Graf Udo Bodo Satirischer Roman von Freiherr v. Schlicht Wolf Graf von Baudissin Dem Andenken des Grafen Kuno I. Als Graf Udo Bodo das Licht der Welt erblickte, waren in dem Schloß seines Vaters, des Majoratsherrn Graf Kuno von Adlershorst, fast sämtliche weibliche Mitglieder der Familie versammelt und alle umstanden bewundernd das neugeborene Kind, das in seiner Wiege gar jämmerlich schrie und weinte. Alle hatten gehofft, daß das Kind, das erwartet wurde, ein Mädchen sein würde; denn wenn Graf Kuno ohne männlichen Erben starb, fiel der Besitz an eine der Nebenlinien. Nun war das Kind, allen stillen und frommen Gebeten zum Trotz, doch ein Knabe geworden. Das war bitter, aber es ließ sich nun nicht mehr ändern. So machten denn die Tanten und Basen gute Miene zum bösen Spiel und gratulierten dem glückseligen Vater mit einer Herzlichkeit, als hätte auch ihnen kein größeres Glück zuteil werden können. Alle umringten den Grafen, nur eine nicht, das war die Gräfin Cäcilie von Adlershorst, die kniete unbeweglich in stiller Verzückung vor der Wiege; sie tat, als sähen ihre Augen endlich das Heil, das sie so lange vergeblich gesucht hatte, und dabei war ihr im tiefsten Herzen nichts unsympathischer als ein kleines Kind, das nach ihrer gewissenhaften Überzeugung eher einem kleinen Affen oder einem kleinen Meerschweinchen glich als einem Menschen. Aber sie mußte das Kind bewundern, denn sie war arm und bezog von dem Grafen Kuno eine jährliche Unterstützung, die es ihr zwar nicht erlaubte, standesgemäß zu leben, die sie aber wenigstens vor der äußersten Not schützte. Seit vielen Monaten hatte sie schon darüber nachgedacht, wie es ihr möglich sein würde, eine Erhöhung dieser Zulage zu erzielen. Mit einer einfachen Bitte war da nichts getan, das wußte sie ganz genau, denn Graf Kuno war trotz seiner großen Einnahmen immer selbst in Geldverlegenheit, sie mußte es schon sehr schlau anfangen, wenn sie sein Herz erweichen und seine Börse öffnen wollte. Da kam ihr, während sie anscheinend immer noch in stummer Bewunderung das Neugeborene betrachtete, ein rettender Gedanke. »Kuno ist ja dumm,« dachte sie sich, »und heute in seiner übergroßen Vaterfreude noch leichter zu täuschen als sonst. Versuchen will ich es auf alle Fälle.« Und mitten in das Gerede der anderen Tanten hinein erklangen plötzlich von der Wiege her mit geheimnisvoller, prophetischer Stimme die Worte: »Ein Heil ist unserem Hause widerfahren, dies Kind wird ein langes Leben und eine große, glänzende Zukunft haben; seltene Ehren und seltene Auszeichnungen stehen ihm bevor.« Und da Tante Cäcilie bei dem ersten Mal mit ihrer Prophezeiung nicht gleich den Effekt erzielte, den sie erwartet hatte, sprach sie diese Worte, gleichsam wie von einer höheren Macht hierzu angetrieben, beständig vor sich hin, erst leise, dann lauter und immer lauter. Endlich vernahm Graf Kuno sie, schnell befreite er sich aus dem Kreis der Damen und eilte auf die Wiege zu. Krampfhaft faßte er mit seiner Rechten die Schulter der Knienden und schweratmend und in tiefster Erregung fragte er: »Cäcilie, ist es wahr, was Du da sprichst?« Sie hob die Lider und sah den Grafen mit den unschuldigsten und ehrlichsten Augen von der Welt an. »Es ist wahr!« sagte sie mit einer Stimme, die auch den leisesten Zweifel an ihren Worten in ihm verjagte. Er faltete in namenloser Freude die Hände. »Gott lohne Dir die Worte,« sagte er, »ich kann es nicht.« »Du kannst es nicht nur, Du mußt es sogar.« dachte sie, »aber noch ist der Augenblick nicht gekommen, wir sprechen schon noch über den Punkt.« Dann sagte sie, als hätte sie seine Worte gar nicht gehört, noch einmal vor sich hin: »Dies Kind wird ein langes Leben und eine große, glänzende Zukunft haben, seltene Ehren und seltene Auszeichnungen stehen ihm bevor.« »Und woran siehst Du das?« fragte er mit bebender Stimme. »An den Linien der kleinen Hand und hier an den Adern, die so deutlich zutage treten.« Sie hatte sich vor vielen Jahren einmal die Karten legen und sich aus ihrer Hand die Zukunft prophezeien lassen. Damals hatte sie daran geglaubt, später aber hatte sich dieser Glaube in einen großen Zorn über die unnötig ausgegebenen fünf Mark verwandelt. Etwas Gutes aber hatte dieser Besuch bei der weisen Frau doch gehabt: sie hatte sich genau gemerkt, was die einzelnen Linien und Adern angeblich bedeuteten, und so prophezeite sie denn dem Kinde die Zukunft, als wäre sie eine gerichtlich vereidigte Wahrsagerin. Voller Glückseligkeit lauschte Graf Kuno ihren Worten, dann sagte er: »Komm mit mir auf mein Zimmer, ich habe mit Dir allein zu sprechen.« »Wie Du wünschest.« Sie küßte noch einmal das schreiende Kind auf die Stirn, dann folgte sie dem Grafen. Kaum hatte sich hinter den beiden die Tür geschlossen, als sich unter den zurückbleibenden Damen ein Sturm der Entrüstung erhob. »Solche Schlange,« zischte Tante Konstanze. »Man muß sich ja fast schämen, daß Cäcilie unseren alten, adligen Namen trägt! Der arme Kuno, wenn es nicht zu grausam wäre, müßte man ihm die Augen öffnen und ihm sagen, was Cäcilie mit ihren Worten bezweckt. Ich kenne sie, sie läßt sich jede Silbe, die sie sprach, mit Gold aufwiegen; es ist einfach empörend.« Und Tante Konstanze war wirklich empört. Aber nicht so sehr über das, was Cäcilie getan hatte, sondern vielmehr darüber, daß sie es nicht selbst getan hatte. Warum war sie nicht auf diesen klugen Gedanken gekommen? So viel, oder besser gesagt, so wenig wie Cäcilie verstand sie auch vom Wahrsagen, und sie hätte das Geld, das Cäcilie jetzt einsteckte, selbst so schön gebrauchen können, denn erst heute hatte ihr Egon, der als Leutnant bei einem vornehmen Kavallerieregiment stand, um einen Extrazuschuß gebeten. »Man sollte dem armen Kuno wirklich die Augen öffnen,« begann jetzt auch eine der anderen Damen. Aber die alte Kammerherrin widersprach. »Warum? Ob Cäcilie ihre Worte aus Berechnung oder aus innerster Überzeugung sprach, was liegt daran? Sie haben ihren Zweck erfüllt, denn Kuno ist glücklich, und er erwartet Großes von seinem Sohn. Warum ihm da heute schon den Glauben an die Wahrheit dieser Worte rauben? Wer hätte den Mut, so grausam zu sein? Und vor allen Dingen, wer weiß, ob nicht doch an Cäciliens Worten etwas Wahres ist? Denn daß sie nur aus Berechnung so sprach, kann und will ich nicht glauben, weil sie eine Gräfin Adlershorst ist.« Das war nun zwar nach Ansicht der Gräfin Konstanze absolut kein Grund, an Cäciliens ehrliches Empfinden zu glauben, aber sie wagte doch nicht, der Kammerherrn zu widersprechen; denn die alte Dame, eine noch immer schöne Sechzigerin mit schneeweißem Haar und einem unendlich vornehmen und aristokratischen Gesichtsausdruck, war die ehrwürdigste in der Familie, und alle hatten, schon weil sie sehr reich war, den lebhaften Wunsch, bei ihr in Gunst zu stehen. Unterdessen saßen sich Graf Kuno und Cäcilie in dem großen, prächtig eingerichteten Herrenzimmer des Grafen gegenüber. Der Graf war eine große, breite, kräftige Erscheinung, die einen leichten Hang zur Fülle hatte. Trotzdem er erst in der Mitte der Vierzig stand, sah er durch den langen, graumelierten Vollbart, der ihm tief auf die Brust hinabhing, bedeutend älter aus. Auch seinen Bewegungen fehlte das Frische, Elastische. Vielleicht lag das daran, daß er eigentlich in seinem ganzen bisherigen Leben noch nie etwas getan hatte und auch gar nicht die Absicht besaß, hierin je eine Änderung eintreten zu lassen. Er war auf seinem jetzigen Besitz als einziges Kind seiner sehr reichen Eltern geboren, hatte teils auf dem Gut, teils in der benachbarten Stadt seine Erziehung genossen und war dann in der Armee einer der damals noch bestehenden kleinen Bundesstaaten Offizier geworden. Der plötzliche Tod seines Vaters, dem bald der Tod seiner Mutter folgte, veranlaßten ihn jedoch schon früh, seinen Abschied wieder zu erbitten. Er übernahm das ererbte Gut, und da er trotz aller geistigen Beschränktheit klug genug war, einzusehen, daß er von der Landwirtschaft nicht das geringste verstände, vor allen Dingen aber auch, weil er viel zu träge war, um sich selbst um seinen Besitz zu kümmern, verpachtete er das Gut. Er ließ für den Pächter ein Wohnhaus errichten und behielt für sich selbst das alte Schloß und den herrschaftlichen Pferdestall, in dem zwölf kostbare und wertvolle Rappen standen. Dann ging er auf die Brautschau und holte sich von einem der Nebengüter eine ebenso kluge wie schöne Frau, die leider nur zu früh einsehen mußte, daß ihr Mann für etwas anderes als für Pferde, Wein und Zigarren nicht das leiseste Interesse hatte. Nur noch eine einzige Sache interessierte ihn, das war der Adel und der Stammbaum seiner Familie. Für ihn war die Familie Adlershorst die vornehmste des ganzen Landes; die andern hatten ja auch ihre Verdienste, aber gegen die seinige konnten sie denn doch nicht aufkommen. Die Folge war natürlich, daß niemand, der es nicht unbedingt mußte, sein Haus betrat, selbst seine adligen Gutsnachbarn teilten seine fast zu aristokratischen Ansichten nicht und suchten ihn zu überzeugen, daß er sich durch sein Benehmen nur Feinde schaffe. Aber das war dem Grafen Kuno einerlei, seine stehende Redensart war: ich brauche keinen Menschen, der Umgang mit mir selbst genügt mir vollständig und lieber bin ich ganz allein, als daß ich mich nicht in absolut standesgemäßer Gesellschaft befinde. Anders dachte seine junge, schöne Frau über diesen Punkt; sehr bald ertrug sie die Einsamkeit auf dem Lande nicht mehr, sie sehnte sich nach Gesellschaften und nach Festen, wo man sie bewunderte und ihr den Hof machte, und so ging sie erst für einige Wochen, dann im Laufe der Jahre auf immer längere Zeit auf Reisen, teils zu ihren Verwandten, teils nach dem Süden, teils zu ihren Freunden nach Paris. Graf Kuno, der sehr viel allein war, beklagte sich nie darüber. Er war mit sich und seinem Leben sehr zufrieden, er ritt oder fuhr täglich ein paar Stunden spazieren und saß die andere Zeit in seinem Zimmer, las mehr oder weniger pikante französische Romane, rauchte den ganzen Tag eine schwere Importzigarre nach der anderen, und arbeitete täglich ein paar Stunden in dem Grafenkalender und an der Familiengeschichte. Darüber vergaß er aber nicht, sehr gut zu essen und sehr gut zu trinken. Auf Reisen ging er selten, einmal, weil ihm das zu unbequem war, dann aber auch, weil selbst das vornehmste Hotel seinen Ansprüchen nicht genügte, und hauptsächlich, weil man es auf der Reise doch nicht immer verhindern konnte, mit Bürgerlichen zusammenzutreffen. Einmal war ihm dieses Unglück sogar in einem Coupé erster Klasse begegnet und von dem Tage an reiste er – wenn er unbedingt einmal auf Reisen gehen mußte – nur in einem Salonwagen, das aber kam auf die Dauer selbst ihm zu teuer. Er war glücklich und zufrieden, er hatte die ganzen Jahre hindurch auf Erden nur den einen Wunsch gehabt, daß ihm ein Sohn geboren wurde, und heute – nach fast vierzehnjähriger Ehe – war ihm dieses Glück zuteil geworden. Allerdings, er wußte, er würde die Erfüllung seines Wunsches schwer bezahlen müssen. Die Ärzte hatten ihn schon lange darauf vorbereitet, daß die Geburt des Kindes der Mutter wahrscheinlich das Leben kosten würde, und Angst und Entsetzen hatten ihn zuerst bei diesen Worten gepackt, denn er liebte seine Frau, soweit er überhaupt einer tieferen Neigung fähig war, von ganzem Herzen. Aber höher als das Glück des einzelnen stand nach seiner Auffassung das Glück der ganzen Familie, mochte denn die einzelne, wenn der Himmel es so beschlossen hatte, sterben, wenn nur die Familie nicht ausstarb, und dafür war nun gottlob gesorgt, ein gesunder, kräftiger Junge lag in der Wiege, und darüber vergaß er alles, sogar die Frau, die nur wenige Stuben von ihm entfernt mit dem Tode rang. Das Kind war da, und vor allen Dingen: ihm war ein langes Leben und eine glänzende Zukunft prophezeit. »Cäcilie,« nahm nun der Graf nach einer langen Pause, während der er erregt in dem großen Zimmer auf und ab gegangen war, das Wort, »Cäcilie, ich muß Dir nochmals für das danken, was Du an der Wiege gesprochen hast. Als die Ärzte mir vor Wochen sagten, wie es um meine Frau, die arme Isabella, stände, da habe ich geglaubt, das Kind, das zur Welt käme, würde schwach und nicht lebensfähig sein; Du hast mir diese Furcht geraubt und dafür möchte ich Dir danken, soweit ich es vermag, und ich möchte eine große Bitte an Dich richten.« »Und die wäre?« fragte Cäcilie gespannt. »Du weißt, wie es mit der armen Isabella steht,« fuhr der Graf fort. »Noch hoffe ich, daß die Ärzte sich irren, daß der Himmel sich meiner erbarmt, daß Isabellas kräftige Natur doch noch den Sieg davonträgt. Aber wenn dies doch nicht der Fall sein sollte, wenn ich die Frau wirklich verliere, dann –« Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, bedeckte das Gesicht mit beiden Händen und stöhnte schwer auf. In herzlichster, aufrichtiger Anteilnahme trat Cäcilie auf ihn zu und legte tröstend ihre Hände auf seine Schulter: »Willst Du nicht einmal zu ihr gehen?« fragte sie. »Vielleicht ist sie bei Bewußtsein, sie weiß ja, wie schlecht es um sie steht, sicher wäre es ihr eine große Freude und ein großer Trost, Dich noch einmal zu sehen. Sie hat Dich doch sehr lieb gehabt, sie hat Dir doch auch das Kind geschenkt.« Er zuckte zusammen. »Ich kann nicht, ich kann keinen Menschen sterben sehen, noch dazu jemand, der meinem Herzen so nahe steht wie kein anderer Mensch. Ich bitte Dich, erspare mir das Gräßliche.« »Wie Du willst,« erwiderte sie, aber im stillen verachtete sie doch den Mann, der aus lauter Egoismus nicht einmal den Mut besaß, in den letzten Minuten bei seiner Frau zu weilen. Dann fragte sie nach einer kleinen Pause: »Du sprachst vorhin von einer Bitte, die ich Dir erfüllen sollte?« Er strich sich mit der Hand über die Stirn und trocknete die Tränen, die in seinen Augen schimmerten, dann sagte er: »Es ist viel, was ich von Dir verlange, aber Du wirst es mir nicht abschlagen, denn es handelt sich um die Erziehung des Knaben. Wie ich Dir schon sagte, noch hoffe ich, daß Gott mir meine Frau erhält, aber selbst wenn ein Wunder sie noch rettet, wird es lange dauern, ehe sie sich ganz wieder erholt hat, sie wird für viele Monate auf Reisen gehen müssen, und wer weiß, ob Isabella überhaupt eine gute Erzieherin für das Kind wäre. Sie hat mir oft genug gesagt, daß sie kleine Kinder nicht gern hat, es würde ihr lästig und unbequem sein, sich um den Jungen kümmern zu müssen, sie würde sich in ihrer persönlichen Bewegungsfreiheit beengt fühlen, sie würde traurig sein, nicht mehr so viel wie früher auf Reisen gehen zu können, und im Reisen besteht doch nun einmal ihr Lebensglück. Ich habe ihr diese Freude früher stets gegönnt und möchte ihr in Zukunft, nachdem sie heute meinen seligsten Wunsch erfüllt hat, natürlich noch weniger als je eine Bitte abschlagen. Es ist ja jetzt noch mehr als früher geradezu meine Pflicht, ihr jedes Vergnügen, jede Zerstreuung zu gönnen, ihr meine Dankbarkeit zu beweisen, soweit ich es irgend vermag. Und da meine ich, Du solltest zu mir kommen, dem Knaben gewissermaßen eine zweite Mutter sein und seine Erziehung übernehmen.« Viel hatte Tante Cäcilie erwartet, so viel aber denn doch nicht. Ihr Herz schlug zum Zerspringen, aber sie hütete sich, ihre Freude zu verraten. »Es ist unmöglich, was Du da von mir verlangst, und selbst wenn ich wollte, die Verantwortung wäre für mich zu groß.« »Erfüll mir meinen Wunsch,« bat er. »Ich brauche Dir nicht erst zu sagen, daß ich das, was ich erbitte, nicht umsonst von Dir verlange. Ich werde Dir Deinen jährlichen Zuschuß auf das Doppelte erhöhen. Du wirst hier ganz umsonst leben, so daß Du das Geld für spätere Zeiten zurücklegen kannst, und außerdem werde ich Dir an dem Tage, an dem Du die Erziehung des Knaben beendet hast, ein Kapital zur Verfügung stellen, dessen Zinsen zusammen mit Deinen Ersparnissen Dich vor jeder Sorge schützen. Du siehst, ich tue, was ich kann, hier ist meine Hand, schlag ein.« Aber Tante Cäcilie zögerte immer noch. »Und was werden die andern sagen? Werden sie nicht neidisch sein? Werden sie nicht vielleicht glauben, ich übernähme diese verantwortliche Stellung nur, um mich finanziell besser zu stellen?« Er stampfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden. »Du bist eine Adlershorst, sogar eine geborene Adlershorst, durch Deine damalige Heirat mit dem inzwischen leider verstorbenen Vetter gleichen Namens gewissermaßen eine doppelte Adlershorst, da ist jede Verdächtigung ausgeschlossen. Und noch eins kommt hinzu, daß ich gerade Dich bitte, das Kind erziehen zu wollen,« fuhr er nach einer kleinen Pause fort. »Von allen Verwandten stehst Du meinem Herzen am nächsten, weil Du meine Anschauungen über das Leben am meisten teilst. Nichts liegt mir ferner, als der armen Isabella etwas Unfreundliches nachsagen zu wollen, aber es hat doch auch Tage gegeben, wo ich nicht ganz verstand. Sie ist mir auf ihren Reisen mit zu viel Menschen der verschiedensten Berufsklassen und, so schwer es mir auch wird, ich muß es sagen, mit zu viel Menschen aus den verschiedensten Gesellschaftssphären zusammengekommen, und dabei ist sie eine geborene Gräfin Hohenburg, deren Ahnen auf Kaiser Rotbart zurückgehen, ja, ich hoffe sogar, ihre Ahnen noch weiter nachweisen zu können, ich habe deswegen erst gestern an ein Archiv geschrieben und um Überlassung einiger alten Urkunden gebeten. Also, ich meine, obgleich Isabella eine geborene Gräfin Hohenburg ist, hat sie sich auf ihren Reisen doch eine gewisse freie Auffassung in manchen Punkten angewöhnt, sie hat die Schranken dem Bürgertum gegenüber nicht immer so aufrechterhalten, wie ich es im Interesse meines Namens wohl gewünscht hätte, und es ist deshalb zu wiederholten Malen zwischen uns zu einem ernsten Meinungsaustausch gekommen. Auch aus diesem Grunde glaube ich nicht, daß Isabella die geeignete Erzieherin des Knaben wäre. Und so bitte ich Dich zum letztenmal, komm zu mir.« Cäcilie saß anscheinend in einem schweren Kampf da. »Laß es mich noch einen Augenblick ruhig überlegen,« bat sie. Aber ihr Überlegen bestand nur in einem schnellen Kopfrechnen. Sie lebte jetzt in einer kleinen Stadt, in der sie trotz ihrer geringen Einnahmen lediglich ihres Namens wegen eine große Rolle spielte, aber sie war doch immer nur eine Witwe, die selbst kein großes Haus machte. Kinder hatte sie gottlob nicht, sie stand ganz allein auf der Welt. Wenn sie jetzt auf das Gut zog. dann würde sich, einerlei ob Isabella am Leben blieb oder nicht, ihre ganze Position verändern, sie würde dem Namen nach die stellvertretende, in Wirklichkeit aber die wahre Hausfrau sein, und als Erzieherin des einstigen Majoratsherrn würden alle sie beneiden und bewundern. Mit einem Schlage änderte sich nicht nur ihre gesellschaftliche, sondern auch ihre finanzielle Lage, und die Finanzen blieben doch schließlich die Hauptsache. Selbst wenn der Knabe später in ein Pensionat kommen würde, so vergingen bis dahin doch wenigstens noch fünfzehn Jahre, in dieser Zeit konnte sie ein kleines Vermögen ersparen, und wenn Graf Kuno ihr dann später auch noch ein Kapital zur Verfügung stellte, dann war sie bis an ihr Lebensende vor allen Sorgen geschützt. Im stillen überschlug sie die Summe, die sie zum Abschied wohl erhalten würde. Allzuviel würde es wohl nicht sein, denn Graf Kuno verstand nicht zu rechnen, er lebte als großer Herr, und trotzdem er fast immer allein war, verschlangen sein Haushalt, sein Marstall, seine große Dienerschaft Unsummen, und Isabella verstand es auch, das Geld unter die Leute zu bringen. Aber immerhin würden doch wohl noch einige zehntausend Mark für sie übrigbleiben, und die Aussicht war verlockend. So sagte sie denn nach langem Besinnen, obgleich sie sich von Anfang an darüber klar gewesen war, daß es mehr als töricht sei, dieses glänzende und verlockende Angebot auszuschlagen: »Gut, Kuno, ich will Dir Deinen Wunsch erfüllen; leicht wird es mir nicht, denn ich gebe viel auf und tausche dagegen eine schwere, verantwortliche Stellung ein, aber ich tu es Dir und dem Knaben zuliebe.« »Ich danke Dir, ich danke Dir herzlichst. Ich bitte Dich jetzt nur noch, Deine Übersiedelung hierher möglichst bald bewerkstelligen zu wollen, Du kannst Dir selbst die Zimmer im Schloß aussuchen, die Du zu bewohnen wünschst.« Sie besprachen noch einige Formalitäten, dann fragte Cäcilie: »Hast Du eigentlich schon darüber nachgedacht, wie Dein Sohn heißen soll? Willst Du ihm Deinen Namen geben, soll auch er Kuno getauft werden?« Aber der Graf schüttelte den Kopf. »Ich habe mir einen viel schöneren Namen ausgesucht, einen Namen, der etwas eigenartig ist und der auch nur deshalb auf einen Adlershorst paßt, der wirklich etwas Großes und Bedeutendes leistet, wie es unser Ahne im sechzehnten Jahrhundert tat, der denselben Namen führte. Seitdem ist er sonderbarerweise in unserer Familie gar nicht wieder vorgekommen. Ich will ihn Udo Bodo nennen, Udo Bodo, Graf von Adlershorst.« Cäcilie fand den Namen Udo Bodo mehr als scheußlich, aber wenn Graf Kuno ihn sich nun einmal ausgesucht hatte, dann war ja nichts mehr daran zu ändern, und schließlich war es auch ganz egal, wie der Knabe hieß, die Hauptsache war ja, daß er ein tüchtiger Mensch würde. Und daran, daß er dies wirklich würde, zweifelte sie nicht eine Sekunde, nicht nur, weil sie es ihm selbst prophezeit hatte, sondern weil sie ihn selbst erziehen würde. Da öffnete sich die Tür und der Kammerdiener, wie immer in Frack und Eskarpins, erschien im Zimmer. An seinem Gesichtsausdruck sah man, daß er keine frohe Nachricht brachte. »Was gibt es, Franz?« Einen Augenblick schwieg der noch und warf seinem Herrn einen traurigen Blick zu, dann sagte er: »Der Herr Sanitätsrat lassen dem Herrn Grafen ganz gehorsamst melden, daß die Frau Gräfin soeben zu ihren Ahnen versammelt worden ist.« »Also doch.« Schweratmend stützte sich der Graf auf die Lehne eines Sessels, während Cäcilie zu weinen anfing; sie weinte weniger aus Trauer, denn wie fast allen in der Familie war auch ihr Isabella nie sehr sympathisch gewesen, und auch sie hatte ihr das Reiseleben sehr verdacht, aber sie weinte doch, weil es nun bei solchen Gelegenheiten einmal Mode ist und weil es sich für sie in ihrer neuen Stellung gehörte, so zu tun, als wäre sie ganz besonders traurig. Der Graf hatte die Hände gefaltet und seine Lippen bewegten sich, als spräche er ein leises Gebet. Jetzt richtete er sich aus seiner zusammengesunkenen Haltung auf. »Sagen Sie den Damen, Franz, sie möchten sich im Sterbezimmer versammeln, ich komme sofort.« »Zu Befehl, Herr Graf.« Lautlos verschwand der Diener, und festen Schrittes ging der Graf zu seinem Arbeitstisch. Dort lag wie immer der Grafenkalender, er nahm das Buch zur Hand, schlug die Seite auf, auf der sein Geschlecht verzeichnet war, und mit umflortem Blick las er: »Isabella, Klara, Maria, geborene Gräfin von Hohenburg, geboren den 20. Mai 1840 auf dem adligen Gut Hohenburg, vermählt am 17. Juni 61 mit Kuno, Graf von Adlershorst, Offizier a. D., Majoratsherr des adligen Gutes Adlershorst.« Dann nahm er die Feder zur Hand, machte mit schwarzer Tinte hinter diese Zeilen ein Kreuz und schrieb mit fester Hand daneben: »gestorben am 14. September 1875.« Und nachdem er somit seinen Grafenkalender in Ordnung gebracht hatte, ging auch er mit Cäcilie hinauf zu der Toten. II. Die Gräfin Isabella war begraben worden, und angeblich hatte man einen letzten Wunsch der Verstorbenen vorgefunden, in der diese die Bitte aussprach, achtspännig zur letzten Ruhestätte gefahren zu werden, jedenfalls erzählte Graf Kuno das jedem, ganz einerlei, ob er es hören wollte oder nicht. In Wirklichkeit hatte die verstorbene Gräfin natürlich nie daran gedacht, einen derartigen Wunsch zu äußern, der Gedanke, seine Frau mit allem nur denkbaren Prunk beerdigen zu lassen, war lediglich dem Gehirn des Grafen Kuno entsprungen. Einmal wollte er dadurch der Welt zeigen, wie lieb er seine Gemahlin auch nach dem Tode habe, dann aber war es ihm, der so selten Gelegenheit fand, ein Fest zu geben, ein aufrichtiges Bedürfnis, wenigstens ein anständiges Totenfest zu feiern, das den Glanz und den Reichtum seines Hauses zeigte. Aber er erreichte das Gegenteil von dem, was er bezweckt hatte, man fand sein Verhalten albern und etwas pietätlos, und alle waren der Ansicht, daß eine einfachere Feier auch würdiger gewesen wäre. Diesen Standpunkt hatte Cäcilie auch von Anfang an vertreten, aber sie hatte nur zu schnell merken müssen, daß Graf Kuno einen sehr dicken Schädel besaß. Sollte es ihr überhaupt gelingen, die Zügel der Regierung in die Hand zu nehmen, so mußte sie dabei sehr schlau und sehr vorsichtig zu Werke gehen. Während der Tage, in der die Leiche der Gräfin noch im Schlosse stand, hatte Graf Kuno seiner großen Trauer dadurch Ausdruck gegeben, daß er, ebenso wie es bei Hof üblich ist, ein genaues Zeremoniell für das Trauerjahr ausarbeitete, und nach der Beisetzung hielt er mit aller Strenge darauf, daß die von ihm erlassenen Vorschriften in bezug auf den Anzug auf das genaueste befolgt wurden. Ja, als sein Pächter, der ihn in einer dringenden geschäftlichen Angelegenheit zu sprechen wünschte, in seinem Arbeitszimmer ohne schwarze Handschuhe erschien, wurde er höchst ungnädig entlassen und zum Nachmittag wieder befohlen. Allerdings war es da zu spät, die in Frage stehende Angelegenheit noch zugunsten des Grafen Kuno zu erledigen, aber das war diesem auch einerlei, lieber Geld verlieren, als sich in der Form oder in seinem Verhalten irgendwie etwas vergeben. Überhaupt war Graf Kuno als Witwer tadellos. Im ersten Monat fuhr er tagtäglich in seinem Viererzug zur benachbarten Stadt, in deren Kirche sich die Familiengruft der Grafen von Adlershorst befand, und am Sarge verrichtete er, wie man das so nennt, ein stilles Gebet. In Wirklichkeit aber freute er sich darüber, wie hübsch und vornehm das große Fenster aussah, das er gestiftet hatte, und wie stolz sich dort das vereinigte Wappen derer von Adlershorst und Hohenburg auf dem Sarkophag ausnahm. Erst wenn er zur Tür der Gruft hinausschritt, fiel ihm ein, warum er eigentlich gekommen war; dann gab er einen schweren Seufzer von sich, daß man es draußen hörte, und die Schuljungen, die bewundernd den schönen Viererzug umstanden, riefen dann: »Der Graf kommt!« Und wenn Graf Kuno dann erschien, freute er sich über die mehr oder weniger große Menschenmenge, die sein Gespann umstand, denn auch Erwachsene blieben zuweilen stehen, um die schönen Rappen zu bewundern. Graf Kuno tat zwar so, als hätte er für die Leute nicht das geringste Interesse, aber im stillen zählte er doch jedesmal, wie viele da waren, und je mehr da waren, desto glücklicher war er. Fritz, der Jäger, half ihm dann in seinen Wagen, und sobald er Platz genommen hatte, befahl er jedesmal mit lauter Stimme: »Nach Schloß Adlershorst.« Er hätte ja auch sagen können: »nach Haus«, das wäre genau dasselbe gewesen, aber nach Schloß Adlershorst klang vornehmer. Und auf Gummirädern, von vier stolzen Rappen gezogen, den Jäger neben dem Kutscher auf dem Bock, fuhr er dann seinem heimatlichen Herde entgegen. Dieses Schauspiel wiederholte sich einen Monat hindurch jeden Tag um dieselbe Stunde. Einmal hatte er Besuch von seinem Rechtsanwalt, und die sehr wichtige Konferenz war noch nicht halb beendet, als der Wagen vorfuhr, der ihn zur Familiengruft bringen sollte. Der Rechtsanwalt, der noch an demselben Abend wieder abreisen mußte, bat, ihm noch eine Stunde Gehör zu schenken, aber Graf Kuno sagte einfach: »Meine selige Gemahlin Isabella, die hochselige Gräfin Hohenburg, erwartet mich,« und damit war die Sache erledigt. In Wirklichkeit nahm er natürlich auf seine verstorbene Gattin viel weniger Rücksicht als auf die Schuljugend und auf die andern Müßiggänger, die da ganz genau wußten: mit dem Glockenschlag fünf Uhr kommt der Viererzug. Diese Zuschauer waren dem Grafen Kuno ein Lebensbedürfnis, und wenn sie ehrerbietigst die Mützen lüfteten und mit einem halbunterdrückten: Aaah! den Riesenkranz bewunderten, den der Graf täglich am Sarge niederlegte, kam erst die richtige Trauerstimmung über ihn. Nach Ablauf des ersten Trauermonats fuhr er nur noch alle acht Tage zur Familiengruft, dann ein halbes Jahr lang nur einmal monatlich, an dem Datum des Sterbetages, an jedem 14., und als das Jahr herum war, nur noch einmal jährlich. Nicht etwa aus Pietätlosigkeit, aber seitdem seine Frau gestorben war, sah er sie nach seiner Meinung viel öfter im Sarge vor sich, als er sie je bei Lebzeiten gesehen hatte, und er wußte nicht, was er der Toten sagen, wie er sich mit ihr in Gedanken beschäftigen sollte. Das hatte er ja nicht einmal im Leben gekonnt, er hatte keine Interessen und hielt es unter seiner Würde, seine in vieler Hinsicht höchst mangelhaften Kenntnisse zu bereichern. In der ersten Zeit seiner Ehe hatte er allerdings seiner blendend schönen, jungen Frau zuliebe versucht, gute und ernste Bücher zu lesen, aber bei seinen geringen geistigen Fähigkeiten hatte er das meiste nicht verstanden. Und wenn er dann zu seiner Isabella gekommen war und gebeten hatte: »Erkläre mir, bitte, was der Verfasser hiermit sagen will, ich kann ihm nicht folgen,« dann hatte sie ihn ausgelacht und ihn geneckt, weil sie glaubte, er mache nur einen Scherz und er schütze seine Unkenntnis nur vor, um in ihre Nähe zu gelangen und mit ihr zusammen zu sein. Bis sie dann später, als die erste Leidenschaft verraucht war, und sie ihn mit nüchternen Augen betrachtete, merken mußte, daß es ihm damals doch Ernst gewesen war mit seinem Wort: »Ich verstehe das nicht.« Da aber war es zu spät, da hatte er die Bücher schon für immer verschlossen und las nur noch die Tageszeitung und französische Sittenromane. Wie in so vielen anderen Dingen versuchte Cäcilie auch hierin eine Änderung herbeizuführen, aber es gelang ihr nicht. Sie selbst war eine kluge, gebildete Person, die es nicht begriff, wie Kuno mit dem geistig armen Leben, das er führte, zufrieden sein konnte. Sie hielt es für ihre Pflicht, geistig auf ihn einzuwirken, sie wollte ihm des Abends nach dem Diner vorlesen, die Tagesfragen mit ihm besprechen, sein Interesse für die verschiedensten Sachen erwecken, aber alles scheiterte an seinem Phlegma und an der Familientradition. Er kannte es von seinem verstorbenen Vater her gar nicht anders, als daß um sieben Uhr diniert wurde, und daß man dann in den Salon ging und dort bei einer Zigarre über irgendeine adlige Familie miteinander plauderte, bis es Zeit war, sich schlafen zu legen. Er saß Tag für Tag auf demselben Platz, auf demselben Stuhl, auf dem schon sein Vater gesessen hatte, und sein Wunsch war, daß in späteren Jahren, wenn er einst nicht mehr auf der Welt sei, Udo Bodo dort ebenso sitzen möge wie er jetzt. »Familientraditionen sind heiliger und wertvoller als leere unnütze Wissenschaften,« pflegte er zu sagen. »Für den Bürgerstand, der noch nichts ist, wo ein jeder, der ihm angehört, danach ringen muß, etwas zu werden, ist die Weiterbildung natürlich unerläßlich, für unsereins aber ist sie nur schädlich. Wir brauchen keine neuen Ideen, wir können nicht mehr werden, als wir sind, für uns kommt es nur darauf an, das zu bleiben, was wir sind, den von unsern Vätern ererbten Besitz und die uns überlieferten Anschauungen festzuhalten, damit die Schranke, die uns von den andern trennt, nicht eines Tages zusammenstürzt.« Tante Cäcilie fand diese Anschauung zwar mehr als töricht, aber sie hütete sich, das auszusprechen, denn gerade bei ihr setzte Graf Kuno ja voraus, daß sie genau so dachte wie er selbst, nur deshalb hatte er ihr ja die Erziehung des Kindes übertragen. So blieb alles wie es war, und in steter Einsamkeit und Einförmigkeit gingen die Tage, die Wochen und die Jahre dahin. Auch nach dem Tod der Gräfin Isabella blieb es still und einsam auf Adlershorst. Cäcilie hatte auf den Nachbargütern Besuche gemacht, die erwidert worden waren, hin und wieder fand bei dem einen oder anderen Nachbarn ein offizielles Diner statt, und einmal hatten Graf Kuno und Cäcilie auch die Genugtuung gehabt, die Herren von den Nachbargütern mit ihren Damen bei sich zu sehen. Aber dann schlief der Verkehr wieder ein, und Cäcilie entbehrte ihn schließlich auch nicht mehr. Sie hatte mit der Erziehung des Knaben, mit der Leitung des großen Haushaltes, mit der Beaufsichtigung der vielen Dienstboten und mit tausend anderen Dingen, um die sie sich sehr gewissenhaft kümmerte, mehr als genug zu tun, und Graf Kuno saß jahraus, jahrein an seinem Schreibtisch, von dem aus er den ganzen Hof und einen Teil der Chaussee übersehen konnte, rauchte eine Importzigarre nach der andern und blätterte in alten Familienchroniken. Unterdessen entwickelte sich Udo Bodo mehr und mehr zu einem kräftigen, gesunden Knaben. Er war jetzt schon zwölf Jahre alt und stark an körperlichen Kräften, er war ein gewandter Turner, ein geübter Ringer und sein größtes Vergnügen bestand darin, sich mit den Kindern des Pächters oder mit denen des Kammerdieners Franz, der auf Grund seiner Vertrauensstellung beinahe für voll angesehen wurde, zu prügeln, wobei es natürlich den andern Kindern auf das strengste verboten war, den jungen Grafen wieder zu schlagen, so daß Udo Bodo im Kampf stets Sieger blieb, was ihn immer von neuem wieder mit großer Genugtuung erfüllte. Aber so stark und gewandt Udo Bodo in allen körperlichen Übungen war, in einer Hinsicht war es mehr als traurig mit ihm bestellt, das war sein Geist. Der Hauslehrer rang oft die Hände, denn er sah es ja deutlich genug, daß es bei Udo Bodo nicht an dem guten Willen lag, sondern lediglich an dem Mangel jeder geistigen Befähigung. Aber das Händeringen half nichts und verzweifelt klagte er oft Tante Cäcilie sein Leid. Aber auch die konnte nichts ändern, und es war ja eigentlich ganz selbstverständlich, daß Udo Bodo nicht allzu begabt war; er hatte die Dummheit seines Vaters und seines Großvaters geerbt, und es wäre ja mehr als ein Wunder gewesen, wenn er ganz aus der Art geschlagen und ein begabtes Kind geworden wäre. In der ersten Zeit war sie über diese Entdeckung allerdings doch etwas erschrocken, denn was der Lehrer sagte, stand so gänzlich im Widerspruch mit dem, was sie seinerzeit an der Wiege des Neugeborenen prophezeit hatte. Aber was noch nicht war, konnte ja noch werden, es passierte ja oft genug, daß jemand in der Jugend schwer lernt und daß dann plötzlich doch noch die Erleuchtung über ihn kommt. Und vor allen Dingen, wie mancher wirklich Begabte erleidet in dieser Welt nicht Schiffbruch und bringt es trotz aller Befähigung und trotz allen ernsten Strebens zu nichts, während so manchem Minderbegabten das Glück in den Schoß fällt und ihn doch eine glänzende Karriere machen läßt. Und viel mehr als das leere Wissen konnten Udo Bodo später sein Name, seine tadellosen Manieren, sein Vermögen und vor allen Dingen seine hohen verwandtschaftlichen Beziehungen nützen. Und Udo Bodo hatte hohe Beziehungen, ein Onkel von ihm war an einem kleinen Fürstenhof Kammerherr, ein anderer war Intendant an einem Hoftheater, eine Tante war Hofdame, eine andere sogar Oberhofmeisterin, man hatte mit den meisten Fürstenhäusern Beziehungen, da mußte Udo Bodo ja später Karriere machen, selbst wenn er gar nicht wollte. Und sie, Tante Cäcilie, würde später schon ihre Hand schützend über ihn halten und ihn zu lancieren wissen. Es sollte doch schon noch etwas Großes aus ihm werden. »Soll ich nicht einmal mit dem Herrn Grafen über die geistigen Fähigkeiten seines Herrn Sohnes sprechen?« fragte eines Tages der Hauslehrer. Aber Cäcilie verbat sich das auf das energischste, einmal, weil sie fürchtete, daß Graf Kuno dann an der Wahrheit ihrer Prophezeiungen irre würde, dann aber auch, weil sie den Grund dieser Aussprache nicht einsah. Graf Kuno konnte seinen Sohn doch nicht klüger machen, als er war, einmal, weil das überhaupt nicht ging, dann aber auch, weil er, selbst wenn es gegangen wäre, hierzu die am wenigsten geeignete Persönlichkeit war. Und außerdem, warum dem Vater unnötige Sorge machen, warum ihn unnötig ängstigen, er war so stolz auf sein Kind, warum ihn da betrüben. Später, wenn Udo Bodo sich wirklich nicht weiter entwickelte, war es ja immer noch Zeit genug, und vor allen Dingen würde Graf Kuno ihm gar nicht glauben, der sah bei seinem Jungen in den goldenen Kelch, alles, was er sagte und tat, war vollkommen, und in seiner Vaterliebe und in seinem Vaterstolz hatte er sich ein Buch angelegt, in das er gewissenhaft alle bedeutsamen Äußerungen seines Kindes eintrug, so zum Beispiel: »Anständige Menschen waschen sich nur mit französischer Seife.« – »Von den Kindern eines Pächters kann man nicht verlangen, daß sie wissen, wie man anständig ißt.« – »Wenn ich einmal groß bin, werde ich es den Leuten schon beizubringen wissen, daß ich Udo Bodo, Graf von Adlershorst bin.« Jeder andere Vater hätte seinen Sohn wegen solcher Aussprüche zur Rede gestellt, aber Graf Kuno war stolz auf diese Worte, die ihm der beste Beweis dafür waren, daß sein Sohn ganz in seinem Sinne erzogen wurde, und wenn er einen solchen denkwürdigen Ausspruch in sein Buch hatte eintragen können, dann war er gegen Cäcilie von einer doppelten Aufmerksamkeit und segnete stets von neuem den Tag, an dem er sie zu sich ins Haus genommen hatte. Und dabei war Cäcilie an diesen Anschauungen des Knaben ganz unschuldig, sie versuchte zwar in ihm schon in der frühesten Jugend das Bewußtsein zu erwecken daß er als Träger eines alten Namens später auch besondere Pflichten zu erfüllen habe, aber für die Ausschreitung seines jugendlichen Adelsstolzes konnte man sie nicht verantwortlich machen. Oft lag es ihr sogar auf den Lippen, dies offen und ehrlich einzugestehen, aber was hätte es für einen Zweck gehabt, Graf Kuno hätte sie doch nicht verstanden, im Gegenteil, er hätte ihr höchstens Vorwürfe gemacht. So hatte sie denn auch den Hauslehrer gebeten, nicht mit dem Grafen zu sprechen. »Aber was wird nur später aus dem jungen Grafen werden?« hatte der ganz zerschmettert gefragt. »Kommt Zeit, kommt Rat.« hatte Cäcilie erwidert, »die Stunde wird schon noch kommen, in der Graf Udo Bodo für irgendeinen Beruf Lust und Talent bezeugt. Er ist ja noch jung.« Aber Udo Bodo wurde immer älter, die Jahre gingen dahin, er war nun schon konfirmiert, und es wurde Zeit, daß er ein Gymnasium besuchte, um die Reife für das Einjährigenzeugnis zu erhalten, oder um die Abiturientenprüfung zu bestehen, falls er studieren wollte. Vorher aber sollte er als neukonfirmierter Jüngling, der dadurch einen gewissen Grad der geistigen Reife und der männlichen Vollkommenheit erreicht hatte, der Familie vorgestellt werden. Hierzu gab es zwei Möglichkeiten. Man mußte entweder eine Rundreise von Stadt zu Stadt, von Gut zu Gut antreten und allen Verwandten einen Besuch abstatten, und das war dem Grafen Kuno viel zu umständlich, oder aber man mußte den nächsten Familientag abwarten. Der aber fand erst im Januar statt, und spätestens zum Herbst mußte Udo Bodo auf das Gymnasium. Graf Kuno fand keinen Ausweg, da kam ihm Cäcilie zu Hilfe. »Wie wäre es, Kuno, wenn Du alle Verwandten oder wenigstens diejenigen, an deren Urteil Dir etwas gelegen ist, auf ein paar Tage zu uns bätest? Wir können sie ja alle bequem unterbringen, wir verleben dann ein paar frohe Tage, Du gibst ein offizielles Diner, von den kleinen Festlichkeiten abgesehen, und bei dieser Gelegenheit können wir dann über Udo Bodos Zukunft beraten. Mir persönlich tätest Du damit einen großen Gefallen, denn mir ist natürlich sehr viel daran gelegen, aus dem Munde der Verwandten zu hören, wie ich mein schweres, verantwortliches Amt erfüllte.« Er stimmte ihr lebhaft bei, er freute sich, einmal wieder den Glanz seines Hauses entfalten zu können und eine besondere Gelegenheit zu haben, gut zu essen und noch besser zu trinken, auch schmeichelte es seiner Eitelkeit, seine ganze Verwandtschaft einmal bewirten zu können. So setzte er sich denn gleich hin, um die Sache in die Wege zu leiten. Zunächst wandte er sich natürlich an die alte Kammerherrin, die trotz ihres hohen Alters immer noch von einer seltenen geistigen und körperlichen Frische war, und bat sie, selbst den Tag bestimmen zu wollen, an dem es ihr angenehm wäre, Adlershorst mit ihrem Besuch auszuzeichnen. Gleichzeitig schrieb er an alle anderen Verwandten, er hege die Absicht, sie zu sich einzuladen, sie möchten sich reisefertig halten, um auf eine telegraphische Mitteilung hin sofort abfahren zu können. An dem Abend desselben Tages geschah ein Wunder. Graf Kuno rauchte nach dem Diner nur eine Zigarre im Salon, dann zog er sich mit seinem Sohn in sein Wohnzimmer zurück und dort setzte er Udo Bodo in längerer feierlicher Rede auseinander, daß demnächst in seinem Leben ein wichtiger Wendepunkt eintrete und daß er sich nun zu einem ernsten Menschen entwickeln würde, die goldenen, sorglosen Kinderjahre lägen jetzt hinter ihm. Udo Bodo, der in seinem Vater das Ideal eines klugen, vollkommenen Menschen sah, dessen Menschenkenntnis und Lebensweisheit über allen Zweifel erhaben sei, hörte diese Worte andächtig an, dann meinte er: »Ja, Papa.« Das war alles, was er zu sagen wußte. Dem Grafen Kuno genügte das auch vollständig, er hörte aus dieser Entgegnung heraus, daß sein Sohn nicht nur ein gehorsames Kind war, sondern den Ernst der Situation vollständig verstand. So etwas verdiente Belohnung und so sagte er denn: »Udo Bodo, willst Du eine Zigarette haben?« »Eine Zigarre wäre mir lieber, Papa. Nein, die nicht,« wehrte er ab, als Graf Kuno ihm eine kleine, leichte Zigarillo geben wollte. »Weißt Du, an dem Tag meiner Konfirmation hast Du mir eine kleine Uppmann gegeben, die ist mir noch in angenehmster Erinnerung.« »Ach so, ja richtig,« und der Vater beeilte sich, den Wunsch seines sechzehnjährigen Sohnes zu erfüllen. Mit großem, berechtigten Vaterstolz betrachtete Graf Kuno seinen Sohn, wie dieser ihm mit übereinandergeschlagenen Beinen gegenübersaß, den Rauch durch die Nase zog und dann kunstvolle Ringe von sich blies. Aber das letztere fand doch nicht so ganz seinen Beifall und so sagte er denn: »Merke Dir eins. Udo Bodo, wer Ringe bläst, achtet dabei mehr darauf, ob das Kunststück ihm auch gelingt, als auf den Geschmack der Zigarre selbst. Ein ernster Raucher verabscheut daher solche Mätzchen. Merke es Dir.« »Ich werde es mir merken, Papa, wie alle ernsten und guten Lehren, die Du mir bisher in meinem Leben gegeben hast.« »Du bist ein guter Junge, komm her und gib mir einen Kuß.« Udo Bodo eilte auf seinen Vater zu, schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn stürmisch. Endlich machte sich der Graf lachend aus dem Arme seines Sohnes frei. »So, Udo Bodo, jetzt ist es genug, in allem muß man Maß halten. Setz Dich mir wieder gegenüber.« Udo Bodo tat, wie ihm geheißen wurde, und sah seinen Vater erwartungsvoll an. »Udo Bodo,« begann jetzt Graf Kuno, »wie ich Dir vorhin schon kurz sagte, wirst Du in der nächsten Zeit der Familie vorgestellt werden und bei dieser Gelegenheit wird über Deinen ferneren Lebensweg beraten werden. Das ist aber natürlich nur so zu verstehen, daß ich den Verwandten die Pläne, die ich mit Dir habe, mitteile, und daß diese sie stillschweigend billigen. Ernsthaft denkt natürlich niemand daran, sich um eine so ernste und wichtige Sache, wie es Deine Erziehung ist, zu kümmern, das liegt allein Deinem Vater ob, und Dein Vater bin ich.« »Ja, Papa,« stimmte Udo Bodo ihm bei, »ich weiß.« »Ich bin aber nicht nur Dein leiblicher Vater,« fuhr Graf Kuno fort, »sondern ich bin auch Dein geistiger Vater. Ich habe Dich, seitdem Spuren Deines Geistes zu entdecken sind, scharf beobachtet und Deine geistige Weiterentwickelung beständig verfolgt. Ich meine nicht insofern, als es sich um das Lernen trockener Wissenschaften handelte, sondern soweit es sich um Deine Entwickelung als denkender Mensch handelt. Und da muß ich sagen, Du hast mir bisher nur Freude gemacht, und ich bin stolz auf Dich. Wie Du äußerlich mit Deiner schönen, strammen Figur, mit Deinem frischen Gesicht und den blauen Augen ein ganzer Adlershorst bist, so bist Du das, soweit ich es bis jetzt beurteilen kann, auch in Deinen ganzen Anschauungen. Noch nie ist ein Wort über Deine Lippen gekommen, daß Deiner Ahnen unwürdig gewesen wäre. Meine Hoffnung ist, daß Du auch in Zukunft so bleibst. Nicht wahr, das wirst Du?« »Ja, Papa,« sagte Udo Bodo, dann sah er sich suchend um: »Hast Du nicht irgendwo Papierspitzen, Papa?« »Dort auf dem kleinen Tisch neben dem Schrank,« gab Graf Kuno zur Antwort, dann fuhr er fort: »Wenn in den nächsten Tagen der Familientag hier zusammentritt, ist es notwendig, daß ich ihm einen bestimmten Plan für Deine Zukunft vorlegen kann. Ich habe die Frage, was Du werden willst, noch nie mit Dir erörtert, weil ich der Ansicht bin, daß man durch solche Fragen nur beeinflussend auf das Kind wirkt, während dieses sich selbst aus eigenem Empfinden und aus eigenem Antrieb heraus darüber einig werden soll, zu welchem Beruf es Lust und Neigung verspürt. Und ich glaube, meine Ansicht ist die einzig richtige.« »Ja, Papa,« stimmte Udo Bodo ihm bei, und weder Vater noch Sohn betrachteten diese kurze Zustimmung als etwas ganz Ungehöriges. Im Gegenteil, Graf Kuno freute sich, daß sein Sohn seine Anschauungen teilte, und so sagte er denn: »Wenn Du mir beipflichtest, kann ich also sicher sein, daß Du schon ernstlich über Deine Zukunft nachgedacht hast. Es interessiert mich natürlich sehr, zu erfahren, für welchen Beruf Du Dich interessierst? Also, Udo Bodo, was willst Du eigentlich werden?« Es dauerte lange, bis Udo Bodo antwortete, er nahm noch ein paar kräftige Züge aus der Zigarre, strich langsam und bedächtig die Asche an der Schale ab und meinte dann, seinen Vater fragend ansehend: »Sag mal, Papa, muß man denn überhaupt etwas werden?« Graf Kuno war über diese Antwort so entzückt, daß er sie am liebsten in das, für die denkwürdigen Aussprüche seines Sohnes eigens angelegte Buch, das auf dem Deckel natürlich das große Wappen derer von Adlershorst trug, eingetragen hätte. In Gegenwart seines Sohnes hielt er das jedoch nicht für ganz passend, damit er diese Worte aber nicht vergäße, machte er sich einen Knoten ins Taschentuch. Dann sagte er: »Natürlich muß jeder Mensch einen Beruf ergreifen. Du kannst doch nicht durch die Welt gehen, ohne irgend etwas zu tun. Die Arbeit ist der köstlichste Besitz des Menschen.« Udo Bodo machte ein ganz erstauntes Gesicht. »Wirklich, Papa? Ich habe immer gemeint, die Arbeit, die wirkliche Arbeit, sei das Vorrecht des Bürgerstandes, wohingegen der Adel seit Jahrzehnten und seit Jahrhunderten das Vorrecht hätte, von der Arbeit der unteren Volksklassen zu leben.« »Ein famoser Bengel,« dachte Graf Kuno, dann sagte er anscheinend etwas unwillig: »Was Du da sagst, ist im gewissen Sinne richtig, aber wer hat Dir diese Weisheit beigebracht?« »Du selbst, Papa.« Graf Kuno hatte vorhin über die Weisheit seines Sohnes gestaunt, jetzt staunte er über sich selbst: Hatte er wirklich seinem Sohn solche Lebensweisheit mit auf die Welt gegeben, so viel Klugheit hatte er sich gar nicht zugetraut. Dann aber nahm er das alte Thema wieder auf: »Wenn ich die Worte, die Du eben anführtest, in irgendeinem Zusammenhang, dessen ich mich augenblicklich nicht erinnere, gesagt habe, so tat ich es auf keinen Fall, wie Du anzunehmen scheinst, um Dich dadurch zur Trägheit zu erziehen. Jeder Mensch muß einen Beruf haben, wenn er nicht körperlich, sittlich und moralisch zugrunde gehen soll –« Graf Kuno kam sich als Erzieher seines Sohnes mit seiner billigen Lebensweisheit heute sehr stolz vor. ihm imponierten seine eigenen Worte entschieden viel mehr als seinem Sohn, denn Udo Bodo meinte ganz gelassen: »Aber Papa, Du selbst hast doch auch keinen Beruf.« »Erlaube mal,« brauste Graf Kuno auf, »wie kannst Du so zu Deinem Vater sprechen?« Aber als er sah, daß Udo Bodo seine Worte gar nicht böse gemeint, und daß ihm nichts ferner gelegen hatte, als irgendwie die Autorität und den Gehorsam, den er seinem Vater schuldete, zu verletzen, tat es Graf Kuno leid, zu hart gewesen zu sein, und er gab seinem Sohn die Hand: »Sei mir nicht böse, Udo Bodo, ich tat Dir unrecht, und wenn Du noch eine Zigarre haben willst, bitte, bediene Dich, oder sind Dir zwei zu viel?« »Aber Papa,« sagte Udo Bodo, »wie in jeder Hinsicht so bin ich doch auch im Rauchen Dein Sohn.« »Da hat Udo Bodo mal wieder recht«, dachte Graf Kuno, dann aber sagte er: »Du hast vorhin erklärt, ich hätte auch keinen Beruf. Das ist richtig und doch ist es falsch. Ich bin der Erbherr auf Adlershorst. Das ist eine Stellung, die viel Arbeit mit sich bringt, wenngleich ich Dir auch im Augenblick nicht auseinandersetzen kann, worin dieselbe besteht. Außerdem aber bin ich auch der Familienälteste und als solcher habe ich eine Tätigkeit, von deren Ausdehnung Du Dir keine Vorstellung machen kannst. Alle Anfragen, die irgendwie die Familie betreffen, gelangen an mich, und die Erledigung dieser Angelegenheiten nimmt mich so ganz in Anspruch, daß ich für andere Sachen selbst bei dem besten Willen keine Zeit übrig hätte. Vor allen Dingen aber vergiß eins nicht. Ich bin jetzt ein alter Mann, ich bin jetzt nicht mehr weit von den Sechzig, da hat man das Recht, auszuruhen von der Arbeit seines Lebens, und ich habe gearbeitet.« Graf Kuno sprach die letzten Worte mit einer solchen Überzeugung, daß er mit einem Male den denkbar größten Respekt vor sich selbst bekam. In diesem Augenblick glaubte er wirklich, daß auch auf ihn das Wort der Schrift passe: »Unser Leben währet siebenzig Jahre, und wenn es köstlich gewesen ist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen.« Und Bodo hatte das Empfinden, seinem Vater vorhin schwer unrecht getan zu haben, und so sagte er denn: »Verzeih mir, Papa.« »Ich habe Dir bereits verziehen,« klang es zurück. »Nun laß uns aber wieder von Dir sprechen. Einen Beruf mußt Du ergreifen, das bist Du nicht nur Deiner Familie, sondern dem Staate schuldig. Wozu hättest Du also am meisten Lust?« Das war eine schwierige Frage, denn Udo Bodo hatte noch nie über seine Zukunft nachgedacht. Früher, ganz früher, hatte er wie jeder Knabe die feste Absicht gehabt, Kutscher zu werden, aber inzwischen hatte sich doch bei ihm die Überzeugung befestigt, daß das doch keine ganz standesgemäße Beschäftigung sei, und daß man als Graf Adlershorst wohl einen Viererzug lenken dürfe, aber nicht als Kutscher, sondern als Herr! »Die ganze Welt steht Dir offen,« fuhr Graf Kuno nach einer kleinen Pause fort. »Du hast einen der besten Namen im ganzen Lande, wenngleich Du auch nicht übertrieben reich bist, so bist Du doch immerhin sehr wohlhabend, außerdem hast Du, wie sowohl Dein Lehrer als auch Cäcilie mir sagen, sehr gute geistige Fähigkeiten, Du hast also alles, was Du brauchst, um Dir eine bedeutende Stellung in der Welt zu verschaffen. Wie ich Dir vorhin schon sagte, möchte ich in keiner Weise bestimmend auf Dich einwirken, aber mein stiller Wunsch ist, daß Du Jura studierst, gerade da können und werden Dir Dein Name und Vermögen sehr viel nützen. Du mußt natürlich die diplomatische Karriere ergreifen, Du wirst dann zunächst Attaché bei einer Gesandtschaft, später Gesandter an einem fremden Hofe, und es ist nicht ausgeschlossen, daß Du später sogar Minister werden kannst. Hättest Du nicht hierzu Lust?« Udo Bodo hatte von den Pflichten und der Tätigkeit eines Ministers nicht die leiseste Vorstellung, er wußte kaum, was ein Minister war, aber er mußte etwas sehr Hohes sein, denn es wurde oft im Hause seines Vaters von den Ministern gesprochen und jedesmal mit einer gewissen Ehrfurcht. Und wenn sein Vater schon jemand als ein höheres Wesen anerkannte, dann war ein Minister sicher etwas ganz Großes. »Wie denkst Du darüber?« fragte Graf Kuno, als sein Sohn immer noch schwieg. »Ich muß mir das noch einen Augenblick überlegen, Papa,« meinte Udo Bodo, »allerdings, wenn ich dann doch einen Beruf ergreifen soll und daß ich das muß, sehe ich jetzt ja auch ein, dann ist vielleicht wirklich das beste, ich studiere Jura und werde Minister oder so was ähnliches. Es ist das wenigstens die standesgemäßeste Laufbahn.« Der Vater stimmte ihm bei. »Also überleg Dir die Sache nochmals in Ruhe und sprich auch mit Deinem Hauslehrer darüber.« »Aber Papa, was weiß denn der davon? In seinem Fach ist der Mann gewiß sehr tüchtig, aber sonst? Ich wüßte nicht, was der mir raten sollte?« »Wie Du meinst, so wollen wir denn für heute das Gespräch abbrechen, beschlaf Dir die Sache, wir können ja an einem der nächsten Tage nochmals darüber sprechen.« Und nachdem Udo Bodo sich die Sache dreimal beschlafen hatte, stand sein Entschluß unweigerlich fest, und nicht um sich Rat zu holen, sondern lediglich um seinem Hauslehrer zu imponieren, sagte er eines Tages zu diesem: »Ich bin mir jetzt völlig darüber einig, ich werde später Jura studieren, dann als Attaché zu einer Gesandtschaft ins Ausland gehen und, nachdem ich selbst einige Zeit lang Gesandter gewesen bin, mich um einen Ministerposten bewerben.« Hätte der Hauslehrer es sich im Laufe der Jahre nicht schon lange abgewöhnt, über die Antworten seines Schülers mit dem Kopf zu schütteln, so wäre ihm derselbe jetzt sicher von den Schultern gefallen. So begnügte er sich denn damit, ein: »Ach nein, wirklich?« auszurufen. »Gewiß,« versicherte Udo Bodo, »oder haben Sie etwas anderes von mir erwartet?« »O nein, gewiß nicht.« Dann fuhr er fort: »Für Juristen ist es aber sehr wichtig, daß Sie im Latein und im Griechischen sehr bewandert sind, wir wollen daher jetzt einmal die griechischen Verben revidieren.« Vor diesen Verben hatte Udo Bodo trotz seiner Körpergröße und trotz seiner großen Kräfte eine gräßliche Angst, und je mehr Antworten er schuldig blieb, um so kleinlauter wurde er. Aber schließlich sagte er sich: »Der Lehrer redet ja Unsinn, er will mich nur bange machen. Als wenn ein Minister in Deutschland Griechisch oder Lateinisch spräche! Das ist ja Unsinn. Es geht auch ohne dem.« Und der frohe Mut. der ihn vorhin beseelt hatte, der dann aber plötzlich geschwunden war, kehrte zurück und hielt auch stand, als ihm der Hauslehrer eine große Strafarbeit aufgab. »Ich werde Jurist, Gesandtschaftsattaché und Minister.