Dietrich Theden Ein Verteidiger   Roman   Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de Erstes Kapitel. Sommerfrische! Der schönste, berückendste, entzückendste Begriff der Welt! Fern den heißen, engen Straßen der Großstadt mit den himmelanstrebenden Häusern; fern dem Staub, dem gräulichen, unausstehlichen, der in leichter Schicht auf dem Trottoir und dem asphaltierten Fahrdamm liegt, der von jedem Kleide aufgewirbelt wird, unter jedem Hufschlage aufquillt und hinter den rollenden Wagen in dunstigen, die Kehle schnürenden Wolken herzieht. Fern dem hastigen Jagen der Menschen, ihrem kläffenden Streiten, ihrer galligen Abgunst, ihrem Werben, Buhlen, Treten und Zertreten; fern dem Gleißen des Protzentums und der klagenden, hohläugigen Scheelsucht der Armut; fernab vom frechen Egoismus des ehrbaren Scheins und des scheinlosen Lasters! Frei! Frei seit Tagen, frei für endlos lange Wochen! Ah! Doktor Fritz Bendring schritt von der Schwiddeldei an den Plöner See, atmete behaglich die frische, würzige Morgenluft ein und blickte leuchtenden Auges um sich. Wie erquickend so ein Frühmorgen in Gottes freier Welt! Wie ein Hauch des Schöpfers das leise Rauschen in den Bäumen, wie ein Gruß aus einer anderen Welt der Frieden im Waldgrün, ein Silbermärchen der spiegelnde See – und ein Winken und Umfangen aus Walddunkel und Seetiefe, mystisch und freudig wie Poesie. Wald und See – der norddeutsche Wald mit seinem Träumen unter Eichen und Buchen, und der norddeutsche Landsee mit seinen klaren, quellfrischen Fluten – ja, sie waren es, die einen nie versagenden Zauber auf ihn ausübten, die ihn Sommer für Sommer zu sich zogen und in diesen Wochen ihn Spannkraft und Freudigkeit sammeln ließen für das ganze lange Jahr. »Holla ho! Holla ho!« rief Bendring in den weihevoll stillen Morgen. Er blieb stehen und horchte. »Ho-jo! Ho-jo!« klang der Gruß aus einer rauhen Kehle vom See her zurück. Bendring lachte. Der Alte war zur Stelle, wie immer. Er lag in dem strohgedeckten, windschiefen Bootshause und wartete auf den Gast, der seit Jahren in dem einsamen Hotel am Plöner See einkehrte, und dessen Kommen für den alten Fischer und für den Besitzer und die Leute des ländlichen Gasthauses den Höhepunkt der Saison bedeutete. »Herr Bendring kommt!« Die Anmeldung des Rechtsanwalts erfolgte meistens durch ein lakonisches Telegramm; aber die kurze Botschaft ließ das Leben in der Schwiddeldei mit einem Schlage rascher pulsieren und die wenigen Kurgäste verwundert dem lebhaften Treiben zuschauen. Der langjährige Gast hatte sich zwei Zimmer im ersten Stockwerk des Hotels selbst möblieren lassen. Sie wurden von Christian Hansen und seiner würdigen Ehehälfte eifersüchtig gehütet und blieben selbst dann unerbittlich geschlossen, wenn einmal ein Fremdenstrom die Schwiddeldei vorübergehend überflutete und das halbe hundert Räume des weitläufigen Gebäudes drangvoll überfüllte. Sie wurden gelüftet, gescheuert, tagelang geputzt, wenn das sehnlich erwartete Telegramm eingetroffen war, und im Bootshause hämmerte und pinselte zugleich der alte Fischer Kietz an der ›Prinzeß Charlotte‹ herum, daß ihm der Schweiß in hellen Tropfen auf dem runzligen Gesicht stand. »Herr Bendring kommt!« Nicht Doktor, nicht Rechtsanwalt, überhaupt keine Förmlichkeit. Der Gast hatte es ein für allemal so angeordnet, und die schlichten Landleute hielten mit Freuden daran fest. Bendring war von der Landstraße her über einen schmalen, saftig grünen Wiesenstreifen geschritten und schwenkte vor dem Bootshause die weiße Strandmütze. »Morgen, Kietz!« »Morgen, Herr Bendring, jo!« Der Alte kniete auf dem schmalen in den See gebauten Steg und nestelte an dem um einen Pfahl geschlungenen Seil, das die ›Prinzeß Charlotte‹ festhielt. »Is der Deubel los gewesen heut' nacht – jo,« knurrte er und wies auf eine Stelle an dem Boot, von der der frische grüne Anstrich abgescheuert worden war. »Blos 'ne Stunde – jo. So von Glöck zwölf bis eins – jo. Aber das heulte und pfiff, Herr Bendring – jo, all mehr brrrr – jo!« »So, Sturm?« fragte Bendring. »Ich habe gar nichts davon gehört. Und der See liegt still und glatt, als ob er gar kein Brausen und Schäumen kenne.« »Der – jo? Der hat's hinter den Ohren – jo. Der is wie manche Menschen – jo. Tobt und rast wie wild – jo, und macht nachher ein Gesicht wie'n Engel – jo.« »Sie auch Kietz – jo?« fragte Bendring belustigt und den unausbleiblichen Jo-Zusatz des Alten nachahmend. Kietz ging auf die Neckerei nicht ein. »Hier sind die Metten – jo,« knurrte er und stellte eine mit Erde gefüllte Blechbüchse ins Boot. Er war von einer unverwüstlichen Gutmütigkeit, aber die Neckerei mit seiner leidigen Jo-Angewohnheit konnte ihn falsch machen. »Nichts für ungut, alter Knasterbart – jo,« fuhr Bendring lachend fort. »Ob sie beißen heut?« Kietz schielte zur Seite. »Kann sein – oder auch nicht – jo,« sagte er grollend. Der Anwalt sprang ins Boot und stieß vergnügt ab. »Vergessen Sie den Morgengruß für meine Braut nicht!« rief er noch dem Alten zu. »Nee – jo,« kam die Antwort. Kietz blinzelte dem Davonrudernden nach. Auf seinem faltigen Gesicht lag plötzlich wieder Sonnenschein. »Jo, jo, jo,« murmelte er schmunzelnd. Die Braut des alten Gastes hatte es ihm angethan. Er verließ den Steg, ging über die Wiese und durch eine kleine Holzung und trat auf ein Roggenfeld, um nach Kornblumen und Mohn zu suchen. Die künftige Frau Bendring liebte die schlichte Kaiserblume und die grellrote Blüte des aufdringlichen Mohns, und wie der alte Fischer nachts, wenn alle schliefen, an den Gebäuden und unter den Hecken nach Metten für den Anwalt suchte, so durchstreifte er morgens, wenn die aufgehende Sonne ihre Strahlen belebend über die Landschaft sandte, die Felder nach den Lieblingen der jungen Braut. Er war zufrieden, wenn ihm mit einem freundlichen Blicke aus den rätselhaften tiefen Augen gelohnt wurde, und überglücklich, wenn die kleine, weiche Hand der jungen Dame dankend seine harte Riesenfaust zu umspannen versuchte. Das Rudern war für den Rechtsanwalt ungewohnt und anstrengend, und Kietz hatte in den ersten Tagen das ehrliche Gesicht zu einem amüsierten Grinsen verzogen, wenn er den Berliner mit der ›Nußschale‹ sich abquälen und ihn alle Augenblicke die Ruder zum Ausruhen einziehen sah. Die ›Prinzeß Charlotte‹ war indes trotz ihres stolzen Namens nichts als ein schweres Fischerboot, praktisch für ihren Zweck und vorzüglich für den Angelsport, aber für Dauerfahrten nur den eisernen Muskeln des alten Fischers gehorsam. Dr. Bendring schaute nach halbstündigem Rudern über die Schulter nach seinem Ziel. Gottlob, es war nicht mehr fern. Der ›grüne Fleck‹ in der blauen Seefläche war deutlich erkennbar. Die grüne Färbung des Wassers war das Zeichen, daß sich vom Grunde des Seebeckens ein Berg bis dicht unter den Wasserspiegel erhob. Der Anwalt hatte sich vor Jahren die auffallende Erscheinung von dem alten Fischer erklären lassen müssen. Der Berg ragte bis etwa drei Faden unter dem Wasserspiegel empor; bei hellem Sonnenscheine war der gelbe, sandige Gipfel dem Auge sichtbar, und dieses Gold des Sandes gab, vermischt mit dem Blau des Wassers oder des sich spiegelnden Himmels, das charakteristische Grün, das, je nach der Beleuchtung von bedecktem oder wolkenlosem Firmament, zwischen sattem Sommerdunkel und weißschimmerndem Frühgrün wechselte. Der Rechtsanwalt ruderte um so vorsichtiger, je näher er dem Berge kam, zog am Ziel die Ruder ein und ließ behutsam den Anker in die Tiefe gleiten. Dieser faßte bald und zeigte damit dem Bootsführer an, daß er sich in der Ortsbestimmung nicht getäuscht hatte. Fritz Bendring hielt sein Angelzeug imstande und hatte keine Mühe, es gebrauchsfertig zu machen. Nach wenigen Minuten ragten die beiden schlanken Bambusschäfte über das Boot hinaus, und die rotgefärbten Korken schwammen träge auf dem fast wellenlosen Spiegel. Das Wasser war durchsichtig klar, und mühelos konnte der Angler den Berggipfel erkennen; aber vergebens spähte er nach dem Aufblitzen der grüngoldenen Schuppenpanzer der Barsche aus ... Der Morgen war köstlich. In tiefem Blau spannte sich das Himmelsgewölbe aus, matt schimmerte im Tageslicht die Mondsichel. Die Luft war rein und frisch, und ein zuweilen niederstreichender Windhauch vermochte kaum stellenweise den Seespiegel zu kräuseln. Dr. Bendring hatte der in weiter Ferne sichtbaren Stadt Plön den Rücken zugekehrt, und sein Blick haftete, wenn er sich von den roten Korken der Angeln löste, an dem Ascheberger Ufer des Sees. Bis weit nach rechts hin dehnte sich hinter hohem Ried ein dunkelgrüner, hügeliger Waldsaum; geradeaus grüßte aus einer Ellerngruppe das braune Strohdach des Bootshauses und von links durch einen Parkweg und zwischen Buchenwipfeln aufragend das gräfliche Schloß Ascheberg. Der hauptstädtische Kurgast hatte vor dem alten Herrensitze keinen sonderlichen Respekt; aber er mußte zugeben, daß in der hellen, freudigen Morgenstimmung der Anblick vom See aus von bestechend malerischer Wirkung war. Die roten Korken rührten sich nicht, und es war kein Zweifel: die Barsche, die sonst den Aufenthalt an dem Abhange des Berges liebten, mußten auf die Wanderschaft gegangen sein. Bendring verlor die Geduld nicht; er machte es sich nach Möglichkeit bequem und gab sich einer ebenso freundlichen als kurzweiligen Beschäftigung hin: dem Bauen von Luftschlössern auf dem Boden des nahen Eheglücks. Seit zwei Monaten war er verlobt; nach wenigen weiteren Monden würde er verheiratet sein. Er lachte in sich hinein. Es würde ihm merkwürdig vorkommen, wenn er die Geliebte, deren herb verschlossenes Wesen ihm die Annäherung schwer genug gemacht hatte, täglich und stündlich vertraut um sich sehen würde. Nahm er in der Frühe seine Aktenmappe unter den Arm, um nach dem Gericht zu eilen und für Müller oder Meyer, Schulze oder Lehmann zu plaidieren: »Guten Morgen, Hedwig!« Kehrte er vom Amte heim, so führte der Weg nicht ins Restaurant, sondern in die behagliche Wohnung, an den einladend gedeckten Tisch, an die Seite der blühenden, glücklichen Frau: »n' Tag, Hedwig!« Und saß er abends einmal in der Oper, im Schauspielhause, bei Kroll oder in einem anderen Musentempel: »Sieh, Hedwig! Hör, Hedwig!« Hedwig hier und überall – ja, es würde ihm ungewohnt sein! Aber schön! Wundervoller, als die Phantasie es auszumalen vermochte. Keine Scheidewand mehr zwischen ihr und ihm; ein inniges Verstehen und Ineinanderaufgehen, ein liebendes, freudiges Werben und Sorgen, Bitten und Geben – eine warme, sonnige Zufriedenheit – das Glück! Er zog die Uhr. Erst eben fünf durch. Sie würde noch ruhen und träumen. Hm! Das begriff er nicht ganz, wie man in den lockenden Sommermorgen hinein schlafen konnte, bis die Sonne über die Baumwipfel hinweg ins Fenster lachte und die Schläfer – Hedwig und ihre alte Mutter – mit neckenden Strahlen wachrief. Freilich – er begriff auch sonst nicht alles, nicht die herben Linien, die sich mitunter plötzlich um den Mund der Geliebten abzeichnen, nicht die Schatten, die mit Sekundenschnelle die klare Stirn verdüstern, und nicht die Flammen, die überraschend aus den verdunkelten Augen auflohen konnten, wenn er in ausbrechender Zärtlichkeit und tollem Glückesjubel die Arme um sie schlang und sie an sich zu ziehen suchte mit fliegenden, glühenden Liebesworten. Dem Weichen, echt Weiblichen in ihrem Wesen war ein Fremdes, ein Sphinxhaftes beigemischt, das den Reiz erhöhte und zugleich das Verstehen oft beängstigend störte. Es hatte sich zu unnahbarer Abweisung verdichtet, so lange er nur oberflächlich in ihren Gesichtskreis getreten war, und es hatte sich ihm herb entgegengestellt, als er in ehrlichem, ausharrendem Werben sich ihr zu nähern suchte. Es wich mit seinen Schatten selbst nicht ganz aus dem Brautstande. Er hatte oft gegrübelt, was es sein konnte, das sich so plötzlich und unvermittelt zwischen sie stellte. Herbe, mädchenhafte Scheu? Mißtrauen? Eine trübe Erfahrung? Ein Geheimnis? Er vermochte das Rätsel nicht zu lösen. Keusch, scheu, ernst und stolz – ja, das war sie. Und sinnig, weich und sich anschmiegend zugleich. Mißtrauisch? Nein. Oder doch nicht mit Berechtigung. Er hatte wohl sich einmal einem anderen Weibe zugewandt und für die Dauer eines flüchtigen Rausches vermeint, mehr als Bewunderung für eine stolze Schönheit zu empfinden; die Dame, eine junge, in glänzenden Verhältnissen lebende, viel umworbene Witwe, ließ ihm wohl auch ab und zu noch ein Lebenszeichen zukommen, aber davon konnte Hedwig von Viersen nicht einmal eine Ahnung haben. Er hatte nie davon gesprochen, er dachte selbst kaum mehr an die Frau; er empfand es fast unangenehm, wenn von den Reisen der Dame hin und wieder Grußkarten mit Ansichten angeflogen kamen, steckte die Blätter zu sich, riß sie, wenn er allein war, in Fetzen und streute diese gleichgültig in den Wind. Oder war es ein Mißtrauen, das nicht in seinem Verhalten, sondern in ihrer Beobachtung des Lebens begründet lag? Hatte sie mit den klaren, sanften braunen Augen tiefer und schärfer ins Menschengetriebe hineingesehen, als ihre keusche Unberührtheit es vermuten ließ? Hatten nicht die eigenen Erfahrungen, sondern die, die sie andere im Fehlen und Irren um sich sammeln sah, sie nachdenklich und zu selbstquälerischen Zweifeln aufgelegt gestimmt? Er nahm es fast an, denn ihr eigenes Herzensleben war rein und streng, dahinein konnte keine unsaubere Hand gegriffen und vergifteten Samen frevlerisch ausgestreut haben. Konnte nicht –? Nein, nein – Er brauchte sie nicht zu fragen, sie brauchte ihm nichts zu sagen – er vertraute ihr in blinder Zuversicht. Er vertraute mit der Liebe, die ihn hoffnungsvoll freudig vorausschauen und Träumen von Frieden und Glück nachsinnen ließ. Bendring zog die Angeln hoch und sah nach den Ködern. Sie waren unberührt. Er warf von neuem aus und spähte über die spiegelnde Fläche nach dem fernen Bootshause. Nein, es war noch zu früh; sie konnte noch nicht erscheinen – noch lange nicht – um ihm mit dem flatternden weißen Taschentuche zuzuwinken. Ein Rucken an einer der Angeln, kurz hintereinander, ließ ihn aufmerken. Plötzlich war der rote Kork verschwunden. Bendring hob an. Der Bambusschaft bog sich, und die Schnur drohte zu reißen. Er ließ den Schaft nach rückwärts über den Rand des Bootes hinausgleiten, um nicht mehr zu heben, sondern zu ziehen. Dicht unter der Oberfläche sah er die grüngoldenen Schuppen eines ungewöhnlich großen Barsches. Er griff nach einem Handketscher, schob ihn in die Flut unter den sich sträubenden Fisch und hob den Fang mit dem Netz heraus. Ein Ruf der Befriedigung kam ihm über die Lippen. Er wog den Fisch in der Hand. »Dreiviertel Pfund!« schätzte er. Der Erfolg rief seinen alten Eifer wach. »Ein guter Anfang – hurra!« Er schnitt den Fisch, der den Haken tief verschluckt hatte, auf und warf ihn in den für die Beute mitgebrachten Korb. Ehe Bendring noch die erste Angel wieder auswerfen konnte, forderte auch die zweite seine Aufmerksamkeit. Er zog und hatte abermals Glück. Und so lange er zuerst hatte warten müssen – es schien, als ob ein unerschöpfliches Heer der Seebewohner dem goldenen, flutüberspülten Berge zugewandert war, in so unmittelbarer Folge und so andauernd konnte er Fang auf Fang aus der Tiefe heraufholen. Er hatte nicht mehr Zeit, jedesmal den Korb, der zum Schutze gegen die Sonne mit einem Deckel versehen war, zu öffnen; er warf die Beute unter sich ins Boot, hatte oft beide Angeln zugleich zu ziehen und mußte, wenn er einmal aufstehen wollte, die schnellenden Tiere mit dem Fuße zur Seite stoßen, wenn er nicht auf die schillernden, schlüpfrigen Leiber treten und Schaden anrichten oder durch Ausgleiten vielleicht zum Fallen und zu einem unfreiwilligen Bade kommen wollte. Ein Eifer füllte ihn, daß nichts in seinem Denken Platz hatte als der aufregende Sport. Die Sonne stieg höher und brannte sengend auf das Boot, die Fische und den Angler; der von seinem Sport Gefangengenommene vergaß die glutende Augusthitze, Zeit und Braut. Bei einem neuerlichen ungewöhnlichen Fange geriet durch eine unvorsichtige Bewegung des Anglers das Boot ins Schwanken, und Bendring wäre um ein Haar über Bord gestürzt. Als er sich wieder aufgerichtet hatte, streifte sein Blick unwillkürlich über die sonnenglitzernde Seefläche und blieb an einem weißen Punkte am Ufer haften. Vom Braun des Bootshauses hob sich die lichtgekleidete Gestalt einer Frau ab, die grüßend mit dem Taschentuch winkte. Fritz Bendring schwenkte freudig seine Strandmütze. »Holla ho! Morgen, Langschläferin!« Er rief es, so laut er konnte, obwohl er wußte, daß der Ruf die weite Entfernung nicht zu durchdringen vermochte. Er zog die Uhr. »Halb elf, Ihro Gnaden, Mademoiselle Hedwig. Ich werde dir aus den Federn helfen, wenn du erst Frau Fritz Bendring geworden bist!« sagte er vergnügt vor sich hin, während er die Angeln einzog, die Schnüre um die Schäfte schlang und die Flotten sorgsam befestigte. Er sah durch das nur leicht gewellte, in der Sonnenglut metertief durchsichtige Wasser auf die trägen Scharen der Fische. Er griff nach dem Behälter mit den noch übrig gebliebenen Würmern. »Wartet, ihr –!« Er streute eine Handvoll der Würmer mit der feuchten Erde hinein und schaute aufmerksam nach. Die Köder sanken ringelnd langsam in die Tiefe und wurden von den haschenden Fischen aufgefangen. »Lockspeise,« murmelte Bendring und langte mit spitzen Fingern noch ein zweitesmal in die Blechbüchse. »So. Mehr giebt's nicht. Sonst muß Kietz sich wieder plagen, um meine Verschwendung gut zu machen.« Bendring überzählte in Eile seinen Fang. »Neunundachtzig Stück! Donnerwetter, wird die Hede Augen machen und der Hansen sich freuen. Neunundachtzig Stück! Siebenundsiebzig an einem Tage im Vorjahre die meisten – ein ganzes Dutzend heuer mehr – ja, mein lieber Kietz – jo, man lernt es so nach und nach – jo.« Er zog den Anker hoch und wollte zum Zeichen der Abfahrt noch einmal die Mütze schwenken, als er das helle Gewand der Braut nirgends mehr zu erspähen vermochte. »Aha!« murmelte er im Niedersitzen, »also auf nach dem Spieß.« Der ›Spieß‹ war eine Landzunge, die sich aus dem Waldgrün an hundert Meter weit in den See erstreckte und bis dicht an die äußerste Spitze begehbar war. Sie lag für den vom Berge nach dem Bootshause heimfahrenden Angler auf dem Wege, und Hedwig von Viersen pflegte dem Verlobten bis an diesen Punkt entgegenzukommen, zu ihm ins Boot zu steigen, wenn der Boden nicht ganz mit Fischen bedeckt war, und bis an die Landestelle mitzufahren. Bendring nahm die schweren Ruder und setzte sie ein. Fast zärtlich blickte er auf den Berg zurück. »Morgen wieder!« Die Sonne brannte ihm heiß ins Gesicht. »Die meint's gut!« Er ruderte, ohne abzusetzen. Der Schweiß perlte ihm von der Stirn. »Hedwig!« rief er über die Schulter nach dem Spieß zu. Aber er war noch zu fern. Der Ruf mochte ungehört verhallen. Er holte mit kräftigen, gleichmäßigen Schlägen aus, und weithin kennzeichnete ein weißlich schäumender Wellengang den Weg, den das Boot zurücklegte. »Hedwig!« rief er abermals. Ein kurzer, gedämpfter Knall antwortete ihm. »Nanu?« stieß er überrascht ans. »Ist der Grünrock schon unterwegs?« In der Nähe des Spießes und von Buchengrün umgeben lag ein kleiner Moorstrich, ein Schlupfwinkel für Pfuhlschnepfen und Bekassinen. »Statt mich mitzunehmen, knallt er allein,« murrte der Rudernde und nahm sich vor, dem Förster eine kameradschaftliche Vorhaltung zu machen. Er konnte zwar die Bekassine, die schon nach kurzem Fluge die verwünschten Haken schlug, nicht treffen, aber doch wenigstens die fette, schwerfällige Moorschnepfe. Und er hatte ein Vergnügen daran, sodaß es von dem Förster eine Sünde war, ihm das zu verderben. »Na, wart nur! – Hedwig!« rief er von neuem. Keine Antwort. Er hielt die Ruder schwebend und blickte um sich. Friedvoll lag der Spieß. Ueber einer kleinen, riedverwachsenen Seebucht quoll aus dem Baumgrün eine durchsichtig feine, lichtblaue Rauchwolke. Pulverdampf – – also dort war der Schuß gefallen. »Hedwig!« Lautlose Stille. »Hede!« Der Anwalt horchte mit äußerster Anspannung. Er fühlte sich leicht beunruhigt. Das war doch sonderbar. Ihre jubelnde, glockenhelle Stimme hatte doch sonst das Gebüsch durchdrungen, wenn er sie angerufen hatte. »Förster!« Keine Entgegnung. »Nanu!« stieß Bendring in lebhaft gesteigerter Unruhe aus. »Was ist denn das – – was soll denn das heißen? Hedwig!« Vergebens! Er setzte die Ruder wieder ein, ließ den Spieß unberührt und steuerte hastig nach der kleinen Bucht. Unbestimmte Ahnungen ließen ihm den Atem fliegen. Das Boot schoß ins Ried und stieß am Ufer hart auf. Bendring sprang hinaus, teilte mit kräftigen Armen das niedrige Buschwerk und drang ins kühle Walddunkel. An zwanzig Schritt vom See zog sich zwischen hochstämmigen Buchen ein bequemer Fußweg vom Bootshause nach dem Spieß zu am laubbeschatteten Ufer hin. Ein jäher, rauher, heiserer Aufschrei kam über Bendrings Lippen, als er den Pfad übersehen konnte. Sein Fuß stockte. Die Augen weiteten sich ihm in lähmendem Schrecken. Vom Schwarzgrau des Fußweges hob sich in furchtbarer Deutlichkeit eine lang hingestreckte, weiße Gestalt ab. Schauer rieselten dem von dem Anblick so jäh Ueberraschten den Rücken hinab, schwankend, thränenverdunkelten Auges, mit unartikuliertem Stöhnen eilte er auf die Hingestreckte zu. »Hedwig!« schrie er halberstickt. Das Mädchen hielt die Hände auf die Brust gepreßt. Ein Blutstrom tränkte das weiße Kleid und quoll rot zwischen den krampfenden Fingern auf. »Hedwig!« Der Mann brach fassungslos in die Kniee. »Mein Gott, wer konnte das thun!« stotterte er entsetzt. »Kietz! Förster! Hilfe, Hilfe!« Die Stimme versagte ihm, und durch die schwimmenden Augen sah er nichts als das weiße Gesicht, das weiße Kleid und das rote, tödlich quellende Blut. Zweites Kapitel. Hedwig von Viersen lag mit offenen Augen. Ausdruckslos, starr, abwesend hing der Blick im Wipfelgrün. Ein dunkler, unergründlicher Blick! Rätselhaft streng und kalt wie in den ersten Tagen der durch Bendring versuchten Annäherung. Pfeifende Atemzüge, ein Zucken um die fest geschlossenen Lippen und das ruckweise Wogen der Brust zeigten an, daß das Leben dem Körper noch nicht entflohen war. Aber starr blieb der Blick, farb- und regungslos das marmorne Antlitz. Bendring setzte seine Hilferufe fort. Er unterbrach sie mit erschütternden Klagelauten und heißen Liebesworten, er berührte mit dem bebenden Munde ihre hohe, klare, reine Stirn und hauchte einen Kuß auf ihre Lippen. Sie schien es nicht zu empfinden, schien aus ihrer Abwesenheit nicht erwachen zu können. Die Lider senkten sich langsam über die braunen Augensterne und zuckten in die vorige Starrheit zurück, der Blick blieb unnatürlich groß und wie forschend in weite Fernen gerichtet. Erst nach langen Minuten lösten sich die zitternden Lippen von einander und die Augenlider schlossen sich schwer. Bendring stöhnte in stummem Jammer auf. Der Tod? Der Tod, der die Lider schloß? »Hedwig! Geliebte! O du Arme, Teure, stirb mir nicht! Geh nicht – – geh nicht von mir!« stotterte er in heißem Schluchzen. Und als ob sein Bitten beschwörende Kraft hätte, so schlug sie die Augen wieder auf, neigte den Kopf ihm zu und umfaßte ihn mit weichem, klarem Erkennen. Er erschöpfte sich in stammelnden Beteuerungen, bis ein leises Bitten von ihren Lippen ihn verstummen ließ. In atemloser Spannung beobachtete er, wie sie Kraft zu sammeln suchte, und angstvoll horchte er zugleich auf sich nähernde Schritte, die Hilfe bringen, auf Menschen, – Kietz – Hansen –, die nach dem Telegraphenamt eilen und den Arzt – – irgend einen Arzt – von Plön herbeordern konnten. »Fritz!« flüsterte das Mädchen. »Hedwig, sprich: wer war's, wer konnte dir das anthun?« drang er flehend in sie. Sie wehrte durch sanftes, kaum merkliches Kopfschütteln ab. »Wer – wer – wer!« wiederholte er in maßlosem Schmerze. »Wer?« sagte sie leise. »Ich – weiß es nicht. Ich – sah niemand – und nichts – – nur den roten Feuerstrahl – und den Dampf. Von da her –.« Sie wies mit dem abschweifenden Blick auf ein undurchdringlich dichtes, mannshohes Buschwerk. »– – Und laß es – Fritz. Kannst du mich – verstehen? Mir ist schwach. Trauere nicht, Fritz. Ich – weiß, daß ich sterben muß –« »Nein, mein Herzensweib, du wirst leben!« preßte er qualvoll über die Lippen. »Laß mich reden,« bat sie. »Höre – – ich habe nicht lange Zeit. Du – hast mich lieb gehabt – ich dich – – und es war nicht gut von mir. Ich – war nicht rein. Eine Hand – eine schlechte Hand – hatte sich ausgestreckt nach mir – und mich – entweiht. Still – ich muß beichten – vor dir – vor unserm Gott. Ich habe einen Mann geliebt – mit der Kraft meines Herzens. Ich war jung, unerfahren, vertrauend. Der Mann durfte mich nicht lieben – ich ihn nicht. Er – gehörte – einer andern. Einer, die ich nicht kannte – von der ich nichts geahnt hatte – von der sie mir sagten, die Leute, die Fremden. Er hatte es mir verschwiegen – er gestand es mir zu. Ich – haßte ihn – – ich haßte dich, als du kamst – nach ihm – nach dem Frevler, der – meine Seele getötet hatte. Er wollte mich zwingen, mit der Waffe in der Hand, mit ihm zu gehen – er bat, er fluchte, er beschwor mich – ich – habe ihn geschlagen. Das war das letzte – er ging – von mir – von seinem Weibe – in die Ferne – ein Reueloser. Er schrieb noch, dann blieb es still. Ich hörte nichts mehr von ihm – nichts von ihr.« »Sein Name? – Sein Name?« drängte der atemlos Lauschende. »– Tot, begraben. Er ist – nie mehr – über meine Lippen gekommen. Er soll mir nicht auch noch die Todesstunde vergällen . »Nenne ihn!« flehte Bendring. Sie wehrte ab. »Nein!« klang es mit seltsamer Energie. Ein Verdacht flammte in Bendring auf: Der Mann war der Frevler! Der Treubrüchige war der Mörder! Er hatte das keusche Weib nicht zu Fall bringen können, er hatte sie nicht einem andern gegönnt, er hatte im Wahnwitz die Waffe zum zweiten Male gegen sie erhoben und sie hingestreckt. Er! Er! »Nenne ihn – um der Gerechtigkeit willen, nenne ihn! Wenn du mich liebst: nenne ihn!« drängte er auf die Schwerleidende ein. »Er ist fern,« hauchte sie. »Laß ihn. War ich schuldlos?« »Ja, tausendmal ja!« unterbrach er stürmisch. »– Ja –,« wiederholte sie, und ein Lächeln ging wie ein Sonnenstrahl über ihre Züge. » – Ja Fritz – der Gedanke an die – Schande hat mich gequält – deine Liebe hat mich entsühnt. Du hast mich heilig geliebt – und rein gemacht. Fritz – ich danke dir. Ich – liebte dich wieder – ich gewann die Zuversicht, daß ich es durfte. Aber ich hätte es nicht dürfen. Ich hätte dir das Leid ersparen müssen, das – mein Tod dir bringt. Wen einmal die Sünde mit ihrem Atem streifte – der ist ihr verfallen. Ich war's. Ich hätte es wissen sollen –« »Nein, das darf ich nicht hören, das darfst du nicht sagen,« unterbrach er mit strömender Herzlichkeit. »Du warst, du bist und bleibst mein Glück und meine Hoffnung – Hedwig, du wirst gesunden, du mußt es – du warst mein Stern, der mich gehoben hat, du wirst es bleiben für immer. Quäle dich nicht, schweige, ruhe – laß mich forteilen, Hilfe zu holen – – bleib still, ganz still! Laß die Hände auf der Brust, harre aus. – Gott im Himmel, daß kein Mensch zur Stelle ist. Erschrick nicht, Lieb, wenn ich rufe. Liege still ganz still!« Er sprang auf, lief bis an die den Waldstreifen von der Landstraße trennende Wiese und rief aus Leibeskräften: »Hilfe! Kietz, Hansen – Hilfe!« Er bemerkte einen Jungen, der sein Rufen offenbar gehört hatte und eilig die Landstraße entlang nach der Schwiddeldei lief. Er kehrte zu der Geliebten zurück und war entsetzt über die Veränderung, die in den wenigen Minuten seiner Abwesenheit mit dem Mädchen vorgegangen war. Auf dem todesbleichen Gesichte lag ein weiches, glückliches Lächeln, die Augen waren geschlossen und tief umrändert, das Kinn auf die Brust gesunken, der Mund wie zum Sprechen geöffnet. Der Atem ging kaum hörbar, ein Heben der Brust war nicht mehr zu erkennen. »Gott im Himmel!« stotterte er mit versagender Kraft. »Das – das – ist doch der Tod! Hedwig, wie gern – wie gern mein Leben für das deine! Hedwig – hörst du mich? Lieb, kannst du sprechen – kannst du hören? Kannst du mich verstehen? Mein Lieb, mein Herzenslieb – – « Er tastete über ihre Hände und fuhr erschauernd zurück. Kalt! Kalter Schweiß – Todesschweiß – auf der leuchtenden Stirn. Das Ende! Zu Ende ein Leben, ein Traum, alles Hoffen – alles Glück! Der Tod! Ja, er war gekommen. Er hatte ihm das Beste, er hatte ihm alles genommen. Alles! Alles! Er kniete in schluchzender Andacht und sah den alten Kietz nicht, der sorglos, den Arm voll Blumen, den Fußsteig herankam. Der Fischer hatte nichts von den Rufen des Verzweifelten gehört. Sein Gehör war nicht mehr gut, das Alter machte sich geltend. Er hatte Blumen gepflückt, war an die Landestelle gekommen, hatte das Boot nicht bemerkt, und war gegangen, es am Spieß zu suchen. Es mußte ja dort sein; er hatte es schon wiederholt von dort abgeholt. Er blieb vor der seltsamen Gruppe überrascht stehen. War dem Stadtfräulein unwohl geworden? War sie gefallen? Vielleicht über eine der Wurzeln, die sich stellenweise über den Boden erhoben und ihn holprig machten? Er ging noch etwas näher. »Herr Bendring – jo!« Kietz schüttelte den Kopf, als die Antwort ausblieb. »Herr Bendring – jo!« wiederholte er lauter. Der Angerufene hob müde den Kopf und fuhr sich mit der Hand über die schwimmenden Augen. »Um Gottes willen – jo –« Kietz kam näher, so rasch es ging. »Was – was is? Herr Bendring – Herrgott – was – was –« Er vergaß zum erstenmale in seinem Leben den gewohnten Nachsatz und starrte wie entgeistert auf die tote Braut. »Ja, Kietz,« sagte der Anwalt und nickte. »Ja, sie ist nicht mehr. Tot, Kietz.« »Nee!« stotterte der alte Mann tödlich bestürzt. »Das – das –« Er vermochte nicht zu sprechen. »Geben Sie die Blumen her, alter Freund,« bat Bendring. Kietz stand wie gebannt. Der Schreck war ihm in die Glieder gefahren, daß er sich nicht zu rühren vermochte. »T – t – tot,« murmelte er abgerissen. Dann schien er sich zu besinnen. »Herr Bendring – nee – das – das – scheint man so – jo. Ich – warten Sie – ich hole den Doktor – mit 'n Draht – jo.« Er legte die Blumen unbeholfen neben die vermeintlich Bewußtlose und stolperte schwerfällig davon. Bendring ließ ihn gewähren. Dann kamen die Leute von der Schwiddeldei, eilig, aufgeregt, atemlos. Allen voran der Besitzer des Hotels. »Um Gottes willen, Herr Bendring,« keuchte Hansen schon von ferne. »Ihr Fräulein Braut – Fräulein von Viersen – sie ist doch nicht etwa – – Mein Gott, der Junge sagte, Sie riefen nach Hilfe –« Er kam im Laufschritt angeeilt und stand überrascht und verstört vor der Toten, die er vor einer knappen Stunde blühend und heiter das Haus hatte verlassen sehen. Bendring faßte sich gewaltsam. »Ja, sie schläft. Und sie wird nicht mehr erwachen. Sie ist einem unfaßbaren und ungeheuerlichen Verbrechen zum Opfer gefallen, das den Frieden unseres stillen Erdenwinkels grausam gestört hat. Ein Mord in dieser traulichen Abgeschiedenheit – ich hätte eher den Einsturz des Himmels für möglich gehalten. Aber es ist geschehen. Keines Menschen Macht ruft das entflohene Leben zurück. Was Menschen noch thun können, was ich thun muß: den Schurken ermitteln, der aus dem Hinterhalte die mörderische Kugel abgefeuert hat! Kietz ist unterwegs nach dem Bahnhof, um den Arzt zu rufen. Ich bleibe bei meiner Toten. Stellen Sie Ihre Leute und die Bekannten, die herzuströmen, in weitem Umkreis um den Ort des Verbrechens als Posten auf, damit niemand den engeren Thatort betreten und Spuren, die vielleicht vorhanden sind, verwischen kann; die ersten Posten am Bootshaus, eine Kette über die Wiese bis an die Landstraße, diese entlang und wieder über die Wiese und durch die Holzung bis an den Spieß. Und wenn das besorgt ist, spannen Sie an, jagen Sie Kietz nach, telegraphieren Sie an die Staatsanwaltschaft nach Kiel, an den Kreisphysikus nach Plön und bringen Sie den Guts- und den Amtsvorsteher zur Stelle, so schnell als möglich.« »Ja – ja – « Hansen eilte zurück. »M – – mord –,« keuchte er unterwegs. »Wer das gedacht hätte!« Er traf auf seine Frau und berichtete ihr fliegend. Die Frau drohte umzusinken, so packten sie der Schrecken und das Mitleid. »Ach, das Unglück! Das Unglück!« Sie mußte sich niedersetzen. »Das arme Fräulein! Die arme, alte Mutter! Und der Herr Bendring...« »Bleib! Laß niemand durch,« bat Hansen und flog weiter. Er stellte die herbeiströmenden Leute zu einer Postenkette auf, wie der Anwalt es angeordnet hatte. Und die Leute gehorchten verständig und willig ... Drittes Kapitel. »Mein totes Lieb, ich werde dich rächen!« Fritz Bendring bedeckte das schöne, verklärte Antlitz der jählings Verschiedenen mit einem Taschentuche, kniete andächtig minutenlang und wanderte dann ruhelos um die Leiche. Schmerz und Bitterkeit erfüllten ihn. »Der Blitzstrahl kann die Eiche treffen und zersplittern,« murmelte er, »die Menschen kommen und heilen die Wunde, und der Baum steht und grünt weiter; der Blitzstrahl, der auf den Menschen niederzuckt, wirkt vernichtend. Feld, Wiese, Wald erstehen neu, ob sie auch gestorben schienen; den Menschen weckt kein Lenz, kein Regen und keine Sonne. Der Blume, dem Unkraut bleibt, wenn Blatt und Blüte verwelkt, und verweht sind, die Wurzel in der hegenden Erde; den Menschen hält und hegt die Erde nicht, ihm bringt sie das Verfallen und Vergehen, die Auflösung in ein armes, spurenloses Nichts! Aermer der Mensch als das nichtigste Werk von seiner Hand! Das Haus, das er sich erbaut, steht fort, wenn ihm die Seele genommen ist; das Kleid, das er getragen hat, überdauert das Welken seines Leibes; ein Schmuckstück vererbt sich durch die Generationen und wird gehalten und geschätzt, wenn das Gedenken an den Erzeuger, an den ersten Träger lange verweht ist.« Er starrte auf die Entschlafene. Rein und freudig leuchtete im Waldgrün das weiße Kleid, schneeig das die Züge der Verklärten verhüllende Tuch. Und mitten im Frieden des flüsternden Waldes das Sterben, unter dem deckenden, freudigen Weiß der Tod, der grinsende Tod! »Wen einmal die Sünde mit ihrem Atem streifte, der ist ihr verfallen,« wiederholte er flüsternd ihre letzten Worte. »Du?« setzte er fragend hinzu. »Nimmermehr! Schlafe, Geliebte, du wirst einen gerechten Richter finden, der dir ins Herz gesehen und die Pein geschaut hat, die der Gedanke an die Sünde deinem keuschen Empfinden bereitet hat. Sie konnte sich dir nähern, aber dich nicht umspinnen und mit sich reißen. Das Heilige in deiner Brust schützte dich vor ihrem vergiftenden, betäubenden, tötenden Hauche. Sie prallte ab an dir und ließ dich schuldlos und frei. Nur befangen warst du geworden, scheu, mit zitterndem Fragen, mit einem Bangen, wie es im Kinde wohnt. Ich will dich heilig halten, ich will dich ehren und lieben mein Leben lang.« Er lehnte sich gegen den hellschimmernden Stamm einer Buche, strich sich über die schmerzenden Augen und schloß sie. Eine weihevolle Stille webte an der Stätte des Todes und erfüllte den Mann mit stummem Geloben. Gerade Rechtlichkeit hatte ihn in seiner Laufbahn geleitet, ein Erbteil seiner schlichten Eltern; sie sollte ihm ein Vermächtnis auch von der teuren Toten sein. Empfinden und Geloben dämmerten ihm fast traumhaft. Ein eiliger Schritt weckte ihn. Ein alter, vornehmer Herr näherte sich dem Schauplatze des Verbrechens, machte vor dem Rechtsanwalt Halt und streckte ihm in schlichter, teilnahmsvoller Bewegung die Hand entgegen. Der Angekommene war der Gutsherr und Amtsvorsteher Graf von Borndorff. »Herr Doktor, ein Händedruck wird mehr sagen als Worte.