Rudolph Stratz Hexenkessel 1 »Sie sollten Ihr Pistol nicht in Manteltasche außen bei sich haben, Fräulein, wo wir bald kommen Berlin!« sagte der Mitreisende in rauhem, gebrochenem Deutsch eines Letten. »Jeder – er sieht es da stecken!« Das junge Mädchen drehte sich auf dem Fensterplatz herum, von dem aus sie seit Stunden regungslos in die am Königsberger Schnellzug vorbeifliegende, märzgraue märkische Ebene hinausgestarrt hatte. Sie zeigte ein kleines, zartes, weißes Gesicht unter glänzend schwarzem, schlicht in der Mitte gescheiteltem Haar. Tiefschwarz auch die Brauen auf der niederen Stirne über den großen, schönen Augen von unbestimmter, bräunlich-grünlicher Farbe. Sie lächelte den andern naiv und fragend an. Der Tuklumer Holz-Händler ergänzte mit seiner heiseren Stimme: »Waffentragen in Berlin verboten! Werden Verdruß haben – mit Polizei!« »Oh – danke sehr ...« Seine Nachbarin in dem Abteil dritter Klasse sagte es schnell in dem harten Deutsch einer Deutsch-Russin. Sie lächelte dabei wieder sanft und bescheiden. Sie kramte hastig mit ihren feinen, kleinen Händen den Revolver aus dem Schlitz ihres abgetragenen, braunen Mäntelchens und schob ihn in das Reisetäschchen, das sie auf dem Schoß hielt. Das Lächeln verlor sich um ihren weichen Kindermund. Ihre feinen Nasenflügel bewegten sich nervös. Sie saß ganz still und schaute vor sich nieder und nagte grüblerisch an der Unterlippe. Man sah ihr unterdrücktes, heftiges Atmen. Dem Letten wurde es unbehaglich. Er stand plötzlich auf und trat auf den Gang hinaus. »Guten Tag, Herr Berith! Reisen auch Berlin?« Er verbeugte sich unterwürfig. Draußen lehnte, aus seinem Abteil erster Klasse nebenan getreten und eine Havanna paffend, Baal Berith, der große litauische Finanzmann, dem das schönste Haus in der Njemetzkaja in Wilna, gerade gegenüber der großen Synagoge, gehörte. Er war ein gewichtiger, dickbäuchiger Mann mit schwarzen Löckchen um die Glatze und schwarzen Bartkoteletten zu beiden Seiten des bleichen, schwammigen Gesichts. »Ich will ein paar Straßen in Berlin kaufen!« sagte der Litauer auf deutsch zu dem Letten. »Und was tut sich mit Ihnen, Herr Jahdek?« »Muß man sehen! Kann man jetzt in Berlin kriegen alles – wer hat Valuta! ...« »Für zwei Dollars guttes Klavier!« ergänzte aus dem Abteil dritter Klasse Aitjend, der estnische Viehhändler. Der Lette Jahdek schaute besorgt hinein. »Sehen die bildhübsche junge Person da am Fenster?« sprach er gedämpft zu dem großen Baal. »Schon in die ersten Jahre der Zwanzig – aber Gesichtchen – so zart und lieb wie ein Kind! Hat einen Revolver! Bin ich weg! Wird sich noch erschießen – Kind da drinnen!« »... und wenn jenne das tut – will die Polizei Zeugen! Man muß seine Paßports vorlegen ...« Josel Parch aus Mariámpol an der polnischen Grenze schob sich geräuschlos wie ein schnürender Fuchs aus dem Abteil. Alle Mienen verfinsterten sich. Mit der Polizei kam keiner dieser östlichen Berlinfahrer gern ohne Not in Berührung. Auch Aitjend, dem flachsblonden, backenknochigen Esten, wurde es jetzt da drinnen unheimlich. Er kam heraus. Nur Kimura, der japanische Warenhauseinkäufer aus Tokio, blieb sitzen und schielte aus seinen Schlitzaugen verstohlen hinüber nach dem reizenden, jetzt beinahe leblos wie aus Alabaster gemeißelten Mädchengesicht unter dem frommen Madonnenscheitel. Draußen versetzte Aitjend: »Sie kommt aus Esti. Ich habe sie schon bei Zollrevision in Walk gesehen!« »Ich hab' sie gefragt: Woher? Woso? Wohin?« sprach Josel Parch. »Jenne hat nichts geantwortet!« Die Männer aus dem Osten verstummten. Vom Ende des Wagens schrie eine leidenschaftliche Stimme: »Belieben Sie: Was heißt: der Dollar zwanzigtausend! Ist er jetzt! Im März 1923! Werden Sie sehen, wie der Dollar kommt im März 1924. Werden Sie ganz Deutschland auskaufen können! In Österreich ist doch nichts mehr los!« »Haben Sie Dollars bei sich, Herr Berith?« »Lits!« »Auch gut! ... Nun, da sind wir in Berlin ...« Der Zug fuhr langsam zwischen weit ausgedehnten Geleisenetzen, Werkstätten, Weichentürmen, Lokomotivschuppen und Drehscheiben dahin und hielt am Schlesischen Bahnhof. In allen Abteilen ordnete der Osten sein massenhaftes, abenteuerliches Handgepäck. Das junge Mädchen holte ihre Fahrkarte aus dem Täschchen. Drinnen glitzerte der Revolver. »Ist geladen, Fräulein?« frug der Lette mißtrauisch. Sie zuckte zusammen und schüttelte schnell, beinahe unterwürfig, das blasse, schwarze Köpfchen. »Ach nein! ... Es ist nur eine Art von Schutz! Ich komme aus Rußland!« »Hat man Sie denn hinausgelassen?« »Ich habe mich von Leningrad nach Bjelo-Ostrow durchgeschmuggelt und bin dann über Helsingfors nach Reval!« »Der Dollar 20 917.50!« verkündete Josel Parch verzückt. Er hatte auf dem Bahnhof ein Mittagsblatt erstanden. »... Da kommt Alexanderplatz! ... Bleiben Sie gesund!« Der Zug begann sich zu leeren. Gestalten in schwarzen Lammfellmützen und schwarzen russischen Schirmkappen quollen aus den Wagen. Sie wurden von Massen von Freunden abgeholt und verloren sich unter leidenschaftlichen Geschäftsgesprächen hinaus in das Brausen Berlins. Baal Berith blieb gelassen im Wagengang stehen. Er fuhr nach dem feinen Westen. Er sah, daß auch das junge Mädchen im Begriff war, auszusteigen. Er frug sie: »Kennen Sie Berlin?« »Nein! Ich war noch nie in Deutschland!« »In welche Gegend Berlins wollen Sie?« »Nach dem Königsplatz!« »Werd' ich Ihnen sagen: Warten Sie noch bis zur nächsten Station!« »Oh – danke!« Sie setzte sich bereitwillig wieder hin – mit einem kindlichen Kopfnicken – einem kurzen Aufschlag der großen, stummen Frauenaugen – fügsam, aber dabei scheu wie ein kleiner Vogel. Der große Baal aus Wilna stand vor ihr. Er sah aus seiner Höhe von ihrem dunklen Köpfchen nur ein Stück des weichen Kinns, die kleinen Ohren, das schwarze Kraushaar im Nacken, den dünnen, zarten Hals. Sie saß scheinbar ganz ruhig. Aber dabei krampften sich unwillkürlich ihre Fäuste. Ihre schmalen Schultern zitterten leise unter dem dünnen Mäntelchen. »Werden Sie auf dem Bahnhof erwartet, Fräulein?« »Nein. Von niemandem!« »Finden Sie sich denn zurecht?« »Man hat es mir auf einem Blatt Papier aufgezeichnet!« »Nehmen Sie sich nur vor schlechten Menschen in acht!« »Oh – das werde ich!« Sie hob den Kopf, mit einem stillen und fanatischen Lächeln. Dann stand sie schnell auf. Baal Berith sah, daß sie kaum mittelgroß war – zierlich und ebenmäßig gewachsen. Eben dunkelte die Wölbung des Bahnhofs Friedrichstraße. Der große Baal hätte schon Lust gehabt ... Aber fast ehe noch die Räder standen, war das junge Mädchen, plötzlich flink wie eine Eidechse, mit einem kurzen Abschiedsnicken an ihm vorbeigewitscht und in dem Gewühl draußen verschwunden. Sie hielt ein Zettelchen in der Hand. Auf ihm waren flüchtig mit Bleistift ein paar Straßenzüge hingekritzelt. Denen folgte sie. Es stimmte: Erst der menschenwimmelnde Engpaß, dann rechtsum ein mächtiger, baumbestandener Prospekt, breit wie die Straßen in Rußland, an seinem Ende, hinter dem Tor mit der Troika oder dem Viergespann hoch oben, ein endloser Platz – eine Säule mit einer goldenen, geflügelten Frau in der Mitte. An der einen Seite ein palastartiges, graues Haus mit der Nummer Königsplatz 408, die auf ihrem Notizblatt stand. Niemand in dem durch den Umsturz verödeten, alten Palais aus der Schinkelzeit kümmerte sich darum, daß sie eintrat. Das Tor stand weit offen. Durch seinen rückwärtigen Ausgang sah sie in einen verwüsteten Herrschaftspark. Kahle Baumriesen lagen gefällt und mörtelbespritzt zwischen Bausandhügeln und Backsteinhaufen eines hastigen, behelfsmäßigen Kontorbaues. Auf der breiten, dämmerigen Schneckenkrümmung der Steintreppe wieder kein Mensch. Das junge Mädchen blieb stehen. Sie sah sich scheu um, holte den Revolver aus ihrem Täschchen und steckte ihn sich wieder handbereit außen in den Reisemantel. Dann stieg sie die Stufen empor. Auf dem ersten Treppenabsatz lüfteten sich ein paar junge Damen mit unwahrscheinlich rotblonden, ondulierten Haarwellen. Die eine manikürte, die andere rauchte. Auf der Türe dahinter war ein Schild: »Metropolbank.« Die beiden Fräulein achteten kaum auf die Fremde, die zum ersten Stock hinaufschritt. Eine leere Halle oben mit ein paar mächtigen alten Schränken und Ahnenbildern an den Wänden. An den Türen schiefgenagelte Visitenkarten: »von Bellisam. An- und Verkauf von Vollblut. Rennwetten-Tips.« – »Sinz. Ankauf von künstlichen Gebissen. Höchste Preise für Diamanten und Silbergegenstände.« – »Frau von Prucha. Zentral-Detektivbüro. Spezialität: Material in Ehescheidungssachen« ... Alles nichts. Aber da kam ein Briefträger die Treppe hinunter. Also hausten im zweiten Stockwerk auch noch Menschen. Das junge Mädchen stand dort und las: Pawlos Christakis: »Für antike Perserteppiche bis zu hunderttausend Mark der Quadratmeter sofort bar.« Wieder nichts. Doch hier ... jäh belebte sich das kleine, weiße, zartgeschnittene Gesicht. Hier: Eine große, neue, gelbleuchtende Messingplatte. Und auf ihr – russisch und deutsch: »Rowaja Rossija. – Neues russisches Handelskontor.« Sie holte tief Atem und klopfte. Das Klappern einer Schreibmaschine innen verschlang ein etwaiges »Herein«. Sie öffnete und trat in ein Vorgemach. Hinter einem Tisch saß ein Mann in mittleren Jahren. Sie erkannte in ihm wieder den Lettentyp des Holzhändlers, ihres Reisegefährten. Sie frug leise und hastig, mit freundlichem Lächeln: »Gawarite pa rußki?« »Ich spreche sehr schlecht Russisch!« sagte der finstere Mann hinter der Schreibmaschine. »Verstehen Sie nicht Deutsch?« »Gewiß! Ich bin Deutsch-Russin!« »Was steht zu Ihren Diensten?« »Ich möchte in dringenden Angelegenheiten Herrn Serge Ssilin sprechen!« Ein stechender Blick aus den kleinen, düsteren Augen des Letten über die Remington hin. »Und was sind das für Angelegenheiten?« »Oh – ganz persönlicher Natur!« versetzte das junge Mädchen unbefangen und geläufig. »Ich komme in diesem Augenblick aus Rußland. Ich habe Herrn Ssilin eine wichtige mündliche Bestellung unter vier Augen auszurichten!« Durch die geschlossene Nebentüre hörte man den Wortwechsel zweier Männerstimmen. Der Lette maß die kaum mittelgroße, zarte, junge Brünette vor ihm mißtrauisch von Kopf bis zu Fuß und versetzte dann langsam: »Belieben Sie, Ihre Adresse dazulassen! Man wird Ihnen Nachricht geben!« »Ich habe keine Adresse!« Das junge Mädchen zuckte lächelnd die Achseln und trat einen Schritt näher. »Herr Ssilin muß mich sofort empfangen!« »Ihr Name?« »Er tut nichts zur Sache! Bitte melden Sie mich!« »Es wird nicht gehen! Gospodin Ssilin hat Besuch!« Aber zu gleicher Zeit öffnete sich die Nebentüre. Ein langer, hagerer Mann in den Dreißigern mit bloßem Kopf begleitete einen anderen, der eine Zobelmütze auf dem bartlosen, grobknochigen Bauernschädel und einen kostbaren Zobelpelz trug, zum Flurausgang. »Unbesorgt – Mr. Callies!« sprach er in fließendem, russischhartem Deutsch. »Ich werde alles Nötige für Ihre Geschäfte einleiten! Ihr litauischen Rückwanderer habt es gut! Ihr kommt jetzt mit euren ersparten Dollars aus Amerika wieder! Ihr seid die Könige im Osten! Nun – mit Gott!« Er wandte sich von der Schwelle in das Innere des Zimmers. »Uhkeneek – Was will dies Fräulein?« »Zu Ihnen!« sprach der finstere Lette. Das junge Mädchen nickte hastig und geschäftig. Sie stand mitten in dem Vorraum. Sie legte bittend die beiden schmalen Hände zusammen und sah Serge Ssilin fest und freimütig in das Gesicht – ein Gesicht, als sei es flüchtig mit der Holzaxt irgendwo im nordischen Urwald aus dem Rohen eines Erlenklotzes für handfesten Gebrauch herausgehauen. Glattrasiert und länglich, mit großen, abstehenden Ohren. Starke, eckige Stirne. Eine große, gerade, kolbiggeformte Nase. Ein langer Mund mit grobgewulsteten, brutalen Lippen. Ein kantiges Kinn. Das rötlichblonde Haar starrte borstenartig über den ungeschlachten, faltigen Zügen. Es war so fahl, daß die blaugrauen, dichtbeisammen stehenden Augen fast wimperlos schienen, während sie sich mit einem lächelnden Fuchsblinzeln des Wohlgefallens auf das junge Mädchen senkten. »Ist es dringend?« frug er verbindlich, mit rauhem Kehlklang. Die einschmeichelnde Schmiegsamkeit, mit der er dabei den Kopf zur Seite legte, wies auf slawisches Blut. »Oh – sehr! ... Sehr!« sagte das junge Mädchen hastig. »Nun – dann: bitte!« Er öffnete mit seiner plumpen, breitgeformten Hand, deren Nägel ganz kurz geschnitten waren, die Nebentüre. Er hatte dabei eine nonchalante Sicherheit der Bewegung wie ein eleganter Petersburger. Er trat lässig voraus in sein Privatkontor. Die Besucherin folgte ihm, schloß schnell hinter sich die Türe und lächelte dabei verwirrt und etwas atemlos. »Ich bin erst froh, wenn ich diesen dicken Brief an Sie aus Leningrad los bin! Ich hab' ihn da in meiner Tasche!« Er kehrte ihr noch, im Begriff, zwei Stühle vor dem großen Spiegel zurechtzuschieben, den Rücken zu. Das junge Mädchen langte mit einem jähen Griff in ihren Mantelschlitz, während es unheimlich in ihren bisher taubensanften, großen, grünlich-braunen Augen aufglühte. Aber eine mächtige Faust fuhr wie der Blitz hinterher und umspannte ihr Handgelenk. Serge Ssilin hatte ihre Bewegung im Spiegel gesehen und sich windschnell zu ihr herumgedreht. Er riß ihre Rechte, die noch den Revolver umspannte, an das Tageslicht, entwand ihn mit seiner Linken ihren dünnen Fingern und legte ihn, leise vor sich hinsummend, in eine Tischschublade, die er verschloß. Er war in keiner Weise aufgeregt. »Glauben Sie, ich hätte das Ding nicht schon draußen in Ihrem Mantel stecken sehen?« sagte er. »So etwas trägt man doch nicht offensichtlich! Sie verstehen sich auf derlei nicht! Nun – setzen Sie sich ...« Das junge Mädchen stand, ohne sich zu rühren, so als begriffe sie noch nicht recht, was eigentlich geschehen war. Serge Ssilin nahm Platz, wickelte sich eine Papyros und schob ihr, mit einer aufmunternden Kopfbewegung, sich zu bedienen, Seidenpapier und Tabak hin. »Wie kommen Sie nur auf solche Einfälle?« sagte er zwischen den ersten Rauchwirbeln aus den Nasenlöchern. »Wie leicht hätten Sie mich beschädigen können! Sie selbst hätten allerhand Unannehmlichkeiten mit den örtlichen Behörden! ... Warum? ... Aber so setzen Sie sich doch ...« Die Besucherin schaute ihn starr, aus weitaufgerissenen Augen an. Er frug: »Belieben Sie Tee? Dort steht der Samowar. Ich werde holen ...« Sie zuckte zusammen. Sie murmelte zwischen den Zähnen: »Verhöhnen Sie mich nicht auch noch!« »Wie das?« Es war eine vertrauliche Dienstbereitschaft in der Art, wie er, aufmerksam zuhörend, den langen Oberkörper vorbeugte. Fast etwas Untertäniges des Abkömmlings der Leibeigenen – der vererbte Gehorsam des Undeutschen. Und doch wieder, trotz des Äußeren eines vierschrötigen Freigelassenen von einst, die lächelnde Gewandtheit der Bewegungen, die tadellose Kleidung eines eleganten Mitteleuropäers. Ein plebejischer Weltmann. Er wiederholte: »Wie das? Wodurch trat ich Ihnen zu nahe?« »Sie werden mich doch jetzt natürlich der Polizei ...« »Der Polizei?« Ein abwehrendes, östliches Heben und Senken der Schultern drüben. »Die Polizei ist keines Menschen Freund! Lassen wir sie! Gott mit ihr! ... Was geschah denn? Nichts! Es fiel kein Schuß. Ein kleines Mißverständnis ... Setzen Sie sich!« Sie sank auf einen Stuhl. Halb betäubt. Ihr zarter Körper zitterte an allen Gliedern. Er blickte sie über den Tisch hin an. Er sagte langsam, halb zu sich: »Mein Gott – was sind Sie hübsch!« Und dann lauter, so daß sie es hören mußte: »Ein kleines Heiligenbild! Eine schwarze Madonna! ...« Sie schwieg. Er rauchte. Er verlor sich immer mehr in das kleine, feine, wie eine Gemme geschnittene Antlitz drüben, aus dem jetzt jeder Blutstropfen geschwunden war. Er versetzte: »Sie hätten sich mir eingeprägt, wenn ich Ihnen jemals begegnet wäre! Aber ich kenne Sie nicht!« »Nein.« »Und doch sind Sie zu mir ...?« »Aus Rußland hierher.« »Eigens – um mich zu töten?« »Ja.« »Haben Sie mich denn je gesehen?« »Nein.« »Nun bitte ...« Serge Ssilin zündete sich eine neue Zigarette an. »Was habe ich Ihnen also getan? Ich ... Ein einfacher russischer Kaufmann ...« »Das sind Sie nicht ...« »Gott weiß, für wen Sie mich halten ...« »Für das, was Sie sind ...« »... Bleiben Sie sitzen! ... Wozu der Lärm? ... Was fällt Ihnen ein?« Aber das junge Mädchen war von dem Rohrstuhl emporgeschnellt, daß er umstürzte. Ihre Augen flammten. Ihre Stimme leuchte. Ihr dünner Arm reckte sich gegen den Mann drüben, der langsam aufstand. »Sie sind Ssawa Kol ... der Bluthund ... Ssawa Kol ... der Mörder, dem tausend Menschen in der Krim fluchen! ... Sie sind Ssawa Kol – Sie werden einmal vor Gottes Gericht treten ... Aug' in Auge mit all den Unglücklichen, die Sie haben töten lassen ...« Serge Ssilin stand am Samowar. Er mischte gelassen in zwei Gläsern das heiße Wasser mit dem Tee-Extrakt und sagte: »Trinken Sie! ... Beruhigen Sie sich! Ich sehe jetzt: Ihre Nerven haben gelitten. Sie gehören zu den unzähligen Opfern der furchtbaren Zustände in unserer unglücklichen Heimat. Sie verwechseln in Ihrer Verwirrung mich mit irgend jemandem ...« »Sie sind es! Ich kenne Sie doch vom Sehen aus Sebastopol! Ich erkenne Sie doch sofort wieder!« »Erwägen Sie selbst: Wäre ich denn, wenn ich dieser Ssawa Kol wäre, in einem mühsamen Lebensunterhalt, hier in der Fremde? Wäre ich dann jetzt nicht in Moskau?« »Dort waren Sie! Und haben dort selbst die Schreckensmänner gegen sich aufgebracht! Man sagt: Sie haben Staatsgelder unterschlagen. Sie mußten fliehen ...« »Nie war ich in Moskau. Nie in der Krim! Ich stamme aus dem ehemaligen Gouvernement Kurland!« »Jawohl! Ich weiß es! Ich weiß alles! Ihr Vater war ein lettischer Hafenzollbeamter in Libau. Ihre Mutter eine russische Kaufmannstochter dort. Er brachte Sie zur Kronsmarine. Sie waren Starschi-Leitnant auf dem Linienschiff Joann-Slatoust in Sebastopol ...« »Sie träumen ...« »Zusammen mit dem Inscheneer-Mechanik Sax! Er wollte euren Blutrausch nicht mitmachen. Er floh. Während des Kampfes zwischen den Weißen und den Roten in der Krim habt ihr ihn in seinem Versteck gefunden – bei meinem Vater ...« »Wer hat Ihnen diese Märchen aufgebunden?« »... bei dem Uhrmacher Büttner in Sebastopol! Ich bin seine Tochter Luja Büttner. Ihr habt den Mischa aus unserer Wohnung in der Tscheßmanskaja weggeschleppt. Ich habe ihn nicht wiedergesehen! Ihr habt den Mischa ermordet ...« »Bitte: Wer ist Mischa?« »Der Oberstabs-Ingenieur Michael Sax auf dem Ioanna-Slatoust – mein Bräutigam! ... Auf Ihren Befehl ist mein Mischa erschossen worden ... Ich weiß es ... Der Mitschman Koschto hat mir alles gesagt ...« »Ich kenne keinen Midshipman Koschko!« »Ihr habt meinen Vater eingekerkert, weil er meinen Mischa beschützt hat. Der alte Mann ist im Gefängnis oben über der Teatralnaja gestorben. Meine Mutter ist dahingesiecht. Jetzt hat sie ausgelitten. Jetzt war ich frei. Jetzt schlug ich mich nach Leningrad durch und ins Ausland – und kam hierher ...« »... um einen harmlosen Menschen wie mich umzubringen ... ?« »Um meinen Mischa an Ihnen zu rächen ... Da ...« Sie griff sich an ihren schmächtigen Hals. Sie nestelte ein Medaillon, das sie auf der bloßen Brust trug, unter dem Ausschnitt hervor. Sie hielt es leidenschaftlich Serge Ssilin unter die Augen. »Kennen Sie Ihren einstigen Kameraden vom Joann-Slatoust?« Der Mann von lettisch-russischem Mischblut vor ihr musterte gleichgültig das nach einer Photographie auf Porzellan gemalte Miniaturbild eines blonden jungen Kronschiff-Offiziers mit kurzem, weichem Vollbart und träumerischen Augen. Er sagte, in seinem harten, aber geläufigen kurischen Deutsch: »Es starben viele Menschen in Rußland! Also auch dieser! Aber nicht durch meine Schuld. Ich kenne ihn nicht!« Und dann, nach einem schnellen, heißen Blick auf Luja Büttner, sich plötzlich abwendend und zerstreut in den Briefkopien auf dem Tisch blätternd: »Man hat Ihnen einen echt russischen Bären aufgebunden! Nun – Ihr Vorhaben ist Ihnen nicht geglückt! Seien Sie froh, daß ich Sie von Unbesonnenheiten zurückhielt! Doch ... Sie verzeihen ... Ich habe jetzt dringende Geschäfte ...« »Sie lassen mich ... mich einfach so weggehen?« »Was denn sonst?« frug Serge Ssilin gleichmütig über die Schulter. Er hielt, breit-russisch lächelnd, den fanatisch glühenden Blick der dunklen Augen in dem weißen Gesichtchen drüben aus. »Ich versteh' ja!« sagte Luja Büttner nach einer kurzen Stille im Zimmer. »Sie wollen nicht erst wegen mir sich auf der Polizei ausweisen müssen, wer Sie sind ...« »Halten Sie mich für einen Menschen ohne Paß?« Der Halblette lachte. Nicht so ölglatt und fast unterwürfig wie bisher. Es blinkte weiß wie ein Wolfsgebiß in dem großen, belustigt breitgezogenen Mund. »O nein! Sie haben wahrscheinlich sogar viel mehr Pässe als andere Menschen!« Serge Ssilin tat rasch einen fast drohenden Schritt auf das junge Mädchen zu. Er sah ihr stechend, mißtrauisch aus seinen sonst völlig ausdruckslosen, blaugrauen Augen ins Gesicht. Dann kniff er wieder gleichgültig die wimperlosen Lider zusammen und machte eine höfliche Handbewegung nach dem Ausgang. »Nun – Mit Gott!« Das junge Mädchen trat hastig auf die Schwelle und legte die Hand auf die Klinke. »Und doch handeln Sie unüberlegt ...,« sagte sie leise und atemlos ..., »daß Sie mich laufen lassen! ... Glauben Sie nicht, daß Sie mich jetzt los sind ...« »Oh – ich werde Sie im Auge behalten!« Serge Ssilin saß schon an seinem Schreibtisch. Er hatte sich einen Zwicker aufgesetzt und ordnete stirnrunzelnd seine Korrespondenz. »Nehmen Sie sich vor mir in acht ...«, klang es leise von der Türe. Der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« tat, als hörte er es nicht. Er wartete, bis er das Schnappen des Schlosses vernahm. Dann rief er im tiefen, rauhen Baß eines Halbrussen aus dem Volk: »Uhkeneek!« – und als der schweigsame, düstere Lette eintrat ... »... Schicke sofort einen fixen Jungen hinter diesem Mädchen her! Er soll beobachten, wo sie hingeht! Wo sie Wohnung nimmt ... Gleich wird sie aus dem Haus treten ... Da ...« Er faßte einen bleichen östlichen Burschen, den Jakob Uhkeneel eilig von den Kugeln des Rechenbretts im Schreibzimmer weggerissen, am Ohrläppchen und beutelte ihn in seiner Ungeduld wie eine Ratte, während er mit dem plumpen Zeigefinger auf die Straße hinunterwies. »Siehst du sie denn nicht, du Hundesohn? ... Der Teufel hole deine Großmutter, wenn du noch länger nach den geputzten Weibern da drüben schaust! ... Hier – gerade unter uns – dies entzückende kleine Geschöpf ... in dem braunen Bettelmäntelchen und der zerdrückten alten Reisemütze! ... Sie sieht trotzdem aus wie eine kleine Prinzessin – unter diesen Deutschen! ... Lauf ... Machalles! ... Du kannst sie noch leicht erreichen! Sie geht ganz langsam nach dem Brandenburger Tor zu ...« Außen an dem Tor vorbei. Da war ein großer, kahler Wald ... mitten in der Stadt ... Das junge Mädchen schritt traumverloren, wie eine Nachtwandlerin, über den davor liegenden Platz. Auf dem jagten die mit Ausländern besetzten Autos. Tuteten. »Fräulein – Sie haben wohl Ihre Ohren zu Hause jelassen – wat?« Der Chauffeur, der vier Japaner beförderte, rief es wütend durch das Aufspritzen einer Pfütze nach rückwärts. Luja Büttner rannte verwirrt über die freie Fläche. Schleppte sich dann wieder matt, mit schweren Füßen, ziellos, nach links auf dem breiten Kiesweg am Rand des Gehölzes dahin. Da standen Holzbänke. Sie ließ sich erschöpft nieder. Sie starrte geistesabwesend auf die niedere Backsteinmauer gegenüber, auf der anderen Straßenseite – auf den trüben Himmel über den grauen Dächern der großen, fremden Stadt. Sie stützte verstört die Ellbogen auf die Knie und die blassen Wangen in die Hände. Plötzlich konnte sie nicht mehr. Ihr dunkler Kopf sank ihr vornüber auf den Schoß. So kauerte sie – in sich zusammengesunken – in stiller Verzweiflung – ohne sich zu rühren, im Ohr nur ein fernes, dumpfes, unbestimmtes Brausen Berlins ... Es schläferte ein ... Sie legte halb träumend, mit geschlossenen Augen, die Rechte auf die Stelle der Brust, wo sie das Medaillon Mischas trug ... Sie war zu matt zum Weinen ... Nur Schlafen ... Schlafen ... und nicht mehr Aufwachen ... Eine Hand berührte ihre Schulter. Sie fuhr empor. Da stand ein Sipomann. Ein Häuflein Neugieriger dahinter. »Sind Sie krank, Fräulein?« »O nein ...« Sie stand schüchtern und lächelnd auf. »Ich fühle mich ganz wohl, Herr Gorodowoi!« »Sie sind Ausländerin ... nach der Art, wie Sie deutsch reden?« »Natürlich! ... Es gibt ja überhaupt nur noch Russen in Berlin!« sagte ein dicker Herr entrüstet in der Schar der Gaffer. »Gehen Sie lieber nach Hause, Fräulein!« mahnte der Sipo. »Wo wohnen Sie denn?« »Ich habe keine Wohnung. Eben traf ich ein!« »Dann suchen Sie sich aber vor Abend ein Quartier. Sie müssen polizeilich gemeldet werden!« »Ich kann nicht, Herr Gorodowoi! Ich habe keine Kopeke!« »Wie sind Sie denn da nach Berlin gekommen?« »Mein Geld hat gerade noch für die Karte von Eydtkuhnen nach Berlin gelangt!« »Leichtsinn ...«, sprach der dicke Herr kopfschüttelnd. »Na, Fräulein – haben Sie denn hier gar keine Bekannten? Ganz Berlin ist doch voll von geflüchteten Russen!« »Gewiß doch!« sagte das junge Mädchen gleichgültig und strich sich mit der Hand über die Stirne. »Es ist da eine Base von mir ... ich hörte in Rußland, daß sie sich hier befinden soll!« »Wie heißt sie denn? Dann werden wir sie schon ermitteln!« »Lisa Altschüler ... Sie floh mit ihren Eltern aus Cherson. Der Alte hatte dort eine Apotheke.« »Haben Sie vielleicht eine Ahnung, wo sie wohnt?« »Ja – wie denn?« Luja Büttner schaute zerstreut vor sich hin, als ginge sie die Sache eigentlich gar nichts an. »Die Pension hieß doch nach einer Pflanze, Herr Gorodowoi ... Etwas mit Alpen ... Alpenrose – gibt es das?« »Die Pension ist in der Tölzer Straße 17.« Der Sipo blätterte in seinem Dienstbuch. »Drüben im Bayerischen Viertel. Sie fahren am besten mit der Linie ... ach so ... Sie haben ja kein Geld ... Na – da fragen Sie sich eben in Gottesnamen durch.« »Ausjeschlossen!« verkündete in dem rasch wachsenden Kranz der Zuschauer der dicke Herr. »Das junge Mädchen fällt ja unterwegs um! Sehen Sie sie doch gefälligst nur 'mal an! Da sitzt sie wieder ... Wie das Leiden Christi ...« »Ja. Ich kann nichts weiter machen!« Der Sipo zuckte die Schultern. »Sie springt womöglich kopfvor in den Kanal!« flüsterte besorgt eine ältere Dame. »Man darf sie nicht allein lassen!« »Ich kann von meinem Posten hier nich weg!« sagte der Sipo ... »Hat denn niemand von den Herrschaften das halbe Stündeken Zeit übrig und bringt in Gottesnamen das Fräulein an Ort und Stelle?« »Das ist ein gutes, deutsches Wort!« rief der dicke Herr und trat schnell mitten in die Gruppe zurück. »Vorwärts – Freiwillige vor! ... Niemand? ... Ja – Verehrteste – So wird Deutschland nicht genesen ...« »Sie haben ja selber kalte Füße ...« »Herr – ich verbitte mir ...« »Machen Sie 'mal Platz, Muttchen!« sagte freundlich ein junger Mann. Er drängte sich an der alten Dame vorbei nach vorn und lachte: »Kinder – was habt ihr denn hier für'n Theater?« »Freiwillige vor!« wiederholte aufmunternd der dicke Herr mit starker Stimme. Er stand jetzt hinter einem Baum. »Das Kommando kenn' ich aus schönern Zeiten! ...« Der blonde junge Mann arbeitete sich mit den Ellbogen in die vorderste Reihe. »Herrschaften – wo steht denn der Feind? ... Donnerwetter.« Seine blauen Augen lachten, während sie auf Luja Büttner ruhten, die bleich und verwirrt vor der Menge auf der Bank saß. »Aber Püppchen – was haben Sie denn angestellt?« »Gegen das Fräulein liegt nichts vor!« erklärte der Sipo. »Sie kommt aus Rußland.« »War ich drei Jahre an der Front.« »Sie hat kein Geld!« »Ganz mein Fall!« »Und will nach dem Bayerischen Viertel!« »Ungefähr mein Weg auch!« »Na – dann könnten Sie ja zusammengehn! ... Tölzer Straße 10!« sagte der Sipo erleichtert. »Wenn es dem Fräulein recht ist ...« Das junge Mädchen erhob sich langsam. Sie ließ mit einem resignierten Atemzug die schmalen Schultern sinken und stand gottergeben, mit müde herabhängenden Armen da – den feinen, dunklen Kopf gesenkt. »Ich finde: Wir passen famos zusammen!« sagte der junge Mann kameradschaftlich. »Wollen Sie sich mir anvertrauen? Ich tu' Ihnen nichts!« »Ach ... bei so einem hübschen Menschen wird sie sich nicht lange bitten lassen ...«, sprach die alte Dame unruhig. Luja Büttner blickte den jungen Mann schweigend an. Er war mittelgroß, um die Mitte der Zwanzig. Er hatte ein bartloses, frisches, freimütiges Gesicht mit lustigen blauen Augen und weißen Zähnen. Er besaß eine weiche, freundliche Art, mit Frauen umzugehen. Das fühlte sie ... »Ich werde Sie schon bemuttern!« sagte er und lachte dabei wie ein großer Junge. »Kommen Sie nur!« »Sie bringen das Fräulein doch auch sicher wohlbehalten vor das richtige Haus?« mahnte der Sipo ernst. »Nun denkt der Herr Wachtmeister nämlich, ich bin ein Bauernfänger!« Der junge Mann wandte sich vergnügt zu den Umstehenden. »Leider nicht! ... Gar kein Talent für die Neuzeit ...! Also – wie ist's, Fräulein: Halten Sie mich für einen guten Menschen? Nicht wahr: da nickt sie! Also los!« »Linie 111«, rief der Sipo hinterher. Der junge Mann winkte fröhlich mit der Hand zurück. »Danke ... Danke!« »Der hält mich nämlich für Stinnes!« sagte er dann zu seiner Begleiterin. »Sie glauben gar nicht, was für 'ne Unmasse Geld ich nicht hab'! ... Im Vertrauen gestanden: Nicht 'nen polnischen Groschen!« »Ich auch nicht!« »Na also! ... Dann ist ja alles in schönster Ordnung! Wollen wir 'nen reichen Ausländer totschlagen? Aber das hält unnütz auf! ... Wir kommen auch so hin! Wenn Sie schlapp werden, trag' ich Sie!« »Ich werde nicht schwach werden!« Das junge Mädchen neben ihm schüttelte fanatisch das schwarze, blasse Köpfchen und straffte im Ausschreiten leidenschaftlich ihre zarte Gestalt. Es war das erste Mal, daß sie länger mit ihrem Gefährten sprach. »Ich muß sehr stark sein in Berlin! Ich hab' hier noch viel zu tun!« 2 Sie 'mal im Vertrauen, Fräulein – Hand aufs Herz: Haben Sie in Rußland 'was ausgefressen?« Der junge Mann mußte seine frische, gemütliche Stimme erheben, um den Straßenlärm Berlins zu übertönen, durch den sie dahinpilgerten. »Nein? Wirklich nicht? Na – ich frag' ja auch nur, weil ... Fällt Ihnen nichts auf?« »Nein!« »Aber mir! Wir werden nämlich verfolgt! Wir marschieren doch nun 'ne gute Viertelstunde mang den Westen, und immer schleicht so ein junger, käsgelber Schlemihl hinter uns her – so von der Sorte – die kenn' ich aus Kurland und Polen ... Bleiben Sie 'mal unauffällig vor dem Schaufenster da stehen! Gucken Sie in die Spiegelscheibe hinein! Da: Im selben Augenblick macht ein höchst konfiszierter Jüngling an der Straßenecke hinter uns halt! – ja – der da mit der mottenzerfressenen Lammfellmütze auf dem schwarzen Lockenhaar, – Sehen Sie ihn?« »Ja ...« »Sie zucken dabei so zusammen ... Haben Sie Feinde in Berlin?« »Aber wie sollte ich?« Die kleine Büttner lächelte. Sie sah reizend aus, mit dem weichen, halbgeöffneten Mund und dem kindlichen Ausdruck ihres weißen Gesichtchens. »Eben kam ich an und ging direkt vom Bahnhof nach der Bank an dem Park, und da kamen Sie ...« Der junge Mann schritt mit ihr weiter und lachte. »Um mich kümmert sich doch das gute Rußland nicht!« sagte er. »Dieser Lausejunge hinter uns gilt Ihnen ... Ich muß Sie auf alle Fälle von dem Bengel loseisen! Kommen Sie! Ich kauf' mir in dem Eckladen da 'ne Zigarre!« »Aber Sie haben ja gar kein Geld – sagten Sie!« »Das stört große Geister nicht!« Der junge Mann trat ein und wandte sich lässig an den Verkäufer: »... 'ne bessere, echte Importe bitte ... Kann dreist fünftausend Märker kosten! Geld spielt keine Rolle! Wie? Havannas kommen jetzt bei der Inflation nicht herein? Na – dann entschuldigen Sie man, daß ich geboren bin! Mahlzeit! ... Hier – durch die andere Türe 'raus, Fräulein!« Und draußen, in der Nebenstraße: »Uff! ... Das ist der Vorteil von zwei Ausgängen! Der Achtgroschenjunge kann drüben um die Ecke Wurzel schlagen! Der ist nach allen Regeln der Kunst versetzt! ... Nu flugs in die nächste Querstraße! Gut! ... Erledigt ... Ist Ihnen nicht doch ein bißchen unheimlich zu Mut?« »Wie das? ... Ich erzählte Ihnen ja schon: Ich bin eine Waise. Ich floh aus Rußland wie hunderttausend andere! Ich suche in Berlin mein Brot. Ich kenne hier, außer meinen Verwandten, keine Menschenseele. Wer sollte also Böses gegen mich vorhaben?« »Dabei zittern Sie aber am ganzen Leib! ... Mein Gott ... Unglückskind ... Sie fürchten sich doch nicht etwa plötzlich aus heiler Haut auch noch vor mir? Warum äugen Sie mich denn auf einmal so mißtrauisch an?« Das junge Mädchen war stehen geblieben. Dann trat sie drei Schritte zurück. Sie frug leise, zwischen den Zähnen: »Wo führen Sie mich hin ...?« »Na – in die Arme der Ihrigen!« sagte der blonde junge Mann arglos und verwundert. »Kommen Sie ... etwa ... vom Königsplatz?« »Vom Königsplatz ...?« wiederholte er verständnislos. »Wissen Sie nicht, was ich meine?« »Nee!« sagte er ehrlich ... »Ich merke nur: dies Rußland hier in Berlin scheint ein gehöriger Hexenkessel ... Da braut ihr offenbar nette Sachen gegeneinander! ... Na, – ich bin 'n guter Deutscher! Ich hab' nichts damit zu tun!« »Herrjeses aber ...« Er schüttelte, während sie – scheu und unschlüssig – bei seinem Nähertreten zurückwich, halb lachend, halb ungeduldig den hübschen Jungmannskopf. »Ich beiße Sie doch nicht, Fräulein! ... Aber damit Sie sehen, daß ich nichts Böses gegen Sie im Schilde führe – da ist meine studentische Legitimationskarte! Da können Sie lesen: stud. agr. ... Bernd Vollbrecht, Sohn des Gutsinspektors Martin Vollbrecht, im bisherigen Westpreußen ... Nun sitzen da die Polacken ... Also ... Hat nun die arme Seele Ruh'? ...« Er nickte seiner Schutzbefohlenen freundlich zu und steckte seine Karte ein ... »Na schön! ... Los!« »Verzeihen Sie nur ...«, sagte Luja Büttner im Weiterschreiten halblaut und hob bang die schwarzen, dichten Wimpern zu ihm empor. »Mein Kopf ist so verwirrt ... Nun sind Sie mir gewiß böse?« »Nee ... wahrhaftig nicht ...« Er guckte fidel aus seinen warmen, blauen Augen auf sie hinab. »Wissen Sie ... Ihnen böse zu sein – das wäre überhaupt ein höllisches Stück Arbeit! Also ich brächt' es bestimmt nicht fertig!« »Ich hab' es nicht so gemeint! ... Ich hab' so Schweres durchgemacht ...« »Man sieht es Ihnen an ...«, sagte Bernd Vollbrecht ernst und mitleidig. Es war ein herzlicher Klang in seiner Stimme. »Na – nur Kopf hoch! Es wird schon werden – mit Ihnen ... hier in unserm guten, ollen Berlin.« »Ja.« Das junge Mädchen wiederholte es geistesabwesend – in ihre Gedanken versunken. Dann kam sie zu sich. Sie frug: »Was heißt denn das stud. agr. auf Ihrer Karte?« »... daß jemand Landwirt werden möchte ...«, sagte Bernd Vollbrecht, »vorausgesetzt, daß ihm nicht plötzlich 'mal vorher die Puste ausgeht!« »Lernt man denn bei euch die Landwirtschaft in der Stadt?« »Das Theoretische! Vorher war ich schon, wie ich glücklich 1919 aus dem Krieg zurückkam – ich war nämlich zu guter Letzt noch in russischer Gefangenschaft im Ural –, also da war ich ein paar Jahre praktisch unter meinem Vater als Scholar drüben in der Wasserpolackei tätig ...« »Dürfen denn da jetzt noch Deutsche sein?« »Das ist ja eben die Schweinerei!« rief der junge Mann zornmütig. Jäh lohte bei ihm der Hitzkopf unter dem Blondhaar auf. »Polnischer Staatsbürger wird Papa nicht ums Totschlagen! Wer das glaubt, der kennt meinen alten Herrn flach! Wir sind deutsch bis auf die Knochen! ... Nun ist's nur noch 'ne Frage von Wochen, wann er ausgewiesen wird ... samt Muttern ... 'ne Schwester von mir ist auch noch da ... Was dann werden soll – mit den Eltern und der Marjell – das weiß der liebe Gott...« »Und unterdessen hungern Sie hier auch schon?« sagte die dunkle, kleine Deutsch-Russin an seiner Seite. »Ja. Papa kann mir schon seit dem Anfang vom Jahr nichts mehr schicken!« Der stud. Vollbrecht schlenderte, seitdem die Rede auf ihn gekommen, ziemlich sorglos dahin. »Hätte ja auch gar keinen Zweck! Bis das Geld da ist – ist es ja doch schon wieder 'n Dreck wert, und es kosten alle Dinge das Zehnfache! ... Man muß eben jeden Tag schauen, wie man sie mit Anstand weiterbringt!« »Haben Sie denn keine Freunde?« »Na – 'ne schwere Menge! ... Das heißt: Wirkliche Freunde hauptsächlich nur zwei: Ein Polytechniker und ein angehender Zahnbrecher! Wir waren jahrelang Kriegskameraden draußen und halten jetzt noch zusammen wie die Kletten. Wenn der eine kein Geld hat, hat der andere meistens auch nischt, und der dritte 'ne Kleinigkeit weniger – na – und so helfen wir uns gegenseitig durch ... So ... da ist die Tölzer Straße ... Wollen 'mal sehn, ob da hinter uns 'was kraucht? Nee – den Schlemihl sind Sie los. Wer kann den bloß auf Sie losgelassen haben ...?« »Ich habe wirklich keine Ahnung!« »Sie sagten doch 'was vom Königsplatz?« »Ach – das war so ein Gerede ...« »Woher kennen Sie denn aber den Königsplatz – wo Sie doch ganz fremd in Berlin sind?« »... weil ich vorhin da vorbeigekommen bin ...« »Ach so ...« Beide schauten unwillkürlich nach der Richtung, wo fern am Königsplatz sich das altersgraue Palais Nr. 40 in entschwundener Pracht erhob. In seinem zweiten Stockwerk, im Privatkontor der »Nowaja Rossija«, klatschten Hiebe und gellte Wehgeschrei. Serge Ssilin jagte blindwütig seinen Sendboten, den jungen Schmelke Machalles, mit einer Hundepeitsche vor sich her durchs Zimmer. Sein knotiges, in klotzigen Ecken und Kanten flüchtig von der Natur zurechtgezimmertes Antlitz brannte rot vor Zorn. Es hatte jetzt etwas Wölfisches in dem wilden Blecken der weißen Zähne. Ein Waldmensch tobte da, in der Kleidung eines Mitteleuropäers. Klatsch! »Du besoffenes Schwein!« Klatsch! »Du räudiger Hund ...« »Jach bin kein Hünd!« heulte Schmelke Machalles. »Hab' ich dir nicht befohlen, du stinkender Teufel, du sollst sie nicht aus den Augen lassen. Solch ein Mädchen gibt es doch nicht wieder ...,« Serge Ssilin wandte sich außer Atem an Jakob Uhkeneek, der völlig teilnahmslos an der Türe stand ..., »ein Kleinod ... eine Perle ...« »Es ist eine wie die andere!« sprach der Lette mürrisch. Sein Herr scheuchte wieder, mit pfeifender Knute, den bleichsüchtigen Schlemihl die Wände lang. »Wo hast du ihre Fährte verloren? ...« Klatsch! »Gestehe ... du schwarze Laus ...« »E bresele langsam!« stöhnte Schmelke. »Nah' am Wittenbergplatz!« »Und in welcher Richtung ging sie da mit dem jungen Kerl neben ihr?« »Eu weh! Nach dem Bayerischen Viertel!« »Pascholl! ... Ins Bayerische Viertel!« Serge Ssilin warf Schmelke Machalles die Peitsche an den Krauskopf und kreuzte, plötzlich unheimlich ruhig, die Arme über der Brust. »Du kommst mir nicht wieder vors Gesicht, ehe du sie gefunden hast! Ihr kennt mich!« ... Dort, in der Tölzer Straße, machte der blonde stud. agr. Vollbrecht halt. »So! Da sind wir! Hausnummer zehn. Wie kriegen Sie denn nun Ihr Gepäck?« »Gepäck?« Die kleine, brünette Deutsch-Russin sah erstaunt aus ihren tiefen, schönen Augen zu ihm auf. »Ich habe keins!« »Nichts?« »Wie sollte ich – als Flüchtling? Nur, was ich auf dem Leib trage! Und Seife und Zahnbürste und etwas Wäsche hier im Handtäschchen!« »Ja – aber so können Sie doch nicht herumlaufen!« Luja Büttner schwieg, mit dem Fatalismus des Ostens. »Sie müssen sich doch ein bißchen ausstatten! In dem Fähnchen können Sie sich ja nirgends vorstellen!« Das junge Mädchen hob nur die Schultern und ließ sie, mit einer schicksalsergebenen Bewegung, wieder sinken. »Werden Ihre Verwandten oben Ihnen helfen?« »Lisa Altschüler und ihre Eltern? Mehr wie das Leben besitzen sie gewiß nicht!« »Ja – was macht man denn da?« »Gott weiß es!« »Und das sagen Sie so pomadig?« rief der junge Mann heißblütig. »Da muß aber etwas geschehen! Berlin ist kein Spaß! Man muß Ihnen auf die Beine helfen! Na ...« Er legte ihr plötzlich strahlend und zuversichtlich die Hand auf die Schulter. »Lassen Sie mich nur machen! ... Verlassen Sie sich 'mal ruhig auf mich! Warum stimmt Sie denn das heiter?« Die kleine Deutsch-Russin mußte zum erstenmal lachen. Ihr weißes, zartes Kindergesicht verklärte sich in dem Anflug von Sonnenschein lebenswarm zu einer verführerischen Evaschönheit. »Sie haben doch auch kein Geld!« sagte sie und wurde plötzlich wieder scheu und ernst. »Macht nichts!« Der Student vor ihr verlor sich andächtig in das dunkle Märchen aus der Fremde. »Ich schaff' es schon ... wenn es für Sie ist ... Wie? Nein ... Hinaufbegleiten muß ich Sie noch ... Am Ende wohnen Ihre Verwandten gar nicht mehr da oben – und dann stehn Sie da ...« Aber auf der Schwelle der Türe, auf der »Pension Alpenrose, für In- und Ausländer« stand, schob eine große, stramme Weiblichkeit zu Mitte der Zwanzig rasch und resolut das öffnende Mädchen beiseite. Sie trug dicke, kastanienbraune Zöpfe verschlungen über dem vollen, runden, regelmäßigen, von Jugend blühenden Gesicht. Sie rief mit einem starken, tiefen Alt: »Luja ... Das ist doch deine Stimme ...« »Lisa ...« Die beiden Basen küßten sich. »Gottlob ... Du bist in Berlin ...« »Luja ... Du lebst noch ... Wo kommst du her! Ich danke Ihnen von Herzenl« Die derbe, gesunde Lisa Altschüler blickte mit phlegmatischem Wohlgefallen auf den blonden, frischen deutschen Jungmann. Der schüttelte herzhaft die magere kleine Hand seiner Schutzbefohlenen und zeigte lachend die weißen Zähne. »Also ... ich lasse noch von mir hören ... In den nächsten Tagen! ... Nein ... nein ... Sie brauchen einen Freund! ... Auf Wiedersehen!« Er stieg die Treppe hinab. Er vernahm durch die offen gebliebene Tür aus dem Flur oben Lisa Altschülers starke Stimme: »Du mußt aber mit mir zusammen in einem Bett schlafen! ... Wie ...? Ja – ich bin hier Verkäuferin in einem Warenhaus ... in der Abteilung Galoschen ... weil ich Russisch kann ... Die vielen Russen in Berlin kaufen doch alle Galoschen ...« Und schon ganz aus der Ferne: »Ja – damit ernähr' ich die Eltern: ... Papa? ... Mein Gott ... Papa sitzt eben so da! Mama auch! Was sollen sie machen?« Der Student der Landwirtschaft Vollbrecht trat auf die Straße hinaus und frug sich, wo eigentlich das Geld auf dieser Welt hingeraten war? Niemand hatte mehr welches – außer den massenhaften Ausländern: Es wimmelten so viel Japaner und Russen längs der Häuser dahin, als sei ein neuer Krieg in der Mandschurei in Sicht. Der junge Mann ließ das Fremdenviertel hinter sich. Er wandte sich dem dahinter liegenden grünen Alltag der Gassenzüge nahe der Potsdamer Straße zu. Er durchschritt einen düsteren Hof und stieg vier Treppen im Quergebäude empor. Oben, am Geländer, lehnte eine fassungslos auseinandergequollene, schlampige Alte. »Können Sie mir 'was pumpen, Mutter Peereboom?« rief er vergnügt schon von unten. »Nee – so wat!« Die Zimmervermieterin stemmte fast sprachlos die Hände in die Hüften. »Wo Sie seit vierzehn Tagen nischt zahlen und nischt tun!« »Na – ich bin doch Student!« Bernd Vollbrecht klopfte der Quartiermutter beschwichtigend auf den feisten, runden Rücken. »Hätten Sie 'was gelernt!« keifte Mutter Peereboom. »Dann brauchten Sie jetzt nicht zu studieren!« »Ich hab' Soldat gelernt! Ich hab' Berlin drei Jahre lang gegen die Kosaken geschützt!« »Ach wat! Wenn die ollen Russen ooch gekommen wären – mir hätten sie nischt jetan!« »Das glaub' ich auch!« sprach der junge Mann aus voller Überzeugung und öffnete eines der vielen, nebeneinander liegenden Zimmer, die Mutter Peereboom auf Tage, Wochen und Monate vermietete. An der Tür außen haftete neben seiner eigenen Visitenkarte eine zweite, mit dem Aufdruck: »Paul Ribbentropp, cand. ing. « Innen stand, unter der schrägen, niederen Decke der Dachstube, in einem Waschbottich ein nackter Zyklop. Er kehrte dem Eintretenden den gemaltigen, weißschimmernden Rücken zu und schüttete sich, trotz der Märzkühle in der kahlen Kammer, das kalte Berliner Leitungswasser stromweise aus einem Kübel über die Schultern. Er schnaufte dabei vor Behagen. Seine mächtigen Oberarme rundeten eisenhart ihren Bizeps. Überall sprangen ihm wie dem farnesischen Herkules ganze Muskelbündel an Stellen, wo kein gewöhnlicher Mensch solche besaß, aus dem Leib – zwischen den Schulterblättern – auf den Rippen – im Nacken. »Lass' jetzt das Geplantschte!« rief Bernd Vollbrecht stürmisch. »Es ist da ein Mädchen ...« »Wo?« frug Paul Ribbentropp und warf sich schleunigst ein durchlöchertes, altes Bettlaken über den Riesenkörper. »Na – mitgebracht hab' ich sie natürlich nicht! Es ist eine geflüchtete kleine Deutsch-Russin! ... Also süß! Man muß ihr helfen! ... Entwickele dich jetzt aus deinem Naturzustand zum Menschen, Paule ...« »Trag du 'mal den Tag über im Speicher an der Spree Lastsäcke!« sagte der Riese. »Da ist der feinste Hund am Abend dreckig!« Auf dem wackeligen Tischchen am Fenster standen eine Kaffeemühle und ein Spiritusmaschinchen neben aufgeschlagenen Büchern mit planimetrischen Tafeln. Der junge Vollbrecht schüttelte den Kopf. »Tagsüber bist du im Hafenspeicher der starke Mann, und nachts kochst du dir den viersträhnigen schwarzen Kaffee, um beim Büffeln wach zu bleiben! Auf die Dauer hält sogar ein Bär wie du das mit den Nerven nicht aus!« »Mir wär's auch lieber, ich hätte nachts eine Brotstelle,« der Kandidat Ribbentropp fuhr in Hemd und Hosen, »und könnte bei Tag in die Vorlesungen im Polytechnikum gehn! Aber da müßt' ich mich schon als Fassadenkletterer auftun! ... In der Branche allein ist noch Nachfrage nach strebsamen, jungen Leuten!« »Also hör' mal – hast du Geld?« Paul Ribbentropp drehte sich langsam um. Statt eines grimmen Boxerschädels, wie ihn seine Hünengestalt erwarten ließ, zeigte er ein unendlich gutmütiges, behäbiges Gesicht mit aufgedrehtem, winzigem, blondem Schnurrbärtchen. Er sah den Freund forschend an und umspannte schweigend mit seiner Mammut-Tatze dessen Handgelenk. »Pulsschlag normal ...«, sagte er dann. »Bezecht ist der Kerl auch nicht! ... Also wie kommst du denn auf solche Halluzinationen, bei mir Geld zu vermuten?« »Das Mädchen läuft 'rum wie 'ne Motte!« rief der stud. Vollbrecht aufgeregt. Er hielt inne, in der Sorge, daß man rechts und links nebenan durch die dünnen Türen etwas hören könnte. Aber die beiden Kellnerinnen, die auf der einen Seite wohnten, saßen jetzt schon, vor dem Antritt des Dienstes, unten beim Friseur, und Marmoll und Macca, das Berufstänzer-Ehepaar, zeigten bereits, beim Vieruhr-Tanztee in einer Diele des Kurfürstendamms, die letzten amerikanischen Beinverrenkungen nach dem neuesten Niggertakt. Bernd Vollbrecht fuhr hitzig fort: »Also kurz und gut: das Mädchen muß neu eingepellt werden – von anständigen Menschen! ... Denk' nur: die Versuchungen in Berlin! ... Sie ist ja so wunderhübsch!« »Das süße Mädel hat dir gerad' noch gefehlt ...« Paul Ribbentropp knotete vor dem fliegenblinden Spiegelchen die altpreußisch-schwarzweiße Binde. »Ich hab' ihr versprochen, sie zu bemuttern!« Der junge Landwirt ballte heißblütig die Fäuste. Es flackerte in seinen blanken, blauen Augen. »Denk' dir nur die arme Kleine – ohne einen Groschen – ohne 'was anderes als wie sie da geht und steht – mitten in diesem Berlin von heutzutage! ... Das gibt ja ein Unglück! ... Es muß Geld bei! ... Steh nicht so stumpfsinnig da! ... Komm mit zu Alfred ...« »Der reißt ja jetzt noch Zähne!« »Darf er noch gar nicht! Lernt ja erst bei dem Techniker! Um fünf wird dort die Schreckenskammer geschlossen!« Immer mehr russische Laute auf den Straßen, je mehr sich die beiden jungen Leute dem Kurfürstendamm näherten. Lammfellmützen. Fremdartige Gesichter. Russische Zeitungen in den Auslagen der Straßenhändler. Russische Buchläden mit unverständlichen Aufschriften. Das Sausen der Autos mit Japanern, Tschechoslowaken, Dänen, Yankees. Ein vornehmer, alter Herr in abgeschabter Kleidung flüsterte an der Ecke einer Querstraße leise, ohne – der Polizei-Augen wegen – den abgetragenen Hut abzunehmen: »Ich hungere ...« »Ja – wir leider Gottes auch ...«, sagte der Riese mitleidig und bog mit seinem Gefährten in die Seitenstraße ein. Ein Haufen Männer und Frauen stand da vor einem geschlossenen Brotladen. Der Tschako eines Sipomanns ragte vom Treppenabsatz über die Köpfe. »Drüben in Moabit gibt's schon Klamauk!« klagte eine Stimme. »Drei Läden haben sie schon gestürmt ...« »Jotte nee ... seit gestern det Brot wieder um vierhundert Mark teurer ...« Nicht weit davon stiegen die beiden Studenten in einem Miethaus von der jetzt verblichenen Talmi-Eleganz des neuen Berliner Westens zur Vorderwohnung im zweiten Stock empor. Eine weißhaarige, würdig aussehende alte Dame öffnete erschöpft auf ihr Klingeln. Sie hielt einen riesigen, plattfüßig breiten Lackschuh und ein Ölläppchen in der Linken. »Guten Abend, Frau Geheimrat! Ist Alfred da?« »Er holt eben Preßkohlen aus dem Keller!« sagte die verwitwete Geheime Regierungsrätin atemlos. In einem Türspalt leuchtete ein weißes Gebiß in einem pechschwarzen Antlitz: » Madam – pumps – please ...« »Ich habe eben die Schuhe geputzt, Mr. Congo!« Die Geheimrätin reichte diensteifrig dem Gentleman Samuel Congo aus Haiti die beiden schwarzen, flachen Flundern und seufzte bang. »Nun geht er wieder schwiemeln! Jede Nacht! Wenn er nur übermorgen noch Geld hat ... für die Miete ... Alfred ... Monsieur Tavernier wartet schon auf die Briketts ...« Alfred Henke, der angehende Zahntechniker, trug einen Zwicker vor dem seinen, weichen, intelligenten Gesicht. Er war zart und schmächtig gebaut. Es kostete ihn Mühe, den Kübel mit Kohlen in das Zimmer des Belgiers zu schleppen, aus dem das Gequietsche von Weiberstimmen schrillte. »Er hat wieder Damenbesuch!« meldete er zurückkehrend seiner Mutter und drückte den Freunden die Hand. »Sie trinken französischen Sekt.« Aus den Zimmern am Ende des Flurs quäkte Kindergeschrei durch ein heiseres Grammophon. Ein untersetzter, mahagonibrauner Herr mit rabenschwarzem Knebelbart winkte südlich-leidenschaftlich die Geheimrätin heran. »Das ist unsere neueste Akquisition ... Señhor Affonso dos Santos mit Familie aus Brasilien ...«, sagte der Sohn des Hauses. »Was gestikuliert er da? ... Ach so ... das versprochene Kanape, das noch nebenan bei dem Siamesen steht ... Der ist nicht daheim ... Helft mal!« und, während sie das Möbelstück hinübertrugen: »Mama schafft's nicht mehr! Ein Mädchen können wir uns nicht halten! Ich muß von jetzt ab durchaus abends 'was verdienen – als Zigarettenfritze oder so ... Wenn ich nur 'nen roten Heller Betriebskapital hätte ...« »Und ich wollt' dich eben anborgen!« »Bernd ist nämlich lititi geworden!« erläuterte Ribbentropp, während sie in das Zimmer des Siamesen zurückkehrten und die Polster und Decken des Kanapes holten. »Er hat die fixe Idee, ein kleines Mädchen auszustaffieren ...« »Ein Engel!« schrie Bernd Vollbrecht. »Also denkt euch einen tiefschwarzen Engel ...« »Du – sieh 'mal ... was ist denn dort auf dem Yorkplatz los?« Der Riese wandte sich, nach einem Blick durch das Fenster des Siamesen, jäh zu dem kurzsichtigen Zahnpraktiker. »Da gibt's ja 'was zu verdienen!« »... mit Augen ... von einer Schönheit ...«, fuhr der Dritte begeistert fort ... »Halt ... Wohin rennst du?« Paul Ribbentropp war schon aus der Türe. Die Treppe hinab. Im Laufschritt über die Straße. Die beiden andern hinterher. Vor der hoch-vornehmen Ausländerpension »Luna« am Yorkplatz hielt ein Gepäckauto. Oben auf seinem Gitterdeck lag ein ungeheurer Transatlantikkoffer mit dem aufgepinselten Namen: MacTilloch. Sein Besitzer, ein langer, dürrer Angelsachse, stand auf dem Bürgersteig. Daneben der Portier. Dessen Frau. Ein paar Hausmädchen. Der Chauffeur. Ratloses Schweigen. »Det Stück Handgepäck ... det tragen drei Jebrieder aus dem Zirkus nich!« sprach der Hausbesorger heiser. Und dann verblüfft: »Nu fällt Ostern und Fingsten uff eenen Tach! Mutter – nu kiek' man bloß!« Paul Ribbentropp hatte sich von seinen beiden auf das Verdeck geenterten Freunden den Mammutkoffer auf die Schultern wuchten lassen. Er stieg mit ihm, während die zwei andern mit dem Rest des Gepäcks folgten, langsam und bedächtig bis zum dritten Stock, setzte ihn dröhnend nieder und bedeutete dem Yankee mit aufgehobenem Zeigefinger: »Ein Dollar! – Halt – nein: Ein Dollar für jeden!« – und als Mr. MacTilloch zögerte: »Gut! Tragen wir das Dings wieder 'runter!« » Oh – I see – stop – please! « Der Amerikaner winkte dem Riesen halt, der schon wieder gemütlich mit dem buntbeklebten Ungetüm auf dem Rücken die ersten Stufen abwärts stieg, und drückte ihm noch zwei kleine grüne Scheine in die Hand. Unten vor dem Hause gab Paul Ribbentropp jedem der zögernden Freunde einen. »Nehmt!« dräute er. »Oder es bleibt von euch nur ein häßlicher, nasser Fleck am Boden übrig!« »Nun stürze ich mich in meinen nächtlichen Erwerb!« sprach der zarte Zahnbeflissene entschlossen. Bernd Vollbrecht rechnete: »Kinder ... Für 'nen Dollar kann sie sich doch schließlich allerhand kaufen!« »Er ist rein verrückt mit dem Mädel!« brummte Ribbentropp zu Henke. Und der stud. agr. Vollbrecht lächelte nur sonnig und verzückt vor sich hin: »Ach – ihr kennt sie eben nicht!« 3 Nun erzählst du mir in den zwei Stunden, seitdem du hier bist, nur von deinem armen, seligen Mischa!« sagte in der Pension »Alpenrose« die große, kräftige Lisa Altschüler resolut in ihrem harten Russisch-Deutsch zu ihrer Base. »Nimm es einem praktischen Frauenzimmer wie mir nicht krumm! Du weißt: Ich bin immer ein bißchen derb und geradezu! ... Also: Jetzt wollen wir 'mal auf uns lebendige Menschenkinder kommen! Jetzt rede 'mal von dir!« Luja Büttner hob langsam das blasse, schwarzgescheitelte Köpfchen. Es dunkelte unergründlich in den Tiefen ihrer großen, schönen, grünlich-braunen, von dichten, schwarzen Wimpern überschatteten Augen. Die zarte Gemme ihres Kindergesichts schimmerte in der Dämmerung weiß und leblos wie ein ausgegrabenes antikes Alabasterbild aus einer der einstigen Doriersiedlungen nahe Sebastopol, am Strand des Schwarzen Meeres. »Von mir ... ?« versetzte sie teilnahmslos, in deutsch-russischem Tonfall wie die andere. »Mischa starb ...« »Nun – ja ... leider Gottes ...« »... und ich saß da ... Der Vater starb ... im Gefängnis ... und ich saß da ... Die Mutter starb ... und ich saß da ... immer in der Hölle ... immer in der Hölle...Du kennst ja Sebastopol ... Nein ... Du kennst es nicht, wie es jetzt war ...« Vor dem starren Blick der kleinen Deutsch-Russin stand in der Abenddämmerung des Berliner Zimmers geisterhaft das Traumbild einer fernen Stadt: Mastengewirr und Schlotqualm in der langen, schmalen, tiefeingeschnittenen Bucht. Über den gelbweißen Häusern und grünbeschatteten Straßen drüben, jenseits des Südhafens, der flache, niedere, weltgeschichtliche Trümmerhügel des Malakow ... Weit draußen das schaumweiße Blau des Schwarzen Meeres ... »Weißt du, wo ich meinen Mischa zuletzt gesehen habe?« begann die bleiche, kleine Brünette ... »Oben auf dem Historischen Boulevard. Wir gingen nach dem Rowossilplatz, und er sagte ...« Ihre Base, die gar nicht sentimentale Lisa, tauschte einen stummen Blick mit ihren Eltern in der Ecke: Der Luja hat's den Verstand verschlagen! Sie kommt von dem seit Jahren vermoderten Inscheneer-Mechanik Michael Sax auf dem »Joann-Slatoust« nicht los ... Der Vater Altschüler nickt mechanisch mit dem kurzen, weißen Rundbart. Das Gesicht des alten Apothekers aus Cherson war verwittert und verhärmt wie das seiner Frau. Sie saßen den ganzen Tag stumpf und still, Hand in Hand, und schauten vor sich hin ... »Luja, wach' auf: Also nach dem Tod deiner Mutter...« »Da bin ich hierher ...«, Luja Büttner fuhr plötzlich leidenschaftlich auf. »Und ich geh' nicht aus Berlin weg ... das sag' ich gleich ... Ich hab' hier zu tun ...« »Gewiß doch ... Man wird sehen ... Die ganze Pension hier ist voll geflüchteter Deutsch-Russen. Herrgott ja ... Richtig ...« Lisa Altschüler schlug die großen, kräftigen Hände zusammen und zeigte amüsiert die prachtvollen Zähne. »Paul Gritsch wohnt auch hier ... Du weißt doch ... Der das große Schafgut hatte, bei Melitopol, schon jenseits der Krim, in der Nogaischen Steppe – an der Molotschnaja, wo auch die vielen anderen Mennoniten sind ... Da am Asowschen Meer ...« »Lasse mich mit ihm zufrieden!« sprach die schöne, kleine Kusine feindselig. »Paul Gritsch – dein alter Verehrer ...« »Kann ich dafür? ... Es ist ja lächerlich ... Ich war ja noch halb ein Kind – eben erst eingesegnet – wie er im Krieg nach Sebastopol kam, um seine fetten Hammel an die Krone zu verkaufen!« »Aber er hat seine Werbung beharrlich wiederholt ... Er sprach jetzt noch immer von dir ... schwärmerisch ... ganz mit der alten Liebe! Er hat dich nicht vergessen! ...« »Habe ich ihm nicht die Zunge herausgesteckt?