« Dies Wort machte ihn ebenso stolz und glücklich wie den Grafen Kuno die Nachricht, daß die alte Kammerherrin mit Freuden einige Tage auf Adlershorst zubringen würde, denn diese Zusage brachte zugleich auch die Gewißheit, daß von den übrigen Verwandten niemand absagen würde, wenn er nicht unbedingt müsse. Graf Kuno strahlte, und Tante Cäcilie strahlte mit, es schmeichelte ihrer Eitelkeit, sich als stellvertretende Hausfrau bewundern zu lassen, sie wußte, die Verwandten würden mit Späheraugen in alle Ecken und Winkel gucken, sie würden suchen, um etwas zu finden, was sie tadeln konnten, um dann hinterher zu sagen: wie konnte Kuno nur Cäcilie zu sich nehmen, wir haben es ja gleich gewußt, daß sie ihrer Aufgabe nicht gewachsen sein würde. Aber die lieben Verwandten sollten und würden sich täuschen, alles befand sich in tadellosester Ordnung, aber trotzdem stellte Cäcilie noch ein Heer von Scheuerfrauen an, sie wollte mit einem großen Schlußeffekt, gewissermaßen mit einer Apotheose der Reinlichkeit von dem Schauplatz ihrer bisherigen Tätigkeit abtreten, denn wenn Udo Bodo in die Pension kam. war auch ihr Amt hier erledigt. Darüber hatte sie schon verschiedentlich mit Graf Kuno gesprochen, aber der hatte sie gebeten, wenigstens noch ein oder zwei Jahr bei ihm zu bleiben, ihm graute vor dem Alleinsein auf dem großen Gut; ging Cäcilie auch fort, dann hatte er außer Franz niemand auf der Welt, mit dem er ein Wort sprechen konnte, denn mit seinem Pächter verkehrte er nicht. Es hatte Stunden gegeben, in denen er daran gedacht hatte, sich wieder zu verheiraten, aber er hatte es unterlassen, in der Erinnerung an die einsamen Jahre, die er trotz seiner ersten Ehe gehabt hatte, mit Rücksicht auf Cäcilie, die er zu sich ins Haus genommen hatte, und schließlich auch mit Rücksicht auf Udo Bodo. Aus eigener Erfahrung kannte er das schöne Gefühl, das einzige Kind reicher Eltern zu sein, und diese Freude wollte er Udo Bodo nicht rauben, er hatte ihn viel zu lieb, um ihm sein dereinstiges Erbe durch etwaige Geschwister zu schmälern. Aber die Aussicht, bis an sein Lebensende ganz allein auf Adlershorst zu sitzen, stimmte ihn manchmal ganz traurig und mehr als einmal ertappte er sich in der letzten Zeit trotz seines Alters wieder bei Heiratsgedanken, um so mehr, als Cäcilie seinen Bitten, auch in Zukunft bei ihm zu bleiben, Widerstand entgegensetzte. Sie sehnte sich zurück nach ihrer kleinen Stadt, nach ihren wenigen Freunden und Bekannten, die sie noch besaß, nach ihren Kaffeegesellschaften und dem Stadtklatsch, für den sie von jeher ein besonders reges Interesse gehabt hatte. Und eines Tages kam dem Grafen Kuno sogar der Gedanke: »Ob Cäcilie auch wohl dann nicht bei mir bleiben wird, wenn ich sie bitte, meine Frau zu werden?« Die Sache beschäftigte ihn so lebhaft, daß ihm sogar die Zigarre dabei ausging. Von einer leidenschaftlichen Liebe konnte natürlich nicht die Rede sein, er war Sechzig, sie nahe der Fünfzig, aber er hatte sie sehr gern, er hatte sich so an sie gewöhnt, daß er sich ein Leben ohne sie gar nicht mehr denken konnte; was ihn an sie fesselte, war aufrichtige Freundschaft. Er zerbrach sich den Kopf, wie Cäcilie wohl seinen Antrag aufnehmen würde. Allerdings, an einen Korb glaubte er nicht, denn die Herrin auf Adlershorst zu werden, war doch sehr verlockend. Dann aber dachte er wieder an Udo Bodo. Allerdings, daß seiner neuen Ehe Kinder entspringen würden, war ja ausgeschlossen, aber wenn er, Graf Kuno. vor seiner Frau starb, was bei dem Unterschied der Jahre doch sehr wahrscheinlich war, dann mußte Udo Bodo seiner Stiefmutter bis an ihr Lebensende eine jährliche Rente zahlen, die seine Einkünfte bedeutend schmälern würde. Das durfte nicht sein, das konnte er seinem einzigen Sohn nicht antun. Aber einer mußte Cäcilie ja doch bezahlen, wenn Udo Bodo es später nicht tat, dann mußte er es jetzt tun. Und auch das machte ihm manche schlaflose Stunde. Der Tag kam näher und näher, an dem er Cäcilie das bei Udo Bodos Geburt versprochene Kapital auszahlen sollte. Damals in der ersten Vaterfreude hatte er daran gedacht, ihr hunderttausend Mark zu geben, aber im Laufe der Zeit war diese Summe bei ruhiger Überlegung zuerst auf fünfundsiebzig, dann auf fünfzig, dann auf dreißigtausend Mark zusammengeschrumpft, und in den letzten Tagen war er sich darüber einig geworden, daß zwanzigtausend Mark auch genügen würden. Aber er wußte nicht, woher er dies Geld nehmen sollte, bares Vermögen auf der Bank besaß er nicht, seine Einkünfte bestanden aus der großen Pachtsumme, die er bezog, und aus den Zinsen einer großen Majoratsstiftung, die dem jedesmaligen Besitzer von Adlershorst auf Lebenszeit zufielen. Seine Frau hatte allerdings ein großes Vermögen besessen, doch hatte er ihr sowohl das Kapital wie auch die Zinsen stets überlassen und sich nie um ihre Finanzen gekümmert. Erst nach ihrem Tode stellte sich heraus, daß sie auf ihren Reisen trotz des großen Zuschusses, den er ihr gab, fast alles verbraucht hatte, zumal sie leidenschaftlich dem Spiele gehuldigt hatte. Der kleine Rest, den er noch vorfand, war für Udo Bodo angelegt worden. Also woher die zwanzigtausend Mark nehmen?! Schließlich fünfzehntausend taten es ja auch, aber auch diese besaß er nicht. Es war ja allerdings nicht das erstemal, daß er sich in Geldverlegenheit befand, und sein Freund, der Rechtsanwalt, hatte bisher stets ausgeholfen. Hypotheken durften auf das Gut nicht aufgenommen werden und so war es nicht immer leicht, den Gelddarleihern die nötige Sicherheit zu geben. Bisher aber war es noch immer geglückt und auch die Anschaffung der zwanzigtausend Mark würde nicht die geringste Schwierigkeit machen, aber Graf Kuno kannte sich. Er würde sich nicht zwanzig, sondern hunderttausend Mark borgen. Einmal, um den Leuten nicht zu zeigen, daß er wegen einer lumpigen Bagatelle von zwanzigtausend Mark in Verlegenheit sei, dann aber auch, weil er Bargeld immer gebrauchen konnte. Und vor einer neuen Hunderttausend-Mark-Anleihe graute ihm. Er mußte schon jetzt jährlich etwa dreißigtausend Mark an Schulden abbezahlen, und wenn nun noch eine jährliche weitere Ratenzahlung von fünftausend Mark dazu kam, dann waren das summa summarum allein schon fünfunddreißigtausend Mark. Der Graf stöhnte schwer auf: »Dies niederträchtige Geld!« Er zündete sich seine Zigarre von neuem an und brütete vor sich hin. Die Tage, an denen er sich Geldsorgen machte, waren sehr selten, aber wenn er sich einmal ernsthaft mit seinen Finanzen beschäftigte, dann sah er alles schwarz in schwarz, dann kam es ihm so vor, als wäre er das bedauernswerteste Geschöpf, als gäbe es keinen Menschen auf der ganzen Welt, dem es finanziell auch nur annähernd so miserabel ginge wie ihm. Und der Graf kalkulierte und rechnete weiter. Wenn er die zwanzigtausend Mark nicht auszahlte, brauchte er auch keine neue Anleihe aufzunehmen, und zwanzigtausend Mark waren doch eigentlich sehr wenig, dreißig oder vierzig mußte er doch anstandshalber geben, und schließlich, wenn er bis zu seinem Tode alle seine Schulden bezahlt hatte, dann konnte Udo Bodo später ruhig seiner Stiefmutter eine anständige Witwenrente zahlen, dann stand er sich finanziell immer noch besser, als er, Graf Kuno, sich jetzt stand. So nahm sein Plan – Tante Cäcilie um ihre Hand zu bitten – eine immer greifbarere Form an, und als Graf Kuno einige weitere Stunden über diesen Punkt nachgedacht hatte, war er zu einer zweiten Heirat fest entschlossen. Aber in der letzten Minute stiegen neue und sogar sehr gewichtige Bedenken in ihm auf: was dann, wenn Tante Cäcilie seinen Antrag annahm, aber außerdem auf der Auszahlung des ihr zustehenden Kapitals bestand, um dieses entweder für sich selbst anzulegen oder es irgendeinem ihrer Neffen oder einer ihrer Nichten zu schenken? Was dann? Ein Zurück gab es dann für ihn als Kavalier selbstverständlich nicht, aber dann war seine Spekulation mißglückt. Das war eine heikle Sache, aber auch über diesen Punkt kam er hinweg. »Ich werde ganz offen mit Cäcilie reden und sie ganz einfach fragen, was ihr lieber wäre, mit dem Kapital in ihre kleine Stadt zurückzukehren oder ohne dasselbe meine Frau zu werden. Ich werde heute noch mit ihr darüber sprechen.« Und Graf Kuno führte seinen Vorsatz aus, sogar in Frack und weißer Binde, und Tante Cäcilie hörte ihn sprachlos an. Als sie damals im Alter von vierunddreißig Jahren nach Adlershorst übergesiedelt war, hatte sie zuweilen in schlummerlosen Nächten wachend davon geträumt, daß es ihr gelingen würde, Graf Kunos Herz zu erobern. Aber Graf Kuno war nie ein großer Damenfreund gewesen, er hatte damals eigentlich auch nur geheiratet, um durch seine Frau seine Bequemlichkeit und vor allen Dingen einen Erben zu erhalten. Nachdem er das letzte erreicht, dachte er vorläufig noch gar nicht an eine zweite Ehe, das mußte Cäcilie zu ihrem Leidwesen nur zu bald erfahren und so hatte sie alle Hoffnungen, die sie in ihrem Busen hegte, schon vor mehr als zehn Jahren begraben. Und nun trat dieses Anerbieten doch an sie heran. Auf alles war sie vorbereitet gewesen, hierauf nicht. Sie kannte ihren Vetter viel zu genau, um nicht zu wissen, welche Gründe ihn in erster Linie bewegten, ihr jetzt noch einen Antrag zu machen. Gewiß, in mancher Hinsicht fühlte sie sich dadurch in ihrem Empfinden verletzt, und es hätte ihrer Eitelkeit mehr geschmeichelt, wenn er lediglich aus Liebe um ihre Hand geworben hätte, aber schließlich war sie selbst ja auch eine kühle, berechnende Natur und so begriff sie ihn vollständig. »Ich will es mir überlegen, Kuno, sagte sie endlich, »in einigen Tagen werde ich mir schlüssig sein, aber ich glaube Dir schon heute sagen zu können, daß ich mit Freuden einwilligen werde, die Deine zu werden.« Er küßte ihr galant die Hand, dann begab er sich in sein Ankleidezimmer zurück, zog sich seinen Frack aus und damit war für ihn die Angelegenheit vorläufig erledigt. Er sah kühlen Herzens der Entwickelung der Dinge entgegen. Er würde weder vor Freude sterben, wenn er das Jawort erhielt, noch dachte er daran, sich ein Leid anzutun, falls er doch noch einen Korb bekommen sollte. Auch Tante Cäcilie bemühte sich, ein gleichmäßiges und gleichmütiges Wesen zur Schau zu tragen, aber in ihrem Innern pochte und hämmerte es doch gewaltig. Nicht, als ob sie Graf Kuno leidenschaftlich liebte, über die Jahre war sie hinaus, aber die Aussicht, Herrin von Adlershorst zu werden, war verlockend, und sie freute sich schon jetzt auf die Gesichter, die die Verwandten machen würden, wenn Graf Kuno bei dem Familiendiner feierlichst seine Verlobung proklamierte. Und die Neugierde, diese Gesichter kennen zu lernen, war es in erster Linie, die Tante Cäcilie eines Tages bewog, dem Grafen Kuno zu sagen: »Ich bin die Deine.« Wiederum küßte er ihr ritterlich die Hand und damit war für ihn der Fall vorläufig erledigt, erst nach der offiziellen Verlobung am Familientag sollte die Welt etwas davon erfahren. Und auch der Tag kam heran, beständig fuhren zwischen Schloß Adlershorst und der Bahnstation die Viererzüge, die Kaleschen und die Gepäckwagen hin und her und das sonst so stille Schloß glich einem Ameisenhaufen und in einer Stunde wurde dort jetzt mehr geredet als sonst im Lauf eines ganzen Jahres. Die Zahl der anwesenden männlichen Adlershorst war sehr gering, außer dem Grafen Egon, dem flotten Husarenoffizier, dem Sohn der Tante Konstanze, gab es noch einen früh verabschiedeten Major, ferner einen ganz aus der Art geschlagenen Vetter, der allen Ermahnungen der Familie zum Trotz Theologie studiert hatte und jetzt Professor an einer Universität war, außerdem noch einen Seeoffizier und einen Landrat. Sowohl der Kammerherr wie der Intendant des Hoftheaters waren zu ihrem größten Leidwesen am Erscheinen verhindert, der Kammerherr, weil er gerade in diesen Tagen Dienst hatte, und der Intendant, weil gerade in diesen Tagen sein Hoftheater wegen eines geringen Umbaues geschlossen war. Diesen wenigen Herren standen fast doppelt so viele Damen gegenüber und unter diesen war eine, die Udo Bodos Herz und Sinne gleich in der ersten Stunde gefangen nahm, das war seine Cousine Betty, ein mittelgroßes, schlankes, junges Mädchen von siebzehn Jahren mit einem hübschen, frischen Gesicht, mit lachenden, schwarzen Augen und einer Fülle tiefschwarzen Haares; was aber erst Betty ihren besonderen Reiz gab, war eine gewisse Sinnlichkeit, die nicht nur aus ihren Augen, sondern aus ihrem ganzen Wesen sprach, und etwas bewußt Verführerisches, das sie kokett und absichtlich zur Schau trug. Udo Bodo hatte es bisher nicht begriffen, warum sein Vater sich zum zweitenmal verheiraten wollte, er wußte überhaupt nicht, warum man heiratete, weil ihm das Gefühl der Liebe bisher gänzlich unbekannt geblieben war. Aber seitdem er Betty kennen gelernt, und seitdem diese ihren neuen Vetter mit einem herzhaften Kuß begrüßt hatte, war ihm ganz anders zumute als sonst, und als er heimlich und verstohlen mit Betty im Gemüsegarten spazieren ging, wo die an den langen Stangen hochgerankten Bohnen sie vor neugierigen Blicken schützten, klärte Betty ihn auch darüber auf, daß das, was er für sie empfände, Liebe sei. Lachend und kokett ließ sie sich seine Huldigungen und seine Zärtlichkeiten gefallen; gewitzigt, wie sie es in der großen Stadt geworden war, machte es ihr Spaß, dem jungen, unerfahrenen Vetter den Kopf zu verdrehen. Betty war auch daran schuld, daß Udo Bodo seinen weiblichen Verwandten nicht so gut gefiel, wie diese es erwartet hatten. Daß er geistig sehr beschränkt war, merkten alle sehr schnell, aber dafür konnte er ja nichts, dafür war er ja ein Adlershorst. Aber man fand. daß er keine gute Erziehung genossen hatte. Und zu diesem Schluß kamen die Verwandten, weil er nicht nur nicht still hielt, sondern sich sogar energisch sträubte, wenn die andern Tanten und Basen ihn küssen wollten. So gern er Bettys frische, rote Lippen küßte, ebenso unangenehm waren ihm die Küsse der andern, selbst nach dem Kuß der alten Kammerherrin hatte er sich die Lippen gewischt und dadurch die alte Dame auf das tiefste beleidigt. Er hatte sie zwar auf Veranlassung seines Vaters hierfür um Verzeihung gebeten, aber die sonst so gutmütige alte Dame war und blieb verstimmt. Aber das nicht allein, er hörte gar nicht zu, wenn die Tanten mit ihm sprachen, er gab ganz zerstreute Antworten, wenn er gefragt wurde und benutzte jedesmal die erste, beste Gelegenheit, zu entfliehen und draußen mit Betty zusammenzutreffen, und sie beide wollten sich dann zusammen über die Alten totlachen, und so dumm Udo Bodo auch sonst war, in einer Hinsicht war er über alles Erwarten schlau, kein Mensch merkte ihm an, daß er verliebt war. Allerdings hatte die kluge und gerissene Betty ihn in die Lehre genommen. »Nur nichts merken lassen, Udo Bodo. Die andern sind ja so gräßlich neidisch, die gönnen uns ja nicht das harmloseste Vergnügen. Natürlich haben sie es in ihrer Jugend ebenso gemacht wie wir, vielleicht sogar noch schlimmer, aber was sie damals als etwas ganz Selbstverständliches betrachteten, ist heute in ihren Augen Sünde. Nur nichts merken lassen. Sobald sie wissen, daß wir uns liebhaben und daß wir uns küssen, dann ist es für immer vorbei, dann passen sie auf wie die Schießhunde. Ich kenne das von zu Haus her, schlau sein ist für die Liebe das erste Gebot. Merk Dir das für Dein späteres Leben. Und wenn Du mir später mal schreiben willst, dann darfst Du mir Deine Briefe nicht nach Haus schicken, sondern nur in die Konditorei, in der wir verkehren, der Kellner weiß Bescheid, der hebt alle Postsachen für uns auf.« Er hörte aus ihren Worten gar nicht heraus, daß sie sich nicht nur von ihm, sondern auch noch von andern den Hof machen ließ, er war in dergleichen Dingen viel zu unerfahren, und er war so ganz von der ersten, keuschen Liebe erfüllt, daß er gar nicht auf den Gedanken kam, man könne sein Herz gleichzeitig an mehrere verschenken. So sagte er denn nur mit glühenden Wangen: »Gewiß, werde ich Dir schreiben, so oft Du es mir erlaubst, aber nicht wahr, Du wirst mir auch wieder schreiben?« »Aber natürlich,« versicherte sie ihm, »ich habe Dich doch lieb,« und sie nahm sein frisches, hübsches Knabengesicht zwischen ihre schlanken, feinen Hände und küßte ihn immer und immer wieder. Aber dann fragte sie noch einmal: »Nicht wahr, Du verrätst uns nicht? Denn auch Dir würde es doch leid tun, wenn ich Dich nicht mehr küssen könnte.« »Ich würde es nicht überleben,« sagte er ganz ernsthaft. »Ich muß überhaupt noch eins gestehen, ich habe gestern die ganze Nacht wach gelegen, ich konnte gar nicht schlafen, ich habe immerfort an Dich gedacht.« Sie schmiegte sich dicht an ihn und sah ihm verführerisch lächelnd in die Augen, daß er über und über errötete. »Hast Du wirklich an mich gedacht? Hast Du auch von mir geträumt? Was? Sag es mir, ich will alles wissen.« Und sie schmiegte sich noch enger an ihn. Er verstand sie nicht. »Ich sagte Dir ja schon, ich habe gar nicht geschlafen, ich lag die ganze Zeit wach, und da ist es mir klar geworden, ich kann es nicht ertragen, wenn Du nicht mehr hier bist, ich weiß nicht, wie ich dann weiterleben soll, ich weiß auch nicht, wie ich überhaupt früher ohne Dich habe leben können.« »Du bist ein lieber, guter, dummer Junge.« Im stillen lachte sie ihn zwar aus, aber seine Worte und seine Liebe schmeichelten doch ihrer Eitelkeit. »Meinst Du?« fragte er. »Vielleicht hast Du recht, aber das weiß ich, wenn ich älter bin, dann heirate ich Dich, wie jetzt Papa unsere Tante Cäcilie.« Betty, die ihre Arme noch immer um seinen Nacken geschlungen hielt, ließ ihn jetzt plötzlich los und sah ihn mit ihren großen Augen verwundert an. Dann schlug sie vor Freude über diese große Neuigkeit die Hände zusammen: »Was sagst Du da? Dein Vater will Tante Cäcilie heiraten? Das ist ja furchtbar komisch!« Und sie fing hell an zu lachen. Ganz verwirrt stand Udo Bodo ihr gegenüber. Er begriff den Grund ihrer Heiterkeit gar nicht, aber wenn auch zu spät, sah er ein, daß er eine große Dummheit begangen hatte, aber das nicht allein, er hatte auch etwas Schlechtes getan. Er hatte seinem Vater, der ihm seine Verlobung gleich mitgeteilt hatte, fest versprochen, darüber gegen jedermann zu schweigen, nun hatte er es doch verraten. Endlich hatte Betty sich wieder beruhigt. »Sag mal, Udo Bodo, ist das wirklich wahr, was Du mir da sagtest?« »Es ist wahr, ein Graf Adlershorst spricht niemals die Unwahrheit. Aber ich hätte besser getan, es Dir nicht zu sagen. Heute mittag bei dem großen Diner werden es alle erfahren, aber bis dahin sollte es ein Geheimnis bleiben. Und nicht wahr, Betty, das versprichst Du mir. Du schweigst gegen jedermann?« »Selbstverständlich,« versicherte sie ihm. »aber jetzt laß uns ins Schloß gehen, man wird uns schon vermissen.« Sie wandten sich zum Gehen, aber er hielt sie zurück, und mit zitternder Stimme sagte er: »Du hast mir noch keine Antwort gegeben auf das, was ich Dir vorhin erklärte.« Sie sah ihn verständnislos an. »Ich weiß nicht, was Du meinst.« Er wurde abermals ganz verlegen, trotzdem sagte er mit fester Stimme: »Ich habe Dir erklärt, wenn ich groß und erwachsen bin, dann will ich Dich heiraten. Willst Du mich dann aber auch heiraten?« Sie hatte nicht den Mut, ihn auszulachen. Aus seinen Augen sprach so viel Liebe, sein ganzes Wesen verriet so deutlich, daß es ihm heiliger Ernst war mit seinen Worten, daß selbst sie es nicht wagte, seinen Kindertraum zu zerstören. Sie war nur ein Jahr älter als er und doch, wie viel klüger und wie viel erfahrener und wie viel gewitzigter! »Wir sind ja beide noch so jung,« sagte sie ausweichend, »aber eins will ich Dir versprechen, ich heirate später keinen andern Mann, ohne nicht erst bei Dir anzufragen, ob Du mich noch liebst und wenn Du später noch ebenso denkst wie heute – –« »Ich werde nie aufhören, Dich zu lieben,« sagte er mit fester Stimme. »Herrgott, ist dieser Udo Bodo noch ein Kind,« dachte sie, »das sieht einem Adlershorst in dem Alter eigentlich gar nicht ähnlich. Wir Mädchen sind Gott sei Dank anders,« dann sagte sie: »Vielleicht begegnet Dir später in Deinem Leben doch noch einmal ein junges Mädchen, das Dir noch viel besser gefällt als Deine kleine Cousine Betty. Aber wenn Du mich wirklich lieb behältst, und mich später heiraten willst, dann heirate ich Dich auch.« »Ich danke Dir,« sagte er ganz feierlich, »und jetzt bitte gib mir noch einen Kuß, damit ich sehe, daß es Dir auch Ernst war mit Deinen Worten.« Sie schlang von neuem die Arme um seinen Hals, bot ihm ihre frischen Lippen und küßte ihn immer und immer wieder. Dann riß sie sich los und eilte so schnell sie konnte, ins Schloß. Sie wußte, ihre Mutter würde schon ungeduldig sein und unter keinen Umständen durfte sie auch nur den Argwohn aufkommen lassen, als ob sie so lange mit Udo Bodo zusammen gewesen wäre. Seitdem ihre Mutter einmal einen Brief abgefangen hatte, den ein Student ihr in die Wohnung geschickt hatte, war sie sehr mißtrauisch, denn sie kannte das leichte Blut ihrer Tochter. »Nur nichts merken lassen,« dachte Betty sich, dann trat sie ganz unbefangen in das Zimmer ihrer Mutter, einer verwitweten Frau Regierungsrat, einer noch immer schönen und eleganten Fünfzigerin. »Wo bist Du denn nur so lange gewesen? Ich hatte Dir gesagt, Du solltest um elf Uhr hier sein, um ein paar Briefe für mich zu schreiben, jetzt ist es schon nach zwölf und um ein Uhr wird die Post abgeholt. Wo warst Du?« »Natürlich im Garten, Mama, wo soll man hier sonst wohl hingehen.« »Allein?« Betty sah ihre Mutter ganz verwundert an. »Aber selbstverständlich, die Herren sitzen ja den ganzen Tag bei Vetter Kuno im Rauchzimmer, sie sind ja nicht zu bewegen, einmal hinauszugehen.« »Wie kommst Du nur gleich auf die Herren?« fragte die Mutter, mißtrauisch geworden, »Du hättest doch auch mit einer der Tanten zusammen sein können?« »Ach so, ja richtig, aber ich dachte, das hätte Dich nicht interessiert. Du glaubst ja doch immer von mir, daß ich etwas Unrechtes tue, nur weil ich damals den einen Brief erhielt, an dem ich noch dazu ganz unschuldig war. Von der Stunde an traust Du mir ja gar nicht mehr, und ich habe Dir doch fest versprochen, daß die Kindertorheit die erste, aber auch die letzte gewesen sein soll.« Betty fühlte das Bedürfnis in sich, aus einer Angeklagten eine Anklägerin zu werden, und so fuhr sie denn fort: »So viel weiß ich, Mama, wenn ich einmal eine Tochter habe, ich werde nicht so mißtrauisch sein wie Du, Du verdirbst dadurch nicht allein mir, sondern auch Dir das Leben.« »Du bist ein ganz ungezogenes Kind,« schalt die Mutter, »und Deine Worte beweisen mir nur zu deutlich, daß ich doch einmal wieder recht habe. Du bist nicht allein im Garten gewesen, ich will wissen, mit wem. Wenn Du mir nicht die Wahrheit sagst, werde ich dafür sorgen, daß Du heute mittag nicht an dem großen Diner teilnimmst.« Betty kannte ihre Mutter, die machte ihre Drohungen auch wahr. Jetzt half alles Lügen nichts mehr, denn das Diner wollte sie unter allen Umständen mitmachen, sie hatte dazu sogar extra ein ganz neues Kleid bekommen, und da sollte sie oben einsam in ihrem Zimmer essen? Das fiel ihr nicht ein. Beichten mußte sie, aber es hieß jetzt, sehr schlau sein und so sagte sie denn: »Wenn Du es denn absolut wissen mußt, dann will ich es Dir sagen, schon damit Du siehst, wie unrecht Du mir wieder getan hast, ich war mit Udo Bodo zusammen.« »Also doch.« Die Mutter war empört und ging in großer Erregung auf und ab. »Aber Mama, was hast Du denn nur?« fragte Betty mit dem unschuldigsten Gesicht von der Welt, »Warum kann ich denn nicht einmal mit Udo Bodo zusammen sein?« »Weil ich Dich kenne, weil ich ganz genau weiß, daß Du dem armen Jungen den Kopf verdrehst, daß Du ihn küßt und Dich von ihm wieder küssen läßt. Ich kenne solchen Flirt zwischen Vetter und Cousine.« »Ich leider nicht,« sagte Betty ganz frech, »mir hat noch nie ein Vetter den Hof gemacht, schon deshalb nicht, weil ich keinen Vetter habe. Udo Bodo zählt doch nicht mit, der ist ja noch ein Kind, und vor allen Dingen ist der viel zu dumm, ich gebe Dir die Versicherung, der weiß noch gar nicht, was Hofmachen ist. Und küssen? Ich Udo Bodo? Na, Mama, das glaubst Du doch selbst nicht, einen so schlechten Geschmack traust Du Deiner einzigen Tochter ja selbst gar nicht zu.« Die Mutter tat, als habe sie sich täuschen lassen. »Ich glaube Dir,« sagte sie endlich, »aber Du bist ja selbst daran schuld, wenn ich mißtrauisch werde. Aber wenn Udo Bodo so gar nicht Deinen Beifall findet, warum bist Du denn so lange bei ihm geblieben, was habt Ihr denn so lange miteinander im Garten gemacht? Was habt Ihr in der ganzen Zeit miteinander besprochen?« Betty kannte ihre Mutter ganz genau, die dachte gar nicht daran, wirklich von der Unschuld ihres Kindes überzeugt zu sein, sie versuchte jetzt nur auf andere Weise die Wahrheit zu erfahren. »Ich muß jeden Argwohn zerstören,« dachte Betty, »denn sonst erlaubt Mama nicht, daß ich heute mittag neben Udo Bodo sitze, und ehe ich mich zwischen zwei alte Tanten einpellen lasse oder zwischen dem Mann Gottes und dem Major, eher sterbe ich. Egon ginge zur Not als Tischherr oder als linker Nachbar, aber er ist so furchtbar blasiert und betrachtet mich noch wie ein dummes Gör. Als wenn ich nicht genau so klug wäre und nicht ebensogut Bescheid wüßte wie die andern.« So sagte sie denn: »Gott, was spricht man denn so, wenn man miteinander zusammen ist. Man erzählt sich etwas aus seinem Leben, kurz und gut, man plaudert eben miteinander.« »Aber ich will ja gerade wissen, worüber Ihr geplaudert habt?« »Gott, Mama, fängst Du schon wieder an?« fragte Betty beleidigt. »Das ist ja wirklich mehr als gräßlich.« Sie merkte, es half ihr nichts, sie mußte schon etwas Positives berichten und so sagte sie denn plötzlich: »Udo Bodo hat mir eine Neuigkeit anvertraut, eine ganz, ganz große!« »Ach nein, wirklich?« fragte die Mutter ironisch. »Ach. Du glaubst mir wohl nicht?« fragte Betty ebenso. »Na, Mama, ich kann Dir nur sagen, wenn Du die Geschichte wüßtest, Du schlügst die Hände über den Kopf zusammen.« Es gab wenige Frauen, die so neugierig waren wie Bettys Mutter. So hatte diese jetzt mit einem Male auch alles andere vergessen, sie brannte nur noch darauf, zu erfahren, worin die Neuigkeit bestände, und sie versuchte vergebens, sich zu verstellen, als sie jetzt anscheinend ganz harmlos fragte: »So, und worin besteht denn die interessante Nachricht?« »Ja, Mama,« meinte Betty, »das glaube ich, das möchtest Du wohl gern wissen. Aber gib Dir nur keine Mühe, ich darf es nicht sagen, ich habe Udo Bodo versprochen, gegen jedermann zu schweigen.« »Auch gegen mich? Wie soll ich Dir jemals wieder glauben, wenn ich weiß, daß Du vor Deiner eigenen Mutter ein Geheimnis hast?« »Es handelt sich doch nicht um etwas, was mich betrifft, sondern um etwas, was mir anvertraut wurde. Fremde Geheimnisse sind fremde Schätze, die man hüten und gegen jedermann verteidigen muß. Du würdest in meinem Falle doch ebenso handeln wie ich.« Es machte Betty ein großes Vergnügen, ihrer Mutter gute Lehren zu geben. Daß sie das Geheimnis doch würde preisgeben müssen, bezweifelte sie nicht eine Sekunde, aber wenn sie es verriet, dann wollte sie wenigstens einen praktischen Nutzen davon haben, und so sagte sie denn endlich, als ihre Mutter gar nicht aufhörte, sie mit Bitten zu bestürmen: »Gut, Mama, ich will es Dir sagen, aber Vertrauen gegen Vertrauen. Ich teile Dir das Geheimnis mit, schon damit Du siehst, daß ich Dir in keiner Weise, ich sage ausdrücklich in keiner Weise, etwas verschweige. Aber dafür muß ich auch von Dir verlangen, daß Du mir in Zukunft ohne weiteres glaubst, daß Du Deinen Argwohn mir gegenüber ein für allemal aufgibst. Versprichst Du mir das?« Die Mutter war von Neugierde derartig erregt, daß sie kaum auf das hörte, was ihre Tochter ihr sagte. »Gewiß, ich verspreche es Dir, aber nun sag, was ist es.« Aber Betty war vorsichtig, so leicht ließ sie sich die große Neuigkeit nicht entlocken. »Und wenn Du einmal Dein Versprechen, das Du mir jetzt gibst, vergessen solltest, darf ich Dich dann daran erinnern?« »Gewiß, gewiß,« drängte die Mutter, »habe ich Dir jemals Veranlassung gegeben, an meinen Worten zu zweifeln? Was ich versprach, habe ich doch stets gehalten.« »Na, na,« dachte Betty, dann sagte sie: »Und ich kann mich auch selbstverständlich felsenfest darauf verlassen, daß Du gegen niemand etwas erwähnst?« »Ich werde schweigen, das ist doch ganz selbstverständlich.« »Na, na,« meinte Betty, »Dein Wort in Ehren. Mama, aber leicht wird es Dir nicht werden, diese Neuigkeit für Dich zu behalten.« »Aber so sprich doch endlich und spanne mich nicht länger auf die Folter. Du tust ja gerade, als wenn es sich um Gott weiß welche großen Dinge handelt und dabei wird doch schließlich nur eine lächerliche Bagatelle herauskommen.« »Meinst Du?« Betty hatte ihrer Mutter gegenüber in einem Schaukelstuhl Platz genommen, die Beine lang von sich gestreckt, die kleinen, zierlichen Füße, deren rosige Haut durch die seidnen Strümpfe hervorschimmerte, übereinandergeschlagen. Aus ihrem übermütigem Gesicht sprach deutlich die Freude über die Ungeduld ihrer Mutter, am liebsten hätte sie diese noch länger hingehalten und sie dadurch auch dafür bestraft, daß sie ihr jetzt so auf die Finger sah und in Berlin jeden ihrer Schritte überwachte. Betty wußte, daß sie oft Unrechtes tat, aber sie machte sich gar kein Gewissen daraus, die Freundinnen machten es ja auch nicht anders, und vor allen Dingen: wer zwang sie zu all den Heimlichkeiten? Doch nur die Mutter selbst. Warum erlaubte sie ihr nicht einen unschuldigen Flirt? Küssen ist keine Sünd, hieß es doch schon in dem alten Lied, und Schlimmeres tat sie doch nicht, nicht etwa, als ob es ihr an Versuchungen fehlte, sie wußte ganz genau, welchen Reiz sie auf die Männer ausübte, aber sie war viel zu klug, um Torheiten zu begehen. Betty betrachtete immer noch sehr aufmerksam ihre kleinen Füße, die in schwarzen Lackschuhen steckten. Stiefel und Schuhe waren ihr Sport, wie der ihrer Freundinnen. Sie wußte, wie es die Herren reizte, wenn sie auf der Straße oder auf einer Gesellschaft einen kleinen Schuh oder einen eleganten Stiefel zeigte, o, und sie verstand es, ihr Kleid zu heben und gerade nur so viel zu zeigen, wie sie zeigen wollte. Und sie konnte sich dann totlachen über die Herren, die ihr manchmal straßenweit folgten. Wie oft war sie nicht schon angesprochen worden! Und sie ließ es sich auch ruhig gefallen, das reizte ihre Sinnlichkeit, und hinterher stürzte sie dann schnell in die Konditorei, um ihren Freundinnen ihren Erfolg zu berichten und brühwarm zu erzählen, welchen Antrag man ihr gemacht hatte. Betty hing, in den Anblick ihrer kleinen Füße versunken, so ihren Gedanken nach, daß sie die Anwesenheit der Mutter fast ganz vergessen hatte, und beinahe erschrocken zusammenfuhr, als diese nun fragte: »Wirst Du mir nun endlich das große Geheimnis nennen? Wenn Du auch jetzt nicht sprichst, muß ich annehmen, daß Du überhaupt nichts weißt, daß das Ganze nur eine Lüge war, um mich von meinem Argwohn abzubringen, Du hättest doch etwas mit Udo Bodo gehabt.« »Mama, Deine ewigen, grundlosen Verdächtigungen sind einfach beleidigend,« fuhr Betty auf. »Udo Bodo ist mir genau so gleichgültig wie jeder andere, und vor allen Dingen wirst Du mich doch nicht für so dumm halten, mich mit einem Kind abzugeben. Na, es lohnt sich ja gar nicht, mit Dir darüber zu sprechen,« brach sie das Thema ab, »aber damit ich Dir beweise, wie unrecht Du mir in einem fort tust, will ich jetzt nicht länger schweigen. So höre denn: Tante Cäcilie hat sich mit Vetter Kuno verlobt, heute mittag wird es proklamiert.« Die Mutter war vor Erstaunen tatsächlich sprachlos. Sie starrte Betty mit einem Gesicht an, als wäre soeben um sie herum die Welt untergegangen. Sie hatte die Augen ganz weit aufgerissen, und auch der Mund stand offen. Man merkte ihr an, sie wollte etwas sagen, aber das Sprechen ging über ihre Kraft. Endlich hatte sie sich wieder einigermaßen gesammelt. »Das ist – das ist –« rief sie, »das ist mehr als –« Aber das passende Wort fand sie nicht, sie war sich selbst nicht darüber klar, was es denn eigentlich war. »Du meinst wohl, es ist einfach empörend,« half Betty ihr. »Es ist sogar mehr als empörend, es ist einfach –« Aber wieder fehlte ihr das richtige Wort angesichts dieser ungeheuerlichen Tatsache. »Aber warum denn nur?« fragte Betty, »die Neuigkeit ist ja sehr interessant, aber weiter doch nichts. Ob Vetter Kuno heiratet oder nicht, das kann uns doch eigentlich ganz kalt lassen, erben tun wir ja doch nichts von ihm. Udo Bodo ist ja da, und der ist die Kraft und die Gesundheit selbst. Und selbst wenn Vetter Kuno kinderlos geblieben wäre, ich bitte Dich, ehe Adlershorst an uns gefallen wäre, hätten noch ein Dutzend der Verwandten und mehr sterben müssen. Den Tag hätten wir doch nicht erlebt. Also ich finde, sich irgendwie darüber aufzuregen hat gar keinen Zweck.« Die Mutter hatte kaum auf das geachtet, was Betty ihr da auseinandersetzte, sie war noch immer damit beschäftigt, sich zu sammeln, und so sagte sie denn jetzt: »Ich bitte Dich, Betty, laß mich jetzt allein, ich muß mich einen Augenblick hinlegen, mir ist ganz schwach geworden, Du kannst wieder in den Garten gehen, die Briefe können wir morgen schreiben.« Aber Betty durchschaute ihre Mutter, sie wußte ganz genau, sie wollte sie nur los sein, um von einer Verwandten zur andern zu eilen und ihr die große Neuigkeit mitzuteilen. Das aber durfte nicht sein, wenigstens mußte sie alles tun, was sie konnte, um es zu verhindern, und so meinte sie denn: »Leg Dich nur ruhig hin, Mama, ich werde hier bleiben und lesen, ich störe Dich nicht.« »Du kennst mich doch, mich und meine Nerven,« schalt die Mutter, die kaum den Augenblick erwarten konnte, in dem sie mit den andern die Verlobung besprach, »wenn ich meinen Nervenchok habe, dann kann ich keinen Menschen in der Nähe haben, dann muß ich ganz allein sein.« »Arme Mama,« meinte Betty, anscheinend mit dem tiefsten Mitleid, »arme Mama, hat Dich die Nachricht so erschüttert? Dann will ich lieber gehen, ruhe Dich nur ordentlich aus, damit Du heute nachmittag wieder ganz frisch bist. Ich lasse Dich jetzt allein, aber in den Garten gehe ich nicht, die Sonne scheint ja zu stark, und das bekommt meinem Teint nicht. Ich werde schon im Hause ein stilles Plätzchen finden, wo ich ungestört lesen kann.« Und wo dieses stille Plätzchen war, wußte sie ganz genau. Oben in der ersten Etage, in der die Fremdenzimmer lagen, war eine große Nische zu einer Art Rauchzimmer eingerichtet, orientalische Teppiche bedeckten die Wände und weiche Diwans boten eine bequeme Lagerstätte. Dort wollte Betty sich niederlassen, von dort aus konnte sie nicht nur die Zimmertür ihrer Mutter, sondern den ganzen Korridor übersehen. So half sie denn jetzt ihrer Mutter, als diese sich auf der Chaiselongue ausstreckte, deckte sie mit einem großen seidenen Schal zu, schob ihr ein Kissen unter den Kopf, zog die Gardinen vor, so daß es im Zimmer ganz dunkel wurde, und küßte ihre Mutter auf die Stirn. »Na, dann schlaf wohl, Mama.« »Hoffentlich, mein liebes Kind, in einer Stunde kannst Du Dich einmal wieder nach mir umsehen, sollte ich aber noch schlafen, dann wecke mich bitte nicht.« »Ganz wie Du befiehlst. Mama.« Betty wandte sich zum Gehen, aber sie wandte sich noch einmal wieder um. »Soll ich nicht lieber die Zimmertür abschließen und den Schlüssel mitnehmen, damit Dich auch niemand stört?« Betty war auf diesen Einfall sehr stolz, sie freute sich im stillen über den Schrecken, den diese Worte ihrer Mutter einjagen würden, die starb eher, als daß sie sich einschließen und sich dadurch die Möglichkeit nehmen ließ, sobald sie allein war, von ihrem Lager aufzuspringen und die Verwandten aufzusuchen. Und Betty behielt recht. Ganz erschrocken richtete sich die Mutter halb auf. »Um Gottes willen, Betty, Du wirst doch nicht? Ich ängstige mich ja bei verschlossenen Türen halbtot. Es kann Feuer ausbrechen, ich kann in die Lage kommen, Hilfe zu gebrauchen, und dann kann ich nicht hinaus und kein Mensch kann zu mir. Nein, auf keinen Fall schließt Du die Tür zu, wer sollte mich auch Wohl um diese Stunde stören?« »Ganz wie Du meinst, Mama.« Betty ging hinaus und begab sich auf ihren Beobachtungsposten. »Lange werde ich nicht zu warten brauchen,« sagte sie sich, »nur bis Mama annimmt, daß ich unten angelangt sein kann. Jetzt ist nur die Frage, was mache ich? Soll ich sie zurückhalten, wenn sie auf den Korridor tritt? Das beste wäre es schon. Aber nein,« sagte sie sich nach kurzem Besinnen, »das wäre nicht schlau. Wenn sie das Geheimnis verraten will, kann ich es doch nicht verhindern, denn eine unbewachte Minute wird sie im Laufe des heutigen Tages doch finden können, und die genügt ihr vollständig. Besser ist schon, ich lasse sie ruhig ihren Weg gehen, wenn ich ihr dann hinterher beweisen kann, daß sie doch gesprochen hat, muß sie sich ja vor ihrem eigenen Kind schämen, und vor allen Dingen habe ich dann ihr gegenüber gewonnenes Spiel. Wenn Mama mir dann später einmal wieder Vorwürfe macht, brauche ich sie nur an den heutigen Tag zu erinnern, der gibt mir eine große Waffe in die Hand. Allerdings, wenn es die ganze Verwandtschaft erfährt, wird es auch Udo Bodo zu Ohren kommen, daß ich nicht schwieg, und er wird dann sehr böse sein. Ich muß ihm sagen, ich hätte sprechen müssen, um nicht zu verraten, daß wir uns küßten, und das ist ja auch die Wahrheit. Und dann sitze ich ja auch bei Tisch neben ihm, ich werde meinen Stuhl ganz dicht an den seinigen heranrücken, dann wird er schon wieder gut werden, der arme Junge ist ja bis über seine beiden Ohren in mich verliebt.« Sie hatte den Vorhang, der die Nische von dem großen Korridor abschloß, vorgezogen, und hinter demselben versteckt, beobachtete sie den Korridor. Und es waren wirklich erst wenige Minuten verflossen, da »flog« ihre Mutter über den Korridor und klopfte an die Tür von Tante Berta. Das »Herein« erklang, und gleich darauf ertönte aus dem Zimmer ein Schrei! »So,« sagte sich Betty, »Tante Berta ist jetzt unterrichtet, dieser Schrei der Überraschung beweist es mir.« Da öffnete sich die Tür und ihre Mutter, gefolgt von Tante Berta, stürzte in das Zimmer von Tante Nelly, und wieder wenig später eilten ihre Mutter, Tante Berta und Tante Nelly zu Tante Paula, und dann gingen ihre Mutter, Tante Berta, Tante Nelly und Tante Paula zu Tante Konstanze, und dann eilten ihre Mutter, Tante Berta, Tante Nelly, Tante Paula und Tante Konstanze zu der alten Kammerherrin. »So,« sagte Betty sich, »jetzt ist die Geschichte herum. Jetzt wird die Kammerherrin den guten Kuno fragen, ob die Sache wahr ist, dann wird Kuno seinen Udo Bodo fragen, ob er geklatscht hat, dann wird Udo Bodo furchtbare Ausschelte bekommen und Tante Cäcilie Krämpfe vor Wut, weil ihr nun die große Überraschung verdorben ist.« Als Tante Cäcilie erfuhr, daß schon alle von ihrer Verlobung wußten, bekam sie keine Krämpfe, sondern sie fiel vor Wut tatsächlich in Ohnmacht, und Udo Bodo, der auf Befragen sofort die Wahrheit gestand, aber natürlich die mit Betty gewechselten Küsse verschwieg, bekam ganz gehörig etwas mit der Reitpeitsche. Es waren die ersten Prügel, die Udo Bodo in seinem Leben erhielt, und vielleicht wäre auch diesmal die Strafe an ihm vorübergegangen, wenn Tante Cäcilie nicht kategorisch darauf bestanden hätte. Dem Grafen Kuno war der Gedanke gräßlich, seinen eigenen Sohn schlagen zu müssen, und er dachte zuerst daran, die Strafvollstreckung dem Hauslehrer zu übertragen, aber daß ein Bürgerlicher einen Adeligen schlug, das ging doch nicht, so nahm er denn selbst die Reitpeitsche zur Hand und legte seinen Sohn über das väterliche linke Knie. Und Udo Bodo lag da, ohne sich zu rühren, ohne sich zu sträuben, ohne einen Klageton von sich zu geben, obgleich die Peitsche ganz gehörig arbeitete, aber viel größer als der körperliche Schmerz war für ihn der seelische, diese erste Züchtigung in seinem Leben war für ihn etwas so Ungeheuerliches, etwas so Unfaßbares, daß er sie erst nach und nach begriff. Er schämte sich so entsetzlich, daß er, als die fünfundzwanzig voll waren, den Blick nicht zu erheben wagte, er fühlte sich durch die Schläge entehrt, und die Worte seines Vaters: »Wer ein anvertrautes Geheimnis nicht hüten kann, ist des Namens eines Grafen Adlershorst unwürdig« trieben ihm die Schamröte ins Gesicht. Wie ein Verbrecher schlich er sich in sein Zimmer, dort warf er sich auf sein Bett und weinte bitterliche Tränen, und als er sich endlich beruhigt hatte, schrieb er seinem Vater einen Brief und bat diesen um Erlaubnis, dem Familiendiner fern bleiben zu dürfen, da es ihm unmöglich sei, den Verwandten gegenüberzutreten. Graf Kuno machte sich selbst auf den Weg, um dieses Schreiben, das ihm ein Diener überbracht hatte, mündlich zu beantworten, und mit vieler Mühe gelang es ihm, Udo Bodo einigermaßen zu trösten und zu beruhigen. »Du hast gefehlt, Du hast Deine Strafe dafür erhalten, und damit ist die Sache für mich und die andern erledigt, keiner wird so taktlos sein, auf die Strafe, die Du erhalten hast, anzuspielen. Daß ich Dich bestraft habe, mußte ich den Verwandten natürlich mitteilen.« »Weiß auch Betty –« wollte Udo Bodo fragen, aber er hatte nicht den Mut dazu. Vor ihr schämte er sich am meisten, vor ein paar Stunden hatte er ihr erklärt, sie heiraten zu wollen, und jetzt wußte sie vielleicht schon, daß er wie ein kleines Kind gezüchtigt worden war. Wie sollte er ihr da gegenübertreten? Aber Betty schämte sich fast noch mehr als Udo Bodo. Hätte sie geahnt, daß ihre Indiskretion so traurige Folgen haben würde, dann hätte sie unter allen Umständen geschwiegen. Für eine Minute machte sie sich wirklich Gewissensbisse, dann aber fiel ihr ein, daß sie selbst ja eigentlich ganz schuldlos sei und daß die Verantwortung für alles, was geschehen war, lediglich ihre Mutter zu tragen habe. Und so machte sie der denn eine Szene, die diese nie und nimmer so ruhig hingenommen hätte, wenn sie nicht geistig und körperlich vollständig gebrochen gewesen wäre. Und das hatte seinen guten Grund. Als sie, gefolgt von der ganzen weiblichen Verwandtschaft, zu der alten Kammerherrin geeilt war, um mit dieser die erschütternde Neuigkeit zu besprechen, hatte diese gefragt, woher sie die Nachricht habe, und als sie ihre Quelle angegeben hatte, gesagt: »Meine Liebe, Nachrichten, die ich einer Indiskretion verdanke, existieren für mich nicht. Und noch eins. Sie haben mir verschiedentlich geklagt, daß Ihre Betty Ihnen gegenüber nicht offen und wahr sei, jetzt wundert mich das nicht mehr. Wie kann ein Kind zu einer Mutter Vertrauen haben, wenn diese ein Versprechen, das sie ihrem Kinde gibt, nicht hält?« Gegen die alte Kammerherrin gab es keine Auflehnung und keinen Widerspruch. So mußte Bettys Mutter diese Worte ruhig hinnehmen, aber daß sie das in Gegenwart aller anderen Damen hatte tun müssen, hatte sie einer Ohnmacht nahe gebracht. Hätte Betty geahnt, was die alte Kammerherrin ihrer Mutter gesagt hatte, so hätte sie sich jetzt vielleicht mit einer etwas kürzeren Rede begnügt, so aber machte sie ihrem Herzen ordentlich Luft. »Ich kann mich gar nicht vor Udo Bodo sehen lassen,« schloß sie endlich, »am liebsten möchte ich dem Familiendiner ganz fern bleiben.« Denselben Gedanken hatte die Mutter auch, sie schämte sich, den anderen Damen gegenüberzutreten, denn sie hatte nur zu gut die schadenfrohen Gesichter bemerkt, mit denen diese am Vormittag die ihr erteilte Strafrede anhörten. Aber so gern sie es auch getan hätte, es ging doch nicht, daß sie in ihrem Zimmer blieb. Auch Cäcilie hätte sich am liebsten zu Bett gelegt und wäre dem Diner fern geblieben, die ganze Freude an ihrer Verlobung oder wenigstens an ihrer Veröffentlichung war ihr genommen, sie hatte vor Ärger und Erregung die wahnsinnigsten Kopfschmerzen, und nur die Rücksicht auf ihre Gäste bewog sie schließlich, doch an dem Diner teilzunehmen. So war bei einem großen Teil der Gesellschaft die Stimmung nicht allzu rosig, als man sich in dem großen Ahnensaal versammelte, in dem Graf Kuno an der Seite von Tante Cäcilie seine Gäste empfing. Zuerst hatte auch Udo Bodo mit empfangen sollen, aber schließlich wurde das Zeremoniell dahin geändert, daß man ihn als Gast betrachtete. So küßte er denn, als er, ziemlich als einer der letzten, den Saal betrat, die Hand seines Vaters, die ihn vorhin gezüchtigt hatte. Graf Kuno aber beugte sich über seinen Sohn und Erben und küßte ihn vor allen anderen auf die Stirn und auf den Mund. Da wußte Udo Bodo, daß er rehabilitiert war, auch vor Betty. Die hatte trotz aller Versuche, sich selbst zu belügen, noch ein sehr schlechtes Gewissen, und so fragte sie denn mit weicher, schmeichelnder Stimme, als er neben ihr an der Tafel Platz genommen hatte: »Udo Bodo, bist Du mir böse?« Er sah sie ganz erstaunt an, er begriff sie gar nicht. »Weshalb sollte ich Dir wohl böse sein?« fragte er ganz verwundert. »Nun, ich meine,« entgegnete sie stockend, »weil ich Mama doch von der bevorstehenden Verlobung habe erzählen müssen. Ich wollte schweigen, ganz bestimmt, Udo Bodo, das kannst Du mir glauben, aber es ging nicht anders. Mama war furchtbar mißtrauisch, und hätte ich Deinen Vater nicht verraten, dann hätte ich Mama unsere eigene, keusche Liebe eingestehen müssen, und das konnte ich doch nicht, dazu habe ich Dich doch viel zu lieb.« Er wurde über und über verlegen, sie hatte ganz laut gesprochen und ihm dabei verführerisch in die Augen gesehen. Aber so sehr ihre Worte ihn auch beglückten, er bekam es mit der Angst. Was dann, wenn jemand anderes es hörte, daß sie sich liebten, dann waren sie ja verloren, und so bat er denn: »Um Gottes willen, Betty, nicht so laut, wenn Dich jemand hört.« Sie lachte lustig auf. »Aber Udo Bodo, ich bitte Dich, die anderen haben ja gar keine Zeit sich um uns zu kümmern, sieh nur, mit welcher heiligen Andacht sie die Gänseleberpastete essen und sich im stillen den Kopf darüber zerbrechen, ob der Gang nachserviert wird oder nicht. Die passen schon nicht auf uns auf, und wenn schon: je unvorsichtiger man manchmal ist, desto vorsichtiger ist man. Wenn wir ganz laut und ungeniert miteinander plaudern, kommt kein Mensch auf den Gedanken, daß wir über andere Dinge als über die allergleichgültigsten sprechen, wenn wir aber die Köpfe zusammenstecken und miteinander tuscheln, dann werden sie hellhörig. Aber jetzt vor allen Dingen nochmals die Frage, auf die Du mir die Antwort schuldig geblieben bist: bist Du mir wirklich nicht böse? Ich habe gehört, Dein Vater hätte Dich ausgescholten, Du trägst mir doch nichts nach?« Natürlich wußte Betty ganz genau, worin die Ausschelte bestanden hatte, aber sie wollte ihm seine Ruhe und seine Unbefangenheit wiedergeben, vor allen Dingen aber wollte sie ihm dadurch, daß sie tat, als wäre sie die Unwissende, ihn wieder froh und heiter stimmen und ihn dadurch zu einer Versöhnung, falls er ihr wirklich zürnen sollte, geneigt machen. Und sie erreichte ihren Zweck vollständig, er war glücklich bei dem Bewußtsein, daß sie von der Strafe, die er erlitten, nichts wußte, seine gedrückte Stimmung war mit einem Male dahin. »Bist Du mir wirklich nicht böse?« fragte sie noch einmal, als er, vom Glück überwältigt, immer noch schwieg. »Ich verstehe Dich gar nicht,« gab er zur Antwort, »ein Herr kann doch einer Dame gar nicht zürnen, das ist doch ganz ausgeschlossen.« »Das hast Du so hübsch gesagt. Udo Bodo, die Worte sehen einem Grafen Adlershorst aber auch ähnlich. Na, nun bin ich wieder beruhigt, und ich will heute auch so nett zu Dir sein, wie ich irgend kann,« und leise drückte sie ihm unter dem Tisch seine Rechte. Wieder errötete er. »Wenn es jemand sieht, Betty.« flüsterte er. »Du hast vielleicht recht,« meinte sie halblaut. Sie zog ihre Hand zurück, da fühlte er plötzlich, wie ihr kleiner Schuh seinen Fuß berührte. Er verstand sie nicht und zog mit einem »Pardon, Betty,« seinen Fuß zurück, aber sie lachte lustig auf. »Udo Bodo, wie kann man nur ein so hübscher Junge und dabei in Liebessachen so unerfahren sein? Kennst Du nicht das schöne Gedicht aus dem neuen Tannhäuser: ›Da hat mein Fuß mit Deinem Fuß Zwiesprache heimlich gepflogen.‹ Ich schick' Dir das Buch, wenn Du willst. Ich habe es. Mama darf das aber natürlich nicht wissen, willst Du es mal lesen?« Er war so verwirrt, daß er gar nicht sprechen konnte. Ganz gegen seinen Willen von einer ihm bisher gänzlich unbekannten Macht getrieben, hatte er seinen Fuß wieder vorgeschoben, auf den Betty jetzt ihren kleinen Fuß, von dem sie den Lackschuh gestreift hatte, niederstellte. Er fühlte ihr Knie an dem seinigen, und das Blut schoß ihm durch alle Adern. Es wurde ihm ganz schwarz vor den Augen, und unwillkürlich mußte er sie einen Augenblick schließen. Betty sah, was in ihm vorging, sie erriet, daß in diesem Augenblick zum erstenmal die sinnliche Liebe in ihm erwachte, daß er zum erstenmal den Unterschied zwischen Mann und Weib in seinem ganzen Umfang begriff. Und daß gerade sie seine Lehrmeisterin war, schmeichelte ihrer Eitelkeit, ließ aber sogleich auch ihre Sinnlichkeit von neuem erwachen, und immer fester und zärtlicher schmiegte sie sich an ihn. »Soll ich auch lieber von Dir fortgehen. Udo Bodo?« fragte sie mit leiser, lüsterner Stimme. »Nein, nein, bitte, bleib, es ist so schön, bleib bei mir.« Er sprach so gut wie gar nicht, nur flüchtig berührte er die Speisen, nur hin und wieder leerte er sein Glas in einem großen Zug. Da erhob sich Graf Kuno, nachdem er schon vorher seine Gäste begrüßt hatte, um eine Rede auf seinen Sohn zu halten, diesen dem Wohlwollen, der Freundschaft und der Liebe seiner Verwandten zu empfehlen und die Bitte an diese zu richten, ihn, nachdem er jetzt die Kinderjahre hinter sich habe, als ein vollzählendes Mitglied der Familie zu betrachten. Im Anschluß daran teilte dann Graf Kuno mit, welche Zukunftspläne Udo Bodo habe, daß es sein Ehrgeiz wäre. Jura zu studieren und die diplomatische Karriere zu ergreifen, um dereinst als Gesandter oder als Minister dem Staate wirkliche Dienste zu leisten. Er bat die Verwandten, ihre Wünsche mit den seinigen zu vereinen und ihre Gläser darauf zu leeren, daß Udo Bodo in sittlicher, geistiger und moralischer Hinsicht ein echter Graf Adlershorst werden möge. Das Hoch war verklungen, und Udo Bodo wanderte um den Tisch herum, um mit allen anzustoßen und sich von jedem Mitglied der Familie, einerlei, ob männlichen oder weiblichen Geschlechts, küssen zu lassen. Die Frauen streichelten seine Wangen und gaben ihm zärtliche Worte, die Herren klopften ihm auf die Schulter und gaben dem zukünftigen Herrn Minister lachend gute Ratschläge. Alle taten, als wären sie von Udo Bodo und seinen Zukunftsplänen entzückt, in Wirklichkeit aber machten sie sich über ihn und seine beabsichtigte Laufbahn im stillen lustig. Die Grafen Adlershorst waren alles anständige Menschen gewesen, und jeder hatte den Posten, auf den er später im Leben gestellt wurde, nach besten Kräften auszufüllen versucht, aber eine geistige Leuchte war mit Ausnahme des Professors in der Familie noch nicht dagewesen, und daß gerade Udo Bodo die zweite, verbesserte Auflage sein sollte, der durch sein Wissen und sein Können die gebildete Welt in Erstaunen setzte, das wollte ihnen allen nicht in den Sinn, denn was sie in den wenigen Tagen des Zusammenseins bisher von Udo Bodo gesehen hatten, war nicht allzu bedeutend gewesen. Und vorläufig fehlte es dem zukünftigen Herrn Minister nicht nur an der nötigen geistigen Klugheit, sondern auch an den nötigen gesellschaftlichen Formen. Er war scharf beobachtet worden, als er den Rundgang um die lange Tafel machte, aber er hatte keinen allzu günstigen Eindruck hinterlassen; seine Verbeugungen hätten besser sein können, und vor allen Dingen war er, wie die Verwandten meinten, ohne jede besondere Veranlassung nervös und erregt, seine Hand zitterte, wenn er anstieß, er machte einen zerstreuten und zerfahrenen Eindruck, aber das nicht allein, seine Küsse hatten sogar nach Wein geschmeckt. In dem Alter trank man nach Ansicht der Tanten doch überhaupt noch nicht und daß er es dennoch tat, daß er es gerade heute tat, wo er doch wissen mußte, daß man ihn scharf beobachten würde, das warf kein gutes Licht auf ihn und auf seine Erziehung. Udo Bodo hatte wieder neben Betty Platz genommen und er ahnte nichts von dem schlechten Prognostikon, das ihm seine Verwandten im stillen stellten. »Glaubst Du, Betty, daß mir jemand meine Erregung angemerkt hat? Ich hatte so das Gefühl, als ob ich taumelte, hoffentlich hat mich niemand für angetrunken gehalten. Was mich verwirrte, was mich so erregt hat, ist doch nur Deine Nähe.« »Sei unbesorgt,« gab sie zur Antwort. »Du hast Deine Sache sehr gut gemacht, ich hätte an Deiner Stelle bei dieser ewigen Küsserei nicht so still gehalten. Und daß Du irgendwie unruhig warst, hat Dir kein Mensch angemerkt.« Was sie sagte, entsprach zwar ganz und gar nicht ihrer Überzeugung, aber sie wollte dem guten Udo Bodo die Laune nicht verderben, sie hatte auch nicht den Mut, ihm zu sagen, wie ungeschickt er sich benommen hatte, und schließlich war sie ja selbst daran schuld. Sie merkte, sie hatte das Spiel mit ihm zu weit getrieben und so sagte sie ihm jetzt: »Wir wollen jetzt vernünftig sein, Udo Bodo, und die Torheiten lassen,« und trotz seiner Bitten blieb sie standhaft. So fand er denn nach und nach seine innere Ruhe wieder, und voller Ungeduld wartete er auf den Augenblick, in dem sein Vater seine Verlobung veröffentlichen würde. Und endlich war der große Moment da, in kurzen Worten verkündete Graf Kuno, daß er sich entschlossen habe, seine Cousine Cäcilie zu seiner Gemahlin zu erheben und erbat hierzu den Segen und die Einwilligung der Familie. Vergebens bemühten sich die Damen, die die große Neuigkeit ja schon seit vielen Stunden kannten, ihrer Überraschung Ausdruck zu geben, aber die: »Aaah« und »Oooh« der Verwunderung klangen so gar nicht natürlich, und Tante Cäcilie ärgerte sich halbtot, sie hatte sich so auf die Überraschung gefreut, und nun fiel sie vollständig ins Wasser. Auch die Herren taten nur anstandshalber so, als ob sie auf das höchste erstaunt wären. So warf Cäcilie denn Udo Bodo einen bitterbösen Blick zu, der war an dem ganzen mißlungenen Fest schuld, das kam davon, daß sie bisher nur die Liebe und Güte selbst gegen ihn gewesen war, die strenge Zucht eines Mannes hatte ihm gefehlt, die sollte ihm aber in Zukunft werden, dafür wollte sie schon sorgen. Sie haßte Udo Bodo in diesem Augenblick geradezu. »Freust Du Dich auf Deine neue Mama?« fragte Betty. »Soviel weiß ich, ich möchte keine Stiefmutter haben, schon die eigenen Mütter sind oft so mißtrauisch und so ungerecht. Na, Du hast es ja in mancher Hinsicht gut, Du kommst ja bald von Haus fort, und in den kurzen Ferien, die Du hier verlebst, wirst Du Dich schon mit Deiner neuen Mutter vertragen.