich nun wollte oder nicht – und leckte, nur so mit der Zungenspitze, das Blut von dem Aale ab. Hihihihi. Ja.« »Herrgott!« rief Herr Schmidt von der anderen Tischseite bewundernd herüber. »Nich wahr, Mama, das war doch so vor zwei Jahren?« rief nun das Mädchen einer älteren blassen Dame zu, die rechts von Herrn Schmidt saß. »Was denn, mein Kind?« fragte die Dame, liebevoll aufblickend. »Damals, als ich in der Küche immer das Aalblut naschte.« »Ja, mein Kind«, wurde ihr mit zärtlichem, ein wenig bekümmertem Lächeln bestätigt. Romeo bemerkte, daß Lotte, mit dem Lachen kämpfend, sich auf die Lippe biß. Das machte sie ihm irgendwie sympathisch. »Sagen Sie, gnädiges Fräulein«, mischte sich der 145 kommerzielle Jüngling feixend ins Gespräch, »Rückenmark vom Schimpansen haben Sie nie genascht?« Eine Sekunde lang sagte niemand ein Wort. Der Jüngling errötete leicht. »Hehehehe«, lachte das reife Mädchen plötzlich amüsiert los. »Oder Filet de boeuf vom Herrn Bürgermeister?« ergänzte nun der Cellist, trocken, sachlich. Und nun lachten alle. Befreit. Die beiden Mädchen in weißen Häubchen gossen aus strohumflochtenen dickbauchigen Flaschen roten Wein in die Gläser. Vom Platz des Cellisten her drang ein heiserer wollüstiger Grunzton an Romeos Ohr; es klang wie »Annichen«. »Schianti!« rief Herr Winternitz vom oberen Tafelende aufgeräumt herab. »Den hab ich verzollt. Ehrlich und teuer verzollt!« Die Äußerung rief beifälliges Gelächter hervor. Auf langgestreckten Silberschüsseln wurden jetzt Fische aufgetragen. Sie hatten Zitronenscheiben im Maul und heiter blühendes Grün auf den Flossen. »Das eß ich nicht!« rief das aalblutleckende Mädchen hysterisch aus; sie hielt sich mit den Händen die Augen zu. »Fisch eß ich nicht. Die armen Fische tun mir so schrecklich leid.« Sympathien werbend blickte sie in der Runde umher. »Das ist nun einmal ein trauriges Naturgesetz, gnädiges Fräulein«, sagte der junge Studienrat, gefaßt, aber mit einem Unterton von Bedauern. Er brach ab, denn die Schüssel wurde ihm zugereicht. Er bediente sich. »Alle die munteren Fischlein da sind noch vor 146 wenigen Tagen in der schönen blauen Adria geschwommen!« rief Herr Winternitz vom oberen Tafelende aufgeräumt herab. Romeo beobachtete, daß Yvett sich mit dem kommerziellen Jüngling allem Anschein nach vorzüglich unterhielt. Über Bücher sprachen sie. »Sie chauffieren selbst, gnädige Frau, habe ich gehört«, wandte er sich mit betonter Liebenswürdigkeit plötzlich Frau Schmidt zu. Ein wahrer Wasserfall von lebhaften Äußerungen und Erklärungen war die Folge. Romeo lauschte interessiert und entzückt; in Wahrheit suchte er jedoch Einzelheiten von Yvetts Gespräch mit dem jungen Mann im Smoking zu erlauschen. ». . . jedenfalls ist in dem Roman der Typus junges Mädchen von heute glänzend getroffen. Die Schilderung der Begegnung in der Bar zum Beispiel ist . . .« ». . . wenn ich am Folan sitz, net wahr, dann bin ich ein völlig anderer Mensch, da hör und seh ich nichts anderes als die Straße, net wahr. Zuhause, da hab ich ja ganz andere Interessen. Alles mögliche. Musik, net wahr und . . . ja, Buddhismus, vor allem Buddhismus! Es gibt nichts, was mich so interessiert wie der Buddhismus. Das ist doch so was . . . wie soll ich sagen . . . net wahr, also doch völlig anderes wie alles bei uns hier, so tief und . . . g'scheit und . . . Überhaupt, alles Indische interessiert mich kolossal. Das is ja doch so was Mistisches, net wahr. Da möcht ich gern mal mit einem sprechen, der dort war und mir alles ganz genau erklärt . . . Ich hab ja, also natürlich, viel und viel gelesen über Indien, net wahr, aber . . .« ». . . oder wie meisterhaft beispielsweise das 147 Erwachen der ersten erotischen Regungen der Heldin dargestellt ist!« Was erlaubte sich der geschniegelte Ladenjüngling da mit Yvett zu sprechen? ». . . was ich zum Beispiel nicht ganz vollkommen versteh, net wahr, is also zum Beispiel der Brama.« »Was bitte?« »Brama.« »Bramma?« »No ja, Brama, net wahr?« »Ach so, Brach–ma!« »Ja. Verstehen Sie das so ganz vollkommen, Herr . . . Herr . . .?« »Reif.« Romeo hörte nicht mehr, was Frau Schmidt ihm nun weiter auseinandersetzte. Er hätte gern ein paar Minuten allein mit Yvett gesprochen; die schien ja an der Unterhaltung mit dem geschniegelten Kommis-Gesicht ein sehr merkliches Gefallen zu finden! Sie hörte dem jungen Mann mit einem zwar sichtlich zerstreuten, dafür aber um so liebenswürdigeren Lächeln zu. Ob sich nach Tisch wohl Gelegenheit zu einer kurzen Aussprache ergeben wird – das mußte um Gotteswillen jetzt doch schon der letzte Gang gewesen sein, diese Eiscreme, oder was das eben war. Widerlich war das schon, dieses ununterbrochene Gefresse. Am Tisch trat Stille ein. Herr Winternitz hatte mit einem Messer ans Glas geklopft und sich erhoben. »Signori, Signorini, darf ich Sie bitten, mir jetzt auf die Lagune hinaus zu folgen . . .« Ein brüllendes quietschendes Gelächter brach am Tisch los. Herr Winternitz bezog es auf seinen witzigen Venezianismus und lächelte geschmeichelt. 148 »Latrine heißt es«, grunzte der Cellist; worüber nun das gereifte Mädchen hysterisch zu lachen begann. Herr Winternitz hob die Hand; allmählich trat wieder Stille ein. »Die Lagune besteht freilich nur aus unserer Hofveranda, aber mit ein wenig Fantasie wird es Ihnen gewiß möglich sein, dort die zauberhafte Stimmung einer Venezianischen Nacht wiederzufinden. Darf ich Sie also bitten, mir zu folgen? Prego.« Man erhob sich und folgte unter Scherzen und Lachen – auch der Ausdruck »geschmacklos« drang an Romeos Ohr – dem Hausherrn auf einen Gang hinaus, an dessen Ende, herrlich mit bunten Lampions geschmückt, die Veranda lag. Sie war mit kleinen Tischchen und Korbsesseln angefüllt, der Boden mit Teppichen und Polstern bedeckt. Man setzte sich, so gut es ging; die jüngeren Herren mit gekreuzten Beinen türkisch auf den Boden, worüber die Damen jubelten; einzelne seriösere Herren blieben längs der Wände stehen. Unter ihnen Romeo. Auf dem Weg zur Veranda hatte er vergebens versucht, Yvett, wenigstens für eine Sekunde, allein zu sprechen; sie hatte ihm zwar einen bedeutungsvoll undeutbaren Blick zugeworfen, aber der ekelhafte Krämergehilfe war ihr nicht von der Seite gewichen. Frau Schmidt und das aalblutleckende Biest war er nun glücklich los, die lagen beide in Korbstühle zurückgelehnt; Lotte stand auf der anderen Seite mit dem jungen Professor. Aber wo war eigentlich der Cellist? Der schien gar nicht auf der Veranda zu sein. Entweder hatte er für seine Person ernst gemacht mit der Latrine, oder balzte er am Ende draußen mit dem ›Annichen‹? Romeo beneidete ihn nun noch heftiger um seine 149 Sicherheit; der Mann war stark und unbeirrbar in seinen Grundfesten verankert. Oder schien es nur so? Auf jedem der Tischchen stand eine Mokka-Maschine. Die Damen füllten die bereitstehenden Tassen, reichten sie den Herren. Die Stimmung schien allgemein sehr lebhaft zu sein. In der Mitte stand schimmernd Herr Winternitz, verschenkte Höflichkeiten nach allen Seiten. »Die Lampions haben wir in Venedig gekauft, sechs Lire das Stück, und nicht verzollt«, hörte Romeo ihn sagen. »Der Bindfaden aber, an dem sie hängen, der ist nicht italienisches Fabrikat, sondern gute solide unzerreißbare heimische Ware. Firma Winternitz und Kompanie, bitte.« Die Äußerung fand stürmischen Beifall. Herr Winternitz blickte auf die Uhr, er erschrak und klopfte mit dem Löffel mehrmals gegen seine Tasse. Ruhe trat ein. »Jetzt kommt die große Überraschung, Signori, Signorini«, rief er mit Anzeichen von gelinder Erregung, »einige Augenblicke Ruhe, bitte, für die Serenata!« »Aaah«, tönte es von allen Seiten. Aus einigen Mündern drang es übertrieben erwartungsvoll hervor. Herr Winternitz tastete sich zwischen den Füßen der am Boden Sitzenden zu einem ovalen Fenster hin, öffnete es zu einem Spalt, gab mit dem Arm ein Zeichen in den Hof hinab. Einige Damen entfernten sich auf Fußspitzen fröstelnd aus der Nähe des geöffneten Fensters. Auch Romeo war ein wenig aufgeregt. Er trug doch eigentlich die Verantwortung für das Gelingen. Hoffentlich sang der Kerl halbwegs anständig. 150 Halbverweht drangen vom Hof einige abgerissene Akkorde herauf. Plim-plim . . . »Aaah«, ging es abermals durch die Reihen der Lauschenden, von einzelnen mit ironischer Überbetonung geäußert. Frau Winternitz lächelte verlegen, Herr Winternitz strahlend. »Santa Lutschija . . .«, hub unten der Gesang an. Romeo atmete erleichtert auf: eine ungebildete, doch angenehm klingende helle Männerstimme, die auch die Höhen des Lieds mühelos nahm; einzelne Begleitakkorde klangen zwar ständig falsch, auch war der Vortrag so unitalienisch wie möglich: schleppend schluchzend und gleichsam schmerzlich von sich selbst gerührt, aber das machte nichts aus, das merkten hier sicherlich nur die wenigsten. Und schließlich sollte das ganze doch volkstümlichen Charakter haben. »San–ta Lutschi–i–i–ja . . .« Herr Winternitz strahlte nicht mehr, er blickte traurig in der Runde umher. Frau Schmidt lauschte mit aufgelöstem Gesichtsausdruck, das Kinn verträumt auf die Hand gestützt und hörbar atmend. Die blasse bekümmerte Mutter der aalblutschleckenden Eva Horner wischte sogar mit einem Tüchlein über die Augen. Romeo blickte zu Yvett hinüber. Ihr Gesicht lag im Schatten. Der Jüngling aber an ihrer Seite feixte diabolisch. Lotte hatte den Blick in der Ferne. Auf sie wirkte Musik immer stark ein, denn sie war unmusikalisch. Die übrigen starrten in einem Gemisch von gefühlter Ergriffenheit und ungefühlter, unsicher ironischer Abwehr vor sich hin. 151 »San–ta Lutschi–hi–ja«, verhauchte der Gesang. Und noch einmal, ganz leise: plim-plim . . . Einige Sekunden verharrte die Gesellschaft in Schweigen – einer blickte verstohlen auf den andern. Dann brach Beifallsklatschen los. »Da capo!« rief der Advokat mit der blitzenden Hemdbrust und applaudierte wie besessen; zur Vorsicht lächelte er dabei mehrdeutig. Frau Schmidt drückte Herrn Winternitz stumm die Hand. »Herrgott, das is a Stimm, Reserl, was?« rief Herr Schmidt applaudierend seiner Frau zu; er erntete einen kühlen abweisenden Blick. »Ausgezeichnet! Noch einmal, bitte!« rief Herr Winternitz aufgeregt in den Hof hinab. Und abermals begann es. »Santa Lutschija . . .« Herr Winternitz schlich auf Fußspitzen zu Romeo; flüsternd bat er ihn für eine Sekunde auf den Korridor hinaus. Draußen schüttelte er Romeo die Hand. »Ich muß Ihnen vielmals danken, Herr . . . Herr . . .?« »Reif.« »Herr Reif, ja. Es war wunder-wunderschön. Nun, Sie haben ja selbst gesehn. Jetzt wollte ich Sie aber bitten, mich freundlichst zu beraten . . . Sagen Sie, was soll man dem Mann denn eigentlich geben? Ich habe da keine Ahnung . . .« »Ach Gott, Herr Direktor«, lächelte Romeo wohlwollend-geringschätzig, »ein braver Bänkelsänger! Das wird nicht schlimm sein, irgendeine kleine Summe eben.« »Na ja, wissen Sie, ich möchte anderseits auch nicht unnobel sein, wie?« »Aber davon kann doch gar nicht die Rede sein, 152 Herr Direktor«, lächelte Romeo bagatellisierend ergeben. Herr Winternitz zückte die Brieftasche. »Der Mann hat doch schließlich viel zum Gelingen des Abends beigetragen . . .« »Das gewiß«, pflichtete Romeo bei. »Und schließlich wurden ihm dadurch mehrere Stunden Verdienstentgang verursacht, das schon.« »Ja, eben!« entschied Herr Winternitz. Er entnahm seiner Brieftasche einen Geldschein, den er diskret in der Faust verbarg. »Würden Sie nun noch die große Güte haben, Herr . . . Reif, nachdem Sie mit dem Mann bereits einmal verhandelt haben, sich vielleicht auch selbst hinunterzubemühn, um ihn zu entlohnen?« »Aber gewiß. Mit dem größten Vergnügen, Herr Direktor.« »Tausend heißen Dank, Herr Reif«, murmelte der Direktor, während er den zusammengeknüllten Schein diskret in Romeos diskret hinabhängende Hand legte. »Dort, bitte, gelangen Sie auf die Treppe.« Romeo eilte diensteifrig davon. Eines hatten sie, die feinen Leute, dachte Romeo, während er die Treppe hinabhastete, diese unnachahmlich diskrete Form von Noblesse in Gelddingen! Er öffnete die Faust, warf einen Blick auf die Banknote. Er erschrak und blieb stehen. Ja um Gotteswillen, das . . . das war doch zu wenig! Herr Winternitz mußte sich versehen haben! Oder . . . oder hielt der Schmutzian das am Ende wirklich für eine adäquate Entlohnung? Davon konnte der Sänger sich doch höchstens ein besseres Abendbrot kaufen. 153 Unmöglich, ihm das anzubieten. Was war zu tun? Zurückgehen und Herrn Winternitz auf den . . . Irrtum aufmerksam machen –? Nein, wie würde das aussehen . . . Romeo tastete nach seiner Brieftasche. Himmel, aber selbst wenn er alles, was er bei sich hatte, hinzulegte – und er mußte doch fürs Nachhausegehn schließlich noch mit Trinkgeldern rechnen – dann war es immer noch nicht hinreichend. Der Mann hatte an diesem Abend doch sein ganzes reguläres Geschäft eingebüßt –. Hastig zog Romeo einige Münzen aus der Tasche. Na, vielleicht genügte es doch. Jedenfalls mal versuchen! Er lief die Treppe vollends hinab und trat auf den Hof hinaus, als der Sänger verhauchend gerade die Schlußtakte seines Liedes herausschluchzte. Oben prasselte Applaus los. Mit entschlossener Hast trat Romeo aus dem Dunkel auf den Mann zu. »Sehr schön haben Sie's gemacht. Sie sollten Ihre Stimme ausbilden lassen. Nächstens wieder.« Mit dieser vagen Verheißung ließ er den Schein und die Münzen diskret in die ihm diskret entgegengehaltene Faust des Sängers gleiten. Der schloß die Faust diskret über dem Geld. »Danke schän, danke vielmals, junge Herr«, murmelte er mit beflissenen Verbeugungen, und eine Wolke von Alkoholdunst entwich seinem Munde. »War gut, bitte schän?« Bestürzt hielt er inne. Der Umstand, daß auch kleine Münzen in seiner Faust waren, schien ihn mit einem Mal bedenklich zu stimmen. Er öffnete die Faust, hob sie an die Augen. Romeo rieb sich nervös fröstelnd die Hände. »Machen's Ihnen Spaß aus mir?« schrie der 154 Sänger in gänzlich verändertem Ton, und sein Gesicht verzerrte sich wie zum Weinen. »Nächstens kriegen Sie mehr, bedeutend mehr, guter Mann, der Herr Direktor hat nur augenblicklich nichts als großes Geld bei sich«, stammelte Romeo begütigend. »Was, nächstens?!« schrie der Sänger, maßlos erregt. »Ganze Abendg'schäft hab ich verloren, bitte schän, bei solchene Saukälte hab ich auf Hof missen stehn, damit Herrschaften oben sich amisiern –! Ich geh auf Polizeikommissariat, bitte schän! Satrazenej burschoutzkej pakasch! Armeleitebetrieger, sakra mordje!« Immer lauter brüllte er, während oben der Applaus abebbte. Romeo erkannte, hier konnte nur noch letzte Frechheit helfen. »Werden Sie sofort aufhören, in einem fremden Hause bei Nacht so zu schreien?« herrschte er den verdutzt Innehaltenden an. »Auf der Stelle machen Sie, daß Sie verschwinden, Mann, oder ich lasse Sie durch die Polizei abführen!« »Hallo, Herr Reif –?« rief's in diesem Augenblick aus dem Fenster der Veranda oben. Geängstigt fuhr Romeo herum: Herr Winternitz lag im Fenster. »Ja, bitte sehr –?« rief Romeo hinauf. »Ist der Mann noch hier?« tönte es zurück. »Ja, ist noch hier.« »Ach, bitte, fragen Sie ihn doch, ob er als Draufgabe vielleicht noch ein anderes italienisches Lied singen könnte.« Eine Sekunde stand Romeo erstarrt. In diesem Augenblick geschah etwas Furchtbares. Der Brust des Sängers entrang sich ein tierisch gereizter Laut. »Saupakasch!« rief er in schrillem weinerlichen 155 Diskant zu den erleuchteten Fenstern hinauf. »Dreck wer ich singen! Saupakasch! Saupakasch!« Und immer von neuem wiederholte er schreiend nur das eine Wort: »Saupakasch«. Romeo stand mit weit aufgerissenen Augen wie gelähmt. Oben auf der Veranda war Totenstille eingetreten. Romeo riß aus seinem Rock die Brieftasche hervor. Hastig drückte er dem Tobenden den einzigen Geldschein in die Faust, den er besaß. »Da haben Sie!« stammelte er. »Schweigen Sie!! Gehen Sie!!« Der Tobende nahm den Geldschein an sich, ohne ihn anzusehen. Mit langsamen Bewegungen setzte er sich in Gang, das Gesicht verzerrt und wie fasziniert immer noch zu den erleuchteten Fenstern hinauf gewandt. »Saupakasch! Saupakasch!« schrie er, trunken von leidvoller Enttäuschung. Oben wurde hastig das Fenster geschlossen. 10 Es war immer noch nicht Frühling, und auch die armen Veilchen gab es nicht, vielmehr war der scheidende Winter mit verstärkter Gewalt zurückgekehrt, und Romeo und Yvett hatten nicht im mindesten Lust, dem noch um manches zu bereichernden Reiz ihrer heimlichen Zusammenkünfte zu entsagen. Yvetts Eltern aber waren schärfer denn je hinter dem Töchterchen her, um es im Hinblick auf den gefährdeten Semesterschluß ausschließlich zum Lernen anzuhalten. Es war mit ihnen jetzt überhaupt nicht zu reden. Seit dem peinlichen, Mutter sagt sogar: 156 blamablen Schlußintermezzo der Venezianischen Nacht – es hatte den besseren Kreisen der Stadt tagelang Gesprächsstoff geliefert – waren Vater und Mutter, beide, unentwegt in gereizter galliger und völlig unzugänglicher Stimmung. Gestern war Yvett indes von außen her unerwartet Hilfe gekommen. Dem Hausarzt war ihr schlechtes blasses Aussehen aufgefallen – tatsächlich sah sie nicht frisch und gesund aus, denn sie schrieb die halben Nächte hindurch verworren-pathetische Briefe an Romeo, von denen er jedoch nur die belanglosesten zu Gesicht bekam – der Hausarzt hatte sich nun den Eltern gegenüber geäußert, Yvett müsse den Rest des Winters unbedingt in der Weise ausnützen, daß sie, wenigstens an den freien Sonntagen, ins Gebirge hinausfahre, um Ski zu laufen. Das ergab nun eine neue, übrigens die einzige Möglichkeit. Romeo mußte gleichfalls ins Gebirge fahren. Ja aber wie? Allein würden die Eltern Yvett jedenfalls nicht ins Gebirge fahren lassen, es wäre denn Lotte mit bei der Partie. Die war nun zwar eine leidenschaftliche Skiläuferin, aber . . . Von einem Tag zum andern schob Yvett es hinaus. Nun waren's indes nur noch drei Tage bis zum Sonntag, und eine andere Möglichkeit gab es nicht. Keine. Da entschloß sich Yvett mit großer Bangigkeit nun doch, Lotte in ihr Geheimnis einzuweihen. Lottes Blick ruhte kühl und verschlossen – Yvett schien es: grausam – auf der Freundin, die ihr mit schlecht erkünsteltem Gleichmut von Romeo als von einem netten, wenngleich im Grunde ziemlich nichtssagenden blonden Jungen Näheres berichtete. 157 Lotte schützte alle möglichen Gründe vor, bis sie sich von Yvetts immer dringlicher werdenden Bitten endlich erweichen ließ und ihren Beistand zusicherte. Na, so wolle sie den Sonntagsausflug, wenigstens den ersten, in Gottesnamen mit Yvett und diesem Romeo mitmachen. Yvett überbot sich in überschwenglichen Dankesbezeigungen für diesen einzigartigen Beweis einer wahrhaft schicksalverbundenen Solidarität. Stotternd erklärte sie sich zu Gegendiensten stets gerne bereit. Der Ausdruck war ihr in einem Geschäftsbrief des Vaters als besonders ritterlich aufgefallen und im Gedächtnis haften geblieben. Lotte murmelte kühl nur etwas, wie »doch ganz selbstverständlich«. Die Mädchen vereinbarten alles. Ziel, Treffpunkt, sowie die Stunde der Abreise. Romeo solle besser mit dem ersten Morgenzug allein vorausfahren. Er hätte allerdings noch nie auf Skiern gestanden, meinte Yvett: aber das würden sie ihm schon beibringen, meinte Lotte. Ach, es würde überhaupt sehr lustig werden für alle. Meinte Yvett. * Romeo war mit dem ersten Zug zeitig morgens vorausgefahren. Nun saß er wartend im überhitzten Wartesaal des kleinen Mittelgebirgsbahnhofs. Elf Minuten hatte er noch Zeit. Dann mußte der Zug mit den Mädchen eintreffen. Er war nicht in bester Laune. Er hatte kurze Hosen an, eine alte Wollweste, deren Ärmel bereits zu kurz waren, und Wadenstrümpfe. Er wußte, daß er in diesem Aufzug nicht übertrieben vorteilhaft 158 aussah, jedenfalls nicht sehr erwachsen. Zwar hatte Lotte ihn schon einmal normal gekleidet gesehen, kürzlich, bei der Venezianischen Nacht. Aber damals hatte er wiederum wenig vorteilhaft von den anderen Herren im Smoking abgestochen. Wirklich ein verfluchtes Pech war das. Überdies war Lotte angeblich doch eine famose Skiläuferin. Und er –? Er hatte in seinem Leben nie auf Skiern gestanden, und so wird er heute wahrscheinlich eine recht komische Figur machen. Na, aber dafür wird er's Lotte auch gebührend fühlen lassen, daß sie ihm nicht imponierte, in keiner Beziehung. Wie die sich nur stets gegen Yvett aufgeführt hatte. Unfair. Da war Yvett doch ein ganz anderer Kerl, ein feiner Kerl, die Yvett. Schön dumm von ihr, daß sie sich im Schatten der Sonne »Lotte« stets bedrückt gefühlt hatte. Eine feine Sonne. Nun, er würde der lieben feinen Yvett wenigstens die eine kleine Genugtuung schaffen, daß er nun seinerseits über Lotte gleichgiltig hinwegblicken werde. Yvett sollte sehen, daß etwas so allgemein Begehrtes, wie Lotte, ihn nicht reize. Etwas, was jedem geschniegelten Laffen im gutsitzenden Smoking gefiel, das konnte ihm nicht gefallen. Im Gegenteil: eine Lust wird es ihm sein, Lotte unverkennbar en bagatelle zu behandeln. – Ein Signal ertönte. Die drei übrigen Wartenden traten auf den Bahnsteig hinaus. Nun hörte man auch schon die Lokomotive asthmatisch die Steigung heraufkeuchen. Ein wenig aufgeregt nahm Romeo die Mütze vom Kopf, fuhr mit dem Kamm durch die Haare, half mit der Hand nach, der Frisur die richtige dekorativ-künstlerische Unordnung zu verleihen. 159 Das glatt Zurückgekämmte machte sein Gesicht bedeutungslos. Er trat, die ausgeliehenen Skier über der Schulter, auf den Bahnsteig hinaus, die Mütze hielt er in der Hand. In diesem Augenblick fuhr die lächerliche Gebirgslokomotive mit ihren drei Waggons auch schon ein. Lachend entstiegen die Mädchen dem letzten Wagen. Ihr Anblick verwirrte Romeo; doch ohne sonderliche Hast ging er ihnen entgegen. »In was für eine gottverlassene Gegend habt ihr mich denn da herausgelockt?« rief er ihnen burschikos entgegen. »Und für dieses Vergnügen versäume ich das Stiftungsfest bei den Markomannen. Na . . . Grüß dich, Yvettchen.« Er küßte Yvett, vertraulich-blasiert lächelnd, die Hand. »Tag, Fräulein Lotte«, sagte er dann. »Schön, daß Sie mitmachen.« Lotte lächelte bescheiden. »Ja. Das ist schön von mir. Aber was soll man als aufopfernde Freundin auch anderes tun. Also, gehen wir los?« »Wohin? Was habt ihr mit mir eigentlich vor?« fragte Romeo mit komischem Stirnrunzeln. »Das werden Sie sehen. Zunächst auf die Übungswiese, damit Sie etwas lernen. Vielleicht können wir dann am Nachmittag schon eine kleine Tour unternehmen.« »Na, das scheint mir in Anbetracht meiner Ungeschicklichkeit in Sportdingen ein wenig optimistisch gedacht. Aber gehn wir jedenfalls.« Sie verließen den Bahnhof. Sie stapften auf einer Straße hin, die in sanfter Steigung zu einem höher gelegenen Waldsaum hinaufführte. Es fielen spärliche Flocken. 160 Romeo führte die Unterhaltung. Von der Wildheit des Studentenlebens in der Großstadt erzählte er. Er ließ durchblicken, daß er alles das zwar aus eigener Erfahrung kenne, daß er sich aber schon lange davon fernhalte. »Wie unvernünftig hingegen so manche von den jungen Kerls sind –!« meinte er mit leichtem Stirnrunzeln. »Sobald sie aus den Provinzgymnasien frisch an die Universität kommen, zerrütten sie in wilden Gelagen ihre Gesundheit, holen sich bei käuflichen Weibern ansteckende Krankheiten und alles das . . .« »Schrecklich!« flüsterte Yvett. »Sie sind . . . in welchem Semester?« erkundigte sich Lotte, ernst. Romeo blickte plötzlich angestrengt zu Boden. »Tja . . . am Ende des ersten. Aber ich hatte natürlich schon vor dem Abitur Verbindung mit Akademikerkreisen.« »Das ist doch kein Grund, rot zu werden«, sagte Lotte, sanft und verständnisvoll. Lotte schlug vor, man möge schon jetzt die Skier anschnallen, denn man sinke zu tief im Schnee ein. Das Gehen auf den Brettern würde Herrn Reif wohl keine Schwierigkeiten machen. Yvett war Romeo beim Anschnallen behilflich. Beide Mädchen sparten nicht mit Erläuterungen. Romeo hielt sich beim Gehen zwar einigermaßen steif, aber er kam mühelos vorwärts. Das Lob, das die Mädchen ihm dafür zollten, beglückte ihn insgeheim, nichtsdestoweniger schimpfte er in komischen Ausdrücken, denen eine gewisse Selbstpersiflage nicht abging, über die ›Schnapsidee‹, aus ihm auf seine alten 161 Tage noch einen Sportfexen machen zu wollen, und ähnliches äußerte er. Inzwischen näherte man sich einer Halde, die die Mädchen als Übungswiese bezeichneten. Auf dem ganzen Weg war Romeo zu Yvett von vorbildlicher Artigkeit und Zuvorkommenheit gewesen, nicht ohne mit jedem Wort und jeder Geste Vertraulichkeit hervorzukehren. Yvett staunte, mit welch unbeteiligter, nahezu gnädiger Herablassung er dagegen Lotte behandelte. Darüber vermochte sie sich indes nur wenig zu freuen. Sie hatte bei all dem ein Gefühl der Trockenheit in der Kehle, gleichsam als hätte sie Angst. Wovor nur –? Und dieses dumme Gefühl wollte nicht und nicht von ihr weichen; im Gegenteil, von Minute zu Minute überkam es sie stärker: es würde ihr noch den ganzen heiß ersehnten Tag verderben! Dabei hatte sie sich über Romeo doch wahrhaftig nicht zu beklagen. Wie nett er zu ihr, wie gleichgiltig er gegen Lotte war. Das war doch eigentlich mehr, als sie im Innersten zu hoffen gewagt hatte. Und auch Lotte benahm sich untadelig. Kameradschaftlich und völlig unbefangen; ja wenn Romeo hin und wieder etwas besonders Nettes zu Yvett sagte, schien auch sie darüber eine reine und ungetrübte Freude zu empfinden. Überhaupt war Lotte heute noch um vieles anziehender als sonst, das empfand auch Yvett nur zu gut. Gewiß wirkte sie auch auf Romeo so. Wenigstens entwickelte er heute in Lottes Gegenwart eine Beredsamkeit, wie Yvett sie in solchem Maße an ihm niemals bemerkt hatte. In den letzten Minuten sprühte er geradezu vor Klugheit und Witz. Wenn er das meiste auch gleichsam 162 nur für Yvett allein äußerte und für Augenblicke Lottes Gegenwart völlig zu vergessen schien. So beredt war er, seit Yvett ihn kannte, jedenfalls nur ein einziges Mal gewesen, und da nicht in solchem Maße – damals, unmittelbar bevor er sie zum ersten Mal geküßt hatte. In der Tat fühlte sich Romeo von Minute zu Minute selbstsicherer, wohliger in seiner Haut. Er spürte deutlich, daß die Schöngeistigkeit, die Ausdrucksgewandtheit, die er im Gespräch offenbarte, ihre Wirkung auf . . . auf die Mädchen nicht verfehlte. Zudem fand er, daß die Mädchen in ihren plumpen Skihosen und Schuhen, mit all dem wollenen Zeug und den farblosen Windjacken, auch nicht gerade bildhaft wirkten. So daß er sich in seinem zusammengestückelten Sportdreß durchaus nicht mehr minderwertig vorkam. Er konnte zufrieden mit sich sein, er wirkte. In jeder Beziehung. Lotte fühlte in sich eine gelinde Wehmut. Die sie die anderen freilich nicht merken, sondern gleichsam nur ahnen ließ. Wie gut, wie selbstlos von ihr – dachte sie, während ihr Blick fern am schneegrauen Horizont haftete – wie edel von ihr, daß sie ihr eigenes Menschentum seit langem, seit den Tagen Axel Kolbenstetters, so tief und tapfer in ihrer Brust verschloß; daß sie stets allein war mit ihrer Traurigkeit und ihren Büchern, allein, in stolzer elegischer Einsamkeit. Sie suchte niemals Zuflucht bei der Freundin, bei keinem Menschen suchte sie Zuflucht. Heute wie immerdar opferte sie das eigene fühlende Selbst anderen auf; sie ging, ein kameradschaftlicher Schatten, still nebenher, fremdes 163 Liebesglück ermöglichend. Was für ein Mensch sie doch war, welch einsamer stolzer, von allen verkannter; lächelnd leidender Mensch. Aber sie würde den beiden Weltkindern an ihrer Seite, wie niemandem jemals, etwas von dem merken lassen, was ihre eigene Brust so schmerzlich bewegte; nur freuen würde sie sich, still und aus der Ferne, an der Einigkeit der beiden, an ihrem Glück. Lottes Augen wurden ein wenig feucht bei dem Gedanken. Da war man oben, am Waldsaum. In eben diesem Augenblick brach unten, zwischen all den grauen Schneewolken über dem winzig wirkenden Bahnhof, die Sonne hervor und strahlte nun glitzernd über die weißen Flächen hin. Lotte und Yvett wandten sich geschickt auf den Brettern herum, unter lebhaften Ausrufen blickten sie ins Tal. Romeo versuchte ein gleiches zu tun. Da er aber nicht wußte, daß man beim Umwenden die Skier nacheinander nur in entgegengesetzter Richtung zu kippen brauchte, wandte er sich in einem kleinen Kreis tappend herum und stand nun, ein wenig abseits von den Mädchen, gleichfalls mit dem Gesicht zum Tal gewandt. »Wie in der Sonne alles gleich viel schöner wirkt«, rief er aus – da gerieten die Bretter unter seinen Füßen ins Gleiten. Romeo suchte sich mit dem Oberkörper zurückzureißen, doch pfeilschnell sausten die Skier mit ihm bereits über die abschüssige Fläche dahin. Er hörte noch, wie in seinem Rücken Yvett einen leisen Schreckensruf ausstieß, dann sah er mit schreckgeweiteten Augen nur noch die endlose schneeige Fläche vor sich. Er hatte den Impuls, sich einfach zu Boden fallen zu lassen, doch bei der atemraubenden 164 Geschwindigkeit, mit der er zu Tal sauste, wagte er's nicht. Instinktiv sank er, wenn die tolle Fahrt über Hügel und Böschungen wegging, ein wenig in die Knie, neigte er sich vor und zurück. Einige Male schien es, als würde er das Gleichgewicht verlieren und mit voller Wucht hintüber stürzen, doch unentwegt rissen die Bretter ihn vorwärts. Jetzt nahm die Geschwindigkeit ein wenig ab, Romeo glitt über eine nahezu ebene Fläche dahin. Doch dort . . . – mit Entsetzen gewahrte er's: er näherte sich einem steil abfallenden Abhang . . .!! Aus seinem halbgeöffneten Mund drang ein schwacher wimmernder Schreckenslaut; er fiel ins linke Knie, angstvoll warf er gleichzeitig den rechten Schneeschuh seitwärts herum – – – und stand. – – Eine Weile blickte er stumpfsinnig vor sich hin. Von oben näherte es sich sausend, bremste; Schnee knirschte, wirbelte beiderseits von Romeo auf – Yvett und Lotte hielten hart vor ihm an. Ihre jubelnden Ausrufe verwirrten ihn. »Fabelhaft! Perfekter Skiläufer! Schneepflug! Telemark . . .«, drangen Ausrufe an sein Ohr. »Aber was denn? Ist doch gar nichts dabei!« stammelte Romeo, noch bleich vom Schrecken. – Das hätte er sich viel schwieriger vorgestellt, verkündete er mit rasch wiederkehrender Sicherheit. Oder sollte das etwa auch schon eine Kunst sein –? Die staunende Bewunderung in den Blicken der Mädchen tat ihm unsagbar wohl. Innerlich hätte er aufjubeln mögen vor Lust an diesem gebenedeiten Tag. Aber auch aus den Gemütern der beiden 165 Mädchen war durch den aufregenden Zwischenfall die dumpfe Spannung von vorhin geschwunden. In gedankenloser Freude an der Bewegung gaben sie sich, alle drei, nun dem Reiz der freien unbewölkten Stunde hin. Nichts anderes mehr als ausgelassene Kinder, tummelten sie sich auf den sonnebeschienenen Abhängen. Bis es im Dorf unten Mittag läutete. Da ging es sausend zu Tal. – Lotte kannte ein kleines, von Sportlern besuchtes Gasthaus unweit vom nächsten Dorf, wo man verhältnismäßig gut zu Mittag essen würde. Auf der Waldstraße dorthin sonderte sie sich, wo immer es anging, von Romeo und Yvett ab; sie zeigte die Munterkeit aufrichtigster Freude an ihrer Einigkeit und gab sich in allem und jedem ganz als guter Kamerad. Alle waren sie von der Bewegung erhitzt, sie hatten die Windjacken und Wollwesten längst in die Rucksäcke verstaut und zogen in Hemd und Bluse dahin. Lotte hatte gerötete Wangen, blinkende Augen; Romeo empfing, wenn er sie ansah, den Eindruck einer von innen erwärmten köstlichen Frische, die ihr Körper in der sonnigen Schneeluft ausstrahlte. Aber wie lieb, wie zart und fremdartig Yvett daneben wirkte, die Feine Komplizierte, mit ihren Meeraugen, dem schweren strähnigen Jungenhaar und ihrer großen Liebe zu ihm . . . »Yvettchen.« Er tastete nach ihrer Hand. »Mein Junge . . .« Romeo fühlte plötzlich ein starkes unbegreifliches Mitleid mit Yvett. * 166 »Ich hab einen Riesenhunger!« rief Lotte aus, als sie die bäuerlich-behagliche, von schmausenden Sportlern beider Geschlechter lärmend erfüllte Gaststube betraten. Mit fröhlicher Lüsternheit sog sie den Geruch der Speisen ein. Romeo schritt den Mädchen voran; in männlich verantwortungsbewußter Haltung suchte er Platz. Vor einer Nische, bei einem Tisch, an dessen Ende nur ein einzelner, nahezu sommerlich gekleideter Herr saß, der in einem abgerissenen Kinderbilderbuch blätterte, blieb er stehen. Mit einladender Handbewegung wandte er sich nach den Mädchen um. »Uff, bin ich müde«, rief Lotte heranschlendernd aus. Aufatmend wollte sie sich, wie die anderen, in einen Stuhl fallen lassen, da erstarrte sie, wurde blutrot. Axel Kolbenstetter . . .! Herr Kolbenstetter blickte flüchtig von seinem Buche auf. Er erkannte Lotte. Zunächst blickte er rasch wieder in sein Buch, dann lächelte er unsicher. Schließlich lachte er wohlwollend heraus. »Auch Lufthunger, Lotte Freißler?