« Luja Büttner warf erbittert den dunklen Madonnenscheitel zurück. Das reizende Kindergesicht blinzelte kampflustig wie das einer Katze. »Habe ich ihm nicht hundertmal gesagt, er soll gehn?« »Ja – ich war oft genug dabei, wenn du ihn den heiligen Menno genannt und ausgelacht hast!« »Er und seine Taufgesinnten sind Heilige. Mag sein, daß sie deswegen die dicksten Schweine in der Krim züchteten! Aber ich passe nicht zu ihm! Ich bin keine Heilige! Im Gegenteil! Ihr werdet noch 'was erleben!« »Immerhin, Luja – die Zeiten sind schwer ...« »Ach – was du sagst ...« »Die Mennoniten halten doch in allen Ländern zusammen. Paul Gritsch wußte Bescheid, wie wir andern noch ganz ahnungslos waren. Er hat sein Gut rechtzeitig verkauft und das Geld nach Holland in Sicherheit gebracht. Damit will er sich jetzt als Farmer in den Vereinigten Staaten ansiedeln. Er wartet hier nur, bis er die Einwanderungserlaubnis kriegt ...« »Nun – Gott mit ihm!« sagte die kleine Deutsch-Russin gleichgültig. »Luja – eine Kirchenmaus ist noch reich gegen dich!« »Ich brauche deinen frommen Gritsch nicht! Ich habe anderes vor! Ich muß mich selber durchs Leben schlagen!« »Gott wird helfen!« sprach plötzlich automatisch aus der Ecke die alte Frau Christine Altschüler, nachdem sie seit vier Stunden geschwiegen. Lujas nachtdunkles Köpfchen fuhr wildlachend zu ihr herum. »Wem half denn der liebe Gott? Meinem Mischa? ... Meinem Vater? ... Meiner Mutter? ... Mir ...? Oder dir, Onkel Eduard?« »Ich hatte meine ›Europäische Apotheke‹ in Cherson!« sprach der alte Herr eintönig. »In bester Lage, mitten in der Stadt, am Potemkin-Boulevard. Ich habe mein Leben lang gearbeitet. Ich ging jeden Sonntag in die lutherische Kirche. Ich ehrte den Zaren. Ich zahlte meine Steuern. Ich erzog meine Kinder. Da bin ich nun! Alt und arm in der Fremde! Warum strafte mich Gott?« »Warum schuf der Herrgott diese Erde?« schrie das junge Mädchen, »... wenn es so auf ihr zugeht?« »Lästern Sie nicht Gott ...«, sprach eine rauhe Stimme von der Türe. »Der Ruhm des Gottlosen steht nicht lang, heißt es bei Zophar von Naema, und er wird umkommen wie ein Dreck ...« Ein kräftiger, mittelgroßer Mann zu Anfang Dreißig, mit dunklem Haar und dunklem Schnurrbart näherte sich Luja Büttner. Er hatte tiefliegende Augen unter einer hohen, gewölbten Stirne, die seinem gebräunten, energischen Antlitz einen finsteren Ausdruck gaben. Jetzt, als er mit einem glückseligen, stillen Lächeln die Rechte des jungen Mädchens schüttelte, verschönten sich plötzlich die harten Züge. »Täglich, seit Jahren habe ich für Sie gebetet!« sagte er einfach. »Nun sendet Sie Gott ...« »Ich bin nicht so fromm wie Sie, Herr Gritsch!« Die kleine Hand löste sich rasch aus seinen kräftigen Fingern eines arbeitsgewohnten Landwirts. »Deswegen sucht der Herr Sie heim, Luja! Aber er wird alles zum Besten richten! ... Mein Gott – welch ein Glück!« Der Mennonit blickte dem jungen Mädchen mit einer zähen, beharrlichen, tief in sich verschlossenen Innigkeit in das abwehrend umwölkte Gesichtchen. »Ich komme vom amerikanischen Konsulat nach Hause – ich höre, Sie sind da ... ich eile her ... Verzeihen Sie ... Ich vergaß in meiner Freude sogar anzuklopfen ... Nun – haben Sie kein Wort des Wiedersehens für mich ...?« »Was helfen Worte?« sagte die kleine Büttner in stillem Trotz. »... Soll ich Ihnen um den Hals fallen, Gritsch? Sie wissen, wie ich denke ...« »Wie ging es Ihnen?« »Wie allen heutzutage! Den Bösen geht es gut! Den Guten geht es schlecht! Gott sieht zu! Nun – man kann ja auch böse werden! ... Ich sage Ihnen das gleich, damit Sie sehen, wie wenig wir uns zu sagen haben ...« »Sie wollen mich bei unserem ersten Zusammentreffen kränken ...« »Nein. Nur meine Freiheit will ich! Ich brauche sie! ... Nur nicht wieder die Geschichten von früher! Ich habe keine Zeit dafür ...« »Luja ...« »Es macht mich nervös! Ich kann auch biblisch reden: Ihre Wege sind nicht meine Wege – und meine Wege sind nicht Ihre Wege! ... Die muß ich allein gehn! Sie sind viel zu gottselig dazu ... Mehr kann ich Ihnen nicht verraten ...« Paul Gritsch, der Mennonit, schwieg einen Augenblick. Dann begann er mit seiner rauhen Stimme, in der verbissene Leidenschaft zitterte: »Fühlen Sie nicht, daß Gott mich Ihnen schickt ... wo Sie allein und verlassen sind ...?« »Nein. Sie sind der Letzte, der mir helfen kann ... gerade Sie ...« Grüblerisch forschend drüben die Sterne der tiefliegenden Augen. Ein langsames: »Ich fürchte für Sie, Luja ...« »Pah...« »Es ist etwas bei Ihnen ... ich weiß nicht was ... ich fühle es nur ... Aber es ist nicht vom Erbe der Reinen ...« »Das habe ich auch nie gesagt ...« »Es brütet irgend etwas Verborgenes, Dunkles in Ihnen ... Luja ... Denken Sie an Gott ...« »Nun – lassen wir es jetzt! Sie sind nicht mein Beichtvater, Gritsch!« »Aber Ihr Freund ...« Der Taufgesinnte trat näher: »Ich will Ihnen beistehen ...« Die kleine Büttner schaute schweigend, mit einer spöttischen und fanatischen Ruhe zu ihm auf. Dann wendete sie sich mit dem kurzen, kokett-verächtlichen Schulterrümpfen einer russischen Tanzzigeunerin von ihm ab und lachte über die Achsel zurück: »Also ich dank' Ihnen schön, heiliger Menno!« »Zur Suppe!« dröhnte vom Flur eine kräftige Männerstimme. Andreas Mickott, der frühere Direktor der Bierbrauerei Bawarija in Nischnij-Nowgorod, ein breitschulteriger Fünfziger mit geblähten Naslöchern, großer Glatze und langem Schnurrbart, versorgte im Eßzimmer eigenhändig von Stuhl zu Stuhl sein Dutzend Pensionäre mit den Tellern, die seine Frau in der Küchenschürze an der Türe aus der Schüssel füllte. Dabei leitete er über den Tisch hin die allgemeine Unterhaltung. »Fräulein Büttner kommt eben aus Leningrad!« verkündete er, und dann zu seiner Frau: »Martha, hole Suppe! ... Sie war in Moskau ... Sie reiste von der Krim durch ganz Rußland ...« »Haben Sie etwas Näheres von meinem Schwager Barthel, dem leitenden Arzt des Sanatoriums Miramar in Yalta, vernommen?« frug in einem Kellerbaß vom anderen Ende des Tisches ein wirrbärtiger, dickbäuchiger Greis mit knolliger Nase. »Das ist ein durch China hierher geflüchteter Pfarrer Waldmann, von der lutherischen Kirche in Bernaúl am Ob, in der Nähe von Krasnojarsk!« erläuterte leise Lisa Altschüler. Luja schaute zu dem deutsch-sibirischen Geistlichen hinüber, neben dem, fern von ihr, Paul Gritsch saß, und nickte ihm stumm und vielsagend zu. Das hieß: tot. Es war ein Schweigen ... »... und wissen Sie etwas von meinen Verwandten ... den bekannten Baumschulbesitzern – den Sebalds in Charkow?« erkundigte sich ihr Gegenüber, ein übernächtiger, junger Elegant. »Sie flohen auf dem ›Oleg‹ von Sebastopol nach Konstantinopel ...« »Fräulein Büttner ist doch nicht allwissend!« rief der glatzköpfige Exdirektor der Bierbrauerei Bawarija und goß, die Stühle entlanggehend, seinen Gästen Wasser in die Gläser. »Auf dem ›Oleg‹ brachen, auf der Reede von Stambul, Seuchen aus!« sagte das junge Mädchen stumpf. »Viele starben. Ob auch die Ihren, weiß ich nicht. Die ganze örtliche Intelligenzia in unserer Gegend ist ermordet oder verschollen ...« »Trau' diesem Iwan Sebald nicht über den Weg!« flüsterte die Base. »Er war Kommis bei der Kommerzbank in Jekaterinoslaw. Jetzt hält er hier in der Friedrichstadt eine kleine, wilde Wechselstube! Ich glaube, er spielt auch des Nachts!« Um sie lärmte das Gespräch. Luja hörte von drüben Paul Gritschs rauhe Stimme: »Und Sie wollen wirklich nach Rußland rückwandern, Herr Wetzel?« »Deutschland ist mir zu klein!« sprach der langbärtige, schwäbische Wolga-Kolonist, der mit Frau und einer vielköpfigen Kinderschar die Mitte des Tisches füllte. »Kommen Sie lieber mit nach Amerika!« riet der Mennonit aus der Nogaischen Steppe. »Gibt man mir in New York Land? Nein! Aber in Moskau wird man mir mein Land bei Baronsk wiedergeben! Soll ich es den Tataren oder den Altgläubigen überlassen?« »Aber das jetzige Moskau ...« »Was geht mich, an der Wolga, dies Moskau an? Auch unter dem Zaren war nicht alles in Ordnung. Ich baue meinen Boden und kümmere mich um nichts.« Zur Linken Lujas saß ein kleiner, hagerer Herr mit weißem Spitzbart und goldenem Zwicker. Er war mit peinlicher Sorgfalt gekleidet. Er hüstelte zurückhaltend und versetzte dann leise und höflich: »Und was bringen Sie sonst für Neuigkeiten aus unserem armen Rußland, Fräulein Büttner?« Das junge Mädchen schaute ihm geistesabwesend in das rosige, gerunzelte Gesicht. »Man hat meinen Bräutigam getötet!« versetzte sie dann verwirrt und schnell. Der feine, kleine Greis schnalzte bedauernd mit der Zunge, schwieg und weichte sich, seines schadhaften künstlichen Gebisses wegen, Brotstückchen in der Suppe. Von der anderen Seite erläuterte Lisa gedämpft: »Du ...! Herr von Kabisch ist ein großes Tier! Er war Intendantursekretär beim Rechnungswesen des Großfürsten Wladimir Michailowitsch in Petersburg – du weißt – den sie in dem blutigen Januar mit den drei andern Großfürsten erschossen haben ...Er hat hier überall noch eine Menge Verbindungen in Berlin ...« Der alte Petersburger Kollegienrat merkte, daß man von ihm sprach. Er wiegte den kleinen, vertrockneten, klugen Kopf und forschte dann weltmännisch-vorsichtig: »Und was werden Sie nun beginnen, Fräulein Büttner?« »Darüber zerbrech' ich mir schon die ganze Zeit den Kopf!« antwortete statt Lujas ihre Base mit ihrer starken Stimme und erhob sich in ihrer ganzen robusten Länge von der frugalen Mahlzeit. »Ein handfestes Frauenzimmer wie ich kommt überall durch! Aber dies Püppchen da kann man doch nicht hinter den Ladentisch stellen! Sie ist auch viel zu zart. Gelernt hat sie nichts. Nun bitte ...« »Du bist also einfach für die meisten Sachen viel zu hübsch!« fuhr die große, blühende Base in dem Flur fort, wo eine Dame am Telephon ein langes und leidenschaftliches Gespräch in baltischer Mundart mit einem Spediteur in Eydtkuhnen wegen ihrer an der Grenze festliegenden Möbel führte. »Ich hab' nur eine einzige Idee: Diese richtigen Russen hier in Berlin – die sind nie um einen Ausweg verlegen! Die haben hundert Talente. Sie treten als Tänzer auf. Sie musizieren. Sie gründen kleine Theater ...« »Was hilft mir das?« »Schönheit ist auch ein Talent. Das hast du. Ich kenne hier in Berlin zufällig die Soldaténkowa – eine fidele Haut! Wir gingen zusammen in Cherson in das Mädchengymnasium. Später war ihr Mann Gehilfe des Polizeimeisters. Er kam oft mit ihr zu uns in die Apotheke. Marsch – zieh dich an, Luja! Wir gehn schnell 'mal um die Ecke in das Cafe Jewrópa!« Der kleine, dämmerige Raum voll dichtbesetzter Tische träumte im Papyrossenrauch und dem kaum hörbaren Stimmengemurmel in der Melancholie des Ostens. Lange, schmale Gesichter der Ukraine, grobknochige Züge der Großrussen, aristokratischer Petersburger Typ. Der »Golos« auf der Marmorplatte. Der »Rul«. Offene Schalen – trotz der Teuerung – mit staubgrauem, kaffeebraungesprenkeltem Streuzucker, aus denen sich jeder mit seinem Löffel bediente. Lisas Blick suchte zwischen den heißen, menschengefüllten vier Wänden. »Da sitzt die Soldaténkowa!« rief sie. »Da drüben – an dem Ecktisch – ja – da: das halbe Dutzend Russinnen beisammen ... Das sind alles kleine Hauptmanns- und Beamtenfrauen! Die meisten haben ihre Männer in Rußland verloren. Ein paar haben ihre noch hier mit!« Und dann auf russisch: »Guten Abend, Nadeschda!« »Ei – sind Sie es, Lisa!« Die Soldaténkowa streckte ihr freundschaftlich über die Schulter die Hand hin. Sie nannte sie nicht nach echtem, russischem Brauch »Lisa Eduardowna«. Die Altschüler war wohl russische Flüchtige wie sie und Leidensgefährtin – aber doch eine Lutheranerin – eine Fremdstämmige. Nadeschda Soldaténkowa hatte ein rundes, blasses, slawisches Gesicht, um dessen Ausdruck sich die schwermütigen Augen mit den üppig geschürzten Lippen stritten. »Wollen Sie auch Buchweizenkuchen essen?« frug sie auf russisch. »Gleich werden sie kommen! Wir warten schon alle darauf. Wen haben Sie da? Eine Kusine? Gut! Belieben Sie, sich zu setzen! ... Wie, Lisa? ... Was ich jetzt treibe? ... Nun – wir alle hier spielen jeden Tag russische Bauernmädchen – in einem enorm großen Glashaus – weit draußen vor der Stadt ... Man photographiert uns – Sie begreifen ... für einen Film ...« »Könnte da nicht auch meine kleine Kusine hier ... Sie ist doch solch ein niedliches Tierchen ...« »Sie ist reizend!« urteilte die Russin, die Zigarette zwischen den Lippen ... »Nun – da bringt man die ersten Blinis! Kaviar und Schmand müssen wir uns dazu denken, meine Liebe ... Trotzdem ... geben Sie schnell, Mensch ... geben Sie doch auch mir!« Es waren eigentlich nur glühend heiße, kleine Kuchen ohne Zutat, die im Laufschritt aus der Küche gebracht und herumgereicht wurden. Aber doch ein Gruß aus der Heimat. Die Soldaténkowa hatte sich den ganzen Tag durch Fasten vorbereitet. Sie verschlang einen der Blinis nach dem andern und blinzelte kauend zu Luja Büttner hinüber. Die saß zwischen den andern jungen Frauen, unterhielt sich leise auf russisch mit ihnen und zeigte ihnen das Medaillon ihres Mischa ... »Kind –, Sie sind eine Schönheit ...«, sagte Nadeschda Soldaténkowa ... »Aber für da draußen ...Haben Sie gute, neue Kleider? Nichts? ... Gott erbarme sich!« »Verlangt man das unbedingt?« frug Luja. »Wie denn nicht. Wir sind heute Dorfdirnen – morgen aber feine Damen im Ausland – an der Spielbank in Monte Carlo – in Paris ... wie Gott es gerade den Deutschen eingibt ...« »Lassen die Deutschen denn auch Ausländerinnen mitspielen? Ich stamme doch aus Rußland!« Die Slawinnen lachten. Nadeschda zündete sich eine neue Papyros an. »Sie werden glauben, draußen in Rußland zu sein!« sagte sie ... »Wir werden es versuchen! Viel Hoffnung kann ich Ihnen nicht machen! Ich hole Ihre kleine Kusine morgen früh ab, Lisa!« Die beiden Basen wanderten die leere, dunkle Straße heimwärts. Die ältere schlang unverzagt ihren kräftigen Arm um den dünnen Ellbogen der anderen. »Wir werden dich schon durchschleppen!« sagte sie mit ihrer starken Stimme. »Geht's da nicht, geht's woanders ... Warum zitterst du denn auf einmal?« »Lisa ... Es schleicht jemand hinter uns her ... ganz nahe.« »Der soll sich nur bei mir melden!« sprach die große, stramme Altschüler unbekümmert und laut. »... ganz leise ... Auf Gummischuhen ...« »Mein Artikel – im Warenhaus ...« »Gummischuhe bei dem trockenen Wetter ... Das trägt nur jemand, der aus Rußland stammt!« »Er kann 'was mit dem Hausknochen da besehen!« Lisa Altschüler machte vor der Pension »Alpenrose« halt, holte die Hausschlüssel hervor und sperrte das Tor auf. »Nein – er zieht sich geräuschlos in die dunkle Ecke drüben zurück! Du hast recht: solch eine mottige Pelzmütze im März – das trägt kein Berliner ...« »Ich erkenne ihn wieder ...«, flüsterte das junge Mädchen. »Der junge Mensch ist mir schon nachmittags – auf dem Weg zu dir – gefolgt! Jetzt hat er glücklich meine Spur wiedergefunden!« »Du wirst noch mehr Eroberungen machen in Berlin ...« Die Base stieg phlegmatisch innen im Haus die Treppe empor. »Da mußt du dich daran gewöhnen!« »Aber auf diesen Verehrer brauche ich nicht gerade stolz zu sein ...« Die kleine Deutsch-Russin lachte plötzlich laut und aufgeregt und trat hinter ihrer Gefährtin in den Flur. »Mein Gott ... Gritsch ... Was stehen Sie denn da schon wieder im Weg?« »Ich habe auf Sie gewartet ...«, sprach der Mennonit verbissen. »Schade um die Zeit ...« »... weil ich Ihnen etwas auszurichten habe ...« »Danke ...« »Sie waren kaum weg – da erschien hier ein junger, deutscher Student ...atemlos und strahlend ... Ich habe ihn nicht selbst gesehen! Aber ich übernahm es, die Bestellung auszurichten! Er wollte Ihnen einen Dollar bringen!« »Ich habe ihn nicht darum gebeten!« »Wirklich? Aber er kannte Sie, wie es scheint! Er will morgen wiederkommen! ... Luja – was bedeutet das? Was brauchen Sie von Deutschen sich Dollars schenken zu lassen!« »Pst – nicht so laut, Herr Gritsch! ... Sie wecken ja die ganze Pension!« mahnte Lisa Altschüler. »Ich habe Dollars genug, Luja ...! Wieviel soll ich Ihnen holen?« »Nichts ...« »Sofort aus meinem Zimmer!« begann der Schafzüchter wieder hartnäckig. Seine tiefliegenden Augen glühten bittend und heiß. »Nun ist er weiß Gott auch noch eifersüchtig – auf irgendeinen gleichgültigen, deutschen Universitätsschüler!« seufzte die dunkle, blasse, kleine Schönheit zu ihrer Base. »Vertrauen Sie sich nicht fremden Menschen in einer fremden Stadt an! Ich bin vom Herrn berufen, Sie zu schützen – wo Sie auch hingehen ...« »Da können Sie nicht mit, Gritsch!« sagte das junge Mädchen sanft. »Dazu sind Sie viel zu fromm!« »Seien Sie es auch! – Bleiben Sie auf der Seite der Gerechten!« »Sie hatten ja auch schwarze Schafe – am Asowschen Meer – unter Ihren Herden! Ich bin ein schwarzes Schaf! Gute Nacht!« Nach einer Stunde wachte die Apothekerstochter auf. Sie schaute um sich. Das Zimmer dämmerte, von der Straße her, im Zwielicht. Die zweite Hälfte des Bettes war leer. Da hatte, als sie einschlief, Luja Büttner gelegen, mit geschlossenen Lidern und gelösten schwarzen Flechten, die Rechte fest auf der leise atmenden, weißen Brust um das Bild ihres toten Mischa geschlossen. Nun lehnte sie drüben im Hemd am Fenster und spähte auf die Straße hinab. »Die ganze Zeit steht er vor dem Hause Posten!« flüsterte sie. »Der Mensch von vorhin?« »Ja. Jetzt ist jemand aus dem Haus getreten. An den hat er sich herangemacht!« »Das ist dieser Iwan Sebald, vor dem ich dich schon beim Essen warnte!« Die Altschüler blickte der Jüngeren über die Achsel. »Der geht jetzt spielen!« »Sie verhandeln miteinander ...« »Das wird 'was Schönes sein! Nun nickt der gute Iwan und trollt sich!« »Gib acht! Der andere guckt herauf!« Die beiden Mädchen traten rasch hinter die Gardine. Unten beobachtete Schwelke Machalles noch einmal die schlafende Fensterfront im dritten Stock. Dann schob er die Fäuste in die Taschen und trottete, in den Schultern schaukelnd, den Kopf mit der hohen Pelzmütze vorgestreckt, eilig hinaus in die Nacht. 4 Nü wird der Herr – er soll mer lebe ...! miach nicks mehr an Hünd heißen!« Schmelke Machalles stand am nächsten Vormittag triumphierend, die schmierige Pelzmütze zwischen den Händen, im Handelskontor »Nowaja Rossija« am Königsplatz vor dem finsteren Letten Uhkeneel. Der verzeichnete sich stirnrunzelnd, mit ungelenker Hand, auf ein Blatt: »Alpenrose! ... Tölzer Straße 10.« »Gut! Ich werde es Gospodin Ssilin melden!« sprach er rauh. »Wos is? Seien Sie nicks breuges! Aber iach will es ihm selber sogen ... Er ist nicks da? Eseu! Er kümmt heute auch nicks hierher? Lauf' ich zu ihm! Sogen Sie mir endlich seine Wohnung!« »Die braucht keiner außer mir zu wissen!« »Zerspring!« murmelte der junge Schmelke erbittert. »Geh jetzt und telephoniere mir sofort, wenn du etwas Neues von dem Fräulein Büttner hörst! Marsch!« »Bleiben Sie gesünd!« Schmelke Machalles verschwand erbittert. Die beiden, der Galizier und der Lette, hatten Mühe gehabt, sich in ihrem Jiddisch und gebrochenem Kurisch-Deutsch miteinander zu verständigen. Jakob Uhkeneek stieg gleich nach dem Schlemihl, an den Friderizianischen Ahnenbildern des verlassenen deutschen Palais vorbei, die Treppe hinab. Er schritt nach der Friedrichstraße und fuhr mit der Stadtbahn bis zum Bahnhof Alexanderplatz. Als er von dort zu Fuß in die Grenadierstraße einbog, war er mit einem Schlag in einem Ghetto des Ostens. Er sah auf dem Bürgersteig die langen Kaftane, die Ringellöckchen und schwarzen Käppchen Lodomiriens. Er hörte um sich Jiddisch, Polnisch, Russisch. In Berlin lief man. Hier stand man und fuchtelte mit den Händen. In Berlin lagen die Waren in den Schaufenstern. Hier in den Hausfluren, in den Zimmern, in denen ganze Familien hausten, kochten und schliefen. Junge Männer erkundigten sich murmelnd nach alten Kleidern und boten goldene Uhren an. In den Ecken wurden lose Diamanten in der hohlen Hand aus der Hosentasche geholt. Silbersachen gegen das Licht gehalten. Man konnte Seife und Schokolade kaufen, Zigaretten und Tuchreste. Der Eingang der schmierigen Mietskaserne, in die der Lette trat, war ein Trödelkram von alten Stiefeln, gelöcherten Matratzen, verrosteten eisernen Bettstellen. Der Händler, ein dicker Mann mit brennend rotem Vollbart, stand davor. Seine stechend schwarzen Pupillen wiesen nach der ersten Seitentüre im Flur. »Heute ist der einzige Tag, wo er hier ist!« sprach er auf polnisch. »Den Rest der Woche ist er auf seiner Geschäftstour in der Provinz! Gestern abend ist er gekommen!« An der Türe, gegen die die schwere Faust des Letten pochte, hing eine Karte: »Fritz Reuter. Handelsvertreter.« In dem kahlen, schmutzigen kleinen Zimmer, in das Jakob Uhkeneek trat, stand der Geschäftsreisende Reuter, den zerdrückten, alten Filz noch auf dem rotblonden Borstenhaar, und hängte gerade den schäbigen Mantel in den Schrank. Seine abgewetzte Ledermappe lag auf dem Tisch. Er musterte durch seine dunkelgefärbte Hornbrille kurzsichtig und mißtrauisch den Besucher. Dann nahm er beruhigt die Augengläser ab. »Beinahe hättest du mich nicht mehr getroffen!« sagte er in fließendem Lettisch. »Meine Geschäfte waren diesmal rasch beendet. Eben wollte ich gehen!« »Es war mir zu gefährlich, ein Auto zu nehmen, Gospodin Ssilin! Ich könnte dadurch einmal Ihr Absteigequartier verraten!« »Nimm dich ja in acht! Nun – was hast du da?« Jakob Uhkeneel reichte Serge Ssilin, seinem Brotherrn aus dem Kontor der »Nowaja Rossija« in dem Palais am Königsplatz, schweigend den Zettel. Die dicht beisammenstehenden, fast wimperlosen, ausdrucksleeren, blaugrauen Augen des anderen überflogen hastig die paar Worte. Er zeigte grimmig lächelnd ein weißes Wolfsgebiß. »Gib dem Schmelke Machalles von mir hunderttausend Mark Belohnung!« sagte der Mann, den die kleine Büttner tags zuvor Ssawa Kol genannt hatte. »Aber er soll ihre Spur nicht wieder verlieren!« »Keine Sorge, Gospodin Ssilin! Es betreibt da ein junger Mensch, ein gewisser Sebald, eine Wechselstube in der Friedrichstraße. Schmelke trifft ihn jetzt eben dort! Er hat ihn gestern abend, gegen einiges Teegeld in Edelvaluta, für uns gewonnen! Dieser Iwan Sebald wohnt in der Pension ›Alpenrose‹. Er wird uns alles mitteilen, was das Fräulein Büttner tut und treibt!« Der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« am Königsplatz nickte zufrieden. Er nahm einen eleganten, dunklen Paletot aus dem Schrank und vertauschte seinen Filz mit einer modernen, runden, schwarzen Melone. Dann steckte er sich vor dem Spiegel eine Wappennadel in den Schlips. Er hatte jetzt, in der neuen Kleidung, auch in den Bewegungen etwas von einem Weltmann, trotz des ungeschlachten, eckigen Gesichts mit der kolbigen, großen Nase, dem grob aufgeworfenen, breiten Mund, den abstehenden, großen Ohrmuscheln. Er verschloß sorgfältig mit den plumpen, breitgeformten Händen Schrank und Tisch und dann das armselige Stübchen. »Du weißt, wo du mich telephonisch erreichst!« Er winkte draußen, an der Ecke der Münzstraße, einem vorbeifahrenden Auto. »Halte mich stündlich durch Schmelke über dies Mädchen auf dem laufenden! ...Fuhrmann ... Kennen Sie das russische Traktir – die Zentrálnaja ... nahe an der Weidendammer Brücke? Nun – ich werde an die Scheibe klopfen ...« Zum Restaurant »Zentrálnaja« stieg man ein Dutzend Kellerstufen hinab. Unten erhellte gedämpftes elektrisches Licht das Büffet mit den vielen Sakuska-Schüsseln und Schnapsflaschen. Die Holztische waren jetzt, gegen Mittag, fast alle schon besetzt. Sie standen ziemlich weit auseinander, wie um den Verkehr von einem zum andern zu erschweren. Es saßen an ihnen fast nur Russen. Man merkte an ihren Blicken, daß sie beinahe jeden neu Eintretenden kannten. Aber sie grüßten sich nur selten. Sie unterhielten sich noch leiser als sonst an jedem Tisch, damit die Nachbarn nichts hörten. Alles, was einst da drüben, im heiligen Rußland, erbittert um die Macht im Staat miteinander gerungen hatte – in den Wandelgängen der Duma, in den Vorgemächern des Zaren, im Kriegsausschuß der russischen Industrie und im Verband echt-russischer Leute, im Ministerkomitee und im Reichsrat und Senat, in den Semstwos und Adelsklubs –, was da während des Krieges mit Deutschland gegeneinander intrigiert, sich gegenseitig gestürzt und abgelöst hatte, das aß jetzt hier gemeinsam, aber immer noch durch alten Haß geschieden, das Brot der deutschen Fremde. Serge Ssilin überschaute mit lässiger Sicherheit den Raum und begrüßte dann an einem Tisch mit vertraulichem Händedruck die dort sitzenden Herren. Nur einer, ein vornehmer junger Mann von dem langen, schmalschulterigen, aristokratischen Großfürstenschlag war ihm fremd. Einer der Russen wies auf Ssilin und sagte zu jenem anderen: »Belieben Sie, Erlaucht, daß ich Ihnen hier einen der zuverlässigsten Gesinnungsgenossen von uns Männern der äußersten Rechten vorstelle: Baron Johannes Robbe aus Kurland! ... Dies hier, lieber Baron, ist Fürst Wolski – eben mit wichtigen Nachrichten aus Paris gekommen!« »Der Name Ihrer Familie ist mir bekannt!« sagte der Fürst in reinem, langsamem Deutsch, durch das etwas wie ganz leises Mißtrauen drang. In seinen Pupillen war ein sonderbarer starrer und fanatischer Glanz. »Man findet ihn auch bei uns im inneren Rußland ...« »Gewiß: Es ist die Seitenlinie unseres Geschlechts, die Axel Robbe um die Mitte des vorigen Jahrhunderts gründete. Er heiratete eine Nemilow ... aus dem Moskauer Fürstenhaus ...« »Richtig.« »Die Nachkommen wurden orthodox! Sie begreifen, Erlaucht: Man verlor, von unseren baltischen Landen aus, den Zusammenhang. Ein Wassilij Robbe befand sich, wenn ich mich recht entsinne, im Krieg als General an der Kaukasusfront ...« »Er und sein Bruder ...« »Dimitri ... der dann fiel der die Güter im Orelschen Gouvernement besaß ...« »... und in Tula ...«, versetzte der Fürst Wolski höflich. Sein Argwohn schien geschwunden. Er berichtete halblaut von Paris. Es war da eine neue Sammlung aller zarentreuen Elemente im Gang ... Der Baron Johannes Robbe hörte aufmerksam zu. Dann erhob er sich auf ein Raunen des Kellners. »Verzeihung! Man ruft mich an das Telephon!« Durch das Schallrohr berichtete die harte Stimme des Letten: »Dieses Fräulein wurde heute morgen von einer Russin abgeholt. Beide sind mit der Vorortbahn nach einem Glashaus weit draußen vor Berlin gefahren. Schmelke ist gleich mit einem Auto hinterher. Er wird früher dort sein als jene beiden ...« Draußen pfiff der Märzwind über die weite märkische Ebene. Ein breitausgetretener, geschlängelter Sandweg lief durch sie von der Station drüben auf die mächtige, einsam auf freiem Feld stehende Glashaus zu. Autos flitzten auf der Straße von Berlin und nach Berlin hin und her. Hunderte von Männern und Frauen pilgerten zu Fuß. Unter ihnen kämpften, mit flatternden, kurzen Röcken, Luja Büttner und die Soldaténkowa gegen den Sturm. »Das ist wirklich wie in Rußland!« sagte das junge Mädchen erstaunt, als ihre Gefährtin sie, nach kurzem Wortwechsel mit dem Türhüter, in das Innere des Ateliers gelotst hatte. Man stand da unter der taghellen, gläsernen Dachwölbung wie in einer großen, märzkühlen Bahnhofhalle. Aber in diesem nüchternen Riesenraum leuchteten knallrot, zitronengelb, himmelblau angestrichene russische Holzhäuser. Echt grüne junge Fichten buschten sich, im Boden festgeschraubt, zu einem Wäldchen. Ein zottiges, russisches Dreigespann mit Krummholz und Glöckchen hielt vor dem Posthaus. Russische Bauern bummelten, in umgedrehten Schafpelzen, roten Hemden, hohen Transtiefeln. Russische Dorfmädchen schlenderten mit buntem Kopfputz, gestickter Schürze, weiten, kurzen Röcken. Immer mehr kamen dazu. Die Soldaténkowa sah auf die Wanduhr, erschrak und rief: »Ich muß mich schnell kostümieren! Warten Sie inzwischen hier!« Selbst der Weg nach den Garderoben, den sie einschlug, war durch russische Lettern bezeichnet. Ein langhaariger Pope harrte und gähnte. Breitschulterig, mit wallendem Bart, lehnte der Starost, der Dorfälteste, vor der Kronsbude mit dem Adlerwappen und den langen Reihen gesiegelter Wodkafläschchen. Es war alles täuschend echt so wie jenseits der Beresina. Es fehlte nur der allrussische Geruch von Schafpelzen, Holzrauch, geschmiertem Leder, Papyrossen. Dafür klimperte drüben träumerisch eine einzelne Balalaika ein schwermütiges, russisches Volkslied. Ein ganzes Orchester von Dorfmusikanten rastete da. Männer und Frauen, in ländlicher Tracht. Ein paar der jungen, farbig geputzten und grell geschminkten Bauernmädchen traten auf Luja zu und reichten ihr die Hand. Sie erkannte in ihnen erst jetzt wieder die Russinnen, mit denen sie gestern abend im »Café Jewrópa« zusammengewesen war. Die eine erläuterte: »Der Gedanke ist: Der Gutsherr gibt zu seinem Namenstag den Bauern ein Fest und hat eine Kapelle kommen lassen, damit sie tanzen können! Dies dort drüben ist ein wirkliches, künstlerisches Orchester aus Angehörigen der russischen Sphären! Es spielt jeden Abend im ›Kolokól‹ am Kurfürstendamm.« Das buntkostümierte Bauernmädchen ging plötzlich in ein weiches Französisch über: »Winogradowa – wissen Sie nicht, was aus der Worótschka geworden ist?« »Es geht ihr gut!« Die blasse, blonde Balalaikaspielerin näherte sich, ihr Instrument in der Hand. »Sie ist Platzanweiserin in der ›Eremitage‹ – dem neuen russischen Kabarett!« Die Musikantin sprach ebenso gepflegtes Pariserisch wie die Bäuerin. Die erklärte der kleinen Deutsch-Russin: »Winogradowa stammt aus Petersburg. Ihr Vater war dort Senator. Er starb nach dem Umsturz in der Peter-Pauls-Festung. Zum Glück versteht sie, auf diesem Musikinstrument zu klimpern!« »Oh – die Balalaika ist etwas Edles!« sagte Luja Büttner schüchtern. Sie nahm die bauchige Guitarre, die die andere auf einen Stuhl neben sich gelegt, und wiederholte auf den Saiten mit ihren dünnen Kinderfingern das schwermütige Volkslied, wie sie es eben von der Winogradowa gehört. Die hob erstaunt den Kopf. Auch der Leiter der Kapelle, ein vornehmer, schnurrbärtiger, jüngerer Mann in farbiger Bauerntracht, trat heran. »Spielen Sie das aus dem Gedächtnis?« Das weiße Gemmengesichtchen unter dem schwarzen Madonnenscheitel bewegte sich bejahend. Die kleinen Hände fingerten feuriger. Eine klagende Melodie entschwebte ihnen wie das Weinen des Windes in weißem Birkenwald und endlos verschneiter Steppe, und ging jäh, sprunghaft wie die russische Seele selber, in wirbelnden Tanztakt toller Lustigkeit über und verklang in einem langen, nachzitternden Akkord. »Aber das machen Sie ja sehr nett!« sagte die Petersburger Senatorentochter und wechselte einen Blick mit den andern. »Ich habe im Sommer auf der Datsche immer gespielt!« Luja gab ihr die Balalaika zurück. »Sie sind sehr musikalisch ... Können Sie Noten lesen?« »Gewiß doch!« »... und vom Blatt spielen ...?« »Nun ja ...« »Und dabei ein Bild – aus dem Rahmen geschnitten – eine Miniatüre ...«, rief die russische Bäuerin, faßte Luja Büttner ohne Umstände rechts und links an den Ohren und hielt ihr naives, dunkeläugiges Kindergesicht der Kapelle zur Besichtigung hin. »Da hat das Publikum auch noch 'was fürs Auge! Diese kleine, brünette Prinzessin muß zu euch!« »Nun – wo ist sie – die Deutsche?« frug, aus der Garderobe kommend, die Soldaténkoma – jetzt auch ländlich-festlich in perlengeschmückter Haube und purpurnem Rock. Für sie war die Tochter eines schwäbisch-russischen Uhrmachers aus Sebastopol eben doch eine Njemétzkaja – eine Fremdstämmige – eine Deutsche. Ein junger Hilfsregisseur in weißem Kittel ging neben ihr. Er wandte sich höflich an Luja Büttner. »Sprechen Sie Deutsch? Ja? ... Ja – sehen Sie ... Das ist so eine Sache! Wir reißen heute noch das ganze Dorf ab und bauen um und fangen morgen mit Interieuraufnahmen an: Der Gutsherr und seine Frau im Salon mit ihren Gästen – dem russischen Landadel der Nachbarschaft! Hierzu sind für die Damen Gesellschaftstoiletten unerläßlich ...« »Ich habe keine ...« »Ja. Dann tut es mir wirklich leid ...« »Aber so nehmt sie doch in euer Balalaika-Orchester!« drängte die kleine Russin. »Darüber beraten wir ja eben!« Der schnurrbärtige Leiter der Truppe trat wieder heran. Auch er sprach geschmeidiges Petersburger Französisch. »Wir hatten in letzter Zeit Lücken. Wir sind nicht vollzählig. Wir könnten Sie brauchen! Nun: haben Sie Lust ...?« »Erbarmen Sie sich!« schrie die Soldaténkowa. »Sie ist ja am Verhungern! Sie wird es sich lange überlegen!« »Muß ich aus Berlin weg?« frug die schwarze, kleine Schönheit hastig. »Wie das? Für die nächsten Monate sind wir Abend um Abend fest dem Kabarett ›Kolokól‹ – hier im Berliner Westen – verpflichtet!« »Dann belieben Sie über mich zu verfügen!« sagte die kleine Büttner mit einem sanften, dankbaren Lächeln, das sie noch reizender erscheinen ließ. »Sie sind mein Wohltäter! ... Ich werde jeden Eifer zeigen!« »Aber macht rasch!« erhitzte sich Nadeschda Soldaténkowa ... »Sie liegt ihren Verwandten auf der Tasche! Sie besitzt nur das Hemd auf dem Leib!« »Man wird Ihnen Kakoschnik, Sarafan, Baschmaki und sonst alles Nötige für Ihr Kostüm geben. Die eine Ihrer Vorgängerinnen war, durch Gottes Gnade, zufällig auch solch ein altsächsisches Figürchen an Wuchs! Wie ist es: Haben Sie heute abend schon Zeit?« »Wie man es befiehlt ...«, versetzte die kleine Büttner weich. »Dann seien Sie um sieben Uhr im ›Kolokól‹. Man wird vor der Vorstellung noch alles Nähere ordnen! Rasch die Noten mit Ihnen durchgehen! Es wird sich schon machen ...« »Euer Publikum ist nicht so kritisch!« rief die Soldaténkowa verächtlich. Drüben in der Halle klatschte jemand schallend in die Hände. Eine starke Stimme befahl auf deutsch: »Antreten!« Eine zweite übersetzte es beinahe gleichzeitig ebenso laut auf russisch. Die Mitglieder des Balalaika-Orchesters nahmen ihre Holzbank neben dem Kornbranntwein-Ausschank ein. Die Muschiks und ihre Weiber und Töchter gruppierten sich malerisch vor den farbigen Häusern. »Sie sind jetzt hier überflüssig!« Nadeschda schob ihre Schutzbefohlene in die Kantine nebenan. »Nun, Gott hat Ihnen geholfen! Setzen Sie sich hier! Trinken Sie Tee! Warten Sie! Sie finden sich nicht allein nach Berlin zurück! Ich nehme Sie nachmittags wieder mit heim!« Draußen in der Halle schwirrten und schwangen jetzt vieltönig, im lockenden Takt der Wéßejanka, des Frühlingstanzes, all die verschiedenartig geformten Zupfgeigen der Kolokól-Truppe. Deutsche Rufe des Regisseurs klangen herüber ... Wie ein Echo die russische Übertragung hinterher. Luja Büttner fuhr sich noch halb ungläubig mit der Hand über die dichten, schwarzen Brauen. Sie holte tief Atem. Sie lächelte ein paarmal, in Gedanken, leidenschaftlich vor sich hin. Dann saß sie ganz still auf ihrem Fensterplatz. Durch die Scheiben sah man hinaus in das große, fremde, deutsche Land. Es war, wie im Süden Rußlands, flach wie eine Tenne. Ein paar Windmühlen drehten ihre Flügel. Ein paar Bäume bogen sich im Märzsturm. Die schwarzen Rauchfahnen aus den Fabrikschloten in der Ferne wehten schief durch die graue Luft. Dicht am Fenster lagen am Boden Kisten, farbige Gipsstücke, Stroh, Bretter. Ab und zu kam jemand vorbei: Atelierarbeiter – ein Depeschenbote – ein gelangweilter Chauffeur. Das junge Mädchen achtete nicht darauf. Sie starrte, ohne sich zu rühren, in Gedanken verloren vor sich hin. Da verdunkelte plötzlich ein Schatten, ganz nahe, das Licht des Fensters. Irgend jemand stand gerade davor und bemühte sich, durch das Glas in das Innere zu spähen. Luja Büttner fuhr empor. Sie sah das fahle Gesicht des jungen Schlemihl von gestern unter der mottigen Pelzmütze neugierig auf sie niederblinzeln. Sie wurde blaß. Aber sie blickte ihm fest, verächtlich in die stechenden Augen. Es war wie eine Kampfansage an den grinsend und geschäftig um die Ecke sich trollenden Sohn des Ostens: Erzähle nur dem, der dich geschickt hat, wo ich zu finden bin – wenn ich nur weiß, wo ich ihn – zu seiner Zeit – finde ... Jetzt, um eben diese Stunde, stieg der Mann, dem ihr Rachebrüten galt, drüben im Berliner Westen, am Dorfplatz, aus einem Auto – vor demselben Hause, wo gestern der überlebensgroße Transatlantikkoffer des Yankees auf Paul Ribbentropps, des Polytechnikers und Sackträgers, Riesenschultern zu der Ausländerpension »Luna« im dritten Stock hinaufgeschwankt war. Der, der jetzt kam, hatte kein Gepäck. Er öffnete, mit der Sicherheit des Pensionsgastes, mit seinen Schlüsseln Haustor und Flurtüre oben. Im Gang lächelte ihm aus dem offenen, allgemeinen Salon zur Rechten herzlich das zerknitterte Pergamentantlitz eines ältlichen, hageren Angelsachsen entgegen. Ein herzhaftes Händeschütteln. Der Brite sagte: »Ich sah Sie unten vorfahren, mein teurer Herr von Laskarew!« »Oh – Willkommen, Mr. MacTilloch!« Das grobknochige, nur aus dem Rohesten zurechtgeschnittene lettische Urwaldgesicht aus dem Handelskontor »Nowaja Rossija« am Königsplatz zeigte mit der Verbindlichkeit eines Weltmanns die weißen Wolfszähne. Die Bewegung der plumpgeformten Hand nach einer der nächsten Türen rundete sich mit Petersburger Leichtigkeit. »Treten wir in mein Wohnzimmer! ... Hübsche Aussicht – nicht wahr? ... Ich wohne hier schon seit einem Vierteljahr ... Machen Sie es sich bequem, Sir! Zigarre? ... Verzeihen Sie nur bitte mein schlechtes Englisch ...« »Für einen Ausländer wahrlich ein sehr gutes ...« »Nun – ich reiste in meinen früheren Jahren viel zur See! Da fliegt einem Ihre Muttersprache an!« »Immerhin: Für einen Russen...« »Es gibt Russen und Russen!« Der Hausherr warf seinen langen, hageren Körper lässig in einen Klubsessel. »Ich bin, wie Sie wissen, ein Edelmann aus der Ukraine. Wir Kleinrussen sind doch etwas fortgeschrittener! Wir stehen Europa näher. Das eben verbindet uns ja mit der aufgeklärten, demokratischen westlichen Intelligenz!« »Haben Sie Nachrichten aus Ihrer Heimat – von Ihren Gütern?« »Trübe!« sprach Igor von Laskarew und rauchte. »Es ist da vorläufig alles verloren. Meine Zuckerfabriken im Poltawa'schen scheinen von Moskau beschlagnahmt zu sein! Nun – was hilft das Klagen? Man muß versuchen, sich als Flüchtling nützlich zu machen!« »Sie tun es wahrhaftig! Ihre Informationen aus Rußland sind für uns, zu beiden Seiten des Atlantik, von ganz außerordentlichem Wert! Sie verfügen über ausgezeichnete Verbindungen in diesem Chaos, das man das heutige Rußland nennt! Ich konnte es kaum erwarten, Sie zu sprechen! Ich traf gestern schon ein!« »Und leider – ich bin so traurig – war ich gerade für einen Tag in gewissen Angelegenheiten nach Hamburg gefahren und kehrte eben erst zurück ... Nun – da läutet der Gong! ... Seien Sie bitte heute zu Mittag mein Gast!« Die vielen kleinen Speisetische der »Pension Luna« waren alle von Ausländern besetzt. Man hörte nur dann ein paar gebrochene deutsche Worte, wenn ein Gast einem der bedienenden Mädchen eine Weisung gab. Belgier, Pariser und Balkanvolk unterhielten sich auf französisch, Südamerikaspanisch und portugiesisch, die Dänen, Holländer und Skandinavier auf englisch mit den Briten und Yankees. Alles kannte sich und plauderte von Tisch zu Tisch und rief sich Scherzworte zu. »Man speist hier in der Tat vortrefflich!« sprach Mr. MacTilloch, als ihm das Mädchen zum drittenmal die getrüffelte Pute anbot. »Mein Gott – noch zwei Gänge ... Man merkt hier wahrlich nichts von der angeblichen Teuerung in Berlin.« »Im Gegenteil ... !« Der geflüchtete Edelmann aus der Ukraine goß seinem Gast schweren alten Rheinwein in den Römer. »Man lebt täglich billiger. Der Dollar stieg heute, ich glaube, auf 31000. Es ist alles lächerlich wohlfeil.« »Aber die Deutschen ...« »Was gehen mich die Deutschen an? ... Mögen sie hungern! Sehen Sie, da unten zieht solch ein Trupp! Sie tragen eine tote Katze an einer Stange ...« »Was bedeutet das ...?« »... wahrscheinlich, daß sie die nächste Brot- oder Wurstbude plündern werden! ... Nun – lassen wir sie ... Bedienen Sie sich mit Schlagrahm, Sir! ... Ja – um auf unsere Angelegenheit zurückzukommen: Sie sehen in mir einen wahrhaft liberalen – einen modernen Russen im guten Sinn ... Ich stehe links – ich leugne es nicht ... aber in einer gemäßigten – einer besonnenen Art ...« »Das eben verbindet uns mit Ihnen und Ihren Freunden!« »Und diese Freunde sind zahlreich! ... Ich bitte Sie: alle diese geflüchteten Großindustriellen – diese neuzeitlich denkenden Würdenträger ... Es ist ein Unglück, daß die rote Welle in Rußland über uns hinwegflutete. Aber das darf uns nicht hindern, den Weg der Mitte zu gehen, auf dem allein ein neuer, freiheitlicher Aufbau Rußlands geschehen kann! Wie ich das Glück habe, Ihnen hier gegenüber zu sitzen, Sir, ist mir das Treiben unserer Russen der äußersten Rechten – der echt russischen Leute, die es leider auch hier in Berlin gibt – ebenso verhaßt wie die Herrschaft der roten Dschingiskhane auf dem Kreml! Wir brauchen Anlehnung an westliche Kultur, westliches Kapital ...« »... über das Geld sprechen wir nachher, mein lieber Herr von Laskarew ...« »Ich danke Ihnen, Sir! ... Entschuldigen Sie eine Minute ... Ich werde leider gerade jetzt am Telephon gewünscht ...« Durch das Hörrohr knurrte die Stimme Jakob Uhkeneeks: »Das Fräulein, das Euer Gnaden den Kopf heiß macht ...« »Schwatze nicht ...«, herrschte der andere auf russisch hinein. »... Schmelke Machalles hat draußen in Erfahrung gebracht, daß sie von heute abend an als Lautenspielerin im Orchester des ›Kolokól‹ – eines Lokals am Kurfürstendamm – mitwirken wird!« »Gut!« »Und wenn weitere Nachrichten nötig sind – wo treffe ich Euer Gnaden heute abend?« »Frage nicht erst, du Dummkopf! ... Im ›Kolokól‹!« 5 »Stehe nicht so stumpfsinnig da, du oller Jahrmarktsriese!« schrie der stud. agr. Bernd Vollbrecht. »Strahle!« »Worüber denn?« Der Polytechniker Ribbentropp hockte in Hemd und Unterhosen auf seiner eisernen Bettstelle im Dachstübchen der Mutter Peereboom. Er kam eben von seiner täglichen Sackträgerarbeit in dem Hafenspeicher an der Spree. Der blonde Jungmann, der ihm rittlings auf einem wackeligen Strohstuhl gegenübersaß, lachte ihn wie ein Junge an – lachte mit dem bartlosen, frischen Mund und mit den blauen Augen, und rief: »Herrgott – man strahlt eben ... Warum – ist ja ganz piepe! ... Man ist eben auf der Welt ... Man ... man ... na kurz: ich finde das Leben tadellos ... Patenteinrichtung ... Friedensware ...« »Und das sagt dieser Mensch!« Der Riese Ribbentropp bürstete sich den Staub aus den igelartig kurzgeschnittenen Kopfstoppeln. »... das reine Schwein wird man bei dem Metier da draußen ...«, brummte er, und dann wieder mit einem vernichtenden Blick auf den Freund: »Das sagt dieser leichtsinnige Piefke, nachdem er sich heute wieder den ganzen Tag umsonst die Stiefelabsätze in Berlin nach Arbeit schiefgelaufen hat ...« »Ja. Es ist merkwürdig, wie viele Leute mich nicht brauchen können!« Der junge Mann schüttelte zerstreut und sorglos den Kopf. »Wenn sie mich bloß sehen, kriegen sie kalte Beene ...« »Aber so geht das nicht weiter!« »Nicht wahr?« Bernd Vollbrecht blickte lebhaft auf. »Du darfst es nicht bis zum Äußersten kommen lassen!« »Hört! Hört!« »Es muß etwas geschehen!« »Sehr wahr – rechts.« »... und zwar bald ...« »Sobald wie möglich ...« Der blonde Landwirt sprang aufgeregt von dem durchlöcherten Strohsitz empor und legte dem andern die Hand auf die Herkulesschulter. »Sieh 'mal: Sie besitzt ja effektiv keinen roten Heller ...« »Was?« »Mit dem Dollar, den ich ihr jetzt bringe, reicht sie auch nicht weit ... Paule ... Hab' die Güte und mache nicht eine so furchtbar beschränkte Visage ...« »Ja – aber hör 'mal ...« »Gib lieber einen guten Rat, wie man ihr helfen kann, statt daß du das Maul aufreißt!« In Paul Ribbentropps gutmütigem Antlitz verzog sich unter dem zahnbürstenartig kurzen Schnurrbart die rote, dreieckige Rißnarbe des Granatsplitters am linken Mundwinkel voll ärgerlichen Staunens. »Von wem redest du denn?« frug er erbittert, obwohl er es ganz genau wußte. »Von ihr!« schrie der Student begeistert. »Von ihr ... ihr ...« »Von der kleinen Russin?« »Sie ist eine Deutsche! Sie spricht Deutsch wie wir! Luja heißt sie! ...Klingt Luja nicht süß?« »Bernd ... komme zu dir ...« »Weißt du, wann sie am süßesten ist? Wenn sie so von unten langsam ihre herrlichen braunen Augen hebt ...« »Grün sind sie – hast du doch erzählt – wie bei 'ner Katze ...« »... und einen anschaut ... Ach – da möchte man vergehen! ... So 'was erschafft nun der liebe Gott ... So 'was läuft tatsächlich auf der Welt herum ...« »Der Kerl ist übergeschnappt!« Der Riese spuckte düster auf den ungeheuren Stiefel in seiner Faust und striegelte mit der Wichsbürste hinterher. »Kannst du dir vorstellen, was sie für reizende, kleine Händchen hat ...« Der junge Mann lächelte verzückt und träumerisch. »Diese blauschwarzen Wuschellöckchen hinten im Genick – das ist 'was Goldiges ...« »Also eine Eisblase ...« »...Nun erst der innere Mensch ... Ein Kind und ein Weib ... beides in einem ... Eine Reinheit ... Eine rührende Unschuld ... Man möchte die Hände falten und beten ...« »Es ist wirklich interessant, wie verrückt ein Mensch werden kann!« sprach Ribbentropp. »Verrückt?« Der andere stand vor ihm. Er war einen halben Kopf kleiner. Er faßte zutraulich die beiden mächtigen Pranken des Freundes. Er schaute freimütig, mit einem glückseligen Lächeln zu ihm empor. »Nein, Kerlchen ... Ich bin verliebt ...« »Das merkt man ...« »... aber verliebt ... sag' ich dir ...« »... wie ein Märzkater! ... Leider ...« »... und wenn ein Mensch verliebt ist – das ist erst das Richtige ...« Bernd Vollbrecht lief stürmisch mit geballten Fäusten durch die Dachstube. »Dann ist ein Mann erst er selbst! ... Ein Kämpfer! Dann muß man schützen ... helfen ... stark sein ... Weißt du, Kleiner: Ich spüre jetzt einen kolossalen Mumm in mir! Ich werde das herrliche Geschöpf schon vor allen Fährlichkeiten bewahren ...« »Zupf' dich lieber an deiner eigenen Nase.« »Sie ist ja ein kleines Wunder! ... Also ich muß dir 'mal von ihr erzählen ...« »... und suche dir selber eine Brotstelle! Der Alfred tut es heute auch! Der will, glaube ich, fliegender Wurstmaxe am Kurfürstendamm werden! Ich für mein Teil habe heute schon gut hundert Zentner auf meinen Schultern balanciert! Bloß du ...« »So? ... Und wie lange schaffst du's noch als starker Mann an der Spree?« »... bloß du himmelst – direkt blöde, mein Sohn – ein kleines Mädchen an ...« »Du dusselst schon nachts vor Ermüdung beim Ochsen ein!« Der Landwirt blieb stehen. »Ich hab' dich gestern sitzen sehen – mit der Denkerstirne auf deinen Büchern – und schnarchen ... na – um 'nen Toten aufzuwecken ...« »Ich brauchte freilich 'ne Abwechslung – statt der Knochenmühle den ganzen Tag!« Der Werkstudent zuckte die Achseln. »Aber woher nehmen und nicht stehlen? ... Na – wohin denn, Bernd?« »Zu ihr!« flüsterte der junge Mann geheimnisvoll und geschäftig. »Zu ihr ... Gestern war sie nicht daheim. Aber heute, denk' ich, treffe ich sie und bringe ihr den Dollar! Den verdanke ich dir, du alter Esel! ... Ich werde sie von dir grüßen ...« »Zieh wenigstens deinen Mantel an! Es ist kalt draußen!« »Ach – ich finde das Wetter prima! ... Berlin ist doch eigentlich zu nett ... Famose Leute wohnen dadrin ... Ihr seid alles Hauptkerle ...« Bernd Vollbrecht stülpte sich den Hut auf den Blondkopf und stürmte auf den Flur. »Mutter Peereboom – möchten Sie 'nen Kuß?« »Mein Jeld möchte ick 'mal besehen!« Die dicke, schlampige Quartiermutter spreizte kampflustig die zehn Finger in die Hüften. »Mutter Peereboom – Sie müssen in Ihrer Jugend 'mal eine Schönheit gewesen sein! Man sieht es Ihnen heute noch an!« Der junge Mann sprang leichtfüßig die Treppe hinab und warf eine Kußhand zurück: »Mahlzeit! ... Mahlzeit ...« Paul Ribbentropp erläuterte: »Er ist nämlich seit gestern heftig verschossen.« »Det war ich in meiner Jugend immer! Ejal im Liebesjlanz!« sagte Mutter Peereboom. Unten schlug das Haustor. »Denn woso ist man sonst uff dieser Erde? Da läuft er nun hin zu ihr ... Det wird ooch nich anders, so lang noch 'n Spatz auf der Welt piept! ... Wo wohnt sie denn – det Mächen?« »Drüben im Bayerischen Viertel ...« Dort öffnete auf Bernds Klingeln ein jüngerer Mann mit dunklem Borstenhaar und dunklem Schnurrbart und musterte aus seinen tiefliegenden Augen in mißfälliger Abwehr den Studenten. Sein russisch gefärbtes Deutsch klang rauh. »Fräulein Büttner kam vorhin heim. Aber sie ist nicht zu sprechen!« »Woher wissen Sie das?« Der blonde Student schaute herausfordernd dem Mennoniten in das energische, sonnengebräunte, finstere Gesicht. »Mein Name ist Gritsch ...« »Das ist mir ganz Wurst! ... Gehört Ihnen die Pension hier? ... Sind Sie ein Verwandter von Fräulein Büttner ... Bräutigam – nee? Alles nicht? Also – wie können Sie denn dann im Namen der Dame reden?« »Ich kenne das junge Mädchen seit sieben Jahren! Ich stamme wie sie aus der Krim – oder wenigstens aus der Nähe ...« »Na – wenn alle Leute, die von dort her sind, sich in meine Angelegenheiten mischen wollten ... Geben Sie mir jetzt gefälligst den Weg frei, damit ich bei Fräulein Büttner anklopfen kann ...« »Nein. Es ist meine Pflicht ...« »Hören Sie 'mal: Ich kann nämlich verdammt eklig werden!« »Oh – fluchen Sie nicht! ... Es ist Gott dem Herrn ein Scheuel und Greuel ...« »Sind Sie ein Pfarrer?« »Ich gehöre zu den Taufgesinnten ...« »Na gut! Dann taufen Sie 'mal den Kurfürstendamm lang! Aber lassen Sie mich jetzt durch!« »Einen Augenblick noch! Es möchte Sie nur schnell vorher jemand sprechen ...« »Mich? ... Wer denn?« »Christus!« sagte Paul Gritsch ruhig und gedämpft. Der andere sah ihn mit offenem Mund an. Der Taufgesinnte Wiederholte, ganz selbstverständlich: »Christus! ... Sehen Sie ihn denn nicht? Da steht er ja dicht neben uns? Hören Sie ihn nicht: ›So Einer ein Weib anschaut, ihrer zu begehren ...‹« »Helfen will ich ihr ... zum Kuckuck!« »Warum wollen Sie gerade diesem Mädchen helfen? Warum geben Sie denn nicht auf dem Weg hierher Ihren Dollar dem nächsten armen alten Weib? Weil dies Mädchen schön ist ...« »Ist Schönheit bei Ihnen ein Verbrechen ...Sie Wiedertäufer? Na – bei mir nicht! Das geb' ich Ihnen schriftlich! ... Natürlich nehm' ich mich lieber solch eines Mädchens an als irgendeiner ollen Harfenjule auf dem Wedding ...« »Man soll im Leben nur ein einziges Weib begehren,« sprach Paulus Gritsch langsam und nachdrücklich, »die, die nach Gottes Willen unsere siebte Rippe und ein Stück unserer selbst sein soll, unser Leben lang, in guten und bösen Tagen, und auch der Tod soll uns nicht scheiden! ... Was sind Sie von Beruf, wenn ich fragen darf?« »Na – Student ...« »Können Sie denn eine Frau ernähren?« »Vorläufig noch nicht mich selbst!« sagte der junge Mann unwillkürlich und schnell. »Haben Sie also, als Sie hierher liefen, an die Ehe gedacht? Nein! Nur an die Liebe! Sie wollen es machen, wie wir Männer es alle machen, wenn wir nicht an Gott denken: Den Apfel vom Baum pflücken und dann weitergehen ...« »Lassen Sie sich nicht stören! Predigen Sie nur ruhig weiter. Ich hab' jetzt leider anderes zu tun ...« »... einem Mitmenschen Gutes zu tun? – Nein – sondern einfach mit einem hübschen Mädchen zu tändeln und zu liebeln.« »Hören Sie 'mal, Sie Betbruder: Ich bin in keiner so gottseligen Verfassung ...« »... und das arme Mädchen unglücklich zu machen – aus Liebe – wie Sie das nennen ... Denn Sie sind ein Kind der Welt ...« »Nu aber Schluß mit dem Gekolke ...« Der blonde Jungmann richtete sich heißblütig auf. »Glauben Sie, ich lasse mir von jedem Heilsarmeeonkel dumm kommen? Ich bin ein durchaus anständiger Mensch ... das schreiben Sie sich gefälligst hinter die Ohren! ... Von reinen Grundsätzen und vom guten neuen deutschen Schlag, wo man nicht mehr auf der Bierbank sitzt und zotet, sondern feste Fußball spielt und Langstrecken läuft – und meinetwegen auch Shimmy tanzt – aber das ist wirklich keine Sünde! ... Ich hab' eine Mutter und eine Schwester! ... In Fräulein Büttner ehre ich die beiden! Von mir hat Fräulein Büttner wirklich nichts zu besorgen ...« »Ich glaube an Ihre Grundsätze! Aber der Geist ist willig und das Fleisch ist schwach!« »Na – und wie steht denn das damit bei Ihnen, alter Freund und Kupferstecher?« Der junge Mann tippte lachend dem andern mit dem Zeigefinger vor die Brust. »Mir scheint: bei Ihnen brennt's gerade so unter der Weste! ... Hand aufs Herz: Ist Ihnen das Fräulein Büttner ganz gleichgültig?« »Ich liebe sie seit sieben Jahren!« Die tiefliegenden Augen des Schafzüchters aus der Tatarensteppe dunkelten unerschütterlich ruhig unter der finsteren, starkgewölbten Stirne. »Na – sehen Sie wohl! Nun wird der Angeklagte geständig! Das wollt' ich bloß hören ...« »Ich bin Landwirt ...« »Ich auch!« »Aber ich besitze, im Gegensatz zu Ihnen, Vermögen! Ich stehe im Begriff, nach Amerika auszuwandern und mir dort eine Farm zu kaufen! Ich bin in der Lage, Frau und Kinder sorgenfrei zu ernähren!« »Warum haben Sie das denn Fräulein Büttner nicht erzählt?« »Ich habe es oft getan!« »Und was hat sie geantwortet ... ohne Umschweife: Ja oder Nein?« »Sie hat bisher stets Nein gesagt!« Die Stimme des Mennoniten klang rauh und ruhig. Bernd Vollbrecht schüttelte den frischen, blonden Kopf. »Ja – aber mein Herr Kollege von der agronomischen Fakultät ...,« sagte er, »dann ist die Sache doch für Sie erledigt ... aber komplett er–le–digt! ... Dann sind Sie doch aus der Leitung ausgeschaltet ... Dann stören Sie hier doch nicht weiter! ... Hilft Ihnen übrigens auch nicht die Bohne! ... Da kommt Fräulein Büttner ohnedies, ganz von selbst, aus ihrem Zimmer!« Die kleine Deutsch-Russin trug ihr fadenscheiniges, braunes Mäntelchen und auf dem schwarzen, blassen Köpfchen die zerdrückte Reisemütze, die schon die Krim und den Kreml gesehen. Sie schritt in Eile nach dem Ausgang und erwiderte, einen Augenblick stehen bleibend, nur flüchtig Bernds stürmischen Händedruck. Sie lächelte dabei schwach und zerstreut. »Oh – Sie sind es ...«, sagte sie. »... Herr ... Herr ... Verzeihung: Ich vergaß Ihren Namen! ... Nun – es macht ja nichts ...« Sie ging weiter nach der Flurtüre, der junge Mann neben ihr. »Was haben Sie da? ... Was wollten Sie mir bringen? ... schon gestern? ... Diesen Dollar? ... Sie sind sehr gut – aber ich danke ...« »Ach ... bitte ... bitte ...« »Ich fand eine Stellung, die mich ernährt ... Ich trete sie jetzt eben an! Man versprach mir Vorschuß! Es ist alles in Ordnung!« »... Und ich möchte doch um mein Leben gern Ihnen behilflich sein.« Der std. Vollbrecht steckte betrübt und betreten seinen Geldschein wieder in die Westentasche. Das junge Mädchen stand neben ihm auf der Schwelle. Er bemerkte nicht, mit dem Verstauen des Dollars beschäftigt, wie ein kurzer, düsterer, forschender Blick unter den dichten schwarzen Wimpern her ihn streifte. Ein rasches Gedankenspiel hinter ihrer gefurchten weißen Stirne. Eine Wiederholung seines Wortes: Behilflich?...Bei allem? ... Was ich nur will?...Der Mennonit war ihnen beiden gefolgt. Er faßte Luja Büttner plötzlich am Arm und zog sie gebieterisch in eine Ecke des Flurs zurück und wies auf seinen Nebenbuhler, der ungeduldig draußen auf dem Treppenabsatz am Geländer lehnte. »Wissen Sie, wer das ist?« murmelte er. Sein strenges und grüblerisches Antlitz war unbewegt. »Ja. Ein deutsches Studentchen!« »Nein. Es ist der Teufel. Er will Sie versuchen ...« Die kleine Schönheit lachte. »Den habe ich mir ganz anders vorgestellt!« sagte sie. »Aber ein heiliger Mann wie Sie, Gritsch, muß es ja wissen!« »Sie denken wohl, der Teufel geht mit Hörnern und Klauen umher? Dann wäre er der dumme Teufel! Aber der Teufel ist klug. Er kommt freundlich und nett – so wie die jungen Mädchen einen jungen Mann gern sehen!« Das Lächeln war längst wieder von den zarten Zügen der kleinen Büttner verschwunden. »Gut!« sagte sie in Gedanken vor sich hin. »Der Teufel soll mir nur helfen!« »Lästern Sie nicht, Lujal« »Ich brauche aber den Teufel ...« Luja Büttner sprach es heiß und halblaut und stampfte ebenso leise mit dem Fuß. »Sie verscheuchen ihn mir bloß! ... Gehen Sie doch schon! Gute Nacht, Gritsch!« Aber der Bibelchrist aus der Nogaischen Weidesteppe machte statt dessen drei große Schritte nach der Flurtüre. »Gritsch ... Ich habe dringend zu tun ...« Er breitete, als Antwort, die Arme rechts und links nach dem Türpfosten aus und versperrte den Ausgang. »Ich bin in Eile! Ich muß in das Kabarett ›Kolokól‹!« »In die Hölle wollen Sie!« rief der Gottesmann heftig. »Ich hab' es gehört, wie Sie es drinnen Frau Mickott erzählten ...« »... daß ich jetzt ehrlich mein Brot verdienen und sie bezahlen könne ...« »... daß Sie sich an eine Stätte begeben wollen, die der Gerechte verabscheut ... unter zechende Männer und entblößte Weiber – unter liederlichen Singsang und leichtfertigen Tanz ... unter die Rotte Korah.