« Bendring ergriff die ihm dargebotene Rechte und drückte sie. Mit Worten zu danken vermochte er nicht. Der alte Schloßherr war im ganzen kein Freund der Sommerfrischler, die ihm die ländliche Stille zu stören schienen. Er war selbst dem immer wiederkehrenden Anwalt gegenüber nur selten aus seiner kühl-vornehmen Zurückhaltung herausgetreten und hatte höchstens einmal zu dem Besitzer der Schwiddeldei von dem Gaste und der schwindenden Abneigung gegen diesen gesprochen. In der Stunde des Unglücks gab sich der Graf nach seiner wahren Natur, taktvoll und einfach, ein diskret, aber warm teilnehmender Mensch. »Ich habe die Freude gehabt, Ihr Fräulein Braut zu grüßen, ehe Sie hierher nachkamen,« sagte er. »Darf ich die Züge der Toten sehen?« Bendring nickte stumm. Graf Borndorff hob das Tuch nur für wenige Sekunden, dann breitete er es sorgsam wieder aus. »Sie hat den Frieden.« Er sagte es halb für sich, und auch die folgenden Worte schienen mehr aus seinem inneren Empfinden als zu dem Anwalt gesprochen: »Ich habe mein Amt bisher nicht als Last gefühlt; der Ernst dieser Stunde zeigt mir seine Bürde.« Der Graf wandte sich an Bendring. »Sie haben Unersetzliches verloren; bewahren Sie den Mut und die Hoffnung, daß die Schreckensthat ihre Sühne finden wird. Und bewahren Sie den Mut und die Fähigkeit, an der Ermittelung des Schuldigen mitzuwirken.« »Ja, beim Andenken an die geheiligte Tote!« gelobte Bendring mit bebendem Ernst. Der alte Herr nickte. »Die Sonne hat es gesehen; sie kann nicht reden, aber sie wird uns leuchten.« Er folgte, die Hände auf den Rücken gelegt, den ausdrucksvollen, grauen Kopf leicht nach vorn geneigt, dem Fußwege nach dem Spieß zu. Noch in Sehweite des Zurückgebliebenen kehrte er um, faßte Bendring, wieder bei diesem angelangt, an beiden Händen und sagte mit vor Erregung zitternder Stimme: »Ich habe ein Kind wie diese hier. Gott, wenn ich denken müßte, daß sie so vor mir läge! Lassen Sie mich noch einmal aussprechen, wie warm ich mit Ihnen fühle!« Er machte sich rasch los und entfernte sich nach dem Bootshause. Die Postenkette wurde durch die aus der Gegend zuströmenden Neugierigen immer dichter gezogen. Aber Junge und Alte thaten ihre Pflicht. Sie hielten sich vom Schauplatze des Verbrechens standhaft fern und beobachteten eine sie ehrende, würdige Ruhe. Der Graf ließ sich aus einem umgestülpten Eimer unter dem schrägen Strohdache des Bootshauses nieder und wartete auf den herbeigerufenen Richter vom Amtsgericht in Plön. Ein Zweispänner vom Gute und Hansen mit seinem Korbwagen hielten am Bahnhof Ascheberg, um den Arzt, den Richter und seine vermutlichen Begleiter in Empfang zu nehmen. Der Gutsvorsteher Heinrich Eicksen, der in einem Nachbardorfe zu Besuch gewesen war, gesellte sich eben zu dem Grafen, als auf der schattigen Landstraße die Wagen vom Bahnhofe in scharfem Trabe herangerollt kamen. Dem gräflichen Zweispänner entstiegen der Amtsrichter von Goos, der Kreisphysikus Doktor Eßfeld nebst dem als Kreiswundarzt fungierenden Kollegen und einem Gerichtsschreiber. Mit Hansen folgten zwei Gendarmen. Graf Borndorff übernahm nach einer kurzen Aussprache mit dem ihm bekannten Richter die Führung. Dr. Bendring hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln. Er empfing die Herren, von denen der Amtsrichter und der Kreisphysikus ihm nicht fremd waren, gefaßt. »Herr Kollege,« begrüßte ihn der Richter kurz und ernst, »ich brauche Ihnen nicht zu versichern, daß mich die Trauerkunde doppelt erschüttert hat, als ich erfuhr, in wie naher Beziehung Sie zu der Toten standen. Sind wir uns nicht häufig begegnet und immer nur in Ihrem Ferienidyll, so habe ich Sie doch schätzen gelernt. und Sie werden mir gestatten, meinem herzlichen persönlichen Beileide Ausdruck zu geben. Als Beamter richte ich die Bitte an Sie, mir Rater und Helfer zu sein, daß der Mordbube der strafenden Gerechtigkeit ausgeliefert werde.« Keiner der Herren vermochte sich eines Schauers zu erwehren, als der Anwalt auf Ersuchen des Richters das Tuch von dem Antlitz der Toten entfernte und die weichen, unendlich lieblichen, friedvoll verklärten Züge des jungen Weibes sichtbar wurden. Der Amtsrichter gewann die Herrschaft über sich zuerst zurück. Die Ruhe des kraftvollen Willens spannte sich über sein breites, eckiges, bartloses Gesicht; er orientierte sich mit den kühlen, stahlgrauen Augen über die nächste Umgebung und ersuchte den Gerichtsschreiber, nach dem beginnenden Verhör das Protokoll abzufassen. Seine etwas spröde, harte Baßstimme paßte zu seiner herkulischen Gestalt, und seine klare, knappe Frageweise entsprach seinem jeder Sentimentalität abgeneigten, festen, selbstbewußt männlichen Wesen. »Herr Dr. Bendring, ich bitte. Wie heißt die Tote?« Der Anwalt antworte kurz und sachlich »Geburtstag, -Jahr und -Ort?« »Der 18. Juni 1874. Geburtsort: Berlin.« »Die Eltern?« »Der Vater war Oberst. Er ist seit drei Jahren tot. Die Mutter hat die Tochter begleitet und ist im Hotel. – Mein Gott, sie weiß noch nichts!« Die Stimme Bendrings schwankte doch wieder. Der Amtsrichter schien es nicht zu bemerken. »Wie lange weilen die Damen hier?« fragte er weiter. »Seit drei Wochen. Sie waren mir vorausgefahren.« »Auf Ihren Wunsch?« »Auf meine Empfehlung.« »Wann sind Sie nachgekommen?« »Vor fünf Tagen.« »Wer hat das Verbrechen entdeckt?« »Ich,« antwortete Bendring. »Allein?« »Ja.« »Wann war das?« »Gegen elf Uhr.« »Herr Dr. Eßfeld: Wodurch wurde der Tod herbeigeführt?« »Durch einen Schuß.« »Herr Dr. Bendring, haben Sie einen Schuß gehört?« »Ja.« »Wann?« »Kurz vor meiner Landung. Der aufsteigende Pulverdampf zeigte mir die Richtung.« »Notieren Sie,« forderte Herr von Goos von dem Gerichtsschreiber: »Das Verbrechen wurde ausgeführt am 30. Juli gegen 11 Uhr.« Er wandte sich wieder an den Rechtsanwalt. »Schlossen Sie sogleich auf ein Verbrechen?« »Nein. Ich dachte zuerst an den Förster. Ich wurde aber unruhig, als meine Braut auf mein Rufen nicht antwortete.« »That sie das sonst?« »Stets.« »Wie fanden Sie Ihr Fräulein Braut vor?« »Noch lebend.« Dr. Bendring berichtete ausführlich und wiederholte treu, was die Sterbende ihm anvertraut hatte. Der Richter horchte aufmerksam. »Sie hat ihren Vorsatz gehalten und den Namen des Mannes nicht genannt?« »Ich habe sie vergebens gebeten. Und der Tod kam zu schnell.« »Von wo sollte der Schuß gefeuert worden sein?« Bendring bezeichnete die Richtung, die ihm Hedwig angedeutet hatte. Der Amtsrichter trat an das Gebüsch und teilte die Zweige mit den Armen. »Es ist hoch und dicht genug, den Thäter zu verbergen. Sie hat nichts von ihm gesehen?« »Nein.« »Sie selbst haben gleichfalls nichts bemerkt?« »Nein.« »Haben Sie nachgesucht?« »Ich habe mir das Selbstverständliche gesagt, daß der Thäter bestrebt sein mußte, sich in Sicherheit zu bringen, und daß es umsonst sein würde, direkt neben seinem Opfer nach ihm auszuschauen. Weiter war es für mich selbstverständlich, um die Schwerverwundete zu sorgen.« »Allerdings. Ist die Lage der Toten unverändert?« »Ich hatte es vorausgesetzt. Herr Kreisphysikus: wo befindet sich die Todeswunde?« Doktor Eßfeld kniete nieder und untersuchte. Er erklärte rein sachlich: »Der Körper ist bereits in Todesstarre übergegangen, und genaue Angaben müssen von der Obduktion abhängig gemacht werden. Den Anzeichen nach war der Schuß auf die Brust gerichtet und hat das Herz gestreift; hätte er es durchbohrt, wäre der Tod momentan eingetreten.« »Kugel- oder Schrotschuß, Herr Doktor?« »Der Blutstrom deutet auf eine einzige Wunde, also aus Kugelschuß.« »Flinten- oder Revolverkugel?« »Das kann erst die genauere Untersuchung entscheiden.« »Die Obduktion?« »Ja.« »Herr Rechtsanwalt, ich muß die Leiche mit Beschlag belegen. Sie werden das wissen und verstehen Ich glaube mich aber berechtigt und verpflichtet, alle Schonung zu üben und die Aufbahrung Ihrer Toten im Hotel zu gestatten.« »Ich bitte darum, Herr Amtsrichter.« Bendring reichte ihm dankend die Hand. »Selbstverständlich, Herr Kollege. Das Weitere dürfte der Untersuchungsrichter verfügen, der ja nicht auf sich warten lassen wird. – Herr Graf, ist Ihnen von Gesindel bekannt, das sich in der Gegend herumgetrieben hat und mit dem Verbrechen in Verbindung gebracht werden könnte?« »Ich habe nichts davon gehört.« »Herr Eicksen –?« Der Gutsinspektor schüttelte den Kopf. »Ich auch nicht.« »Haben Sie davon vernommen?« zu den Gendarmen. Beide verneinten. »Könnte ein unglücklicher Zufall vorliegen, zum Beispiel der Förster gejagt und die Kugel sich verirrt haben?« »Der Förster befand sich bis Mittag in meiner Gesellschaft,« erklärte Eicksen. »Von wann an?« »Von neun bis gegen zwölf.« »Könnte jemand anders gejagt haben?« »Nur mein Sohn, der aber auf Reisen ist,« bemerkte der Gutsherr. »Von den Kurgästen hatte ich allein dem Herrn Doktor Bendring erlaubt, sich zuweilen meinem Förster anzuschließen.« »Gab es Wilderer in Ihrem Jagdgebiet, Herr Graf?« »Ich kann bestimmt verneinen. Seit Jahren waren wir davon frei.« »Hm. Herr Rechtsanwalt! Haben Sie einen Verdacht?« »Welchen?« »Es giebt wohl nur einen, den gleichen, den Sie haben!« »Sprechen Sie ihn aus.« »Herr Amtsrichter, mit Ihren eigenen Gedanken: der Mörder ist der Schurke, der die Ehre des schuldlosen Weibes anzutasten wagte – der Frevler, der von ihr zurückgewiesen wurde, der ihr gefolgt ist, der sie dem anderen nicht gegönnt, der sie mir entrissen hat mit himmelschreiender Unthat!« Er hatte es leidenschaftlich überzeugt hervorgestoßen. Der Richter bewegte zustimmend den Kopf. »Es liegt uns noch ob, eine Durchsuchung des Platzes nach Spuren des Thäters vorzunehmen.« Er gab den Gendarmen dazu Auftrag und nahm mit dem Anwalt und dem Amtsvorsteher selbst teil. Der laubbedeckte Waldboden zeigte an ein paar Stellen hinter dem Buschwerk, das dem Verbrecher als Deckung gedient hatte, undeutliche Eindrücke, die möglicherweise vom Fuße eines Menschen herrühren konnten, denen aber irgend ein Wert um so weniger beizumessen war, als sie nicht einmal den Umriß eines Schuhwerks mit Sicherheit erkennen ließen. Waldrand und Wiese wurden in weitem Umkreise vergebens abgesucht. Die Beamten kehrten zurück. Am Thatort hatten sich Hansen und Kietz mit einer Tragbahre eingefunden. Ein düsterer Zug, dem von dem Posten ehrerbietig Platz gemacht wurde und bei dessen Nahen die Leute die Häupter entblößten, bewegte sich bald darauf nach dem Gasthause. Bendring war vorausgeeilt, die ahnungslose Mutter vorzubereiten. Die Leiche wurde in einem der unteren Zimmer aufgebahrt, und während die fassungslose Mutter neben der Toten kniete und die welken, alten Lippen unverständliche, wehe Klagelaute stammelten, unterzeichneten im Gastzimmer die Herren das von dem Gerichtsschreiber stockend und monoton verlesene Protokoll. Viertes Kapitel. Das Leben in dem stillen Erdenwinkel am Plöner See war auf den Kopf gestellt. Während im gewöhnlichen Tagesgange schon das Eintreffen des Briefboten ein kleines Ereignis bildete, wurde nach dem Schreckenstage das Gastzimmer des Hotels von Fremden nicht leer, und Hansens leichter Korbwagen war fast beständig unterwegs. Die Obduktion der Leiche erfolgte am zweiten Tage nach dem Eintreffen des Untersuchungsrichters Vries vom Landgericht in Kiel. Sie beschränkte sich auf die Feststellung der Todesursache und die Herausnahme der Kugel. Die Kugel, aus einem Revolver von ›Polizeikaliber‹, wie der Kreisphysikus sich ausdrückte, gefeuert, war leicht abgeplattet; sie wurde von dem Untersuchungsrichter als eventuelles wichtiges Beweisstück in Beschlag genommen. Die wiederholte Abstreifung des Thatortes blieb ohne Ergebnis, und auch der auf dem Gute stationierte, mit der Oertlichkeit bekannte Gendarm vermochte irgend welche Spuren, die mit einiger Sicherheit dem Verbrecher hätten zugeschrieben werden können, nicht aufzufinden. Er forschte in weitem Umkreise, er horchte am Bahnhof herum, ob zur Zeit der That ein Fremder aufgefallen oder nur bemerkt worden wäre – er fand und hörte nichts, was einen Anhalt hätte bieten können. Kietz saß während des Aus- und Einschwärmens der Beamten stundenlang auf der Bordschwelle einer zum Gasthof gehörigen Scheune und starrte trübselig vor sich hin. Es war wie ein Bleiguß in seine alten Beine gefahren, und so schwer es ihm wurde, zu gehen, so schwerfällig waren auch seine Gedanken. Nur die eine trostlose Ueberzeugung drängte sich ihm klar auf, daß es mit dem Aufenthalt des verehrten alten Kurgastes nun wohl für immer vorbei sein würde. Und neben dem jähen Tod der schönen jungen Braut war ihm das das Schmerzlichste. Am Beerdigungstage trug er einen langen, schwarzen Rock und einen vorweltlichen Cylinder. Er mochte sich beides irgendwo geliehen haben, und das glanzlose, bis über die Ohren gezogene Angstrohr stand seinem ehrlichen, faltigen Gesichte so wunderlich, daß die Leute sich eines Kicherns über seine komische Erscheinung nicht erwehren konnten. Auch Bendring stutzte, als er den feierlich herausgeputzten Mann gewahrte, und hätte ihn fast nicht erkannt; aber dann grüßte er freundlich und war über den ungeheuchelten Kummer in dem runzlichen Gesichte des Alten gerührt. Hedwig von Viersen wurde in Plön beigesetzt. Die Kirchenglocken läuteten, als der feierliche Zug sich dem Friedhofe näherte, und sie läuteten wieder, als der Geistliche gesprochen und der blumenbekränzte Sarg seine letzte Stätte gefunden hatte. Der schlichte Erdhügel über der Schlafenden verschwand unter Palmzweigen und Kränzen. Bendring und Hansen legten die letzte Hand an, den Blütenschmuck zu ordnen, als Kietz schüchtern herantrat und einen Arm voll Kornblumen zögernd neben den kostbaren Grabschmuck schob. Er hatte den Cylinder abgenommen und abseits auf einem Kieswege stehen lassen; die Thränen stürzten ihm über die rauhen Wangen. Bendring war mit raschen Schritten an seiner Seite, hob die Gabe des alten Fischers auf und streute die Kaiserblumen über den Hügel, daß dieser wie mit einem blauen Schleier überdeckt schien. Dann drückte er dem Fischer erschüttert beide Hände. »Habe Dank, Alter!« Kietz ging wortlos, und stumm folgten ihm Hansen und der Anwalt. Ein Sonnenflirren lag in der Luft, das blendete, und die Glut war fast unerträglich. Die Coupés im Zuge, der einen Teil der Trauergesellschaft nach Ascheberg mit zurücknahm, waren erstickend heiß, und Bendring atmete wie erlöst auf, als ihn nach der Fahrt wieder die Kühle der nach der Schwiddeldei führenden, buchenüberwölbten Landstraße umfing. Der wühlende, betäubende Schmerz und die sengende Glut der Sonne hatten ihn zum Denken über den qualvollen Moment hinaus unfähig gemacht. In der belebenden Waldeskühle kehrten ihm Ruhe und Ueberlegung zurück, und er blickte vor sich, auf die Zukunft und auf die Aufgaben, die ihrer Lösung harrten, der Lösung durch ihn. Und unter ihnen die eine, die größte, die, wenn es sein mußte, Zweck und Inhalt seines Lebens bilden sollte: die Sühnung des Verbrechens, die Ermittelung und Auslieferung des Schurken in die Arme der strafenden Gerechtigkeit! Er hatte geruht, so lange die sterbliche Hülle der Geliebten nicht im Schoße der Mutter Erde geborgen war; er wollte ans Werk gehen, rüstig und unermüdlich, mit Opferung seiner Zeit und seines Vermögens, mit Aufbietung alles Scharfsinns, nun sich das Grab über der im Frieden Ruhenden geschlossen hatte. »Dein ist die Rache!« murmelte er nach dem Bibelwort. – »Und mein!« fügte er hart hinzu. Kietz und Hansens Befürchtung, daß der Gast sogleich nach der Trauerfeier abreisen würde, traf nicht zu. Der Anwalt blieb noch über eine Woche und suchte zuerst allein, dann in Begleitung eines Kriminalkommissärs, der von Kiel eingetroffen war, immer wieder den Thatort und das angrenzende Wiesen- und Waldterrain ab. Selbst die ›Prinzeß Charlotte‹ wurde von neuem in Dienst genommen und von ihr aus das Seeufer nahe dem Schauplatze des Verbrechens gründlich durchforscht. Die beiden hatten so wenig Erfolg wie ihre Vorgänger. »Der Verbrecher hat, da er nicht durch die Luft gekommen sein kann, seine Maßnahmen mit Vorsicht getroffen,« meinte der Kommissar Wilden. »Sogar mit einer überraschenden Umsicht, die aus sorgfältige Ueberlegung schließen läßt. Holzung und Wiese sind reich an feuchten, moorigen Stellen, die jeden Fußeindruck aufbewahrt haben würden; der Verbrecher hat sie alle geschickt umgangen.« »Schließen Sie daraus,« fragte Bendring, »daß er mit der Oertlichkeit vertraut gewesen sein dürfte?« »Nein, Herr Doktor. Mit der Oertlichkeit nicht, wohl aber mit den Eigentümlichkeiten des Waldbodens überhaupt, der sich fast überall gleich bleibt. Der Thäter hatte für die Erkennung der verfänglichen Stellen ein geübtes Auge, und er hatte die Ruhe, sich nicht zu überhasten, sondern jeden Schritt sorglich zu überlegen.« »Es ist nur ein Glück, daß seine Kugel nicht tödlich, daß sein Opfer noch imstande war, zu sprechen!« warf Bendring voll Befriedigung ein. »Das entzog sich seiner Berechnung, Herr Anwalt. Sicher genug gezielt hatte er; aber unfehlbar ist eben niemand, auch der Gewiegteste und Verschlagenste nicht. – Ja, und wenn Ihr Fräulein Braut nur deutlicher gesprochen, wenn sie die Hauptsache, den Namen, nicht verschwiegen hätte! Glauben Sie nicht, daß die alte Mutter bald so weit beruhigt sein wird, daß sie befragt werden kann?« »Wir wollen es versuchen, Herr Kommissar; heute noch. Bei dem selbständigen, verschlossenen Charakter meiner Braut bezweifle ich, daß sie irgend jemand in ihr Geheimnis eingeweiht hat; vielleicht sind aber der Mutter äußere Umstände aufgefallen, durch die wir auf die Fährte kommen. Es wird keine leichte Aufgabe sein, das aus der schwer leidenden und bekümmerten alten Dame herauszubringen. Sie war ohnehin nicht die Kräftigste; der Schlag hat sie vollends niedergeworfen. – Sie ruht bis um elf; kommen Sie um die zwölfte Stunde zu mir – und gebe der Himmel, daß wir Glück haben. – Ich möchte einmal wieder aufs Wasser hinaus, mich umschauen und verabschieden. Ich werde die vertrauten Stätten nicht wiedersehen können, ohne daß sie den alten Schmerz erneuern. So werde ich scheiden müssen vielleicht für immer. Auch das thut weh. Weh auch um der Leute willen, die an mir hängen und die mich vermissen werden wie ich sie. Warmfühlende, gerade Menschen, Herr Kommissar – Hansen, seine brave Frau, der Förster, der ehrliche alte Kietz; Menschen von Wert, mit vielleicht unansehnlicher Schale, aber vortrefflichem Kern. – Ich biege nach dem See ab. Auf Wiedersehen in der Schwiddeldei. Um zwölf –.« Wilden machte einen Gang nach dem Bahnhof, fuhr nach Perdoel und Wankendorf und horchte herum. Der Anwalt ruderte langsam. Die ›Prinzeß Charlotte‹ schien ungefüger als je. – Der Himmel war mit grauen, regenkündenden Wolken verhüllt. Der Spieß und die Inseln im See lagen trübe verschleiert, sonnen- und freudlos; der Berg war kaum zu erkennen. Das gräfliche Schloß grüßte mit dunklen, lichtlosen Fensteraugen, das Braun des Bootshauses schien in Schwarz verdunkelt... Bendring kehrte bald um. Das Regengrau über Waldsaum und See spiegelte seine Stimmung. Beim Anlegen der ›Prinzeß Charlotte‹ kam Kietz herbei, um wie immer die Befestigung des Bootes dem Gaste abzunehmen. »Sie hatten ja die Angeln vergessen, Herr Bendring – jo,« sagte er treuherzig. »Ja, Kietz. Oder nein, nicht vergessen. Ich schenke sie Ihnen. Sie beißen nicht mehr, und ich, – – sehen Sie 'mal hinaus, Kietz, wie mürrisch der See und der Himmel dreinschauen – – sie machen mir keine Freude mehr.« Und Kietz hatte keine Freude an dem Geschenk. Er ging dem nach dem Hotel voranschreitenden Kurgaste nach, ohne das Angelzeug mit einem Blicke gestreift zu haben. »All' verkehrt, all' zu End' – jo,« murmelte er bedrückt. Frau von Viersen saß in Sinnen verloren am Fenster ihres Zimmers, als Bendring und der Kommissar bei ihr eintraten. Sie strich sich mit der mageren, nervös zitternden Hand über das glatt anliegende weiße Haar, nickte dem Anwalt leicht zu und schien dessen Begleiter nicht einmal zu bemerken. Bendring setzte sich ihr gegenüber, und Wilden nahm unauffällig abseits Platz. »Liebe Mama,« begann der Anwalt, »hat die Ruhe dir gut gethan?« Sie dankte mit einem hastigen, freundlichen Neigen des Kopfes und duldete es, daß der Schwiegersohn ihre Hände in die seinen nahm. Aber als ob sie die besondere Veranlassung ahnte, die den Sohn zu ihr führte: sie suchte weich, fast ängstlich fragend seinen Blick. »Warte nur,« fuhr Bendring fort, »morgen oder in ein paar Tagen kehren wir nach Berlin zurück, und Tante Hede wird dich schon pflegen, daß du bald wieder frisch und gesund wirst. Willst du noch ein paar Wochen an die See gehen? Ich glaube, es würde dir gut thun. Meinen Sie nicht auch, Herr Wilden?« wandte er sich halb über die Schulter an den Kommissar. »Verzeihe, Mama, daß ich nicht gleich vorgestellt habe, wir wollten dich nicht stören. Meine Schwiegermama, lieber Herr Wilden.« – Der Kommissar war hinzugetreten und verbeugte sich ehrerbietig. Geben Sie Ihren Rat, lieber Freund: Ahlbeck? – was meinen Sie? Mama war im vorigen Sommer dort und kam sonnenverbrannt und frisch und blühend wieder. Apropos, Mama, Ahlbeck! Entsinnst du dich eines – eines Herrn, der häufig in eurer Gesellschaft war?« Sie ließ die Lider sinken und schien zu grübeln. »Nein, Fritz,« antwortete sie leise. »Denke einmal nach, Mama,« bat der Anwalt. »Habt ihr nicht Bootfahrten aufs Meer hinaus oder Spaziergänge am Strand und in den Buchenwäldern gemacht? Weißt du, es giebt so schöne Buchenwaldung dort wie hier am Plöner See – denke nur nach, Mama.« »Ja, Fritz. Es war schön da, ich weiß. Aber Hedwig« – ein Beben überfiel sie – »war so still, so weltfremd, so abgeschlossen für sich – –« Sie schluchzte. Bendring fand durch die wenigen Worte seine Vermutung bestätigt, daß die Begegnung Hedwigs mit dem Ehrlosen weiter zurück liegen mußte. Sie hatte die Erinnerung zu verwinden gehabt und deshalb die Einsamkeit gesucht. Für diese Annahme sprach auch, daß das Mädchen die in jene Zeit fallende erste Annäherung Bendrings an sie noch entschiedener zurückgewiesen haben würde, wenn sie noch unter dem ganz frischen Eindrucke der erlebten Enttäuschung und Kränkung gestanden hätte. »Die Seeluft dürfte wohl zu rauh sein,« warf Wilden ein, um die alte Dame abzulenken. »Ja? Vielleicht Bergluft? Mama war vor zwei Jahren ein paar Monate im Harz – – in Harzburg, Mama?« Sie faßte sich. »Ja, Fritz,« antwortete sie monoton. »Ihr seid auf den Brocken gekraxelt, nicht wahr? Habt ihr auch das Brockengespenst gesehen, Mama?« Sie schüttelte den Kopf. »Gespenst?« wiederholte sie. »Nein.« »Weißt du, wovon mir Hede vorgeschwärmt hat?« fragte Bendring. »Vom Kaiserhaus in Goslar!« fügte er halb aufs Geratewohl hinzu. Frau von Viersen sann. »Ja. Und da war noch jemand. Ein – Maler. Ja, er zeichnete. Erst mit Blei, flüchtig, aber schon treu. Dann – mit Farben. Das Kaiserhaus, den Brocken, die Burgruine. Hede auch ...« Bendring horchte auf. »Ein Künstler, sieh 'mal an. Ja, Mama, wo's schön ist, da stellen die sich auch ein. Nur an unserem Plöner See nicht. Den kennen sie nicht und suchen sie nicht. – Der war wohl oft bei euch?« forschte er. »Ja, Fritz. Jeden Tag. Das heißt, nicht immer. Nur zuerst; dann nicht mehr. Hede – war bös geworden mit ihm, ganz bös, und dann reiste er ab.« »War er nett, Mama?« »Nett? Ich weiß nicht ... Freundlich, aufmerksam, ja; nett, das ist wohl nicht das Richtige.« »Aber interessant, nicht wahr? Weißt du nicht noch, wie der Mann hieß?« fragte Bendring. Sie dachte nach. »Ja – Vermissen, David Vermissen,« erwiderte sie einfach. Bendring atmete tief auf und streifte den Kommissar mit einem Blicke der Befriedigung. »Na, Mama,« fuhr er fort, »eigentlich interessiert uns ja der Herr wenig; aber da wir doch einmal von ihm sprechen – vielleicht hat er auch gesagt, woher er stammte? Ich meine: von Hamburg, von Kiel, von Schleswig oder sonst wo her? Der Name klingt norddeutsch, und vielleicht sind wir gar in seiner Heimat. Erinnerst du dich nicht?« »Nein, Fritz.« »Auch nicht, wohin er abreiste?« Frau von Viersen verneinte. »Er hat noch einmal geschrieben. Ich weiß aber nicht, von woher. Hede wollte den Brief nicht annehmen.« »Der ging dann zurück?« »Ja.« »Und darauf hat er nichts mehr von sich hören lassen?« »Nein, Fritz.« »Danke, Mama. Ich muß wohl fürchten, daß es dich zu sehr anstrengt; sonst hätte ich dich gern gebeten, mir etwas näher zu beschreiben, wie der Mann aussah. Meinen Sie, lieber Herr Wilden, daß Mama noch weiter sprechen kann, ohne daß es ihr schadet?« fragte Bendring, zu dem Beamten gewendet. »Ich glaube, Sie können ruhig weiter fragen, Herr Rechtsanwalt. Die gnädige Frau dürfte dadurch wohlthuende Zerstreuung finden.« »Na, wenn das sein sollte. – Liebe Mama, viele dieser Maler sind wie die Musikanten auf hundert Schritte – an den langen Künstlerlocken – zu erkennen – der auch?« »Nein, der nicht. Der trug das Haar kurz, ich glaube, mit der Maschine geschnitten.« »Welche Farbe hatte es?« »Dunkelbraun. Sein Bart war etwas heller.« »Vollbart?« »Ja, an den Backen kurz, am Kinn spitz.« »Aha, à la Boulanger. War der Mann groß, klein, mittel?« Fran von Viersen maß den Fragesteller abschätzend. »Einen Kopf größer als du,« erklärte sie entschieden. »Alle Wetter, also ein wahrer Riese!« meinte Bendring lebhaft. »Hede nannte ihn auch im Scherz den neuen Goliath.« »So so. Weißt du sonst noch etwas von ihm? Zum Beispiel, wodurch er Hedwig erzürnte?« fragte Bendring. »Nein, Fritz. Darüber hat sie sich nicht ausgesprochen. Du weißt ja, wie sie war. Für sich, nicht aus sich herausgehend. So war sie immer, nur daß es mir damals zuerst aufgefallen ist. Unser gutes, armes Kind ...« Bendring kam zum Schluß. »Brechen wir ab, Mama. Wir überlegen in Berlin weiter, mit Tante Hede zusammen, wohin die Fahrt gehen soll – ja? Und Kopf hoch, Mama! Frau Hansen hat so schöne Fruchtlimonade unten: soll sie dir davon herausbringen? Die erfrischt. Ich werde es ihr gleich sagen. Und nach Tisch leg dich wieder ein paar Stündchen hin, Mama – ja? Ich komme, nachzusehen.« Er drückte die mageren Hände und grüßte noch von der Thür aus. »Also David Vermissen! Einen Schritt wären wir weiter!« sagte er draußen befriedigt. »Kommen Sie mit ins Gastzimmer. Hansen weiß im Lande Bescheid, und vielleicht kann er uns, wenn der Herr Künstler wirklich in Holstein zu Hause sein sollte, auf den Weg helfen.« Christian Hansen las eine Kieler Tageszeitung. »Die ist auch voll davon,« sagte er zu dem Anwalt. Bendring überflog einen ›Der Mord am Plöner See‹ überschriebenen Artikel und bat den Gastgeber, ihm das Blatt aufzuheben. »Sagen Sie, Hansen,« fuhr er dann fort, »Sie sind ja wohl in dieser Gegend aufgewachsen und kennen Land und Leute. Giebt es im Holsteinischen irgend einen Familienstamm Vermissen?« »Ja, und gar nicht weit von hier: in und um Preetz herum. In Preetz selbst ist eine Pastorfamilie, die so heißt; ich weiß aber nicht, in welchem Grade die mit den Bauern Vermissen, die in Löbtin ansässig und weit verzweigt sind, verwandt ist. In Löbtin giebt es drei – nee, einen Augenblick – vier Höfe, die alle den Vermissen gehören. Außerdem noch einen, wo die Frau eine verwitwete Vermissen ist, die dann aber wieder geheiratet hat, einen gewissen Grotjohann, auch ein Löbtiner Kind.« »Danke. Können Sie mir Auskunft geben, ob in einer der Familien ein Sohn Maler geworden ist?« »Maler?« Hansen dachte nach. »Nee, das kann ich nicht sagen. Es könnte höchstens einer von denen vom Eichhofe sein. Da sind wohl fünf oder sechs Jungen: einer, der Aelteste, auf dem Hofe; einer, der Jüngste, der irgendwo auf der Universität ist; einer, der als Förster auf dem Gute Bothkamp steht, und einer, der Schullehrer geworden ist. Dann ist mindestens noch einer da. Ich weiß aber nicht, was aus dem geworden ist. Wollen Sie hinfahren?« »Ist es weit?« »Bewahre. Spazierfahrt.« »Dann gleich nach Tisch.« »Ich werde anspannen lassen.« »Ja. Das heißt, die Leute brauchen aber nicht zu wissen, daß wir von der Schwiddeldei kommen. Ist Ihr Korbwagen dort nicht zu bekannt?« »Der wohl nicht. So ähnliche giebt es viele. Aber die Bleß, mit der ich gewöhnlich fahre, könnte zum Verräter werden. Ich werde den Braunen einschirren, den ich erst in der vorigen Woche gekauft habe; und damit Sie ganz sicher gehen, kann des Försters Hannes Sie fahren. Der ist zuverlässig und dabei in Löbtin so gut wie fremd.« »Schön. Also etwa um zwei Uhr.« »Jawohl, Herr Bendring.« Fünftes Kapitel. »Eckhoff, Hinnerk Vermissen,« sagte Hansen instruierend zu dem Jungen. »Der zweite Hof linker Hand, dicht vor dem Hirschkrug. Im Hirschkrug kannst du vielleicht auf die Herren warten; sie werden dir das aber noch selbst sagen. Und laß dich nicht ausfragen, Jung'.« »I wo!« Hannes, ein vierzehnjähriger, frischer Bengel, saß stramm auf dem Kutscherbock. Der Korbwagen ging leicht und der Braune trabte gut. Die Herren berieten. »Unter welchem Vorwande wollen Sie sich einführen?« fragte der Kommissar. »Vorwand? Ich gehe gerade aus; der Weg ist allemal der beste. Ich hasse die Vorwände und die krummen Wege. Natürlich werde ich dem Bauern nicht sagen, daß ich seinen Herrn Sohn –« er dämpfte die Stimme – »für einen Halunken halte. Was er nicht zu wissen braucht, wird verschwiegen und im übrigen bei der Wahrheit geblieben.« »Sind sie ein Wahrheitsfanatiker, Herr Doktor?« fragte Wilden mit leichter Ironie. Bendring antwortete fast barsch: »Ja.« »In Ihrem Berufe auch? Ich meine: würden Sie zum Beispiel einen Angeklagten, von dessen Schuld Sie überzeugt wären, einfach nicht verteidigen?« »Verteidigen? Ja. Reinwaschen, schwarz weiß machen – nein.« »Viele Ihrer Kollegen denken anders.« »Das mag jeder mit sich selbst ausmachen.« Die kurze, energische Art des Anwalts imponierte dem Kommissar. Er fühlte die Wahrhaftigkeit der ernsten Anschauung und ließ das Thema fallen. »Was werden Sie thun, wenn Sie bei dem Eichhofer Ihr Ziel nicht erreichen?« fragte der Kommissar. »Die anderen Vermissen aufsuchen.« »Dann schlage ich vor, wir teilen uns die Arbeit: Sie gehen zu Heinrich Vermissen, ich zu einem der anderen – und wir treffen uns im Krug.« »Einverstanden.« »Erfahren wir beide an den ersten Stellen nichts, so kommen die Vermissen drei und vier an die Reihe.« »Und der Gemeindevorsteher.« »Ja, der auch.« Der Eichhof hatte seinen Namen von mächtigen Eichenriesen, die den großen Bauernhof von drei Seiten umgaben. Die vierte, nach der Straße gelegene Seite zeigte einen ausgedehnten Garten, dessen zahlreiche Obstbäume schwer mit Früchten beladen waren. »Donnerwetter!« – warf Wilden hin, als der Wagen vor dem Hofe hielt. »Der Eichhofer scheint's zu haben, Moos nämlich. Guten Erfolg, Herr Doktor.« »Ich werde Ihnen im Kruge berichten.« Der Wagen fuhr nach dem Wirtshause und die Herren trennten sich nach verschiedenen Richtungen. Bendring schritt den frischgeharkten Kiesweg entlang, der durch den Garten auf das Wohnhaus zu führte. Eine Glocke von tiefem Klange ertönte, als er das Haus betrat, und ließ auf dem kühlen, geräumigen Flur einen Mann sich umdrehen, der mit dem Riemenzeug eines Sattels beschäftigt gewesen war, der vor ihm über einer Stuhllehne hing. Der Anwalt grüßte und fragte nach dem Bauern. »Bitte.« Der Mann schritt auf eine Thüre zu, öffnete und rief ins Zimmer: »Vater, ein Herr wünscht dich zu sprechen.« Der Anwalt trat ein und stellte sich vor: »Bendring, Berlin.« Er sprach undeutlich. Der Bauer schien ein Mann von etwa sechzig Jahren zu sein. Auf einem vierschrötigen Körper saß ein eckiger Charakterkopf. Das Kopfhaar, die buschigen Augenbrauen und der kurzgeschnittene runde Vollbart waren stark ergraut. Die tiefliegenden, wasserhellen Augen blickten mißtrauisch prüfend. Der Sohn hatte das Zimmer wieder verlassen. »Von Berlin? Sie wünschen?« fragte der Bauer zurückhaltend. Bendring ging gerade aufs Ziel. »Ich wollte mich nach einem Ihrer Söhne erkundigen. Sie sind der Vater des Malers David Vermissen?« Der Alte rückte unruhig aus dem Sessel. »Das ist mein Sohn nicht mehr!« entgegnete er schroff. Der Anwalt war überrascht. »Ich verstehe wohl nicht richtig –« »Ja, doch! Er war mein Sohn. Hier soll er sich nicht mehr blicken lassen.« »Sie sind mit ihm zerfallen?« »Ich will Ihnen kurz und bündig sagen, daß der Bengel mir Scherereien und Kosten genug gemacht hat, und daß, wer nach ihm fragt, nicht mein Freund ist.« »Sie können ruhig sein; ich bin nicht gekommen, um irgend welche Ansprüche geltend zu machen. Ich wünschte nur die Adresse Ihres Sohnes zu erfahren.« »Kenne ich nicht.« »Nicht?« »Nein, sagte ich.« »Wie lange ist er von zu Hause fort?« fragte Bendring ungewiß. »Ich weiß nicht, was es Sie angeht,« entgegnete der Bauer in offenbarer Ablehnung, »aber das kann ich Ihnen ja sagen, daß der Eichhof für den seit zehn Jahren nicht mehr vorhanden ist.« »Wissen Sie auch nicht, wo er sich zuletzt aufgehalten hat?« forschte Bendring. »Vielleicht, wo er vor einem Jahre war?« »Ich bin zufrieden, daß ich nichts von ihm sehe und höre.« »Es handelt sich um eine wichtige Angelegenheit; ich darf hoffen, daß Sie mich nicht absichtlich irre führen?« »Wie kommen Sie dazu, mir das zuzutrauen?« fragte der Bauer in aufkochendem Zorn. Bendring sah ein, daß der Alte entweder nichts wußte oder mindestens nichts sagen würde. Er brach ab. »Sie scheinen trübe Erfahrungen mit Ihrem Sohne gemacht zu haben. Ich bedaure, daß ich Sie stören mußte.« Er entfernte sich und wartete im Krug auf den Kommissar. Wilden kam nach einer knappen halben Stunde. »Nun?« fragte er. »Nichts.« »Wie bei mir. Wir können ruhig abfahren, Herr Rechtsanwalt, hier ist der lange David völlig verschollen. Ich hatte den Vorzug, bei einem Vermissen anzuklopfen, der sich gleichzeitig als der Gemeindevorsteher entpuppte. Uebrigens höllisch zugeknöpft –« »Wie der Eichhofer.« »Aha, also der auch. ›Der lange David?‹ fragte mein Mann. ›So, nach dem wird wieder mal geforscht? Das bedeutet schwerlich was Gutes. Sie sind aber an die falsche Thür geraten. Auf dem Eichhofe müssen Sie anklopfen. Was wollen Sie denn von dem?‹ Ich halte im Gegensatz zu Ihnen eine kleine Notlüge für erlaubt, Herr Doktor; und weil der Mann fragte, bekam er seine Antwort. Ich sei mit David befreundet gewesen, erklärte ich, und hätte für ihn öfters 'mal in meine Tasche gegriffen. Das letztemal vor zwei Jahren, als wir zusammen im Harz waren und er nach seiner Heimat reisen wollte. ›Der nach seiner Heimat? Hierher zu uns?‹ fragte der Mann. ›Da hat er Ihnen einen Bären aufgebunden. Der hat Löbtin seit einem Jahrzehnt nicht gesehen.‹ ›Und man weiß nichts von ihm?‹ fragte ich. ›Nichts, gar nichts!‹ – Lassen wir Hannes umkehren, Herr Rechtsanwalt, und überlegen wir, wo wir mit besserem Erfolge einsetzen können. – Ich dachte an Harzburg.« »Ich auch.« »Er muß dort gemeldet gewesen sein. Vielleicht erinnert sich auch Frau von Viersen noch, wo er gewohnt hat. Könnten Sie hinfahren? Ich würde dann meinerseits die Nachforschungen in Ascheberg fortsetzen.« »Ich werde morgen mit Frau von Viersen nach Hause fahren. Ob sie von Vermissens Wohnung gehört und ob sie sie behalten hat, werde ich noch heute festzustellen suchen. Es wird sich ja gesprächsweise machen, ohne daß sie durch den Verdacht, den wir hegen, beunruhigt zu werden braucht.