Ernst Wichert Für tot erklärt I. Auf der Kurischen Nehrung. Federzeichnung von Ernst Wichert. Wer von den Lesern kennt die Kurische Nehrung? Vor fünfzig Jahren, als man in Deutschland noch von den Eisenbahnen nichts wußte, die jetzt das weite Land mit ihren Netzen überspannen und selbst nach den fernsten Grenzen ihre Doppelfäden ausstrecken, als man in Ostpreußen selbst die Chausseen nur vom Hörensagen kannte, führte die große Poststraße, welche hauptsächlich den Personen- und Güterverkehr mit Riga und Petersburg vermittelte, über die Kurische Nehrung. Königsberg und Memel waren die Hauptstationsorte dieser belebten und doch so einsamen Straße. Jetzt sind die alten Wagengleise längst vom Flugsand verweht, die struppigen Weidenstämme, welche zu beiden Seiten den Weg über die Sandberge hin bezeichneten, bis auf geringe Reste ausgestorben und begraben. Kurze Strecken ausgenommen, deren festerer Untergrund bleibendere Eindrücke gestattet, muß jeder folgende Wanderer sich einen neuen Pfad, an der Schälung der See entlang oder durch den tiefen und losen Sand der Dünen, nach dem Haffufer hinüber suchen. Aber selten genug sehen die Bewohner der wenigen Ortschaften, welche in meilenweiten Entfernungen voneinander anzutreffen sind, einen Gast, es müßte sich denn einmal ein wißbegieriger Tourist den Strapazen einer so wenig erquicklichen Strandreise aussetzen, um etwa seine geologischen Studien zu vervollständigen, wozu diese eigenartige Wüstenei allerdings reiches Material gibt. Handlungsreisende, die in der freundlichen und belebten Seestadt Memel ansprechen wollen, treffen im Sommer täglich ein Dampfboot, das sie in sechs Stunden über die ganze Länge des Kurischen Haffs trägt. Die Fahrt geht meistens ziemlich nahe der Nehrung entlang, deren Konturen sich daher gut beobachten lassen. Das Auge findet wenig Abwechslung. Lichter und lichter wird der schwarze Tannenwald, der in der ersten Stunde die Anhöhen bedeckt und sich bis zum Haff hinabzieht. Dann heben sich die blendendweißen, langgestreckten kahlen Sandberge höher und höher und scheinen endlos aufeinanderzufolgen. Düne an Düne, und kein Leben darauf erkennbar, es müßte denn ein scharfer Nordwest den Flugsand von den Kämmen abwehen und in Staubwirbeln vor sich hintreiben nach dem Haffufer hinunter, oder bei klarem Wetter der Schatten der vereinzelt am Himmel hinziehenden Wolken wie eine dunkle Riesengestalt über die im Sonnenlicht grell leuchtenden weiten Flächen wandern. Nur hin und her machen sich in tieferen Taleinsenkungen oder am Saum des Haffs entlang kleine Weideplätze bemerklich, deren fahles Grün dem geblendeten Auge recht freundlich erscheint. Ein paar kleine und magere Pferde grasen dort, der nächsten Dorfschaft gehörig, die mit einigen niedrigen Fischerhütten, meist von Holz und ohne Rauchfang, eine Stunde später sichtbar wird. Tiefe Einsamkeit ist der Charakter der Gegend. Das jenseitige Ufer ist anfangs entfernt, so entfernt, daß der Blick kaum dahin reicht. Aber je weiter wir nordwärts steuern, desto näher tritt es uns. Schon erkennen wir hinter den schwarzbraunen, mit glitzernden Wassergräben durchzogenen Torfmooren auf den sanft ansteigenden Anhöhen Wälder, Felder, Häusergruppen und Kirchtürme. Gegen die Einöde zur Linken erscheint jene Gegend wie ein ferner Paradiesgarten. Aber die flachshaarigen Fischerkinder, die sich nahe dem Haffstrande in ihren heimatlichen Sand eingewühlt haben und aus kleinen Binsenstückchen einen Garten abstecken oder auf einer vom letzten Hochwasser zurückgebliebenen Pfütze ihre Korkschiffchen schwimmen lassen, sehen nicht sehnsüchtig hinüber. Ihnen ist die Welt auch hier schön. Das Dorf zieht sich mit seinen zehn oder zwölf einzeln stehenden hölzernen Fischerhäusern lang am Haffstrande hin. Das Stroh der Dächer ist grau und verwittert, stellenweise mit braungrünem Moos bewachsen; die kleinen Fenster mit grünglasigen Scheiben lassen nur spärlich das Sonnenlicht in den inneren Raum. Hin und her beschattet ein Weidenbaum den Haupteingang oder einen kleinen eingehegten Platz seitwärts. Stangengerüste zum Aufhängen und Trocknen der Netze reichen bis zum Wasser und teilweise in dasselbe hinein. Auch einige Fischkästen schwimmen dort. Hinter den Hütten versucht eine schmale Schonung von niedrigem Ellerngebüsch den Flugsand aufzuhalten. Aber im Norden hat sich bereits eine mächtige, mehr als hundert Fuß hohe Düne weit vorgeschoben und das letzte Haus halb eingesargt. Sie wandert in jedem Jahre weiter und wird nach kaum einem Menschenalter vielleicht das ganze Dorf bedeckt haben. Es wäre nicht das erste, das auf solche Weise von der Nehrung verschwunden ist. Das letzte Haus ist halb verschüttet. Es wird nicht mehr bewohnt und hat das Aussehen einer Ruine. Das morsche Dach ist zur Hälfte unter der Last des Sandes eingesunken, die Verbindung der Balken auf der entgegengesetzten Seite stark gelockert. Fenster und Türen zeigen sich mit einigen Brettern verschlagen, die sich aber zum Teil ebenfalls schon wieder von den verrosteten Nägeln losgemacht haben und ihr Spiel im Winde treiben. Warum bricht man das alte unbrauchbare Haus nicht lieber ganz ab und verwendet das Material anderweitig? Vielleicht scheut man sich, der drohenden Düne den letzten Widerstand aus dem Wege zu räumen; vielleicht hat's damit noch eine andere Bewandtnis. Vor mehreren Jahren war der Sandberg noch ziemlich fern; dieses letzte Haus galt für das sauberste in der ganzen Reihe. Es hatte damals sogar blaugestrichene Fensterläden, und auf dem freien Platz vor der Tür war ein mit langem roten Wimpel gezierter Mastbaum in den Boden eingelassen und mit Takelage versehen, als ob er einem kleinen Schiffe angehörte. In dem Hause wohnte der alte Peter Klars und seine Schwiegertochter, die schöne Annika, mit ihrem kleinen Söhnchen. Ihr Mann, der junge Peter Klars, fuhr auf einem Memeler Schiff als Matrose und brachte von Zeit zu Zeit seine Ersparnisse heim, auch wohl hübsche rote Tücher aus England, mit denen Annika sich gern schmückte, besonders wenn sie mit Fischen zu Markt oder Sonntags einmal nach ihrem litauischen Heimatdorf übers Haff fuhr. Die Klars konnten in ihrer Art für wohlhabend gelten. Damals war der alte Klars trotz seiner achtundsechzig Jahre noch rüstig genug, den großen offenen Fischerkahn, auf den er sich bei Abtretung des Häuschens an seinen Sohn ein Mitbenutzungsrecht als Ausgedinge vorbehalten hatte, mit geübter Hand durch den Sturm zu steuern, tage- und nächtelang auf offenem Wasser umherzutreiben und die schweren Netze aufzunehmen. Es war ihm lieb gewesen, als sein Sohn nicht lange nach der Hochzeit den Versuch aufgegeben hatte, sich in das Kleinleben eines Nehrunger Fischers wieder hineinzugewöhnen und ihm eines Tages, als sie vergebens auf eine gute Brise Wind lauerten, seinen Entschluß kundtat, noch einige Zeit in See zu gehen, da es für sie zwei hier doch nicht genug zu tun gäbe. Er hatte seinen Peter, als er heiratete, unbedenklich schon bei Lebzeiten in sein Erbe eingesetzt, aber da er nun nicht Gebrauch davon machen wollte, kam es dem Alten recht gelegen, wieder die Führung übernehmen zu können und in gewohnter Weise fortzuwirtschaften. Freilich nicht ganz in gewohnter Weise; denn die junge Schwiegertochter blieb ihm im Hause und sorgte für seine Bequemlichkeit viel aufmerksamer, als seine alte Barbe es je verstand, die nun schon lange unter dem Sande schlief. Es wurde ihm noch einmal recht behaglich in der niedrigen Stube mit den braunen Holzwänden und der schweren Balkendecke, wenn er heimkehrte und den Fußboden mit feinem, weißen Sande ausgestreut und den Tisch sauber gescheuert fand, oder wenn die hübsche Frau abends neben ihm am Spinnrade saß und ihm ein Kapitel aus der alten Familienbibel vorlas. Er war ordentlich ein wenig verliebt in die hübsche Frau und suchte ihr's an den Augen abzusehen. – Als nun gar einmal, nachdem er wieder wochenlang mit dem Kahn auswärts gewesen war, zwischen den roten und blauen Astern am Fenster ein ganz kleines Kindergesicht erschien und mit munteren Augen auf den blanken Wasserspiegel hinaussah, und er vor Freuden wie versteinert stehenblieb und gar nicht eintreten konnte, und die junge, bleiche Mutter nun bis zur Tür kam, und ihm den prächtigen Buben auf den Arm legte, da war es ihm, als ob er nicht einmal so gerührt gewesen, als seine Frau ihm vor fünfundzwanzig Jahren seinen eigenen Sohn brachte, nachdem er auf Kindersegen in seiner Ehe schon gar nicht mehr gehofft hatte. Nun betrachtete er sich in allem nur als Verwalter des jungen Herrn, der natürlich ebenfalls Peter getauft werden mußte, wie's seit unvordenklicher Zeit in dem letzten Fischerhause immer nur Peter Klars gegeben hatte und natürlich in alle Ewigkeit geben sollte. Annika wäre ganz zufrieden gewesen, wenn sie den Knaben nur einmal ihrem Manne hatte zeigen können. Sie hatte sich wohl auch sonst nach ihm still gesehnt, wenn Wochen und Monate vergingen, ehe er wieder einen kurzen Urlaub benutzte, bei ihr anzusprechen, aber so heftig war ihre Sehnsucht nie gewesen als jetzt. Es lag nicht in ihrer Natur, sich traurige Gedanken zu machen oder zu grämen; aber sie hätte wer weiß was darum geben mögen, wenn sie nicht allein hätte sehen müssen, wie der prächtige Junge sich täglich kräftiger entwickelte und immer hübscher wurde und lachen und endlich gar aufrecht sitzen lernte. Das entgeht ihm nun alles, dachte sie tausendmal; und so, wie er heute ist, ist er nie wieder, und der arme Peter kann nun gar nicht wissen, wie er früher ausgesehen hat. Zum erstenmal fiel ihr ein, daß es doch eigentlich besser gewesen wäre, wenn ihr Mann das Seefahren aufgegeben und sein Väterliches übernommen hätte. Warum hatte denn der junge Peter Klars keine Ruhe zu Hause gehabt? Das hatte freilich seine Gründe, die weiter zurückreichten, als bis auf den Tag, wo der junge Seemann sich über die Windstille auf dem Haff ärgerte und seinem Vater gewisse Eröffnungen machte, die demselben gar nicht unlieb waren zu vernehmen. Der junge Peter Klars war anfänglich gar nicht zum Seemann bestimmt gewesen, und solange seine Mutter lebte, durfte davon auch nicht einmal die Rede sein. Es hatte sich immer ganz von selbst verstanden, daß Peter ein Fischer werden würde, wie sein Vater, und seiner Zeit das Fischerhaus mit Zubehör zu übernehmen hätte, wie es einmal der alte Klars von seinem Vater übernommen hatte. Schon als Knabe hatte er freilich eine ganz besondere Vorliebe für die See gehabt und sich oft, wenn der Sturm von Nordwesten her heulte und gewaltige Schaumwellen aufs Land trieb, über die Sandberge an den Strand gewagt und mit rechter Lust dem Unwetter ausgesetzt. Auch bei gelegentlichen Besuchen in der Seestadt hatte er nie versäumt, die auf der Reede und im Hafen liegenden großen Schiffe aufmerksam zu betrachten und bei den Matrosen über das Leben und Treiben auf der See Erkundigungen einzuziehen. Dann war ihm sein Fischerkahn recht winzig und erbärmlich vorgekommen; und wenn er gar von den fremden Ländern und Städten gehört hatte, die man zu Schiffe erreichen könne, wenn man viele Wochen lang unterwegs sei, war ihm das Haff mit seinen nahen Begrenzungen ganz widerlich geworden und all sein Mühen kleinlich erschienen. Dann hatte er wohl von der Möglichkeit geträumt, daß auch er nicht an seine Sandscholle gebunden sei und in die weite Welt hinaus könne. Aber zu dem ernstlichen Entschlüsse war er erst gekommen, als er sein zwanzigstes Lebensjahr bereits zurückgelegt hatte, und da hatte eine ganz besondere Veranlassung mitwirken müssen, um alle Bedenken zu beseitigen und die Macht der Gewohnheit zu besiegen. Um es kurz zu sagen, Peter Klars hatte die schöne Annika kennengelernt, die drüben in dem großen Kirchdorfe seit kurzem bei ihrem Onkel, dem Wirt Endoms, als Magd diente. Das Dorf lag eine kurze Strecke landeinwärts an dem Flüßchen, das sich ins Haff ergoß und eine Meile bis zum nächsten Marktorte schiffbar war. Man fuhr gewöhnlich mit dem großen Segelboote über Haff bis zur Mündung des Flüßchens, die durch einen weit vorspringenden Haken geschützt war und so als Hafen dienen konnte, lud dann die Fische in ein kleines, schmales und wenig tief gehendes Fahrzeug um und suchte sich mit demselben bald segelnd, bald rudernd, bald mit Stangen schiebend oder treidelnd über die vielen seichten Stellen und sonstigen Hindernisse hinwegzubringen. Der Hof des Endoms lag zunächst dem Haff, und der Treidelsteig führte dicht an der Haustür vorüber. Dort hatte Peter Klars die schöne Annika eines Morgens gesehen, wie sie aus dem Flusse Wasser schöpfte. Sie war damals noch sehr jung und auffallend fein gebaut; es hatte ihr offenbar Mühe gemacht, den schweren Eimer mit Wasser hinauszuheben, und der junge Fischer hatte eiligst die Treidelleine fallen lassen und ihr aufgeholfen, was sie mit verschämtem Dank lohnte. Seitdem waren die Markttage für unsern Nehrunger von ganz besonderer Bedeutung geworden. Hätte er stundenlang am Ufer warten müssen, er wäre an dem Hause des Endoms nicht vorübergefahren, ohne wenigstens einen flüchtigen Blick von der Annika zu erhaschen. Sie war so zierlich in ihrer ganzen Erscheinung, so anmutig in allen ihren Bewegungen! Sie war gekleidet wie alle litauischen Mädchen, aber er glaubte diese Tracht noch nie vorher gesehen zu haben. Wie das blaue Kopftuch das blonde Haar und das feine Gesicht einrahmte, die schwarze Sammetjacke, bis rund um den Hals geschlossen, die zart geformte und doch volle Gestalt heraushob, das hinten über dem grünen Unterrock hoch aufgeschürzte Gewand mit der bunten Stoßkante die Hüften umzog und vorn in einer tiefen Falte niederglitt, die weißen, auf den Achseln und am Handgelenk gestickten Ärmel im Sonnenschein leuchteten – so schmuck war ihm noch nie die Kirchentoilette einer Litauerin vorgekommen. Wie eine Prinzessin aus dem Märchen erschien sie ihm im Traum und Wachen, und er kam sich recht häßlich neben ihr vor in seiner grauen Schifferhose und rotgeblümten Weste und mit den schweren Holzpantoffeln auf den braunverbrannten nackten Füßen. Sie war zum Glück, wie er bald in Erfahrung brachte, eine arme Prinzessin, und das machte ihm wieder einigen Mut. Ihr Vater war Wirt an der Grenze gewesen, hatte aber bei einem unglücklichen Schmuggelzuge seine sämtlichen Pferde eingebüßt, sich dann in Schulden gestürzt und zuletzt zusehen müssen, wie sein Hof subhastiert wurde. Er lebte nun als Tagelöhner und Schmuggler in einem Grenzdorfe, dem Trunk ergeben und außerstande, seine Familie zu ernähren. Annika hatte kein Erbe zu erwarten: sie konnte froh sein, daß ihres Vaters Bruder sie als Magd zu sich ins Haus nahm und für sie sorgte. Eine kleine Holzkiste mit Wäsche und Kleidern, in besseren Zeiten angeschafft, als das Schmuggelgeschäft noch blühte, war ihr einziges Besitztum. Peter Klars wurde dreister. Das Anschauen genügte ihm nicht mehr; er suchte und fand Gelegenheit, das Mädchen zu sprechen. Und da war es nun bald um seine Ruhe gänzlich geschehn, denn sie erwies sich freundlich gegen den hübschgewachsenen Menschen mit den offenen, treuherzigen, blauen Augen, die ihr wohl besser als Worte sagen mochten, was er für sie empfand. Er sprach das Litauische nicht gut, und sie lachte oft über ihn recht herzlich; aber dann zeigte sie ihm auch die kleinen, blendendweißen Zähne, und er hatte gar nichts dagegen und lachte mit. Sie verstanden sich recht gut. Arm war die Annika allerdings, aber auch schön, und das bemerkte der Peter Klars nicht allein. Schönheit ist gesucht wie Reichtum. So fehlte es auch dem Mädchen nicht an Bewunderern aller Art, die sich an sie drängten und ihr Schmeicheleien sagten und ein freundliches Lächeln zu erhaschen suchten. Da war ihr mancher Wirtssohn auf Stegen und Wegen nach, aber der gefährlichste von allen, die sich um Annika bemühten, war doch der Sohn des deutschen Krügers, weil er's gleichfalls ernst zu meinen schien. Der deutsche Krüger war der wohlhabendste Mann in der ganzen Gegend. Er besaß zwei Bauernhöfe und machte kleine kaufmännische Geschäfte, die ihm viel Geld brachten; auch seine Krugstube war immer gefüllt. Er selbst war schon in vorgerücktem Alter und sehr kränklich, aber seine noch recht rüstige und energische Frau führte mit starker Hand die weitläufige Wirtschaft und wußte sich überall in Respekt zu setzen. Ihr einziger Sohn, einst der Erbe ihrer ganzen Verlassenschaft, war Konrad, ein ziemlich schwächlicher und gutherziger Mensch. Konrad Hilgruber und Peter Klars waren die besten Freunde schon vom Konfirmandenunterricht her, den Peter bei dem Pfarrer des Dorfes genossen hatte. Konrad war beim Präzentor in die Schule gegangen und wußte mancherlei, was den kleinen, wißbegierigen Nehrunger interessierte, und Peter andererseits konnte immer etwas Neues von seinen Haffahrten und Fischzügen erzählen. So fanden sie sich jedesmal zusammen, und Peter mußte oft, wenn das Haff für die Rückfahrt zu stürmisch war, oder im Winter ein zu dichter Nebel darüber lag, beim Krüger über Nacht bleiben, ohne daß es den alten Klars etwas kostete. Da Peter ein stiller und bescheidener Knabe war, hatten Hilgrubers gegen diese sich immer herzlicher gestaltende Freundschaft nichts einzuwenden gehabt, und es gern gesehen, wenn er auch später auf jeder Reise ansprach oder bei gutem Wetter hin und her einmal ihren Sohn nach der Nehrung mit hinübernahm, was für Konrad jedesmal ein Fest war. Auch als nach einigen Jahren der Krüger starb und Frau Hilgruber nun allein die Wirtschaft übernahm, Konrad aber zu einem deutschen Landwirt in der Nachbarschaft gegeben wurde, um etwas Praktisches für seinen Beruf zu lernen, hatten sie sich von Zeit zu Zeit an Sonn- oder Feiertagen in der Kirche getroffen und in alter Weise einen Nachmittag miteinander verlebt. Mit dem zwanzigsten Jahr war Konrad wieder nach Hause zurückgekehrt, um der Mutter zu helfen, und nun störte die Verbindung zwischen den beiden Freunden nichts mehr. Wie erschreckt waren sie gewesen, als sie ihre Neigung zu demselben Mädchen bemerkten! Es war eines Sonntagabends, als die ersten Eröffnungen erfolgten. Wie so oft schon in letzter Zeit, hatten sie, dem Zuge des Herzens folgend, noch spät einen Gang am Hause des Endoms vorbei nach dem Haken gemacht, wohin Peter von den Dorfbuben sein Boot zur Abfahrt hatte hinausbringen lassen. Annika stand, mit dem jüngsten Kinde ihres Onkels auf dem Arm, am Fenster und erwiderte freundlich ihren Gruß. Als sie sich dann auf einen der großen Steine setzten, die schon zur Hälfte vom Wasser des Haffs bespült wurden, und die glutrote Herbstsonne auf die fernen grauen Sandberge der Nehrung niedersinken und einen hellen Schein über das weite Wasser werfen sahen, da fing ganz unversehens Konrad von der Annika an, so daß es Peter Klars ordentlich durchs Herz fuhr, ihren Namen zu hören. Wie sie ein so hübsches und ordentliches Mädchen wäre, sagte er, und daß er ganz verliebt in sie sei und ohne Bedenken um sie freien möchte, wenn er sein eigener Herr wäre. Aber nun dürfe er's nicht wagen, da seine Mutter nie in eine solche Partie willigen und zeitlebens mit ihm hadern würde, wenn er in diesem Punkt gegen ihren Willen handelte. Denn da sie sich alles, was sie besäßen, durch eigenen Fleiß selbst zusammengebracht hätten, so sollte es nun auch in der Familie erhalten und gemehrt, aber nicht verzettelt werden. Seine Mutter wäre selbst ganz arm gewesen, als sie heiratete, aber eben deshalb wolle sie nun gerade für ihn eine reiche Partie, weil sie wüßte, wie schwer es ihr geworden. Er habe schon von weitem bei ihr angefragt, aber nichts Tröstliches vernommen. Und doch wolle er seine Hoffnung nicht aufgeben, sondern vertrauen, daß sich alles zum besten wende. Dem armen Peter war's gewesen, als ob er von dem Stein hinab ins Haff sinken solle. Eine lange Weile saß er ganz bleich und stumm da, so daß Konrad ihm zuletzt ängstlich ins verstörte Gesicht schaute, und dann stand er langsam auf, schob sein Boot ins Wasser und trat mit einem Fuß hinein, bereit, sich mit dem andern vom Lande abzustoßen. Betroffen reichte ihm der Krügerssohn seine Hand zum Abschied hinüber. Peter blieb unbeweglich. »Was fehlt dir denn?« fragte Konrad endlich ganz ängstlich. In dem jungen Fischer tobte und kämpfte es; seine Augen blitzten unheimlich, und die Faust krampfte sich fest um das Ruder zusammen, das er auf den Sand gestemmt hatte. »Liebt dich die Annika?« brachte er endlich grollend heraus. »Mein Gott, ich weiß es ja nicht«, antwortete der Freund bestürzt. Peter Klars ließ matt den Arm mit dem Ruder niedergleiten, atmete lang auf, schob die blaue Mütze aus der Stirn, lächelte und reichte Konrad die Hand. »Wir sprechen ein andermal mehr davon«, sagte er und stieß das Boot in die graugrünen Wellen, die der scharfe Abendwind gegen das Land trieb. Eine Haffahrt wie diese hatte Peter Klars noch nicht gemacht. Er zog das Segel auf und ließ das kleine Fahrzeug treiben, wohin es wollte, in die Nacht hinaus. Auf offenem Wasser wurde der Wind heftig und riß am Segel eine Schote ab, er merkte es nicht. Das Boot hätte kentern können, und er würde zu seiner Rettung nichts getan haben. Seine Gedanken brüteten über seinem Geheimnis. Jetzt erst wurde es ihm zur Gewißheit, daß er Annika liebe, daß er der unglücklichste Mensch sein müßte, wenn er sie nicht besitzen könnte. Sie haben noch nicht miteinander gesprochen, dachte er, aber wir haben auch noch nicht miteinander gesprochen; er weiß nicht, ob sie ihn liebt, aber ich bin nicht besser daran. Sie ist freundlich zu mir, aber zu ihm vielleicht ebenso. Und er ist der reiche Krügerssohn, und ich ein armer Fischer von der Nehrung. Wenn er ihr sagt, daß er ihr gut sei, dann wird sie nicht widerstehen; und wenn dann auch nichts daraus wird, mir ist sie für ewig verloren. – Dann sprach wieder die Stimme der Freundschaft: Schweige und laß ihn gewähren; er kann sie reich und glücklich machen! Und dann kochte es wieder in seinem Herzen auf, wie siedendes Blut, und er rief laut: »Nein, so weit geht Freundschaft nicht. Ich liebe sie, und sie muß mein sein, sollt' ich auch mit ihm auf Tod und Leben um sie kämpfen! Aber etwas bieten muß ich ihr können«, schloß er; und nun war der Plan fertig, zur See zu gehen und sich in einigen Jahren ein hübsches Stück Geld zu verdienen. Dann ließ sich ein Kahn kaufen und die Fischerei im großen betreiben. Das konnte immerhin als ein Gewicht gelten, das sich gegen den Krüger in die Wagschale werfen ließ. Mit seinem Vater war die Sache bald in Ordnung gebracht; auch ein Schiff war bald gefunden, das noch vor Winters Anfang mit einer Ladung Getreide nach England gehen und von dort eine Reise nach Spanien machen wollte. Aber je näher der Tag der Abfahrt heranrückte, desto undenkbarer schien es ihm, daß er ohne Abschied von Annika fort sollte. Was konnte nicht in der Zwischenzeit geschehen, und sie wußte nicht einmal, daß er ihretwegen fortgegangen war. Aber Konrad –! Durfte er ihn betrügen? Sein ehrliches Herz litt es nicht. Endlich beschloß er, ihm offen zu sagen, wie es mit ihm stünde. Er kleidete sich sonntäglich an, fuhr hinüber und suchte den Freund auf, der ihm mit aller Herzlichkeit entgegenkam. »Komm zum Haken,« sagte er ganz feierlich, »wir haben miteinander zu sprechen.« Und dann schüttete er ihm sein Herz aus, versicherte ihm, daß er ohne die Annika nicht leben könne, und daß er sie keinem gönne, auch ihm nicht, und daß ihre Freundschaft zu Ende sein müßte, wenn er ihm das Mädchen nehme. »Aber sie selbst soll entscheiden«, schloß er; »und sie soll alles wissen. Keiner von uns soll sie überraschen, sondern wir wollen Hand in Hand zu ihr gehen und ihr sagen, daß wir sie beide lieben, und sie fragen, wem sie angehören wolle. Wenn sie dann dich nennt, so will ich nicht murren, sondern in die weite Welt hinausgehen und euch beide nicht mehr wiedersehen. Dann mußt du mir aber einen heiligen Schwur leisten, daß du sie zum Altare führen willst, wie es auch komme. Wählt sie mich, so weiß ich, daß du dich kränken, aber mein Recht achten wirst, auch wenn ich fern bin.« Das sprach er recht treuherzig und möglichst fest, obgleich ihm die Tränen in den Augen standen. Konrad aber erblaßte, zitterte und schlug nicht in die dargebotene Hand. »Weiß Gott,« sagte er nach einer Weile, »daß ich dem Mädchen gut bin, und daß deine Mitteilung mich schwer trifft, aber deinen Vorschlag kann ich nicht annehmen, so achtbar er auch ist. Ich kann mich jetzt noch nicht binden und der Annika nicht ein festes Versprechen geben; deshalb darf ich sie auch jetzt nicht fragen. Warum bist du so eilig?« – »Weil ich sie liebe!« rief Peter Klars leidenschaftlich; »und weil ich's ernst mit ihr meine. Wenn du dasselbe von dir sagen kannst, so komm mit mir!« – »Geh allein!« antwortete der junge Krüger nach einigem Kampfe, »ich kann mich nicht entschließen.« Der Nehrunger zuckte die Achseln. »Wie du willst!« sagte er, doch erzürnt, sich im Freunde getäuscht zu haben, und machte sich auf den Weg; Konrad folgte schweigend. An Endoms' Hof blieb der Fischer noch einmal stehen und sah Konrad fragend an. Der aber schüttelte traurig den Kopf, grüßte kleinlaut und schritt dann weiter. An demselben Abend sprach Peter mit Annika im geheimen. Er sagte ihr alles, auch daß der reiche Krügerssohn, sein Freund, ihr gut sei, und daß er selbst sie erst nach Jahren werde in sein kleines Fischerhaus einführen können, weshalb sie sich wohl bedenken möge. Aber die Annika bedachte sich nicht lange, sondern legte ihren Arm in den seinigen und gestand ihm ohne Zögern, daß sie ihm gleich von Anfang an gut gewesen sei und auch von keinem andern etwas wissen wolle, am wenigsten von einem, der nicht einmal das Herz habe, frei heraus zu sprechen. – Es traf sich gut, daß Endoms und seine Frau gerade nach der Stadt gefahren waren. Da gingen die beiden hinaus auf den einsamen Haken und saßen zusammen bis in die sinkende Nacht, miteinander von der Zukunft plaudernd. Und da, als sie endlich Abschied nahmen, schwuren sie einander zu, daß sie sich angehören wollten für Zeit und Ewigkeit, solange auch jetzt die Trennung dauern sollte. Als Peter Klars vom Lande abstieß und bald hinter ihm die Gestalt seiner Annika im Nebel zerrann, und die Ufer immer matter und unbestimmter zurücktraten, begleitete ihn noch lange der Schein eines Lichtes, das von einem hohen Punkt mitten im Dorfe her auf das Haff hinableuchtete. Er wußte, daß dort der Giebel des Kruges lag, und daß Konrad oben sein Schlafstübchen hatte. Erst als auch dieses Licht unter die grauen Wellen getaucht war, wurde ihm das Herz ganz leicht. »Ich bin ihm nichts schuldig geblieben«, sagte er sich mit Befriedigung. II. Daß Peter Klars wirklich zur See ging und später die schöne Annika heiratete und in die Fischerkate führte, die ihm sein Vater auf dem Gericht hatte verschreiben lassen, wissen wir schon, können uns auch denken, daß er als braver Seemann eine schöne Heuer erhalten und einen großen Teil in blanker Münze beiseitegelegt und dann vor der Hochzeit das alte Haus frisch abgeputzt und die Fensterläden blau gestrichen und den Mast mit dem roten Wimpel vor der Tür aufgerichtet hat, damit jedermann gleich im Vorbeigehen wisse, daß dort ein Seemann wohne. Das lag alles schon länger als ein Jahr zurück von der Zeit, wo dem alten Klars der kleine helläugige Engel zwischen den roten und blauen Astern erschienen war. Peter Klars hatte sein Ziel, die schöne Annika heimzuführen, mit leidenschaftlichem Eifer verfolgt und sich's gar nicht anders träumen lassen, als daß er sich von seinem Glück nie wieder trennen werde, wenn es ihm erst zuteil geworden. Als das Ziel nun aber erreicht und das Glück gewissermaßen in Sicherheit gebracht war, hatte sich bald wieder die Sehnsucht nach der weiten See eingestellt, erst leise mahnend in den langen Nachtstunden, die auf dem Fischerkahne zugebracht werden mußten, dann immer heftiger zum Unmut über die Veränderung der Lebensweise reizend, wenn es viele Tage nichts auf dem Haff zu tun gab, Netze und Segel ruhig auf dem Stangengerüst trockneten und die Sonne wie eine Schnecke über den Himmel schlich, als ob sie die weißen Sandberge gar nicht mehr erreichen könne. Anfangs machte es ihm Vergnügen, abends mit seinem jungen Weibchen einen Spaziergang über die Dünen nach dem Seestrande zu unternehmen und ihr von seinen Fahrten zu erzählen, aber bald merkte er, daß sie doch kein rechtes Verständnis für diese große Natur hatte und ihm nicht nachempfinden konnte, wenn er die Seemöve beneidete, die mit weit ausgebreiteten weißen Flügeln über die Wellen hinsegelte. Annika fühlte sich beklommen in der schauerlichen Einsamkeit zwischen einer Sand- und einer Wasserwüste. Die See kam ihr vor wie ein Ungeheuer mit tausend Zungen, die unaufhörlich zum Lande hinaufleckten, um es zu verschlingen. Ihr Traum war ein kleines Hans unter grünen Birken, eine freundliche Wiese, von einem klaren Bächlein durchschlängelt, ein Feld daneben, auf dem die goldenen Ähren wogten, und ein Wald in der Ferne. Sie hütete sich wohl, ihrem Manne zu verstehen zu geben, daß sie etwas vermisse, aber sie vermochte auch nicht in seine Stimmung einzugehen und seinem Gedankenfluge zu folgen. Sie hatten sich von Herzen lieb und strebten doch innerlich auseinander, ohne sich dessen bewußt zu werden. Das alltägliche Leben gab ihnen nicht genug Anregung zu gemeinsamer Tätigkeit. Annika freilich hatte mit Besorgung der häuslichen Angelegenheiten eine hinreichende Beschäftigung, um nicht Grillen fangen zu dürfen; der Beruf der Hausfrau ist immer und überall derselbe, sie findet sich daher auch leicht in jedem Hause zurecht, in das sie der geliebte Mann einführt. Aber Peter Klars kam sich fast überflüssig vor neben seinem Vater und konnte sich einen ganz anderen Wirkungskreis denken, der die volle Manneskraft in Beschlag nahm und reichlichen Gewinn versprach. Wer erst einmal auf der schwankenden See festen Fuß gefaßt hat, kann das bewegliche Element nicht mehr entbehren. Peter Klars wurde ganz melancholisch und verdrießlich. Zuletzt mochte er den Strand, den er so liebhatte, gar nicht mehr sehen, und wenn er von der Stadt zurückkam, war er jedesmal ein paar Tage krank, so daß Annika ernstlich um ihn besorgt wurde. Endlich hielt er sich nicht länger zurück und eröffnete ihr den Grund seiner Verstimmung. »Sei nicht traurig,« sagte er ihr, »daß ich mich von hier fortsehne. Du weißt ja, daß ich dich liebhabe wie keinen Menschen auf der Welt; daher kannst du ganz ruhig sein, auch wenn ich nicht immer bei dir bin. Wir sind noch jung und leben hoffentlich noch lange miteinander, und wenn wir kurze Zeit getrennt waren, wird das Wiedersehen immer um so schöner sein. Es soll auch nur einige Jahre dauern, bis ich etwas erspart habe, was uns später im Alter und in schlechten Zeiten helfen kann. Ich möchte dich gern recht sorgenfrei wissen und bin doch so arm; wenn ich aber zur See fahre, gibt es einen schönen Nebenverdienst, der für jetzt gar nicht angegriffen werden darf. Unser Haus ist klein, und unser Kahn ist noch kleiner, da sind wir uns eigentlich überall im Wege, mein Vater und ich, obschon wir's uns nicht merken lassen. Aber es wird nicht lange währen und der alte Mann wird hinfällig sein und das Ruder nicht mehr regieren können – das kommt bei uns Nehrungern plötzlich; und dann wird der junge Peter Klars auf seinem Posten sein. Glaube auch nicht, daß die See so gar gefährlich ist, Wasser ist Wasser überall, und auf den kurzen und stoßenden Haffwellen tanzt unser kleines offenes Fischerboot manchmal noch viel lustiger als das große Schiff auf den Meereswogen. Wir sind überall in Gottes Hand!« Annika kam's zu überraschend. Sie antwortete gar nicht, und Peter Klars wartete auch gar nicht auf Antwort, sondern ließ ihr Zeit, sich in den neuen Gedanken hineinzufinden. Er wußte von sich selbst, daß man in dergleichen Fällen nicht schnell mit sich fertig wird und erst mancherlei Stimmung durchzukämpfen hat, bis man ruhig die Vernunft sprechen läßt. Aber als er nach dem Boot ging, das sein Vater schon zur Ausfahrt instand gebracht hatte, küßte er sie recht herzlich und streichelte ihr das blonde Haar. Und dann auf dem Haff erfuhr auch der Alte, was bevorstand. Es flossen noch viele Tränen, als die junge Frau allein war; dann aber betete sie und las ein langes Kapitel in ihrer litauischen Bibel. Am nächsten Morgen dachte sie schon ruhiger über die Sache nach und wog den Vorteil für und wider gegeneinander ab. Noch einen Tag später hatte ihr heiterer Sinn wieder ganz die Herrschaft zurückerlangt, und als die Fischer nach Hause kamen, ging sie ihrem Mann entgegen, reichte ihm die Hand und sagte: »Wie du willst, Peter, wenn du mir nur gut bleibst!« So ging denn Peter Klars wieder zur See. Im Dorfe drüben gab's dieserhalb freilich ein allgemeines Verwundern, und auch die Frau Hilgruber nahm Notiz von diesem Ereignisse. »Hat Euer Mann keine Ruhe mehr zu Hause«, fragte sie Annika, als sie mit Fischen zu Markt kam und auch im Kruge ansprach, um kleine Einkäufe zu machen. »Ihr hättet Euch mit der Heirat nicht so beeilen sollen; vielleicht hätte sich ein anderer gefunden, der Euch ein besseres Leben verschaffte.