« »O, sie ist immer sehr nett mit mir gewesen, warum sollte das plötzlich anders werden,« meinte er, aber trotz seiner Worte hatte er selbst in diesem Augenblick das Empfinden, als ob sich in Zukunft manches anders gestalten würde, und dieser Gedanke beschäftigte ihn immer mehr und mehr, so daß selbst Bettys freundliche Worte ihn im Laufe des Abends nicht wieder heiter zu stimmen vermochten. III. Udo Bodo war durch das Einjährig-Freiwilligen-Examen geflogen, und zwar ganz gehörig. Sein Zeugnis wies so schlechte Noten auf, daß es nach Aussage der Lehrer mehr als zweifelhaft war, ob Udo Bodo überhaupt je die Prüfung an dem Gymnasium, dem er nun schon seit zwei Jahren angehörte, bestehen würde. Diese Nachricht rief auf dem adligen Gute Adlershorst eine gewaltige Aufregung hervor, und zum erstenmal kam es zwischen dem Grafen Kuno und seiner Gemahlin zu einer sehr erregten Aussprache, denn zum erstenmal wurde jetzt in dem Grafen Kuno der Verdacht wach, daß Cäcilie ihn damals, als ihm sein Sohn geboren wurde, belogen hatte, und in seiner Erregung scheute er sich nicht, seiner Gattin diesen Vorwurf direkt ins Gesicht zu schleudern. Cäcilie hatte diesen Augenblick lange kommen sehen, sie hatte ihn schon seit Jahren erwartet, und sie hatte sich schon lange den entsetzten Gesichtsausdruck einstudiert, mit dem sie ihren Mann, wenn es soweit wäre, verständnislos anstarren wollte. Aber jetzt versagte ihre Kunst, von Entsetzen war in ihren Zügen nichts zu lesen, sie schnitt ihrem Mann nur ein entsetzliches Gesicht, das diesen erst recht in Zorn brachte. »Ich verbitte mir, daß Du mir Fratzen schneidest, anstatt ernsthaft auf meine Anklage zu antworten,« herrschte er sie an. »Eine Gräfin Adlershorst schneidet niemals Fratzen, sondern überläßt das den Domestiken,« gab sie stolz zur Antwort. »Und ich muß Dir sagen, ich finde es von Dir einfach empörend, mir einen derartigen Vorwurf zu machen. Daß ich aber angesichts der ungeheuren Verdächtigungen, die Du gegen mich erhebst, nicht ruhig bleibe, daß ich mich und mein Mienenspiel nicht in der Gewalt habe, ist nur zu natürlich. Du solltest Dich nur selbst einmal im Spiegel sehen, Du würdest über Deinen Gesichtsausdruck auch nicht allzu erfreut sein, er ist mehr als töricht, man könnte ihn beinahe dumm nennen.« »Ist das alles, was Du mir zu sagen hast?« brauste er auf. »Ja,« erwiderte sie, »denn Deine Anklage ist nicht nur schändlich, sie ist vor allem auch so lächerlich, daß es sich wirklich nicht lohnt, sie ernsthaft zu beantworten. Welche Gründe sollten mich wohl veranlaßt haben. Dich damals absichtlich zu belügen? Ich weiß keinen Grund, nicht einen einzigen, Du etwa?« Er dachte eine ganze Weile nach. »Nein, allerdings, ich wüßte auch nicht, was Dich zu einer solchen Schlechtigkeit veranlaßt hätte.« »Entweder ist Kuno fabelhaft anständig, oder aber er ist geistig noch beschränkter, als ich es ihm zutraue, obgleich ich ihn doch jetzt wirklich zur Genüge kenne,« dachte sie, dann meinte sie frohlockend: »Also, da siehst Du es ja. Was ich damals sagte, entsprach nicht nur meiner gewissenhaftesten Überzeugung, sondern vor allen Dingen war das, was ich sagte, deutlich in den Linien von Udo Bodos Händen zu lesen. Wenn meine Prophezeiung sich nicht erfüllte, so kannst Du mich nicht dafür verantwortlich machen. Daß ein Kind in geistiger ebensogut wie in körperlicher Hinsicht nicht alle Hoffnungen und Erwartungen erfüllt, die man von ihm hegt, ist ja klar, das Kind macht eben im Laufe der Jahre eine so gewaltige Entwickelung durch, daß sich später oft alle Berechnungen als falsch erweisen. Wie manchem Kind prophezeit man nicht eine eiserne Gesundheit, und es wird später krank und schwächlich! Und wenn sich schon der Körper allen Erwartungen zum Trotz so verändern kann, um wieviel mehr dann ein zartes Gehirn, dessen Entwickelung von tausend und abertausend Zufälligkeiten abhängig ist. Jeder Psychiater wird mir recht geben, wenn ich behaupte, daß die zarte Nervensubstanz, die man schlechthin Gehirn nennt, etwas so Empfindliches ist, daß die geringste Kleinigkeit ihr ganzes Wesen verändern kann.« Es waren ja nur leere Worte und gewöhnliche Phrasen, die sie hervorbrachte, aber auf den Grafen Kuno blieben sie doch nicht ohne Eindruck. Cäcilie merkte es und spielte ihren letzten Trumpf aus. »Ich fühle es Dir ja nach, daß Dich Udo Bodos geistige Entwicklung nicht froh und glücklich stimmt, aber mich betrübt sie noch viel mehr. Auf Deinen Wunsch bin ich hierher übergesiedelt, mit dem Hauslehrer zusammen habe ich an Udo Bodos Erziehung gearbeitet, ich habe auf ihn einzuwirken, seinen Geist zu beleben, seine Kenntnisse zu bereichern versucht. Daß nun alle meine Arbeit umsonst war, das betrübt mich tief und bringt mir die traurige Gewißheit, daß gerade der Teil meines Lebens, auf den ich hoffte, mit Stolz zurückblicken zu können, für mich ganz verfehlt war, daß ich wenigstens diese Zeit hindurch umsonst gelebt habe.« Sie schlug die Hände vors Gesicht, und was sie selbst zu hoffen kaum gewagt hatte, gelang ihr, sie fand Tränen und ließ sie eifrig fließen. Graf Kunos Zorn war verraucht, er sah ja, wie seine Gattin litt, da durfte er nicht mehr an sich selbst denken. So trat er denn auf sie zu und küßte ihr tränenfeuchtes Antlitz. »Sei mir nicht böse, und wenn Du kannst, vergib mir, daß ich Dir unrecht tat. Kannst Du mir verzeihen?« »Ich will es versuchen.« Er ergriff ihre Hand und führte sie an seine Lippen. »Ich danke Dir. Bitte, trockne Deine Tränen, Du weißt, ich kann es nicht mit ansehen, wenn Du leidest, noch dazu, wenn Du durch meine Schuld leidest, sei wieder lieb und gut, und laß uns in Ruhe besprechen, wie alles so gekommen ist, und was nun werden soll.« Wie alles so gekommen war? Die Frage war mit den Worten »dumm geboren und nichts zugelernt« schnell beantwortet, aber das durfte Cäcilie nicht sagen, so führte sie denn tausend andere Gründe an. Vielleicht war der Hauslehrer doch nicht tüchtig genug gewesen, vielleicht hatte man im Verhältnis zu der bisher genossenen Erziehung auf dem Gymnasium zu hohe Anforderungen gestellt, vielleicht war die Pension und die dortige Aufsicht doch nicht streng genug gewesen, vielleicht war aber auch das Gegenteil der Fall, und dadurch war, wie es ja häufig der Fall ist, in Udo Bodos Gehirntätigkeit ein gewisser Stillstand eingetreten. Das Gehirn hatte plötzlich seine weitere Aufnahmefähigkeit versagt. Kurz und gut, es gab tausend Gründe für einen, die es erklärlich machten, daß Udo Bodo sein Examen nicht bestanden hatte. Woran es schließlich lag, war aber auch ganz gleichgültig, man mußte mit der traurigen Tatsache rechnen, daß er durchgefallen war, und jetzt beraten, was weiter werden sollte. »Glaubst Du, daß Udo Bodo doch noch Minister werden kann?« fragte Graf Kuno. »Gewiß,« beruhigte Cäcilie ihn. »Wie mancher ist nicht schon einmal durchs Examen gefallen und hat es dann hinterher doch noch mit Auszeichnung bestanden, und was die Lehrer da schreiben, Udo Bodo würde das Examen am Gymnasium nie bestehen, na, das weiß man ja, wie das gemeint ist, das heißt, er hat in seinem Wissen so viele Lücken, daß er ohne Privatstunden sein Ziel nicht erreicht. Die Lehrer wollen Geld verdienen, dann erst haben sie für ihren Zögling das richtige Interesse, das ist die ganze Geschichte. Laß ihm ordentlich Privatstunde geben, dann sollst Du mal sehen, wie schnell er Fortschritte macht, auch wenn er in Wirklichkeit gar nicht mehr leistet als jetzt.« Das leuchtete dem Grafen Kuno sehr ein. »Wenn Udo Bodo in den nächsten Tagen für die Dauer der Ferien hierherkommt, will ich mit ihm darüber sprechen, in welchen Fächern er sich besonders schwach fühlt, und dann kann er so viel Unterricht bekommen, wie er haben will.« Cäcilie war mit diesen Worten nur teilweise einverstanden. Dafür, daß Udo Bodo möglichst viel Privatunterricht erhielt, war auch sie, aber viel weniger fand es ihren Beifall, daß Udo Bodo während der Ferien nach Haus kommen sollte. Das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Stiefsohn war kein sehr gutes. Udo Bodo war, wie fast alle geistig beschränkten Menschen, sehr gutmütig, er tat niemand etwas Unrechtes und vergaß erlittene Unbill sehr schnell, aber eins konnte er nicht vergessen: die körperliche Züchtigung, die er auf Veranlassung seiner jetzigen Stiefmutter erhalten hatte. So oft er daran dachte, stieg ihm jedesmal die Schamröte ins Gesicht, daß ein Graf Adlershorst sich so hatte demütigen lassen müssen, und immer von neuem wurde dann der Haß und der Groll gegen seine Stiefmutter in ihm wach. An dem Tage, an dem er über dem väterlichen linken Knie gelegen hatte, war alle Liebe, die er einst für seine Tante Cäcilie gehegt hatte, verflogen. Gräfin Cäcilie merkte es sehr wohl, wie fremd Udo Bodo ihr gegenüberstand, und sie sah ganz genau die feindlichen und gehässigen Blicke, mit denen er sie betrachtete. Aber das nicht allein, wenn Udo Bodo auf Urlaub war, dann saß er fast den ganzen Tag mit seinem Vater zusammen, und wenn Cäcilie dann zu ihnen trat, war Graf Kuno seiner Frau gegenüber auch von einer verletzenden Unfreundlichkeit. Cäcilie erriet dann sofort, daß wieder einmal über die unglückliche körperliche Züchtigung gesprochen worden war, und daß der Vater seinem Sohn erklärt hatte: »Du hast recht, Udo Bodo, ich hätte Dich damals nicht züchtigen dürfen, selbst von der Hand des Vaters entehren die Schläge den Edelmann. Aber Deine jetzige Mutter bat mich darum, und ich hatte Deine Mutter damals sehr lieb, und auch für Dich wird noch die Stunde kommen, in der Du einsehen wirst, daß man die größten Dummheiten seines Lebens den Frauen zuliebe macht.« Einmal hatte Graf Kuno die Rücksicht auf seine Gemahlin sogar so weit vergessen, daß er diese Worte in ihrer Gegenwart gesprochen hatte, und voller Empörung hatte sie das Zimmer verlassen. Sie kannte zur Genüge diese Szenen, und sie wußte, daß Udo Bodo mit seiner Dickköpfigkeit, die eine Folge seiner geistigen Beschränktheit war, niemals über diesen Punkt anders denken würde, und so sagte sie denn jetzt: »Du weißt, ich bin die letzte, die Udo Bodo nicht jede Zerstreuung, nicht jede Erholung gönnt, aber ihn jetzt hierherkommen zu lassen, halte ich für ganz falsch. Das würde wie eine Belohnung aussehen, wenigstens würden die Lehrer es als eine solche betrachten, und sie würden von neuem gegen Udo Bodo eingenommen werden, noch mehr, als sie es jetzt schon sind. Einmal, weil er nicht der Befähigste ist, dann aber auch, weil die bürgerlichen Lehrer, die sich ihr geringes Gehalt sehr sauer verdienen müssen, natürlich von vornherein einem Schüler wenig freundlich gegenüberstehen, der es trotz seiner nicht bedeutenden Geistesgaben lediglich durch seine Geburt so viel besser hat als sie selbst. Es leuchtet ihnen nicht ein, daß es nicht nur Geistes-, sondern auch Geburtsaristokraten geben muß.« Mit den letzten Worten hatte die Gräfin Cäcilie halb gewonnen, aber Graf Kuno knurrte doch noch still vor sich hin, denn er hatte sich sehr auf seinen Jungen gefreut. Wozu hatte man denn einen Sohn und Erben, wenn man ihn nie zu sehen bekam? Er hatte sich schon die verschiedensten Geschenke für ihn kommen lassen, mit denen er ihn bei seiner Ankunft begrüßen wollte, aber schließlich kam er doch zu der Überzeugung, daß es in diesem Falle angesichts des sehr schlechten Zeugnisses das beste sei, wenigstens so zu tun, als ob er böse wäre, und so schrieb er denn seinem Udo Bodo einen langen Brief, in dem er diesen ermahnte, die Ferien zu benutzen, um fleißig zu arbeiten, damit er nach einem halben Jahr sein Examen mit Glanz und Glorie bestehen würde. Als Udo Bodo diesen Brief erhielt, knirschte er vor Wut mit den Zähnen, er wußte ganz genau, wem er es zu verdanken hatte, daß er nun die ganzen Ferien über in der langweiligen Pension bei den Büchern sitzen mußte. Wenn es doch wenigstens noch einen Zweck gehabt hätte! Aber wie dumm Udo Bodo auch immer war, so dumm war er denn doch nicht, um nicht zu wissen, daß er dumm war. Er würde das Examen ja doch nicht bestehen, warum ihn da noch quälen? An seinem Fleiß lag es nicht, daß er beständig der letzte seiner Klasse war. Als ein Graf von Adlershorst schämte er sich, immer die schlechtesten Zensuren zu erhalten, er arbeitete unermüdlich, aber es half alles nichts, denn er begriff nicht, was er lernte. Und doch wollte er so gern lernen, er sehnte sich hinaus nach der goldenen Freiheit, hinaus ins Leben, schon um Betty bald heiraten zu können. Mit der stand er immer noch im regsten Briefwechsel. Zweimal in der Woche holte er sich das postlagernde Schreiben, und wilde Eifersucht packte ihn dann oft, wenn sie ihm erzählte, wie rasend ihr kürzlich ein Student den Hof gemacht habe, oder wie ihr neulich ein sehr eleganter Herr nachgegangen sei, den sie eine halbe Stunde und länger zum besten gehabt hätte, bis sie dann endlich lachend in eine Droschke gesprungen und davongefahren wäre. In den leidenschaftlichsten Worten bat er sie dann, ihm zuliebe sich alle andern Männer fernzuhalten, mit keinem zu flirten oder zu kokettieren, aber sie hatte immer dieselbe Entgegnung: »Das, was ich tue, hat doch mit der Liebe nicht das geringste zu schaffen, ich mache mich doch nur über die Herren lustig, es macht mir ein riesiges Vergnügen, sie an der Nase herumzuführen. Und alle meine Freundinnen machen es doch ebenso. Soll ich denen gegenüber vielleicht in den Verdacht kommen, so häßlich und langweilig zu sein, daß ich keinem Herrn gefalle? Ich weiß ganz genau, wie hübsch ich bin. Ich habe jetzt ein neues Radfahrkostüm bekommen. das solltest Du nur mal sehen, hellbrauner kurzer Rock, dazu braune, seidne Strümpfe und hohe braune Stiefel, es ist todschick. Als Mann fühlst Du es mir aber natürlich nicht nach, welche Freude es mir macht, mich bewundern zu lassen, und wenn ich dann so mit einem Herrn recht kokettiert habe, und er sich mir unter irgendeinem Vorwand nähert, dann solltest Du nur mal sehen, wie ich die Entrüstete und Empörte spiele! Und wenn die Herren dann mit einem dunkelroten Kopf von dannen ziehen, es ist einfach zum Totlachen. Und daß ich nichts Unrechtes tue, daß Du der einzige bist, dem ich bisher in meinem ganzen Leben einen Kuß gegeben habe und daß ich nie – niemals einen andern küssen werde als nur Dich, das weißt Du ja, das brauche ich Dir gar nicht erst zu sagen, das glaubst Du mir auch so.« Und Udo Bodo glaubte es auch wirklich so, seine Cousine war doch eine Adlershorst, die tat ja nichts Unrechtes, und wenn sie ihn damals geküßt hatte, dann war es doch auch etwas ganz anderes gewesen, einmal, weil er es war, und dann, weil sie ihn doch liebte, und man liebt doch nur einmal, und wenn man sich nicht liebt, dann küßt man sich doch auch nicht. Das war Udo Bodos gewissenhafteste Überzeugung, und deshalb hatte er auch gar keine Augen und gar keinen Sinn für die vielen andern jungen Mädchen, mit denen er auf kleinen Gesellschaften, auf Schülerfesten oder bei ähnlichen Gelegenheiten zusammentraf. Und da waren so viele darunter, die ihn im stillen liebten, die glücklich gewesen wären, wenn er sie vor ihren Freundinnen ausgezeichnet hätte; denn er war doch nun einmal Graf, der einzige auf dem ganzen Gymnasium, dazu ein großer, hübscher Junge, tadellos gewachsen und stets ausgezeichnet angezogen. Man mußte sich ja in ihn verlieben, wie einmal ein junges Mädchen zu ihrer Freundin sagte. Aber Udo Bodo blieb sich selbst und seiner Betty treu. Er trug das Bild seiner Geliebten in seinem Herzen und ein zweites Bild von ihr lag wohl verschlossen in seiner Kommode, ganz tief versteckt, so daß ein Unbefugter es niemals gefunden hätte. Aber jeden Abend, ehe er schlafen ging, nahm er das Bild heraus und küßte es lange und heiß und dann bettete er seine Geliebte wieder in die Kommode. Als Udo Bodo durchs Examen gefallen war und von seinem Vater die ernste Mahnung erhielt, von neuem sein Glück zu versuchen, dachte er zum erstenmal über seine Zukunft nach. An seine Ministerkarriere glaubte er nicht mehr so recht, dann mußte er nicht nur das Einjährige, sondern auch das Abitur und später noch alle Staatsexamen machen. Und wenn er dieses erste Examen schon nicht bestanden hatte, wie würde es ihm da später ergehen? Mit dem Abschreiben allein war es nicht getan, das hatte er schon jetzt erfahren, er hatte abgeschrieben wie kaum ein anderer, bei seinen beiden Nachbarn und bei seinen Vorderleuten, denen er mit seinen scharfen Augen über die Schulter gesehen hatte. Aber unglücklicherweise waren auch die keine hervorragenden Leuchten der Wissenschaft gewesen und zum Überfluß hatte er das Pech gehabt, nicht das wenige Richtige, sondern nur das viele Falsche, was diese auf dem Papier stehen hatten, beim Abschreiben zu erwischen. Was dann, wenn er nun abermals durchfiel? Allerdings hatte er dann die Möglichkeit, noch ein drittes Mal sein Glück zu versuchen, aber wenn er auch das nun nicht bestand? Dann mußte er, Udo Bodo, Graf von Adlershorst, zwei Jahre, oder, wenn er Kavallerist wurde, sogar drei Jahre dienen. Das Blut stieg ihm in die Wangen, nein, das durfte nicht sein, die Schande würde er nie überleben. Allmählich beruhigte er sich, es würde ja auch gar nicht so weit kommen, die Lehrer würden selbst einsehen, daß ein Graf Adlershorst das Einjährige eben haben muß, die würden nicht nur ein, sondern sogar beide Augen zudrücken. Aber selbst wenn diese Menschen kein Erbarmen hatten, wenn sie ihn vielleicht doch durchfallen ließen, um angeblich damit der Welt zu beweisen, wie unparteiisch und gerecht sie wären, so würde Seine Majestät sich seiner annehmen. Der würde lieber das ganze Heer auflösen, als zugeben, daß ein Graf Adlershorst als gemeiner Soldat diene. Nicht umsonst nahm der Adel eine so bevorzugte Stellung ein. Das Vertrauen auf die Gnade Seiner Majestät gab ihm die innere Ruhe wieder, aber ehe er sich an den Kaiser wandte, wollte er noch mehr als bisher seine Pflicht und Schuldigkeit tun, und so fing er denn mit einem Ernst und mit einer Ausdauer an zu arbeiten, daß er die Anerkennung und die Bewunderung seiner Lehrer erregte, die ihm mit zahllosen Privatstunden nachhalfen. Von dem Kreis der Kameraden zog er sich noch mehr als bisher zurück, viel Freunde hatte er nie gehabt, und er konnte sie bei den Anschauungen, in denen er großgezogen war, auch nicht haben. Er war sehr wählerisch in der Auswahl seines Verkehrs und einem ihm sonst sehr sympathischen Kameraden hatte er die Freundschaft gekündigt, weil dieser in seiner Gegenwart einmal auf der Straße ausgespuckt hatte. Denn erstens spuckt man doch überhaupt nicht und zweitens unter keinen Umständen in Gegenwart eines Grafen Adlershorst. Der andere lachte ihn einfach aus, und das bewies Udo Bodo nur, daß er sich von Anfang an hatte täuschen lassen und sein Vertrauen einem Menschen geschenkt hatte, der dessen durchaus unwürdig war. So war Udo Bodo sehr wenig beliebt, er kümmerte sich fast nie um seine Mitschüler, es ging ihm wie seinem Vater, der Verkehr mit sich selbst genügte ihm vollständig. Nur eine Gelegenheit gab es, bei der er sich an seine Kameraden wandte, das war, wenn er in der Klasse aufgerufen und gefragt wurde. Dann sah er sich hilfesuchend nach allen Seiten um und seine Augen baten: »sagt mir zu.« Und sie sagten ihm auch zu, jeder rief etwas anderes, aber alles, was sie riefen, war absichtlich ganz falsch und das Falscheste von allen griff Udo Bodo dann auf, und das homerische Gelächter der andern bewies dann ihre große Schadenfreude darüber, daß es ihnen wieder einmal gelungen war, den stolzen Grafen hineinzulegen. Und Udo Bodo arbeitete und arbeitete, aber es half ihm alles nichts, und als zum zweitenmal das Examen stattfand, erhielt er im Fleiß, in Aufmerksamkeit und im Turnen die beste Zensur, die es überhaupt nur gibt, und die Lehrer bedauerten, ihm keine noch bessere geben zu können. In allen anderen Fächern aber hatte er die schlechteste Nummer, nur in der Religion hatte er es auf die zweitschlechteste gebracht. Als Udo Bodo dieses Zeugnis in Händen hielt, war er körperlich und geistig gebrochen, aller Zuspruch seines Pensionsvaters war und blieb erfolglos, es gab auf der ganzen Welt nur einen Menschen, der ihn trösten konnte, das war Betty, und er klagte ihr in einem langen Brief sein Leid. Schon am übernächsten Tag hielt er die Antwort in Händen. »Mein lieber, guter Udo Bodo! Was Du mir schreibst, hat mich natürlich sehr traurig gestimmt, vor allen Dingen auch meinetwegen, denn was soll nun aus uns werden? Ich kann doch niemand heiraten, der seine zwei Jahre dienen muß und der nicht einmal Reserveoffizier werden kann, das ist doch das wenigste, was man heute von einem gebildeten Menschen, noch dazu von einem Grafen, verlangt. Unter diesen für uns beide gleich traurigen Umständen denke ich ernstlich darüber nach, ob ich nicht den Assessor heiraten soll, der mir seit einiger Zeit ganz rasend den Hof macht. Ich habe ihn bei einer Freundin auf einer Gesellschaft kennen gelernt, und ich habe ihn im Verdacht, daß er eigentlich meine Freundin hat haben wollen, denn die ist nicht nur sehr hübsch, sondern auch sehr reich. Er selbst hat aber auch ein großes Vermögen, und reiche Leute pflegen sich ja bekanntlich sehr selten um ein armes Mädchen zu bewerben. Du kannst Dir denken, wie stolz ich war, als ich schon am ersten Abend merkte, welchen Eindruck ich auf ihn machte. Obgleich er mir zuerst ganz gleichgültig war, fing ich doch an. mit ihm etwas zu kokettieren, eigentlich nur, um meine Freundin zu ärgern, und da hättest Du mal sehen sollen, wie er für mich gleich Feuer und Flamme wurde. Ich habe mich im stillen köstlich über ihn amüsiert. Noch an demselben Abend bat er um Erlaubnis, bei Mama seinen Besuch machen zu dürfen, und seit der Zeit ist er sehr häufig bei uns gewesen, auch auf Gesellschaften bin ich oft mit ihm zusammengetroffen. Ich habe ihn inzwischen näher kennen gelernt, er ist zwar nur bürgerlich, aber aus einer sehr guten Familie und wie gesagt, ist er sehr reich. Davon aber ganz abgesehen, denn ich brauche Dir nicht erst zu sagen, daß ich niemals trotz unserer Armut einen Mann nur seines Geldes wegen heiraten würde, ist er sehr klug und sehr nett, ich hab' ihn wirklich aufrichtig lieb, Mama rät mir natürlich auch sehr zu der Partie, und so glaube ich, daß ich mich wohl demnächst mit ihm verloben werde. Ich hätte Dir schon früher von Max, so heißt er nämlich, geschrieben, wenn ich nicht gefürchtet hätte, Dich traurig zu stimmen und Dich in Deinen Examenarbeiten zu stören. Vor allen Dingen aber auch, weil ich immer noch hoffte, ich würde doch noch Deine Frau werden, denn Du weißt, Du bist und bleibst trotz alledem meine erste und einzige Liebe. Nun aber sehe ich keine Möglichkeit mehr, die Deine zu werden, und Du wirst und kannst mir nicht zürnen, wenn ich Max erhöre. Es wird Dir ein Trost sein, wenn ich Dir sage, daß ich Dich nie vergesse und nie aufhören werde, Dich zu lieben. Ich grüße und küsse Dich herzlichst als Deine Cousine Betty. NB. Ich freue mich schon jetzt auf die Gesichter der Freundinnen, wenn sie kommen, um mir zur Verlobung zu gratulieren. Sie werden gelb vor Ärger und Neid werden, denn Max ist sehr hübsch, und er hat einen ganz langen schwarzen Schnurrbart.« »Auch das noch.« Udo Bodo war vollständig zerschmettert, er hatte an Bettys Liebe geglaubt wie an das Evangelium, er hätte es nie für möglich gehalten, daß sie einen anderen ihm vorziehen würde, er war nie auf den Gedanken gekommen, daß sie ein Spiel mit ihm trieb, daß es ihr ein Vergnügen machte, ihm den Kopf zu verdrehen. Auch jetzt noch glaubte er ihren Worten, daß sie wirklich ernsthaft daran gedacht hätte, ihn zu heiraten, und daß er jetzt auch dieses Ziel nicht erreichte, war sein größter Schmerz. Er vergoß bittere Tränen, und die ganze Nacht lag er weinend im Bett, er weinte über ein verfehltes Leben und über sein entschwundenes Liebesglück. Am nächsten Tag erschienen für ihn ganz unerwartet Graf Kuno und Gräfin Cäcilie im Hause seines Pensionsvaters, der ihm geschrieben und angefragt hatte, was nun mit Udo Bodo werden sollte, da er einen nochmaligen Versuch, sein Examen auf der Schule abzulegen, für vollständig aussichtslos hielt. Das Zeugnis, das dem Grafen Kuno eingesandt wurden war, hatte diesem bewiesen, daß sein Sohn es an ernstem Fleiß nicht hatte fehlen lassen, so war er zwar traurig gestimmt, aber doch freundlich und voll Mitleid gegen seinen Udo Bodo, dem man nur zu deutlich seinen eigenen Schmerz anmerkte; denn daß ein großer Teil dieses Schmerzes nicht dem unbestandenen Examen, sondern Betty galt, ahnte ja niemand. Die Gräfin Cäcilie war einfach empört. »Wie kann man nur so dumm sein?« fragte sie Udo Bodo, aber der blieb die Antwort schuldig, und die Gräfin strafte ihren Stiefsohn mit stummer Verachtung. In Gegenwart des Pensionsvaters fand eine gemeinsame Konferenz statt, wie sich Udo Bodos Zukunft gestalten sollte, und schließlich einigte man sich dahin, daß er auf eine Presse geschickt würde. An ein Studium war natürlich nicht mehr zu denken, auf der einen Seite war Graf Kuno darüber natürlich sehr betrübt, auf der anderen Seite hatte es doch aber auch sein Gutes. Wenn Udo Bodo wirklich Minister geworden wäre, dann hätte er sich aus einem Grafen in eine Exzellenz verwandelt, und das Wort Exzellenz gefiel dem Grafen Kuno nicht halb so gut wie Herr Graf. Über Udo Bodos spätere Zukunft wurde vorläufig noch nicht beraten, erst mußte er das Einjährige hinter sich haben, dann konnte man ja weiter sehen. Graf Kuno hielt es für seine Pflicht, Udo Bodo zu fragen, ob er mit den Plänen, die man soeben gefaßt habe, einverstanden sei, und dieser gab seine Zustimmung. Ihm war alles einerlei, er hatte nur den einen Wunsch, nicht nach Berlin geschickt zu werden. Über das »warum« äußerte er sich nicht weiter, er wäre eher gestorben, ehe er den Grund genannt und erklärt hätte, er könne ein Wiedersehen mit Betty unter den jetzigen Umständen nicht ertragen. Graf Kuno, der in früheren Jahren in Berlin sehr schöne und vergnügte Stunden verlebt hatte, begriff die Abneigung seines Sohnes gegen die Residenz nicht, aber trotzdem ehrte er sie, und so einigte man sich denn auf eine mittelgroße Stadt, in der sich eine Presse befand, die sehr gute Erfolge aufzuweisen hatte, und eine Woche später siedelte Udo Bodo dort über. »Es nützt ja doch nichts.« sagte sich Udo Bodo. Aber sonderbarerweise nützte es doch etwas. Unter den Mitgliedern der Prüfungskommission befand sich ein Bezirksoffizier, ein Oberstleutnant, der vor vielen Jahren die Gräfin Cäcilie, als diese noch ein junges Mädchen war, angeschwärmt hatte, und der außerdem mit dem Kammerherrn Graf Adlershorst verschiedentlich auf der Jagd zusammengetroffen war. Udo Bodo mußte dem liebenswürdigen Herrn viel von seiner Stiefmutter erzählen, wie es ihr ginge, ob sie immer noch so hübsch wäre wie früher, und auch nach dem Kammerherrn erkundigte er sich, ob der noch immer so schöne Weine tränke und so gute Zigarren rauche. Und als das Examen, das zwei Tage dauerte, fertig war, da hatte Udo Bodo es bestanden, zwar nicht gerade mit Auszeichnung, aber er hielt das Reifezeugnis doch in der Tasche. Erwartet hatte das eigentlich kein Mensch, Udo Bodo am allerwenigsten, um so größer war seine Freude und um so größer sein Stolz. Nun war er doch wieder würdig, den Namen Graf Adlershorst tragen zu können, und nun lag die ganze Welt offen vor ihm, und voller Glückseligkeit fuhr er nach Haus, um dort sein Glück zu melden. Dort herrschte eitel Jubel und Sonnenschein, Graf Kuno schloß seinen Sohn zärtlich in die Arme und sagte: »Udo Bodo, es wird doch noch einmal etwas Großes aus Dir werden,« und selbst die Gräfin Cäcilie vergaß allen Groll und küßte ihren Stiefsohn auf beide Wangen. Dann mußte er erzählen, welche Fragen man ihm gestellt habe, und als er dann berichtete, daß man ihn während des Examens selbst sehr wenig gefragt habe, daß aber der Vorsitzende der Prüfungskommission sich vorher sehr eingehend nach seiner Stiefmutter und nach seinen sonstigen Verwandten erkundigt hatte, da sagte die Gräfin Cäcilie ganz stolz: »Es ist, wie ich vor Jahren dem Hauslehrer einmal sagte: Was für den Bürgerstand das Wissen, das sind für den Adel die Konnexionen. Und Du hast Konnexionen, Udo Bodo, viel mehr und weit bessere, als Du glaubst, ich habe es schon oft nicht richtig gefunden, daß Du dem Kammerherrn und dem Intendanten noch immer keinen Besuch gemacht hast, Dich ihnen immer noch nicht vorstelltest. Nachdem Du nun aber erfahren hast, wie viel sie Dir genützt haben, ohne daß sie etwas davon wußten und ohne daß sie es wollten, kannst Du Dir leicht selbst ein Bild davon machen, welche ungeheuren Vorteile Du von ihnen haben kannst, wenn sie Dich wissentlich und absichtlich protegieren. Sowohl ein Kammerherr wie ein Hoftheaterintendant kommen so ziemlich mit allen Fürsten dieser Welt in Berührung, aber das nicht allein, die ganze Welt sucht ihre Bekanntschaft, in der stillen Hoffnung, durch sie einmal einen Orden oder sonst irgendeine Auszeichnung zu erhalten. Solche Verwandte muß man sich sehr warm halten. Und darum meine ich. Du solltest die freie Zeit, die Du jetzt hast, benutzen, um den beiden Vettern Deinen Besuch abzustatten.« Udo Bodo war mit diesem Vorschlag sehr einverstanden, und Graf Kuno erst recht. Für wenige Sekunden seines Lebens dachte er sogar daran, seinen Sohn selbst zu begleiten, aber ihm fiel noch rechtzeitig genug ein, daß der Intendant nicht rauchte und Tabaksqualm wie die Sünde haßte, da war für den Grafen Kuno das Haus, selbst für wenige Stunden, kein geeigneter Aufenthaltsort. So entschloß er sich denn doch lieber, zu Haus zu bleiben. Ganz allein aber konnte Udo Bodo in diesem Falle nicht reisen, das war nicht vornehm genug, und so erhielt denn Fritz, der Jäger, den ehrenvollen Auftrag, sich für eine Reise einzurichten. Allerdings war das Opfer, das Graf Kuno seinem Sohn hiermit brachte, nicht gering, denn ohne den Jäger auf dem Bock zu haben fuhr er nicht aus, und so mußte er also bis Udo Bodo zurück war, auf jegliche Spazierfahrt verzichten. Aber was tut ein Vater nicht, wenn es sich um das Lebensglück seines Sohnes handelt, und wenn es gilt, den Verwandten zu imponieren? So fuhr Udo Bodo, nachdem er sich bei den beiden neuen Vettern hatte anmelden lassen, mit Fritz, dem Jäger, davon, und nach reichlich acht Tagen kehrte er zurück, mehr als begeistert über den Empfang und die Aufnahme, die er unterwegs gefunden hatte. Der Kammerherr hatte seine tadellosen Manieren bewundert, er hatte sogar der Prinzessin von seinem Neffen erzählt und in ihrer großen Herzensgüte hatte die erhabene Frau Udo Bodo in Audienz empfangen, ihn nach seinem Alter gefragt, sich erkundigt, wo er zur Schule ginge, welchen Beruf er zu ergreifen gedenke und für alles das regste Interesse gezeigt. Die Prinzessin war die Güte selbst gewesen, er hatte ihr zum Abschied die Hand küssen dürfen und zur dauernden Erinnerung an den Besuch eine goldene Busennadel mit den Initialen der Fürstin erhalten. Zwar war das Gold nur vergoldetes Silber, aber das war ja ganz egal, die Hauptsache war, daß es von der Hand der Fürstin stammte, oder besser gesagt, von der Hand des Hofjuweliers. Auch der Intendant hatte ihn seinem Herzog vorgestellt. Udo Bodo war mit dem Onkel in dessen Dienstloge gewesen, als ganz plötzlich und unerwartet der Herzog eintrat, um sich zu erkundigen, warum denn heute abend Fräulein Elvira nicht tanze. Hoheit war zuerst sehr ungnädig gewesen, hatte sich dann aber schnell beruhigt, als er erfuhr, daß die Krankheit der jungen Dame in spätestens zwei bis drei Tagen behoben sein würde. Seine Hoheit hatte mit Rücksicht auf diese erfreuliche Tatsache im Interesse der Kunst eine Änderung des Programms für dringend notwendig erachtet und für den Tag, an dem Fräulein Elvira sich wieder gesund melden würde, ein Ballett anstatt der angesetzten Oper befohlen. Während Hoheit mit dem Intendanten über diese äußerst wichtige Staatsfrage unterhandelte, hatte sich Udo Bodo diskret in den äußersten Hintergrund der Loge zurückgezogen, erst als Hoheit sich zum Gehen wandte, war er auf ihn aufmerksam geworden, hatte ihn sich vorstellen lassen und sich erkundigt, ob er etwas von dem gehört habe, was er soeben mit seinem Intendanten besprochen hätte. Der Wahrheit gemäß hatte Udo Bodo mit einem lauten vernehmlichen Ja antworten wollen, aber im letzten Augenblick hatte ihm trotz seiner mangelnden Befähigung eine innere Stimme geraten: sag lieber nein. Und dieses »Nein« hatte Seine Hoheit sehr erfreut, er war sehr gnädig gewesen, er hatte sich erkundigt, wie alt Udo Bodo sei, wo er zur Schule ginge, welchen Beruf er zu ergreifen gedenke, dann hatte er ihm zum Abschied die Hand zum Kuß gereicht, und zur Erinnerung an diese kurze Begegnung hatte der Fürst ihm eine goldene Busennadel übersenden lassen, die zwar nur Silber und vergoldet war, deren unermeßlicher Wert aber trotzdem ja darin bestand, daß sie von Seiner Hoheit stammte, oder besser gesagt, von dessen Hofjuwelier. Aber nicht nur Seine Hoheit, auch der Onkel-Intendant war mit Udo Bodo sehr zufrieden gewesen, der hatte Höllenqualen ausgestanden, daß Udo Bodo zugeben würde, etwas von der Unterredung gehört zu haben. Es war ein kritischer Moment allererster Ordnung gewesen, denn wenn Udo Bodo »ja« sagte, konnte er, der Intendant, sehr leicht bei seiner Hoheit in Ungnade fallen, der hätte es ihm nie verziehen, daß er unberufene Lauscher in seiner Loge duldete, er hätte seinen Posten verlieren können, und wenn ihm auch an seinem Gehalt wenig gelegen war, er hätte den Verlust der Stellung und vor allen Dingen die Entziehung der fürstlichen Gnadensonne, die ihm zum Leben viel wichtiger war als Fleisch und Butter, nicht überlebt. So hatte er denn Udo Bodo in der Freude seines Herzens, einer großen Gefahr entronnen zu sein, nicht nur auf die Stirn, sondern sogar auf den Mund geküßt und zur Erinnerung an diesen Abend hatte er ihm eine goldene Busennadel geschenkt, die er selbst vor vielen Jahren einmal von einem inzwischen verstorbenen Fürsten erhalten hatte, und die er nie trug, weil sie nur Silber vergoldet war, deren unermeßlicher Wert aber trotzdem darin bestand, daß sie von einem Fürsten, oder besser gesagt, von dessen Hofjuwelier herstammte. Außerdem aber hatte der Intendant sich in den Tagen des Zusammenseins lang und ausführlich mit Udo Bodo über seine Zukunft unterhalten, ihm geraten, das Abitur wenigstens zu versuchen, und ihn sogar hierzu seiner Protektion versichert. Ja, der Intendant hatte ihn sogar eines Abends, nachdem sie vorher zu Hause gut diniert hatten, während der Vorstellung mit auf die Bühne genommen. Man gab Undine, die Wasseroper, wie der Intendant sie scherzend nannte, und der Onkel hatte sie ihm hinter den Kulissen heimlich erklärt, aber Udo Bodo hatte nur kaum hingehört. Viel mehr als die künstlichen Wasserwogen interessierten ihn die natürlichen und lebendigen Wassernixen, die in seidenen Trikots und sehr kurzen Röckchen zwischen den Kulissen standen und ihn verführerisch anlächelten. Und wie es gekommen war, wußte er selbst nicht, aber plötzlich hatte er sich mit einer sehr hübschen, jungen Tänzerin ganz allein hinter den Kulissen befunden, und es war sehr spät gewesen, als er endlich nach Hause kam. Er hatte nicht nur ein schlechtes Gewissen, sondern auch große Angst vor dem Onkel gehabt, aber der hatte ihn am nächsten Mittag bei dem Frühstück nur gefragt: »Na, gut amüsiert?« Und dann war über diesen Punkt gar nicht mehr gesprochen worden. Udo Bodo war klug genug, dieses kleine Intermezzo zu Hause nicht zu berichten, obgleich er sonst die kleinste Kleinigkeit erzählte. Er war in jeder Hinsicht von seiner Reise entzückt, und Graf Kuno war es erst recht. Der hätte am liebsten gleich ein großes Diner gegeben, die ganze Nachbarschaft dazu eingeladen und bei dieser Gelegenheit allen erzählt, mit welcher verschwenderischen Huld die Prinzessin und seine Hoheit seinen Udo Bodo ausgezeichnet hatten. Aber leider konnte er seine Absicht nicht ausführen, denn unglücklicherweise mußte gerade jetzt sein erster Koch krank sein, und wenn er schon ein Diner gab, bei dem nur von Fürsten erzählt werden sollte, so mußte das Diner auch in jeder Hinsicht dem hohen Rang des Gesprächsthemas entsprechen. Aber aufgeschoben war ja nicht aufgehoben, und im stillen machte er schon das Menü, das selbstverständlich mit Soupe à la reine anfing und mit Fürst Pückler-Eis endete. Unterdessen beschäftigten die Gräfin Cäcilie andere, weniger materielle Gedanken. Von neuem stieg in ihr der Plan auf, daß Udo Bodo jetzt, nachdem er den verschiedenen Fürstlichkeiten so nahe getreten war, doch Minister werden müsse. Ob Udo Bodo dieses Ziel je erreichen würde, war ja allerdings zweifelhaft, aber versuchen mußte er es unter allen Umständen, das war man ja schon dem Intendanten schuldig, der dazu geraten hatte, jedenfalls das Abitur zu machen, und der seine Protektion und seine Fürsprache zugesagt hatte. Und das hieß doch mit andern Worten, diplomatisch ausgedrückt: steig nur in das Examen, ich garantiere Dir dafür, daß Du durchkommst. Das leuchtete schließlich nicht nur dem Grafen Kuno, sondern auch Udo Bodo ein, und so entschloß dieser sich denn, seinen Bildungsgang weiter fortzusetzen, und nachdem er sich einige Wochen von den Anstrengungen der Einjährig-Freiwilligen-Prüfung erholt hatte, fuhr er von neuem auf die Presse. »Begabte Schüler erreichen das Ziel in einem Jahr. Minderbegabte spätestens in zwei Jahren,« hieß es fett gedruckt auf dem Programm der Lehranstalt, aber Udo Bodo wurde erst nach drei Jahren zum Abitur zugelassen, als Entschädigung dafür schien aber auch dieses Mal ein Glücksstern über seinem Haupte zu leuchten. Der gefürchtetste von allen Examinatoren war ein Professor Fuchs, dessen Name vollständig seinen Charaktereigenschaften entsprach, alle Zöglinge zitterten vor ihm, nur Udo Bodo nicht, denn der hatte von seinem Onkel, dem Kammerherrn, den Auftrag, dem Herrn Professor von ihm die herzlichsten Grüße zu bestellen. »Das ist genau so viel wert, als wenn Sie von sieben Fragen sechs richtig beantwortet hätten,« sagte sein Preßvater zu ihm, »je herzlicher Sie ihn grüßen, um so sicherer bestehen Sie die Prüfung.« Udo Bodo befolgte diesen Rat und mit Freuden sah er, daß seine Grüße nicht ohne Eindruck blieben. »Ah, Sie sind ein Graf Adlershorst? Das ist ja sehr interessant. Wissen Sie, Ihren Herrn Onkel habe ich noch sehr lebhaft in der Erinnerung, er wollte mich einmal bewegen, bei dem Examen eines Prinzen beide Augen zuzudrücken und mich schwerhörig zu stellen, und da er im Auftrage der erlauchten Prinzenmutter kam, konnte ich natürlich nicht unhöflich sein und ,nein` sagen. Ich versprach, mich in einen Taubstummen zu verwandeln, aber ich kann Ihnen sagen, ich habe den kleinen Prinzen wahnsinnig auf den hohlen Zahn gefühlt und bei der Gelegenheit die Entdeckung gemacht, daß der Prinz tatsächlich sein Pensum tadellos beherrschte. Das hat mir hinterher natürlich kein Mensch geglaubt, Ihr Onkel am allerwenigsten, der drückte mir verständnisinnig die Hand, als wenn er sagen wollte, na, wir beide kennen uns ja. Ich wette, der lebt noch heute in dem Glauben, ich hätte nur ihm zuliebe dem Prinzen das Reifezeugnis erteilt, hahaha, da kennt er mich aber schlecht, es wäre mir sogar eine Freude gewesen, seinen Schützling durchfallen zu lassen. Bei Ihnen wird es mir wohl ebenso gehen, aber wenn ein Prinz wirklich gute positive Kenntnisse besitzt, warum soll da ein Graf Adlershorst nicht auch einmal in den Wissenschaften wirklich erfahren sein?« Nach dieser Rede sank dem armen Udo Bodo das Herz bedeutend tiefer, und trüben Blickes sah er in die Zukunft. Ihm war gar nicht wohl und während des Examens wurde ihm immer miserabler und immer elender. Sein Wissen war nur Stückwerk, und so fiel er mit Glanz und Glorie durch, trotz der Protektion des Onkels oder vielleicht gerade wegen derselben. »Vielleicht haben Sie das nächste Mal mehr Glück,« meinte der Professor Fuchs ironisch beim Abschied. Aber Udo Bodo fiel nicht nur beim zweiten-, sondern auch beim drittenmal durch, und öfter konnte er dieses Examen nicht machen. Mit dem Gesandtschaftsattaché, dem auswärtigen Botschafter und dem vakanten Ministerposten war es nun für alle Zeit definitiv vorbei. Was nun? Auf Adlershorst herrschte schwüle Stimmung, als Udo Bodo dort nach dem letzten Examen eintraf. Gräfin Cäcilie lief mit verweinten Augen herum und dankte dem Himmel, daß Udo Bodo nicht ihr leiblicher Sohn war – hätte er das Examen mit Auszeichnung bestanden, dann hätte sie den Himmel natürlich angeklagt, daß der ihr dieses Musterkind nicht als leibliches Eigentum geschenkt hatte. Graf Kuno ging grollend in seinem Zimmer auf und ab, und er versuchte seinen Schmerz dadurch zu töten, daß er noch mehr als sonst rauchte, und daß er dieses Kunststück bei dem besten Willen nicht fertig brachte, weil er schon so wie so den ganzen Tag rauchte, ließ seine Stimmung erst recht schlecht werden. Der einzige, den die ganze Sache eigentlich ziemlich kühl ließ, war Udo Bodo selbst, er hatte ja nie an seinen Sieg über die Wissenschaften geglaubt, und wenn er unterlegen war, so trugen nach seiner Meinung diejenigen die Schuld, die ihn dazu verleitet hatten, sich mit dem überlegenen Gegner zu messen. Was nun? Irgendeinen Beruf mußte Udo Bodo doch ergreifen. Gräfin Cäcilie war dafür, daß er Landwirt würde, sie wollte ihn auf ein großes Gut geben, wo er unter der Aufsicht eines strengen und tüchtigen Verwalters die Landwirtschaft gründlich lernte, er sollte von der Pike auf dienen, um später Adlershorst selbständig bewirtschaften zu können. Aber damit war Graf Kuno absolut nicht einverstanden. Ja, wenn sein Sohn die Praxis theoretisch hätte erlernen können, dann ja, aber daß sein dereinstiger Erbe sich von einem bürgerlichen Pächter anschnauzen ließ und sich von dem Vorschriften und Befehle erteilen lassen sollte, das ging doch nicht. Sollte Udo Bodo etwa des Morgens um vier Uhr aufstehen und das Füttern der Pferde und das Melken der Kühe überwachen? Dazu war er doch nicht geboren. Nein, wenn er schon einen Beruf ergreifen sollte und ergreifen mußte, dann konnte nur eine Tätigkeit in Frage kommen, die in jeder Hinsicht standesgemäß war, und so wurde denn endlich beschlossen, daß Udo Bodo Offizier werden sollte. »Selbstverständlich Garde und selbstverständlich Kavallerist.« entschied Graf Kuno. »Die Fußtruppen haben ja auch ihre gewisse Existenzberechtigung, man kann ja sogar, ohne den Leuten schmeicheln zu wollen, behaupten, daß sie im Kriege diejenigen sind, die in erster Linie die Schlacht gewinnen, aber vorläufig leben wir ja noch im tiefsten Frieden, an einen Krieg glaube ich nicht und schließlich lasse ich doch nicht meinen einzigen Sohn und Erben Offizier werden, damit er sich totschießen läßt, sondern lediglich, damit er bis zu meinem Tode wenigstens etwas zu tun hat. Nicht wahr, Udo Bodo, das leuchtet Dir doch ein?« Und das leuchtete Udo Bodo sogar sehr ein. Kavallerieoffizier zu werden, schöne Pferde zu haben, in schmucker Uniform herumzulaufen, den Mädchen die Köpfe zu verdrehen, das war nicht dumm! Der Beruf war vielleicht nicht ganz so bedeutend als die Ministerkarriere, aber auf jeden Fall war er sehr viel lustiger und amüsanter. So war Udo Bodo für den neuen Plan Feuer und Flamme. Aber Gräfin Cäcilie verstand es, ihn sehr schnell zu ernüchtern. »Du denkst Dir das viel leichter, als es ist, Udo Bodo. Bevor Du Offizier wirst, mußt Du erst das Fähnrichexamen machen, dann kommst Du auf Kriegsschule, und erst, wenn Du das Offiziersexamen bestanden hast, wirst Du zum Leutnant befördert.« Das Wort »Examen« traf Udo Bodo wie ein Keulenschlag und ganz geknickt sank er in sich zusammen, aber sein Vater kam ihm zu Hilfe. »Ich weiß gar nicht, Cäcilie, warum Du dem armen Jungen alle Lebensfreude raubst? Du brauchst ihm die Zukunft doch nicht so schwarz zu schildern, kaum hat er ein Examen zu bestehen versucht, da hältst Du ihm als Schreckensgespenst schon wieder zwei neue vor.« »Das ist meine heilige Pflicht,« meinte Gräfin Cäcilie, »ich möchte die Schande nicht erleben, daß Udo Bodo auch bei diesen Prüfungen durchfällt.« »Er wird nicht durchfallen,« sagte Graf Kuno bestimmt. Und zu Udo Bodo gewandt, fragte er: »Nicht wahr, Udo Bodo, das bestehst Du, ja?« »Gewiß. Papa.« »Na, da hörst Du es ja, Cäcilie, Udo Bodo wird das Examen bestehen, sogar mit Auszeichnung, nicht wahr, Udo Bodo?« So ganz sicher war der nicht, ob ihm dieses Kunststück gelingen würde, trotzdem aber sagte er. um seinen Vater nicht zu betrüben: »Gewiß, Papa.« »Du bist ein braver Junge, an dem ich noch viel mehr Freude erleben werde als bisher,« lobte Graf Kuno. »Na, die Freude läßt sich ja tragen,« meinte Cäcilie ironisch. »Es kommt auf die Ansprüche an, die man stellt,« erwiderte Graf Kuno streng, »und wenn Udo Bodo auch in geistiger Beziehung nicht alle Hoffnungen und Erwartungen erfüllte, so ist er mir sonst stets ein Sohn gewesen, wie ich ihn mir gar nicht besser habe wünschen können. Er hat mir noch nie Kummer bereitet und er wird es auch als Offizier nicht tun. Nicht wahr, das versprichst Du mir?« »Gewiß, Papa.« Graf Kuno strahlte. »Ich wußte es ja und ich muß Dir sagen, daß Du Offizier werden willst, erfüllt mich mit einer großen Genugtuung, man mag darüber denken wie man will, der Offizier ist nun einmal der erste Stand der Welt. Aber das nicht allein, die Offizierskarriere bietet Dir Gelegenheit, Dein Leben ordentlich zu genießen, und wenn Du dann später mal ein alter Mann bist, wie ich jetzt, dann weißt Du wenigstens, warum Du gelebt hast, dann hast Du Dich wenigstens gehörig amüsiert, und das ist auch was wert.« »Gewiß, Papa,« stimmte Udo Bodo ihm aus vollster Überzeugung bei. Gräfin Cäcilie schlug die Hände zusammen. »Daß ein Vater so zu seinem Sohne spricht, habe ich auch noch nie gehört. Anstatt ihn zu ermahnen, in erster Linie seine Pflicht zu tun, gibst Du ihm nur den Rat, sich zu amüsieren.« Graf Kuno sah ein, daß seine Gemahlin nicht so ganz unrecht hatte, das durfte er aber natürlich nicht zugeben und so sagte er denn: »Daß ein Graf Adlershorst seine Pflicht tut, ist ganz selbstverständlich, dazu braucht er nicht erst angehalten zu werden.« Gräfin Cäcilie hatte über diesen Punkt etwas andere Ansichten, aber es hatte ja keinen Zweck, sich darüber zu streiten, so brachte sie denn das Gespräch auf ein praktischeres Thema, auf das Regiment, bei dem Udo Bodo eintreten, und auf den Termin, an dem er erneut auf die Presse gehen solle, um das Fähnrichexamen zu machen. Das wichtigste war, ein Regiment zu finden, das Udo Bodo als Avantageur annahm. Graf Kuno war davon überzeugt, daß diese Sache nicht die geringsten Schwierigkeiten bereiten würde, im Gegenteil, er glaubte, alle Garde-Kavallerieregimenter würden alle zehn Finger nach ihm ausstrecken. Aber er mußte die Enttäuschung erleben, daß alle Regimenter, an die er sich wandte, seinen Sohn dankend ablehnten, entweder weil tatsächlich kein Platz vorhanden war, oder weil Udo Bodo, der jetzt schon fast zwanzig war, ihnen zu alt erschien. Endlich fand Graf Kuno ein vornehmes Kavallerieregiment in der Provinz, das Udo Bodo annahm, nachdem dieser sich dort vorgestellt hatte; aber auch dieses machte die Annahme rückgängig, als er zum erstenmal durch das Fähnrichexamen fiel. Wieder wandte sich Graf Kuno an alle Kavallerieregimenter, aber den einmal durchgefallenen Kandidaten wollte niemand haben; so blieb denn nichts weiter übrig, als sich mit einem Infanterieregiment zu begnügen. Das war bitter, aber es half nichts und schließlich tröstete sich Graf Kuno damit, daß Udo Bodo sich auch als Infanterist Pferde halten könne, und außerdem gab es ja auch Prinzen, die bei der Garde-Infanterie dienten, und was ein Prinz tat, konnte Udo Bodo ja schließlich auch tun, ohne daß es ihm verdacht wurde. Allerdings, ein Garderegiment war es nun gerade nicht, das Udo Bodo schließlich annahm, aber immerhin ein Regiment, das sich sehen lassen konnte und dessen Offizierkorps, wenn auch nur zum geringsten Teile, adlig war. Zur Bedingung wurde gemacht, daß Udo Bodo sein Examen jetzt aber bestände, und Udo Bodo bewies dieses Mal mehr Glück als Verstand, er hatte neben sich im Examen einen sehr begabten Kameraden sitzen, von dem er jedes Wort abschrieb, und zwar so gut abschrieb, daß er im mündlichen Examen kaum geprüft wurde. So geschah ein Wunder, er bestand die Prüfung mit dem Prädikat »gut«, und alle Welt wunderte sich darüber, wie er bei dem erstenmal hatte durchfallen können. Und Udo Bodo wunderte sich darüber selbst am allermeisten. IV. Udo Bodo hatte Weltschmerz. Er lag in seiner Fähnrichswohnung, die sich in der Kaserne befand, auf seinem mit schwarzem Leder bezogenen alten Sofa und starrte vor sich hin. Ihm war elendiglich zumute, und das ungemütliche Zimmer, die vollständig kahlen, weißgetünchten Wände, die wackligen Stühle, das alte, eiserne Bett und der mehr als primitive Waschtisch, der große, schmutzige Blecheimer, in den alles mögliche hineingegossen wurde, überhaupt die ganze Einrichtung trug nicht dazu bei, seine Stimmung zu erhöhen. Jetzt stöhnte er schwer auf und leerte das große Glas Kognak, das vor ihm auf dem Tisch stand, in einem Zug, dann sah er nach der Uhr. Es war gleich neun Uhr, dann konnte er zu Bett gehen, um neun Uhr war Ruhe in der Kaserne, eher war an ein Schlafen nicht zu denken. Draußen auf dem Korridor, unmittelbar vor seiner Stubentür, war jetzt noch eine Kompagnie angetreten, die für den morgigen Schießdienst eingeteilt wurde. Die Stimmen der Vorgesetzten hallten laut durch den Korridor, dazwischen erklang das geisttötende Abzählen der Mannschaften; plötzlich fühlte sich ein Unteroffizier veranlaßt, einen Mann anzuschreien, und der Feldwebel mit seiner infamen schnarrenden Stimme, die er irgendeinem Leutnant abgelauscht hatte, versuchte die erregten Gemüter zu beruhigen. Dazu auf den Treppen ein ewiges Laufen, ein ewiges Klappern von eisenbeschlagenen Stiefeln, ein Zusammenschlagen von Kochgeschirren, Gewehren und all den andern tausend Sachen, die der Soldat bei dem Appell vorzeigen muß, und dazu die Luft, die die vielen Menschen und die gräßlichen, ewig qualmenden Petroleumlampen auf dem Korridor verbreiteten. Udo Bodo hielt sich sein, Taschentuch vor die Nase, auch in seiner Stube war ein penetranter Geruch, der etwas an Feuchtigkeit und etwas an faules Obst erinnerte, aber seine Beschwerde war als grundlos abgewiesen worden. Der Fourier-Unteroffizier, der die Stube unter sich hatte, war auf Befehl der höheren Vorgesetzten erschienen, um amtlich und dienstlich die Fähnrichstube zu beriechen. Dann hatte er erklärt: »Fähnrich, ich bin ein zartbesaiteter Mensch, und meine Nase ist das Feinste an mir, aber nach gewissenhaftester Überzeugung kann ich nur sagen, das riecht hier so, wie es immer gerochen hat und wie es in einer Fähnrichstube riechen muß. Auf dem gräflichen Familienschloß Adlershorst sind wir ja nicht, was mir ja gewissermaßen selber leid tut, indem ich es da ja auch wohl besser hätte als hier, wir sind hier nur in einer Kaserne, zu der der Reichstag nur mit vieler Mühe das Geld bewilligt hat und gestrichen haben sie uns natürlich alles mögliche, da blieb natürlich für die Parfümation der Lokalitäten nichts übrig. Lüften Sie ordentlich, Fähnrich, wenn Ihrer Nase die Luft hier nicht zusagt, oder noch besser, rauchen Sie eine gute Zigarre, Sie haben doch gute Zigarren, Fähnrich?« Udo Bodo verstand den zarten Wink, und der Unteroffizier war ganz gerührt geworden. Mit sachverständiger Miene hatte er sich die gute Zigarre angezündet und dann gemeint: »Meine Zeit ist nun abgelaufen, denn ich muß jetzt einen schriftlichen Bericht über die Besichtigung dieses Zimmers ausarbeiten, aber verlassen Sie sich darauf, Herr Fähnrich, ich komme an einem der nächsten Tage mal wieder und prüfe den Geruch von neuem.« Und alle drei Tage erschien der Unteroffizier, um mit Freuden zu konstatieren, daß der Geruch nicht zunahm und um jedesmal mit einer Handvoll guter Zigarren beladen von dannen zu ziehen. Er war es auch, der über Udo Bodo eines Abends im Unteroffizierskasino das Urteil fällte: »Einen solchen Fahnenjunker haben wir noch nie gehabt, das ist ein Kavalier vom Scheitel bis zur Zehe, wenn der erst einmal Leutnant ist, der wird es zu etwas bringen, ein Armeekorps bekommt er sicher.