« Sie bestiegen den Wagen wieder und rollten nach der Schwiddeldei zurück. Frau von Viersen war, von Frau Hansen begleitet, nach Plön gefahren. Sie kam völlig erschöpft zurück und legte sich sogleich zur Ruhe, ohne daß der Anwalt sie noch hätte sprechen können. Bendring packte, und Hansen und seine Frau erkannten zu ihrem Leidwesen, daß die Scheidestunde geschlagen hatte. Sie plünderten am nächsten Morgen den Garten um seinen schönsten Schmuck und standen erwartungsvoll, als in der elften Stunde der Anwalt bei Frau von Viersen eingetreten war, um sie offenbar von der Abreise, die mit dem Mittagzuge erfolgen sollte, zu verständigen. »Fühlst du dich kräftig genug, Mama?« fragte Bendring in freundlicher Sorge. »Ja? Dann werde ich an Tante Hede depeschieren, daß wir kommen. Und ein paar Tage müssen wir in Berlin bleiben. Dann – nicht wahr, so hatten wir es besprochen – geht's nach dem Brocken. Weißt du noch, wo ihr in Harzburg gewohnt habt? Ach so, privat? Würden wir nicht diesmal lieber ein gutes Hotel vorziehen? Kennst du eins –?« Sie ging auf seinen Gedankengang ein. »Das Au-Hotel vielleicht,« meinte sie arglos. »Da wohnte damals Herr Vermissen, glaube ich.« »Na, wir werden ja sehen. Hübsch muß es sein, gut gelegen, mit bester Pflege. Kannst du in einer Stunde zur Abfahrt fertig sein? Ja? Aber sonst laß dir Zeit, Mama, alles in aller Ruhe. Ich werde Frau Hansen bitten, daß sie dir behilflich ist. Die großen Koffer habe ich schon ordnen lassen.« Er küßte sie auf die Stirn und suchte den Kommissar auf dessen Zimmer auf, um ihm zu berichten. »Ich schreibe Ihnen von Harzburg aus; setzen Sie mich bitte in Kenntnis, wenn Ihnen eine Entdeckung von Wert gelingen sollte. Und dann: Sie werden vielleicht noch längere Zeit festgehalten werden. Bitte, verfügen Sie über meine Zimmer! Sie sind kühler als dies hier an der Sonnenseite. Acceptiert?« »Mit Dank, Herr Rechtsanwalt.« »Ich werde Hansen Bescheid sagen. Leben Sie wohl! Sie schüttelten sich mit kräftigem Druck die Hände. Kietz stand bescheiden abseits, als Frau von Viersen im Wagen Platz genommen hatte und Bendring sich von Frau Hansen verabschiedete. Bendring blickte suchend umher und ging rasch auf den Fischer zu. Er streckte ihm herzlich die Hand hin. »Auf Wiedersehen, alter Freund!« »Jo – jo?« stotterte Kietz freudig überrascht. »Wenn das wäre – jo!« Der Scheidende nickte erregt. Dann setzte sich der Wagen, der von Hansen selbst kutschiert wurde, in Bewegung und verschwand bald hinter einer nahen Krümmung der nach dem Bahnhofe führenden Landstraße. Wilden zog sogleich nach Tisch um. Frau Hansen wollte erst aufräumen. »Nein, lassen Sie,« wehrte der Kommissar ab. »Vielleicht gegen Abend. Jetzt – muß ich arbeiten.« »Aber das Papier, das da umherliegt,« wandte Frau Hansen noch zaghaft ein. »Das Bißchen?« meinte Wilden beruhigend. »Das stört mich nicht.« Er setzte sich sofort zum Arbeiten an den Tisch und drängte damit die Frau sanft zum Zimmer hinaus. Als die Thür ins Schloß gefallen war, las er die umhergestreuten Papierfetzen zusammen auf den Schreibtisch, lehnte sich in den bequemen Stuhl zurück, und zündete sich eine Cigarre an. Dann unterzog er Blatt für Blatt einer Musterung. Packpapier, Zeitungen, ein paar gleichgültige Briefe, quittierte Hotelrechnungen – alles war bunt durcheinander gewürfelt. Zwei zerrissene Postkarten wurden vom Beamten ausgesondert und mit einiger Mühe wieder zusammengepaßt. Sie trugen in offenbar von weiblicher Hand stammenden Schriftzügen die Berliner Adresse des Anwalts und auf der Schriftseite farbige Ansichten von Nizza. Auf der einen fiel ihm das Datum auf: »Nizza den 30. Juli.« Der Mordtag ... Der Inhalt war nichtssagend: »Seit einer Woche hier, sende Ihnen beste Grüße.« Darunter ein merkwürdiger Buchstabe, ein lateinisches B oder R auch K . Die zweite Karte trug das Datum des 3. August. Sie war kurz wie die erste, nur nicht ganz so trocken: »Hier ist es doch immer wieder schön, und wo es schön ist, darf ich Ihrer denken. Grüße wie stets.« Und unten in der rechten Ecke der gleiche verschnörkelte, schwer zu entziffernde Buchstabe. Wilden steckte die Karten zu sich, strich mit dem Aermel über die Platte des Schreibtisches und ließ die Papiere in gleicher Unordnung auf den Boden flattern, wie er sie vorgefunden hatte. Er durchstöberte ungeniert den Schreibtisch. Die Schubfächer waren unverschlossen und ausnahmslos leer. Auch in zwei Schränken und einer Kommode steckten die Schlüssel. In dem einen der Schränke hing der schilfgrüne Anzug, den der Anwalt beim Fischen zu tragen gepflegt hatte. Weiter war nichts zu entdecken, auch in den Taschen des Anzuges nicht, die der Kommissar skrupellos ebenfalls durchforschte. Im Schlafzimmer bemerkte Wilden, daß der Anwalt ihm in liebenswürdiger Aufmerksamkeit alle Gebrauchsgegenstände des Toilettentisches zurückgelassen hatte. Er konstatierte es mit Genugthuung, wusch sich die staubbeschmutzten Hände und streckte sich im Wohnzimmer behaglich auf dem breiten Sofa aus, um ein Mittagschläfchen zu halten. Er träumte von der Handschrift der beiden Postkarten und hörte einen Graphologen näselnd den Charakter der Schreiberin nach den eigenartigen Schriftzügen erläutern: »Ausgeprägte Individualität – zu Extremen geneigt – leicht erregt – rücksichtslos entschlossen – zäh und ungestüm im Wollen – weltgewandt – schlagfertig – genußsüchtig – egoistisch bis zur Härte – Piff paff –!« Er fuhr auf, rieb sich die Augen und langte schlaftrunken vom Sofa auf den Boden nach Schlüsselbund und Messer, die ihm aus der Tasche gefallen waren. Sechstes Kapitel. Der Kriminalkommissar war bei den Bewohnern der Schwiddeldei nicht beliebt, und sie begriffen nicht, was er noch dort zu thun hatte. So lange der Rechtsanwalt zugegen gewesen war, hatte dessen Persönlichkeit im Vordergrund gestanden, und der Polizeibeamte war zurückgedrängt worden. Seit Bendring abgereist und der Kommissar sogar in dessen Zimmer übergesiedelt war, machte sich seine Anwesenheit oft unangenehm bemerkbar. Daß der Anwalt so unvorsichtig gewesen war, dem Polizeibeamten seine Zimmer einzuräumen, hätte man ihm auf der Schwiddeldei am liebsten übel nehmen mögen, und Hausfrau und Hausmädchen konstatierten ärgerlich, daß der Beamte sich gerade so benähme, als ob die Zimmer und deren Einrichtung sein unbeschränktes Eigentum wären. Eine schön geschliffene Glasschale für die Seife hatte er auf der Marmorplatte des Toilettentisches bereits zertrümmert; die Kleiderbürsten lagen nachlässig hingeworfen bald auf der Bettdecke oder dem Sofa, bald unter Zeitungen auf dem Schreibtisch, auf einer Fensterbank oder mitten auf dem Teppich. Ordnung, Rücksicht auf fremdes Eigentum schien der Herr nicht zu kennen. Auch im persönlichen Umgange machte er sich nichts weniger als beliebt, schnüffelte im ganzen Hause umher, suchte einmal angelegentlich zu horchen, konnte dann sogar ordentlich liebenswürdig sein, und that bald darauf wieder, als ob er niemand im Hause kenne, ihn wenigstens niemand etwas anginge. »Kietz!« rief er eines Abends diesen an. »Besorgen Sie mir Würmer; ich will morgen früh angeln.« »Jo –!« sagte Kietz in der ersten Ueberraschung. Er hielt auch Wort, nahm die Blechbüchse und sammelte wie gewohnt. Um drei war er beim Boot, um sechs kam der Kommissar. Kietz stellte die Büchse auf den schmalen Steg und schlug sich in die Büsche. »Der mag sehen, wie er fertig wird – jo,« knurrte er. Im Hotel fragte er Hansen: »Hat der zu angeln – jo?« »Wer?« »Der – jo!« Hansen wies die Treppe hinauf in der Richtung auf Bendrings Zimmer. »Der Schnüffler –?« fragte er. »Jo –.« »Hat er denn Angelzeug?« »Vom Herrn Bendring – jo!« Hansen und der Fischer tuschelten, und die beiden trennten sich schmunzelnd. Wilden hatte nicht viel gefangen; er war nicht geübt. Als er einige Abende später den Auftrag an Kietz wiederholte, für neue Köder zu sorgen, antwortete der Fischer mit unverständlichem Brummen. Am folgenden Morgen suchte der Kommissar sowohl die ›Prinzeß Charlotte‹ wie das Angelzeug vergebens. »Aha!« sagte er ohne Aufregung und lachte. Mittags traf er auf Kietz. »Sagen Sie 'mal, lieber Freund, wem gehört eigentlich das Boot?« fragte er liebenswürdig. »Herrn Hansen – jo,« antwortete Kietz einsilbig. »Und die Angeln?« »Mir – jo!« »Ihnen?« fragte Wilden zweifelnd. »Hat vielleicht der Herr Rechtsanwalt sie Ihnen vermacht?« »Grad so – jo!« sagte Kietz triumphierend. »Ach so.« Der Kommissar ging gleichmütig und kam auf die Sache nicht zurück. Eines Nachmittags brachte der Kommissar Hansen gegen sich auf. »Herr Hansen, auf ein Wort!« Wilden saß im einsamen Gastzimmer und rief den draußen am Fenster vorübergehenden Wirt zu sich. »Na?« fragte Hansen, warf die Mütze auf einen Tisch und setzte sich dem Beamten gegenüber. »Ich habe eine Frage im Vertrauen an Sie, Herr Hansen.« »So.« »Wie lange kennen Sie doch den Herrn Rechtsanwalt schon?« »Hm. Sechs Jahre.« »Sagen Sie mal, war er immer allein hier?« »Was denn sonst?« »Sie müssen mir das nicht übelnehmen. Ich meine, der Rechtsanwalt ist jung – fünf-, sechsunddreißig, was? – ansehnlich, lebenslustig – ist er wirklich immer allein gekommen?« »Ich verstehe nicht, was Sie wollen –« »Na doch! Leuchtet es Ihnen nicht ein, daß der seine Bekanntschaften gehabt hat – galante, meine ich –?« »So –?« »Sie sind einsilbig. Hat ihn niemals eine von seinen – seinen – Verehrerinnen begleitet?« »Das meinen Sie!« »Ja!« »Sie können sich beruhigen.« »Ist doch menschlich!« trumpfte der Kommissar. In Hansen kochte es. »Was Sie für menschlich halten,« entgegnete er mit mühsamer Beherrschung, »weiß ich nicht und kann mir egal sein. Von Herrn Bendring denke ich höher und von mir auch, und mein Haus ist kein –« Er brauchte einen derb abfertigenden Ausdruck, stand auf und kehrte dem Beamten den Rücken. Wilden forschte beim Bahnhofsrestaurateur. Er hatte nicht mehr Glück. Der Befragte zuckte die Achseln und entgegnete kühl: »Meinen Sie, daß es das hier giebt? Dann sind Sie eben im Irrtum.« Und der Mann spülte ein paar Biergläser aus, schob sie ins Regal und wandte sich aus dem Wartesaal erster und zweiter Klasse in den anstoßenden größeren der dritten Klasse. Wilden tuschelte zuweilen mit dem Briefträger, ging ihm, wenn er früh um die neunte oder nachmittags um die fünfte Stunde erwartet wurde, wohl auch entgegen. »Lassen Sie sich mit dem nicht ein,« sagte Hansen leise zu dem Postbeamten. Der ging mißlaunig. Vierzehn Tage nach Bendrings Abreise zeigte der Kommissar auch seine Abfahrt an. Kietz trug die Kunde umher: »Die Luft wird wieder rein – jo!« Die Leute atmeten auf. Wilden fuhr nach Kiel und konferierte mit dem Untersuchungsrichter Vries. »Ich habe von Herrn Doktor Bendring die briefliche Nachricht erhalten,« berichtete er und übergab den Brief dem Richter, »daß seine Bemühungen in Harzburg resultatlos geblieben sind. David Vermissen war durch den Hotelier zwar vorschriftsmäßig gemeldet, die Ortsangabe in der Meldung bezog sich aber offenbar nur auf den letzten Durchgangspunkt, auf Leipzig. Schon an diesem Orte ging in Ermangelung einer amtlichen Meldung jede Spur verloren.« Der Kommissar zeigte dem Richter die beiden in Bendrings Zimmer vorgefundenen, zerrissenen Ansichtspostkarten und zwei andere, die nach der Abreise des Anwalts eingegangen und von dem Briefboten dem Polizeibeamten ausgehändigt worden waren. Er knüpfte daran eine Auseinandersetzung, die den Richter fesselte. »Herr Landgerichtsrat, diese Karten! Sie wollen mir nicht aus dem Sinn. Sie drängen sich mir förmlich auf. Die Handschrift – der vertrauliche Ton – der intim abgekürzte Namenszug – – sie geben ein Rätsel auf, das anzieht, das wie an Fäden fortzieht. Sie sprechen von einer Ferne, in der ein Interesse lebendig ist; sie verraten ein Interesse an dem, der zu der Ermordeten in engster Beziehung stand – ein Interesse, das nicht erwidert zu werden brauchte und trotzdem – oder eben deshalb – den anderen Teil, die Dame, die Braut, mit einbeziehen konnte. Das Interesse des Liebhabers der Toten, des Malers, liegt zurück – – das hier spricht unmittelbar! Und der Gedanke läßt mich nicht los: gehe nach, forsche nach! Es ist die Möglichkeit gegeben, daß der Rechtsanwalt recht hat, daß das Verbrechen dem auf das Konto zu schreiben ist, der die Tote liebte; aber es ist mit der zweiten Möglichkeit zu rechnen, daß die todbringende Waffe nicht Liebe – wenigstens nicht die Liebe zum Weibe – sondern der Haß führte, der Haß gegen das Weib, der Haß, der aus der Neigung zu dem Manne aufkeimte und sich zur That auswuchs.« Der Richter saß nachdenklich. »Was gedenken Sie zu thun?« fragte er. »Ich fahre, die Einwilligung vorausgesetzt, nach Berlin, eventuell weiter –« Vries schwieg. »Haben Sie Bedenken, Herr Landgerichtsrat?« fragte der Kommissar. »Hm. Nicht gerade... Ausgeschlossen wäre es ja nicht, daß auch ein Weib – – Na, sehen Sie zu, wie weit Sie kommen.« Ein Schnellzug des nächsten Tages führte den Kommissar nach der Reichshauptstadt. Da Wilden die Privatadresse des Anwalts nicht kannte, fragte er nach ihm in seinem Bureau. Der Bureauchef ging ans Telephon. »Ihr Name?« fragte er wortkarg, ehe er anklingelte. »Wilden, Kiel.« Bendring war zu Hause ... »Der Herr Rechtsanwalt läßt bitten, zu Abend sein Gast zu sein,« berichtete der Bureauvorsteher. »Goltzstraße Nr. 10, erster Stock.« Wilden langte in der siebenten Stunde bei dem Anwalt an. »Bringen Sie neues?« frug Bendring nach der ersten Begrüßung. »Nichts, Herr Doktor. Der Fall ist noch dunkel.« Der Anwalt sprach ausführlich von seiner Reise nach Harzburg, und Wilden hörte scheinbar aufmerksam zu, während er zugleich seine Umgebung einer scharfen Musterung unterzog. Nichts in den beiden Zimmern, deren Verbindungsthür ausgehoben war und die durch breit auseinander geschlagene Portieren getrennt waren, erinnerte an den amtlichen Beruf des Bewohners. Ueber dem schweren, mit gediegener Schnitzerei geschmückten Diplomatenschreibtisch und zu beiden Seiten des Tisches waren mit Büchern gefüllte Regale aufgebaut. In einer Ecke hob sich eine Marmorbüste der Diana leuchtend von der diskret gestreiften, bordeauxfarbenen Tapete ab. Die Fläche über einem Paneelsofa nahm ein Oelgemälde in reichem Goldrahmen ein, und auf dem Paneelbrette des Sofas standen rechts und links von einer Majolikabowle ein Dutzend Krüge, Vasen und praktische Kleinigkeiten. Der mit dem Privatkabinett verbundene Raum war das Speisezimmer des Hausherrn, mit einfacher grüner Tapete, alteichenem Büffet, schweren Lederstühlen, scheinbar wertvollen Gemälden und auffallend wirkungsvoller Gaskrone. Eine Bauernbank und die hohe Rücklehne sowie der Deckelsitz einer Truhe waren mit rotem Tuch überzogen und mit Borten in Altgold verziert. »Gediegen!« murmelte Wilden, in kurzer Zusammenfassung seines Urteils. »Wie beliebt?« fragte der Anwalt. »Ich meinte, daß ich mir von der Harzburger Reise nie viel versprochen habe,« erklärte der Kommissar. »Ich will die Fährte aufnehmen, deshalb bin ich gekommen. Das Wie wird sich finden. Wir vom Metier sind zuweilen so was wie die Luftschiffer; können wir nicht steuern, so lassen wir uns treiben, wohin der Wind weht. Das heißt, der Vergleich hinkt, wie alle. Aber Sie verstehen mich schon. Hilft das Kalkulieren nicht, hilft oft der Zufall. – Ihr Heim ist geschmackvoll, Herr Doktor. Darf ich ein bißchen wandern und mustern? Dieses Bordeauxrot der Wände ist in Mode gekommen – ja, und das Grün auch. Ueberhaupt: rot und grün. Die Farben harmonieren und bringen Leben. – Wohl eine italienische Landschaft, das hier?« Er deutet auf ein kleines Bild im Speisezimmer. »Ja. Dilettantenarbeit.« »Ach? Aber Talent drin!« »Mäßig. Die Dame malt, musiziert, singt, ohne es über ein leidliches Wollen hinauszubringen.« »Sie hat es wohl nicht nötig?« »Nein.« »Wohlhabend?« »Mehr. Reich.« »Das ist angenehm. Geschenk, das Bild?« »Ja.« »Dieser kräftige Baumschlag, das frische, schimmernde Blau des Wassers, die feinen Konturen der Berge – künstlerisch beobachtet. Wohl nach der Natur?« »Allerdings. Es ist ein Winkel am Golf von Spezzia.« »Waren Sie dort?« »Ja. Im vorletzten Frühjahr.« »Sie sind zu beneiden... Doch nicht als Reisekavalier der liebenswürdigen Künstlerin?« scherzte Wilden. »Nein,« erklärte Bendring reserviert. Der Kommissar stellte eine rasche Zeitrechnung an. Im vorletzten Frühjahr? Also ein halbes Jahr nach der Begegnung zwischen Hedwig von Viersen und dem langen David in Harzburg. »Wissen Sie, was ich vermisse, Herr Rechtsanwalt?« »Nun?« »Ein Bild Ihrer heimgegangenen Braut.« »Ich besitze keines, wenigstens kein größeres, und habe erst jetzt Auftrag gegeben, eins nach einer Photographie zu malen.« »Man sieht, daß ich Junggeselle und in mancher Beziehung nicht ausreichend unterrichtet bin. Ich habe immer angenommen, daß es für den glücklich Verlobten das erste sei, die Braut in Oel verewigen zu lassen. Wann haben Sie denn – wenn die Frage nicht indiskret ist – Ihr Fräulein Braut kennen gelernt?« »Im vorigen Winter. Sie werden aber, wenn Sie einmal heiraten sollten, gleich mir mit der besagten Verewigung in Oel warten müssen, bis Sie das Jawort haben.« Der Kommissar lächelte und reflektierte für sich: »Im Frühjahr Nummer eins, im Winter Nummer zwei – also ist eins im Winter von Sonne zwei überstrahlt und in Gnaden verabschiedet worden. Da wäre ja auch die Wunde noch frisch geblieben. Hm ...« Laut entgegnete er: »Ich kann mich noch immer nicht von dem kleinen Golfbilde trennen.« Er trat an das Bild zurück. »Polisanderrahmen, Herr Doktor?« »Sie sind Kenner.« »Ein wenig. Es geht mir wie der Malerin: ich pfusche in allen Handwerken ein Endchen herum.« »Darf ich Ihnen das Bild verehren?« »Aha,« dachte Wilden. »So gleichgültig geworden?« »Danke,« sagte er. »Ich will Sie nicht berauben, auch schon nicht, weil ich doch kein rechtes Interesse habe. Ja, wenn ich die Dame kennen würde!« »Geht schwerlich an. Oder Sie müßten sich schon nach Nizza bemühen.« »So, Nizza? Apropos: Nizza – –!« Wilden tupfte sich gegen die Stirn. »Wie man so vergeßlich sein kann!« Er griff in die Tasche. »Bitte, Herr Doktor. Zwei Postkarten. Nach Ihrer Abreise angeflogen. Auch von Nizza. Von – derselben?« »Ja. Na, ihr Bote wären Sie ja damit schon.« Bendring sah die Karten flüchtig an, trat in sein Kabinett und legte sie ruhig auf den Schreibtisch. Wilden beobachtete ihn und zog seinen Schluß: »Für ihn überwundener Standpunkt, für sie nicht.« Bendring schien sein Anerbieten vergessen zu haben, wenigstens kam er nicht darauf zurück. Darum that es der Kommissar. »Na, Herr Doktor, wenn es Ihr Ernst war –« »Ach so!« Bendring nahm das Bild von der Wand. »Aber eine kleine Bitte müssen Sie mir gestatten. Ich habe für Landschaftsnamen ein schlechtes Gedächtnis. Haben Sie die Güte und zeichnen Sie die Namen auf. Einfach auf der Rückseite.« »Partie von Santerrenzo, am Golf von Spezzia,« schrieb Bendring und erläuterte: »Da ist übrigens für Litteraturfreunde eine Sehenswürdigkeit: das Byronhaus, nicht weit von unserer Landschaft. Freilich etwas unansehnlich, wie viele andere Berühmtheiten. Aber die Bewohner der Gegend sind stolz darauf, daß der große Weltschmerzdichter ihren Boden geweiht hat. Kennen sie auch von seinen Werken wenig oder nichts, so erzählen sie umsomehr von den weiten Schwimmtouren, die der Lord in den Golf unternommen haben soll!« Er wollte die Feder aus der Hand legen. »Das soll alles sein?« fragte Wilden mit komischer Betonung. »Sie vergessen ja die Hauptsache: Gemalt – oder gezeichnet, wenn das richtiger ist – von – geschenkt, gewidmet – wie Sie wollen – von... Bendring kam den Wünschen lächelnd nach und fügte hinzu: »Nach der Natur gezeichnet von Frau Rose Hellet,« und darunter: »Herrn Kommissar Wilden zugeeignet von Fritz Bendring.« »Noch was?« fragte er. »Ort, Datum,« monierte Wilden. Der Rechtsanwalt schrieb. »Frau?« fragte Wilden nebenher. »Witwe,« berichtigte der Anwalt. »Danke gehorsamst!« Bendring drückte auf den Knopf einer elektrischen Leitung und ersuchte die eintretende Wirtschafterin, den Abendtisch zu decken. »Ein Glas Wein wird Ihnen angenehm sein?« fragte er den Kommissar. »Ich habe einen guten Jahrgang Scharzhofberger. Zum Schluß ein Gläschen Pilsener?« Wilden stand vor den Bücherregalen. »Ganz nach Belieben, Herr Doktor.« Er las auf einer Anzahl von Bänden den Namen Gerstäcker. Aha, den alten Münchhausen kannte er auch. Hackländer – ebenfalls. Ebers – natürlich. Reuter – selbstverständlich. Möricke? – Unbekannte Größe. Voß – Gotthelf – Lewald – man muß nicht alles wissen. Freytag, Spielhagen – na ja. Lauter Romane! Nein, doch nicht. Schlagintweit, Wißmann, Peters – das waren ja wohl Weltenbummler. »Nach Ihrer Bibliothek würde man nicht auf einen Juristen schließen, Herr Doktor.« Bendring ging unruhig auf und ab. »Fahren Sie direkt nach Harzburg oder machen Sie in Leipzig Station?« fragte er. Wilden wich aus. »Wie der Wind geht. Lassen Sie mir die freie Entschließung. Und warten Sie nicht zu früh auf Nachrichten. Gut Ding will Weile haben.« Bendring schien nicht ganz zufrieden. »Sie werden nicht verlangen, daß ich unthätig bleibe,« warf er hin. »Fahren wir jeder seine eigene Straße, Herr Rechtsanwalt; hat der eine kein Glück, hat's vielleicht der andere.« Wilden ließ sich den kräftig duftenden Scharzhofberger munden, rauchte nach Tisch zum Pilsener eine echte Henry Clay und verabschiedete sich in vorgerückter Stunde. Auf der Straße sah er zum wolkenbedeckten Himmel empor. »Lichtlos, dunkel wie das Menschenrätsel,« brummte er. Er stieg an der Potsdamerstraße auf eine Pferdebahn, schob das Geschenk des Anwalts zwischen zwei Knöpfe des Ueberziehers und beobachtete halb gedankenlos das wenig wechselreiche Straßenbild. Siebentes Kapitel. Doktor Bendring war mit einem befreundeten Architekten in Verbindung getreten, den er mit dem Entwurfe eines Grabdenkmals für die auf dem stillen Plöner Friedhofe schlafende Geliebte beauftragt hatte. Er stimmte der ihm vorgelegten Skizze zu und händigte dem Zeichner eine Photographie Hedwigs von Viersen aus, nach der ein Reliefbildnis dem schlichten Steine eingefügt werden sollte. Nach der Verabschiedung des Architekten ging er aufs Bureau und diktierte einem seiner Angestellten ein Schreiben, das an verschiedene Künstlervereinigungen in Leipzig, Dresden, Düsseldorf, München, Stuttgart, Wien, Florenz und Rom gerichtet werden sollte. Die Schreiben hatten den nüchternen, bis auf die Orts- und Titelangaben gleichlautenden Inhalt: »Den löblichen Vorstand des ....Vereins zu ..... ersucht der ergebenst Unterzeichnete um sehr gefällige Mitteilung der Adresse des Kunstmalers Herrn David Vermissen, falls ihm diese bekannt sein sollte. Eventuell wird gebeten, geneigtest mitzuteilen, ob und zu welcher Zeit sich Herr Vermissen in ... aufgehalten und wohin er sich von dort aus begeben oder vermutlich begeben hat. Bei der Seltenheit des Namens dürften weitere Angaben zur Feststellung der Persönlichkeit sich erübrigen, erwähnt sei jedoch, daß die Ermittelung des Künstlers wichtig und dringlich ist. Für die gefällige Auskunft und Bemühung verbindlichst dankend der Rechtsanwalt (gez.) Bendring.« In Berliner Künstlerkreisen war der Name des langen David nicht oder nur oberflächlich bekannt, und ein Münchener Künstleradreßbuch enthielt an Stelle der Ortsangabe ein Fragezeichen. Die Leitung der großen Berliner Kunstausstellung erteilte die Auskunft, daß Bilder von David Vermissen nicht zur Ausstellung gelangt seien. Die langsam eingehenden brieflichen Antworten der Künstlervereine schienen eine Aufklärung ebenfalls nicht bringen zu sollen, bis ein Schreiben von Rom aus den ersten Anhalt gab. »David Vermissen hat sich hier einen Ruf als Porträtmaler erworben,« hieß es in dem Schriftstücke, »sein gegenwärtiger Aufenthalt ist jedoch nicht zu ermitteln gewesen. Vermissen lebte in Rom von Juni 1889 bis vor reichlich zwei Jahren mit seiner Gattin, kehrte nach halbjähriger Abwesenheit ohne die Frau zurück und verließ Rom neuerdings vor einigen Monaten, wie es hieß, mit dem Ziel Wien.« Die Antwort aus der schönen Donaukaiserstadt kam als die letzte. Sie war lakonisch und unbestimmt: »Der Kunstmaler David Vermissen soll nach Siofok am Plattensee gereist sein.« Soll! Bendring beschloß trotzdem, die unsichere Spur alsbald aufzunehmen. Da er von dem Kommissar nichts gehört hatte, konnte er diesem auch seinerseits eine Nachricht nicht zukommen lassen. Er überlegte, daß in einer Erbschaftsangelegenheit seine persönliche Vermittelung in Graz von Nutzen sein würde, fuhr dorthin ab und setzte nach kurzem Aufenthalte die Fahrt nach Ungarn fort. Er teilte von einer Kreuzungsstation aus, wo er den Zug wechseln und eine Stunde warten mußte, das Coupé mit einem österreichischen Offizier, der nach Stuhlweißenburg wollte. Die Hitze war trotz des Septembertages drückend und steigerte sich am endlos langen Plattensee zur Unerträglichkeit. Wenig Ortschaften, fast kein Baumschlag in der weiten Ebene, so sehnsüchtig das Auge danach suchen mochte. Ein blendendes Spiegeln vom See her, ein wellendes Gluten vom Wagendache, auf das die Sonne sengend niederbrannte. Der Offizier legte den Waffenrock, Bendring das leichte Jaquet ab – es war kaum zum Atmen. Der Zug stampfte und polterte, die beiden Passagiere saßen matt und trockneten sich die heißen Stirnen. Die Fenster waren heruntergelassen, die Gardinen zugezogen – die sonnendurchglutete Luft war so drückend und träge, daß kaum einmal ein durch das Coupé streifender Hauch die lechzenden Fahrgäste erfrischte. Der Zug fuhr stundenlang und immer noch in der schattenlosen Ebene und an dem gleißenden See. Nirgends breiter, als daß das Auge nicht bequem das jenseitige Ufer zu erkennen vermocht hätte, schien die Längenausdehnung des Sees unbegrenzt. Endlich, endlich! Der Schaffner, der in dem schmalen Seitengange des Wagens dem Rösten ausgesetzt gewesen war, trat schläfrig in die Thür. »Siofok, Herr,« rief er ins Coupé. Bendring stand verwundert. Das – Siofok? Das Stationsgebäude und eins, zwei – vier Häuser? In dem Nest sollte Vermissen Zuflucht gesucht haben? Der Maler in dieser öden Ebene, am Ende des langweiligen, abgehackten Flusses mit dem Namen See? Bendring suchte sich einer Enttäuschung vergebens zu erwehren. Aber schon im Stationsgebäude, in dessen Wartesaal er halb verschmachtet eine Erfrischung zu sich nahm, erhielt er die ihn aufschnellende Gewißheit, daß er den Verfolgten gestellt hatte! »Sind Fremde im Ort?« fragte er das saubere und auffallend hübsche junge Mädchen, das hinter dem kleinen Büffet hantierte und den stattlichen Gast mit unverhohlenem Interesse musterte. »Ein Maler, Herr!« lautete die Antwort in fließendem Deutsch. »Wo wohnt er? Sie zeigte durchs Fenster auf eines, der umliegenden Häuser: »Drüben.« »Ist das ein Wirtshaus?« »Nein, dem Vaszary Janos seines. – Wollen der Herr hier bleiben?« »Wo könnte ich ablegen, die Kleider wechseln, mich waschen?« »Wenn der Herr bei uns fürlieb nehmen wollen –« »Wenn Sie mir ein Zimmer anweisen können: bitte!« Sie nahm seinen Handkoffer und ging ihm voran. »Ein Deutscher, der Maler?« fragte er wie beifällig. »Ja.« »Kennen Sie seinen Namen?« »David – –« »Danke, mein Kind. Vielleicht David Vermissen?« »Wenn Sie das wissen, müssen Sie ihn ja kennen?« »Dem Namen nach. Malt er?« »Ja, jetzt auch.« Sie stellte in einem kleinen, nicht unfreundlichen Zimmer des ersten Stockes den Koffer auf einen Stuhl, raffte am Fenster die dichtgeschlossenen Vorhänge an einer Seite etwas zusammen und lugte hinaus. »Da sitzt er. Sehen Sie den großen Pilz? Das ist sein Schirm,« sagte sie kichernd. Bendring folgte der ihm mit dem Finger angedeuteten Richtung und erkannte in größerer Entfernung, dicht am See, sowohl den Schirm wie unter dem schmutzgrauen Zeltdache die Figur eines Mannes. »Aha!« preßte er zwischen den aufeinandergebissenen Zähnen hervor. »Können Sie mir frisches Wasser besorgen?« Sie eilte hinaus, brachte ihm das Gewünschte und zog sich zurück. »Nur Ruhe!« mahnte er sich selbst. »Keine Ueberstürzung! Kaltblütig fassen und abführen.« Das Wasser war offenbar aus einem Brunnen geschöpft. Es war kühl und erfrischte ihn. Er fühlte, als er sich umgezogen hatte, keine Ermüdung mehr, schlug den Weg nach dem See ein und trat direkt hinter den Maler, unter das schattende Schirmdach. Er schaute dem Künstler über die Schulter und stutzte. Von der Leinwand starrte ihm ein Seebild entgegen, das mit seinem Wellenglänzen und Sonnenflirren von wahrhaft blendender Naturtreue war. Aber er hatte keine Zeit, sich in die Betrachtung zu vertiefen. Der Maler drehte sich um und fuhr ihn grob an: »Scheren Sie sich zum Teufel!« Ein fesselnder Kopf! Das braune Haupthaar wirr über die gefurchte Stirn hängend, die Augen tiefliegend, von sattblauer Farbe, der blonde Bart lang und ungepflegt. »Das halte ich, wie ich will,« entgegnete Bendring kalt. »Flaps!« schrie der Maler wütend. »Sie werden nicht mehr den Mut haben, mich anzufahren,« sagte Bendring mit eisiger Betonung, »wenn Sie hören, daß ich – von Hedwig von Viersen komme.« Vermissen sprang auf. Alle Farbe war aus seinem Gesichte gewichen. Wie entgeistert starrte er auf den Besucher. »Von – von –« stotterte er. Die mächtige Brust wogte ihm, als drohe sie auseinanderzusprengen. »Vom Grabe Hedwigs von Viersen!« betonte Bendring. Die Wirkung seiner Worte war eine furchtbare. Der lange, baumstarke Mensch griff mit den Fäusten in die Luft, taumelte auf den Schemel, von dem er aufgesprungen war, zurück, glitt haltlos auf den Boden und riß im Fallen Bild und Staffelei in den Sand. Er grub die Hände in den Boden und stöhnte wie ein tödlich verwundetes Tier. Nach Sekunden erhob er sich taumelnd und drang wie irr auf den Besucher ein. »Das ist nicht wahr!« schrie er wild. »Hund, ich erwürge dich! Die Götter sterben nicht – sie lebt – sie lebt –!« Bendring faßte den Rasenden mit eisernen Armen und rüttelte an ihm in ausbrechender Wut. »Sie ist tot – gemordet durch einen Elenden, durch Sie!« schleuderte er ihm ins Gesicht. Mit einem Rucke schüttelte der Maler den Angreifer ab, faßte die Staffelei und schrie mit würgender, erstickender Stimme: »Aus dir spricht der Wahnsinn! Fasse mich an, und ich zermalme dich! Lügner, Elender, Hundsfott!« Vermissen brach die starke, roh gezimmerte Staffelei mit Riesenkraft in Stücke und schleuderte die splitternden Enden dem Anwalt vor die Füße. Der Atem flog ihm, die tiefen Augen schossen Blitze der Wut. Minutenlang standen die Männer in kochendem Haß, zu Angriff und Abwehr bereit, einander gegenüber. Plötzlich faßte sich Vermissen an die Stirn, ließ die Hände sinken und sagte keuchend: »Kommen Sie!« Er watete mit langen Schritten durch den Sand dem ihm folgenden Anwalt voraus, den Häusern zu. Er sah sich nicht um, stürmte eine schlechte, hölzerne Treppe hinauf, riß eine Thüre weit auf und zeigte auf ein weibliches Bildnis in Lebensgröße. »Hedwig!« stieß Bendring überrascht hervor. »Ja, Hedwig!« bestätigte der Maler, nach Atem ringend. »Ja, das Weib, das für mich zu rein, zu groß war. Das ich liebte mit dem heißen, thörichten, gefesselten Herzen! Das ich fortreißen wollte mit mir in die Seligkeit der Sünde – das mir den Glauben zurückgab an das Weib, das edle Weib, das kostbarste aller Erdengüter – das mich den Pfuhl erkennen lehrte, in dem ich schwamm – das mich den Ekel lehrte gegen die verdummende, vertierende Genußsucht und die Anbetung der beglückenden Reinheit, der Göttlichkeit. Das Weib lebt!« schloß er fast drohend. »Sie ist gefallen durch Mörderhand!« wiederholte Bendring mit furchtloser Energie. Vermissen faltete die Hände: »Gott im Himmel! Vergehen so deine Altäre?« murmelte er bebend. Die Thränen rollten ihm in den verwilderten Bart, der Riese stand da in schluchzender Erschütterung. In dem Rechtsanwalt zuckte die Erkenntnis auf wie ein Blitz. So sprach die Trauer, nicht die Schuld! Vermissen wandte sich zögernd nach ihm um. »Herr – Herr –« kam es stotternd über seine blutleeren Lippen. »Bei – bei Ihrer Seligkeit – ist – ist Hedwig –« er schüttelte den Kopf. »Sie schläft!« antwortete Bendring. – »Sie war meine Braut,« fügte er hinzu. David Vermissen forschte durch Thränen in den Zügen des Fremden. Dann streckte er ihm in drängender Empfindung die Hand entgegen. »Hedwig, meine Heilige, hat Sie geliebt –« sagte er mit fast scheuem Ernst, »ich vergebe Ihnen, was Sie von mir gedacht haben.« Er schwankte ins Zimmer. »Ich – ich – muß allein sein.« Bendring empfand überzeugt, daß er bei dem Manne nichts zu suchen hatte. Er warf einen letzten Blick auf das Bild der Geliebten und ging in sich gekehrt. Die braunen Gestalten der Hausbewohner, die sich neugierig angesammelt hatten, machten ihm Platz, schienen ihn aber nicht sehr freundlich zu mustern. Es kümmerte ihn nicht. Er ging ins Stationsgebäude zurück. »Haben Sie etwas gehabt mit Herrn David?« fragte das Mädchen beunruhigt. Er antwortete nicht, sondern stellte eine Gegenfrage: »Wie lange lebt Herr Vermissen schon hier?« »Seit Ende Juni. Warum?« »Ununterbrochen?« forschte Bendring. »Ja. Nicht zehn Stunden war er fort.« Der Stationsvorsteher trat ein und mischte sich in das Gespräch. Er war ein Niederösterreicher und das im Warteraume bedienende Mädchen seine Tochter. »Ich möchte Ihnen raten,« sagte er wohlmeinend, »den Maler in Ruhe zu lassen. Er ist ein Kauz, der den ganzen Tag am See sitzt und die Sonne fangen will, wie er sagt; aber die Leute haben ihn gerne und stehen zu ihm.« Bendring gab die beruhigende Versicherung, daß er bereits mit dem nächsten Zuge wieder abreisen würde. Er fuhr über Budapest, Wien und Breslau nach der Heimat zurück. Sein Wagen war im falschen Gleise gewesen. Er gestand es sich unumwunden zu. Aber es schmerzte ihn nicht; es erfüllte ihn mit einer Art Beruhigung. Das Verbrechen schien tiefer als je in mystisches Dunkel gehüllt; aber in das Stück Herzensleben, das sich in den sagenumwobenen Bergen des Harzes abgespielt hatte, war ein zitternder Sonnenstrahl gefallen: die schwer Gekränkte war geliebt worden. Achtes Kapitel. Nizza, die Perle unter den Kurorten am Ligurischen Meer, war im September nur dürftig besucht. Die sommerlichen Ferienbummler waren wieder in alle Welt verstoben, und die Gäste, die, wenn in den nördlichen Ländern der Winter Quartier nahm, vor dem rauhen Herrscher flüchtend dem milden Süden zueilten, ließen noch auf sich warten. Nur in dem großen, fünfstöckigen Bahnhofshotel machte sich ein regeres Treiben bemerkbar, und der breite Bahnhofboulevard mit seiner herrlichen Allee belebte sich schon zu früher Stunde. Unter den Damen erregte eine hohe, schlanke Blondine Aufsehen und Bewunderung. Auch der Kriminalkommissar Wilden stutzte, als er ihr zum erstenmale begegnete, blieb stehen und sah ihr nach. Ihre unnachahmlich-stolze Haltung fesselte ebenso sehr wie das klassisch regelmäßige, schöne Antlitz mit den tiefblauen, großen, Leidenschaften verbergenden Augen. Die marmorne Kälte in Haltung und Gebärden gab auch den gewiegtesten Frauenkennern ein schwer zu lösendes Rätsel auf und nahm den Gewandtesten den Mut, eine Annäherung zu versuchen. Sie benutzten sich darbietende Gelegenheiten, sich vorstellen zu lassen; aber sie mußten sich einer wie der andere mit einem kaum merklichen Neigen des vom schimmernden Goldblond des Haares umrahmten Hauptes begnügen. Bevorzugt schien höchstens ein junger Amerikaner, der es wagen durfte, ihr allmorgendlich auf der Promenade einen Strauß zu überreichen, und den sie zuweilen einlud, sich ihr eine kurze Strecke Weges anzuschließen. Meist wurde aber auch er nach wenigen hundert Schritten und einem Wechsel konventioneller Redensarten durch ein kurzes Nicken oder einen flüchtigen Druck der feinen Fingerspitzen in Gnaden entlassen, und die Dame setzte die Promenade allein, nur von einer jungen Dienerin begleitet, fort. Die Dame war, wie Wilden auf Befragen von dem Hotelportier erfuhr, eine Deutsche, Frau Rose Herlet. »Und ihr Bevorzugter, wenn man so sagen darf?