« Sie dachte an ihren Sohn, der ganz schwermütig geworden war und viel kränkelte, und dem sie doch nie ihre Einwilligung gegeben hätte. Jetzt freilich konnte sie gut reden. »Mein Mann ist mir schon recht«, antwortete Annika, drehte sich kurz um und ging weg. Draußen aber im Hausflur fand sich der junge Krüger zu ihr und bat sie, nicht zu vergessen, daß Peter Klars sein Freund sei, wenn sie auch in letzter Zeit wenig miteinander verkehrt hätten, und sich an ihn zu wenden, wenn sie irgendeinmal des Schutzes bedürftig oder in Not sei. Annika dankte freundlich, aber etwas verlegen und machte sich eiligst fort, damit niemand sie mit Konrad Hilgruber sprechen sehe. Sie wußte ja, wie es mit seinem Herzen stand, und auch anderen Leuten war's kein Geheimnis geblieben. Es währte ihr das erstemal eine halbe Ewigkeit, bis Peter zum Besuch kam. Wer als er dann wohlbehalten anlangte, sonngebräunt und viel männlicher in seiner ganzen Haltung, recht stattlich in seiner kleidsamen Matrosentracht und einen Beutel mit lauter blanken Talern mitbrachte und allerhand schöne Sachen aus fremden Ländern, war die Freude um so größer und hinterher der Abschied nicht mehr so schwer. Es war ihr ein rechter Stolz, sich mit ihm drüben in der Kirche zu zeigen und ihre Schätze zur Schau zu stellen. Madame Hilgruber namentlich sollte große Augen machen über ihr Glück. Dafür mußte sie freilich einmal von ihr hören: »Ihr putzt Euch ja, Frau Klars, als ob Ihr Eroberungen machen wolltet!« Annika konnte sie nicht leiden und ging ihr doch nicht aus dem Wege. Reise nach Reise wurde ohne Unfall zurückgelegt; Wind und Wetter waren meist günstig, und immer nach einigen Monaten sah der junge Matrose sein kleines Vaterhaus auf der Nehrung wieder. Das letztemal nahm er eine schöne Hoffnung mit, die ihm das Scheiden recht schwer machte, zumal sein Schiff eine etwas größere Tour in Aussicht hatte. Aber als er dann heimkehrte und sein schönes Weib ihm freudestrahlend mit ihrem Knaben auf dem Arm entgegenkam, gab's ein Begrüßen wie noch nie zuvor. Was hatte er nicht alles für den kleinen Schelm mitgebracht, der noch nicht einmal auf der Welt war, als er es einkaufte. Annika lachte unter Tränen beim Auspacken. Das ganze Fischerdorf wurde zusammengebeten zur Nachfeier der Kindtaufe, und es ging einmal hoch her unter dem Mast vor dem kleinen Fischerhause. Selbst der alte schwachsinnige Hans Niels, der Nestor im Dorfe, trank ein Glas zuviel und verwechselte in seinen Gedanken die drei Peter Klars miteinander und nannte die Annika nicht anders als Barbe, weil er an die erste Kindtaufe beim alten Klars dachte, bei der er ja mitgetrunken hatte. Der glückliche Vater konnte sich nicht satt sehen an seinem munteren Buben, der nach Litauer Art in einer großen buntgeblümten Mütze steckte und drollig genug aussah. Stundenlang konnte er an der Wiege sitzen, einem Korbe, der an der Spitze einer mit dem andern Ende unter einen Deckbalken gesteckten elastischen Stange hing und bei der leisesten Berührung auf und ab wippte. Es machte ihm tausend Spaß, den kleinen Schlingel im Schlaf seine süßen und sauren Gesichter ziehen zu sehen, oder zu beobachten, wie er aufwachte, erst mit den Augen blinzelte, dann bei noch halb geschlossenen Lidern himmelte, daß nur das Weiße zu bemerken war, dann mit dem rechten und dann mit dem linken probierte, ob sich das Licht ertragen lasse und endlich den Mund zum Weinen verzog und ein gewaltiges Lamento anstimmte, wenn's nicht sofort zu trinken gab. Auch Annika kam ihm ganz neu und ordentlich ehrwürdig vor, wenn sie in ihrer ruhigen, immer gleichmäßigen Weise um den Kleinen herumwirtschaftete und mit einem gewissen, beinahe feierlichen Ernst die Windeln legte oder gar den Schreihals tränkte. »Man weiß nun doch, wozu man auf der Welt ist«, dachte er bei sich und sagte es wohl auch laut zur Annika, die freundlich nickte. Viel sprechen war nicht ihre Art. In den ersten Wochen war Peter Klars mit seinem jungen Glück so beschäftigt, daß er sein Schiff ganz vergaß. Er hatte zum Herbst noch eine Reise vorgehabt, gab sie aber auf, um sich nicht so bald von den Seinen trennen zu dürfen, und beschloß, im Winterhafen liegenzubleiben. Eigentlich beschloß er gar nichts, sondern trödelte einen Tag nach dem andern hin, bis es zu spät war, sich noch heuern zu lassen. Annika hielt sich still und ließ ihn gewähren; es war ihr ganz recht, daß er von selbst und ohne ihre Bitten blieb. Im stillen hoffte sie, daß er gar nicht mehr gehen wurde. Sie wagte sogar Andeutungen, ob es nicht geraten sein würde, sich drüben auf dem Festlande anzukaufen und dem kleinen Peter ein sicheres Nest zu bereiten. »Soll er auch Nehrunger Fischer werden?« sagte sie; »das ist ein beschwerlicher Erwerb hier. Und wer weiß, wie lange unser Häuschen noch steht? Der Sandberg rückt immer weiter vor; nach dem letzten Sturm war das Dach schon handhoch vollgeweht, und wir mußten hinterm Stall einen Weg schaufeln wie im Winter bei hohem Schneefall. Da ist's doch drüben besser unter grünen Birken und Linden, und das Land trägt jahraus jahrein seine Früchte, die man ohne Lebensgefahr ernten kann.« – Er wurde gar nicht ärgerlich über solche Reden, wie sonst wohl, sondern nur still und nachdenklich. Am Ende sagte er aber doch: »Es reicht noch nicht zu! Wenn's schon einmal Haus und Hof sein soll, dann auch ordentlich. Was meinst du, wenn wir einmal ein Kruggrundstück erhandeln könnten, wie das Hilgrubersche drüben, oder meinetwegen auch nicht ganz so groß.« – Annika war ganz erschrocken über so kühne Plane und antwortete: »Wo denkst du hin? Das sind reiche Leute!« – Der Seemann schielte nach der Wiege und meinte: »Als der Konrad so klein war, hatten sie auch noch nicht soviel!« Damit hatten nun wieder seine Gedanken eine Richtung bekommen, die seiner hübschen Frau nicht sehr behagte. Sie ließ seitdem ihre Wünsche nicht mehr laut werden. Aber das half ihr nichts; als im März die ersten sonnigen Tage kamen und den Schnee von den Sandbergen heruntertauten und das Haff unsicher machten, wurde sein Verlangen nach der See wieder heftiger und heftiger. Täglich stieg er auf die hohe Düne und lugte mit einem kleinen Fernrohr, das er sich von England mitgebracht hatte, nach Norden hinaus, ob schon Schiffe den Hafen verließen oder ansegelten; und als er das erste glücklich erspäht hatte, kam er ganz aufgeregt nach Hause und konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Als er am nächsten Tage ankündigte, daß er einmal zu Schlitten nach der Stadt wolle, wußte Annika alles. »Du wirst wieder zur See gehen«, sagte sie traurig. »Ich weiß noch nicht«, antwortete er ausweichend. »Ich will vorläufig einmal sehen, wie die Schiffahrt in diesem Frühjahr steht und wieviel Heuer gezahlt wird.« »Sag's nur gerad' heraus,« brach sie los, »du hast keine Ruhe hier; es treibt dich fort. Daß ich dich nicht zurückhalten kann, weiß ich lange und hab's überwunden; aber daß du auch dein Kind verlassen willst –« Er ließ sie nicht ausreden, stand auf und ging, ohne ein Wort zu sprechen, hinaus. Annika gab sich ganz der leidenschaftlichen Aufregung hin, die sie ergriffen hatte. Wie so oft sanfte Naturen das ihnen Widerwärtige lange still in sich aufnehmen, ohne ihre Abneigung merken zu lassen, dann aber plötzlich die Fassung verlieren und, mit dem Volksmunde zu reden, »wild werden«, so zog sich auch an dem scheinbar heiteren Himmel ihres freundlichen Gemüts urplötzlich aus den unbemerkt angesammelten Dünsten ein heftiges Gewitter zusammen, das mit zornigen Reden blitzte und mit Tränenströmen flutete. Als der Seemann nach einer Stunde zurückkehrte, fand er sie verweint und keineswegs beruhigt. »Bin ich dir nicht einer Antwort wert?« begann sie heftig; »gut! Geh nur; meinetwegen auch ohne Abschied von mir – aber den Jungen sollst du dann auch nicht mehr küssen; er ist dir ja doch gleichgültig!« Und dabei rollten die hellen Tränen wieder über die geröteten Wangen, und schluchzend grub sie das Gesicht in die hoch aufgestapelten Kissen des Bettes, über das sie sich gebeugt hatte. Peter Klars hatte seine Frau so noch nie gesehen. » Dir ist der Junge gleichgültig!« entgegnete er, unwillig den Kopf in den Nacken werfend; »sonst möchtest du daran denken, daß du ihm nicht vergällte Nahrung zu geben hast. Willst du mich nun ruhig anhören?« Sie schwieg. Er stand noch eine Weile und wartete auf ein Entgegenkommen. Da sie aber unbeweglich in ihrer Stellung verharrte und nur heftiger schluchzte, wandte er sich schnell zum Gehen und schlug heftig die Tür hinter sich ins Schloß, so daß das kleine Schiff, das auf dem Brett darüber stand, herunterfiel und vollkommene Havarie machte. Peter Klars wurde doch nachdenklich. Wenn er sich die Wahrheit gestand, so war es ihm recht lieb, daß am andern Tage das Tauwetter fortdauerte und der Nachbar erklärte, er gebe seinen Schlitten nicht her, weil man auf sichere Rückfahrt über das Eis nicht mehr rechnen könne. Er hatte nun einen plausiblen Grund, vorläufig nachgeben zu können, ohne es eingestehen zu dürfen. Annika wurde infolgedessen ruhiger, konnte aber den früheren freundlich-vertraulichen Ton nicht so bald wiederfinden und blieb gegen ihren Mann zurückhaltend, weil sie dem Aufschub nicht traute. Der alte Klars, der die Veränderung wohl merkte, schüttelte verdrießlich den Kopf und brummte: »Weiber sind doch Weiber!« Er hätte gar nichts dagegen gehabt, wenn die frühere ihm ganz behagliche Ordnung zurückgekehrt wäre und er zum Frühjahr wieder das Regiment in die Hand bekommen hätte. Dem jungen Seemann wurde dieses hinterhältige Schmollen von Tag zu Tag unerträglicher. Seine offene, gerade Natur drängte zu einer freimütigen Auseinandersetzung, und das um so mehr, als er auch seine Annika und mit ihr das Kind unter dem Druck dieser allseitigen Mißstimmung leiden sah. »Es geschieht doch aus Liebe,« sagte er sich, »und aus Sorge für den Kleinen, daß sie dich nicht fortlassen will: sie ist ein gutes Weib.« So paßte er denn die Gelegenheit ab, wo der Alte draußen die Ritzen im Kahn mit Werg verdichtete und daran bis zum Abend zu klopfen hatte, um sich einmal gründlich mit ihr auszusprechen. Freilich war's keine Kleinigkeit, eine gute Einleitung zu finden. Er machte sich erst in der Stube viel zu tun, ohne doch eine bestimmte Arbeit fest anzugreifen, sammelte die trockenen Blätter in den Blumentöpfen am Fenster, bastelte an dem kleinen zerbrochenen Schiff und stieß so oft die Wiege an, bis der jüngste Peter Klars, der ganz sanft schlief, richtig aufwachte. Als ihn dann die Mutter auf den Schoß nahm und zu beruhigen suchte, trat er nahe heran und streichelte die Backen des Kleinen, meinte dabei aber eigentlich Annika. Sie gab noch immer kein Zeichen, daß ihr eine Annäherung erwünscht sei. Da machte er denn endlich kurzen Prozeß, nahm ihre Hand und sagte: »So können wir nicht miteinander leben, Annika; und so können wir nicht voneinander scheiden. Wir müssen ins klare kommen.« Die Augen wurden ihr sofort wieder naß, und ein paar große Tränen perlten herunter; aber sie ließ ihm ihre Hand und hielt sich ruhig. »Warum bist du auf einmal so verändert?« fuhr er fort. »Wir sind ja doch einig darüber gewesen, daß ich zur See fahren sollte, solange mein Vater noch der Fischerei vorstehen kann. Habe ich denn nun etwas anderes gewollt? Wenn man dich sieht, muß man glauben, daß ich dich schwer gekränkt habe und etwas Unbilliges von dir verlange. Und doch will ich nur auf meinem Wege weitergehen, den du selbst gutgeheißen hast. Was hast du gegen mich?« »Das war früher«, antwortete sie weinerlich; »du waren wir noch allein. Glaube mir nur, es hat mir im stillen Sorge genug gemacht, wenn es draußen über die Seeberge stürmte, daß unser kleines Haus zitterte, und ich dich auf der grausigen See wußte; wenn ich dich verloren hätte, was wäre aus mir geworden? Aber was lag auch viel an mir? Nun freilich ist's anders. Du hast ein Kind, an das du denken sollst. Wenn du dem den Vater nimmst, so ist's eine schwere Sünde, die du gar nicht verantworten kannst, Peter.« Der Seemann hob tief bewegt den Knaben von ihrem Schoß und drückte ihn an sich. »Ich habe den Jungen so lieb wie du,« sagte er, ,»und ich denke gerade an ihn, wenn ich nicht zu Hause bleiben und faulenzen will, sondern für ihn arbeite, damit er's einmal im Leben nicht schwer hat. Was wir bisher erspart haben, reicht nicht weit und geht leicht wieder drauf, wenn's nicht vermehrt wird. Ich bin doch nun einmal ein Fischer und kein Landmann, muß mich dem Wasser vertrauen und mein Leben in Gottes Hand stellen. Viele tausend Männer gehen jährlich zu Schiff, die Frau und Kind zu Hause lassen müssen, denn es ist nun einmal ihr Lebenserwerb, und ein ehrenwerter Erwerb. Lieben sie alle die Ihrigen nicht, wie sie sollten? Das hast du dir nicht gut überlegt, Annika. Auf der ganzen Welt ist nichts, was ich lieber hätte, als euch beide! Wenn du daran zweifeln kannst, so hast du kein gutes Herz. Ich weiß, daß du mich nicht vergessen kannst, auch wenn ich fern bin; und du sollst auch von mir glauben, daß sich bei mir nichts ändert, wenn ich euch verlasse, um desto besser für euch zu sorgen.« Er küßte den Knaben und sah sie so treuherzig und bittend an, daß sie nicht länger widerstehen konnte. »Ich glaub's auch«, sagte sie und drückte seine Hand; »aber wir könnten nun so schön zusammenleben und unser Glück miteinander genießen. Gehst du zur See, so ist wieder alles gestört, und wir können unseres Lebens nicht froh werden.« »Wer nach einigen Jahren um so besser«, fiel er lebhaft ein. »Wenn diese Entbehrungen hinter uns sind, wenn wir nicht mehr ängstlich und mühselig für unser tägliches Brot zu sorgen haben, dann wird die Freude um so größer sein. Ich habe mir's nun einmal zugeschworen – schon damals, als ich dir sagte, daß auch der reiche Konrad Hilgruber ein Auge auf dich habe, und du doch dem armen Nehrunger Fischer die Hand reichtest – ich habe mir's zugeschworen, daß ich dir auch ein hübsches Haus und einen grünen Garten schaffen will. Und nun kommt noch unser Peter dazu; der darf hier auf der Nehrung nicht bleiben. Soll der arme Junge auch, wie ich einmal, meilenweit laufen müssen, um die Schule zu besuchen, wo doch wenig genug zu erlernen ist? Drüben zum Präzentor muß er, wie der Konrad, und vielleicht gar nach der Stadt, wenn er größer geworden ist. Wenn man in die Welt hinauskommt, wie ich, merkt man erst, was das für einen Unterschied macht, ob einer etwas gelernt hat oder nicht. ›;Der Klars könnte einen guten Steuermann abgeben,‹ hat mein Kapitän oft genug gesagt, ›;wenn er nur eine bessere Schule gehabt hätte!‹ Siehst du, das kränkt einen; und wenn man ein Kind hat, will man doch nicht, daß es ihm ebenso gehe. Da muß man sich's nicht sauer werden lassen als Vater oder Mutter, und nicht fragen, was am angenehmsten, sondern was am nützlichsten ist. Und darum bitte ich dich, Annika, sei freundlich, wenn ich tue, was ich muß.« Sie stand auf, legte die Hände auf seine Schultern und gab ihm einen herzlichen Kuß. Dann nahm sie ihm das Kind ab, drückte sein Köpfchen an ihr Gesicht, um ihre Rührung zu verbergen, und ging in der Stube wiegend und ein Schlaflied summend auf und ab. Peter Klars erwartete keine Antwort; er wußte, daß sie nun wieder ganz ausgesöhnt waren, und daß er Freiheit hätte, zu handeln. Er übereilte seine Abreise nicht; aber als er dann nach einigen Wochen, als das Haff eisfrei geworden war, erklärte, nach der Seestadt fahren zu wollen, gab sie ihm dafür auch den Wunsch auf den Weg, daß er ein gutes Schiff und einen freundlichen Kapitän finden möchte. Der eigentliche Abschied freilich, als er schon nach wenigen Tagen zurückkam und die Nachricht brachte, daß er durch Vergünstigung eines bekannten Reeders auf dessen ganz neuer, aber bereits segelfertiger Barke als Matrose für eine weite Reise angenommen worden sei, war noch schwer genug. Annika bestand darauf, ihn diesmal bis zur Stadt zu begleiten, soviel auch ihr Mann abredete. Sie war gegen alle Gründe taub und hatte immer nur die eine Antwort: »Aufs Schiff kann ich dir nicht folgen, aber von hier bis dahin ist noch ein Tag, und an dem soll unser Peter seinen Vater nicht missen!« So machte sich denn eines Morgens früh die ganze Familie aus dem kleinen Fischerhause auf den Weg. Der alte Klars hatte das große Boot neu gestrichen und mit einem neuen Wimpel versehen, so daß es recht stattlich aussah und auch von der ganzen am Haffufer versammelten Dorfschaft gebührend bewundert wurde. Da gab es ein Händedrücken und Glückwünschen von allen Seilen. Der greise Hans Niels konnte mit der ganzen Begebenheit nicht recht fertig werden, ließ sich hundertmal wiederholen, daß der Peter Klars zur See gehe, erinnerte sich nun, gehört zu haben, daß er heiraten wolle, und ermahnte ihn mit zitternder Stimme nachdrücklich, nicht das Nachhausekommen zu vergessen, damit seine Braut kein Herzeleid habe. »Das ist ja meine Frau, Großpapa Niels,« lachte der Seemann, »mit ihrem Jungen dazu.« Die blöden Augen des Alten suchten vergebens im Kreise herum, während er die linke Hand wie ein Hörrohr ums Ohr legte und sich an seinem Stabe zu Klars überbeugte. »Ja, ja, jung,« sagte er sanft lächelnd, »sie ist noch sehr jung und kann ein paar Jahre warten, aber mach's nicht zu lange, mein Sohn – nicht zu lange, sonst kann der alte Hans Niels nicht mehr zu deiner Hochzeit.« Darüber gab's ein Lachen und Kichern unter Männern und Frauen, und der Alte lachte recht herzlich mit, als ob er wüßte, warum. Großvater Klars stand schon mit seinen hohen, blankgetranten Wasserstiefeln am Boot, das nicht bis dicht ans Land gebracht werden konnte, und mahnte zur Eile. Und nun hob der Matrose sein schönes Weib mit samt dem Knaben hoch auf den Arm, trug sie kräftig und sicher durchs Wasser und setzte sie unter dem Hurrarufen des Völkchens auf die Mastbank ab mit einem herzhaften Kuß natürlich, der bis ans Ufer hin schallte. Der alte Klars gab dem Fahrzeug eine Wendung mit der Spitze ins offene Haff hinaus, und dann einen Stoß vorwärts, sprang hinten hinein, ergriff den Bootshaken und schob mit ihm den Kahn weiter. Nach wenigen Minuten legte sich schon der Wind hinein, und fort ging es nach Norden, daß das Wasser am Vordersteven rauschte und die Wellen überspritzten. Annika war recht munter bei der Abfahrt; aber je näher sie dem Seetief und der Stadt kamen, desto nachdenklicher und ernster wurde sie. Sie lehnte sich an ihres Mannes Schulter und faßte seine Hand, immer schweigsam. Auch er wußte nichts zu reden, nachdem sie nicht geantwortet hatte, als er ihr zeigte, wie weit ins Haff hinaus das einfließende Seewasser durch seine Färbung kenntlich bleibe, als ob es zu stolz sei, sich mit Süßwasser zu mischen. Schon wurde die lange Reihe der Holzschneidemühlen sichtbar, in deren Nähe einige große Schiffe ankerten, um ihre Ladung von geschnittenen Hölzern unmittelbar einzunehmen. Wie eine Nußschale tanzte das kleine Fischerboot daran vorüber. Nun öffnete sich das breite Seetief mit der Fernsicht auf den Leuchtturm und die in weißen Schaum gehüllten Steinmolen, und rechts lag die freundliche Stadt hinter einem Mastenwalde, der sich auf den Fluß fortsetzte und dann mitten hindurchzog. Peter Klars zeigte auf einen stattlichen Dreimaster, der mitten im Tief vor Anker lag und schon die Segel gelockert hatte. »Das ist mein Schiff.« Annika schrak zusammen, daß der Knabe in ihrem Arm erwachte und zu schreien anfing. Sie setzten ans Land. Es war Mittag geworden, und sie aßen zusammen, was sie von Hause mitgebracht hatten, schweigsam und traurig. Dann legte das Boot an, das den Kapitän hinüberholen und auch den Matrosen mitnehmen sollte. Es war nicht länger zu zögern. Peter Klars fühlte, daß er selbst weichmütig wurde, und einen Augenblick dachte er: Es ist doch nicht recht, daß du gehst! Aber es war zu spät zu anderer Entscheidung. Er schüttelte seinem Vater die Hand und rief ihm, viel lauter als nötig war, zu: »Nimm mir Weib und Kind in acht!« Dann hob er den kleinen Peter auf und küßte ihm Stirn und Mund und Augen und beide Hände und jeden Finger. Erst als die Bootsleute ein Zeichen gaben, legte er ihn auf die mitgebrachten Kissen nieder und umarmte seine Annika. »Ich habe eine böse Ahnung«, schluchzte sie mit tränenerstickter Stimme; »wir werden uns nicht wiedersehen!« – »O doch – doch, so Gott will!« sagte er und machte sich los. »Vergiß uns nicht!« rief sie ihm nach. Er legte die Hand aufs Herz: »Treu bis in den Tod!« Annika trocknete ihre Tränen. Nun einmal das letzte Wort gesprochen war, wurde sie ruhiger. Sie sah das schlanke Boot über das Wasser fortgleiten, und immer unkenntlicher wurde ihres Mannes Gesicht. Sie bemerkte nur noch, daß er ihr von Zeit zu Zeit zunickte und dann mit dem Hut schwenkte. Endlich sah sie ihn an der Strickleiter hinauf über Bord steigen. Der alte Klars mahnte zur Rückkehr, damit die Nacht sie nicht auf offenem Haff träfe. Aber sie wollte das Schiff noch ausgehen sehen und es so weit begleiten, als das Land reichte. »Laß dann wenigstens den Knaben hier«, bat der Alte. Auch das verweigerte sie. Fest in das große wollene Tuch gewickelt, das sie um die rechte Schulter geschlagen und unterm linken Arm durchgezogen hatte, nahm sie das Kind auf ihrem Gange durch die Stadt und nach der Nordmole mit sich. Indes setzte sich auch das Schiff langsam in Bewegung und folgte ihr schneller und schneller. Noch ehe sie den Leuchtturm erreicht hatte, glitt es an ihr vorüber; Peter Klars stand auf einer Strickleiter und schwenkte zum letzten Male seinen Hut. Sie machte den kleinen Peter aus dem Tuch frei und hob ihn hoch auf, mit dem kleinen Gesicht nach dem Schiff zugekehrt, und hielt ihn, solange die Kraft ihrer Arme ausreichte. Dann sank sie matt auf einen Stein nieder und hielt sich an dem eisernen Ringe, der darin eingelassen war. Bald blendete die niedersteigende Sonne so stark, daß die Segel nicht mehr zu unterscheiden waren. Sie kehrte traurig zurück. III. Es ist mit Träumen und Ahnungen ein eigen Ding, sie treffen manchmal zu. Und weil sie manchmal zutreffen, so behaupten sie für sanguinische Naturen und melancholische Gemüter noch immer den Wert von Orakeln. Die Ahnungen namentlich, die selten auf etwas Freudiges gehen, meistens auf etwas Schmerzliches, Trübes, Bedrohliches – wer zeichnet sie nicht gewissenhaft in das Erinnerungsnotizbüchlein seiner Erfahrungen ein, wenn sie in Erfüllung gehen, und wer vergißt nicht, wenn Bekümmernis sich in Freude wandelt, daß er sich mit ihnen umsonst gequält hat? Annika hatte trübe Ahnungen gehabt, als sie von ihrem Manne Abschied nahm, und sollte bald Grund haben, viel darüber nachzudenken. Das schöne Barkschiff war zunächst nach einem englischen Hafen bestimmt, wurde aber durch widrige Winde schon in der Ostsee so beschädigt, daß es in Kopenhagen anlaufen mußte und langen Aufenthalt hatte. Erst nach beinahe drei Monaten erhielt der alte Klars auf seine wiederholten Anfragen im Kontor des Reeders die Antwort, daß die Ankunft des Schiffes von dem englischen Korrespondenzreeder gemeldet sei, daß man aber auch in der Nordsee viel schlechtes Wetter zu bestehen gehabt habe. Die Mannschaft sei wohl. In der Stadt sprach man von einer zweiten nicht unbedeutenden Havarie. Wieder nach einiger Zeit hieß es, die Barke habe Ballast eingenommen und wolle in einem französischen Hafen ankehren, um dort entweder passende Rückladung einzunehmen oder sich nach Amerika zu befrachten. Das war ein Schreck für Annika; denn fehlte ihr auch von der geographischen Lage dieses Weltteils jede nähere Kenntnis, so hatte sie doch die Vorstellung einer gewaltigen Entfernung, wenn sie das Wort hörte, das ihr Mann nur ausgesprochen hatte, wenn er von sehr fernen Reisen berichtete, die man zu Schiff machen könne. In seiner nicht sehr instruktiven Weise hatte er dann zugefügt, man müsse, um dorthin zu gelangen, um die Erde herum auf die andere Seite, was Annika jedesmal ein schreckhafter Gedanke gewesen war. So machte ihr denn auch diese Nachricht die lebhafteste Unruhe. Sie fragte den alten Klars, was er von Amerika wüßte, und wurde durch seine Mitteilungen nur noch mehr in Angst gesetzt. Er hatte etwas davon gehört, daß die Erde eine Kugel sei, und daß es auch auf der hinteren Seite Menschen gebe, die gerade unter ihnen sein müßten, weil sie selbst ja doch oben wären; man solle dort aber gar nicht merken, daß man eigentlich auf dem Kopfe gehe. Annika suchte vergeblich, sich daraus einen Vers zu machen, und hatte schlaflose Nächte, worunter auch der kleine Peter litt. Wieder vergingen Wochen und Wochen. Der Alte mußte eine neue Reise nach Memel machen, und die junge Frau begleitete ihn. Im Kontor hieß es, das Schiff sei ausgegangen, aus dem französischen Hafen aber bisher kein Telegramm angelangt. Es kam dem Alten so vor, als ob man nicht recht mit der Sprache heraus wollte. »Es dauert zu lange«, meinte Annika; »sie sind nicht ehrlich gegen uns und halten hinter dem Berge; wir wollen uns bei den andern Matrosenfrauen erkundigen.« Da fand man denn überall schwere Besorgnisse. Das Schiff habe sich schlecht bewährt; die Takelage sei zu schwer, jeder Sturm müsse es in große Not bringen. Von andern, die sich gut durchgebracht, seien schon Nachrichten angelangt. Annika machte die Rückfahrt nach ihrem Fischerdorf mehr tot als lebendig. Nach Verlauf von vierzehn Tagen kam ein Brief an den Fischer Klars. Der Reeder schrieb, er bedaure, melden zu müssen, daß sein Schiff wahrscheinlich untergegangen sei; das Nähere könne er bei ihm erfahren. »Ich hab's ja gewußt«, jammerte die unglückliche Frau; »es war seine Todesfahrt!« Es war seine Todesfahrt! Das »Wahrscheinlich« des Briefes hatte noch eine geringe Hoffnung auf ein »Vielleicht« der Rettung gelassen. Welcher Faden ist der Hoffnung zu dünn, welcher Halt zu schwach, daß sie sich nicht daran mit allen Kräften hält und klammert? Und wenn die Liebe hofft –! Aber bald mußten die letzten Zweifel schwinden. Übereinstimmende Nachrichten bestätigten den Untergang des Schiffes. Ein Engländer, der die entgegengesetzte Tour machte, hatte das Schiff im Sturm getroffen; es hatte bereits zwei Masten verloren oder gekappt und schien leck zu sein, da die Mannschaft an den Pumpen war. Die See ging so hoch, daß es unmöglich war, ein Boot auszusetzen. Sechs Stunden später, bei noch verschlimmertem Wetter, war ein Holländer vorbeigegangenen und hatte nur noch ein Wrack getroffen, das von den Wellen umhergeworfen wurde. Es waren Menschen darauf erkannt, ohne daß die Zahl genau bestimmt werden konnte. Sie hatten vergebens mit Tüchern gewinkt. Über die Identität konnte kein Zweifel sein, weil die Schiffsfigur, eine weiße, stark vergoldete Büste, deutlich zu unterscheiden gewesen war. Der Holländer hatte, wie der Kapitän und der Steuermann beurkundeten, das schon tief gesunkene Wrack kurze Zeit im Auge behalten, dann aber plötzlich verschwinden und nicht wieder auftauchen sehen. Es mußte untergegangen sein. An die Rettung der Menschen war gar nicht zu denken gewesen. Annika Klars konnte sich als Witwe betrachten, und sie tat's auch vor allen Leuten, denn sie legte Trauerkleider an und ließ drüben in der Kirche für den Verstorbenen beten. Aber tief im Herzen sprach doch manchmal noch eine Stimme: »Es kann ein Irrtum sein; ein Schiff gleicht dem andern; er ist nicht ertrunken, er wird zurückkehren!« Wenn sie dann ihrem Knaben in die freundlichen Augen sah, sprach sie wohl halblaut zu ihm: »Sag' du mir's, lebt dein Vater noch?« Und wenn das Kind lachte und mit den Händchen lustig herumfuchtelte, küßte sie es, daß es fast ersticken wollte, und sagte: »Du kannst es wissen, wenn es die Engel wissen; Gott hat dir's eingegeben!« Und dann weinte sie wieder stundenlang und konnte sich nicht zufrieden geben, so daß der alte Klars ein strenges Wort sprechen und sie erinnern mußte, daß sie Pflichten gegen ihr Kind habe und sich schonen müsse. »Es ist ja am besten,« rief sie dann verzweifelt, »wenn ich sterbe, ich und das Kind; was sollen wir nun auf der Welt?« Es war vielleicht gut, daß nach einigen Monaten ein Dokument anlangte, das völlige Gewißheit über den Untergang des Schiffes gab. An die irische Küste hoch im Norden war eine verschlossene Flasche ans Land getrieben und von den Fischern aufgefangen, in welcher sich ein Papier befand. Die Flasche war der Behörde abgegeben, die den Inhalt untersucht und ein Schreiben in deutscher Sprache gefunden hatte, das auf manchen Umwegen an den Reeder gelangte. Es war der letzte Bericht seines Kapitäns, in der sicheren Aussicht auf das nahe Verderben geschrieben und nach seinem Vornehmen in der letzten Minute seines Lebens über Bord geworfen, als ihn selbst schon die Todeswogen umspülten. So mußte denn auch der letzte Schimmer von Hoffnung schwinden. Und doch leuchtete sie noch manchmal wenigstens im Traum auf. Dann glaubte die Fischersfrau Tritte draußen im Hausraum zu hören und die Tür sich öffnen zu sehen. Ein heller Lichtschein drang in die Stube, als ob plötzlich die Sonne durch eine dicke Wolkenbarre breche, die den ganzen Horizont versetzt hatte. Und mitten in diesem Lichtscheine trat Peter Klars über die Schwelle in seinem roten Hemde und blanken, schwarzen Hut, gerade wie er abgefahren war; er ging auf die Wiege zu und beugte sich über den Knaben und stand so eine lange Weile regungslos, als ob er sich nicht satt sehen könnte an dem lieben Gesicht. Sie erhob sich im Bette und lauschte still, um ihn nicht zu stören, so still, daß ihr zuletzt der Atem stockte. Und wenn sie dann endlich aufspringen und ihn umarmen wollte, war alles verschwunden. Nur der Mond lugte durch das niedrige Fenster und warf einen Lichtschleier über die Wiege; und der alte Klars hustete schwer und sagte: »Du hältst wieder keine Ruhe, Annika, sitzest aufrecht im Bett und sprichst mit dem Mondschein. Schlafe, Kind, schlafe!« Manchmal träumte sie so auch bei Tage mit wachenden Augen. Sie konnte ganz vergessen, daß Peter Klars tot war, und ihrem Kleinen von ihm erzählen, wie er bald wiederkommen und schöne Sachen mitbringen werde. Es ist so schwer, sich einen geliebten Menschen, den man frisch und gesund hat scheiden sehen, tot zu denken. Hat man ihn bleich und starr vor sich gehabt in dem schwarzen Sarge und seine kalte Hand gefaßt und die Erde auf den Sargdeckel poltern gehört und ihm ein Kreuz auf den Hügel gesetzt, dann hat man ihn ausgeschlossen vom Leben und sucht ihn dort nicht mehr. Aber wenn er fern gestorben ist, bleibt eine Lücke zwischen Sein und Nichtsein, die sich nicht ausfüllen lassen will durch einen kalten Bericht, dem die Anschauung fehlt. Er ist fern und bleibt fern, aber tot ist er nicht – nicht in der Weise wie einer, der hinter der Kirche auf dem Friedhof ruht und auf dessen Grab wir einen Kranz legen. Arme Fischerin! IV. Auch hier bewährte sich wieder die alte Erfahrung, daß ein Unglück selten allein kommt. Die kleine Familie hatte bisher in einem gewissen Wohlstande gelebt; jetzt zeigte sich's schon im nächsten Winter, daß der alte Klars den Anstrengungen seines Berufes nicht mehr lange gewachsen sein würde. Vergebens hatte er alle Kraft daran gesetzt, sich 's nicht merken zu lassen, wie tief ihn der letzte Schicksalsschlag getroffen hatte; der Kummer nistete sich nur um so tiefer ein und zehrte an seinem Lebensmark. Dazu kam die stille Sorge um seine Schwiegertochter und seinen Enkel, die nun allein auf ihn angewiesen waren. Nur noch wenige Jahre hatte er Zeit, ihre Zukunft sicherzustellen, ein Gedanke, der ihn mit unruhiger Hast zur Arbeit trieb und zu Anstrengungen verleitete, die außer Verhältnis zu dem bestenfalls zu erzielenden Gewinn standen. Noch kein Jahr verging, und er war eisgrau. Wie es sein Sohn vorhergesehen hatte, brach seine scheinbar eiserne Natur ganz plötzlich zusammen; ein schwerer Husten quälte ihn Tag und Nacht, und gichtische Beschwerden lähmten ihn oft wochenlang derart, daß er nicht das Haus verlassen konnte. Ohne genügend hergestellt zu sein, setzte er sich dann wieder aus Besorgnis, daß der Haushalt nicht bestehen könne, dem schlimmsten Wetter aus, hielt sich viele Stunden im dichtesten Nebel auf dem Eise auf, um nicht seinen Anteil an der Winterfischerei zu verlieren, und mußte mehr als einmal von den Nachbarn auf dem Handschlitten nach Haufe gefahren werden, wo dann ein neues Krankenlager begann. Annika pflegte ihn nach Kräften und bat ihn dringend, sich zu schonen. »Wollt ihr hungern?« war seine stete Antwort. Der nächste Sommer stellte ihn wieder einigermaßen her. Da die alte Lene, eine Ausgedingerin, sich gegen geringe Vergütung für ihren Ausfall am Spinnverdienst des kleinen Peter annahm, so begleitete die Fischersfrau den Alten auf seinen Haffahrten und suchte ihm die Arbeit möglichst zu erleichtern. Aber sie selbst war viel zu zart gebaut und zu wenig an die Strapazen des Fischerlebens gewöhnt, um ausreichende Dienste leisten zu können. Es blieb ein gequältes Dasein ohne entsprechenden Erfolg; die früheren Ersparnisse mußten schon angegriffen werden, wovon freilich der Alte nichts wissen durfte. Und dann kam noch ein Herbst mit seinen Nordweststürmen und Regengüssen und noch ein langer Winter mit seinen eisigen Nebeln und Schneetreiben. Vater Klars war an das Bett gefesselt und konnte sich kaum rühren. Oft überkam ihn der Krampfhusten so stark, daß er mehrere Minuten ganz weg blieb und Annika schon fürchtete, sein Ende sei gekommen. Sie scheute den meilenweiten Gang über das gefrorene Haff nicht, um ihm aus der Apotheke des Marktorts Tee mitzubringen, aber er hatte nur geringe Erleichterung davon. Als die Krankheit sich zusehends verschlimmerte, suchte sie auch den Arzt auf, der ein Rezept verschrieb. Das Tränkchen schmeckte dem Alten so gut, daß er es nicht nach Verordnung löffelweise nahm, sondern auf einen Zug austrank. Annika ließ es so oft wie möglich neu bereiten; er war kindisch geworden und dachte nicht mehr an die Kosten, die er verursachte. Endlich stellte sich in einer Nacht eine völlige Lähmung der einen Seite ein. In ihrer Angst machte sich die Fischersfrau wieder auf den Weg, verirrte sich aber im Nebel und kam endlich so erschöpft drüben im Dorfe an, daß sie auf der Straße niedersank und von mitleidigen Menschen nach dem Kruge geschafft werden mußte, den sie sonst stets gemieden hatte. Konrad Hilgruber, der jetzt die äußere Wirtschaft führte, nahm sich ihrer freundlich an und sorgte dafür, daß seine Mutter ihr trockene Kleider und eine kräftige warme Suppe gab. »Du scheinst ganz vergessen zu haben,« sagte er ihr, als sie allein am Ofen saßen, »daß dein verstorbener Mann mein Freund war. Ich habe vergebens gehofft, daß du dich an mich wenden würdest, Annika; denn ich höre, daß es euch schlecht geht. Aufdringen habe ich mich nicht wollen.