« Und die Offiziere urteilten sonderbarerweise beinahe ebenso über Udo Bodo, zwar prophezeiten sie ihm nicht gerade ein Armeekorps, aber doch immerhin eine glänzende Karriere. Er sah in Uniform sehr gut aus, man merkte ihm bei jeder Gelegenheit seine tadellose Kinderstube an, er besaß einen guten Namen und viel Geld, er machte schon jetzt einen sehr guten Parademarsch und war außerdem, wie es sich für einen Fähnrich auch so gehört, einfach und bescheiden in seinem Auftreten, er sprach nur, wenn er gefragt wurde, und dann antwortete er nur mit einem ja oder nein. Das machte auf alle den besten Eindruck. Auf seine geistigen Fähigkeiten hin wurde er nicht weiter untersucht, ob er begabt sei oder nicht, das würde sich später, wenn er Leutnant war, schon herausstellen. Vorläufig genügte er den Anforderungen, die man in bezug auf gesellschaftliche Konversation an ihn stellte, vollständig, und auch dienstlich fiel er vorläufig in keiner Weise unangenehm auf, denn da war er noch ein Herdentier, das rechtsum machte, wenn seine Nachbarn es auch machten, und das Hurra rief, wenn die andern es auch taten. So hätte Udo Bodo eigentlich alle Ursache gehabt, mit sich und seinem Schicksal zufrieden zu sein, aber er hatte trotzdem Weltschmerz, und zwar sehr großen. Er fühlte sich sehr unglücklich, sein Leben war nach seiner Auffassung nicht standesgemäß genug, er mußte auf jeden Luxus verzichten und vor allen Dingen empörte ihn eins, daß er, Graf Udo Bodo, in Reihe und Glied mit gewöhnlichen Soldaten stehen mußte. Rechts neben ihm in der Kompagnie stand ein Knecht, links von ihm ein Schmied, der noch dazu als Sozialdemokrat überwiesen, und sein Hintermann war ein Abdeckergehilfe, der in der ersten Zeit es sogar manchmal gewagt hatte, ihm in die Kniekehlen zu treten, damit er bei dem Frontmarsch die Beine höher nehme. Und das hatte er sich gefallen lassen müssen. Er begriff nicht, wie so etwas erlaubt war, wie der König es dulden konnte, daß die Edelsten der Nation in Reih und Glied mit solchen Leuten, ja sogar mit vorbestraftem Gesindel gesteckt wurden, denn es waren in der Kompagnie Menschen, die wegen Körperverletzung, wegen Diebstahl und aller möglichen anderen Geschichten im Gefängnis gesessen hatten. Und neben diesen mußte er in der Schützenlinie liegen, und unter Umständen mußte er sogar mit einem solchen Objekt eine Rotte bilden und im Gefecht mit diesem gemeinsame Sachen machen. Gewiß, jeder mußte von der Pike auf dienen, auch ein Graf Adlershorst, aber konnte dieser erste, praktische Dienst nicht theoretisch erteilt werden? Die Prinzen traten doch auch gleich als Offiziere in die Armee, warum konnte das bei dem hohen Adel nicht auch der Fall sein? So gut und so viel wie ein Prinz aus irgendeinem kleinen Duodezstaat, den man kaum dem Namen nach kannte, war er nach seiner Meinung auch noch. Er fühlte das Bedürfnis, sich hierüber mit irgend jemand auszusprechen, und da er sonst niemand hatte, der so vollständig seiner Ansicht war, schrieb er an seinen Vater, und der beeilte sich, ihm zu versichern, daß er vollständig recht hätte. Leider wisse aber auch er nicht, wie eine Änderung herbeigeführt werden sollte. Durch und durch adlige Offizierskorps gäbe es ja, aber Kompagnien, die nur aus adligen Mannschaften beständen, hätte er noch nicht kennen gelernt. Gehört habe er allerdings doch schon einmal von einer solchen. Ein alter Regimentskamerad von ihm, der schon als Fähnrich Schiffbruch erlitten hätte, sei in die holländische Kolonialarmee eingetreten und dann nach Indien geschickt worden, und dort wäre er einer Kompagnie zugeteilt worden, die nur aus preußischen Adligen bestanden hätte, und zwar wären das alles frühere preußische Offiziere und Fähnriche gewesen. Dem Verfasser als Tatsache von einem früheren Angehörigen dieser Kompagnie erzählt. Ob diese Kompagnie noch existiere, wisse er allerdings nicht, denn inzwischen wären schon mehr als fünfundzwanzig Jahre verstrichen, aber anfragen könne er ja mal, falls Udo Bodo dort eintreten wolle. Graf Kuno meinte das ganz ernsthaft, und Udo Bodo faßte das ebenso auf, aber nach reiflichster Überlegung entschloß er sich doch, im Heimatland zu bleiben. Schließlich war dieser unwürdige Zustand ja nur eine Übergangsperiode, bald mußte er ja auf Kriegsschule kommen, und dann war er ja in einem Jahr Offizier. Vorläufig aber war er noch nicht so weit, und vorläufig fühlte er sich noch sehr unglücklich, heute ganz besonders. Er war verliebt, und zwar unglücklich. Sie hieß Emmy und war die jugendliche selbständige Besitzerin eines Uniformeffektengeschäftes; sie war groß und schlank gewachsen, mit einem entzückenden Gesicht und zierlichen, kleinen Händen, dabei stets reizend angezogen und immer lustig und guter Dinge. Als er sich zum erstenmal bei ihr ein halbes Dutzend Handschuhe kaufte, hatte er sein Herz verloren und nur um Emmy wiederzusehen und um ihre Gunst zu erringen, ging er fortan täglich zu ihr. Natürlich mußte er ihr jedesmal etwas abkaufen, und so besaß er denn Dutzende von Handschuhen, Berge von Mützen, Dutzende von Säbelkoppeln und ähnlichen Sachen, die er natürlich alle beiseite legte, weil er nicht imstande war, sie jemals zu gebrauchen. Er liebte Emmy, und diese liebte ihn, wie er glaubte, nur um seiner selbst willen. Jedesmal, wenn er kam, hatte sie ein freundliches Wort für ihn, stets begrüßte er sie mit einem Lächeln, und sie erlaubte es, daß er ihr Zuweilen, wenn sie allein im Geschäft waren, die Hand küßte. Vor kurzem nun hatte er sich Mut gefaßt und Emmy gebeten, eines Abends in einem verschwiegenen Restaurant mit ihm zu essen. Nach einigem Zögern und Sträuben hatte sie eingewilligt. Freudestrahlend war er zum Rendezvous geeilt, aber dort hatte er drei Stunden vergeblich auf seine Herzensdame gewartet. Ganz trübselig war er nach Hause geschlichen, und heute hatte er nun die Gewißheit erhalten, daß Emmy nie daran gedacht hatte, ihn zu erhören, und daß sie nur so besonders freundlich mit ihm gewesen war, weil kein anderer auch nur annähernd so viel kaufte, und weil Udo Bodo außerdem noch eine andere, gute Eigenschaft besaß, die ihr Herz tief rührte, er bezahlte stets bar und ließ nie etwas anschreiben. Sein Kompagnieoffizier, der auch zu Emmys unglücklichen Verehrern gehörte, hatte ihm darüber die Augen geöffnet und die Gelegenheit benutzt, ihm klarzumachen, daß derartige Flirts sich für einen Fähnrich, der noch nicht einmal auf Kriegsschule gewesen sei, absolut nicht schickten. Udo Bodo war beinahe dem Weinen nahe gewesen und sofort hatte er alle Mützen, alle Säbelkoppeln, alle Extrahelme und alles, was er sich sonst noch bei Emmy gekauft hatte, dem Feldwebel gegeben und diesen gebeten, die Sachen an arme Leute seiner Kompagnie zu verteilen. Er hatte es gut gemeint, aber der Schmerz kam nach. Der Feldwebel erstattete dem Hauptmann von diesem reichen Geschenk Meldung, und dieser ließ sich den Fähnrich kommen; um sich zu erkundigen, woher der all die Schätze habe. Der hütete sich natürlich, den wahren Grund anzugeben, warum er sich all die unnützen Dinge angeschafft habe, und so sagte er nur: »Ich habe mir die Sachen nach und nach gekauft.« Die Folge war, daß sein Hauptmann ihn für einen Verschwender erklärte, ihm den Standpunkt ganz gehörig klarmachte und befahl, daß er sich ein Ausgabebuch anschaffe und ihm dieses jeden Sonntag morgen zur Kontrolle vorlege. Und schon heute mittag hatte Udo Bodo sich dieses ominöse Buch angeschafft und mit einem ebenfalls neu erstandenen Bleistift fein säuberlich hineingeschrieben: An den Burschen für Petroleum 29 Pf. Für ein belegtes Butterbrot mit Leberwurst in der Kantine 10 Pf. Für Stiefelwichse 5 Pf. Für eine Freimarke 2 Pf. Für eine Flasche Kognak 14 Mk. Udo Bodo hatte zwar die Empfindung, als ob diese vierzehn Mark Kognak sich zwischen den anderen Ausgaben etwas sonderbar machten, aber Kognak mußte er haben, noch dazu einen guten. Am liebsten hätte er diese Ausgabe unterschlagen, aber er wußte, er durfte seinen Vorgesetzten nicht belügen. So hatte Udo Bodo zu seinem Weltschmerz alle Veranlassung, und er sah es voraus, daß derselbe noch lange anhalten würde, denn die dienstlichen Verhältnisse blieben dieselben, er hatte Emmy für alle Zeiten verloren, und ehe die Kontrolle über seine Finanzen aufhören würde, konnten noch Wochen vergehen. Er sehnte noch mehr als bisher den Tag herbei, an dem er auf Kriegsschule kommen würde, und endlich schlug auch für ihn die Erlösungsstunde. »Kommen Sie nur nicht vor der Zeit wieder,« mahnten die Offiziere, als er von ihnen Abschied nahm. »Machen Sie keine Dummheiten, damit man Sie nicht frühzeitig zurückschickt, und vor allen Dingen fallen Sie nicht durch das Examen.« Bei dem Wort Examen bekam Udo Bodo eine Riesenangst, aber er hütete sich natürlich, das einzugestehen. »Ich werde die Prüfung schon bestehen, Herr Leutnant,« war die beständige Antwort und voller Zuversicht fuhr er dem Kommenden entgegen. Und auf der Kriegsschule harrte seiner eine Auszeichnung, die niemand erwartet hatte. Im letzten Augenblick war dorthin ebenfalls als Schüler ein Prinz kommandiert worden, zwar keiner aus einem regierenden Hause, aber doch aus einer sehr nahen Nebenlinie, und wenn das Glück dem Prinzen hold war. wenn die Ehe seines Großonkels wie bisher so auch in Zukunft kinderlos blieb, dann konnte er vielleicht doch noch auf den Thron kommen. Der war allerdings so klein, daß man ihn kaum sah, aber es war doch immerhin ein Thron. Für diesen Prinzen mußten nun unter den Mitschülern einige ausgesucht werden, die mit ihm in nähere Berührung treten durften, die gewissermaßen seine Intimen bildeten, und zu diesen wenigen gehörte auf Grund seiner vornehmen Geburt auch Udo Bodo. Er aß mit dem Prinzen bei dem für alle Zöglinge gemeinsamen Mittagsmahl an demselben Tisch, er ging mit ihm spazieren, er besuchte mit ihm die Restaurants und nahm auch mit ihm an der Arbeitsstunde in demselben Zimmer teil. Mit den Arbeiten aber nahm der Prinz es sehr gewissenhaft. »Ich komme zwar doch durch das Examen,« pflegte er zu sagen, »ganz einerlei, ob ich was weiß oder nicht, aber lieber ist es mir doch, ich verdanke das Reifezeugnis wirklich meinen Kenntnissen, als nur der Gnade meiner Lehrer und ihrer Hoffnung auf einen Orden, den mein Großonkel ihnen geben soll.« Und weil der Prinz fleißig arbeitete, waren seine Kameraden auch sehr fleißig, und Udo Bodo war am allerfleißigsten. Aber sie arbeiteten nicht nur, sie genossen auch in vollen Zügen die goldene Freiheit und die harmlosen Vergnügungen, denen man sich als Fähnrich hingibt. Allerdings litten diese etwas darunter, daß man immer nur in einem kleinen Kreis zusammen war, denn mit dem Gros der anderen Fähnriche kam man fast gar nicht in Berührung, aber man amüsierte sich doch, denn der Prinz, der bisher unter strenger Aufsicht gestanden hatte, war nicht verwöhnt und die kleinste Torheit, die er machte, kam ihm wie eine ungeheure Ausschreitung vor, auf die er dann ganz stolz war. Udo Bodo stand seinem Herzen besonders nahe. Begabt, wie der Prinz bis zu einer gewissen Grenze war, hielt er es gar nicht für möglich, daß Udo Bodo in seinem Wissen wirklich so weit zurück war, um so weniger, als dieser sonst der vollendete Kavalier war. So glaubte er beständig, wenn Udo Bodo etwas Törichtes sagte, dieser mache einen Witz, und so kam der Prinz in seiner Gesellschaft gar nicht aus dem Lachen heraus und in seinen Briefen an den Großonkel erzählte er beständig von seinem lustigen, amüsanten Freunde. Und als die Ferien herankamen, sagte der Prinz zu Udo Bodo: »Wie ist es, haben Sie Lust, die Ferien mit mir zusammen auf dem Schloß meines Großonkels zu verleben? Ich habe Seiner Hoheit viel von Ihnen erzählt, und Seine Hoheit würden sich ebenso freuen wie Ihre Hoheit, meine gnädigste Frau Großtante, wenn Sie mich begleiteten.« Udo Bodo war natürlich mehr als glücklich; so reisten sie denn zusammen ab und verlebten herrliche Tage. Unter dem Zwang der Etikette und des Hofzeremoniells, das um so strenger beachtet wurde, als es sich um einen kleinen Hof handelte, war das Tagesprogramm eigentlich gräßlich langweilig, aber die große Auszeichnung, an einem Hofe als Gast zu weilen, ließ Udo Bodo gar nicht zum Bewußtsein dieser Langenweile kommen. Für ihn ging die Zeit zu schnell dahin, der Abschiedstag, kam nur zu früh heran, aber der wurde ihm dadurch versüßt, daß Seine Hoheit ihm zur Erinnerung an den Besuch eine goldene Busennadel schenkte, die zwar nur Silber vergoldet war, deren hoher Wert aber dennoch darin bestand, daß sie von Seiner Hoheit stammte, oder besser gesagt, von dessen Hofjuwelier. »Im nächsten Jahr, sobald Sie Offizier sind, bekommen Sie einen Orden, Graf Adlershorst,« erklärte der Prinz. »Seine Hoheit, mein Herr Großonkel, hat es mir fest versprochen. Er hätte Ihnen diese Auszeichnung schon heute verliehen, aber nach den bestehenden Bestimmungen dürfen Fähnriche, wenn sie keine Prinzen sind, ja keine Orden tragen, und Prinz sind Sie ja leider nicht.« »Leider nicht,« stimmte Udo Bodo ihm bei. »Na, seien Sie nur zufrieden,« meinte der Prinz leutselig, »ein Graf Adlershorst und außerdem der intimste Freund eines Prinzen zu sein, ist auch noch nicht das schlechteste auf der Welt. Und wenn ich jemals an die Regierung kommen sollte, dann werde ich Sie nicht vergessen, mein Wort darauf!« Als Udo Bodo diese Worte seines prinzlichen Freundes nach Haus berichtete, wußte man sich dort vor Freude kaum zu fassen. Graf Kuno stand länger als fünf Minuten unschlüssig vor seinem Zigarrenschrank und überlegte, welche Zigarre würdig sei, zur Feier dieses Ereignisses geraucht zu werden. Endlich entschloß er sich zu einer großen Uppmann, aber während des Rauchens kam sie ihm doch nicht gut genug vor und er benutzte diese Gelegenheit, um sich bei seinem Lieferanten fünfhundert der allerteuersten Importen zu bestellen, damit er das nächste Mal wirklich etwas Passendes auf Lager habe. Gräfin Cäcilie aber, die nicht rauchte, weinte Freudentränen. »Der gute Junge, der liebe Udo Bodo. Ich hab' es ja gleich gesagt, an dem werden wir nur Freude erleben. Paß auf, Kuno, das, was er später noch leistet, wird alles, was bisher ein Adlershorst getan, in den Schatten stellen. Der herzige Junge, ach, wäre er doch hier, daß ich ihn küssen könnte! Die nächsten Ferien aber muß er unbedingt bei uns verleben. da muß er uns ganz ausführlich erzählen, wie man ihn bei Hof aufgenommen hat, oder noch besser, in den nächsten Ferien muß er den Prinzen mit zu uns bringen. Meinst Du nicht auch, Kuno?« Der saß stumm und sprachlos da und war vorläufig unfähig, sich in die neue Situation hineinzudenken. Prinzenbesuch auf Adlershorst, das war mehr Glück, als er sich vorzustellen vermochte. Endlich aber konnte er wieder denken und selbstverständlich war er für diese Idee Feuer und Flamme. »Natürlich müssen wir den Prinzen bitten, zu uns zu kommen, das beste wird es sein, wenn wir ihn nicht offiziell einladen, sondern wenn Udo Bodo seinen Freund ganz kameradschaftlich bittet, mit ihm herzukommen. Der kann dann bei Seiner Hoheit anfragen, ob dieser die Erlaubnis hierzu erteilt, was ich als ganz selbstverständlich annehme, und dann steht dem Besuch nichts mehr im Wege. Das wird ein Ehrentag für Adlershorst werden, wie er in der glorreichen Geschichte unserer Familie noch nicht da war. Wie schade, daß Gräfin Isabella diesen Tag nicht erlebt hat!« Warum er das eigentlich schade fand, wußte er selbst nicht, vielleicht weil diese die Gelegenheit benutzt hätte, sich eine der neuesten Pariser Roben zu kaufen, in denen sie im Gegensatz zur Gräfin Cäcilie stets herrlich ausgesehen hatte, vielleicht aber auch, weil Isabellas Schönheit den jungen Prinzen, natürlich in allen Ehren, auf das höchste entflammt und enthusiasmiert und dadurch das Freundschaftsband zwischen den beiden jungen Leuten noch fester geschlungen hätte. Auf jeden Fall dachte er seit langer Zeit wieder zum erstenmal an seine verstorbene Gemahlin, und noch an demselben Nachmittag fuhr er vierspännig zum Grab der Entschlafenen, und am nächsten Tag hatte er die Genugtuung, in dem Lokalblättchen der kleinen Stadt unter der Überschrift »Hoher Besuch« zu lesen: »Gestern nachmittag beehrte Graf Kuno von Adlershorst. Majoratsherr auf Adlershorst, unsere Stadt mit einem Besuch, um an der Gruft seiner ersten, unvergeßlichen Frau Gemahlin, der leider so früh verstorbenen Gräfin Isabella, geborene Gräfin von Hohenburg, lange Zeit im stillen Gebet zu verweilen.« Über diese Notiz war Graf Kuno so begeistert, daß er sich sofort fünfundzwanzig Exemplare dieser Nummer kommen ließ, um allen Verwandten eine zu schicken und den Rest dem Familienarchiv einzuverleiben. Die nächsten Tage brachte man damit zu, ungeduldig auf den Brief zu warten, in dem Udo Bodo mitteilen sollte, wie der Prinz über die an ihn ergangene Einladung nach Adlershorst dächte. Und endlich kam der Bescheid, der Prinz freute sich sehr, er habe telegraphisch bei seinem Großonkel um Erlaubnis gebeten, und dieser habe seine Einwilligung erteilt. Graf Kunos Begeisterung kannte keine Grenzen, und wenngleich noch mehr als zehn Wochen vergehen mußten, ehe der Prinz wirklich kam, so fing er doch schon an demselben Tage an, ein Programm für die Festlichkeiten zu entwerfen und eine Instruktion für die Dienstboten auszuarbeiten. Acht Tage ließ er den Leuten Zeit, sich die weisen Lehren theoretisch anzueignen, dann wurden sie praktisch durchgenommen, und zwar in der Weise, daß Graf Kuno sich bei Tisch mit Hoheit anreden und als solcher behandeln ließ. Dann wurden neue Uniformen für den Kammerdiener und den ersten Jäger bestellt, zwei weitere Diener wurden angelernt, neue Weinsorten wurden ausprobiert, Graf Kuno mußte sich eingehend über die ganze Familie des Prinzen informieren, ein zweiter Viererzug wurde eingefahren, denn man mußte doch mit der Möglichkeit rechnen, daß aus lauter Niedertracht ein Gaul des ersten Viererzuges krank würde, kurz, es gab so viel zu tun, daß Graf Kuno gar nicht wußte, wo er die Zeit hernehmen sollte. Er mußte der ganzen Verwandtschaft die große Ehre, die ihm und seinem Hause bevorstand, mitteilen, er mußte die Menükarten in Berlin drucken lassen, er mußte seinen Schneider bestellen und einen neuen Frackanzug machen lassen, Gräfin Cäcilie mußte nach der Residenz fahren und sich dort neue Roben kaufen, Franz, der Kammerdiener, brauchte ein Paar neue Lackschuhe, und für die neu eingestellten Jäger mußten neue Hirschfänger besorgt werden, und manchmal fürchtete Graf Kuno wirklich, er würde mit den Vorbereitungen gar nicht fertig werden. Sehr schwer war auch die Frage zu beantworten, ob er während der Tage, an denen der Prinz auf Adlershorst weilte, auch noch andere Gäste zum Diner bitten solle und wen? Am liebsten hätte Graf Kuno große Gesellschaft geladen, um dieser gegenüber mit seinem hohen Gast und mit seinem Sohn, der sich hoher Fürstengunst erfreute, zu prahlen, aber auf der anderen Seite wollte Graf Kuno den hohen Gast ganz für sich genießen, er gönnte ihn keinem anderen. Gräfin Cäcilie fand den richtigen Ausweg, sie schrieb an Udo Bodo und bat diesen, den Prinzen zu fragen, ob ihm weitere Gäste willkommen seien, der Einfachheit halber legte sie ihm gleich ein Verzeichnis derjenigen, die überhaupt in Frage kamen, bei. Aber der Prinz ließ sagen, er wünsche ganz allein auf Adlershorst zu weilen, seinetwegen solle man keine Gesellschaften und keine Feste geben, er möchte einmal ganz ungeniert und ganz frei von jedem Zwang im Kreise einer Familie weilen, und bäte dringend, daß man seinetwegen nicht die geringsten Umstände mache. Leider kam die letzte Bitte zu spät, denn im Schlosse tobten zahllose Handwerker, die Zimmer, die der Prinz bewohnen sollte, wurden neu eingerichtet und neu tapeziert, sämtliche Parkettfußböden wurden aufgearbeitet, und in der Bibliothek, in der sonst ein wüstes Chaos herrschte, saß ein Schullehrer aus der nahen Stadt und suchte wenigstens etwas Ordnung in die Klassiker und modernen Schriftsteller zu bringen. Endlich war der große Tag da, der Prinz und Udo Bodo hielten ihren Einzug, beide in der denkbar besten Stimmung, denn sie hatten am Tage vorher eins der Tentamina, die der Schlußprüfung vorangehen, glücklich bestanden, Der Prinz hatte leidlich gearbeitet und in seiner Eigenschaft als eventueller Thronbesteiger das Prädikat »gut« erhalten. Udo Bodo hatte von seinem prinzlichen Freunde alles wörtlich abgeschrieben, und wenngleich die Lehrer das natürlich gemerkt hatten, so durften sie das doch nicht zugeben, denn sonst hätte Udo Bodo aus der Nähe des Prinzen entfernt werden müssen. Und da man das Freundschaftsbündnis der beiden kannte und den Prinzen weder ärgern noch betrüben durfte, so drückte man beide Augen zu und schrieb unter die abgeschriebenen Arbeiten von Udo Bodo ebenfalls ein »gut«. Gleich nach der Ankunft auf Adlershorst fand das Diner statt und hinterher saß man in dem Salon, rauchte Zigarren, trank Kaffee, erzählte sich Geschichten von adligen Familien, Jagderlebnisse und dergleichen, und der Prinz fühlte sich so Wohl und behaglich, daß er gar nicht Worte genug finden konnte, um zu sagen, wie sehr er sich freue, ein paar Tage in der Familie seines Freundes zubringen zu können. Und als der Prinz am nächsten Morgen auf die Pürsche ging und bei der Gelegenheit einen Rehbock schoß, da kannte seine Freude überhaupt keine Grenzen mehr. Er telegraphierte sein Jagderlebnis sofort seinem Großonkel und am Mittag desselben Tages kam die Antwort: »Sage dem Grafen und der Gräfin von Adlershorst meinen allerherzlichsten Dank für alle Dir erwiesenen Freundlichkeiten. Sende dem Grafen noch heute die zweite Klasse meines Hausordens, der Gräfin ein goldenes Armband, Deinem Freunde eine goldene Uhr nebst Kette, die Du ihnen in meinem Namen und in meinem Auftrage überreichen sollst. Dein Erfolg auf der Jagd macht mich stolz und glücklich.« Selbstverständlich rief der Inhalt dieses Telegramms große Begeisterung hervor, am glücklichsten war der Prinz selbst, er freute sich, seinen Gastgebern eine Freude bereiten zu können, und als am nächsten Tag als Eilpaket die fürstlichen Belohnungen eintrafen, fand in feierlichster Weise die Verteilung der Gnadenbeweise statt. Natürlich trug Graf Kuno bei Tisch den neuen Orden, die Gräfin Cäcilie ihr Armband, und Udo Bodo sah in seiner kindlichen Begeisterung alle fünf Minuten auf seine neue Uhr. Allerdings hatte er schon eine sehr schöne goldene Uhr besessen, die entschieden wertvoller war als diese, denn die neue Uhr war ebenso wie die Kette nur sehr stark Silber vergoldet, aber die Hauptsache war ja, daß sie von einem Fürsten stammte, oder besser gesagt, von dessen Hofjuwelier. An dem Abend desselben Tages, als der Prinz sich schlafen gelegt hatte, saßen Graf Kuno, Gräfin Cäcilie und Udo Bodo noch lange zusammen und plauderten miteinander. »Du hast jetzt Dein Schicksal in Händen,« meinte Graf Kuno zu seinem Sohn. »Nach schweren Prüfungen, welches Wort Du sowohl bildlich wie in wirklichem Sinne auffassen kannst, hast Du jetzt gewonnenes Spiel, denn daß Du die Offiziersprüfung bestehen wirst, unterliegt für mich keinem Zweifel. Trotz Deiner Jugend sind Dir Ehrungen aller Art in nie geahnter Weise zuteil geworden, Du hast einen Prinzen zum Freund, Du hast Fürsten und Fürstinnen die Hand küssen dürfen und durftest mit den Größten dieser Welt an demselben Tische sitzen. Vor allen Dingen aber bist Du trotz Deiner einundzwanzig Jahre schon Besitzer von vier goldenen Busennadeln und einer goldenen Uhr nebst Kette. Wenn man Dich schon jetzt so auszeichnet, wie wird man es da erst später tun, sobald Du Offizier bist. Da wird sich jede Busennadel in einen Orden verwandeln, und ich sehe Dich schon als Ritter der verschiedensten Orden vor mir. Ich kann nur sagen, diese Aussicht erfüllt mich mit froher Zuversicht für Deine Karriere und für den Glanz und den Ruhm unseres Hauses. Bleib auch ferner so wie Du bist, und der Segen Deines Vaters wird nicht von Dir weichen.« Ganz gerührt über seine eigenen Worte schloß Graf Kuno seinen Sohn in die Arme und wollte ihn wirklich segnen, da er aber nicht genau wußte, wie man das machte, und da er sich auch nicht blamieren wollte, begnügte er sich denn damit, seinen Sohn auf die Stirn zu küssen und ihn zu fragen: »Willst Du noch eine Zigarre?« »Gewiß, Papa.« Und bis spät in die Nacht saßen sie zusammen und freuten sich der Tatsache, daß Udo Bodo geboren war. Und Udo Bodo freute sich darüber am allermeisten. Am nächsten Morgen äußerte der Prinz den Wunsch, zur Stadt zu fahren, um an dem Grab der Mutter seines Freundes einen Kranz niederzulegen. »Gott, wenn Isabella doch das mitansehen könnte, wie würde sie sich freuen,« dachte Graf Kuno. »Aber vielleicht freut sie sich auch so.« Gegen Mittag fuhr man vierspännig zur Stadt, den Jäger auf dem Bock, zwei große Kränze im Wagen. Gräfin Cäcilie war zu Haus geblieben, angeblich, um sich um den Haushalt zu kümmern, in Wirklichkeit aber, weil sie als jetzige Herrin auf Adlershorst der Klage um die Verstorbene nicht beiwohnen wollte; jeder erriet und begriff diesen stillen, unausgesprochenen Wunsch. Die Herren fuhren davon und alle drei bemühten sich unterwegs, ein dem Ernst der Situation angemessenes Gesicht zu machen, aber so ganz gelang es keinem, dem Prinzen nicht, weil er die Verstorbene ja nie gekannt hatte, Graf Udo Bodo nicht, weil er seine Mutter nie gesehen hatte, und dem Grafen Kuno nicht, weil er die Verstorbene längst vergessen hatte. Schweigend fuhr man dahin, über banale Sachen wollte man nicht sprechen, und über die Tote wußte niemand etwas Rechtes zu sagen. Jeder hing seinen Gedanken nach und den Grafen Kuno beschäftigte die Frage lebhaft: ob der Prinz wohl meine Kirchenfenster hübsch finden wird und ob wohl Leute vor der Kirche stehen? Er hoffte das Beste, denn er hatte einen Reitknecht zur Stadt geschickt, damit der Küster mit den Schlüsseln rechtzeitig zur Stelle wäre, vor allen Dingen aber auch, damit die Bevölkerung erführe, daß er mit dem Prinzen käme; und seine Berechnung erwies sich als richtig, Hunderte von Neugierigen standen herum, als der Viererzug ankam, alle entblößten ehrerbietig das Haupt, und der Prinz meinte in ehrlichster Überzeugung: »Es muß Ihnen doch ein großer Trost in Ihrem starken Schmerze sein. Herr Graf, wenn Sie sehen, wie die Verstorbene auch im Andenken dieser Leute weiterlebt.« Graf Kuno war von diesen Worten so gerührt, daß ihm wirklich eine Träne ins Auge stieg und in stummer Dankbarkeit drückte er dem Prinzen die Hand. Dann stieg man in die Gruft, legte die Kränze nieder, verrichtete ein stummes Gebet und stand im stillen Nachdenken da. Graf Kuno dachte: »Soll ich das Zeichen zum Aufbruch geben oder muß ich das dem Prinzen überlassen?« Der Prinz dachte: »Eigentlich haben wir hier nun lange genug gestanden, soll ich das Zeichen zum Aufbruch geben, oder muß ich das dem Grafen überlassen?« Und Udo Bodo dachte gar nichts. Nach einer Viertelstunde wurde dem Grafen das Stehen unbequem, so wandte er sich denn mit halblauter Stimme an seinen Gast: »Wenn es Euer Hoheit recht wäre –« Der nickte stumm, faltete noch einmal die Hände, Graf Kuno warf noch einen schmerzerfüllten Blick auf den Sarg, Udo Bodo rückte die Kränze noch etwas zurecht und dann stiegen alle wieder ins Freie. »Wollen wir gleich nach Haus fahren? Oder wollen wir die Gelegenheit benutzen, Hoheit die Stadt etwas zu zeigen?« fragte Udo Bodo. »Wenn Hoheit dazu Lust hat, sehr gern,« meinte Graf Kuno. Der Prinz wurde etwas verlegen. »Meine Wünsche treten da natürlich zurück. Ich weiß nur nicht, Herr Graf, ob Sie in Ihrem Seelenschmerz auch in der richtigen Stimmung sind.« »O, was das anbelangt,« wollte Graf Kuno sagen, aber zur rechten Zeit fiel ihm ein, daß dieser Ausdruck vielleicht doch nicht der ganz richtige wäre, und so meinte er denn: »Auch mir wird eine kleine Zerstreuung sehr gut tun.« Und diese kleine Zerstreuung bestand darin, daß man sich nach einer kurzen Fahrt durch die Stadt, auf der man sich die Sehenswürdigkeiten flüchtig angesehen hatte, in dem ersten Hotel zu einem opulenten Sektfrühstück niederließ, das damit endete, daß alle drei Herren, mehr oder weniger bezecht, abends in der Dunkelheit wieder auf Adlershorst eintrafen. Als Gräfin Cäcilie die Herren auf der großen Diele begrüßte, taumelte sie beinahe hintenüber. Graf Kuno hatte alle männliche Haltung und Würde verloren und glich eher einem bezechten Weinreisenden, als dem Majoratsherrn von Adlershorst. Udo Bodo war sinnlos betrunken, und auch der Prinz war nicht mehr ganz taktfest, obgleich der noch entschieden die meiste Haltung bewahrte. Es war die Stunde, in der zu Tisch gegangen werden sollte, und Gräfin Cäcilie fragte, wann sie die Herren zum Diner erwarten dürfe, aber sie erhielt keine Antwort, denn Graf Kuno sagte sich: »Ich kann unmöglich etwas essen, aber ich kann doch meinen Gast nicht allein zu Tisch gehen lassen.« und der Prinz sagte sich: »Ich kann unmöglich etwas essen, aber ich kann als Gast doch meine Gastgeber nicht allein zu Tisch gehen lassen.« Und Udo Bodo sagte gar nichts, der war im Stehen eingeschlafen. Gräfin Cäcilie übersah die Situation. »Die Herren werden von der langen Wagenfahrt etwas ermüdet sein, vielleicht legen sich die Herren vor Tisch noch eine Stunde schlafen, das Diner kann ja später serviert werden.« »Weib, gib mir einen Kuß,« rief Graf Kuno, der ganz seine sonstige Ruhe verloren hatte, und er streckte begehrend seine Arme nach seiner Gattin aus, aber diese wich erschrocken zurück. Erstens liebte sie überhaupt keine Zärtlichkeiten, zweitens nicht in Gegenwart von Fremden und ganz besonders nicht, wenn die Küsse nach Alkohol schmeckten. Auch der Prinz war von der Liebenswürdigkeit der Gräfin entzückt. »Gnädigste Gräfin, Sie sind scharmant, ich meine, ich wollte sagen, nicht nur das, sondern ganz besonders –« Aber Seine Hoheit hatte die geistige Kontenance verloren und versuchte vergebens, den angefangenen Satz zu Ende zu bringen. »Wenn die Herren sich dann in ihre Zimmer zurückziehen wollten –« meinte Gräfin Cäcilie. »Ziehen wir uns,« meinte Graf Kuno gelassen. Da gab es plötzlich einen lauten Krach. »Hat's gedonnert?« fragte Graf Kuno. »Beruhige Dich nur, so schlimm ist es nicht, Udo Bodo ist nur eben umgefallen.« »Laß ihn liegen,« meinte Graf Kuno gelassen, »er hat's gut, der braucht sich nicht erst hinzulegen. Famoser Witz, was, Hoheit?« Der hatte ihn gar nicht begriffen, aber aus angeborener Artigkeit lachte er doch mit. Dann aber drängte Gräfin Cäcilie erneut zum Aufbruch, Graf Kuno und der Prinz gingen in ihre Zimmer, und Franz und der Jäger trugen den noch immer festschlafenden Udo Bodo in sein Schlafzimmer, kleideten ihn dort aus und brachten ihn zu Bett. »Na, der ist nicht schlecht besoffen,« meinte Fritz, der Jäger. Da schlug Udo Bodo, der bis dahin völlig regungslos gewesen war, ein Auge auf und sagte: »Besoffen? Höchstens leicht angesäuselt,« und gleich darauf war er wieder fest entschlafen. »Ich bin nur begierig, ob wir heute noch etwas von dem Diner zu sehen bekommen.« meinte der Jäger, »ich bin wirklich begierig.« Und die Gräfin Cäcilie war es erst recht, die saß in dem Salon in einer neuen Toilette, die nun kein Mensch bewundert hatte, und aß vor Wut beinahe ihr seidenes Taschentuch auf; sie war empört über die Verfassung, in der die Herren nach Hause gekommen waren, und was sie am meisten erregte, sie hatte niemand, dem gegenüber sie ihrem Herzen Luft machen konnte. Graf Kuno hatte sich eingeschlossen und sein lautes Schnarchen bewies, daß er vorläufig auch nicht wieder aufschließen würde, Udo Bodo war eine Leiche, und zu dem Prinzen konnte sie doch nicht ins Zimmer gehen. Sie war wütend auf die Herren, am meisten auf ihren Mann, weil der als Ältester und in seiner Eigenschaft als Vater der Jugend mit einem so schlechten Beispiel vorangegangen war, sie war wütend auf Udo Bodo, weil der ganz vergessen hatte, daß er ein Graf war und sich betrunken hatte, als wäre er ein Arbeiter, und sie war wütend auf den Prinzen oder sie wollte wenigstens wütend auf ihn sein, aber sie sagte sich, daß die Etikette und die Höflichkeit verlangten, einem Gaste, der unter ihrem Dache weilte, nicht zu grollen, besonders nicht, wenn dieser ein Prinz war, der später ihrem Stiefsohn sehr nützen konnte. So wollte sie sich allen Ernstes an das Klavier setzen und das schöne Lied spielen: »Ich grolle nicht«, aber da sie den Klavierschlüssel nicht finden konnte, gab sie diese edle Absicht auf. Aus dem Diner wurde heute nichts, die Herren waren nicht wach zu bekommen, sie schliefen die ganze Nacht glatt durch, um erst am nächsten Morgen mehr oder weniger verkatert wieder auf der Bildfläche zu erscheinen. Und dieser Tag ging eigentlich damit hin, daß ungeheure Quantitäten Selterwasser getrunken wurden, daß man davon sprach, wie famos man sich amüsiert habe, und daß man abends bei dem Diner den Entschluß faßte, morgen wieder zur Stadt zu fahren. »Das paßt mir sehr gut.« meinte Gräfin Cäcilie, »da werde ich die Herren begleiten, ich habe einige dringende Besorgungen zu machen.« und sie erreichte mit diesen Worten ihren Zweck, denn von dieser Minute an wurde nicht mehr von dem Ausflug gesprochen. Und das erste Sektfrühstück blieb auch das letzte. »Wenn wir uns jetzt wiedersehen, Papa,« meinte Udo Bodo am letzten Tag, »habe ich das Offiziersexamen bestanden, und nach weiteren acht Wochen bin ich Offizier, und dann, Papa, darfst Du mal was erleben.« Aber was sein Vater dann erleben sollte, sagte Udo Bodo nicht, aus dem einfachen Grunde, weil er es selbst nicht wußte, und Graf Kuno drang nicht weiter mit Fragen in ihn, wenn Udo Bodo es sagte, dann würde er schon etwas erleben, dafür war Udo Bodo ja sein Sohn und hielt Wort. Graf Kuno begleitete seinen hohen Gast und seinen Sohn selbst zur Bahn, und unmittelbar, nachdem der Zug sich in Bewegung gesetzt hatte, fuhr Graf Kuno seinem Schloß wieder entgegen. Er wußte, dort harrte seiner keine frohe Stunde. Die Gräfin Cäcilie hatte sich ihre Aussprache mit ihm aufgespart, bis sie wieder ganz allein unter vier Augen wären. Jetzt war es soweit und allzuviel Freundlichkeiten würde er nicht zu hören bekommen. Er sank in sich zusammen, daß seine steifgestärkte Hemdenbrust mit einem lauten Knacks ihre äußere Schönheit von sich gab, dann aber richtete er sich wieder in die Höhe und wurde auch gleich wieder froh und glücklich. Sobald er seine Strafrede hinter sich hatte, wollte er sich heranmachen, die Geschichte dieses Prinzenbesuches in ihrer Entstehung und in ihrem Verlauf ausführlich in die Familienchronik einzutragen, damit auch die späteren Generationen wüßten, welche Ehre dem Hause widerfahren sei. Und er beschloß, den Orden, das Armband und Udo Bodos goldene Uhr nebst Kette photographieren zu lassen und diese Bilder in die Familienchronik einzukleben, damit die spätesten Geschlechter nicht nur lesen, sondern mit eigenen Augen sehen könnten, wie ein deutscher Prinz die Mitglieder der gräflichen Familie von Adlershorst geehrt hatte. Und nachdem er diesen genialen Gedanken gefaßt hatte, fuhr er mit froher Miene seiner Strafrede entgegen. V. Seine Hoheit Prinz Karl Friedrich hatte das Offiziersexamen mit »gut« bestanden, und da Udo Bodo auch bei dem Schlußexamen alles wörtlich von seinem prinzlichen Freunde abgeschrieben hatte und im mündlichen Examen genau so viel Antworten schuldig geblieben war wie Seine Hoheit, hatte auch er als Schlußzeugnis das Prädikat »gut« erhalten. Das war für ihn eine glänzende Empfehlung und so nahm man ihn denn, als er sich wieder bei seinem Regiment meldete, mit offenen Armen auf. Alle waren stolz auf ihn, und als er bald darauf Leutnant wurde, prophezeite man ihm auf Grund der gut bestandenen Prüfung, auf Grund seiner schönen Erscheinung, seines Namens und seines Geldes eine große Zukunft. Allerdings, zuerst haperte es mit seinen praktischen Kenntnissen ganz furchtbar, er machte beim Exerzieren nichts wie Dummheiten, er verlief sich beständig, er wußte nie, wo er hingehörte, und bei den Felddienstübungen stellte er seine Posten stets an dem Punkt auf, der im ganzen Weltall hierzu der allerungünstigste war. Ganz schlimm aber wurde es, als er seine erste Winterarbeit ablieferte. Es war ihm mit dem Unsinn, den er geschrieben hatte, heiligster Ernst gewesen, aber sein Major, der die Aufgabe gestellt hatte, glaubte, er hätte sich über das leichte Thema, das ihm in seiner Eigenschaft als jüngster Offizier gestellt worden war, lustig gemacht und hätte es in humoristisch-satirischer Form behandelt. Udo Bodo bekam ganz entsetzliche Grobheiten zu hören, und als er bei allen Heiligen der Welt schwur, ihm habe nichts ferner gelegen, als sich über eine dienstliche Aufgabe lustig zu machen, glaubte ihm kein Mensch, denn, so sagten sich die Vorgesetzten, wenn ein Mann das immerhin nicht ganz leichte Offiziersexamen mit »gut« besteht, dann kann er gar nicht so dumm sein, wie es der Mensch sein muß, der diese Arbeit verfaßt hat. Udo Bodo war aber in Wirklichkeit, was die anderen nicht wußten, sogar noch dümmer. Alle hielten ihn auf Grund seiner guten Kriegsschulzeugnisse für einen sehr befähigten Offizier, und Udo Bodo widersprach ihnen nicht nur nicht, sondern er bestärkte sie noch in ihrem Urteil, und zwar nicht, um sie zu täuschen, sondern aus gewissenhaftester Überzeugung. Er hatte sich zu der Überzeugung durchgerungen, daß er sich früher selbst sehr unrecht getan hatte, als er sich für geistig beschränkt hielt. Er begriff sich nicht mehr, wie er früher so gering habe denken können, und er war jetzt von seiner geistigen Begabung so durchdrungen, daß er jeden für einen Idioten hielt, der seine Klugheit nicht anerkannte. Und da er zu seinem Leidwesen oft erkennen mußte, daß seine Vorgesetzten über diesen Punkt ganz anders dachten als er, so gewöhnte er sich daran, in ihnen Wesen zu erblicken, die in militärischer Hinsicht gar keine Existenzberechtigung besaßen und die nach seiner Auffassung schon lange in die Wurst gehörten. Und der Glaube an sich selbst und seine Weisheit wurde noch größer, als er, nachdem er ein Jahr Offizier war, von dem Großonkel seines Prinzen, mit dem er immer im regsten Briefwechsel stand, einen Orden erhielt. Jeder andere hätte sich über diese Auszeichnung sehr gefreut, Udo Bodo steckte die dritte Klasse des Verdienstordens mit der größten Gleichgültigkeit an die vorschriftsmäßig auswattierte Brust. Erstens hatte er es ja gewußt, daß der Orden kommen würde, und außerdem war es doch ganz selbstverständlich, daß er einen Orden bekam, denn wenn er nicht einmal dekoriert werden sollte, wer war dann dessen würdig? Im Kreis der Kameraden erregte diese Auszeichnung natürlich bis zu einem gewissen Grade den Neid der besitzlosen Klasse, denn unter den Leutnants war kein einziger, der eine andere Dekoration besaß als die Zentenar-Medaille. Aber trotzdem waren die meisten gerecht genug, einzusehen, daß er diesen Orden wirklich verdiente. Denn wie das Gerücht entstanden war, wußte eigentlich niemand, aber es war ein offenes Geheimnis, daß Udo Bodo mit einem Prinzen zusammen auf Kriegsschule gewesen war, dessen geistige Fähigkeiten gleich Null gewesen wären, und daß dieser sein Examen nur dadurch bestanden hätte, daß er alles wörtlich von Udo Bodo abschrieb. Na, und daß der Großonkel des Prinzen sich jetzt erkenntlich zeigte, war ja ganz selbstverständlich. Als diese Legende Udo Bodo zum erstenmal zu Ohren kam, widersprach er auf das energischste, aber kein Mensch glaubte ihm, man fand es nur sehr anständig von ihm, daß er diskret war und den Freund nicht verriet. Auf den Gedanken, der Wahrheit die Ehre zu geben und einzugestehen, daß er selbst derjenige gewesen sei, der abgeschrieben hatte, kam er deshalb nicht, weil es im Laufe der Zeit seine gewissenhafte Überzeugung geworden war, daß er die Prüfung aus eigener Kraft bestanden hatte. In gesellschaftlicher Hinsicht war Udo Bodo der Star. Kein Mensch tanzte auch nur annähernd einen so schönen Walzer wie er, kein anderer verlor so rasch Vielliebchen und machte so kostbare Geschenke, kein anderer war so reich und sah so gut aus. Die jungen Damen umschwärmten ihn, denn Frau Gräfin wollte jede gern werden, noch dazu eine so reiche. Aber Udo Bodo dachte noch gar nicht ans Heiraten. Er begnügte sich damit, sich anschwärmen zu lassen und jede einzelne mit Betty zu vergleichen, die er immer noch nicht vergessen hatte. Betty war nun schon zwei Jahre verheiratet, natürlich war auch Udo Bodo zur Hochzeit eingeladen gewesen, aber er hatte geschrieben: »Mein Herz würde brechen, wenn ich Dich mit einem andern am Altar sähe, und ich will Dir den Schmerz ersparen, über meine Leiche hinweg glücklich zu werden.« Ein paarmal hatte Betty ihm noch geschrieben und ihn um seinen Besuch gebeten, aber er hatte gar nicht geantwortet, weil er es für ein großes Unrecht hielt, der Frau eines andern Liebesbriefe zu schreiben und weil er nicht imstande war, mit ihr schriftlich über gleichgültige Dinge zu plaudern. Udo Bodo führte einen sehr vernünftigen Lebenswandel, er hatte für das weibliche Geschlecht nicht mehr Interesse wie jeder andere junge Mensch in seinem Alter, und auch in finanzieller Hinsicht war er sehr verständig. Seine Bitte, sich Pferde halten zu dürfen, war ihm mit Rücksicht auf die weniger bemittelten Kameraden vom Kommandeur abgeschlagen worden, so bestand sein ganzer Luxus, den er sich leistete, darin, daß er sehr gut rauchte und jeden Mittag im Kasino eine Flasche französischen Sekt trank, zu der er immer einen seiner Kameraden einlud. Jedesmal wurde die Flasche mit den Worten bestellt: »Na, ganz ausnahmsweise wollen wir heute mal unsolide sein und Champagner trinken.« Udo Bodo wollte sich über diesen stereotypen Witz immer fast halbtot lachen, acht Tage lachten auch die Kameraden mit, dann aber hörte das Lachen auf und nur der Sekt blieb, und das war für Udo Bodos verwöhnten Gaumen oft viel besser, als wenn es umgekehrt gewesen wäre. Udo Bodo fühlte sich glücklich und zufrieden, und dennoch gab es etwas, das ihn nicht ganz zum Lebensgenuß kommen ließ, das war die Tatsache, daß er Dienst tun mußte. Er hatte sich das Offiziersdasein eigentlich etwas anders gedacht. Aus weiter Ferne hatte er mal die Glocken läuten hören, daß es sehr vornehme Garderegimenter gäbe, bei denen die Offiziere nur in den allerseltensten Fällen zum Dienst herangezogen würden, den man sonst den alten bewährten Unteroffizieren überließe. Ob das völlig der Wahrheit entsprach, wußte er zwar nicht, aber ein solches Idealregiment war der Wunsch seiner Träume. Offizier sein war ja sehr schön, und der Dienst als solcher gefiel ihm ja auch ganz gut, aber es war doch eigentlich eines gebildeten Menschen unwürdig, unter Umständen schon morgens um vier aufstehen und seine Kenntnisse an Leute verschwenden zu müssen, die in geistiger und gesellschaftlicher Hinsicht keineswegs gleichberechtigt waren. Das letztere kränkte ihn am allermeisten und ließ keine echte Freude an seinem Beruf in ihm aufkommen. Wenn Udo Bodo trotzdem einen frohen Lebensmut hatte, so lag das daran, daß eine innere Stimme ihn immer auf die Zukunft vertröstete. Eines Tages würde es schon anders werden. Und es wurde anders, noch dazu in einer Stunde, in der Udo Bodo es am allerwenigsten erwartete. Er war von einer großen Felddienstübung zurückgekommen, die im strömendsten Regen stattgefunden hatte, nun stand er, von oben bis unten mit Kot und Schmutz bespritzt, vor dem großen Spiegel und betrachtete sein Ebenbild. »Wenn es nicht so unästhetisch wäre, möchte man sich übergeben,« dachte Udo Bodo, »es ist für die anständige Welt schon traurig genug, daß es vierbeinige Schweine gibt, und daß man mit diesen Tieren zusammen unter demselben Himmel leben muß, aber daß man sich selbst in ein derartiges Borstenvieh verwandelt, ist eines gesitteten Menschen einfach unwürdig.« Udo Bodo hätte sich sehr gern umgezogen, aber er hatte nicht den Mut, sich zu beschmutzen, er hielt es unter seiner Würde, seine schmutzigen Kleider selbst anzufassen. So wartete er denn, bis sein Bursche erschien, und bis dieser kam, blieb er ruhig vor seinem Spiegel stehen und philosophierte. Aber bei seinen philosophischen Betrachtungen kam nicht viel mehr heraus als die Überzeugung, daß er ein Ferkel wäre und sich unbedingt ganz umziehen müsse. Und außerdem kam er zu der Gewißheit, daß ein Mensch, der so schmutzig aussähe wie er, es nie zu etwas bringen könne, denn wenn die Welt etwas davon erführe, war er blamiert für alle Zeiten. Udo Bodo war gerade damit beschäftigt, alle seine Hoffnungen an die Wand zu hängen, da, wo sie am tiefsten war, als sich die Tür öffnete und zugleich mit dem Burschen der Telegraphenbote erschien. »Was bringen Sie Schönes, mein Sohn?« fragte Udo Bodo den Beamten. Der hatte natürlich keine Ahnung, so mußte Udo Bodo denn selbst die Depesche lesen, und als er das getan hatte, machte er ein noch dümmeres Gesicht, als er es für gewöhnlich zu machen pflegte. Der Telegraphenbeamte und der Bursche tauschten einen schnellen Blick, beide bekamen es mit der Angst, was mochte die Botschaft enthalten haben, daß sie Udo Bodo so jeden Geistesfunken raubte? Der rührte und regte sich immer noch nicht, zum Teil waren wohl auch die nassen Kleider daran schuld, dann aber vor allen Dingen die Depesche selbst. Es dauerte sehr lange, bis er sich endlich einigermaßen gesammelt hatte, dann aber faßte er alles, was er auf dem Herzen hatte, in die Worte zusammen: »Ach nee?« Dann schwieg er sich wieder aus. »Ist vielleicht Antwort nötig, Herr Graf?« fragte der Bote. Udo Bodo erwachte aus seinem Sinnen. »Gewiß, aber so wie ich bin, kann ich nicht schreiben, ich muß mich erst umziehen lassen, und so lange können Sie ja doch nicht warten. Hier!« Er wollte in die Tasche greifen und sein Portemonnaie hervorholen, um dem Boten ein Trinkgeld zu geben, aber die Tasche war klitschenaß und das war ihm ekelhaft. So wandte er sich denn an seinen Burschen: »Friedrich, gib mir mal aus der linken Hosentasche mein Geld!« Das war leichter gesagt als getan, denn als Friedrich seinem Grafen in die Tasche griff, fing dieser an, im Zimmer herumzutanzen und entsetzliche Quietschtöne von sich zu geben, denn Udo Bodo war sehr kitzlig, und wenn er nur einen ausgestreckten Zeigefinger sah, bekam er schon das Lachen. Aber der Bursche ließ nicht locker, und endlich hielt er die Börse in der Hand. Udo Bodo reichte dem Boten ein Trinkgeld, und gleich darauf war er mit seinem Friedrich allein. »Soll ich den Herrn Grafen nun ausziehen?« »Zieh,« befahl Udo Bodo kurz, und Friedrich fing bei den Stiefeln an, um bei der Halsbinde zu enden. Und während er, hinter seinem Leutnant stehend, diese löste, las er über dessen Schultern hinweg die Depesche, die Udo Bodo immer noch in Händen hielt, und die da lautete: »Seine Hoheit mein Herr Großonkel sind gestern nachmittag einem Schlaganfall erlegen. Wir werden jetzt die Regierung des Landes übernehmen. Ihr wohlgeneigter Prinz Karl Friedrich.« Der Bursche verstand nicht so recht, warum diese Nachricht auf seinen Grafen einen solchen Eindruck machte, aber es wurde ihm klar, als dieser jetzt plötzlich zu ihm sagte: »Friedrich, wir werden nächstens einen regierenden Thron besteigen.« Hatte vorhin Udo Bodo ein dummes Gesicht gemacht, so war die Reihe hierzu jetzt an Friedrich. Er begriff es nicht, wie konnte sein Graf denn plötzlich König oder so etwas ähnliches werden? Udo Bodo erriet, was in der Seele seines Burschen vorging, und so sagte er denn: »Friedrich, Sie müssen mich richtig verstehen. Wenn ich vorhin sagte, wir würden bald einen Thron besteigen, so sind Sie damit natürlich nicht gemeint und ich auch nicht. Besteigen werden wir ihn aber dennoch, wenn auch nicht direkt. Ich weiß nicht, ob Sie mich begriffen haben?« »Keine Ahnung,« dachte der. Dann aber fiel ihm ein, daß sein Feldwebel einmal zu ihm gesagt hatte: »Der Soldat hat alle Fragen, die an ihn gerichtet werden, mit einem ›zu Befehl‹ zu beantworten, und je weniger er über das, was er wissen soll, unterrichtet ist, um so lauter hat er dieses ›zu Befehl‹ zu sagen. Das hat dann erstens das Gute, daß man seinen Vorgesetzten eine große Freude macht, und für den Untergebenen hat es den großen Vorteil, daß er dadurch weiteren Fragen entgeht und nicht in den Verdacht kommt, noch dümmer zu erscheinen, als er es in Wirklichkeit schon ist.« So sagte Friedrich denn mit dem Brustton tiefinnerster Überzeugung: »Zu Befehl, Herr Graf!« Der blickte ganz überrascht auf, so ganz klar war ihm selbst die Sache absolut nicht, wie sich seine zukünftige Thronbesteigung vollziehen sollte, aber wenn selbst sein Bursche sie begriff, dann mußte er sie ja erst recht begreifen, und so sagte er denn: »Na, das freut mich, die Chose ist ja auch furchtbar einfach.« »Soll ich den Herrn Grafen nun wieder anziehen?« Aber Udo Bodo lehnte ab: »Ziehen Sie mich noch weiter aus und dann geben Sie mir mein Nachtkostüm, ich werde schlafen.« Wenige Minuten später lag Udo Bodo, wie immer, wenn er sich niederlegte, tadellos frisiert, in seinem schneeweißen Nachtgewande in seinem schneeweißen Bett, und vor ihm auf der schneeweißen, seidenen Bettdecke lag das Telegramm, das er mit seinen schneeweiß gepuderten Händen hielt. Und er dachte darüber nach: was heißt in dem Telegramm das Wort »wir«? Auf die richtige Auslegung, daß dieses »wir« nur der Pluralis majestaticus war, den der jugendliche Herrscher von Gottesgnaden sich in seiner neuen Würde gleich zugelegt hatte, kam er gar nicht. So zermarterte er sich denn seinen Kopf darüber, in welcher Weise der Prinz mit ihm zusammen die Regierung seines Ländchens übernehmen wolle. Daran, daß ihm ein sehr verantwortliches Amt zufallen würde, zweifelte er nicht einen Augenblick, denn sonst hätte ihm der Prinz doch nicht telegraphiert: »Wir werden jetzt die Regierung des Landes übernehmen.« Welcher Posten würde ihm da zufallen? Der eines Ministers? Unwahrscheinlich war das ja nicht, denn er hatte ja immer die Absicht gehabt, Minister zu werden und dem Prinzen auch zu wiederholten Malen davon erzählt. Allerdings hatte er ja nicht studiert, aber das schadete schließlich auch nichts. Es gab genug Minister, die schon viele Jahre ihre Stellung bekleidet hatten und die dann in Anerkennung ihrer Verdienste um den Staat zum Leutnant oder zum Rittmeister der Reserve befördert wurden. Warum sollte da ein Offizier, der nicht nur der Reserve, sondern sogar dem aktiven Heer mehrere Jahre angehört hatte, nicht in Anerkennung seiner Verdienste um den Staat Minister werden? In der Literaturstunde hatte er sogar einmal etwas davon gehört, daß Goethe von seinem Fürsten auch zum Minister ernannt worden war, und der war doch nicht mal Offizier gewesen, sondern nur Schriftsteller. Also warum sollte er da nicht auch ein Ministerportefeuille erhalten? Seine Zuversicht wurde immer größer und größer, sein Herz schlug immer unruhiger und der Schlaf floh ihn. »Ich muß vor allen Dingen dem Prinzen telegraphieren,« sagte er sich, »dann muß ich auch meinem gräflichen Vater ein Telegramm schicken, und dieser wird vor Freude über den Tod Seiner Hoheit sicher ebenso außer sich sein wie der Prinz selbst. Der hat es ja mir gegenüber nie zugegeben, aber im stillen hatte er es doch beständig gehofft, daß Seine Hoheit eines Tages den ihm von Höchstseinem Leibarzt prophezeiten Schlaganfall bekommen würde. Für die Herzogin-Witwe ist der Todesfall ja allerdings sehr traurig, schade, daß die Witwenverbrennung, wie sie einst irgendwo im Ausland Mode war, nicht bei uns existiert, dann würde sie bald von ihrer Trauer erlöst sein. Na, sie wird sich aber auch so im Laufe der Zeit trösten. Ich werde jetzt aufstehen und telegraphieren.« Udo Bodo klingelte seinem Friedrich, ließ sich sein Bad rüsten und saß eine halbe Stunde später an seinem Schreibtisch. Zuerst wollte er dem Prinzen depeschieren und mit schneller Hand schrieb er: »Herzlichsten Glückwunsch. Freue mich mit Ihnen, stelle Ihnen und Ihrem schönen Lande meine Dienste mit tausend Freuden zur Verfügung.« Aber als er dies Telegramm fertig hatte, kamen ihm doch Bedenken, ob es in seiner Fassung doch wohl ganz richtig wäre. Es war doch immerhin möglich, daß der Prinz das Telegramm nicht selbst öffnete, sondern irgendeine der Hofschranzen. Dann würden alle wissen, daß er fortan der Günstling des neuen Herrschers sein sollte, und sofort würde die Hofintrige zu arbeiten beginnen und ihn aus seiner neuen Stellung zu verdrängen suchen, bevor er sie hatte. So entschloß er sich denn, den ihn selbst betreffenden Passus zu streichen und nur »Herzlichste Glückwünsche« zu depeschieren. Aber auch das fand er schließlich nicht ganz richtig, auch diese Depesche konnte in falsche Hände kommen und es war doch immerhin möglich, daß sie nicht richtig verstanden würde. So telegraphierte er denn endlich: »Eurer Hoheit spreche ich, durch die traurige Nachricht auf das tiefste erschüttert, mein allerherzlichstes Beileid aus, möge der Himmel Sie in Ihrem großen Schmerz trösten. Udo Bodo, Graf von Adlershorst.« Das klang sehr schön und Udo Bodo erinnerte sich, einmal in der Zeitung ein ähnliches Beileidstelegramm eines regierenden Fürsten an die Witwe eines verstorbenen Staatsministers gelesen zu haben, so war er wenigstens sicher, die richtige Form gewählt zu haben. An seinen Vater dagegen telegraphierte er: »Freuet Euch mit mir, der Großonkel des Prinzen ist gestorben, der Prinz fordert mich zur Mitregentschaft auf. Hurra!« Aber aus Gründen, die Udo Bodo absolut nicht begriff, verweigerte die Post die Beförderung dieser Depesche als unsittlich und anstößig! So blieb ihm denn nichts weiter übrig, als einen ausführlichen Bericht an den Grafen zu senden. Als Udo Bodo am Abend desselben Tages zu der gemeinsamen Mahlzeit im Kasino erschien, bildete er dort den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit. Der Inhalt des Telegramms war bekannt geworden und das Interesse an seiner Person wuchs, als am Abend noch ein zweites Telegramm des Herzogs kam: »Für Ihre freundliche Anteilnahme an dem Uns auf das tiefste betrübenden Verlust meinen herzlichsten Dank. Würde mich sehr freuen, Sie bei den Beisetzungsfeierlichkeiten hier zu sehen und bitte Sie, für einige Tage mein Gast zu sein. Habe mit Ihnen zu sprechen.« Udo Bodo hatte eigentlich die Absicht gehabt, zur Feier des heutigen Tages zwei Flaschen Sekt zu trinken, aber schließlich hatte er es doch, als nicht ganz passend, wieder aufgegeben und sich nur eine Flasche Porter bestellt. Dies Getränk entsprach mit seiner schwarzen Farbe am meisten der Trauer, die er zur Schau tragen mußte. Das Telegramm Seiner Hoheit ging von Hand zu Hand und alle tranken Udo Bodo zu: »Graf, haben Sie einen Dusel!« – »Graf, haben Sie ein Schwein!« – »Graf, die Götter könnten Sie beneiden!« So tönte es von allen Lippen, und Udo Bodo hörte diese Äußerungen als etwas ganz Selbstverständliches an. Nur als einer rief: »Graf, Sie haben wirklich mehr Glück als Verstand,« richtete Udo Bodo sich noch stolzer auf als sonst und rief mit einer Stimme, der man deutlich die innere Empörung anmerkte: »Erlauben Sie mal!« Und das klang so energisch, daß der andere ganz kleinlaut wurde und de- und wehmütig um Verzeihung bat. Achtundvierzig Stunden später fuhr Udo Bodo mit fünftägigem Urlaub nach der Residenz seines Herzogs, und als erstes schenkte der Freund ihm aus dem Nachlaß seines verstorbenen Großonkels eine goldene Busennadel. »Ich erinnere mich genau, daß Seine Hoheit diese Nadel damals trug, als Sie die hohe Auszeichnung hatten, ihm vorgestellt zu werden. Vielleicht nehmen Sie die Nadel gern an, als eine sichtbare Erinnerung an den hohen Toten!« Udo Bodo war von dieser Gnade ganz gerührt, denn diese Busennadel war wirklich von Gold und ihr hoher Wert bestand nicht nur darin, daß sie von einem Fürsten, oder richtiger gesagt, von dessen Hofjuwelier herstammte, sondern darin, daß ein lebendiger Fürst sie wirklich getragen hatte. Bis zur Beendigung der Beisetzung konnte der Herzog sich natürlich nur wenig um seinen Freund kümmern, aber schon bei dem großen Diner, das sich an die Beisetzung anschloß und das alle erschienenen Fürstlichkeiten und alle andern hohen Gäste vereinte, zeichnete der Herzog seinen Freund derartig aus, daß alle fragten: »Wer ist es?« Der Herzog stand jedem, der es wissen wollte, hierüber Rede und Antwort, und die Folge war, daß Udo Bodo am nächsten Tage vier neue Orden erhielt. »Wenn ich nun nicht Minister werde, werde ich es nie,« sagte sich Udo Bodo, und so sah er denn voller Spannung der Stunde entgegen, in der sich sein Geschick entscheiden würde. Und auch die Stunde kam. Am dritten Tag nach der Beisetzung hatte der Herzog sich gleich nach dem Diner in seine Gemächer zurückgezogen und Udo Bodo gebeten, ihn zu begleiten. Jetzt saßen sie sich ganz allein gegenüber, die Zigarren rauchend und alte Kriegsschulerinnerungen austauschend. »Wer hätte das damals geahnt,« meinte der Herzog, »daß ich durch Gottes unergründlichen Ratschluß so schnell den Thron meiner Väter besteigen würde, ja, wer hätte es überhaupt geahnt, daß es je so weit kommen würde? Gedacht habe ich natürlich manches Mal daran, aber trotzdem –« Der Herzog versank in stummes Nachdenken, und Udo Bodo dachte mit nach, indem er darüber nachdachte, worüber der Herzog wohl nachdachte. Endlich hatte der Herzog sich wieder gefaßt: »Sie erinnern sich, mein lieber Udo Bodo, daß ich Ihnen einmal gesagt habe, wenn ich jemals die Regierung übernehmen sollte, würde ich Sie nicht vergessen. Sie sehen, ich habe mein Wort gehalten.