Heinrich Smidt Seeschlachten und Abenteuer berühmter Seehelden. Der deutschen Jugend erzählt von Heinrich Smidt. Mit einem Anhang: Bilder aus dem Chinesisch-Japanischen und dem Amerikanisch- Spanischen Kriege. Inhalts-Verzeichnis.         Horatio Nelson Kap Sanct Vincent Abukir Trafalgar Jean Bart Der Seefuchs Am Bord der »sieben vereinigten Provinzen« Kaspar de Keyser Jean Bart zu Hause Kamerad Forbin Tordenskiold Das Debüt des Kadetten Der Ulk bei Hofe Allerlei Schweden in Dänekark Vom Fischer zum Vice-Admiral Michael de Ruiter Die Schlacht vor Plymouth Die Schlacht der fünf Admirale Der Ritterschlag Deutsche Gäste Vor Dünkirchen Die letzte Stunde Von der Groeben Kurfürstliche Marinebilder Anhang : Die neuern Kampfmittel im Seekriege Aus dem Kriege zwischen China und Japan Der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika Horatio Nelson. Der Seeheld, der diesen Namen unsterblich gemacht hat, war der Sohn des Pfarrers Nelson zu Burnham-Tary in der Grafschaft Norfolk. In diesem Orte wurde er am 29. September 1758 geboren. Der Bruder seiner Mutter war Kapitän in der Flotte, und von ihm ging die erste Anregung aus, den jungen Nelson für den königlichen Marinedienst zu bestimmen. Diesem Offizier verdankt also England eigentlich seinen größten Seehelden. Kapitän Suckling brachte den zwölf Jahre alten Knaben an Bord des Linienschiffs »Raisonnable.« Hier begann er nun den Dienst zu erlernen und sich für den künftigen Seeoffizier vorzubereiten, der, wie er später selbst sagte, die praktischen Kenntnisse des Matrosen mit den Manieren eines Gentleman verbinden müsse. Er arbeitete im praktischen Dienste, wie in den nautischen Wissenschaften mit einem solchen Erfolge, daß er bereits 1777 die Prüfung als Lieutenant zur See bestehen konnte. Als solcher that er sich auf der Fregatte »Lowestoffe« während eines Rencontres mit Amerikanern auf der Höhe von Jamaika so hervor, daß er den Befehl über einen zu der Expedition gehörigen Schoner erhielt. Admiral Parker, auf den jungen Mann aufmerksam gemacht, versetzte ihn auf sein Flaggenschiff und gab ihm bald darauf das Kommando einer Brigg, mit welcher er in der Hondurasbai und an der Mosquitoküste kreuzen mußte. Bei den Angriffen auf die spanischen Kolonieen, welche 1780 stattfanden, bot sich ihm die erste Gelegenheit zur Auszeichnung dar; doch mußte er, da das Klima einen nachteiligen Einfluß auf seine Gesundheit übte, nach Europa zurückkehren. Während des Winters 1781 kreuzte er in der Nordsee, ging aber schon im nächsten Sommer nach Amerika zurück und stellte sich zur Verfügung des Lord Hood. Drei Jahre später war er Kapitän zur See und erhielt das Kommando einer Fregatte. Einige Jahre lebte er nun in häuslicher Zurückgezogenheit, bis der Krieg, welcher 1793 zwischen England und Frankreich ausbrach, ihn wieder auf den Schauplatz seiner Thaten rief. Im August desselben Jahres segelte er nach Neapel und hatte das Unglück, bei der Einnahme von Calvi auf der Insel Corsica das rechte Auge zu verlieren. In einer der Batterieen, die gegen die Festungswerke dieses Ortes aufgeworfen waren, wurde nämlich das Auge von mehreren Erdstücken getroffen, die durch das Einschlagen einer Kugel in die Brustwehr umhergeschleudert wurden. Die Wunde hielt ihn nur einen Tag im Zimmer, aber er sagte oft, es habe kein Haarbreit gefehlt, so wäre der ganze Kopf weggerissen worden. Sein Vater schrieb ihm bei dieser Gelegenheit: »Du brauchst nicht zu sorgen, lieber Horace, daß ich Dir je eine gefährliche Schmeichelei sagen werde; aber das gestehe ich, eine Freudenthräne tritt mir zuweilen ins Auge, wenn ich Deinen Namen so ruhmvoll nennen höre.« Als Sir John Jervis (Lord Sanct Vincent) im November 1796 das Kommando antrat, wurde Nelson von diesem zum Kommodore ernannt; er erhielt die Führung eines Linienschiffes von 74 Kanonen. Am 14. Februar 1797 zeichnete er sich in der Schlacht beim Kap Sanct Vincent ruhmvoll aus. Sein Lohn dafür war das Patent als Contre-Admiral und der bald nachher folgende Oberbefehl über das Blockade-Geschwader von Cadix. Auf die Nachricht, daß ein überaus reich beladenes Schiff in dem Hafen von Santa Cruz liege, ging er mit drei Fregatten dahin ab, um die Wegnahme desselben zu versuchen. Allein das Unternehmen mißglückte, und ihm selbst wurde der rechte Arm derart zerschmettert, daß er abgenommen werden mußte. Nach seiner Wiederherstellung erhielt er den Befehl, Toulon zu bewachen, wo Napoleon die Expedition nach Ägypten vorbereitete. Es war dies der Beginn eines Seezuges, der mit der Schlacht bei Abukir schloß. Da Parlament ernannte ihn für diese That zum Baron vom Nil und bewilligte ihm eine Pension von zweitausend Pfund Sterling. Der Kaiser von Rußland und der König beider Sicilien machten ihm reiche Geschenke. Als darauf die Franzosen in Neapel eindrangen, führte Nelson den König sicher nach Palermo über. Im Jahre 1800 ward er Admiral der blauen Flagge und trat als zweiter Befehlshaber zu der großen Flotte, welche sich unter Admiral Parker in der Nordsee sammelte, um den Bund der nordischen Seemächte zu trennen. Am 2. April 1801 erhielt Nelson den Befehl, mit zwölf Linienschiffen und drei Fregatten Kopenhagen anzugreifen. Das Gefecht führte zu einem Waffenstillstand und bald darauf zu einem Vergleich. Nach seiner Rückkehr von diesem Seezuge wurde er von dem Könige zu dem Range eines Viscount erhoben. Bei dem Wiederausbruch der Feindseligkeiten übernahm Nelson den Befehl der Flotte im Mittelländischen Meere. Im März 1805 verließ die französische Flotte den Hafen von Toulon und vereinigte sich zu Cadix mit dem spanischen Geschwader, um nach Westindien zu segeln. Nelson eilte ihnen nach, fand sie aber nicht, weil sie unterdessen nach Cadix zurückgekehrt waren. Nun übernahm Nelson den Oberbefehl der vor Cadix versammelten siebenundzwanzig Linienschiffe. Mit dieser Macht verfolgte er die dreiunddreißig Linienschiffe starke französisch-spanische Flotte, die am 19. Oktober ausgelaufen war, und traf mit derselben am 21. früh bei dem Vorgebirge Trafalgar zusammen. Diese Schlacht ist ein Triumph und Trauertag für England, denn der Feind wurde glänzend besiegt, aber Nelson zahlte diesen Sieg mit seinem Leben. Am 8. Januar 1806 langte seine Leiche in London an, woselbst sie in der Paulskirche feierlich beigesetzt wurde. England hat seinem großen Admirale Denksteine und Ehrensäulen errichtet. Einen der glorreichsten habe ich mit Ehrfurcht angeschaut. Es war das Admiralschiff »Victory,« auf welchem Nelson vor Trafalgar fiel. Ein alter Invalide führte mich herum. Endlich deutete er auf eine mit einem eisernen Gitter umgebene Stelle, nahm die Mütze ab und sprach mit feierlichem Tone: »Hier soll jeder britische Seemann niederknieen und das Gitter küssen; innerhalb dieses Raumes hat der große Nelson seine Seele ausgehaucht.« »Weep, Britannia! weep, weep!« Dies ist der Refrain eines Liedes, das von einem englischen Seemann auf Nelsons Tod gedichtet wurde, und heißt: »Weine, Britannia, weine, weine!« Inmitten dieses Raumes sieht man eine glänzende Kupferplatte und auf derselben die historisch denkwürdigen Worte: »England expects that every man will do his duty,« das heißt. »England erwartet, daß jedermann seine Schuldigkeit thun wird;« dies sind Nelsons letzte Worte vor der Schlacht bei Trafalgar. Kap Sanct Vincent. (14. Februar 1797.) Die spanische Flotte unter den Befehlen des Don José von Cordova hatte am 1. Februar Carthagena verlassen. Sie zählte fünfundzwanzig Linienschiffe und elf Fregatten. Am 5. durchfuhr sie die Meerenge von Gibraltar. Widrige Winde verhinderten das Einlaufen in Cadix, und am 13. ward der Feind signalisiert. Die Spanier, nicht ahnend, welche Verstärkungen den Engländern aus der Heimat zugegangen waren, verließen sich auf ihre ungeheure Übermacht und verabsäumten jede Vorsichtsmaßregel. Sie träumten etwas von einer zweiten unüberwindlichen Armada. Die englische Flotte stand unter dem Befehl des Admirals Sir John Jervis, der infolge des ruhmvollen Tages, dessen wir gedenken, den Titel eines Lords von Sanct Vincent erhielt. Eine der verderblichen Folgen der spanischen Nachlässigkeit war die Teilung ihrer Flotte in zwei Geschwader. Sir John Jervis beschloß, von diesem Fehler Nutzen zu ziehen und die Abteilungen einzeln anzugreifen. Die erste derselben, welche das Gros der Flotte bildete, zählte neunzehn Linienschiffe, während die andere deren nur sechs enthielt, die nach Lee abgetrieben waren. Die dadurch entstandene Lücke benutzte Sir John Jervis dazu, mit seiner Flotte, ein Schiff nach dem andern in ununterbrochener Reihe, hindurchzusegeln. Der spanische Admiral, dies bemerkend, gab sogleich Befehl, mit dem Gros seiner Flotte zu wenden. Jervis, der mit seltenem Scharfblick sogleich das Richtige erkannte, ließ nun von dem Vorhaben ab, die erste kleinere Abteilung zu vernichten, und gab dem »Culloden,« den Kapitän Troubridge kommandierte, den Befehl, das ganze Geschwader zur Verfolgung der neunzehn Linienschiffe zu verwenden, was der Kapitän mit überraschender Sicherheit that. Auf dem Kastell der »Victory,« seines Admiralschiffes, überwachte Jervis jede Bewegung mit großer Spannung. Die Schiffe, welche vor der »Victory« waren, folgten dem »Culloden.« Der spanische Dreidecker »Prinz von Asturien,« mit einer Viceadmiralsflagge am Fockmast, wollte die Vereinigung der getrennten Geschwader bewirken, ward aber bei dieser Gelegenheit so furchtbar zugerichtet, daß er sich zurückziehen mußte. Von diesem Moment an tritt die Teilnahme Nelsons an dieser denkwürdigen Schlacht in den Vordergrund, wie nachfolgende Mitteilung aus dem eigenhändigen Berichte desselben ergiebt. Es war ein Uhr nachmittags, als das Signal zum Wenden gegeben wurde. Ich bemerkte aber. daß alle spanischen Schiffe vor dem Winde segelten und offenbar die Absicht hatten, ihre Linien zu formieren. Um dies zu vereiteln, gab ich den Befehl, vor dem Winde abzuhalten, ging zwischen dem »Diadem« und dem »Excellent« durch und kam sogleich mit den vorderen Schiffen der spanischen Division zum Gefecht. Dabei wurde ich von Kapitän Troubridge, der sich sogleich an mich anschloß, kräftig unterstützt. Fast eine Stunde hatten wir den ungleichen Kampf gehalten, als der »Blenheim« uns zu Hilfe kam und den Feind ermüdete. Zwei spanische Schiffe blieben nun zurück und gerieten mit Collingwood, der den »Excellent« kommandierte, zusammen. Er zwang sie, ihre Flaggen zu streichen, und eilte uns zu Hilfe. Dies that er, indem er sich dem Achtzigkanonenschiff »San Nicolas« bis auf wenige Fuß Entfernung gegenüberlegte und ein furchtbares Feuer auf dasselbe eröffnete. Als er es kampfunfähig gemacht hatte, segelte er auf den Dreidecker von hundertsechsunddreißig Kanonen »Die heilige Dreifaltigkeit« los. Ich nahm denselben von der andern Seite, und die Kanonade begann. Mein Schiff büßte die Vorderstenge ein. Das Steuerrad wurde weggeschossen, alle Segel durchlöchert und das Takelwerk zerrissen. Da gab ich den Befehl, zu entern. Die Soldaten vom neunundsechzigsten Regiment, welche ich an Bord hatte, waren mit ihrem Lieutenant Pearson unter den ersten, die dies Manöver ausführten. Unsere blinde Rahe hakte sich in das Takelwerk des feindlichen Besanmastes fest. Mein ehemaliger Lieutenant, Kapitän Berry, benutzte diese Brücke zuerst. Ein Soldat hatte sich auf den Sims der Galerie gewagt und zerschlug eines der Seitenfenster. Rasch sprang ich durch dasselbe in das feindliche Schiff und fand bald Nachfolger. Die Thüren der Kajüte waren verschlossen. Spanische Offiziere, die darin waren, feuerten ihre Pistolen auf uns ab. Während wir mit ihnen kämpften, brachen die Soldaten die Thüren auf und die Passage ward frei. Der spanische Kommandant, der sich hinauf zur Schanze begeben wollte, ward erschossen. Ich drang unverzüglich vor und fand Kapitän Berry bereits im Besitze des Halbdecks. Er war eben im Begriff, die spanische Flagge zu streichen. Nun eilte ich mit meinen Leuten und dem Lieutenant Pearson über die Laufplanken am Backbord nach dem Vorderkastell, wo ich drei spanische Offiziere traf, die nach kurzer Gegenwehr gefangen genommen wurden. Unterdessen hatte sich uns der »San Joseph« genähert und schoß von der Admirals-Galerie mit Musketen auf uns, was ich sogleich erwidern ließ; dann gab ich Befehl, diesen Dreidecker zu entern, der hnndertundzwölf Geschütze führte. Als ich bis zu der großen Rüst vorgedrungen war, rief uns ein spanischer Offizier zu, sie hätten sich ergeben. Jubelnd eilte ich auf die Schanze, wo mir der spanische Kapitän entgegentrat und mir mit einer Verbeugung seinen Degen überreichte. Er fügte hinzu, daß sein Admiral tödlich verwundet sei. Ich fragte ihn, ob ich die Übergabe für Ernst zu halten habe. Als er mir sein Ehrenwort gab, reichte ich ihm die Hand und bat ihn, diesen Entschluß laut zu verkündigen. So empfing ich – wie unglaublich es scheinen mag – auf der Schanze eines Dreideckers die Degen der Offiziere desselben. Bei dem Entern des ersten Schiffes hatten wir sieben Tote, bei diesem letztern neun; ein Beweis, wie feige und jämmerlich der uns geleistete Widerstand war. Was Nelson in seinem Berichte allzu bescheiden verschweigt, das hat einer seiner Zeitgenossen uns aufbewahrt. Zwei Wege lagen vor ihm, entweder mußte er den Dreidecker fahren lassen, oder ihn unverzüglich entern. Voll Vertrauen auf die Tapferkeit seiner Offiziere und Matrosen wählte er, ohne sich zu besinnen, das letztere. Der tapfere Kommodore, der nie eine Gefahr scheute, führte die Seinigen in den neuen Kampf, indem er mit lauter Stimme rief: »Entweder die Westminster-Abtei oder ein glorreicher Sieg!« Nelsons treuester Gefährte an diesem Tage war sein Steuermann John Sykes, der ihm nicht von der Seite ging. In seine Hände legte Nelson die Degen der spanischen Offiziere, so wie er sie empfing, und der unerschrockene Seemann nahm diese Siegeszeichen mit der größten Kaltblütigkeit an. In diesem Augenblicke geschah es auch, daß ein Matrose, der unter dem Kommodore gefochten hatte, unter vielen Entschuldigungen, daß er so dreist sei, die Hand desselben ergriff und ihm Glück dazu wünschte, daß er sich gesund und wohl auf dem Quarterdeck eines spanischen Dreideckers befinde. Dem Ruhme Nelsons sollte an diesem Tage nichts mangeln. Als er am Bord des Admiralschiffes erschien, umarmte ihn Sir John Jervis und weigerte sich, den Degen des spanischen Admirals anzunehmen. »Behalten Sie ihn,« sagte er. »Er gehört aus vielen Gründen dem, der ihn aus der Hand seines Gefangenen empfing.« Auf all den Jubel folgte auch ein Mißton. Man äußerte, Nelson habe diesen Erfolg nur erreicht, weil er gegen die Disziplin fehlte, indem er von der ihm erteilten Ordre abwich. Admiral Jervis aber fertigte den Kapitän Calder, der diese Bemerkung machte, mit den scharf hingeworfenen Worten ab. »Ich habe es wohl bemerkt, und wenn Sie jemals einen gleichen Fehler begehen, können Sie sich im voraus versichert halten, daß ich Ihnen denselben verzeihen werde.« Zur Belohnung für den in dieser Schlacht bewiesenen Mut erhielt Nelson von seinem Könige die Insignien des Bathordens und die goldene Medaille. London ernannte ihn zum Ehrenbürger und das bezügliche Diplom wurde ihm in einer goldenen Kapsel überreicht. Das war der Tag von Sanct Vincent. Abukir. (1. August 1798.) Das Mittelmeer war seit dem Schlusse des Jahres 1796 in der ausschließlichen Gewalt Frankreichs. Von dem Adriatischen Golf bis zu der Straße von Gibraltar war kein englischer Kreuzer anzutreffen. Das Königreich beider Sicilien befand sich in großer Aufregung. Mit Schrecken sah Neapel die großen Seerüstungen in allen französischen Häfen. Da erschien die Flotte Englands unter den Befehlen des Lord Vincent vor Cadix. Die erste Nachricht, die ihr zuging, war, daß eine Flotte von vierhundert Kauffahrern unter französischem Geleit vierzigtausend Soldaten an Bord nehmen werde. Wohin mit dieser Macht? Nach Sicilien oder Malta? Oder gar nach Cadix? Andere sprachen von einem Marsch quer durch die Wüste, um die englische Herrschaft in Ostindien zu stürzen. Da galt es, wach sein. Drei Linienschiffe, »Vanguard«, »Orion« und »Alexander,« nebst vier Fregatten und einer Korvette, wurden unter Nelsons Befehl gestellt. Er sollte längs der provençalischen Küste und in dem Golf von Genua kreuzen, um die eigentlichen Ursachen jener großen Rüstungen zu erfahren. Kaum war Nelson abgesegelt, als dem Lord Vincent (Admiral Jervis) die Kunde ward, daß ihm eine bedeutende Verstärkung zugehen werde. Mit Hilfe derselben solle er eine Flotte von zwölf Linienschiffen und der entsprechenden Anzahl Fregatten in das Mittelländische Meer schicken. Diese Flotte erhielt den Auftrag, die in Toulon versammelte Flotte zu beobachten. Dieselbe erhielt zugleich den Befehl, sämtliche Häfen, mit Ausnahme derer der Insel Sardinien, die das Einlaufen wegen Verproviantierung verweigerten, feindlich zu behandeln. Der Oberbefehl war Nelson zugedacht. Am 8. Mai war Nelson mit seinen drei Linienschiffen zu Gibraltar. Am 17. Mai erreichte er die Höhe von Kap Sicié und erhielt hier die Nachricht, daß sich in dem Hafen von Toulon in diesem Augenblicke neunzehn zum Auslaufen fertige Linienschiffe befänden. Ein Sturm jagte ihn unter die Küste von Sardinien. Dort wurde er von seinen Fregatten getrennt und ging mit seinen Linienschiffen auf der Höhe von San Pietro, einer an der Südwestküste von Sardinien gelegenen kleinen Insel, vor Anker. Die französische Flotte, zweiundsiebzig Segel stark, verließ die Rhede von Toulon am 18. desselben Monats. Sie stand unter dem Befehl des Vice-Admirals Brueys, der seine Flagge auf dem Dreidecker »Orient« hissen ließ und das Kommando des Zentrums übernahm. Das voransegelnde Geschwader befehligte der Contre-Admiral Blanquet-Duchayla. Das zweite Geschwader, welches der Hauptflotte den Rücken deckte, stand unter den Befehlen des Contre-Admirals Villeneuve. Das leichte Geschwader, dazu bestimmt, überall zu sein, wo es not that, befehligte der Contre-Admiral Decrès. Majestätisch segelte diese stolze Macht an Corsica und Sardinien vorüber und ankerte am 9. Juni vor Malta. Nelson hatte unterdessen seine Havarieen ausgebessert, lichtete die Anker und war am 31. Mai wieder vor Toulon. Er erfuhr das Absegeln der französischen Flotte, ohne daß er wußte, wohin sie ihren Lauf gerichtet hatte. Ihm fehlten seine Fregatten, um sie aufsuchen zu lassen. Am 5. Juni befand er sich auf der Höhe von Corsica. Dort stieß die Brigg »Mutine« zu ihm. Sie meldete ihm eine Verstärkung von elf Linienschiffen unter den Befehlen des Kapitäns Troubridge an und überbrachte die Ordre, die französische Flotte, wohin sie immer segle, ja selbst bis in das Schwarze Meer zu verfolgen. Bald fand die Vereinigung mit dem angekündigten Geschwader statt. Nelson teilte seine Schiffe in drei Kolonnen. Die erste ward von dem »Vanguard« geführt, an dessen Bord sich Nelson befand. Ein bezeichnendes Moment, denn Vanguard heißt der Vorkämpfer. Die zweite Kolonne befehligte Kapitän Samuel Hood. Beide Abteilungen waren bestimmt, die dreizehn Linienschiffe des Admirals Brueys zu bekämpfen. Die dritte Kolonne bestand nur aus vier Linienschiffen, welche Kapitän Troubridge befehligte. Er wurde dazu ausersehen, in die zum Geleit dienenden französischen Kriegsschiffe einzudringen und die Kauffahrtei und die Transportschiffe, in welchen sich die Soldaten der italienischen und der Rhein-Armee befanden, in den Grund zu bohren; ein Auftrag, der nicht zur Ausführung gebracht werden konnte. Die Franzosen hatten ihr Geheimnis wohl bewahrt. Niemand dachte an Ägypten. Die Instruktion der Admiralität deutete auf Neapel, Sicilien, Morea, Portugal, ja selbst auf Irland hin. An Ägypten hatte kein Mensch gedacht. So blieb Nelson nichts übrig, als die Franzosen auf gut Glück zu suchen. Er durchforschte die weite Bucht von Toulon; sie war leer. Vor Neapel erfuhr er, die französische Flotte sei nach Malta gesegelt. Er durchschnitt deshalb die Meerenge von Messina und hielt den Kurs auf Malta. Als er dort anlangte, hatte der Feind zwei Tage vorher die Anker gelichtet. Ein Ragusaner, der mitten durch die französischen Transportschiffe gesegelt war, brachte ihm diese Nachricht. Mit Nordwestwind waren die Franzosen abgesegelt, und im Osten der Insel waren sie gesehen worden. Nelson hatte sein Ziel gefunden; sie konnten nur nach Ägypten gegangen sein. Ohne erst lange zu beraten, steuerte er dorthin und ankerte am 28. Juni vor Alexandrien. Dort wußte niemand etwas von einer französischen Flotte. Nelson war im höchsten Grade aufgeregt und befahl sofort, ohne nur einen Anker in den Grund zu senken, über Steuer nach Sicilien zu segeln, wo er nunmehr die Franzosen vermutete, um eine Landung zu wagen. Diese Eile wurde ihm sehr nachteilig, denn fortdauernd von widrigen Winden aufgehalten, hatte er einen langen Kreuzzug zu bestehen. Hätte er einen Tag zu Alexandrien gewartet, würde er die Franzosen gefunden haben. Diese aber trafen die Rhede ohne alle Verteidigung an und begannen am 1. Juli die Ausschiffung der Truppen. So hatte die Verfolgung ein Ende. Nur einen einzigen Punkt gab es, wo die beiden Flotten hart aneinander vorüber hatten kommen müssen. Und gerade hier entwickelte sich ein undurchdringlicher Nebel, der mehrere Stunden anhielt und es den Flotten unmöglich machte, von einander etwas zu gewahren. Kaum hatte der General Bonaparte die Flotte verlassen, als sich die Lage der Dinge änderte. Admiral Brueys, der von Nelsons Erscheinen an der Küste von Ägypten hörte, glaubte fest, derselbe werde nicht wieder dahin zurückkehren; wenigstens nicht, ohne sich vorher bedeutend verstärkt zu haben. Er trug Bedenken, seine Schiffe in den Hafen von Alexandrien einlaufen zu lassen, obgleich seine Offiziere der Meinung waren, daß es ohne Gefahr geschehen könne. Statt nach Corfu abzugehen, weil er Alexandrien nicht für sicher hielt, lag er am 4. Juli noch still vor Anker. Alle Furcht vor Nelson war verschwunden; man lebte in größter Sorglosigkeit. Die Offiziere überboten sich in Festlichkeiten, welche sie einander gaben. Da klang es wie ein Donnerschlag mitten in den Festjubel hinein: » Der Feind ist da! « Es war der erste August, als Nelson auf der Höhe von Abukir – das Kanopus der Alten – erschien. Keine der französischen Fregatten war unter Segel mit der Ordre, nach einem Feinde zu spähen, der sich möglicherweise nähern könnte. Die Böte der Linienschiffe befanden sich am Lande, um den erschöpften Wasservorrat zu erneuern. Die Befehlshaber traten zu einem Kriegsrat zusammen. Der Contre-Admiral Blanquet-Duchayla schlug vor, die Anker zu lichten und den Engländern sogleich den Kampf anzubieten. Kapitän Dupetit-Thouard trat ihm auf das energischste bei; aber beide blieben mit ihrer Ansicht allein. Es ward beschlossen, vor Anker zu bleiben und den Feind zu erwarten. Man rief die Böte zurück, von denen viele auf Klippen und Sandbänke geraten waren; umsonst versuchte man, sie wieder flott zu machen. Die Fregatten mußten mit einem Teil ihrer Mannschaften die dadurch auf den Linienschiffen entstandenen Lücken decken. Dreizehn französische Linienschiffe, darunter der »Orient« von hundertzwanzig Geschützen, sind in Schlachtreihe aufgestellt, während die englischen Schiffe noch weithin zerstreut waren. Die Ansichten der französischen Flottenführer sind auch jetzt noch geteilt, und dieser Zwiespalt trägt noch mehr dazu bei, das Wirrnis zu erhöhen. Unterdessen braust das englische Geschwader heran. Nelson, von einer starken Nordwestbrise begünstigt, befindet sich bereits am Eingange der Bai. Ein arabisches Fahrzeug steuert auf das englische Admiralschiff zu und gelangt an Bord desselben, ohne daß die Franzosen es hindern können. Was brachte der Araber dem Nelson? Einen Lotsen? Man muß es glauben, denn das Admiralschiff giebt alsbald den Befehl, die Fahrt ohne Aufenthalt fortzusetzen. Nelson weiß, daß zwischen ihm und den Franzosen kein äußerliches Hindernis besteht. Der »Goliath« hat die äußerste Spitze. In den beiden Fockwanten desselben stehen je drei Männer, die das Senkblei unaufhörlich auswerfen und die Tiefe des Wassers mit lauter Stimme angeben. Schon ist Abukir umschifft und die englischen Schiffe befinden sich in der Bai. Admiral Brueys giebt Signale, seine Schiffe sollen das Feuer beginnen, sobald der Feind in dem Bereiche ihrer Kugeln ist. Nelson dagegen giebt Ordre, den Kampf Bord an Bord zu beginnen und vorher, über den Spiegel weg, einen Anker in See zu bringen. Die Schiffe gewinnen damit einen besseren Halt, denn dadurch wird es ihnen möglich, mit weit größerer Sicherheit zu feuern. Außerdem können sie die Landbatterieen der ganzen Länge nach bestreichen. Nelson läßt einen großen Gedanken zur That werden. Ein Befehlshaber muß frei sein, um groß handeln zu können. Er erteilt den Kapitänen der einzelnen Schiffe die Erlaubnis, so schnell sie können, in oder außer der Reihe, auf den Feind einzusegeln. Das einzige, was er von ihnen fordert, ist, daß sie ihre vereinte Macht auf die Vorhut der Franzosen werfen. Ein Bedingnis des Sieges ist, daß die Vorhut gänzlich geworfen sein muß, bevor an die Nachhut gedacht werden kann. Da blitzt in dem Haupte des Kapitäns Foley, der den voransegelnden Goliath kommandiert, ein kühner Gedanke auf. Er erinnert sich an das Wort Nelsons, daß überall, wo ein französisches Schiff Raum genug hat, um vor seinem Anker schwanen (umwenden) zu können, auch ein englisches Linienschiff seinen Ankerplatz findet. Mit gehobener Brust erteilt er seine Befehle und beginnt die französische Schlachtlinie zu umsegeln. Um 6½ Uhr fährt er an dem französischen Schiffe »Guerrier« vorüber und wirft zwischen diesem und der vor dem Winde Schutz gewährenden Küste seinen Anker aus. Dem kühnen Vordermann folgen die übrigen. Es sind der »Zealous«, der »Orion«, der »Theseus« und der »Audacious«. Diese legen sich dem »Conquerant«, dem »Spartiate«, dem »Aquilon« und dem »Peuple Souverain« gegenüber. Nelson ist der erste, der mit dem »Vanguard« dicht vor der französischen Schlachtlinie seinen Stand nimmt. Alsobald eröffnet der »Spartiate,« der von dem tapfern Kapitäu Emériau befehligt wird, ein heftiges Feuer und richtet auf dem feindlichen Schiffe eine schreckliche Verwüstung an. Der »Minotaur« und der »Defençe« kommen dem Admiral zur rechten Zeit zu Hilfe. Das Feuern wird von Augenblick zu Augenblick stärker. Eine Kartätschenkugel streift Nelson am Kopfe. Der Kampf, den die aus fünf französischen Linienschiffen zusammengesetzte Vorhut mit acht Engländern zu bestehen hat, ist furchtbar. Dagegen ist das Zentrum, woselbst der Dreidecker »Orient« mit der Admiralsflagge ankert, der eigentliche Kern der Flotte, noch gar nicht zum Gefecht gekommen. Da naht sich demselben das englische Linienschiff »Bellerophon« von vierundsiebzig Kanonen, welches von Kapitän Derby befehligt wird. Binnen einer Stunde hat sein Schiff zwei seiner Masten verloren, und nahe an hundert Mann sind kampfunfähig geworden. Er kappt seine Ankertaue und eilt aus der Bai. In diesem Augenblicke stellt die französische Vorhut ihr Feuer gänzlich ein. Die englischen Schiffe nähern sich dem Zentrum. In der Nähe des »Orient« wird die Schlacht immer heftiger. Sie drängt der Entscheidung zu, als die schnell wachsende Dämmerung den Fortgang hemmt, und bald tiefe Nacht beide Flotten umhüllt. Kapitän Troubridge, derselbe, der dem Admiral die Nachricht brachte, daß ihm dieser ruhmreiche Seezug anvertraut sei, ist auf der Sandbank, die der »Goliath« so geschickt zu umschiffen wußte, gestrandet; alle Mühe, ihn abzubringen, ist vergeblich. In diesem Augenblicke sind drei Linienschiffe im Ansegeln, dieselben, die vor Alexandrien zurückgehalten wurden. Es sind »Leander«, »Swiftsure« und »Alexander«. Troubridges gestrandeter »Culloden« dient ihnen als Leuchtthurm. Bei dem unheimlichen Aufblitzen des Pulvers steuern sie der französischen Linie näher und feuern ebenfalls auf das Zentrum. Admiral Brueys, der allgegenwärtig ist, bleibt unerschütterlich. Keine Überredung vermag ihn zu bewegen, das Verdeck zu verlassen, obgleich er aus zwei schweren Wunden blutet. Eine dritte Kugel erspart ihm den Schmerz, zu sehen, was nun noch folgen wird. Er verscheidet, wohl nicht mehr ungewiß über den Ausgang. Als sein Auge sich für immer schließt, weiß er, daß die Ehre des Tages verloren ist, und die französische Flagge in den Staub sinkt. In derselben Minute bricht Feuer am Bord des »Orient« aus. Es beginnt am Besanmast und teilt sich dem Takelwerk mit; zischend fliegt es weiter und mit einer kaum zu begreifenden, durch nichts zu hemmenden Schnelle läuft es von einem Mast zum andern. Drei Flammensäulen reichen in den Himmel empor. Das Bugspriet ragt wie eine drohende Strafrute in die Nacht hinein. Um zehn Uhr abends fliegt der »Orient« in die Luft. Die See und die unferne Küste erzittern von dem betäubenden Donner. Die Bemannung geht größtenteils mit in die Tiefe. Nur eine dicke Wolke bezeichnet noch den Platz, wo der Koloß kämpfte. Unter dem gewaltigen Eindruck dieser Katastrophe ist der Kampf kurze Zeit unterbrochen worden. Der »Franklin« nimmt ihn wieder auf. Vergebens; alles Glück ist mit England. Nur ein Befehl kann die Franzosen vielleicht noch retten; es ist der Befehl zum Ankerlichten. Er wird nicht gegeben. Contre-Admiral Decrès sagt: Vier tödlich lange Stunden hat die Nachhut von dem ganzen Kampfe nichts weiter gesehen als Feuer und Rauch von Freund und Feind. Und dennoch blieb sie unbeweglich. Nur der »Timoleon« hißte seine Marssegel, um den ersehnten Befehl zum Ankerlichten der Nachhut zu erzwingen. Er ward nicht gegeben. Auf der Vorhut sind auf dem »Conquerant« zweihundert Mann außer Gefecht gesetzt. Der Kapitän des »Aquilon« ist getötet. Der Kapitän des »Spartiate« blutet aus zwei schweren Wunden. Die beiden letzten Schiffe haben allein hundertfünfzig Tote. Der »Guerrier« hat sämtliche Masten verloren; der »Peuple Souverain« hat seine Taue gekappt. Mit dem Brande des »Orient« ist auch das Zentrum vernichtet. Als die Sonne aufgeht, sieht man den »Merkur« und den »Heureux«, die auf den Grund geraten sind. Auf dem Kampfplatz befindet sich nur noch der »Wilhelm Tell«, der »Tonnant«, der »Genereux« und der »Timoleon.« Die beiden eben genannten, auf den Strand geratenen Schiffe werden von den Engländern besetzt. Es ist elf Uhr morgens. Contre-Admiral Villeneuve, der am Bord des »Wilhelm Tell« den Befehl über die Nachhut führt, geht mit den Trümmern der französischen Flotte unter Segel. Am tapfersten hat sich der »Tonnant« gehalten; seine drei Masten sind nur noch drei zerschossene Stumpfe; er zählt hundertzehn Tote und hundertfünfzig Verwundete. Dessenungeachtet giebt der Kapitän sich nicht verloren, er läßt die Flagge an einen Stock binden und an den Stumpf des Großmastes befestigen. Mutig kämpft die Besatzung weiter, und erst vierundzwanzig Stunden später ergiebt sie sich, als »Leander« und »Theseus« auf den völlig erschöpften »Tonnant« einen Angriff machen. Nur das Linienschiff »Genereux«, sowie die Fregatten »Diana« und »Justice« vermögen noch dem Admiralschiff Villeneuves zu folgen. Die französische Niederlage war furchtbar. Der »Orient« flog in die Luft; der »Timoleon« und die Fregatte »Artemisia« wurden, als sie auf den Strand gerieten, von der eigenen Besatzung verbrannt. Die »Serieuse« war in den Grund gebohrt, und neun Linienschiffe waren von englischen Seeleuten besetzt. Villeneuve sucht den Rest der Flotte in Sicherheit zu bringen, und es gelingt ihm. Die englischen Schiffe sind zu sehr mitgenommen, als daß sie an eine Verfolgung hätten denken können. Tief aufatmend und bis zum Tode erschöpft blickte der Sieger auf den mit Blut und Feuer errungenen Siegeskranz. Das war das Ende des Kampfes von Abukir. Trafalgar. (21. Oktober 1805.) Hier ist eine Schilderung dieser denkwürdigen Schacht. Nelsons Absicht ist es, seine Flotte in zwei Kolonnen – von je sechzehn Linienschiffen – segeln zu lassen. Acht Zweidecker, welche zugleich die besten Segler sind, bilden eine besondere Abteilung. Dieselbe hält sich stets in Segelbereitschaft, um jeden Augenblick im stande zu sein, zu der Kolonne zu stoßen, die ihr bezeichnet wird. Auf diese Weise kann immer eine Schlachtreihe von vierundzwanzig Schiffen hergestellt werden. Diese Macht soll zwei besondere Treffen bilden. Das Offensiv-Treffen hat Nelson für Collingwood bestimmt; das Defensiv-Treffen behält er sich selber vor. Außerdem will er auf das Zentrum der feindlichen Flotte sein Augenmerk richten und womöglich das französische Admiralschiff von den übrigen trennen. Als Collingwood sich bei Nelson meldet, um mit seinem Geschwader selbständig zu manövrieren, entläßt ihn dieser mit folgenden Worten: »Gehen Sie an Bord, Collingwood. Handeln Sie ganz nach Ihrem Ermessen und lassen Sie nicht ab, bis die feindlichen Schiffe genommen oder vernichtet sind. Ich werde dafür sorgen, daß die übrigen Kolonnen des Feindes Sie nicht dabei stören. Sollten die Kapitäne während des Gefechtes die Signale des Admiralschiffes nicht recht wahrnehmen können, so mögen sie es gut sein lassen. Unrecht handeln Sie keinesfalls, wenn Sie ihr Schiff neben ein feindliches Bord an Bord legen.« Dem Admiral Villeneuve – Befehlshaber der vereinigten französisch-spanischen Flotte – liegt es ahnungsschwer auf dem Herzen. Der bevorstehende Kampf stimmt ihn trübe, ihm fehlt die Heiterkeit, die den Helden beleben muß, wenn er an den Sieg glauben soll, indem er angreift. Seine Flotte bildet eine aus achtundvierzig Linienschiffen bestehende Schlachtreihe. Admiral Gravina, der nach dem Aussprache des Herrn von Barnonville in allem, selbst in der Nachgiebigkeit, ohne Mangel war, kommandierte ein Geschwader von zwölf Fregatten und sieben Linienschiffen. Dasselbe wurde als die Nachhut bezeichnet, bildete aber, durch die Umstände herbeigeführt, die Vorhut von dem Gros der Flotte. Da der französische Admiral sich mit seinen Offizieren über eine neue, derjenigen der herannahenden englischen Flotte gleiche Taktik nicht einigen konnte, blieb er bei der alten stehen. Seine Schlachtlinie nahm eine Länge von fünf Seemeilen und darüber ein. Am 21. Oktober 1805 befanden sich beide Flotten auf der Höhe von Trafalgar, Nelson hatte durch ein schlaues Segelmanöver den Luw (Oberwind) behalten; er hatte das Gros des Feindes im Lee (unter dem Winde). Mit Sonnenaufgang sah er wie die spanisch-französische Flotte, in großer Unordnung über einen weiten Raum verteilt, längs der Küste von Andalusien segelte und der Meerenge zusteuerte. Die Verbündeten machen alle Anstrengungen, um ihre mangelhafte Lage zu verbessern; aber die Engländer ließen ihnen dazu wenig Zeit. Sie setzten alle Segel bei und steuerten gerade auf den Feind zu. Als Villeneuve sich überzeugte, daß die Schlacht unvermeidlich sei, rüstete er sich zum Angriff. Er ließ seine Schiffe so legen, daß sie mit dem Galion nach dem Hafen von Cadix wiesen. Auf diese Weise konnte jedes außer Gefecht gesetzte Schiff sofort dahin abgehen. Trotz des schwachen Windes aus West-Nord-West rückten Nelsons und Collingwoods Geschwader mit der Schnelle von einer französischen Meile in der Stunde heran. An der Spitze segelte Nelson mit dem »Victory.« Er hatte zwei Linienschiffe, jedes von achtundneunzig Kanonen, hinter sich: »Temeraire« und »Neptun.« Diese drei wollten den ersten Zusammenstoß mit der feindlichen Linie aushalten. Auf dem Hundert-Kanonenschiff »Britannia« wehte die Flagge des Contre-Admirals, Grafen von Narthesk. Admiral Collingwood segelt vor seinem Geschwader her. Seine Flagge weht von dem »Royal Sovereign.« Er läuft mit seinen hundert Geschützen so rasch, daß der »Belleisle« und der »Mars« ihm nur mit Mühe zu folgen vermögen. Die übrigen folgen in strenger Ordnung nach. Die verbündete Flotte wird von sechs Admiralen befehligt. Die Hauptadmirals-Flagge weht von dem »Bucentaur.« Admiral Gravina befindet sich am Bord des »Prinz von Asturien.« Diese Flotte kann jetzt erst in ihrer ganzen Ausdehnung übersehen werden. Sie nimmt sechs Seemeilen ein und wird durch Windstille und hochgehende See in ihren Bewegungen gehemmt. Dazu sind zehn Linienschiffe unter Wind geraten und also nicht auf ihrem Posten. Sie bilden für sich eine zweite Reihe hinter der Schlachtlinie. Nelson erteilt seine Befehle. Es gilt zunächst, dem Feinde die Verbindung mit dem Hafen von Cadix abzuschneiden. Um dies zu können, muß er Villeneuves Schlachtlinie durchkreuzen und trifft demgemäß seine Anordnungen. Dann verläßt er das Verdeck und betritt seine einsame Kajüte. Ein Geist trüber Ahnung ist über ihn gekommen. Mit einem tiefen Atemzuge tritt er an den Tisch und schreibt in sein Tagebuch: »Gott der Allmächtige, den ich anbete, möge England zum gemeinsamen Heile Europas einen vollständigen und ruhmvollen Sieg verleihen. Gott gebe nur, daß keine persönliche Schwäche den Glanz desselben beflecke, und daß kein Engländer nach dem Siege die unverbrüchlichen Ansprüche der Menschlichkeit aus den Augen setze. Was mich betrifft, so gehört mein Leben dem Allmächtigen, der es mir verliehen. Er segne meine Anstrengungen, während ich für mein Vaterland kämpfe. In Seine Hände befehle ich meine Person und die gerechte Sache, deren Verteidigung mir übertragen ist.« Nach dieser würdigen Vorbereitung erscheint er wieder auf dem Verdeck. Kapitän Blackwood, der sich gerade am Bord des Admiralschiffes befand, hat gesagt, daß Nelson in diesem Moment ruhig und entschlossen, aber ernster und feierlicher als sonst gewesen sei. Um elf Uhr steigt der Admiral in die Batterieen hinab, grüßt die Offiziere und richtet aufmunternde Worte an die Geschützmeister. Seine ganze Zuversicht kehrt ihm zurück, und er giebt Collingwood das Signal zum Angriff. Es lautet: Ich will quer durch die feindliche Vorhut segeln. Schneiden Sie beim zwölften Linienschiff, von hinten gerechnet, die Nachhut ab. – Er selbst hält auf die »Sanctissima Trinidad« ab und umfaßt auf diese Weise zwanzig feindliche Schiffe mit zweien. Nelson stand auf der Campagne des »Victory,« sein Auge strahlte bei dem Anblick des majestätischen Schauspiels, das sich vor ihm entfaltete; sein Herz schlug mächtig. Da durchblitzte ein erhabener Gedanke seinen regen Geist. »Lieutenant Paske!« rief er mit lauter Stimme diesem Offizier zu. »Lassen Sie an alle Schiffe den Tagesbefehl signalisieren: England erwartet, daß jedermann seine Schuldigkeit thun wird!« Der Offizier eilt, den Befehl zu vollziehen. Mit endlosem Jubel begrüßt, fliegen diese denkwürdigen Worte, die von dem Namen des Helden unzertrennlich geworden sind, von Bord zu Bord. Nelson hört es, und wie erschöpft von einer großen Anstrengung, lehnt er sich leicht an die Schulter seines treuen Flaggen-Offiziers. »Nun kann ich nichts mehr thun. In allem müssen wir auf den höchsten Lenker aller irdischen Dinge und auf die Gerechtigkeit unserer Sache vertrauen.« Seine Offiziere umdrängten ihn; sie erklärten sich bereit, Gut und Blut zu opfern, und beschwören ihn, sich von dem gefährlichen Posten zu entfernen. Er aber wehrt sie von sich ab und ruft ernst. »Nein! Der Oberbefehlshaber muß allen ein Beispiel geben.« Um zwölf Uhr mittags ziehen die Engländer die Flagge des heiligen Georg auf. Mit dem Rufe: »Es lebe der Kaiser!« hissen die Franzosen die Trikolore. An den Gaffeln der Spanier entfaltet sich das leuchtende Banner der beiden Castilien, und unter demselben hängt das heilige Kreuz. Villeneuve giebt das Zeichen zum Angriff, und das Linienschiff »Fangeux« feuert den ersten Schuß gegen den »Royal Sovereign« ab. Der auf demselben kommandierende Collingwood segelt, ohne das nun beginnende Feuer zu erwidern, auf »Santa Anna« ein und ruft seinem Flaggenoffizier zu: »Was würde Nelson darum geben, an unserer Stelle zu sein!« Nelson aber, der seinen Freund keinen Moment unbeachtet läßt, sagt zu seinen Offizieren gewendet: »Seht da, wie herrlich Collingwood sein Geschwader ins Feuer führt!« Die Geschütze des Dreideckers »Royal Sovereign« richten eine furchtbare Verwüstung an. Hundertfünfzig schwere Kugeln sind durch die Batterieen des spanischen Schiffes »Santa Anna« von hinten nach vorn geflogen und haben vierhundert Mann außer Gefecht gesetzt. Kaum hat er den Gegner unschädlich gemacht, als er ihn Rahe an Rahe angreift, um ihn vollends zu vernichten. Aber nun kommen drei andere Spanier dem Admiral zu Hilfe, und das Gefecht wird immer mörderischer. Der Wind ist schwächer. Erst gegen halb ein Uhr ist der »Victory« bis auf Schußweite an das feindliche Geschwader heran. Der »Bucentaur« feuert die ersten Schüsse auf ihn ab. In diesem Augenblicke entläßt Nelson den Kapitän der Fregatte »Euryalus,« der bis dahin auf Ordre wartete, mit dem bewegten Rufe: »Gott segne Sie, Blackwood. Ich werde Sie in dieser Welt nicht wiedersehen.« Die sechs Linienschiffe, welche den Admiral Villeneuve umgeben, eröffneten jetzt mit einem mal ihr Feuer auf den »Victory«. Aber die hochgehende See macht das Schießen unsicher, und der »Victory« hat sich dem »Bucentaur« bereits bis auf fünfhundert Schritte genähert, als eine Kugel die Besanstenge herunterschlägt, und eine andere das Steuerrad zerschmettert. Die dritte, eine Kettenkugel, wirft acht Marinesoldaten vom Hinterdeck herunter, und eine vierte fährt zwischen Nelson und seinem Flaggenoffizier durch. Vierzig Minuten hält der »Victory« das Feuer eines ganzem Geschwaders aus. Er wäre erbarmungslos zertrümmert worden, wenn die Franzosen bessere Kanoniere gehabt hätten. Statt dessen sind erst fünfzig Mann unfähig zum Dienst. Die Schiffe der Verbündeten liegen fest wie eine Mauer zusammen. Admiral Villeneuve ergreift einen kaiserlichen Adler, hält ihn hoch in die Höhe und ruft: »Ich werfe ihn auf Nelsons Schiff. Wir holen ihn wieder oder kommen um.« Kapitän Hardy begreift, daß die feindliche Linie nicht zu durchbrechen ist, wenn nicht eines der feindlichen Schiffe geentert wird. Mit Nelsons Bestimmung steuert er auf den »Redoutable« los. Eine achtundsechzigpfündige Kanonade speit eine Vollkugel und fünfhundert Flintenkugeln durch die Kajütenfenster in das französische Linienschiff hinein. Der Hinterteil desselben wird zerschmettert, fünfzig Geschütze demontirt; die Batterieen füllen sich mit Toten und Verwundeten. Nachdem auf diese Weise die feindliche Linie durchbrochen ist, treiben die Schiffe, Bord an Bord gehakt, aus der Linie. Es entbrennt ein ungestümer Kampf Mann gegen Mann: der Sieg scheint sich auf diesen Decken den Franzosen zuzuneigen. Die Chirurgen vermögen auch nicht entfernt die nötige Hilfe zu bringen. Der Geistliche, der hinuntergegangen ist, um die Sterbenden zu trösten und zu segnen, vermag diesen Anblick nicht länger zu ertragen. »Allmächtiger Gott! das ist kein Lazarett mehr, das ist eine Fleischerbank!« ruft er aus und eilt auf das Verdeck. Dort sieht er Nelson mit seinem Flaggenoffizier auf und ab gehen. Nicht weit von ihnen wechseln einige Soldaten Musketenschüsse mit den Soldaten in den Marsen des französischen Linienschiffes. Plötzlich wankt Nelson und fällt vornüber. Eine Kugel aus der Mars des feindlichen Besanmastes ist durch die Brust in das Rückgrat gedrungen. Der Geistliche eilt herbei. Aber schon sind ein Sergeant und zwei Steuermannsmaaten bei dem Admiral. In großer Aufregung bei ihm niederknieend, ruft der Flaggenoffizier: »Ich hoffe, Mylord, daß Sie nicht gefährlich verwundet sind?« »Es ist vorbei mit mir, Hardy!« antwortete Nelson. »Endlich ist es diesen Franzosen gelungen. Mein Rückgrat ist zerschmettert.« Die Matrosen tragen ihn in das Zwischendeck hinab und legen ihn neben den anderen Verwundeten nieder. Dieses furchtbare Ereignis wäre fast Ursache geworden, daß die Franzosen sich dieses Fahrzeuges bemächtigt hätten. Schon wurde das Verdeck des englischen Admiralschiffes von den Franzosen besetzt, als Hilfe herbeikam, und nach einem hitzigen Gefechte sieht Kapitän Lucas, der Befehlshaber des »Redoutable,« sich genötigt, seine Flagge zu streichen. Eine furchtbare Brücke verbindet den »Redoutable« und den »Temeraire« mit dem »Victory«, gebildet durch ihre abgeschossenen Masten, welche von dem Verdeck des einen auf die der andern gefallen sind. So treiben sie gemeinsam der Nachhut zu. Der »Fangeux« wird angegriffen und nach einem furchtbaren Kampfe vollständig erobert, während der spanische Dreidecker »Santa Anna« sich an Collingwood ergiebt. Die Schlacht rast weiter. Die Gruppen der kämpfenden Schiffe wechseln. Mit steigender Erbitterung wird gefochten, Bord an Bord, Mann gegen Mann. Da, gegen drei Uhr nachmittags, als bereits verschiedene Schiffe der verbündeten Flotte ihre Flaggen gestrichen haben, beginnt die Linie zu weichen. Admiral Gravina segelt leewärts zu den Fregatten und nimmt seinen Kurs nach Cadix. Die fünf Linienschiffe der französischen Vorhut legen durch den Wind. Die hintersten derselben werden von den Engläudern erobert; die übrigen kommen davon. Nelson vernimmt auf seinem Lager den Jubelruf seiner Mannschaft. Er verlangt nach Hardy und ruft diesem entgegen: »Wie steht's, Hardy? Gewinnen wir die Schlacht?« »Ohne Zweifel, Mylord!« antwortete dieser. »Schon sind vierzehn Linienschiffe in unserer Gewalt.« »Ich hoffe, Hardy,« fährt Nelson mit schwächerer Stimme fort, »daß keines unserer Schiffe die Flagge gestrichen hat.« »Nein, Mylord! das ist nicht zu befürchten.« »Es ist gut, Hardy. Noch wenige Minuten, dann ist es vorbei. Hören Sie . . . .« Der Kapitän trat näher. Nelson flüsterte ihm einige Worte zu und sagte dann. »Werfen Sie meinen Leichnam nicht in die See.« Tief erschüttert eilt der Kapitän auf das Verdeck zurück. Die Schlacht drängt der Entscheidung entgegen. Bald ist der Sieg der englischen Flotte vollständig, und Hardy will diese Freudenbotschaft dem Admiral überbringen. Er tritt an Nelsons Lager; der Held liegt im Todeskampf. Der letzte Atemzug hebt seine Brust. Aber Hardys Worte machen ihn jeden Schmerz vergessen; das Scheiden wird ihm leicht. Er giebt seine letzten Befehle und sinkt, einzelne Worte vor sich hinmurmelnd, zusammen. Plötzlich richtet er sich auf und ruft mit voller Stimme: »Gott sei gepriesen! Ich habe meine Pflicht gethan!« Eine Viertelstunde später ist der letzte Atemzug entwichen. England hat gesiegt; aber es hat diesen Sieg mit dem Leben des edelsten seiner Seehelden bezahlt. Es vernimmt die Doppelkunde, und während das eine Auge vor Wonne glänzt, füllt sich das andere mit bitteren Schmerzensthränen. Nie wird das Kap Trafalgar genannt und der Glorie gedacht, die dasselbe umgiebt, ohne daß die Erinnerung an Horatio Nelson sich wie eine Wolke darüber hinlagert. Sanct Vincent, Abukir und Trafalgar! Es sind die drei Tage des leuchtenden Ruhmes in dem Leben Nelsons. Jean Bart. Dieser berühmte Seemann ist einer bekannten Schifferfamilie entsprossen, die aus den altholländischen Provinzen nach Dünkirchen ausgewandert war. Dort wurde unser Jean im Jahre 1651 geboren. Angefeuert durch das Beispiel seiner Väter, wandte er sich mit Leidenschaft dem Seewesen zu. Nachdem er längere Zeit auf Fischer- und Lotsenböten den Dienst erlernt hatte, trat er unter Michael de Ruiter bei der holländischen Kriegs-Marine ein, ging aber bald von derselben zu der französischen Marine über. Dem rasch vorwärts strebenden Geiste Jean Barts war der Umstand zu seinem Fortkommen hinderlich, daß Leute von bürgerlicher Abkunft nicht Offizier werden konnten. Er verließ daher den Dienst des Königs von Frankreich und übernahm das Kommando eines Kapers. Während seines Kreuzzuges zeichnete er sich so vielfach aus und machte durch seine kühnen Unternehmungen so oft von sich reden, daß Ludwig XIV. ihm einen besonderen Auftrag gab, der nur von einem außergewöhnlich tapferen Seemanne ausgeführt werden konnte. Die ihm angewiesene Station war die Mittellands-See, welche die Binnenländer das Mittelländische Meer zu nennen pflegen. Hier und bei anderen Gelegenheiten that er sich so hervor, daß der König sich bewogen fand, ihm das Patent als königlicher Lieutenant zur See ausfertigen zu lassen. Unter dem Kommando des Admirals Forbin ward er während einer Schlacht von den Engländern, indem er enterte, gefangen und nach Plymouth geführt. Hier benutzte er einen Moment, wo man ihn weniger bewachte, bemächtigte sich eines kleinen Fischerbootes und entwich mit demselben quer über den Kanal. Nach seiner Zurückkunft erhielt er das Kapitänspatent. Im Jahre 1696 berief Ludwig XIV. den hoffnungsvollen Seemann nach Paris und empfing ihn mit großer Auszeichnung. Ein bekannter Schriftsteller, Herr Berger, hat diese wirkungsreiche Episode zu einem Lustspiele benutzt, welches vielfach auf dem Theater erschienen ist. Während der großen Audienz konnte der König nicht unterlassen, einige sarkastische Bemerkungen über den Unfall von Plymouth zu machen. Jean Bart fühlte sich davon so verletzt, daß er auf der Stelle den Saal verließ. Er eilte nach Dünkirchen, welches die Engländer blockiert hatten, brach die Blockade und unternahm einen ruhmvollen Kaper-Kreuzzug, über welchen er dem Könige einen sehr energischen Bericht abstattete. König Ludwig ließ den Seemann hierauf abermals nach Paris kommen, empfing ihn sehr gütig und ernannte ihn in Gegenwart des ganzen Hofes zum Befehlshaber eines Geschwaders. Jean Bart rief im stolzen Selbstgefühl aus: »Daran haben Ew. Majestät sehr wohl gethan!« Die versammelten Hofherren lachten laut auf; aber der König wies den Spott mit der Bemerkung zurück, daß die Schale zwar rauh, der Kern aber desto gesünder sei. Jean Bart hat während seiner Lebenszeit sehr viele und sehr tapfere Thaten verrichtet. Eine der merkwürdigsten war die Expedition nach Danzig. Der Prinz von Conti war nämlich zum Wahlkönig von Polen vorgeschlagen, und Jean Bart erhielt den Befehl, denselben mit einem französischen Geschwader nach Danzig zu bringen. Dieses Unternehmen war, der feindlichen Flotten wegen, eines der gefährlichsten. Als das kühne Werk gelungen war, und Jean Bart mit dem Prinzen auf der sicher Rhede vor Anker ging, überschütte dieser den Seemann mit Lobeserhebungen dafür, daß er ihn durch seine Geschicklichkeit vor der Gefangenschaft bewahrt habe. »O nicht doch, Hoheit,« entgegnete Jean Bart. »Gefangen wären Sie unter keinen Umständen worden. Ich hatte meinen Sohn mit einer brennenden Lunte vor die Pulverkammer gestellt. Sowie der erste Feind unser Deck enterte, flogen wir mit Mann und Maus in die Luft.« Der Prinz verstummte überrascht. Der Friede zu Ryswijk setzte seiner Thätigkeit ein Ziel. Er zog sich nach Dünkirchen in sein väterliches Hans zurück, woselbst er 1702 gestorben ist. Der Seefuchs. Es war im Juni des Jahres 1658, als die gute Stadt Dünkirchen von einer englisch-französischen Armee belagert ward. An der Spitze derselben stand der Marschall Turenne und Seine Herrlichkeit Lord Lockhardt. Der Marquis von Ledé, der Prinz von Condé und Don Juan von Oesterreich verteidigten die Stadt für den König von Spanien, dem sie seit 1652 gehörte. Vor einem kleinen Hause in der Kirchstraße und unweit der Kirche selbst, welches ganz im holländischen Styl erbaut war, sammelte sich eines Abends eine Anzahl von Bürgern und Seeleuten, welche mit vieler Teilnahme auf die Fenster des Hauses deuteten und auf jemand zu warten schienen. Dies Haus war die Wohnung des kühnen Kaper-Kapitäns Cornelius Bart, der während der stattfindenden Belagerung schwer verwundet worden war und hart daniederlag. Die Art und Weise, wie namentlich die umstehenden Matrosen seinen Namen aussprachen, zeigte deutlich, in welcher Gunst dieser Seemann bei ihnen stand. Bald darauf öffnete sich die Thür. Ein alter Seemann, dessen Haar schon ziemlich ergraut war, trat heraus. Er trug ein Wams von blauer Serge mit glatten zinnernen Knöpfen und weite Flamandshosen; einen breitkrempigen Hut hielt er in der Hand. Bei seinem Erscheinen erhob sich ein Gemurmel; »Wie steht's mit ihm? Wie befindet sich der brave Kapitän?« Der Alte winkte mit der Hand und sagte, eine sehr wichtige Miene annehmend: »Der Doktor hat gesagt, wenn Meister Cornelius drei Stunden schliefe, würde alles gut werden. Nun hat er aber vier Stunden geschlafen, also wird es noch besser gehen als gut.« »Meister Saurret,« rief ein junger Fischer, »für den Erlös des ersten Zuges, den ich nächstens draußen mit meinen Netzen mache, das heißt, wenn die Engländer in die Luft gesprengt sind und die Fahrt frei sein wird, will ich für die Wiederherstellung Meister Cornelius Barts eine Messe lesen lassen.« »Thue das, mein Sohn,« sagte Saurret, der den Beinamen Harran führte, weil er früher auf einer Heringsbüse gedient hatte. »Und da wir gerade von Fischen reden,« wandte er sich an die Versammlung, »so fällt mir da eine sehr denkwürdige Geschichte ein. Wir begegneten einmal mitten im Ocean einem Walfisch von ungeheurer Länge, dem eine große Schar junger Fische von solchem Umfange und in so ununterbrochener Reihe folgte, daß wir den alten für ein mächtiges Vorgebirge und die jungen für die daran hängende Küste hielten.« Ein lautes Gelächter unterbrach den alten Matrosen, dessen Lust an Aufschneidereien man hinlänglich kannte. Saurret aber ärgerte sich wie gewöhnlich über dies Lachen und sagte. »Was wißt Ihr? Am Bord befand sich ein ehrenwerter Mann, Herr Buguilt von Ostende, der wegen seiner Wahrheitsliebe in jener guten Stadt Geschworener war. Er glaubte so fest an das Vorhandensein einer Küste, daß er nach dem Quadranten griff, um die Höhe der hervorragenden Spitzen zu messen.