« »Das ficht mich nichts an! Ich spiele meine Balalaika und habe zu leben ...« »Das Leben – ein Gott wohlgefälliges Leben – haben Sie viel näher ... hier bei mir ...« »Ein Tatarendromedar bei uns in der Krim ...« Luja ballte zitternd vor Zorn die kleinen Fäuste, »ist nicht so eigensinnig und zäh auf seinen eigenen Kopf bedacht wie Sie, Gritsch! ... Aber hier in Berlin haben wir durch Gottes Hilfe deutsche Ordnung! Hier bin ich frei und habe dasselbe Recht wie andere, wenn ich auch nur ein armer Flüchtling bin! Geben Sie mir den Weg frei!« »Kennen Sie diesen Weg?« »Nein! Aber ich frage mich schon durch!« »Ich führe Sie!« schrie vom Vorplatz eifrig Bernd Vollbrecht, und in seine Worte hinein, düster, dräuend, zu Luja der Taufgesinnte: »Sie mißverstehen mich! Ich meine nicht irgendwelche Gassen hier in Babel! Ich meine den breiten Weg des Verderbens und den schmalen Pfad des Heils. Ich lasse Sie nicht auf die große Straße der Verdammten, Luja! Ich stehe hier vor der Pforte wie der Cherub mit dem feurigen Schwert!« Das junge Mädchen duckte ihr zierliches Figürchen, neigte schnell das feine, brünette Haupt und huschte leichtfüßig unter dem ausgestreckten linken Arm des Mennoniten durch und hinaus – in Sprüngen die Treppe abwärts. Bernd Vollbrecht im Sturm hinter ihr her. Draußen, auf der Tölzer Straße, gesellte er sich unbefangen an Luja Büttners Seite und wies den Bürgersteig hinab. »Hier – gleich um die Ecke links ... Donnerwetter ... so'n Kunde aus Zion geht einem auf die Nerven ... so ... nun haben wir die Richtung Kurfürstendamm! Aber ich muß Sie bis hin begleiten! Allein finden Sie's nie! Im Bayerischen Viertel laufen alle Straßen windschief!« Der Märzabend dämmerte. Je mehr sich die beiden der Gedachtniskirche näherten, desto farbiger lockten, nach dem Grau des Alltags, die tausend Lichter der Nacht. Die grellen Augenpaare der Autos flitzten, die bunten Fronten der Kinos schrien, feurige Lettern huschten am schwarzen Himmel die Dachsimse entlang. Die zahllosen Läden leuchteten, lichtübergossen standen die Warenhäuser, schwarze Menschenmassen fluteten unten, im Geschrei der Zeitungsverkäufer, dem Blöken der Hupen, dem großen Jahrmarkt des Westens zu – der nächtlichen Amüsierstadt zwischen Joachimsthaler und Uhlandstraße, voll von Dielen und Bars, Kinos und Kabaretts, Café- und Likörstuben, Tanzsälen und Spielklubs, Weinkneipen und Bierstätten. Das war die farbige Fledermausstimmung von Berlin, wenn nach des Tages Last und Mühe alle Wünsche und Süchte ihre Schwingen regten, alle Lüste des Lebens hinausgaukelten in das Irrwischgeflimmer längs der wimmelnden Breite des Kurfürstendamms. Polonaisen standen vor den Kinokassen. An den Tingeltangeln stauten sich enttäuschte Gesichter vor dem Aushang: »Wegen Überfüllung polizeilich geschlossen.« In den blaurauchigen, menschenschwarzen Kaffeehäusern sah man durch die Scheiben langhaarige Besessene, mit allen Gliedern zappelnd, das schwüle Gequäke der Saxophonbanden dirigieren, und die andächtigen Mienen der Zuhörer. Auf dem Weg nach dem Berlin bei Nacht hatte der Student nicht viel mit seiner verwunschenen Prinzessin geredet. Sonderbar: Es war doch solch eine Spendierlaune der Vorsehung – er war doch so begnadet vom Schicksal –, er durfte an ihrer Seite gehen ... Und nun verschlug ihm doch irgend etwas die fidele Stimmung ... die unbefangene Sprache ... Das war dieser Prediger aus der Wüste – aus der fernen, russischen Steppe ...dieser Mensch, der das Leben so blödsinnig ernst nahm – und immer gleich mit allen seinen Folgen – Bernd Vollbrecht ärgerte sich noch nachträglich über den Stillen im Land und wurde doch das Gefühl nicht los: So ganz ein bißchen hat der Kerl ja recht ... Aber kann der Mensch dafür, daß er sich verliebt? Nein! Er kann nur seine Liebe hoch und heilig halten und das Beste aus ihr machen – für sich und für sie! ›Und das will ich tun!‹ Es wurde dem stud. Vollbrecht bei diesem inneren Gelöbnis leicht ums Herz. Jetzt war er dem Mennoniten beinahe dankbar. Er lächelte befreit und schaute aus seinen lustigen blauen Augen als frommer Knecht Fridolin zu der kleinen, schwarzen Schönheit hinüber und freute sich: Sie erwiderte, weich und zutraulich, seinen warmen Blick. Sie war viel gnädiger als bisher. Sie sagte frisch und heiter: »Nun, uns beiden hat heute Gott geholfen!« »Ihnen schon, Fräulein Büttner! Finde ich auch ganz in der Ordnung! ... Aber – was mich betrifft ...« »Aber ja! – Gestern hatten wir beide keine Kopeke! Heute besitzen Sie einen Dollar! Also fanden Sie doch eine Stellung ...« »Das war leider nur ein Gelegenheitsverdienst. Ich bin nach wie vor ohne Arbeit! Ich fände schon welche, wenn ich das Studium ganz an den Nagel hängte! Aber das darf ich doch nicht! ... Ich muß doch an meine Zukunft denken ...« Er hätte beinahe gesagt: ›An unsere Zukunft!‹ – »Kurz: Es ist eine verwünschte Geschichte ...« »... Wenn ich mich zum Beispiel nur des Abends ein paar Stunden nützlich machen könnte!« begann er nach einer Weile noch einmal. »... Dann wäre mir schon geholfen! Man kommt sich ganz dumm vor! Ein junges Mädchen wie Sie ist schon nach ein paar Stunden als werktätige Lohnempfängerin irgendwo untergekrochen! Und unsereiner steht da – mit seinen Kenntnissen – und kann sie nicht verwerten! ... Ich kann doch nicht auf dem Asphalt da Wruken pflanzen oder vor dem Café Größenwahn eine Standweide errichten! ... Sehen Sie ... vor uns ... diese feurige Glocke aus roten und grünen elektrischen Lämpchen über dem Eingang, vor dem der Portier mit den schönen, silbernen Tressen steht – das ist das Kabarett »Kolokól« ... also auf deutsch: »Glocke« ... Na – man 'rin ins Vergnügen! Ich liefere Sie drinnen ab!« Der Türhüter mit seinem Dreispitz und Knaufstock kümmerte sich nicht um die beiden, sondern schwatzte angelegentlich, mitten auf dem Bürgersteig stehend, mit einem Bekannten. Sie gelangten unangefochten durch das Foyer bis in den kleinen Saal des Überbrettls. Er lag noch im Dämmerlicht. Die koketten, rotausgeschlagenen winzigen Logen, die großen und kleinen weißgedeckten Tische im Parterre gähnten leer. Die Kasse war noch geschlossen. Der »Kolokól« war vornehm. Er begann, wie die Programme am Eingang verkündeten, erst gegen zehn Uhr abends. Ein dicker, alter Oberkellner mit einem pfiffigen, feisten Rattengesicht hantierte hemdsärmelig am Büffet! Aus dem Hintergrund herrschte eine schneidende Kommandokehle: »Alfons! ... Schläft denn der Kerl – der Kammacher – da draußen! ... Da läßt er mir doch weiß Gott schon Publikum in den Saal ...« »Den Kammacher – seitdem der sich auf Koksschnupfen verlegt hat – seitdem hat Gott den in seinem Zorn zum Portier geschaffen, Herr Baron! Das sag' ich jede Nacht!« »Gehen Sie 'raus und richten Sie dem Lümmel aus: Wenn jetzt noch das geringste vorkommt, fliegt er auf der Stelle!« Ein schneidig aussehender, nach dem letzten New-Yorker Modejournal gekleideter junger Mann trat verbindlich auf Bernd und die kleine Büttner zu. Sein Schnurrbart war nach Vorkriegsart gesträubt, das randlose Einglas funkelnd in der rechten Augenwölbung festgewachsen. Er milderte den schroffen Eindruck durch das breite goldene Damenarmband am linken Handgelenk und die kokett geknüpften, breitflatternden Schleifen an den Lackschuhen. Er versetzte sehr höflich: »Sie kommen leider viel zu früh, meine verehrten Herrschaften ... Ach so ... Fräulein ... Sie sind das neue Mitglied der Balalaika-Kapelle... bitte ... man wartet dort drüben schon auf Sie, um zu proben!« Ein flüchtiges, verabschiedendes Kopfnicken. Der übernächtigbleiche Manager wandte sich, Bleistift und ein Blatt Papier mit der Saalordnung in der Hand, an den schwammigen Oberkellner. »Wer hat für heute abend 'nen Einzeltisch direkt an dem russischen Orchester bestellt? ... Verrückt! ... Es ist ja alles ausverkauft ...« »Ein Herr Serge Ssilin ... steht auf seiner Karte ... Ich hab' mich erkundigt: Das ist ein Kavalier! Ein mächtig großer Schieber!« »Das sagen Sie so ... und nachher trinkt er 'ne Pulle Mosel ... Was hat er hinten auf die Visitenkarte geschrieben: Er legt 'ne Million Mark für das Tischreservieren bei ...?« »Hier ist der Zaster!« »... und genügend französischen Champagner kalt stellen! ... Ja – und der Tisch steht noch nicht? ... 'rin damit ... ganz dicht an die Kapelle! Einen Armsessel für den Herrn! ... Setzen Sie eben die andern Leute so eng, als sie noch pusten können ...« »Aber ich komm' mit dem Servieren nicht durch, Herr Baron! ... Ich muß 'nen Aide haben ...« »Ja – das erzählen Sie mir jeden Tag ...« »... wenn es nicht lauter Ausländer wären ... Mit Französisch und Englisch hab' ich keine Not ... Aber was die Russen sind ... und die Tschechen ... und die Polen und so ... wenn die nicht mehr ganz klar sind ... und sie kriegen die Rechnung – dann fangen sie an zu monieren ...« »... oder gerade, wenn sie noch klar sind, alter Schuft,« sprach der Geschäftsführer des »Kolokól« gähnend. »Na – Gott, Herr Baron: Irren ist menschlich! Besonders nach Mitternacht! ... Aber nun versteht man das Kauderwelsch von den Brüdern nicht, und während man sich mit ihnen 'rumzankt, geht einem schon am Nebentisch einer mit der Zeche durch ... Gestern erst 'ne ganze lebensgroße Berliner Familie ... Aber ich kenne den Kunden! Es ist ein Maurermeister aus ...« »Ja – ich bin ja schon die ganze Zeit auf der Suche für Sie, Alfons!« sagte der Elegant im Cutaway und gestreiften Bügelhosen. »Den ersten Besten können wir in den Betrieb nicht einweihen ...« »... und nicht so 'nen kessen Jungen, der uns nachher bei der Polizei anzeigt ...« »Nein – es müßte geradezu ein anständiger Mensch sein! – Am besten ein Grünhorn! ... Na – man muß 'mal sehen!« sprach der Manager sinnend und ging nach vorn. Dort, seitlings des herabgelassenen Vorhangs der Kleinbühne, schimmerten im Zwielicht, bunt wie eine Malerpalette, die farbigen seidenen Männerhemden und Frauenschürzen des Balalaika-Orchesters. Die blasse Winogradowa, die Senatorentochter aus Petersburg, nahm eben die kleine Büttner unter den Arm und schleppte sie nach der geschlossenen kleinen Seitentüre zur Bühne und rief: »Sie soll sich erst kostümieren, und dann proben wir – für den Fall, daß noch schnell etwas an den Sachen umgenäht werden muß!« Luja Büttner drehte sich um und reichte lebhaft, mit großen, fiebrigen Augen, ihrem Begleiter die Hand. »Auf Wiedersehen!« sagte sie, beinahe bittend, leise und dankbar, so daß es dem stud. Vollbrecht heiß ums Herz wurde. »Kommen Sie doch einmal des Abends hierher! Hören Sie mich spielen!« »Das geht leider Gottes nicht, Fräulein Büttner!« versetzte der blonde Jungmann betreten. »Ich hab' doch kein Geld, und das hier ist eine sündhaft teure Bude! Die kann ich mir nur von außen ansehn!« Ein freudiger Schein lief über sein Gesicht. »Aber ich werde nachher um ein Uhr draußen auf Sie warten und Sie nach Hause bringen! Sie können doch nicht allein heimgehn!« »Ja. Tun Sie das!« Die kleine Büttner lächelte freundlich. Sie drückte ihm noch einmal herzhaft die Rechte. Sie stieg hinter der Winogradowa durch die Bühnentüre und verschwand. Eine der Petersburger Balalaikabäuerinnen sprach lachend auf russisch zu den anderen, die Papyros im Mund: »Sie hat sich 'nen hübschen Jungen als Liebhaber ausgesucht ... die Kleine!« »Ich bin nicht ihr Liebhaber!« Alle die slawischen Köpfe fuhren bei den fließenden russischen Worten des jungen Mannes in die Höhe. Die Guitarrespielerin klimperte lässig auf den Saiten, die sie stimmte, und frug: »Und was sind Sie? Ihr Bruder? ... Ihr Vetter?« »Einfach ihr Freund!« sagte Bernd Vollbrecht, immer in leidlichem Russisch. »Ich will nur ihr Bestes! Weiter nichts. Das kann man verstehen oder nicht verstehen. – Und wenn man es versteht, kann man darüber lachen oder nicht lachen! Das überlasse ich ganz Ihnen, meine Damen und Herren! Ich erzähle es Ihnen nur, damit nicht der geringste Makel auf Fräulein Büttner fällt!« »Woher können Sie denn Russisch?« erkundigte sich der schnurrbärtige, vornehme Orchesterleiter im roten Bauernhemd, blauen Pluderhosen und hohen Stiefeln. »Ich war drei Jahre im Osten an der Front ... in Kurland ... in Galizien ... in Polen ... zuletzt ein halbes Jahr in Gefangenschaft im Ural. Da hab' ich Russisch gelernt – vorher ein bißchen Polnisch – Lettisch – alles mögliche!« Es zupfte jemand den Studenten leise am Arm. Er wandte sich um. Der Manager stand vor ihm. Sein Einglas funkelte forschend. »Kommen Sie 'mal ein bißchen da beiseite, junger Mann!« sagte er. Und dann, in der Ecke, mit der Andeutung einer Verbeugung: »Baron Zechhorn! ... Ich leite hier den Rummel! ... Sie sind ein gebildeter Mensch – nach Ihrer Sprache ...« »Student an der Landwirtschaftlichen Hochschule ...« »Ich hörte Sie vorhin sagen, Sie hätten kein Geld ...« »Ich habe nie ein wahreres Wort gesprochen!« »... Sie hätten kein Geld, um hier zu uns hereinzukommen! Es gäbe für Sie aber doch eine Möglichkeit, jeden Abend hier zu sein ...« Der Student fuhr auf. Sein Atem stand still, vor ungläubiger Erwartung. Ein unendliches Glücksgefühl überrieselte ihn langsam von Kopf bis zu Fuß. »... und dadurch auch in der Nähe der jungen Dame zu bleiben, die Sie, wie Sie eben erzählten, beschützen ...« »Herr Baron ... Ich glaub', ich träume ...«, sprach Bernd Vollbrecht, selig wie ein Junge. »Sie müssen natürlich arbeiten ...« »Wenn ich nur Arbeit bekäme! Ich lauf' mir ja schon die Beine krumm und werd' überall an die Luft gesetzt!« »Hier nicht! ... Sie hätten hier jeden Abend von sieben bis gegen zwei gutbezahlte Beschäftigung! Den ganzen Tag haben Sie für sich! Nun erschrecken Sie nicht, Verehrtester: Ich brauche einen jungen Gent, der mit den Gästen hier Russisch reden kann, als ... hm ... ja ... hm ... na kurz, als Aushilfskellner zur Unterstützung des dicken Alfons da drüben! ... Große Ansprüche an Servierkünste stellt das Publikum hier nicht! ... Das Kassieren besorgt der alte Knabe schon selber und gründlich. Es wird wenig soupiert. Daran liegt uns auch nichts. Die Hauptsache ist der Wein! Na – so 'nen Proppen 'rausziehen und einschenken werden Sie ja können! Es handelt sich vor allem darum, daß Sie die Bestellungen auf Russisch annehmen – jetzt gibt's immer Konfusion – und wenn Radau entsteht – daß Sie dann die Leute auf Russisch beruhigen können ... Sie haben ja 'was Liebenswürdiges im Wesen ...« Der Betriebsleiter des »Kolokól« hielt eine Sekunde inne und schloß dann: »... Ich begreife ja ... kein leichter Entschluß ... hm ... Mir auch nicht an der Wiege gesungen ...« Er faßte wie unwillkürlich mit der langen, weißgepuderten Damenhand an die Wappennadel in der wehenden Krawatte. »Na – überlegen Sie sich 'mal den Fall.« »Wann kann ich eintreten, Herr Baron?« »Donnerwetter ... – Sie gehen ja eklig ins Zeug! ... Wann? ... Na – sofort ... Das heißt ... Es ist da noch eine Schwierigkeit ... Besitzen Sie einen halbwegs anständigen Frack?« »Nee! Aber verschaff' ich mir ...« Der Student schwang hitzig seinen aus der Westentasche gerissenen Dollarschein. »Ihr Oberbonze dort verrät mir gewiß, wo ich sowas in der Nachbarschaft auftreib'! Tausend Dank, Herr Baron! In einer halben Stunde bin ich wieder da!« 6 Na – wird's, oller Dussel?« rief ein Chauffeur grimmig einige Stunden später dem vor dem Kabarett »Kolokól« verschlafen vor sich hindösenden Portier zu. Der Silberbetreßte kam zu sich. Er hatte jetzt noch – gegen Mitternacht – kaum neue Gäste mehr erwartet. Er schlurfte pomadig zu dem haltenden Auto und rief gähnend hinein: »Nischt zu machen! Alles besetzt!« »Hat man dich gefragt – he?« Der rüde von innen mit einem Fußtritt aufgestoßene Wagenschlag prallte dem Pförtner wuchtig vor die Silberknöpfe der Livree. Ein langer, hagerer Herr stieg aus. Ein zweiter gewichtiger, bleicher, dickbäuchiger Mann mit schwarzen Bartkoteletten kletterte hinterher und folgte dem andern in das Foyer. Dort herrschte der erste den gerade geschäftig vorbeischießenden Manager an: »Was ist das da draußen für ein Vogel? ... Jagen Sie ihn! ... Ist der Tisch für Serge Ssilin reserviert ...?« »Gehorsamster Diener! ...« Der Baron Zechhorn hatte plötzlich ein Scharnier im Kreuz. Er klappte wie ein Taschenmesser zusammen. »Alles selbstverständlich tip-top! Die Herren haben nur leider den größten Teil unseres fabelhaften Märzprogramms versäumt!« »Geschäfte ... Nun – ich werde von jetzt ab öfters kommen!« Der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« am Königsplatz schob nachlässig dem eleganten Empfangsherrn ein Bündel deutscher Inflationsnoten in die hohle Hand. »Für Sie ... Es werden einige Millionen sein ... Genügt das ...?« »Zu Befehl ...« Der übernächtige Betriebsleiter des »Kolokól« dienerte verwirrt. »Zu gnädig ... Heißen Dank ...« Er dämpfte vertraulich die Stimme: »Wenn die Herren irgendwelche Damenbekanntschaften wünschen – ich bitte ganz über mich zu verfügen ... Ich mache da die schwierigsten Sachen, ohne alle Apparate ...« »Bitte – verschonen Sie mich mit Ihren Weibern! ...« Der Halbrusse trat in den kleinen, heißen, von Zigarrenrauch, Speisegeruch, Parfümwolken, Menschendunst schwälenden Raum. Seine blaugrauen, gläsern-kalten Augen überflogen suchend das Gedränge der mit Weinflaschen und Sektkühlern bestandenen, von männlichen Nachtschwärmern und weiblichen Nachtfaltern umklebten Tischchen, von denen nur eins ganz vorn leer und verlassen dastand. Dort puffte Alfons, der schwitzende, dicke, alte Oberkellner hastig einen blonden, blauäugigen, frischen, jungen Kollegen in die Rippen. »Fritze ... Sie wollen doch hier auf den Namen Fritze hören – nicht ...? Oder war's August ...? – Nee – also doch Fritze ... man wird schon ganz verdreht ... Also Fritze: Da drüben kommt der Wollonkel doch noch ... mit noch 'nem Schieber! Flugs einen zweiten Sessel! ... Rücken Sie den miesen Japaner mit seinem Verhältnis 'n Eckchen nach hinten, damit es Platz gibt! ... Nun geben Sie sich mit der Bedienung Mühe, Fritze: Für 'nen Anfänger stellen Sie sich gar nicht so dumm an!« »Darf ich gehorsamst bitten!« Baron Zechhorn schob eigenhändig die Sessel zurecht. Serge Ssilin nahm Platz. Er wies mit einer weltmännischen Bewegung der plumpen, breiten Hand seinem Gast den Stuhl ihm gegenüber an. »Belieben Sie drüben, Herr Berith! Ich muß hier sitzen und das Orchester im Auge behalten! Wie ...?« Er hob den knochigen, rötlich wuchernden Schädel zu dem blonden, jungen Kellner neben ihm empor und fuhr auf Russisch fort: »Du sprichst Russisch? ... Gut ... Höre, Mensch: Bring' Sekt!« Dann wandte er sich wieder an Baal Berith, den gewaltigen Finanzmann aus der Njemetzkaja in Wilna, gegenüber der Synagoge, der sich mit einem rotseidenen Sacktuch die Schweißperlen von der schwarzumlöckelten Elfenbeinglatze wischte und, das Programm studierend, den goldenen Zwicker auf den scharfgebogenen Nasenrücken schob. Die zwei – der halbrussische Lette und der hebräische Litauer – verständigten sich in hartem Deutsch besser als in ihren beiden eigenen, einander verwandten Muttersprachen. »Die Vorstellung ist bald zu Ende!« meinte, den Zettel hinlegend, der große Baal. »Wir kommen spät ...« »... Weil Sie mich mit Ihren Geschäften aufhielten ...«, antwortete Serge Ssilin schroff und halb geistesabwesend. Seine groben, wie in ungeschlachter Urform erstarrten, bartlosen Züge röteten sich langsam. Er starrte unverwandt hinüber nach der ganz nahesitzenden Balalaika-Truppe. Deren Saiten ruhten jetzt. Auf der Bühne, gerade über den beiden Männern aus dem Osten, beschwor, in herbstlich-wehmütigen Versen, ein steinalter, zahnloser Roué des achtzehnten Jahrhunderts, die Liebesgeister seiner Jugend. Baal Berith ließ sich von dem Tapergreis da oben nicht stören. Er sagte schallend, durch die letzten Worte des sterbenden Casanova im einsamen böhmischen Waldschloß: »Ich muß diese Querstraße hier kaufen. Seit ein paar Tagen sind die Spanier mehr wie je auf dem Markt und verderben die Preise. In den Cafés in Barcelona handelt man nachmittags mit Berliner Häusern wie mit Streichhölzern!« Auf dem Überbrettl erschien, in eine schwache Andeutung von durchsichtigem Flor gehüllt, die Göttin der Liebe und drückte dem einstigen Liebling der Frauen die Augen zu. »Lev vel!« weinte unten, mitten im Parkett, aus einer Tafelrunde von Skandinaviern ein gerührter Norweger. Die Freunde beschwichtigten ihn. Man hörte etwas von »fuld« – betrunken ...Der Nordländer schob mit dem Ellbogen ein paar leere Likörflaschen von dem in Champagner schwimmenden Tisch und erhaschte den vorbeieilenden jungen Kellner am Frackzipfel. »Fritze! Opvarter! ... Jeg er terstig!« »Gleich! Gleich, mein Herr!« Es war nicht leicht für den stud. Vollbrecht, sich mit der Pulle und zwei Gläsern, die Serviette über dem Arm, zwischen den Stühlen durchzuwinden. Er passierte, auf dem Weg nach vorn, halb Europa ... Afrika ... Asien ... Amerika... Mulatten saßen da. Bebrillte, von einem Londoner Schneider eingekleidete Chinesen. Ein New-Yorker Geschäftsmann mit seinem über den Ozean mitgebrachten Tippfräulein. Engländer ... Belgier ... Franzosen ... Samuel Congo, der pechschwarze Zimmerherr der Geheimrätin Henke, in orchideengeschmücktem Frack mit goldknöpfiger, weißer Weste, eine bereits fast leere Kognakflasche vor sich, streitsüchtig das Weiß der Augäpfel rollend, von künstlich blonder Weiblichkeit umtreut. Weiter vorn ein Tisch mit vornehmen, schweigsamen, alten Russen. Der Osten, der Balkan in dutzendfacher Gestalt. Damen: Tief entblößt – im neuesten Modespinnweb die einen – im billigen Laufkleid aus der Konfektion die andern. Nicht zu erkennen, wer sie eigentlich waren. Die Männer mit weißer Hemdbrust oder im grauen Straßenrock, wie es jedem gefiel. Der junge Kellner goß vorn Serge Ssilin und seinem Gast Sekt in die Schalen und eilte flink weiter. Die Beiden beachteten ihn nicht. Baal Berith hatte den wuchtigen Leib halb auf dem Stuhl gewendet und schaute nach der russischen Kapelle. Die spielte jetzt das Volkslied aus der Heimat, das die Winogradowa schon an diesem Vormittag im Glashaus draußen geklimpert hatte. Die Saiten schwirrten und sangen in wirbelndem Takt von Wehmut zu Wildheit und wieder zu weinendem Weh. Der große Baal aus Wilna summte gefühlvoll mit. Er schlug am Schluß heftig klatschend die fleischigen, kostbar beringten Hände zusammen. Er drehte sich zu Serge Ssilin hinüber. »Wie doch der Zufall spielt ...«, sprach er. »Belieben Sie doch einmal, diese entzückende kleine Person im Orchester zu betrachten ... Die Dritte von links ... die mit dem naiven Kindergesicht ... Oh – euch kennt man ...« Er merkte nicht, daß sein Geschäftsfreund vom Königsplatz nicht zuhörte, sondern, ohne sich zu regen, ohne einen Ausdruck auf dem hartkantigen, grobgeschnittenen Gesicht, in das Orchester starrte. Er fuhr fort: »Mit diesem kleinen Windhund fuhr ich gestern im selben Zug von Eydtkuhnen nach Berlin! ... Ich wollte mich ihrer väterlich annehmen ... Haha ... Sie begreifen ...Mein Gott – was haben Sie?« Baal Berith fuhr zurück. Ihm war, als stierte ihn von drüben ein Wolf an – so grünlich glomm es in den Augensternen auf – so grimmig entblößten sich zwischen den wulstigen Lippen eine Sekunde lang zwei scharfe Eckzähne. Dann ging dag in ein weltläufiges Lächeln über. In ein blasiertes Petersburger Blinzeln. Serge Ssilin sprach gleichgültig: »Ja – ganz niedlich ... dies Geschöpf ... In der Tat ...« »Das Jüngferchen ist zum Anbeißen! Dies Köpfchen – ganz Milch und Kohle! Wie fromm sie es beim Spielen über ihre Guitarre neigt – artig wie ein junges Pensionsfräulein. Und wie behende diese spitzen Fingerchen spielen ...Die Kleine wird bald ihr Glück hier machen ... glauben Sie mir ...« »Ich denke auch ...« Serge Ssilin sagte es halblaut. Er wendete das fast wimperlose, längliche Antlitz mit der langen, kolbigen Nase und den großen, abstehenden Ohren nicht von der farbigen Musikantengruppe. Er sog das Mädchenbild in deren Mitte in seine glühenden Pupillen ein. Er riß es in Gedanken an sich. Er verschlang, mit seinen Sinnen, dieses russische Lämmchen – diese tiefbrünette, kleine Madonna, die in Feuereifer, ganz dem Takt der Melodie hingegeben, ohne einen Blick in das Publikum, ihre Laute schlug. »Nun kroch dieser Schmetterling aus der Larve!« versetzte wohlgefällig der große Baal. »Sie hätten sie gestern in der Eisenbahn sehen sollen ...In einem Bettelmäntelchen – verfroren und zerzaust – Ein entlaufenes Waisenmädchen ...und trotzdem reizend ... Aber was ist das gegen diesen kleinen Pfau jetzt? ... Merkwürdig, wie viel der Putz bei den Weibern macht!« Luja Büttner trug die Kirchgangstracht eines großrussischen Bauernmädchens. Den Sarafan – den Rock von feurigem Rot, das farbig gestickte weiße Jäckchen. Die zarten Knöchel waren mit verschnürten, dünnen, weißen Tüchern umwickelt. Die kleinen Füße staken in buntbenähten Schuhen. Das blasse Gesichtchen mit dem herzförmig geschürzten weichen Mund und den dichten, dunklen Brauen krönte der Kokóschnik, die hohe, mit zwei Zipfeln seitwärts die Ohren umschließende Mütze aus unzähligen Flußperlen, deren kleinste in vielen dünnen Schnüren über der niederen Stirne schaukelten. »Zum Malen ...« Baal Beriths Lippen schmatzten am Rand der Sektschale ... »Sie sehen mich wahrhaft beruhigt, Herr Ssilin! Stellen Sie sich vor: Ich hatte Sorge, dies Mädchen würde im Zug eine Unüberlegtheit begehen! Sie trug einen Revolver bei sich ...« »So ...? Einen Revolver? ...« frug der andere zerstreut. »Ich ermahnte sie noch, diese Waffe vor den örtlichen Behörden zu verbergen! ... Auf dem Bahnhof Friedrichstraße verlor ich sie dann leider aus dem Auge! Das Kind hatte es eilig wie ein Pferdedieb! ... Ich fürchtete nichts Gutes! ... Nein – Meine Sorge war unbegründet!« Der Mann vom Königsplatz erwiderte nichts. Er blickte unverwandt Luja Büttner an. In einer schweigsamen, lauernden, lähmenden Ruhe. Ihr Platz im Orchester war kaum fünf Schritt von ihm entfernt. Sie hatte ihn jetzt gesehen. Das hatte er bemerkt – in einem Augenblick, in dem sie, als Neuling etwas aus dem Takt gekommen, unwillkürlich den schnurrbärtigen Kapellmeister vorn suchte. Seitdem schaute sie nicht mehr von den Saiten auf. Alle Balalaiken sangen und schwangen in einem schwirrenden, brausenden Schlußakkord und verzitterten und verstummten. Gleich darauf sättigte sich der dicke, heiße Rauchschleier über den Tischen von dem jetzt wieder hörbaren babylonischen Sprachgewirr der Gäste. »Oh – det var kjedelig!« lallte laut und unzufrieden aus der Mitte des Parketts der bekneipte Norweger und schwenkte mit feuchten Äuglein sein Glas zu einer der wasserstoffblonden Treuhänderinnen des Negers Samuel Congo am Nebentisch. »Fröken ...« Er goß den Inhalt auf ihr Wohl hinter die Binde. Der schwarze Gentleman drüben blähte eifersüchtig die breiten Nüstern. Die weißen Augäpfel kollerten beinahe aus dem nächtlichen Rund seines Wollkopfs. Vorn in dem Raum winkte Serge Ssilin den Geschäftsführer heran und gab ihm einen kurzen Befehl. Der Baron mit dem Einglas stürzte davon. Gleich darauf erschien er inmitten des Balalaika-Orchesters. Er trug eigenhändig zwei Sektflaschen, zwei andere unter den Achseln. Der dicke Alfons und der junge Kellner Fritze folgten mit einer weiteren Anzahl Pullen und den Gläsern. Der Manager wandte sich an den Studenten: »Übersetzen Sie den Damen und Herren von der Kapelle: Der Herr dort am Tisch bittet sie als russischer Landsmann, mit ihm ein Glas auf sein Wohl zu trinken! ...« »Es ist kein richtiggehender Russe ...«, sagte der blonde Kellner. »Die Beiden quatschen Deutsch und manchmal ein paar Worte Lettisch miteinander!« »Halten Sie gefälligst den Rand! Wer 'ne Lage Sekt schmeißt, kann wegen mir 'n Hottentotte sein! ...Es gibt keine Ablehnung ...Polken Sie das man dalli der Russengesellschaft da auseinander ... Es geht ums Geschäft ...« Bernd Vollbrecht füllte mit dem greisen Oberkellner die Schalen. Als er zu der kleinen Büttner kam, hob sie ihren Perlenputz zu ihm auf und sagte, mit starrer Miene und einem sonderbaren Ausdruck in den großen grünbraunen, dunkelüberschatteten Augen: »Gießen Sie mein Glas nur recht voll – voll bis zum Rand!« Drüben an dem Tischchen erhob sich Serge Ssilin halb von seinem Sitz und trank, ganz geschmeidiger Weltmann von der Newa, höflich den Herren, mit einer ritterlichen Verbeugung den Damen zu. Sein Blick glitt über die buntgewandeten Russen und Russinnen und blieb, wie durch Zufall, lächelnd auf Luja Büttner haften. Sie hatte gehorsam, gleich den anderen, ihr Glas an die Lippen geführt. Er sah, daß sie schlürfte. Durstig schlürfte. Er sah, daß über den Kristallrand hin ihre Augen fest, in kalter Todfeindschaft, in den seinen ruhten. Sie leerte die schäumende Schale bis zur Neige. Sie setzte ab. Er sah: Sie lächelte. Sie erwiderte sein Lächeln – immer mit einem Blick auf ihn: ›Zwinge mich nur, vor dem Mörder meines Bräutigams lustige Weisen zu spielen! Zwinge mich nur, auf das Wohl des Mörders meines Bräutigams zu trinken! ... Zeige mir nur deine Macht! ... Warte nur, wer zuletzt lacht ... Ssawa Kol.‹ »Fritze ... Mensch ... stehn Sie nicht 'rum!« Das Rattengesicht des schnaufenden Oberkellners glänzte scheckig vor Schweiß. »Immer Betrieb! Sehen Sie 'mal dort: Herr Ssilin sitzt vor einem leeren Glas ...« Der blonde Kellner trat an den Tisch der beiden Männer aus dem Osten. Der mit den schwarzen Bartkoteletten nickte ihm vielsagend zu. Er hielt eine Visitenkarte und einen Hunderttausendmarkschein in der schwerberingten Hand. Um die spannten sich jäh, mit einem krallenden Griff über das weiße Tischtuch hinüber, die vierschrötigen, mit kurzen Nägeln bewachsenen, peinlich manikürten fünf Finger der Rechten Serge Ssilins. »Lassen Sie das, Herr Berith ...«, sagte er leise zwischen den Zähnen. Der Ton klang dem großen Baal unheimlich im Ohr. Er furchte fragend die Stirne. »Nun – was denn ...?« »Wir müssen Lettisch sprechen, damit dieser junge Kerl da, der uns eben Champagner eingießt, uns nicht versteht!« versetzte der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« jetzt wieder ganz ruhig. »Ich werde sehr langsam und deutlich reden – so daß Sie Zeit haben, sich den Sinn in das Litauische zu übertragen ...« »Es wird zur Not gehen. Aber ich verstehe nicht, Herr Ssilin ...« »Ich weiß, was Sie vorhaben ...«, unterbrach der Halbrusse, scharf jede Silbe betonend. »Sie wollen sich durch diesen Kellner bei jener kleinen Balalaika-Spielerin drüben als ihr Reisegenosse in Erinnerung bringen lassen ...« »Nun – und wenn es so wäre ...« frug der Mann aus Wilna fettlächelnd und kämmte sich unternehmend mit den Fingern seine Bartkoteletten. »Das ist ein appetitlicher Bissen! Ist Liebe ein Verbrechen?« »Wir machen hier in Berlin Geschäfte zusammen, Herr Berith ...« »Hoffentlich recht gute ...« »Ich werde mich bemühen ... durchaus ...in Ihrem Interesse! Aber erweisen Sie mir dafür auch von Ihrer Seite eine Gefälligkeit: ...Lassen Sie von dieser kleinen Musikantin dort drüben! ...Es gibt Frauenzimmer genug in Berlin! Aber ich dulde nicht – verstehen Sie wohl, Herr Berith: Das sagt ein Mann wie ich, mit dem nicht zu spaßen ist – ich dulde nicht, daß man gerade an dieses Mädchen rührt ...« Oh – Baal Berith begriff sofort sehr gut ... Er war nicht schwerhörig! Er schmunzelte nachsichtig und pfiffig. »Ihnen, Herr Ssilin!« sprach er geschäftsmäßig, so als habe er soeben auf der Börse ein Wertpapier weitergehandelt. »Meine Hochachtung! ... Das ging schnell! Gestern erst kam das schwarze Kind an, und heute schon legten Sie Ihre Hand auf sie ...« Serge Ssilin schaute hinüber nach der kleinen Deutsch-Russin. Sie hatte das Haupt mit dem Perlenaufbau gesenkt und stimmte leise ihr Instrument. Sie blickte nicht auf. Er sagte langsam: »Was nicht ist – wird werden ...« »Von mir aus, Herr Ssilin ... bitte ... gehört sie Ihnen!« »Noch nicht ...«, sprach der Halbrusse, immer auf lettisch, mit heiserer Stimme ... »aber bald ...« »Viel Glück ...« »Ich pflege das Glück zu erzwingen! ... Das wird das Vögelchen dort drüben merken ...« Serge Ssilin ging in das Russische über und drehte den rötlichen, ausgebeutelten Schädel nach rückwärts: »Kellner! ... Nun – da steht er ja noch hinter uns! ... Habt ihr Malossol? Bringe! Den ganzen Blechkasten in Eis!« Die Hände des blonden, jungen Kellners zitterten, als er die Platte auf den Tisch setzte. Er hielt sie schief. Der große, gefrorene Kristallblock, in dem die Kaviarschachtel eingebettet lag, wäre umgekippt, wenn nicht Serge Ssilins breite Hand ihn aufgefangen hätte. Der Halblette murmelte unwirsch auf russisch etwas von »Durak« ... Du Narr! Hinter ihm rieb sich der dicke Alfons unterwürfig die runzeligen Hände vor dem Schmerbauch. »Halten zu Gnaden! ... Der junge Mensch ist noch neu!« »Das merkt man ...« Der Mann vom Königsplatz gab dem Studenten einen befehlenden Kopfwink. »Gieße auch drüben ein ... bei den Russen ... Siehst du das Püppchen in der Mitte? ... Die Dritte? ... Willst du sie verdursten lassen, du Räuber? ... He? ... Spring!« Luja Büttner legte, als der junge Kellner vor ihr stand, abwehrend die flache Hand über ihre leere Champagnerschale. Er beugte den Blondkopf lächelnd zu ihr nieder, als wollte er ihr zureden, und flüsterte dabei mit zitternder Stimme: »Lassen Sie sich bitte von mir einschenken! Ich muß Ihnen etwas sagen ...« Sie schaute ihn mit großen Augen an und nahm zögernd die Hand vom Glas. Während die Schale sich mit dem weißen Schaum füllte, murmelte Bernd Vollbrecht – er wußte: die umsitzenden Russen vermochten ihn nicht zu verstehen; sie konnten nur ein paar Brocken Deutsch –: »Nehmen Sie sich um Gottes willen vor diesem Schubiak von Champagneronkel in acht!« Das buntgeputzte Bauernmädchen wandte scheinbar gleichgültig ihre schönen, düstern, braungrünen Augen hinüber zu Serge Ssilin, der jetzt eben ausnahmsweise nicht auf sie hinstarrte, sondern seinen Rotkopf mit Baal Beriths schwarzumkrauster Glatze zusammensteckte. Man hörte sein rauhes, fremdländisches Deutsch: »Sie müssen sich diese ganze Straßenseite hier im Westen morgen früh notariell sichern, ehe die Spanier ...« »... daß der Kerl euch alle hier unter Sekt setzt – das gilt ausschließlich Ihnen, Fräulein Büttner!« flüsterte der Student. »Nun – und deswegen sind Sie so bleich wie der Tod?« Die kleine Büttner drehte fast spöttisch ihr zartes, immer blasses Gesichtchen Bernd Vollbrecht zu. »Dieser Kunde ist nur wegen Ihnen hier ...« Er sah eine Sekunde einen Schein eines ihm rätselhaften Triumphs über ihr Antlitz hinleuchten ... Nein – Es war wirklich nur ein Schein. Er hatte sich geirrt. Er setzte leise hinzu und achtete nicht darauf, daß der Sekt schon über den Rand der Schale strömte: »Er ist in Sie verliebt ...« »Wirklich?« Nein – nun war es keine Täuschung ... Ein Husch von wilder Freude wetterleuchtete jäh über das weiche Kindergesicht. Ließ es eine Sekunde unheimlich fremd – hart – heiter erscheinen. Bernd Vollbrecht stand, die Flasche in der Hand, mit offenem Mund. Die Balalaikaspielerin lachte. Lachte leichtsinnig – und blinzelte befriedigt mit den Lidern – in einer seltsamen, lauernden Katzenart ... »Fräulein Büttner – Sie nehmen das nicht ernst ...« »Nun – ist es denn nicht komisch? Solch ein Mensch mit dem Äußeren eines sibirischen Sträflings ... Beachten Sie seine Ohren ...« »... und es wäre ja auch ein Wunder, wenn sich jemand nicht in Sie verschösse! ... Aber dieser faule Kopp dort führt dabei Böses gegen Sie im Schild.« Nun lag auf den klaren, feinen Mädchenzügen ihm gegenüber wieder eine sanfte, fast träumerische Ruhe. Der stud. Vollbrecht fuhr gedämpft fort: »Ich lag im Krieg ein Jahr lang in Kurland in den lettischen Dörfern in Quartier. Ich habe dabei etwas Lettisch aufgeschnappt. Der Kerl drüben sprach sehr langsam und deutlich Lettisch – Wort für Wort ... Ich habe das meiste verstanden! ... Er hat Sie dem andern – dem glatzköpfigen Jobber – förmlich abgekauft! Er verfügt kaltlächelnd über Sie ... so als ob Sie ihm gehörten ... oder in nächster Zeit gehören würden ... Ja – und da lachen Sie dazu ...?« »Nun – so viel Frechheit amüsiert mich ...« »Sie sagen das ganz naiv ... Aber Sie haben dabei einen Ausdruck, vor dem man erschrecken könnte ...« »O nein ...« Der gesenkte schwarze Madonnenscheitel unten bewegte sich abwehrend, in sanftem Kopfschütteln. »... und Ihr Gefühl sagt Ihnen sehr richtig: Es ist da eine Gefahr! ... Diese Kanaille schmeißt ja mit Geld um sich. Er tyrannisiert hier das ganze Lokal. Solchen Valutahyänen gehört ja augenblicklich Berlin. Wissen Sie, was er wörtlich gesagt hat?« »Erzählen Sie mir doch alles haarklein! bitte ... bitte ...« »Er habe Mittel und Wege genug, ein Vögelchen wie Sie zu zwingen! ... Ja – schreit denn das nicht zum Himmel? ... Mitten in der deutschen Hauptstadt sitzt solch ein dreckiger Halbasiate und erklärt ein anständiges, deutsches Mädchen, – wenn Sie auch aus Rußland kommen – Sie sprechen Deutsch ... Für mich sind Sie eine Deutsche! – erklärt Sie mir nichts, dir nichts für vogelfrei!« »Was soll ich dagegen machen?« Die kleine Büttner verschränkte die Hände über dem Instrument in ihrem Schoß. »Mit der Balalaika da kann ich ihn nicht totschlagen!« »... Ja – muß man sich das also einfach gefallen lassen?« »Töten Sie ihn doch ...!« Luja Büttner schaute ruhig zu ihm auf. In ihrer halblauten Stimme war keine Erregung. Er stand keines Wortes mächtig. Das junge Mädchen ergänzte einfach: »Sie haben als Kellner leicht ein spitzes Bratenmesser zur Hand ...« »Fräulein Büttner – um Gottes willen – was phantasieren Sie da ...?« »Sie kommen, wenn Sie bedienen, ohne Aufsehen in seine Nähe ... Sie stehen hinter seinem Stuhl ... Er spricht ... Er achtet nicht auf Sie ...« »Sie haben zu viel Champagner getrunken, Fräulein Büttner! Werden Sie sich klar ... Er ist doch schließlich sozusagen auch noch ein Mensch ...« »Ein Mensch ...? Wie denn das? Es ist ein Tier aus dem russischen Walde ... Begreifen Sie wohl: Ein Tier ...« »Kennen Sie ihn denn?« »Das ist ja gleich ...«, sprach unten die schläfrige Kinderstimme. »Aber man muß ihn beseitigen ... Das ist der Wille Gottes ...« »Ich glaube immer, ich höre nicht recht, Fräulein Büttner ... Das sind doch nicht Sie ... die da plötzlich die Gäste mitten im Lokal abschlachten lassen will wie die Hühner ...« »Ruhe da vorn – bei der Musik ...«, rief heiser aus der Mitte des Parketts der einzige Deutsche zwischen den Ausländern – ein Herr von der Konfektion am Hausvogteiplatz mit seinen Geschäftsfreunden aus der Londoner City. Der winzige Zuschauerraum des »Kolokól« hatte sich verdunkelt. Der Vorhang war aufgegangen. Maivollmondschein überdämmerte geisterhaft einen Friedhof. Die verstorbenen Nonnen kauerten in ihren schwarzen Kutten vor den Grabsteinen. Vor den Leichen tanzte und fiedelte, eine grinsende Knochenmaske über dem Antlitz, der Tod, in der Gestalt eines jungen Weibes, hauptsächlich nur mit zwei Fledermausflügeln an den Schultern bekleidet. Sein nackter Oberkörper drehte und wand sich weißleuchtend wie eine große Schlange zum Kastagnettengeklapper der Gerippe im Zwielicht. »Das ist knorke!« urteilte laut und beifällig der Berliner im Parkett. Die mitternächtige Lebewelt unten gähnte, rauchte Havannas, kippte Kognaks, brach Hummerscheren aus und ließ sich die müden Nerven von dem prickelnden Schauer des Gegensatzes aufpeitschen: das memento mori dort oben – das »Morgen wieder lustick« hier unten ... »Doch 'mal 'was fürs Jemüt, Kinder!« entschied der Herr vom Hausvogteiplatz. Bernd Vollbrecht stand neben ihm im Seitengang. Er konnte während des dämmerigen Mitternachtsspuks nicht servieren. Er fühlte: er hätte jetzt auch nur Dummheiten gemacht. Es wirrte in seinem Kopf. Es klang ihm im Ohr ... dies klare – selbstverständliche: »Töten Sie ihn doch ...« Natürlich ein schlechter Witz der Kleinen! Sie verulkte die Aufregung solch eines guten, deutschen, dummen Jungen wie er ... Sie hatte in Rußland so viel an Mord und Blut erlebt ... Sie spaßte unbefangen mit Sachen, bei denen einem eine Gänsehaut überlief ... Ein leises Frösteln inmitten dieser Ausländer – dieser Russen ... Halbrussen ... Fremdstämmigen des Ostens ... Ein unbestimmtes Grauen: Es kam wie ein Augenblick blitzartiger Erkenntnis über den stud. Vollbrecht: Rußland hat von dir Besitz ergriffen – mitten in Berlin – hier im »Kolokól«, das Chaos von Rußland reißt dich mit in seinen mächtigen Strudel. In den unterirdischen Kampf aller gegen alle, voll Rätsel, Rache, Haß, Hoffnung, Hinterlist ... Was geht das dich an? Du bist ein Deutscher! Was tust du hier? Die gutbezahlte Vrotstelle aufgeben? Wieder Hungerpfoten saugen? Und selbst wenn: Der Student lächelte verächtlich: Er schlich auf den Fußspitzen den Seitengang entlang nach vorn, um Luja näher zu sein. Er sah in dem Zwielicht nur undeutlich ihr perlengekröntes Köpfchen. Aber einerlei – wenn er nur bei ihr, in ihrer Nachbarschaft, war und blieb ... Und nun erblickte er in leuchtendem Licht, plötzlich verklärt, wie das einer kleinen Heiligen, ihr Gemmenprofil. Der mitternächtige Kirchhof hatte sich mit einem Schlag blendend erhellt. Die elektrische Sonne strahlte auf den bacchantisch hüpfenden nackten Tod. Der hatte Maske und Flügel abgeworfen. Ein blutjunges Mädchen tanzte dionysisch-ausgelassen. Das Leben tanzte und lockte die toten Nonnen. Deren Kutten flogen in die Kulisse. Sie hatten darunter fast nichts an. Heringsdünne, sechzehnjährige Geschöpfe, faßten sie sich an den Händen und wirbelten, in weißer Blöße schimmernd, in fröhlichem Frühlingsreigen um die Grabkreuze. Lachend, in federnden Sprüngen, ihnen voraus der nackte Tod. Im Saal des »Kolokól« prasselten die Handflächen, tönte das »Brawa! ... Karaschó!... Noj buena ...« Dann, während der Vorhang zu beiden Seiten zusammensurrte, ein jäher Krakeel im Parkett. Samuel Congo, der bezechte Neger, hatte entdeckt, daß der weinselige Norweger nebenan in der Dunkelheit mit seiner Wasserstoff-Blondine fußelte. Er sprang ihn an und holte mit mächtiger Faust zu einem Kinnhaken aus. Aber der Nordländer hielt nichts vom regelrechten Boxen. Er beutelte den Othello an der Gurgel. Die beiden torkelten zwischen den umstürzenden Tischen. Die Weiber quietschten. Der Manager zeterte: »Wo ist der Kammacher? Wo ist der Portier? ... Wo ist der Rausschmeißer? ... Das feige Luder drückt sich ... Jetzt holt der Hosenkönig auch noch 'nen Sipo ... Bringt mir die Polizei ins Lokal ...« Samuel Congo hatte sich freigemacht. Er senkte den Wollkopf und stürmte wie ein Stier gegen die Magengrube des Feindes. Aber das Bein des Norwegers war länger. Der farbige Gentleman erhielt einen Fußtritt vor den Bauch, daß er rücklings hinschlug und, als er wieder zu sich kam, sich ächzend, schmerzgekrümmt mit seinen Freundinnen entfernte. Am Eingang beschwichtigte Baron Zechhorn den Schutzmann: »Nicht der geringste Grund zum Einschreiten, hochverehrter Herr Oberwachtmeister! ... Warum man Sie rief? Kindischer Racheakt des Türstehers, den ich wegen Unfähigkeit entlassen muß! Liefern Sie auf der Stelle Ihre Livree ab, Mensch, und verschwinden Sie! Gute Nacht, Herr Oberwachtmeister! ... Entschuldigen Sie man jehorsamst! Dank des Vaterlands! ... Bitte, meine Herrschaften ... Dieser kleine Wortwechsel zwischen zwei Kavalieren stört nicht die Jemütlichkeit! Es steigt die Schlußnummer unseres Bombenprogramms.« »Bosche Tsaria Kraniê!« Alle Balalaiken sangen vollstimmig, getragen wie Harfenklang, die feierlich innige Weise. Das Herz der heimatlosen Spieler schlug in den Saiten mit. Zum fünftenmal schon wirbelten fern in Sibirien die Schneeflocken über die Birkensümpfe und Minenschächte bei Jekaterinburg, wo der letzte Selbstherrscher aller Reußen ein dunkles Ende gefunden. Aber hier, in der Bummelnacht des Berliner Westens, hallte es noch einmal auf: »Gott schütze den Zaren!« Die alten, vornehmen Russen vorn an dem Tisch hatten sich bei den ersten Tönen ihrer Nationalhymne von den Stühlen erhoben. Die geflüchteten Generale, Edelleute, Senatoren standen während des ganzen Musikstücks unbewegt, stumme Andacht auf den verwitterten Gesichtern. Um sie war schon das Gewirr des Aufbruchs. Der Saal leerte sich. Serge Ssilin zahlte. Er gab ein Trinkgeld, daß bei den Verbeugungen des alten Alfons nur noch seine Kehrseite mit den Frackschößen oben, in Höhe des Stuhlrands, sichtbar war. »Man wird mir von jetzt ab jeden Abend diesen Tisch bereit halten!« befahl er dem über das ganze Rattengesicht grinsenden Dickwanst. Dann stand er auf und pfiff den jungen Hilfskellner heran wie einen Jagdhund. Er zupfte ihn gutgelaunt am Ohrläppchen. »Nun – du Schlingel!« sagte er. »Mit wem hast du denn vorhin so lange im Orchester geschwatzt? Glaubst du, ich habe es nicht gesehen? ... Ihr kennt euch also – du und dies Püppchen? – Nun gut – höre ...« Er führte Bernd beiseite. »Hier hast du Geld! ... Valuta ... Spanische Peseten, mein Sohn – nicht eure bedruckten Lappen ... Dafür wirst du mir ein Auge auf dies Mädchen haben – ich kann nicht immer während der ganzen Vorstellung hier sein – du wirst aufpassen, daß sie nicht in schlechte Gesellschaft gerät ... mit niemandem aus dem Publikum anbandelt ...« »Das tut sie nicht ...« »... du wirst mir, was du siehst und hörst, berichten! Es soll dein Schaden nicht sein! ... Hast du deine Pflicht begriffen?« Serge Ssilin frug den jungen Mann nicht erst, ob er einverstanden sei. Er schritt mit seinem Gast aus Wilna dem Ausgang zu. Der große Baal forschte pfiffig: »... Und auf diesen jungen Menschen sind Sie nicht eifersüchtig? Es ist ein hübscher Junge! Die Weiber mögen diese frische, blonde Sorte ...« »Ein Kellner ...«, sprach der halblettische Geldmann verächtlich. »Erbarmen Sie sich: Ein Kellner! ... Dies dort ist ein scheues, hochmütiges Prinzeßchen ... Nein – wenn Gott mir keine anderen Sorgen schickt ...« Er ging – mit einer geschmeidigen und höflichen, weltläufigen Verbeugung gegen die Balalaikatruppe. Er sah dabei Luja nicht an. Sie schien auf einmal für ihn Luft. Der Baron Zechhorn geleitete den neuen Gönner des »Kolokól« dienernd bis auf die Straße und öffnete ihm selbst den Autoschlag. »Oh – bitte – keinen Dank ...«, komplimentierte er dabei untertänig. »Ich habe den Türschweizer weggejagt. Ich muß heute seine Stelle vertreten!« und dann, während der Wagen davonschoß, wieder innen im Foyer des »Kolokól« zu seinem Vertrauten – dem dicken Alfons: »Was? Dieser Kammacher – dieses Luder von Portier – hat gedacht, er geht auf die Polizei und zeigt uns an – wegen Preiswuchers? ... Na – da hört doch die Weltgeschichte auf! ... Natürlich: Sie, mein guter Alfons, haben wieder die Gaste geneppt ...« »Nur 'n paarmal ... In der Eile ... Wie's so geht ... Aber es kann uns ja nischt passieren! Der Mann hat ja keine Beweise ... Die Herrschaften werden sich hüten – so am hellichten Tag als Zeugen in Moabit – nee – dazu sind unsere Kunden viel zu fein ... da kriegen sie kalte Füße ...« »Aber es ist eine Lehre! Man kann nicht vorsichtig genug sein!« »Nur vor allem jetzt nicht wieder so 'n Klamauk wie heute abend!« Der betrunkene Norweger wankte taumelnd in der Mitte seiner Gefährtinnen an den beiden vorbei zum Ausgang, den Hut schief auf einem Ohr. Er hielt einen Sektkühler unter dem Arm und versuchte, den Leuten vor ihm das geschmolzene Eiswasser ins Genick zu schütten. »Morgen ich soll wiederkommen!« versprach er tröstend in gebrochenem Deutsch, während ihm der Manager schonend, aber voll stiller Wut, den schweren, neusilbernen Kübel entwand, und trollte sich. Das Einglas des Barons funkelte ihm nach. »Der Kerl darf unter keinen Umständen noch einmal herein!« knirschte er. »Wir müssen bis morgen einen absolut zuverlässigen Portier haben, statt dieser Transuse ... Na – was stehen Sie denn da und horchen, Fritze? Ich hab' Sie nicht gerufen ...« »Ich kann Ihnen sofort einen tadellosen gebildeten Hausknecht liefern!« sagte der blonde, junge Kellner atemlos. »Treu wie Gold. Phlegmatisch wie 'ne Auster! ... Ribbentropp schreibt sich der Mann ...« »Stark ...?« »Na – er geht mit den Schultern gerade noch durch die Türe! Mit dem Kopf stößt er freilich oben an! Mehr als drei Zentner auf einmal hebt er allerdings nicht! Wenn Sie das kolossale Spiel der Natur 'mal besichtigen wollen ...« »Ein Freund von Ihnen? Was ist er?« »Polytechniker und Sackträger in einem Spreespeicher. Das letztere möchte er aufstecken! Er sucht einen stillen Posten für die Abendstunden! Ich soll ihn morgen früh gleich 'ranschleppen? Wird gemacht, Herr Baron ...« Als der Kellner Fritze mit dem nächtlichen Abräumen der Tische fertig und in seinen Straßenanzug geschlüpft war, hatte sich auch die kleine russische Lautenschlägerin wieder in eine Motte in braunem Mäntelchen verwandelt. Sie traten zusammen aus dem nächtig dunkel und verlassen daliegenden »Kolokól«. Draußen leuchtete, lärmte und lebte immer noch in einem erzwungenen, gewaltsamen Bummelfieber der Kurfürstendamm. Auf seinem Bürgersteig, gegenüber dem Kabarett, stand ein schmächtig gewachsener, junger fliegender Wursthändler – den dampfenden Blechkasten an Tragbändern vor dem Leib. Er hatte ein feines, nervöses Gesicht mit blondem Schnurrbärtchen und trug einen Zwicker vor den kurzsichtigen Augen. Er machte durch diesen vergoldeten Kneifer Aufsehen. Seine Ware ging flott ab. Zwei Dämchen winkten schon von weitem: »Pst! Kleener! ... 'n Paar Hottehüh!« und dann, als er den dazugehörigen Senf auf das Zeitungspapier geklext hatte und einen Haufen Papierscheine herausgeben wollte, die eine, Achtzehnjährige, großartig im Weiterpendeln: »Behalten Sie 'mal den Rest, junger Mann!« »Darf ich die Herrschaften bekanntmachen!« sprach der Student. »Mein Freund Alfred Henke. Wenn man das Insekt bei Tageslicht zwischen zwei Finger nimmt, angehender Zahntechniker ... Alfred ... stehe hinter deinem Wurstkessel stramm: Du hast hier das unverdiente Glück, Fräulein Büttner kennenzulernen! Du weißt ...« Oh – Alfred Henke wußte. Er reichte Luja freundlich die Hand. »Sie haben 'was Schönes angerichtet, Fräulein ... mit dem Bernd ...«, versetzte er. »Aber Sie können ja nichts dafür! .... Essen Sie ein Paar Knobländer... Du auch... ihr seid großmütig eingeladen ... Ich kann es mir leisten ... Es sind nämlich die letzten ... Ausverkauft! ... Das Geschäft ist richtig! Dabei bleib' ich!« Die Drei, der Kellner, der Wursthändler und die Musikantin, schlenderten einträchtig der Gedächtniskirche zu und futterten im Gehen aus der Hand. Und der Gastgeber in der Mitte sprach: »Kinder! Die Welt ist rund und dreht sich! Wir leben in einer doppelten Gestalt – einer Volksausgabe für die Nacht und einer Zukunftsausgabe für den Tag! Und hol' mich der Deibel, wenn mir's nicht in der Zukunft schaffen!« 7 Das ist die kurze, aber traurige bisherige Lebensgeschichte der kleinen Luja Büttner!« schloß am Abend des nächsten Tages in ihrem Zimmer in der Pension »Alpenrose« deren Kusine, die große, stramme Lisa Altschüler, mit ihrer tiefen Stimme, zu dem Studiosus Vollbrecht gewandt. »Ihren Bräutigam haben sie ihr hingerichtet. Und weil das Unglücksmädel ihren geliebten Mischa bei ihren Eltern verborgen gehalten hat, haben sie ihren Vater im Gefängnis verkommen lassen, und das hat wieder der Mutter das Herz gebrochen ...« »Furchtbar ...« »Ach ... Herr Vollbrecht ... das ist nur ein einzelnes russisches Schicksal unter vielen Hunderttausenden! Die ganze Pension hier steckt voll von aus Rußland vertriebenen und geächteten Menschen. Ihr hier – in Deutschland – ihr könnt euch das gar nicht vorstellen ...« »Ich einigermaßen doch!« sagte der junge Landwirt. »In allernächster Zeit wird mein Vater mit seiner Familie von den Polacken aus Westpreußen ausgewiesen – und landet zunächst hier in Berlin. Was dann weiter mit den Meinen wird, das wissen die Götter ... Na – zum Glück kann ich ein bißchen helfen! Ich hab' da ein ganz nahrhaftes Pöstchen im ›Kolokól‹ erwischt ...« »Und die Luja auch!« Die Base zog streng die Augenbrauen hoch. »Gott segne euren Tingeltangel! Da können Sie sie jeden Abend mit aller Bequemlichkeit genießen und anhimmeln ... ach – quatschen Sie doch bitte nicht, Herr Vollbrecht! Wir sind doch hier unter uns Pfarrerstüchtern ... Wir machen uns doch nichts vor ...! Ich bin ein energisches Frauenzimmer. Ich rede, wie mir der Schnabel gewachsen ist ...« »Das merke ich, gnädiges Fräulein.« » ... also natürlich sind Sie bis über beide Ohrwascheln in die Luja verknallt ...« »Sie drücken das etwas unzart aus ...« » ... aber eben deshalb müssen Sie – auf die Luja Rücksicht nehmen! Deswegen habe ich Ihnen nämlich ihr hartes Schicksal erzählt. Man darf gerade ein Mädchen, das so Schweres erlebt hat, nicht auch noch ins Gerede bringen! Besuche von jungen Herren wie Ihnen gibt es also künftig in diesen heiligen Hallen hier nicht mehr! Da stehe ich, in meiner ganzen respektablen Länge, als Wauwau an der Pforte. Ich möchte Ihnen das nur durch die Blume zu verstehen geben ...« »Ich meine es doch nicht böse ... Ich wollte mich ja nur erkundigen, wie Fräulein Büttner der erste Abend gestern im ›Kolokól‹ bekommen ist ...«, versetzte der junge Mann betreten. »Wären Sie wenigstens am Vormittag auf der Bildfläche erschienen! Da war sie hier ...« »Da konnte ich doch nicht! Ich mußte einen Freund von mir dem Baron – dem Leiter vom ›Kolokól‹ – als seinen künftigen Nachtrat vorstellen – wissen Sie – so gleich am Eingang – als Geist des Hauses – mit 'nem Boxerhandschuhgewicht von sechs Unzen ...« »Als Dwornik – ja ...« »Gottlob ... Der Herr Baron haben das Ungetüm gechartert! Mein guter Ribbentropp hat ihm beinahe die Hand zu Dreck zerquetscht!« »Und inzwischen ist Luja hier weg!« sagte Fräulein Altschüler kurz angebunden. »Sie proben – im ›Kolokól‹ – für das neue Aprilprogramm – in den nächsten Tagen ... Die Russen sind doch die geborenen Nachteulen: Vormittags sind sie schlafmützig und zu nichts zu brauchen. Erst von zwei, drei Uhr nachmittags ab werden sie munter. Nun über uns klimpern sie bis zur Erschlaffung – Stunde um Stunde – wie ich sie kenne ...« »Aber wann kommt dann Fräulein Büttner da endlich nach Hause?« »Es ist ja schon halb acht Uhr abends. Wahrscheinlich bleibt sie jetzt gleich bis zur Vorstellung in eurer Musikbude ... Besonders bei dem Wetter draußen! ... Großartig – nicht?« »Scheußlich ist es! Es gießt ja in Strömen ...« »Na eben! ... Ich bin doch Galoschenverkäuferin in 'nem Warenhaus!« sagte Lisa Altschüler mit ihrem sonoren Art. »Ich freu' mich immer wie 'n Schneekönig, wenn wieder 'mal die Influenza 'n bißchen in Berlin 'rumspukt! Dann fleckt das Geschäft! Herrgott ... die Luja ist natürlich auch ohne Regenschirm abmarschiert – das heißt: sie hat überhaupt keinen ...« »Sie wird sich den Tod holen ... auf dem Heimweg ...«, rief der junge Mann entsetzt. »Na – wenn's weiter so pladdert, bring' ich ihr meinen Parapluie 'rüber in den Kurfürstendamm und geb' ihn bei eurem neuen Portier ab! Ich bin nicht von Zucker ... Mir macht die Nässe nichts ... Wie? ... Ich wäre ein guter Kerl? ... Gott – wissen Sie: Ich bin immer dafür, daß 'was geschieht! Ich kann die Susemichelei nicht leiden! ... Und das nächste, was sich ereignet, Herr Vollbrecht, das wird sein, daß Sie sich jetzt empfehlen und in Zukunft keine Stippvisiten mehr hier ...« Die Apothekertochter aus Cherson brach ab, ging rasch zur Türe und öffnete sie. »Guten Abend, Herr Sebald!« versetzte sie laut und wenig verbindlich auf den dämmrigen Flur hinaus. Das verlegene Murmeln einer Männerstimme antwortete und verzog sich. »In so 'ner Pension haben nämlich die Wände Ohren!« Lisa Altschüler kam zurück. »Und die Ohren sind an den Schlüssellöchern! Dieser Iwan Sebald ist mit äußerster Vorsicht zu genießen. Ich möchte schwören, daß er die Luja ausspioniert – in wessen Auftrag – das allerdings ...« »Ich glaube – ich kenne seinen Hintermann«, der Student erhob sich, »und seh' ihn heute abend noch in Lebensgröße im ›Kolokól‹« »Dann passen Sie um Gottes willen auf Luja auf ... Die ist ja viel zu hübsch für euer Spiel und Tanz ... viel zu apart ... Unsereins braucht man nicht so in Watte zu wickeln ... aber die Luja ...« »Gnädiges Fräulein: Da ich ja schon in die Luja verliebt bin, darf ich es Ihnen ja sagen: Sie wirken auch recht nett ...« »Gott ... wem so derb geratene Weiblichkeit 'was sagt. – Jeder Mensch findet ja schließlich sein Publikum ...« Die Galoschenveikäuferin begleitete den jungen Kellner bis zur Türe. »Also ...« »Hinauswurf ... nach allen Regeln der Kunst.« »... aber darum keine Feindschaft nicht!« »I wo! Donnerwetter – haben Sie 'nen Händedruck am Leib! ... So ungefähr wie mein Freund Ribbentropp ... unser neuer Nachtportier!« »Gute Nacht ... Sorgen Sie für die Luja ...