« »Hoheit sind sehr gnädig.« Der Herzog lachte laut auf: »Udo Bodo, nicht wahr, ich darf Sie ja auch jetzt noch so nennen? Ja? Ich danke Ihnen. Also, ich meine, wenn Sie zeremoniell und feierlich werden, sind Sie noch komischer, als Sie es so wie so schon sind. In der Öffentlichkeit muß ich natürlich darum bitten, daß Sie die Etikette wahren, aber unter uns bitte ich Sie, mich nicht in der dritten Person anzureden, sondern einfach mit ›Sie‹.« »Ganz wie Sie wünschen, Hoheit.« »So ist's recht, und das Wort ›Hoheit‹ können Sie meinetwegen auch fortlassen, ich höre es im Laufe des Tages ja so wie so mehr als genug.« »Ich glaub's Ihnen schon.« stimmte Udo Bodo ihm bei. »Jetzt ist es nur die große Frage, Udo Bodo,« nahm der Herzog nach einer kleinen Pause das Wort, »was mache ich mit Ihnen? Selbstverständlich wünsche ich Sie in meiner nächsten Nähe zu haben, aber in welcher Eigenschaft?« »Ich bin zu allem bereit,« meinte Udo Bodo, »ich werde Oberstallmeister, Zeremonienmeister, Kammerherr, Oberst-Gewandkämmerer, Minister –« Es war Udo Bodo heiliger Ernst mit seinen Worten, er fühlte sich jeder Stellung gewachsen und so begriff er den Heiterkeitsausbruch des Herzogs gar nicht. »Es ist eigentlich unrecht gegen den Toten, daß ich heute abend schon so lache, wo wir Seine hochselige Hoheit den hochseligen Herzog erst vor wenigen Tagen in der Gruft seiner Ahnen beisetzten, aber wenn ich mit Ihnen zusammen bin, dann kann ich gar nicht anders als vergnügt sein. Also zum Minister wären Sie auch bereit?« »Zu allem,« sagte Udo Bodo, »denn als Sie mir damals telegraphierten: ›wir werden jetzt die Regierung des Landes übernehmen,‹ da habe ich mir gelobt, meine schwachen Kräfte nach bestem Können Ihnen zu Diensten zu stellen.« Einen Augenblick sah der Herzog seinen Freund an, als begriff er ihn gar nicht, für eine Sekunde kam ihm der Gedanke, daß Udo Bodo das Wort »wir« wirklich falsch aufgefaßt haben könne, aber nein, das war ja gar nicht möglich, das war nur wieder einer seiner famosen Witze, und so lachte der Herzog denn, daß ihm die Tränen in die Augen kamen. Und Udo Bodo lachte mit, allerdings kam ihm das Lachen nicht ganz vom Herzen, denn in diesem Augenblick wurde ihm plötzlich klar, daß er das Telegramm falsch verstanden hatte. Das war mehr als schmerzlich, aber natürlich durfte er es nie und nimmer zugeben, und so mußte er denn so tun, als hätte er wirklich einen Witz gemacht, über den er sich selbst köstlich amüsiere. »Wenn ich morgen an der Gruft stehe, will ich meinem hochseligen Onkel diesen Scherz von Ihnen erzählen, ich glaube, er amüsiert sich noch im Grabe darüber,« meinte der Herzog, »der hochselige Tote hatte auch so viel Sinn für Komik, der konnte auch so herzlich lachen, genau so wie ich.« Es dauerte lange, bis der Herzog sich endlich beruhigt hatte, dann meinte er: »So, nun wollen wir einmal ernsthaft miteinander reden, so schwer mir das auch in Ihrer Gegenwart wird, ich möchte Ihnen also den Vorschlag machen, daß Sie zunächst als mein persönlicher Adjutant zu mir kommen, dies an zuständiger Stelle zu erreichen, wird meine Aufgabe sein, vorausgesetzt natürlich, daß Sie damit einverstanden sind.« »Aber selbstverständlich, Hoheit.« »Ich danke Ihnen, dann werden Sie also bald zu mir kommen. Wie sich Ihre Zukunft später entwickelt, müssen wir abwarten. Vielleicht haben Sie nach einigen Jahren wieder Lust, in die Front zurückzugehen, vielleicht gefällt es Ihnen dann aber auch so gut bei mir, daß Sie ganz hierzubleiben wünschen, und wenn wir uns auf die Dauer gut vertragen, so wird sich im Laufe der Zeit sicher eine passende Stellung für Sie finden, vielleicht als Hofmarschall, vielleicht als Theaterintendant –« »Namentlich der letztere Posten könnte mich sehr locken.« Der Herzog drohte lachend mit dem Finger: »Sie denken da wohl an das kleine Intermezzo, von dem Sie mir einmal erzählten, als Sie mit Ihrem Herrn Onkel hinter den Kulissen waren?« »Allerdings,« stimmte Udo Bodo bei, »und ich kann Ihnen nur sagen, Hoheit, das kleine Mädel war einfach süß. Ein paar Beine hatte sie –« »Ich glaub's Ihnen,« unterbrach ihn der Herzog lachend, »aber wenn Sie so denken, ist es vielleicht doch besser, wenn Sie später nicht Intendant werden. Denn als strenger Vorgesetzter dürfen Sie sich mit den kleinen Ballettratten überhaupt nicht einlassen, sonst ist die Autorität bald zum Teufel.« »Leider, leider,« meinte Udo Bodo ganz traurig. »Na, weinen Sie nur nicht,« beruhigte ihn der Herzog. »Vorläufig sind wir ja noch nicht so weit, bis dahin hat es ja noch gute Zeit, wir müssen erst mal sehen, wie Sie sich hier einleben, und sich hier akklimatisieren. Vorläufig bleibt es also dabei, daß Sie mein persönlicher Adjutant werden. Ich stelle es Ihnen anheim, ob Sie sich eigene Pferde anschaffen oder die Pferde aus meinem Marstall benutzen wollen.« »Wenn Sie gestatten, möchte ich mir einen eigenen Stall anlegen.« »Ganz wie Sie wollen, und was die persönliche Zulage betrifft, die Sie als mein Adjutant erhalten –« »Aber Hoheit,« wehrte Udo Bodo ab, »ich bin doch Gott sei Dank so reich, daß ich darauf wirklich nicht zu sehen brauche –« »Um so eher werden wir uns also über diesen Punkt einigen,« beendete der Herzog die Unterredung, »auf jeden Fall freue ich mich sehr, daß ich Ihre Zusage habe.« Und Udo Bodo freute sich, daß er seine Zusage gegeben hatte. Nun war er hoffentlich aus der Front heraus, und es war doch etwas anderes, ob man mit einem Herzog und mit Hofleuten verkehrte, oder nur mit den Leuten aus dem Volk. Als Udo Bodo in seine Garnison zurückkam und die Nachricht mitbrachte, daß er demnächst persönlicher Adjutant seines hohen Freundes würde, wunderte sich eigentlich niemand darüber, aber verschiedene ärgerten sich. Am meisten ärgerte sich sein Hauptmann, und doch hätte der eigentlich alle Ursache gehabt, sich zu freuen, daß er Udo Bodo los wurde, denn dienstlich war dieser immer noch eine große Null. Aber gerade, daß Udo Bodo trotzdem eine solche Auszeichnung erhielt, ärgerte ihn und dies um so mehr, als er selbst ein sehr kluger und befähigter Offizier war, der entschieden eine glänzende Karriere gemacht hätte, wenn er entweder nicht auf den ominösen Namen Müller getauft worden oder wenn er eine bessere militärische Erscheinung gewesen wäre. So war er trotz seiner großen Begabung zu der Ochsentour verurteilt und er sah seine baldige Verabschiedung voraus. Er sagte sich selbst, daß es weder schön noch gerecht von ihm sei, aber wenn er Udo Bodo, dessen geistige Unfähigkeit er besser als irgendein anderer beurteilen konnte, mit seinen fünf Orden auf der Brust stolz und siegesgewiß vor der Front stehen sah, dann bekam er vor Wut einen Koller und er machte seinem Herzen dann gehörig Luft, und am allermeisten ärgerte er sich dann darüber, daß Udo Bodo sich selbst darüber gar nicht ärgerte, sondern immer seine gleichmäßige Ruhe bewahrte. Man merkte ihm an, er hielt es unter seiner Würde, sich aufzuregen, noch dazu über einen bürgerlichen Vorgesetzten, der von Neid und Mißgunst erfüllt war. »Einmal bekomme ich Dich doch schon noch klein, ehe Du stolz zu Hofe ziehst!« sagte sich der Hauptmann. Und er dachte sich eine Felddienstübung aus, die mit allen Schikanen der Neuzeit gepfeffert war, die eines Morgens um vier ihren Anfang nehmen und erst am nächsten Morgen um sieben ihr Ende erreichen sollte. Man wollte draußen abkochen, bei Dunkelheit sollte ein Nachtgefecht stattfinden, und bei Morgengrauen sollte der stundenlange Rückmarsch nach der Garnison angetreten werden. »Udo Bodo, edler Graf von Adlershorst, auf den Tag freue Dich!« frohlockte der Hauptmann. Aber sonderbarerweise freute Udo Bodo sich gar nicht, im Gegenteil, er sah dem Tag voller Schrecken und voller Unruhe entgegen. Aber im letzten Augenblick erbarmte das Militärkabinett sich seiner und schickte ihm ein Telegramm, in dem er zur persönlichen Vorstellung nach Berlin befohlen wurde. Der Tag seiner Reise fiel gerade mit dem Tag der Übung zusammen. Als der Hauptmann dies erfuhr, bekam er beinahe einen Schlaganfall. Sein erster Gedanke war, die Übung auf einen andern Tag zu verschieben, aber das ging nicht, verschiedene Vorgesetzte, die dem Nachtgefecht beiwohnen wollten, hatten sich angesagt, ein General wollte sogar bei dem Abkochen zugegen sein, es half alles nichts, es mußte bei den getroffenen Dispositionen bleiben. Der Hauptmann knirschte vor Wut derartig mit den Zähnen, daß er sich seinen besten Vorderzahn abbrach, und das trug natürlich auch nicht gerade dazu bei, seine Stimmung zu verbessern, und als er am nächsten Morgen, sich selbst und seine verrückte Idee verwünschend, um vier Uhr mit seiner Kompagnie abrücken wollte, da stand Udo Bodo, dessen Zug um fünf Uhr nach Berlin ging, auf dem Kasernenhof, um sich dieses militärische Schauspiel, das ihm zu Ehren arrangiert war, wenigstens in seinem allerersten Stadium mit anzusehen. Am liebsten hätte sein Hauptmann ihn ermordet, das aber durfte nicht sein, so stieß er denn seinem Gaul die Sporen in die Seite, daß dieser hoch aufbäumte und seinen Reiter abwarf. Und auch das trug natürlich nicht dazu bei, die Stimmung des Herrn Hauptmanns zu erhöhen, zumal dieser sich bei dem Sturz gerade auf jene Körperstelle gesetzt hatte, die für die nächsten vierundzwanzig Stunden, wenigstens zum größten Teil, auf dem harten Ledersattel ruhen mußte. Endlich zog die Kompagnie von dannen, und Udo Bodo fuhr glücklich nach Berlin, stellte sich dort vor, ließ sich mit seinen vielen Orden in allen möglichen Stellungen photographieren, amüsierte sich nach besten Kräften, und vor allen Dingen kaufte er sich drei sehr schöne Reitpferde, zwei sehr schöne Wagenpferde, sowie drei elegante Wagen, ein Dogcart, ein geschlossenes Coupé und eine Viktoriachaise. Und nachdem er alles in allem ungefähr vierzigtausend Mark für die Pferde und Wagen hatte anschreiben lassen, fuhr er nach Adlershorst, um dort den kurzen Rest seines Urlaubs zu verbringen und um seinem Vater diese vierzigtausend Mark aus der Tasche zu ziehen. Im stillen hatte Udo Bodo gefürchtet, sein Vater würde über diese große Summe vielleicht doch etwas ärgerlich sein, aber statt dessen war Graf Kuno sehr froh darüber. Ihm fehlte nämlich seit langer Zeit wieder mal bar Geld im Haus, und so freute sich Graf Kuno geradezu über die große Summe, die er für Udo Bodo bezahlen mußte, denn das gab ihm endlich Gelegenheit, einmal wieder eine neue Hunderttausend-Mark-Anleihe aufzunehmen. Und vor allen Dingen hatte er bei dieser Anleihe vor sich selbst und vor den anderen eine große Entschuldigung; denn daß Udo Bodo natürlich nur die besten Pferde und die teuersten Wagen ausgesucht hatte, war selbstverständlich, das war er nicht nur sich selbst und seiner Familie, sondern vor allen Dingen auch seinem Prinzen schuldig. So schrieb er denn gleich am nächsten Tage seinem Rechtsanwalt, um die finanzielle Angelegenheit zu erledigen; und in der frohen Aussicht, bald wieder reichlich bar Geld zu haben, war er in der denkbar besten Laune. Selbstverständlich war er auch über die seinem Udo Bodo zuteil gewordene Auszeichnung ganz aus dem Häuschen, und als Udo Bodo am letzten Tag zum Diner im Waffenrock mit seinen sämtlichen Orden erschien, empfand Graf Kuno vor seinem Sohne eine solche unbegrenzte Hochachtung, daß er sich eine Rose an den Frack steckte. Einer solchen Ordensdekoration gegenüber hatte er nicht den Mut, mit einem leeren Knopfloch zu erscheinen. VI. Udo Bodo war nun schon zwei Jahre persönlicher Adjutant Seiner Hoheit, und es war zwischen seinem hohen Gönner und ihm schon lange vereinbart, daß dieser nach Ablauf der obligaten drei Jahre darum bitten würde, Udo Bodo noch für weitere zwei Jahre bei sich behalten zu dürfen, und es war selbstverständlich, daß das Militärkabinett diesen Wunsch erfüllen würde. Udo Bodo war mit seiner Stellung sehr zufrieden und fühlte sich in jeder Hinsicht in der kleinen Residenz sehr glücklich. Er gab sehr gute Gesellschaften, die auch der Herzog zuweilen mit seinem persönlichen Besuch beehrte, er war tadellos beritten, seine Gespanne erregten überall die Aufmerksamkeit, und wo er sich nur sehen ließ, bewarb man sich um seine Gunst, als wäre er der Fürst selbst. Er galt als der allmächtige Günstling, und gar viele, die einen Wunsch auf dem Herzen hatten, dessen Erfüllung sie von oben her erhofften, schütteten ihm ihr Herz aus und baten um freundliches Gehör. Udo Bodo hörte jeden mit der größten Liebenswürdigkeit, mit der größten Geduld und Ausdauer an. Er war die Diskretion selber, er war sogar so diskret, daß selbst der Herzog, der es doch erfahren sollte, nie etwas von dem erfuhr, was die anderen ihm anvertraut hatten. Und der hohe Herr war ihm dafür sehr dankbar, daß er ihm nicht beständig mit Bittgesuchen anderer Leute kam, und auch sonst war er mit seinem Adjutanten sehr zufrieden, denn für viele Gelegenheiten konnte er sich keinen besseren Vertreter seiner Person denken, als Udo Bodo es war: keiner legte bei dem Begräbnis eines verdienten Staatsbürgers im Auftrage des Landesherrn mit solcher traurig ernsten Miene, mit solcher Würde und solcher Ehrfurcht einen Kranz am Sarge des Verstorbenen nieder, keiner schritt so stolz und doch so teilnehmend und von Schmerz erfüllt hinter dem Leichenwagen einher wie Udo Bodo. Und auf der anderen Seite gab es bei frohen Festlichkeiten auch keinen besseren Vertreter Seiner Hoheit als ihn, er aß die Diners als gewiegter Gourmand, seine Zunge und sein feiner Geschmack waren bekannt und gefürchtet, das Beste war für ihn gerade gut genug, und wenn er dann manchmal bei einem besonders guten Gericht verständnisinnig mit dem Kopf nickte, dann empfanden die Gastgeber dasselbe beglückende und beseligende Gefühl, als hätte Seine Hoheit selbst seinen Beifall geäußert. Leider erlebte man dies wenigstens auf Gesellschaften sehr selten, denn Seine Hoheit war magenkrank und lebte streng nach der ihm verordneten Diät, so mußte Udo Bodo für ihn die meisten Diners besuchen, und heimlich nannte man ihn deshalb auch wohl den Dineradjutanten. Im Winter aß er fast täglich im höchsten Auftrage ein Diner von sieben und noch mehr Gängen, aber was für andere der leibliche Tod gewesen wäre, bekam ihm so ausgezeichnet, daß er dabei nicht einmal seine schlanke Taille verlor. Geistige Arbeit hatte Udo Bodo in seiner Stellung nicht zu verrichten, für diese schwierige Tätigkeit war, von allen hohen Beamten natürlich ganz abgesehen, noch ein bürgerlicher Adjutant da, vor dessen Tätigkeit Udo Bodo aus tiefinnerster Überzeugung eine unbegrenzte Hochachtung hatte. »Ich könnte's nicht,« gestand er offen und ehrlich, und mehr als einmal erkundigte er sich: »Kamerad, sagen Sie mal, wie machen Sie das?« Er stand vor einem Rätsel, das er nicht begriff, ebenso wie der andere nicht fassen konnte, daß man monatelang jeden Tag Austern, Sekt, Hummern und Kaviar zu sich nehmen konnte. Offiziell zu tun hatte Udo Bodo gar nichts, und doch war er den ganzen Tag beschäftigt, er mußte frühmorgens mit seinem Fürsten spazieren reiten, ihn bei seinen Besuchen begleiten, mit ihm ausfahren, mit ihm jagen, Karten spielen, kurz, zu tun gab es immer, und da Udo Bodo in all diesen Künsten ein Meister war, so wurde er Seiner Hoheit unentbehrlich, zumal er nie sprach, wenn er nicht gefragt wurde, sich nie am Hofklatsch beteiligte und nie jemand in den Augen seines Herrn herabzusetzen oder herauszustreichen versuchte. So kam es, daß Udo Bodo weder bei Hofe noch in der Residenz einen einzigen Feind hatte, vorübergehend grollten ihm zwar diejenigen, die durch seine Vermittelung vergebens eine Auszeichnung Seiner Hoheit erstrebt hatten, aber da er auch ihren Rivalen und Feinden nicht genützt hatte, waren alle gerecht genug, schließlich doch die Lauterkeit seines Charakters anzuerkennen. Aber nicht nur die Gleichgestellten erkannten seine Tugenden an, sondern auch die hohen Herren dieser Welt, und so häuften sich auf seiner Brust die Orden, die er von Hofjagden, Fürstenbesuchen, Begräbnissen erlauchter Häupter und anderen traurigen und frohen Festen zurückbrachte. Mit jedem neuen Orden ließ Udo Bodo sich natürlich als erstes photographieren, selbstverständlich in den verschiedensten Stellungen und Aufnahmen, und da er sehr oft zum Photographen ging, ja, wegen der immer neuen Dekoration sogar hingehen mußte, so hatte er eine solche Anzahl seiner eigenen Photographien, daß dem Beschauer angst und bange wurde. Von jedem Bild wanderte naturgemäß ein Exemplar nach Adlershorst, und das wurde dort gewissenhaft registriert und dem Familienarchiv überwiesen, denn darüber war Graf Kuno sich klar, seit den Zeiten des seligen Udo Bodo, der im grauen Mittelalter das Ansehen der Familie hochgehalten hatte, war keiner dagewesen, der so viel Ehre und Ruhm auf den Namen Adlershorst gehäuft hatte wie sein Sohn Udo Bodo. Allerdings machte, gerade als dieser seine letzte Photographie einsandte, auch sein Onkel, der Professor, viel von sich reden. Der hatte über das damals aktuelle Thema »Babel und Bibel« eine Schrift veröffentlicht, die das größte Aufsehen in der ganzen wissenschaftlichen und gebildeten Welt erregte, man stritt sich pro et contra , und mit einem Schlage war der Professor über Nacht ein in der ganzen Welt berühmter Mann geworden. Selbst Graf Kuno mußte das zugeben, aber allzuhoch rechnete er dem Vetter dies Verdienst nicht an, einmal, weil er überhaupt von der Wissenschaft nicht viel hielt, dann aber auch, weil der Professor ja doch schließlich viel gelernt hatte, na, und wenn er dann wirklich einmal etwas leistete, so war das weiter kein Verdienst, sondern lediglich seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Sein Udo Bodo aber hatte nicht sehr viel gelernt und leistete trotzdem täglich Großes, erst bei der letzten Hofjagd hatte er drei Doubletten gemacht, also gewissermaßen mit drei Schuß sechs Hirsche erlegt. Allerdings waren die so eng zusammengetrieben gewesen, daß man kaum hätte vorbeischießen können, aber gleichviel, der mächtige Herrscher eines benachbarten Reiches hatte Udo Bodo auf die Schulter geklopft und zu ihm gesagt: »Mein lieber Graf, das haben Sie tadellos gemacht, ich bewundere Sie.« Mancher andere hätte von dem Augenblick an den Kopf höher getragen und sich stolz in die Brust geworfen, aber Udo Bodo blieb trotz aller Anerkennungen und Auszeichnungen ganz der, der er immer gewesen war. Auch darin unterschied er sich nach der Auffassung seines gräflichen Vaters auf das vorteilhafteste von dem Professor, der in seinen Briefen einen leisen Triumph über seine Erfolge nicht unterdrücken konnte. Wirklich bedeutende Menschen sind und bleiben immer bescheiden, dachte Graf Kuno, und voller Stolz blickte er auf die Bilder seines Sohnes. Auch Gräfin Cäcilie strahlte und mehr als je bedauerte sie, verhältnismäßig sehr wenig Verkehr zu haben. Es fehlte ihr an Gelegenheit, anderen von ihrem Sohne erzählen zu können, und eigentlich nur, um hierzu Veranlassung zu haben, ging sie für einige Zeit auf Reisen, machte die vornehmsten Bekanntschaften und erzählte allen, die es hören wollten oder nicht, daß sie die beneidenswerteste aller Stiefmütterchen sei, denn sie hätte einen Sohn, einen Sohn –! Und dann folgte eine so ausführliche Schilderung der hervorragenden geistigen und körperlichen Eigenschaften ihres Kindes, daß die Zuhörer, selbst wenn sie noch so wohl erzogen waren, Udo Bodo einen schnellen Tod wünschten, nur damit die Mutter endlich einmal den Mund hielte. Hätte Udo Bodo diese langen Lobeshymnen selbst mit anhören müssen, dann hätte er wahrscheinlich den ihm von anderer Seite gewünschten Tod schnell erlitten, so aber erfreute er sich der besten Gesundheit und lebte ruhig und friedlich dahin. Er freute sich seines Daseins und war jeden Abend, wenn wiederum ein Tag vorüber war, aufrichtig traurig. Er glaubte zwar an ein Jenseits, aber daß er es dort nur halb so gut haben würde wie hier, glaubte er nicht. Er hatte nur einen Wunsch auf der Welt: daß alles so schön für ihn bleiben möge, wie es war. Da geschah es, daß es eines Tages im Ländchen hieß, sein erlauchter Gönner, Seine Hoheit Prinz Karl Friedrich, trage sich mit Heiratsgedanken. Als Udo Bodo davon hörte, schüttelte er ungläubig lächelnd sein Haupt, er kannte seinen Fürsten, der liebte die goldene Freiheit, und außerdem liebte er die erste Naive seines Hoftheaters. Er war einer der wenigen, die um dieses süße Geheimnis wußten, und er war sogar einmal der Ehre gewürdigt worden, mit den beiden zusammen speisen zu dürfen. Da hatte er gemerkt, daß der Fürst mit einem großen Teil seines Herzens an der Geliebten hing, und daß diese Liebe ebenso herzlich erwidert wurde. Nein, sein hoher Herr dachte nicht ans Heiraten, und mit dieser Vermutung hatte Udo Bodo auch recht, aber wenn der Herzog nicht selbst daran dachte, so dachten seine Minister daran und ebenso sein Volk. Man wünschte einen Thronerben, denn wenn der Herzog kinderlos starb, dann standen lange Erbstreitigkeiten bevor, und wenn es irgend ging, sollten und mußten diese vermieden und dem Lande erspart werden. Der Fürst Karl Friedrich stöhnte bei dem Vorschlag seiner Minister ebenso schwer auf wie der vielberühmte Prinz Karl Heinz in »Alt Heidelberg«, das damals gerade Mode war und mit der Freundin des Herzogs als »Käthi« auf dem dortigen Hoftheater gegeben wurde. Und wie dieser, so sah auch er ein, daß ein Herrscher nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten habe. So sagte er denn eines Tages zu Udo Bodo, als er mit diesem nach dem Diner allein bei der Zigarre saß: »Mein lieber Graf, ich werde mich nächstens verheiraten.« »Und Claire? Was wird aus der?« wollte Udo Bodo fragen. Aber der Herzog kam ihm zuvor. »Selbstverständlich muß ich erst mit Claire in aller Freundschaft brechen, ich habe schon mit dem Intendanten gesprochen, wir werden ihr jetzt einen längeren Urlaub bewilligen und vom neuen Jahr an wird sie meiner Bühne nicht mehr angehören. Wir haben bereits Unterhandlungen eingeleitet, um ihr an einer anderen Hofbühne ein glänzendes Engagement zu verschaffen.« »Schade,« sagte Udo Bodo, denn ohne daß er es eigentlich wollte, hatte auch er einen nicht unbedeutenden Teil seines Herzens an die kleine Naive verloren, und daß er sie nun bald nicht mehr sehen würde, tat ihm wirklich aufrichtig leid. »Ja, sehr schade,« stimmte Seine Hoheit ihm bei, dann schwiegen sie beide und sahen den Rauchwolken ihrer Zigarren nach. Udo Bodo war im Schweigen groß, der große Schweiger Moltke war im Vergleich mit ihm ein Schwätzer gewesen, aber als sein hoher Gönner nach einer Viertelstunde immer noch schwieg, wurde ihm bange, allzusehr durfte der sich seinen Erinnerungen an die mit Claire verlebten schönen Stunden nicht hingeben, sonst gab er vielleicht allen Ministern zum Trotz seine Heiratsgedanken ganz wieder auf oder verschob sie, bis Claires Kontrakt am hiesigen Theater abgelaufen war, und das dauerte noch einige Jahre. Gar zu gern hätte er ein Wort gesprochen, aber das durfte er nicht, räuspern durfte er sich auch nicht, husten erst recht nicht, denn nur zu leicht konnte Seine Hoheit dann die Absicht merken und verstimmt sein. Aber geschehen mußte irgend etwas. Endlich kam ihm ein rettender Gedanke – die Vorstellung war ja allerdings gräßlich und schmerzen tat es außerdem auch noch, aber was half's? Was er tat, tat er ja schließlich im Interesse Seiner Hoheit, im Interesse des Landes, das sich einen Thronerben wünschte, und damit zugleich im Interesse des gesamten deutschen Vaterlandes, dem durch den Thronerben Erbstreitigkeiten erspart blieben. Es nützte alles nichts, er sah keinen andern Ausweg, die Gedanken Seiner Hoheit von der Geliebten abzulenken. Noch einmal holte er tief Atem, dann nahm er allen Mut zusammen und steckte die brennende Zigarre mit einer Energie, die einer besseren Sache würdig war, mit dem falschen Ende in den Mund. Gleich darauf sprang er wie von der Tarantel gestochen in die Höhe: »Pfui Deibel!« Er wollte auch noch »Königliche Hoheit« hinzusetzen, aber im letzten Augenblick schluckte er die beiden Worte Gott sei Dank noch hinunter, oder besser gesagt, er spuckte sie in sein Taschentuch hinein, zugleich mit der Asche und den feurigen Kohlen, die sich zwar nicht auf seinem Haupt, wohl aber auf seiner Zunge angesammelt hatten. »Aber Graf, was haben Sie denn nur?« Zuerst war Seine Hoheit über das sonderbare Gebaren seines Adjutanten und Freundes etwas ungehalten, aber als dieser seine Schmerzen ersichtlich übertrieb und einen wahren Indianertanz aufführte, mußte er lachen. »Ach so, Sie haben sich die Zunge verbrannt? Sie Ärmster, das tut mir leid. Da steht Wasser, trinken Sie ein Glas, das wird die Schmerzen lindern.« Udo Bodo trank nicht nur ein Glas, sondern die ganze Karaffe leer, aber als er sich dann seinem Fürsten zuwandte, hatte dieser für ihn kein Interesse mehr, sondern hing wieder seinen Gedanken nach. »Dann kann ich's nicht ändern,« dachte Udo Bodo, »zum zweitenmal stecke ich mir die Zigarre mit dem brennenden Ende nicht in den Mund. Ich habe in der Schule zwar mal etwas von einem gewissen Mucius Scävola gehört, der sich dem Vaterlande zuliebe auch einmal irgend etwas abbrennen ließ, aber ich habe nicht den Ehrgeiz, ins Konversationslexikon zu kommen, wenigstens nicht wegen solcher Verbrennungsarie. Dafür danke ich. Lassen wir Seine Hoheit weiter denken.« Und während Seine Hoheit anscheinend über die Vergangenheit nachdachte, dachte Udo Bodo an die Zukunft. Wenn der Fürst heiratete, würde sich ja vieles am Hofe verändern, man würde nicht mehr so still und zurückgezogen leben können, Feste mußten stattfinden, der ganze Hofstaat erfuhr eine durchgreifende Veränderung, eine Oberhofmeisterin würde ihren Einzug halten und mit dieser einige Hofdamen. Als Udo Bodo mit seinen Gedanken gerade bei diesen Hofdamen angelangt war, machte er ein ganz vergnügtes Gesicht. »Die Sache kann eigentlich ganz witzig werden,« sagte er sich, »da wird ein bißchen geflirtet und kokettiert, und das bringt immer etwas Abwechselung in dieses stille Dasein. Gewiß, auch in der Residenz gibt es sehr hübsche junge Damen, aber erstens bin ich es meiner Stellung schuldig, dort nicht den Courmacher zu spielen, und außerdem würde es gleich heißen, ich trüge mich mit Heiratsgedanken, wenn ich jemand aus der Gesellschaft den Hof machte. Und kein Gedanke liegt mir so fern als dieser. Bei einer Hofdame ist das Courmachen ganz etwas anderes, die ist sozusagen ein weiblicher Kamerad, na, und unter Kameraden denkt man doch nicht gleich an so etwas. Wirklich, wenn hier ein paar hübsche junge Hofdamen herkämen, natürlich von altem Adel, das wäre gar nicht dumm.« »Sagen Sie mal, Graf,« unterbrach da der Herzog das Schweigen, »haben Sie eigentlich noch nie daran gedacht, zu heiraten?« Udo Bodo machte ein ganz erstauntes Gesicht. »Wie kommen Hoheit nur darauf?« »Gott, das ist doch sehr einfach. Ich dachte eben, daß es für meine zukünftige Frau, ich meine natürlich,« verbesserte er sich, »für die zukünftige Fürstin doch sehr nett wäre, wenn sie an meinem Hofe eine Dame fände, die nicht in ihrem Sold stände, die an Jahren zu ihr paßte, und mit der sie gewissermaßen Freundschaft schließen könnte.« »Da haben Hoheit allerdings recht,« meinte Udo Bodo. Vor einer Minute hatte er noch jeden Heiratsgedanken weit von sich gewiesen, aber jetzt erschien ihm die Sache plötzlich in einem ganz anderen Licht. »Na also,« meinte der Herzog. »Wie ist es? Hat Ihr Herz noch nirgends Feuer gefangen?« Udo Bodo schüttelte den Kopf: »Ich habe bisher schon mit Rücksicht auf meine Stellung jeden derartigen Gedanken weit von mir gewiesen, aber wenn Hoheit meinen –« »Verstehen Sie mich recht, lieber Graf,« unterbrach ihn sein Gönner. »Nichts liegt mir natürlich ferner, als Ihnen in dieser Hinsicht irgendeinen Rat geben zu wollen, ich habe dazu gar nicht das Recht, und selbst wenn ich es hätte, würde ich nie davon Gebrauch machen, denn nach einer zwar sehr banalen, aber wie ich mir habe sagen lassen, zugleich auch sehr wahren Redensart, ist das Verheiratsein nicht immer so leicht, wie es aussieht. Da muß jeder nach seinem Kopf und nach seinem eigenen Herzen handeln, nur wir Fürsten dürfen dabei nicht immer an uns selbst, sondern wir müssen dabei sogar auch an unser Land denken.« Und wieder versank Seine Hoheit in tiefes Nachdenken, bis er sich plötzlich von seinem Stuhl erhob. »Es wird Zeit, lieber Graf, daß ich mich an meinen Schreibtisch setze, es ist zwar schon spät, aber trotzdem habe ich noch viel zu tun. Also auf Wiedersehen morgen früh um sechs Uhr beim Spazierritt.« Als Udo Bodo seine luxuriös eingerichtete Wohnung betrat, ließ er alle Zimmer hell erleuchten und versuchte sich dann vorzustellen, wie sich in diesen Räumen seine zukünftige Frau ausnehmen würde. Es war alles da, es fehlte eigentlich nur noch die Frau, aber gerade die hatte ihm noch nie gefehlt, und sie fehlte ihm auch heute nicht. Aber trotzdem wollten ihm die Worte seines fürstlichen Freundes nicht aus dem Sinn, er war kein Fürstendiener, dazu hatte er nicht das geringste Talent, dazu war er viel zu sehr von seinem eigenen Werte durchdrungen, aber trotzdem, einmal mußte er in seinem Leben ja doch heiraten. Wie der Herzog dies seinem Lande, so war er das seinem Namen schuldig, der durfte nicht aussterben, und selbst wenn diese Gefahr auch vorläufig nicht bestand, so konnte es dennoch nicht genug Grafen von Adlershorst geben; je größer und je stärker der Adel war, desto besser war es für das Vaterland, dem der Adel immer noch die meisten bedeutenden Männer für jede Stellung und für jedes Amt gegeben hatte. Heiraten würde und mußte er doch einmal, da war es vielleicht das klügste, er tat es jetzt. Das konnte seine Stellung bei Hofe nur befestigen, und wenn die Fürstin wirklich an seiner zukünftigen Frau Gefallen finden sollte, dann konnte er vielleicht noch jahrelang hier bleiben und mit der Zeit die Stellung eines Hofmarschalls oder etwas ähnliches erhalten. Dann brauchte er vielleicht nie wieder in die Armee zurück; denn so stolz er auch darauf war, Offizier zu sein, der Gedanke, eines Tages doch wieder auf dem Kasernenhofe zu stehen, Rekruten zu exerzieren und Felddienst abzuhalten, hatte für ihn etwas Entsetzliches. So ließ er im Geiste alle adligen Damen seiner Bekanntschaft Revue passieren, aber an jeder hatte er etwas anderes auszusetzen. Ja, wenn die Hand seiner Cousine Betty noch frei gewesen wäre, dann hätte er gleich heute abend um sie angehalten. Die Erinnerung an seine Jugendliebe wurde wieder in ihm wach, und mit dem Gedanken an Betty legte er sich spät in der Nacht schlafen, um schon nach wenigen Stunden wieder im Sattel zu sitzen und seinen Herzog auf dem Spazierritt zu begleiten. »Wenn Hoheit mich heute wieder fragen sollte, werde ich antworten, ich würde heiraten, sobald ich eine in jeder Hinsicht standesgemäße Partie gefunden hätte.« Aber Seine Hoheit fragte nicht. Der junge Herrscher war heute sehr schweigsam, und er wurde noch stiller, als ihm unterwegs seine Geliebte auf dem Rade begegnete. Mit einem freundlichen Gruße ritt er an ihr vorüber, aber Udo Bodo merkte es ihm an, welche Überwindung es ihm kostete, sich nicht nach ihr umzudrehen und ihr nicht noch einmal zuzuwinken. »Sie muß fort, sobald wie möglich. Der Intendant sagt zwar, sie sei für die nächsten Wochen noch nicht zu entbehren, aber gleichviel, ich werde heute nochmals mit ihm sprechen. Ehe ich auf Brautschau gehe, muß diese Affäre erledigt sein, das bin ich schon der zukünftigen Fürstin schuldig.« Der Herzog war verstimmt und blieb es auch die nächsten Tage, bis ihm gemeldet wurde, daß die Künstlerin die Stadt verlassen habe. Am Abend vorher hatte Udo Bodo sie noch im Auftrage seines Herrn aufgesucht, ihr ein wertvolles Geschenk und eine bedeutende Geldsumme überbracht, aber trotzdem hatte es ihm Mühe genug gekostet, ihre Tränen zu trocknen. Udo Bodo war selbst ganz traurig geworden, und er hatte sich gesagt: man tut unrecht, solch junges Wesen an sich zu fesseln, wenn man genau weiß, daß doch eines Tages die Abschiedsstunde schlagen muß. Und er hatte sich im stillen gefreut, daß er in jeder Hinsicht frei und unabhängig dastand, daß er niemand an sich gekettet hatte. Wenige Wochen später erhielt Udo Bodo den Befehl, sich auf eine mehrwöchentliche Reise vorzubereiten, er sollte seinen Fürsten auf der Brautschau begleiten. »Vielleicht finde ich bei der Gelegenheit auch etwas Passendes für mich.« dachte Udo Bodo. Aber als er zurückkehrte, suchte er vergebens den Verlobungsring an seinem Finger, er mußte sich damit zufrieden geben, daß sein Herzog die Hand der ebenso schönen wie liebenswürdigen Prinzessin Thea errungen hatte. Ihm selbst hatte die Reise weiter nichts eingebracht als einen neuen Orden, den ihm der Herzog an seinem Verlobungstage in freudiger Erregung selbst an die Brust geheftet hatte. Schon nach kaum drei Monaten hielt die junge Fürstin ihren Einzug in die Residenz, und als das junge Paar dann für kurze Zeit auf die Hochzeitsreise ging, benutzte Udo Bodo seine freie Zeit, um einmal wieder nach Haus zu fahren. Dort sah es nicht zum besten aus. Graf Kuno hatte nicht ungestraft sein ganzes Leben damit zugebracht, nichts zu tun, als nur gut zu essen und zu trinken und allen Ermahnungen zum Trotz fortwährend die schwersten Zigarren zu rauchen. Selbst sein starker Körper hielt das nicht mehr aus, sein Herz revoltierte, und der Arzt hatte ihm ein schnelles Ende prophezeit, wenn er nicht wenigstens auf die Zigarre verzichtete. Eine rege Phantasie hatte Graf Kuno nie besessen, und so konnte er sich ein Leben ohne den Genuß der Import bei dem besten Willen nicht denken. So sah er den baldigen Tod vor Augen, er fürchtete ihn zwar nicht, aber er liebte das Leben zu sehr, als daß ihm das Sterben leicht werden sollte. So befand er sich in einer trüben Stimmung, und die wurde dadurch nicht besser, daß ihn auch wieder Geldsorgen quälten. Die letzte große vierprozentige Staatsanleihe, wie er scherzend selbst die Summe nannte, die er sich geborgt hatte, war den Weg alles Irdischen gegangen. Einen nicht unbedeutenden Teil derselben hatte Udo Bodo erhalten, der nach Ansicht seines Vaters nicht glänzend genug auftreten konnte, und wenn er auch nicht spielte und keine anderen Torheiten machte, so brauchte er doch alljährlich eine große Summe, und er hatte sich um so weniger Einschränkungen auferlegt, weil er im Luxus und Wohlleben groß geworden war und seinen Vater für viel reicher hielt, als dieser es angesichts seiner großen Verpflichtungen und seiner angeborenen Schwäche, das Geld mit vollen Händen zum Fenster hinauszuwerfen, war. Angesichts des drohenden Todes sah Graf Kuno jetzt noch viel schwärzer, als er sonst zu sehen pflegte, wenn das Geld knapp war, und zum erstenmal sprach er mit Udo Bodo offen und ehrlich über seine Finanzlage. Der hatte von dem Aufstellen einer Bilanz ebensowenig eine Ahnung wie sein gräflicher Vater, aber so viel begriff er denn doch, daß ihm dereinst als Erbschaft außer dem Gute und dem damit verbundenen unantastbaren Geldmajorat eine Riesenschuldenlast zufiel, die zu tilgen er die ehrenvolle Aufgabe haben würde. Und außerdem übernahm er die moralische und testamentarische Verpflichtung, nach dem Tode seines Vaters der Gräfin-Witwe Cäcilie, wie Graf Kuno sie schon jetzt nannte, ein jährliches Witwengeld von zwanzigtausend Mark auszuzahlen, und außerdem mußte er ihr den Marstall, zu dem wenigstens ein Viererzug gehören sollte, unterhalten. Die Gräfin Cäcilie hatte bei der Abfassung des Testaments selbst freiwillig auf die Pferde verzichten wollen, denn sie hatte die Absicht, wenn sie einst allein stand, viel auf Reisen zu gehen, und sie sah nicht ein, wozu sie sich da mit einem großen Troß umgeben sollte, der horrende Kosten verursachte. Aber Graf Kuno hatte auf seinem Willen bestanden. »Wenn ich daran denke, daß meine Gräfin-Witwe dereinst in einer Droschke oder womöglich gar in der Elektrischen fahren soll, ich würde mich beständig im Grabe herumdrehen und nicht zur Ruhe kommen.« So hatte die Gräfin Cäcilie denn nachgegeben, und Udo Bodo versprach seinem Vater, wie sich das für einen guten Sohn und für einen Kavalier ja ganz von selbst verstände, alle die ihm auferlegten Verpflichtungen treu und gewissenhaft zu erfüllen. Graf Kuno hatte sich eines Tages seinen ihm befreundeten Rechtsanwalt kommen lassen, und der hatte ausgerechnet, daß Udo Bodo, solange seine Mutter noch lebte, und bis er alle Schulden getilgt hätte, was nach den genau festgesetzten Rückzahlungen etwa zehn Jahre dauern würde, ein Einkommen haben würde, das seiner jetzigen Zulage gleichkam. Außerdem aber erbte er die frohe Aussicht, nach zehn Jahren ein vollständig schuldenfreies Gut und dann die Einnahmen eines doppelten Millionärs zu haben. Udo Bodo war stets ein guter Sohn gewesen, und er hatte in seinem Vater stets den Inbegriff des vollendeten Kavaliers und Gentlemans gesehen. Das tat er auch heute noch, aber er wußte nicht, wie es kam, so ganz konnte er es doch nicht billigen, daß sein gräflicher Vater so weit über seine Verhältnisse gelebt hatte. Zwar hütete er sich, dies auszusprechen, aber sein Gesichtsausdruck mußte doch irgendwie seine Gedanken verraten, denn Graf Kuno sagte: »Mein Sohn, ich habe Euch gegenüber zwar kein schlechtes Gewissen, daß ich kein besserer Haushalter war, und das, was ich tat, will ich schon vor meinem ewigen Richter verantworten, aber dies schließt nicht aus, daß es mir lieber wäre, wenn ich Dir eine größere Erbschaft hinterlassen könnte. Aber, mein Sohn, sieh Dich um in der Welt, ein jeder lebt heutzutage über seine Verhältnisse, wenigstens jeder Christ, und der Adel erst recht. Gewissermaßen als Strafe dafür, daß wir vor den anderen Leuten das blaue Blut voraushaben, geht uns jedes kaufmännische und jedes rechnerische Talent ab. Daß es rühmliche Ausnahmen gibt, ist selbstverständlich, aber schon, daß diese wie Wundertiere angestaunt werden, beweist, daß sie eben nur Ausnahmen sind. Der Adel hat wohl zuweilen die Gabe, Geld zu verdienen, aber es fehlt ihm das viel größere Talent, das erworbene Gut festzuhalten. Für ihn ist das Geld kein Besitz, sondern nur eine Tauschware, ja, er schämt sich fast, zu sparen und zu rechnen, um nicht mit den Kaufleuten in dieser Hinsicht auf dieselbe Stufe gestellt zu werden. Und noch eins: in den Augen der großen, urteilslosen Menge ist jeder Adlige zugleich auch ein Millionär, und es ist vergeblich, gegen diese Ansicht anzukämpfen. Adel verpflichtet, leider auch in finanzieller Hinsicht zu Repräsentation, die oft die vorhandenen Mittel weit übersteigt. Ob zu Hause oder auf Reisen, Du mußt stets Deinem Namen gemäß auftreten, Du brauchst natürlich nicht den ganzen Tag Champagner zu trinken, aber alles, was Du tust, die ganze Art und Weise, wie Du Dich in der Öffentlichkeit zeigst, muß stets standesgemäß sein. Das kostet Geld, Geld und nochmals Geld. In England geht der Adel bekanntlich nur an den ältesten Sohn über, und das hat sein sehr Gutes, denn der erbt mit dem Namen zugleich auch die Mittel, seinem Namen entsprechend leben zu können. Ein Adliger, der kein Geld hat, spielt in der Welt und in der Gesellschaft eine viel traurigere Rolle als der Bürgerliche, der sich in derselben Lage befindet, er ist naturgemäß in ganz anderen Anschauungen groß geworden und er hat es nicht gelernt, sich nach der Decke zu strecken. Ich wiederhole: die wenigsten Adligen haben das Talent zu einem Kaufmann in sich. Für das Ansehen des Standes nach außen hin hat das sein Gutes, aber für das Wohlergehen des einzelnen auch seine Schattenseiten.« Udo Bodo hatte von seinem Vater noch nie eine so lange Rede gehört, und wenn diese sich auch nur in allgemeinen Redensarten bewegte, so mußte er seinem gräflichen Vater doch in allen Punkten recht geben; denn er war vollständig in den Anschauungen seines Standes groß geworden. Udo Bodo stöhnte schwer auf. Seit der Zeit, da er das Offiziersexamen glücklich in der Tasche hatte, war dies der erste Seufzer, der sich seiner Brust entrang, und daher machte er auf den Grafen Kuno einen tiefen Eindruck. Ganz besorgt wandte er sich an seinen Sohn: »Udo Bodo, bist Du mir böse oder hast Du andere Sorgen? Hast Du Schulden? Sage es offen und ehrlich, ich nehme es Dir nicht im geringsten übel, ich habe als Leutnant stets Schulden gehabt und habe sie auch heute noch, also wieviel ist es? Eine Reichsanleihe muß ich doch wohl noch aufnehmen, ich habe schon mit dem Rechtsanwalt darüber gesprochen, sie ist auch bereits in der aufgestellten Bilanz mit enthalten, aber sehr groß kann sie allerdings nicht mehr werden. Immerhin, an sechzig- bis siebzigtausend Mark –« »Um Gottes willen, nur das nicht, Vater,« unterbrach ihn Udo Bodo. »Brauchst Du das Geld für Dich, dann habe ich natürlich kein Recht, Dir abzuraten, denn selbstverständlich sollst und darfst Du Dich auf Deine alten Tage nicht einschränken. Ich selbst brauche kein Geld, und wenn ich vorhin seufzte, so hatte das eine andere Veranlassung.« »Und die wäre?« erkundigte sich Graf Kuno. »Ich will heiraten,« sagte Udo Bodo nach einer kleinen Pause. »Mein Herzog wünscht es. oder, wenn er es auch nicht gerade wünscht, so glaube ich doch, daß es ihm ganz angenehm wäre.« Und er erzählte den Inhalt des Gespräches, das er mit seinem Gönner geführt hatte. Voller Aufmerksamkeit hörte Graf Kuno zu, dann meinte er: »Da ist von einem Wollen Deinerseits natürlich nicht mehr die Rede, da handelt es sich einfach um ein Muß. Für Deine ganze spätere Karriere kann es nur von Vorteil sein, wenn Du möglichst lange bei Hofe bleibst, und denke Dir nur, wenn die Fürstin Deine zukünftige Gemahlin später wirklich mit ihrer Freundschaft beehren sollte, so wäre das nicht nur für Dich, sondern für die ganze Familie derer von Adlershorst eine Ehre und eine Auszeichnung, wie sie unserer gräflichen Familie noch nie, anderen gleich allen adligen Familien nur in den allerseltensten Fällen zuteil geworden ist. Wenn die Sache so steht, begreife ich überhaupt nicht, daß Du heute nicht schon verheiratet oder nicht schon wenigstens verlobt bist.« »Meine Schuld ist es ja nicht, Papa,« verteidigte sich Udo Bodo, »wenn es nach mir allein ginge, wäre ich vielleicht heute schon so weit, aber –« »Gibt es denn da überhaupt noch ein Aber?« fragte Graf Kuno ganz erstaunt. »Doch. Papa, sogar ein sehr großes. Ich muß doch erst wissen, wen ich heiraten soll.« »Das allerdings,« meinte Graf Kuno etwas nachdenklich, und unwillkürlich streckte er die Hand nach dem gräflich gothaischen Taschenkalender aus, womit er klar und deutlich bewies, daß für ihn als Schwiegertochter nur eine Gräfin, nicht einmal eine Baroneß, geschweige denn eine gewöhnliche Adlige in Betracht käme. Aber Udo Bodo winkte ab: »Laß den Grafenkalender nur liegen, Papa, der nützt uns in diesem Falle doch nichts, ich habe ihn schon in bezug auf meine Pläne genau durchgesehen und nichts Passendes gefunden.« »Nichts gefunden?« klang es ganz erstaunt zurück. »Aber Udo Bodo, wenn Du unter den gräflichen Töchtern des Landes keine passende Partie für Dich findest, wo findest Du sie denn?« Udo Bodo zuckte die Achseln: »Ich weiß es nicht, Papa, und seit heute weiß ich es noch weniger als je, denn heute ist es mir klar geworden, daß ich nicht nur aus Liebe heiraten kann, sondern daß ich auch auf die Mitgift meiner Frau Rücksicht nehme.« Graf Kuno richtete sich in seinem Stuhle auf und starrte seinen Sohn ganz entsetzt an. »Udo Bodo, habe ich Dich recht verstanden? Du willst eine Geldheirat machen? Du, ein Graf Adlershorst? Solche Schmach willst Du auf die Familie häufen? Du, der Du seit den Tagen Deines seligen Urahnen der Stolz und die Freude aller derer von Adlershorst bist? Udo Bodo, ich erkenne Dich nicht wieder.« »Und ich erkenne Dich kaum wieder,« verteidigte sich Udo Bodo. »Wie kannst Du mir nur so etwas zutrauen. Glaubst Du, ich würde mich so weit erniedrigen, eine Gräfin nur deshalb zu heiraten, weil sie reich ist? Da denke ich doch über den Adel zu hoch, und schon meiner zukünftigen Gemahlin würde ich nicht die Schmach antun, sie um ihre Hand zu bitten, wenn ich sie nicht zugleich auch liebte.« Graf Kuno atmete erleichtert auf: »Udo Bodo, ich danke Dir für diese Worte, und ich bitte Dich um Entschuldigung, daß ich auch nur eine Sekunde an Deiner über jeden Zweifel erhabenen ritterlichen und adligen Gesinnung zweifeln konnte. Aber wie soll ich Deine Worte von vorhin verstehen?« »Aber das ist doch sehr einfach, Papa. Nach der eingehenden Schilderung Deiner Finanzlage habe ich jetzt und später, wenn Du Dich einmal zu unseren Ahnen versammelt haben solltest, was, so Gott will, erst nach langen Jahren der Fall sein wird, also ich meine, in absehbarer Zeit habe ich kein größeres jährliches Einkommen zu erwarten, als ich es jetzt beziehe. Für mich allein reicht es vollständig, aber damit eine Frau und später vielleicht eine Familie zu ernähren, ist doch ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn ich bürgerlich wäre, dann wäre ich in den Augen der Welt sogar reich, aber bei meinem Namen und meiner Stellung –« Graf Kuno unterbrach ihn mit einem schweren Seufzer: »Ich sagte es ja schon vorhin, es ist ein Fluch, einen großen Namen zu haben, wenn man nicht zugleich auch über die entsprechenden Mittel verfügt. Du hast recht, bei Deinen Einkünften kannst Du keine Frau ernähren, wenn Ihr Euch nicht ganz einschränken und jedes Goldstück dreimal umdrehen wollt. Und das kannst, das darfst Du nicht, das bist Du Deinem Namen, Deiner Stellung, aber auch mir, Deinem Vater, schuldig. Von meinen Sorgen und meinen schlaflosen Nächten weiß niemand, die Welt weiß nur, daß ich in meinem Auftreten stets der Graf Adlershorst war und blieb, den die Leute anstaunten, wo er sich immer in der Öffentlichkeit zeigte, und den sie wegen seiner Stellung in der Gesellschaft und wegen seines glänzenden Haushaltes bewunderten. So muß das aber auch sein. Nach diesem Grundsatz habe ich stets gehandelt, nicht nur, um mir dadurch ein Wohlleben zu verschaffen, wenngleich ich offen gestehe, daß ein anderes Leben mir keine Freude bereitet hätte, sondern in erster Linie, weil ich das meinem Namen und meinen Ahnen schuldig zu sein glaubte. Und je älter ich wurde, um so mehr hielt ich es für meine Pflicht, nach außen hin zu repräsentieren.« »Gewiß, Papa,« stimmte Udo Bodo ihm bei, »und ich bin der letzte, der Dich nicht vollständig begreift, der die Art und Weise des Aufwandes, den Du treibst, nicht in jeder Hinsicht billigt. Ich hätte doch nie eine solche bevorzugte Stellung erhalten, wie ich sie jetzt in der Gesellschaft und in der Armee einnehme, wenn ich nicht Dein Sohn wäre, wenn Du anders gelebt hättest, als Du es tatest.« Das leuchtete dem Grafen Kuno sehr ein, und so wandle sich denn das Gespräch wieder Udo Bodos Heiratsplänen zu, und Udo Bodo äußerte den Gedanken, daß sich vielleicht unter den Hofdamen seiner neuen Herrin eine passende Partie für ihn finden würde, natürlich immer vorausgesetzt, daß er sie liebe. Aber Graf Kuno schüttelte sein erfahrenes Haupt: »So hübsch, so jung und liebenswürdig die Hofdamen meistens sind, ebenso arm sind sie. Handelte es sich nur um eine standesgemäße Partie, so würde auch ich Dir sagen: halte dort Umschau. Aber Deine Frau muß eine jährliche Rente haben, die der Deinigen zum mindesten gleicht, und so rate ich Dir, Dein Glück dort nicht erst zu versuchen. Verliebst Du Dich und wirst Du vielleicht wiedergeliebt, so machst Du dadurch nicht nur Dich, sondern, was noch weit schlimmer ist, auch die junge Dame unglücklich. Muß der Verstand mitsprechen, dann muß man Manns genug sein, nicht nur das Herz sprechen zu lassen.« Udo Bodos Heiratspläne bildeten auch für den Rest seines Urlaubs das einzige Gesprächsthema; auch mit der Gräfin Cäcilie wurde diese Angelegenheit eingehend erörtert, und auch sie schlug in ihrem Gedächtnis nach, ob sie nicht irgendeine passende Partie wisse. Die Braut mußte sehr jung, sehr hübsch, sehr elegant, von sehr altem Adel und aus einer sehr, sehr reichen Familie sein. Und das war ein bißchen viel auf einmal. »Wenn es so etwas nicht einmal unter dem Adel geben soll, wo gibt es das denn?« schalt Graf Kuno, und immer wieder blätterte er in dem gräflichen Taschenkalender. Gewiß, es gab auch da, was man suchte, aber entweder war man mit den betreffenden Familien seit langer Zeit überworfen, oder man war sich völlig fremd, und Udo Bodo konnte doch nicht wie sein jugendlicher Fürst auf Brautschau fahren. »Du mußt auf den Zufall hoffen, Udo Bodo.« tröstete ihn sein Vater endlich. »Ich habe Dir ja einige Namen genannt, die für Dich sehr ernsthaft in Frage kommen könnten, und vielleicht triffst Du mit den jungen Damen bei den Reisen Deines Herzogs oder sonst irgendwie einmal zusammen. Erzwingen läßt sich so etwas nie. Vor allen Dingen aber bleibe Dir selbst und Deinen Anschauungen treu. Heirate wen Du willst, aber heirate nicht nur des Geldes wegen, und vor allen Dingen, heirate keine Bürgerliche, sie mag noch so schön, noch so jung, noch so reich sein. Du würdest Dich dadurch nicht nur bei Hof unmöglich machen und sofort Deiner Stellung enthoben werden, Du würdest dadurch vor allen Dingen auf unser bis zu dieser Stunde untadelhaft blankes Wappenschild einen Flecken bringen, den keine Ewigkeit wieder abwaschen könnte.« »Aber Papa, wie kannst Du nur so sprechen?« fragte Udo Bodo. »Ich habe Dir noch nie Gelegenheit und Veranlassung gegeben, daran zu zweifeln, daß ich durch und durch ein Aristokrat bin und in jeder Hinsicht die Anschauungen unseres exklusiven Standes teile. Eine Bürgerliche heiraten! Aber Papa, der Verdacht allein ist beinahe beleidigend!« Das sah Graf Kuno selbst ein, und so hielt er denn seinem Sohn die Hand hin: »Sei nicht böse, Udo Bodo, ich wollte Dich nicht kränken.« Udo Bodo grollte immer noch, aber trotzdem schlug er natürlich sofort in die dargebotene Hand ein, aber er begriff seinen Vater absolut nicht, wie hatte dem nur ein solcher Gedanke kommen und wie hatte er denselben nur aussprechen können? Und je mehr Udo Bodo in den folgenden Tagen darüber nachdachte, desto mehr kam ihm die traurige Gewißheit, daß sein gräflicher Vater nicht nur körperlich, sondern auch geistig vollständig gebrochen war, und daß er sich damit vertraut machen müsse, ihn bald durch den Tod zu verlieren. »Vollständige geistige Schwäche,« das war nach seiner Auffassung die einzige mögliche Erklärung für die von seinem Vater geäußerten Worte. Und Udo Bodo, der stets ein guter Sohn gewesen war, wurde aufrichtig traurig, daß der nach seiner Meinung sonst so rege und bedeutende Geist seines Vaters schon jetzt völlig erstorben war. VII. Udo Bodo war verliebt, und zwar gründlich; seine Vermutungen hatten sich erfüllt: eine der Hofdamen hatte es ihm angetan. Und das mußte man dem guten Udo Bodo lassen, er hatte einen tadellosen Geschmack bewiesen, als er sein Herz an die Komteß Blanka von Norberg verlor. Ebenso bezaubernd wie ihre etwas mehr als mittelgroße schlanke Erscheinung und ihr jugendfrisches Gesicht mit den helleuchtenden Augen und dem beständigen frohen, heiteren Lächeln um den kleinen Mund, ebenso verführerisch wie ihre Erscheinung, ebenso anziehend war ihr ganzes Wesen. Als jüngste von sieben Schwestern auf dem großen Gut ihres Vaters in fast mehr als bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, hatte sie trotz der vielen Seufzer, der vielen Klagen, die Tag für Tag in ihrem Elternhause zum Himmel emporgesandt wurden, nie ihren Humor, nie ihre Lebensfreude verloren, sie war der Verzug der Eltern, der Liebling der Schwestern, denen sie durch ihr frohes Lachen so oft die Sorgen verscheuchte. Ohne sich je irgendwelche trübe Gedanken zu machen, ohne sich je über die Zukunft den Kopf zu zerbrechen, ohne sich schon jetzt damit zu quälen, daß sie vielleicht ebenso wie ihre Schwestern dereinst unverheiratet bleiben würde, schon weil die Mittel zu einer standesgemäßen Mitgift fehlten, wuchs sie heran, und als sie zum erstenmal bei Hof ihrem Landesherrn, dem Vater der Prinzessin Thea, vorgestellt wurde, gefiel ihre anmutige Erscheinung und ihr liebenswürdiges Wesen so allgemein, daß sich sehr bald zwischen der gleichaltrigen Prinzessin und ihr eine wirkliche Freundschaft entwickelte. So war es nur natürlich, daß die Prinzessin Thea, als sie dem Herzog Karl Friedrich ihre Hand reichte, den Wunsch äußerte, ihre Jugendfreundin als Hofdame bei sich zu sehen. Graf von Norberg erklärte zwar, trotz der ihm und seinem Hause dadurch zuteil werdenden hohen Auszeichnung sei er nicht imstande, seine Tochter Blanka für ihre neue Stellung standesgemäß equipieren zu können, aber Prinzessin Thea bestand auf ihrem Willen, und so machte denn die Freigebigkeit ihres eigenen Vaters die Erfüllung ihrer Bitte möglich. Komteß Blanka war natürlich über das ehrenvolle Amt, das sie fortan bekleiden sollte, sehr erfreut, und sie nahm sich vor, sich der ihr zuteil gewordenen Ehre stets würdig und dankbar zu erweisen, und selbst dann, wenn ihr vielleicht manches am Hofe nicht so gefallen sollte, wie sie es erhoffte und erwartete, ihre Herzogin nie zu verlassen, solange diese sie in ihrer Nähe zu sehen wünschte. Das hatte sie ihren Schwestern gleich erklärt, als diese sie um ihre Stellung beneideten und ihr sagten: »Du Glückliche, so wird es nur noch kurze Zeit dauern und Du bist verlobt; denn daß sich bei Hof die Adjutanten und die Kammerherren unsterblich in Dich verlieben, ist selbstverständlich, und wenn es Dir auch selbst an der nötigen Mitgift fehlt, so wird die Huld Deiner sehr reichen Prinzessin Dir auch über diese Schwierigkeit hinweghelfen.« Aber Komteß Blanka hatte so energisch den Kopf geschüttelt, daß ihre Frisur sich löste und daß das dichte, dunkelbraune Haar wie ein Mantel über ihre Schulter fiel. Lachend hatte sie es mit einem schnellen Griff wieder in einen dicken Knoten gerafft und mit zahllosen Kämmen auf dem Kopf befestigt und dann ernsthaft geantwortet: »Ich denke gar nicht daran, mich gleich zu verheiraten, denn im Gegensatz zu Euch sehe ich in einem Manne gar nicht den Inbegriff aller Seligkeit, wenigstens vorläufig nicht, mit meinen zwanzig Jahren fühle ich mich auch so sehr glücklich. Davon aber ganz abgesehen, würde ich es sehr unrecht finden, meine neue Stellung lediglich als einen Versorgungsposten für meine Person zu betrachten. Ich gehe der Prinzessin und nicht meinetwegen an den Hof.