Das Liebhaber-Theater, von C. F. van der Velde. Humoreske aus dem ersten Zehntel des neunzehnten Jahrhunderts.     Dritte verbesserte Auflage.   Dresden, 1826. In der Arnoldischen Buchhandlung.     1. An einem stillen, trüben Winter-Sonntage, um die Zeit, wo in der Residenz das Schauspiel angeht, strömten auch die Honoratioren des Städtleins Krautberg durch das Thor, welches die Stadt mit dem Schlosse des Amtsrathes Hastig verbindet. Auf Phaetons und Whisky's, in Bomben, Karreten und Korbwagen rollte der umwohnende Landadel mit der Geistlichkeit, den echten und unechten Ober-Amtmännern und den Wirthschaftinspectoren herbei. Mit schallendem Gelächter und verhängtem Zügel kamen die Officiere des Dragoner-Regimentes angesprengt, das in der Gegend stand. Alles drängte sich in dichten Haufen die breite Schloßtreppe hinauf, um sich an Kotzebue's Stricknadeln, die heute gegeben wurden, und daneben an den sarkastischen 8 Bemerkungen zu ergötzen, zu denen dergleichen Darstellungen in der Regel jeden Zuschauer begeistern. Während dem stand der Amtsrath, schon im vollen Kostüm des Advocaten Burrmann in seinem Schlafkabinet vor dem Spiegel, malte sich mit dem schwarzen Tuschpinsel die erforderlichen Falten nach den Vorzeichnungen, die das Alter schon auf seinem Gesichte angelegt, und relevirte Nase und Backenknochen mit etwas Kugellack. Am Fenster lehnte Aphanasia, seine reizende Tochter, und soufflirte zum dritten Male dem schwerlernenden Vater die kurze Rolle. Aber seine Gedächtnißlücken entgingen ihr fast ganz, denn sie sah sehr häufig neben der Rolle weg durch die Dämmerung nach dem Schloßthore, mit so brennenden Blicken, als ob sie von daher etwas recht Angenehmes erwarte. Endlich schien das Erwartete zu kommen, denn das Mädchen erröthete auf einmal sehr lieblich, mit einem leisen Seufzer der Ungeduld schlug sie das Blatt um, und ließ ihren Vater schließen, 9 wie es dem Himmel gefiel und seinem Gedächtniß. Du kannst es ja ganz vortrefflich, Väterchen! rief sie, und flog der Thüre zu. Es wäre zu wünschen, brummte der Amtsrath. Du könntest mich immer noch einmal überhören. Das wäre wirklich nur Schade um die überflüssige Mühe, erwiederte Aphanasia, die Klinke aufdrückend: schlimmsten Falles ist ja in den Zwischenakten noch Zeit dazu. Auch muß ich noch die Lichter in das Orchester herausgeben, und die Ingredienzien zum Punsch für die Garderobe. Es wird gleich fünfe schlagen. Indem trat der Amtsbote mit den Postsachen herein. Ich wollte auch, daß Er geblieben wäre, wo der Pfeffer wächst! polterte der Amtsrath, ihm die Briefe aus der Hand reißend. Jetzt, wo man sich sammeln soll, bringt Er die fatalen Postsachen. Da steht vielleicht wieder allerlei Verdruß und Aergerniß darin, das mich für den ganzen Abend verstimmt. 10 Der gestrenge Herr Amtsrath dürfen die Briefe ja nur heute nicht aufmachen, schlug der treue Knecht vor, und schnitt dabei gräßliche Gesichter, um das Lachen zu verbeißen, zu dem ihn das Zerrbild des Prinzipals verführen wollte. Er redet, wie Er es versteht! schalt der Amtsrath. Wie könnte ich einen unerbrochenen, ungelesenen Brief an mich in meinem Hause über Nacht leiden! Er würde mir keinen Augenblick Ruhe lassen. Denn leichter trägt der Mensch, declamirte scherzend Aphanasia: das sichere Unglück, als die Furcht davor! Darf ich jetzt gehen? Der Amtsrath hatte unterdeß das erste Schreiben entsiegelt, und winkte schon, in das Lesen vertieft, der Tochter ungeduldig die Entlassung zu. Die Pantomime, verbunden mit dem Unwillen auf der bemalten Larve, kam dem Amtsboten so possierlich vor, daß alle Zügel seiner Ehrfurcht auf einmal rissen und er dem Vorgesetzten geradezu in's Gesicht lachte. 11 Ist Er bei sich?! fragte der Amtsrath ärgerlich. Halten der gestrenge Herr Amtsrath zu Gnaden! rief der Amtsbote unter fortwährendem Gelächter mit thränenden Augen. Aber, wenn Sie mich auf 24 Stunden in die Custodia schicken, ich kann es nicht lassen. Es läßt gar zu kurios, wenn sich ein so alter, ehrenfester Herr so montirt und zurichtet, und sich dabei noch gebehrdet, als ob es sein völliger Ernst wäre mit dem närrischen Zeuge. Jetzt mache Er, daß er fortkommt! rief zornig der Amtsrath. Werfen aber der gestrenge Herr Amtsrath deßhalb keinen Groll auf mich, bat der Amtsbote immer fort lachend. Ich meine es nicht böse, und das Comödianten-Wesen hat mir in meinen jungen Jahren selber viel Spaß gemacht. Mein seliger Herr, der Herr Capitain von Thurmberg, war auch ein solcher Theaternarr. Da sprang der heftige Amtsrath auf, den unverschämten Subalternen zur Thür 12 hinauszuwerfen; aber dieser las schnell in den Augen des Chefs das Schicksal, das ihm drohte, rettete sich durch einen mächtigen Satz, und man hörte ihn noch die Treppe hinunter in einem fort lachen, bis die Schloßpforte hinter ihm zuging. Schlingel! brummte der Amtsrath ihm nach und kehrte zu seinen Briefen zurück. Er überflog sie nur, und warf sie auf die Seite, wenn sie nichts Erhebliches oder etwas längst Erwartetes enthielten. So hatte er sich schnell durch den ansehnlichen Stoß gearbeitet. Ein dickes Paquet blieb zuletzt. Von meinem Mandatar! rief er, als er nach der Aufschrift und dem Siegel gesehen, und erbrach es rasch. Ein kurzer Brief, eine lange Liquidation, ein dickes Erkenntniß mit einem großen Siegel und eine nicht viel dünnere Abschrift fielen aus dem Couverte. Auch in zweiter Instanz verloren! rief er, als er den Brief durchlaufen, warf ihn mit der Liquidation auf die Erde und ergriff das Erkenntniß. 13 Es bleibt bei den funfzig Ducaten Strafe! – Das ist himmelschreiend! schrie er, nachdem er die erste Seite gelesen, zum Himmel empor, und nahm nun die Abschrift vor. Aha! die Deduction des Gegentheiles, sprach er. Ich bat darum. Begierig fing er an zu lesen, aber je weiter er las, desto grimmigere Mienen bildeten sich auf dem verunstalteten Gesichte, und einzelne Ausrufungen: Grob! Impertinent! Infam! von wüthendem Fußstampfen begleitet, verriethen die Stimmung, in die ihn die unangenehme Lectüre versetzte. Er war noch nicht am Ende, da flog schon die arme Abschrift zusammengeballt in einen Winkel des Kabinets. Ist das auch wohl Justiz?! tobte er. Ich wußte es ja von vorn herein, ohne den hochweisen Advocaten, daß ich Unrecht gethan hatte; aber, daß es einem solchen Federfuchser erlaubt wird, einem ehrlichen Manne neben der verwirkten Strafe durch seine giftigen Redensarten den Tod in die Glieder zu jagen und sich noch dafür taxmäßig bezahlen zu lassen, wie 14 sich der Scharfrichter sonst für seine Tortur-Grade bezahlen ließ, das ist ein neuer Beweis, daß es in unserm civilisirten Deutschland noch nicht recht vorwärts will mit der Civilisation, oder daß die heilige Justiz über jede Civilisation erhaben ist. Brummend holte er sich die Abschrift aus dem Winkel hervor und durchflog sie noch einmal. Die Lebhaftigkeit der Empfindung überwältigte ihn endlich so: daß er laut zu lesen anfing: Beklagter, perorirte er: hat den Kläger geständlich um deßhalb gemißhandelt, weil ihm dieser den getriebenen Unfug, zwar ohne wörtliche Beleidigung, aber doch mit einer groben Stimme vorgehalten. Wie ungerecht ist es aber, von einem Nachtwächter eine feine Stimme zu verlangen, oder zu fordern, daß er, aus Respect vor dem höheren Stande eines Tumultuanten, durch die Fistel mit ihm rede! Kläger war in seinem Berufe, und konnte mit dem Beklagten reden, wie ihm der Schnabel gewachsen war. 15 Beklagter scheint sich aber für einen indischen Nairen und den Beklagten für einen Paria gehalten zu haben, der mit dem Manne aus der höheren Kaste nur mit der Hand vor dem Munde reden durfte, damit sich nicht der gemeine Athem mit dem edleren vermische. Die Deduction ist mit keiner Feder geschrieben! tobte der Amtsrath. Der Bösewicht hat ein Banditen-Stilet in Boan-Upas Gift getaucht und sticht damit zu seiner teuflischen Ergötzlichkeit auf mich los. Mein Gott, ich habe es ja schon am Morgen darauf eingesehen, daß ich zu weit gegangen war, und hätte sich der dumme Kerl nicht von bösen Menschen zur Klage aufwiegeln lassen, ich hätte ihn um Verzeihung gebeten und reichlich entschädigt. Von dem rasenden Hochmuthe, der mir hier Schuld gegeben wird, weiß ich mich frei. Mein Temperament war einmal mit mir durchgegangen, das ist es alles, und mich deßhalb einer solchen verrückten Heiden-Bestie gleich zu stellen! Ich weiß es so gut als der – 16 Giftmichel, daß in unserem Staate der Amtsrath und der Nachtwächter gleich sind vor dem Gesetz, und meine Untergebenen werden meiner Humanität fürwahr kein schlechtes Zeugniß ertheilen, und doch tritt dieser Pharisäer hin und kräht: Ich danke Dir, Gott, daß ich nicht bin, wie die Nairen in Indien, oder auch, wie dieser Amtsrath! Der Geyser hatte ausgesprudelt im heißen Wortschwall. Es trat deßhalb eine augenblickliche Ruhe ein. Der Amtsrath war erschöpft in den Sessel zurückgesunken. Wie heißt denn das Ungeheuer? sprach er nach einer Weile, den Schluß der Schrift suchend. Wenn ich einmal einen Gegner bekomme, den ich in möglichster Geschwindigkeit zu Tode ärgern will, so soll mir kein anderer Mensch bedient seyn, als er. Wespe! rief er, als er den Namen gefunden. Wespe! nomen est omen! Gut gewählt, nur viel zu gelinde ist das Bild! Brillenschlange sollte er heißen, oder Scorpion! Nun ich werde doch vielleicht einmal in diesem Leben mit der verdammten Wespe 17 zusammenkommen, und dann soll sie mir Rede stehen über diese Schandschrift, und wenn es mich auch noch funfzig oder hundert Ducaten kosten sollte! Mamsell Naschen, meldete der Amtsrentschreiber, im Kostüm des alten freiherrlich von Durlachischen Dieners Christian eintretend: läßt dem Herrn Amtsrath sagen, daß der Herr Graf Erbach und Frau Gemahlin so eben in der Rangloge angekommen sind. Des Herrn Generals Baron von Rheinstein Excellenz waren schon früher da. Das Orchester hat bereits eine feine Weile darauf losgegeigt. Sie möchten nur bald kommen und die Gardine aufziehen lassen. Augenblicklich war der Amtsrath besänftigt, als ihm sein Steckenpferd also vorgeführt wurde. Ist es schon recht voll im Parterre? fragte er wohlgefällig, indem er sich die Spitzenmanschetten über die Hände zupfte. Kein Apfel kann zur Erde, versicherte der Rentschreiber. Man sieht fast nichts als Kopfzeuge und Uniformen. 18 Und wenn wir sieben Mal in der Woche spielten, sagte triumphirend der Amtsrath, den Philister-Dreistutz und das lange spanische Rohr ergreifend: sie würden sich doch um die Billete reißen. Ja, es kommt doch Alles auf einen guten Director an! Auch auf dem Theater hat sich ein Gast eingefunden, meldete der Rentschreiber schmunzelnd. Ein Gast? fragte der Amtsrath mit einer Directormiene. Habe ich nicht erst neulich in einem Epilog das störende Einlaufen auf dem Theater untersagen lassen? Bei dem Gaste läuft keine Contravention unter, erwiederte der Rentschreiber. Er hat sich zugleich als Schauspieler engagirt, und wird dem Herrn Amtsrath gewiß recht wohl gefallen. Es soll mir lieb seyn, wenn er brav ist, sprach fortgehend der Amtsrath. Den Nachtwächter und den verdammten Wespe abgerechnet, lebe ich mit der ganzen Welt in Frieden, und wenn es nur nicht einer von den Beiden 19 ist, so will ich ihn recht freundlich willkommen heißen. Lichter und Lampen brannten und qualmten, mit bescheidener Mäßigung murmelte im Parterre und in der Rangloge die Ungeduld, und das Orchester strich mit der Kraft der Verzweiflung eine Polonaise brillante zum dritten Male, als der Amtsrath in das Männer-Ankleidezimmer trat. Er fand dort nur den Gutsbesitzer von Brauß, der als Graf Eßlingen vor dem hohen Stehspiegel stand, sich in Portebras und Fußpositionen versuchte und sich nebenbei mit entzückten Blicken bekannte, daß ihm die glänzende Incroyable-Tracht ungemein wohl lasse. Wo ist Aphanasia? fragte der Amtsrath den Schwiegersohn in Hoffnung. Siehst du die Pomeranze? trällerte dieser, die Haartolle noch einmal durchreibend: Noch hängt sie an dem Baume! Schon ist der März verflossen, Und neue Blüthen kommen. 20 Wo ist Aphanasia? fragte der Amtsrath ungeduldig zum zweiten Male. Oben! antwortete dieser kurz und trällerte fort: Ich trete zu dem Baume, Ich sage Pomeranze, Du reife Pomeranze, Du süße Pomeranze, Ich schüttle, fühl', ich schüttle, O fall in meinen Schooß! Ein lieber junger Mann! sprach der Amtsrath für sich. Wenn er nur nicht nebenbei ein Geck wäre! Kopfschüttelnd stieg er auf die weltdarstellenden Breter. Da sah er zwischen den Coulissen seine Tochter mit einem Bedienten in einem so angelegentlichen Gespräche und dabei so viel Verbindlichkeit in ihrer Miene und Stellung, daß er eben zu ihr treten und ihr seinen Verdruß über diese übertriebene Herablassung zu erkennen geben wollte. Indem betrachtete er aber den Bedienten genauer, und fand in ihm einen jungen, hübschen Menschen 21 mit einem sehr geistreichen Gesicht und edlem Anstande, der sich in der eleganten Livree wie ein verkleideter Prinz ausnahm. Das wird der neue Schauspieler seyn, sprach er zu seiner Selbstberuhigung. Doch möchte ich wohl wissen, wer es ist. Aber, beßter Herr Amtsrath, kiff die Frau Postmeister Horneck aus Krautberg, als Landräthin von Durlach prächtig ausstaffirt, ihm plötzlich von der andern Seite in die Ohren. Werden Sie denn heute gar nicht aufziehen lassen? Es ist wahrhaftig keine Kleinigkeit, in der fatalen, steifen, altfränkischen Tracht stundenlang auszuhalten, und ich dächte, ich hätte Ihnen schon dadurch ein hinreichendes Freundschaftopfer gebracht, daß ich mich bei meinen Jahren schon wieder einmal zu einer solchen vertrakten Mama-Rolle hergegeben habe. Der Amtsrath wäre gern ungeduldig geworden, aber die Ueberzeugung von der Unentbehrlichkeit seiner einzigen komischen Alten schloß ihm den Mund und mahnte ihn zum Gehorsam. Mit großer Wichtigkeit gab er dem 22 Souffleur das Zeichen, dieser klingelte, der Vorhang rauschte auf, dem ganzen Amphitheater entfuhr ein einstimmiges Aha! der Freude und des Dankes für die endliche Erhörung seiner stillen Wünsche, und der alte treue Diener Christian, der zuerst heraustrat, verkündigte dem Publicum, daß sein Herr lange schlafe, ob er gleich gestern Abend früh zu Bette gegangen sey. Das hätte ich damals auch thun sollen, brummte der Amtsrath hinter der Coulisse: so hätte ich mir die Ehrensache mit dem Nachtwächter, funfzig Ducaten, die gerichtlichen und aussergerichtlichen Kosten und die Wespenstiche erspart; aber Alter schützt vor Thorheit nicht! Verdrießlich sah er auf und Aphanasia noch immer im Gespräch mit dem Bedienten. Jetzt trat der Krieggerichts-Assessor Walther, der den Baron Durlach spielte, zu dem Paare, und die Vertraulichkeit, mit der er sich zu dem jungen Manne wendete, bewies, daß er ihn genau kennen müsse. Der soll mir Auskunft ertheilen! sprach der Amtsrath und setzte sich in Bewegung. Aber 23 indem gab Christian seinem gnädigen Herrn das Stichwort und dieser mußte heraus. Unmuthig trat der Amtsrath zurück, und da der Baron in diesem Akte fast gar nicht vom Platze kam, so mußte jener seine Ungeduld zur Geduld ermahnen, bis die Gardine fiel. Aber auch jetzt gelangte er nicht zur ersehnten Kunde, da die Hälfte des Schauspieler- und Gehilfen-Personals mit zahllosen Erfordernissen auf ihn einstürmte. Die Landräthin von Durlach hatte ihren Fächer und ihre Rolle verloren, die Kammerjungfer Pauline bestand auf einem frischen Schminktöpfchen, Aphanasia fragte nach dem Briefe, den sie im zweiten Akte lesen, der Baron nach dem Stricknadelkästchen, das er überreichen sollte, und der Jäger und die beiden Bedienten des Amtsrathes verfolgten ihren Herrn auf allen Tritten, weil er die Requisite zur Schlittenfahrt verlegt hatte. Das ist eine Dornenkrone, das Directorat! seufzte er, als er Alle befriedigt hatte, und, neuen Qualen zu entrinnen, gab er das Zeichen zum Anfang des zweiten Aktes. Während 24 Christian heraustrat, schlich er auf den Zehen zu dem Assessor, der jetzt lange nicht vorkam, und ihm deßhalb Rede stehen konnte. Wer ist der junge Mann in der Livree? flisterte der Amtsrath dem Assessor zu. Ein Universität-Freund von mir, antwortete dieser. Um sich nach glorreich bestandenem Examen zu erholen, hat er mich auf ein Paar Wochen besucht. Mein Schreiber, der den Bedienten machen sollte, hatte gerade ein unaufschiebbares Cito zu mundiren, ich war in Verlegenheit, und, gefällig, wie mein Freund ist, erbot er sich sogleich zum Vicar. Das ist allerdings charmant und ganz ausserordentlich artig, sagte der Amtsrath: aber, wer ist der Herr denn eigentlich, wie heißt er, und von wannen kommt er? Aus der Residenz, erwiederte der Assessor. Es ist der Referendar – Im Schellengeläute und Peitschengeknall, welches die Ankunft der Baronin Durlach und des Grafen Eßlingen verkündete, verhallte der Name des erfragten Referendarii. Weil der 25 Jäger das Schellenbehänge schlecht dirigirte, lief der Amtsrath zu ihm, ihm die nöthige Anweisung zu ertheilen, und vergaß darüber, noch einmal nach dem verhörten Namen zu fragen. Aphanasia's herrliches Spiel hielt ihn in den folgenden Scenen zwischen der Coulisse fest, und während er so die schöne Tochter mit dem angenehmen Gefühle geschmeichelter Vatereitelkeit betrachtete, übersah er ganz den galanten Lakayen, der das liebliche Mädchen aus der Coulisse gegenüber mit brennenden Blicken betrachtete, und einen herzbrechenden Seufzer ausstieß, als Amalie dem Grafen Eßlingen die Wange zur Ausübung des Schlittenrechts darbot. So ging der Akt zu Ende. Im Zwischenakte stellte sich endlich der Referendar dem Herrn Director selbst mit feinem Anstande vor, und entschuldigte sich sehr höflich, daß ihm das bunte Getümmel auf den Bretern nicht früher gestattet, wegen seines unberufenen Erscheinens um Verzeihung zu bitten. Bitte, bitte sehr, Herr Referendarius, erwiederte der Amtsrath, der, froh einen Titel 26 als Handhabe des Mannes zu haben, sich nicht mehr um seinen Namen bekümmerte. Sie haben von mir keine Verzeihung, sondern Dank zu empfangen, daß Sie uns so gütig aus der Noth geholfen haben, und ich hoffe, daß Sie mir die Ehre erweisen werden, nach der Comödie auf eine freundschaftliche Butterschnitte bei mir vorlieb zu nehmen. Der Referendar nahm die Einladung mit so feuriger Dankbarkeit an, als solle ihn die angebotene Butterschnitte vom Hungertode erretten, und ging dann in glühende Lobpreisungen von Aphanasia's Spiel über. Nun ja, meine Tochter ist nicht übel in ihrem Fache, gestand der Amtsrath mit affectirter Unpartheilichkeit. Sie ist nicht ohne Talent, hat viel gelesen und mehrere der beßten deutschen Theater gesehen. Heute ist sie aber noch nicht in ihrem Lüstre. Kotzebue hat selbst nicht gewußt, was er aus der Amalie machen wollte. Sie liebt den Gemahl aus Dankbarkeit, den Cicisbeo aus Modesucht, und keinen recht. Aber als eigentliche Liebhaberin 27 müssen Sie Aphanasien sehen. Ich werde ihr im nächsten Stück eine recht zärtliche Rolle geben, und, daß sie sich gar nicht geniren darf, ihren Bräutigam zum Amoroso. Aphanasia – schon verlobt?! stammelte der Referendar, unter der Schminke erblassend. Wohl noch nicht, erwiederte der Amtsrath, der, nach seiner Gewohnheit, schnell vertraulich wurde. Das Mädchen spricht noch viel von goldener Freiheit und von den Inconvenienzen zu früher Heirathen. Aber es wird sich wohl in Kurzem zeigen, daß das bloße Redensarten sind. Herr von Brauß hat zwei herrliche, baar bezahlte Rittergüter und ist, wie Figura zeigt, auch sonst ein schöner, stattlicher, gebildeter Cavallier. Allerdings eine sehr glänzende Parthie! seufzte der Referendar. Von der ungeduldigen Postmeisterin getrillt, schellte jetzt der Souffleur, ohne den Wink des Directors abzuwarten, und der dritte Akt begann. In ihm fiel die erste Hälfte der wichtigen Bedientenrolle. In Aphanasia's Anblick 28 versunken, tiefe Schwermuth auf dem Gesicht, stand der Referendar an der Vorhangthüre des Hintergrundes, verhörte sein Stichwort, mußte von dem Assessor hinausgestoßen werden, und meldete nun die Frau Landräthin von Durlach mit einem Tone an, den er zu der desperatesten Liebeserklärung hätte brauchen können. Als er abgefertigt war, trat ihm der Amtsrath entgegen. Recht gut für das erste Mal, mein lieber, junger Mann, sprach er, ihn mit einer schonenden Kennermiene auf die Schulter klopfend. Sie können wenigstens gleich von vorn herein auf den Bretern anständig gehen und stehen, was nicht allen Anfängern gelingt. Aber eine Bemerkung müssen sie von einem alten Practicus annehmen. Sie spielen noch zu viel , was ein allgemeiner Fehler junger, feuriger, ungeübter Dilettanten ist. Die Meldung brauchte nur ruhig mit der Achtung gesprochen zu werden, die der Bediente seiner Prinzipalin schuldig ist. Sie declamirten mit einem so tragischen Pathos, als ständen Sie qua Don Carlos vor der Königin Elisabeth. Nun, es wird schon 29 werden mit der Zeit, und auf keinen Fall haben wir auf unserer Bühne jemals einen so hübschen und eleganten Lakayen gesehen. Da haben der Herr Amtsrath sehr Recht, lispelte mit süßem Tone Mamsell Willig, sonst die zweite Liebhaberin, die sich heute aus besonderer Gnade zum Kammermädchen herabgelassen hatte. Und mit einem Flammenblicke auf den Referendar setzte sie hinzu: Wäre ich die junge Baronin, der Bediente könnte mir gefährlicher werden als der Graf. Sie sind zu gütig, erwiederte kalt der Referendar, durch dieses Entgegenkommen verletzt, und der Amtsrath führte ihn mit einem Satyrlächeln zum Punschtisch. Nun, das war doch verständlich? fragte er, ihm das volle, dampfende Glas reichend. Wollen Sie Ihre Fortüne machen? Das Mädchen gehört zu den edlen, weichgeschaffenen Seelen, die es nicht über ihr gutes Herz bringen können, einem Chapeau etwas abzuschlagen. Allons, angestoßen! auf gute Geschäfte! Ich muß depreciren, antwortete der 30 Referendar. Die Republiken sind die Regierungform, die mir am wenigsten zusagt. Er sagte das so unvorsichtig laut, daß Mamsell Willig, die sich dem Tische genähert, die ungalante Ablehnung noch vernahm. Es ist traurig, sprach sie giftig: daß ein Mann aus der Residenz weder Scherz versteht, noch das, was feine Lebensart gebietet. Der herzutretende Assessor, an den sie diese Apostrophe richtete, fiel aus den Wolken. O weh! seufzte der Referendar über die Feindin, die er sich hier ganz unnöthiger Weise gemacht. Pauline! rief Amalie auf der Scene, und mit dem Domino der Herrin auf dem Arme rauschte die Zornige hinaus. Der dritte Akt hatte geendet, der vierte begonnen. Der Referendar gelangte dazu, den Advocaten Burrmann mit vieler Fassung zu melden, und stand jetzt, da er die kurze Rolle seines Bühnenlebens ausgespielt hatte, Aphanasien bewundernd, aus der Ferne von Mamsell Willig scharf beobachtet, zwischen den Coulissen. Da hörte er einen ziemlich lebhaften 31 Wortwechsel in seiner Nähe. Er wendete sich um. Verlegen sich die Stirn reibend stand der Assessor da. Vor ihm zwei ehrsame Krautberger Bürger in ihrem Sonntag-Staate, und im Hintergrunde ein Gerichtsdiener, einige Bogen Papier unter dem Arme, Tintenfaß, Streusandbüchse und Federn in den Händen. Was gibt es hier? fragte der Amtsrath, der eben seinen Part beendigt hatte. Eine eben so unangenehme als unerwartete Störung, erwiederte der Assessor. Der Buschmüller liegt am Tode und will sein Testament machen. Der Assessor Ehrmann, an dem die Tour wäre, ist wieder einmal krank. Darum hat der Director mich substituirt, und die Schöppen kommen so eben, mich abzuholen. Das ist reine Malice von dem Director! schrie der Amtsrath. Er weiß, was heute hier vorgeht, weiß, daß ich Sie brauche, und könnte das Testament recht gut einmal selbst aufnehmen; aber der trockene, kalte, unästhetische Aktenwurm mag sich im Stillen recht gekitzelt haben, mir die Freude zu verderben. 32 Dem sey, wie ihm wolle, sagte der Assessor: mir bleibt nichts übrig, als zu gehorchen. Das ist nicht möglich, jammerte der Amtsrath. Der Akt hat schon angefangen. Sie haben die schöne Schlußscene darin, das Stück ist ruinirt, mein Theater prostituirt, wenn Sie jetzt davon laufen. Ich lasse Sie nicht fort. Der Buschmüller mag warten, und stirbt er unterdeß auch ab intestato, so wird das Gleichgewicht von Europa dadurch noch nicht erschüttert werden. Das zwar nicht, antwortete ernstlich der Assessor, Hut und Stock nehmend: aber vielleicht meine Existenz. Der Nachlaß wird bedeutend seyn. Eine Vertretung, durch meine Zögerung veranlaßt, könnte leicht meine Kräfte übersteigen. Ich bin gerade mit meiner Rolle fertig, lieber Walther, und will für Dich gehen, sprach der Referendar, der sich rasch den Ueberrock über die Livree gezogen hatte. Du? fragte der Assessor überrascht. 33 Qualificirt bist Du zu dem Akte. Aber was wird der Director sagen? Er ist ein alter Freund meines Oheims, antwortete der Referendar. Ich verbürge seine nachträgliche Genehmigung. Deus ex machina! rief der Amtsrath, den Helfer in der Noth mit Rührung umarmend. Es ist mir eine große Freude, mich Ihnen nützlich zu machen, sprach dieser verbindlich, und verschwand. Ernstlich die Köpfe darüber schüttelnd, daß sie einen geschminkten Lakayen zu einem so ernsten, wichtigen Geschäft begleiten sollten, folgten ihm die Schöppen und der Gerichtsdiener. Da heißt es recht, wie es in der Schrift steht, sprach der entzückte Amtsrath zu dem Assessor: Der Stein, den die Bauleute verworfen, ist zum Ecksteine geworden. Dieser edle Jüngling hat sich unserer Bühne gleichsam anbetteln müssen zu einer miserabeln Bedientenrolle, und jetzt hält er allein das Stück, das ohne ihn gar nicht ausgespielt werden könnte. Nun, er soll sich 34 » keinem Kargen, keinem Ferdinand « verpflichtet haben. Bei dem nächsten Stücke gebe ich ihm ein Röllchen, so hübsch, wie er es nur machen kann bei seinen schwachen Kräften.   2. Unter schmetterndem Händegeklatsch war der Vorhang gefallen. Von der Begeisterung aller Zuschauer war Amalie, zum Jubel der muthwilligen Officiere der ehrliche Advocat Burrmann, auf sein Anstiften auch die alte Landräthin herausgerufen worden. Die Menschenfluth strömte zu Fuß, zu Roß und Wagen aus einander. Nur das Schauspieler-Personale und einige Geweihte blieben zum Abendessen auf dem Schlosse zurück. Die Ungerechtigkeit selbst, sprach, als sich die Gesellschaft im Tafelzimmer versammelt hatte, der Amtsrath, die Backen voll nehmend: die Ungerechtigkeit selbst muß es uns einräumen, daß wir uns heute wieder mit Ruhm bedeckt haben, und ich glaube kaum, daß das Stück in der Residenz so nett und rund gegeben wird, wie bei uns. 35 Ja, sprach gähnend der Herr von Brauß: für eine Sudelei von Kotzebue ist das Ding erträglich genug ausgefallen. Sudelei?! rief der Amtsrath wehmüthig. Das nehmen Sie mir doch nicht übel, beßter Brauß. Das Stück kann seine Fehler haben, aber eine Sudelei laß' ich es darum doch nicht schelten. Durlach ist eine Art Theekessel, das räume ich ein; aber sonst sind doch die Charaktere recht frisch und lebendig. Der aimable roué, den Sie so trefflich gezeichnet, die köstliche alte Landräthin, die wohl niemand der Frau Postmeisterin hier nachspielen wird, und vor allem die herrliche Moral, die durch das Ganze weht! Pah! Moral? warf Brauß hin. Was ist Moral? und wie gehört Moral auf die Breter? Ridendo dicere verum! fiel der viellesende, etwas pedantische Rector und Mittag-Prediger aus Krautberg ein, ist der Zweck des Lustspieles, mein Herr von Brauß, und was ist wahrer, als die Lehren des Sittlichguten? Nein, bleibt mir mit Euerm tugendhaften 36 Unwesen vom Halse! rief Brauß, ohne den Einwurf einer Widerlegung zu würdigen. Es ist ein Unglück für Deutschland, daß fast alle seine Scribenten, erträgliche und schlechte, diese Leidenschaft haben. Nur Einer hat sich rein davon zu erhalten gewußt, und ragt auch hier, wie überall, weit hervor über dem Pöbelhaufen. Der wäre? fragte der Rector mit kampflustigem Gesichte. Der einzige Dichter, den Deutschland eigentlich nur besitzt, antwortete Brauß: der große Göthe! Der Amtsrath wollte platzen, aber die Rücksicht auf den reichen Schwiegersohn hielt ihn zurück, und Alles, was er auf seinem Herzen hatte, hauchte er in einem langen, schweren Seufzer aus. Sie haben Recht! antwortete der Rector heftig. Göthe weiß nichts von Tugend. Das documentirt er durch seine Stella, in der zwei sonst edle Weiber mit dem verworfenen Wüstlinge, der sie hinter einander verführt und verlassen hat, in schnöder Doppelehe zu leben sich 37 entschließen. Das beweisen seine Mitschuldigen, wo zum Finale ein Dieb pardonirt wird, weil der Bestohlene mit seiner Frau ein Liebesverständniß hat; das beweiset sein Egmont, den er, gegen alle Geschichte, aus einem glücklichen Gatten und Vater zahlreicher Kinder zu einem Libertin gemacht hat, blos um die Gelegenheit zu einer Apotheose des Maitressenthums bei den Haaren herbeizuziehen. – Kennen Sie aber ein lieblicheres Bild, als dieses Klärchen? fragte Brauß und sang halblaut: Freudvoll und leidvoll, Gedankenvoll seyn, Hangen und bangen in schwebender Pein! Was für ein Gemählde in diesen wenigen Worten! Desto schlimmer! predigte der Rector. Wehe dem Menschen, durch welchen Aergerniß kommt! und je verführerischer das Aergerniß, desto strenger die Zurechnung! Das ist ja eben das 38 Entsetzliche, daß ein Göthe die edeln Blüthen seines Geistes daran setzt, das Laster zu bekränzen, weil er es für allzu philisterhaft hält, die Tugend damit zu schmücken. Diese Neigung, fast möchte ich sagen, diese Wuth für das Sittenlose, die er in seinen Schriften – oft absichtlich – darlegt, muß jeden empören, der es gut meint mit der guten Sache! Wuth – absichtlich! hob Brauß empfindlich heraus. Sie disputiren, wie Jeder, der seinen Gegenstand nicht zu beherrschen weiß, sondern sich von ihm beherrschen läßt. Sie übertreiben! Ich übertreibe?! zankte der Rector immer lauter. Soll ich Sie an die beiden Romanzen erinnern, die freilich, leider, zugleich wahre Meisterstücke der Poesie sind, in denen alle Töne der Liebe, der Erhabenheit, des Schauers und der Rührung so gewaltig erklingen? Hier mißbraucht der Geist der Braut von Corinth seinen schon begrabenen Körper frech zu Stillung irdischer Brunst; dort befleckt sich ein Gott an einer Bajadere, und zum Lohne dafür, daß sie 39 ihm, nicht aus Liebe, sondern von der wildesten Genußgier gestachelt, in den Tod folgt, trägt er die Metze mit sich empor in die Freuden des Himmels. Es freut sich die Gottheit der reuigen Sünder! declamirte Brauß: Unsterbliche heben verlorene Kinder mit feurigen Armen zum Himmel empor! Wie groß! Aber natürlich kann ein orthodoxer Theologe für die Mythe von einem Heidengotte keinen Sinn haben! Und die Wahlverwandtschaften mit ihrem doppelten geistigen Adulterio, eiferte der Rector fort: und die Bekenntnisse aus Welschland, wo uns, nicht blos ohne Scham und Scheu, sondern mit Lust und Liebe und eitler Prahlerei alle Details des Verkehrs mit den dortigen Lazerten erzählt werden; und die Blocksbergnacht im Faust, wo Mephistopheles und die alte Hexe bei dem Tanze Dinge singen, die der Dichter selbst nur mit Gedankenstrichen anzudeuten gewagt hat. Was soll man von einem Schriftsteller halten, der sich nicht schämt, seinem 40 Publico solche Kost anzubieten? Leider aber ist der große Mann durch das ewige Beräuchern mit oft recht übelriechenden Specereien betäubt worden, und hält sich nun für Deutschlands Dalai Lama, dessen Excremente noch gut genug sind zu Amuleten für seine gläubigen Anbeter. Die Göthen nicht erkennen, sind nur Gothen! schrie Brauß, zornig aufspringend. Wir kommen zu tief in den Text, meine Freunde! rief, einen Ausbruch ernstlicher Händel besorgend, der Schloßherr. Laß doch die Suppe bringen, Aphanasia! Der arme Referendar ist ja noch nicht da, antwortete Aphanasia mit bittendem Tone. Unsers Vergnügens wegen hat er sich unterdeß am Sterbebette des alten Buschmüllers heiser gesprochen, und da wäre es doppelt unrecht, wenn wir seiner nur mit der linken Hand warten wollten. Warum nicht? Sie kommt ja vom Herzen! flisterte der Referendar ihr zu, der schon vor einer Weile still eingetreten war und jetzt hinter ihrem Stuhle stand. 