« Er streckte ihr die Hand entgegen. Hastig legte Lotte ihre Hand in die seine. Sie stammelte dummes unzusammenhängendes Zeug. Zum Glück trat in diesem Augenblick eine Kellnerin rettend dazwischen; sie fragte nach den Wünschen der Herrschaften. »Einen Augenblick«, stotterte Lotte, »ich möchte mir nur rasch noch die Hände waschen. Kommst du mit, Yvett?« Arm in Arm eilten die Mädchen hinaus. Romeo musterte angestrengt die Speisekarte. Er wußte nicht: war es nun eigentlich korrekt, sich dem Herrn am Tisch vorzustellen, oder ihn nur durch ein stummes 167 Kopfneigen zu grüßen, oder überhaupt nicht . . .? Er entschied sich für überhaupt nicht. Im Vorraum erklärte Lotte Yvett hastig und mit unzusammenhängenden Worten, der Herr am Tisch sei Axel Kolbenstetter, sie kenne ihn, aber zuhause in Rietheim dürfe niemand wissen, daß sie mit ihm bekannt sei. In Yvetts Meeresaugen trat ein bereitwilligst verstehendes Leuchten; sie griff nach Lottes Hand, preßte sie. »Aber Lottchen –. Zähl auf mich. Immer und in allem!« Lotte entzog ihr hastig die Hand; ihre Miene drückte unnahbare Abwehr aus. »Na, ich bitte dich, was stellst du dir darunter vor? Es paßt mir lediglich nicht, daß die . . . die blöden Rietheimer erfahren, daß ich Herrn Kolbenstetter kenne. Ich habe mit ihm mal über einem Problem gesessen. Das ist alles, basta. Gehn wir wieder hinein.« Yvett verstummte betreten. Voll geheimer staunender Scheu folgte sie der problemumhauchten, eilig vorangehenden Freundin. Das Mittagessen verlief in belangloser, häufig stockender Unterhaltung, an der sich Herr Kolbenstetter nur durch einzelne Fragen über Vorteile und Erlernbarkeit des Skilaufens, über Zugverbindungen, Temperaturunterschiede und derlei, beteiligte. Die Auskünfte, die ihm scheu-beflissen, wie dem Herrn Lehrer, gegeben wurden, nahm er mit einem konventionell interessierten »aha, ja«, oder »so, hm« zur Kenntnis; nie widersprach er, nie fügte er irgend etwas ergänzend hinzu. Romeo hatte den Namen Axel Kolbenstetter heute zum ersten Mal vernommen; er wunderte 168 sich daher über die respektvolle Scheu, mit der die Mädchen die stupiden Fragen des langweiligen simplen, übrigens reichlich spießbürgerlich gekleideten Patrons beantworteten. Die ganze schöne Stimmung war durch diesen kinderbilderbücherlesenden Spießbürger nun gestört. Dem verschaffte wahrscheinlich nur ein dicker Geldsack Ansehen in Rietheim. Na, er, Romeo, würde sich in seiner guten Laune jedenfalls nicht beeinträchtigen lassen. Was ging ihn der Herr Bierbrauer, oder was der Mann eben sein mochte, denn an? Wenn schon die Mädchen so dumm waren, sich mit einem Mal dermaßen eingeschüchtert und ängstlich-korrekt zu betragen, dann wollte er wenigstens dokumentieren, daß ihm der Herr gar nicht imponieren konnte, der Herr Bierbrauer und Stadtrat. Er war schließlich auch etwas, Akademiker war er, und er brauchte heute nicht einmal besonders zu sparen, da er sich das Taschengeld für den ganzen Monat von der Mutter hatte im voraus geben lassen. Was den wohlgenährten Pfahlbürger indessen noch nicht veranlaßt hatte, auch nur ein einziges Mal das Wort an ihn zu richten! Romeo trank hastig und viel. Das war einmal etwas, dieser Wein! Romeos Augen glänzten, er lauerte auf irgendeine günstige Wendung des Gesprächs, die es ihm ermöglichen würde, die Unterhaltung an sich zu reißen. Am Nebentisch erhob sich, von der Gesellschaft durch Zurufe und Beifallklatschen angefeuert, ein geckenkaft-sportlich gekleideter junger Mann, ein besserer Handlungsreisender, oder so was, mußte der sein. Er setzte sich ans Klavier und spielte 169 Sentimentales mit falscher Begleitung. Die Gans im Pullower, die an seiner Seite gesessen hatte, trällerte die Melodie hingegeben mit. Romeo krampfte die Faust um den Aschenbecher, hob ihn ein wenig über die Tischplatte empor und erklärte halblaut, in weither geholten hochtrabenden Ausdrücken, denen eine gewisse Selbstpersiflage nicht abging, er werde ihn diesem sentimentalen Klavierschwein an den Kopf werfen. Wobei seine Miene und Haltung jedoch ausdrückte, daß er nicht im entferntesten die Absicht habe. Axel Kolbenstetter beobachtete Romeo vom Tischende, er führte das Bierglas an den Mund, brach aber plötzlich in Lachen aus. Durch das zu spät vorgehaltene Taschentuch tropfte es auf die Tischplatte. Die Mädchen lachten aus voller Kehle mit. Romeo lächelte. Befriedigt und rasch versöhnt in dem Gefühl, daß sein aggressiver Humor sogar bei dem Pfahlbürger Anklang gefunden hatte. Hastig überlegte er, was er der Äußerung noch hinzufügen könnte – doch Herr Kolbenstetter lachte unentwegt weiter, von Sekunde zu Sekunde stürmischer. Kopfschüttelnd sah er Romeo an, prustete, sah Romeo nochmals an . . . – In Romeo dämmerte die Erkenntnis, daß diese entfesselte Heiterkeit nicht seinem Witz galt, sondern seiner Person. Sogleich wurde er ernst und förmlich; herausfordernd musterte er nun seinerseits den impertinenten Geldsack. Worüber Herr Kolbenstetter indessen nur noch heftiger lachte. Herrn Kolbenstetter höhnisch fixierend, wandte sich Romeo an Yvett. »Sag mal«, fragte er, ohne die Stimme zu dämpfen, »will sich dieser Beduine«, 170 das ging auf den Christusbart, »etwa über mich lustig machen?« Herr Kolbenstetter stöhnte vor Lachen. »Beduine!!« stieß er hervor und hielt sich die Seiten. Yvett war über die Maßen verlegen. »Ich bitte dich, Romeo«, flüsterte sie Romeo hastig zu, »du hast getrunken! Der Herr ist doch ungeheuer gescheit und besitzt unermeßlich viele Bücher!« »P–haha«, platzte nun Romeo höhnisch heraus, und erregt nahm er einen tiefen Schluck Wein. »Soll mir das vielleicht auch schon imponieren? Auch schon etwas! Bücher. Im Kopf muß man sie haben. Bücher haben wir massenhaft zuhause im Bücherschrank.« Lotte blickte gespannt, mit einem sonderbaren Lächeln von einem zum andern. Herr Kolbenstetter schien zu ersticken. Romeo fühlte, daß er mit den Büchern da nun etwas wirklich Albernes gesagt hatte. »Sogar den Postkalender besitzen wir!« setzte er darum eilig hinzu, als wäre das ganze ironisch gemeint gewesen. Und nun versuchte er seinerseits laut und schallend zu lachen. Doch da wurde Herr Kolbenstetter mit einem Schlag ernst. Nachdem er noch einmal leise aufgestöhnt hatte, blickte er verlegen zur Seite. Über Romeos Stirn flüchtete eine rote Wolke. Erregt sprang er von seinem Sitz auf. »Ja also – jetzt hab ich genug!« rief er. »Der Mensch da will mich anscheinend provozieren!« Zornig schüttelte er Yvetts Hand ab, die sich angstvoll auf seinen Arm gelegt hatte; er legte das Gesicht in akademische Falten, 171 trat vor Herrn Kolbenstetter hin, verneigte sich kaum merklich, indem er das Kinn ein wenig vorschob, und verkündete mit eisiger Stimme: »Romeo Reif – mein Name. Ich möchte Sie dringend um Aufklärung ersuchen, mein Herr, was Ihr wenig geistvolles Lachen . . .« Weiter kam er nicht. Denn von einem neuen fessellosen Lachen geschüttelt, vermochte der Riese nur gurgelnd hervorzustoßen: »Romeo!! Auch das noch! Hilfe! Hilfe! Ich . . . ich kann . . . nicht . . . mehr!« Romeo verfärbte sich. So wie er war, mit vorgeschobenem Kinn, in korrekt-akademischer Haltung, blieb er ratlos vor Axel Kolbenstetter stehen; ein rascher argwöhnischer Seitenblick überzeugte ihn, daß die Situation höchst blamabel für ihn zu enden drohte. Lotte lächelte dreist, Yvett sehr verlegen. Nein, nein! Vor Lotte konnte er sich diesen unerhörten Affront unter keinen Umständen bieten lassen. Rasch verzog er den Mund wie zu einem höhnisch-verächtlichen Grinsen. »Mein . . . äh . . . Herr!« verkündete er, höhnisch, doch mit hörbar vibrierender Stimme. »Satisfaktionsfähig sehen Sie ja leider nicht aus, und so kann ich Ihr . . . Ihr unqualifizierbares Benehmen lediglich für bübisch und gemein erklären.« Abermals verneigte er sich kaum merklich, indem er das Kinn ein wenig vorschob; eilig schritt er zu seinem Platz zurück. »Sein Sie mir nicht bös, Herr . . . Romeo«, würgte Axel Kolbenstetter, von unbezähmbarer Heiterkeit geschüttelt, hervor. Er hatte Tränen in den Augen. Dunkle Röte im Gesicht, starrte Romeo geradeaus vor sich hin. »Gegenbeleidigung, schon erledigt«, 172 murmelte er. Niemand verstand, was er damit sagen wollte. »Kein Wort mehr, Romeo«, flüsterte Yvett ihm erregt zu. »Alle Leute sehn herüber und lachen!« »Also vorwärts! Gehn wir!« fuhr Romeo auf. »Hier stinkt es mir zu sehr nach wildgewordenen Pfahlbürgern. Zahlen! Zah–len, Fräulein!« Doch keine der beiden Kellnerinnen war im Augenblick in der Gaststube zu entdecken. Zudem fürchtete Romeo, durch einen allzu eiligen Aufbruch einen neuen Heiterkeitausbruch hervorzurufen. Mit knabenhaftem Trotz lehnte er sich im Sessel zurück und pfiff durch die Zähne vor sich hin. Stumm kauerte Yvett an Romeos Seite. Scheu blickte sie einige Male auf Herrn Kolbenstetter, der sichtlich noch immer belustigt nun wieder in sein Bilderbuch vertieft zu sein schien. Jetzt hatte Romeo sich soweit gefaßt, daß er wieder normal zu reden vermochte, gleichsam als wäre nichts vorgefallen. Doch aus irgendeinem Grund richtete er das Wort nun ausschließlich an Lotte, die auch bereitwilligst auf seine belanglosen Äußerungen einging. Romeos schneidiges Benehmen hatte ihr nicht wenig imponiert; denn von Anfang an hatte sie sich mit Romeo in der Beleidigung durch Axel Kolbenstetters Gelächter solidarisch gefühlt. Der schien übrigens wirklich nichts anderes zu können, als ohne jeden Grund die Menschen zu verlachen. Und sie war einmal gutgläubig genug gewesen, anzunehmen, dies konvulsive Lachen wäre nur ein nervöser Leidenschaftausbruch gewesen, der angesichts ihrer Person über Axel Kolbenstetter gekommen sei. Da! Nun sah sie's 173 ganz deutlich: immer machte er's so, und das ganze war tatsächlich nichts anderes als Hohn, beispielloser Hohn. Ein überheblicher lächerlicher Narr war Axel Kolbenstetter, sonst nichts. Herr Kolbenstetter war vollkommen ernst geworden. Und einigermaßen verlegen. Mehrmals schien er etwas äußern zu wollen, doch immer schwieg er dann. Yvett hielt den Blick stumm auf die Tischplatte geheftet. Romeo und Lotte sprachen vom Freihandzeichnen in der Schule. Einige Male streifte Axel Kolbenstetters Blick Yvett. Plötzlich beugte er sich – mit einem gütigen entspannten teilnahmsvollen Ausdruck, der in seltsamem Gegensatz zu seiner Miene von vorhin stand – zu ihr hinüber. »Sie sind in Rietheim zuhause, Fräulein?« fragte er leise. »Trachten Sie doch, von dort fortzukommen. Unter Menschen. Um Sie wird es vielleicht schade sein.« Lotte hatte, als Axel Kolbenstetter das Wort an Yvett richtete, im Gespräch innegehalten. Nun sprach sie um so eifriger wieder auf Romeo ein. Doch in ihrer Stimme war jetzt, kaum merklich, ein schriller Klang. Verwirrt schlug Yvett die Augen zu Herrn Kolbenstetter auf; das Meer war in ihnen. »Sie selbst leben doch in Rietheim, Herr Kolbenstetter«, erwiderte sie, leise und in bedrücktem Ton. Axel Kolbenstetter senkte den Blick rasch zu Boden. »Ja ich . . .«, murmelte er. Er hob den Blick abermals zu Yvett. »Ich lebe dort? – Nein.« Er lehnte sich in den Stuhl zurück, um nun wieder angelegentlich in seinem Bilderbuch zu blättern. »Zahlen!« rief Romeo herrisch. Die Kellnerin eilte 174 herbei. Romeo zahlte für sich und trotz Widerspruch auch für die Mädchen. Man werde sich später schon ausgleichen, murmelte er mit wegwerfender Handbewegung. »Ich zahle auch, Fräulein«, rief Herr Kolbenstetter. Yvett stand auf, ging zu ihm hin, gab ihm die Hand. »Auf Wiedersehn, Herr Kolbenstetter . . .« Schlendernd trat nun auch Lotte hinzu. »Leben Sie wohl, Herr Kolbenstetter«, sagte sie munter, uninteressiert, und gab ihm die Hand. Romeo stand wartend, abgewandt. Herr Kolbenstetter ermannte sich, trat vor ihn hin. »Ich bitte, entschuldigen Sie«, sagte er lächelnd. »Meine Heiterkeit war natürlich in keiner Weise beleidigend gemeint. Unterhalten Sie sich weiter gut!« »Schön. Ich nehme Ihre Erklärung zur Kenntnis«, entgegnete Romeo, an Herrn Kolbenstetter vorbeisehend. Er hätte sonst zu dem Riesen aufblicken müssen, und das wollte er vermeiden. »Also, sind wir so weit?« rief er den Mädchen zu und schritt ihnen auch schon in steifer Haltung voran, zum Ausgang. »Das war nett von dir, Romeo«, flüsterte Yvett ihm draußen, vor dem Gasthof, zu, »daß du wenigstens zum Schluß höflich warst. Er ist doch schließlich ein älterer Herr und . . .« »Überlasse die Beurteilung der Situation bitte mir!« unterbrach Romeo sie abweisend. Lotte, Romeo und Yvett waren mit dem Anschnallen der Skier beschäftigt, als auch Herr Kolbenstetter aus dem Hause trat; er führte ein kleines Dorfmädchen an der Hand, das das Bilderbuch an die Brust gepreßt hielt. Blinzelnd blickte er in die Sonne. 175 Romeo erhob sich aus seiner gebückten Haltung, kehrte ihm den Rücken zu und pfiff etwas vor sich hin, was keine Melodie hatte. Herr Kolbenstetter lächelte kurz und freundlich, er blickte weiter in die Sonne. Yvett rief Romeo zu, er möge doch rasch machen mit dem Anschnallen, man sei ohnehin in Verspätung. Romeo überhörte es und pfiff weiter. Nicht einen Schritt auf den Brettern würde er tun, solange der Kerl noch hier stand. Das fehlte gerade noch, ihm durch ungeschickte Haltung auf den Skiern neuen Lachstoff zu liefern. – Wäre Romeo ein virtuoser Skiläufer gewesen, er hätte keine Sekunde gezögert, sich so rasch wie möglich aus dem Bereich dieses absonderlichen Menschen zu entfernen, dem gegenüber man zum Verzweifeln machtlos war. Aber es ist doch auch wirklich zu dumm – ging es Romeo unvermittelt durch den Kopf – daß er ausgerechnet Romeo heißen mußte. Obwohl er den Namen sonst gar nicht ungern trug, schon der jungen Mädchen wegen. »Also Romeo!« rief Yvett vorwurfsvoll. »So beeile dich doch!« Sie war, ebenso wie Lotte, bereits fertig gerüstet. Mit einer fast feindlichen Bewegung fuhr Romeo – der Fremde stand immer noch da – zu Yvett herum. Daß er sich in dem albernen Riemenzeug nicht auskenne, erklärte er gereizt, sie müsse daher schon so gütig sein, ihm beim Anschnallen zu helfen. Sonst hätte sie auf seine unsportliche Person bei dem Ausflug ja auch verzichten können, setzte er hinzu. Yvett kniete im Schnee. Mit roten erfrorenen ungeschickten Händen machte sie sich an Romeos Füßen zu schaffen. Romeo stand hoch aufgerichtet, 176 gespreizt, auf den Stock wie auf eine Lanze gestützt und starrte mit verbissenem Ausdruck in die Ferne. Lotte sah, daß Herr Kolbenstetter dieses Bild mit den Blicken zu verschlingen schien. »Herr Parsifal und das Fräulein Kundry!« lachte Herr Kolbenstetter laut auf, grüßte freundlich, drückte dem kleinen Dorfmädchen die Hand und stapfte durch den hohen Schnee davon. Ohne Hut, in einem sommerlichen Regenmantel. Lotte betrachtete Romeo mit einem Ausdruck von unverhehltem, tiefernstem sachlichen Interesse. 11 Den folgenden Sonntag verbrachten Lotte, Romeo und Yvett abermals in den Bergen. Auch diesmal hatte es vieler Überredungskünste Yvetts bedurft, um Lotte zu dem Ausflug zu bewegen. Willig hatte Yvett die Rolle der Bittenden, Überredenden gespielt; obschon sie genau zu wissen glaubte, daß Lotte im Innersten nach nichts anderm verlangte, als den freien Tag abermals in ihrer, in Romeos Gesellschaft zu verbringen. Ja sie war überzeugt, daß Lotte insgeheim Himmel und Hölle in Bewegung setzen würde, um eingeladen zu werden, oder aber den Ausflug gänzlich zu verhindern. Nichts leichter als das, sie brauchte doch nur am Sonntag vormittag einen Besuch bei den Eltern zu machen und in aller Harmlosigkeit nach Yvetts Verbleib zu fragen. Yvett hätte es bei weitem vorgezogen, mit Romeo allein den Ausflug zu machen und nur den Eltern gegenüber sich auf Lottes Gegenwart berufen zu 177 dürfen. Aber auf die allererste derartige Andeutung hin – »weißt du, Lottchen, man kann dir ja eigentlich nicht zumuten, dich in unserer Gesellschaft zu mopsen, vielleicht ziehst du es vor, eine oder zwei Haltestellen vorher auszusteigen und dich unabhängig zu machen?« – schon auf diese erste sachte Anspielung hin war Lotte frostig wie eine Eissäule geworden und hatte mit Entschiedenheit erklärt: »Allerlei kannst du von mir haben, liebes Kind, aber eine gewissenlose Lüge –? Nein. Wenn ich deinen Eltern gegenüber behaupte, daß ich mit dir fahre, dann muß ich auch tatsächlich mit dir fahren. Vergnügen macht es mir, wie du dir denken kannst, ja bei Gott nicht.« Alles, nur keine Lüge . . . Was hatten sie die Eltern nicht gemeinsam angelogen, seit Jahren. Jetzt auf einmal, dieses Ethos! Aber was blieb Yvett anderes übrig, als leicht beschämt zu tun und bittend in Lotte zu dringen, so möge sie denn auch diesen freien Sonntag abermals ihrer Freundschaft zum Opfer bringen. Bis die Unnahbare durch ein stummes Kopfnicken schließlich opferbereit ihre Zustimmung zum Ausdruck brachte. Auf der Übungswiese und nachmittag auf einer längeren Tour, konnte Lotte mit einiger Befremdung aber nur feststellen, daß gegenüber dem vorhergegangenen Sonntag die Herzenseinigkeit Romeos und Yvetts unerschütterlich geworden zu sein schien. Ja die beiden scheuten sich nun gar nicht mehr, in ihrer, Lottes, Gegenwart Zärtlichkeiten auszutauschen. Was Lotte in nicht geringe Verwirrung setzte; obwohl sie das meiste nicht zu bemerken schien, ganze weite Strecken allein vorausfuhr und im übrigen bemüht 178 war, nichts als stille Freude über diesen Herzensbund zur Schau zu tragen. Yvett fiel es auf, daß Romeo ihr vornehmlich dann übers Haar strich, sie auf die Wange küßte, oder ihr lachend zumindest irgend etwas Dummes, Zusammenhangloses ins Ohr flüsterte, wenn Lotte zugegen war; hingegen verriet er in Lottes Abwesenheit öfters Anzeichen von Zerstreutheit. Romeos Liebesbezeigungen hatten darum auch nichts Beglückendes für Yvett, bedrückten sie im Gegenteil; dennoch tat sie nichts, um sie abzuwenden. Mochte wenigstens Lotte noch einige Zeit den Eindruck haben, daß zwischen Romeo und ihr alles aufs beste stand. In der Tat fühlte sich Romeo in seinen Empfindungen zu Yvett durch Lottes Gegenwart und Zeugenschaft merkwürdig erwärmt. Fast konnte er sich – und bei dem Gedanken mußte er lächeln – fast konnte er sich diese Beziehungen ohne Lotte jetzt gar nicht mehr vorstellen. Im übrigen war er freilich ohne Rückhalt der Meinung, daß Yvetts Liebe ihn wahrhaft erfülle, und daß er gegen den gewiß unleugbaren Reiz von Lottes Person aus irgendeinem Grund völlig unempfindlich sei. Wahrscheinlich deshalb, weil die arme liebe Yvett durch Lotte doch in allem stets verkürzt worden war. Wie die sich von Yvett nur wieder hatte bitten lassen, bevor sie dieses Mal mitmachte! Alle erdenklichen Schwierigkeiten hatte sie gemacht, nur um Yvett zu demütigen. Yvett hatte ihm alles ganz genau erzählt. Na, bei ihm sollte die Kleine mit ihren Schlichen jedenfalls kein Glück haben, da würde sie auf Granit beißen! Er war zwar beileibe kein Moralphilister, Vorurteile und derlei, 179 das kannte er nicht, und so ein vorübergehendes Kosestündchen mit der taufrischen Lotte, das mochte ja gewiß ganz lockend sein. Aber er war kein Verräter, nein, der war er niemals gewesen. Den Triumph aber, den er Lotte damit schaffen würde, das wäre Verrat, infamer Verrat an Yvett, die ihn doch beispiellos liebte. Überhaupt schätzte er die inneren Eigenschaften allzusehr, als daß er für den Reiz einer flüchtigen Stunde unwiederbringliche Gefühlswerte dahingegeben hätte. Schade nur, daß er Lotte nicht noch geflissentlicher en bagatelle behandeln konnte, es hätte ihm das ein beispielloses Vergnügen gemacht, sei es auch nur um zu sehen, ob es Lotte in Erregung brachte, von ihm en bagatelle behandelt zu werden. Das zu wissen, hätte ihn wirklich interessiert. Aber Lotte könnte das doch sehr leicht zum Vorwand nehmen, um sich von ihm und Yvett gänzlich abzuwenden. Und was dann? Abends, auf der Heimfahrt in dem kleinen, heute nahezu leeren Sportzug, stand Lotte allein auf dem Gang und blickte in die vorüberziehende dunkle Landschaft hinaus. Yvetts mehrmals wiederholte Aufforderung, sie möge doch im Abteil bei ihr und Romeo bleiben, hatte sie freundlich, aber sehr bestimmt mit der Bemerkung zurückgewiesen, sie stehe sehr gern draußen, weil die vorüberziehende dunkle Landschaft sie zum Nachdenken über etwas anrege, was sie sehr beschäftigte. Was das sei, hatte sie aber trotz mehrfachen Fragen, auch Romeos, nicht gesagt. Nun stand sie also am Gangfenster, blickte in die vorüberziehende dunkle Landschaft hinaus, ohne sie zu sehen, und grübelte, was das wohl für ein Gedanke 180 sein könnte, dem sie hier draußen, allein mit der vorüberziehenden Nachtlandschaft, nachhängen wollte. Unmittelbar nachher belehrte sie ein verstohlen ins Abteil geworfener Blick, daß innen die beiden bereits in eine angelegentliche, offenbar flüsternd geführte Unterhaltung vertieft waren. Man schien sie also durchaus nicht zu vermissen, na schön! Sie würde wissen, was sie in der Zukunft zu tun hatte. Sie hatte es ohnehin satt, jawohl, das ganze verdroß sie, und überdies konnte sie ganz einfach nicht so verantwortungslos sein, weiterhin den Deckmantel dieses . . . Verhältnisses abzugeben. Nein, das durfte sie schon Yvetts Eltern wegen nicht, auf keinen Fall. Das hatte sie Yvett übrigens schon neulich gesagt, als die sie abermals zum Mitkommen aufforderte, aber Yvett hätte darin doch vermutlich nur ihre, Lottes, Verstimmung über eine erlittene Niederlage erblickt. Lächerlich, um sie rissen sich ganz andere. Diesen falschen Triumph aber konnte sie der Freundin zu allem wirklich nicht noch bereiten. Ach was, das nächste Mal würde sie trotzdem glatt Nein sagen. Mochten die drinnen sich dann denken, was sie wollten. Zur Mitwisserin sträflicher Heimlichkeiten würde sie sich nicht hergeben, nein. Da, mit einem Mal, sah Lotte nun doch etwas von der Landschaft draußen: Mitten in schneeiger Einöde, ganz dunkel, verschwommen, einen Baum. Einen einzelnen Baum. Ein tiefes schmerzliches Mitleid mit diesem einsamen Baum überkam sie. Und auch mit sich selbst. War sie nicht ebenso einsam? Sie galt für ein Glückskind. Alles gelang ihr, alle waren ihr zugetan, manche taten sogar, als würden sie sich vor 181 Sehnsucht nach ihr verzehren. Und doch hatte sie niemand. Von denen, die sie hätte haben können, mochte sie keinen. Die beiden da drinnen im Abteil, und alle überhaupt, die hatten den Menschen, den sie haben wollten. Yvett, der sie sich in allem so überlegen geglaubt hatte, sie hatte den Menschen, den sie liebte. Und sie –? Was sie da vorhin sich selbst vorgemacht hatte, mit der Verantwortung und so, das war Lüge, nichts als Lüge. Sie beneidete Yvett. Jawohl, sie neidete ihr diesen jungen gescheiten Menschen, dem sie, Lotte, total gleichgiltig zu sein schien. Und darum wollte sie den beiden auch Hindernisse in den Weg legen. Das war sehr häßlich, sehr niedrig von ihr. – Aber, Gott, was sollte sie denn wirklich tun? Die Rolle, die sich hier für sie ergab, die mochte, die konnte sie nicht weiter spielen, nein, unter keinen Umständen. Selbst wenn Romeo Interesse für sie gewinnen würde. Durch diese beharrliche Liebe zu Yvett war er für sie nun doch bereits entwertet, auf immer verloren – – Wozu also die ganze unwürdige Komödie? Sie wollte allein sein! Allein? Nein, nicht allein! Auch das ertrug sie nicht länger! Sie mußte . . . sie mußte einen Menschen finden, den sie dann ganz für sich haben würde, einen ebenso einsamen ragenden Menschen wie Axel Kolbenstetter – und doch ganz anders als Axel Kolbenstetter . . . – – Verloren, losgelöst von allem, was sie umgab, starrte Lotte mit feuchten Augen, die Stirn gegen die kalte Fensterscheibe gepreßt, in die vorüberziehende nächtliche Stille hinaus. Und der Ausdruck ihres Gesichtchens, jetzt, da niemand es sah, war, träumend und 182 zum Träumen stimmend, so rührend und schön, daß er Lottes Einsamkeit zu enträtseln schien. In Lottes Rücken, im Abteil, sprachen Yvett und Romeo flüsternd miteinander. Daß man Lotte wirklich nicht zumuten könne, ihre Sonntage in dieser für sie wenig erquicklichen Weise zu verbringen, meinte Yvett. Lotte würde übrigens kaum länger mittun. Und was dann –? Ohne Lotte war an einen Ausflug, oder auch nur an ein Zusammentreffen, doch gar nicht zu denken. Ob Romeo denn wirklich niemand kenne, der für Lotte in Betracht käme – irgendeiner seiner Freunde, der dann als Vierter im Bunde die Ausflüge mitmachen könnte? In diesem Fall würden sie übrigens auch öfters und länger miteinander allein bleiben können – setzte sie errötend hinzu. Romeo blickte mißmutig vor sich hin. Es war ihm unangenehm, zu denken, daß Lotte dann nicht mehr der Gegenstand seiner Gleichgiltigkeit, die wärmende Zeugin seiner Liebe zu Yvett wäre. Aber Yvett hatte recht: es mußte ein Vierter gefunden werden, sonst war's mit allem zu Ende. Aber wenn er nur einen wüßte! Seine Freunde . . . hm, er hatte nicht viele, auch waren das durchwegs unreife, zudem reichlich unbedeutende Jungens. Die würden Lotte wenig interessieren. Die könnten Lotte am Ende nämlich wirklich interessieren, dachte er insgeheim. Denn sie waren jung, mutig und unmoralisch. »Nein, irgendein besonderer Mensch müßte es sein«, flüsterte Yvett gespannt. »Ein Künstler vielleicht, oder so . . .« »Ein Künstler – –«, wiederholte Romeo 183 nachdenklich. »Na was ist's mit Herrn Knauschner?« fuhr er lächelnd auf. »Um Gotteswillen!« lachte Yvett. Nein, der wäre nicht nach Lottes Geschmack, er sei zu real und zu realistisch. Auch würde der bei so was gar nicht mitmachen wollen. Dem seien seine Saufkumpane und ein saftiges Stück Dienstmädchen weitaus lieber. »Wart einmal«, unterbrach Romeo; er blickte angestrengt zur Decke hinauf. »Ich weiß einen! – Franz Maria Lotter!« »Was? Den . . . den Bildhauer?« »Den Bildhauer«, bestätigte Romeo grinsend. »Was meinst du dazu?« Yvett blickte überlegend vor sich hin. »Gar keine schlechte Idee. Er sieht ganz apart aus, ist angeblich ein bißchen verrückt, oder nicht?« »Doch«, beruhigte Romeo sie. »Also ausgezeichnet. Du, ich glaube, das wird gehen! Aber . . . er ist doch schon ziemlich alt, nicht?« »Über vierzig.« »Und du kennst ihn?« Romeo nickte. »Flüchtig. Aber das tut nichts. Ich werde gleich morgen mal mit ihm sprechen.« »Ich glaube, daß Lotte ihn nicht kennt«, murmelte Yvett, mit einem grübelnden Ausdruck. »Um so besser«, entschied Romeo gut gelaunt. 12 Mit Franz Maria Lotter hat es eine eigne Bewandtnis. Auch er fällt gewissermaßen aus der wohlgepolsterten Mitte der Rietheimer Einwohnerschaft heraus. 184 Wiewohl seine Abkunft, sein ererbtes Vermögen, der Name schlechthin, den er trägt, ihn zum Genuß des allgemeinsten Ansehens berechtigen, ja zu den höchsten stadtbürgerlichen Würden und Vertrauensstellungen berufen würden. Ist er vielleicht irgendeiner? Mit nichten. Sein Großvater, sein Vater, beide starben, nachdem sie Jahrzehnte hindurch Rietheims Bürgermeister gewesen. Eine ganze Front von Patrizierhäusern am Marienplatz, Sonnenseite gelegen, erbten die Söhne. Der Notar, der Chefarzt des Krankenhauses, der Bierbrauerei-Besitzer und eben Franz Maria, der . . . ja was eigentlich? Der Bildhauer. Ist das ein Beruf? Möglich. Aber dazu müßte man doch zunächst einmal Werke geschaffen haben, wie? Werke, die bezahlt und die dann irgendwo aufgestellt werden, für alle sichtbar. Hat jemals einer ein Werk von Franz Maria Lotter gesehen? Nein. Oder hat man jemals gehört, daß vielleicht auswärts irgendwo ein solches steht? Nein. »Sculpteur«, steht auf seinem Briefpapier, das ist alles. Nun, daran läge schließlich nichts. Denn auch ohne einen richtigen Beruf, allein von den Zinsen des väterlichen Erbes kann Franz Maria Lotter sehr schön leben. Als mehrfacher Hausbesitzer gilt er zudem als Privatmann, nicht als Künstler, so daß man ihm die entsprechende Ehrfurcht keineswegs zu versagen brauchte. Und warum sollte er da nicht nebenbei auch seinen kleinen Sport haben – manche sagen: einen Spleen, eine Marotte – die Bildhauerei. So könnte man meinen. Ja, aber die eigene Familie, die übrigen Lotter, die das väterliche Vermögen inzwischen bedeutend vermehrt haben und heute wie Säulen in 185 der Stadt stehen, selbst die sind doch von Franz Maria längst abgerückt, behandeln ihn mit nachsichtig lächelndem Wohlwollen oder überhaupt nicht, schicken ihm bestenfalls einmal einen alten, weniger gewichtigen entfernten Verwandten zu wochenlanger Bewirtung ins Haus . . . ja, und zu Franz Marias Geburtstag dann natürlich all die kleinen Erbneffen und -nichten zur Gratulation mit Blumen und Sprüchlein. Wenn aber schon die eigne Familie sozusagen öffentlich bekundet, daß sie über Franz Maria bereits das Kreuz gemacht habe, wie sollten da nun erst die Mitbürger glauben, daß an ihm etwas sei, als Privater sowohl wie als Künstler. Zwar gibt es so vereinzelte Grünschnäbel, grundsätzliche Verneiner – die nämlichen, die von Dr. Freißler höhnisch als von dem »Napoleon von Rietheim« zu sprechen wagen – ja, und die behaupten immer wieder einmal, Franz Maria Lotter sei ein verkanntes Genie. Schon gut! Hat man jemals Werke von ihm gesehen? – Wie war das nur eigentlich mit ihm so gekommen? Zuerst hatte er doch Historische Grammatik oder sonst etwas Ausgefallenes zu studieren begonnen, dann trug er eines Tags aber plötzlich lange Haare, Schlapphut, und war ganz einfach Künstler. »Sculpteur«, wie er sich auf seinem Briefpapier nannte. Wenngleich er sonst stets untadelig gekleidet geht. Schon gut, hat er irgendeinem seiner vielen Bekannten etwa jemals den Eintritt in sein Atelier – so bezeichnet er das eine der beiden Mansardenzimmer – gestattet? Nein, nicht mal dem Dienstmädchen. Er selbst räumt dort auf, scheuert sogar in eigener Person den Fußboden und – seit er, vor vielen Jahren, seine Brüder einmal 186 bei einem Einbruchsversuch ins ›Atelier‹ ertappt hat – trägt er den Schlüssel zu dem neuen komplizierten Vorhängeschloß ständig bei sich. Was soll das alles, fragt man sich da mit Recht, für einen Sinn haben? Besser gesagt: man fragte. Früher mal. Heute fragt niemand mehr danach. Seit damals die Geschichte mit der Landwirtschaft passiert ist, hat man sich wie mit einer unabänderlichen Tatsache stillschweigend damit abgefunden. Damals hatte sich folgendes zugetragen. Da fand doch die große landwirtschaftliche Ausstellung in Rietheim statt. Der Minister selbst sollte sie feierlich eröffnen. Ein stattliches Gebäude war eigens zu dem Zweck errichtet worden. Nun, und vor dem Gebäude sollte eben irgendeine Figur stehen, in Marmor oder so, die Göttin der Landwirtschaft, oder sonst irgendeine sinnreiche Verherrlichung. Ja, und da hatte man natürlich in erster Reihe an Franz Maria Lotter gedacht, weil der doch angeblich Bildhauer war, außerdem doch ein Sohn der Stadt war, und weil schließlich auch in seinen Adern das Blut der Lotter rann, denen Rietheim so viel zu danken hat. Einstimmig sogar hatte der Stadtrat Franz Maria mit dem ehrenden Auftrag betraut. Und er? Zuerst hatte er sich drei Tage Bedenkzeit ausgebeten – war das schon merkwürdig genug – dann hatte er dem Stadtrat in einem langen, allerdings wunderbaren Schreiben, das sogar in der Zeitung abgedruckt wurde, mitgeteilt, daß er den ehrenden Auftrag annehme und ihn auch zum dauernden Ruhme der Stadt durchzuführen hoffe, der Stadt, an der er mit allen Fasern seines Herzens und mancher 187 dunklen Blutsbande seiner Väter hänge. Dann, während vieler Wochen, hatte er, der sonst so Gesellige, für keinen Menschen Zeit gehabt und gleichsam nur im Vorübereilen von einem wichtigen Wendepunkt in seinem Dasein gesprochen. Alles war voller Erwartung, alle freuten sich, daß der Minister und alle die auswärtigen Gäste bei dieser festlichen Gelegenheit denn also ein Werk des geschätzten heimischen Sculpteurs zu sehen bekommen würden, der zudem ein Lotter war. Na, und was geschah in Wirklichkeit? Hals über Kopf mußte aus einer anderen Stadt eine völlig belanglose Figur, eine Kuh in Bronze – etwas Besseres, Sinnreicheres war in der Eile nicht mehr aufzutreiben gewesen – herbeigeschaft werden, mit großen Kosten noch dazu, und warum? Weil Franz Maria Lotter, zwei Tage vor Eröffnung der Ausstellung, dem Stadtrat in einem langen, ebenso sprachherrlichen Schreiben mitgeteilt hatte, nach reiflicher Erwägung könne er den ihn nach wie vor ehrenden Auftrag nun doch nicht annehmen. Das ihm gestellte Thema: die Apotheose eines so betont amusischen Begriffes, wie es die sonst durchaus ehrbare Landwirtschaft sei, entspreche nicht seiner Auffassung von der künstlerisch-ethischen Sendung der Bildhauerkunst in unserem Jahrtausend . . . Na, Schwamm drüber. Deswegen kann Franz Maria Lotter doch sonst ein recht ehrbarer Mensch und Mitbürger sein. Außerdem sieht er sehr vorteilhaft aus. Man lädt ihn gern zu sich ein. In jedem Salon wirkt er, mit den langen, trotz seinen vierzig Jahren merkwürdigerweise schon silbern schimmernden Haaren, die sein junges faltenloses Gesicht einrahmen, 188 geradezu dekorativ. Und wenn er einen manchmal so leicht spöttisch durch die scharfgeschliffenen Brillengläser anblickt, sieht er ausgesprochen wie ein Künstler aus. Überdies weiß er wie kaum ein Zweiter zu erzählen. Die geringfügigsten Tagesereignisse hören sich in seiner fesselnden Darstellung geradezu abenteuerlich an. Diese Erzählergabe, derentwegen manche ihn als die Rietheimer Vicki Baum bezeichnen, schätzt sogar seine Familie an ihm, die ihn sonst wahrscheinlich nur deshalb nicht leiden kann, weil er keine von all den wohlhabenden Bürgertöchtern und Frauen, die man ihm im Lauf der Jahre hatte anhängen wollen, geheiratet hat. Weil er überhaupt nicht heiraten zu wollen scheint, obwohl er, auf der Straße und auch sonst, jedem jungen Mädchen nachblickt, wollüstig auflacht und einen ganz roten Kopf bekommt. * Franz Maria Lotter lehnte in halb liegender Stellung, die Beine weit von sich gestreckt, in einem riesigen Fauteuil, sein Gesicht lag im Dunkel, nur über dem linken Stirnknochen und einem Teil des silbern schimmernden Künstlerhaars lag von der roten Wandlampe oberhalb des dämonisch blickenden Fantasieporträts Michelangelo Buonarottis ein magischer Schein. Ohne mit einer Silbe zu unterbrechen, nur einige Male kurz auflachend, hörte er Romeo zu, der ihm stotternd schließlich ferne seelische Bereicherung in Aussicht stellte, sowie mancherlei neue Impulse für ein Werk, falls er am kommenden Sonntag bei dem Ausflug mit Lotte und 189 Yvett mitmachen wollte. Dann wußte Romeo nichts mehr zu sagen. Franz Maria Lotter setzte sich mit einer jähen Bewegung vorn an den Rand des Fauteuils, stützte das Kinn auf die Hand, den Ellbogen aufs Knie, und sträubte sich. Das ginge nicht, erklärte er beleidigt, er sei überbürdet mit Arbeit. Und überhaupt – was sollte er unter lauter jungen Mädchen? Unmittelbar darauf lachte er wollüstig auf, nur um sogleich wieder gekränkt vor sich hin zu starren. Überhaupt, er könne sich solche Spaße jetzt nicht leisten, er habe nicht weniger als vier Wohnungen leer stehen! Was die Fahrt dort hinaus denn eigentlich koste? Romeo erschrak. Denn er erinnerte sich plötzlich, daß auch er ja noch keine Ahnung hatte, woher er sich das Geld für den nächsten Sonntag beschaffen werde. Dennoch erwähnte er mit Takt – die patrizierhafte Eleganz des Zimmers berauschte ihn – daß die kleine Gesellschaft es sich natürlich zur Ehre anrechnen werde, den Meister auf dem Ausflug als ihren Gast betrachten zu dürfen. Da der Meister aber nur einen unwilligen Ton von sich gab, fügte er rasch noch etwas von Lottes köstlicher kleiner Brust hinzu. Der Meister stieß Romeo kannibalisch lachend in die Rippen, und mit einer raschen Bewegung drückte er auf den Schalter des Kronleuchters. Romeo sah, daß er einen ganz roten Kopf hatte. »Na also – meinetwegen«, rief er aus. »Sie –! Aber was ich sagen wollte! Niemand außer Ihnen und den Mädchen darf selbstverständlich etwas davon erfahren!