« So hatte sie denn ihre Stellung als Hofdame angetreten, nachdem diesem großen Ereignis wochenlange Instruktionsstunden durch die Oberhofmeisterin vorangegangen waren, und schon am ersten Tage war Udo Bodo ihr vorgestellt worden. Sie hatte viel von ihm gehört, sie war neugierig gewesen, ihn kennen zu lernen, aber als er ihr jetzt gegenüberstand und sie wie ein Wesen aus der anderen Welt betrachtete, da hatte sein Gesicht nicht nur die größte Verwunderung, sondern auch so viel grenzenloses Erstaunen verraten, daß sie über den etwas törichten Ausdruck seiner Züge hatte hellauf lachen müssen. »Aber Herr Graf, was ist Ihnen denn nur?« fragte sie lustig. Udo Bodo suchte lange nach einer Antwort, dann sagte er: »Die Sonne hat mich geblendet.« Und gleich darauf geschah etwas Ungeheuerliches: Udo Bodo führte die Hand, die sie ihm reichte, an die Lippen und küßte sie. Einem jungen Mädchen die Hand zu küssen, noch dazu bei Hof, das war noch nie dagewesen, und wenn die Oberhofmeisterin es gesehen hätte, so wäre selbst sie, die doch kontraktlich die Verpflichtung hat, niemals ihre Ruhe und Besonnenheit zu verlieren, erbarmungslos in Ohnmacht gefallen. Aber dies blieb ihr erspart, da sie wie durch ein Wunder es nicht gesehen hatte. Komteß Blanka, die für einen Augenblick in die größte Verlegenheit geraten war, lachte plötzlich wieder lustig auf, und dieses Lachen erweckte in Udo Bodo einen Widerhall, so daß er mit einstimmte. Und so standen sie sich lachend gegenüber, bis ein strenger Blick der Oberhofmeisterin sie daran erinnerte, daß es nun der Heiterkeit genug sei. An diesem Tage fuhr Udo Bodo nicht wie sonst im schlanken Trab, sondern im langsamsten Schritt nach Haus. Die Pferde ließen dabei traurig ihre Köpfe hängen, und Udo Bodo den seinigen erst recht. »Was hat er denn, was hat er denn?« fragten sich die Leute, die ihn so dahinfahren sahen»»man könnte ja beinahe auf den Gedanken kommen, daß er in Ungnade gefallen sei. Aber das ist ja bei ihm ganz ausgeschlossen.« Udo Bodo kümmerte sich nicht um das, was die Leute von ihm denken konnten, er fuhr in einem so langsamen Tempo durch die Straßen der Stadt, als lenke er einen leeren Hofwagen, der bei einem offiziellen Begräbnis den Zuschauern mitteilen soll, daß sich in diesem leeren Wagen die trauernden und teilnehmenden Gedanken des Hofes befinden. Als er seine Wohnung erreicht hatte, gab er den strengen Befehl, ihn nicht zu stören. Dann nahm er den gräflichen Taschenkalender zur Hand und schlug die Familie von Norberg auf. Er hatte es ja schon vorher gewußt, daß Komteß Blanka sechs Geschwister hatte, denn diese sieben Schwestern waren in den adligen Kreisen in gleicher Weise wegen ihrer Schönheit und wegen ihrer Armut bekannt. Aber trotzdem sah er noch einmal nach, ob es mit den vielen Schwestern wirklich stimmte. Und es stimmte wirklich. Udo Bodo wurde immer trauriger. Die arme Blanka, arm zu sein und dann noch sechs Geschwister zu haben, das war ein trauriges Los, noch dazu, wo sie gar keine Aussicht hatte, jemals etwas zu erben. Er blätterte in den Familien, die mit Norbergs verwandt oder verschwägert waren; alles altadlige Damen, Stammbäume, die über jeden Zweifel erhaben waren, in denen auch nicht ein einziger Tropfen Blut geflossen hatte, der nicht tadellos blau war, aber in bezug auf den Geldbeutel wenig beneidenswert. Und das allertraurigste war, daß die Norbergs selbst früher einmal sehr reich gewesen waren. Noch der Ururgroßvater hatte sieben große Güter besessen, aber als er gestorben, hatte dessen Witwe, die alleinige Erbin, in einer einzigen Nacht sechs der großen Güter verspielt, und nur der jetzige Familienbesitz war zurückgeblieben. Einem durchaus glaubwürdigen Gerüchte zufolge hatte die alte Dame auch dieses Gut verloren, aber der glückliche Gewinner war Ehrenmann genug gewesen, es absichtlich wieder zu verlieren, um die alte Dame nicht zur Bettlerin zu machen. Das leidige Geld! Die arme Blanka tat ihm aufrichtig leid, die war so jung, so hübsch, so liebenswürdig und so lebenslustig, und gerade sie mußte in so dürftigen Verhältnissen leben. Er war so von Mitleid für sie erfüllt, daß er darüber ganz vergaß, wie er heute morgen bei der ersten Begegnung sein Herz an sie verloren hatte, aber als er jetzt plötzlich daran dachte, durchströmte ein beseligendes Glücksgefühl seine Brust, und doch, wie hatte doch Graf Kuno zu ihm gesagt: »Verliebst Du Dich in ein junges Mädchen, dessen Vermögensverhältnisse keine Ehe ermöglichen, so machst Du dadurch nicht nur Dich selbst, sondern, wenn Du wieder geliebt wirst, auch die junge Dame unglücklich. Muß der Verstand mitsprechen, dann muß man Manns genug sein, nicht nur das Herz sprechen zu lassen.« Wie immer, so hatte sein gräflicher Vater auch hierin recht. Sich jetzt oder später ernsthaft mit dem Gedanken zu tragen, um die Hand der schönen Komteß Blanka zu werben, war ein Wahnsinn, ja, noch mehr, es war fast eine Schlechtigkeit. Er schätzte und verehrte sie schon heute viel zu sehr, um ihr unruhige und schwere Stunden bereiten zu wollen, und die würden nicht ausbleiben, wenn er um ihre Gunst warb und wenn sie dann vielleicht auch an ihm Gefallen finden sollte. Das durfte nicht sein, er durfte sich schon allein ihretwegen nicht in sie verlieben; geschah das aber dennoch, war die Liebe stärker als sein Wille, dann durfte sie wenigstens nichts davon erfahren, dann mußte er das, was er für sie empfand, in seinem tiefsten Innern begraben. Und Udo Bodo bemühte sich auch in Zukunft nach besten Kräften, das, was er sich vorgenommen hatte, durchzusetzen. Und das gelang ihm so gut, daß kein Mensch ihm seine Liebe anmerkte. Komteß Blanka am allerwenigsten. Die hatte von der ersten Minute an Udo Bodo nur komisch genommen, sie lachte und scherzte mit ihm und auch über ihn, es machte ihr ein großes Vergnügen, ihn zu necken und sich an seinen schwachen Versuchen, sich zu verteidigen, zu erfreuen. Alles, was er sagte, hielt sie für einen mehr oder weniger guten Scherz, und wenn er sie, allen seinen guten Vorsätzen zum Trotz, doch zuweilen von der Seite mit einem heimlichen Blick streifte, der viel mehr, als er es sollte, seine Gefühle verriet, dann amüsierte sie sich köstlich über seine Kunst, die Augen so verdrehen zu können, und beneidete ihn um seine Gabe, allein schon durch seinen Gesichtsausdruck beständig andere Leute fröhlich zu stimmen. Komteß Blanka war ein kluges Mädchen, aber trotzdem täuschte auch sie sich über Udo Bodos geistige Fähigkeiten, sie hielt ihn zwar für keine Leuchte der Wissenschaft, aber für einen durchaus nicht unbegabten Menschen, und wenn Udo Bodo in der Unterhaltung entgleiste und anstatt einer geistreichen Bemerkung eine komische Albernheit sagte, dann hielt auch sie das ebenso wie alle übrigen für einen guten Scherz. Udo Bodo galt nicht für einen Menschen, der komisch war, sondern für einen, der zuweilen furchtbar komisch sein konnte, und als solcher erfreute er sich überall großer Beliebtheit. Auch Komteß Blanka hatte ihn gern, aber das Gefühl, das sie für ihn hegte, war lediglich das guter Kameradschaft und Freundschaft. Einmal hatte sie sich die Frage vorgelegt, ob sie sich wohl je in Udo Bodo verlieben könne, aber der Gedanke allein war ihr komisch und lächerlich erschienen, sie wußte, sie hätte Jahrzehnte mit ihm zusammen leben können, ohne je ein wärmeres Gefühl für ihn zu empfinden, und da sie Udo Bodo erst recht keiner ernsten Neigung für fähig hielt, so amüsierte sie sich stets von neuem über ihn, wenn er ihr zuweilen einen seiner Blicke zuwarf, oder ihre Hand länger in der seinen hielt, als es unbedingt nötig war. Bei aller Harmlosigkeit des Verkehrs, der zwischen den beiden zu bestehen schien, wurde trotzdem Komteß Blanka oft mit Udo Bodo und dieser mit der schönen Komteß Blanka geneckt, und selbstverständlich geschah dies aus der festen Überzeugung aller heraus, daß keiner von den beiden auch nur im entferntesten ernsthaft an den anderen dachte. Selbst der Herzog und seine hohe Gemahlin amüsierten sich oft über die beiden, die Herzogin Thea war glücklich, daß ihre Freundin sich am Hofe so wohl fühlte, und der Herzog sagte eines Tages zu Udo Bodo: »Ich habe schon oft mit der Herzogin darüber gesprochen, wie Sie es eigentlich früher bei mir ausgehalten haben, es muß doch furchtbar langweilig für Sie gewesen sein.« Aus innerster Überzeugung wollte Udo Bodo widersprechen, aber Seine Hoheit wehrte ab: "Na, na, lassen Sie es nur gut sein, Sie brauchen mir keine Komplimente zu machen, und daß Ihnen die Gesellschaft der Komtesse Blanka besser gefällt als die meine, ist ja selbstverständlich. Aber was mich und auch die Herzogin am meisten dabei erfreut, ist der echt kameradschaftliche Verkehr, der zwischen Ihnen beiden besteht. Sie erinnern sich, daß ich einmal mit Ihnen über das Heiraten sprach, und ich denke auch heute noch so. Aber wenn Sie jemals ernsthaft um die kleine Komteß werben sollten, dann würde die Herzogin Ihnen das nie verzeihen, die will ihre Jugendfreundin noch lange bei sich behalten und würde niemals zu einer Verheiratung ihre Zustimmung geben. Na, wie gesagt, aber davon ist ja auch Gott sei Dank bei Ihnen beiden nicht die Rede.« Als Udo Bodo zu Hause über die Worte seines Herzogs nachdachte, wurde er ganz melancholisch. Eins erfüllte ihn mit Freude, er hatte sich so beherrscht, daß niemand merkte, wie sein Herz in hellen Flammen loderte, aber auf der andern Seite stimmte es ihn traurig, nun auch aus dem Munde Seiner Hoheit gehört zu haben, daß er nie Komteß Blanka heiraten könne. Gewiß, er hatte ja schon selbst lange derartige Gedanken aufgegeben, aber daß ihm nun nochmals ausdrücklich gesagt wurde: »selbst wenn du wolltest, du bekämst sie doch nicht,« das erfüllte ihn mit tiefer Trauer und machte ihn ganz niedergeschlagen. So machte er denn ein mehr als klägliches Gesicht, als er am nächsten Morgen die höchsten Herrschaften auf ihrem Spazierritt begleitete und an der Seite der Komteß Blanka dahintrabte. »Was haben Sie denn nur, Graf?« fragte sie lachend. »Schön ist der Vergleich mit den drei Tagen Regenwetter ja nicht, aber mir fällt im Augenblick nichts Besseres ein. Was haben Sie nur?« Mit einem langen Blick musterte er ihre graziöse Erscheinung, die in dem Reitkleid zur besten Geltung kam, und unwillkürlich stöhnte er so laut auf, wie es die Nähe der höchsten Herrschaften nur erlaubte, dann sagte er: »Ich habe Weltschmerz, Komteß.« »Sie haben es nötig,« schalt sie. »Sie sollten sich wirklich schämen, so etwas auch nur im Scherz zu sagen.« »Es ist mir tiefbitterer Ernst mit meinen Worten,« verteidigte er sich. »Dann sollten Sie sich erst recht schämen,« fuhr sie fort. »Ich möchte nur wissen, was Sie an dieser schönen Welt auszusetzen haben; eine glänzende Vergangenheit liegt hinter Ihnen, eine glänzende Zukunft vor Ihnen. Und die Gegenwart? Sie haben hier eine Stellung, um die Sie Tausende beneiden, Sie genießen nicht nur das Vertrauen, sondern auch die Freundschaft Ihres Herzogs, Sie sind gesund, Sie sind, wie Sie mir einmal sagten, in der glücklichen Lage, keine materiellen Sorgen zu kennen, also wo liegt die Veranlassung zu Ihrem Weltschmerz, wenn nicht lediglich in Ihrer Einbildung?« »Ich habe mir mein ganzes Leben lang noch nichts eingebildet,« sagte er sehr ernst, ohne sich des Doppelsinns seiner Worte bewußt zu sein. Sie lachte belustigt auf. »Sie sind ein schrecklicher Mensch, Graf. Erst machen Sie ein Gesicht, daß man wirklich angst und bange wird, und nach zwei Minuten machen Sie schon schlechte Witze, anstatt ernsthaft zu antworten.« »Habe ich wirklich einen Witz gemacht?« fragte er ganz erstaunt. »Ich weiß jedenfalls nichts davon.« »Das wissen Sie ja angeblich nie, aber gleichviel, es lohnt ja auch nicht, Sie auch nur eine Minute ernst zu nehmen. So, nun machen Sie wieder ein frohes Gesicht.« »Machen Sie es mir einmal vor,« bat er, »ich will mir dann Mühe geben, es nachzumachen.« Mit großen lachenden Augen und mit einem heiteren Lächeln um den Mund sah sie ihn an: »Sehen Sie, Graf, so müssen Sie in die Welt hineinsehen.« »Ja, wenn ich solche Augen hätte wie Sie, Komteß, und einen so süßen kleinen Mund, dann ginge es vielleicht, aber so –« »Sie machen mich wirklich ärgerlich, Graf,« schalt sie. »Obgleich dazu doch wirklich gar keine Veranlassung vorliegt, habe ich aufrichtiges Mitleid mit Ihnen und will Sie davon überzeugen, daß Sie gar keine Ursache haben, den Unglücklichen zu spielen, und Sie sagen mir fade Komplimente.« »Seien Sie mir nicht böse, Komteß,« bat er, »aber ganz so schnell, wie Sie es befehlen, geht es mit dem frohen Gesicht denn doch nicht.« »Und warum nicht?« »Es gibt Dinge,« erwiderte er tiefsinnig, »über die man so gern spräche, und die man doch in seinem tiefsten Innern verbergen muß.« »Verzeihen Sie meine Indiskretion, aber auch ohne daß Sie es mir sagen, weiß ich jetzt, was Ihnen fehlt: Sie sind verliebt oder Sie bilden es sich wenigstens ein.« Und als er schwieg, fuhr sie nach einer kleinen Pause fort: »Wissen Sie, das ist ein Zustand, der so gar nicht für Sie paßt. Graf Udo Bodo verliebt – das glaubt ja kein Mensch!« »Na, erlauben Sie mal, Komteß,« verteidigte er sich. »Wirklich, Graf,« bestätigte sie abermals. »Später, viel später einmal, wenn Sie dereinst das Gut Ihres Herrn Vaters übernommen haben, dann können Sie sich mit derartigen Gedanken tragen. Aber jetzt? Wie alt sind Sie?« »Der berühmte Mantel ist im Vergleich mit mir der reine Säugling.« »Ach so, Sie meinen, Sie haben die Dreißig bereits überschritten? Das ist doch für einen Mann gar kein Alter. Aber wenn auch, Sie passen noch nicht zur Ehe, ich kann Ihnen zwar keine Gründe dafür anführen, aber es ist Empfindungssache. Und außerdem wüßte ich auch gar nicht, wie die Frau aussehen sollte, die zu Ihnen paßt.« »Ich wüßte es schon,« gab er zur Antwort, und er brachte es fertig, die Worte so gleichgültig zu sprechen, daß sie gar nicht auf den Gedanken kam, diese Äußerung irgendwie auf sich zu beziehen. »Sie irren sich,« widersprach sie, »aber selbst, wenn Sie jetzt wirklich von der Wahrheit Ihrer Worte durchdrungen sein sollten, so würden Sie schon nach kürzester Zeit einsehen, daß Sie sich täuschten. Ich meine es wirklich gut mit Ihnen, Graf, geben Sie alle derartigen Gedanken auf, wenn es nicht schon zu spät ist. Seien Sie ein Mann, kämpfen Sie gegen Ihre Neigung an, Sie werden schon Sieger bleiben, dann wird Ihnen auch die Freude am Leben wiederkommen, dann werden Sie nicht wieder solches Gesicht machen wie heute, denn heute sehen Sie wirklich entsetzlich elend aus.« »Kein Wunder,« dachte Udo Bodo. »Gewiß, ich kann ja nicht daran denken, Komteß Blanka zu heiraten, aber hier mitanhören zu müssen, daß die Komteß mir auch dann ihre Hand nicht geben würde, wenn ich die Möglichkeit hätte, ernsthaft um sie zu werben, das in diesem Augenblick zu erfahren, muß mich doch traurig stimmen.« »Haben Sie Nachrichten von Haus?« fragte Komteß Blanka nach einer kleinen Pause, um das Gespräch auf ein anderes Thema zu bringen. »Ja, und leider sehr schlechte. Mit meinem Vater geht's zu Ende, darüber täusche ich mich nicht. Er leidet an entsetzlichen Herzaffektionen, es kann jeden Tag aus sein, und es ist ein wahres Wunder, daß er überhaupt noch lebt.« »Sie Ärmster,« sagte sie voll aufrichtiger Teilnahme, »aber vielleicht ist ja doch noch Hoffnung vorhanden.« Er schüttelte den Kopf. »Ich glaube es nicht, und offen gestanden wünsche ich es meinem Vater auch gar nicht. Ganz gesund kann er doch nie wieder werden und es wäre für ihn entsetzlich, für den Rest seiner Tage auf all die Genüsse verzichten zu müssen, die ihm das Leben bisher lieb und teuer machten.« Und wie schon so oft, erzählte er ihr von seinem Elternhaus, bis die hohen Herrschaften ihre Pferde in Galopp fallen ließen und damit dem Gespräch der beiden ein Ende machten. Wie immer, so war auch heute der Spazierritt um acht Uhr beendet, und im Schloßhof standen schon die Stallknechte bereit, um die Pferde in Empfang zu nehmen. Eine Stunde war jedem im Anschluß an den Ritt für das Umkleiden und das Frühstück freigegeben, dann begann sowohl für die Hofdame als für die Adjutanten der Dienst, und so suchte Udo Bodo denn auch heute gleich seine Wohnung auf. Als er dort ankam, fand er ein dringendes Telegramm vor und schon die Adresse verriet ihm den traurigen Inhalt, denn die Aufschrift lautete: an den Grafen Udo Bodo von Adlershorst, Majoratsherrn des adligen Gutes Adlershorst, persönlicher Adjutant Seiner Hoheit des Herzogs Karl Friedrich, Inhaber vieler Orden. Sein Vater war gestorben! Er sank in einen Stuhl und hielt das Telegramm lange uneröffnet in den Händen. Die Anrede als Majoratsherr brachte ihm ja schon die traurige Gewißheit dessen, was die Depesche enthielt. Er ließ seinen Tränen freien Lauf und versuchte sich vorzustellen, daß er seinen Vater fortan nicht mehr wiedersehen solle, und der Verlust. den er erlitten, erfüllte ihn mit tiefer, aufrichtiger Trauer. Er wollte und konnte die traurige Nachricht immer noch nicht glauben und er saß so in tiefen Gedanken versunken da, daß er es überhörte, als sein Kammerdiener eintrat, um ihn daran zu erinnern, daß es Zeit sei, zu Hof zu fahren. »Ach so, ja –« er hatte ja Dienst wie alltäglich, um neun Uhr mußte er sich bei Seiner Hoheit melden. So raffte er sich denn zusammen. »Haben der Herr Graf eine traurige Nachricht erhalten, wenn ich fragen darf?« erkundigte sich der Kammerdiener teilnehmend, als er die verweinten Augen seines Herrn bemerkte. Udo Bodo hatte in Gegenwart des Dieners seine Fassung wiedergewonnen, er hatte den Grundsatz, seinen Domestiken nie einen Einblick in sein Inneres zu gewähren, so sagte er denn jetzt voller Würde: »Es hat dem Herrn über Leben und Tod gefallen, meinen Herrn Vater, den Grafen Kuno, Majoratsherrn auf Adlershorst, heute nacht zu seinen gräflichen Ahnen zu versammeln.« Und als der Diener mit einigen schlichten Worten seine Teilnahme ausgedrückt hatte, fuhr er fort: »Packen Sie sofort die Koffer, ich werde heute noch reisen. Sie begleiten mich.« »Sehr wohl, Herr Graf.« »Die Dienerschaft soll sofort Trauer anlegen. Sie werden das Weitere veranlassen.« »Sehr wohl. Herr Graf.« Als Udo Bodo wenig später dem Herzog das Ableben seines Vaters meldete, war dieser aufrichtig betrübt. »Ich habe Ihren seligen Herrn Vater ja leider nur selten zu sehen Gelegenheit gehabt, aber die wenigen Tage, die ich als Fähnrich in dessen gastfreiem Hause verleben durfte, sind mir noch in schönster Erinnerung. Selten habe ich mich in einem Hause so wohl gefühlt wie damals auf Adlershorst, und es ist selbstverständlich, daß ich Ihrem seligen Herrn Vater die letzte Ehre erweisen werde. Ich bitte Sie, mich telegraphisch zu benachrichtigen, sobald der Tag und die Stunde der Beisetzung feststehen.« »Gott, wie würde mein Vater sich freuen, wenn er es noch hätte erleben können, daß Seine Hoheit ihm die letzte Ehre erweist,« dachte Udo Bodo, und die große, aufrichtige Freude, die er über diese dem Toten zuteil werdende Auszeichnung empfand, ließ ihn den Schmerz über den Verlust viel ruhiger ertragen. Und auch für die Gräfin Cäcilie war die Nachricht, die Udo Bodo ihr am Abend mitteilte, ein großer Trost. Graf Kuno, der sein Ende deutlich voraussah, hatte schon, als er noch lebte, bestimmt, daß seine gräfliche Gemahlin sich rechtzeitig alle Trauerkleider anschaffe, und auch für die Dienerschaft war alles für diesen traurigen Fall vorbereitet worden, denn Graf Kuno hatte immer mehr Wert auf das Äußere und auf die Wahrung der Form als auf die inneren Empfindungen gesehen. So fand Udo Bodo denn die Gräfin Cäcilie und die ganze Dienerschaft bereits im tiefsten Schwarz vor, und das berührte ihn sehr sympathisch. Als erstes trat er natürlich an die Leiche seines Vaters, er küßte die Lippen, die ihm nur Freundliches und Liebes gesagt hatten, und stand dann lange im stummen Gebet da. Erst dann hielt er es für passend, auch dem Toten zu sagen: »Lieber Vater, auch Seine Hoheit der Herzog ist aufrichtig traurig, daß Du uns so früh verlassen hast. Er läßt Dir zu Deinem Ableben sein höchstes Beileid aussprechen und wird Dir selbst die letzte Ehre erweisen.« »Wie würde er sich darüber freuen, wenn er das noch hätte erleben können,« sagte jetzt auch Gräfin Cäcilie. »Er hat in den letzten Tagen ganz ruhig über seinen bevorstehenden Tod gesprochen, so ruhig, daß es mich oft erschreckte, und er hat selbst das Zeremoniell seiner Beisetzung ausgearbeitet. Er hat an alles gedacht, sogar den Wortlaut seiner Todesanzeige hat er selbst verfaßt und er hat die Namen aller derer aufgeschrieben, die aller Wahrscheinlichkeit nach zur Beisetzung kommen würden. Aber auf den Gedanken, daß auch der Herzog erscheinen würde, ist selbst er nicht verfallen. Wie würde er noch im Tode stolz und glücklich sein, wenn er wüßte, daß Seine Hoheit in höchsteigener Person hinter seinem Sarge einherschreiten würde.« Ebenso wie Udo Bodo war auch Gräfin Cäcilie durch den Verlust des Grafen Kuno in aufrichtige Trauer versetzt. War es auch, schon bei dem Unterschied der Jahre, keine leidenschaftliche Liebe gewesen, die sie beide miteinander verbunden hatte, so hatte sie doch eine treue Freundschaft und Kameradschaft stets zusammengehalten. Natürlich gab es an diesem Abend noch viel zu besprechen und anzuordnen und vor allen Dingen galt es, den Tag der Beisetzung zu bestimmen. Zwar hatte Seine Hoheit erklärt, daß er sich die nächsten Tage für diese traurige Feier freihalten würde und daß ihm somit jede Stunde recht sei, aber trotzdem hielt Udo Bodo doch noch eine telegraphische Anfrage bei dem Herzog für notwendig, und erst als er die Zustimmung Seiner Hoheit zu dem diesem unterbreiteten Vorschlag in Händen hatte, konnte die Beisetzung definitiv festgesetzt werden. Dann wurden als erstes an sämtliche Verwandten und an alle, die dem Verstorbenen nahestanden, Depeschen abgesandt, die die Stunde der Beisetzung, der Trauerfeierlichkeit, aber zugleich auch die Teilnahme Seiner Hoheit an derselben meldeten. Gräfin Cäcilie kannte ihre Verwandten ganz genau: die würden sich jetzt, wo Graf Kuno tot und seine stets offene Hand für immer geschlossen war, in der Mehrzahl damit begnügen, ein Beileidstelegramm oder einen Kranz zu senden. Aber die Anwesenheit des Herzogs zog, darüber war sie sich klar. Und Seine Hoheit mußte ziehen, schon seinetwegen mußte eine zahlreiche und vornehme Trauerversammlung im Hause anwesend sein. Gräfin Cäcilie hatte sich nicht verrechnet. Schon am nächsten Tage kamen von allen Seiten die Zusagen, daß man selbstverständlich zur Beisetzung kommen würde und daß man dieses auch getan hätte, wenn Seine Hoheit nicht erscheinen würde. Aber diese Versicherungen entlockten der Gräfin-Witwe nur ein leises, spöttisches Lächeln. Ja, wenn sie hätten hoffen können, von Udo Bodo fernerhin dieselbe Zulage zu erhalten wie früher von dem Grafen Kuno, ja, dann wären sie schon deshalb gekommen, um Udo Bodos Gunst zu erringen und durch die Trauer, die sie zur Schau trugen, sein Herz zu rühren. Aber so? Man wußte ja, wie Graf Kuno gewirtschaftet hatte und daß Udo Bodo an den Schulden seines Vaters mehr als genug zu bezahlen haben würde. Die einzige, die abtelegraphierte, weil sie krank daniederlag, war Betty, und so sehr er auch ihre Krankheit bedauerte, so sehr beruhigte es ihn doch, daß sie nicht erscheinen würde. Er hatte vor dem Wiedersehen mit ihr eine gewisse Angst gehabt, er hatte sich vergebens klarzumachen versucht, wie er nach dem, was zwischen ihnen vor vielen Jahren vorgefallen war, ihr selbst und vor allen Dingen ihrem Mann hätte gegenübertreten sollen. Nun blieb ihm wenigstens diese schmerzliche Begegnung erspart. Am Abend vor der Beisetzung kam plötzlich und unerwartet ein Telegramm des Herzogs, in dem dieser mitteilte, es sei ihm zu seinem aufrichtigsten Bedauern infolge plötzlicher, wichtiger Verhinderung nicht möglich, länger als eine Stunde an den Beisetzungsfeierlichkeiten teilzunehmen, er werde mittags um zwölf Uhr mittelst Extrazugs eintreffen, müsse aber schon um ein Uhr in seine Residenz zurückreisen, er könne also nur dem letzten Teil des feierlichen Aktes, der sich um zwölf Uhr in der ja auch ihm bereits bekannten kleinen Kirche abspielen würde, beiwohnen. Gott sei Dank wurde dadurch wenigstens keine völlige Änderung des Programms nötig, die in letzter Stunde durchzuführen auch kaum noch möglich gewesen sein würde, aber immerhin mußte jetzt doch gar vieles anders werden. Man hatte damit gerechnet, den Herzog von der Eisenbahnstation im Viererzug nach Adlershorst zu fahren, dort sollte er sich für kurze Zeit in den für ihn hergerichteten Gemächern aufhalten und im Anschluß daran sollte ein Frühstück stattfinden, an dem alle erschienenen Gäste teilnehmen sollten, damit sie Gelegenheit fänden, Seine Hoheit persönlich kennen zu lernen. Selbstverständlich würde Seine Hoheit bei dieser Gelegenheit jedem der direkten Verwandten ein paar freundliche, teilnehmende Worte sagen, und man hatte sich schon die Verbeugungen und den Hofknicks wieder eingeübt, um dem hohen Herrn danken zu können, hatte schon den halblauten, traurigen Ton einstudiert, in dem man antworten wollte: »Eure Hoheit sind zu gnädig und zu liebevoll.« Und wie schön und feierlich hatten alle es sich gedacht, wenn Seine Hoheit aus dem Schloß treten würde, um, wenn auch nur wenige Schritte, bis zu dem Leichenwagen hinter dem Sarg einherzuschreiten, und dann den für ihn bestimmten Viererzug zu besteigen und das Trauergefolge zu eröffnen. Für einen Augenblick hatte Udo Bodo darüber nachgedacht, ob es wohl angängig sei, den hohen Toten sechsspännig, den aber noch Höheren und Lebenden nur vierspännig fahren zu lassen. Zur Vorsicht hatte er an das Oberhofmarschallamt telegraphiert, daß sein Vater bei Lebzeiten selbst noch den Sechserzug für sich bestimmt habe, und er hatte erklärend hinzugefügt, daß er selbstverständlich sich noch einen zweiten Sechserzug anschaffen würde, wenn die Kürze der Zeit nur ein Einfahren der neuen Pferde ermögliche. Da dies aber leider nicht möglich sei, erbäte er Nachricht, ob unter den durch das persönliche Erscheinen des Herzogs veränderten Umständen der letzte Wille seines gräflichen Vaters noch erfüllt werden könne oder ob er für eine andere Bespannung der Wagen Sorge tragen müsse. Selbstverständlich kam die Antwort: Seine Hoheit denke nicht daran, durch sein Erscheinen irgendwie eine Änderung des einmal bestimmten Zeremoniells herbeiführen zu wollen, und so sollte es denn bleiben, wie es bestimmt war: Graf Kuno fuhr sechsspännig, Seine Hoheit nur vierspännig. Und nun kam Seine Hoheit überhaupt nicht nach Adlershorst! Gesagt hatte es natürlich niemand, aber in erster Linie hatten sich doch alle auf das Diner gefreut, das der Beisetzung folgen würde. Daß Seine Hoheit daran teilnahm, war ja selbstverständlich, und von neuem würden dann alle Gelegenheit haben, mit dem hohen Herrn in Berührung zu kommen, man würde manch kluges, geistreiches Wort aus dem Munde Seiner Hoheit vernehmen, man würde schon deshalb mit Auszeichnung behandelt werden, weil man das Glück hatte, mit dem lieben Udo Bodo verwandt zu sein, der es ja verstanden hatte, sich bei seinem hohen Herrn so beliebt zu machen, daß dieser kürzlich einmal geäußert hatte, er könne sich gar nicht vorstellen, wie er später leben solle, wenn Udo Bodo einmal nicht mehr sein Adjutant sei. Das war zwar nicht wahr, und daß es nicht wahr sei, wußten natürlich alle ganz genau, aber es hörte sich so nett an, und diese Worte ehrten nicht nur Udo Bodo, sondern die ganze Familie. Man grub diese goldenen Worte in sein Herz und nahm sich vor, seinen Bekannten gegenüber später damit prahlen zu wollen. Und wie hatte erst ein jeder und vor allem eine jede sich mit den Worten brüsten wollen, die Seine Hoheit der Herzog an sie persönlich gerichtet hatte oder wenigstens an sie hatte richten können. Trotz der tiefen Familientrauer hatte jede der weiblichen Verwandten schon für die allernächste Zeit einen kleinen Kaffee geplant, natürlich nur einen ganz kleinen, ganz intimen, zu dem nur die allerbesten Freunde eingeladen werden sollten. Und dann wollte jede von der Huld Seiner Hoheit erzählen, von der Auszeichnung, mit der er sie behandelt hatte, von dem Handkuß, mit dem er sie beglückt, von den teilnehmenden, aus tiefstem Herzen kommenden Worten, mit denen er sie in ihrem großen Schmerz getröstet, von den Worten der höchsten Anerkennung, mit denen er von Udo Bodo gesprochen hatte. Grün vor Neid hätten die anderen werden sollen, die intimste Freundin sogar am allergrünsten. Mit echt weiblicher Phantasie hatte man sich diesen Triumph ausgemalt, und nun kam Seine Hoheit gar nicht nach Adlershorst! Bei seiner Anwesenheit in der Kirche würde er sich darauf beschränken, die Gräfin-Witwe und Udo Bodo in ein längeres Gespräch zu ziehen, die übrigen würden sich mit einer stummen Verbeugung begnügen müssen. Aber mit einer regen Phantasie, und die besaßen im Gegensatz zu den Männern die weiblichen Mitglieder der gräflichen Familie Adlershorst alle, ließ sich ja schließlich auch auf Grund dieser stummen Verbeugung eine Kaffeegesellschaft arrangieren, aber die Gäste würden ja aus den Zeitungen wissen, wie äußerst knapp bemessen der Aufenthalt Seiner Hoheit gewesen war, und anstatt lange, huldvolle Gespräche zum besten zu geben, konnte man jetzt nur kurze, selbstverständlich mehr als gnädige Worte Seiner Hoheit den anderen servieren. Und daß man nur so wenig zum Erzählen und zum Fragen haben würde, das nahm ihnen die Freude an dem ganzen geplanten Kaffee, ja, noch mehr, es nahm ihnen die Freude an der ganzen Beerdigung. Wenn man das vorher gewußt hätte! Das war das Thema, das alle Leidtragenden unter sich erörterten, wenn Gräfin Cäcilie und Udo Bodo nicht zugegen waren. Wenn man das vorher gewußt hätte! Dann hätte man doch das Geld für die Reisen sparen können und die Anstrengung der Reise erst recht, denn ein Vergnügen war es doch wahrlich nicht, zehn Stunden und länger im Coupé zu sitzen. So ging das in einem fort. »Und verdenken kann uns das niemand, wenn wir außer uns sind,« meinte die alte Stiftsdame, »denn um den jungen Herzog nur zu sehen, bin ich doch nicht hergekommen. Du lieber Gott, gesehen habe ich in meinem Leben schon Herzöge genug, nur um das Vergnügen nochmals zu haben, mache ich nicht solche Reise.« »Ich auch nicht, ich auch nicht,« stimmten alle ihr bei. Und so sprach man denn nur von dem Herzog, aber von dem armen Grafen Kuno, der nur durch wenige Zimmer getrennt aufgebahrt war, und an dessen Sarge, den von ihm persönlich getroffenen Bestimmungen gemäß, die Diener und Jäger die Totenwache hielten, sprach kein Mensch. Am nächsten Vormittag fand die feierliche Beisetzung statt. Die Nachricht, daß Seine Hoheit persönlich zugegen sein würde, hatte sich mit Windeseile verbreitet, und sie hatte genügt, um von den entferntesten Gütern, aus der Stadt, aus der ganzen Umgegend zahllose Leidtragende anzulocken. Die meisten von denen, die erschienen, hatten den Grafen Kuno, als er noch lebte, nie gesehen, geschweige denn gesprochen. Gräfin Cäcilie und Udo Bodo waren tiefgerührt, als sie auf dem Schloßhof sich das große Trauergefolge versammeln sahen, Udo Bodo wenigstens kam gar nicht auf den Gedanken, daß auch nur ein einziger dieser Leute des Herzogs wegen erschienen war. In unabsehbarer Folge setzte sich endlich der imposante Leichenzug in Bewegung, und als man die Kirche erreicht und den Sarg dort aufgebahrt hatte, fuhr Udo Bodo zum Bahnhof, um seinen Herzog abzuholen. Nach kaum einer Viertelstunde kehrte er mit diesem zurück und in der zum Brechen vollen Kirche reckten sich alle Hälse dem eintretenden Fürsten entgegen. Von Udo Bodo geleitet, trat der Herzog an den Sarg, sprach ein stilles Gebet, legte den ihm von seinem zweiten Adjutanten überreichten Kranz am Fuß des Sarges nieder, und trat dann auf die Gräfin-Witwe zu, der er in wenigen Worten sein herzlichstes Beileid aussprach. Dann nahm er zwischen der Gräfin-Witwe und Udo Bodo auf dem für ihn reservierten Sessel Platz. Gleich darauf ertönte das Orgelspiel und die traurige Feier nahm ihren Anfang. »Nicht einmal eine Verbeugung hat er uns gemacht – nicht einmal eine Verbeugung!« Das waren die Gedanken der nächsten Verwandtschaft, mit denen diese den Worten des Predigers lauschten, der ihnen in ihrem tiefen, aufrichtigen Schmerz, soweit es in Menschenkraft läge, Trost zu spenden versuchte. »Wenn wir das gewußt hätten, daß Seine Hoheit uns nicht einmal eine Verbeugung machen würde, daß er von uns gar keine Notiz nähme, dann wären wir ganz sicher nicht gekommen! Dann hätten wir das Geld zur Reise gespart und es lieber praktischer verwendet!« Aber was der Herzog zu Beginn der Trauerfeier versäumt hatte, holte er nach, sobald der Sarg in der Gruft beigesetzt war; er ließ sich die einzelnen Familienmitglieder vorstellen, er reichte jedem einzelnen die Hand, und da er nicht an jeden dieselben Worte der Teilnahme richten konnte, richtete er diese an die Allgemeinheit: er erwähnte kurz die schönen Tage, die er in seiner Jugend auf Adlershorst hatte verleben dürfen, er sprach davon, wie er dem Toten stets ein dankbares Andenken bewahrt, wie er es immer bedauert habe, den Grafen Kuno später nie wieder gesehen zu haben, wie schmerzlich es ihm sei, daß der Graf Kuno so früh und so plötzlich habe sterben müssen, und wie er traurig sei, daß die ihm durch Udo Bodo nahestehende Familie der Grafen Adlershorst von einem so schweren Verlust betroffen worden sei. Und in aufrichtiger Teilnahme legte er Udo Bodo, der neben ihm stand, tröstend die Rechte auf die Schulter. Wenig später fuhr der Herzog, von Udo Bodo geleitet, wieder zur Bahn, und die Familienmitglieder fuhren nach Adlershorst zurück. Die Worte Seiner Hoheit klangen noch in ihnen nach, und ein Glücksgefühl, nun doch noch durch einen Händedruck und durch eine Ansprache Seiner Hoheit ausgezeichnet zu sein, durchströmte sie. Und so faßten sie denn das, was sie in ihrem Innersten bewegte, in die Worte zusammen: »Es war doch schön, daß wir hierher gekommen sind, eine so schöne Beerdigung haben wir noch nie mitgemacht!« VIII. In der Nacht, die dem Begräbnis seines Vaters folgte, hatte Udo Bodo, als er noch lange wach in seinem Bett lag, plötzlich das Gefühl gehabt, als wenn ein ihm bisher fremder Geist in ihn hineinfahre und es sich in seinem Innern bequem mache. Erst hatte er dem ihm fremden Gast die Tür weisen und ihn auffordern wollen, sich so schnell wie möglich wieder zu entfernen. Aber der hatte flehentlich gebeten, doch bei ihm bleiben zu dürfen, weil draußen so schlechtes Wetter sei und er im Augenblick wirklich nicht wisse, wo er sonst Obdach fände. Vor allen Dingen aber war es ihm gelungen, Udo Bodo davon zu überzeugen, daß er ihm im Laufe der Jahre nur nützen könne und daß er es später sehr bereuen würde, wenn er ihn jetzt nicht in seine Dienste nähme. Und nach kurzem Besinnen hatte Udo Bodo geantwortet: na, dann bleib meinetwegen, vielleicht hast du recht, daß ich gut tue, wenn ich in Zukunft deinem Rat folge. Und als der kleine Teufel Udo Bodo betört hatte, lachte er leise in sich hinein und streckte sich behaglich und war mit einem schnellen Satz in Udo Bodos Gehirn gesprungen, um sich dort fortan dauernd niederzulassen. Er hatte damit gerechnet, daß die Gedanken, die dort oben wohnten, sich ihm gegenüberstellen und ihm, dem frechen Eindringling, Widerstand leisten würden, aber zu seinem Erstaunen war nichts derartiges erfolgt, ja, der kleine Teufel hatte eine beinahe ganz leere Wohnung vorgefunden und in dieser hatte er es sich so bequem wie möglich gemacht und dann zu sich gesagt: hier bin ich und hier bleibe ich! Und dieser kleine Teufel war der Hochmutsteufel gewesen! Dem guten Udo Bodo war das Bewußtsein, jetzt Majoratsherr und Standesherr zu sein, in seine neunzackige Krone gefahren, er glaubte plötzlich, es sich und seiner Stellung, vor allen Dingen aber dem hochseligen Grafen Kuno und seinen anderen hochseligen Ahnen schuldig zu sein, sich fortan für ein höheres Wesen zu halten. Udo Bodo besaß keine nennenswerten Geschichtskenntnisse, denn die Geschichte hatte ihn, schon weil es eben doch nur eine »Geschichte« war, nie sonderlich interessiert, aber eins war doch in seinem Gedächtnis haften geblieben, die Worte, die Friedrich der Große gleich nach seiner Thronbesteigung seinen Rheinsberger Freunden zurief: »Meine Herren, jetzt bin ich König!« Dieses plötzlich erwachte Standesbewußtsein (denn anders legte Udo Bodo diese Worte nicht aus), hatte ihm stets gewaltig imponiert und ihn sogar einmal zu der Äußerung veranlaßt: »Friedrich der Große sei doch ein ganzer Kerl gewesen!« An diesen Ausspruch des alten Fritzen hatte er auch in der Nacht nach der Beisetzung denken müssen, und da war er unter dem Einfluß dieser Worte mitten in der Nacht aufgestanden, hatte sich vor den Spiegel gestellt, sich selbst elektrisch beleuchtet und dabei mit lauter Stimme gesagt: »Jetzt bin ich Majoratsherr!« Und wenn er es trotzdem noch nicht gewußt hätte, die nächsten Tage hätten es ihm bewiesen. Die ganze Verwandtschaft lag vor ihm auf den Knien und beräucherte ihn mit Weihrauch, denn vielleicht war es ja doch möglich, daß er sich, wenn er erst einen Teil der ererbten Schulden bezahlt hatte, doch seiner armen Verwandten erinnern und ihre großen Geldsorgen lindern würde. Die Dienerschaft küßte ihm beinahe die Hände wund, alles, was auf dem großen Gut lebte, buhlte um seine Gunst, von nah und fern kamen Briefe und Telegramme, die zur Übernahme des Majorats gratulierten, aus der Stadt kamen die Vertreter jener Vereine und Wohltätigkeitsanstalten, die Graf Kuno unterstützt hatte, um auch die Hilfe des jetzigen Majoratsherrn für ihre Bestrebungen zu erbitten, und diejenigen Gesellschaften, denen gegenüber Graf Kuno keine offene Hand gehabt hatte, kamen jetzt erst recht, in der stillen Hoffnung, bei dem neuen Majoratsherrn das zu finden, was sie bei dem verstorbenen nicht gefunden hatten. Es war einfach widerlich, abstoßend und anekelnd, wie man um seine Gunst und um sein Geld buhlte, aber Udo Bodo empfand das gar nicht. Der Hochmutsteufel saß schon in ihm und so schmeichelte es seinem Stolz und seiner Eitelkeit, daß sich so viele vor ihm beugten, und je tiefer sie es taten, um so größer ward in ihm das Bewußtsein seiner eigenen Macht, seiner eigenen Persönlichkeit. Und durch und durch erfüllt von dem ihn beseligenden und beglückenden Bewußtsein: jetzt bist du Majoratsherr! war er an den Hof zurückgekehrt. Dort begrüßten ihn alle wieder mit der alten Herzlichkeit, denn es war nicht ein einziger unter ihnen, der nicht aufrichtig mit ihm zusammen getrauert hatte, und alle hatten den Wunsch und die Absicht, soweit es in ihren Kräften stand, Udo Bodo den Schmerz vergessen zu machen und ihm über die erste traurige Zeit, so gut sie es vermochten, hinwegzuhelfen. Aber als sie Udo Bodo wiedersahen, fanden sie, daß etwas Fremdes in ihn gefahren sei, das sie früher nie an ihm bemerkt hatten. So trat nach und nach zwischen ihm und den anderen Mitgliedern des Hofes eine gewisse Entfremdung ein und zuweilen schien es sogar, als ob auch der Herzog und die Herzogin ihn etwas verwundert ansähen, als begriffen sie ihn und sein Benehmen nicht ganz. Die einzige, die ihn auch jetzt noch immer in Schutz nahm, war Komteß Blanka. Sie fand, daß Udo Bodo noch nie so komisch gewesen wäre wie jetzt, und sie begriff es gar nicht, wie jemand seine Äußerungen auch nur für eine einzige Sekunde ernst nehmen und sich über dieselben ärgern könne. In Udo Bodo hatte sich nämlich der Hochmutsteufel immer breiter entwickelt, er litt sogar schon beinahe an Größenwahnsinn, und aus dieser Stimmung heraus hatte er sich philosophischen Betrachtungen darüber ergeben, ob er es mit seiner Würde als Majoratsherr eigentlich vereinbaren könne, auch fernerhin Adjutant Seiner Hoheit zu sein. Was er früher als große Auszeichnung betrachtet hatte, das sah er jetzt, wenn auch nicht gerade als Demütigung, so doch als etwas an, das seinem Rang und seiner Würde nicht mehr entsprach. Er strebte nach Höherem, ohne sich über dieses »Höhere« selbst vorläufig klar zu sein. Es konnte und durfte ihm nicht mehr genügen, gewissermaßen nur der lebendige Schatten Seiner Hoheit zu sein, das war er sich selbst und seinen hochseligen Ahnen schuldig. Und so ertappte er sich denn eines Tages dabei, daß er zu sich sagte: »Ich werde Seine Hoheit bitten, mir eine andere Stellung zu geben, die meiner jetzigen Würde mehr entspricht. Ist eine solche nicht vorhanden, dann muß sie eben gegründet werden, in der heutigen Zeit, in der alles mögliche gegründet wird, wird das keine besonderen Schwierigkeiten machen. Ich zweifle nicht daran, daß Seine Hoheit mich vollständig verstehen und sich beeilen wird, meinen Wunsch zu erfüllen, denn Seine Hoheit ist mir Allerhöchst sehr zugetan, und ich glaube, mich ihm unentbehrlich gemacht zu haben. Es wird also nur der Äußerung meiner Bitte bedürfen, um dieselbe als huldvollst gewährt betrachten zu können. Sollte aber Seine Hoheit wider alles Erwarten nicht auf meine Intentionen einzugehen geruhen, dann bliebe mir allerdings nichts weiter übrig, als Seiner Hoheit zwar nicht mein Ministerportefeuille, denn das besitze ich ja leider nicht, wohl aber meine Adjutantensporen zur Verfügung zu stellen und Seine Hoheit zu bitten, mich in Gnaden meiner Stellung entheben zu wollen, und dann –« Als Udo Bodo so weit mit seinen Überlegungen gekommen war, versagte vorläufig die ihm innewohnende Weisheit, weiter wußte er nicht. Und doch mußte es ein: »dann« geben. Es dauerte lange, dann aber fiel ihm das »dann« doch ein. »Ach so, ja richtig,« sagte er sich. »Dann gibt es nur zweierlei. Du trittst entweder in die Armee zurück oder aber du bewohnst fortan Adlershorst und bleibst bis an dein Lebensende das, was du jetzt bist, Majoratsherr.« Aber beide Aussichten hatten für ihn wenig Verlockendes. Zurück in die Armee, zurück in die Garnison, auf dem Kasernenhof stehen, sich von seinem Hauptmann und den anderen Vorgesetzten Grobheiten sagen zu lassen, weil er beim Parademarsch die Knie nicht genug durchdrückte oder die Fußspitzen nicht auswärts nahm? Entsetzliche Vorstellung! Und er, der gewohnt war, nie anders als im Viererzug zu fahren oder zu reiten, der aus innerster Überzeugung das Gehen für die unwürdigste Tätigkeit eines erwachsenen Menschen erklärte, er sollte wieder »Fußlatscher« werden? Jeden Tag, den der liebe Herrgott werden ließ, stundenlang marschieren, täglich seine zehn Kilometer zurücklegen und gar den übelriechenden Chausseestaub einatmen? Das war nicht nur unmöglich, das war einfach undenkbar. Und sein hochseliger Vater, dem er als guter Sohn die Ruhe im Grabe nicht stören durfte, würde sich einfach umdrehen, wenn er das erführe. Gewiß, auch die Prinzen der königlichen und fürstlichen Häuser taten Dienst bei den Infanterieregimenten, aber sobald sie regierende Fürsten geworden waren, hörten sie auf, als Leutnant praktischen Dienst zu tun, dann avancierten sie mit einem kühnen Sprung gleich zum Hauptmann oder Major. Und war denn wirklich zwischen einem kleinen regierenden Fürsten und dem Majoratsherrn eines großen schönen Besitzes ein solcher Unterschied? Das leuchtete Udo Bodo jetzt noch weniger ein als früher. Gewiß, auch der Kronprinz des Deutschen Reiches war erst Hauptmann, aber der führte seine Kompagnie doch nur offiziell und bei festlichen Gelegenheiten, für gewöhnlich war der hohe Herr doch beurlaubt. Eine solche dienstliche Tätigkeit hätte Udo Bodo sich auch gefallen lassen, aber so ein gewöhnlicher Häuptling zu werden, der für jeden dreckigen Rock seiner Kerls verantwortlich war und der angeschnauzt wurde, wenn seine Leute über Urlaub blieben – pfui Teufel, der Gedanke reizte ihn gar nicht. Und dabei war er noch nicht einmal Hauptmann, bis zu dieser Charge fehlten ihm immerhin noch ein paar Jahre. Allerdings würde er ja außer der Tour befördert werden, das war ja immer so, daß die Offiziere, die prinzliche und fürstliche Adjutanten gewesen waren, über ihre Vorderleute hinwegsprangen und bedeutend schneller Karriere machten, aber trotz alledem lockte ihn der Dienst gar nicht. Und der Gedanke, sich schon jetzt auf Adlershorst niederlassen zu müssen, lockte ihn erst recht nicht. Von der Landwirtschaft verstand er nicht das geringste, und selbst wenn er etwas davon verstanden hätte, es war ja alles verpachtet, nur die Jagd gehörte ihm, aber er konnte doch nicht tagaus, tagein auf Jagd gehen, denn es gab doch sogar Monate, in denen dieses gesetzlich verboten war. Was sollte er denn nur auf Adlershorst anfangen? Wie sein Vater den ganzen Tag in der Familienchronik lesen, an der Familiengeschichte arbeiten und eine Zigarre nach der anderen rauchen? Gewiß, standesgemäß war die Beschäftigung ja allerdings, aber er fühlte sich doch noch zu jung, um sich ihr ganz widmen zu können. Ja, wäre er verheiratet, dann würde er das Leben dort vielleicht ertragen, aber er sah es voraus, daß er sich als Junggeselle dort halbtot langweilen würde. Er würde es einfach nicht aushalten, er würde beständig auf Reisen sein, und auch das würde ihm bald kein Vergnügen mehr bereiten. Nach zwei oder drei Jahren würde er reisemüde sein und dann stand er vor derselben Frage wie heute. Udo Bodo stöhnte schwer auf; ja, ja, es war wirklich nicht so leicht, sich seine Zukunft zu gestalten. Wäre er ein gewöhnlicher Sterblicher gewesen, dann hätte er sich vielleicht weniger Sorgen gemacht und alles dem Schicksal überlassen. Aber er hatte einen Namen und eine Stellung und auf beides mußte er Rücksicht nehmen. Vor allen Dingen aber war ihm an seiner Wiege eine große Zukunft prophezeit worden, bis zu dieser Stunde hatte sich alles erfüllt, sollte und durfte er jetzt freiwillig aus der Öffentlichkeit zurücktreten? Hatte er nicht die Pflicht, seine Kräfte weiterhin dem Staate und der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen? Mußte er nicht immer nach neuen Ehren für sich und damit auch für seine Familie streben? Von einem Ministerposten hatte ihm in seiner Jugend geträumt, konnte und durfte es da seinem Ehrgeiz genügen, nur Oberleutnant und persönlicher Adjutant Seiner Hoheit gewesen zu sein? Nie und nimmermehr! Auf Grund seiner Geburt, seines Namens, seines Vermögens, seiner goldenen Busennadeln, seiner Orden und seiner bisherigen glänzenden Karriere stand ihm der Weg zu den höchsten Ehrenstellen offen und er mußte diesen Weg auch weitergehen, das war er schon dem gräflichen Namen Adlershorst schuldig. Udo Bodo war sehr glücklich, als er sich zu dieser Erkenntnis durchgerungen hatte, und als Sohn seines Vaters wählte er lange unter seinen Zigarren, welche würdig genug sei, zur Feier dieses historischen Augenblicks geraucht zu werden. Aber als er seine Wahl getroffen und sich mit geschlossenen Augen dem Genuß der Havanna hingab, kam er plötzlich zur Überzeugung, daß ihm die Erkenntnis, die ihm eben geworden war, absolut nichts nütze. Er war durch sie keinen Schritt weitergekommen, als er es bisher schon gewesen war. Was er beschlossen hatte, kam ja alles nur für den Fall in Frage, daß der Herzog ihm einen neuen Posten gab, tat der das nicht, dann stand er doch wieder vor der Alternative, entweder wieder in die Armee einzutreten oder den Schauplatz seiner Tätigkeit nach Adlershorst zu verlegen. »Ich muß die Sache sehr schlau und diplomatisch anfangen.« sagte sich Udo Bodo, »denn ich darf selbstverständlich Seiner Hoheit nicht die Pistole auf die Brust setzen, sondern ich muß vorher in Erfahrung zu bringen versuchen, wie Seine Hoheit über eine andere Stellung für mich denken, und erst dann darf ich meine Wünsche äußern. Bis dahin werde ich mir auch darüber klar werden, welches neue Amt ich zu verwalten gedenke. Seine Hoheit hat erst kürzlich die Gnade gehabt, meinen kolossalen Pferdeverstand zu bewundern, als es sich um den Ankauf eines allerhöchsten Leibpferdes handelte, da wäre es vielleicht nicht unangebracht, wenn ich daran dächte, Oberstallmeister zu werden. Ich will ja nicht gerade behaupten, daß der jetzige Herr seine Sache nicht versteht, aber manches könnte trotzdem nach meiner Meinung besser sein, so ist das Schimmelgespann für die Frau Herzogin entschieden nicht so zusammengestellt, wie es sich für einen tadellosen Stall gehört. Auch sonst wäre manches zu verbessern, und ich glaube, daß ich hierfür die richtige Persönlichkeit wäre. Sollte sich aber dieser Plan zerschlagen, so käme für mich wohl die Stellung als Intendant in Frage. Unser Hoftheater ist ja allerdings nur klein und das Ballettkorps zählt ja nur vierundzwanzig junge Damen, aber auch da, gerade beim Ballett, könnte vieles besser werden. Mit dem Ballettkorps geht es wie mit der Armee: beide müssen jung erhalten werden. Und die Jugend ist gerade nicht der Vorzug unserer Tänzerinnen. Da würde ich schon reformatorisch eingreifen, und was die sonstigen Kenntnisse anbelangt, so würde mir mein Onkel, Seine Exzellenz der Intendant, ja schon mit Rat und Tat zur Seite stehen, und wenn ich wirklich einmal gar nicht aus und ein wissen sollte, dann könnte ich ja immer telephonisch bei ihm anfragen. Gerade der Intendantenposten ist ja bei fast allen Hofbühnen mit früheren Offizieren besetzt, eine Tatsache, die auf das schlagendste beweist, daß wir Offiziere nicht nur hervorragende Kunstkenner, sondern auch ausgezeichnete Verwaltungsbeamte sind. Da sehe ich absolut nicht ein, warum nicht auch ich für diesen Posten die nötige Qualifikation besitzen soll. Und schließlich hat man doch auch noch seine Beamten, die ja auch ihre Erfahrungen, ihre Kenntnisse besitzen, die man sich unter Umständen zunutze, um nicht zu sagen, zu eigen machen kann. Das beste wird sein, ich spreche einmal mit Komteß Blanka über meine Pläne und frage die um Rat. Die Komteß ist klug und wird mich verstehen, wenn ich ihr sage, daß ich nach meiner festen Überzeugung nicht länger mehr die Stellung eines persönlichen Adjutanten bekleiden kann.« Schon an einem der nächsten Tage hatte er Gelegenheit, sich mit Komteß Blanka auszusprechen. Er traf sie auf einem Spaziergang in dem großen, zum Schloß gehörigen Park, und als er anfing, ihr sein Herz auszuschütten, hörte sie ihm belustigt zu, er war doch wirklich ein zu sonderbarer Mensch, bei dem immer ein komischer Einfall den anderen verdrängte. Sie dachte nicht daran, seine Worte auch nur einen Augenblick ernst zu nehmen, sie faßte diese lediglich als Scherz auf, und so ging sie denn auf den heiteren Ton, in dem er nach ihrer Auffassung mit ihr plauderte, auch ihrerseits ein. »Sie haben vollständig recht, Graf, und ich fühle es Ihnen ganz nach, daß Ihre jetzige Stellung Sie nicht mehr befriedigen kann, daß Sie es sich und Ihren Ahnen schuldig sind, sich, wie man es bei den Dienstboten nennt, zu verändern.« »Ich wußte es ja, Komteß, daß Sie mich verstehen würden,« sagte er ganz glücklich, und nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Sehen Sie, Komteß, ich habe da neulich mal die Zeitung gelesen.« »Graf, Graf, renommieren Sie nicht,« neckte sie. »Wahrhaftig, Ehrenwort,« versicherte er, dann fuhr er fort: »Oft nehme ich natürlich das Dings nicht zur Hand, denn was soll man eigentlich in einer Zeitung lesen? Die Annoncen interessieren mich nicht, die Geschichten von gräßlichen Unglücksfällen, Mord und Totschlag ekeln mich an und verletzen mein ästhetisches Empfinden, die Telegramme werden um so schneller widerrufen, je dicker sie am ersten Tag gedruckt sind und je zuverlässiger angeblich die Quelle ist, na, und das sogenannte Feuilleton? Da muß ich wirklich sagen, ob die beiden sich in der Erzählung kriegen oder nicht, ist mir so gleichgültig wie nur irgend etwas auf der Welt.« »Sie haben eine Auffassung über das Zeitungswesen, die wirklich köstlich ist,« sagte sie lachend, und dann fragte sie: »Und die Leitartikel, die Politik?« »Sehe ich gar nicht an, wozu auch? Wie sich das für jeden anständigen Menschen von selbst versteht, bin ich konservativ bis in die Fingerspitzen hinein, in diesem Sinne mache ich mir über alles meine eigenen Gedanken und diese allein sind für mich maßgebend. Wie kann es mich da interessieren, was ein Herr Schulze oder ein Herr Müller oder irgendein anonymer Schreiber, von dessen Bildung und Wissen ich gar keine Ahnung habe, dazu sagt?« »Da haben Sie abermals recht,« bestätigte sie lachend, »aber dann begreife ich nicht, warum Sie dann vor einigen Tagen, wie Sie sagten, die Zeitung zur Hand nahmen?« »Ich wollte etwas einwickeln oder besser gesagt einwickeln lassen, und da fiel mein Blick zufällig auf den Bericht einer Reichstagsverhandlung.« »Die haben Sie also doch gelesen?« neckte sie. »Gewiß, das heißt,« verbesserte er sich, »ich habe natürlich nicht alles gelesen, sondern nur das, was die Minister sagten, in erster Linie natürlich die Rede des Herrn Reichskanzlers. Es hat ja schon früher bedeutende Redner gegeben, namentlich Bismarck soll ja in dieser Kunst auch nicht ganz unerfahren gewesen sein, aber wie Fürst Bülow das macht und wie der so egal die geistreichen Aussprüche aus dem Ärmel herausschüttelt, gewissermaßen als wenn es gar nichts wäre, einfach fabelhaft! Finden Sie nicht auch, Komteß?« »Gewiß,« stimmte sie ihm bei, »er ist ein geistreicher Redner und es kommt ihm sehr zur Hilfe, daß er die Werke unserer großen Dichter so genau gelesen hat.« »Ich glaube sogar, man könnte sagen, er ist selbst ein großer Dichter,« meinte Udo Bodo nachdenklich, »denn neulich habe ich ein Wort von ihm gelesen, das nicht nur meinen Beifall, sondern auch den des ganzen Hauses gefunden hat, wie es aus den ausdrücklich vermerkten lauten Bravorufen hervorgeht.« »Und wie lautete das Wort?« »Es wächst der Mensch mit seinen höh'ren Zwecken.« »Ist das Wort wirklich vom Fürsten Bülow?« fragte sie anscheinend ganz ernsthaft. »Aber natürlich, er hat es doch gesagt, von wem soll es da sonst wohl sein?« fragte er verwundert und fuhr dann fort: »Und sehen Sie mal, Komteß, bei dem Wort mußte ich an mich selber denken: es wächst der Mensch mit seinen höh'ren Zwecken. Warum soll ich da jetzt nicht auch wachsen? Wenn auch nicht gerade in bezug auf meine Körpergröße, so doch in anderer Hinsicht.« »Selbstverständlich, warum sollen Sie da nicht auch wachsen?« fragte sie lustig. »Und wie weit wollen Sie es denn bringen? Wie weit reicht Ihr Ehrgeiz?« »Hoch hinauf, Komteß, sogar sehr hoch!« »Um Gottes willen, Sie wollen doch nicht etwa den Herzog ermorden und hier alle entthronen?« fragte sie lustig erschrocken. »Na, ganz so weit gehen meine Wünsche denn doch noch nicht,« beruhigte er sie, »aber Oberstallmeister oder Hoftheater-Intendant, das würde so meinen Plänen entsprechen.