« fragte Wilden oberflächlich. Der Portier zuckte die Achseln. »Ein Amerikaner, wie viele hier, unabhängig, reich – und verliebt in die blonde deutsche Witwe, wie andere auch. Die« – flocht der Portier mit einiger Vertraulichkeit sein eigenes Urteil ein – »ist kalt. Nur im vorletzten Frühjahre schien sie's nicht. Da stand sie in Feuer.« »Na, na!« warf Wilden ein. »Ja,« versicherte der Portier. »Sie brannte – und er nicht. Wer der Er war? Ein Landsmann von ihr. Ein Berliner Advokat, glaube ich.« Wilden lachte. »Na, na!« wiederholte er ungläubig und suchte den Portier zu reizen, um mehr zu erfahren. »Die Berliner Advokaten sind würdige, steife, papierene Herren, die den Staub ihrer gelehrten Akten mit sich herumtragen, aber damit keinem Weibe zu imponieren vermögen, wie dieser Witwe.« »Nicht?« fragte der Portier etwas überlegen. »Sie sollten es ja wissen. Aber der war nicht von Pappe. Der nicht.« »Na, meinetwegen. Es giebt ja Ausnahmen. Aber wissen möchte ich doch, wer der Glückliche war. Ich bin ja auch aus Berlin, und vielleicht kenne ich ihn.« Der Portier kam entgegen. »Ich werde gelegentlich in den Rechnungsbüchern nachsehen. Vielleicht fragen Sie morgen 'mal wieder an.« »So wichtig ist mir der Aktenmensch allerdings kaum,« wandte Wilden oberflächlich ein. »Hat er die interessante Witwe hier kennen gelernt?« »Ich glaube.« »Na, tief wird's bei ihm nicht gesessen haben, sonst wäre sie wohl jetzt nicht mehr allein. Ist sie schon lange hier?« »Seit – hm – Mitte Juni.« Wilden horchte gespannt auf. »So lange schon! – Ohne Unterbrechung?« »Bis auf wenige Tage – ja.« »Sollte sie an denen etwa einen Abstecher nach Monte Carlo gemacht haben?« Wilden suchte einen leicht frivolen Ton. »Bewahre. Ihr Reiseziel, Paris, war gar kein Geheimnis. Sie wollte Einkäufe machen. Vierzehn Tage später kamen zwei Koffer mit Toiletten an.« »Na ja, wenn man das hat –« Wilden schnippte mit den Fingern. Er machte ein paar Herren Platz und ging, als diese den Portier in Anspruch nahmen, die Allee hinab. Er dehnte seinen Spaziergang nach der ›Promenade des Anglais‹ am Meer aus, kehrte in einem Café ein und blätterte in seinem Notizbuch. Auf einem Blatte las er: »Nizza, den 30. Juli. Seit einer Woche hier, sende Ihnen beste Grüße.« Er notierte darunter: »Nach Aussage des Portiers im Bahnhofshotel angekommen Mitte Juni« und markierte das im Monatsnamen durch Unterstreichen. »Das wäre,« reflektierte er, »eine Zeitdifferenz von fünf Wochen – hm.« Er ließ sich eine Berliner Zeitung bringen und vertiefte sich in die Nachrichten aus der Heimat. Gegen Abend bemerkte er, wie die schmucke Dienerin der Frau Herlet das Hotel verließ. Er folgte ihr unauffällig, überholte sie außer Sehweite vom Hotel, blieb stehen und lüftete den Hut. »Ah, so trifft man alte Bekannte!« sagte er lebhaft. Das Mädchen musterte ihn fremd. »Mein Fräulein, ich hatte das Vergnügen, Sie in Paris zu sehen,« ergänzte er. »Nein, ich täusche mich nicht. Warten Sie, ich werde Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe kommen! Sie waren nicht allein dort – was?« »Allein nicht –« »Ich will Ihnen auch sagen, wer mit Ihnen – oder, das ist wohl richtiger – mit wem Sie dort waren: mit Ihrer Herrin. Na?« »Ja.« »Sehen Sie! Und damit Sie gar keinen Zweifel hegen: Ende Juli waren Sie dort – nicht wahr?« »Das stimmt auch. Und – Sie haben uns gesehen?« »Natürlich, wiederholt sogar. Das heißt, Ihre Madame nur einmal; nachher Sie allein.« »Ist doch richtig, was –?« »Das schon.« »Ich bin Ihnen sogar einigemale nachgegangen. Sieht aus wie eine Deutsche, dachte ich mir, und hatte den Wunsch, Sie kennen zu lernen. Leider machte es sich nicht. Ich bin ja nicht gerade schüchtern, aber man will doch nicht belästigen. Und Sie hatten keinen Blick für mich. Nun bin ich dem Schicksale dankbar, daß es Sie mir unvermutet wieder in den Weg führt. Unverhofft kommt oft – es ist doch manchmal etwas Wahres an den alten Sprichwörtern. Darf ich Sie ein Stück begleiten? Sie sind wohl frei jetzt?« Sie bejahte etwas scheu. »Nein, wie mich das freut!« redete er auf sie ein. »Ich war schon ganz mißmutig. Keine bekannte Seele, das war zum Auswachsen langweilig. Da finde ich Sie – gottlob, ein vertrautes Gesicht! Und man braucht nicht zu welschen, man kann deutsch miteinander reden – – deutsch! hat das nicht auch für Sie etwas Anheimelndes, Wohlthuendes?« »O ja.« Er traute dem ängstlichen Mädchen einen besonderen Scharfsinn nicht zu, wollte aber ihr Vertrauen doch erst in etwas erhöhterem Maße gewinnen, ehe er dazu überging, mit der Unerfahrenen ein ergiebiges, ihr unbewußtes Verhör zu eröffnen. Er benutzte, was ihm gerade einfiel. »Sie haben Aehnlichkeit mit einer Schwester von mir,« plauderte er harmlos. »Die gleiche Gesichtsform, blaue Augen, dasselbe brünette Haar. Aber Sie sind jünger und schlanker, sehr zu Ihrem Vorteil. Na, mein Schwesterchen braucht nicht mehr darauf zu sehen; sie ist nämlich verheiratet, ein halbes Dutzend Jahre schon. Nee, noch länger. Ihr Aeltester ist ja schon sechs Jahre, Ostern zur Schule gekommen. Na, auf ein Jahr kommt's nicht an. Ich bin so'n alter, knurriger Junggeselle geblieben.« »Alt?« fragte sie mit halbem Lächeln. »Schier dreißig – und so weiter – habe ich schon ein paar Jahre singen können. Sie dagegen: ich glaube, neunzehn ist schon zu hoch gegriffen.« »Zwanzig,« berichtigte sie gewissenhaft. »Ich wollte, Sie kämen einmal nach Berlin,« fuhr der Kommissar in gesteigerter Lebhaftigkeit fort. »Da müßten Sie meine Schwester kennen lernen –« »Wohnt die in Berlin?« »Königgrätzerstraße 6,« log er aufs Geratewohl. »Ach, so nahe bei uns?« »Bei Ihnen?« forschte Wilden interessiert, »Sie sind auch aus Berlin?« »Ja. Madame wohnt in der Bellevuestraße.« »Na, so was. Mein Fräulein, das ist großartig!« versicherte Wilden. »Das ist eine wahre Freude! Wird mein Schwesterchen Augen machen ... Ja so! Wer weiß, wann Sie nach unserem guten Berlin zurückkommen. Will Ihre Madame denn noch lange in diesem italienisch-französischen Neste hocken bleiben?« »Lange wohl nicht. Sie spricht darüber nicht mit mir. Ich glaube aber, wir fahren nächste Woche heim.« »Das träfe sich ja prächtig. Aber warum glauben Sie das?« Ein Rot der Verlegenheit glitt über ihre frischen Züge. »Ich – ich – habe eine Postkarte forttragen müssen, da – stand es drauf.« Er schien nichts Anstößiges herauszuhören. »Prächtig, mein liebes Fräulein,« wiederholte er. »Dann reisen wir um die gleiche Zeit. Wann sind Sie denn damals von Paris wieder weggefahren?« »Am 4. August. Wir waren nur acht Tage da.« »Hat es Ihnen gefallen?« »Ja, sehr.« »Da fällt mir wieder ein, daß ich Sie so oft allein gesehen habe. Sie hatten wohl viel freie Zeit?« »Madame war ein paar Tage bei einer Freundin. Da bin ich viel ausgegangen.« »Und ganz allein haben Sie sich das getraut?« »Ach, mir hat niemand was gethan.« »Wohnt die Freundin Ihrer Madame in Paris?« »Wo weiß ich nicht. Ich glaube bei Paris.« »Wie lange war sie bei der?« »Fünf Tage, glaube ich. Am 28. Juli kamen wir früh in Paris an. Dann ging Madame in ein Geschäft, um sich Kleider zu bestellen, und abends fuhr sie zu ihrer Freundin. Am 2. August kam sie zurück, ging noch zweimal in das Geschäft, und am vierten August fuhren wir dann wieder nach Nizza.« »Wieder? Waren Sie denn schon vorher hier?« »Ach ja, schon fünf Wochen.« »Ihre Madame muß doch höllisch reich sein! Lebt monatelang in einem der teuersten Kurorte der Welt und fährt, bloß um sich ein paar Kleider machen zu lassen, extra nach Paris!« – Ist gar nicht in Nizza und schickt von da aus Postkarten! flocht er in Gedanken ein. Aber der Schlich ist gefährlich, Madame. – »Wirklich beneidenswert,« fuhr er fort. »Scheint mir übrigens stolz zu sein, was?« »Meinen Sie –?« »Ist sie gut zu Ihnen?« »Ja.« »Wie lange sind Sie schon bei ihr?« »Lange noch nicht. Im Oktober wird's ein Jahr.« »Witwe, die Madame?« »Ja. Wollen wir nun umkehren?« »Aber ganz nach Ihrem Belieben, mein Fräulein. Ich – hätte eine Bitte an Sie – darf ich sie aussprechen?« »Sie – an mich?« »Ja. Sogar eine recht große. Haben Sie morgen abend wieder ein Stündchen frei und kann ich Sie hier wiedersehen?« »Wenn es Ihnen angenehm ist – –.« »Um dieselbe Zeit? Ich werde auf Sie warten. Nicht vor dem Hotel. Die Leute sind neugierig und brauchen uns nicht zu sehen, nicht wahr? Gehen Sie nur wie gewöhnlich; ich werde Sie schon finden. Was fangen Sie denn den ganzen Tag an? Na, ich kann mir ja denken, daß Sie zu thun haben. Aber Ihre Madame? Mir ein Rätsel, wie die den Tag hinbringt. Ich langweile mich bei diesem Nichtsthun zum Sterben. Wenn ich wenigstens radeln könnte, oder reiten, oder in die Berge kraxeln. Treibt Ihre Madame denn irgend einen Sport?« »Sie macht große Spaziergänge.« »Das thue ich ja auch.« »Und Ausfahrten.« »Die fahren zu sehr in die Moneten.« »Einmal hat sie auch Schießen gelernt.« »Was – –?« »Ja. Aber bloß mit – – ich weiß nicht, wie die – heißen – und mit Pistolen.« »Ein Frauenzimmer und Schießen! Pardon, ich wollte sagen: das ist doch kein Sport für Damen.« »Sie hat's auch nicht lange getrieben.« »Aha! weil sie immer vorbeitraf, was?« »Nein, das nicht. Zuerst wohl, aber nachher nicht mehr.« Er schüttelte wie mißbilligend den Kopf. »Der Schießprügel gehört nicht in zarte Hände,« tadelte er. »War diese Schießerei hier?« forschte er. »Ja, den Juli durch. Dann nicht mehr.« »Unweiblich!« knurrte er. »Haben Sie sie denn begleiten müssen?« »Ein paarmal.« »Und sind von dem Knallen nicht nervös geworden?« »Ich bin nicht ängstlich.« »Ein Berliner Kind hat das Herz auf dem rechten Fleck,« lobte er. »Nun schlafen Sie gut und träumen Sie von unserer deutschen Heimat!« Er verabschiedete sich liebenswürdig, promenierte noch eine Stunde allein und sandte vom Hotel aus einen ausführlichen Bericht an die vorgesetzte Behörde. Der Portier schien sein Versprechen, nach dem Namen des Berliner Advokaten forschen zu wollen, vergessen zu haben. Als er im Laufe des nächsten Tages nicht darauf zurückkam, suchte Wilden den mit der Buchhaltung betrauten zweiten Geschäftsführer des Hotels auf und erfuhr über das Gewünschte hinaus. Der Mann brauchte nicht einmal lange nachzuschlagen. »Die Dame steht mit dem Herrn, einem Doktor Bendring, offenbar noch heute in freundschaftlichen Beziehungen,« erklärte er, »denn sie korrespondiert dauernd mit ihm, wenn auch meines Wissens nur durch mehr oder minder kurz gefaßte Grußkarten. Besondere Vertraulichkeit scheint zwischen den Herrschaften aber trotzdem nicht zu bestehen, wenigstens von seiten der Madame Herlet nicht, denn die Dame nimmt es mit ihren Mitteilungen – in manchen Punkten – nicht so ganz genau.« »Wie meinen Sie das?« warf Wilden ein. »Ich weiß nicht recht, ob ich darüber sprechen darf. Ist die Frage erlaubt, welches Interesse Sie an der Auskunft haben?« »Was den Herrn Doktor Ben – – Ben – –, wie sagten Sie doch?« »Bendring –« »Also, was den Herrn Doktor angeht: gar keins,« versicherte Wilden. »Ich erkundigte mich nach dem Namen nur, weil ich als Berliner seinen Träger – möglicherweise – kennen konnte. Nun das – nicht der Fall ist, beschränkt sich meine Neugierde – wenn Sie meine Nachfrage als dieser entsprungen ansehen wollen – allein auf die Dame. Uebrigens eine harmlose Neugierde, deren Befriedigung nichts weiter auf sich hat.« »Es sind auch lediglich kleine Heimlichkeiten,« meinte der Buchhalter, »die unser Gast vor ihrem Berliner Freund zu haben scheint, ohne sonderliche Bedeutung. Zum Beispiel hat sie für gut befunden, ihm ihre Pariser Reise zu verschweigen, und mir zwei Postkarten hier gelassen, die ich in ihrer Abwesenheit für sie aufgeben mußte.« »An verschiedenen Tagen, damit er glauben sollte–,« erwiderte Wilden. – »Na ja, man versteht. Das ist so eine Frauenlist, nichts weiter.« »Nein, und wenn sie ihm schrieb, daß sie erst eine Woche hier sei, während sie uns thatsächlich schon fünf oder sechs Wochen beehrte, so wird sie dafür wohl auch ihre persönlichen Gründe gehabt haben.« »Natürlich, und wahrscheinlich geht der Doktor sie auch im Grunde nicht viel an, sodaß sie nicht einmal eine Verpflichtung hat, ihn über alle Details auf dem Laufenden zu halten.« »Das ist wohl möglich.« »Uebrigens eine exzellente, geradezu vollendete Schönheit, diese Madame Herlet! Ich hoffe, ich werde sie in der Berliner Gesellschaft wieder treffen.« »Sie will« – der Buchhalter suchte nach einer Notiz – »übermorgen abreisen.« »Ah?« fragte Wilden überrascht. »Schade! Ich hätte mich ihr gern bei Gelegenheit vorstellen lassen. Das wird sich nun wohl nicht mehr machen. Leider. Na, ich will Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen. Meinen Dank, Herr –« Der Buchhalter lächelte ihm etwas spöttisch nach. »Auch einer –!« reflektierte er belustigt. »Klatschpeter!« knurrte Wilden befriedigt. Mit Spannung erwartete er am Abend das Mädchen. Sie kam mit rotglühendem, erhitztem Gesichte und eröffnete die Unterhaltung mit der Mitteilung, daß sie keine Zeit und sich nur auf wenige Minuten heimlich entfernt habe, um ›den Herrn‹ nicht warten zu lassen. »Madame will wieder nach Berlin,« berichtete sie eilig. »Uebermorgen früh schon. Sie hat einen Brief erhalten, der sie erregt hat.« »Nanu, von wem denn?« Das Mädchen zuckte die Achseln. »Ja, das weiß ich nicht. Die Handschrift kenne ich. Früher kamen oft Briefe von – von – ich meine: von dem. Seit einigen Monaten nicht mehr. Heute wieder der erste. Madame wurde erst ganz blaß und still, dann rot und unruhig. Und darauf sagte sie, ich solle packen, wir wollten reisen, zurück nach der Heimat. – Fahren Sie nun auch mit?« fragte sie erwartungsvoll. »Kommt mir gerade recht,« entgegnete er und forschte in ihrem hübschen, erregten Gesichte. »Natürlich dampfe ich mit – mit dem gleichen Zuge sogar.« Die Kleine war sichtlich erfreut und gab sich keine Mühe, ein Aufleuchten der klaren Augensterne zu verbergen. »Soll ich morgen abend noch einmal hierherkommen?« fragte sie. »Wenn es Ihnen möglich ist. – Ich werde hier sein.« Er nickte ihr vertraulich zu und schaute ihr interessiert nach, als sie leichten Schrittes nach dem Hotel zurückeilte. »Ein hübscher, kleiner Käfer!« murmelte er nachdenklich und anerkennend. »Ein bißchen weltfremd und verschüchtert, aber gar nicht dumm. Im Gegenteil – hm. Und dieses gesunde Kind bei der verschmitzten – hm. Na, wir werden ja sehen –« Er reckte sich kampflustig auf. »Der Stein ist ins Rollen gekommen! Mag der lange David herumkrauchen, wo er will, meinetwegen bei den Buschmännern in Australien – - diese stolze, blonde Madame mit dem weichen Namen erscheint mir für unseren Fall wichtiger als alle Farbenklexer der Welt zusammengenommen. Na ja, das heißt – wobei nicht zu vergessen ist, daß sie selbst mit dazu gehört ... Neuntes Kapitel. Vor dem Hause Goltzstraße 10 in Berlin-Schöneberg hielt ein eleganter Einspänner, dem eine dunkel gekleidete, hochgewachsene Blondine entstieg. Die Dame schritt langsam die teppichbelegte Treppe bis zur ersten Etage hinan und drückte dort auf den Knopf der elektrischen Klingel. Eine ältere Frau öffnete. »Herr Dr. Bendring zu Hause?« fragte die Dame. »Ja, wen darf ich melden?« »Frau Rose Herlet.« Ehe noch die Wirtschafterin den Besuch anzeigen konnte, trat Bendring auf den Flur und begrüßte die Dame zuvorkommend. »Meine gnädige Frau, ich bin überrascht, denn ich vermutete Sie in weiter Ferne!« Sie antwortete nicht gleich, neigte nur den blonden Kopf ein wenig und schritt ihm voran in die Zimmer. Erst als sie in seinem Kabinett stand und den Schleier zurückgeschlagen hatte, sagte sie mit leicht vibrierender Stimme: »Mein lieber Herr Doktor, ich wollte Ihnen persönlich aussprechen, daß ich warm mit Ihnen fühle. Ich habe Ihnen nicht gratuliert, als Sie die Verlobung eingingen, denn ich hegte einen Groll gegen Sie, daß Sie mich so wenig – – Ihres Vertrauens gewürdigt hatten. Trotzdem habe ich Ihnen Gutes gewünscht, und Ihr niederschmetternder Brief hat mich mit tiefem Beileid erfüllt. Die traurige Kunde wirkte auf mich um so schmerzlicher, als sie mich ganz unvorbereitet traf.« »Sie hatten nichts davon gehört? Aber bitte!« Er deutete auf einen Sessel. »Die Zeitungen haben ausführlich berichtet – – ich dachte, Sie würden lesen – nein, offen: Ich habe zuerst nichts gedacht. Der Schmerz hat mich betäubt. Und dann kamen die aufregenden Pflichten. Diese Pflichten, die schmerzen und wohlthun zugleich. – Erst Ihre Karten ließen mich erkennen, daß Sie ahnungslos waren.« »– Erst sie belebten die Erinnerung an die Verschollene!« warf sie nicht ohne Vorwurf ein. Er ging darüber hinweg. »Ich schrieb Ihnen dann und hätte vielleicht in ein paar Tagen ein briefliches Lebenszeichen von Ihnen erwartet, aber nicht Sie selbst. Lassen Sie mich Ihnen für Ihre Güte danken!« Er faßte nach ihrer Rechten und drückte sie. Sie wehrte ab. »Ich bin meinem Empfinden gefolgt. Daß Sie mich nicht erwarteten, läßt mich schließen, daß ich Ihnen auch nicht erwünscht komme.« »Aber ich bitte, meine gnädige Frau.« »Wir Frauen sind besser als Sie Egoisten!« betonte sie leidenschaftlicher. »Einmal empfangene Eindrücke gehen nicht verloren, wie die Strahlen der untersinkenden Sonne.« Ein Blick der Befremdung aus seinen kühlen Augen mahnte sie zur Vorsicht. »Fäden, die von einem eben geschlossenen Grabe in seitab liegende Zeiten führen, pflegen nicht haltbar zu sein,« hielt er ihr ernst entgegen. »Ich weiß,« entgegnete sie mit Beherrschung. »Ich will auch nicht rechten; ich will nicht einmal mit Ihnen trauern ...« Ihre Lider senkten sich über die blauen Sterne, um ein Blitzen zu verbergen. Sie suchte am Boden. »Sie haben mir die Einzelheiten geschrieben, und ich habe mir einige Tagesblätter nachträglich besorgen lassen, um mich weiter zu unterrichten. Das Unglück selbst ist mir demnach bekannt. Haben Sie – die Frage liegt wohl nahe und scheint erlaubt – von dem Urheber eine Spur?« Sie fixierte ihn kühl. »Nein,« erwiderte er. »Eine Spur, die ich persönlich aufgenommen hatte, hat sich als Irrweg erwiesen. Die Behörden hatten ebenso wenig Glück. Ich habe mindestens bis zur Stunde keine gegenteilige Nachricht. Das sagt natürlich nicht, daß die Affaire ungeklärt bleiben wird. Was das Heute undurchdringlich läßt, kann das Morgen überraschend aufhellen. Und das ist meine Hoffnung. Das ist auch das Ziel, dem ich selbst zugestrebt habe und weiter zuarbeiten werde. Dem ich zuarbeiten werde mit aller Kraft. Wir leben in einer Zeit – die Kriminalistik der großen Städte lehrt das leider – die manche Rätsel ungelöst und bedauerlich gehäufte Verbrechen, auch gegen das Leben, ungesühnt läßt. Was Menschenenergie vermag, werde ich aufbieten, den Mörder meines Glückes zur Rechenschaft zu bringen!« Die Dame erhob sich. »Was man Glück nennt, ist vergänglich. Wer das noch nicht wußte oder glaubte, muß es erfahren.« Sie schaute, während sie sprach, wie abwesend auf den Balkon mit rotbelaubtem Wein und verblühten Petunien. »Ein Glück ist,« fuhr sie fort, »daß Baum und Strauch von neuem grünen und daß dem Menschen nach Frost und Schnee ein Vergessen blüht, das ihn halb unbewußt über das Versunkene hinweg und dem Kommenden entgegenschreiten läßt, bis der Lebensmut zu neuem Lebensdurst erstarkt ist.« »Ihre Philosophie ist einseitig und persönlich, meine Gnädige,« fiel er abweisend ein. »Sie haben keinen Verlust zu beklagen gehabt, der den Wünschen Ihres eigenen Seins ein Ziel setzte. Was ich an Wünschen hegte, ist begraben mit meinem Lieben, aber meine Liebe bleibt lebendig über den trennenden Erdenhügel hinaus, die Liebe zu der Einen, die der Welt gestorben ist, nicht mir, nicht meinem Erinnern. Ich würde denken müssen, zwei Augen schauten tottraurig aus dem Grabe, wenn ich einem anderen Weibe mich zuneigen wollte – –« Sie musterte ihn fast drohend. »Der frische Schmerz gefällt sich in Uebertreibungen,« entgegnete sie in scharfer Auflehnung. »Und was Sie meine Philosophie nennen – – muß ich es Ihnen denn erst sagen, daß es nichts ist als die vorurteilslose, wenn Sie wollen, nüchterne Beobachtung des Lebens? Die Gefühlsschwärmerei kommt mir vor wie ein Gelegenheitsgedicht, aus der Veranlassung und Stimmung des Augenblicks erwachsen, aber ohne Wert und Dauer.« Dr. Bendring schritt ein paarmal im Zimmer auf und ab, ohne zu erwidern. Frau Herlet trat an die Balkonthür, öffnete sie und wies auf die Straße. »Herr Doktor, kommen Sie, treten Sie auf Ihre kleine Warte hinaus und sehen Sie mit sehenden Augen! Ein Bild im Kleinen da unten, und doch ein Bild des Lebens – ein Fließen, ein Strömen, ein ewiger Wechsel! Nicht den Bruchteil einer flüchtigen Minute bleibt das kleine Bild im Auf und Ab und Licht und Lärm das unverändert gleiche; wollen Sie, können Sie leugnen, daß auf den Menschen, den, der sieht und denkt, die Eindrücke in tausendfach bunterem, in tausendfach wirkungsvollerem Wechsel einstürmen, daß sie einer den anderen verdrängen, verwischen, verlöschen? Und haben Sie dann noch den Mut zu dem Paradox, daß allein in Ihrer Brust die Flucht der Erscheinungen am ewigen Einerlei einer Anschauung, eines Gedankens, eines Gefühls wirkungslos abprallen soll? Haben Sie den Mut dazu? –« Er trat zu ihr. »Gnädige Frau, ich finde den Mut, Ihnen schlicht zu erklären, daß ich meine Tote geliebt habe und an ein Vergessen nicht denken mag und will. – Wollen Sie mir von Ihrer Reise plaudern?« Sie wandte sich ins Zimmer zurück und reichte ihm die Hand. »Nein, mein Freund. Sie haben dafür keinen Sinn und ich auch nicht. Leben Sie wohl und erinnern Sie sich meiner, wenn die Zeit gekommen ist. Ich harre und hoffe ...« Sie ging rasch. »Ich harre und hoffe.« Das Wort brauste ihm in den Ohren. Er sah ihr vom Balkon nach, so lange das rollende Gefährt ihm sichtbar blieb. »Ich harre und hoffe.« Das Wort hallte in dem Raume nach und klang aus geweckter Erinnerung lebendig herauf. Einst lebte ein Hoffen auch in ihm. Ein stolzes Hoffen, Freuen, ein Triumphieren ... Ein Triumph über die Neigung des schönen Weibes, ein schwellender Stolz, daß die Königin ihn über die Alltagsmenschen emporhob. Ein Freuen an dem blendenden Sterne, der ihm im Süden aufgegangen war und der leuchtend vorausstrahlte in Heimat und Zukunftsplänen ... Er ließ sich in einen niederen Sessel abseits vom Schreibtisch gleiten und versenkte sich in Grübeln ... Starrer, eisiger Winter im Norden, blühender, lachender Frühling im Süden – das war der Kontrast, der in ihm nachwirkte, als er das junge blonde Weib zum erstenmale sah und unter ihren Bann geriet. Einer seiner Mandanten war es, der in Nizza weilte und ihn zu einer Besprechung dorthin berief; durch ihn lernte er die blühende Witwe, den Stern der Kurgesellschaft, kennen – und durch den wohlmeinenden alten Herrn wurde er zugleich, wenn auch unter der Maske des Scherzes, vor der glänzenden Weltdame gewarnt. Er blieb im südlichen Paradiese, so lange die Geschäfte es ihm erlaubten. Als er wieder in Berlin eintraf, nach Wochen, trug eine Flut von dringenden Arbeiten dazu bei, daß die thörichte, die Sinne benebelnde Schwärmerei zurückgedrängt wurde. Am Schlusse der herbstlichen Gerichtsferien sah er Rose Herlet in Santerrenzo. Nicht zufällig. Das Idyll am Plöner See verlor an Reiz, wenn die Karten vom leuchtend blauen Golfe von Spezzia herangeflattert kamen. Frühzeitige herbstliche Stürme verleideten ihm den Angelsport und den Aufenthalt am waldbekränzten norddeutschen Landsee und trieben ihn dem Süden zu, der Sonne und dem lockenden Weibe entgegen. Es kam zu keiner Aussprache. .. Wenn die stahlblauen Augen der Witwe aufflammend sein Werben herausforderten, hielt die scheue Frage ihn zurück, ob die Dame der großen Welt in seinem Heim Ersatz finden würde für das, was sie aufgeben mußte, ob sie, die das Schwimmen im breiten Strome der Geselligkeit gewohnt war, sich einleben würde in den engen Kreis häuslicher Pflichten ... Hedwig von Viersen verdrängte das Bild der reichen Witwe. Die kleinen Mittel der flatternden Grüße und die großen der geistvollen, versteckt werbenden Briefe versagten, selbst das Wiedersehen in den heimischen geselligen Kreisen blieb ohne nachteiligen Einfluß. Das stolze Mädchen mit der herben Reinheit errang über die glänzende Weltdame den ungeteilten Siegespreis ... Der Grübelnde strich sich mit der Hand über die Stirn. Es war! Es war einmal –! Was wollten die alten Bilder? Was wollte die Frau, die in ihrer sieghaften Schönheit neu vor ihn hintrat, als ob nicht der Tod sich zwischen ihn und sie geworfen hätte? Was wollte sein Grübeln und Martern, das ihn nicht einmal die Aufdringlichkeit ihres Werbens erfassen und peinlich empfinden ließ? Er richtete sich horchend auf. Es war ihm gewesen, als hätte er ein Klopfen gehört. Ja, da, wiederholt. »Herein!« »Herr Wilden aus Kiel,« meldete die Wirtschafterin. »Ah!« Der Besuch spannte andere Saiten seines Geistes. Er trat dem Kommissar belebt entgegen. »Woher des Weges, Verehrtester?« »Kiel.« »Alles beim Alten – oder – Neues?« »Die gleiche Frage wollte ich stellen.« »Sie ist bald beantwortet: David Vermissen heißt der Mörder nicht.« »Nein. Gestatten Sie, daß ich Ihnen zustimme. Ich habe Ihren Bericht an den Untersuchungsrichter gelesen, und ich unterschreibe ihn. Ob der Maler sich in Ungarn oder wo anders umhertreibt – wir hätten uns das Kundschaften in Löbtin und Sie sich die Fahrt nach Siofok – oder wie das Nest heißen mag – schenken können.« »Sie behaupten das mit einer Bestimmtheit –« »Ganz recht: daß Sie nicht fehl gehen, wenn Sie gute Gründe bei mir voraussetzen.« »Soll das heißen, daß Sie den Thäter – – – Herr Kommissar, Sie belieben, mich auf die Folter zu spannen!« »Durchaus nicht. Zügeln Sie Ihre Ungeduld nur ein wenig.« »Der Thäter ist entdeckt?« drängte Bendring erregt. »Ja.« »Und ist – ist – ist?« »Sie werden mir erlauben müssen, daß ich den Namen bis zum Schlusse verschwiegen halte. Ich verzichte auf das Vergnügen, Sie zu überraschen, Herr Rechtsanwalt; ich stelle mir vielmehr die Aufgabe, Sie Schritt für Schritt meinen Entdeckungen folgen zu lassen, um damit gleichzeitig zu erzielen, daß Sie auch überzeugt werden.« »Nur eine Frage, eine einzige: Ist der Verbrecher mir bekannt?« Der Kommissar wich aus. »Möglich.« »Und das Motiv der That?« »Haß.« »Gegen Hedwig? Gegen die, die niemand etwas gethan hatte?« »Das können Sie nicht wissen ...« »Doch, doch!« »Herr Rechtsanwalt, wollen Sie mich ruhig erzählen lassen?« fragte Wilden. Bendring warf sich in seinen Arbeitssessel und wies für den Kommissar auf einen anderen. »Beginnen Sie!« forderte er ungeduldig. Wilden suchte ruhig nach dem Faden. »Wir können uns Zeit lassen,« meinte er ... »Die Verhaftung der in Frage stehenden Person ist angeordnet und wahrscheinlich in diesem Moment schon ausgeführt.« »Aber nur wahrscheinlich –« »Sie können sich beruhigen. Der – Verbrecher ist in Sicherheit gewiegt und ahnungslos, daß wir ihm auf den Fersen waren. Er war im Auslande und ist unbefangen auf deutschen Boden zurückgekehrt.« »Weiter!» »Unser Fall hat mich aufs neue belehrt, daß der Kriminalist den Kopf kühl behalten muß, daß er sich nicht ins Schlepptau nehmen lassen und sich keinen vorgefaßten Meinungen ohne ruhige Nachprüfung anschließen darf. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich mich Ihren Anschauungen, so lange wir am Plöner See zusammen thätig waren, etwas befangen untergeordnet hatte. Als Sie abgereist waren, sah ich mich vor die Pflicht gestellt, entweder der von Ihnen gewiesenen Spur energisch und zäh weiter zu folgen oder aber durch eigene Thätigkeit eine andere zu ermitteln. Ich begann mit einer Kritik Ihrer Hinweise, Mutmaßungen und Folgerungen und kam zu dem Ergebnisse, daß Sie – ich bitte um Verzeihung – als eifersüchtiger Liebhaber einer etwas einseitigen Richtung gefolgt sein möchten. Wird aber ein Kriminalbeamter derart in seiner Ueberzeugung schwankend, so muß er augenblicklich Halt machen und das Feld der Verfolgung auf etwaige Seitenwege gründlich nachprüfen. Ich that das und hatte das Glück, durch Zufall auf eine Entdeckung zu stoßen, die auf einen anderen als den von Ihnen vorgezeichneten Weg hinwies, vorläufig freilich auch nichts als die Hypothese für sich hatte, in dieser aber durchaus möglich erschien. Ich wollte nichts verderben, Herr Doktor. Im Gegenteil, Ihre Mitarbeit war mir wertvoll, Ihre Verfolgung der ersten Spur durchaus erwünscht ... So weihte ich Sie, als ich bei Ihnen war, nicht ein, ließ Sie Ihren Weg gehen und mich den meinigen.« Der Anwalt trommelte mit den Fingern nervös auf der Schreibtischplatte, ohne den Erzähler zu unterbrechen. »Wie Ihr Bericht über die Fahrt nach Ungarn mich belehrt hat,« fuhr Wilden ruhig fort, »hatten unsere Reisen das gemein, daß sie beide ins Ausland führten. Der, den ich für den mutmaßlichen, jedenfalls möglichen Verbrecher hielt, hatte Briefe in die deutsche Heimat gelangen lassen, die seinen Aufenthaltsort Nizza bekannt gaben.« »Wie –?« »Ja, wie der Zufall mitunter spielt. Ich war davon zuerst selbst überrascht. Uebrigens, um das vorweg zu nehmen – ich sehe ja, daß Sie gespannt sind: Ihre Frau Rose Herlet habe ich natürlich getroffen. Leider ließ es mein Beruf nicht zu, mich ihr zu nähern, selbst wenn dies leichter gewesen wäre, als es den Anschein hatte. Ich gönnte mir ein paarmal ein Bewundern aus der Ferne – dann führten unsere Wege wieder auseinander. Ich wurde auch durch die sich rasch folgenden Feststellungen, die den mutmaßlichen Thäter schwer belasteten, derart in Anspruch genommen, daß ich für nichts anderes Zeit und Sinn hatte. Was ich entdeckte, kann ich Ihnen – ich gehe sofort dazu über – in der gleichen Reihefolge vortragen, wie gestern spät abends dem Untersuchungsrichter. Zuerst, Herr Doktor: der Verdächtige hatte über seinen Aufenthalt in Nizza Mitteilungen nach der Heimat gelangen lassen, die, gelinde gesagt, mit der Wahrheit nicht im Einklange standen. Er verlegte in seinen Briefen die Ankunft in Nizza auf die Mitte der zweiten Hälfte des Juli, während er thatsächlich bereits fünf Wochen früher in dem Orte angelangt war. Zum zweiten: der Verdächtige ließ zur Zeit des Mordes briefliche Nachrichten von Nizza nach der Heimat gelangen, während er selbst gar nicht dort anwesend war. Er hatte die Briefe im voraus geschrieben, sie dem Hotelpersonal übergeben und bestimmte Tage für die Absendung festgesetzt. Zum dritten, Herr Rechtsanwalt, und dieser Punkt ist von einleuchtender Wichtigkeit: der Verdächtige war zur Zeit des Mordes, und während seine Nachrichten von Nizza nach Deutschland flatterten, nach Paris gereist, hatte seinen Diener dort zurückgelassen und war selbst für eine Reihe von Tagen verschwunden. Verschwunden, wie ich zuverlässig ermitteln konnte, gerade an den Tagen, die für uns in Frage kommen, das heißt, die er allein zur Ausübung des Verbrechens – wenn er dieses plante – ausnutzen konnte. Er kam am achtundzwanzigsten Juli früh in Paris an, reiste am Abende des gleichen Tages, unbekannt wohin, wenn auch angeblich zu einem Freunde, weiter, kam am zweiten August heim und ging am vierten wiederholt nach Nizza. – Ich weiß nicht, ob Sie den angeblichen Besuch bei dem Freunde ernst nehmen. Ich nicht. Das wäre harmlos gewesen, den hätte er nicht zu verdecken, darum nicht die unwahren Briefe zu versenden brauchen. Diese Briefe sollten einen Aufenthalt dokumentieren, den er zur Ausführung der That notwendig wechseln mußte; diese Briefe sollten von dem Personal des Hotels harmlos aufgegeben werden, darum wurde die kleine Reise nach Paris vorgeschützt, von der die Angehörigen in der deutschen Heimat nichts zu wissen brauchten – eine Heimlichkeit, du liebe Zeit, wie sie gleich nichtig oder wichtig oft genug vorkommt. Aber die Pariser Reise wurde nicht nur vorgeschützt, sondern wirklich ausgeführt, weil sie dem doppelten Zwecke diente, unauffällig die für das Verbrechen nötige Waffe zu beschaffen und zugleich den Aufenthaltsort weiter zu verschleiern. Ging der Alibibeweis für Nizza in die Brüche, so blieb der für Paris; der Verbrecher hatte damit sogar eine brillante Rechnung aufgestellt, hatte den Chauvinismus, die Abneigung selbst der französischen Behörden gegen uns Deutsche, in seinen Dienst gezogen!« Bendring unterbrach mit einem reservierten »Hm«. »Wie beliebt –?« fragte Wilden. »Ich meine, daß Ihre Folgerungen doch vielleicht etwas willkürlich erscheinen –« »Aha, aus Ihnen spricht der Verteidiger –« »Allerdings. Zum Beispiel will mir nicht einleuchten, warum der Besuch bei dem Freunde absolut erfunden sein soll. Sie werden mich recht verstehen: Ihre Annahme kann ja die richtige sein. Aber es fehlt, dünkt mich, an dem notwendigen Muß. Rechnen Sie einmal mit einer kleinen Verschiebung: der Mann besuchte nicht einen Freund, sondern eine Freundin – –« »Wäre schon möglich!« warf der Kommissar doppelsinnig ein. »Dann wäre im Grunde schon die Heimlichkeit erklärlich –« »Sie werden diese Ansicht selbst fallen lassen.« »Noch nicht, Herr Kommissar. Ein Fragezeichen scheint mir auch hinter den Satz zu gehören, daß diese Pariser Reise, die doch ziemlich umständlich war, zum unauffälligen Erstehen einer Waffe nötig oder aus nur halbwegs berechtigter Vorsicht ratsam gewesen wäre ...« Der Kommissar war über die Einwürfe etwas ungehalten. »Wollen Sie mich weiter hören?« fragte er kurz. »Bitte –« klang Bendrings Antwort ziemlich kühl. »Ich habe noch zwei wesentliche Punkte anzuführen, die Ihre Bedenken beseitigen dürften. Zu diesen gehört, daß der Verdächtige, der offenbar bis dahin der Handhabung der Schußwaffe unkundig war, den in den Briefen verheimlichten Aufenthalt in Nizza dazu benutzt hat, durch Wochen sich im Schießen zu üben, zuerst mit dem Teschin, dann mit dem Revolver, zuerst nach festem, dann nach beweglichem Ziel.« »Thontauben?« »Ja.« »Woher wissen Sie das?« »Von dem Diener des Verdächtigen und dem Besitzer des Schießstandes.« »Hm ... Das scheint allerdings nicht unbedenklich ...« »Endlich, Herr Rechtsanwalt!« Wilden holte zum Hauptschlage aus und musterte sein Gegenüber mit augenfälliger Spannung. »Der – – die – Verdächtige stand zu Ihnen in einer Beziehung, aus der eine gegen Ihre Braut nichts weniger als freundliche Gesinnung, aus der die Eifersucht, aus der der Haß hervorgehen mußte!« Bendring erhob sich mit einem Ruck. »Von wem sprechen Sie?« fragte er stockend. »Sie, Herr Rechtsanwalt, glaubten an die That der Eifersucht eines Mannes – ich an die eines Weibes!« »Wollen Sie belieben, den Namen zu nennen?« »Rose Herlet!« »Herr, das ist ja Wahnsinn!« schrie Bendring. »Frau Herlet – – ha ha ha! Sie sprechen im Fieber, Sie gehören ins Krankenhaus!« »Ueberlassen Sie mir, wohin ich gehöre.« »Frau Herlet –! Herrgott, und die ist – – gegen die ist ein – ein Haftbefehl –? Unmöglich! Das darf unmöglich sein!« »Sie werden es nicht mehr hindern können.