« 190 Romeo beruhigte ihn. Das sei doch schon der Mädchen wegen Voraussetzung. Und mit der nochmaligen Versicherung, der Meister werde aus dem Ausflug gewiß mancherlei neue Impulse für sein Werk schöpfen, verließ er ihn eilig. Sobald Franz Maria Lotter allein war, überfielen ihn scharenweise die Bedenken. Fast reute ihn die vorschnell gegebene Zusage. Wie leichtsinnig von ihm! War er denn ein junger Student? Nein, er war in den besten Jahren, galt für wohlsituiert und so weiter – da war es denn äußerst gefährlich, sich mit jungen Mädchen aus den besten Kreisen abzugeben. Ein Mensch wie dieser Reif, ein halber Lausbub noch, der nichts war und nichts hatte als seine Frechheit, der konnte sich dergleichen eher erlauben. Der schon. Aber bei ihm hieß es dann am Ende gleich wieder: heiraten! Jawohl. Aber das nicht, das würde noch fehlen. Und nun gar hier, wo es sich zu allem noch um die Tochter des Doktors Freißler handelte. Ausgerechnet die Tochter vom Regierungsrat Freißler mußte es sein. Mit dem war doch schon gar nicht zu spaßen. So ein Willensmensch, ein Fressen geradezu für den Nietzsche – so ein Napoleon! Himmel, wie einen doch auf Schritt und Tritt unsichtbare Gefahren umlauern! Was hatte er da getan. In welche Gefahrenzone hatte er sich da eben noch begeben wollen. Nein, er wird diesem Reif noch heute schriftlich mitteilen, daß er verhindert sei. Gott soll ihn behüten vor so etwas. Eine abgefeimte bübische List war das ganze, nichts anderes! * 191 Am Sonntag früh erschien Franz Maria Lotter pünktlich auf dem Bahnhof. Bei seinem Anblick konnte Romeo ein breitmäuliges Grinsen nicht unterdrücken. Die wandelnde Pastoralsinfonie! Zwar schien die Sonne heute ziemlich warm hernieder, aber das –? Das war des Guten denn doch ein wenig zu viel. Grünrot karierte Joppe mit Messingknöpfen; Lederhose mit aufgesticktem »Grüß Gott«, Wadenstrümpfe, Steirerhütel. Nichts fehlte als die nackten Knie. Nein, um Himmelsgotteswillen, so war das nicht zu machen. Was würde Lotte . . . – Unausdenkbar. Die würde doch laut auflachen und auf der Stelle Kehrt machen! – Aber wie brachte er das dem Meister nur schonend bei? Der war so aufgeräumt und so guter Dinge. In einem fort scherzte er von nichts anderem als von Lottes Busen. Zudem war doch nun gar nicht mehr Zeit zum Umkleiden, in ein paar Minuten mußte der Zug eintreffen. Ach was, so würden sie eben den nächsten Zug benutzen, eine halbe Stunde später, mit den Mädchen gemeinsam. Es würde sie ohnehin kein Bekannter sehen. Wer fuhr denn jetzt noch ins Gebirge hinauf. Romeo räusperte sich. »Hm, Meister, aber Sie sind reichlich leichtsinnig, seh ich gerade. Hier ist es warm, aber in den Bergen weht immer noch eine recht rauhe Winterluft. In dieser Bekleidung können Sie sich leicht eine Ischias holen.« »Ischias . . .«, wiederholte der Meister, sichtlich bleicher werdend; alle gute Laune war wie mit einem Schlag aus seinem Antlitz geschwunden. »Ja warum haben Sie mir denn das nicht vorher gesagt?« rief er aufgeregt. 192 »Nun, ich weiß ja nicht, was für eine Konstitution . . . das ist natürlich Konstitutionssache«, stotterte Romeo, bestürzt. »Ach was, Konstitution!« schnitt ihm Franz Maria Lotter empört das Wort ab. »Ischias, ich bitte Sie! Das würde mir gerade noch fehlen!« »Aber so gehen Sie doch rasch nachhause und kleiden Sie sich um!« »Was heißt das? Jetzt kommt doch schon der Zug!« »Das macht nichts, Meister. So fahren wir eben mit dem nächsten Zug, in dreißig Minuten.« »Was? Mit den Mädchen zusammen?! Was fällt Ihnen ein? Das ist viel zu gefährlich!« Der Meister war hochrot im Gesicht vor Aufregung. Romeo beruhigte ihn mit vieler Mühe. Kein Mensch würde sie sehen. Außerdem könne man beim Einsteigen doch zur Vorsicht getrennte Abteile wählen. Viel wichtiger sei, daß der Meister keine Erkältung riskiere. Murrend schüttelte Franz Maria das Haupt. In diesem Augenblick sah er wie Jupiter tonans aus. Hatte er es nötig gehabt, sich in eine derartige Gefahrenzone zu begeben? Aber, selbstverständlich, der rauhen Winterluft in den Bergen kann er sich auf keinen Fall ungeschützt preisgeben! – Grußlos ließ er Romeo stehen, eilte davon, dem Ausgang zu. Doch schon nach wenigen Schritten rief er erbost über die Schulter zurück: »In zwanzig Minuten bin ich wieder hier!« Pünktlich erschien er zum zweiten Zug auf dem Bahnsteig. Romeo erkannte mit einem Blick, daß er 193 noch in genau der gleichen Tracht steckte wie vorhin, nur trug er jetzt zwei Paar Wadenstrümpfe und über der Joppe eine kurze dicke elegante Pelzjacke. Auf seiner Stirn hingen kleine Schweißtropfen; aber er war nun wieder in übermütiger Laune. Romeo begrüßte ihn mit einem belustigten Auflachen, sagte im übrigen aber nichts mehr. Die Mädchen erschienen auf dem Bahnsteig; sie blieben, da sie die Herren gewahrten, in einiger Entfernung stehen. Nur ein verstohlenes Kopfnicken tauschte Romeo mit ihnen. Franz Maria Lotters Gehaben verriet wachsende Ungeduld. »Welche hat den Busen, von dem Sie sprachen?« fragte er, verstohlen hinüberblickend. Romeo lächelte ungläubig: »Na hören Sie –? Das sehen Sie nicht selbst? Die Dunkelblonde!« Der Meister stieß einen unterdrückten, komisch klingenden Lustschrei aus, er stieß Romeo in die Rippen. Allem Anschein nach brannte er bereits lichterloh. Er wollte von Romeo nun auch immer Neues über Lotte hören. Von Lotte drang ein silbern klingendes Lachen herüber. – Und auch während der ganzen Fahrt, die man auf des Meisters Geheiß zur Vorsicht in getrennten Abteilen zurücklegte, holte er Romeo eingehend über alles aus, was Lotte betraf. – Franz Maria Lotters wegen, der durch keine Versicherungen der Welt dazu zu bringen war, seine Person ›solch odiosen Brettern‹ anzuvertrauen – das märzhafte Wetter hätte das Skilaufen gerade noch zugelassen – ging man diesmal einfach spazieren. 194 Franz Maria mit Lotte voran, Romeo und Yvett folgten in einigem Abstand. Der Meister war wie von der Leine gelassen. Romeo fand es grotesk anzusehen, wie er in Lederhosen und Pelzjacke schäkernd um Lotte herum war, sie an den Härchen im Nacken kitzelte und allerlei Albernheiten trieb. Romeo ließ die beiden nicht aus den Augen; kaum ein Wort wechselte er mit Yvett. »Das ist psychologisch nämlich überaus interessant!« sagte er, wobei er forscherhaft zu lächeln versuchte; sonst nichts. Als aber Franz Maria plötzlich zurückblieb, um an seinen Wadenstrümpfen etwas in Ordnung zu bringen, oder sonst aus einem Grund, eilte er sogleich an Lottes Seite, um ihr mit möglichst sarkastischen Blicken auf den Meister zuzuflüstern: »Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande!« »Ich sehe nur die Winterlandschaft!« entgegnete Lotte mit leicht vibrierenden Nasenflügeln; trotzig, hochmütig vor sich hin blickend. Yvett trat mit dem Meister zu den beiden. Auf ihren mit nach innen gewandtem Blick lächelnd vorgebrachten Vorschlag hin vereinbarte man, sich in etwa zwei Stunden in dem gewohnten Gasthof zu treffen; dann schlug man getrennte Wege ein. Franz Maria Lotters ausgelassene Stimmung schlug in tiefste Schwermut um, sobald er sich mit Lotte allein sah. »Galgenhumor, Fräulein Lotte!« murmelte er tragisch, mit einer unendlich mutlosen müden wegwerfenden Handbewegung. Und mit schmerzlich herabgezogenen Mundwinkeln, in herrlichen, tief 195 bewegenden Worten, wie Lotte sie sonst nur in Büchern gefunden hatte, begann er von der Einsamkeit seines Künstlerlebens zu sprechen, enthüllte er ihr all die verständnislose Geringschätzung, die er von Seiten seiner Mitbürger und – was bei weitem schmerzlicher sei – auch von Seiten seiner Familie seit jeher habe erfahren müssen. »Wundert es Sie da, Fräulein Lotte«, schloß er mit tonloser Stimme, »daß ich das einzige, letzte, was mir aus dem Zusammenbruch meines Lebens noch geblieben: mein Werk . . . daß ich es scheu vor den zudringlichen unverständigen, kalkulierend tastenden Krämerblicken meiner Umwelt verschließe? Mein Werk . . . Sehen Sie! Erst nach meinem Tod, Fräulein Lotte, wird die Welt es zu beurteilen haben.« Der Meister verstummte. Er schritt heftig aus. Kaum vermochte Lotte mit ihm Schritt zu halten. Auch sie schwieg. Aber in ihrem Gemüt hatte bei Franz Marias Bekenntnis ein Glockenton von schicksalbedeutender Weihe zu schwingen begonnen. War hier nicht das langersehnte aufwühlende Erlebnis: der außergewöhnliche und darum verkannte Mensch, den sie lieben werde und den ihre Liebe dann zu den höchsten eisig-erhabenen Gipfeln der Kunst emportragen würde –? Lottes Augen umflorten sich. Wie tief doch auch sie eigentlich war! All die Munterkeit ihres Wesens – gleichfalls Galgenhumor. Eine Maske, die sie trug, um das Heiligtum ihrer Seele vor den zudringlichen, lüstern tastenden Krämerblicken ihrer Umwelt scheu zu verschließen. Ja, so war es, so und nicht anders war es immer gewesen. Doch erst dieser seltene 196 Mensch und Künstler, der jetzt, als wäre er ihr von Gott gesandt, einsam ringend an ihrer Seite dahinschritt, er hatte ihr den Blick für dieses ihr innerstes Wesen geöffnet. Zeitlebens würde sie ihm Dank dafür wissen, heißen lebendigen Dank . . . Nein, Franz Maria, von dieser Minute an stehst du nicht mehr allein; allein im Weltall . . . – Sollte sie es ihm sagen? Gleich? Nein, noch nicht. Dieses schicksalhaft-bange Schweigen, das sie beide nun geheiligt umhüllte, sie durfte es jetzt nicht brechen mit irdisch-alltäglichen Worten. Ausreifen lassen, dies unnennbare Gefühl, in der Stille der verschneiten Waldeinsamkeit hier. Es erst eine Weile noch so, ganz für sich, auskosten. Franz Maria – –! Franz Maria geht beklommen neben ihr, ohne sie anzublicken. Manchmal streift seine Schulter an die ihre. Dann fühlt er das eigentlich Unerquickliche an diesem inhaltreich schweigenden Nebeneinandergehn. Er fühlt es wie heißes Blut ihm in den Kopf hinauf steigen. Jetzt müßte er schon irgend etwas sagen, denkt er, gleichviel was. Er merkt, daß er durch den raschen Gang etwas außer Atem gekommen ist. In einem langen Atemzug bläst er die gestaute Luft aus den Lungen, damit er nun mit ganz ruhiger Stimme zu sprechen beginnen kann . . . Lotte aber hört nur seinen erregten stockenden Atem. Sie erschauert in süßbanger Erwartung. Franz Maria findet nichts, was er ihr sagen könnte, nichts, was er in diesem Augenblick sagen könnte, ohne trivial zu wirken. Denn was ihm blitzartig auch immer durch den Kopf geht, er verwirft es alsogleich. Es ist ihm, als hätte er, und auch Lotte 197 vielleicht, es in einem schlechten Roman schon gelesen. Etwas Gewöhnliches Konventionelles aber darf es nicht sein, jetzt, auf seine aufwühlende Beichte hin, unter keinen Umständen. – Er lauscht auf Lottes leichte Schritte an seiner Seite. Er verbietet es sich, ihren Schritten zu lauschen, bevor er etwas Geeignetes gefunden hat. Eine widrige Verlegenheit überkommt ihn. Er hätte Lust, laut nach Luft zu schnappen, sich auf der Erde zu wälzen, von einem starken Vieh angefallen zu werden – ein scheußliches Tier, in dessen Augen er seine Daumen . . .!! Er sieht rot. Abermals streift seine Schulter an die ihre. Er zuckt leicht zusammen. Fast unangenehm wirkt die Berührung diesmal auf ihn. Diese Feststellung beruhigt ihn für Sekunden. Was geht ihn die Göre da eigentlich an –? Lächerlich. Er wird jetzt, ohne allen Zusammenhang, ganz einfach von nebensächlichen fernliegenden Dingen zu sprechen beginnen – warum könnte er das nicht? Und zwar gleich, sofort. Doch nichts, nicht das geringste will Franz Maria einfallen. Es ist ihm, als sei sein Hirn ein Brei, ein rotierender Brei. Ein widriges Angstgefühl durchdringt ihn, preßt ihm die Kehle zusammen, quetscht Feuchtigkeit aus seinen geballten Fäusten. Unerträglich ist dieses Gefühl, qualvoll. Jetzt hat er ganz deutlich den Eindruck, seine Nerven kreischen zu hören, so etwa, als kratze einer mit einem schartigen Stück Stahl über Porzellan. Sein Gang wird unsicher. Er bemerkt, daß er mit Lotte nicht Schritt hält; hastig wechselt er den Schritt. Lotte spürt, daß Franz Marias Brust von heftigen Gefühlen durchtobt wird. Sie spürt den 198 Leidenschaftsausbruch herannahen. Geängstigt und gierig zugleich, fühlt sie den stockenden Herzschlag eines schwülen Schweigens in der Luft. Ein Wort, ein Anfang, um Gotteswillen! – hämmert es Franz Maria in den Schläfen. Es handelt sich doch bloß um ein Wort, ein einziges Wort, um das allererste! Sobald es gesprochen ist, geht alles von selbst weiter! Wo findet er's bloß, dieses eine Wort? Um Himmelsgotteswillen, was ist denn heute mit ihm los?! Er ist doch sonst nicht auf den Mund gefallen! »Im Anfang stand das Wort« – geht es ihm durch den Kopf. Wütend beißt er die Zähne zusammen. Zum Teufel, wenn ihm jetzt alle möglichen blöden Zitate einfallen sollten, statt eines Anfangs –! Er muß, muß jetzt etwas sagen, jetzt sogleich, auf der Stelle, ja! Etwas Bedeutungsvolles und doch Unverbindliches, was sein langes Schweigen erklärt. Sonst müßte Lotte ohne Zweifel den Eindruck gewinnen, daß er sie liebe und nur nicht wisse, wie es ihr sagen. Er wird sich zu allem noch lächerlich machen vor dem jungen Mädchen! Lacht sie nicht bereits verstohlen?! – Franz Maria wagt nicht, sie anzublicken. Lotte lächelt. Verloren, verträumt vor sich hin. Sie fühlt sich Mutter. Mutter des lieben großen Kindes da an ihrer Seite, zu dem sie den Blick nicht zu heben wagt, aus Furcht, sie könnte den Reifeprozeß seiner innersten Gefühle dadurch hemmen. Wie sicher er im Anfang war – erinnert sie sich voll Rührung – wie keck geradezu. An den Härchen am Nacken hatte er sie gekitzelt. Und jetzt . . . Wie schwer es ihm wird, das erlösende Wort auszusprechen. – Sie möchte ihm beistehen, ihm in seinem Ringen Verbündete 199 sein und doch wieder nichts missen von diesen süßbangen Augenblicken zweifelnder Gewißheit. Er neben ihr fühlt sich festgefahren in uralten stählernen Geleisen. Wie diesen qualvollen Zustand, dieses entsetzliche blamable Schweigen beenden, wie es beenden, um Himmelsgotteswillen?! – denkt er verzweifelt. Ach was, er wird jetzt einfach von etwas völlig Gleichgiltigem zu reden beginnen, ja, das wird er. Mit betonter Trivialität wird er reden. Kann ja Absicht sein! Sie kann sich doch ganz einfach in seinen Gefühlen geirrt haben, nicht? Er kann doch ganz einfach ein Träumer sein, der an völlig fernliegende Dinge gedacht hat, während er schweigend neben ihr herging. Er kann doch . . . ganz einfach . . . – Ja! Ja!!! Alles gut und schön! Wenn ihm so etwas Einfaches Gleichgiltiges eben nur einfallen wollte!! – – Nein, zu spät! Schon zu spät! Dieses verfluchte inhaltsreiche Schweigen währt nun bereits zu lange, als daß er jetzt noch in ein allgemeines Gespräch zurücklenken könnte, ohne sich ganz scheußlich vor dem jungen Mädchen zu blamieren. Jetzt muß er, unter allen Umständen, etwas ganz und gar Seltenes Metaphysisches sagen. Er öffnet den Mund wie zum Sprechen. Er schließt ihn hastig. Denn mit der zermalmenden Glätte einer Riesenschlange legt sich etwas Unnennbares von neuem um seine Brust, preßt ihm die Kehle zusammen. Seine Hände, in den Taschen zu Fäusten geballt, sind feucht. Er verwünscht sich, verwünscht diesen ganzen elenden Tag. Ein Wort! – betet er – nur ein Anfang . . .!! Lotte lächelt nicht mehr. Wohl fühlt sie noch immer, daß neben ihr ein ungeheuerliches Gefühl nach 200 Äußerung ringt. Doch die Gewißheit schwindet ihr hin, daß Franz Maria das aussprechen wird, was ihn bewegt. Um so mehr, als man jetzt doch sehr bald zu dem Gasthof gelangen und dort die anderen treffen wird. Sollte sich dann aber nochmals Gelegenheit zu einer Aussprache ergeben? Wahrscheinlich nicht . . . Jetzt empfindet auch Lotte dieses riesenhaft erregte Schweigen plötzlich als unheimlich, unerträglich. Inbrünstig wünscht sie, es möge zu Ende gehn. Zaghaft wendet sie Franz Maria den Kopf zu. Der sieht sie nicht, stiert mit einem merkwürdig leeren Blick vor sich hin, setzt wie mit Anstrengung Fuß vor Fuß. Wie ein alter Ritter in Rüstung geht er. Auf seiner Stirn perlt der Schweiß. Lotte erschrickt über die krasse Veränderung in seinem Aussehen. Nein, sie muß ihm zu Hilfe kommen, sie selbst muß das erlösende Wort sprechen! Vielleicht bereitet ihm, dem feinfühligen silberhaarigen Künstler, nur der beträchtliche Altersunterschied zwischen ihr und ihm unnötig Sorgen. Ja, das wird es wohl gewesen sein, was ihn am Sprechen hinderte, nichts anderes. Ach, das große liebe silberhaarige Kind! Lotte preßt ihre Nägel in die Handballen; sie gibt sich einen Ruck. Ihr Herz pocht hörbar, als sie jetzt stehen bleibt, ihre Hand zaghaft auf den Arm des Meisters legt, ihn aus blassem Gesichtchen tiefernst in die Augen blickt und mit zitternder, leicht belegter Stimme, doch unendlich innig die beiden Worte ausspricht: »Franz Maria!« Lottes Stimme schlägt wie aus dem Telefon an Franz Marias Ohr. Er erschrickt heftig, bekommt 201 einen hochroten Kopf. Aufs äußerste beunruhigt irrt sein Blick über den Waldboden hin. Lotte tastet nach seiner Hand, führt sie an ihr pochendes Herz. Verhalten, den Blick irgendwo seitwärts, stammelt sie, inhaltschwer: »Und glauben Sie, Meister, daß in Ihrem Leben . . . einer Frau eine Aufgabe erwachsen könnte?« Der Blick, mit dem Franz Maria sie jetzt anstarrt, hat etwas vom Blick des Wildes an sich, das sich von Jägern umstellt sieht. »Frau« . . . Mit aller Kraft sucht er das lähmende Erschrecken zu meistern, das ihn bei dem Wort Frau überfällt. Seine gesamte Existenz fühlt er bereits wanken und krachend zusammenstürzen unter der Intensität des Seelenbunds, den er da leichtfertig hergestellt hat. Doch als wäre sein Erschrecken nichts als tiefste Ergriffenheit, so blickt er Lotte durch die scharfgeschliffenen Zeißgläser jetzt voll in die Augen. Und im Tonfall düsterster Schwermut verkündet er, stockend, abgerissen: »Zu spät, Fräulein Lotte. Früher einmal, vor langer Zeit – ja! Heute nicht mehr. Zu spät.« Er preßt Lottes Hand, stößt die Hand von sich, macht Kehrt und schreitet heftig aus. Als müßte er sich gewaltsam von Bildern losreißen, die seinen Geist verführerisch lockend umgaukeln. Schweigend legen sie den Rest des Weges zurück. Lotte in der Haltung einer innerlich Ringenden. * Yvetts Spaziergang mit Romeo verlief qualvoll. Kein Zweifel mehr, er liebt Lotte. Was sie immer befürchtet hatte, es war eingetreten. Warum, o Gott, 202 war sie so schwach gewesen und hatte Lottes Hilfe in Anspruch genommen! Sie hatte doch gewußt, wie das enden würde. Wäre es da nicht besser, tausend Mal besser gewesen, sie hätte Romeo nie mehr gesehen? Dann hätte sie aus dem Zusammenbruch doch wenigstens eines gerettet: das Bewußtsein, nur durch äußere Umstände von dem geliebten Jungen getrennt worden zu sein. Nun war's zu spät. Romeo verriet sie. Um Lottes willen verriet er sie. Diese Schlange! Ja, vom ersten Augenblick an hatte Romeo Lotte geliebt. Und sie ihn! Verstellung, nichts als Verstellung – seine kühle, nahezu verletzende Reserve Lotte gegenüber. Keinen anderen seiner Freunde hatte er mitzubringen gewagt als diesen konfusen Steinmetz in Lederhosen und Steirerhütl. Aus Angst, Lotte könnte sonst für ihn selbst verlorengehen. Oh, sie sah nun klar, verzweifelt klar! Vom ersten Augenblick an, da sie sich von Lotte und Franz Maria Lotter getrennt hatten, war Romeo einsilbig, nahezu geistesabwesend gewesen. Und zwang er sich zeitweise auch zu einer Äußerung, so betraf diese doch immer nur Lotte. »Ich möchte wirklich zuhören wollen, was die beiden sich erzählen!« hatte er mit dem scheinheiligen Versuch, pfiffig zu lächeln, mindestens dreimal ausgerufen. Auch hatte er unentwegt auf die Uhr geblickt. Und als man sich noch kaum drei viertel Wegstunden von den anderen entfernt hatte, murmelte er bereits, nun müsse man bald an den Rückweg denken. Mit zerstreuten Blicken hatte er dann plötzlich den Arm um sie, Yvett, gelegt. Aber da hatte sie, weil sie doch ohnehin schon so lange Zeit mit aller Kraft gegen die aufsteigenden 203 Tränen ankämpfen mußte, seinen Arm von sich geschoben, stumm und sanft. Trotzdem hatte er das sogleich zum Anlaß genommen, um beleidigt nun gänzlich zu verstummen. Zwar war er, als sie sich dem Gasthof näherten, plötzlich wieder auffallend bemüht gewesen, seine unentwegte gedankliche Beschäftigung mit den beiden Abwesenden – was er ja doch nicht zu leugnen vermochte – als ein rein sachliches Interesse hinzustellen, der Verräter. »Wie gesagt, ich mache eben bei allem und jedem stets meine psychologischen Studien«, hatte er betreten gemurmelt. Schon gut! Das mochte er einer anderen einreden, nicht ihr! Sie wußte nun Bescheid, was es mit seinen »psychologischen Studien« auf sich habe. – Trotzdem hatte sie diesen Gedanken nicht ausgesprochen; im Gegenteil, sie hatte Romeos Erklärung nur mit einem feinen wissenden Lächeln quittiert. Aber nun mußte er doch bemerkt haben, daß sie sehr blaß und erregt war, denn plötzlich ließ er betreten auch von diesen Versicherungen seines »rein sachlichen Interesses« ab. Gewiß: sachlich . . . Aber sie wußte auch, was das für eine Sache war, der sein Interesse galt. Und schließlich hatte er, abschließend, im Ton einer starken Gereiztheit nur noch etwas völlig Albernes gebrummt. »Na ja, man überzeugt sich eben auf Schritt und Tritt davon, welch enge Grenzen dem weiblichen Intellekt gezogen sind«, oder so etwas hatte er gebrummt. Schon gut. Sie wußte nun Bescheid. Ach . . .! * Lotte und Franz Maria betraten als erste den nahezu leeren Gasthof. 204 Mit beseelt schimmernden Perlmutteraugen betrachtete Lotte den einsamen verkannten Meister, der hastig, mit wildem Appetit, wie es schien, eine Mahlzeit zu sich nahm. Sie selbst aß langsam und wenig. Ein freudiges mütterlich-bewegtes Glück klang aus ihrer Stimme, als sie plötzlich die Hand auf den Arm des Essenden legte und ihm mit feuchten Augen zuflüsterte: »Solche Spaziergänge müßten Sie öfters machen, Meister. Das würde Ihnen immer solch guten Appetit machen und Kraft für Ihr weiteres Schaffen verleihn.« Franz Maria hielt im Essen inne. Hastig schlang er den Bissen, den er im Mund hatte, hinunter. Den Kopf schief über den Teller geneigt, starrte er Lotte eine Sekunde entsetzt an. Dann glitten Schatten von Trauer über sein Gesicht. »Kann ich denn das, Lotte?« murmelte er. »Ich habe nicht weniger als vier Wohnungen leer stehen!« Unsäglich mutlos klang es. Und hastig, mit schmerzlich herabgezogenen Mundwinkeln wandte er sich von neuem dem Essen zu. Lotte schloß die Lider. Also selbst drückenden Geldsorgen war der verehrte Meister zu allem noch ausgesetzt! Ewiges Künstlerschicksal. Wie hatte es sie bei der Lektüre von »Beethovens Leben« kürzlich erschüttert, zu Tränen der Wut gegen die fühllose seichte Umwelt erschüttert. Und nun vollzog sich ebensolch düster-trauriges Künstlerlos hart neben ihr, an ihrer Seite. Wie konnte sie selbst da nur ans Essen denken! – Mit einer leidenschaftlichen Bewegung schob sie den Teller von sich; am liebsten hätte sie auch das Stückchen Rostbraten, das sie gerade im 205 Mund hatte, auf den Teller zurückgelegt; fast konnte sie's nicht mehr hinunterwürgen. Der Meister blickte von der Seite her kurz auf Lottes Teller. »Wie? Sie wollen nicht mehr essen? Essen Sie doch!« Lotte schüttelte bloß stumm, lächelnd-leidend, den Kopf. »Aber ist doch Unsinn! Sie können doch noch nicht satt sein? Essen Sie, Lotte!« Mit schwachem Lächeln schüttelte Lotte verneinend den Kopf. »Lächerlich!« knurrte Franz Maria. »Dann werd ich es eben essen. Sie wollen wirklich nicht mehr –?« In Lottes Augen leuchtete ein überirdisches Glücksempfinden auf. Demütig, mit bittender Gebärde schob sie Franz Maria den Teller zu. »Essen Sie, Meister«, hauchte sie mit zärtlich verlöschender Stimme. – Als Romeo und Yvett die Gaststube betraten, bemühte sich Franz Maria sogleich, eine erzwungene Lustigkeit zur Schau zu tragen. Seine Tragik – die sollte Lotten allein gehören. Lotte verstand es auch richtig und wußte ihm dafür Dank, heißen Dank. Hob sie das Geheimnis dieses heiligen Seelenbunds nicht mit einem Schlag über all die trivialen Lebensniederungen empor, in denen auch Yvetts Liebe zu diesem . . . Romeo lag? Was für ein bedeutungsloser, protzig gescheit tuender Durchschnittsjunge das doch eigentlich war. Das erkannte sie jetzt erst so richtig, wenn sie ihn mit diesem gereiften wunderbaren Menschen und Künstler verglich. Doch nein . . . Sie wollte nicht ungerecht, nicht undankbar sein. War es 206 schließlich nicht Romeo gewesen, der den Meister ihren Lebensweg hatte kreuzen lassen? * Zurück in der Stadt, verbrachte Franz Maria mit Romeo noch einige Stunden im »Kakadu«. Romeo sah, daß der Meister merkwürdig aufgeräumt und unruhig war. Lange Zeit sprach er scherzend von nichts anderem als von Lottes Brüstchen. Das berührte Romeo eigentlich unangenehm. Doch mit frivolem Eifer ging er lebemännisch auf das Thema ein; Franz Maria Lotter würde ihn sonst am Ende für einen Mucker gehalten haben. Allmählich verdroß es ihn jedoch, daß Franz Maria mit keinem Wort, keiner Silbe auch auf Yvett zu sprechen kam. War die etwa gar nichts? Und keiner Erwähnung wert? Von ihr mehr als das Leben geliebt zu werden, darauf brauchte man sich am Ende wohl gar nichts einzubilden? Wohingegen Franz Maria Lotter in seiner unerträglichen geheimniskrämerisch-triumphalen Weise nun auch anzudeuten begann, daß zwischen ihm und Lotte sich manches Bewegende ereignet habe. Das war eine Lüge, war ganz gewöhnliche Aufschneiderei von dem bourgeoisen Lüstling! Er log! Nichts, gar nichts, ein Dreck hatte sich zwischen ihm und Lotte ereignet! Die wußte gewiß etwas Besseres, als sich mit einem weißhaarigen Steinmetzkünstler einzulassen! »So, hm, na also, ich gratuliere«, murmelte Romeo mit einem festgefrorenen Lächeln. Doch als Franz Maria zum Überfluß nun noch wohlwollend-belehrend feststellte, es sei eine alte Tatsache, ganz junge Mädchen flögen auf reife Männer, da 207 vermochte Romeo nicht länger an sich zu halten. Er lächelte – unsäglich besserwissend, skeptisch lächelte er – und mit möglichst vielsagender diskreter Miene deutete er nun seinerseits an: er kenne Lotte doch schließlich viel länger, und sie sei ihm gegenüber auch alles nur nicht zurückhaltend gewesen, ganz im Gegenteil; aber für ihn käme sie leider nicht recht in Betracht. Denn bei ihm, müsse der Meister wissen, sei in erster Linie das ethische Moment ausschlaggebend. Und in diesem Punkt stehe Yvett nun allerdings häuserhoch über der Lotte. Wenngleich er damit ja nicht gerade zum Ausdruck bringen wolle, daß Lotte sonst nicht ein ganz passables Mädchen sein möge. Aber, wie gesagt, für ihn als Ethiker . . . – nun, der Meister verstehe schon. Übrigens könne der Meister sich in seinem – wie soll man sagen – wohlgeordneten Gefühlsleben, das eben das Gefühlsleben der Vorkriegsgeneration sei, doch in gar keiner Weise mit dem um so vieles komplizierteren, feiner differenzierten Seelen- und Sinnenapparat eines jungen Mannes von heute vergleichen! Offenbar entgehe es dem Meister auch, daß Yvett im Verborgenen gewisse erotische Vorzüge der Lotte voraushabe, von denen zu sprechen sich für ihn, Romeo, als Ehrenmann nur leider vollkommen ausschließe, aber da würde der Meister seine blauen Wunder erleben! Wahrhaft dämonisch sei sie, Yvett, und . . . – na, genug davon, wie gesagt. Aber das wisse eben nur er, Romeo, allein. Romeo schwieg. Er lächelte nur noch, wie in geheimen verbotenen Nachgenüssen schwelgend, vor sich hin. Mit arger Verstimmung mußte er jedoch 208 feststellen, daß seine Andeutungen ohne den geringsten Eindruck auf den Meister geblieben waren. Der schien ihm überhaupt nicht zugehört zu haben; er lachte mit hochrotem Kopf gerade wollüstig hinter einem vorübergehenden, spärlich bekleideten Animiermädchen her und hielt im übrigen unentwegt nach dem Kellner Ausschau. Als er eines Kellners endlich habhaft wurde, bestellte er händereibend russische Eier mit einem Gläschen Wermut für sich. Schweigend saßen die beiden einander nun gegenüber, und Romeo blieb nichts zu tun übrig, als finster und heftig an seinem elenden Glase Bier zu saugen, während er den Meister – immer noch mit dem gewissen geheimniskrämerischen Triumph in den Augen – tafeln sah, wobei er ihn zeitweise kurze wollüstige Lachtöne ausstoßen hörte, denen keine Erklärung nachfolgte. »Na, jetzt könnten wir aber allmählich ans Schlafengehn denken, sind Sie nicht müde?« äußerte Romeo mit etwas belegter Stimme. »Ja, einen Augenblick noch!« gab Franz Maria kauend zurück. Er hatte die Mahlzeit beendet, schob den Teller von sich. Er blickte Romeo an. In einer Regung von spontaner warmer Herzlichkeit legte er seine Hand auf Romeos Faust. »Herr Reif«, sagte er mit seltsamem Nachdruck, »es war ein schöner Tag! Wie selten einer in meinem Leben. Ich fühle in mir das Bedürfnis, mit Ihnen du und du zu werden. Würden Sie mir diese Gunst gewähren?« Romeo war fassungslos. Er hatte noch nie zu einem Mann mit silbern schimmerndem Haar »du« gesagt. 209 Und nun gar zu einem Angehörigen der ältesten angesehensten Parizierfamilie in der Stadt, der noch dazu ein bedeutender Künstler war. Welche Auszeichnung! Und der Meister bezeichnete es sogar als eine Gunst, wenn Romeo fortan ›du‹ zu ihm sagen würde . . . Das war doch zuviel, zuviel. »Aber Meister! Wie können Sie fragen«, stammelte Romeo, »es ist mir natürlich eine Ehre, eine große unverhoffte und unverdiente Ehre!« »Na also dann: Glück auf, Romeo, heil dir, du –!« lachte der Meister warmherzig und küßte Romeo auf die Wange. »Heil dir, Franz Maria . . .«, gab Romeo ihm den Kuß zurück, grenzenlos verwirrt. Der Meister rief den Kellner herbei, er bestellte zwei weitere Gläschen Wermut. »Das müssen wir begießen, Romeo!