« »Von den Pferden bis zur Kunst ist ja auch nur ein Schritt,« meinte sie, aber er verstand den ironischen Tadel nicht. »Sogar nur ein sehr kleiner,« stimmte er ihr bei. »Glauben Sie mir, Komteß, einen Viererzug tadellos anzuschirren und ebenso einzufahren, ist zum mindesten ebenso schwer, wie beim Ballett irgendeinen festlichen Aufzug zu arrangieren. Und bedenken Sie: die jungen Pferde haben keine Ahnung von dem, was sie tun sollen, aber unsere alten Ballettdamen wissen das ganz genau, denen braucht man nur zuzurufen: ›Ballett – hopp!‹ und dann hüpfen und hopsen sie darauf los, einmal auf dem rechten Bein und einmal auf dem linken, und zwischendurch auch einmal auf beiden.« »Lassen Sie das nur nicht unsere Primaballerina hören, Graf! Wenn die erfährt, daß ihr zukünftiger Intendant so gering von ihrer Kunst spricht, gibt es eine Revolution.« »Alte Damen pflegen sich ebenso schnell wieder zu beruhigen. Aber glauben Sie nicht auch, Komteß, daß ein derartiger Posten etwas für mich wäre?« »Sicher,« stimmte sie ihm zu. »Ich begreife überhaupt nicht, daß der Herzog Ihnen nicht schon lange freiwillig eins dieser Ämter angeboten hat.« »Ich war ihm noch zu jung, Komteß,« wehrte er bescheiden ab, »aber jetzt, wo ich Majoratsherr bin –« »Das ist allerdings etwas Großes,« pflichtete sie ihm bei. Es amüsierte sie immer mehr, wie er so ganz ernsthaft seine lustigen Einfälle zum besten gab, ohne dabei auch nur ein einziges Mal aus der Rolle zu fallen und ohne selbst über den Unsinn, den er da redete, zu lachen. »Sogar etwas sehr Großes, Komteß. Ich will nicht gerade behaupten, daß ein Majoratsherr auch von Gottes Gnaden ist –« »Nein, nein, nicht ganz,« unterbrach sie ihn lustig. »Aber doch so immerhin gewissermaßen. Man ist doch ein anderer Mensch als andere Menschen.« »Finden Sie? Das ist mir neu.« »Mir eigentlich auch,« versicherte er treuherzig. »Ich bin erst allmählich, oder besser gesagt, erst nach dem Tode meines hochseligen Vaters zu dieser Überzeugung gekommen.« »Nur gestorbene Fürsten sind hochselig, alle anderen Toten sind nur selig,« belehrte sie ihn. »Lassen Sie Ihre Worte nur sonst niemand hier am Hofe hören.« »Für mich ist Graf Kuno hochselig,« widersprach ihr Udo Bodo. »Und diese meine Auffassung würde ich selbst Seiner Hoheit gegenüber zu vertreten wissen.« »Na, so weit wird es ja schon nicht kommen,« beruhigte sie ihn, »aber Sie wollten mir erzählen, seit wann Sie von dem Gefühl durchdrungen sind, als Majoratsherr ein höherer Mensch zu sein?« »Seitdem ich es bin.« Sie lachte laut auf: »Das kann ich mir denken, oder wollten Sie damit sagen, daß dieses Gefühl ganz plötzlich in Ihnen wach geworden ist?« Und als er ihr zustimmte, fragte sie weiter: »Und Sie fühlen sich glücklich bei der Erkenntnis, die Ihnen geworden ist?« »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, ich halte es einfach für meine Pflicht, so zu denken, wie ich es tue.« »Im Denken sind Sie überhaupt groß,« neckte sie ihn. »Ich würde an Ihrer Stelle ein Buch schreiben: ›Gedanken eines Majoratsherrn‹, oder ›Persönliche Gedanken eines persönlichen Adjutanten.« Aber Udo Bodo winkte ab. »Es gibt schon so wie so genug Bücher, die kein Mensch liest, und dazu dies ekelhafte Schreiben – gräßliche Beschäftigung! Briefe schreiben ist schon schlimm, aber was darüber ist, das ist vom Übel!« Und als sie widersprach und ihm erzählte, daß sie sogar ein ausführliches Tagebuch führe, um später, wenn sie einmal nicht mehr am Hofe sei, sich stets die Erinnerung an vergangene Zeiten wieder auffrischen zu können, sah er sie ganz erstaunt an. »Sie kommen mir wie die reine Überfrau vor, Komteß, Sie sind immer heiter und vergnügt, Sie sind klug, Sie führen sogar ein Tagebuch, Sie sind die einzige, die mich wirklich versteht, überhaupt, Komteß, Sie hat ein guter Stern hierhergeführt, wenigstens für mich.« »Graf, Graf,« fügte sie munter, »das klingt ja beinahe wie eine –« Udo Bodo bekam einen Todesschrecken: er hatte es selbst gemerkt, daß seine Stimme viel herzlicher, viel wärmer klang als sonst, und allen guten Vorsätzen zum Trotz hatte er, während er zu ihr sprach, seine Augen nicht von ihr abgewandt. Hatte er sich nun doch verraten? Wußte sie, wie es in ihm aussah? Das durfte nie und nimmer sein, der Angstschweiß trat ihm auf die Stirn, und so unterbrach er sie denn ganz schnell: »Nein, Komteß, Sie irren sich, das soll es nicht sein, ganz gewiß nicht.« Sie lachte laut auf: »Graf, beruhigen Sie sich nur, ich meinte es ja auch gar nicht ernsthaft.« »Gott sei Dank,« entrang es sich unwillkürlich seinen Lippen. Sie mußte abermals lachen: »Na, wissen Sie, Graf, übertrieben galant finde ich diesen Ausdruck nun gerade nicht!« »Ich auch nicht,« stimmte er ihr bei. »Aber um Gottes willen, Komteß, tun Sie mir den einzigen Gefallen, nehmen Sie ihn mir nicht übel!« »Ich denke ja gar nicht daran,« tröstete sie ihn. Und abermals entrang sich ein: »Gott sei Dank« seinen Lippen. »Dieses Mal klangen die Worte aber viel liebenswürdiger als vorhin,« scherzte sie. »Haben Sie es bemerkt?« fragte er ganz glücklich. »Ich hätte es ja auch gar nicht ertragen, wenn Sie mir Ihre Huld entzogen hätten. Was sollte ich hier auch wohl anfangen, wenn ich nicht die Freude hätte, Sie täglich zu sehen, mit Ihnen zu plaudern, mich täglich an Ihrer Schönheit zu erfreuen –« »Graf, Graf, das klingt ja schon beinahe wieder wie eine –« »Das soll es aber auch dieses Mal nicht,« unterbrach er sie abermals schnell. »Ich wollte natürlich etwas ganz anderes sagen – was war es denn nur?« Er dachte nach, aber ihm fiel absolut keine Ausrede ein, und so zog er denn plötzlich seine Uhr: »Herrgott, Komteß, ich sehe eben, es ist schon fünf Uhr durch – ich habe eine wichtige Verabredung, zürnen Sie mir nicht, wenn ich Sie verlasse,« und nach flüchtiger Verabschiedung eilte er davon. Belustigt sah sie ihm nach: »Ein komischer Heiliger, dieser gute Udo Bodo! Ich möchte wohl wissen, ob es einen Menschen, wie er es ist, zum zweitenmal gibt?« In der Erinnerung amüsierte sie sich noch lange über seine phantastischen Zukunftspläne, und als sie eine Stunde später mit der Frau Herzogin spazieren fuhr, lachte sie, allem Zeremoniell entgegen, plötzlich laut auf, als sie sich in Gedanken Udo Bodo als Theaterintendanten vorstellte, wie er ein neues Ballett einfach mit den Worten: »Ballett – hopp!« einstudierte. Es war ein sehr hübscher und sehr leutseliger Zug der früheren Prinzessin Thea, daß sie, auch als sie Herzogin geworden war, das vertrauliche »Du«, mit dem sie Blanka stets angeredet hatte, auch fernerhin beibehielt. Selbstverständlich war aber dieses »Du« nur ganz einseitig, die Herzogin sagte zu Blanka »Du«, und diese durfte dafür nicht »Sie« sagen, sondern mußte immer in der dritten Person sprechen. So erkundigte sich denn jetzt die Herzogin: »Worüber lachst Du, Blanka?« Und Blanka gab Rede und Antwort. Zuerst allerdings hatte sie vor Schrecken beinahe die Besinnung verloren, als sie sich erdreistete, zu lachen, ohne daß die Frau Herzogin ihr hierzu Veranlassung gegeben hatte. Selbst der Kutscher und der Diener auf dem Bock waren bei diesem Lachen erschrocken zusammengefahren, und auch die feurigen Rappen hatten unwillig über dieses unpassende Benehmen der Hofdame hinten ausgekeilt, aber alles beruhigte sich wieder, als die Prinzessin in ihrer liebenswürdigen Art fragte: »Blanka, worüber lachst Du?« Und als sie es erfahren, lachte auch die Herzogin. »Graf Udo Bodo ist wirklich köstlich! Wenn er nicht Graf wäre, hätte er Schriftsteller werden müssen, um seine komischen Einfälle könnte ihn mancher Humorist beneiden, vor allen Dingen um seine große Gabe, alles mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt vorzutragen. Ich sehe Udo Bodo ordentlich vor mir, wie er Dir seine Phantasien entwickelte und dabei den Anschein erweckte, als sei er sich der unsagbaren Komik seiner Worte gar nicht bewußt. Und Udo Bodo Hoftheater-Intendant! Wie wollte er doch ein neues Ballett einstudieren? Ballett – hopp? Der Ausdruck ist geradezu klassisch, und der Herzog wird Tränen lachen, wenn ich ihm denselben erzähle.« Aber der Herzog lachte sonderbarerweise gar nicht, denn Seine Hoheit geruhten heute sehr ungnädig zu sein. Und das hatte seinen guten Grund. Seine Hoheit war nun schon bald ein Jahr verheiratet und immer noch war kein Anzeichen dafür vorhanden, daß das Land den sehnlichst erwarteten Thronerben erhalten würde. Im Gegensatz zu anderen gewöhnlichen Sterblichen hatte er doch nur mit der ausgesprochenen Absicht geheiratet, Vater zu werden, und nun wurde er es nicht. Und daß er es nicht wurde, ärgerte ihn. Aber noch mehr ärgerte es ihn, daß die Zeitungen anfingen, in ihren Leitartikeln wieder die Lage seines Herzogtums zu besprechen und ihren Vermutungen darüber Ausdruck zu geben, wem wohl später die Thronfolge zufiele, wenn auch in Zukunft, wie es ja fast den Anschein zu haben scheine, die Ehe des herzoglichen Paares kinderlos sein sollte. Gerade heute hatte er wieder einen derartigen Artikel gelesen und sich über denselben maßlos geärgert. So hatte er für Udo Bodos Scherze gar kein Verständnis, ja noch mehr, dieselben verdrossen ihn geradezu, und er nahm sich vor, Udo Bodo zu ersuchen, solche Reden in Zukunft zu unterlassen, damit nicht vielleicht doch jemand auf den Gedanken käme, er trüge sich in Wirklichkeit mit solchen Plänen. So bat er ihn denn gleich nach dem Diner, als die Herzogin sich mit ihren Hofdamen in ihre Gemächer zurückgezogen hatte, zu sich in seine Zimmer: »Ich möchte mit Ihnen sprechen, Graf.« Udo Bodo wußte nicht, wie es kam, aber eine innere Summe sagte ihm: »Der Augenblick, den du selbst herbeiführen wolltest, ist jetzt da. Der Herzog will dir eine Rangerhöhung zuteil werden lassen. Nun entscheidet sich dein Geschick.« In seinem Zimmer angekommen, zündete sich der Herzog eine Zigarre an, aber vergebens wartete Udo Bodo darauf, daß der Herzog heute auch ihm, wie sonst stets, eine Havanna anböte. »Hoheit will mir meine Beförderung möglichst feierlich mitteilen,« dachte Udo Bodo. »Hoheit hält es nicht für passend, daß ich in dem Augenblick, da ich mein Avancement erfahre, rauche, und Hoheit wird später selbst seine Zigarre fortlegen, denn auch Seine Hoheit wird es nicht passend finden, mir die Ernennung zu meiner neuen Charge rauchend mitzuteilen.« Aber Hoheit dachte nicht daran, die Zigarre fortzulegen, im Gegenteil, er verbreitete wahre Dampfwolken um sich herum und ging ziemlich erregt auf und ab. Endlich blieb er vor Udo Bodo stehen: »Mein lieber Graf, mir sind heute Äußerungen zu Ohren gekommen, die Sie haben fallen lassen, die ich lieber nicht gehört hätte. Sie wissen, wie ich Sie achte und schätze, und ich glaube Ihnen erst vor kurzem bei dem Trauerfall, der Sie betraf, Beweise davon gegeben zu haben, sowohl Ihnen wie Ihrem hochseligen Toten.« Also Graf Kuno war doch hochselig! Udo Bodo frohlockte im stillen. Was würde Komteß Blanka sagen, wenn sie erfuhr, daß selbst Seine Hoheit den Grafen Kuno zu den Hochseligen zählte? »Eure Hoheit haben stets die Gnade gehabt, mich mit huldvollster Gunst auszuzeichnen,« erwiderte Udo Bodo ganz erstaunt. »Um so schmerzlicher ist es mir, Eurer Hoheit wenn auch nur unwissentlich Veranlassung gegeben zu haben, mit mir unzufrieden zu sein. Darf ich hoffen, daß Eure Hoheit die Gnade haben werden, mir zu sagen, wodurch ich den Unwillen Eurer Hoheit erregte?« Der Herzog hatte seine Wanderung inzwischen wieder aufgenommen, jetzt blieb er abermals vor Udo Bodo stehen: »Ihre Hoheit die Frau Herzogin wußte, daß mich heute besonders schwere Regierungssorgen drückten, und um mich aufzuheitern, erzählte mir die Frau Herzogin den Inhalt eines Gesprächs, das Sie heute nachmittag im Schloßgarten mit der Komteß Blanka geführt hatten. Ihre Hoheit haben sich über die Zukunftsgedanken, die Sie entwickelten, köstlich amüsiert, aber ich selbst bin der Ansicht, daß Sie derartige Dinge auch nicht im Scherz sagen dürfen. Sie wissen ja, wie leicht bei Hof jemand in den Verdacht gerät, auf Kosten der anderen Karriere machen zu wollen, und jemand, der Sie nicht so gut kennt wie ich, könnte leicht glauben, daß Sie wirklich mit Ihrer jetzigen Stellung unzufrieden sind, daß Sie in der Tat daran denken, einen anderen Posten bekleiden zu wollen. Das würde böses Blut machen und Sie selbst in ein nicht eben vorteilhaftes Licht stellen. Ich für meine Person weiß ja, daß Ihre Ideen nur scherzhaft gemeint sind, Sie erinnern mich manchmal an den bekannten französischen Schriftsteller Jules Verne, der bekanntlich auch beständig im Reich der Lüfte und der Phantasien lebte. Sie kennen doch seine Schriften?« »Ich kann mich im Augenblick leider nicht entsinnen, Hoheit. Außer dem berühmten Roman ›Nana‹ –« »Den kenne ich nun wieder nicht,« unterbrach ihn der Herzog. »Aber gleichviel bitte ich Sie, in Zukunft derartige scherzhafte Redensarten zu unterlassen, da diese von dritter Seite leicht falsch ausgelegt werden könnten.« Udo Bodo stand da und machte ein Gesicht, dessen Ausdruck an Torheit und Dummheit auch nicht das geringste zu wünschen übrigließ. Selbst Seiner Hoheit war dieses Mienenspiel seines Adjutanten neu, und trotz seines Ärgers lachte er laut auf. »Aber Graf,« schalt er halb belustigt. halb verdrießlich, »schneiden Sie doch nicht solche Grimassen, das ist ja fürchterlich. Sagen Sie lieber, daß es mir gelungen ist, Sie zu überzeugen.« Endlich hatte Udo Bodo seinen alten Gesichtsausdruck wiedergewonnen und richtete sich noch stolzer und höher auf als sonst. »Verzeihung, Hoheit,« begann er. Aber der Herzog unterbrach ihn sofort: »Lieber Graf, Sie brauchen mich deswegen doch nicht erst feierlich um Verzeihung zu bitten.« Aber Udo Bodo fing noch einmal von vorne an: »Verzeihung, Hoheit!« »Was soll ich Ihnen denn nun eigentlich verzeihen?« fragte der etwas nervös und ungeduldig. »Verzeihung, Hoheit,« begann Udo Bodo zum drittenmal, »ich halte es für meine Pflicht, Eure Hoheit ganz untertänigst darauf aufmerksam zu machen, daß meine Worte keineswegs scherzhaft gemeint waren. Ich sage das selbst auf die Gefahr hin, Eure Hoheit zu erzürnen und mir die Gunst Eurer Hoheit dauernd zu verscherzen. Wenn Eure Hoheit nicht heute zufällig meine Wünsche erfahren hätten, so wäre ich selbst an einem der nächsten Tage vor Eure Hoheit hingetreten, um eine Veränderung meiner Stellung untertänigst zu erbitten. Seit dem Tode meines hochseligen Vaters –« »Ihres seligen Herrn Vaters wollen Sie sagen.« verbesserte ihn der Herzog. Aber Udo Bodo widersprach: »Eure Hoheit haben vorhin selbst geruht, meinen Herrn Vater hochselig zu nennen.« »Da habe ich mich natürlich nur versprochen,« erwiderte der Herzog. »Aber gleichviel ob selig oder hochselig: was wollten Sie sagen?« »Ich bin jetzt Majoratsherr, Hoheit, und als solcher glaubte ich die untertänige Bitte aussprechen zu dürfen, mir eine Stellung zu geben, die meinem Rang und meiner Würde mehr entspricht als die eines persönlichen Adjutanten.« Aber der Herzog wurde ungnädig: »Sie sind nicht nur Majoratsherr, Graf, Sie sind auch Oberleutnant in der Armee, und zwar nur Oberleutnant, bitte, vergessen Sie das nicht. Sie bekleiden eine Stellung, die dieser Charge vollständig entspricht, und im übrigen muß ich es mir selbst vorbehalten, die Beförderung in meinem Hofstaate vorzunehmen, die ich für gut halte. Aber selbst wenn ich Ihrem Wunsche entsprechen sollte, denken Sie denn wirklich im Ernst daran, gleich Oberstallmeister mit dem Titel Exzellenz oder gar Intendant meines Hoftheaters zu werden? Nehmen Sie es mir nicht übel, aber unwillkürlich steigt die Erinnerung an den Tag in mir herauf, als ich Sie nach meinem Regierungsantritt zum erstenmal zu mir bat. Damals erklärten Sie mir mit der feierlichsten Miene von der Welt, Sie wären bereit, jeden Posten zu übernehmen, sogar den eines Ministers. Erinnern Sie sich noch?« »Gewiß, Hoheit. Und heute ist es mir mit meinen Worten ebenso sehr Ernst.« »Wie Sie damals mit mir hinterher zusammen über Ihre Worte gelacht haben, werden Sie es auch jetzt tun,« beruhigte ihn der Herzog. »Wenn auch vielleicht nicht heute, so doch in einigen Tagen. Trotz aller Ihrer Versicherungen nehme ich Ihre Wünsche auch heute noch nicht ernst, wie gesagt, auch Sie werden schon noch darüber lachen. Und damit genug für heute, ich habe noch zu arbeiten.« Udo Bodo war entlassen, zum erstenmal ohne Händedruck, zum erstenmal ohne eine Zigarre erhalten zu haben, und mancher andere würde über dieses Zeichen einer leichten Ungnade untröstlich gewesen sein, aber Udo Bodo regte sich nicht weiter darüber auf, sondern sagte sich: Seine Hoheit wird schon zur Vernunft kommen und einsehen, daß meine Wünsche durchaus gerechtfertigt sind. Aber Seine Hoheit dachte gar nicht daran, das einzusehen. Der Herzog saß in einem Stuhl und dachte über seinen Adjutanten nach. »Ja, ist es denn möglich,« fragte er sich immer wieder, »ich kenne Udo Bodo nun doch schon so viele Jahre, sollte ich ihn trotzdem bis zum heutigen Abend so vollständig verkannt haben? Wenn es ihm wirklich Ernst ist mit seinen Worten, was ich nachgerade selbst glaube, obgleich ich es natürlich vorhin nicht zugeben durfte, dann ist Udo Bodo ja von einer geistigen Beschränktheit, die geradezu beängstigend ist, dann wären ja alle seine Aussprüche, die ich für mehr oder weniger beabsichtigte komische Wendungen hielt, weiter nichts als Zeichen seiner Dummheit. Sollte ich mich so in ihm geirrt haben? Noch kann und will ich es nicht glauben, schon um meiner selbst willen nicht, denn dann wäre ich absolut kein Menschenkenner und gerade als Fürst habe ich die Pflicht, auch diese Kunst zu beherrschen, damit ich nur solche Leute an meinen Hof heranziehe, deren Wirken entweder für mich oder für mein Land von Nutzen ist. Wenn ich Udo Bodo heute wirklich richtig erkannt habe, was mir sowohl für mich selbst als auch für ihn aufrichtig leid tun würde, dann ist seines Bleibens hier natürlich nicht mehr länger, dann muß ich ihn fallen lassen. Ein wahres Wunder, daß er bisher nicht nur mich, sondern auch alle anderen über seine geistige Befähigung zu täuschen vermochte – allerdings, was hat solch Adjutant auch viel zu sagen. Sein alter Name, seine Erscheinung und sein Vermögen werden das ihrige dazu beigetragen haben, daß man ihn stets für klüger hielt, als er es nach den Proben, die er heute ablegte, wirklich zu sein scheint. Aber gleichviel, einen Adjutanten, dessen geistige Begabung nicht über jeden Zweifel erhaben ist, kann und darf ich nicht in meiner Nähe dulden. Es wäre doch immerhin möglich, daß einer der befreundeten Regenten, wenn er mir oder der Frau Herzogin einen Besuch abstattet, Udo Bodos Torheit erkennt und dann zu mir sagt: ›Liebwerter Freund und Bruder – wie können Sie es aushalten, täglich einen derartigen Adjutanten um sich zu haben.‹ Dann wäre ich blamiert, ich, der Herzog Karl Friedrich. Das geht nicht, das darf nie und nimmer sein, und aus denselben Gründen darf ich auch jetzt unter keinen Umständen zugeben, daß ich Udo Bodo erst heute erkannt zu haben glaube. Ich darf überhaupt nicht einmal verlauten lassen, daß ich heute auch nur ein Atom anders über ihn denke als früher. Je länger ich mir seine Worte ins Gedächtnis zurückrufe, desto klarer wird es mir, daß es ihm wirklich Ernst zu sein schien mit dem was er sagte, daß er trotz seiner Jugend sich um ein Amt bewirbt, das nur erfahrenen Männern zukommt. Ich tat das Klügste, was ich tun konnte, als ich fast ganz gegen meine Überzeugung seine Worte scherzhaft nahm. – Zum zweitenmal darf ich sie aber nicht hören, sonst müßte ich Udo Bodo offiziell in Ungnade fallen lassen. Und das darf nicht sein. Schon um meiner selbst willen nicht, damit es nicht heißt, ich hätte mich in ihm geirrt.« Seine Hoheit geruhten, sich von dem vielen Nachdenken einen Augenblick auszuruhen, dann nahm er diese anstrengende Tätigkeit von neuem auf, und schon nach verhältnismäßig kurzer Zeit umspielte ein zufriedenes Lächeln seinen Mund. »So geht's, so geht es sogar ausgezeichnet,« sprach Seine Hoheit vor sich hin. »Ich werde Udo Bodo schreiben, ich hielte es in seinem eigenen Interesse und in Berücksichtigung dessen, daß er Majoratsherr sei, für besser, daß er zunächst einmal eine höhere militärische Charge erhielte. Ich werde ihm raten, sofort wieder in die Armee einzutreten. An den wärmsten Empfehlungen für ihn werde ich es selbstverständlich nicht fehlen lassen, und wenn er dann später Hauptmann oder gar Stabsoffizier ist und wenn dann auf beiden Seiten noch Lust und Neigung besteht, wieder in persönliche Berührung zueinander zu treten, dann bietet sich dazu ja immer noch Gelegenheit. Diesen Trost werde ich ihm auch mit auf den Weg geben und ihm die Möglichkeit nicht rauben, später vielleicht doch noch einmal ein anderes Amt an meinem Hofe zu bekleiden.« Aber auch für den Fall, daß Udo Bodo später keine neue Hofstellung erhalten könne, wollte der Herzog ihm stets seine Huld und seine Freundschaft bewahren und seinen weiteren Lebensweg stets mit dem größten Interesse verfolgen. Als Seine Hoheit diesen Entschluß gefaßt hatte, war er sehr glücklich und sein erster Gedanke war, Udo Bodo sofort einen Brief zu schreiben und ihm alles mitzuteilen. Aber er sah voraus, daß das Schreiben zu lang würde, um es noch heute abend zu vollenden, und außerdem klang das geschriebene Wort leicht kalt und unfreundlich, und das sollte es nicht. So nahm der Herzog sich denn vor, morgen vormittag mit Udo Bodo mündliche Rücksprache zu nehmen. Vorher aber wollte er seinen Entschluß noch mit der Frau Herzogin besprechen, aber im letzten Augenblick besann er sich doch noch eines anderen. Auch sie durfte nicht wissen, daß er sich in Udo Bodo geirrt zu haben schien, im Gegenteil, er mußte tun, als ob Udo Bodo selbst den Wunsch geäußert habe, wieder in die Armee einzutreten, und als wenn ihm, dem Herzog, dies zwar sehr unangenehm wäre, daß er es aber dennoch für seine Pflicht gehalten habe, die Bitte seines persönlichen Adjutanten zu erfüllen. So bat denn Seine Hoheit am nächsten Morgen Udo Bodo nach dem gemeinsamen Spazierritt zu sich. »Ich möchte mit Ihnen nochmals über die Wünsche sprechen, die Sie mir gestern abend vortrugen,« sagte der Herzog absichtlich mit so lauter Stimme, daß alle es hören mußten. Erfuhr die Hofgesellschaft dann am Mittag, daß Udo Bodo in die Armee zurücktrat, so war es ja für die anderen ganz klar, daß Udo Bodo bereits gestern abend mit dem Herzog darüber gesprochen, und daß dieser in der Nacht den Entschluß gefaßt hatte, ihm seine Bitte zu erfüllen. Udo Bodo folgte seinem Fürsten mit dem Gefühl des stolzesten Triumphes. »Ich habe es ja gewußt,« dachte er, »daß Seine Hoheit mich verstehen und meine Bitte erfüllen würde, allerdings, daß dies so schnell gehen würde, habe selbst ich nicht erwartet. Aber dies ist nur ein neuer Beweis der Huld, die Seine Hoheit mir stets entgegenbringt, und ein neuer Beweis dessen, daß ich Seiner Hoheit unentbehrlich bin und daß er tut, was er kann, um mich immer fester an sich zu ketten.« Stolz und selbstbewußt, wie es sich für einen Udo Bodo, Grafen von Adlershorst, gehörte, folgte er dem Herzog in dessen Gemächer, aber als er nach einer kleinen halben Stunde entlassen war, glich er eher einem Toten denn einem Lebendigen. Fast taumelnd schritt er den langen Korridor entlang, und er bemerkte Komteß Blanka gar nicht, als diese ihm jetzt zufällig entgegenkam. Unwillkürlich blieb sie bei seinem Anblick stehen. »Aber Graf, was ist Ihnen denn nur?« fragte sie ganz erschrocken und ergriff seine Hand. »Sind Sie krank? Um Gottes willen, was ist geschehen?« Er fuhr sich mit der Rechten über die Stirn. »Was geschehen ist? Ganz begriffen habe ich es selbst noch nicht, aber ein gütiger Stern führt Sie mir in den Weg. Komteß, ich muß Sie sprechen, und zwar sofort.« »Aber wo denn nur?« fragte sie, sich umsehend, von aufrichtiger Teilnahme für ihn ergriffen. »Hier haben die Wände ja bekanntlich Ohren.« »Kommen Sie in den Park,« bat er. »An dieselbe Stelle, wo wir uns gestern trafen. Dann sollen Sie alles erfahren.« Sie zögerte noch einen Augenblick, aber seine traurigen Augen baten so flehentlich; daß sie einwilligte. »Schön, ich komme, spätestens in einer Viertelstunde bin ich bei Ihnen, ich muß mich nur noch für einen Augenblick bei der Frau Herzogin zeigen, die sich heute nicht ganz wohl fühlt und sich etwas niederlegen will. Dann habe ich Zeit. Gehen Sie nur voran.« Udo Bodo ging in den Schloßgarten, und er brauchte nicht lange auf Komteß Blanka zu warten. Auch dieses Mal überhörte er ihr Kommen und er fuhr überrascht zusammen, als sie ihn plötzlich anredete. »Ach, da sind Sie ja. Komteß. Offen gestanden, ich hab's kaum geglaubt, daß Sie kommen würden.« »Aber warum denn nicht?« fragte sie ganz erschrocken. »Ich habe es Ihnen doch versprochen.« Ein wehmütiges Lächeln umspielte seinen Mund. »Wissen Sie auch, wem Sie das Versprechen gegeben haben? Einem Ausgestoßenen! Jawohl, Komteß, sehen Sie mich nur starr und entsetzt an, es ist, wie ich sage. Noch heute verlasse ich den Hof, ich bin in Ungnade gefallen.« »Graf – ist denn das möglich – ist denn das denkbar?« Ein jäher Schrecken hatte sie ergriffen und sie zitterte vor Erregung. »Es ist nicht nur denkbar, es ist sogar Tatsache,« erwiderte er mit tonloser Stimme. »Aber wie ist denn das nur gekommen? Was ist denn nur vorgefallen?« »Ich weiß es nicht, Komteß, und ich zermartere mir vergebens darüber mein armes Gehirn. Ich kann überhaupt gar nicht mehr zusammenhängend denken, hier oben herrscht das reine Chaos.« »Aber der Herzog war doch vorhin noch die Freundlichkeit selbst gegen Sie.« »War er auch,« stimmte er ihr bei. »Wie ein Freund hat er auch zu mir gesprochen, als er mir sagte, es wäre in meinem eigenen Interesse besser, vorläufig in die Armee zurückzutreten. Aber trotz aller Freundlichkeit und trotz der warmen Versicherung seiner ferneren Gunst hörte ich aus allem, was er sagte, doch nur zu deutlich seine Absicht heraus, mich vom Hofe zu entfernen.« »Aber es muß doch irgendein Grund dazu vorliegen?« fragte sie immer verwunderter. »Wenn ich nur wüßte, welcher,« stöhnte er ganz verzweifelt. »Ich bin mir keiner, auch nicht der geringsten Schuld bewußt. Sie entsinnen sich vielleicht, Komteß, daß der Herzog mich gestern abend, wie stets nach dem Diner, zu sich befahl. Wir sprachen miteinander über die Unterredung, die ich gestern nachmittag mit Ihnen geführt habe. Sie hatten die große Liebenswürdigkeit, den Inhalt derselben Ihrer Hoheit der Frau Herzogin mitzuteilen, und diese wiederum hatte die Gnade, ihn Seiner Hoheit weiterzuberichten.« Mit großen Augen sah Komteß Blanka ihn an. Allmählich fing sie an, zu begreifen. Aber nein, sollte Seine Hoheit Udo Bodos Worte wirklich für Ernst genommen, ihm seine hochfliegenden Pläne verdacht haben? Nein, das war ja gar nicht möglich. Aber trotzdem wurde sie die Furcht nicht los, daß sie selbst vielleicht an dem Sturz Udo Bodos schuld sei, daß sie ihm vielleicht durch die Weitergabe des Gesprächs geschadet habe. Ihr Herz fing an, unruhig und ängstlich zu schlagen und mit furchtsamen, erschrockenen Augen blickte sie zu ihm auf. »Und weiter?« fragte sie leise, da er immer noch schwieg. »Seine Hoheit glaubte, ich hätte die Worte nur im Scherz gesprochen, und bat mich, solche Äußerungen in Zukunft zu unterlassen, damit sie nicht unter Umständen bei dritten böses Blut machten, und Seine Hoheit war anscheinend ganz erstaunt, als ich ihm erklärte, es wäre mir mit meinen Zukunftsplänen heiliger Ernst.« »Aber Graf!« rief sie ganz erschrocken. »Das haben Sie Seiner Hoheit wirklich gesagt?« »Aber warum denn nicht?« fragte er erstaunt. Unter anderen Umständen hätte Komteß Blanka laut aufgelacht, aber jetzt war ihr das Weinen nahe, jetzt sah sie ein, daß sie allein schuld an seinem Unglück war, daß alles hätte vermieden werden können, wenn sie geschwiegen hätte. Sie machte sich die schwersten Vorwürfe und mit tränenden Augen bat sie: »Graf, können Sie mir verzeihen?« Er sah sie verwundert an. »Aber Komteß, ich verstehe Sie wirklich nicht und ich weiß beim besten Willen nicht, was ich Ihnen verzeihen soll? Hätten Sie Ihrer Hoheit meine Wünsche nicht mitgeteilt, dann wäre ich selbst heute oder morgen zu Seiner Hoheit gegangen, um ihm alles zu sagen.« »Aber Graf – verlangen Sie wirklich von mir, daß ich das glaube? Das sagen Sie doch nur, damit ich mir keine Gewissensbisse mache, damit ich mich nicht selbst anklage, Sie in das Unglück gestürzt zu haben. Das ist sehr, sehr hübsch von Ihnen und macht Ihrer ritterlichen Gesinnung und Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber daß ich das glauben soll, Graf, das trauen Sie mir doch nicht zu!« »Ich verstehe Sie wirklich nicht, Komteß.« sagte er noch einmal. »Ich wiederhole: hätte Seine Hoheit nicht durch Ihre liebenswürdige Vermittelung meine Wünsche kennen gelernt, so hätte ich diese ihm selber mitgeteilt.« Mit großen Augen sah sie ihn fragend von der Seite an: sprach er wirklich die Wahrheit? Aber nein, das war ja unmöglich! Es war doch einfach undenkbar, daß er im Ernst solche Pläne gehegt hatte, und er hätte sich doch selbst sagen müssen, daß Seine Hoheit ihm dieselben verdenken würde, sobald er sie nicht nur im Scherz äußerte. Schon aus diesem Grunde war es ganz ausgeschlossen, daß er selbst jemals Seiner Hoheit eine derartige Mitteilung gemacht haben würde. Sie ganz allein war an seinem Unglück schuld, und Udo Bodo wollte dies nicht nur nicht eingestehen, sondern tat alles, was er konnte, um sie zu trösten, das wurde ihr von Sekunde zu Sekunde klarer, und je mehr sie unter ihrer Schuld litt, um so mehr freute sie sich über seinen vornehmen Charakter und über die Ritterlichkeit seines ganzen Wesens. Udo Bodo hatte mit seiner Säbelscheide Figuren in den Sand gezeichnet und lange nachgedacht, jetzt aber fuhr er fort: »Hoheit hat mir meine Wünsche, die ich äußerte, gewiß nicht übelgenommen, er hatte ja auch gar keine Veranlassung dazu, denn als Graf und Majoratsherr habe ich doch schließlich das Recht, meine persönlichen Anschauungen über meine Zukunft zu äußern. Aber ich glaube, jetzt weiß ich, warum ich in Ungnade gefallen bin,« und nach einer kleinen Pause setzte er hinzu: »Ja gewiß, das wird es sein.« »Da bin ich aber begierig,« sagte Komteß Blanka, und im stillen dachte sie: »Ich bin nur begierig, welchen lächerlichen Vorwand er jetzt erfinden wird, um noch mehr als bisher auch nur den Schatten eines Verdachtes von mir abzulenken.« »Erinnern Sie sich, Komteß?« brach Udo Bodo nach einer kleinen Pause abermals das Schweigen, »daß wir uns gestern nachmittag darüber unterhielten, ob Graf Kuno, mein in Gott und bei seinen Ahnen ruhender Herr Vater, selig oder hochselig sei? Ich erklärte Ihnen, ich würde meine Auffassung auch Seiner Hoheit gegenüber aufrechterhalten, und das habe ich auch getan.« »Nun – und?« fragte sie gespannt, als er schwieg. »Das wird Seine Hoheit mir verdacht haben,« fuhr Udo Bodo fort. »Seine Hoheit nannte den Grafen Kuno auch einmal hochselig, dann nur selig, und als ich Seine Hoheit auf diesen Widerspruch aufmerksam machte, äußerte er, sich mit dem Wort ›hochselig‹ selbstverständlich nur versprochen zu haben.« »Aber Graf!« sagte Komteß Blanka. Sie fühlte sich geradezu beschämt, daß er dies überhaupt nur erwähnte, um seinen Sturz zu erklären, anstatt ihr einfach zuzurufen: »Sie sind daran schuld, warum hielten Sie nicht den Mund? Mußten Sie denn nach Frauenart alles weitererzählen? Sie wissen doch auch, wie Fürsten sind und wie leicht diese eine scherzhafte Bemerkung falsch verstehen, wenn sie nicht guter Laune sind.« Anstatt so zu ihr zu sprechen und anstatt ihr ganz gehörig den Kopf zu waschen, suchte er ja geradezu mit aller Gewalt nach leeren Ausreden, nur um nicht eingestehen zu müssen, daß sie allein die Schuldige sei. »Aber das war es nicht allein,« fuhr er abermals nach einer Pause fort. »Seine Hoheit brachte auch das Gespräch auf die Literatur. Er verglich mich mit einem gewissen Jules Verne, und zu meiner Schande mußte ich eingestehen, daß ich dessen Schriften nicht kenne, daß ich dagegen ›Nana‹ gelesen habe. Seine Hoheit kannte diesen Roman nicht, und daß ich seinen Autor nicht kannte, dagegen ein Buch, das ihm nicht bekannt war – auch das wird er mir verdacht haben. So kam eins zum andern, um mir die Huld Seiner Hoheit zu verscherzen.« Was Udo Bodo sagte, war seine gewissenhafte Überzeugung, und so begriff er gar nicht, warum Komteß Blanka plötzlich anfing, leise vor sich hin zu weinen. »Um Gottes willen, Komteß, was ist Ihnen denn nur?« fragte er ganz erschrocken, und er versuchte, ihre Hand zu ergreifen. Aber sie stieß ihn zurück. »Lassen Sie mich – ich will mich durch Ihre Güte nicht so beschämen lassen, verstehen Sie? Ich will nicht! Ich werde heute noch zu Seiner Hoheit gehen und ihm erklären, wie alles zusammenhängt.« »Das werden Sie nicht tun, Komteß,« widersprach er sehr energisch. »Der Herzog würde Sie auch ebensowenig verstehen, wie ich Sie in diesem Augenblick verstehe. Aber wenn auch Ihre Bitten dazu beitragen sollten, daß Seine Hoheit mir seine Gnade wieder zuwendet, so will ich das gar nicht. Auch ich habe meinen Stolz, das bin ich schon meinem Namen und meinen Ahnen schuldig. Aus eigener Kraft schon werde ich Seiner Hoheit beweisen, wie unrecht er mir tat, mich fallen zu lassen. Ich werde ihn schon dahin bringen, daß er dem Grafen Kuno die Hochseligkeit zugesteht und mir verzeiht, daß ich seinen Jules Verne nicht kenne. Und wenn er mir dann nach Jahr und Tag seine Hand wieder bietet, dann bin ich auch bereit, sie anzunehmen, aber heute? Selbst wenn Seine Hoheit hier vor mir stände und zu mir sagte: Udo Bodo, sei wieder gut! dann würde ich bei aller Verehrung vor Seiner Hoheit den Kopf schütteln und zu ihm sagen: noch nicht, Euer Hoheit, pas encore .« Ganz verwirrt hatte sie ihm zugehört. »Und was werden Sie jetzt beginnen?« »Ich werde noch heute nach Adlershorst reisen und dort bleiben, bis meine Wiedereinstellung in die Armee Allerhöchsten Ortes befohlen ist.« »Und scheiden Sie von hier ohne Haß und ohne jeden Groll?« fragte sie. »Ich bin nur traurig,« gab er zur Antwort, »traurig, daß es mir nicht länger gelungen ist, mir die Huld Seiner Hoheit zu bewahren. Aber wer auf lichten Höhen wandelt, wer in der Gnade der Fürsten lebt, muß ja stets darauf gefaßt sein, eines Tages, wie man es so nennt: spurlos in der Versenkung zu verschwinden. Ich bin traurig, aber ich zürne niemand, ich wüßte auch wirklich nicht, wem ich zürnen sollte.« »Auch mir nicht?« fragte sie leise. »Aber Komteß – Ihnen doch am allerwenigsten. Hätte ich denn dazu auch nur den allerleisesten Grund?« Und dann fuhr er fort: »Wissen Sie wohl, Komteß, daß ich es mir absolut nicht vorstellen kann, Sie nun für lange Zeit, vielleicht niemals – wiederzusehen? Den Hof, Seine Hoheit, den Herzog, und die Frau Herzogin und alle, mit denen ich hier zusammen war, werde ich entbehren, aber Sie, Komteß, am meisten, und ich weiß überhaupt noch nicht, ob und wie ich die Trennung ertrage –« »Aber Graf –« versuchte sie verwirrt zu scherzen, »das ist ja ganz wie gestern, auch heute klingen Ihre Worte ja beinahe wie eine –« Auch ohne daß er sie dieses Mal unterbrach, schwieg sie, eine glühende Röte trat in ihre Wangen und sie senkte die Augen vor dem leidenschaftlichen Blick, mit dem er sie ansah. Eine ganze Weile saß er stumm neben ihr. eine heftige Erregung hatte ihn ergriffen, sie merkte deutlich, wie er mit sich kämpfte, wie er über sich selbst zu siegen versuchte, und schon glaubte sie, daß ihm dies gelungen sei, da sprang er plötzlich auf und lag gleich darauf zu ihren Füßen. »Um Gottes willen, Graf,« rief sie erschrocken. »Wenn uns jemand sieht – ich bin verloren!« Aber er hörte nicht auf ihre Bitten, er tat, als hätte er ihre Worte gar nicht vernommen. »Und wenn meine Worte nun wirklich das gewesen wären, was Sie glauben, Komteß Blanka – wenn es wirklich eine Liebeserklärung sein sollte! Was dann? Ja, Komteß Blanka, es sollte eine sein! Ich weiß, es ist unrecht, Ihnen meine Liebe zu gestehen, denn ich bin arm, wenigstens nicht reich genug, um meiner Frau ein Leben bieten zu können, wie es sich für diese gehört und wie ich es der bieten will, die ich über alles liebe. Und ich liebe Sie, Komteß Blanka, nicht erst seit heute und gestern, nein, seit dem Tage, da ich Sie zum erstenmal sah. Und als ich Ihnen einmal auf Ihre Frage hin zur Antwort gab: ich wüßte schon, wie meine zukünftige Frau aussehen sollte, da habe ich nur an Sie gedacht, an keine andere. Ich habe mich zusammengenommen und mich beherrscht, so weit und so lange ich es konnte. Nicht einmal Sie haben bemerkt, wie es in mir aussah, denn ich wollte schweigen, bis ich reich genug war, um Ihnen alles, alles bieten zu können. Ich habe mit mir gekämpft monatelang, aber ich bin auch nur ein Mensch, und ich bin im Kampfe unterlegen. So sprechen meine Lippen doch, was sie heute noch nicht sagen dürften: Komteß Blanka, ich habe Sie über alles lieb!« Schon während er zu ihr sprach, war er aufgesprungen und stand ihr mit leuchtenden Augen gegenüber. Ein Zittern und Beben ging durch seine ganze Gestalt und bittend streckte er ihr die Hände entgegen: »Komteß Blanka – glauben Sie, daß einst die Stunde kommen wird, in der Sie mich wiederlieben?« Mit grenzenlosem Erstaunen hatte sie ihm zugehört. Alles, was er sagte, war ja so gänzlich neu, und doch, als er ihr vorhin seine Unterredung mit dem Herzog wiedererzählte, hatte sie sich im stillen gefragt: »Warum schont er dich so? Nur, weil er ein Ehrenmann ist, oder weil er vielleicht etwas für dich empfindet, was du selber bisher nicht geahnt hast?« Und der Gedanke, ihm vielleicht mehr zu sein als nur eine gute Freundin, hatte sie plötzlich, ohne daß sie sich über das Warum selbst hätte Rechenschaft ablegen können, glücklich gestimmt. Schon gestern nach der Begegnung hatte sie lange über Udo Bodo nachgedacht und immer mehr war sie zu der Überzeugung gekommen, daß sie unrecht getan hatte, ihm damals seine Heiratspläne auszureden. Er brauchte eine Frau, er mehr als jeder andere, er mußte eine Frau haben, die ihn leitete und führte, die ihm den Weg vorschrieb, den er zu gehen hatte. Dann konnte auch er noch seinen Platz auf der Welt ausfüllen, dann konnte auch er noch etwas Tüchtiges werden. Sie hatte sich erneut die Frage vorgelegt: aber wie soll seine Frau nur aussehen? und sich vergebens darüber den Kopf zerbrochen, an wen er wohl gedacht haben könne, als er ihr einst gestand, verliebt zu sein. Und nun hörte sie, daß sie es selbst gewesen, daß keine andere als sie sein ganzes Denken ausgemacht habe. »Komteß,« bat er nochmals, »ich weiß, es ist unendlich viel, was ich von Ihnen verlange, aber trotzdem – glauben Sie, daß Sie mich jemals werden wiederlieben können?« Noch immer stand sie ihm in stummer Verwirrung gegenüber. Sie fühlte mit ihm grenzenloses Mitleid, wie er so dastand, im Begriff, den Hof und die Residenz zu verlassen und auch sie, die er über alles liebte, wie jedes seiner Worte bewies. Und zu diesem Mitleid gesellte sich die Achtung vor seiner Persönlichkeit und der Ritterlichkeit seines Wesens, und zu beiden kam plötzlich das Gefühl: was sträubst du dich noch länger, weißt du es denn wirklich nicht, daß auch du ihn liebst, nicht erst seit gestern und heute, sondern schon viele, viele Wochen? Und noch einmal bat er: »Komteß Blanka, lassen Sie mich nicht so fortgehen – geben Sie mir wenigstens Gewißheit, auch wenn es ein Todesurteil für mich ist –« Da hob sie den Blick und sah ihn mit ihren großen, strahlenden Augen lächelnd an. »Nein, Graf, Sie sollen nicht sterben, Sie sollen weiterleben – und wenn Sie es denn unbedingt wollen: mit mir zusammen.« »Blanka!« jubelte er auf. Und ehe sie wußte, wie ihr geschah, ehe sie es verhindern konnte, schloß er sie in seine Arme und küßte sie auf den Mund. Endlich gelang es ihr, sich freizumachen. »Graf, ich flehe Sie an – wenn uns jemand sieht –« Glückstrahlend stand er ihr gegenüber. »Graf – und Sie?« fragte er lachend. »Bin ich jetzt nicht auch für Dich Udo Bodo? Aber sonst hast Du recht – es darf uns niemand sehen. Vorläufig darf kein Mensch etwas von unserer Verlobung wissen, weder hier am Hofe noch in der Stadt, weder Deine noch meine Familie. Die Herzogin würde Dir zürnen, vielleicht würdest auch Du in Ungnade fallen, und noch ist die Stunde nicht da, in der ich Dir das Leben bieten kann, das Deiner würdig ist. Aber sie kommt, willst Du darauf warten?« »Glaubst Du, daß Reichtum mich glücklich machen wird? Ich habe ihn nie kennen gelernt und werde ihn auch nie entbehren.« »Aber trotzdem bitte ich Dich: Hab Geduld und raube mir die Freude nicht, Dir eine glänzende Zukunft zu bieten.« Fast ohne es zu wollen, hatte sie sich an ihn geschmiegt. »Wie gut Du bist! Aber auch, wenn Du der ärmste der Armen wärst, ich hätte Dich doch lieb!« Aber als er sie noch einmal an sich ziehen, sie noch einmal küssen wollte, da riß sie sich los und floh schnellen Schrittes auf das Schloß zu. IX. Udo Bodo saß auf Schloß Adlershorst in dem Herrenzimmer und hielt einen Brief in Händen, den ihm vor einer Stunde der Postbote gebracht hatte und den er schon mehr als ein dutzendmal gelesen hatte. Nicht etwa, als ob der Brief besonders interessante Neuigkeiten enthalten hätte, aber er strömte so viel Liebe, so viel Glück, so viel Dankbarkeit aus, daß Udo Bodo sich nicht nur auf das tiefste beschämt fühlte, sondern daß er sich vor allen Dingen von neuem die schwersten Gewissensbisse machte, sich verlobt zu haben. Glücklich war Udo Bodo als Bräutigam kaum vierundzwanzig Stunden gewesen, dann hatten die Selbstanklagen angefangen und er hatte sich die schwersten Vorwürfe gemacht, daß er nicht Manns genug gewesen sei, auch in der Abschiedsstunde zu schweigen, daß das Geständnis seiner Liebe nun doch über seine Lippen gekommen war. Nicht etwa, als ob er Komteß Blanka jetzt nicht mehr liebte, im Gegenteil, der Gedanke an sie füllte sein ganzes Sein und Denken aus, täglich und stündlich bedeckte er das Bild, das sie ihm zum Abschied geschenkt hatte, mit leidenschaftlichen Küssen, und er konnte sich das Glück immer noch nicht vorstellen, daß es ihm wirklich gelungen sei, sie zu erringen, daß sie sein war. Aber in dieses Glücksgefühl drängten sich immer von neuem die Gewissensbisse, jetzt schon gesprochen zu haben. Wie sollte er eine Frau jetzt ernähren? Ja, wenn er über Jahr und Tag die Schulden des hochseligen Grafen Kuno bezahlt hatte, wenn dermaleinst die Gräfin-Witwe Cäcilie, was der Himmel in seiner Gnade noch viele, viele Jahre verhüten wolle, zu ihren Ahnen versammelt worden war, dann war er reich, sogar sehr reich, dann konnte er seiner Gemahlin alles bieten, was ihr not tat, aber jetzt? Es ging nicht, es ging bei dem besten Willen nicht; mit einem Einkommen von nur dreißigtausend Mark im Jahr konnte er keine Frau ernähren. Er mochte rechnen soviel er wollte, das Resultat war immer dasselbe: es langte nicht. Unter dem Einfluß von Blankas Brief und von dem leidenschaftlichen Wunsch beseelt, sie bald sein eigen nennen zu dürfen, nahm er auch jetzt abermals das Blatt Papier zur Hand, auf dem er seine Einnahmen und Ausgaben aufgeschrieben hatte, und er las: Einnahmen 30 000 Mk. davon ab: Marstall (vier Wagen- Pferde, zwei Reitpferde nebst Kutscher und Reitknecht) 8 000 Mk. Miete und Haushaltungsgeld 6 000 " Uniform und Zivil, Wäsche 2 000 " Zigarren 2 000 " Weinkeller 2 000 " Reisen 2 000 " Taschengeld 6 000 " Steuern, sonstige Abgaben 2 000 " Summa 30  000 Mk. Einnahmen 30  000 Mk. Ausgaben 30  000 Mk. stimmt. Und Udo Bodo mochte diese Aufrechnung durchsehen, soviel er wollte, es fand sich nirgends auch nur ein einziger Posten, der sich irgendwie einschränken ließ. Und wie würden sich nun erst die Ausgaben gestalten, wenn er verheiratet war! Dann mußte in erster Linie der Marstall vergrößert werden, denn seine Gemahlin mußte doch unter allen Umständen ihren eigenen Viererzug und ihre eigenen Reitpferde haben, er mußte eine sehr große Wohnung nehmen, viel Dienerschaft halten, er mußte seiner Frau doch wenigstens jährlich zehntausend Mark Toilettengeld geben, auch das Haushaltungsgeld würde sehr viel größer sein – unter sechzigtausend Mark im Jahr ging es einfach nicht. Das hatte er eines Tages auch seiner Blanka geschrieben und ganz verzweifelt geklagt: »Wann wird der Tag kommen, an dem ich Dich zum Altar führen kann? Ich fürchte, es wird noch Jahre dauern. Kannst und wirst Du mich auch so lange lieb behalten?« In ihrer Antwort hatte sie ihn einfach ausgelacht und ihn gefragt, ob es denn wirklich nötig sei, daß sie als junges Ehepaar zwölf Pferde im Stall hätten, man könne doch auch sehr gut zweispännig fahren, und wenn jeder ein Reitpferd hätte, dann genüge das doch vollständig, und wenn sie gar keins hätten, wäre es auch noch so. Davon hinge das Glück doch wirklich nicht ab. Zum erstenmal hatte Udo Bodo seine geliebte Blanka nicht verstanden, und er begriff sie um so weniger, als sie doch in keineswegs glänzenden Verhältnissen aufgewachsen war und da doch eigentlich erst recht den Wunsch haben mußte, jetzt das Leben in vollen Zügen zu genießen. Davon aber ganz abgesehen, fand er ihre Auffassung nicht ganz standesgemäß. Auch das hatte er ihr, wenn auch natürlich mit ganz anderen Worten, auseinandergesetzt, aber sie hatte geantwortet, sie wollten dieses Thema jetzt lieber nicht weiter erörtern, sie würden sich schon später über den Punkt einigen. Das glaubte Udo Bodo nun zwar nicht, aber trotzdem erfüllte er selbstverständlich Blankas Wünsche, einmal, weil er sie über alles liebte und infolgedessen alles tat, was sie wollte, dann aber auch, weil er immer froh war, wenn er in seinen Briefen nichts anderes zu schreiben brauchte als: »ich liebe Dich, wie nur ein Mensch einen anderen lieben kann.« Schriftliche Auseinandersetzungen über irgendeinen Punkt haßte er schon deshalb, weil er das Schreiben haßte. So waren auch seine Liebesbriefe sehr kurz, wie Blanka sagte: geradezu klassisch kurz. Oft enthielten sie nur zwei Zeilen und ein Brief hatte sogar nur gelautet: »Meine liebe, süße, einzige kleine Blanka! Gruß, Kuß, Schluß.« Udo Bodo fand, das genüge vollständig, und Komteß Blanka fand das auch. Sie wußte ja, wie Udo Bodo war, und so lachte sie stets von neuem über seine Briefe im Telegrammstil, die sie für einen Scherz hielt. Denn erkannt hatte auch sie Udo Bodo noch nicht, ebensowenig wie sie auch heute noch nicht glaubte, weil sie es einfach nicht glauben konnte, daß er damals wirklich die Absicht gehabt hatte, dem Herzog seine Pläne zu unterbreiten. Hätte er es dennoch getan, so wäre dies nach ihrer Meinung nur geschehen, um Seine Hoheit aufzuheitern. Gewissermaßen, als wenn er ihm eine mehr oder weniger gute Anekdote erzählt hätte. Aber daß es ihm wirklich Ernst gewesen sein sollte mit seinen Worten, das wollte ihr auch jetzt noch nicht in den Kopf hinein. Einmal allerdings hatte sie sich dabei ertappt, daß sie sich fragte: »Was dann, wenn Udo Bodo damals doch wirklich die Wahrheit sprach? Wenn er mich damals nicht schonte, wie ich es annahm, sondern wenn er wirklich seiner gewissenhaften Überzeugung Ausdruck gab? Was dann?« Sie war für eine Sekunde erschrocken zusammengefahren: das wäre ja gräßlich, dann wäre Udo Bodo ja wirklich dümmer als dumm. Aber dann hatte ihre Liebe zu ihm doch wieder gesiegt und sie hatte sich gesagt: »Da muß ich erst recht zu ihm halten, dann braucht er mich doppelt und dreifach, dann muß ich beständig aufpassen, daß kein anderer ihn durchschaut, und wenn dies doch geschieht, dann muß ich für ihn handeln, dann muß ich alles tun, was ich kann, um die Leute in unauffälliger Weise davon zu überzeugen, wie unrecht sie Udo Bodo taten, als sie an seinen geistigen Fähigkeiten zweifelten. Ich werde ihm schon beistehen, und wenn es sein muß, werde ich ihn schon lancieren. Er ist ein so prächtiger, lieber, anständiger Mensch, daß er es auch dann verdient, eine glänzende Karriere zu machen, wenn er wirklich in geistiger Hinsicht etwas weniger begabt sein sollte als andere Leute.« Und damit war dieser Punkt ein für allemal für Komteß Blanka erledigt. Sie dachte in Zukunft gar nicht mehr darüber nach, ob er klug war oder nicht, sondern sie freute sich ihres Glückes, seine Braut zu sein, und auch sie sehnte den Tag herbei, an dem sie die Seine werden könnte, denn seitdem Udo Bodo fort war, gefiel es ihr bei Hof lange nicht mehr so gut wie früher. Sie wußte nicht, mit wem sie zusammen lachen sollte, und Lachen gehörte für sie zum Leben, nicht das Lachen eines törichten Menschen, der sich über jede Albernheit ausschütten will, sondern das Lachen, das einer sonnigen Lebensauffassung, der Freude und dem Glück an der Welt entspringt. Und Udo Bodo fehlte am Hofe ihr nicht allein, auch die Frau Herzogin vermißte ihn. Die hatte sich stets gefreut, wenn sie den lebenslustigen, hübschen Offizier sah, und als er dann eines Tages spurlos verschwand, war es zwischen ihr und dem Herzog zu einer etwas erregten Aussprache gekommen, die sich noch dadurch verschärfte, daß der Herzog den wahren Grund, weshalb er ihn entlassen hatte, nicht angab. Daß Udo Bodo, wie der Herzog behauptete, selbst den Wunsch geäußert haben sollte, in die Armee zurückzutreten, glaubte kein Mensch, die Frau Herzogin am allerwenigsten. Schließlich gab sie es auf, den wahren Grund zu erfahren, aber sie grollte ihrem Gatten längere Zeit, auch schon Blankas wegen. Sie wußte, daß diese Udo Bodo stets sehr gern gehabt hatte, und es tat ihr aufrichtig leid, daß diese nun auf seine Gesellschaft verzichten mußte. Hätte sie geahnt, daß Blanka den Grafen Udo Bodo liebte, dann hätte sie sicher ganz anders gedacht, dann wäre es ihr sogar sehr lieb gewesen, daß Udo Bodo vom Hofe fort war, denn sie hatte nicht die leiseste Absicht, Komteß Blanka jemals gehen zu lassen. Sie hatte sie so lieb, wie eine Herzogin nur immer eine Hofdame liebhaben kann. Und wenn die Frau Herzogin geahnt hätte, daß Komteß Blanka sogar verlobt war, dann hätte sie wahrscheinlich durch ihre Hofdamen und ihre Kammerfrauen alle Anstalten treffen lassen, um hoheitsvoll in Ohnmacht fallen zu können. Aber Ihre Hoheit ahnte nichts. In der ersten Zeit hatte sie sich manchmal erkundigt, ob Udo Bodo denn immer noch kein Lebenszeichen von sich gegeben, ob er nicht wenigstens einmal eine Ansichtskarte geschickt hätte. Aber Blanka hatte nur den Kopf geschüttelt: »Nicht einmal das, Hoheit.« »Unbegreiflich,« hatte Hoheit erwidert. »Das hätte ich Udo Bodo nicht zugetraut. Ihm am allerwenigsten.« Aber bald gab Ihre Hoheit das Fragen ganz auf, es hatte ja gar keinen Zweck, er schrieb ja doch nicht. Aber er schrieb doch, sogar täglich. Aber die Briefe gelangten stets auf einem Umweg ins Schloß, den Komteß Blanka sich ausgedacht hatte. Udo Bodo schrieb täglich und auch jetzt machte er sich daran, den soeben erhaltenen Brief gleich zu beantworten. »Ich habe ja doch nichts zu tun,« sagte er sich, »ich werde jetzt zwei volle Seiten schreiben, dann freut sie sich.« Aber als er mit seiner Epistel fertig war. waren es doch nur anderthalb Seiten geworden. Udo Bodo dachte darüber nach, ob er nicht noch ein Postskriptum machen könne, aber ihm fiel nichts ein und er erinnerte sich, auch einmal gehört oder gelesen zu haben, daß Nachschriften sehr unfein wären und daß nur Dienstboten und Soldaten sie anwendeten. So adressierte er denn das Kuvert und gab sich dann wieder seinen Gedanken hin. Sein Tagewerk war vollbracht und dabei war es erst zwölf Uhr mittags. Nein, ganz war er doch noch nicht fertig: zweierlei hatte er heute noch zu tun, er mußte um ein Uhr frühstücken und um sieben Uhr dinieren. Es war zwar gräßlich langweilig, jeden Mittag ganz allein in Frack und weißer Binde an der Tafel zu sitzen, aber was half's? Allerdings, der Platz ihm gegenüber war auch gedeckt, wie der Haushofmeister meinte: für den Fall, daß sich vielleicht doch einmal ein Gast nach Adlershorst verirren sollte, in Wirklichkeit aber für Komteß Blanka. Es standen auch stets frische Blumen neben ihrem Kuvert und beim Diner erhob er hin und wieder sein Glas, um ihr zuzutrinken, so lebhaft sah er sie stets vor sich, wie überhaupt der Gedanke an sie ihn nie verließ. Aber trotzdem, trotz aller Liebe oder besser gesagt: gerade weil er sie so über alles liebte, wurde er seine Gewissensbisse nicht los, und zum erstenmal in seinem Leben hatte er jetzt das Gefühl, nicht ganz so gehandelt zu haben, wie es sich für einen tadellosen Ehrenmann gehörte. Zum erstenmal in seinem Leben machte er sich auch selbst Sorgen und er fing an zu verstehen, wie der hochselige Graf Kuno unter diesen gräßlichen Geldgeschichten gelitten haben mußte. Und doch, wie selten war eine laute Klage über dessen Lippen gekommen, wenigstens ihm gegenüber hatte er fast nie gestöhnt, er hatte immer nur mit vollen Händen gegeben, er hatte nie an sich gedacht, immer nur an andere, und von neuem dankte er seinem Vater dafür, daß dieser ihm stets alle Sorgen fern gehalten hatte. Und zum erstenmal in seinem Leben wurde Udo Bodo Pessimist. Er fing an, mit dem Schicksal zu hadern, und mehr und mehr kam er zur Überzeugung, daß es auf der ganzen Welt auch nicht einen einzigen Menschen gäbe, dem es auch nur annähernd so schlecht ginge wie ihm. Der gewöhnlichste Knecht auf seinem Gute heiratete, wenn er ein Mädel gefunden hatte, das zu ihm paßte, aber er, Udo Bodo, Graf von Adlershorst, Majoratsherr und früherer persönlicher Adjutant Seiner Hoheit, er konnte nicht heiraten, lediglich des Geldes wegen nicht. Jeder Arbeiter konnte seine Frau ernähren, er, Udo Bodo, Graf von Adlershorst, konnte das nicht. Und wieder fing er an zu rechnen, wie man mit einem Einkommen von jährlich dreißigtausend Mark einen Haushalt bestreiten könne, aber auch dieses Mal kam er zu dem Resultat: es geht nicht. Und obgleich er den Termin ganz genau kannte, obgleich er sogar das Datum wußte, an dem nach Jahren die letzte Rate der Schulden getilgt wurde, rechnete er doch immer wieder nach, wann das Gut schuldenfrei sein würde, Und wenn er dann zu der Überzeugung kam daß er wenigstens noch fünf Jahre verlobt sein müsse, dann kamen wieder die Gewissensbisse, daß er Blanka an sich gefesselt hatte. Sie war so jung, so schön, so begehrenswert – wieviel glänzende Partien würden sich ihr nicht noch im Laufe der Zeit bieten, und dann war sie gebunden, dann konnte sie das Glück, das sich ihr bot, nicht ergreifen und festhalten. Udo Bodo befand sich in einer gräßlichen Stimmung. Frühmorgens ritt oder fuhr er ein paar Stunden spazieren, sonst saß er den ganzen Tag in seinem Zimmer und brütete vor sich hin. Nur wenn ein Brief von Blanka kam, verließen ihn seine Sorgen für eine Weile, aber nur, um gleich darauf desto stärker zurückzukommen und ihn um so heftiger zu quälen. Der Kammerdiener versuchte vergebens, seinen Herrn auf andere Gedanken zu bringen. Der wußte, was Udo Bodo fehlte, er kannte ja Komteß Blanka aus der Residenz, und ihr Bild stand jetzt dort auf dem Schreibtisch, da war es nicht schwer, den Zusammenhang zu erraten. »Der Herr Graf sollten einige Zeit verreisen, das würde dem Herrn Grafen sehr gut tun, der Herr Graf sehen wirklich sehr elend aus, der Herr Graf sitzen zu viel im Zimmer, der Herr Graf müßten mehr an seine Gesundheit denken.