41 Sie haben also den Streit mit angehört, Herr Referendar? sprach der Amtsrath: nun müssen Sie uns aber auch Ihre Meinung zum Beßten geben. Mit Vergnügen, erwiederte der Referendar: sobald ich nur erst darüber im Klaren bin, worüber eigentlich gestritten wird. Wie es mir scheint, haben die Herren in der Wärme des Gespräches den anfänglichen Streitpunkt verrückt, und zuletzt war nur von Göthe's Werth oder Unwerth die Rede. Richtig! antwortete der Amtsrath, während die Suppe aufgetragen wurde. Und Sie sollen uns sagen, wer von Beiden Recht hat. Ich glaube Beide, sagte, als die Gesellschaft am Tische Platz genommen hatte, bescheiden der Referendar: so wie nach meiner Ansicht auch Beide Unrecht haben. Junge Gelehrte gefallen sich bisweilen in Paradoxen, bemerkte Brauß empfindlich. Ich will gleich darüber eine Erklärung geben, die weder Hörner noch Klauen hat, sagte lächelnd der Referendar. Herr von Brauß hat 42 Recht, wenn er seinen Dichter hoch stellt, aber er irrt, wenn er seine Bildsäule auf den Altar im deutschen Musentempel heben und den andern Dichtern nur höchstens in den Nischen ringsum Büsten zugestehen will; er irrt, wenn er die Schmutzflecken, die Göthe's Schöpfungen allerdings hier und da entstellen, als Schönheiten vertheidigt. Dadurch wäre zugleich das Recht ausgesprochen, das Sie mir zuerkennen, fiel der Rector ein. Worin aber besteht mein Unrecht? Daß Sie jene Flecken viel zu strenge rügen, erwiederte der Referendar. Um unsere schöne Erde zu tadeln, schelten Sie auf ihre Sümpfe und Giftgewächse, ihre Raubthiere und ihr Ungeziefer. Aber Sie schweigen von ihren Schönheiten, die, größer und zahlreicher als alle diese Mängel, eben so sehr zum Wesen der Erde gehören. Wo viel Licht ist, muß starker Schatten fallen. Dieser Geist, reich, tief, frei und großartig wie die Natur, die er uns von ihrem Höchsten bis zu ihrem Gemeinsten so wahr und lebendig vor Augen legt, kann sich nicht 43 in zu enge Regeln schnüren lassen, und wer ihn richten will nach den Gesetzen der Puritaner, der versündigt sich schwer an ihm. Hm, hm, brummte der Rector: der Herr Referendarius sind doch auch gar zu tolerant, und scheinen nebenbei den streitigen Dichter ebenmäßig zu überschätzen. Gewiß nicht, betheuerte der Referendar: aber Schätzung verdient der Stylist, den Werther und Wilhelm Meister bewährt haben; verdient der Dichter der Iphigenia, dieses reinen Kunstgebildes aus griechischem Marmor mit deutschem Meißel geschnitten; verdient der Schöpfer des herrlichen Götz, dieses ehernen Ritterbildes, der uns wie mit einem Zauberschlage in seine Zeit versetzt und darin festhält, bis sein Freiheitruf den letzten Seufzer der Liebe und des Schmerzes uns aus der Brust zieht; verdient der treue, kräftige Seelenmaler im Egmont und im einzigen, gewaltigen Faust! Die kühle Gerechtigkeit, die sie meinem Ideal hinterdrein erweisen, sprach mit stillem Ingrimm Brauß: kann mich nicht mit Ihrem 44 vorigen Ausspruche versöhnen. Darf man fragen, wessen Bildsäule Sie auf den Altar stellen, von dem Sie Deutschlands Apollo herabwerfen wollen? Wessen anders, als Schillers?! rief der Referendar rasch und feurig. Mir aus der Seele gesprochen, flisterte der Amtsrath, sich freudig die Hände reibend. Schillers? fragte mit dehnendem, verdrießlichem Tone Brauß. Ich achte seine Diction und Lyrik, aber was ist auch weiter viel an ihm? Fragen Sie lieber: Was nicht?! rief hitzig der Referendar. Seine Kraft und Fülle, seine Zartheit und Gediegenheit, die lebendige Wahrheit seiner Charaktere, vor allem aber seine hohe Reinheit. Wer mag ihm eine Johanna nachbilden, oder eine Thekla?! Wie verklärt die läuternde Flamme seines Genius selbst die Buhlerinnen, die er schafft. Durch alle seine Werke weht der Geist einer Religiosität, die hoch steht über allen Religionen der Erde! Und – da es mir erlaubt seyn muß, von Dichtern in 45 Bildern zu sprechen: Göthe erscheint mir als eine herrliche Gegend in der Ebene, von der vollen Mittagsonne beleuchtet, mit Bäumen umgrenzt, von Silberflüssen durchströmt, von üppigen Saaten begrünt, mit Blumen gestickt, und eine lebendige Landstraße zieht sich durch, mit zum Theil recht guter Gesellschaft, aber auch mit allerlei Gesindel, wie es auf den Landstraßen hauset, das es sich hier und da sehr bequem macht, und sich gehen läßt ohne Rücksicht auf ehrbare Zuschauer. Bravo! rief der Rector laut, und leise stimmte, aus Rücksicht auf Brauß, der Amtsrath in dieß Bravo ein. Und Schiller? fragte Brauß, sich in die Lippen beißend. Schiller? fuhr der Redner fort: ist ein köstliches Schweizerthal mit blühenden Matten und hohen, vom Adler umkreisten Alpenkronen, mit donnernden Wasserstürzen und rauschenden Wäldern. Im Osten steigt der Mond herauf, im Westen ist die Sonne niedergesunken, und über die Berge erhebt sich in stiller 46 Majestät, rein und stolz, nachglühend von den Strahlen der verschwundenen Flammenkugel, die ewige Jungfrau. Bravissimo! rief der Rector, und mit keckem Muthe und lauter Stimme fiel dießmal der Amtsrath ein. Schillers Manen! rief der Assessor, und hielt sein Glas lächelnd dem Herrn von Brauß hin, der das seine nothgedrungen mit einem süßsauern Gesicht anklingen ließ. Auch die Todten sollen leben! jubelte der Amtsrath, mit dem Rector und dem Referendar kräftig anstoßend, daß die seinen englischen Gläser wie Silberglocken durch das Zimmer sangen. O Aphanasia, rasch zum Flügel! Schillers Freudenlied! Wir wissen es zwar Alle auswendig, aber es ist doch das herrlichste dieser Gattung, und ich kann mich niemals satt daran hören. Aber nach der alten Melodie und nach dem alten Texte! bat der Director: die späteren Aenderungen sind wahrlich keine Verbesserungen, und so wenig im Geiste des Dichters, 47 daß man daraus auf die Einwirkung eines fremden, höchst anmaßenden Ballhorn schließen möchte. Aphanasia war unterdeß an den Flügel getreten. Ihr lieblicher Gesang schuf dem schönen, alten Liede neuen Jugendreiz, und der ersten Leseart getreu, gab sie der Mode ihr theilendes Schwert und den Bettlern die ihnen entrissene Fürstenbrüderschaft zurück. Während die ganze Gesellschaft mit manchen Dissonanzen im Chore einfiel, rückte der Amtsrath dem Referendar noch näher auf den Leib, mit der Linken das Knie des jungen Menschen vertraulich anfassend, in der Rechten die Steinweinflasche zum allzeitfertigen Einschenken bereit haltend. Das war ein Wort zu seiner Zeit, lieber, junger Mann, sprach er nach den ersten Strophen zu ihm: Sie haben mit edler Kühnheit, großer Unpartheilichkeit und mir dabei wie aus der Seele gesprochen, ohne doch, wie der gute Rector, mit der Thüre in's Haus zu fallen, oder das Kind mit dem Bade zu verschütten. 48 Hören Sie, wir müssen bekannter mit einander werden. Der Referendar neigte sich mit einem verlegenen Lächeln, denn aus dem freundlichen Gesichte des Amtsrathes schloß er, daß dieser ihm so eben etwas Angenehmes sage, aber von den Worten hatte er nichts vernommen, weil bei der Stelle: »Wer ein holdes Weib errungen,« seine Blicke Aphanasia's schöne Augen suchten, fanden, und, des Findens froh, brennend in ihnen festwurzelten. Der Freuden-Päan klang fort, und die Damen der Gesellschaft, der guten, alten Frauensitte treu, benutzten Aphanasia's Solo's, um unter einander über die bunte Welt auf den Bretern und im Parterre zu schwatzen und auch wohl ein wenig zu lästern. Anfangs geschah das noch mit halbgedämpfter Stimme, aber nach und nach schwoll das leise Geflister zum lauten Gespräche an, und Aphanasien blieb weiter nichts übrig, als über ein halbes Dutzend Strophen auf den festen Muth in schweren Leiden zu springen und der 49 Lügenbrut ihren Untergang zu verkündigen. Freudig schwur der Chor bei dem goldenen Weine des Amtsrathes und dem Sternenrichter dem Gelübde treu zu seyn, Aphanasia schloß den Flügel, und dem lauten Jubel folgte eine tiefe Stille. Sollte man nicht glauben, daß die Damen gar nicht zu reden wüßten! schalt der Amtsrath. Vorher konnten Schiller und Aphanasia und mein Flügel ihr eigenes Wort nicht hören vor dem Gezwitscher dieser Kanarienvögel, und nun auf einmal silentium , wie an einer Klostertafel. Darf man fragen, was so angelegentlich verhandelt worden ist? Ich habe nicht Lust mir etwas davon unterschlagen zu lassen. Die Stille wurde noch stiller. Endlich brach die Postmeisterin, die nicht Lust hatte, sich zu ihrer mündlichen Recension der jungen Durlach und des Advocaten Burrmann zu bekennen, das allgemeine Schweigen. Wir sprachen darüber, log sie in der Geschwindigkeit mit edler Fassung. wann und was wohl das nächste Mal gespielt werden würde. Wann? das ist leicht beantwortet, erwiederte 50 der Amtsrath. In drei Wochen ist der Geburttag des alten Generals, den ich mir vorgenommen habe mit einem Schauspiel zu feiern. Aber was? Hic haeret aqua Etwas groß muß es schon ausfallen, um zu der Feier des Tages zu passen. Ja, ja! schrie die Gesellschaft einstimmig. Ein Spectakelstück! Und wo möglich ein Ritterstück, bemerkte Aphanasia. Wir haben noch keines aufgeführt. Und es muß sich in den Puffen und den Stuartkragen weit besser spielen, als in der ledernen Alltagtracht, bemerkte die Postmeisterin, der man es ansah, wie sie sich schon auf ein edles Fräulein aus dem herrlichen Mittelalter spitzte. Ein Ritterstück? sprach bedenklich der Amtsrath. Ja, lieben Kinder, das ist leicht gesagt, aber schwer gethan. Die Kräfte unsers Theaters werden nirgend zureichen. Es wird schon gehen, sobald Sie nur wollen, Herr Amtsrath! schrie die Gesellschaft. Es kommt ja doch alles auf einen 51 tüchtigen Director an, flötete Mamsell Willig, mit ihrer weißen Hand die amtsräthliche Wange streichelnd: und wo könnten wir einen bessern finden? O Eva, Eva! schmunzelte der geschmeichelte Amtsrath. Mache mir den Apfel nicht noch appetitlicher, nach dem ich ohnehin schon mehr verlange als mir gut ist. Ich weiß es ja längst, daß die verdammten Ritterstücke einen ganz eigenen Reiz haben, und ich möchte mich seelengern noch einmal vor meinem Ende sehen als einen alten biderben Rittersmann mit weißen Augenbrauen und einem weißen Schnauzbart, der mir zum Helme heraushinge; aber es ist dabei gar zu vielerlei zu bedenken. Wo sollen wir das ganze Costüm in der Geschwindigkeit herbekommen, die Rüstungen und Schwerter und Spieße, und die Humpen und Hüfthörner, und die Burgen und Verließe? und dann reicht unser Personale nirgend zu. Nein, lieben Leute, glaubt es mir, an gutem Willen fehlt mir es nicht, und auf ein Paar Hände voll Geld kommt es mir, Gott sey Dank, 52 auch nicht an, aber es geht nun und nimmermehr! Es käme wohl zunächst nur darauf an, schlug der Referendar vor: ein Stück zu wählen, und dann zu sehen, ob es sich hier nicht etwa doch besetzen ließe. Das ist ein prächtiger Einfall! rief Aphanasia. Ich will gleich das Buch aus unserer Bibliothek holen. Befiehl nur welches, lieber Vater. Ich dachte schon – sprach zögernd der Amtsrath. Aber nein, es geht wirklich nicht. Doch nicht etwa gar von Göthe oder Schiller? fragte spöttisch der Herr von Brauß. Daß mich Apollo und alle neun Musen bewahren! rief der Amtsrath. Nein, an diese Giganten wollen wir Pigmäen uns nicht erst wagen. Wer hoch steigt, fällt tief. Darum bleibe ich lieber fein unten auf gleicher Erde, wo Kotzebue und Compagnie stehen, unter meines Gleichen. Ich ahne schon, wozu Du Lust hast, sprach Aphanasia. Ich hole sogleich das Stück, und Du wirst mir gestehen, daß ich es getroffen habe. 53 Sie flog hinaus. Es wird nicht gehen, wiederholte der Amtsrath. Und ginge es auch wider alles Vermuthen, so ist da noch so Vieles zu beseitigen. Ich brauche einen Prolog zur Feier des Tages. Vor einem solchen Heldenstücke aber muß der hoch gehen. Mit Familienfesten und gewöhnlichen Sentimentalitäten reiche ich da nicht aus. Ich wollte so etwas gern für ein Paar Ducaten in der Residenz bestellen, aber man weiß ja, was sie einem da für Fabrikwaare schicken, und soll es nun einmal seyn, so muß alles brillant ausfallen vom Anfang bis zum Ende, damit wir Ehre einlegen. Wenn Sie mich mit dem Detail und Ihren Wünschen bekannt machen wollen, Herr Amtsrath, sprach der Referendar: so biete ich mich zum Prologdichter an. Sie sollen meinen Versuch schon morgen haben, und dann noch Herr und Meister seyn, ihn anzunehmen, oder zurückzuweisen. O, o, o! stammelte der Amtsrath, durch dieß zuvorkommende Erbieten eben so überrascht 54 als erfreut; und die Postmeisterin und Mamsell Willig sahen einander mit einem Lächeln an, welches verrieth, daß ihnen die Quelle dieser Bereitwilligkeit nicht fremd war. Hier ist der Ritter ohne Furcht und Tadel! rief hereineilend Aphanasia und legte ein aufgeschlagenes Buch vor ihrem Vater auf den Tisch. Auf Ritterwort, die Dirne hat's getroffen! improvisirte der Amtsrath, und blätterte nach den Personen: ich meinte den Bayard. Der General stammt eigentlich aus einer französischen Familie, und diese Wahl würde ihm daher doppelt schmeicheln. Aber es ist ja ganz und gar unmöglich. Dieß Regiment Männerrollen und sieben, sage sieben Weiber! – Und die Elendigkeit des Stückes selbst, spottete Herr von Brauß ein. Schlagt ihn todt, es ist ein Recensent! rief, halb scherzend, halb böse, der Amtsrath. So elend, wie es Ihnen beliebt, lieber Brauß; aber ich wette was Sie wollen, daß Sie in dem elenden Stück wieder sehr gut spielen und einige Lorbeerwälder ernten würden. 55 Wenn ich dieß gütige Urtheil nicht ablehnen müßte, erwiederte Brauß, sich mit stolzer Bescheidenheit verneigend: so wäre das immer nicht Kotzebue's Verdienst, sondern das meinige. Wie man sich doch zur Ungerechtigkeit spornen kann! sprach ärgerlich der Amtsrath. Wollen Sie etwa die Möglichkeit verfechten, daß man in einem total schlechten Stücke excelliren kann? Wenn Sie das behaupten, so lasse ich, auf meine Ehre, das nächste Mal die zärtlichen Schwestern von Gellert aufführen, und Sie sollen mir an Julchens Liebhaber, dem galanten Damis, verzweifeln. Die Personen, lieber Vater, die Personen! quälte Aphanasia, und der Amtsrath las: Franz der Erste, König von Frankreich. Rittmeister Graf Erbach, schlug Aphanasia vor. Es ist ja noch ein ganz junger Mann. Ich hätte ihn auch allenfalls, fiel Brauß ein, den Kopf mit königlicher Würde zurückwerfend – Ei behüte! erwiederte der Amtsrath. Sie kann ich besser brauchen. Weiter! Der Admiral? 56 Baron Appenrode, meinte Aphanasia. Der wird es bleiben lassen, wendete der Amtsrath ein. Er ist etwas hoffärtiger Natur und hat sich bisher immer hinter die Kanonen gezogen. – Wenn lauter Prinzen und Prinzessinnen spielten, so würde er uns allenfalls die Ehre erweisen. Für das Geburtfest des Generals thut er schon ein Uebriges, versicherte Aphanasia: und der Admiral war ja die erste Militair-Charge in Frankreich. Lassen Sie mich nur machen! Bayard, fuhr der Amtsrath fort: Herr von Brauß! Es gilt wenigstens den Versuch, sprach Brauß stolz: aus einer poetischen Unform einen Charakter zu schaffen, und das ist schon der Mühe werth. Ligny, las der Amtsrath weiter. Den ließe ich mir nicht nehmen, wenn es noch dazu käme. Das ist ein schönes, liebes, kurzes Röllchen. Nicht viel zu lernen, eine köstliche Erzählung, in der man sich zeigen kann, so gut wie in der Erzählung des Theramene in der Phedre, und 57 ein delicater Abgang. Talmond, Tremouille, Tardieu? Talmond und Tremouille sind ganz unbedeutend, versicherte Aphanasia. Sie brauchen nichts als guten Wuchs und militairische Haltung. Graf Erbach liefert uns schon ein Paar Officiere aus der nächsten Garnison dazu, – Tardieu? – Walther. Gratias! rief Walther zufrieden. Ich will den Weiberhasser, den Natursohn, den rohen Edelstein, wie ihn Bayard nennt, recht con amore hinstellen. Basco, Paolo Manfrone? las der Amtsrath weiter, die Stimme bedenklich erhöhend. Der Rentschreiber hat den Christian gut gemacht und wird den Basco nicht verderben, sagte Aphanasia, die für alles Rath wußte. Paolo Manfrone, – wer anders, als unser noble intriguant Horneck? Ich hätte mich freilich gern einmal als Liebhaber versucht, brummte der Postmeister, – Und – Volteggio! rief der Amtsrath mit einem schweren Seufzer. 58 Steht zu Befehl, sprach der Referendar, sich verbeugend. Sie? – Viel kühner Muth! rief der erstaunende Amtsrath mit König Philipps Worten: doch kühn will ich den Dilettanten. Ich mag es gern leiden, wenn auch der Becher überschäumt. Es ist ein starkes Stück, denn Volteggio ist eigentlich ein zweiter Liebhaber, aber Sie sollen ihn haben. Es soll mir auf ein Paar Special-Proben nicht ankommen. – Prinz Bourbon und Rochefort? Die Leutnants Falkenberg und Seethal, antwortete Aphanasia rasch. Du bist unerschöpflich! sprach beifällig der Amtsrath; aber in dem Augenblicke überschaute er den Rest des Personales, und das Buch entsank seiner Hand. Nein, es geht doch nicht! rief er kläglich. Da gibt es, ausser einer Masse von Rittern und Soldaten, noch einen Wundarzt, einen jungen Maler, einen nichtswürdigen Stallmeister und zwei verruchte Marodeurs! Wie können Sie sich um Ritter und 59 Soldaten grämen, lachte Aphanasia: da eine ganze Schwadron Dragoner zu unserer Disposition steht? Den Wundarzt und die beiden Marodeurs streichen wir. Den Stallmeister nimmt der Schreiber des Assessors, und für den jungen Maler werde ich, schlimmsten Falls, auch noch Rath schaffen. Wenn er nicht zugleich mit Volteggio vorkommt, rief, im Eifer seiner Bereitwilligkeit zu allem Möglichen, der Referendar: so erbiete ich mich noch dazu! Sehr gütig, liebster Freund, erwiederte der Amtsrath mit ironischem Lächeln: muß aber verbindlichst danken. Die beiden Leutchen kommen doch wenigstens in dem nämlichen Akte vor, und ich kann zwei Rollen in einer Hand nicht leiden. Es stört die Illusion und sieht obendrein so aus, als wollte man, und könnte nicht. Der junge Maler ist also noch unbesetzt. Gleichermaßen Talmond und Tremouille, die doch immer gespielt seyn wollen. Schlimmsten Falles lassen sie sich in eine Rolle zusammendrängen, rief entschlossen 60 Aphanasia. Dem sey aber, wie ihm wolle, ich stehe für sämmtliche Mannschaft! Was jedoch die sieben Damen anbetrifft, begann jetzt der Amtsrath mit schwerem Herzen, in das Buch schauend: so werden solche wohl für uns eine recht ominöse Sieben constituiren. Die Zahl habe ich schon beisammen, sprach Aphanasia: Frau von Horst, Fräulein Birk, Madam Horneck, Mamsell Willig, die beiden Töchter des Conrectors und meine Wenigkeit. Die Vertheilung müssen wir aber noch recht gründlich überlegen und besprechen, denn es gibt dabei noch mancherlei zu bedenken. Ja wohl, seufzte der Amtsrath: damit wir es Allen recht machen! und die Damen sind bisweilen recht schwer zu contentiren. Das machen der Herr Amtsrath, wie es Ihnen am beßten dünkt, sprach nachdrücklich die Postmeisterin. Nur bitte ich mir, auf jeden Fall, dießmal die lange verheißene Liebhaberin aus. Von sieben Damenrollen wird sich doch hoffentlich eine dieser Art für mich erübrigen lassen. 61 Und nicht wahr, es bleibt bei dem Stücke?! rief Walther. Ich bin in meinen Tardieu schon ganz verliebt, und hoffe Ehre mit ihm einzulegen. Ihr Wort, Herr Amtsrath, unsere nächste Vorstellung heißt Bayard! Quod deus bene vertat! sprach der Amtsrath, in die dargebotene Hand einschlagend. Das ist herrlich! jubelten die von der Gesellschaft, denen die zugetheilten Rollen zusagten, oder die deßfalls noch gute Hoffnung hegten, und draußen stieß der Nachtwächter zwölf Mal in sein Lärmhorn. In der schauerlichen Mitternachtstunde empfange ich Ihr Gelübde, declamirte der Assessor mit lustigem Pathos. Apollo strafe den Wortbrüchigen! Aber nun ist es auch wahrhaftig die höchste Zeit zum Nachhausegehn, sprach aufstehend die Postmeisterin; und die Gesellschaft brach auf, sich bückend und knixend, küssend und handschüttelnd, dankend für das Genossene und Revange verheißend, den Dank abwehrend und zu Wiederholung des angenehmen Besuches 62 einladend, wie solches alles gebildeten Krähwinklern nach jeder bei einem Andern genossenen Butterschnitte wohl eignet und bebühret. Und die Angaben für den Prolog? fragte der Referendar bei dem Abschiedcomplimente den Amtsrath. Dieser sah ihn zweifelhaft an, und sein Vertrauen in die Poesie seiner Poesie schien nicht das stärkste zu seyn. Aber die Rücksicht auf das gutmüthige Erbieten des Volontairs, allenfalls auch Oel und Mühe verloren haben zu wollen, siegte doch endlich. Diese Notizen, sprach er, ihm ein Papier reichend: hatte ich schon für einen Philister-Pegasus der Residenz ausgesetzt. Sehen Sie, was sich daraus machen läßt. Am liebsten hätte ich es, wenn meine Tochter eine brillante Parthie bekäme. Sprechen wird sie sie comme il faut . Dafür cavire ich. Diese Rücksicht wird mich begeistern! sprach warm der Referendar. Ich hoffe, Sie werden mit mir zufrieden seyn. Sprach's und entschwand, ein schnellfüßiger Ahasael, den Damen nach, die, von der 63 Tochter des Hauses begleitet, so eben das Zimmer verlassen hatten. Nur noch der Assessor Walther war zurückgeblieben, der jetzt erst seinen verlegten Hut gefunden hatte, und sich in den herkömmlichen Ausdrücken von dem gastfreien Wirthe beurlaubte. Ich danke Ihnen für Ihren Beitrag zur allgemeinen Freude, lieber Assessor, sprach der Amtsrath unter den gebührenden zwei Wangenküssen. Noch mehr aber danke ich Ihnen für die angenehme Bekanntschaft, die Sie mir zugeführt haben. Das ist ein liebes, geschliffenes, gebildetes, feuriges, gefälliges Männchen. Es ist wahr, Comödie spielt er noch spottschlecht, und wie es mit dem Volteggio gehen wird, das weiß der Himmel, aber non omnia possumus omnes! dafür hat er ein Redner-Talent, wie ich es sobald nicht gefunden habe. Durch seine Parallele zwischen Göthe und Schiller hat er mich wahrhaft bezaubert! Es freut mich, daß Ihnen mein Freund gefällt, erwiederte der Assessor. Um so mehr, 64 als wir die Hoffnung haben, ihn für immer hier zu behalten. Mein College Ehrman krankt beständig und muß, wenn er nicht bald stirbt, in Ruhestand kommen. In beiden Fällen hat Wespe von dem Präsidenten die Zusage erhalten, daß auf ihn gerücksichtigt werden soll. Wie – wie nannten Sie den jungen Mann? fragte erbleichend der Amtsrath. Wespe, antwortete gleichmüthig der Assessor und empfahl sich. Wespe! stammelte der Amtsrath, wie vom Schlage gerührt, und blieb, zu einer Bildsäule des Entsetzens versteinert, mitten im leeren Zimmer stehen.   3. Mit einem grimmigen Gesichte saß am andern Morgen der Amtsrath am Kaffeetische, studirte die Deduction des Nachtwächter-Assistenten noch einmal durch, und zündete sich dabei die lange Gipspfeife, die im Laufe der unangenehmen Beschäftigung unaufhörlich ausging, 65 unaufhörlich wieder an, sich und seinen Zorn in dicke Dampfwolken hüllend. Da trat seine schöne Tochter herein, herrlich blühend in rosiger Frische und so heiter, als hätte sie einen sehr süßen Morgentraum gehabt, oder gar schon etwas recht Willkommenes gesehen. Guten Morgen, Väterchen, sprach sie mit holder Freundlichkeit, den Alten küssend, und übergab ihm einen zierlich beschriebenen Bogen. Referendar Wespe läßt sich empfehlen und schickt den verheißenen Prolog. Die gute Seele hat den Rest der Nacht daran gewendet, um sich Dir gefällig zu beweisen. Couvertire den Wisch! schrie der Amtsrath, den Prolog zornig zurückschleudernd: schicke ihn dem Herrn Urian zurück, und lasse ihm dabei sagen: Er würde es wohl natürlich finden, daß der hochmüthige Nair nichts zu schaffen haben wolle mit dem edeln Vertheidiger der Menschenrechte der Paria's. Ich verstehe Dich nicht, sprach Aphanasia tödtlich erschrocken. Nur so viel nehme ich 66 wahr, daß Du auf Herrn Wespe sehr aufgebracht bist, aber ich begreife nicht – Lies! rief der Amtsrath, ihr die Deduction hinreichend: so ersparst Du mir den Tort, meine eigne Schmach zu verkündigen. Aphanasia nahm und las; nach einer Weile sah sie schnell nach der Unterschrift am Schlusse, las dann vorn weiter, und ihr Gesicht wurde immer ängstlicher und bleicher, und ihre schönen Augen flogen bisweilen forschend nach dem Vater hin, der in stiller Wuth mit seiner dampfenden Pfeife im Zimmer auf und ab rannte. Ungezogen! rief sie, als sie das Lesen beendigt. Aber weißt Du denn schon gewiß, daß dieser Wespe und der unsrige eine Person sind? Es können ja wohl mehrere so heißen. O gewiß, gewiß! tobte der Amtsrath. Die spitzigen, maliciösen Redensarten sehen dem jungen, naseweisen Burschen ganz ähnlich! Naseweis?! rief Aphanasia empfindlich. Gestern Abend schienest Du doch anderer Meinung zu seyn. Gestern Abend war ich ein – fuhr der 67 Amtsrath heraus. Aber komme ich mit dieser stechenden Wespe noch einmal zusammen in diesem Leben, so will ich das nachholen, was ich gestern versäumt habe! Deine Ehre ist auch die meinige, rief Aphanasia mit falschem Pathos: und wenn das giftige Machwerk von ihm ist, so soll er mir schon dafür büßen! Aber vor allen Dingen müssen wir doch erst darüber Gewißheit haben: ob es von ihm ist? Ich habe nicht Lust, mich noch mehr zu compromittiren, murrte der Amtsrath. Ich will den Assessor beschicken, schlug Aphanasia vor: und in meinem Namen auf den Strauch schlagen. Deiner soll dabei gar nicht gedacht werden. Mache was Du willst! sprach der Amtsrath verdrießlich. Zeit gewonnen, viel gewonnen! flisterte Aphanasia mit einem feinen Lächeln vor sich hin, und hüpfte zur Thür hinaus. Eine volle Viertelstunde rannte der Amtsrath im Zimmer auf und nieder. Endlich 68 wurde er müde auf der schlechten Promenade und setzte sich wieder zum Tische, auf dem der verschmähte Prolog lag. Er sah ihn eine lange, lange Weile an, kämpfend zwischen Groll und Neugier. Endlich siegte die letztere. – Hain mit einem Tempel, brummte er lesend. Gute Decoration. – Fama? Das wäre Aphanasia. Dabei könnte ein brillantes Costüm angebracht werden, aber Gott soll mich, wenn ich – Er versank über dieser Betheurung völlig in das Lesen. Gut – recht gut – Auf Ehre sehr gut. – Herrliche Bilder! rief er von Zeit zu Zeit – feine Verbindlichkeiten, nicht solche grobe Schmeicheleien, die dem Helden das Lob gleichsam in's Gesicht gießen – Und Jamben macht der schlechte Mensch, als ob er bei Schillern in die Lehre gegangen wäre! Auch mit den achtzeiligen Stanzen weiß er umzuspringen. Es ist Jammerschade! Wie würde das Mädchen die Verse sprechen! Der General würde große Freude haben; aber – nein – nun und nimmermehr! Er war zum Schluß gekommen. Auch 69 sogar sentimental kann der Satan seyn, wenn er will, sagte er, sich die Augen wischend: und just die rechte Sentimentalität, piano, ausgespart, nicht in einem fort losgedroschen auf die Thränendrüsen. Das gerade macht Effect. Ja, könnte ich den Prolog behalten und den Referendar zur Treppe hinunterwerfen, oder stünde zu erweisen, daß mich eine andere Wespe gestochen hat, ich wollte mit Freuden so viel Ducaten darum geben, als mich der Nachtwächter kostet! Er stieg wieder im Zimmer auf und ab, bis endlich Aphanasia mit einem traurigen Gesichte eintrat. Die Sache steht schlimmer und besser als wir glaubten, referirte sie. Wespe ist allerdings der Verfasser der bösen Schrift, aber es läßt sich doch sehr viel zu seiner Entschuldigung sagen. Was?! schrie der Amtsrath, und schmetterte mit gewaltigem Wurfe die unglückliche Gipspfeife auf die Diele nieder: Entschuldigung? 