« rief er aufgelöst. Er vertrug keinen Alkohol. Romeo war über die Maßen glücklich. Er überhäufte Franz Maria mit Schmeicheleien, wobei er seiner Stimme einen tiefen männlichen Klang zu geben suchte. Und da ihm schließlich nichts anderes mehr einfallen wollte, log er, Lotte habe ihm beim Abschied noch rasch zugeflüstert, jede Minute, die man mit Franz Maria verbringen dürfe, sei ein Gnadengeschenk des Himmels. Überhaupt suchte er sich in jeder erdenklichen Weise Franz Maria angenehm, ja unentbehrlich zu machen; wobei er seine Sätze so anlegte, daß möglichst viele »du« und »lieber Freund« darin vorkamen. Sie tranken. Mit ineinander verschlungenen Armen. Ein quälend bitterer Tropfen im Becher der Freude und des Stolzes war für Romeo allein der Umstand, 210 daß er jetzt nicht auf den Tisch schlagen und ausrufen durfte: »Lieber Freund, jetzt wirst du aber mir die Gunst gewähren, zwei Gläschen Malaga zu bestellen! Du!« Seine Barschaft ließ es nicht zu. Fiebrig überlegte er gerade, ob er nicht hinausgehn und dem Zahlkellner seine Uhr als Pfand anbieten könnte, da erhob sich Franz Maria leicht schwankend bereits vom Tische. »Kommen sie . . . äh, was sage ich! Komm, Freund«, murmelte er, »bring den greisen Meister nach Hause.« In einer heißen Aufwallung von freudiger Genugtuung stand Romeo, als der Meister längst die Stiegen hinaufgetorkelt und auch das Licht im Treppenhaus längst erloschen war, immer noch vor Franz Maria Lotters Patrizierhause am Marktplatz. »Ein neuer wahrer Freund ist ein Gnadengeschenk für den Mann«, hatte der verehrte Meister zum Abschied gesagt, und er hatte Romeo lang und bewegt dabei die Hand gedrückt. Und auch nachher noch, in seinem Bett, konnte Romeo vor freudiger Erregung keinen Schlaf finden. Kein einziger seiner fiebrigen Gedanken galt Lotte und Yvett. Die Mädchen schienen ihm mit einem Mal unsagbar nebensächlich. Alle seine wachen Gedanken kreisten um den Freund, den Patrizier und Künstler, Franz Maria. * In den ersten Morgenstunden wurde Romeo von der Mutter aus dem Schlaf geweckt: Feuer sei ausgebrochen. Auf dem Marienplatz wahrscheinlich. Ob er denn die Signale und den Lärm nicht höre? 211 Unwillig warf sich Romeo auf die andere Seite. Sie solle ihn schlafen lassen, er sei doch kein Feuerwehraspirant. Man werde den Brand auch ohne ihn löschen! – brummte er schlaftrunken. Spät am Vormittag trat die Mutter mit dem Kaffee ins Zimmer. »Weißt du, wo es gebrannt hat?« rief sie mit weinerlichem Gesicht schon von der Tür. »Bei dem närrischen Lotter.« »Bei wem?« fuhr Romeo in die Höhe. »Bei dem Bildhauer Lotter. Es ist aber nicht viel passiert. Nur das Dach mit den beiden Mansardenzimmern ist abgebrannt.« Romeo fuhr mit beiden Füßen aus dem Bett. »Was?!« stammelte er »Weißt du das sicher?!« »Na, ich hab's doch gesehn! Ich war doch schon zweimal auf dem Platz. In aller Früh, wie's gebrannt hat, und vorhin wieder. Jetzt raucht es nur noch ein wenig und stinkt. Die Leute sagen, er selbst soll's angezündet haben.« »Wer?« stammelte Romeo. »Er selbst! Der närrische Lotter.« »Ja warum sagst du denn in einem fort der närrische Lotter?!« schrie Romeo die Mutter an. »Die Leute sagen's. Er soll Petroleum über den Fußboden der Mansardenstuben ausgeschüttet haben. Er stellt es allerdings in Abrede. Aber angeblich war er doch vollkommen angekleidet, als der Brand ausbrach. Folglich kann er um die Zeit noch gar nicht im Bett gewesen sein. Denke nur: um vier Uhr morgens.« »Entsetzlich!« murmelte Romeo, und in größter Hast fuhr er in die Kleider. 212 »Was ist entsetzlich? Wohin willst du denn, Romeo?« fragte die Mutter bange, mit leicht bebenden Lippen. »Na ich bitte dich, da sind doch seine ganzen Werke mit verbrannt! In der Mansarde hatte er doch das Atelier!« schrie Romeo. »Du glaubst, daß er Werke hatte? Er soll doch nie etwas gemacht haben.« »Schweig mit diesem Altweiberklatsch!« brüllte Romeo, indem er sich mit erregten Fingern die Krawatte band. »Überhaupt verbiete ich dir – hörst du? – von meinem Freund in diesem Ton zu sprechen!« »Von deinem Freund?« wiederholte die Mutter verständnislos, mit zitternden Lippen. »Er ist . . . dein Freund? Der Franz Lotter?« In Romeos Augen funkelte gerechte zermalmende Empörung. »Jawohl! Mein Duzfreund! Mein bester Freund!« Er stürzte aus dem Zimmer, schlug die Tür hinter sich zu. Die Mutter eilte ihm ins Treppenhaus nach. »Wohin Romeo? Was hast du denn?« rief sie weinerlich hinter ihm her. »Komm der Brandstätte ja nicht zu nahe! Es könnte ein Balken herunterfallen!« »Quatsch«, rief Romeo versöhnlicher und jagte die Treppen hinab. Atemlos kam er auf dem Marienplatz an. Tatsächlich! Das ganze Dach fehlte an Franz Marias Haus; zwei schwache dünne Rauchsäulchen stiegen noch aus dem Gebälk empor. Sonst bot der Platz kein verändertes Bild. Nur ein paar Leute standen in der Nähe des Hauses debattierend beisammen. Romeo konnte es kaum fassen, daß alle die übrigen 213 Menschen ruhig, als wäre nichts geschehen, ihrer Beschäftigung nachgingen. Beim Überqueren des Platzes schrak er plötzlich zusammen. Stand dort nicht Lotte –?! Er hielt eine Sekunde inne. Eilig näherte er sich ihr. »Was sagen Sie, Fräulein Lotte!« rief er ihr aufgeregt entgegen. »Fürchterlich. Der arme Franz Maria.« Er ergriff und preßte ihre Hand. Lotte war blaß und erregt. »Ich konnte ihn noch nicht sprechen«, sagte sie leise, den Blick am Boden. »Aber ich glaube, seine Werke . . . das Werk seines ganzen Lebens ist vernichtet.« Sie hielt inne, biß sich auf die Lippe. Romeo wandte den Blick nicht von ihren Lippen. Wie beseelt ihr Gesichtchen heute war! »Wollen Sie mit mir hineingehen?« fragte sie mit leicht belegter Stimme, doch ohne Romeo anzublicken. »Wir wollen versuchen, ihn zu sehen, zu sprechen.« Vor der Haustür standen ein Schupo und ein Feuerwehrmann. »Was wünschen Sie?« fragte der Schupo, als sie das Haus betreten wollten. »Herrn Lotter wollen wir sprechen. Wir sind seine nächsten Freunde«, gab Romeo leicht errötend zur Antwort. Der Polizist ließ sie passieren. Im Hausflur blieben sie stehn, denn sie hatten soeben Franz Marias Stimme vernommen, oben auf der Treppe. Und eine andere männliche Stimme. Die Stimmen näherten sich. Am Fuß der Treppe schienen die beiden Herren stehnzubleiben. Romeo strengte sich an, etwas von dem Gespräch zu erlauschen. »Also, wie gesagt, Herr Lotter«, hörte er 214 den anderen sagen, »wenn Sie keinerlei Ansprüche an die Gesellschaft stellen wollen, in bezug auf die versicherte Summe, dann hoffen wir eine Untersuchung hintanhalten zu können. Um so mehr als der Brand, wie Sie sagen, nur durch Ihre eigene Unvorsichtigkeit entstanden ist – behalten Sie das gut im Gedächtnis – und Sie ganz allein das Haus bewohnen . . . das Dienstpersonal schläft im Nebenhause, nicht wahr? So daß die körperliche Sicherheit keiner Person durch den Brand gefährdet war.« Nun trat Franz Maria an der Seite eines älteren Herrn auf den Gang heraus. Er war feierlich-dunkel gekleidet, sein Gesicht war ein wenig blässer als sonst, doch ruhig und gefaßt; es hatte einen merkwürdig vergeistigten Ausdruck. Jetzt bemerkte der Meister Lotte und Romeo. Er nickte ihnen kurz, doch nicht unfreundlich zu, geleitete den Herrn bis zu Haustür, verabschiedete sich, kam zurück. »Franz Maria«, rief ihm Romeo mit stockendem Atem entgegen und preßte mit beiden Händen seine Hand, »mein armer guter Freund! Wie kann ich dich meines innigsten Mitgefühles versichern! Du kannst mir glauben . . .« Franz Maria erwiderte Romeos Händedruck, entzog ihm die Hand jedoch sogleich, um nun mit beiden Händen Lottes Hand zu umschließen. Lotte hatte Tränen in den Augen. »Fräulein Lotte«, murmelte Franz Maria Lotter, den Blick irgendwo an der Mauer, »ich wußte es, daß Sie kommen würden. Schicksal, Fräulein Lotte, kein Zufall! Sehen Sie: jetzt, da kein Werk mehr von mir existiert und auch keines mehr existieren wird, jetzt kann ich es aussprechen, was 215 ich gestern, und niemals überhaupt, auszusprechen vermochte. Heute, um vier Uhr morgens, schlug der Welt eine Schicksalsstunde. Ich weiß es nicht, doch ich ahne dunkel, daß das Werk des größten bildenden Künstlers . . . vielleicht des Jahrhunderts . . . heute um vier Uhr morgens für immer und unwiederbringlich verlorenging. Kein Sterblicher – außer dem einen, der es geschaffen – hat je es erblickt. Eine unbekannte höhere Macht muß es so gewollt haben. Ich beuge mich ihrem Willen. Mögen nun auch meine Zeitgenossen sich dieser Vorsehung fügen.« Noch einmal preßte er Lottes Hand, während er ihr durch die scharfgeschliffenen Zeißgläser tief in die Augen blickte. Seine Augen hatten – sonderbar – einen beinahe triumphalen, freudig erleichterten Ausdruck. Dann nickte er auch Romeo noch einmal flüchtig zu und stürzte davon, die Treppe hinauf. Aus Lottes Kehle drang ein verhaltenes Schluchzen. Langsam, mit unsicheren Schritten ging sie zur Tür. Romeo folgte ihr in einem seltsamen Gemisch von Ergriffenheit und Gereiztheit. Franz Maria bedauerte es wohl, mit ihm du und du geworden zu sein? Hatte der Meister nicht mit Absicht jedes Gespräch mit ihm vermieden, nur damit er ihm vor Lotte nicht »du« zu sagen brauchte –? »Ich kann mir nur das eine nicht erklären . . .«, wollte Romeo draußen, auf dem Platz, eben zu sprechen beginnen, da sah er, daß Lotte gepeinigt zusammenzuckte. Na, na! War ihr seine Stimme etwa unangenehm? Auch recht! Flüchtig berührte sie mit 216 den Fingerspitzen seine Hand, flüsterte etwas, wie »jetzt allein sein«, und entfernte sich wankend, in der Haltung einer innerlich Ringenden. Über Romeos Stirn flüchtete eine dunkle Röte. Er blickte ihr nach. »Na, na! Diese Gemütstiefe –! Klimbim, abgeschmackter!« murmelte er ingrimmig vor sich hin und stürzte in entgegengesetzter Richtung davon. * Am nächsten Tag sprach man in der Stadt von nichts anderem als von dem Artikel über den Brand im Hause Franz Maria Lotters, den die »Umschau« am Morgen in großer Aufmachung auf der zweiten Seite veröffentlicht hatte. Die »Umschau« erschien nur einmal in der Woche und wurde von einem übel beleumundeten Menschen redigiert, den man sogar gewisser Bestechungs- und Erpressungsaffären verdächtigte. Obwohl dieses Blatt – zu dessen Mitarbeitern übrigens nur die peripheren Unzufriedenen Mißgünstigen zählten und in welchem sogar einmal ein Angriff auf die Person des Doktors Freißler als Volksbildner erschienen war – obwohl dieses Blatt nur wenig verbreitet war, hatte die Kenntnis von dem Artikel sich in den Vormittagsstunden doch wie ein Lauffeuer in der Stadt verbreitet. Überall, auf der Straße, auf dem Markt, in den Geschäften, Gaststätten und Friseurläden und daheim in den Familien, wurde der Artikel heftig erörtert und auf die verschiedenste Art kommentiert. » Ein unersetzlicher Verlust für die Kunstwelt « lautete in fetten Riesenlettern die Schlagzeile. Und: Das 217 Lebenswerk des heimischen Bildhauers Franz Maria Lotter durch Brand vernichtet «, der Untertitel. In zwei ganzseitigen Spalten wurde sodann die Bedeutung des Bildhauers F. M. Lotter gewürdigt. »Jeder, der sich in dieser amusisch-materialistischen Zeit noch Sinn und Herz für die Bedeutung der Kunst bewahrt hat«, begann der Artikel, »ist sich klar darüber, daß gestern, um 4 Uhr morgens, der Welt eine Schicksalsstunde schlug. Heute, da eine unbekannte höhere Macht, deren Willen und Vorsehung wir Zeitgenossen uns beugen müssen, es gewollt hat, daß von den Werken F. M. Lotters, dieses weltabgewandten begnadeten Menschen und Künstlers, kein einziges mehr existiert und wohl auch nie mehr eines existieren wird – heute können wir es von dieser Stelle aus offen aussprechen: durch diesen Unglücksfall ist das Werk des größten bildenden Künstlers vielleicht des Jahrhunderts für immer und unwiederbringlich verlorengegangen. Ein Verlust, der nicht allein unsere engere Heimat, vielmehr die gesamte Kulturwelt aufs schmerzlichste trifft. Wohl nur ganz wenige eingeweihte Kunstkenner hat F. M. Lotter, der gemeinhin Verkannte, der hohen Auszeichnung gewürdigt, seiner Werke ansichtig zu werden; doch diese wenigen Kundigen wissen dafür um so besser, welch unschätzbare Werte da in Verlust geraten sind.« Und in diesem Ton ging es weiter. – Was für ein neuer Fischzug im Trüben des Herrn Redakteurs der »Umschau« mochte wohl dahinterstecken? – Die Meinungen darüber waren geteilt. Zwar gab es nun bereits viele, die ihre Stimme erhoben und laut erklärten, die Stadt habe sich an dem größten 218 heimischen Künstler schwer versündigt, und die kritiklos überhaupt all das nachschwatzten, was in dem geschwollenen Artikel darinstand; aber die überwiegende Mehrzahl bewahrte trotzdem ruhiges Blut und bezeichnete das ganze als einen Trick, der Franz Maria Lotter wahrscheinlich ein nettes Sümmchen gekostet haben mochte. Unruhig begannen die verständigeren besonneneren Elemente erst am darauffolgenden Morgen zu werden, als auch der überall gelesene »Rietheimer Stadt- und Land-Anzeiger« einen Artikel brachte, der, wiewohl in weniger geschwollenen Ausdrücken, ungefähr doch das gleiche sagte. »Der in eingeweihten Kunstkreisen überaus geschätzte heimische Bildhauer . . .«, und so ging es weiter. War also am Ende doch etwas an Franz Maria gewesen? Man hatte es doch schon immer gesagt. Nur die anderen hatten's nicht glauben wollen. – Der Stimmen, die noch immer energisch das Gegenteil behaupteten, gab es nun schon bedeutend weniger. Selbst die Angehörigen des Meisters gingen aufgeregt und einigermaßen betreten umher. Vollends nervös wurde man jedoch am übernächsten Morgen, als die Rietheimer Abonnenten einer Tageszeitung der Hauptstadt aufgeregt die Nachricht verbreiteten, auch in ihrem Blatt stehe eine Notiz: » Das Lebenswerk eines Rietheimer Bildhauers durch Brand vernichtet. « So war Franz Maria Lotter also wirklich ein Bildhauer gewesen – ein bedeutender noch dazu? Wenn sogar schon ein hauptstädtisches Blatt die Nachricht brachte –! Franz Maria Lotter hatte tagelang nun nichts anderes zu tun, als Beileidsschreiben zu lesen und 219 Beileidsbesuche zu empfangen. Gegen alle, die sich jetzt in Tönen aufrichtiger Kulturreue an ihn herandrängten, war er indes von der gleichen warmherzigen, ein wenig leidenden, sonst aber durchaus gefaßten Zuvorkommenheit. Keinem Menschen ließ dieses edle Künstlergemüt es fühlen, daß die Stadt an ihm doch ein nie wieder gut zu machendes Verbrechen begangen hat, dadurch, daß sie ihren und vielleicht Europas größten lebenden Sohn und Bildhauer eigentlich stets verkannt und bespöttelt hatte. Ja sekundenweise schien F. M. Lotter sogar restlos froh darüber zu sein, daß alles sich so glücklich gefügt hatte. Wenngleich er unmittelbar nachher, jäh zusammenzuckend, sich der Katastrophe neu zu entsinnen schien und wieder seinen leidenden Ausdruck annahm. Ein Postsekretär und Radiobastler, der abends im Gasthaus ganz laut zu behaupten wagte, das ganze sei ein aufgelegter Schwindel: Skulpturen könnten nicht verbrennen, mindestens aber hätte man bei den Aufräumearbeiten abgesprungene Ton- oder sonstige Materialstücke finden müssen – dieser mißgünstige Lästerer mußte vom Wirt eiligst durch die Hinterstube hinausgeschafft werden, sonst hätten die maßlos aufgebrachten Stammgäste wohl Hand an ihn gelegt. 13 Romeo befand sich in diesen Tagen in einem ihm selbst unerklärlichen Zustand von Müdigkeit, gegen den er durch unruhige Geschäftigkeit anzukämpfen suchte; doch ohne rechten Erfolg. Es war bestimmt 220 nicht bloß das Fluidum des Frühjahrs, das wie auf ein Zauberwort nun plötzlich durch die Luft ging und das Romeo auch in seinem Blut spürte. Nicht ungern stellte er sich vor, daß vielmehr das kränkliche, beunruhigend verschlechterte Aussehen der Mutter die Ursache seiner unfaßbar herabgeminderten Lebenslaune sei. Ihr Gesicht war wie Wachs, und in den letzten Tagen aß sie fast nichts. Aber hatte sie ihm nicht versichert, daß der Arzt, bei dem sie auf Romeos Drohungen hin gestern war, nichts Beunruhigendes gefunden habe –? Jedenfalls konnte er sich nicht darüber täuschen, daß dieser Zustand der Mutter ihm näherging, als er ihm jemals zuvor hätte nahegehn können. Sie beschäftigte ihn jetzt, die Mutter, sie war ihm wichtig geworden, wichtiger – und auch das überraschte ihn – als Yvett. Von Yvett hatte er zu Beginn der Woche einen Brief erhalten mit der kurzen Mitteilung, das eingetretene warme Wetter setze dem Skilaufen in den Bergen und damit auch ihren Sonntagsausflügen ein Ende. Der Vater habe bereits eine solche Bemerkung gemacht und energisch betont, sie müsse bis zum Semesterschluß nun jede Minute zum Lernen benützen, sonst falle sie mit Pauken und Trompeten durch und die Blamage sei fertig. Sie wisse sich keinen Rat. Aber Romeo solle sie mittags in der Nähe der Schule erwarten und ihr sagen, wie er sich die Zukunft denke. Nun wartete Romeo wieder Tag für Tag bei der Schule. Er tat es gewissenhaft, doch ohne besondre Spannung und fast gewohnheitsmäßig. Daß Lotte, die ja gleichzeitig aus dem Gebäude kam, stets dabei war, 221 gehörte für ihn mit zu dieser Gewohnheit. Yvett freilich schien sich daran zu stoßen. Wohl deshalb hatte sie ihm auch bedeutet, er möge nicht genau vor dem Schulgebäude warten, sondern etwas weiter abseits, in einer Seitenstraße, wohin Lotte nicht käme. Ihm jedoch war es ganz selbstverständlich, auf beide, »auf die Mädchen«, wie er's verallgemeinernd bezeichnete, zu warten, und Yvett gegenüber äußerte er, Lotte könne schließlich nicht stören; vor ihr könne man doch ungeniert über alles sprechen, auch dürfe man sie nicht brüskieren – jetzt, da man ihre Hilfe nötiger habe denn je. Und dann sei es auch, meinte er, klüger, wenn sich Yvett jetzt nicht allein mit ihm zeige. So wußte er für diese Bedenken Yvetts Rat. Keinen Rat aber wußte er, soviel man auch auf diesen Wegen von der Schule darüber sprach, wodurch jetzt die Skiausflüge zu ersetzen wären. Vielmehr sprach immer bloß er davon, während die Mädchen aufhorchend schwiegen. Um etwas zu sagen, was auf die Mädchen erhöhten Eindruck machen mußte, warf er im Verlauf eines solchen Gesprächs einmal hin, ob Yvett nicht zu ihm in die Wohnung kommen wolle. Und er hielt auch Begründungen bereit, die ihre Einwände entkräften sollten. Von ihren, Yvetts, Bekannten wisse doch schließlich niemand, daß er in dem Haus wohne, und daß sie gerade zu ihm gehe – sie könne in dem Hause doch zu tun haben, bei der Näherin oder so – und von seinen Hausleuten wisse wiederum ganz bestimmt niemand, wer sie sei. Mit diesem Vorschlag war es ihm trotz den 222 empfehlenden Begründungen keineswegs ernst. Aber er freute sich in der Erwägung, daß der Gedanke, was er und Yvett in dem Zimmer dann tun würden, Lotte beschäftigen und vielleicht sogar ärgern könnte. Freilich konnte er Lotte derlei nicht anmerken: sie ging schweigend, wie immer, mit ihnen. Auf dem Weg von der Schule gelangte als erste Yvett zu ihrem Haus. Und in den allerletzten Tagen hatte sie sogar die Gewohnheit angenommen, sich gleich zu Beginn der Hauptstraße von ihm und Lotte zu verabschieden. Die Arme, sie zeigte jetzt überhaupt ein merkwürdig verändertes bedrücktes Wesen . . . Da Lotte aber weiter abseits in einer Seitenstraße wohnte, hatte er Gelegenheit, mit Lotte dann noch eine Weile allein zu sprechen. Er vermochte den Ausdruck schweigsamen Lauschens nicht recht zu deuten, den ihr Gesicht annahm, sobald er dann in bewegten Worten allsogleich und unentwegt von dem unbeschreiblichen inneren Reichtum des Meisters zu sprechen begann, des Meisters, den durch die Vernichtung seines Lebenswerks wohl das tragischste Los getroffen habe, das die Leidensgeschichte eines Schaffenden überhaupt aufweist. Ein innerer Reichtum und eine innere Größe seien es, von denen Lotte sich nur einen schwachen Begriff machen könne. Er als der Duzfreund des Meisters habe – wohl als einziger Sterblicher überhaupt – einen Blick in Franz Marias Seele tun dürfen, in einer Stunde von letzter Offenheit und Vertrautheit. Weiter dürfe er freilich nichts verraten, denn ein gegebenes Wort verpflichtete ihn zu lebenslänglichem Schweigen. Eines wolle er ihr aber dennoch sagen: sie sei 223 sich wohl klar darüber, welch erhabenes beneidenswertes Frauenschicksal ihr da unter Umständen zuteil werde. Jawohl, sie – sie und keine andere! – müsse den Meister erlösen. Es unversucht zu lassen, wäre Frevel gegen sich selbst, Frevel auch gegen die Nachwelt. Und die Nachwelt sei streng in ihren Richtsprüchen, das wisse sie. Sie möge nur an Ulrike von Levetzow denken: wie die Nachwelt beispielsweise mit der umspringe. Wie glücklich hätte es Yvett machen müssen, würde sie gewußt haben, daß Romeo davon und von nichts anderem sprach, so oft er mit Lotte allein war. Lotte ihrerseits verriet ihre Gedanken mit keiner Silbe; sie ging verschlossen ihren Weg, als wären sie zu dritt. Die gleiche erregte Beredsamkeit verwendete Romeo aber auch dazu, Franz Maria, den er in den Abendstunden täglich besuchte, zu überzeugen, er müsse Lotte wiedersehen. Sie glühe doch im Innersten vor Erwartung. Der Meister – er war seit dem Tag, an welchem sein Lebenswerk ein Raub der Flammen geworden, stets dunkel und feierlich gekleidet, sonst aber in seinem kindlich gefügigen Künstlergemüt heiter und guter Dinge – der Meister schenkte Romeo wohl bereitwillig Gehör, unternahm im übrigen jedoch nichts, um mit Lotte irgendwo wieder zusammenzutreffen. Wohl aber gefiel er sich darin, mit bloßen Worten, doch lebhaft schwelgend, über alle Teile von Lottes Körper dahinzugleiten. Der schwer geprüfte Meister zeigte sich damit als echter Künstler von olympischer Heiterkeit und bewies sich als Bildhauer 224 dadurch, daß er in allen Partien eines weiblichen Körpers, seinem Arbeitsfeld, schmunzelnd sozusagen zuhause war. Das war aber auch alles. Bis Lotte dann plötzlich ihr Schweigen brach. Zornrot im Gesicht, machte sie durch eine jähe unbeherrschte Handbewegung Romeos verstiegenen Reden von dem inneren Reichtum des Meisters ein Ende. »Ja warum sagen Sie das alles denn unentwegt mir?« herrschte sie den Erschreckten an. »Sagen Sie's ihm! Er soll kommen! Er soll mich umarmen und küssen! Anders kann man's, zum Kuckuck, doch offenbar nicht machen?« Da hatte Romeo, verblüfft und betreten, zunächst geschwiegen. – Doch an ihrer Energie entzündete sich die seine. Und am nächsten Tag, vor dem Schulgebäude, wußte er Rat. Er habe, zwölf Minuten vom Bahnviadukt, einen kleinen Gasthof ausgekundschaftet, wo man vollkommen sicher sei – verkündete er den Mädchen in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Dort müßten sie alle zusammenkommen. Sie müßten! Die Mädchen, indem sie am nächsten Tag die Geometriestunde schwänzen, die Stunde vor Schulschluß; und für Franz Marias Anwesenheit möge man ihn sorgen lassen! * Kaum hatten sich die Mädchen, Franz Maria und Romeo in der menschenleeren ungelüfteten Wirtsstube niedergelassen und bei dem uralten Wirtsweiblein eine Bestellung gemacht, als Romeo, nervöse Röte auf den Wangen, auch schon den Kriegsplan, 225 den er sich ausgedacht, spielen zu lassen begann. Das Eis muß gebrochen werden! Und in einem Pfänderspiel war es bald so weit, daß der Bildhauer die hinter dem Ofenschirm verborgene Lotte zu küssen hatte. So verfügte es Romeo, der die Auslösung der Pfänder leitete. Franz Maria protestierte, übertrieben lachend. Lotte aber erhob sich. Zögernd, mit abgewandtem Gesicht, trat sie hinter den Ofenschirm. Der Meister protestierte immer noch, krebsrot im Gesicht vor Lachen. Da stieß ihn Romeo, jedem Sträuben ein Ende machend, fast roh hinter den Schirm. Yvetts Blick forschte ratlos in Romeos unnatürlich angespanntem Gesicht. Nach Sekunden einer lähmenden Stille ließ sich hinter dem Schirm ein enttäuschtes, fast feindliches Auflachen Lottes vernehmen. Im gleichen Augenblick kam Franz Maria angstvoll erregt hinter dem Schirm hervor. Sichtlich waren ihm die möglichen Konsequenzen so verfänglichen Tuns zu Kopf gestiegen. »Was fällt Ihnen ein«, fuhr er Romeo unterdrückt an, »ich werde mich und meinen Ruf doch nicht einem jungen Mädchen ausliefern!« Und da Romeo zu erwidern versuchte, schnitt er ihm mit unverhehlter Hoheit – unter der Wucht der Ereignisse vergaß er das vereinbarte »du« – das Wort ab. »Sie haben nichts zu verlieren! Ich ja!« Blaß trat nun auch Lotte hinter dem Schirm hervor; sie sah keinem ins Gesicht. Unwillig riß sie Mantel und Hut vom Haken, murmelte etwas von Geometriestunde, rief, als wäre nichts geschehen, »Auf Wiedersehn« und stürzte aus der Stube. 226 »Ich gehe auch! Albernheiten!« knurrte Franz Maria unwillig. Ohne zu grüßen, verließ er den Raum durch die Küchentür. Romeo sah sich mit Yvett allein: zwei Zuschauer vor verödeter Bühne. Und da standen auch auf dem Tisch die vier unberührten Gläser . . . Noch immer spürte Romeo Yvetts Blick auf sich gerichtet: lähmend und peinlich. Er hätte gern die quälende Stille mit einem drastischen Wort der Verhöhnung der vorgefallenen Kläglichkeiten durchbrochen. Aber ihr Blick . . . Was war es nur mit diesem Blick? Er enthielt nichts von Einverständnis, verbot fast, ein solches zu suchen, schaute nicht mit Romeo, sondern auf Romeo, hob ihn, den vermeintlich unbeteiligten Zuschauer, auf die Bühne . . . Und plötzlich verstand er Yvetts Blick. Dort, wo eben noch Franz Maria Lotters Platz war, stand er selbst: verlogen, feige wie der Meister, mehr als er. Und Romeos Verachtung des Vorgefallenen wurde mit einem Schlag verzweifelte Selbstverachtung. Denn ihn selbst, das erkannte er nun, zog es zu Lotte – schon lange – und alle seine Manöver waren nichts als klägliche Versuche gewesen, sich und die andern zu täuschen. Verstecktere Versuche freilich, aber gerade darum um so erbärmlichere. Er hatte unwillkürlich von Yvett weggesehen. Als sein Blick jetzt wieder zu ihr hinschleicht, sieht er sie vornübergebeugt, die Hände im Schoß verkrampft, hilflos wie immer. »Wir müssen aufbrechen«, murmelt sie, ohne ihn anzusehn. »Ja ich habe . . . ich hab, glaube ich, nicht 227 genügend Geld bei mir!« stammelt Romeo. »Die beiden sind fortgerannt ohne zu zahlen!« Yvett greift nach dem Täschchen, das neben ihr auf der Bank liegt, öffnet es, schüttet es über dem Tisch aus. Ein Kamm, ein zerbrochener Spiegel, eine Postkarte und einige Münzen fallen heraus. »Vielleicht genügt es«, murmelt sie. Romeo zählt die Münzen mit dem Blick. »Es genügt«, flüstert er, »mit dem meinen zusammen.« Langsam, unentschlossen nähert er sich ihr. In seinen Augen ist Ratlosigkeit. Ohne Yvett anzublicken, läßt er sich neben sie auf die Bank nieder. Sein Kopf fällt auf ihre Schulter, in ihren Schoß. Ein dumpfes unterdrücktes Schluchzen dringt aus seiner Kehle. Yvett umschließt mit den Händen seine Wangen, ihre Lippen berühren sein Haar. »Mein Junge . . .«, weint sie. Romeos Rücken erzittert in einem stoßweisen lautlosen Schluchzen. »Mein armer Junge . . .«, weint sie; haltlos. 14 Seit zwei Tagen hatte Romeo den Fuß nicht mehr vor die Tür gesetzt. Zwei graue, gespannt hinschleichende Tage. Er schämte sich; gründlicher als je. Bis zur Hilflosigkeit schämte er sich. Er traute sich nicht mit den Mädchen wieder zusammenzukommen. Yvetts Güte und Teilnahme waren für ihn lästige Almosen, und wer bürgte ihm dafür, daß sie ihn bei der nächsten Begegnung nicht wieder so anblicken würde wie vorgestern. Er war, verschüchtert, schüchtern 228 geworden, wieder der scheue Knabe, den glücklich überwunden zu haben bisher sein Stolz gewesen. Und wie hätte er erst Lotte so unbefangen und sicher, wie sein Selbstgefühl es verlangte, begegnen können? Nicht etwa weil er sie liebte und das jetzt wußte, nein, weil sie der Anlaß seiner Beschämung war und nichts anderes. So glaubte er wenigstens, und vor allem wollte er es so glauben. In dem Bildhauer sah er nur noch eine verzerrte Karikatur seiner eigenen Kläglichkeit, er fürchtete ihn, diesen Doppelgänger, so wie er sich als Kind vor Gespenstern gefürchtet hatte. Noch niederdrückender als seine Ratlosigkeit bei jedem Gedanken an ein Zusammensein mit den anderen, war seine Hilflosigkeit sich selbst gegenüber, sobald er sich allein sah. Es war ihm selbstverständlich gewesen, an sich zu glauben. Und sein Auftreten, aber auch der Inhalt seines Empfindens, waren Propaganda dafür gewesen. Jetzt war er ein Apostel, der seinen Glauben verloren hatte. Plötzlich, über Nacht. Er war nichts. Und er war außerstande, etwas anderes zu denken als das. Die Zeit, wo er – ein paar Tage vorher noch – jugendlich hoffnungsvoll im Gefühl seiner Zukunft dahingelebt hatte, lag nun unwahrscheinlich weit zurück. Was konnte ein Nichts hoffen? Er fühlte sich Yvett verwandt, aber das beglückte ihn nicht, tröstete ihn auch nicht, sondern vermehrte seine Beschämung. Gerade indem er sich bewußt war, ihr damit näher zu rücken, wollte er nichts mit ihr gemein haben. Denn auch sie wurde für ihn damit nur eine Bestätigung seines Unwertes und – nichts anderes. Er war ein Selbstmordkandidat, der nicht an Selbstmord dachte. Das, woran er mit fiebriger 229 Unermüdlichkeit dachte, war darum nicht weniger quälend. Er mußte loskommen von Yvett, aber auch von Lotte, von ihnen allen, von dieser ganzen verfluchten Stadt, er mußte zu sich selbst kommen! – so schien es ihm. Mit Yvett verband ihn doch nur das eine, daß sie ihn liebte und daß er sie . . . gut leiden konnte. Aber er liebte sie nicht, nein, er wollte sie nicht lieben. Er fürchtete sich vor ihr. – – Als sein Kopf vorgestern in ihrem Schoß lag, ihre Lippen sein Haar berührten und er sie über seinen Kopf geneigt weinen hörte, da hatte er ganz deutlich das Gefühl gehabt: ihre weinenden Lippen in seinem Haar, ihre zitternden Hände an seinen Wangen, das alles sei Untergang, ganz sicherer Untergang . . . Der Mensch, der er bisher gewesen, dieser unmögliche feige grundverlogene Mensch, das war doch nicht er? Nein, das konnte nicht sein wahres eigentliches Ich sein, das wäre allzu fürchterlich – –! Nein, er spürte . . . ganz deutlich spürte er's in diesen letzten bangen Tagen: er war bloß verdorben, von Grund auf verdorben. Aber tief in ihm ruhte, schlief ein anderer besserer größerer Mensch. Und dieser Mensch – nicht er, Romeo, »Jurist Reif« – war es auch, der durch Yvetts bettelarme Liebe bedroht wurde. Er mußte fliehen von hier! Irgendwohin, wo die Menschen in Ruhe das sein konnten, sein durften, was sie in Wahrheit waren; wo eine geheime unwiderstehliche Macht einen nicht trieb, in jeder Minute des Tages mehr, anderes scheinen zu wollen, als man in Wahrheit war. Und das Teuflische daran: – dieses 230 ›Mehr‹, dieses ›Andere‹, nach dessen Lügengestalt zu streben es einen hier unentwegt zwang, das war zwei Schritte jenseits von Rietheim doch wahrscheinlich gar kein Mehr, sondern im Gegenteil ein Weniger. Und war diese erbärmliche Lebenslüge endlich vom Erfolg gekrönt, hatte man sich hier allmählich zu letzter Geltung, zu allgemeinem Ansehen emporgelogen, dann war man ein fertiger erledigter Mensch, den die übrige wesentliche Welt – sie mußte irgendwo jenseits von Rietheim liegen, vielleicht in ganz großen Städten und in ganz kleinen Dörfern – ausspie und von sich warf wie ungenießbares verwesendes Fleisch. Fort von hier! Nicht mehr lügen. Nicht länger lügen müssen! Wie aber konnte er fliehen? Er war arm. Er war an Rietheim gefesselt. Seine Mutter . . . – nur mit den größten Opfern und unter Zuhilfenahme der Miete, die ein Gymnasiallehrer für das dritte Zimmer bezahlte, war es überhaupt möglich gewesen, an ein Universitätsstudium zu denken. Und auch da nur, obwohl ihn das am allerwenigsten interessierte, an das Studium der Rechte; weil er hierzu nicht unbedingt in der Universitätsstadt zu sein, sondern später nur zu den Prüfungen hinzufahren brauchte. Nein, an einen dauernden Aufenthalt in der Hauptstadt oder sonst wo in der Fremde war nicht zu denken. Auch würde ihn die Mutter in diesem Punkt doch niemals begreifen können. – Jetzt war sie zu allem auch krank, wer weiß, für wie lange . . . Nein, er konnte, er würde sie jetzt nicht allein lassen, gleichviel, was aus ihm wurde. Er war verloren. Er war wohl verloren . . . 231 So war Romeo in seinen Gedanken und in der Wirklichkeit einsam geworden, zuletzt auch von sich selbst verlassen. Gerade in diesen Tagen merkte er, daß ihm eines geblieben war: seine Mutter. Aber dieser Besitz war für ihn ebenso niederdrückend wie der Verlust des andern. Immerhin empfand er es als erlösend, sich mit jemand beschäftigen zu können und dadurch seine Selbstquälereien unterbrechen zu müssen. Seine Zärtlichkeit, die nichts mehr durfte, durfte wenigstens diesen Schutz vor sich und den anderen lieben. Er beschäftigte sich mit der Mutter, in der Art, wie er sich manchmal mit Yvett beschäftigt hatte: mit einer Zärtlichkeit, die eigentlich – Mitleid war. Aber er beschäftigte sich mit ihr aus stärkeren äußern und stärkeren innern Gründen. Denn so wenig er es sich eingestehn wollte, und trotzdem der Arzt es nicht wußte oder nicht zu wissen schien, die Mutter war krank, schwer krank und brauchte ihn ganz anders als Yvett. Und er, der nun Trostlose, brauchte das Zärtlichseinkönnen viel mehr als jemals in den Tagen Yvetts. Damals war er neben anderem auch zärtlich gewesen. Jetzt blieb ihm nichts anderes als das. Und er war es um so stärker, als er fürchten mußte, daß auch diese letzte Möglichkeit ihm vor seinen Augen, zu seiner Qual dahinschwinden würde. Soweit er zurückdenken konnte, war die Mutter nicht krank gewesen. Nun lag sie zu Bett, mit abgezehrtem Gesicht, und hatte Schmerzen. Wo es sie schmerzte, sagte sie nicht, so sehr er auch in sie drang. Gestern noch hatte sie es sich nicht nehmen lassen, gegen Mittag aufzustehen, um für ihn zu kochen. 