« Sie sah eine Weile schweigend vor sich hin; ihre bleichen Wangen röteten sich wieder ein wenig. »Ich weiß, daß Sie gut sind«, antwortete sie endlich beklommen; »aber wir haben noch, was wir brauchen. Ich danke Ihnen.« »Du sagst mir nicht die Wahrheit, Annika«, wandte er ein. »Dein Vater hat so wenig Fische zu Markt gebracht, daß ihr von der Einnahme nicht leben könnt. Auch weiß ich, daß du schon Sachen im Dorfe verkauft hast, die dir sonst lieb waren. Warum gehst du mir vorbei?« Sie wischte mit dem Rücken der Hand ein paar Tränen fort, die sich ihr aus den Augen stahlen, und kehrte das Gesicht von ihm ab. »Ich will keinem Menschen beschwerlich fallen,« sagte sie leise, »und Ihnen am wenigsten.« »Warum mir am wenigsten?« fragte er schnell. Da sie schwieg, legte er seine Hand auf ihre Schulter und wiederholte nochmals mild und freundlich seine Frage: »Warum mir am wenigsten, Annika?« »Weil ich weiß, daß Sie mir nichts abschlagen würden,« gab sie zur Antwort, »und daß ich Ihnen keine Vergütung anbieten könnte; wir sind noch nicht Bettler.« »Aber wenn ihr zu stolz seid, von euren Freunden Hilfe anzunehmen, könnt ihr's werden«, sagte er ernst. »Es würde mir eine Freude sein, dir von meinem Überfluß mitteilen zu können. Sage mir aufrichtig, brauchst du Geld?« – Sie schüttelte den Kopf. »Du sollst es nicht geschenkt nehmen. Ich will dir's darleihen bis auf bessere Zeiten, und du magst mir als Zinsen hin und her ein Gericht Fische bringen.« »Es kommen keine besseren Zeiten,« erwiderte sie, »und ich leihe nicht, wenn ich nicht zurückzahlen kann.« Er zog sie ein wenig zu sich herum und faßte ihre Hand. »Kann ich dir denn gar keine Gefälligkeit erweisen?« fragte er eindringlich. »Sieh, es wäre mir eine rechte Freude, dir mit irgend etwas dienen zu können.« Sie besann sich und lächelte verschämt. »Ich möchte schon etwas bitten«, sagte sie zögernd und ein wenig die Augen zu ihm aufschlagend. »Aber Sie müssen mir ganz bestimmt sagen, wenn es Ihnen nicht paßt.« »Gewiß, gewiß! Sprich nur!« »Der alte Klars ist letzte Nacht schwer erkrankt und ich will deshalb zum Doktor. Wenn Sie mir nun ein Fuhrwerk geben wollten, daß ich ihn einmal mit hinübernehmen könnte – aber das ist eine unverschämte Bitte.« »Nichts weniger als das«, rief er aufspringend. »Die Pferde stehen ja faul im Stall; ich lasse sogleich anspannen und fahre selbst.« Annika wollte Einspruch tun, aber er hatte schon das Zimmer verlassen, ehe sie zu Worte kommen konnte. »Wohin?« fragte die Krügersfrau verwundert, als sie ihren Sohn nach dem Stalle laufen sah. »Ich werde die Annika Klars zum Doktor fahren«, antwortete er schnell und ohne sich aufzuhalten. »Du selbst?« »Ich selbst!« »Das möchte sich denn doch schlecht schicken! Wir haben ja noch einen Knecht, wenn denn schon das Fuhrwerk gegeben werden soll.« »Ich weiß, was ich zu tun habe, Mutter«, sagte er ernst und sehr bestimmt. »Der alte Klars ist zum Tode krank«, setzte er hinzu, gleichsam um seine Eile zu entschuldigen. Die Krügersfrau blieb noch eine Weile in der offenen Tür stehen, schüttelte verdrießlich den Kopf und biß die Lippe. »Das kommt ja recht hübsch,« murmelte sie, »der Herr Sohn fängt an, selbständig zu werden.« Dann trat sie ein und schlug die Haustür hinter sich zu. Annika hörte die ganze Unterredung. Das darf nicht geschehen, daß er selbst mitfährt! fuhr ihr sofort blitzschnell durch den Kopf. Sie überlegte einen Augenblick, wie sie's hindern könne. »Daß ich doch lieber ganz geschwiegen hatte«, sprach sie halblaut vor sich hin. Endlich faßte sie sich kurz, zog ihr wollenes Tuch fest um den Kopf, schlich zur Hintertür hinaus und eilte auf der Dorfstraße weiter. Kaum aber hatte sie die letzten Häuser hinter sich, als sie ein Schellengeläute vernahm, das sich ihr mehr und mehr näherte. Sie beflügelte ihren Schritt, aber der tiefe Schnee hielt sie auf. Nach wenigen Minuten schnauften schon die Pferde ihr im Rücken, und eine bekannte Stimme rief: »Warum läufst du denn fort, Annika? Hat dir das Anspannen zu lange gedauert? Nun schnell hinein!« Sie trat zur Seite und ließ den Schlitten vorfahren. »Ich steige nicht ein«, sagte sie. »Sei nicht närrisch, Frau. Weshalb nicht?« »Weil Sie sich selbst bemühen.« »Ich tu's gern.« »Aber ich darf's nicht annehmen. Geben Sie mir die Leine, ich kann selbst fahren, und kehren Sie zurück, Herr Hilgruber.« »Durchaus nicht! Die Pferde sind im Stalle übermütig geworden und müssen eine starke Hand fühlen. Sieh nur – sie werden schon jetzt unruhig.« »Aber Ihre Mutter–« »Was kümmert dich meine Mutter? Sie wundert sich über manches, worüber nichts zu wundern ist.« Dabei sprang er vom Schlitten, trat zur Fischersfrau und nötigte die noch unschlüssig Widerstrebende auf den mit einer Decke belegten Strohsitz. Er selbst setzte sich daneben, und fort sauste der Schlitten durch den Winternebel. Eine Weile blieben beide stumm. Aber als sie sich erst an die Lage gewöhnt hatten, kam bald ein Gespräch in Gang und wurde so lebhaft, daß ihnen die Meile bis zum Marktort noch nie so kurz vorgekommen war. Annika erzählte von ihren traurigen Erlebnissen, und Konrad Hilgruber nahm recht warmen Anteil daran. Dann sprach er selbst von den Veränderungen in seinem elterlichen Hause, daß er früher stets in großer Abhängigkeit gehalten worden sei, nach seiner Großjährigkeit aber doch die Wirtschaft übernommen habe und nun sein eigener Herr wäre, wenn schon seine Mutter noch immer gern mitrede, was ihr auch eigentlich nicht zu verdenken sei, da sie ja während der Krankheit seines Vaters und später nach seinem Tode für alles gerade wie ein Mann habe sorgen müssen. Nun dränge sie ihn immer, daß er eine reiche Partie machen solle, aber er könne sich nicht entschließen, des Geldes wegen zu heiraten, und wolle sein Herz sprechen lassen. Das fand Annika recht lobenswert, obgleich sie ihre Meinung für sich behielt. »Es wird sich unter den reichen Wirtstöchtern schon eine finden,« sagte sie, »die Ihnen gefällt.« »Ich glaub's nicht«, antwortete er leise. »Sie sind alle dumm und eingebildet, eitel und verputzt. Es ist mir auch ganz und gar nicht ums Geld. Ich möchte eine Frau haben, die mich lieb hat, und der ich etwas wert bin, und die auch im Hause nicht das große Wort führen will. Wenn ich vor Jahren hätte wählen können – aber das ging damals nicht an.« Sie schwieg und sah auf die Pelzdecke hinunter. »Aufrichtig gesagt,« fuhr er nach einer Weile treuherzig fort, »ich kann noch immer nicht vergessen, daß ich der Annika Endoms einst von Herzen gut gewesen bin. So was sitzt fest.« Es war ihr, als sähe er sie dabei so eigentümlich prüfend an, als ob er noch andere Gedanken im Rückhalt hätte. Sie merkte nun erst, daß sie beim Fahren allmählich dicht zusammengerückt waren, erhob sich ein wenig und fetzte sich seitwärts dicht an den Leiterbaum. Der Krüger peitschte auf die Pferde los, die durchaus ihre Schuldigkeit taten und nun im gestreckten Galopp die Anhöhe zu dem Marktorte hinaufjagten, daß der Schnee von ihren Hufen die Schlittendecke völlig weiß überzog. Es war der Fischersfrau recht lieb, daß man am Ziele anlangte, ehe ihr Begleiter das Gespräch wieder aufnehmen konnte. Doktor und Apotheker wohnten zusammen und arbeiteten einander getreulich in die Hand, wir wollen hoffen, nicht zum Schaden der Kranken, die aus dem Apothekerladen in die Doktorstube geschickt wurden und von dort mit dem Rezept wieder in den Apothekerladen zurückkamen. Der Apotheker, ein jovialer junger Mann mit rundem Gesichte, schwarzem Bärtchen und immer vergnügten Augen, stand in gestickten Pantoffeln und mit der Pfeife im Munde auf der Schwelle und grüßte freundlich. »Du hast ja heute einen vornehmen Kutscher, Annika«, sagte er zur Fischersfrau, als sie sich nach dem Doktor erkundigte. »Herr Hilgruber hat die Güte –« erwiderte sie ihm schüchtern. »Na, wird ihm wohl nicht gerade schwer geworden sein,« fiel er lachend ein, »mit einer so hübschen Frau spazierenzufahren. Was macht der Alte?« Sie berichtete. »Der Doktor ist nach der Grenze gefahren,« sagte der Apotheker, »muß aber bald zurück sein. Hat wieder einmal einer von einer russischen Kugel einen Schuß durchs Bein bekommen. Apropos, du hast ja schon gehört, daß sie deinen Vater in Rußland gegriffen haben?« Sie wurde kreideweiß. »Auch das noch?« murmelte sie kaum hörbar. Der Apotheker trat zu Konrad Hilgruber, klopfte den Pferden auf den runden, glatten Rücken und erkundigte sich nach den Dorfneuigkeiten. Eine halbe Stunde darauf kam auch wirklich der Doktor zurück, ein junger, äußerst tätiger und in seinem Dienste unermüdlicher Mann. Es war ihm nichts Neues, bevor er noch vom Schlitten gesprungen war, schon wieder ein andres Fuhrwerk auf sich warten zu sehen. »Heute nacht kommt Ihr nicht aus dem Stiefel, Doktor!« rief ihm der Apotheker zu. »Wenn es sein muß«, erwiderte er etwas phlegmatisch, indem er sich aus seinem Pelz wickelte. »Ihr macht Euch unnütze Kosten,« sagte er zur Fischersfrau, nachdem er mit großer Ruhe ihre Mitteilung angehört hatte, »dem Alten wird kaum zu helfen sein. Aber wenn's Euch beruhigt, soll's mir auf eine Nacht nicht ankommen. Habt Ihr etwas zu essen drüben?« Annika sah verlegen zu Boden. »Vielleicht frische Fische.« »Und Krähenbraten«, fiel der Apotheker ein. »Laßt Euch nicht darauf ein, Doktor, und füttert erst.« »Das wird denn doch wohl nötig sein. Aber da wird unsre Alte wieder ein gutes Gesicht machen, wenn ich ihr zur unrechten Zeit komme.« »Nur hübsch liebenswürdig sein«, meinte der Apotheker. Unter der Alten war die Haushälterin gemeint, eine wahre Hexe von Endor, von der sich die beiden Junggesellen tyrannisieren ließen. Sie kochte vortrefflich und hatte stets die Speisekammer gefüllt, machte aber jedesmal tausend Redensarten, ehe sie mit etwas vorrückte, besonders wenn es außer der Zeit verlangt wurde. Diesmal fand der Doktor sie auffallend gefügig; er wußte freilich nicht, daß die Annika für jedes Rezept noch ein gutes Gericht Fische extra gebracht und pflichtschuldigst an den Hausdrachen abgeliefert hatte. Während der Doktor sich restaurierte, trat der junge Krüger zu ihm in die Stube, zählte eine Reihe harter Taler auf den Tisch und sagte, daß Frau Klars die für seine Bemühungen schickte. »Das hat ja keine Eile«, meinte der Doktor. Aber der Apotheker verstand die Absicht besser. »Die Annika wird dich nachher noch einmal bezahlen wollen«, sagte er; »dann nimm aber nichts an.« »Aha!« brummte der Doktor und metzelte unter dem Geflügel weiter herum, das ihm gerade unter die Gabel gekommen war. Auf der Rückreise konnte das frühere Gespräch natürlich nicht wieder aufgenommen werden. Der Doktor und Annika teilten die Sitze, und für Konrad Hilgruber blieb neben der letzteren nur ein kleines Plätzchen, auf dem er mehr balancierte als saß, indem er die Füße auf den Schlittenflügel gestellt hatte. Aber sie konnte nun doch auch nicht fortrücken, wenn er ihr einmal zu nahe kam und mit seinem Arm ihre Schulter berührte. Die Fischersfrau schien auch nicht darauf zu merken; sie trug sich mit schweren Gedanken über die Zukunft und fragte den Arzt nach den näheren Umständen der Gefangennehmung ihres Vaters. »Was werdet Ihr denn eigentlich anfangen?« fragte der Doktor, halb teilnehmend, halb neugierig, »wenn der alte Klars sterben sollte? Habt Ihr schon darüber nachgedacht?« »Da muß ich Gott sorgen lassen«, antwortete sie betrübt; »ich weiß mir nicht zu helfen.« »Ihr werdet in dem Fischerhause auf der Nehrung doch unmöglich bleiben können«, fuhr der Doktor fort. »Das Haus nährt Euch nicht, und der Fischerkahn ist Euch ganz unnütz, weil Ihr ihn nicht regieren könnt.« »Vielleicht finde ich einen, der ihn mitsamt dem Fischergerät pachtet und mir einen Anteil vom Ertrage abgibt. Was dann noch fehlt, muß ich durch Handarbeit verdienen.« »Hm, hm!« brummte der Arzt. »Das ist unsicher. Ihr seid noch jung und hübsch obendrein – Ihr müßt wieder heiraten.« Der Krüger horchte hoch auf und setzte seine Pferde in lebhaftere Gangart. »Ich bin ja verheiratet«, sagte Annika ruhig, als ob darüber gar kein Zweifel sein könne. Der Doktor lächelte. »Eigentlich doch wohl nicht. Freilich seid Ihr nicht Witwe wie andere Witwen, die ihren Mann begraben haben – Ihr könnt keinen Totenschein vom Pfarrer beibringen. Aber tot ist er doch nun einmal.« Sie seufzte. »Ich werde wohl lernen müssen, daran zu glauben.« »Habt Ihr noch immer Hoffnung?« fragte der Doktor überrascht. »Vergeßt nicht, es sind bald zwei Jahre, daß er von Hause fortging, und es existieren Leute, die das Schiff, auf dem er sich befand, haben im Sturm untergehen sehen. Der Kapitän hat die Flasche nicht eher ausgeworfen, als im letzten Augenblick, das geht aus seinem Schreiben klar hervor. Wie kann da noch von Rettung die Rede sein?« »Bei Gott ist kein Ding unmöglich«, sagte sie, nicht gerade zuversichtlich, aber auch nicht im Tone des Zweifels. »Es wäre Torheit,« fuhr der Doktor eifrig fort, »wenn Ihr Euch darauf steifen solltet. Wenn Euer Mann wirklich nicht mit dem Schiffe selbst untergegangen wäre, was, wie gesagt, kaum denkbar ist, so müßte doch nun schon längst Nachricht von ihm da sein. Das Schiff ist ja nicht auf dem Stillen Ozean gesunken, sondern in der Nähe von Frankreich, höchstens zwanzig oder dreißig Meilen von der Küste. Hätte er überhaupt das Land erreicht, so würde er's bald erreicht haben müssen. Auch wenn ihn ein anderes Schiff aufgenommen hätte, so würde er doch schon nach wenigen Monaten einen Hafen angelaufen haben. Nein, nein, schlagt Euch das aus dem Sinn, Annika.« Sie schwieg nachdenklich. »Ihr müßt Euch so bald als möglich freie Hand schaffen«, setzte ihr Begleiter seine gutgemeinte Ermahnung fort. »Es gibt ja ein Mittel dazu. Geht aufs Gericht und laßt Euren Mann für tot erklären, dann ist's so gut, als ob er vom Pfarrer ins Kirchenbuch eingeschrieben ist.« Das war ein Gedanke, der ihr bisher gänzlich fremd geblieben; ja, sie verstand den Doktor nicht einmal vollkommen und sah ihn mit einem jener sprechenden Blicke an, die bedeuten: ich weiß nicht, was du willst. Aber sie hielt es für unschicklich, sich des näheren danach zu erkundigen, und unterdrückte daher jede Frage. »Es hat ja keine Eile«, antwortete sie nach kurzem Bedenken und brach damit das Gespräch ab. Der alte Klars befand sich in der Pflege der Ausgedingerin, die den ganzen Tag über an seinem Bett laut aus der Bibel gelesen hatte, wovon er selbst freilich nichts verstand, da er besinnungslos dalag. Der kleine Peter schlief schon, als man anlangte; ihm galt der erste Gruß der Fischersfrau. Während der Arzt aufmerksam den Kranken besichtigte, und die alte Lene über seinen Zustand während des Tages examinierte, trat auch Konrad Hilgruber an das Bett des Kleinen und betrachtete das schlafende Kind, das mit dem einen Beinchen das Deckbett zurückgestoßen und die runden Arme behaglich über den Kopf gestreckt hatte. Es war ein Bild vollkommenster Ruhe und Befriedigung, der versöhnende Gegensatz zu dem alten Manne, der einige Schritte seitwärts krampfhaft atmete und vielleicht nie mehr zum Leben erwachte. Annika hatte die Hände gefaltet und blickte mit feuchten Augen auf ihren Liebling und Seelentrost. Ihr mochte manches im Kopfe herumgehen, was sich nicht in Worte, vielleicht nicht einmal in ein Gebet fassen ließ. Die Anwesenheit des Krügers schien sie kaum zu bemerken. Endlich brach derselbe das Schweigen. »Ein schöner Knabe!« sagte er; »ganz seine Mutter!« Sie sah erschreckt zur Seite. »Er hat des Vaters Augen«, antwortete sie lebhaft. »Sie müssen ihn sehen, wenn er wacht.« Er versprach, einmal bei Tage zu kommen. Der Arzt gab keine Hoffnung, erklärte aber, noch einige Stunden warten zu wollen, in denen wahrscheinlich die Entscheidung eintreten werde. Ein längerer Aufenthalt war auch schon der Pferde wegen nötig, die sich von dem weiten Weg ziemlich erschöpft zeigten. Wie es denn in entlegenen Orten gewöhnlich ist, daß sich zu dem einen Kranken, zu welchem der Arzt gerufen ist, noch andere Kranke finden, die von der Gelegenheit profitieren wollen, so stellte sich auch diesmal vor dem Hause ein großer Teil des Dorfes ein, viele allerdings nur aus Neugierde, um zu erfahren, wie es mit dem, alten Nachbar Klars stünde, die meisten aber in der Absicht, dem Doktor ihr Leid zu klagen. Der gefällige Mann hörte alle freundlich an und besuchte nach und nach fast sämtliche Fischerhütten. Inzwischen blieben Konrad Hilgruber und Annika allein bei dem Kranken. Er half ihr, ein weißes Tuch über den großen Tisch legen, einige Teller und Gläser darauf setzen und auf dem Herde Feuer machen. Der Doktor hatte sich kochendes Wasser zu einem kräftigen Grog bestellt, zu welchem er die nötigen Ingredienzien selbst mitgebracht hatte. Brot und Salz fanden sich im Speiseschrank, und auch einige Eier wußte die Fischersfrau aufzutreiben, die sie nun abkochte. Der Krüger beobachtete sie mit wahrem Vergnügen in ihrer stillen Geschäftigkeit, und konnte kein Auge von ihr lassen, wenn sie am Herde stand und das flackernde Feuer ihr Gesicht mit roter Glut überzog. Von Zeit zu Zeit sprachen sie über gleichgültige Dinge, aber immer ernst, fast in feierlicher Stimmung. Nachdem der Doktor wieder zurückgekommen war, setzten die beiden Männer sich zu Tisch und packten dann die Kiste mit dem Mundvorrat aus, den die Haushälterin gnädigst für die Reise bewilligt hatte. Annika wurde vergebens gebeten, gleichfalls Platz zu nehmen; sie hätte es für die größte Ungeschicklichkeit gehalten, sich mit ihren Gästen zusammen an den Tisch zu setzen. Konrad Hilgruber sprach fast nur den Speisen zu, welche die Wirtin selbst aufgetragen hatte und meinte ihr dadurch eine Aufmerksamkeit zu beweisen, welche von ihr nicht unbemerkt blieb, wiewohl sie andererseits den Doktor durchaus nicht nötigte. Noch war das frugale Mahl nicht ganz beendet, als das Atmen des Kranken schwerer wurde und einen röchelnden Ton annahm. Der Doktor trat sofort ans Bett und fühlte den Puls. Gleich darauf stellte sich ein heftiger Krampfhusten ein, der den ganzen Körper erschütterte; der alte Klars schlug noch einmal die Augen auf, ließ einen irren Blick über die Umstehenden schweifen, machte eine vergebliche Anstrengung, zu sprechen, sank matt in die Kissen zurück und verschied nach wenigen Minuten. Annika drückte ihm die Augen zu. Als nach einer Stunde der Mond aufgegangen war und ein bleiches Dämmerlicht durch den Nebel auf die weite Eisfläche warf, spannte der Krüger seine Pferde an. »Ich sehe dich bald wieder«, sagte er, als er Annika zum Abschied die Hand reichte. Dann gab's eine stille Fahrt. Kein lebendes Wesen ringsum, nur die Glocken klangen fort und immerfort in ihrer eintönigen Weise, wie ein unaufhörliches Grabgeläute. Der Doktor hatte den Kragen seines Schafspelzes hoch aufgeschlagen, so daß nicht einmal die Mütze sichtbar wurde, die Hände kreuzweise in die Ärmel gesteckt und versuchte zu schlafen. Der Krüger schlief nicht, aber er träumte. Nur manchmal schreckte er auf, wenn das Eis mit donnerartigem Krachen riß, wie das in Frostnächten zu geschehen pflegt, oder wenn die Pferde vor einer Spalte scheuten, die übersprungen werden mußte. Erst gegen Morgen kam er in sein Bett. V. Der alte Klars wurde in einen weißen Holzsarg gelegt, den die Fischer aus einigen Brettern zusammennagelten, und begraben. Annika war nun mit ihrem Knaben allein in dem kleinen Fischerhause und hatte vollauf Zeit, darüber nachzudenken, was nun aus ihnen werden solle. Ein beträchtlicher Teil der Ersparnisse ihres Mannes lag freilich noch wohlverwahrt unter einem Ziegelstein des Herdes; aber die Summe war an sich nicht groß und mußte bald verbraucht sein, wenn man davon lebte. Lohnende Arbeit für eine Frau war in einem Fischerdorfe nicht zu finden, und der Kahn mit dem Gerät blieb für sie selbst ohne Nutzen. Es schien ihr nach reiflichem Überlegen das beste, die ganze Habe möglichst vorteilhaft zu verkaufen und nach dem Festlande überzusiedeln, das kleine Kapital anzulegen und sich mit den Zinsen und ihrer Hände Arbeit weiterzuhelfen, bis ihr Kind erwachsen sein würde. In diesem Vorsatze wurde sie noch bestärkt, als ein Nachbar für seinen zweiten Sohn, der kürzlich vom Militär entlassen war, eine Stelle suchte und ihr selbst mit annehmbaren Anträgen entgegenkam. Als sie nun auf dem Gericht nähere Erkundigungen einzog, hieß es wieder, daß sie über das Haus nicht so ohne weiteres verfügen könne und zunächst ihren Mann für tot erklären lassen müßte, worauf dann über das Kind eine Vormundschaft eingeleitet werden würde. So sehr sich aber auch der alte Gerichtsrat bemühte, ihr begreiflich zu machen, daß dies eine durchaus gesetzliche Prozedur sei, die jede andere in ihrer Lage zur Anwendung bringen würde, um sich freie Hand zu schaffen, so war sie doch nicht zu vermögen, den nötigen Antrag zu stellen, und kehrte unverrichtetersache zurück. Bald machte sich das ganze Vornehmen aus einem andern Grunde unausführbar. Mare, die Schwester der Fischersfrau, kam eines Tages zum Besuch nach der Nehrung und setzte sie in große Aufregung. Sie bestätigte, daß ihr Vater auf einem Schmuggelzuge in Rußland gefangengenommen sei; anfangs hätte man nicht gewußt, wohin er von den Grenzsoldaten gebracht worden, da denselben das tiefste Stillschweigen anbefohlen sei. Erst als sie mit einem derselben ein Verhältnis angeknüpft, habe sie herausgebracht, daß er sich vorläufig im Gefängnis einer Nachbarstadt befinde. Mehrere Kundschafter seien nun im geheimen dorthin abgegangen, aber man habe ihn selbst nicht sprechen können und nur erfahren, daß er mit dem nächsten großen Transport nach Sibirien abgeführt werden solle. Wäre er erst aus der Grenzstadt fort, so höre die Möglichkeit auf, an seine Rettung zu denken, und man könne ihn als tot betrachten, denn aus Sibirien komme so leicht niemand wieder zurück. Schon in der Gouvernementsstadt würden die Gefangenen so gut bewacht, daß eine Verbindung mit ihnen nicht mehr herzustellen sei; es komme daher alles darauf an, seine Befreiung zu versuchen, solange er noch in der Nähe wäre. Dazu gehöre aber Geld, um den Inspektor des Gefängnisses zu bestechen. Daß er bestechlich sei, wisse man schon von früheren Fällen her; auch habe kürzlich noch ein anderer Schmuggler über die Sache mit ihm gesprochen. Er wolle ihn in eine Zelle dicht über dem Erdboden bringen und ihm im Brote eine Feile zustecken, mit der er leicht die Eisenstäbe beseitigen könne. Dann habe er nur die Zeit abzupassen, wann der Wachtposten sich auf der entgegengesetzten Seite des Hauses befinde, um schnell auszubrechen und das Weite zu suchen. Dafür verlange der Beamte jedoch hundert Rubel, eine Summe, die sie in ihrer Armut natürlich nicht aufbringen könnte. Da hätte sie denn an ihre gute Schwester Annika gedacht, die ja für eine wohlhabende Frau gelte und jedenfalls doch ein Haus habe, auf welches sich Geld würde aufnehmen lassen, und wollte deshalb anfragen, ob sie ihren Vater nach Sibirien schleppen lassen oder das Nötige zu seiner Befreiung tun wolle. Die Fischersfrau kam dadurch in arge Verlegenheit. Sie hätte freilich sagen können, daß sie ihr Haus für jetzt weder verkaufen noch verpfänden dürfe und bares Geld nicht besitze; aber letzteres wäre eine Lüge gewesen, die ihr so schwer aufs Gewissen hätte fallen müssen, daß sie darüber ihr Leben lang nicht mehr hätte froh werden können. Denn es handelte sich ja doch um ihren Vater, und vielmehr noch um ihre Mutter und die jüngeren Geschwister, die nun ganz hilflos dastanden. Andererseits hatte sie aber auch allen Grund, an sich selbst und an ihr Kind zu denken, dessen kleines Vatererbe auf solche Weise seiner Bestimmung entzogen werden sollte. »Sein Vater ist dafür in den Tod gegangen,« sagte sie sich, »ich darf das Geld nicht anrühren.« Dann aber drohte ihr wieder ihr eigner Vater, sie wußte ja, welch entsetzliches Schicksal seiner wartete, wenn er sich nicht befreien konnte. Und sie sollte schuld daran sein, da sie doch die Mittel hatte, zu helfen? Hatte sie selbst doch nur für ein geliebtes Wesen zu arbeiten und war noch jung und kräftig. Sie wagte nicht, ihre Schwester einfach abzutrösten, und sprach nur den Zweifel aus, ob der Gefängnisinspektor auch Wort halten werde, wenn er das Geld empfangen hätte. »Das wird er«, versicherte das Mädchen; »er weiß ja, daß er sonst nicht drei Tage zu leben hätte; der erste Schmuggler, der über die Grenze käme, würde ihn niederschießen.« »Gut denn,« sagte Annika entschlossen, aber mit zitternder Stimme, »ich will geben, was ich habe. Mag mir der liebe Gott verzeihen, wenn ich an meinem armen Kinde sündige, um meinen Vater seinen Kindern zu erhalten.« Sie führte ihre Schwester an den Herd, scharrte die Torfasche aus einem Winkel fort, kratzte den Lehm aus den Fugen zwischen den Ziegeln und hob einen Stein auf. Es war eine kleine Höhle darunter, in welcher ein lederner Beutel lag. »Nimm!« sagte sie mit gepreßter Stimme und vergebens bemüht, die hervorquellenden Tränen zurückzuhalten, »nimm! Es ist unsere ganze Habe, der schwere Verdienst meines Mannes, meines Kindes Erbe. Wir sind nun nicht viel besser als Bettler.« Das Mädchen griff hastig zu. »Du bist gut, Annika!« rief sie. »Gott wird dir's vergelten!« Die Fischersfrau wandte sich ab, nahm den kleinen Peter auf, der mit einem Schiffchen spielte, und drückte ihn ans Herz. Mare eilte fort. – Auf Konrad Hilgruber hatten des Doktors Worte tiefen Eindruck gemacht. Was hieß das: Einen für tot erklären lassen? Er benutzte seinen nächsten Aufenthalt in der Stadt, um sich bei einem Rechtsanwalt darüber genau zu informieren. Die Sache sollte gar keine besonderen Schwierigkeiten haben, da ja unzweifelhaft feststehe, daß das Schiff im Sturm gesunken, auch die vom Gesetz vorgeschriebene Wartezeit verstrichen sei. Der Krüger hatte keinen Namen genannt, sondern den Fall als ganz allgemein vorgetragen. Und so fragte er denn zuletzt auch, ob die hinterbliebene Frau, wenn ihr Mann für tot erklärt sei, sich in jeder Beziehung als Witwe betrachten, also auch wieder heiraten könnte. Auch dies wurde unbedenklich bejaht. Konrad Hilgruber zahlte mit bestem Dank seine Konferenzgebühren und ging in der heitersten Stimmung fort. Und diese heitere Stimmung hatte Bestand; sie blieb ihm auch zu Hause treu und setzte nicht nur sämtliche Hausgenossen, die an sein grämliches Wesen gewöhnt waren, sondern auch die Gäste der Krugstube in Verwunderung. Er hatte sonst stets den Kopf auf die Brust hängen lassen und immer mürrisch vor sich her gesehen und kein Wort über die Not hinaus gesprochen. Jetzt trug er sich aufrecht, sah frei aus den Augen, pfiff sich ein Liedchen vor, wenn er Ställe und Scheunen revidierte, trank mit dem Nachbar ein Glas Bier oder Grog und konnte dazu ganz gemütlich plaudern, wenn sich einige gute Bekannte um den weißen Tisch zusammengesetzt hatten. Seine kranke Gesichtsfarbe verlor sich von Tag zu Tag mehr und machte einem frischen Rot Platz. »Was ist doch nur in unsern jungen Herrn gefahren?« fragten sich die Knechte erstaunt, wenn er sie zur Arbeit aufmunterte und überall mit gutem Beispiel voranging. »Er wird ordentlich hübsch«, meinten die Mägde, und eine von ihnen wollte ihn sogar schon vor dem Spiegel gesehen haben, wie er sich das Haar aus der Stirn strich und den blonden Backenbart aufkrauste. Das mußte eine ganz ungewöhnliche Erscheinung gewesen sein, da sie soviel Aufsehen machte. Wer aber bei dieser wunderbaren Änderung am nachdenklichsten wurde, war seine Mutter, die Krügerin. Sie hatte sich schon völlig an den Gedanken gewöhnt, daß ihr Sohn ganz in die Fußtapfen seines Vaters treten und ihr das Regiment im Kruge lassen werde bis an ihr Lebensende. Auch nach seiner Großjährigkeit, als sie sich genötigt gesehen hatte, ihm die äußere Wirtschaft abzutreten, war dies doch ihrer eigenen Erklärung nach mehr »auf dem Papier« als in Wirklichkeit geschehen. Freilich beschränkte sie ihn nicht in seiner persönlichen Freiheit und auch nicht in seinen Ausgaben, aber sonst war kein Unterschied zwischen früher und jetzt merklich geworden. Sie war nach wie vor die Seele des Ganzen, die bewegende und ordnende Kraft, die Respektperson im Hause und auf dem Hofe. Konrad ging ihr scheu aus dem Wege und war viel für sich; sie tadelte ihn deshalb oft genug und sagte ihm, daß er endlich ein Mann werden müßte, fühlte sich aber doch in ihrer dominierenden Stellung ganz behaglich. Jetzt erkannte sie ihn kaum wieder in seiner Heiterkeit und Geschäftigkeit und zerbrach sich im stillen den Kopf darüber, was wohl vorgegangen sein könnte. Als Frau fiel sie natürlich sofort darauf, daß er verliebt sein müsse, aber so gut sie auch aufpaßte, konnte sie doch nicht herausbringen, auf wen er sein Auge geworfen. Von den Wirtstöchtern im Dorfe war es sicher keine, sonst würde er Besuche gemacht haben, und in der Umgegend hatte er ihres Wissens gar keinen Verkehr. Nach welcher Richtung hin also raten? Sie ließ es an bezüglichen Bemerkungen keineswegs fehlen, gelegentlich auch nicht an Sticheleien, um ihn zum Sprechen zu reizen. Aber er lachte nur und sagte: »Es wird sich alles finden, laß mir Zeit!« Das Wetter war flau geworden, häufige Regengüsse hatten das Eis des Haffs überschwemmt und mürbe gemacht, so daß fast vierzehn Tage lang die Verbindung mit der Nehrung nur durch leichte Handschlitten herzustellen war. Aus dem Fischerdorfe waren nur wenige Leute herübergekommen, und Annika war unter ihnen nicht. Der Krüger erfuhr von ihnen, daß der alte Klars beerdigt sei, und daß seine Schwiegertochter habe verkaufen wollen, daß dann aber plötzlich, die Unterhandlungen abgebrochen seien. Sie wird sich nicht halten können, war die allgemeine Ansicht. Ende März kam plötzlich wieder Frost, und zwar mit solcher Heftigkeit, daß die Eisdecke sich schon nach zwei Nächten genügend stärkte, um schwere Lasten tragen zu können. Der Nebel hob sich, und die spiegelblanke Fläche, jetzt wieder nach allen Seiten hin durch Fuhrwerke belebt, lud recht freundlich zu einer Spazierfahrt ein. Auf eine solche Gelegenheit hatte der Krüger nur gewartet. Er gab dem Knecht Befehl, die Hufeisen der Pferde zu schärfen und den leichten Schlitten anzuspannen. »Wohin wirst du fahren?« fragte Madame Hilgruber, der diese Vorbereitungen nicht unbemerkt geblieben waren. Er besann sich einen Augenblick, ob er eine ausweichende Antwort geben solle. Dann aber sagte er entschlossen: »Nach der Nehrung, Mutter!« »Nach der Nehrung?« wiederholte sie überrascht. »Hast du dort Geschäfte?« »Wie man's nehmen will. Wenn man keine Geschäfte hat, kann man sie sich ja machen.« »Als ob es nicht hier genug zu tun gibt! Ich wüßte doch auch wahrhaftig nicht, was du auf der Nehrung zu suchen hättest?« »Das ist ja auch lediglich meine Sache«, erwiderte er ruhig. Madame Hilgruber wurde rot im ganzen Gesicht. »So? Deine Sache?« eiferte sie. »Ich soll also nicht einmal mehr erfahren, was mein Herr Sohn treibt? Viel Kluges kann's denn doch unmöglich sein, wenn's vor mir versteckt wird!« »Es ist gar kein Geheimnis«, beruhigte er sie. »Die Klarssche Fischerkate, höre ich, soll verkauft werden; und da will ich einmal nachfragen.« Sie sah ihn erstaunt an, offenbar halb im Zweifel, ob er sie nicht auf eine falsche Fährte bringen wolle, halb beunruhigt durch das Licht, das ihr plötzlich aufgesteckt wurde. »Was in aller Welt geht uns das an?« fragte sie in einem Ton, der wie das erste Grollen eines heraufziehenden Gewitters klang. »Wenn nicht uns, so doch mich!« entgegnete er mit dem festen Willen, seine Gelassenheit zu behaupten. »Willst du dir etwa eine Fischerkate kaufen? Vielleicht zum Sommerlogis, wie die reichen Kaufleute in Schwarzort? So weit sind wir denn doch noch nicht.« »Du weißt, Mutter, daß ich mit Peter Klars befreundet war.« »Ach, das ist lange her. Er hat sich wenig genug um dich bekümmert.« »Das hat seine guten Gründe gehabt, Mutter – und jetzt ist er tot.« »Und die Annika ist Witwe –« platzte sie ingrimmig heraus. »Jawohl! Und in sehr traurigen Umständen.« »Die dich doch hoffentlich nicht beschweren? Warum ging ihr Mann zur See und ließ seine Familie im Stich? Aber das sollte alles ein Aufsehen haben, als ob sie reiche Leute wären. Wenn man die Fischersfrau Sonntags in ihrem Staat zur Kirche gehen sah –« »Laß das, Mutter«, unterbrach er sie. »Ich höre nicht gern übel von ihr reden.« »Und ich werde doch wohl noch meine Meinung sagen können!« fuhr sie heftig auf. »Aber ich werde tun können, was ich für gut befinde.« »Und was wird das sein?« »Das sollst du erfahren, wenn ich selbst darüber im klaren bin«, sagte er unwillig, indem er sich zum Gehen abwandte. »Faule Fische!« rief die Krügerin ihm nach. »Mache mir keine Dummheiten, Konrad, das rate ich dir! Wir könnten uns sonst sehr ernstlich erzürnen!« »Das sollte mir leid tun«, antwortete er, schon die Tür öffnend, und ging mit schnellen Schritten auf den Hof, wo der Knecht mit dem Fuhrwerk wartete. Madame Hilgruber stemmte die Hände in die Seiten und sah ihm ärgerlich ans dem Fenster nach. »Ich glaube, der Junge wäre toll genug –« brummte sie verbissen in sich hinein, ohne ihre Befürchtung völlig auszusprechen. Die Mägde klagten über einen schlechten Tag. Der junge Krüger hatte diesen Sturm vorhergesehen; er schüttelte ihn freilich etwas durch und setzte ihn anfangs in eine unbehagliche, frostige Stimmung. Als er aber erst über die freie Eisfläche hinsauste, mit sich selbst allein, ganz sein eigener Herr, warf er den Unmut leicht von sich ab und setzte sich in seinem Entschluß nur um so mehr fest. »Meine Mutter soll erfahren,« wiederholte er sich hundertmal, »daß ich ihrer Zuchtrute gänzlich entwachsen bin. Nun gerade, weil sie's nicht will! Ich werde zeigen, daß ich meinen Kopf und mein Herz für mich habe.