70 Sieh' das Datum nach, bat Aphanasia. Die Schrift ist schon ein Jahr alt, die Akten haben nur so lange zum Spruch vorgelegen. Das ist wahr, erwiederte der Amtsrath, nachdem er sich davon überzeugt hatte. Aber was wird dadurch bewiesen? Bewiesen wohl nichts, meinte Aphanasia: aber doch die Keckheit einigermaßen entschuldigt, mit der der junge Mensch bei Dir Zutritt suchte. Es war ihm in der langen Zeit ganz entfallen, daß er einst gegen einen Mann Deines Namens geschrieben, den er damals nur aus den Akten kannte. Woher weißt Du denn das alles auf einmal so genau, mein Töchterchen? fragte plötzlich der Amtsrath befremdet. Von dem Assessor, antwortete Aphanasia gleichmüthig: gegen den Wespe schon heute früh über den unglücklichen Vorfall mit vieler Reue und großer Achtung gegen Deine Person gesprochen hat. Von ihm habe ich auch erfahren, daß Wespe den Nachtwächter nicht freiwillig zum Clienten angenommen hat. Der 71 Befehl des Präsidenten, dem er nicht ausweichen konnte, hat ihn dazu gezwungen. Nichts, nichts! rief der Amtsrath: hilft alles nichts! Der Präsident hat ihm nicht befohlen, giftig zu seyn ohne Noth, und in einer Deduction unziemlicher Weise von Nairen und Paria's zu witzeln. Der Frevel ist und bleibt unverzeihlich. Schicke ihm den Prolog zurück! Wenn er schlecht ist, meinte Aphanasia unbefangen: recht gern. Hast Du ihn gelesen? Hm – nein – ja – brummte der Amtsrath beschämt. Er ist – allerdings nicht ganz übel, und ich wollte, daß ihn ein anderes Subject gedichtet hätte. Aber schicke ihn nur zurück, und lasse es dem – stachligen Insecte zugleich durch den Assessor mit guter Manier beibringen, daß es für dießmal mit dem Volteggio nichts wäre. Dein Wille ist mein Gesetz, guter Vater, sprach Aphanasia ernstlich. Aber meine Liebe für Dich, meine Sorge für Deine Ehre, gibt mir zu der Frage Muth: Thust Du auch klug, wenn Du Dich auf diese Weise rächest? 72 Rächest?! fragte der Amtsrath ärgerlich. Wer denkt an Rache? Aber daß ich mit einem Menschen, der mich geistiger Weise mit Füßen getreten hat, nicht Comödie spielen mag, das ist doch ganz natürlich! Aber, fuhr Aphanasia fort: wenn er Dich nun fragt, warum Du ihm die Rolle wieder nimmst, die Du ihm schon förmlich zugesagt hast? Sicher bist Du zu stolz, ihm die Wahrheit zu verläugnen , und sie gestehen , gestehen – daß Du ihn ausschließest, weil er vor einem Jahre, ehe er Dich kannte, Dir durch Erfüllung seiner Dienstpflicht lästig geworden – möchtest Du das wohl? Du hast Recht, Mädchen! rief der Amtsrath nach kurzem Besinnen. Aus dem Gesichtpunkte habe ich es noch nicht angesehen. Ueberdieß ist die ganze Geschichte nicht einmal recht vortheilhaft für mich. So mag er denn in des Teufels Namen den Volteggio behalten! Aber er soll seiner nicht froh werden! Ich bin Director, er ist noch ganz roh. Ich will ihn dressiren in den Proben, daß er vor Angst an 73 den Coulissen in die Höhe laufen soll! – Doch nein – nein! Auch dazu ist er mir zu schlecht. Ich will ihn keines Wortes würdigen, ich will ihn nicht einmal ansehen. Mag er spielen, wie er will, je schlechter, desto besser. Er soll sich blamiren! Tüchtig soll er sich blamiren vor unserm ausgesuchten Publicum. Hat er mich doch auch blamirt vor der hohen Landesbehörde! Es ist übrigens Schade um den Menschen, warf Aphanasia gleichgiltig hin: daß er von diesem unglücklichen Hange zur Satyre heimgesucht wird. – Seine unerschöpfliche Gefälligkeit scheint ein gutes Herz zu verrathen, und der Assessor kann seine Kenntnisse und seine strenge Rechtschaffenheit nicht genug loben. Und Prologe schreibt er, wie ein Engel – fiel der Amtsrath zornig ein. – Lies das Ding. Wir wollen es geben, es ist vortrefflich. Aber das ist ja eben das Himmelschreiende, daß ein Mensch, der solche Jamben hingießt, auch solche Schmähschriften schmieden kann. Da heißt es recht: Wo der liebe Gott eine Kirche hat, baut der Teufel eine Kapelle 74 daneben! Nein, und wenn ich noch hundert Mal in Schillers Freudenlied singe: daß das Schuldbuch vernichtet und dem Todfeind verziehen seyn soll, so werde ich doch jedesmal in mente hinzusetzen: Nur nicht diesem Wespe seine Deduction! Er rannte hinaus. Ich danke euch, holde Musen! sprach Aphanasia. Was die ernste Themis böse gemacht hat, das sucht ihr freundlich gut zu machen. Seyd meiner stillen Liebe ferner günstig!   4. Wie Kummer und Reue saß acht Tage später der Amtsrath vor seinem Büreau, auf dem drei ziemlich dicke Briefpackete lagen. Er betrachtete sich eines nach dem andern von weitem, hob sie dann auf und wog sie in der Hand, als wolle er aus dem Gewichte auf den Inhalt schließen, und seufzte tief dazu. Da kam Aphanasia herein getanzt; er drehte den Kopf nach ihr um und sah sie grämlich an, als ärgere ihn ihre Lustigkeit. – Was gibt es schon wieder?! fuhr er sie an. 75 Gute Nachricht, Väterchen! Rittmeister Graf Erbach hat mir so eben pflichtmäßig rapportirt, daß Talmond und Tremouille in der französischen Armee Dienste genommen, und daß Bourbon und Rochefort sich bei den Feinden enrolliren lassen. Baron Appenrode freut sich der Gelegenheit, dem General durch Uebernahme des Admirals eine Aufmerksamkeit zu bezeigen. Den jungen Maler hat Benno von Birk übernommen, der gerade, während der Ferien der Ritterakademie, seine Tante besucht, und so wäre unser Spiel vollständig rangirt. Desto ärger der Spectakel, der Scandal, die unauslöschliche Schmach, jammerte der Amtsrath: wenn nun doch aus der ganzen Geschichte nichts wird! Nichts wird? wie so? fragte Aphanasia erschrocken. Weil hier drei schnöde Absagbriefe liegen, antwortete der Amtsrath. Wie kannst Du das wissen, lieber Vater? sprach sie begütigend. Sie sind ja noch nicht entsiegelt. 76 Lehre Du mich combiniren! sprach der Amtsrath. Den einen hat mir der Postknecht, den andern ein ABC-Schütze gebracht, den dritten Mamsell Willig selbst unten an die Köchin abgegeben, folglich sind die Wische von Hornecks, vom Conrector und von der holden Laura. Die Couverte sind dickleibig, folglich liegen ihre Rollen darin, die sie folglich mit Protest remittiren, und folglich ist es vorbei mit dem seligen Bayard, denn: Kann ich Schauspieler aus der Erde stampfen? Wächst mir ein Kornfeld auf der flachen Hand? Ich kann es noch nicht glauben, erwiederte Aphanasia, indem sie mit einem um Erlaubniß bittenden Blicke die Umschläge erbrach. Die unglücklichen Rollen fielen allerdings zu ihrem Entsetzen heraus. Was habe ich gesagt?! rief der Amtsrath. Das hat mir schon bei den fatalen Mienen geahnt, die die Insurgenten bei der Vertheilung der Rollen in der ausserordentlichen Versammlung zogen. Lies mir die Dinger nur hinter einander vor. Ich bin doch neugierig zu 77 vernehmen, wie sich das Nein in den verschiedenen Subjecten verschieden krystallisirt hat. Und Aphanasia nahm das nächste Billet und las: »Eben so schätzbar als es mir, eben so angenehm, ehrenvoll und instructiv es für meine Töchter seyn würde, wenn dieselben an Ew. Hochwohlgeboren dramatischer Ergötzlichkeit Antheil nehmen dürften, eben so innig betrauere ich es, daß ich diese gütige Einladung im Namen derselben gehorsamst ablehnen muß. Der Herr Senior, den ich von meinem Vorhaben denn doch avertiren zu müssen glaubte, hat sich so entschieden dagegen erklärt, hat mir die Unziemlichkeit theatralischer actionum für die Töchter eines gottesgelahrten Schulmannes so ernstlich zu Gemüthe geführt, daß ich um so mehr genöthigt bin, mein Versprechen zurückzunehmen, als bei einer dergleichen Meinungverschiedenheit zwischen dem Vorgesetzten und Untergebenen, der letztere nach den Regeln der Dienstgrammatik im Genitivo stehen muß. Im Namen meiner ( sit venia verbo! ), daß sie der Bock stößt, heulenden Töchter schicke ich daher die Rollen zurück, bitte Ew. Hochwohlgeboren inständigst, dieserhalb auf mich und mein unschuldiges Haus keinen Groll zu werfen, und verharre, ob zwar tief betrübt, jedennoch mit schuldigster Ehrfurcht \&c.« Theekesselei, brummte der Amtsrath: Intoleranz, verdammter Pfaffe! Sequens! Und Aphanasia ergriff das zweite Billet, und las: »Sie haben die Güte gehabt, mir unter den sieben Damenrollen des Bayard gerade die alte Hexe auszusuchen, die die Gelegenheitmacherin der schönen Blanca abgibt, und ihr nebenbei zur Folie dienen soll.« Das ist die Horneck! seufzte der Amtsrath. »Miranda oder Constantia waren natürlich zu gut für mich, ob ich gleich, wie Sie wissen, musikalisch bin, und also auch dieser Forderung genügen könnte. Wäre ich indeß wirklich zu alt für solche Rollen, so konnte ich doch wenigstens auf die Lucretia Gritti 79 rechnen; aber natürlich mußte diese edle Witwe der Frau von Horst gegeben werden. Für mich bürgerliche Creatur war die alte Duenna gut genug. Unter diesen Umständen werden Sie es wohl natürlich finden, daß ich die Rolle zurückschicke. Wenn sie wirklich so süß ist, wie Sie mir sie machen wollten, so wird sich ja leicht jemand anders dazu finden. Auch mein Mann legt seine Rolle bei. Wenn er auch bisweilen Intriguanten macht, so fühlt er doch nicht Talent genug in sich, einen leibhaftigen Satanas mit Erfolg darzustellen, wie dieser Paolo Manfrone ist. Wir werden daher Beide für dießmal um Erlaubniß bitten, die Künstler vom Parterre aus zu bewundern. Bei der nächsten Darstellung wird es sich ja finden, was man uns anbieten wird, und was wir annehmen können.« Die Dame hat eine tüchtige Gallausleerung gehabt, sagte der Amtsrath. Ihr Mann wird es uns im Stillen danken, denn nun hat er in vier Wochen keine große Explosion zu 80 befürchten. Sequens! Nun kommt die holde Laura! Und Aphanasia las das dritte Billet. »Die liebliche Miranda, die Ihr zu großes Vertrauen in mein schwaches Talent mir zudenkt, hat sich mir erst bei Durchlesung der Rolle in ihrer ganzen Herrlichkeit entfaltet.« Nun Gottlob! rief der Amtsrath, freien Athem schöpfend: die schreibt doch noch einen vernünftigen Brief. »und ich möchte blutige Thränen weinen,« Wie? Was?! schrie der Zuhörer dazwischen. In wiefern? »daß ich sie nach reiflicher Ueberlegung zurückschicken muß. Sie werden darin mit mir einverstanden seyn, daß ein Mädchen in meinem Alter und in meinen Verhältnissen nichts köstlicheres hat, als ihren guten Ruf. Man hat schon vielfältig mein Auftreten auf Ihrem Theater gemißbilligt –« Man? Man! tobte der Amtsrath. Das verdammte Man. Wenn der eigne böse Wille sich fürchtet hervorzutreten, so schiebt er das 81 Man vor als Sündenbock. Wenn ich aber das rechte Man einmal erwische, so schlage ich ihm Arm und Beine entzwei! »Aber mein reines Gewissen hat mir den Muth gegeben, dem Tadel der Welt Trotz zu bieten. Dießmal würde dieser Tadel jedoch leider nicht ungerecht seyn, denn das Erscheinen einer Dame in männlicher Tracht bleibt doch immer eine Unschicklichkeit, die ich mir nicht einmal vor mir selbst zu verantworten getraue, geschweige vor dem strengen Richterstuhle der Welt. Verzeihen Sie deßhalb, wenn die Sorge für zarte, weibliche Sitte –« Und so weiter! rief der Amtsrath. Diese Laura ist ja auf einmal ganz entsetzlich tugendhaft geworden. Aber ich durchschaue sie. O es ist eine – in den Stricknadeln fing sie an Wespen zu Leibe zu gehen. Darüber habe ich mich lustig gemacht, und Wespe ist nach seiner Weise giftig-witzig gewesen. Das hat sie uns Beiden nachgetragen und nun mit Fleiß die Sache so weit gedeihen lassen, um uns 82 damit die Freude mit einem Schlage zu verderben. Ich weiß, daß sie auf die Miranda zittert; aber die Rache ist ihr doch noch süßer. Ja die Weiber, die entsetzlichen Weiber! Das sind freilich sehr schlimme Briefe! sprach Aphanasia nachdenkend, die weiße Hand an die schöne Stirn legend. Zum Rasendwerden! rief der Amtsrath. Der General ist schon provisorisch avertirt, die Gäste sind geladen. Diesen Schimpf überlebe ich nicht. Ich reiße noch in dieser Stunde die verdammten Breter zusammen, lasse anspannen, fahre wie ein Eulenspiegel mitten im Winter in das nächste Bad, und wenn die Gäste kommen, so sollen sie diese drei saubern Briefe wie Vehmladungen angenagelt finden an der verschlossenen und verriegelten Schloßpforte. So arg soll es doch nicht werden! sprach munter Aphanasia. Da muß man doch vorher alle Möglichkeiten versuchen, und das wollen wir thun. Giebst Du mir Carte blanche ? Ach Gott, ja, so weiß als Du willst! antwortete der Amtsrath. Aber es wird ja alles nichts helfen. 83 Es kommt erst auf die Probe an, sprach Aphanasia. Vor allen Dingen will ich den Assessor zu Rathe ziehen. Sie flog zur Thür. He! Apropos! rief ihr der Amtsrath nach: Du verkehrst mir jetzt gewaltig viel mit dem Assessor. Ich will doch nicht hoffen, daß sich irgend ein Verhältniß zwischen Euch anspinnt? Ohne Sorgen, Väterchen, erwiederte lachend Aphanasia. Unsere Pole sind gleichnamige, die sich abstoßen. Er ist überdieß Bräutigam. Und Du so gut als Braut! fiel der Amtsrath ein. Vergiß das nicht! Noch hat sich Brauß mein Herz nicht zu erwerben gewußt! antwortete sie. Ich bin überzeugt, daß mein guter Vater diesem Herzen nie Gewalt anthun wird, und darum getrost! Sie eilte fort. – Mein Herz hat sich dieser Brauß eben auch noch nicht erworben! murrte der Amtsrath. Er bekümmert sich um nichts. Wegen ihm mag der Bayard stolpern, fallen, wieder aufstehen, das ist seine geringste 84 Sorge. Er sitzt auf seinem Gute, oder jubelt in der Residenz herum, und läßt den künftigen Schwiegervater sich todt ärgern und todt arbeiten für das Wohl des Ganzen. Nein, dießmal hat mich der böse Feind verführt, mich an ein Spectakelstück zu wagen, und nun in Ewigkeit nicht wieder!   5. Vor der entblätterten Buchenlaube am Ende des Schloßgartens stand, in seinen Kalmuck-Mantel gehüllt, im beschneiten Gange, der Referendar Wespe, las die drei Absagbriefe, die ihm die frierende Aphanasia darreichte, hinter einander durch, und schüttelte sehr bedenklich den Kopf dazu. Und was nun weiter, junger Herr?! rief Aphanasia nach einer Weile ungeduldig. Denn mit dem Kopfschütteln ist es nicht gethan. Hier gilt es, andere Köpfe, die schütteln, zum Nicken zu bringen, und das hat bei ihren steifen Nacken seine besondern Schwierigkeiten. 85 Hat Aphanasia kein festeres Vertrauen zu der Allmacht ihrer Reize?! rief Wespe feurig. Was wären sie, wenn sie mich nicht einmal zu solch' einem leichten Siege begeistern könnten! Und siegen müssen wir! Wie? das weiß ich zwar selbst noch nicht recht, aber das wird sich finden. Nicht so leicht als Sie denken, warf Aphanasia ein. Es gilt, vier ganz verschiedene Charaktere zu bearbeiten für einen Zweck, und das ist keine Kleinigkeit. In den vier Vormündern kommt der Liebhaber ja auch am Ende damit zu Stande, erwiederte Wespe. Lassen Sie mich gewähren, und scizziren Sie mir in schnellster Kürze die vier Protestanten. Der Senior? Sehr stolz, sehr eitel, referirte Aphanasia: läßt sich gern Hochwürden nennen. Dabei sehr furchtsam und, wenn man ihn erst zutraulich gemacht hat, sehr leichtgläubig. Vor zwanzig Jahren hat er anonym gegen die Schaubühne eine Brochüre geschrieben, die große Diana der Epheser, die er für vortrefflich hält. 86 Die müssen Sie mir schaffen! fiel Wespe hastig ein. Ein Pracht-Exemplar modert in unserer Bibliothek, antwortete Aphanasia: und steht mit Vergnügen zu Dienst. Es wird mir ein Paar saure Stunden kosten, seufzte Wespe: denn ein schlechtes Buch mit dem Bleistift in der Hand zu studiren, als wäre es ein gutes, das ist kein Spaß! Aber was thue ich nicht – Für den eigenen Triumph! fiel Aphanasia schalkhaft ein. Das ist von der männlichen Eitelkeit zu erwarten! Der Postmeister? fiel Wespe ein. Sehr eitel, antwortete Aphanasia: aber nicht, wie der Senior, auf sein Wissen und seine Würde, sondern auf seinen theuern Leichnam, dessen guter Form und zierlicher Tragung er sich wohl bewußt ist. Er putzt sich gern. Könnten wir für den Paolo Manfrone irgend einen picanten Schmuck ersinnen, er wäre der Unsrige mit Leib und Seele. So ist er es schon! rief Wespe lustig. Aber seine theure Hälfte? 87 Sie haben sie ja kennen gelernt, erwiederte Aphanasia achselzuckend. Ihr Charakter spricht sich gegen jeden gleich rein aus in seiner liebenswürdigen Wahrheit! Heftig, eigensinnig, gefallsüchtig, rachgierig, und leider klug und kräftig genug, um sich nichts weiß machen zu lassen. Seit unser Theater besteht, hat sie um eine Liebhaberin gebuhlt, zu der sie durchaus nicht taugt. Das ist das sechste Mal, daß sie eine Niete zog, und ich glaube nicht, daß sie das verzeihen kann. Es fragte sich, sprach Wespe nachsinnend. Die Dame hat Natur in ihrem Spiel, und ist gerade weder alt noch häßlich. Das ist eben unser Unglück, sagte Aphanasia. Dadurch hält sie sich eben zur Prima Donna geeignet, zu der ihr doch vor allen Dingen die Grazie und der Adel fehlt. Sehr wahr, meinte Wespe lächelnd. Aber die Frau des Pächters Grauschimmel im Rehbock sollte sie, meine ich, gut machen! Sind Sie von Sinnen? fragte Aphanasia ungeduldig. Wer redet denn vom Rehbock? Ich, ich! rief Wespe, lustig in die Höhe 88 springend: ich, der sich Ihrem erzürnten Vater aufdringende treue Gehilfe, sein Fac totum , sein Kleinod, das er nicht für das Gold beider Indien hingeben wird, wenn er nur erst seinen ganzen Werth kennt. Nennen Sie mir nur hurtig eine Dame in der Nähe, gegen die Dame Horneck eine große oder kleine Antipathie hat. Gegen die geschiedene Postmeisterin Spörner, antwortete Aphanasia: hat sie Antipathie von jeder beliebigen Sorte. Aber was bezwecken Sie damit? Doch nicht eine Vertretung? die Idee geben Sie auf. Die Spörner würde den Vorschlag freilich mit beiden Händen ergreifen, aber ehe mein Vater sie unsere Bühne betreten ließe, würde er die Duenna lieber selber machen. Er kann sie durchaus nicht leiden. Zu einer Vogelscheuche ist der erste beßte Lappen gut genug! rief Wespe. Nun bleibt uns nur noch Mamsell Willig übrig, die wir willig machen sollen, ihre Tugend und ihren Ruf in Miranda's Beinkleidern auf das Spiel zu setzen. 89 Ist es jetzt Zeit zu faden Wortspielen?! rief Aphanasia ärgerlich. Sie wissen, was auf dem Spiele steht, und können über die Klippe, an der vielleicht unser ganzer Plan scheitern wird, noch schlechten Witz machen? Ein Beweis, wie wenig Ihnen dieser Plan am Herzen liegt! Sie glauben das selbst nicht, was Sie jetzt sagen, sprach Wespe, zärtlich des Mädchens Hand an seine Lippen ziehend. Auch sehe ich nicht ein, weßhalb ich die lustige Posse so entsetzlich schwer nehmen sollte. Zum Verzweifeln ist es immer noch Zeit, wenn mich Ihr Vater von der großen Freitreppe seines Schlosses herunter geworfen hat. Bis dahin wolle mir der Himmel meinen leichten, fröhlichen Sinn erhalten! Um aber wieder zu der unwilligen, mißwilligen, böswilligen Mamsell Willig zu kommen, so weiß ich nur einen einzigen Weg, zu ihrem keuschen Herzen zu gelangen, nämlich: ich muß ihr die Cour machen. Und diesen Weg haben Sie sich durch eine ganz unnöthige Witzelei verschlossen, schalt Aphanasia. Mein Vater hat mir alles erzählt. 90 Dazu haben Neid und Eifersucht Laura's Augen geschärft. Sie hat einen Blick in unser Verhältniß gethan. Boshaft ist sie in hohem Grade. Sie braucht nur überzeugt zu seyn, daß uns mit dem Bayard ein Gefallen geschieht, das ist hinreichend für sie, die Miranda um keinen Preis zu spielen, so sehr sie sich heimlich nach ihr sehnen mag. Und keine Andere wäre hier zu erreichen, wenigstens vorzuspiegeln?! fragte Wespe betrübt. Keine! versicherte Aphanasia. Das weiß die theure Laura auch recht gut, und darauf eben trotzt sie. Wie wäre es, schlug Wespe vor: wenn ich eine wirkliche Schauspielerin aus der Residenz zu dieser Rolle herbeischaffte? Ich habe intime Bekanntschaften auf dem dortigen Theater. Diese Neuigkeit freut mich eben nicht besonders, antwortete Aphanasia mit niedergeschlagenen Augen erröthend: zumal sie uns nichts hilft. Mein Vater würde das nie genehmigen. 91 Wir führen sie unter falschem Namen auf, sagte Wespe: als meine Nichte etwa – Die Idee hat Sie mächtig ergriffen, spöttelte Aphanasia: aber ich muß sie entschieden zurückweisen. Wie leicht könnte der Betrug entdeckt werden, und dann bliebe mein Vater unversöhnlich. Darauf kenne ich ihn. Also Laura, oder keine! rief in lustiger Verzweiflung Wespe. Nun wohlan: Flectere si nequeo superos, Acheronta movebo! Zu deutsch: Jedes Mittel, auch das ärgste, ist erlaubt, wenn es nur zum Ziele führt. Die »ungestüme Presserin, die Noth« fordert ein schweres Opfer von mir, aber es sey ihr gebracht, und bald, bald soll Aphanasia von mir hören! Behende drückte er auf Aphanasia's kalte Lippen einen heißen Kuß, schlug mit der kühnen Wildheit des Banditen Abällino seinen Mantel um sich und war verschwunden. 92   6. Die Post war eben gekommen. Horneck saß an seinem vergitterten Arbeittische und durchsah die Briefcharte. Am Fenster nähete seine Eheconsortin und sah Wespen gerade auf das Haus zukommen. Aha! rief sie schadenfroh. Eine Gesandtschaft von der hochlöblichen Theater-Direction. Das sage ich Dir, Horneck, daß Du Dich nicht etwa wieder übertölpeln läßt! Sey doch unbekümmert, brummte dieser zurück. Ehe ich ihnen diesen Manfrone mache – Da trat Wespe in das Zimmer mit dem gleichgiltigsten Gesichte von der Welt, grüßte höflich, gab ein Paar Briefe ab, fragte: ob keine an ihn angekommen wären, bat sich die frischen Zeitungen zum Durchfliegen aus, und setzte sich damit an das Fenster, der designirten Duenna gegenüber. Apropos, fragte er nach einer Pause ruhig unter dem Lesen: wer von den hiesigen Honoratioren mag wohl die beßte Bibliothek haben? 93 Ich bedarf ein Buch – was ich hier wahrscheinlich vergebens suchen werde. Es kommt darauf an, antwortete Madam Horneck, empfindlich über das schlechte Zutrauen des Hauptstädters zu den Krautberger Bücherschätzen: der Herr Senior hat eine starke Sammlung aus allen Fächern. Was für ein Buch brauchen Sie denn? Den Titel weiß ich selbst nicht, erwiederte Wespe. Es gilt vorher den Catalog nachzuschlagen. Ich suche einige historische Notizen für das Costüm des Bayard. Das gestehe ich! sagte die Horneck mit boshaftem Lächeln. So wird das große Spectakelstück doch noch wirklich gegeben? Leider! seufzte Wespe und las emsig weiter. Leider? fragte sie befremdet: und ich habe geglaubt, daß Ihnen der Bayard am allermeisten am Herzen läge. Glauben Sie denn wirklich, fragte sie Wespe dagegen: daß mir der jämmerliche Volteggio, der sich in der einzigen Scene, die er hat, gegen Bayard wie ein Strohrenommist benimmt, 94 den geringsten Spaß macht? Doch das ist das Wenigste. Ich hätte Ihnen den Rock küssen mögen, als Sie die Duenna zurückschickten, aber zuletzt ergibt sich, daß Sie mir das größte Drangsal damit angethan haben. Sie reden lauter Widersprüche! sagte sie. Ich will sie lösen und Ihnen reinen Wein einschenken, erwiederte Wespe. Sehen Sie, ich möchte mich doch auch gern einmal in einer ordentlichen Rolle versuchen, und zeigen, daß ich wohl noch zu etwas Besserem, als zu einem Bedienten, tauge. Das ist niemandem zu verargen! bemerkte Madam Horneck. Die Bedienten und Duennen können sich der Herr Amtsrath und Mamsell Aphanasia selber behalten!! Mit den Ritterstücken ist es nichts, fuhr Wespe fort: das ist mir bei den Zurüstungen zum Bayard klar geworden. Die Mühe und Noth ist grenzenlos, und doch fehlt es überall, und oft am Beßten. Da hatte ich zum nächsten Stück den Rehbock im Sinne, wo mir der Stallmeister recht gut zusagen würde. Ich 95 habe auch schon den Amtsrath dazu breit geschlagen. Den Rehbock?! rief sie. Ich kenne ihn; ein liebes, lustiges Stück. Wie wollten Sie ihn denn besetzen? Aphanasia die Gräfin, antwortete Wespe, die Willig ihre Schwägerin, Sie die Pächterin Grauschimmel. Nun, das ist nicht übel, meinte die Horneck, ihr Entzücken mühsam verbergend. Die Rolle der Pächterin möchte ich wohl einmal spielen. Auch das ist ja eben das Aergerliche! rief Wespe, unmuthig die Zeitungen hinwerfend. Sie werden sie nicht spielen, und der Stallmeister, auf den ich mich schon so gefreut hatte, wird mir keinen rechten Spaß machen, denn das Stück wird miserabel gehen. Die Nadel der Postmeisterin feierte, mit neugierigen Augen sah diese den listigen Schwätzer an, und ihre Blicke ersuchten ihn fortzufahren. Sehen Sie, liebe Freundin, demonstrirte er treuherzig: Sie mögen die Duenna nicht 96 spielen, was ich Ihnen keinesweges verdenken kann; hätte ich nicht besondere Ursachen, den Amtsrath bei Gutem zu erhalten, ich hätte ihm meinen Volteggio wahrhaftig auch zurückgeschickt. Der Bayard soll und muß nun einmal gegeben werden, ohne Duenna geht das nicht, und also ist die Postmeisterin Spörner dazu ausersehen worden. Um Verzeihung! rief Madam Horneck erglühend. Der Titel gebührt diesem Weibe auf keine Weise. Ihr Mann wurde erst Postmeister, als er sich schon, ihres lüderlichen Wandels wegen, von ihr hatte scheiden lassen. Dem sey wie ihm wolle, fiel Wespe ein. Ich kenne sie nur oberflächlich, aber doch hinreichend, um in voraus zu beschwören, daß sie alle Scenen verderben wird, in denen sie auftritt. Das ist aber das Wenigste. Die Duenna ist eine höchst undankbare Rolle – Deßhalb hatte sie auch die Freundschaft des Herrn Amtsrathes für mich ausgesucht! flocht Madam Horneck grimmig ein. Da nun, fuhr Wespe fort: die Spörner 97 auf dem Schlosse niemals breterfähig war, und dießmal ganz eigentlich als Nothnagel gebraucht wird – Sie ist auch dazu zu schlecht! rief hitzig die Dame. Das sieht der Amtsrath recht gut ein, parenthesirte Wespe: und es wird ihm schwer genug, aber Noth kennt kein Gebot – so will man ihr, wie ein Stück Zucker auf eine böse Medicin, auf die Duenna eine dankbare Rolle geben, und dazu ist die Pächterin im Rehbock bestimmt, die Sie so brav dargestellt haben würden. Es ist Jammerschade um das Röllchen. In Ihrem Spiel ist so viel Natur. Ein frisches Gesicht, volle Arme, Sie sind dazu geboren. Die Spörner ziert sich schon im gemeinen Leben genug, und wird als naive Bäuerin unerträglich seyn. Das ist gewiß! rief die Horneck, und fügte hastig hinzu: Ist ihr schon der Antrag gemacht? Ich bin eben auf dem Wege zu ihr, sprach Wespe, verdrossen aufstehend. Ach, es ist ein 98 überreifer und doch sehr sauerer Apfel, in den ich beißen soll. Aber es kann schon nichts helfen. Er muß hinunter gewürgt werden. Er schlich zur Thür. Mit sich im Kampfe sah ihm die Horneck nach, wollte sprechen, zwang das Wort zurück, aber als er die Thür hinter sich zuziehen wollte, da hielt sie sich nicht länger, und rief laut: Herr Referendar! Plait-il? fragte er gleichgiltig, den Kopf in das Zimmer steckend. Wenn ich nun – begann sie – aber so kommen Sie doch noch einmal herein. Das ganze Haus braucht es ja nicht mit anzuhören, was wir mit einander zu besprechen haben. Die Winke einer jungen, hübschen Frau sind für mich Befehle, erwiederte Wespe, und war mit einem Satze wieder auf dem Stuhle, der Dame gegenüber. Was steht noch zu Dienst? Wenn ich mich nun – begann sie stockend von neuem: wenn ich mich aus übermenschlicher, fast thöriger Nachgiebigkeit für dieses Mal noch zur Duenna verstände – 99 Sie sind ein Engel, charmante Frau! rief Wespe, sie auf den vollen Arm küssend. Nun? – wenn –? Wollten Sie auf diesen Fall, fuhr sie freundlich lächelnd fort: mit Ihrem Ehrenworte verbürgen, daß das nächste Stück der Rehbock ist, und daß ich die Pächterin bekomme? Wenn mir bis dahin der Amtsrath nicht das Haus verboten hat, ja! rief Wespe schnell entschlossen, und hielt die Hand hin. Das hat gute Wege! sprach sie, seine Hand ergreifend. Topp, ich spiele die Duenna! Da haben der Herr Referendar wohl auch schon für einen guten Paolo Manfrone gesorgt?! rief der Postmeister boshaft aus seinem Käfig heraus. Wenn ich nicht recht bei Trost wäre, erwiederte Wespe. Wo fände ich wohl einen bessern, als Sie, lieber Horneck, zehn Meilen in die Runde? Ich habe mich ja bereits darüber erklärt, brummte Horneck. Ich spiele den Kerl auf keinen Fall. 100 Wenn Sie ein roher Dilettant wären, ohne alle höhere Kunstansicht, sprach Wespe, so würde ich glauben, daß das Ihr Ernst sey; aber bei Ihrer Theorie und Breterpraxis müssen Sie es ja erkennen, was sich aus diesem köstlichen Böswicht für ein Kunstwerk schaffen läßt. Zugestanden! zankte Horneck: aber so wenig meine Seele etwas von Eitelkeit weiß, so ist es doch für einen Mann, den die Natur nicht ganz stiefmütterlich behandelt hat, eine starke Zumuthung, sich in ein Ungeheuer zu verwandeln. Ein Ungeheuer? fragte Wespe ruhig. Nun ja, ein moralisches. Das ist ja recht, das ist gut. Da kann sich der erste Intriguant unserer Bühne zeigen! Nein, nein, ein physisches! rief der Postmeister, zornig aufspringend, und hielt dem Referendar den Bayard aufgeschlagen vor die Augen. Lesen Sie. Hier wird Manfrone angemeldet. Basco sagt: 101                                       Draußen steht ein wunderlicher Mann. Gleich einer Larv' ist sein Gesicht. Ein Auge sah mir auf den Knebelbart, das andre schien die Franzen an meinen Stiefeln zu betrachten. Und eine solche scheußliche, schieläugige Fratze soll ich machen? Muß gehorsamst danken! Sie haben gewiß nicht gelesen, sagte Wespe: wie sich Iffland über die Darstellung des Franz von Moor ausspricht. – Der Schauspieler braucht dem Dichter auch nicht allzu sclavisch zu folgen. Der reiche, gebildete, mailändische Edelmann, der in alle Sättel gerecht ist, der bei den Großen Europa's Zutritt hat und von ihnen gebraucht wird, kann keine solche Carricatur seyn. Blanca's rechtschaffene Aeltern konnten auch, trotz ihrer Armuth, die geliebte Tochter keinem solchen Unthiere ausliefern. Nach meiner Ansicht kleiden Sie sich ganz schwarz. Der Teint italiäner-gelb, ohne Rouge, aber keine Entstellung, weder durch Schminke noch Tracht. Ihr Spiel wird dann schon das Weitere besorgen und den Teufel vollenden. Die Schilderung Basco's, ohnehin ein 102 hors d'oeuvre und blos für die Gallerie berechnet, wird gestrichen. Dieser Manfrone ist doch aber eine gar zu böse Bestie, sprach der Postmeister, im Buche blätternd, zwar um Vieles milder, doch noch immer unzufrieden. Ich muß dem ganzen Publicum zuwider werden, wenn es mich als ein solches Scheusal sieht. Das wäre der Triumph Ihrer Kunst! rief Wespe. Ach, wäre ich nur schon mit Allem so im Reinen, als mit meiner Ansicht Ihrer Rolle. Da plage ich mich heute den ganzen Tag, die Decoration des päpstlichen Ordens vom goldenen Sporn auszumitteln, und wenn ich nicht in der Bibliothek des Seniors das Nöthige darüber finde, so müssen Sie mir wahrhaftig noch einen Brief nach der Residenz zur Post annehmen. Der Orden vom goldenen Sporn? fragte Horneck neugierig. Wer soll den tragen? Wer anders als Sie, antwortete Wespe. Manfrone ist eine zu wichtige Person, um nicht besonders ausgezeichnet zu werden, und 103 es ist gar nicht anders möglich, als daß der Papst, der diesen Cavallier auf so riscante Expeditionen ausschickt, ihn auch dafür mit Ehren und Würden geschmückt hat. Nun, so machen Sie nur, beßter Wespe, liebster Freund! rief der augenblicklich besiegte Postmeister: daß Sie zu dem Herrn Senior kommen und sich die nöthige Auskunft verschaffen. Für den schlimmsten Fall will ich die Briefcharte für Sie offen halten. Meine Frau versteht es, mit dergleichen Decorationen umzuspringen und wird mir den Orden recht hübsch machen. Also auf baldiges Wiedersehen, gestrenger Ritter vom goldenen Sporn! sprach Wespe mit komischer Ehrerbietung und verließ rasch das Zimmer. Geleitgebend kam ihm Madame Horneck nach. Sehen Sie mich einmal gerade und steif an, ohne zu lachen, sprach sie, als er ihr das Abschied-Compliment machte. Es ist mir ein Vergnügen, erwiederte er galant und sah ihr recht treuherzig in die Augen. 