« Aber nun wurde das Gelächter so stark, daß Harran Saurret, unwillig, heute mit seinen Erzählungen so ungläubigen Ohren zu begegnen, linksum machte und sich in das Vorgemach seines Herrn zurückzog, wo er sich mit dem Schnitzen einer Rudergaleere beschäftigte. Saurret hatte aus Liebe zu Cornelius Bart das Fischergewerbe aufgegeben und war in den Dienst dieses gefürchteten Kaperführers getreten. Er war auf der See ergraut und galt, abgesehen von seiner Liebe zu fabelhaften Geschichten, für einen zuverlässigen Mann. Der schrille Ton einer silbernen Bootsmannspfeife rief ihn bald nachher in das Zimmer seines Herrn. Die Wände dieses Zimmers waren mit alten Ledertapeten geziert, an welchen noch hier und da einige Spuren von Vergoldung hafteten. Der große Tisch mit den gewundenen Füßen, sowie die Stühle mit den hohen Lehnen waren von Nußbaumholz, welches das Alter gebräunt hatte. Der Fußboden war mit kleinen blauen und weißen Fliesen bedeckt. Durch ein schmales Fenster, dessen kleine runde Scheiben in Blei gefaßt waren, drang der glutrote Schein der untergehenden Sonne und warf einen breiten Lichtstreifen über den Fußboden des Zimmers hin. Auf dem Bette, das mit großgeblümten, zu beiden Seiten herabhängenden Gardinen versehen war, lag Meister Cornelius Bart mit dem todesblassen Gesicht. Er stützte das Haupt auf die Schulter einer Frau von vierzig Jahren. Sie trug ein schwarzwollenes Kleid und um den Hals einen gesteiften blendendweißen Kragen; eine schwarzsamtne Haube bedeckte ihren Kopf. Diese Frau, die den Leidenden mit der zärtlichsten Teilnahme betrachtete, war Katharina Janßen, seine Gattin, und der Knabe, der zu den Füßen des Bettes saß, war beider Sohn, Jean Bart . Es war ein kräftiger Knabe von neun Jahren, nicht groß, aber stark gebaut. Die breite Stirn, die für sein Alter starken Augenbrauen, sowie seine blauen lebhaften Augen drückten eine ungewöhnliche Entschlossenheit aus, während seine vollen Wangen, von Luft und Sonne gebräunt, Kraft und Gesundheit verkündeten. Als sein Vater sich mit Hilfe des alten Saurret erhob, rollte er dessen Lehnsessel, den der alte Herr, von Frau und Diener gestützt, nur mit Mühe erreicht hatte, an das Fenster. Die feindlichen Musketenkugeln, die des Kapitäns rechte Seite durchbohrten, als er sein letztes kühnes Wagestück unternahm, hatten ihm schweres Leid bereitet. »Gott ist gütig, mein liebes Weib!« sagte Cornelius Bart. »Ich bete zu ihm, daß er uns noch eine Weile beisammen läßt. Ich möchte unsern Jean vollends erziehen, damit er ein braver Seemann wird. Seine Brüder mögen werden, was sie wollen; aber er soll das Seekriegswerk treiben, wie es sein Vater und sein Großvater thaten.« Frau Katharina hob die mit Thränen gefüllten Augen zum Himmel. Jean Bart aber stand von seinem Schemel auf und nahm eine Stellung an, als befände er sich schon jetzt am Bord eines Orlogschiffes, dessen ganze Mannschaft seines Befehles gewärtig sei. Der alte Kaperführer sprach noch einiges von der gegenwärtigen Belagerung, und wie er die Wunde, an der er jetzt leide, empfangen habe. Es war geschehen, als er den Plan machte, ein englisches Schiff zu entern, das sich den Kanonen des Forts von Dünkirchen zu nahe gewagt hatte. Dann zog er den Knaben an sich und sagte, ihn liebkosend: »Woran denkst Du, Jean? Du siehst gar so finster und trübselig darein.« »Ich denke an den langen John Brish, lieber Vater!« sagte der Knabe mit unterdrücktem Zorne. »Und wer ist das?« »Mit Verlaub, Kapitän,« fiel Harran Saurret ein, »John Brish ist der Sohn unseres Nachbars, des alten englischen Hochbootsmanns. Seit Ihr verwundet seid, fällt unser Jean über diesen John Brish her, so oft er ihn zu Gesicht bekommt, und prügelt ihn gehörig durch.« »Gott im Himmel!« rief Frau Katharina erschreckt. »Warum denn nur?« »Ich prügele diesen Engländer, weil seine Landsleute meinen Vater verwundet haben.« »Ja, ja!« fiel Harran Saurret ein, etwas dreister vortretend. »Sowie unser Jean sich auf der Straße blicken läßt, flüstern die Nachbarn: Da kommt des Meister Cornelius Kleiner, nun kriegt der große Lümmel seine Tracht Schläge! Und andere rufen: John Brish, komm heraus! Jean Bart ist da und will Dich prügeln! Ja, meiner Seele, Kapitän, der Junge macht Euch alle Ehre. Man spricht noch immer von dem Abenteuer mit den zwei holländischen Schiffsjungen, ob es gleich schon eine feine Weile her ist.« »Und was ist das für eine Geschichte?« fragte der alte Kapitän, der es recht gut wußte und lächelnd seine Frau ansah, die mißbilligend den Kopf schüttelte. »Das war, als unser Jean sich zum Kapitän auf Hans Dolfins Boot machte, das nicht viel größer als eine Nußschale ist. Er preßte zwei holländische Schiffsjungen zu seinem Dienst und ging mit ihnen in See. Es war ein schändliches Wetter. Der Sturm heulte, und die Wellen tanzten nur so über das Boot hin. Die Jungens schrieen Zeter und wollten mit Gewalt binnen laufen. Aber unser Jean, der ihre Sprache nicht verstand und sich auf keine andere Weise deutlich machen konnte, zerbläute ihnen mit der Ruderpinne die breiten Rücken, woraus sie lernen sollten, daß sie sich nicht fürchten dürften, wenn er als Kapitän an Bord wäre.« »Ihr thut nicht klug, so zu sprechen, Saurret,« sagte die Mutter. »Statt dessen solltet Ihr, wie Euch befohlen worden ist, dem Jean die Buchstaben beibringen, die er kaum kennt, während andere Knaben seines Alters schon fertig lesen.« »Dafür, meine Teure,« sagte Meister Cornelius mit einem gewissen Stolze, »liest er von den Masten alle Segel herunter, und von der Besansgaffel bis zum Klüverbaum zählt er Dir alles stehende und laufende Gut an den Fingern her. Sage mir, Junge, wie fährt die Fockboleine, und wo sitzen die Toppwanten der großen Rahe?« »Aber, Cornelius!« sagte die Mutter leise. »Freilich, Du hast recht, meine Liebe!« sagte beistimmend der Vater und machte scheinbar ein böses Gesicht. »Jean, Du wirst nicht mehr mit holländischen Schiffsjungen in See gehen und keinen Engländer mehr prügeln.« »Und ich thue es doch!« rief Jean. »Dieser John Brish ist ein schuftiger Junge. Als sie unsern Vater heimtrugen, rief er lachend: Hussa! der hat sein Fett gekriegt! Und darum soll er auch sein Fett von mir kriegen; darauf kann sich die Mutter nur verlassen.« »Halte den Mund, Junge!« sagte der Vater, »sonst erzähle ich Dir keine Geschichten mehr von dem alten Jacobsen, dem alten Seefuchs, welcher der Kapitän Deines Großvaters war.« »Ach, erzähle, Väterchen, erzähle!« bat Jean schmeichelnd und kauerte zu den Füßen des Vaters nieder. Währenddem trat Harran Saurret mit der brennenden Lampe, die er zu holen beordert war, wieder herein, und der Kapitän sagte: »Hole Deine Arbeit, alter Saurret, und setze Dich dahin. Ich will dem Jean die letzte Geschichte von dem Seefuchs erzählen, und Du magst auch zuhören.« Saurret eilte hinaus und kam bald darauf mit einer halbfertigen Galeere und dem Schnitzmesser zurück. Während dieser friedlichen Zurüstung begann draußen ein neuer Angriff der Belagerer. Die Kanonen donnerten über See und Land hin. »Das ist gut!« rief Kapitän Cornelius erregt. »Dieser Donner der Geschütze soll die Erzählung von der letzten Waffenthat des Seefuchses begleiten. Das ist eine gute Musik. Merke auf, mein Kind!« »Meister Michael Jacobsen hieß der Seefuchs bei alt und jung, weil es keiner so gut verstand, als er, mit List seine Beute anzulocken, oder seinen Feinden zu entfliehen, wenn sie ihn schon im Netze zu haben glaubten. Du hast den Seefuchs gesehen, mein Kind; ich meine im Bilde, wie es der große Maler aus Köln, Herr Peter Paul Rubens, gemalt hat, und wie es bei dem Herrn Schöffen Mullewort in der Staatsstube hängt. Es war ein vornehmer Herr, dieser Maler, der mit Kaisern und Königen verkehrte; aber er hielt es doch für eine Ehre, den Seefuchs zu malen, und ging täglich zu ihm in die kleine Kammer, welche er bei dem alten Risban bewohnte, denn der Seefuchs konnte seiner Wunden wegen nicht ausgehen. Als darauf das Bild fertig war, und der Bürgermeister ihm den Lohn reichen wollte, lehnte der Maler jede Bezahlung ab und sagte: »Mir genügt, daß es fortan heißt, der Rubens hat den Seefuchs gemalt.« »Ich weiß! Ich weiß!« rief Jean. »Es ist ein Mann mit einem langen braunen Gesicht. Die Haare sind schwarz, und der Bart ist es auch. Er trägt einen Stahlpanzer und eine rote Schärpe darüber. In der rechten Hand hat er den Kommandostab, und die linke ruht auf dem Helm. Und hinter ihm ist die stürmische See, und die Schiffe, die darauf kreuzen, liefern sich eine Schlacht.« »Mit Vergunst, Kapitän,« fiel Saurret mit wichtiger Miene ein, »da fällt mir eine merkwürdige Geschichte ein, die sich begab, als ich noch nicht in Euern Diensten war. Wir befanden uns auf einer langen und gefährlichen Reise an der moskowitischen Küste. Ein Sturm brach aus, so ungeheuer, daß er die Fische aus den Wellen herausriß, und sie in der Luft durcheinanderschwirrten, wie sonst nur Vögel thun.« »Sollte man es denken!« »Ja, ja, Herr!« fuhr Saurret, dreist gemacht durch dieses hingeworfene Wort, eifrig fort. »Der wachsende Sturm schleuderte die armen Tiere so hoch hinauf, daß die Haifische so klein erschienen wie Makrelen, und . . . . .« »Und man die Walfische mit Musketenkugeln herunterschießen konnte!« fuhr Meister Cornelius, ihn unterbrechend, fort. »Daß Du an Deinen ewigen Lügen ersticktest!« Saurret wurde bis über die Ohren rot und schnitzte an der Galeere weiter. Meister Cornelius aber sagte zu dem ungeduldig mahnenden Knaben: »Um also wieder auf den Seefuchs zu kommen, so höre, was sich vor langen Jahren begab. Die Engländer hielten den Hafen von Dünkirchen blockiert, wie eben jetzt. Seit drei Tagen waren mein Vater und ich glücklich von einem Kreuzzuge zurückgekehrt. Wir hatten die Kreuzer arg betrogen. Unsere Brigg »die Seeschwalbe« lag ruhig im Hafen. Die Mannschaft war am Bord und alles so im stande, daß wir gleich wieder auslaufen konnten. Wir saßen in diesem nämlichen Zimmer. Es war ein naßkalter Winterabend, und der Nordwest heulte in dem Schlot. Das Feuer brannte hell in dem Kamin, der Bierkrug war gefüllt und die Pfeifen waren gestopft. Es sollte hoch hergehen diesen Abend, denn der Kapitän van der Velde war des Großvaters Gast. Plötzlich ging die Thür auf, und wer trat ins Zimmer?« »Der Seefuchs!« rief Jean. »Ja, der Seefuchs! Sein Mantel triefte, denn draußen regnete es in Strömen. Unter dem Mantel trug er seine Rüstung.« »Anton!« sagte er im Eintreten zu dem Großvater. »Ich brauche Dich, Deinen Sohn und Dein Schiff.« »Und wann?« fragte mein Vater. »Gleich,« war die Antwort. »Wir müssen sofort auslaufen!« »Gut!« sagte mein Vater und entschuldigte sich bei seinem Gaste, der sich auch sogleich entfernte, denn er kannte dergleichen Abenteuer schon. Und während ich nun mit dem Vater hinausging, um uns zu dem Seezuge bereit zu machen, setzte sich der Seefuchs mit der Pfeife zum Feuer. Er trug ein altes Kollett von Büffelleder und einen Schuppenharnisch. Als wir, fertig zur Abreise, herunterkamen, fanden wir den Seefuchs in tiefen Gedanken in das Feuer starrend. Die Pfeife war ihm aus der Hand gefallen. »Nun?« fragte mein Vater heiter. »Sollen die Kanonen das Zeichen zur Abfahrt geben?« »Ja!« rief er aufspringend. »Gehen wir!« Aber plötzlich stand er still und fragte: »Wie steht es mit Deinem Gewissen, Anton Bart? Bist Du bereit, mit Deinem jungen Sohne jeden Augenblick, wenn es sein muß, vor Gott zu treten?« »Mein Vater, der nun wohl merkte, daß es ein sehr gefährliches Werk war, bei dem er sich beteiligen sollte, antwortete ebenso ernst: »Hoffe, daß mein Loggbuch so in Ordnung ist, daß der höchste Richter und Herr jede Stunde hineinschauen kann. Doch ist die Thür zu der Kapelle in der Pfarrkirche nicht geschlossen, so wollen wir dort erst unser Gebet verrichten.« Dahin gingen wir nun. Der Wind wehte furchtbar und trieb uns den Hagel ins Gesicht. Als wir wieder aus der Kirche traten und dem Hafen zugingen, schlug es elf Uhr. Es war alles bereit, als wir an Bord kamen, und der Anker konnte sofort gelichtet werden. Der Connetable der Admiralität hatte dem Seefuchs eine Ordre mitgegeben, laut welcher ihm die Hafenkette aufgeschlossen werden durfte. Bald nach Mitternacht waren wir in offener See. Der Vater hatte gleich beim an Bord Kommen dem Seefuchs das Kommando abgetreten. Dieser ließ alle Lichter löschen und befahl westwärts zu steuern. Da der Wind konträr war, mußten wir lavieren. Der Regen strömte unaufhörlich herab; die Nacht war stockfinster. Bisweilen tauchte zwischen den dunkeln Wellen ein Licht auf; das waren die Wachtfeuer auf den Kreuzerschiffen. Der Lotse, den wir an Bord hatten, war ein Schiffer aus Vlissingen. Sein Auge durchdrang die dichteste Finsternis. Mittels der Pfeife wechselte er Signale mit dem Manne am Steuer. Alle Waffen wurden während der Zeit auf das Verdeck gebracht, um in jedem Augenblick bereit zu sein.« »Aber wo bleiben denn die Engländer, Vater?« fragte der kleine Jean Bart ungeduldig. »Werden sie nicht bald geschlagen?« »Gedulde Dich nur, mein Kind!« antwortete Meister Cornelius, ihn streichelnd. »Wir fuhren die ganze Nacht hindurch mit dichtgerefften Segeln und hatten bis zum Anbruch des Tages nur eine geringe Distanz aufgekreuzt. Der Seefuchs ging so ungeduldig auf und ab, daß das Halbdeck unter seinen schweren Schritten dröhnte. Dabei spielte er mit der blinkenden Streitaxt, die er in der rechten Hand hielt. Als es Tag geworden war, soweit man an einem so trüben Morgen sagen kann, daß es Tag geworden ist, befahl uns der Seefuchs, die Staatsflagge aufzuziehen und eine der Vordeck-Kanonen blind abzufeuern. Das geschah, und wir wunderten uns in der Stille, daß der Seefuchs auf diese Art die Aufmerksamkeit der Kreuzer erregte. Eine halbe Stunde später rief der Junge, der als Guckaus in der Vormars saß, zu Deck: »Drei Kriegsschiffe in Sicht!« Da jauchzte der Seefuchs laut auf, und die Streitaxt in das Verdeck treibend, daß die Splitter umherflogen, rief er aus: »Nun, endlich sind sie da!« Er rief es mit einer solchen Freudigkeit, als ob er das Staatsschiff des Königs von Spanien erobert hätte. Jetzt erst teilte er uns mit, daß er Ordre habe, die Kreuzer an sich zu locken und von dem Hafen zu entfernen, damit eine Kauffahrteiflotte von einigen zwanzig Segeln ungehindert einlaufen könne. Wir müßten nun sofort diesen Engländern zu Leibe gehen und ihnen tüchtig einheizen. »Darauf antwortete mein Vater, es sei unser aller Pflicht im Dienste des Königs zu leben und zu sterben, und die gesamte Mannschaft hatte zu dem Seefuchs ein solches Vertrauen, daß sie ihm schwuren, der Engländer solle keinen von ihnen lebendig fangen. Als dies vorüber war, erschien der Geistliche, der uns zu begleiten pflegte. Er las vor dem gesammten Schiffsvolk die Messe und segnete uns ein. Dann aber wurde ein Faß mit Branntwein heraufgeschrotet, und jeder that einen tüchtigen Zug auf die Gesundheit des Königs. Wir bereiteten uns nun auf die eigentliche Schlacht vor, die ungemein furchtbar werden mußte. Die Kriegsschiffe kamen allmählich heran. Das erste derselben war eine Pinasse, nicht so groß und stark als unsere Brigg. Sie erhielt zweimal die glatte Lage von uns in ihre Backbordseite, die so heftig wirkte, daß sie sich sofort auf die Seite legte. Nun aber begannen die beiden großen Fregatten ein so mörderisches Feuer zu eröffnen, daß unser Takelwerk in kurzer Zeit unbrauchbar wurde, und der größte Teil der Mannschaft verwundet umherlag. Welch ein Leiden, mein armer Kleiner! Aber auch welch ein Ruhm! Drei gegen einen, darunter zwei schwere Fregatten! Und dazu eine Pinasse in den Grund gebohrt! Wir unterhielten ohne Aufhören ein starkes Feuern und schrieen dazwischen: Es lebe der König! Kommt an Bord, Ihr englischen Hunde! Kommt an Bord! Dabei schwangen wir die Aexte um unsere Köpfe und lachten die Feinde höhnend aus!« Als Kapitän Cornelius Bart dies erzählte, färbte sich sein blasses Antlitz rot, und seine Stimme zitterte. »Heiliger Gott!« rief Frau Katharina erschreckt. »Da ist der krampfhafte Anfall wieder. Du richtest Dich zu grunde. Halte ein mit der entsetzlichen Erzählung!« »Laß mich, Frau!« entgegnete Cornelius Bart nach einer Pause der Erholung mit bittendem Tone. »Ich kann nicht anders. Die Erinnerung reißt mich zu mächtig wieder fort; ich lebe nur in ihr wieder auf. Höre mir weiter zu, mein lieber Sohn!« Jean Bart schmiegte sich dicht an seinen Vater, dessen Hand er an seine Lippen drückte, und dieser erzählte weiter: »Als wir die Engländer in dieser Weise verhöhnten, enterten sie uns von beiden Seiten zugleich, und es fand ein furchtbares Blutbad statt. Es kämpfte Mann gegen Mann. Aber die beiden Fregatten hatten so viel Volk an Bord, daß, wenn einer gefallen war, gleich ein frischer Streiter dafür eintrat. Wir aber blieben immer dieselben und waren zu einem kleinen Häuflein zusammengeschmolzen. Der Seefuchs hatte einen Schuß durch den Leib und mein Vater drei Lanzenstiche erhalten. Das Verdeck war mit Toten und Verwundeten wie besäet. Als der Seefuchs nun sah, daß kein kampffähiger Mann mehr an Bord und die zerschossene Brigg dem Sinken nahe war, rief er meinem Vater zu: Wirf die Lunte in die Pulverkammer! Heize der heiligen Barbara tüchtig ein. Sie sollen uns nicht lebendig haben!« »Hussa! Hussa!« rief der kleine Jean Bart und focht mit den Armen um sich, als sei er mitten im Gefecht, während sein Vater immer blässer wurde und die Hände gegen die Brust preßte, als fühle er einen heftigen Schmerz. Aber der alte Seeheld wußte sich zu bezwingen und erzählte nach einer Pause weiter. »Ich sehe den Seefuchs noch vor mir, der, als er seine Axt nicht mehr schwingen konnte, sich auf einen der englischen Kapitäne warf, den er so fest umklammert hielt, als wolle er ihn mit sich in die andere Welt hinübernehmen Dabei schrie er unaufhörlich: Lunte in die Pulverkammer! Mein Vater, vom Blutverlust ermattet, eilte, so schnell er es vermochte. Aber über alle Leichen hin war der Gang nicht so leicht. Während der Zeit schlug ich mich mit zwei Engländern herum, die mit ihren Spießen nach mir hieben und stachen. Plötzlich fühlte ich eine gewaltige Erschütterung; die Sinne vergingen mir. Erst in dem eiskalten Wasser, das über meinen Kopf hinbrauste, fand ich meine Besinnung wieder. Ich saß auf einem Balken, den ich fest umklammert hielt. Da gewahrte ich englische Matrosen, die uns auffischten und mich in eine der Schaluppen brachten. Ich fragte nach meinem Vater, er war tot; nach dem Seefuchs, er war tot; nach unserer Mannschaft, nur unser zwei waren übrig geblieben. Von der »Seeschwalbe« trieben nur ein paar Bretter und Planken umher. Aber auch von den Fregatten war nur eine, und diese arg zerstört, übrig; die zweite sank, als die Brigg in die Luft flog. Während dieses Gefechtes war die Kauffahrteiflotte in Dünkirchen eingelaufen. Vor allem aber war die Ehre unserer Flagge gewahrt, mein kleiner Jean, was einem Seemanne stets zumeist am Herzen liegen muß. So that Dein Großvater, so Dein Vater, und Du sollst unserm Beispiele folgen, denn . . . .« Aber diese lebhafte Erzählung hatte die Kraft des Meister Cornelius erschöpft; er sank bleich in den Lehnstuhl zurück und blieb regungslos darin liegen. »Heilige Jungfrau! Er stirbt!« rief händeringend Frau Katharina. »Die abscheulichen Engländer haben ihn mir getötet!« rief Jean, sich über den Vater hinwerfend. Harran Saurret sah mit tiefem Kummer auf seinen Herrn. »Gott sei seiner Seele gnädig! Er stirbt.« Es war der siebzehnte Juni. Und an eben diesem siebzehnten, nach der Schlacht auf den Dünen, ergab sich Dünkirchen an den König von Frankreich, der es einen Tag lang in Besitz nahm und es dann, nach dem abgeschlossenen Allianz-Traktat, an Cromwell übergab. Am Bord der »sieben vereinigten Provinzen«. Es war am 30. Juli 1666. Derjenige Teil der Ostküste von England, der sich in der Richtung von Süden nach Norden, von der Mündung der Themse bis zu der gemeinsamen Mündung der Staour und des Orvel erstreckt, grenzt mit der Grafschaft Essex. In seiner Nähe liegen die Bänke von Harwich, die bei Nordost- und Südostwinden einen sichern Ankerplatz darbieten Dort ankerte an dem obengedachten Tage die niederländische Flotte bei einer leichten südöstlichen Brise. Diese Flotte stand unter den Befehlen Michael Adrianson de Ruiters, Großadmiral im Dienste der Generalstaaten. Sie war aus fünfundsiebzig Kriegsschiffen und elf Brandern zusammengesetzt. Eine leichte Kühle wehte von Südosten. Die Flotte der vereinigten Provinzen lag, in drei Linien geteilt, in schönster Ordnung vor Anker. In dem Zentrum derselben erhob sich, alle andern Schiffe beherrschend, das Linienschiff von achtzig Kanonen: »Die sieben Provinzen«. Am Bord desselben hatte Herr de Ruiter seine Admiralsflagge aufgesteckt. Dieses Fahrzeug galt allgemein für das prächtigste in der holländischen Marine und verdiente diesen Ruf nicht nur durch seine Ueberlegenheit im Segeln, sondern auch wegen der kostbarem Bildhauer-Arbeiten, mit denen die fünf Stockwerke seines Hinterkastells geschmückt waren. Dasselbe wurde von dreien aus vergoldeter Bronze bestehenden Seeleuchten überragt, so daß der Hackbord des Schiffes sich zu einer Höhe erhob, die mit zwei Dritteilen der Höhe des großen Mastes parallel stand. Man konnte nicht ohne Bewunderung diese Masse von Holz und Eisen anschauen, die sich wie ein riesiger Turm aus der Flut emporhob. Es war ungefähr um acht Uhr morgens, als der Soldat, welcher auf der vorderen Schanze die Wache hatte, einen Logger anrief, der mit ausgestützten Segeln gerade auf das Admiralschiff lossteuerte. »Franzosen, mit einer Botschaft des Gouverneurs von Calais,« war die Antwort, während das leichte Fahrzeug beidrehte. »Legt an, am Backbord!« Kaum war dieser Befehl gegeben, als der Logger seine Segel einzog und längs dem Backbord des Linienschiffes schoß. Die Mastenspitzen des kleinen Fahrzeuges reichten bei weitem nicht an die Verschanzungen des Admiralschiffes. Einer der Offiziere vom Dienst erschien auf dem Fallreep. Drei Edelleute, die Herren von Cavoye, d'Harcourt und Coislin, betraten das Verdeck, überholt von dem jungen Matrosen Jean Bart, der, in der seemännischen Gymnastik wohl erfahren, ihnen zuvorkam. Der holländische Offizier, welcher der französischen Sprache mächtig war, empfing die drei Herren, und sobald er erfuhr, daß sie eine Botschaft von dem Grafen von Charost zu überbringen hatten, schickte er sich an, sie in die Kajüte des Admirals zu geleiten. Jean Bart, beide Hände in die Taschen seiner weiten flamändischen Beinkleider gesteckt, überlief mit bewundernden Blicken das Takelwerk des Schiffes. Als aber der Offizier die Edelleute ersuchte, ihm zu folgen, drängte er sich zwischendurch, stellte sich vor den Offizier hin und sagte, die Hand an die Mütze legend: »Ich bin es, Herr Lieutenant, den Ihr zu dem Admiral führen müßt.« »Was will der junge Mann?« fragte der Offizier, nicht wenig erstaunt, daß sich der kleine Matrose den drei Edelleuten vordrängte. »Ich will den Admiral sehen und ihm meine drei Passagiere überliefern, denn ich bin der Kapitän jenes Loggers,« entgegnete Jean Bart mit der Entschlossenheit, die ihm stets eigen. »Ihr dürft ihm unbedingt Glauben schenken,« sagte Herr von Cavoye zu dem Offizier. »Er ist in der That ein tüchtiger Junge. Aber er soll mich nicht wieder dahin bringen, auf eine solche Art mit ihm zu segeln. Seitdem wir Segel machten, sind wir aus dem Seebade nicht herausgekommen. Indessen, der Wahrheit die Ehre, er hat uns mit geschlossenen Augen hierher gebracht, wie er es vorher sagte. Thun Sie also nur, was er verlangt; es ist alles in Ordnung.« Der Lieutenant betrachtete Jean Bart mit leichtem Achselzucken und sagte dann mit spöttischem Tone: »So folgt mir denn, Herr Kapitän!« – Und Jean Bart, beide Hände wieder in die Tasche steckend, folgte dem Offizier, mit reger Neugier seine Augen ringsumher werfend und selbst die geringfügigsten Gegenstände sorgfältig prüfend. Als sie sich der Thür näherten, die in die Admiralskajüte führte, wandte sich Herr von Coislin an den Offizier und sagte leise: »Aber, mein Herr, wäre es nicht schicklicher, bei dem Herrn de Ruiter vorher anzufragen, ob und wann es ihm gefällig ist, uns zu empfangen? Wir könnten uns während der Zeit umkleiden, um mit Anstand vor Seiner Excellenz zu erscheinen.« »Meine Herren,« entgegnete der Offizier lächelnd, »unser Admiral hängt nicht an Förmlichkeiten. Das ist ein leutseliger Herr, zu dem der geringste Mann an Bord ungescheut treten und sein Gesuch vorbringen kann. Und was Eure von Wind und Wetter zerzauste Kleidung betrifft, so wird der Herr Admiral nicht im geringsten darauf achten.« Mit diesen Worten öffnete der Offizier die Thür, und die Edelleute traten in eine geräumige Kajüte, die sehr einfach ausgestattet war. Die Wände waren mit einer rötlichen Farbe bedeckt; in der Mitte stand ein großer Tisch, auf welchem eine Decke von braunem Schafleder lag. Um denselben standen mehrere Stühle von Nußbaumholz. »Der Admiral ist nicht hier,« sagte der Offizier. »Er giebt also ohne Zweifel seinen Lieblingen ihr Frühstück. Da ist er, in dem Kabinett zur rechten Hand.« In dem Fenster dieses Kabinettes war ein großer Käfig angebracht, und in demselben saßen vier prächtige flamändische Hühner, deren gelbes und schwarzes Gefieder wie Gold und Ebenholz glänzte. Der Offizier vom Dienst hatte dem Admiral im ehrfurchtsvollsten Tone seine Meldung gemacht, und dieser näherte sich den Edelleuten. Mynheer de Ruiter war damals ungefähr sechzig Jahre alt. Seine Haare waren weiß, und sein ebenfalls weißer Knebelbart war nach Art und Weise der damaligen Seeleute in der Höhe gestutzt. Sein Wuchs war schmächtig und sein Gesicht breit. Er hatte eine hohe Stirn, und seine grauen Augen blickten scharf. Er war mit einem langen Rocke von dunkler Farbe bekleidet, der von einem ledernen Gurt zusammengehalten ward. Der Admiral begrüßte die Edelleute mit freundlichem Wohlwollen und sah dann auf Jean Bart, der ihn mit staunender Bewunderung betrachtete. »Herr Admiral,« sagte der Offizier, »diese französischen Herren sind die Ueberbringer einer Botschaft von seiten des Gouverneurs von Calais, und dieser junge Seemann hat sie hierher geführt.« Herr von Cavoye neigte sich achtungsvoll vor dem Admiral und übergab ihm die Depeschen des Grafen von Charost. Herr de Ruiter begann sie zu lesen. Seit einigen Augenblicken war in der ganzen Haltung Jean Barts eine völlige Veränderung eingetreten. Er war mit einem Male verlegen. Seine Wangen färbten sich, der Schweiß trat ihm vor die Stirn, und als ihn einmal das Auge des Admirals traf, sah er blitzschnell zu Boden. Es war ein seltsames Wesen in diesem jungen Seemann. Er konnte mit vornehmen Herren, wie er sie eben an Bord gebracht hatte, ungeniert sprechen und sie ohne Verlegenheit ansehen; aber er wußte sich nicht zu fassen, als er sich einem Seemanne gegenüber sah, wie dem allgepriesenen de Ruiter. Als der Admiral die Briefe durchgelesen hatte, sagte er mit einiger Förmlichkeit zu den Kavalieren, daß er ihrem Wunsche, einem Seegefechte beizuwohnen, gern genügen wolle, und er sie bis dahin mit Vergnügen am Bord als seine Gäste sehen würde. Die Kavaliere sprachen ihren Dank aus, und Herr von Cavoye fügte hinzu: »Erlaubt mir, Herr Admiral, Eure Teilnahme für den jungen Mann, der uns hierher brachte, in Anspruch zu nehmen. Er hat sich, seltsamerweise, seit unserm Hiersein auffallend verändert, und ich kenne ihn kaum wieder. Noch vor kurzem war er trotzig und verwegen, und jetzt ist er ganz verwirrt.« »Ja, in der That,« fügte Herr von Harcourt hinzu. »Er scheint beklommen.« »Ganz perplex!« ergänzte Coislin. Jean Bart, dessen Ungeduld sich mit jedem Worte steigerte, rief seinen Passagieren mit funkelnden Augen zu: »Beim heiligen Kreuz! Ihr habt gesehen, daß ich in Eurer Gegenwart auch nicht einen Augenblick beklommen oder perplex gewesen bin.« »So bin ich es, der Dir ein ähnliches Gefühl einflößt?« fragte der Admiral freundlich. »Ja, – nein! – Aber ich wollte eigentlich . . . . . Es ist nur . . .« Und Jean Bart, dem die Wangen höher glühten und die Augen voll Thränen standen, konnte nicht Worte finden für das, was er zu sagen hatte. Er warf sich vor dem Admiral nieder und umfaßte seine Kniee. »Nun, nun, beruhig Dich, mein Junge!« sagte de Ruiter, die Hand auf sein Haupt legend, und wandte sich zu den Edelleuten: »Meine Herren, man wird Euch Eure Kajüte anweisen. Am Bord muß man sich behelfen, wißt Ihr. Um zwölf Uhr erwarte ich Euch zum Mittagessen.« Die Franzosen verbeugten sich und ließen Jean Bart mit de Ruiter allein. Die erste heftige Gemütsbewegung des jungen Matrosen war vorüber, und er zeigte sich ziemlich besonnen, als der Admiral ihn neuerdings anredete. »Nun, Junge? Hast Du Dich jetzt beruhigt?« »Es kommt schon, Herr Admiral. Aber beim heiligen Kreuz, der erste Augenblick war schwer zu überstehen, denn so lange ich lebe, ist mir noch nichts so Ehrwürdiges begegnet, als ein solcher Seemann, wie Sie.« Diese ungeschminkte Bewunderung schmeichelte de Ruiter. Er lächelte und sagte mit jenem milden Ernste, der einer der hervorstechendsten Züge seines Charakters war. »Was ich bin, verdanke ich unserm Herrgott, der mich machte, wie ich bin; wir können nichts davon und dazu thun. Du kommst also von Calais?« »Ja, Herr Admiral. Eigentlich von Sanct Paul, ganz nahe bei Calais.« »Und Du kommandierst den Logger?« »Ja, Herr Admiral; das ist aber nicht schwer. Ich war schon öfter in diesen Gewässern. Früher diente ich auf einem Schmuggler, der bald zu Calais, bald an der Küste von Suffolk landete.« »Und bist Du niemand begegnet, als Du hierher kamst? Sahst Du kein Orlogschiff?« Jean Bart antwortete nicht. Er errötete, drehte die Mütze zwischen den Händen und schlug die Augen nieder. »Warum errötest Du?« fragte de Ruiter rasch. »Denkst Du mich zu belügen?« »Nein, beim heiligen Kreuz, Herr Admiral, das glauben Sie nicht. Man hat mir auf Befehl des Gouverneurs zu Calais gesagt, es sei gefährlich für mich, wenn ich mich beim Hersegeln von dem graden Kurs entferne.« »Nun?« »Auf die Gefahr hin, gefangen zu werden, habe ich mich von dem eigentlichen Steuerkurse etwas verirrt. Als ich mich geradeüber von Komings-Diep befand – es sprang gerade im Nordost eine leichte Kuhlte auf – lavierte ich rasch in den Kanal hinein, der mir sehr wohl bekannt ist.« »Nun, was hast Du dort gesehen?« rief de Ruiter mit Ungeduld. »Hat man Dich nicht verfolgt?« »Freilich, Herr Admiral. Da aber mein Logger ein tüchtiger Segler ist, dachte ich, so schadet es wenig, wenn einer der Kreuzer auf mich Jagd machte. Hatte ich doch die Höhe, und wenn ich ihn herauslockte, mußte er mich wohl in Frieden lassen, denn eine Fregatte ist viel zu durstig, als daß sie sich mit dem Wasser begnügt, das auf den Bänken von Heap zu finden ist. Ich wollte nun einmal etwas sehen und habe es auch, denn als ich nun Ost-Nord-Ost von Colchester war . . . .« »So weit wagtest Du Dich?« unterbrach ihn der Admiral lebhaft. »Ja, Herr Admiral. Aber nun durfte ich nicht weiter, denn alle Bojen, Baken und Tonnen, welche das Fahrwasser bezeichnen, waren zerstört. Ich legte also bei. Nahe bei Middle-Ground sah ich wohl an fünfzehn Fregatten, die ihre Segel aufgeiten und mit dem Lande Signale wechselten. Da hielt es mich nicht länger; ich machte noch einen Schlag vorwärts und sah mehrere Masten hervorragen, die vor Queens-Bourough zu ankern schienen. Da setzte ein Kreuzer Segel. Bei Westrocks habe ich ihn aus den Augen verloren und bin dann hier angekommen.« »Das ist brav, mein Junge!« sagte Herr de Ruiter und schlug den jungen Mann auf die Schulter. »Deine Nachrichten sind sehr gut. Du hast mir einen wesentlichen Dienst geleistet. Kann ich etwas für Dich thun?« »Beim heiligen Kreuz, wenn ich's sagen dürfte. . . . .« »Nun, so rede. . . . .« »Ich würde Euch bitten, Herr Admiral, meinem Herrn, der Lotse zu Sanct Paul ist, den Logger zurückzuschicken und mich bei Euch an Bord zu behalten, als was es immer sei.« »Das will ich gern thun. Du bleibst also auf meinem Schiffe und ich werde den Logger durch einen Ostender Segelmeister, den ich den Engländern abgenommen habe, zurückbringen lassen.« »Dank, Herr Admiral! Aber ich habe einen alten Seemann bei mir, der mich nie verläßt und mir Vater war. Darf der auch bleiben?« »Das darf er.« »Herr Admiral,« sagte Jean Bart in großer Bewegung, »ich weiß nicht, wie ich das sagen soll, was ich fühle. Aber beim heiligen Kreuz! Ihr seid ein Mann, wie der Seefuchs, von dem mir mein armer Vater erzählte. Das ist alles, was ich sagen kann . . . . Ihr seid ein zweiter Seefuchs.« Obgleich der Admiral den jungen Mann nicht ganz verstand, gefiel ihm doch der Ausdruck der innigen Dankbarkeit, der ihm aus den feuchten Augen Jean Barts entgegenleuchtete, und er sagte mit wahrhaft väterlichem Tone. »Baue auf Gott, mein Sohn! Er sei Deine Stärke und Deine Hoffnung, und wer weiß, ob Du nicht mit seiner Hilfe steigst. Denke stets an das, was ich Dir jetzt sagen will. Ich bin Admiral, und hundert Kriegsschiffe stehen unter meinen Befehlen. Nun denn, ich bin der Sohn eines armen Bierzapfers und verdiente täglich einen Sou auf den Seilerwerften von Vlissingen! Geh! Ich werde Dich nicht vergessen.« Und der Admiral entließ Jean Bart, nachdem er ihn und den alten Saurret von dem Schreiber in die Musterrolle des Schiffs hatte eintragen lassen. Hierauf wurden beide zum Zeugmeister geführt. Ein jeder empfing eine Jacke von grünem Tuche mit orange Knöpfen und Aufschlägen, weite Beinkleider von grober, friesischer Leinwand, einen Gurt von roter Serge und eine Kappe von brauner Wolle. Hierauf wurden beide zum Oberbootsmann geführt. Auf dem Wege dahin ermahnte sie der Zeugmeisters-Maat unaufhörlich und mit einem hohen Tone, die Kleider nicht zu beschmutzen oder zu zerreißen. Jean Bart begann bereits ungeduldig zu werden, aber Saurret flüsterte ihm zu: »Seid still! Hier ist es nicht wie am Bord eines Kauffahrers. Hier ist der Matrose so gut Sklave, als der Christ bei den Türken. Hier geht oder steht, schläft oder arbeitet man nach dem Willen des Kapitäns, der keinen Meister über sich hat. Ein Kriegsschiff ist ebensowenig etwas Erfreuliches, als ein Franziskanerkloster, namentlich bei diesen Mynheers, die stumm sind wie ein Fisch im Netze. Wir hätten sollen so schnell wie möglich von hier fortsegeln.« »Aber denke doch nur, was ich alles sehen werde! Beim heiligen Kreuz! Ich werde einer Seeschlacht beiwohnen. Ich, der ich nie dergleichen sah und nur mit den Strandsoldaten an der Küste von Suffolk ab und zu einige Kugeln wechselte. Und über das alles werde ich unter de Ruiter dienen, wie mein Vater unter dem Seefuchs diente.« »Wohl wahr, junger Herr!« sagte Saurret. »Nichts ist herrlicher, als zwei Flotten, die sich gegenseitig hart bekämpfen. Es ist auch eine große Annehmlichkeit, sich mitten unter diesen Streitern zu befinden und Schlag um Schlag zu nehmen und zu geben. Aber wir werden sehen . . . .« Hier brach Saurret plötzlich ab. Sie standen im ersten Zwischendeck vor der Thür einer Kajüte, unfern des Kabelgats. Der Bursche des Zeugmeisters öffnete die Thür und sagte zu dem dort anwesenden Hochbootsmann: »Hier sind zwei Matrosen, die von heute ab auf Befehl des Herrn Admirals angenommen sind.« Herr Abraham Lely, Hochbootsmann der »sieben Provinzen«, war ein Mann, welcher an Bord gut angeschrieben war. Er galt für einen Seemann, in welchem sich ein rastloser Eifer mit kaltem Blute und großer Erfahrung einten. Er war einer von den zuverlässigen Leuten, die sich, wie ein niederländisches Sprichwort sagt, einen Backzahn ausreißen, um einen Nagel daraus zu machen, der ihnen mangelt. Aber außerdem war Herr Abraham Lely der gröbste, ungeselligste Kerl von ganz Niederland, ein dicker Wanst von ungefähr fünfzig Jahren mit einer schwarzen Perücke auf dem Kopf, die sein breites, fahles Gesicht noch abstoßender machte. Der linke Arm war ihm von einer Kanonenkugel weggerissen und darum der Aermel auf der Brust mit einer Segelnadel befestigt. Dieser von der ganzen Mannschaft gefürchtete Deckoffizier war eben damit beschäftigt, einen Zwieback und ein Stück Stockfisch zu verzehren, das er in eine Sauce von Butter und Pfeffer tauchte, als Jean Bart und Saurret eingeführt wurden. Er fing, ohne sich beim Essen stören zu lassen, ein langes Examen an, und als er bemerkte, daß Jean Bart seine Mütze auf dem Kopfe behalten hatte, ergriff er ein langes Bambusrohr, das in seiner Nähe stand, und warf mit einem Schlage die Mütze von dem Kopfe des jungen Mannes herunter. Jean Bart ballte die Fäuste und murmelte eine Verwünschung vor sich hin. Herr Abraham Lely aber fragte mit der ruhigsten Miene von der Welt. »Wo kommt Ihr her?« »Von Sanct Paul, nahe bei Calais,« antwortete Jean Bart, seinen Zorn zurückhaltend, und nahm ein Stückchen Kautabak aus seiner Blechdose. Kaum aber hatte er diese geöffnet, als er einen Schlag mit dem Bambusrohre auf die Hand erhielt, so stark, daß die Dose bis an die Decke der Kajüte flog. Jean Bart biß sich in die Lippen, und um seinem Zorne Luft zu machen, stampfte er heftig mit dem linken Fuße. Aber ein neuer Schlag des Bambus traf gerade auf die große Zehe des linken Fußes, um ihn zu warnen, auf diese Weise seinem Unmute freien Lauf zu lassen. »Gottes Tod!« schrie er von Schmerz und Wut ergriffen und trampelte so heftig, daß der Sitz des Hochbootsmannes erbebte. »Fange nicht wieder an, Käsesack, oder . . . .« Zum Glück hatte er dies auf französisch gesagt, und wieder zum Glück schob sich der alte Saurret dazwischen und sagte entschuldigend, der junge Mann lärme nur deshalb so ungebührlich, weil der Bambus eine noch nicht ganz geheilte Wunde getroffen habe. Meister Lely blieb unerschütterlich kalt und setzte nach jedem Schlage den Stock wieder neben sich. Jean Bart ergab sich in sein Schicksal und ließ von Saurret alle noch folgenden Fragen des Hochbootsmannes beantworten. »Splitzt mir dies Tau zusammen!« sagte der Hochbootsmann in strengem Tone, indem er auf zwei Tauenden und ein Splitzeisen zeigte. Der alte Saurret machte sich rasch daran und brachte eine so gute Arbeit zu stande, daß man nicht merkte, wo die Enden zusammengefügt waren. Jean Bart mußte dasselbe thun. Meister Lely prüfte die Arbeit, ohne dabei eine Miene zu verziehen, und fragte dann weiter: »Seid Ihr Kanoniere?« Der alte Saurret, der nicht geringe Lust empfand, einmal tüchtig aufzuschneiden, sagte hastig: »Wir sind so gut daran eingeübt, daß mein junger Maat bei dem Schießen in Dünkirchen von Seiner Majestät dem Könige von Frankreich und Navarra einen Preis erhielt . . . .« »Ach so!« unterbrach ihn der Hochbootsmann mit einem Blicke tiefster Verachtung. »Ihr gehört zu den Räubern von Dünkirchen?« Und ohne eine weitere Antwort abzuwarten, wandte sich der Hochbootsmann an Jean Bart. »Wo ist die beste Kanonengießerei?« »Zu Perigord.« »Was ist eine Raperte?« »Die ausgezackte Unterlage, auf welcher die Kanonenläufe liegen.« »Wie löscht man das griechische Feuer?« »Man bedeckt es mit ungegerbtem Leder.« »Was ist ein Toppgast?« »Ein befahrener Matrose, der den Dienst in den Marsen hat. Der erste von ihnen heißt Toppkapitän.« Nachdem das Examen in dieser Weise noch eine Zeit gedauert hatte, fragte der Hochbootsmann plötzlich, ob er Lotse sei. Harran Saurret wollte das Wort nehmen, um die Fähigkeiten seines jungen Herrn herauszustreichen, aber der gebietende Blick des Deckoffiziers scheuchte ihn zurück, und dieser fragte nochmals: »Bist Du Lotse?« Aber Jean Bart, der keine Lust mehr zum Antworten hatte, sagte kurzweg: »Nein!« Das seltsame Verhör hatte plötzlich ein Ende, indem Herr Abraham Lely mit der Spitze seines Bambus auf die Thür seiner Kajüte zeigte, worauf sie sich entfernten. »Gottes Tod!« schrie Jean Bart, als sie draußen waren, und trampelte mit beiden Füßen zugleich auf dem Deck herum. »Ich will das Leben nicht haben, wenn ich nur noch eine Minute mit diesem Stockfischesser zusammen bleibe.« »Um Gottes willen, beruhigt Euch doch!« sagte Harran Saurret in größter Angst. »Da kommt ein Sergeant. Ich sehe seine Partisane schon leuchten.« Der Sergeant kam mit zwei Soldaten herbei, die den noch immer trampelnden Jean Bart festnahmen und ihn fortführten. – »Legt den Unruhstifter auf die Latten!« befahl der Sergeant. »Auf die Latten? Mich? Gottes Tod! Das wollen wir sehen!« schrie Jean Bart. »Legt dem Großmaul einen Maulkorb an!« sprach der Sergeant weiter, und die Soldaten steckten ihm einen Knebel in den Mund. Plötzlich wurde die Trommel gerührt. Der Admiral machte seine Runde längs den Batterieen und kam in die Nähe des Platzes, wo Jean Bart festgenommen war. – »Was bedeutet das?« fragte er staunend. »Wird man sprechen? Was giebt es hier?« »Herr Admiral,« erwiderte der Sergeant, »ich fand diesen Mann, wie er einen furchtbaren Lärm vollführte.« »Nehmt ihm den Knebel aus dem Munde, damit er antworten kann!« befahl Herr de Ruiter und sagte dann: »Was kannst Du zu Deiner Entschuldigung sagen?« »Herr Admiral! Beim heiligen Kreuz, ich will die ganze Wahrheit sagen. Bis heute bin ich nur auf Kauffahrern und Schmugglern gewesen, und da sind Kapitän und Matrose sich gleich. Wir thun jeder unsere Arbeit und rauchen nachher von demselben Tabak. Hier ist es anders. Sie schickten mich zu einem dicken Stockfischesser, der die ungeschlachte Manier hat, mit dem Bambus zu reden, statt mit dem Munde.« »Das ist Lely!« sagte de Ruiter lachend. »Weil der Hochbootsmann mich mit dem ersten Schlage lehren wollte, zu grüßen, mit dem zweiten, nicht Tabak zu kauen, mit dem dritten, ruhig zu sein, und mit dem vierten, hinauszugehen, übermannte mich der Zorn, und ich trampelte mit den Füßen, worauf der Mann mit der Partisane kam und mir einen Maulkorb anlegte, wie ihn die Bären auf dem Jahrmarkt zu Dünkirchen tragen.« Herr de Ruiter hatte große Mühe, ernsthaft zu bleiben, und sagte zu Jean Bart: »An Bord eines Kriegsschiffes muß die strengste Mannszucht herrschen, mein Sohn. Jedermann ist derselben unterthänig, also mußt auch Du Dich unterwerfen. Scheint Dir das zu hart, so reise ab. Dein Logger ist noch nicht unter Segel. Wenn Du aber bleibst – blinden Gehorsam. Jetzt wähle.« »Beim heiligen Kreuz!« rief Jean Bart entschlossen, »man soll nicht sagen, daß der Sohn des Cornelius Bart das Schiff des Admirals de Ruiter kurz vor der Schlacht verlassen habe, weil er nicht zu schweigen wußte. Ich bleibe, Herr Admiral, wenn ich mich bei der ersten Kanone vor Anker legen darf. Vergebt mir den Lärm, den ich machte, und ich schwöre, daß es nicht wieder vorkommen soll.« Mit diesen Worten umschlang er die Kniee de Ruiters, der ihn mit Freundlichkeit aufhob und ihn freizulassen befahl. Kaspar de Keyser. Es war im Jahre 1672, am 10. April im Hafen zu Vlissingen, woselbst die holländische Brigantine »die goldene Ente« ruhig vor ihrem Anker lag. Dieses Schiff hatte, wie in damaligen Zeiten derartige Schiffe überhaupt, keine ausschließliche Bestimmung. In Friedenszeiten dienten sie dem offenen Handel, wie dem geheimen, das heißt, der Schmuggelei. Während der Kriegszeit besetzten sie ihre Verdecke mit Kanonen und trieben das Gewerbe der Kaperei. Aber wenn auch nur ein Seefahrer und Schmuggler, herrschte doch die peinlichste Ordnung am Bord, und kein Orlogschiff, welches unter königlich französischer oder unter der Flagge der Generalstaaten segelte, wurde sorgfältiger in stand gehalten als »die goldene Ente.« Der Eigentümer und Rheder des Schiffes, der zugleich den Titel eines Kapitäns führte, war Mynheer Svoëlt, der nach damaliger Sitte sein Schiff stets begleitete, aber sobald man zu Anker ging, sich ans Land begab, um die Handelsgeschäfte zu leiten. Vom praktischen Seewesen verstand er nicht viel, und auch die äußerste Sauberkeit, welche am Bord herrschte, durfte nicht auf seine Rechnung geschrieben werden. Für diese sorgte sein erster Lieutenant, Kaspar de Keyser. Derselbe übte eine strenge Disziplin und strafte die kleinste Uebertretung derselben. Kapitän Svoëlt, der von Hause aus ein gutmütiger und die Ruhe liebender Mann war, überließ seinem ersten Lieutenant nach und nach die alleinige Führung des Schiffes, was ihm von seiten seines zweiten Lieutenants oft beißende Spottreden zuzog. Dieser zweite Lieutenant war Jean Bart. Die beiden ebengenannten Offiziere waren überhaupt in manchen Punkten der verschiedensten Ansicht. Jean Bart meinte, wenn der Rumpf eines Schiffes stark genug sei, um Wind und Wellen zu trotzen, wenn die Masten aus gesundem Holze beständen, wenn das sie bedeckende Takelwerk fest, dauerhaft und doch zierlich wäre; wenn man auf starke Segel halte und dafür sorge, daß der Rumpf stets gut kalfatert sei, dann wäre es ziemlich gleichgültig, ob das Verdeck bis zur Uebertreibung sauber gehalten werde, oder ob hier und da Reste von Tauwerk, Wergfasern oder Späne umherlägen. Lachend behauptete er, daß ein Schiff, welches mit den glänzendsten Lackfarben bekleidet sei, ebenso gut in tausend Stücke ginge, wenn feindliche Kugeln es zusammenschössen, als wenn ein einfach geteertes in diese Verlegenheit kommen würde. Die reich verzierte und vergoldete Ente am Galion, welche ihre Flügel unter dem Bugspriete ausbreitete, war überhaupt die Zielscheibe des unerschöpflichen Witzes unseres Jean Bart. Aber diese leichten Spöttereien störten keineswegs das gute Einvernehmen, das zwischen ihm und Kaspar de Keyser bestand. Seit vier Jahren befuhren diese beiden jungen Leute die See, und ebenso lange waren sie durch die Bande der treuesten Freundschaft miteinander verbunden. An dem Frühmorgen des am Eingange gedachten Tages führte Kaspar de Keyser sein strenges Regiment. Die Sonne schien rötlich durch den dichten Nebel, der so stark war, daß sie ihn kaum zu durchdringen vermochte. Die Matrosen waren mit Deckwaschen beschäftigt. Besen, Pinsel, Bürsten, Dweile waren in vollster Thätigkeit; Ströme Wassers bespülten die Planken. Der erste Lieutenant gab sich seiner Leidenschaft rücksichtslos hin. Als endlich dem Halbdeck der Brigantine ihr vollständiges Recht widerfahren war, trat Jean Bart aus der Kajüte. Dieser Offizier war damals zweiundzwanzig Jahre alt. Ein dichter blonder Schnurrbart bedeckte seine Oberlippe. Nach seinen breiten Schultern und dem gedrungenen Bau seiner Glieder zu schließen, mußte er ungewöhnliche Körperkräfte haben. Sein Gesicht war vom Wetter gebräunt, und seine ursprünglich blonden Haare und Augenbrauen waren allmählich in das Kastanienbraune übergegangen. Seine lebhaften, stets offenen blauen Augen hatten den Ausdruck der Heiterkeit und rücksichtslosen Verwegenheit. »Guten Morgen, de Keyser; guten Morgen, alles Volk auf Deck!« sagte Jean Bart und zog den braunen Seemannsrock, den man damals trug, und der bis auf die Fersen herabhing, fester um den Leib. »Nun, alter Backsmaat, ich sehe, Du begießest unser Verdeck besser, als die Wellen der Nordsee es zu thun im stande sind. Von der goldenen Ente heißt es mit Recht: Wasser oben, Wasser unten, Wasser zu beiden Seiten.« Kaspar de Keyser, groß, schlank und muskulös, mit lebhaften, ausdrucksvollen Gesichtszügen, schwarzen Haaren und schwarzem Bart, hörte gelassen die Spöttereien, an die er gewöhnt war, und beantwortete den Morgengruß des Freundes nur mit einem Lächeln und einem Handschlage. Als Jean Bart gewahrte, welchen geringen Eindruck sein Spott und seine Vorwürfe machten, fing er an zu rauchen und sah schweigend zu, bis das Verdeck vollends gereinigt war. Dann stiegen beide Freunde in die Kajüte hinab, wo auf dem Tische das Frühstück aufgetragen war, welches nach damaligem Gebrauche aus Brot, Butter, geräucherten Fischen, Bier und Branntwein bestand. Nachdem beide sich gesättigt und ihre Becher gefüllt hatten, begann eine trauliche Unterhaltung, und im Laufe derselben fragte Lieutenant de Keyser seinen Freund: »Sage mir doch, Jean Bart, hattest Du lange keine Nachricht vom alten Saurret?« »Nicht ein Wort seit dem letzten Briefe, den er mir sandte, und den Du mir vorlasest, da Gott und alle Welt weiß, daß ich das Lesen nicht gelernt habe,« entgegnete Jean Bart lachend. »Ich glaube, er ist nach wie vor in Dünkirchen und erwartet mich. Er ist damit beschäftigt, meines Vaters Goelette, deren Planken und Takelwerk sehr ramponiert sind, gründlich auszubessern. »Höre, Freund!« sagte de Keyser. »Dieser alte Saurret ist, seine Aufschneidereien und sonstigen Prahlereien abgerechnet, ein tüchtiger Seemann und Eurer Familie wahrhaft ergeben.« »Das ist er,« entgegnete jener, »er ist ein Diener, treu wie Gold. Wie er meinen Vater geliebt hat, so liebt er mich. Wollte er mich doch nicht eher verlassen und die verdiente Ruhe genießen, bis er sah, daß wir beide unzertrennliche Freunde und Genossen waren.« »Ich darf sagen, daß es mich wohlthuend berührte, als mir der alte Saurret vor vier Jahren mit lachendem Munde, aber mit Thränen in den Augen sagte: Nun, Herr de Keyser, kann ich meinen jungen Herrn Jean beruhigt verlassen, da ich sehe, daß Sie so treue Backsmaaten geworden sind.« »Du kannst glauben, Kaspar, daß er mich sonst auch nicht verlassen hätte,« versicherte Jean Bart. »Und beim Kreuz, er hat recht gethan der alte Saurret, denn wo und wann ich mich nach Dir umgesehen habe, ich fand Dich immer an Ort und Stelle.« »Nun,« entgegnete de Keyser bescheiden, »wenn man mitsammen am Bord eines Schiffes sich befindet, muß man sich treffen, ohne sich zu suchen. Wundert Dich das?« »Nein,« sagte Jean Bart, dem Freunde die Hand reichend, »ich empfinde nur, daß sich hier in Wirklichkeit wiederholt, was mir aus den Erzählungen meines Vaters wie ein Kindermärchen herüberklingt. Meister Cornelius erzählte mir von einem berühmten Seemanne, der Seefuchs geheißen, der sich aus reiner Freundschaft mit meinem Großvater und meinem Vater in die Luft sprengte, und ich fühle, daß ich es in gleichem Falle auch thun könnte. Weiß nicht mehr, wie die Geschichte eigentlich zusammenhing, aber wahr ist sie, und mein Vater war der einzige, der davonkam.« »Das war ein Glück für Deine Familie, Bruder Jean,« antwortete lächelnd de Keyser. »Aber höre, ich habe Dir einen Vorschlag zu machen. Es sind nun vier Jahre her, seit Du das Schiff »die sieben Provinzen,« welches der berühmte de Ruiter kommandierte, verließest. Er war Dein großer Gönner und versuchte es, Dich nach dem Frieden für den Kauffahrteidienst zu gewinnen. Seit wir am Bord des »Wassenaar« zusammentrafen, wo wir beide Toppgasten waren und zu Deckoffizieren befördert wurden, haben wir uns nicht wieder getrennt. In dem Kanal wie in der Ostsee, an den Küsten von England und von Irland waren wir stets in treuer Kameradschaft zusammen. So kamen wir weiter. Ich wurde erster und Du zweiter Lieutenant dieser Brigantine, die in Kriegszeiten zehn Kanonen und in Friedenszeiten dreihundertfünfzig Tonnen Last trägt. So sind wir nach und nach zu Seeleuten geworden, die wohl auf eigenen Füßen stehen können.« »Das sind wir, Bruder Kaspar.« »Und der Oberbefehl dieses alten Kapitän Svoëlt, der doch im Grunde schwach und untüchtig ist, kann recht lästig werden.« »Das ist wahr, mein Junge!« sagte Jean Bart lachend. »Alt und unbeholfen ist er im hohen Grade, und wenn er in sein Sprachrohr hinein tutet, klingt es oft nicht anders, als das Gebrüll des Ochsen, der eine Handvoll Federn verschluckte.« »Nun wohl, Jean,« sagte de Keyser, »so höre mir zu. Mein Onkel Klaas de Keyser hat irgendwo eine Summe von zwölf- bis fünfzehntausend Livres liegen, die er gewissenhaft für mich aufbewahrt, um sie zu einem guten Geschäfte anzuwenden. Du hast auch ein artiges Stück Geld von Deinem Vater überkommen. Wie wäre es, wenn wir den guten Svoëlt, der am besten seine Zeit hinter dem Ofen zubrächte, bewegten, daß er uns »die goldene Ente« als Eigentum übergiebt?« »Der Gedanke läßt sich hören!« unterbrach ihn Jean Bart lebhaft, und war im Begriff, über diesen Gegenstand ein längeres Gespräch zu beginnen, als sie gestört wurden, indem Kapitän Svoëlt mit einem fremden Herrn in die Kajüte trat. Dieser Fremde war ein kleiner kugelrunder Herr, ganz und gar in schwarzen Sammt gekleidet. Um den Hals trug er eine schwere goldene Kette. Als die Offiziere den Kapitän erblickten, wollten sie die Kajüte sofort verlassen, aber Mynheer Svoëlt rief ihnen zu: »Lieutenant de Keyser mag auf das Verdeck gehen und weitere Ordres erwarten; für jetzt habe ich mit dem Lieutenant Bart zu sprechen.« Kaspar de Keyser ging und ließ die beiden Herren mit dem Freunde allein. »Hier ist der junge Seemann, von dem ich mit Euch gesprochen habe,« sagte der Kapitän zu seinem in Sammt gekleideten Begleiter. »Lieutenant Bart, macht diesem Herrn Euer Kompliment. Es ist Mynheer van Bergh, Sekretär des hochlöblichen Seerates von Vlissingen.« Jean Bart grüßte, erstaunt über diese seltsame Aufforderung und höchst neugierig, was nun weiter geschehen würde. Mynheer van Bergh erwiderte den Gruß des Seemannes mit einem Winke der Hand, wandte sich lächelnd zu ihm und sagte in süßlichem Tone: »Obgleich ich noch nie das Vergnügen hatte, Euch zu sehen, junger Mann, so habe ich doch viel von Eurer Kühnheit und Unerschrockenheit gehört. Als ich vor einigen Jahren an Bord der »sieben Provinzen« kam, hat Herr de Ruiter mir viel Gutes von Euch gesagt. Und auch einige französische Edelleute, mit denen Ihr einstmals einen Zug über See gemacht habt . . . . Wie hießen sie doch gleich? . . . . Nun, der Name thut nichts zur Sache! . . . . aber alle waren Eures Lobes voll.« »Nun, was bedeutet denn das?« unterbrach Jean Bart den Sekretär ungeduldig, ohne auf die bedeutsamen Winke des Kapitäns zu achten. »Soll ich etwa zum Verkauf gestellt werden, daß man mich anpreist, wie der Bauer sein Schlachtvieh herausstreicht, das er auf den Markt treibt?« »Verkauft sollt Ihr gerade nicht werden,« entgegnete Herr van Bergh, etwas pikiert über diese derbe Anrede, »wenn man Euch gleich zu fesseln wünscht, indem man Euch für den Dienst der Generalstaaten gewinnen will.« »Mich?