« Luja ... Die Regenfluten draußen rauschten: Luja. Die Gummiräder auf dem Asphalt sangen: Luja. Die Zeitungshändler auf dem Kurfürstendamm riefen es: Luja! ... Luja! ... Arme Luja ... Ein überströmendes Mitleid füllte die Brust des Studiosus Vollbrecht. Dies Mitleid kam aus der Liebe. Es war selber geläuterte Liebe. Feierstimmung. Andacht – vor ihr und vor sich selbst. Die Seele in festtäglichem Gewand. Der junge Bernd bummelte verklärt im Schnürlregen, den Kragen hochgeschlagen, die Hände in den Taschen – schlenderte unter Dachtraufen träumend seines Weges – ohne nachzudenken – ganz instinktiv – in der Richtung nach Berlins goldenem Westen, wo der »Kolokól« war und im »Kolokól« Luja. Luja ... Dort leuchteten schon im abendlichen Brausen des langen Amüsierkorsos über dem Nachtkabarett die buntfarbigen elektrischen Lämpchengirlanden seines Wappens – der großen Glocke. Arme Luja ... Himmlische Luja ... Ein verliebtes Lächeln – über die grell huschenden Automobil- und Hühneraugenreklamen an den Dachsimsen hinweg – zum schwarzen Nachtgewölk empor. Dann – mit den Augen wieder auf dieser Erde – ein ungläubig beseligter Blick geradeaus: da war sie ja selber ... Da trippelte sie ja, in windfliegendem Mäntelchen: unschlüssig ... irgendwo etwas suchend ... das zerdrückte Mützchen gegen das schräge Regenpfeifen um die Straßenecke herum gesenkt ... »Fräulein Büttner ... Wohin?« »Fix 'was essen!« Die kleine Schönheit gab ihm verfroren die nasse und kalte Hand. »So mutterseelenallein?« »Die andern sind jetzt nach der Probe zur Winogradowa, hier in der Nähe. Da kochen sie sich Tee und futtern Ölsardinen ... Sie kennen sich alle. Sie sind alles richtige Russen. Ich bin doch eigentlich eine Deutsche. Ich wollte nicht stören! Es soll gleich hier in der Querstraße ein kleines, russisches Traktir sein ...« Er ging mit ihr. Neben ihr. Ganz dicht an ihrer Seite, wie um sie dadurch vor dem triefenden Regen zu schützen. Er fühlte mit Herzklopfen ihr junges Leben, ihren warmen Atem zu seiner Rechten, so als berge sich ein verflogener kleiner Vogel scheu in seiner Hand. Er wagte vor stillem Glück kaum, Luft zu holen. Er blieb stehen. Er sagte: »Da ist so 'ne russische Aufschrift! ›Zar‹! Das wird schon das Restaurant sein!« Der »Zar« hatte mit dem großen, leichtsinnigen Palmenglashaus in eisiger Schneenacht vor den Mauern Moskaus nur den Namen und die Erinnerung an schöne Zeiten mit Kaviar und Zigeunerinnen gemein. Es war ein kleines Berliner Lokal wie hundert andere. Aber die Speisekarte bestand zum größten Teil aus russischen Lettern. An den Tischen saßen stille, russische Gestalten. Hier jubilierte man nicht wie um die Ecke am Kurfürstendamm. Hier lebten ganze geflohene Familien wochen- und monatelang vom Verkauf eines geretteten Diamantringes. Es waren da noch Offiziere der alten Zaren- und Kerenski-Armee in ihren hechtgrauen Friedensmänteln, von denen sie nur die Achselstücke und Metallknöpfe abgetrennt hatten. Junge Leute in russischer Gymnasiastenuniform. Kinder. Graubärtige Herren, die den nassen Pelz nicht ablegten, weil der einstige elegante Petersburger Anzug darunter zu speckig und fadenscheinig war. Die Sorge speiste stumm und unsichtbar mit an jedem Tisch. Die Preise waren billig. Man konnte schon für drei-, viertausend Mark ein Gericht erhalten. Aber in der kleinen Büttner erwachte der Osten. Sie legte erbittert die Karte hin. »Ich werde nur gleich wieder gehen!« sprach sie feindselig auf russisch zu dem Kellner. »Ich werde mir irgendwo Brot kaufen, um meinen Hunger zu stillen! ... Wie vermag man denn eure Preise zu zahlen? Denkt ihr denn nicht an Gott?« »Nun – wieviel können Sie geben?« frug der Kellner. Er wunderte sich nicht. »Wahrlich nur fünfzehnhundert!« schwor die kleine Deutsch-Russin. »Ich besitze nicht mehr!« »Gut! Man wird es einrichten! ... Man wird Ihnen Pilze reichen ... Und Tee ...« »Da säßen Sie nun ganz einsam und verlassen, wenn ich nicht gekommen wäre!« sagte Bernd Vollbrecht, als der Kellner gegangen, und sah seiner Nachbarin innig in das zarte, blasse, von tiefschwarzem Haarglanz umrahmte Gesichtchen. Sie biß mit ihren scharfen, weißen, kleinen Zähnen die Kante einer trockenen Schrippe ab. »Es war zu weit heute nach Hause ...«, erwiderte sie mit umwölkter Stirn. »Und dann ist da Herr Gritsch ...« »Lassen Sie doch den ollen Betbruder!« »Wie kann ich? Er kennt mich schon lange! Er steht da und predigt und langweilt!« »Machen Sie sich denn etwas aus ihm?« Gottlob: Ein langsames Schütteln des dunklen Köpfchens drüben. Ein müdes: »Ich mache mir aus niemandem 'was ... Verzeihen Sie ... Es ist unhöflich ... Beziehen Sie das nicht auf sich ... Ich rede so ... Ich bin so für mich ... Es ist ja unrecht ... natürlich ...« Und dann halb wie in einem versonnenen Selbstgespräch, in einem schleppenden Ton, vor sich hin: »... wenn ich anders wäre ... Ich könnte mit Gritsch als Farmersfrau in Amerika leben – er geht in nächster Zeit hinüber – die Kinder erziehen ... Alles wäre gut! Aber ich muß in Berlin bleiben ... Ich muß ...« »Mir aus der Seele gesprochen!« versetzte der blonde Student begeistert. Drüben, unter den dunklen Wimpern her, wieder das rätselhafte, sanfte und unheimliche Lächeln von gestern. Dann sagte Luja Büttner mit einem leisen, fast mitleidigen Seufzer: »Sie wissen ja nicht, warum ich nicht von hier weg darf ... Sie würden es auch nicht begreifen ...« »Ich weiß jetzt vieles von Ihnen, liebes Fräulein Büttner!« sprach der Jungmann herzlich und einfach. »Sie sind mir jetzt nicht mehr fremd ... Ihre Kusine hat mir vorhin erzählt, was Sie alles schon in Rußland erlebt haben ... an furchtbarem Leiden.« »Nun – jetzt führte mich Gott glücklich nach Berlin ...« »Aber hier stehen Sie doch auch von Gott verlassen da ... als Waise ... als Ausländerin ... ohne Schutz und Hilfe ... Ach ... Reden Sie mir bloß jetzt nicht von Ihrem Halleluja-Fritzen dort in der ›Alpenrose‹! Ich kann die Kirchenheiligen nicht verknusen ...! Da werd' ich wild ...« »Ich habe meine Base Lisa ...« »Die ist doch selber froh, wenn sie's Leben hat – wenn sie auch Haare auf den Zähnen hat ... Davon hat sie mir nämlich vorhin ein Beispiel von 'nem Exempel gegeben ...« »Ja ... Von Knigge hält sie nicht viel ...« Die kleine Luja lachte ganz leise. Nur einen Augenblick. Sie sah reizend aus. Ihre Heiterkeit gab dem Studenten Mut. Er beugte sich kameradschaftlich zu ihr vor. Er legte bittend die Hände auf den Knien zusammen. Er versetzte gedämpft und herzlich: »Nein – Fräulein Luja ... Ziehen Sie nur die Augenbrauen hoch ... Ich sage von jetzt ab ganz einfach: Fräulein Luja ...« »Habe ich Ihnen das erlaubt ...?« »... und Sie nennen mich kurzweg ›Bernd!‹« »... und wie komme ich dazu?« »... weil Sie unbedingt hier in Berlin einen Mann brauchen, der Sie beschützt – und der dabei ein tadellos anständiger Kerl ist, so daß Sie ihm blind vertrauen können! Schon gefunden! Da sitzt er! Gebrauchsfertig! Zu allem bereit ...« Die kleine Büttner sah ihren Nachbar schweigend aus ihren großen, grünbraunen Augen an. Sie war nicht erzürnt. Es regte sich nichts auf ihrem weißen Gesichtchen. »Erlauben Sie mir, Fräulein Luja, Ihr Freund zu sein! ... Ja ...?« »Unter Freund ... kann man vieles verstehen ...« »Ich nur das Reinste und Beste! Sehen Sie mich doch nur an!« Luja Büttner schwieg. Es war, als grübelte sie über etwas nach. Er nahm behutsam, unter dem Tisch, ihre Hand in die seine. Er fühlte einen leisen Widerstand. »Oder noch besser!« sprach er lebhaft. »Denken Sie sich, ich sei Ihr Bruder! Fassen Sie es so auf. Ich auch! Ich schwöre es Ihnen ... Sie werden es nicht zu bereuen haben ...« Nun konnte er ihre Rechte ruhig halten. Die lag auf einmal still. Sie entzog sich ihm nicht mehr. Er atmete aus tiefster Seele auf. »Kommen Sie – wir trinken Bruderschaft ...,« sagte er schnell und glückselig, »... wenn es auch nur in Tee ist ...« »Wenn Sie sich wirklich meiner annehmen wollen ...« Sie nippte von ihrem Glas und schaute ihn dabei über dessen Rand hin fest ins Antlitz. Sie blieb bei dem leise betonten »Sie«. Er auch. »Na – und ob!« versetzte er kampflustig und zufrieden. »Nun brauchen Sie sich vor nichts mehr in Berlin zu fürchten, Luja! Nun bin ich da!« Immer noch der starre, verhaltene Blick von drüben. Die sanfte Mädchenstimme in halblautem, fremdartigem Russisch-Deutsch, aus dem es wie ein Hauch von Steppe, Salzsee, Wolgawind wehte. »Wissen Sie auch, was Sie mir eben versprochen haben? ...« »Ihr frommer Knecht Fridolin zu sein, Luja! ... Mit Leib und Seele ...« »Werden Sie alles für mich tun?« Die Frage klang leise. »Mit tausend Freuden!« »... was ich auch von Ihnen verlange ...?« »... das wird gewiß nichts Unrechtes sein ...« »Sie lassen mich nie im Stich ... Bernd ...?« »Ich gelobe es Ihnen, Luja: Niemals ...« »Nun – ich werde Sie seinerzeit an Ihren Schwur erinnern ... Bernd ...« Das »Bernd« kam noch mühsam über die vollen, weichen Lippen. Luja Büttner verstummte und sah eine Weile vor sich hin. Dann fuhr sie sich mit der Rechten über die Stirne, als wollte sie etwas dahinter verscheuchen, und klatschte leise nach russischer Art in die Hände, um den Aufwärter zu rufen. »Wir müssen zahlen!« sagte sie ganz im alltäglichen Ton zu ihrem Gefährten. »Es ist höchste Zeit, daß wir uns wieder in Kellner und Musikantin verwandeln!« Sie gingen durch das Lokal. Stumme, geistesabwesende Blicke folgten ihnen von den Tischen. Stumme, versonnene Gedanken suchten an diesen Tischen, in Träumerei, durch Zigarettenrauch die verlorene Heimat. Jeder Tisch war ein Stück Rußland. Über jedem Tisch schwebte irgend ein Erinnerungsbild aus Rußland. Die liebe, kleine Datsche bei Kasan – in einer Wildnis von grünen Haselnußstauden vergraben, das rotgestrichene Blockhaus – würziger Kieferngeruch – silbern zwischen den Stämmen die fast uferlose Breite der Wolga ... Weißflimmernd, unter blaßblauem Himmel, draußen in Krasnoje-Selo – zwischen den Duderhofschen Seen und der kaiserlichen Meierei die Zeltstadt der Petersburger Garden. Die grüne Ebene tausendfach übersät von den weißen Sommerröcken der Preobraschenzen. Hornstoß. Windverwehter Gemehrknall. Jagende Adjutantengäule ... Zittere, Berlin – wenn erst Rußland, der Riese, erwacht ... Seine Faust reißt dir die Viktoria vom Brandenburger Tor ... Vor wenigen Jahren noch ... abends ... Im Sommergarten ... am Kreml von Tula ... Man promeniert ... Man soupiert ... Man plaudert ... Die Fabrikantenfrauen zeigen ihre neuesten Pariser Toiletten ... Parfümwolken wehen ... Die Regimentskapelle spielt ... Unten spiegelt sich der aufgehende Mond im kleinen Stausee des Flusses. Nur einmal noch ... ein Johannistagmorgen auf dem Gutshof im Pskowschen Gouvernement ... Die ganze taghelle weiße Nacht hindurch sangen im weißstämmigen Birkenwald durch Froschgequak die Sprosser, die nordischen Nachtigallen. Im Westen, über dem schwermütigen Peipussee, und im Osten zugleich lohte das Blutmeer der Sonne ... Nun ist es hell. Es dampft weißer Nebel auf den Wiesen ... Das Dengeln der Sensen klingt durch die Stille ... Mädchenlachen vom Dorf ... Es wird heute ein schöner, heißer Tag ... Draußen, auf der dunklen Berliner Seitenstraße, fegte windgepeitschter, kalter Sprühregen über den naßglänzenden Asphalt. Luja Büttner mummte sich in ihr Mäntelchen. Sie sagte: »Ach – wenn man all die Russen wieder sieht und an Rußland denken muß ... bei uns da draußen – da ist jetzt der herrlichste Frühling ...« »In der Krim ...?« »Ja. In meiner Vaterstadt Sebastopol noch nicht. Die Hochebene ist rauh. Aber wenn man ein paar Stunden mit dem Auto fährt ... plötzlich – bei Baidar Thor ... da liegt tief unten vor einem direkt das Paradies ...« »Palmen. Im Mai reife Orangen an den Bäumen«, erzählte sie eifrig im Weitergehen, wie um dem neuen Freund ihr Zutrauen zu beweisen. »Die Tataren haben lächerlich kleine Moscheen, mit kleinwinzigen Türmchen. Zu komisch sieht das aus ... Vom Zarenpalast zieht sich eine Marmortreppe mit lauter Löwen bis hinunter ans Meer. Vorn am Eingang von Livadia – das Wäldchen von blühendem Goldregen und blauem Flieder durcheinander –, das ist ein Traum ... Ach – und der Blick aufs Meer vom Felsen: ›hurrah‹ ...« Sie verstummte jäh und begann dann leise, in verändertem Ton: »Sehen Sie – drüben auf der andern Straßenseite, den Menschen in der patschnassen, vermotteten Pelzmütze? Er hält mit uns gleichen Schritt ...« »Da ist ja der verfluchte Schlemihl von gestern wieder ...« »Ja. Mein Aufpasser! ... Der hat mir jetzt sicher wieder von draußen durchs Fenster die Bissen in den Mund gezählt.« »Ich werde mir das Gewächs 'mal kaufen.« Der Student wollte zornig stehen bleiben. Aber die kleine Deutsch-Russin setzte, spöttisch vor sich hinlächelnd, ihren Weg fort. »Lassen Sie ihn doch!« sprach sie. »Es ist sein Brot. Er wird dafür bezahlt!« »Von wem?« Es kam keine Antwort. Aber beide dachten das gleiche. Bernd wandte finster den blonden Kopf seitlings zurück, in der Richtung, wo Schmelke Machalles sich geräuschlos in Nacht und Schatten aufgelöst hatte. »Wie sich so'n Biest gleich verkrümelt!« sagte er. »Luja ... wissen Sie, wer – nach meiner festen Überzeugung – den Kerl hinter Ihnen herschickt?« Luja Büttner zuckte als Antwort gleichmütig die Achseln. »Das ist euer Sektonkel von gestern Abend – dieser Zeitgenosse mit dem rothaarigen Zuchthausschädel – dieser Gospodin Sfilin ...« »Kann sein ...« »Und das läßt Sie ganz kalt?« »Was soll man machen? ... Mag er meinen Lebenswandel ausforschen! Ich habe nichts zu verbergen! Mir ist es gleich!« »Luja ...« Der junge Mann dämpfte seine unruhige Stimme noch mehr. »Wie erklärt sich das, daß Sie gestern Abend auf einmal aus heiler Haut kaltblütig von mir verlangten, ich sollte dem Herrn Sfilin mein Tranchiermesser in den Bauch pflanzen? ... Und jetzt wieder ist er Ihnen total piepe! ... Ja – und dazu lachen Sie noch?« »Über Sie – daß Sie imstande waren und das gestern wahrhaftig ernst genommen haben ...« »Ganz ja nicht ... Aber immerhin ... Luja ... Ihr Gesichtsausdruck dabei ...« »Gott ... Ich ärgerte mich, weil mich dieser Muschik ununterbrochen so plump anstierte ... und ich auch noch seinen Sekt trinken mußte, um dem Baron das Geschäft nicht zu verderben!« »Und da stieg Ihnen am Ende der Sekt ein bißchen zu Kopf ...« »Na eben! Ich bin ihn doch nicht gewöhnt! Da schwatzt man dann als Frauenzimmer das Blaue vom Himmel 'runter! Da müssen Sie doch ein bißchen Spaß verstehen ... Bernd ...« Er war beruhigt. Er war schon glücklich, daß sie ihn wieder einmal »Bernd« nannte. Er wanderte getreulich neben ihr her, wie ein großer Neufundländer neben seinem Herrn. Ihre Erzählung von den Wundern der Krim klang in seinem Ohr. Ihm schien sie selbst – dies zerbrechlich-zarte, brünette Spielzeug – wie ein Traum des Südens – wie eine Tanagra-Nippfigur vom Griechenmeer – vom Land der Myrthe und des Lorbeers – eine kleine Göttin – inkognito auf der Durchreise in Berlin, in der Verkleidung einer Balalaikaspielerin im »Kolokól«... Unter der großen, farbigen Wappenglocke des Kabaretts überragte ein noch viel riesigerer Portier das Menschengewühl, in silberbetreßtem Mantel, den silbernen Knaufstock wie eine Herkuleskeule in der Faust. Sein gutmütiges Gesicht schmunzelte unter dem Dreispitz den beiden entgegen. Sein blondes Schnurrbärtchen war unternehmend hochgewirbelt. Darunter flammte das breite, rote Narbendreieck eines Granatsplitters. »Das ist Ribbentropp, mein zweiter Freund, Luja!« erläuterte der junge Landwirt. »Niedliches Kerlchen – nicht? Seine Künftige kann 'mal sagen: ›Klein aber mein!‹ Er sieht wie ein Menschenfresser aus – aber das ist bei ihm nur äußerlich ... Geben Sie ihm nur ruhig Ihr Händchen ... so ... Na – Paule – wie fühlst du dich denn als vereidigter Rausschmeißer?« »Kinder ... Morgen früh sitz' ich endlich wieder im Polytechnikum im Kolleg,« sprach der Riese hoffnungsvoll, »statt den ganzen Tag Säcke zu schleppen! Jetzt wird wieder feste gebüffelt und das Versäumte nachgeholt. Dafür markiere ich hier mit Wonne abends ein paar Stunden den starken Mann! Wißt ihr – die Unmoral ist doch das Moralischste, was es gibt! Der ›Kolokól‹ verdient direkt einen Tugendpreis ...« »Das habe ich gestern abend allerdings nicht bemerkt!« sagte die kleine, schwarze Schönheit. »Bitte, Fräulein Büttner: Ohne die Drohnen in Berlin bei Nacht – was machten denn dann wir Arbeitsbienen in Berlin bei Tag...?« frug der phlegmatische Philosoph in Silberlivree. »Wenn die Ausländer und die Portokassenjünglinge mit ihren Verhältnissen und die Raffkes samt Familie sich hier nicht die Nacht um die Ohren schlügen – dann könnten wir fleißige Leutchen nicht wie Sie als Musikgirl und ich als Portier und du da als Pikkolo und der Alfred als Wurstmaxe leben und uns fürs Leben weiterbilden! Sobald ich einmal Professor an der Hochschule bin, werde ich allen Bummlern von Berlin öffentlich danken! ... Na ... Mahlzeit, Kinders! ... 'rin mit euch in die Schatulle...He ... Wollt ihr wohl, ihr Steppkes ...« Er schritt dräuend aus dem Schutz des Glasdaches in den strömenden Regen hinaus und scheuchte ein paar Straßenbengel weg und kehrte auf seinen Posten zurück und stand da, majestätisch auf den Stab gestützt, und hielt ihn zehn Minuten später abwehrend quer vor den Eingang. »Halt! ... Rennen Sie nicht so, Fräulein! Wohin denn? Zu Fräulein Büttner? ... Ausgeschlossen! Die Dame hat jetzt Dienst! Was wollen Sie denn von ihr?« »Ich bin ihre Kusine ... Bitte – sagen Sie ihr doch: Lisa Altschüler sei dagewesen und hätte einen Regenschirm für sie abgegeben ... Sie schicken ihn ihr hinein – nicht wahr? ... Die Luja wird ja sonst naß bis auf die Knochen ...« »Ja – und Sie selber?« forschte der Riese. Er brauchte den Kopf nicht so tief zu senken wie bei anderen Leuten. Fräulein Altschüler reichte ihm bis zu der Kriegsnarbe am Mundwinkel, wie sie da frisch und straff vor ihm stand. »Na – ich bin doch nicht so ein Prinzeßchen Erbse wie die Luja! Das sehen Sie doch, Herr Portier!« Der Polytechniker lachte und schaute ihr wohlgefällig in das gesunde, windgerötete, resolute, junge Gesicht. »Wenn Sie mich so feierlich ›Herr Portier‹ anreden ...,« sagte er, »wie darf man Sie denn dann titulieren?« »Sie können mich ja Fräulein Galoschenverkäuferin nennen! Warenhaus! Ich könnte gleich ein Paar Gummischuhe gratis kriegen und trag' keine! ... Da: Bitte – so abgehärtet bin ich ...« Paul Ribbentropp schaute seinem Gegenüber auf den nicht eben kleinen Fuß und dann aufwärts zu dem billigen Hut auf dem braunen Haarknoten. »Gardemaß!« versetzte er anerkennend. »Was den Wuchs betrifft, Fräulein Altschüler – da paßten wir beide zusammen ...« »Also Sie geben den Schirm ab ...« »Na ja doch ... Laufen Sie doch nicht gleich weg ... Es ist ja noch stilll ... Die Kasse ist ja noch nicht einmal auf ... Man kann schon noch 'was reden!« »Worüber denn?« Die Apothekerstochter aus Cherson hatte getan, als ob sie gehen wollte, und kam wieder die paar Schritte zurück. » De Omnibus rebus et quibusdani aliis !« versetzte der Türsteher am Kurfürstendamm. »Das ist nämlich Latein und heißt ...« »Sind Sie denn klassisch gebildet?« »Das merken Sie doch schon daran, daß ich Nachtportier bin!« »Und bei Tag?« »Kandidat der Ingenieurkunst am Polytechnikum!« »Mein Vater gehörte in Cherson auch zur örtlichen Intelligenz!« versetzte die große, rüstige Altschüler, um nicht hinter dem andern zurückzubleiben. »Ich besuchte dort das Mädchenlyzeum! Wir hatten eine Apotheke. Ein schönes Haus. Nun sind wir aus Rußland flüchtig!« »Ich höre es an Ihrem Deutsch!« sagte der Portier des »Kolokól« mitleidig. Beide schwiegen kurze Zeit. Sie waren ein wenig verlegen. Dann hub er wieder an: »Na – das ist ja nun nett, daß wir durch Ihre Kusine einen gemeinsamen Bekannten haben! Ich habe das Fräulein Büttner auch gerade vorhin kennengelernt. Ein Freund von mir brachte sie hierher und stellte mich ihr vor ...« »Der Hübsche ... Blonde ...?« frug die Galoschenverkäuferin in ihrem sonoren Alt. »Ist der Schlingel schon wieder hinter ihr her?« »... wenn Sie den Bernd Vollbrecht meinen? ... Ja? ... Den kennen Sie auch? ... Na – sehen Sie 'mal, Fräulein Altschüler –, da kommen wir uns ja immer näher ...« Beide lachten und schauten sich mit stillem Wohlgefallen an. Ein salopper Mensch drängte sich vom Bürgersteig her neben den Portier und raunte: »Herr Betriebsdirektor ... Wie ist's mit 'm Koks bei Ihren Kunden da drinnen? Wenn einer schnupfen möchte ...« »Sie haben wohl schwache Augen, Männeken, daß Sie den Schupo drüben nicht sehen?« frug Paul Ribbentropp gemütlich. »Aha – da zieht er Leine! Das ist heute Abend schon der dritte Kokainhändler, Fräulein Altschüler, den ich auf den Trab bring'! ...« »Es scheint eine unheimliche Gegend hier ...« »Liefern Sie Ihr Kusinchen nur der Sicherheit halber möglichst höchst eigenhändig ab!« Der Polytechniker zwinkerte dem großen, frischen Mädchen vor ihm väterlich und vielsagend zu. Ein solider, schnurrbärtiger Bürgersmann meldete ihm, wie beiläufig stehenbleibend, vertraulich, den zerkauten Zigarrenstummel im Mund: »Wenn Ihre Herrschaften sich nach der Polizeistunde noch 'n bisken amesieren wollen – jediegenes Lokal ... zwei Minuten von hier ... dort – jleich um die Ecke steht unser Spanner ...« »So? Na – euch Brüder seh' ich schon im Grünen Wagen.« »Reelle Preise, Herr Wachhabender ... Nackttanz ... Prozente für Sie ... Nu fuchtelt det lange Laster einem jleich mit seinem Spazierstock vor der Neese 'rum ... Oller Stiesel ...« Der Dunkelmann war weg. Paul Ribbentropp begann: »... und nach Hause bringen sollten Sie Fräulein Büttner auch wenigstens ab und zu! Für gewöhnlich unterzieht sich ja mein Freund Vollbrecht aus reiner Menschenliebe dieser harten Mühe!« »Ach – dieser Windhund!« sagte Lisa Altschüler ungeduldig mit ihrer tiefen, starken Stimme. »Nee – pardon – Fräulein! Das ist mein Freund Bernd nicht! Der ist, im Gegenteil, noch weitaus einer von den besseren ...« »Verzeihen Siel Ich will dem Herrn gewiß nicht zu nahe treten ...«, sagte Fräulein Altschüler sehr entschieden. »Trotzdem ... Ich glaube, es ist meine Pflicht, die kleine Luja hier persönlich zu bemuttern...« »Da stimme ich Ihnen unbedingt bei ...« »Je mehr ich den Umtrieb hier sehe ... Ich muß da durchaus selber nach dem Rechten schauen ...« »Es bleibt Ihnen absolut nichts anderes übrig!« »Sind Sie denn immer da?« »Jeden Abend auf Posten, Fräulein Altschüler!« »Nun ... Dann...also ... Auf Wiedersehen ...« »... aber recht bald ... nicht wahr?« »Ja ... ich denke: Ich werde es wohl schon morgen einrichten können! ... Oder vielleicht hol' ich die Kleine lieber heut Nacht schon ab ...« »Ach ja – tun Sie das doch ja! Das würde mich ganz kolossal freuen! Auf Wiedersehen!« 8 Ich bringe Ihnen die Nachrichten, die Sie befahlen. Aber keine guten!« sagte ein paar Stunden später der Lette Jakob Uhleneek finster in seiner rauhen Muttersprache zu seinem Herrn ... »Sie werden mit diesem Mädchen aus Sebastopol wenig Freude erleben, das Ihnen seit gestern den Kopf betrunken macht.« »Lasse diese Ausdrücke aus der Teestube ...« Sein Brotherr stand im Wohnzimmer seines Quartiers in der vornehmen Ausländerpension »Luna« im Berliner Westen und schaute in das spärliche Laternengeflimmer des regenüberströmten, nächtigen Yorkplatzes unten hinab. »Schmelke Machalles«, fuhr der Lette fort, »hat heute das Mädchen den ganzen Tag beobachtet: Sie ist erst den zweiten Tag in Berlin! Trotzdem kommen Sie zu spät! Sie werden auf dem Wege zu ihr schon einen jungen Mann im Wege finden. Einen Deutschen. Er heißt Vollbrecht. Sie hat mit ihm vorhin im Traktir ›Zar‹ zu Abend gespeist. Er nannte sie, als sie heraustraten, schon beim Vornamen und sie ihn auch. Er brachte sie in den ›Kolokól‹. Dort ist er auch noch beschäftigt.« »Wahrscheinlich dieser Tschellowjék – dieser Mensch... Dieser blonde Kellner ...« Die hagere, nach vornehmstem englischen Klubschnitt gekleidete Gestalt am Fenster zuckte verächtlich die knochigen Bauernschultern. »Ein Student!« sprach drüben die düstere Stimme. »An der Landwirtschaftlichen Hochschule. Die Base des jungen Mädchens unterhielt sich in ihrer Pension mit ihren Eltern darüber. Der Gast von der Nummer nebenan dort, den wir geschmiert haben – Iwan Sebald, der Inhaber der unsoliden kleinen Wechselstube in der Friedrichstraße – hörte es an der Türe ...« Der andere drehte sich langsam vom Fenster nach dem Innern des Zimmers. Sein hartkantiges, bartloses Antlitz war grobschlächtiger noch von der Natur geschnitten, als das des Vollblutletten. Aber in der lässigen Leichtigkeit der Bewegungen verriet sich der halbrussische Einschlag seines Blutes. Er trat, lautlos auf dem weichen Teppich, mit federnden langen Schritten, wie eine große Katze, vor Jakob Uhleneek hin. In seinen von kaum sichtbaren, rötlichen Wimpern übersproßten graublauen Augen glomm, wie bei einem gereizten, reißenden Menagerietier, ein grünliches Licht der Wut auf... »Der deutsche Universitätshörer«, begann der Lette wieder eintönig, »hat Ihnen das Mädchen bereits abspenstig gemacht! Dank ihm werden Sie sich diese Fliege aus dem Kopf schlagen und wieder Ruhe für Ihre Geschäfte finden!« Auf dem Diplomatentisch lagen Haufen von Briefen und Schriftstücken an den Gutsbesitzer Igor von Laskarew in der Pension »Luna« in Berlin. Der Bewohner des Zimmers verschloß die Korrespondenz sorgfältig in eine stählerne Kassette. Er hob den Papierkorb und rüttelte ihn, um sich zu überzeugen, daß die Schnitzel darin nichts Verräterisches bedeuteten. Er hielt das grüne Löschblatt der Schreibmappe vor den Spiegel und prüfte mißtrauisch die verkehrte Spur der Tintenabdrücke. Er musterte argwöhnisch den ganzen Wohnraum des ukrainischen Edelmanns Laskarew, ob da nichts herumliege, was irgendwie auf den russischen Handelsvermittler Serge Ssilin am Königsplatz oder den deutschen Geschäftsreisenden Fritz Reuter in der Grenadierstraße, oder den baltischen Baron Robbe in dem Frühstückskeller »Zentralnaja«, oder gar auf den ehemaligen Starschi-Leitnant Ssawa Kol auf dem Linienschiff »Joann-Slatoust« in Sebastopol hinweisen könnte. »Du bist der einzige Mensch, dem ich hier in Berlin vertraue!« sagte er hart und barsch zu dem Letten Uhkeneel, der ihm, plötzlich wieder in vererbter, stummer Untertänigkeit, in den Mantel half. »Du bist überhaupt der einzige Mensch, dem ich unbedingt vertraue! Darum sehe ich dir bei deinen Frechheiten durch die Finger ... Aber du irrst dich! Nun werde ich gerade gehen und mir dies Mädchen sichern ... Zieh mir die Galoschen an ...« und, eine Papyros anzündend, zu dem wie ein Sklave vor ihm knienden Letten: »Ich werde das auf meine Weise tun ... Fester den rechten Schuh, du Tölpel ... Auf krummen Wegen kommt man am schnellsten durch den Wald! Gib mir Hut und Schirm ... Wieviel Uhr ist es? ... Halb elf? ... Gut! Dann hat man im ›Kolokól‹ bereits angefangen!« Draußen im Gesellschaftsraum der »Luna« rauchten und schwatzten wohlgelaunt die Schwimmer auf der Berliner Papiergeld-Sintflut, die Nutznießer des Chaos aller Preise, die Edelvalutarier des Auslandes. – Briten vor ihrem Brandy und Soda – Yankees vor ihrem Drink, Franzosen, Südamerikaner, Nordländer und Niederländer. Keine Russen. Für die Landsleute Serge Ssilins war die Pension zu teuer. Ein dürrer, alter Angelsachse bleckte verbindlich die gelben Zähne. »Nun – Sie gehen noch auf Abenteuer aus, Herr von Laskarew – bei diesem Hundewetter ... ?« »Eine geschäftliche Verabredung, Mr. MacTilloch!« Der kleinrussische Edelmann antwortete mit geschmeidigem Lächeln in fremdartigem, aber fließendem Englisch. »... Ein Stelldichein mit einem eben in Berlin eingetroffenen Verwandten aus der Ukraine ...« »Hoffentlich bringt er tröstliche Nachrichten ...« »Es scheint, daß meine Güter bisher zum Teil weniger gelitten haben, als ich fürchtete! Das schon als verbrannt gemeldete Schloß bei Kiew steht! In einigen meiner früheren Dörfer sollen Herrenhaus, Park – selbst der Wald noch von den Bauern geschont sein! Nun – gute Nacht!« Fern, am Rande der Straße, huschten die Irrwische der Autolaternen, flimmerte die bläuliche Helle des Kurfürstendamms ... Serge Ssilin vermied die gerade Richtung. Er näherte sich der geräuschvoll pulsenden, fieberhaft hämmernden großen Schlagader des Westens wie der Springer auf dem Schachbrett im rechten Winkel, von einer Querstraße zur anderen, und drehte, stehenbleibend, an jeder Ecke eine der breitabstehenden Ohrmuscheln rückwärts, ob ihm niemand folge. Dann umwirrte ihn das Ameisengekribbel und Hupengetute und Reklameblitzlicht der taghellen Nacht von Berlin WW. Schon von weitem blinkte ihm aus all der grellen, lärmenden Augenblendung die farbige Girlandenglocke des »Kolokól« entgegen. Unter ihr war der Platz des schlafmützigen Türstehers von gestern leer. Aber jetzt eben trat gemessenen Schrittes aus dem Innern des Kabaretts ein ungeheurer Mensch in Dreispitz und Silberlivree. Er trug auf seinen Armen einen barhäuptigen und befrackten, wild mit Armen und Beinen um sich zappelnden Herrn wie einen Säugling vor sich her und verstaute ihn in ein Auto, dessen Schlag der vorausgeeilte Manager des »Kolokól«, den Hut des Fremden in der Hand, aufriß. Das Antlitz des Portiers verlor dabei, unter dem kleinen, blonden Schnurrbart, keinen Augenblick seine gutmütige Seelenruhe. Der Fremdling innen erfaßte in seiner Aquavitstimmung die Sachlage nicht mehr ganz. Er krabbelte dankbar in seiner Westentasche nach einem Trinkgeld für den starken Mann, der ihn an die Luft gesetzt hatte. »Der er Drinkepenge!« lallte er gerührt. Die Freunde kletterten zu ihm in den Wagen. Ab! Baron Zechhorn schaute ihm sittlich entrüstet durch das funkelnde Einglas nach. »Der Nigger, den er gestern vor den Leib trat, liegt im Krankenhaus!« sagte er. »Heute versucht dieser Branntweinschmuggler aus Norwegen schon wieder bei uns einzudringen! Derlei spielt heutzutage in Berlin den Kavalier! ... Man schämt sich wirklich über den Verfall der guten Zucht und Sitte in unserm herrlichen alten Preußen! ... Entschuldigen Sie nur gnädigst den kleinen Zwischenfall, Herr von Ssilin!« Der Halbrusse lachte herzlich. Er sah unheimlich aus, wenn er das weiße Wolfsgebiß entblößte. Instinkte der Wildnis – aus verschneitem Birkengehölz und schwarzem Moorsumpf, hoch oben im Norden –, Urwaldtriebe, durch Jahrhunderte vererbt, schienen da aufzuleben. Es lag dabei eine fast graziöse, weltmännische Leichtigkeit in der Bewegung, mit der er seine plumpe, breite Hand dem übernächtigen Betriebsleiter auf die Schulter legte. »Nun – Gott mit diesem Gast!« sagte er in seinem harten Deutsch. »Wenn er kein Mensch von Bildung war – um so gebildeter scheint Ihr Personal! ... In der Tat: Ihr Portier hier ist Polytechniker? Und dieser fixe junge Kerl, der mich gestern bediente – wie? ... Student der Landwirtschaft? Nun also...« Serge Ssilin nickte dem Manager plötzlich asiatisch hochmütig zu, warf innen der Garderobiere Hut und Mantel und ein Geflatter von Papiergeld an ihr Häubchen, trat geräuschvoll in den Saal. Auf der Bühne schluchzte Pierrot Lunaire sein Liebeslied. Mit weißem Reismehl gepudert, in weißer Jacke und weißen, weiten Hosen sah er aus wie eine Frau. Er wankte ab. Kolombine hupfte aus der Kulisse und trillerte im Falsett und schwänzelte und kokettierte. Und das war wieder der Pierrot von vorhin. Beifall umtoste den hemdsärmelig, in schwarzer Frackweste und schwarzen Beinkleidern sich verbeugenden Damenimitator. Ssilin warf kein Auge auf den Zwitter. Er winkte gönnerhaft zu der Balalaikakapelle hinüber, setzte sich an seinen reservierten Tisch und scheuchte den ihn umdienernden dicken Alfons wie eine lästige Brummfliege. »Wo ist der andere? Der junge Herr?« Er blinzelte mit gekniffenen, wimperlosen Lidern über das Parkett hin und bat, durch eine verbindliche und vertrauliche Verbeugung, den blonden Kellner im Hintergrund wie einen guten Freund, sich zu ihm zu bemühen. »Nun flink, Fritze ...« Der grauköpfige Oberkellner rieb sich aufgeregt und geschäftig die fetten Hände. Aber gleich darauf stand ihm in seinem schwammigen Rattengesicht der Mund vor Staunen offen. Der Herr von Ssilin hatte sich beim Nahen des jungen Kellners höflich aus seinem Sessel erhoben und dem Fritze freundschaftlich die Hand gereicht – ohne Umstände – vor aller Augen – so als ob zwei Klubmitglieder sich in ihren vier Wänden begrüßten. Serge Ssilin blieb verbindlich vor dem jungen Mann stehen, der ihn verständnislos aus seinen blauen Augen anstarrte. »Ich habe Sie wegen gestern abend um Verzeihung zu bitten!« versetzte er schnell und herzlich, mit der liebenswürdigen Sicherheit eines Petersburger oder Pariser Weltmanns. »Wir Russen nehmen leider zu oft unsere östlichen Sitten mit ins Ausland! Wir waren in Moskau gewohnt, von Tataren bedient zu werden! Man behandelt sie als Asiaten! Schimpft. Nennt sie du. Diesen schweren Mißgriff beging ich gestern einem Herrn wie Ihnen gegenüber! Ich bot Ihnen, glaube ich, sogar Geld an, wenn Sie diese junge Dame in dem Balalaika-Orchester drüben beobachten wollten! Halten Sie diesen bösen Fauxpas bitte einem Fremden zugut!« »Ich habe mich über nichts beschwert, Herr Ssilin!« sprach der junge Kellner erstaunt, die Serviette über dem Frackärmel, ganz dienstbarer Geist. »Das eben, Herr Studiosus Vollbrecht, beweist mir ja deutlich, mit welch einem wahren Gentleman ich es zu tun hatte. Sie stehen nicht nur gesellschaftlich, sondern auch innerlich über Ihrer gegenwärtigen Beschäftigung ...« »Setzen!« riefen von hinten verschiedene Stimmen. Eine Tänzerin wandelte, den weißen Körper mit ein paar riesigen schwarzen Schleifen vorn und hinten garniert, auf den Fußspitzen langsam über die Bühne, die Augen auf den Boden geheftet, als suchte sie eine verlorene Stecknadel. Das Klavier hämmerte dazu einen Trauermarsch. Serge Sstlin ließ sich nieder und sagte sanft: »Ich bin untröstlich, daß ich Sie, mit Rücksicht auf die lächerlichen Vorurteile des Publikums, nicht auffordern kann, auch Platz zu nehmen! Bitte, beugen Sie sich zu mir herab! So stören Sie diesen Tieren hinter uns nicht die Aussicht. Also...mein lieber, junger Freund: Sie lächeln wie ich über dies Mißverständnis ...« »Ich weiß wahrhaftig nicht, welches.« »... daß ich Sie, in meiner Zerstreutheit, für den ersten besten untergeordneten Menschen hielt!« »Ich bin hier nur der Kellner Fritze, Herr Ssilin, und möchte auch nichts anderes sein! Das gibt nur Konfusion! Darf ich Ihnen wieder Kaviar bringen?« »Oh – lassen Sie das doch sein! Dafür ist ja der Alte drüben da – dies dicke Schwein ... Wie lange wollen Sie in dieser Zigeunerschenke hier bleiben? Wie? Es ernährt Sie? ... Gestatten Sie, daß ich lache! ... Ein jüngerer Mann wie Sie, der nur den kleinen Finger zu heben braucht, um die schönste Stellung zu gewinnen! ... Sie haben wochenlang nichts gefunden? Dann gingen Sie – erlauben Sie, daß ich es Ihnen als Freund sage – nicht den richtigen Weg ...« »Es ist möglich, Herr Ssilin! ... Aber ich muß jetzt zu den anderen Gästen ...« »Diese Gäste sind nicht wichtig!« Serge Ssilin klammerte freundlich die schwere, viereckige Rechte um Bernds Arm und hielt ihn wie im Schraubstock fest. »Von Bedeutung ist Ihre Zukunft! Mein Gott: sie ist ja gegeben! Berlin wimmelt von Russen. Wir machen Geschäfte! Nach dem Osten. Russen finden wir mehr als Schaben beim Bäcker. Aber wir machen diese Geschäfte von Berlin aus ...« »Der Alfons kommt allein nicht durch, Herr Ssilin!« »Mag er verrecken! Wir brauchen Deutsche, die uns zur Hand gehen! Wie wenig Deutsche gibt es jedoch hier in Berlin, die Rußland kennen ... Russisch sprechen! Einer dieser spärlichen, uns geradezu unentbehrlichen Reichsdeutschen, Herr Akademiker, sind Sie! Für solche Kräfte habe ich immer eine Verwendung. Meine Kommerzverbindungen reichen weit ...« »Herr Ssilin: der Alfons winkt mir krampfhaft ...« »Nun – ich begreife. Dergleichen Dinge lassen sich natürlich nicht zwischen diesem Gesindel hier, im Stehen erledigen! Ich will Ihnen einen Vorschlag zur Güte machen, Herr Vollbrecht! Jetzt bedienen Sie mich hier. Ich bin hier gewissermaßen bei Ihnen zu Gast! Erweisen Sie mir bitte die Ehre, hinterher zur Revanche im Slawiansky Basar, gleich um die Ecke, mein Gast zu sein! ... Bleiben Sie nur gleich in Ihrem Frack, mein junger Freund ...« ... daß dieser alte Teufel, dieser Maître d'hôtel Sie wegläßt, dafür werde ich sorgen!« setzte Serge Ssilin hinzu, während er sich eine Papyros wickelte. Es fiel ihm auf, daß ihm der junge Kellner nicht Feuer reichte. Er hob den rotblonden Borstenschädel. Bernd Vollbrecht hatte den Augenblick benutzt und war nach hinten geeilt. Es gab da alle Hände voll für ihn zu tun. Er lief absichtlich geschäftig hin und her. Der dicke Alfons schickte ihn, auf einen ungeduldigen Wink Serge Ssilins, mit einem Arm voll Sektpullen ins Orchester zu den Russen. Bernd stand und schenkte ihnen ein. Seine kleine, schwarze Göttin saß gerade vor ihm, in bäuerisch-greller Farbenpracht, die Guitarre im Schoß, und hob das Perlengeflimmer ihres Kopfputzes zu ihm empor und frug neugierig: »Warum haben Sie denn so einen roten Kopf?« »Ich ärgere mich über euren Goldonkel dort drüben!« sagte Bernd. »War er rüde zu Ihnen?« Die Kleine zuckte gottergeben die Achseln. »Sie wissen: ›Kellner‹ heißt auf russisch ›Mensch‹ ... Aber für den Russen ist ein Kellner kein Mensch ...« »Im Gegenteil ...« Der Jungmann lachte kollerig auf. »Der Kunde wird zu mir plump vertraulich! Er begnügt sich nicht damit, Sie zu belästigen ...« »Heute hat er mich die ganze Zeit noch nicht eines einzigen Blickes gewürdigt!« sagte die Balalaika-Spielerin lächelnd und stimmte zerstreut die Saiten ihrer Guitarre. »Er überwacht nicht nur Sie durch seine Kreaturen auf Schritt und Tritt – jetzt bietet das verdrehte Luder noch dazu mir förmlich Bruderschaft an – überhäuft mich mit Liebenswürdigkeiten, als hätte er einen Narren an mir gefressen ...« »Das ist ja herrlich ...« Die zarte, brünette Bäuerin hob mit einer jähen, natterschnellen Bewegung das Köpfchen. Ihr feines, weißes Antlitz war atemlos gespannt ... »Herrlich finden Sie das, daß der Kunde – ja ich weiß nicht: will er mich veräppeln? oder was hat er sonst vor? Aber jedenfalls hat er mich vorhin in aller Form für nachher zum Abendessen in dem Feudallokal – dem Slawiansky Basar drüben, eingeladen!« »Bitten Sie nur gleich den Baron selber, daß er Ihnen den Abend freigibt ...« »Sie meinen doch nicht im Ernst, daß ich die Einladung annehme?« »Ja – aber – Bernd – sind Sie denn verrückt?« Die Nasenflügel der kleinen Büttner blähten sich. Der weiche, volle, halboffene Kindermund zeigte, sonderbar und aufgeregt lachend, zwei Reihen weißer, scharfer Zähnchen. Ihre sanfte Stimme zitterte in einem fremdartigen, gepreßten Kehlton. »Solch eine Chance, Bernd ... die läßt doch nur ein Esel aus ... Begreifen Sie doch, Bernd ...« Jetzt auf einmal konnte Luja Büttner nicht oft genug und geläufig »Bernd« sagen. »Wer dieser Mensch auch ist ...« »Luja ... Ich muß Sie doch nachher nach Hause bringen!« »Nein! Vorhin hat mir meine Kusine durch Ihren Freund, den Portier draußen, bestellen lassen, daß sie mich abholt! ... Also ... Bernd ... Noch einmal ...Wer dieser Mensch auch ist ...« »Ich weiß von dem Kerl nur, daß er hinter Ihnen her ist«, versetzte der Student trotzig. »... Nun – und jetzt wird er Sie beim Glas Wein ins Vertrauen ziehen ... seine Anschläge enthüllen ... Man wird künftig vor ihm auf der Hut sein können ... Tun Sie, als ob Sie auf alles eingingen, Bernd! ... Seien Sie schlau! ... Sie sind's ja nicht ... Sie sind ja ein viel zu offener, guter Junge, Bernd ... Aber verstellen Sie sich diesem Menschen gegenüber! ... Verraten Sie sich nicht, sondern hören Sie, was er Ihnen zu sagen hat ...« »Wenn Sie die Chose von dieser Seite auffassen, Luja ...« »... und dann erzählen Sie mir haarklein alles ... begreifen Sie wohl: ... Alles ... Es ist ja so wichtig, daß man diesem Menschen näherkommt ... so unendlich wichtig ... Er muß Vertrauen zu Ihnen fassen ... verstehen Sie ...« Die junge Lautenschlägerin flüsterte nur noch, obwohl keiner der umsitzenden Moskowiter und Petersburger auch nur ein Wort ihres hastigen Deutsch verstehen konnte ... dieser Mensch kann uns ja, ohne es zu wissen, so nützlich sein ... auch eine Kröte ist es ... am rechten Ort ...« »Mir ist er so zuwider wie eine Kröte ... Ich mag nichts mit ihm zu schaffen haben!« »Und was haben Sie mir versprochen? ... Mich zu schützen?« Die Kleine warf heißblütig das schwarze Köpfchen zurück. Ein schwacher Widerschein ihres Wildkatzenzorns rötete die sonst alabasterblassen Wangen. Da war, für Bernds Augen, statt ihrer auf einmal wieder das andere, rätselhafte Menschenkind von gestern um diese Zeit – bei der Geschichte mit dem Tranchiermesser, das er Serge Ssilin hatte in den Leib jagen sollen ... »... mich gegen diesen Menschen zu schützen ... Das versprachen Sie ...«, wiederholte die zierlich, wie ein Meißner Nippfigürchen, dasitzende, nervös mit den Fingern an den Saiten zupfende Musikantin. Ihre großen, tiefen Augen schimmerten feucht vor Zorn. »Er stellt mir nach! Wie können Sie es verhindern, wenn Sie nicht hinter seine Schliche kommen? ... Er will so unvorsichtig sein und sich Ihnen offenbaren! ... Und Sie, statt zuzugreifen, stehen da wie ein dummer Junge ...« »Luja ...« »Wie ein dummer Junge ...«, beharrte die kleine Deutsch-Russin böse und sah ihn trotzig an. »... Beweisen Sie mir doch das Gegenteil ... Bernd ...« Sie sprach die letzten Worte hastig, während sie schon nach ihrem Instrument griff. Die Balalaiken setzten zu einem Konzertstück ein. In ihrem Schwirren durch das Schweigen des Saals ging der stud. Vollbrecht geräuschlos, auf den Fußspitzen, zu dem kleinen Tisch hart an der Bühnenrampe hinüber. Serge Ssilin formte, als er ihn kommen sah, seine ungeschlachten Züge zu einem listigen und beinahe unterwürfigen Lächeln und nickte ihm zugleich hochfahrend zu. Er versetzte so laut, als gäbe es keine Musik im Raum: »Ihr Dienst rief Sie vorhin ab, Herr Studiosus!« »Ja ... leider ... Verzeihung! ... Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an, Herr Ssilin!« Serge Ssilin schien auch gar nichts anderes erwartet zu haben. Er rückte im Aufstehen lärmend seinen Sessel und sagte kurz: »Ihr Baron weiß schon, daß er Sie für heute Abend beurlaubt hat! Ich habe es ihm vorhin befohlen! Kommen Sie!« Der Slawiansky Basar war, gleich allen Neugründungen für die Ausländer in dem Berlin der papiernen Sintflut, behelfsmäßig über Nacht wie zu einem Maskenfest zurechtgehämmert und hingepinselt und von Heinzelmännchen in russischem Stil ausstaffiert. Er lag im ersten Stockwerk einer ehemaligen Herrschaftswohnung am Kurfürstendamm, die man durch Entfernung der Zwischenwände in drei Säle verwandelt hatte. Schon im Treppenhaus begleiteten an der Wand lebensgroß hingestrichene farbige Bilder aus dem russischen Bauernleben das Geländer. Innen waren alle Tapeten weiß übertüncht und im schreienden Bunt einer Regenbogenpalette bemalt: Mit Muschiks in roten Hemden, flachsblonden, ländlichen russischen Schönheiten beim Tanz, langmähnigen Popen, bärtigen Kosaken des Zaren, braunen Zigeunerinnen, baumlangen Tscherkessen des Leibgarde-Konvois – barfüßigen, landstreichenden Pilgern – eine Musterkarte des heiligen Rußland. In dem hinteren, einstigen Berliner Zimmer saßen drei slawische Männergestalten in russischer Volkstracht und klimperten, die Papyros im Munde, auf der unvermeidlichen Balalaika. Sonst aber wirkte das Lokal mit seinen weitauseinander stehenden Einzeltischen, seinen befrackten Kellnern, seinem Parkettboden und Lichterglanz durchaus vornehm westeuropäisch. »Es verkehrt hier ein sehr distinguiertes Publikum!« sagte Serge Ssilin, sich gegenüber seinem Gast niederlassend. Mit einem Blick über die Tische, an denen fast nur Herren – die meisten im Smoking – in leisem Gespräch saßen. »Hauptsächlich ausländische Diplomaten. Amerikanische Finanzmänner. Viel Südamerikaner. Man trifft immer Bekannte ...« Er grüßte, während er sprach, verbindlich nach verschiedenen Seiten und bestellte beim Kellner, ohne einen Blick in die Karte: »Sakuska ... Piroschki ... Bœuf à la Stroganov ... Man wird dann weiter sehen ...« Er goß seinem Gast ein Glas wasserhellen Branntwein ein und tat, zwischen den Gabelbissen, einige Züge aus einer Zigarette, die er dann, kaum angeraucht, hinter sich auf den Boden warf. »Nun – zur Sache! Sie machen ein so feierliches und düsteres, fast möchte ich sagen: feindliches Gesicht, mein sehr verehrter Herr Vollbrecht! Es tut nicht not! Wir wollen rein geschäftlich uns unterhalten! Von der jungen Dame von gestern – Ihrer guten Freundin in dem Balalaika-Orchester ...« Serge Ssilin verzog lachend die langen, wulstigen Lippen und machte mit den kurznägeligen, tadellos gepflegten, plumpen Fingern der Rechten eine Bewegung durch die Luft, als löste sich da Luja Büttner für ihn in Nebel und nichts auf. »Von dieser kleinen Schönheit sei nicht weiter die Rede! ... Ich war zuerst gestern bei ihrem Anblick verwirrt – ich gestehe ... Was wollen Sie: Man ist auch noch kein Greis!... Einsam ... In der Fremde ... Doch die Vernunft kam mir wieder... Ich zog mich zurück. Nichts liegt mir ferner, als das Fräulein – ich weiß ihren Namen nicht – überhaupt nichts von ihr – ich will auch nichts mehr wissen – nichts liegt mir ferner, als das Fräulein zu kränken! ... Bitte – sagen Sie ihr das von mir...« »Ich werde es ausrichten, Herr Ssilin, und sie wird sehr froh sein!« »Man wird mich nicht mehr im ›Kolokól‹ sehen! Und Sie übrigens auch nicht!« Serge Ssilin lehnte sich lebhaft im Stuhl zurück. »Denn ich biete Ihnen Besseres: Kommen Sie zu mir!« »Warum schweigen Sie so betroffen, Herr Vollbrecht?« frug er nach einer kurzen Weile. »Ich glaube: Sie unterschätzen sich!... Ich habe immer den Eindruck: Ihr Deutschen seid entweder zu bescheiden ... oder ...« – er lachte breit und derb – »nun – das Gegenteil... Bitte ... verschmähen Sie meine Bewirtung nicht!« Er versorgte eigenhändig den Teller seines Gastes aus den vielen Schüsseln mit Vorgerichten. »Diese Fische hier – diese Sigi – sind eine Delikatesse ... Um Sie zu orientieren ... Ich betreibe das Handelskontor »Nowaja Rossija« am Königsplatz ... Meine Affären marschieren gut – trotz des Sterbens eures Papiergelds – was wollen Sie: Man richtet sich ein ... besitzt Hochvaluten – hat seine Konnexionen ... Nur eins ist von dieser Erde verschwunden –« Serge Ssilin seufzte. »Zuverlässige Angestellte ...« »Eure Männer in Deutschland haben in der Etappe das Arbeiten verlernt!« fuhr er barsch fort und schöpfte sich Kaviar, der im Flugzeug aus Moskau gekommen war. »Sie wollen nur organisieren, konferieren, telephonieren, telegraphieren, diktieren! Wie anders ihr wenigen übriggebliebenen Helden der Front – so wie Sie! Ihr wißt, was es heißt: die Zähne zusammenbeißen! ... Ihr habt euch draußen vor dem Tod nicht gefürchtet und fürchtet euch daheim nicht vor der Arbeit! Das bewiesen Sie, indem Sie den Kellnerfrack anzogen! Ich verbeuge mich vor Ihrer bürgerlichen Tapferkeit, Herr Vollbrecht... Dieser Portwein hier ist übrigens Jubiläumsjahrgang ...« Er trank dem jungen Mann verbindlich zu. Der tat ihm Bescheid. Aber dann ein Schütteln des Blondkopfs drüben. Eine Frage: »Herr Ssilin: Wie kann ich gerade Ihnen von Wert sein?« »Sagte ich es nicht schon? ... Für Ihre Landsleute ist alles jenseits der Weichsel eine Art Sibirien – ein unbekanntes und unbetretenes Land. Ihnen verschloß sich diese Welt, die vor den Toren Deutschlands liegt und ihm doch so fern ist! Wie? Sie kennen Rußland bis zum Ural? Nun also – was will man mehr?« »Ich bin nicht kaufmännisch vorgebildet, Herr Ssilin! Ich bin angehender Landwirt ...« »Und was finden Sie im Osten! ... Den Muschik! Überall den Muschik ...« »Und ferner – ich muß es doch sagen – Ich bin noch verhältnismäßig jung – unerfahren ...« »Nun – glauben Sie, ich hätte nicht Leute genug an der Hand, denen man tausend Erfahrungen mit Behörden, Weibern, Dummköpfen, Verbrechern auf dem Gesicht abliest? Diesen Hartgesottenen traut drüben kein Tatar und kein Hebräer – kein Altgläubiger – niemand ...« Ein Lächeln mitleidiger List blinzelte plötzlich aus dem vierschrötigen Urwaldgesicht. Serge Ssilin hob rasch die lange, kolbige Nase aus dem Burgunderglas. Die gläsernen, graublauen Augen hefteten sich schläfrig-schlau auf den jungen Mann. »Hingegen – wenn Sie kommen ...« Er kicherte lautlos in sich hinein – »... blond ... treu und ehrlich ... der Deutsche, wie er im Buch steht ... Jeder wird dies unschuldige Kind betrügen wollen ... Keiner mißtraut ihm ... Nun – lassen Sie uns dann nur machen ...« »Sie werden mich morgen Vormittag am Königsplatz besuchen!« entschied er kurz und laut ... »Hier meine Karte! Ihre Einkünfte – nun – Sie werden staunen: ihr Deutschen verhungert zwischen euren Bergen von Papiergeld und seht nicht, daß das Gold auf den Straßen des Ostens liegt! ... Da kommt gerade solch ein seriöser Geschäftsfreund aus den Randstaaten! Herr Berith – darf ich hier einen künftigen jungen Handelsvertreter meines Kontors Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen!« Baal Berith setzte sich an den Tisch. Seine schwarzumlöckelte Glatze glänzte. Sein feistes, bleiches Antlitz zeigte, zwischen den schwarzen Bartkoteletten, ein überraschtes, achtungsvolles Wohlwollen. Er gab dem jungen Deutschen die schlaffe, reichberingte Hand und kniff vielsagend ein Auge zu. »Mein Glückwunsch ...« sprach er in hartem Deutsch. »Wen erst dieser Wundertäter – dieser heilige Sergej – in seinen Zirkel zieht ...« Und dann, zu Ssilin gewendet, anerkennend, mit einem Seitengeblinzel auf Bernd. »Ist er chutzpe? Man sieht ihm wirklich seine Schlauheit nicht an ...« »Man soll auch nicht!« versetzte der Halbrusse schnell und rauh. Er begann mit dem andern über Geschäfte zu reden: Grenzscheine von Esti nach Lettland ... Arbitragespekulationen in Kowno zwischen Lit und Zloty. Ein Lederlager in Wilna, der Heimatstadt des großen Baal. Eine Schiffsladung, von dem Freistaat Memel nach dem Freistaat Danzig. Polnische, litauische, baltische, lettische, estnische, russische, hebräische, finnische Namen. Kommissionäre, Beamte, Faktoren, Handelsfreunde, Abgeordnete – Leute darunter, die man nur leise und bedeutungsvoll mit dem Anfangsbuchstaben nannte. Der stud. Vollbrecht konnte diesem Wirrwarr von Ziffern und Menschen nicht folgen. Er sah nur wieder, in verschwimmenden Umrissen, den weiten, weiten Osten vor sich – die Welt seiner Kriegsjahre – diese schmutzigen Städte mit ihren byzantinischen Zwiebelkirchen, Synagogenkuppeln und katholischen Kathedralen. Das farbige Volkstrachtengewirr der Marktbauern, von denen die einen vor dem orthodoxen Archimandriten, die anderen vor dem römischen Bischof die Pelzmützen von den struppigen Schädeln zogen. Das Aus und Ein schwarzer Kaftane vor dem Haus des Wunder-Rabbi. Und dahinter, fern durch Asien bis zum Stillen Ozean dämmernd, das eigentliche, unermeßliche Rußland... Von dem raunten sie jetzt. Gedämpft. Diese Petersburger Geschäfte schienen ganz gefährlich zu sein. Der estnische Flachshändler Peter Jaddat hatte sich zu ihnen gesellt. Weißblond. Winzige Augen über starken Backenknochen. Schweigsam. Aber wenn er redete, beherrschte er, dessen Vater noch dem Gutsherrn die Hand geküßt, nicht nur die deutsche Sprache, sondern konnte auch etwas Schwedisch. Etwas Englisch. War in Amerika gewesen. In London. In Paris. Die Republik Weißrußland der Sowjet-Union ... irgend etwas von Mohilew ... ein Geflüster ... An den Wanden des »Slawiansky Basar« in Berlin W lebte Rußland in buntleuchtenden, lebensgroßen und lebensfrohen Volksgestalten. Es tanzte und lachte. Überall brannte das feurige Rot – die alte Lieblingsfarbe der Russen. Aber der stud. Vollbrecht dachte an Lujas Bräutigam, den irgendein Unbekannter aus jener meuternden russischen Kronsmarine hingerichtet hatte, die die Bolschewiken »den Stolz und die Schönheit der Revolution« nannten. Lujas tote Eltern kamen ihm in den Sinn. Ihm war, als triefte Blut von den Bildern an den Wänden – als loderten da Flammen... Es war ihm unheimlich zumut. Rußland um ihn. Halblußland ... Neue Geschäftsfreunde erschienen. Der junge Deutsche kam sich überflüssig zwischen all den Randstämmigen vor. Er erhob sich. Sein Gönner hielt ihn nicht: »Sie werden morgen punkt zehn Uhr vormittags sich in meinem Vorzimmer bei meinem Sekretär Jakob Uhkeneek melden!« versetzte er, ihm, ohne aufzustehen, die Hand drückend, als sei er schon sein Angestellter. »Nun mit Gott!« Es war schon spät nachts. Der Kurfürstendamm, auf den Bernd Vollbrecht hinaustrat, fast leer. Die ehrbaren Gaststätten hatten mit der Polizeistunde geschlossen. An den Straßenecken standen dafür, sich scheu umschauend, die Schlepper der Spielklubs, Kokainkeller und Nackttanzdielen. Dicht vor dem Studenten wandelte ein schmächtiger junger Mann, mit bloßem Lockenkopf, gefühlvoll mit schöner Tenorstimme singend, seines Wegs. Ein Wurstkessel pendelte ihm an zwei Tragbändern vor dem Leib. Er wandte, auf einen Schulterschlag von hinten, das verträumte Gesicht mit dem goldenen Zwicker über dem Schnurrbärtchen zu Bernd zurück. Der frug: »Na – wieviel Droschkengäule hast du heute verwurstet?« »Wieder ausverkauft!« sprach der Zahntechniker Alfred Henke stolz. »Tut auch not! Warum mußtet ihr denn in eurer verfluchten Budike, dem ›Kolokól‹ ausgerechnet gerade unsern Salonneger vor den Nabel treten? Nun liegt der biedere Samuel Congo im Krankenhaus und blecht meiner Mutter die Miete nicht!« »Ihr kriegt doch auf der Stelle einen andern Menschenfresser in die Bude!« »So? ... Wenn unser schwarzer Schlafbursche nächste Woche wieder antritt, alarmiert er das liebe Wohnungsamt ... nee ... Was machen Sie denn für ein tiefsinniges Gesicht, Herr Ober?« »Ja eben ... Ober ... Die Stellung als Kellner ist doch gut ... sie ist doch halbwegs sicher ... Nun kommt da so ein Randgewächs aus dem Osten – will mich von da weglotsen – verspricht mir goldene Berge ...« »Falle ...« »Ich traue dem Landfrieden ja auch nicht! Aber wenn doch etwas daran wäre ... ich muß doch auch an Luja denken ... an unsere Zukunft ...« »Mensch – das ist ja furchtbar mit dir! ... Du wirst ja immer verliebter!« sagte der fliegende Wursthändler. »Mehr als ich verschossen bin, kann man nicht mehr sein!« Der Kellner Fritze blieb mit seinem Freund vor dem Haus der verwitweten Geheimrätin Henke stehen. »Aber so viel Vernunft hab' ich jetzt doch ... sie kommt mir in dieser frischen Nachtluft wieder: Mich warnt eine innere Stimme vor all diesem östlichen Volk und seinen Geheimnissen und Händeln!... Nein: Ich bin ganz entschlossen! Ich mach' da nicht mit! Gerade um der Luja willen, der ich 'was Sicheres bieten muß! Der gute Mann soll sich sein faules Kontor am Königsplatz sauer kochen lassen. Auf mich kann er da morgen um zehn Uhr lange warten! Ich sitz' um die Zeit ruhig bis Mittag im Kolleg und scher' mich den Deubel um den Kunden!« 9 Es war fast eine Stunde Wegs von der Landwirtschaftlichen Hochschule oben im Norden Berlins bis zu dem Heldenviertel am Ende der Potsdamer Straße, wo, nahe dem Sportpalast, alle die nüchternen, sich schneidenden Häuserreihen nach alten preußischen Ruhmesnamen hießen. Der stud. agr . Vollbrecht schlenderte am nächsten Mittag, die dicke Kollegienmappe unter dem Arm, zu Fuß nach seiner Bude bei Mutter Peereboom, vier Treppen hoch unterm Dach. Er hatte nicht mehr Serge Ssilin im Kopf, sondern die Stickstoffbereicherung magerer Böden – nicht das russische Handelskontor, sondern die heilsame Wirkung der Düngesalze auf saure Wiesen. Höchstens flackerte noch einmal nachträglich der Koller auf. Das fehlte ihm gerade, sich von einem hergelaufenen Ausländer auf zehn Uhr vormittags irgendwohin kommandieren zu lassen! – Blödsinn! ... Na ... jetzt schlug die Glocke eins! Jetzt hatte der olle Schieber sich zu Gemüte geführt, daß man ihn einfach versetzt hatte! Vielleicht war es ihm eine Lehre! ... Vielleicht merkte er: Es gab noch junge Kerle in Berlin, die nicht jedem russischen Raffke die Stiebel putzten ... Nanu ...? Der blonde Jungmann blieb an der Ecke seiner Straße stehen. Sein frisches, bartloses Gesicht war betroffen. Da hielt doch, vor seinem Haus, eine klapperige, mit Gepäck beladene Bahnhofdroschke. Die Fahrgäste – ein Herr und zwei Damen – standen in Reisekleidern vor ihr auf dem Bürgersteig. »Herrjesus ... Papa ...« Ja: Das war der Gutsinspektor Martin Vollbrecht aus dem bisherigen Westpreußen – wettergebräunt – graubärtig – ein guter Fünfziger mit den jugendhellen, blauen Augen des Sohnes. »Gestern von den Polen 'rausgeschmissen – wie wir gingen und standen!« sagte er. »Wir können froh sein, daß wir noch mit heiler Haut davonkamen. Ja. Nun kann man auf seine alten Tage sein Leben von vorn anfangen. Junge!