« – Wie es von Natur gutherzigen und schwachen Menschen oft geht, daß sie die mangelnde Energie des Charakters durch Eigensinn aufzuwiegen suchen, sobald sie einmal in einer einzelnen Sache von einer besonders starken Neigung gespornt werden, so versteifte sich nun auch der Krüger so fest auf seinen Plan, daß die besten Gründe ihn von der Verfolgung desselben nicht hätten abbringen können; daß aber die Gründe seiner Mutter keineswegs die besten waren, sondern von einem sehr unsauberen Geiste eingeblasen würden, glaubte er von vornherein annehmen zu können. Seine Mutter fragte bei allem, was sie tat oder guthieß, nur immer nach dem Vorteil, und ihm kam es auf Herzensbefriedigung an. So konnten sie, in diesem Augenblick wenigstens und in dieser Angelegenheit, unmöglich zusammenstimmen. Es machte in dem Fischerdorfe einiges Aufsehen, als der Krüger seine munteren Pferde durch die mit hohen Eisstücken umstellten Wuhnen hindurch auf das Ufer hinauflenkte und die Dorfstraße entlang fuhr. Überall sah man hinter den kleinen Fenstern neugierige Gesichter, und hier oder da traten die Bewohner sogar aus der Tür hinaus, um dem Schellengeläute nachzuforschen und zu sehen, wo der Schlitten eigentlich halten werde. Es gab endlich einmal einen Stoff zur Unterhaltung, und man beutete ihn gewissenhaft aus. Auch Annika wischte, als sie von fern die hellen Schlittenglocken vernahm, eine Fensterscheibe rein ab, ließ den kleinen Peter hinausschauen und behielt selbst noch Raum genug übrig, einen prüfenden Blick auf die Landstraße zu werfen. Ein rechter Schreck überfiel sie, als sie Konrad Hilgruber erkannte, und das Blut stieg ihr ins Gesicht, als er ihr und dem Knaben freundlich zunickte und gleich darauf vor der Haustür die Leine anzog und vom Schlitten sprang. Sie konnte sich nicht entschließen, ihn draußen zu bewillkommnen, sondern rührte sich nicht von der Stelle und wartete ab, was weiter erfolgen würde. Er aber strängte ruhig die Pferde los, behielt die Leine in der Hand, trat ans Fenster, klopfte an und fragte: »Ist's erlaubt, einzutreten, Annika?« – »Die Tür ist offen«, antwortete sie ausweichend. »Ich habe mit dir zu sprechen«, sagte er, immer dem kleinen Peter zunickend, der das fremde Gesicht mit einiger Scheu betrachtete. »Darf ich eintreten?« – Sie besann sich. »Ich will lieber hinauskommen«, entgegnete sie dann aufstehend; »wir können vielleicht zum Nachbar gehen, dessen Frau zu Hause ist.« – »Warum zum Nachbar?« fragte er zurück. »Ich habe mit dir allein zu sprechen. Darf ich kommen?« Sie schwieg, und er nahm's für Zustimmung, führte die Pferde unter Wind, band sie an einen Steinanker, der neben dem umgestülpten Kahne lag, schüttete ihnen Futter vor und trat ins Haus. Mit einem heiteren »Guten Tag, Annika!« bot er der Fischersfrau die Hand. Sie reichte ihm verlegen die ihrige, ohne den Knaben vom Arm zu lassen, und wartete seine weiteren Eröffnungen ab. Er betrachtete sie eine Weile, wie sie mit niedergeschlagenen Augen und geröteten Wangen vor ihm stand, und glaubte sie noch nie so schön gesehen zu haben. Er hätte ihr's am liebsten gleich sagen mögen, hielt sich aber doch zurück und besann sich auf die Einleitung, die er sich ausgedacht hatte, um im rechten Moment nicht verwirrt zu werden. Und so fragte er denn, recht vergnügt lächelnd, mit aller Sicherheit: »Ich höre, du willst deine Kate verkaufen, Annika? Ist's richtig?« Sie atmete beruhigt auf; es war also einfach ein Geschäft, was ihn herführte. »Es ist davon die Rede gewesen«, sagte sie. »Wollen Sie mir einen Käufer zuführen?« Das war gerade die Antwort, die er erwartet hatte, und die seinige darauf war schon bereit. »Und wenn ich nun selbst kaufen möchte?« fragte er zurück, indem er freundlich und zugleich ein wenig listig mit den Augen zwinkerte. Es lag in dem Ton, in welchem er diese Frage stellte, wieder etwas, das die Fischersfrau stutzig machte. Sie sah ihn forschend an und konnte nur um so weniger aus ihm klug werden. »Sie selbst?« wiederholte sie mit dem Ausdruck des Zweifels. »Was sollten Sie wohl mit einer Fischerkate anfangen wollen?« »Das kann ja dem Verkäufer gleichgültig sein«, meinte er. »Ich zahle einen guten Preis, und euch ist geholfen.« »Es geht nicht«, sagte sie nach einer Weile ernst. »Das Gericht erlaubt es nicht. Wenn's aber auch ginge, so würde ich wissen, daß es nicht Ihre Absicht sein kann, das Grundstück zu erwerben, das Ihnen ganz unnütz wäre. Ich verstehe Sie wohl; Sie haben ein gutes Herz und wollen mich nicht in Not lassen, weil Sie – weil Sie – meines Mannes Freund waren und vielleicht soviel übrighaben, um ein gutes Werk tun zu können. Das mag Ihnen der liebe Gott vergelten, daß Sie auch nur daran gedacht haben. Aber annehmen kann ich Ihr Anerbieten nicht, das wäre ein Unrecht.« Es wurde ihm recht warm ums Herz, wie er sie so freundlich über sich sprechen hörte und in ihre lieben Augen sah. »Ich bin gar nicht so uneigennützig, wie du glaubst«, antwortete er. »Ich hätte meine Bedingungen zu stellen, und wer weiß, ob dir die den Preis wert wären.« »Bedingungen?« – »Jawohl! Ich will nur kaufen, wenn ich alles mitkaufen kann, was sich im Hause befindet – nichts ausgenommen.« Das war der eigentliche Trumpf, den er ausspielen wollte, und er war innerlich recht froh, daß es ihm geglückt war, ihn auf so ungezwungene Manier anzubringen. »Das ist nicht viel, Herr«, antwortete sie, ohne die Verfänglichkeit seiner Bedingung zu merken. »Wir haben nur die einfachsten Wirtschaftssachen und das Fischereigerät gehört sowieso zum Hause. Es kann für Sie wenig Wert haben.« Nun kam doch die Reihe an ihn, verlegen zu werden, denn er mußte deutlicher mit der Sprache heraus. »Ich sage alles , nichts ausgenommen!« wiederholte er nachdrücklich und stockte wieder. Und dann kam ihm plötzlich ein glücklicher Gedanke, der weiterhalf. Er faßte das Kind mit beiden Händen, hob es auf seine Schulter und sagte: »Auch der kleine Peter muß dabei sein.« »Oh, der bleibt bei der Mutter!« erwiderte sie schnell und ängstlich, indem sie den mit den Beinen strampelnden und weinenden Jungen wieder an sich nahm und an die Brust drückte. »Oder die Mutter bei ihm«, ergänzte er lachend. »Nein, sie sollen sich nicht trennen; aber ich möchte sie beide für mich haben.« Nun ging Annika das Verständnis auf. Sie trat ein paar Schritte zurück und setzte sich auf die Bank. Ihr war so beklommen, daß sie am liebsten hätte aus dem Hause laufen und draußen frische Luft schöpfen mögen. Er aber folgte ihr, setzte sich dicht neben sie und ergriff ihre Hand, um sie nicht fortzulassen. Sie sollte nun alles hören. »Du weißt ja, Annika,« flüsterte er ihr zu, und seine Stimme zitterte dabei anfangs merklich, »du weißt ja, daß ich dir nicht seit gestern gut bin, auch nicht seit ehegestern. Es sind Jahre darüber vergangen, seit du von der Grenze nach unserm Dorf kamst; damals ein junges Mädchen, dessen Herz noch ganz frei war. Und schon damals, gleich als ich dich am ersten Sonntag in der Kirche sah, wußte ich, daß ich dich liebhaben müßte wie keine andere auf der Welt. Ich gab dir's auch später zu erkennen, so gut ich es verstand, aber da ich schüchtern war und mich wenig vordrängte, mag wohl nicht viel davon zu sehen gewesen sein. Oder ich habe dir auch nicht sonderlich gefallen, wie nun einmal meine Art war. Ich konnt's dir nicht sagen, weil ich abhängig war, aber ich hoffte, du würdest noch ein paar Jahre Zeit haben, und dann wollt' ich vortreten. Ganz für mich allein vermochte ich's aber doch nicht zu behalten, und als ich es dem einzigen mitteilte, vor dem ich glaubte, kein Geheimnis haben zu dürfen, da verlor ich den Freund. Das konnt' ich freilich nicht wissen, daß er selbst dich liebte, und daß du ihm im geheimen schon zugetan warst. Es war ein schwerer Schlag, als ich's erfuhr, und von dem Augenblick an gab ich dich ganz auf, denn ich wollte dem Freunde nicht entgegenstehen. Ich ging dir aus dem Wege, aber je länger ich dich nicht sah, desto größer wurde die Sehnsucht nach dir. Das machte mich ganz krank, so daß die Leute sagten, ich würde nicht lange leben. Und ich freute mich darüber, weil ich doch wenig vom Leben hatte und nicht einmal einer Menschenseele klagen konnte, was mir fehlte. Erst als dein Hochzeitstag gewesen war, wurde ich ruhiger, aber vergessen konnte ich dich doch nicht und nicht aus meiner Stube über das Haff nach der weißen Nehrung schauen, ohne an dich zu denken und mein altes Leid aufzufrischen. Ich hatte mir vorgenommen, ledig zu bleiben und einmal mein Hab und Gut deinen Kindern zu vermachen, als ob's die meinigen wären. Und, weiß Gott! Annika, ich habe gewünscht, daß du mit Peter Klars glücklich sein möchtest und er mit dir, und kein böser Gedanke ist mir in den Sinn gekommen, solange er lebte. Es ist mir auch schwer zu Herzen gegangen, als ich hörte, er sei mit seinem Schiff untergegangen und elendiglich umgekommen, denn er blieb doch mein Freund, und du verlorst einen lieben Mann und den Vater deines Kindes. Aber das darfst du mir nicht verdenken, Annika, daß die alte Hoffnung wieder bei mir auflebte, als es gewiß wurde, daß er gestorben sei und du nun wieder ledig wärst und für mich zu haben. Ich wollte dir Zeit lassen, dich mit deinem Schmerz auszusöhnen, und so habe ich bis jetzt still gewartet. Aber als es neulich der Zufall fügte, daß wir wieder zusammentrafen, da wurde ich mit mir einig, nicht länger zu zögern und dir ein offenes Geständnis zu machen. Und nun ist's gesagt, Annika, mit viel zuviel Worten, aber doch vom Herzen heraus. Sprich du nun – willst du meine Frau sein?« Sie hatte ihm still und in sich versenkt zugehört; nur manchmal zuckte leise ihre Hand, wenn er ihres Mannes erwähnte oder ihres Kindes. Auch als er schon schwieg, änderte sie ihre Haltung nicht, sondern sah eine Weile vor sich hin. Was er gesprochen, hatte sie tief bewegt, und sie wußte nun nicht, wie sie ihm antworten sollte, ohne ihn zu kränken. Erst als er ihre Hand drückte und sich zu ihr überbeugte, richtete sie sich auf, schüttelte langsam den Kopf und sagte: »Für mich ist er ja noch immer nicht tot.« »Er soll's auch nicht sein«, entgegnete er mild; »du sollst ihn in treuer Erinnerung halten, und ich will ihn mit dir beweinen. Aber von dem Gedanken mußt du dich entwöhnen, daß er zurückkehren könne; das hieße dein ganzes Lebensglück zerstören und dieses Kind einem traurigen Schicksal überliefern. Denn du wirst zu stolz sein, von mir etwas anzunehmen, nachdem du meine Hand ausgeschlagen hast, und wenn du auf dich allein angewiesen bist, wie willst du für den Knaben sorgen? Freilich, wenn du mir ganz abgeneigt bist und meinst, nichts für mich fühlen zu können, dann wär's besser, du sagtest mir es geradezu: denn es könnte doch kein Segen sein bei solcher Ehe, zu der sich der eine Teil widerwillig zwingt. Aber wenn ich dir nicht ganz gleichgültig bin – wenn du nicht daran verzweifelst, mich liebgewinnen zu können, wenn du meinen Worten vertraust, daß ich deinem Kinde ein zweiter Vater sein will, dann laß alle Rücksichten fallen, Annika, und nimm mir die Hoffnung nicht, von der ich lebe.« Es war ein so heiliger Ernst in diesen einfachen Worten, daß die Fischersfrau an der Wahrhaftigkeit seiner Gesinnung nicht zweifeln konnte. Und doch empfand sie für ihn nicht mehr, als für einen Menschen, den man hochachtet und als seinen besten Freund erkennt. Aber es konnte sich fragen, ob sie überhaupt für irgendeinen auf der Welt mehr empfinden könnte, nachdem sie den einzigen, den sie liebte, verloren hatte, und so etwas, wie eine solche Frage, nur nicht so bestimmt formuliert, bewegte sie auch in diesem Augenblick und machte sie unsicher. Sie hätte antworten sollen: »Ich kann nicht wieder lieben!« Aber sie antwortete: »Ich kann nicht wieder heiraten«, und so leise und unentschlossen, daß er dadurch keineswegs mutlos gemacht wurde. »Und weshalb?« drängte er in sie; »weil ich dir zuwider bin?« »O nein!« berichtigte sie lebhaft. »Glauben Sie das nicht. Ich habe recht viel Vertrauen zu Ihrer Güte und wäre gewiß recht glücklich mit Ihnen geworden, wenn –« »Wenn – ?« »Wenn ich meinen Mann gar nicht gekannt hätte, und wenn das nicht sein Kind wäre – sein und mein Kind –« Sie sah dem Knaben mit dem Ausdruck zärtlicher Mutterliebe in die schönen, klaren Augen; und es war noch ein anderer Ausdruck dabei, den der Krüger nicht verstand, weil er nicht daran dachte, daß diese Augen anderen Augen glichen, die sich freilich für ihn längst geschlossen hatten, auf ewig, für die Frau aber jeden Morgen sich wieder öffneten und das Andenken an den geliebten Mann lebendig hielten. Seine heitere Zuversicht fing an, schwankend zu werden; er hatte nicht gefürchtet, auf soviel Widerstand zu stoßen, und merkte nun erst an diesem Mißbehagen über ihre Ablehnung, daß er eitel genug gewesen war, zu glauben, sie würde seine Bewerbung als ein ganz besonders glückliches Ereignis begrüßen. Nur äußerte sich dieses Mißbehagen seiner Natur nach nicht in Ärger oder leidenschaftlicher Aufwallung, sondern so, daß die Triebkraft, die ihn bisher über alle Hindernisse hinweggerissen hatte, plötzlich erlahmte und einer merklichen Erschlaffung Platz machte. Es geschah in fast melancholisch weinerlicher Stimmung, daß er zur Antwort gab: »Ich habe Unglück – nicht nur die Lebenden, auch die Toten verdrängen mich.« Seine Traurigkeit ging Annika zu Herzen. »Ich habe Sie nicht kränken wollen, Herr Hilgruber«, sagte sie recht aufrichtig und reichte ihm die Hand. »Aber ich kann doch das Geschehene nicht ungeschehen machen und – will Sie nicht betrügen. Ich glaube auch, Sie täuschen sich über sich selbst und über mich; in Ihren Gedanken bin ich noch immer die Annika Endoms, die Ihnen einmal gefiel, und die ein munteres Mädchen war. Aber jetzt ist in dieser langen Zeit viel Freude und viel Schmerz an mir vorübergegangen, und ich bin alt geworden – wenn auch nicht gerade an Jahren. Ich habe einen Mann genommen und verloren, bin Mutter geworden und habe einen alten Vater begraben, den ich lieb hatte, das werde ich doch nicht vergessen können. Und was wollen Sie nun mit einer Frau, die so etwas nicht vergessen kann? Arm bin ich auch – das mag für Sie nichts austragen; aber es gibt andere, die scheel darauf sehen, daß Sie sich auch noch mit dem fremden Kinde belasten. Das fremde Kind ist aber mein Kind, ich möchte nicht, daß es einem im Wege wäre. Nein, nein! Das haben Sie nicht gut überlegt; Sie können ein ganz anderes Glück machen.« Ihm schoß wieder das Blut warm ins Herz. »Das laß dich nicht kümmern, Annika!« rief er lebhaft erregt. »Ich verstehe wohl, daß du meine Mutter meinst, und gebe dir recht, wenn du von ihr nicht viel Freundlichkeit erwartest, obgleich sie so hart nicht ist, wie es wohl manchmal scheint. Ich lasse mir in dieser Sache von ihr keine Vorschriften machen; und wenn es ihr bei mir nicht gefällt, so trennen wir uns. Mag sie den Krug behalten; ich kaufe mich woanders an und führe dich in eine neue Wirtschaft ein, damit du nach deinem Gefallen leben kannst. Dein Kind, Annika, soll mein Kind sein, so wahr ein Gott lebt! Und was dich betrifft – du bist mir gerade so recht, wie du bist, und ich will gar nicht ändern, was ich nicht ändern kann. Sei nur mit mir zufrieden, und wir werden glücklich sein.« Sie sah zur Erde und schwieg. Er wartete einige Minuten, ohne ihre Hand freizulassen, die in der seinigen brannte, und sagte dann mild und freundlich: »Ich will dich nicht übereilen, Annika; solche Dinge wollen bedacht sein. Es wäre mir lieb gewesen, wenn dich mein Vorschlag froh gemacht hätte; aber ich sehe wohl ein, daß du dich zu der Sache nicht so stellen kannst wie ich, und so ist mir's für heute genug, daß du mich nicht mit einem kalten Nein nach Hause schickst. Ich will dir Bedenkzeit lassen, acht Tage – oder nein, das ist zu lange für meine Unruhe – drei Tage, Annika! Nach drei Tagen will ich wieder herkommen und bei dir anfragen – gerade um diese selbe Zeit. Und nun sprich für jetzt nichts mehr entgegen, und wenn's sein kann, auch über drei Tage nicht. Leb' wohl und Gott behüt' euch!« Er neigte sich zu ihr nieder und küßte ihre Stirn. Auch der kleine Peter ließ sich die Backen streicheln und reichte freiwillig seine Hand zum Abschied. »Wir werden schon gute Freunde werden«, sagte der Krüger vergnügt, und Annika mußte lachen. Das ist ein gutes Zeichen, dachte er bei sich. Als er draußen nach seinen Pferden ging, bemerkte er die alte Lene, die sich um die Ecke des Hauses schlich und hinter einem Torfhaufen versteckte. »Neugieriges Volk«, brummte er und machte die Sielen fest; »freilich kann's nicht verborgen bleiben.« Er ließ die Braunen recht austraben, daß die Glocken munter läuteten, und knallte mit der langen Peitsche vor den Nachbarhäusern, an denen er vorüber mußte. Sie sollen merken, dachte er bei sich, daß ich keinen Grund habe, traurig abzufahren. Die alte Lene hatte nämlich am Fenster gehorcht; und wenn sie auch nicht viel von der Unterhaltung verstanden hatte, so war doch immerhin manches zu sehen gewesen, so daß sich schon ein Vers zusammenreimen ließ. Bald ging die Neuigkeit von Haus zu Haus, daß der reiche Krüger die Annika Klars heiraten wolle. Am ersten Abend begnügte man sich damit, die Köpfe zusammenzustecken und zu zischeln und hundertmal durchzusprechen, wie es denn nur möglich gewesen sei, daß der reiche Hilgruber seine Gedanken auf die arme Fischersfrau habe richten können, und ob nicht am Ende alles nur Einbildung wäre. Freilich wußte diese und jene sich zu erinnern, daß vor Jahren einmal davon gesprochen worden, die Freundschaft zwischen dem jungen Krüger und Peter Klars sei auseinandergegangen, weil sie dasselbe Mädchen geliebt hätten; aber andere bestritten ganz und gar, daß die beiden sich jemals entzweit hätten, und alle waren darin einig, daß eine solche Jugendliebschaft doch keine Veranlassung zu einem ernstlichen Verhältnis nach so veränderten Umständen sei. Die reiche Sippschaft wundert sich mitunter, wenn eins ihrer Angehörigen eine schlechte Partie macht, aber viel mehr noch wundern sich stets die armen Leute, wenn einmal eins von ihnen gut ankommt. Sie suchen dann in der ganzen Welt herum nach Gründen, nur nicht da, wo sie jedesmal liegen müßten, wenn einer zum andern sagt: »Willst du mein sein?« Am nächsten Vormittag schon war das Stübchen im letzten Fischerhause so besucht, wie das Boudoir irgendeiner Frau vom Stande in der großen Stadt. Eine Visite drängte die andere, und jeder Besuch war natürlich ganz zufällig und nur aus freundnachbarlichen Rücksichten abgestattet. Wunderlich nur, daß sie alle immer nach einer kurzen Einleitung auf dieselbe Frage kamen, Annika als kluge Frau hatte das vorausgesehen und sich überlegt, daß es gar nicht lohnen würde, den Versuch zu machen, den Gevattern etwas aufzubinden, da das Gerede dann noch größer sein und ihrem Ruf vielleicht schaden könnte. Sie befriedigte also die Neugierde vollkommen, setzte nun aber um so mehr durch die nachfolgende Erklärung in Staunen, daß sie entschlossen sei, nicht wieder zu heiraten. Ein Schrei der Entrüstung war die Antwort. Einen solchen Antrag ausschlagen? Den reichen Konrad Hilgruber abweisen? Das wäre ja die reine Narrheit! Ob sie etwa auf den Kronprinzen warten wolle? Oder ob ihr der Krüger nicht hübsch genug wäre, der doch ein ganz respektabler Mann geworden sei und bloß die Hand auszustrecken brauche, um die reichste Köllmertochter daran zu haben. Sie wisse gar nicht ihr Glück zu schätzen, sonst hätte sie sich auch nicht eine Minute besonnen! Ob sie etwa hier auf der Nehrung so lange spinnen wolle, bis ihr Peter mit dem Fischerkahn ausfahren und etwas verdienen könne? Denn das solle sie doch nur nicht glauben, daß die arme Dorfschaft eine so junge Person, noch dazu mit ihrem Kinde, füttern werde, wenn es bekannt sei, daß sie aus purem Eigensinn eine reiche Heirat ausgeschlagen, die auch ihnen selbst hätte von Nutzen sein können, da man doch wüßte, an wen man sich in der Not zu wenden hätte. Wenn sie wirklich das Fischerhaus verkaufe, könne sie von dem Gelde doch nicht lange leben und werde noch die Hälfte dem Gericht für das Kind einzahlen müssen. Dann könne sie bei fremden Leuten dienen gehen und den Jungen in Pflege geben! – Solche und ähnliche Reden, bald freundlich, bald unfreundlich vorgebracht, mußte sie von allen Seiten hören, so daß sie zuletzt schon ganz kleinlaut wurde und nur schüchtern Einwendungen machte. Und wenn sie dann wieder mit sich allein war, konnte sie sich doch nicht abstreiten, daß die Leute in vielen Punkten recht hätten, und daß es wirklich mit ihrer Zukunft schlecht aussehe, besonders, da sie nun auch das kleine Kapital fortgegeben, das früher bei ihren Berechnungen eine wichtige Rolle spielte. Sie nahm die alte Bibel vor und las eifrig darin, um sich Trost zu erholen. Aber es wollte alles auf ihren Fall nicht recht passen, und wenn sie spät zu Bett ging, drückte sie das Gesicht in die Kissen und weinte und betete: »Gott erleuchte mich.« Konrad Hilgruber war bei schönem Wetter ausgefahren, aber ehe er noch das jenseitige Ufer erreicht hatte, hob ein plötzlich losbrechender Sturm die schwarze Wolke, die den Horizont umlagerte, auf und trieb sie über das Haff. Seine Braunen mußten alle ihre Kraft daransetzen, den Schlitten durch die Schneeberge zu schleppen, die an einzelnen Stellen zusammengewirbelt wurden. Erfroren, durchnäßt und nicht in der besten Laune langte er zu Hause an und mußte sich obendrein noch die Frage gefallen lassen, warum er die schöne Annika nicht lieber gleich mitgebracht habe. »Nach drei Tagen entscheidet sich's, Mutter«, sagte er ärgerlich und ging auf sein Zimmer. Der Sturm hielt an und brachte wieder Regen. Mit Besorgnis sah der Krüger am folgenden und nächstfolgenden Tage auf das Haff, wo sich der Schnee mehr und mehr in Wasser auflöste. Noch war der Grund fest, aber wegen der offenen, nur nicht überall sichtbaren Spalten nicht zuverlässig. In der Krugstube wurden viel Geschichten von verunglückten Heufuhren erzählt, und das allgemeine Urteil war, daß das Eis in kurzem ganz aufgehen werde. Nur noch zwei Tage muß es halten, dachte der Krüger bei sich – hinüber muß ich! Als nun aber die festgesetzte Zeit verstrichen war, überkam ihn doch einige Bangigkeit. Es war nicht so sicher, daß sein Wagnis gelingen und er gesund zurückkehren würde. Er konnte es nicht übers Herz bringen, diesmal von seiner Mutter zu scheiden, ohne sich mit ihr ausgesprochen und ihr ein freundliches Lebewohl gesagt zu haben. Er suchte sie deshalb frühmorgens in ihrer Schlafstube auf, schloß die Tür ab, damit niemand ihn störe, und setzte sich zu ihr ans Bett. »Mutter!« begann er mit fast feierlichem Ernst, »ich habe der Annika versprochen, heute zu ihr hinüberzukommen und ihre Antwort zu hören, ob sie mich mag. Ich werde fahren!« Die Krügerin sprang im Bett auf und starrte ihn mit großen Augen an. »Bist du toll geworden?« schrie sie ihn an. »Heute über Haff fahren? Und dieser Person wegen?« »Ich werde fahren«, antwortete er fest und bestimmt, »Darüber sprechen wir nicht weiter. Aber wenn du mich ruhig anhören willst, möchte ich dich von allem unterrichten, wozu ich in Zukunft entschlossen bin, für den Fall, daß die Annika mich nimmt, und für den Fall, daß die Annika mich nicht nimmt.« Sie schlug eine helle Lache auf: »Daß sie dich nicht nimmt? Das fehlte wirklich nur noch, daß du dir dort einen Korb holst. So albern ist die Annika nicht!« »Du kennst sie eben nicht«, antwortete er achselzuckend. »Sie ist nicht wie andere Weiber. Ich bin ihrer Zustimmung noch durchaus nicht sicher, und gerade deshalb muß ich heute hinüber, mag's kommen, wie es kommt, damit sie nicht denkt, ich sei andern Sinnes geworden. Gibt sie mir aber ihr Jawort, dann wär's freundlich von dir, Mutter, wenn du dich beizeiten darauf vorbereiten möchtest.« »Und ich sage dir,« fuhr die Alte auf, »daß das Matrosenweib mir nicht ins Haus kommt, solange ich darin bin«, und gestikulierte ihm lebhaft mit beiden fleischigen Händen vor den Augen. »Dann wird nichts übrigbleiben, als daß du gehst«, sagte er zögernd und leise, aber doch nicht unschlüssig, und fügte, als er sie wie versteinert sitzen sah, mit einem Seufzer hinzu: »oder daß ich mich anderwärts anbaue, Mutter!« Diese ganz unerwartete Energie imponierte ihr denn doch. Freilich kostete es einige Minuten, bis sie sich die ihr gestellte Alternative klargemacht hatte; dann aber setzte sie das Gespräch nicht im früheren Tone fort, sondern warf sich auf die Seite, stemmte den Ellenbogen ins Kissen und den Kopf auf die Hand, brummte ärgerlich einige unverständliche Worte vor sich hin und fing dann ruhiger und gemäßigter an, ihre Gründe gegen die ihr so verhaßte Partie vorzubringen. Er hielt wacker stand und ließ sich nicht aus dem Sattel heben, selbst, als sie schließlich zu Bitten ihre Zuflucht nahm und in aufrichtiger Besorgnis über das waghalsige Unternehmen ihres Sohnes in Tränen ausbrach. »Mit deinem kranken Vater hab' ich nichts als Not und Sorgen gehabt,« klagte sie »und nun wirst du noch das deinige dazu tun, daß ich im Alter meine einzige Stütze verliere.« Er stand bewegt auf, küßte sie auf die Hand, mit welcher sie die Augen bedeckt hatte, und fragte: »Wirst du freundlich hinterher deine Zustimmung geben, wenn ich jetzt die Fahrt aufschiebe?« Sie schluchzte weiter. Erst als er die Frage nochmals dringlicher wiederholte, antwortete sie ausweichend: »Ach! Du wirst dich anders besinnen.« Er preßte die Lippen zusammen, verzog das Gesicht zu einem bitteren Lächeln, schüttelte den Kopf und ging. Als sie aus dem Bett gesprungen war, die Kleider übergeworfen hatte und vor die Haustür trat, verließ er bereits den Hof und lenkte nach dem Flusse zu. Sie sah das Aufwasser hoch aufspritzen, als die Pferde die Böschung des Ufers hinabtrabten. Es war eine Fahrt, bei der auch dem Mutigen das Herz schlagen konnte. Von der See her bäumten sich die schwarzen Wolken wie riesige Ungetüme auf, kämpften miteinander, ballten sich zu dichten Massen zusammen, rissen plötzlich wieder ab und jagten mit zerzausten Rändern, einander verfolgend und teilweise überholend, über den bleichen Himmel. Von Zeit zu Zeit brach ein Sonnenstrahl durch die von einem heftigen Windstoß geöffnete Lücke und beleuchtete grell und strichweise die weite Fläche, die wie ein uferloser See dalag, aus welchem hin und her niedrige Schneedämme oder schmutziggraue Eisinseln auftauchten. An manchen Stellen war die Fahrstraße durch kleine Tannenbäumchen kenntlich gemacht, welche nun zum Teil tief im Wasser standen oder auch bereits ihren festen Stützpunkt im Eise verloren hatten und umgefallen waren, so daß die Wellen darüber hinwegschälten. So weit man umschaute, war kein lebendes Wesen zu entdecken, und die Nehrung lag fern, trostlos grau und öde, oft nur in unsicheren Umrissen erkennbar. Die Pferde trieften von Schweiß, dampften wie kochendes Wasser, und wagten nur zitternd Schritt nach Schritt, oft über ein verborgenes Eisstück stolpernd oder in ein ausgewaschenes Loch einbrechend. So ging es fast zwei Stunden fort, und nicht vielmehr als die Hälfte des Weges war zurückgelegt. Die ermüdeten Tiere konnten nicht mehr vorwärts, er mußte auf einer verhältnismäßig trockenen Stelle haltmachen. In der Aufregung und stets die gespannteste Aufmerksamkeit auf das Fuhrwerk richtend, hatte er bisher keine Zeit gehabt, an sich selbst zu denken. Erst jetzt, wo er ermattet die Leine und Peitsche fallen ließ und auf das Chaos rund um sich her ausschaute, fing seine Phantasie zu arbeiten an. Es war ihm, als ob die Wolken immer tiefer zur Erde strebten und ihn vom Boden fortwirbeln wollten; sein Ohr vernahm unheimliche Töne, als ob unter ihm die Wellen am Eise nagten, als ob bald hier, bald dort von unten her gegen die Decke gehämmert würde, um zu proben, wo sie am dünnsten sei und am leichtesten brechen werde. Mitunter war's, wie wenn in der Ferne Kanonen gelöst würden und dumpf hinüberdröhnten, und dann knatterte plötzlich das Kleingewehrfeuer ganz in der Nähe, daß er entsetzt aufsprang. »Und wenn sie dich nicht liebt!« stöhnte er; »lieber gleich hier begraben sein!« Kate am Nemonienfluß. Federzeichnung von Ernst Wichert. Er hielt's keine Viertelstunde aus, bewegungslos in dieser schrecklichen Einöde. Wieder peitschte er die Pferde an, wieder mußte er vom Damm herunter ins Wasser, das bis zur Nehrung zu reichen schien; jede Marke für den Weg verschwand, nur das letzte Fischerhaus drüben gab ihm die Richtung an. Und plötzlich stolperten die Pferde, zogen den Schlitten mit einem heftigen Ruck an und versanken vor ihm. Mit einem jähen Schrei sprang er hinaus. – – Annika hatte die letzte Nacht kein Auge zugemacht. Zwar wiederholte sie sich tausendmal: »Er wird nicht kommen – er kann nicht kommen – Gott sei Dank, daß er nicht kommt!« Aber je weiter die Zeit vorrückte, und je näher die Stunde kam, in der er so fest versichert hatte, sich wieder einzufinden, desto unruhiger schaute sie aus dem Fenster auf das Haff hinaus, nach der Richtung hin, die er nehmen mußte. »Es wäre Tollheit«, sagte sie sich, aber: »Er wäre dessen fähig«, mußte sie jedesmal hinzusetzen. Sie ahnte die Leidenschaftlichkeit seiner Neigung und war nicht unempfindlich gegen die Vorstellung, daß er sich ihretwegen in Gefahr bringen könne. Endlich kam es ihr so vor, als ob sie einen schwarzen Punkt auf der Eis- und Wasserfläche in Bewegung sähe. Sie strengte ihr Auge an und sah den schwarzen Punkt nun ganz deutlich, aber die Bewegung hörte auf. Es ist Täuschung, dachte sie; aber sie ging doch hinaus und eine Strecke auf den Sandberg hinter dem Hause hinauf, von wo sie eine weitere Umsicht hatte. Die schwarze Stelle auf dem Eise war nicht zu verkennen, aber bei dem trüben Wetter und der weiten Entfernung ließen sich die Umrisse nicht deutlich unterscheiden. Und wenn es der Schlitten war, warum stand er still? Sie erinnerte sich, daß ihr Mann einmal ein kleines Fernrohr von England mitgebracht und zurückgelassen hatte. Eiligst kehrte sie zum Hause zurück und suchte es aus dem Kasten hervor. Als sie auf ihren früheren Standpunkt zurückkehrte, konnte sie mit bloßen Augen bemerken, daß die dunkle Masse wieder fortrückte. »Er ist's!« rief sie. Gleich darauf gab ihr das Glas die Überzeugung, daß sie nicht irrte. Mit beklommenem Herzen folgte sie dem Schlitten, wie er sich langsam und meist im Wasser näherte; die Zeit schien sich endlos zu dehnen. Sie wußte, daß ein breiter Eisriß zu passieren war, und zitterte vor dem Gedanken, daß die Pferde ihn verfehlen könnten. Mehrere Nachbarn fanden sich ein und schauten gleichfalls neugierig und ängstlich hinüber, etwa wie man vom Strande aus ein Schiff beobachtet, das im Sturm den Hafen sucht. Plötzlich ließ die Fischersfrau das Glas fallen und kreischte laut auf: »Er versinkt – zu Hilfe!« Die übrigen Zuschauer, denen das Verschwinden des Schlittens nicht unbemerkt geblieben war, machten sich gleichfalls durch verschiedene Ausrufungen Luft, rührten sich aber nicht von der Stelle. »Zu Hilfe!« wiederholte Annika, »es ist der Krüger!« – »Dem nützt sein Geld nichts mehr,« hieß es, »ein Wunder, daß er noch so weit gekommen ist.« Aber die Fischersfrau beruhigte sich nicht so bald. Sie lief nach dem Hause hinunter, riß einen Handschlitten aus dem Stall, raffte einige Stangen zusammen, die unter die Dachbalken geschoben waren, und machte sich auf den Weg nach dem Haffe. Nun faßten auch die Männer Mut, folgten ihr und ratschlagten, was zu tun sei. Man kam überein, ein leichtes Boot auf zwei Schlitten zu setzen und so den Versuch zu wagen, über das Eis und die offenen Blänken die Unglücksstelle zu erreichen. Annika ließ sich nicht abhalten, sie zu begleiten; sie watete, in jeder Hand eine Stange, um sich beim Einbrechen zu sichern, durch das Schneewasser voran. Es war nicht leicht, in der Richtung zu bleiben, da jeder Anhaltspunkt fehlte, aber endlich fand man doch nicht weit von dem Spalt das schwimmende Heupolster, das sich vom Schlitten losgelöst haben mußte. Man machte das Boot frei und setzte über, soweit das Wasser tief genug war. »Dort!« rief Annika, und zeigte auf einen Schneehaufen, der die Fläche überragte. Ein Mensch lag dort, mit dem Oberkörper auf dem Schnee, mit den Füßen im Wasser, scheinbar regungslos. Nach wenigen Minuten war man dort. »Konrad Hilgruber!