« fragte Jean Bart. »Ja, junger Mann, Euch. Außer den günstigen Aussprüchen des Admirals de Ruiter und anderer ehrenwerter Personen hat auch Euer hier gegenwärtiger Kapitän Euch die besten Zeugnisse hinsichtlich Eurer Tapferkeit und Geschicklichkeit gegeben. Er hat uns versichert, daß Ihr in seiner Abwesenheit oft und manchmal in sehr schwierigen Verhältnissen das selbstständige Kommando der Brigg übernommen habt. Der Seerat von Vlissingen hat daher keinen Augenblick Anstand genommen, Euch zum zweiten Lieutenant am Bord eines der kleineren Kriegsschiffe zu ernennen.« »Darauf läuft es hinaus? Ich soll zu Orlog fahren? Steif und gerade stehen wie ein Soldat? Den bordierten Hut auf dem Kopfe, den grünen Rock auf dem Leibe und den Degen an der Seite? Ei, wie werde ich da ausschauen, wenn ich das Verdeck betrete! Ich grüße den ersten Lieutenant ergebenst, den Kapitän ganz ergebenst, und bücke mich bald am Backbord, bald am Steuerbord vor jedem, der einen Grad höher steht als ich. Das paßte mir! Allen Respekt vor dem Herrn Admiral de Ruiter, doch daraus kann nichts werden!« »Aber bedenkt doch, junger Mann,« sagte Herr van Bergh, »daß, wenn Ihr einmal in holländischen Diensten seid, Ihr auch bald erster Lieutenant werdet, weiterer Beorderung gar nicht zu gedenken.« »Ja, ein Lieutenant am Schnürchen, den man zieht, wohin man ihn haben will; ein Lieutenant, der keine Kanone abfeuern lassen darf, ohne erst zu fragen, ob es nicht jemand Ohrensausen verursacht. Nein, mein guter Herr, einen solchen Platz tausche ich für meinen gegenwärtigen nicht ein.« Der sehr ehrenwerte Sekretär des Seerates schien über diese Weigerung eines Kauffahrtei-Offiziers sehr erstaunt und sagte: »Aber, mein junger Freund, unter Kapitän Svoëlt dient Ihr ja auch.« »Das ist wohl wahr, aber wenn der Dienst vorüber ist, trinke ich mit ihm aus einem Glase, rauche aus seiner Pfeife und klopfe ihm auf die Schulter, wie man es mit guten Freunden zu machen pflegt. Nicht wahr, Vater Svoëlt?« wandte sich Jean Bart zu diesem und schlug ihm mit der Hand derb auf die Achsel. »Aber was habt Ihr nur?« sagte Svoëlt, der über diese Vertraulichkeit seines zweiten Lieutenants in Gegenwart eines Fremden ganz verlegen wurde. »Nehmt Euch doch vor dem Herrn van Bergh zusammen! Damit Ihr uns nicht mißversteht, Herr Sekretär: Bei der Kauffahrtei wird es mit der Disziplin nicht sehr genau genommen, obgleich Herr de Keyser in diesem Punkte sehr streng ist.« »Das ist eben sein Fehler, Svoëlt,« sagte Jean Bart, »sein einziger Fehler. Er geht zu barsch mit dem Schiffsvolk um. Außer dem Dienste bin ich ganz kameradschaftlich mit ihnen. Darum fehlt es mir doch nicht an Respekt, und im Dienst wagt es keiner, mir zu widersprechen. Aber nachher, wenn die Arbeit gethan ist, muß man auch freundlich mit den Leuten sein; das macht sie willig.« »Ihr schlagt also mein Anerbieten aus, junger Herr?« fragte Herr van Bergh. »Ja und hundertmal ja! So gut wie Ihr es ausschlagen würdet, Eure Feder und Euer Schreibzeug mit dem Enterbeil und dem Pulverhorn zu vertauschen, wenn Euch ein solcher Vorschlag gemacht würde.« »Aber wenn nun zufällig,« begann der Sekretär von neuem, indem er Jean Bart scharf fixierte, »der Seerat von Vlissingen in irgend einem Winkel noch eine hübsche Karavelle von sechs Kanonen für Euch hätte, die, auch sonst wohl ausgerüstet, dazu bestimmt wäre, vor der Mündung der Texel zu kreuzen? Wenn Euch der Seerat das Kommando dieses kleinen, guten Schiffes anböte, was würdet Ihr dann sagen, mein junger Freund?« »Das klingt freilich anders, mein Herr Ritter von der goldenen Kette!« rief Jean Bart. »Von niemand abhängen und sein eigener Herr sein! Da sage ich ebenso oft ja, als ich vorhin nein gesagt habe.« »Ihr würdet ja sagen? Vortrefflich!« rief der Sekretär, nicht mehr im stande, seine Freude zu verbergen. »Also um diesen Preis seid Ihr für den Dienst der Generalstaaten gewonnen.« »Halt! Noch einen Augenblick, mein Herr! Da ist mein Backsmaat, Kaspar de Keyser, mit dem ich seit vier Jahren zusammen segle. Er ist ein ebenso guter Seemann als ich, was Euch Vater Svoëlt bezeugen kann. Gebt ihm auch eine solche Karavelle mit sechs Geschützen, und ich nehme Euren Vorschlag an. Sonst aber, das sage ich Euch, wird nichts daraus, denn wir beide trennen uns niemals.« »Ihr seid nicht recht gescheit!« sagte der Sekretär verdrießlich. »Nicht gescheit Ihr selbst, denn Ihr wollt meinen Freund nicht, der doch ein besserer Seemann ist als ich. Adieu!« »Aber . . .« »Hier giebt es kein aber. Eine Karavelle für mich und eine für Kaspar de Keyser, sonst wird aus der ganzen Sache nichts.« »Denkt doch an den Seerat!« »Der Seerat dort oder die »goldene Ente« hier gelten mir gleich.« »Ihr fallt so mit der Thür ins Haus,« sagte Herr van Bergh; »Ihr überstürzt Euch. Man muß aber doch erst bedenken . . .« »Hier ist nicht das geringste zu bedenken, sondern nur nein oder ja zu sagen.« »Aber was wird der Admiral davon denken?« »Der Admiral hat gar nichts damit zu schaffen, sondern Ihr. Also, ja oder nein?« »Wird denn Euer Freund auch einwilligen? Man fragt doch erst an, denn es wäre zu beleidigend, eine solche Gabe angeboten zu haben, wenn sie verschmäht werden sollte. Also, fragt Ihr Euren Freund. Nicht, daß ich mich schon für gewiß verpflichten könnte; das wäre zu viel . . .« »Nun, dann wird auch nichts daraus, mein Herr Sekretär. Adieu!« Und Jean Bart war schon beinahe aus der Thür, als ihm van Bergh nachrief: »Nun denn, ich verspreche alles! Bringt mir die Zustimmung Eures Freundes!« Und Jean Bart verließ die Kajüte, um seinen Freund von allem in Kenntnis zu setzen. »Nun, Kapitän Svoëlt,« sagte der Marine-Sekretär und rieb sich vergnügt die Hände, »da hätten wir einen guten Handel gemacht, denn im grunde genommen ist Kaspar de Keyser ebenfalls ein vortrefflicher Seemann. In dem Kriege, der uns bevorsteht, und der voraussichtlich ein sehr blutiger wird, können wir so unerschrockene Leute brauchen. Der Herr Admiral de Ruiter hält große Stücke auf diesen Herrn Bart, und wenn der Feind auch zu Lande gegen uns im Vorteil ist, so können wir uns zur See jederzeit mit ihm messen. Wären nur noch mehr solche Offiziere aufzutreiben wie diese beiden, zu denen ich uns Glück wünsche. Gut, daß sie nicht wissen, was geschehen ist, sonst wäre wohl unser Werk anders ausgefallen. Aber wenn sie erst die Blame weghaben, werden sie uns gute Dienste thun.« »Ihr habt ganz recht, Herr Sekretär! Seit den vier Jahren, daß die jungen Leute bei mir am Bord sind, habe ich sie in manchen schweren Wettern beobachtet. Sie waren stets kaltblütig, besonnen und unerschöpflich an Hilfsmitteln. Ich glaube, Ihr könnt ihnen im Kriege jeden Kaper anvertrauen.« »Nicht so laut, Kapitän!« warnte der Sekretär. »Ihr verratet ja sonst, was sie nicht wissen sollen, und was wir ihnen bis jetzt mit größter Sorgfalt verborgen haben.« »Aber die Kriegserklärungen Frankreichs und Englands werden doch einmal bekannt werden, Herr Sekretär?« »Ein Tag macht schon viel aus, Kapitän Svoëlt. Wenn sie sich nur erst schriftlich verpflichtet haben, den Generalstaaten zu dienen! Ich erwerbe mir ein Verdienst um mein Vaterland, indem ich diese jungen Leute veranlasse, Bürger der Generalstaaten zu werden, statt Unterthanen des Königs von Frankreich zu bleiben. Aber wo habt Ihr denn Eure Gedanken, Mann? Gebt mir doch Papier und Schreibzeug, damit ich die Kontrakte der jungen Leute aufsetzen kann.« Und der Kapitän der »goldenen Ente« machte sich mit dem Sekretär des Seerates an die Arbeit. Jean Bart fand seinen Freund de Keyser auf dem Verdecke und rief ihm vergnügt zu: »Guten Tag, Kapitän de Keyser! Guten Tag, mein wackerer Führer der Karavelle Rose oder Nelke oder Apfelbaum.« »Ach, sei doch still, Narr!« entgegnete jener. »Hier ist ein Brief an Dich von dem alten Saurret; er wurde soeben abgegeben.« »Was gehen mich Saurret und Dünkirchen in diesem Augenblicke an?« sagte Jean Bart und nahm den Brief an sich. »Ich wiederhole es Dir, mein Junge, wenn Du nur selbst willst, bist Du Kapitän einer Karavelle von sechs Kanonen, und ich auch.« »Du bist verrückt!« »So? Bin ich? Nun dann, mein kluger, nüchterner Herr, so höre einmal zu, was Dir der verrückte Bursche mitzuteilen hat.« Und Jean Bart erzählte dem Freunde, was vorgefallen. Dieser drückte ihm gerührt die Hand und sagte; »Ich danke Dir, Backsmaat!« Sie gingen darauf hinunter, und Jean Bart sagte beim Eintritt in die Kajüte: »Da ist de Keyser, um zu sagen, daß er das Anerbieten annimmt; also schlagt ein, Herr Ritter mit der goldenen Kette!« »Wohl, meine jungen Freunde! Die Generalstaaten zählen von diesem Augenblicke an zwei brave Seeleute mehr,« sagte Herr van Bergh. »Jetzt unterzeichnet den Kontrakt, den ich Euch vorlesen werde.« »Mit Eurer Erlaubnis werde ich selbst lesen,« sagte de Keyser, der älter und mißtrauischer war, als sein Freund. »Thut das, Kapitän!« sagte Herr van Bergh. »Und leset laut, damit Euer Freund hört, wozu er sich verpflichtet.« Der Kontrakt war in aller Form aufgesetzt und sicherte den jungen Leuten das Kommando der beiden Karavellen »Elefantenrüssel« und »Hirsch« zu. Kaspar de Keyser unterzeichnete und reichte die Feder an Jean Bart, welcher sein Kreuz machte und sagte: »Entschuldigt, Herr Sekretär, ich bin kein Schreiber; aber mit diesem Kreuz verpflichte ich mich Euch auf vier Jahre mit Leib und Seele.« Als die Kontrakte unterzeichnet waren, vermochte der Sekretär des Seerates seine Freude nicht länger zu verbergen. Er rieb sich vergnügt die Hände und rief: »Kapitän Svoëlt, habt Ihr nicht noch eine Flasche von dem vortrefflichen Bordeaux an Bord, den ich vor einigen Wochen kostete? Wir könnten nichts Passenderes thun, als auf die Gesundheit der jungen Kapitäne trinken.« »Ihr sollt sogleich bedient sein,« entgegnete der Kommandant der »goldenen Ente.« »Kapitän de Keyser, wollt Ihr dem Kajütenwächter die nötige Anweisung geben?« Dieser stand auf, und Jean Bart steckte ihm den vorhin empfangenen Brief zu, indem er leise sagte: »Sieh doch einmal draußen zu, was der alte Saurret an mich schreibt.« Kapitän de Keyser ging hinaus, und Jean Bart rief dem Sekretär zu. »Nun, Herr, wann bekomme ich meine Karavelle? Ich habe schon einmal, als ich siebzehn Jahre alt war, eine kommandiert, die aber leider keine Geschütze hatte. Es war im Jahre 1666, und ich diente damals unter dem glorreichen de Ruiter. Ihr dürft versichert sein, Herr, daß ich es niemals vergessen werde, wem ich dies Glück danke. Mein Freund de Keyser und ich sind keine Undankbaren.« In diesem Augenblicke trat de Keyser mit todesbleichem Gesicht ein. Kaum war er in der Kajüte, als er die Thür abschloß und den Sekretär beim Kragen packte, indem er seinem Kameraden zurief: »Thue genau wie ich!« Dieser gehorchte mechanisch, wie sein Freund es verlangte, und packte den Kapitän Svoëlt so fest, als wollte er ihn erwürgen. »Wir wollen sie binden und knebeln!« rief de Keyser. Auch das war bald gethan. Die Ueberraschten vermochten den beiden jungen Männern keinen Widerstand zu leisten. Sie waren außer stande zu schreien oder sich zu rühren. »Aber warum denn das alles?« fragte Jean Bart endlich. »Weil die ehrenwerten Mynheers uns die Möglichkeit nehmen wollten, nach Frankreich zurückzukehren, im Fall wir Lust dazu hätten.« »Was sagst Du da!« »Der alte Saurret schreibt uns, was diese Elenden uns verbergen wollten. Der Krieg zwischen Frankreich und Holland ist erklärt. Der Alte überschickt uns die Erklärung, welche in den Straßen von Dünkirchen allem Volke vorgelesen wurde. Da ist sie. Und hier stehen die verhängnisvollen Worte: »Wir befehlen Unsern Unterthanen, keine Dienste bei dem Feinde zu nehmen, bei der Strafe des Galgens.« So lautet der Befehl. Wir nahmen Dienste und wären auf ein Haar zum schimpflichen Tode verdammt.« »Du Hund!« schrie Bart dem Sekretär zu. »Du wußtest von der Kriegserklärung?« Der Unglückliche vermochte nicht zu antworten. »Und Ihr,« sagte de Keyser zu seinem bisherigen Patron, »Ihr wolltet zwei junge Leute betrügen, die Euch so lange ehrlich dienten?« Unterdessen zog Bart dem Sekretär mehrere Papiere aus der Tasche. »Sind das unsere Kontrakte?« »Nein!« antwortete de Keyser, einen Blick darauf werfend. »Aber ein Beweis mehr für die an uns verübte Schurkerei. Es sind zwei Befehle, uns so lange zu verhaften, bis die Kriegserklärung allgemein bekannt geworden, und wir nicht mehr zurück können.« »Teufel!« rief Bart, während de Keyser die gefundenen Kontrakte in kleine Stücke riß. »Also gegen unser Vaterland sollten wir fechten mit der Aussicht auf den Galgen! Schnell, Bruder! Jetzt ist keine Zeit mehr, uns zu besinnen. Laß uns diese Elenden einschließen und das Land so schnell als möglich verlassen. Die Barke des Sekretärs bringt uns an das Ufer. Die Generalstaaten haben lange Arme, und in zwei Stunden müssen wir schon weit sein. Da wir ihnen nicht dienen wollen, würden sie uns einsperren, und weil der Krieg einmal erklärt ist, ginge ihnen das ungestraft hin.« »Und da wir unser Hab und Gut nicht mitnehmen können, soll die goldene Kette dieses Herrn uns das nötige Reisegeld verschaffen,« fügte de Keyser hinzu und nahm dieselbe an sich. Die beiden jungen Leute schlossen die Geknebelten ein. Auf dem Verdecke angelangt, empfahlen sie den Matrosen dringend, die wichtige Unterredung des Kapitäns und des Sekretärs nicht zu stören, übergaben dem Obersteuermann das Kommando und fuhren mit der Barke des Herrn van Bergh davon. In zwei Stunden hatten sie Vlissingen erreicht und in zwei Tagen Dünkirchen. Wie lange aber der Kapitän der »goldenen Ente« und der Sekretär des Seerates in der Kajüte auf Erlösung haben warten müssen, ist nicht bekannt geworden. Jean Bart zu Hause. Was der Seefuchs begonnen, was Meister Cornelius fortsetzte, das hat auch Jean Bart mit großem Ruhme weitergeführt. Von allen Kaperführern, die in jener unruhigen, vielbewegten Zeit die nahen und fernen Meere befuhren, war keiner so ausdauernd, so verwegen und tollkühn, aber auch keiner so glücklich, als Jean Bart. Wie er es als Kind getrieben, so trieb er es als Jüngling und als Mann weiter. Unter der Aufsicht des alten Saurret hatte er die englischen Schiffsjungen geprügelt, hatte gelernt, Masten und Stengen zu erklimmen und auf die Rahen hinauszulaufen, wo der kühne, unerschrockene Matrose sitzt, der beim Sturm das Reff in die Marssegel schlagen hilft. Ihr erinnert Euch noch des Hauses, welches in Dünkirchen und zwar in der Kirchstraße, nahe bei der Kirche stand. Das war im Jahre 1658; jetzt ist es 1680 geworden. Das Haus steht noch an seinem alten Platze und ist äußerlich wenig verändert; aber in seinem Innern sind desto größere Veränderungen vorgegangen. Aus dem kleinen Jean Bart, der mit Staunen und Entzücken auf die Erzählungen seines Vaters hörte und seine arme Mutter durch seine tollkühnen Streiche unaufhörlich in Angst und Schrecken setzte, ist ein stattlicher Seemann geworden, der weit und breit die größte Achtung genießt. Madame Katharina Janßen, die ehrsame Gattin des Meisters Cornelius, ist diesem wackern Seemann bald gefolgt, und an ihrer Statt waltet hierselbst Madame Nicole Gontier, die Frau unseres Kaperkapitäns Jean Bart. Sie hat einen allerliebsten Knaben auf dem Schoße, der erst ein Jahr und wenige Monate alt ist und den Namen seines Großvaters Cornelius führt. Auch der alte Saurret lebt noch, aber mehr um bedient zu werden, als um zu bedienen. Er ist eines der alten Inventarstücke guter Häuser, sozusagen regierende Dienstboten, die vom Vater auf den Sohn vererben und die lebendige Chronik dieser Familien sind. Es ist in diesem Hause überhaupt alles so geblieben, als es war. Jean Bart hat das ihm überkommene Vaterhaus in pietätvoller Erinnerung ganz so gelassen, wie es war; nur an das Nötigste ward Hand gelegt und das Verfallene, wo es sich thun ließ, genau so hergestellt, wie es gewesen. In dem gedachten Jahre 1680 hatte der König von Frankreich einen Besuch in Dünkirchen gemacht. Alle Welt freute sich zu diesem Besuche, alle Welt knüpfte daran große Hoffnungen. Nur Jean Bart verhielt sich ruhig. Man hatte mit Erstaunen bemerkt, daß er gar nicht daran gedacht hatte, die Gegenwart des Monarchen dazu zu benutzen, sich Seiner Majestät vorzustellen. Der wackere Seemann, der gerade damals dreißig Jahre alt war, stand vor seiner Frau, die den kleinen Cornelius eben stattlich geputzt hatte, und beschäftigte sich damit, dem kleinen Burschen den Dampf seiner Pfeife ins Gesicht zu blasen, wogegen dieser schreiend sich mit Händen und Füßen sträubte. Frau Nicole wehrte ihn ab: »Laß doch! Das Kind wird es nicht aushalten; es bekommt den Husten.« »Ah bah!« entgegnete Jean Bart lachend. »Sieh nur, welche Gesichter er schneidet. So ein bißchen Rauch ist für junge, angehende Seeleute von großem Nutzen. Meinst Du nicht auch, Saurret?« Meister Saurret, der in einer Ecke des Zimmers an einem Tische saß und mit dem Ordnen einiger Papiere beschäftigt war, sah zu seinem Herrn auf und sagte beipflichtend: »Ganz gewiß. Man muß den Seemann in seiner Kindheit an den Tabaksdampf gewöhnen, damit er später den Pulverdampf desto besser vertragen kann.« »Da hörst Du es nun!« sagte Jean Bart lachend zu seiner Frau. »Gewiß!« beteuerte Saurret. »Wenn sie nicht gelernt haben, den Tabaksdampf, den sie einatmen, wieder auszuatmen, müssen sie später den Dampf des Pulvers, den sie einschlucken, bei sich behalten. Ich habe einen solchen Burschen gekannt, der während einer Kanonade ganz mit Pulverdampf angefüllt wurde, bis er daran erstickte, worauf dann der Dampf von der Dicke eines Armes aus dem Munde aufstieg.« »Saurret! Saurret! Ich fürchte, Du wirst, statt am Pulverdampfe, an einer Deiner Lügen ersticken,« sagte Jean Bart lachend. »Siehe zu, daß unser Vetter, der Herr Vikar von Drinkham, Dich nicht hört, sonst setzt es wieder eine ernste Ermahnung. Seine Würden kommt soeben die Straße herauf, wie ich sehe. Geh und öffne.« Der Alte that, wie ihm geheißen wurde, und der Geistliche trat bald darauf ein. Es war ein wackerer, seiner Zeit hochgepriesener Prediger, der in späteren Jahren zu einem hohen geistlichen Amte emporstieg. Er hatte nur einen Fehler, nämlich den, eine gewisse Blödigkeit und Unbeholfenheit nicht überwinden zu können. Dies ging so weit, daß er sich eines Tages in der Wohnung des Gouverneurs, Herrn von Estrades, statt auf einen Stuhl, in eine kupferne Pfanne voll glühender Kohlen gesetzt haben würde, hätte ihn nicht der Gouverneur daran verhindert. Man nannte diese Pfannen, die zur Erwärmung der Zimmer dienten, seit jener Zeit die Sessel des Herrn Pfarrers von Drinkham. Der Geistliche war einige Zeit in Geschäften in der Stadt gewesen und hatte bei seinen Verwandten gewohnt. Jetzt empfahl er sich, da er zu seiner Gemeinde zurückkehren wollte, und lud Jean Bart ein, ihn mit den Seinigen draußen auf dem Lande zu besuchen. »Ja, ja!« sagte Jean Bart. »Es ist wohl recht schön da. Die herrlichen Bäume, das grüne Feld, und was es sonst Angenehmes dort geben mag. Aber es ist doch auch so still bei Euch, gar zu still. Und nun vollends Euer Strom oder eigentlich Bach. – Und das Fahrzeug darauf.« »Von einem Fahrzeuge müßt Ihr nicht sprechen, Cousin!« fiel der Geistliche ein. »Es ist nichts, als ein platter Kahn, den Ihr mit einem Segel zu belasten die große Idee hattet, worauf Ihr mich mit an Bord nahmet. Es war ein Wunder, daß wir so davonkamen. Wären wir umgeschlagen, ich hätte ertrinken müssen, da ich nicht schwimmen kann.« »Ja, das ist wahr. Wer mit dem Jean Bart sich auf die Fahrt begeben will, muß schwimmen können, sonst ist für nichts einzustehen. Aber wie gesagt, es ist sehr schön bei Euch draußen auf dem Lande. Und wenn ich einmal zwanzig Jahre älter bin . . . .« »Warum aber nicht schon jetzt?« fragte seine Frau. »Wir sind in der Lage, ein angenehmes Leben führen zu können. Die Prisen, die Du aufgebracht hast, machten uns reich.« »Und was sollte denn aus dem kleinen Seemann werden?« fragte Jean Bart, indem er auf den Knaben deutete, der auf dem Schoße seiner Mutter saß. »Wer, als ich, soll ihn lehren, einen Tallreepsknopf zu flechten oder ein Tau zusammenzusplitzen? Oder die Segel zu reffen und die Steuerpinne zu gebrauchen? Soll er das alles auf dem Flachboote des Vetters lernen?« »Das muß ich gelten lassen!« sagte der Geistliche. »Man muß nie dem Glücke eines Menschen sich in den Weg stellen. Aber eben darum . . . . Nehmt es mir nicht übel, Vetter, ich muß in der Abschiedsstunde ein offenes Wort zu Euch reden. Meine Absicht war es schon, als ich hierher kam, aber ich wagte es nicht und verschob es von Tag zu Tag. Es will mir nämlich scheinen, daß Ihr nicht genug auf Euer eigenes Wohl bedacht wäret. Jedermann spricht davon, als von einer großen Thorheit, daß Ihr bei der neulichen Anwesenheit Seiner Majestät nicht bei dem Könige um eine Audienz nachsuchtet, oder doch mindestens dem Herrn Minister Eure Aufwartung machtet.« »Ich? Dem Herrn Minister?« »Ja, dem Herrn Marquis von Seignelay.« »Und warum das, wenn es beliebt?« »Eine Gelegenheit ist bald gefunden. Ihr konntet Euch für die goldene Kette bedanken, die sein Vater, der berühmte Colbert Euch 1676 im Namen des Königs übersandte.« »Danken? Für die Kette, die ich verdient und um die ich nicht gebeten habe?« sagte Jean Bart. »Ich meinte bis heute, daß man nur für Sachen dankt, die man erbittet, ohne sie verdient zu haben.« »Nun denn, aber Seiner Majestät.« »Ich bin der Meinung, wenn Seine Majestät mich sehen wollte, würde er mich haben rufen lassen.« »Was das für Grundsätze sind!« sagte der Pfarrer, die Hände zusammenschlagend. »Habt Ihr denn gar keine Furcht vor dem Könige?« »Furcht?« sagte Jean Bart und sah den Mann an, als verstände er ihn nicht, »Warum sollte ich das? Bevor der König nach Dünkirchen kam, hatte er kein Kriegsschiff gesehen, obgleich er deren so viele besitzt. Und nun sollte ich ihn fürchtend »Ihr versteht mich unrecht, Vetter! Ich meine jene andere Furcht, die der Respekt erzeugt. Der König ist doch unser aller Herr, und der Minister befiehlt.« »Sie befehlen, und ich gehorche,« sagte Jean Bart. »Das ist ihr Recht und das meinige. Aber wenn ich ihnen auch gehorche, so sehe ich darin noch keinen Grund, daß ich mich nun auch noch vor ihnen fürchten muß.« »Ihr seid unverbesserlich, Freund Jean!« sagte achselzuckend der Geistliche. »Ach, lieber Vetter,« fiel Madame Nicole ein, »das ist ja mein geheimer Kummer! Wenn Ihr nur wüßtet, wie hochmütig er noch neulich mit dem Herrn Marschall von Estrades gesprochen hat.« »Wie Cousine? Mit dem Marschall?« fragte der Geistliche besorgt. »Ja, mit ihm selbst,« entgegnete Madame Bart und der Kapitän fuhr dazwischen. »Soll ich mich denn vor dem Marschall auch fürchten?« »Nicht fürchten, Vetter! Aber man muß solche Herren respektvoll behandeln. Er hat ein sehr vornehmes Gesicht dieser Marschall, und einen sehr strengen Blick, lieber Vetter, einen sehr strengen Blick!« »Nun, ich will Euch erzählen, wie es gekommen ist. Vor einiger Zeit, ich glaube es sind nun beinahe zwei Monate her, schlendere ich den Hafendamm auf und ab. Da kommt mir der Marschall entgegen, der von unserm Hafen-Intendanten umhergeführt wird. Dieser letztere grüßt mich und spricht zu dem Marschall: »Das ist Kapitän Bart.« Der Marschall nickt mit dem Kopfe und sagt: »Guten Morgen, Kapitän Bart! Sagt mir doch gefälligst, wollt Ihr nicht in den Dienst Seiner Majestät Flotte als Lieutenant eintreten?« Er fragte das ganz entschieden, und als ich mit dem Kopfe schüttelte, fuhr er lebhafter fort: »Wie, Ihr verneint das? Und doch hat Euch Seine Majestät das Patent als Lieutenant übersenden lassen.« – Das hat Seine Majestät gethan! entgegnete ich; es ist vom 12. Januar 1679 datiert. Aber wenn ich die Ehre haben soll, Seiner Majestät zu dienen, kann es nur als Kapitän geschehen.« Der Pfarrer war vor Erstaunen außer sich, daß sein Vetter es sich herausgenommen habe, einem Marschall von Frankreich solche Dinge zu sagen, und wollte ihm deshalb Vorstellungen machen. Der Kapitän hörte aber gar nicht darauf, sondern fuhr fort: »Der Marschall verwunderte sich ebenso sehr, als Ihr, nur auf eine etwas andere Weise; ich aber gab ihm zum Bescheide, daß, wenn ich etwas Rechtes vollbringen wolle, ich auch die Ellbogen frei haben müsse. Auf einem Schiffe, mit dem ich in See stechen solle, dürfe kein anderer Befehl herrschen, als der meinige, sonst richte ich nichts aus und könnte für nichts verantwortlich sein. Der Marschall meinte darauf, dem Lieutenants-Patent werde seiner Zeit das Patent als Kapitän folgen, worauf ich wieder antwortete, daß ich nicht nötig hätte, bis zu späterer Zeit auf das zu warten, was ich jetzt schon wäre, nämlich Kaper-Kapitän von Dünkirchen. Ein Kapitän, fuhr ich fort, unter dessen Kommando sich jederzeit die Kaper-Kapitäne der ganzen Küste stellen, wenn ich sie dazu auffordere, da sie wohl wissen, daß sie nicht übel dabei fahren. – »Wie nun aber, Herr Bart,« entgegnete der Marschall und nahm eine äußerst vornehme Miene an, »wenn der Herr Marine-Minister Euch zwänge, in den königlichen Dienst zu treten?« – Das muß ich erwarten und werde dann meine Maßregeln nehmen! entgegnete ich. –»Gut, mein Herr!« sagte der Marschall. »Und den Fall angenommen, daß der König selbst sich dazu herbeiließe, Euch diesen Befehl zu erteilen, was würdet Ihr dann sagen?« – »Ich würde ihm dasselbe sagen, was ich dem Herrn Marschall gesagt habe; ja, ich würde hinzufügen, daß seine Majestät mir und sich selbst mit einem solchen Befehl unrecht thäte. Ich bin Kaper-Kapitän, würde ich sagen. Alle meine Unternehmungen kosten Euer Majestät nicht einen Sou. Aber Sie erhalten den dritten Teil aller Prisengelder; ich nehme dem Feinde seine Kanonenschiffe ab, die für den königlichen Dienst gewonnen werden; ich schlage bald die Holländer, bald die Engländer, und thue so den Feinden Abbruch, ohne daß dieses Land davon die geringste Mühe hat. Darum bitte ich, mich bei meinem Gewerbe ungestört zu belassen oder mir das Kommando einer Fregatte anzuvertrauen. In dieser Stellung kann ich nützlich sein, aber nicht als Lieutenant. Und nun das abgemacht ist, bitte ich Euer Majestät, diese Sache fortan auf sich beruhen zu lassen.« Jean Bart hatte dies alles mit lachendem Munde erzählt und sich dabei an der Erregtheit seines Vetters ergötzt. Nun schloß er mit den Worten: »Ich beschreibe Euch nicht, welches Gesicht der Marschall zu meiner Erklärung machte; aber ich sehe ihn noch vor mir, wie er fast einen Fuß länger wurde, indem er sagte. »Der Kapitän irrt sich! Der König zwingt niemand, ihm zu dienen; es ist dies eine Ehre, die man nur dem Bittenden gewährt, wenn er deren würdig befunden wird!« Und nach diesen mit Heftigkeit ausgestoßenen Worten drehte mir der Marschall den Rücken, worauf ich meinen Spaziergang fortsetzte und die Angelegenheit ein Ende hatte.« »Es ist gut,« sagte der Geistliche, »daß Herr von Seignelay diese Worte nicht hörte. Er, der Minister, der Sohn eines Ministers!« »Und ich, der Jean Bart, der Sohn des Cornelius Bart! Es kommt auf eins heraus, und die einzige rechte Art ist, daß jeder nach Möglichkeit seine Pflicht thue.« »Aber bedenkt doch, Vetter, seine Macht! Wenn, was Gott verhüten wolle, wieder ein Krieg ausbräche, so bedarf es nur eines Winks seiner Hand, und es sammelt sich eine Flotte.« »Gut,« sagte Jean Bart. »Und ich lasse dann an den ersten besten Pfahl im Hafen einen Zettel anschlagen, des Inhalts: Kapitän Bart fordert alle diejenigen Schiffsführer, die gesonnen sind, mit ihm einen Kreuzzug zu unternehmen, auf, sich deshalb bei ihm einzufinden. Wenn ich einen solchen Zettel aushängen lasse, und wäre er auch nur mit den unleserlichen Krähenfüßen meines alten Saurret geschrieben, so stehen vierundzwanzig Stunden später ein Dutzend wohlbewaffneter und mit tüchtigem Seevolk bemannter Schiffe zu meiner Verfügung. Seht, mein lieber Vetter, das ist meine Meinung, und nun wollen wir von dieser Angelegenheit nicht weiter reden.« »Ja, ich gebe es auf, Euch zu bekehren, Ihr Starrkopf!« sagte der Geistliche, ihm zum Abschiede die Hand reichend. »Ich verstehe zwar vom Seewesen nichts, aber soviel begreife ich, daß dies nicht der Weg ist, Admiral zu werden.« Jean Bart gab seinem Vetter das Geleite bis zum Wagen, reichte ihm zum Abschiede nochmals die Hand, und in die Stube zurückkehrend, sagte er: »Nun wollen wir uns damit beschäftigen, dem Willen der Admiralitäts-Kammer nachzukommen, die ein Verzeichnis der Prisen zu haben wünscht, welche seit 1674 von mir aufgebracht worden sind. Wie steht es damit, alter Saurret? Hast Du das Verzeichnis so angefertigt, wie ich es Dir geheißen habe?« »Hier ist es!« sagte Saurret, indem er seinem Herrn ein geschriebenes Heft überreichte. Auf seinem Gesichte malte sich schon im voraus ein Abglanz der Freude, die, seiner Meinung nach, der Kapitän bei dem Anblicke des von ihm geschaffenen Meisterwerkes empfinden mußte, das mit folgenden pomphaften Worten begann: »Verzeichnis der höchst wertvollen und ausgezeichneten Prisenschiffe, sowie Geschichte von deren glorreicher Wegnahme, die mit der größten Geschwindigkeit von der Welt auf dem Ozean geschah, trotzdem daß die Ueberwundenen sich auf das wütendste verteidigten. Geschehen dies alles durch den tapfersten, unvergleichlichsten und furchtbarsten Kaper-Kapitän, Herrn Jean Bart, Sohn des nicht minder berühmten Kapitäns Cornelius Bart, und Enkel des gleichfalls hochberühmten Kapitäns Antonius Bart, des Gefährten und zuverlässigsten Offiziers des großen Jacobsen, genannt der Seefuchs.« »Was sind das für Dummheiten?« brach der Kapitän los, als er diesen pomphaften Titel zu der Geschichte seiner Großthaten gehört. »Ich werde dies saubere Machwerk in tausend Stücke zerreißen!« »Ach nein, mein lieber, bester Herr, das werdet Ihr nicht!« rief Saurret erschreckt und riß das Heft wieder an sich. »Es ist das einzige Buch, das ich besitze. Ich kann nicht mehr mit an Bord gehen, darum lese ich jeden Tag darin und rufe mir die Vergangenheit zurück. Warum wollt Ihr mir mißgönnen, eine Sache so zu beschreiben, wie ich sie angesehen habe? Ich glaube doch wohl, dazu ein Recht zu haben.« »Schon gut. Wir wollen nicht mehr davon reden. Du magst so viele Albernheiten niederschreiben, als Du Lust hast. Aber die Admiralitäts-Kammer darf von Deinen Schriftstellerkünsten nichts erfahren, nicht eine Silbe. Darum nenne meiner Frau den Namen jedes Prisenschiffes, sowie das Datum, an welchem es genommen ist, und sie wird es niederschreiben. Weiter ist nichts nötig; höchstens kannst Du noch die Zahl der Geschütze und der Mannschaften hinzufügen, die am Bord jedes Schiffes gewesen sind. Aber keine Lügen, alter Saurret!« »Lügen? Aus meinem Munde? Oder gar aus meiner Feder? Wer mir so etwas nachsagen kann!« »Ich kann es. Hast Du nicht in eine frühere Liste geschrieben, daß ich mit meiner Galiote »König David« ein feindliches Schiff von sechzig Kanonen genommen habe, während es doch nur deren sechs an Bord hatte? Was weißt Du darauf zu erwidern?« »Das ist in der That ein Versehen,« sagte Saurret mit verlegenem Lächeln. »Aber doch nur ein kleines, ein ganz unerhebliches. Eine Null, die nichts bedeuten will, hat sich dahin verirrt.« »Es ist schon gut, Du alter Narr. Fange also endlich an, wenn es Dir gefällig ist.« Und Saurret begann. »Anno 1674 am 2. April nahm Kapitän Jean Bart, Galiote »König David«, in Gemeinschaft mit dem Kapitän de Keyser, Galiote »Alexander«, den »wilden Mann«, ein großes mit Steinkohlen beladenes Schiff unter holländischer Flagge, welches sie vor der Mündung der Maas aufliefen. Der König und sein hoher Gerichtshof haben das Schiff für eine gute Prise erklärt und dieselbe dem Kapitän Bart zugesprochen.« »Ja!« rief Jean Bart aus, »das war die erste Prise, die ich mit dem braven de Keyser nahm. Ich habe manchmal an jenen Tag gedacht. Es war ein eigentümliches Gefühl, als wir, den »wilden Mann« im Schlepptau, binnen liefen, und unsere Freunde, die auf dem Hafendamm versammelt waren, uns mit Hurrarufen und Händeklatschen empfingen. Ich habe hinterher manche Prise genommen, zum Teil mit einer reichen Ladung, aber keine hat mir so viele Freude gemacht, als diese holländische Steinkohlenschute.« »Ich weiß es,« sagte Madame Bart. »Als Du den Fuß auf den Hafendamm setztest, und Deine Freunde Dich glückwünschend umringten, riefst Du ihnen zu: »Das Beste hat mein Freund de Keyser gethan, und darum gebührt ihm die größere Hälfte Eures Dankes.« Saurret wollte auch sein Wort dazu geben, aber der Kapitän, der es merkte, schnitt ihm mit dem kurzen Befehl: »Fortfahren!« jede Gelegenheit dazu ab. Es ging nun ununterbrochen von den Prisen des Jahres 1674 zu denen des Jahres 1675. Saurret las, Madame Nicole Bart schrieb, und der Kapitän hörte mit steigender Ungeduld zu, denn es war ihm sehr langweilig, sich seine Heldenthaten, wenn auch nur in der größten Kürze vorlesen zu lassen. »Ferner, am 7. Februar,« las Saurret und sah von dem Papier weg zu seinem Herrn: »Das war eine Eurer glorreichsten Thaten zur See, diese Wegnahme der Fregatte »Neptun«, auf welche Ihr ein so heftiges Feuer eröffnetet.« »Ueber den Schwätzer! Du sollst bei der Sache bleiben, sogleich! Also . . . .« »Am 7. Februar nahm Kapitän Bart, der die Fregatte »Palme« kommandierte, auf der Höhe von Ostende nach einem langen und heftigen Gefechte die Fregatte »Neptun« von sechzig Kanonen . . .« »Sechzig Kanonen? Saurret!« »Dreißig! Ich bitte um Verzeihung, aber meine alten Augen sehen mitunter doppelt. Es waren nur dreißig Kanonen.« »Das war ein merkwürdiges Gefecht,« sagte Jean Bart, in der Erinnerung schwelgend, zu seiner Frau. »Beim Entern sprang ich in das Takelwerk und gewahrte den holländischen Kapitän, der mich mit hochgeschwungenem Beil hindern wollte, sein Verdeck zu betreten. Aber mit einer Wendung, die ich mir für solche Fälle angelernt habe, warf ich ihm die Axt aus der Hand und schickte ihm aus meiner Pistole ein Lot Blei in die Brust, daß er mir gerade vor die Füße fiel und nichts dagegen hatte, daß ich ihn zu meinem Schemel brauchte.« »O höre doch auf, um des Himmels willen!« sagte Frau Nicole erbleichend. »Närrchen, wer wird sich denn fürchten? Nichts, als eine glorreiche Erinnerung an eine halbvergessene Geschichte. Aber lesen wir weiter.« Man fuhr fort, die Liste zu vervollständigen, und es war schon eine ansehnliche Zahl vorhanden, als das Jahr 1678 darankam. Ein Jahr, in welchem, wie Kapitän Bart bemerkte, der Seezug erst am 18. Juni begann. »O Himmel!« rief Frau Nicole. »Das war der Tag, mein lieber Freund, als Du an beiden Beinen schwer verwundet wurdest und Dir Gesicht und Hände grausam verbranntest. Ich glaubte zu sterben, als man Dich so zu mir brachte.« »Aber Du hast mich bald wieder gesund gemacht. Und während ich mich draußen mit der Besatzung des »Scherdam« herumschlug, wurde mein kleine Cornelius geboren. Du siehst ein, Frau, daß der Junge schon darum, weil er geboren ward, während ich im Feuer stand, ein Seemann werden muß. Aber um jenes Ereignisses willen, Saurret, magst Du uns den ganzen Verlauf der Sache vortragen. Lies das ganze Protokoll, Alter!« Saurret ließ sich das nicht zweimal sagen, sondern las mit erhobener Stimme: »Der Lieutenant der Admiralität zu Dünkirchen entwirft das Protokoll nach den Berichten der Kapitäne Kaspar de Keyser, Jean Bart und Jean Soutenay, Befehlshaber der Kaperschiffe »Empereur,« »Dauphin« und »Notre Dame de Lombardie.« Am 14. Juni, auf der ungefähren Höhe vom Texel, entdeckten diese Segler ein Kriegsschiff, auf welches sie sogleich Jagd machten. Kapitän Jean Bart war der erste, der dasselbe enterte; er ward dabei vom Kapitän Soutenay unterstützt, der sich beeilte, seine Mannschaften an Bord zu werfen, um auf diese Weise die feindliche Fregatte nehmen zu können. Zur selbigen Zeit enterte de Keyser die Fregatte vom Spiegel aus, und nach einem Gefecht von anderthalb Stunde strich das Schiff seine Flagge. In diesem Gefecht ließen die Angreifenden sechs Tote auf dem Platze, dreißig wurden mehr oder weniger schwer verwundet. Kapitän Bart verbrannte sich Gesicht und Hände, eine Kanonenkugel fuhr ihm durch die Schenkel. Die Fregatte wurde nach Dünkirchen aufgebracht; sie führte den Namen »Scherdam.« Ihr Befehlshaber war der Kapitän Wilhelm Rank, gebürtig aus Noort. Sie war das Eigentum der Admiralität von Rotterdam und hinausgesandt worden, um die Fischer, welche von dem Fischfange aus dem Norden heimkehrten, sicher binnen zu lotsen. Die Fregatte hatte vierundzwanzig Kanonen und vierundachtzig Mann Besatzung an Bord. Sie segelte unter der Flagge des Prinzen von Oranien, im Auftrage der Generalstaaten und ward von holländischen Offizieren befehligt. Die Fregatte wurde, nachdem sie von den drei obengenannten Kapitänen angegriffen war, tüchtig verteidigt; in einer Stunde wurden von ihrer Besatzung mehr als fünfzig Mann getötet oder verwundet. Ihr Rumpf war so zerschossen und alles am Bord von den enternden Feinden so übel zugerichtet, daß nichts anders übrig blieb, als die Flagge zu streichen. – Laut Protokoll von demselben Tage hat Herr Sebastian van der Croke, gebürtig aus Ziericks, wohnhaft zu Rotterdam und Lieutenant am Bord besagter Fregatte, genau dieselbe Aussage gemacht. Er fügte hinzu, man habe zuerst den voraussegelnden Kapitän Soutenay erblickt, und da man gesehen, daß er nur ein verhältnismäßig kleines Schiff führe, so sei sofort auf dasselbe Jagd gemacht worden. Der Wind sei aber ungünstig gewesen; die beiden anderen Kaper wären unterdessen auch heraufgekommen, alle drei hätten geentert, und sie wären genötigt gewesen, sich nach anderthalbstündiger Gegenwehr zu ergeben. Das Verhör vom selben Tage, angestellt mit dem zu Rotterdam geborenen Lodeweck, zweiten Steuermann auf der Fregatte »Scherdam,« und zehn andern Leuten von demselben Schiffe, teils Deckoffiziere, teils Matrosen, ist mit dem vorstehenden übereinstimmend. »Der König und sein Staatsrat erklären besagtes Kriegsschiff, genannt »Scherdam,« sein Takelwerk, seine Segel, seine Waffen und seine Munition, und was sich sonst irgendwie am Bord befinden möge, für gute Prise und sprechen dieselbe den Kapitänen de Keyser, Bart und Soutenay zu, mit Ausnahme des zehnten Teils dieser Prise, welche dem Admiral von Frankreich, Grafen von Vermandais, anheimfällt. Gegeben Saint Germain 18. August 1678.« Der alte Saurret hatte das Protokoll mit der Miene eines Triumphators gelesen. Madame Nicole hatte es zitternd angehört, und Jean Bart fragte sie freundlich: «Hast Du alles geschrieben?« »Ja, mein Freund!« »Aber ich hoffe, nicht alle die Ausrufungen und Zusätze jenes großen Wahrheitsfreundes?« Er zeigte dabei auf Saurret, und dieser sagte mit einer Verbeugung: »Mein verehrter Kapitän, ich lese die Berichte Ihrer glorreichen Siege mit eben der Freude, mit welcher ich so oft in Ihr Gesicht sehe, und das ist hoffentlich kein Verbrechen.« »Nein, Du alte Seeschwalbe! Lies nur, so lange und so oft Du willst, aber nicht laut und in meiner Gegenwart. Und nun trage diese oft verlangte Liste nach der Admiralität.« Saurret ging. Madame Nicole sah nach dem Bettchen, auf welchem Cornelius eingeschlafen war, und Jean Bart ging, um einen Spaziergang längs des Hafendammes zu machen, auf die Gefahr hin, dort wieder dem Marschall oder dem Intendanten zu begegnen und mit ihnen einige höfliche Redensarten zu wechseln, die denen vor zwei Monaten ähnelten. Kamerad Forbin. Die Zeit rollt unaufhaltsam vorüber. Aus dem Jahre 1680 ist das Jahr 1696 geworden. Madame Nicole Gontier ist gestorben und hat sich an dem späteren Ruhme ihres Gatten nicht mehr erfreuen können. Auch der alte Saurret ist mit allen seinen köstlichen Geschichten heimgegangen. Aber trotz seiner vielen Aufschneidereien hat er in Bezug auf den kleinen Cornelius doch die Wahrheit gesagt. Der Tabaksdampf, den sein Vater ihm in das Gesicht blies, ist ihm so gut bekommen, daß er nun schon seit zwei Jahren in den Dienst der königlichen Marine getreten ist. Jean Bart trägt die Uniform eines königlichen Kapitäns zur See erster Klasse. Er hat schon mehrmals selbständig eine Eskadre kommandiert, und ist Ritter des Ordens vom heiligen Ludwig. Durch eine zweite Ehe mit Mademoiselle Marie Thuges, die eine der ersten Familien Dünkirchens angehörte, war er in Besitz eines bedeutenden Vermögens gekommen und bewohnte ein prächtiges Haus in der Rue de Bar. Ueber dem Portal desselben prangte das dem Seehelden von dem Könige verliehene Wappen: Ein silbernes Thor im blauen Felde, gekrönt mit einer goldenen Lilie, links und rechts zwei aufrecht stehende Anker, und darüber ein schreitender roter Löwe. Die Ehren, die ihm zu teil geworden, waren sämtlich nur ein verdienter Lohn für die während seiner Kreuzzüge in den Gewässern des Nordens dem Vaterlande geleisteten vielen Dienste. Er hatte jene als Matrose, Steuermann und Kapitän befahren, kannte sie bis auf die geringste Kleinigkeit und war deshalb im stande, dem englischen und holländischen Handel den empfindlichsten Abbruch zu thun. Jean Bart hatte einen treuen Freund und Waffengenossen, den Kapitän de Keyser verloren. Es dauerte lange, bis sich für denselben ein Ersatz finden lassen wollte. Dergleichen seltene Schätze liegen nicht obenauf, sie ruhen verborgen in der Tiefe. Auch hilft das absichtliche Suchen nicht; je mehr man sich bemüht, desto weiter wird der Schatz unseren Händen entrückt. Da fügte es sich, daß dem Kaperkapitän von Dünkirchen, wie man Jean Bart noch vorzugsweise zu nennen pflegte, ein neuer Gefährte zu teil wurde, mit dem er manchen tüchtigen Kreuzzug unternahm. Ihr erstes Zusammentreffen war allerdings eigener Art. Dieser Gefährte war Herr von Forbin. Claude Forbin, am 6. August 1656 zu Gerdanne, nahe bei Aix geboren, war bei seiner Bekanntschaft mit Jean Bart achtunddreißig Jahre alt. Die Forbins waren Grafen von Janson, und gehörten demnach einem der ersten Häuser der Provence an. Claude war der jüngste Sohn einer mit zahlreichen Kindern gesegneten Familie, die nur ein geringes Vermögen besaß. Sein Vater starb sehr jung, als Claude gerade in den Dienst treten sollte. Seine Mutter, die sich keinen Soldaten zum Sohn wünschte und deshalb mit ihrem Gatten stets verschiedener Meinung gewesen war, bestimmte ihn für den geistlichen Stand und befahl ihm, seine Studien fortzusetzen. Schon in dem Alter von fünfzehn Jahren sprachen sich seine Heftigkeit und seine nicht zu zügelnde Wildheit auf das entschiedenste aus und brachten sowohl ihn, als auch seine Familie in die größten Verlegenheiten. Um ihn davon abzubringen, ward er der Obhut eines Geistlichen übergeben. Dieser war ein Mann von festem Willen, kalt, ruhig, entschlossen. Die Familie hielt den frommen Vater ganz und gar dazu geeignet, den Trotz des Knaben zu brechen und ihn geschmeidig zu machen; aber dies war ein Irrtum. Bitten, Ermahnungen, Drohungen, Strafen waren vergebens; weder Geduld noch Strenge vermochten etwas über den wilden Jungen. Da ward der geistliche Herr eines Tages über seinen widerspenstigen Zögling so aufgebracht, daß er nach seinem Stock griff, um denselben zu züchtigen. Aber fast in demselben Augenblicke war dieser Stock auch schon in Forbins Händen, der ihn zerbrach, dem erschrockenen Geistlichen die Stücke in das Gesicht warf und dann spornstreichs davonlief. Er nahm seine Zuflucht zu seinem ältesten Bruder, der die Domäne von Gerdanne bewohnte, und bat ihn, es bei der Mutter dahin zu vermitteln, daß er Soldat werden dürfe, wie es der Vater früher bestimmt hatte. Der Bruder aber schlug es ihm kurzweg ab. Forbin wußte sich nun nicht anders zu helfen, als daß er sich einiger silberner Geräte bemächtigte und mit diesen nach Marseille eilte, um sich durch den Verkauf derselben einiges Geld zu verschaffen und damit sein Glück auf eigene Hand zu versuchen. Der Goldschmied, dem er die wertvollen Geräte zum Verkauf anbot, erkannte das Wappen der Grafen von Janson, welches darauf eingegraben war, und ließ den Knaben sofort anhalten, der nun seiner Mutter wieder zugeschickt ward. Als der Geistliche, bei dem der junge Forbin gewesen war, von dieser Rückkehr in Kenntnis gesetzt und aufgefordert ward, ihn wieder bei sich anzunehmen, verbat er sich dessen Gegenwart ein für allemal. In diese Epoche fällt ein Ereignis, das Zeugnis von der Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart des jungen Mannes ablegte. Ein toller Hund rannte durch die Straßen von Aix; alles flüchtete voll Schrecken. Forbin warf sich dicht vor dem wütenden Tiere auf die Straße nieder, hielt demselben seinen breitkrempigen Hut entgegen, und während das Tier diesen packte und ihn zerriß, stieß Forbin demselben ein Jagdmesser, das er gerade bei sich führte, in das Genick. Diese That machte Aufsehen. Man begriff wenigstens, daß ein Bursche, der in solchen Kampf sich einließ, nicht zu einem Geistlichen tauge. Eine zweite Reise nach Marseille schlug glücklicher für ihn aus. Er fand dort seinen Onkel, den Kommandanten von Gerdanne, welcher eine der Galeeren des Königs als Kapitän befehligte. Dieser Edelmann machte der Frau von Forbin begreiflich, daß ihr Sohn einzig und allein in dem Dienste des Königs zu einem tüchtigen Manne gemacht werden könne, während er im entgegengesetzten Falle verloren sei. Die Dame gab endlich nach, und der junge Mann trat unter dem Namen des Ritters Forbin in den Dienst der königlichen Flotte. Späterhin wohnte er dem sicilianischen Kriege bei. Nach dem Frieden von 1678 diente er zu Lande in einer Kompanie Mousquetaires, welche von einem anderen seiner Oheime, dem Bailli von Forbin, befehligt ward. Aber sein heftiges und unbeugsames Naturell vermochte nicht, sich der Disziplin, die in diesem Korps herrschte, zu fügen. Darum schied er aus dem Dienst der Armee und begab sich nach Toulon, um sich wieder dem Seedienst zu widmen. Hier geriet er in Streit mit einem andern jungen Edelmanne, dem Ritter von Gourdan, und war so unglücklich, denselben im Duell zu töten. Es ward deshalb vor dem Parlamente von Aix ein Prozeß eingeleitet, und Forbin von diesem Gerichtshofe verurteilt. Allein es gelang ihm, sich dem Arme der Gerechtigkeit durch die Flucht zu entziehen und sich dem Zuge nach Amerika anzuschließen, der 1678 von dem Grafen Estrées unternommen ward. In den Jahren 1682 und 1683 diente er als Lieutenant zur See unter dem Admiral Duquesne in Afrika. Seine Duell-Angelegenheit war unterdessen durch die Bemühungen eines dritten Oheims, des Kardinals Janson, beigelegt. Der König übertrug ihm das Kommando einer Fregatte, die den Befehl erhielt, den Marquis von Torcy an Bord zu nehmen und nach Lissabon überzuführen, welcher den Auftrag hatte, Seiner Majestät Don Pedro von Portugal bei seiner Thronbesteigung Glück zu wünschen. Nachdem Forbin einer Gesandtschaft an den König von Siam beigegeben worden war, welche total verunglückte, sah er bei seiner Rückkehr nach Europa die Fackel des Krieges an allen Ecken lodern. Forbin war im Besitz aller der Eigenschaften, die einen Kriegsmann auszeichnen. Er besaß das Geheimnis, sich ein sehr vornehmes Ansehen zu geben, war dabei gewandt, lebhaft in allen Bewegungen und trotz seines zierlichen Aussehens von großer Körperkraft. In seinen Gesichtszügen prägte sich die verwegene Energie seines Charakters auf das entschiedenste aus. Sein ungemessener Stolz ließ ihn alle wackern Seeleute, welche seine Zeit in so großer Zahl aufzuweisen hatte, über die Achseln ansehen, ein Charakterzug, der ihm wenig zur Ehre gereichte. Sonst war Forbin, wie schon gesagt, ein Mann von Mut und Entschlossenheit, sorglos und unbefangen in dem Augenblicke der Gefahr. Seiner unglaublichen Kühnheit, die alle blindlings fortriß, verdankt Frankreich glänzende Waffenthaten. Er war außerdem ein besserer Segelmeister, als irgend einer von denjenigen, die auf der Flotte dieses Amt bekleideten; auch verstand er sich vortrefflich auf den Schiffbau. Dies alles waren Eigenschaften, die einem Seemanne zu allen Zeiten und in allen Ländern zur Zierde gereichen. Im bürgerlichen Leben, wie man es zu nennen beliebt, war der Graf Forbin ein etwas lockerer Gesell, der sich allen Zerstreuungen hingab, eine brillante Tafel und auserlesene Weine führte, sowie die Würfel und das Kartenspiel liebte. Er war auf der einen Seite kurzab und geradezu, konnte aber auf der anderen Seite ein eleganter und liebenswürdiger Kavalier sein, der durch seinen Witz und seinen Grazie alle bezauberte, die in seine Nähe kamen. Ein merkwürdiger Gegensatz stellt sich heraus, wenn man diesen Mann, wie er hier geschildert ward, dem Jean Bart gegenüber aufführt, diesem einfach bürgerlichen Manne, der nach einem ruhmreichen Kreuzzuge zur See sich in das Innere seines Hauses zurückzieht und das Glück des Herzens in dem Schoße seiner Familie sucht und findet. Diese beiden Männer trafen das erste mal in Dünkirchen zusammen. – Als Graf Forbin in Dünkirchen, das ihm zum Stationsort angewiesen worden, angekommen war, fand er es für gut, gegen Jean Bart einen überaus hohen Ton anzunehmen. Dieser hatte in seiner Harmlosigkeit wenig auf das anmaßende Wesen des Mannes geachtet, der fortan, wenigstens für längere Zeit zu seinem Waffengefährten bestimmt war. Das Benehmen Forbins, der den Korsaren von Dünkirchen einen ungeschlachten Bären nannte, mit dem man sich trefflich amüsieren könne, wenn man ihn gut abrichte, wurde endlich so auffallend, daß der Marine-Intendant, Herr Patoulet, mit mehreren anderen Freunden und Verehrern Jean Barts es für geraten hielt, diesem die Augen zu öffnen. Einmal gewarnt, faßte Jean Bart, der vielen gesunden Menschenverstand und natürlichen Humor besaß – der letztere vielleicht ein Erbteil des alten Saurret – den Entschluß, seinen neuen Kameraden, den Herrn Grafen Forbin, bei nächster Gelegenheit hart anlaufen zu lassen und ihm, nach Seemannsgebrauch, die glatte Lage zu geben. Diese Gelegenheit ließ nicht auf sich warten, und eine große Anzahl von Seeoffizieren waren Zeugen dieser Szene. Jean Bart näherte sich, wie es seine Gewohnheit war, mit leichtem Zucken der Achseln dem Grafen. Den Kopf seiner Pfeife zwischen den Fingern und diesen mit Tabak füllend, sagte er zu dem Grafen: »Beim heiligen Kreuz! Sie scheinen mir sehr viel Geist zu besitzen, Herr Graf, ich dagegen bin nur ein einfacher Mann.« »Ah, Herr Bart!« entgegnete Forbin in seiner stolzen, höhnenden Weise, und ihn groß anschauend, setzte er hinzu: »Es scheint, als wollten Sie vor mir aufbrassen, Herr? Wollen Sie?« Jean Bart stopfte, ohne gleich zu erwidern, seine Pfeife vollends und sagte dann: »Aber, wenn ich auch ein einfacher Mann bin, so bin ich doch vielleicht im stande, Sie über einiges zu belehren, und das will ich hiermit thun.« »Mit Ihren Ratschlägen und weisen Ermahnungen ausgerüstet, wird es mir gehen, wie die Devise des alten Ritters Fouquet es besagt: »Ich werde es nie erreichen« Jean Bart verstand diesen Ausfall entweder nicht, oder er wollte ihn nicht verstehen. Er nahm Stahl und Stein samt der Zunderbüchse heraus, und indem er Feuer schlug, sagte er mit einer Ruhe, die den Grafen außer Fassung brachte: »Sie sprechen und handeln nach Ihrer Art, und die ist so mannigfaltig, daß man nie recht weiß, welche Tonart die richtige ist. Wir einfachen Seeleute von Dünkirchen haben nur zwei Wege, uns zu verständigen; entweder wir machen als wackere Backsgenossen Arm in Arm unsern Trall auf dem Halbdeck, oder wir legen uns hart Bord an Bord und fassen uns scharf in die Augen. Verstanden, Herr Graf?« »Bord an Bord!« rief Forbin überrascht. »Bravo, Herr Bart! Das ist wie ein echter Seemann gesprochen.« »Im übrigen,« fuhr Jean Bart mit unerschütterlicher Ruhe fort, indem er den brennenden Zunder auf den Tabak legte und eine mächtige Rauchwolke von sich blies, »im übrigen, Herr Graf: Freund oder Feind, Handschlag oder Säbelhieb; nirgendwo ein drittes. Hoffe, daß Ihnen dies klar ist.« »Vollkommen, mein Herr! Es ist dies die Sprache eines Ehrenmannes, die ich nie verkenne.« »Also denn,« fuhr Jean Bart fort, ohne sich im Weiterrauchen zu unterbrechen, »werden Sie mir jetzt gleich als Mann von Ehre sagen, welches Verhältnis nach Ihrem Wunsche zwischen uns bestehen soll? Freund oder Feind? Kurz und schnell, mein Herr! denn ich habe keine Zeit dazu, einen Tag lang nach den Pointen in Ihren Reden zu suchen, auf die Gefahr hin, die Bedeutung derselben nicht zu verstehen.« Forbin machte eine heftige Bewegung. Der Zorn, der ihn so sehr beherrschte, gewann auch jetzt die Oberhand. Aber das bessere Ich drängte sich vor, und vergessend, daß er sich in diesem Augenblick im Nachteil befand, reichte er seinem Gegner die Hand und rief lebhaft: »Ich bin Ihr Freund und Waffenbruder und schätze mich glücklich, wenn Sie das annehmen. Was ich gesagt . . . .« »Worte verweht der Wind.« entgegnete Jean Bart, die dargebotene Hand ergreifend. »Lassen Sie uns unser Werk guten Mutes beginnen. Einmal mit mir auf offener See, und Sie werden finden, daß der Sohn meines Vaters ein zuverlässiger Gefährte ist.« »Wie ich es sein will!