104 Wahrhaftig, er verzieht keine Miene! rief sie. Sie sind ein großer Schelm, mein Herr Referendarius, und Gnade Gott den armen Partheien, gegen die Sie einmal auftreten werden. Wie so, liebe Horneck? fragte Wespe mit möglichster Unbefangenheit. Sie fürchten doch nicht, daß ich Ihnen mein Wort brechen werde? Das nicht, antwortete sie. Mit mir mögen Sie es ehrlich meinen, aber mein armer, guter Mann! Da sind Sie dahinter gekommen, daß er in Stern und Band ein wenig vernarrt ist, und weil Sie ihn stätisch finden, so sporniren Sie ihn mit dem päpstlichen Ordensporne, daß er gehen muß, Paß und Trab und Galopp, wie Sie es haben wollen. O – Sie – Mephistopheles! Liebe, beßte, einzige Frau, wie verkennen Sie mich doch! rief Wespe mit dem Schmerze erlittenen Unrechts. Nun, mag es seyn! sagte sie. Ich will Ihnen keinen Schlagbaum vorziehen. Ich weiß, 105 was Sie im Schilde führen, und wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu. Ihnen gönne ich Aphanasia auf jeden Fall lieber, als dem überstudirten Brauß. Für mich wären Sie ohnehin kein Mann. Sie sind mir viel zu pfiffig! Welche Pfiffigkeit der Erde müßte nicht vor der Ihrigen die Segel streichen? sprach Wespe. Brauchen Sie sie nur nicht gegen mich, sonst bin ich freilich verloren und scheitere noch im Hafen. Schaffen Sie mir nur die Pächterin, und ich bin die Ihrige mit Leib und Seele! rief sie, und still vor sich hin lachend ging Wespe aus dem Hause.   7. Der Senior stand vor dem Spiegel seiner Studirstube, sein theures Bild mit der gutmemorirten Traurede wohlgefällig anpredigend. Eben erscholl sein Amen, als, nach dreimaligem bescheidenen Klopfen, auf sein Herein, der Referendar Wespe, schwarz gekleidet, mit 106 einem gekrümmten Candidatenrücken in das Zimmer trat. Ein literarisches Bedürfniß führt mich zu Ewr. Hochwürden, sprach er mit einem tiefen, ehrfurchtvollen Bücklinge. Ich habe von dem Umfange und seltenen Gehalte Ihrer Bibliothek gehört und bin überzeugt, daß ich hier oder nirgend Hilfe für mein Bedürfniß finde. Meine Büchersammlung ist ziemlich bedeutend, erwiederte der Senior mit beifälligem Lächeln: und ich wünsche herzlich, Sie zu befriedigen, lieber, junger Mann. Was steht Ihnen denn eigentlich zu Dienste? Einige Notizen über die französischen Kleidertrachten aus dem Anfange des sechszehnten Jahrhunderts, erwiederte Wespe: und über die Decoration des päpstlichen Ordens vom goldenen Sporn. Ei, ei, wozu brauchen Sie denn die? fragte neugierig der Senior. Für das Costüm in dem Trauerspiel Bayard, das in vierzehn Tagen gegeben werden soll, antwortete Wespe mit kläglichem Tone und trauriger Gebehrde. 107 Also doch noch! rief der Senior verdrießlich. – Wie kommen Sie aber dazu, Domine , sich in dieser Angelegenheit gerade an mich zu wenden? Ich glaube doch nicht in dem Rufe zu stehen, daß ich dergleichen Ergötzlichkeiten billige, geschweige denn zu deren Ausführung hilfreiche Hand leiste. Die Noth entschuldigt viel, Hochwürden! erwiederte Wespe achselzuckend: der Herr Amtsrath betet nun einmal die theatralische Muse an, wenigstens eben so brünstig, als die Epheser ihre große Diana. Ich habe dringende Veranlassung, ihn mir zum Freunde zu machen, und muß daher sein Steckenpferd cajoliren, wie es nur gehen will. Nun kann mir aber niemand über das objectum quaestionis so gründliche Auskunft ertheilen, als Ew. Hochwürden. Es wird mir freilich schwer, diesem Baal nachzuhinken. Soll man Ihnen das wirklich auf Ihr ehrliches Gesicht hin glauben? fragte der Senior mißtrauisch, der schon vorhin bei der großen Diana, in der er eine alte Bekannte fand, gestutzt hatte. 108 Hätte ich auch nicht gelesen, eiferte Wespe: was Cyprianus , Minutius Felix und Lactantius über die Schaubühne geschrieben, so würde Julianus Apostata meine Ideen über diesen Punkt berichtigt haben. So ruchlos dieser Heiden-Kaiser gegen das Christenthum gewüthet hat, so wenig kann man ihm Weltklugheit und Energie absprechen. Und wenn nun dieser in seiner Epistola ad Arsacium es für eine große Ursache des Verfalls des Heidenthumes erklärt, daß die Heidenpriester das Schauspiel besucht; wenn er ausdrücklich befiehlt, daß die Priester der Götter die Unfläthereien des Theaters dem Pöbel allein überlasse und solche völlig verabscheuen sollten – ἀξιω δε τους ἱερας ὑποχωρησαι, και ἀποστηναι τῳ δημῳ, της ἐν τοις ϑεατροις ἀσελγειας. fiel des Seniors volltönendes Organ ein. Sehr richtig und wahr! Doch sagen Sie mir, liebster Freund, wie kommen Sie, als Jurist, zu dieser theologischen Gelehrsamkeit? Ehrlich gestanden, Herr Senior, erwiederte Wespe mit erkünstelter Verlegenheit: ich habe 109 sie nicht eigentlich durch Studium , sondern durch Lectüre erworben. Erröthend muß ich es bekennen, ich dachte früher über das Theater – wie der Amtsrath, – aber gestern habe ich in seiner Bibliothek ein kleines Buch gefunden und, ich kann sagen, verschlungen , das mich ganz andern Sinnes gemacht hat. Den Titel? fragte der Senior schmunzelnd. Die große Diana der Epheser, antwortete Wespe: oder die entlarvte Schaubühne. Leider fehlt der Name des Autors, der, nach seinem Werke zu schließen, ein tiefer, scharfer Denker und ein stuppender Gelehrter seyn muß. Ach nein, ach nein! rief der Senior, in Wonne vergehend. Sie thun dem Autor zu viel Ehre an. Ein armer Diener des Wortes, so gut als auf dem Dorfe lebend, mit geringen Hilfquellen versehen – Ew. Hochwürden kennen ihn also?! rief feurig Wespe, des Seniors Hände ergreifend. Lebt er vielleicht hier in der Nähe? O nennen Sie mir seinen Namen! Ich muß ihn kennen lernen, denn so hat noch kein Buch zugleich 110 meinen Kopf und mein Herz ergriffen, wie dieß Meisterstück. Sie finden also, daß der Mann Recht hat? fragte lächelnd der Senior. Nun das ist mir lieb. Er ist mein sehr guter, sogar mein beßter Freund! Vielleicht gar? – wäre es möglich?! rief Wespe mit gutgespielter Ueberraschung. Ja, gewiß, Ew. Hochwürden sind es selbst! Das Urtheil über Sie, das mir allenthalben entgegenschallt, gibt mir die Ueberzeugung. Wie glücklich schätze ich mich, den Schriftsteller persönlich kennen zu lernen, der mich so gründlich überzeugt, so tief gerührt, so schlagend überwunden hat! Mein lieber, junger Mann! rief der gerührte Senior, dem Referendar ein Paar zärtliche Küsse applicirend. Schenke das numen divinum nur allen unseren Jünglingen diese Empfänglichkeit für das Gute und Wahre, dann werden die Lehrer des Volkes leichtes Spiel haben! Diese frohe, mir so theuere Nachricht, 111 sprach Wespe: bringt mich auf einen, vielleicht guten Gedanken, und gibt mir zugleich den Muth, ihn Ewr. Hochwürden vorzutragen. Die Ausführung dürfte einige Mühe machen, aber Sie haben es ja bereits der Welt bewiesen, daß Sie gern den Born Ihres Wissens öffnen zum Heil Ihrer Mitbürger, daß Sie keine Mühe und keine Nachtwachen scheuen, wenn es darauf ankommt, zu belehren und zu bessern. Amtspflicht, mein Lieber! erwiederte der Senior. Nichts als schuldige Amtspflicht! Dafür sind wir ja da. Was wäre denn eigentlich Ihre Intention? Der Amtsrath, sagte Wespe: der seine große Diana um jeden Preis bei Ehren erhalten will, thut sich besonders darauf etwas zu Gute, daß der Bayard, den wir jetzt aufführen wollen, ein höchst moralisches Stück sey. Seit ich Ihre Schrift gelesen habe, kann ich diesen Vorzug keinem Schauspiele einräumen, und ich habe es schon versucht, die Immoralitäten im Bayard aufzudecken. Es hat mir 112 aber nicht gelingen wollen, was, wie ich glaube, blos an mir liegt. Da hätte ich die Idee, ob Sie nicht vielleicht einen kleinen Aufsatz über das Machwerk schreiben und zeigen wollten: Ubi anguis latet in herba . Ist ein Mensch der Erde dazu vermögend, so sind es der Herr Senior. Ja, liebster Freund, erwiederte der Senior: das möchte ich recht gerne thun, und wäre auch wohl des Erfolges gewiß. Aber ein dergleichen Vornehmen hat seine besonderen Bedenklichkeiten und wird oftmals gar übel honorirt. Die Epheser lassen ihrer großen Diana nichts zu Leide thun. Es könnte mir leichtlich ergehen, wie damals dem Gajo und Aristarcho aus Macedonia, Pauli Gefährten! Ich verbürge mich für Ihre Anonymität, fiel Wespe ein. Schlimmsten Falles will ich den Aufsatz auf mich nehmen und mich, als eitle Krähe, mit Ihren herrlich glänzenden Federn schmücken. Mir liegt besonders daran, den Amtsrath zu bekehren. Diese Schwäche abgerechnet, ist er ein vortrefflicher Mann, 113 aber, wie alle Naturalisten in der Philosophie, nur a posteriori , nicht a priori zu gewinnen. Ihre tiefen Raisonnements in jenem Werkchen, Ihre wahrhaft einzige Dialectik, sind ihm zu trocken. Er kann nur gewonnen werden durch ein Argumentum ad hominem , und das wäre der Beweis, daß gerade der von ihm gepriesene Bayard ein höchst unsittliches Stück sey. Freilich ein Beweis, der sehr schwierig seyn wird, denn ich dächte beinahe, daß eine fast lästige Tugend-Ueberladung darin zu finden wäre. Das müßte nur Spaß seyn! rief mit Selbstgefühl der Senior. Wenn ich nur die Scharteke hätte, ich wollte es dem Amtsrath und der Welt beweisen, wie es damit beschaffen ist. Hier ist sie, erwiederte Wespe, ihm den Bayard überreichend. Ich hatte sie zu mir gesteckt, um sie bei den historischen Nachforschungen zu adhibiren. Utinam, bonis avibus! Es wäre mir eine große Freude, wenn ich dadurch mittelbar Veranlassung gäbe, daß der Dianen-Tempel auf dem Schlosse vernichtet 114 würde, dessen Dienst mir seit gestern eben so langweilig als lästig vorkommt, und dessen Herostrat ich gern werden möchte. Wir werden ja sehen, sprach, schon im Geiste triumphirend, der Senior, und fing an im Buche zu blättern. Freilich ist das noch im weiten Felde, fuhr Wespe unbefangen fort, und dießmal werde ich schon noch einmal mit um den Altar tanzen müssen. Der Amtsrath hat seinen Kopf darauf gesetzt, das Stück zu geben. Es ist sein Ehrenpunkt, und ich würde ihn zu meinem unversöhnlichen Feinde machen, wenn ich das Geringste dagegen einwenden wollte. Meinen Sie? fragte der Senior schon verlegen, weil er an seine Manövres gegen die Aufführung dachte. Deßhalb wollte ich auch noch eine Bitte an Ew. Hochwürden wagen, sprach Wespe. Der gute Conrector ist im Begriff, sich in recht große Verlegenheiten und Unannehmlichkeiten zu bringen, ja vielleicht ganz und gar unglücklich zu machen; und da ich weiß, wie 115 väterlich der Herr Senior gegen ihre Untergebenen gesinnet sind, so hoffe ich, daß Sie Ihren Einfluß auf den guten Mann, zu seinem wahren Heil, anwenden werden. Wie so? Wie meinen Sie das? fragte der Senior noch verlegner. Des Conrectors beide Töchter sollten im Bayard mitspielen, erzählte Wespe. Er aber hatte es gerade zu abgeschlagen, weil es sich für ihn, als einen Schulmann und Theologen, nicht gezieme, seinen Kindern dergleichen zu gestatten. Er hat Recht, vollkommen Recht, aber er hat wahrhaftig nicht weltklug gehandelt. Ungerechnet, daß er den reichen Amtsrath, der so viel Einfluß in der Residenz hat, quasi in das Gesicht schlägt, so beleidigt er auch noch den General Rheinstein, zu dessen Geburtfeier das Stück gegeben werden soll. Der General aber, wie ich aus sicherer Hand weiß, ist der Vetter des Consistorial-Präsidenten – Ach, Gott! das habe ich nicht gewußt! unterbrach ihn erschrocken der Senior. 116 Des Consistorial-Präsidenten, fuhr Wespe nachdrücklich fort: von dem das Schicksal des armen Schulmannes abhängt. So wie jedes Geistlichen! seufzte der Senior mit großer Betrübniß und wahrer Reue. Nun wissen Ew. Hochwürden wohl, fuhr Wespe altklug fort: man kann freilich den Conrector deßhalb nicht ab officio amoviren, weil er seine Töchter nicht Comödie spielen lassen will, aber was für Mittel hat nicht eine Oberbehörde in den Händen, wenn sie dem Untergebenen das Leben schwer machen will. Da kann er nichts recht machen, und die Nasen fallen, gerade, wo er es recht gut gemacht zu haben glaubt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf ihn herab. Nie fehlt es an Vorwänden, Verbesserung-Aussichten zu vernichten, die Arbeit wird gehäuft und belästigt – Die Emolumente werden beschnitten! fiel der Senior hitzig ein. O Gott! Wer kennt diesen verruchten modum nicht! Ich – der arme Conrector dauert mich schon im voraus! Das Schlimmste dabei ist, sprach Wespe: 117 daß das leidige Militair in der Sache melirt ist. Dem respectabeln Veteran zu Ehren hat sich dießmal eine Menge Officiere bei der Darstellung engagirt. Die Herren versprechen sich nebenbei viel Vergnügen davon, und werden Feuer und Flamme speien, wenn nichts daraus wird. Die Lieutenants von Falkenberg und Seethal sind besonders ganz tolle Christen. Wenn die erfahren, daß der Conrector daran Schuld ist, sie sind es im Stande und gehen ihm in seinem Quartier zu Leibe, und was dann geschehen kann, wenn er bei seiner Weigerung beharrt, das begehre ich nicht zu verantworten. Sie sind es capabel, sie greifen ihn thätlich an! jammerte der Senior und rang die Hände. Und wenn sie dem furchtsamen Manne stark zusetzen, so schiebt er am Ende, um sich zu retten, die Schuld auf unschuldige Leute, deren Reden er offenbar mißverstanden hat. Es kann viel Unheil daraus entstehen, meinte Wespe. Der Herr Senior müssen es freilich besser wissen, was hier zu thun ist, 118 als ein Laie; aber wenn ich meine unvorgreifliche Meinung sagen darf, so möchten Ew. Hochwürden als Vorgesetzter dem guten Conrector rathen, für dieses Mal zum bösen Spiel eine gute Miene zu machen und der großen Diana eine Kerze anzuzünden. Es ist doch immer besser, als wenn dergleichen traurige und ärgerliche Ereignisse eintreten sollten. Ja – ich – wenn nur – stammelte der Senior, der in seiner Herzensangst nicht wußte, wie das alte Mandat, das er an den Conrector erlassen, mit dem neuen Rathe anständig zu vereinigen sey. Ueberlegen der Herr Senior die Sache, schloß Wespe sehr ruhig. Ich habe jetzt nur noch einen nöthigen Besuch zu machen. Aber in zwei Stunden bin ich wieder hier, um die Bücher in Empfang zu nehmen, die Sie mir vielleicht unterdeß auszusuchen die Güte gehabt haben werden. Dann können wir ja mehr darüber sprechen. Ich würde mich überhaupt glücklich schätzen, wenn es mir erlaubt wäre, die noch kurze Zeit meines hiesigen 119 Aufenthaltes zu benutzen und mich durch den instructiven Umgang mit einem Manne auszubilden, den ich so über alle Beschreibung verehre. Er schied unter den Umarmungen des gerührten und geschmeichelten Seniors, stolperte mit triumphirendem Kopfnicken die steile Treppe hinab, und hinter ihm her rief schon die Stentorstimme des Beschwatzten: Liese, springe sogleich zu dem Herrn Conrector hinüber, und bitte ihn, sich auf einen Augenblick zu mir zu bemühen!   5. Die schöne Laura Willig saß in ihrem Sopha. In ihren weißen Armen ruhte die Guitarre, auf deren Saiten ihre Rosenfinger tändelten, der Kopf war auf die Schulter gesunken, seine schwarzen Locken wallten auf den blendenden, leichtumflorten Busen herab. Das Roth der Wangen, für das Taglicht mit weiser Mäßigung aufgetragen, erhöhete das Feuer der dunkeln Augen so herrlich, daß man 120 darüber die Schatten darunter leicht vergessen konnte; kurz das Mädchen saß da, als harre sie einer verheißenen Schäferstunde. Da klopfte es rasch und keck, und der Referendar Wespe, in seiner blitzenden Galla-Uniform, trat mit einer jovialen Dreistigkeit, die dem hübschen, jungen Manne sehr wohl ließ, in das Zimmer. Ich grüße Sie, schöne Laura, sprach er, die Hand der Feindin ergreifend, die er so warm küßte als wäre es Aphanasia's Hand gewesen. Der Herr Referendar haben sich ohne Zweifel in der großen Stadt verirrt, fragte Laura mit kaltem Spott: denn sonst könnte ich wirklich nicht begreifen, wie ich zu der Ehre Ihres Besuches komme. Der Weg, auf dem man die Grazie findet, kann nie ein Irrweg seyn, erwiderte Wespe, und setzte sich, ohne auf den Groll in Laura's Blicken zu achten, neben sie auf das Sopha: doch danke ich dieß Finden dießmal nicht dem Zufall. Ich erscheine als Gesandter des Herrn 121 Amtsrathes bei der Herzenskönigin Laura mit freundlichem Gruß und herzlicher Bitte. Der Herr Amtsrath ist ein Monarch, der seine Botschafter herrlich zu wählen versteht, versetzte Laura höhnisch. Und was steht eigentlich zu Befehl? Zu Befehl? – Wollte der Himmel! seufzte Wespe. Wir haben nur zu bitten. Und Lauren ihre Rolle auf den Schooß legend, flisterte er mit möglichster Lieblichkeit: Miranda! Die Republik will wenigstens ihre Selbständigkeit behaupten, und deprecirt! rief Laura, sich auf Wespe's Sottise am Stricknadel-Abend beziehend, und schnellte die arme Rolle vom Schooße, daß sie weit in das Zimmer hineinkollerte. Wespe sprang ihr nach, hob sie auf, ließ sich höchst graziös vor Laura auf seine Kniee nieder, hielt die Rolle hoch empor und flötete noch einmal: Miranda! Wohlgefällig hafteten Laura's Augen eine Secunde lang auf dem Knieenden, den ihr die Uniform noch einmal so interessant machte, und sie hätte beinahe ihren Groll so weit vergessen, 122 ihm ihre Hand zum Aufstehen zu reichen; aber schnell kam ihr mit der Erinnerung ihr Entschluß wieder, und sie sprang auf. Wir halten hier nicht Probe, rief sie bitter: und ich muß mir diese Stellung, auch im Scherz, verbitten! Nun dann, rief der unglückliche Gesandte: Turandot, Donna Diana, Kieselherz, Tigerseele, Marmorbusen! Nur ein deutliches und vernehmliches Ja oder Nein auf meinen ziemlichen Antrag! Nein, Nein, Nein! rief Laura und eilte zum Fenster. Tausend Gottes Lohn! rief freudig Wespe, ihr nachrennend, bemächtigte sich, trotz ihres Widerstrebens, ihrer Hand und bedeckte diese mit zahllosen glühenden Küssen. Sind Sie rasend! rief, mit ihm ringend, Laura. Rasend! schrie er: rasend, liebe, theuere, göttliche Laura, vor lauter Entzücken und Wonne, daß Ihr kurzes Nein mich so glücklich von langen Leiden befreiet! 123 Von Leiden? fragte Laura erstaunend. Wenn Sie nicht rasend sind, so müssen Sie wenigstens dem Weine auf dem Schlosse über die Gebühr zugesprochen haben, und das ist in der Regel kein Zustand, in dem ein gebildeter Mann anständige Damen besucht. Sie greifen mich auf dem empfindlichsten Flecke an, sprach Wespe, scheinbar beleidigt, in sehr ernstlichem Tone. – Sie haben es sich daher selbst zuzuschreiben, daß ich Sie mit einer breiten Erläuterung behellige, blos um Ihnen die Gesundheit und Vollständigkeit meiner Sinne zu beweisen. Er warf sich wieder in das Sopha. Laura blieb noch am Fenster stehen, als ob sie sich vor einem Exceß fürchte. Die nächste Folge Ihres Neins, begann er: wird die kluge Laura gewiß schon klar erkannt haben. Der Bayard kann nicht gegeben werden. Aber was Sie noch nicht wissen, ist, daß sich der Amtsrath dadurch unter den hier vorwaltenden Verhältnissen compromittirt glaubt, daß er sein Theater in diesem Falle für immer 124 niederreißen, Ihren schriftlichen Refüs, zur Entschuldigung für seine Gäste, an das Schloßthor nageln und in's Bad reisen will. Laura erschrak ein wenig über die unzarte Drohung. Doch faßte sie sich und sagte: Dann wird mein Brief wenigstens zwischen den Sendschreiben des Conrectors und der Horneck, also in guter Gesellschaft paradiren. Ich zweifle! warf Wespe hin. Mit denen ist der Amtsrath, wie ich glaube, in Ordnung. Wie?! fuhr Laura auf: auch mit der Horneck? Allerdings! antwortete Wespe. Sie hätte, wenn es noch zur Aufführung gekommen wäre, die Duenna, und später im Rehbock die Pächterin gespielt. Jetzt braucht sie sich mit keiner von beiden Rollen zu incommodiren. Das alberne Weib hat auch keinen rechten Willen! rief Laura, ärgerlich, daß ihre Bundgenossin von ihr abgefallen war. Hierdurch, liebste Freundin, fuhr Wespe zutraulich und vergnügt fort: ist also Thaliens Tempel auf dem Schlosse für immer zerstört! 125 Und das wäre Ihnen lieb? fragte Laura, ihn forschend ansehend. Allerdings! antwortete Wespe. Ich spiele wohl leidenschaftlich gern Comödie, aber daß der Herr Director, in Bezug auf Menschen-Darstellung, gar nichts von mir hält, das beweis't seine gräßliche Lobrede, als ich den Bedienten gespielt, das beweisen die Anmerkungen, mit denen er mir den erbärmlichen Volteggio, wie ein Almosen, zuwarf. Ich habe also auf seiner Bühne nichts als die Hefen des Personals, so was die Briefe und Botschaften bringt, die Stühle setzt und so weiter, zu erwarten. Nun frage ich Sie, ob mir das Spaß machen kann? Was thut das Ihnen? fragte Laura. Sie gehen nach der Residenz zurück und brauchen sich wenig darum zu bekümmern, was wir Kleinstädter hier treiben. Da liegt eben der Hase im Pfeffer! rief Wespe. Ich gehe nicht nach der Residenz zurück, ich bleibe hier für immer. Assessor Ehrmann wird pensionirt, ich rücke an seine 126 Stelle. Der Bericht deßhalb ist schon nach Hofe abgegangen, und ich erwarte posttäglich meine Bestallung. Ich gratulire! sprach Laura mit einiger Wärme und verneigte sich, wobei sie dem Sopha bedeutend näher kam. Sehr gütig! sprach Wespe, ergriff ihre Hand, führte sie zärtlich zum Munde und behielt sie dann in der seinen, ohne daß es Lauren einfiel, sie wegzuziehen. Ich sehe aber doch nicht ein, knüpfte sie das Gespräch von neuem wieder an: wer den Herrn Assessor zwingen könnte, auf dem Theater des Amtsrathes mitzuspielen, wenn er keine Lust dazu hätte. Rücksichten, meine Theure, rief Wespe: Rücksichten sind ein gewaltiger Zwang, meist der unwiderstehlichste! Mir ist alles daran gelegen, den Amtsrath für mich einzunehmen. O das weiß ich! rief Laura gereizt und zog ihre Hand weg. Diese Rücksicht ist mir vollkommen klar! – Vielleicht doch nicht so ganz, bemerkte 127 Wespe treuherzig. Mein wahres Motiv ist eigentlich eine Familienheimlichkeit, aber vor Ihnen kann ich nun einmal nichts auf dem Herzen behalten. Der Amtsrath hatte dreitausend Thaler Caution für den Ober-Rendanten in der Residenz gemacht. Der ist gestorben, meinem Vetter ist der Posten zugesagt, es würde ihn aber derangiren, die Caution augenblicklich zu bestellen, wie es nöthig ist. Da gilt es nun, den Amtsrath zu vermögen, sie stehen zu lassen, bis sie der Vetter selbst machen kann. Wohl vertheidigt! sprach Laura schalkhaft, ihre Hand auf Wespe's Schulter legend. Aber gestehen Sie es nur, daß auch die schöne Aphanasia viel zu Ihrer Gefälligkeit gegen den wunderlichen Vater beiträgt?! Beigetragen hat! antwortete Wespe sehr gleichgiltig, und streichelte sich im kindischen Spiele mit Laura's ergriffener Hand die Wangen. Das Mädchen ist gar nicht übel, und mit dem Gelde ihres Vaters könnte ich mich herrlich arrangiren. 128 So klingt die Weise?! rief Laura mit versteckter Freude. Arme Aphanasia! Aber ich müßte ja ein Thor seyn, fuhr Wespe fort: wenn ich noch mit einem Athemzuge an diese unglückliche Speculation dächte. Aphanasia ist dem reichen Brauß bestimmt. Das weiß ich wohl, wendete Laura ein: aber diese schnelle Verbindung ist doch noch nicht gewiß. Auch scheint sich Aphanasia nicht sonderlich für Brauß zu interessiren. Ich weiß nichts, antwortete Wespe: als daß der Amtsrath, um seine Tochter in ihrem ganzen Glanze als Liebhaberin zu zeigen, und dabei von jedem Zwange zu befreien, ihr dießmal ihren Bräutigam zum Amoroso gegeben hat. Bräutigam?! rief Laura hastig. So nannte er ihn? Nun, setzte sie nach einer Pause höchst verbindlich hinzu: ein Mann, wie Sie, könnte auch allenfalls eine liebende Braut zur Untreue verleiten. Ach, Laura, wenn das nicht Spott, sondern Ueberzeugung wäre, wie glücklich wäre ich! rief 129 Wespe entzückt und sah mit dürstenden Blicken zu ihr hinauf. Aber wie vereinige ich diese Sprache mit jener Deprecation? fragte Laura, sich sanft zurückbeugend. Also auch hierüber soll ich berichten?! rief Wespe. Nun dann! Meine thörige Offenheit hat ohnehin für Laura das Fenster in meiner Brust geöffnet, was Momus an den Menschen vermißte. Auf ein Bekenntniß mehr kommt es mir nicht an. Ich sah Sie an jenem Abend zum ersten Mal, schöne Laura. Welchen Eindruck Sie auf mich machten, sagt Ihnen täglich Ihr Spiegel und jeder junge Mann, dem das Glück Ihres Anblickes ward. Meine schüchternen Blicke fragten: darf ich mich Dir nähern? Ihre Blicke schienen zu antworten: Ja, Du darfst. Schon wollte ich von der herrlichen Erlaubniß Gebrauch machen, als ich einen ähnlichen, vertrauteren Blickwechsel zwischen Ihnen und Brauß und Walthern zu bemerken glaubte. Darüber wurde ich wüthend. Ihre freundliche Annäherung, ein Scherz des 130 Amtsrathes schlug den Funken, und die Pulvertonne flog in die Luft! Also nichts als Eifersucht? fragte Laura, Wespen traulich die Locken von der Stirne streichelnd. O, wie gern verzeihen wir Mädchen tausend Unarten, die dieser liebe Fehler auf die Welt bringt! Ich hatte Unrecht, nicht wahr?! fragte Wespe heftig, Lauren an sich drückend. Ja, flisterte sie mit niedergeschlagenen Augen: nur nicht, als Sie die Antwort auf Ihre Frage in meinen Augen lasen. Du hast mir also verziehen, göttliche Laura?! jauchzte Wespe mit dem vollen Pathos eines geübten Liebhabers, und drückte einen herzhaften Kuß auf ihre Purpurlippen. Dein auf ewig! lispelte Laura, wenigstens zum funfzigsten Male in ihrem Leben, und sank mit einer sehr gut studirten Attitüde in seine Arme. 131   9. Der Liebesrausch bei diesem Paare, dem gleich, den die zwei Trinker gegen einander heuchelten, welche gefärbtes Wasser als Wein zur Wette tranken, hatte so weit nachgelassen, daß sie wieder Augen für andere Gegenstände hatten. Da fiel Laura's Blick auf die arme Miranda-Rolle, die, verachtet und verschmäht, in einem Winkel des Sopha lag. Sie nahm sie und blätterte darin. Die Rolle ist wirklich belohnend, sprach sie nach einer Weile. Ich hätte beinahe Lust, mich in ihr zu versuchen. O Geist des Widerspruches, dein Name ist Weib! scherzte Wespe. Weil das böse Mädchen es weiß, daß mir mit der Zerstörung des Bayard ein Gefallen geschieht, so will sie ihn halten! Und es ist wirklich mein Ernst, sprach Laura, Wespe's Hand begütigend drückend, mit einem ihrer Liebesblicke, von denen sie immer einen guten Vorrath zum augenblicklichen Bedarf bei sich führte. Wäre es auch nur, 132 um diesen undankbaren Spötter öfter zu sehen. So ungestört wie heute werden wir hier vielleicht nie mehr seyn können. Mein Vater geht zwar seinen Geschäften nach, und überläßt mich mir selbst, aber noch heute Abend kommt meine Tante von einer Reise zurück, und dann fahre wohl, goldene Freiheit! Dagegen die angenehmen Proben im traulichen Dunkel der Coulissen, unsere gegenseitige Freude an unserem Spiel und Costüm; daß Volteggio nur wenig zu thun hat, ist nicht mit Golde zu bezahlen. Dadurch wird es mir möglich, ihn so oft zu finden, als ich frei bin, und der Fleck zwischen der Thürwand und dem Waldhintergrunde ist ein liebes, herrliches Plätzchen. O das Liebhaber-Theater ist wahrlich das picanteste Vergnügen unter dem Monde! Wenn einer Laura Kuß es würzt! sprach Wespe zärtlich, indem er zugleich heimlich die Uebereilung belachte, mit der die Dame ihre wohlerworbene Localkunde, durch diese Schilderung, wahrscheinlich sehr gegen ihre Absicht, an den Tag legte. 