232 Heute ließ er es nicht zu. Das Essen wurde aus dem Gasthof nebenan geholt. Doch abermals nahm die Mutter nichts zu sich, keinen Bissen. Da schickte Romeo, ohne die Mutter vorher zu fragen, die Aufwartefrau nach dem Arzt. Der Arzt gab Romeo beim Fortgehn beruhigende Versicherungen. Er könne nichts finden. Die Mutter bedürfe lediglich der Ruhe und Schonung. Bei Frauen sei von einem gewissen Alter angefangen immer etwas in Unordnung. Aber das gehe natürlich vorüber. Sollte es der Mutter wider Erwarten in einigen Tagen nicht besser gehen, so möge Romeo ihn neuerlich verständigen. Dann wolle er die alte Frau einmal gründlich untersuchen, für alle Fälle sozusagen. Denn einer eingehenden Untersuchung habe sie sich bisher widersetzt. Na ja, das seien bei alten Frauen eben gewisse unausrottbare Verschämtheiten. Aber, wie gesagt, zur Beunruhigung sei vorläufig kein Anlaß. – Trotz diesen beruhigenden Mitteilungen des Arztes und ohne daß Romeo ihnen mißtraute, wurde er ein dumpfes Furchtgefühl nicht los, das offenbar gar nicht in seiner Besorgnis um den Zustand der Mutter begründet war. Er hätte sich in diesen Tagen freilich auch nicht gewundert, wenn der Boden ihm unter den Füßen geschwunden wäre. Er hielt es für selbstverständlich, daß auch die Mutter ihm entgleiten müsse wie alles, woran er sich hielt und klammerte. Und da sie ihm etwas war, was er verlieren sollte, verlieren mußte, bedrückte es ihn doppelt, daß er es niemals besessen hatte. Es quälte ihn, daß er von ihr, seiner Mutter, fast nichts wußte; daß er sein ganzes Leben von ihr noch weniger Notiz 233 genommen hatte als sonst Kinder von Eltern. Er hatte sie tagtäglich um sich herum schalten gesehen, ihre eintönige Besorgtheit als etwas Selbstverständliches über sich ergehen lassen und hatte sie, wenn sie ihm lästig wurde, mit Nachdruck von sich weggescheucht. Und doch hatte er, wie ihm jetzt einfiel, nur ein einziges Mal nicht mit ihr unter einem Dach gewohnt: die beiden Tage, da er zur Immatrikulation in der Hauptstadt war. »Die alte Frau . . .«, hatte der Arzt gesagt. Ja war sie denn eine alte Frau, die Mutter? Eigentlich konnte sie doch nicht gar so alt sein . . . Er selbst war kaum zwanzig; sie hatte, wie er zu wissen glaubte, in den üblichen Jahren geheiratet, und er war auch gleich im ersten Jahr ihrer Ehe, unmittelbar nach dem Tod des Vaters, eines von auswärts gekommenen Ingenieurs, der die große Eisenbahnbrücke gebaut hat, zur Welt gekommen. Freilich, so weit er auch zurückzudenken vermochte, immer war es eine alte, stets die gleiche alte Frau mit den blassen, leicht zitternden Lippen und dem vergrämten Gesichtsausdruck, die vor seinen Augen stand. War sie denn niemals jung gewesen, seine Mutter –? Romeo trat zu ihr ins Zimmer. Wie alt sie eigentlich sei? – fragte er. Der Arzt habe ihn danach gefragt. Sie wisse es nicht genau, sagte sie. Aber eigentlich würde sie selbst es nun gerne wissen . . . Er möge doch in der Tischlade nachsehen, dort müsse ihr Geburtsschein mit den anderen Papieren aufbewahrt liegen. Verwirrt starrte Romeo auf den Schein in seiner 234 Hand; er mußte sich zusammennehmen, um seine Erschütterung zu verbergen. War das möglich –? Nicht älter als achtundvierzig war die Mutter? Und doch . . . eine Greisin . .  Zögernd wandte Romeo ihr das Gesicht zu; er zwang sich zu einem Lächeln. »Gott, wie jung du eigentlich bist, Mutter. Achtundvierzig Jahre!« Ihr Gesicht lag klein und spitz in den Kissen; ihre Augen blickten die Zimmerdecke an. »Achtundvierzig . . .«, wiederholte sie leise. Romeo preßte es die Kehle zusammen. Hatte er richtig gesehn –? Dünne starrende Tränen, die langsam über ihre schlaffen Wangen hinabrannen. Hastig entfernte sich Romeo, auf Zehenspitzen, aus dem Zimmer. So sacht wie möglich schloß er die Tür. Er stand und lauschte . . . Langsam sank seine Stirn auf die Finger herab, die immer noch die Klinge hielten. So stand er Minuten. In sich versunken. * Die Mutter schlief. So gut es ging, brachte Romeo die Wohnung in Ordnung. Mit einem Ausdruck, der Ingrimm, Besessenheit verriet, wischte er mit dem Handtuch Staub von den Möbeln. Seine Bewegungen hatten etwas Wildes Aufgeregtes. Ein dumpfer Fanatismus schien ihn zu treiben, sein Reinigungswerk so gründlich, so unerbittlich wie möglich zu tun. In Hemdärmeln und Hausschuhen war er gerade dabei, mit einem um den Besen gewickelten feuchten Küchenfetzen so, wie er's die Mutter oft hatte tun 235 sehen, den Fußboden des kleinen Korridors zu reinigen, als an der Wohnungstür zaghaft die Glocke anschlug. Romeo fuhr zusammen. Lotte . . . vielmehr . . . Yvett! – zündete es wie ein elektrischer Schlag durch sein Hirn. Er warf den Besen in die Ecke, tat zwei Schritte gegen sein Zimmer hin, besann sich, hielt inne. Flüchtig brachte er mit den Händen sein Haar in Unordnung, nur einen kurzen prüfenden Blick warf er in sein Zimmer, dessen Tür offen stand, dann trat er mit müden schlürfenden Schritten an die Wohnungstür, öffnete. Draußen stand atemlos Yvett – in einem neuen hellen Frühjahrsmantel. »Was ist los, Romeo?« stammelte sie mit furchtgeweiteten verwirrten Meeraugen. »Guten Tag, Yvett«, murmelte Romeo sterbensmüde. »Komm herein.« Er hielt die Tür. »Nein!« flüsterte sie entsetzt. »Ich geh wieder hinunter und warte an der Straßenecke. Komm du herunter!« Romeo schüttelte verneinend den Kopf. »Ich komme nicht. Jetzt nicht und niemals mehr. Aber komm du herein, Yvett. Wir haben miteinander zu reden.« Der mutlose Ton seiner Stimme schnitt ihm ins Herz. Yvett starrte ihn ratlos an. »Das geht nicht, Romeo!« flüsterte sie anklagend. »Es kommt bestimmt heraus!« Romeo erwiderte nichts. Er hielt immer noch die Tür; sein Blick ruhte starr auf ihrem Hals. Ihre vibrierende Aufgeregtheit schien ihn zu erregen. Oben, im dritten Stock, ging eine Tür. Jemand kam die Treppe herab. »Jemand kommt!« flüsterte Romeo gepreßt, faßte 236 Yvett am Arm, zog sie in die Wohnung. Leise schloß er die Tür; er hielt den Finger vor den Mund. Beide standen bewegungslos. Die Schritte entfernten sich . . . Romeo deutete auf sein Zimmer. »Leise!« ermahnte er. »Die Mutter ist krank. Sie schläft.« Er schlich auf den Zehenspitzen voran. Unruhe im Blick, betrat Yvett Romeos Zimmer. Romeo schloß die Tür. Furchtsam – Romeo schien es: entsetzt – blickte sie stumm im Zimmer umher. Argwöhnisch folgte Romeo ihrem Blick; eine flüchtige Röte stieg in seine Wangen. »Ja, so und nicht anders sieht es bei mir aus«, sagte er laut, und eine merkwürdige feindselige Gereiztheit war in seiner Stimme. »Damit wird sich die Tochter des Herrn Winternitz leider abfinden müssen.« Verständnislos, aufgeregt blickte Yvett ihn an. »Ja also, was ist denn eigentlich geschehn, Romeo?« »Du kannst laut sprechen. Hier hört uns niemand«, unterbrach Romeo sie gereizt. »Na sag, was ist los? Warum warst du gestern und heute nicht vor der Schule? Rasch. Ich muß augenblicklich von hier fort!« »Na, dann bitte!« verkündete Romeo herausfordernd. »Ich will dich durchaus nicht aufhalten. Ich kann sehr gut begreifen, daß die ungewohnte Umgebung hier . . . dich nicht heimlich berührt.« »Aber was hast du nur, Romeo?« »Also lassen wir das!« entschied Romeo mit einer leidenschaftlichen Handbewegung. Und aus seinen Augen brach ein besessenes düsteres Licht. »Auch ich hab dir eigentlich nur wenig mitzuteilen. Folgendes: Sobald meine Mutter wieder gesund ist, verlasse ich 237 Rietheim. Für immer. Bis dahin aber bin ich fest entschlossen, mich von dir . . . und von allen Menschen hier, zurückzuziehn. Es muß sein. Schwerwiegende innere Gründe, über die ich nicht sprechen will, zwingen mich zu diesem Schritt. So. Und jetzt will ich dir auch nicht länger den Aufenthalt hier zumuten.« Er hielt ihr die Hand entgegen. »Leb recht wohl, Yvett, laß es dir gut gehn. Denk manchmal an mich.« Yvetts Augen waren die eines ertrinkenden Tiers. Ohne zu atmen, starrte sie auf Romeos Hand hinab. »Warum, Romeo?« hauchte sie, Tränen in der Stimme. »Sehr einfach. Weil ich sonst zugrund gehe. Das ist alles.« »Ich hab's mir gedacht«, flüsterte sie. Ihr Kinn sank auf die Brust. »Du hast recht, Romeo. Du mußt frei sein . . . von mir . . .« »Von euch allen.« »Nein, Romeo, bloß von mir. Von Lotte . . . nicht.« »Na, wenn du's so interpretieren willst – bitte, es sei dir überlassen!« fuhr Romeo gereizt auf. »Selbstverständlich werde ich Lotte ebenso wenig wiedersehn wie dich. Lotte ist mir total gleichgiltig. Ich stehe jetzt vor ganz anderen Lebensentscheidungen. Um Sein und Nichtsein geht es bei mir, meine liebe Yvett! Aber so weit reicht dein Verständnis für mein Seelenleben natürlich nicht! Es interessiert dich ja nicht einmal zu erfahren, was mit meiner Mutter ist!« »Quäl mich doch nicht, Romeo«, schluchzte Yvett nun fassungslos heraus. »Ich bin doch eben deshalb gekommen, um zu erfahren, was los ist. Sag mir alles! Du weißt doch, daß ich nichts bin . . . und daß ich 238 nichts will, als dich verstehn. Du sollst alles tun können, alles, Romeo, was du tun mußt. Nur quäl mich nicht! Sag mir etwas! Schick mich nicht fort wie eine gemeine Dirne! Du siehst mich doch heute zum letzten Mal . . . Nein! Sag mir lieber nichts! Es ist ja doch zwecklos. Küß mich noch einmal . . . und ich will gehn . . .« Das Schluchzen schüttelte, würgte sie. »Ich . . . hab doch nie . . . etwas anderes gewollt . . . als dein Bestes . : . Aber ich sehe ein . . .« Sie vollendete nicht, wandte sich ab, preßte ein Taschentuch gegen die Lippen. Romeo fühlte, daß er maßlos ungerecht gegen sie war. Aber er war keines befreienden Wortes mächtig. Ihr Schluchzen erschütterte, befriedigte und erregte ihn zugleich. Als sie jetzt mit dem Rücken zu ihm stand, sah er nichts als die stoßweise Bewegung ihrer Schultern, die geheimen Schauer ihrer Hüften . . . Sie muß den Mantel ablegen! – war sein einziger Gedanke. Zögernd trat er von rückwärts an sie heran. Nun fühlte er die schlanke Rundung ihrer Hüften an seinem Körper. Es war ihm mit einem Mal leicht und wohl, beinahe freudig zumute. Unschlüssig strich seine Hand über ihr Haar. Aber ich kann sie doch jetzt, ganz ohne Überleitung, nicht zu küssen beginnen! – fiel ihm ein. Er wandte die leise Weinende zu sich herum. »Liebe Yvett –«, flüsterte er traurig. Gleich darauf preßte er beide Hände gegen die Augen und verzerrte das Gesicht, als hätte er einen qualvollen inneren Kampf zu bestehen. »Nein! Geh fort, Yvett. Geh! Sonst geht alles wieder seinen alten Gang, und ich falle rettungslos in alles das zurück, was ich unbedingt in mir überwinden muß – sonst bin ich 239 verloren. Ich weiß doch, wie es jetzt werden würde! Ich werde dich zu trösten beginnen, zuerst mit guten Worten, dann mit Zärtlichkeiten und Küssen . . . und alles wird wieder gut sein und die alte Lebenslüge geht weiter, dieses ganze verheerende Gesellschaftsspiel . . . Nein, Yvett, es darf nicht mehr sein! Geh! Wenn du mich liebst, so geh jetzt!« Wenn sie aber nun wirklich geht? – dachte er. Warum eigentlich hatte er, jetzt eben, schon wieder gelogen? – Aber dieser Gedanke erschien ihm nun eigentlich geringfügig, gleichgiltig. Wenn sie nur blieb und den Mantel ablegte. »Ja, Romeo«, flüsterte sie mutlos, »ich gehe schon.« Sie hatte zu weinen aufgehört, sie war blaß, aber gefaßter als vorher. Denn sie wußte, sie fühlte es, daß Romeo sie nun nicht fortgehn lassen werde. Und weiter dachte auch sie nicht. »Leb recht wohl, Yvett«, flüsterte Romeo schmerzlich bewegt und hielt ihr die Hand hin. »Ich werde immer an dich denken.« »Leb wohl, mein Junge«, hauchte sie sterbenstraurig und legte ihre Hand in die seine. »Denk manchmal an mich, auch wenn ich – –« Romeos Lippen saugten sich an ihrem Halse fest. Er zog sie neben sich aufs Bett, öffnete ihren Mantel, warf sich über sie. Seine Hand irrte über ihre Blößen hin, vergrub sich . . . Er stöhnte dumpf auf, bewegte sich wie besessen über ihr. »Nicht! Nicht so! Laß mich!« flüsterte sie. »Ich will . . . deine Geliebte werden!« Romeo preßte seinen Mund auf den ihren; er keuchte Unverständliches. Besinnungslos warf er sich auf ihr herum. Er stöhnte 240 wollüstig, wie zu Tode getroffen, auf. Schlaff, atemlos fiel er über ihr in sich zusammen. Yvett hält den Atem an. Doch in wahnsinniger Erregung hämmert sie plötzlich mit beiden Fäusten gegen Romeos Brust, rüttelt ihn an den Schultern, stößt ihn von sich. »Wieder diese Gemeinheit!« schluchzt sie verzweifelt. Romeo taumelt vom Bett auf. Unsicheren Schritts tritt er in die Mitte des Zimmers, fährt sich mit beiden Händen durchs Haar, streicht einige Male über seine Stirn. »Schweig!« fährt er Yvett gereizt an. »Du wirst noch die Mutter aufwecken!« Verstört, verwüstet hockt Yvett am Rand des Bettes. Eine dunkle Röte steigt ihr in die Wangen, staut sich bedrohlich um ihre Halsschlagader. Ein tödlich erbitterter Blick streift Romeo: »Auf einmal! Vorhin sagtest du: hier kann uns niemand hören.« Romeo wendet sich stumm, verletzend von ihr ab, zieht einen Kamm aus der Tasche, bringt seine Frisur in Ordnung. »Feigling. Warum hast du wenigstens nicht den Mut aufgebracht, mich richtig zu deiner Geliebten zu machen?« Bei dem Schimpf ist Romeo merklich zusammengezuckt. Er lacht kurz, häßlich auf. »Aus Feigheit, meinst du –? Nun, so wisse, daß ich bei anderen Frauen nicht feige war!« »Das weiß ich. Du hast ja mit sozusagen diskreten Andeutungen dieser Tatsache nie gespart. Eben darum aber, bevor ich dich . . . auf immer verlasse, wünsche ich jetzt Klarheit über diesen Punkt. Du hast mich die ganze Zeit mit . . . mit dunklen Aussprüchen 241 hingehalten. Ich bin kein Kind und so dumm, wie du meinst, bin ich auch nicht mehr! Warum hast du mich nicht zu deiner richtigen Geliebten gemacht?!« In Romeos Gesicht ist Haß, nichts als feindlich lauernder Haß. »So. Ich habe . . . mit diskreten Andeutungen nicht gespart, sagst du. Du hältst mich mit einem Wort also für einen feigen verlogenen schleimigen Kerl?« Erregt hält Yvett dem erbittert auf sie gerichteten Blick seiner Augen stand: »Zuerst wünsche ich eine klare ernste Antwort auf meine Frage, Romeo. Das heißt: ich selbst will sie dir geben. Du hast mich deshalb nicht zu deiner Geliebten gemacht, weil du zu unmännlich, zu feig warst, die Verantwortung, die Verpflichtung für diesen Schritt zu übernehmen. Und weil das ganze in der von dir bevorzugten Art ja schließlich auch zum Ziel führt, nicht wahr? Für dich! An mich aber hast du dabei nie gedacht. Das sieht dir ähnlich. Du hast mich, die wenigen Male, die wir allein waren, stets nur aufgeküßt, um mich dann . . . unerlöst von dir zu schicken. Das war niedrig von dir! Denn seither bin ich in einem qualvollen Zustand von ständiger Überreiztheit, ich kann nichts anderes tun, nichts anderes denken . . . Es ist . . . es war eine Gemeinheit von dir! Warum eigentlich? Warum andere . . . und nicht ich?! Sei jetzt wenigstens nicht feig, nicht gemein! Antworte!« Yvett ist vom Bett aufgesprungen, sie zittert vor Erregung. Die Schlagader an ihrem Hals hämmert beängstigend. Romeo läßt sich auf einen Stuhl niederfallen, er schlägt die Beine übereinander. In seinen Zügen ist 242 vernichtungsbereiter blasser Hohn. »Bitte. Du sollst die Antwort haben. Aber sie wird anders ausfallen als du meinst. Nicht aus Feigheit, aus Unmännlichkeit hab ich dir andere Frauen vorgezogen – übrigens war es bloß eine, ein Dienstmädchen, ein ganz gewöhnliches Dienstmädchen, Fräulein Winternitz! – sondern deshalb, weil dieses Dienstmädchen mir für diesen Zweck einfach lieber war als du. Sie war nämlich keine höhere Tochter und vor allem – keine Jungfrau.« Yvett blickt ihn ohne Bewegung ratlos an. »Ich brauchte doch auch keine Jungfrau mehr zu sein. Wir kennen uns schließlich lange genug.« »Freilich müßtest und solltest du keine Jungfrau mehr sein«, wiederholt Romeo höhnisch. »Nur hättest du in dieser Beziehung nicht mit mir rechnen dürfen. Die Frauen und Mädchen, die ich besessen habe . . .« »Es war doch nur eine, sagtest du eben.« »Diese eine also . . . hab doch auch nicht ich von ihrer Tugend erlöst!« »Schön. Sehr schön. Irgendeiner aber muß doch auch bei deinem . . . deinem Dienstmädchen der erste gewesen sein! Und hätte ich nicht ein Anrecht darauf gehabt, daß du dieser Erste bei mir gewesen wärst? Dich liebte ich doch! Leider.« Erbittert lächelnd zündet sich Romeo eine neue Zigarette an. »Die Jungfräulichkeit ist etwas mir im Innersten Verhaßtes, Widerwärtiges«, sagt er, in einem überheblichen lehrhaften Ton, der zu wissen scheint, daß er unerträglich wirkt. »So«, höhnt nun auch Yvett. »Dir ist also 243 widerwärtig, was die größten Dichter aller Zeiten als Reiz und Tugend verherrlichten!« »Kleine Yvett . . .!« »Ich bin keine kleine Yvett!« »Liebe Yvett also . . . Das Vergnügen am Zerstören der Jungfräulichkeit überlasse ich gern den größten Dichtern aller Zeiten. Ich für meine Person habe kein Bedürfnis, mich in einen blutigen und dabei vielleicht aussichtslosen Kampf mit irgendwelchen gehässigen physischen Gebilden einzulassen.« In Yvetts Gesicht ist keine Farbe mehr. »Wie bodenlos gemein du sein kannst, Romeo. Das hätte ich niemals gedacht . . . Und dabei wagtest du zu behaupten, du hättest mich ein bißchen lieb.« »Hab ich, liebe Yvett. Aber vielleicht hättest du irgendeinem andern das . . . Geschenk deiner Unschuld darbringen und nachher in meine Arme zurückkehren müssen. Auf diese Art wärst du dann höchstwahrscheinlich meine ›richtige Geliebte‹ geworden – wenn du schon so großen Wert darauf legst. Geliebt . . . hätte ich dann freilich eine andere. Wieder eine Jungfrau nämlich. Lotte, zum Beispiel.« Yvett beginnt den Boden unter den Füßen zu verlieren. Zuviel dringt auf einmal in ihr Bewußtsein. »Also . . . einem andern hätte ich mich hingeben sollen –!« wiederholt sie, um Zeit zu gewinnen. »Ja. Warum nicht?« sagt Romeo. Yvett setzt sich, wie von Schwäche überfallen, wieder an den Rand des Bettes. Auch Romeo ist bleich. Doch mitleidlos, unfreundlich haftet sein Blick auf Yvetts Gesicht. Yvetts Schläfen hämmern. Die Erregung droht ihr die Stimme abzuschneiden. »Daß du 244 so sprechen kannst – heute! – das ist wohl das Äußerste. Übrigens . . . übrigens wird es dir nach all dem ja Freude machen zu hören, daß ich . . . daß ich in einem richtigen Instinkt deinem Rat bereits gefolgt bin.« Romeo lächelt ungläubig höhnisch verletzend. »Wie, bitte?« »Ja! Ohne zu wissen, daß das dein Wunsch war, hab ich es bereits getan.« »Was?« Yvett schweigt, blickt von ihm weg. Auch Romeo schweigt. Er überlegt. »So. Und das sagst du mir jetzt erst?« – Nach einer Weile, da keine Antwort kommt: »Wer war das Schwein?« Yvett blickt krampfhaft geradeaus vor sich hin. »Ein Mensch, den ich hochschätze.« »Älterer Herr demnach?« »Nein. Ein Tänzer.« Romeo blickt nun finster zu Boden; aber das höhnisch-feindselige Lächeln liegt erstarrt, verzerrt noch immer um seinen Mund. Auch um Yvetts Lippen spielt jetzt schlagbereiter Hohn. »Nun, diese Mitteilung muß dich doch eigentlich freuen, nicht?« Romeo lächelt. »Du lügst.« »Nein, mein Freund! Es ist so, wie ich sage.« Romeo erhebt sich, klopft von seiner Zigarette die Asche ab. Seine Stimme klingt gepreßt. »Höre. Wir sind heute zum letzten Mal zusammen, nicht wahr? Und heute erst – jetzt, in der allerletzten Minute – teilst du mir eine Tatsache mit, die, hätte ich früher davon gewußt, unsere Beziehungen weitaus 245 genußreicher, jedenfalls wesentlich anders hätte gestalten können. Du hast mich also um etwas betrogen, was . . .« »Jetzt auf einmal! Merkwürdig!« unterbricht ihn Yvett, düstern Triumph in der Stimme. »Du sagtest doch selbst eben erst, daß ich . . .« »Ruhe! Jetzt spreche ich!« schneidet ihr Romeo drohend, sprungbereit das Wort ab. Er beißt sich auf die Lippe, sucht in möglichst ruhigem Ton weiterzusprechen. »An der Tatsache, daß du dich einem andern hingegeben hast, läge mir – wohlgemerkt – nichts, soferne es im Bunde mit mir, mit meinem Wissen und einzig und allein im Hinblick auf mich geschehen wäre. In der von dir gewählten Form hingegen kann ich nichts anderes erblicken als einen groben abgefeimten Vertrauensbruch, und ich betrachte mich daraufhin in gar keiner Beziehung mehr mit dir verbunden. Darf ich dich bitten, mich nun zu verlassen. Ich muß jetzt übrigens nach der Mutter sehn.« Romeos Gesicht ist plötzlich von einem unheimlich einsamen besessenen und entschlossenen Ausdruck entstellt. Etwas Ungreifbares Banges Geheimnisvolles ist mit diesen letzten Sekunden ins Zimmer getreten, Yvett, aber auch Romeo, fühlen es; beiden engt es die Kehle ein. Yvett erschrickt; sie vergißt sich und ihre Rolle. »Du bist mir ein Rätsel, Romeo«, stammelt sie, weinend. Kaum hörbar, doch in einem so eisigen herzlosen Ton, daß seine Stimme Yvett wie ein Gespenst an die Nerven greift, wiederholt Romeo: »Ich bitte dich, 246 mich nun von deinem Anblick zu befreien. Ich muß jetzt übrigens nach meiner Mutter sehn.« Als wäre ihr Körper von Asche, so widerstandslos fällt Yvett nun am Bettrand in sich zusammen. Fast grau wirkt jetzt ihr Gesicht. »Aber so warte doch, Romeo, um Gotteswillen«, stammelt sie. »Du hast mich doch gar nicht fertig erzählen lassen . . . Wenn du mich auch so herausforderst! Es ist in Wirklichkeit doch gar nichts vorgefallen, es war nur die Rede davon und . . . – Ich muß es dir erzählen, wie es war. Eines Abends . . . du hattest mich am Nachmittag wieder einmal so von dir geschickt, so wie vorhin . . . da war ich mit den Eltern in einer Gesellschaft, wo getanzt wurde. Ich war verzweifelt und wollte auf andere Gedanken kommen, ich wußte damals bereits, wie es um dich und um Lotte stand, und so trank ich heimlich einige Gläser Sekt, die dort auf den Tischen standen. Ein junger Mann aus unserer Gesellschaft tanzte immer von neuem mit mir. Er flüsterte mir gewisse Dinge, Schmeicheleien ins Ohr, die mich im Augenblick freuten. Schließlich bat er mich um ein Rendezvous. Bei ihm zuhause.« »Und du gingst hin . . .« »Nein. Ich ging nicht hin. Aber vor einigen Tagen, als du täglich – nicht mich, nein, wie ich ganz genau fühlte: die Lotte, vor der Schule erwartet hast, da ging ich dann doch zu ihm. Unter dem Vorwand, bei seiner Schwester ein Buch abzuholen. In seine Wohnung.« Romeo stiert auf ihren Hals. »Also doch.« »Aber es ist doch gar nichts vorgefallen, Romeo!« 247 »Was heißt das! Willst du mich . . .?! War die Schwester dabei?« Yvett krampft die Finger ineinander. »Nein. Sie war nicht zuhause. Er war allein.« »Und?« Yvett wendet das Gesicht zur Seite. Ihre Wangen, ihr Hals sind wie mit Blut übergossen. »Er wollte auch nicht der Erste sein.« Romeo spricht einige Sekunden kein Wort. Im Raum herrscht eine unerträgliche Spannung, eine Geladenheit, die am Atmen hindert. Romeo lacht kurz trocken unheiter auf. Gleich darauf nimmt sein Gesicht abermals jenen unheimlich einsamen entschlossenen Ausdruck an. »Ich ersuche dich trotzdem, mich jetzt zu verlassen, Yvett«, wiederholt er in einem immer seltsameren Ton, der an eine Schallplatte erinnert. »Ich muß jetzt nach meiner Mutter sehn.« Willenlos, zerschlagen erhebt sich Yvett vom Bettrand. Mit den gleichen müden apathischen Bewegungen streichen ihre Hände über das Kleid hinab, tritt sie vor den Spiegel, um den Hut aufzusetzen, zieht sie den Mantel an. »Mir träumt jetzt oft von dir«, sagt sie, ohne Romeo, der reglos wartend an der Tür steht, anzublicken. »Heute träumte mir: ich stand auf einer Wiese mit vielen vielen Frauen. Wir bildeten eine endlose Reihe, deren Ende im Grau verschwand. Alle hielten wir ein rotes Band, das eigenartig leuchtete . . . nein, das Band hielt uns. Ich wollte mich losmachen, mich aus der Reihe befreien, da kamst du. Du tatst so, als wolltest du mir helfen. In Wahrheit sahst du aber bloß lächelnd zu, wie ich mich immer mehr verwickelte und . . .« 248 Yvett geht zu Romeo hin, hält ihm die Hand entgegen. Ihre Augen sind groß meergrün verwüstet. »Leb recht wohl, mein Junge«, sagt sie, ohne Mut. »Ich hab deinetwegen nicht erst heute gelitten. Doch ich weiß jetzt, daß ich niemals einen Freund hatte. Aber einen Feind, den ich besser gefürchtet hätte. Dich. Und . . . siehst du, ich kann dich auch jetzt nicht hassen. Ich hab dich gern. Weiterhin. Ich stehe vor Unbegreiflichem.« Romeos Stirn ruht einen Augenblick auf Yvetts Schulter. Dann öffnet er mit einer übertrieben brüsken Bewegung die Zimmertür, geht Yvett voran. Er öffnet die Wohnungstür. Sein Gesicht ist blaß, unbewegt. Aber seine Stimme klingt jetzt menschlicher; sie klingt traurig und verlassen. »Leb wohl, kleine Yvett. Ich . . . ich kann dir nichts erklären. Trachte, daß dich unten, vor dem Haus, niemand sieht.« Yvett geht. Das zerknitterte Taschentuch gegen den Mund gepreßt. Leise schließt Romeo hinter ihr die Tür. Im gleichen Augenblick klopft es schwach noch einmal an die Tür. Romeo öffnet. Seine mühsam aufgebotene Widerstandskraft will ihn beim Anblick von Yvetts tränennassem, in Schmerz aufgelöstem Gesichtchen verlassen. »Siehst du, Romeo«, stammelt Yvett, »als ich vorhin zu dir ging, hat eine alte Frau mir an der Straßenecke Veilchen angeboten. Die gibt es jetzt wieder . . . Veilchen.« Der hoffnungslos-hilflose Klang ihrer Kinderstimme schneidet Romeo ins Herz. Er will etwas sagen, da stürzt Yvett bereits ohne sich aufzuhalten 249 die Treppe hinab. Er macht eine Bewegung, um ihr zu folgen, in diesem Augenblick entdeckt er im Halbstock oben, beobachtend über das Treppengeländer herabgebeugt, Emma. Ein blindes Wutgefühl überkommt ihn. Mit drei Sätzen ist er bei ihr, packt sie am Handgelenk, verdreht ihr den Arm. Emma schreit auf. Er hält ihr die Faust unter die Nase – vor seinem entfesselten Blick erstirbt ihr der Schrei auf den Lippen. »Du Bestie, du elende, dreckige Hure!« stößt er hervor. »Wenn ein Wort von dem, was du gesehn hast, über deine Lippen kommt . . .!« Er hält inne. Die Frau Inspektor, Emmas Dienstgeberin, ist in diesem Augenblick auf die Treppe herausgetreten. »Was ist denn da los?!« ruft sie, wie aus den Wolken gefallen. Romeo läßt das Handgelenk des Mädchens los, seine Faust, immer noch geballt, sinkt hinab. »Gehorcht hat sie schon wieder, das Luder!« ruft er der Frau zu. In diesem Augenblick stürzt Emma die Treppe hinauf, stellt sich fluchtbereit neben die geöffnete Wohnungstür; ihr Gesicht verzerrt sich in einem Ausdruck von dreister Vernichtungswut; sie reißt einen zerknitterten Zettel aus der Tasche, schwenkt ihn in der Luft. Vor Wut bringt sie zunächst kein Wort heraus, endlich gelingt es ihr, Romeo zuzuschreien: »Keine Aufregung! Herr Winternitz weiß bereits alles! Telefon Nummer vierhundertachtundsechzig, da sehen Sie! Ich hab das feine Fräulein schon beim Kommen gesehn! Pfui Teufel, das sind die ›feinen Damen‹!« Romeo vollführt eine unbeherrschte Bewegung. Im 250 gleichen Augenblick ist das Mädchen hinter der Tür verschwunden. »Unterstehen Sie sich, mein Dienstmädchen noch einmal zu behelligen! Kümmern Sie sich um Ihre Damenbesuche, Sie – besserer Herr, Sie!« schreit die Frau Inspektor so laut sie kann. Jetzt öffnen sich auch in den anderen Stockwerken Türen; Köpfe neigen sich übers Geländer herab, stieren von unten herauf. Langsam, wie verfolgt nach allen Seiten blickend, steigt Romeo die wenigen Stufen hinab, betritt er die Wohnung. Im Vorzimmer lehnt er sich mit dem Rücken gegen die Tür. Ein dumpfer Laut dringt aus seiner Kehle. Sein tastender Blick fällt auf die Zimmertür der Mutter: Eisig legt sich ihm eine beklemmende Ahnung um die Brust. Die Mutter! Er hatte sie bei dem Letzten jetzt völlig vergessen . . . – Er zwingt sich – etwas in ihm will ihn daran hindern – auf jene Tür zuzugehn, die ihn wie etwas unsagbar Feindliches Drohendes anstarrt. »Soll ich die Mutter nicht lieber noch ein wenig schlafen lassen?« denkt er. »Der Schlaf wird ihr gut tun und ich könnte sie aufwecken!« Aber er weiß, daß dieser Gedanke nichts ist als eine absurde Ausflucht, und daß er jetzt hineingehen muß. »Vielleicht benötigt sie irgend etwas. Ich muß doch wenigstens nachsehn, ob sie noch immer schläft«, ermahnt er sich. Er erschrickt vor dem Klang einer fremden Stimme: seiner eigenen Stimme. Die letzten Worte hatte er halblaut vor sich hin gesprochen. Er beißt die Zähne zusammen, sucht zu lächeln, legt die Finger auf die Klinke. Er besinnt sich, er tut so, als würde er sich besinnen, geht 251 in sein Zimmer, gießt Wasser ins Waschbecken, wäscht sich angelegentlich Gesicht und Hände. Er erschrickt vor dem stieren ausdruckslosen Blick seiner Augen im Spiegel – irgendwie aber erleichtert es ihn gleichzeitig, daß er jetzt keinen normalen, sondern einen starren, halb verrückten Blick hat. Er kämmt sich das Haar. Er betritt den Korridor, hält inne, da er sich die Anfangstakte eines Operettenschlagers pfeifen hört; er schließt für einen Augenblick die Augen, reißt sich zusammen und geht rasch zu der fürchterlichen Tür hin, öffnet sie. Das stets dunkle Hofzimmer erscheint ihm im Dämmerlicht noch düsterer als sonst. Nur mit Anstrengung glaubt er die Gegenstände unterscheiden zu können. Das Bett . . . – Er zwingt sich, näher an das Bett heranzutreten. Weiß und spitz liegt der Kopf der Mutter in den Kissen. Sie bewegt sich nicht, sagt nichts. »Na also, sie schläft noch immer, das wird ihr gut tun!« glaubt Romeo zu denken. Er sucht erleichtert zu lächeln; er wendet sich auf dem Absatz, um auf den Fußspitzen das Zimmer wieder zu verlassen . . . »Du Hund, du elender, sie ist ja tot!« heult etwas in ihm auf. Er hält inne, das Herz klopft ihm zum Zerspringen. »Mutter!« ruft er unterdrückt, immer noch gegen die Tür gewandt. Er lauscht. »Mutter!« ruft er heiser noch einmal und stürzt zum Kopfende des Bettes hin. Geisterhaft ruht der Kopf der Mutter in den Kissen. Romeos Hand sucht tastend die Wand nach dem Lichtschalter ab. Licht flammt auf. »Sie ist tot!!« hämmert es Romeo in den Schläfen. 252 Er ist keiner Bewegung fähig. Das Gesicht ein wenig zur Seite gewandt, wie zur Flucht nach der Tür hin, stieren seine Augen von der Seite auf den Kopf der Mutter hinab. »Sie ist tot . . .! Unsinn, ich bin verrückt, sie schläft!!« wirbeln die Gedanken durch sein Hirn. Das Gesicht der Mutter ist nicht so wächsern wie in den letzten Tagen; es ist wohl sehr bleich, ist aber glätter beruhigter als vorher. Und doch ist etwas Fürchterliches Unheimliches Jenseitiges und . . . Feierliches in dem Gesicht. Die Mutter schläft . . . Nur das linke Auge steht mit einem ganz schmalen Spalt offen, und nur diese eine Gesichtshälfte erscheint Romeo tot; mehr tot als die andere. Das Kinn, die Unterlippe hängen herab, als wollten sie von dem übrigen Gesicht fortstreben, ins Nichts. Unheimliche rätselhafte Schatten liegen unter den Augen, auf den Wangen. Auch die Stirn der Mutter ist absonderlich. Groß und furchtgebietend. Sie schläft . . . Die Bettdecke ist bis zum Kinn heraufgezogen, als würde die Mutter frieren. Romeos Blick schleicht über die Decke hin, zum Fußende. Die Zehen des einen Fußes liegen bloß. Eine große knöcherne Zehe mit einem häßlichen Höcker . . . Unter dem Nagel ist sie schwärzlichgrau. Ist es Schmutz . . . oder sonst etwas . . . – Romeos Blick schleicht zum Gesicht der Mutter zurück. Es schwindelt ihm; er muß sich an den Bettpfosten klammern, um nicht umzusinken. Seine Hand tastet sich zur Wange der Mutter vor, berührt sie . . . – Er stößt einen dumpfen Angstlaut aus, wie ein Tier, tastet sich aus dem Zimmer, verläßt taumelnd die Wohnung. Er hält sich am Treppengeländer fest. 253 Mühsam steigt er Stufe für Stufe hinan. Seine Zähne schlagen wie im Schüttelfrost gegeneinander. »Emma! – Emma! Die Mutter!! « stöhnt er mit weit aufgerissenen Augen. * Vom Weinen halb blind, von Hitze und Frost geschüttelt, ohne klare Besinnung, doch von einem erbarmungslos klaren messerscharfen Schmerzgefühl in der Brust, in der Seele, dahingetrieben, irrt Yvett durch Straßen. Fremde Straßen . . . Ein Haus sieht wie das andere aus. Fremd kalt hämisch und abweisend. In der Luft aber, die lau und sehnsüchtig über diesen feindlichen trostlosen Straßen schwebt und auch die seltsam fernen Häuser umschmeichelt, ist die beklemmend süße tieftraurige Ahnung eines Frühlingsabends, ist der Geruch von Feldern und Wiesen, weit draußen vor der Stadt. Ohne es zu merken, ist Yvett auf ihrem Weg schon zweimal durch Romeos Straße gekommen und blind an dem Haus, wo er wohnt, vorbeigehastet. Plötzlich sieht sie sich an der Tür Axel Kolbenstetters stehen. KOLBENSTETTER – liest sie mechanisch immer von neuem von einem alten verblaßten Emailschildchen ab. Sie steht da und sucht zu begreifen, was sie hier will. Nur einen dumpfen Drang fühlt sie in sich, die Glocke zu bewegen und einzutreten. Eine atemlose eisige und doch unendlich ruhige beruhigte Stille umgibt sie. »Um Sie wird es vielleicht schade sein . . .