« »Um zehn Uhr kamen wir auf dem Bahnhof Friedrichstraße an!« ergänzte die Mutter. Gerade die Stunde der Verabredung mit Serge Ssilin! Ein leiser Schrecken durchrieselte den Studenten Vollbrecht: Hast du nicht doch da den vorbeiflatternden russischen Glückszipfel verpaßt? Die Deinen haben kein Geld! Können auf die Dauer keins haben! Denn wieviel sie auch an deutschen Banknoten mit hohen Hausnummern mit sich schleppen – das Dreckzeug schmilzt ja an Wert, je mehr der Dollar klettert, wie Butter an der Sonne. Für einen langten die Einnahmen im »Kolokól«. Aber für vier ...? ... Unmöglich! Er frug: »Warum habt ihr mich denn nicht auf den Bahnhof bestellt?« »Es ging so schnell!« antwortete die Mutter. Und der Vater: »Warum sollst du unnütz dein Kolleg schwänzen!« »Du kannst doch nicht helfen!« sprach eine Mädchenstimme mutlos. Da stand sie – das Schwesterchen ... Bernd gab ihr einen Schmatz. Nett... die Marjell, trotzdem sie jetzt miesepetrig aussah – nach der Nachtfahrt ... aber in ihrer Art apart ... Wer wollte, konnte einen venezianischen Goldton in dem rötlich schillernden Kraushaar entdecken. Jetzt, im März, bemerkte man auch die Sommersprossen auf den hübschen Zügen noch nicht. Und wenn auch – das junge Gesicht war völlig von dem Gegensatz zwischen den hellblonden Augen und dem rötlichen Lockengekringel darüber belebt. Das hatte einen nixenhaften Reiz. Die Vicke wußte es auch. Sie krebste sonst tüchtig damit. Aber jetzt war ihr alle Lebenslust vergangen. »Am liebsten möchte ich mich auf das Pflaster hinsetzen und heulen!« sagte sie. »Wir sind nämlich dämliche Provinzialen!« erklärte der energische alte Herr Vollbrecht. »Wir haben uns eingebildet, die Gasthäuser und Pensionen in Berlin seien zum Wohnen da! ... Ja Kuchen! Seit drei Stunden kutschieren wir in der Stadt herum! Überall heißt es in den Hotels: Ausverkauft!« »Und in den möblierten Zimmern die einzige Antwort: ›An deutsche Ehepaare wird nicht vermietet‹!« »›Deutsche Familien nehmen wir grundsätzlich nicht auf!‹ haben sie eben noch in einer Pension gesagt!« rief Viktoria Vollbrecht, die Tochter. »... überhaupt höchst ungern Deutsche, wenn sie nicht mit ausländischem Geld zahlen!« versetzte Bernd. »Das hätte ich euch vorher sagen können ...« »Ja – wem gehört denn dann Berlin?« »Vor allem den Japanern, Papa – dann den Amerikanern – den Engländern! Den Russen, falls sie gerade einen Familienschmuck gegen Valuta verkümmelt haben. ... Den Brasilianern. Den Portugiesen. Den Negern ... Kurz allen unseren Feinden!« »Schön!« sagte Vollbrecht, der ältere, ruhig. »Also – los – Kutscher! Wir sind bloß Deutsche. Schaffen Sie uns nach dem städtischen Nachtasyl!« »Nicht nötig! Es ist ein Segen, daß ihr doch zuletzt bei mir vor Anker gegangen seid!« versetzte der Sohn. Ich weiß das Zimmer eines schwarzen Gentleman, das durch einen glücklichen Zufall frei ist! Er hat einen Fußtritt vor den Bauch gekriegt und liegt im Spital. Das Zimmer ist in Charlottenkoje – es wohnen nämlich bald mehr Russen als Deutsche in Charlottenburg –, eine Werst vom Bahnhof Zoo – in einer Querstraße des Reppski-Prospekt – des Kurfürstendamms, meine ich –, wo der Berliner die Ausländer neppt! Entschuldigt einen Augenblick! Ich will nur eben meine zehnpfündige Mappe in meiner Bude oben verstauen!« Er nahm mit jugendstrammen Lungen immer drei Stufen der steilen Treppe zum vierten Stock auf einmal. In der offenen Türe seiner Dachkammer stand die Quartiermutter Peereboom, schlampig, mit wuscheligem Graukopf, in ausgetretenen Babuschen und krächzte zu einem Besucher: »Nu können Sie ihn selber jenießen! Da kommt er jerade!« Der Herr hielt einen weißen Briefumschlag in der Hand. Er war klein und zierlich von Wuchs und peinlich sorgfältig gekleidet. Sein feines, rosig geädertes Gesicht mit dem weißen Spitzbart hatte etwas schwach Fremdartiges. Er drückte dem Studenten äußerst höflich die Hand. »Mein Name ist Constant von Kabisch – früherer Kaiserlich russischer Kollegienrat –.« Da war wieder das russische Deutsch. Diesmal ein schmiegsames, weiches Petersburgisch. »Ich wohne in der Pension ›Alpenrose‹, zusammen mit Fräulein Büttner aus Sebastopol. Ich versprach ihr, aus Gefälligkeit, diesen Brief hier im Vorbeigehen abzugeben! ... Bitte!« Der stud. Vollbrecht war nicht vom Treppenstürmen atemlos, als er das Schreiben aufriß und überflog. Nervös gekritzelte, flüchtige Schriftzüge. Keine Anrede: »Ich habe gestern abend Herrn Nabokow von unserer Balalaikatruppe gebeten, heute früh bei Ihnen anzufragen, wie es gestern mit S. S. geworden ist. Sie waren schon ins Kolleg, als er kam. Aber Ihr Freund, der starke Mann, der vor dem ›Kolokól‹ Wache steht, sagte ihm, Sie hätten ihm erzählt, S. S. habe Sie auf heute um zehn Uhr bestellt. Aber Sie würden nicht erst hingehen! ... Lieber Freund ... Das kann doch Ihr Ernst nicht gewesen sein! So verblendet können Sie doch nicht sein! Sie sind sicherlich dort gewesen! Ich bin so wahnsinnig gespannt, was Sie mit S. S. verabredet haben! Hier habe ich zwei Tugendwächter – meine Base und den heiligen Menno. Die erlauben nicht, daß Sie kommen. Also bin ich Punkt vier an der großen Kirche am Anfang vom Kurfürstendamm. Sie wissen schon. L. B.« »... Ich sehe Fräulein Büttner jetzt!« versetzte der alte Petersburger in seiner diskreten, verbindlich-verhaltenen Diplomatenart. »Soll ich ihr Antwort bestellen? Es wäre recht? Gut! Ja ... und hm ...« Er hüstelte. Seine trockene Sprechweise gewann einen lebhafteren Klang. »Da ich nun einmal das Vergnügen habe, Sie zu sehen ... Es wäre da die Gelegenheit, eine Bagatelle zu erörtern ... zwischen Ihnen und mir.« Er lächelte still verschlagen. »Offen gestanden: Deswegen erbot ich mich, den Postillon d'amour ... hm ... pardon ... ich wollte sagen, den Postboten zu spielen! ... Wie? Sie sind jetzt in äußerster Eile? ... Belieben Sie: Nur fünf Minuten! Glauben Sie mir: die Affäre ist für Sie wichtiger als für mich ...« »Haben Sie die Karawane vor dem Haus gesehen, Herr von Kubisch?« frug der blonde Student, immer noch atemlos vor Glück über das Stelldichein und zugleich, gegenüber Luja, voll schlechten Gewissens. »Das ist meine Familie. Flüchtig aus dem Osten!« – Flüchtig aus dem Osten ... Das alte Wort, das Zehntausenden, Hunderttausenden von Heimatlosen in Berlin allen das gleiche bedeutete ... Constant von Kabisch neigte teilnahmsvoll den kleinen, weißen Kopf. »Ich begreife ...«, murmelte er. »Auch ich verbrachte mein Leben drüben – im Hofstaat des hochseligen, ermordeten Großfürsten Wladimir Michailowitsch. Und nun ... Nein: Sie würden jetzt auch nicht in der Stimmung für meine Eröffnungen sein ...« Er stieg mit dem jungen Mann die Treppe hinab. »Ich werde gegen Abend wieder vorsprechen! ... Eine kurze Unterhaltung – strengstens unter vier Augen ... Nicht nach sieben Uhr, weil Sie dann zu tun haben? Gut!« Er trennte sich vor dem Hause in altmodischer Courtoisie von dem jungen Landwirt. Der brachte die Seinen nach dem Charlottenburger Westen. Die klapperige Droschke glich einer rollenden, belagerten und gut verproviantierten Festung. Das Reisegepäck der Familie Vollbrecht enthielt hauptsächlich Lebensmittel aus Westpreußen: Vier große, in Leinwand genähte, geräucherte Schinken, Steinguttöpfe voll Butterschmalz, Beutel mit Backpflaumen, Hartwürste. »Gottlob, daß ihr 'was zu präpeln mitgebracht habt!« versetzte erleichtert an Ort und Stelle der stud. Vollbrecht. »Was die Wohnung betrifft ... Erlaubt, daß ich euch meinen Freund Alfred Henke vorstelle! Das Raubtier kommt zum Glück immer nachmittags zur Fütterung nach Hause ... Also höre, Alfred. Du mußt – schreibe es dir hinter die Löffel: Du mußt den Meinen vorläufig das leere Wigwam eures Niggers einräumen ... für meine Mutter und meine Schwester hier. Letztere hört auf den Namen Vicke ... Gib dem Alfred ein schönes Patschhändchen, Baby! ... Sag': danke! ... danke!« »Deinen Herrn Vater quartiere ich in meine eigene Kamurke hinten ein!« Der Zahnbeflissene hielt die Hand des jungen Mädchens fest und schaute verträumt auf den hübschen, blauäugigen Rotkopf, dessen reisebleiche Wangen sich sanft und freundlich rosig erwärmten. »Ich lege mir für die Nacht 'ne Matratze in den Korridor ...« »Nun frag' nur deine verehrte Frau Mama, ob sie einverstanden ist. Wie? Sie liegt vor Überanstrengung krank im Bett? Kein Mädchen? ... Du das Mädchen für alles? ... An Gott und der Welt verzagend? Ja – da schickt der liebe Gott ja die Vicke wie gerufen ...! Sie schaut aus wie 'ne Zimperliese, ist es aber gar nicht! ... Sie hat schon in der Wasserpolackei eigenhändig an einem Tag zweiunddreißig Liter Milch aus der Renommierkuh herausgemolken! Hinter den Eiern war sie her wie der Teufel hinter der armen Seele ...« Vicke Vollbrecht war jetzt, seitdem sie den Freund ihres Bruders kennengelernt hatte, viel munterer. Sie lächelte. Mit einem raschen, glänzenden Augenaufschlag. Jetzt kam das Nixenhafte bei ihr erst so recht heraus. Sie frug geschäftig: »Haben Sie 'ne alte Küchenschürze für mich bei der Hand, Herr Henke? ... Dann fangen wir gleich an!« Die beiden liefen einträchtig nach hinten. Bernd Vollbrecht schleppte den Kriegsschatz, die Räucherschinken und Zubehör, hinauf und half die nächsten Stunden beim Einzug. Als er Vater und Mutter soweit besorgt und aufgehoben hatte, hörte er aus Samuel Congos Vorderzimmer die teilnahmsvolle Stimme seiner dort aufräumenden Schwester: »Sie fassen alle die Sachen so graziös an, Herr Henke! Sind Sie Künstler?« »Zahnkünstler, gnädiges Fräulein ...« »... und nächtlicher Wurstfritze, Vicke!« ergänzte vom Flur der gefühllose Bruder. »Übrigens fall' nicht vom Stengel, Mama: Ich bin jetzt im Nebenberuf Nachtkellner.« »Das ist sehr vernünftig von dir!« sagte der alte Herr Vollbrecht. »... und nun verzeiht ...« Sein Sohn sah aufgeregt auf die Uhr. »Ich muß nämlich jetzt ins Kolleg!« »Warte – ich komme mit!« »Wohin denn, Papa?« »Arbeit suchen! Auf der Stelle!« versetzte der Vater Vollbrecht. »Glaubst du, ich lasse mich mit fünfundfünfzig von euch jungem Volk beschämen? Nee – mein Sohn: Jetzt werden die Hemdsärmel aufgekrempelt und los! ... Ich hab' noch gute Freunde in Berlin ... Es wird sich schon irgendwo in Deutschland eine Brotstelle für mich finden!« Vater und Sohn wandelten die breite Prunkstraße des Westens hinab. Nach den ersten hundert Schritten begann Bernd in seiner Ungeduld fast zu traben. »Papa – du gehst so furchtbar langsam.« »Hab' du mal erst meine Jahre auf dem Buckel!« »Aber ich komm' zu spät in die Universität!« rief der junge Mann verzweifelt. »Bist du wirklich so fleißig?« »Wie 'ne Biene ...« »Lasse dir doch Zeit, armer Kerl ...« »Nein, Papa! Das Kolleg fängt Punkt vier Uhr an!« »Über was liest sie denn?« Der Alte frug es ganz gemütlich. Er fuhr fort, da der Sohn mit offenem Mund schwieg: »Also natürlich ein Rendez-vous!« »Ja – was dachtest du denn sonst?« rief der Student erbittert. »Verplempere dich nur nicht ...« »Das sagt ihr alten Semester immer, Papa! ... Aber ihr wart auch 'mal jung!« »Na eben! Also laufe doch schon! ... Sonst läßt du sie wirklich noch warten!« Jawohl: Luja Büttner stand schon harrend auf der Insel, auf der sich, autoumbrandet, inmitten des großen Straßensterns, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche türmt. Bernd erkannte von weitem die zierliche Gestalt in dem dürftigen, windzerzausten Mäntelchen – das kleine, süße, weiße Gesicht unter dem zerdrückten, russischen Reisemützchen. Es war noch keine Möglichkeit gewesen, sie einigermaßen nett einzukleiden. Reue erfaßte den jungen Mann, während er sich ihr näherte. Ein Gang heute Vormittag zu Serge Ssilin, und er hätte ihr vielleicht jetzt schon, statt der dünnen Fähnchen, die sie in der Märzkühle auf dem Leib trug, eine Auswahlsendung aus der Leipziger Straße ins Haus schicken können! Man vermochte sich gar nicht vorzustellen, wie entzückend sie dann erst wirken würde, wo sie jetzt schon wie ein geheimnisvolles Kleinod da im Alltag des Berliner Westens leuchtete – wo selbst des Abends die grelle, plumpe Verkleidung eines russischen Bauernmädchens ihr nicht den zarten Schmelz von den Schmetterlingsflügeln streifen konnte. Es war so unrecht, so bitter unrecht, dies Märchengeschöpf als Aschenputtel zwischen all' den aufgedonnerten, nichtssagenden Modepuppen des goldenen Westens herumlaufen zu lassen. Dem stud. Vollbrecht wurde das hämmernde Herz schwer. Er schluckte vor Schuldbewußtsein, als er die leuchtenden, großen Augen in dem feinen Gesichtchen erwartungsvoll auf sich gerichtet sah. Die kleine, brünette Deutsch-Russin kam ihm rasch und fröhlich entgegen. Ihr Wesen schien feierlich erregt. Das war ein ganz anders fester Händedruck der zarten Finger als bisher ... »Was bin ich gespannt ...«, sagte sie neugierig-glücklich wie ein Kind vor Weihnachten. »Was werden Sie mir zu erzählen haben! Aber nicht hier – in dem Lärm –, wo einem der Stadtsoldat winkt und man bei jedem Schritt beinahe überfahren wird!« »Wohin wollen wir gehen, Luja ...?« »Wo's lustig ist ...« Die Kleine lachte. Er kannte sie von dieser Seite noch gar nicht. Sie war verführerisch, in ihrem Sonnenschein. Eine reizende, mutwillige, dunkle Eva. »Ihr Berliner seid doch so fidel! Ihr tanzt doch schon am hellen Nachmittag. Dort drüben ist solch ein Palast! ... Man kann sich da hinsetzen und zuschauen, und Sie berichten mir, Bernd ...« »Die beiden, die da schautanzen, kenne ich ...«, sagte der Student, als sie innen an einem der vielen kleinen Tische der Tanzdiele Platz genommen hatten. »Die wohnen Tür an Tür mit mir bei der Mutter Peereboom. Sie nennen sich Marmoll und Macca. Aber eigentlich ist es ein abgebauter böhmischer Graf mit seiner Frau ...« Durch das große, leere Viereck in der Mitte des Saales schritt das Berufstänzerpaar im Takt des Tango. Bog sich. Wand sich. Wechselte die Füße. Andächtige Blicke der Ausländer verfolgten von den Tischen die Zeremonie. Dazwischen gab es auch deutsche junge Männer, jetzt am Nachmittag, wo die wohlfeile Kaffeestunde den Weinzwang des Abends ersetzte. Junge, deutsche Mädchen mit englischer Tischzeit, Schlag vier Uhr aus den Kontoren und Büros losgelassen. Sie saßen bei den Japanern und bei den Yankees, bei den Polen und den Balkaniten. Sie knabberten Teegebäck, sie rauchten Zigaretten und wippten tanzlüstern mit den Lackschuhspitzen. Der Steptänzer Marmoll überklapperte jetzt eben das Gequäke der Jazzbande mit dem Wirbelwind seiner Stiefelabsätze. Der ganze, hagere, glatzköpfige Roué schien nur noch aus blitzschnell rasselnden Knochen zu bestehen. Bernd Vollbrecht fuhr fort: »Dabei geht's dem Grafen und der Gräfin ganz lausig! Sie haben kein Geld! Sie zanken sich oft von zwei Uhr nachts bis morgens. Er flucht und sie heult ...« Er fing einen grünlich zornfunkelnden Seitenblick seiner Nachbarin auf. Ihr Gesichtchen war bleich und böse. Ein gereiztes Blinzeln wie bei einer kleinen Fauchkatze. »Was sind das für dumme Reden ...« Ihre Stimme bebte leise und drohend. »Ich sitze hier wie auf Kohlen, und Sie schwatzen mir von diesem Hampelmann ... Erzählen Sie – wie war es bei Ssilin? ... Nun steckt er sich wieder eine Zigarre an! ... Es ist entsetzlich mit Ihrer Pomadigkeit ...! Heraus doch mit der Sprachel« »Also, Luja ... Ich habe mir die Geschichte überlegt!« begann der junge Mann mit künstlicher Ruhe nach den ersten Zügen. »Wir müssen vernünftig darüber reden! Sehen Sie 'mal ...« Er blies eine Rauchwolke von sich. »Ich bilde mir nicht ein, ein großer Geist zu sein. Aber so dumm bin ich doch nicht, um nicht zu begreifen, daß ich – ein guter deutscher Vetter vom Lande – bei diesem, mit allen Hunden gehetzten Valuta-Aujust, diesem Herrn Ssilin, nur das fünfte Rad am Wagen sein würde! Die Brüder könnten mich in ihrem Betrieb höchstens zum Markenlecken verwenden! Weiß der olle Knabe auch ganz genau! Und wissen Sie, warum er mir trotzdem um den Bart geht, den ich nicht habe? ... Um durch mich in Ihre Nähe zu kommen ...« »Na natürlich ...« Die kleine Büttner schlürfte ihre Schokolade. »Er ist in Sie bis über die Ohren verschossen!« »Hoffentlich ...« »Nu hört aber doch die Gemütlichkeit auf!« Das frische Antlitz des Jungmanns rötete sich unter dem blonden Haar. »Luja ... Antworten Sie mir gefälligst nicht so frivol!« »Frivol?« frug die Kleine unschuldig und vorwurfsvoll. »Aber Bernd ...« »Na ja ... Wenn man Sie so hört ... Schönheit drückt doch den Millionenonkel wahrhaftig nicht! Aus welchem Zuchthaus er ausgekniffen ist, weiß ich nicht! Er hat bloß Moneten – die allerdings, scheint es, nicht zu knapp! ... Aber so sind Sie doch wahrhaftig nicht, Luja ... Das macht doch auf Sie keinen Eindruck ...« »Aber sehr ...« Die feinen Nasenflügel der kleinen Deutsch-Russin bebten. Er sah, daß sie mit aller Kraft sich beherrschte, um es nicht durch einen Zornausbruch mit ihm zu verschütten. Er begriff: Sie machte sich schon selber klar, daß er gar nicht bei Ssilin gewesen war ... »Ich habe nichts!« sagte sie sanft in ihrem harten Deutsch-Russisch. »Sie haben nichts. Er aber hat. Er will uns geben! ... Er wird uns geben! ... Er wird unser Wohltäter sein ...« »Um welchen Preis?« knirschte der Student hitzköpfig. »... daß wir ihn auslachen! Wir führen ihn wie einen Bären im Kreis herum!« Die kleine, brünette Schönheit lächelte spitzbübisch, setzte die rechte Kinderhand an das Näschen und machte schnell eine lange Nase in der Richtung nach dem fernen Königsplatz. Ein schlitzäugiger Japaner in der Nachbarschaft feixte verzückt, an der Seite einer baumlangen Berliner Blondine. »Luja ... Wer so schön ist wie Sie, darf damit nicht Ulk treiben! Das tut mir direkt weh!« »Mein Gott – ist dieses Kind beschränkt!« Luja Büttner legte mütterlich kopfschüttelnd ihrem Freund die Rechte auf das Knie. In ihren schönen Augen von unbestimmtem Grünbraun dämmerte eine sonderbar wissende Unschuld. »Ich weiß, daß ich hübsch bin. Und wenn ich es nicht wüßte, würde ich es jeden Tag von euch Männern von neuem erfahren! Nun also! ... Gott gab mir diese Larve, damit ich mich ihrer mit Anstand und Ehrbarkeit im Kampf des Lebens bediene! Ich habe doch sonst keine Waffe! Diese aber ist gefährlich ...« Sie lachte plötzlich hell auf und federte mit einem Ruck vom Stuhl empor. »Kommen Sie ... wenn wir schon hier sind – wir wollen 'mal tanzen ...« Er tat ihr den Willen. Jetzt war der Raum in der Mitte ein einziger, taktmäßig wogender Menschenknäuel. Europa hatte sich im Shimmy geeinigt. Die Neue Welt. Der ferne Osten. Die beiden waren eingepreßt zwischen Sakkos, Capes, Persianermänteln. Denn die Damen tanzten trotz der Hitze in ihren Pelzen, damit sie ihnen nicht inzwischen vom Platz weggestohlen würden. Man wurde geschubst und gestoßen ... Luja Büttner kümmerte sich nicht darum – sie gab sich sanft dem Arm des Freundes hin – ihm so nahe wie noch nie. Sie ließ sich weich, mit halb geschlossenen Lidern, von ihm führen. Die weißen Zähnchen aber blitzten, wie bei einem kleinen Raubtier, in ihrem vollen Kindermund. Ihr heißer Atem wehte wild zu ihm auf. »Hören Sie, Bernd ...« »Ich kann jetzt nicht reden, Luja! ... Ich muß zählen ...« »Sie sollen hören ...« »Ich komme aus dem Takt ...« »So treten Sie mir in Gottesnamen auf die Füße! Wer sieht es – in diesem Jahrmarkt hier? Bernd: Sie waren nicht bei Ssilin?« »Nein ...« Eine Sekunde fühlte er ein erbittertes Krallen ihrer mageren, an seiner Schulter ruhenden Fingerchen. Aber die großen, jetzt ganz offenen dunklen Frauenaugen in dem weißen Gesichtchen behielten gewaltsam ihre Ruhe. »Bernd ... Warum wollen wir uns diesen alten Esel nicht zunutze machen? ... Er soll nur meine Bekanntschaft machen, Bernd – durch Sie! ... Ich werde ihn noch verliebter in mich machen, als er schon ist ...« »Aber Luja ...« »Er wird, in seiner Narrheit, tun, was ich will! Ich werde von ihm verlangen, daß er seine Liebe praktisch beweist und für uns sorgt! ... Wir werden nicht mehr Kellner und Musikantin sein! Er wird uns in den Sattel helfen. Dann reiten wir ihm davon!« »Man soll nicht mit dem Feuer spielen, Luja ...« »Ich habe genug Feuer in Rußland gesehen! ... Und Blut!« Der Atem der Kleinen flog. »Bernd: Es ist die erste und die letzte große Chance unseres armseligen Daseins ...« »Trotzdem ...« »Bernd ... Ich bitte dich ...« Es lähmte ihm beim Tanz vor freudigem Schrecken fast die Beine. Sein Herz stand still. Da nannte sie ihn »du« ... »Bernd ... wenn du mich lieb hast ...« Er schloß die Lider vor Glück. Ihm schwindelte. »Lieber Bernd – dann bringe mich mit Serge Ssilin zusammen ...« Lieber Bernd ... Er hätte weinen mögen vor Wonne. Er konnte nicht antworten. Die Musik verstummte jäh. Herren und Damen liefen auseinander. Der Student ging mit Luja zu ihrem Tischchen zurück. Sie setzte sich. Sie goß sich den Rest ihrer Schokolade ein. Sie begann plötzlich gereizt und spöttisch, die Tasse absetzend: »Welch ein Rabensohn! Das bist du auch noch zum Überfluß! – Ja ... schaue mich nur so treuherzig an ... Daß du mich in diesem Nachtasyl, diesem ›Kolokól‹, verkommen läßt, bis ich doch einmal in der Not nicht mehr aus und ein weiß und sich der Böse meiner Seele bemächtigt und ich auf schlechte Wege gerate ...« »Luja ... sei still ...« »... daß du es mir grausam verwehrst –« Sie lachte nervös auf »... ein bißchen mit diesem Ssilin zu spielen, wie das Kätzchen mit der Maus ... und uns eine Zukunft zu gewinnen – für mich und für dich, Bernd – nun wohl: Ich bin jung! Ich muß mir selber helfen! ... Geh nur! ... Geh ...« »Luja ... Ich weiß ja gar nicht mehr ...« »Aber da sind deine Eltern! ... Alt ... Vertrieben ... Emigranten ... Herr von Kabisch sah sie heute vor deinem Haus ... Wirf nur Vater und Mutter aufs Pflaster – lasse sie verhungern ... du trefflicher Sohn! Wo ein einziger Besuch von dir bei Herrn Ssilin uns alle retten könnte ...« »Luja ... du machst mich ja verrückt!« »... und deine Schwester? ... Der alte Kabisch sagt, sie ist eine rothaarige Schöne! Er versteht etwas davon. Wirst du es vor Gott verantworten, wenn sie in Berlin zu Schaden kommt, weil du nicht für sie sorgst ...?« Im Tanzraum hüpften jetzt ein Dutzend barbeiniger, halbwüchsiger Tänzerinnen in wehenden Hemdchen Hand in Hand einen Genienreigen. Der Student stand auf. Die kleine Büttner mit ihm. Sie flüsterte: »Ich rede nicht mehr von mir! Das ist jetzt zwischen uns gewesen! ... Alles vorbei! ... Ich weiß jetzt, daß du mich nicht liebst! ... Also ... leb' wohl ... Mehr wie ›Guten Abend!‹ und ›Gute Nacht!‹ brauchen wir uns ja im ›Kolokól‹ künftig nicht mehr zu sagen! Ich wenigstens gewiß nicht!« »Luja ... Ich habe glücklich den Verstand verloren! Ich bin jetzt soweit ...« »Willst du mir dein Wort geben, daß du mich, sobald du nur irgend kannst, mit Serge Ssilin zusammenführst? Womöglich heute noch ... Spätestens morgen ...?« »Mein Ehrenwort, Luja ... Ja!« 10 Also weißt du, Bernd – ich habe sie heute durch Zufall wieder auf der Straße getroffen, und wir sind so ganz gemütlich 'n Eckchen miteinander lang gebummelt. Du... höre, Kerlchen: Das ist ein höchst merkwürdiges Mädchen«, versicherte eine Stunde später in der gemeinsamen Dachstube der Polytechniker Paul Ribbentropp seinem eben eingetretenen Freund. Der Riese saß in der Dämmerung auf seiner wackeligen Bettstelle und schmunzelte behäbig und stillvergnügt vor sich hin. Der andere hörte kaum zu. Er schmiß bleich und erregt den Hut auf den Tisch. Er stellte sich, die Hände in den Hosentaschen, breitbeinig an das Klappfenster in der Deckenschrägung und starrte stumm, an der Unterlippe nagend, auf die abendgrauen Dächer, Schornsteine, Telegraphen- und Telephondrähte des Berliner Häusermeeres hinaus. »Ein mordsstrammes Frauenzimmer ...«, begann der hemdsärmelige Kraftmensch wieder voll freudiger Anerkennung. Der blonde Student drüben drehte sich langsam, geistesabwesend, herum. »Ich glaube, du bist übergeschnappt, Kleiner!« sagte er. »Mordsstramm! ... Ausgerechnet die Luja! ... Zu blöde ...« »Rede ich denn von deinem Püppchen?« Der Riese wiegte träumerisch das gutmütige, kurz geigelte Haupt mit dem kleinen Schnurrbärtchen. »Von ihrer Base rede ich! Von Fräulein Altschüler.« »Ach so ...« »Stell' du nur die Luja in den Glasschrank! Da gehört sie hin! An der Lisa hat man 'was Reelles! Die kann 'nen Puff vertragen! ... Das ist 'ne Nummer ...! Und immer Kopf hoch und guter Dinge ...« »Also den Mann hat's glücklich auch!« sprach der Studiosus Vollbrecht. »... Ich hab' ja jetzt Geld ... Ich muß mir nächstes Mal ein Paar Galoschen kaufen ... Im Warenhaus ... Lache nicht so dumm ... In der Übergangszeit erkältet man sich am leichtesten ...«, sagte der ungeheure Mensch besorgt. »Da sehe ich sie wieder! Pass' mal auf, wie lange ich da anprobieren muß, ehe sich etwas für meine Größe findet! Wahrscheinlich muß ich noch 'mal hinkommen ... Ich habe das alles schon mit ihr verabredet! Wir verstehen uns überhaupt großartig!« »Es scheint ...« »Sie ist doch so eine ehrliche Haut. Sie kann sich nicht verstellen!« Paul Ribbentropp lächelte hoffnungsvoll in die Weite. »Sie hat mir ganz einfach gesagt, ich gefiele ihr auch ...« »Ich wünsche dir nur, daß dir die deinige nicht den Kopf so heiß macht wie meine mir!« sagte der junge Landwirt unruhig, in finstere Gedanken verloren. Sein Freund wiegte betroffen den kurzgeschorenen Schädel auf dem Stiernacken. »Das sanfte, schwarze Miesekätzchen?« »Ja. Das sagst du ...« »Wenn du mit der schon nicht fertig wirst, Bernd – dann mußt du's überhaupt mit den Frauenzimmern aufstecken! Dann ist die Gesellschaft dir über ...« »Es ist auch eigentlich gar nicht die Luja! Es kommt nur durch die Luja!« Der Student ging hastig im Zimmer auf und ab. »Ziehe nicht so einen begriffsstutzigen Flunsch, Paule! Du wirst davon nicht schöner! ... Ich kann dir das nicht so begreiflich machen ... Es ist mir selber nicht recht klar ... Aber sieh mal,« er blieb vor dem Freund stehen, »ich bin doch ein waschechter Deutscher. Ich war im Krieg in Rußland. Na – das waren Millionen andere auch! Was geht mich jetzt im Frieden Rußland an?« »Es schreibt sich Rußland«, versetzte der Polytechniker philosophisch. »Und ausgesprochen wird es Luja!« »Nun eben! Sie ist doch keine Russin! Sie ist doch eigentlich eine Deutsche – deutsch wie du und ich! Aber seitdem ich die Luja kenne, habe ich das Gefühl, daß Rußland nach mir greift ... Hinter ihr hervor – förmlich unsichtbar ... Ich weiß gar nicht, was Rußland von mir will ... Ich habe das Gefühl, ich komme da immer tiefer und tiefer in etwas hinein ... in etwas Dunkles ... Gefährliches ... ohne Boden unter den Füßen ... so wie im Krieg in so einen polackischen Sumpf bei Nacht ...« »Jetzt sieht der Mensch schon in seiner Verliebtheit Gespenster!« sprach der cand. ing. Ribbentropp. »Ist Herr Ssilin ein Gespenst? Na – und da? ... Eben klopft's! Wenn das ein kleiner, deutsch-russischer Herr ist, dann zieh bitte Leine, Paulchen! Er will mit mir unter vier Augen reden! ... Herein! ... Natürlich: ... Wieder 'was aus Rußland ...« Der alte, Kaiserlich russische Kollegienrat Constant von Kabisch trat ein, peinlich sorgfältig gekleidet. Er setzte sich. Er holte zunächst Atem, während Paul Ribbentropp auf den Fußspitzen die trotzdem in allen Dielen krachende Dachkammer verließ. »Sie wohnen hoch«, sagte er höflich hüstelnd und sah sich in dem kahlen Raum um. »Glückliche Jugend! Sie macht aus der Not eine Tugend! Sie lacht unter dem Dach, wenn sie Parterre nicht zahlen kann ... Natürlich sind Sie unbemittelt! ... Ja – bitte: Wir alle sind mehr oder minder in Ihrer Lage ...« »Und trotzdem ...« Der alte Petersburger beugte sich, die flachen Hände zwischen den Knien, plötzlich lebhaft und gewinnend vor. Sein feines, rosig geädertes Antlitz erinnerte auf einmal an einen freundlichen Fuchs. »... Trotzdem bietet sich Ihnen eine Möglichkeit, Ihre ... hm ... bescheidenen materiellen Umstände zu verbessern ... in einer einwandfreien Art ... ça va sans dire – bei einem jungen Gentleman wie Ihnen ...« Los von Ssilin ... dann brauchte man diesen Ssilin nicht mehr ... dann konnte man ohne diesen Ssilin der Luja helfen ... Es flog dem stud. agr. Vollbrecht durch den Kopf. Der einstige Hofbeamte des Großfürsten Wladimir Michailowitsch fuhr in seinem gedämpften Petersburgisch fort: »Sie wissen: Berlin wimmelt von russischen Emigranten. Alle Schichten unserer Gesellschaft sind darunter vertreten. Wir waren bei Ausbruch des Krieges in Rußland alle einig, bei feierlichen Umzügen mit Kirchenbannern – bei Schwüren in den Dumas – in allen Klubs – in allen Salons – in allen Komitees: Wir wollten in Berlin einmarschieren! Gott erfüllte unsere Bitte. Wir finden uns am Schluß des Krieges in der Tat alle in Berlin wieder. Wir genießen als Flüchtlinge seine Gastfreundschaft. Was wollen Sie: Der wesentlichste Zug der Weltgeschichte heißt Ironie ...« Der alte Petersburger machte eine Pause. Dann begann er wieder trocken und höflich: »Leider haben wir Emigranten alle unsere verschiedenen Rezepte zur Rettung Rußlands nach Berlin mitgebracht – unsere verschiedenen politischen Programme – unsere persönlichen Sympathien und Antipathien. Wir zerfallen in viele Gruppen, die ihr Deutsche nicht seht – für euch sind mir alle gleich, wenn wir mit unsern schwarzen Lammfellmützen auf euren Boulevards herumlaufen. Gut: Eine dieser Gruppen hier besteht aus der ausgewanderten, politisch gemäßigt freisinnigen Intelligenz. Sie war westlich, nach Frankreich und England hin, orientiert. Wir haben durch die Zuchtrute der Weltgeschichte gelernt, daß die jahrhundertalte Logik der Tatsachen Deutschland und Rußland zu guter Nachbarschaft zwingt!« »Das ist erfreulich!« sagte Bernd Vollbrecht ... »Aber was ich, als simpler Student, mit diesen hohen Staatsgeschäften ...« »... nun, Sie kennen, dem Namen nach, Asanasjew ... Nein? Wie denn: Einer unserer früheren russischen Industriekönige – einer unserer Führer des aufgeklärten russischen Bürgertums? Er wohnt zurzeit in Berlin. Er möchte Sie sprechen!« »Mich ...?« »Versagen Sie es ihm nicht! ... Asanasjew ... Ein moderner Mensch ... Ein tadelloser Ehrenmann – gleich geachtet von Freund und Feind ... In fünf Minuten sind wir im Auto bei ihm! Belieben Sie!« In einem kleinen, dämmerig von einer fast mannshohen Stehlampe vom Boden aus erleuchteten Salon erhob sich aus dem Lichtkreis des Schreibtischs der Schattenriß eines großen, starkbeleibten Mannes mit schütterem Graubart und wirrem Haarschopf über der tiefgefurchten, hohen Stirne. Auf seinen Zügen lag leidende slawische Intelligenz im Streit mit einer brutalen asiatischen Energie. Seine Stimme war ein tiefer Baß. »Ich danke Ihnen, daß Sie kamen!« Ein Händedruck. Ein Wink, sich zu setzen. »Nun zur Sache.« Gutes Deutsch. Bedächtig. Bedeutungsvoll. »Sie waren gestern mit Herrn von Laskarew zusammen ...« »Ich kenne gar niemanden dieses Namens!« »Und doch sahen wir Sie – Herr von Kabisch und ich. Wir saßen im Hinterzimmer des Slawiansky Basar.« »Und ich kannte Sie vom Sehen aus der Pension ›Alpenrose‹!« ergänzte der alte Petersburger. »Heute morgen wurde dort beim Frühstück Fräulein Büttner damit geneckt, daß Sie sie nicht nach Hause gebracht hätten. Sie erwiderte. Sie seien von einem Gast des ›Kolokól‹ nach dem Slawiansky Basar eingeladen gewesen. Ich bestätigte das und erbot mich dann, um Ihre Adresse zu erfahren, Fräulein Büttners Brief an Sie zu besorgen. Voilà tout !« »Trotzdem! Der Herr, mit dem ich zu Abend aß, hieß absolut nicht Laskowitsch, oder wie Sie ihn nennen ...« »Sondern ... Nun bitte ... So reden Sie doch ...« Der Student schwieg. Er überlegte rasch ... Neue russische Händel – neue Schwierigkeiten mit Ssilin – wo er jetzt eben Luja sein Wort verpfändet hatte ... Und wofür? Was hatte man davon? ... »Ich halte mich nicht für verpflichtet, mich hier von Ausländern verhören zu lassen!« sagte er wenig verbindlich. Die beiden, der Moskowiter und der Deutsch-Russe, tauschten einen stummen Blick. Dann begann der einstige Kohlen- und Eisenkrösus wieder – sehr höflich – ganz Grandseigneur: »Selbstverständlich steht es in Ihrem Belieben, uns aufzuklären! Wenn Sie es nur selber sind – Ich fürchte: Sie waren gestern mit einem der gefährlichsten Menschen Berlins zusammen ...« »Inwiefern ...?« »Mit einem Menschen, der sich, wie wir besorgen, als Spion in die Emigrantenkreise der liberalen russischen Sphären hier in Berlin eingeschlichen hat und die größte Verwirrung anrichtet ...« »Mag er ein Spitzel sein ...« Der junge Mann zuckte die Achseln. »Machen Sie das selbst mit ihm aus! Was geht das mich an?« »Ein Mensch, der sich, wie wir jetzt wissen, Namen un3d Ausweise des in den Kämpfen zwischen der Wrangel-Armee und der Roten Garde in der Krim – wahrscheinlich durch sein Zutun – getöteten ukrainischen Edelmanns Laskarew angeeignet hat! Sie kennen ihn unter einem anderen Namen.« »Betrachten Sie dessen Nennung als eine Bürgerpflicht?« Der Kollegienrat lächelte vorsichtig und verhalten: »... Der Entgelt für das, was Sie uns über ihn berichten, ist in der Tat nichts anderes als die polizeiliche Belohnung für die Aufdeckung eines Verbrechens ...!« »Es tut mir leid ...« Bernd Vollbrecht stand entschlossen auf. »Ich kann nicht kontrollieren, was Sie mir da erzählen! Ich will nicht weiter in den russischen Hexenkessel hineingeraten! Ich habe schon gerade genug ...« »Aber belieben Sie doch ...« »Ich brauche kein Geld, Herr von Kabisch! Wenn dieser Mensch ein Spitzel ist, will ich es nicht auch sein! Ich verdiene mir mein Brot ehrlich als Kellner im ›Kolokól‹. Verzeihen Sie: Meine Pflicht ruft mich jetzt dorthin! Bitte, bemühen Sie sich nicht mit Ihrem Auto draußen! Ich komme auch mit der Straßenbahn noch zurecht!« »Sagen Sie uns bitte wenigstens nur das eine: Wird dieser Herr heute wieder dort sein?« »Ich glaube wohl! Sein Tisch ist reserviert!« Aber es wurde zehn und elf Uhr – es wurde Mitternacht, und das Tischchen an der Rampe blieb leer. Die Balalaika-Spieler schauten neugierig herüber. Der dicke Alfons machte sein blödestes Rattengesicht. Der Baron, der Leiter des Ganzen, zischte, das Einglas festgewachsen unter der umwölkten Stirn: »Fritze: Was haben Sie denn gestern noch mit dem Russen angestellt, daß der heute nicht kommt ...?« »Vielleicht hat er dringende Geschäfte!« erwiderte der junge Kellner mit einer vor Erregung gepreßten Kehle. Heute, wo es keinen Freisekt einzugießen gab, fand er schwer die Möglichkeit, in die Nähe des Orchesters und zu Luja zu gelangen. Er sah nur, daß sie bleich vor Ungeduld über Ssilins Wegbleiben war. In der Pause benutzte er die Gelegenheit, sich zu ihr heranzudrängen. Er flüsterte ihr zu: »Ich bringe dich nachher nach Hause! Ich muß dich unbedingt sprechen!« Spät nachts traten sie zusammen aus dem verdunkelten, leeren Kabarett. Der Student blieb stehen. »Da ist ja dein gottseliger Schäfer aus der ›Alpenrose‹!« sagte er gereizt. »So fromme Leute gehörten doch um die Zeit längst in die Baba!« Ein mittelgroßer, wettergebräunter, kräftiger Mann mit dunklem Schnurrbart und tiefliegenden Augen trat heran. Er lüftete kurz den Schlapphut von dem borstigen Haupthaar. Er versetzte finster und knapp: »Ich werde Sie nach Hause bringen, Luja ...« »Sie sehen doch, Herr Gritsch!« versetzte der blonde Landwirt, »die Dame ist bereits versorgt!« »Fräulein Büttner und ich haben den gleichen Weg!« »Und ich 'nen kleinen Umweg! ... Spaß für 'nen flotten, jungen Mann wie mich!« »Ich nehme das Recht für mich in Anspruch.« »Mit welchem Recht beanspruchen Sie denn ein Recht ...? Das ist ja klassisch ...« »Ich will Fräulein Büttner heiraten ...« »Na – denken Sie etwa: Ich nicht?« schrie der Student heißblütig. »Nur mit dem Unterschied, daß ich dazu in der Lage bin und Sie nicht!« »Was haben Sie denn für eine Ahnung von meinen Finanzen? Die sind überhaupt glänzend! Die bessern sich zusehends von Tag zu Tag! Ich werd' noch der reine Stinnes! Also bitte ... Hier stehe ich – in Lebensgröße – auf dem Kurfürstendamm ... zwischen Fräulein Büttner und Ihnen ...« »... und ich werde mir trotzdem erlauben, Fräulein Büttner den Arm zu bieten ...!« »Nun ist es aber genug!« versetzte feindselig die kleine, brünette Schönheit, die bis dahin erbittert geschwiegen. »Ist denn dies hier ein Sklavenmarkt? Wer verfügt denn hier über mich? Wer sagt euch denn, daß ich überhaupt einen von euch haben will?« »Luja ...« »Gritsch ... Ich sagte Ihnen in diesen Tagen schon oft: Sie sind aufdringlich wie ein tatarischer Teppichhändler ...« Der Mennonit ballte die Fäuste. »Sie werden mich noch einmal brauchen!« sprach er rauh und dumpf. »Wenn erst der Böse Macht über Sie gewonnen hat ...« »Der Böse? Welcher Böse?« »Er steht zwischen Ihnen und mir!« »Hast du gehört, Bernd: Du bist der Antichrist! Lieber Gott ... der gute, dumme, blonde Junge ...« Die kleine Büttner musterte ihren Freund nicht zärtlich, sondern mitleidig-kameradschaftlich aus ihren schönen, dunklen Augen. Der Schafzüchter aus der Nogaischen Steppe wich erschüttert einen Schritt seitwärts. »Sie stehen mit ihm schon auf ›du‹ ...« murmelte er. »Ja. So, wie Sie mit dem lieben Gott, Gritsch! In allen Ehren! Der Bernd ist mein guter Freund. Denn er wird mir helfen! Wie oft hämmerte ich das schon in Ihren harten Schädel! Sie können ja als Gorodowoi hinter uns hergehen und uns bewachen, wenn Ihnen das Spaß macht! ... Komm, Bernd ...« »Der heilige Menno folgt uns doch wahrhaftig! Ich höre deutlich seine Schritte ...« Die Kleine wanderte leichtfüßig neben dem stud. Vollbrecht her. Ihr spöttisches und schadenfrohes weißes Gesichtchen wurde plötzlich ernst. »Bernd: Warum war Ssilin heute abend nicht da?« »... weil ich heute Vormittag nicht bei ihm war ...«, erwiderte der Student gedrückt. »Morgen vormittag aber gehst du hin! Du hast es mir heilig gelobt ...« »Ja ... Das tat ich ... Aber ... Luja ... Ich hörte vorhin – durch euren Herrn von Kubisch und noch einen zweiten – einen richtiggehenden Russen – irgendein großes Tier – also von denen beiden habe ich vorhin die tollsten Andeutungen über diesen Ssilin verzapft bekommen. Danach scheint das ja eine ausgemachte Kanaille zu sein ... Ja – und da lachst du noch ...?« »... daß sogar du das endlich merkst ...«, sprach Luja Büttner stillbelustigt ... »Aber ... Luja, mit solchen Leuten wollen wir zwei doch nichts zu tun haben!« »Doch!« Die Kleine nickte eigensinnig. »Gerade!« »Ja – Warum denn?« »Nun: Es macht mir Spaß ... Er soll uns doch helfen! Das ist, wie wenn jemand im Mittelalter den Teufel beschwört!« »Mir ist nicht wohl bei der Geschichte zu Mut! Für uns beide nicht! Luja: Ich bitte dich inständig: Gib mir mein Wort zurück!« Die Musikantin im Reisemützchen und fadenscheinigen braunen Mäntelchen blieb stehen. Sie stampfte erbittert mit dem schmalen Fuß. Sie zeigte die kleinen, weißen Zähne. »Ich hab' dein Wort ...«, sagte sie wild, mit einem Wetterleuchten über die kindlichen, klassisch feinen Züge. »Das kriegst du nie wieder ...« »Luja ...« »Nie! Nie! Nie!« Sie war atemlos. »Der heilige Gritsch dahinten kann mir nicht den Teufel beschwören! Deswegen habe ich ihn gejagt. Du kannst es! Du sollst es! Du wirst es! Du mußt es! ... Denn du hast mir dein Ehrenwort gegeben, daß du mich mit Ssilin zusammenbringst ... Morgen vormittag besuchst du ihn – ja?« ... Gut! ... Und dann werden wir ja sehen, was das Schicksal weiter mit uns will! ...« 11 Bernd – hast du Wanzen?« grollte es im Dunkeln aus der eisernen Bettstelle des cand. ing. Ribbentropp. »Wieso ...? ... Warum ... Inwiefern?« Der stud. agr. Vollbrecht setzte sich verstört im Bett auf. »Na – du schmeißt dich in der Klappe hin und her und stöhnst ganze Arien im Schlaf! Da kann ja kein Christenmensch pennen ...« »Findest du's auch so blödsinnig heiß hier, Paule? ...« »I wo! ... Kalter Muff ...« »So dicke Luft ...? und Stockfinsternis ...? ... Es nimmt einem ordentlich die Puste ... Ich hab' ein Gefühl: Irgendwas ist um einen los ... Rußland ist los ... Paule! ... Auf mich losgelassen ...« »Schlaf, Kindchen – schlaf!« »Irgend etwas steht morgen bevor ...« »Uah! ... Gib jetzt Ruhe, Kerlchen! ... Es ist zwei Uhr nachts ... Ich muß morgen in aller Herrgottsfrühe ins Polytechnikum.« Die beiden, der Türsteher und der Weinkellner aus dem »Kolokól« – verstummten. Es war überall still in den Dachkammern der Mutter Peereboom. »Die Lisa ist ein Hauptkerl!« murmelte der Riese Ribbentropp noch einmal träumerisch beseligt vor sich hin. Dann versank er in den bleiernen Unschuldsschlaf eines Säuglings in der Wiege. Aber sein Stubenbursche, Bernd Vollbrecht, lag wach und schaute mit offenen Augen in das Pechschwarz der Nacht ... Eine Erinnerung aus dem Krieg. Der sonderbare Schauer der Front ... Rings rührt sich nichts und doch der Russe ganz nah ... ganz nah ... Man kann ihn gehen hören ... drüben ... auf den Fußspitzen über die Bodenbretter seines Schützengrabens ... Man hört ihn raunen ... Nein: das sind die Zimmernachbarn. Das gräfliche Steptänzerpaar: Marmoll und Macca. Sie kolken in ihrer böhmischen Muttersprache. Sie, die Gräfin, flennt wieder leise. Das tut sie jede Nacht. Sie zählt ihr Geld: jedenact – dwanact – patnact ... Das tut sie auch jede Nacht. Davon wird es auch nicht mehr. Im Gegenteil: jeden Tag weniger ... Was will nur Rußland von mir ...? Der blonde deutsche Landwirt Vollbrecht hört sein Herz hämmern ... Ausgerechnet von mir? Einem harmlosen jungen Kerl wie tausend andern? ... Und ich komme von Rußland nicht mehr los! ... Ich habe mich selbst, durch mein Ehrenwort, an dies geheimnisvolle Rußland, hier mitten in Berlin, gekettet ... Jetzt wird es auch in der Mansarde zur Linken lebendig. Die beiden Kellnerinnen, die da hausen, kehren nach vollbrachtem Tagewerk heim. Eine melodische Mädchenstimme zur andern: »Sagt der olle Potsdamer: ›Ich bin nämlich fremd hier, Fräulein!‹ Und ich zu ihm: ›Det wußt' ich jar nicht, daß ihr in Dalldorf auch unter der Woche Ausgang habt!‹ – Na – und so kamen wir ins Jespräch ...« Die Luja ... Die süße, kleine Luja ... Wenn man nur zusammen ein Häuschen hätte – auf dem Lande – ein bißchen Acker und Wiese ... Aber es ist etwas mit der Luja ... Etwas, was sie nicht sagt ... Man ahnt nur Unbestimmtes ... Sie kommt aus dem ungeheuren, roten Weltbrand im Osten. In ihren Augen ist manchmal etwas vom Osten ... von roten Rätseln ... von Feuer in der Nacht ... »Dwacet – padesát.« ... Zwanzig ... Fünfzig ... Gestern waren es noch zehn Schweizer Franken mehr ... Arme gräfliche Tangotänzerin drüben ... Man hört sie weinen – ihren Mann, den schwindsüchtig-hageren, glatzköpfigen Gent, husten ... Ach ja, Kinder: das Leben ist lausig ... Ach wo! Das Leben ist lustig! Man muß nur mitten durch den Dreck, daß er spritzt ... Der Student schloß lächelnd die Augen ... Die Luja an der Hand ... wir kommen schon durch ... und drüben, auf der anderen Seite, hoch ... Und die Sonne scheint ... und dieser ganze russische Alpdruck war ein Traum ... Bernd Vollbrecht schlummerte ein. Er hörte noch im Halbschlaf durch die Türe links den Bericht der Schankmaid: »Nu fragt mich der olle Affe: ›Lieben Sie mich?‹ – ›Na – selbstmeckernd!‹ sage ich. ›Bei mir: Hagenbeck!‹« Der Jungmann vernahm nichts mehr. Er atmete tief und schwer. Unruhig ... Was in dem Schlaf für Träume kommen mögen ... Immer wieder Halbasien drüben, das man vom Krieg her kennt. Immer wieder die Gestalten Halbasiens ... Ein krauser Wirrwarr. Ein Geistertanz. Aber was da schattenhaft durcheinanderhuscht, ist immer irgendwie Serge Ssilin oder hat etwas mit Serge Ssilin zu tun ... Die Berührung einer schweren Hand an der Schulter. Der stud. Vollbrecht fuhr auf. Die Dachkammer war taghell. Das Bett des Freundes Ribbentropp drüben leer. Aber hier, vor dem zweiten Bett, stand ein fremder, glattrasierter Herr mit Hornbrille und Schlapphut, die Aktenmappe unterm Arm, gut bürgerlich wie ein Buchhalter oder Geschäftsreisender gekleidet. Die lange, kolbige Nase – die weißen Zahnreihen zwischen den aufgeworfenen, breit-brutalen Lippen – das borstenartig aufstehende rötliche Haar über den fast wimperlosen, gläsern graublauen Augen – Bernd Vollbrecht kannte dies Gesicht. Kein Lächeln auf dessen grobkantigen Zügen. Eher eine lauernde Drohung um die verkniffenen Mundwinkel. »Herr Ssilin ...« »Ja – wie denn? ...« Der hagere, knochige, heute viel schlichter als sonst angezogene Halbrusse rüttelte in kaum gezügelter Wut und Ungeduld den Langschläfer am Arm. Barsch wie der rauhe Griff seiner plumpen Hand polterte sein heftiges, hartes Deutsch. »Wachen Sie auf! ... Erzählen Sie! Was soll das bedeuten? Man bestellt Sie! Man erwartet Sie! Sie kommen nicht! Sie lassen nichts von sich hören ...« »Heute vormittag wollte ich ganz bestimmt zu Ihnen, Herr Ssilin!« »Und wer sagt Ihnen, daß ich noch Lust habe, Sie überhaupt zu empfangen!« Serge Ssilin wendete sich mit einem moskowitisch hochfahrenden Schulterzucken ab. Er zündete sich, zwischen den breiten, kurznägeligen Fingern, eine Papyros an. Er murmelte paffend geringschätzig, kaum hörbar, durch die hohle Hand: »... Wer sind Sie denn? Machen Sie es sich klar: Sie sind für mich ein Sperling auf der Straße ... ohne jede Bedeutung ...« »Dann wären Sie doch nicht schon früh am Morgen die Hühnertreppe zu mir 'raufgeklettert!« Der Student sprang kampflustig mit beiden Beinen aus dem Bett und fuhr in seine Kleider. Serge Ssilin drehte ihm wieder den länglichen Kopf mit den großen, abstehenden Ohren zu. Er lachte. Er sah unheimlich aus – trotz der schmiegsamen, plötzlich beinahe unterwürfigen Biegung des Oberkörpers. »Kann man Ihnen denn gram sein?« sprach er leicht und liebenswürdig. »Sie sind ein Kind. Sie wissen nicht, was Sie tun! Sie brachen Ihr vorgestriges Versprechen ...« Nicht nur vorgestern ein Versprechen ... Bernd Vollbrecht hörte, während er, den Schnürschuh in der Hand, dasaß und schwieg, das Sturmläuten seiner eigenen Gedanken im Ohr: ... Du hast gestern dein Ehrenwort gegeben – zweimal hintereinander – nachmittags und abends – Luja mit Ssilin bekanntzumachen – Dein Ehrenwort mußt du heute einlösen ...« »Sie spielen mit Ihrer Zukunft, junger Mann!« ... Und was wird aus den Eltern – aus der Schwester – den Vertriebenen – den Gestrandeten – die ihren letzten Zufluchtsort, das Zimmer drüben bei der Geheimrätin, räumen müssen, sowie der kranke Nigger Samuel Congo sich wieder Berlin bei Nacht um die Ohren schlagen kann? »Sie denken nicht an Ihr Lebensglück, Herr Vollbrecht – Ihres und das jener jungen Dame – das zu schaffen in meiner Hand liegt ...« Eine Vision plötzlich – eine lächerliche Vision: Der unheimliche Mann vom Osten mit der Hornbrille auf den vierschrötigen Zügen ist plötzlich ein zottiger, aufrechter Tanzbär aus dem russischen Birkenwald. Ein süßer, schwarzer, kleiner Kobold macht ihm eine lange Nase und führt ihn am Nasenring im Kreis und läßt ihn stehen, und läuft ihm lachend davon, Hand in Hand mit dem Studiosus Bernd ... Serge Ssilin näherte sich und zupfte den jungen Kellner vom »Kolokól« wohlgelaunt am Ohr. »Ich hätte allen Grund, verstimmt zu sein!« Ein kurzer Handwink in die leere Luft hinaus, dessen Leichtigkeit wieder den Weltmann verriet. »Es lohnt nicht der Mühe! Lassen wir es! Ich bin bereit, Ihnen Ihre Nachlässigkeit noch einmal zu verzeihen! ... Ich bin heute den Tag über in Geschäften von Berlin abwesend. Deswegen kam ich vorher noch bei Ihnen vorbei, um Ihnen die Sorge über meine Stimmung zu benehmen!« »Ich danke Ihnen, Herr Ssilin!« »Nun – für heute Abend ...,« Serge Ssilin verfiel in einen vertraulichen Plauderton, »richten Sie meinen Tisch im ›Kolokól‹« »Sehr wohl!« »Man wird pünktlich da sein ...« Der Leiter des Handelskontors »Nowaja Rossija« nickte liebenswürdig und beugte sich lauernd und lächelnd etwas vor. »Man wird sich erlauben, Ihrer reizenden Braut in dem Balalaika-Orchester die kleine Hand zu küssen.« Er hob die Schultern und spreizte, mit einer entschuldigenden Geste, wie ein Angeklagter vor Gericht, die flachen Handteller. »Was wollen Sie: Ich muß euch doch kennen lernen, wenn ich euch helfen soll! Und dies letztere ist, vor Gott, meine Absicht! Ich überweise Ihnen bei mir eine Stellung, mein lieber Vollbrecht, auf die hin Sie sofort mit Ihrer kleinen Freundin vor den Priester treten können!« »Ich ... ich ...« Der junge Deutsche hatte sich völlig angekleidet und ging aufgeregt durch das Dachzimmer, bis er mit der Stirne an die Deckenschrägung anstieß. »... Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen meine Gefühle ausdrücken soll ...« »Nur darf natürlich ...,« Serge Ssilin warf gleichmütig den Zigarettenstummel hinter sich auf den Boden, »darf natürlich das Fräulein – wie heißt sie doch gleich? – aha: Fräulein Büttner ... darf also Fräulein Büttner mir die Hand, über die ich mich respektvoll beuge, nicht, in irgendwelcher Laune, entziehen!« »Seien Sie unbesorgt ...« Der Student lachte kurz auf. »Sie begreifen – solch ein Refus ... vor eurem Publikum da ...« »Sie haben keine Ablehnung zu befürchten!« »Sie sind dessen sicher, junger Freund?« Der Halbrusse blinzelte mißtrauisch durch die Spalten der zusammengekniffenen Lider. »Luja Büttner freut sich, Sie kennenzulernen! Sie hegt den heißen Wunsch danach! Sie hat es mir selbst gesagt!« »Nun – denn auf heute Abend! Bitte mein Kompliment Ihrer kleinen Göttin!« Ein herzlicher Händedruck des Mannes mit der Hornbrille. Er schritt eilig und lautlos auf Gummischuhen, mit langen Beinen zur Türe hinaus. Unten surrte ein Auto. Gleich darauf riß der Student Vollbrecht seine Mütze vom Haken und rannte die Straßen westwärts bis zur Wohnung seines Freundes Alfred. Auf sein Klingeln öffnete eine junge Dame dann, eine Küchenschürze über dem Hauskleid, mit bloßen weißen Armen. Der Bruder musterte kritisch den hübschen blauäugigen Rotkopf und meinte: »So wie du heute aussiehst, Vicke – da geht's! Gestern – nach der Nachtfahrt – warst du unter der Kanone!« Vicke Vollbrecht zeigte lachend die weißen Zähne. Sie blühte, ausgeschlafen und abgeseift, als Unschuld vom Lande. Ihr feuriges Haar war liebevoll gewellt. Auf der milchweißen, kaum merklich sommersprossigen Haut erschien eine sanfte Wangenröte. »Wozu der Mensch eigentlich Brüder hat ...«, sagte sie weich. »Papa ist schon abgetrabt – Stellung suchen! Mama schläft noch! Ich betätige mich hier als Küchendragoner. Ich hab' schon Stiebel gewichst, Kaffee gekocht, Semmeln geholt, mit der Portierfrau Krach gekriegt ... Du willst zu Alfred? Alfred ist nicht mehr da ...« »Alfred?« »Nun ja ...«, sprach die Schwester harmlos. »Wir haben gestern abend beschlossen, uns Alfred und Vicke zu nennen. Er sagte, das sei in Berlin jetzt allgemein so, daß sich die jungen Männer und Mädchen duzen und gut Freund sind – statt der früheren Affigkeit und Zimperei! Und ob die alten Semester darüber Krämpfe kriegten – das sei total piepe! Alfred muß es doch wissen – nicht? Alfred ...« »Na – weißt du ... du scheinst ja ...« »Der Alfred ...« Ein schwärmerischer blauer Augenaufschlag drüben. »Du – hör' mal ... Der ist ja ein ganz wundervoller Mensch ...« »Findest du ...?« »Du kannst dir gratulieren, so jemanden zum Freund zu haben! ... hast du ihn auch in seinem ganzen Wert erkannt?« »Ich werde dir gleich 'nen Kübel kaltes Wasser über deinen Rotkopf gießen ...« »Wir haben uns gleich verstanden! Er hat es so tief in sich ... Es geht Wärme von ihm aus, Bernd!« »Wärme? ... Es brennt!« »Er ist eine so fein empfindende Seele – so recht für Frauen ... Da sieht man wieder, wie wenig man auf Äußerlichkeiten geben darf! Man kann Zähne ziehen und Würstchen verkaufen und dabei das edelste Gemüt von der Welt besitzen! Das ist dem Alfred sein Fall! Du glaubst nicht, wie geistig nahe wir uns gestern abend gekommen sind ...« »Doch! Ich merk's ja ...« »Lache nicht so gefühllos! ... Die Sache ist ernst! Sie hat auch ihre praktische Seite. Alfred meint, der Gedanke, mich auch als Gehilfin in einem zahnärztlichen Institut auszubilden, sei gar nicht so dumm! ... Das lerne sich mit Lust und Liebe bald ...« »Na – an der Liebe scheint es ja nicht zu fehlen ...« »... und ich sei ganz geeignet dafür, und die Laufbahn böte Aussicht auf baldige Anstellung – wo doch Papa einen Posten im hintersten Hinterpommern auf dem Kieker hat! ... Soll ich mich da mit vergraben oder mich hier in Berlin auf eigene Füße stellen! Der Mensch hat doch auch Pflichten gegen sich selbst! Das muß sehr, sehr überlegt werden, Bernd!« »Wollen wir auch, Schwesterken! Ich werd' mit dem Alfred reden! Mit dem Papa!« »Ja – tu das!« rief die Vicke stürmisch. »Du hast ja auch mich hier in Berlin zum Schutz ...« »Ach ... Bernd. Du bist nett ...« »Also darüber später mehr! Aber nun sei du auch 'mal nett und sause sofort in die Tölzer Straße 10! Du steigst an der Ecke in die Russenschaukel – das ist der Autobus mang den Kurfürstendamm. – Wenn Platz ist, dürfen auch Deutsche 'rein! Aber pass' auf! Es fahren immer ganze Klubs von Taschendieben mit – immer 'rauf und 'runter ...« »Und in der Tölzer Straße?« »Da dringst du in die Pension ›Alpenrose‹ ein – Herrenbesuche dulden die Kaffern da nämlich nicht – da findest du ein ganz entzückendes Mädchen ... natürlich nicht mit so 'ner Fuchstolle wie du, sondern ganz, ganz schwarz – und klein und zierlich wie 'ne Prinzessin in der Muschel ... Luja Büttner heißt sie ... Warum prustest du denn so heraus, du Schaf?« »Dabei will er mir Wasser über'n Kopf gießen!« Die Vicke lachte, daß ihre blanken, blauen Augen feucht glänzten. »Ja – na – das so wie so! ... Also der Luja sagst du, du seist meine Schwester, und es sei alles in Ordnung! Er käme heute Abend in den ›Kolokól‹!« »Natürlich kommst du doch an deine Brotstelle!« »Nein: Er!« »Na – du bist doch ihr ›Er‹! Das sieht doch ein Blinder durch drei Ballen!« »Vicke – sei nicht begriffsstutzig! Sonst darfst du nicht in Berlin bleiben, und es wird mit deinem Alfred Essig! Der, von dem du der Luja melden sollst – das ist ein anderer ›Er‹!« »Um Gottes willen – sie hat doch nicht zwei auf Lager?« »Das ist unser Wohltäter – verstehst du – ein Reichmeier aus dem Osten – 'ne Seele von 'nem Wollonkel – der sich freut, wenn die Liebe blüht wie junger Flieder. – Also, was soll ich dir sagen: Ohne den alten Knaben wären wir glatt aufgeschmissen – die Luja und ich! Der verschafft mir 'nen Posten für Frau und sieben Kinder! ... Du darfst beim ersten Pate stehn ...« »Übergeschnappt!« sagte die Schwester. »Heute hat er sich entschlossen! ... Deswegen erscheint er heute abend auf der Bildfläche... Die Luja weiß schon ... Du – da wirst du 'mal ein schönes Mädchen sehen ...« »Danke!« sprach die Vicke mit einem Blick in den Flurspiegel. »Und du sagst ihr – Er – verstehst du – Er – möchte sie heute abend persönlich kennenlernen und läßt sie schön grüßen! Die Luja wird springen und tanzen, wenn du ihr das erzählst! Pelle dich an, Vickchen! Trab! Trab! Ich hüte inzwischen hier für dich das Haus ...« Vicke Vollbrecht stand in der Pension ›Alpenrose‹ vor der ihr gewiesenen Zimmertüre. Das Poltern einer rauhen Männerstimme innen übergrollte ihr Pochen. Sie wunderte sich. Also doch Herrenbesuch? Der Pensionsvater, der einstige deutsch-russische Direktor der Bierbrauerei Bawarija in Nishnij-Nowgorod, erriet ihre Gedanken. Der breitschulterige, glatzköpfige Fünfziger blähte cholerisch die Nasenlöcher. »Dies ist ein Herr aus der Pension!« erläuterte er. »Er ist keiner von den Windhunden, meine Dame! Er gehört zu den Stillen im Lande!« »Na – dafür schreit er aber tüchtig!« Der Lärm innen schien auch Herrn Andreas Mickott zu verdrießen. Er öffnete ohne weiteres die Türe. »Gehen Sie nur hinein!« brummte er und schob die Besucherin über die Schwelle. Innen stand mitten im Gemach ein kräftiger, mittelgroßer, junger Mann – mit einem dunklen Schnurrbart in dem sonnengebräunten Gesicht. Seine tiefliegenden, schwarzen Augen rollten zürnend zu einer zierlichen Mädchengestalt hinüber, die lässig wie ein Kätzchen auf einem Schemel an dem Fenster kauerte und ihm verächtlich den Rücken zuwandte. »Seit heute morgen besitze ich die Einwanderungserlaubnis nach Amerika!« sagte er in hartem Russisch-Deutsch, ohne auf die eingetretene Fremde zu achten. »Gott der Herr hat alles zum Besten gefügt – auch für Sie, Luja! Ein neues Leben öffnet sich Ihnen! Heute klimpern Sie nicht mehr im ›Kolokól‹« »Heute und alle Tage!« »Meiden Sie endlich dieses Babel!« »Sie kennen es ja gar nicht, Gritsch!« Die Kleine drehte sich geringschätzig zu ihm herum. »Es geht da sehr nett zu! Überzeugen Sie sich ... Kommen Sie doch 'mal einen Abend!« »Ich werde es tun – heute oder morgen noch – um Ihre Seele zu retten! Aber eines versprechen Sie mir inzwischen, Luja ...« »Sehen Sie denn nicht, Gritsch, daß eine Dame hinter Ihnen steht?« »... lassen Sie sich nicht wieder ...