« setzte Forbin hinzu. Die Geschichte der französischen Marine weiß die Wahrheit dieser Worte zu bestätigen. Tordenskiold. Peter Wessel ward am 28. Oktober 1691 zu Drontheim in Norwegen geboren. Sein Vater, ein achtbarer Bürger daselbst, der das Amt eines Ratmannes bekleidete, wollte ihn studieren lassen. Er bezeigte aber durchaus keine Neigung dafür und wurde nun dazu bestimmt, das Barbiergeschäft, nach anderen das Schneiderhandwerk zu erlernen. Aber wie hätte diese wilde, stürmische Natur, die in den indischen Meeren einen würdigen Tummelplatz finden sollte, in der engen Werkstatt aushalten können? Schon als Knabe war er kaum zu bändigen. Unerschrocken fiel er solche Jungen an, die ihm weit überlegen waren, und raufte sich mit ihnen. Einer derselben faßte ihn bei seinen langen Haaren und zerrte ihn daran zu Boden. Schnell eilte Peter nach Hause, schor sich den Kopf kahl, salbte denselben mit Oel, begann den Kampf von neuem und blieb Sieger. Als der König von Dänemark nach Norwegen kam, ward Peter Wessel mit einigen Leuten aus der untern Dienerschaft bekannt. Auf deren Rat lief er aus der Lehre und ward nach Kopenhagen mitgenommen. Von dort aus machte er ein paar Reisen nach Ostindien und erhielt von seinem Kapitän das Zeugnis, daß er für die See wie geboren sei; niemand sei unerschrockener und zuversichtlicher, als er; mit der Zeit werde der junge Peter Wessel der vorzüglichste Seemann werden. Auf diese Eigenschaft hin ward er als Seekadett für den Dienst der königlichen Flotte eingeschrieben. Man kann also sagen, daß Dänemark diesem nicht namentlich bekannten Kapitän eigentlich einen solchen Admiral verdankte. Nach der Kriegserklärung Dänemarks an Schweden erhielt Peter Wessel das Kommando eines Kapers, mit welchem er die schwedische Küste beunruhigte. Drei Jahre später, im Monat Mai, wurde ihm das Patent als Lieutenant zu teil und mit demselben das Kommando einer Fregatte. Am Schlusse desselben Jahres ward er wegen seines unerschrockenen Benehmens zum Kapitän ernannt. Am 24. April jagte er mehrere schwedische Schiffe auf den Strand und brachte bei dieser Gelegenheit den schwedischen Admiral-Wachtmeister als Gefangenen ein. Er zog auf einer der eroberten schwedischen Fregatten seine Flagge auf, focht am 7. August unter Rügen in der Schlacht, die für Schweden einen so unglücklichen Ausgang hatte, und machte wertvolle Prisen. Während der Belagerung Stralsunds blockierte er die Meerenge Geelen mit vielem Erfolge; doch konnte er die Flucht König Karls XII. nicht verhindern, der auf einer kleinen Barke nach Schweden entkam. König Friedrich IV. erhob ihn unter dem Namen Tordenskiold (Donnerschild) in den Adelstand, ernannte ihn zum Inspektor der Flotte und wählte ihn zu seinem General-Adjutanten bei dem See-Etat. Als 1716 der schwedische Karl Friedrichshall belagerte, erschien Tordenskiold am 7. Juli mit einer Flottille von nur vier Fregatten und drei kleineren Fahrzeugen vor dem Hafen von Dynekillen, in welchem die schwedische Transportflotte und die zur Belagerung nötigen Geschütze, sowie anderes Kriegsmaterial sich befand, welches von mehreren Orlogschiffen bewacht wurde. Von einigen Fischern erfuhr er, daß am Lande eine große Hochzeit gefeiert werde und daß der schwedische Admiral den Offizieren seiner Schiffe, sowie den Kapitänen der Transportfahrzeuge ein Fest gebe. »He, Kapitän Grieb!« sagte Tordenskiold zu diesem Offizier, der neben ihm stand, »wollen wir nicht mit von der Partie sein? Es ist hier draußen so stille!« »Ich fürchte nur,« entgegnete der Kapitän scherzend, »wir werden nicht willkommen sein.« »O, was das anbetrifft, so fürchte ich nichts; wir müssen nur tüchtig aufspielen!« »Das wollen wir!« antwortete Kapitän Grieb, und die dänischen Schiffe lichteten sofort die Anker. Tordenskiold segelte in den Hafen ein. Nach einem siebenstündigen harten Gefechte zwang er die ganze schwedische Flotte, eine Fregatte, elf Galeeren und einundzwanzig Transportschiffe, ihm zu folgen. Durch diese kühne That ward Karl XII. zur Rückkehr nach Schweden gezwungen. Tordenskiold aber wurde für diese Großthat zum Kommodore ernannt und mit dem großen Bande des Elefanten-Ordens geschmückt. Am Schlusse des Jahres ereilte ihn zum erstenmal das Unglück. Er sollte den Hafen von Strömstadt forcieren; aber sein Geschwader scheiterte im heftigen Sturm an der Küste, und Tordenskiold verlor sein ganzes Vermögen. Friedrich IV. entschädigte ihn für diesen Verlust dadurch, daß er ihm eine der früher genommenen Fregatten schenkte. Tordenskiold war der erste, der die Nachricht von dem Tode des schwedischen Königs nach Kopenhagen brachte; er ward für diese Freudenbotschaft zum Vice-Admiral ernannt. Am 23. Juli 1719 drang er mit einer kleinen Flotte in den stark befestigten schwedischen Hafen von Marstrand ein, nahm das darin befindliche, aus siebenundzwanzig Fahrzeugen bestehende Geschwader weg, entwaffnete die Strandbatterien, auf welchen sich nahe an fünfhundert Geschütze befanden, und zwang nach einer dreitägigen Belagerung die Citadelle Karlstein, welche Marstrand beherrschte, zur Uebergabe. Dieser Sieg, welcher den Friedensschluß zwischen den nordischen Mächten beschleunigte, ward eine Veranlassung zu neuen Gnadenbezeigungen. Tordenskiold wurde Mitglied der Admiralität, und einem neu erbauten Linienschiffe ward der Name »Marstrand« beigelegt. Der König hatte den Admiral zu seinem entschiedenen Liebling gewählt. Er wollte ihn immer um sich haben, und es geschah gegen seinen Willen, daß Tordenskiold eine Reise unternahm. Ueberall, in Hamburg und anderen Orten, ward der Seemann, der trotz seiner Jugend schon so Außerordentliches geleistet hatte, mit den höchsten Ehren empfangen. In Hannover hatte er das Unglück, mit einem Obersten außer Diensten, namens Stahl, in Streit zu geraten. Ein Duell war nicht zu vermeiden, und er fand in demselben am 20. November 1721 seinen Tod. Tordenskiold war der erste Seeheld seiner Zeit, ebenso kühn und unternehmend, als einsichtsvoll berechnend. Sein Tod war für ganz Dänemark ein bedauernswertes National-Ereignis. Dänische Schiffe tragen an ihrem Spiegel noch gegenwärtig den gefeierten Namen von Meer zu Meer. Das Debüt des Kadetten. Bald nach dem Beginn des achtzehnten Jahrhunderts, da König Friedrich IV. in Dänemark herrschte, wurden die Verhältnisse zwischen diesem Reiche und dem schwedischen immer bedrohlicher. Am Schlusse des Jahres 1709 standen beide Völker sich zu Wasser und Land feindlich gegenüber. Bunt übereck ging es in der Nordsee, wie in der Ostsee zu. Die Handelsschiffe waren auf einer steten Flucht begriffen. Orlogschiffe und von den Regierungen dazu bevollmächtigte Kaper machten überall das Fahrwasser unsicher. Prisen wurden täglich aufgebracht, und selbst den Schiffern, die unter neutraler Flagge fuhren, ward nicht stets der ihnen versprochene Schutz zu teil. Es war eine fröhliche Zeit für kühne, unternehmende Seeleute. Es war eine Zeit der Hoffnung für junges, rüstiges Volk, das eben in die Welt trat, um sein Glück zu machen, und das sein Glück machen konnte, wenn es Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte. Solch ein junger Mann, in der kleidsamen Tracht eines königlichen Kadetten, ging von dem Hafendamm zu Christiania in Norwegen geradeswegs auf den Palast zu, in welchem der General Löwendahl wohnte, der, wenn auch nicht mit dem Titel, doch mit der Macht eines Vicekönigs dieses Reiches bekleidet war, ein wichtiger, einflußreicher Mann, dessen Wille in allen Angelegenheiten entscheidend war, dessen Gunst oder Ungunst Tausende belebte oder zerschmetterte. Der junge Mann, der eine nicht geringe Eile zu haben schien, klopfte an die Thür des mächtigen Generals und begehrte, sogleich zu demselben geführt zu werden. Der Diener machte Schwierigkeiten, da es noch früh am Tage und Seine Exzellenz kaum aufgestanden sei. Als er sich dann endlich bereit erklärte hineinzugehen, erhielt er auf die Frage, wen er zu melden habe, die Antwort: »Einen dänischen Seemann.« Wie nun der Kadett zu dem General in das Zimmer trat, schien dieser nicht wenig verwundert, statt des ihm angekündigten Seemannes einen Jüngling zu finden, dem kaum der erste Flaum um das Kinn sproßte. »Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?« fragte der General vornehm, nachdem er den Kadetten, der in ungezwungener Haltung vor ihm stand, einen Augenblick betrachtet hatte. »Ich heiße Peter Wessel, gebürtig aus Drontheim, und bin, nachdem ich längere Zeit zur Kauffahrtei gefahren, in das Seekadetteninstitut in Kopenhagen aufgenommen.« »Und Euer Begehr?« »Exzellenz! Es ist mein heißer Wunsch, das Kommando eines guten Kanonenschiffes zu bekommen, um die schwedischen Kaper von unserer Küste verjagen zu helfen.« »Das gefällt mir!« entgegnen der General lächelnd. »Die Gedanken stehen Euch nicht niedrig.« »Wer sich fühlt, Exzellenz, muß auch den Mut haben, es zu sagen.« »Euer Begehren grenzt an Thorheit. Ich kann Euch nicht helfen. Geht! Geht!« »Ich bleibe und bitte nochmals!« entgegnete Peter Wessel dringender. »Möchtet Ihr meinen Wunsch zu erfüllen geneigt sein!« »Was Ihr verlangt, ist keine Spielerei. Es ist eine Sache von der höchsten Wichtigkeit.« »Um so mehr ist dieselbe eines Versuches wert,« entgegnete der Kadett und schwieg errötend, als ihn ein strenger Blick des Generals traf, der in gemessenem Tone fragte: »Warum meldet Ihr Euch nicht mit Eurem seltsamen Begehren bei Euren eigentlichen Vorgesetzten?« »Habe keine guten Freunde oder Vettern, die bei den vornehmen Herren ein freundliches Wort für mich einlegen. Exzellenz! ich bin nur eines einfachen Bürgers Sohn, dem es sauer genug geworden, sich aus dem Kabelgat eines Kauffahrers zum königlichen Kadetten hinaufzuarbeiten. Ich möchte aber gern weiter, und ich käme auch weiter durch mich selbst, wenn nur erst einer da wäre, der mich etwas vorwärts schöbe, so daß ich den vornehmen Herrn von der Admiralität in die Augen fiele. Ich fühle es in mir, daß ich das Vertrauen, welches man in mich setzt, rechtfertigen würde.« Dem mächtigen Generalissimus eines ganzen Königreiches, dem sich alle in tiefer Unterwürfigkeit nahten, war eine solche Sprache neu. Er besaß die Gabe, zur guten Stunde einen tiefen Blick in das Innere der Menschen zu thun und auf dem Grunde der Herzen zu lesen. Er sah den Kadetten fest an und sagte dann nach einer Pause: »Ihr geht mit vollen Segeln, junger Mann! Ich mag das wohl leiden. Damit Ihr rascher zum Ziel kommt, will ich Euch an Bord einer unserer Fregatten zu bringen suchen.« »Dank, General!« platzte Peter Wessel heraus; »aber das ist es nicht, was ich brauchen kann. Wenn etwas aus mir werden soll, muß ich auf eigene Faust handeln können.« »So möchtet Ihr wohl die Fregatte lieber selbst führen?« fragte der General mit Ironie. »Was, zum Teufel, spuken für Raupen in Eurem Kopfe? Lernt erst gehorchen, bevor Ihr befehlen wollt.« »Fünf Jahre habe ich die Ehre, Seiner königlichen Majestät zur See zu dienen,« sagte der Kadett, ebenfalls sehr ernst. »Keiner darf sagen, daß ich nur das kleinste im Dienst versäumt hätte. Ich habe blind gehorcht. Aber ich fühle, daß ich etwas besseres kann, und bitte darum Euer Exzellenz, es mit mir zu versuchen.« »Man könnte wohl . . . .« sagte der General vor sich hin. Aber er brach ab und sprach laut: »Steht von Eurer Bitte ab. Es ist gefährlich, einem so jungen Manne die Ehre der königlichen Flagge anzuvertrauen.« »Meine nicht, Herr General, daß das Alter etwas dazu oder davon thut,« entgegnete Peter Wessel mit Selbstgefühl. »Würde nichts Unehrenhaftes beginnen und könnte, wenn es nicht anders ginge, geradeswegs mit dem Danebrog in die Luft gehen, wie es der Kommandeur Hvidtfeld gethan.« Diese Worte waren entscheidend für die Zukunft des jungen Seemanns. Graf Löwendahl konnte denselben nicht wiederstehen. Er trat ans Fenster und winkte den jungen Mann zu sich. »Seht Ihr jenes Fahrzeug mit den blanken Metallstücken?« »Ich sehe es, General!« antwortete Peter Fessel mit leuchtenden Augen. »Eine prächtige Schute!« »Es ist das Schnauschiff »der Wurm« und hat zwanzig wohlbefahrene Matrosen an Bord. Ich vertraue Euch das Kommando und übernehme die Verantwortung dafür, der Admiralität gegenüber. Sucht nun die Taten zu vollbringen, von denen Ihr so erfüllt seid.« »Das will ich, so mir Gott helfe. Zwanzig Matrosen und vier Geschütze sind ein guter Anfang. Wann darf ich mir meine Ordre holen?« »Sie soll Euch im Laufe des Tages zugehen, und dann müßt Ihr noch vor Einbruch der Nacht in See.« »Alles soll bereit sein.« »So geht mit Gott. Und hört! Ich sende Euch hinaus, um auf die Bewegungen des Feindes zu achten und Auge und Ohr offen zu halten. Ihr habt nur mir Bericht zu erstatten, keinem andern. Seid vorsichtig und setzt nicht ohne Not die Flagge des Königs auf das Spiel. Seid Ihr aber einmal darin, dann haltet Euch mit Ehren, oder geht unter. Das ist mein Abschied.« Peter Wessel entfernte sich, einen ganzen Himmel in der Brust. Er eilte an Bord, um sich der Mannschaft des »Wurm« als ihren künftigen Kommandeur vorzustellen, und kehrte dann an das Land zurück, um die Vorbereitungen zur Abfahrt zu beeilen. Bei der Mannschaft des »Wurm« hatte der neue Kommandeur kein besonderes Glück gemacht. Er war ihr zu jung, zu unbedeutend erschienen. »Ist nichts mit dem Krabat, Rolf!« sagte einer der Matrosen, der in der Nähe gewesen war, als Kommandeur Hvidtfeld sich dem Vaterlande glorreich zum Opfer brachte. »Viele Prisengelder werden wir unter seiner Führung nicht erbeuten, und wenn gar . . . .« »Was wollt Ihr mit den Worten wenn gar sagen, Nils Brandt? Halbe Rede thut es nicht. Sprecht frisch von der Leber weg.« »Ich meine,« sagte Nils Brandt, »wenn es dem Himmel gefiele, daß für die Flotte ein zweiter Tag käme, wie der war, an welchem Kommandeur Hvidtfeld sein Leben daran setzte, würde der »Wurm« unter dem Kommando des Herrn Kadetten Peter Wessel es vorziehen, behaglich mit der Flut zu treiben, als wagehalsig in der Luft umher zu tanzen.« »Ihr habt jene glorreiche That, wenn auch nur von ferne, gesehen, Nils Brandt,« sprach ein dritter. »Wie war es damit? Nehmt einen Schluck aus meiner Flasche und erzählt.« »Das will ich!« entgegnete der Seemann und nahm, die Flasche zwischen den Knieen, auf einem Kabeltaue Platz, während die andern sich um ihn scharten. »Seht, Leute, das war so. Wir hatten einen tüchtigen Zusammenstoß mit den Schweden gehabt, und man kann nicht sagen, wer von uns beiden mehr Püffe empfangen oder ausgeteilt hatte. Aber das darf ich behaupten, daß die Schweden machten, daß sie fortkamen, und daß wir keine Lust hatten, ihnen nachzulaufen, denn wir hatten genug zu thun, um die zerschossenen Breitseiten zu kalfatern und die zerschmetterten Arme und Beine zusammenzusetzen. Unsere Schiffe lagen in der Bucht von Kiöge vor ihrem Anker, dicht unter Land und so nahe bei einander, als es ohne Gefahr nur immer geschehen konnte. Der Feind war in vollem Weichen. Kommandeur Hvidtfeld, der an Bord des »Danebrog« kommandierte und allein zwei schwedische Linienschiffe zerstört hatte, lag im äußersten Luv von uns. Alle Mann waren beschäftigt, das Verdeck nach dem bestandenen Gefecht klar zu machen, als mit einemmal der Schreckensruf »Feuer« aus dem Zwischendeck herauf erscholl. Ein furchtbares Krachen hatte das Unglück angekündigt. Drei glühende Kugeln waren gesprungen und hatten gezündet. Bei dem Besanmast fing es zuerst an zu brennen. Schnell besonnen war der Kommandeur zur Hand; man sah ihn allenthalben. Durch sein Beispiel ermuntert, griffen alle herzhaft an, denn sie spielten um Leib und Leben. Es war umsonst. Das Feuer griff zu mächtig um sich; sie konnten es nicht dämpfen. Der Wind brisete von der See her und jagte Rauch und Feuer landwärts. »Es giebt nur ein Mittel!« rief einer seiner Offiziere ihm zu. »Wenn wir den Anker kappen, treiben wir dem Lande zu, bevor das Feuer die Pulverkammer erreicht.« »Das thun wir,« sagte der Kommandeur, »und wir können auf diese Weise unser Leben retten. Aber wir setzen die königliche Flotte der Gefahr aus, von uns in Brand gesteckt zu werden. Der Wind steht so, daß wir geradenwegs der Vorhut unserer Schiffe entgegentreiben.« »Der Hochbootsmann des »Danebrog« hatte die blinkende Axt ergriffen, um das Tau zu kappen. Der sturmkalte Seemann, der seine Lebenszeit zwischen den Planken königlicher Schiffe verbracht hatte, sah fragend nach dem Befehlshaber, der hoch auf der Campagne stand. Erwartungsvoll harrten die Mannschaften ringsumher. Leben und Tod aller hing von dem Wink eines einzigen ab. »Noch einmal warf Kommandeur Hvidtfeld den spähenden Blick umher. Nochmals erwog er die That und ihre Folgen. Dann winkte er dem Hochbootsmann bedeutungsvoll mit der Hand. Der alte Seemann verstand seinen Chef. Mit einem lauten Hurra schwang er die Axt um seinen Kopf und warf sie in die rollende See. Und Hurra! rief die gesamte Mannschaft wie aus einem Munde. Der »Danebrog« blieb vor seinem Anker, während die Flammen gierig um sich fraßen, bis das Schiff mit lautem Krachen in die Luft flog. Und das ist das Ende von der Geschichte, denn Ihr wißt wohl, wie es in dem alten Liede heißt, daß der Danebrog von dem Himmel auf die Erde gefallen ist, zum Zeichen, daß der Herrgott die Dänen unter seinen besonderen Schutz stellte. Und darum ein Hurra für den tapfern Kommandeur Hvidtfeld, der gethan hat, was kein anderer ihm sobald nachthun wird.« »Das lügst Du!« erscholl eine kräftige Stimme. Erschrocken sah der Matrose sich um und blickte in das gerötete Gesicht seines jungen Chefs, der an Bord gekommen war, ohne daß es einer gemerkt hatte. Einen Augenblick belustigte den Kadetten die Verlegenheit der Leute, dann sagte er lachend: »Darüber könnt Ihr beruhigt sein! Wenn wir jemals Feuer in der Nähe der Pulverkammer haben, und wir wittern in See eine schwedische Flagge, so soll sie mit uns in die Luft, sie mag wollen oder nicht; das ist hiermit abgemacht. Und nun, alle Mann an die Ankerwinde. In einer Stunde müssen wir draußen in offener See sein.« Lautlos ging jeder an sein Werk. Ohne Murren folgten alle von diesem Augenblicke an seinen Befehlen. Bald hatte Peter Wessel seine Leute geschult, wie er sie haben wollte. Es wurde ihnen wenig Ruhe gegönnt, aber der geplagteste Mann an Bord führte noch immer ein Herrenleben gegen seinen Kommandeur. Tag und Nacht war Peter Wessel auf dem Deck; selten in der Kajüte, noch seltener in der Koje und dann mit allen Kleidern auf dem Leibe. Es schien, als ob diese elastische Natur des Schlafes nicht bedürfe. Eines Morgens, vor Sonnenaufgang, schritt Peter Wessel auf dem Halbdeck unruhig auf und ab. Schon seit einigen Tagen folgte er einem bewaffneten schwedischen Schiffe, ohne es bisher erreichen zu können. War es Geringschätzung seitens des schwedischen Offiziers, der mit dem kleinen dänischen Schiffe nicht anbinden wollte? War es vielleicht die unausgesprochene Furcht, ein Gefecht zu beginnen, das möglicherweise schlecht enden konnte? Der Schwede hielt nirgends stand. Sein Schiff war von einer in damaliger Zeit beliebten Form, Hucker genannt, mit hohem Spiegel und breitem Buge. Auf seinem Deck standen acht stattliche Geschütze, und nach der Bewegung aus demselben zu urteilen, fehlte es an Mannschaften zur Bedienung derselben nicht. Peter Wessel hatte, gemäß der Ordre des Generals Löwendahl, so viele Erkundigungen eingezogen, daß es wohl gerechtfertigt gewesen wäre, wenn er nach Christiania segelte, um seinem Gönner den ersten Bericht abzustatten. Und doch konnte er sich nicht entschließen, ohne eine entscheidende That wieder binnen zu laufen. »Es ist ein toller Ulk,« sagte ein Matrose leise zum andern. »Nicht damit zufrieden, daß wir schon drei Prisen genommen, die uns einen guten Schilling einbringen sollen, läßt er – darauf könnt Ihr Euch verlassen – keine Ruhe, bis wir die vierte dazu haben, und wäre sie auch mit Kanonen gespickt von oben bis unten.« »Willst Du ihm das verdenken, Maat?« »Den Teufel will ich! Werde vielmehr tüchtig zuschlagen helfen. Für einen solchen Burschen geht man gern ins Feuer. Als wir uns neulich mit dem Finnländer herumgeschlagen hatten und so müde waren, daß wir alle viere von uns streckten, wo war da unser junger Kommandeur? Wir glaubten, er sei in die Koje gegangen, um von dem schweren Tagewerk auszuruhen, was ihm keiner verdachte. Er aber tritt auf einmal, einen Korb mit vollen Flaschen in der Hand, auf das Deck und sagt: Da ist der Vorrat, den ich mir für die Reise mitgenommen habe. Ich komme nicht dazu, ihn auszutrinken; darum thut Ihr es und stärkt Euch nach der schweren Arbeit.« »Wohl. Und am andern Tage sagte er: Wenn es Prisengelder giebt, teile ich meinen Part in zwei Hälften, und die eine ist für Euch, denn Ihr habt die meiste Arbeit davon gehabt. Die andere genügt mir; ich bin mit der Ehre bezahlt genug.« »Und Ihr werdet sehen, daß er es nicht bei dem bloßen Worte bewenden läßt; er macht es auch wahr. Für einen solchen Jungen muß man ja durch Feuer und Wasser gehen.« Die Sonne erhob sich strahlend und warf ihren rosigen Schimmer über die See hin. Peter Wessel ließ seine Blicke den Horizont entlang schweifen und rief dann jubelnd: »Wir haben ihn! Alles klar zum Gefecht!« Der schwedische Hucker mit seinen acht Geschützen lag unfern von ihnen hart am Winde und so günstig, daß er gar nicht entrinnen konnte, wenn er auch gewollt hätte. Der Wind wehte für Peter Wessel so raum, daß er mit dem »Wurm« binnen kurzer Zeit dem Schweden seitlängs sein konnte. Dieser machte Segel und ließ nach Lee abfallen. Der Däne that desgleichen, und lautschlagenden Herzens begann auf der freien, offenen See die lustigste Morgenjagd. Während Peter Wessel mit seinem Kaperschiffe in der Nordsee umherjagte, wo die ersten Blätter zu seinem künftigen Ruhmeskranze keimten, war er selbst auf dem festen Lande öfter Gegenstand der Unterhaltung. In dem gastfreien Hause des Statthalter-Generals befand sich unter den dort aus- und eingehenden Gästen auch ein vornehmer dänischer Seeoffizier, der über die königlichen Schiffe in diesen Gewässern den Oberbefehl führte. Er bekleidete den Rang eines Kommandeurs, hielt viel auf äußere Formen und wußte am grünen Tisch die bewundernswürdigsten Seemanöver auszuführen, Prisen zu machen und Schlachten zu gewinnen. Nur was von ihm selbst ausging, war untadelhaft, was andere thaten, daran hatte er stets etwas zu rügen, schlug es auch noch so günstig aus. Darum fand der Kommandeur es nichts weniger als gerechtfertigt, daß General Löwendahl, bloß infolge einer Aufwallung und in dem unbestimmten Gefühl des Wohlwollens, einem jungen Kadetten das Kommando eines Schiffes übergeben und die Ehre der Flagge einem unerfahrenen Knaben anvertraut habe. Bei dem hohen Range des Generals und gegenüber dem mächtigen Einflusse desselben konnte der Kommandeur sich nicht so rücksichtslos aussprechen, als er es gern gethan hätte; allein es war doch so oft und in so spöttischer Weise geschehen, daß der General zuletzt ärgerlich ausrief: »So hört doch endlich nur auf, von dieser Angelegenheit zu sprechen. Ich warf einen Blick in das Innere des Jünglings und glaubte das Richtige zu erkennen. Habe ich mich geirrt, so nehme ich die Verantwortung auf mich, und gebe Euch die Versicherung, daß Euch von seiten der Admiralität deshalb kein Vorwurf gemacht werden soll. Damit seid nun aber auch beruhigt, Herr Kommandeur, und laßt uns harmlos an dem Feste teilnehmen, welches nicht nur Christiania und dieses Haus, sondern ganz Norwegen feiert.« Der Kommandeur biß sich in die Lippen und folgte dem General in den Salon, wo sich eine große Gesellschaft versammelt hatte. Es war der 11. Oktober, und der Statthalter-General feierte den Geburtstag des Königs. Ganz Christiania hatte ein festliches Aussehen. Geputzte Menschen belebten die Straßen, Musik und Gesang erscholl überall. Die Schiffe im Hafen hatten ihre Flaggen aufgezogen, und Becher auf Becher wurde dem Wohle des königlichen Herrn dargebracht. In dem Hauptsalon des von Löwendahlschen Hauses, sowie in den anstoßenden Gemächern bewegten sich die Gäste bunt durcheinander. Es war ein fröhliches Treiben, Scherz und Heiterkeit herrschten überall. Der General hatte sich an eines der hohen Bogenfenster gestellt, von welchen aus man eine weite Aussicht über die Stadt und den Hafen hatte. Sein Auge schweifte über das schöne Panorama, welches sich seinen Blicken darbot und sein Wohlgefallen in hohem Grade zu erregen schien. Plötzlich richtete er sich höher auf, beugte den Kopf vornüber, als wollte er etwas recht genau sehen, und rief dann, sich rückwärts wendend, lebhaft aus: »Da kommt er!« »Wer, wenn es Euer Exzellenz gefällig ist?« fragten einige Herren, die in der Nähe standen, und auch der Herr Kommandeur, der nicht weit war, fragte dasselbe. Die allgemeine Aufmerksamkeit war auf den General gerichtet, und dieser antwortete: »Ich meine den jungen Seemann, den ich ausgesendet habe, um sich nach den schwedischen Kreuzern umzusehen. Er ist da.« Alle stürzten nach den Fenstern. Der Kommandeur trat zu dem General, der lebhaft fortfuhr: »Seht Ihr? Das ist das Fahrzeug. Und wie es scheint, kommt er nicht allein, sondern bringt Prisen mit sich, die er im Schlepptau führt. Es sind deren drei, darunter sogar ein bewaffnetes Schiff! Und auf dem Maste desselben weht die dänische Flagge hoch über der schwedischen! Nun, Kommandeur, was sagt Ihr dazu?« »Wer weiß, wie das alles zusammenhängt!« entgegnete dieser halb verlegen, halb ärgerlich. »Das werden wir gewiß bald von ihm selbst erfahren,« sagte der General, »denn wie ich ihn kennen lernte, wird er nicht lange auf sich warten lassen.« Und in der That meldete ein Diener bald nachher einen jungen Offizier, der darauf bestehe, unverzüglich mit dem Herrn Statthalter zu sprechen. Der General gab Befehl, ihn hereinzulassen, und Peter Wessel trat sofort in den Saal. Ohne durch den Anblick der glänzenden Versammlung besonders verlegen zu werden, rief er dem General mit lauter Stimme entgegen: »Ich habe den Befehl Euer Exzellenz ausgeführt, und bin bereit, zu berichten, was ich unterwegs gesehen. Außerdem habe ich mit Hilfe meiner wackeren Matrosen, die tüchtig zuschlugen, noch einige andere Arbeit ausgeführt, welche dem Herrn General vielleicht gefallen wird, wenn es Euch beliebt, sie anzusehen.« »Wir haben dies Tollmannswerk schon von weitem erkannt,« nahm der Kommandeur in hohem Tone das Wort, »und sind verwundert, daß Ihr die Ehre der Flagge so leichtsinnig preisgebt.« »Die Ehre der Flagge ist stets gewahrt worden,« entgegnete Peter Wessel aufwallend. »Ich bitte den Herrn Kommandeur um Verzeihung, aber Ihr könnt das von dem Hauptmast einer jeden einzelnen Prise wehen sehen.« Der General, dem diese Unterredung unangenehm wurde, und welcher der Subordination nichts vergeben durfte, unterbrach den Kadetten mit den strengen Worten: »Es giebt keine Veranlassung, welche einem jungen Soldaten gestattet, die Rücksichten zu vergessen, die er seinen Vorgesetzten im Dienst schuldig ist.« Zum Kommandeur gewendet setzte er aber hinzu: »Eine jugendlich-ungestüme Kraft, die sich plötzlich fühlt, bedarf wohl einiger Nachsicht.« »Der glückliche Erfolg mag die Nachsicht rechtfertigen,« sagte der Kommandeur. »Wie aber, wenn das tolle Beginnen fehlschlug und die königliche Flagge kompromittiert wurde, was dann?« »Es war noch immer eine brennende Lunte am Bord, und was Hvidtfeld in der Kiögebucht that, das kann ich auch!« entgegnete Peter Wessel. Der Kommandeur biß sich auf die Lippen, und der General, das Gespräch unterbrechend, sagte: »Ihr hattet mir einen Bericht abzustatten, Kadett Wessel! Folgt mir in mein Kabinett.« Während der Abwesenheit des Generals war der junge Seemann der alleinige Gegenstand der Unterhaltung, und nur der Kommandeur fühlte sich unbehaglich. Bald darauf kam der General mit dem Kadetten zurück, und der erstere sagte: »Ich habe die Ehre, der Gesellschaft einen Seemann vorzuführen, der, so jung er ist, dem Vaterlande bereits einen wichtigen Dienst leistete. In diesem Sinne halte ich Ihnen denselben empfohlen. Kadett Wessel, Ihr seid heute mein Gast; nehmt Euren Teil von der Lust des Tages. Morgen werdet Ihr wieder in See gehen und, wie ich hoffe, den zweiten Kreuzzug mit demselben Eifer beginnen und enden, wie den ersten.« »Mit aller Kraft, die mir zu Gebote steht, Exzellenz!« rief der junge Mann mit Feuer. »Haltet Wort, und mit dem Beginn des nächsten Frühjahrs werdet Ihr Euer Lieutenantspatent erhalten.« Peter Wessel sagte nichts, aber er ergriff die Hand des Statthalter-Generals und drückte sie in lebhafter Bewegung an seine Lippen. Der Ulk bei Hofe. Die große Seeschlacht vom 8. August 1715 war entschieden und mit derselben die Kraft der Schweden zur See für lange Zeit gebrochen. Unter dem Oberkommando des Admirals Rabe einigte sich eine englische Eskadre mit der dänischen Flotte. Sie hinderten jede Verbindung zwischen dem Königreiche Schweden und dessen deutschen Provinzen. Peter Wessel, der in hundert Kreuzzügen und Scharmützeln zur See seinen Ruhm sich mehren sah, war ein bevorzugter Liebling König Friedrichs IV. und die Wonne alles Seevolkes, das sich scharenweise zu der Ehre drängte, auf dem Deck seines Schiffes und unter seinen Augen zu siegen oder zu fallen. Peter Wessel, der in so jungen Jahren bereits viele ältere Offiziere übersprungen hatte und zum Fregattenkapitän avanciert war, kommandierte den »weißen Adler« und hatte an den letzten Ereignissen thätigen Anteil genommen. Als der Kampf bereits beendet war und alle, vornehm und gering, die notwendige Ruhe ersehnten, lief Kapitän Wessel zwei schwedische Schmacken auf, die mit Waffen und Munition für die Armee Karls XII. beladen waren, enterte diese und beeilte sich, sie nach Kopenhagen zu führen. Hier war der Neid wieder einmal thätig gewesen und heftete sich an die Ferse des jungen, strebsamen Seemannes. Es ward eine Anklage gegen ihn erhoben, weil er ohne Not sich öfters in einen Kampf gegen die offenbare Uebermacht eingelassen habe und deshalb mehrmals nahe daran gewesen sei, in den Grund gebohrt zu werden. So habe er während der letzten Feindseligkeiten im Angesicht der schwedischen Flotte einen zu derselben gehörigen Dreidecker angegriffen, obgleich ihm dies ausdrücklich untersagt gewesen. Peter Wessel, der die gegen ihn erhobene Anklage vernahm, begann seine Rechtfertigung in gewohnter freimütiger Weise und sagte dann am Schlusse: »Und wenn ich mich in Streit mit der Uebermacht einließ, so hat doch der kleine Adler den Riesenvogel so gejagt, daß er alle seine Flügel brauchte, um nur recht schnell davon zu kommen. Aus diesem Grunde glaube ich, daß die errungene Ehre den Schaden ausgleicht, den ich an Segel und Takelwerk erlitt. Der Ausfall der Sache muß das Wort für diese nehmen. Im stolzen Fluge ist der Adler mit reicher Beute zu seinem Horste heimgekehrt, und dem Feinde – darauf dürfen die Herren sich verlassen – wird der Gesang meiner Kugeln noch lange genug in den Ohren gellen.« Die Rede des jungen Fregattenkapitäns ergriff lebhaft alle Gemüter. Alle jüngeren Offiziere nahmen entschieden Partei für ihn; den endlichen Ausschlag gab Admiral Rabe. Dieser Offizier erklärte, er habe dem Kapitän Wessel versprochen, ihm ein Linienschiff zu Hilfe zu schicken, sei aber daran verhindert worden. Er danke dem Kapitän, daß er dies gar nicht erwähnt habe, obgleich es so sehr zu seinen gunsten spreche. Die ganze Versammlung erhob sich wie ein Mann. Jeder erklärte das Benehmen des Kapitäns Wessel für untadelhaft und nannte ihn den besten Kreuzer in der dänischen Flotte, der es wohl verdient habe, der besonderen Gnade Seiner Majestät des Königs empfohlen zu werden. Alle Anwesenden verließen ihre Plätze und umringten den jungen Kapitän, ihm ihre Glückwünsche darzubringen. Peter Wessel empfing dieselben mit der ihm eigentümlichen Verlegenheit, die sich stets hinter einem schlauen Lächeln verbarg. Er schüttelte die dargebotenen Hände herzhaft und fügte hinzu, daß er nichts mehr ersehne, als eine Gelegenheit, den Herren zu zeigen, daß er es mit seinen Versicherungen ebenso aufrichtig meine, als er von der Aufrichtigkeit der ihrigen auch ohne jeden Beweis vollkommen überzeugt sei. Da nahte sich der Admiral-General Gyllenlöwe dem Kreise. Er gab Peter Wessel einen Wink, ihm zu folgen, und sagte mit freundlicher Herablassung: »Man hat soeben ausgesprochen, daß Ihr für Euren Mut, den Ihr jetzt und sonst bewiesen, Seiner königlichen Majestät empfohlen zu werden verdientet. Ich muß Euch nur sagen, daß dies schon geschehen ist. Seine Majestät ward von allem unterrichtet und will Euch selbst sehen.« »Der König!« rief Peter Wessel überrascht. »Ist er nach Kopenhagen gekommen?« »Nein, Kapitän Wessel! Seine Majestät verweilt nach wie vor in Schwedisch-Pommern, wo er in der Stadt Stralsund einen glänzenden Hof um sich versammelt hat. Bis zur Mündung der Peene ist, Rügen mit eingerechnet, alles unser Strand, und vor Stralsund weht auf dem Eilande Dänholm die rote Flagge mit dem weißen Kreuz.« »Die Gott erhalte zu ewigen Tagen!« rief Peter Wessel feurig. »Amen! Dem geschehe also!« sagte der Admiral-General. »Es scheint, als ob der Aufenthalt in Pommern länger dauerte, als bisher vorauszusehen war. Wismar hat sich uns ergeben, und die Huldigung der Provinzen steht nahe bevor. Es wäre nur zu wünschen . . .« Herr von Gyllenlöwe unterbrach sich und sagte ablenkend: »Ich vermisse meine Dose. Seid Ihr vielleicht versehen?« »Zu Befehl, Herr Admiral-General!« sagte Peter Wessel und zog eine mit Brillanten verzierte goldene Dose aus der Tasche. »Ein schönes Stück!« sprach Gyllenlöwe, sie betrachtend. »Ist das nicht die Dose, die Ihr als ein Zeichen des Wohlwollens von Seiner Majestät dem Könige empfinget?« »Ganz recht, Euer Exzellenz! Es war nach der köstlichen Affaire im Kalmarsund. Sie ist mir darum auch nicht für eine ganze Provinz feil. Käme sie mir abhanden, ich würde nicht eher ruhen, bis ich sie wieder hätte, müßte ich ihr auch durch Feuer und Wasser nachfolgen.« »Ihr bleibt der alte Enthusiast, Kapitän!« sagte Gyllenlöwe lächelnd und gab die Dose zurück. »Uebermorgen lichtet der Dreidecker »Holger Dansk« die Anker. Ihr werdet zur rechten Zeit auf der Zollbude sein, um Euch meinem Gefolge anzuschließen.« »So pünktlich, als ob es zu einem Rendezvous mit einer schwedischen Fregatte wäre!« entgegnete Peter Wessel in seiner fröhlichen Weise. »Haben der Herr Admiral-General mir noch sonst etwas zu befehlen?« »Auf Wiedersehen also!« sagte Gyllenlöwe, den Kapitän freundlich entlassend, und dieser kehrte zu seinen Freunden zurück, die ihn mit aufrichtiger Herzlichkeit empfingen. Als sie vor die Thür hinaustraten, wurde er von dem Seevolk, das sich dort in großer Anzahl eingefunden hatte, mit lautem Hurrarufen begrüßt. Drei Tage später warf der Dreidecker »Holger Dansk,« bedeckt mit allen Segeln, mit dem königlichen Wimpel samt der Admiralsflagge am großen Topp, auf der Rhede von Stralsund unter dem Donner seiner hundert Kanonen und begrüßt von den Landbatterien, seine Anker aus. Bald darauf wurde die große Staatsschaluppe mit zwölf Ruderern bemannt, und Admiral-General Gyllenlöwe mit seinem großen Stabe von Vice- und Contre-Admirälen, Kommandeuren und Kapitänen, sämtlich in ihren Gala-Uniformen, nahmen in derselben Platz. Peter Wessel saß mitten unter ihnen. Das Gespräch flog hin und wieder. Es wurden mehrere Fragen aufgeworfen, von denen der Admiral-General bald abzulenken suchte, da er sie nicht weiter erörtert wissen wollte. Peter Wessel, der dies sehr wohl merkte, zog seine Dose und sagte: »Dürfte ich mir erlauben, Euer Exzellenz eine Prise anzubieten?« »Gern, mein lieber Kapitän,« entgegnete dieser, dem die Unterbrechung sehr erwünscht kam, ließ, um sich den Arm frei zu machen, den Mantel von der Schulter, und schlug, indem er sich rasch zu dem Kapitän wandte, diesem die Dose aus der Hand, so daß sie über Bord flog. »Holla Ahoi!« rief Peter Wessel erschreckt, faßte sich aber gleich wieder und sprang über den Rand der Schaluppe weg in die mit Eis treibende See. Ein panischer Schrecken bemächtigte sich aller. Die heitere Unterhaltung war plötzlich verstummt. Die Ruder hielten die Schaluppe an. Alle Herzen schlugen hörbar. Keiner wußte, was zu thun. Da tauchte der Kopf des wagehalsigen Offiziers aus den Wellen auf. Hoch wie niedrig bemühte sich, ihn wieder an Bord zu bringen. Peter Wessel schüttelte sich, und als er wieder zu Atem gekommen war, sagte er mit dem ihm eigentümlichen Lächeln: »Habe sie nicht wieder gekriegt. Ist so verdammt dunkel dort unten. Muß nur den Herrn Admiral-General um Entschuldigung bitten, daß ich ihm keine Prise bieten kann.« »Ihr bleibt Eurem Worte sehr treu, Kapitän,« sagte Gyllenlöwe, der sich von dem plötzlichen Schreck noch nicht erholt hatte und an die Worte Peter Wessels dachte, er werde der Dose durch Feuer und Wasser folgen. Der Kapitän, der ihn wohl verstand, entgegnete rasch: »Wenigstens habe ich mein Wort nach einer Seite hin gehalten; und wenn nur die zweite da wäre . . .« »Ihr meint das Feuer?« entgegnete der Admiral-General rasch. »Das könnte Euch nötig werden. Jungens, greift aus!« Und von langen Ruderschlägen getrieben, flog die Staatsschaluppe der Landungsbrücke zu. Es war am heiligen Weihnachtsabend, als sich eine glänzende Versammlung von Herren aus dem Land- und See-Etat, von fremden Gesandten und adeligen Grundbesitzern in den königlichen Gemächern eingefunden hatte. Noch war Friedrich IV. nicht erschienen, und die Unterhaltung ging ziemlich zwanglos von statten. Peter Wessel stand seitwärts im lebhaften Gespräch mit einigen Kameraden. Der junge Seemann, von dem man sich so viele Geschichten erzählte, die sämtlich Zeugnis von seinem Mute und seiner Entschlossenheit gaben, war der Gegenstand der allgemeinsten Aufmerksamkeit. Plötzlich trat eine tiefe Stille ein. Die Flügelthüren wurden aufgerissen, und König Friedrich IV. erschien voll herablassender Freundlichkeit, getragen von dem Glücke, das ihn mit seinen reichsten Gaben überhäufte. Er grüßte nach allen Seiten hin auf das verbindlichste, redete mit diesem oder jenem und blieb endlich vor dem Admiral-General Gyllenlöwe stehen, der mit einer tiefen Verbeugung sagte: »Euer königlichen Majestät haben allergnädigst befohlen, daß der Fregattenkapitän Peter Wessel sich Euer Majestät vorzustellen habe. Derselbe ist den Befehlen seines königlichen Herrn nachgekommen, und ich wage es, wiederholt die Huld und Gnade Euer Majestät für diesen Offizier zu erbitten.« Peter Wessel trat mit ehrfurchtsvollem Gruße vor und blieb dann aufrecht stehen, die Befehle des Königs erwartend. Friedrich IV. betrachtete den Kapitän einen Augenblick mit sichtbarem Wohlgefallen und sagte dann: »Wir haben viel von Euch gehört, Herr Wessel! Ihr thut redlich dazu, daß man Euch nicht vergessen kann, denn kaum haben Wir Uns eines Eurer Abenteuer gemerkt, so trägt die Fama Uns schon wieder ein anderes zu.« »Alles nur, um Euer Majestät zu dienen, und zum weitern Ruhm unserer glorreichen Flagge!« entgegnete der Kapitän. »Es ist nicht mehr als billig, daß Wir für solche Ergebenheit Uns dankbar erweisen,« fuhr der König fort. »Und doch sind Wir in diesem Augenblicke, statt Unsere Schuld abzutragen, durch das Versehen Unsers Kämmerers veranlaßt, Euch um eine weitere Gefälligkeit zu ersuchen. Wollt Ihr Uns nicht eine Prise geben, Herr Kapitän?« Peter Wessel geriet in eine nicht geringe Verlegenheit. »Euer Majestät verzeihen, – aber – ich habe meine Dose nicht bei mir.« »Wir haben gehört,« entgegnete der König lachend, »daß Ihr Eure Dose auf dem Grunde der See zu bewahren pflegt und jedesmal untertauchen müßt, wenn Ihr eine Prise nehmen wollt. Das ist zu umständlich. Laßt sie also liegen und nehmt diese dafür.« Er reichte dem Offizier eine weit kostbarere Dose, als die frühere gewesen. Auf dem Deckel derselben befand sich das Brustbild des Königs. »Dank! Untertänigen Dank, Euer Majestät!« rief Peter Wessel mit großer Lebhaftigkeit. »Sollte ich das Unglück erleben, daß diese Dose auch über Bord ginge, so bringe ich sie wieder herauf oder bleibe bei ihr unten.« »Das verbieten Wir!« entgegnete der König. »Wir denken Euch noch zu vielen wichtigen Dingen zu gebrauchen und wollen von dergleichen unnützen Kunststücken nichts weiter hören. Und damit Ihr dies mit desto freudigerem Herzen thun könnt, sind Wir gewillt, Euch mehr in Unsere Nähe zu bringen.« »Wollen Euer Majestät allergnädigst geruhen, mir das Kommando einer Eskadre anzuvertrauen?« fragte der junge Seemann. »Nein!« entgegnete Friedrich IV. rasch. »Wir haben schon zweimal gegen das Herkommen verstoßen, indem Wir Euch außer der Reihe beförderten, und sind darüber mit Unserer Admiralität in Streit geraten. Doch denken Wir Euch anderweitig schadlos zu halten. Die Thaten, die Ihr verrichtet und die dem Vaterlande zum großen Heile gereichen, sind des edelsten, ritterlichsten Helden würdig. Und da Ihr Uns sogar in der Person des Grafen Wachtmeister einen der besten schwedischen Admirale an Unser Hoflager sandtet, so erheben Wir Euch hiermit in den Adelstand, damit Ihr den Besten im Lande auch von dieser Seite ebenbürtig seid, und legen Euch in Gnaden den Namen Tordenskiold bei.« Ein lautes Gemurmel lief durch den Saal. Peter Wessel war wie vom Blitz getroffen; sein Gesicht glühte, seine Augen flammten. In einer einzigen Minute hatte er einen Riesenschritt vorwärts auf der Bahn der Ehren gethan. Er atmete tief auf, und die Hand auf das Herz legend, rief er. »Nun Euer Majestät geruht haben, einen Donnerschild aus mir zu machen, so schwöre ich, daß ich nicht nur den Schweden, sondern allen Nationen, die sich zu Feinden unseres Inselreiches erklären, in die Ohren donnern will, bis sie für alle Zeit taub geworden sind.« »Laßt denn Euren Adelsschild neben den andern hängen. Es soll darauf das Wappen prangen, das Wir Euch hiermit allergnädigst verleihen: Zwei über Kreuz gelegte Kanonen und zwei leuchtende Blitzstrahlen darüber. Donner und Blitz sei Eure Losung. Gehabt Euch wohl, Herr von Tordenskiold!« Der König entfernte sich, und der junge Ritter der See sah sich von Glückwünschenden umringt, während er selbst zum erstenmal bestürzt war und der Macht der Eindrücke fast erlag. Allerlei Schweden in Dänemark. König Friedrich IV. von Dänemark war ein prachtliebender Herr. Selten aber hatte sich der Glanz seines Hofes in solcher Fülle entfaltet, als in jenen Tagen, da Seine russische Majestät, Zar Peter, auf dem Schlosse zu Christiansborg sein Gast war. Dies geschah im Herbst des Jahres 1716. In allen Straßen, auf allen Plätzen der Hauptstadt herrschte ein ungemein reges Leben. Die dänische Flotte lag im Sunde segel- und schlagfertig. Zwischen derselben ankerte hier und da ein russisches Kriegsschiff mit dem Andreaskreuze am Maste. Fernab nach dem Kattegat zu kreuzte die vereinigte englisch-holländische Flotte unter den Befehlen des Admirals Norris. Die russischen Hilfsvölker waren zum großen Teil auf der Insel Hven gelandet, und nur die Leibgarden des Zaren selbst befanden sich in der Hauptstadt. Das Bankett im Königssaal war prachtvoll. Friedrich IV. bot alles auf, seinen erhabenen Gast zu fesseln. Er erwies dem Zaren die zartesten Aufmerksamkeiten, die derselbe jedoch, an dergleichen höfische Rücksichten nicht gewohnt, wenig zu beachten schien. Zar Peter, in seiner einfach-schlichten Weise, ohne den geringsten Prunk gekleidet, bildete zu dieser großen, in Sammt, Gold und Edelsteinen strahlenden Versammlung einen merkwürdigen Gegensatz. Hinter dem Sessel, den der Beherrscher des Zarenreiches einnahm, harrten in demütiger Stellung zwei seiner Leibdiener, die auf jede Bewegung ihres Gebieters ein wachsames Auge hatten. Hinter dem Sessel des Königs stand, einen Arm auf die Lehne gestützt, das stets heitere Gesicht seinem ihm freundlich gesinnten Herrn zugewendet, Kommandeur Tordenskiold, bereit, jede an ihn gerichtete Frage zu beantworten und zugleich den König mit ritterlichem Anstande zu bedienen. Der Zar hatte den großen goldenen Pokal, der vor ihm stand, mit einem Zuge geleert, der sofort wie durch Zauberei wieder gefüllt wurde, winkte dem Könige zu und sagte: »Dies, lieber Bruder von Dänemark, auf Euer Wohl, und mögt Ihr mir stets freundnachbarlich gesinnt bleiben.« Der König that sofort Bescheid und erwiderte: »Euer Majestät kann sich auf meine treue Gesinnung verlassen. Ich werde thun, was nur in meinen Kräften steht, um das zwischen uns bestehende Bündnis zu befestigen und zu kräftigen.« »Da nehme ich Euch beim Worte, Herr Bruder!« sagte Zar Peter, »wenn mir gleich scheinen will, daß Ihr Eurerseits meines Beistandes wenig bedürftig seid. Ich weiß in der That nicht, was Ihr mit der geringen Habe anfangen wollt, die dem guten Karl von Schweden noch übrig geblieben ist! Nach allem, was ich um mich her sehe, seid Ihr mit Reichtümern jeder Art so reichlich gesegnet, daß Ihr sogar Eure Lakaien von oben bis unten mit Gold und Stickereien bedeckt habt.« Bei diesen Worten richtete der Zar sein glühendes Auge auf Tordenskiold, der gerade den Becher des Königs füllte. Es ärgerte den Herrscher, daß jener Mann, den er persönlich nicht kannte, in der Nähe der Fürsten sich so ungezwungen benahm. »Euer Majestät irrt sich für dieses Mal,« sagte der König Friedrich IV. »Das ist der Herr Kommandeur Tordenskiold, ein wackerer Seeoffizier, von dessen kühnen Thaten Ihr zweifelsohne öfters gehört habt. Ein junger Mann, auf den das Vaterland stolz ist, und dem ich in allen Gnaden gewogen bin.« »Das ist Tordenskiold?« fragte der Zar verwundert und blickte mit aufrichtiger Teilnahme auf den Seemann, der diesen Blick aushielt, ohne mit den Augenwimpern zu zucken. »Von dem habe ich allerdings gehört und kann Euch nur Glück dazu wünschen, daß Ihr dergleichen Leute um Euch habt. Es wird lange dauern, bis ich für meine junge Flotte solche Offiziere heranbilde. Gebt mir den Burschen mit nach Petersburg, Bruder Friedrich; ich will ihn zum Admiral machen.« Ein mühsam unterdrückter Ruf des Staunens ward ringsum an der Tafel hörbar. Tordenskiold wurde blutrot, und der König sagte: »Wenn Herr Tordenskiold irgendwo anders dienen müßte, würde ich ihn am liebsten auf der kaiserlich russischen Flotte sehen. Aber Dänemark kann der Dienste dieses Seemannes nicht entraten. Auch zweifle ich, daß er geneigt sein möchte, sein Vaterland daran zu geben. Im übrigen kämpfen wir für eine und dieselbe Sache, und somit gehört Herr Tordenskiold schon in gewissem Sinne Euch an.« Den Zaren schien diese Zurückweisung nicht sehr angenehm zu berühren, denn seine Stirn umdüsterte sich, und er warf einen Zornesblick aus den jungen Seemann. Der König, der es wohl bemerkte, suchte dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, indem er sagte: »Ueberdies weiß man kaum, was man an der schwedischen Eroberung hat. Wer könnte es denn als gewiß hinstellen, daß die Einwohner des Landes dem Könige Karl wirklich so abhold sind, als man es uns schilderte? Was man darüber erfährt, beschränkt sich auf Gerüchte. Soll es verläßlich sein, müßte man das Volk selbst hören. Was meint Ihr, Kommandeur?« »Gewiß, Euer Majestät!« entgegnete Tordenskiold mit einer Verbeugung und reichte dem Könige eine goldene Fruchtschale, wobei er ein leises Zittern nicht verbergen konnte. Der König, um dem peinlichen Auftritt ein Ende zu machen, wollte dem Offizier Gelegenheit verschaffen, sich zu entfernen, und sagte deshalb so laut, daß der Zar es hören mußte: »Wenn Ihr glaubt, darüber etwas erfahren zu können, was Uns angenehm sein kann, so wollen Wir Euch für heute Eures Dienstes entlassen. Wir zweifeln nur, daß Ihr Nachrichten, die der Mühe wert sind, heimbringen werdet.« »Ich werde mir so viele Mühe geben, als nur immer möglich,« sagte der Kommandeur, sich mit einer tiefen Verbeugung entfernend. Während das Bankett im Schlosse unter steigender Fröhlichkeit weiter ging, schritt Tordenskiold durch die Straßen abwärts nach dem Holm, wo die riesigen Linienschiffe und Fregatten für die königliche Marine gebaut werden. Er trat in eine der Baracken, in welcher die unter dem Donner der Kanonen und dem Rauschen der Wellen aufgewachsenen Deckoffiziere und Matrosen ihre abendlichen Zusammenkünfte zu halten pflegten. Auch ihnen waren mehrere von den russischen Schiffen zu Land beurlaubte Matrosen als Gäste zugewiesen, und sie bewirteten ihre bärtigen Kameraden, von deren Sprache sie auch nicht eine Silbe verstanden, mit stets vollen Krügen. Dabei sprachen sie gut dänisch mit ihnen, was jene mit ihrem besten Russisch erwiderten, woraus ein babylonisches Durcheinander entstand, das aber die Harmonie der Tafelgenossen durchaus nicht zu stören schien. »Holla Ahoi! Wen haben wir hier?« rief der älteste einem Eintretenden entgegen, der soeben in dem Rahmen der Thür sichtbar wurde. »Einen Seemann, der hoffentlich bei Eurem Gelage nicht zu viel sein wird und der mit Euch trinken will, wenn Ihr ein Glas übrig habt,« sagte der Eintretende. Aber weiter kam er nicht, denn ein allgemeiner Ruf des Entzückens, der nicht enden wollte, verschlang den letzten Teil seiner Rede. Als die Aufregung sich etwas gelegt hatte, erhob sich der älteste der Back und sagte: »Ein größeres Glück hätte uns nicht begegnen können, als daß der Herr Kommandeur Tordenskiold uns mit seiner Gegenwart beehrt. Wie auf dem Deck unter dem Donner der Kanonen, steht Ihr auch hier mitten unter uns, als wenn Ihr hierher gehörtet. Haben in dieser Baracke kein Halbdeck, das wir räumen könnten, aber der Ehrenplatz, der mir als dem ältesten der Maatschaft gebührt, ist für Euch, Herr Kommandeur, wenn Ihr Euch herablassen wollt, ihn anzunehmen.« »Dank Dir, mein Junge,« sagte Tordenskiold, und nahm an dem oberen Ende des Tisches Platz. »Sehe hier ein Glas mit gutem Wein gefüllt und will glauben, es sei für mich. Trinke es aus auf das Wohl aller wackeren Seeleute. Allen gilt es, und jedem von Euch insbesondere. Nehme keinen aus.« Tordenskiold leerte das Glas mit einem Zuge, während die Augen der Umstehenden vor Wonne glänzten, und sagte dann: »Nunmehr will ich Euch anvertrauen, daß ich auf Befehl des Königs zu einem lustigen Streifzuge in den Oeresund hinausgehe und dazu einige zwanzig gute und zuverlässige Kerle gebrauche. Ich sage Euch voraus, es ist ein halsbrechendes Stück Arbeit und kann mißglücken. Wer will es mit mir versuchen?« »Ich! Ich!« schrieen alle wie aus einem Munde und drängten sich um den Kommandeur. Dieser suchte sich die Leute aus, die er haben wollte, und sagte dann zu einem der Schaluppenmeister: »Die große schwere Schaluppe mit der Nummer drei will es thun. Ist sie in stand gesetzt?« »Können sogleich die Segel hissen,« war die Antwort, und der Kommandeur fuhr fort: »So gehen wir allstunds an Bord. Jeder von Euch hat sich mit Pistolen und Enterbeil zu versehen. In zehn Minuten müssen wir draußen sein.« »Und wohin geht es, den Herrn Kommandeur mit Verlaub zu fragen?« fragte etwas vorlaut einer der Matrosen. Tordenskiold wandte sich um und sagte lebhaft. »Geradeswegs los auf die Breitseite des größten schwedischen Dreideckers. Wenn Du Dich fürchtest, kannst Du hierbleiben.« Alle riefen Hurra! Der vorwitzige Frager aber schrie über alle hin: »Gefragt habe ich, wohin; aber wenn wir dem Dreidecker seitlängs legen, bin ich ungefragt der erste oben und mache so mein loses Maul wett.« Mit lautem Gelächter stürmte die wilde Schar hinaus in die Nacht. Die Schaluppe, in der alles wohlgeordnet war, lag bereit, und alsbald war sie, vom Lande abstoßend, im Dunkel der Nacht verschwunden. Der Morgen dämmert. Ein halb durchsichtiger Nebel schwankt auf den Gewässern des Oeresunds, so daß die Rumpfe der darauf ankernden und kreuzenden Schiffe nicht sichtbar werden. Aber die oberen Hälften der Masten ragen aus den Nebeln hervor, leicht angehaucht von dem rötlichen Schimmer der aufgehenden Sonne. Die Küste von Schoonen taucht aus dem leichten Dunstkreise auf und läßt den Turm eines, unfern von der Stadt Malmö liegenden Dorfes erkennen. Die Bauern darin sind wohlhabende Leute, die nicht nur selbst gut leben, sondern auch ihre Mitmenschen leben lassen. In dem stattlichsten Gehöfte, welches zu diesem Dorfe gehört, aber doch ziemlich seitab und der See zugewendet liegt, ist man mit den Vorbereitungen zu einem Feste beschäftigt. Der Besitzer des Hofes will noch selbigen Tages seine Tochter mit dem Sohne eines Freundes vermählen. Aus den Anstalten, welche gemacht sind, ist anzunehmen, daß die Hochzeit zu den bedeutenderen gehört, und sehr viel Gäste dazu erwartet werden. Noch glüht der Backofen, die Bier- und Metfässer sind mit Tannengrün geziert. Die Kessel am Feuer sieden, und in der großen Stube ist der Tisch für die vornehmeren Gäste mit schneeweißem Linnen bedeckt. Der Fußboden ist mit Fichtennadeln und weißem Sande bestreut, Knechte und Mägde stolzieren in ihren Festkleidern umher. Die Braut hat bereits ihr hochzeitliches Gewand angelegt und empfängt den eben eintretenden Bräutigam mit verschämtem Gruße. Der Herr des Hauses sieht nach den Gästen aus, die er geladen hat. Und sie kommen, zu Wagen, zu Roß und zu Fuß. Unter den ersteren zeigt sich ein entfernter Verwandter, der ein Bürger und Handwerksmann in der guten Stadt Malmö ist. Bald darauf erscheint ein Lieutenant, der eine Strandwache in der Umgegend kommandirt und sich den fröhlichen Tag nicht nehmen lassen will. Alle werden mit herzlichem Gruße bewillkommt. Zuletzt kommt der Herr Pastor, um das Brautpaar zu begrüßen und nach der Kirche zu führen. Bevor aber das letztere geschehen kann, muß erst ein stattliches Frühmahl eingenommen werden. Die dampfenden Schüsseln werden aufgetragen, und die Hungernden rüsten sich bereits zum Angriff auf dieselben, als draußen die Knechte und Mägde ein furchtbares Geschrei erheben und gleich darauf der Kommandeur Tordenskiold eintritt. »Guten Morgen beisammen und eine fröhliche Hochzeit. Da ich nicht geladen bin, lade ich mich selbst.« Der Hausherr ging dem Eintretenden entgegen um ihm nach der gastfreien Sitte des Landes die Hand zu bieten. Der Lieutenant aber kam ihm zuvor und sagten »Wer seid Ihr, Herr, und was wollt Ihr?« »Wer fragt das?« »Ich bin ein Offizier von der Strandwacht. Als solcher habe ich ein Recht, diese Frage zu thun. Also wer seid Ihr?« »Es wäre besser für Euch gewesen, wenn Ihr diese Frage dort an mich gerichtet hättet, wo Euer Posten ist, nämlich am Strande, dann hättet Ihr gleich erfahren, daß ich Peter Tordenskiold bin.« »Tordenskiold!« Dieser Name ging wie ein Schreckensruf durch die Versammlung. »Gnade! Gnade!