«, geht es ihr immer von neuem durch den Kopf. Der Blick zweier einsichtsvoller grauer abseitiger Augen hinter Brillengläsern begleitet ihn, 254 diesen Satz, vertieft Klang und Bedeutung der Worte. Ihre Hand will die Glocke berühren, da wird Yvett abermals von einem krampfartigen haltlosen Schluchzen gepackt. Ohne Besinnung stürzt sie, das nasse zerknitterte Taschentuch gegen die Lippen gepreßt, wieder auf die Straße. Sie steigt eine breite teppichbelegte Treppe empor. Zweiundfünfzig Stufen . . . Die muß sie schon oft gegangen sein. Sie steht vor einer anderen fremden Tür. RUDOLF WINTERNITZ – liest sie, buchstabiert sie von einem edelrostfarbenen Kupferschild ab. Ein Mädchen öffnet ihr. Pauline ist es, ganz richtig, Pauline . . . Warum Yvett plötzlich wieder an ein entsetzliches und doch wunderbar erregendes Bild denken muß, das lange Jahre, in vielen heimlichen Nacht- und Tagesstunden vor ihren Augen stand, das ihr in letzter Zeit aber – seltsam! – eigentlich nie mehr in den Sinn gekommen war: ein entblößter, schaurig entblößter rasender Trainsoldat und ein keuchendes Mädchen, ähnlich wie Pauline, in einem Kämmerchen . . . – »Fräulein Yvett«, schlägt Paulines Stimme wie aus der Ferne an Yvetts Ohr. »Gehn Sie jetzt besser gar nicht hinein, ins Speisezimmer! Es hat einen riesigen Streit gegeben zwischen den Herrschaften. Wir in der Küche waren schon ganz verzweifelt. Die gnädige Frau ist jetzt in ihrem Zimmer, aber der Herr – –« Sie verstummt. Eine Tür wird aufgerissen. Herr Winternitz tritt heraus, das Gesicht fahl, von Wut entstellt, die Stimme bis zur Unkenntlichkeit 255 verändert. »Du gehst augenblicklich auf dein Zimmer und erwartest mich dort!« stößt er wie mit Anstrengung hervor und tritt sogleich wieder ins Zimmer zurück. Schlägt die Tür hinter sich zu. Yvett geht in ihr Zimmer, legt Hut und Mantel ab. »Seltsam«, denkt sie, »daß ich zittere. Daß in meiner Seele überhaupt noch Raum ist für ein Gefühl der Angst, noch dazu vor dem Vater. Kann mir denn noch Schlimmeres geschehn, als sich heute ohnehin schon ereignet hat? Kein Zweifel: die Eltern wissen bereits, daß ich am Nachmittag bei Romeo in der Wohnung war . . .« Sie hört den Vater kommen. Hastig wischt sie mit dem Taschentuch über die Augen. Bleich und fremd steht der Vater mitten im Zimmer. Wie ist er überhaupt hereingekommen? Er tritt ganz nahe an sie heran. Sie weicht zurück, denn sie will ihm den Weg freigeben, dem Vater . . . Er hebt die Faust. Er läßt die Faust sinken. »Wo warst du – heute nachmittag?« Seine Stimme klingt heiser mißtönend atemlos. »Antworte!!« brüllt er und stampft mit dem Fuß. Die Augen treten beängstigend aus seinem erdfahlen Gesicht hervor. Yvett muß sich am Nähtischchen festhalten; es flimmert ihr vor den Augen. »Bei der Schneiderin war ich«, entgegnet sie mit schwacher Stimme, ohne Hoffnung, daß der Vater es glauben könnte. Im Gesicht des Vaters geistert ein Hoffnungsschimmer auf. »Bei welcher Schneiderin?« fragt er drohend. »Bei . . . bei der Lachowsky«. 256 Der Vater fährt mit den Fingern über die Stirn. »Hat sie Telefon?« »Nein.« »Wo wohnt sie?« Der Vater zieht ein Notizbuch, einen Bleistift aus der Tasche. »Sie wohnt . . . Schubertstraße dreizehn, dritter Stock.« »Lachowsky soll sie heißen?« »Ja.« Der Vater läßt die Hand mit dem Notizbuch sinken. Hilflos, gequält irren seine Augen über Yvetts Gesicht. »Du warst dort?« »Ja.« »Warum hast du geweint?« »Weil . . . weil ich bei der Prüfung heute abermals ein Nichtgenügend aus Geographie bekommen habe.« »Deshalb?« »Ja. Ich werde durchfallen.« In die Wangen des Vaters kehrt die Farbe zurück, seine Augen nehmen einen kindisch-erleichterten Ausdruck an. Er macht eine Bewegung, als wollte er Yvetts Hand ergreifen, die schlaff hinabhängt. Plötzlich zieht er Yvett an seine Brust, schlingt beide Arme um sie, preßt sie an sich. »Du lügst nicht, Yvett, nicht wahr?!« stöhnt er. »Du warst bei der Schneiderin! Wirklich! Und aus keinem andern Grund hast du geweint! Nur weil du ein Nichtgenügend bekommen hast!« Yvett schmiegt ihren Kopf an seine Brust. Es geschieht, so weit sie zurückdenken kann, zum ersten Mal, daß der Vater sie in die Arme schließt. Die 257 Tränen laufen ihr über die Wangen hinab. »Nein, Vater, aus keinem andern Grund hab ich geweint. Sei gut zu mir.« Der Vater streichelt ihr das Haar. Auch er weint, doch in seinem Gesicht ist ein befreiter, maßlos erleichterter Ausdruck. »Na, weißt du, Yvett, mach dir nichts aus dem dummen Nichtgenügend. Wenn du willst, nehm ich dich schon jetzt aus der Schule heraus und du kannst in einem feinen Pensionat wohnen, weißt du? – in der Schweiz, oder sonst irgendwo, wo's dir eben gefällt. Wir werden uns doch nicht quälen und uns das Leben verbittern, nicht wahr, mit dieser blöden Schule! Ist es dir recht so, ja?« Yvett nickt stumm, sie bringt nun keine Silbe mehr hervor. Der Vater küßt sie auf die Stirn, gibt sie frei. Wie gut er ist! So gut wie noch nie! Und wie weh es ihr tut, daß sie ihn so belügen muß, gerade heute! Der Vater starrt auf das Notizbuch in seiner Hand. Ein Schatten von argwöhnischer Besorgnis kehrt in sein Gesicht zurück. »Du hast mich wirklich nicht angelogen, Yvett?« fragt er, weinerlich, und in seinen Augen irrlichtert von neuem die Angst. »Du –! Ich geh jetzt in die Schubertstraße und werde bei der Schneiderin nachfragen, Yvett!« Yvett nickt zustimmend mit dem Kopf; anderes vermag sie nicht mehr zu tun. Sie muß sich setzen . . . Noch eine Sekunde ruhen die Augen des Vaters – jetzt fast demütig, bettelnd – auf ihrem Gesicht. Dann wendet er sich rasch und geht zur Tür. Um Yvetts Schläfen, um ihre Brust legt sich ein eisig-feuriger Ring. »Vater!« ruft sie, und ihr Herzschlag setzt aus. 258 Der Vater wendet sich heftig nach ihr um. Furcht dämmert in seinen aufgerissenen Augen. »Du hast . . . gelogen!« zischt er. Abermals wird sein Gesicht fahl wie die Erde. »Ja.« Ein gurgelnder Laut dringt aus seiner Kehle. Sein Gesicht verzerrt sich, tappend tritt er heran. Mit dem Fuß schleudert er das Tischchen beiseite – Yvett taumelt vom Stuhl auf -– zwei harte heftige Schläge treffen ihre Wangen. Yvett läßt sich zu Boden gleiten. Sie sitzt auf der Erde, die Beine, als fröre sie, eng an den Leib gezogen. Sie gibt keinen Laut von sich, sie schüttelt nur verneinend den Kopf. Und das immer von neuem. Unentwegt. Ihr Blick ist erloschen, ausdruckslos. Sie hört, wie der Vater das Zimmer verläßt, wie von außen der Schlüssel zweimal im Schloß herumgedreht wird – es klingt wie ganz weit von hier entfernt. Sie schüttelt verneinend den Kopf. Sie hört auf dem Korridor draußen einen kurzen Wortwechsel, unterscheidet die Stimme der Mutter und die des Vaters . . . Sie schüttelt den Kopf. Sie hört die Stimmen herankommen, erhebt sich, geht zum Fenster, öffnet es, schüttelt verneinend den Kopf, blickt auf die spätabendliche Straße hinab. »Ich werde mich nicht hinunterstürzen«, denkt sie, kopfschüttelnd, »nein, das darf ich nicht und will ich nicht tun. Meine Eltern sind gut, auch die Schläge des Vaters waren gut, und darum darf ich's nicht tun. Aber sehen sollen die Eltern, wie nah ich dem Selbstmord bin. Das ist keine Lüge, das ist wahr! Sobald sie ins Zimmer treten, werde ich tun, als würde ich mich hinunterstürzen wollen. Sie werden 259 mich im letzten Augenblick zurückreißen, werden mir verzeihn, und der Vater wird dann immer so lieb zu mir sein wie heute. Auch Romeo wird es erfahren, daß ich mich seinetwegen hab töten wollen, und auch er wird wieder lieb zu mir sein.« Sie hört die erregten Stimmen der Eltern ganz nah an der Tür, hört, wie der Schlüssel hastig im Schloß herumgedreht wird. Kopfschüttelnd kriecht sie aufs Fensterbrett, richtet sich auf dem Fensterbrett in die Höhe. Mit beiden Händen hält sie sich am Vorhang fest. Kopfschüttelnd vernimmt sie in ihrem Rücken einen angstvollen Aufschrei der Mutter, einen warnenden Entsetzensruf des Vaters. »Jetzt werden sie mich zurückreißen«, denkt sie. Kopfschüttelnd neigt sie sich – der Vorhang hält sie doch! – ein wenig aus dem Fenster. »Damit die Eltern glauben, daß es mir ernst damit ist!« denkt sie. Da – –, sie stößt einen durchdringenden Schreckensruf aus – der Vorhang gibt nach, löst sich . . . sie sucht sich nach rückwärts zu werfen; unwiderstehlich reißt es sie vorwärts. Ein wildbewegtes feuriges Meer brandet vor ihren Augen – sie fällt, sie weiß, daß sie ins Bodenlose fällt, daß es das Ende ist. Über ihr, wie eine wehende Flagge, fällt der Vorhang auf die Straße hinab. 15 Romeo liegt im Zustand seltsamer Starre – der Kopf schmerzt ihn, er glaubt wahnsinnig zu werden – auf dem harten halbzerfallenen Ledersofa seines Zimmers. Das Hoffenster ist geschlossen, der alte 260 Vorhang ängstlich darüber zusammengezogen. Aber durch einen unbedeckten Spalt blaut ein winziger Ausschnitt des lauen leuchtenden Frühlingabends ins Zimmer. Unten im ersten Stock wird das Klavier gestimmt. In den Dissonanzen, die gedämpft heraufdringen, schwingt alles Elend des Tages. Erklingt dann eine Oktav endlich rein, so wirkt alles nur noch hoffnungsärmer, noch vergeblicher sinnberaubter verzweifelter als vorher. Immer wieder schlägt unten der Klavierstimmer einen Akkord an, lauscht ihm einen Augenblick nach, dann fängt es von neuem an. Die Erinnerungen an das zuletzt Erlebte füllen das dumpfe dunkle Zimmer. Heute ist es genau drei Wochen her, daß die Mutter begraben und Yvett in ein Sanatorium der Hauptstadt geschafft wurde. Mit schweren inneren Verletzungen, beide Beine gebrochen. Yvett wird auf Jahre hinaus nicht mehr gehn können. Sie wird – die eigentlichen Jahre ihres Lebens – an einen Rollstuhl gefesselt sein. Fürchterlich, es zu Ende zu denken. Yvett, mit ihren großen, jetzt vielleicht noch größer gewordenen verträumten Augen, in denen das Meer ist, bewegungslos in einem Rollstuhl . . . Vielleicht wird sie nach einigen Jahren komplizierter Behandlung wieder gehn können – diese Hoffnung lassen die Ärzte bestehen. Aber selbst dann wird sie, und das sei absolute Gewißheit, zeitlebens stark hinken. Wie ist es bloß möglich, geht es Romeo durch den Kopf, daß Yvetts Schicksal – es ist doch bei weitem grauenhafter! – ihm trotzdem weniger nahe geht als das der Mutter? Dieser durch ein Krebsgeschwür 261 verursachte Tod, dem kein Leben voranging, nichts als ein paar alltägliche Lebensäußerungen – ein Tod, der einen ihm kaum bekannten Menschen traf . . . Und er erinnert sich, wie sehr es ihn damals schmerzte, als es ihm zum ersten Mal zum Bewußtsein kam, daß ihm die Mutter nur ein unvertrauter Irgendjemand war. Er erinnert sich genau an damals. Aber es ist eine bloße Erinnerung; eigentlich wie andere Erinnerungen auch. Und doch müßte ihn – spinnt er den Gedanken weiter – heute das alles weit schmerzlicher berühren als damals. Voll Qual ruft er sich, wie so oft schon, einen entsetzlichen Gedanken ins Gedächtnis zurück: Vielleicht ist die Mutter gerade in jenen Minuten – allein – gestorben, als er über dem Leib Yvetts nichts als dumpfe sinnlose Lust gespürt hatte . . . Diese Ungewißheit ist das Fürchterlichste von allem. Und ist es nicht eben dieses Gefühl gemeinsamer Schuldverdammnis, was ihn, auch jetzt noch, daran hindert, Yvett jenes allerletzte Mitgefühl entgegenzubringen, das ihre Liebe, ihr Unheil, bei ihm auslösen müßte? Romeo lauscht in sich hinein. »Selbstquälereien im dumpfen Zimmer!« will ein Gedanke der Unmut sich in ihm Bahn brechen. Er erschrickt über diese Teilnahmslosigkeit. Und jetzt wird ihm – er wehrt sich dagegen – mit einem Mal klar, daß auch der Tod der Mutter – er hatte es sich bisher nur nicht einzugestehen gewagt! – genau wie das Schicksal Yvetts nur eben noch schmerzliche Erinnerungen sind, kein Schmerz, dem man nicht entlaufen könnte, sondern Erinnerungen, die kommen, häufiger oder seltener, die aber wieder gehen. 262 Romeo rührt sich nicht, er läßt seinen Gedanken, zum ersten Mal, ihren Lauf. Sollte er nicht aufstehn, die Tür aufmachen, die Treppe hinuntergehen . . .! – Und nun erinnert er sich auch an den Tag, als ihm auf dem Gericht verlesen wurde, zur Hinterlassenschaft gehöre neben der Wohnungseinrichtung ein Sparkassenbuch, von dessen Existenz er bis dahin nichts gewußt hatte. Damals hatte er sich der Infamie geschämt, daß ihm gleich im Augenblick der Verlesung eingefallen war, der Betrag sei ja groß genug, um ein Jahr oder noch länger irgendwo fern von Rietheim zu leben. Schon damals war er also, ohne daß er's gemerkt hätte, so gewesen wie er heute war. Und hatte er nicht schon damals die Tür geöffnet – die Tür in die Freiheit, in die Zukunft? Was war es anders, wenn er, weiterblickend als er blicken konnte, der Behörde sogleich klar gemacht hatte, es sei, da kein ausdrücklicher Wunsch der Mutter vorliege, überflüssig, ihm für das knappe Jahr bis zu seiner Großjährigkeit noch einen Vormund zu bestellen; er sei kein Knabe mehr, sondern akademischer Bürger, und er werde sich des Vertrauens der Behörde gewiß niemals unwürdig erweisen. Man möge ihn, der gegebenen außerordentlichen Umstände gemäß, daher jetzt schon für großjährig erklären. – Für infame spekulative Gerissenheit hatte er es damals gehalten, und er hatte sich auch der stolzen Befriedigung geschämt, die ihn erfüllte, als der Postbote ihm vor wenigen Tagen die Großjährigkeitserklärung der Gerichtsbehörde zustellte. Sein noch am gleichen Tag aufgegebenes Zeitungsinserat wegen Verkaufes der 263 Wohnungseinrichtung . . . Seine langwierigen, bis heute ergebnislosen Verhandlungen über den Preis mit den wenigen Interessenten . . . Und schließlich jene gemessene Haltung eines würdevollen Haushaltungsvorstands, in der er dem Untermieter, seinem ehemaligen Gymnasiallehrer, zum Fünfzehnten gekündigt hatte . . . Wegen alles dessen hatte er sich verachtet und sich mit Selbstvorwürfen gequält. Wie sinnlos! Nichts von dem allen war infam. Alles war vielmehr ein natürlicher gesunder Instinkt der Rettung. Flucht aus Rietheim. Aus diesem vergifteten und vergiftenden Leben ringsum . . . – In diesen übermächtigen Wunsch münden längst alle seine irrenden Gedanken. Er will sich von allem hier loslösen, vom Schatten der Mutter, von dem Gespenst Yvetts und dem uneingelösten Wechsel »Lotte«. Und er will ein neues Leben beginnen in einer fremden fernen Stadt, ein Leben ohne Bindungen . . . Romeo legt den Arm über die Augen. Wie töricht, wie sinnlos! – denkt er. Ein Leben ohne Bindungen! Als ob er es länger als Tage, Wochen hindurch ertrüge, ohne einen Menschen zu sein, dessen Geschick dann nahezu sein eigenes ist. Wie drängt alles in ihm jetzt schon wieder zu neuen Menschen hin, nach diesen endlosen drei Wochen, die er seit jenem einen vernichtenden Entsetzenstag grenzenlos verlassen in diesem Elendszimmer zugebracht hat . . . Romeo richtet sich halb von seinem Lager empor; seine Augen haben einen fiebrig matten Glanz. »Ja«, denkt er, »ich werde neue Bindungen eingehen, aber andere, bessere als bisher!« Und hatte er sich nicht in einem verborgenen übermächtigen Drang, gegen den er vergeblich 264 anzukämpfen suchte, schon in den Tagen Yvetts nach einer anderen fernen ungewissen Frau gesehnt –? »Fort von allem hier! Um jeden Preis!« Erregt schließt Romeo die Finger um die Rückenlehne des Sofas; er zieht sich halb in die Höhe, preßt die heiße Stirn gegen den Arm. Gibt es aber anderswo wirklich und wahrhaftig ein besseres lichteres erfüllteres Leben? – denkt er in größter Anspannung. Oder schlummert Rietheim, jeweils nach Größe und Lage, Volk und Rasse in seiner Gestalt verändert, unter der Oberfläche auch jedes anderen Ortes? Ist Rietheim nicht am Ende die Welt, das Leben hier das Leben schlechthin? Gibt es überhaupt einen Ausweg, Rettung aus dieser Lebensverdammnis?! Und wo ist der Weg? Flucht? Wohin?! Nimmt man denn das Rietheim in der eigenen Brust, das weitaus verhängnisvollere, nicht mit sich, wohin man auch immer geht? Was tun –?! Aufseufzend sinkt Romeo auf das harte zerrissene Kopfkissen zurück. Er entsinnt sich des Briefes, den er heute morgen von Yvett erhalten hat. Er dreht das Licht an, um ihn noch einmal zu lesen. »Mein lieber, lieber Junge! Es ist zu Ende. Es ist Nacht, für immer Nacht um mich. Du bist nicht mehr da und wirst nie mehr da sein. Ich sehe nicht mehr. Du siehst noch. Willst du einmal – noch ein Mal – gut zu mir sein? Dann soll jede es sein, jede – hörst du? – nur Lotte nicht. Lotte nicht! Das heißt, wenn es nicht anders geht, wenn du es tun mußt, dann mag auch Lotte es sein. Es ist gleichgiltig, gleichgiltig . . . Yvett.« 265 Romeo läßt die Hand mit dem Brief sinken. Der Brief fällt auf den Teppich. Romeo macht keine Bewegung, um ihn aufzuheben. – – – – – Von unten schlägt, fern und freudig, die Durkadenz des Klavierstimmertriumphes an Romeos Ohr. Das feindselig-mißgestimmte Klavier, das Dissonanzenheer, ist besiegt, tributpflichtig zu reinen Oktaven. Befreite Akkorde, aus sonoren Tiefen in hellere Höhen . . . Da – die Triumphkadenz erklang verfrüht. In den obersten Regionen der Tasten höhnen immer noch Dissonanzen. Unter der bewaffneten Faust des Stimmers geben auch sie jetzt wimmernd ihr dünnes Dissonanzleben auf; eine nach der anderen . . . Romeo springt vom Sofa empor; er stürzt in die Mitte des Zimmers. Er erträgt es nicht länger, das alles! Fort von hier, aus diesem ihn erwürgenden Zimmer! Kein Nachdenken mehr, keine Vierteltöne! Luft!! Menschen!! Er reißt Hut und Mantel vom Haken . . . Sein Blick fällt auf den winzigen tiefblauen Spalt am Fenster. »Was will ich noch mit dem Mantel?« denkt er. »Draußen ist Frühling, ich wußte es bloß nicht!« Er schleudert den Mantel in die Ecke, fährt mit beiden Händen durchs Haar und stürzt aus der Wohnung. Dort, wo die Hauptstraße und der Ringplatz sich schneiden, bleibt er stehen. Benommen starrt er in das bunte Gewimmel von frühlinghaft gekleideten Menschen. Es ist noch Tag, der Himmel leuchtet wolkenlos blau; nur die Schaufenster der größeren Geschäfte schimmern bereits in künstlichem Licht. 266 Wie hübsch und sauber die Menschen sich in dem Zwielicht ausnehmen. Eine biegt um die Ecke; über den Arm eine Menge kleiner, artig weißer Paketchen. Formblühend und schwelgerisch bewegt sich im Gehen ihr Leib unter dem schwarzen, knapp anliegenden Frühjahrskostüm; frische samtene Wangen, dunkelblonde Locken schimmern anmutig gerötet unter dem Baskenmützchen hervor. Lotte! – Wie angeschossen dreht sich Romeo auf dem Absatz herum, läuft davon. Er hält inne, wendet sich, wartet. Bei seinem Anblick verlangsamt Lotte den Schritt. Eine dunkle Welle steigt ihr in die Wangen. Zögernd tritt sie, da Romeo sich nicht regt, auf ihn zu, streckt ihm die Hand entgegen. »Herr Reif«, will sie mit umdüstertem Gesicht mitfühlend zu sprechen beginnen, da lähmt sie auch schon die Sprödigkeit dieser Anrede. Er hat doch so unendlich viel durchgemacht, der arme Junge, seit sie ihn zum letzten Mal sah. Da kann sie doch jetzt nicht dermaßen kalt und förmlich zu ihm sein. Aber . . . »Romeo« kann sie ihn doch nicht kurzerhand ansprechen –? »Herr Romeo«, noch weniger, es klänge albern und entsetzlich. Wie aber? Und: »mein Beileid« –? All das ist so abgebraucht und nichtssagend . . . Lotte sagt nichts, und zum Zeichen ihres Mitgefühls drückt sie stumm nur Romeos Hand, den Blick umdüstert zu Boden gesenkt. »Lügen Sie nicht!« stößt Romeo heiser hervor. Er räuspert sich. Erschreckt blickt sie auf. Sein Blick bohrt sich bitterböse in ihr Gesicht. »Lügen Sie nicht!« 267 wiederholt er ingrimmig, leidenschaftlich. »Sie sind munter. Warum zwingen Sie sich unentwegt zu falscher Tragik? Ich brauche Ihre tragische Miene nicht, ich brauche Ihre Munterkeit. Kommen Sie!« Schweigend, hastig geht er an ihrer Seite; vielmehr ist er ihr stets um einen halben Schritt voraus. Hinter der alten Kaserne biegt er wortlos zum Flußufer hinab. »Wohin?« fragt sie leise, eingeschüchtert, in ungewisser Spannung. »Schweigen Sie!« stößt Romeo erregt hervor. »Schluß mit der Komödie! Ich habe Sie nicht gesucht. Aber da Sie nun einmal da sind . . . davonrennen werde ich vor Ihnen nicht. Kommen Sie, dort ist es dunkel!« Er umfaßt ihr Handgelenk, zieht sie hinter sich her. »Ich verstehe nicht . . .«, flüstert sie geängstigt. »Sie verstehen sehr gut!« schneidet Romeo ihr, als hätte sie ihn beleidigt, das Wort ab. »Lügen Sie nicht!« »Haben Sie . . . haben Sie Nachricht von Yvett, Romeo?« Romeo preßt seine Nägel in ihr Handgelenk, daß sie unterdrückt aufseufzt. »Schweigen Sie!« flüstert er. »Kein Wort davon! Da gibt es nichts zu reden, hören Sie?« Aufgeregt blickt er sich um. Kein Mensch weit und breit . . . In einer ungestümen Bewegung umschlingt er Lotte mit beiden Armen, preßt sie an sich, als wollte er sie ersticken. Lottes Pakete fallen zu Boden. Hungrig verbeißt er sich in Lottes blühende samtene Wangen, in ihren zarten härchenumschmeichelten Nacken, ihre Lippen, seine Hand versinkt in 268 dem immer geahnten seligmachenden Wunder ihrer Brust. Lotte schauert zurück. Romeo fühlt ihre Lippen bluten. Eine traumhafte sinnverzehrende Wonne überkommt ihn da, bricht aus seinen geschlossenen Augen. Seine Hand – er hat viele, unermeßlich viele Hände – irrt über verborgene Seide hin, warme, geheimnisvoll-lebendig erfüllte Seide, zerreißt Seide . . . In einem halberstickten Röcheln verliert er die Besinnung. »Du!!« dringt ein fremdes Schluchzen an sein Ohr. Er spürt einen fremden todfeindlichen Körper, der ihn zu ersticken droht, an dem seinen lasten. Mit beiden Händen stößt er den fremden Körper von sich, weit von sich, und stürzt davon. Durch die Dämmerung, über fremdes unbekanntes Gelände flieht er, als jage ein starkes Traumtier hinter ihm her – oder sah er's in dem Afrika-Film? – immer weiter, immer hastiger eilt er hin, ohne Ziel, ohne Besinnung, ohne Qual, ohne Wohlgefühl. »Feigling! Mörder!!« dröhnt es in ihm, hämmert in seinen Schläfen. – – – – – – – – – – – – – – – – Mit einem Mal sieht er sich, als würde er in diesem Augenblick aus einem dunkel bewegten Traum erwachen, auf dem Platz vor dem Bahnhof stehn. Ohne daß es ihm zum Bewußtsein gekommen wäre, ist es Nacht geworden. Nur das Licht der beiden Bogenlampen vor dem Hauptportal zerreißt das Dunkel über dem kleinen Platz. Innen im Gebäude ist es hell. Benommen geht Romeo auf das Portal zu, späht ins Innere des Schalterraumes. Menschen, fremde Menschen und großes Gepäck treiben hastig und geräuschvoll zwischen Beamten und Bahnbediensteten dahin. 269 Ein wichtiger Zug muß eben angekommen sein; die Reisenden erwarten offenbar den Anschlußzug. Ohne Zweifel einen der internationalen Züge nach dem Süden. In diesem Augenblick kommt über Romeo eine brennende Sehnsucht nach dem Süden, nach exotischen Pflanzen, leuchtenden Farben, nach verwirrend duftender Luft . . . Ohne jegliche andere deutliche Empfindung betritt er den Schalterraum. In einer stilleren Ecke lehnt er sich mit dem Rücken an die Wand. Mit zunehmender sehnsuchtsvoller Trauer betrachtet er die Glücklichen, die eine gewaltige Lokomotive vielleicht schon in wenigen Minuten in ferne balsamische Länder entführen wird. Was hindert ihn eigentlich daran – zündet ein Gedanke durch sein Hirn und reißt ihn aus dem Nebel seiner Benommenheit – was hindert ihn eigentlich daran, es diesen Menschen gleichzutun? Morgen schon kann er, wenn er will, in diesem Raum gleich ihnen auf den Auslandszug warten. Er ist großjährig, niemand als er selbst hat über das kleine hinterlassene Kapital der Mutter zu verfügen! Um den Preis wievieler stummen Entbehrungen mag die Mutter den Betrag im Lauf der Jahre zusammengespart haben! – erinnert er sich; entmutigt sinkt er mit dem Rücken an die Mauer zurück. Überhaupt, ist er wahnsinnig? Wovon sollte er denn nachher leben und seine Studien fortsetzen? Will er eigentlich weiterstudieren? – Gleichviel. Das Geld muß er jedenfalls so anwenden, daß er sich eine Existenz geschaffen hat, bevor es aufgebraucht ist. Gewiß, er muß nicht unbedingt in Rietheim leben. Er 270 kann die Stadt in Kürze verlassen, um anderswo weiterzuleben. Aber gewiß nicht unter Palmen, leider, sondern höchstwahrscheinlich in irgendeiner großen Stadt, wo er so rasch wie möglich etwas zu finden vermag, was ihm späterhin die Existenz sichert. Denn sein kleines Kapital – der Betrag erschien ihm nur aufs erste törichterweise bedeutend – läßt ihm doch bestenfalls eine Gnadenfrist von eineinhalb Jahren. Und da kommt es ihm in den Sinn, eine Lustreise nach dem Süden zu machen . . . Wird er Rietheim verlassen? – Fast will's ihm scheinen, als erstrebe er es in diesem Augenblick nicht mehr. Flößt ihm der Gedanke, hier alle Brücken hinter sich abzubrechen und in einer fremden ungewissen Stadt dann einer ebenso ungewissen Zukunft entgegenzuleben, nicht insgeheim Furcht, ja sogar Grauen ein? Unsinn. Was für Brücken hätte er denn auch hinter sich abzubrechen? Er hat noch die Wohnungseinrichtung zu verkaufen, sonst aber hält ihn nichts mehr hier fest, gar nichts mehr. Oder . . . ist es am Ende nun – – Lotte –? – Sonderbar, daß jeder Gedanke an sie wie ausgelöscht war, bis er vorhin, hier in der Bannmeile des Bahnhofs und der Auslandszüge, plötzlich aufwachte. Wär's trotzdem denkbar, dieses flüchtige, ja enttäuschende Erlebnis mit Lotte heut abend hätte dermaßen stark auf ihn gewirkt, daß er nun nicht mehr allzu ernsthaft daran denkt, Rietheim, das bedeutet: sie – auf immer zu verlassen? Undenkbar. Das kann doch nicht sein. Und darf nicht sein. Wären alle seine Erkenntnisse von der Untergang bedeutenden vermaledeiten Sphäre dieses Ortes 271 und seine Bewohner – Lotte gehörte doch zu ihnen – wäre selbst seine Erkenntnis von der absoluten Lebensnotwendigkeit, aus sich einen neuen besseren Menschen zu machen, wäre diese ganze neugewonnene Einsicht so schwächlich, so wenig in ihm befestigt gewesen, um gleich bei der ersten flüchtigen Berührung mit jenem fragwürdigen Himmel, den Lottes Leib ihn nun ahnen ließ, ins Nichts zu zerstieben –? Ja, aber könnte er denn nicht gerade im Besitz Lottes sich in einen anderen besseren menschlicheren Menschen verwandeln? Und Lotte mit ihm? – – Lächerlich. Lotte ist nichts als eine neue Gefahr, in der er seit Stunden schwebt, ohne daß er sich dessen bewußt war. Lotte, bei aller Verführung, die von ihr ausgeht, ist Rietheim, ausgeprägtes Rietheim. Weiß er es denn nicht? Glaubt er es nicht? Oder will er's nun nicht mehr glauben . . . Er muß fliehen, morgen schon. Gerade jetzt muß er fliehen. Wohin? Gleichviel. Fort. Fort von hier. Ohne Lotte noch einmal gesehen zu haben. Aber . . . Alles richtig, zugegeben. War ihm heute nachmittag in seinem Zimmer nicht klar geworden, daß er aus Rietheim nicht fliehen kann? Weil Rietheim weniger um ihn als in ihm ist? Daß man das Erbe dieser Stadt mit sich nimmt, wohin man auch immer geht? Ja daß man, noch schlimmer, Rietheim gar nicht mit sich zu nehmen braucht, weil man es, offen oder versteckt, unter der Oberfläche jeder anderen Stadt wiederfindet? Gequält, ratlos irrt Romeos Blick über die Menschen hin, die nervös geräuschvoll den Schalterraum erfüllen. Da wird sein Blick ganz plötzlich von der 272 Erscheinung eines Mannes getroffen, von dem eine so starke bezwingende Wirkung ausgeht, daß Romeo nichts anderes mehr zu denken vermag als: Wer mag das sein? Und während Romeo diesem Gedanken nachhängt, folgt sein Blick sklavisch, gebannt dem ungewöhnlichen Fremden, der mit den Anzeichen einer gelinden Nervosität in der Halle auf und ab geht, wiederholt auf die Uhr über dem Hauptportal blickend. Ein Mensch aus einer anderen Welt! Das der nächste, nun von Sekunde zu Sekunde mehr zur Gewißheit werdende Gedanke, der Romeo im Anblick des schimmernden Fremden überfällt. Romeo müht sich, den rätselhaft aufrührenden Eindruck, den die Persönlichkeit des Mannes auf ihn ausübt, genauer, klarer zu umgrenzen. Was ist das für ein Mensch? Und was ist das Zwingende an ihm? Doch es fällt Romeo schwer, es klar zu bestimmen. Ein schlanker übermittelgroßer Herr – er kann etwa fünfunddreißig Jahre alt sein – an dem zunächst eine im Innersten freie achtlose selbstverständliche Eleganz auffällt. Eine höhere autonome Eleganz ist es, die sich in der Kleidung und besonders in den Bewegungen des Fremden offenbart. Dabei trägt er einen nichts weniger als eleganten weißlichen, nahezu schlampig wirkenden Mantel, an dessen beiden Seiten die Gürtelenden heiter und vergessen herabbaumeln. Der Fremde geht barhaupt, die Reisemütze achtlos zerknüllt in der Faust. Aber die Krawatte, diese unerhörte eigensinnige, locker und nachlässig gebundene, ebendarum faszinierende Krawatte! 273 Wenn der Fremde, wie jetzt, auf wenige Schritte herankommt, kann Romeo die Erlesenheit ihres Stoffes deutlich erkennen. Letzte Nebensächlichkeit an diesem ganzen Menschen, und doch – was gäbe Romeo darum, wenigstens diese Krawatte zu besitzen! Romeo merkt, daß er sich mehr mit der Krawatte als mit dem Gesicht des Fremden beschäftigt; er erschrickt. Wird es mit ihm denn nie anders werden? Wird sein Blick immer an Nebensächlichkeiten haften, statt das Wesentliche zu erfassen? Das Hauptsächliche an dem Fremden aber ist doch das Gesicht, nicht die Art seiner Kleidung. Ein undefinierbares Gesicht . . . Wenn Romeo schärfer hinblickt, sieht er, daß es weder besonders schön, noch besonders edel ist. Es ist nur ein ungemein eindrucksvolles lebendiges geistiges Gesicht. Ziemlich blaß, glattrasiert, mit schmalen blutvollen Lippen, die sekundenweise kaum merklich einen spöttischen Ausdruck annehmen. Zwei haarfeine, scharf eingeprägte Falten – Leidensfalten? – gehen von der Nase zu den Mundwinkeln. Die Nase . . .? Doch! Die Nase ist eigentlich durchschnittlich zu nennen, nichts Außergewöhnliches ist an ihr. Das Edelste an dem ganzen Gesicht ist wohl die Stirn, diese scharf gemeißelte breite gebietende Stirn. Nein, das alles ist unwesentlich. Das Wesentliche ist unausdrückbar. Es leuchtet aus dem Gesicht. Jetzt trifft der Blick des Fremden Romeo, der reglos steht und ihn gebannt anstarrt. Gleichsam zerstreut gleiten die Augen des Fremden – stahlgraue männliche und doch abgründige Augen – über Romeos Gesicht hin, um im Bruchteil einer Sekunde bereits anderswohin zu blicken. Romeo errötet unter 274 diesem Blick. Diese Augen scheinen nichts zu bemerken, denkt Romeo, ohne Zweifel aber erfassen sie alles ringsum, auch das Geringfügigste. Romeos Blick schleicht dem vorüberschreitenden Fremden nach, verweilt auf dem lockeren unachtsam zurückgekämmten Haar, daß sich am Hinterkopf künstlerisch-üppig wellt. Eigentlich eine unbestimmbare Farbe, dieses Haar . . . Blondgrau, könnte man es vielleicht nennen; aber das trifft bei weitem nicht das Richtige. Und diese Hände! Vor allem die Hände! Wie die schlanken und doch gewiß stahlharten Finger jetzt das Haar am Hinterkopf zurückstreichen . . . Lebendige geistige, es ist nicht zuviel gesagt: bannende Hände! Romeos Augen glänzen. So schwärmerisch hingegeben, wie die Augen eines verliebten kleinen Mädchens, das in einer Zeitschrift das Bild seines Lieblingsfilmschauspielers entdeckt. Romeo hat längst alles, was ihn noch vor wenigen Minuten im Innersten bewegte, vergessen. Nur ein Gedanke beherrscht ihn: Wer mag dieser herrliche einmalige Mensch sein? Sicher ein großer bedeutender Künstler. Ein gewaltiger Dirigent oder ein weltbekannter Autor, ein Maler oder Virtuose . . . nein, kein Virtuose. Auch kein Schauspieler. Ein schaffender Künstler, fraglos. Einer von denen, die dem Jahrhundert das Gesicht geben. Auch ein Großer der Wissenschaft ist es wohl nicht, nein, ein bahnbrechender, in allen Weltteilen bekannter schöpferischer Künstler! Jedenfalls ein ganz und gar einmaliger atemraubender Mensch, ein Gott! Wie würde eigentlich Lotte auf diesen Menschen wirken? – fragt sich Romeo ganz unvermittelt. Über 275 den absonderlichen Einfall versucht er zu lächeln. Doch der Gedanke geht ihm nicht aus dem Kopf. Es ist klar, sagt er sich nach kurzem Schwanken, der Fremde würde Lotte nicht in höherem Maße beachten, als er vorhin ihn selbst beachtet hat. Seltsam, daß Lotte aber auch in Romeos eigenem Empfinden plötzlich allen Reiz und allen Schimmer verloren hat. Im Zusammenhang mit dem Fremden dort, erscheint sie ihm jetzt mit einem Mal hausbacken dürftig entzaubert. Ein nettes kleines Provinzschulmädel, sagt er sich, sonst nichts. Was könnte sie diesem Halbgott bedeuten? Die Feststellung erleichtert, befreit Romeo, ohne daß er weiß weshalb. Unfaßbar! staunt er. Hätte ein Blick in das Antlitz eines Menschen aus Jenseits-von-Rietheim mich mit einem Mal alles anders betrachten und richtiger, sachlicher beurteilen gelehrt? Mein Gott, wie würde ich da erst sehen lernen, wenn ich das Glück hätte, mit Menschen wie diesem da die gleiche Luft zu atmen, oder zu ihnen gar in nähere Beziehung zu treten. Aber wie ist es eigentlich damit? Wären Menschen dieser Art mir bis heute wirklich niemals begegnet –? Kaum anzunehmen. Zumindest hab ich doch Bücher gelesen. Nein. Eher verhält es sich so, daß ich bisher blind war und daß erst das Unglück meinen Blick für höhere seelische Rangunterschiede geschärft hat. Romeo kommt nicht dazu, den Gedanken zu vollenden. Denn seine Aufmerksamkeit wird in diesem Augenblick von außen her in Anspruch genommen. Ein Gepäckträger ist an den Fremden herangetreten, spricht auf ihn ein; dabei deutet er mit der Hand auf 276 eine der Türen, die auf den Bahnsteig gehen. Romeo nähert sich den beiden. »Vielleicht sagt der Fremde etwas!