« Der Schafzüchter aus der Nogaischen Steppe dämpfte seine Stimme und schluckte vor Aufregung, »... von diesem jungen Deutschen nach Hause bringen ...« »Von Ihnen gewiß noch weniger!« »Ich werde Ihre Kusine Lisa bitten, daß sie Sie abholt!« Der Mennonit trat nach der Türe. Luja Büttner verabschiedete ihn mit einem spöttischen Knicks. »Mit Gott, Gritsch! ... Gottlob – jetzt ist er draußen ... Was wünscht die Dame? ... Wie herrlich: Bernds Schwester!« Zwei kleine Hände streckten sich stürmisch aus und zogen den Gast auf einen Stuhl. »Sie sehen ihm ähnlich – nur noch viel hübscher natürlich! Nun begreife ich unsern Herrn von Kabisch: Er schwärmte gestern Mittag schon von einer gewissen Beauté mit venezianischem Blond ...« »Na – sagen wir ehrlich: knallrot!« sprach die junge Vicke Vollbrecht. »Also, liebes Fräulein – ich muß sofort wieder weg! Ich bin nämlich, in unserer Pension, gegen Kost und Logis Mädchen für alles! Das heißt augenblicklich an meiner Stelle mein Bruder! Er schickt mich! Ich soll Ihnen sagen, er – nicht der Bernd, sondern ...« »Er! ... Er ... ich weiß ...« »– ja – der ›Er‹ kommt heute in den ›Kolokól‹ ...« »Weiter ... weiter ...« »... und möchte sehr gern dort Ihre persönliche Bekanntschaft machen und läßt inzwischen schön grüßen ... Mein Gott ... was haben Sie?« »Nichts!« sagte die kleine Büttner und lächelte. Der letzte Blutstropfen war aus ihrem zarten Kindergesicht geschwunden. »Der Bernd hat gemeint – Sie würden vor Freude außer sich sein!« »Ich kann es auch kaum erwarten ...« sprach die zarte, tiefbrünette Deutsch-Russin atemlos und halblaut. Ein leises Zittern lief ihr von dem Madonnenscheitel bis zu den abgetragenen Pantöffelchen über die zierliche Gestalt. Das deutsche Mädchen neben ihr stand auf. »Wenn man Sie so sieht, möchte man sich fast vor Ihnen fürchten ...«, versetzte sie unsicher und beklommen. »Wie denn?« Luja Büttner schaute unschuldig in die Höhe. Ihr kleines, weißes Antlitz war lammfromm. »Was beunruhigt Sie an mir?« »Ach nichts ... Seien Sie nur nicht böse ... Ich bin ja eine unerfahrene Gans aus der Provinz: Sie hatten – nur eine Sekunde – etwas im Blick ...« »Sie müssen bedenken: Ich komme aus Rußland ...« Luja Büttner begleitete ihren Gast zur Türe ... Rußland ...« Ihre schmalen Schultern schauderten leise zusammen. »... Wer das nicht erlebt hat ... man kann es nicht begreiflich machen ... Man kann nur um Nachsicht bitten ... für die Nerven ... Fräulein Vollbrecht ... Und sagen Sie bitte dem Bernd« – ein wilder Druck der kleinen Hand – »ich wäre glücklich ... glücklich, unsern Wohltäter kennenzulernen ... Ich wollte nur, es wäre schon Abend ...« 12 Nächtliche Geschäftigkeit, Geschacher, Geschwatze wirrte im neuen großen Berliner Ghetto der Grenadierstraße. Der Bürgersteig, der Fahrdamm, die Torwölbungen waren im Dunkel durch stehende Gruppen gesperrt. Händegefuchtel zeichnete sich schattenhaft ab, Kaftane, Schirmmützen. Es klang Deutsch, Jiddisch, Polnisch, Russisch durcheinander. Wirrhaarige Weiber liefen. Haufen schwarzäugiger Kinder. Schokolade und Seife gab es auf dem Steinpflaster, Devisen in den Hosentaschen, künstliche Gebisse in den Fingern, Tuchreste und Lederabfälle in den Hausfluren. Die Türe neben dem Stapel alter Matratzen, Grammophone, Uniformen und Fahrräder, die ein rotbärtiger Handelsmann aus Przemysl feilhielt – diese Türe, mit der aufgenagelten Visitenkarte »Fritz Reuter, Handelsvertreter«, öffnete sich langsam und leise. Fritz Reuter spähte durch den Spalt. Er trug nicht mehr, wie morgens bei seinem Besuch in der Dachkammer des Studenten Vollbrecht, die Hornbrille, die abgewetzte Mappe, den gewendeten alten Militärmantel eines Stadtreisenden, sondern die letzte Londoner Herrenmode des ukrainischen Edelmanns Igor von Laskarew aus der Pension »Luna« am Yorkplatz. Ein Lauschen. Ein Blinzeln aus dem schützenden Dunkel des Flurs hinaus auf das matt laternenhelle östliche Schattenspiel der Grenadierstraße. Serge Ssilin trat wieder in das kahle, dürftig möblierte Zimmer zu ebener Erde zurück. Er deutete mißgelaunt durch die Fächer der herabgelassenen Jalousie nach dem Gefeilsche draußen. »Sieh dir diesen Vogel an, Uhkeneek, der sich da auf der anderen Straßenseite herumtreibt!« knurrte er. Der finstere Lette erhob sich schwerfällig aus seiner Ecke und beugte den grobknochigen flachsbärtigen Schädel gegen die Lichtritzen. Den Bürgersteig drüben entlang schlenderte ein schmalschulteriger, lang aufgeschossener, vornehmer, junger Herr. Der weite Ulster ließ noch den gertendünnen Rassenwuchs, der tief in die Stirne gedrückte Filzhut den aristokratischen Schnitt des mageren, länglichen Gesichts vom Petersburger oder Pariser Großfürstentyp erkennen. Der Fremde wandte scheinbar zerstreut den schmalen Kopf nach rechts und links und bummelte weiter. »Er folgt meiner Spur!« sagte Serge Ssilin. »Er hat mich durch einen unglücklichen Zufall auf der Straße gesehen!« »Wer ist es?« frug Jakob Uhkeneek dumpf. »Ein Fürst Wolski. Er kam dieser Tage mit wichtigen Nachrichten aus Paris hierher zu den ›echten Russen‹. Ich traf ihn da, im Kreis der Zarentreuen, in dieser Kellerbude – der Zentrálnaja!« »Also lernte er Sie als Baron Robbe kennen?« »Ja. Und er ist nicht dumm – dieser Knjäs. Er schöpfte, wie mir scheint, vom ersten Augenblick ab Verdacht. Er hat einen fanatischen Blick – auch wenn er lächelt und über ein Nichts plaudert ...« »Nun – da biegt er drüben um die Ecke! Er hat Ihre Fährte verloren ...« »Diesmal! Aber man muß vor diesem Fürsten Wolski auf der Hut sein, Uhkeneek!« »Sie sollten überhaupt umsichtiger sein als ein Wolf auf der Treibjagd!« sprach der Lette eintönig, mit seiner rauhen Stimme. »Jeden Tag wird Ihr Spiel gefährlicher!« Serge Ssilins Blick stach seinem Helfershelfer durch Leib und Seele. »Ohne dich wäre es für mich zu gefährlich!« sagte er zwischen den Zähnen. »Mit dir nicht. Denn du deckst mir überall den Rücken! Auf dich kann ich mich verlassen! Du bist der einzige Mensch, dem ich vertraue. Ist der Knjäs draußen weg?« »Nichts mehr von ihm zu sehen!« »Nun – dann werde ich schnell ...« Serge Ssilin nickte Uhkeneek zu und huschte an dem Trödellager im Flur vorbei – auf die Grenadierstraße – um die Ecke – hinüber in die Mulackstraße, wo Berlin am finstersten war. Durch das Dunkel des Scheunenviertels. In Laternenhelle und Menschengedränge der Rosenthaler Straße stieg er in ein Auto. »Nach dem Kurfürstendamm! Zum ›Kolokól‹!« Dort scheuchte er den ihn unterwürfig umtanzenden Manager mit dem Monokel und den tiefdienernden dicken Alfons wie die Fliegen beiseite und pflanzte mit einem Armschwung seinen reservierten Sessel noch ein paar Schritte näher an das eben rastende Balalaika-Orchester, so daß er gerade vor Luja Büttner zu sitzen kam. Seine ungeschlachten Züge verklärten sich sonnig. Das weiße Wolfsgebiß lächelte. Die Kleine thronte vor ihm in dem feierlichen, steifen, bunten Putz eines russischen Bauernmädchens. Mit zahllosen, winzigen Perlen flimmerte die Brautkrone auf ihrem schwarzen Köpfchen. Ihr weiches, rundes Antlitz war freundlich-unbewegt, mit großen, starren, grünbraunen Augen wie das einer Wachsfigur. Die winzigen weißen Hände lagen im Schoß. Serge Ssilin überzeugte sich mit einem Blick: Diese dünnen zehn Fingerchen falteten sich nur über der Guitarre. Da war keine Waffe. Nicht einmal eine Tasche, um sie zu verbergen, in der großen gestickten Schürze, den farbigen Falten des Rocks. Er beugte sich stürmisch nieder, ergriff Lujas Rechte, küßte sie. Seine Stimme übertönte laut und rücksichtslos die schrille Versicherung einer überreifen Wiener Soubrette oben auf der Bühne, daß die Männer schlimm seien. Sein schnelles, hartes Kurisch-Deutsch war für die Russen umher in ihren roten Hemden, die Russinnen im roten Sarafan so gut wie Chinesisch. »Wie furchtbar haben Sie sich in mir getäuscht – vor einigen Tagen!« sprach er aufgeregt in eindringlicher Wärme. »Nun – ich sehe mit Freuden: Sie haben inzwischen begriffen, daß Sie das Opfer einer Verwechselung wurden! Und ich beinahe mit! Welches Unglück hätte entstehen können, für nichts und wieder nichts! Böse Menschen haben sich einen schlechten Witz mit Ihnen erlaubt und mich bei Ihnen angeschwärzt, ohne sich die schrecklichen Folgen ihres Tuns bei einem leidenschaftlichen, unerfahrenen Kind wie Ihnen zu überlegen! Nun – Gott verhütete Unheil! Ich bin sein Knecht! Ich habe meinen Schuldigern zu vergeben! Ich bin Ihnen nicht mehr böse! ... Wollen Sie mir nicht dafür danken ...?« »Gern!« sagte Luja Büttner schnell. Es klang willenlos und leer. Ein teilnehmendes Kopfschütteln drüben. »Sie glauben mir immer noch nicht recht, Fräulein Büttner, daß ich mit diesem Mann, den Sie verfluchen – ich habe seinen Namen vergessen – so wenig gemein habe, wie mit der alten Eule, die da über uns auf der Bühne von der Mannertreue krächzt! Belieben Sie: Erkundigen Sie sich: Ich bin ein schlichter Kaufmann. Ich betreibe mein Handelskontor in Berlin. Ich bin bei den örtlichen Behörden eingeschrieben. Meine Geschäftsfreunde kennen mich. Meine Landsleute. Mein Leben liegt offen da! Bitte – lieber Freund ...« Er hielt den vorbeiflitzenden Kellner Fritze am Frackzipfel fest und schüttelte ihm vertraulich die Hand. »Champagner ... für alle!« »Sehr wohl!« Der blonde Student warf einen düsteren Blick heißer Eifersucht auf die beiden und lief nach hinten. Serge Ssilin fuhr fort: »Mein Leben war nicht leicht. Ich hatte eine schwere Jugend – als der Sohn eines einfachen Arteltschiks – eines Genossenschaftsarbeiters in Astrachan! ... Ich habe zusammen mit Baschkiren und Tataren die Getreidesäcke von den Schiffen getragen! Ich habe in den Naphthabecken von Zarizyn gearbeitet. Ich war Heizer auf einem Wolgadampfer. Ich bin ein Selfmademan! Daher die Rauheit meines Wesens! Legen Sie mir sie nicht zur Last! Ich meine es gut!« Der Mann vom Königsplatz wandte sich zur Seite und trank chevaleresk der Balalaikakapelle zu. Der blonde Kellner, der eingeschenkt hatte, murmelte hastig, während er Luja die perlende Schale anbot: »Was hat er denn mit dir, daß er fortwährend auf dich einschwatzt?« »Nun – er erzählt sehr interessant – aus seinem Leben!« sagte die kleine Schönheit. »Es fällt allgemein auf!« »Kümmere dich um deine Pflicht! ... Deine Eifersucht ist lächerlich! ... Siehst du nicht: Man winkt dir dort! ... Geh!« Der Student trollte sich verbissen, die Serviette über den Arm, nach hinten, zu dem sich in Berlin austobenden kleinen belgischen Lebemann Jean Tavernier, einem der möblierten Ausländer der Geheimrätin Henke. Während er der angeheiterten, mit den Hüten im Genick sich rekelnden welschen jeunesse dorée das Gold des Rheingaus in die Römer goß, begann vorn an der Rampe Serge Ssilin lebhaft und heiter: »Ihnen gefällt Ihr Bräutigam? Nun: mir auch! Ich liebe diese fixe, unverzagte, deutsche Jugend. Ich habe einen vortrefflichen Posten für den Jungen im Auge! Bewährt er sich – gut! Dann lassen wir in eurem großen Wassilj-Dom am Ende dieses Prospekts hier die Glocken läuten! Sie schreiten zum Altar – verführerischer noch unter dem Brautschleier – schöner noch als sonst, wenn das vor Gott möglich ist! Ich fische Sie, schwarze Prinzessin, und Ihren Blondkopf drüben aus diesem bäuerlichen Morast hier – diesem ›Kolokól‹ – heraus! Ich bin der heilige Sergej, der Wundertäter! – Hä – Hä! ...« Der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« verzog in rosiger Laune die faltenreichen, roh wie mit der Holzaxt gezimmerten Züge und herrschte brutal zu der dicken Wiener Weiblichkeit auf der Bühne über ihm empor, die sich immer noch nicht über den Wankelmut der Männer beruhigen konnte: »Gackere nicht so laut, fette Henne! Man glaubt dir deine Erlebnisse! Du bist alt genug dazu!« Die Soubrette sandte ihm einen schmachtenden Blick hinab. Sie hielt das dumpf gegrollte Russisch-Deutsch für eine Liebeserklärung. Sie wich, neckisch mit den umfangreichen Hüften wippend, einen Schritt zurück, damit der Kavalier unten sie nicht in seinem Liebeswahnsinn in die strammen Wadenpolster zwicken könne. Zugleich keuchte Bernd Vollbrecht hastig, Champagner eingießend, der kleinen Balalaikaspielerin ins Ohr: »Also das verbitte ich mir, Luja! ... Was machst du ihm denn für Augen ...?« »Still! Du störst hier!« »Du hast es gar nicht nötig, so unheimlich zu kokettieren ...« »Nicht wahr – das ist unheimlich?« »Der Kerl brennt ja so wie so schon lichterloh!« »Pascholl!« versetzte die Kleine unwirsch und griff nach ihrem Instrument. Das Balalaika-Orchester setzte ein. In das Händegeklatsche am Schluß seines Kosakenliedes hinein sagte Serge Ssilin: »Das Nähere, liebes Kind, erörtern wir morgen abend! Seien Sie bitte morgen mein Gast – Sie, Prinzessin – und der glückliche, künftige Prinzgemahl! Gegen Mitternacht, wenn es beliebt! Ich werde anordnen, daß man euch hier rechtzeitig wegläßt! Vorher ist dort nichts los! Ich schrieb Ihnen hier die Adresse auf ein Zettelchen: Büffet Monrepos – gleich hier in einer der Querstraßen! Es ist der einzige Ort in Berlin, wo ein Mensch mit Ansprüchen noch soupieren kann! Nun – ist es der kleinen Herrin recht?« »Ich danke recht schön, Herr Ssilin!« Ein tiefer, ernsthafter Knicks im Sitzen. »Ich werde pünktlich da sein!« »Ganz gewiß?« »So wahr ich die Ehre habe, hier mit Ihnen zu sprechen!« sagte das zarte, buntgeputzte Bauernmädchen sanft und neigte wieder in einer russisch demütigen Bewegung das schwarze Köpfchen unter der Last des hohen, glitzernden Perlenschmucks. Aus der farbenfrohen Umrahmung der Volkstracht schaute das kleine, feine, weiße Antlitz weich und still auf den Mann aus dem Osten ihr gegenüber. Der erwiderte feurig den dunklen, langen Blick. »Bestellen Sie bitte meine Einladung auch an unsern jungen Freund Fritze!« bat er, küßte Luja wieder, mit einem vorsichtigen Seitenblick, ob da keine Waffe verborgen sei, die Hand, erhob sich, ging plötzlich und unvermittelt, schritt hastig und lautlos auf seinen Gummischuhen nach dem Ausgang, klatschte im Vorraum ungeduldig in die Hände. Die Garderobefrauen flogen mit Mantel und Hut. Der Riese von Portier pfiff einem Auto. Ab. »Nu können Sie sie ja wieder anhimmeln, Fritze!« sprach der dicke Alfons. Aber Luja Büttner wußte es den ganzen Rest des Abends einzurichten, daß sie ihrem Freund den Rücken wandte, wenn er sich irgendwie im Rund der Balalaikaspieler zu schaffen machte. Nur einmal, ganz am Ende, während er die leeren Gläser abräumte, konnte er ihr erbittert in die winzige, halb abgedrehte Ohrmuschel raunen: »Ich erwarte dich nachher draußen!« Auf dem windigen Kurfürstendamm stand Bernd Vollbrecht vor dem dunklen »Kolokól« neben seinem Freund Alfred, dem fliegenden Händler, und biß zornmütig in einen Wurstzipfel. »Sie ist doch ein Kind,« sprach er leidenschaftlich im Kauen, »... in der Gestalt eines bildschönen Mädchens – ein harmloses, unschuldiges, vom Schicksal verfolgtes Kind!« »Genau so ist auch deine Schwester Vicke ...« »Ach – laß doch setzt die Marjell! Von der reden wir später! Die Luja ist ein Stück von einem Engel, mein guter Wurstmaxe – und ich möchte niemandem raten, sie nicht dafür zu halten ...« »Mensch ... du wackelst ja vor Verliebtheit mit den Ohren!« »... heute abend aber, Alfred – da kam bei der Luja, wie sie mit diesem russischen Raffke schön tat –, da kam bei diesem Kind vom Himmel etwas wie von einer Schlange heraus ... Etwas Listiges! Lauerndes! ... Direkt Gefährliches. Und das bei der Luja! ... Sie ist doch ein Geschöpf wie ein Schwälbchen ... sie ist doch so lieb und sanft ... Sie kann doch niemandem ein Haar krümmen! ... Ich bin wie vor den Kopf gehauen ... Ich kann mir keinen Vers darauf machen ...« »Frag' sie doch selber! Da kommt sie!« Luja Büttner trat in Mütze und Mäntelchen aus dem Kabarett. Sie wehrte schon von weitem Bernd Vollbrecht, der auf sie zustürzte, ungnädig mit der Hand. »Rede nicht! Du bist abgeschmackt!« »Luja ...« »Ich will dich nicht hören! ... Eifersucht! ... Auf ein Tier aus dem russischen Wald! ... Man könnte lachen ...« »Luja ...« Der junge Mann schluckte vor Aufregung. Er faltete die Hände vor der Brust. Jetzt stand er wie ein Schulbub vor der kleinen Musikantin. »... Luja ... Ich weiß ja, daß du es gut meinst! Du willst dein und mein Glück!« Das zarte, dunkle Geschöpf vor ihm sah ihn fest und schweigend an. Er stammelte weiter: »Deswegen läßt du bei dem Kerl alle Minen springen! Das verstehe ich ja. Aber es ist zu viel! Mehr, als jemand, der dich so lieb hat wie ich, verknusen kann! Das ist ...« »Das ist alles Torheit!« ergänzte die Kleine streng. »Lasse das jetzt! Ich will nicht mit einem Gymnasiasten reden, sondern mit einem reifen Menschen! Benimm dich so! Und höre ...« »Du sollst mich hören ...« »Still doch! Unterbrich mich nicht! Das ist unschicklich! ... Sobald du mich siehst, sagst du, daß du mich liebst ...!« »Ich schrei' es mitten auf dem Potsdamer Platz aus! Ich trompete es von der Siegessäule ...« »Das hilft gar nichts! Wenn du mich liebst, mußt du es mir beweisen!« »Sage mir wie ...« »... indem du das tust, was ich morgen von dir verlangen werde!« »Nenne es mir doch schon heute!« »Es ist noch zu früh! ... Willst du mir dein Wort darauf geben, daß du morgen meine Bitte erfüllst?« »Welche Bitte?« »Das hörst du morgen! ... Antworte mir ...« »Ich weiß ja: Du wirst nichts Unrechtes von mir verlangen ...« »Vor Gott ist es kein Unrecht! Schwöre mir bei Gott!« »Luja – warum so feierlich ...?« »Schwörst du mir ...?« »Was hast du für starre Augen! ...« »Schwörst du mir bei Gott über uns im Himmel?« »Also denn ... du machst ja mit mir, was du willst: Ja!« »Nun weiß ich, daß du mich liebst!« Luja Büttner sagte es leise und innig. »Ich danke dir von Herzen, lieber Bernd! Nun höre:« Sie verfiel in den Ton eines alltäglichen Gesprächs. »Sei morgen um neun Uhr abends, vor der Vorstellung, da drüben in der Likördiele – in ›Onkel Toms Hütte‹, gegenüber dem ›Kolokól‹. Um die Zeit ist dort kaum ein Mensch. Da erzähle ich dir, was ich von dir möchte! Gute Nacht, Bernd!« »Ich bring' dich nach Hause!« »Ich bin schon da!« Lisa Altschüler, die bisher etwas abseits gewartet, trat heran: »Herr Gritsch hat mich geschickt!« »Der Teufel soll ihn holen!« rief der Student erbittert. »Den heiligen Mann? So viel Kurage hat der Teufel nicht!« Die kleine Büttner schob ihren Arm unter den der Base. »Morgen abend in der Diele, Bernd!« Der Freund Alfred drüben verwahrte auf seinem Umhängekessel noch Bernds angebissenen Wurstzipfel – einen Wertgegenstand jetzt, in der Berliner Hungersnot. Der junge Landwirt futterte den Stummel stumm, in düsteren Gedanken. »Ich bin auch wie so'n Hottehüh, Alfred!« sprach er endlich. »Ich bin auch im Wurschtkessel! Nach allen Regeln der Kunst lasse ich mich von Rußland hackepetern! Jetzt fange ich schon an, nachts auf dem Kurfürstendamm Eide abzulegen! Der Betrieb wird immer toller! ... Du ... Ich fürchte ... Es ist etwas mit der Luja ... Mir ist so unheimlich zu Mut ...« Alfred Henke schickte sich eben an, einen Herrn zu bedienen, der vor seinem Wurstkessel stehen geblieben war. Der Herr trug, nach russischer Art, einen verschnürten Mantel mit Persianerbesatz und eine schwarze, hohe Lammfellmütze. Eine goldene Brille verglaste die klugen, schwarzen Augen. Ein schwarzer Rundbart umkrauste das bleiche, fleischige Gesicht ... Der Fremde sah zu dem blonden Studenten hinüber und sagte langsam, in gutem Deutsch, mit einem stillen Lächeln: »Mein Physiognomiegedächtnis trügt mich nicht! Wir begegneten uns im Krieg! Waren Sie nicht im Osten?« »Ja...« »Verwundet?« »Verwundet und gefangen!« »Nun also! Wo?« »Hinter Smorgon!« »Es stimmt alles! ... Welches war doch Ihre Blessur?« »Brustschuß!« »Richtig! Ich war damals Neuling an der Front. – An der russischen, natürlich! Junger Arzt – eben erst einberufen! Sie waren eines der ersten Opfer des Kriegs, das mir unter die Hände geriet ... Deswegen haben Sie sich mir unauslöschlich eingeprägt!« Eine ausgestreckte Hand: »Dr. Wassilij Islawin ist mein Name. Mein Gott ja ... Ich erinnere mich so genau, wie ich Ihnen den Verband anlegte ...« »Ich kann mich leider gar nicht besinnen ...« »Sehr begreiflich! In der Verfassung, in der Sie sich befanden ... bewußtlos ... blutbedeckt ... Aber ich bin Mensch ... Immer wieder war bei mir der Gedanke: Wieder einer Mutter Sohn ...« »... Aber daß Sie mich jetzt, nach Jahren, hier in der Dunkelheit gleich erkannten ...« »Das wäre unmöglich!« bestätigte Dr. Islamin lächelnd ... »Nein: Ich beobachtete Sie seit Stunden, und langsam kam mir die Erinnerung. Ich saß den ganzen Abend im ›Kolokól‹! Sie servierten auch mir meinen Tee ... Kommen Sie! Haben Sie den gleichen Weg? Wir gehen eine Ecke zusammen ...« Der Russe grüßte höflich, mit zwei Fingern an der Pelzmütze, zu dem fliegenden Wursthändler hinüber, der soeben einen Herrschaftschauffeur versorgte, und schritt neben Bernd Vollbrecht den Kurfürstendamm entlang. Der junge Mann blieb stehen: »Gestatten Sie, daß ich mich verabschiede!« sagte er. »Warum? Wollen Sie nichts mit Russen zu tun haben?« »Nun – ich bin eben Deutscher ...« »Das ist doch kein Grund, uns zu hassen!« »Das liegt mir fern! Sagen wir also: Ich bin, wie Sie wissen, Kellner! Sie Arzt! Ich bin kein Verkehr für Sie!« »Oh – Sie wollen mich beleidigen!« Wassilij Islamin schüttelte das fremdartige, schwarzbärtige Haupt. »Sind wir nicht alle gleich? Was waren da für verächtliche Menschen, die Sie bedienen mußten! Ein ehrenhafter Arbeiter wie Sie steht hoch über solchen Schiebern – wie etwa diesem Burschen, der da ganz vorn saß und meinen Landsleuten Champagner schenkte, statt mit dem Geld die Hungernden zu speisen! Nun – man weiß schon von Rußland her genug von diesem Herrn ...« »Sie kennen ihn?« »Ging er nicht schnell weg, wie er mich unverhofft sah?« frug der Arzt Islawin, immer mit dem sonderbar milden und verhaltenen Lächeln. »Mein Gott ... Können Sie mir etwas von ihm erzählen?« Der Student atmete schwer. »Sie täten mir einen Riesengefallen.« »Gern werde ich! ... Aber nicht hier auf der Straße! Dort drüben ist ein Lokal ... Ich war da schon öfters! Kennen Sie das ›Mirabell‹? Nein? Es wird einen jungen Mann wie Sie interessieren! Bitte – hier!« Die Eingangsräume des »Mirabell« leuchteten in Purpur und Gold, glattrasierte alte Diener mit Allongeperücken und in Kniehosen nahmen die Garderobe in Empfang. Im Tanzsaal überflutete elektrische Sonnenhelle das spiegelnde Parkett, die weißgoldenen Wände, die weißgedeckten Tischchen, die weißen Hemdeinsätze, die bloßen, weißen Schultern, die sich in den Verschlingungen des Tanzes rückwärts bogen. Valutastarke Fremde aus ganz Europa tummelten sich da im Takt. Auch manche deutsche Inflationsgents, in blasierter Bartlosigkeit, das Einglas glitzernd im Antlitz. Berliner Weiblichkeit. Ausländerinnen. Eine hübsche junge Russin mit schwermütigen Augen schlenderte, die Papyros schief zwischen den üppig geschürzten Lippen, auf Bernd zu und schlug ihm lachend auf die Schulter und sagte: »Nun – ohne Luja?« »Was wissen Sie denn davon?« frug der junge Deutsche verdutzt. »Grüßen Sie das Fräulein aus Sebastopol von mir! Von der Filmstatistin Nadeschda Soldaténkowa! Mir verdankt sie ihr Glück. Ich brachte sie draußen im Glashaus mit meiner Freundin, der Winogradoma, zusammen. Durch sie kam Ihre Luja in das Balalaika-Orchester! Tatjana Winogradowa zeigte mir Sie im ›Kolokól‹ und erzählt mir täglich von eurer Liebe! Werden Sie nur hier Ihrer Luja nicht untreu! ... Ich passe auf!« Die Soldaténkowa drohte, verständnisinnig blinzelnd, mit der Hand. Ein Chinese in schwarzem Londoner Klubdreß legte die gelben Finger unter ihren ausgiebigen Rückenausschnitt und hoppelte hölzern mit ihr im Foxtrott davon. Dr. Wassilij Islamin hatte inzwischen eines der Tischchen gewählt, die die Tanzfläche im Rund einrahmten. Er hatte Wein bestellt und auch gleich bezahlt. Während er eingoß, sagte er zu dem jungen Mann: »Darf ich Sie fragen: Was interessiert Sie an einem gleichgültigen Ausländer wie diesem Menschen im ›Kolokól‹!« »Er bietet mir, in seinen Unternehmungen, eine Lebensstellung an, auf die hin ich heiraten kann! Ich weiß nichts von ihm! Ich höre so Seltsames! Ich will andernteils mein Glück natürlich auch nicht verscherzen ...« »Und unter welchen Umständen leben Sie hier in Berlin? Welches ist Ihr Lebensgang? Welchen Rang bekleidet Ihr Vater? Was haben Sie hier für Freunde? Klären Sie mich doch auf! Um so leichter kann ich Ihnen dann wegen dieses Mannes raten ...« »Nun – das ist schnell erzählt!« Der blonde Jungmann berichtete. In seinen blauen Augen lag Vertrauen. Der Russe hörte aufmerksam zu. Als der andere geendet, sagte er: »Nun bin ich im Bilde und werde Sie über Herrn Ssilin informieren! ... Bitte, keinen Dank, mein Herr!« Er wurde etwas förmlicher. »Ich lebe hier in Deutschland. Ich genieße deutsche Gastfreundschaft. Ich revanchiere mich gern gegenüber einem Deutschen ... Viel weiß ich ja allerdings von meinem Landsmann nicht ...« »Ich dachte, Sie sagten vorhin ...« »Vielleicht verwechsle ich ihn auch mit einem andern ... ich habe manchmal fast den Verdacht ...« »Aber ...« »Nun – ich werde schon sehen, was sich da, nach so manchem Jahr, noch sagen läßt! Es geht einem so vieles durch den Kopf! Verzeihen Sie einen Augenblick. Ich ließ mein Zigarettenetui im Pelz stecken! Gleich bin ich wieder da!« Dr. Wassilij Islawin ging hinaus. Der blonde Student blieb sitzen. Vor ihm wirrte der Tanz. Es war heiß. Nervenpeitschend quäkte der Rhythmus des Jazz und verstummte jäh. Gleich darauf stand die hübsche Nadeschda Soldaténkowa vor Bernds Tischchen. Sie war außer Atem. Das konnte nicht von dem modernen Tanz kommen. Das war die Empörung, die auf ihrem leichtsinnigen, jetzt plötzlich leidenschaftlich ernsten Gesicht loderte. »Hätte ich das gewußt ...,« stieß sie hervor, »daß Sie einer von jenen sind ...« »Von wem denn?« »... Von unsern Todfeinden, die uns alles genommen haben ... Wie ich da stehe, tauge ich nicht mehr viel – das weiß ich! Aber ich war einmal die ehrbare Frau eines Isprawnik im Twerschen Gouvernement! Jene haben meinen Mann umgebracht und mich hier ins Ausland und ins Elend gejagt ...« »Ja – aber wer nur?« »Mein Gott: Wissen Sie denn nicht, mit wem Sie da gesessen haben?« »Mit einem russischen Arzt ... Wassilij Islawin ...« »Ja – so nennt er sich. Er ist auch Arzt! Aber in Wirklichkeit ist es Dr. Iwan Taufwasser – der Vertrauensmann des Kreml – der Bolschewist! ...« Der stud. Vollbrecht war aufgesprungen. »Aber das ahnte ich doch nicht!« sagte er erschrocken. Die hübsche, blasse Russin zuckte mitleidig und mit leisem Wohlgefallen an dem blonden, deutschen Jungmann die Schultern. »Ja. So sehen Sie auch aus!« sprach sie. »Ihnen glaubt man die Unschuld! Sie steht Ihnen auf dem Gesicht geschrieben! Was wollte er denn von Ihnen?« »Er ließ sich von mir über mich und meine Lebensverhältnisse erzählen! Dann ging er, sich Zigaretten holen! Ich weiß nicht, wo er bleibt ...« »Der Herr hier am Tisch?« Der Kellner hatte die letzten Worte gehört. »Der hat schon vor einiger Zeit das Haus verlassen!« »Ja – was bedeutet denn das?« Der junge Bernd griff sich an den Kopf. »Sehr einfach, mein schöner Herr!« Die Soldaténkowa zündete sich eine Papyros an. »Er hat Sie ausgehorcht!« »Ja aber warum?« »Offenbar, weil Sie mit einem Menschen – oder mehreren Menschen – in Verbindung stehen, die Herrn Iwan Taufwasser und seinen Leuten verdächtig sind und von ihnen heimlich beobachtet werden! War nicht irgendein Russe in letzter Zeit bei Ihnen oder Sie bei ihm oder sonstwie mit ihm zusammen?« Und es zuckte durch den Kopf des stud. agr. Vollbrecht. Gestern früh hat mich Serge Ssilin auf meiner Bude aufgesucht! Zwei Tage vorher saß er mit mir abends unter allen Ausländern im »Slaviansky Basar«. Er drückte mir vorhin wieder im »Kolokól« vor allen Gästen die Hand ... »Was Sie da sagen – das könnte sein ...«, sprach er zu der hübschen Nadeschda. Die blies ihm spöttisch den Zigarettenrauch ins Gesicht. »Nun – und da wollten die Moskauer wissen, was für ein Kind Gottes Sie eigentlich sind ... Begreifen Sie nun: Man hat Sie ins Verhör genommen, und Sie haben ehrlich geantwortet! Sie waren dumm!« »Das bin ich immer ...«, sagte der Student. »Aber hören Sie meine Warnung!« Jetzt waren die lebenslustigen Züge Nadeschda Soldaténkowas aufrichtig besorgt: »Lassen Sie sich lieber nicht mit dieser roten Welt da drüben ein ... nicht im Guten und nicht im Bösen ...« »Ich will ja gar nicht! ... Ich bin ein ehrlicher Deutscher!« »... da ist Gefahr ...« Die Soldaténkowa legte ihre Hand auf die Schulter eines Mexikaners und tanzte davon. 13 Am grauen Himmel flogen die Wolken von Westen. Graupenschlag prasselte in Regenböen. Tag- und Nachtgezeiten des Jahres glichen sich im Stöhnen des Märzsturmes aus. Er heulte über die Dächer von Berlin. Er toste im Tiergarten. Dem Studenten Vollbrecht, der im Abendgrauen den kahlen Park durchquerte, flog ein armdicker, dürrer Ast krachend mitten in den Weg. Es erinnerte ein bißchen an die Front, wenn die Russen in den verschneiten Winterwald funkten. Bernd Vollbrecht dachte es zerstreut und lief weiter, die Kollegienmappe unterm Arm. Viel hatte er heute im Hörsaal nicht behalten. Sein Kopf war wirr. In seiner Dachkammer warf er einen geistesabwesenden Blick auf das Untergestell seines Freundes Ribbentropp, der eben auch die vier Treppen heraufgeklettert war. »Was hast du denn da für Elbkähne?« frug er. »Kauft sich der Mensch weiß Gott im Frühjahr noch Gummigaloschen!« »Im Warenhaus! Bei Lisa Altschüler!« Der Riese lächelte verklärt. »Das war 'ne Arbeit, bis mir die richtige Nummer bekamen!« »Paule ... Paule ...« »Sonntag gondeln wir nach dem Eierhäuschen! ... Spaß beiseite, Kerlchen: Wir sind so gut wie verlobt ...« »Immer feste zu. Kleiner! Du weißt gar nicht, wie gut du's hast! Du bist nicht in eine Sphinx verknallt, wie ich...« »Wenn du aus einem kleinen Mädchen mit Gewalt ein großes Rätsel machst ...« »Nein! Es steckt etwas hinter der Luja!« Der Student schritt unruhig in der Dachstube auf und nieder. »Das fühle ich jetzt ganz deutlich. Das quält mich den ganzen Tag ...« »Hast du Krach gekriegt mit deiner Maus?« »Ach wo!« Bernd Vollbrecht blieb stehen. »Aber 'nen Schwur hab' ich ihr verzapfen müssen, zu tun, was sie von mir verlangt! Was das ist, das hat mir das kleine Biest ums Totschlagen nicht verraten! Das erfahre ich erst jetzt, in ›Onkel Toms Hütte!‹ ...« »Quatsch ...« »Na natürlich macht sich das Mädel nur wichtig! Sie braucht so'n Kram um sich – weil sie innerlich an allen Nerven bibbert – so wenig man es ihr auch ansieht, wenn sie so artig dasitzt! ...« »Das macht, weil sie frisch aus Rußland kommt!« »Das sage ich mir ja auch immer: Es ist gar nicht die Luja selber! Es ist das Rußland hinter ihr und das Rußland um sie 'rum! Ich hab' das ganze Rußland dick bis zum Halse ... Aber sie zieht mich immer tiefer in dies Rußland hinein ... Gestern abend wieder ...« »Wehr' dich doch deiner Haut!« »Ich hau' jetzt auch um mich!« Der junge Landwirt reckte kampflustig die Arme mit geballten Fäusten nach rechts und links. »Ich hab' den heutigen Tag nicht verquast, Kleiner! Mir ist eine elektrische Beleuchtung aufgegangen, wie wir aus dem ganzen faulen russischen Zauber hier herauskommen – die Luja und ich! Das bringe ich der Luja jetzt gleich bei! ... Punkt neun Uhr platzt die Bombe...« Es fehlten noch zehn Minuten an der vollen Stunde, als der stud. agr. Vollbrecht schon, in seiner Ungeduld, die Likörstube am Kurfürstendamm betrat. Die Diele war klein, blitzsauber in Mahagoni und Messing, anheimelnd schummerig, voll lauschiger Kojen und Nischen. Gähnende Stille. Nur am Büffet telephonierte der Mixer in blütenweißer Leinenjacke mit seinen Stammkunden über Pariser Rennwetten und nahm Bestellungen auf Sessel im ersten Ring für den nächster Boxer-Großkampfabend entgegen. In dem ersten Seitenverschlag, in den Bernd lugte, hockte, Schulter an Schulter, ein schweigsames Liebespärchen und las, bis es Zeit zum Kino war, in alten illustrierten Zeitungen. In der dritten Koje schlürfte eine blasse, mittelalterliche Dame, mit den umwölkten Augen der Morphinistin, ihr grünlich-bleiches Absinthwasser. Sonst war das Lokal leer ... Nicht doch ... da hinten, im letzten Winkel, saß noch ein Mädel. Man hätte sie, nach ihrer einfachen Kleidung, eher für eine Angestellte halten können, die da noch schnell Staub wischte, ehe der Kurfürstendamm seine Kinder der Nacht schwarmweise in ›Onkel Toms Hütte‹ und die zahllosen anderen Zylinderdestillen des goldenen Westens schwemmte. Aber sie hatte ein Gläschen Hennessy vor sich stehen. Das zarte, runde, dunkeläugige Gemmengesicht nickte dem Jungmann ernst zu. Eine kleine Hand streckte sich ihm langsam entgegen. Er küßte sie innig. Setzte sich und bestellte. »Du bist schon da, Luja!« begann er und ärgerte sich über die dumme Wendung. Die Kleine antwortete darauf auch nur mit einem Achselzucken und schaute stumm und feierlich gerade vor sich in den von Purpurflor gedämpften Blutschimmer des elektrischen Lämpchens auf der Marmorplatte. Der junge Mann hub wieder an – er fühlte: sein Atem ging schwer: »Luja ... Ehe du loslegst, lasse mich bitte 'mal reden! Vielleicht ist dann alles, was du mir zu sagen hast, ganz überflüssig ...« Er schaute sich um. Es war niemand, der sie behorchen konnte. Er fuhr fort: »Denn das bezieht sich doch wieder wahrscheinlich irgendwie auf Rußland! Und sieh 'mal, Luja: Aus diesem Rußland mußt du heraus – und ich auch! Du bist ja überhaupt gar keine richtige Russin! Du bist von deutscher Herkunft und sprichst Deutsch ...« »Gewiß doch – ich habe keinen Tropfen russisches Blut in mir!« »Also! Du bist nach Deutschland geflohen! Deutschland soll deine zweite Heimat werden! Da mußt du auch ganz Deutsche werden! Und damit müssen mir jetzt gleich anfangen! Morgen noch!« »Wie denn?« frug Luja Büttner gleichgültig, den dunklen Blick in die Weite. »Nun hör mal!« Der Jungmann rückte noch näher und faßte unter dem Tisch ihre eiskalte, kleine Hand. Seine frischen blauen Augen lachten geheimnisvoll und glückselig. »Mein alter Herr hat heute mit Gottes Hilfe die Stellung als Inspektor auf einem mordsgroßen Dominium in Hinterpommern gekriegt! Er siedelt mit Muttern schon in nächster Zeit dorthin über. Er ist heilfroh ...« »Ich bitte, meinen Glückwunsch zu melden!« sagte die kleine Deutsch-Russin wohlerzogen, mit leeren Augen. »Ach – laß doch den Firlefanz! Nu weiter: Die Vicke, meine Schwester, geht nicht mit! Die Marjell bockt! Sie will in Berlin bleiben! ... Sie hat sich in meinen Freund Alfred verliebt und er in sie ...« »Meinen Glückwunsch ...«, sprach die Kleine mechanisch. »So laß doch das öde Gerede! Du kennst den Alfred nur in seiner nächtlichen Verkleidung als Wurstmaxe. Bei Tage aber steht er groß da. Da zieht er mit Aplomb Zähne, und die Vicke denkt sich das herrlich, dabeizustehen, wenn die Leute schreien, und zur Hand zu gehen – kurzum: Sie will sich zur zahnärztlichen Assistentin ausbilden ...« »Ich lasse ihr alles Gute wünschen!« »Luja! Bist du denn heute abend ganz verdreht? Man glaubt ja, man hat mit einem Automaten zu tun! Na – also: Papa – der überhaupt für einen Angehörigen der alten Generation ungewöhnlich vernünftig ist –, Papa ist einverstanden. Er, und meine Mutter, werden natürlich die Vicke sehr vermissen. Denn sie sind an eine Haustochter gewöhnt ...« »Ja. Das ist bedauerlich ...« »Luja! ...« Der junge Mann biß sich auf die Lippen. Gleich darauf lachte er wieder übermütig wie ein großer Junge. »Weißt du, was ich meinen Vorfahren gesagt habe? – Und sie waren einverstanden, Kind – sofort einverstanden! ›Ich schaff' euch eine andere Haustochter bei!‹ hab' ich gesagt. ›Ein junges Mädchen, das aus Rußland geflohen ist und keine Eltern und Geschwister besitzt und nicht weiß, wohin sie ihr Haupt legen soll! Die geht mit euch nach Hinterpommern und lebt bei euch als‹ – bis es eben so weit ist, Luja, und ich mich selbständig machen kann – ›als meine Braut ...‹« Der stud. Bernd Vollbrecht zitterte vor Glück und Erregung. Er hielt die kleine Hand unter dem Tisch leidenschaftlich fest. Er drückte sie ungestüm. »Ja – Luja, nun ist das große Wort heraus ... Einmal muß es doch ausgesprochen werden ... Es liegt ja alles künftige Glück für uns drin ... Luja ... Du mußt auch etwas reden! Du mußt ›Ja‹ sagen! Du darfst mich nicht nur schweigend anschauen! ... Ich weiß ja: Du willst antworten: Da ist dieser Ssilin! ... Der verspricht uns eine ganz andere Zukunft – der bietet uns jetzt gleich auf dem Präsentierteller eine schöne Stellung! ... Kind – ich habe dir immer gesagt: Dieser Ssilin ist mir in tiefster Seele unheimlich! Ich traue diesem Ssilin nicht über den Weg! Dieser Ssilin hat überall in Berlin verborgene Feinde und ist von Spionen umgeben! Dieser Ssilin wird womöglich eines schönen Tages ein böses Ende nehmen ...« »Das ist sehr möglich, Bernd! ... Sehr möglich ...« »Gott sei Dank, daß du das auch meinst! Und dann stehen wir da und sind womöglich noch in seine dunklen Händel verwickelt, ohne daß wir es wissen ... und kommen noch vor Gericht ...« »... vielleicht vor Gericht, Bernd.« »Siehst du, du vernünftiger kleiner Bursche! ... Und sogar – wenn es nicht bis zu diesem Äußersten kommt – dieser Ssilin verfolgt dich mit seiner plumpen, unverschämten Gier! ... Wie soll denn das auf die Dauer werden? Wie soll ich denn das mitansehen? Ich lasse mich ganz bestimmt in ganz kurzer Zeit zu einer Hitzköpfigkeit gegen ihn hinreißen! Er setzt mich an die Luft, und alles ist wieder heidi ...« »Freilich ...« »Na – dann sind wir ja völlig einig! Du trittst heute zum letztenmal im ›Kolokól‹ auf ...« »Zum letztenmal, Bernd ...« »Herrgott – wenn ich dich nur küssen könnte – hier – mitten im Lokal ... Sei nicht böse: aber ich hätte nicht zu träumen gewagt, daß du so vernünftig sein würdest! Also – Hand darauf, Kleine: Mit Herrn Serge Ssilin machen wir Schluß!« »Schluß, Bernd ...« »Der muß fort aus unserem Leben!« »Der muß aus dem Leben!« »... und ohne langes Getrödel ...« »Heute noch, Bernd!« »Na – Gott sei Dank! ... Uff!« Der Student verstummte in der Überfülle seiner Seligkeit. Er saß und hielt Lujas Hand in der seinen. Die Morphinistin in der Koje bestellte sich mit leidender Stimme noch einen Absynth. Der Mixer schmunzelte am Telephon. »Die Ioldelse? ...! Armband mit Brillanten? Echt? Na ... bring's 'mal! ... Viel Zaster gibt's druff nicht!« Der Lebejüngling und sein Verhältnis brachen auf, die Kinokarten in der Hand. In den Dornröschenschlaf von ›Onkel Toms Hütte‹ hinein frug Luja: »Bist du jetzt fertig, Bernd?« »Es ist ja alles gesagt, geliebter Schatz!« »Gut! Nun höre: Serge Ssilin hat uns beide für heute abend eingeladen!« »Da gehen wir natürlich nicht hin!« »Doch!« »Aber, Luja ... Das hat ja jetzt gar keinen sittlichen Wert mehr!« »Bernd: Erinnere dich, was du mir geschworen hast! Alles zu tun, was ich von dir verlange! Ich verlange, daß du niemals einem Menschen eine Silbe von dem sagst, was du jetzt von mir hören wirst ...« »Gut. Ich schwöre!« »... und weiter verlange ich, daß du mich zu Ssilin begleitest!« »Nun schön!« Der junge Mann lehnte sich gottergeben im Sessel zurück. »Wir treten also an und benutzen die Gelegenheit, um dem Ollen schonend mitzuteilen, daß er uns gewogen bleiben kann!« »Nicht schonend! Sage es ihm recht schroff und höhnisch! Reize ihn! Ärgere ihn! Lenke ihn von mir ab!« »Ja – wozu denn?« »Weil ich doch rechts von ihm sitze. Er muß sich ganz von mir abwenden und in seinem Zorn zu dir hinüberschreien – dann habe ich die Möglichkeit, unbemerkt ... Da siehst du –: Ich hab' mir irgendeine verborgene Tasche in die Rockfalten genäht! Ja: Da steckt der Dolch drin! Aber du darfst ihn nicht anfassen! ... Der gehört mir ... Ich hab' ihn heute nachmittag gekauft ...« Der junge Landwirt riß die Augen auf und lachte: »Ich glaube, ich bin ein bißchen schwach auf den Ohren!« sagte er. »Was phantasierst du da?« »Ssilin ist doch links von mir! Da muß ich mich mit dem Oberkörper nach links drehen, mit dem Dolch in der rechten Hand! Das braucht Zeit! Während dieser Zeit mußt du ihn beschäftigen!« »Ich?« Der Student starrte seine kleine Freundin mit offenem Mund an. »Ich soll behilflich sein, einen Menschen zu ermorden?« »Einen Menschen? ... Einen Wolf schlägt man mit Knütteln tot! Dies ist ein Wolf!« »Du hast wirklich und wahrhaftig, wenn auch nur für einen Augenblick, die wahnsinnige Kateridee im Kopf, den Ssilin umzubringen?« »Deswegen allein bin ich nach Deutschland gekommen!« »Aber was hat dir denn Ssilin getan?« »Ssilin? Er heißt Ssawa Kol! Er war Starschi-Leitnant auf dem Panzerschiff ›Joann Slatoust‹, auf dem mein Bräutigam Mischa als Inscheneer-Mechanik diente. Er ist, wegen allerhand Schandtaten, sogar von den Gewalthabern in Moskau verfemt und ins Ausland geflohen. Aber früher, als er noch zu ihrem Anhang gehörte, da hat er meinen Mischa standrechtlich ermordet! Dafür muß er sterben!« »Und das sagst du so ganz ruhig?« »Wenn man nicht ruhig ist, trifft man nicht, Bernd!« »Luja ... Daß dein Verlobter in den Wirren umkam, das hast du mir ja erzählt! ... Aber daß du daraufhin den Ssilin einfach umlegen willst – na – weißt du ... na – nu laß 'mal! Das sind bei dir alles ja nur die Nerven! Das ist ja alles Unsinn ...« »Heute abend – im ›Monrepos‹ – nach Mitternacht – wird es geschehen!« »Da sitzt sie ...« Der junge Deutsche preßte ungläubig die Hände ineinander und schaute in das feine, bleiche, unbewegte Gesichtchen ihm gegenüber. »Da sitzt sie nun und redet ein Zeug ... Luja: Komm zu dir! Das bist doch nicht du!« »Ich wußte, daß du dich furchtbar aufregen würdest!« sprach Luja Büttner. »Deswegen sage ich es dir erst jetzt – ganz kurz vorher!« »Luja ... Du hast deinen Bräutigam sehr geliebt ...« »Geliebt ...? ... O Gott – wie arm ist dies Wort!« »Aber durch einen Mord wird er doch nicht wieder lebendig!« »Aber der Mörder stirbt! Ssawa Kol muß sterben!« »Luja ... Nun nimm aber 'mal Vernunft an ...« »Ssawa Kol muß heute abend sterben!« »Luja ... Es stehen einem ja die Haare zu Berge!« »Ssawa Kol muß sterben ... Ssawa Kol muß sterben!« Die Kleine wiederholte es beharrlich, eintönig, als läutete eine dumpfe, leise Glocke. Der Student strich sich verstört den blonden Schopf aus der Stirne. Er war bleich geworden. »Ich glaube, dir ist es wirklich mit dem Unfug Ernst!« murmelte er. »Du wirst es sehen ...« »Und an mich denkst du gar nicht?« Ein verwunderter Blick von drüben: »Wie soll ich denn an dich denken? ... Du starbst doch nicht, sondern Mischa!« »Ich hab' dich doch so lieb ...« »Deswegen wirst du mir ja helfen, Mischa zu rächen!« »Ich will dich doch heiraten!« »Ich bin, vor Gott, Mischas Frau – wenn ich es auch nie war ...« »Und aus mir machst du dir gar nichts?« »Du bist ein guter Mensch! Du bist mein Freund. Dich hat das Schicksal mir geschickt!« »Dazu nicht!« »Aber ich brauche dich, Bernd!« »Zum Morden? Das besorge gefälligst ohne mich!« »Allein kann ich es doch nicht! Da sieht er es zu früh und packt meine Hand – wie vor fünf Tagen! Da riß er mir den Revolver aus der Tasche, ehe ich selbst ihn noch herausholen konnte – ganz kurz bevor du mich auf der Bank im Tiergarten trafst! ... Nein ... Bernd – lieber, guter Bernd – du mußt mir beistehen, heute abend im ›Monrepos‹ ...!« »Mich wird das Lokal nicht sehen, Luja! Das darfst du mir glauben!« »Doch: Du wirst mich hinbegleiten!« »Nie und nimmer!« »Und dein Eid, Bernd – zu tun, was ich von dir verlange?« »Luja: Ich habe mit Vorbehalt geschworen! Ich habe ausdrücklich vorher gesagt: Du wirst schon nichts Unrechtes von mir fordern ...« »Nun – ist es denn ein Unrecht, Ssawa Kol zu töten?« Ein erstaunter Aufschlag der großen, braungrünen Augen drüben. »Nach deinen Begriffen vielleicht nicht. Aber die Gerichte denken darüber anders!« »Was kümmern dich die Gerichte? Du sagst einfach zu den Richtern, du hättest vorher nichts von meiner Absicht gewußt! Ich sage es auch! Das gelobe ich dir! Wer will dir das Gegenteil beweisen? Niemand krümmt dir ein Haar!« »Danke! Diese Kniffe sind mir zu hoch!« »Ich hätte dir ja gar nicht zu verraten brauchen, was geschehen wird! Aber da war die Gefahr, daß du mir dann im entscheidenden Augenblick in den Arm fallen würdest! ... Du brauchst ja nur dabeizusitzen, Bernd! Weiter nichts!« »Luja: Ich hab' ein Ding in mir, das man Gewissen nennt!« »Es ist doch ein gutes Werk!« sagte Luia Büttner leise und fanatisch und stand auf: »Komm – es ist Zeit zum ›Kolokól‹! Von da gehen wir dann vor Mitternacht zusammen hinüber zu Ssilin!« »Ich nicht!« »Dein Eid!« »Der gilt nicht!« »Er gilt!« »Nein! Gottlob – ich hab' es in der Hand, auch dich zurückzuhalten! Allein traust du dir die Mordgeschichte nicht zu! Ohne mich bist du also glatt aufgeschmissen! Du wirst es mir einmal noch danken!« »Bernd: Das ist nicht dein letztes Wort!« »Doch!« »Noch sind ein paar Stunden Zeit! Überlege dir, während du Wein servierst, was ein Eid vor Gott bedeutet ...« »Sicher nicht, daß man das Gebot bricht: Du sollst nicht töten!« »Sollst du denn töten? Niemand verlangt es von dir! Denke an deine Liebe zu mir! Jetzt kannst du sie beweisen! Ich werde dich anschauen – oft genug – heute Abend im ›Kolokól‹, Bernd – und von deinem Gesicht lesen, ob du mich lieb hast und deine Pflicht gegen mich begreifst ...« 14 Ein langer, dunkler Blick durch den menschenheißen, lichtflimmernden Saal des »Kolokól«. Und wieder, nach einiger Zeit, ein forschender Augenstrahl des buntgeputzten, zart-brünetten Bauernmädchens im Balalaika-Orchester hinüber zu dem blonden, jungen Kellner, der eben einem, seine Handvoll Dollars in Deutschland verjuxenden Straßenbahnführer aus New York eine Prärie-Auster servierte. Ein entschlossenes Kopfschütteln des Jungmanns als Antwort. Er wandte sich ab. Und abermals die Frage aus den großen Augen in dem weißen Gesichtchen, durch Rauchgespinst, über Glatzen und Topfhüte, Champagnerhälse und Cobbler-Strohhalme hinweg, zu dem Kellner Fritze. Der entkorkte gerade einen Boxbeutel für einen näselnden Bankstift und seine männererfahrene, heftigblonde Begleiterin, die zur Not seine Mutter sein konnte. Und wieder bewegte Bernd Vollbrecht hart verneinend den Kopf, und die Kleine drüben lächelte verächtlich. Niemand achtete darauf. Alle Augen und alle Operngucker glotzten auf die Bühne. Dort schauerten – ein lebendes Bild von klassischer Schönheit – Adam und Eva in paradiesischer Blöße, von mildem, bläulichem Licht verklärt, unter dem Baum der Erkenntnis. Langsam, lockend hob sich Evas weißer Arm mit dem Apfel. Bernd Vollbrecht hörte vor sich, im Publikum, ein leises Kichern. Das galt nicht dem ersten Menschenpaar jenseits der Rampe, sondern einem Herrn, der mitten im Parkett an einem der Tischchen saß und sich, um sich gegen den Anblick des Sündenfalls zu schützen, mit aufgestemmten Ellbogen die flachen Hände vor Stirne und Augen hielt, so daß man nur sein schwärzliches, struppiges Haupthaar sah. Er mußte den einen Arm sinken lassen, um dem sich vorbeidrückenden blonden Fritze Platz zu machen. Der blickte auf ihn nieder. Blieb stehen. Sagte nichts. Er war hier Kellner. Er durfte keinen zahlenden Besucher kennen. Aber der Gast nickte ihm düster zu. Der andere sah ihm ungläubig in das finstere, energische, sonnengebräunte Gesicht mit dem dunklen Schnurrbart und der hochgewölbten Stirne. »Sie hier, Herr Gritsch?« »Ich mußte«, sagte der Mennonit, die Augen mit der einen Hohlhand gegen die Bühne schützend. »Um Lujas willen! ... Sie muß ja zugrunde gehen – hier – an diesem Ort des Grauens ... Ich hatte es mir furchtbar gedacht. Aber das übersteigt alles, was ich befürchtete ...« Adam oben auf der Bühne nahm den Apfel. Der langhaarigen Eva ewiges Lächeln ... Bernd Vollbrecht fagte: »Da die Polizei bei der Nummer weiter keine Schwierigkeiten gemacht hat, Herr Gritsch ...« »Wir sind uns nicht freundlich gesinnt, Herr Vollbrecht! Und doch muß ich Sie um etwas bitten ...« Der Schafzüchter aus der Nogaischen Steppe verschränkte wieder die Finger wie ein Schutzdach vor den tiefliegenden Augen. »Gehen Sie zu Luja hinüber! Sagen Sie ihr, daß hier ihr Freund sitzt, der für ihre unsterbliche Seele bangt – und für ihre Seele betet ...« »Aus dem Weg da – der Kellner«, rief es. »Mensch! Sie sind doch nicht von Glas!« Bernd machte, daß er in den Seitengang kam. Er schritt ihn hinab bis zum Orchester. Lujas Platz war leer. Die blasse, blonde Winogradoma flüsterte ihm auf russisch zu: »Luja hat von dem Baron Urlaub erhalten! Sie zieht sich eben um!« Schuldbewußt aneinandergeduckt, unter dem Fluch der Schlange, schlichen Adam und Eva aus dem pappenen Paradies in die erste Kulisse rechts. Der Vorhang schloß sich. Es war eine Pause. Die kleine Treppe von der Bühnentüre kam Luja Büttner herab. Sie war zum Ausgehen fertig. Sie sagte leise und leidenschaftlich: »Bernd! Du bist schon im Frack! Du kannst gleich mit!« »Ach – ich! Um das Unheil mit dir handelt es sich!« sprach der junge Kellner zwischen den Zähnen. »Denn jetzt fange ich wirklich an, zu glauben, daß du im Ernst so 'was Irrsinniges vorhast!« »Bernd ... lieber Bernd ... Wir dürfen Ssilin nicht warten lassen ...« »Luja ... Ich bring' dich nach Hause ...« »Sonst geht er am Ende weg und alles ist umsonst ...« »So lasse ihn doch laufen! Das wäre ja ein Segen!« »Bernd – lieber Bernd ...« Das kleine, schwarze Wunder vor ihm schlug die Augen zu ihm auf. »Guter Bernd ... bitte ... bitte ... hilf mir ...« »Nein!« »Du hast mich doch so herzlich lieb! Ich bin doch deine kleine Luja ...« »Wenn ich nur wüßte, was man tun könnte ...« »Sieh 'mal, Berndchen ... Ich muß es doch tun ... Ich werde den Richtern begreiflich machen, warum! Die Deutschen sind gerecht! Auf lange Zeit wird man mich nicht einsperren!« »Luja ... Das ist ja alles ... Zum Verrücktwerden ist es!« »Vielleicht spricht man mich überhaupt frei! Und wenn ich frei bin ... Bernd ... Ich will ja auch deine liebe kleine Frau werden ...« Der Student wendete sich verzweifelt ab. Neben ihm bettelte es zärtlich durch den Operettenmarsch am Klavier: »Ich will dir auch alles an den Augen absehen! Ich will dich auf den Händen tragen! Du sollst es so gut bei mir haben, Bernd – lieber Bernd. – Nur hilf mir jetzt und komme mit mir!« »Nein!« »Dann geh' mit Gott!« sagte die Kleine matt. Ihr Gesicht war starr. Plötzlich belebte es sich. Sie hatte mitten im Saal Paul Gritsch erkannt, der jetzt, nach der Vertreibung aus dem Paradies, frei umherblickte. »Benötigt man dich überhaupt?« begann sie schnell und feindselig. »Im Gegenteil! Du würdest mich vielleicht noch verraten! Die Polizei rufen und mich in Schutzhaft nehmen lassen, um mir einen rechten Bärendienst zu erweisen! Ähnlich sähe es dir, du Klosterschüler! Diese Gefahr ist bei dir groß. Daran denke ich unvorsichtiges Geschöpf erst jetzt! Also lasse nur! Ich habe treuere Freunde!« Sie schaute wieder zu dem Taufgesinnten hinüber. Sie gab ihm einen lächelnden Wink mit den Augen nach der Türe. Er begriff. Er stand auf, zahlte, traf sie im Vorraum. »Luja ...« versetzte er atemlos. »Es steht in der Offenbarung: ›Babel ist eine Behausung der Teufel geworden‹ ...« »Still doch!« »... Davon habe ich mich jetzt überzeugt: ›Ein Behältnis aller unreinen Geister‹ – steht geschrieben – ›und ein Behältnis aller unreinen und feindseligen Vögel!‹ – und Sie, Luja, mitten darunter! ... Mir blutet das Herz! Sie müssen heraus aus diesem Scheuel und Greuel!« »Ich gehe ja schon!« Luja Büttner trat auf den Kurfürstendamm ... »Vorwärts, Gritsch! Wir wollen zu Abend essen!« »Wir beide?« »Nun ja doch! Dieser Bernd – dieser kleine Deutsche ist ja langweilig! Ich habe ihn stehenlassen! Wie – oder ist es Ihnen nicht recht, daß ich Ihnen einmal erlaube, mich auszuführen?« »Ich danke ja meinem Gott, Luja! Ich fasse es als ein Zeichen, daß ... Wollen wir etwa hier ...?« »In eine Bierstube? O pfui! Nein! Ich werde Sie führen! Vertrauen Sie sich mir an! Ich weiß einen geschmackvolleren Aufenthaltsort hier in der Nähe!« »Wo ich mit Ihnen zusammensein darf, Luja, da bin ich so glücklich wie nirgends sonst!« sagte der Mennonit einfach und voll tiefen Ernstes. In seiner Stimme lag mehr als in seinen Worten. Die Kleine im Mäntelchen hielt sich sofort im Gehen etwas seitwärts, so daß ein freier Raum zwischen ihr und ihm entstand. »Lassen Sie das, Gritsch!« befahl sie bestimmt. »Luja ... Seien Sie nicht so hart ...« »Machen Sie sich keine Hoffnung für die Zukunft, Gritsch, weil Sie jetzt, heute abend, hier ausnahmsweise mit mir gehen dürfen! Das hat seinen bestimmten Grund!« »Ich bete seit Jahren für Sie, Luja! Es ist, seit wir uns in Berlin wiedergefunden haben, mein tägliches Gebet, daß Sie endlich Ihren wahren Freund erkennen!« »Beichten Sie das Gott! Er ist geduldig! Aber schweigen Sie mir davon!« »Luja: Wes das Herz voll ist ...« »Ich habe Ihnen schon oft verboten, mir von Liebe zu reden! Wenn Sie es doch tun, dürfen Sie nicht mit mir dahin, wohin ich gehe!« »Es ist doch keine Sünde, Luja ...« »Mir von Liebe? ... Es ist ja so traurig. So lächerlich ... Ach ... Aber belästigen Sie mich nicht mit Werbungen, Gritsch! Ich mag das Gegirre nicht. Es langweilt!« »Luja ... Spielen Sie denn mit mir?« »Nein. Wirklich nicht, Gritsch! Das wäre grausam! Sie sind gut. Ich hab' Sie gern! Den kleinen Bernd auch! Nur quälen müßt ihr mich nicht!« »Ihr Bestes will ich.« »Ihr seid so seltsam, ihr Männer!« Das junge Mädchen blickte nach dem hellen Zifferblatt einer Normaluhr hinüber und beschleunigte ihren Gang. »Manches will durchaus nicht in eure harten Köpfe ...« »... weil es nicht in den Kopf gehört, Luja, sondern aus dem Herzen kommt!« »Da haben wir es schon wieder!« Luja Büttner schritt schnell geradeaus, den starren Blick unverwandt vor sich hinaus in die Nacht. »Ewig reden Sie von Liebe! Ebenso der Bernd! Begreift ihr denn nicht, daß ich Mischa liebe?« »Er ist tot!« »Soll man die Toten nicht lieben?« Ein verklärtes Lächeln überlief, im Schein der Laterne, an der sie vorbeikamen, das zarte, weiche Antlitz. »Gerade die Toten! Denn dadurch, daß wir sie lieben, leben sie! In uns! Mein Mischa ist nicht gestorben! Er lebt, solange ich lebe ...« »Ich weiß: Sie haben ihn sehr geliebt!« »Geliebt? ... Was ist das für ein armes Wort! Man kann es deutsch sagen oder russisch sagen, wie man will – es klingt abgegriffen wie ein Kopekenstück. Der Dwornik da und das Küchenmädchen, die in dem dunklen Haustor da stehen und flüstern – die lieben sich auch! Alle Welt liebt sich! Was ist das gegen mich und Mischa?« »Manchmal glaube ich, er ist neben mir!« begann die Kleine plötzlich leise und geheimnisvoll. »So – wie Sie jetzt da gehen! Und ich höre wieder seine warme Stimme. Ich sehe sein freundliches Lächeln. Er war ja so gut. So unendlich gut! Hat es denn je einen Menschen von solcher Vollkommenheit gegeben? Sie haben ihn ja noch gekannt, Gritsch ...« »Ganz flüchtig ...« »Ach – das genügt! Wer ihn einmal im Leben traf, der vergaß ihn nicht wieder ...! Sagen Sie selbst: War er nicht schön? Ging nicht etwas von ihm aus, daß man Gottes Macht und Liebe über sich empfand?« »Ich beneide ihn noch im Jenseits, Luja – um das, was er Ihnen war ...« »Sie kennen die Orte, Gritsch, wo er gegangen ist. Sie kennen das Meer von Sebastopol, auf dem er gefahren ist! Sie kennen die Menschen, mit denen er verkehrt hat! Lieber Gritsch: Durch Mischa sind auch Sie mir nahe. So wie Mischas Freund! Hier um mich ist ja die Fremde.« »Aber Sie haben gerade in der Fremde auch Pflichten gegen sich selbst, Luja!« Das junge Mädchen hörte gar nicht. Ein leises, verzücktes Lächeln spielte auf ihren feinen Zügen. »Sie kennen doch auch in der Krim den hohen Berg, den Tschatyr Dagh!« sagte sie. »Da stiegen wir, zu Anfang des Kriegs, von Aluschta hinauf. Marineoffiziere waren dabei. Unter ihnen Mischa. Da sah ich ihn zum erstenmal. Ich war noch so jung ...« »Kaum siebzehn, Luja ...« »Bei der Höhle der tausend Köpfe lief ein Wildbach über den Weg. Die Herren trugen die Mädchen hinüber. Er mich. Ich lachte, wie er mich in seinen Armen hielt, und schaute zu ihm auf und er zu mir herab. Da lachte ich nicht mehr. Da schloß ich die Augen und hörte nur das Wasser brausen! Ach – war das schön ...« Der Taufgesinnte seufzte schwer und schwieg. Um die beiden wirrte und glänzte lärmend der menschenvolle, mitternächtige Kurfürstendamm. Luja Büttner begann wieder selbstvergessen, mit einem glückseligen Spiel der Erinnerung um die weichen Lippen: »Dann, am Festtag Nikolaus des Wundertäters, vormittags – alle Glocken läuteten gerade von der Wladimir-Kathedrale – da kam er auf Besuch in unser Haus zu meinen Eltern. Er gefiel ihnen. Wie sollte er nicht? Jedem gefiel er. Jeder war von seinem Umgang ergriffen. Und dann. Gritsch,« Luja flüsterte vertrauensvoll und faßte ihren Begleiter am Ärmel, »... dann ist er oft zu uns gekommen, und eines Tages hat mir das Herz stillgestanden, und ich hab' begriffen, warum er kam ...