133 Ja, es bleibt dabei! sprach die Eitle, die Rolle durchsehend. Die Fräulein-Tracht im ersten Akte wird mir gut lassen. Mit der Guitarre läßt sich die Grazie in der Armhaltung zeigen. Singen mag die Birk in Gottes Namen. An der Romanze ist ohnehin nichts, und wenn man nicht vortrefflich singt, muß man es auf dem Theater gar nicht wagen. Nun, und wenn ich erst in meinem Pagenkleide erscheinen werde, dann mag sich jeder Schmetterling wohl in Acht nehmen, daß er sich nicht an meiner Flamme die Flügel versengt! Wespen langweilte das fade Selbstlob, und er hielt sich die Hand vor den Mund, weil ihn ein Gähnen anwandelte, das ihn, wenn es Laura wahrnahm, leicht um den ganzen Lohn seines sauern, aus Lug und Trug bestandenen Tagewerkes hätte bringen können. Da trat, Lauren eine verhaßte Störung, ihm eine willkommene Erlöserin, die Willig'sche Köchin in das Zimmer, ein gewaltiges Packet tragend. – Die Liese des Herrn Seniors, 134 sprach sie gleichsam entschuldigend: hat das gebracht, und expreß verlangt, daß es gleich an den Herrn Referendar abgegeben werden soll. Aha! sagte Wespe zu sich. Die Furcht ist doch ein allmächtiger Hebel! Er erbrach. Der Bayard lag auf zwei respectabeln Folianten, auf ihm ein Billet, und Wespe las: »Ewr. Wohlgeboren schicke ich den Bayard mit ergebenstem Danke zurück. Wie Pontius Pilatus ( Absit tamen comparatio ) muß ich bekennen und ausrufen: Ich finde keine Schuld an ihm! Das ist ein vortreffliches, wahrhaft christliches Stück, bei dessen Lesung mir die hellen Thränen über die Wangen gerollt sind. Ja, wenn vor zwanzig Jahren dergleichen Stücke unsere Bühne geschmückt hätten, wer weiß, ob die große Diana jemals geschrieben worden wäre! Durch die ausgezeichnete Moralität dieser Tragödie habe ich mich denn auch veranlaßt gefunden, die Begriffe des Herrn Conrectors, über die Schicklichkeit von dergleichen Darstellungen in vertrauten Familienkreisen, 135 zu berichtigen. Derselbe schätzt es sich zur Ehre, seine Töchter dabei zu produciren, und bittet nur, nebst mir, inständig: daß weder seiner anfänglichen Weigerung, noch ihrer näheren oder entfernteren Veranlassungen gegen irgend jemanden erwähnt werden möge. Beifolgen zwei Bücher, worin Ew. Wohlgeboren die gewünschten Notizen finden werden. Wären sie nicht hinreichend, so erweisen Sie mir die Ehre, Sich in meiner Bibliothek, die Ihnen ganz zu Befehl steht, das Fehlende selbst zu suchen. Es wird mich dieß um so glücklicher machen, als es mir Gelegenheit gibt, Ihnen persönlich von Grund meines Herzens die Versicherung zu wiederholen, daß ich mit wahrer Liebe und Hochachtung lebenslang seyn werde« u. s. w. Eine lange Epistel! sprach Laura, neugierig auf den Brief sehend. Was haben Sie denn mit dem pedantischen Senior so viel zu correspondiren? Verlegen schwieg Wespe, denn er hatte 136 keine Lust, den Brief zu manifestiren, weil sich Laura erst über seine Thätigkeit für den Bayard hätte wundern können, aus dem er sich angeblich nichts machte. Zugleich sehnte er sich, das, was er so glücklich ausgerichtet, seiner Aphanasia zu melden, und scheuete sich, die ganz frische Liebe für Laura durch einen schnellen, unvorbereiteten Abschied zu ersticken. Da saß er kläglich da, neugierig von Lauren und der Köchin betrachtet, und eben überlegte er, ob ihn erdichtetes Nasenbluten oder Zahnweh aus dieser peinlichen Lage befreien solle, als ein Wagen draußen vorbei rasselte und vor der Hausthüre stille hielt. Die Köchin sprang zum Fenster. Das Gott erbarme, die Mamsell Tante! schrie sie, und rannte fort. Himmel, die Tante! jammerte Laura. Ich rechnete noch auf ein Paar schöne Stunden. Auf Wiedersehen in der Leseprobe, leider nicht früher, doch um so herzlicher! und rasch drückte sie ihre Lippen auf die seinen und sprang der Köchin nach. 137 Der Sieg ist errungen, und nicht allzu theuer, flisterte Wespe mit einem Faungesichte, und schlich sich, einen gewaltigen Katzenbuckel machend, zur Thür hinaus.   10. Am andern Morgen saß der Amtsrath, wieder mit einem höchst verdrießlichen Gesichte, am Kaffee-Tische, blätterte in dem Bayard, der ihm so viel zu schaffen machte, und mit den Tabackwolken, die er ausblies, entquollen ihm einzelne Ausrufe des Unmuths. Es wird eine jammervolle Production! – Und auf mir liegt alles – alles! Ich werde Herkules-Arbeit haben, um mich recht vollständig zu blamiren. Der Brauß läßt sich mit keinem Blicke sehen! – Nun, es soll mir eine Warnung seyn. Ich bringe gute Nachrichten, lieber Vater! rief Aphanasia, in das Zimmer tanzend. So eben habe ich sie von Walthern erhalten. Er war zu beschäftigt gewesen, um unsere revoltirenden Schauspieler selbst zu bearbeiten, und hatte deßhalb Wespen herumgeschickt. 138 So? fragte der Amtsrath. Mir nicht lieb. Ich werde dem Menschen immer mehr verpflichtet, und das setzt mich in Verlegenheit. Nun, hoffentlich hat er wenig oder nichts ausgerichtet. Denn mit der Satyre gewinnt man in der Regel die Herzen am wenigsten. Ich sagte Dir ja, daß ich gute Nachrichten brächte, antwortete Aphanasia. Wespe hat Wunder gethan. Die Willig hat ihre Rolle bald da behalten. Nun ja, rief der Amtsrath halb lachend, halb ärgerlich: das will ich glauben, das ist eine rechte Kunst! Er hat schön mit ihr gethan. Damit konnte er sie zu allem möglichen bringen, und das wird ihm nicht sauer geworden seyn. Das Mädchen ist hübsch und verliebt, und er ist ein windiger Page. Das Horneck'sche Ehepaar hat seine Rollen wieder holen lassen, fuhr Aphanasia fort, mit einem Seufzer, der der fatalen Vermuthung des Vaters beipflichtete. Das will etwas mehr sagen, meinte der Amtsrath: denn die Horneck ist ein 139 determinirter Satan, und ich habe sie immer mit den Liebhaberinnen hingehalten. Nun, dafür soll sie auch im nächsten Stücke eine haben. Das ist ihre einzige Bedingung, sprach Aphanasia. Wespe hat ihr die Pächterin im Rehbock versprochen. Ein wenig keck von dem jungen Herrn, murrte der Amtsrath. So in meinem Namen in's Gelag hinein zu versprechen. Zwar keck ist er, das hat er mir bewiesen, schwarz auf weiß. Du hattest uns Charte blanche gegeben, erinnerte Aphanasia mit sanfter Mahnung. Ja doch, ja! rief der Amtsrath ungeduldig. Aber wir sind noch nicht fertig. Die Willig hat er mit Zärtlichkeit, die Horneck mit einer Rolle enrollirt. – Nun, der Postmeister hängt als Appendix an der Frau – Hat auch erst durch den Orden vom goldenen Sporn gewonnen werden müssen, fiel Aphanasia ein. Wahrhaftig! rief der Amtsrath lachend. Der Wespe ist ein feiner Jäger. Er sollte 140 Premier-Minister werden, denn er versteht sich darauf, die Menschen zu behandeln. Ich könnte ihm gut werden – wenn ich ihm nicht gram seyn müßte. Aber was hilft mir das alles, so lange er nicht den Conrector, oder vielmehr, denn das arme Schaf weiß nichts von Insurrection, den Senior bezwungen hat. Er hat ihn bezwungen! rief Aphanasia. Hier ein Billet des Seniors an ihn, was wir uns nicht besser wünschen können. Auch hat Albertine schon mit großem Jubel die Rollen für sich und ihre Schwester abgeholt. Der Amtsrath las das Billet und lachte noch einmal recht herzlich. O du Spitzbube! rief er endlich. Da hat er den eiteln, furchtsamen Senior gekitzelt und geschreckt. Gerade wie Champfort sagt. Zuckerbrot und Peitsche, und der arme, alte Affe springt à merveille! Was er für Lockungen und Territionen gebraucht hat, mag der Himmel wissen, aber so viel hat seine Richtigkeit, daß ich nicht in der Nähe des Pfifficus leben möchte. Ich würde jeden Augenblick befürchten, daß er auch mir 141 das Seil über die Hörner würfe und mich führte, wohin es ihm beliebte. Das fürchte ich nicht, sagte unbefangen Aphanasia. Wespe hat immer mit ungeheuchelter Achtung von Dir gesprochen. Nachdem er seine Galle gegen mich auf das Papier gegossen, ist ihm der Fond ausgegangen, erwiederte der Amtsrath hitzig. Ich habe den Teufel von seiner Achtung! Sonst könnte Deine Besorgniß wahr werden, fuhr Aphanasia fort. Wie mir Walther erzählt, wird Wespe in Ehrmanns Stelle einrücken. Millionen Tausend! schrie der Amtsrath: das ist mir fatal! Da stehe ich fortan ewig zwischen Thür und Angel. Allen Umgang mit ihm abschneiden darf ich nicht, weil ich mir den Beelzebub nicht zum Feinde machen mag. Freunde können wir nicht werden, so lange mir die Deduction am Herzen nagt. Das wird eine jämmerliche Halbheit werden, und dabei ist das Menschenkind so angenehm zudringlich, daß man sich seiner bei dem beßten Willen nicht erwehren kann. 142 Noch ist es ja nicht gewiß, tröstete Aphanasia: und wenn es wäre, so gönne doch dem armen Menschen das Ruheplätzchen hier. Du bist ja sonst so gut, und wirst doch nicht gerade gegen ihn unversöhnlich seyn. Er wird Dich gewiß in keiner Beziehung belästigen. Thut es ihm doch schon sehr leid, daß er Dich früher gekränkt hat, ohne Dich zu kennen. Der Amtsrath war während dieser Schutzrede wieder in den Bayard versunken. Dann sah er in den Prolog der Geburtfeier und schnitt dazu ein Gesicht, als ob ihn die Kolik peinige. Fehlt Dir etwas, Väterchen? fragte Aphanasia besorgt. Ja wohl, ja wohl! stöhnte das Väterchen. Nun wir nach langer Qual mit dem Personale im Reinen sind, machen mir die Decorationen und Requisiten Drangsal. Wir brauchen ja nur drei Zimmer, eine Wirthstube und zwei Waldgegenden, erwiederte Aphanasia. Die haben wir, gut gemalt und fast ganz neu. 143 So?! fragte der Amtsrath ärgerlich. Weiter brauchen wir nichts? Aber so seyd Ihr Weiber! Immer auf der Oberfläche schwimmend, niemals der Sache auf den Grund kommend! Brauchen wir keine Höhle, kein Zelt? Brauchen wir zum Prologe keinen Tempel des Ruhmes? Nun, das hast Du ja alles bei Krautbergs einzigem, also beßtem Stubenmaler bestellt, sagte Aphanasia schalkhaft: und ich dächte, schon gestern Abend wäre der Tempel des Ruhmes auf das Theater gekommen. Jawohl! schrie der Amtsrath: und ich habe die Unform gleich in Stücke zerrissen und zertreten. Das wäre mir ein Tempel des Ruhmes! Wenn das Ding nicht weiß angestrichen war, so mußte man es für den Tempel halten, den die beiden ersten Sylben in der schönen Charade: Galgenstrick, bezeichnen. Und die Höhle? Und das Zelt? fragte Aphanasia, sich im Stillen an der Verlegenheit des Vaters ergötzend. Bei denen hat mir der Künstler 144 geradezu seine Dienste aufgekündigt, antwortete der Amtsrath: als er sah, wie es seinem herrlichen Tempel erging. Und wollte ich ihn auch zwingen, er würde mir doch nur Mißgeburten zur Welt bringen, die ich wieder zertreten müßte. Bei dem Tempel bist Du doch vielleicht zu eilig gewesen, wendete Aphanasia ein. Wer weiß, ob er nicht blos ein wenig abgeändert werden durfte, um sich dann erträglich auszunehmen. Komm' mit auf das Theater. Wir wollen uns die Trümmer betrachten und sehen, was sich daraus machen läßt. Um Dir zu beweisen, daß das leeres Stroh gedroschen wäre, will ich Dich begleiten, sagte der Amtsrath. Ginge es aber auch, so haben wir noch keine Höhle und kein Zelt, und mein ärgstes Unglück kennst Du noch gar nicht. Das wäre? fragte Aphanasia mit erkünstelter Neugier, denn sie wußte schon seit gestern, wovon die Rede war. Das unglückselige Costüm! klagte der Amtsrath. Die Ritterrüstungen und Fahnen sind bei dem Klempner und Maler bestellt und werden 145 bis zur Darstellung fertig. Schwerter und Hellebarden liefert mir Graf Erbach aus seiner Rüstkammer; aber die Rüstungen für das französische und für das feindliche Heer fehlen. Aus einfältiger Sparsamkeit wollte ich sie mir von dem Theater in der Residenz für Geld und gute Worte leihen, weil ich doch in diesem Leben kein Spectakelstück mehr geben werde. Nach langem Warten meldet mir gestern mein Agent, daß gerade am Geburttage des Generals dort Kaspar der Thorringer gegeben wird, und der Klempner erklärt geradezu, daß er in der kurzen Zeit ein halbes Schock Rüstungen nicht fertig machen kann. Das ist freilich schlimm, sagte Aphanasia. Aber gräme Dich nicht unnöthig vor der Zeit, Väterchen. Es wird sich Alles finden. Vielleicht weiß Walther Rath, oder Wespe, oder auch Brauß, der sich doch glücklich schätzen sollte, ein Stück zu befördern, in dem ich ihm so zärtliche und schmeichelhafte Sachen zu sagen habe. Ja, der! brummte der Amtsrath. Wenn 146 es die kalte Iphigenia wäre, oder der langweilige Tasso. Aber ein Drama von Kotzebue, in dem er gleichsam nur aus Gnade mitspielt. Ich möchte keinen Liebhaber, rief Aphanasia schnippisch: der für mich etwas aus Gnade thäte, und mir das zu verstehen gäbe! So? fragte der Amtsrath mit langem Gesichte. Ich gebe Dir Deinen vorigen Trost zurück: das wird sich Alles finden. Komm' nur jetzt mit auf das Theater, um Dich zu überzeugen, daß Du wieder einmal Unrecht gehabt hast. Sie gingen. Aus den Garderoben scholl ihnen lautes Getümmel entgegen. Dort arbeiteten unter der Direction des Krautberger Buchbinders und seines Gesellen die ältesten Schulknaben, halb vergraben unter Pappebogen, Papierscheeren, Linealen und Kleisterriegeln, an den Rüstungen der Armeen, die Welschland erobern und vertheidigen sollten. Ein Helm, ein Panzer aus Pappendeckeln, gehörig ausgeschmückt, waren als Normale aufgestellt, und da die Sache fabrikmäßig 147 betrieben wurde, so hatte man schon viel gefördert. Ein Dutzend Copieen war schon fertig und beklebt. In Silberpapier glänzten die Franzosen, schwarzes Glanzpapier mit goldenen Zierrathen schmückte die Spanier und Venezianer, und rüstig rührte sich Alles und schnitt und nähte, und klopfte und kleisterte, um eine respectable Armee auf die Beine zu bringen. Sieh' doch! rief der Amtsrath sehr heiter. Comödiantenstaat! Doch Abends bei Lampenlicht wird sich alles recht gut ausnehmen. Ein guter Einfall! Wer hat das angegeben? Gewiß der Herr Assessor Walther? Nein, der Herr Referendar Wespe, antwortete der Buchbindermeister, der eben einen noch nassen Spanierhelm zu den andern trug. Der Amtsrath zuckte, als ob er plötzlich einen Nadelstich bekäme, und stieg still auf das Theater hinauf. Kaum traute er seinen Augen. Ein großes Feldherrnzelt, prächtig decorirt, mit herrlichem Faltenwurfe, glänzte ihm entgegen. Nicht zu nahe! Die Farben sind noch naß! 148 warnte ihn eine Stimme dahinter. – Behutsam schmiegte er sich daneben vorbei und staunte von neuem. Ein großer Tempel, in den edelsten griechischen Verhältnissen, lehnte grundirt im Hintergrunde, und in einem alten Ueberrocke stand der verhaßte Wespe, unter einer Menge Farbentöpfen, vor einem Gesperre mit Leinwand überspannt, und kleckte mit kühnem, gedankenschnellem Pinsel darauf herum. Das wird die Höhle bei Longora! jubelte der Amtsrath, als ihm die kräftigen Felsenmassen, fast unter seinen Augen geboren, entgegensprangen. Sehr brav, auf Ehre, alles sehr brav! Herr, Sie sind ein Tausendkünstler! Es freut mich, wenn meine Versuche Ihren Beifall haben, sprach der Referendar, sich verbindlich zu ihm umdrehend. Ich habe wenigstens den guten Willen, mich Ihnen nützlich zu machen. Respect auch vor dem Vollbringen! rief der Amtsrath. Herr, Sie sind ja in alle Sättel gerecht! Lakay, Notar, Prologdichter, Geschäftträger, Requisitenmeister, Theatermaler, 149 und alles musterhaft. Wenn Sie ein so guter dramatischer Künstler werden, so reichen Iffland und Fleck Ihnen kaum das Wasser! Hast Du schon den Tempel gesehen, Väterchen?! rief Aphanasia. Den wirst Du gewiß nicht zertreten. Ich möchte, Aphanasia, ich möchte, flisterte er ihr zu. Meine Passion reißt mich hin. Habe ich nicht jetzt mit dem Bösewicht so freundlich gesprochen, als wären wir die beßten Freunde. Das kann so nicht bleiben! Mit Donnergepolter fiel jetzt Bayards Zelt um, und darauf hin stürzte in seiner ganzen Länge der Herr von Brauß. Erschrocken sprangen Alle zu. O weh, mein Faltenwurf! rief Wespe. Aber sagen Sie mir, was machen Sie für einen Spectakel, und verderben die schöne, mühsame Arbeit?! zankte der Amtsrath. Ich suchte Sie in Ihrem Zimmer und wurde hierher gewiesen, antwortete Brauß, indem er sich gleich einer wunderlichen Maske aufrichtete. Das Weiß, Grau und Schwarz 150 der Zeltleinwand hatte sich auf Weste und Hosen abgedrückt, das Scharlachroth der Kuppel sein Gesicht mit einer wunderlichen Aurora bestrahlt. Deßhalb brauchten Sie immer noch nicht das Zelt umzuwerfen, sprach der Amtsrath, während Wespe sein Machwerk wieder aufrichtete und mit rührender Geduld den Schaden ausbesserte. Und wie Sie aussehen! schalt der Amtsrath unter Aphanasia's leisem Kickern fort. Was hatten Sie mir denn so eilig zu sagen? Daß ich weder zur Leseprobe, noch zur ersten Spielprobe kommen kann, antwortete Brauß. In der Residenz wird die natürliche Tochter von Göthe gegeben. Die fremde Schauspielerin macht die Eugenie. Das kann ich nicht auslassen. Sie müssen also andere Arrangements treffen. Herr Gott! jammerte der Amtsrath. Was für Arrangements? Walther hat sich gerade die beiden Tage frei gemacht. Die fremden Officiere sind auch schon beschieden, und kommen 151 mir am Ende gar nicht mehr, wenn ich es ihnen dießmal sans rime et sans raison absagen lasse. Auf der andern Seite ist Bayard die Hauptrolle, und kommt fast gar nicht vom Platze. Leider! erwiederte Brauß verächtlich. Aber dem schlechten Stück zu Ehren werde ich wahrhaftig kein Göthe'sches Meisterwerk versäumen. Wissen Sie was, lieber Amtsrath, ich will Ihnen meine Rolle hier lassen. Sie kann ja von jemandem gelesen werden. Dem übrigen Personale kann das einerlei seyn, und ich mache mir aus solchen Uebe-Manövres vor der Schlacht nicht viel, da ich ziemliche Bretersicherheit habe. Und wen soll ich wieder zum Lesen der Rolle aufsingen? fragte kläglich der Amtsrath. Unser ganzes bühnenrüstiges Personal ist ja schon durch die Besetzung erschöpft. Nehmen Sie den Souffleur, schlug Brauß vor, der jetzt erst seine Färbung wahrnahm, und die Schattirungen, die er vertilgen wollte, mit dem Schnupftuche immer tiefer in die erbsfarbenen Beinkleider einrieb. 152 Das ist wieder ein toller Vorschlag! schalt der Amtsrath. Wollte ich mir es auch in der Leseprobe gefallen lassen, aber in der Spielprobe? Sollen die andern Schauspieler sich daran gewöhnen, den Bayard im Souffleurloche zu haranguiren? Oder soll der Souffleur mit Buch und Klingel herauf steigen aus seiner Höhle und als Person unter uns herum wandeln? Nein, Freund, ich ästimire Sie sehr, aber so müssen Sie mir nicht kommen, und wenn Sie mir keinen ordentlichen Substituten stellen können, so lasse ich Sie wahrhaftig nicht nach der Residenz. Wenn Sie erlauben, Herr Amtsrath, sprach bescheidentlich Wespe: so will ich den Bayard in den Proben lesen. Mein Volteggio kommt ja nur in der letzten Scene des zweiten Aktes vor. Sie dagegen erst im vierten, und können mich für die kurze Zeit ablösen. Wenn es denn nicht anders seyn kann, so nehme ich Ihr Erbieten mit Dank an, lieber Wespe, sagte der Amtsrath, und erschrak 153 zugleich über den » lieben Wespe «, der ihm bei der Gelegenheit entwischt war. Im Aerger darüber grollte er gegen Brauß, daß es doch sehr Unrecht sey, die Hauptrolle zu übernehmen, und ihn dann auf solche Weise, und aus einer ganz nichtigen Ursache in Verlegenheit zu setzen. Brauß hörte nicht auf den Verweis, weil er sich noch immer eifrig beschäftigte, die Zeltfarben in seine Kleider zu reiben. Der verwünschte Unrath! rief er endlich. Und obendrein stinkt er wie die Pest. Ich muß, bei Gott! im Galopp nach Hause, meine Kleider zu wechseln. Und ohne Abschied rannte er fort. Freudig sahen ihm Wespe und Aphanasia nach, und dann einander lächelnd an, und während dem trabte der Amtsrath vorn am Proscenium auf und nieder, und brummte: Heute wollte mir mein Herr Schwiegersohn in spe ein wenig zuwider werden! 154   11. Der Tag der ersten Spielprobe war erschienen. Das zahlreiche Personal hatte sich auf der Bühne versammelt und wogte bunt durch einander. Das Orakel hatte Platz genommen auf dem unterirdischen Dreifuße, die Bedienten reichten Theepunsch und Glühwein. Der Amtsrath hatte so eben der Postmeisterin, wegen der Rolle der Pächterin Grauschimmel, mittelst Handschlages, Gewähr leisten müssen, und sah sich jetzt ungeduldig nach Aphanasia um, die allein noch fehlte. Ich will es Aphanasia sagen, daß alles beisammen ist, sprach der allezeit höchst dienstbereitwillige Wespe zu ihm, und sprang fort, ohne die Genehmigung abzuwarten. So? Ei? sagte der Amtsrath, ihm nachsehend. Fast kommt es mir vor, als wenn sich der Referendar dem Brauß in jeder Beziehung substituiren wollte! Da hat er denn freilich die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Während so über die schönste Hoffnung des 155 armen Wespe der Stab gebrochen wurde, hatte dieser schon die Wirklichkeit umarmt, und Aphanasien auf dem Wege zum Theater gefunden. Noch ein Wort vor der Probe, Aphanasia, sprach er rasch und eifrig: um Ihnen einige, wie ich mir schmeichle, unangenehme Minuten zu ersparen. Ich habe Ihnen ehrlich gebeichtet, wodurch ich die Willig geworben. Leider, erwiederte Aphanasia: und der Himmel weiß, ob Sie die Absolution verdienen, die meine gutmüthige Leichtgläubigkeit Ihnen ertheilt hat! Aus diesem Verhältniß folgt aber, fuhr Wespe fort: daß Laura mich nicht nur bisweilen aufsuchen, sondern auch erwarten wird, von mir aufgesucht zu werden. Das mußte ich Ihnen vorher sagen, damit es Sie nicht frappirt. Zwar habe ich mir durch Uebernahme des Bayard ziemlich Ruhe geschafft, aber ganz werde ich mich der Zärtlichkeit doch nicht entschlagen können, und will deßhalb meine Rechtlichkeit und meinen Charakter gegen Sie in voraus verwahrt haben. 156 O Chamäleon! rief Aphanasia mit aufgehobenem Finger. Welches ist denn eigentlich Deine rechte Farbe? Die Farbe treuer Liebe für meine Aphanasia! antwortete Wespe, das Mädchen sanft umschlingend und ihr mit einem Blicke voll Glut in's Auge sehend: und nimmer, nimmer wird diese Farbe erblassen! Ach, Eduard! hauchte Aphanasia, und lehnte ihren schönen Kopf an seine Schulter, und so gingen sie mit einander nach dem Theater, an dessen Thür sie sich losließen und kalt und ehrbar hinter einander eintraten. Die Probe begann. Die zu ihrer Pflicht zurückgeführten Insurgenten leisteten das Mögliche. Madam Horneck bewies durch ihr Spiel, daß sie zu den Duennen geboren sey; ihr Gatte, der sich den päpstlichen Spornorden schon provisorisch auf den Ueberrock geheftet hatte, machte Manfrone zu einem recht interessanten Teufel; Laura gab die schlecht bekämpfte Zärtlichkeit gegen den substituirten Bayard vortrefflich, gewann aber doch auch nebenbei die nöthige 157 Muße, auf das Officier-Corps, das durch Jugend und Wohlgestalt keine schlechte Eroberung war, einige Brandblicke abzuschießen, und so ging der erste Akt ohne ein besonderes Ereigniß vorüber. Den zweiten begann Aphanasia-Blanca mit dem vollen Feuer unglücklicher Leidenschaft, und es stach wunderlich ab, als der listige Wespe seinen Bayard dagegen mit kalter Ruhe von der Rolle ablas. Triumphirend lächelte Laura, und Aphanasia wurde wieder darüber so ärgerlich, daß sie alles aufbot, diese wohlberechnete Kälte aufzuthauen. Fast wäre es ihr gelungen, und als Bayard sie am Schluß der Scene »nur einmal noch an sein verblutend Herz« rief, wäre das verblutende Herz beinahe mit ihm durchgegangen. Der Ton seiner Stimme wurde schmelzend, und es fehlte nicht viel, daß er sie wirklich in seine Umarmung riß. Aber Aphanasia entzog sich ihm vorgeschriebenermaßen, und er stürzte mit seinem Lebewohl gebührend ab. Doch kein rechtes Feuer! raunte der 158 Amtsrath Tardieu-Walthern zu. Tausend! wie der Liebhaber abstach von der Geliebten! Ein recht braver Lückenbüßer kann der Wespe mit der Zeit werden, aber auf die Sonnenhöhe der wahren Kunst wird er sich nie emporschwingen! Der rechte Schauspieler wird geboren , nicht gebildet! antwortete Walther mit einem verstohlenen Lächeln über die irrende Kritik. Der zweite Akt neigte sich zum Ende. Wespe gab dem Amtsrath die Bayard-Rolle, und trat nun als Volteggio auf. Wohl erkennend, daß auch bei der Comödie in der Comödie, die hier gespielt wurde, das Zuviel und das Zuwenig nichts tauge, sprach er seine Rolle mit Anstand, Verstand und Feuer, gab aber, um es nicht gar zu gut zu machen, absichtlich einige Blößen, und machte auch ein Paar Rede-Fehler, um dem Amtsrath das Vergnügen der Zurechtweisung zu verschaffen, das sich dieser, trotz seines festen Entschlusses, nicht versagen konnte. Für den Anfang des dritten Aktes hatte Wespe sich schon auf einen verliebten Sturm 159 Laura's gefaßt gemacht, weil Beide in den ersten Scenen nicht vorkommen, und, bänglich auf Blanca schauend, die sich schon draußen in der Dorfschenkstube vor seiner Erscheinung ängstete, stand er auf dem belobten Plätzchen zwischen der Thürwand und dem Waldhintergrunde. Aber nicht vergebens hatten Laura's Feuerblicke die jungen Kriegsmänner zum Kampfe aufgefordert. Diese umschwärmten sie jetzt, wie Hornissen einen Bienenkorb. Die Stürmer hielten ihre Hände fest, und versicherten sie auf Ehre, daß sie ein ganz süperbes Mädchen sey. Die Gemüthlichen und Belesenen würzten ihre höher stylisirten Schmeicheleien mit Sentenzen aus Deutschlands beßten Dichtern, und sie hatte vollauf zu thun, nach allen Seiten hin die erforderliche Schalkhaftigkeit, Empfindsamkeit und die passendsten Kraftsprüche zu vertheilen, und doch noch während dessen dem harrenden Wespe ihre Treue, bei so großer Versuchung, und ihre Sehnsucht nach ihm in der stummen, vielsagenden Augensprache zuzusichern. Endlich mochte ihr doch die Idee 160 klar werden: Ein bürgerlicher Assessor sey vielleicht kein so angenehmer Freier , aber auf jeden Fall ein gewisserer Nehmer , als ein adeliger Lieutenant. Sie machte sich daher von ihrer Umgebung los und schwebte durch die dunkelnden Coulissengänge auf das liebe, stille Waldplätzchen zu. O weh! seufzte Wespe. Hier wird es ohne einige Umarmungen nicht abgehen, und wenn Aphanasia nur eine davon zu sehen bekommt, so ist es aus mit ihrer gelobten Toleranz, und ich brauche wenigstens ein Paar Tage, sie wieder zu versöhnen! Aber der Schutzgeist seiner Treue wachte. In dem Augenblicke, als Laura seine Hand ergriff, eilte Blanca mit ihrer Duenna und dem Stichwort: »Fort!« nach der Thür. Wespe mußte hinaus, und von der bald darauf fortstürzenden Blanca verjagt, floh Laura aus ihrem Versteck gerade in die Arme des Lieutenants von Falkenberg, der, gutes Glück suchend, unter den leinenen Wänden, Gerüsten und Stricken herumstolperte. Es gelang dem 161 wohlgeübten Courmacher schnell, sie über den kleinen Schreck zu beruhigen, und als Basco Miranden sein: »Junker nur herein!« zurief, da mußte sie sich schon aus einer zärtlichen Gruppirung mit dem jungen Helden reißen, um dem unwillkommenen Rufe zu folgen. Die Scene war zu Ende. Miranda hatte, sehr im Widerspruche mit ihren Wünschen, am Schluß, der Liebe, dem Glück und dem Ruhme entsagt, und ein klösterliches Heiligthum gewählt, und die französische Armee trat nunmehr unter die Waffen. Aber sowohl Franz der Erste, als »die wackern Männer, die seine Lilien mit ihren Lorbeern schmückten,« hatten gelernt, daß es zum Erbarmen war, und Amtsrath Ligny im Stillen verzweifelte. Als endlich Bayard in die Versammlung trat, hatte er, da im Könige auch der letzte Gedächtnißfunke erloschen war, eigentlich nur einen Dialog mit dem Souffleur. Auf die Frage: »Herr König, ist das Euer ernster Wille?« antwortete der knieende Fürst, vergebens vom Souffleur beschworen, 162 lachend: »Auf Ehre, das weiß ich nicht!