« denkt er, elektrisiert, und bemüht sich, unauffällig in Hörweite zu gelangen. Doch nur ein einziges Wort hört er den Fremden sagen. »Danke«. Der Dank wird von einem unbeteiligten, nicht unfreundlichen Kopfnicken begleitet. In diesem Augenblick werden die Türen zum Bahnsteig geöffnet; das Donnern eines einfahrenden Zugs übertönt die Stimme des Ausrufers. In die Wartenden kommt Bewegung. Hastig drängt alles dem Bahnsteig zu. Romeo sieht den Fremden, von der allgemeinen Nervosität angesteckt, die Brieftasche hervorziehen, ihr hastig einen Schein entnehmen, den er dem Gepäckträger einhändigt. Ein zusammengefaltetes bläuliches Papier gleitet dabei aus seiner Rocktasche zu Boden. Weder der Fremde noch der Träger scheinen den Verlust zu bemerken. Romeo macht eine Bewegung, als wollte er hinstürzen und das Papier aufheben. Er besinnt sich, hält inne. Er sieht, wie der Fremde, von dem Träger gefolgt, die Halle verläßt. Zögernd nähert er sich dem Platz, wo die beiden gestanden waren. Er hebt das Papier vom Boden auf und hält es, in der Richtung der Tür, durch die der Fremde gerade die Halle verläßt, vor sich hin, mit der ehrlichsten Miene, deren er fähig ist. Ein Brief! Oder ein Manuskript! – stellt er fest. Mehrere zusammengefaltete Bogen. Steile sonderbare eindrucksvolle Schriftzüge. Eher eine weibliche als eine männliche Schrift. Nicht deutsch. Eine fremde Sprache . . . Französisch! Hastig läßt Romeo die Hand mit den Papieren 277 sinken. Ein rascher, verstohlen in der Runde umhergesandter Blick zeigt ihm, daß niemand ihn beobachtet. Hastig verbirgt er den Fund in der Rocktasche. Schlendernd verläßt er den Schalterraum. Draußen, vor dem Bahnhof, beschleunigt er seine Schritte. Sobald er in verlassene schlafende Straßen gelangt, gerät er ins Laufen. Er kann es kaum erwarten, zu Hause zu sein, dort das Schriftstück zu untersuchen. Vielleicht gibt es ihm Aufschluß über die Person des Fremden. Am Ende stellt sich jetzt heraus, daß es sich um den Vertreter eines Weinexportunternehmens handelt, geht es ihm durch den Kopf. Doch er verbannt den absurden Gedanken. Jedenfalls hab ich nicht einen Augenblick ernsthaft daran gedacht, die Papiere zu dem Zweck vom Boden aufzuheben, um sie dem Fremden zurück zu geben, sagt er sich. Von vornherein muß in mir der Wunsch gewesen sein, das Schriftstück für mich zu gewinnen. Ohne die Spur eines Selbstvorwurfs, nur ein wenig verwundert, stellt Romeo das fest. Da sieht er sich schon vor seinem Hause. Atemlos betritt er die verwaiste Wohnung. Wie heiß ihm ist! In seinem Zimmer wirft er den Rock aufs Sofa, setzt sich an den Tisch. Ohne eine Minute verstreichen zu lassen, zieht er das Schriftstück aus der Tasche, entfaltet die Bogen. Ein Blatt, eine Fotografie, fällt auf die Tischplatte. Romeo greift danach, betrachtet sie lange und eingehend. Seine Hand, die das Bild hält, beginnt unmerklich zu zittern, seine Augen glänzen. Was für ein Weib! – denkt er beklommen. Eine wunderbare fremdartige Frau . . .! Gewiß die Frau, nein, die Geliebte des Fremden! Wie 278 könnte sie anders aussehen . . . Und dieses Kind! Ein allerliebstes Kerlchen! Sein Kind . . . Seltsam. Eigentlich geschieht es zum ersten Mal, daß der Reiz eines Kindes ihn tiefer berührt. Gebannt ruht Romeos Blick von neuem auf dem Gesicht der Frau. Welche Beseeltheit – und wieviel Geist ist in diesem unirdischen und doch wie irdischen, menschlichen Antlitz! Romeos Herz beginnt rascher zu schlagen. Die ferne süße Trauer in diesem herzbezwingenden Lächeln! Die Lippen . . . Die Nase! Und die zarten erregenden Schatten in der Mitte der Wangen und unter den klugen sprechenden Augen . . . Ein ergreifendes atembeklemmendes Gesicht. Wie das des Mannes. Und doch so anders . . . andersrassig – jetzt hatte er das Wort. Das ist keine Deutsche, nein. Der Fremde könnte ein Deutscher gewesen sein, die Frau aber entstammt, kein Zweifel, einer fremden fernen Welt . . . Und doch sind beide, ja selbst das Kind, Angehörige der gleichen höheren geistigen Welt. Das gibt es also . . . Und nicht bloß in Dichtungen, nein, so etwas lebt, atmet und liebt auf dieser Erde. Und ist mit einem Schnellzug, der auch durch Rietheim fährt, vielleicht gar in eineinhalb Tagen zu erreichen . . . – Benommen greift Romeo nach dem Schriftstück, das er, wie ihm jetzt bewußt wird, über dem Bild völlig vergessen hat. Er hält inne. Ich bin von Sinnen! – denkt er, kopfschüttelnd. Nicht genug an der Tollheit heute abend mit Lotte, vergaffe ich mich unmittelbar nachher in einen wildfremden Mann, und nun bringt mich gar schon eine Fotografie dermaßen in Aufruhr, daß meine Hände zittern! 279 Romeo beginnt zu lesen. Seine Wangen glühen, die Blätter in seiner Hand zittern unmerklich. Seine Bewegtheit nimmt zu, im Maße als er in der Lektüre fortschreitet. Jetzt hält er das letzte Blatt in Händen. Jeder Rest von Neugierde ist aus seiner Miene gewichen; in kindlich-ernster atemloser Spannung liest er zu Ende. Seine Hand, die das Blatt hält, sinkt auf die Tischplatte hinab. Im Gesicht einen Ausdruck von kindlicher Ergriffenheit, von Feierlichkeit, den sein schwärmerisch entzückter Blick vergeblich Lügen strafen möchte, greift er von neuem nach der Fotografie, versinkt in ihrem Anblick. Seine Finger streichen mit scheuer Zärtlichkeit über das Bild hin, er neigt sich darüber, berührt es mit den Lippen. Verwirrt springt er vom Sessel auf, streicht mit der Hand über die Stirn, versucht zu lächeln. Mit geistesabwesenden Blicken geht er zum Bücherregal, zieht einen dickleibigen Band, ein Wörterbuch, hervor, kehrt damit an den Tisch zurück. Von neuem überfliegt er die Briefbogen, zwischendurch mehrmals in dem Wörterbuch nachschlagend. Immer wieder fällt sein Blick dabei auf die Fotografie. Er wirft Kragen und Krawatte von sich, seufzt leise auf, glättet mit der Hand sorgfältig, behutsam die Blätter, setzt sich zurecht. Jetzt erst glaubt er den Brief ganz zu verstehn. In schwärmerischer Hingegebenheit beginnt er vom neuem zu lesen. Was er liest, ist ungefähr das: Mein Freund, mein großer Freund, An dem Schreibtisch in meinem Zimmer, den du gut kennst, da ich ihn kurze Zeit mit dir teilen 280 durfte, vor dem Fensterausschnitt eines Tages, der zu Ende geht, suche ich daran zu denken, was die Zeit mir gebracht hat. Eine deiner verlassenen Zigaretten begleitet meine Gedanken, die traurig sind, ohne mich heftig zu stimmen. Ich hab den Geschmack am Kampf, vielleicht auch die Kraft verloren. Ich bin, wohl durch dich, mein Freund, ohne daß ich's merkte in die Tiefen der Skepsis hinabgeglitten, zur Tatenlosigkeit. Schwäche? Vielleicht. Ich hätte, glaube ich, das Zeug zu einem Mann, wie du es bist, gehabt, wenn die Natur mich nicht schon im Augenblick meiner Geburt vernichtet hätte, indem sie mich Weib sein ließ. Jetzt möchte ich wenigstens im Verzicht Größe beweisen. Vielleicht wirst auch du in diesen Tagen eine Bilanz deiner selbst aufstellen. Sie wird ganz anders ausfallen als die meine. Du siehst dich mitten im schöpferischen Leben. Um wie viel mehr ich dich darum liebe! Vielleicht liebe ich in dir gerade das, was ich selbst hätte sein können. Ja es scheint mir, als würde in der Liebe zu dir meine Armut sich in Reichtum verwandeln. Und was mich bedrückt, ist vielleicht nur das eine, daß ich in deinem Leben so wenig vermag. Ich kann dich nur lieben. Das Gestammel unserer kleinen Cecilie leistet mir Gesellschaft, ohne mich zu verwirren. Diese kleine Seele, die aus der unseren, einen, hervorging, erwacht eben erst zum Leben; sie nimmt unter meinen Augen nun schon ein wenig Gestalt an. Sie ist feinfühlend und zärtlich; ihre große Liebe sind der herrliche Teddybär, den du ihr geschickt hast, und 281 ich. Wenn ich nicht bei ihr bin, spielt sie nicht und weist sogar alle Nahrung zurück. Hört sie dann aber meinen Schritt, so würde man meinen: der Himmel öffnet sich für sie. Ihre Neigungen sind vorläufig wenig weiblich: sie spielt »Eisenbahn«, mit der »Massine«, wie sie sagt, und sie klettert – ein reizender Anblick! Doch das Bemerkenswerteste an ihrem Wesen ist ihr ausgesprochener Hang zum Theaterspielen. Sie spielt sich selbst und anderen ganze Dramen vor, mit allerlei eingebildeten Nebenfiguren. So hält sie zum Beispiel einem Kind, das natürlich nicht existiert, den Arm hin, um sich von ihm beißen zu lassen. Sie tut es einzig deshalb, um sich durch dieses kleine Unglück vor mir interessant zu machen und ausgiebig von mir trösten zu lassen. Beim Lachen dringt zwischen ihren Lidern ein ganz kleiner Strahl von Schalk und Ironie hervor. So klein sie ist, sie hat deinen Ausdruck. Freilich führt sie alle die Schelmereien, die ihre Augen ausdrücken, auch durch. Mit Methode, wie du. Sie komponiert ihre kleinen Coups; ihre Spiele sind organisiert. Das an einem so kleinen Baby zu bemerken, wirkt seltsam. Ja, und dann! Sie ist lebhaft gepackt von den Tönen. Wie ein winziges Spielzeug sitzt sie bewegungslos in einem der großen Fauteuils, wenn ich Klavier spiele und fordert, sobald ich aufhöre: »Noch Masik!« – – – Ich nehme den Brief, den, ich weiß nicht mehr welche öde Notwendigkeit unterbrochen hatte, einige Stunden später wieder auf. Es ist Nacht geworden. Durch die Fenster zeigen sich mir die vertrauten Lichter der Straße. Der 282 Regen schlägt gegen die Scheiben und spiegelt auf dem Asphalt. Was für eine weiche erregte Frühjahrsnacht! Ich möchte wissen, woher dieser unwahrscheinliche Geruch von Tannen dringt, weihnachtlich und an Gebirgsdörfer gemahnend, voller Geheimnis und Leben. Wie möchte ich jetzt an deiner Seite sein und auf dem Diwan dort in der halbdunklen Ecke meinen Leib und meine Seele mit deinem Leib und deiner Seele vermischen . . . Doch statt mich aufzugeben in solch einem endlos schweigenden Akkord, muß ich zu schreiben versuchen, was unaussprechlich bleibt bis ans Ende der Tage; und das in einer Sprache, die, nicht die deine und nicht die meine, Grenzen überall . . ., notgedrungen die unsre wurde. Was magst du tun, mein angebeteter Freund? Um diese Stunde bist du manchmal in meinen Armen eingeschlafen. Wie oft hab ich dann so in dein Gesicht geblickt. Damals trennte der Schlaf dich von mir. Jetzt vereint er uns, wie der Tod. In der süßen Bitternis eines Tages, der nun zu Ende ist, will ich meinen Brief schließen. Meine Arme aber schließe ich um dich, mein einziger Freund, in einer unaussprechlichen Umarmung, die du – wie schade! – nur in der Ahnung fühlen wirst. Oder auch das nicht. Aber du bleibst, auch ungetreu, der Mann, den ich am meisten liebe und schätze. Kirsten Johannsen. – – Was für ein Name? Eine Nordländerin . . .? – Romeos Stirn sinkt auf die Hände herab, die, um die Fotografie geschlossen, auf der Tischplatte ruhen. 283 Einmal ein Mensch! – seufzt er. Ein menschliches Wesen! Eine Landschaft . . .! Er scheint zu schlafen. Plötzlich richtet er sich im Sessel auf. Sein Gesicht ist frei gut und jungenhaft-gläubig. Ja! Diese Frau ist alles – denkt er, überzeugt und erlöst – was ich bei Yvett, bei der Mutter und heute bei Lotte vermutete, suchte und nicht fand. Oder immer nur zu einem Teil fand. Sie ist das alles: Freundin und Mutter und Geliebte, und alles ist sie in berückender lichter Anmut. Madonna . . . Mit einer jäh entschlossenen Bewegung öffnet Romeo die Tischlade; er zieht eine Mappe mit Briefpapier hervor und beginnt zu schreiben. Er adressiert zwei Kuverts. Dann überliest er das eine seiner beiden Schreiben. Es lautet: Liebes Fräulein Lotte! Vergessen Sie, was heute war. Sie werden mich nicht wiedersehen. In spätestens drei Tagen verlasse ich Rietheim, um nie mehr, oder erst nach vielen Jahren, zurückzukehren. Es wäre nett, wenn Sie in der Weise auf das Geschehnis von heute vergessen wollten, daß kein Mensch, besonders nicht Yvett, jemals etwas davon erfährt. Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute, Fräulein Lotte, denn ich bin Ihnen in bleibender Freundschaft zugetan. Romeo R. Romeo wirft einen Blick auf den französischen Brief und streicht das Ausrufungszeichen hinter den Worten »Liebes Fräulein Lotte« durch. An seine Stelle setzt er, wie in dem Brief der Kirsten Johannsen, ein Komma. Er steckt den Brief in den Umschlag, klebt ihn zu. Dann überliest er das zweite Schreiben. Es lautet: 284 Sehr geehrter Herr Kirrner, Da ich in spätestens drei Tagen die Stadt auf immer zu verlassen gedenke, habe ich mich nun doch entschlossen, Ihnen die gesamte Wohnungseinrichtung zu dem von Ihnen genannten Betrag zu überlassen. Wollen Sie sich im Lauf des morgigen Tages daher freundlichst bei mir einfinden. Hochachtungsvoll: jur. Romeo Reif. Mit einem Ausdruck flüchtiger Befriedigung klebt Romeo auch diesen Brief zu und legt ihn mit Sorgfalt auf den andern. Er entkleidet sich. Nachdem er nochmals nach den Briefen gesehen hat, sinkt er ins Bett. Er wendet das Gesicht zur Wand. Mechanisch dreht er das Licht ab. 16 » . . . denn nur eines zählt im Leben wirklich und wahrhaftig: das Streben, sich selbst und die Nation höherzubringen. Das darfst du mir und meiner beträchtlich reicheren Erfahrung glauben, Lotte, mein Kind.« Ergriffen von seinen Worten, läßt der Regierungsrat eine kleine Pause eintreten. Männlich gefaßt-gerührt ruht sein Blick auf Lottes Gesichtchen, in dem noch die Spuren eben versiegter Tränen zu erkennen sind. Das Kinn auf die Hand gestützt, sitzt Lotte dem Doktor Freißler gegenüber. Ihr Blick haftet seitwärts an der Wand. Schweigend, mit verhalten zuckenden Lippen beginnt sie einen Brief, der zerknüllt in ihrer Faust verborgen war, nun in winzige 285 Stücke zu zerreißen. Die Stücke läßt sie mit einer unbeherrscht heftigen Bewegung in den Papierkorb gleiten. »Jedenfalls dank ich dir, Lotte, für dein Vertrauen«, spricht der Regierungsrat weiter. »Du hast durch . . . durch Unordnung und frühes Leid, um mit einem leider etwas femininen Dichter zu sprechen, den Weg zu mir, deinem Freund und Vater zurückgefunden, und das war gut. Denn mit dem, was ich dir jetzt auseinandergesetzt habe, hoffe ich dir geholfen und dich auf den rechten Weg zurückgelenkt zu haben. Du warst mir . . . beide waren wir uns in letzter Zeit leider etwas entfremdet. Künftighin aber wollen wir wieder Seite an Seite dem Leben ins Auge blicken, nicht wahr? Solange ich da bin, Lotte, sollst du stets das Gefühl haben, in mir einen starken Halt zu besitzen und einen erfahrenen Lebenslenker.« Lotte blickt vom Boden auf. Sie sieht die eherne Rührung in Vaters Gesicht. »Ich danke dir, Vater«, murmelt sie, ein wenig verlegen. »Ich will auch nicht weiter in dich dringen, mein Kind. Das wenige, was du mir freiwillig gesagt hast, ist mehr, als ich zur Orientierung im allgemeinen nötig habe. Dieser Axel Kolbenstetter, dieser Franz Maria Lotter und schließlich der junge Bursche, den du vorhin erwähnt hast, werden wohl in dir, ohne daß ich noch etwas hinzuzufügen brauchte, ganz von selbst die Überzeugung befestigt haben, daß sie, alle drei, einer im Innersten abzulehnenden Welt angehören, die niemals die deine sein kann und sein darf. Gestrandete – mindestens aber unfehlbar zum Scheitern verurteilte Existenzen. Tote Mollusken am 286 lebendigen Volkskörper. Auch Franz Maria Lotter, trotz seinem späten Ruhm. Ich will mich nicht darüber auslassen, auf welche Weise er zu dem Ruhm gekommen ist. Übrigens, da fällt mir ein . . . Es wird dich interessieren zu erfahren, daß einer unserer Bekannten das Schildchen » Sculpteur «, das nach dem Brandtag doch bekanntlich von der Haustür entfernt wurde, nun auf Franz Maria Lotters Schreibtisch wiedergefunden haben will – als Briefbeschwerer, in Marmor gefaßt. Das wäre denn doch schon die höhere . . . Na! Dies nur nebenher . . . Ja, richtig! Etwas anderes wollte ich dir aber erzählen, um ein Geringes hätte ich's nun vergessen. Gestern abend im Klub sprach ich mit Rudolf Winternitz. Er kam gerade aus der Hauptstadt zurück, wo er Yvett im Sanatorium besucht hat und bat mich, dir Grüße von ihr zu bestellen.« Erschrocken blickt Lotte vom Boden auf. »Wie geht es Yvett?« »Ja . . . Na, körperlich immer gleich schlecht. Sie ist aus dem Allerärgsten nun zwar glücklich heraus, aber sie wird jedenfalls ein Krüppel bleiben. Etwas anderes aber! Soweit dies nach einem solchen Unglücksfall eben möglich ist, teilte mir Rudolf Winternitz strahlend mit, daß Yvett bereits eingewilligt habe, den jungen Erich Gellner zu heiraten. In einigen Monaten, sobald Yvett das Sanatorium verläßt. Du erinnerst dich: der junge Mann, der bei dem Venezianischen Abend neben ihr saß. Angeblich ein sehr strebsamer intelligenter geschäftstüchtiger junger Mann. Na, und soferne sich keine Spekulation dahinter verbirgt, zeugt es schließlich auch von Herzensbildung, 287 daß der junge Gellner gerade jetzt, wo Yvett zum Krüppel geworden ist, um sie wirbt. Angeblich sagte er zu Herrn Winternitz, er habe Yvett im stillen schon lange geliebt, jedoch erst die leider veränderte Situation habe ihm nun Mut zu einer Werbung gemacht.« Lotte ist wie vom Blitz gerührt. »Und Yvett hat tatsächlich eingewilligt?« fragt sie betroffen. »Ja . . . Nun, was findest du daran erstaunlich? Da kann sie doch sehr zufrieden sein! Ein gesunder strebsamer junger Mann, mit gewissen Karrieremöglichkeiten . . .« »Aber sie liebt doch einen anderen, Pappi! Die Ärmste . . .! Ich möchte nicht wissen, was dieser Verzicht sie gekostet hat!« Der Regierungsrat hebt erstaunt, männlich-beherrscht, den Kopf. »So? Einen anderen liebt sie . . . Am Ende ist sie gar nicht, wie es heißt, beim Schließen der Oberfenster aus dem Fenster gestürzt, sondern sie wollte Selbstmord begehen! Dieser Liebe wegen, wie?« »Ich weiß es nicht, Pappi . . .« Das Gesicht des Regierungsrats nimmt einen detektivischen Ausdruck an. »Wird schon so gewesen sein! Mir macht man nicht so leicht etwas vor! Aber da siehst du nun am besten, Lotte, wohin solch verstiegene hysterische unzeitgemäße Gefühle führen. Ich will indes noch weiter gehen und sagen: Eben jenes . . . sagen wir: romantische Gefühl, das wohl auch deinen ersten Lebensschmerz, deine erste große Enttäuschung verursacht haben dürfte, Lotte, eben dieses romantische Gefühl war es ohne 288 Zweifel, was die Welt meiner Jugend – ich meine damit allerdings mehr die öffentliche staatliche Welt – am Rande des Abgrunds zertrümmert hat. Ja, so möchte ich beinahe sagen. Darum ist in unserer heutigen Zeit, einer Zeit emsigsten Wiederaufbaues, aber auch nicht mehr Raum, noch Platz für ein weichliches Verlorensein in Regionen eines lebensfremden Fantasmus. Glaube mir, Lotte, der wahrhaft moderne Mensch hat keine himmelblauen Illusionen mehr. Dafür kennt er aber auch die dunklen Verzweiflungen des romantisch-sentimentalischen Vorkriegsmenschen nicht mehr. Der neue Mensch steht hell fest und unbeirrbar mit beiden Füßen im . . . im Dreck des Lebens, wenn du willst – genau auf jenem winzigen Fleckchen Muttererde, wohin ein unerbittliches, doch weises Geschick ihn gestellt hat. Er blickt nicht rechts, nicht links, er blickt aufrecht nach vorne. Er arbeitet, Lotte! Dies die einzige Realität unserer Zeit! Arbeit an sich, Arbeit am Volksganzen, Arbeit an der Arbeit selbst! Und nicht die Arbeit zwingt uns, wir zwingen die Arbeit! Das ist es, was wir unseren Vorfahren voraus haben. ›Freiheit sei der Zweck des Zwangs‹ – sagt schon unser Rückert. ›Freiheit sei der Zweck des Zwangs. Wie man eine Rebe bindet, daß sie, statt im Staub zu kriechen, frei sich in die Lüfte windet.‹ Ein wahrhaft großdeutscher, erstaunlich moderner Geist, der alte Rückert. Einer, der in diesen Worten eigentlich den Geist unserer Epoche vorausgeahnt hat. Übrigens . . . da kann ich dir gleich noch einen Beitrag zur Charakteristik deines famosen Freundes Kolbenstetter liefern, zu dem du einen verirrten Moment lang aufgeblickt hast. Also gestern abend, in der 289 Ausschußsitzung, erzählt mir ganz zufällig der pensionierte ehemalige Gymnasialdirektor, du kennst ihn doch – erzählt er mir, der junge Kolbenstetter habe zwei Jahre vor dem Abitur – einfach haarsträubend, doch höchst symptomatisch! – den unwahrscheinlichen Zynismus besessen, eben diesen Rückert – ich glaube, gelegentlich einer deutschen Redeübung war es – als einen ›Schweinfurter Brahmanen‹ zu bezeichnen . . .« Der Regierungsrat stutzt. Dann lächelt er etwas gezwungen. »Na siehst du, Lottchen, nun lächelst du bereits wieder. Alles schon in Ordnung, wie?« Lotte wischt mit dem Taschentuch über die Augen, über Stirn und Nase. Sie seufzt leise auf. »Ach nein, Pappi, ich lächelte nur, weil . . . Weißt du, das mit dem Schweinfurter Brahmanen ist nicht so schlimm gemeint, wie es sich vielleicht anhört. Rückert stammt nämlich aus Schweinfurt und hat ein Werk ›Die Weisheit des Brahmanen‹ geschrieben.« Ein Schatten von Unmut flüchtet über die Stirn des Regierungsrates. »Das weiß ich, mein Kind! Oder glaubst du, daß ich es nicht weiß? Ich bin schließlich auch einmal ins Gymnasium gegangen. Doch ich rate dir, dich von solch billigen Intellektmätzchen, wie diese pseudo-witzige Äußerung es ist, niemals blenden zu lassen. Gerade jener negativistische, das Erhabene frech belächelnde Literatengeist, der sich in dieser Äußerung kundgibt, ist der eigentliche Bazillus in unserer neuen tatsachenbetonten, nicht mehr ich-betonten Zeit! Du kannst mir glauben, daß . . .« »Verzeih, daß ich dich unterbreche, Pappi. Du 290 sagst: tatsachenbetont, nicht wahr? Aber ist denn mein Ich nicht ebenso sehr Tatsache wie . . . der Tisch oder der Stuhl da, oder das Reichsversicherungsgebäude vis-à-vis?« Ernst, forschend ruhen Lottes Augen auf dem Gesicht des Vaters. Der Regierungsrat stutzt einen Augenblick. Dann macht er eine wegwerfende Handbewegung, blickt auf die Uhr. »Das sind psychologische Spitzfindigkeiten! Glaub mir, mein Kind, und meiner immerhin beträchtlichen Lebenserfahrung: es hat nicht den geringsten Sinn, sich derlei Gedanken und Erwägungen überhaupt hinzugeben. Sie führen zu keinem Resultat und schwächen bloß unsere Tatkraft, deren unser Volk, unsere Zeit dringendst bedürfen.« Der Regierungsrat seufzt leise, gefaßt auf. »Oder glaubst du etwa, mein Kind, mir selbst würde es an Witz und sogar an gewissen romantischen Sehnsüchten mangeln? Nein. Ich habe beides nur in mir besiegt, unterdrückt. Denn beides ist in einem höheren Sinne schädlich und übrigens . . . überlebt.« In einem Gemisch von Bewunderung Neugier und ahnungsvollem Mitgefühl hebt Lotte den Kopf. Sie blickt dem Vater aufmerksam ins Gesicht. »Stell dir doch einmal vor, Lottchen, alle Menschen würden geistvolle Brahmanenwitze reißen, Bibliotheken züchten, oder sich, wie du es getan hast, in romantischen Empfindungswolken verlieren. Wer sollte dann eigentlich die zwar nüchternen, aber doch weit notwendigeren öffentlichen Leistungen vollbringen? Wie würde die Welt ohne sie aussehen? Na, hab ich recht oder nicht, Lotte?« Abermals blickt der Regierungsrat auf die Uhr. 291 Lotte seufzt leise, verhalten auf. »Ich glaube, du hast recht, Pappi«, murmelt sie. »Ich hatte Unrecht, daß ich mich jemals von dir und deiner Art zu entfernen versuchte. Ich war verirrt. Daß ich mich von dir entfernt habe, Pappi – weil es mich zu Menschen hinzog, die anders waren als du – wundert mich nun eigentlich selbst. Um so mehr deshalb wundert es mich, weil ich vor vielen Monaten einmal in unserm Lesebuch ein Gedicht gefunden habe, das, wie ich mich genau erinnere, einen tiefen Eindruck auf mich gemacht hat. Ein Gedicht Ullrichs von Hutten war es. Es schien mir damals, als würden die letzten Worte dieses Gedichts immer der Leitspruch meines Lebens bleiben. Ich hab sie genau im Gedächtnis behalten; sie lauten: ›Ich träume nicht von vergangner Zeiten Glück, ich breche durch – und schaue nicht zurück.‹« Der Regierungsrat springt vom Sessel auf. Ein verstohlener Blick gilt der Uhr. »Jawohl, mein Kind!« ruft er begeistert aus. »Laß diese Worte dir auch weiterhin als Leitspruch, als Wegweiser dienen! Dann bist du auf dem rechten Weg und kannst nie mehr fehl gehen.« Er ergreift und umschließt mit männlichem Druck Lottes Hand. Lotte erwidert den Druck mit einem freien offenen Blick. »Und was nun deine Zukunft anlangt«, setzt der Regierungsrat hastig fort, »ich muß jetzt nämlich in eine Bezirksvertrauensmännerversammlung – so laß nur mich für alles sorgen! Ich verspreche dir – mein Einfluß gestattet mir, dir das zu garantieren – ich verspreche dir, daß du am Tag nach Vollendung deiner Studien bereits ein Anstellungsdekret 292 als Hilfslehrerin für Freihandzeichnen und Geometrie am hiesigen Staatsgymnasium in Händen hältst. Recht so?« In Lottes Wangen ist wieder gesunde Farbe; froh und dankerfüllt blitzt es aus ihren Augen dem Vater entgegen. »Weißt du, Robert – ich darf doch so sagen? – du bist . . . du bist doch der einzige Mensch, zu dem ich wahrhaft aufblicke«, stammelt sie hold-verwirrt. »Du bist . . . ein Mann!« Der Regierungsrat blickt sie verdutzt an. Dann zieht er sie in seine Arme. Mit einem aufmunternden Schlag auf die Schulter schiebt er sie sanft von sich. »Na, na«, lacht er geschmeichelt, »nur keine Sentiments, Lottchen. Ich tue einfach meine Pflicht. Im öffentlichen Leben draußen, wie daheim in der Familie. Männer meines Schlags aber gibt es zum Glück noch genug in Deutschland, wenn auch die Radikalisten von rechts und links unser Verdienst um das öffentliche Wohl häufig in Abrede zu stellen wagen. Was wollte ich aber sagen? Ja! Bald wird zum Beispiel irgend so ein tüchtiger junger Gymnasiallehrer kommen und die hübsche junge Kollegin ihrem alten gebrechlichen Papa Robert vor der Nase wegschnappen. Nein, rot werden gilt nicht! Aber nun muß ich wirklich . . . Also, wie gesagt, Kopf hoch, mein Kind!« Abermals schüttelt er ihr mit männlichem Frohsinn die Hand, dann eilt er zur Tür. Er wendet sich lebhaft um. »Sag mir rasch noch einmal den Spruch unseres herrlichen Hütten, Lotte! Er soll künftig auch mein Leibspruch und der aller mir ergebenen gleichgesinnten Männer hier sein.« Lotte errötet, freudig und stolz. »Ich träume 293 nicht von vergangner Zeiten Glück«, wiederholt sie, ein wenig verlegen, doch mit schalkhaft blitzenden Augen, »ich breche durch und schaue nicht zurück.« »Ausgezeichnet! Das ist ein Wort!« ruft der Regierungsrat aus. »Da fällt mir eben ein . . . Weniger dichterisch, doch dafür um so drastischer derber kerniger hat diesem Gedanken auch ein Volksdichter unserer engeren Heimat – der leider allzu früh verstorbene Otto Zeltner – Ausdruck verliehen in dem Refrain eines Fahnenweihliedes . . . wie heißt es denn gleich? Ja! ›Potz Rotz und Kotz, vorwärts geh der Weg!‹« Lachend mit der Hand zurückwinkend, stürzt der Regierungsrat aus dem Zimmer. 17 Romeo durchquert den alten Park vor dem Friedhof. Die Bäume stehn in voller Blüte. Es ist spät am Nachmittag, die schmalen abseitigen Wege, die Romeo einschlägt, sind menschenleer. Wie ruhig es hier ist. Wie traurig und zärtlich der Duft von Pflanzen über den Wegen liegt . . . Romeo zieht ein Heftchen mit verschiedenfarbigen Scheinen aus der Tasche. Auf jedem einzelnen dieser Blätter mit den fremden nordländischen Städtenamen und den dreisprachigen Ausdrücken verweilt sein Blick. Sonderbar. Wie hatte es ihn gestern noch erregt und freudig gestimmt, als er in dem kleinen Reisebüro diese bunte Bescheinigung seiner Flucht in die Welt in Empfang genommen hat; in jene andere höhere Welt, von deren Existenz ihn der Fremde auf dem Bahnhof und Bild und Brief dieser wunderbaren 294 Kirsten Johannsen überzeugt hatten. Den Namen wird er wohl niemals vergessen. Und jetzt –? Der Gedanke, daß er morgen um die gleiche Zeit Rietheim bereits weit hinter sich gelassen haben wird, hat nichts Erregendes Beglückendes mehr für ihn, erscheint ihm vielmehr selbstverständlich und – gleichgiltig. Das Heftchen mit den Fahrscheinen in seiner Hand stimmt ihn verzagt. Er wird sich trotz diesen Fahrscheinen nicht retten können. Ist es die Nähe des Friedhofs, der Weg zum Grab der Mutter? Sein erster und vielleicht auch sein letzter . . . seit jenem Begräbnistag. Oder ist es der alte blühende Park, in dem jeder Winkel ihm die Erinnerung an kleine, lang vergessene Geschehnisse seiner Kindheit zurückgibt? Hier, auf diesem Rasen hat er mit seinen ersten Freunden Räuber und Gendarm gespielt. Dort auf der Bank hat er den »Winnetou« gelesen . . . Wie genau er sich plötzlich an alles erinnert. Beim Tod des »roten Gentlemans« war er in Tränen ohnmächtiger Wut über den Meuchelmörder, dieses feige Kommanchenschwein, ausgebrochen; selbst- und weltvergessen hatte er allerlei bestialische Racheschwüre vor sich hin gemurmelt, bis ein vorübergehender würdiger Herr ihn anrief und fragte, was ihm denn über die Leber gelaufen sei? Da hatte er sich furchtbar geschämt, war von der Bank aufgesprungen und mit seinem dicken Buch davongelaufen; nicht ohne dem alten Bleichgesicht noch rasch die Zunge herausgesteckt und »Karacho!« gemurmelt zu haben. Was dieses Wort zu bedeuten hat, weiß er eigentlich heute noch nicht. »Karacho« . . . Romeo weiß auch nicht, wie sehr der Ausdruck 295 seines Gesichts jetzt dem des »Winnetou«-lesenden, »karacho«-murmelnden Knaben gleicht. – Durch eine neue Pforte, an der ein alter Mann in einer blauen Bluse fröstelnd in der Sonne sitzt, verläßt Romeo den Park seiner Kindheit. Auf der Straße – auch hier zu beiden Seiten neue Häuser, die letzten der Stadt – beschleunigt er seine Schritte. Er wollte, er wäre bereits wieder zuhause in seinem nun fast leeren Zimmer. Der Friedhof, diese endlose weißliche Mauer dort, flößt ihm Furcht, Unbehagen ein. Seit dem Begräbnistag war er nicht mehr dort gewesen. Dieses Begräbnis –! Qualvoll war es, scheußlich, anwidernd. Es fröstelt ihn, wenn er daran zurückdenkt. Der Geistliche! Die alten Weiber und das alles. Lüge, gemeine heuchlerische widerliche Lüge. Wie sich das mit dem Schmerz in der eigenen Brust vermengt und diesen Schmerz vergiftet. Welche mittelalterliche Schmach. Ob es wohl auch im Land der Frau Kirsten Johannsen . . . – ist's möglich, daß er in kaum vier Tagen schon die Luft dieses Landes, Frau Kirstens Luft, atmen wird? Ob es auch dort noch solche Begräbnisse gibt? Ob gar sie selbst einmal in dieser Weise . . . – Unvorstellbar. Wie nah die Friedhofsmauer zu liegen scheint und wie weit es trotzdem dahin ist. Endlos. Wie müde er plötzlich ist. Übernächtigt. Nun ja, es war auch schon hell draußen, als er sich heute morgen schlafen gelegt hat. Die ganze Nacht hatte er über dem Abschiedsbrief an Yvett zugebracht. Ob es sie wohl ein wenig freuen wird, all das Liebe, was er ihr in diesem Brief sagt –? 296 Romeo betritt den Friedhof. Auch hier die gleichen blühenden Bäume, das Vogelgezwitscher, der Duft und die Stille. Seltsam. All das Unbehagen, die dumpfe Furcht, die vorhin, im Angesicht der Mauer, über ihn gekommen waren, sie weichen nun, innerhalb dieser Mauer, von ihm. Es ist ihm fast wohl zumute. Sonderbar ausgeglichen, beruhigt fühlt er sich. Wäre der Ausdruck »Friedhof« mehr als eine bloße Bezeichnung –? Romeo geht Wege, die denen im Park genau gleichen. Nur liegen Gräber zu beiden Seiten. Es ist der alte Teil des Friedhofs; die Mutter liegt am anderen Ende, im neuen Teil. Dorthin ist es ziemlich weit. Das Reich der Toten in Rietheim ist ausgedehnt. Romeo geht sehr langsam. Vielleicht will er das Wiedersehn mit dem Grab der Mutter, den Abschied davon, noch ein wenig hinausschieben. Vor einzelnen Grabsteinen bleibt er stehn, betrachtet die Inschriften. Mit welcher Sorgfalt und Erpichtheit überall die Berufe und Titel der Verstorbenen vermerkt sind. Gilt derlei denn nicht einmal hier für gleichbedeutend? – »BÜRGER, METZGER UND HAUSBESITZER«, liest Romeo. »ZUCKERINSPEKTOR«. »OBERBANKBEAMTENSGATTIN UND HAUSBESITZERIN«. »ORGELBAUER«. »RIETHEIMER BÜRGERSGATTIN«. »OBERWACHTMEISTER i. R.