« »Und im nächsten Frühjahr, Gritsch, da promenierten wir alle des Abends auf dem Seeboulevard vor Kists Hotel und schauten hinaus auf das Meer. Und Mischa und ich gingen in die Stadt hinein, und auf dem Midshipman-Boulevard war es schon dunkel. Da, unter dem Denkmal Kasarskijs, haben wir uns den ersten Kuß gegeben und uns verlobt! ... oh – welch ein Glück! ... Heute habe ich solch einen Abend der Erinnerung, Gritsch! Alles steht vor mir! Es ist ein großer Abend – anders als andere! ...« »Und doch, Luja, würde der Heimgegangene aus dem Jenseits Ihnen zurufen: Bleibe nicht einsam im Leben – mit deiner Liebe zu mir!« »Jeder, der ihn kannte,« sagte Luja Büttner, ohne zuzuhören, im schnellen Gehen, »jeder hat ihn geliebt. Mischa hatte nur Freunde unter den Kameraden – mit Ausnahme eines einzigen Judas, der ihn aus seiner Niedrigkeit und Verworfenheit heraus haßte – der Elende hieß Ssawa Kol – der verworfenste Mensch, der je lebte! Mischas Eltern – Sie wissen, die mit der Schaumweinfabrik in Nowo-Tscherkassk – wie haben sie ihn vergöttert! Die Vorgesetzten achteten und ehrten ihn vor allen anderen Leitnants und Gardemarins in Sebastopol. Selbst die Matrosen auf den Kronsschiffen – diese Gottlosen – schon lange vor dem Krieg ohne Ehrfurcht vor dem Zaren und seinen Dienern – dem Mischa gehorchten sie getreu wie die Hofhunde! Den Mischa ließen sie unversehrt von Bord, als sie die rote Fahne hißten und er furchtlos dastand und seinem Eid an den Selbstherrscher treu blieb!« Luja Büttner machte an einer Straßenecke halt. Sie zitterte am ganzen Leib. Sie preßte leidenschaftlich die geballten kleinen Fauste an die Brust. »War es nicht seine heilige Pflicht, seinen Fahneneid zu halten? Mußte er nicht, auch nachher zu Lande, unerschrocken sich einsetzen für Gott und Krone und Kirche? Trotzdem haben ihn die Unmenschen ermordet. Und die Welt geht weiter, als sei nichts geschehen! Und Gott hat es gelitten! Wozu ist denn Gott da?« »Lästern Sie nicht, Luja!« »Nein! Es sei mir fern! Aber das kann Gottes Wille nicht sein, daß diese Ungeheuer frei unter seiner Sonne umhergehen – so wie Ssawa Kol – und sich ihres Lebens freuen – und Mischa ist tot! Nein – hier will Gott Gerechtigkeit! Hier will er Strafe ...« Luja Büttner schaute, plötzlich ruhig werdend, zu dem Straßennamen an der Hausecke empor. »Hier sind wir recht!« sagte sie. »Kommen Sie nur in den Prospekt hier hinein! An seinem Ende muß das Lokal sich befinden! Es ist unter den Bäumen dunkel. Aber ich weiß die Hausnummer! Ich habe sie hier aufgeschrieben!« Unter einer der spärlichen Laternen blieb sie in der Seitenstraße noch einmal stehen. Sie hatte ein Medaillon herausgezogen und geöffnet, das sie an einer Haarschnur wie ein Heiligenbild auf der bloßen Brust trug. Sie zeigte es dem Mennoniten. Es war das auf Porzellan gemalte Brustbild eines jungen russischen Seeoffiziers mit einem kurzen, nach Art des letzten Zaren geschnittenen Vollbart um das freundliche, männlich-offene Gesicht. Luja gönnte dem Schafzüchter eine gute Weile der schweigenden Besichtigung. Dann preßte sie einen langen, leidenschaftlichen Kuß auf das Miniaturbild und barg es wieder an ihrem Herzen. »Vorwärts, Gritsch!« sprach sie hart. Nach wenigen Häusern hemmte sie den Schritt. Der Mennonit schüttelte den Kopf. »Aber das ist ja eine einzelstehende Villa mit einem Vorgarten! Die Fenster alle stockdunkel! Das ist ein Irrtum ...« »Sie kennen Berlin nicht, wie ich es in diesen paar Tagen kennengelernt habe! Hier ist alles möglich!« sagte Luja Büttner. »Auf einem Zettelchen steht, man soll viermal auf den Klingelknopf drücken ... Wir wollen sehen ...« Leise öffnete sich, nicht das Haustor, sondern ein Pförtnerfensterchen daneben. Eine Männerstimme aus dem Dunkel frug: »Sie wünschen?« »Herr Ssilin erwartet mich ...« »Augenblick ...« »Wer ist denn Herr Ssilin?« frug mißtrauisch draußen in der Nacht der Mennonit. »Mein Gott: Ein Bekannter von mir! Auch ein geflüchteter Russe! Oder Halblette – wie Sie wollen! Sprechen Sie nur recht freimütig mit ihm, Gritsch! Unterhalten Sie sich mit ihm fleißig! Kümmern Sie sich nicht um mich, wenn ich still dabeisitze! Ich bin ein wenig müde – ein wenig abgespannt.« Ein Spalt der Türe ließ die beiden ein und schloß sich wieder. Sie standen geblendet von der Lichterhelle. Alle Räume der Villa waren voll von Menschen. Es gab keine Wohnzimmer. Unten bildete jedes Gemach ein Sonderkabinett, mit einem reich gedeckten Tisch und einer Gesellschaft von Herren im Frack und tiefausgeschnittenen Damen. Über die Treppe zum ersten Stock ging es ununterbrochen auf und ab. Oben herrschte die feierliche Stille der Spielbank. Ganz leise – der Polizei wegen – schmelzend, träumerisch, fiedelten im Erdgeschoß ein paar Zigeunergeigen. »Hier wollen Sie doch nicht bleiben, Luja?« »Warum denn nicht?« »Dies Lokal – so wenig ich von derlei verstehe – aber es weht einen an wie Sünde! ... Da sehen Sie: Da steht eine Dame mit einem Monokel im Auge! Und dort – dort raucht eine andere Dame eine große, dicke Zigarre!« »Ja – ich kann sie ihr nicht aus dem Mund schlagen, Gritsch! Nur Mut!« Der Taufgesinnte tat ein paar Schritte bis zu der Schwelle des Salons, wo die Söhne der Pußta spielten, drehte sich auf dem Absatz herum, riß Luja mit sich zurück. »Fort von hier!« keuchte er. »Haben Sie es gesehen? Hoffentlich haben Sie es nicht gesehen ... Diesen Flortanz ... Man kann kaum mehr von Flor sprechen – bei dieser Tänzerin! ... Fort! ... Fort! ...« »Wir brauchen uns das ja nicht anzuschauen, Gritsch! Es gibt ja Nebenzimmer genug!« »Kommen Sie...« »Ich bleibe ...« »Sie dürfen nicht ...« »Pst ... bitte leiser, mein Herr!« Ein junger Mann vom Äußeren eines Botschafts-Attachés trat diskret heran. »Bedenken Sie doch ... die Polizei ...« »Ich will auf der Stelle dieses Haus verlassen!« »Ja – wer hat denn den Herrn überhaupt hereingelassen? ... Wenn Sie gehen wollen – bitte – öffnen Sie dem Herrn die Türe! Entschuldigen Sie, wenn ein Mißverständnis vorlag! Aber nicht wahr – Sie machen uns keine Ungelegenheiten draußen? ... keinen Klimbim mit der Polizei? ... Wäre ja schade!...Die Dame bleibt?« »Luja! Kommen Sie!« »Herr Ssilin erwartet die Dame im Erkerzimmer!« meldete geschäftig ein herbeieilender Kellner. »Luja ...« Aber das Tor schloß sich schon leise und schonend hinter dem Mennoniten und sperrte ihn aus. Innen wendete sich Luja Büttner zu dem Kellner und sagte: »Bitte, führen Sie mich zu Herrn Ssilin!« »Herr Ssilin kommt Ihnen eben schon selbst entgegen, gnädige Frau!« Die hagere, knochige Erscheinung des Inhabers der »Rowaja Rossija« wirkte jetzt, in dem schwarzen Abendanzug, mit der grauen Perle in der weißen Hemdbrust, vornehmer als bei Tag. Er glich, wie er schnell und elastisch das Parkett überquerte, in der natürlichen Leichtigkeit seiner Bewegungen einem weltstädtischen Klubmann, trotz des klobigen Gesichts mit der kolbigen Nase und dem brutal aufgeworfenen Mund. Dies Gesicht war bis zu den breit abstehenden Ohren hin stark gerötet. In den sonst gläsernen Augen loderte es schwül und unruhig. Er beugte sich hastig über Lujas Rechte. Sie spürte, daß seine Hand heiß und feucht war wie die eines auf das höchste erregten Menschen. Auch seine Stimme flackerte, unstet zwischen halben Sätzen stockend und außer Atem ... »Endlich...kommen Sie, kleine Herrin!« sagte er mühsam, und ein mildes Leuchten überzuckte dabei seine Züge. Es war wie ein Triumph. Ein Unterton – ein Mißton von verhaltenem Mißtrauen dabei ... »In welche Verfassung brachten Sie mich durch das Warten ...« ... Verliebt ... bis über die Ohren ... Luja lächelte vor sich hin und gab der Garderobefrau ihren Mantel. »... Ich war in Verzweiflung ... Ich haderte mit Gott – in der Angst, Sie würden Ihr Wort nicht halten!« Verliebt ... Blind verliebt ... Die gewohnte Vorsicht Vergessend ... Die kleine Lautenschlägerin fuhr sich vor dem Spiegel mit der Hand über den schwarzen Madonnenscheitel und sagte leichthin: »Ich mußte erst einen Landsmann suchen und ihn bitten, mich hier bis vor das Haus zu bringen, Herr Ssilin!« »Ja – wie denn? ... Und unser junger Freund?« »Der kleine Deutsche? Sie sehen sich vergebens nach ihm um!« Das junge Mädchen strich sich die Rockfalten glatt. Behutsam. Ihre Fingerspitzen stießen dabei auf einen verborgenen harten Gegenstand. Der Dolch stak ohne Scheide in der eingenähten Tasche. »Herr Vollbrecht bittet, sein Ausbleiben zu entschuldigen! Er fürchtete zu stören!« »... und spielt lieber den Kellner im ›Kolokól‹, als den Kavalier im ›Monrepos‹!« Serge Ssilin zeigte breitlachend und angenehm überrascht das weiße Gebiß. »Es ist fast zuviel Feingefühl! Nun – meines erhöhten Interesses ist er sicher!« Der junge Mann, der seine Braut dem künftigen Brotherrn schickte und selber verständnisvoll wegblieb! ... Die kleine Deutsch-Russin merkte: Jetzt glühte in Serge Ssilin, die Hoffnung auf ... Jetzt sah er sich schon nahe am Ziel! Er griff sich unwillkürlich mit den plumpen Fingern in den Hemdkragen, wie um sich Luft zu machen. Sein Blick war trunken. Es fieberte ein Zittern durch den ganzen Menschen, von den rötlichen, kurzen Haarstoppeln bis zu den ausgeschnittenen Lackschuhen. »Kommen Sie, kleine Herrin!« murmelte er ergriffen. »Kommen Sie ...« Er ging links neben ihr – ehrerbietig – mit fast unterwürfig gesenktem Nacken. Und doch war es, als führte ein Pascha eine neue Odaliske in seinen Harem. Er hielt sich dabei merklich unsicher auf den Beinen. Er geleitete seinen Gast an dem üppigen kalten Riesenbüffet im ehemaligen Eßzimmer der Villa vorbei, wo rote Hummerpyramiden die eingeschlagenen Schaufenster der Bäckerläden draußen in Berlin vergessen ließen und, statt der Polonaise vor den Kartoffelkellern, die Kellner sich im Gänsemarsch vor Salzschüsseln voll grüngefleckter Kiebitzeier stauten. Alle Sprachen Europas, mit Ausnahme der deutschen, erfüllten den Raum und verhallten hinter Ssilin und Luja in dem kleinen, anstoßenden Erkerzimmer. In dessen Glasvorbau schimmerte ein einzelner Tisch in Damast, Silber und Kristall. Blutrote Rosen überdufteten ihn und lagen in Büscheln vor dem mittleren Sessel. Ihr Purpur war sorgsam auf Luja Büttner tiefschwarzes Haar abgestimmt. Der Gastgeber war ein Weltmann ... Auf seinen Wink ließen flinke Hände geräuschlos das dritte Gedeck und den dritten Stuhl verschwinden. Ein Kellner nahm diskret eine Likörflasche vom Tisch und stellte sie seitwärts zwischen die Portierenfalten auf den Teppich. Sie war halbleer. Ssilin hatte sich mit ihr die Ungeduld des Wartens vertrieben. Jetzt erst merkte Luja Büttner, daß er schon ziemlich angetrunken war. Es wunderte sie nicht. Sie kam aus Rußland. Sie atmete tief: um so besser ... Schläfere du nur selbst deine Wachsamkeit ein ... »Belieben Sie, Barinja! Setzen sie sich!« bat Ssilin mit vor Leidenschaft heiserer Stimme. Er verschlang die kleine, schwarze Schönheit mit glühenden Augen. Luja nahm Platz – vorsichtig dabei den kurzen Rock mit der Rechten raffend, um sich nicht durch eine falsche Bewegung selbst mit der Spitze des bloßen Dolches in der Tasche zu verletzen. Der Kellner hatte nun, wo sie zu zweit waren, die Stühle so gerückt, daß sie und ihr Gastgeber sich gegenübersaßen. Die ganze Tischbreite trennte sie. Ssilin war für Luja unerreichbar. Darauf war sie nicht gefaßt gewesen. Ihr Herz stand still ... Und seltsam – in den ungeschlachten, wimperlosen Zügen drüben las sie plötzlich eine Wiederkehr des alten Argwohns. Ein verkniffenes Blinzeln wie das eines Fuchses. Man konnte es nur ahnen. Denn Serge Ssilin lächelte zugleich. Er beugte sich – immer instinktiv dabei auf der Hut – über den Tisch vor und füllte eigenhändig die Schalen mit dem schneeigen Gischt eines rosenfarbenen Champagners. Seine knotige, gepflegte Hand zitterte heftig. In seiner rauhen Kehle kämpfte Inbrunst mit Besorgnis ... »Vor allem, kleine Herrin, lassen Sie uns endgültig das Mißverständnis klären,« begann er mit schwankender Stimme, »jenes fatale Mißverständnis, das Sie neulich am Königsplatz zu einem Schritt verleitete – nun – reden mir nicht mehr davon! Ich sagte ja bereits: Feinde Gottes haben sich da mit Ihnen einen ruchlosen Scherz erlaubt ... Sie müssen das einsehen – Luja ...« »Wäre ich sonst hier ...?« »Luja ... darf ich Sie so nennen? ... Unzählige Menschen leben, durch Asien und Europa, in unserm Rußland. Es ist ein Unglück, daß ich, nach der Laune der Natur, einem unter diesen vielen Millionen äußerlich ähnele! Und doch ist es auch wieder ein Glück! Denn ohne diesen Irrtum hätten Sie ja nie meinen Weg gekreuzt! Und diese Begegnung ...« Er schluckte heftig. Er sammelte Luft ... »warf mich zu Ihren Füßen nieder, Luja ... machte mich zu Ihrem Freund und Sklaven ...« Luja Büttner öffnete das Täschchen auf ihrem Schoß und ließ es, während sie ihr Tuch herausnahm und sich ein Stäubchen vom Auge tupfte, aufgeklappt liegen, so daß der drüben das bißchen Inhalt – ein paar Zehntausendmarkscheine, einen Hausschlüssel, ein angebissenes Täfelchen Schokolade – mit einem raschen, lauernden Seitenblick übersehen konnte. Ein zweiter Blick des Gastgebers glitt ebenso hastig und scheinbar unabsichtlich, während er sich mit der Hand über die Stirne strich, zwischen den Fingern hindurch an ihrem einfachen, von Flecken gereinigten und aufgebügelten, tabakgelben Kleidchen hernieder – entdeckte keinen Schlitz einer Rocktasche...kein Versteck einer Waffe. Die Spannung löste sich auf Serge Ssilins erhitzten, vom Inhalt der halbleeren Allaschflasche am Boden geröteten Zügen. Er reckte sich beruhigt und siegesgewiß in den Schultern. Er lehnte sich plötzlich vertraulich über den Tisch. Sein alkoholheißer Atem wehte hinüber. Er faltete, mit aufgestützten Ellbogen, die ungeschlachten, sorgfältig wie bei einem Spieler gepflegten Hände. Er schaute über sie hinweg, dem jungen Mädchen verzehrend in das Antlitz. »Mein armes, teures Fräulein aus Sebastopol!« begann er inbrünstig und gedämpft. »Darf ich Ihnen eine Frage vorlegen ...? Doch vorher ... Nehmen Sie von diesem Jungwild ... Diese Bekassinen sind genießbar ...« Er bot ihr eigenhändig, über den breiten Tisch hin, die Platte. Luja bediente sich ... Und dachte dabei verzweifelt, die Augen über der Schüssel: Du sitzest zu weit ... Wie komme ich in deine Nähe? ... Unauffällig in deine Nähe?... »Eine Frage ... gnädiges Täubchen: Sie hielten mich für einen Menschen ... einen Menschen da unten am Schwarzen Meer ...« »Für Ssama Kol!« sagte die kleine Büttner ruhig. Sie blickte den andern offen an. Nichts regte sich auf ihrem zarten Gesicht. »Ssama Kol ... richtig ...« Serge Ssilin drüben nickte. »Das war der Name, den Sie jüngst nannten! Werden Sie mir glauben, daß ich nicht mehr darauf kam, wie ich auch mein Gehirn zermarterte? Ssawa Kol! .... Mit diesem Namen straft Gottes Wille mich armen Sünder in Ihren Augen! Gestehen Sie: Haben Sie diesen Ssawa Kol je mit eigenen Augen gesehen?« »Oft. In Sebastopol.« »Aus nächster Nähe?« »Nur aus der Entfernung! Er war ja Mischas einziger Feind auf dem ›Ioann Slatoust‹!« »So haben Sie ihn auch einmal gesprochen?« »Eben deswegen nicht!« »Wie also, süße, kleine Närrin, kamen Sie dazu, auf Grund einer zufälligen, flüchtigen Ähnlichkeit, sich einzubilden, ich hier in Berlin sei dieser Ssawa Kol!« »Man sagte es mir in Rußland!« »Oh – man sagt viel! Man lügt – in dieser furchtbaren Zeit! Man verbreitet leichtfertig Tatarennachrichten. Fälscht böswillig die Tatsachen! Mag sein, daß Ihre Gewährsleute sogar in gutem Glauben handelten, weil sie sich von der unglückseligen Gleichmäßigkeit meiner Erscheinung mit diesem unbekannten Doppelgänger täuschen ließen! Nun – so hören Sie«, Serge Ssilin streckte den dicken, siegelringgeschmückten Zeigefinger der halb erhobenen Rechten zum Himmel und sprach feierlich und halblaut: »Hören Sie meinen Schwur vor Gott und allen Heiligen der wahren Kirche: Nie war ich in Sebastopol! Nie auf einem Kronsschiff! Nie zur See! Nie hat mein Fuß Ihre Heimat, die Krim, betreten! Nie habe ich bisher etwas von Ssawa Kol gesehen, gehört oder gewußt! ... Genügt Ihnen dieser Eid? Er muß Sie beruhigen, Luja!« »Ich bereue ja gewiß, Herr Ssilin, daß ich ohne weiteres alles glaubte, was man mir in Rußland sagte! Aber erwägen Sie: Ich war eine Waise. Ich stand ganz allein ...« »Oh – ich begreife! ... In Ihrem Kummer um den Verstorbenen verloren Sie den Kopf. Ließen sich zu einem Plan der Verzweiflung hinreißen ...« »Glauben Sie mir ...«, Luja blickte nach dem Rolladen neben ihrer Stuhllehne, der die hohe Fensterscheibe des Erkers gegen die kalte Nachtluft verwahrte, und zog leise fröstelnd die schmalen Schultern hoch. »Glauben Sie mir, Herr Ssilin: Ich war ja eigentlich gar nicht so felsenfest überzeugt, auf der rechten Spur zu sein! Denn wo hatte ich Beweise? Nein: Ich wollte nur den Versuch machen, Sie zu überführen! Ich wollte Ihnen einfach auf den Kopf zusagen, daß Sie Ssawa Kol seien, und bildete mir ein, wenn Sie es wirklich wären, würden Sie es durch Ihre Antworten zugeben und sich verraten! Mehr beabsichtigte ich wirklich nicht!« Serge Ssilin hatte hastig ein paar Schalen des rosenfarbenen Champagners leergeschlürft. Er langte nach der Allaschflasche am Boden, schüttete sich einen tüchtigen Schuß in ein leeres Kelchglas und stürzte das Feuerwasser hinunter – so, als wollte er immer wieder eine geheime Angst übertäuben, die in seinem leichtumnebelten Gehirn aufstieg ... »He – und der Revolver, den du bei dir hattest, kleine Lügnerin?« frug er rauh. »Habe ich ihn in die Hand genommen?« Luja schlug unschuldig die Augen auf. »Ich suchte nach meinem Tuch, weil mir die Tränen kamen. Sie, Ssilin, haben eigenmächtig den Revolver aus meiner Tasche herausgerissen! Gewiß hatte ich ihn bei mir! Schon in Sebastopol. In Petersburg. Ich bitte Sie: Ein junges Mädchen, das allein vom Schwarzen Meer bis nach Berlin reist – heutzutage – in diesen zügellosen Zeiten ...« »Um sich an mir zu vergreifen, taten Sie diese weite Fahrt ...« Serge Ssilin weinte beinahe. Der Alkohol schwamm in seinen graublauen Augen. Aber zwischendurch zuckte wieder aus den verglasten Pupillen ein Stich des Mißtrauens. »Mein Gott doch – nein!« Die kleine Musikantin rückte ihren Stuhl, so weit sie konnte, von dem kalten Fenster fort. Sie wendete dabei einen Augenblick ihr Antlitz von dem Mann drüben ab. In dieser Sekunde waren ihre Züge starr. Ein kalter, schonungsloser Hohn darauf: Du bildest dir wirklich ein, daß ich dich nicht für Ssawa Kol halte? Ich – die ich dich von Sebastopol her in jedem Zug deines Wesens wiedererkenne – ich, die die sonnenklarsten, unwiderleglichsten Beweise schwarz auf weiß besitze, daß du Mischa getötet hast – ich – die so sicher, wie sie an Gott glaubt, weiß: Du bist Ssawa Kol! ... Luja Büttner saß jetzt Ssilin etwas näher. Sie schaute ihn ruhig an. Er frug lauernd: »Weswegen sonst, wenn nicht wegen mir, kamen Sie nach Deutschland?« »... weil hier, als Flüchtlinge, die einzigen Verwandten leben, die ich auf der Welt noch besitze – Meine Kusine Lisa Altschüler aus Eherson mit ihren Eltern! Ich lebe mit ihnen in der Pension. Ich teile mit Lisinka ein Zimmer! Der kleine Bernd kann es Ihnen bezeugen!« »Nun – ich weiß es ja selbst!« sagte der Mann aus dem Osten, plötzlich ganz beruhigt. »Ich werde Ihnen morgen auch Ihren Revolver wiedergeben! Dies alles ist ja nicht der Rede wert! Trinke, kleine Kirchenheilige! Stoße mit mir an! Denke, ich sei dein Vater!« »Unser Wohltäter sind Sie!« Die schönen Mädchenaugen spielten in verräterischem Glanz über den Kristallrand hinüber, an dem die roten Lippen nippten. Serge Ssilins Atem keuchte hörbar. Seine Augen glühten wie die eines wilden Waldtieres. Er glich einem lohenden Stück Natur. Einem Waldbrand, irgendwo in der Wildnis. Er zerquetschte eine Brotscheibe zwischen den Fingern, um Fassung zu bewahren. Er zeigte lächelnd sein weißes Gebiß und frug heiser: »Warum schauern Sie so zusammen? Fürchten Sie sich vor mir?« »Vor Ihnen! Wie sollte ich!« sagte Luja Büttner sanft. »Ach nein! Es zieht nur hier am Fenster so furchtbar! Warten Sie! Ich will mich lieber ein bißchen näher zu Ihnen setzen!« Sie rückte rasch mit ihrem Stuhl um die Tischecke herum, so daß sie dicht neben Ssilin landete. Rechts von ihm. Er sah sie verklärt an. Sie erwiderte es mit einem weichen Blick. »Luja ... Ich bin kein schlechter Mensch ...« Er schluckte. »Auch ich habe ein Herz ... ein Herz ...« »Sie beweisen es ja, Ssilin! Sie sind gut zu mir und meinem Bräutigam ...« »Grüßen Sie den Kleinen von mir!« Serge Ssilin sprach es gerührt. »Er ist ein fixer Junge! Man muß ihm helfen! Ich werde es! Ihretwegen!« »Immer werde ich Ihnen dankbar sein ... Wahrhaft dankbar!... Meine Hand darauf!« Luja Büttner reichte Serge Ssilin ihre Linke, die ihm zunächst war. Er stöhnte verzückt auf. Er senkte den borstigen Rotschädel und beugte sich mit halbgeschlossenen Augen über ihre dünnen, weißen Finger und bedeckte jeden einzelnen, jedes Knöchelglied mit inbrünstigen Küssen. Luja ließ es geschehen, sie saß scheinbar ganz still. Behutsam tastete drüben die kleine, rechte Hand nach dem Dolch. Faßte ihn am Griff ... lockerte ihn in der Tasche ... hielt inne ... Was war das? Es wurde mit einem Schlag völlig dunkel. Sie hörte aus der plötzlichen Nacht Ssilins veränderte, vor Schrecken beinahe kreischende Stimme. »Luja ... Was soll das heißen? ... Was wollen Sie von mir? ... Warum drehen Sie das Licht aus?« »Ich doch nicht!« Luja hielt den Dolch in der Tasche mit der Hand umspannt. »Es ist ja überall im Hause stockfinster ...« Ein Nervenzittern in ihr: Jetzt ... unter dem Schutz der Dunkelheit ... gleichviel, woher die kommt ... jetzt ... Wer jetzt gut treffen würde – Ssilin muß doch ganz nahe sein – ganz dicht bei mir ... Aber da klang seine erstickte Stimme aus ein paar Schritten Entfernung barsch und bittend zugleich: »Bleiben Sie sitzen, Luja! Rühren Sie sich nicht, bis Licht kommt!« Ssilin war, von jäher Angst gepackt, in die Ecke des Erkers zurückgesprungen. Er merkte es daran, daß er die Allaschflasche zwischen den Portierenfalten umwarf. Er hielt in der Finsternis instinktiv den Stuhl, auf dem er gesessen, zum Schutz gegen Luja vor sich. Er hörte, wie sie, ihn suchend, im Zimmer herumtappte, am Tisch entlang sich stützend. Er vernahm ihre halblaute Frage: »Wo sind Sie denn, Ssilin?« Er antwortete nicht. Er wußte nicht mehr, wo Luja war. Denn nach der ersten Stille der Überraschung wirrte jetzt ein jähes Geschwirr von Männerflüchen und Frauenschreien durch die kellerschwarzen Räume. Rufe aus dem ersten Stockwerk. Ein Dröhnen, als würde das Haustor gewaltsam gesprengt. Das Toben eines Mannes, der offenbar der Geschäftsführer war. »Das verdanken wir dem Kerl, der vorhin gleich wieder an die frische Luft wollte! ... Der mit dem miserabel angezogenen Mädchen kam ...« »Der war von der Polizei!« hallte das verstörte Echo der Kellner. »... und das Mädchen eine Vigilantin!« »Nun haben mir die Jrünen uff'm Hals!« Handlaternen tauchten vom Eingang her auf. Tschakos bewegten sich in ihrem Schein. Schnurrbärtige Köpfe. Die Lichter glitten rasch, in der Hand ihrer Träger, die Treppe hinauf, zu den Spielsälen. Denen galt vor allem der Besuch der Obrigkeit. Hysterisches Gequietsche aus Weiberkehlen schrillte im ersten Stockwerk. Neue Laternen, neues Knopfgeglitzer auf Sipomänteln. Jetzt im Saal zu ebener Erde. Die erbitterten; schneidenden Kehltöne des entrüsteten Hausvaters. »Ich weiß nischt von Nackttänzerinnen! Das ist hier 'n Familienlokal! Da gibt's keine solchen Zicken! Suchen Sie doch jefälligst selber!« Und ein gelassener Baß der Behörde dagegen: »Nur immer mit die Sachte! Werden sich schon irgendwo verkrümelt haben – die Weibchen!« »C'est par ici!« keuchte es durch den dunklen Erker. Ein paar ortskundige Ausländer tasteten sich herein, an der Wand entlang, rissen den nächsten Rolladen in die Höhe. Stießen das Fenster auf. Kalte Dämmerung wehte von außen. Die Schattenrisse der beiden Fremden beugten sich spähend nach dem Hof hinaus: mille tonnerres! ... Auch hier die Posten der Polizei! Aber da ... zum Glück ... da klettert aus dem ersten Stockwerk ein Spieler, der offenbar allen Grund hat, den Gerichten aus dem Weg zu gehen – da klettert er gewandt wie ein Kater die Dachröhre herab. Alle die Grünen springen hin, um ihn zu fassen ... Diesen Augenblick nehmen die zwei Welschen am ebenerdigen Erkerfenster zum Durchbruch wahr. Ein Hinabgleiten in den Hof. Serge Ssilin hinterdrein. Ihm war so wenig an einer polizeilichen Festnahme gelegen wie seinen beiden Wegmachern. Er lief hinter ihnen her, kroch wie sie über eine Mauer, rannte durch einen Garten, überstieg ein eisernes Gitter, stand in einer verschlafenen, dunklen, kleinen Villenstraße. Ging sie behutsam, in bloßem Kopf und weißleuchtender Hemdbrust, hinab. An der Ecke schimmerten die Laternen eines still dastehenden Autos. Er näherte sich vorsichtig. Er nickte. Er hatte Glück: Das war sein eigener Wagen, den er dort hatte warten lassen. Er war jetzt, in der kalten Nachtluft, wieder fast völlig nüchtern. Er nahm dem Chauffeur, indem er ihm ein paar richtige Dollarscheine in die Hand drückte, die Mütze vom Kopf und stülpte sie sich in die Stirn. Er hängte sich dessen langen Mantel über. »Ich schau' nur eben 'mal um die Ecke, alter Freund!« sagte er und bummelte unauffällig wie ein Taxameterführer auf dem nächtigen Heimweg von der Garage eine Straße weiter der ganz nahen Villa »Monrepos« zu. Vor der ratterten im Laternenschein ein paar offene Lastautos. Die Gäste des Nachtlokals wurden stehend darauf verstaut, um nach dem Polizeipräsidium gefahren zu werden. Blasierte Herren in Melonen und Frackmänteln drängten sich da, erbitterte Damen in kostbarem Pelzwerk, muffige Kellner in Filzhüten und alten Überziehern, frostklappernde Tänzerinnen in flüchtig übergeworfenen Hüllen. Halb hinter einem Baum vor lugte Serge Ssilin nach dem vordersten Polizeiwagen. Plötzlich sah er da oben, im gleitenden Lichtschein einer Laterne, Luja. Die Kleine lehnte ganz gleichmütig zwischen den andern, die Hände in den Taschen des Mäntelchens, die verdrückte Reisemütze auf dem dunklen Köpfchen. Sie schaute so gelassen vor sich hin, als ginge sie das alles gar nichts an. Er hatte Angst, sie könnte ihn bemerken ... Er zog sich geräuschlos wieder die Straße hinab zurück. Hinter ihm klangen, wie er da als Chauffeur schlenderte, gleichmäßige Schritte. Er hatte das Gefühl: du wirst verfolgt! Er wagte nicht, den Kopf zu wenden, um nicht aufzufallen. Die leise hallenden Tritte blieben immer in der gleichen Entfernung hinter ihm. Er bog um die Ecke. Gab dem dort harrenden Autoführer Mütze und Mantel zurück. Wollte einsteigen. Blieb unruhig stehen. Die Schritte waren nicht mehr zu hören. Aber es war auch niemand hinter ihm um das Haus herum zum Vorschein gekommen. Er wollte, in seiner nachzitternden Nervenerregung, sich vergewissern, wo der verfluchte Kerl hinter ihm geblieben war. Der Alkohol rumorte ihm im Gehirn. Serge Ssilin trat barhaupt, in Smoking und Lackschuhen, um die Ecke. Machte eine lächelnde Verbeugung. Der gleich jenseits des Hausvorsprungs stehende schmalschulterig-aristokiatische junge Herr tat es auch und frug höflich in gutem Petersburger Deutsch: »Sie hier, Baron Robbe?« »Und Sie, Fürst Wolski ...« »Sie entsinnen sich meiner? Wir trafen uns dieser Tage in dem Frühstückskeller ›Zentrálnaja‹ unter den echt russischen Leuten!« »Gewiß doch! Sie kamen gerade aus Paris. Und was führt Sie hier einsam durch die Nacht, Erlaucht?« »Mein Gott: Die Sorge um Rußland ... die Nerven ... ich kann nicht schlafen ... Doch was ist das mit Ihnen, Baron? ... Auf offener Straße ohne Hut – ohne Mantel? ... Sie werden sich erkälten ...« »Ein kleiner Zwischenfall ... Die Stadtsoldaten störten einen Spielzirkel ... Hier mein Auto ... Darf ich Euer Erlaucht einladen?« »Sehr gütig! ... Doch ich liebe die frische Luft! Gute Nacht, Baron Robbe!« »Gute Nacht, Fürst!« 15 Früh am nächsten Tage schob die Austrägerin das Morgenblatt unter die Türspalte des vierten Stockwerks, in dessen Dachkammern der Witwe Peereboom sich erst wasserplätschernd, pfeifend und trällernd, gähnend und durch die dünnen Wände schwatzend, das Leben ihrer Mieter regte. Nur der stud. agr. Vollbrecht stand schon fertig angekleidet, bleich und erregt im Flur und wartete auf die Zeitung. Er hob sie hastig vom Boden auf, entfaltete sie, überflog, an die Wand gelehnt, fiebernd die letzten Nachrichten. Von der offenen Küche her, wo sie einen fragwürdigen Kaffee für ihre möblierten Herren und Damen braute, drehte die Mutter Peereboom ihren unfrisierten grauen Wuschelkopf nach dem jungen Mann. »Sie kieken woll nach dem neuesten Mord im Blättchen – wat?« »Ja ... vielleicht ...«, sprach der Student geistesabwesend und blätterte angstvoll die nächste Seite auf. »Können Sie jenießen! Darin haben wir 'ne Forsche in Berlin!« »Nein – Gottlob – diesmal nicht ...« Bernd Vollbrecht ließ das Blatt sinken. Die schlampige Quartiermutter nahm es ihm aus der Hand. »Nanu – wat die Morde sind – die sind doch sonst bei uns nich zu knapp! Na – Sie sind wohl bei Pfeiffer'n die Abendschule jegangen? Da: Überfall im Zigarrenladen ... Da: Ein Nachtwächter tot aufgefunden ... Da haben Sie's ja ...« »Aber nicht das, was ich meine ... zum Glück ...« »Wat Sie meinen?« frug die Zimmervermieterin mißtrauisch. »Das heißt ...« Der blonde, junge Landwirt faltete die Morgennummer nervös wieder zusammen. »Eigentlich beweist das ja auch nichts! Denn wenn so was erst nach Mitternacht passiert – nicht wahr –, dann kann es ja noch gar nicht am nächsten Morgen in der Zeitung stehen?« »Sie haben wohl selber heut' nacht jemanden kalt jemacht?« Mutter Peereboom schmierte gleichmütig Margarine auf die Schrippe. »Aussehn duhn Sie wenigstens ... det schreit nach der Polizei.« »... und an den Litfaßsäulen kann es auch noch nicht steh'n! Und da kleben sie es ja auch nur an, wenn sie nicht wissen, wer's war ...« »Die Polizeiwache ist jleich querüber!« Die Quartiermutter klapperte mit Löffeln und Untertassen. »Dort müssen Sie sich melden! Die Brieder behalten sie jleich da ...« »Lassen Sie doch die dummen Witze!« Bernd Vollbrecht griff nach Hut und Mantel. »Morgen!« »Eben is der Kaffee fertig!« »Ach, schlabbern Sie Ihre Zichorie alleine! Der Ribbentropp schnarcht noch! Sagen Sie ihm, ich hätte weggemußt – in die Tölzer Straße!« Dort klingelte der Studiosus Vollbrecht, atemlos vom Laufen und Treppensteigen, bei der Pension »Alpenrose«. Er wußte: Meistens öffnete der nächste beste, der sich gerade innen in der Nähe der Türe befand. Er war finster entschlossen, sofort seinen Stiefelabsatz in den Spalt zu klemmen, damit man sie ihm nicht gleich wieder vor der Nase zuschlug. Aber die fremde junge Dame, die ihm aufmachte, schaute ihn sehr friedlich an. Sie war groß und auch jetzt, in einem verschnürten alten Herrenschlafrock, beängstigend schlank. Ein Papyrosstummel glimmte schief in ihrem nervösen, fremdartig-hübschen, nicht mehr ganz jungen Gesicht. Sie hatte, trotz des genial unordentlichen, aschblonden Haargewirrs, die Haltung einer Frau von Welt. Sie frug gähnend, zwei Finger, mit der Zigarette dazwischen, vor dem Mund: »Be–libben?« »Ich muß Fräulein Büttner sprechen!« Bernd Vollbrechts Fuß schob sich schnell zwischen Tür und Schwelle. »Büttner ...? Wie sieht sich Büttner aus? ... Zierlich? Dunkel? Hübsch? ... Oh – schwarzes Kätzchen aus Sebastopol? Ich weiß sie ...« Die Russin drehte belustigt ihren zigeunerhaft biegsamen Oberkörper in der Richtung nach Lujas Tür. »... Hören Sie Geschrei?« Sie fegte sich plastisch mit den langen aristokratischen Fingern durch ihre krause, edelgelbe Mähne. »Büttner bekommt Kopf gewaschen ... von Verwandten – weil kleiner Windhund nachts nicht nach Haus gekommen ... Erst vor halber Stunde! Seitdem große Szene! ... Ich höre zu ... Ganze Pension hört zu ... Tut mir leid – armes Büttner!« Die Stimme der Kusine Lisa Altschüler war schon für gewöhnlich tief und stark. Jetzt hallte ihre Strafpredigt so schallend durch die geschlossene Tür, daß niemand innen das Klopfen des Jungmanns vernahm. Er klinkte kurzerhand auf und trat ein. Er hörte gerade noch aus dem Munde der Base den entrüsteten Satzschluß: »Ein feiner Kavalier, der dich zum Souper einladet, und, wenn die Kronsoldaten das saubere Nachtasyl stürmen, sich heimlich drückt! ... Und wo ist er geblieben?« »Gott weiß es!« sagte die Kleine trotzig. »Ich glaube, mit anderen Ausländern zum Fenster hinaus! Auf der Polizei war er jedenfalls nicht mit!« »Aber du.« »Kann ich dafür, daß man mich hinbrachte? Übrigens – man hat uns fein im Auto kutschiert! Es kostete nichts. Die Spazierfahrt zahlten uns die Deutschen aus ihrer eigenen Tasche.« »Schämst du dich denn nicht?« Die sonst so stille Frau Altschüler schnaubte sich geräuschvoll vor Kummer. »Wie soll ich, Tantinka? Ich habe nichts getan!« »Erst im Chambre séparée – dann im Nachtarrest!« lispelte bitter der schattenhafte, verwitterte Oheim Altschüler, der einstige Apotheker aus Cherson. »Es ist weit mit dir gekommen, Luja!« »Ich leide, was Gott schickt! Mein Gewissen ist rein!« Die kleine Büttner zuckte verächtlich die Achseln. Sie stand wachsbleich, noch in Mütze und Mantel, mitten im Zimmer und inmitten der Empörung ihrer Verwandten. Die Base Lisa rang die derben Hände. »Also ein Unschuldsengel! Und kommt dabei schnurstracks aus dem behördlichen Gewahrsam!« »Nun eben! ... Hätte ich was ausgefressen, so hätte mich der Stadthauptmann doch nicht laufen lassen!« »Sei nicht noch schnippisch!« »So aber – – Man wollte meinen Paß haben! Als ich sagte: Ich verdiene ehrlich mein Salz und Brot als Musikantin. Ich bin elternlos ... mit Lebensgefahr aus Rußland entronnen ... von deutscher Abstammung – da wurden sie freundlich. Sie schrieben meinen Namen und meine Adresse auf ...« »Vorhin haben sie sich telephonisch vom Alexanderplatz erkundigt, ob sie wirklich hier wohnt!« ächzte Frau Mickott, die Pensionsinhaberin. »... und wie sie das wußten, sagten sie: Pascholl, kleines Fräulein! Aber lassen Sie es sich zur Lehre dienen! Krauchen Sie lieber künftig abends in die Klappe statt in die Nachtdielen! Und ich machte eine Verbeugung und bedankte mich und fuhr mit der Straßenbahn hierher! Gut! ... Und nun geht! Ich will mich waschen!« »Und die Nacht – was hast du denn die ganze Nacht auf der Polizei getrieben?« grollte Lisas Altstimme. »Nun – es war ganz nett!« Die kleine Lautenspielerin warf geringschätzig das feine, dunkle Köpfchen zurück. »Wir saßen alle eng beisammen auf Holzbänken und schliefen aneinandergelehnt und erzählten uns dazwischen was – es waren da Menschen aller Völker – Herren und Damen – jeder hatte schon irgend etwas erlebt! Jeder wußte etwas zu melden!« »Das kann ich mir lebhaft vorstellen!« eiferte zornmütig die Galoschenverkäuferin. Die blechern-brüchige Fistelstimme ihres Vaters hüstelte unter dem schütteren Graubart. »Konnte man in der guten alten Zeit je so etwas träumen: Eine Bürgertochter auf der Polizei?« »Rief ich die Polizei?« Luja Büttner streckte erbittert den Zeigefinger nach der offenen Tür aus. »Da ... da steht Gritsch auf der Schwelle! Fragt doch Gritsch! ... Gritsch ist der allein Schuldige! ... Dieser Heilige hat heute nacht die allgemeine Unordnung verursacht! Gestehen Sie, Gritsch: Haben Sie den ›Monrepos‹ der Behörde angezeigt?« »Ich tat es!« sagte der Mennonit. »Hört ihr? ... Erst ließ er mich dort allein, der tapfere St. Georg ...« »Ich rannte nach den Stadtsoldaten, um Sie zu retten, Luja, solange es noch Zeit war! Denn Sie saßen da, wo geschrieben steht: ›von Gottlosen kommt Untugend‹! ...« »... dann lieferte er mich auf die Polizeistube, der fromme Herr ...« »... wo Sie in Sicherheit waren! Geschützt gegen sich selbst!« sprach der Taufgesinnte. »Danke! Aber es geschieht mir ganz recht!« Luja Büttner maß den Schafzüchter aus der Nogaischen Steppe mit zornfeuchten Augen von Kopf bis zu Fuß: »Warum nahm ich auch ein Kind wie Sie, Gritsch, der nichts von der Welt versteht, mit in den ›Monrepos‹?« »Auf einen wahren Tanzplatz der Teufel!« sagte Paul Gritsch. »Ich deutete Ihnen an, Fräulein Altschüler, was ich mit eigenen Augen da sah ... Diese Flortänzerinnen ... fast ohne Flor ...« »... und du ganz kreuzfidel mittenmang in dem Familienfreibad! Am liebsten möcht' ich dir eine 'runterhauen!« Die lange, rüstige Kusine Lisa vollführte einen handgreiflichen leeren Luftschwung mit der kräftigen Rechten. »Aber künftig hat's mit dem Soupieren in Herrengesellschaft geschnappt! Das sage ich dir im Guten! Da passe ich jetzt auf!« »Wie denn? Ich werde tun, was ich will!« sprach die Kleine störrisch. » ... Reizend ... Und dich womöglich wieder mit solch einem Ritter ohne Furcht und Tadel treffen?« »Mit demselben Herrn wie gestern.« Lujas Gesichtchen war patzig und böse. »Ja – sperrt nur die Augen auf... Das werd' ich! Ich bin mündig ...« »Und dabei Kinstlerin!« pflichtete von der offenen Schwelle die dünne, aschblonde Russin bei, die vorhin Bernd die Türe geöffnet. »Kinstlerin ist freier Voggel! Ich bin auch!« »Das heißt: Tanzen tun Sie ... Nachts ... im Kabarett!« rief die robuste Altschüler mit tiefer Stimme. »Muß lebben! Früher nicht! ... Bin Gräfin ...« »Das sagt jede von euch, die aus Rußland kommt – wenn sie sich nicht gleich Fürstin schimpfen läßt!« »Aber in diesem Fall – ich kenne doch, noch von Petersburg her, hier die Gräfin Borissowski!« Der greise, feine Kollegienrat Constant von Kabisch steckte, vom Lärm herbeigelockt, neugierig den weißen Spitzbart in das Zimmer. »Ihr Vater war kaiserlicher Hofmeister!« »Gofmestr! Beim Zaren!« nickte die Russin. »Na meinetwegen! Aber jedenfalls geht Sie das hier den Kuckuck was an, Fräulein Gräfin ... Ich habe hier nur mit meiner Kusine Luja zu schaffen ...« »Abber ich fiehle Mitgefiehl mit armes Büttner!« »Und dir, Luja, sage ich kurz und bündig: Ich bin eine kernsolide Person! Ich habe keine Lust, mit einem leichtsinnigen Lebejüngferchen mein Zimmer zu teilen! Also, wenn du hier bei mir bleiben willst, unterwirfst du dich von jetzt ab meiner strengen Aufsicht!« Die kleine Büttner antwortete gar nicht. Sie kniete verbissen nieder, zerrte aus einem Kommodenwinkel einen vermotteten Reiseplaid und fing an, die paar Habseligkeiten, die sie sich in Berlin in diesen Tagen gekauft, in ihn hineinzuknoten. Die Base guckte verdattert, die Hände in den Hüften, zu ihr hinab. »Was soll denn das, du Zigeunerin – he?« »Wo man mich jagt, da gehe ich!« sprach die Kleine böse und packte weiter. Schwammbeutel, Zahnbürste, Kamm waren schon verschwunden. »Falls Sie wirklich aus der ›Alpenrose‹ ausziehen, Luja ...« Der Taufgesinnte beugte sich über ihren schwarzen Scheitel. »Lassen Sie mich Sie in ein christliches Heim bringen!« Die zierliche, brünette Schönheit am Boden sah nicht auf, sondern tat nur nach hinten einen ungeduldig scheuchenden Luftstoß mit dem Fuß. Sie wickelte ein dünnes Taschenalbum, das nur Photographien ihres Mischa enthielt, in ein Stück Zeitungspapier und verstaute es sorgsam in dem behelfsmäßigen Rucksack. Von der Türe her dröhnte der cholerische Baß des Pensionsvaters, des Nishny-Nowgoroder Bierbrauers Andreas Mickott: »Überlegen Sie sich's, Fräulein Büttner! Ich hab' sonst kein Loch für Sie frei! ... In das große Eckzimmer, aus dem Herr Wetzel und seine Familie gestern nach Rußland zurück ist, ist heute früh die Gräfin Borissomski eingezogen ...« »Gutt! Kleine macht Musik für Brot. Ich mache Tanz für Brot!« Die Russin ging, lässig den aschblonden, hübschen, blassen Wirrkopf wiegend, nach dem Feldbett in der Ecke. »Ist dieses Nachthemd Ihriges? Habben wir alles? Karaschô! Kommen Sie! Kind zieht zu mir!« »Luja!« »Kind darf bei mir machen, was es will! Kinstlerin braucht weite Brust ...« »Sie fehlen meiner Nichte gerade noch!« weimerte der alte Apotheker aus Cherson, der wie die Mumie eines Mannes, fröstelnd, die Hand der Lebensgefährtin in der seinen, auf dem Sofa kauerte. »Serr weite Brust!« Die Borissowski umschrieb mit einer tänzerisch malerischen Rundung ihrer dünnen Arme den Spielraum einer Kunstpriesterin. »Kind kann jedden Abend mit Ritter St. Georg soupieren! Beifall!« »Du wirst den Kerl nicht mehr zu Gesicht kriegen!« Der Studiosus Vollbrecht trat rauh und entschlossen aus der Ecke an der Tür vor, wo er die ganze Zeit gestanden – wohl bemerkt von Luja – das hatte er gesehen – aber ohne daß sie ihn bisher ihrer Veachtung gewürdigt hatte. Jetzt fuhr sie plötzlich auf ihn los wie eine gereizte Katze. »Du schweige! ... Oh ... Du schweige! Du bist an dem ganzen Unheil schuld! Nicht Gritsch! Was will man von Gritsch erwarten? Es war mit Gritsch – mein Fehler! Warum beging ich ihn? Weil du nicht hast mitkommen wollen, Bernd!« »Du weißt wahrhaftig, warum ... !« »Du hast mich elend sitzen lassen ...« »Wir beide wissen mehr als die anderen im Zimmer, Luja!... Gott hat es noch gnädig gefügt!« »Nun – sehen wir weiter!« Lujas zarte, nervöse Züge zuckten spöttisch in einem kalten Fieber. »Noch ist nicht aller Tage Abend!« »Doch! Jetzt ist Schluß! Ich werde Schluß machen!« »Gehe doch! Dich braucht man nicht mehr!« »Ja – ich gehe jetzt auf der Stelle zu dem Kerl ... Er hat mich ja schon lange genug um einen Besuch gebeten ...« »Nun ist die Visite nicht mehr nötig!« »... und rede 'mal deutsch mit ihm! Aber feste! ... So, daß er dich künftig in Ruhe läßt, oder er hat's eklig mit mir zu tun ...« »Mische dich nicht in meine Dinge!« schrie Luja. »Ich werde dem Kunden 'mal frisch vom Faß die Wahrheit verzapfen! Das wird ihn schon kurieren!« »Bernd ...« Luja Büttner rannte dem Studenten auf den Flur nach. Ihr Gesicht war von Todesangst verzerrt. »Bernd ... Du hast mir geschworen, daß du kein Wort von dem weitersagst, was ich dir in der Diele gestern ...« »Das Geheimnis von ›Onkel Toms Hütte‹ werde ich nicht verraten!« sprach Bernd Vollbrecht zwischen den Zähnen und blieb stehen. »Darauf kannst du dich verlassen: Von dir – und was du vorhattest – kommt keine Silbe über meine LippenI Ich rede mit Ssilin nur von mir aus – als Mann zu Mann – laß gefälligst meine Hand los ... Du wirst mich nicht halten ... zwick' nicht so, zum Donnerwetter ... Na also ... Adieu ...« Er hatte sich ungestüm aus dem nervösen Gekralle der kleinen Finger losgerissen. Er stürmte durch die Tölzer Straße, sprang auf die Elektrische, vor dem Brandenburger Tor in voller Fahrt wieder ab, nahm am Königsplatz im Laufschritt die hallenden Steintreppen des verlassenen altpreußischen Palais, von dessen verstaubten Kalkwänden die Krieger des großen Fridericus in Zopf und Dreispitz auf ihn niederschauten, und klingelte heftig oben am Kontor der »Nowaja Rossija«. »Zu Gospodin Ssilin? ...« Ein einfacher, bärtiger Mann mit flachsfarbenem Langhaar und vorstehenden Backenknochen musterte düster den Besucher, den Schmelke Machalles, der kränklich-bleiche junge Galizier, in den Vorraum geführt. »Wer sind Sie?« ... Er ging aus dem Russischen in hartes Deutsch über. Er erhob sich schwerfällig und öffnete selbst die Nebentüre: »Belieben Sie!« »Wen bringst du da, Uhkeneek?« frug innen eine Stimme, rauh wie ein Reibeisen, und kippte plötzlich geläufig in ölglatte Fisteltöne um. »Sie, lieber Vollbrecht! Endlich schickt Sie Gott! Eben noch dachte ich an Sie und wodurch ich wohl Ihre Gunst verscherzte, daß Sie gestern nicht meiner Einladung in das ›Monrepos‹ folgten! Bitte – nehmen Sie Platz, mein Bester? ... Zigarren ... ? ... Papyros? ... Hier!« Serge Ssilin bot, allein mit seinem Gast, eigenhändig Feuer. Er drückte ihn an den Schultern in den Klubsessel, er setzte sich ihm verbindlich lächelnd, mit übergeschlagenem Bein, gegenüber. Er blätterte geschäftig, die wimperlosen, gläsernen Augen halb zukneifend, in ein paar Papieren, hob den plumpen, rötlichen Stoppelschädel und begann schnell und herzlich: »Werden Sie glauben, daß ich gerade nach Ihnen schicken wollte? Ich brauche Sie dringend, mein junger Freund! Ich versprach Ihnen, Sie bei mir zu beschäftigen! Nun – hier bietet sich Ihnen die schönste Gelegenheit: Eine kleine Spritztour nach dem Osten!« »Ja ... nach dem Osten ...« Ssilin wiederholte es langsam, in kaufmännische Gedanken versunken, und prüfte stirnrunzelnd das Notizblatt in seiner ungeschlachten Rechten. »Es ist da ein Handelsabschluß zu betätigen! Niemand darf wissen, daß ich dahinter stehe! Es muß ein junger Mann als Scheinkäufer auftreten, den niemand kennt – ein Deutscher ... Sie erhalten Paß und Vollmachten ... Sie finden in Radsiwillischki – Sie kennen den Ort ... ?« »Der Eisenbahnknotenpunkt in Kurland ... Ich war im Krieg dort ...« »Richtig! Sie finden da, am Bahnhof, meinen örtlichen Vertrauensmann! Sie fahren mit ihm weiter! Er wird Ihnen sagen, wohin! Sie erfahren durch ihn alles Nähere! Also treffen Sie schleunigst Ihre Vorbereitungen, mein lieber Vollbrecht! Noch heute, mit dem Nachtschnellzug, müssen Sie reisen! Nun – warum sehen Sie mich so streng an? Warum legen Sie die Zigarette ungeraucht beiseite?« »Herr Ssilin: Ich kann nicht in Ihre Dienste treten!« »Wie das?« »Ich möchte überhaupt völlig aus Ihrem Gesichtskreis verschwinden!« »In der Tat?« Aus dem schläfrigen Antlitz drüben zuckten zwei stechende Strahlen zwischen halbgeschlossenen Lidern. Sonst schliefen die grobschlächtigen Züge still wie ein Sumpf. »... und ebenso ist es mein Wunsch, daß Sie unter keinen Umständen weiter meinen Lebensweg kreuzen ...« »Gibt es etwas Unbedeutenderes für mich als Sie und Ihr Dasein?« Die plumpe Hand drüben machte eine verächtliche Bewegung, als scheuchte sie eine Fliege. »Mag sein! Aber ich gehe meinen Weg nicht allein. Ein junges Mädchen geht ihn mit mir, die, sobald es die Umstände gestatten, meine Frau werden soll. Auch dieses Mädchen wird künftig für Sie nicht mehr existieren, Herr Ssilin!« Der Mann aus dem Osten wurde nicht zornig. Das weiße Wolfsgebiß lächelte. Der Student fuhr fort: »Ich will mich möglichst – höflich ausdrücken, Herr Ssilin! Aber ich möchte auch kein Mißverständnis übriglassen! Also – kurz und bündig – und ein- für allemal mit aller Deutlichkeit gesagt: Dies junge Mädchen gehört mir! Mir allein! Daran lasse ich nicht tippen!« Er machte eine Pause und wartete auf Antwort. Aber Serge Ssilin schwieg und hörte neugierig zu. Der junge Mann holte Atem und sprach weiter: »Sie wissen nicht, welchen ungeheuren Dienst ich Ihnen – gerade Ihnen – mit meiner kategorischen Forderung erweise, künftig von der Luja zu lassen! Sie würden starr sein, wenn Sie das Nähere hörten! Aber ich schweige darüber! Ich erkläre nur: Ich bin für die Luja verantwortlich! Ich kann das nicht mitansehen, daß Sie das unerfahrene Ding in Lokale schleppen, wo sie weiß Gott nichts zu suchen hat – ach – reden Sie doch nicht – das ›Monrepos‹ ist 'ne aufgelegte, polizeiwidrige Lotterbude – das weiß jeder Waisenknabe am Kurfürstendamm!« Der Inhaber des Handelskontors »Nowaja Rossija« paffte seelenruhig seine Havanna und sprach keinen Ton. Er nickte nur, als wollte er den andern aufmuntern, weiter sein Herz auszuschütten. Dem stieg beim Reden das Blut in den blonden Hitzkopf. Aber er versetzte immer noch leidlich verbindlich: »Und daß Sie dann, wie die Polizei anturnte, das dumme Mädel einfach in der Patsche sitzen ließen und unter dem Schutz der Dunkelheit einen strategischen Rückzug durch das Fenster antraten – das, geben Sie selbst zu – das war doch nicht gerade schön! Na – das ist ja nun geschehen! Es darf sich nur nicht wiederholen! Und deswegen richte ich die ganz energische Bitte an Sie, Herr Ssilin – Es gibt ja Damen genug in Berlin – solche und solche – warum soll es denn gerade die arme Luja sein, die sich gar nichts aus Ihnen macht? – Also – nicht wahr – künftig lassen Sie meine Braut, Fräulein Luja Büttner, ungeschoren?« Serge Ssilin lachte letzt breit. Er saß gemächlich, die Hände in den Hosentaschen, die langen Beine weit ausgestreckt. »Und die erste Voraussetzung dafür, Herr Ssilin, ist: Sie kommen künftig nicht mehr in den ›Kolokól‹. – Mit keinem Fuß mehr! Sie sind bereit, mir das zu versprechen?« Serge Ssilin gähnte. »Ich werde jetzt gleich dem Baron ins ›Kolokól‹ telephonieren lassen, daß er dich wegjagt!« sprach er gleichgültig ... »Lauf nicht erst noch mal hin! Man wirft dich vor die Türe! Man hat schon einen andern Kellnerburschen eingestellt, wenn du kommst ...« »Was ...? ... Was unterstehen Sie sich?« Der Student erhob sich. Er war noch ganz verwirrt. Der drüben blieb kaltblütig sitzen. Nur sein Zeigefinger mit dem dicken Siegelring wies nach der Türe. »Hinaus jetzt mit dir ...!« »Sind Sie übergeschnappt?« Der junge Mann sprang zornzitternd auf Serge Ssilin zu. Der zwinkerte ihn von unten an und sprach, zerstreut mit der linken Hand nach einer Zeitung greifend: »... und untersteh dich nicht, mich noch einmal zu belästigen, indem du dich zwischen mich und das Fräulein aus Sebastopol drängst! Dann setzt 's was – verstanden?« Der Student zielte blindlings mit der Faust nach dem verächtlich grinsenden Urwaldgesicht drüben. Serge Ssilin wich emporspringend, federnd gewandt dem Hieb aus, stand aufrecht, riß die Hand aus der Tasche – einen Revolver mit – hielt ihn blinzelnd und schußbereit vor dem rechten Auge. »Sieh dich um!« murmelte er. Unwillkürlich tat es der Student. An der offenen Türe zum Nebenzimmer stand, ebenso mit erhobener Pistole, der finstere Lette Jakob Uhkeneek und, ebenso geräuschlos eingetreten, noch ein zweiter Schatten Ssilins, die Mündung der Waffe auf den Eindringling gerichtet. »Eine Bewegung, du frecher deutscher Hofjunge,« sprach Serge Ssilin, »... und du wirst niedergeschossen! Wir sind in der Notwehr ...« Bernd Vollbrecht blickte bleich vor Wut von einem zum andern. Überall die kleinen, runden, schwarzen Mäuler der Revolver... »Pascholl ...« gebot es von drüben barsch. Er fuhr sich in die Tasche ... Aber er wußte ja. Da stak keine Waffe ... »Pascholl! Oder ich lasse dich die Treppe hinunterwerfen!« Im Vorzimmer standen, aus einem Nebengemach erschienen, noch ein paar Männer mit feindselig erwartungsvollen Mienen. Der stud. Vollbrecht wandte sich ab. »Das sollen Sie mir büßen!« sagte er halblaut zu Serge Ssilin – weiter nichts – und ging. Vom Fenster schaute der Mann aus dem Osten dem jungen Deutschen nach, wie er, kampfbereit in den Schultern gereckt, den Kopf im Genick, die Fäuste der schlenkernden Arme geballt, über die Straße eilte. »Schade ...« murmelte er. Jakob Uhkeneek neben ihm schwieg. Nach einer Weile die rauhe Stimme des anderen: »Ich wäre ihn so bequem losgeworden ... für alle Zeit ...dort hinten... Es wäre nicht der erste, den ich nach dem Osten geschickt habe und der nicht wiederkam ...« Sein Vertrauter nickte stumm und zuckte die Achseln. »... Der Bursche wird mir womöglich hier noch Scherereien machen, Uhkeneek!« »Nicht er allein!« sprach der Vertraute dumpf. »Es nähert sich von verschiedenen Seiten durch den Wald! Sie sind wie ein Wolf mitten im Treibjagen ...« »Auch ich höre Äste knacken! ... Dieser Petersburger Knjäs – dieser Wolski.« Serge Ssilin wandte sich langsam in das Innere des Büros zurück. »Ich glaube, Uhkeneck, ich verlasse lieber in den nächsten Tagen still Berlin...« 16 Es war ein sehr geräumiges Eckzimmer in der Pension »Alpenrose«, aus dem Tags zuvor der Wolga-Kolonist Wetzel mit seiner vielköpfigen Familie nach Rußland zurückgewandert war, um künftig unter dem Schutz des roten Sowjetsterns statt des doppelköpfigen Zarenadlers mit dem Sankt-Georgs-Schild bei Ssarepta seine Senfäcker zu bebauen. Die wirrmähnige Gräfin Borissowski, der er die Türklinke in die Hand gegeben, lag bäuchlings in dem Gemach am Boden, wie eine Eidechse geringelt, in einem violettgestreiften, von Tinte und Kaffee befleckten, von Brandlöchern der Papyrossen versengten Pyjama, in dem sie wie ein magerer, sechzehnjähriger Junge aussah. Luja Büttner kniete dicht neben ihr, so daß ihr blauschwarzer Madonnenscheitel und der geniale, aschblonde Haarschopf drüben sich berührten, und schärfte mit einem Küchenmesser die Kreidestückchen, mit denen das einstige großfürstliche Ehrenfräulein die letzten weißen Trennungsstriche über die Dielen zog. »Fertig!« Die Kabarett-Tänzerin federte wie ein Tennisball auf der linken, durchlöcherten Strumpfspitze in die Höhe und drehte sich im Husch um ihre Achse, während das dünne rechte Bein einen kühnen Bogen über die hohe Lehne des danebenstehenden Großvaterstuhls beschrieb. »Kremlpalais ist eingeteilt! Hier Chevaliergarde-Saal für mich – dort kleine goldene Kammer für Sie – vorn an Türe der Térem! Ämpfangsraum für uns beide! ... Wände dazwischen, mit viele Heiligenbilder, denken wir uns! Serr schön! Komm! Kuß!« »Ich danke Ihnen!« Die kleine Büttner war aufgestanden und reichte der nervösen Russin in Jacke und Hosen die weichen Lippen. »Warum sind Sie eigentlich so nett zu mir?« »Furchtsamer Hase – ich – nachts ... nicht gern allein!« Das Streichholz, mit dem die Borissowsski ihre zwanzigste Zigarette an diesem Morgen anzündete, überflackerte die feinen Schicksalslinien von Luxus und Liebe, Küssen und Kerkerleid auf ihren blassen, quecksilbernen Zügen. »Kommen nachts die Toten zu mir – viele Tote – halbe Familie umgebracht ... Wunder, daß ich lebbe...Wohin, Goluptschik?« »Ich muß in den ›Kolokól‹! Wir proben!« Die kleine Deutsch-Russin griff nach Mantel und Mützchen. »Ich komm' ohnedies zu spät, wegen dem Skandal vorhin! Es war ja ein Lärm wie in der Kutscherstube! Man muß sich schämen!« »Sind Kleinbürger – Verwandte Ihrige!« Anna Borissowski stieß philosophisch zwei bläuliche Säulen von Papyrossenrauch durch die feine Nase. »Kinstler: Katz! Bürger: Hund! ... Grießen Sie ›Kolokól‹!« Luja Büttner öffnete die Türe, blieb stehen und krauste feindselig die Stirne. »Bist du schon wieder da?« sprach sie ungnädig. »Statt zu deinen Professoren zu gehn, treibst du dich herum! Sehen Sie nur, Fräulein Gräfin, wie der Universitätshörer Vollbrecht aussieht! ... Er ist verwildert ... außer Atem ... Die Haare hängen ihm in die Stirne ...« »Wo ist deine Kusine, Luja?« »Nun, in ihrem Magazin! Bei den Galoschen!« »Und du bist ohne Aufsicht ...« »Hast du eine Ssotnie Kosaken mitgebracht?« Die kleine, schwarze Schönheit zuckte geringschätzig die Schultern und drängte sich an ihm vorbei in den Flur. »Lasse mich doch lieber gleich nach Sibirien verschicken!« »Ich verbiete dir ...« »Gritsch sitzt in seinem Zimmer und betet für mich. Setze dich zu ihm und hilf ihm! Dann bist du beschäftigt!« »Du wirst den ›Kolokól‹ nicht mehr betreten!« »So gut wie du ...« »Ich?« Bernd Vollbrecht lachte heißköpfig. »Mit mir hat's ausgekolokólt! Dort ist vorläufig dieser Schweinehund obenauf – dieser ... Na – die Kanaille koche ich mir noch sauer – deinen verehrlichen Freund und Gönner ...!« »Du sollst ihn und mich in Ruhe lassen!« sagte die Balalaikaspielerin erbittert. »Wenn du nicht mehr im ›Kolokól‹ den Kellner spielen willst – mir verdankst du überhaupt die gute Stellung – soll ich dann wegen deiner schönen Augen etwa auch brotlos werden?« »Weißt du, Luja: Ich bin doch sonst ein ganz guter Kerl! Aber mit diesem Aas aus 'm Osten – Jetzt eben hatte ich leider keine Waffe bei mir, um ihn gleich an Ort und Stelle zu erledigen ...« »Du scheinst dich ja bei ihm nett benommen zu haben!« Die kleine Büttner knöpfte sich, auf dem Treppenabsatz stehend, ihr fadenscheiniges, braunes Mäntelchen zu. »Das Biest soll spüren, was es heißt, einen ehrlichen Deutschen mitten in Deutschland – Ich werde den krummen Asiaten Mores lehren! Ich bin Kriegsteilnehmer – Frontkämpfer – wart 'mal. Junge! Luja: Komme sofort die Treppe wieder 'rauf ...« »Ich soll wohl an der nächsten Straßenecke betteln?« frug sanft die Mädchenstimme aus halber Höhe des Stiegenhauses. »Du sollst vor allem nicht mehr in das verfluchte Nepplokal, wo dich jeden Abend dieser dreckige Kerl als Stammgast anglotzt!« »Ich hoffe zu Gott, daß er heute wieder in den ›Kolokól‹ kommt!« Es klang schon von ganz unten. Bernd Vollbrecht stürmte blindlings die Stufen hinab. Erreichte das junge Mädchen am Haustor. Packte ihren Arm. Er hatte geglaubt, sie würde sich wie eine Speikatze sträuben, wenn er versuchen wollte, sie mit schonender Gewalt in den Flur zurückzuzerren. Aber sie wies nur, ohne einen Blutstropfen in dem starren Gesichtchen, mit der freien Hand hinaus auf die Straße. »Durch Gottes Gnade steht gerade vor unserem Haus ein Wachsoldat!« sagte sie drohend und leise. »So wie ich schreie, kommt er hierher! Ich werde ihn aufklären, daß mir hier Gewalt geschieht!