« Wilden verzog keine Miene. »Das ist ja ein unverzeihlicher, ein ungeheuerlicher Mißgriff!« betonte Bendring heiser. »Ich, ich bürge für die schmählich Beschuldigte – ich, der ich sie kenne! – Ah! und ich selbst, ich selbst habe Ihnen den falschen Weg zeigen müssen! Herr –! – verbunden habe ich mich Ihnen gefühlt im gleichen Streben; eine Freundlichkeit habe ich Ihnen erweisen wollen, als Sie zu mir kamen mit der Miene des ehrlichen Beraters – und Sie haben gehorcht, Sie haben geheuchelt! Ah! die Erkenntnis ist bitter!« »Mein Beruf entschuldigt die Winkelzüge und Härten, die er fordert!« »Nein!« bestritt der Anwalt, hochgradig erregt. »Keine Winkelzüge, keinen Hinterhalt, keine Härte – Ihr Beruf fordert nichts als das Allereinfachste: Gerechtigkeit! Und Ihre Mannesehre mir, dem Manne, gegenüber: Gradheit! Ich habe mehr als den Beamten in Ihnen gesehen, den teilnehmenden Mithelfer, den ich wert hielt und dem ich persönlich wert zu sein glaubte – die Enttäuschung ist hart!« »Deuten Sie meine Besuche nach Belieben, Herr Rechtsanwalt. Aber vergessen Sie nicht, daß ich zu dem ersten kraft meines Amtes das Recht, zu dem heutigen keine – Verpflichtung hatte. Ich habe die Ehre!« Er empfahl sich gereizt. Bendring eilte auf den Flur. »Einen Wagen!« schrie er der erschreckten Haushälterin zu. Zehntes Kapitel. Als Bendring in der Wohnung der Frau Herlet anlangte, erkannte er an der bestürzten Miene des ihm öffnenden Mädchens, daß er bereits zu spät kam. Er verlor keine Zeit mit unnützen Fragen, kehrte um und beorderte die wartende Droschke nach dem Gebäude der Kriminalpolizei. Er überlegte unterwegs, daß er keine Macht gehabt haben würde, die Verhaftung zu verhindern, daß er aber das Opfer des beklagenswerten Irrtums hätte vorbereiten und zu ruhiger Fassung hätte mahnen können. Auch auf der Kriminalpolizei konnte er seine Aufgabe nicht darin sehen, die Verhaftung rückgängig zu machen, sondern lediglich darin, der Verhafteten möglichste Schonung zu erwirken. Soweit dies aber geschehen konnte, wollte er seinen Einfluß mit Wärme geltend machen. Der Leiter der Kriminalpolizei, Geheimer Regierungsrat von Wüllchau, war ihm persönlich bekannt. Er ließ sich bei ihm melden und wurde sofort vorgelassen. »Herr Rechtsanwalt, was verschafft mir die Ehre?« Der Beamte war aufgestanden und ihm höflich entgegengetreten. »Eine dringende Frage, Herr Geheimrat! Ist aus Kiel ein Haftbefehl gegen Frau Rose Herlet, Bellevuestraße, eingegangen und vollstreckt worden?« »Ja, Herr Doktor. Der Befehl ist von gestern datiert. Er lief heute in den ersten Stunden des Vormittags ein, und die Frau Herlet wurde, als sie von einer Ausfahrt nach Hause kam, in ihrer Wohnung von einem Beamten erwartet und abgeführt.« »Schändlich!« brauste Bendring auf. »Verzeihen Sie, Herr Geheimrat, es ist ja selbstverständlich, daß Ihre Behörde nichts zu thun hatte, als der ergangenen Anweisung nachzukommen. Aber es scheint mir – ich kenne die schmählich Beschuldigte – gar kein Zweifel möglich, daß die Dame nichts als das Opfer eines unseligen Irrtums geworden ist. Sie ist verhaftet wegen Mordverdachts, nicht wahr?« »Allerdings.« »Der Mord soll begangen sein an meiner Braut! Sie werden sich ja vielleicht entsinnen, daß meine arme Verlobte am Plöner See meuchlings erschossen wurde –« Der Geheimrat nickte zustimmend. »Der Thäter soll diese Frau Herlet sein! Ich gebe meiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die Justiz einen groben Fehlgriff gethan, daß sie total vorbeigegriffen hat, und ich bedaure, daß sich keine Möglichkeit bietet, sofort Remedur eintreten zu lassen. Als meine Pflicht habe ich aber erachtet, zu Ihnen zu eilen, Herr Geheimrat, und Sie zu bitten: lassen Sie die äußerste Milde walten, ordnen Sie die peinlichste Rücksichtnahme gegen die Verhaftete an!« Geheimrat von Wüllchau setzte sich und wies auch für den Besucher auf einen Stuhl. »Hm. Also ein ungewöhnlicher Fall,« bemerkte er nachdenklich. »Ich kenne Sie zu lange, Herr Rechtsanwalt, als daß ich in Ihre Ueberzeugung einen Zweifel setzen sollte, und ich darf Sie bitten, sich versichert zu halten, daß ich gern dazu beitragen werde, Ihren Wunsch zu erfüllen. Allerdings ist meine Macht beschränkt, da ja sehr bald die Ueberführung der Verhafteten an das zuständige Gericht, also nach Kiel, erfolgen wird und meine Befehle dann nicht mehr fruchten.« »Ich weiß, ich weiß! Dennoch – Sie können hier eingreifen, und wenn es nur für Stunden wäre. Ich werde einen für alle Fälle ausreichenden Betrag für die Dame einzahlen, und zwar sofort, damit sie sich die erlaubten Erleichterungen in der Haft verschaffen und bei der Ueberführung im gesonderten Coupé reisen kann. Frau Herlet eine Mörderin! Sie würden selbst den Gedanken als absurd und nichtswürdig zurückweisen, wenn Sie die Dame kennen gelernt hätten wie ich – – nein, nicht doch – wenn Sie ihr nur begegnet wären, wenn Sie nur ein einzigesmal ihre stolze Art hätten sehen und vorurteilslos auf sich wirken lassen können. Es ist meine Hoffnung, daß der Beamte, der sich dieses Meisterstück einer irrigen Verfolgung geleistet hat, bald abgeführt werden wird, und es soll mir eine freudige Genugthuung sein, daran an meinem Teile mitzuwirken ... Der Geheimrat wurde um eine Nuance zurückhaltender. »Ich würde bedauern, Herr Rechtsanwalt, wenn Ihre Stimmung eine Richtung gegen den Beamten nehmen sollte, der in Erfüllung seines Berufes handelte.« »Haben Sie meine Verstimmung herausgehört? Es wird mir in der That schwer, mich in die Handlungen dieses Herrn zu finden. Aber ich habe mich darüber wohl vorzeitig und am unrechten Orte ausgelassen; entschuldigen Sie das mit meiner Ueberzeugung, daß der Beamte einer Unschuldigen eine schwere Kränkung zugefügt hat – die schwerste, die es giebt!« »Der Beruf des Kriminalbeamten ist nicht leicht, Herr Doktor.« »Nein, gewiß nicht. Aber je schwerer er ist, umsomehr sollten sich die Herren auch gegenwärtig halten, welche Verantwortung sie mit der Beschuldigung eines Menschen auf sich laden, an dem bis dahin kein Makel war.« Der Anwalt erhob sich, faßte den Geheimrat fest ins Auge und sagte kurz: »Ich wiederhole meine Bitte um Milde für die Verhaftete.« Er verbeugte sich und ging. In der Nähe des ›Prälaten‹ wurde er von einem Kollegen angerufen. Er folgte ihm in das bekannte Restaurant, nahm ein frugales Mittagsmahl zu sich und eilte nach dem Bureau. Im Wartezimmer harrte eine Reihe von Personen. Der Bureauvorsteher überbrachte eine Karte. »Der Herr ist zuletzt gekommen, will aber Eile haben und nicht warten können.« Der Anwalt liebte das Vordrängen nicht. Er las die Karte. »Ludolf Schirmer.« Nichts weiter. Keine Adresse. »Was wünscht er?« fragte Bendring stirnrunzelnd. »Er will sich nicht auslassen, sondern Sie persönlich sprechen.« »Schirmer – Ludolf Schirmer –?« murmelte Bendring nachdenkend. »Hm ... Ist der Mann nicht in den Wucherprozeß Schubaschin verwickelt? Spielt da eine recht saubere Rolle, wenn ich mich recht entsinne. Lassen Sie ihn eintreten – der wird vermutlich nicht lange aufhalten ...« »Habe die Ehre!« Der Mann schien sich zu fühlen. Er trat breit und wichtig auf. »Womit kann ich dienen?« fragte der Anwalt. »Ja, das ist 'ne Sache, Herr Doktor. Ich bin da in so 'ne dumme Geschichte hineingekommen und möchte Sie ersuchen, meine Verteidigung zu übernehmen.« »Prozeß Schubaschin?« forschte Bendring. »Na, Sie wissen's ja schon. Ja, ich wollte, ich hätte die Finger da herausgelassen. Weil ich nu aber mal in der Predulje drin bin, muß man sehen, wie man mit heiler Haut herauskommt. Ich habe nämlich den Vermittler für den Schubaschin gemacht – so in Treu und Glauben, so ohne mir was Schlimmes zu denken – gewissermaßen ein bißchen dumm, Herr Doktor. Na ja, ich sag's geradezu. Und da hat mich der Kerl, der Schubaschin, reingeritten. Eklig reingeritten! Ich hab' den Schwindel für baare Münze genommen und weitergetragen, und nu heißt es, ich hätte mit ihm unter einer Decke gesteckt –« »Ich kenne den Schwindel,« fiel Bendring energisch ein. »Der würdige Schubaschin hat sich unter der Vorspiegelung, einen Geldmann hinter sich zu haben, von Darlehenssuchenden Wechsel geben lassen, diese, soweit es ging, versilbert und dann nichts mehr von sich hören lassen. Sie – haben ihm die Opfer zugeführt?« »Na, Opfer, Herr Doktor – ich konnte doch nicht ahnen –« »Hat der Schubaschin Ihnen Provision bezahlt?« »Das ist natürlich. Man will doch leben.« »Wieviel Prozent?« »Bloß zehn, Herr Doktor – so ungefähr. Einmal ein Paar Reichsmeter mehr, mitunter weniger. Häufig sogar, ach, und in vielen Fällen: nischt, gar nischt. – Na, ich habe von Haus aus ein bißchen Moos und so unter der Hand – selbstverständlich, wenn die Leute sicher waren – mein Geschäftchen gemacht, ohne den Windhund, den–« Der Rechtsanwalt ließ ihn nicht ausreden. »Ich verstehe,« fiel er scharf ein, »bei sicheren Leuten Wucherer auf eigene Faust, bei bedenklichen der Vermittler, der auch den angeblichen Geldgeber noch auszunutzen verstand, wenn die Ausbeutung der Geldsuchenden unsicher schien. Ich danke für die mir zugedachte Ehre: derartige Prozesse führe ich nicht.« »Lassen Sie mit sich reden, Herr Doktor. Will ich Ihre Bemühungen umsonst? Welchen Kostenvorschuß wollen Sie? Ich werde ihn sofort deponieren.« »Halten Sie mich nicht auf; es warten noch Andere auf meinen Rat.« »So? Also Sie wollen nicht? Kann mir auch recht sein. Ist mein Geld etwa Blei? – Pah, so finden wir einen anderen. Mahlzeit ...« Die Verbeugung des Mannes mochte hochmütig und ironisch sein sollen, fiel aber etwas bedrückt und linkisch aus. Ein zweiter Herr folgte, ein energisch dreinschauender Dreißiger. »Herr Rechtsanwalt, ich habe in der Potsdamerstraße zwei möblierte Zimmer gemietet, auf ein Jahr. Der löbliche Hausdrache wollte mich schröpfen, und nachdem ich mir das mehrere Monate hatte gefallen lassen, habe ich mich jetzt zur Wehre gesetzt. Ausgemachte Miete: fünfzig Mark monatlich. Im zweiten Monate verlangte die Mamsell, die sich zuerst für eine Frau ausgab und dann als angehende ›Braut‹ entpuppte, sechzig Mark. Im dritten fünfundsiebenzig, im vierten neunzig, und jetzt will sie rund hundert schlucken, weil sie, wie sie sagt, doch vom Vermieten leben müsse. Ich bitte Sie, habe ich die Pflicht, den alten Drachen mit durchzufüttern? Ich habe die Unverschämtheit endlich abgelehnt. Und was that die? Kündigen that sie mir zum Elften, während ich auf ein ganzes Jahr fest gemietet habe. Ich wollte Sie bitten, die geehrte Dame auf Einhaltung der Vereinbarung zu verklagen.« »Liegt Ihnen so viel an der Wohnung?« »Nee. Aber mein Recht will ich haben.« »Haben Sie die Vereinbarung schriftlich getroffen?« »Schriftlich nicht.« »Hatten Sie bei dem mündlichen Abschluß einen Zeugen?« »Gott bewahre.« »Lassen Sie die Klage bleiben. Die Vermieterin wird sich aufs Streiten legen, und Sie haben keine Beweise.« »Muß sie denn nicht schwören?« »Kann sein –« »Na also! Sie kann's doch nicht bemeineiden ...« »Nicht?« fragte Bendring ruhig. »Ich habe zu einer gewissen Sorte gewerbsmäßiger Ausbeuter weniger Vertrauen.« »Das wäre! Also nur Kosten könnte ich haben? Nee, dann lieber nicht ...« Eine heftig erregte Frau, die sich nach zwölfjähriger Ehe von ihrem Gatten scheiden lassen wollte, stellte die Geduld des Anwalts aus eine harte Probe. Erst nach langen, fruchtlosen Bemühungen konnte er die Dame, die über eine zu weit ausgedehnte ›Nächstenliebe‹ ihres Mannes vom Grunde ihres ehrlichen Herzens empört war, so weit beruhigen, daß sie eine nochmalige Ueberlegung des folgenschweren Schrittes zusagte. »Ja,« schluchzte sie, »es wäre ja traurig, nach so langer Zeit, und wo wir Kinder haben, vier, Herr Rechtsanwalt, und so hübsche – Gott, wenn ich die verlassen sollte! Ich kann garnicht daran denken. Aber meinen Mann – ja, den werde ich Ihnen herschicken, da reden Sie dem auch zu, aber ordentlich ins Gewissen, von wegen seiner Schlechtigkeit – und unseren armen Würmern – und was die Leute sagen sollten – – –« Die Sprechstunde dehnte sich über die angesetzte Zeit hinaus. Als der letzte Ratsuchende gegangen war, nahm Bendring einen Briefbogen zur Hand und schrieb: »An Frau Rose Herlet, zu Händen des Untersuchungsrichters Herrn Landgerichtsrat Vries, Kiel. Gnädige, verehrte Frau! Die Nachricht von Ihrer Verhaftung hat mich mit tiefem Bedauern erfüllt, und wie Sie aus der Ferne zu mir kamen, um mich Ihrer Anteilnahme an meinem schweren Verluste zu versichern, so eile ich, Ihnen zu sagen, wie tief mir Ihr Leid zu Herzen geht und wie gern ich bereit bin, meine freundschaftlichen Gesinnungen für Sie in die That umzusetzen. Verfügen Sie über meine Zeit und meine Kraft! Ich lebe der unumstößlichen Ueberzeugung, daß nur eine unselige Verkettung von Mißverständnissen das Unheil heraufbeschworen haben kann und daß es allein der sachlichen Prüfung des zuständigen Richters bedürfen wird, den Irrtum alsbald aufzuhellen. Sollte gegen alles Erwarten die Entscheidung aber auf sich warten lassen, sollte es gar zur Verhandlung gegen Sie kommen, so möge Ihnen in den schweren Stunden unverdienter Prüfung der Gedanke einigen Trost geben, daß die, die Sie kennen, froh überzeugt zu Ihnen halten, allen voran in unveränderter Freundschaft und Verehrung Ihr Fritz Bendring.« Er richtete zugleich ein Schreiben an den Untersuchungsrichter: »Sehr geehrter Herr! Den in der Anlage mitfolgenden Brief an Frau Rose Herlet bitte ich nach Einsichtnahme an die inhaftierte Adressatin gefälligst aushändigen zu lassen. Ich beehre mich, Ihnen gegenüber zu wiederholen, daß ich von der völligen Schuldlosigkeit der Frau Herlet überzeugt und bereit bin, in jeder gewünschten Weise für die Dame einzutreten. Sollte in der durch Sie geführten Voruntersuchung die Aufklärung und damit in Verbindung die Enthaftung nicht in aller Kürze erfolgen, das Gericht vielmehr die Eröffnung des Hauptverfahrens zum Beschluß erheben, so erbiete ich mich, auf den Wunsch der Angeschuldigten deren Verteidigung zu führen. Ich ermächtige und bitte Sie, diese Zusage der Frau Herlet bekanntzugeben, sobald sie einen darauf gerichteten Wunsch auszusprechen beliebt. Da ich in der Hauptverhandlung vor dem Schwurgerichte auch als Zeuge zu vernehmen und während dieser Zeit gezwungen sein würde, die Verteidigung auszusetzen, würde ich einen Kieler Kollegen ersuchen, während der kurzen Unterbrechung an meine Stelle zu treten. Ich bitte Sie, mich telegraphisch in Kenntnis zu setzen, wenn die Untersuchung eingestellt oder von der Angeschuldigten mein Beistand verlangt werden sollte. Ich darf wohl auch erwarten, daß Sie die Angeschuldigte auf den Paragraphen 137 der Strafprozeßordnung aufmerksam machen, nach dem sie sich des Beistandes eines Verteidigers in jeder Lage des Verfahrens bedienen kann. Zur Erlangung der aus Paragraph 116 St.-P.-O. gestatteten Bequemlichkeiten während der Haft habe ich den Betrag von eintausend Mark für die Angeschuldigte eingezahlt und stehe im Bedarfsfalle mit jeder weiteren Summe zur Verfügung. Genehmigen Sie die Versicherung meiner Hochachtung. Rechtsanwalt Dr. Bendring.« Elftes Kapitel. Der Winter war gekommen. Ein kalter Wind blies durch die Straßen, pfiff durch die kahlen Balkongitter und zerrte an den blattlosen Weinranken und den vereinzelt noch nicht geborgenen Marquisen. Die Bürgersteige und Fahrwege waren trocken, und an den Kreuzungen der Straßen wirbelte der Staub. Die Menschen gingen winterlich vermummt. Am Himmel jagten sich schneeschwere Wolken. Die Sonne schien sich ihrer Ohnmacht bewußt zu sein und nicht einmal den Versuch zu machen, zwischen dem fliegenden Gewölk hindurch auf die verödete Erde zu lugen. Fritz Bendring bestieg vor seiner Wohnung eine Droschke, breitete eine Decke über die Kniee und fuhr nach dem Bahnhof. Er löste ein Billet nach Kiel. Eine kurze Depesche des Untersuchungsrichters hatte ihm angezeigt, daß die Verhaftete den Freund als Rechtsbeistand verlange. Er leistete dem Ruf Folge. Der nächste Zug brachte ihn zum erstenmal nach der Hafenstadt. Frau Herlets Haltung überraschte und befriedigte ihn. Keine Klage kam über ihre Lippen; sie war nicht verwirrt, nicht beunruhigt, sie hielt sich fest und stolz wie immer ... Die Untersuchung zog sich hin. Die Recherchen gingen immer wieder nach dem Ausland, und die Antworten ließen viele Wochen auf sich warten. Jede Woche einmal fuhr Bendring nach Kiel; mehr als ein Dutzend mal mußte er die Fahrt wiederholen. Das Weihnachtsfest kam mit Lichterglanz und Gebefreude und mit dem doppelten Schmerze für die Einsame in den Mauern des Gefängnisses; die Glocken klangen zum Jahreswechsel – und sie läuteten nach Monden den Frühling ein beim Auferstehungsfeste ... Und immer noch war der Spruch, der Rose Herlet erlösen oder verdammen sollte, nicht gefallen. Der Gärtner brachte für Bendrings Balkon neue, frischgrün gestrichene Kästen mit Pelargonien und einen Korb mit Gartenerde für den Wein. Der Anwalt trat aus dem Kabinett in die offene Thür und sah dem Manne zu. Er rauchte eine Cigarre und streifte die Asche am bestaubten Gitter ab. Er verharrte durch Minuten auf seinem Platze, aber er unterbrach das Schweigen mit keiner Silbe. Geräuschlos, wie er gekommen war, zog er sich zurück, blätterte stehend in einem Aktenfaszikel und schritt ruhelos im Zimmer auf und ab. Bendring schellte nach seiner Bedienung. »Ich fahre am Nachmittage wieder nach Kiel,« instruierte er die Frau. »Wann ich zurückkomme, läßt sich nicht genau voraussagen, voraussichtlich in acht oder neun Tagen. Packen Sie – der große Handkoffer wird reichen – –« Er nannte eine Reihe von Gebrauchsgegenständen. Die Hauptverhandlung vor dem Schwurgerichte war beschlossen worden und endlich anberaumt. Bendring konferierte noch wiederholt mit der Angeklagten und beriet am letzten Tage vor der Hauptverhandlung mit ihr und dem zweiten Verteidiger die Spruchliste der Geschworenen. Er ließ sich von dem Kieler Kollegen über die Persönlichkeiten der Geschworenen aufklären und fand zu einem Einwande keine Veranlassung. Der Zuhörerraum im Schwurgerichtssale begann sich lange vor Beginn der Verhandlung zu füllen. Unter den Neugierigen befanden sich manche Damen der Kieler Gesellschaft; auf zwei Bänken im Hintergrunde saßen Landleute aus der Plöner Gegend. Preetzer, Plöner und Kieler Rechtsanwälte bildeten eine ins Auge fallende Gruppe, in der über den vermutlichen Ausgang des Prozesses mit einiger Lebhaftigkeit debattiert wurde. Dr. Bendring wurde beim Eintritte von den Kollegen mit offener Sympathie begrüßt, und die sorglosen, fast heiteren Mienen der Rechtsverständigen belebten im Publikum die Erwartung auf einen nicht tragischen Ausgang des Prozesses. Die vornehm männliche Erscheinung Dr. Bendrings, die durch die feierliche Amtstracht noch gehoben wurde, zog die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich, bis diese durch den Eintritt der Angeklagten auf die Hauptperson abgelenkt wurde. Eine starke Bewegung ging durch die Reihen der Zuschauer. Zurufe der Ueberraschung und Ausrufe der Bewunderung wurden nur halb unterdrückt. Die Angeklagte war schlicht schwarz gekleidet. Sie hatte jeden Schmuck verschmäht und wirkte fesselnd und bestechend allein durch ihre unverminderte, stolze, sieghafte Schönheit. Dr. Bendring trat ihr ruhig entgegen und bot ihr halb lächelnd die Hand. Sie ergriff sie und dankte mit einem leichten Neigen des blonden Hauptes. Von dem Verteidiger an die Anklagebank geleitet, betrat sie diese unbefangen und sicher. Die tiefblauen Augen glitten flüchtig über die Zuschauer hin und hasteten halb prüfend, halb fragend auf dem Gerichtshof. Die Verhandlung begann mit der Bildung der Geschworenenbank durch Auslosung der Geschworenen. Der Vorsitzende zog die Lose und verlas geschäftsmäßig eintönig die Namen. Widerspruch erfolgte weder von seiten der Staatsanwaltschaft noch von der Angeklagten. Beide Parteien gaben ihre Zustimmung einfach schweigend. Nach Bildung der Geschworenenbank erfolgte die Beeidigung der ausgelosten Herren. Alle Anwesenden erhoben sich; unter lautloser Stille wandte sich der Vorsitzende an die Geschworenen: »Sie schwören bei Gott, dem Allmächtigen und Allwissenden, in der Anklagesache wider Rose Herlet die Pflichten eines Geschworenen getreulich zu erfüllen und Ihre Stimme nach bestem Wissen und Gewissen abzugeben.« Die Geschworenen leisteten einzeln den Eid: »Ich schwöre es, so wahr mir Gott helfe!« Beim Aufrufe der Zeugen und Sachverständigen erregte die Trägerin des Namens Blanche du Midi, eine junge, schlanke, schwarzhaarige Französin in rauschendem lila Seidenkleid, gelindes Aussehen. Kietz hielt sich bedrückt und verlegen abseits. Man las ihm von dem runzlichen Gesichte ab, daß die feierliche Prozedur ihm unheimlich war. Die buschigen Brauen zuckten ihm, er zerknäulte unruhig den Hut zwischen den arbeitsharten Händen und atmete erleichtert auf, als nach dem Aufrufe die Zeugen den Saal wieder zu verlassen hatten. Der Vorsitzende wandte sich alsbald zur Vernehmung an die Angeklagte. Er fragte ruhig und sachlich, und die unbeweglichen Mienen des breiten, bartlosen Gesichtes ließen nicht erkennen, ob er durch die Gewohnheit des Berufes abgestumpft war oder in dem besonderen Falle der Angeklagten und ihrem Geschick eine gewisse innere Anteilnahme nicht versagte. Er wandte langsam Blatt für Blatt der Akten um und schien in der Fragestellung diesen zu folgen. »Frau Rose Mary Herlet?« fragte er. »Ja.« »Ihr Mädchenname? »Wellcomb.« »Wann sind Sie geboren?« »Am 15. Juni 1869.« »Wo?« »Zu Omaha in Nebraska.« Die amerikanische Herkunft der Angeklagten erregte im Zuhörerraum Interesse. »Ihre Religion?« »Evangelisch.« »Ihr Vater war Amerikaner?« »Ja.« »Ihre Mutter?« »Deutsche. Sie war als Erzieherin mit einer deutschen Familie nach Chicago gekommen. Dort hatte mein Vater sie kennen gelernt.« »Der Familienname Ihrer Mutter?« »Marie Petters.« »Woher stammte sie?« »Aus Mecklenburg.« »Der Geburtsort?« »Ist mir nicht bekannt.« »Welchen Beruf hatte Ihr Vater?« »Er war Farmer, Agent, später Kaufmann.« »Wie kamen Sie nach Europa?« »Mit meinem Gatten.« »Lebten bei der Uebersiedelung Ihre Eltern noch?« »Nein. Meine Mutter war früh gestorben; mein Vater starb kurz nach meiner Hochzeit.« »Hinterließ er Ihnen Vermögen?« »Ja. Vierzigtausend Dollars.« »Ihr jetziges Vermögen wird auf das Fünfzigfache geschätzt; der weitaus größere Teil stammt somit von Ihrem Gatten?« »Allerdings.« »Wie alt waren Sie zur Zeit Ihrer Heirat?« »Achtzehn Jahre.« »Ihr Gatte hieß John Halifax Herlet?« »Ja.« »Woher stammte er?« »Aus Omaha.« »Er war älter als Sie?« »Er war ein Vierziger.« »Sie heirateten ihn aus Neigung?« Die Angeklagte zuckte kaum merklich mit den Achseln. »Er war mir zugethan und hatte meine Achtung,« entgegnete sie ruhig. Der Präsident hielt sich bei der Frage nicht auf. »Wann gingen Sie nach Europa?« »Ende 1888.« »Wohin gingen Sie?« »Zuerst nach Paris, dann nach London.« »In London starb Ihr Gatte?« »Ja.« »Wann?« »Nach zweijähriger Ehe.« »War Ihr Gatte schon früher krank gewesen?« »Stets.« »Die Ehe war kinderlos?« »Ja.« »Sie heirateten nicht wieder?« »N-nein!« »Wohin gingen Sie nach dem Tode Ihres Gatten?« »Ich blieb zunächst in London und begab mich dann auf Reisen.« »Ihre in der Voruntersuchung gemachten Aussagen über die Jahre nach dem Tode Ihres Gatten sind lückenhaft.« »Ich habe nicht anders aussagen können, als geschehen ist. Ich war ohne festen Wohnsitz und besuchte fast alle großen Städte Europas, in den Sommermonaten die berühmten Kurorte. Meine vollkommene Unabhängigkeit gestattete mir das.« »Jawohl,« bestätigte der Vorsitzende trocken und stellte ohne weiteren Uebergang nüchtern die Schuldfrage: »Bekennen Sie sich des Verbrechens des Mordes, begangen an Hedwig von Viersen zu Ascheberg am Plöner See, schuldig?« »Nein!« klang es kurz und fest. »Hm. Sie haben das Verbrechen auch nicht angestiftet?« »Nein!« »Sie haben überhaupt nichts damit zu thun gehabt?« »Nichts!« »Sie haben erst Wochen nachher davon erfahren?« »Ja.« »Durch wen?« »Durch Herrn Dr. Bendring.« »Wo haben Sie den Herrn Doktor kennen gelernt?« »In Nizza.« »Wann?« »Im Februar 1893.« »Also vier Jahre nach dem Tode Ihres Gatten?« »Ja.« »Hm! In welcher Art gestalteten sich Ihre Beziehungen zu Herrn Dr. Bendring?« »Sie blieben rein gesellschaftliche.« »Auch später?« »Selbstverständlich.« »Sie sahen den Herrn Rechtsanwalt im Herbste 1893 in Santerrenzo wieder?« »Ja.« »Auf Ihre Einladung?« »Nicht direkt. Zufolge freundschaftlichen Briefwechsels.« »Wurden Ihre Beziehungen bei der zweiten Begegnung – – intimer?« »Herr Präsident, ich habe von jeher gewußt, was ich mir schuldig war!« »Hm ja. Hat Herr Dr. Bendring um Ihre Hand geworben?« »Nein.« »Hatten Sie es auch nicht erwartet?« »Ich halte mich nicht für verpflichtet, über eine solche Erwartung Auskunft zu geben.« »Hätten Sie, wenn Herr Dr. Bendring gesprochen hätte, seinen Antrag in Erwägung gezogen?« beharrte der Präsident. »Bei einem Manne von Wert ist eine ernste Erwägung wohl für jede Frau selbstverständlich.« »Hätten Sie ja gesagt?« »Da die Frage nicht gestellt wurde, brauchte ich eine Antwort nicht zu geben.« »Wir kommen aber damit nicht zum Ziel! Antworten Sie mir, ohne auszuweichen: Liebten Sie Herrn Dr. Bendring? Ja oder nein?« Sie lehnte sich energisch auf. »Herr Präsident, das eine Wort wäre so leicht gesprochen wie das andere, das Ja wie das Nein. Ziehen Sie Ihre Schlüsse nach Belieben!« »Erkennen Sie denn nicht, daß Sie mit einem klaren und runden Nein sich entlasten, daß Sie damit die Annahme erschüttern würden, die Eifersucht habe Sie zu der Ihnen zugeschriebenen That getrieben?« »Auch um den Preis gebe ich die Antwort nicht! Ich stelle Ihnen vielmehr ganz anheim, aus meinem Schweigen selbst die Folgerung zu ziehen, daß ich zu stolz bin, mich mit einem Nein der Lüge loszukaufen.« »Wie Sie wollen! Sie werden aber nicht überrascht sein dürfen, wenn die Geschworenen sich ihr eigenes, Ihnen nicht gerade günstiges Urteil bilden. Also Herr Dr. Bendring kehrte in die Heimat zurück, ohne sich um Sie beworben, wenigstens ohne gesprochen zu haben? Sahen Sie sich in Berlin?« »In Gesellschaften, im Theater. Indes nicht oft.« »Verkehrte der Anwalt in Ihrem Hause?« »An Gesellschaftsabenden – ja.« »Sonst nicht?« »Nein.« »Suchten Sie an anderen Orten seine Begegnung?« »Ich hatte dazu keine Veranlassung. Es wäre auch, selbst ein Interesse bei mir vorausgesetzt, gegen meine Selbstachtung gewesen.« »Sie blieben, wenn Sie auf Reisen waren, mit dem Anwalt in Korrespondenz?« »Ja.« »War der Briefwechsel ein regelmäßiger?« »Er war ein gelegentlicher und beschränkte sich meist auf kurze Karten.« »Nach dem Muster der bei den Akten befindlichen, das heißt: der von Nizza gesandten?« »Jawohl.« Der Präsident blätterte. »Diese Karten – hm – geben in mehr als einer Richtung zu denken. Da ist Nummer eins, datiert vom 30. Juli, mit dem Inhalt: ›Seit einer Woche hier, sende Ihnen beste Grüße.‹ Wie verhält es sich mit dieser Zeitangabe?« Frau Herlet antwortete ohne Verlegenheit: »Ich weilte seit fünf Wochen in Nizza. Aber ich hatte meine Korrespondenz mit Herrn Dr. Bendring vernachlässigt – vernachlässigt über einem Sport –« sie fand sogar ein Lächeln – – »der mir ja später noch in anderer Weise verhängnisvoll gedeutet werden sollte. Der Freund mochte den Glauben behalten, daß ich mich auf Reisen befunden und darum, nicht um des nichtssagenden Sportes willen, das Schreiben unterlassen hätte. Das war auch schon bei anderen Reisen geschehen und hatte nichts Auffallendes. Niemand giebt sich gern Blößen. Warum sollte ich mich zu der – – wenn auch vorübergehenden – Thorheit bekennen?« »Ach so! Also nur eine kleine Schwäche wollten Sie verdecken? Hm, na ja! Aber sagen Sie: Warum ließen Sie – eine zweite Merkwürdigkeit! – die Karten absenden, während Sie gar nicht am Aufgabeort anwesend waren?« Der Präsident neigte sich etwas vor und fixierte die Angeklagte mit geschärfter Aufmerksamkeit. Die Befragte antwortete harmlos: »Ich kannte Herrn Dr. Bendrings einfachen Sinn: sollte ich ihn ganz überflüssig durch die Pariser Reise und ihren prosaischen Zweck verstimmen?« »Sie belogen ihn aus lauter zarter Rücksichtnahme?« fragte der Vorsitzende derb. »Welchen Zweck hatte denn die Fahrt an die Seine?« »In der Hauptsache den der Toilettenergänzung.« »So so! Und daneben –?« »Den Besuch meiner Freundin, Fräulein du Midi.« »Aha! Der mußte wohl auch geheim bleiben?« »Durchaus nicht. Der Herr Rechtsanwalt kannte aber meine Freundin nicht, welches Intresse hätte daher der Besuch – oder die Mitteilung darüber – für ihn haben sollen?« »Sie wissen sich zu helfen! Warum ließen Sie aber selbst Ihre Dienerin im Hotel zurück, die Sie doch sonst überallhin begleiten mußte?« Ihre Antwort klang leicht ironisch: »Fräulein du Midi hat nicht das Glück, Millionärin zu sein, bei der man mit Gefolgschaft hätte absteigen dürfen ...« »Das heißt?« »Das heißt: Sie bewohnt in einem Vorort eine Etage mit drei Zimmern und einer kleinen Kammer für die Zofe. Für meine Dienerin war kein Platz. Auch kein Bedürfnis, da die eine Person – eine geschickte – zur Aufwartung und Handreichung genügte.« »Es wird trotzdem als auffällig gelten müssen, daß Sie Ihre Dienerin ohne jede Aufklärung zurückließen.« »Das ist Ihre persönliche Ansicht. Die meinige ist, daß ich für eine sichere Obhut meiner Dienerin zu sorgen, aber sie nicht zu fragen und nicht zu unterrichten hatte.« »Ich bedaure, ironisierende Antworten nicht dulden zu können,« bemerkte der Präsident in gelinder Aufwallung. Sie lehnte ruhig ab. »Ich würde bedauern, wenn ich eine solche gegeben hätte. Aber ich kann nicht etwas Selbstverständliches als auffällig gelten und zu meinen Ungunsten deuten lassen.« »Wie lange waren Sie bei Ihrer Freundin?« »Fünf Tage, wenn Sie wollen: sechs. Vom 28. Juli abends bis zum Mittag des 2. August.« »Sie haben Paris nicht verlassen?« »Von Ausflügen in die Umgebung abgesehen, nein.« »Wir haben über Ihre Freundin eine amtliche Auskunft erhalten, die nicht sehr günstig lautet. Sie haben auch schon selbst betont, daß sie kein Vermögen besitzt. Wovon lebt sie?« »Es ist kein Geheimnis, daß sie Beziehungen zu einem höheren Offizier unterhält, der ihre Bedürfnisse bestreitet.« »Haben Sie daran keinen Anstoß genommen?« »Nein. Es ist eine Lebensform, die sie mit sich selbst auszumachen hat.« »Ueberweisen Sie Ihrer Freundin eine Unterstützung?« warf der Staatsanwalt ein. »Nein.« »Haben Sie sie auch nicht durch einmalige Zahlung eines ausreichenden Kapitals in gewisser Weise sicher gestellt?« forschte er weiter. »Ebensowenig.« »Ist sie Ihnen sonst zu Dank verpflichtet?« fragte Dr. Bendring. »Durchaus nicht.« »Wo haben Sie Ihre Freundin kennen gelernt?« nahm der Vorsitzende das Verhör wieder auf. »In London. Ihr Freund war vorübergehend Attaché der dortigen Gesandtschaft und hatte sie mitgenommen.« »Bei welcher Gelegenheit erfolgte die Bekanntschaft?« »Im Theater. Wir hatten die gleiche Loge.« »War Fräulein du Midi allein?« »Ja.« »Erkannten Sie nicht, daß sie – daß die Dame – Ihnen nicht ebenbürtig war?« Frau Herlet schüttelte den Kopf. »Sie war sehr liebenswürdig. Von ihrem Freunde hörte ich erst später.« »Sie schlossen sich eng aneinander an?« »Ja, wir wurden Freundinnen.« »Trotz des Unterschiedes in der Lebensstellung? Lebte denn damals Ihr Gatte noch?« »Zu Anfang der Bekanntschaft, ja. Später suchte und fand ich bei der Freundin Ablenkung und Aufheiterung.« Der Präsident schwieg durch ein paar Sekunden. »Die Anklage macht Ihnen den Umgang mit dieser – mit dieser –« er gab dem grauen Kopf einen energischen Ruck »– Freundin – zum Vorwurf. Und mit Recht!« betonte er ernst. »Aber lassen wir jetzt die Dame, die wir nachher selbst hören werden. – Wann kehrten Sie nach Nizza zurück?« »Am 4. August.« »Die Staatsanwaltschaft wird darthun, wie die Anklage diese verdächtige Pariser Reise auslegt ...« Die Angeklagte hatte eine kühle, fast überlegene Ruhe bewahrt, war aufmerksam dem Gedankengange des Präsidenten gefolgt, hatte ihn, ohne daß eine Erregung an ihr bemerkbar geworden wäre, fragen lassen und ihm schlagfertig, aber sachlich, ohne Hasten und ohne Aufdringlichkeit geantwortet. Bei dem Hinweise des Präsidenten auf die Staatsanwaltschaft und die erneute ›Auslegung‹ vermochte sie ein Aufblitzen der Augen und ein nervöses Zucken um die Lippen nicht zu unterdrücken. Aber sie gewann die Beherrschung über sich schnell zurück, als der Vorsitzende zu fragen fortfuhr. »Es ist bei Amerikanerinnen ja wohl nichts Seltenes, daß sie mit Schußwaffen umzugehen wissen. Kannten Sie die Handhabung von Ihrer Jugend her?« Sie verneinte gleichmütig. »Muß es da nicht um so mehr auffallen, daß Sie gerade in den Wochen vor dem Morde sich dem ungewohnten Sporte zuwandten?« »Es dürften zu gleicher Zeit noch mehr Morde verübt sein, mit denen ich ebenfalls nichts zu thun hatte.« »Wie kamen Sie plötzlich auf den Schießsport?« »Aus Langweile.« »Hm. Wie lange hielt der Sport vor?« »Einige Wochen.« »Erlangten Sie Fertigkeit?« »Gewiß.« »Schossen Sie mit Teschins, Pistolen, Revolvern?« »Ja, mit allen drei Waffen.« »Nach der Scheibe?« »Auch. Außerdem nach Glaskugeln und Thontauben.« »Die Glaskugeln spielten auf Wasserstrahlen, die Thontauben wurden geworfen?« »Ja.« »Trafen Sie auch mit dem Revolver?« »Leidlich.« »Mit Teschins sicherer?« »Ohne Frage.« »Wollen Sie behaupten,« mischte sich der Staatsanwalt ein, »daß mit dem Revolver überhaupt nicht verläßlich zu zielen ist?« »Ich kann nur von mir sprechen,« erklärte sie gleichmütig. »Nun, und –?« forschte der Ankläger. »Nach meiner geringen Erfahrung bleibt der Revolver unzuverlässig. Ich lasse mich aber belehren.« »Besaßen Sie eine eigene Waffe?« fragte der Vorsitzende. »Nein.« »Kauften Sie eine in Paris?« »Auch nicht.« »Anderswo?« »Ich hätte nicht gewußt, wozu.« »Nun, wenn man stets auf Reisen ist und größere Summen Geldes bei sich führt wie Sie, würde eine solche Schutzmaßregel ja nicht so unbegreiflich sein.« »Ich fürchte mich nicht. Und mir ist nie etwas zugestoßen.« »Wußten Sie in Nizza, daß ein Kriminalbeamter auf Ihrer Spur war?« »Herr Präsident, kann man nach Rauch ausschauen, wenn man nicht ahnt, daß es irgendwo gebrannt hat?« »Hm. Wären Sie auch nach Deutschland zurückgekehrt, wenn Sie gewußt hätten, wessen man Sie beschuldigte?« »Erst recht. Diese Untersuchungshaft war nicht angenehm, sie war unwürdig. Aber trotzdem! Eine zehnmal schlimmere Tortur hätte mich nicht abhalten können, mich zu stellen, Sie zu stellen und Sie meinerseits anzuklagen: diese Beschuldigung ist unsinnig, diese Beschuldigung ist fluchwürdig!« Sie stand stolz aufgerichtet, in kaltblütiger Abweisung. Der Staatsanwalt schob dem Vorsitzenden einen Zettel hin. Der Präsident warf einen Blick darauf und bemerkte: »Angeklagte, haben Sie die ermordete Hedwig von Viersen persönlich gekannt?« »Nein.« »Sie wohnte doch gleichfalls in Berlin. Sie sind ihr nicht begegnet?« »Ich hatte nicht die Ehre.« Der Präsident erhob sich. »Ehe ich mit der Beweisaufnahme beginne, unterbreche ich die Verhandlung auf eine Viertelstunde.« Er entfernte sich für einige Minuten. Zwölftes Kapitel. Dr. Bendring trat während der kurzen Pause zu der Angeklagten und unterhielt sich mit ihr. »Bewahren Sie Ihre Ruhe,« bat er. »Auch nachher, wenn der Staatsanwalt sprechen und alles hervorsuchen und zusammenbauen wird, was sich irgend im Sinne der Anklage ausnützen läßt. Ja?