« rief Annika, neben ihm niederstürzend und seinen unbedeckten Kopf auf ihren Arm hebend. Wie vom Tode erweckt, schlug er die Augen auf, sah mit einem unbeschreiblich glückseligen Blick in ihr übergebeugtes Gesicht und fiel dann in Ohnmacht zurück. Man trug ihn nach dem Boot und erreichte glücklich das Fischerdorf. Am nächsten Tage ging bei heftigem Sturm das Haff auf. Konrad Hilgruber lag krank in der Hütte eines Fischers, und Annika saß neben seinem Bett, eifrig damit beschäftigt, ihn zu pflegen. VI. Es gab wieder eine Hochzeit, und eine stattliche obendrein. Das kleine Fischerhaus war von unten bis oben mit grünen Birkenreisern geschmückt; um Tür- und Fenstergerüste zogen sich Tannengirlanden, in welche bunte Blumen und Bänder eingebunden waren; ein Gemisch von gehackten Tannen und gelben Blüten war von der Haustür bis zum Hof hinunter über den weißen Sand gestreut, und auf dem mit Laubwerk aufgeputzten Mast vor dem Hause wehte unter dem roten Wimpel eine große Fahne mit einem mächtigen schwarzen Adler, sobald von Zeit zu Zeit einmal ein Luftzug das Flaggentuch hob. Das geschah freilich, wie gesagt, nur von Zeit zu Zeit, denn es war ein stiller Sommertag, und der blaue Himmel wölbte sich so hoch und rein über der freundlichen Erde, als ob er nie vorher durch ein Wölkchen getrübt gewesen wäre und nie wieder getrübt werden könnte. Die Nehrung selbst schien hochzeitliche Toilette gemacht zu haben, so sauber hoben sich die weißen Sandberge im Sonnenschein von dem lichtblauen Hintergrunde ab, und das Haff lag so ruhig da, wie ein stiller Landsee; kaum daß die durchsichtig grünliche Fläche sich an den nahe dem Ufer vorragenden Steinen ein wenig hob und senkte, oder ein darüber fortstreichendes Lüftchen den Wasserspiegel kräuselte. Es war eine feierliche Ruhe in der ganzen Natur. Am Haffstrande zeigte sich eine kleine Flottille von Fischerbooten, alle mit grünem Laubwerk und bunten Wimpeln geschmückt. Ein größeres namentlich war mit einem förmlichen Laubdach überdeckt und fast luxuriös beflaggt. Es stellte das Brautboot vor und lag recht in der Mitte, mit der Spitze ein wenig aufs Land gezogen, damit man trockenen Fußes hineingelangen könnte. Rechts zogen sich die Boote der Nehrunger Fischer hin, von denen kein einziges zurückbleiben wollte, links die der Hochzeitsgäste von drüben, soweit dieselben sich bei der Abholung beteiligten. Kein freundlicheres Bild ließ sich aussinnen. In dem Fischerhause und vor demselben war ein buntes Leben und Treiben. Aus den geöffneten Fenstern der kleinen Stube tönte Musik, zwei Violinen, ein Baß, eine Klarinette und ganz besonders vernehmlich eine Trompete, die so oft wie möglich die ihr angewiesene Mittelstimme verließ und mit der Klarinette um die Wette hoch hinauf fistulierte. Die Musikanten saßen in einer Ecke auf einer trittartigen Erhöhung und hatten ein Fäßchen Bier in ihrer Mitte, dem namentlich der Trompeter oft mitten im Spiel herzhaft zusprach, um dann um so kräftiger wieder einzusetzen. In der Ecke gegenüber war nach litauischer Sitte die Brautlaube von grünen Birkenzweigen errichtet, und davor standen lange, mit weißem Linnen bedeckte Tische, beladen mit ganzen Schüsseln von Fladen und Topfkuchen, Bierkannen und Likörflaschen. Es war immer ein dichtes Gedränge rund umher, denn die Gäste, sämtlich in ihren besten Sonntagskleidern und mit den vergnügtesten Feiertagsgesichtern, ließen sich durchaus nicht nötigen. Sie wußten ja, daß es dem reichen Konrad Hilgruber eine rechte Freude war, wenn sie ihm schlagend den Beweis lieferten, wie gut es ihnen schmeckte, und womöglich gar keinen Rest in Schüsseln und Flaschen ließen. Hatten sie doch gehört, daß dies nur ein kleiner Morgenimbiß wäre, und daß drüben km Kruge noch ganz andere Vorräte aufgespeichert lägen und ihrer harrten. In der Brautlaube saßen Konrad und Annika. Sie trug ein Kleid, nach deutscher Sitte gemacht, wie es sich für die künftige Krügerin ziemte, und eine Haube mit Blumen, die ihr ein recht fremdes Aussehen gab, aber von allen Anwesenden am meisten bewundert wurde. Der Bräutigam hatte allen Grund, kein Auge von ihr zu lassen, denn sie war wunderschön trotz der bleichen Gesichtsfarbe und zumeist niedergeschlagenen Augen. Er hielt ihre Hand gefaßt und sprach ihr von Zeit zu Zeit freundlich zu, und dann lächelte sie still und nickte ein wenig, ohne zu ihm aufzusehen, und streichelte mit der andern Hand das blonde Haar des kleinen Peter, der vor ihr stand und den Kopf hintenüber auf ihren Schoß gelegt hatte, eifrig bemüht, einem ungeheuren Stück Rosinenfladen möglichst schnell den Rest zu geben. »Ich bin so froh, Annika,« sagte er herzlich, »daß nun endlich der Tag gekommen ist, der uns vereint. Dir danke ich mein Leben; aber das Leben wäre mir wenig wert gewesen, wenn du dich nicht zugleich entschlossen hättest, es mir lieb zu machen. Ach, ich war recht arm vorher, und nun möchte ich mit keinem Menschen auf der Welt tauschen!« Sie drückte seine Hand und schwieg. »Und du solltest auch froh sein, Annika,« fuhr er leiser flüsternd fort, »und den Leuten zeigen, daß du gern meine Braut bist und daß sie dir liebe Gäste sind. Ich weiß, daß du mir gut bist, aber ich wollte, daß jeder es sehen und seine Freude daran haben möchte.« »Laß mir Zeit!« bat sie, indem sie den Kopf auf seine Schulter neigte. »Es wird sich finden, wenn wir erst drüben sind und alles vergessen sein wird, was hier –« Ihre Stimme wurde unsicher; sie drückte das Tuch vor die feuchten Augen, schmiegte sich aber fester an ihn, um gleichsam durch ihre Zärtlichkeit den Eindruck zu mildern, den die Rückerinnerung an eine ihm unliebe Vergangenheit hervorgerufen haben mußte. Er verstand sie. »Wenn du willst,« sagte er, »so brechen wir sofort auf; mir ist's recht.« »Nein, nein!« antwortete sie schnell und wie erschreckt. »Nicht vor der bestimmten Zeit. Wer weiß, wann ich wieder einmal hier einspreche – und ich habe das Haus doch liebgehabt.« Dann sah sie ihn freundlich an, streichelte seine Backe und sagte recht mild und zutraulich: »Das mußt du mir nicht verdenken, Konrad; auch dein Haus soll mir lieb werden.« Es kamen Hochzeitsgäste heran und hinderten die Fortsetzung des Gesprächs. Die Fischerfrauen der Nachbarschaft konnten nicht viel und nicht laut genug von dem Glück reden, das Annika machte. »Das passiert einem Nehrunger Kind selten,« meinte die Hanna Pippis, eine kleine, ziemlich beleibte Person mit verdächtig geröteter Nase, »daß es so zu Wohlstand kommt. Aber freilich bist du auch eigentlich kein rechtes Nehrunger Kind,« setzte sie hinzu, »und hast das Glück schon mitgebracht, denn den Peter Klars hätte auch manche von hier gern genommen.« »Aber das muß wahr sein,« wandte sich Urte Gulbis an den Bräutigam, »Sie bekommen eine gute Frau, mit der Sie gewiß auskommen werden; sie ist mild wie ein Lamm und hat niemals einen Streit gehabt. Alles was recht ist!« Der Krüger reichte der auffallend langen und starkknochig gebauten Fischersfrau lachend die Hand und ließ sich dieselbe derb schütteln. Er wußte, daß sie in dem Ruf stand, ihren Mann zu prügeln, wenn er nicht nach ihrer Pfeife tanzen wollte, und würdigte ihr Lob also um so mehr. »Ich denke, Ihr seid für strenges Regiment, Urte«, scherzte er. »Immer wie es sein muß, Herr Krüger,« antwortete sie ganz ernst zustimmend; »wenn der Mann liederlich ist, muß die Frau ihm die schlechten Gedanken austreiben. Na – das wird hoffentlich bei Ihnen nicht nötig sein!« Die alte Lene war in ihrer Art ganz sentimental gestimmt, hatte fortwährend die weiße Schürze vor den Augen und greinte: »Ach, du mein Gottchen, wer hätte das gedacht, als hier so großer Gram war über den armen Peter Klars, und als nachher der alte Mann, sein Vater, hier in dieser Stube krank lag und ich bei ihm wachte, und die junge Frau gar nicht wußte, ob sie nun Witwe sei oder nicht – wer hätte das gedacht –! Und nun solche große Hochzeit mit Essen und Trinken vollauf und drüben ein stattliches Haus mit der schönen Wirtschaft, Scheunen und Stalle, Vieh und Pferde – da wird der kleine Peter alle Tage reiten können – ja wohl, mein Goldchen, das wirst du, und kannst dir aussuchen den Braunen oder den Schimmel; und wenn die alte Lene herüberkommt und zum Doktor will, dann wirst du sie nicht auf ihren alten Füßen laufen lassen, sondern anspannen lassen, wie ein großer Herr, für die alte Lene, die dich manches Mal auf dem Arm getragen hat. Nicht wahr, das wirst du, mein Goldfischchen?« Dabei kauerte sie vor dem Kleinen nieder und küßte ihm die Hände und streichelte der Braut die Knie. »Nein! du wirst kein Seemann,« plauderte sie weiter, »du wirst kein Seemann, wie dein Vater, Peterchen. Das Wasser hat keine Balken – und mein Mann ist auch ertrunken, als einmal das Fischerboot umschlug. Aber mich hat hinterher keiner gefreit, und ich habe mir kümmerlich mein Brot verdienen müssen – ach Gott, ach Gott!« Auch Hans Niels, der Graukopf, lebte noch, aber er war ganz blind geworden und tappte mit dem Stock umher. Die jungen Leute reichten ihm von Zeit zu Zeit ein Gläschen Kümmel und amüsierten sich über seine Redseligkeit. Da er nur mühsam einzelne Worte auffing, die ihm ins Ohr geschrien wurden, so wußte er nicht recht, was die ganze Festlichkeit zu bedeuten hatte, und reimte sich wieder in seinem schwachen Kopf eine ganz eigene Geschichte zusammen. Er erinnerte sich, daß Peter Klars zur See gegangen war und die Annika heiraten wollte, aber, daß er sie wirklich geheiratet hatte, war ihm in Vergessenheit gekommen, und da er nun etwas von Hochzeit hörte, meinte er nicht anders, als daß der Seemann, den man schon für tot gehalten hatte, zurückgekehrt sei und die Annika heimführe. Er hatte schon viel wunderliches Zeug darüber zu den Gästen gekost und wollte nun zum Brautpaar gebracht sein, um ihm den Segen zu geben. Er tappte am Tisch entlang bis zur Brautlaube, immer vor sich hinsprechend: »Wo ist die Annika? Ich kenne doch wohl die Annika – die hübsche Braut – wo ist denn die Annika und der Bräutigam, mein Junge – wo denn?« Annika war froh, die alte Lene in ihren Herzensergüssen auf gute Art unterbrechen zu können, stand auf, reichte dem zitternden Greis die Hand und sagte ihm ins Ohr: »Hier, Hans Niels, setz' dich zu mir.« Er lachte vergnügt. »Kann stehen, kann stehen,« schmunzelte er, immer mit dem Kopf nickend; »werde mich doch nicht in die Brautlaube setzen! Ja, vor fünfzig Jahren – vor fünfzig Jahren, da ging's schon – ha, ha, ha. Aber du hast einen guten Platz da – einen sehr guten Platz. Der Peter Klars ist ein braver Junge – hab' ihn ja über die Taufe gehalten vor fünfzig Jahren – oder ist's noch nicht so lange her? Kann sein, kann sein; aber brav ist er wie sein Vater, der Peter Klars, und sein Großvater, der hieß auch Peter Klars. Ja, was ich sagen wollte – du bist auch brav, Annika, und den braven Leuten geht's am Ende immer gut. Hast treu am Peter gehalten – obgleich alle Leute sagen, daß er auf der See ertrunken sei! Immer wie Gott will – wie Gott will; es ist auch nicht alles wahr, was die Leute sagen – immer wie Gott will. – Meine Dore hat dazumal auch auf mich warten müssen, lang, lang – fünfzig Jahre – oder nein, fünf Jahre, ganz recht, lange fünf Jahre; aber sie ist mir treu geblieben, bis sie starb; dafür kann kein Mensch, und nun find' ich sie gewiß einmal im Himmel. Wo ist der Peter Klars – deine Hand, mein Junge! Sagten schon alle, daß du ertrunken wärest – aber es ist nicht alles wahr, was die Leute sagen.« Einer von den Nachbarn schrie ihm ins Ohr: »Das ist ja der Konrad Hilgruber, mit dem sie Hochzeit macht!« Der Alte nickte freundlich. »Hilgruber, ganz recht – das ist der Krüger drüben im Dorfe, ich kenn' ihn wohl, er hat eine schlimme Frau. Na, mag er sehen, wie er mit ihr zurecht kommt, er hat das Geld dazu. Sein Schnaps und Bier soll uns schmecken, Kinder. Juchhe!« Er versuchte am Stock einen Hopser zu machen und wäre dabei bald rücklings übergefallen. Man lachte allerseits, nur die Annika lachte nicht, und der Bräutigam sah verlegen lächelnd zur Erde. Die Annika überließ der alten Lene den kleinen Peter und ging zur Tür hinaus und um das Haus herum, wo keiner von den Gästen sie störte, kniete in den Sand nieder und wehrte den Tränen nicht länger, die sie so lange gewaltsam hatte zurückpressen müssen. Sie meinte, es gar nicht überleben zu können, von dem Fischerhause zu scheiden, in dem sie einst so glücklich gewesen war. Es überkam sie der Gedanke, daß man auch den Toten treu sein müsse, wenn man sie recht geliebt habe, und wieder regte sich der alte Zweifel: ist er auch wirklich tot? Sie hätte gern nur noch einmal auf die hohe Düne steigen und aufs Meer schauen mögen, das sein Grab sein sollte. Aber sie konnte nicht hinaus, ohne von den Hochzeitsgästen gesehen zu werden, und sie überlegte auch, daß sie den guten Konrad nicht kränken dürfte, der doch nicht mit ihr fühlen könnte. Schon wurde es auch vor dem Hause laut; man lief nach dem Strande, um die Kähne flottzumachen, und erkundigte sich, wo die Braut geblieben sei. Sie durfte nicht länger verweilen, wenn sie nicht das ganze Fest stören wollte. Als sie sich erhob und einige schwankende Schritte machte, mußte sie sich an der Mauer halten; aber sie raffte gewaltsam alle Kraft zusammen, trocknete die Augen und trat mit heiterem Gesicht unter die Gäste. Nur Konrad wußte, daß sie geweint hatte, und wußte, warum. Man fuhr ab. Die Musik auf einem besondern Boot voran, dann das Brautboot mit der grünen Laube gleich hintendrein, und nun das Gefolge ohne feste Ordnung, wie ein Keil, dessen breite Seite dem Lande zugekehrt war. Annika sah nicht mehr zurück. Sie lehnte sich an die Brust des Bräutigams, der sie umfaßt hatte, und flüsterte ihm zu: »Jetzt ist's überwunden – ganz gewiß.« – »Zeige meiner Mutter ein recht frohes Gesicht,« bat er, »sie macht sich sonst Gedanken.« – Im Dorfe blieben nur einige Ausgedinger und alte Frauen bei den Kindern zurück, und Niklas Binsas, der dreizehnjährige Hütejunge, mußte wieder zu den Pferden auf die ziemlich entlegene Weide, die er nur auf eine Stunde hatte verlassen dürfen, um doch auch von der Hochzeit etwas abzubekommen. Er war Ortsarmer und schon vom siebenten Jahr ab drüben als Gänsejunge vermietet gewesen, seit vorigem Jahre aber nach seiner Einsegnung nach Hause genommen, um zu allerhand Diensten gebraucht zu werden. Als die kleine Flotte abfuhr, war er schon unterwegs über die hohe Düne nach der Wiese, die im Schutz einiger Birken und Weiden zwischen den Sandbergen lag. Er sah oft zurück nach den abfahrenden Kähnen und wäre gar zu gern auch des Krügers Gast gewesen. Aber er hatte nicht einmal einen Sonntagsrock und mußte sich solche Gedanken ganz und gar vergehen lassen. Als er oben anlangte, hatte er die weite, spiegelglatte See vor sich. Ganz in der Ferne war ein Schiff sichtbar, das nur langsam von der Stelle rückte, obgleich die Masten bis hoch hinauf mit Segeln behängt waren. Es steuerte in der Richtung nach der Hafenstadt. Da Niklas sonst nichts zu tun hatte, warf er sich in den Sand und machte sich einen Zeitvertreib daraus, das Schiff zu beobachten, auf dem freilich selbst sein scharfes Auge einzelne Teile nur schwer zu unterscheiden vermochte. Bei dieser Ausschau in die Ferne war ihm anfangs entgangen, daß sich noch ein anderes Fahrzeug auf dem Wasser zeigte. Es war ein Ruderboot, das sich in der Richtung vom Schiffe her nach dem Strande zu bewegte. Erst als es sich bis auf eine kleine halbe Stunde genähert hatte, fiel es ihm in die Augen, und fesselte nun seine ganze Aufmerksamkeit. War es in der Tat schon nichts Gewöhnliches, daß ein Schiff an dieser Stelle so nahe der Nehrung seinen Kurs auf die Seestadt hin nahm, so mußte noch mehr auffallen, daß hier ein Boot ausgesetzt wurde, selbst wenn das schöne Wetter eine Landung ganz ungefährlich machte. Bald erkannte Niklas deutlich zwei Ruderer, einen Mann am Steuer und einen vierten Mann vorn in der Spitze, der nicht beschäftigt war. Seine scharfsinnigsten Kombinationen reichten nicht aus, das Rätsel zu lösen. Das Boot lief auf den Sand. Der vierte Mann ergriff einen Packen, der auf dem Boden unter der Ruderbank lag, verabschiedete sich von den übrigen und sprang hinaus. »Aha, ein Schmuggler!« dachte Niklas. Das Boot stieß sofort wieder ab, machte kehrt und stach in See. In einiger Entfernung vom Lande wurde ein Mast mit einem Segel aufgerichtet; doch konnten wegen des stillen Wetters die Ruder nicht ganz entbehrt werden. Der Mann, der ans Land gesprungen war, gebärdete sich ganz unsinnig. Er warf sich auf die Erde nieder und drückte das Gesicht in den Sand, blieb eine Weile so liegen, richtete sich dann wieder auf, kniete nieder und hob die Arme wie ein Betender zum Himmel. »Das scheint ein Toller zu sein, den sie haben aussetzen müssen«, kalkulierte Niklas. Es wurde ihm etwas ängstlich zumute, als der Fremde seinen Packen aufnahm und sich auf den Weg landeinwärts machte. Er sah ihn über den Strand gehen und bald darauf auf der niedrigen Vordüne erscheinen, wo er sich nach rechts und links umschaute, offenbar, um sich zu orientieren. Dabei konnte ihm Niklas nicht unbemerkt bleiben, zumal derselbe aufgestanden war, um bequemer beobachten zu können. Der Fremde stieg sofort die Vordüne hinunter und schlug die Richtung nach der hohen Düne und nach der Stelle ein, wo der Hirt stand. Dem wird's schlecht gehen, dachte der Junge, er kommt gerade in den Triebsand, wenn er zwischen den Sandbergen hindurch will. Aber zu seiner großen Verwunderung vermied der Fremde die gefährliche, durch äußerliche Kennzeichen kaum unterscheidbare Grenze, machte dann einen kurzen Umweg am Sandberge hinauf und näherte sich darauf erst der hohen Düne. Niklas überlegte jetzt, ob es nicht das beste sei, davonzulaufen, aber die Neugierde überwand seine Furcht. Jetzt winkte ihm auch der Mann zu, und noch ehe er mit sich schlüssig werden konnte, stand derselbe schon an seiner Seite. Er war nach seinen Kleidern ein Matrose; ein dichter, blonder Bart umzog das von der Sonne fast kupferrot verbrannte Gesicht, der in den Nacken gedrückte Hut ließ die ganze Stirn frei. »Bist du aus dem Dorfe?« fragte er, den Jungen scharf fixierend, als ob er sich wunderte, einen Unbekannten anzutreffen. »Ja, Herr, ich bin vom Dorfe«, antwortete Niklas schüchtern. »Seit dem vorigen Jahre haben die Fischer mich hergenommen, weil ich ihnen drüben nicht genug verdiene. Ich bin ein Ortsarmer.« »So, so – darum«, murmelte der Matrose und schickte sich zum Gehen an. Nach einigen Schritten hielt er aber wieder, strich sich den Bart, rückte den Hut noch weiter von der Stirn zurück, so daß die blonden Haare sichtbar wurden, machte dann eine schnelle Wendung und kehrte zu Niklas zurück. »Wie geht's da unten?« fragte er, nach den Fischerhäusern zeigend. »Ich danke, gut!« erwiderte Niklas, jetzt schon vertraulicher geworden, da er merkte, daß ihm der Fremde nichts anhaben würde. »Wollt Ihr hinab?« »Jawohl!« bestätigte der Matrose; »aber ich möchte mich vorher noch nach diesem und jenem erkundigen. Willst du mir Auskunft geben?« Niklas meinte, daß er zu schlechter Zeit komme, da er nur wenige zu Hause treffen werde. »Sind die Fischer auf dem Haff?« fragte der Fremde. Der Junge lachte. »Gewiß, aber nicht mit ihren Netzen. Wenn Ihr die Augen anstrengt, könnt Ihr dort noch die Boote auf dem Wasser bemerken.« »Was gibt's denn?« forschte der andere. »Hochzeit, Herr, große Hochzeit drüben im Kirchdorf, und unsere Fischer sind dazu eingeladen; die Braut ist von hier.« Der Matrose schien sich wenig für diese Mitteilung zu interessieren. »So, so, Hochzeit –« brummte er, nachdenklich vor sich hinsehend; »wer weiß, wen man zu Hause trifft.« »Zu wem wollt Ihr denn?« fragte Niklas. Er erhielt keine Antwort darauf; der andere schien die Frage ganz überhört zu haben. Er wühlte mit dem Fuß im losen Sande und schien unschlüssig, was er zunächst beginnen solle. Nach einer Weile fragte er seinerseits: »Kennst du einen gewissen Peter Klars?« »Meint Ihr den alten Peter Klars, Herr?« »Jawohl, den alten. Ist er vielleicht auch bei der Hochzeit?« »O nein, Herr!« erwiderte Niklas, verschmitzt lächelnd, »der geht nicht mehr auf Hochzeit – er ist tot.« »Tot!« rief der Matrose mit dem Ausdruck des Entsetzens, daß dem Jungen wieder ganz bange wurde. »Also tot –!« wiederholte er nach einer Pause fast tonlos und bedeckte die Augen mit der Hand, welcher das Bündel entfallen war. »Ihr habt wohl seinen Sohn gekannt,« fragte Niklas teilnehmend, »der auch Matrose war?« »Ihn selbst – ihn selbst!« jammerte der Fremde. »Sein Sohn – was weißt du von seinem Sohn?« »Nun – der ist schon vor mehreren Jahren ertrunken, Herr; es tut mir leid, Euch so schlechte Nachrichten geben zu müssen.« »Ist er wirklich ertrunken?« »Jawohl, darüber ist gar kein Zweifel. Man hat ja sein Schiff versinken gesehen.« »Das kann richtig sein. Aber muß er auch mit versunken sein?« »Versteht sich! Sonst wär' er doch ans Land gekommen. Das Gericht sagt auch, daß er tot ist.« »Das Gericht?« »Jawohl! Er ist vom Gericht für tot erklärt, wie sie's nennen.« Der Seemann riß die Augen weit auf und starrte ihn, bewegungslos wie ein Steinbild, einige Sekunden lang an. Dann fingen seine Lippen an zu zittern, und ein grinsendes Lachen verzerrte den Mund. »Also für tot erklärt – ?« stieß er mühsam heraus; »oho, das geht schnell! Für tot erklärt – ja, dann ist kein Zweifel weiter.« Die Rede ging in ein unheimliches Lachen über. Niklas sah ihn verwundert an und wagte nicht, weitere Erklärungen zu geben. Erst als der Matrose ihn fragte: »Wer hat denn solche Eile gehabt, mein Junge?« zeigte er mit der Hand über das Haff und meinte recht pfiffig: »Ich glaube wohl, der da drüben.« »Wer?« »Nun, der reiche Krüger, Herr?« »Konrad Hilgruber?« »Gewiß! Ihr kennt auch den?« »Und aus welchem Grunde –?« »Hm! Er ist ja der Bräutigam!« »Konrad Hilgruber – der Bräutigam – – und die Braut – die Braut – ?« »Nun, das ist ja eben die Annika Klars, des ertrunkenen Peter Klars' Witwe.« Fragen und Antworten hatten einander gejagt. Mehr und mehr vorgebeugt und immer hastiger und wilder hatte der Fremde seine Erkundigungen eingezogen. Jetzt, als das letzte gesagt war, rollten seine Augen, schwollen die Stirnadern blau an; seine Knie schlotterten und knickten ein, die kräftige Gestalt brach zusammen, wie vom Hiebe einer Axt ins Genick getroffen, machte eine unfreiwillige Bewegung vorwärts und fiel schwer mit dem Gesicht auf den Sand. Das alles war ein Augenblick. VII. Niklas sprang entsetzt einige Schritte zur Seite, sah ängstlich zurück, gewahrte kein Lebenszeichen und lief in atemloser Hast eine Sandstrecke den Sandberg hinab. Erst in einiger Entfernung macht er halt und wagte wieder einen Blick rückwärts. Er überlegte, was zu tun sei; noch nie hatte er sich in einer so schwierigen Lage befunden. Nach dem Dorfe war's noch eine halbe Stunde; bis er jemand fand, der ihn begleitete, dauerte sicher ebensolange. Sollte er nicht wenigstens erst nachsehen, was dem Manne fehle, oder ob er wirklich tot sei, wie es den Anschein hatte? Das Herz schlug ihm heftig, aber allmählich fand sich doch wieder ein wenig Mut ein; er beschloß, abzuwarten, ob der unheimliche Gast von selbst wieder zu sich kommen würde. Darauf mußte er freilich lange warten. Endlich war es ihm, als ob er ein leises Wimmern vernähme, wie wenn ein Kind recht schmerzlich weinte. Er horchte gespannt auf – und ganz recht, jetzt bewegte sich auch der Kopf, und die weit ausgestreckten Hände griffen in den Sand, vielleicht, um einen Stützpunkt zu suchen. Das Mitleid wurde bei Niklas rege, er trat erst langsam und zögernd, dann immer eiliger den Rückweg an, kniete neben dem Kranken nieder und war ihm behilflich, sich aufzurichten und auf die Seite zu werfen. Es war ein trauriger Anblick; der Fremde blutete aus Nase und Mund, und in seinem Bart hingen zusammengeballte Klumpen Sand; die halb geöffneten Augen waren wie verglast. Niklas band ihm das Halstuch ab und bemühte sich, ihn zu reinigen, soweit dies ohne Wasser möglich war. »Haltet Euch ruhig«, redete er ihm zu; »ich will ins Dorf hinab und Leute herbeiholen.« Der Matrose legte die Hand auf seinen Arm und bedeutete ihm, zu bleiben. Es war ersichtlich, daß er alle Energie des Willens aufbot, sich wieder in den Stand zu setzen, Herr seiner Kräfte zu werden. Er richtete sich mit Anstrengung auf, sah nach dem Haff hinüber, schauerte zusammen und brachte endlich mühsam die Worte heraus: »Das sind sie?« »Ich sehe die Fischerkähne nicht mehr«, antwortete der Hirtenjunge. »Sie müssen bald dort sein.« »Und dann? – in die Kirche?« – stöhnte der Seemann schmerzlich heraus. »Wahrscheinlich!« bestätigte Niklas. »Vielleicht gibt's aber zuerst auch noch ein großes Essen im Kruge. Es geht heute hoch her.« Der Kranke versuchte aufzustehen, sank aber matt zurück und mußte den Kopf auf den Arm stützen. »Erzähle doch – wie das alles gekommen ist,« bat er, »daß die Annika so schnell« – Er konnte nicht fortfahren. »Sie selbst hat eigentlich nicht recht gewollt,« berichtete Niklas, »aber sie haben ihr alle zugeredet, daß sie eine Närrin wäre, so eine Partie auszuschlagen, da ihr Mann nun doch einmal tot sei und sie nach dem Tode des alten Klars nicht aus und nicht ein wüßte, zumal mit ihrem Kinde.« »Mit ihrem Kinde?« fragte der Seemann lebhafter; »es lebt also?« »Jawohl, der Junge lebt und ist auch mit drüben, und der Krüger hat versprochen, daß er ihn halten werde wie sein eigenes Kind, und in die Präzentorschule schicken wolle. Dem wird's einmal nicht fehlen.« »Weiter – weiter!« »Ja, die Annika mochte nicht und soll viel geweint haben. Aber nachher kam er das zweitemal herüber, als schon das Eis aufgehen wollte, und brach mit dem Fuhrwerk ein, daß die schönen Pferde ertrinken mußten, und wurde nur mit Mühe und Not gerettet und ins Dorf gebracht. Da lag er mehrere Wochen schlecht krank, so daß wir an seinem Aufkommen schon verzweifelten, und seine Mutter glaubte gar, er sei tot, denn beim Eisgange konnte kein Boot hinüber, ihr Nachricht zu bringen. Da soll sie sich schwere Vorwürfe gemacht haben, daß sie von dieser Heirat nichts hat wissen wollen, denn sie hatte in ihrem Stolz auf eine ganz andere Schwiegertochter gerechnet. Als sich nun aber ihr Sohn der Annika wegen in Lebensgefahr begeben hatte, und als sie erfuhr, daß er bei uns todkrank liege, da kam sie herüber und sagte ihm, daß er tun könne, was er wolle, und daß sie ihm nicht weiter hinderlich sein werde. Das half ihm denn bald wieder auf die Beine, aber er blieb noch bei uns einen ganzen Monat lang, und da hat denn die Annika endlich auch Vernunft angenommen und nachgegeben, und so ist heute die Hochzeit.« Der Fremde hatte während dieser Erzählung düster vor sich hingesehen und schwer geatmet. »Ich weiß nun alles,« sagte er nach einer Weile »ich muß hinüber – auch bei der lustigen Hochzeit sein. Vielleicht komm' ich noch zur Zeit.« »Das wird nicht angehen, Herr«, meinte Niklas. »Sie haben sämtliche Boote mitgenommen.« »Zum Teufel!« rief der Seemann ingrimmig, »auch das noch! Kein einziges Boot zurückgelassen?« »Soviel ich weiß, nicht«, versicherte Niklas. »Der kleine Klarssche Handkahn liegt zwar auf dem Sande, aber der Boden ist an mehreren Stellen ausgefault.« »Ich will nachsehen«, sagte der Fremde, nun wirklich aufstehend. »Vielleicht läßt sich schnell ein Brett übernageln. Auf alle Fälle aber bringe die Pferde herunter. »Die Pferde, Herr?« »Wir müssen bis zum nächsten Dorfe reiten, dort wird ein Boot aufzutreiben sein.« »Das sind zwei Stunden, Herr, und bis Ihr hinüberkommt –« »Ich will's so!« »Aber die Pferde gehören nicht mir.« Der Matrose bückte sich nach seinem Bündel, zog ein Tuch heraus, in welches Geld eingebunden war, und gab dem Jungen einige große Silberstücke. »Ich will's schon mit dem Fischer richtig machen«, fügte er hinzu. Nun widerstand Niklas nicht länger. Er lief nach der Weide, während der Matrose, jetzt schon einigermaßen gekräftigt, den Sandberg hinabstieg. Er fand das geschmückte, nun wie ausgestorbene Fischerhaus. Die Tür war unverschlossen und nicht einmal angelegt, auch die Fenster standen weit offen, und die Überreste der Speisen waren von den Tischen noch nicht abgeräumt; Stühle und Bänke lagen unordentlich umher. Der Fremde schauerte sichtlich, als er seinen Fuß auf die Schwelle setzte; er schien von einer ähnlichen Empfindung ergriffen zu werden, wie jemand, der ein Haus betritt, in welchem eben eine verbrecherische Tat verübt worden, deren Spuren noch überall kenntlich sind. Er zögerte einzutreten und lehnte den Kopf gegen das Türgerüst, indem er die Augen schloß und d« Lippen zusammenpreßte, daß sie alle Farbe verloren. Er ächzte und stöhnte wie ein Schwerverwundeter, der mit dem Tode kämpft. Dann aber erfaßte ihn eine plötzliche Wut; er riß die Birkenreiser herunter und zerbrach sie in tausend Splitter, zerzauste die Tannengirlanden, die vom Gesimse herabhingen, und trat sie mit Füßen, stürmte in die Stube über Tisch und Bänke weg und warf die grüne Brautlaube um, deren Blätterbehang schon welk geworden war. Dabei lachte er wild und stieß Verwünschungen aus; es war, als ob ein böser Geist auf der Stätte aufräumte, auf der noch eben laute Lust und ungebundene Fröhlichkeit geherrscht hatte. Das Zerstörungswerk war bald beendet; auch seine Kraft erschöpfte sich schnell. Er taumelte hinaus nach dem kleinen Boot zu, das seitwärts vom Hause auf dem Sande lag, und ließ sich matt darauf nieder. Der nach oben gekehrte flache Boden war in der Tat an einigen Stellen durchlöchert, und als er mit der Faust daraufschlug, brach das morsche Holz ein. »Verdammt!« murmelte er ingrimmig zwischen den Zähnen; »es sinkt zehn Schritte vom Lande. Und während ich hier die Zeit vertrödle, gehen sie drüben zur Kirche – Teufelei!« Endlich nach einer qualvollen halben Stunde kam der Junge mit den Pferden, wenn man diese mit struppigem, glanzlosem Fell überzogenen Knochengerippe dafür gelten lassen wollte. Der Matrose riß Niklas den Zügel des einen aus der Hand, schwang sich darauf und galoppierte das Haffufer entlang mit solcher Eile, daß ihm der Junge kaum zu folgen vermochte. Nach wenigen Minuten waren sie hinter dem Sandberge verschwunden. – Im Hilgruberschen Kruge ging's flott her, seit der Pfarrer von der Tafel aufgestanden und nach einem Schlußtoast auf das junge Paar nach Hause gegangen war. Er hatte in der Kirche eine gebührend lange Rede gehalten und selbst die alte Madame Hilgruber zu Tränen gerührt, die beim Empfang des Brautpaares auffallend steif und förmlich gewesen war, als ob sie keinen Zweifel darüber lassen wollte, daß sie die Partie nicht gerade für ein Glück ansehe. Als dann der Segen über das junge Paar gesprochen war, hatte sie ihre Schwiegertochter vor allen Leuten umarmt und sogar dem kleinen Peter einen Kuß gegeben, was Annika ihr mit einem dankbaren Blick vergalt. Dann war man nach dem Kruge zurückgekehrt, wo in der kleinen Wohnstube ein Tisch für die jungen Eheleute und die Brauteltern, die gleichfalls erschienen waren, für den Pfarrer und einige andere Honoratioren gedeckt stand, während in der großen Krugstube nebenan die übrigen zahlreichen Gäste an langen Tafeln Platz nahmen und sich die aufgetragenen Gerichte gut schmecken ließen, ohne viel auf Nötigung zu warten. In der kleinen Stube gab's Wein, hier dagegen Bier im Überfluß, und wer ein Schnäpschen vorzog, durfte nur seitwärts an den Schenktisch treten, wo heute aus jeder beliebigen Flasche gratis eingegossen wurde. Selbst draußen vor der Haustür war ein großes Faß Bier aufgestellt, und wer auch nicht zur Hochzeit eingeladen war, konnte sich seinen Krug füllen lassen. An den offenen Fenstern drängte sich die Dorfjugend und trieb zur Kurzweil der Gäste ihre Possen. Aber das rechte Vergnügen fing, wie gesagt, erst an, als der Herr Pfarrer gegen Abend das Haus verlassen hatte. Jurgis Endoms, der Brautvater, hatte sich in seiner Nähe gar nicht wohl gefühlt und den Augenblick herangesehnt, wo er den sauren Wein, der ihm gar nicht behagte, mit der Schnapsflasche vertauschen könnte. Er war glücklich aus dem russischen Gefängnis entschlüpft und hatte, seit es gewiß war, daß seine Tochter den reichen Krüger heiraten würde, ans Arbeiten gar nicht mehr gedacht. Es hatte Madame Hilgruber eine nicht geringe Überwindung gekostet, ihn gleichfalls zur Hochzeit einzuladen und auf gleichem Fuße zu behandeln. Jetzt gab er das Signal zur lauten Lustbarkeit, indem er in die Krugstube eilte, rechts und links die Tische beiseiteschob, eine Likörflasche ergriff und bald trinkend, bald tanzend, bald singend unter den Gästen die Runde machte. Auf einen Wink des Krügers räumten die Knechte und Mägde nun das Zimmer ganz auf und schafften Raum für die Musikanten; ein lustiger Walzer ertönte, Konrad forderte seine junge Frau zum ersten Tanz auf, und bald wirbelten die Paare dicht hintereinander, laut jauchzend, durch den Saal, während die älteren Personen nun im kleinen Wohnzimmer Platz nahmen und der Flasche zusprachen. Jetzt erst konnte der Trompeter zeigen, daß er Lunge habe; man duldete nur kleine Pausen zwischen den Tänzen, soviel man brauchte, um selbst etwas Luft zu schnappen, und als erst nach Sonnenuntergang die Lichter auf dem von Tannenzweigen geflochtenen Kronleuchter angezündet wurden und die Köpfe gehörig erhitzt waren, schien das Vergnügen den Höhepunkt zu erreichen. Annika mußte mit jedem einen Tanz machen und kam kaum für Augenblicke von der Diele. Konrad bat sie besorgt, sich zu schonen, aber sie antwortete, es schicke sich nicht anders, und darin mußte er ihr freilich recht geben. Endlich aber schlug sich Madame Hilgruber ins Mittel; sie nahm ihren Sohn und seine junge Frau beiseite und teilte ihnen im geheimen mit, daß sie sich jederzeit zurückziehen könnten; nur müßten sie es die Gäste nicht merken lassen, weil bei deren aufgeregter Stimmung sonst doch viel Lärmen zu gewärtigen sei. »Gut denn, noch einen lustigen Tanz, Annika,« sagte der Krüger, »und dann ins ernste Leben hinein.« Sie lehnte sich auf seinen Arm und folgte ihm in den Kreisel der Tanzpaare; aber schon nach wenigen Umdrehungen merkte er an ihrem hastigen Atmen, wie sehr sie erschöpft war, und entzog sich mit ihr in der Nähe der Ausgangstür wieder dem Strudel, um womöglich ungesehen zu entschlüpfen. Da – – Es war ein entsetzlicher Schrei, der plötzlich die Gesellschaft erschreckte und selbst den Trompeter außer Fassung brachte, der noch eben dem mitwalzenden Brautpaare zu Ehren seine brillantesten Läufer losgelassen hatte. Er kam von der Tür her – die Tanzenden stoben auseinander, die Trinkenden brachen entsetzt aus der kleinen Stube vor, die Musik schwieg. – Annika lag ohnmächtig auf dem Boden, Konrad starrte nach der Tür hin, wie auf ein Gespenst, und dieses Gespenst war der Matrose, der hochaufgerichtet am Eingange stand, mit seinen Armen den Weg sperrte und fürchterliche Blicke auf die Gruppe gegenüber schoß. Einen Moment herrschte lautlose Stille, dann murmelten die Zunächststehenden zaghaft und leise: »Peter Klars!« Das Schreckenswort pflanzte sich weiter und weiter fort, wurde immer lauter und vielstimmiger wiederholt. Es wurde von den vor den Fenstern Stehenden aufgefangen und weitergeleitet; bald hörte man von hundert Stimmen wild durcheinander rufen: »Peter Klars lebt – Peter Klars ist angelangt.