« riefen einige der Furchtsamsten und warfen sich auf die Kniee. »Ich bin nicht gekommen, irgend jemand ein Leides zu thun,« entgegnete Tordenskiold. »Mein allergnädigster Herr, der König, will wissen, wie die Stimmung des Volkes in Schweden ist. Darum hat er mich ausgeschickt, ihm gewisse Nachricht zu bringen. Da nun solche Nachrichten am besten von dem Volke selbst einzuziehen sind, so will ich aus jedem Stande einen mit mir nach Kopenhagen nehmen. Dort mag sich der König mit ihnen unterhalten.« Eine große Aufregung folgte nach dieser Erklärung. Aber Tordenskiold ließ sich nicht irre machen und fuhr fort: »Sehe, daß ich hier alles finde, was ich brauche, und nicht nötig habe, weiterzugehen. Da ist der Herr Pastor, der den Lehrstand, und dort der Herr Lieutenant, der den Wehrstand vertritt. Was den Nährstand betrifft, so werde ich den guten Bürgersmann aus Malmö, der dort in der Ecke steht, sowie den schmucken Bräutigam um die Ehre bitten, und kann die Fahrt sogleich angetreten werden.« Der Bürger kroch noch tiefer in die Ecke; der Bräutigam stellte sich trotzig seiner Braut zur Seite; der Pastor erhob die Hände, und der Lieutenant drängte sich vor, die Hand an dem Säbel. Tordenskiold gab ein Signal mit der Bootsmannspfeife und sogleich erschienen an Thüren und Fenstern seine bewaffneten Matrosen, der Befehle ihres Führers gewärtig. »Ihr seht, daß ein Entrinnen unmöglich ist,« sagte Tordenskiold, auf seine Leute deutend. »Ich muß meine Pflicht thun, also ergebt Euch geduldig darein. Uebrigens gebe ich jedem mein Ehrenwort, daß ihm nichts Ungebührliches geschehen soll. Morgen werdet Ihr hierher zurückgebracht, und die Hochzeit kann ohne nochmalige Störung vor sich gehen. Nun aber kann ich einen weiteren Aufenthalt nicht gestatten, denn es ist die höchste Zeit, wenn wir vor Abend an der Zollbude sein wollen. Hurra, Leute, thut Euer Werk!« Die Matrosen stürmten in die Stube, und die vier bezeichneten Personen wurden nach der dänischen Orlogsschaluppe geführt. Ganz Kopenhagen strahlte in einem Feuermeer. Es war eines der feenhaften Feste, welche der König seinem erlauchten Gaste gab, um ihn für die Interessen Dänemarks zu gewinnen. Tausend von Lampen verbreiteten Tageshelle. Im königlichen Schlosse hatte die Abendtafel soeben begonnen. Musik und Gesang würzten die Leckerbissen, mit denen die Gäste bedient wurden. Der Zar, überrascht von der Pracht des Festes, trank auf die Gesundheit seines Wirtes, und der König Friedrich wollte ihm Bescheid thun, als er plötzlich Tordenskiold gewahrte, der hinter ihm stand und, jetzt vortretend, mit einer leichten Verbeugung das Glas seines königlichen Gebieters füllte. »Nun, da seid Ihr ja!« sagte der König lebhaft, denn er hatte den fröhlichen Seemann bereits vermißt. »Wir fragten heute nach Euch, und keiner konnte Uns Auskunft geben. Wo wart Ihr?« »Eure königliche Majestät wollen gnädigst verzeihen. Ich bin nur ein wenig nach Schweden hinüber gefahren.« »Nach Schweden? Was hattet Ihr dort zu suchen, wenn's beliebt?« Alle Anwesenden horchten hoch auf, am meisten der Zar, denn keiner wußte besser als er, wie schwer es sei, durch die Unzahl von Orlogschiffen und Kreuzern ungefährdet über den Sund und wieder zurück zu gelangen. »Euer Majestät äußerten gestern abend den Wunsch, die wahren Gedanken der Bewohner Schwedens zu wissen, und zu vernehmen, was die einzelnen Stände zu den Kriegen sagten, in welche König Karl sich verwickelt. Da bin ich während der Nacht hinübergefahren und bringe die nötigen Leute vom Lehr-, Wehr- und Nährstande mit. Wenn es Euer Majestät gefällig ist, können die Leute erscheinen.« Die schwedischen Gäste wurden eingeführt und die vornehme Gesellschaft ergötzte sich an der ungekünstelten Verlegenheit und den naiven Aeußerungen des Bürgers und Bauers, während der Geistliche und Offizier die Fragen kurz und bündig beantworteten. Als Friedrich IV. seine Neugier befriedigt und vernommen hatte, daß außer dem Offizier die übrigen sehr zu wünschen schienen, daß Karl XII. endlich Frieden mache, befahl er, die unfreiwilligen Gäste in einen besonderen Saal zu führen und sie dort zu bewirten. Auch gab er ihnen das Versprechen, daß sie morgen ungefährdet wieder heimgeführt werden sollten. Zu dem Zaren gewendet aber sprach er: »Euer Majestät sehen ein, daß ich den Tordenskiold nicht missen kann. Ich vermag mich nicht von einem Manne zu trennen, der sogar, um die müßige Neugier seines Herrn zu befriedigen, unaufgefordert das Leben daran setzt.« Darauf wandte sich der König zu dem Kommandeur. »Wenn die Schweden wieder nach Schoonen hinübergeführt werden, bleibt meine Schaluppe samt ihrem Führer besser am Holm zurück. Es wird wohl irgend ein schwedischer Kauffahrer, der für eine gute Prise erklärt ist, sich dazu verstehen, seine Landsleute an Bord zu nehmen und mit ihnen den Hafen von Kopenhagen ungehindert zu verlassen. In Zukunft aber bitten Wir Euch, dergleichen waghalsige Lustfahrten zu unterlassen, weil Ihr Uns sonst leicht fehlen könntet, wenn Wir im Ernste Euer benötigt sind. Und wer kann wissen, wie bald dies der Fall ist!« »Dann werden Euer Majestät mich ebenso treu und gewärtig finden, und bringe ich dann keine Bauern und Pastoren, so bringe ich vielleicht wieder einen Admiral!« sagte Tordenskiold und wandte sich zur Gesellschaft, deren Fröhlichkeit durch diesen Vorgang ungemein erhöht war. Vom Fischer zum Vice-Admiral. Sommerszeit ist es und im Jahre des Herrn 1719. Es steht schlimm mit dem Lande Schweden in dem gedachten Jahre. Zar Peter von Rußland ist mit seiner Flotte in die Skärenwelt der Mälar gesegelt und liegt mit derselben vor Stockholm. Seine Soldaten hausen in der schwedischen Hauptstadt mit der größten Willkür, und es liegt völlig in dem Belieben des Zaren, sich dort festzusetzen. Schweden ist zu ohnmächtig; es vermag seine königliche Residenz nicht zu verteidigen. Um dieselbe Zeit rückt König Friedrich IV. in Bohnslän ein und marschiert mit einer ansehnlichen Truppenmacht in der Richtung nach Marstrand zu. Die mächtige Festung Karlsteen, das Bollwerk für die schwedischen Provinzen Schoonen, Halland und Blekingen, und die daneben liegende Stadt Marstrand sind die Punkte, auf welche sich die Aufmerksamkeit des dänischen Königs gerichtet hat. Unweit davon in Strömstadt, liegen die großen Kriegsvorräte König Karls XII. Den Dänen muß auf ihrem Zuge nach Karlsteen diese Beute in die Hände fallen, denn Strömstadt ist nicht fest genug, einer solchen Macht zu widerstehen. Um dem Feinde das kostbare Material zu entziehen und dasselbe womöglich sich zu erhalten, werden alle Vorräte auf die in dem Hafen liegenden Kauffahrteischiffe gebracht. Kleine und große, alle empfangen ihren Anteil, soviel nur irgend im Raum und Zwischendeck unterzubringen ist. Zwei schwerbewaffnete königliche Hucker werden dorthin beordert, um die Transportflotte, die jeden Augenblick unter Segel gehen kann, zu geleiten, sobald sich nur irgend eine Möglichkeit bietet, die offene See zu erreichen. Leichte Fahrzeuge kreuzen vor dem Hafen. Sie halten einen scharfen Ausguck, um die willkommene Botschaft bringen zu können, daß das Fahrwasser klar ist. Aber auch Tordenskiolds Kreuzer halten einen ebenso scharfen Lugaus. Er weiß, welchen Schatz der Hafen von Strömstadt birgt, weiß, wie empfindlich dessen Verlust den Schwedenkönig treffen würde, und ist nicht gesonnen, denselben ohne weiteres aufzugeben. Seine schnellsegelnden Boote sind stets auf dem Wege zu ihm, in dessen Kopf ein Plan heranreift, der, wenn seine Ausführung gelingt, seinen Namen für immer unsterblich machen muß. Er kennt die außerordentliche Wichtigkeit der Festung Karlsteen. Er weiß, daß mit dem Falle derselben drei schwedische Provinzen für Dänemark gewonnen sind. Der endlose, durch Jahrhunderte geführte Streit, ob Schoonen, Halland und Blekingen zu Schweden oder Dänemark gehören, ist dann entschieden. Seine Kundschafter sind nicht müßig; er läßt ihnen keine Zeit dazu. Ihm ist genau bekannt, wie stark die Streitkräfte sind, welche sich in der Festung befinden, und er beschließt, den Angriff auf dieselbe zu wagen, bevor der König mit seiner Armee auf dem Schauplatze erscheinen kann. Es ist am 11. Juli. An der nördlichen Mündung des Hafens von Marstrand liegt die Flotte. In dem Hafen selbst ankern die schwedischen Orlogschiffe, mitten unter ihnen das prächtige Linienschiff »Warberg« unter Befehl des Kommandeur Sjöblad. Ein sonnigheller Himmel lacht auf die See herab, die, von einer leichten Brise angehaucht, kaum merkbare Wellen schlägt. Die dänische Blutflagge schneidet scharf gegen den blauen Himmel ab, während die blaue Schwedenflagge mit demselben in eins zu verschwimmen scheint. Da wird an der Einfahrt des Hafens, hart an der Stelle, wo das erste schwedische Boot als Brandwacht stationiert ist, eine leichte Fischerjolle sichtbar. Der Ruderer derselben ist ein junger Mann mit lachendem Gesicht, der ein Lied vor sich hin pfeift und auf den Korb mit großen lebendigen Fischen, der in der Jolle steht, sich nicht wenig zu gute thut. Er rudert dem Brandboot seitlängs und ruft dem am Steuer hockenden Quartiersmann im besten schwedischen Dialekt zu. »Wollt Ihr schöne Fische kaufen, Landsmann?« »Wie teuer?« fragte dieser, über den Rand des Schiffes wegsehend und die Fische schmunzelnd betrachtend. »Wenn Du billig denkst, können wir vielleicht einen Handel machen.« »Ein Thaler, sollte ich meinen, wäre nicht zu viel für solche Ware.« »Einen Thaler?« fragt der Quartiersmann. »Ihr meint doch für den ganzen Kram?« »Einen Thaler das Stück, mein Junge. Einen Thaler ist solch ein Hellflunder« – er hält ihn in die Höhe und läßt ihn im Sonnenlichte glänzen – »unter Brüdern wert!« Aber der Quartiersmann, erbost über die unverschämte Forderung; erhebt sich mit der geballten Faust und ruft: »Danke Du dem lieben Gott, daß ich Dich nicht von hier aus ergreifen kann, sonst wollte ich Dich schütteln, bis Dir der Atem ausginge. Einen Thaler für einen Hellflunder! Ich gebe keinen halben Thaler für den ganzen Korb voll. Weg von meinem Backbord, Du unverschämter Kerl! Daß ich von Sinnen wäre, so einen Handel zu machen!« Der Fischer zuckt gutmütig die Achseln, und sein Lied weiterpfeifend, rudert er wohlgemut in den Hafen hinein. Ueberall, wo er eines der schwedischen Schiffe passiert, hält er an, hebt seine Fische mit großen Lobpreisungen empor, fordert auf Befragen dafür einen unverschämten Preis, läßt die Matrosen schlechte Witze machen, die er ihnen dreifach zurückgiebt, und heftet dabei seine Augen so fest auf die Breitseiten der Kanonenschiffe, als wollte er sie mit seinen Blicken durchbohren. So nähert er sich allmählich dem Linienschiffe »Warberg«, auf dessen Halbdeck der Kommandant Sjöblad, in lebhaftem Gespräche mit dem Kapitän Utfall begriffen, auf und ab geht. – »Meint Ihr, daß sie tollkühn genug sind, es zu wagen?« fragte der Kommandeur. »Ich halte mich davon überzeugt,« entgegnete Kapitän Utfall. »Tordenskiold ist draußen, und der hält nicht lange Ruhe. Es ist etwas Unbegreifliches in diesem Menschen. Wenn er will, müssen seine Untergebenen, ob sie wollen oder nicht. Es widersteht ihm keiner. Sein Beispiel reißt alle unwillkürlich fort.« »Ihr seid sehr eifrig, einen Mann zu preisen, welcher der ärgste Feind unserer Flagge ist und ihr so oft eine Niederlage bereitete, die nur zu empfindlich traf!« sagte der Kommandeur mit aufgeworfenen Lippen. »Tordenskiold ist Schwedens Feind und also auch der meinige,« antwortete der Kapitän. »Ich wünsche nichts sehnlicher, als eine Gelegenheit, welche mir gestattet, jede erlittene Unbill wett zu machen. Dies hindert mich aber keineswegs, die großen Talente und Feldherrngaben dieses Mannes anzuerkennen und zu gestehen, daß ich ihn hochachte und verehre.« »Er hat uns besiegt, glänzend besiegt!« sagte der Kommandeur. »Wir müssen es leider bekennen; aber wieviel geht von der Glorie dieser Siege verloren, wenn man die Verhältnisse prüft, unter denen sie gewonnen wurden. Bald war es die Uebermacht, bald die unverzeihliche Nachlässigkeit der Unsrigen, die ihn sein Ziel erreichen ließen. Bringt das in Abzug, und Ihr werdet sehen, was bleibt.« Kapitän Utfall lächelte. »Ihr glaubt selbst kein Wort von dem, was Ihr da sagt. Bei Dünkille habt Ihr ihm selbst ruhmvoll gegenüber gestanden. Aber lassen wir das fallen, und denken wir an die Gegenwart. Ich bin gekommen, um meine Gedanken mit Euch auszutauschen und mir das schwere Herz zu erleichtern. Ich befinde mich in einer wehmütigen Stimmung, die eines Mannes eigentlich unwürdig ist. Glaubt mir, Kommandeur Sjöblad, die Stimme in meinem Innern trügt nicht. Es steht uns irgend ein Unheil bevor.« »Possen!« rief lachend der Kommandeur. »Wäre es nicht gegen Eure Gewohnheit, vor dem Frühstück etwas zu Euch zu nehmen, würde ich vorschlagen, die Grillen in einem Becher edlen Weines zu ersäufen. Habt guten Mut. Tordenskiold wird es nimmer wagen, diesen Hafen anzugreifen. Wir liegen hier wie in Abrahams Schoß. Und sollte er einen Angriff auf die Hafenbatterieen machen, sollte er, was nicht zu glauben ist, eine oder die andere vernichten, oder zum Schweigen bringen, oben auf dem Karlsteen donnert Oberst Dankwarth, der dem dänischen Uebermut Schach bieten wird. Nein, nein, Kapitän Utfall, die Sache liegt anders. Tordenskiold hat sich hier eingefunden, um uns aus dem Hafen zu locken. Wir sollen uns verleiten lassen, hinauszulegen, um ihn zu verjagen. Dann wird er scheinbar weichen und sich verfolgen lassen, bis wir auf freiem Wasser sind, und uns dann die Schlacht anbieten. Ich durchschaue den Schlaukopf diesmal. List gegen List! Wir bleiben hier! Aber – He! Kadett! Was giebt's am Gilling?« Der Fischer hatte das Linienschiff erreicht und befestigte sein Boot an der Hacke des Steuers. Er enterte mit dem Korbe voll Fischen zu Deck, und ehe der Kadett noch berichten konnte, stand jener vor den Offizieren und fragte, ob sie ihm nicht einen Teil seiner Fische abkaufen wollten. »Schert Euch zum Henker!« sagte Kapitän Utfall ärgerlich, und der Kommandeur fuhr lachend fort: »Oder zum Koch, der schon über Mangel an frischem Proviant geklagt hat. Herunter vom Halbdeck, Bursche!« Hurtig war der Fischer am großen Maste vorübergesprungen und wurde von den Matrosen umringt, mit denen er einen Handel anfing, ohne daß derselbe zu stande kam. Unterdessen waren die Offiziere des Halbdecks dahin übereingekommen, daß der Fischer, der eben erst aus der See kam, vielleicht etwas Näheres über die Lage der dänischen Schiffe und deren Vorhaben wisse, weshalb sie ihn vor sich kommen ließen. »Verstehe blutwenig davon, gestrenge Herren!« antwortete der Fischer. »Und dann wagt man auch gar nicht recht hinzusehen, denn alle Welt weiß, daß der Tordenskiold ein Hexenmeister ist, der es einem anthut, wenn man ihm in die Quere kommt. Kann nur sagen, daß ihrer zehn größere um Künnekild herum vor ihrem Anker reiten, und daß am Bord eines jeden derselben viel Volk ist. Sah auf den Verdecken Rotjacken, was, wie Ihr wißt, die Tracht der dänischen Landsoldaten ist. Ein Boot vom Admiralschiff kam mir seitlängs und kaufte ein Gericht Fische. Die Leute sagten, es wäre ein Zug nach Strömstadt im Werke. Was sie da wollen, weiß ich nicht.« »Sie denken an unsern Transportschiffen einen Fang zu machen!« sagte der Kommandeur. »Das klingt natürlicher, als ein Angriff auf Marstrand. Du scheinst mir ein kluger Bursche zu sein. Laß hören, was Du noch weißt.« Er ließ sich mit dem Fischer in ein weiteres Gespräch ein, während Kapitän Utfall denselben scharf beobachtete. Doch konnte er nicht das geringste Auffällige entdecken. Er machte sich von seinen schlimmen Ahnungen los, so gut er es vermochte, und trat beiseite. Der Fischer hatte dem Kommandeur alles gesagt, was er wußte, und brach nun plötzlich ab: »Das ist in Wahrheit alles, was ich weiß, und die gestrengen Herren mögen entschuldigen, daß ich jetzt gehe. Der Koch hat mir nichts abkaufen wollen, und ich muß meine Ware anderweitig schnell an den Mann zu bringen suchen, sonst ist sie hin.« Er machte einen Kratzfuß und sprang wie ein Blitz über die Galerie weg in seine Jolle, die von den Rudern gepeitscht, pfeilschnell dahinflog. »Wo kam er hin?« fragte Kapitän Utfall aufatmend und fuhr, wie aus einem Traum erwachend, mit der Hand über die Stirn. »Meint Ihr den Fischer?« »Wenn er nicht so gut schwedisch gesprochen hätte, und wenn seine Manieren nicht ganz und gar die eines Fischers gewesen wären . . . . Weg, weg mit dem Gedanken! Es ist Tollheit, ihn laut werden zu lassen.« »Was habt Ihr denn nur?« fragte der Kommandeur und sah seinen Offizier mit leichtem Staunen an. »Das Volk erzählt sich allerlei seltsame Geschichten von dem Tordenskiold. Seine Tapferkeit ist nicht so volkstümlich, als seine Listen es sind. Als ich den Kerl so ansah . . . .« »Da glaubtet Ihr, es sei Tordenskiold?« rief der Kommandeur, laut auflachend. »Bitte um Verzeihung, Kapitän, aber Euch hat Niß Puck oder sonst ein Kobold geneckt, sonst begreife ich nicht, wie ein Mann am hellen Tage so etwas sprechen kann. – Aha! Das Frühstück wird angesagt. Kommt mit in die Kajüte; der perlende Wein wird Eure Lebensgeister neu beleben.« Die Offiziere gingen die Treppe hinab. Unterdessen ruderte der Fischer weiter, ohne noch eines der andern Schiffe anzurufen oder denselben seitlängs zu legen. Als er den Punkt erreichte, wo die Stadt endet, legte er die Ruder ein, befestigte seine Jolle an einem sichern Platze und sprang an das Ufer. Er umging die letzten Häuser des Ortes und wand sich durch das wuchernde Gestrüpp dem schmalen Fußsteige zu, der in mancherlei Krümmungen zu der Festung Karlsteen hinanführte. Vielleicht war der Fischer, der am Bord der großen Kriegsschiffe so leicht auf und ab enterte, des festen Bodens nicht gewohnt, denn er hielt während des Gehens öfter inne, als ob er Luft schöpfe, und sah sich allenthalben um, als errege diese oder jene Stelle seine Neugier, oder als fürchte er, auf seinem Wege durch irgend ein unvorhergesehenes Hindernis gehemmt zu werden. Endlich erreichte er das äußerste Thor. Er that einen tiefen Atemzug, richtete sich hoch auf und schlug mit der geballten Faust gegen die Pforte, die sich nach einigen Augenblicken öffnete. Ein deutscher Soldat trat vor und fragte barsch, was es gäbe. Als er den Fischer gewahrte, der mit einer demütigen Gebärde um Einlaß bot, wollte er mit einem Fluche die Thür wieder zuwerfen, aber der Fischer schob seinen Fuß dazwischen und, dem Soldaten einen Fisch entgegenhaltend, suchte er denselben mit diesem Geschenke zu kirren. Es war ein schlimmes Volk, diese deutschen Soldaten in Schweden! namentlich diejenigen, welche zur Besatzung des Karlsteen gehörten. Zusammengeweht von allen Enden der Windrose, hockten sie auf diesem Felsen bei schmaler Löhnung und noch schmalerer Kost, jedes Beutestück beneidend, das ihren Kameraden im Felde zufiel. Dazu waren sie ermüdet in schwerem Dienst, denn der Kommandant, Oberst Dankwarth, war ein strenger Herr, der ihnen nichts schenkte. So war ihnen jede Gelegenheit willkommen, einen Bissen oder einen Trunk zu erhaschen, und wer auch immer den Posten am Außenthor hatte, ließ nie einen passieren, bevor er nicht für die Passage einen Opferschilling dargebracht hatte. Der Fischer schien das zu erraten, denn er warf den Fisch, zu dem der Soldat unwillig mit dem Kopfe schüttelte, in den Korb zurück, ließ aber dafür ein Geldstück in die Hand des Soldaten gleiten, das, nach dem lustigen Gesicht desselben zu schließen, kein geringes sein mochte. Kaum ist der Fischer in der Festung, als er zum großen Gaudium des Soldaten sein Hausiergeschäft an Orten beginnt, wo ein solches gar nicht möglich ist. Er klopft an den Pulverturm und tritt durch die verschieden Thüren zweier großen Magazine, die er beide leer findet. Er schimpft über seinen Irrtum, aber sein Auge ist überall. Endlich, nachdem er sich hinlänglich umgesehen, schreitet er weiter in die Festung hinein. Nach kurzer Zeit steht er am Eingange der Kommandantur und feilscht mit der Magd des Hauses, die ihn einen unverschämten Gesellen nennt. Der Oberst, der eben das Haus verläßt, sieht den Fischer flüchtig an und weist ihn kurz ab, als derselbe ihn zum Schiedsrichter anruft. Endlich überläßt der Fischer der feilschenden Magd einen Teil seiner Ware für den halben Preis und geht dem Ausgange der Festung wieder zu, deren letzte Pforte sich hinter ihm schließt; dann eilt er mit Windesschnelle die verschlungenen Felspfade hinab und wirft sich in seine Jolle. Die Offiziere am Bord des »Frederikshald« sind nicht ohne Besorgnis. Der Admiral ist schon lange abwesend, ohne daß auch nur einer weiß, wo er geblieben ist. Auch Bude, der Kapitän des »Lolland,« der dem Admiral am befreundetsten ist, kann keine Auskunft geben. Da nähert sich eine leichte Jolle, einer fliegenden Möwe gleich, dem Fallreep, und gleich darauf steht Tordenskiold in Fischertracht auf dem Halbdeck mitten unter seinen staunenden Offizieren, die ihn mit lauten Freudenrufen begrüßen. »Was giebt's da zu staunen?« ruft er. »Ein Korb voll Fische und mein bißchen Schwedisch haben mich glücklich hin- und zurück gebracht. Ich war auf dem Halbdeck des schwedischen Admiralschiffes und in der Wohnung des Kommandanten auf dem Karlsteen. Ist nicht so schlimm das, als wir glaubten, Ihr Herren. Unsere Freunde haben einmal wieder aus der Mücke einen Elefanten gemacht. Können das Werk immer beginnen, bevor der Admiral Rosenpalm, der in Kopenhagen wieder kein Ende finden kann, mit der Verstärkung hierher gelangt. Wenn dann Seine Majestät der König, der durch Bohuslän marschiert, am Fuße des Karlsteen mit seinen Soldaten ankommt, findet er das Werk schon gethan, und der Ruhm des Tages ist der unsrige.« Laut aufjubelnd stimmten die Offiziere ihm bei, und alsbald wurden die nötigsten Vorbereitungen getroffen. Man bemannte vier große, mit Waffen versehene Schaluppen und gab jeder derselben einen erfahrenen Offizier mit. Nach vier verschiedenen Seiten hin hielten sie auf die Mündungen des Hafens ab, um auch hier die nötige Kenntnis des Terrains zu sammeln. Kaum hatte man von den Decken der schwedischen Schiffe diese Manöver bemerkt, als sofort einige kleine bewaffnete Fahrzeuge hinausgesandt wurden, um die Dänen zu verjagen. Mit vielem Eifer und großem Geschick begann das Spiel von beiden Seiten. Aber es wurde den Schweden nicht leicht, die Dänen zu überlisten, die von dem Geiste ihres Führers beseelt wurden. Erst nachdem sie alles gesehen hatten, was sie wollten, zogen sie sich zurück, nicht ohne einen schwedischen Hucker von 4 Kanonen als gute Prise mit sich zu führen. Dieses kleine Scharmützel war das Vorspiel des großen Tages von Marstrand. Der Admiral empfing die heimkehrenden Offiziere mit folgenden Worten; »Ihr alle habt die Stärke des Feindes in dem Hafen von Marstrand mit eigenen Augen gesehen; ich frage Euch nun, Ihr Herren, ob Ihr glaubt, daß wir stark genug sind, ihn anzugreifen und zu nehmen. Ich will keine Phrasen, keine schönen Worte, sondern eine runde und nette Antwort. Ja oder nein?« »Ja! Ja!« riefen alle wie aus einem Munde. »Das habe ich erwartet!« entgegnete der junge Seelöwe. »Ein so rasch gefaßter Entschluß ist gewiß von einem guten Ausgange begleitet. Die schweren Kanonenschiffe und drei der großen Prahmen sollen von hier aus das Feuer beginnen. Sobald der Wind umgeht, sollen einige der weiter hinausliegenden Linienschiffe Anker lichten und näher an den Strand legen, damit sie, wenn es möglich ist, mit feuern, und von ihren Mannschaften dahin abgeben, wo es not thut. Den Kommandeur-Kapitän Hogge beordere ich mit dem Linienschiffe »Tummler« und der Galeere »Franz Karl« nach der Gothenburger Bucht, um uns dort das Fahrwasser klar zu halten.« Kommandeur-Kapitän Hogge übernahm mit freudigem Ausrufe das ihm übertragene ehrenvolle Kommando und versicherte, daß er den Ruhm der Flagge bis zu seinem letzten Atemzuge wahren würde. Er entfernte sich sogleich, um die Anker zu lichten. Tordenskiold gab den einzelnen Offizieren ihre besonderen Ordres und schloß dann mit den Worten: »Ich erwarte übrigens, daß sämtliche Herren Offiziere nach bestem Willen und Kräften auf ihren Posten ausharren und tüchtig zuschlagen werden, wenn die Reihe sie trifft. Ich selbst gelobe hiermit feierlich in Gegenwart aller, daß ich mich niemals schonen, sondern in jeder Minute Leib und Leben für die Ehre unserer Flagge einsetzen will, so mir Gott helfe. Das ist genug für diesmal und somit jeder an sein Werk!« Er grüßte mit dem Hute, und die Offiziere entfernten sich, um jeder den ihm zugewiesenen Posten einzunehmen. Am 21. Juli nachmittags kamen alle Schiffe in Bewegung. Auf der Kuhinsel, so war der Plan des Admirals, sollte eine Verschanzung aufgeworfen werden. Von dieser aus konnte man die Orlogschiffe im Hafen bestreichen. Barkassen, Böte und Schaluppen kreuzten in unzähliger Menge hin und her, um die Mannschaften und das Material herbeizuschaffen, das zur Ausführung des beschlossenen Baues notwendig war. Die meiste Arbeit machte der Artilleriepark, den man auf verschiedenen Schiffen untergebracht hatte und jetzt hier an einem Punkte vereinigen mußte. Zwei alte gediente Artilleristen, die nebeneinander gingen und mit einem Blicke das ganze Terrain überschauten, schüttelten bedenklich mit dem Kopfe und einer sagte: »Meint der Admiral im Ernste, daß wir hier Schanzen aufwerfen sollen?« »Das kannst Du Dir denken. Er meint es ganz ernstlich, obgleich er es mit lachendem Munde gesagt hat.« »Dann wird keiner von uns übrig bleiben, der daheim erzählen kann, was wir hierorts gethan haben. Schau doch nur zu dem Felsen hinauf. Siehst Du die Stücke über die Brustwehren weg uns mit ihren Mündungen angähnen? Die werden uns einen Eisenhagel auf die Köpfe spucken, der uns zu stillen Leuten macht.« »Ist eine schlimme Geschichte, Kamerad. Wenn der Admiral solche halsbrechende Dinge im Sinne hat, kann er ja seine Matrosen dazu anwenden. Aber das läßt er wohl bleiben, die sind ihm zu lieb. Wir armen Landsoldaten müssen immer vor, um das Brot in den glühenden Ofen zu schieben, damit sie nachher zu essen haben. Aber ich thue es nicht!« »Thust es nicht? Oho! Hast wohl vergessen, wie es in den Kriegsartikeln heißt?« »Thue es nicht, sage ich Dir. Und wenn alle so dächten, wollte ich sehen, was der kluge Herr Admiral anfinge. Können doch nicht das ganze Korps erschießen oder hängen? Schüttle den Kopf, soviel Du willst. Da hinauf sieh und dann widersprich mir. Hoffe, es soll nicht dazu kommen. Unsere Offiziere tragen ihren Kopf ebenso gut zwischen den Schultern, als wir den unsrigen; darum werden sie an rechter Stelle ein gewichtiges Wort reden.« Ein Offizier von der Artillerie hatte einen Teil dieser Reden vernommen. Er that aber, als ob er nichts hörte, und trieb nur mit flüchtigen Worten die Leute zur Eile an. Und wie an dieser Stelle, so war es an mehreren. Die Artilleristen waren teils empört, teils verzagt, und wenn sie sich auch nicht untereinander verabredeten, dachte jeder im stillen, er wolle nicht dabei sein, sondern versuchen, wie er sich aus dem Staube mache. Da ertönte der Befehl: »An die Schanze!« und verstummt war jeder laute Widerspruch. Die Gewalt der Disziplin übte einen solchen Zauber auf die Soldaten aus, daß sie mechanisch zu ihren Werkzeugen griffen, dem Platze zueilten, der ihnen angewiesen ward, und die Arbeit nach dem Kommando begannen. Tordenskiold und die Offiziere seines Stabes waren allenthalben. Der Eindruck, den der Admiral auf alle machte, bewirkte auch, daß Männer, die er dem sichtlichen Tode entgegenschickte, dies nicht beachteten und ihn mit lauten Hurrarufen empfingen. Da flimmerte es in der Luft, als ob ein Blitz den klaren Himmel entlang fahre. Ein Donner rollte von der Höhe des Karlsteen herunter, und die erste Kugel fiel in einen frisch aufgeworfenen Sandhügel. Das war das Signal. Die Kanonade begann mit solcher Heftigkeit und war von solcher Wirkung, daß ein Teil der Soldaten die Hacke und die Schaufel weglegen mußte, um die Toten und Verwundeten beiseite zu tragen. Das anfangs leise Gemurmel wurde lauter, und an mehreren Stellen erklärten die Soldaten ihren Offizieren, daß sie nicht weiter arbeiten würden. Andere warfen, ohne Worte, ihre Werkzeuge hin und liefen davon. Die Offiziere versuchten umsonst, die Subordination wieder herzustellen. Umsonst erklangen die Töne der Nationalhymne, das uralte Lied von dem Danebrog, der vom Himmel fiel. Es war ein allgemeiner Widerstand. Der Admiral wütete. Er befahl dem Kommandierenden der Artilleristen, seine Pflicht zu thun und die Soldaten zu zwingen. Dies gab zu Erörterungen Anlaß. Der Kommandant der Artillerie bemerkte darauf, es sei gar nicht nötig auf eine so barbarische Weise einen Angriff zu machen, der ohnedies ganz ungerechtfertigt genannt werden müsse. Der Herr Admiral sei unbeschadet seiner Würde, durchaus nicht der Höchstkommandierende, und er erkläre jetzt, daß er sofort diese verderbliche Arbeit einstellen und seine Truppen zurückgehen lassen werde, wenn der Herr Admiral nicht einen Spezialbefehl Seiner Majestät des Königs oder des Admirals Rosenpalm vorlege. In diesem Falle freilich müßten sie ihr Leben daransetzen, sonst aber wären sie dies keineswegs gewillt. »Und das wagt Ihr mir zu sagen?« entgegnete Tordenskiold, indem alles Blut aus seinem Gesichte wich. »Ich wage es und nehme die Verantwortlichkeit dafür auf mich!« entgegnete der Offizier. »Das ist die erbärmlichste Feigheit, die mir bei einem Offizier des Königs je vorgekommen ist!« rief der Admiral mit flammendem Zorn. »Dieses Wort will ich mit dem Degen beantworten, wenn der Herr Admiral hier sein Werk vollbracht hat!« entgegnete der Offizier. »Holla! Wir ziehen ab.« Die Trommeln wirbelten und die Artilleristen zogen sich unter Anführung ihrer Offiziere zurück. Tordenskiold stand einen Augenblick ratlos. Er preßte die Lippen fest auf einander und drückte die Hände gegen die mächtig wogende Brust. Kapitän Bude, der ihm zunächst stand, legte die Hand auf seinen Arm und sagte: »Hier ist sicherer Tod, zieht Euch zurück, wenn es Euch beliebt. Das Vaterland bedarf Euer!« »Was kann das Vaterland erwarten, wenn solche Feiglinge im Dienste desselben davonlaufen!« brach der Admiral los. »Jener pflichtvergessene Mann, der mir mit einem Duell drohet, soll die Felonie mit seinem Kopfe büßen. Nun ist es an uns, Kapitän Bude, das Werk zu vollenden, welches jene Lumpen liegen ließen. Frisch denn! Laßt von jedem unserer Linienschiffe fünfzig Leute abkommandieren; das wird ausreichen. Gebt die Signale!« Sofort war wieder alles in der größten Tätigkeit. Die Ordres gingen an Bord, und die Matrosen kamen ans Land. Es war eine stattliche Reihe, die sich um die begonnenen Schanzen drängte. Mit dem ersten Spatenstiche begann die Kanonade von neuem; aber die munteren Blaujacken kümmerten sich wenig darum. Auf den schwedischen Schiffen begann es nun auch lebendig zu werden. Die Kommandierenden mochten einsehen, daß, wenn die Schanzen trotz des Widerstandes vom Karlsteen, fertig würden, ihr Untergang gewiß sei. Deshalb wurden sofort Böte bemannt und mit Waffen versehen. Nach einem schnell entworfenem Plane stießen sie zu gleicher Zeit ab und rücken in Halbmondform gegen die Kuhinsel vor. Ein heftiges Gefecht entspann sich zwischen Dänen und Schweden, in welchem von beiden Seiten mit großer Tapferkeit gefochten ward. Die Matrosen warfen ihre Spaten und Hacken beiseite, griffen zu Pistolen und Enterbeilen und schlugen um sich, wie Löwen. Endlich erlahmte die Kraft der Angreifenden und die schwedischen Böte zogen sich mit beträchtlichem Verluste zurück. Die dänischen Matrosen begannen ihre Arbeit wieder, während die Kanonen des Karlsteen ihnen einen neuen Eisenhagel auf die Köpfe warfen. Die Arbeit wurde mit solchem Eifer fortgesetzt, daß sie am andern Tage gegen den Mittag hin vollendet war. Die Leute waren von der unerhörten Anstrengung so erschöpft, daß sie mit ihren Werkzeugen hinsanken und regungslos liegen blieben. Tordenskiold sah mit Wohlgefallen ein Werk vollendet, durch welches er Stadt und Hafen in seine Gewalt bekommen konnte. Dabei blickte er mit regem Mitgefühl auf seine Matrosen: »Die armen Jungen! Wie erschöpft sie sind! Aber ich konnte es ihnen nicht sparen. Die Ehre der Flagge über alles. Jetzt wird es aber Zeit, für sie zu sorgen. Holla! Wer es vermag, komme zu mir, um meine Befehle zu vernehmen.« Auf Veranstaltung des Admirals schaffte man jetzt Erfrischungen aller Art herbei. Es wurde Bier und Wein, Brot und Fleisch, und was es sonst Eßbares gab, herbeigebracht. Der Admiral ging durch die Reihen hin, forderte zum Essen und Trinken auf und sprach allen guten Mut ein. Allmählich erholten sich die Erschöpften, und der alte Humor kehrte den Krabaten wieder, die ihrem Admiral mit Leib und Seele ergeben waren. Als Tordenskiold sah, daß jedem das Seinige geworden, begann er auch an seine Offiziere und an sich zu denken, und sagte zum Kommandeur-Kapitän Heider, der den »Lindwurm« kommandirte: »Denke, Herr Kommandeur-Kapitän, daß wir, ohne dem Dienst zu nahe zu treten, auch wohl eine halbe Stunde für uns sorgen können. Wollt Ihr es übernehmen, die Herren zu mir zu laden? Es ist hier ein sicheres Plätzchen, wo wir uns ohne Furcht vor den Kugeln des Obersten Dankwarth ruhig niederlassen können. Die Herren sollen mir zu einem guten Trunke willkommen sein.« Der Offizier ging, und Tordenskiold erteilte seine Befehle, die mit der gewohnten Pünktlichkeit vollzogen wurden. Der Platz, wo das Mahl eingenommen werden sollte, lag an der einen Ecke der Verschanzung und grenzte mit der See. Man konnte von dort aus das Gros der dänischen Flotte überschauen. Ein weißes Tuch ward über den Boden gebreitet und mit den verschiedenen Speisen besetzt. Dazwischen blitzten Karaffen, mit den edelsten Weinen gefüllt. Tordenskiold empfing seine Gäste mit heiterem Gruße und alle lagerten sich um die improvisierte Tafel, der Kugeln nicht achtend, die über ihre Köpfe hinflogen. Da nahte sich mit schnellen Ruderschlägen ein Boot vom Bord des »Lolland« mit einer Nachricht für den Kommandanten desselben, der zur Tafelrunde zählte. Tordenskiold warf einen flüchtigen Blick dahin, und den Matrosen, der mit dem Kapitän sprach, betrachtend, sagte er. »Ist das nicht Elias Wulff, der bei Dünkille so gute Dienste that? Holla Ahoi, Elias Wulff! Wie geht es Dir, alter Ulk?« »Viel Gnade, daß der Herr Admiral sich meiner noch erinnert!« entgegnete bescheiden der alternde Seemann. »Habe immer meine stille Freude, wenn ich den Herrn Admiral sehe und dabei denke, daß ich auch einmal in Eurer unmittelbaren Nähe gefochten habe.« »Das hast Du, mein Junge! Und Du schlugst wacker zu. Dein Admiral bezeugt es Dir. Komm näher! Wer mit dem Tordenskiold gefochten hat, kann auch mit ihm trinken. Nimm dies Glas, und lasse es Dir wohl bekommen.« Elias Wulff nahm das dargebotene Glas und rief mit bewegter Stimme: »Das will ich Euch mein Lebtag nicht vergessen. Auf Euer Wohlsein, Herr!« In diesem Augenblicke sauste eine schwedische Kugel heran und zerschmetterte dem tapfern Seemann die Brust. Er schwankte und mit dem Rufe: »Hoch Tordenskiolds Flagge!« stürzte er, mit seinem Blute die Tafel überströmend, zusammen. Entsetzt sprangen alle von ihren Sitzen auf. Die Mannschaft der Schaluppe trug den gefallenen Kameraden seitwärts. Tordenskiold blickte ihm mit Wehmut nach und sagte dann. »Du hast Deine Anhänglichkeit an meine Flagge mit Deinem Blute besiegelt. Ziehe hin, frommes Dänenkind, und möge ein Geist wie Deiner alle übrigen beleben. Und nun ist dieses Mahl beendet. Wenig Ruhe ist uns gegönnt, die Arbeit beginnt aufs neue. Es sind gerade zweiundvierzig Jahre heute, als der Admiral Gyllenlöwe sich der Stadt Marstrand und des Kastells bemächtigte. Das gelte uns für ein gutes Zeichen. Wir wollen den Jahrestag durch die Wiedereinnahme der Stadt feiern.« Alle rüsteten sich. Der Admiral, der gern die Stadt retten wollte, schickte den Kapitän-Lieutenant Ployert samt einem Trompeter und der weißen Parlamentär-Flagge an den Kommandanten der Festung und ließ diesem, sowie den vornehmsten Seeoffizieren sagen, wenn man sämtliche Schiffe, große und kleine, übergeben wolle, werde er die Stadt verschonen. Würde diese Bedingung nicht angenommen, so solle man dem Magistrat von Marstrand ankündigen, daß nicht Tordenskiold, sondern der Kommandant des Karlsteen die Schuld trage. »Weiß wohl,« fügte Tordenskiold hinzu, »daß das alles nichts helfen wird; allein ich muß meine Pflicht thun.« Als aber Kapitän-Lieutenant Ployert nach einiger Zeit mit der Antwort zurückkam, daß Kommandant und Orlogs-Kapitäne entschlossen seien, die Stadt bis auf das äußerste zu verteidigen, empfing er diesen Bescheid mit einem Anflug geheimer Freude, die freilich durch das Bewußtsein, die Stadt vernichten zu müssen, etwas getrübt wurde. Ein mörderischer Angriff begann nun. Die vollen Ladungen flogen vom Lande in den Hafen und vom Hafen auf das Land. Man focht auf den Verdecken und in den Böten. Kapitän Unger, einer der wackersten dänischen Offiziere, hatte das schwedische Linienschiff »Warberg,« auf dessen Deck Tordenskiold den Fischhändler so täuschend gespielt hatte, genommen, und ließ Böte vorlegen, um dasselbe mittels Bugsierens und Wurfanker aus dem Feuer zu bringen. Kaum hatte er diesen Befehl erteilt, kaum begann das Linienschiff sich zu bewegen, als eine Kugel durch die Galerie schlug und ihm das Bein zerschmetterte. Er griff in das nahe Tauwerk und winkte. Die Umstehenden eilten ihm zu Hilfe, aber er hieß sie gehen und sagte: »An Euer Werk! Ich habe einen Grundschuß erhalten und bin nicht mehr flott zu machen. Bringt dem Admiral dieses Schiff und meinen Gruß.« Mit diesen Worten ließ er das Tau fahren und stürzte zusammen. Ein furchtbarer Knall machte die Luft erbeben. Die Erde zitterte, die See brodelte auf; alle sahen nach der Festung. Eine dunkle Rauchsäule stieg senkrecht zum Himmel empor. Eine Bombe war durch das Dach der Mühle geschlagen, in welcher die Pulverkardusen aufbewahrt wurden. In demselben Augenblick erreichte die dänische Ruderflottille den Hafendamm. Tordenskiold, immer voran, war der erste oben. Offiziere und Matrosen enterten ihm nach. Wie von einem panischen Schrecken ergriffen, flüchteten die schwedischen Artilleristen der Festung zu; die Einwohner der Stadt strömten ihnen scharenweise nach. Die Offiziere drängten sich um ihren Admiral; es war ihnen kaum möglich, an das unerhörte Glück ihrer Waffen zu glauben. Mit Bewunderung blickten sie zu ihrem jugendlichen Chef auf, der ihnen zurief: »So sind nun Stadt und Hafen unser, ohne Hilfe der Landartillerie. Ich sage es immer: dem wackern Seemann ist alles möglich. Danke allen für ihre Hilfe, die sie mir haben zu teil werden lassen. Allen, sage ich, Offizieren wie Matrosen. Jeder hat seine Schuldigkeit gethan.« Nachdem dieser erste Teil des großen Werkes vollbracht war, wollte Tordenskiold den zweiten, schweren beginnen; dem Falle der Stadt sollte der Fall der Festung folgen. Die Offiziere sahen zu dem fast uneinnehmbaren Mauerwerk auf, erwogen die geringe Macht, die ihnen zu Gebote stand, und zuckten mit den Achseln. Tordenskiold aber meinte, im Angesicht eines Sieges, wie man ihn eben erfochten, stehe es ihnen schlecht an, das Gelingen des zweiten zu bezweifeln. Uebrigens sei es oben schlimm genug bestellt. Zu den Mannschaften, die dort zu Hause gehörten, wären nun auch noch alle diejenigen gekommen, die sich heute dahin geflüchtet hätten; also würden die Lebensmittel knapp werden. Außerdem wären sie daselbst mit Waffen schlecht versehen und deshalb werde man nur geringen Widerstand leisten können. Zum Beweise brachte er eine Büchse, die man einem Schweden abgenommen, und zeigte auf eine Kupfermünze, die in dieselbe statt eines Feuersteines geschraubt war. Oben in der Festung ging es toll her. Sie war so sehr mit Menschen angefüllt, daß keine Ordnung in die von allen Seiten zusammengeschneite Bevölkerung zu bringen war, hätte man daselbst auch ein energischeres Regiment geführt, als es der Kommandant führen konnte. Dazu kam, daß die deutschen Soldaten Schwierigkeiten machten. Die schlecht verpflegten und noch schlechter bezahlten Leute sahen den gewissen Untergang vor Augen. Das Gespenst Tordenskiold erschien drohend vor ihrer erhitzten Phantasie. Der Geist der Subordination wich von ihnen. Die Lage des Kommandanten wurde immer schwieriger. Da langte eine Botschaft Tordenskiolds an. Er forderte den Kommandanten auf, die Festung zu übergeben. Oberst Dankwarth hatte nicht den Mut, den Parlamentär ohne weiteres zurückzusenden. Er berief einen Kriegsrat. In demselben beschloß man, einen Bevollmächtigen an den Admiral zu senden, der sich mit eigenen Augen von der Lage der Dinge unterrichten sollte. Der Kapitän zur See Utfall ward zu dieser Botschaft bestimmt und begab sich mit dem dänischen Parlamentär auf den Weg. Als er vor Tordenskiold erschien, blieb er wie vom Donner gerührt stehen. Jener lächelte und sagte scherzend: »Der Herr Kapitän erkennen mich vielleicht wieder. Wollten mir damals meine Fische nicht mit einem Thaler das Stück bezahlen und geben jetzt einen weit höhern Preis. Nichts für ungut, Kapitän! Weiß, das ich es mit einem tapfern Feinde zu thun habe; aber das Glück ist wandelbar. Seht Euch um, Herr, und sagt, ob Ihr im stande seid, noch länger im guten Ernst an einen erfolgreichen Widerstand zu denken; dann will ich Euch diesen Glauben nehmen und biete mich selbst zum Führer an.« Der Admiral hatte die nötigen Anordnungen getroffen. Er führte seinen schwedischen Gast vor die Thür seiner Wohnung, wo dem erteilten Befehle gemäß alles Volk aufgestellt war, das irgend zu kämpfen vermochte. Sie waren so glücklich geordnet, daß ihre Zahl weit größer erschien, als sie wirklich war. Die Offiziere durchschritten die Reihen und bestiegen dann die Schaluppen, um die im Hafen liegenden Werke und bewaffneten Schiffe zu besuchen. Während dies geschah, führten die Seeoffiziere ihre Matrosen an das entgegengesetzte Ende der Stadt, wo sie in gleicher Weise aufgestellt wurden. Als Kapitän Utfall hier landete, warf er einen flüchtigen Blick auf die dem Admiral entgegenjubelnde Menge und sagte: »Es ist genug. Ich werde dem Herrn Kommandanten meinen Bericht erstatten. Hoffe fest und sicher, daß er Mut genug haben wird, sich gegen die Uebermacht zu halten. Was mich betrifft, so habe ich die größte Achtung vor dem Admiral Tordenskiold. Wie aber die Sachen stehen, muß ich eher wünschen, ihm als Feind gegenüberzustehen, denn als Freund.« »Ich kann dem Herrn Kapitän versichern,« rief Tordenskiold dem Scheidenden nach, »daß ich es mir stets zur Ehre rechnen werde, wann und wo ich mit ihm zusammentreffe.« So brach die Nacht herein. Es war der 26. Juli, die Luft milde, die Brise lau. Die Sterne funkelten so licht, daß man hätte glauben mögen, an dem Ufer des Arno oder des Golfes von Neapel zu sein. Die ganze Natur feierte ein Fest. Aber Tordenskiolds wackere Seemänner griffen zu den Waffen und begannen den Angriff auf die Citadelle. Diese eröffnete ein furchtbares Feuer. Der Kampf war blutig, mörderisch von beiden Seiten. Jeder Fußbreit Erde wurde mit Menschenleben verteidigt und bezahlt. Tordenskiold sah man überall, immer frohen Mutes und freudiger Siegeshoffnung voll. Wo er erschien, stieg die Begeisterung bis zum höchsten Gipfel; wo er schied, sank den Zurückbleibenden der Mut. Die Kraft war allmählich gebrochen, und als der erste Schimmer des Tages über den Horizont hinflog, war kaum einer mehr im stande, den Arm zu heben. Kapitän Ployert, der Kommandeur des »Frederikshald«, stand auf dem Verdecke seines Schiffes und sah auf das wirre Treiben umher. »Warum feuert Ihr nicht mehr?« fragte er den Oberkanonier, der an ihn herantrat, obgleich er wußte, welche Antwort er bekommen werde. »Herr,« entgegnete dieser, »es ist alles umsonst. Ich kann die Leute nicht dazu bewegen, noch eine Hand zu rühren, und wir richten auch nichts mehr aus. Die Munition ist verschossen. In dem Mörser hier steckt die letzte Bombe; soll ich sie werfen?« »Es sind feige, erbärmliche Hunde,« rief der Kapitän aufwallend, »die verdient hätten, daß man sie vor ein Kriegsgericht stellte. Eine einzige Bombe, sagst Du? Her die Lunte! Ich will das Geschütz selbst abfeuern. Habt Ihr alle auch den Kopf verloren, den meinigen habe ich noch behalten. In Gottes Namen!« Der Kapitän entblößt sein Haupt, als er an das Geschütz tritt. Die Mannschaften, blutend, hungernd und überwacht, treten maschinenmäßig heran, um dies ungewohnte Schauspiel zu sehen. Die Bombe fällt mitten in die Festung hinein. Eine atemlose Stille herrscht. Plötzlich erschallt ein halb unterdrückter Ruf. Ein dichter Qualm steigt an der Stelle auf, wohin die Bombe gefallen ist. Es folgt ein Knall, als ob das Firmament auseinander springt; ein Hagel von Eisen und Steinen, angebrannten Balken und Latten stürzt aus der Höhe herab. »Der Pulverturm ist getroffen!« schreit es dort und hier. »Satansglück!« brummte einer der Offiziere, und ein Kamerad, der es hörte, entgegnete verweisend: »Oder Gottes Finger!« Dieser Schlag war entscheidend. Der Mut der Belagerten war dahin. Die Citadelle ergab sich. Nachmittags drei Uhr betrat Tordenskiold an der Spitze der Seinen den Karlsteen, auf dessen Wall von der Stunde ab der Danebrog wehte. – Das Unerhörte war geschehen. Siebenhundert Seeleute hatten Schwedens bis dahin für unüberwindlich gehaltene Festung genommen. Es war ein herrlicher Tag, als König Friedrich IV. am Bord der Fregatte »Pommern« in den Hafen von Marstrand einlief, die Königsflagge am Mast. Als der Anker sich in den Grund senkte, erschien Tordenskiold mit seinem ganzen Stabe am Bord und rief: »Habe die Ehre, Euer Majestät im Hafen von Marstrand meinen ehrfurchtsvollen Gruß darzubringen. Gern hätte ich den Schlüssel von Gothenburg und Ny-Elfsborg dazu gelegt, doch hat es mir bis heute noch nicht glücken wollen.« »Wer so viele und so reiche Gaben mit einem mal spendet, muß sich nicht entschuldigen, daß deren nicht noch mehrere geboten worden,« entgegnete der König. »Wir danken Euch herzlich, heißen Euch aufrichtig willkommen und bringen Euch Unsern Glückwunsch als Viceadmiral dar.« – »Viceadmiral!« rief Tordenskiold fast erschreckt aus. »Und mit kaum dreißig Jahren! Dank, Euer Majestät! Ich will diese Gnade zu verdienen suchen.« »Das habt Ihr schon gethan,« sagte der König. »Und um einen allen sichtbaren Beweis zu geben, wie sehr Wir einen solchen treuen Diener zu schätzen wissen, geben Wir Euch dies Unser Bild, damit Ihr es als ein Zeichen Unserer Gunst tragen mögt.« Tordenskiold beugte sich tief vor dem Könige, der ihm das in Diamanten gefaßte Brustbild selbst umhing. Die Augen des jungen Viceadmirals glänzten vor Freude; sein Herz schlug hörbar, und er sagte mit tiefer Bewegung: »Ich kann Euer Majestät versichern, daß dies Bild auf keiner treueren Brust ruhen könnte, und schwöre, daß es den Feinden Dänemarks immer gerade ins Gesicht sehen soll.« »Davon halten Wir Uns überzeugt,« sagte der König mit einem gnädigen Lächeln. »Nun aber dies vorüber ist, wollen Wir an Eurer Hand Unser neues Besitztum in Augenschein nehmen. Kommt, Herr Viceadmiral!« Und König Friedrich IV. betrat an der Hand seines tapfersten Seeoffiziers den schwedischen Boden. Michael de Ruiter. Dieser niederländische Seemann, der eigentlich Michael Adrianzoon de Ruiter (oder de Ruyter d. i. der Reiter) hieß, stieg während seiner langen ruhmvollen Laufbahn aus dem bescheidensten Lebenskreise zu den höchsten Ehren und Würden empor, die ein Seemann erreichen kann. Er war mit den ersten Orden seiner Zeit geschmückt, und über seine Leiche breitete man den Herzogsmantel. Michael de Ruiter wurde im Jahre 1607 zu Vlissingen geboren. Seine Eltern waren Leute geringsten Standes, deren Ehe reichlich mit Kindern gesegnet war. Der Vater zog unter anderm Bier ab und verkaufte dies an die Arbeiter auf den Werften. Daher sah er sich genötigt, seinen Sohn Michael auf der Seilerbahn unterzubringen, welche den Gebrüdern Lampsin gehörte; hier mußte Michael das Rad drehen. Eines Tages sollte er eines Fehlers wegen bestraft werden. Er entfloh, und alle Müßiggänger auf der Werft liefen hinter ihm drein. Der Kirchturm, welcher gerade ausgebaut wurde, war mit einem hölzernen Gerüst umgeben. Da hinauf kletterte er, bis er an einem Punkte stand, von wo er nicht weiter konnte und jeden Augenblick in Gefahr war, hinabzustürzen. Man hielt mit der Verfolgung inne. Einer seiner Brotherren, der den Jungen so schwindelfrei stehen sah, gewann Teilnahme für ihn, und durch seine Vermittlung kam Michael zur See. Als er erst den Boden eines Schiffes unter seinen Füßen hatte, half er sich selbst weiter. Unter den ersten Kameraden, die er in seinem neuen Stande gewann, war auch ein Negerbursche, Jan Companey geheißen, mit dem er ziemlich gute Kameradschaft hielt; sie sollten sich späterhin unter eigenen Umständen wiedersehen. Vom einfachen Schiffsjungen auf einem Kauffahrer bis zum Lieutenant-Admiral-General von Holland und Westfriesland alle Dienstgrade durchlaufend, verdankte er ganz allein seinem angeborenen Talente und dem in ihm wohnenden Eifer diese glorreiche Erhebung. Auf allen seinen vielen Seezügen erwarb er sich den Ruhm eines tapfern, umsichtigen, unerschrockenen und mit dem Seekriege sehr vertrauten Helden. In seinem Privatleben war er ein gütiger, liebevoller Gatte und sorgsamer Vater, ein wahrhaft frommer Christ, ein wackerer Bürger und ein unermüdlicher Wohlthäter der Armen. Seine Thaten zur See sind bewunderungswürdig; einige derselben sollen im Nachfolgenden erzählt werden. Als 1641 Holland der Krone Portugal gegen die furchtbare Uebermacht der Gegner zu Hilfe kam, befehligte Michael de Ruiter bereits als Shout by Nacht (Contre-Admiral) die zum Beistande abgeschickte Flotte. Nicht minder ehrenvoll waren seine später unternommenen Züge gegen die afrikanischen Raubstaaten. Hier war es, wo er an einem Punkte der Küste mit seinem ehemaligen Schiffsgefährten wieder zusammen traf. Jan Companey war in sein Vaterland zurückgekehrt und suchte, als er den Namen de Ruiter hörte, in die Nähe desselben zu kommen. Der Admiral nahm seinen früheren Backgenossen freundlich auf und entließ ihn reich beschenkt. In dem Kriege Hollands gegen England befehligte de Ruiter einen Teil der Flotte, die unter Herperts van Tromps Oberbefehl stand. Nach dem Frieden von 1665 kreuzte er aufs neue gegen die Korsaren in der Mittellandssee, wo er mehrere ihrer Schiffe eroberte und den berüchtigten Renegaten Armand de Dias gefangen nahm. Der König von Dänemark, dem er mit glücklichem Erfolge in dem Kriege gegen Schweden beistand, erhob ihn, nebst seiner Familie, in den Adelstand. Als der Krieg mit England von neuem drohte, übertrug ihm sein Vaterland den Oberbefehl über die Flotte. Nachdem Michael de Ruiter der britischen Seemacht in den außer-europäischen Gewässern mehrere empfindliche Verluste zugefügt hatte, schlug er sie 1666 in drei großen Schlachten im Kanal, lief mit seiner ganzen Macht in die Themse ein und nötigte England in dem darauf folgenden Jahre nachzugeben. Der Friede von Breda wurde geschlossen. Auch in dem dritten Kriege mit England, welches sich zu demselben mit Frankreich verbündet hatte, triumphierte Holland durch den Mut und die Geistesgegenwart dieses wackern Admirals, welcher 1673 über die vereinigte englisch-französische Flotte den Sieg erfocht. Dankbar ehrte das Vaterland die Verdienste des Helden. Alles Seevolk betete ihn an. Van der Velde, der große Maler, malte seine Schlachten und verewigte ihn durch seinen Pinsel. Der vaterländische Dichter Jobst van den Vondel feierte ihn in seinen erhabensten Gedichten, namentlich in dem Löwen von Niederland. Als die Gegner des Hauses Oranien, der Großpensionär Jan de Witt und sein Bruder Cornelius, von ihren hohen Posten gestürzt und von dem wütenden Volke ermordet wurden, ward Michael de Ruiter nicht belästigt, obgleich jedermann wußte, daß er zu den beiden unglücklichen Brüdern in sehr genauen Beziehungen gestanden hatte. Zur Unterstützung der Spanier in Sicilien entsendet, kämpfte er mit der größten Tapferkeit gegen die französische Uebermacht, bis er 1776 in einem Treffen bei Messina durch einen Kanonenschuß den Fuß verlor, und am 29. April desselben Jahres an dieser Wunde in der Bai von Syrakus starb. In das Loggbuch des Admiralschiffes wurden die nachfolgenden Worte geschrieben. »Bai von Syrakus. Michael Adrianzoon de Ruiter, Lieutenant-Admiral-General von Holland und Westfriesland, Ritter des goldenen Vließes und des Sanct Michael-Ordens, starb heute am 29. April abends um 7½ Uhr infolge der vor Catanea empfangenen Wunde.« Um diese Zeit war es, als der Vicekönig von Sicilien, der Marquis von Villafranca, am Bord erschien, um den Admiral im Namen Seiner Allerkatholischsten Majestät mit hohen Ehren und Würden zu schmücken. Erschüttert bedeckte er den Toten mit dem Herzogsmantel und legte den Herzogshut zu dessen Häupten nieder. Sein Leichnam wurde nach Amsterdam gebracht und von der ganzen Bevölkerung in tiefster Trauer empfangen. In der neuen Kirche daselbst wurde ihm ein Denkmal gesetzt. Seine Statue in Lebensgröße wurde ihm zum ewigen Gedächtnis aufgerichtet. Die Schlacht vor Plymouth. Am 26. August des Jahres 1652 war ein heller, sonnenklarer, fast windstiller Morgen, welcher es der holländischen Flotte unmöglich machte, sich den Engländern, die ihr um ein bedeutendes überlegen waren, zu nähern. An jedem Ende der langgestreckten Linie lag ein Sechzig-Kanonenschiff. Vom Bord des »Alfred,« einer Fregatte von vierzig Kanonen, wehte die Flagge des Vice-Admirals George Ascue. Die holländische Flotte zählte dreißig Schiffe, mit denen sie noch einige sechzig Kauffahrer zu beschützen hatte. Als nachmittags die Brise auffrischte, wurde sie in drei Kolonnen geteilt. Das mittlere Geschwader kommandierte Herr de Ruiter selbst am Bord des »Neptun.