« Lachend gab ihm Bayard den Ritterschlag, lachend umarmten sich der schlagende und der geschlagene Ritter, und in den Tusch von Trompeten und Pauken, der aus der Garderobe losbrach, fiel chorartig das Gelächter des ganzen Personals ein. Die Schwermuth des Amtsrathes über das schlechte Gedächtniß Seiner allerchristlichsten Majestät und ihrer Generalität und über das allgemeine, tolle, unbezwingliche Gelächter am Schlusse einer so ernsten Feierlichkeit wich nicht eher als bis zu seiner Scene im vierten Akte, die er exemplarisch gut gelernt hatte und sehr gut sprach. Bayards und seiner Kriegskameraden Bravo und Geklatsch empfing ihn beim Abgange. Die anderen Schauspieler stimmten ein. Im Freudenrausche über diese ehrlich verdiente Auszeichnung ergriff er zärtlich Wespe's Hand. Sie sind zu gütig, mein liebster Freund! sprach er, den alten Groll über dem neuen Entzücken vergessend. In dem Augenblick darauf aber fiel ihm wieder alles ein. 163 Im Grimm, daß er seine Zärtlichkeit abermals unrichtig addressirt, schleuderte er die ergriffene Hand von sich, murmelte etwas von Nairen und Paria's und polterte die Treppe zur Garderobe hinab, um sich für die verschiedenen Gemüthbewegungen, die ihn kurz nach einander ergriffen, durch ein Glas warmen Punsch zu stärken. Das war ein großes Glück für den edeln Bayard, der jetzt seine Blanca aus der Höhle rettete, in der Freude darüber in seine Rolle zu sehen vergaß, die affectvolle Scene so geläufig, als habe er sie wirklich memorirt, und mit einem Feuer spielte, an dem der Amtsrath als Kritiker nichts, vielleicht aber destomehr der Vater der Geretteten auszusetzen gehabt haben würde. Laura-Miranda war zu sehr mit ihrer Rolle beschäftigt, in der sie sich gerade auch besonders zu zeigen hatte, die unbeschäftigten Augenblicke füllten die Zuflisterungen Falkenbergs, der sich hinter die Coulisse in ihre Nähe geschlichen hatte, und so entging der arme Wespe diesen scharfen Augen, und der Akt endete ohne Unfälle. Eben begann sich im letzten der treue Waffenträger Basco über die grauliche Einsamkeit des Rattennestes Santa Croce zu beklagen, als sich ein großes Getümmel in der Garderobe erhob, und bald darauf der Herr von Brauß sehr finster auf das Theater gelärmt kam. Nun, wo kommen Sie denn jetzt auf einmal her post festum ? fragte ihn verdrießlich der nachkommende Amtsrath. Da Sie die tolle Reise nach der Residenz einmal aufgegeben, so hätten Sie sich auch früher von Braußendorf aufmachen können. Wir sind schon im fünften Akte. Aber es ist bei Ihnen kein Trieb, keine Lust und Liebe für die Sache. Meine Reise aufgegeben?! fragte Brauß auffahrend. Ich komme eben aus der Residenz, in die man mich dießmal in den April geschickt hatte. Ich habe es nicht ergründen können, welcher Narr es meinem dortigen Commissionair weiß gemacht hatte, daß die natürliche Tochter gegeben werde. Der war einfältig genug gewesen, es mir zu melden, ohne sich näher zu erkundigen, und als ich Nachfrage hielt, 165 mußte ich mich noch obendrein auslachen lassen, weil die natürliche Tochter, als unvollendet, noch nirgend gegeben wurde. Im Theater war Bayard, und da ich dem unglücklichen Stücke auf keine Weise entgehen konnte, so beschloß ich, mich ihm doch lieber hier in ausgesuchter Gesellschaft zu exponiren. Stille, stille! rief der Amtsrath: Sie sprechen viel, aber nicht gut. Basco hat eben seinen Monolog absolvirt. Jetzt kommen Sie mit Ihrer Soldatesca heraus. Machen Sie, daß Sie fortkommen! Wenn es denn nicht anders seyn kann, seufzte Brauß. Er sah sich um und rief: Herr Referendar, ich bitte um meine Rolle und danke für bisherige Vertretung! Ihre Rolle? fragte der Amtsrath erschrocken, während Brauß das dicke Heft von Wespen empfing. Was wollen Sie mit Ihrer Rolle sagen? Ich will doch nicht hoffen, daß Sie in der Spielprobe die Rolle brauchen werden?! Allerdings, mein alter Freund! erwiederte Brauß ruhig, den fünften Akt suchend: und 166 aus dem sehr erheblichen Grunde, weil ich noch kein Wort gelernt habe. Na, da haben wir's! rief der Amtsrath, die Hände über dem Kopf zusammenschlagend. Noch kein Wort gelernt von der unermeßlichen Rolle. Die heutige Probe so gut als umsonst. Wie soll das werden über acht Tage. Gott, wie soll das werden! Während der Amtsrath so jammerte, stand Brauß schon auf der Bühne und las seinen Part mit adeligem Anstande und vielem Feuer, nur mit allzu großer Selbstgefälligkeit. Wespe stand unterdeß wieder im Walddunkel. Miranda's Leichnam wurde zu ihm heraus getragen. Dieser bekam, sobald der Thürvorhang hinter ihm zugefallen war, neues Leben, sprang vom Ruhebette und fiel, ohne sich vor den reisigen Leichenträgern zu geniren, dem einmal als Liebhaber angeworbenen Referendar zärtlich um den Hals. Jetzt sind wir Beide todt für die heutige Bühnenexistenz, sprach sie zu ihm: und können ausschließlich für uns leben und für unsere Liebe! 167 Wespe wollte eben auf diese Artigkeit in wohlgesetzten Ausdrücken eine erwiedern, aber das Wort erstarb ihm auf der gelenken Zunge. Denn eben kreischte Blanca hinter ihm den Namen Bayard. Da zuckte in dem guten Wespe die Angst, sich aus Laura's umrankenden Armen loszuwinden, aber diese hielten fest, und in dem Augenblick rauschte Blanca vorüber, mit einer Heftigkeit, die nicht allein der Rettung ihres nichtswürdigen Gemahls zu gelten schien. Sie hat mich gesehen! Das wird gut gehen, dachte Wespe und nahm zugleich wahr, daß Laura, der sein Zucken bei Blanca's Ruf nicht entgangen war, ihn forschend anblickte. Und Laura merkt Unrath, dachte er weiter. Da könnte der letzte Betrug ärger werden als der erste, wenn sie jetzt noch abspränge. Hier muß man vorbauen! Und noch einmal zuckte er, sich von ihr loszuwinden, sah sie dazu mit einem Blicke tiefer Kränkung und scharfen Vorwurfs an, und flisterte: Treulose! 168 Jetzt glaubte die gute Laura über sein Zucken im Klaren zu seyn, und an die Vorwürfe eifersüchtiger Liebhaber gewöhnt, und wohl dressirt, sie zu bekämpfen, lispelte sie, sich an ihn schmiegend: Du thust mir sehr Unrecht, Eduard! Bei unserer Liebe, ich bin unschuldig! Unschuldig?! knirschte Wespe mit falschem Grimme. Sah ich nicht den langen, glühenden Armkuß des Grafen Erbach, sah ich es nicht, wie Dich Falkenberg in seine Arme riß?! Er wird es nicht wieder wagen! rief Laura, den Kopf triumphirend zurückwerfend. Ich habe ihn belehrt, wie man sich gegen unbescholtene Jungfrauen zu benehmen hat. Stille dahinten! rief der Amtsrath den Streitenden zu, die im Feuer des Coulissenspiels zu laut geworden waren. Stille! sonst kann man nicht einmal von der interessanten Vorlesung des Herrn von Brauß etwas profitiren! Jetzt wendete sich das halbe Personal neugierig von beiden Seiten hinter die Thürwand, 169 um zu sehen, wem denn eigentlich das Verbot des Amtsrathes gegolten. Da riß sich Laura schnell von Wespen los, und wie zwei Marder vom Taubenschlage, schlichen sie in entgegengesetzten Richtungen fort. Verwandlung! rief klingelnd der Souffleur, und Falkenberg trat als Prinz von Bourbon auf, sich auf sein Heldenschwert stützend, und nach der Garderobe blickend, in der sich jetzt ein Höllenspectakel von Trommeln und Trompeten und vom Gebrüll der Statisten erhob, und wo die Jäger des Amtsrathes und des Grafen Erbach hinter einander ein Dutzend vorräthig geladene Büchsen losschossen. Ai! kreischten die Damen insgesammt, vom Knall zerdrückt, klirrten die Scheiben der Garderobefenster in Scherben hinunter in den Hof, und der Amtsrath sprang gleichsam mit beiden Beinen in den Gräuel der Verwüstung. Und Du willst ein Theatermeister seyn?! rief er in der Garderobe, in der einen Hand das Buch, in der andern das Ohr seines Jägers haltend. Dazu hat Dich Gott in seinem 170 Zorn erschaffen! Schreibt hier nicht der Dichter ausdrücklich mit deutlichen Worten vor: »Alles das muß dem Ohr des Zuschauers nur eben hörbar seyn, und auf keine Weise die Handlung auf der Bühne stören.« Und Du machst hier einen Lärm, daß wir oben denken, der jüngste Tag bricht an. Hast Du diese Vorschrift nicht gelesen? Halten zu Gnaden, Herr Amtsrath, antwortete der noch in der Pein höfliche Jäger, nach seinem gepreßten Ohre herumschielend: ich kann nicht lesen. Das sind die Folgen der schlechten Verfassung der Dorfschulen! schalt der Amtsrath, und herzu sprang sein getreuer Achates, Wespe. Vom Ende des Schloßhofes her, schlug er vor: müßte sich das Kriegsgetümmel am beßten ausnehmen. Die Entfernung ist gerade nicht zu weit und nicht zu nahe. Wenn der Herr Amtsrath erlauben, will ich die Trompeter, Tambours, Schützen und Schreier dahin führen und den Spectakel dirigiren. Thun Sie das, mein – rief der 171 Amtsrath freundlich. Der »liebste Freund«, der schon wieder auf dem Wege war, wurde, da sich der Amtsrath dießmal noch zur rechten Zeit besann, zu einem Herrn Referendar, und der Chorag ging mit seinen Lärmmachern davon. Ich werde mich in's Parterre setzen, sprach jetzt, vom Proscenium in das Orchester hinabkletternd, der Amtsrath: um zu hören, wie sich die Geschichte dort ausnimmt. Als er Platz genommen, ging unten im Hofe das Schießen u. s. w. von neuem los, und oben sprach Falkenberg seinen Monolog dem Souffleur Wort für Wort nach. Herrlich, köstlich, delicat! rief, zwischen Freude und Schmerz, der Amtsrath. Man hört in dem Chaos des Bataillelärms doch jedes Element, woraus er besteht, und das alles geht so doux , daß man dabei recht deutlich vernehmen kann, wie Seine Königliche Hoheit auch gar nichts gelernt haben. Es muß den französischen Prinzen im Geblüte stecken. Da kam Rochefort-Seethal herangekeucht, 172 der auch nichts wußte, der dabei eilig und schlachtwild seyn sollte, und, um doch den erforderlichen Affect kund zu thun, seine Rolle mit einem Geschrei nachschleppte und dabei so langsam schrie, daß es schauderhaft anzuhören war. So stockten und meckerten die beiden Helden in waffenbrüderlicher Eintracht mit einander, und der Souffleur war in ihrem Bunde nicht sowohl der Dritte , als der Erste . Jetzt kam, auf Tardieu und Basco gestützt, in seiner Rolle lesend, der sterbende Bayard herein, legte sich lesend zum seligen Abscheiden nieder, vernahm Bourbons letztes Stammeln und starb, den Blick auf die Rolle geheftet, mit vieler Würde. Nein, das ist nicht zum Aushalten! schrie der Amtsrath und rannte durch die Parterre-Thür nach dem Theater. Ihm begegnete Wespe mit seinen Lärmmachern. Wespe, Referendar, Freund, Fac totum! schrie er ihn an, mit beiden Händen seinen Kragen fassend. Jetzt helfen Sie, jetzt zeigen Sie Ihre Tournure im Arrangiren. Sämmtliche Officiere 173 haben nicht ein Wort gelernt, Brauß desselben gleichen. Aendert sich das nicht, so fallen wir durch, und ich thue mir irgend ein Leid an! Ich will es mir überlegen, erwiederte Wespe lächelnd. Sollte ich etwas ersonnen haben, so haben Sie nur die Güte mir beizustimmen, wenn es auch eine kleine Nothlüge seyn sollte. Eine kleine Nothlüge? rief der Amtsrath freudig: und wenn es auch eine große , wenn es ihrer tausend wären! Noth bricht Eisen, warum nicht auch die Wahrheit. Sinnen Sie etwas aus. Ich will unterdeß versuchen, was ich mit sanften Ermahnungen ausrichten kann. Helfen die nicht, so kommen Sie mir zum Succurs, mein lieber, lieber Bundgenosse! Er rannte fort auf die Breter, wo sich das ganze Personal durch einander trieb, und die Officiere sich gegenseitig betheuerten, daß das Stück sehr gut gehen würde. Die heutige Probe gibt mir dazu schlechte Hoffnung, meine verehrten Herren, sprach der Amtsrath, mit rührender Feierlichkeit in ihre 174 Mitte tretend. Das rechte Fundament einer guten Darstellung, ja, so zu sagen, der granitne Grundstein derselben ist das Auswendigwissen der Rollen. Wie will man gut sprechen, wenn man nicht weiß, was man sprechen soll?! Nun werden sich, nicht zu gedenken Bayards, den ich heute nicht den Ritter ohne Tadel nennen kann, der König, die Prinzen Talmond und Bourbon, die Hauptleute Tremouille und Rochefort, wohl ohne weiteres überzeugt haben, wie schlecht, ja wie wahrhaft gräulich es mit ihrem Memoriren beschaffen war. Auf Ehre! rief Graf Erbach lachend. Ich habe meine Rolle seit der Leseprobe nicht angesehen. Das Spielen ist amüsant genug, fiel Falkenberg ein: aber das langweilige Auswendiglernen wäre doch ein zu theuerer Preis. Dafür hat man ja den Souffleur. Ja wohl! mischte sich Brauß in das Gespräch. Es ist hart genug, in einem schlechten Stück eine lange Rolle spielen zu müssen; 175 aber sie vollständig zu memoriren, das könnte einen neuen Foltergrad abgeben. Wenn die Schauspieler immer memoriren sollten, sie wären schon längst alle wahnsinnig geworden! Wehmüthig hatte bisher der Amtsrath jeden der Sprechenden betrachtet. Entsetzt über den dreifachen Frevel, daß sein künftiger Schwiegersohn den Nichtlernern das Beispiel gegeben, daß er die Ungebühr noch vertheidigte und den Bayard, den Liebling des Schwiegervaters, so öffentlich heruntermachte, wurde er auch jetzt der Rede nicht mächtig, sondern begnügte sich, den Rebellen mit großen Zornblicken anzustarren. Aber, meine beßten Herren, begann er nach einer langen Pause mit einer Sanftmuth, die das Resultat gänzlicher Zermalmung war: so geht es doch, beim Himmel! nicht. Wir bestehen ja mit Schimpf und Schanden, und ich ärgere mir irgend eine tödtliche Krankheit an den Hals. Thun Sie mir altem Manne doch nur die einzige Liebe und lernen Sie Ihre Rollen und Röllchen firm, damit wir 176 den Tag vor der Aufführung noch eine ordentliche General-Probe halten können. Es wird dieß wohl ohnedem das letzte Stück seyn, in dem ich auftrete. Laut lachte Brauß über des Amtsrathes Rührversuch, der bei den Officieren eben so wenig anschlagen wollte. General-Probe? fragte Lieutenant Falkenberg. Die haben wir ja, dächte ich, heute gehalten mit allen Chicanen. Leseprobe haben wir auch gehabt, und damit ist es auf Ehre übrig genug! Ich würde auch schwerlich Zeit haben, bemerkte Graf Erbach. Ich muß in Remonte-Geschäften der Schwadron nach der Grenze. Die ganze Geschichte ist ja überhaupt nur ein Spaß, sprach Lieutenant Seethal. Wir wollen den alten Herrn General recht gern amüsiren, aber er ist ja nicht mehr im Dienst, und da haben wir doch auch gerade nicht nöthig, so stramm vor ihm zu stehen, wie auf der Parade. Eine Probe möchten wir freilich noch 177 halten, bemerkte jetzt doch Brauß: denn die heutige ist in der That für nichts zu rechnen. Für Sie wohl, Theurer, weil Sie sie geschwänzt haben, fuhr Graf Erbach heraus, der den Herrn von Brauß nicht sonderlich liebte. Also, weil es Ihnen beliebt hat, rief der trotzige Falkenberg: unnöthiger Weise nach der Residenz zu kutschiren, deßhalb sollen diese Officiere ihre vier Meilen von ihrer Garnison her und zurück noch einmal reiten. Auf Ehre, das würde ich meinen Kameraden sehr verdenken! Händel haben gerade noch gefehlt, seufzte der Amtsrath. – Wespe! O Du mein Wespe, wo steckst Du?! Aha! rief in diesem Augenblicke der citirte spiritus familiaris von der Rangloge herunter. Hier steht schon der rothe Sammetsessel für den Herrn General. Aber der Herr Amtsrath möchten doch noch einen heraufbringen lassen, wenn etwa doch noch der Herr Feldmarschall käme! Wie?! Was?! schrieen die Officiere bestürzt 178 unter einander, und dann zu Wespen hinauf: Der Feldmarschall! Welcher Feldmarschall?! Fürst Hohenburg, antwortete Wespe. Wie es heißt, reiset er gerade am Spieltage hier in der Nähe vorbei. Er ist ein alter Freund des Generals, und da ist es leicht möglich, daß er einen Abstecher macht, um ihm zum Geburttage zu gratuliren. Teufel, der Feldmarschall! riefen die Officiere. Auf Ehre, das ist eine verfluchte Geschichte! Jacob! eiferte, in Wespe's Plan eingehend, der Amtsrath. Jacob, den andern rothen Sammetsessel aus meinem Schlafkabinet sogleich hinauf in die Loge, daß ich es nicht am Ende vergesse in dem Wirrwarr! Sie haben ganz Recht, Herr Wespe, und ich danke Ihnen herzlich für diese Erinnerung. Habe ich doch von der Reise des Feldmarschalles kein Wort gehört, sagte zweifelnd Graf Erbach. Ich auch nicht, fiel der Amtsrath ein: auch ist mir der hohe Besuch noch 179 keinesweges gewiß, aber man thut doch wohl, sich in Zeiten vorzusehen, damit man nicht nachher auf eine unangenehme Weise überrascht wird. Drum thun Sie mir nur die Liebe, beßter Herr Graf, und schaffen Sie mir von Ihrem alten Herrn Onkel für Geld und gute Worte ein Paar Fläschchen Tokayer. Ihr Herr Onkel ist der Einzige in der Gegend, der ihn echt hat, und mir läßt er keinen ab, und wenn ich ihn mit Gold aufwiegen wollte. Der Feldmarschall trinkt ihn gern, und ich spränge vor Freuden aus der Haut, wenn ich in meinem Hause doch etwas hätte, was dem Herrn schmeckte. Aber mein Onkel ist zähe, bemerkte der Graf. Er hält seinen Tokayer hoch, und wird mir nichts dabei schenken. Wenn nun der Feldmarschall nachher gar nicht kommt – So stechen wir die Flaschen mit einander auf seine Gesundheit aus! rief lustig der Amtsrath. Immer besser, als wenn sie uns fehlen in der Zeit der Noth. Besser verwahrt als beklagt! 180 Ja wohl, ja wohl! murmelten die glücklich getäuschten Officiere, und Lieutenant Falkenberg erkundigte sich sehr bescheiden bei dem Amtsrath nach der Stunde der General-Probe. Heute setzest Du Dich vor mein Bett, sprach Lieutenant Seethal zu seinem Burschen, der ihm den Mantel gebracht hatte: und soufflirst mir die ganze Nacht in einem fort meine Rolle, und, Kerl, wenn mir morgen früh eine Sylbe fehlt, auf Ehre! so bekommst Du von meinen Händen fünf und zwanzig aus dem ff. Sehr wohl, mein Herr Lieutenant, antwortete der gepreßte Souffleur, ohne eine Miene zu verziehen, und hielt seinem Herrn den Mantel, zum Hineinfahren ausgebreitet, mit steifen Armen hin. Also Sonnabend Nachmittag zwei Uhr ist General-Probe, meine Herren! schrie Graf Erbach mit donnernder Commandostimme: und ein Hundsfott, der ausbleibt! Und ein Hundsfott, der seine Rolle nicht kann! schrie Falkenberg, den Herrn von Brauß lachend auf die Schulter schlagend. 181 Ein Hundsfott, va! riefen lachend die übrigen Officiere und toseten klirrend davon. Wespe! Du bist ein Gott! rief der Amtsrath, den Referendar unter heißen Dank- und Freudeküssen umarmend, prallte dann zurück, stöhnte ein langes, klägliches Oh! über die abermalige unverzeihliche Vergessenheit, und wünschte dem Herrn Referendar, mit einem steifen Bücklinge, wohl zu schlafen. Kann ich Sie heute noch auf einen Augenblick sprechen? fragte Wespe leise Aphanasien unter dem Abschiedhandkusse. Mamsell Willig wartet Ihrer schon, antwortete das Mädchen mit feindlicher Kälte. Gute Nacht! Rasch entzog sie ihm das Händchen und eilte dem Vater nach, und wie gelähmt schlich der arme Mensch fort, der harrenden Laura das schuldige Anerbieten des Nachhauseführens zu erweisen. 182   12. Die gesetzten Trümpfe hatten Wunder gethan. Pünktlich und vollzählig hatte sich das Personale in der General-Probe eingefunden. Eben so musterhaft als die immer treu memorirenden Damen, hatte das Officier-Corps seine Rollen gelernt; selbst Brauß, der nicht Lust hatte, sich für seine Faulheit zu schießen, wußte seinen Bayard vollständig. Da sämmtliche junge Männer nicht ohne Darstelltalente waren, so ging die Probe wie am Schnürchen, und mit nie gefühlter Directorseligkeit saß der Amtsrath auf dem Sammetsessel des Feldmarschalles in der Loge und applaudirte in einem fort. Aphanasia war noch immer böse auf Wespe und hielt sich heute zum ersten Male mehr zu ihrem bestimmten Bräutigam. Dieser, statt das neue Glück dankbar zu erkennen und klüglich zu benutzen, sah darin nur einen, seiner Vortrefflichkeit gebührenden Tribut, dessen Verspätung er durch die Huldigungen bestrafte, 183 die er an Frau von Horst, eine alte, aber noch recht anziehende Bekanntschaft, verschwendete. Von Coulisse zu Coulisse floh Aphanasia vor dem armen, gebeugten, versöhnunglustigen Wespe, für den sie seit der Spielprobe nie allein zu sprechen gewesen war. Wespen verfolgte Laura, die in seinem Benehmen das Resultat einer neuen Eifersucht sah, welche sie von neuem verdient zu haben sich wohl bewußt war. Ihr flatterten der Graf Erbach, der Lieutenant Falkenberg und die beiden fremden Officiere nach, und so zog sich diese Kette von Verfolgern und Verfolgten langsam hinter den Coulissen herum, während Fräulein von Birk, den Plaudereien des blühenden Seethal Gehör gebend, die zärtlichen Werbungen des verblühten Barons Appenrode zurück wies, dieser sich aus Verzweiflung mit der Postmeisterin mesallirte, und der Postmeister sich dafür bei der immer heitern Albertine schadlos hielt. Den Beweis vollendend, daß Amor ewig die süßlächelnde Thalia umschwebt, stand der Junker von Birk mit seiner 184 Camilla auf Laura's Lieblingplätzchen, und in Beiden brannte des Südens Liebeglut, die sie auf den Bretern dargestellt, in hellen Flammen fort. Je entzückter der Amtsrath über die wirklich seltene Rundung der Probe war, desto grimmiger wurde Wespe über Aphanasia's Eigensinn. Endlich im fünften Akte, als Blanca, ihrem Manfrone verzeihend, abgegangen war, und Bayard nicht mehr vom Platze kam, gelang es dem unglücklichen Liebhaber, sich so zu stellen, daß ihm die zürnende Geliebte ohne Aufsehn nicht mehr ausweichen konnte. Wenn ich, sprach er mit zorndunklem Gesicht: nicht noch heute mit Ihnen eine Viertelstunde allein sprechen kann, so bin ich morgen mit dem ersten Grauen des Tages auf dem Wege nach der Residenz, um meine Bewerbung um den hiesigen Posten zurückzunehmen. Es wäre wohl nicht edel, antwortete Aphanasia bitter: nicht einmal männlich , den Vater durch Störung seines liebsten Vergnügens dafür zu bestrafen, daß die Tochter Ihre 185 poetischen Rede-Uebungen nicht länger anhören mag. Es ist Ihnen Genuß, mich zu verkennen, erwiederte Wespe. Ich bedauere, daß ich Ihnen diese Freude rauben muß. Bayard wird morgen auch ohne mich gespielt werden. Ein Freund von mir wird meine Stelle vertreten. Da schlug Aphanasia die schönen Augen nach ihm auf, und ihre Blicke schienen ihn um Verzeihung zu bitten, wegen des Unrechts, das sie ihm dießmal angethan. Eine Stunde nach der Probe, hier! flisterte sie ihm zu, und in seliger Wonne blickte er der Entfliehenden nach. Bravo, Bravissimo! schrie aus Leibeskräften der Rittmeister Erbach, als Bayard abermals ausgelitten hatte. Allons, darauf, meine Herrschaften, daß wir das Bravo, das wir morgen erndten werden, heute schon in voraus hören! Bravo, Bravo! lachten die Herren und Damen, und klatschten, bis ihnen die Hände weh thaten. 186 Bravissimo, auf jeden Fall! rief der Amtsrath. Nur eines fehlt noch nach meiner Ansicht. Aber es ist recht, daß es fehlt, die Darstellung wäre sonst vollkommen, und das soll ja kein Menschenwerk seyn. Und das wäre? fragte Wespe, begierig auch hier dem Director mit Rath und That beizuspringen. Ein kleines Gefecht auf der Scene, antwortete der Amtsrath. Das Stück wird einem Helden zu Ehren gespielt, und handelt von einem Helden, und doch wird der ganze Krieg so trocken abgefertigt mit etwas Spectakel hinter den Coulissen. Sie tadeln, rief Brauß vornehm lächelnd: was ich gerade an Kotzebue loben würde, wenn es mir überhaupt möglich wäre, ihn zu loben! Die Gefechte auf der Bühne sind immer eine Partie honteuse des Theaters gewesen, und ich sehe sie nie, selbst in der Residenz, ohne dem Hanswurst im Trauerspiele zu begegnen. Ach, wenn es nur recht gemacht wird, meinte der Amtsrath. Mein Theater ist nicht 187 viel kleiner als das in der Residenz. Hinreichende Mannschaft haben wir durch die Güte der Herren Officiere. Es wäre nur um die Dressur zu thun. Ja, meine Leute haben nur die moderne, sprach der Rittmeister: und wie ich ihnen die antike, von der ich nichts verstehe, bis morgen geben soll, das weiß ich doch nicht. Und wo wollten der Herr Amtsrath eigentlich das Gefecht einschieben? fragte Wespe rasch. Sie wissen wohl schon wieder den beßten Rath?! rief der Amtsrath, das Buch vorbringend. Hier im fünften Akte zwischen Bayards Abgange und dem Auftreten des Prinzen von Bourbon. Wenn die Herren Officiere mich unterstützen wollen, sprach Wespe: so will ich morgen früh versuchen, wie weit ich morgen mit der antiken Dressur komme. Ich habe aus der Bibliothek des Seniors eine alte Chronik mit Kupfern, in der sich viel darüber finden wird. Es kommt nur darauf an, ein interessantes Schlacht-Tableau von kurzer Dauer zu 188 Stande zu bringen, und das getraue ich mir schon mit solchen Hilfmitteln. Dachte ich's doch! rief der Amtsrath; disponiren Sie über uns! Wir haben ein Dutzend Franzosen, eben so viel Spanier und Venetianer unter den Waffen, sagte Wespe. Talmond und Termouille mögen die Franzosen führen. Rochefort und ich, durch die Rüstungen unkenntlich, die Feinde. Es wird supponirt, daß die Franzosen eine Recognoscirung aus dem Eng-Passe machen, und sich bei dem Angriff der Feinde zurück ziehen. So geht Gefecht, Rückzug und Verfolgung über die Bühne. Spießgefecht und Musketen-Chargen füllen den Hintergrund, während die Führer mehr vorn einen kurzen, gut eingeübten Schwerterkampf zum Beßten geben. So können Sie also fechten, Herr Referendar? fragte Falkenberg, der sich in Lauren verliebt und in Wespen einen glücklichen Nebenbuhler zu finden glaubte, mit der Ironie der Eifersucht. 189 Ich studirte in Halle, Herr Lieutenant! antwortete dieser ernsthaft. Das weiß der Teufel, wie er's macht! grämelte der Amtsrath. Er kann alles, und was er angreift, das gelingt ihm. Die Disposition ist nicht übel, meinte der Rittmeister. Und daß die Kerls ihre Schuldigkeit thun, dafür werde ich sorgen! rief der wilde Seethal. Also morgen früh sechs Uhr, wenn es gefällig wäre, sprach Wespe, sich höflich dankend verneigend: damit wir vor dem Gottesdienste fertig sind und ihn durch unsern Spectakel nicht stören. Das ist löblich und schicklich, junger Mann! rief der Amtsrath. Dann brummte er Aphanasien zu: Daß dieser Pasquillant mir alles recht und alles zu Dank machen würde, hätte ich nicht gedacht! Gute Nacht, meine Herren! rief er laut und ärgerlich, und ging fort. Ich sehe Sie heute noch, schöne Frau? flisterte Herr von Brauß der Frau von Horst, mit der er sich zuletzt fast immer leise unterhalten hatte, beim Abschiednehmen zu. 190 So bald sich der Troß verlaufen hat, hier! flisterte sie zurück, mit warmen Blick und Händedruck, und entschwebte. Größtentheils zärtlich gepaart, folgte ihr die Schauspielertruppe, und mancher Armdruck, und mancher heiße Kuß ward durch das Gedränge in dem dunkeln Ausgange begünstigt und versteckt. Ein tolles Treiben, durch und gegen einander! lachte der Assessor Walther, der überall den stummen Beobachter gemacht hatte und jetzt zuletzt geblieben war. Was für eine Masse Liebe von allen Gattungen wird hier in einer Probe consumirt! Wohl dem, der, gleich mir, schon eine geliebte Braut und zu viel Phlegma zur Untreue hat! So viel ist aber doch bei mir beschlossen, daß meine Töchter, wenn mir der Himmel dermaleinst welche schenkt, in ihrem Leben diese Breter nicht betreten sollen!   13. Eine halbe Stunde früher, als er beschieden war, griff sich Wespe durch die dunkeln, 191 wohlbekannten Gänge nach Thaliens Tempel fort. Endlich war er auf die Bühne gelangt und lehnte sich harrend an eine Säule des Prosceniums. Der Mond warf sein melancholisches Licht durch die Logenfenster auf die Wald-Decoration. Wespe sah zu ihm hinauf und seufzte, denn in seiner Brust stritten die Gefühle feindlicher mit einander, als es morgen die französischen und hispanisirten Dragoner der löblichen Schwadron Graf Erbach unter seinem Commando thun sollten. Nicht der Schmerz über den Zorn der Geliebten, den er zu vernichten hoffte, wenn sie ihn nur anhörte, aber Aerger und Scham über die zum Theil nicht ganz löblichen Griffe und Kniffe, mit denen er nach dem Kranze am Ziele rang, fielen in der stillen Einsamkeit mit doppelter Wuth sein sonst so ehrliches und stolzes Herz an. Was entschuldigt die Liebe nicht! tröstete er sich endlich selbst, aber gleich darauf fragte er: Spitzbüberei? Schwerlich! Ach, mir wird nichts weiter übrig bleiben, als mich nach dem 192 Bayard dem Amtsrath zu Füßen zu werfen, ihm alles zu gestehen, und es dann darauf ankommen zu lassen, ob er mich als Sohn an seine Brust nimmt, oder mir die Thür weis't. Amen, ja, das soll geschehen, damit ich nur wieder vor mir selbst die Augen aufschlagen kann! Da knisterte ein Damenschuh. Aphanasia! hauchte er und schlich dem Geräusch entgegen. Aber in dem Augenblick erkannte er in dem Reflex des Mondlichtes den scharlachenen Atlaspelz der Frau von Horst und rettete sich, auf den Zehen hinter den Coulissen wegspringend, in die Höhle bei Longara. Ungeduldig ging die Dame auf der Bühne auf und nieder und sah oft nach der Thür. Wenn Aphanasia nur dießmal zögerte, seufzte der Troglodit, und leise, leise klirrte ein Paar Silberspornen heran. Mir ist wieder, wie in den ersten Augenblicken unserer Freuden! rief Herr von Brauß, die Harrende an seine Brust reißend, mit Fernando's Worten. Ich habe Dich in meinen 193 Armen. Ich sauge die Gewißheit Deiner Liebe auf Deinen Lippen und taumle und frage mich staunend, ob ich wache oder träume? Nun, Fernando, antwortete die neue Stella, ihn lächelnd küssend: wie ich spüre, gescheiter bist Du nicht geworden! Das ist aber doch auch gar zu platt, murrte es in der Höhle bei Longara. Gott! was war das? schrie Frau von Horst. – Wir sind nicht allein! Der Wiederhall in dem leeren Saale täuscht, tröstete Brauß, und zog seine Dulcinea mit zärtlicher Gewalt nach der Rasenbank, auf der er als Bayard seinen letzten Seufzer ausgehaucht hatte. Nein, ich bleibe nicht hier! jammerte sie, ernstlich widerstrebend. Die Angst würde mich tödten, wenn man uns überraschte! Gute Nacht, lieber Brauß! Aber wann und wo das Wiedersehen? drängte Brauß. Bis morgen zum Stück ist noch eine ewige Zeit, und dann sehe ich Sie doch nur vor Zeugen. 194 Wie ungeduldig auf einmal wieder! lispelte die Dame. Mein Mann geht morgen früh auf die Jagd. Warten Sie um neun Uhr an der Gartenthür. Sie flog davon. Brauß folgte ihr. Bedachtsam kroch Wespe aus seiner Höhle heraus. Gott sey Dank! rief er. Nun ist mir ein Aetna von der Brust gewälzt. Es gibt noch einen weit ärgern Spitzbuben in der Welt als mich, und der ist gerade mein Nebenbuhler, und es ist sogar meine Pflicht, das arme, unschuldige Lamm diesem Wolfe aus dem Rachen zu reißen, selbst wenn ich die Hoffnung aufgeben müßte, es in meinen Pferch einzuführen! Schon die saubre Horst, als Freundin, auch des ungeliebten Gatten, wäre hinreichend, die eifersüchtige Aphanasia am Gallenfieber oder an der Abzehrung hinzuraffen. Nun, du practische Menschenkenntniß, die der dumme Haufe mit dem Namen List brandmarkt, du treue Bundgenossin, der ich schon thörigerweise absagen wollte, komme wieder herzu! Arm in Arm mit dir, So fordr' ich mein Jahrhundert in die Schranken! 