« »Ja, Peter Klars lebt!« rief der Matrose mit gellender Stimme, »Peter Klars lebt und kommt, sein Weib abzuholen.« Dabei sah er mit einem herausfordernden Blicke rings im Kreise herum, als ob er fragen wollte: »Wer wagt's, sie mir vorzuenthalten?« Dann aber, als alles umher schwieg und selbst Konrad Hilgruber wie betäubt dastand, sank er neben Annika zur Erde nieder, bedeckte ihren kalten Mund und die geschlossenen Augen mit seinen Küssen, streichelte ihr blondes Haar, hob ihren Kopf auf seinen Arm und preßte ihn an seine Brust. Dabei gab er ihr die süßesten Schmeichelnamen, bald in deutscher, bald in litauischer Sprache, und bat sie, doch ins Leben zurückzukehren. »Ich bin es ja!« rief er, »ich bin's, den du verloren glaubtest, und ich habe dich wieder und halte dich in meinen Armen und verlasse dich nie mehr – wach' auf, Annika, wach' auf und komm mit mir! Was hast du alles leiden müssen meinetwegen, Annika, du schönes, liebes Weib, aber nun ist's vorbei, nun ist alles wieder gut – nun bleiben wir zusammen bis an unser Lebensende.« Und wieder küßte er sie und wieder drückte er sie an sich; auf der ganzen Welt schien in diesem Augenblick für ihn nichts zu sein als sie. Annika hörte alles, aber es war ihr, als ob sie sich nicht regen könne und sanft zum Tode hinüberträume. Und dann überkam sie eine fürchterliche Angst, daß sie doch zur Wirklichkeit erwachen müsse; eine Zentnerlast legte sich auf ihre Brust und versetzte ihr den Atem – sie wollte schreien und konnte keinen Laut herausbringen; sie wollte weinen, aber statt der Tränen quollen die Blutstropfen langsam vom Herzen nach den Augen und versiechten dort in den brennend heißen Höhlen. Es war ein schrecklicher Zustand, den endlich ein heftiger Krampfanfall erleichterte. Sie schlang die Arme um seinen Hals und schluchzte an seiner Brust: »Du kommst zu spät.« Der Seemann fuhr erschreckt auf: »Zu spät? Annika! – du kannst nicht mehr zu mir zurück?« »Töte mich,« jammerte sie, »töte mich – ich habe ihm am Altare mein Jawort gegeben.« »Und mir nicht?« rief er aufgeregt. »Mir nicht zuerst?« Er legte die Hand auf ihre Schulter, drückte sie von sich ab und betrachtete sie mit einem zornig strengen Blick. »Du hast mir deinen Schwur nicht gehalten! – Du versprachst mir treu zu sein bis zum Tode – noch beim Abschied, Annika – und nun so bald alles vergessen? Untreu geworden deiner ersten Liebe – abgefallen von mir! Wie willst du das vor Gott verantworten? Und du, Jämmerlicher,« wandte er sich an Konrad, »wie willst du's verantworten, deinen Freund betrogen und beraubt zu haben! Hab' ich unehrlich gegen dich gehandelt? Sprich!« Der Krüger wurde noch bleicher. »Du warst für tot erklärt«, sagte er mit zitternder Stimme. »Für tot erklärt!« hohnlachte Peter Klars. »Wer erklärt die Lebenden für tot? Wer hat die Macht über Leben und Tod außer Gott?! Das ist ein Bubenstück, für das ich Rechenschaft fordern werde.« Er riß Annika wieder an sich und verdeckte ihr Gesicht mit der Hand. »Aber sie ist mein!« rief er, »sie soll mein sein – ich liebe sie noch, sie ist mein Weib. Wenn ich ihr verzeihe, ist sie mein Weib, und ich will verzeihen, wenn sie bereut, ich will verzeihen, wenn sie mich noch liebt. Ihr habt sie gequält und gepeinigt, bis sie nachgegeben hat, aber ihr Herz hat von dieser Treulosigkeit nichts gewußt. Ihre Schwäche und Not habt ihr benutzt, aber es soll euch nichts helfen. Ich liebe sie, und sie ist mein Weib!« Konrad Hilgruber wagte keinen Widerspruch; aber seine Mutter hatte sich bereits von dem ersten betäubenden Schrecken soweit erholt, um vortreten und das Wort ergreifen zu können. So sehr sie gegen die Heirat gewesen war, so wenig war sie doch jetzt geneigt, ihren und ihres Sohnes Rechten irgend etwas vergeben zu lassen. Es ärgerte sie, daß Konrad nicht Einspruch tat und sich vor den Leuten nicht mutiger bewies. Sie stellte sich daher hinter ihn, rüttelte ihn an der Schulter und sagte so laut, daß alle Anwesenden es hören mußten: »Ich hoffe, mein Sohn hat nicht vergessen, daß er heute in der Kirche getraut ist. Die Ringe sind gewechselt, und der Pfarrer hat den Segen gesprochen.« Peter Klars sah wütend auf. »Wer wagt hier mitzusprechen?« fragte er herausfordernd. »Ich!« entgegnete sie vortretend, so daß sie nun dicht vor ihm stand. »Ich denke, Ihr kennt mich noch, obgleich Ihr Euch lange genug in der Welt herumgetrieben habt und vergessen haben mögt, wie es zu Hause aussieht.« »Das Wort mag Euch der Teufel bezahlen!« schrie der Matrose außer sich. »Gott ist mein Zeuge, daß ich nicht einen Tag früher zurück konnte!« »Ruhig, Mutter,« bat Konrad, »wir dürfen nicht sein trauriges Schicksal außer acht lassen.« »Aber wir dürfen uns auch nicht in unserem eigenen Hause Grobheiten sagen lassen«, erwiderte sie streng. »Wir sind in unserm Recht und wissen nichts von Betrug und Falschheit. Es wäre mir lieb gewesen, Peter Klars, wenn Ihr gestern nach Hause gekommen wäret, sehr lieb. Es hätte mir nichts ausgemacht, die Vorbereitungen zur Hochzeit umsonst getroffen zu haben; denn ich habe sie nicht gewünscht und habe genug dagegen gesprochen. Aber heute steht die Sache anders. Annika ist meines Sohnes Frau geworden und wird seine Frau bleiben, ob es mir und Euch gefällt oder nicht. Und darum fordere ich Euch auf, dieses Haus zu verlassen und den Frieden der Eheleute nicht zu stören. Morgen ist die Krugstube wieder für jedermann offen, und ich will Euch den Eintritt nicht weigern, wenn Ihr wegen Eures Besitztums mit Annika abzurechnen habt, oder über Euer Kind verfügen wollt. Steh auf, Annika, und folge mir. Du gehörst zu meinem Sohne.« »Versuch's, sie mir zu entreißen!« rief Peter Klars, die halb Ohnmächtige fester an sich ziehend. »Ich will doch sehen, wer mir mein Weib rauben wird, wenn ich's in meinem Arme halte! Als Ihr meintet, ich sei tot, da konntet Ihr Euch an meinem Eigentum vergreifen; aber nun wißt Ihr, daß ich lebe, und wer daran zweifelt, dem will ich mit diesen derben Matrosenfäusten das Verständnis öffnen. Das ist meine Antwort.« In die erstarrte Menge kam wieder einige Bewegung. Man schüttelte die Köpfe, zischelte, brummte unwillig oder zustimmend und schien gesonnen zu sein, in Beratung zu treten, das Urteil zu fällen und jedenfalls Partei zu ergreifen. Nun mischte sich auch Jurgis Endoms, der Brautvater, ein, der allerdings sehr stark getrunken hatte und sich vor einer halben Stunde kaum noch auf den Füßen erhielt, jetzt aber schnell so weit ausgenüchtert war, daß er wenigstens ziemlich zusammenhängend sprechen konnte. »Mach' keine dummen Geschichten, Peter,« lallte er herantrottend und sich auf die breite Schulter des Seemanns stützend, »keine dummen Geschichten, rate ich dir; du bist tot – ich habe ja doch selbst den Totenschein vom Gericht gesehen mit dem königlichen Adler obendarauf, und das gilt. Es wäre am besten gewesen, wenn du geblieben wärest, wo du so lange gewesen bist, und der Annika nicht noch unnütz den Kopf warm gemacht hättest. Da dich aber nun doch einmal der Teufel, weiß Gott wie, aus dem Wasser herausgebracht hat, so störe uns nicht das Vergnügen, laß dir einen Krug Bier füllen, rate ich dir, und sei vergnügt, daß die Annika jetzt einen Mann bekommen, gegen den du denn doch nur ein Bettler bist, und der unsere ganze Familie auf die Beine bringen kann. – Sei also vernünftig, Peter, und mach' hier keine dummen Geschichten.« Er wollte sich zu ihm niederbeugen und ihn küssen; aber der Matrose schüttelte ihn mit einem derben Ruck seiner Schulter von sich ab, daß er beinahe auf die Erde gefallen wäre, und entgegnete ihm unwillig: »Fort, Judas! Für ein Maß Schnaps verschachert er seine Kinder. Du hast schon gehofft, im Fett sitzen und von deinem reichen Schwiegersohn zehren zu können – der Teufel segne dir die Mahlzeit!« Madame Hilgruber stampfte mit dem Fuß auf die Diele. »Ich dulde diesen Unfug nicht länger«, rief sie. »Herr Ortsvorsteher, brauchen Sie doch Ihr Ansehen und bringen Sie die beiden auseinander.« Der Angeredete, ein dünnes Männchen mit glattem Gesichte und spärlichem Haar, das auf die halbe Stirn herabhing und ihm ein entschieden dummes Aussehen gab, zuckte bestürzt die Achsel und entschuldigte sich damit, daß er sein Amtsschild nicht mit habe und deshalb nicht als obrigkeitliche Person auftreten könne, richtete zugleich aber einige begütigende Worte an den Seemann, daß er sich jetzt den Umständen fügen und bei Gericht anfragen solle, ob er im Rechte sei oder nicht. Er brauche kein Gericht, antwortete Peter Klars, und wolle nichts, als mit seiner Frau und seinem Kinde unangefochten davongehen. »Nun denn, so zwingt Ihr meinen Sohn, sein Hausrecht zu gebrauchen!« herrschte Madame Hilgruber, flammenrot vor Zorn, ihn an. »Wo sind unsere Knechte, werft den Unverschämten zur Tür hinaus!« Ohne darauf ein Wort zu erwidern, griff der Matrose mit der freien Hand in die Tasche, holte ein großes Zuschlagmesser heraus, öffnete dasselbe mit Hilfe der Zähne und faßte es fest in die Faust. Seine Augen glühten wie feurige Kohlen; er hätte in diesem Augenblick den ersten, der Hand an ihn legte, ohne Bedenken niedergestoßen. Die Krügerin wich erschreckt zurück, und in der Gesellschaft machten sich Äußerungen des Unwillens und der Besorgnis laut. »Um's Himmels willen, nur kein Blutvergießen!« rief Konrad Hilgruber, seine Mutter zurückdrängend. »Ich werde nicht leiden, daß diesem Manne nur ein Haar gekrümmt wird, solange er unter meinem Dache ist. Peter Klars, wir waren Freunde und wollen das auch jetzt nicht vergessen. Gott weiß, daß ich dich nicht habe kränken wollen – wir mußten dich für tot halten. Wärst du an meiner Stelle gewesen, du hättest nicht anders gehandelt wie ich, wenn du deiner Liebe treu geblieben wärst wie ich. Gestern hätt' ich mich mit blutendem Herzen von ihr losgerungen und gesagt: ›;Nimm sie zurück, Bruder, sie ist dein‹; aber heute kann ich von ihr nicht mehr scheiden. Ich werde nicht glücklich sein, und sie wird nicht glücklich sein, aber wir können's nicht ändern. Füge dich in das Unvermeidliche, wie ich mich einmal gefügt habe, als du sie zum Altar führtest.« »Und du bildest dir wirklich ein, daß ich sie dir lassen werde?« sagte Peter Klars mit dem Ausdruck größter Überraschung. »Soll ich sie dir wohl gar selbst in die Brautkammer führen? Noch hat sie dir nicht angehört, und deshalb darf ich sie nicht verstoßen. Hätt' ich sie entehrt gefunden, dieses Messer hätte ihrem Leben ein Ende gemacht, und dieses Messer wird deine Brust zu finden wissen, wenn du es wagen solltest, ihr jetzt noch Zwang anzutun. Richte dich danach!« Annika machte sich von ihm los und erhob sich von der Erde. Sie war bleich wie die Wand und hielt sich nur mit Mühe aufrecht. »Ich habe zu entscheiden«, sagte sie mit bebender Stimme. »Ich habe kein Recht, dir zu folgen, Peter Klars, denn ich bin treulos gegen dich gewesen und habe meinen Schwur vergessen. Dafür straft mich Gott. Aber auch bei dir kann ich nicht bleiben, Konrad, denn ich gab dir meine Hand nur, weil ich ihn tot glaubte; jetzt, da er lebt, kann ich dein Weib nicht sein. Für diese Nacht werde ich mit meinem Kinde ein Obdach hier im Dorfe finden, und morgen wird uns der Herr Pfarrer seinen guten Rat nicht versagen. Wer von den Frauen will mich bei sich aufnehmen?« Es fanden sich sofort einige mitleidige Seelen, die sich zu allen nötigen Diensten erboten. Jeder in der Gesellschaft fühlte, daß Annika das Richtige getroffen hätte, und auch die beiden Männer wagten keinen Widerspruch zu erheben. Der Seemann klappte sein Messer zu und sagte trotzig: »Morgen denn!« Konrad Hilgruber aber sprach nichts, sondern kehrte sich ab und seufzte schwer. Es ist zu Ende mit allen deinen Hoffnungen, dachte er. Die Gesellschaft verzog sich still, ohne daß ein rechter Aufbruch bemerklich wurde. Die Nehrunger gingen zu ihren Kähnen, um noch bei der Nacht überzufahren, da sich ein leichter Wind erhoben hatte. Sie ließen das Klarssche Fahrzeug zurück. Im Dorfe stand man noch lange vor den Türen und besprach den Vorfall von allen Seiten. Annika ging nach einer Kammer, in der der kleine Peter in sanftem Schlafe lag, wickelte ihn in ihr Tuch und folgte der Frau, die sie beherbergen wollte. In der Haustür stand Peter Klars und vertrat ihr den Weg. »Zeig' mir das Kind nur einmal«, bat er. Sie zog das Tuch ein wenig vom Gesicht fort. »Es schläft«, sagte sie so ruhig, als ob nichts ihren Frieden gestört hätte. »Es ist unser Kind, Annika!« »Unser Kind«, wiederholte sie wehmütig und ging. Er begleitete sie von ferne, sah sie in das Haus eintreten, hörte den Riegel schließen und setzte sich auf die Schwelle, um Wache zu halten. Kein Schlaf kam über seine Augen. Um Mitternacht jagte vom Krughofe her ein Wagen über die Dorfstraße an ihm vorüber. »Wohin?« fragte er den Knecht. »Nach dem Doktor.« VIII. Es waren wunderbare Fügungen des Schicksals gewesen, denen Peter Klars seine Rettung verdankte. Als bei jenem verderblichen Sturm das Schiff seine Masten verloren und ein Leck bekommen hatte, das sich nicht mehr stopfen lassen wollte, als die Pumpen den Dienst versagten und die Sturzwellen in immer rascherer Folge das Verdeck überfluteten, hatte sich dumpfe Verzweiflung der Mannschaft bemächtigt. Selbst der Kapitän hatte jede Hoffnung aufgegeben und seine Leute ermahnt, sich im Gebet zu Gott zu wenden, vor dessen Richterstuhl sie bald stehen würden. Nur Peter Klars konnte sich noch nicht an den Gedanken des Todes gewöhnen; immer sah er sein schönes junges Weib und seinen lieblichen Knaben vor Augen, und es war ihm, als ob sie ihn mit schmeichelnden Stimmen bäten, auszuharren und keinen Versuch der Rettung unbenutzt zu lassen. Diese Bilder seiner erregten Phantasie tanzten zuletzt auf allen Wellenkämmen, diese holden Flüsterstimmen übertönten das Gebrüll und Pfeifen des Sturmes, das Zischen der über das Verdeck schälenden Wogen. Er band sich fest an eine Leine, die beim Sturz des Mittelmastes oben abgerissen war, am Bord aber befestigt blieb, und bewirkte dadurch, daß er nicht vom Schiff gespült werden konnte, selbst wenn er sich von seinem Haltepunkte entfernte. Dann schnitt er mit seinem scharfen Taschenmesser eine andere starke Leine ab und suchte mit derselben den Ort zu erreichen, wo die Wasserfässer mit geteerten Gurten an den Deckbalken befestigt waren. Nach einigen vergeblichen Anstrengungen gelang dies. Er verband nun zwei nebeneinanderliegende Fässer sowohl an den Vorder- als an den Hinterreifen, die das Abgleiten verhindern konnten, mit der langen Leine und stellte zwischen diesen beiden Hauptverbindungen eine Art von Netz her, indem er die Leine mehrmals her und hin spannte. Nun öffnete er die Krähne, ließ den Vorrat von Süßwasser auslaufen und schloß wieder sorgfältig die Öffnungen. Dann band er sich selbst auf dem Netz fest und durchschnitt die Leine, die ihn mit dem Bord verband. Auch in den Gurten machte er tiefe Einschnitte, um die Fässer im entscheidenden Augenblick schneller flott zu bekommen. Endlich, als das Wrack, von einer gewaltigen Welle hochgehoben, gleich darauf in die Tiefe gestürzt wurde, in allen Fugen krachte, sich bedenklich auf die Seite legte, mit dem Hinterdeck Wasser schöpfte und zu sinken begann, empfahl er Gott seinen Leib und seine Seele, trennte die Gurten ab und fühlte sich mit rasender Schnelligkeit von der nächsten Welle fortgerissen. Das Schiff versank unter ihm. Einen Augenblick vergingen ihm die Sinne; über ihm und um ihn brodelten und zischten die Wasser, die beiden Fässer wurden unaufhörlich gegeneinander getrieben und quetschten ihn ein, überschlugen sich auch wohl und brachten ihn eine Sekunde gänzlich unter Wasser. Aber die Energie, die bisher alle Zweifel an der Möglichkeit einer Rettung überwunden hatte, verließ ihn auch jetzt nicht. Sobald die erste Betäubung gewichen war, brachte er sich in eine solche Lage, daß er, auf dem Netz balancierend, mit jeder Hand den Spund des Fasses rechts und links ergreifen und so das Fahrzeug einigermaßen lenken konnte. Freilich gehörte dazu eine Kraft und Ausdauer, wie sie nur die Todesangst und die Hoffnung, sich den Seinigen erhalten zu können, auf die Dauer zu gewähren vermochten. So trieb er zwei Tage und zwei Nächte auf dem Ozean, ohne einen Bissen Brot, ohne einen Trunk Wasser, ohne eine Minute Schlaf. Zwar legte sich der Sturm schon nach etwa vierundzwanzig Stunden, aber die See ging noch immer hoch; mehrere Schiffe fuhren vorüber, ohne ihn zu bemerken. Halb verschmachtet vor Hunger und Durst, halb blödsinnig von Schlaflosigkeit und geistiger Überspannung, wurde er endlich am dritten Tage von einem Ostindienfahrer bei schon ruhigerem Wetter entdeckt und aufgenommen. Er verfiel in eine schwere Krankheit, von der er erst nach Wochen unter dem Beistande des Schiffsarztes genas. Eine Benachrichtigung seines Reeders oder seiner Frau war unmöglich; das Schiff legte nicht mehr an. Man passierte die Linie, kam vierzehn Tage lang wegen völliger Windstille nicht von der Stelle, hatte dann wieder mit Stürmen zu kämpfen, gelangte aber glücklich um das Kap und segelte wieder nordwärts über den Ostindischen Ozean. Aus dem nächsten Hafen, den man anlief, schrieb Klars einen Brief nach Hause. Er erreichte seinen Bestimmungsort nicht, wahrscheinlich weil die Adresse »An die Fischersfrau Annika Klars auf der Nehrung« den englischen Postbeamten unverständlich geblieben war. Er konnte hoffen, in sechs bis acht Monaten wieder in der Heimat zu sein, da das Schiff nur Ladung einnehmen und dann direkt zurückkehren wollte, und bemühte sich deshalb nicht um eine andere Gelegenheit, zumal der Kapitän seine Brauchbarkeit erkannt und ihn für die ganze Reise geheuert hatte. Aber das Glück wollte ihm nun einmal durchaus nicht wohl, recht als ob er dafür bestraft werden sollte, daß er Frau und Kind verlassen habe. Das gelbe Fieber erfaßte ihn und brachte ihn wieder an den Rand des Grabes. Als er dann nach Monaten so weit gekräftigt war, um wieder Dienst nehmen zu können, hatte sein Schiff längst den Hafen verlassen. Er mußte zufrieden sein, ein Unterkommen auf einem andern Ostindienfahrer zu finden, der lange Jahre als Kriegsschiff gedient hatte, dann ausrangiert, von der Kompanie angekauft und zu einem Lastschiff umgebaut war. Man wußte von seiner ersten Reise viel Bedenkliches zu erzählen; mehrere Matrosen waren abgesprungen, und es hielt schwer, andere an deren Stelle zu finden. Nur der vollständige Mangel an Subsistenzmitteln und der immer lebhafter gesteigerte Wunsch, so bald als möglich sein Vaterland wiederzusehen, ließen ihn jede Rücksicht hintansetzen. Die schlimmen Befürchtungen waren nicht umsonst gewesen; bei dem ersten größeren Sturme gehorchte das Schiff dem Steuer nicht mehr, trieb ab und wurde auf die afrikanische Küste geworfen. Der größte Teil der Besatzung rettete sich zwar ans Land, nur wenige aber entgingen den Nachstellungen der grausamen Eingeborenen, welche das Wrack als gute Beute und dessen frühere Besitzer als ihre Feinde ansahen. Zu diesen wenigen gehörte auch Peter Klars, der sich mit einigen Gefährten gleich in der Nacht des Schiffbruchs aufgemacht hatte und südwärts am Strande entlang gegangen war, in der freilich ganz trügerischen und lediglich ihrer mangelhaften geographischen Kenntnis zuzuschreibenden Hoffnung, so am leichtesten den nächsten Hafen zu finden. So blieben sie mehrere Tage unbemerkt und wurden dann, als man sie entdeckte, nicht getötet, sondern in Gefangenschaft nach dem Innern des Landes geführt. Nach langem Aufenthalt und mancherlei vereitelten Fluchtversuchen gelang es ihm endlich, seinen Peinigern zu entgehen und in die Wüste zu entkommen, die das Kapland begrenzt. Es war unter so vielen Wundern nicht das kleinste, daß er hier nicht elend verschmachtete; nur ein von fast unglaublichen Entbehrungen gestählter Körper und der Umstand, daß er nach einigen Tagen einer kleinen Karawane von Reisenden und Missionaren begegnete, die ihn mit den notdürftigsten Lebensmitteln versahen, halfen ihm die Ansiedelungen der Holländer und demnächst nach einem weiteren halben Jahr die Kapstadt erreichen, wo er sich nach England einschiffte und diesmal ohne weitere Fährlichkeiten landete. Seinen nicht unerheblichen Arbeitsverdienst in der Kapkolonie und die ersparte Heuer nahm er mit auf ein Holzschiff, das gerade die Reise in die Heimat antrat. Nahe dem Hafen wußte er bei dem herrlichen Sommerwetter, das jede Gefahr ausschloß, den Kapitän zu vermögen, seinen Kurs näher, als sonst gewöhnlich, an der Nehrung entlang zu nehmen und ihn mit einem Boot auszusetzen. Alle diese unsäglichen Leiden hatte der arme Mensch erduldet in treuem Angedenken an die Lieben zu Hause in der kleinen Fischerkate. Hätte er nur für sich zu sorgen gehabt, das Leben wäre ihm diese Mühen nicht wert gewesen. Aber nun kam ihm das Bild seiner Annika und des schönen Knaben nicht aus den Augen; er sah es im Sturm über die Wogen auftauchen oder aus den zerrissenen schwarzen Wolken hervorleuchten; er sah es in seinen Fieberphantasien und in der peinigenden Einsamkeit seiner Gefängnisse, in denen er schlechter als ein Tier gehalten wurde; er sah es in der Wüste durch den heißen Sand vorauswandeln und ihm den Weg zeigen. »Du mußt sie wiedersehen!« war der einzige Gedanke, der ihn überallhin begleitete und kein Ermatten aufkommen ließ. »Du wirst sie wiedersehen!« war die tiefe Überzeugung, gegen die jede augenblickliche Verzagtheit machtlos blieb. Und jetzt – hatte er sie wiedergesehen, sein Weib, sein Kind; aber wie ganz anders, als er sich's in seinen Träumen ausgemalt hatte. Daß sich in diesen Jahren zu Hause etwas verändert haben könnte, war ihm gar nicht eingefallen. Kaum, daß er sich einmal vorstellte, daß der kleine Peter nun schon hübsch herangewachsen sein müßte. Erst als er auf dem Sandberge stand und nach dem Haffufer hinabschaute und nach der Hütte, die sein ganzes Glück bergen sollte, überkam ihn ein Zittern vor dem Ungewissen. Die Nachricht von dem Tode seines Vaters war der erste Schlag, und dann folgten die andern mit Blitzesschnelle. Er für tot erklärt, Annika die Braut eines andern, das Kind – nein! Das Kind lebte; es war der einzige Trost in der schauerlichen Pein der Verzweiflung an Gott und an den Menschen. In jener schlaflosen Nacht, die er vor der Tür des Bauernhauses zubrachte, bemühte er sich vergebens, sich die Dinge klarzulegen. Er war wie betäubt und taumelte in seinen Gedanken gerade wie ein Betrunkener in einem engen Raum umher, überall statt der Tür die Wand greifend. Für tot erklärt! Und lebte er denn auch wirklich? War er's selbst? Oder bleichten seine Gebeine längst auf dem Meeresgrund oder auf dem afrikanischen Wüstensande? Annika – seine Annika untreu! War das denn denkbarer, faßlicher? Und gar die Frau eines andern – Tollheit! Aber es mußte doch wahr sein, er hatte es ja selbst gehört, gesehen. Er faßte mit den Händen in sein Haar und schüttelte seinen Kopf und ächzte vor Schmerz. Ja, er lebte, und Annika war treulos. Als der Morgen heraufdämmerte und die Landstraße belebter wurde, versteckte er sich im Graben unter der Brücke, von wo aus er die Tür beobachten konnte, aus der Annika treten mußte, wenn sie das Haus verließ. Es gingen Leute über ihn hinweg, und sie sprachen von nichts als von Peter Klars und Konrad Hilgruber und wem nun eigentlich die Frau gehöre. Die meisten bemitleideten ihn. Einige meinten aber auch, das habe er davon, daß er nicht im Lande geblieben sei und sich redlich genährt habe; es sei doch der Annika wahrhaftig nicht zu verdenken gewesen, daß sie ihr junges Leben nicht einsam habe vertrauern wollen; und auf Wunderdinge zu rechnen habe kein Mensch die Verpflichtung. »Aber sie hatte mir doch versprochen, bis zum Tode treu zu sein,« jammerte sein Herz, »ich habe sie doch mehr geliebt.« Er überlegte, ob sie wert sei, daß er sich ihretwegen so härme, und die Eifersucht fing an mitzusprechen. »Sie mag in Not gewesen sein«, sagte er immer und immer wieder, aber das entschuldigte sie nicht. Wenn sie kein Kind gehabt hätte! – Freilich, dafür kann sie gerade besorgt gewesen sein – der Hilgruber ist reich, und es fiel von seinem Überfluß auch etwas für den Knaben ab. Wenn's nur nicht der Konrad wäre, der sie schon liebte, ehe sie mir ihr Wort gab. Ich hab' ihn immer zu fürchten gehabt. Und wenn sie ihn im stillen doch wiedergeliebt hat, und wenn sie bereut hat, mich geheiratet zu haben, und wenn sie jetzt mit Freuden zugegriffen hat, als er sich wieder einfand! – Er knirschte mit den Zähnen vor Wut und faßte wieder nach dem Messer in seiner Tasche. Aber wie Nebel vor der Sonne zerrannen alle diese Gebilde seines Zornes, als sich nun die Tür öffnete und Annika heraustrat. Sie trug noch das Kleid von gestern, aber nicht mehr die Haube mit den Blumen, sondern nach litauischer Art ein Tuch um den Kopf geschlagen und über der Stirn zu einem kleinen Dach vorgeschoben, wie man's bei Madonnen auf den alten Heiligenbildern sieht. Ihr Gesicht war bleich, und sie hielt die Augen traurig zur Erde gesenkt, als sie um das Haus ging und den Fußweg über Feld nach der Kirche einschlug. »Sie kann nicht falsch sein«, sprach laut die Stimme des guten Engels in ihm. Er folgte ihr. Auf der kleinen Wiese hinter dem Kornfelde trafen sie zusammen; Annika sah sich um und blieb stehen. »Es ist nicht gut, daß du mir nachgehst, Peter,« sagte sie mit scheinbarer Ruhe, aber innerlich aufs tiefste erregt, »das kann nichts Gutes geben.« »Hast du dich ganz von mir abgewandt, Annika?« fragte er in leidenschaftlichem Ton. »Sag's gerade heraus und mit einem Worte, woran ich bin. Ich will Gewißheit haben.« Sie sah ihn mit einem schmerzlich-mitleidigen Blick an. »Laß mich mit dem Pfarrer reden«, antwortete sie. »Was wird das helfen?« fuhr er fort. »Kein Mensch kann dir raten, wie du fühlen sollst. Du selbst mußt wissen, wie du mit dir stehst, und kein anderer, als du, kann entscheiden, was geschehen soll. Es ist nun einmal das Unglück, daß ich nicht ertrunken bin; ich stehe leibhaftig vor dir, und du mußt mit mir sein oder gegen mich. Ich habe zu fragen, Annika, ob du mich noch liebst?« Sie zuckte zusammen und sah scheu zur Erde. »Wenn es sich nur darum handelte –!« sagte sie lebhafter und brach plötzlich wieder ab. Schwere Tränen perlten ihr über die bleichen Wangen herab. Sie wendete das Gesicht fort und schluchzte leise. »Es handelt sich darum, Annika,« versicherte er, »darum allein. Wenn du mich noch liebst, so soll alles vergessen sein. Dann bist du mein Weib, und ich will's mit der ganzen Welt aufnehmen, mein Recht zu verteidigen.« »Ich bin schlecht gewesen,« klagte sie sich an, »so schlecht, daß ich mich selbst verachte. Selbst wenn du wirklich gestorben wärest, hätt' ich nicht so handeln sollen. Es ist mir auch immer gewesen, als ob ich eine Sünde beginge und schwer dafür würde büßen müssen; und doch hab' ich mich überreden lassen und den Leuten mehr geglaubt als mir. Du solltest nicht freundlich zu mir sein, Peter! Was ich dir zuleide getan habe, kannst du gar nicht verzeihen, und ich selbst kann mir's nie verzeihen. Ich bin auch nicht mehr wert, das Kind zu behalten. Nimm's zu dir, Peter, es gehört dir, da wir's zusammen nicht mehr haben können. Es wird dann auch viel schneller mit mir zu Ende gehen, wenn mir das Kind fehlt, und das ist jetzt auf Erden mein einziger Wunsch – recht schnell zu Ende.« »Sprich nicht so, Annika«, bat er gerührt und legte seinen Arm um sie. »Ich sage dir ja, wenn du mich noch liebst, so ist alles gut. Ich will dir keinen Vorwurf machen, daß du schwach gewesen bist – wir sind alle nur schwache Menschen und sehen nicht weiter, als unsere Augen reichen. Es ist noch nichts geschehen, was uns durchaus trennen muß; du bist noch rein und kannst zu mir zurückkehren. Komm, Annika, komm mit mir. Unser Boot liegt am Flusse; in zehn Minuten ist's segelfertig – wir tragen unsern Knaben hinein und fahren hinüber nach der Nehrung. Das Fischerhaus gehört uns noch, und ich bringe so viel Geld mit, daß wir das Gerät leicht wieder in den Stand setzen können. Wir wohnen dort, wie vorhin – wir trennen uns nicht mehr, Annika. Laß alle Bedenken, sei, was du doch bist, mein liebes, schönes Weib – komm, Annika!« Ihre Brust wogte stürmisch, ihr Atem flog, sie zitterte am ganzen Leibe. Aber im nächsten Moment schon machte sie sich mit einer raschen Bewegung von ihm los. »Ich habe gestern einen Eid geleistet,« sagte sie, »und den hat Gott gehört. Der Eid ist zwischen uns. Laß mich zum Pfarrer!« Sie eilte fort. Peter Klars stand eine Weile wie eingewurzelt. »Also doch – also doch –« bebten seine Lippen. Er warf sich ins Gras, stützte den Kopf auf und grübelte vor sich hin. Es war immer derselbe kurze Kreislauf der Gedanken, nur hastiger und immer hastiger und deshalb um so schneller vollendet. Ganz unfähig, die Sache von irgendeiner andern Seite anzuschauen, suchte er nach gar keiner andern möglichen Lösung. Wenn Annika ihm nicht folgte, so war's doch richtig mit ihr und Konrad. Dann stand aber auch fest, daß sie ihre Untreue und Hinterlist nicht genießen sollten – es gab noch Mittel, sie für ewig zu trennen. Wenn er in der Seele des unglücklichen Weibes hätte lesen können! Welche schreckliche Nacht lag hinter ihr, und mit welchem Grauen hatte sie die Morgensonne ins Fenster scheinen sehen! Wie eine Verbrecherin, deren Schuld plötzlich offenkundig wird, kam sie sich vor, denn sie hatte nie aufgehört, im Innersten daran zu zweifeln, daß sie recht tue, und nur die abmahnende Stimme durch die freundlichen Zureden Konrads und der Nachbarn betäuben lassen. Nicht einmal im Rausch der Leidenschaft hatte sie gesündigt – sie liebte Konrad nicht. Nur weil er sie liebte, weil er für sie sein Leben in Gefahr gebracht, weil er ihrem Kinde eine sorgenlose Zukunft eröffnete, weil er ihr als ein achtenswerter Mann erschien, hatte sie sich allmählich in den Gedanken hineingewöhnt, seine Frau sein zu können, ohne tiefere Neigung. Ja, gerade in der Vergeblichkeit der Bemühung, eine solche tiefere Neigung zu gewinnen, hatte sie eine Art von Entschuldigung und deshalb auch Beruhigung gefunden. Sie gab Konrad nichts, meinte sie, was sie dem geliebten Toten entziehen müßte, oder was derselbe auch nur mit ihm teilen sollte. Sie glaubte ihm auch so eine pflichttreue Gattin sein zu können, aber ihrer Jugendliebe nicht untreu werden zu dürfen. Ihre Erfahrung reichte weit genug, um sie zu überzeugen, daß gerade in ihrem Stande die meisten Ehen lediglich aus äußeren Rücksichten abgeschlossen wurden; so hatte sie noch immer vor vielen das Glück voraus, das schöne Andenken an ein innigeres, befriedigenderes Verhältnis bewahren zu können. Jetzt freilich war allen diesen Klügeleien der Boden entzogen. Die Grenze zwischen der Neigung und der Pflicht, die vorhin der Tod so sicher abgesteckt zu haben schien, war plötzlich wieder verwischt worden, und sie stand ratlos da, wenn sie an einen Ausgleich dachte. Auf welche Seite konnte sie sich stellen, ohne sich noch schwerer zu versündigen? Der Vorfall von gestern abend war auch im Pfarrhause bekannt geworden. Der Pfarrer, ein würdiger, in seinen religiösen Ansichten orthodoxer alter Herr, hatte Annika erwartet. Er nahm sie in seine kleine stille Studierstube, setzte sich auf den Lehnstuhl am Schreibtisch, über dem in schwarzem Rahmen ein schöner Christuskopf hing, ließ die Frau diesem gegenüber Platz nehmen und forderte sie auf, mit möglichster Ruhe den Fall vorzutragen. »Vor den Menschen ist dein Tun gerechtfertigt, mein Kind«, sagte er, nachdem sie unter reichlichen Tränenergüssen ihre Beichte geendet hatte. »Das Gesetz gestattet unter gewissen Umständen die Todeserklärung eines Menschen, und diese Umstände müssen hier wohl vorgelegen haben, da sonst der Richter seinen Spruch zurückgehalten hätte. Eine solche Todeserklärung hat aber die Wirkung, als ob der Tod wirklich eingetreten wäre, und du bist deshalb auch wohl berechtigt gewesen, dich als Witwe zu betrachten. Ob es einer christlichen Frau würdig ist, von diesem Mittel Gebrauch zu machen, um die zweite Ehe eingehen zu können, das will ich ununtersucht lassen. Du klagst dich ja selbst einer schweren Sünde vor Gott an und siehst in dem Unglück, das dich nun betroffen hat, seine strafende Hand. Nimm nun auch die Buße durch strengste Pflichterfüllung auf dich.« Annika küßte seine Hand. »Was ist meine Pflicht, hochwürdigster Herr?« fragte sie schüchtern. »Ich weiß nicht genau, welche Folgen die bürgerlichen Gesetze der Rückkehr eines Für-tot-Erklärten geben«, fuhr er gemessen fort. »Ohne Zweifel wird derselbe in allen seinen früheren Rechten nach Möglichkeit wiederhergestellt –« »So wäre ich noch seine Frau?« unterbrach sie ihn in freudiger Erregung und bedeckte mit heißen Küssen seine Hand. Er entzog sie ihr und gab ihr einen Wink, sich wieder zu setzen. »Ich sage, nach Möglichkeit!« erwiderte er nach einer Pause streng; »das heißt, soweit eine Herstellung erfolgen kann, ohne daß diejenigen geschädigt werden, welche im Vertrauen auf die Gültigkeit der Todeserklärung Rechte erlangt haben. Würdest du ledig geblieben sein, so wäre kein Zweifel, daß die frühere Ehe fortbestände, ohne daß es eines neuen kirchlichen Akts zur Wiedervereinigung bedürfte; aber dieser Fall liegt hier nicht vor, mein Kind. Du hast über deine Person zum zweiten Male unter Mitwirkung der Kirche verfügt und dadurch die Rückkehr zum früheren Verhältnis unmöglich gemacht; deine zweite Ehe hat die erste aufgehoben.« »Ich wußte es ja –« hauchte sie leise und zitternd hin, »es ist vorbei mit uns, armer Peter Klars. – Und es muß vorbei sein«, fuhr sie kräftiger fort; »ich bin deiner nicht mehr würdig.« »Du fühlst, daß du ihn noch liebst?