« Sie versprach es. Als erster erhielt nach Wiederaufnahme der Verhandlung der Sachverständige Kreisphysikus Dr. Eßfeld das Wort. Er beschränkte sich auf eine Zusammenfassung des Thatbefundes und Feststellung der Todesursache aus dem Ergebnisse der Obduktion. Ihm folgten der Amtsvorsteher, Hansen und Kietz, die ebenfalls über den Thatbestand gehört wurden, ohne über die ersten Ermittelungen des Amtsrichters hinaus neues Material beibringen zu können. Auf die stereotype Frage des Präsidenten, ob kurz vor oder kurz nach dem Morde eine fremde Person in der Gegend bemerkt worden sei, erfolgte ein ebenso stereotypes Nein der Zeugen. »War Herr Dr. Bendring in der Gegend nach irgend einer Seite hin verfeindet?« Die Zeugen verneinten übereinstimmend. Die Möglichkeiten der zufälligen Tötung oder der durch Strolche, die der Amtsrichter von Goos bereits an der Leiche erörtert hatte, wurden von dem Präsidenten wiederholt, ohne einen Anhalt zur Aufklärung zu ergeben. Die Verhandlung verflachte sich, bis sie durch die Vernehmung Bendrings und des Kommissars Wilden sich neu belebte und in dem Verhör der Zeugin Blanche du Midi ihren Höhepunkt erreichte. Dr. Bendring übertrug für die Zeit seiner Vernehmung die Verteidigung dem für diesen Zweck anwesenden Kollegen, eine Formsache, der aber genügt werden mußte, weil die Angeklagte auch nicht vorübergehend ohne Verteidigung bleiben durfte. Der Vorsitzende ersuchte den Anwalt, seine Beziehungen zu der Angeklagten zu erläutern. Bendring kam der Aufforderung in kurzem, sachlichem Vortrage nach. Er bestätigte in vollem Umfange die Angaben der Angeklagten, wo und durch wen er sie kennen gelernt, daß er sie in Santerrenzo besucht und sie auch in Berlin gesehen habe. »Herr Rechtsanwalt,« fragte der Ankläger, »haben Sie – zu irgend einer Zeit – die Absicht gehabt, sich um die Hand der Angeklagten zu bewerben?« »Ob ich sie hatte, scheint mir nebensächlich; sie ist jedenfalls nicht zur Ausführung und auch nicht zur Kenntnis der Frau Herlet gelangt.« »Ich möchte doch um deutlichere Erklärung bitten,« beharrte der Staatsanwalt. »Frauen pflegen für eine ihnen entgegengebrachte Neigung ein feines Empfinden zu haben; war ein wärmeres Interesse in Ihnen aufgekeimt, so dürfte es der Angeklagten nicht verborgen geblieben sein, und Ihr Schweigen hätte einen ersten Grund zur Erbitterung in ihr gelegt.« »Zur Erbitterung?« wiederholte der Zeuge fragend. »Nicht höchstens zur Enttäuschung, vielleicht zur Entmutigung?« »Nein, bei dem energischen Charakter dieser Frau nicht!« stritt der Staatsanwalt. »Ein willensstarker Charakter überwindet,« betonte der Anwalt. »Herr Zeuge,« nahm der Präsident das Wort wieder auf, »Sie könnten doch vielleicht – die Sache ist ja freilich delikat – entgegenkommen. Die Angeklagte hat die Antwort auf die Frage, ob sie Ihnen mit – mit ihrem Empfinden und Wünschen – nennen Sie es Liebe oder Sympathie – zugethan war, abgelehnt. Aber ich meine doch, daß Sie minder zart an Rücksichten gebunden und deshalb recht wohl in der Lage sind, uns zu sagen, ob ein Band der Liebe zwischen Ihnen bestand.« »Ich will Ihren Wunsch erfüllen, soweit ich dazu berechtigt bin, also so weit er mich selbst angeht. Herr Präsident« – Bendring sprach fest und nachdrücklich – »die heutige Angeklagte machte bei unserer ersten Begegnung Eindruck auf mich; ich stehe aber zu lange in der Welt, ich habe zu viel Eheelend kennen gelernt, und ich bin zu ernst geschult und zu besonnen veranlagt, als daß ich mich von dem äußeren Eindruck ohne Kritik hätte fortreißen und zu einer Erklärung bestimmen lassen können. Ich sah die Dame im Glanze des Reichtums, und ich bewunderte ihre blendenden Eigenschaften; aber ich mißtraute der bestechenden Hülle – ich will es offen sagen: ich zweifelte an der Tiefe ihres Gemütslebens. Das hielt mir den Mund geschlossen, das dämpfte mein Empfinden ab, das machte die Frau mir ungefährlich, so oft ich ihr begegnen mochte. Das bewirkte auch, daß ihr Bild erlosch, als die andere in meinen Gesichtskreis trat, die ich, je länger, um so wahrer verehren und lieben lernte. Lassen Sie mich hinzufügen, daß ich einen echten und großen Charakterzug erst jetzt in ihrem Leide an der Angeklagten kennen und achten gelernt habe: die starke Kraft des Ertragens, die Kraft, dem gewohnten Glanze tapfer, ja mühelos zu entsagen und eine schwere Unbill standhaft und mit echter Seelengröße abzuwehren –« »Die Verteidigung ist wohl noch nicht angebracht, Herr Rechtsanwalt,« fiel der Vorsitzende ein. »Ueber die Empfindungen der Frau für Sie wollen aber auch Sie Schweigen bewahren?« »Ich glaubte die Antwort auch nach dieser Richtung gegeben zu haben: wenn ich die Dame für oberflächlich hielt, konnte ich tiefere Regungen in ihr nicht voraussetzen.« »Sie glauben auch heute nicht daran?« fragte der Staatsanwalt. »Ich glaube heute, daß ich die Frau in ihrem Werte unterschätzt habe.« Der Staatsanwalt bohrte weiter. »Daß sie also der Neigung zu Ihnen fähig war?« fragte er lauernd. »Allgemeiner: daß Glätte und Gewandtheit nicht der hohle Kern, sondern die Hülle waren.« »Sie sind vorsichtig –« »Es wäre schlimm, wenn Sie mir das Gegenteil nachsagen könnten!« parierte der Zeuge. Der Präsident beugte einem weiteren Wortgefechte mit der Frage vor: »Hat die Angeklagte auch Ihres Wissens Ihre Braut persönlich nicht gekannt?« »Nein.« »Haben Sie seinerzeit der Angeklagten Ihre Verlobung angezeigt?« »Bedaure.« »Hat die Angeklagte Ihnen gratuliert?« »Selbstverständlich nicht.« »Angeklagte, hatten Sie von der Verlobung Kenntnis?« »Ja.« »Auf welchem Wege?« »Durch die Zeitungen.« »War die Verlobung inseriert?« »Das weiß ich nicht. Ich las davon im redaktionellen Teil.« »Herr Zeuge, besprachen die Tageszeitungen Ihre Verlobung?« »Ja. Auch mir sind Notizen zu Gesicht gekommen.« »Angeklagte, wo lasen Sie die Nachricht?« »In Berlin. Ich stand im Begriff, die Stadt zu verlassen.« »Sie reisten nicht infolge der Nachricht?« »Bewahre.« »Ich kann den Herrn Zeugen seiner Aufgabe als Verteidiger zurückgeben. – Herr Kommissar Wilden!« Dr. Bendring trat ab und der aufgerufene Kommissar an seine Stelle. »Herr Kommissar, wie kamen Sie zu dem Verdacht gegen die Angeklagte?« »Durch eine Eingebung des Augenblicks. Die den Akten beigefügten Postkarten, die der Anwalt weggeworfen hatte, boten mir zu denken. Auffällig war mir die eckige, eigensinnige, winkelzügig verschnörkelte Schrift –« »Beschäftigen Sie sich mit Graphologie?« »Nur gelegentlich. Ich will auf meine Deutung auch keinen großen Wert legen. Aber die Schrift fesselte und beschäftigte mich. Und dann das Datum – das Datum des Mordtages! Das Zusammentreffen war ja ein oberflächliches und konnte ein rein zufälliges sein – aber es hielt mich in seinem Bann. Wir hatten bis dahin ausschließlich mit einem Nebenbuhler des Herrn Anwalts gerechnet – der Gedanke kam mir und festigte sich, daß das Verbrechen auch das Werk einer Nebenbuhlerin der ermordeten Braut sein konnte.« »Hm. Fußabdrücke am Thatort, die auf eine Dame deuteten, waren nicht vorhanden?« »Nein.« »Andere Anzeichen auch nicht?« »Keine. Nur die Handschrift der Karten stand mir vor Augen, und sie deutete meines Erachtens wenigstens darauf hin, daß Herr Dr. Bendring thatsächlich mit einer anderen Dame in Beziehungen stand, während eine in die Gegenwart reichende Verbindung zwischen der Ermordeten und ihrem in Verdacht gezogenen ehemaligen Bewerber nicht nachzuweisen war.« »Auf dieser Basis stellten Sie Ihre Nachforschungen an?« »Ja. Zunächst bei dem Anwalt selbst.« »Hm. Und –?« »Durch den Herrn Rechtsanwalt wurde ich in meinem Verdachte bestärkt. Ich erfuhr, daß er die in Frage kommende Dame in Nizza kennen gelernt, sie in einem Orte am Golf von Spezzia wiederholt aufgesucht und weiterhin dauernd mit ihr in Briefwechsel gestanden hatte. Aus einem Bilde, das sie ihm geschenkt hatte, schloß ich auf ein für ihn seinerzeit lebendig gewesenes Interesse, aus dem zuletzt einseitig von ihr fortgeführten Briefwechsel aber, daß dieses Interesse ihrerseits Dauer behalten hatte. Das ließ mir die weitere Verfolgung der Spur geboten erscheinen, umsomehr, als eine andere – der verdächtige Maler schien völlig verschollen – überhaupt zurzeit nicht vorhanden war. Herr Dr. Bendring hatte die Güte, mir das von der Dame gemalte Bild – eine kleine Landschaft, die sie gemeinsam besucht hatten – zu verehren. Er war so liebenswürdig, die Namen der Künstlerin und der dargestellten Landschaft sowie eine Widmung eigenhändig auf die Rückseite des Bildes zu schreiben und mir damit die Aufgabe abzunehmen, den Namen der Dame erst anderweitig zu ermitteln. Auch ihren Aufenthalt in Nizza erfuhr ich gesprächsweise.« Der Präsident lächelte fein, und der Staatsanwalt blinzelte schadenfroh. Bendring bemerkte es und erklärte gelassen: »Ich behalte mir vor, auf dieses Zwischenstück in der Leistung des Herrn Kommissars zurückzukommen.« Die weitere Vernehmung folgte in ermüdender Breite den Ermittelungen des Kommissars in Nizza; und die Zuhörer schienen aufzuatmen, als der Polizeibeamte endlich abtrat. »Die Zeugin Blanche du Midi!« Der Gerichtsdiener rief den Namen auf den Flur. Die Mienen der Zuhörer spannten sich. Die Zeugin hatte nichts von der frauenhaften Würde der Angeklagten, jede ihrer Bewegungen war mädchenhaft und graziös. Zu dem Eindruck der Jugendlichkeit stimmten auch ihre mittelgroße, schlanke, geschmeidige Figur und der eindrucksvolle, feingeschnittene Kopf mit der üppigen Haarfülle. Ihr rauschendes Seidenkleid verriet nach Farbe und Eleganz den Pariser Ursprung, ebenso der zum Kleide passende Hut mit lila Federn, den sie aber abgenommen hatte und in der Hand trug. Die Frauen im Zuschauerraume musterten sie neugierig, während die Zeugin ihre Aufmerksamkeit ruhig dem Gerichtshofe zuwandte und ihr dunkles Auge besonders auf dem weißhaarigen Vorsitzenden haften blieb. Die Feierlichkeit der deutschen Gerichtssitzungen schien keinen Eindruck auf sie zu machen; sie stand unbefangen wartend. Der Präsident verlas fragend den Namen. Sie antwortete mit einem klaren Ja. »Sind Sie der deutschen Sprache so weit mächtig, daß wir einen Dolmetscher entbehren können?« flocht der Präsident vorsichtig ein. Die Zeugin bestätigte es. Sie sprach nicht ohne fremden Anklang, aber vollkommen geläufig. »Darf ich fragen, woher Ihnen diese Kenntnis einer in Ihrer Heimat nicht beliebten Sprache kommt?« »Ich bin früh verwaist und im Elsaß erzogen worden.« »Ah so. Wollen Sie uns über Ihre Eltern kurze Auskunft geben?« »Mein Vater war Arzt in Lille. Meine Eltern starben in meinem fünften Lebensjahre.« »Hinterließen sie Ihnen Vermögen?« »Elftausend Francs.« »Wurde das Vermögen auf Ihre Erziehung verwendet?« »Nein, eine Tante – Schwester meiner Mutter – nahm mich zu sich.« »Lebt diese Verwandte noch?« »Nein. Sie starb vor einer Reihe von Jahren. Ich zog dann nach Paris.« »Wie alt waren Sie damals?« »Siebzehn Jahre.« »Erhielten Sie Ihr Vermögen ausgezahlt?« »Nein. Ich ging in Stellung. Als Verkäuferin.« »Wie lange?« »Ein halbes Jahr.« »Und dann?« »Ich hatte meinen Freund kennen gelernt, der für mich sorgte.« »Er mietete Ihnen eine Wohnung und gab Ihnen, was Sie zum Leben gebrauchten?« »Ja.« »Er nahm Sie auch mit nach London?« »Allerdings.« »Dort lernten Sie Frau Herlet kennen?« »Jawohl.« »Bei welcher Gelegenheit?« »Im Theater.« Sie bestätigte in weiterer Ausführung die Aussagen der Angeklagten. »Besuchten Sie,« fragte der Staatsanwalt, »auch andere Vergnügungen als die der Theater?« »Ich allein, ja. Frau Herlet nicht. Sie hatte ja Trauer.« »Sollte die sie abgehalten haben?« »Da muß ich doch bitten –!« »Hm. Machte es sich nicht zuweilen, daß Ihr Freund auch ihm nahestehende Bekannte in Ihren Kreis mitbrachte?« forschte der Ankläger. »Gewiß,« erwiderte die Zeugin aufrichtig. »Auch wenn Ihre Freundin dabei war?« »Selten.« »Aber doch mitunter?« »Ein paarmal wohl. Meine Freundin zog sich dann aber bald zurück.« »Das waren wohl etwas – etwas leichtlebige Herren, wie?« horchte der Staatsanwalt. »Ich muß bitten, nein!« betonte sie. »Nun, ich meine, es wurde mit der Moral nicht sehr genau genommen?« »Ach, weil ich einen Freund hatte? Ich habe nicht das Vorurteil, daß ich meine Freundschaft mir erst kirchlich oder amtlich bescheinigen lassen müßte. Ich liebe meinen Freund, darum bin ich bei ihm, und er liebt mich, darum sorgt er für mich. Wen geht das außer ihm und mir an?« fragte sie keck. »Wir wollen darüber nicht rechten,« vermittelte der Vorsitzende. »Unsere deutschen Begriffe sind aber strenger als die ihres Heimatlandes, und von der Anklage wird es Ihrer Freundin sogar verdacht, daß sie – daß sie gerade Ihnen sich anzuschließen beliebte.« »Lassen Sie mir meine Ruhe!« forderte die Zeugin erregt. »Ich mache niemand Schande, und keiner von den Splitterrichtern würde mir ein Stück Brot geben, wenn ich tugendhaft hungern müßte!« Der Präsident konnte einen leisen Tadel nicht unterdrücken. »Das ist ein Ausspruch, den ich von einem jungen Mädchen nicht erwartet hätte.« »Bin ich etwa angeklagt, daß Sie mich nach all dem fragen?« erwiderte die Zeugin ungehalten. »Das nicht,« gab der Präsident zurück. »Aber wir müssen uns doch etwas näher über Ihre Anschauungen unterrichten, damit wir danach den Wert Ihrer Zeugenaussage mit einiger Verläßlichkeit abschätzen können.« »Fragen Sie, ich sage die Wahrheit!« forderte sie. »Wir werden ja sehen, wie weit dies das Gericht annimmt,« erklärte der Vorsitzende etwas reserviert. »Die Anklage gegen Ihre Freundin ist eine zu schwere und die Verdachtsmomente sprechen zu sehr gegen sie, als daß wir Ihre Aussagen ohne gewisse Vorbehalte sollten hinnehmen können. Ich muß Sie auch aufmerksam machen, daß Sie ernstlich Wort für Wort zu wägen haben, denn ehe ich jetzt auf den eventuell durch Sie zu führenden Alibibeweis für die Angeklagte eingehe, habe ich den Zeugeneid von Ihnen zu fordern.« Der Staatsanwalt erhob Einspruch. »Ich bitte, von der Vereidigung abzusehen!« Der Verteidiger protestierte lebhaft. »Ich sehe dafür keinerlei Veranlassung! Jede Verteidigung würde abgeschnitten werden, wenn es der Anklage gelänge, durch Nichtvereidigung dieser Hauptzeugin deren Aussagen wirkungs- und wertlos zu machen.« Der Ankläger handelte. »Ich ersuche, die Beeidigung dieser Zeugin wenigstens bis nach Abschluß der Vernehmung zu verschieben!« »Ich widerspreche entschieden!« widerholte der Verteidiger, »denn auch dadurch würde ein Zweifel in die Glaubwürdigkeit der Zeugin gesetzt werden, der durch nichts begründet ist.« Der Staatsanwalt drang nicht durch. Der Präsident stellte sich auf Seite der Verteidigung. »Ich glaube,« führte er aus und musterte die Französin durchdringend, »daß die freie Anschauung der Zeugin die Ehrlichkeit der Gesinnung nicht notwendig beeinträchtigen muß. Ich halte die Zeugin auch für zu intelligent, als daß sie nicht die ernste Gefahr erkennen sollte, die ein Falscheid für sie selbst heraufbeschwören würde. An die religiöse Seite des Eides zu mahnen, darf ich mir erlassen; ich hoffe aber, daß die Jugendzeit mit ihren Lehren über die Heiligkeit des Eides in Ihnen nachklingt. Erheben Sie die rechte Hand und sprechen Sie mir nach.« Sie wiederholte die ihr in kurzen Sätzen vorgesprochene Eidesformel laut. Der Präsident redete gütlich: »So, mein Fräulein, und jetzt antworten Sie auf die an Sie gestellten Fragen ehrlich und offen! Vergessen Sie einmal, daß die Angeklagte Ihre Freundin ist, und suchen Sie nicht ihr, sondern allein der Wahrheit zu dienen. Hat die Angeklagte Sie in der Zeit zwischen dem 28. Juli und dem 2. August besucht?« »Jawohl.« »Hat der Besuch Stunden, einen oder mehrere Tage gedauert?« »Die ganze Zeit!« »Das heißt: die Angeklagte kam am 28. Juli zu Ihnen und blieb bis zum 2. August?« »Ja!« »Ohne jede Unterbrechung?« »Jawohl! Auch auf Ausflügen war ich stets in ihrer Gesellschaft.« »Die Ausflüge gingen in die Umgebung von Paris, nicht etwa nach Deutschland?« »Wir blieben in und um Paris.« Der Präsident brach kurz ab. »Ich habe weitere Fragen an die Zeugin nicht zu stellen.« »Ich ersuche die Zeugin noch um Bejahung oder Verneinung einer Aussage der Angeklagten, auf die der Herr Staatsanwalt Wert zu legen schien,« bemerkte der Verteidiger. »Haben Sie,« wandte er sich an die Zeugin, »von Frau Herlet zu irgend einer Zeit eine einmalige oder fortlaufende pekuniäre Unterstützung erhalten?« »Nein!« »Ich danke.« »Ist Ihnen eine solche Unterstützung oder Belohnung vielleicht in Aussicht gestellt worden?« fragte vorsichtig noch einer der Geschworenen. »Auch nicht.« Damit war die Beweisaufnahme geschlossen. Die Zeit war weit vorgeschritten, und der Präsident gestattete für die Einnahme des verspäteten Mittagsmahles nur eine knappe Stunde. Dehnten die Plaidoyers sich aus, so war die Urteilsfällung nicht vor dem Abende zu erwarten. Dreizehntes Kapitel. Staatsanwalt und Verteidiger waren die ersten, die wieder im Saale erschienen. Sie nahmen beide Platz und bedeckten zur Hand genommene Bogen Papier mit Notizen. Der Staatsanwalt war ein kleiner Herr von hagerer Gestalt. Aus dem eingetrockneten Gesichte funkelte ein Paar unruhiger Augen; die Stirn war hoch und frei, das graumelierte Haar spärlich. Der Ankläger strich sich, als der Gerichtshof und die Geschworenen wieder versammelt waren, den spitzen, grauen, nachgefärbten Napoleonsbart, funkelte durch die Brille unwillig nach einem Geschworenen hinüber, der etwas verspätet und geräuschvoll Platz nahm, und begann seine Ausführungen, die er mit häufigen und lebhaften Gesten unterstützte. Das Verbindliche des Vorsitzenden war ihm nicht gegeben, auch nicht der Klang des Organs; er sprach schneidend hart und rücksichtslos, preßte in wirkungsvoller Pause mitunter die schmalen Lippen fest aufeinander und schleuderte mit einem Ruck die zurückgehaltenen Worte hinaus. »Wir haben uns mit einer Angeklagten zu beschäftigen,« setzte er ein, »die einen Vorzug hat. Gewiß, ich erkenne ihn an. Ich bin ja nicht blind, ich sehe ja, daß sie mit Gaben des Körpers ausgerüstet ist, die nicht gewöhnlich sind, die geeignet erscheinen, zu erobern, zu bestechen, die vielleicht sogar in diesem Saal erobert und bestochen haben. Mich lassen äußere Vorzüge kalt, ich gehe mit sehenden Augen darüber hinweg wie die Themis mit verbundenen. Und wenn ich die glatte Larve außer acht lasse – nichts bleibt an dem bevorzugten Weibe als die krasse Genußsucht, der verbrecherische Egoismus. »Sie hat ein Nein gefunden auf die Schuldfrage, sie hat eine Zeugin zur Stelle geschafft, die ihre Aussagen bestätigt, die den Mohren weiß, That und Schuld abwaschen soll! Aber gemach, die Anklage läßt sich nicht beirren, nicht durch die Beschuldigte und nicht durch die dienstwillig hergekommene Freundin. Pardon, ich will mich nicht mit einer schweren Anklage gegen die Zeugin wenden; hätte ich mehr als den Verdacht, der mich Zweifel in ihre Aussagen setzen läßt – ich würde wissen, meine Pflicht zu thun! Es ist am besten, ich befasse mich mit der Zeugin möglichst wenig. Sie gehört einer Klasse von – Geschöpfen an, die in der deutschen Sprache mit Namen belegt werden, von denen nicht ein einziger schmeichelhaft klingt. Ob in der Heimat der Zeugin milder geurteilt wird, weiß ich nicht, kümmert mich auch nicht. Ich frage auch nicht danach, ob es an der Seine üblich ist, an Gerichtsstelle in bunter Seidenfahne zu erscheinen, als ginge es unter aufgeputzten Menschen auf den Rennplatz – – ich frage überhaupt nichts nach dieser Zeugin und verstehe mich nur widerwillig zu der Annahme, daß sie – daß sie – ihre Aussagen in gutem Glauben unter den Schutz des Eides gestellt hat. »Dieser gute Glaube! Ich zweifle gar nicht – nein, wirklich nicht – daß die Freundinnen in Paris zusammengetroffen sind, daß die reiche Madame Herlet großmütig die kleine Freundin beehrt, sogar wiederholt beehrt, so oft beehrt hat, daß in der Kleinen die Vorstellung von einem fortdauernden Besuche sich bilden und festsetzen konnte. Ich bezweifle – wenn ich an der Wahrheit der Aussagen nicht rütteln darf – gar nicht, daß die Zeugin nachträglich die Eindrücke nicht mehr auseinander halten, die in ihrem Gedächtnisse verwischten Thatsachen nicht mehr trennen kann, daß sie selbst an ihre Aussagen glaubt. Solche – liebenswürdige Damen glauben ja so gern und leicht, glauben an ihre eigene Respektabilität, an die Achtung, Liebe – Anbetung ihrer Verehrer, glauben an das ärmste Scheinglück, glauben an die unsicherste Zukunft – ja warum nicht auch an ihre Worte! Sie schwören auf die Treue ihrer Liebhaber, auf die Beständigkeit ihrer Neigungen, auf ihre Jugend, Tugend und Schönheit, auf die Karten einer Wahrsagerin, auf den Sieg eines Rennpferdes – ja, warum sollten sie aus der Rolle fallen, wenn sie einmal an Gerichtsstelle stehen und mit ihrer Wichtigkeit auch noch eine Freundin retten können? »Nein, ich spreche ihr den guten Glauben nicht ab, dieser Zeugin mit dem leichten Sinn – aber an Wert gewinnen dadurch ihre Aussagen und ihr Schwur um keinen Deut! Sie können nicht rühren und rütteln an dem wuchtigen Beweisbau, den die Anklage Stein für Stein zusammengetragen und aufgerichtet hat! »Der Herr Verteidiger hat ein kleines Kampfspiel gegen den Mann in Aussicht gestellt, der in redlicher Erfüllung seines Berufes der Anklage das maßgebende Material geliefert hat. Es ist mir eine freudige Genugthuung – ich bedaure nur, daß ich mich mit dem Herrn Verteidiger nicht im Einklange befinde – die Findigkeit dieses Beamten konstatieren zu dürfen, dem die Lösung eines Rätsels gelungen ist, das unentwirrbar schien – unentwirrbar trotz des zweifellos auch zu Anfang schon aufgebotenen Scharfsinnes! »Meine Herren Geschworenen! Der Verteidiger hatte ein natürliches Interesse daran, das begangene Verbrechen aufzuklären; er setzte in dankenswertestem Eifer seine Kraft an die Ausmittelung des von ihm vermuteten Verbrechers – – aber – eine Kleinigkeit – er irrte – – er irrte damals – er irrt heute! Da haben Sie meine Ueberzeugung! Sie ist nicht persönlich, sie ist rein sachlich. »Sachlich, nicht persönlich, war auch das Vorgehen des Kommissars, und wenn er auch den Herrn Anwalt ohne dessen Wissen in seinen Bereich zog, so war das nicht nur sein gutes Recht, sondern zugleich sein Verdienst, daß der Ausgefragte in ungetrübter Harmlosigkeit nichts merkte. Hm, na ja! Da ist übrigens kein Grund zur Heiterkeit –« Eine kleine Bewegung unter den Geschworenen ließ ihn sekundenlang stocken und übellaunig über die Brille schielen. »Ich will,« fuhr er fort, »dem Anwalt nicht bestreiten, daß er richtig den Urheber des Verbrechens da suchte, wo er ein Interesse an dem Opfer voraussetzen durfte. Das war jedenfalls zulässig – und wenn er selbst später feststellen mußte, daß er sich geirrt hatte – – irren ist eben menschlich. »Der Polizeibeamte ging von einer ähnlichen Voraussetzung aus, nur mit einer kleinen Abweichung: er fragte sich, ob nicht jemand an dem Manne ein Interesse hatte, das zur That gegen die Verlobte führte. »Er hatte den Nagel auf den Kopf getroffen! »Es ist durch nichts erwiesen oder nahegelegt, daß die Ermordete ein Opfer ihrer eigenen Beziehungen wurde; es spricht aber alles dafür, daß sie fallen mußte um des Mannes willen, dem nicht ihre Neigung allein, dem die Liebe noch eines zweiten Weibes galt! Und nota bene : bei diesem zweiten Weibe die ältere, die – gestatten Sie mir den – den Fachvergleich – nach der Anciennetät bevorrechtete Liebe! »Die Angeklagte hat sich bei ihren Aussagen über ihre Beziehungen zu dem Verlobten der Ermordeten eine äußerst vorsichtige Beschränkung auferlegt, und der Anwalt ist als Zeuge ihrem Beispiele gefolgt. Diese doppelseitige Vorsicht hat aber wohl bei niemand den Eindruck verwischen können, daß der Anwalt sich mehr oder minder wirklich – um die Dame bemühte, daß er mindestens auch seinerseits die Bewerbung ernstlich erwog und daß von seiten der Dame ihm die zufassende Hand offen entgegengestreckt wurde. »Und mehr als das: die Angeklagte bewahrte dem Manne ihre Leidenschaft über dessen schwindende Neigung hinaus; sie dachte an ihn, sie schrieb ihm, auch wenn sie in weiter Ferne war, sie lud ihn zu sich, sie setzte ihr Werben fort – sie reiste ab, als seine Verlobung – ihre Niederlage – ihr bekannt wurde. »Damit konnte es sein Bewenden haben; sie konnte ihm nachtrauern, ihm nachgrollen, aber sie konnte Entsagen und Vergessen suchen. »Sie konnte!« »Ja, eine andere hätte es wohl auch gekonnt, hätte sich in hartem Ringen dazu gezwungen, gezwungen zum Siege über sich selbst. »Die Angeklagte nicht! »Die nicht!« »Die war im Egoismus groß und stark geworden! Die kannte kein Kämpfen gegen sich, nur gegen andere! Kein Wünschen für andere, nur für sich! Die begehrte weiter, die ließ den ungezügelten Egoismus zur blutigen Selbsthilfe reifen! »Meine Herren Geschworenen! Sehen Sie zurück mit mir auf Herkunft und Laufbahn dieser Frau! Nicht eine, nicht zehn fragwürdige Frauengestalten hat uns das Land der Dollars und der wüsten Emancipation des Weibes geschenkt – ihre Zahl ist Legion. Aber aus der Unzahl ragt die kleine Zahl empor, die ohne jede Skrupel die Genußsucht und den Egoismus zur einzigen Richtschnur wählten! »Mit achtzehn Jahren nahm die Angeklagte die ihr gebotene Hand eines Mannes an, der um über das Doppelte älter war als sie. Die Angeklagte selbst hat nicht behauptet, daß sie ihn aus Neigung geheiratet hätte. Und wie hätte das sein können! Wie hätte das lebensdurstige, junge Geschöpf den gealterten, stets kranken Mann lieben können! Nein, aber er hatte etwas, was sie liebte, ein anderes als ihn: sein Geld! Sie selbst war nicht reich; er gab ihr mit einem Schlage die Fülle. »Sie bewog den kranken Mann, mit ihr auf Reisen zu gehen; sie schleppte ihn übers Meer, nach Paris, nach London – sie trieb den Ruhebedürftigen zur raschen Aufreibung. »Und kaum hatte er die Augen geschlossen, so flatterte die trauernde Wittwe in die Theater, suchte sie Zerstreuung und Aufheiterung an der Seite einer Dame zweifelhaftesten Wertes, einer Vertreterin der Lebewelt, der Halbwelt – besuchte sie, immer unterwegs, die lockenden Großstädte, die Centren des Verkehrs und des brandenden Genusses. »So handelt kein Weib von Herz, so handelt der verknöcherte, nein, der steingewordene Egoismus, dem Vergangenheit, Zukunft und Welt um das eigene Ich versinken, wenn sie nicht diesem Ich und ihm allein – dienstbar sind. »So handelt ein Weib, das von sich stößt und an sich reißt nach ihrem Begehren, das aus dem Wege räumt, was ihr unbequem ist, das zertritt und vernichtet, was sie nicht anders beseitigen kann. »So handelte die Angeklagte! »Sie wollte einen Menschen an sich ketten, der widerstand und der einen Halt hatte in einer holden Menschenblume, die ihm lieb war; die Blume wurde zertreten – die Rivalin, das reine Mädchen hingestreckt mit dem tödlichen Feuerstrahl! »Ganz selbstverständlich aber, meine Herren: der gewaltthätige Egoismus wäre nicht vollkommen gewesen, wenn er bloß das Hindernis beseitigte, wenn er nicht zugleich die eigene werte Person in Sicherheit gebracht hätte. »Diese Sicherung des eigenen Ich – o ja, die hatte die Verbrecherin im Auge, die vergaß sie nicht einen Moment, auf die war sie bedacht mit verschlagenem Raffinement! »Ehe sie zur That schritt, sicherte sie sich das Alibi. »Sie war im Auslande, weit fort vom Schauplatze, und ihre Postkarten bescheinigten das! Sie war in Nizza an dem verhängnisvollen Tage, dem 30. Juli – so stand zu lesen auf der erlogenen Grußkarte. Sie war in Paris um diese Zeit, so sagt sie selbst aus mit dreister Stirn, so beglaubigt es ihr unter Eid die würdige Freundin! »Lassen Sie sich nicht täuschen, glauben Sie nichts von der idyllischen Freundschaft, nichts von der Langeweile, die ihr die Mordwaffe zum Spielen in die Hand gedrückt haben soll! Glauben Sie an den Egoismus des harten Herzens, glauben Sie an die ruchlose That, suchen Sie ein Interesse an der grausamen Forträumung der Toten, wo es ganz allein vorhanden sein konnte! Und dann: Richten Sie die Verlogenheit, richten Sie das Verbrechen, sprechen Sie das Ja auf die Schuldfrage mit erdrückender Mehrheit!« Der Ankläger hatte bei den letzten Worten die Rechte wie zum Schwur erhoben. Er riß den zurückgeschobenen Stuhl mit einem Ruck vor, setzte sich und rang kurzatmig nach Luft. Niemand hatte sich der Wirkung der anklägerischen Rede ganz entziehen können, und ihr Pathos fand auch in der Antwort der Verteidigung einen Nachhall. Aber der Verteidiger beherrschte sich zu Anfang, und überließ sich in wohlberechneter Steigerung erst zum Schlusse einem höheren rednerischen Fluge. Ein Strahl der sinkenden Sonne stahl sich durch die hohen Bogenfenster in den Verhandlungssaal, traf blendend auf das männlich offene Antlitz des Verteidigers, der sich zurückbog, und spielte in verschwommen abgezeichnetem Reflex auf dem Fußboden. »Der Paragraph 257 ist für den Angeklagten eine Wohlthat, denn er sichert ihm das letzte Wort,« begann Bendring, den Blick noch halb auf den zitternden, spiegelnden Lichtfleck seitwärts am Boden gerichtet. »Sonst« – er hob das freie Auge nach der Geschworenenbank hinüber – »könnte es sich ereignen, daß unter dem frischen Eindruck einer staatsanwaltlichen Rede ein Verdikt gefällt würde, das mit Gerechtigkeit und Wahrheit in Einklang zu bringen vergebliches Mühen wäre. ›Dem Angeklagten gebührt das letzte Wort ...‹ Hat der Gesetzgeber, als er diesen Satz in die Prozeßordnung aufnahm, an Ankläger gedacht, die sich von ihrem subjektiven Urteil, ihrem Temperament und ihrer Begabung über die ihnen gestellte Aufgabe fortreißen lassen? Und hat er dem Angeklagten die Möglichkeit sichern wollen, das Uebermaß der Anklage zu berichtigen? Ich glaube es; und wenn ich nicht schon öfters die Erfahrung gemacht hätte, daß an Gerichtsstelle über die mangelnde Logik ein Ueberschwang der Ausführungen hinweghelfen soll – die eben gehörte Rede des Herrn Staatsanwaltes hätte mich darüber belehrt. »Ich will nicht in den Fehler verfallen, Subjektives mit Subjektivem zu erwidern; ich will mich befleißigen, möglichst sachlich zu sein. Aber ich kann doch nicht ganz ignorieren, was der öffentliche Ankläger an Persönlichem für seine Zwecke herangezogen und damit auch in den Pflichtenkreis der Verteidigung gestellt hat. Ich muß es vielmehr als meine Aufgabe erachten, dieses Persönliche auf dasjenige Maß zurückzuführen, das sich aus der nüchternen Betrachtung ergiebt. »Der Herr Staatsanwalt hat zuerst von seinen offenen und den verbundenen Augen der Themis gesprochen, darauf sich mit der Hauptentlastungszeugin beschäftigt, dann dem Herrn Kriminalkommissar ein Kompliment gemacht, meine ungetrübte Harmlosigkeit gerühmt und schließlich ein Bild von der Angeklagten entworfen. »Ich will diese Reihenfolge gern beibehalten und nur nebenher die Erfahrung wiederholen, daß schon mancher Staatsanwalt mit sehenden Augen blind gewesen ist und schon oft die Themis mit verbundenen Augen geschielt hat. »Die Staatsanwaltschaft will der aus der Ferne gekommenen Zeugin nicht mit einer schweren Anklage danken, daß sie an der Ermittelung der Wahrheit hat mitwirken, durch ihr Zeugnis einen nicht gut zu machenden Fehlgriff hat verhindern wollen. Die Zeugin kommt aber der Staatsanwaltschaft nicht recht, weil sie das mühsam und künstlich aufgeführte Gebäude der Anklage mit ihrem Erscheinen und ihrer Aussage über den Haufen stößt, und die Anklagebehörde sucht sich der Unwillkommenen nach Kräften zu erwehren. Sie geht dabei von Anschauungen aus, die, auch wenn sie in der Grundidee richtig wären, in der ausnahmslosen Anwendung schwere Uebelstände mit sich bringen würden. Es hat manche berühmte Liebespaare gegeben, die über die von der Tradition vorgeschriebenen Formen sich kühn hinwegsetzten und dafür die Bewunderung – nicht allein der Mitwelt, sondern auch der Nachwelt ernteten. Es gab und giebt ungezählte wechselvolle Lebensschicksale, die allein durch die Romantik der Liebe in ein freundliches, versöhnendes Licht gerückt werden; und es giebt tausend und abertausend Fälle, in denen die legitime Liebe zu maßlosem Unglück geführt hat. Ich bin weit davon entfernt, jeder willkürlichen Form des Liebeslebens das Wort zu reden; aber ich sehe auch zu vorurteilslos in die Welt hinaus, ich habe gerade in meinem Berufe eine zu große Kenntnis von der Unzulänglichkeit menschlicher Einrichtungen sammeln müssen, und ich denke endlich zu hoch von der natürlichen Freiheit der Selbstbestimmung, als daß ich mit richtender Anmaßung alles verurteilen sollte, was von dem Alltäglichen und Ueblichen abweicht, was sich meinen oder anderen, kodifizierten oder augenblicklich vorherrschenden Anschauungen nicht unterordnen will. Meine Herren Geschworenen! Mögen die Zeugin und ihr Freund ihre Beziehungen und ihr Leben gestalten, wie die Umstände es ihnen gestatten oder ihre Neigungen es von ihnen fordern – wir dürfen nicht Splitterrichter sein und ihre Verdammung fordern, weil unseren Anschauungen andere Formen mehr entsprechen würden! »Ich setze in die Glaubwürdigkeit der Zeugin nicht den geringsten Zweifel, und ich bin ihr dankbar, daß sie hergeeilt ist, in ernster Stunde für die geschmähte und gefährdete Freundin einzutreten. Ich rechne es ihr an, daß sie sich nicht gescheut hat, den Widerschein der gegen die Gefährtin erhobenen Vorwürfe lieber gegen sich selbst zu richten, als nach dem marklosen Grundsatz: ›Was dich nicht brennt, das blase nicht!‹ die Freundin im Stich zu lassen. »Ich denke mit Bedauern daran, daß die Anklagebehörde in Ermanglung anderer Angriffspunkte sich soweit an Aeußerlichkeiten geklammert hat, sogar die Toilette der Zeugin herabsetzend zu kritisieren und es als unwürdig hinzustellen, so an deutscher Gerichtsstelle zu erscheinen! Ja, kann denn ein Gerichtshof den Zeugen vorschreiben, daß sie vor seinen geweihten Schranken im öden Schwarz der Amtstracht zu erscheinen haben? Hat ein deutscher Gerichtshof die Macht oder die Berechtigung, den Ausländern statt des Seidenkleides den Kattunrock zu diktieren oder von ihnen zu verlangen, die leuchtenden Farben, an denen sie bei sich und unter ihresgleichen ihre Freude haben, um Gottes willen daheim zu lassen? Muß denn alles über den Kamm farbloser Nüchternheit geschoren, muß den Ausländern imputiert werden, daß sie leichtsinnig, unglaubwürdig, minderwertig sind, weil sie anders gehen und sich anders geben als die deutsche Matrone oder der deutsche Gerichtsbeamte? »Ich bitte Sie, sich doch gegenwärtig zu halten, daß die Gewohnheiten und die Mode in der Heimat der Zeugin anders sind als bei uns, und daß die Zeugin sich nicht nur berechtigt glauben, sondern auch berechtigt sein mußte, so bei uns zu erscheinen, wie sie es im eigenen Hause gewohnt war! Oder soll die fremde Zeugin bei uns im farblosen Wollenrock, bei den Türken in seidenen Pumphosen, bei den Indianern in Mokassin und Lendenschurz auftreten, um für voll gelten zu können?