195 Abermals knisterte ein Damenschuh. Dießmal war es Aphanasia. In voller Liebeglut stürzte ihr Wespe entgegen, aber sie wies ihn ernsthaft zurück, setzte sich auf die vorerwähnte Rasenbank, die jetzt ganz hell vom Monde beschienen wurde, und winkte ihm, gegenüber auf einem grau bemoos'ten hölzernen Steine Platz zu nehmen, wozu er doch keine Lust hatte, weil er wußte, wie schlecht sich eine unbildlich sitzende Gestalt bei zierlichen, feurigen Reden ausnimmt. Hätte ich das, sprach Aphanasia mit erkünstelter Ruhe: was ich jetzt weiß, schon gewußt, als ich Ihnen diese Zusammenkunft versprach, ich würde sie Ihnen versagt haben, selbst auf die Gefahr, daß Sie Ihre Drohung wahrgemacht hätten. Aber ich habe einmal mein Wort gegeben, das muß ich halten; es sey mir zugleich eine Strafe dafür, daß ich Ihnen vertraute, daß ich wegen Ihnen meinen guten Vater täuschte. Was können Sie mir noch zu sagen haben? Nichts, Aphanasia, antwortete Wespe, 196 bestürzt über die schnöde Anrede: nichts als eine Frage nach der Quelle Ihres Zornes, um mich dann rechtfertigen zu können. Denn bis jetzt weiß ich von nichts, und ich fürchte doch nicht, daß Sie es wie die heilige Inquisition machen werden, die, ohne dem armen Ketzer sein Verbrechen zu nennen, frisch darauf los foltert, bis es ihm selbst einfällt. Was habe ich gesündigt? Wahrscheinlich, sprach bitterlächelnd Aphanasia: haben Sie es im Rausche Ihres Minneglückes gar nicht bemerkt, als ich in der Spielprobe im fünften Akte bei Ihnen vorbeiging. Dachte ich es doch! rief Wespe, mit dem Fuße stampfend. Das Bischen Umarmung! Tant de bruit pour une omelette! Hatten wir uns nicht längst gegen einander ausgesprochen? Haben Sie ganz vergessen, daß, wenn Sie eine Miranda auf der Bühne haben wollten, ich mit ihr den Liebhaber hinter den Coulissen spielen mußte? Das Bischen Umarmung! rief Aphanasia, 197 weinend vor Zorn und Eifersucht. So umarmt kein Mädchen einen Mann, der ihr nicht Alles war und Alles werden soll. Und nur die Verworfenste ihres Geschlechts kann einen Mann auffordern, der Liebe zu leben, wenn sie seiner Liebe nicht schon gewiß ist. Aber, lieber Engel, fragte Wespe kläglich: wie komme ich dazu, für die Uebertreibung zu büßen, die sich diese vielliebende und vielbeliebte Laura im erotischen Rollenfache zu Schulden kommen läßt? Es ist grausam und unedel zugleich, seine erklärte Braut zu verhöhnen! rief Aphanasia aufspringend. Meine Braut?! Laura meine Braut?! schrie Wespe. Nun, so soll doch Feuer und Schwefel, Pest und Wolkenbruch – Ersparen Sie sich den Unsinn, sprach Aphanasia bitterböse. Sie hat sich selbst als Ihre Braut bekannt an mehreren Orten in der Stadt. Frau von Horst und die Horneck sind meine Zeugen. Bekannt?! schrie Wespe: bekannt?! Nun 198 gut, ich will auf der Stelle zu der entsetzlichen Weibsperson hinrennen und ihr ein Bekenntniß ablegen, daß ihr die Haare zu Berge stehen sollen! Er ging rasch fort. Ja so! sprach er, umkehrend. Wenn ich ihr das schon heute Abend bekenne, was ich auf meinem Herzen habe, so bekennt sie Ihnen morgen, daß unser Bayard in die Brüche fällt; und daß dieser morgen gegeben und brillant gegeben wird, darauf habe ich einmal meinen Kopf gesetzt. Drum muß ich mich Ihnen vor der Hand auf Discretion ergeben. Können Sie es bis morgen Abend ohne weitern Beweis glauben, daß ich nur ein Schelm für Sie, nie gegen Sie bin, so ist es gut und herrlich. Können Sie das nicht, können Sie es wirklich über Ihr weiches Herz bringen, so lange ohne erheblichen Grund auf den armen Eduard zu zürnen, so thun Sie es. Ich habe schon genug gelitten um Ihretwillen. Ich werde auch das noch überstehen, und desto süßer wird es seyn, wenn Sie mir morgen Abend die Kränkung abbitten und 199 ich den Versöhnungkuß auf Ihre Rosenlippen drücke. Wie er so ehrlich thun kann, sprach Aphanasia unter Thränen lächelnd. Ach, mein Vater hat wohl Recht damit, was er erst diesen Abend von Ihnen sagte! Nun? und was sagte er denn? fragte Wespe lustig. Etwas Rühmliches wird es wohl auf keinen Fall gewesen seyn. Wenn der Jude zum Schwur kommt und Wespe zum Reden, antwortete wider Willen lachend Aphanasia: so ist Beiden geholfen. Das wäre schmeichelhaft, wenn es wahr wäre, sagte Wespe: und wäre ich französischer Advocat, lucrativ obendrein. Uebrigens haben Sie jetzt eben gelacht, Aphanasia, also können Sie nicht mehr böse seyn, also haben Sie Ihr Unrecht schon heute eingesehen, also sind Sie mir wieder gut, und also – liebst Du mich wieder? Nicht wahr, holdes Mädchen? Er hatte sie bei diesen Worten umschlungen und sah ihr wieder so treu in die Augen, daß sie ihr Ja in dem Kusse aussprach, mit dem sie ihre Lippen den seinen vermählte. 200 Victoria! rief Wespe. Nun ist Alles in Ordnung, nun werden wir wenigstens die Nacht so ruhig verschlafen, als es verliebte Leute im Stande sind. Und das ist höchst ersprießlich, denn wir brauchen doppelte Munterkeit für die morgende Haupt- und Staats-Action. Zur guten Nacht noch eine Bitte, Eduard, sprach Aphanasia. Keine neue Schelmerei! Was bisher geschehen mußte, that mir schon so weh. Laß jetzt alles seinen natürlichen Gang gehen. Du bist schon auf dem Wege zu meines Vaters Herzen. Mache keinen falschen Sprung mehr, das Ziel früher zu erreichen. Nur noch einen einzigen, liebe Aphanasia! rief Wespe: aber einen wahren Salto mortale! Der ist unerläßlich und schon Alles dazu vorbereitet. Hindere mich nicht dabei. Glaube mir, das ist das Beßte, was ich thun kann. Ich habe mir Alles reiflich überlegt. Ich könnte mir zwar noch anders helfen, ich dürfte nur jemandem Nachricht geben von 201 Wilddieberei in seinem gehegten Reviere, während er auf der Jagd ist, aber die Aushilfe wäre boshaft und könnte tragisch enden. Die Posse hat lustig begonnen, und lachend wollen wir bei dem Sinken der Gardine das Dank-Compliment an das verehrungwürdige Publicum machen. Sage mir aber, was Du eigentlich brütest? fragte Aphanasia, mit ihrer weißen Hand sein Kinn fassend, und ihn forschend ansehend. Ich sage nichts! rief Wespe mit einem großen Aufwande von Declamation: ich sage wenig, sage nur so viel: Es ist entschieden, nun ist's gut – und schnell bin ich geheilt von allen Zweifelsqualen. Die Brust ist wieder frei, der Geist ist hell. Nacht deckt den Brauß, wo Wespe's Sterne strahlen! Mit zögerndem Entschluß, mit wankendem Gemüth wurd' ich ein Schelm, ich ward's mit Widerstreben, da es in meine Wahl noch war gegeben. Nichtsnuztzigkeit ist da, der Zweifel flieht, jetzt fecht' ich für Dein Glück und für mein Leben! Sprach's, küßte rasch Aphanasia's Lippen noch einmal und war verschwunden. 202 Ach, Liebe, Qual und Lust! seufzte Aphanasia, und folgte ihm langsam nach.   14. Große Tafel war am Mittage des feldherrlichen Geburt-Sonntages bei dem Amtsrathe. Der gastfreie Mann hatte alle fremde Schauspieler und auch einige der einheimischen gebeten. Wespe, sein Fac totum , hatte natürlich nicht ausgelassen werden können, und mit pfiffiger Bescheidenheit hatte sich dieser ganz unten an die Tafel, wo Aphanasia waltete, manövrirt und den Platz des Herrn von Brauß besetzt, der geladen, doch nicht erschienen war. Was Tausend, lieber Wespe! rief gegen das Ende des Mahles, vom Weine erheitert, der Amtsrath über die Tafel hinunter: Sie sind ja schon wieder einmal der Substitut des Herrn von Brauß. Das fängt an mir bedenklich vorzukommen. Wohl mir, antwortete Wespe: wenn ich nur überall als ein brauchbarer Lückenbüßer 203 erscheine. Solche anspruchlose Leute sind in der Regel die willkommensten. Den Teufel mag er anspruchlos seyn! raunte der Amtsrath dem Assessor Walther zu, der neben ihm saß. Er hat es faustdick hinter den Ohren. Was ist denn das für ein schwarzes Pflaster am Schlafe, was Sie mit den Locken so künstlich versteckt haben? fragte plötzlich Aphanasia Wespen erschrocken. Sie haben doch nicht Schaden genommen? Ich hatte blos die Ungeschicklichkeit, antwortete er: heute früh meinen Kopf mit einer Coulisse in gewaltsamen Conflict zu bringen. Es ist nicht von Bedeutung. Ihr Wort in Ehren, lieber Wespe! rief Lieutenant Seethal: aber so ist die Sache nicht. Das Schlachtexercitium, erzählte er der Gesellschaft: ging gut, als unsere Dragoner nur erst die Hauptsache begriffen hatten, aber wild, und die Kerls wurden so verbissen auf einander, daß sie am liebsten Ernst gemacht hätten. Besonders wollten die Franzosen durchaus nicht 204 retiriren. Wir mußten sie ein Paar Mal aus einander reißen, und es ist doch ohne einige Blessuren nicht abgegangen. Um Gottes willen! rief ängstlich Aphanasia, Wespe's Hand unter dem Tische zärtlich drückend. Ja, im Kriege geht es nicht anders! rief lachend der Amtsrath, der sich an dem Kunsteifer der Dragoner innig ergötzte. Lieutenant Dornenstein, erzählte Seethal weiter: schlug sich mit Wespe, und mußte, wie es verabredet war, zurückweichen. Darüber erboßte sich einer seiner Leute so, daß der verfluchte Kerl nach unserm guten Wespe mit der Hellebarde sticht. Zum Glück streifte der Stoß nur, aber es konnte wirklich ein Malheur geschehen. Ich war auch so giftig, auf Ehre, daß ich den Schurken mit dem Degengefäß niederschlagen wollte. Aber Wespe selbst fiel mir in den Arm und bat um Gnade für ihn. Das Blut lief ihm dabei am Gesicht herunter, das that mir so weh, daß ich ihm in dem Augenblicke nichts abschlagen konnte. Aber geschenkt ist es dem Himmelhund nicht! 205 Wenn meine Wunde Ihnen weh that, Herr Lieutenant, bat Wespe mit herzlicher Wärme: wenn Sie mir wohlwollen, wie Ihre freundliche Theilnahme zeigt, so pardonniren Sie den guten Kerl. Er hat ja nichts verbrochen, als daß er mehr als seine Pflicht that. Ein solches Mehr ist eine respectable Seltenheit in unserer Zeit, und in einigen Tagen ist meine Haut wieder heil. Da sprang, von Wein und Rührung aufgeregt, Seethal vom Stuhl, rannte mit dem vollen Glase zu Wespen hin und fiel ihm um den Hals. Gott straf mich, rief er: Ihr seyd ein braver Kerl! So human wäre ich nicht gewesen in solchem Falle, denn die Bestie stach doch immer mit Fleiß. Auf Ehre, wir müssen Freunde werden! Auf Dein Wohl, mein Bruder! Fiducit! rief Wespe fröhlich, der alten, schönen Burschenzeit eingedenk, deren Klänge noch in seinem Herzen nachbebten, lehrte den neuen Bruder, in der Geschwindigkeit, das Schmollis normalmäßig mit verschränkten Armen trinken, und sie küßten sich herzlich. 206 Und nicht wahr, der Hellebardierer hat Pardon? fragte Wespe mit hingehaltener Hand. Wie kann ich Dir etwas refüsiren, mein Bruder! rief Seethal einschlagend, und ging nach seinem Stuhle zurück. Gute Seele! lispelte Aphanasia mit einem noch wärmeren Händedrucke, und auf dem Gesichte des Amtsrathes begann ein wunderliches Spiel. Der Wunsch, der guten Seele etwas recht extra Verbindliches zu sagen, kämpfte mit dem alten Grolle, und dieser war schon ziemlich matt gerungen, als des Amtsrathes Jäger, der Wespen hinaus rief, dem Streit ein Ende machte. In seinen Mantel tief verhüllt, eine Fuchsmütze über die Stirn gezogen, stand ein junger, hübscher, sehr erhitzter Mensch vor ihm. Er ist fertig, sprach dieser. Soll ich ihn jetzt auf das Schloß liefern? Und alles gut abgegangen? fragte Wespe. Gut und leicht, antwortete die Fuchsmütze. Von Dir instruirt, kannten wir seine schwachen Seiten, und kitzelten ihn dort so lange, 207 bis er cordial wurde und sich hinter den Weintisch setzte. Dann war er unser. Aber meine Bedingung habt Ihr doch nicht vergessen? fragte Wespe ernstlich. Auf Burschenwort! erwiederte die Fuchsmütze. Es ist alles ehrlich zugegangen. Einige Sorten Ungar legten den Grund. Ein Paar Trinklieder und Champagner, so aufrichtig, wie ihn ein deutscher Weinschenk nur brauet, gaben ihm die letzte Hilfe. Freilich haben wir ihm tüchtig zugetrunken. Aber er ist doch molum geworden mit völliger Willensfreiheit, also mit Zurechnung. Ist er gesprächig? fragte Wespe. Das will ich meinen, war die Antwort. Er hat uns mehr erzählt, als wir hören mochten, und hat er auch die Hälfte gelogen , so ist er doch nicht einen Spieß werth. So kommt mir es auch vor, sprach Wespe. Bring' ihn her. Bon! erwiederte der junge Mensch. Denn lasse ich ihn länger dort, so trinkt er noch mehr, wird moloch , und dann kannst Du ihn nicht mehr brauchen. 208 Er sprang fort. Wespe ging in das Tafelzimmer zurück, wo die Gäste eben aufgestanden waren und sich, zur gesegneten Mahlzeit, die Lippen nicht eben zierlich küßten. Ich möchte aber doch wissen, wo heute der Herr von Brauß geblieben ist, sprach, während der Kaffee servirt wurde, bekümmert der Amtsrath. Er ist geladen, hat zugesagt, hat nicht absagen lassen und ist doch nicht gekommen. Wenn ihm nur kein Unglück widerfahren ist. Ich wäre untröstlich, einmal, weil ich den jungen Cavallier hochschätze, und dann wäre ja auch unser Bayard caduc . Ohne Sorgen, Herr Amtsrath! sagte Seethal. Heute Morgen, Glock Neun, als ich die Ställe revidirte, sah ich ihn an der Gartenthür des Herrn von Horst, und als ich Glock Eins hierher ging, trieb er sich mit einigen jungen Leuten, die mir wie Studenten vorkamen, vor dem Weinhause herum. Er ist also schon längst in der Stadt. Das weiß der Himmel, was der Mensch treibt! seufzte der Amtsrath, mit der Uhr in 209 der Hand. Ich fange sogar an, ihn etwas unverschämt zu finden. Es ist bald fünfe, um sechse soll es angehen. Wir müssen uns noch alle anziehen und vielerlei arrangiren, und wenn er nun auch noch vor Thores Zuschluß kommt, so hat er mich doch bis dahin die Pein der Ungewißheit genießen lassen. Große Notiz von dem, was Sie wünschen und nicht wünschen, scheint er überhaupt nicht zu nehmen, bemerkte Walther. Es kommt mir seit einiger Zeit auch so vor, antwortete leise der Amtsrath. Aber das soll anders werden, oder es wird anderweitig anders! Jetzt erhoben sich draußen zwei streitende Stimmen. Wollten der gnädige Herr nicht zuvor ein Viertelstündchen in der Unterstube respiriren und ein Täßchen Thee oder schwarzen Caffee genießen? schlug der Rentschreiber vor. Es ist große Gesellschaft drinnen. Thee? Caffee? antwortete der Herr von Brauß. Nichts, nichts von Thee und Caffee. Wein ist die Losung, Champagner! Heda! 210 Champagner her! Bibamus, bibamus! drum, Brüderchen, ergo bibamus! Gesellschaft? Gut! Laß die Gesellschaft herkommen! Hahaha! Ich bin gern in Gesellschaft, wenn sie gut ist. Vivat die Gesellschaft! Und dazu prallte die Thür auf, und vergebens von dem Rentschreiber zurückgehalten, stolperte Brauß über die Schwelle in das Zimmer, hielt sich an einer Stuhllehne, um nicht zu fallen, und rief dann, sich vergnügt ringsum verneigend: Allerseits ganz ergebenster Diener! Gerechter! jammerte der Amtsrath. Das ist ein neues Malheur! Der Unglücksmensch hat zu viel geladen! Geladen? fragte Brauß, den Amtsrath scheel ansehend. Zu viel geladen? Was wollen Sie damit sagen? Er erhitzte sich noch mehr und wäre gerade auf den Amtsrath losgegangen, wenn er sich nicht gescheuet hätte, seine feste Position an der Stuhllehne zu verlassen. Zu viel geladen?! lärmte er nach einer Pause. Mir das? Mir! Laden Sie erst Ihren eigenen Hirnkasten, daß Sie nur etwas 211 drinnen haben, ehe Sie von zu viel reden. Sie Hohlkopf! Hohlkopf?! rief der Amtsrath, und wollte auf ihn los. Bedenken Sie seinen Zustand, bat Wespe, ihn zurückhaltend. Jetzt ist er unfähig, Sie zu beleidigen. Hohlkopf! Nun ja, Hohlkopf! stammelte Brauß. Meinen Sie etwa, daß Sie keiner sind, weil Sie ein Liebhaber-Theater unterhalten? Deßhalb können Sie nebenbei ein recht completter Hohlkopf seyn. Und da es ein schlechtes Theater ist, und da Sie so viel Geld daran wenden, sich zu prostituiren, so sind Sie noch obendrein ein lächerlicher Hohlkopf. Unbescheidener Mensch! rief der Amtsrath in stillem Grimm. Wenn Sie den Rausch ausgeschlafen haben, werden wir weiter mit einander sprechen. Unbescheiden? fragte, ein immerwährendes Echo, der Trunkene. Recht! Unbescheiden muß 212 ich seyn, will ich seyn! Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der That! Nun aber sagen Sie mir, Sie braver Mann, fragte ärgerlich der Lieutenant Falkenberg: wie Sie in diesem Zustande den Bayard spielen wollen? Bayard? Bayard spielen? fragte Brauß. Herrlich! vortrefflich! einzig! Ich habe mir das ausgerechnet bei der letzten Flasche Champagner. Ich soll ja einen Franzosen machen. Nun ist aber ein nüchterner Franzose so inspirirt und agil und mobil, wie ein Deutscher, der schon seine zwei, drei Flaschen im Leibe hat. Deßhalb habe ich mich blos zum Franzosen hinaufgetrunken. Und können nicht gerade auf den Beinen stehn! lärmte der Amtsrath. Nun, Sie haben zum letzten Mal auf meinem schlechten Theater gespielt. Es soll Ihnen nicht mehr beschwerlich fallen. Danke ergebenst, danke, lieber Amtsrath, danke! rief Brauß mit mehrern verunglückenden Bücklingen. Geschieht mir, auf Ehre, 213 ein großer Gefallen damit. Habe mich ohnehin nur dabei ennuyirt, wegen Ihrer Tochter und Ihrem Gelde, und wegen Ihrem Gelde und Ihrer Tochter, und wegen Ihrem Gelde. Aber wo ist sie denn, Aphanasia? Wo ist denn das hübsche naseweise Näschen? Er sah sich überall mit gläsernen Augen um und entdeckte endlich Aphanasien, die sich hinter den Assessor Walther versteckt hatte. Aha, das ist sie, da ist Näschen! stammelte er, und schwankte mit halb rechts und halb links in mäandrischen Wellenlinien auf sie los. Sie retirirte zur Thür. Ei, Näschen, Näschen! rief er. Warum mir desertiren, kleine Maus, holdes Bräutchen? Schwerlich! rief Aphanasia und verschwand. Schwerlich? fragte Brauß, sich wieder rund umsehend. Schwerlich? Curios! Ein junger, blühender Mann, Herr von zwei Rittergütern, trunken, nämlich von der Milch der schönen Künste. Reite, fahre, tanze, fechte, wie Kastor und – die andern Namen sind mir entfallen. Und schwerlich? – Auch gut! Es gibt noch 214 fünfhundert Billionen oder Trillionen Frauenzimmer auf der Welt. Und – hahaha, sie sind nicht alle unerbittlich! Das weiß ich am beßten! Erst heute – wenn der Eheherr auf der Jagd ist, wird der Cortejo zur Gartenthür hereingelassen. Ich will hoffen, daß aus dem Unholde nur der Wein faselt, sagte der Amtsrath zu Seethal: denn sonst verböte ich ihm mein Haus für immer. Wer weiß, antwortete dieser. Ich sah ihn heute an einer Gartenthür warten, und der Herr des Gartens war wirklich auf der Jagd. Der Wein erfindet nicht, er schwatzt nur aus! citirte Walther aus den Piccolomini. Ja, ja, begann schläfrig Brauß von neuem. Man hat seine Ressourcen. Wenn Fräulein Aphanasia die Lotte spielen will, ich werde nicht den Werther machen. Auf Ehre, es wäre Schade um diesen schönen Schädel! Fräulein Aphanasia! Fräulein? Nun ja, aber plattirt. Weil der Vater herzoglicher Amtsrath ist, so rechnet man ihn quasi zum Adel. Doch nur 215 tolle Tressen! Wir sind von echtem Golde, wir! Ja, um das von ist es doch eine schöne Sache. Wer gescheit ist von uns, muß zwar auswendig thun, als ob er nichts darauf gäbe, aber, hahaha! inwendig wissen wir schon, woran wir sind. Hätte der alte Rotürier nicht so unbändig viel Geld, man bliebe doch lieber bei seines Gleichen. Es ist doch ein ganz anderes Wesen. Die Frau von Horst. Ein Prachtweib! Er taumelte schon halb schlafend zum Tische, goß eine Flasche Wein theils in ein Bierglas, theils daneben auf den Tisch, und warf sich damit auf das nahestehende Sopha. Die Frau von Horst! hoch! rief er und zog das Glas aus. Die Frau von Horst und die Gartenthür! lallte er noch einmal und entschlief. Das Glas entfiel seiner erschlaffenden Hand, aber er merkte es nicht, und bald verrieth sein kräftiges Schnarchen, daß er fest eingeschlafen war. Da liegt der Ritter ohne Furcht und Tadel, sprach trostlos der Amtsrath, vor ihn tretend. Da liegt er und schnarcht! und meine 216 Freude schläft auch, aber den Todesschlaf. Das ist mein Letztes! Personal und Orchester sind versammelt, meldete eintretend der Rentschreiber. Parterre und Logen wimmeln, fünf Uhr ist vorbei. Der Herr Amtsrath möchten sich ankleiden lassen. Ja, in mein Todtenhemde, erwiederte der Amtsrath. Denn wenn auch der General erkennt, daß ich an dem Scandal unschuldig bin, so wird mich doch alles zum Narren haben, und ich allein werde es ausbaden müssen, daß sich der Luriban, und nicht einmal bei mir, betrunken hat. Der Director ist doch ein für allemal der unglückliche Henkel, den jeder anpackt, der an dem Theaterkruge etwas flicken will. Nun, morgen wird alles über den Haufen gerissen, und damit basta in Ewigkeit! Ich habe Ihnen einen Vorschlag zu machen, Herr Amtsrath, sprach Wespe, den verzweifelnden Director an das Fenster ziehend. Ich habe den Bayard schon früher gelesen und mich jetzt ganz in ihn einstudirt, was ich für 217 die Pflicht jedes Schauspielers halte, wenn er auch nur eine unbedeutende Rolle hat. Ich habe drei Proben mitgemacht, in zweien den Bayard selbst gelesen, ich darf mich eines sehr guten Gedächtnisses rühmen, und die Jamben behalten sich fast unwillkührlich – Ganz wohl, ganz wohl, mein charmanter Freund, unterbrach ihn der Amtsrath ungeduldig. Aber was ist denn eigentlich der langen Rede kurzer Sinn? Wenn ich mir, platzte Wespe heraus: den Bayard während Aphanasiens Prolog noch einmal durchsouffliren lasse, so getraue ich mir ihn heute Abend zu spielen. Herr, sind Sie bei sich?! schrie der Amtsrath; ausser sich vor freudigem Schrecken. Ich hoffe, erwiederte Wespe lächelnd: und will das, wenn Sie es erlauben, heute Abend beweisen. Sie haben den Volteggio in der General-Probe recht hübsch gespielt, sagte der Amtsrath: aber ein Volteggio ist noch lange kein Bayard. Und abgesehen von allen dem, wo 218 wollen wir denn in der Geschwindigkeit einen Volteggio herbekommen? Der Sohn des Präsidenten, erwiederte Wespe: eine lustige Halle'sche Muse und mein sehr guter Freund, war gerade zu den Ferien bei seinen Aeltern, als meine Bestallung ankam. Als Assessor hier, nicht wahr? Ich gratulire herzlich, warf der Amtsrath dazwischen. Er konnte sich, fuhr Wespe, sich verbeugend, fort: das Vergnügen nicht versagen, sie mir selbst zu bringen, und macht schon Ihnen und mir zu Liebe den Volteggio, dessen zwölf Zeilen er von jetzt bis zum Ende des ersten Aktes leicht lernen kann. Dann halten wir im Zwischenakt eine kleine Probe seiner Scene, und Alles ist in Ordnung. Nur zwölf Zeilen hatte der Volteggio? fragte der Amtsrath, zog den Bayard, den er beständig bei sich führte, aus der Tasche und zählte nach. Wahrhaftig, kaum lumpige zwölf Zeilen! rief er gerührt und reumüthig: und das war Ihre ganze Rolle, Sie braver Mann, 219 Sie Schlußstein, der das ganze Gewölbe zusammenhält! Nun, auf mein Wort! ich will mich zu revangiren suchen. Aber wie wird es mit dem Costüme stehn, he? Der Studiosus erhält das meine, antwortete Wespe. Ich bin mit Brauß von einer Größe. Seine Kleider liegen bereits in der Garderobe – Und werden in Beschlag genommen von Rechts wegen! fiel der Amtsrath ein. Da auf dem Sopha kann sie der Schnarcher ohnehin nicht brauchen. So eben sind die Excellenzen angekommen! rief der Rentschreiber zur Thür herein. Auch der Feldmarschall? fragte hastig Lieutenant Falkenberg. Das weiß ich nicht, Herr Lieutenant, erwiederte der Rentschreiber. Ein ältlicher, großer Herr im blauen Sürtout ist mitgekommen, den ich aber nicht kenne. Donner und Wetter! das wird er seyn! rief Seethal. Allons , meine Herren! Alles strömte fort. Der Amtsrath und 220 Wespe gingen zuletzt. So hätte ich am Ende die Wahrheit gesagt mit meiner Nothlüge? fragte dieser jenen leise. – Ich zweifle, antwortete der Amtsrath, ihn vertraulich unter den Arm nehmend. Der General wollte den alten Obersten Brandenstein mitbringen, der wird es wohl seyn. Aber es ist mir recht lieb, wenn ihn die Herren Militairs für den Feldmarschall halten. Desto mehr Mühe werden sie sich geben. Alle Vortheile gelten. Wohl mir, rief Wespe mit einem vielsagenden Blick auf den schnarchenden Brauß: wenn Sie den Satz überall gelten lassen! Und sie gingen mit einander fort.   15. Trompeten schmetterten, Pauken wirbelten, der Vorhang rauschte auf. Vor dem strahlenden Tempel des Ruhmes stand Aphanasia als Fama, die großen, weißen Fittiche entfaltend, das Haupt mit Lorbern gekrönt, die goldene Tuba in der Hand. Durch das ideale Costüm, 221 wie durch Körperschöne und edle Haltung, eine vollendete Olympierin. Ihre sanfte, melodische Stimme verherrlichte die guten Jamben des Gedichtes. Von dem feinen Lobe seiner Feldherrnthaten schwoll dem alten General das Herz. Und als die liebliche Fama seine Milde schilderte, als sie das Gute aufzählte, was er gethan in seinem strengen Berufe, das Böse, das er verhindert, das Elend, das er gelindert, als sie ihm dankte im Namen der Tausende, die er beglückt oder gerettet, da rollten die Thränen des ehrwürdigen Greises auf die Logenbrüstung nieder, und er drückte dem weinenden Amtsrathe, der sich hinter ihn gestellt hatte, schweigend die Hand. Jetzt rief Fama's Wink den Genien, die, mit ihren Psycheflügeln herbei flatternd, die Büste des Generals unter einer fernen, sanften Flötenmusik im Tempel aufstellten. Fama setzte ihr den Lorberkranz auf. Hoch loderte aus den Urnen rechts und links die bengalische Flamme empor und schuf in der hellen Erleuchtung noch einen neuen helleren 222 Tagesglanz, und in dem Augenblicke sank der Vorhang nieder. Es ist zu viel, Freund, es ist zu viel! rief der General, den Amtsrath umarmend. Ich habe bei weitem nicht alles das Gute vollbracht, was Sie von mir rühmen, wenn ich mir auch bewußt bin, es recht redlich gewollt zu haben. Ich danke! ich danke herzlich! Ich dachte nicht, diesen Geburttag noch zu erleben, und Sie haben ihn zu meinem beßten Freudentage gemacht! Ich bin glücklich, Ihro Excellenz, sprach der Amtsrath tief bewegt: wenn es Ihrem alten Verehrer gelang, Ihnen einen frohen Augenblick zu schaffen. Wer hat den Prolog gedichtet? fragte der General, sich die Augen trocknend. Mein Urtheil kann hier natürlich nicht entscheiden, aber ich muß doch bekennen, daß ich ihn vortrefflich finde. Der Assessor Wespe, erwiederte der Amtsrath stolz. Ein Freund meines Hauses. Ich werde die Ehre haben, Ewr. Excellenz den 223 jungen Mann bei dem Souper vorzustellen. Ich muß es selbst gestehen: Er hat brav geschrieben. Das Gedicht ist schön, und um so schöner, je wahrer es ist. Der Graf und die Gräfin Erbach mischten sich lobend und preisend in das Gespräch. Der Amtsrath überließ ihnen den General, und eilte in die Garderobe, sich in den Vater Ligny zu metamorphosiren. Eben klingelte der Souffleur zum Aufziehen, da war er erst fertig und rannte nun mit klingenden Ritterspornen, vom: »Pst! und Stille!« des Personals verfolgt, nach der linken Säule des Prosceniums, hinter der er das ganze Theater überschauen konnte. Eben so passend, als vortheilhaft costümirt, saß schon Bayard-Wespe draußen bei der Landcharte, und Ligny staunte und freute sich über den ritterlichen Anstand des jungen Mannes, den er ihm in diesem Grade gar nicht zugetraut hatte. Und als sich nun Bayards Spiel immer mehr entwickelte, als seine treuherzige Vertraulichkeit mit dem Waffenbruder, die zierliche französische Courtoisie 224 gegen die Damen, der strenge, würdevolle Ernst gegen den tückischen Manfrone, die zarte, schonende Gemüthlichkeit gegen die liebesieche Miranda hinter einander hervortraten, da stand Ligny immer entzückter hinter seiner Säule, und brummte nur immerfort in abgebrochenen Sätzen: Er spielt brav – sehr brav! Brauß muß sich verkriechen. Der machte aus dem Bayard einen windigen, eiteln, anmaßenden, modernen Chevalier. Wespe stellt einen altfranzösischen Helden hin. Ich weiß nicht, wo mein Groll hingekommen ist! Er hat mir es angethan! Jetzt sank unter donnerndem Geklatsch und Bravorufen der Vorhang, und der Amtsrath stürzte dem herabkommenden Bayard entgegen. Alles verziehen! alles verziehen! schrie er, die Arme nach ihm ausbreitend. Prolog süperbe, General geweint, vortrefflich genannt, nach dem Autor gefragt, den Bayard wie ein Cherubini gespielt, Nair ist versöhnt, Freunde für immer! Es war meine schönste Hoffnung! 225 antwortete Wespe, und schloß den Nairen entzückt in seine Arme.   16. Gern hätte Bayard auf der Stelle diese rührende Versöhnungscene seiner Blanca vertraut, aber Volteggio's Scenen-Probe trat jetzt ein, und der arme Wespe, unvermögend die Lust mit der Pflicht zu vereinen, mußte, wie das oft im Leben der Fall ist, das Utile dem Dulci vorziehen. Die Probe des Studiosi , der, nach abgelegter Fuchsmütze, den Augen des weiblichen Personals sehr wohlgefiel, war tadellos, und der zweite Akt begann. In der Scene, die den Helden mit der einem andern vermählten Geliebten zusammenführt, boten Aphanasia und Wespe, von Liebe und Hoffnung begeistert, alles auf, der Liebe Schmerz und Glück, den harten Kampf der Pflicht und der Entsagung Glorie mit brennenden Farben zu schildern, und da das Herz auf dem höchsten Gipfel der Empfindung den 226 Pinsel führte, da Jugendreiz und Jugendfeuer das Paar unterstützten, so gelang die Schilderung so vortrefflich, daß das weibliche Publicum recht herzlich weinte, und sogar bei den Männern hier und da Augen naß wurden; der Amtsrath stand wieder hinter seiner Säule, sah, hörte, vermißte die früher gewünschte Lebhaftigkeit des Liebhabers nicht, bewunderte, wurde gerührt, und schluchzte am Ende ganz vernehmlich. Das ist nicht Kunst! Das ist Natur! rief er zuletzt, als das Licht, das ihm plötzlich aufging, seine Rührung erstickte. So spielen zwei Dilettanten nicht, wenn sie sich nicht schon vorher in einander verliebt haben. Und diese müssen ganz rasend in einander verliebt seyn. Jetzt ist mir auch die harrende Dienstbereitwilligkeit des Herrn Referendar, jetzt sind mir die christlichen Sühn-Ermahnungen Aphanasia's klar. Ja, das thut mir leid um alle Beide, aber daraus kann in Ewigkeit nichts werden. Zwar der saubere Brauß – der hat seine Braut vertrunken , vertrunken im 227 eigentlichen Sinne Absit! Aber für einen bloßen Assessor halte ich denn doch mein einziges Kind zu hoch, und – wenn ich auch den Nairen verziehen habe, so habe ich ihn deßhalb doch nicht vergessen!   