« fragte der Geistliche. Sie nickte zustimmend, ohne zu ihm aufzusehen. »Ich habe nie aufgehört, ihn zu lieben«, bestätigte sie mit aller Innigkeit. »Und doch hast du einem andern deine Hand gereicht?« Sie versuchte eine Erklärung. »Dann ist dein Unrecht größer, als ich glaubte«, sagte er kopfschüttelnd. »Du hast einen braven Mann hintergangen, der volle Aufrichtigkeit verdiente –« »Ich hab's ihm ja gesagt,« klagte sie, »aber er wollte nicht auf mich hören.« »Du bist einen Bund eingegangen, der nur geheiligt ist, wenn ihn die Herzen schließen. Entheilige ihn nun wenigstens nicht noch mehr, indem du jener früheren Neigung Raum läßt, die ihm gegenüber sträflich ist. Niemand kann zweien Herren dienen: dem einen aber, dem wir angehören, sollen wir mit ganzer Seele angehören.« »Ich will mich zwingen, an ihn nicht mehr zu denken,« versprach sie und fügte leiser hinzu: »außer daß er doch der Vater meines Kindes ist – das darf ich doch nicht' vergessen, hochwürdigster Herr? Aber ich will mir einreden, daß er wirklich tot sei, und daß wir uns erst drüben im Himmel wiederfinden können – denn da wird's ja wohl erlaubt sein. Aber nicht wahr, Herr Pfarrer, auch dieser Bund ist nun aufgehoben, da es ja feststeht, daß ich nicht Witwe war? Sprechen Sie ein Wort des Trostes in meiner Seelenangst! Man zwingt mich doch nicht, Hilgrubers Frau zu sein?« Sie war auf die Knie gesunken und hatte bei diesen letzten Worten die gefalteten Hände zum Geistlichen, und dann, als sie in seinem halb verwunderten, halb streng verweisenden Blick keine Hoffnung las, zu dem mild lächelnden Christuskopf über ihm aufgehoben. Der Pfarrer legte die rechte Hand auf ihre Schulter, wies mit der linken zurück nach der Wand und sprach salbungsvoll: »In dessen Namen ist deine neue Ehe gestern eingesegnet; sorge, daß sie vor ihm bestehen kann.« In ihrem Auge malte sich der volle Ausdruck des Schreckens, der sie erfaßt hatte. Alle Spannung schien aus ihren Muskeln, alles Blut aus ihren Adern gewichen; sie fiel mit dem Kopfe auf den Stuhl zurück, von dem sie herabgeglitten war, und lag so regungslos, bis der Geistliche sie aufrichtete. Den alten Herrn verließ seine bisherige Ruhe. Er sagte einige Sprüche her, die paßten oder auch nicht paßten, und redete ihr zu, gelassener im Schmerz zu sein und vernünftig zu überlegen, was sein und nicht sein könne. »Was hast du dir denn eigentlich für Gedanken gemacht, mein Kind, als du zu mir kamst?« schloß er. »Wie kann ich aufheben, was ich vor Gott vereinigt habe? Nur eine gerichtliche Scheidung könnte dich wieder frei machen.« »Und wird das Gericht uns scheiden?« fragte sie mit angstbeklommener Stimme. »Ich kann ja nicht die Seine bleiben – lieber sterben!« »Versündige dich nicht, mein Kind«, rief er, durch diese letzte Äußerung ihrer verzweifelten Stimmung wieder auf sicheres Gebiet gebracht. »Niemand soll allerdings am Leben übermäßig hängen, denn es ist nur die Vorbereitung zum Jenseits, aber niemand soll auch nach dem Tode verlangen, da nur Gott weiß, wie lange seine Prüfungszeit dauern soll. Wachet und betet, daß ihr nicht in Anfechtung fallet! Seid stark in eurer Pflicht, auch wenn sie euch schwer wird! Und wem könnte jetzt deine Pflicht gehören, als dem Manne, den du selbst dir gewählt hast?« Ob Annika ihn hörte, war ungewiß; sie hatte die Augen geschlossen und, neben dem Stuhl kniend, das Gesicht auf die Arme gelegt. Nach einer Weile erhob sie sich und stützte sich auf die Lehne. »Und es gibt kein Mittel, uns zu scheiden?« fragte sie fast rauh. Der Geistliche, der seinen geistlichen Zuspruch als verschwendet ansah, hob unwillig den Kopf, rieb die Nase mit dem rotseidenen Taschentuch, rückte sein Sammetkäppchen zurecht und ging ein paarmal in der Stube auf und ab. Er mochte doch überlegen, ob es zum Segen gereichen könne, für die Befestigung einer solchen Ehe zu sorgen; anderseits fühlte er sich augenblicklich zu sehr in seinem geistlichen Amte, um eine rein menschliche Rücksichtnahme bei sich aufkommen zu lassen. So blieb er denn, nachdem er in Gedanken seine Antwort gehörig formuliert halte, vor Annika stehen und sagte fest und bestimmt: »Es gibt kein Mittel, wenigstens keins, das mit Sitte und Religion bestehen kann, und das ich daher auch nur nennen darf. Geh zu deinem Manne und halte ihm, was du versprochen hast.« Annika weinte nicht mehr, aber ihr Auge war glanzlos und ohne Leben. Sie küßte dem Pfarrer wieder die Hand, nicht in leidenschaftlicher Aufregung, wie vorhin, sondern förmlich und kühl. Dann ging sie leise hinaus, ohne noch ein Wort zu sagen. Sie hatte nicht gefunden, was sie suchte, keinen Trost, keine Beruhigung, keinen guten Rat – nur schreckliche Gewißheit. Sie hatte gehofft, das Ihrige getan zu haben, wenn sie Peter Klars entsagte; nun erfuhr sie aber, daß viel mehr von ihr gefordert werde. Aber zugleich fühlte sie auch in sich die Unmöglichkeit, dieser Forderung zu genügen. Als sie den Kirchensteg entlang ging, dachte sie darüber nach, was das für ein Mittel gegen Sitte und Religion wäre, das zum Ziele führen könnte. Peter Klars lag noch auf derselben Stelle, auf der sie ihn verlassen hatte. »Nun, was meint der Pfaffe?« fragte er barsch. »Daß ich Konrad Hilgrubers Frau bin!« antwortete sie mit trockenem Tone, dem eine Beimischung von Bitterkeit nicht fehlte. Er maß sie mit einem Blick, der sie hatte in Schrecken setzen können, wenn sie überhaupt noch für Furcht empfänglich gewesen wäre. »Und das meinst du auch?« rief er. Sie ließ sich neben ihm nieder, legte ihre Hand auf die seinige und sagte mild: »Sei ruhig und gut, Peter, und vertraue mir.« »Du liebst ihn,« fuhr er wild auf, »sag's nur gerade heraus, du liebst ihn, und ich bin dir im Wege! Warum noch die Verstellung? Oh, daß ich dir einmal vertraut habe! Es war schon zuviel daran.« »Du hast recht!« sagte sie traurig, »es war zuviel Vertrauen. Aber daß ich ihn liebe, darfst du nicht glauben, Peter! Der alte Pfarrer meint zwar, es sei noch eine Sünde mehr, aber ich will sie gern auf mich nehmen. Ich habe dir vorhin nicht ordentlich Rede gestanden, weil ich im stillen doch noch hoffte, der gelehrte Mann würde einen Ausweg wissen, wie wir wieder zusammenkämen, und dir hinterher nicht das Herz noch schwerer machen wollte, wenn ich mich getäuscht hatte. Und ich habe mich getäuscht, denn es ist kein Ausweg – ich habe dich durch meine Schuld verloren. Laß mich zu Ende sprechen, ich bitte dich! Es ist vielleicht das letztemal, daß ich so mit dir reden kann. Denn wir müssen uns trennen, das ist bei mir ganz sicher. Laß dir's nicht schwer werden, von mir zu scheiden, und denke immer daran, wie ich dich gekränkt habe, damit dir's leichter wird. Dann, wenn du wieder in der Fremde bist, wirst du mich vergessen.« »Oho!« rief er zornig, »du willst mich fortschicken, damit du hier ungestört die Frucht vom verbotenen Baum pflücken kannst! Daß ich ein Narr wäre! Wenn ich dich nicht haben kann – und ich sehe wohl, wie du mit mir stehst – er soll dich nicht besitzen!« Ein schmerzliches Lächeln zog über ihre bleichen Wangen. »Ich sagte dir ja, daß ich ihn nicht liebe,« erinnerte sie leise, »und jetzt scheue ich mich nicht mehr, dir's zu gestehen: ich liebe dich noch immer, gerade wie ich dich geliebt habe, und ich kann's nicht aus meinem Herzen bannen.« »Annika!« »Und doch sind wir uns verloren; du mußt fest daran glauben, sonst werden wir noch unglücklicher sein als jetzt. Ich bin Konrads Frau, aber ich werde ihn anflehen, daß er mich freiwillig meiner Pflicht entlasse, daß er von mir nichts Unmenschliches verlange. Er ist ein edler Mensch und wird großherzig sein. Dann will ich zurück in das kleine Haus auf der Nehrung gehen, und wenn du mir den Knaben lassen kannst, will ich dir's danken. Ich werde mir mit Spinnen und Netzestricken verdienen, soviel ich zur Not brauche, und will nie mehr über das Wasser kommen. Aber du mußt mir versprechen, mich nie dort aufzusuchen, und er soll mir dasselbe versprechen. Es soll euch sein, als ob ich auf der Nehrung unter dem Sande begraben bin, wie dein alter Vater. Dann könnt ihr wieder Freunde sein, und ich werde Ruhe haben in meinem Gewissen. Versprich mir's, Peter!« Sie schüttelte seine Hand, da er schwieg und sich nicht regte. Dann stand sie auf. »Kann ich mich darauf verlassen, daß du mir nicht folgen willst?« fragte sie herzlich. Auf seinem Gesicht spielten die Leidenschaften. »Ich weiß noch nicht, wie Konrad denkt«, bemerkte er ausweichend. Annika sann nach. »Gut! Ich will zu ihm und mit ihm sprechen.« »Du – zu ihm –?« »Bist du noch mißtrauisch?« »Nein, nein, aber –« »Er wird nachgeben.« »Und wenn auch –! Er – was verliert er –?« »Es ist kein anderer Weg, Peter. Oder doch – ja –! Ins Wasser! Und eh' ich mein ewiges Seelenheil verliere –« »Annika!« »Bedenke dich also und leb' wohl!« Sie grüßte noch einmal zurück und ließ ihn allein. Im Hause angelangt, erfuhr sie von der Bäuerin, daß ihr Mann, der Krüger, in der Nacht erkrankt sei und Madame Hilgruber nach ihr geschickt habe. Sie empfahl ihr das Kind und ging nach dem Kruge. IX. Die Krügerin hatte am Hochzeitsabend, als die Gäste sich entfernt hatten, noch eine Szene gemacht. Vorher durch das blanke Messer Peter Klars' doch eingeschüchtert, hatte sie ihrem Zorn freien Lauf gelassen, als er nicht mehr zu fürchten war. »Wie kann der Lump es wagen, in unser Haus einzudringen, wie ein Bandit, mit dem Messer in der Hand?« hatte sie sich, mit den Armen herumfechtend, geäußert, »war's morgen nicht Zeit genug mit dem Spektakel, wenn er sich schon nicht schämte, als Vagabund in die Heimat zurückzukehren, wo er Weib und Kind hat hungern lassen. Hat man sich dazu die großen Kosten gemacht und das halbe Dorf traktiert, daß man zuletzt noch froh sein muß, wenn man in seinem eigenen Hause nicht Prügel bekommt? Und da steht das feige Gesindel und sieht zu – zwanzig, dreißig Männer, und keiner hebt die Hand auf! Der Herr Ortsvorsteher – das ist der rechte; dem Herrn Landrat kann er aufspringen, und vor dem Gendarm machte er einen tiefen Bückling, aber wenn ihn einmal einer aus dem Dorfe braucht, dann hat er stets sein Amtsschild vergessen! Und du bist auch so eine Milchsuppe, die keinen satt macht, läßt dir auf der Nase spielen und kannst nicht einmal zu rechter Zeit den Mund auftun! Das hätte mir einer bieten sollen, wenn ich ein Mann wäre, die Flinte hätte ich genommen und ihm eine Kugel durch den Kopf gejagt wie einem tollen Hunde. Erst ein großes Lamento gemacht, als ob du ohne die Annika nicht leben könntest, und deiner alten Mutter halb und halb die Türe gewiesen – ich gratuliere zu der jungen Frau, die ihrem Manne schon die erste Nacht wegläuft. Das kann sie sich ja auch wohl erlauben, sie kennt dich ja. Es ist ja bloße Gnade und Barmherzigkeit; daß sie dich überhaupt genommen hat – ich könnte rasend werden! Durchgreifen hättest du müssen und gleich heute, dann wäre es ein für allemal abgemacht gewesen. Aber natürlich darf sie kein schlimmes Wörtchen hören, die Zuckerpuppe, beileibe nicht!« – Eine Magd, die mit dem Abräumen der Gläser beschäftigt war und in ihre Nähe kam, erhielt eine Ohrfeige, daß sie sich umdrehte, das Geschirr fallen ließ und heulend hinauslief. »Was hast du da zu gaffen, dumme Trine!« rief ihr zornig die Hausfrau nach und warf die Tür in die Angeln. Konrad stand mit verschränkten Armen am Fenster und schien auf dieses tolle Treiben kaum zu achten. Erst als seine Mutter die tief herabgebrannten Lichter bis auf eins, welches sie in der Hand behielt, ausgelöscht hatte und, durch sein beharrliches Schweigen nur noch mehr geärgert, mit den höhnischen Worten: »Nun, willst du etwa auf dem Musikantenplatz dein Junggesellenlager aufschlagen?« an ihn herantrat, erwachte er wie aus einem schweren Traume, rieb sich die Stirn und die Augen und sagte ganz verwirrt: »Ist es schon Zeit?« Madame Hilgruber hielt ihm das Licht vor und erschrak über sein leidendes Aussehen, konnte sich aber in ihrer aufgeregten Stimmung nicht entschließen, ihm ein freundliches Wort zu sagen. Er holte tief Atem und legte die Hand auf die Brust, als ob ihn etwas schmerzte. »Mir ist so eigen«, murmelte er vor sich hin. »Gute Nacht, Mutter.« Er nahm das Licht und ging mit schnellen, aber nicht ganz sichern Schritten zur Tür hinaus, die Treppe aufwärts nach dem kleinen Zimmer, das für ihn und Annika eingerichtet war. Er dachte wohl in diesem Augenblick nicht daran, es verändert zu finden. Madame zog sich brummend in ihr Schlafzimmer zurück, und entkleidete sich. Plötzlich hörte sie über sich einen schweren Fall, der die dünne Bretterdecke erschütterte. Dort oben war ihres Sohnes Stübchen – sollte ihm etwas passiert sein? Das bleiche Gesicht mit den tiefliegenden, blaugerandeten Augen erschreckte sie wieder. Sie eilte hinauf. Konrad lag am Boden, ohnmächtig oder tot. Der gellende Schrei, den sie ausstieß, trieb die Mägde aus ihren Kammern, das ganze Haus kam wieder in Unruhe. Man hob den regungslosen Körper aufs Bett, das mit grünen Zweigen umsteckt war, lief nach Wasser, nach Essig, riß das Fenster auf, um der kühlen Nachtluft den Zutritt zu gestatten, rief dem Knecht zu, eiligst den Wagen anzuspannen und nach dem Doktor zu jagen. Madame Hilgruber jammerte und rang die Hände, rief unaufhörlich: »Helft doch, Kinder, helft doch!« und legte ihren Leuten, die sich wirklich die größte Mühe gaben, ihrem armen Herrn einen nützlichen Dienst zu erweisen, die zärtlichsten Schmeichelnamen bei. Das war so ihre Art in der Not. Als der Arzt noch in der Nacht anlangte, war Konrad wieder bei Besinnung, aber noch sehr matt. Er röchelte beim Atmen und warf mitunter Blut aus. Das Sprechen wurde ihm schwer. Auf die Frage des Doktors, was ihm zugestoßen sei, winkte er ihn mit den Augen nahe an sich heran und flüsterte ihm ins Ohr, daß ihm im Herzen plötzlich etwas gesprungen oder zerrissen sei. »Das ist Täuschung!« beruhigte ihn derselbe, »da springt und reißt nichts!« untersuchte aber sorgfältigst seine Brust, ordnete an, daß der Kranke sich ganz ruhig verhalten solle, und versprach ein Tränkchen zu verschreiben, das der Knecht gleich aus der Apotheke mitbringen könne. Madame Hilgruber begleitete ihn zum Wagen. »Ist Gefahr, mein liebster, bester Herr Doktor?« fragte sie, ihm unausgesetzt die Schulter und den Arm streichelnd. »Ach Gott, ich habe gewiß mit meiner Heftigkeit das ganze Unheil angerichtet.« Er hielt es für seine Pflicht, ihr zu sagen, daß der Fall allerdings bedenklich sei; man könne noch nicht wissen, welchen inneren Schaden die Brust genommen habe. »Sie müssen ihn vor jeder Aufregung sorgfältig hüten,« schloß er, »sonst kann er Ihnen leicht draufgehen. Er ist immer kein Held gewesen, hat seinen schwachen Körper gewissermaßen vom Vater geerbt, und die Geschichte im Winter auf dem Eise hat ihm den Rest gegeben.« »Ja, ja,« klagte sie, »da kommt das ganze Unglück her. Daß er sich auch in diese Person vergaffen mußte.« »Sie ist jetzt Ihre Schwiegertochter«, unterbrach sie der Doktor, der durch den Knecht während des Fahrens ungefähr soviel erfahren hatte, als zu seiner Orientierung über die Sachlage nötig war; »vergessen Sie das nicht, meine liebe Madame Hilgruber, am wenigsten in Gegenwart Ihres Sohnes. Sorgen Sie dafür, daß die unangenehme Angelegenheit, die diesen schmerzlichen Vorfall herbeigeführt hat, fürs erste gar nicht zur Erörterung kommt. Bei der geringsten Aufregung könnte ein Blutsturz seinem Leben ein Ende machen. Ich spreche nachmittags wieder an. Adieu!« Der Wagen rollte fort. Die Nacht über wurde am Bett des Kranken gewacht; gegen Morgen fiel er in tiefen Schlaf. Als er erwachte, fragte er nach Annika. Madame Hilgruber schickte, sie holen zu lassen, und war die Liebenswürdigkeit selbst, als sie bald darauf kam. »Ich war beim Pfarrer,« sagte Annika, »und hatte auch noch mit meinem Manne zu sprechen –« »Mit deinem Manne?« fragte die Krügerin, eine saure Miene ziehend, aber doch nicht unfreundlich. »Ich meine Peter Klars«, ergänzte die Frau, die Augen senkend. »Ich erfuhr erst, als ich nach Hause kam – – es ist doch nicht gefährlich?« »Sehr gefährlich, mein liebes, gutes Kind, sehr gefährlich«, versicherte Madame Hilgruber und küßte sie wiederholt. »Du weißt ja, wie lieb er dich hat und über alles hält, und nun gestern der schreckliche Mensch – ich wollte sagen, dein früherer Mann, mein Kindchen – es hat ihn schwer niedergeworfen. Du kannst nichts dafür, mein Engelchen, es hat dich selbst erschreckt und augenblicklich aus der Kontenance gebracht, aber nun hast du dich sicher besonnen, wohin du gehörst, und wirst das deinige dazu tun, daß dein lieber Mann bald wieder gesund und munter ist. Nicht wahr, darauf kann ich mich verlassen?« »Ich wollte Konrad bitten, mich auf die Nehrung zurückgehen zu lassen«, antwortete Annika zögernd; »ich kann unmöglich –« »I mein Himmel, wo denkst du hin?« unterbrach die Krügerin sie stirnrunzelnd und offenbar drauf und dran, ihre mühsam bewahrte Geduld zu verlieren; »das wäre ja nicht besser, als wenn du einen Mord begingest! Der Herr Doktor hat ausdrücklich gesagt, daß ihm jede Aufregung tödlich sein kann. Auf die Nehrung gehen – deinen Mann in der Krankheit verlassen! Das wäre ja abscheulich. Sieh ihn nur erst!« »Ich will ihn sehen!« äußerte sie entschlossen nach einigem Nachdenken und folgte der Alten in die Krankenstube. Als sie das blasse, verkümmerte Gesicht Konrads erblickte, dachte sie freilich selbst nicht mehr an die Möglichkeit einer Auseinandersetzung über den gestrigen Vorfall. Er lächelte freundlich, als sie an sein Bett trat, und machte den Versuch, ihr die Hand zu reichen. Tiefes Mitleid überkam sie; sie streichelte ihm die eingefallene Wange und küßte ihn auf die Stirn. Es tat ihm wohl. – Nachmittags kam wieder der Doktor und brachte den Apotheker mit, der vor Begierde brannte, an Ort und Stelle nähere Erkundigungen über den Vorfall einzuziehen, der die ganze Umgegend in nicht geringe Aufregung versetzte. Er war gleichfalls zur Hochzeit eingeladen gewesen, hatte aber einer andern Gesellschaft wegen abgesagt, was er nachträglich tief bedauerte, und wollte nun das Versäumte möglichst nachholen und sich vor allen Dingen einmal »den Toten« ansehen. Das machte denn auch keine Schwierigkeit; Peter Klars war bald aufgefunden und überredet, seine wunderbaren Reiseabenteuer mitzuteilen. Der Apotheker war der erste, der ihn danach fragte; den übrigen kam die Tatsache, daß er überhaupt wieder da war, von so überwiegender Wichtigkeit vor, daß sie sich mit dem Wie der Rettung kaum beschäftigten. »Armer Kerl!« sagte der Apotheker, als Peter Klars geschlossen hatte; »Euch ist's wahrhaftig so schlecht gegangen, daß Euch dieses Letzte hätte erspart werden können. Und was denkt Ihr jetzt zu beginnen?« »Ich warte hier auf meine Frau.« »Auf Eure Frau?« »Sie ist im Kruge. Ich litte es nicht, wenn er nicht krank wäre.« »Pah!« Der Seemann streckte die Hände in die Taschen, sah den Apotheker forschend an, als ob er sich überzeugen wollte, wieweit man seinem Urteil Glauben schenken könnte, und fragte dann nach einer Weile: »Halten Sie die Trauung von gestern für fest?« »Gewiß.« »Auch wenn Annika nicht will?« »Sie wird närrisch sein, nicht zu wollen! Ihr seid ein stattlicher Mann, Peter Klars, und ich will gern glauben, daß sie Euch recht gut gewesen ist, aber der Krüger bleibt doch immer der Krüger. Was will Eure Fischerkate gegen den Krug sagen, das Land nicht einmal gerechnet! Und es bleibt doch eine schöne Sache, ein halb Dutzend Mägde kommandieren und aus der vollen Speisekammer wirtschaften –« Peter Klars maß ihn mit einem zornfunkelnden Blick. »Und wenn ich Ihnen sage, daß Sie in großem Irrtum sind, daß Annika von allen diesen Herrlichkeiten nichts wissen will und nach der Nehrung zurückgehen wird –« Der Apotheker drehte ein abgerissenes Blatt wie eine Pille zwischen den Fingern und ließ das zierliche Kügelchen auf der flachen Hand hin und her laufen. »Pah!« rief er lächelnd, »guter Rat kommt über Nacht, lieber Freund, sie wird sich besinnen. Es wäre das gescheiteste, wenn Ihr die Sache vernünftig nehmen und Euch und der jungen Frau das Leben nicht unnütz schwer machen wolltet. Das Unglück ist nun einmal geschehen, und geschehene Dinge sind nicht zu ändern.« »Meinen Sie?« »Laßt Euch ein gut Stück Geld vom Krüger geben, er wird damit nicht knausern. Die Welt ist weit, wie Ihr selbst am besten erfahren habt, und eine hübsche Frau ist auch noch anderwärts zu haben.« Der Matrose fuhr wild von seinem Platze auf. »Verflucht meine Hand, wenn sie auch nur einen Pfennig annimmt. Ich will nichts als mein Weib.« Der Apotheker zuckte die Achseln. »Ja, dann hättet Ihr hübsch zu Hause bleiben und nicht in Afrika Entdeckungsreisen machen müssen. Es tut mir leid, daß Ihr gleich so aufbraust, wenn man Euch vernünftig zuredet; ich hätte gern für Euch vermittelt.« »Es läßt sich nichts vermitteln. Entweder – oder!« Er zog die Augenbrauen finster zusammen und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. »Ich sage: entweder – oder!« rief er heftig. »Kehrt sie zu mir zurück – gut! Wo nicht, so bin ich entschlossen – –« »Nun?« »Lassen wir das!« Nach einer Weile sagte er ruhiger: »Es wäre doch gut, wenn es nicht zum Äußersten käme. Sie sagen, die Trauung ist fest, und der Pfarrer meint dasselbe. Aber wenn die Annika selbst nun los sein will – gibt's kein Mittel, als ihm ans Leben zu gehen?« Der Apotheker rückte entsetzt einen Schritt weiter. »Pfui, Peter Klars!« rief er, »Ihr werdet doch nicht –!« Der Seemann schob den Hut aus der Stirn, auf der große Schweißtropfen perlten. »Ich frage nur so –« beruhigte er. »Man muß doch an alles denken. Gibt's kein Mittel?« »Ja nun, wenn die Annika wirklich durchaus will? Sie darf ja nur Grund zur Scheidung geben.« »Hm! Zum Beispiel–« »Wenn sie ihrem Mann fortläuft.« »Sie will fortgehen, aber mit seiner Bewilligung.« »Dann ist's nichts.« »Also etwas anderes.« »Ehebruch ist auch ein Scheidungsgrund.« »Ehebruch!« »Ihr meint ja, daß sie Euch noch liebt.« »Also wenn sie mich liebt –« »Seid nicht närrisch, ich spaße ja mir.« »Aber ich spaße nicht. Also wenn sie mich liebt – mich, ihren Mann, das wäre genug?« »Pah, liebt –!« »Gut, ich verstehe, was Sie meinen. Es wäre, denke ich, keine Sünde, wenn sie mir gewährt, was sie mir schuldig ist.« » War , alter Freund. Und schließlich wäre das immer nur ein Scheidungsgrund auf seiten des Krügers. »Er wird kein Hund sein und dergleichen ruhig hinnehmen.« Der Apotheker lachte. »Ein Mann, der seine Frau verführt – nicht übel!« Der Matrose sprang auf, sagte kurz Adieu und lief die Dorfstraße abwärts, dem Kruge zu. In der Nähe desselben kam ihm das Fuhrwerk des Doktors entgegen. Derselbe ließ halten und rief ihn heran. Er teilte ihm mit, daß die Annika im Kruge beim Kranken bleiben müsse, und fügte, als er die Aufregung bemerkte, in die ihn sofort diese Nachricht versetzte, ohne einen Wutausbruch abzuwarten, hinzu, die Annika selbst lasse ihm sagen, er könne dieserhalb ganz ruhig sein, sie werde an ihrem früheren Entschluß unwandelbar festhalten. »Ihr könnt in der Tat ganz ruhig sein«, sagte der Doktor; »Hilgruber ist Euch für jetzt nicht gefährlich.« Dann fuhr er bis zu dem Hause, in welchem Annika die letzte Nacht zugebracht hatte, und gab Anordnung, daß der kleine Peter nach dem Kruge geschafft werden solle. Hier stieg auch der Apotheker auf, der sich von der Wirtsfrau den Vorfall von gestern abend nochmals ausführlich hatte erzählen lassen. Den Auftrag, den der Doktor an Klars ausrichtete, hatte er von Annika wirklich erhalten. Auf Veranlassung der alten Krügerin hatte er mit ihr gesprochen und freilich keine besonders Mühe gehabt, sie zu überzeugen, daß sie den Kranken in seiner jetzigen Lage nicht verlassen dürfe, zugleich aber auch aus ihren ängstlichen Andeutungen ihre Sorge erkannt, wie Peter Klars ihr Bleiben aufnehmen würde. »Ich habe ihm versprochen, nach der Nehrung zu gehen,« hatte sie zuletzt offen herausgesagt, »und wenn ich nun nicht gehe, wird er glauben, daß ich nicht Wort halte. Das muß er aber glauben, sonst geschieht sicher ein Unglück.« Der Doktor hatte versprochen, ihn zu beruhigen, und sich zugleich erkundigt, ob er den kleinen Peter herüberschicken solle. »Ich weiß nicht, ob er's erlaubt,« hatte sie traurig eingewendet, »er hat jetzt darüber zu verfügen. Aber wenn Sie ihn fragen möchten –« das hatte der Doktor nun allerdings nicht für erforderlich erachtet. – Die folgenden Tage gingen ohne wesentliche Veränderung der Sachlage hin. Der Matrose hatte im Dorfe sein Quartier aufgeschlagen und beobachtete sorgfältig den Krug, wie ein Soldat auf Vorposten. Er scheute sich auch nicht, hineinzugehen, sich gleich den andern an den eichenen Tisch zu setzen und sein Glas Bier zu fordern. Madame Hilgruber vermied es, ihn anzusehen, wenn sie die Krugstube passieren mußte, und ging so gravitätisch vorüber, als ob sie ein steifes Genick hätte; sie wollte ihrerseits Frieden halten, so schwer es ihr innerlich auch wurde, an sich zu halten. »Er wird wieder gesund werden,« tröstete sie sich, »und dann ist's noch immer Zeit, einmal in der Krugstube aufzuräumen; vorläufig muß der Kranke geschont werden.« Wenn Peter Klars aber hoffte, auch einmal mit Annika zusammenzustoßen, so täuschte er sich; die Krügerin wußte es schon so einzurichten, daß sie nicht nötig hatte, die Krankenstube zu verlassen, am wenigsten, wenn so gefährliche Gesellschaft im Kruge war. Aber daß der kleine Peter dem Vater durch seinen Frohsinn die schleichende Zeit kürzen half, konnte sie doch nicht hindern. Der Junge langweilte sich oben, wo alles so ängstlich still war und der kranke bleiche Mann im Bett lag, und seine Mutter, wenn jener schlief, so oft weinte. Wie sich nur eine Gelegenheit ergab, entwischte er, spielte in der Krugstube mit den Hunden, die sich dort stets in großer Zahl zusammenfanden, oder machte auch eine Exkursion auf den Hof, wo ihn die Knechte im Stall auf die Pferde setzten oder sonst amüsierten. Er hatte vor dem braunen bärtigen Gesicht des Matrosen anfangs einige Scheu, merkte aber bald den guten Freund in ihm und ließ sich Süßigkeiten zustecken, mit denen Klars sich aus dem großen, weißen Glase des Gewürzkrämers versorgt hatte, das zwischen Kalkpfeifen, Tabakspäckchen und Likörflaschen an dem kleinen Schaufenster seines Ladens stand und die heimliche Sehnsucht der gesamten Dorfjugend in sich konzentrierte. Es ärgerte Klars wohl, wenn irgendein Nachbar sagte: »Sieh, Peter, das ist dein Vater!« und der Junge den Kopf schüttelte und zur Antwort gab: »Papa liegt oben im Bett und ist krank –« aber er ließ sich gegen das Kind nichts merken, sondern streichelte ihm das blonde Haar und meinte: »Er kann's ja nicht besser wissen, sie haben ihm das so eingeredet.« Die ganze Liebe des Knaben gewann er sich aber, als er ihm aus Korkholz ein kleines Schiffchen schnitzte, von Schwefelhölzern Masten einsetzte und von Papier Segel darauf hing. Der Junge war ganz toll vor Freude darüber und lief sofort treppauf zur Mutter. »Wer hat dir das gegeben?« fragte Annika. »Der fremde, gute Mann«, sagte er und fügte nach einer Weile ganz ernst, indem er sich zu Konrad wendete, hinzu: »Du bist wohl mein Papa, aber der ist mein Vater.« Dem Kranken fuhr's wie ein Stich durchs Herz, aber er lächelte freundlich, und Annika wandte sich gegen das Fenster und unterdrückte einen Seufzer. Nun wollte der kleine Peter das Schiffchen auch schwimmen sehen und folgte gern dem Seemann vor das Hoftor hinaus an den Graben, in dem sich der Regen gesammelt hatte. Seitdem waren sie fast unzertrennlich. Nach und nach entstand vor den neugierigen Augen des Knaben eine ganze Flottille von kleineren und größeren Fahrzeugen, und das eine war immer schöner als das andere. Auch prächtige Geschichten wußte der gute Mann zu erzählen, und nie schieden sie, ohne daß er ihm auftrug, seine Mutter zu grüßen und ihr den herzlichen Kuß abzugeben, den er mit auf den Weg bekam. Annika hatte ihre Not, den Kleinen zu beschwichtigen, weil er erst schmeichelnd und zuletzt ungestüm bat, sie möchte doch nur ein einziges Mal mitkommen und die Schiffe schwimmen sehen. »Der gute Mann wird dir auch gut sein,« rief er dann weinend, »und es ist viel hübscher bei ihm, als hier in der Stube; komm, wir wollen beide zu ihm gehen und immer bei ihm bleiben.« Annika schwieg; aber Konrad sagte mit leiser, beweglicher Stimme: »Wenn ich gesund sein werde, gehen wir zu ihm; hab' ihn nur recht lieb und sag' ihm, daß er uns auch lieb haben soll.« Die junge Frau dankte ihm mit einem warmen Händedruck. Was er dabei empfand – – Eine Woche verging und eine zweite. Mit Hilfe des geschickten Arztes, der fast täglich ansprach, und unter der treuen und sorgfältigen Pflege der jungen Frau besserte sich der Zustand des Kranken merklich. Er durfte einige Stunden, dann immer längere Zeit außer dem Bette zubringen, in der Stube auf und ab gehen, auch nicht mehr so ängstlich wie früher jedes Gespräch vermeiden. Nur blieb seine Gesichtsfarbe noch sehr ungesund und seine Stimme heiser. Annika erschien ihm wie ein Engel der Barmherzigkeit; auf jede erdenkliche Weise suchte er ihr das Krankenpflegeramt zu erleichtern oder wenigstens zu zeigen, wie wohl ihm jede freundliche Dienstleistung tue. Wer die näheren Verhältnisse nicht kannte, hätte sich kein zarteres und innigeres Verhältnis denken können. Und doch waren ihre Herzen heimlich voll Unruhe, und diese Unruhe stieg von Tag zu Tag. Es lag noch etwas unausgesprochen zwischen ihnen, und das mußte über kurz oder lang aus dem Wege. Mitunter, wenn er Annika in ihrer aufopfernden Werktätigkeit beobachtete, gab er sich der stillen Hoffnung hin, daß noch alles für ihn gut werden könne, daß inzwischen irgendein ihm noch verschwiegener Umstand eingetreten sei, der die Schwierigkeiten der Lage zu seinen Gunsten gemindert haben möchte, und er hütete sich, nähere Auskunft zu erbitten, um sich wenigstens diese schöne Täuschung möglichst lange zu erhalten. Wie glücklich hätten wir sein können, dachte er oft: und warum sollten wir's nicht sein? Hat dieser Zufall wirklich Macht über uns? Er darf nicht! Wenn sein überströmendes Gefühl sich dann aber in Zärtlichkeiten äußern wollte und Annika plötzlich dastand wie eine unnahbare Heilige, dann sank ihm wieder der Mut, und eine melancholische Stimme flüsterte ihm zu: »Weit, weit vom Ziele, du wirst sterben und es nicht erreichen! – Ach, nur eine kurze Liebesseligkeit, dann mag's zu Ende sein!« Je mehr die Besserung fortschritt, desto unsicherer fühlte Annika sich in ihrer Stellung. Es war ihre Pflicht gewesen, dem Kranken beizustehen: kein Bedenken konnte dagegen aufkommen. Aber nun er ihrer nicht mehr unbedingt bedurfte, war es ebenso ihre Pflicht, Peter Klars ihr Versprechen zu erfüllen. Schon wiederholt hatte derselbe ihr durch eine Magd sagen lassen, daß er sie zu sprechen wünsche, und zuletzt war eine Drohung zugefügt, die sie in Schrecken setzte. Sie mußte erwarten, daß er sich im Krankenzimmer selbst eine Zusammenkunft erzwang, die bei seiner Leidenschaftlichkeit und Gereiztheit für Konrad die traurigsten Folgen erwarten ließ. Er möchte noch einige Tage Geduld haben, hatte die Magd ihm antworten müssen; es werde sich dann entscheiden. Aber sie zitterte vor dem Gedanken, diese Entscheidung herbeizuführen. Endlich war sie nicht länger hinauszuschieben. Schon in den ersten Tagen seiner Krankheit hatte Konrad Hilgruber den Wunsch ausgesprochen, sein Testament zu machen. »Es wird hoffentlich nicht zum Schlimmsten kommen, Annika,« sagte er freundlich, »aber auf jeden Fall muß doch für dein Kind gesorgt werden.« Der Arzt hatte damals die Berufung der Testamentsdeputation zu hindern gewußt, aber Konrad ließ deshalb den Gedanken doch nicht los. Es war ihm, als ob er Annika etwas besonderes Liebes für ihre treue Pflege beweisen müßte, und so setzte er's endlich bei seiner Mutter durch, daß sie ein Fuhrwerk nach der Stadt schickte, um den Richter abholen zu lassen. Annika hatte vergeblich widersprochen. Es war ihr empfindlich, von Madame Hilgruber hören zu müssen: »Das kann dir gefallen, wenn mein Sohn jetzt, wo er wegen seiner Krankheit nicht recht zurechnungsfähig ist, einen dummen Streich macht und fremder Leute Kinder zu Erben einsetzt, als ob sein Vater und seine Mutter dazu gespart hatten, damit du ihm nur ein freundliches Gesicht zeigst.« Aber das hätte sie überwunden. Nur daß Konrad selbst getäuscht werden sollte, daß er in der irrigen Meinung, sie wolle ihm angehören, zu ihres Kindes Gunsten etwas verfügen könnte, daß sie sich selbst, wenn sie dies zuließe, eine Verbindlichkeit auferlegte, für die sie keine entsprechende Gegenleistung zu gewahren imstande sei – darüber kam sie nicht hinaus. So ängstlich ihr das Herz pochte, Konrad mußte aufgeklärt werden. – Der Krüger fühlte sich heute so wohl, wie noch nie während seiner Krankheit; die Brust war ihm freier, und der Husten schmerzte weniger. Es hatte ihn froh gemacht, daß seine Mutter seinen Wunsch willfahrt, denn er meinte, nun Annika seine Liebe recht offenkundig beweisen zu können. Er wußte wohl, daß sie für sich selbst nichts beanspruchte; deshalb sollte auch im Testamente nicht von ihr, nur von ihrem Kinde die Rede sein. Konrad Hilgruber öffnete jetzt das Fenster, was er sonst nicht getan hatte, und ließ die frische warme Luft einströmen, legte sich wohl aufs Fensterbrett und schaute auf den Hof hinaus, oder amüsierte sich über die Sperlinge, die auf den Zweigen der alten Linde hin und her hüpften und einen Lärm machten, als hätten sie die wichtigste Beratung vor. Er mußte über den Eifer lachen, mit dem sie in rastloser Beweglichkeit den Platz wechselten, einander anschrien, sich die Federn zausten, zur Erde niederschossen und wieder blitzschnell unter das Blätterdach hinaufhuschten. Besonders beschäftigte ihn ein Spatz, der einen Strohhalm erwischt hatte und die Beute gegen einen Angreifer zu sichern suchte. Hundertmal verlor er den Halm, hundertmal zauste er sich mit seinem Gegner herum, immer von ihm verfolgt; endlich kam ein feister Gevatter zu Hilfe, lenkte die Aufmerksamkeit des Störenfriedes auf sich und trieb ihn bald bis in die Spitze des Baumes hinauf. »Das närrische Volk,« lachte Konrad, »der ganze Hof liegt voll Stroh, aber natürlich müssen sie sich gerade um den einen Halm streiten, den zufällig einer schon in Besitz genommen hat.