« Der Staatsanwalt rückte bei den satirischen Vergleichen auf dem Stuhl; aber der Präsident hörte ruhig zu und schien zum Einschreiten eine Veranlassung nicht zu finden. »Lassen Sie die Zeugin, wie sie ist,« fuhr der Verteidiger fort. »Klammern Sie sich nicht an ihre vom Ueblichen abweichende Erscheinung, halten Sie sich an ihr Wort. Halten Sie sich an ihre Aussage, die sie nicht nur unter den Schutz, sondern auch unter die Kraft des Eides gestellt hat! An dieser beeideten Aussage ist nicht zu rütteln! Durch diese beeidete Aussage ist das Alibi der Angeklagten unumstößlich nachgewiesen! – »Ich komme zu der Verbeugung des Anklägers gegen den Herrn Kommissar, und ich mache diese Höflichkeitserweisung nicht mit. »Ich weiß, daß der Beamte, der im Dienste des Staates steht, die Pflicht hat, Verbrechern nachzugehen. Er muß, wenn er seinen Beruf erfüllen will, auch krummen Wegen folgen können, weil der Verbrecher auf diesen vorangeht; er muß schleichen können wie der Jäger, um das Wild zu stellen; er muß in allen Ränken und Listen dem Verbrecher selbst noch überlegen sein. Ich drücke jedem Beamten die Hand, der die für ihn notwendigen üblen Kenntnisse am rechten Orte verwertet; aber ich wende mich von jedem ab, der sie auch dorthin verträgt, wo er nicht nur keine Verworfenheit zu verfolgen und zu überwinden, sondern wo er mit Solidarität der Interessen zu rechnen hat und wo ihm Offenheit und Vertrauen, ja Gesinnungen der Freundschaft entgegengebracht werden! »Offenheit verlangt Offenheit, Geradheit Geradheit, Sympathie Sympathie. »Der Kriminalbeamte hat alles bei mir gefunden und mir gedankt mit Heucheln und Horchen! »Er hat mich damit nicht herabgedrückt, aber sich das Zeugnis ausgestellt, daß er die Fähigkeit des Unterscheidens verloren hat, daß er aus seiner Haut nicht herauskann, daß er beengt ist durch die Gewohnheit des leidigen Berufes. »Und für einen solchen Mann Komplimente? Ich habe keine. Ich schäme mich auch der ›ungetrübten Harmlosigkeit‹ nicht, die mich den Mann nicht hat durchschauen lassen. Fortiter in re – fest in der Sache, jawohl; aber gerade im Wege! »Ich gehe nach dieser Charakteristik, wie der Kommissar seine Kenntnisse erlangt hat, zu seinen Ermittelungen selbst über. Ich habe, aus den angeführten Gründen, keine Sympathie für den Beamten; mir mangelt der Respekt auch vor seinen Entdeckungen. »Die Aufmerksamkeit des Kommissars ist auf die heutige Angeklagte gelenkt worden durch zwei von mir zurückgelassene Postkarten. Ich korrespondierte noch mit einer Reihe anderer Damen, mit denen ich teils durch meinen Beruf, teils durch Freundschaft verbunden bin; hätte es der Zufall wie bei Frau Herlet gefügt, so hätten vermutlich auch diese Damen den Kommissar auf ihrer Fährte gehabt! Und wer weiß, welche Verwickelungen sich bei ihnen ergeben hätten. »Frau Herlet war zur Zeit des Mordes auf Reisen – wie viele andere auch! »Frau Herlet schrieb mir am Mordtage – das hätten zehn andere gleichfalls thun können, das haben, so viel ich mich entsinne, eine Verwandte und die Witwe eines Kollegen thatsächlich gethan, ohne daß sich darum Weiterungen ergeben hätten, weil eben ihre Briefe nicht auch zufällig zurückgeblieben waren. »Zufall ist die Anknüpfung der Fährte – Zufall alles, was sich in ihrem Verfolg ergab: die List, die mir durch vorsorglich geschriebene Karten die Reise nach Paris verbergen wollte; Zufall die Langeweile, die sich die Zeit mit einem Sport vertrieb, dem sich in manchen Kurorten alltäglich Hunderte ohne Mordgedanken hingeben; Zufall der Besuch bei der Freundin gerade an den Tagen vor und nach dem Morde. »Zufall und Willkür sind die großen Leitsterne der Anklage! »Die Willkür folgert aus dem Datum einer Karte, aus einem harmlosen Sporte, aus einer Reise für Modezwecke, aus einem freundschaftlichen Besuch bewußte, in den Dienst eines Mordgedankens gestellte Absicht und Vorberechnung! »Die Willkür schreitet kühn über alles hinweg, was ihre Behauptungen zu entkräften geeignet wäre, schiebt das ganz unzweifelhaft nachgewiesene Alibi skrupellos beiseite und tritt mit Füßen die Zeugin, die es gewagt hat, aufzustehen und der Wahrheit die Ehre zu geben. »Die Willkür zweifelt an den Aussagen der Angeklagten und der Zeugen. »Die Willkür behauptet, wo sie nicht beweisen kann, und sie greift zu Phantasiebildern, wo die Thatsachen eine Belastung schlechthin versagen. »Nichts, aber auch rein gar nichts hat der Angeklagten in ihrer bisherigen Lebensführung nachgesagt werden können. Ich, der ich den Verdacht der Oberflächlichkeit – einer gewissen wenigstens – im stillen gegen sie gehegt hatte, habe widerrufen auf Grund der besseren Erkenntnis. Die Anklage verschließt sich dieser Erkenntnis; sie ergiebt sich der Willkür und sucht Halt und Stütze gegen ihre Hinfälligkeit in der phantasievollen Schwarzfärbung vergangener Zeiten. Sie schildert einen Gatten, von dem ihr nichts bekannt ist als der Name, und dessen langsame Hinmordung durch die Angeklagte, ohne die Erbringung des ganz unmöglichen Beweises auch nur zu versuchen. »Ja, meine Herren Geschworenen, auf solcher Grundlage zu kämpfen, ist undenkbar! Ich weiß von der Angeklagten, daß sie ihren Gatten geehrt und gepflegt hat – lassen Sie diese durch nichts widerlegte Behauptung mindestens dasselbe gelten, wie die durch nichts begründete der Anklage! »Es scheint mir Ihre Pflicht, den Angaben der Angeklagten zu folgen, die nicht widerlegt sind, und alles in der Anklage abzulehnen, was sie nicht zugleich bewiesen hat! »Es ist aber unzweifelhaft Ihre Pflicht, alle durch die Anklage etwa geweckte Animosität gegen die Angeklagte oder die Zeugin zum Schweigen zu bringen und Halt zu machen vor dem ›hierher und nicht weiter!‹ das Ihnen der Alibibeweis der Angeklagten laut und ernst zuruft! »Und von mir eine Versicherung, eine schlichte und kurze –« er hob seine Stimme zu eindringlicher Betonung –: »Ich bin kein Anwalt, der sich von seinen Mandanten eine Richtung seiner Verteidigung vorschreiben läßt, ich plaidiere nach meiner felsenfesten Ueberzeugung! Und diese ist: Die Angeklagte ist unschuldig! »Sprechen Sie auf die Schuldfrage ein unzweideutiges, energisches Nein, das die Angeklagte der Ehre und dem Leben zurückgiebt!« – Nach den Hauptreden des Staatsanwalts und des Verteidigers näherte sich die Entscheidung in raschem Tempo. Replik und Duplik fesselten nicht mehr. Ein wohliges Halbdunkel lag über den Saal gebreitet, als der Vorsitzende die einzige Schuldfrage formulierte und verlas: »Ist die Angeklagte schuldig, zu Ascheberg am Plöner See am 30. Juli Hedwig von Viersen vorsätzlich und mit Ueberlegung getötet zu haben?« Einsprache gegen die Fragestellung erfolgte nicht. Der Vorsitzende erteilte eine kurze Rechtsbelehrung an die Geschworenen, und diese zogen sich in das Beratungszimmer zurück. Das Publikum unterhielt sich halblaut und blickte, als plötzlich elektrisches Licht den Saal durchflutete, scheu nach den leeren Plätzen der Geschworenen. Die Angeklagte stand blaß, das fragende Auge auf den Verteidiger gerichtet, der leise zu ihr sprach. Die Geschworenen kamen bereits nach einer Viertelstunde zurück und der Obmann nahm in der beängstigenden Stille das Wort: »Auf Ehre und Gewissen bezeuge ich als den Spruch der Geschworenen: ›Ist die Angeklagte schuldig, zu Ascheberg am Plöner See am 30. Juli Hedwig von Viersen vorsätzlich und mit Ueberlegung getötet zu haben?‹ ›Nein!‹ mit mehr als sieben Stimmen.« Dr. Bendring streckte der Erlösten in lebhafter Bewegung glückwünschend beide Hände hin, und aus den Reihen der Zuhörer ertönten laute, freudige Bravorufe, die der Vorsitzende rügen, aber nicht ungesprochen machen konnte. Die Freundinnen umschlangen sich nach dem Freispruch und verließen das Gerichtsgebäude Arm in Arm. »Was der mit meinem Kleide hatte,« flüsterte Blanche du Midi draußen. »Aber dein Verteidiger hat's ihm gegeben; das wird mich freuen, so oft ich an den vertrockneten alten Griesgram von Staatsanwalt denken werde.« Die Freigesprochene wehrte dem lebhaften Plaudern nicht. Sie horchte wie abwesend zu und atmete in durstigen Zügen die herbe, abendliche Frühlingsluft. Vierzehntes Kapitel. Die beiden Damen bestiegen eine ihnen entgegenkommende Droschke und ersuchten den Kutscher, auf längerem Umwege sie nach einem am Bahnhof belegenen Hotel zu fahren, dessen Namen ihnen der Anwalt flüchtig angegeben hatte. Als Bendring eine Stunde später nach dem Hotel kam und nach den Damen fragte, kam der Hotelier, ein älterer Herr, dienstwillig herbei und begrüßte den Anwalt verbindlich. »Jawohl, Herr Doktor, die Damen sind in Zimmer drei und vier im ersten Stock.« Bendring wohnte in einem anderen, um einige Häuser entfernten Hotel und war etwas verwundert, daß man ihn zu kennen schien. »Woher habe ich die Ehre –?« fragte er. »Ja, Herr Doktor, das kommt davon, wenn man amtlich miteinander zu thun hatte – –« entgegnete der Hotelbesitzer mit behäbiger Geheimnisthuerei. »Ich entsinne mich nicht,« versicherte Bendring. Der Mann wurde ernst. »Ich gehörte heute zu den Geschworenen,« erklärte er einfach. »Ich freue mich, daß ich dann wenigstens einem von ihnen danken kann!« »Die Aufgabe der Geschworenen ist nicht immer so angenehm wie in dem Falle Herlet, Herr Doktor; aber Tage wie der heutige entschädigen für andere, an denen die Ueberzeugung das harte Schuldig fordert. Das ist ein folgenschweres Wort.« »Ja, ja. Aber ich habe nicht einen Augenblick gefürchtet, daß Sie es gegen Frau Herlet finden könnten.« »Ich sage wohl nicht zu viel, wenn ich meine, die schnelle Entschließung der Geschworenen lasse auch nur eine Deutung zu. Ich wollte Frau Herlet nicht gleich bei ihrem Eintritt in mein Haus das frisch Durchlebte in Erinnerung rufen; bitte, empfehlen Sie mich und drücken Sie der Dame meine besten Wünsche aus, auch den, daß es ihr bei mir gefallen möge.« Ein nochmaliger Händedruck zwischen den beiden Männern, dann stieg Bendring die Treppe empor, klopfte bei den Damen an und trat zu ihnen ein. Rose Herlet kam ihm entgegen. Es schimmerte feucht in ihren Augen. Sie streckte ihm die Hände hin. »Doktor, Doktor – es kann nie eine Zeit kommen, in der ich vergessen könnte, was Sie an mir gethan haben!« sagte sie in ehrlicher Auswallung. »Lassen Sie mich Ihnen danken aus übervollem Herzen! Und – bleiben Sie mir, was Sie mir waren – mein teurer Freund!« Bendring lachte. »Ich habe nicht erwartet, daß Sie mir entgegenrufen würden: Der Mohr hat seine Arbeit gethan, der Mohr kann gehen ... Streichen Sie das lange letzte halbe Jahr aus Ihrem Gedächtnis; es war ein böser Traum! – Bon soir, Mademoiselle du Midi! « Die elegante Französin kam herangetänzelt. »Doktor, wenn ich nicht schon meinen Ernest hätte, ich könnte Sie gern haben!« schmeichelte sie und haschte nach seiner Hand, um sie zu drücken. Er ging auf den Scherz ein, um die Bewegung der Frau Herlet überwinden zu helfen. »Na, wer weiß, mein Fräulein, ob Sie an Stelle des Ernest nicht doch wieder einen im bunten Rock mir vorzögen!« neckte er. »Rose, ist er nicht abscheulich?« rief sie mit komischem Schmollen der Freundin zu. »Du Quecksilber und der Doktor?« fragte Frau Herlet halb träumerisch. »Das wäre das letzte, was ich mir denken könnte.« »So?« schmollte die Französin mit lachendem Gesichte. »Meinst du, ich könnte nicht auch einmal eine ernste Miene aufstecken – oder dem gestrengen Herrn Rechtsgelehrten das Lachen beibringen, wenn ich es wollte?« Bendring lenkte ab. »Apropos, gnädige Frau, ehe ich es vergesse: ich habe Ihnen eine Empfehlung auszurichten. Der Zufall, der so oft sein wunderliches Spiel treibt, hat Sie in das Haus eines der Geschworenen geführt. Er läßt Sie bitten, es sich bei ihm gefallen zu lassen.« »Das ist sonderbar ... Aber es ist mir angenehm,« entgegnete Frau Herlet nachdenklich. »Er weiß – wo ich gewesen bin, und ich brauche nicht zu fürchten, daß eine nachträgliche Entdeckung ihn verstimmen könnte. Lange werde ich mich ja nicht aufhalten, aber doch bis morgen. Fahren Sie mit nach Berlin zurück, Herr Doktor?« »Ich denke, ja.« »Blanche wird ein paar Tage bei mir zu Gast bleiben,« fuhr Frau Herlet fort. »Dann begleite ich sie nach Paris.« »Ungefähr das, was ich Ihnen empfehlen wollte,« bestätigte Bendring. »Leben Sie einige Monate fern von dem Schauplatze der letzten Ereignisse; es wird Ihnen wohlthun.« Der Anwalt stand dicht vor ihr, und sein Atem streifte sie, als er sich noch vorbeugte und verhalten flüsterte: »Und wenn Sie mich der Ehre würdigen, mir zu schreiben, würdigen Sie mich auch der Wahrheit!« Ein Rot deckte ihr Antlitz. »Ja!« gab sie leise zurück. Die schlichte Forderung wirkte tiefer auf sie als eine langatmige Predigt. Bendring schüttelte den Ernst wieder ab. »Befehlen Sie über mich!« wandte er sich laut und in gemeinsamer Anrede an beide Damen. »Ich glaube, auch der Leib verlangt sein Recht. Sind Sie einverstanden, wenn ich den Wirt ersuche, in einem kleinen separaten Raum für uns decken zu lassen?« »Ich habe furchtbaren Hunger!« bekräftigte Fräulein du Midi. Frau Herlet war mit dem Vorschlage einverstanden, und eine halbe Stunde später saß die kleine, nur um den eingeladenen Wirt vermehrte Gesellschaft in einem freundlichen Erdgeschoßzimmer an nicht üppig, aber gut besetzter Tafel und ließ sich die kräftige holsteinische Kost munden. Ein goldiger Rheinwein perlte in den schön geschliffenen Gläsern, und die Gläser klangen rein zusammen, als Bendring, zu Frau Herlet gewendet, mit den Worten anstieß: »Möge nach überstandener Prüfung das Glück Ihnen wiederkehren und hold bleiben. Prosit!« »Es hat mich nicht verlassen, weil es mir eine echte Freundschaft bewahrt hat!« entgegnete Frau Herlet dankbar. Am nächsten Morgen suchte der Anwalt früh in einer Kieler Tageszeitung. Er hatte richtig vermutet: dem Verfahren vom Tage vorher war ein längerer Artikel gewidmet. »Der Prozeß gegen die Millionärin«, lautete die etwas gesuchte Ueberschrift. Bendring durchflog den Bericht mit Befriedigung. »Die gestrige Tagung des Schwurgerichts,« las er, »beschäftigte sich mit der Verhandlung gegen die des Mordes beschuldigte Millionärin Rose Herlet, eine in Berlin lebende, gebürtige Amerikanerin. Der Prozeß nahm in vorgerückter Abendstunde den Ausgang, an dem Kundige nach dem Ergebnisse der Beweisaufnahme nicht mehr hatten zweifeln können. Der mit Ermittelung des Mörders der jungen Hedwig von Viersen betraute Beamte unserer Kriminalpolizei hatte einen beachtenswerten Eifer und Scharfsinn aufgeboten, um auf der einmal aufgenommenen Fährte möglichst belastende Verdachtsgründe auszufinden; es ließ sich aber nicht von der Hand weisen, daß Momente von überführender Kraft nicht beigebracht waren. Der Staatsanwalt unterzog sich der undankbaren Aufgabe, die Anklage aufrecht zu erhalten und zu begründen, in einer fesselnden Rede, vermochte aber in Ermangelung stichhaltiger Unterlagen sichtlich weder das Publikum noch die Geschworenen zu überzeugen. Dem aus Berlin gekommenen, mit der Angeklagten befreundeten Verteidiger wurde dadurch seine Aufgabe wesentlich erleichtert; er erhöhte den Eindruck seiner Rede durch seine sympathische Persönlichkeit und nicht zum mindesten durch die Ruhe seines Vortrags, an deren Stelle nur vereinzelt, so zum Schluß, ein leidenschaftlicherer Schwung trat. Alle Argumente und mitunter heftigen Angriffe des Staatsanwalts scheiterten an dem zweifellosen Alibibeweise der Angeklagten; aber die Verteidigung hatte nicht einmal nötig, besonders auf diesem herumzureiten, sie konnte mit Recht hervorheben, daß der Persönlichkeit der Angeklagten irgendwelche zum Verbrechen des Mordes qualifizierenden Eigenschaften überhaupt nicht nachgewiesen waren. – Das Verbrechen am Plöner See ist also nicht geklärt, nicht einmal ein Lichtstrahl ist erhellend in das Dunkel gefallen! Die berufenen Organe werden darum ihre mühsame Arbeit von neuem beginnen müssen, und es kann fraglich erscheinen, ob ihre künftigen Anstrengungen von besserem Erfolge gekrönt sein werden. Den Eindruck aber, daß gestern eine Schuldige vor den Schranken des Gerichts gestanden hätte und der Nemesis durchgeschlüpft wäre, haben wir nicht gehabt.« Der Artikel hob noch als Seltenheit hervor, daß der Verteidiger zugleich als Zeuge vernommen worden sei, folgte der Verhandlung und wiederholte zum Schluß eine kurze Beschreibung des Mordfalles. Bendring schickte das Blatt der Frau Herlet in das benachbarte Hotel und entfernte sich, um noch einige geschäftliche Besorgungen zu erledigen. Als er zurückkam, fand er mehrere Depeschen von befreundeten Kollegen und von Frau Herlet bekannten Familien vor, die Glück wünschten. Die Aufmerksamkeit freute ihn, und er beeilte sich, der Freigesprochenen durch Uebersendung der Botschaften Kenntnis zu geben. Um Mittag erfolgte dann die Rückreise nach Berlin. Fünfzehntes Kapitel. Bendring hatte als vielbeschäftigter Anwalt keine Zeit, einseitigem Grübeln nachzuhängen; aber wenn er in flüchtigen freien Stunden in seinem geschmackvollen einsamen Heim war, traten doch die Ereignisse des letzten Jahres lebendig in seine Gedanken und reizten ihn an, Träumen nachzuhängen. Das Bild der unglücklichen Verlobten trat zurück, wenn er sich auch sträubte, es sich zuzugestehen. Die Erinnerung an sie verlor den schmerzenden Stachel, und er dachte des tragischen Todes nicht mehr mit dem ihn früher allein beherrschenden Wunsche, die Geliebte zu rächen. Es überkam ihn allmählich wie eine stille Resignation, ein Sichfinden in das Geschehene, ein Sehnen nach Ruhe, nach Ueberwindung – und auch ganz leise nach neuen Wünschen und Zielen. Und wenn er auch das Andenken an die Tote wert hielt: ihr Bild verlor an Deutlichkeit, es wurde nach und nach zu verschwommenen Umrissen verdunkelt von einem anderen, das blasse Bild der Toten von dem frischen der Lebenden ... Frau Herlet hatte ihren Vorsatz ausgeführt; sie war abgereist. Nur einen kurzen Tag hatte es sie in der Reichshauptstadt geduldet. Ihr erster Brief kam aus Paris: »Mein Freund! Es ist eine Unrast über mich gekommen nach dem Schrecklichen, was ich habe erleben müssen. Eine Unrast, die mich forttreibt von allem Geräuschvollen. Was mich einst fesselte an dieser ewig wechselvollen Stadt, stößt mich ab, läßt meine Gedanken sich in ein Sehnen nach Einsamkeit verlieren. Die Menschen, die Lustbarkeiten, in denen sie aufgehen, widern mich an. Ihr Treiben, ihr Tand erscheinen mir schal. Nichts ist mir recht, Blanche nicht, ich mir selbst nicht. Nur an den Freund denke ich in Ruhe gebender Dankbarkeit.« Das zweite Lebenszeichen folgte wenige Tage später und, den Anwalt überraschend, von Genf: »Mein Freund! Blanche läßt sich Ihnen empfehlen; ich habe ihr und Paris Lebewohl gesagt. Die Seine erschien mir träge und schmutzig, der Himmel über der ruhelosen Stadt vom Dunste verhüllt, die Freundin klein und nichtig. – – – Ein wirres Aneinanderreihen, ich weiß es. Aber der Sinn war mir konfus, ich vermochte nicht bis drei zu zählen, ohne ein drängendes ›Fort von hier‹ einzuflechten. Nun bin ich weg, und ich sende Ihnen meine Adresse mit der Bitte, mir Frieden zu wünschen.« Aber sie schien das Gesuchte nicht zu finden. Die in Pausen sich folgenden Karten und Briefe spiegelten Unrast und Bedrückung: »Genf, 25. Mai. Die ewigen Dampferfahrten! Die aufdringlichen, lärmenden Menschen! Pfeifensignale und Tücherschwenken ... Die Dampfer durchschneiden die blaue Flut, der wolkenlose Himmel lacht auf den schönsten der Seen, und die Menschen strahlen im bunten Putz und freuen sich an witzlosem Scherz. Ihre Gedanken gehen nicht über den Schiffsrand hinaus, der uns umschließt – und nur die meinen schweifen in nebelnde, trostlose Ferne.« »Genf, 5. Juni. Warum kann nicht ein Gewitter die schwüle Atmosphäre in der Menschenbrust reinigen wie in der Natur? Ein frühes Unwetter ist segnend niedergegangen, die Luft ist frisch und würzig. Man kann atmen und denken. Wenn doch der Blitz aushellend auch in die Menschenbrust fahren könnte!« »Genf, 30. Juni. Ich stand am Rousseau-Denkmal. Bin ich eine Anhängerin des Weisen geworden, unbewußt und über Nacht, daß mein Sinn sich abkehrt von allem, was mir einst Anregung und Befriedigung gab? – Nein, ich habe nichts gelesen von ihm, ich kenne nichts von ihm als die predigende Tendenz: Zurück zur Natur ... Ich weiß nicht, ob ich auf dem Wege bin.« »Lausanne, Ende Juli. Mein Freund! Ihr erster längerer Brief! Wie glücklich ich mich fühle und wie dankbar! Wie es mich heimatlich anmutet aus den vertrauten Zeilen und mich lockt, zurücklockt – und doch warnt – warnt! Ja, wenn nichts mich trennte von der Heimat! Wenn die Erinnerung nicht immer wieder auftauchte und die Furcht – die würgende Furcht, daß diese Erinnerung auch daheim lebendig geblieben sein könnte, wo ich sie – wie himmelsgern – vergeben und verweht wissen möchte! Aber ich danke Ihnen für Ihre guten Worte, die so einfach und klar sind, daß sie auch auf mich klärend und befreiend gewirkt haben. Ja, ich will wiederkehren; ich will mich mit dem Gedanken vertraut machen! Und ich will der Hoffnung leben, daß die, welche mich einst nicht ungern sahen, mich begrüßen werden mit einem unbefangenen Willkommen ... daß auch Sie dieses Willkommen in alter Freundschaft sprechen werden.« »Lausanne, 20. August. Die Zeit geht zu langsam für meine Sehnsucht. Sind Sie noch in Berlin oder schon fortgefahren?« »Genf, 20. September. Die letzten Gruße vom Genfer See! Das Laub der Gärten und Wälder färbt sich herbstlich bunt, und manches Blatt taumelt windverweht und müde dem Boden zu, der ihm die Kraft gegeben und entzogen hat. Wird die Heimat mich halten oder fallen lassen, bleiben oder ziehen heißen?« Bendring unterbrach nach dem Eingange der letzten Karte die Sommerfrische, die er verspätet angetreten und auf der Insel Rügen verlebt hatte. Der Bureauchef übermittelte ihm bald nach seiner Rückkehr eine von Frau Herlet eingetroffene Depesche, in der sie ihre bevorstehende Ankunft anzeigte. »Ich weiß noch nicht den Zug, aber ich erwarte Sie am Abende bei mir,« schloß das Telegramm. Der Anwalt spazierte am Spätnachmittage lange im Tiergarten. Der Park war in der herbstlichen Kühle wenig belebt; ein ungastlicher Nebel lag schwer über dem feuchten Erdreich. In den Wipfeln ging ein hohles Rauschen; die halbentlaubten, schwarzglänzenden Aeste schwankten in mäßigem Winde. Die Entscheidung war gekommen, und der Rechtsanwalt kämpfte den letzten Kampf mit sich selbst. Das steigende Interesse, das er den Briefen der Frau Herlet entgegengebracht hatte, war ihm ein Anzeichen gewesen, wie sehr die Frau ihm wieder – wie einst – nahe getreten war. Und jedes Lebenszeichen von ihr hatte die Ueberzeugung in ihm gefestigt, daß auch sie an ihm hing in unverminderter Neigung, und zugleich, daß die Zeit mit ihren Prüfungen eine Läuterung ihrer Anschauungen bewirkt hatte, die für sie selbst und andere glückverheißend war. Wenn das sein konnte! Wenn sie ihm die liebende, schlichte, in ihren Pflichten aufgehende Gattin sein konnte, die er einmal in ihr gewünscht hatte, die ihm in der Braut entrissen worden war! Es konnte das Andenken der Toten nicht trüben, wenn er ihr eine Nachfolgerin gab, die ihr gleichwertig war! Es würde das Andenken der Schlafenden menschlich nur ehren können, wenn er die heimführte, die um ihretwillen unschuldig Herbes erduldet hatte. Oder sollte der Makel, der auf dem Namen der Frau lastete, den sie selbst in ihren Briefen fürchtete, ihn zurückhalten von ihr? Sollte er, er der erste sein, der ihr den schmerzenden Beweis lieferte, daß auch ein schuldlos erlittener Verdacht nicht vergeben und vergessen wird? Nein! Er wollte ihr entgegentreten, gerade und aufrichtig. Kein aus der Vergangenheit ragender Schatten sollte ihn beeinflussen, der Eindruck des Augenblicks allein die Entscheidung bringen. Er mußte sich orientieren, wo er sich befand. In Sinnen verloren, hatte er Seitenwege eingeschlagen. Als er wieder in belebtere Gegend kam, erkannte er in der Nähe das Krollsche Etablissement. An den Wegen flackerten die Gasflammen auf; die Viktoria auf der Siegessäule blinkte in mattem, verdunkeltem Gold. Er schlug den Weg am Reichstagsgebäude und am Brandenburger Thor vorüber ein, bog in die Königgrätzerstraße ab und fand Frau Herlets Wohnung erleuchtet, als er in der vornehmen Bellevuestraße stand und nach dem zweiten Stocke des ihm vertrauten Hauses hinaufsah. Die Witwe hatte den Reisestaub bereits abgeschüttelt und empfing den Anwalt mit Herzlichkeit. Bendring forschte in ihren veränderten Zügen. Der oberflächliche Stolz, der einst aus ihnen gesprochen und den Eindruck auf den scharfen Beobachter verflacht hatte, schien einem abgeklärten Ernst gewichen, das große blaue Auge vertieft zu sein. Sie war schön wie einst, aber nicht so pochend und herausfordernd, nicht so überhebend selbstbewußt, eher ein wenig zaghaft und scheu. »Ich freue mich, Sie wieder zu begrüßen,« sagte der Anwalt, »und ich hoffe, Sie werden sich wohl fühlen.« Er schüttelte ihre Hand mit festem Druck. »Wollen Sie glauben, daß ich Furcht gehabt habe – ein rechtes, großes Kind?« fragte sie. »Ich würde es verstehen,« entgegnete er. »Aber Sie hatten keine Ursache. Thue recht und scheue niemand! – Wer könnte es wagen, einen Vorwurf gegen Sie zu erheben?« Sie stellte eine unsichere Gegenfrage: »Wie ist die Stimmung gegen mich?« »Gegen Sie gar nicht,« antwortete er warm. Sie schien nicht befriedigt. »Ich glaube nicht, daß jemand mich verletzen wird; aber ob man mir nicht im stillen mißtraut und nachträgt, so ohne Worte, so nur mit halbem Blick –?« »Wen halten Sie dieses Unrechts fähig, meine gnädige Frau?« »Gott, fähig –! Ich kann die Furcht nicht unterdrücken, daß man mich aus Großmut wieder aufnehmen – – soll ich sagen: in den Kauf nehmen? – daß man aber nicht die alte Herzlichkeit wiederfinden wird...« »Hm!« Ueber das Gesicht des Anwalts ging ein Lächeln. »Nein! Sie mögen nicht ganz unrecht haben. Aber – es giebt ein Mittel, die Zweifler zu bekehren ... der Sessel da gerade an Ihrer Seite ist einladend; wollen Sie nicht belieben, Platz zu nehmen und mir ein wenig zuzuhören? Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen ...« Sie setzte sich, und ein rascher Blutstrom schoß ihr zu Kopf. Ihr Herz hämmerte. Bendring blieb vor ihr stehen. »Liebe Frau Herlet,« sprach er weich, »alles was Sie da zu beengen scheint, ist auch von mir erwogen worden. Zuerst ließen mich Ihre Briefe die Unruhe erkennen, die in Sie eingezogen war, und jetzt erhalte ich durch Ihre selbstquälerischen Fragen die Bestätigung. Ich will Sie nicht lange im Ungewissen lassen, wohin ich ziele. Sie haben nie zweifeln können, daß ich von Ihrer Reinheit überzeugt war – ich biete Ihnen den männlichen Beweis meiner unveränderten Gesinnung an, und ich will Ihnen die freudige Selbstschätzung und das Vertrauen der Menschen wiedergeben... Ob Sie nicht ahnen, wie ich das meine? Ich will es Ihnen sagen. Ich biete Ihnen mein Herz und meinen Namen an ... Bleiben Sie ruhig; horchen Sie mir noch eine kurze, eine halbe Minute zu. Die Zungen, die lästern möchten, sollen schweigen. Mit meinem Rufe – ich bin stolz, daß er tadellos ist – stelle ich den Ihrigen her, und wer noch an Ihnen gezweifelt hat, der wird, auch innerlich, verstummen müssen vor der vollkräftig redenden Thatsache ... Ich muß Ihnen aber noch eins sagen. Eins, das nicht die Welt, sondern uns beide angeht. Ich bringe Ihnen kein Opfer, weder der Berechnung noch der Großmut; ich vertraue Ihnen, Rose, denn ich habe Sie lieb gewonnen –« Die Frau sprang auf und lehnte sich schluchzend, die Arme um ihn geschlungen, an seine Brust. Der blonde Kopf war gesenkt; ein heftiges Zittern durchrieselte ihren Körper. »Fritz!« kam es halberstickt über die zuckenden Lippen. Er hob ihren Kopf und küßte sie, und sie erwiderte seine Zärtlichkeit drängend und leidenschaftlich. Dann warf sie mit einem Jubelruf die Arme hoch. »Glück, du bist gekommen, doch noch gekommen!« stammelte sie in trunkener Seligkeit. Sechzehntes Kapitel. Die Anzeige, durch welche Rechtsanwalt Dr. Fritz Bendring seine Verlobung mit Frau Rose Herlet, geb. Wellcomb, bekannt gab, ging durch die gelesensten Tagesblätter der Kaiserresidenz und wurde von den Blättern kommentierend besprochen. Auf allen Seiten wog die Betrachtung vor, daß mit dem Schritte des hochgeachteten Anwalts der letzte, auch der leiseste Zweifel gegen die einmal schwer beschuldigte Frau – wenn ein solcher noch hier und da sich fortgefristet haben sollte – schwinden mußte. Die den Verlobten befreundeten Familien brachten ihre Glückwünsche meist persönlich dar, und die Wohnung der Braut wurde in der Besuchszeit von Gratulanten nicht leer. Bendring ging seinen Geschäften nach, verbrachte aber jede freie Stunde in Gemeinschaft mit der Geliebten. Sie speisten zu Mittag in einem Restaurant unter den Linden, machten Spazierfahrten, erwiderten Besuche. trafen sich nach beendigter Bureauzeit des Anwalts und besuchten Konzerte und Theater. Der Rechtsanwalt fand sich für die Uebergangszeit in die ungewohnte Lebhaftigkeit des Verkehrs und tröstete sich mit der Hoffnung, daß sie nach der Hochzeit, die auf einen nahen Termin vereinbart war, sich mehr zurückziehen würden in die Stille der Häuslichkeit. Der letzte Septembertag brachte lachenden Sonnenschein. Nach Tausenden zählte die Menge, die in der Straße unter den Linden hin und her flutete. Vor einzelnen Restaurants und Schaufenstern traten Stauungen ein, und der breite Strom konnte nur langsam weiter fließen. Der Uebergang an der Friedrichstraße mit dem immensen Wagenverkehr war lebensgefährlich, und berittene Schutzleute hielten nur mühsam die Ordnung aufrecht. Plötzlich ein Stocken des Passantenstromes auf der ganzen Linie und ein Drängen an die Außenseite des Bürgersteiges. Allen Wagen wurde Halt geboten. Ein augenblicklicher Stillstand an Stelle des Hastens in der ganzen breiten Straße. Ein raunender Ruf pflanzte sich fort: »Der Kaiser kommt!« Auch der Anwalt und seine Verlobte blieben stehen und wurden von den Nachdrängenden ohne ihren Willen in eine sich darbietende Lücke der ersten Reihe geschoben. Bendring sah bereits den wallenden Federbusch des kaiserlichen Leibjägers. Der Wagen, ein offener Zweispänner, rollte in raschem Trabe heran und vorüber. Der Monarch grüßte mit gewohntem Ernst, aber freundlich dankend nach allen Seiten. Hinter dem kaiserlichen Wagen schlugen die nur für Minuten gedämpften Wogen wieder zusammen. Die Menschenmauer löste sich, die Omnibusse, Equipagen und Droschken drängten sich beängstigend. Der Anwalt bog auf die Mittelpromenade ab und strebte dem Brandenburger Tor zu. »Bist Du einverstanden, daß wir auf eine Stunde nach der Kunstausstellung gehen?« fragte er die Verlobte. Sie stockte. »Kunstausstellung, Fritz? Viel – mache ich mir nicht daraus. Aber wenn Du willst – –« Er redete zu. »Es ist der letzte Tag heute, und ich habe noch nichts gesehen. Es wäre gemütlich, wenn wir die Gelegenheit wahrnehmen wollten ...« Er erinnerte sich auf einmal, daß er in dem luxuriösen Heim der Braut nur wenige kunstvolle Radierungen, aber kein einziges Oelgemälde bemerkt hatte, obwohl sie früher doch selbst eifrig im Malen sich versucht hatte. »Du scheinst nicht besonders mehr für die Kunst begeistert zu sein,« bemerkte er lächelnd. »Sag' mal, verehrte Rose, wollen wir auch in unserem künftigen Heim nur den Stahl- oder Kupferstich zulassen, nicht auch ein paar Landschaften in Oel, zum Beispiel von Rose Bendring, verwitweten Herlet?« »Ach, von mir! Du willst dich wohl lustig machen über mich?« »Das würde ich mir nie erlauben, meine Gnädige! Aber wenn nicht von dir, dann doch vielleicht von anderen. Wir könnten ja heute gleich mal Umschau halten ... »Wie du willst, Fritz.« »Sagt es dir nicht zu?« forschte er. »O doch! Aber ich meine, das machst du nach deinem Geschmack.« »Mit deiner gnädigen Zustimmung! Einverstanden. Malst du gar nicht mehr, Lieb? Nein? Na, ist ja auch nicht nötig. Eine gute Hausfrau hat schließlich anderes zu thun.« Der große Park der Kunstausstellung war von promenierenden Menschen belebt. Zwei Militärkapellen spielten abwechselnd und lockten den allgemeinen Strom bald vor das Café, bald vor das Hauptrestaurant. In den weiten Sälen der Ausstellung waren die Besucher spärlich verstreut. Nur vor einigen Berühmtheiten der Sammlung fanden sich mehrköpfige Gesellschaften zusammen, die aber meist darauf bedacht schienen, die letzten Stunden noch möglichst auszunutzen und immer rasch weiter zu ziehen. Der Anwalt erstand einen Katalog und ging langsam musternd an den Wänden hin. »Ich denke, unsere deutschen Herrschaften sind uns die nächsten, meinst du nicht ebenso?« fragte er. »Ja, Fritz.« »Du bist einsilbig ... Sieh mal her – die berühmten Worpsweder! Man braucht den Katalog nicht einmal zu befragen. Diese Bauernfamilie an der Leiche des kleinen Sprößlings ... Genial einfach und lebenswahr. Alles Trauer und Ergebung: in den Mienen der einfachen Menschen, in der Lichtwirkung, in den stumpfen Farben. Tief ergreifend. Aber doch nichts Friedvolles; etwas wie Leichenduft, das mich stört ...« Sie standen noch eine Weile in stiller Betrachtung, ehe sie weitergingen. Ein Blumen- und Obst-Stillleben fesselte Frau Herlet, ein belebtes Schlachtenbild den Anwalt. Vor einem Seebild fuhr Bendring betroffen auf. »Das ist doch – –! Rose ist das nicht ein wahrhaft berückender See- und Sonnenzauber?« Von einem Silberschimmer übergossen lag die Seefläche, ein Sonnenbrennen zitterte in der Luft – ein Blenden ging von Licht und Wasser aus! Bendring blätterte hastig in dem Katalog. »Das ist doch –!« wiederholte er abgerissen. Das Bild trug die Nummer 748. »Na, natürlich!« stieß der Anwalt lebhaft hervor. »Den Künstler kenne ich! Da, Rose: ›748. Vermissen, David. Am Ufer des Plattensees.‹« Er beugte sich vor, um in der rechten unteren Ecke des Bildes nach dem Namen oder Initial des Künstlers zu suchen und bemerkte infolge dieser Ablenkung nicht, daß seine Braut weiß geworden war wie das fliegende, helle, sonnendurchleuchtete Gewölk des Bildes, und daß ein Zittern sie durch Sekunden überfiel, als drohe sie umzusinken. Er fand das klein und versteckt angebrachte Initial D. V. erst nach längerem Forschen, und dadurch gewann die Frau Zeit, sich zu fassen. Er sprach enthusiastisch von dem Bilde und erging sich in Erinnerungen. »David Vermissen! Also doch! Also doch ein erster Künstler ...!« Sie horchte begierig auf seine Erzählung. »Er hat einmal Hedwig schwer gekränkt ...« Bendring führte das weiter aus. »Dann brachten wir ihn in Verbindung mit ihrem Tode, beluden ihn mit der Beschuldigung des an ihr begangenen Mordes. Dadurch lernte ich ihn kennen. Fern am Plattensee. Er malte, malte an diesem Bilde. Er wollte die Sonne fangen, sagten die Leute. Und er hat sie gefangen! Sein Werk ist ein Meisterwerk. Und es freut mich. Ich habe ihm lange vergeben. Ich glaubte ihn verschollen ... So tritt er einem wieder entgegen! Jetzt freut es mich doppelt, daß ich den Einfall hatte, herzugehen. Wollen wir das Bild kaufen. Lieb? Es wird uns wohl erschwinglich sein – oder dir.« Sie schwankte müde, und er bemerkte es erschreckt. »Lieb!« rief er besorgt. »Was ist dir –?« Sie wehrte matt ab. »Ich habe Kopfschmerzen. Das Sehen strengt mich an; komm, Fritz, in die frische Luft ...« »Wir wollen in den Park gehen,« stimmte er bei. »Nein, nach Hause,« bat sie. »Auch, ganz nach deinem Wunsch! Aber, Lieb, warum hast du nicht gesprochen ... Schleppe ich dich da herum, habe nur Augen für die Bilder und nicht für dich! Verzeih!« Er stützte die Halbohnmächtige und zog sie fort. Sie ließ sich in einem Nebensaal erschöpft auf einen Stuhl nieder. Wenige Minuten nur. Dann erhob sie sich wieder, legte ihren Arm in den seinen und schritt hinaus. Die frische Luft that ihr wohl. »Komm, trink in der Klause ein Glas kräftigen Wein!