« Das Geschwader rechts wurde dem Kapitän Joris Pietersen übergeben; seine Flagge wehte vom »Westergo«. Links kommandierte am Bord des »Rotterdam« Kapitän Aartsen Verhaf. Jedes dieser Geschwader verfügte über zwei Brander. Zehn der Kauffahrer, die stark und gut bewaffnet waren, wurden mit in die Linie gestellt; die übrigen zogen sich unter dem Schutze zweier leicht bewaffneter Schiffe zurück. Nun segelten die Holländer völlig kampfbereit auf die englische Linie ein, welche sich nicht rührte, weil sie sich in ihrer Uebermacht sicher fühlte. Als die beiden Admiralschiffe sich gegenüberlagen, begrüßten sie sich sogleich mit einem heftigen Feuer. Der Kampf wird von allen Seiten eifrig aufgenommen und fortgesetzt. Bald ist alles in Pulverdampf gehüllt; jedes Schiff sieht nur noch das zunächstliegende. Jeder Kapitän ist auf sich selbst angewiesen. Unter den Kauffahrern befindet sich auch der bewaffnete Ostindienfahrer »Strauß«, befehligt von dem tapfern Friesenkapitän Douwe Aukes. Er segelt auf den am wenigsten bedrängten Teil der englischen Linie ein und ruft den Seinen zu: »Achtet auf die Geschütze! Wir wollen uns aus dem Gewirr da vor uns ein paar Prisen holen. Strafft die Marssegel!« Die Matrosen prallen vor solchem wagehalsigen Unternehmen zurück, denn dieser Befehl jagt sie einem gewissen Tode in die Arme. Sie murren bei jeder neuen Ordre und brechen zuletzt in offenen Widerstand aus. »Was giebt's da zu murren?« ruft plötzlich eine Donnerstimme, und der Friesenkapitän steht hoch aufrecht unter den Rebellen. »Wollt Ihr Hunde nicht fechten? Ich will Euch die Courage einpumpen. Wollt Ihr oder wollt Ihr nicht?« Einen Augenblick bleibt es still. Es ist die Wirkung dieses unvermuteten Erscheinens. Dann aber schreit es überall an Bord wie aus einem Munde: »Nein! Nein! Und abermals nein!« und die Aufregung wird so groß, daß jedermann seinen Posten verläßt. Douwe Aukes sieht starr vor sich nieder, während das Geschrei um ihn her zunimmt. Aber plötzlich rafft er sich zusammen und nach dem Hinterdecke springend ruft er dem rebellischen Volke zu: »Wenn Ihr Hunde nicht mit mir fechten wollt, so sollt Ihr mit mir tanzen! Ich hoffe, Ihr habt Lust zu einem tüchtigen Sprung ins Blaue, da Ihr nicht unten bei mir bleiben wollt. Wie nun? Dort liegen die Engländer und unter mir liegt die Pulverkammer, in der Hand aber schwinge ich die brennende Lunte!« Er machte eine Bewegung, als wollte er sich die Kajütstreppe hinabschwingen. Da trat der Hochbootsmann hervor und sagten »Mit Verlaub, Kapitän! Könnt Ihr dem Volk seine Dummheit vergeben?« »Das kann ich, wenn Ihr Euch besonnen habt. Auf Eure Posten! Strafft die Marssegel und holt die Fockschote an. Einen halben Strich anluwen und zwischen die beiden Engländer mitten hinein! Achtet auf die Geschütze!« Der »Strauß« rückte rasch vor und schoß zwischen die bezeichneten Fahrzeuge hinein. Die Matrosen stimmten ein Jubelgeschrei an. »Wohlgethan!« rief der Friesenkapitän. »Werft die Marssegel back!« – Das Schiff steht! – »Feuer am Backbord und am Steuerbord!« Die Geschütze des Ostindienfahrers donnerten über die See hin. Die Schüsse waren so sicher gezielt, daß bald die Seitenborde des Feindes große Risse erhielten und das Wasser allerorten hereinströmte. Die Pumpen mußten in Bewegung gesetzt werden. Die Friesen errangen immer größeren Erfolg. »Die sind besorgt!« rief Douwe Aukes. »Jetzt ist die Fahrt frei. Steuert auf das offene Wasser hinaus, damit wir sehen, wo sonst Hilfe not thut. Nun, Jungens, was ist besser, fechten oder tanzen?« »Fechten!« antworteten sie, und eine Stimme rief laut über Deck: »Segler am Bug!« »Das ist de Ruiter mit dem »Neptunus.« Holla Ahoi, Herr! Alles wohlauf bei mir! Zwei Engländer habe ich in den Grund geschossen. Die Passage ist frei.« »Dank für die gute Botschaft!« entgegnete de Ruiter. »Aber wir sind noch nicht am Ende. Dort steuert Lord Ascue; er hat es auf unser Zentrum gemünzt, um an unsere Kauffahrer zu kommen; darum zieht er die Brander an sich. Aber ich will ihm diese Lust vergällen. Haltet Ihr mit?« »Ich halte!« rief Douwe Aukes lustig. »Mylord Admiral, meine Kanonen sprechen friesisch. Feuer! Hahaha! Den Besanbaum durchgeschossen und Seiner Herrlichkeit vor die Füße geworfen! Nochmals Feuer!« Mit vollen Segeln schossen der »Neptun« und der »Strauß« auf das englische Admiralschiff ein. Dies nahm den Kampf an, und alles hüllte sich in dichten Pulverdampf. Die Enden der holländischen Linie hatten weniger Aussicht auf einen glücklichen Erfolg als das Zentrum. Die englischen Sechzig-Kanonenschiffe, die hier lagen, griffen heftig an. Das Feuer wurde keinen Augenblick unterbrochen, und die Soldaten schossen manchen Holländer mit ihren Flinten vom Verdeck herunter. Kapitän Aartsen Verhaf, der am Bord des »Rotterdam« kommandiert, wird von einer solchen Kugel niedergeschmettert. Sein Sohn, als erster Lieutenant am Bord, wirft sich vor ihm in die Kniee. Unterdessen achtet kaum jemand auf das Schiff, dessen Geschütze schweigen, während der gegenüberliegende »Seymour« ein heftiges Feuer auf dasselbe eröffnet. Da schlägt der Verwundete die Augen auf und sagt leise. »Dank Dir, mein Sohn; aber vor allem achte auf des Landes Dienst!« Der Lieutenant reißt sich vom Vater los und springt auf die Schanze, indem er ruft: »Rächt meinen Vater, der auch Euch ein Vater war! Feuer!« Die Matrosen des »Rotterdam« gehorchten willig dem jugendlichen Führer. Unerschrocken flogen sie den sechzig Feuerschlünden des »Seymour« entgegen, bis der »Friede« erschien, um ihn zu ersetzen. Auch der »Strauß« und der »Neptun« hatten gesiegt. Das englische Admiralschiff war furchtbar zugerichtet. Es zog seine Marssegel auf, ließ sie voll fallen und jagte zwischen den beiden Holländern mitten durch auf die hohe See hinaus. »Da läuft er!« ruft Douwe Aukes. »Gefällt es Eurer Herrlichkeit nicht, auf ein Glas Kapwein bei mir vorlieb zu nehmen? Ha, ha! Mylord Hochmut ist klein genug, davonzulaufen. Da ziehen seine Genossen hinter ihm drein! Eins! Zwei! Drei! Vier! Sollen sie so davonkommen?« »Ihnen nach!« lautete das Signal Michael de Ruiters. »Ich schicke Euch den »Gelderland« und den »Sanct Peter« zu Hilfe. Ihnen nach!« Der Friese hielt auf den Spiegel des englischen Admiralschiffes ab. Michael de Ruiter sandte ihm die nötige Verstärkung und segelte nach dem ersten Flügel, wo die Kanonade schwächer ward. Dort waren die Engländer, die sonst überall wichen und nach Plymouth zu entkommen suchten, noch Meister des Platzes. Der »Centaur« spie aus seinen sechzig Kanonen eine solche Flut von Eisen, daß der »Westergo,« den Joris Pietersen kommandierte, fast erlag. Man stritt am Bord, ob man die Flagge streichen oder das Schiff in die Luft sprengen sollte, als der Kommandeur, der krank darniederlag, sich auf das Verdeck tragen ließ und sich mühsam aufrichtete: »Werdet nicht lässig! Ich bin ja mitten unter Euch! Die Krankheit ist besiegt; nun müssen wir die Engländer auch besiegen. Nochmals ans Werk!« Die Matrosen eilten, angefeuert von diesen Worten, an die Geschütze, die unausgesetzt weiterdonnerten. Der »Centaur« bebte und wich zurück. Der kranke Kapitän hatte sich auf das Dach der Hütte tragen lassen und beherrschte die Schlacht mit hellem Auge. »Danke Euch, Jungens! Er läuft vor uns. Und da kommt auch Entsatz.« Auf der anderen Seite des »Centaur« erschien de Ruiter. Zwischen zwei Feuer eingekeilt, bedeckte sich der Engländer von oben bis unten mit seinen Linnen. Er flog dahin, während de Ruiter ihm nachsegelte. Joris Pietersen sah es und lächelte. Er reichte seinem ersten Offizier die Hand und sprach mit schwacher Stimme zu ihm. »Ich sterbe auf der See, der ich mein Leben lang diente. Mein Herz ist leicht in der Todesstunde, da kein Auge um mich weint in der Heimat. Glücklich, wer mitten in dem Jubel des Sieges stirbt! Wenn Ihr mich begrabt, hängt einen schweren Stein an meine Füße, damit die Wellen mich nicht vom Platze wegreißen, auf welchem ich starb. Grüßt meinen Kommandeur!« Er schloß die Augen. Bei einbrechender Dunkelheit, als die Verfolgung aufgegeben war, erschien Michael de Ruiter am Bord des »Westergo«. Er beugte sich über den Sterbenden und sagte: »Joris, mein Freund, kannst Du mich noch hören?« Der Kommandeur Joris Pietersen schlug noch einmal die Augen auf, lächelte dem Freunde zu und war nicht mehr. Michael de Ruiter war tief bewegt. »Er ist hinüber. Wohl ihm! Wer weiß, ob uns einst ein so beneidenswerter Tod beschieden ist, mitten im ersten Rausche des glücklich errungenen Sieges!« Er kehrte an Bord seines Schiffes zurück. Hier hatten sich alle Kapitäne eingefunden und jubelten ihm entgegen: »Hoch dem Sieger von Plymouth!« »Nicht mir, nicht Euch verdankt Holland diesen Sieg!« entgegnete de Ruiter, die gebotenen Ehren zurückweisend. »Wir stritten gegen eine große Uebermacht. Mit uns war Gott der Herr sichtlich. Ihm allein die Ehre!« Der Geistliche des Schiffes erschien. Herr de Ruiter kniete nieder, Offiziere, Soldaten und Matrosen folgten seinem Beispiel. Der Geistliche sprach ein inniges Gebet und stimmte einen feierlichen Lobgesang an, der sich von Deck zu Deck verbreitete. Die Lust war still und ruhig; am westlichen Horizont verschwamm der letzte Schimmer des Tages. Einzelne Sterne blinkten, die See rauschte auf, und die Nacht umhüllte alle mit ihrem undurchdringlichen Schleier. Die Schlacht der fünf Admiräle. Zwei englische Flotten, jede von fünfzig Segeln und darüber, erschienen in der Nordsee. Die erste stand unter dem Befehle Sir George Ascues, die andere kommandierte Admiral Monk. Beide steuerten nach der Mündung der Maas, wo sich die holländische Flotte sammeln sollte. Das wollten sie hindern und die verschiedenen Divisionen derselben einzeln vernichten. Am 21. Dezember 1653 war die Vereinigung der englischen Flotte gelungen, und sie segelte nun mit kleinen Segeln nebeneinander her, um den Anbruch des nächsten Tages abzuwarten. Unterdessen hatte Admiral Monk sämmtliche Schiffsführer zu sich entboten. Er redete sie feierlich an, machte ihnen kund, daß die Schlacht morgen beginnen würde, daß sie es mit einem wohlgerüsteten Feinde zu thun hätten, und überreichte ihnen ihre Instruktionen. Er legte ihnen ans Herz, daß England die Königin der See sei und es bleiben müsse. Ihre Pflicht sei es, dies zu fördern. Mit diesen Worten wurden die Herren entlassen, nur die beiden Admirale blieben allein. Sie beredeten noch in vertraulichen Gesprächen miteinander, was für den folgenden Tag zu thun sei. Dann kehrte Sir George Ascue an Bord seines Schiffes zurück. Bei dem Admiral Monk aber trat ein Offizier mit der Meldung ein, daß die holländische Flotte im Anzuge sei. Am ganzen Horizonte tauchten Lichter auf und flogen hin und her, bald hoch, als leuchteten sie von den Toppen, bald niedrig, als blinkten sie von den Galerien. Auf Befehl des Admirals ward sofort die Ordre erteilt, alle Lichter auf der englischen Linie zu löschen. Nach einigen Augenblicken erschien auf der Spitze des großen Mastes im Admiralschiff ein weithin leuchtendes Drehfeuer; gleich darauf erloschen alle Lichter an Bord. Alle Schiffe der englischen Linie folgten diesem Beispiel, und tiefes Dunkel herrschte ringsumher. Admiral Monk blieb auf dem Verdeck, um auf die Bewegungen der holländischen Flotte zu achten. Aber auch dort verlosch Licht an Licht, und jede Beobachtung war unmöglich. Der Morgen des verhängnisvollen 22. Dezember brach an. Die holländische Flotte beschrieb einen weiten Halbkreis. Am rechten Flügel, gegenüber von Monk, lag Herperts van Tromp mit achtundzwanzig Schiffen. Seine Admiralsflagge wehte am Bord des »Kampf«. Auf dem linken Flügel hielt Michael de Ruiter mit dreißig Schiffen und zeigte seine Flagge am Toppmast des »Lamm.« Das Zentrum befehligte der Vice-Admiral Jan Evertson. Er ließ seine Flagge von dem Dreidecker »die Eintracht« herabwehen und hatte außerdem fünfundzwanzig Fahrzeuge unter sich. Im Rücken dieser Flotte kreuzte der Vice-Admiral Witt de Witte mit einem Geschwader von vierundzwanzig Schiffen. Er selbst befand sich am Bord des »Oranienbaum.« In der Kajüte dieses letzten Schiffes hatten sich die drei Admirale mit dem Kommandeur de Ruiter zu einer Beratung versammelt. Hier zeigte sich der Unterschied in den Charakteren dieser hohen Seeoffiziere auf das deutlichste. Jan Evertson war kalt und besonnen, unter Umständen sogar unbekümmert; ihm galt es gleich, wohin er sich wendete. Aber wenn der Kampf einmal begann, war er fest und unerschütterlich, hart wie Eisen. Herperts van Tromp war leidenschaftlich bewegt, ruhelos, der Zeit stets voran, ganz abweichend von dem eigentlichen Charakter der Niederländer. Witt de Witte war mutig und ausdauernd wie einer, aber hart und strenge gegen seine Untergebenen. Er soll einst gesagt haben, dem Matrosen gebührten Brot, Genever und Prügel; dafür müßte er seine Pflicht thun und dreinschlagen. Geschehe das nicht, werde er ihn treten wie einen Hund. Das sanfte, freundliche Wesen de Ruiters, der ebenso groß als Held wie edel als Mensch war, vermochte über den starren Witt de Witte nichts. Alle Bitten und Ermahnungen, die dieser an ihn richtete, waren tauben Ohren gepredigt. Eben hatte die Beratung der hohen Offiziere geendet. Herperts van Tromp erhob sich und rief: »Es wird Tag, und kein Augenblick ist zu verlieren. Ich gehe Euch voran; eilt an Bord und frisch auf den Feind. Auf Wiedersehen, hier oder dort oben!« »Hier noch!« rief de Ruiter und schloß den Admiral in seine Arme. »Wie Gott will!« entgegnete jener. »Ich gehe gerade auf Ascue los. Ihr andern dahin, wie es verabredet. An Bord! An Bord!« Es wurde Tag, und jeder war auf seinem Posten. Die englische und die holländische Flotte segelten aufeinander zu. Das Geschwader des Admirals van Tromp drang so heftig auf die Schiffe des Lord Ascue ein, daß er die Linie derselben durchbrach, dann seine Fahrzeuge wendete und jene von hinten angriff. Michael de Ruiter begriff sogleich, daß jetzt seine Zeit gekommen sei. Er gewahrte das Flaggenschiff des Admirals Monk vor sich und befahl darauf loszusteuern. Der Engländer nahm den dargebotenen Kampf sofort an. Während die Schlacht auf dem rechten und linken Flügel im vollen Gange war, blieb es im Zentrum noch still. Ganz seiner Gewohnheit gemäß ließ Jan Evertson die Engländer an sich herankommen. Aber als die erste Kugel vor seinem Buge niederfiel, legte er durch den Wind und empfing die Engländer mit einem so mörderischen Eisenhagel, daß die Schiffe mit den Trümmern ihrer eigenen Takelage übersäet wurden. Zwei Flotten, zusammen zweihundertfünfzig Segel stark, lagen sich in dem erbittertsten Kampfe gegenüber. Fünf Admirale befehligten sie. Außerdem hatte Holland noch seinen de Ruiter und England den Rear-Admiral Goodson. Letzterer befehligte die englische aus achtzehn Schiffen bestehende Nachhut. Mit derselben umsegelte er die Holländer und wollte sie im Rücken angreifen. Aber hier empfing ihn Witt de Witte, und neben der ersten Schlacht entspann sich eine zweite. Die Luft erzitterte von dem Donner der Geschütze; der Pulverdampf verdichtete sich zu einem hoch emporragenden Gewölk. Mit den Menschen kämpften die Elemente. Ein heftiger Wintersturm wehte, und die Wellen warfen die Schiffe unbarmherzig zusammen. Die Takelage verwickelte sich, und die Rüstbanken des einen Schiffes stießen auf die des andern. Die Kanonen mußten schweigen. Man enterte gegenseitig und drang mit Messern, Aexten und Beilen aufeinander ein. »Das heißt morden, aber nicht schlagen!« rief der Rear-Admiral Goodson aus, trennte sich gewaltsam von dem Schiffe de Wittes und segelte nach dem rechten Flügel der Holländer. Hier lag Herperts van Tromp, der die feindliche Linie bereits viermal durchbrochen hatten, einige Zeit untätig, um seine Leute verschnaufen zu lassen. Er hatte seine Augen überall, dieser ruhelose Mann, und sagte zu seinem Flaggenoffizier: »Hört Ihr es dort brummen? Das ist der de Ruiter. Und dort hinüber donnert Evertson. Ich glaube, der läßt sich aus Bequemlichkeit eher in den Grund schießen, als daß er weicht. Das ist eine lustige Musik! Hei, da fliegt ein Engländer in die Luft!« »Und dort treibt eines von unsern Schiffen!« sagte der Flaggenoffizier. »Es ist ohne Masten und Steuer.« »Beidrehen!« befahl Herperts van Tromp. »Rettet, was zu retten ist! Was giebts?« Diese letzten Worte galten einem Lieutenant, der die Schiffe des Admirals Goodson meldete. Zwei englische Fregatten waren voran. Der holländische Admiral segelt mit dem »Kampf,« die Flagge hoch vom Mast, mitten zwischen beide hinein. Die Schüsse fallen rasch aufeinander. Ueberall richten die Kugeln große Verwüstungen an. Van Tromp steht auf der oberen Galerie. Sein Adlerblick ist überall. Er sieht einen Soldaten in dem feindlichen Mastkorbe, der sein Gewehr anschlägt, und reißt den neben ihm stehenden Offizier mit den Worten. »Nehmt Euch in acht, Herr Lieutenant!« auf die Seite. Aber auch in demselben Augenblicke schwankt der Admiral und greift mit den Händen über sich, als wollte er sich an etwas halten. Dann stürzt er zusammen. Die Kugel war mitten durch das Herz gegangen. »Habt guten Mut!« rief er sterbend. Es waren seine letzten Worte. Der Flaggenoffizier übernahm sofort das Kommando, unbekümmert um das Freudengeschrei der Engländer, die den Admiral hatten fallen sehen. Das Gefecht dauerte fort, bis dem bedrängten Admiralschiffe Hilfe kam, und es sich zurückziehen konnte. Es trieb, mit der teuren Leiche an Bord, in die Linie zurück und geriet vor den Bug des »Lamm,« auf dessen Halbdeck Herr de Ruiter stand und den Rückzug aus dem Gefechte befahl, weil das Fahrzeug, das allein dreiundvierzig Tote an Bord hatte, nicht mehr zu halten war. Mittlerweile hatte man auf dem Schiffe de Ruiters ein Signal am Bord des »Kampf« erblickt, welches den Kommandeur dorthin entbot. Die Schaluppe wurde auf der Stelle klar gemacht. Herr de Ruiter erschien auf dem Fallreep des Admiralschiffes und rief, als er die niedergeschlagenen, tiefbetrübten Gesichter gewahrte: »Um Gottes willen, was ist hier vorgefallen?« Gleich darauf stand er vor der Leiche Tromps. Er schauerte zusammen und wehrte den Thränen nicht. Als er dem Gefallenen dies Opfer der Freundschaft gebracht hatte, befahl er, sich aus dem Gefechte zurückzuziehen und die Leiche einem sichern Schiffe zu übergeben, das mit dem Winde ohne Gefahr in die Maas einsegeln könne. Er selbst wollte sich an Bord des »Nassau« begeben. Dann nahm er noch einmal Abschied von der Leiche des gefallenen Helden, befahl, seinen Tod auch ferner zu verschweigen, und begab sich, wie er gesagt, auf den »Nassau«, mit dem er dann wieder in die Linie vorrückte und den Kampf erneuerte. Die englischen und holländischen Schiffe lagen sich so nahe, daß sie sich gegenseitig entern konnten. Alles war so dichtgedrängt aufeinander, daß man auch nicht den kleinsten Teil der Flotte mehr überschauen konnte. Es wurde Deck an Deck, Mann gegen Mann gekämpft. Die See rötete sich von dem Blute, das durch die Speigaten der Schiffe in sie hineinströmte. Durch den Geschützdonner klang es hier wie Siegesgeschrei, dort wie ein Angstruf der Verzweiflung. Man schlug blindlings vor sich hin, alles Gefühl war verschwunden. Nach einem siebenstündigen Kampfe war auch die letzte Kraft gebrochen. Die Kanonade schwieg; nur hier und da hallte noch ein vereinzelter Schuß. Die Schiffe hingen mit ihrem Takelwerk zusammen; Freund und Feind leisteten sich gegenseitig Hilfe, um nur voneinander loszukommen. Auf beiden Seiten kein Sieg, nur Niederlage; kein Verfolger und keine Verfolgten. Der Raum zwischen den Resten der großen Flotten wurde immer größer. Sie verschwanden im Dunkel der hereindämmernden Nacht. Der Wind wehte eisig kalt und trieb von allen Seiten eine furchtbare Wolkenmasse zusammen. Dann wurde es still, und dichte Schneeflocken fielen senkrecht herab, als wollte der Himmel ein Leichentuch über die Gefallenen breiten. Der Ritterschlag. Dänemark und Schweden führten einen langen, blutigen Krieg. Holland hatte dem ersteren Staate seinen ritterlichen Beistand zur See gegönnt und Herrn de Ruiter bei dieser Gelegenheit den Oberbefehl erteilt. Endlich kam der Friede zu stande. Bis Ende Juli war kein dänisches Eigentum mehr in schwedischer Gewalt. Die holländische Flotte ward heimberufen, und der Admiral zur Abschiedsaudienz nach dem Schlosse Frederiksborg beschieden. Es war zehn Uhr morgens, als Michael de Ruiter mit seinem Stabe eintraf und von dem Feldmarschall Schack empfangen wurde. Die Kammerjunker, die den Dienst in des Königs unmittelbarer Nähe hatten, steckten die Köpfe zusammen und machten insgeheim ihre Bemerkungen. Graf Oskar Banner, der jüngere Sohn eines altberühmten Hauses, zuckte die Achseln und sagte hochfahrend: »So viel Wesen um einen holländischen Bauern!« »Es ist aber doch ein merkwürdiger Mann!« antwortete einer der Umstehenden. »Bedenkt doch nur, was er alles gethan hat.« »Pah! Die Banner haben auch Seesiege erfochten. Jeder dänische Seemann hätte, so ausgerüstet, dasselbe gethan. Und nun ein solcher Empfang einem Republikaner zu Ehren! Es gereicht dem ganzen Adel zum Aergernis.« »Wie er sich nur benehmen mag?« warf ein anderer hin. »Erbärmlich genug, wie sich von selbst versteht. Auf seinem Schiffe, zwischen den Teerwänden, mag es noch angehen. Aber auf diesem Boden! Seid versichert, es wird eine Komödie geben.« »Wo soll er es auch gelernt haben?« fragte ein dritter. »Es wurde mir erzählt, daß er eigentlich ein gemeiner Handwerker sei.« »Gewiß!« rief Oskar Banner. »Er war Radjunge auf einer Seilerwerft. Für jedes schlecht gedrehte Tau bekam er mit einem guten Tau seine richtigen Hiebe. Während dieser Manöver auf seinem Rücken schenkte sein hochgeborener Herr Vater den Werftarbeitern sein schales Bier aus.« »Ein Seilerjunge! Das ist ja noch weniger als die Bootsjungen, die sich hier auf dem Holm umhertreiben!« »Ihr sagt recht!« fuhr Oskar Banner fort. »Darum möchte ich auch nicht, daß ich mit ihm in Berührung käme, denn ich weiche ihm nicht einen Schritt.« »Dergleichen hat schon mancher gesagt!« war die Antwort. »Wenn aber Seine Majestät den Admiral zur Tafel zöge, und Ihr hättet den Dienst, so würdet Ihr ihm, ohne ein Wort zu sagen, den Becher füllen.« Oskar Banner wollte etwas erwidern, als der Kanzler den Admiral einführte, und der König von der andern Seite eintrat. Friedrich III. stand im Anschauen des Helden verloren, der die reichsten Kränze des Ruhmes auf seinem Haupte trug und doch so anspruchslos und bescheiden dastand, als komme er, Dank zu spenden, nicht zu empfangen. Nicht lange vermochte der König, seine Empfindungen zu unterdrücken; er eilte dem Seemann entgegen und ergriff seine Hand. Zu tief bewegt, um zu reden, schloß er ihn lautlos in seine Arme. Nachdem die erste Aufwallung vorüber war, nahm Friedrich III. den Arm des Admirals und führte ihn in den Saal. Stolz, Freude und Verlegenheit malten sich auf dem Gesicht de Ruiters. Ihm schien es, als ob er eine solche Ehre gar nicht verdiene. Als der König plötzlich stehen blieb, begegnete es dem Admiral, daß er den Hut fallen ließ. Der König, welcher es bemerkte und das mühsam unterdrückte Lachen seiner Junker hörte, wandte sich unwillig zu diesen und sagte: »Graf Banner, hebt den Hut des Herrn Admirals auf!« Der Kammerjunker machte eine abwehrende Bewegung und antwortete: »Eurer königlichen Majestät und Eurem hohen königlichen Hause zu schuldigen Diensten verpflichtet. Aber der Zweig eines Baumes, der jahrhundertelang in dänischer Erde wurzelt, ist zu zähe, um sich nach einem Matrosenhute zu bücken.« Ein Schrei des Unwillens erscholl aus den Reihen der holländischen Offiziere. Der Admiral erbleichte und stützte sich auf die Schulter seines Shout by Nacht. Die dänischen Kavaliere blickten mit unverhehltem Staunen auf den kecken Kammerjunker. »Herr Admiral,« sprach Friedrich III. mit lauter Stimme, »dieser Auftritt mahnt mich an meine Pflicht. Von einer Vergeltung kann zwischen uns nicht die Rede sein; aber ich wünsche diesen Tag durch ein Ereignis zu bezeichnen, das Dänemark Ehre bringt. Habt Ihr meinen Auftrag vollzogen, Herr Kanzler, so teilt der ehrenvollen Versammlung meinen königlichen Beschluß mit.« Der Kanzler verbeugte sich ehrerbietig, entrollte ein Pergament, welches er in der Hand hielt, und las unter dem tiefen Schweigen der Anwesenden das königliche Dekret, durch welches Herr Michael Adrianzoon de Ruiter in den Adelstand des Königreiches erhoben ward. Das dem neuen Ritter verliehene Wappen bestand in einem vierfach geteilten Schild. In dem obern Abschnitt rechts befand sich ein geharnischter Ritter, der ein blankes Schwert in der gehobenen Hand hält, darunter im blauen Felde ein gelbes Geschütz mit drei gelben Kugeln; oben links ein weißes Kreuz im roten Felde und unten auf himmelblauem Grunde ein weißes Admiralschiff. Das ist das Wappen des Seemanns. Als der Kanzler die Zeremonie des Vorlesens beendet hatte, winkte der König dem Feldmarschall und empfing von diesem das königliche Reichsschwert. Auf seinen Wink kniete der Admiral nieder. Der König berührte seine Schulter mit dem Schwerte und sagte dabei: »Duldet diesen Schlag, Herr Ritter de Ruiter, und umarmt mich als Euren Freund. Diese goldene Kette aber tragt mir zur Erinnerung und als ein Andenken an diese Stunde.« Der Admiral war tief bewegt und konnte die Gefühle seines Herzens nur durch einzelne Worte kundgeben. Der König ließ sein blitzendes Auge durch den Kreis der ihn umgebenden Edelleute schweifen und rief dem mit bleichem Gesicht neben ihm stehenden Oskar Banner in strengem Tone zu: »Wenn es jetzt gefällig ist? Den Hut da!« Zitternd, die Augen zu Boden geschlagen, ging Oskar Banner mit wankenden Knieen der Stelle zu, wo der Hut lag, hob ihn auf und reichte ihn dem Viceadmiral. Dieser nahm ihn und sagte. »Ihr seid sehr höflich, mein werter Graf, und ich würde mich glücklich schätzen, wenn es mir möglich wäre, Euch von der Redlichkeit meiner Gesinnungen zu überzeugen. Bedürft Ihr einst in Holland eines Freundes, so wendet Euch vertrauensvoll an mich.« Der Graf erwiderte hierauf nichts. Der König aber rief ihm zu: »Wenn Ihr eine Reise in das Ausland machen möchtet, so habt Ihr unbeschränkten Urlaub. Hört Ihr? Unbeschränkten! Eure Hand, de Ruiter!« Mit diesen Worten ging der König mitten durch die erschreckten Kammerjunker und führte den neuen Ritter zum Bankett. Deutsche Gäste. Zahlreiche Gruppen hatten sich am Strande gebildet, um die Flotte zu schauen, die in der Mitte des Mai 1666 auf der Rhede des Texel segelfertig lag. Alle Schiffe glänzten in lichtem Farbenschmuck. Die Geschütze glitzerten im Sonnenschein, die langen roten Wimpel züngelten in blauer Luft. Weiße Zelte breiteten sich über jedes Halbdeck aus. Bis zum höchsten Topp waren die Masten mit bunten Flaggen bedeckt. Auf den Decken der Hauptschiffe erscholl eine lustige Musik, und zahlreiche Böte flogen zwischen der Flotte und dem Lande ununterbrochen hin und her. In den dichtgedrängten Haufen der Zuschauer am Lande wurden mancherlei Stimmen laut. Ein alter Seeschwalker mit zerschossenen Beinen und lahmer Hand, der noch unter Pieper Hein dabei gewesen war, jubelte laut, daß der Tanz nochmals losginge, und endlich wieder etwas Rechtes geschehen werde. Er schwätzte von einem Flottenreiche zur See, das nach und nach alle Dänen, Schweden und Engländer, und wie sie sonst heißen, vernichten und allein herrschen werde, so weit die Wellen blauen. Andere Leute aber, deren Gewerbe nur in Ruhe und Frieden gedeihen, thaten laut Einsprache und verwiesen ihm sein loses Maul, sowie daß er sich über anderer Leute Unglück freue. Das dauerte fort, bis ein ehrsamer Gewerksmann sich dazwischen legte und sagte: »Ihr schwätzt, wie Ihr es versteht. Die Welt ist nun einmal verkehrt, und da ist es schon recht, wenn sich etliche finden, welche sie wieder in Ordnung bringen wollen. Laßt Ihr in Gottes Namen einen ordentlichen Krieg kommen, um so besser ist der Frieden hinterher. Frankreich geht mit uns gegen die Engländer los. Seine Flotte wird sich mit der unsrigen vereinigen, und der Herzog von Beaufort wird sie kommandieren. Nun, dann sind wir doppelt stark und bekommen um so eher Ruhe und Frieden.« »Das ist nichts!« schrie der Invalide wieder. »Was sollen wir mit den Franzosen, wenn wir es allein ausfechten können? Was meint Ihr zu einem Königreiche auf der See und de Ruiter König? He! Wie gefällt Euch das?« »Ganz und gar nicht!« antwortete der Gewerksmann. »Ihr thätet am besten, still zu schweigen, um so mehr, als kein Mensch auf Euch hört in diesem Augenblicke, wo es losgeht. Da fällt der erste Schuß! Und die Musik fängt auch schon an. Ist das ein Leben!« Eine lange Reihe von Ruderfahrzeugen ward sichtbar. In dem vordersten saßen Musikanten, die hatten Scharlachröcke mit Silberfransen an, und schmetterten aus ihren Trompeten, daß es eine Lust war, sie zu hören. Daraus folgte ein Boot mit Flaggenoffizieren, welche den Dienst bei den hohen Gästen hatten. In der nun folgenden Staatsschaluppe befanden sich die Deputierten der Generalstaaten. Sie ruderten vor einer vergoldeten Barke her, in welcher die vornehmen Gäste Platz genommen hatten. Zwölf Kavaliere ruderten dieselbe und das Steuer führte der Admiral Cornelius van Tromp. In dem Hauptteil der Barke befand sich Herr Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg. Ihm zur Seite saßen die Herren Herzöge von Anhalt und von Holstein, ihnen gegenüber aber die Prinzen von Nassau und Oranien. In den darauffolgenden Böten sah man eine große Anzahl Herren des niederländischen und brandenburgischen Adels. Während die Böte langsam dahinfuhren, begrüßt von dem Jubelruf des am Lande harrenden Volkes, wendeten die Gäste einzelnen Schiffen ihre freundliche Aufmerksamkeit zu. Aber ein allgemeiner Ruf des Staunens ward vernommen, als jetzt die Böte über die Bucht hinauslegten, und die ganze holländische Flotte im vollen Kriegs- und Festschmuck sich ihren Blicken zeigte. Der das Steuer führende Admiral aber sagte, sich verneigend: »Mit Verlaub, gnädigster Herr Kurfürst und Ihr durchlauchtige Fürsten und Herren, die Flotte der vereinigten Provinzen bittet um die Ehre, den ersten Willkommen darbringen zu dürfen.« Alsbald sah man am Bord der Schiffe, welche die erste Eskadre bildeten, die Matrosen in die Wanten hinauffliegen und die Rahen bemannen, während von den Decken die Kanonen zu donnern anfingen. Der Kurfürst sah dem Schauspiel mit wachsendem Interesse zu und sagte, als der letzte Schuß verhallte: »Wessen Geschwader ist dies?« Und als Herr Cornelius van Tromp sich als den Befehlshaber desselben zu erkennen gegeben, setzte der Kurfürst hinzu: »Seid bedankt, Herr Admiral!« Darauf wandte er sich zu dem Herzoge von Anhalt und sprach: »Euer Liebden erkennen auch, das wir uns im Binnenlande einen anderen Begriff von den Seeküsten machen. Wir haben hier die Ueberzeugung von einer Weltherrschaft mit einemmal vor uns.« »Dafür seid Ihr im Binnenlande mächtig,« entgegnete der Anhalter. »Dort seid Ihr siegreich und könnt alles andere gern entbehren.« »Meint Ihr das?« fragte der Kurfürst. »Ich nicht; vielmehr glaube ich festiglich, daß deutsche Fürsten, deren Lande mit der See grenzen, ihre Herrschaft erst wahrhaft befestigen, wenn ihre Schiffe auf der See herrschen, wie ihre Heere am Lande.« »Kurfürstliche Gnaden haben damit einen gesegneten Anfang gemacht,« entgegnete der Anhalter. »Die kurbrandenburgische Flagge wehte bereits siegreich auf der Küste von Afrika, und es liegt nur an Euch, derselben auch im fernen Indien die gebührende Achtung zu verschaffen.« Während die Fürsten so mitsammen sprachen, neigte sich der Nassauer zu seinem Vetter Oranien und flüsterte ihm zu: »Das ist wieder das alte Lied von einer brandenburgisch-deutschen Flotte. Pah! Deutsche Flotte.« Der Kurfürst hatte die leise gesprochenen Worte vernommen und sah den Prinzen verweisend an. Darauf sagte er zu dem Herzoge von Holstein: »An Euch, Ihr Herren an der Nordsee, liegt es allein, wenn wir es zu nichts bringen! – Ihr habt die Schlüssel zu der Eider, zu der Elbe, Weser und Ems. Ihr habt . . . . . Aber warum verliere ich unnütze Worte? Ihr wollt nicht sehen, sonst müßtet Ihr gewahren, daß Ihr, von Strömen und Meeren eingezwängt, dazu ausersehen seid, sie zu beherrschen.« Der Donner der Kanonen begann aufs neue, und Cornelius van Tromp sagte: »Mit Verlaub, kurfürstliche Gnaden! Dort links liegt das Geschwader des Admirals Johannes Meppel, dort jenseits der Linie ankert das Reserve-Geschwader des Admirals Evertson. Das Zentrum aber, vor welchem wir jetzt halten, befehligt Herr Admiral de Ruiter, und da ist das Schiff »die sieben vereinigten Provinzen«, welches jetzt durch Euren und der anderen durchlauchtigen Herren Besuch geehrt werden soll.« In diesem Augenblicke erschien der Ober-Admiral auf dem Dache der Hütte, umgeben von sämtlichen Kommandeuren der Flotte, und brachte ein lautes Lebehoch aus. Zugleich begannen die Kanonen zu donnern, und die Musikanten spielten, während die Matrosen auf den Rahen paradierten. Herr de Ruiter stieg jetzt das Fallreep herunter. Er beschritt den Prahm, der zum Anlegen der Böte bestimmt war, und reichte dem Kurfürsten die Hand, um ihm beim Aussteigen behilflich zu sein. Der Kurfürst schlug ein und sagte: »Das ist die Hand, welche das Schicksal der Flotten lenkt!« worauf dann der Admiral besonnen entgegnete: »Und Eure kurfürstliche Durchlaucht halten diese Hand gefangen.« Der Kurfürst fand an dieser Aeußerung ein sonderliches Behagen und stieg froh gelaunt zu Deck, wo die Soldaten in Parade aufgestellt waren, und der Offizier vom Dienst den Rapport überreichte. Danach aber begab man sich in die Staatskajüte. Die Festtafel, an welcher, außer den fürstlichen Gästen, nur die Deputierten der General-Staaten und die kommandierenden Admirale speisten, war auf dem Halbdeck auf das kostbarste hergerichtet. Alle waren fröhlich, und mancherlei Gesundheiten und Trinksprüche waren schon ausgebracht, als Herr de Ruiter sich erhob und, sich verneigend, sagte: »Mit Eurer Durchlauchtigkeit Erlaubnis wollte ich hier zwei junge Kapitäne aufführen, welche in Deutschland geboren sind und unserer Flagge angehören. Dies ist Kapitän Weiland aus Köln und jener dort Kapitän Bargfeld aus Stettin. Sie befehligen die beiden leichten Fregatten, welche Euer Durchlaucht hier an unserm Backbord erblicken, und bitten um die Ehre, kurfürstliche Gnaden wollen gnädigst einem Scheingefechte zusehen, welches sie auszuführen soeben im Begriffe sind.« »Das will ich gern, sehr gern,« entgegnete der Kurfürst. »Und deutsche Herren sind es? Ihr sollt bedankt sein, de Ruiter, daß Ihr die Deutschen anlernt zu so edlem Handwerk.« »O, Herr Kurfürst, das ist ein Geschäft, das sich lohnt,« entgegnete der Admiral. »Die Deutschen lernen vor allen andern rasch, weil sie ein eigentliches Seevolk sind, und Euer Gnaden kann sich darauf verlassen, daß ein Deutscher mehr Strapazen erträgt, als drei Holländer.« »Hat Euer Liebden diese Worte vernommen?« fragte der Kurfürst den Herzog von Holstein, und wandte sich dann zu den Kapitänen: »Nun, meine Landsleute von der Ostsee und vom Rhein, nach den Lobsprüchen, die der Herr Admiral Euch zu teil werden läßt, bin ich gespannt auf das, was ich sehen soll. Ihr werdet einen aufmerksamen Zuschauer haben.« Die Kapitäne entfernten sich rasch. Ihre Fregatten lichteten die Anker, umsegelten, die eine am Backbord, die andere am Steuerbord, das Admiralschiff, welchem sie die Honneurs machten, und legten sich dann auf Schußweite aus, worauf das Gefecht begann. Der Kurfürst wandte kein Auge von den beiden Fahrzeugen, die das ganze Schlachten-Manöver durchmachten, sich bald verfolgten, bald enterten, bald einen Wettkampf im Segeln bestanden und zuletzt die glatte Lage abfeuerten und unter hundertstimmigem Jubelruf von ihrem großen Maste die kurbrandenburgische Flagge abwehen ließen, die mit lautem Trompetenschall begrüßt wurde. »Das war ein herrlich Spiel, Herr Admiral, für welches ich Euch meinen Dank sage,« sprach der Kurfürst. »Aber es ist spät geworden, darum wird es Zeit, wenn wir noch etwas mehr in Augenschein nehmen wollen; ich hebe also mit Eurer Erlaubnis die Tafel auf.« Der Kurfürst bestieg die bereit gelegte Schaluppe. Herr de Ruiter begleitete ihn allenthalben hin und ließ von verschiedenen Schiffen, welche dem fürstlichen Herrn besonders auffielen, diejenigen Manöver ausführen, in denen sie sich besonders auszeichneten. Als nach drei Stunden der Kurfürst wieder über das Fallreep der »sieben vereinigten Provinzen« stieg, sagte er, indem er sich mit dem Admiral in dessen Kajüte begab, zu seinen Begleitern: »Ich fürchte, Ihr Herren, es wird lange dauern, bevor ich Euch auf der Rhede zu Pillau ein solches Schauspiel – wenn auch nur im kleinen – werde bieten können.« Der aufmerksame Wirt und sein hoher Gast hatten sich lange eifrig unterhalten. Als der Abend hereinbrach, stand der Kurfürst rasch auf und sagte mit innerer Bewegung: »Das meinte ich. Ihr wiederholt mir, was ich so oft, aber stets vergebens sagte. Die deutschen Fürsten wollen nicht begreifen, was ihnen frommt. Aber ich lebe der festen Ueberzeugung, daß eine Zeit kommt, wo sich das verwirklicht, was ich allein vergebens auszuführen trachte. Wenn Deutschland das ganz werden soll, was es sein kann, so müssen deutsche Kolonieen jenseits des Meeres entstehen, und deutsche Kriegsschiffe müssen die deutschen Kauffahrer vor jeder Fährlichkeit schirmen können. Aber bis dahin wird wohl noch eine lange Zeit ungenützt verstreichen.« »Das sollten kurfürstliche Gnaden, soviel nur thunlich ist, verhindern,« sagte der Admiral. »An der Elbe und an der Weser, wie am Pregel müßten stattliche Kriegshäfen entstehen, wie bei uns zu Vlissingen. Ihr habt ja Bäume genug in Deutschland für Kiel und Mast, und in Euren Bergen liegt das Eisen, aus dem Ihr Anker und Ringbolzen schmieden könnt.« »Genug, Herr Admiral!« entgegnete Friedrich Wilhelm. »Es ist Abend worden und Zeit, daß wir nach dem Lande zurückkehren. Bewahrt es in Eurem Herzen, was wir miteinander sprachen.« Als der Kurfürst auf das Verdeck zurückkehrte, hatte sich der Schauplatz verändert. See und Küste verschwanden in der Abenddämmerung in eins. Die Zelte waren von den Verdecken entfernt und die Masten von oben bis unten mit farbigen Lampen und Laternen geschmückt. Reiche Erfrischungen wurden aufgetragen, und bunt-phantastisch herausgeputzte Negerknaben bedienten die Gäste. Der Admiral führte den fürstlichen Gast auf einen eigens für ihn bereiteten Sitz und sagte dabei: »Euer Durchlaucht haben unserer Flotte samt allem, was ihr angehört, eine große Aufmerksamkeit geschenkt und unser Streben höchlich belobt. Möge es Euch nun auch gefallen, mit gnädigem Auge auf unsere Ergötzlichkeiten herabzusehen.« Eine lustige Musik begann, und kräftige Stimmen sangen ein fröhliches Lied, das sich von Bord zu Bord verbreitete. Absonderlich schön war es aber anzuhören, als die Sänger zuerst auf dem Admiralschiffe schwiegen, dann die auf dem zunächst gelegenen Schiffe und weiter auf dem dritten und vierten, so daß der Gesang nun allmählich fernab verhallte, wie ein leichter Abendhauch, der über die plätschernden Wellen hinstreift. Darauf erschienen Tänzer, welche künstliche Tänze und Kraftsprünge ausführten. Aber alles war lustiger Art und nichts dabei, was so halsbrechend war, daß es Furcht, oder so gemein, daß es hätte Widerwillen einflößen mögen, sondern alles wurde mit solchem Anstande ausgeführt, daß es fast zu verwundern war, wie derbes Seevolk sich dergleichen manierliches Benehmen hatte aneignen können. »Nun, Ihr Herren,« rief der Kurfürst, als sich die Spiele zu ihrem Ende neigten, »es ist spät geworden, und wir dürfen unsern gastfreien Wirten nicht länger beschwerlich fallen. Rüstet die Böte zur Abfahrt!« Trompeten und Pauken verkündeten den Aufbruch der hohen Gäste. Als das Boot mit den Fürsten vom Fallreep abstieß, erschien der Admiral mit allen seinen Offizieren auf der Galerie. Das Admiralschiff strahlte in rotem Feuer, und feierlich hallte Schuß auf Schuß von den Batterien der Back und der Schanze. Die Matrosen prangten auf den Rahen, und die Marinesoldaten schulterten das Gewehr. Eine Stunde später waren sämtliche Lampen erloschen. Nur in den Marsen brannten die Wachtlaternen, und tiefe Stille herrschte ringsumher. Vor Dünkirchen. Die holländische Flotte ankerte im Juni 1666 auf der Höhe von Dünkirchen. Kaum zwei Meilen abwärts lag die englische Flotte unter dem Oberbefehl Monks. An Bord des Admiralschiffes »die sieben Provinzen« hatten sich Gäste eingefunden. Es waren drei junge Kavaliere, der Graf von Grammont, der Marquis de la Ferté und der Fürst von Monaco, welche sich die Ehre erbeten hatten, unter Herrn de Ruiter einer Seeschlacht beizuwohnen. Mit ihnen war der berühmte Maler Herr Willem van der Velde erschienen, um Stoffe für seine Bilder zu finden, und der Admiral hatte alle diese Herren mit großer Gastlichkeit empfangen. Am 11. Juni, bald nach Sonnenaufgang, war die Flotte völlig schlagfertig. Der Himmel war durchsichtig blau; einzelne weiße Wölkchen schwammen an ihm auf und ab. Der Wind wehte so, daß beide Flotten sich entgegensegeln konnten. Die Offiziere waren auf ihren Posten, die Kanoniere bei den Kanonen, die Topp- und Deckgasten bei den laufenden Tauen. Die englische Flotte hatte ihre Segel gehißt und braßte sie halb an den Wind. Die Holländer thaten ein Gleiches, und beide Flotten nahten sich mit überraschender Schnelle. »Es sind gute Segler dabei,« sagte de Ruiter. »Lassen mir nicht Zeit, meine Kommandeure noch einmal zu sehen. Zeigt einen weißen Wimpel auf dem Vortopp. Sie werden meine Absicht erraten und haben den Feind vor sich.« Die französischen Herren, die tags zuvor an Bord gekommen waren, begrüßten ihn und baten um seine Befehle. Er aber entgegnete: »Ich kann nicht jedem einzelnen besondere Anweisungen geben. Der Seemann muß mit eigenen Augen sehen. Beim Entern seid Ihr an Eurem Platz. Da gilt es!« Eine heftige Kanonade, die plötzlich begann, unterbrach den Admiral. Cornelius Evertsons Geschwader war vorangesegelt und mit dem Admiral Sir Thomas Allen zusammengetroffen. Der Kampf wurde mit großer Erbitterung begonnen »Der treibt es anders, als sein Bruder Jan!« rief de Ruiter. »Der ließ den Feind an sich kommen und schoß ihn dann in Grund und Boden. Aber dieser geht ihm stracks entgegen. Wenn nun der Johannes Meppel . . . Blaue Flagge am Kreuztopp! Wollen sehen, ob er es beachtet.« »Scheint mir nicht,« entgegnete der Flaggenoffizier. »So muß eine Botschaft zu ihm an Bord! Eine Schaluppe! Schnell!« Herr von Grammont, der die Bewegungen der Flotte genau beobachtet hatte, rief lebhaft aus: »Wenn jetzt unser linker Flügel die Engländer umsegelt und Ihr das Zentrum zugleich angreift, so ist das Glück des Tages entschieden.« »Ihr habt recht!« entgegnete de Ruiter. »Wen sende ich?« »Mich, Herr Admiral!« rief der Edelmann. »Ich bürge Euch für die glückliche Ausführung!« Und ohne weitere Ordre sprang er in die harrende Schaluppe, die schnell mit ihm davonruderte. »Braßt voll!« befahl der Admiral und beobachtete ein englisches Admiralschiff, das gerade auf ihn abhielt. »Da ist Lord Ascue! Bringt ihm unsern guten Morgen! Feuer aus der vordern Schanze!« »Feuer!« wiederholten die Kanoniere. Herr van der Velde, der dort saß und die Gesichter einiger Matrosen in seine Schreibtafel zeichnete, sprang auf. »Das hat man davon, wenn man sich mit solchen Fratzengesichtern einläßt. Nun, Jungens, nehmt Euch tüchtig zusammen, damit ich sehen kann, wie Ihr so einen Engländer entert; dafür sollt Ihr auch alle mit auf die Leinewand kommen.« Er nickte ihnen zu und stieg dann die Wanten des Fockmastes hinauf, um den Schlachtplan zu überschauen. »Schwarzer Herr, wohin?« fragte der Vortopp-Kapitän den Maler, der sich gemächlich durch das Soldatenloch drückte. »Nicht weiter, als ich schon bin!« antwortete dieser. »Ich denke, von hier aus können wir der Schlacht bequem zuschauen. Ihr habt schon Gesellschaft? Guten Morgen, Fürst!« Der junge Fürst von Monaco grüßte obenhin und spähte sorgsam dem Boote nach, mit welchem sein Schwager abgefahren war. »Das könnt Ihr hier bequemer sehen!« sagte der Maler und hielt dem Fürsten seine Tafel hin. »Da habt Ihr das Boot und den Grafen dazu. Wird sich seiner Zeit in dem Admiralitätssaal zu Amsterdam leidlich genug ausnehmen. Fürstliche Gnaden, wo bringe ich Euch an?« Der Fürst deutete mit der Hand auf das englische Admiralschiff »Prince royal«, das eben jetzt den Kampf anbot; dann eilte er auf das Verdeck zurück, während das englische Admiralschiff unter fortgesetztem Feuern wie ein unheildrohendes Gewitter heranschoß. Der Segelmeister trat zu de Ruiter und meldete, daß die Schaluppe des Herrn von Grammont glücklich den linken Flügel erreicht habe, daß aber das befohlene Manöver nicht ausgeführt werden könne, da der Wind völlig aufgehört habe. »Das ist nicht unsere Schuld!« entgegnete Herr de Ruiter. »Frisch, Jungens, brennt ihm tüchtig auf den Pelz!« In diesem Augenblick erschien Admiral George Ascue auf der Galerie seines Schiffes. Als de Ruiter ihn erblickte, grüßte er verbindlich nach dem englischen Schiffe hinüber. Sir George Ascue erwiderte den Gruß mit vieler Förmlichkeit, während die Kanonen donnerten und Eisen auf Eisen von sich schleuderten. Die Matrosen hielten die Enterhaken bereit, und beide Schiffe näherten sich auf eine bedrohliche Weise. Der Fürst von Monaco stand mit einem Dutzend von seinen Leuten auf der vorderen Schanze und wartete auf den günstigen Augenblick. Der Maler war oben geblieben und sah dem Schauspiel mit wachsendem Erstaunen zu. »Hätte diesem Italiener nicht so viel Courage zugetraut,« sagte er vor sich hin. »Jetzt wird es bald so weit sein. Nun gilt es, sich festzuhalten, wenn die Schiffe seitlängs rennen.« Vom Kiel bis zum Mast erbebten die Schiffe, als sie jetzt zusammenstießen und wieder von einander abprallten. »Holla!« rief der Maler erregt. »Der Fürst wird nicht zum Entern kommen, wenn nicht . . .« Er riß einem Seesoldaten, der nach einer andern Seite hingaffte, das Gewehr aus der Hand, feuerte, und gleich daraus stürzte von der Fockrahe des englischen Admiralsschiffes ein Matrose zu Deck, der auf den Fürsten angeschlagen hatte. In demselben Augenblicke wagte der Fürst einen kühnen Sprung und erreichte das Verdeck des Engländers. Als seine Genossen folgen wollten, gierten durch eine ungeschickte Bewegung des Steuers beide Schiffe auseinander; der wieder erwachte Wind warf sich in die Segel; der Fürst war gefangen. »Lebt wohl, Fürst!« rief der Maler tragikomisch. »Wir werden uns wohl sobald nicht wiedersehen. Nimm Dein Gewehr wieder, Bursche, und Ihr, Landsmann, macht Euren Rücken zu meinem Tisch, damit ich das festhalte.« Die Schlacht brauste weiter. Die Eskadre des Admirals Meppel hatte den Wind wieder eingefangen, aber nun war das Umsegeln der weit ausgedehnten englischen Linie nicht mehr möglich. Cornelius van Tromp focht noch immer mit gleicher Ausdauer, und Evertson kämpfte nun schon zwei Stunden mit dem Geschwader des Sir Thomas Allen. Kapitän Matthias van Zoom, der Flaggen-Kapitän des Admirals Evertson und dessen Freund von Jugend auf, standen auf dem Halbdeck. Der letztere, der schon am frühen Morgen einen Streifschuß empfangen hatte, trug den Arm in einer Binde und sah den Freund, der ihn vom Halbdeck haben wollte, unwillig an. »Was bekümmern mich Deine Ahnungen? Das ist eitel Aberglaube! Was sollen die Leute von unserm Flüstern denken?« »Die Engländer haben Dich aufs Korn genommen! Sieh die Brigg, die gerade auf uns abhält.« »Wir wollen sie umsegeln.« »Sobald Du herunter bist, eher nicht.« Der Admiral wurde nun ernstlich böse und rief mit lauter Stimme: »Kapitän Matthias van Zoom, umsegelt sogleich jene Brigg!« »Wie Ihr befehlt,« entgegnete der Kapitän und ging. In diesem Augenblicke fuhr der Admiral mit der Hand nach dem Herzen und sank in die Arme des zurückeilenden Freundes. Der Donner der Schlacht verstärkte sich. Der Pulverdampf hüllte die Schiffe so dicht ein, daß jede Fortsetzung des Kampfes unmöglich wurde. Die Geschütze schwiegen. Bald frischte der Wind stärker auf; er riß die Pulverwand, aber auch die Schiffe auseinander. Dann sank die Sonne unter den Horizont. Die ermüdeten Kämpfer schauten gleichgültig drein; sie dachten kaum an den folgenden Morgen. Dieser brach an, und die Schlacht wurde von Engländern und Holländern auf der ganzen Linie wieder aufgenommen. Allen Schiffen war eine besondere Ordre erteilt worden, um eine Uebereinstimmung des Angriffs zuwege zu bringen. Bald aber wurden die einzelnen Schiffe voneinander getrennt, und jeder Kapitän mußte auf eigene Verantwortlichkeit handeln. Admiral Cornelius van Tromp zog sein Geschwader, das während der Nacht bedeutend abwärts getrieben war, an sich. Es lag weit außerhalb der Schlachtlinie und bildete einen Halbkreis. Er umsegelte die befreundete Linie der Holländer und hielt gerade auf die englische Flanke ab. Zu seiner Linken segelte der Vice-Admiral Abraham van der Hulst, ein lustiger, fröhlicher Seemann, der seine Offiziere mit lautem Rufe bewillkommnete und die Mannschaft mit einem Trunke kräftigen Genevers zu erfrischen befahl. Darauf nahm er seinen Platz auf dem Halbdeck und betrachtete ein Signal, das von dem großen Topp des Admiralschiffes abwehte, welches eben jetzt vorübersegelte. Cornelius grüßte seinen Waffengefährten und rief ihm zu: »Gemächliche Station das. Wir haben die Engländer wie eine Herde Gänse vor uns hergetrieben.« »Dafür bleibt der Treiberlohn nicht aus,« entgegnete van der Hulst und deutete auf ein bewaffnetes holländisches Fluitschiff, das mehrere englische Transportschiffe genommen hatte, die es jetzt in Sicherheit brachte. Die Schlacht ging fort. Das Zentrum, wo de Ruiter befehligte, schien hart bedrängt, worauf denn Cornelius van Tromp seinem Geschwader den Befehl erteilte, zum Entsatz des Ober-Admirals herbeizueilen. Aber dies Geschwader war durch kleine Einzelgefechte zerstreut. Daher segelte der Admiral mit den vorhandenen Schiffen voran und befahl dem Viceadmiral, die anderen zusammenzuziehen und ihm dann zu folgen. Dies erforderte jedoch einige Zeit, da einzelne Schiffe erst in mehreren Streckbugen aufkreuzen mußten. Da es überdies Mittag war, benutzte man diese Zeit, die Leute zu speisen. Mitten durch den Kanonendonner läuteten die Mittagsglocken, und auch die Offiziere gingen unter Deck, um sich zu erfrischen. Drei Stunden waren verstrichen. Die Engländer hatten den ihnen gebotenen Kampf angenommen. Schiff wechselte mit Schiff, Mannschaft mit Mannschaft. Da trat ein Offizier zu dem Admiral van der Hulst und meldete, daß das Geschwader de Ruiters von dem Admiral der weißen Flagge, George Ascue, hart bedrängt werde und sich von diesem Teil des Kampfplatzes zurückziehe. Der Admiral war voll frohen Mutes und befahl, den englischen Dreidecker anzugreifen, der sich ihnen im Luv näherte. Dieser nahm die Schlacht an. Die Schiffe lagen Bord an Bord; man sprang herüber und hinüber. Ein Kampf begann, Mann an Mann, blutiger, erbitterter, wie er bisher an diesen Schlachttagen geführt worden. Da warf sich in der Wut ein englischer Offizier auf den Admiral und rannte diesem den Degen durch den Leib. Er sank sterbend zusammen. Erschreckt, keines Wortes mächtig, standen die Männer umher. Der sich erhebende Wind riß die Schiffe auseinander. Die Matrosen lösten kampfesmüde die Taue der Enterhaken. Einer der Offiziere deckte die Flagge über den gefallenen Admiral. In diesem Augenblick berührte der obere Rand der Sonne den westlichen Horizont, und auf beiden Seiten zogen sich die Streitenden zurück. Sie waren nicht besiegt, aber bis zum Tode ermüdet. Der neue Tag brach an. Der erste rötliche Schimmer fiel auf den Wasserspiegel und ließ die Umrisse der Flotten erkennen, die sich ziemlich weit voneinander befanden. Eine kleine Galiote unter holländischer Flagge näherte sich dem Admiralschiff und brachte einen Offizier an Bord, der sich angelegentlich nach dem Marquis de la Ferté erkundigte. Es war der 13. Juni und der erste Pfingstfeiertag. Unter einem Führer, so fromm und gottergeben wie de Ruiter, durfte ein solcher Tag, selbst unter den Kanonen des Feindes, nicht unbemerkt vorübergehen Feierliches Geläut erscholl auf dem Verdeck des Admiralschiffes. Aus dem Raume, von den Batterien, vom Bugspriet und aus den Marsen kamen die Matrosen und Soldaten herbei, sich um den großen Mast reihend, während die Offiziere einen Halbkreis um ihren Admiral bildeten. Der Prediger erschien darauf, erhob die Hände zum Gebet und sprach zu den wettergebräunten Männern: »Der Kampf für das Vaterland ist auch ein Kampf für den Glauben. Wir können nur mit Erfolg streiten, wenn wir nicht sündigen wider Ihn und an diesem heiligen Tage uns demütigen und unser Herz reinigen. Dazu verhelfe uns der allbarmherzige Gott!« – Der Geistliche fuhr fort aus der Tiefe seines Herzens zu beten. Er rief Heil und Segen auf die Waffen des Vaterlandes herab, flehte um Kraft und Mut, wenn es Gottes Wille sei, daß man unterliege, und bat um ein demütiges Herz für den Sieger. Da begannen plötzlich auf dem rechten Flügel, wo Cornelius van Tromp stationierte, die Kanonen zu donnern, und das Geschwader Sir George Ascues segelte majestätisch auf das Zentrum der Niederländer ein. Der Geistliche, hingerissen von der Größe des Augenblickes, rief mit mächtiger Stimme: »Knieet nieder und empfanget den Segen des Herrn, ohne dessen Willen kein Haar von Eurem Haupte fällt. Der Herr segne Euch und behüte Euch. Er hebe sein Angesicht auf Euch und sei Euch gnädig. Er neige sich zu Euch und gebe Euch seinen Frieden. Amen!