« Aber der Herr Graf dachten gar nicht daran, daran zu denken. »Sie meinen es gut mit mir, Georges (in Wirklichkeit hieß der Emil, aber ein Kammerdiener mit Namen Emil? Undenkbar! So hatte Udo Bodo ihn denn umgetauft). »Sie meinen es gut mit mir, aber wohin sollte ich wohl reisen?« Georges, der schon weit in der Welt herumgekommen war und das Reisen sehr liebte, dachte darüber nach, welche Plätze auf der Welt er gern einmal wiedersehen möchte und zählte diese dann auf. Aber Udo Bodo lehnte ab: »Das ist zu weit, Georges, viel zu weit, und außerdem muß ich damit rechnen, daß ich jeden Tag die Allerhöchste Kabinettsorder erhalten kann, die meinen Wiedereintritt in die Armee befiehlt, und dann muß ich sofort abreisen, mich zu melden. Es geht nicht anders, selbst wenn ich fort wollte: ich muß hier bleiben.« »Es ist einfach gräßlich.« philosophierte Udo Bodo dann, wenn er nach einem solchen Gespräch wieder allein war, »die Einsamkeit und die Langeweile machen mich ganz kaputt. Ich unterhalte mich sogar schon mit meinem Kammerdiener. Wohin soll das führen? Das geht so nicht weiter, absolut nicht, ich muß mir irgend etwas zu tun machen.« Und von diesem Gedanken, der ihn auch in der nächsten Zeit dauernd beschäftigte, getrieben, ging er eines Tages in das große Bibliothekzimmer. Dort sah es einfach wild und wüst aus. Seitdem vor vielen Jahren aus Anlaß des bevorstehenden Besuches Seiner Hoheit des Prinzen Karl Friedrich damals der Schullehrer aus der kleinen Stadt in der Bibliothek Ordnung geschaffen hatte, war dort nicht wieder aufgeräumt worden. Alles lag bunt durcheinander. Auf einem großen Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, hatte man die Bücher, die man gelesen, einfach hingeworfen, anstatt sie wieder in die Regale zu stellen, und mehr als meterhoch türmte sich dort der Haufen. Und an den Wänden und auf dem Boden lehnten und lagen die großen Pakete, die die Buchhändler zur Ansicht geschickt hatten, alle uneröffnet, genau so, wie sie angekommen waren. Graf Kuno hatte nie etwas zurückschicken lassen, dazu war er viel zu bequem gewesen, er behielt alles, was ihm ins Haus geschickt wurde. Und warum auch nicht? Er bezahlte es ja doch nicht, und das Zurücksenden verursachte nur Mühe und Kosten. Udo Bodo bekam zuerst, als er das Zimmer betrat, einen Schrecken, aber plötzlich überfiel ihn ein Gefühl der Freude. Hier gab es etwas für ihn zu tun, hier wollte er Ordnung schaffen, es waren doch schließlich seine Bücher, die da herumlagen. Und während des Aufräumens würde er vielleicht manches finden, das sich auf seine Familie bezog, so daß auch er Gelegenheit fand, an der Familiengeschichte zu arbeiten. So rief er denn seinen Kammerdiener herbei und teilte diesem seine Absicht mit: »Wenn ich gesucht werde, so bin ich in den nächsten Tagen hier in der Bibliothek. Ich werde hier Ordnung schaffen.« »Aber Herr Graf, das ist doch keine Arbeit für den Herrn Grafen,« sagte Georges vorwurfsvoll, nachdem er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte. »Und außerdem sind der Herr Graf doch erst heute morgen von mir manikürt worden!« »Ach so, ja richtig, das hatte ich ganz vergessen.« Und voller Stolz und Freude betrachtete Udo Bodo seine tadellos gepflegten Nägel, die im zartesten Rot leuchteten. »Man könnte ja allenfalls ein Paar Handschuhe anziehen,« meinte er nachdenklich. Aber auch dagegen erhob Georges Einspruch. »Ein Paar neue würden sofort schmutzig sein und schmutzige Handschuhe werden der Herr Graf doch nicht anbehalten, der Herr Graf müßten sich also jede Minute ein Paar neue Handschuhe anziehen.« »Sie haben recht, Georges,« stimmte Udo Bodo ihm bei, »und Sie haben auch sonst recht, es ist keine Arbeit für mich. Wir werden uns nächstens aus der Stadt wieder den Schullehrer verschreiben. Vielleicht lebt er noch, sonst lebt sein Nachfolger. Und der Mann wird froh sein, wenn er sich ein paar Mark nebenbei verdienen kann.« »Sehr wohl, Herr Graf.« Udo Bodo wandte sich zum Gehen, aber in der Tür blieb er noch einmal stehen: »Ich möchte etwas zum Lesen haben, bringen Sie mir eins dieser Pakete in mein Zimmer, oder noch besser: öffnen Sie es hier und bringen Sie mir dann die Bücher.« »Welches Paket befehlen der Herr Graf?« »Ist ja ganz gleichgültig, ich weiß ja doch nicht, was es enthält. Machen Sie irgendeins auf.« Nach wenigen Minuten erschien Georges mit einem Stapel Bücher. »Wirklich gräßlich, was heutzutage alles zusammengeschrieben wird,« dachte Udo Bodo, »ich möchte nur wissen, wo die Leute die Zeit dazu hernehmen, denn sie haben doch auch noch was anderes zu tun. Von der Schriftstellerei allein kann doch kein Mensch leben.« Dann sagte er: »Na, legen Sie die Bücher da mal hin. Ich werde sie mal durchsehen, vielleicht ist irgend etwas Vernünftiges darunter.« Georges verschwand, und Udo Bodo las die einzelnen Titel: »Also sprach Zarathustra«. Udo Bodo dachte einen Augenblick nach: »Zarathustra? War das nicht irgendein Weiser aus dem Morgenlande? Der ist doch schon lange tot, was gehen mich heute noch dessen Aussprüche an, die sind ja doch schon ganz veraltet. – Was ist das hier? ›Also sprach Zarathustras Sohn?‹ Gräßlich! In der Familie scheinen sie alle die Weisheit mit Löffeln gegessen zu haben. Na, meinetwegen. Und hier? ›Bölsche: Liebesleben in der Natur‹? Das wäre vielleicht schon eher etwas für mich.« Er blätterte in dem Buch, aber als er anstatt kleiner pikanter Anekdoten wissenschaftliche Betrachtungen fand, legte er auch diesen Band unwillig beiseite: »Ich möchte nur wissen, wer so etwas lesen soll? Warum schreiben denn die Leute nicht endlich mal etwas Verständiges.« Er suchte weiter und weiter, aber er fand nichts, was ihm zusagte. »Die verständigste Lektüre ist und bleibt doch für unsereins immer der Grafenkalender,« sagte er sich, und so nahm er den denn auch jetzt zur Hand. Als erstes schlug er natürlich seine eigene Familie auf. Zwar wußte er alles auswendig, was über die auf den Blättern stand, aber so viele vornehme Namen auf einmal zu sehen, das erfreute ihn immer wieder, und vor allen Dingen interessierten ihn die von der Hand seines verstorbenen Vaters gemachten Randzeichnungen. Besonders eine Notiz fesselte ihn immer wieder aufs neue, nicht etwa, weil sie besonders originell war, sondern nur um ihrer Wahrheit willen. Sie bezog sich auf eine Familie derer von Adlershorst, die sich vor mehreren Jahrhunderten bereits von dem Stamm getrennt und als besonderer Zweig nach Dänemark gezogen war, um dort zu hohen Ehren, zu hohem Ansehen und zu großem Reichtum zu gelangen. Ein großer Teil des Geldmajorats, das Graf Kuno besessen und das jetzt auf Udo Bodo übergegangen war, stammte aus dänischen Mitteln, aber seit mehr als hundert Jahren waren die beiden Familien ganz verfeindet, und hierauf bezog sich die Notiz des Grafen Kuno, die da lautete: sehr schade! Und es war wirklich sehr schade, denn die dänischen Adlershorst besaßen Millionen, und wenn sich verschiedene »Wenn« erfüllten, dann war es immerhin nicht unmöglich, daß doch noch einmal ein Teil des großen Vermögens durch Erbschaft an die deutsche Linie gefallen wäre, nicht jetzt, aber vielleicht doch einmal später, nach hundert oder nach mehr Jahren. Zwar war der jetzige Majoratsherr kinderlos, aber er hatte einen Neffen, und dieser hatte auch schon wieder Söhne, sogar sechs an der Zahl, so daß in absehbarer Zeit an ein Aussterben der Familie nicht zu denken war. Aber trotzdem: sterben müssen ja alle. Zum Schaden des Staates ja auch die Adligen, und so wäre doch immerhin noch Aussicht auf eine Erbschaft gewesen, wenn nicht die Feindschaft zwischen den beiden Familien bestanden hätte. Das war wirklich schade, und Graf Kuno hatte beständig das zwar keineswegs neue, aber trotzdem wahre Wort auf den Lippen geführt: »Für einen Aristokraten gibt es außer dem Nichtstun nur eine einzige standesgemäße Beschäftigung: das Erben.« Der Ansicht war Udo Bodo auch, und wenn jemals, so hätte er jetzt gern geerbt, je mehr je besser, schon Blankas wegen. Und trotzdem es dem Grafen Kuno ganz sicher nicht entgangen wäre, wenn im Grafenkalender irgendwo auch nur der Schein einer Erbschaft gewinkt hätte, so sah Udo Bodo doch immer wieder von neuem nach, ob sein Vater nicht vielleicht doch etwas übersehen hätte und ob nicht doch irgendwo die Spur einer Erbschaft zu entdecken war. Aber auch Udo Bodos Bemühungen waren stets erfolglos. Und immer legte er das Buch enttäuscht beiseite. Dieses Erbschaftssuchen war bei ihm geradezu zu einer Manie geworden, er glich darin gewissermaßen einem Goldgräber, der sich in seiner Arbeit durch keinen Mißerfolg enttäuschen läßt und jeden Tag von neuen Hoffnungen beseelt erneut die Hacke zur Hand nimmt, bis er entweder doch das findet, was er sucht, oder bis er inmitten seiner Tätigkeit tot umfällt. So sagte auch Udo Bodo sich jeden Tag: ich gebe es auf, ich finde ja doch nichts! Aber trotzdem ging er am nächsten Morgen wieder auf die Suche. So kam eins zum andern, um Udo Bodos Stimmung immer trauriger und trübseliger zu machen, und aus dieser Stimmung heraus ertappte er sich eines Tages dabei, daß er sich plötzlich auf den bevorstehenden Dienst im Regiment freute. Schön war es ja auch nicht, was er da zu tun hatte, aber er hatte doch wenigstens etwas zu tun, und dieses ließ sich schon ertragen, wenn man der Auffassung beitrat, daß der ganze Dienst doch schließlich weiter nichts sei, als eine unangenehme Unterbrechung der freien Zeit. Und vor allen Dingen: er würde nicht mehr so allein sein, nicht immer mehr allein bei Tisch sitzen, er würde den Umgang mit den Kameraden pflegen. In Erinnerung rief er sich diese herbei und ließ sie Revue passieren, viele von ihnen waren ihm unsympathisch gewesen, aber einige hatten ihm doch sehr gut gefallen, ja, mit dem einen oder dem anderen war er sogar beinahe befreundet gewesen. Er freute sich plötzlich wirklich auf das Wiedersehen. Allerdings, alle würde er ja nicht mehr antreffen, manche waren inzwischen befördert und in ein anderes Regiment versetzt worden, einzelne hatte auch die strafende Nemesis ereilt und durch frühzeitige Verabschiedung hatten sie einen zu flotten Lebenswandel büßen müssen. »Hoffentlich schickt man mich wenigstens in mein altes Regiment zurück und nicht Gott weiß wohin. Mich in eine neue Garnison einzuleben, lauter neue Gesichter zu sehen, keinen einzigen Bekannten zu treffen – gräßliche Vorstellung!« Aber als Udo Bodo endlich, viel später als er es erwartet hatte, die Mitteilung erhielt, daß er wieder in die Armee eingestellt sei, da war er doch nicht seinem alten Truppenteil, sondern einem anderen Infanterieregiment überwiesen. Udo Bodo war außer sich, und erst als er die Rangliste zur Hand nahm und sich davon überzeugte, daß seine neuen Kameraden wenigstens zur Hälfte aus Adligen bestanden, und als er sich dann aus dem neuesten Konversationslexikon über seine neue Garnison informiert hatte, bekam er wieder Lebensmut. Vielleicht würde es ihm da doch besser gefallen als in der alten Garnison, und vor allen Dingen, wenn er es sich richtig überlegte: es war sogar vielleicht ganz gut, daß er den alten Kameraden nicht wieder begegnete. Die würden ihn wie früher wie ihresgleichen behandeln und es würde schwer sein, ihnen klarzumachen, daß gewissermaßen auch für ihn die Rheinsberger Tage vorüber waren, daß er jetzt der Majoratsherr und nicht mehr wie früher lediglich der Sohn seines Vaters sei. Das richtete zwischen ihm und den anderen Kameraden eine gewisse Schranke auf, die die neuen Herren von selbst respektieren und verstehen, die die alten Kameraden aber vielleicht nicht begreifen würden. Fast gleichzeitig mit dem Befehl aus dem Militärkabinett kam auch ein huldvolles Telegramm Seiner Hoheit: es sei nicht, wie Udo Bodo vielleicht glaube, eine Zurücksetzung, sondern geradezu eine Auszeichnung, daß Udo Bodo in das neue Regiment gekommen sei. Er, Seine Hoheit, habe ihn dort bereits auf das wärmste empfohlen und dem Interesse, das er an Udo Bodos weiterer Zukunft nehme, Ausdruck verliehen. Er hoffe und wünsche von ganzem Herzen, daß Udo Bodo sich fortan in der Armee wohl und glücklich fühlen möge und dies Seiner Hoheit melden könne, wie dieser überhaupt schon lange auf ein Lebenszeichen von Udo Bodo gewartet habe. Selbstverständlich erfüllte dieses Telegramm Udo Bodo mit aufrichtiger Freude, einmal, weil es von Seiner Hoheit war, dann aber auch, weil daraus hervorging, daß Seine Hoheit sich bereits bei dem neuen Truppenteil für ihn verwendet habe. Er wußte, jetzt würde man ihn dort mit mehr als offenen Armen aufnehmen. Und das war auch tatsächlich der Fall, als er sich wenige Tage später in der neuen Garnison einfand. Gleich nachdem er sich bei dem Kommandeur gemeldet hatte, stellte dieser ihn sofort dem zu diesem Zweck bereits versammelten Offizierkorps vor und in längerer Rede gab der Oberst seiner großen Freude darüber Ausdruck, daß Udo Bodo gerade in sein Regiment gekommen sei. Udo Bodo hörte diese Rede, die stark unter dem Einfluß des Schreibens Seiner Hoheit an den Regimentskommandeur stand, als etwas ganz Selbstverständliches an. Auch nach seiner Auffassung hatte das Regiment alle Ursache, sich über ihn zu freuen: er hatte gute Kriegsschulzeugnisse, von seinem alten Regiment die beste Konduite, von seinem Herzog die besten Empfehlungen, er besaß Orden und Ehrenzeichen, fast ebensoviel wie der Oberst selbst, er war eine sehr gute Erscheinung, für einen Leutnant war er sehr reich, er hatte einen mehr als tadellosen Namen, es war alles da, was gebraucht wurde, ja, es waren für einen gewöhnlichen Leutnant fast zu viel Vorzüge, die sich in seiner Person vereinten. Natürlich fand am Abend ihm zu Ehren im Kasino ein glänzendes Liebesmahl statt, und da imponierte er allen Kameraden ganz gewaltig dadurch, daß er sich nicht betrank. Es war noch nie dagewesen, daß ein in ein neues Regiment versetzter Offizier am ersten Tag nicht mehr oder weniger unterm Tisch gelegen hatte, aber als man endlich die Tafel aufhob, war Udo Bodo genau so nüchtern wie in dem Augenblick, als er sich zu Tisch gesetzt hatte. »Man betrinkt sich nie bei Hof,« gab er auf eine Frage zur Antwort, »und ich habe zu lange am Hofe gelebt, um mir nicht die dort herrschenden Formen ganz zu eigen gemacht zu haben.« Daß man sich bei Hof nie betrank, war den meisten neu. Du großer Gott, schließlich waren die Fürsten doch auch nur Menschen, hatten denn die gar keinen Durst? Oder tranken sie nur alkoholfreie Getränke? »Warten Sie es nur ab, Graf,« rief eine Stimme, »wenn Sie erst längere Zeit bei uns sind, werden Sie auch schon zu der Überzeugung kommen, daß es zuweilen sehr schön ist, sich die Nase etwas zu begießen.« »Niemals.« sagte Udo Bodo. »Ich werde nie vergessen, wer und was ich bin, und was ich mir, meinem Namen und meiner Stellung schulde.« Das klang so bestimmt, daß alle merkten, es sei ihm heiligster Ernst mit dem, was er sagte, und er würde stets so denken wie heute Durch sein Benehmen beim Liebesmahl hatte Udo Bodo sich gleich am ersten Tag eine Position im Offizierkorps geschaffen und er behielt diese auch in Zukunft. Von den jüngeren Kameraden wurde er angestaunt und bewundert, von den gleichaltrigen geachtet und von manchem der älteren, die viel länger dienten als er, und die bei der Ochsentour, die sie durchmachten, doch noch nichts Besonderes erreicht hatten, wurde er beneidet. Aber alle erkannten in ihm den tadellosen Kavalier, dessen Benehmen, dessen Anschauungen, dessen Lebenswandel einfach mustergültig waren. Und ebenso wie Udo Bodo den Kameraden gefiel, ebenso gefiel er auch den Familien, bei denen er Besuch gemacht hatte, natürlich in erster Linie den Familien des Regiments, dann aber auch in dem großen Zivilkreis, der mit dem Offizierkorps eine enge Fühlung hatte. Überall wurde er mit Auszeichnung empfangen, und je mehr Töchter im Hause waren, desto großer war die Liebenswürdigkeit, mit der man ihn aufnahm. Udo Bodo als Schwiegersohn zu ergattern, war der Traum aller Mütter, und diesen machte er noch mehr schlaflose Nächte als den jungen Mädchen, die alle für ihn schwärmten, schon weil er Graf war, schon weil er so viel Orden hatte, schon weil er täglich mit einem wirklichen Herzog und mit einer wirklichen Herzogin zusammengewesen war. Und wie Desdemona ihren Othello liebte, schon »weil er Gefahr bestand«, so liebten ihn die jungen Mädchen, weil er zwar keine Gefahren bestand, wohl aber dafür bei Hof gewesen war. Und immer und immer wieder tönte die Frage an sein Ohr: »Ach bitte, Herr Graf, erzählen Sie mir doch, wie lebt man denn nun eigentlich bei Hof?« Aber Udo Bodo blieb stets die Antwort schuldig. Um nicht indiskret werden zu müssen, und um nicht immer dasselbe zu sagen, hatte er sich die Ausrede erfunden: »Ich bin zum Schweigen verpflichtet.« Er hatte gehofft, damit ein für allemal die Neugier zu befriedigen, aber seine Worte erweckten dieselbe erst recht: er durfte nicht darüber sprechen, Gott – wie interessant! Und immer mehr wuchs das Interesse, das man an Udo Bodo nahm, denn er hatte doch alle geheimnisvollen Sachen, über die er nicht sprechen durfte, miterlebt. Und noch in einer anderen Hinsicht war Udo Bodo allen jungen Damen sehr merkwürdig: alle ihre Liebenswürdigkeiten ließen ihn ganz kalt. Jeder andere Leutnant strahlte, wenn eine gefeierte Schönheit ihn mit Auszeichnung behandelte, wenn sie ihn bei einem Ball mit Orden dekorierte, wenn sie ihm erlaubte, sie zu Tisch zu führen, aber Udo Bodo blieb unnahbar, nichts brachte ihn aus seiner Ruhe, er schien für all die schönen Mädchenaugen, die ihn mehr oder weniger verliebt anblickten, gar keinen Sinn zu haben. Wäre Udo Bodo nicht so reich, nicht so vornehm, nicht so schick und vor allen Dingen nicht so fabelhaft interessant gewesen, dann hätte man ihn wohl bald fallen lassen und sich nicht weiter um ihn gekümmert, aber so erwachten der Trotz und der Stolz der jungen Damen, sie wollten ihm beweisen, daß sie ihn doch noch zu ihren Füßen sehen würden, daß sie auch ihn dahin brächten, ihnen den Hof zu machen. Und da jede die einzige sein wollte, die dieses erreichte, schon um vor den Freundinnen damit prahlen zu können, entspann sich zwischen den jungen Damen der reine Wettstreit um seine Gunst, und Udo Bodo konnte sich vor den jungen Mädchen oft kaum retten. Wenn sie gewußt hätten, daß Udo Bodo verlobt war! Und wenn sie die Briefe hätten lesen können, die er über sie an seine Blanka schrieb: »Ich verliere bald alle Hochachtung vor diesen jungen Damen, die sich doch zu der ersten Gesellschaft rechnen, wenn ich es sehe, wie sie mich mit ihren Liebenswürdigkeiten verfolgen, und ich begreife die Mütter nicht, die so etwas nicht nur dulden, sondern sogar unterstützen. Oft bereue ich es, überhaupt in diesen bürgerlichen Kreisen Besuche gemacht zu haben, denn man soll nicht mit Leuten verkehren, von denen man schon durch den Adel der Geburt getrennt ist. Aber hätte ich es nicht getan, so hätte ich viel böses Blut gemacht und mir viele Feinde geschaffen, und schließlich sagte ich mir: was du tust, das tust du ja nicht für dich, sondern für die anderen. Selbst ein König spricht ja zuweilen mit einem Bürgerlichen, da habe auch ich mich nach reiflichster Überlegung dazu entschlossen, die Schranken, die mir Gott durch meine Geburt und durch meine Stellung auferlegte, solange ich noch Offizier bin, fallen zu lassen. Leicht ist es mir nicht geworden, aber die Pflicht der Kameradschaft verlangt es, und seine Pflicht hat ein Adlershorst noch stets getan.« Wenn die jungen Damen diese Briefe hätten lesen können! Aber sie konnten sie ja nicht lesen, das war ein Glück für sie, aber das war auch ein Glück für Udo Bodo. Alles in allem gefiel es Udo Bodo in der neuen Garnison ganz gut. Die Stadt fand seinen Beifall, und er hatte manchen netten Kameraden kennen gelernt. Er besaß eine sehr hübsche Wohnung, und nach Überwindung einiger Bedenken seitens seiner Vorgesetzten war ihm auch erlaubt worden, seinen Marstall beizubehalten, obgleich diese zuerst gefürchtet hatten, daß das bei den weniger bemittelten Kameraden böses Blut machen würde. Aber die dachten gar nicht daran, ihm seinen Reichtum zu mißgönnen. Udo Bodo war nun einmal für sie ein Ausnahmemensch, und da war es ja ganz natürlich, daß er auch anders lebte als sie. Und vor allen Dingen war Udo Bodo viel zu gut erzogen, um mit seinen Mitteln zu protzen. Daß er vierspännig fuhr, war in den Augen der Kameraden ebenso selbstverständlich wie die Tatsache, daß sie selbst die elektrische Bahn benutzten. Und außerdem waren alle davon überzeugt daß Udo Bodo beim Regiment doch nur ein kurzes Gastspiel gab. Wie lange würde es dauern und man würde ihn an den Hof zurückrufen oder man würde ihm eine andere Stellung geben. Ebenso dachten auch die Vorgesetzten und deshalb regten diese sich auch über Udo Bodos militärische Unkenntnisse nicht allzusehr auf. In der ersten Zeit hatte Udo Bodo vom Dienst natürlich keine Ahnung gehabt, nicht die allerleiseste, aber das hatte auch niemand gewundert, denn er war ja viele Jahre ganz aus der Front heraus gewesen, und inzwischen hatte sich im Reglement und in den anderen Vorschriften so vieles geändert, daß es ganz selbstverständlich war, wenn seine Kenntnisse jeden Augenblick versagten. Aber nach einem halben Jahr versagten sie ebenfalls, und nach einem weiteren halben Jahr versagten sie immer noch, und da kamen seine direkten Vorgesetzten zum erstenmal auf den Gedanken, sich etwas eingehender mit Udo Bodos geistigen Fähigkeiten, die nicht vorhanden waren, zu beschäftigen. Da wurde zum erstenmal in ihnen die Überzeugung wach: Udo Bodo ist dumm, ja, er ist sogar sehr dumm. Aber jeder, der zu dieser Überzeugung gekommen war, bekam einen gewaltigen Schrecken, und jeder behielt seine Meinung für sich, denn wer einen Offizier, der so glänzende Empfehlungen besaß, der solche Karriere hinter sich hatte, der so viel Orden trug, wer einen solchen Offizier für dumm erklärte, der konnte leicht in den Verdacht kommen, selbst nicht der Weiseste der Weisen zu sein. Und außerdem war Udo Bodo der Protegé Seiner Hoheit, der hatte an dem Tag, als Udo Bodo ein Jahr dem neuen Regiment angehörte, dem Oberst, dem Major und seinem Hauptmann einen Orden verliehen. Davon aber ganz abgesehen, konnte Udo Bodo ja auch schon aus vielen anderen Gründen, über die sie sich selbst nicht klar waren, gar nicht so dumm sein, wie sie glaubten. Allerdings, daß er sich nur verstellte, daß irgend etwas anderes, als nur geistige Unfähigkeit, ihn veranlaßte, prinzipiell bei jeder Felddienstübung die Posten falsch aufzustellen und auch sonst den bestehenden Vorschriften und dem gesunden Menschenverstande stets entgegen zu handeln, das wollte ihnen auch nicht recht in den Sinn. So standen sie alle vor einem psychologischen Rätsel, das sie zwar gelöst zu haben glaubten, dessen Lösung ihnen aber immer wieder zu unwahrscheinlich erschien, um sie für richtig zu halten. Da kam eines Tages ein Schreiben aus dem Militärkabinett. Auf die warme Befürwortung Seiner Hoheit hin hatte man die Absicht, unter Berücksichtigung der Seiner Hoheit geleisteten treuen Dienste, auf Grund der guten Zeugnisse und Empfehlungen, Udo Bodo unter gleichzeitiger Vorpatentierung zum Hauptmann zu befördern. Das Regiment wurde um Auskunft darüber ersucht, ob dienstliche Gründe dagegen sprächen. Als der Oberst dieses Schreiben gelesen hatte, bekam er einen Todesschrecken, denn in seinem Regiment war die Stelle eines Hauptmanns frei. Wenn Udo Bodo jetzt befördert wurde, erhielt der die Kompagnie, und das durfte nicht sein. Dazu hatte der Oberst sein Regiment viel zu lieb, und sich selbst auch, denn er war doch in erster Linie für die Ausbildung seiner Truppe verantwortlich, und wenn Udo Bodo eine Kompagnie hatte, mit der er nichts wie Dummheiten machte, dann konnte er selbst eines Tages über dessen Dummheiten straucheln, und dafür dankte er. Udo Bodo als Leutnant und Zugführer war ja schon keine militärische Sehenswürdigkeit, aber Udo Bodo als Hauptmann und Kompagniechef, das ging einfach nicht, bei der Vorstellung allein wurde dem Kommandeur schwach. Und wiederum legte er sich die Frage vor: »Ist Udo Bodo wirklich so unfähig wie du glaubst? Kann er das überhaupt nach dem, was er bisher geleistet hat, sein?« Und die Antwort, die er sich selbst auf diese Frage mit lauter, vernehmlicher Stimme erteilte, lautete: »Nein, so töricht kann er nicht sein, und es ist viel natürlicher, daß du dich allein in der Beurteilung seiner geistigen Fähigkeiten irrst, als daß dies auch alle seine früheren Vorgesetzten, sein Herzog und alle, die ihn sonst noch ausgezeichnet haben, taten. Dein Urteil allein ist absolut nicht maßgebend, denn eine erdrückende Mehrzahl anderer Stimmen steht dem deinen gegenüber und beweist dir schlagend, daß du unrecht hast.« Und als der Oberst zu dieser Überzeugung gekommen war, hielt er es in seiner Eigenschaft als Vorgesetzter und als Ehrenmann für seine Pflicht, Udo Bodo von dem falschen Verdacht, in dem er ihn gehabt hatte, zu reinigen. So setzte er sich denn hin und schrieb Udo Bodo ein Zeugnis, das mehr als glänzend war. Und der Erfolg blieb nicht aus. Schon drei Wochen später wurde Udo Bodo unter Beförderung zum Hauptmann in ein neues, als besonders vornehm geltendes Regiment versetzt. Am liebsten wäre der Oberst vor Freude sich selber um den Hals gefallen, aber da er das nicht konnte, umarmte er seinen Adjutanten. Er hatte erreicht, was er erstrebte, er hatte Udo Bodo aus dem Regiment »herausgelobt«. Udo Bodo nahm auch diese neue, ihm zuteil gewordene Auszeichnung wie etwas ganz Selbstverständliches hin, und der erste Gedanke, der ihm einfiel, war: jetzt kannst du Ehrenritter des Johanniterordens werden, sein Vater war sogar Rechtsritter gewesen, und daß das weiße Kreuz bisher auf seiner Brust fehlte, hatte ihn stets betrübt. Aber nach den bestehenden Bestimmungen mußte er erst Hauptmann sein, bevor er diesen Orden erhalten konnte. Nun war auch dieses Ziel erreicht, und die Freude hierüber ließ ihn alle Unannehmlichkeiten vergessen, die mit einem Umzug in eine neue Stadt, mit dem Eintritt in ein neues Regiment verbunden waren. Im Offizierkorps war man aufrichtig traurig, daß Udo Bodo schied, man war stolz auf ihn gewesen, denn er hatte ihnen allen zur Ehre gereicht. Kurz und gut, man sah ihn schweren Herzens scheiden. Und ebenso ungern, wie die einen ihn gehen ließen, ebenso gern nahmen die anderen ihn auf. Mit offenen Armen wurde er empfangen, und das Regiment war glücklich, einen so vorzüglichen Offizier zu erhalten. Allerdings, dienstlich erfüllte Udo Bodo nicht ganz die Hoffnungen, die man in ihn gesetzt hatte. Daß er im Anfang bei dem Kompagnieexerzieren nichts wie Dummheiten machte, war ja selbstverständlich, er war ja erst kurze Zeit wieder in der Front, und ob man eine Kompagnie führt oder einen Zug, ist ein ganz verteufelter Unterschied. So sagte man auch nichts, denn ein so glänzend empfohlener Offizier, wie Udo Bodo es war, würde sich sehr schnell einarbeiten. Aber als Udo Bodo nach einem halben Jahr auch noch Dummheiten machte, und als es nach einem weiteren halben Jahr auch noch nicht besser geworden war, da wurden seine Vorgesetzten stutzig. War Udo Bodo wirklich der hervorragend befähigte Offizier, als der er empfohlen war? Zum erstenmal stiegen ihnen Bedenken darüber auf, und als Udo Bodo eines Tages, nachdem er bereits zwei Jahre lang Hauptmann war, bei dem Bataillonsexerzieren mit seiner Kompagnie das ganze Bataillon umwarf, da wurde es allen klar: man hat Udo Bodo im alten Regiment los sein wollen; verabschieden konnte man ihn nicht, schon um den Herzog nicht zu kränken und ihm damit zu beweisen, daß er einen törichten Adjutanten an seiner Seite gehabt habe, so hatte man Udo Bodo einfach fortgelobt. Und der Entschluß: du lobst ihn wieder fort! stand sofort bei dem Regimentskommandeur fest, der Udo Bodos militärische Glanzleistung mitangesehen hatte. Die Gelegenheit, ihn fortzuloben, fand sich bald, als die Brigade einen neuen Adjutanten suchte. Wer konnte dafür mehr geeignet sein als Udo Bodo? Hatte der seine Pflicht als Adjutant des Herzogs erfüllt, so würde er als Adjutant eines Generals sicher am Platze sein. Und außerdem, ganz so töricht, wie der Kommandeur im ersten Augenblick der Erregung geglaubt hatte, konnte Udo Bodo ja gar nicht sein, das war ja gar nicht möglich. Es war sogar sehr wahrscheinlich, daß er sich irrte, denn seinem Urteil standen die glänzenden Zeugnisse aller anderen Vorgesetzten gegenüber, und ob der letzte Oberst ihn wirklich fortgelobt hatte, das war doch auch nur eine Vermutung, keineswegs eine bewiesene Tatsache. Wie dem aber auch immer war: sicher hatte Udo Bodo auch seine großen Gaben, und diese lagen in der Adjutantentätigkeit, wie seine langjährige Stellung bei Hof ja glänzend bewiesen hatte. Und es ist eine Erscheinung, die man sehr oft beobachten kann, daß die schlechtesten Frontoffiziere oft die besten Adjutanten werden, und umgekehrt. So setzte der Herr Oberst sich denn hin und empfahl Udo Bodo zum Brigade-Adjutanten. Er tat es mit einer Liebe, als handele es sich um sein eigenes Fleisch und Blut, und gewissermaßen tat es das ja auch, denn wenn Udo Bodo noch länger bei ihm Hauptmann blieb, dann war der Ruf seines Regiments bald zum Teufel, und ihn selbst konnte dann auch sehr bald der Teufel holen. Und der Erfolg blieb nicht aus: Udo Bodo wurde zum Brigade-Adjutanten ernannt. Allerdings fehlte es ihm ja an den praktischen Kenntnissen, aber gleichviel, ein Offizier, der so glänzend empfohlen war wie er, würde sich sehr schnell einarbeiten. So trat Udo Bodo denn seine neue Stellung an. Die schnelle Beförderung und die Auszeichnung, die ihm durch dieses vielbegehrte Kommando zuteil wurde, hatten seinen Ehrgeiz erweckt, und er sah sich im Geiste schon als Exzellenz herumlaufen. War es ihm nicht gelungen, Minister zu werden, dann wollte er wenigstens kommandierender General werden. Das stand jetzt für ihn fest. Das war er nicht nur sich selbst und seinen Ahnen, sondern auch der Armee schuldig. So stürzte er sich denn mit einem wahren Feuereifer in seine neuen Berufspflichten. Daß er zuerst nicht ein und aus wußte, daß es ihm überall an den nötigen Kenntnissen fehlte, trotzdem er sich vor seiner definitiven Beförderung zum Brigade-Adjutanten eine Zeitlang auf dem Bureau hatte einarbeiten können, daß er beständig um Rat fragen mußte, war ja selbstverständlich. Das wunderte den Herrn General auch weiter gar nicht, das war ja immer so, daß ein Adjutant am Anfang keine Ahnung hatte, aber das pflegte immer sehr bald anders zu werden, und bei einem so glänzend empfohlenen Offizier, wie Udo Bodo, würde die Erkenntnis noch schneller kommen als bei den anderen Herren. Aber die Erkenntnis kam nicht, und der General rang verzweifelt die Hände. Am liebsten wäre er dem Oberst, der ihm Udo Bodo so warm empfohlen, und wie es sich jetzt herausstellte, einfach aus dem Regiment herausgelobt hatte, sacksiedegrob geworden, aber der Oberst hatte plötzlich seinen Abschied erhalten und wandelte nun schon lange stillvergnügt mit einem Strohhut auf dem Kopf durch die Straßen von Pensionopolis. Was ging es den noch an, ob der General mit Udo Bodo zufrieden war oder nicht? Ja, wenn er erfahren hätte, daß der General seinen Adjutanten täglich dreimal zum Teufel wünschte, hätte er sich höchstens noch darüber gefreut, denn dann hätte er doch wenigstens noch eine kleine Genugtuung dafür gehabt, daß der General ihm bei der Besichtigung das Genick umgedreht hatte. So viel stand für den General aber nach einem Jahre fest: Adjutant bleiben konnte Udo Bodo nicht, wenigstens nicht bei ihm. Er hatte keine Lust, alles selbst zu machen, und dies mußte er, wenn er nicht vom Generalkommando und von der Division täglich für Udo Bodos Torheiten Grobheiten zu hören bekommen wollte. »Ich schicke Udo Bodo in die Front zurück,« schalt der General, »dann mag er sehen, wie er weiter kommt.« Aber gerade, als der General diesen Entschluß gefaßt hatte, kam ein Schreiben vom Generalkommando. Es war vom Generalstab die Nachricht gekommen, daß sofort dorthin ein Hauptmann zu kommandieren sei. Es war eine derjenigen Stellen frei geworden, die für solche Offiziere reserviert sind, die die Kriegsakademie nicht besucht hatten. Jede Brigade konnte einen Hauptmann namhaft machen, und das Generalkommando würde dann die Entscheidung treffen. Als der General das gelesen hatte, fing er vor Freude an zu weinen, denn er sagte sich: »Nun bist du Udo Bodo los, er bekommt das Kommando, dafür werde ich schon sorgen.« Dann setzte er sich hin und lobte Udo Bodo über den grünen Klee. Gewiß, zum Brigade-Adjutanten war Udo Bodo ja nicht geeignet, aber trotzdem mußte er ja ein selten befähigter Offizier sein. Er selbst hielt ihn allerdings nicht dafür, aber sein Urteil allein durfte und konnte nicht maßgebend sein, denn er war der einzige, der seine geistigen Fähigkeiten nicht richtig erkannt hatte, das ging ja schlagend aus den glänzenden Zeugnissen aller anderen Vorgesetzten und aus dem Urteil Seiner Hoheit über Udo Bodo hervor. Es war doch viel wahrscheinlicher, daß er allein sich irrte, als daß dies alle anderen getan hätten. Seine Stimme stand als einzige allen anderen gegenüber und so hielt er es nicht nur mit seinem Gewissen für vereinbar, ja, er hielt es sogar für seine Pflicht, das Unrecht, das er Udo Bodo dadurch zugefügt hatte, daß er an seiner Begabung zweifelte, durch ein glänzendes Zeugnis wieder gutzumachen. So lobte er Udo Bodo denn immer weiter und weiter, und er wußte, er würde nicht umsonst loben. Und der Erfolg blieb nicht aus. Als Udo Bodo eines Morgens erwachte, war er zum Generalstab kommandiert. Wie er dorthin gekommen war, wußte er selber nicht, und diejenigen, die es wußten – sagten es ihm nicht. X. Udo Bodo hatte geerbt. Ein Goldregen von mehr als zwei Millionen Mark war ihm in den Schoß gefallen. Der Majoratsherr in Dänemark war gestorben, auf den Tod verfeindet mit seinem Neffen und allen Verwandten, die sein Ende nicht abwarten konnten und die es ihm nur zu deutlich gezeigt hatten, mit welcher Ungeduld sie auf die reiche Erbschaft hofften. Im höchsten Zorn hatte er schließlich allen die Tür gewiesen, und wenn es nach ihm allein gegangen wäre, hätte er seiner ganzen Sippschaft nichts hinterlassen, nicht einen roten Heller. Aber das Gesetz stand den Erben zur Seite, und so gern er es auch getan hätte, das Majorat konnte er ihnen nicht nehmen, wohl aber das bare Geld, das große Vermögen, das er sich erspart und durch glückliche Spekulationen zu vergrößern gewußt hatte. Das war sein Eigentum, damit konnte er schalten und walten wie er wollte, das hatte er zu seiner freien Verfügung. Und es hatte dem alten Herrn das Sterben leicht gemacht, daß er die lachenden Erben wenigstens um diese beiden Millionen betrügen konnte, er wußte, sie würden ihn nach seinem Tode verfluchen, aber das war ihm ganz lieb, dann hatte er wenigstens die Gewißheit, daß das, was sie sagten, aus ihrem Herzen kam, Während die Tränen, die sie ihm sonst vielleicht nachgeweint hätten, mit ihren Herzen doch nichts zu tun gehabt hätten. So war das Geld an Udo Bodo gefallen, und heute hatte er von seinem Bankier die Mitteilung erhalten, daß das Geld aus Dänemark eingetroffen sei. Es hatte Monate gedauert, bis alle Formalitäten erfüllt waren, bis das Geld am heutigen Tage in seine Hände gelangte, und in dieser ganzen Zeit hatte Udo Bodo keinem Menschen etwas von der Erbschaft erzählt, weder seiner Mutter noch seiner Braut. Als er zuerst die Nachricht erhielt, hatte er dieselbe als etwas ganz Selbstverständliches aufgenommen und sich weiter gar nicht darüber gewundert. Er hatte einmal das Wort gelesen, daß ernste Arbeit stets zum Ziel führe, und daran hatte er unwillkürlich denken müssen. Mit welcher Ausdauer hatte er den Grafenkalender auf eine Erbschaft hin durchstudiert! Er hatte sich nie entmutigen lassen, und der Lohn für seine ernste Arbeit war nicht ausgeblieben! Aber plötzlich hatte er gefürchtet, die anderen Erben würden das Testament angreifen und allen Gesetzen der Gerechtigkeit zum Hohn vielleicht ein siegendes Urteil gewinnen; dann hatte er auch vorübergehend daran gedacht, daß er vielleicht so viele Legate würde auszahlen müssen, daß von den zwei Millionen kaum noch etwas für ihn selbst nachbliebe; auf alle Fälle hatte er beschlossen, nicht über die Erbschaft zu sprechen, bis er das Geld in Händen hielt. Sein erster Gedanke war jetzt: sofort an Blanka und an seine Mutter zu telegraphieren, aber die Absicht, Blanka Nachricht zu senden, gab er gleich wieder auf. Der wollte er die frohe Botschaft selbst bringen. Morgen schon wollte er zu ihr reisen und die Verlobung veröffentlichen. Er wußte, es würde noch Kämpfe genug kosten, bis der Hof hierzu seine Einwilligung gab, aber jetzt sah er dem allem ruhig entgegen. Hatte Blanka, solange er arm war, fest zu ihm gehalten, so würde sie ihn auch jetzt nicht verlassen, und wenn sie wählen mußte, so würde sie lieber die Ungnade der Frau Herzogin auf sich nehmen, als dem Geliebten entsagen, dessen war er sicher. So sandte er denn nur ein Telegramm an die Gräfin-Witwe Cäcilie. Die lebte seit Jahr und Tag in Florenz und kam nur noch selten nach Deutschland. Die Verwandten begriffen das nicht, und Udo Bodo begriff es auch nicht so ganz, und doch war der Grund sehr einfach: er bestand darin, daß die Gräfin-Witwe in Deutschland mit ihrer Witwenrente nicht auskommen konnte, während sie in Florenz mit derselben ein großes Haus machte. Der Viererzug hatte sich allerdings inzwischen in einen Zweispänner verwandelt, aber die Gräfin-Witwe fand, daß er vollständig genüge, und es war Udo Bodo nicht gelungen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Er selbst vertrat nach wie vor die Ansicht, daß man entweder vierspännig oder gar nicht fahren müsse. Das hatte er ihr jedesmal, so oft er sie im Laufe der Jahre besucht hatte, klarzumachen versucht, aber sie hatte auf ihrem Standpunkt beharrt, schon weil sie Udo Bodo nicht neue Unkosten und Ausgaben verursachen wollte. Sie wußte ja, wie er sich einschränken mußte. Wenn sie als alleinstehende alte Dame mit zwanzigtausend Mark in Deutschland nicht auskam, was waren dann für den Majoratsherrn dreißigtausend Mark? Und sie bewunderte ihn aufrichtig, wie er es verstand, sein Geld einzuteilen, wie er beständig Tausende in der Tasche trug, wie er nie über seine Finanzen klagte und niemals Schulden machte. »Wie die Gräfin-Witwe sich wohl freuen wird.« dachte Udo Bodo. »Es ist selbstverständlich, daß ich ihr einen jährlichen Zuschuß von zehntausend Mark gebe. Für mich und Blanka, nein, für Blanka und mich, bleiben dann mit meinem jetzigen Einkommen immer noch neunzigtausend Mark. Das muß für die ersten Jahre genügen, später, wenn alle Schulden getilgt sind, habe ich ja fast das Doppelte.« Auf den Gedanken, von der Erbschaft nun erst einmal alle Schulden seines Vaters zu bezahlen und reinen Tisch zu machen, kam er gar nicht. In der Hinsicht war er, obgleich er sonst in Geldsachen ganz anders dachte als der hochselige Graf Kuno, doch ganz der Sohn seines Vaters. Udo Bodo klingelte seinem Kammerdiener und machte sich dann auf den Weg, um Urlaub zu erbitten. Er war erst kurze Zeit im Generalstab, und auch dort hatte man ihn mit offenen Armen als einen der am besten empfohlenen Offiziere aufgenommen. Man hatte ihn noch nicht erkannt, so erfreute er sich der ganz besonderen Gunst aller seiner Vorgesetzten, und seine Kameraden sahen in ihm noch ein höheres Wesen, obgleich diese sich in Wirklichkeit durch einen scharfen Verstand und große Geistesgaben auszeichneten. Am nächsten Morgen fuhr Udo Bodo, von seinem Kammerdiener begleitet, der Residenz Seiner Hoheit entgegen. »Was Blanka wohl sagen wird?« – das war der einzige Gedanke, der ihn auf der ganzen Reise beschäftigte. Und immer wieder rief er sich ihr Bild ins Gedächtnis zurück. Er hatte sie in der ganzen Zeit nicht wiedergesehen. Oft genug war er in Versuchung gewesen, irgendwo mit ihr zusammenzutreffen, sie zu bitten, zu seiner Mutter zu reisen, oder in Begleitung der ihrigen irgendwo eine Begegnung herbeizuführen, aber immer wieder hatte er dieser Versuchung widerstanden, immer von neuem hatte er sich gesagt: ich weiß, wenn ich Blanka jetzt wiedersehe, habe ich nicht die Kraft, sie abermals gehen zu lassen, dann verlobe ich mich öffentlich mit ihr, und lasse, so schnell es geht, die Hochzeit folgen. Und stets gedachte er dabei der Worte des hochseligen Grafen Kuno: wenn der Verstand mitsprechen muß, muß man Manns genug sein, nicht nur das Herz sprechen zu lassen. Einmal hatte er schon dagegen gefehlt, zum zweitenmal durfte er das nicht tun, wenn er sich nicht seines hochseligen Vaters und dessen weisen Lehren unwürdig erzeigen wollte. »Und wie sie sich freuen wird, daß wir nach Berlin ziehen,« dachte er weiter. »Selbstverständlich werden wir ein großes Haus machen, wir werden bei den Botschaftern und bei den Gesandten verkehren, selbstverständlich gehen wir auch zu Hof, und meinen Urlaub verleben wir dann stets auf Adlershorst, bis wir dann später, ganz später, wenn die Armee mich nicht mehr braucht, wenn sie sich auch ohne mich stark genug fühlt, im nächsten Feldzug siegreich zu bleiben, unseren Wohnsitz ganz nach Adlershorst verlegen. Vorläufig ist daran aber natürlich noch nicht zu denken. Jetzt, wo ich im Generalstab sitze, habe ich noch mehr als je die Pflicht, an der Entwickelung unseres Heeres mitzuarbeiten.« Dann kehrten seine Gedanken wieder zu Blanka zurück. Alle fünf Minuten sah er nach der Uhr, und obgleich der Schnellzug mit der größten Geschwindigkeit dahinfuhr, schien es Udo Bodo doch, als käme er nicht von der Stelle. Aber endlich war er am Ziel, und ein telegraphisch bestellter Wagen erwartete ihn am Bahnhof, um ihn ins Hotel zu führen. Als erstes wollte er von dort aus dem Herzog seine Ankunft melden und noch für heute, spätestens für morgen, eine Audienz erbitten. Aber Seine Hoheit hatte schon von der Ankunft Udo Bodos erfahren, und so fand dieser im Hotel bereits ein Schreiben des Herzogs vor: Er freue sich sehr, daß Udo Bodo seine Residenz einmal wieder besuche, er bäte ihn, heute abend um sechs Uhr zur Audienz zu kommen und im Anschluß hieran am Diner teilzunehmen. So stand Udo Bodo denn pünktlich auf die befohlene Minute seinem Herzog gegenüber. Der befand sich heute in der denkbar besten Laune: er hatte die freudige Gewißheit erhalten, daß er hoffen dürfte, in nicht zu ferner Zeit Vater zu werden, und das Glück, das er hierüber empfand, spiegelte sich in seinem ganzen Wesen wider. Er war die Herzlichkeit und Liebenswürdigkeit selbst, er lachte und scherzte in einem fort. »Auch die Frau Herzogin wird sich sehr freuen, Sie wiederzusehen,« sagte der Herzog, »und ich glaube auch, es wird noch jemand hier am Hofe vor Freude ganz außer sich geraten, wenn Sie nachher beim Diner plötzlich erscheinen.« Udo Bodo machte das erstaunteste Gesicht von der Welt: »Wirklich, Hoheit? Aber ich weiß gar nicht, wer das sein könnte?« »Na, verstellen Sie sich doch nicht so,« sagte der Herzog lachend, »wir wissen es ja ganz genau.« Udo Bodo machte womöglich ein noch dümmeres Gesicht: »Keine Ahnung.« »Tun Sie doch nicht so! Sie wissen doch, daß ich Komteß Blanka meine.« »Ist denn die Komteß immer noch bei Hof?« fragte Udo Bodo, anscheinend ganz erstaunt. »Ich glaubte einmal gehört zu haben, Komteß Blanka sei in ihr Elternhaus zurückgekehrt.« »Die denkt nicht daran. Und die Frau Herzogin denkt erst recht nicht daran, Komteß Blanka jemals gehen zu lassen.« »Schöne Aussichten.« dachte Udo Bodo, und es passierte ihm das Unglück, daß er es laut dachte. Der Herzog lachte laut auf: »Was sagten Sie da eben?« »Hoheit, ich?« fragte Udo Bodo ganz verwundert. »Habe ich überhaupt etwas gesagt?« »Gewiß, versuchen Sie nur nicht, sich herauszureden. Nur heraus mit der Sprache: was soll denn das heißen »schöne Aussichten«, worauf bezieht sich das?« Udo Bodo wand sich hin und her, aber es half ihm alles nichts: der Herzog bestand auf seinem Willen, und Udo Bodo mußte sich endlich fügen. So nahm er denn seinen ganzen Mut zusammen: »Wenn Eure Hoheit mir zu sprechen befehlen, muß ich natürlich gehorchen. Ich bin bereits seit Jahren heimlich mit Komteß Blanka verlobt. Nachdem ich in den Besitz einer großen Erbschaft gelangt bin, die es mir möglich macht, eine Frau zu ernähren, bin ich heute hierher gekommen, um mich öffentlich mit Komteß Blanka zu verloben.« »Also doch!« dachte der Herzog. Und nachdem er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte, fuhr er fort: »Wissen Sie, Graf – daß zwischen Euch beiden irgend etwas nicht in Ordnung war, habe ich mir schon lange gedacht, Komteß Blanka wurde immer so eigentümlich rot und verlegen, wenn das Gespräch auf Sie kam, aber das muß ich ihr lassen, sie hat mit einer Ausdauer und einer Tapferkeit gelogen, die wirklich belohnt zu werden verdient.« »Euer Hoheit können ja Komteß Blanka als Hochzeitsgeschenk einen Orden verleihen,« meinte Udo Bodo ganz ernsthaft, denn er dachte es sich sehr hübsch, wenn auch seine Gemahlin dekoriert wäre. Und wo erst ein Orden ist, da kommen die anderen ja ganz von selbst. Das hatte er nicht nur an seiner eigenen Person, sondern an seiner eigenen Brust erfahren. Der Herzog lachte laut auf: »Sie sind doch noch ganz der alte geblieben, Udo Bodo! Aber um auf Ihre Verlobung zurückzukommen – wissen Sie wohl, daß mir die sehr unangenehm ist? Ihre Hoheit die Frau Herzogin wird außer sich sein, wenn sie etwas davon erfährt, sie wird sich von Komteß Blanka nicht trennen wollen, und auch ich selbst sehe Komteß Blanka mehr als ungern vom Hofe scheiden. Auf der anderen Seite haben wir selbstverständlich nicht das Recht, Euch beide, wenn Ihr Euch wirklich liebt, zu trennen. Wie das werden soll, weiß ich beim besten Willen nicht.« »Ich auch nicht,« stimmte Udo Bodo ihm bei. Seine Hoheit versank in tiefes Nachdenken, und Udo Bodo dachte auch nach. »Wissen Sie einen Ausweg, Graf?« »Nein, Hoheit.« »Ich auch nicht.« Und wieder dachten beide nach. »Immer noch nicht?« fragte Hoheit nach einer langen Pause. »Noch nicht, Hoheit, aber ich glaube, bald hab' ich's.« »Ich nicht,« sagte Hoheit etwas verwundert. Und wieder schwiegen beide. »Einen Ausweg gibt es schon, Hoheit,« meinte Udo Bodo endlich. »Ja, einen Ausweg gäbe es schon,« stimmte Hoheit ihm bei. »Es kommt nur darauf an, ob wir beide dasselbe meinen. Was dachten Sie?« »Ich habe mir die Sache soeben überlegt, Hoheit. Daß ich Komteß Blanka heirate und daß ich dann meine Gemahlin hier lasse und daß ich selbst in Berlin wohne –« Der Herzog blickte ganz überrascht auf: »Was machen Sie denn in Berlin?« »Aber Hoheit, ich bin doch zum Großen Generalstab kommandiert.« Der Herzog glaubte nicht recht gehört zu haben. »Wo sind Sie kommandiert?« »Bei dem Großen Generalstab. Wissen Hoheit das denn gar nicht?« »Keine Ahnung.« sagte der. »Ich begreife gar nicht, daß ich das im Militärwochenblatt übersah und daß mir niemand etwas davon sagte. Vielleicht nahmen die Herren meiner Umgebung es als ganz selbstverständlich an, daß Sie mir das selber mitgeteilt hätten. Warum haben Sie das nicht getan?« »Ich setzte als selbstverständlich voraus, daß Eure Hoheit unterrichtet wären, und wollte durch eine nochmalige Meldung nicht den Anschein erwecken, als rühmte ich mich meiner Erfolge.« »Das fühle ich Ihnen nach,« meinte der Herzog. Dann fragte er noch einmal: »Also im Großen Generalstab sind Sie jetzt?« »Allerdings, Hoheit.« Der Herzog versank in tiefes Nachdenken: Udo Bodo war zum Generalstab kommandiert, ohne daß er, der Herzog, etwas davon wußte, ohne daß er sich für ihn verwendet, ohne daß er etwas hierfür getan hätte –! Das war ja fast undenkbar, und doch war es eine unumstößliche Tatsache. Der Herzog wußte, in den Generalstab kamen nur solche Herren, die sich wirklich durch große Geistesgaben auszeichneten; im Generalstab sitzen nur die Klügsten der Klugen, folglich – und vor diesem »folglich« erschrak Hoheit. Da hatte er also Udo Bodo sehr unrecht getan, als er ihn für geistig beschränkt hielt, da hatte er sich ja selbst geschadet, als er einen geistig so bedeutenden Adjutanten ohne jeden stichhaltigen Grund gehen ließ, nur weil er glaubte, in Udo Bodos geistige Veranlagung Zweifel setzen zu müssen. Udo Bodo war im Generalstab! Wie konnte er sich nur so in ihm geirrt haben – Aber hatte er sich wirklich in ihm geirrt? War er wirklich damals seiner Sache so sicher gewesen? Hatte er sich nicht immer nur gesagt: »Es scheint mir, als ob ich Udo Bodo verkannt habe?« Gewiß, ganz sicher war er sich damals nicht gewesen, er hatte zu sich selbst immer nur von der Möglichkeit gesprochen, daß Udo Bodo vielleicht nicht ganz so klug sei, wie er es bisher geglaubt habe – folglich – und über dieses »folglich« freute sich Seine Hoheit, denn da er Udo Bodos Torheit nur für möglich gehalten hatte, hatte er im Ernst also gar nicht fest an sie geglaubt, folglich hatte er Udo Bodo in Wirklichkeit stets für klug gehalten, folglich hatte er ihn gar nicht verkannt, folglich hatte ihn seine Menschenkenntnis, die er als Herzog besitzen mußte, gar nicht getäuscht, folglich – Was dann kam, wußte Hoheit im Augenblick selbst nicht, aber das war ja auch einerlei. Die Hauptsache war: Udo Bodo saß im Großen Generalstab, er war klug und weise, und der Herzog hatte, nein, er hätte ihm beinahe einmal unrecht getan, als er ihn einmal beinahe für beschränkt gehalten hätte! Edle Menschen machen das Unrecht, das sie getan haben, wieder gut, und wahrhaft edle Menschen pflegen sogar das Unrecht wieder gutzumachen, das sie zwar nicht getan haben, aber tun wollten. Alle Fürsten sind edle Menschen und der Herzog Karl Friedrich war sogar ein wahrhaft edler Mensch! So versank er denn wieder in tiefes Nachdenken und zerbrach sich den Kopf darüber, wie er das Udo Bodo »beinahe« zugefügte Unrecht wieder gutmachen könnte. »Endlich, endlich,« rief er, »Udo Bodo – ich hab's!« »Hoheit – ich hab's schon lange,« antwortete Udo Bodo. Unter anderen Umständen hätte Hoheit diese Worte vielleicht übelgenommen, aber jetzt waren sie ein neuer Beweis von Udo Bodos Klugheit. »Udo Bodo. Sie können mir nachher Ihre Pläne entwickeln. Lassen Sie mich zunächst Ihnen einmal meine Ansichten auseinandersetzen. Sie haben ganz recht, daß Sie heiraten, und daß Ihre Frau Gemahlin hier bleibt, das geht natürlich nicht, und daß Sie Komteß Blanka von hier fortnehmen, geht auch nicht, folglich – müssen Sie wieder zu mir kommen!« »Ganz meine Ansicht,« sagte Udo Bodo. »Udo Bodo ist wirklich ein selten begabter Mensch,« dachte der Herzog. »Daß er sogar denselben Gedanken hat wie ich, ist der beste Beweis dafür, das spricht noch mehr für seinen Verstand, als daß er im Generalstab sitzt.« »Gott sei Dank,« sagte Hoheit, »da hätten wir ja also die Lösung gefunden.« Dann fragte er nach einer kurzen Pause: »Und Sie kommen gern zu mir zurück?« »Hoheit – darauf wird mir die Antwort nicht so leicht. Ich bin jetzt im Generalstab. Das Vaterland erwartet noch viel von mir, auch die Armee.« »Ach was,« sagte der Herzog halb ernsthaft, halb lachend, »die wird auch schon ohne Sie glücklich werden. Sie müßte es sogar schon ohne Sie werden, wenn Sie gar nicht geboren wären.« »Da haben Hoheit allerdings recht,« meinte Udo Bodo, aber so ganz wollte es ihm doch nicht in den Sinn, daß er zu entbehren sei. Ja, er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie die Welt aussehen würde, wenn er eines Tages nicht mehr sei. Einstürzen würde sie ja schließlich nicht – selbst ein Bismarck hatte ja sterben können, ohne daß die Welt aus den Fugen ging, aber ein großes Loch klaffte seitdem doch in der Natur, und das würde nach seinem Tode noch bedeutend größer werden – »Na also,« meinte Hoheit, »mich freut's, daß Sie das einsehen. So kommen wir unserem Ziele also immer näher. Jetzt ist nur noch die große Frage: in welcher Eigenschaft Sie zu mir kommen.« »Das ist allerdings noch eine sehr große Frage, Hoheit.« Unter anderen Umständen hätte Hoheit vielleicht auch diese Worte übelgenommen, aber jetzt begriff er sie vollständig. Daß Udo Bodo sein Kommando zum Generalstab und damit die Aussicht, vielleicht einmal kommandierender General zu werden, nicht so ohne weiteres aufgab, war ja ganz klar. Einen glänzenden Ersatz mußte er ihm schon dafür geben, und so sagte Hoheit denn endlich: »Daß Sie wieder mein persönlicher Adjutant werden, geht natürlich nicht.« »Das geht natürlich nicht.« wiederholte Udo Bodo. Seine Hoheit schwieg wieder eine ganze Weile, dann fuhr er fort: »Im Vertrauen auf Ihre Diskretion will ich Ihnen mitteilen, daß demnächst an meinem Hofe ein Posten frei wird, den ich Ihnen gern anvertrauen möchte, denn zwischen dem jetzigen Inhaber dieses Amtes und mir sind persönliche Differenzen entstanden, die ein ferneres Zusammenleben auf die Dauer unmöglich machen. Wenn ich bisher noch keinen Nachfolger ernannte, so geschah es, weil ich noch keinen passenden Ersatz gefunden hatte. Ich brauche jemand, der große Kenntnisse mit scharfem Verstand vereinigt, der über einen glänzenden Namen, über ein großes Vermögen verfügt und der imstande ist, in jeder Hinsicht würdig aufzutreten und in würdiger Weise zu repräsentieren. Es handelt sich um das Amt und um die verantwortliche Stellung als Hausminister. Ich werde Ihnen selbstverständlich Gelegenheit geben, sich genügend einzuarbeiten und sich mit den neuen Pflichten vertraut zu machen. – Wenn Sie mit meinem Vorschlag einverstanden sind, steht Ihrer demnächstigen Beförderung zum Hausminister nicht das geringste entgegen, im Gegenteil, ich werde mich aufrichtig freuen, gerade Sie an der Seite Ihrer schönen, klugen, liebenswürdigen Frau Gemahlin auf diesem Posten zu sehen. – Wollen Sie?« »Ob ich will. Hoheit!« Das war alles, was Udo Bodo zu sagen vermochte, ein unendliches Glücksgefühl durchdrang ihn, die Prophezeiung an seiner Wiege hatte sich erfüllt: aus eigener Kraft hatte er sich emporgearbeitet, alles, was er war, verdankte er nur sich selbst, das Ziel seines Strebens, seiner Wünsche und seiner Hoffnungen war erreicht – er war Minister geworden. Ende.