« – Im Ruhestand . . .! Muß das hier erst besonders hervorgehoben werden? – »GESCHÄFTSMANNSGATTIN« . . . »OBERSCHULDIENERSGATTIN« – und klein darunter: »VERDIENSTKREUZ MIT DER KRONE«. Das Verdienstkreuz des Mannes vermutlich. Ein armselig gekleidetes häßliches Mädchen, ein 297 Wickelkind im Arm, kreuzt Romeos Weg. Romeo blickt sich nach ihr um. Auch das Mädchen blickt sich um. Hastig geht Romeo weiter. Sonderbar, das Wickelkind hier, zwischen den Gräbern. »FAMILIE PETER«. Ein winziges, von den gewichtigeren Grabsteinen ringsum gleichsam zur Seite gedrängtes gußeisernes Kreuz. Es steht ganz schief und ist mit einem rostigen Draht an einer Kirchenlaterne des Nachbargrabes befestigt. Sonst würde es wohl umsinken und von den bemittelteren Friedhofbewohnern zertreten werden. Wie gleichartig in allem und jedem dieses Reich der Toten von Rietheim doch dem der Lebenden ist. Diese Rivalität der Grabhügel Grabsteine Grabtitel und Grabblumen, diese Erpichtheit auf Geltung vor dem anderen, dies Mehr- und Andersscheinenwollen auch noch hier, diese Gespreiztheit Verschämtheit Verlogenheit und Verquältheit allüberall. Wie die ärmlicheren Gräber sich gleichsam zwischen die Reihen der reicheren einzuschleichen versuchen. Und mit welch fühllosem morbiden Protzentum die großen Steine auf die kleineren drücken und sie vom Wegrand ins Gestrüpp zurückzudrängen trachten. »FRANZ ZIMMER, VORSITZENDER DES RIETHEIMER FUSSBALLKLUBS USW.« Wie gelassen, wie ernst und hoheitsvoll in sich selbst beruhend dagegen die Bäume über dem kleinlichen rohen Gezanke der Grabstätten stehen. Buchen Trauerweiden Ahorn Akazien und der »Lebensbaum« . . . »BANK DER FAM. MAYRHOFER, FRIEDHOF III., ABT. 7b, NR. 12« – liest Romeo mechanisch 298 von der Rückenlehne einer Bank ab, die mißtrauisch eine Gruft bewacht. Ovale Bildchen der Verstorbenen auf schmiedeeisernen Kreuzen. Auf einem von ihnen ein Mann im Hochzeitsstaat, verlegen einen Zylinderhut in der Hand haltend. Frauen mit verkniffenen Zügen unter riesenhaften Hüten mit barbarischem Federschmuck. Auf einem Kreuz sieht Romeo zwei solche ovale Bildchen. Brüder. Beide haben das gleiche breite Gesicht mit dem aufgedrehten Schnurrbart, die gleichen kleinen, im Fett verschwindenden Äuglein, den wuchtig ausladenden Brustkasten. »JOSEF LANGMEIER, GEWESENER METZGER UND HAUSBESITZER«, steht unter dem einen, »DIETRICH LANGMEIER, GEWESENER METZGER UND HAUSBESITZER«, unter dem anderen. Gewesene Metzger . . .! Verweste Metzger . . . Hastig geht Romeo weiter. In welch erdrückender Überzahl der Stand dieser gewesenen Metzger hier überhaupt vertreten ist. Lilien. Wappengeschmückte Grabmäler. Romeo befindet sich im ältesten Teil des Friedhofs. Neben gut erhaltenen Grüften halbverfallene verwahrloste. Durch die verrosteten Gitterstäbe eines kleinen Fensters blickt Romeo – was zwingt ihn nur? – ins Innere solch einer winzigen Kapelle. Ein spinnwebenverhangenes undurchdringliches Loch. »CLAUDINE FREIIN VON REHOFF, STIFTSDAME«, entziffert Romeo auf einer ausgelöschten verwitterten Marmorplatte. »AMALIA VON DOEGGERN, STIFTSDAME«, liest er von einer anderen ab. Löchergrüfte. Wie unnahbar voneinander geschieden die Totenkategorien 299 auseinander liegen; die gewesenen Stiftsdamen und die gewesenen Metzger und Oberschuldiener mit dem Verdienstkreuz mit der Krone. Der Weg wird breiter. Uralte vornehme Gräber, mit Wappen und vielfach mit gekreuzten Schwertern verziert. Einige prangen im Schmuck frischer Blumen; die Familien der hier Begrabenen scheinen noch zu existieren. Napoleonische Jahreszahlen. Hohe Offiziere. Adelige. Alle ihre Orden sind auf den Grabsteinen vermerkt. »ST. ANNA MIT DER KRONE«, liest Romeo. Und unweit davon: »ST. ANNA IN BRILLANTEN«. Ob der mit der Krone wohl den in Brillanten beneidet? – geht es ihm durch den Kopf. Und der Oberschuldiener mit dem armseligen Verdienstkreuz mit der Krone fällt ihm ein. Ermüdet, mit einem leisen Gefühl von Schwäche im Magen läßt sich Romeo auf eine Bank nieder, die vor einer schlichten geschmackvollen Marmorgruft steht. Eine schwarzgekleidete alte Frau geht vorüber. Romeo blickt ihr nach, bis sie an der Wegbiegung verschwindet. Jetzt fällt sein Blick auf das Wappen über dem Eingang der Gruft. »ARTE AUT MARTE«, liest er. Das bedeutet wohl »Durch Kunst, aber auch durch Krieg« – was mag damit gemeint sein? 1764 bis 1829. Und die endlose Inschrift! Wären das alles Titel –? Trotz seiner Müdigkeit und Unlust zwingt etwas Romeo, sich zu erheben und aus der Nähe den verblichenen Text zu entziffern. Unverständliche Abkürzungen. Jedenfalls aber eine hochgewichtige gewesene Persönlichkeit, dieser »RODERICH EDLER VON WARNHOLZ, KGL. KAEMMERER UND 300 GENERAL-MAJOR DER RUSS. ST. ST. ANNA It. CL * ST. WLAD. IV. CL. * DES K. FRAN. ST. LUD. * U. R. PREU. MIL. VERD. OR. RIT. * DES K. SIG. MIL. MIL. St. GEO. OR. GR. K. K. * DES K. SARD. ST. MAU. U. LAZ. OR. RIT. * U. DER G. H. TOS. ST. JOS. * U. G. H. PAR. CON. ST. GEO. OR. COMMAND.« Der Kopf beginnt Romeo zu schmerzen. Warum eigentlich liest er das alles und denkt darüber nach? Er würde besser tun, zu eilen. Der toten Mutter Adieu sagen und dann so rasch wie möglich den Friedhof verlassen. Denn was er hier empfängt, ist nicht die Stimmung, die er zur Abreise morgen früh, zu einem auch nur ein wenig zuversichtlichen Start ins neue Leben so notwendig braucht. Und doch . . . Täuscht er sich nicht? Zeigt ihm dies Rietheimer Totenreich – dem der Lebenden dermaßen verwandt – nicht auch, wie weit er sich im Innern bereits aus dieser Sphäre entfernt hat? Beweist es ihm nicht, daß er – einfach zufolge der Tatsache, die Absurdität der hier steingewordenen Welt einmal erkannt zu haben – daß er nun alles bereits mit ganz anderen Augen, mit den Augen und Sinnen eines Fremden Unbeteiligten, in sich aufnimmt? Fast ist es, als ginge ihn das hier nichts mehr an, als interessiere es ihn nur noch aus sachlichen unpersönlichen Gründen. Nicht anders als irgendwelche Ausgrabungen, fossile Überbleibsel einer verschütteten einstigen Welt. Seiner einstigen Welt . . . Ja, es ist wohl das insgeheim beglückende Gefühl eines bereits errungenen Sieges, was ihn zum Verweilen bei all 301 den Ungeheuerlichkeiten ringsum zwingt. Aber nun hat er wirklich genug, auch davon! Romeo beschleunigt seine Schritte. Bescheidener, ärmlicher werden die Grabstätten längs seines Wegs. »HAUPTMANN«, »LIEUTENANT«, »LIEUTENANT«, liest er im Vorübergehen auf einzelnen Steinen. Der Weg wird breiter, gepflegter, das Bild trostloser und peinlicher. Romeo ist im neuen Viertel. Pathetische, in ihrer gewollten Prunkhaftigkeit unendlich armselige Skulpturen, frische Blumen da und dort. Ein Grabmal, fast schon ein Domgewölbe, überragt alle anderen. Mit den machtgedunsenen Armen seiner weit ausholenden Rampenflügel scheint es, asthmatisch keuchend, alles ringsum beiseiteschieben zu wollen. »FAMILIE LOTTER«. Daneben ein Denkmal. Ein überlebensgroßer beleibter Steinbonze mit einem riesigen, über die halbe Brust herabreichenden Bart, eine Schriftrolle in Händen. Selbst die Glieder der wuchtigen Uhrkette an der Wölbung des steinernen Bauches sind genau zu erkennen. »UNSEREM VEREHRTEN BÜRGERMEISTER – DIE DANKBARE STADT«. Romeo eilt weiter, den Blick auf den Weg vor sich geheftet; er will nun durch keine gleichartigen Beobachtungen mehr zurückgehalten werden. Der Weg biegt scharf nach rechts. Flüchtig hebt Romeo den Blick. Er hält inne. Was ist das –? Eine kleine Reihe von Steinpiedestalen, im Halbkreis geordnet. Glasbehälter ruhen auf ihnen, die je eine Metallvase oder ein Kästchen der gleichen Beschaffenheit umschließen. Der Bezirk des Fortschritts! – 302 fällt Romeo ein. Urnen sind es, mit dem Staub der in Krematorien Eingeäscherten. Romeo entsinnt sich nun auch dunkel, daß diese neue Bestattungsart vor Jahren einmal einen heftigen Kampf der Meinungen in Rietheim hervorgerufen hat. Hat nicht sogar Lottes Vater, der Doktor Freißler, dabei eine Rolle gespielt? Natürlich, der viel erörterte und geschmähte Zeitungsartikel über die Vorzüge dieser hygienischeren zeitgemäßeren Bestattungsmethode stammte doch von ihm! Und das Gewicht der Persönlichkeit des Regierungsrats Freißler war es dann auch, was im Stadtrat schließlich den Ausschlag dahin gegeben hatte, dem Einzelnen bleibe es fortan freigestellt, auf ausdrücklichen schriftlichen Wunsch auch eingeäschert zu werden. Verblüfft bleibt Romeo gleich darauf abermals stehen. Hier ist ja ein ganzes kleines Gebäude mit solchen Urnen! Merkwürdig. Wie viele hier sich doch eigentlich zum Fortschritt, zur Modernität bekennen – muß er denken. Wieso merkt man außerhalb des Friedhofs aber so wenig von ihrer Existenz? – Eine vage Vermutung drängt sich Romeo auf. Ob es nicht einfach diejenigen sind, denkt er, die es im Leben zu nichts gebracht haben – die Peripheren Unzufriedenen von Rietheim – und die sich dann nur zum Protest gegen die Anderen Geachteteren in diesen vielgeschmähten Urnen beisetzen ließen? Sonderbar, das Glashäuschen mit den vielen Fensterchen und den Urnen dahinter! Wie Honigwaben – nein, wie ein Verkaufsstand sieht es aus. Ja, wie ein Verkaufsstand in einem Warenhaus, besonders jetzt, mit dem bleichsüchtigen trauernden Fräulein dort 303 zwischen den Regalen und Fächern mit Vasen. Die Verkäuferin . . . Was aber hatten dann eigentlich jene ersten, gesondert stehenden Urnen dort um das Blumenbeet herum zu bedeuten gehabt? – denkt Romeo im Weitergehn. Wahrscheinlich lagen dort die Erlauchten aus der mißachteten Kategorie der Urnen-Toten bestattet, das Villenviertel der Urnen sozusagen. Das hier dagegen ist eine ganz gewöhnliche Urnenmietskaserne. Romeo schüttelt den Kopf; ein schmales Lächeln flüchtet über seinen Mund. Das Lächeln gefriert ihm auf den Lippen. Vor seinen Augen liegt ein weites Feld, auf dem nichts ist als ungezählte, völlig gleichartige Eisentäfelchen, kaum über die Rasenflächen hinausragend. Bedrückend legt sich Romeo der Anblick auf die Seele. Soldaten. Die Gefallenen des Weltkriegs . . . Romeo tritt näher an den Rasen heran. Die Tafeln sind völlig von Rost zerfressen. Kein Name, keine Ziffer mehr, ist zu erkennen. Ausgelöschte. Für immer aus dem Geschehen Getilgte . . . Dort, von einem Hinterbliebenen wie zum Protest mit Kreide auf die Rückseite einer Tafel geschrieben: »J. KRUMMEL, 17. REG., GEB. 1900, † 1918 * WESTFRONT.« Erschüttert gleitet Romeos Blick über das Feld mit den namenlosen rostzerfressenen Tafeln hin. So viele also hat Rietheim verloren. Und wie viele mögen erst draußen geblieben sein. Er hätte das nie gedacht. Und nichts, nichts ist anders geworden . . . In der Mitte des Rasens entdeckt Romeo jetzt eine Reihe von größeren Tafeln; auf ihnen ist auch die Schrift noch zu erkennen. Richtige Grabhügel sind es, 304 kleine Bäumchen sind dazwischen gepflanzt. Ein eigener Weg führt zu der Ruhestätte dieser Bevorzugten hin. Romeo geht diesen Weg. Es läßt ihm nicht Ruhe; er muß sehen, wer die wenigen Besserbestatteten auf dem Elendsfeld uniformer Namenlosigkeit sind. »UNTEROFFIZIER«, »FELDWEBEL«, »UNTEROFFIZIER«, liest er. Die Tafeln sind durch eine Glasur gegen das Verrosten geschützt. Das Unteroffiziersgräber-Kasino . . . Romeo fröstelt es. Ein Ekelgefühl, Trauer und ohnmächtige Verzweiflung ergreifen ihn. Also selbst hier, auf dem Feld der von ein- und demselben furchtbaren Geschick Betroffenen, um Leben und Namen Betrogenen und grausam Verhöhnten, gibt es noch trennende Rangunterschiede! – Romeo streicht mit der Hand über die Stirn. Hastig geht er den schmalen Pfad zwischen den Soldatengräbern zurück, zum Hauptweg. Genug! – denkt er, bleich und finster. Ich bin jetzt im Bilde. Einer treibt ein verwerfliches Spiel mit uns, seinen Geschöpfen. Ich würde ihn hassen, wenn er mich nicht zum Lachen reizte! Verstört blickt er um sich. Wo liegt eigentlich das Grab der Mutter? Er findet sich plötzlich nicht mehr zurecht, erkennt nichts mehr. Ist er vom Weg abgekommen? Ein Mann mit einem Spaten nähert sich auf dem Hauptwege: ein Totengräber. Hastig geht Romeo ihm entgegen. Eine Pfeife hängt dem Mann aus dem Mund; ein Schein von häuslichem Wohlbehagen, von geruhsamer Ausgeglichenheit liegt wie der Abglanz der Spätnachmittagssonne über seinem Gesicht. 305 Romeo grüßt, fragt nach dem Grab seiner Mutter. Zweimal muß er den Namen wiederholen. Umständlich nimmt der Mann die Pfeife aus dem Mund, spuckt aus, lächelt versöhnlich, grunzt etwas Unverständliches, deutet mit der Hand auf einen schmalen Querweg. Romeo dankt und geht. Ja, nun erinnert er sich auch wieder an diesen Weg, an das Begräbnis, an alles. Vor einem fremden schmiedeeisernen Kreuz bleibt er stehn. »CAMILLA REIF«, liest er. Finster starrt er auf den Hügel mit den verwelkten Blumenresten zwischen dem jungen sprießenden Gras hinab. Er schauert leicht zusammen, er schließt die Lider. Um seinen Mund ist ein harter verkniffener Ausdruck. Mutter, denkt er frierend, ich bete nicht zu Gott, ich bete zu dir. Vielleicht ist Gott in dir verborgen, ich weiß es nicht. Nie hat mich etwas stärker gepackt als dein Tod, Mutter. Die Art deines Sterbens nämlich . . . und jetzt der Gedanke an dein deinem Sterben so ähnliches Leben. Vielleicht hätte ich seitdem an nichts anderes denken dürfen als an dein Leben, an dich. Ich hab fortwährend an anderes gedacht. Ohne dich zu vergessen, glaube ich, Mutter. Du selbst würdest mir doch sagen, ich soll an etwas anderes denken. Nicht wahr, Mutter, ich hab dich nicht verlassen? – – Du hast mir das Leben gegeben. Ich hab nichts damit gemacht. Es war kein Leben. Und jetzt hast du mir ein Sparkassenbuch hinterlassen, gute liebe Mutter, ich ahne, wie schwer es dir fiel . . . Dadurch gibst du mir nun zum zweiten Mal das Leben. Du hilfst mir damit – vielleicht – in ein neues Leben. Ich will es versuchen. Wirklich, ich will es 306 versuchen. So gut ich's nur kann. Ich verspreche es dir . . . und . . . Ich verlaß dich nicht, Mutter, ich geh nur weg von dort, wo dein Grab . . . und das meines bisherigen Lebens ist. Warst du Christin, Mutter? Hast du an Gott geglaubt? Romeos Stirn sinkt auf die Brust hinab. Ich weiß nichts von dir, Mutter. Nicht einmal das weiß ich. Ich weiß nicht, wie du warst. Ich weiß so vieles – nur von dir weiß ich nichts. Romeos Blick haftet an dem jungen sprießenden Gras. Verzeih es mir, Mutter . . . Womit kann ich dir eine kleine Freude machen? Ich möchte dir so gern eine Freude machen. Wenn du gläubig warst, sollst du einen schönen großen Grabstein bekommen, wenn es dich freut . . . Bald! Ich werde nicht vergessen, Mutter, wirklich! – Liebe Mutter . . . – – – – – Romeo geht zurück durch den blühenden alten Park, die Wege seiner Kindheit. Bei einer Wegkreuzung bleibt er stehn. Verlassen – ohne Herrn, ohne jubelnde Kinder in dem Wägelchen, das er zieht – steht dort am Rand des Fahrwegs ein kleiner magerer Esel. Sein Haupt mit dem lustigen bunten Federbusch hängt traurig in den Zügeln, er ist alt und vielleicht müde. Niemand kümmert sich um ihn. Romeo verspürt ein Brennen in den Augen. Dieses Wägelchen mit dem Esel – sicher ist es nicht mehr derselbe Esel – kennt er seit seiner frühesten Kindheit. Immer war es hier, in dem Park. Er selbst ist nie darin gefahren. Aber auf dem winzigen 307 Kutschbock hat er oft weißgekleidete Kinder gesehen. Damals kostete eine Fahrt . . . wieviel nur –? Wenn er bloß ein Stück Zucker bei sich hätte, für den traurigen alten Esel. Würde das Tier sich darüber freuen –? So gern würde er dem armen Esel eine kleine Freude machen. Etwas unsagbar Rührendes Beklemmendes geht von der Gestalt dieses Tieres aus. Romeo geht zu dem Esel hin, streicht ihm mit der Hand über die Stirn. Mit einem merkwürdig verschlossenen undurchdringlichen Ausdruck hebt der Esel die Augen zu Romeo, um gleich darauf wieder vor sich hin, zu Boden zu blicken. Scheu, betroffen läßt Romeo die Hand sinken, die das Tier streichelte. Der kurze Blick aus diesen seltsamen einfarbigen Augen, der ihm galt, hat ihn im Tiefsten erschüttert. Ein dumpfes schmerzliches Mitschuldgefühl durchdringt ihn, legt sich beengend um seine Brust. Wie rätselvoll verschlossen wir in uns selbst sind, denkt er. Und wie wir einander wehtun, wehe tun müssen. Warum nur? – Alles ringsumher leidet. Und wie ängstlich versteckt jeder leidet. Wieso aber bemerke ich das alles erst jetzt? War ich denn vordem fühllos, mitleidlos –? Nein, ich war wohl nur blind . . . – Vielleicht müßten wir wirklich nur ein wenig gut sein zum andern, weniger in uns selbst verkapselt sein und nicht nur uns selbst, auch den andern und das, was ihn betrifft, merken und mitempfinden . . . und betrachten . . . als wäre es eigenes Schicksal. Am Ende würde dann wirklich alles anders sein in der Welt . . . Romeo spürt in sich eine Regung, mit den Lippen die Stirn des Tieres zu berühren. Er tut es nicht. 308 »Armer lieber Esel«, flüstert er; er spürt Tränen in den Augen. Er wendet sich rasch und geht. An der Wegkreuzung wendet Romeo den Blick nochmals nach dem Esel zurück. Er sieht einen Mann, den Kutscher, aus dem Gebüsch treten und nach den Zügeln des kleinen Gespanns greifen. Romeos Hand fährt in die Tasche, zieht einige kleine Münzen ans Licht. Ich werde sie dem Kutscher geben, er soll dem Esel dafür Zucker kaufen, denkt er erleichtert und geht auf den Mann zu. Aber wird er's denn tun? Er wird das Geld wahrscheinlich für sich behalten, fällt ihm ein. Nun, vielleicht tut er's doch, wenn ich's ihm ans Herz lege. Romeo bleibt stehen. Das Blut in seinen Adern stockt; für einen Augenblick setzt sein Herzschlag aus. Er sieht, wie der Mann mit beispielloser Roheit an den Zügeln reißt, um den Esel zum Gehen anzutreiben. Der Esel rührt sich nicht. Der Mann flucht, reißt mit aller Gewalt an den Zügeln. »Himmeldonnerwetter!« schimpft er und stößt dem Tier das Knie in den Bauch. Der Anblick berührt Romeo wie glühendes Eisen. »Quälen Sie doch das arme Tier nicht so, Sie Schinder!« schreit er, außer sich. Der Mann dreht sich nach ihm um. Ein pralles gemeines, dabei gar nicht unschönes Gesicht mit einem schwarzglänzenden Schnurrbart. Ein feindlicher hinterhältiger Blick trifft Romeo, taxiert ihn flüchtig. »Was geht das Sie an? Machen Sie mal rasch, daß Sie weiterkommen!« ruft er Romeo verächtlich zu, kehrt ihm den Rücken und reißt noch heftiger an den Zügeln. Romeo fühlt das Blut in sich aufsteigen. Seine 309 Hände zittern vor Erregung. Doch kein Wort will über seine Lippen. »Hü!! Nu aber mal fix, Scheißvieh miserables!« brüllt der Kutscher. Dumpf schlägt seine Faust auf der Stirn des Esels auf; zugleich tritt er mit dem Schuh heftig gegen das Vorderbein des Tiers. Romeo wird es siedend heiß, eisig kalt. Er stürzt vor. »Sie Rohling, Sie ganz gewöhnlicher Schinder Sie! Ich zeige Sie bei der Polizei an!« schreit er und reißt den Kutscher beim Arm zu sich herum. Die Augen des Mannes stehn nur zu einem kleinen Spalt offen. Das pralle Schöne-Mann-Gesicht füllt sich mit Blut, plötzlich stehen die Augen wutlodernd offen. Romeo weicht einen Schritt zurück. Das unmenschliche Gesicht flößt ihm Entsetzen ein. »Was haben Sie jesagt?« zischt es aus dem Gesicht, das näher rückt. »Sagen Sie das 'n zweites Mal!« Romeo fühlt sich von Schwäche übermannt. Er ist totenblaß. Ratlos hält er dem Kutscher die Hand mit den Münzen hin. »Ich wollte Sie . . . gerade bitten, daß Sie Zucker für den Esel . . .«, stammelt er, zurückweichend. Das Gesicht rückt näher. Diese Augen . . .! Nur den Bruchteil einer Sekunde ruhen sie auf den kargen Münzen, dann sind sie wieder nichts als ein lodernder Spalt. Der Arm des Kutschers holt zum Schlag aus. »Wiederholn Sie, was Sie jesagt haben!« Wirtshausatem schlägt Romeo ins Gesicht. Romeo spürt eine Schwäche in den Knien. »Entschuldigen Sie meine Heftigkeit«, stammelt er, »das arme Tier tat mir so leid . . . Ich wollte Sie nicht beleidigen.« 310 Das Gesicht des Kutschers entspannt sich ein wenig, richtet sich in die Höhe. Höhnisch, gedunsen blickt es auf Romeo hinab. »Geht in Ordnung. Aber nu machen Sie fix, daß Sie weiterkommen«. Verwirrt blickt Romeo zur Seite. »Wollen Sie . . . für das Geld dem Esel Zucker kaufen?« murmelt er, tonlos, ohne den Mann anzublicken. Tränen würgen ihn. Er hält die Hand mit den Münzen vor sich hin. »Könn' se haben!« knurrt der Mann. »Geben Sie her.« Apathisch läßt Romeo die Münzen in die Hand des Kutschers gleiten. »Danke«, murmelt er und entfernt sich ein paar Schritte. Ihm schwindelt, er muß stehen bleiben. Er möchte laut herausschluchzen. »Hü!!« hört er die verhaßte Stimme in seinem Rücken. Und einen dumpfen klatschenden Schlag. Er spürt ihn glühend in seinen Nerven. Feigling! stöhnt es in ihm auf, elender Feigling! Er schließt die Augen. Du sollst nicht so feig sein! hämmert es ihm in den Schläfen. Es ist nicht schade um dich! Der arme kleine Esel . . . Laß dich von dem Knecht ruhig zuschanden schlagen, erbärmlicher Feigling. Niemand wird es leid tun. »Hü!! Bestie verfluchte!!« Und wieder ein dumpfes Aufklatschen. Romeo reißt die Augen auf, starr blickt er vor sich hin, ins Leere. Er preßt die Zähne aufeinander. Sein Blick irrt über den Boden hin. Zwei Schritte, er spürt Erde an den Fingern, einen Stein in seiner Faust. Schwerfällig wendet er sich um. Tappend, automatenhaft nähert er sich dem Mann. Er sieht nur den prallen wutgeröteten Nacken. Siedend steigt etwas in 311 ihm hoch, es flimmert ihm vor den Augen. Seine Hand schließt sich fest um den Stein, zuckt in die Höhe. Mit einem kurzen scharfen Knall schlägt der Stein gegen das Holz des Wagens, prallt ab. Blind taumelt Romeo vorwärts. Mit einem Satz ist er im Rücken des Kutschers, reißt ihn zu sich herum. Seine Nägel graben sich in Fleisch, warmes pralles widerwärtiges Fleisch; er sieht, spürt das verhaßte Gesicht vor seinen Augen, unter seinen Nägeln; dumpf spürt er im Hinterkopf einen Schlag, etwas Warmes über seine Wange herabrieseln; es ist ihm wohl, er möchte jauchzen; seine Nägel zerfetzen Fleisch, zerreißen Lippen, Haare bleiben zwischen seinen Fingern; er fällt nach vorn, spürt unter sich einen zuckenden, sich bäumenden Leib; er stößt mit den Knien dagegen, er sieht das blaurote keuchende Gesicht, den Schnurrbart . . . Er schnellt in die Höhe, hockt mit den Knien auf dem Brustkasten des Feindes, holt zum Schlag aus; klatschend trifft seine Rechte die gedunsene Wange; er keucht Unverständliches, holt mit der Linken aus, schlägt von neuem zu, mit der Rechten, der Linken, die Knie in die Brust des Feindes hineinbohrend; wieder schlägt er zu und noch einmal . . . Er fühlt sich zur Seite geschleudert, auf dem Boden liegen. Sogleich ist er wieder auf den Beinen. Er ringt nach Atem, sieht den Kutscher die Allee hinabrennen, sich selbst von johlenden jubelnden Kindern umringt. Er sieht, wie der Gegner sich bückt, einen Stein aufhebt und, sich umwendend, blitzschnell nach ihm wirft. Romeo duckt sich; der Stein pfeift über ihn hinweg. Romeo schnellt vor. Er sieht den Kutscher vor sich herrennen. Blind, atemlos setzt er ihm nach; er 312 bückt sich im Laufen nach einem Stein, spürt einen stechenden Schmerz in der Hand; er stürzt. Blitzschnell richtet er sich auf, jagt weiter. Da sieht er den Kutscher mit einem Satz über den Graben springen und im Gebüsch verschwinden. Keuchend bleibt er stehn. Ein wildes frohes siegtrunkenes Feuer flammt in seinen Augen. Auflachend reißt er das Taschentuch hervor, wischt über die Wange, über die Hand – Blut . . . Lachend streicht er sich das Haar aus der Stirn, klopft den Staub von den Knien; keuchend geht er weiter, begegnet Leuten, die ihn verwundert anstarren, es ist ihm gleichgiltig, er lacht sie an, er möchte laut jubeln, jauchzen, jemand umarmen, ein junges Mädchen, es ist keines da; er läuft ein paar Schritte, Leute kommen, er zwingt sich, langsamer zu gehen, reibt sich die Hände, ein stechender Schmerz läßt ihn innehalten, lächelnd wischt er von neuem das Blut von der Wange, sein Gesicht ist jung und erhitzt und strahlt von Glück. Er sieht sich am Ringplatz, schützend hält er das Taschentuch vor die Wange, keck, glücklich blickt er in die Gesichter fremder Leute, sein Blick fällt in die Auslage eines Herrenmodegeschäftes, bleibt an einem weißlichen Regenmantel mit Gürtel haften, der Mantel des Fremden auf dem Bahnhof! – jubelt es in ihm auf, fast im gleichen Augenblick sieht er sich im Verkaufsraum, er scherzt mit den Verkäuferinnen, die ihn umringen, probiert Mäntel, er hat kein Geld bei sich, das macht nichts, den Mantel noch heute abend in seine Wohnung schicken! – und von neuem sieht er sich auf der Straße. Morgen früh auf dem Bahnhof werde ich ebenso herrlich aussehen wie der Fremde! scherzt er 313 mit sich selbst. Ich bin ein anderer, ein Mensch, ein Mann! jubelt's aus seinem ganzen Wesen. In dieser Dreckseele von einem Kutscher hab ich Rietheim bezwungen, ich werde das Leben bezwingen! Ach, und es gehört doch so wenig dazu! Nur Mut, ein bißchen Mut, und etwas Gutes, Wahres, für das man mutig ist! Ich bin gerettet! Er sieht sich im Flur seines Hauses, aufjauchzend jagt er die Stiegen hinauf. 18 »Zigarren! Zigaretten! Tschokolade!« »Zigarren! Zigaretten! Tschokolade!« »Tschokolade! Zigarren-zigaretten!« »Mineralwasser, Bier, heiße Würstchen!« »Achtung da, bitte!« »–etten –aade . . .« »Mineralwasser, Bier, heiße Würstchen!« »Zigarren–aretten–olade!« ». . . wenn nicht, dann im nächsten Jahr! Schreib!« »Pssst! Hallo! Berliner Illustrierte!« »Zigarren!! Zigaretten!! Tschokolade!!« »Platz da, bitte!« ». . . den Emmerich grüß schön!« »Zigarrenzigaretten–aaade!« »Mineralwasser, Bier, heiße . . .! – bitte sehr!« »Platz nehmen!!« »–etten –ade . . .« » Platz nehmen, bitte!! « »Verzeihung!« »Bitte sehr.« ». . . aber Unsinn, ich hab's doch bei mir!« »... mh ... mh . . . leb recht wohl!« 314 »Vergiß nicht! Akersgaten hundertzweiunddreißig . . .« »Tschutschka, Bussi!« » . . . die Frau Müller!« »also –?« »– September!« »Zweiundzwanzig be! Zwo-und-zwanzig bee!!« ». . . üß –ich –Ott« »Paaa!« ». . . – – Aaaaaaaah . . . öööööh . . . eeeee . . . eee« – – – Romeo beugt sich weit aus dem Waggonfenster. Gleich den beiden anderen Herren am Nebenfenster, winkt er mit der Hand zurück. Er bemerkt es und hält inne. Den einen der beiden Herren glaubt er vom Sehen zu kennen. Ein Rietheimer ist es. Der Gedanke berührt ihn irgendwie unangenehm. Er möchte in diesem Zug mit der Riesenlokomotive und den fabelhaften Wagen – ihnen haftet bereits etwas von der anderen unbegrenzten Welt an – durch nichts mehr an seine ehemalige Welt erinnert werden, die er nun mit rapid zunehmender geräuschloser Geschwindigkeit hinter sich läßt. Im nächsten Augenblick aber hat Romeo bereits die Anwesenheit des Rietheimer Gespenstes vergessen. Von neuem beugt er sich aus dem Fenster. Der scharfe Luftzug nimmt ihm den Atem, fegt durch seine Haare. Romeo ist maßlos glücklich. Gierig nimmt er das wundervoll abgedämpfte Geräusch der vorwärtsschießenden Bewegung in sich auf. Er fühlt ein Wohlbehagen ohnegleichen jedes Teilchen seines 315 Körpers durchdringen. Was für ein junger strahlender Tag! Er taumelt gegen die Wand. Der Zug nimmt eine scharfe Kurve. Der Viadukt! – erkennt er. Sein und Yvetts Viadukt . . . Ein Schatten flüchtet über seine Züge. Gleich darauf strahlt sein Gesicht wieder in ungetrübt-jugendlichem Frohsinn. Die Stadt, das ganze Rietheim, liegt jetzt klein und fern geworden vor Romeos Augen. Wie die jubelnde Frühlingssonne das graue Nest verschönt! Das Nest . . . – Romeo lächelt über sich. Er denkt, scheint es, nur noch in Kontinenten und rechnet in Jahrhunderten, wie er das von einem großen Mann, einem Nicht-Rietheimer, einmal irgendwo gelesen hat. Romeo bereitet es Spaß, aus dem fern und ferner werdenden Gewimmel der Häuser und Häuschen noch das eine oder das andre bekannte Dach herauszulösen. Das giebelgeschmückte Dach von Franz Maria Lotters Patrizierhaus auf dem Marienplatz, das schmucklose nüchterne der neuen Mietskaserne, in der Lotte wohnt . . . Rietheim verschwindet im Blau. Donnernd verdecken Felsen die letzten bläulichen Spuren der verschollenen Stadt. – Gierig nimmt Romeo den Rhythmus des dahinschießenden Zugs in sich auf. Kirstenjo-hannsen, kirstenjo-hannsen, kirstenjo-hannsen, kirstenjo-hannsen. Romeo lacht vor sich hin. Über das ganze Gesicht. Romeo tritt vom Fenster zurück. Der Gang ist leer; das mitreisende Gespenst der Vergangenheit scheint sich bereits ins Abteil zurückgezogen zu haben. Romeo wirft durch das Coupéfenster einen Blick auf die beiden Koffer über seinem Eckplatz. Er öffnet die 316 Tür des Abteils, errötet leicht. »Verzeihen Sie vielmals, gnädige Frau«, spricht er die weißhaarige Dame in der Fensterecke an, »würden Sie nicht die große Güte haben – eine kleine Weile nur! – auf meine Koffer acht zu geben? Ich möchte nämlich rasch mal in den Speisewagen gehn, frühstücken. Ich hab nämlich noch nicht gefrühstückt.« Ein wohlwollend aufmunterndes Lächeln trifft ihn. Ein bejahendes Kopfnicken. Freudig schließt er die Tür, eilt davon. Im Toiletteraum richtet er vor dem Spiegel sorgfältig das Pflaster auf der Wange und die Haare zurecht, freut sich dabei unbändig über den Anblick des neuen Mantels, den er offen trägt, so daß die Gürtelenden zu beiden Seiten hinabbaumeln – »Trenchcoat« heißt das Zeug, erinnert er sich. Die Reisemütze zerknüllt in der Faust, setzt er zögernd über beängstigend schwankende Plattformen hinweg, er eilt durch die luxuriösen Gänge der Ersten Klasse, des Schlafwagens – welche Pracht! Er erreicht den Speisewagen, dessen internationalem Fluidum schon seit Tagen seine unmittelbare Sehnsucht gilt. Aufatmend nimmt er an einem freien Tischchen Platz. Mit lässig-zerstreutem Ausdruck dankt er für die Beflissenheit des uniformierten Kellners. Er hält die Karte in der Hand. Unsicherheit überkommt ihn. Er blickt nach den anderen Tischen hinüber. »Komplettes Frühstück, mein Herr?« hört er den Kellner fragen. »Komplettes Frühstück, ja!« beeilt er sich zu erwidern; erleichtert, doch nicht ohne den gewissen leicht gelangweilten Ausdruck, den er sehr genau von den Grandseigneuren des Films her kennt. 317 Fast alle die Tischchen sind besetzt. Wunderbar! Diese unauffällige gedämpfte Eleganz der Leute hier! Das ist schon die andere Welt! – stellt Romeo mit innerster Genugtuung fest. Einer frühstückt sogar in Handschuhen . . . Ach, aber das ist wohl nicht guter Geschmack –! Die am Nebentisch jedenfalls scheinen sich darüber lustig zu machen . . . »O gewiß, bitte sehr!« beeilt sich Romeo mit einer hastigen Verbeugung dem vor ihm stehenden gepflegten Herrn zu erwidern. Der Herr nimmt Romeo gegenüber Platz, wirft die Reisemütze ins Netz, streift die Handschuhe ab: ein jüngerer, martialisch aussehender Herr; Schmisse auf der Backe. »Erlauben Sie, mein Herr.« Der Kellner stellt das Tablett mit dem kompletten Frühstück vor Romeo auf die Tischplatte. »Bitte sehr«, murmelte Romeo verwirrt und lehnt sich in den Sessel zurück. Zusammenschreckend fährt er mit der Hand plötzlich an die Brust. Gott sei's gedankt, es ist noch da, das Leinensäckchen mit dem Geld unter dem Hemd. Das zu verlieren wäre so ein Spaß . . .! Gedankenverloren tut Romeo Zucker in den Tee. »Herrlicher Reisetag heute, nicht wahr?« richtet der Herr am Tisch plötzlich das Wort an Romeo. »Ja, ja, ganz wunderbar zum Reisen!« beeilt sich Romeo mit einem dankbaren Lächeln zu erwidern. Er zuckt leicht zusammen: der Tischgenosse ist halb von seinem Stuhl in die Höhe geschnellt, blickt Romeo nun streng in die Augen, hält ihm die Hand entgegen. »Gestatten! Diplomingenieur Rolich!« Errötend schnellt Romeo gleichfalls halb in die Höhe, ergreift die ihm entgegengehaltene Hand. 318 »Freut mich sehr! Doktor Reif.« Er setzt sich, zugleich mit dem andern, sieht ihn Butter auf ein Brötchen streichen, tut das gleiche. »Jurist?« »Ja, Jurist.« Romeo spürt, daß er einen roten Kopf hat, und ärgert sich darüber. Höflich lächelnd hört er nicht, was sein Gegenüber ihm nun in munterer martialischer Rede entwickelt. Was war denn das nun wieder; diese alberne, gänzlich überflüssige Lüge? – denkt er, und ein Schatten von Unmut und Trauer geht über sein Gesicht. Ich werde noch sehr viel und sehr lange an mir arbeiten müssen, bevor ich das Erbe Rietheims in mir überwunden habe . . . Sein Blick fällt auf die vorbeifliegenden grünen sonnetrunkenen Felder draußen. Aber es wird mir gelingen! verspricht er sich mit einem verstohlenen kleinjungenhaften Lächeln, der große Mann eines kommenden europäischen Jahrzehnts.   Ende.