17. Während dieses Monologs hatte sich der neue Volteggio in seiner zwölfzeiligen Rolle mit Lorbern bedeckt, die er, weil er bis zum Gefecht im fünften Akte nichts besseres zu thun wußte, rasch mit den Rosen einer Stundenliebe vertauschte. Mit ritterlichem Muthe suchte er den Postmeister und den Junker Benno von Birk zugleich aus den Herzen der beiden Conrectors-Töchter zu verdrängen. Da diese Anbeter für die Mädchen theils zu alt, theils zu jung waren, so gelang ihm das bei der goldenen Mittelstraße seiner Jahre mit bewundernswürdiger Geschwindigkeit, und als die Musik des zweiten Zwischenaktes anfing, stand er schon mit seinen beiden Eroberungen hinter der rechten Säule des Prosceniums und küßte 228 die ewig lachende Albertine, die mit ihrem Munde sonst nicht viel anzufangen wußte, munter nach dem Takte. Während dem suchte Bayard seine Blanca in allen Verstecken des Theaters und der Garderoben, und war fast allenthalben ein unwillkommener Störer geheimer Freuden. Hier sagte der ältliche Admiral, von seinem Monarchen belauscht, der Duenna Süßigkeiten vor, dort raubte der Ritter Rochefort der schönen Constantia Gritti den ersten Kuß, und die edle Lucretia, von ihrem Bayard Numero Eins verlassen, machte, ihrem Namen treulos, eben einige Manövres, die Hauptleute Talmond und Tremouille, und allenfalls auch den Weiberhasser Tardieu in die Schußweite ihrer Reize zu locken. Der Prinz von Bourbon aber rannte eben so wild wie Bayard auf den Bretern herum, um seine Miranda, die ihm abhanden gekommen war, aufzusuchen. Alles fühlt der Liebe Freuden, tändelt, schnäbelt, scherzt und küßt! und ich soll die Liebste meiden, weil sie nicht zu finden ist! 229 summte Bayard endlich verdrießlich, und stand in dem Augenblicke in Laura's-Lust am Waldgrunde vor der Gesuchten. Jauchzend flogen sie sich in die Arme. Du hast sehr gut gespielt, Eduard, und die Rittertracht steht Dir herrlich, flisterte Aphanasia, mit ihrem niedlichen Finger seinen zierlichen, mit Gummi aufgeklebten Schnurrbart streichelnd. Gegen Aphanasia und ihr Spiel versinke ich doch in das Nichts, antwortete er, in des holden Mädchens Anblick versunken: und bliebe noch etwas an mir übrig, so danke ich es Dir allein. Wen solltest Du nicht begeistern?! Diese einfache, schwarze Tracht ist herrlich gewählt. Sie zeigt die Schönheit flitterlos, und läßt ihr so ihren vollen Effect. Was Laura mit der Masse ihrer Juwelen nicht bewirken konnte, das erreicht blos Dein hohes, strahlendes, reines Auge! Schmeichler! rief Aphanasia und hing wieder an seinen Lippen, und Beide überhörten in der Umarmung ein leichtes Rauschen, das sich 230 hier hinter Bayards Zelt, was in der Nähe stand, erhob. Weißt Du es schon, daß Dein Vater versöhnt ist? fragte Wespe, als er den Mund wieder frei hatte. Ich sah von weitem die Friedensumarmung der beiden edlen Ritter, scherzte Aphanasia: und freuete mich sehr. Doch glaube darum nicht, daß wir am Ziele sind. Zwischen der Versöhnung und dem Ja, worauf es hier eigentlich ankommt, gähnt noch eine entsetzliche Kluft. Die Hauptsache ist in Ordnung, sprach Wespe getrost. An die Versöhnung muß sich in dem guten Herzen Deines Vaters bald die Dankbarkeit schließen. Denn daß der Bayard noch gegeben und so gut gegeben wird, das dankt er doch einzig und allein mir, meines unsterblichen Prologs gar nicht zu gedenken. Aber wie viel Ränke und Schelmereien hast Du auch deßwegen gesponnen! rief Aphanasia, mit dem Finger drohend. Mein Vater muß Dir schon für alle die Sünden dankbar 231 seyn, mit denen Du seinetwegen Dein Gewissen belastet hast. Schon die Liebesschwüre, mit denen Du die Unerfahrenheit der theuern Laura täuschtest, verdienen – Die herzlichsten Küsse von meiner Aphanasia! fiel Wespe, sie umarmend, ein: denn es ist fürwahr kein kleines Opfer, sich in eine Dirne verliebt zu stellen, die man verachtet. Das Rauschen hinter dem Zelt wurde stärker, aber während der Umarmung der Liebenden abermals überhört. Wenn sie das hörte! rief Aphanasia: ich glaube, es wäre jetzt noch um unsern Bayard geschehen, sie bekäme Krämpfe und ließe sich nach Hause fahren. Das thäte sie wohl nicht, meinte Wespe: denn dann brächte sie sich muthwillig um den Applaus für ihr wirklich sehr gelingendes Spiel und blamirte sich dabei noch entsetzlich. Andern Verdruß aber würde sie uns wohl machen, so weit ihr böser Wille und ihre schwache Kraft reichten. Aber das haben wir nicht zu fürchten. Sie liegt gewiß jetzt irgendwo liebselig 232 und liebewarm an Falkenbergs Brust und denkt unter seinen Küssen nebenbei an Erbachs Huldigungen, an den Brautstand mit mir und an, Gott weiß, was noch. Denn ein Herz wie das ihrige, ist im Stande, um das Universum der Männerwelt die Liebesarme zu schlingen! Da rauschte es plötzlich sehr vernehmlich hinter dem Zelte. Es spukt! schrie Aphanasia erschrocken und flog davon. Indem klingelte der Souffleur, der Vorhang des dritten Aktes ging in die Höhe, und Bayard eilte in die Garderobe, um die Ordenskette des heiligen Michael, die er bei dem süßen Geschwätz vergessen, noch in der Geschwindigkeit über den Panzer zu werfen.   18. Miranda trat zum ersten Mal als Jüngling auf. Herrlich stand dem schlanken und doch üppig gebauten Mädchen die männliche Tracht, und ein Zug von Erfahrung und List um den Augen ersetzte die verdunkelte Gesichtfarbe, die sich ihre Eitelkeit durch die Vorschrift des 233 Dichters nicht hatte aufdringen lassen. Ihr Spiel war meisterhaft, besonders in der edlen verborgenen Liebe zu Bayard, die sie in jeder Gebehrde, jedem Ton der Stimme auf eine herzgewinnende Weise zeichnete. Nur einmal kam es Wespen vor, als ob sie einen tückischen Giftblick auf ihn heftete, der aber sogleich, als sie sich beobachtet sah, in einem holdseligen Lächeln unterging. Wenn sie hinter dem Zelte gesteckt hätte! dachte er, und es rieselte ihm bei dem Gedanken kalt den Rücken hinunter. Wenn sie hinter dem Zelt gesteckt hätte, ich könnte mich auf das Schlimmste gefaßt machen, denn die ärgste Furie auf der Erde ist ein buhlerisches, bösartiges und beleidigtes Weib! Der König war zum Ritter geschlagen. Bayard umarmte ihn, und unter Trompeten- und Paukenschall fiel der Vorhang. Aphanasia war in ihr Zimmer gegangen, um sich zum Quartier in der Höhle von Longara 234 umzukleiden. Wespe schritt müßig auf den Bretern herum und hatte seine Freude an den verschiedenen Paarungen, bei denen sich im Laufe der Darstellung verschiedene Veränderungen ergeben hatten. Volteggio hatte die Dorfwirthin verloren, die zu dem Ritter Talmond übergegangen war, weil sie nicht Lust hatte, sich mit einem getheilten Herzen zu begnügen, und die edle Lucretia Gritti war mit dem Hauptmann Tremouille völlig einig geworden. In dem Seitengange hinter den Coulissen aber zogen, Arm in Arm, Bourbon-Falkenberg und Laura-Miranda in lebhaftem Gespräch auf und nieder. – Heftig schien die Dame in ihren Verehrer zu dringen, und dieser nur zögernd und unwillig sich zur Erhörung ihrer Bitte verstehen zu wollen. Endlich schlang sie ihren Arm um seinen Nacken, sah ihn mit Liebesblicken an und hielt ihm das Händchen hin. Unfähig, länger zu widerstehen, schlug er ein, und ihre Lippen wuchsen an einander fest. Wozu mag sie ihn wohl jetzt gedungen 235 haben? fragte sich Wespe nachdenklich. Kam sie mir doch beinahe vor, wie die Königin Griemhild im Nibelungen-Liede, wie sie den König Ezzel bearbeitet. Etwas Gutes hat sie nicht vor, so viel scheint mir erwiesen. Wenn nur erst der Bayard zu Ende wäre! Der Beginn des vierten Aktes unterbrach diese Reflexionen. Miranda war wieder so liebevoll wie vorher. Keine Spur von Tücke zeigte sich in den schönen, großen Augen, mit denen sie ihren Ritter so offen und seelenvoll fixirte. Dem Himmel sey Dank! sprach er bei sich. Ich habe ihr Unrecht gethan, so könnte sie mich doch nicht ansehen, wenn sie Böses mit mir im Sinne hätte! Als aber in der Scene zwischen Miranda und Manfrone, Wespe hinter den Coulissen stand, da sah er zu seinem Erstaunen, wie Falkenberg den Amtsrath bei Seite zog und sehr heftig mit ihm redete. Er sah diesen erschrecken und den Zornigen mit ängstlichem Flehen um etwas beschwören, was dieser beharrlich zurückwies. Dann ging Falkenberg in die 236 Garderobe, legte Schwert und Rüstung ab, zog seinen Ueberrock über die Rüstung und machte sich reisefertig. Was ist das wieder? fragte sich Wespe. Sicher nichts Gutes, und am Ende hat dieser Satan von Laura doch hinter dem Zelte gesteckt! Indem hörte er sein Stichwort und mußte mit den Waffenbrüdern hinaus. Als er sich seine Blanca aus der Höhle bei Longara glücklich gerettet, und in die Schlacht gestürzt war, nahm ihn der Amtsrath schweigend in Empfang, packte ihn, wie mit Adlergriffen, und schleppte ihn nach der jetzt leeren Damen-Garderobe, in die er sich mit ihm einschloß. Freundchen, Freundchen! jammerte er. Nun ist alles aus, wenn Ihr nicht noch einmal helft. Und dießmal ist es Eure verdammte Schuldigkeit, zu helfen, weil Euer unnützes Maul uns dießmal in dieses Unglück gebracht hat. Ihr könnt nun einmal das Satyrisiren nicht lassen, und es wird Euch noch um Hals und Kragen bringen, denn es sind nicht alle Leute solche gute Narren wie gewisse Nairen! 237 Die Sache? fragte Wespe ärgerlich, weil ihm schon alles ahnte, was ihm der Amtsrath zu sagen haben werde. So eben hat Falkenberg mit mir gesprochen, referirte der Amtsrath: und auf eine sehr determinirte Art, sage ich Ihnen. Wie er behauptet, haben Sie sich über sein Verhältniß zu Lauren beleidigende Aeusserungen erlaubt, und wenn Sie nicht deßhalb das Pärchen auf der Stelle um Verzeihung bitten, so will er nicht mit Ihnen auftreten. Wohl ausgesonnen, Pater Lamormain! rief Wespe: Wär' der Gedank' nicht so verflucht gescheit, man wär' versucht ihn herzlich dumm zu nennen! Was helfen mir jetzt Ihre Citata aus dem Wallenstein! zankte der Amtsrath. Schaffen Sie mir einen andern Prinzen Bourbon, oder leisten Sie dem, den wir haben, und seiner Amasia die verlangte Deprecation! Ich kann keines von beiden, antwortete Wespe fest. Das weiß auch die theure Laura recht gut. Es ist ihr auch gar nicht um die 238 Abbitte zu thun, sondern sie will den Bayard noch im Hafen scheitern sehen – oder – etwas Anderes – was ich ihr weit eher zu Gefallen thun könnte! Den Bayard scheitern sehen? fragte der Amtsrath, während draußen das Bravo und Geklatsche des Publicums losbraus'te. Das würde sie wohl schon ihrer eigenen Rolle nicht anthun. Ihre eigentliche Rolle ist jetzt zu Ende, antwortete Wespe. So eben fiel der Vorhang. Sie hat ihren Beifall schon geerntet und ihren Lohn dahin. Aus der Leichenrolle im fünften Akt wird sie sich wenig machen. Was hilft mir das alles?! rief ungeduldig der Amtsrath. Durch alles das Klügeln über ob? und wie? und warum? bekomme ich keinen Bourbon. Und den muß ich haben, den müssen Sie mir schaffen. Ich habe keine Ressourcen weiter. Der Feldmarschall zieht auch nicht mehr. Ich wollte den Insurgenten mit der Durchlaucht imponiren, aber er lachte mir in's Gesicht, weil er den alten Brandenstein 239 schon erkannt hatte. Und denken Sie sich das namenlos Entsetzliche, wenn ich gegen das Ende des fünften Aktes heraustreten und es einem respectabeln Publico klagen muß, daß mir der Prinz von Bourbon durch die Lappen gegangen ist. Ich könnte mich ja in meinem Leben vor keinem Menschen mehr sehen lassen. Nein, Herr, ich kann Ihnen nicht helfen. Womit man gesündigt hat, damit muß man büßen. Kurz und gut, Sie müssen abbitten! Könnten Sie es mir im Ernst zumuthen, Herr Amtsrath, fragte Wespe gekränkt: diesem Frauenzimmer, deren Unwerth Sie selbst mich kennen gelehrt, die Wahrheit abzubitten, die ich nach meiner innigsten Ueberzeugung ausgesprochen, einen Officier um Verzeihung zu bitten, den ich gar nicht beleidigt habe, und der in dieser Bereitwilligkeit nur die feige Friedensliebe des Civilisten behohnlächeln würde? Nimmermehr! Indeß seyn Sie unbekümmert. Was ich mit Ehre darf, das will ich dransetzen, daß Ihre Freude nicht gestört werde! Er verließ rasch die Garderobe. Erstaunt 240 und wohlgefällig sah ihm der Amtsrath nach. Ein Teufelskerl! sagte er. Spricht, als ob er der Ritter ohne Furcht und Tadel selbst wäre! Die tapfern Redensarten müssen ihm so mit dem Helm und Panzer angeflogen seyn. Aber es gefällt mir, und wenn es nicht bloßes Mundwerk wäre, – würde es mir noch besser gefallen.   19. Wespe, der Falkenbergen suchte, fand ihn Arm in Arm mit Laura vor dem in doppelter Beziehung fatalen Zelte. Er zog ihn bei Seite. So eben, Herr Lieutenant, sprach er höflich: habe ich zu meiner Befremdung von dem Amtsrath erfahren, daß Sie von mir eine Abbitte verlangen, und im Weigerungfalle nicht mit mir auftreten wollen. Ganz richtig, erwiederte Falkenberg kurz. Was weiter? So erlauben Sie mir, fuhr Wespe fort: Ihnen zu sagen, daß Sie wohl vor einer so 241 auffallenden Erklärung einen Versuch hätten machen sollen, sich mit mir zu verständigen. Das wollte ich nicht, weil ich meine Hitze kenne, antwortete Falkenberg: und mich fürchtete, das Vergnügen unsers gastfreien Wirthes durch eine heftige Scene zu stören. Dem sey wie ihm wolle, erwiederte Wespe noch immer sehr gelassen: so haben Sie doch in der Hauptsache Unrecht, denn ich kann Ihnen mein Ehrenwort geben, daß ich Ihre Person auf keine Weise beleidigt habe. Erlauben Sie mir, sprach Falkenberg bitter: daß ich hierin der Erzählung glaubhafter Personen glaube. Uebrigens war auch jedes Wort, wodurch sich Mamsell Willig verletzt halten konnte, gegen mich gesprochen! Dann ist freilich von einer Verständigung zwischen uns nicht weiter die Rede, sagte Wespe. Doch Ihre Alternative ist auf jeden Fall unpassend. Hätte ich Sie wirklich beleidigt, so könnten Sie sich blos an mich halten. Ueber das Vergnügen dieses Abends steht uns Beiden keine Disposition zu. Wir haben 242 uns einmal zum Spiel verpflichtet und müssen Wort halten, unser Verhältniß gegen einander sey, welches es wolle. Jedem freien Manne muß es frei stehn, die Sachen aus seinem Gesichtspunkte zu betrachten, erwiederte Falkenberg, der doch durch Wespe's ruhige Fassung und durch das Gefühl des eigenen Unrechts etwas verlegen wurde. Ich könnte Ihnen leicht beweisen, sprach Wespe: daß Sie in diesem Augenblicke nichts weniger als frei sind, aber das würde uns zu weit führen. Drum kurz zur Sache. Habe ich Sie beleidigt, so haben Sie Genugthuung von mir zu fordern. Sie haben dazu die Abbitte vorgeschlagen. Vorgeschlagen! Nichts weiter stand Ihnen zu. Mir aber steht zu, diesen Vorschlag zu verwerfen , wenn ich Ihnen eine andere Satisfaction zu geben bereit bin, bei der meine Ehre nicht leidet. Wie meinen Sie das? fragte Falkenberg mit großen Augen. Sie sind Cavalier und Officier, sprach 243 Wespe mit einer artigen Verbeugung: Sie können mich unmöglich mißverstehen. Also Duell! rief Falkenberg. Ich stände Ihnen gern zu Dienst, wenn ich nur wüßte, ob ich berechtigt bin, mich mit Ihnen zu schlagen, da sie weder Officier, noch Edelmann sind. Da funkelten Wespe's Augen, und er biß sich grimmig in die Lippen. Doch faßte er sich noch und eilte fort. Bald kam er wieder im Ueberrock, ein großes Papier in der Hand, seinen Uniform-Degen unter dem Arme, von Lieutenant Seethal begleitet. Kraft dieser Bestallung, sprach er wieder ganz ruhig: bin ich herzoglicher Kreisgerichts-Assessor, also an Stande Ihnen gleich. Diesen Degen gab mir der Herzog als Ehrenzeichen, ich muß daher auch berechtigt seyn, mit ihm meine Ehre zu vertheidigen. Der Jurist verläugnet sich doch nie! rief lachend Seethal. Sogar in einer Ehrensache, die seine Gesetzbücher verbieten, beweis't er durch Urkunden, daß er das Recht hat, sich 244 zu schlagen. Uebrigens hast Du Dich ganz unnöthiger Weise incommodirt, lieber Bruder. Du bist ein braver Kerl, Falkenberg ist es auch, und er wird Dir Satisfaction nicht versagen. Mein Ehrenwort zum Pfande! Unter diesen Umständen freilich nicht, antwortete Falkenberg freundlich, seinen Degen umschnallend. Willst Du mir secundiren, Seethal? Nein, ich kann ja meinen neuen Bruder nicht im Stiche lassen, antwortete Seethal. Für Dich wird sich schon noch jemand finden. Talmond und Tremouille machen aus Leibeskräften die Cour, aber dort lehnen ja Seine Königliche Majestät in der Coulisse. Lange ihn Dir ab und laß uns gehen. Im Zwischenakt ein kleines Duell als Intermezzo! rief Falkenberg lachend. Die Idee ist originell! Der Rittmeister ward schnell unterrichtet, nahm seinen Degen und ging mit ihnen. An der Thür begegnete ihnen der Amtsrath. Wohin, meine Herren, wohin? fragte er befremdet. Ich will bald aufziehen lassen. 245 In einer Viertelstunde sind wir wieder da, sprach Wespe. Lassen Sie nur unterdeß noch einige Pieçen geigen. Ein wildes Bataille-Stück von Beethoven! rief Falkenberg, der sich unterdeß mit Laura geletzt; und sie stürmten hinaus. Das hat etwas zu bedeuten, sprach der Amtsrath, und sein Blick fiel nun auf Laura, die, das schöne Gesicht voll garstiger Freude, da stand. Wissen Sie vielleicht etwas von der Sache? fragte er sie mißtrauisch. Wie sollte ich? fragte sie dagegen. Ich bin über dieß schnelle, ungestüme Weggehen so frappirt als Sie. So, so! sagte der Amtsrath. Nun, Ihr Ruhebette steht schon parat. Sterben Sie nur hübsch bald, und legen Sie sich zur Ruhe, damit wir auch Ruhe bekommen, setzte er sachte hinzu. Laura warf das Köpfchen und ging, und der Amtsrath murmelte hinter ihr her: Daß ich der Petrarca dieser Laura nicht seyn möchte, hat auch seine Richtigkeit. Da wäre mir die 246 treue Katze lieber, bei deren grünem Augenlichte er seine Sonette schrieb.   20. Hell schien der Mond auf den stillen, beschneiten Schloßhof. Die vier Jünglinge kamen rasch und schweigend daher geschritten und stellten sich. Die Degen blitzten aus ihren Scheiden und klirrten sogleich lustig gegen einander. Beide fochten gut und muthig, und keiner wich auch nur einen Fußbreit zurück. Doch schien auf Wespe's Seite die höhere Kunstfertigkeit, bei Falkenbergen die größere Kraft zu seyn. Und zu dem Geklinge der Degen rauschte vom Theatersaale das bestellte Furioso herab, zum wilderen Fechten die Kämpfer entflammend. Halt! riefen zugleich beide Secundanten, und fuhren mit ihren Degen dazwischen. Beide Streiter waren verletzt. Falkenbergs rechter Arm war gefleischt, Wespe's linke Wange hatte eine leichte Streifwunde. Bonne amitié! rief der Rittmeister, und die Secundanten führten die Kämpfer zur Umarmung zusammen. 247 Bonne amitié! sprach Falkenberg, Wespen herzlich küssend. Sie sind ein braver Mann. Und wie hat er sich geschlagen! Süperb, auf Ehre! sagte Seethal. Ich will Euch gleich unsern Escadron-Chirurgus aus dem Parterre holen. Er ging. Um so weniger kann ich begreifen, sprach Falkenberg: was Sie veranlassen konnte, sich nachtheilig über mich zu äussern. Nach der bonne amitié muß die Vergangenheit versunken seyn, erinnerte der Rittmeister. Vielleicht gilt mein Wort jetzt mehr bei Ihnen als vor einigen Minuten, sagte Wespe. Auf meine Ehre, ich habe nichts gegen Sie gesprochen! Was konnte aber die Willig zu dieser teuflischen Lüge bewegen?! rief Falkenberg. Einige Schuld trage ich wohl dabei, antwortete Wespe. Um das mannsüchtige Mädchen für die Miranda zu gewinnen, hatte ich ihr ein wenig die Cour gemacht. Mich zu binden, hatte sie das benutzt, sich in der Stadt 248 für meine Braut ausgegeben. Heute hat sie wahrscheinlich eine Unterredung belauscht, aus der sie erkennen mußte, daß ich sie verachte, und daß meine Liebe einem andern Gegenstande geweiht ist. Deßhalb hat sie sich durch Sie an mir rächen wollen. Sie hat sich für Ihre Braut ausgegeben? fragte Falkenberg entsetzt. Das wäre abscheulich! Wann? Gestern! erwiederte Wespe. Aphanasia kann Ihnen die Details erzählen. Ist nicht nöthig, sagte kleinlaut der Graf Erbach. Sie hat es gestern in meiner Gegenwart bei dem Postmeister gesagt. Die Dame taugt überhaupt nicht viel, und wir hätten sämmtlich wohlgethan, uns nicht an sie wegzuwerfen. Noch einmal bonne amitié! rief Falkenberg, Wespen wiederholt küssend. Schade um unser edles Blut! Wir hätten es wohl um einen würdigeren Gegenstand vergießen können. Dafür muß ich mich auch noch bei der Hexe revangiren durch etwas Blâme und einige Todesangst. 249 Und nun hinein zum Verbinden! trieb Seethal, der mit dem Escadron-Chirurgus aus dem Schlosse trat. Die Wunden sind zwar leicht, aber der scharfe Nachtfrost taugt nichts für sie. Und nicht wahr, Falkenberg, jetzt spielen Sie den Bourbon? fragte freundlich Wespe. Wie sollte ich dieser Laura die Freude machen, Euch und dem guten, alten Amtsrath die Freude zu verderben! rief Falkenberg, Wespen umschlingend. Auf Ehre! ich will Euch von meinen Leuten ein Fahnendach machen, das sich gewaschen haben soll! Und Arm in Arm gingen die versöhnten Gegner in das Schloß.   21. Unterdeß lag eben auf der Bühne die schöne lebendige Leiche auf ihrem Ruhebette, des Anfanges harrend. Daneben stand der wartende Basco. Der Amtsrath sah unten in der Garderobe unverwandt und ängstlich nach der Thür, durch welche die Viere verschwunden waren. 250 Die Franzosen und Welschen waren, rechts und links hinter den Coulissen, mit ihren Fahnen und Führern vollständig gerüstet aufmarschirt, und das Orchester trompetete und paukte das Furioso so furieux , daß das Publicum Ohrenzwank davon bekam. Jetzt kam auf einmal Walthers Schreiber, der Manfrone's Stallmeister gemacht, mit blutiger Nase herbeigerannt. Eilen Sie, sprach er ängstlich zum Amtsrath: wenn Sie ein Unglück verhüten wollen. Es gibt ein Duell in Ihrem Schlosse. Als ich mit den Dragonern anlangte, die ich herzugeholt hatte zur Bataille, da hörte ich Degengeklirr im Hofe. Ich sah durch das Saalfenster, und da standen der Herr Wespe und Herr Lieutenant von Falkenberg und hieben mit den Degen auf einander los, daß die Funken davon stoben. Ich rannte, wie unsinnig, hierher, um es zu melden, trat mir dabei auf die Feldbinde, fiel, im eigentlichen Sinne, die Treppe hinauf, schlug mir Maul und Nase auf, und über dem Blutstillen ist so viel Zeit 251 vergangen, daß sie sich unterdeß zehn Mal massacrirt haben können. Um Gottes willen, Vater, ist es wahr?! rief Aphanasia schluchzend herbeifliegend: Wespe schlägt sich?! Ja wohl, und ganz eigentlich um meinetwillen! antwortete der Amtsrath. Er setzt sein Leben, oder doch seine gesunden Glieder an mein Vergnügen, der brave Junge! Ich muß nur zu wehren und zu retten suchen, wenn noch etwas zu wehren und zu retten ist. Er eilte zur Thür. Da begegneten ihm schon die Viere, Falkenberg mit verbundenem Arm, Wespe ein schmales, schwarzes Pflaster auf der Wange, was ihm zu dem Schnurrbarte recht gut ließ. Ei, ei, meine Herren! rief der Amtsrath. Haben Sie sich die Blessuren blos der Theaterschlacht zu Ehren zugelegt, als Requisite, oder – Ernst, alter Herr, ernstlicher Ernst! rief Seethal, dem Amtsrath auf die Schulter klopfend. Es ging scharf her. Die Beiden haben 252 gestanden, wie Mauern. Dafür ist auch Alles jetzt in Ordnung. Wir sind Freunde, sprach Falkenberg, an Wespe's Hand vortretend: und der Prinz von Bourbon enrollirt sich auf's Neue unter Ihre Fahnen. Te deum laudamus! rief der Amtsrath, Beide umarmend. Nun legt aber auch bald los. Jetzt ist wohl keine Störung mehr zu befürchten. Ich werde daher meinen Ueberrock anziehen und mir den fünften Akt im Parterre mit Muße betrachten, damit ich doch für alles das unendliche Drangsal eine kleine Ergötzlichkeit habe. Macht Eure Sachen gut! Er ging und nahm incognito im Parterre Platz. Die Klingel ertönte, der Vorhang flog in die Höhe, der Amtsrath bewunderte die unschuldvolle, edle Miene, mit der die verewigte Miranda auf ihrem Castrum doloris lag, und belächelte die Stärke und Innigkeit des Gefühles, mit welcher Bayard in seiner Leichenrede ihre Tugenden pries. Jetzt wurde sie abgetragen, der Amtsrath machte ein Kreuz hinter ihr her, und Blanca's verzweifelndes 253 Geschrei ertönte. Sie stürzte auf die Bühne. Da sie noch bewegt war von der Angst um den Geliebten, so gesellte sich zu der Kunst die Wahrheit der Empfindung. Bayard gab ihr nicht nach. Manfrone füllte durch weise Mäßigung das Kleeblatt auf eine recht würdige Weise, und die Scene wurde zum Meisterstück, so daß der Amtsrath, seine Verhältnisse als Vater und Theater-Director vergessend, recht aus Herzensgrunde in das allgemeine Klatschen und Bravorufen einstimmte. Sie geben sich ein rasendes Dementi! flisterte es grimmig neben ihm. Er sah sich um und erblickte den Herrn von Brauß, der, endlich aus seinem Weinschlafe erwacht, sich vom Sopha erhoben und mit einem gar nüchternen und blassen Angesicht neben ihm Platz genommen hatte. Wer sich heute das größte Dementi gegeben hat, weiß meine Tischgesellschaft am beßten, antwortete abwehrend der Amtsrath. Sitzen Sie jetzt nur hübsch stille und stören Sie mich nicht. 254 Indem klingelte der Souffleur zur Verwandlung. Der Thürhintergrund flog rasch in zwei Hälften aus einander. Und hinter der linken Hälfte standen Blanca und Bayard, die sich wahrscheinlich vor ihrem Abgange in das Kloster und in die Schlacht noch einmal mit einander hatten letzen wollen, in schweigender Umarmung, ohne es zu bemerken, daß ihre Gruppe dem ganzen Publicum zum ergötzlichen Schauspiel gereichte. Sehn Sie, sehn Sie! zischte Brauß, giftig den Amtsrath stoßend. Ein leises Gelächter säuselte über die Versammlung. Wespe, Wespe! Sieh' Dich doch um! rief Walther hinter der Scene. Das Pärchen fuhr erschrocken aus einander und verschwand. Ei, ei! Es ist doch die Möglichkeit! sprach, nach einer Pause des Erstaunens, der Amtsrath. Das ist mir doch gar nicht lieb! Gar nicht lieb? knirschte Brauß. Und das ist alles, was Sie darüber zu sagen haben? Ich werde mich gegen Herrn Wespe nicht so glimpflich aussprechen! 255 Nehmen Sie sich in Acht, warnte der Amtsrath. Er ist gleich bei der Hand mit der Klinge und ficht wie ein Satan. Folgen Sie lieber meinem Beispiel. Ich werde alles gütlich abzumachen suchen. Freilich war es nicht meine Absicht, das so zeitig zu thun, aber wer kann helfen! Ich sehe auf einmal ganz deutlich, daß ich hier überflüssig bin, sagte Brauß, aufstehend: und empfehle mich Ihnen für immer. Gleichfalls, gleichfalls, Herr von Brauß! erwiederte der Amtsrath, sitzenbleibend. Der lächerliche Hohlkopf entläßt Sie von seinem schlechten Theater, und der alte Rotürier will Sie zu keinem Mißbündniß verführen, zumal er jetzt weiß, wie Sie inwendig über Ihr von denken. Er behält sein Geld und sein Näschen, und überläßt Sie gern und willig der Frau von Horst und andern Damen von Stande, die ihre Gartenthüren für Sie offen lassen wollen. Da erkannte Brauß, daß er ganz erkannt sey, und schlich schweigend davon. 256 Unterdeß hatte ein fern beginnender, sich immer mehr nähernder kriegerischer Marsch die Schlacht vorbereitet. Trommeln und Trompeten lärmten jetzt zum Angriff, und das Gefecht zog sich mit so vieler Präcision und Lebendigkeit über die Bühne, daß die sämmtlichen Militairs unter den Zuschauern sich nicht enthalten konnten, den Combattanten ein Bravo nachzurufen. Auch das danke ich ihm! sprach der Amtsrath zu sich. Und bei dem Einüben bekam er die erste Blessur! Und wie herzensgut bewies er sich nicht gegen den Tölpel von Dragoner? Ja wahrlich, er ist gut und so gescheit, daß er noch zehn Köpfe mit seinem Fonds betheilen könnte! Courage hat er, einen Posten gleichermaßen. Was will ich mehr? Und wie würde ich den Schwiegersohn bei meinem Theater brauchen können! Ja, es wird sich wohl nicht anders thun lassen! – Dadurch wird auch zugleich die seltsame, herkulanische Gruppe ausgeglichen, über die sich sonst noch viele Mündchen und Mäuler zerreißen würden! 257   22. Unter den Thränen des Parterre und der Rangloge, unter einem Beifallslärm, wovon das Theater erbebte, war Bayard höchst erbaulich gestorben, der Vorhang war gesunken, das Personale strömte auf der Bühne zusammen, und die Officiere vereinten sich, leise und heftig mit einander redend. Wespe merkte, wem es galt, und flisterte Walthern etwas zu. Dieser trat zu der edlen Laura und zog sie bei Seite. Mich sendet Wespe, sprach er leise. Falkenberg hat sich mit ihm verständigt. Ihre Machinationen sind entdeckt. Die Officiere bereiten Ihnen eine öffentliche Beschämung vor, die Ihnen Wespe zu ersparen wünscht. Erlauben Sie daher, daß ich Sie nach Hause begleiten darf. Ich kann den Weg recht gut allein finden, lieber Assessor, und will Sie nicht der Gesellschaft entziehen, antwortete Laura mit ihrem süßesten Tone und verschwand. 258 Diesem letzten Edelmuthe Wespe's folgte, wie solches in einem vorschriftmäßig zubereiteten Romane jederzeit geschehen muß, die Belohnung auf dem Fuße nach. Der Amtsrath erschien auf den Bretern, ergriff schweigend Aphanasien mit der rechten, Wespen mit der linken Hand und stellte sich mit ihnen mitten auf die Bühne, die Fronte der Gardine zugekehrt. Noch einmal geklingelt! commandirte er. Die Klingel ertönte, der Vorhang rauschte auf. Der herzogliche Kreisgerichts-Assessor und meine Tochter Aphanasia empfehlen sich als Verlobte! rief er in das Amphitheater, indem er die Hände der Liebenden vereinigte. Vater! jauchzte das glückliche Paar, ihm von beiden Seiten um den Hals fallend. Bravo! wir gratuliren! Bravo! jubelte das Publicum, Beifall klatschend. Orchester, Tusch! schrie Seethal, und unter Trompeten und Paukenschall fiel der Vorhang.