« – »Amen!« wiederholte de Ruiter, und männiglich sprach es ihm nach. Und lauter donnerten die Geschütze, näher brauste der Feind heran. Ein Wink des Admirals, und alle standen schlagfertig bei den Geschützen. Da trat der Marquis de la Ferté an den Admiral heran und sagte. »Mein Vetter Armand von Grammont empfiehlt sich Euch für immer. Er ist gestern auf dem Verdecke eines englischen Schiffes nach einem hartnäckigen Kampfe gefallen. Die Botschaft langte vor einer Stunde hier an.« »Das thut mir herzlich leid!« entgegnete der Admiral lebhaft. »Herr von Grammont erwarb sich in einem kurzen Augenblicke meine volle Achtung. Ich würdige diesen Verlust, wie er es verdient. Bleibt Ihr an meiner Seite. Die weiße Flagge Sir Georges Ascues weht so stolz von dem Hauptmaste ab; wir wollen versuchen, sie herunterzubringen. Die »sieben vereinigten Provinzen« segelten kühn auf den »Prince royal« ein. Beide Admirale standen auf der Galerie. Sie begrüßten sich, zogen dann die Schwerter und immer lauter donnerten die Geschütze. Beide Schiffe wurden arg zugerichtet, aber keins ließ von dem andern ab. Die Erbitterung wuchs mit jeder Viertelstunde. Willem van der Velde saß in der Fockmars und zeichnete. Gleich darauf erblickte er den Fürsten von Monaco an derselben Stelle am Bord des Admiralschiffes. Sie machten sich Zeichen. Der Vortopp-Kapitän, der nahe bei dem Maler stand, rief plötzlich laut: »Es wird geentert!« und war mit den Seinigen alsbald zu Deck. Die Schiffe stießen so heftig zusammen, daß der Maler fast aus der Mars herabgestürzt wäre. Die Enterhaken fielen von Bord zu Bord. Der junge Fürst von Monaco hatte den Platz in der Mars sofort verlassen, und der Maler folgte seinem Beispiele. Bald hatte der Fürst dieselbe Stelle erreicht, auf der er am vorigen Tage enterte, und suchte auf das holländische Admiralschiff zurückzugelangen; der Maler stand ihm bei. Aber jener erschien nur auf dem holländischen Deck, um sich zu bewaffnen, dann kehrte er, von dem Maler begleitet, auf das englische Schiff zurück. George Ascue lehnte kampfesmüde gegen den Besanmast. Sein Antlitz war totenbleich, die Lippen preßte er krampfhaft zusammen. »Ergebt Euch, Herr! sprach de Ruiter. »Macht diesem Blutvergießen ein Ende; jeder Widerstand ist unnütz.« »Ich will nicht!« rief der englische Admiral, die geballte Hand erhebend. »Gerne schone ich einen so edlen, tapfern Gegner,« sagte de Ruiter. »Das Glück des Tages entschied gegen Euch.« »Soll ich mich feige ergeben, so lange die Flagge Großbritanniens über meinem Haupte weht?« fragte Ascue stolz. In demselben Augenblicke erscholl ein lauter Jubel von dem Besanmaste, wo Willem van der Velde die Admiralsflagge gestrichen hatte. Er kam damit zu Deck, überreichte sie dem Admiral de Ruiter und sagte: »Hiermit bezahle ich den Aufwand für Kost und Obdach. Nehmt vorlieb mit der Gabe des Künstlers.« George Ascue bedeckte die Augen mit der Hand und sagte: »Ich folge dem Verhängnis. Weiset mir an, wohin ich zu gehen habe.« Die Engländer wurden entwaffnet und auf verschiedene Schiffe verteilt. Der »Prince royal« ward dagegen mit holländischen Seeleuten besetzt. Beide Admiralschiffe zogen sich aus der Linie zurück, um die erlittenen Havarieen zu klaren. Noch war die Schlacht nicht entschieden. Vorteil und Nachteil standen auf beiden Seiten gleich. Leicht konnten die Engländer sich ihres schönen Fahrzeuges wieder bemächtigen und dessen Kanonen gegen die Holländer gebrauchen. Darum hielt Herr de Ruiter einen Rat, was mit dem eroberten Linienschiff zu thun sei. Vernichtung! lautete der allgemeine Ausspruch. »Das ist nur gerecht!« sagte der Hochbootsmann, Herr Abraham Lely, der mit zur Beratung gezogen war. »Wie meint Ihr das?« fragte de Ruiter. »Mit Genehm vor Euer Admiralschaft,« entgegnete der Hochbootsmann. »Es ist heute jährig, seit der tapfere Admiral von Wassenaar mit seinem herrlichen Schiffe daran glauben mußte. Nun, Zug um Zug! Haben wir doch die Engländer erst geborgen, und unsere Leute mußten damals den Sprung mitmachen. Darum darf, mit Genehm, dies englische Ungeheuer aus seinen neunzig Mäulern nicht mehr mitblaffen.« Der Tag war im Scheiden begriffen. Die Holländer hatten das englische Admiralschiff verlassen und sandten zwei Brander gegen dasselbe. Herr de Ruiter aber sagte zu dem Maler: »Ich bin damit beschäftige Euch ein Schauspiel zu bereiten, wie es kein König dem andern geben würde, um nicht in den Ruf eines Verschwenders zu kommen. Ihr sollt ein Bild sehen, gegen welches alle Bilder, die Ihr bisher maltet, kalt und tot erscheinen.« »Mit welchen Farben denkt Ihr das zu malen?« fragte der Maler rasch. »Mit Feuer!« entgegnen de Ruiter. Die Brander krallten sich wie Harpyien an den »Prince royal« an. Aus ihrem unheilbergendem Rumpfe stieg ein tödlicher Dampf empor; einzelne Flammen schlängelten sich um das Takelwerk. Sie wuchsen mit dem Fluge der Sekunden, und ein zischendes, prasselndes Glutmeer wogte auf den Wellen mit steigender Kraft auf und ab. Der Maler blickte unverwandt auf dieses Schauspiel. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen glühten, und die Arme hielt er ineinander verschränkt. »Wer das malen könnte!« sprach er unbewußt vor sich hin. Jetzt flog das feindliche Admiralschiff mit einem furchtbaren Knall in die Luft. Das Firmament erbebte, und in der tiefsten Tiefe hallte es wieder. In der unabsehbaren Dampfwolke flogen brennende Trümmer. Endlich verlöschten die letzten Reste des gewaltigen Baues, der noch vor wenigen Stunden der Stolz und die Hoffnung einer ganzen Flotte war. Und als endlich der letzte Stumpf versank, wagte kein Holländer, einen Ruf der Freude laut werden zu lassen. War es doch, als töne ein Schmerzensschrei aus der Tiefe herauf, der in jeder Brust ein Echo fand. Der neue Morgen stieg aus den Wellen empor; es wehte eine frische Bramsegelkühle. Die nach verschiedenen Seiten hin versprengten Schiffe der beiden Flotten sammelten sich zu den ihrigen. Kein Brite hinderte den Holländer, kein Holländer den Briten; jeder hatte genug mit sich und seinen Havarieen zu thun. Offiziere und Matrosen waren durch die dreitägige Schlacht völlig erschöpft; sie thaten nur maschinenmäßig, was unumgänglich nötig war. Der Fürst von Monaco lag auf dem Ruhebette in seiner Kajüte, und Herr Willem van der Velde pflegte ihn sorgsam, indem er ihn zugleich durch harmlose Scherze zu erheitern suchte. Herr de Ruiter, der einen Rundgang durch das Schiff gemacht und überall mit der größten Umsicht die erforderlichen Maßregeln getroffen hatte, trat ein und sagte zu dem Fürsten: »Mut, edler Herr! Wir werden eine Gelegenheit finden, Euch zu rächen. Euer Freund, der Marquis de la Ferté, wird es übernehmen, und jeder brave Offizier wird ihm beistehen. Ich hoffe, Ihr seid mit allem Nötigen hinreichend versehen?« Ein Offizier unterbrach das Gespräch. Der Admiral ging mit demselben hinaus und sagte: »Herr Lieutenant, was Ihr auch immer zu melden habt, ich mag nicht die Zeichen der Furcht an den Personen meiner Umgebung sehen. Wenn die Offiziere mit den Knieen schlottern, was sollen dann die Matrosen thun?« »Herr Admiral, vergebt!« entgegnete jener. »Es ist eine neue englische Flotte im Ansegeln begriffen. Wenn Ihr Euch auf das Verdeck bemüht, werdet Ihr sehen, daß ich die Wahrheit sagte.« Der Admiral eilte nach oben. Hier hatte sich der Schauplatz seit kurzem bedeutend verändert. Die beiden Flottenlinien lagen sich wieder geordnet gegenüber, aber von keiner Seite wurde an einen Angriff gedacht. Jeder hatte mit seinen schweren Havarieen genug zu thun. Allein plötzlich veränderte sich der Schauplatz. Prinz Robert Stuart eilte mit achtzehn wohlausgerüsteten Schiffen und völlig ausgeruhter Mannschaft herbei, um den erschöpften Freunden beizustehen, und wurde mit lautem Jubel empfangen. Dies Ereignis goß neue Lebenskraft in die Adern jedes Briten. Die Holländer fühlten nur stummes Entsetzen und sahen starren Blickes auf diese unerwartete Erscheinung. Herr de Ruiter blieb in dieser Verwirrung allein ruhig. Indem er seine Befehle mit klaren Worten erteilte, warf er feurige Blicke auf die Flotte der Feinde, und ein stolzer Gedanke umleuchtete seine Stirn. Ein Signal ward an alle Schiffe abgegeben; jedes sollte einige der Seinen an das Admiralschiff senden; nicht Offiziere allein, sondern Leute von allen Graden, Halbmatrosen und Seesoldaten nicht ausgeschlossen. Dichtgedrängt standen bald die Massen versammelt und blickten auf den Admiral, der noch immer nach der feindlichen Linie hinübersah. Plötzlich trat er mitten unter sie und sagte: »Dort ist der Feind! Er ist voll Kraft und Stärke. Wir sind schwach, denn unser Mut ist bei dem Unerwarteten gebrochen. Darum wollen wir retten, was noch zu retten ist. Ich habe Euch zu mir beordert, um Euch zu sagen, daß wir nur noch in eiliger Flucht allein unser Heil finden können.« Tiefe Stille herrschte nach diesen Worten. Manche der Umstehenden sahen den Admiral fragend an, und dieser fuhr fort: »Wenn wir heimkommen, werden sie mit Fingern auf uns zeigen. Sie werden uns eine Weibermütze auf den Kopf setzen und Schandlieder auf uns singen. Aber wir können uns doch am Herdfeuer niederlassen und sagen, daß wir drei Tage gefochten haben . . .« »Aber am vierten wie arme Sünder davongelaufen sind!« rief Willem van der Velde plötzlich dazwischen. »Das paßt nicht in die Bilder, die ich malen soll. Holländische Schiffe auf der Flucht haben auf der Leinwand keinen Platz. Wir wissen wohl, daß unser Admiral uns nur bei der Ehre fassen will, aber das ist gar nicht nötig, denn jeder brave Seemann hat das Herz auf dem rechten Fleck. Wir fechten!« »Wir fechten!« stimmten die Matrosen, unwillkürlich fortgerissen, ein. »Ich hätte es gleich wissen sollen,« rief de Ruiter aus, »daß meine braven Jungen ihre Flagge nicht verlassen würden. Keiner! Gebt mir Eure Hand, Cornelius Tromp, und Ihr, Johannes Meppel, die Eurige. Mancher ist uns in diesen ruhmwürdigen Tagen vorangegangen; laßt sie nicht umsonst gefallen sein. Seid Ihr fest entschlossen, jeder von Euch, vornehm und gering, dem Feinde die Stirn zu bieten?« Ein lautes Ja! ertönte von allen Seiten. »Dann ist auch der Sieg unser. Alle Mann an Bord ihrer Schiffe und mutig dem Feinde entgegen! Mit der Sonne muß auch die englische Flagge sinken. Braßt an den Wind! Wir wollen uns nicht verteidigen, wir wollen angreifen.« Kaum waren die Böte nach den verschiedenen Schiffen zurückgekehrt, als die vordersten Fahrzeuge der englischen Flotte bei den Holländern anlangten. Diese zogen sich zurück und dehnten sich nach beiden Seiten aus, um die Engländer ringsum einzuschließen. Es war ein durch die Not gebotenes Manöver. Und kaum war es ausgeführt, als sie auf den stutzig gewordenen Feind ein mörderisches Feuer eröffneten. Mehrere Stunden währte der Kampf, dann zog sich das Schiff des Prinzen Robert Stuart zurück. Admiral Monk folgte, und Siegesruf erscholl auf dem Verdeck der »sieben vereinigten Provinzen«. Offiziere und Gemeine lagen sich weinend in den Armen. Schon rüsteten sich diejenigen Schiffe, die noch am tüchtigsten waren, zum Verfolgen der fliehenden Feinde, – da graute ein dichter Nebel aus der Tiefe auf, der sich mit jeder Minute verdichtete, und kein Seemann durfte Gott versuchen, indem er in diese Nacht hineinsteuerte. »Gott will es nicht!« sprach de Ruiter. »Er gab den Sieg, Ihm allein sei die Ehre!« Er zog den Hut und schaute zum Himmel. »So male ich ihn!« rief Willem van der Velde, der in den Anblick des Helden versunken dastand. Willem van de Velde d. J.: Die während der viertägigen Seeschlacht 1666 eroberten Schiffe Die letzte Stunde. Es war in der Mittellandssee und am 25. April des Jahres 1676. Auf der Höhe von Catanea im Angesicht des rauchenden Aetna schwamm die französische Flotte unter dem Befehl des Admirals Duquesne, die den Hafen von Syrakus verlassen hatte, um dem holländischen Admiral die Schlacht anzubieten. Der französische Admiral befand sich an Bord eines Dreideckers von neunzig Kanonen »le Saint Esprit« . Unter ihm befehligten der Marquis de Preuilly d'Humières und der Kapitän Beaulieu. Die Flotte bestand aus dreiundzwanzig Schiffen ersten Ranges. Michael de Ruiter zählte achtzehn Segel. Ihm zunächst befanden sich der Vice-Admiral de Haan und die Kapitäne Stierum und Meegang. Es wehte eine flaue Brise, so daß die Flotten sich nur langsam näherten. Nachmittags um vier Uhr befand sich Herr de Ruiter dem französischen Admiralschiffe gegenüber. Die beiden Befehlshaber erwiesen sich den üblichen Ehrengruß, worauf der Kampf sogleich begann. Beide Admirale standen im dichtesten Kugelregen auf ihrem Ehrenplatze. Der Kapitän des holländischen Admiralschiffes, Gerhard Kallenburg, trat an de Ruiter heran und bat ihn, einen Augenblick seine Stelle einnehmen zu dürfen, aber dieser sagte: »Mit nichten, Herr; ich bleibe! Frisch, Jungens, wir schlagen uns für des Landes Ehre! Wer kommt da?« »Das ist die Fregatte des Ritters Tourville, Herr Admiral! Kapitän de Wildt segelt ihm entgegen.« »Der brave de Wildt wird schon mit ihm fertig werden. Was ist die Glocke, Kapitän?« – »Der Mann am Steuer wendet das Stundenglas. Es ist gerade fünf Uhr.« – »So schlagen wir eine Stunde. Wenn abermals eine Stunde vorüber ist . . .« – Der Admiral unterbrach sich und zuckte zusammen. Der Kapitän trat erbleichend herzu. »Um Gottes willen, Herr de Ruiter . . . .« »Still!« entgegnete dieser leise. »Kommt näher, daß ich mich auf Euch stütze: – »Feuer!« Kallenburg war dem Admiral ganz nahe. Dieser sagte: »Mir dunkelt es vor den Augen! Helft!« Mit diesen Worten sank er ohnmächtig zusammen. »Der Admiral ist verwundet!« ertönte es bald darauf von dem Halbdeck bis zur Schanze. Wie ein Todespfeil traf diese Nachricht in jedes Herz. Aber das Leid verdoppelte zugleich die Anstrengung, und die Franzosen wurden mit zweifacher Wut angegriffen. Michael de Ruiter ward in seine Kajüte hinabgetragen. Die Aerzte eilten herbei; der linke Fuß war zerschmettert und beim Niederstürzen hatte er sich am Kopfe bedeutend verwundet. Trotz der heftigsten Schmerzen verzog er keine Miene und bat nur, man möge sich seinetwegen nicht ängstigen. Die Trauerkunde war von Schiff zu Schiff geeilt. Mit der heftigsten Erbitterung warfen sich Matrosen und Soldaten dem Feinde entgegen, und als die Schlacht vier volle Stunden gedauert hatte, mußte der stolze Duquesne den Befehl zum Rückzuge geben. Er ließ Segel setzen und trieb mit dem Winde ab. Das holländische Admiralschiff war nach Syrakus gegangen und lag dort vor Anker. Drei Tage gingen unter Angst und Schrecken vorüber. Mit Rührung sah de Ruiter die Sorge seiner edlen Freunde, und konnte die Thränen nicht zurückhalten. Dann ließ er den Kapitän seines Schiffes rufen und sagte zu ihm: »Man soll sich nicht so sehr um mich bemühen, es ist ja doch alles unnütz.« »Das wolle Gott nicht, daß so trübe Gedanken Euch beherrschen!« sagte erschrocken der Kapitän. »Es ist so, mein Freund! Ich fühle es in mir. Bisher lag es wie Blei auf meiner Brust; jetzt atme ich leicht. Schickt mir den Westhovius, und dann bleibt draußen. Zu dem, was ich Gott in meiner Todesstunde vertrauen will, brauche ich keine Zeugen.« Der Kapitän ging, und gleich darauf trat der Prediger Westhovius ein. Auf die Frage des Admirals, ob der Geistliche seinen Tod nahe glaube, antwortete dieser mit tiefer Rührung: »Ich glaube es. Der Herr, der über Leben und Tod gebietet, setzt Eurem Lauf das Ziel.« – »Ich wußte es wohl.« »Selig sind, die in dem Herrn sterben,« sprach Westhovius. »Und Du thust es, denn Du hast dem Herrn gelebt. Ueber ein kleines wirst Du seine Stimme vernehmen, und er wird Dir sagen: Noch heute wirst Du mit mir im Paradiese sein.« »Das ist mein Trost und meine Zuversicht. Ich bin mir bewußt, daß ich mich nie meines Glückes überhoben habe, und ich sage zu Gott: Es ist mir lieb, daß Du mich gedemütigt hast.« »Hast Du keine Sehnsucht nach den Deinen?« fragte Westhovius. »Willst Du nicht von ihnen reden und ihnen durch mich Deine letzten Wünsche kundthun?« »Ich denke ihrer in jeder Minute, ich spreche es nur nicht aus,« entgegnete der Admiral. »Als ich von Amsterdam schied, nahm ich herzlichen Abschied. Mein reichster Segen ruht auf ihnen, und wenn Du zu ihnen kommst, breite Du statt meiner die Hände über sie aus.« »Ich will es redlich erfüllen.« »Glaubst Du, Diener des Herrn, daß Gott mir gnädig sein und mir meine Sünden vergeben werde?« »Du bist redlich und fromm gewesen. Gehe mit Gottes Kraft zu Deiner wahren Heimat ein.« »So reiche mir die letzte Labung, den letzten Tropfen aus dem Quell des ewigen Erbarmens.« Der Prediger ordnete mit Würde die heiligen Gefäße und reichte dem Sterbenden den Leib des Herrn. Dann erhob er die Hände und sprach: »Der Herr segne Dich und behüte Dich! Er erhebe Sein Angesicht auf Dich und sei Dir gnädig! Er erhebe Sein Angesicht über Dir und gebe Dir Frieden.« De Ruiter betete: »Deine Fluten rauschen daher, daß hier eine Tiefe und da eine Tiefe brause. Deine Wasserwogen und Wellen gehen über mich. Der Herr hat des Tages verheißen Seine Güte, und des Nachts singe ich Ihm und bete zu Gott meines Lebens Hort.« Er lag still und ruhig da. In diesem Augenblicke fühlte er sich schmerzlos. Er wandte das Gesicht zu dem Geistlichen. »Jetzt zu den letzten irdischen Geschäften! Seid so gut und ruft mir die Freunde!« Der Vice-Admiral de Haan erschien mit den übrigen Kapitänen. Michael de Ruiter sprach mit matter Stimme: »Ihr, de Haan, übernehmt nach mir das Kommando. Graf von Swieten rückt in Eure Stelle ein, und mein guter Kallenburg wird Shout by Nacht. Meldet dem Prinzen von Oranien und den Generalstaaten meinen Tod. Allen Offizieren der Flotte, die ich jetzt nicht um mich versammeln kann, meinen herzlichsten Dank für ihre Ergebenheit und Treue. Aller Seeleute, die je mit mir am Bord eines Schiffes lebten, denke ich in Liebe und wünsche ihnen Friede und Freude. Ich lebte stets mit der Welt in Frieden und habe nie einen wissentlich gekränkt. Wäre es aber unwissentlich geschehen, so bitte ich es ihm reumütig ab.« »Schont Euch!« bat Gerhard Kallenburg. »Schont uns!« »Admiral de Haan!« fuhr de Ruiter nach einigen Augenblicken fort. »Ihr seid mein Nachfolger. Mein Sekretär wird Euch die geheimen Instruktionen übergeben; richtet Euch streng danach. Vor allem aber wahret die Ehre der Flagge. Sie sei Euch heilig! Schwört mir alle, daß Ihr sie mit Eurem Leben beschützen wollte »Wir schwören!« entgegneten die Offiziere mit gewaltsam unterdrückter Rührung. »Nun bin ich bereit. Herr, in Deine Hände befehle ich meinen Geist. Willem de Haan, Ihr sollt mir die Augen zudrücken.« Willem de Haan trat zu dem Ruhebette des Sterbenden und beugte sich voll Rührung über ihn. »Welch ein schrecklicher Tag!« sprach Kapitän Kallenburg vor sich hin. »Er stirbt!« sagte mit dumpfem Tone de Haan. »Es ist vollbracht!« betete der Geistliche. »Herr, nimm seinen Geist auf!« Das Schiff hatte mit dem Winde vor seinem Anker gewendet und lag mit dem Spiegel nach Westen. Durch die Fenster fiel ein Strahl der sinkenden Sonne und umleuchtete das Antlitz des Helden, auf welchem ein Lächeln der Verklärung schwebte. Gerhard Kallenburg ging hinaus, um voll tiefer Trauer die Flotte durch einen Tagesbefehl von dem Geschehenen in Kenntniß zu setzen. Der Sekretär trug den Tod in das Loggbuch ein. Am Ufer war zu derselben Zeit eine laute Bewegung. Das Volk jauchzte dem Unterkönige von Sicilien, Marquis von Villafranca, entgegen, der eine geschmückte Staatsbarke bestieg und, begleitet von einem glänzenden Gefolge, sich nach dem holländischen Admiralschiff begab. »Das wolle Gott nicht!« rief der Vicekönig, als er das Geschehene vernahm. »Ich komme im Namen Seiner Allerkatholischsten Majestät, um ihn mit hohen Ehren und Würden zu schmücken.« Man begab sich in die Kajüte. Gedankenvoll stand der Marquis von Villafranca vor dem Toten. »Spaniens erhabener König hat den Heldengeist erkannt, der in dieser Hülle wohnte, und wußte ihn zu würdigen,« sprach er zu den Umstehenden. »Wir wollten ihn mit äußeren Ehren schmücken, aber er bedarf ihrer nicht mehr. So möge denn, was ihn vor Tausenden erheben sollte, seinen Sargdeckel zieren.« Auf einen Wink stellten zwei seiner Pagen ein Taburett zu Häupten des Lagers und legten den Herzogshut darauf; zwei andere breiteten den Herzogsmantel über den Toten. Da fiel der erste Trauerschuß am Bord des Admiralschiffs. Nach einer Minute folgte der zweite und die übrigen in gleichen Pausen. Der dumpfe Schall der Geschütze fand sein Echo in den fernsten Meeren, die je ein niederländischer Kiel furchte. Von der Groeben. Die Grafen und Herren von der Groeben gehören in Preußen, Pommern, den Marken und Sachsen zu Hause; auch wanderte vor vielen Jahren eine Linie derselben in die königlichen Staaten ein. Der Sage nach gehörten die Groebens zu den zwölf uralten Geschlechtern, aus denen die alten Sachsen die Vierherren ihres Königreiches wählten. Bei Jena und Taucha in Sachsen liegen die uralten Orte Groeben; ebenso bei Saarmund in der Mark Brandenburg das später entstandene, jedoch auch sehr alte Groeben. Eine vielfach erzählte und von Dichtern benutzte Sage ist es, daß die Voreltern dieses Geschlechtes mit Kaiser Heinrich dem Vogelsteller in die Mark gekommen sein und unter seinen Bannern Brandenburg erobert haben sollen. Aus diesem berühmten Geschlechte ist der deutsche Seemann entsprossen, dessen Name in den brandenburgischen Landen stets mit besonderer Achtung ausgesprochen werden muß. Otto Friedrich von der Groeben war der Sohn Georg Heinrichs, kurfürstlich brandenburgischen Generalmajors und Amtshauptmanns zu Marienwerder und Riesenburg. Otto Friedrich erwarb sich die Gunst Kurfürst Friedrichs III., wurde bald zum Kammerjunker befördert und erhielt nach dem Tode seines Vaters dessen Amtshauptmannschaft, die er später mit derjenigen zu Osterode und Hohenstein vertauschte. Er war von einer unwiderstehlichen Wanderlust ergriffen und zog über See und Land nach Jerusalem, auf den Libanon, auf den Sinai und nach Aegypten, focht auf Morea in den Reihen der Venetianer gegen die Türken, sowie in der Mittellandssee gegen die Barbaresken. Der große Kurfürst hatte ihn, den bewährten Reisenden, dazu ausersehen, die von ihm geschaffene Marine durch Gründung einer Kolonialmacht zu befestigen, und diesem Umstande verdankt Herr Otto Friedrich von der Groeben seinen Platz in diesem Buche. Er gründete 1683 das Fort Friedrichsburg auf der Küste von Guinea. Zwei spanische Schiffe, die zu der sogenannten Silberflotte gehörten, wurden durch seinen Mut eine Beute der Brandenburger. – Er starb am 30. Januar 1725. Kurfürstliche Marinebilder. 1. Auf der Rhede von Peenemünde herrschte am 10. September des Jahres 1678 ein reges Leben. Auf der offenen See lagen in einem Halbkreise zweihundertneunundachtzig Schiffe, Kauffahrer, Fischerbarken und große Holzschlepper, die man aus den pommerschen Häfen zusammengeholt hatte. Diese Fahrzeuge waren dazu bestimmt, die vereinigten brandenburgischen, lüneburgischen und holsteinschen Truppen an Bord zu nehmen und nach Rügen überzuführen, um die Schweden von dieser Insel zu verjagen. Böte aller Art fuhren zwischen diesen Schiffen und dem Lande in ununterbrochener Reihe hin und her; sie brachten Gepäck, Munition und andere Bedürfnisse an Bord. An dem rechten und linken Flügel jener weitausgedehnten Linie lagen fünf Fregatten die je mit dreißig, fünfundzwanzig oder zwanzig Kanonen besetzt waren, und von deren Toppen die kurbrandenburgische Flagge wehte. Eine Anzahl kleiner Galioten und Schnauen, Mit diesem Namen bezeichnet man eigentümlich konstruierte Schiffe von zwei oder drei Masten, welche hinter den eigentlichen Masten noch Spieren für die Schnau- oder Schoner-Segel haben. mit vier bis sechs Geschützen armiert, kreuzten vor und hinter der Front der Transportschiffe, um das Werk der Einschiffung zu regeln. Weitab lagen zwei große Kriegsschiffe unter königlich dänischer Flagge, befehligt von dem berühmten Admiral Nils Juul, der den Brandenburgern zu Hilfe gesandt worden. Ein klarer, blauer Himmel lachte auf die See herab, die von der leichten Brise kaum gekräuselt, den Brandenburgern bei diesem für sie neuen Geschäfte mehr fördernd als hinderlich war. Während die Truppen von allen Seiten mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen heranzogen, drängte neugieriges Volk in Scharen herbei, um nichts von einem Schauspiel zu verlieren, das an dieser Küste bisher noch nicht gesehen wurde. Da flog ein mit vier Pferden bespannter Wagen heran, gefolgt von einer Reiterschar, und hielt an einem Punkte still, von welchem aus man die Einschiffung in ihrer ganzen Ausdehnung bequem übersehen konnte. In diesem Wagen saß Ihro Durchlaucht, die Frau Kurfürstin, samt zweien ihrer Damen. Der Kurfürst sprengte an den Schlag des Wagens, und freundlich grüßend fragte er die Kurfürstin, wie sie sich hier am Seestrande fühle? »Unbeschreiblich wohl, mein Gemahl!« entgegnete die hohe Dame. »Mein Herz schlägt freudig bei diesem Anblick, und da Ihr dies Werk mit so edlem Eifer begonnen, hoffe ich, daß es Wurzel schlagen und kräftig heranwachsen werde.« »Euer Gnaden sind voll des herrlichsten Vertrauens,« sagte der Kurfürst. »So viel an mir ist, will ich es zu Ehren bringen. Ich meine, der brandenburgische Adler mit den prächtigen, leuchtenden Schwingen sei ebenso gut dazu berufen, seinen Weg von der Ostsee nach dem Ozean zu finden, als seine Nachbarn, der dänische und der schwedische Löwe.« »Ich werde Euch mit Stolz und Freude an Bord jener Flotte gehen sehen,« sprach die Herrin. »Meine heißesten Wünsche sollen Euch zum Siege leiten.« »Ich danke Euer Gnaden dafür,« entgegnete der Kurfürst, »und werde auf der blauen See für Gott und meine Dame das angelobte Werk vollbringen. Aber erlaubt, daß Euer Wagen noch eine kurze Strecke weiter fahre, und fürchtet die aufspritzende Brandung nicht. Ich will, daß die ganze Flotte ihre Herrin sehe und ihr den Ehrengruß bringe, der ihr gebührt.« Auf einen Wink des Kurfürsten ward auf einer unfern von dieser Stelle errichteten Flaggenstange eine große rote Flagge aufgezogen. Kaum war dies Signal gegeben, als sich auf der Rhede alles wie mit einem Zauberschlage verwandelte. Die Böte, welche unterwegs waren, hielten an, und die Ruderer warfen die Ruder gekreuzt in die Höhe. Die sämtlichen Transportschiffe zogen ihre Flaggen auf, und am Bord der Fregatten entfaltete sich von der Spitze des Bramtopps bis zum Deck eine weite Flucht von Stannern Stanner oder Stander heißen die breiten Wimpel, die am Topp des großen Mastes wehen. und Wimpeln in allen Farben. Die Mannschaften schwenkten sich mit einem lauten Hurra auf die Rahen, die Schiffsmusik fiel mit klingendem Spiele ein. Die Kommandeure der Fregatten erschienen auf den Galerieen und ließen ein weißes Tuch flattern. In demselben Augenblicke fiel auf dem rechten Flügel am Bord des »Kurprinz« der erste Schuß; von dem linken Flügel antwortete »die Stadt Potsdam«, und so ging es weiter von Schiff zu Schiff, bis jedes derselben seine Geschütze abgefeuert hatte. Während die Landtruppen und das Volk diesen Grüßen der Flotte mit lärmendem Jubel beistimmten, kam der Herr, welcher das Signal zu all diesen Ausbrüchen der Freude gegeben hatte, zu dem Gefolge des Kurfürsten zurück. Er war ein Mann in reiferen Jahren und von etwas gedrungener Figur. Sein breites Gesicht verkündete beim ersten Anblick den niederländischen Seemann; sein dunkles Haupthaar begann zu ergrauen. Er trug einen blauen mit Gold gestickten Rock, darüber eine orangefarbene Binde, und auf dem breitkrempigen Hut wiegte sich eine Feder von gleicher Farbe. Statt aller anderen Waffen trug er einen fußlangen Dolch im Gürtel. Der Kurfürst hatte den Mann nicht sobald erblickt, als er ihm zurief: »Kommt näher, Herr Benjamin Raule! Die Frau Kurfürstin will Euch selbst den Dank für den stattlichen Gruß darbringen, den Ihr derselben gewidmet habt. Ich hätte nicht gedacht, daß ich in so kurzer Zeit ein Werk sich hier würde bereiten sehen, das mir ein kleines Bild von jenen Manövern giebt, die ich einst auf der Rhede des Texel unter dem glorreichen Kommando Michael de Ruiters gesehen habe. Wenn mit dieser Sachkenntnis guter Wille und Einigkeit Hand in Hand gehen, wird es uns nicht fehlen.« »Das wird es auch nicht, Euer Durchlaucht!« entgegnete Benjamin Raule. »Wenn wir nur erst die Küste von Rügen vor uns sehen, wird sie bald unser sein. Was zur Ausrüstung und Bemannung der Flotte geschehen konnte, ist nach bester Einsicht geschehen. Kriegs- und Transportschiffe sind im trefflichsten Zustande. Admiral Tromp, der sich freiwillig erbot, mit Erlaubniß seines erhabenen Herrn den Oberbefehl zu führen, stammt aus einer ruhmreichen Seemannsfamilie und hat selbst so bewundernswerte Thaten vollbracht, daß er meines Lobes nicht bedarf. Mein Bruder Jakob, der unser Ostseegeschwader befehligt, ist seinem Herrn mit Leib und Seele ergeben. Darum, durchlauchtigste Herrin,« wandte sich der Schifffahrts-Direktor an die Kurfürstin, »könnt Ihr ganz außer Sorgen sein, zumal auch alle ruhmwürdigen Kriegsobersten, mit dem Feldmarschall Derfflinger an ihrer Spitze, Seine Durchlaucht begleiten, dessen Gegenwart allein schon die Bürgschaft des Sieges in sich trägt.« »Welche Nachrichten habt Ihr aus Kopenhagen erhalten?« fragte der Kurfürst, das Gespräch wendend. »Ist die dänisch-ostindische Gesellschaft geneigt, auf den Vorschlag, den ich ihr gemacht, einzugehen?« »Nicht völlig, durchlauchtigster Herr! Nicht so, wie Ihr es wünschtet, aber doch auch nicht so, daß man berechtigt wäre, das Anerbieten zurückzuweisen. Die Herren meinen nicht ganz mit Unrecht, es sei für einfache Kaufleute immer gefährlich, sich mit einem regierenden Herrn in ein gemeinsames Handelsgeschäft einzulassen. Dies sei ohne Beziehung gesprochen, und die Wahrheit des Gesagten lasse sich mit hundert Beispielen belegen. Die Gesellschaft ist aber nicht abgeneigt, mit uns einen einträglichen Handel zu treiben, wenn wir selbst uns an jenen Küsten festsetzen wollen, und erbietet sich, bei der Krone von Dänemark dahin zu wirken, daß man Euer Gnaden die ostindischen Besitzungen von Trankebar samt allen Pertinenzien und Privilegien käuflich überlasse. Sie will auch aus ihren Mitteln Schiffe stellen, um die Truppen überzuführen, die zum Schutze der Kolonieen dort verbleiben müssen.« »Das ist nichts!« entgegnen der Kurfürst lebhaft. »Ich kenne die Pläne dieser dänischen Großhändler. Ginge es nach ihrem Kopfe, so würden wir anfangs habsüchtige Handelsgenossen neben uns und bald nachher launische Herren über uns haben, von deren Belieben es abhinge, ob und wieviel wir gelten sollen. Dann gebe ich eher den Anträgen der ostfriesischen Stände Gehör, die erst kürzlich ein abermaliges, dringendes Schreiben an mich erließen.« Während dessen hatten einige Kavaliere, die Herren von Ramin, von Borck und andere, die den Niederländer nicht leiden konnten, weil sie seine Pläne fürchteten und mißachteten, sich lebhaft mit einander über den Raule unterhalten und mancherlei Glossen gemacht, was der letztere, der ihre Gesinnungen kannte, wohl bemerkt hatte. Sie waren aber in ihrem Gespräche so laut geworden, daß der Kurfürst es vernahm und sich mit der Frage, was es gäbe, zu ihnen wandte. Betreten schwiegen die jungen Kavaliere still. Benjamin Raule aber, den ihre Verlegenheit ergötzte, und der ihnen für ihre schlimmen Reden einen Possen spielen wollte, nahm das Wort und sagte zu dem Herrn: »Eure kurfürstliche Durchlaucht sehen hier einige junge Kavaliere, die mir und meinen Unternehmungen stets besonders hold gewesen sind. Es soll mich freuen, wenn ich mich für diese Freundlichkeit ihnen dankbar beweisen kann, wozu sich vielleicht Gelegenheit findet, wenn Eure kurfürstliche Gnaden gestatten, daß ich diese Herren während des bevorstehenden Seezuges um die Ehre ihrer Gegenwart am Bord des von mir kommandierten Schiffes bitten darf.« »Das ist genehmigt,« antwortete der Kurfürst. »Ihr habt Urlaub, Ihr Herren, um Euch zur Disposition des Herrn Raule zu stellen.« Die jungen Kavaliere kochten vor Wut, doch wagten sie es nicht, in Gegenwart ihres strengen Gebieters das Wort zu nehmen. Der Kurfürst ritt weiter längs dem Ufer. Die letzten Böte stießen soeben ab, um sich an Bord des »Kurprinz« zu begeben, von dessen Gaffel die kurfürstliche Standarte wehte, zum Zeichen, daß Seine Durchlaucht diesem Schiffe die Ehre Seiner Gegenwart schenken werde. Ehe Benjamin Raule dem Gebieter folgte, sagte er zu den Edelleuten: »Ich bin unserm gnädigen Herrn für die neue Gunst, die er mir zu teil werden läßt, dankbar verpflichtet. Ich weiß es sehr zu schätzen, daß es mir verstattet ist, mich während dieses wohl nur kurzen, aber hoffentlich fröhlichen Seezuges der Ehre Eurer Gegenwart in meiner Kajüte und auf meinem Halbdeck zu erfreuen. Die Einschiffung geht sogleich vor sich, denn bevor sich kurfürstliche Durchlaucht in Dero Schaluppe begeben, muß jedermann auf seinem Posten sein. Meine Flagge weht vom Vortopp des »Berlin«. Auf Wiedersehen am Bord jenes Schiffes.« Benjamin Raule entfernte sich grüßend und folgte seinem Herrn, der neben dem Wagen der Kurfürstin hielt. Die jungen Edelleute hatten, der Notwendigkeit gehorchend, sich in die Schaluppe Benjamin Raules begeben und fuhren auf die Rhede hinaus, innerlich gelobend, für den Streich, den der niederländische Bauer ihnen gespielt, volle Rache zu nehmen. Der Wind frischte in diesem Augenblicke etwas auf und kräuselte die Wellen, so daß das Spritzwasser in die Böte schlug. Da erblickte man an Bord des »Potsdam« ein blaues Signal, gleich darauf feuerte derselbe eine Kanone ab, und seine Marssegel fielen von den Rahen. Auf der ganzen Linie der Transportfahrzeuge entstand dieselbe Bewegung. Die Mannschaften flogen zur Ankerwinde. Unter hundertstimmigem Gesange, oft durchtönt von dem Sprachrohr der Befehlshaber, stiegen die Anker aus der Tiefe, und die Segel bauschten sich vor dem Winde auf. In langer Reihe segelten die Schiffe paarweise auf die See hinaus, begleitet vom Hurrarufen der Kriegsfahrzeuge, die noch immer unbeweglich lagen. Als das letzte Transportschiff unter Segel war, palmte Einpalmen (von palma , die flache Hand) heißt ein Tau einholen, indem man dabei eine Hand über die andere schlägt. So wird auch »sich aufpalmen« gesagt, wenn man an einem Tau emporklettert, indem man eine Hand über die andere anschlägt. der »Potsdam« schnell sein Ankertau ein, seine Segel stiegen an den Stengen empor, und rasch nahm er die Spitze der leicht beschwingten Kolonne ein. Kurz vorher war die Staatsschaluppe gelandet; sie war mit Scharlach ausgeschlagen, und von den Vorder- und Hintersteven flatterten bunte Wimpel. Das Steuer führte der Admiral Tromp, und acht junge Kavaliere saßen an den Rudern. Der Admiral stieg ans Land und sagte zu dem Kurfürsten, sich verneigend: »Alles ist bereit, und wir erwarten nur die Gegenwart unseres durchlauchtigsten Gebieters.« »Lebt wohl, Dorothea!« sprach der Kurfürst zu seiner Gemahlin, ihr die Hand reichend. »Oberst Winterfeld hat meine Befehle empfangen und steht zu Eurer Ordre.« »Zieht mit Gott, mein teurer Gemahl!« antwortete die Kurfürstin. »Mögen Seine heiligen Engel Euch beschirmen, so werdet Ihr wohl beraten sein.« Die kurfürstliche Schaluppe flog dem »Kurprinz« zu. Der Befehl zum Ankerlichten ward auf allen Kriegsschiffen gegeben. Zu gleicher Zeit stiegen die Rahen an den Stengen empor und wurden an den Wind gebraßt. Als alle Schiffe unter Segel waren, wurden Abschiedssalven gegeben. Die Kurfürstin hatte sich in dem Wagen aufgerichtet und sah dem Zuge der Schiffe nach, ein weißes Tüchlein schwenkend. Als aber das letzte Schiff durch das hervorspringende Ufer verdeckt ward, und von dem prächtigen Schauspiel nicht das geringste mehr zu sehen war, lehnte sie sich in die Ecke des Wagens zurück und fuhr landeinwärts. 2. Das war in Berlin und in jenen glorreichen Tagen, als Herr Friedrich Wilhelm, der große Kurfürst von Brandenburg, im Lande herrschte. Was schon immer seinen großen Sinn bewegt hatte, die Herrschaft am Lande mit der Herrschaft auf der See zu vereinigen, und was in jenen Tagen, da er auf der Flotte des Herrn de Ruiter vor dem Texel gewesen, sich in ihm befestigt hatte, das war endlich zur That geworden. Brandenburgische Fregatten mit dem roten Adler in der Flagge waren schon vorhanden, und der kurbrandenburgische Schiffahrts-Direktor, der aus den Niederlanden berufen war, hielt Haus zu Berlin und hatte mit dem hohen Herrn gar wichtige Dinge besprochen und vorbereitet, die nun gar bald ans Licht kommen sollten. Das Berlin jener Tage war ein anderes, als das gegenwärtige. Vom Molkenmarkt ab schritt man über den langen Mühlendamm weg nach dem kurfürstlichen Holzhofe. Der lange Mühlendamm aber ist jetzt die Breitestraße, und der kurfürstliche Holzhof ist der Unterwasserstraße gewichen. Dort in der Nähe der jetzigen Alten Leipziger Straße erblickte man ein stattliches Haus, welches von allen Seiten frei stand und weithin gesehen werden konnte. Vor der Thür dieses Hauses war ein lebhaftes Gedränge von Soldaten, Matrosen und Handwerkern, die aus- und eingingen und ihre Gewerbe ausrichteten, oder ihren Bescheid empfangen sollten. In diesem Hause wohnte Herr Benjamin Raule, der Generaldirektor der kurfürstlichen Marine, und leitete von dort aus sein mühevolles Werk. Raules Hof ist heute noch in Berlin zu sehen. Die Morgenarbeit war gethan. Er nahm einige Schriften zu sich, die er sorgsam einsteckte, erteilte seinem vertrauten Sekretär Cord Wessel seine Befehle und begab sich dann mit umwölkter Stirn und schweren Herzens nach dem Schlosse, denn er wußte, daß viele, die der neuen Ordnung der Dinge gram waren, ihn haßten und ihn um jeden Preis aus dem Wege schaffen wollten. Darum hatten sie gar viele böse Gerüchte ausgesprengt, die in der Leute Mäuler wuchsen und ihm unter dem Volke einen bösen Leumund machten. Das bedrückte ihn, und während er nun dem gnädigen Herrn seinen Vortrag hielt, fühlte er wohl, daß dieser nicht mehr so huldvoll gegen ihn gesonnen sei, als früher. Als er endete und seine Papiere zusammenlegte, richtete der Kurfürst den Blick fest auf ihn und sagte ernst: »Von allen Seiten erheben sich Anklagen gegen Euch, Herr Raule!« »Das kommt mir nicht unerwartet, durchlauchtigster Fürst!« war die Antwort. »Die Anklagen tragen den Stempel der Wahrscheinlichkeit. Der Schein ist gegen Euch,« entgegnete der Kurfürst, ihn fest anblickend. »Dieser Schein wird vor der Wahrheit schwinden, durchlauchtigster Herr!« sagte Benjamin Raule. »Ich bitte kurfürstliche Gnaden um strenge Untersuchung.« »Ihr seid der einzige, der meine Intentionen begriffen hat, darum mag ich an einen Betrug nicht glauben,« entgegnete der Kurfürst. »Ich will streng prüfen. Aufrichtig, Herr Raule, Ihr habt viele Feinde.« »Ja, gnädiger Herr! Alle Männer des Stillstandes, alle, die mit den Füßen am Boden festwurzeln und jeden Schritt vorwärts für einen Greuel halten, weil er den Schlendrian über den Haufen zu werfen droht, sind meine Feinde. Sie fürchten, die bisher schwer errungene Beute würde ihren Händen entgleiten, wenn sie sich vorwärts bewegen müßten, darum klammern sie sich an das Alte und Morsche fest, auf die Gefahr hin, jeden Augenblick damit zusammenzustürzen. Durchlauchtigster Herr, darf ich reden, wie es mir um das Herz ist?« »Redet!« sagte der Kurfürst, und Benjamin Raule fuhr fort: »Der Himmel hat das Können in Euer Durchlaucht Hand gelegt, so möge es Euch auch gefallen, zu wollen. Es ist, als ob die Welt aus einem langen Schlummer erwachte. Ueberall ist Leben und Bewegung; nur hier scheint alles zu schlafen. Es braucht eine starke Stimme, um diesen Schlaf von ihnen zu scheuchen.« »Unser Zug nach einem fremden Weltteile wird sie aufschrecken,« entgegnete der Kurfürst. »Wenn wir unsere Flagge an der Küste von Afrika aufpflanzen, wollen wir, daß sie das Banner sei, um welches sich die Deutschen scharen, damit das Werk erfüllt werde, zu welchem wir von der Vorsehung berufen sind.« »Dazu spreche ich Amen, gnädigster Herr!« sagte Benjamin Raule. »Möge unter Gottes befruchtendem Segen dieser neue Frühling sich blühend entfalten! Und nun habe ich Euer Durchlaucht noch Rapport über unsere Fregatten abzustatten. Der »Kurprinz« ist völlig segelfertig. Nach gewissenhafter Untersuchung ist die »Dorothea« zu einer langen Reise nicht tüchtig befunden, daher habe ich an deren Stelle den »Mohrian« eingeschoben.« »Und eine dritte Fregatte, die auf meiner Werft zu Havelberg gebaut ward, kann mit jedem Tage vom Stapel gelassen werden. Sie mag der neuen Kolonie die ersten Hilfsmittel zuführen und ihre ersten Produkte an einen fremden, überseeischen Markt bringen.« »Der Gedanke ist Euer würdig, hoher Herr! Wir bedürfen der gefälligen Transito-Händler nicht, sie mögen Dänen, Schweden oder Engländer heißen. Was wir jenseits des Ozeans zu bestellen haben, können wir fortan unter eigener Flagge ausführen. Am Bord ist alles in Ordnung: Mannschaft, Proviant und Munition. Sämtliches Gelieferte ist reichlich und tadellos. Es bleibt nur noch übrig, die Bestallungen der vorgeschlagenen Kapitäne zu vollziehen.« Dies geschah. Kapitän Blonk, ein zuverlässiger Seemann, von etwas rohen Manieren, aber tapfer, besonnen und klug genug, sein eigenes Interesse dem allgemeinen unterzuordnen, erhielt das Kommando des »Mohrian.« Erik van Voß, bisher erster Steuermann des »Kurprinz,« erhielt das Kommando dieses Schiffes. Er hatte sich stets musterhaft geführt, und man hoffte, er werde der Expedition von besonderem Nutzen sein, da er jene fernen Gewässer mehrfach durchkreuzt hatte. Der Kurfürst legte die Feder nieder und sagte: »Am Bord des »Kurprinz« wird mein Kommissarius seinen Wimpel aufziehen. Ich habe ihn ermächtigt, mit fremden Völkern Verträge abzuschließen, und habe ihn dafür verantwortlich gemacht, daß er die wichtigeren Interessen nicht an kleinlichen Bedenken scheitern lassen dürfe.« »Dieser Gedanke ist meines erhabenen Herrn würdig,« fiel Benjamin Raule ein, »und Otto von der Groeben ist der Mann dazu, ihn zu verwirklichen.« Der Kurfürst stand einen Augenblick nachdenklich und sagte dann: »Wenn es gelingt, was wir sorglich vorbereitet haben, will ich mich glücklich preisen; denn ich weiß dann für mein Brandenburg ein Werk vollendet, dessen segensreiche Folgen erst ein künftiges Jahrhundert ermessen und würdigen wird. Wir haben die Arbeit, jene den Lohn.« »Euer kurfürstliche Durchlaucht haben das stolze Bewußtsein, dies schöne Werk geschaffen zu haben, das wiegt alles auf!« entgegnete Benjamin Raule und entfernte sich mit einer tiefen Verbeugung. Der Kammerjunker Otto Friedrich von der Groeben, der alles zur Abreise vorbereitet hatte und Berlin noch im Laufe des Tages zu verlassen dachte, trat bald nach dem Schiffahrts-Direktor ein und bat um die Vergünstigung, sich noch einmal bei seinem gnädigen Gebieter beurlauben zu dürfen. Der Kurfürst empfing ihn freundlich und sagte: »Segelt unter dem Schutze Gottes, der bei allem redlichen Werke der Anfang und das Ende ist.« »Ich habe ihm vertraut von Jugend auf,« entgegnete von der Groeben. »Mit Anstrengung aller meiner Kräfte werde ich den Auftrag erfüllen, der mir von Euer kurfürstlichen Durchlaucht geworden ist, und dazu täglich Gottes gnädigen Beistand anrufen.« »Das thut!« sprach lebhaft der Kurfürst. »Versäumt es keinen Tag, das Gebet öffentlich sprechen zu lassen, denn die rohe Masse muß sichtbar und hörbar an die Gegenwart Gottes erinnert werden.« »Ich werde es zum strengen Gesetz erheben.« »Sobald Ihr am Bord Eures Schiffes erscheint, seid Ihr der einzige, unumschränkte Gebieter. Ihr seid dort an meiner Statt, um Recht und Gerechtigkeit zu üben. Die See-Artikel sind streng, aber sie müssen so sein. Unsere Landeskinder sind nicht zum Seedienst erzogen; vielleicht geht noch manches Jahr hin, ehe sie dazu tüchtig sind. Wir müssen unsere Schiffe mit dem Gesindel bemannen, das uns aus aller Herren Länder zuläuft, und solches Volk beugt sich nur der eisernen Disziplin. Aber es giebt einen Mittelweg zwischen tyrannischer Strenge und schädlicher Weichheit.« »Ich werde mich bemühen, stets nur diesen Weg zu gehen,« sagte Otto von der Groeben. »Alles andere,« fuhr der Kurfürst fort, »findet sich in Euren Instruktionen. Ihr selbst seid bei den Beratungen gegenwärtig gewesen. Jedes einzelne wurde genau erörtert, und hoffentlich ist nichts vergessen. Dennoch kann ich Euch nur den toten Buchstaben mitgeben; aber nicht nach diesem sollt Ihr handeln, sondern nach dem Geiste, der in ihm lebt.« »Euer Durchlaucht kann sich auf mich verlassen,« beteuerte Herr von der Groeben. »Ich pflanze mein Banner an jenen fernen Küsten nicht auf um eitler Gelüste willen, oder um Reichtümer zu sammeln!« sagte der Kurfürst ernst. »Ich will mein Vaterland groß und glücklich wissen und es vor der Vormundschaft fremder Nationen bewahren. Wir können dies Ziel nur erreichen, wenn jenseits des Ozeans eine Bruderhand der unsrigen begegnet. Warum wachsen denn die Eichen in meinen Forsten, und warum ist der deutsche Norden von der Ost- und Westsee viele hundert Meilen umwogt, wenn wir nicht unsern Kiel vom eigenen Strande absegeln lassen sollen?« »Wir werden es, durchlauchtigster Herr! Dies große Beispiel, welches ihr dem deutschen Volke und seinen Herrschern gebt, kann nicht ohne glänzende Erfolge bleiben.« »Ich glaube es nicht,« sagte der Kurfürst mit trübem Ernst. »Das ist ein thörichter Gärtner, der am Abende seines Lebens ein Reis in die Erde senkt und meint, es könne über Nacht zu einem Baume heranwachsen. Ich will zufrieden sein, wenn mein Gedanke in einer fernen Zukunft ganz begriffen wird, und meine Urenkel die Früchte von dem Baume genießen, den wir jetzt pflanzen. Eilt Euch, Groeben! Ich kann den Augenblick nicht erwarten, der mir die Nachricht bringt, daß Ihr Euch am Bord befindet und die offene See erreicht habt.« »Lebt wohl, durchlauchtigster Herr, und erhaltet mir Eure Gunst. Ganz und ungeteilt widme ich mich Eurem Dienste. Ich bin der Träger Eures Willens und will das mir anvertraute Banner an einer Stelle aufpflanzen, von welcher herab man es sehen soll weit über See und Land. Eure Worte sind meinem Gedächtnisse fest eingeprägt, und nichts soll sie verlöschen. Verzeiht der inneren Aufwallung beim Lebewohl, gnädiger Herr.« Der Kammerjunker von der Groeben sprach diese Worte in tiefer Erregung, drückte die Hand seines Fürsten an die Lippen und entfernte sich eilends. 3. Die See war ruhig. Eine leichte Brise, welche über den Spiegel derselben hinhauchte, hatte die obere Fläche kaum gekräuselt. Fernab lag, wie ein mit Gold umsäumter dunkler Streifen, die Küste von Afrika. Auf der Flut bewegten sich unter der vollen Last ihrer Segel gehend, zwei stattliche Fregatten, an deren großem Topp der kurbrandenburgische Wimpel sich zeigte. Es waren die beiden Fregatten »Kurprinz« und »Mohrian,« an deren Bord sich die brandenburgische Kolonial-Expedition befand, die hier in einem fremden Weltteile dem deutschen Vaterlande Besitz und Geltung verschaffen sollte. Am Fallreep der erstern Fregatte lag eine große Schaluppe zum Beweise, daß zwischen den beiden Schiffen ein augenblicklicher, lebhafter Verkehr stattfand, der von der milden Witterung begünstigt ward. In der Hauptkajüte des »Kurprinz«, auf dessen großem Mast der Kommandant der brandenburgischen Expedition, Herr Kammerjunker von der Groeben, seine Flagge aufgezogen hatte, waren die Offiziere in ernstem Gespräche versammelt. Unfern von dem Kammerjunker saß der Fähnrich Selbing, dessen Vertrauter und Sekretär, der dazu bestimmt war, über die der neuen Kolonie zugewiesenen brandenburgischen Truppen den Oberbefehl zu führen. Es war ein Mann in den besten Jahren, voll heiterer Fröhlichkeit, aber auch von festem, unbeugsamem Willen, kurz ein Mann, wie man dergleichen zu einem solchen Werke allein gebrauchen kann. Die Kapitäne der beiden Fregatten hatten an dem Gespräch, welches die nahe Landung betraf, lebhaften Anteil genommen, und Kapitän Voß erhob sich grade, als ein schärferer Wind die oberen Segel füllte, und die Fregatte sich nach Lee neigte. Der Kapitän eilte auf das Verdeck und kehrte sogleich von dort zurück. »Ein schwarzes Gewölk zieht herauf und nötigt uns, die Obersegel zu bergen. Es sieht gerade nicht gefährlich aus, aber man kann nicht wissen, was dahinter steckt.« »Wenn der Wind dreht, soll jeder auf sein eigenes Steuer achten,« entgegnete Kapitän Blonk. »Macht meine Schaluppe klar. Halte mich Euch empfohlen, Herr von der Groeben!« Blonk fuhr sofort ab. Die Kühlte war im Wachsen, und vor ihren Marssegeln flogen die Schiffe dem Lande entgegen. Auf beiden Verdecken herrschte vor und hinter dem großen Maste lebhafte Aufregung. »Da wir mit den schwarzen Schelmen von Accoda uns nicht einigen konnten,« wandte sich von der Groeben an seinen Fähnrich, »so denke ich, wir kehren zu dem ursprünglich gefaßten Plane zurück.« »Ihr meint den Berg von Mamfro, Herr Kammerjunker?« »Ja, Selbing!« »Ihr werdet ihn gleich sehen,« sagte hinzutretend der Kapitän. »Wenn wir noch einige Kabellängen weiter gesegelt sind, tritt er hinter jenen Höhen hervor. Auch mir scheint der Platz zu einer befestigten Anlage geeignet.« »Mindestens suchen wir vergeblich nach einem besseren,« antwortete von der Groeben. »Das Terrain ist günstig, der Boden gut und reichliches Wasser vorhanden. Die Cabusierneger von – wie heißt doch das große Dorf unterhalb Mamfro?« »Pokeson, Herr Kammerjunker!« »Habt Ihr nicht auf Eurer ersten Reise mehrere von den Einwohnern gesehen, Kapitän Voß? Mich dünkt, ihr rühmtet sie uns.« »Leider wurde ich mit ihnen erst bekannt, nachdem wir mit den falschen Bestien von Accoda ein vorläufiges Abkommen getroffen hatten«, entgegnete der Kapitän. »So wollen wir denn in Gottes Namen und zur Ehre unsers durchlauchtigsten Herrn unser Werk beginnen. Zunächst habt die Güte, Euch nach einem günstigen Ankerplatze umzusehen,« sagte Otto von der Groeben. »Der ist gefunden,« entgegnete der Kapitän. »Meine holländische Karte ist ziemlich zuverlässig. Sie ist mit so großem Fleiße angefertigt, daß man sieht, die Herren Holländer sind es gewohnt, auch diesen Teil der Küste als den ihrigen zu betrachten. Gutwillig werden sie unsere Ansiedelung nicht dulden.« »Widerstand stärkt!« entgegnete Herr von der Groeben. »So lange wir auf der See schwimmen, kann ich nur mit Worten meine Teilnahme bezeugen, nachher rede ich durch die That. Wann ankern wir?« »In einer Stunde.« »Haltet dann gleich zwei Böte bereit. Die Sonne steht noch hoch, und kein Augenblick soll ungenützt verstreichen.« »Die Böte sollen bereit liegen.« »Ihr, Selbing,« wandte sich der Kammerjunker an den Fähnrich, »werdet Euch sofort ans Land begeben. Seht zu, ob Ihr irgendwo Neger findet, die einen Teil des Berges in Besitz genommen oder sonst ein Recht daran haben.« »Sehr wohl, Herr Kammerjunker!« entgegnete dieser und ging sogleich, um seine Soldaten zu mustern. Die beiden Fregatten hatten im stolzen Bogen eine weit in die See vorspringende Landzunge umschifft, über welche die Brandung von allen Seiten hinschäumte und tobte. Sie gelangten in ruhiges Wasser, welches, vor plötzlichen Stürmen durch die umsegelte Landzunge geschützt, einen klippenfreien Strand darbot, der jede Landung ohne die geringsten Schwierigkeiten gestattete. »Fallen den Anker!« erscholl der Befehl auf beiden Schiffen zugleich, und bald darauf stießen die mit Soldaten und bewaffneten Matrosen bemannten Böte vom Schiffe ab und steuerten dem Ufer zu. Das Negerdorf Pokeson dehnte sich bis zum Fuße des Berges Mamfro aus. Hier war die Mündung eines wasserreichen Baches, an welchem die Böte anlegten. Der Fähnrich Selbing war der erste am Ufer; ihm folgten die andern. Eine Wache blieb bei jedem Boote zurück, mit allen Signalen, die im Falle der Not zu machen wären, wohl vertraut. Die übrigen gingen in das Dorf und durchstrichen es von einem Ende zum andern. Niemand begegnete ihnen; alle Hütten waren leer. Ein alter Korporal meinte, die Neger hätten die Landung gesehen und wären davongerannt. Der Fähnrich aber sagte, daß ihm die Hütten nicht danach aussähen, als ob noch vor kurzem Menschen darin gehaust hätten; ihm scheine das Dorf schon lange verödet zu sein. Die Soldaten und Matrosen steckten die Köpfe zusammen. Es murmelte einer etwas von Teufelsspuk und Hexenkram, und die andern fingen es begierig auf. Die Neger könnten sich unsichtbar machen, hieß es; sie drängten sich zwischen die Leute, ohne daß diese sie sehen könnten, und drehten dann allen den Hals um. Der Fähnrich, der es hörte, rief lachend: »Dann können sie sich auch wohl leicht machen wie eine Flaumfeder? Müßten wir nicht ihre Spuren rings um uns sehen, wenn sie hier auch unsichtbar umherliefen? Wer gewahrt nun hier Fußtritte, außer unseren eigenen? Also treibt Ihr albernes Geschwätz. Dafür geht es ohne Ruhestunde weiter, gerade auf den Berg da los. Marsch!