« »Machen's die Menschen denn viel anders?« meinte Annika. Es war ihm heute alles wie neu, der Hahn, der gravitätisch unter seinen Frauen einherstolzierte und sich den kleinen Wurm, den er eben mit Mühe ausgekratzt hatte, vor der Nase fortschnappen oder womöglich vom Schnabel wegpicken ließ; die Tauben, die sich auf dem Dach des Stalles sonnten und so kokett ihre Bücklinge und Knixe machten, wenn der Tauber verliebt gurrend um sie herum scharwenzelte. Annika mußte oft vom Spinnrad aufsehen, um sich irgendeine neue Merkwürdigkeit zeigen zu lassen. Ihre Gedanken waren freilich nicht dabei, aber sie lächelte doch und ließ es wohl auch geschehen, daß er seine Hand auf die ihre legte, oder sich an ihre Schulter lehnte, wenn sie hinaussah, oder sich über sie beugte und mit seinen Lippen ihr blondes Haar berührte. Sie hatte das Gefühl, als ob sie heute alles vermeiden müsse, was wie Unfreundlichkeit aussehen könnte, da sie ihm ja noch eine so schwere Stunde bereiten wollte. Aber gerade diese Nachgiebigkeit erheiterte seine Stimmung noch mehr; er sprach davon, daß sie nächsten Sonntag zusammen zur Kirche gehen wollten, und daß ei sich dann der Wirtschaft wieder ernstlich annehmen werde. Das Leben im Kruge werde ihnen freilich wenig behagen, aber er habe auch schon daran gedacht, das Geschäft ganz seiner Mutter zu überlassen und für sich ein neues Häuschen hinter dem Dorf auf den Krugländereien zu erbauen, dort, wo der Fluß gerade auf seiner Seite ein so schönes, mit Laubholz bestandenes Ufer habe, das zum Garten gezogen werden könne. Er wollte sich dann nur mit der Landwirtschaft abgeben. Annika wurde immer ängstlicher, je lustiger und glänzender diese Seifenblasen aufstiegen; ihre Gutmütigkeit sträubte sich dagegen, sie mit grausamer Hand zu zerstören. Und doch durfte sie seine Hoffnungen nicht noch mehr wachsen lassen; sie war in schlimmster Verlegenheit. Endlich enthob sie ein Zufall der Notwendigkeit, selbst eingreifen zu müssen. Konrad hatte sich wieder behaglich ins Fenster gelehnt und erzählt, mit wie verschiedenen Empfindungen er hier schon im Laufe der Jahre über das Haff hingeschaut habe, und daß die Linde in letzter Zeit tüchtig gewachsen sein müsse, da sie früher eine weitere Umschau gestattete, jetzt aber die Nehrung mehr und mehr verdecke. »Was kommt es freilich darauf noch an,« fügte er hinzu, »habe ich sie jetzt doch hier bei –« Er unterbrach sich plötzlich und zuckte schmerzlich zusammen. Es mußte auf dem Hofe irgend etwas vorgegangen sein, was seine Empfindungen schroff ablenkte. Annika warf einen scheuen Blick durch das Fenster und bemerkte Peter Klars, der nach dem Kruge gegangen kam. Der kleine Peter lief ihm aus der Haustür laut jubelnd entgegen und hing sich an seinen Arm. Konrad richtete sich auf und trat einen Schritt zurück. Er war kreidebleich und offenbar einer Ohnmacht nahe. Ein heftiger Hustenanfall brachte ihn wieder zu sich; Annika stand auf, führte ihn auf seinen Lehnstuhl und schloß das Fenster. Sie sprach kein Wort dabei. Auch er schwieg einige Minuten und sah verstört vor sich hin. Dann erhob er sich und machte einen Gang durchs Zimmer, vermied aber das Fenster. Annika bereitete sich still auf die Erörterung vor, die nun unvermeidlich schien. »Ist Peter Klars – noch immer hier – im Dorfe?« zwang er sich endlich mühsam zum Sprechen. »Er ist hier«, antwortete sie leise und zaghaft. »Und wie lange – gedenkt er noch zu bleiben –« »Solange ich hier sein werde.« – Er stand still und blickte halb überrascht, halb erschreckt zu ihr hinüber. Das Wort schien ihm im Munde zu ersterben; er machte noch einige Schritte bis zum Lehnstuhl und ließ sich wieder darin nieder. Annika trat zu ihm und legte ihre Hand auf seine Schulter. »Es greift dich zu sehr an,« sagte sie mitleidig, »wir wollen heute lieber nicht darüber sprechen. Du mußt erst ganz gesund werden.« Er wandte ein wenig den Kopf nach ihr und stützte ihn an ihren Arm. »Heute nicht – also morgen doch, oder übermorgen – wenn ich gesund bin – dann gewiß.« Sie schwieg. »Besser gleich jetzt!« fuhr er nach einer Weile fort. »Die Marter wäre nicht zu ertragen. Ich bin gesund – ich fühle mich kräftig genug – ich kann hören, was ich einmal hören muß –« Sie wischte ihm mit einem Tuche den kalten Schweiß von der Stirn, mit zitternder Hand, denn sie selbst war so erregt, daß sie sich nur mit Mühe aufrecht hielt. Da sie nicht Antwort gab, entschloß er sich zu einer Frage, die am nächsten zu liegen schien: »Was verlangt Peter Klars?« »Frage nicht, was er verlangt«, sagte sie mit erzwungener Ruhe. »Er ist sehr unglücklich, und die Unglücklichen haben wohl das Recht, nur an sich zu denken. Er hat eine Frau verloren, die er liebte.« »Verloren–?« »Verloren!« antwortete sie mit großer Bestimmtheit. »Und ich –?« rief er, indem er sie leidenschaftlich an sich zog, »und ich, was habe ich dadurch gewonnen? Ist meine Liebe nichts? Du bist meine Frau geworden – willst du's nicht mehr sein?« Sie machte sich sanft von ihm los, ohne sich ihm jedoch ganz zu entziehen. »Ich glaubte ja, daß er tot sei«, sagte sie kaum vernehmbar. »Aber jetzt lebt er – und du bereust – ?« »Tief – tief, daß ich ihm untreu war.« Er sank in die Lehne des Stuhls zurück und deckte die gefalteten Hände über die Augen. »Warum geht's jetzt nicht mit mir zu Ende«, wimmerte er. Dann aber raffte er sich wieder auf, erhob sich und rief: »Aber nein! Ich lasse dich ihm nicht! Du bist mein, ob er lebt oder nicht – mein! Und ich will mein Recht vertreten, weil ich dich liebe. Er ist glücklich gewesen, ich will's auch sein! Warum ich nicht? Wir sind Mann und Weib, Annika – wer will uns scheiden, wenn nicht der Tod? Ja, der Tod kann's vielleicht bald, er klopft schon mit seiner Knochenhand an mein Herz; noch ein Griff, und es steht still. Aber solange es noch schlägt, soll es für dich schlagen, Annika, und niemand soll es hindern – niemand! Keine Gewalt kann dich von mir reißen, wenn ich dich haben will. Und ich will – ich will –« Er brach erschöpft zusammen. Nur sein brennendes Auge suchte das ihrige, aber sie hatte sich abgewandt und weinte. »Wenn du mich liebtest, Annika –« hauchte er leise hin. »Kannst du mich nicht lieben?« »Ich habe dir meine Hand gegeben,« antwortete sie ausweichend, »und du bist damit zufrieden gewesen; das hattest du nicht sollen, Konrad.« »Ich hoffte –und du wärest nicht kalt geblieben, ich weiß es, Annika, dein Herz sprach schon für mich.« »Es spricht auch jetzt für dich,« schluchzte sie, »lauter als du glaubst – es bedauert dich tief, es möchte zerspringen vor Schmerz, daß du nicht glücklicher sein konntest, denn du bist gut, Konrad. Aber ich kann dir kein Glück mehr bringen – wahrhaftig nicht! Nur daß ich meiner Pflicht gegen dich nicht untreu werden will, kann ich dir versprechen, wenn es deinen Verlust mindert. Ich werde deine Frau sein, solange du mich so nennen willst, ich werde keinem andern angehören – keinem ! Aber verlange nicht, daß ich bei dir bleibe, es wäre mein – und dein Verderben. Laß mich zurückkehren auf die Nehrung in mein einsames Haus. Ich habe Peter Klars gesagt, daß er keine Hoffnung mehr habe; aber er wird sie nur aufgeben, wenn ich mich auch von dir trenne.« Es war gesagt; ihr Gemüt wurde ruhiger. Auch seine Leidenschaft schien sich abzustillen. Wie er so mit geschlossenen Augen zurückgelehnt dasaß, nahmen seine Züge allmählich einen starren, frostigen Charakter an; er ähnelte mehr als je seiner Mutter. Annika erschrak, als sie, durch sein Schweigen besorgt gemacht, zur Seite blickte. Er mochte innerlich mit schweren Entschlüssen ringen; manchmal zuckten die Augenlider und die Lippen so eigen. Sie kniete neben dem Stuhl nieder und küßte seine welk herunterhängende Hand. Er zog sie zurück. »Annika–!« »Vergieb mir, Konrad!« Er versuchte zu sprechen, aber der Ton versagte ihm. »Du darfst auch nicht dein Testament machen«, fuhr sie mit inständiger Bitte fort. »Ich kann nichts von dir annehmen, da ich dir nichts gebe, und mein Kind – das du lieb hast, ich weiß es wohl – mein Kind hat nun wieder seinen ersten Vater und wird nicht Not leiden. Und du wirst diesen Schmerz überwinden und vielleicht nach einiger Zeit selbst wünschen, von mir frei zu sein; so sollst du dir nicht die Hände binden.« Er schüttelte heftig den Kopf. »Laß mich ziehen, Konrad!« Es war ein schwerer Kampf. »Und wenn ich nein sagte?« antwortete er rauh. Sie sah mit ihren großen blauen Augen recht ernst zu ihm auf. »Dann muß ich auf Gottes Barmherzigkeit rechnen!« »Du wolltest –« Er las in ihrem Blick, daß sie zum Äußersten entschlossen war. Nach einer längeren Pause stillen Nachdenkens schob er den Stuhl zurück und stand wieder auf, indem er ihr zugleich die Hand reichte und sie von der Erde erhob. Er ließ sie zur Seite treten und durchmaß das Zimmer mit eiligen Schritten. Endlich blieb er mit dem Rücken gegen Annika stehen und fragte: »Und wann wolltest du fort?« »Morgen, Konrad – wenn du mich nicht mehr brauchst.« »Eilt es so?« »Es eilt.« Sie dachte an Peter Klars' Drohungen. Er setzte seinen Gang fort, wohl mehrere Minuten lang; dann trat er vor sie hin und sagte augenscheinlich mit schmerzlicher Überwindung: »Du bist sehr aufrichtig gewesen, Annika, sei es auch jetzt. Liebst du Peter Klars noch jetzt?« Das Blut schoß ihr in die Stirn. »Ich bin deine Frau«, antwortete sie. »Liebst du Peter Klars noch jetzt?« wiederholte er eindringlicher. »Beim allmächtigen Gott! Es ist nicht darum, Konrad.« »Weiche mir nicht aus – sei aufrichtig. Bei deiner Seligkeit, nur jetzt keine Lüge: Du liebst ihn noch?« Sie legte die Hand aufs Herz. »Weil du die Wahrheit hören willst – aber er soll es nie mehr erfahren,« unterbrach sie sich lauter und lebhafter; »er mag glauben, daß ich ihm auch im Herzen untreu geworden bin, und das soll meine Buße sein.« »Du liebst ihn.« Sie schwieg und wagte nicht einmal die Augen zu ihm aufzuschlagen. Er betrachtete sie lange, wie sie so vor ihm stand, ganz ein Bild in Traurigkeit aufgelöster Entsagung. Er grollte ihr und hätte ihr doch zu Füßen fallen und sie um Liebe bitten mögen, um einen heißen Abschiedskuß wenigstens, um eine Sekunde Seligkeit für ewige Entsagung. Fort, ihr Traume! Er wandte sich ab und sagte kalt: »Es ist gut, Annika – du kannst gehen.« Sie wollte seine Hand ergreifen und an ihre Lippen ziehen; er ließ es nicht zu. »Geh, geh!« rief er, »ich will allein sein.« Annika fühlte, daß sie gehorchen müßte. Sie verließ langsam schweren Herzens das Zimmer. X. Draußen vor der Tür blieb sie stehen und überlegte, was zu tun sei. Die Kisten und Kasten mit Betten, Wäsche und Hausgerät, die sie am Hochzeitstage von der Nehrung mitgebracht hatte, standen noch ungeöffnet auf dem Boden. Die Kleidungsstücke, die sie aus einer verschließbaren blauen Lade genommen hatte, waren bald wieder verpackt. Bei der Nachbarin, in deren Hause sie die erste Nacht zubrachte, hoffte sie leicht ein paar starke Fischerknechte zu ermitteln, die ihr das Gepäck ans Wasser tragen könnten. Das kleine Boot, das zur Klarsschen Fischerkate gehörte und am Hochzeitstage das Gepäck aufgenommen hatte, mußte noch auf dem Haken liegen; sie konnte es nun zur Rückfahrt benutzen. Freilich erinnerte sie sich, damals gehört zu haben, daß sich in demselben wie in dem zurückgelassenen zweiten Boote ein Leck gezeigt habe; die schadhafte Stelle war aber vielleicht zu verstopfen, ohne daß es einer förmlichen Reparatur bedurfte. Jedenfalls war eine Besichtigung nötig, und sie beschloß, dieselbe nicht zu verschieben. Als sie in Gedanken vertieft den Hof verließ und die Dorfstraße nach dem Flusse zu einschlug, saß Peter Klars an der Ecke der Scheune auf dem Grabenrande und sah seinem Knaben zu. wie er ein Korkschiffchen auf dem stachen Wasser am Faden hin und her zog. Sie bemerkte die beiden nicht, aber den munteren Augen des kleinen Peter entging nicht leicht etwas, das sich in der Nähe regte und bewegte. »Die Mutter!« rief er überrascht und wollte ihr mit einem Freudengeschrei nacheilen, als sein Vater ihn schnell beim Arme faßte, zwischen seine Knie zog und ihn bedeutete, zu schweigen. »Ich will ihr mein Schiffchen zeigen,« meinte er kleinlaut, »wie es im Wasser schwimmen kann.« Der Matrose stand auf, nahm ihn bei der Hand und führte ihn nach dem Hofe. »Geh jetzt in den Stall zu den Pferden,« sagte er, »ich will die Mutter rufen gehen.« Der Junge war damit zufrieden. Peter Klars folgte Annika in einiger Entfernung. Sie bog, immer eilig vorwärts schreitend, von der Dorfstraße ab nach dem Treidelstege, der am Fluß entlang nach dem Haken führte, in dessen Ausbuchtung wirklich das Boot, halb aufs Land hinaufgezogen, lag. Sie versuchte, es ganz aufs trockene zu bringen, aber ihre Kraft reichte dazu nicht aus. In dem tieferen Teil, der vom Fluß bespült wurde, hatte sich Wasser angesammelt, auf welchem der hölzerne Ausschöpfer schwamm. Sie stieg hinein und machte sich an die Arbeit, es zu entfernen. Erst jetzt, da er ganz nahe an sie herantrat, bemerkte sie den Matrosen. Sie richtete sich erschreckt auf und sah ihn mit ängstlichen Blicken an. »Warum bist du mir gefolgt?« fragte sie nach einer Weile ernst. Er lächelte unheimlich. »Weil ich dich schon längst zu sprechen hatte«, antwortete er scharf. »Die Alte hütet dich vor mir, wie ein Drache seinen Schatz – und es mag dir auch wohl gefallen beim Krüger. Wie?« »Er ist krank,« sagte sie, »du weißt es.« »Und lag doch heute schon im offenen Fenster und plauderte ganz munter – bis ich ihn fortscheuchte. War's nicht so?« Sie nickte schwermütig. »Darum bin ich hier«, erwiderte sie leise. Er sah sie fragend an. »Was soll geschehen, Annika?« Sie schwieg. »Besinnst du dich, wie wir auf dieser Stelle zum erstenmal als Brautleute zusammentrafen?« fing er nach einer Weile wieder an. »Es war, wie ich dir gesagt hatte, daß ich dich zum Weibe haben wolle, und wie du mir die Hand gegeben hattest, daß nichts in der Welt uns trennen solle. Da liegen noch die Steine, auf denen wir saßen, als die Sonne schon untergegangen war, und wir meinten's gewiß damals beide treu, und wer uns gesagt hätte, daß wir uns so einmal wieder hier treffen sollten –« Seine Stimme bebte; er kehrte sich mit einer raschen Wendung ab und zog den Hut tief über die Stirn. »Ich weiß alles«, versicherte sie schmerzlich. Peter Klars wendete sich wieder zu ihr und ergriff ihre Hand. »Geh nicht mehr zurück zu Konrad«, sprach er halb bittend, halb drohend. »Ich ertrag's nicht.« Annika entzog sich ihm nicht. »Ich halte, was ich versprochen habe«, sagte sie freundlich. »Morgen fahre ich nach der Nehrung.« Er horchte auf. »Morgen – und allein?« »Allein – wenn du mir das Kind nicht mitgeben willst, Peter.« Er fuhr wild auf. »Soll ich mich auch von ihm trennen? Nimmermehr!« Annika senkte demütig den Kopf. »Wie du willst – ich muß zufrieden sein.« »Du kannst dich trennen von dem Kinde?« rief er. »Annika! Hast du kein Herz in der Brust? Von dem Kinde trennen! Und wem zuliebe? Dem Krüger, der dich überlistet hat, daß du mir untreu wurdest. Soll er nun auch noch Mutter und Kind scheiden? Nein, Annika! Wir gehören zueinander – mag er's wissen! Es ist kein Vergleich möglich zwischen uns. Sei mein, Annika, wieder ganz mein – und er wird die Hoffnung aufgeben, dich doch noch gewinnen zu können; er wird selbst das unselige Band lösen, das dann nur eine lästige Fessel für ihn ist. Aber du mußt den Mut haben, deinem Herzen zu folgen, und auf den Pfaffen nicht hören, der nur der reichen Krügerin zum Mund spricht. Was die Leute sagen, was kümmert uns das? Wir brauchen sie nicht. Und die meisten werden auf unserer Seite sein. Mut, Annika! Es kann noch alles gut werden.« Sie schüttelte den Kopf. »Es kann nicht gut werden – so nicht, Peter.« Er ließ sich auf den Bord des Kahns nieder und suchte sie an sich zu ziehen. »Verstoße mich nicht,« bat er leidenschaftlich, »verstoße das Kind nicht wegen einer so kalten Pflicht, von der das Herz nichts weiß. Nimm uns mit dir, Annika! Ich hole den Knaben!– ich setze das Boot instand. Wir fahren zusammen hinüber nach der Nehrung, kehren in unser kleines Haus zurück, in das Stübchen, das all unser Glück gesehen hat. Und dann mögen sie kommen, uns zu trennen! Ich werde mein Weib und Kind zu schützen wissen. Und jenseits ist die weite See! Wenn sie doch Macht über uns haben, dort find wir frei. Wir steigen auf ein Schiff und wandern aus – die Welt ist groß, Annika, und überall, wo wir zusammen sind, ist unser Glück und unsere Heimat.« Ihre Brust wogte stürmisch; sie atmete schwer und hastig. »Und können doch nicht wieder sein, was wir gewesen sind«, preßte sie mühsam heraus. »Du vielleicht, aber ich nicht. Ich habe gesündigt, als ich dir treulos ward, und eine Sünde nimmt die andere nicht von mir. Laß mich allein hinüber!« Sein Gesicht verzerrte sich. »Es geht nicht,« sagte er unwillig, »ich kann's nicht überwinden.« Sie setzte sich auf die Ruderbank hinter ihn und legte die Hand auf seine Schulter: »Vielleicht, wenn wir Geduld haben, Peter–« »Worauf sollen wir warten? Wir haben schon Jahre verloren.« »Ich darf's seinetwegen nicht wünschen – aber Konrad ist krank –« Er wandte schnell den Kopf seitwärts und prüfte sie mit einem Blick, der ihr blitzartig durch und durch ging. »Hast du auch schon daran gedacht?« zischelte er nah ihrem Ohr. »Still – still!« bat sie ängstlich. Sie erriet ihn nicht, und doch war sein ganzes Wesen so unheimlich, daß sie irgendein Unheil befürchtete. Der Matrose rückte noch näher an sie heran, indem er ihr Handgelenk mit seinen Fingern wie mit einem Eisenringe umspannt hielt. »Höre –«, flüsterte er noch leiser. »Er ist krank – sehr krank – es ist kein Wunder, wenn kranke Menschen sterben; hat man mich doch bei gesundem Leibe für tot erklärt. Was kann es ihm nützen, daß er sich mit siechem Körper und gebrochenem Herzen noch ein paar Jahre quält –? Wenn du wolltest –« Sie stieß ihn mit Gewalt zurück, daß er vom Bord des Kahns forttaumelte. »Peter –« rief sie entsetzt; »denk' an dein Seelenheil! Noch ein solches Wort, und wir sind auch im Herzen geschieden!« Der Seemann schöpfte eine Handvoll Wasser und goß sich dasselbe über das Gesicht. »Es macht mich wahnsinnig«, lallte er. »Er oder ich!« Annika war aus dem Boot gesprungen und machte sich nun eilig auf den Weg nach dem Dorfe zu. Klars folgte ihr einige Schritte; bald aber sah er ein, daß er sie nicht mehr einholen könne. »Tollheit, ihr's zu verraten!« grinste er. »Das ist nichts für Weiber. Wenn sie mich freilich liebte, wie ich sie – aber das ist vorbei.« Er lehnte sich wieder aufs Boot, nahm die kurze hölzerne Schaufel auf, die ihrer Hand entfallen war, und setzte mechanisch ihre Arbeit fort. Das Wasser war bald ausgeschöpft, zog sich aber, wenn auch langsam, wieder hinein. »Das Boot hat ein Leck,« sprach er vor sich hm, »sie darf darauf morgen nicht fahren. Es wird ihr auch nicht so eilig sein.« Er nahm sich vor, nächsten Vormittag den Schaden auszubessern, und kehrte langsam nach dem Dorfe zurück. Es war ihm recht schlecht zumut, er wußte sich vor Unbehaglichkeit kaum zu lassen. Er hatte sich erschöpft in Liebe und Haß und fühlte nun in seinem Innern eine Leere, die er sich vergebens bemühte, durch irgendeine befriedigende Empfindung auszufüllen. Annika war nicht gewonnen – sie war so gar nicht zu gewinnen. Was er aber bei ihr verloren, indem er voreilig seine schlimmsten Gedanken preisgab, machte ihn noch unruhiger. »Man denkt's wohl,« murmelte er unwillig vor sich hin, »aber man tut's deshalb noch nicht, und wenn ich ihr's sagte, so war's doch nur, als ob ich zu mir selbst sprach. Verdammt! Innen sieht's hell aus, wie ein Leuchtfeuer, das den Hafen anzeigt, und wenn das Wort über die Lippen geht, ist's schwarz und häßlich zum Grauen. Freilich – wer kann für sich gut stehen? Wenn sie drüben ist auf der Nehrung – so nah, nur diese Wasserrinne trennt uns, und ich darf doch nicht hinüber – seinetwegen –! Und da steht er im Wege morgen und übermorgen und alle Tage – wer weiß, was geschieht? – Nein, es ist nichts für mich mit den Heimlichkeiten. Gradheraus soll er mir Rede stehen, und dann wird sich's entscheiden zwischen uns!« Er hoffte im Kruge oder- im Dorfe nochmals mit Annika zusammenzutreffen und sie beruhigen zu können. Aber auf dem Hofe erfuhr er, daß sie den kleinen Peter abgeholt habe und mit ihm fortgegangen sei. Von den Nachbarn hatte niemand sie bemerkt. Annika hatte den Kleinen auf den Arm genommen und ihn durch das Pförtchen neben der Scheune hinausgetragen auf die Wiese, wo die vielen schönen Blumen wuchsen, von denen er ihr täglich einen Strauß ins Krankenzimmer hinaufgebracht hatte. »Im Wald ist's noch viel schöner«, hatte sie ihm gesagt, als er verweilen wollte; »du kennst den Wald noch gar nicht.« Sie faßte ihn bei der Hand und führte ihn durch die Kornfelder und die Wiesenraine um das Dorf herum nach dem Birkenwäldchen, das sich so anmutig am Flußufer hinabzog. Dort war sie ganz ungestört. Sie wollte ja nichts mehr, als sich noch einmal ihres Kindes erfreuen und von ihm Abschied nehmen. Auf dem eiligen Gange vom Haken nach dem Kruge hatte sie ganz eigene Gedanken gehabt; so plötzlich sie ihr gekommen waren, so sicher fühlte sie sich doch darin. Sie sagte sich, daß sie doch allein die Schuld an allem Unheil trage, weil sie nicht fest den Weg gegangen sei, den ihr das Herz gewiesen, und daß nun noch mehr Unheil folgen werde, wenn der Streit der beiden Männer um ihren Besitz sich fortspinnen dürfe. Konrad werde sich in Geduld fügen, aber in Sehnsucht hinkranken und auf seine geheimen Wünsche doch nicht verzichten. Und Peter Klars – er fügte sich nicht; jetzt war es gewiß. Wohin war es schon mit ihm gekommen? Sie hatte gehofft, beide Männer zum Verzicht zu vermögen, aber schon war kein Zweifel, daß sie sich arg täuschte. Wenn ihnen keine Hoffnung mehr blieb, einander abzuringen, was keiner dem andern gönnen wollte, dann reichten sie vielleicht einander die Hand zur Versöhnung und gedächten auch ihrer in Frieden. Es war ihr nicht anzumerken, was in ihr vorging. Mit heiterem Gesicht spielte und scherzte sie mit dem Knaben, suchte ihm Blumen oder kleine bunte Steinchen, sang ihm Lieder, erzählte ihm Märchen, half ihm die schlanken Birkenstämme hinaufklettern, oder versteckte sich hinter dem dichten Wacholderstrauch und ließ sich suchen. Der kleine Peter hatte keine Ahnung, daß geschieden sein sollte. Erst als er nach einigen Stunden müde wurde und auf ihrem Schöße einschlief, wehrte sie den Tränen nicht und bat Gott laut und inbrünstig, daß er sich des Kindes gütig annehmen und es vor so schwerem Kummer bewahren möchte wie der ihre. Und dann, als die Sonne untergegangen war und der Wald dunkelte, schlug sie ihr Tuch um den Knaben und trug ihn nach Hause. Sie brachte ihn sorgsam zu Bette, ohne die Magd, in deren Kammer er gewöhnlich schlief, aus der Ruhe zu stören, küßte ihn noch einmal herzlich und ging hinaus. Auf dem Hofe nahm sie von dem dortigen Vorrat eine Stange und machte sich mit derselben auf den Weg nach dem Haken hinaus. Sie begegnete unterwegs niemand. Dann schob sie mit Aufbietung aller Kräfte das Boot in die Flut, stieg ein und stieß es mit der Stange vom Ufer ab. Sie stand mit den Füßen im Wasser, aber sie achtete nicht darauf. Die Stange immer wieder auf den flachen Grund setzend und sich weiter fortschiebend, brachte sie das kleine Fahrzeug bald auf das offene Haff hinaus, über dem ein dichter Nebel lag. Nach wenigen Minuten war nur noch eine dunkle Masse bemerkbar, die mehr und mehr verblaßte und hinter der Nebelwand verschwand. Über Konrad Hilgruber kam in dieser Nacht kein Schlaf. Er hatte gehofft, Annika würde sich doch noch einmal einfinden und sich gütlich zusprechen lassen; da sie aber nicht kam, mußte er's für gewiß halten, daß sie schon den letzten Abschied genommen hatte und sich von ihm nicht mehr sehen lassen wolle. Sie wird zur Nachbarin gegangen sein, dachte er, wo sie schon die erste Nacht zubrachte; ich war unfreundlich gegen sie, und sie hat Grund, mich zu meiden. Er legte sich hin, aber der Husten quälte ihn und trieb ihn wieder auf. Wie wird das Leben sein ohne –? überlegte er tausendmal; wenn Klars billig wäre, es gäbe vielleicht doch einen Ausgleich. Früh am nächsten Morgen verließ er sein Zimmer und den Krug, um den Matrosen aufzusuchen. Es war sein erster Ausgang. Er erfuhr, daß Klars mit Handwerkszeug, Holz und Nägeln nach dem Haken hinausgegangen sei, um das Boot instand zu setzen, auf dem Annika hinüberfahren wollte. Konrad entschloß sich, ihm zu folgen. Schon eine Strecke vor dem Haken kam Klars ihm entgegen, offenbar sehr eilig und aufgeregt. Er stutzte, als er Konrad auf sich zuschreiten sah, und blieb stehen. »Wo ist Annika?« rief er ihm entgegen. »Ich weiß es nicht,« antwortete Konrad, mühsam atmend, »sie war die letzte Nacht nicht im Kruge.« »Nicht im Kruge –! Aber wo sonst?« »Wahrscheinlich im Nachbarhause. Sie wollte heute nach der Nehrung übersetzen.« »Ganz recht, das wollte sie. Aber das Boot ist fort.« »So wird sie schon gefahren sein und ihre Sachen nachkommen lassen.« »So früh? Und ihre Sachen sind noch im Kruge?« »Ich glaube wohl.« »Und das Kind?« »Es schläft noch. Die Magd besorgte sein Frühstück, als ich ging.« Klars sah finster grübelnd zur Erde. »Sonderbar – so früh – und ohne Abschied – und ohne das Kind – ? Das Boot war leck.« »Die Fischer werden es untersucht haben«, meinte Konrad. »Vielleicht ist's auch auf dem Fluß nach dem Dorf gebracht zur Ausbesserung vor der Fahrt – und Annika noch daheim.« »Vielleicht.« – Er ging einige Schritte zögernd weiter und machte dann wieder halt. »Und was willst du hier?« »Ich suchte dich.« Peter Klars sah mißtrauisch zu ihm auf. »Mich? – Du hast Grund, mir aus dem Wege zu gehen.« Der Krüger trat näher. »Ich habe dich nicht kränken wollen«, sagte er mild. »Wir waren ja auch Freunde.« » Waren –« »Und könnten noch jetzt freundschaftlich gegeneinander handeln und uns das Mißgeschick erleichtern, das uns betroffen hat – uns und ihr–!« Der Matrose wandte sich trotzig ab. »Was willst du von mir?« »Mit dir vernünftig wegen Annika sprechen, Peter.« »Pah – vernünftig! Was heißt das? Ich kann nicht nachgeben.« »Wenn du Mitleid mit mir haben wolltest –« Es lag etwas in dem Tone, mit welchem diese Bitte sich äußerte, das Peter Klars nicht ungerührt ließ. Er zog die Augenbrauen finster zusammen und blickte sich abwendend zur Erde, ohne zu antworten. Konrad glaubte, daß er sich entfernen wollte, und streckte ihm die Hand entgegen. »Bleibe noch«, bat er. »Es ist bald gesagt, was ich zu sagen habe.– Annika ist nun einmal meine Frau.« Klars krampfte die Hand zusammen. »Nein!« »Sie ist es. Darüber ist keine Täuschung möglich. Aber sie wird es nicht lange sein – gewiß nicht lange. Ich bin krank, und es geht bald mit mir zu Ende.« »Konrad!« »Ich kenne meinen Zustand, und wenn der Arzt ehrlich sein wollte – – sprich mit ihm. Wenn du mir nur die kurze Zeit, die mir noch bleibt, das Glück lassen wolltest –« Klars schüttelte schweigend den Kopf. »Höre mich an! Ich will sie betrachten wie deine Frau – ich schwöre dir's zu. Sie würde auch sonst gar nicht zu bewegen sein, wieder in mein Haus zu kommen. Aber wenn unser Verhältnis auf solche Art sichergestellt ist, wird sie gern die Pflichten einer treuen Pflegerin erfüllen und mir dieses armselige Restchen Leben erheitern. Du wirst mein Freund sein – und ihr Freund, bis sie dir mehr sein kann. Willst du?« Peter Klars war bewegt. Konrad meinte es offenbar ehrlich. Die alte Neigung brach noch einmal durch und verscheuchte die finsteren Schatten, die sein Gemüt umnachteten. Er reichte Konrad die Hand und sagte ohne Groll: »Ich kann's nicht! Wahrhaftig, ich kann's nicht – ich liebe Annika!« Sie standen eine Minute Hand in Hand. Der Krüger blickte mit dem Ausdruck tiefsten Schmerzes vor sich hin. »Nicht einmal das gönnst du mir!« klagte er leise. Peter Klars fiel ihm leidenschaftlich um den Hals. »Sei großmütig!« rief er, »gib sie frei – wir können so nicht miteinander leben! Ich nicht – sie nicht – auch du nicht, Konrad! Gib sie frei, und ich will unsere Freundschaft segnen.« »Es ist mein Tod«, sagte er finster. Vom Fluß her wurden Ruderschläge vernehmbar. Die beiden Männer traten voneinander und sahen unwillkürlich nach jener Richtung, von der das Geräusch kam. Es war ein Nehrunger Fischerboot, das mit Netzen und Fischen beladen einfuhr. Es schleppte etwas im Wasser hinter sich her, das sich nicht sogleich erkennen ließ, da es nur wenig über die Oberfläche hinausragte. Erst als das Fahrzeug ihnen gegenüber kam, bemerkte Klars hinten angebunden einen Kahn, der fast ganz voll Wasser geschöpft war, und wurde aufmerksamer. Der Fischer, als er den Krüger und den Matrosen erkannte, hielt mit Rudern inne und ließ die Spitze auf den Sand laufen. »So früh auf?« rief er den Männern zu. Der Krüger nickte traurig; Klars trat näher der Schälung. »Was bringt Ihr da?« fragte er. »Habt Ihr mit Eurem Handkahn Unglück gehabt?« Der Fischer lachte. »Ich brauche keinen Handkahn. Mein Boot ist flach genug für den Fluß bis zum Marktort. Ich habe das Ding so auf dem Haff gefunden; es war zum Sinken voll Wasser. Ich wollt's neben dem Krug aufs Land bringen, da findet sich der Eigentümer am leichtesten.« Klars fuhr erschreckt zusammen. »Auf dem Haff – ?« rief er, »und diese Nacht?« Eine schwere Ahnung überkam ihn. Er watete durch den Fluß, faßte den Bord des versunkenen Kahns und hob ihn aus dem Wasser hinaus. » Mein Kahn!« schrie er auf und taumelte nach dem Lande zurück. Der Krüger begriff nicht sogleich, um was es sich handelte. Erst als er aus den abgerissenen Reden des Matrosen entnahm, daß von dem Fahrzeug gesprochen wurde, das gestern noch auf dem Haken gelegen, das leck gewesen sei und mit dem Annika habe überfahren wollen, begriff er die ganze Gefahr. Selbst aufs äußerste besorgt, suchte er doch Klars zu beruhigen, der wie unsinnig am Ufer auf und ab lief und die Hände rang. »Das Boot kann sich vom Sande losgemacht haben und hinausgetrieben sein«, sagte er; »wir dürfen nicht gleich ans Schlimmste denken.« »Es ist keine Hoffnung«, jammerte der Matrose. Er sprach es nicht aus, aber es war bei ihm gewiß, daß sie den Tod gesucht habe. Man zog das Boot aufs Land, schöpfte es aus und untersuchte es genau, ohne einen Gegenstand darin zu finden, der auf Annika deutete. Man eilte nach dem Dorf zurück, brachte alle seine Bewohner in Bewegung, fragte in jedem Hause nach – niemand wußte von ihr. Nur der kleine Peter konnte erzählen, daß sie im Walde mit ihm gespielt. Wer irgend über ein Boot verfügte, machte es ruder- und segelfertig und folgte Klars aufs Haff hinaus, um nach der Vermißten zu suchen. Vergebens! Erst am dritten Tage kam Nachricht, daß die Leiche der Fischersfrau eine Meile oberhalb des Dorfes angespült sei. Es war ein Begräbnis, das den zahlreich Beteiligten noch lange im Gedächtnis blieb. Der Sarg war mit den schönsten Blumen geschmückt, und Blumen wurden vor ihm hin auf den Weg gestreut bis zum Kirchhof, von dem die grünen Birken freundlich winkten. Hinter dem Sarge gingen Peter Klars und der Krüger, und sie hatten den kleinen Peter zwischen sich angefaßt, als ob er beiden gehörte. Und jeder sah auf sie und nickte ihnen einen traurigen Gruß zu und dachte bei sich: »Es war doch so das beste.« Als sie aber den Sarg hinabgesenkt und Blumen darüber ausgestreut und Erde darauf geworfen und ein stilles Vaterunser unter Tränen gesprochen hatten, wandten sie sich zueinander und umarmten sich schweigend und standen lange so. Dann schüttelten sie einander die Hand und küßten das Kind. Sie brauchten nichts zu sprechen. – – Konrad Hilgruber machte bald darauf sein Testament und setzte den Sohn der geliebten Frau zum Erben ein. Klars erfuhr nichts davon, bis nach einigen Jahren der Krüger seinem Brustleiden erlag, und nun sein letzter Wille bei Gericht eröffnet wurde. Er hatte nun Mittel vollauf, seinen Sohn aufs beste erziehen zu lassen. Da der Knabe gute Fähigkeiten zeigte, brachte er ihn nach der Stadt auf das Gymnasium und ließ ihn dann studieren. Peter wollte zuerst durchaus Seemann werden wie sein Vater. Als dieser sich aber nach schwerem Kampfe entschloß, ihn in seine traurigen Erlebnisse einzuweihen, wandte sich sein Sinn, und er beschloß, ein Geistlicher zu werden, womit sein Vater einverstanden war. Nachdem er sich würdig vorbereitet, nahm er eine jener wenig beneideten Pfarrstellen auf der Nehrung an und war durch kein Anerbieten einer Verbesserung zu bewegen, sich von ihr zu trennen. Die reiche Erbschaft seines Stiefvaters sah er als ein Vermächtnis zum gemeinen Besten an und verwendete sie so, indem er, unbeirrt durch das wiederholte Fehlschlagen der ersten Versuche, planmäßig den Sand der Dünen hinter den Ansiedlungen durch Anpflanzungen von Gräsern, Sträuchern und Bäumen festzulegen bemüht war. Er hatte nach einigen Jahren die Freude, ein kleines Wäldchen aufwachsen zu sehen, das sich bald nach rechts und links erweiterte, und in dessen Schutz der frühere dürre Boden Früchte trug. Eine solche Anlage auf der Nehrung ist eine Stiftung, deren Zinsen den Enkeln und Enkelkindern zugute kommen. Das Andenken der Wohltäter grünt in ihr fort, und man segnet sie, wenn man den Sturm von der See her heranrasen hört und sein Haus geschützt weiß, oder wenn man vor dem Sonnenbrand des Sommers ein schattiges Ruheplätzchen unter den grünen Birken findet.