« bat er. »Nein, laß. Ich möchte heim,« flüsterte sie. Er folgte ihrem Wunsche willig. Am Ausgange rief er eine Droschke an, reichte der Verlobten die Hand und half ihr hinein. Der Taxameter rollte rasch davon, und die Insassen waren ahnungslos, daß die brennenden Augen eines auf dem Bürgersteige wie angewurzelt stehen gebliebenen, herkulisch gebauten Mannes ihnen folgten, so lange der Wagen in Sicht war. Frau Herlet erholte sich schnell, und Bendring, der sie nach der Wohnung gebracht hatte, konnte sich beruhigt nach seinem Bureau entfernen. Er machte sich Vorwürfe, daß er nicht auf die Verlobte geachtet hatte, und schrieb ihre Schwäche den Nachwirkungen der ihr auferlegten Sorgen zu, die sie doch mehr erschüttert haben mochten, als sie selbst zugegeben und er bisher angenommen hatte. Er nahm sich eine aufmerksamere und liebevollere Beobachtung vor, dachte aber dann doch wieder an das seltsam fesselnde Bild David Vermissens und richtete vom Bureau aus an die Leitung der Ausstellung ein Schreiben mit der Anfrage, ob das Bild käuflich sei, welcher Preis gefordert werde und ob sich vielleicht eine persönliche Verhandlung mit dem Künstler ermöglichen lasse. Im neuen Opernhause wurde abends ›Der Verschwender‹ gegeben. Die Fee Cheristane, dargestellt von einer der tüchtigsten Künstlerinnen, war eine der Lieblingsgestalten des Anwalts. Aber sie vermochte ihn nicht wie sonst zu fesseln. Es war ihm bisweilen, als drängte sich vor die Lichtgestalt ein breitschultriger Mann mit gramdurchfurchtem Antlitz, tiefliegenden Augen und verwildertem Bart. Und in die Bühnenworte klang es geheimnisvoll hinein wie von den Lippen des ungarischen Eisenbahnbeamten: »Er will die Sonne fangen ...« Frau Herlet zwang sich zu lächelnder Miene, wenn der Verlobte mit ihr sprach, und starrte ohne Interesse und ohne Erkennen auf die Bühne, wenn sie sich unbeachtet wähnte. Die Antwort der Ausstellungsleitung kam schnell. Sie wurde am Nachmittage des nächsten Tages durch einen besonderen Boten überbracht und trug auf dem Umschlag den auffallend unterstrichenen Vermerk: »Um Antwort wird gebeten.« Der Anwalt las: »Sehr geehrter Herr! Der Zufall fügte es, daß bald nach Eingang Ihrer gefälligen Zuschrift der Schöpfer des Bildes ›Am Ufer des Plattensees‹ unser Bureau aufsuchte und wir somit auch Ihren Wunsch bezüglich einer eventuellen persönlichen Unterredung zur Sprache bringen konnten. Der Preis des Bildes war von dem Künstler schon vorher auf den Betrag von sechstausend Mark festgesetzt worden; doch hat sich Herr David Vermissen vorbehalten, sich im gegebenen Falle persönlich mit Ihnen zu vereinbaren. Sie ersehen schon hieraus, das Ihrem Wunsche nach mündlicher Besprechung nichts entgegensteht. Herr Vermissen ersucht uns vielmehr, Ihnen mitzuteilen, daß schon er selbst – aus anderen Gründen – den Wunsch nach einer Begegnung mit Ihnen gehegt hatte und Ihnen verbunden sein würde, wenn Sie einen Zeitpunkt – und zwar einen nahen – sowie den Ort für das Rendezvous anzugeben belieben wollten. Unterlassen möchten wir nicht, darauf hinzuweisen, daß für das Vermissensche Seestück ein Kaufgebot der Nationalgalerie seit langem vorliegt, das bisher nur nicht erledigt werden konnte, weil der Künstler sich die Entscheidung bis zu seiner persönlichen Ankunft vorbehalten hatte, die erst am gestrigen Nachmittag erfolgt ist. Wir zeichnen mit hochachtungsvoller Empfehlung.« Der Name unter dem Stempel war schwer zu entziffern. Der Rechtsanwalt antwortete: »Ich lasse Herrn David Vermissen durch Ihre gefällige Vermittelung bitten, mich morgen nachmittags zwischen zwei und fünf Uhr in meiner Wohnung besuchen zu wollen. Mit vorzüglicher Hochachtung Bendring.« Er fügte die Adresse hinzu und gab die Antwort dem Boten mit. Rose einzuweihen wollte er unterlassen. In der dem Maler angegebenen Zeit konnte er unauffällig abkommen und erhielt dadurch die Möglichkeit, die Geliebte mit dem Ankaufe des Bildes zu überraschen. Die Unpäßlichkeit hatte sie verhindert, es in der Ausstellung zu würdigen; im eigenen Heim würde es ihr oft genug vor Augen treten und ihre Bewunderung herausfordern – das heißt: wenn der Künstler sein Angebot dem ehrenden der Galerie vorziehen wollte, wie es nach dem Briefe möglich, vielleicht auch zu vermuten, aber noch nicht entschieden war. Siebzehntes Kapitel. Der lange David kam pünktlich. Die Standuhr im Speisezimmer des Anwalts hatte eben zwei Uhr geschlagen, als es klingelte und die Wirtschafterin den Maler anmeldete. David Vermissen trug einen dunkelgrauen Reiseanzug und hielt den Schlapphut in der Hand. Sein Auftreten war eckig, auf dem durchfurchten Gesicht lag finsterer Ernst. Er sprach abgemessen und schien verwundert, daß der Anwalt ihn mit freundlicher Lebhaftigkeit begrüßte. »Sie haben mir die Ehre erwiesen, mich herzubestellen.« »Ich danke Ihnen, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind, Herr Vermissen,« entgegnete Bendring und fügte mit absichtsloser Wärme hinzu: »Ich darf Sie beglückwünschen zu dem, was Sie geschaffen haben! Ich erkannte das Bild auf den ersten Blick als das Ihrige und freue mich, daß es Ihnen die verdiente Anerkennung gebracht, daß auch ein Institut wie die Nationalgalerie sich darum beworben hat ...« »Ja, ich habe die Wahl,« bestätigte Vermissen mit einem ironischen Tonfall. »Auch die Qual?« fragte der Anwalt. »Nein. Wenn Sie das Bild haben wollen – ja.« »Sie wollen nicht der Galerie –« »Die Galerie kann mir gestohlen bleiben! Pardon, es fuhr mir heraus. Ich wollte sagen: ich weiß die Ehre nicht zu schätzen. Ich habe mir die Sammlung angesehen, viel Geniales, vor dem ich verschwinde, viele Modesachen, die nicht mein Geschmack sind, viel Stümperei, die mich anwidert. Die Gesellschaft paßt mir nicht, und ich will nicht hinein, wenn ich nicht muß. Ich muß, wenn Sie ablehnen, denn ich arbeite um mein Brot.« »In diesem Falle betrachten Sie den Kauf als abgeschlossen.« »Ohne Handeln?« »Selbstverständlich.« »Hm ...« Der Maler sah zu Boden. »An dem Bilde klebt Schweiß,« murmelte er. »Sie werden es schätzen, die anderen würden daran vorübergehen. Es geht mir wie mit einem Kinde; man will sein Kind in Pflege wissen; von Verständnis, wenn es sein kann, von Liebe umhegt ... Herr – Rechtsanwalt, es wäre mir nicht um den Mammon wenn ..., ich habe das schon gesagt. Wenn es Ihnen zu viel ist, handeln Sie. Ich lasse nach. Ich habe kennen gelernt, wie wenig man braucht. Wenn Sie mir viertausend – – die verdammten Zahlen –« Bendring setzte sich ohne Umstände an den Schreibtisch. »Einen Augenblick. Entschuldigen Sie!« Er entnahm einem verschlossenen Fache des Tisches ein Checkformular, füllte es auf den Betrag von sechstausend Mark aus, wandte sich um und reichte Vermissen das Papier. »Deutsche Bank – bitte, wenn Sie sich hinbemühen wollen. Die Ausgabe übersteigt meine Verhältnisse nicht, und sie reicht an den Wert Ihres Bildes nicht heran.« Vermissen betrachtete den unscheinbaren schmalen Streifen. »Das hat nun Wert ... Das sind nun Tausende ... Ja, wer es so weit gebracht hat. So weit, ja, aber aus Eigenem, nicht – von Fremdem.« Er faltete das Papier langsam zusammen und schob es in die Innentasche seines Jaquetts. »Hm, ja ...« Er starrte vor sich hin. Unschlüssig stand er endlich auf, blieb in der Thür stehen und fixierte den Rechtsanwalt, dem das Gebaren des Gastes sonderbar erschien, lange und durchdringend. Vermissen faßte unbeholfen mit der Hand seitwärts und tastete an dem weichen Sammet der Thürportieren. »Herr – Herr Rechtsanwalt–« Er trat zögernd wieder in das Kabinett und schien in merkwürdiger Erregung mit sich selbst zu kämpfen. »Verzeihung, – ich – möchte noch nicht gehen. Ich, ich – möchte eine Frage an Sie stellen.« »Ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung, Herr Vermissen! Wollen Sie wieder Platz nehmen?« »Danke.« Er setzte sich schwerfällig. »Herr – Rechtsanwalt, Sie – haben mich einmal schwer gekränkt. Ich bin nicht schlecht gewesen. Schlecht nicht. Ich – hatte mich vergessen. Ja. Einmal. Damals. Aus Liebe zu ihr. Sie wissen ja. Haben Sie das vergeben?« »Seit ich bei Ihnen war! Sprechen Sie nicht mehr davon.« »Nein. Nicht mehr. Davon nicht ... Ich – – hätte einen Wunsch. Ich – möchte gut machen. An Ihnen. Haben Sie Zeit für mich, wollen Sie mich anhören?« »So lange Sie wünschen.« »Danke.« Vermissen sann. »Ich – war nicht immer so, wie ich heute bin. Ich bin erst so geworden. Und das kam nicht über Nacht. Das dauerte lange. Lange Jahre! Einmal – war ich jung und fröhlich und strebsam. Ich wollte das Höchste und ich sang und arbeitete. Ich ließ nicht nach mit dem einen noch dem anderen und ich kam vorwärts. Käufer und Meister kamen zu mir und feuerten mich an. Ich strebte dem Himmel zu mit Lachen, lachend dem Ruhm und lachend und stürmend – der Liebe.« Ein Hohn lag sekundenlang in seinen Zügen. »Die Liebe –« wiederholte er träumend. Er stützte den Arm aus, legte die Hand gegen die Stirn und erzählte, die Vorgänge und die Stimmung mühsam aus dem Gedächtnis heraufholend: »In Baden-Baden war's ... Ich hatte Italien durchwandert, als bei uns noch der Schnee lag, und die Blüten- und die Sonnenpracht aufgenommen in das junge, jubelnde Herz. Ich rieb mir die Augen, als ich in die Heimat zurückkam. Ich faßte nicht. Ich staunte. War ich immer noch unter dem sonnigen Himmel des Südens? War ich im Bogen gegangen und zurückgewandert nach dem Ausgangspunkt? Ich mußte mich besinnen und um mich schauen. Nein, es war doch nicht der Süden. Es war doch die Heimat. Daß ich solche Heimat mein nannte, hatte ich nie gewußt. Der Goldregen grüßte noch mit der Blütenfülle, die Syringen dufteten ... Kinder und Mädchen boten auf den Promenaden Maiblumen und Rosen zum Kauf. Deutsche Rosen, die Rosen mit dem unvergleichlich milden, die Sinne umschmeichelnden Duft. Ich pflückte Jasmin und Winden und die kleinen Mariensternchen, ich sah die Reben blühen und die Landschaft glühen und prangen im Sonnenschein. Ich atmete in den Wäldern, ich erstieg die Berge, ich schaute in das Land – weit – weit ... Es lockte mich hinaus, mit jedem Morgen früher; die Berge riefen, die im Laube versteckten Sänger, die Grillen im Grase, die sonnenvergoldeten Höhen, die webenden Nebel tief unten im Thal ... »Es zog und lockte den Menschen und den Künstler ... »Ein Punkt schien mir der schönste und liebste: die alte Burg. Ich träumte in den Ruinen von versunkenen Zeiten, ich träumte mir die Hallen und Gemächer belebt von alten Rittergestalten und sah von den Söllern und Zinnen edle blonde Frauen ausschauen in das dämmernde Geheimnis des fernen, bergig gezackten Horizonts. Auf dem Hofe tummelten sich die Mannen, und die zur Jagd bereite Meute kläffte ... »Ich malte die Gestalten, die da gewesen waren, und die Landschaft, die da war, die vor mir lag, in frischer, grüner Morgenpracht ... »Ich liebte den Aufenthalt auf der Höhe des Turmes, über mir den blauen Himmel, unter mir das Waldgrün der Berge und das paradiesische Thal. Ich stand oft an der einen Seite des Turmes; an der das Gemäuer und der Berg fast senkrecht abfielen und der Blick sich öffnete in die schwindelnde Tiefe. Dieser Blick gab und giebt ein einzig ergreifendes Bild von der Kühnheit der alten Geschlechter, die wie die Adler auf unzugänglichen Bergesspitzen hausten, die aus ihren Felsenspitzen herrschend hoch über dem Lande thronten und niederstiegen zu den Knechten wie aus einer anderen Welt. »Und an eine fremde Welt gemahnte mich eines Morgens eine Frau, die geräuschlos hinauf gekommen sein mußte und wie aus dem Boden gewachsen neben mir stand. Ein Weib, jung, schlank; goldblond und schimmernd das Haar, wie das tiefe Blau des Firmaments das große, strahlende, gebietende Auge; halb mädchen-, halb frauenhaft ihr Wesen.« Vermissen fuhr in maßloser Heftigkeit auf: »Das war die Versuchung, die mit ihren Goldschätzen mich blendete! Das war der Vampyr, der mir das Künstlerauge nahm, der mir das Blut aus den Adern zog! Der mir das frische Lachen gellen machte, den Sinn vergiftete, der mich altern ließ in verpfuschtem, verzerrtem Dasein! Das – war – der Teufel –!« Es preßte sich ihm heiser über die Lippen, und er mußte sich minutenlang unterbrechen, um sich zu sammeln. Bendring saß gespannt; aber er störte den erregten Gast mit keinem Laut. Er ahnte nicht, wo der Gast hinauswollte, er empfand nur, daß eine verzehrende Qual den Mann bis fast zum Erliegen niederdrückte, und in die Achtung vor der Tiefe des Schmerzes mischten sich ihm Mitleid und aufquellende Sympathie. »Ich ließ die Berge,« fuhr Vermissen stotternd fort, »ich ließ die Kunst! Unter die Menschen unten im Thal zog es mich, in den lärmenden Kurpark – an ihre Seite, an ihren Arm, an ihre schwellenden Lippen. Ich liebte das Weib, ich verschrieb die Seele dem Teufel in blühender Menschengestalt. »Wir fielen auf. Der große, feurige Künstler und das hohe, schlanke, jugendschöne Weib waren ein ideales Paar. »So flüsterten oder lachten die Gaffer, so glaubten sie's, so durchschauerte es mich. »Und wir wurden ein Paar. »Sie ging nach London. Ich mit ihr. »Ein englischer Priester traute uns. »Sie glänzte mit mir, ich mit ihr. »Wir waren in den Gesellschaften der umworbene Glanz- und Mittelpunkt. Wir streuten Huld aus, wir sonnten uns. »Sie war reich. Keine Laune blieb ihr, blieb mir versagt. »Wir reisten – bereisten die halbe Welt. »Das ewige Rom blieb uns eine dauernde Statt. »Fürsten, italienische und exotische, gingen bei uns in und aus. Die weiblichen Sterne der Aristokratie und der Bühnenwelt umschwärmten das blonde deutsche Ehepaar. »Und der Künstler von ehedem stellte sich schmachvoll in den Dienst der geistlosen Götzen. Er malte ihre Kleider, ihre Orden – ihre dummen Fratzen. Er wurde ein Porträtmaler, eine Modemaler, ein Schönklexer, ein flacher Larvenphotograph. »Er war es geworden im Rausche, er blieb es, so lange der Taumel ihm die Sinne umnebelt und befangen hielt. »Das dauerte lange. Das war ein Rausch von Jahren ... »Es kam ein fürchterliches Erwachen. »Ich erkannte die seelenlose Hohlheit, die gähnende Leere um mich. »Ich sah den Abgrund des geistigen Todes schreckensvoll vor mir aufklaffen. »Und ich floh! »Ich riß das Weib mit mir, das schöne, hohle, seelenlose Weib, das mich gebrochen hatte an Geist und Körper. »Ich stieß sie von mir, als die herbe, klärende Luft deutscher Berge mich umwehte. Als ich aufwachte und gesundete im Harzdufte der Tannen – – als ich ein deutsches Götterweib fand, das mich in seligem Beben erkennen ließ, wie weit ich mich verirrt hatte. »Ich suchte die Ketten, die mich gefesselt hielten, zu sprengen; ich warf das blendende Weib von mir und den Plunder, den ich ihr zu danken hatte. »Das reine deutsche Mädchen mit den tiefen Augen wurde mein Jungbronnen. »Ich trank durstig; ich verriet, was mich beseeligte. »Da klirrten die eisernen Enden, die Reste der gesprengten Fesseln, die ich mit mir schleppte. »Das Mädchen stieß mich von sich mit Entsetzen und Abscheu; ich war der Hölle entronnen und hatte den Himmel verloren. »In London fand ich mein Weib. »Die Ehe wurde getrennt, wo sie geschlossen worden war. »Die Frau blieb, ich zog nach Rom. »Ich suchte mein Können. Aber es schien verdorben, gestorben. Ich mußte ringen. Ich mußte von vorne beginnen, ein tastender, ein stümpernder Schüler. Ich konnte nicht erfassen, was ich sah, nicht wiedergeben, was ich fühlte und nicht in Eigenart und Wesen klar wie ehedem festhielt. »Dann kehrte die Kraft mir wieder und das Wollen, das starke Wollen. »Ich flüchtete in die Einsamkeit. »Ich saß die Wochen und die Monde und probierte. »Noch einmal störte mich, was hinter mir lag. Ein Rächer kam, der mir eine Todeskunde brachte. »Sie! »Die braunen Leute des armen Landes kamen, mich zu zerstreuen. Sie tanzten Czardas, sie strichen die Fiedel und sangen die heimischen Lieder. Ich verstand nur Brocken, aber ich wußte, was sie trieb. Und ich suchte ihnen zu danken dadurch, daß ich mich aufraffte. »Die spärlichen Fremden wurden von den Heimischen mißtrauisch gemustert, und eine Art unsichtbarer Wachtdienst hielt sie fern von mir. »Das freute mich, das machte mich im Elend glücklich. »Ich vergaß und genaß. »Ein Bild, das ich nach Wien brachte, fand, wonach ich lechzte, Anerkennung, und was ich brauchte, einen Käufer. »Die Not wich, und die Leute freuten sich mit mir, nein, mehr als ich. »Ich sandte das Seebild – mein bestes – nach meiner Heimat. Die Anerkennung in der Heimat sollte mir der Prüfstein sein. »Herr – Doktor, ich bin umhergestoßen worden in der Welt, und das Leben in meinem Herzen ist oft dem Sterben nahe gewesen ... der Heimat, meinem deutschen Vaterlande habe ich einen Platz tief im Innern bewahrt. Die Meinen grollen mir – – ich bin getrennt von ihnen, ich höre nichts von ihnen; aber ich habe sie nicht vergessen, und ich kann es nicht. Vielleicht –. Merkwürdig – ich glaube, der Mensch hält am Hoffen, so lange er atmet. »Ich zögerte; ich wollte die Reise heimwärts aufschieben bis zum letzten Augenblick. Ich war ja bescheiden geworden; schon der Gedanke an das Bevorstehende gab mir Befriedigung. »Dann kam der Tag, an dem die Ausstellung zu Ende ging. »Ich machte mich auf. »Wie stolz ist unsere Kaiserstadt geworden! Ich fühlte mich seltsam gehoben. Kein Leben aus vermorschten Ruinen; die gesunde, aus dem Vollen schöpfende Kraft, wohin das Auge sieht. Großartiges zum Teil, Frisches fast überall. »Ich wanderte der Ausstellung zu; ich sah die Flaggen wehen, ich sah den Glaspalast in dem Grün des Parkes. »Dann – glitt es wie Schatten vor mir hin, legte es sich wie ein Schleier über meine Augen ... Mir schwindelte ... Ich sah eine Gestalt vor mir über den Bürgersteig gleiten – ein Weib – ein dämonisches, schönes Weib – hoch, üppig, geschmeidig – – – O, ich kannte sie – – ich kannte die Teufelin wieder, die mich zum Elendesten der Menschen gemacht hatte – zu einer im Golde verkommenen, kriechenden Hundeseele ...« »Ihre ehemalige Gattin – hier in Berlin?« warf der Anwalt mit stockender Frage ein. »Ja, hier! Und, Herr Rechtsanwalt – ja, das wollte ich Ihnen sagen – nicht allein – – mit einem Manne – den ich schätze.« »Vermissen –!« Bendring hatte sich jäh erhoben. »Von wem – – von wem reden Sie?« fragte er fliegend. »Ich will hoffen, ich bin – rechtzeitig gekommen ...« Der Maler atmete schwer. »Rose –?« stotterte Bendring. »Ja! Rose Herlet, geborene Wellcomb – geschiedene Vermissen ...« »Herr Gott!« Bendring taumelte. »Nicht möglich! Nicht möglich!« stammelte er heiser ... Nein, nein! Sie müssen sich irren – müssen – müssen!« Vermissen schüttelte den Kopf. »Irren? Wäre das noch möglich?« fragte er... »Ja, ich wollte es! Aber es giebt kein Irren – – Das Satansweib vergesse ich nicht, und wenn ich verdammt würde, hundert Menschenalter auf dieser Erde umherzupilgern –« »Herr, sie ist meine Braut!« »So ... Ja. Also doch –! Also doch zu spät...!« »Herr Gott, sie hat gelogen!« schrie Bendring fassungslos. Vermissen sah groß und bedauernd auf den erschütterten Mann. Er schwieg ergriffen. »Gelogen!« wiederholte Bendring. »Vor mir! Vor dem Richter!« Er stöhnte im Entsetzen. »Ja, sie ist die Lüge ...« flüsterte David Vermissen. »Wenn – wenn –« stotterte Bendring, »auch – auch das andere – – Pfui! Und ich habe ihr geglaubt – Ich wollte sie reinigen von allem – – Gott im Himmel!« Jetzt verstand Vermissen nicht. »Vor dem Richter?« griff er fragend die eine Aeußerung auf. Der Anwalt antwortete nicht. Er mochte überhaupt nicht gehört haben. Er stand gegen die Balkonthüre gelehnt, den Arm schwer auf den Thürgriff gelegt. Sein Atem ging keuchend, die weitgeöffneten Augen hingen mit stierem Blicke am Boden. Er richtete sich mühsam auf und trat schwankend vor den Maler. »Bleiben Sie! Ich will zu ihr. Warten Sie auf mich. Ich – will Rechenschaft haben – von ihr – – von Ihnen. – Auf einer Seite ist die Hölle. – Ich weiß nicht, was ich rede. Das war kein Märchen, was Sie sprachen ... das nicht. Aber dann wäre sie – – Mein Glaube an die Menschen würde vernichtet werden für ewig!« David Vermissen legte beschwichtigend die Hand auf den Arm des Erregten. »Gehen Sie nicht so –« bat er. »Nein!« stieß Bendring wild hervor und schlug mit der geballten Faust nieder auf den Schreibtisch. »So nicht! Aber Sie verkennen mich ... ich vergehe nicht im Jammer ... ich fasse mich ... der Weg ist lang genug – – ich werde lächeln – ich werde heucheln zum erstenmal im Leben! Warten Sie oder kommen Sie wieder – ich werde zurück sein, sobald ich ihre Beichte gehört habe. Und Gnade ihr der Himmel, wenn – wenn – wahr ist – was ich ahne! – – Das Furchtbare! – Nein, das ich noch nicht glauben kann – noch nicht ...« Er achtete nicht mehr auf den Gast, stülpte einen Hut auf und stürmte hinaus. David Vermissen sank in einen Stuhl und wartete in dumpfem, schmerzvollem Brüten. Achtzehntes Kapitel. Der Rechtsanwalt war in der Gegend, in der er seit Jahren seine Privatwohnung hatte, eine bekannte Erscheinung. Er mußte sich mit aller Kraft zusammennehmen, um den Aufruhr in seinem Innern den ihm Begegnenden zu verbergen. Er gewann es nicht über sich, auf geradem Wege nach der Bellevuestraße zu gehen, sondern zog es vor, zur Wiedergewinnung des Gleichgewichts einen weiten Umweg durch den Tiergarten zu machen. Als er nach einer guten Stunde bei der Verlobten eintrat, lag in seinen Zügen ein Ausdruck kraftvoller Entschlossenheit, der von Rose Herlet sogleich bemerkt wurde und sie lebhaft beunruhigte. »Was ist?« forschte sie. Er streckte ihr nicht wie sonst die Hand entgegen, sondern musterte sie durchdringend und mit kaltem Mißtrauen. »Mein Gott, hast du die Sprache verloren?« fragte sie besorgt. »Willst du mir nicht die Hand geben?« »Nein!« entgegnete er hart. »Ich muß dich ersuchen, mir eine ernste Unterredung zu gewähren. Ist jemand von deiner Bedienung in der Nähe, so trage für Entfernung Sorge.« »Wie du befiehlst, mein Herr und Gebieter!« klang es spöttelnd. Sie befanden sich in einem kleinen Boudoir, dessen rote Seidentapete im Tageslicht matt aufglänzte. Rose Herlet schloß die das Zimmer von dem Salon trennenden Schiebethüren und ließ sich nervös in einen Sessel fallen. »Sprich!« forderte sie fast brüsk. »Ich habe eine merkwürdige Entdeckung gemacht,« begann er und mühte sich vergebens, ein Beben der Stimme zu bemeistern. »Sie läßt mir – dein Unwohlsein von gestern in einer Beleuchtung erscheinen, die – mich mißtrauisch macht ... Willst du die Güte haben, mir zu sagen, warum du vor dem – vor dem Bilde erschrakst?« Den Stahlglanz ihrer Augen belebte ein rasches, feindseliges Aufleuchten. »Ich nehme mir die Freiheit, aus deiner Frage zu schließen, daß du dir die Antwort bereits selbst gegeben hast!« entgegnete sie gereizt. »Allerdings!« bestätigte er mit heftigem Aufbrausen. »Und wenn ich noch gezweifelt hätte: die Lüge steht dir in diesem Augenblick auf der Stirn geschrieben! – Weib!« zischte er, und auch der Rest der mühsam behaupteten Beherrschung ging ihm unter in der Empörung. »Ich – ich verlange Rechenschaft von dir, was dich zu der Lüge getrieben hat! Rede – antworte! Und endlich – einmal – diesmal! – bleibe bei der Wahrheit ...« Sie tastete sich über das blonde Stirnhaar, und zwischen ihren Brauen vertieften sich ein paar Linien zu scharf gezeichneten Falten. »Und wenn ich die verlangte Antwort ablehne?« fragte sie trotzig. »Dann würde ich wissen, daß ich die Wahrheit von der anderen Seite hörte – von ihm – –« »So! Also er ist es, der abermals in meinen Weg tritt.« »Zu meiner Warnung – zu meinem Besten!« »Ja, natürlich. Es war ja nicht genug, daß er mich einmal elend machte –« »Oder du ihn!« warf er energisch ein. »Ja – ich ihn ... Was kamst du zu mir, was fragst du mich, wenn du mein Urteil schon gesprochen hast?« »Beliebe, mir Auskunft zu geben! Strafe ihn Lügen, wenn du kannst!« »Nein, ich kann nicht!« fuhr sie auf. »Und ich will nicht. Ich hatte den Wunsch, das Geheimnis zu wahren – – ist es gelüftet: Ja denn! Ja! Ich war die Frau des – des Stümpers, den ich zu mir emporheben wollte, des Elenden, der mir den Ring vor die Füße warf und noch nach Jahren wiederkommt und mich niedertreten will mit seiner Rache. Aber nein! so leicht ergebe ich mich nicht! So leicht nicht! Was weißt du – was zwischen uns – ihm und mir – geschehen ist! Er hat gesprochen, ja, aber jedes seiner Worte nahm seine Partei. Fritz –!« Sie richtete sich aus der lehnenden Stellung auf und stieß die Worte in heißer Wallung über die Lippen: »Fritz! Ich liebe dich, so lange ich dich kenne. Und du – du glaubst dem andern, ohne mich erst zu hören! Das thut weh, das ist grausam hart!« »Spare die Komödie!« wehrte Bendring verächtlich. »Du hast geschauspielert vor mir und vor dem Gericht – es ist mehr als genug!« Rose Herlet trat in leidenschaftlicher Empörung dicht vor ihn hin. »Sittenrichter, kurzsichtiger! Bist du verblendet? Muß ich dir die Augen öffnen, daß der, der mich anzuklagen wagt, gefrevelt hat an dir und mir – vor Jahren zuerst und heute wieder? Muß ich dir zuschreien, was ich – um deinetwillen – für immer für mich behalten wollte? Daß er mich verließ um des Mädchens willen, das deine Braut werden sollte? Und tausendmal mehr als das: daß er das junge Weib herabwürdigen wollte zur ehrlosen Dirne? Ich wollte schweigen, ich wollte nicht die Schatten heraufbeschwören, die dich verletzen mußten! Das schrieb mir mein Verhalten vor, nichts anderes!« »So, das ließ dich lügen ... Aber du logst virtuos, du logst mit klarer Stirn ... Ich – glaube dir nicht!« betonte er mit eiserner Härte. »An den Abgrund hast du ihn gebracht, an den Abgrund mich! – Lügnerin!« schrie er auf. Sie streckte die Arme nach ihm aus. »Fritz, komm' zu dir!« Er stieß sie rauh von sich. »Berühre mich nicht!« Er zog den Verlobungsring vom Finger und hielt ihn ihr hin. »Da! Gieb mir den meinen. Ein Band, das die Lüge geschlossen hat, hält nicht ...« Ihr Antlitz verzerrte sich. Sie schlug nach seiner Hand, daß der blitzende Goldreif auf den Teppich fiel. »Ich bin für dich eingetreten mit geheiligter Ueberzeugung,« stöhnte er. »Und du saßest da mit der kalten, frechen Lüge im Herzen! Barmherziger Gott – – Weib! Wo fing die Wahrheit an und wo hörte sie auf? Mir ahnt – mir ahnt–« Er starrte auf sie, als sähe er ein Gespenst. Die Lippen flogen ihm. »Lüge – deine Karten, Lüge – der Aufenthalt in – in – – Weib, wo warst du am – am – – ich – ich mag den Tag nicht nennen – den grauenvollen Tag! Wo, wo warst du, daß du lügen – daß du mir deinen Aufenthalt verbergen mußtest? Wenn noch ein Funke von Wahrheit in dir ist: sprich! Und wenn du mich je geliebt hast – und wenn es – wenn es Grauenvolles ist, was du auf dich geladen hast – Wahrheit! Wahrheit, sag mir die Wahrheit!« Ihre Züge waren plötzlich marmorfarben und hart. Aber sie stand straff und fest vor dem erschütterten Manne, und eine grausame, brutale, tödliche Entschlossenheit lag in ihrem dämonischen Starren. »Wenn du es denn wissen willst!« sagte sie langsam und klar, und jedes Wort traf den Anwalt wie ein ins Herz gezielter Dolchstich. »Ja, ich bin die Lüge! Ich bin's geworden um deinetwillen! Ich war nicht in Nizza, ich war vorübergehend in Paris, dazwischen – in Deutschland, in deiner Nähe, am Plöner See!« Das plötzliche, furchtbare Geständnis traf ihn vernichtend. Er taumelte zur Seite und schlug wie ohnmächtig auf eine seidenbedeckte Chaiselongue. Sie glitt lautlos zu ihm hin und fiel in die Kniee. Ein heißes Stammeln drang an sein Ohr. »Ich haßte sie! Ich konnte nicht anders. Den einen hatte sie mir genommen – den andern auch. Dich auch! Jeder Schlag meines Herzens gehörte dir – ich wäre wahnsinnig geworden, hätte ich sie dein gewußt! Alles hätte ich von mir geworfen – Reichtum, Achtung, Ehre – hätte ich deine Liebe behalten können. Ich bereue nicht, was ich gethan habe! Ja, ich würde es in dieser Stunde noch einmal thun – im Hasse wie damals! Nein, um hundert Leben wäre es mir nicht schade – um deines nicht, um meines nicht! Vergiß, Fritz – vergiß, was geschehen ist – vergieb der Liebe, die töten mußte, weil sie nicht entsagen konnte – die stark war bis zum Töten! Nenne Wahnsinn, was ich gethan habe – aber stoße mich nicht von dir um meiner Liebe willen!« Seine Hände krampften sich in die Seidendecke, er erhob sich ruckweise. Fieber des Entsetzens schüttelten ihn. »Laß uns fliehen!« fuhr sie fort. »Niemand als Blanche weiß, was geschehen ist – niemand wird es hören! Die Welt ist groß – fliehe, fliehe mit mir!« Er horchte wie abwesend. Der Name der Freundin klang ihm gellend im Ohre nach. Blanche weiß! »Erkauft! Das feile Geschöpf um Geld,« keuchte er abgerissen. Sie legte die Hand auf seinen Arm. Wie von einer Viper gestochen, schüttelte er sie ab. Er sprang taumelnd auf. Ein Nipptisch schlug dumpf zu Boden, eine halb gefüllte Tasse, die darauf gestanden hatte, ergoß ihren Inhalt über den Teppich. Er floh vor dem knieenden Weibe in eine Ecke des Zimmers und hielt einen Stuhl wie zur Abwehr vor sich. »Meineidige! Mörderin!« Er lallte es, ließ den Stuhl umfallen und eilte taumelnd nach dem Ausgange. Er wußte nicht, wie er die Treppe hinab, und nicht, wie er in eine Droschke und nach Hause kam. Neunzehntes Kapitel. David Vermissen fuhr aus tiefem Sinnen aus und starrte nach der Thür. Gegen die Holzrahmung gelehnt stand der Anwalt, barhäuptig, das Haar wirr, die Augen dunkel umrandet und tief in die Höhlen gesunken. »Mein Gott!« stotterte der Maler. Bendring schien ihn nicht zu erkennen, nicht einmal zu sehen. Er schob sich wie gelähmt vor, schwankte nach dem Schreibtisch und stützte sich mit beiden Händen auf. Der Atem ging ihm pfeifend, auf der Stirn stand ihm der Schweiß in Tropfen. Er fiel schwer in den Schreibsessel und vergrub den Kopf in beide Hände. Ein Schluchzen schüttelte den Körper, ein unverständliches Lallen hauchte über die Lippen. Vermissen trat an den Tisch. »Herr Rechtsanwalt!« rief er den Verzweifelten an. Bendring gab keine Antwort. Er verharrte in unveränderter Stellung, schien nicht einmal den Ruf vernommen zu haben. »Herr Rechtsanwalt!« wiederholte Vermissen laut. »Nicht diesen fassungslosen Schmerz! Wenn Sie eine Freundeshand brauchen, die Sie drücken können in Ihrem Kummer – nehmen Sie die meine!« Der Anwalt horchte. Die Hände lösten sich langsam, und ein in Thränen schwimmendes Augenpaar blickte suchend auf den Maler. Eine Hand glitt mit den Nägeln kratzend über den Schreibtisch und streckte sich Vermissen hin. »Ich – ich – ich habe – Furchtbares erlebt!« stöhnte Bendring heiser. »Wenn Sie mich mit Ihrem Vertrauen ehren wollen, sprechen Sie sich aus – der geteilte Schmerz läßt sich leichter tragen!« drängte Vermissen warm. Bendring nickte abwesend. »Bleiben Sie! Schützen Sie mich – vor mir selbst. Ich habe alles, verloren – die Tote noch einmal, noch grauenhafter – ich – ich könnte mich selbst verlieren. Bleiben Sie – raten Sie mir. Nein, nicht raten. Ich weiß, was ich zu thun habe. Sagen Sie mir – ja, ob es recht ist. Nein, auch nicht. Ich weiß es selbst. Ich weiß nicht, was ich spreche. Lassen Sie mir Zeit. Wie kommen Sie her? Daß ich – noch fragen kann.« Er grübelte angestrengt. »Ha – halten Sie mich für – einen – einen ehrlichen Menschen?« stieß er gepeinigt hervor. »Bei Gott, ja!« »Ja,« wiederholte der Anwalt. »Ja. Ich habe nicht – bewußt gefehlt. Ich habe das Recht gewollt. Immer. Zuletzt auch. Ich habe nicht geglaubt, daß sie lügen konnte. Nein, ganz gewiß nicht. Ob sie es mir glauben werden? Ob sie es mir verzeihen werden? Denken Sie noch daran, wie ich zu Ihnen kam? Was ich wollte von Ihnen? Hedwig war's, die gehaßt wurde, nicht ich. Das Weib, das teuflische Weib vollbrachte die Unthat, nicht der Mann, nicht Sie!« Der Maler fuhr in bodenloser Ueberraschung auf. »Was reden Sie da?« fragte er stürmisch. »Rose hat – das Weib hat –?« »Hedwig – ja!« bestätigte Bendring in wühlendem Schmerz. »Ja! Aus Liebe zu mir. Als ob die Liebe morden könnte! Liebe –!« Er lachte in erschütterndem Hohn. »Die Liebe der Tigerin! Und ich, Vermissen, ich – habe ein entmenschtes Weib für gut gehalten, sie – der Welt zurückgegeben, mich ihr zu Füßen gelegt. Ich – ich – Gott, wenn ich es leugnen könnte – ich – habe sie geliebt! Sie hat die Tote aus meinem Herzen verdrängt – Sie, Sie haben Hedwig mehr geehrt als ich!« »Die Tote hat den Frieden, Bendring. Und sie hat nicht gesehen, was kam, seit sie gegangen war. Es kann sie nicht kränken, und es darf Sie deshalb nicht bekümmern. Ihr Kummer ist groß genug, vermehren Sie ihn nicht durch kranke Selbstqual. Ich verstehe noch immer nicht ganz. Verzeihen Sie mir. Sie wissen ja, ich habe abseits gelebt, weit abseits, und Nachrichten, die mich interessiert hätten, haben mich nicht erreicht. Auch keine, die in den Zeitungen standen – ich war in der Arbeit – ich las die Blätter nicht. War – war das Weib angeklagt, das in unser beider Leben getreten ist?« »Ja, Vermissen. Angeklagt – des Mordes! Und ich – ich habe sie vor den Richtern und der Welt verteidigt! – ich die Schuldige! – ich beigetragen zu dem Freispruch der Blutbefleckten! – ich ihr in namenloser Verblendung die Hand geboten, die Hand fürs Leben!« Der Anwalt griff aufschnellend nach einer Feder. Er legte einen Bogen vor sich und wollte schreiben. Aber die Hand flog ihm. Der Federhalter tanzte über dem Papier. Bendring sprang auf. »Vermissen, ich weiß, was ich zu thun habe!« redete er hastig. »Nehmen Sie meinen Platz ein, schreiben Sie, was ich Ihnen diktiere. Es muß klar werden in mir. Es muß Recht werden! Das Recht muß Recht bleiben, auch wo es hart ist! Ja, wo es hart ist –« Der Maler verstand ihn. Er setzte sich schweigend. Auch ihm wurde das Schreiben schwer; aber es ging. »An den Untersuchungsrichter Herrn Landgerichtsrat Vries in Kiel,« diktierte Bendring fliegend. »Kiel,« wiederholte Vermissen. »Herr Landgerichtsrat! Der unterzeichnete Rechtsanwalt bekennt hiermit – hiermit –, daß er in der Verteidigung der Angeklagten – – Name! – – das Opfer eines Irrtums geworden ist. Frau – – Name! – – hat ihm heute das Geständnis abgelegt – abgelegt –, daß sie des Mordes an – an Hedwig von Viersen – Viersen – schuldig ist!« »So!« Er malte groß und ungelenk seinen Namen unter das inhaltschwere Schriftstück und taumelte zurück. »Couvertieren Sie – senden Sie ab!« forderte er. »Ja ...« Vermissen that mechanisch, wie von ihm verlangt worden war. »Herr Rechtsanwalt,« sagte er, ehe er ging, »darf ich morgen wiederkommen? Ich weiß, wie gut es thut, wenn zwei fremde Schultern einen Schmerz tragen helfen. Sie haben Furchtbareres erlebt als ich, und dieser letzte Schritt, der Schritt zur Sühne, mag Ihnen – das Schwerste geworden sein. Ja, das Schwerste. Lassen Sie mich Ihnen morgen wiederholen, daß ich zu Ihnen stehe, daß Verständnis und Achtung Sie stützen möchten zum Ueberwinden. Darf ich wiederkommen?« »Mit Freundesrecht!« erklärte Bendring, im Tiefsten erschüttert. Der Maler ging stumm. Früh am andern Morgen kam er wieder. Der Anwalt schlief erschöpft bis in den Tag. Vermissen reichte ihm, als er sich spät erhoben hatte, ein Zeitungsblatt. »Tot –?« fragte Bendring in atemraubender Ahnung. Der Maler nickte. »Ja.« Bendring las nicht. »Später,« sagte er. Er nahm nichts zu sich »Kommen Sie,« forderte er Vermissen auf. »Hier ist es zum Ersticken. Wir wollen hinaus.« Und die beiden Männer gingen zum erstenmale zusammen, wie sie in Jahren noch oft auffielen: in sich vertieft, einen weltabgekehrten Ernst auf den herben, ausdrucksvollen Gesichtern.