« Die brandenburgische Kolonne rückte schweigend vor. Sie folgte dem Laufe des Baches, der sich zwischen hohen Gräsern, Felsen und Gestrüpp oft verlor. Bald war der Weg so versperrt, daß sie sich durch das dornige Buschwerk eine Bahn hauen mußten; bald wieder war das Terrain so sumpfig, daß man die gefährlichen Stellen mit großer Vorsicht umgehen mußte. Dabei herrschte eine so sengende Hitze, daß die Männer kaum die glühende Luft zu atmen vermochten. Endlich stand die Kolonne ganz still, und es bedurfte aller Ueberredung des wackern Selbing, sie wieder in Bewegung zu bringen. Noch eine Stunde marschierten die Brandenburger, über Felsen kletternd und durch Sümpfe watend, in grader Richtung dem Berge Mamfro zu. Die Sonne sank immer tiefer und berührte fast mit dem unteren Rande den Horizont. Da wurde Halt gemacht. Ein leises Murmeln drang durch das Gebüsch; es klang den Brandenburgern wie die lieblichste Musik. Man zog die Säbel und brauchte die Beile; das Buschwerk sank unter den Streichen der Männer. Ein krystallreiner Quell rieselte von der Felswand herab. Die Matrosen und Soldaten umringten ihn jauchzend; der Lebensmut kehrte ihnen zurück. Da richtete sich plötzlich der alte Korporal auf und deutete mit der Hand in die Ferne. Man sah zwei Neger über eine lange, grasbewachsene Fläche, Feuergewehre in den Händen, in vollem Laufe herankommen. Als sie die Brandenburger erblickten, standen sie still und waren unschlüssig, ob sie bleiben oder umkehren sollten. Dieser Augenblick war entscheidend; Fähnrich Selbing wußte ihn zu benutzen. Er lief, einen grünen Zweig in der Hand, den Negern entgegen, den Befehl zurücklassend, jeden gewaltsamen Angriff abzuwehren. Als die Neger das Zeichen des Friedens in der Hand des Europäers erblickten, warfen sie die Gewehre weg und eilten zu ihm. Sie fielen vor ihm nieder, berührten mit dem Kopfe dreimal die Erde und riefen aus holländisch: »Welkom.« Der Fähnrich, der dieser Sprache mächtig war, unterhielt sich mit ihnen. Es waren Einwohner von Pokeson, und noch mehrere der Ihrigen in der Nähe, die sämtlich von einem feindlichen Stamm vertrieben worden waren. Plötzlich verschwand der sonnenhelle Tag. In den dortigen Gegenden ist das zauberische Dämmerlicht des Nordens unbekannt. Die Sonne sank, und Nacht war ringsumher. Man türmte trockenes Buschwerk aufeinander und warf brennende Zunder hinein. Die Feuersäule stieg in den blauen Himmel auf, ein Gruß für die Gefährten an Bord. Die in der Ebene zerstreuten Neger sammelten sich nach und nach und verkehrten freundschaftlich mit den Brandenburgern. Der Fähnrich ordnete die Reihenfolge der Wachen an und wies die andern zur Ruhe. So übernachteten die ersten Brandenburger friedlich auf dem glühenden Boden von Westafrika. 4. Am Bord des»Kurprinz« fiel der Wachtschuß. Auf dem Verdeck war plötzlich überall Leben. Die Gesichter der Matrosen und Soldaten strahlten von lebhafter Freude wieder, denn es war ein Tag angebrochen, der für alle ein bedeutungsvoller sein sollte. Es war ein inhaltschwerer Tag, an welchem man den Samen in die Erde streuen wollte, der Wurzel schlüge und Stämme triebe, die Jahrhunderte überdauerten. Es war der 1. Januar des Jahres 1683. Man hatte einen Vertrag mit den Cabusier-Negern abgeschlossen, den Kauf des Berges Mamfro und der umliegenden Gegend betreffend, und wollte zur feierlichen Besitznahme schreiten. Um acht Uhr morgens landeten die Böte mit den Offizieren, und alle Mannschaften, die an Bord entbehrt werden konnten, folgten nach. Die Neger erwarteten sie mit Singen, Tanzen und Springen. Otto von der Groeben betrat mit seinen Offizieren das Ufer. Die Trompeter und Schalmeienbläser spielten einen Choral. Ein leichtes Zelt wurde errichtet, und die Brandenburger traten ein. Nach einer Pause erschienen die Anführer der Neger, und Herr von der Groeben sagte zu ihnen, daß er, auf die Ehrlichkeit ihrer Worte trauend, den Strand betreten habe. Bevor er aber weiter gehe, und von dem, was sie ihm zugesprochen, Besitz nehme, sollten sie nochmals erklären, wie es ihr fester Wille sei, den durchlauchtigsten Kurfürsten, Herrn Friedrich Wilhelm von Brandenburg, als ihren Gebieter anzuerkennen und sich unter seinen Schutz zu stellen. Mit den lebhaftesten Gebärden drückten die Negerhäuptlinge ihre Bereitwilligkeit aus, zu thun, was man von ihnen verlange, um ihre Ergebenheit zu beweisen. Hierauf trat der Schiffsschreiber vor und verlas die Akte, welche zu diesem Zwecke entworfen war, und durch welche der Kurfürst nicht allein Herr des bezeichneten Bodens wurde, damit zu schalten und zu walten nach seinem Willen, feste Werke darauf anzulegen und das Land von dem regieren zu lassen, den er da dazu verordnen werde, sondern auch die Cabusier sich förmlich in den Schutz des kurbrandenburgischen Banners begaben und gelobten, als dessen treue Untertanen zu leben und zu sterben. Nach der Verlesung dieses Vertrages, und nachdem Herr von der Groeben die Neger nochmals gefragt, ob sie alles wohl verstanden und erwogen hätten stimmten diese mit lautem Rufe bei, indem sie sich in die Kniee warfen und zu wiederholten Malen mit dem Kopfe die Erde berührten. Als nun die Zeremonie beendet und zuletzt das Bündnis nach dortigem Gebrauche durch einen Umtrunk befestigt worden war, erhob sich Otto von der Groeben und rief mit starker Stimme: »Reißt die Zeltwände ein! Wir stehen auf brandenburgischem Boden! « Schon nach einer Stunde hatte alles ein festliches Ansehen angenommen. Von den Schiffen hatte man fünf Kanonen geholt und auf das Plateau des Berges geschafft; dort sollte die brandenburgische Festung erbaut werden. Auf dem höchsten Punkte ward eine Flaggenstange errichtet, und vor derselben wurden die Spielleute aufgestellt. Längst den Bergabhängen lagerten die Eingeborenen in den verschiedensten Gruppen. Der Zug bewegte sich in gemessener Ordnung. Voran schritt Selbing mit einer Abteilung der brandenburgischen Soldaten, gefolgt von einer Anzahl mit Enterbeilen und Säbeln bewaffneter Matrosen. Dann folgte der Schiffsschreiber mit der beschworenen Urkunde. Er bildete die Spitze der Cabusier-Gruppe, von denen die Brandenburger den Grund und Boden gekauft hatten. Jetzt erschienen die Fahnenträger und hinter diesen Otto von der Groeben als kurfürstlicher Kommissarius, begleitet von den beiden Fregattenkapitänen samt den übrigen Offizieren und den Beamten der neuen Kolonie. Bewaffnete machten den Schluß. Mit lautem Zuruf und klingendem Spiel begrüßt, betrat Otto von der Groeben das Plateau, stellte sich zunächst der Flaggenstange und sprach mit lauter Stimme: »Im Namen Seiner Durchlaucht des Herrn Kurfürsten Friedrich Wilhelm, Markgrafen von Brandenburg, nehme ich Besitz von diesem Berge samt angrenzenden Ländereien, welche ich von den eingebornen Cabusiern mittelst rechtmäßigen Kaufes erstanden habe, und befehle, daß unsere Landesflagge an dieser Stange aufgezogen werde, zum Zeichen, daß wir rechtmäßige Herren dieses Bodens sind und unser Eigentum samt den Völkern, die sich in unsern Schutz begeben haben oder noch begeben, beschirmen wollen mit der Schärfe des Schwertes gegen alle ohne Ansehen des Volkes oder der Farbe, die sich erheben und uns unsere wohlerworbenen Rechte streitig machen wollen. So steige denn an dieser Stange die Flagge empor, der wir alle zugeschworen sind, damit sie geschaut werde weit und breit im Lande!« Auf seinen Wink ward die Flagge gehißt, und im frisch wehenden Morgenwinde entfaltete sich der rote kurbrandenburgische Adler. Die Musik fiel mit einer rauschenden Fanfare ein, und die Geschütze wurden abgefeuert. Die versammelten Brandenburger stimmten ein lautes Hoch an. Die Schwaben fielen mit wildem Geheul ein, und von der See her donnerten die Kanonen der beiden Fregatten. Die mitgebrachten Vorräte wurden verteilt. Otto von der Groeben nahm den ihm zuerst dargebotenen Becher und rief: »Hoch Brandenburg! Hoch sein erhabner Fürst und diese Kolonie, die auf seinen Willen hier begründet wird und ein neuer Zeuge seines großen Geistes bei Mit- und Nachwelt sein soll!« Alle jubelten, und Kapitän Voß erwiderte, indem er vortrat: »Hoch auch dem Abgeordneten und Stellvertreter des durchlauchtigsten Herrn, unserem wackeren Führer von der Groeben, der uns bis hierher leitete und die Gedanken unseres Herrn verwirklichte!« Groeben dankte und sagte: »Mögen stets frohe Menschen unter dem Schutze der Mauern wohnen, die wir selbst errichteten! Und da wir nun auf eigenem Boden stehen, wollen wir ihn auch als den unsrigen behandeln. Nicht mehr Mamfro soll dieser Berg genannt werden. Ich taufe ihn und gebe ihm einen brandenburgischen Namen.« Er goß den Inhalt seines Bechers auf den Boden und sagte: »Wir taufen mit Wein, dem edelsten Naß, das die Kraft aller Elemente in sich vereinigt. Hört es alle, welchen Namen ich unserm neuen Eigentume gebe: Groß-Friedrichsberg soll es heißen!« »Groß-Friedrichsberg!« wiederholten die Offiziere jubelnd. Von Mund zu Mund verbreitete sich dieses Wort, das mit lautem Freudenrufe wiederholt wurde. Otto von der Groeben aber fuhr begeistert fort: »Groß-Friedrichsberg bis an das Ende aller Tage! Und wenn sie nicht Wurzel schlüge, die von uns gesäte Saat, wenn der junge Trieb, den wir in diesen Boden senkten, im Keime erstickte, wenn Neid und Mißgunst über das redliche Streben siegt und einst den brandenburgischen Adler von diesem Horste verscheucht: den Namen sollen und müssen sie ihm lassen. Groß-Friedrichsberg für immer, so lange eine Welle gegen diese Ufer rollt, so lange eine Palme ihre reiche Blätterkrone in den blauen Himmel emporstrebt!« Er hielt erschöpft inne. Seine Freunde und Genossen blickten voll Teilnahme auf ihn. Aber der Jubel dauerte fort; die Trompeten schmetterten, die Trommeln wirbelten, die Geschütze donnerten. In wachsender Lust rollten die Stunden vorüber. Die Brandenburger siedelten sich an in Westafrika. Anhang I. Die neueren Kampfmittel im Seekriege. Die Helden der See, deren Ruhmesthaten und Lebensgang in den vorhergehenden Kapiteln dieses Buches geschildert worden sind, lebten ausnahmslos in einer Zeit, in der die gewaltige Kraft des Dampfes oder gar die mannigfachen Wunderwirkungen der Electricität beim Bau der Schiffe und im See-Kriege noch keine Verwendung fanden. Als bewegende Kraft für die schwerfälligen, breit und hoch gebauten Schiffe diente in jener Zeit, von den Meeresströmungen abgesehen, noch ganz allein der in Richtung und Stärke stetig wechselnde Wind. Eine Seeschlacht spielte sich früher in allen ihren Einzelheiten, nach heutigen Begriffen, recht langsam ab. Die Bedienung der alten Kanonen war sehr umständlich und zeitraubend; das Laden konnte nur von vorn erfolgen; sobald also ein Schuß abgefeuert worden war, mußte das Geschütz, das aus der Stückpforte hervorragte, nach dem Innern des Schiffes zurückgezogen und wenn es von neuem geladen war, wieder mit der Mündung zur Luke hinausgebracht werden. Nicht weniger umständlich war das Laden und Abschießen der alten, schweren Musketen mit Pulverpfanne und Feuerschloß. Darum griffen denn auch, sobald ein Schiff geentert worden war, die mutigsten und wildesten Krieger sofort zum Beil und Messer und suchten durch rohe Kraft und Verwegenheit im blutigen Ringen, Mann gegen Mann, den Kampf zu entscheiden. Ein solcher Einzelkampf, Mann gegen Mann, ist nach der heute im Seekriege geltenden Taktik beinah ausgeschlossen. Heute sind die Gegner darauf bedacht, einander schon aus weiter Entfernung zu vernichten. Die schweren Kanonen der modernen Kriegsschiffe besitzen eine so ungeheure Kraft, daß die zentnerschweren Geschosse derselben noch auf 5000 Meter Entfernung die harten und dicken Panzerplatten, mit denen die Schiffswände über Wasser bekleidet sind, zerstören. Die Folge davon ist, daß man sich bemüht, die Schiffe durch immer stärkere Panzerplatten gegen die Geschosse der schweren Geschütze zu sichern. Mit welcher furchtbaren Gewalt die Riesengeschütze der heutigen Schlachtschiffe ihre Geschosse schleudern, läßt sich aus folgenden Beispielen erkennen. Im April 1892 erreichte eine 24 Centimeter Küsten-Kanone von Krupp, auf dem Schießplatze bei Meppen, eine Geschoßweite von 20226 Meter. Das Geschoß, welches 215 Kilo wog, brauchte rund 70 Sekunden um diese Riesenbahn zu durchfliegen. Bei einem anderen Schießversuch wurde eine 356 Millimeter dicke Panzerplatte aus vorzüglichem Material von einer Granate, mit 330 Millimeter Durchmesser, glatt durchschlagen. Dagegen wieder ist es dem berühmten deutschen Gußstahlwerk von Friedrich Krupp in Essen gelungen, nach einem besonderen Verfahren, das geheim gehalten wird, Panzerplatten aus Stahl herzustellen, die in einer Dicke von 30 Centimeter bisher allen darauf abgefeuerten Schüssen widerstanden haben. Dieser Triumpf wird jedoch auch nicht lange dauern, denn die Kriegstechnik ruht nicht, bis sie Geschütze und Geschosse von solcher Stärke construiert und hergestellt hat, die auch diese stärksten Panzerplatten zerstören. Dann werden natürlich die Panzerplatten wieder verstärkt werden. So besteht ein dauernder Wettstreit zwischen Geschütz und Panzer. Die Erfindung einer neuen, in ihrer Wirkung furchtbaren, ja geradezu unheimlichen Waffe, des Torpedos , wogegen auch Panzerplatten nicht schützen, hat eine vollständige Umwälzung in der Taktik des Seekrieges hervorgebracht und zwei ganz neue, wichtige Schiffstypen, das Torpedoboot und den Torpedoboots-Zerstörer geschaffen. Als Vorläufer des heutigen Torpedos dürfen die Brander gelten, die früher im Seekriege Verwendung fanden. Zu solchen Brandern benutzte man kleinere, nicht mehr besonders seetüchtige Fahrzeuge; diese wurden mit Pulver und anderen explodierbaren Stoffen angefüllt und, meist während der Nacht, mit günstigem Winde oder mit der Strömung gegen die feindliche Flotte abgeschickt, um diese in Brand zu stecken und zu vernichten. Im Jahre 1809 schickten die Engländer 20 solche Brander auf einmal gegen die bei Isle d'Aix ankernde französische Flotte. In den größten dieser Brander hatte man 1500 Fässer Pulver geladen und über das Pulver noch 1500 Granaten gelegt. In dem Kriege, welchen die Engländer vor etwa 40 Jahren gegen die Chinesen führten, schickten die Chinesen häufig ganze Flotten von Brandern gegen die feindlichen Schiffe, konnten jedoch der englischen Flotte keinen Schaden zufügen, da diese nur aus Dampfschiffen bestand, die jederzeit imstande waren, den herankommenden Brandern auszuweichen. Mit der allgemeinen Einführung der Dampfschiffe haben denn auch die Brander ihre Bedeutung verloren und kommen seit Erfindung des Torpedos überhaupt nicht mehr zur Verwendung. Der Torpedo besteht aus einer aus Stahl oder Hartbronze gefertigten Röhre, welche, ähnlich einer Cigarre, vorn und hinten spitz ausläuft; er hat eine Länge von etwa 5 Meter, einen Durchmesser von 30 bis 45 Centimeter und enthält 50 bis 100 Kilo Sprengstoff, meist Schießbaumwolle. In einer besonderen Abteilung am hinteren Ende befindet sich Preßluft, welche unter einem Druck von etwa 100 Atmosphären eingepumpt worden ist. Nach dem Abschießen des Torpedos strömt diese Preßluft mit großer Kraft wieder aus und setzt zwei Flügelschrauben in Bewegung, durch diese wird der Torpedo mit ziemlicher Geschwindigkeit vorwärts bewegt. Eine sehr sinnreich construierte, selbsttätige Steuervorrichtung sorgt dafür, daß der Torpedo stets unterhalb des Wasserspiegels bleibt. Sobald der Torpedo das feindliche Schiff erreicht und mit der Spitze gegen die Schiffswand stößt, tritt der vorn angebrachte Schlagzünder in Tätigkeit und bringt das hinter demselben angehäufte Sprengmaterial zur Explosion. Die Beschädigung, welche ein auf diese Weise getroffenes Schiff erleidet, ist meist so groß, daß es sofort sinkt. Die Kosten eines Torpedos belaufen sich auf 6000 bis 10000 Mark. In der Herstellung und Wirkung dem Torpedo ähnlich sind die Seeminen, welche zur Verteidigung der Häfen, Küsten und Mündungen größerer Flüsse dienen. Die Seemine besteht meist aus einem flaschenförmigen, eisernen Behälter, der zur Hälfte mit Sprengstoffen und zur Hälfte mit Luft gefüllt ist; die Luft bewirkt, daß die Seemine nicht untersinkt und so verankert werden kann, daß sie einige Meter unterhalb des Wasserspiegels schwimmt. Aus der Oberfläche der Seemine ragen mehrere Glasröhren hervor, welche mit Schwefelsäure gefüllt und durch eine Bleiumhüllung geschützt sind. Sobald ein Schiff gegen diese Glasröhren stößt, zerbrechen dieselben, die Schwefelsäure ergießt sich auf ein darunter befindliches Trockenelement aus Zinkplatten, wodurch ein electrischer Strom erzeugt wird, dieser bringt einen dünnen Platindraht, der mitten in der Zündmasse liegt, zum Glühen und dadurch die Mine zur Explosion. Eine Gelegenheit, die großen und bedeutsamen Fortschritte, welche die Schiffsbaukunst und Kriegstechnik gerade in den letzten Jahrzehnten gemacht haben, praktisch in Wirksamkeit zu sehen, bot zunächst der Krieg zwischen China und Japan in den Jahren 1894 und 1895 und später der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten von Nordamerika im Jahre 1898. In diesen Kriegen hat sich gezeigt, daß der Mut und die Kühnheit der Soldaten und ihrer Führer allein heute den Ausgang einer Seeschlacht nicht mehr bestimmen können, sondern daß die Panzerung der Schiffe, die Stärke der Maschinen, von denen die Fahrgeschwindigkeit der Schiffe abhängt, vor allem aber die Zahl und Größe der Geschütze und die Schnelligkeit des Feuerns den Ausschlag geben; wer in der kürzesten Zeit den Gegner mit den meisten und schwersten Geschossen zu überschütten vermag, wird künftig Sieger bleiben. Zum Beweise mögen in den nächsten Abschnitten die kurzen Schilderungen der Seeschlachten der neueren Zeit dienen. II. Aus dem Kriege zwischen China und Japan. Die Feindschaft zwischen China und Japan besteht schon seit Jahrhunderten und wurzelt tief im Herzen der beiden Völker. Während die Chinesen in stolzer Ueberhebung dauernd bemüht gewesen sind, ihr Land gegen das Eindringen europäischer Kultur abzuschließen, haben die sehr viel regsameren und intelligenteren, jedoch auch nicht minder zur Ueberhebung neigenden Japaner die veralteten Einrichtungen ihres Landes vollständig nach europäischem Muster reformiert und sich ein vorzüglich bewaffnetes, stehendes Heer nach deutschem Vorbilde geschaffen. Sobald die Japaner glaubten, genügend vorbereitet zu sein, um mit dem sehr viel größeren und reicheren, aber altersschwachen und schlecht bewehrten Erbfeinde China eine blutige Abrechnung wagen zu können, brachen sie den Vorwand zu einem Kriege vom Zaun, indem sie einen Streit mit China wegen dessen Hoheitsrechte über die Halbinsel Korea begannen. Ohne seine wahren Absichten zu verraten und ohne den Krieg zu erklären, landete Japan größere Truppenmassen in Korea an der Nordküste von China. China in seiner Verblödung wollte lange nicht daran glauben, daß das zehnmal kleinere Japan im Ernst einen Krieg mit dem Riesen China wagen würde, und zögerte geraume Zeit, ehe es ebenfalls Truppen nach Korea sandte. Für den ersten Truppentransport charterte die chinesische Regierung drei englische Dampfer, welche zusammen etwa 3000 Soldaten, außerdem Kanonen und anderes Kriegsmaterial nach Asan schaffen sollten. Zwei dieser Dampfer hatten bereits glücklich ihr Ziel erreicht und ihre Ladung gelöscht. Der dritte Dampfer »Kowshing«, mit 1300 chinesischen Soldaten und einer Batterie Berggeschütze an Bord, verließ am 23. Juli Taku. Die Fahrt näherte sich schon ihrem Ende, und war bis dahin ohne jede Störung verlaufen, als am Morgen des 25. Juli das japanische Kriegsschiff »Naniwa« in Sicht kam und mittelst Flaggen-Signalen und den üblichen zwei blinden Schüssen die »Kowshing« aufforderte, zu halten und Anker zu werfen. Da das Schiff unter englischer Flagge fuhr und der Krieg noch nicht erklärt war, so glaubte der englische Kapitän, durch das geltende Völkerrecht gegen jede feindselige Handlung der Japaner gesichert zu sein. Nach kurzer Zeit erschienen einige japanische Offiziere an Bord des englischen Dampfers, sahen die Schiffspapiere ein, ließen sich Genaueres über Fracht und Bestimmungsort sagen und gaben dann dem erstaunten Kapitän, trotz seines Protestes und trotz seines Hinweises darauf, daß die englische Flagge von seinem Maste wehe, den gemessenen Befehl, mit seinem Schiffe der »Naniwa« zu dem japanischen Hauptgeschwader zu folgen. Als nach Abfahrt der japanischen Offiziere der Kapitän den Chinesen den erhaltenen Befehl mitteilte, gerieten diese in Wut und Raserei, erklärten alle an Bord befindlichen Europäer für Verräter und drohten, sie umzubringen. Der Kapitän signalisierte deshalb dem japanischen Kriegsschiffe, daß er den erhaltenen Befehl nicht ausführen könne, da die Chinesen mit Gewalt ihn daran hinderten, daß jene verlangten, nach Taku zurückbeordert zu werden und Kapitän und Mannschaft mit dem Tode bedrohten, wenn diese das Schiff verlassen würden. Darauf kam die Antwort, daß der Kapitän und die gesammte Mannschaft ins Wasser springen solle, sobald auf der »Naniwa« eine rote Flagge gehißt werde. Als dies Signal gegeben wurde, sprang die Mannschaft, mit Ausnahme des dritten Offiziers ins Meer; sofort feuerten die Chinesen auf sie und nur der Kapitän, der erste Offizier und der Quartiermeister erreichten die zu ihrer Rettung ausgesetzten Boote des japanischen Kriegsschiffes. Inzwischen war die »Naniwa« bis auf etwa 300 Meter an den englischen Dampfer herangekommen und begann aus dieser kurzen Entfernung ganz unerwartet aus ihren Schnellfeuergeschützen zu feuern und zwar nicht gegen das Schiff, sondern wohlgezielt gegen die auf dem Deck zusammengedrängten Chinesen. In wenigen Augenblicken war das Deck der »Kowshing« mit Toten und Verwundeten angefüllt. Nachdem die erste Verwirrung sich gelegt hatte, griffen die Chinesen nach den Gewehren, machten auch die Kanonen gefechtsbereit und eröffneten in wilder Hast ein heftiges, aber schlecht gezieltes und darum wirkungsloses Feuer auf die Japaner. Diese antworteten sofort mit der Abschießung eines Torpedos. Derselbe traf die »Kowshing« unterhalb des Maschinen- und Kohlenraumes und explodierte mit furchtbarer Gewalt. Ein Hagel von Kohlen, Holz- und Eisenteilen erfüllte die Luft; die Hälfte der Besatzung, Tote wie Lebendige, wurde ins Meer geschleudert. Der Dampfer sank schnell, bald ragten nur noch sein Vorderteil und die Masten aus dem Wasser; hier drängte sich Kopf an Kopf der Rest der Besatzung zusammen. Immer tiefer sank das Schiff, immer höher stieg das Wasser und der Raum, auf dem die Chinesen verzweiflungsvoll sich drängten, wurde immer kleiner; schließlich bildeten diese nur noch einen dichten Knäuel. Das Kriegshandwerk ist an sich roh und brutal in seiner Ausübung, doch die Japaner haben an diesem Tage jedenfalls das Unmenschlichste geleistet, indem sie noch in diesen dichten Knäuel sich gegen den Tod wehrender Menschen hineinfeuerten, auch Boote aussetzten, deren Mannschaften, statt zu retten, Salve auf Salve auf die im Wasser schwimmenden, wehrlosen Chinesen abgaben; ein mit Chinesen überfülltes Boot der »Kowshing« wurde ebenfalls in dieser barbarischen Weise in Grund gebohrt. Jedenfalls ganz gegen den Willen der Japaner hatten doch nahezu 200 Mann, viele davon schwer verwundet, schwimmend oder an Schiffsteile geklammert und von der Strömung getrieben, das Ufer einer kleinen Insel erreicht; es waren also bei dieser ersten, mehr als zweifelhaften Heldenthat der japanischen Marine mehr als 1100 Menschen ums Leben gekommen. Sieben Tage nach diesem Ereignis, am 1. August 1894, wurde erst der Krieg erklärt. Die erste größere Seeschlacht fand am 17. September 1894 vor der Mündung des Yalu-Flusses statt. Die chinesische Flotte unter dem Oberbefehl des Admirals Ting bestand aus 14 Kriegsschiffen, dieselbe hatte 7 Transportdampfer begleitet, welche ein größeres Truppenkontingent nach Taku-schan gebracht hatten. Am 17. September, etwa 11 Uhr vormittag, kam die japanische Flotte unter Admiral Ito in Sicht und Admiral Ting beschloß, dem feindlichen Geschwader sofort entgegen zu dampfen und dasselbe anzugreifen. Schon beim Entwerfen des Schlachtplanes beging der sonst durchaus befähigte und thatkräftige chinesische Admiral den folgenschweren Fehler, daß er von vornherein ausdrücklich auf die Oberleitung während der Schlacht verzichtete und den Führern der einzelnen Schiffe nur allgemein gehaltene, unbestimmte Befehle erteilte. Admiral Ito dagegen zeigte sich in seiner Taktik seinem Gegner weit überlegen. Das erste Signal, welches er seiner Flotte gab, lautete »Mittagessen«; die Soldaten der chinesischen Schiffe blieben dagegen an diesem Tage ohne Mittagbrod. Inzwischen hatte jede der beiden Flotten sich in zwei Treffen formiert. Die Chinesen eröffneten zuerst und zwar aus einer Entfernung von über 5000 Meter das Feuer. Die Japaner erwiderten dasselbe erst, als sie bis auf etwa 3000 Meter herangekommen waren, dann aber überschütteten sie die chinesischen Schiffe mit einem Hagel von Geschossen aus ihren Schnellfeuerkanonen. Gleichzeitig suchte jede der beiden japanischen Divisionen durch ein geschickt ausgeführtes Manöver einen Flügel der chinesischen Schlachtlinie zu umfassen. Die Chinesen bemühten sich, dieses Manöver durch eine Gegenbewegung zu vereiteln, kamen dabei aber in völlige Unordnung, indem die Schiffe sich gegenseitig in der Bewegung hinderten und zeitweise sogar einander in die Schußlinie gerieten. Die beiden Flügelschiffe der Chinesen »Yang-wei« und »Tschao-Yung« wurden infolge des Manövers der Japaner in kurzer Zeit in Brand geschossen, sie suchten deshalb ihr Heil in der Flucht und steuerten dem Lande zu. Dem »Yang-wei« gelang es dadurch, seine Mannschaft zu retten, »Tschao-Yung« dagegen rannte mit dem ebenfalls fliehenden chinesischen Panzer »Tsi-Yuen« zusammen, wobei er so stark beschädigt wurde, daß er in wenigen Minuten sank. Ein weiteres chinesisches Schiff, der »Kuang-Tschi« vom linken Flügel floh ebenfalls und strandete hierbei; das Schiff wurde später von den Japanern vollständig zerstört; die Mannschaft hatte dasselbe in den Booten verlassen. Vier chinesische Schiffe, welche noch nachträglich auf dem Kampfplatz erschienen, machten, als vier japanische Kreuzer ihnen entgegendampften, sofort wieder Kehrt, ohne einen Schuß abzufeuern. Sehr energisch dagegen griffen die beiden chinesischen Kreuzer »Tschi-Yuen« und »King-Yuen« die Japaner an. Die Folge davon war, daß das ganze erste japanische Geschwader sich gegen dieselben wandte und durch ein forciertes Schnellfeuer mit Granaten beide Schiffe in kurzer Zeit so schwer beschädigte, daß sie untergingen. Es waren nun nur noch die beiden schweren Panzerturmschiffe »Ting-Yuen« und »Tschen-Yuen« von der chinesischen Flotte auf dem Kampfplatz verblieben, die sich tapfer gegen die Uebermacht der Japaner hielten und das Feuer ununterbrochen nach allen Seiten erwiderten, schließlich war ihnen jedoch die Munition soweit ausgegangen, daß sie nur noch mit Vollgranaten schießen konnten. Aber auch die Japaner hatten bald ihre Munition verbraucht und da außerdem einzelne ihrer Schiffe schwer gelitten hatten, besonders das Flaggschiff, das nicht mehr manövrierfähig war, so sah sich Admiral Ito gezwungen, um 5 Uhr nachmittags das Gefecht abbrechen zu lassen; er zog sich mit seiner Flotte in südlicher Richtung nach dem offenen Meere zurück. Der Rest der chinesischen Flotte dampfte nach dem Hafen von Port Arthur. Die japanische Flotte erschien am nächsten Tage wieder auf dem Kampfplatze und sprengte den aufgefahrenen und von der Besatzung verlassenen chinesischen Kreuzer in die Luft. Die Chinesen haben in dieser Schlacht einen Verlust von etwa 1000 Toten und Verwundeten gehabt und 5 ihrer besten Kriegsschiffe vollständig verloren. Die Japaner hatten etwa 500 Tote und Verwundete, aber keines ihrer Schiffe total eingebüßt. Wenn auch die Schlacht ohne einen entscheidenden Sieg der Japaner endete, so war andererseits die chinesische Flotte doch nahezu vernichtet, denn die größeren Schiffe, welche nach Port Arthur zurückgingen, hatten auch so schwere Havarien erlitten, daß lange Zeit dazu erforderlich war, diese auszubessern. Den Erfolg, den die Japaner in dieser Schlacht über die Chinesen errungen haben, danken sie in erster Linie ihrer vorzüglichen Artillerie und dann der schnellen und sicheren Ausführung der Befehle des Admirals seitens der einzelnen Schiffe. Wesentlich erleichtert wurde allerdings den Japanern die Durchführung ihrer Aufgabe durch das feige Verhalten der verschiedenen chinesischen Kapitäne und durch die Schwerfälligkeit der Bewegungen der großen chinesischen Panzer. Nachdem die japanische Flotte alle Schäden ausgebessert hatte und wieder vollständig aktionsfähig war, richtete sie ihr Bemühen darauf, die Flotte der Chinesen, welche sich jetzt im Hafen von Wai-hai-wei befand, vollständig zu vernichten. Ein Angriff auf den Hafen war erschwert durch eine starke, eiserne Schutzwehr, welche die Einfahrt in ihrer ganzen Breite versperrte. In der Nacht zum 5. Februar 1895, nach Untergang des Mondes, gelang es einer Torpedoboot-Flottille 100 Meter dieser Hafensperre zu beseitigen und durch die Bresche in den Hafen einzudringen, obgleich von den Hafenforts auf sie gefeuert wurde. Es gelang den Torpedobooten, trotz der Gegenwehr der Chinesen, Torpedos gegen die beiden Panzerturmschiffe Ting-Yuen und Tscheng-Yuen zu lancieren und dieselben zum Sinken zu bringen. Mehrere Torpedoboote der Japaner wurden durch Geschosse der Chinesen sehr stark beschädigt und konnten nur mit großer Schwierigkeit durch andere Boote zum Geschwader zurückgeschleppt werden. Am Abend des 5. Februar versuchten die 12 Torpedoboote der Chinesen aus dem Hafen zu entfliehen, wurden aber von den Japanern bemerkt. Diese machten sofort Jagd auf die Fliehenden und ruhten nicht, bis alle 12 Boote entweder zum Stranden gebracht waren oder sich ergeben hatten. In jeder der folgenden Nächte erneuerten die Japaner ihre Angriffe durch die Torpedoboote im Hafen; den Tag über unterhielten die Schiffe ein fortwährendes Artilleriefeuer auf die Forts. Auf diese Weise wurden die Chinesen unterbrochen in Aufregung gehalten, sodaß schließlich eine Erschöpfung eintrat und die Erwiderung des Feuers seitens der Forts schwächer und die Wachsamkeit lässiger wurde; infolgedessen gelang es den Japanern, den größten Teil der Hafensperre zu beseitigen und bei den nächtlichen Angriffen, mit weniger Verlusten, den Chinesen Schaden zuzufügen. Am 12. Februar war der Mut des chinesischen Admirals Ting gebrochen, ein Kanonenboot mit weißer Flagge erschien vor dem Hafen und überbrachte die Mitteilung, daß der Admiral bereit sei, sich zu ergeben, wenn der gesamten Besatzung der Schiffe und Hafenforts freier Abzug gewährt würde. Admiral Ito erklärte, der Besatzung infolge ihres tapferen Verhaltens freien Abzug unter der Bedingung gewähren zu wollen, daß ihm die noch vorhandenen Schiffe und Anlagen vollständig übergeben würden. Nachdem der Admiral Ting diese Vergünstigung für seine Untergebenen erwirkt hatte, beschloß er, sich zu töten, um den Untergang seiner stolzen Flotte nicht zu überleben; mit einer seidenen Schnur erdrosselte er sich. Die beiden Offiziere Lui und Chan, sowie der General Tai folgten seinem Beispiele. Am 14. Februar dampfte die japanische Flotte in den Hafen Wai-hai-wei, wo ihr noch 10 verschiedene chinesische Kriegsschiffe in die Hände fielen. Damit war die Macht Chinas zur See vollständig gebrochen. Einen Kreuzer, nachdem er abgerüstet war, gaben indes die Japaner den Chinesen frei, um darauf die Leichen des freiwillig in den Tod gegangenen Admirals Ting und der drei anderen hohen Offiziere in die Heimat zu bringen. Als der Kreuzer mit dem toten Admiral aus dem Hafen dampfte, erwiesen sämtliche japanische Schiffe demselben die höchsten militärischen Ehren, indem sie Halbmast flaggten und vom Flaggenschiff durch Kanonenschüsse den Trauersalut gaben. III. Der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Das einst an blühenden, wertvollen Kolonien so reiche Spanien muß einen neuen schweren Verlust den früheren hinzufügen, indem es von der Nordamerikanischen Union infolge des unglücklichen Ausgangs des jüngsten Krieges gezwungen wird, Cuba, die Perle der heutigen spanischen Kolonien, dazu noch Portorico und einige kleinere Inseln für immer an Amerika abzutreten. Die spanische Herrschaft über Cuba geht zurück bis 1492, in welchem Jahre die Insel durch Columbus entdeckt wurde. Seit Jahrzehnten schon ist Cuba infolge der Mißwirtschaft der letzten spanischen Gouverneure der Schauplatz fortgesetzter, blutiger Kämpfe zwischen den spanischen Truppen und den Eingeborenen, die danach streben, die spanische Herrschaft abzuschütteln und eine Republik zu gründen. Der ehemals sehr bedeutende Ausfuhrhandel Cubas, besonders in Tabak, Cigarren und Zucker ist von Jahr zu Jahr mehr zurückgegangen und stockt jetzt fast vollständig. Die großen, herrlichen Pflanzungen sind während der Kämpfe vernichtet worden; die Besitzer hatten nicht den Mut, sie wieder anzubauen, dazu kam, daß sowohl die Spanier, wie die Cubaner die Eingeborenen brandschatzten, und mit größter Härte sie preßten, die beiderseitigen Lasten des Krieges zu tragen; auf diese Weise sind viele von den wohlhabenden Pflanzern völlig verarmt und andere haben, um dem vorzubeugen, das Land verlassen. Spanien hat sich nicht entschließen können, den Cubanern die geforderte Unabhängigkeit zu gewähren, es glaubte vielmehr, daß es ihm auch diesmal, wie in früheren Fällen gelingen werde, den Aufstand mit Gewalt nieder zu schlagen. Zu diesem Zwecke wurden immer neue und größere Truppentransporte nach Cuba hinübergeschafft. Die spanischen Heerführer gingen mit größter Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit vor, aber um so heftiger wurde nur die Erbitterung und der Haß der Cubaner. Unter der ärmeren Bevölkerung wuchs bei der dauernden Arbeitslosigkeit das Elend; Hungersnot und Krankheitsepidemien traten auf. Die spanischen Soldaten litten ebenfalls unter den ungewöhnlichen Strapazen und dem tropischen, für Europäer äußerst ungesunden Klima, so daß auch hier der Tod reiche Ernte hielt. Auf diese Weise sind während der letzten Jahre auf Cuba mehr als hunderttausend Menschen durch Hunger und Krankheit elend zu Grunde gegangen, ganz abgesehen von den Unglücklichen, welche in den vielen blutigen Gefechten und Schlachten ihren Tod gefunden haben oder hinterher als Gefangene unbarmherzig niedergemacht worden sind. Um diesem Elend und Blutvergießen ein Ende zu machen, richteten die vereinigten Staaten von Nordamerika unter Androhung des Krieges die kategorische Forderung an Spanien, die Feindseligkeiten auf Cuba einzustellen und die Unabhängigkeit der Insel zu erklären. Die spanische Regierung wies stolz diese Forderung zurück und erklärte, ihr Besitzrecht auf Cuba bis zum Aeußersten verteidigen zu wollen. Die vereinigten Staaten antworteten hierauf mit der Kriegserklärung. Das erste Treffen zur See fand am 1. Mai 1898 in der Bai von Manila, der Hauptstadt der Philippinen statt und endete mit der vollständigen Vernichtung des dort stationierten spanischen Geschwaders. Der Führer desselben, Admiral Montojo schildert den Verlauf dieser Schlacht folgendermaßen. Auf die telegraphische Nachricht, daß die amerikanischen Schiffe sich dem Eingange der Bai nähern, traf ich sofort alle Vorkehrungen zur Schlacht. Das Geschwader war kampfbereit, jeder Mann auf seinem Posten. Wir erwarteten jeden Augenblick die Ankunft des Feindes. Auf allen Schiffen, die vorher mit einer dunkelgrauen Farbe angestrichen worden waren, hatte man die Raaen, das Gestänge und die Boote klar gemacht, um so die Wirkungen der Geschosse und Sprengstücke abzuschwächen, eben so die Ankerwellen, um die Ketten im Augenblick nachlassen zu können. Um vier Uhr morgens ertönte das Alarmsignal, um 4¾ Uhr kündigte die »Austria« das feindliche Geschwader an, dasselbe war in diesem Augenblicke etwa 6000 Meter von unserer Schlachtlinie entfernt. An der Spitze befand sich das Admiralschiff »Olympia«, dann folgten die »Baltimore«, »Raleigh«, »Boston«, »Concord«, »Helene«, »Petrel« und »Mai Culloch,« während außerhalb der Gefechtslinie die Transportschiffe »Zafir« und »Nashand« fuhren. Die Schiffe hatten außer den Transportschiffen, welche nicht kämpften, einen Tonnengehalt von 21416 Tonnen, 40290 Pferdekräfte, 163 Feuerschlünde, viele davon Schnellfeuergeschütze, 1750 Mann Besatzung und eine mittlere Schnelligkeit von 17 Meilen. Dagegen stellten unsere einzigen 5 Schiffe, welche wirklich kampffähig waren, an Streitkräften dar: 10111 Tonnen, 11200 Pferdekräfte, 76 Geschütze, einschließlich der Schnellfeuergeschütze, 1875 Mann Besatzung und eine maximale Schnelligkeit von 12 Meilen. Um 5 Uhr eröffnete die Batterie von Punta Sangley das Feuer. Ihre ersten beiden Schüsse waren zu kurz und schlugen links vom Flaggschiff ein. Der Feind beantwortete sie nicht. Die genannte Batterie hatte nur zwei 16 Centimeter-Kanonen. Wenige Minuten später eröffnete eine der Batterien von Manila ebenfalls das Feuer und um 5¼ Uhr folgte damit auf Signalkommando unser Geschwader, worauf der Feind sofort antwortete; so entbrannte der Kampf auf der ganzen Linie. Man ließ die Ketten nach und die Maschinen vorwärts gehen, um dem Feinde nicht als feste Zielscheibe zu dienen. Das Feuer der Amerikaner war rapid, wir sahen uns mit einer Unzahl von Projektilen überschüttet. Die drei ersten Kreuzer beschossen ausschließlich mein Flaggschiff. Bald nachdem die Schlacht begonnen hatte, krepierte eine Granate in dem Turm, machte die gesamte Bedienungsmannschaft der vier Geschütze kampfunfähig und riß außerdem Splitter vom Fockmast, welche die Rudergasten, die an Deck steuerten, verwundeten. Der Lieutenant zur See José Nunez mußte das Kommando des Steuers übernehmen und behielt es bis zum Ende des Kampfes mit einer Bravour, welche über jedes Lob erhaben ist. Inzwischen krepierte eine andere Granate im Zwischendeck und entzündete dort das Arbeitsmaterial der Matrosenhandwerker; das Feuer konnte jedoch glücklicherweise gelöscht werden. Der Feind verminderte die zwischen ihm und uns bestehende Entfernung und überschüttete uns mit einem Regen von Geschossen aus seinen Schnellfeuergeschützen. Etwa um 7½ Uhr zerstörte eine Granate den Hilfsmotor vollständig; ich befahl nun das Handsteuer einzugreifen und es blieb das Schiff lange Zeit ohne Steuer; eine andere Granate krepierte auf dem Hinterteile und setzte neun Mann außer Gefecht. Eine dritte zerstörte die Keile und die Spitze des Besanmastes, indem sie dabei die Fahne und meine Flagge zerriß, welche beide sofort wieder ersetzt wurden. Eine neue Granate, welche in den Offizierskabinen krepierte, die dadurch in ein Hospital voll Blut verwandelt wurden, zerschmetterte die Verwundeten, welche dort gepflegt wurden. Dann schlug eine andere Granate in die Munitions- und Feuerwerkskammer, hüllte die Kammer in Rauch und verhinderte das Funktionieren des Hinterrades des Steuers. Da es nicht mehr möglich war, das Feuer zu überwältigen, mußte die Munitionskammer unter Wasser gesetzt werden, da schon die Kartuschen zu explodieren begannen. Im Zentrum schlugen verschiedene Granaten von kleinem Kaliber durch die Schornsteine und auch eine eines schweren Geschützes. Sie durchbohrte das Deck des Maschinenraumes und machte einen Geschützführer und zwölf Mann der Bedienungsmannschaft kampfunfähig. Eine andere Granate zerstörte das Steuerbordheckgeschütz, während der Brand des Schiffshinterteils zunahm, auch der des Vorderteils wurde durch eine Granate neu belebt, welche die Schiffswand durchschlug und im Zwischendeck explodierte. Die Deckgeschütze, mit denen wir feuerten, ohne merkliche Havarie zu haben, setzten das Feuer fort. Ein einziger Artillerieunteroffizier feuerte im Verein mit einem Kameraden der Marine, der wie jener noch nicht verwundet war, die Kanonen ab. Da das Schiff ohne Steuer und sein Deck mit Geschossen überschüttet, die Rauchfänge und das Holzwerk in Flammen eingehüllt waren, da ferner die Hälfte seiner Mannschaft, darunter sieben Offiziere, kampfunfähig war, so befahl ich, das Schiff zu versenken, bevor die Pulver- und Granatkammer in die Luft flogen. Zu gleicher Zeit signalisierte ich der »Cuba« und »Luzon«, daß sie eiligst herbeikämen, um den Rest der Besatzung aufzunehmen, wie dies auch von den Booten dieser Schiffe geschah, die dabei von denen des »Duero« und des Arsenals unterstützt wurden. Ich verließ die »Christiania«, nachdem ich ihre Fahne hatte einziehen lassen, in Begleitung meines Generalstabes und hißte meine Flagge auf dem Kreuzer »Isla de Cuba«. Als sich bereits eine große Anzahl der Bemannung des unglücklichen Schiffes gerettet hatte, tötete eine Granate seinen heldenmütigen Kommandanten Luis Cadarsos, welcher das Rettungswerk leitete. Der »Ulloa«, welcher sich auch mit Hartnäckigkeit verteidigte, indem er die beiden einzigen Geschütze gebrauchte, über welche er verfügte, versank, da die feindlichen Geschosse ihn zwischen Wind und Wasser getroffen hatten. Sein Kommandant und die Hälfte der tüchtigen Mannschaft, die für den Dienst an den beiden Geschützen ganz unentbehrlich war, waren außer Kampf gesetzt. Die »Castilla«, welche heldenmütig kämpfte, vermochte ihre Geschütze, außer einer Kanone des Hinterteils, mit der sie wacker kämpfte, nicht mehr zu verwenden; mit Geschossen überschüttet und durch die feindlichen Granaten in Brand gesetzt, ging sie unter, nachdem ihre Besatzung sie in größter Ordnung unter umsichtiger Führung ihres Kommandanten Alonso Morgado verlassen hatte. Die Verluste dieses Schiffes waren 23 Tote und 80 Verwundete. Die »Austria«, die selbst viele Havarien und ziemliche Verluste hatte, und deren Kohlenbunker brannten, eilte der »Castilla« zu Hilfe. Der »Luzon« hatte drei demontierte Kanonen und kleine Havarien im Kiel. Der »Duero« konnte eine der Maschinen nicht mehr benutzen, und ebensowenig das Geschütz des Vorderhecks und eines seines Niederdecks. Da das feindliche Geschwader um 8 Uhr morgens das Feuer unterbrochen hatte, befahl ich, daß die Schiffe, welche uns verblieben, in der Bucht von Bacoor Aufstellung nehmen und dort bis zum letzten Augenblick Widerstand leisten sollten. Dann sollten sie der Uebergabe das Ingrundbohren vorziehen. Um 10½ Uhr kehrte der Feind zurück und formierte einen Halbkreis, um nun das Arsenal und die Schiffe zu zerstören, welche uns verblieben. Er eröffnete auf sie ein furchtbares Feuer, das wir mit den wenigen noch gefechtsfähigen Geschützen beantworteten, so gut wir konnten. Als der letzte Moment gekommen war, in dem die Schiffe in den Grund gebohrt werden mußten, geschah dies. Man hatte vorher dafür Sorge getragen, daß die Fahne, die Erkennungssignale, das in Kisten verpackte Geld, die transportable Armierung, die Verschlüsse der Geschütze und das Signalbuch gerettet wurden. Erst dann begab ich mich mit meinem Generalstabe in das Kloster von St. Domingo nach Cavite, um eine Kontusion am linken Bein verbinden zu lassen, und um einen kurzen Bericht über die Schlacht zu telegraphieren. Admiral Montajo schließt mit der Erklärung, daß alle Führer, Offiziere, Maschinisten, Deckoffiziere und Geschützführer, Matrosen und Soldaten mit einander gewetteifert haben, den guten Namen der Marine an diesem traurigen Tage aufrecht zu erhalten. Der mangelhafte Zustand der Schiffe, aus denen sein kleines Geschwader bestand, der Mangel an Personal aller Klassen, besonders an Geschützführern und Marineartilleristen, die geringe Brauchbarkeit mehrerer Hilfsmaschinisten, der fast gänzliche Mangel an Schnellfeuergeschützen, die dreifach überlegenen Streitkräfte des Feindes, und die vollständige Schutzlosigkeit des größten Teils seiner Schiffe, alles das trug dazu bei, das Opfer noch blutiger zu machen. Die spanischen Verluste, einschließlich derjenigen des Arsenals, betrugen an Toten und Verwundeten 381 Mann. Nach dem Untergang der sämmtlichen Schiffe des Admiral Montajo verblieb den Spaniern als Schlachtflotte nur noch ein größeres Geschwader unter Admiral Cervera. Demselben war es gelungen, in den Hafen von Santiago einzulaufen, trotz der Wachsamkeit der Amerikaner, die sich dem Geschwader auf seiner Fahrt nach Cuba in den Weg legen wollten, um es zu einer Schlacht zu zwingen. Sobald sich indes die spanische Flotte im Hafen von Santiago befand, blockirten die Amerikaner denselben, sodaß sich Admiral Cervera darin, wie in einer Mäusefalle eingeschlossen und längere Zeit zur vollständigen Unthätigkeit verurteilt sah. Die Amerikaner benutzten diese Sachlage, um an verschiedenen Punkten der cubanischen Küste größere Truppenmassen zu landen. Infolgedessen wurde Santiago von der Landseite ebenfalls immer enger eingeschlossen; die Flotte im Hafen lief Gefahr, zwischen zwei Feuer zu kommen; Admiral Cervera entschloß sich daher, jedenfalls aber viel zu spät, zu dem Versuch, mit der größten Geschwindigkeit, welche die Maschinen der Schiffe ermöglichten, aus dem Hafen auszulaufen und dadurch zu entkommen. Dieser Versuch scheiterte jedoch an der Wachsamkeit und Stärke der Amerikaner; in einem kurzen aber überaus heftigen Kampf gingen sämtliche Schiffe des spanischen Geschwaders zu Grunde. Kapitän Evans vom amerikanischen Panzerschiff »Iowa«, das an dem Kampfe teilgenommen hat, giebt folgende Schilderung der Schlacht: »Sobald die Spanier aus dem Hafen herauskamen und gesichtet wurden, machten wir klar zum Gefecht. »Mit Volldampf voran!« hieß es. An der Tête der spanischen Flotte war die »Infanta Maria Teresa«. Die »Iowa« legte sich quer vor ihren Bug und sandte ihr, als sie in westlicher Richtung ausbog, aus einem der zwölfzölligen Geschütze im vorderen Turm ein Geschoß nach, das sie anscheinend gerade in den Bug traf. Der Anblick, welchen die spanischen Schiffe gewährten, wie sie in Kolonnenordnung, mit scharfer Innehaltung gleicher Abstände, aus dem Hafen kamen, war großartig. Die »Iowa« feuerte, nachdem sie den ersten Schuß abgegeben, unablässig. Vorwärts flog sie durch das Wasser, um die »Infanta Maria Teresa« auf der Steuerbordseite zu behalten, und in der Hoffnung, eines der spanischen Schiffe anrammen zu können. Aber es stellte sich bald heraus, daß das unmöglich. Die Dons hatten schnellere Seebeine. In der Zwischenzeit hatten auch die »Oregon«, »Indiana«, »Brooklyn« und »Texas« begonnen, ihre großen Geschütze sprechen zu lassen. Die Entfernung zwischen den spanischen und unseren Schiffen betrug um diese Zeit 2000 Yards. Die »Iowa« feuerte eine Breitseite auf die »Infanta Maria Teresa« ab, dann wurde das Schiff gedreht, und wir passierten den Stern der »Infanta« in dem Bestreben, die »Almirante Oquendo« abzuschneiden. Während der ganzen Zeit arbeiteten die Maschinen mit aller Macht, und ein Hagel von Geschossen fegte über Schornsteine und Oberdeck hinweg, ohne jedoch Schaden anzurichten. Die »Christobal Colon«, offenbar schneller als die anderen spanischen Schiffe, nahm der »Infanta Maria Teresa« bald die Führung ab. Vorbeifahrend, sandte sie uns zwei sechszöllige Geschosse zu, die beide auf der Steuerbordseite trafen und, namentlich das eine, beträchtlichen Schaden anrichteten. Da es sich immer mehr herausstellte, daß der Rammsporn doch nicht in Aktion treten könnte, nahmen wir die ursprüngliche Fahrrichtung wieder auf, das heißt, wir fuhren parallel mit den spanischen Schiffen. Nur elfhundert Yards trennten uns von »Almirante Oquendo«, und wir feuerten aus allen unsern Schlünden. Der Spanier wurde fürchterlich zugerichtet. Gleichzeitig erhielt er z. B. eine zwölfzöllige Granate vorn und hinten. Aus den Luken schlug Rauch. Einen Augenblick schien es, als ob die »Oquendo« ihre Maschinen gestoppt habe und zurückbliebe, aber sie nahm gleich wieder ihre Fahrt auf. Weiter und immer weiter ließ sie die »Iowa« hinter sich zurück, aber nur, um unter die Kanonen der »Oregon« und »Texas« zu kommen. Plötzlich erscholl der Ruf: »Torpedoboote!« Richtig, zur Rechten der »Iowa« in einer Entfernung von 4000 Yards erschienen zwei Torpedozerstörer, und sogleich nahmen wir sie aufs Korn. Ein zwölfzölliges Projektil riß einem der Torpedozerstörer den Bug weg. Uebrigens feuerten die Angegriffenen wacker zurück. Eines der Geschosse sauste dicht an meinem Kopfe vorbei. Ich sagte zum ersten Offizier Rogers: »Der kleine Kerl ist 'mal frech!« Rogers rief zurück: »Aber er schießt gut!« Mitten unter den Feinden, sich bald von einem zum anderen wendend, bald auf einen Kreuzer feuernd, bald auf einen Torpedozerstörer, war die kleine »Gloucester«. Es war ein Wunder, daß sie bei dem Hagel von Geschossen nicht durchlöchert wurde wie ein Sieb. In der Zwischenzeit war die »Vizcaya« herangekommen und zwischen ihr und der »Iowa« entspann sich nun ein hitziges Duell. Die »Vizcaya« feuerte schnell, aber die Schüsse waren schlecht gezielt. Nicht ein einziger traf die »Iowa«, während unsere Geschosse große Löcher in die Wandung des Spaniers rissen. Die »Infanta Maria Teresa« und die »Almirante Oquendo« standen bereits in Flammen und strebten der Küste zu. »Texas«, »Oregon« und »Iowa« setzten ihnen fürchterlich zu. Das spanische Feuer verstummte. Binnen wenigen Augenblicken waren die »Infanta« und »Oquendo« völlig in Qualm und Flammen eingehüllt und, hilflose Wracks, auf den Felsen. Sie hatten die spanische Flagge herunter geholt. Statt dessen sah man auf der »Maria Teresa« eine weiße. Genau zwanzig Minuten, nachdem der erste Schuß abgefeuert worden, waren die »Teresa« und die »Almirante Oquendo« kampfunfähig, und eine halbe Stunde später wandte sich auch die »Vizcaya« der Küste zu. Auf dem Felsen von Acerraderos fand sie den letzten Ankerplatz. Auch sie stand in Flammen. Mittlerweile war die »Brooklyn« und der »Christobal Colon« aneinandergeraten. Sie schossen sich wacker mit einander herum, während die »Oregon« ihre Aufmerksamkeit zwischen der »Colon« und der »Vizcaya« teilte. Da ich einsah, daß die »Iowa« den »Cristobal Colon« niemals einholen würde, und da auch die schnelle »Newyork« bereits auf der Fährte des Spaniers war, beschloß ich, dem Diktat der Humanität zu folgen und mich um die zwölf- bis fünfzehnhundert spanischen Offiziere und Mannschaften zu bekümmern, die durch Hissung der weißen Fahne ihre Bereitwilligkeit angekündigt hatten, sich zu übergeben. So schnell wie möglich steuerte ich also auf die »Vizcaya« zu. Die Spanier hatten bereits begonnen, ihre Kleider abzulegen und über Bord zu springen. Ich ließ sämtliche Boote aussetzen. Zu viele von den Spaniern waren bereits ertrunken oder wurden lebendig geröstet. Vom Ufer aus schossen Insurgenten auf die mit den Wellen Ringenden, aber ich machte dem bald ein Ende. Daß Haie viele von den Leichen verstümmelten, konnte ich allerdings nicht verhindern. Jetzt kam auch die »Harvard« heran, und ich bat Kapitän Cotton, die Ueberlebenden der »Infanta Maria Teresa« und der »Almirante Oquendo« an Bord zu nehmen. Um Mitternacht befanden sich auf der »Harvard« 796» Gefangene, darunter viele Verwundete. Meine Leute arbeiteten aufs heldenmütigste und retteten viele von den Verwundeten, die sonst kläglich umgekommen sein würden. Einer von meinen Leuten, dessen Beförderung ich befürworten werde, kletterte auf das Verdeck der »Vizcaya« hinauf und bewahrte drei Verwundete vor dem entsetzlichen Geschick, lebendigen Leibes zu verbrennen. Alle Augenblicke explodirte ein Magazin, aber die Boote fuhren hin und her, und willige Hände streckten sich zu Hilfe den Spaniern entgegen. Diese waren sämmtlich splitternackt. Einigen waren durch unsere Granaten die Beine weggerissen worden. Andere waren in jeder nur erdenklichen Art verstümmelt. Das Flaggschiff schickte das Torpedoboot »Ericson«, um die Mannschaften der »Vizcaya« retten zu helfen, und den Leuten der »Ericson« wurde ein Anblick, der ihnen das Blut in den Adern erstarren machte. Die Flammen, welche das Verdeck umzüngelten, leckten das Fleisch der Verwundeten, und das Geschrei der Unglücklichen mischte sich mit dem Krachen der explodirenden Magazine. Von der »Gloucester«, die ihn an Bord genommen – zusammen mit einer beträchtlichen Anzahl Verwundeter, von denen einige aufs Fürchterlichste verstümmelt waren – kam Admiral Cervera auf die »Iowa«. Ich empfing ihn mit allen Ehren, die einem Offizier eines hohen Ranges zukommen. Er war barhäuptig. Ueber dem Unterhemd trug er eines von dünnem Flanell, das er sich auf der »Gloucester« vom Lieutenant-Commander Wainwright geborgt. Die Mannschaften der »Iowa«, halb nackt und vom Pulver geschwärzt, drängten sich herbei, um ihn zu sehen. Sie schrieen stürmisch Hurrah. Cervera ist jeder Zoll ein Admiral, auch wenn er keinen Hut auf hat. Er zeigte sich im Unglück von einer Gefaßtheit, wie sie nur großen Menschen eigen ist. Was Tapferkeit und Todesverachtung angeht, steht sein Verhalten vielleicht einzig in der Weltgeschichte da. Er wußte, daß Vernichtung seiner harrte, und seine einzige Rettung bestand darin, daß sich die »Cristobal Colon« schneller als die »Brooklyn« erweisen werde. Daß zwei Torpedozerstörer, wahre Nußschalen, sich am hellen lichten Tage dem Feuer eines Schlachtschiffes aussetzten, war bis dahin unerhört. Es ist recht spanisch. Auf der anderen Seite ist die Entschlossenheit und kühle Ueberlegung der Amerikaner zu rühmen, die ihre Kanonen bedienten, als gelte es nur einer Schießübung. Die »Iowa« feuerte 31 zwölfzöllige Geschosse ab, 48 achtzöllige, 270 vierzöllige, 1060 Schüsse aus Sechspfündern, 120 Schüsse aus Einpfündern. Korporal Smith entsandte aus einer vierzölligen Kanone binnen 50 Minuten 135 Schüsse, und in derselben Zeit wurden aus zwei Sechspfündern 440 Schüsse abgegeben. Kein Wunder, daß die Offiziere der »Vizcaya« sagen, sie hätten ihre Mannschaften schließlich nicht mehr dazu bringen können, bei den Geschützen auszuhalten. Die Verdecke wurden mit Wasser überflutet, aber das Blut färbte sie schwarz. Jeden Augenblick explodirte eine neue Bombe. Durch den unglücklichen Ausgang auch dieser zweiten Seeschlacht, welche die völlige Vernichtung der stolzen Flotte des Admirals Cervera brachte, war die Macht Spaniens gebrochen und die durch Vermittlung des französischen Botschafters in Washington angeknüpften Verhandlungen führten bald zum Abschluß eines Friedens, dessen Bedingungen den Stolz der Spanier tief gebeugt haben.