« Der Sipo wandelte, die Hände beschaulich auf dem Rücken, langsam noch näher heran. Er betrat den Bürgersteig. Luja nickte ihm, ohne daß er es merkte, in verbissenem Triumph aus dem Hausinnern zu. »Ich gehe jetzt hinter dem Gorodowoi her meines Weges, Bernd!« sprach sie. »Und du bleib hier! Adieu!« Bernd Vollbrecht sah verwirrt und erzürnt der leichtfüßig davonschreitenden Kleinen nach, die sich die ganze Tölzer Straße hinab beharrlich zehn Schritte hinter dem breiten Rücken des Schutzmanns hielt. Wirre blonde Stirnsträhnen schaukelten dem Studenten windzerzaust vor den Augen und wehrten den Ausblick. Er merkte jetzt erst, daß er bei der wilden Jagd die Treppe hinab seinen Hut oben in der Pension hatte liegen lassen. Er stieg langsam wieder hinauf, um ihn zu holen. Die Türe oben stand noch offen. Er stülpte sich den Filz aufs Ohr. Wollte, in Rachebrüten gegen Serge Ssilin versunken, wieder gehen. Spürte von hinten einen kurzen Fingerspitzenstoß in den Rücken. Drehte sich um. Da stand die russische Tänzerin von vorhin, Lujas neue Freundin, geschmeidig-schmächtig in dem jungenhaften, violettgestreiften Pyjama, ausgetretene, kanariengelbe Babuschen an den Füßen, einen roten Fez statt eines Morgenhäubchens windschief auf dem zigeunerhaft krausen, seidig flimmernden Haargespinst. Sie zog bedeutsam die künstlich nachgebrannten Brauen hoch. Ihr intelligentes, morgendlich russisch-mattes und blasses Antlitz einer Dame der Gesellschaft belebte sich von einer nervösen Spannung. »Ich redde serr schlecht Deutsch!« In ihrer leisen Stimme schwang eine unterdrückte Aufregung. »Abber verstehe schön! Sie haben laut mit kleinem Windhund gezankt – Braut Ihriges – weggen Verehrer ›Kolokól‹! Jedder begreift ... Eifersucht!« »Darf ich fragen, was Sie ...« »Beehren bitte Kreml-Gemächer!« Die Russin führte den Studiosus Bernd in das Erkerzimmer und rückte ihm den Großvaterstuhl zurecht. »Belibben Sie ...« Sie setzte sich ihm gegenüber auf einen am Boden stehenden zerbeulten sibirischen Armeekoffer, mit gekreuzten Beinen wie eine Odaliske, die mageren Arme über der flachen Brust verschlungen, und schaute ihn forschend aus ihren klugen Augen an. »Bitte!« Sie hatte fingerfertig aus Seidenpapier und bessarabischem Tabak eine Papyrosrolle gewickelt und bot sie noch offen dem Gast, damit er selbst den Gummistreifen mit der Zunge befeuchtete. »Also ... Nebbenbuhler von ›Kolokól‹ und Kind aus Sebastopol soupierten gestern in ›Monrepos‹!« »Deswegen war ja vorhin nebenan der Krach, den Sie mitangehört haben!« »Dann jetzt eben Streit zwischen Ihnen und ›Kolokól‹-Mensch ...« »Na – dem Bruder zieh' ich noch die Hammelbeine lang! Da kann er Gift drauf nehmen!« »Wie werden machen?« Das einstige Petersburger Ehrenfräulein beugte sich neugierig in ihrem Haremssitz vor. »Das will ich Ihnen ganz genau sagen, meine Gnädige – das weiß ich noch nicht!« »Und unterdessen stellt Fuchs immer weiter Täubchen nach! Sitzt jeden Abbend drei Schritte von ihr in ›Kolokól‹! Läßt sie taggs hier in Pension durch sein Tscheka von Straße aus überwachen – leggt bei Souper rote Rosen vor Teller ihriges.« »Woher wissen Sie denn das alles?« »Kleiner Finger sagt ...« Die Borissowski spreizte den letzten, langen, mattpolierten Nagel ihrer Rechten. »... und warum kümmern Sie sich denn um all diese Einzelheiten?« frug der blonde Jungmann mißtrauisch. »Was interessiert Sie denn so an Fräulein Büttner?« »Nun – schönes Fräulein aus Sebastopol interessiert Sie ja auch!« Die Petersburgerin lachte. »Weswegen haben Sie die Luja denn eigentlich gleich zu sich ins Zimmer genommen?« fuhr Bernd Vollbrecht in wachsendem Argwohn fort. »Nun – gefiel mir – armes kleines Büttner!« meinte die Gräfin Borissowski harmlos. »Kinstlerin sie – Kinstlerin ich –« »Sind Sie vielleicht gar wegen Luja Büttner Hals über Kopf hierher in die Pension gezogen, sowie ein Zimmer frei wurde, um ihr nahe zu sein?« Die hübsche, aristokratische, nicht mehr junge Tänzerin betrachtete ihren Besucher eine Sekunde schweigend. »Ist garr nicht so dumm!« sagte sie dann kopfschüttelnd wie im Selbstgespräch. »Ich komme allmählich auch hinter eure Geschichten!« versetzte der Student bitter. »Ich komme ja selber immer tiefer in die Bescherung hinein – ich mag wollen oder nicht – weiß der Kuckuck, wie das zugeht! Aber lassen Sie mir die Luja aus dem Spiel ... Ich habe wahrhaftigen Gottes sehr ernste Gründe, das zu verlangen ...« »Neue Papyros? ...« »... ganz unheimlich ernste Gründe, Gräfin ...« »Huh!« »... Nee – bitte! Das ist wahrhaftig kein Witz! Soll auch keiner sein! Ich rede hier als Lujas Verlobter ...« »Also – husch – fort mit schwarzes Kätzchen! ...« Die Borissowski machte eine kurze, nach der Tür scheuchende Kopfbewegung. »Abber wie ist mit Ihnen?« Sie schoß, wie von einer Sprungfeder geschnellt, von dem grünen Militärkoffer mit der fast verwischten, weiß aufgepinselten russischen Inschrift: »8. Ausfallbatterie« in die Höhe und stand dicht vor Bernd Vollbrecht, immer noch die Arme über der Brust gekreuzt, so als wollte sie ihn verhören. »Also ... Sie kennen den Baron Robbe?« forschte sie gedämpft, mit unruhig zitternder Stimme. »Ich habe nicht den Vorzug!« »Wie denn? Also den Fritz Reuter?« »Sie sind Ausländerin ... Gräfin! Sonst würde Ihnen bekannt sein, daß Fritz Reuter schon seit 'ner Ewigkeit tot ist!« »Oh – Ich habbe westliche Bildung! Ich bin im Institut der Großfürstin Xenia erzogen! Nein: Anderes Reuter, das ich meine – ganz gemeines Reuter ... Grenadierstraße ... Waren nicht Grenadierstraße?« »Da ich nicht mit alten Hosen handele. Gnädige ...« Die Kabarett-Tänzerin klopfte sich grüblerisch mit zwei gebogenen Fingerknöcheln an die Stirne. »Gott mögge erleuchten uns!« sagte sie. »Wir redden doch von Mann in ›Kolokól‹ – Mann in ›Monrepos‹ – Mann so schön wie Bergwerkssträfling – zwanzig Raubmorde in Gesicht ...« »Sehr richtig!« »Sie kennen Mann! Waren ebben bei ihm ...?« »Nun ja – bei Serge Ssilin am Königsplatz!« »Serge Ssilin ...?« Das einstige Ehrenfräulein wiederholte es atemlos, mit großen Augen, in fieberhafter Spannung. »Königsplatz?« »Da hat er sein Handelskontor – die ›Nowaja Rossija‹ ...« »Oh ...« Die Russin versank in tiefe Gedanken. Sie murmelte für sich: »Das ist neu! Das ist großer Schritt Vorwärts! Das wird interessieren ihn!« »... drei Treppen hoch! Die wollt' er mich 'runterschmeißen! ... Na – der entgeht seinem Schicksal nicht! Der hat Dreck genug am Stecken!« »Das ... Sie müssen ihm saggen!« »Dem Ssilin? Hat er schon von mir gehört!« »Nein doch! ... Müssen es anderem Feind ihres Feinds saggen! Todfeind Ihres Feinds! Mächtiger Feind! Vetter meiniges! Wollen Sie helfen?« »Gegen den Ssilin? Da ist mir jeder recht!« »Ist nicht jedder! Hat viel Geld! Jetzt noch! Eddel von Geburt! Eine Charaktere – kalt und hart wie Tuladolch! Ihr müßt Brüdder werden – geggen Feind gemeinsamen ... Sind Sie Brudder?« »Ich bin froh, wenn mir einer hilft!« »Serr gutt!« Die Russin brachte ihrem Gast selbst den Hut. »Gehen Sie gleich Ritzhotel ... Sie kennen ...?« »Ja. Der große Luxuskasten! Ich weiß.« »Dort fraggen Sie nach Kusin – mon cousin – Fürsten Wolski ...« »Wird er denn zu Hause sein?« »Russe? Zehn Uhr früh? Schläft noch! ... Ich geh' jetzt an Telephon! Wenn Sie kommen – Wolski wird schon wissen!« Die teppichbelegte Marmortreppe des Hotels Ritz kam, als Bernd Vollbrecht eintrat, ein Offizier der Ententekommission hinab, prangend in Himmelblau, Purpur und Gold der französischen Friedensuniform. Im Fahrstuhl kauten Yankees halblaut Kurse und Kabelorders zwischen den Zähnen. Auf dem Flur des zweiten Stockwerks standen dicke Herren und raunten in Schwyzerdütsch und Italienisch. Es gab fast keine deutschen Gäste mehr jetzt, während des Todeskampfs der Mark, in dem Prunkbau, in dem nur die aus der Heimat bezogenen Lebensmittel der Ausländer – dänische Butterkruken, holländische Käsekugeln, englische Jamtöpfe vor den Fenstern im Lichthof – an die draußen in Berlin herrschende Hungersnot erinnerten. Der Fürst Wolski plätscherte wirklich noch im Bade. »Haben Sie die Gnade, eine Minute zu opfern!« rief er weich und liebenswürdig in gutem Deutsch durch die geschlossene Seitentüre in das Zimmer, in dem der Student Vollbrecht sich wartend umschaute. Er sah inmitten des kostbaren, unpersönlichen Hotelmobiliars kleine Trümmersplitter und Strandgut des zerschellten Zarenreichs: Die Photographie des letzten Selbstherrschers und der Seinen. Lichtbilder von ordenbedeckten Großen und juwelenübersäten Damen des Petersburger Hofs. Ein Heiligenbild über der Eingangstüre. Als Briefbeschwerer ein pilzartig durch Einschuß gestauchtes deutsches Infanteriegeschoß. Die Tapetentüre öffnete sich. Knjäs Wolski erschien, von Kopf bis zu Fuß in einen weißen Bademantel gehüllt. Unter der Kapuze, die sein längliches, slawisch-schwermütiges Aristokratenantlitz überschattete, sah er fremdartig aus, wie ein überschlanker, schmalschulteriger Araberscheich im Burnus. Seine hellblauen Augen hatten einen stählernen und starren, irgendwie in die Ferne gerichteten fanatischen Glanz. Er lächelte höflich unter dem kleinen Schnurrbärtchen und reichte dem Besucher die noch feuchte Hand. »Ich danke Ihnen, daß Sie sich zu mir bemühten!« sagte er lebhaft und setzte sich neben seinen Gast auf das Kanapee. Ein feiner Hauch von Seife, Kölnischwasser, Papyrossen ging von ihm aus. »Nehmen Sie mit mir vorlieb, wie ich mich hier präsentiere! Meine Kusine Anna meldete Sie an. Ich wollte Sie nicht warten lassen. Sie wünschen – bitte – hier sind die Zigaretten – Sie wünschen wie ich, eine gewisse giftige Kröte hier in Berlin zu zertreten ...« »Ich ruhe nicht, bis der Kerl zur Strecke gebracht ist, Durchlaucht!« »Vortrefflich! Wir finden uns! Wir können ja nicht gegenseitig voneinander erwarten, daß wir uns vertrauen – denn wir kennen uns ja nicht weiter! Aber, was mich betrifft, so ist es kein Geheimnis, daß ich den Spuren dieses Holigans folge! Er selber weiß es! Er muß, als Fritz Reuter, mich in der Grenadierstraße auf seiner Fährte gesehen haben. Denn er verschwand da plötzlich wie von der Erde verschlungen. Er trat gestern nacht, als Baron Robbe, mir voll Mißtrauen an einer Straßenecke in Charlottenburg entgegen, bis zu der ich ihn beschattet hatte! Nun entpuppt er sich, dank Ihrer uneigennützigen Hilfe, in einer dritten, höchst wichtigen Gestalt – als der Kommerzielle Serge Ssilin von der ›Nowaja Rossija‹.« »Das ist der Name, unter dem ich ihn kenne! Das heißt – warten Sie doch 'mal ...« Der junge Mann legte die flache Hand über die Stirne und hob dann schnell den Blondkopf. »Ja – also ... Es waren geflüchtete Landsleute von Ihnen, Durchlaucht, hier in Berlin – wer, das ist ja schließlich schnuppe – Ich möchte nicht unnütz aus der Schule plaudern ...« »... und meine Landsleute sprachen von diesem – diesem falschen Robbe ... oder Ssilin ...?« »Ja – aber als von einem Herrn von Laskarew – jetzt erinnere ich mich an den Namen – und als von einem der gefährlichsten Menschen in Berlin ...« »Laskarew ...?« »Der wirkliche Laskarew, meinten sie – ein ukrainischer Edelmann – sei, in den Reihen der Wrangel-Armee in der Krim, umgekommen – vermutlich durch die Hand eben dessen, der jetzt Paß und Name Laskarew führt!« »Erbarmen Sie sich!« Der Knjäs sprang auf. »Wo wohnt er?« »Da fragen Sie mich zuviel, Durchlaucht!« »Aber er tritt vornehm auf? Ein Russe von Distinktion! ... Man wird ihn hier zu finden wissen! ... In einem Hotel ... einer Pension ... Er ist bei der Polizei gemeldet ...« Fürst Wolski schritt erregt in langwehendem weißen Mantel zwischen Türe und Fenster auf und nieder und machte vor dem jungen Landwirt halt. »Ich danke Ihnen, Herr Vollbrecht! Sie erweisen mir einen unschätzbaren Dienst ...« »... wo mir doch selber am meisten daran liegt, Durchlaucht, daß dieser Zeitgenosse nicht länger Berlin verunziert! ... Ich bin verlobt! Meine Braut ...« »Oh – ich weiß!« Der Petersburger Große senkte seine lange und elegante, engbrüstige Rassegestalt wieder auf das Kanapee und spielte mit dem zerbeulten kleinen Bleipilz deutscher Herkunft, den man ihm in den Karpathen aus dem Beckenknochen gezogen. »Meine Kusine Anna klärte mich am Telephon auf ... Ihre Gründe, Herr Vollbrecht, gegen den falschen Robbe sind die des Herzens. Meine kommen aus dem Kopf. Dieser Doppelgänger eines kurischen Barons – er muß dort oben irgendwie zu Hause sein und etwas von den Robbes und dem örtlichen baltischen Adel wissen! – dieses Gespenst hat es fertiggebracht, sich hier in das Vertrauen argloser, echter Freunde Rußlands einzuschleichen, denen ich vertraute! Ich war vielleicht unvorsichtig! Ich ließ mich, noch von Paris aus, zu Briefen geheimsten, politischen Inhalts verleiten, die sich im Besitz dieses Pseudo-Robbe befinden! Ich muß diese Briefe um jeden Preis wiedergewinnen! Ich muß den Verkleidungskünstler in die Enge treiben, entlarven, auf die Knie zwingen ...« Der deutsche Student nickte rachelustig Beifall. Seine blanken blauen Augen flackerten so heiß, wie die des Fürsten unbewegt mit eisigen Pupillen starrten. Der russische Große im Bademantel schloß: »Man muß ihn dazu bringen, um sein Leben zu betteln und die Papiere herauszugeben! Dann mag man ihn laufen lassen! ... Fort auf Nimmerwiedersehen aus Berlin – aus Deutschland ... Sie ballen die Faust ... Sie denken an mehr ...?« »Ich weiß nicht ... Ich hab' 'ne Wut auf den Kerl, Durchlaucht! ...« »Lohnt es? Eine zerdrückte Wanze stinkt! Ist sie es wert, daß man vor den Kronsanwalt kommt ... in die Festungskasematten gesteckt wird? Begnügen wir uns doch, unsere Zwecke zu erreichen, indem wir diesem Sträfling meine Briefschaften abnehmen und ihn aus der Nähe Ihrer Fräulein Braut verjagen! Für mich als Ausländer sind die Vorbereitungen schwer! Mein Äußeres ist befremdend! Mein Deutsch klingt hart! Ich falle auf! Sie, Herr Akademiker Vollbrecht, als Deutscher könnten da von größtem Vorteil sein für unsere gemeinsamen Ziele! Sind Sie bereit?« »Dreimal ja! Aber unter einer Bedingung!« »Sie werden sie nennen, und ich werde sie erfüllen!« sagte der Fürst ruhig. »Sie geben mir Ihr Wort, daß meine Braut, Fräulein Büttner aus Sebastopol, die augenblicklich mit Ihrer gnädigsten gräflichen Kusine ein Zimmer teilt, unter keinen Umständen weiter in die Geschichte hineingezogen wird ...« »Aber ...« »Ich weiß, daß das geplant war! Durch die Luja Büttner wollte man an unsern Mann herankommen! Daher die gräfliche Gnade ...« »Nun ... Meine Kusine Anna ...« »Aber Sie wissen nicht, welche furchtbaren Folgen es haben würde, wenn Sie Fräulein Büttner mit in das Spiel brächten! Mehr sage ich nicht und darf ich nicht sagen – als eben nur das eine: Halten Sie sich bitte einzig und allein an mich – nicht an meine Braut ... Dafür können Sie unbedingt auf mich zählen – bei Tag und Nacht – zu Luft und Wasser und zu Lande ...« »Mein Wort! ... Nur – Sie begreifen: Fräulein Büttner hat gestern noch mit diesem Robbe soupiert. Sie wird es heute vielleicht wieder tun! Fräulein Büttners Verkehr mit ihm zu hindern, steht nicht in meiner Macht!« »Aber in meiner!« sagte der Student Vollbrecht. »Lassen Sie mich nur machen! Ich weiß jetzt ein Mittel, sie aus der Sache fernzuhalten!« 17 Im Handelskontor der »Nowaja Rossija« am Königsplatz saß unbewegt der Lette Uhkeneek, schweigsam, flachsbärtig, flachsmähnig vor der Seitentüre auf einem Stuhl und bewachte wie ein mürrischer Schloßhund das Privatbüro seines Herrn. Durch das Klappern der Schreibmaschine, das Rasseln der altmodischen östlichen Rechenbretter im Vorraum klang von da drinnen das Knarren zweier Stiefel rastlos über den Teppich seit einer Stunde auf und nieder – auf und nieder. Schmelke Machalles, der junge Galizier, schlurfte geschäftig an Jakob Uhkeneek vorbei. Seine Rechte schwang ein paar vielgewanderte und vielgeprüfte Wechsel des Ostens, an deren Streifen noch angeklebte Papierfahnen flatterten, um die Unterschriften aller möglichen Menschen zwischen Danzig und Narwa zu fassen. Er steckte den kränklich-gelben, verschmitzten Kopf durch den Türspalt und riß ihn, die Schultern bis zu den Ohren hochziehend, erschrocken zu dem Letten zurück. »Eu weh! Seh der ehm on!« verkündete er wispernd. »Der Herr is meschügge geworden! Gibt der Warmwasserleitung e Fußtritt nach dem andern! Mitten in de Röhren!« »Was willst du, du Hund?« grollte es heiser von innen. »Nenne Sie mich nix e Hünd!« »Bleib' draußen! Schick' mir Uhkeneek!« Der Vertraute trat düster und wortlos ein und schloß die Türe hinter sich. Drinnen lief Serge Ssilin langbeinig und schnell, wie ein Menagerietier hinter Gittern, im Zimmer hin und her. Dessen Boden war mit Zigarettenstummeln besät. Die Türe des Geldschranks stand offen. Papiere überschütteten in unordentlichen Haufen Tische und Stühle. Der Inhaber der »Nowaja Rossija« fingerte sie ungeduldig durcheinander. »Nicht einmal verbrennen kann man lästige Briefe,« sagte er heftig, »in diesen westlichen Wohnungen! Nur Warmwasser! Keine Kachelöfen wie bei uns!« »Warum wollen Sie verbrennen?« frug der Lette eintönig. »Weil ich Berlin verlassen will! Ich sagte es dir schon vor ein paar Stunden!« »Es eilt nicht so, Herr!« »Doch! Es duldet keinen Aufschub!« Serge Ssilin zuckte zusammen. Er machte ganz plötzlich mitten im Zimmer halt und schielte lauernd über die Schulter, als könnte jemand da hinter ihm stehen. »Sie sehen Gespenster!« sagte langsam die tiefe Stimme des anderen. »Ja. In mir ist auf einmal eine Unruhe ... Du hattest vorhin recht: Es kommt durch den Wald! ... Noch sieht man nichts ... noch hört man kaum etwas ... Aber es kommt ... Es ist Zeit ...« Der Mann aus dem Osten atmete entschlossen auf. »Ich reise heute Nacht noch, Uhkeneek!« »Und wohin wird Gott Sie führen?« »Hier!« Serge Ssilin warf ein dickes, mit Bindfaden zusammengeschnürtes Banknotenbündel aus dem Safe auf den Tisch. »Hier hast du ein paar Lot deutscher Kreditbillette! Geh und hole mir eine Schlafwagennummer nach Warschau! Ich kann immer noch in Poznan den Zug wechseln – nach Süden fahren – in die Donauländer ... Oder halt: Nimm lieber eine Karte nach Riga! Ich werde in Kaunas aussteigen – in den Zug nach Wilna ...« »Warum wollen Sie Haken schlagen wie ein gehetzter Hase ...?« »... Oder nein ... So bleibe doch stehen, wenn man dich ruft! ... besorge alle diese Karten zusammen ... Ich werde dann heute abend eine davon wählen ...« »Ich höre ...« »Oder auch keine davon ...« Serge Ssilin warf sich keuchend auf einen Stuhl und das grobschlächtige, heißgerötete Gesicht über die Tischplatte. Er ballte die wuchtigen, noch von der Leibeigenen-Fronde früherer Geschlechter ausgearbeiteten Bauernfäuste. Sein vierschrötiger, knochiger Körper wand sich unter dem englischen Homespun eines Sakkoanzugs von neuester Frühjahrsmode. Der Lette trat näher. »Warum schluchzen Sie?« sagte er. »Warum beißen Sie in die Tischkante? Es wird Ihren Zähnen schaden ...« Sein Herr bleckte ihm, den rotborstigen Schädel hebend, das weiße Wolfsgebiß zwischen den wulstigen, verzweifelt schiefgezogenen Lippen entgegen. Die Augen schwammen feucht in einem trüben graublauen Wasser. »Kann ich denn fort?« stöhnte er. Er nahm ein Papiermesser aus sibirischer Bronze und zerknickte es, um seiner Atemnot Luft zu schaffen, mit Bärenkraft wie einen Strohhalm zwischen den Fingern. »Ich kann nicht! ... Nie finde ich die Stärke, jetzt abzureisen!« »Was hält Sie?« »Das fragt er noch – dieser Pferdedieb! ... Warum bliebst du denn nicht Lederschmuggler – he – wenn dein Verstand für Höheres nicht genügt?« »Dies Mädchen aus Sebastopol ...« »Ja. Sie ...« Serge Ssilins Augen glühten naß auf. »Sie. Sie ...« »Dies schwarze Mädchen brachte Ihnen das Unglück ...« »Glücklich soll sie mich machen!« Der Mann aus dem Osten warf dem andern seinen erloschenen Zigarettenstummel ins Gesicht. »Ich bin ein Mensch ... Ich bin wahnsinnig ... Ich bin in dies Mädchen verloren ...« »Seitdem diese Grünäugige hier ist, zieht sich die Gefahr über Ihnen zusammen.« »Kann ich von ihr lassen? ... Weg von ihr? ... Bin ich ein Heiliger? ... Nein ... Ein Mensch von Fleisch und Blut ...« »Diese Deutsche aus Sebastopol wird noch Ihr Verderben!« »Ich bleibe bei ihr, in Berlin ...« Serge Ssilin setzte sich an den Tisch und stützte müde den Kopf in die flache Rechte. »Ich bleibe ...« »... bis es zu spät ist ...« »Weißt du, warum ich bleibe? Weil ich muß ...« »Herr ... Die Katzenäugige hat Sie behext.« »Was verstehst du davon? ... Mein Herz steht still – ohne sie ... Ja ... Runzele nur verächtlich die Stirne ... Auch ich habe ein Herz ... wie alle Söhne Adams ... ein blutiges Herz ...« »Herr! ... Treten Sie an das Fenster und sehen Sie auf den Platz hinunter. Erkennen Sie, wer da steht: Der Petersburger Knjäs, den Sie mir in der Grenadierstraße zeigten ...« »... Wolski ... Da ist er wieder ...« sprach der oben leise zwischen den Zähnen. »Und neben ihm der junge Deutsche, den Sie vorhin verjagten! ... Er hat dem Fürsten den Weg hierher gewiesen ...« »Wie haben sich diese beiden Vögel nur gefunden ...?« Serge Ssilin starrte, durch die Gardine gedeckt, hinunter. Langsam wurden seine grobkuntigen erhitzten Züge bleich. »Die zwei gehen um das Palais herum!« sagte der Lette. »Sie wissen, wer darin ist! Sie betrachten es von allen Seiten! ...« »Jetzt entfernen sie sich langsam ... da ... um die Ecke ...« »Sie wissen für heute genug! Sie werden morgen wiederkommen! Herr ... Sie müssen heute noch weg!« »Weg!« wiederholte Ssilin dumpf. Er stand und schichtete mechanisch die zerstreuten Papiere, ohne sie anzusehen, in säuberliche Stöße. »... weg von diesem Mädchen ...« »Warum?« Serge Ssilin lachte verbissen auf. Er schritt stürmisch, die Fäuste hochgereckt, durch das Zimmer. Er keuchte heiß mit weit vorgequollenen Augen. »Wenn ich gehe – soll sie mit mir! ...« »Man könnte fürchten, Sie hätten zuviel getrunken! ...« »So ist mir auch zumute ...« Ssilin schlug wild und triumphierend mit der Faust auf die Tischplatte. »Ich spüre Kraft in mir! Wagelust! ... Ich bin verwegen wie ein Kosak! ... Sie wird mit mir reisen – verstehst du wohl – diese kleine Waise vom Schwarzen Meer.« »Wollen Sie sie rauben?« »Ich werde sie dazu bringen, freiwillig mit mir zu gehen ... Ich verspreche ihr goldene Berge ... ich verspreche ihr die Heirat ... Was verläßt sie denn hier? ... Einen weggejagten, kleinen deutschen Weinkellner? ... Oh, – sie wird ihren Vorteil begreifen ... Sie kam mir ja gestern schon schnurrend entgegen, das Kätzchen!« »Nehmen Sie sich in acht!« »Du, laufe jetzt und hole die Fahrkarten! Für zwei!« Kaum hatte sich der Lette getrollt, so warf sich Serge Ssilin in den Schreibsessel, schob mit dem Ellbogen die lästigen Briefstöße von der Tischplatte zu Boden und malte keulenartige, zitterige Schriftzüge auf das erste beste Stück Papier. »Luja: Ich werde Sie unbedingt in den nächsten Stunden sehen und sprechen müssen! Dieser Tag heute ist Ihr Lebenstag. Er entscheidet über Ihr insgesamtes Leben, solang sie es nach Gottes Willen erleben werden. Man führt Sie heute aus der Unruhe, Armut, Sorge heraus, in der Sie jetzt leben. Ihnen öffnet sich die Zukunft einer großen Herrin, mit der Achtung aller Menschen, und mit Geld im Überfluß. Man wird an der Riviera leben. In der Schweiz. In Ägypten. Man wird nur die feinsten Automarken Amerikas fahren. Nur aus Paris werden Sie Schmuck und Kleider beziehen. Kavaliere werden Ihnen die Hand küssen. Reiche Damen der Noblesse werden Ihr Umgang sein. Alles, was Ihnen dienlich ist, wird in den Ehevertrag hineingeschrieben. Sie gehen behördlich sicher. Telephonieren Sie mir gleich, wo ich Sie unverzüglich treffen kann! Denn die Sachlage erfordert rasche Entschlüsse. Aber telephonieren Sie nicht an mich nach dem Königsplatz. Ich bin dort nicht zu finden. Ich muß weg. Telephonieren Sie an meinen Freund, den Edelmann Igor von Laskarew in der Pension ›Luna‹ am Yorkplatz! Er wird die Bestellung aufschreiben und mir mitteilen! Ich hole mir bei Laskarew Ihre Antwort, Luja, wo Sie mich erwarten werden! Sie können Laskarew unbedingt vertrauen! Nun stärke Sie Gott in der wichtigsten Stunde Ihres Lebens! Auf den Knien – zu Ihren Füßen – Ihr Freund – Ihr Sklave – Ssilin.« Dann ein barsch dröhnendes »Schmelke!« und, als der fahle, neugierige, junge Ahasverkopf in der Türe erschien, ein vertraulicher Griff nach dessen Ohrläppchen. »Du wirst diesen Brief, so schnell wie möglich, in die Hände Büttners bringen! Verstehst du: Nur in ihre eigenen Hände! Wie, das ist deine Sache! Nun fort mit dir!« Serge Ssilin beförderte den jungen Machalles mit einem Rippenstoß über die Türschwelle. Er stülpte sich mit fieberig bebenden Händen den Hut auf. Er fuhr in den Mantel. Er stopfte den Stoß geheimer Briefe, den er hier nicht verbrennen konnte, in seine Aktenmappe und klemmte sie sich krampfhaft unter den Arm. Er verlöschte sich mit seinem unregelmäßigen, schweren Atem dreimal selbst das zitternde Zündholz an der Zigarette. Er schlürfte durstig einen Schluck abgestandenes Wasser aus der staubigen Karaffe auf dem Mitteltisch. Er spähte noch einmal blinzelnd auf das Pflaster unten. Er sah keinen Feind. Er schlich aus dem Haus wie ein Fuchs aus dem Bau. Er nahm ein paar Straßenecken weiter erst, nachdem er sich immer wieder unauffällig umgeblickt hatte, ein Auto zur Fahrt durch den Tiergarten. Er entließ es plötzlich an der Charlottenburger Allee-Brücke. Er ging zu Fuß, zuweilen stehen bleibend und die Schaufenster als Spiegel für die Dinge hinter ihm benutzend, nach dem Yorkplatz und stieg, an dem, seit Wochen von dem Hausherrn, einem Spanier, außer Betrieb gelassenen Lift vorbei, mit langen, lautlosen Schritten die drei Treppen zu der Pension »Luna« empor. »Geschäfte rufen mich auf eine Reise!« sagte er im Flur auf englisch zu dem alten, wie ein Winterapfel verschrumpften Mr. MacTilloch. »Sie zwinkern: politische? In der Tat: Unsere Zusammenkunft von geflohenen Söhnen der Ukraine, nahe der Grenze – im Vertrauen: in Jassy – dürfte in Moskau zu denken geben! Doch verzeihen Sie: Ich muß jetzt meine paar Habseligkeiten ordnen!«... ... Serge Ssilin schloß den gepackten Koffer. Er saß und horchte seit einer Stunde auf das Telephon. Noch rührte sich nichts. Er zuckte die Achseln. Er musterte grimmig seine dicke Mappe. Die lag trag auf dem Tisch. Die war, wie eine Giftschlange nach dem Fraß, gebläht von allerhand Inhalt, der besser Asche als schwarz auf weiß war. Er schaute sich hoffnungslos in seinem elegant möblierten Salon um. Wieder diese verfluchte Warmwasserheizung! ... Nirgends eine Möglichkeit, das lebensgefährliche Zeug in der Ledermappe zu verbrennen! Über die Grenze, zur Zolldurchsuchung? – Gerade so gut hätte man eine Dynamitpatrone mitnehmen können ... Es hier lassen ...? diese Briefe alle in fremde Hände ...? wieder in die des Fürsten Wolski – der Gedanke daran war schon halber Selbstmord! ... Wohin damit –? Wohin? Das kam von diesem Nachgeben der Nerven ... von diesem plötzlichen Entschluß zur Flucht ... Das Telephon schwieg weiter. Serge Ssilin trocknete sich die Stirne. Gähnte vor Erregung. Sah nach der Uhr. Es waren jetzt schon mehrere Stunden vergangen, seitdem er den jungen Schmelke ausgeschickt. Früher Nachmittag. Er saß. Trommelte mit den Fingern auf dem reisefertigen Koffer, rauchte, sprang ungeduldig auf, horchte in den Schalltrichter des Fernsprechers. Nichts. Er lief planlos im Kreis durch das Zimmer. Trat, die Hände in den Hosentaschen, an das Fenster. Duckte sich plötzlich ... riß in blinder Wut einen Revolver heraus ... zielte, mit zitternder Hand durch die Scheibe auf die Straße ... Er wußte dabei selbst ganz genau, daß er nicht wirklich schießen würde! So viel Vernunft besaß er noch: Ein Pistolenknall ... mitten in Berlin ... am hellen Tag ... Die Polizei ... Er malte sich nur, zähneknirschend und die Waffe langsam wieder einsteckend, in Gedanken aus – wenn jetzt einer von den beiden sich da unten auf dem Bürgersteig in seinem Blute wälzen würde – oder alle zwei – der Fürst Wolski und der junge Vollbrecht ... Aber dies Paar Feinde unten kam näher und näher. Sicheren Schrittes, ohne erst die Hausnummer zu prüfen! Der Student wußte Bescheid. Er blieb stehn und wies auf das Gebäude. »Hier sind wir an Ort und Stelle!« sagte er. »Hier habe ich mit meinen Freunden erst vor ein paar Tagen einem ollen Engländer seine Koffer in die Pension ›Luna‹ hinaufgetragen!« »Und in der Pension ›Luna‹ ist der angebliche Edelmann Laskarew!« Die fanatischen Augen des Knjäs überfunkelten starr die Fensterreihe im dritten Stock. »Ich bekenne meine Reue. Man hat oft in Rußland über die deutsche Ordnungsliebe gespottet! Aber wie jetzt? Ihr Einwohnermeldeamt! In zwei Stunden gab man uns die Adresse Laskarews! Ich bin schuldig ... Ihr Deutsche seid ganz verfluchte Kerle ... Nun – wohin wollen Sie? ...« »Ich lasse Sie jetzt auf diesem Beobachtungsposten, Durchlaucht!« »Wie denn? Allein?« »Bis es dunkel wird, kann man doch nichts machen! Er sieht uns kommen! Läßt sich verleugnen!« »Aber ich brauche Sie ...« »Der Abend ist ja nicht mehr fern! Dann bin ich wieder hier!« »Und wohin müssen Sie jetzt?« »Zu Fräulein Büttner!« »Wieso eilt das derart! Sie haben mein Wort: Die Dame bleibt außerhalb dieser Affäre!« »Trotzdem muß ich sie sprechen! Die Probe im ›Kolokól‹ geht jetzt zu Ende!« »Nun – und was wollen Sie Fräulein Büttner so hastig erzählen? ... Doch kein Wort von dem, was Sie und ich hier gegen Ssilin ...« »Keine Silbe! Nur das verhindern will ich, daß sie mit Ssilin weiterhin noch in Verbindung tritt, bis wir beide – Sie und ich – mit ihm im reinen sind!« »Können Sie denn das?« »Ich weiß ein Mittel, sie zurückzuhalten! Aber wenn ich es gebrauchen will, muß ich mich eilen und ihr ...!« »Da! Eben! ... Haben Sie gesehen?« sagte der Fürst leise. »Eben schaut dieser Sträfling oben vorsichtig durch die Scheiben ...« »Er erkennt uns ...« »Mag er ...« »Lassen Sie ihn nur nicht aus dem Auge ...« »Ich stehe hier Posten, wie die erfrorene Schildwache auf dem Schipkapaß im Schnee ... Kennen Sie Wereschtschagins berühmtes Bild ...?« »Ich war selbst oft genug im Krieg bei euch drüben im russischen Winter auf Posten, Durchlaucht! In einer Stunde bin ich wieder hier!« Der Studiosus Bernd lief durch den Berliner Westen dahin. Das waren die gleichen nüchternen Häuserreihen wie jeden Tag, dieselben Eckdestillen und Plättkeller, Litfaßsäulen und Zeitungskioske wie immer, die gewohnten ausdruckslosen Werktagsgesichter unter dem grauen Märzhimmel. Aber dieser Himmel dünkte den Studenten Vollbrecht fahlgelb verfärbt. In der dicken, trüben Luft schien ihm ein unheimliches, rötliches Leuchten zu flimmern. Sie zitterte um ihn in unsichtbaren Schwingungen – erfüllt von einer Unruhe der Atome, als stünde irgendein gewaltiges Naturereignis bevor – als sollte heute noch die Welt untergehen. Der junge Bernd eilte blindlings seines Wegs. Er dachte nicht mehr an Ssilin, sondern an Luja. Nicht an Mord, sondern an Mitleid, nicht an Rache, sondern an Rettung. An die Befreiung der kleinen Luja aus dieser Welt der Dielen und der Dirnen. Aus diesem Tod des Tingeltangels. Der Studiosus Vollbrecht lachte im Laufen. Die Brust weitete sich ihm von hämmernder, hilfsbereiter Kraft ... »Oh, Verzeihung!« Er war unversehens auf dem Bürgersteig an eine Dame angeprallt und griff an den Hut und wollte weiter. Aber das junge Mädchen prustete ihm unbefangen ins Gesicht. »Also der reine Nachtwandler am hellichten Tag!« sagte sie zu ihrem Begleiter. Und nun kam Bernd Vollbrecht zu sich. »Dich hätt' ich allerdings an deiner roten Tolle erkennen können, Vicke!« sprach er zu der hübschen Schwester und begriff, daß er vor dem Haus der Geheimrätin Henke, schräg gegenüber der Pension »Luna« drüben am Yorkplatz, stand. »Und dich auch, oller Wurstmaxe! Kinder – was ist denn mit euch los? Ihr macht so unheimlich schlaue Gesichter: Seid ihr am Ende schon richtiggehend verlobt?« »Seit zweiundzwanzig und einer halben Minute.« Die träumerischen Augen des Zahnbeflissenen Alfred Henke leuchteten verklärt unter dem Zwicker. Er und die Vicke schleppten gemeinsam einen Henkelkorb mit Bierflaschen und kalter Küche, die sie zum Abendbrot für die weißen und farbigen möblierten Ausländer bei der Geheimrätin oben eingeholt. »Du bist der erste Mensch, Bernd, der gewürdigt ist, die große Neuigkeit zu hören!« »Na – meinen Segen habt ihr, Kinder!« Der Student nickte großmütig und drückte den beiden je eine freie Hand. »Verzeiht nur eine dumme Frage: Wovon wollt ihr denn eigentlich leben?« »Wir werden arbeiten!« versetzte der zarte Zahnbeflissene knapp und entschieden. »Und sobald wir – bildlich und berufsmäßig gesprochen – von der Hand in den Mund leben können, steigen wir aufs Standesamt!« »Und seid dann von da ab gemeinsam auf die Menschheit losgelassen?« »Als Wohltäter der Menschheit!« berichtigte der Freund. »Ein schmerzloses Ehepaar – ich meine – was Wurzelfüllungen betrifft! Wir bauen den Menschen goldene Brücken! Wir setzen ihnen Kronen auf! Wir erheitern sie durch Lachgas! Wir sind sozusagen Freudebringer in dieser schweren Zeit!« »Drückt er das nicht herrlich aus?« rief die Vicke schwärmerisch. »Ja. Er hat von jeher so 'ne künstlerische Ader in sich!« sagte der Bruder. »So etwas Weiches, Sinniges. Wahrscheinlich braucht man das, wenn man den Leuten den ganzen Tag mit den Fingerspitzen an den Nerven 'rumpetert. Diese Lieblichkeit des Gemüts beim Alfred kommt dir am Feierabend dann auch zugute, meine alte, ehrliche Vicke! Ach ja, Kinder: Ihr habt's gut! Ihr seid verliebt!« »Na – du etwa nicht!« Die rotblonde Schwester riß empört die blanken Blauaugen auf. »Dich braucht man doch wahrhaftig bloß anzugucken ...« »Was weißt du denn?« sprach der Student Vollbrecht langsam und verstört, plötzlich wieder in seine Gedanken versunken ... »Nichts weißt du! Und ich weiß auch nicht, was mit mir passiert! Ich bin in einer ganz verzweifelten Verfassung! Aber das hilft nichts! ...Ich muß fort! ... Herrgott ... Ich muß fort!« »Papa! Der Bernd hat zu stramm gefrühstückt! Er kriegt schon das heulende Elend!« meldete Fräulein Vollbrecht sachlich ihrem eben aus dem Hause tretenden Vater. Der Gutsinspektor wandte das energische, wettergebräunte, vollbärtige Gesicht dem Sohn zu. Seine weitsichtigen, hellen Augen musterten ihn prüfend wie ein Fohlen auf der Koppel. »Nee – das ist nicht der Suff! Das ist die Liebe!« entschied er. »Komm mal beiseite! Viel Zeit hab' ich nicht. Mein neuer hinterpommerscher Brotherr erwartet mich im Hotel! Also: kurz und bündig: Schäm' dich was! Wer stellt sich denn so an – bloß weil ihm 'ne Marjell über'n Weg gelaufen ist? ... Wie mein Großvater 'n Hemdenmatz war, da war's Mode, sich als Schmachtlappen zu gebärden! Da wirkte das auf die Weiber! Aber heutzutage muß ein junger Mensch ...« »Hast du denn eine Ahnung, Vater, was mit mir los ist?« »... wirklich schwer zu erraten, mein Sohn ...« »Bei mir ist der Deubel los!« sprach der Student laut und ratlos. »Ja, Vater – also wirklich und wahrhaftig der Deubel!« »So? In was für eine Gesellschaft bist du denn geraten?« »Das frage ich mich auch! Aber ich bin darin! Die Geschichte geht ihren Gang! Ich kann dir jetzt nichts erzählen! Morgen vielleicht! Aber heute abend – Dies ist kein Abend wie andere ...Das ist ein Abend – an dem muß sich alles entscheiden ... In den nächsten Stunden muß es sich entscheiden! Ich darf jetzt springen! Sonst gibt's ein Unglück! ... Adieu, Vater! ... Adieu! ...« 18 An der Ecke des Kurfürstendamms, gegenüber den schreiend grellen Plakaten des »Kolokól«, erbettelte ein schäbig gekleideter, alter Herr mit weißbärtigem deutschen Gelehrtenkopf leise von den Vorübergehenden nur 'ne Kleinigkeit gegen den Hunger. Ein achtzehnjähriger Banklehrling flitzte, blasiert im Auto zurückgelehnt, über den Asphalt. Ein feldgrauer Zitterer schüttelte sich am Boden. Neben ihm begrüßten sich ein paar Russen mit Umarmung und Backenkuß. Mitten in diesem Mottentanz um das Flackerlicht der sterbenden Mark schlenderte der Student Vollbrecht geduldig und verbissen auf dem Bürgersteig hin und her und beobachtete, über den breiten, doppelten Fahrdamm weg, drüben den Ausgang des »Kolokól«. Die Türe war jetzt, am Spätnachmittag, geschlossen. Menschen aller Art trollten sich an dem Kabarett vorbei, in dem innen die Russen noch probten. Jetzt schlich da schlampig ein junger, bleicher Mensch – eine Pelzmütze auf dem hageren Krauskopf, deren schwarze Wolle an talergroßen Stellen von den Motten weißgenagt war ... Dem Studenten drüben auf der Bordschwelle kam diese Mütze bekannt vor. Nun tauchte sie wieder in dem Straßengewühl auf. Ihr Träger war umgekehrt und schlurfte wieder nachlässig und zerstreut, mit hängenden Schultern, vor dem »Kolokól« dahin. Bist du wieder da – du Schlemihl vom Königsplatz? Bernd Vollbrecht steuerte heißblütig quer über die Straße auf ihn zu. Schickt dich dein Hintermann Serge Ssilin wieder auf Lujas Spur? Na warte, oller Kronensohn! Wir reden jetzt einmal ein Wort deutsch miteinander ... Er hatte beim Überschreiten der Fahrdämme, mitten im Wettlauf der Autos, Straßenbahnwagen und Fahrräder, den Bürgersteig drüben aus dem Auge verloren. Als er jetzt dort landete und sich umsah, war Schmelke Machalles spurlos verschwunden ... Der stud. Vollbrecht stand unschlüssig. Dann trat er seitwärts hinter eine Litfaßsäule, so daß er scheinbar an ihr die Theater- und Kinozettel studieren und zugleich unauffällig den ›Kolokól‹ beobachten konnte. Da öffnete sich dort der eine Torflügel. Die Orchestermitglieder – Russen und Russinnen – kamen heraus. Bernd erkannte sie alle: den schnurrbärtigen Leiter der Truppe. Die blasse, blonde Winogradowa. Neben ihr, kleiner als sie, ein dunkles Griechenköpfchen unter einer zerdrückten Reisemütze. Ein Händedruck Lujas und der Petersburger Senatorentochter. Dann trennte sich die kleine Deutsch-Russin von der blaublütigen Slawin. Sie schlüpfte allein, schnell wie eine Eidechse, durch das Gewühl. Der Student trat hastig hinter seiner Säule hervor. Er wollte Luja überraschend den Weg verlegen. Er glaubte, sie hätte ihn nicht gesehen. Aber da kam sie geradenwegs auf ihn zu. Ihr feines, kleines, weißes Gesicht war unwirsch und feindselig gespannt. »Schöne Streiche machst du!« begann sie unvermittelt und drehte die eine schmale Schulter verächtlich nach dem ›Kolokól‹ zurück. »Man hat dich dort entlassen! Knall und Fall! Es ist das Tagesgespräch! Gehe nur nicht erst noch einmal hin: Man wird dir da nicht Salz und Brot anbieten!« »Die ganze Lasterbude kann mir den Buckel lang rutschen!« sagte der Student und ging neben der Musikantin her. Er warf einen scheelen Blick rückwärts. Es war ihm, als hätte er dabei wieder, im Gewirr der Straße, zwanzig, dreißig Schritte hinter ihnen, die vermottete Pelzmütze gesehen... »Und ich bin die Beschämte!« fuhr die Kleine erbittert und vorwurfsvoll in ihrer Strafpredigt fort ... »Ich brachte dich durch meine Fürsprache auf diesen Posten! Ich war deine Wohltäterin! Deine Mutter! Wie stehe ich jetzt da ...?« »Warte nur ab ...« »Deine Ernährerin war ich! So dankst du mir! ... Auf Befehl Ssilins wirst du weggejagt! Du darfst dich im ›Kolokól ‹ nicht mehr zeigen.« »Du erst recht nicht!« »Bist du mein Vormund?« In Luja Büttners zartem, rundem Kindergesicht glühten die großen, grünlich-braunen Augen. Die weichen, vollen Lippen schürzten sich verächtlich zu ihm empor. »Ich bin von anderm Holz geschnitzt als du! Ich gehe in den ›Kolokól‹, weil ich überall dahin gehe, wo Ssilin ist – bis ich mein Ziel erreicht habe ...« »Gerade deswegen sollst du ...« »Du aber ... mein Gott ... schuf dich denn unser himmlischer Vater aus Milch und Watte? Bist du denn ein Mann?« »Hör 'mal ...« »Läßt du dir denn von Ssilin alles bieten? Er wirft dich aus seinem Kontor die Treppe hinunter! Er setzt dich aus dem ›Kolokól‹ hinaus aufs Pflaster! Und du, statt darauf zu sinnen, ihn zu strafen – du verbeugst dich noch unterwürfig mit den Fingerspitzen bis zur Erde und dankst ...« »Halte doch 'mal eine Sekunde deinen Schnabel ...« »... und nicht genug damit!« redete die kleine, schwarze Schönheit atemlos weiter. »Du willst, mit deinem matten Herzen, auch mich noch lähmen, mein Werk zu tun! Du siehst, daß ich am Werk bin! Auch du bist von Ssilin beleidigt und gekränkt! Gut! Statt, daß du nun sagst: Wir hassen beide diesen Teufel! Wir wollen gemeinsame Sache gegen ihn machen – das wäre doch das Natürliche ...« »Das ist es auch – zum Kuckuck!« »... statt dessen stellst du dich noch schützend wie sein Leibtscherkesse vor ihn ...« »Luja ... Wenn du mich nur einmal zu Worte kommen ließest ...« »Befreie mich von deiner Gegenwart! Geh! ... Geh zu Paul Gritsch! Ihr gehört zusammen! Ihr seid zwei Heilige, über die die Spatzen lachen!« »Luja ... Ich will dir ja helfen.« »Du ...?« »Deswegen hab' ich dich ja jetzt hier erwartet ...« »Du willst ...« »Heute morgen, als du mir, hinter dem dicken Schupomann her, davonliefst, da ging alles so schnell! Es drehte sich mir alles noch im Kopf wie ein Mühlrad! Aber inzwischen habe ich es mir überlegt! Du hast ja ganz recht! Wir sind Verbündete, Luja ...« »Gegen Ssilin ...« »... bis das Biest zur Strecke gebracht ist ... Um Gottes willen ... Was machst du denn da?« »Ich küsse deine Hand, die mir helfen will!« sagte die Kleine und ließ Bernds Rechte, die sie unversehens und leidenschaftlich zu ihren Lippen emporgerissen, wieder sinken. Sie schritten jetzt in einer menschenleeren Nebenstraße. Durch ihren raschen Doppeltritt klang Bernds mühsam beherrschte, schwankende Stimme. »Aber nun heißt es vorsichtig und klug sein, Luja! ... Vor allem nichts überstürzen!« »Soll ich dir einen Unterrock borgen?« frug die Kleine höhnend, in gereizter Ungeduld. »Bist du ein Weib?« »Ich kann mir, wenn ich will, ein Dutzend Kriegs- und Tapferkeitsorden an die Brust stecken, Luja! Also lasse die dummen Redensarten! Gerade weil ich drei Jahre lang gewohnt war, mein Leben aufs Spiel zu setzen, weiß ich, daß man nicht unüberlegt alles aufs Spiel setzen darf ...« »Du mußt mir nicht böse sein ... nicht wahr? ... Du bist ja mein lieber, kleiner Bernd ...« »Dir ist schon dein erster Anschlag – gleich, wie du nach Berlin kamst – mißglückt ...« »Es sei Gott geklagt!« »Auch ich beging die Unbesonnenheit, Ssilin in seinem Kontor, mitten zwischen seinen Leuten, ohne Waffe in der Hand, nur mit dem großen Mundwerk, anzugreifen, und mußte einen wenig rühmlichen strategischen Rückzug antreten!« »Auch das ist wahr ...« »Also soll uns dies zur Lehre dienen!« Bernd Vollbrecht redete unsicher und eifrig im Gehen auf seine Gefährtin ein. »Jetzt, beim dritten Anhieb, muß die Geschichte klappen. Da muß jeder blödsinnige Zufall ausgeschaltet sein! Auch übers Knie brechen läßt sich so was natürlich nicht ...« »Man braucht nur Glück!« sprach die kleine Balalaikaspielerin zwischen den Zähnen. »Es kommt ein günstiger Augenblick. Man benutzt ihn. Man ...« »Im ›Kolokól‹, mitten zwischen all den Menschen, wird dieser Augenblick nie dasein ...« »Siehst du – nun fängst du schon wieder an, die Kerze auszublasen, die ich brennend aus der Kirche heimtragen will!« Luja Büttner hob zornig die geballten kleinen Fäuste vor die Brust. »So bist du! So ist Gritsch! So seid ihr alle! Mit Liebesschwüren könnt ihr einen bis ins Wasser jagen, vor Langweile! Aber wenn es an das Handeln geht ...« »Das Gesetz des Handelns darf man im Krieg nicht dem Feind überlassen, Luja! Das ist ein alter Witz! Du bist im Krieg! Du darfst nicht dahin gehen, wo Ssilin dich zu sehen wünscht – im ›Kolokól‹ – du mußt im Gegenteil Ssilin dazu bringen, dahin zu gehen, wo du ihn haben willst, weil da die Gelegenheit günstig ist ...« »Meinst du ...?« »Du darfst nicht jeden Abend artig auf dem Präsentierteller vor ihm sitzen, im Orchester – und warten, was er tut – so fängst du ihn nie – du mußt dich zurückhalten – unsichtbar machen ...« »... wie sonderbar du beim Sprechen schluckst ...« Ein kurzer, mißtrauischer Seitenblick der dunklen Augen von unten herauf. »Was nimmt dir denn den Atem?« »Kurz, der Kerl muß eine derart irrsinnige Sehnsucht nach dir kriegen – verstehst du? – daß er blind und toll wird ... dann läßt er sich 'mal in einen Winkel locken, wo man ihn todsicher umlegen kann? ... Luja .... blinzele mich nicht so zweifelnd an ... Ich will dir doch helfen ...« »Wirklich ...?« »Aber heute abend ist es für so wilde Sachen noch viel zu früh! Heute abend – das verspreche mir – bleibe daheim!« »... und morgen ...? sage mir ... und morgen? ...« »... Morgen oder übermorgen ...« Der Student blieb heftig atmend am Haustor der Pension ›Alpenrose‹ in der Tölzer Straße stehen. »... Da ... ja ... dann ... Luja ...« »Du – kleiner Bernd – schau' mir doch 'mal ins Gesicht!« »Da ist es dann natürlich eine andere Sache ...« »Warum schaust du mich denn nicht an ... Du ...?« »Herrgott – ich tu's ja ... da ... bitte ...« »Aber wie?« Luja Büttner stand im Hausflur vor dem Studiosus Vollbrecht und legte ihm die Kinderhände auf die Schulter und verlor sich, spöttisch das Köpfchen schüttelnd, in das frische, verwirrte Antlitz über ihr. »Du bist doch so ein guter, blonder, deutscher Junge! Du bist ein kleiner Klosterschüler! Ränke sind deinem unschuldigen Herzen fremd ...« »Luja ... sieh 'mal ...« Er stieg neben ihr die Treppe hinauf. »Du kannst dich nicht verstellen! Du sprichst anders als du denkst ...« »Ich bitte dich ja nur ... nur heute ... diesen einzigen Abend ...« »Du hast ein Geheimnis vor mir ... und es leuchtet dir doch aus allen Poren ...« Luja öffnete oben ihr Zimmer. Es war leer. Die Gräfin Borissowski, mit der sie es teilte, nicht daheim. »Still! Ich fühle es! ...« »Herrgott Donnerwetter ... Luja ... Ich ...« »Du fluchst nur aus Verwirrung, weil du merkst, daß ich dich durchschaue ... Ja – stampfe nur mit dem Fuß ... Gehe lieber! ...« »Ich bleibe, bis du ...« »Zum Glück scheint Gritsch nicht daheim! Und Madame Mickott auch nicht. Und Lisa noch im Warenhaus. Wenn die drei kommen, setzen sie dich auf die Treppe. Überall setzt man dich an die Luft, mein Junge! Du aber denkst, das muß so sein!« »Luja ... liebe Luja ... Ich liebe dich doch so ... Ich will doch wirklich nur dein Bestes ... Aus reinem Herzen ...« »Ring nicht so verzweifelt die Hände! Davon stirbt Ssilin nicht! Willst du mir helfen, daß er stirbt?« »Morgen – ja ...« »Morgen – morgen – nur nicht heute ...« Luja Büttner lachte auf. Dann zuckte sie zusammen. Ihre feinen Züge erstarrten in Spannung. Sie neigte lauschend das kleine Ohr gegen die Türe. »Hör 'mal: Da, auf dem Flur, nennt jemand meinen Namen!« »Jach soll das Brieflich dem Frayle Büttner in de Hand geben!« sagte draußen eine Stimme. »Ich geh' nicks vorher weg! Nü – da is se!« »Und das ist ja wieder der Lausewenzel mit der Pelzmütze!« schrie der Student. Er wollte sich an Luja vorbei über die Schwelle drängen. Aber sie stieß ihn mit spitzen Ellbogen zurück. Sie schubste das Mädchen für alles draußen beiseite. Sie riß das Schreiben aus den Fingern des jungen Schmelke Machalles, der verschmitzt vor der Tür dienerte. »Bleiben Se mir gesünd!« grinste er höhnisch zu Bernd Vollbrecht innen im Zimmer. »Was geht das Brieflich Ihne on! Güte Nacht!« Schlodderige Sprünge, in ausgetretenen Stiefeln, auf krummen Absätzen über den Flur, die Treppe hinab. Der Student sandte einen unterdrückten Fluch hinterher. Er schloß die Türe. Er drehte den erhitzten Blondkopf zu Luja. Sie stand mitten im Gemach – die Arme in leidenschaftlichem Triumph zur Decke erhoben. In der Rechten schwenkte sie das wildzerknitterte Schreiben. Ihre grünlichen Augensterne funkelten wie die einer Katze. Ihre Lippen frohlockten: »Oh – du bist klug, Bernd! Alles kommt, wie du es gesagt hast! Er kommt uns entgegen! Wir brauchen uns keine Mühe mehr mit ihm zu geben! Er ist schon von selber so weit!« »Ist der Brief von Ssilin?« »Da! Da!« Das Blatt mit Serge Ssilins eckigen, kolbenartigen Schriftzügen wehte in der nervösen und mageren Mädchenhand durch die abendgraue Luft. »Oh – wie hattest du recht, du gescheiter, kleiner Bernd: Er ist schon blind und toll! Er bietet mir goldene Berge! Er ist mein Sklave und Freund! Er geht zugrunde, wenn er mich nicht heute noch spricht! Ich soll ihm nur befehlen, wo ...« »Das schreibt er dir in dem Wisch da?« »Das alles! Alles! ... Nun aber – ganz wie du gesagt hast – nun heißt es klug sein wie die Schlange – überlegen, was man ihm antwortet ...« »Nichts – heute – Nichts, Luja!« »Das sieht dir ähnlich ... Das wüßt' ich von dir ...« »Fahre nicht so auf mich los ...« »Das wüßt' ich schon die ganze Zeit, daß du mich verrätst! Du treibst ein falsches Spiel ...« »Vertrau' mir doch! Ich hab' dich doch so lieb ...« »Was liegt mir daran, ob du mich lieb hast! Mein Mischa war so gut! Mein Mischa war so lieb! Du geliebter Mischa ... du schaust jetzt auf mich herunter ...« »Lästere nicht ...« »... und ich lieg' auf den Knien – mein Mischa – mein Mischa! – und schau' zu dir hinauf ... Mein Mischa ... Jetzt ist der große Abend da ...« »Luja ... Luja ... Komm doch zu dir ...« »Lasse mich! Du bist lästig! Du bist ein Mann ohne Mut! Ich habe Mut für dich und mich! Das wird Ssilin heute noch erfahren! ... Wohin bestelle ich ihn nur? ... Wohin – mein Gott?« »Gottlob – du erreichst ihn nicht mehr am Königsplatz! Da ist er längst weg!« sagte der Student. »Einerlei ...« Luja Büttner überflog mit aufgerissenen Augen das Papier. »Hier seinem Freunde soll ich telephonisch Bescheid sagen – einem ukrainischen Edelmann ...« »Wie heißt er ...?« »Igor von Laskarew – in der Pension ›Luna‹ am Yorkplatz!« »Aber das ist er ja selber!« Es fuhr dem Studenten heraus. Gleich darauf bereute er es. Aber es war zu spät. Er spürte zehn Finger, die sich vorn, in seinen Rockaufschlag, verkrampften. Er fühlte einen heißen Atem in seinem Gesicht. »Er selber ... sagst du?« »Ja! Das Gewächs tritt auch in dieser Spielart, als Laskarew, auf ...« »Das weißt du genau?« »Schon seit ein paar Tagen – von anderen Russen – und – wenn dir das nicht genügt – also: Ich habe ihn vorhin mit meinen eigenen Augen in der Pension ›Luna‹ am Fenster gesehen!« »Gott sei Dank! Mischa – mein Mischa – nun sollst du mit mir zufrieden sein!« Der Student Vollbrecht umfaßte die, wie zu einem Stoßgebet in letzter Stunde gefalteten Hände drüben. Er beugte sich zu dem seidenschwarzen Scheitel unter ihm nieder. »Luja – Schon, daß er dir nicht seinen Namen nennt – daß er sich dir gegenüber für seinen Freund ausgibt – begreifst du denn nicht? – das ist wieder so eine verfluchte Falle und Finte! ... Er hat eine neue Teufelei gegen dich vor ...« »Oh – ich werde ihm dienen ...« »Er ist stärker als du ...« »Heute noch, vor Mitternacht, wird man es wissen, wer der Stärkere war ...« »Luja ...« »Höre mein letztes Wort – und dann verlasse mich bitte – ebenso wie der Schäfer Gritsch: Ich werde es einrichten, daß ich heute mit Ssilin zusammen bin – möglichst spät ...« »... möglichst spät ...?« »Ja. Und ich lasse ihn noch außerdem recht lange warten! Dann trinkt er aus Ungeduld. Sein Kopf wird benebelt – wie neulich ...« »... möglichst spät – sagst du?« »Aber gewiß doch! Es muß doch Nacht werden! Wo sollte man sich denn vor neun oder zehn Uhr abends treffen – hier bei euch in Berlin? Alles fängt ja dann erst an!« »Und jetzt ist es sechs Uhr ...« »Ja – Eile dich! Es ist Zeit für Kinder, nach Hause zu gehen, kleiner Bernd! Komm! Du darfst mir einen Kuß auf die Stirne geben – als Bruder – zum Abschied! Du willst nicht?« »Nein! Auf deiner Stirne ist das ›Kainszeichen‹ ...« sagte der Student leise. »Aber ich werde es löschen! ... Warte nur ... Ich werde es löschen, ehe andere Menschen es noch sehen können ...« »Ich hab' dein Ehrenwort – aus der Diele neulich – aus ›Onkel Toms Hütte‹ – daß du schweigst ...« »Ja – ich muß schweigen! ... Und ich muß trotzdem handeln ... Leb' wohl, Luja ...« »Was hast du vor? Mache keine Dummheiten! Störe mich nicht!« »Leb' wohl! ... Ich muß weg! ... Ich bin in höchster Eile ...« »Nun dann – mit Gott!« Die Kleine zuckte geringschätzig die Achseln. Sie lauschte, in der offenen Türe auf der Schwelle lehnend, bis unten das Haustor hinter dem Studenten zuschlug. Dann trat sie auf den Flur hinaus. Dort war das Telephon. Aber ein Mann stand vor dem Apparat und redete hinein. Ein Mann in Mantel und Hut, eben heimgekommen, mittelgroß und kräftig. Seine Sprache hatte den harten, deutsch-russischen Tonfall, mit dem Anklang an das Schwäbisch der Kolonisten zwischen Dnjepr und Wolga. »Wie?« frug er in das Schallrohr. »Es ist doch dort das Reisebüro? ... Ja? ... Hier der russische Emigrant Paul Gritsch! Ich bezog von Ihnen eine Fahrkarte nach New York für Mitte nächster Woche. Nun denn: Ich weiß noch nicht, ob ich zu diesem Zeitpunkt schon in der Lage bin, Berlin zu verlassen ...« Es antwortete eine Stimme aus der Leitung. Der Mennonit bewegte beipflichtend das schnurrbärtige dunkelborstige Haupt: »Ganz richtig! Ich spreche in den nächsten Tagen wegen Umschreibung der Schiffskarte auf einen späteren Zeitpunkt bei Ihnen vor, sowie ich klar sehe! Danke, Schluß!« Der Schafzüchter hängte das Hörrohr an. Er sah vor sich Luja. Die Kleine stand mit gerungenen Händen. Sie musterte ihn nervös aus ihren großen, dunklen Augen. Sie schüttelte verzweifelt den Madonnenscheitel. »Was ist das nun wieder mit Ihnen, Gritsch!« sagte sie. »Man hört, Sie wollen abreisen! Man lobt Gott! Man atmet auf! Da – auf einmal – schwindet die Hoffnung! Sie besinnen sich eines Schlechteren und bleiben ...« »Vorläufig: ja ...« »Sie sind doch ein frommer Mann! Gott ist doch bei Ihnen! Warum fürchten Sie sich vor dem Wasser?« »Ich fürchte nicht für meinen Leib, Luja, sondern für Ihre Seele ...« »Gab ich Ihnen meine Seele zum Pfand? Liehen Sie mir hundert Rubel auf meine Seele? Haben Sie ein Recht auf meine Seele? Nichts!« »Ihre Seele ist in Gefahr ... Ich weiß nicht, wie tief sie schon in Sünde und Schuld hineingewatet ist – hoffentlich nur erst in Gedankensünde, Luja ...« »Gehen Sie nach Amerika, Gritsch! Stiften Sie dort eine neue Sekte! Sie werden dort noch ein Heiliger der jüngsten Tage ...« »Mich täuschen Sie nicht, Luja! Ich sehe es Ihnen an – und jeden Tag mit Schrecken mehr, wie der Böse über Sie Macht gewinnt! Er schaut aus Ihren Augen. Er spricht aus Ihrem Mund. Noch ist es hoffentlich nur der Versucher im Geist ...« »Beschwören Sie Ihre Geister in Amerika, Gritsch! Was geht mein Geist Sie an ...?« »Noch kann ich Sie retten ...« »Mein Gott. Will ich denn gerettet sein?« Die zarte Gestalt vor dem Kolonisten aus der Nogaischen Steppe hob sich erbittert auf den Fußspitzen. »Jeder von euch kommt und will mich retten! Vor was denn? Sie wissen es nicht! Das sagen Sie selber! Rief ich Sie, Gritsch? Rief ich den kleinen Deutschen? Nein! Also warum drängt ihr euch mir auf?« »Luja! Hören Sie: Als Sie vorgestern nacht sich und mich in jenen Tempel des Bösen verschleppten ...« »... und Sie davonliefen und den Teufel bei der Polizei anzeigten!« ergänzte die Kleine spöttisch. »... da frugen Sie dort nach einem gewissen Ssilin ...« »Ja. Das ist mein Freund ...« »Als Sie am nächsten Morgen verstrubbelt und verwildert von der Polizeiwache heimkehrten, erklärten Sie hier Ihrer Kusine Lisa, Sie würden auch weiter abends mit diesem Ssilin verkehren!« »Ja. So bin ich, Gritsch!« »Luja ... In mir ist ein Vorgefühl ... Ich kenne zwar diesen Mann nicht ...« »Schade!« »... aber ich merke es Ihnen an: Er übt eine furchtbare und unheimliche Macht über Sie aus!« »... oder ich über ihn ...« »Ich fürchte: Er ist Ihr böser Geist ...« »Vielleicht ist es ein böser Geist! Für derlei haben Kinder Gottes wie Sie ja eine Witterung ...« »Von dem Bösen aber soll man sich fernhalten! Luja ... in Werken, Worten und Gedanken.« »Das ist ein ganz harmloser Mensch, von dem Sie da reden, Gritsch! Ein Altgläubiger aus Charkow. Ich kenne ihn noch von Sebastopol her. Da habe ich schon als Kind auf seinen Knien gesessen. Ich nenne ihn ›Onkelchen‹ ...« »Kein Wort davon ist wahr, Luja – Luja ... Sie lügen!« »Nein. Ich mache mich nur über Sie lustig, Gritsch!« »Ihre Augen flackern! Ihr Körper bebt! Ihr Atem fliegt! Irgend etwas Schreckliches ist in Ihnen ...« »Nun lassen wir es, Gritsch! Es ist wahr: Man soll in dieser Stunde nicht spotten! Sie ist zu ernst.« »Luja ... Kommen Sie da – mit mir hinein ...« »In Ihr Zimmer ...? Mit Ihnen allein? Heiliger Menno – was fällt Ihnen ein?« »Wir sind nicht allein! Es ist noch ein Dritter drin! Hören Sie nicht? Er ruft ...« »Ich höre keinen Ton ...« »Er ruft nach Ihnen?« »Wer denn – hier in der Pension?« »Christus ruft nach Ihnen! Sehen Sie denn nicht: Da steht er ja mitten in dem Zimmer! Er wartet auf Sie, um Sie zurückzuführen – dahin, wo die Gerechten sind! ... Kommen Sie! Wir wollen zusammen niederknien und beten!« »Beten Sie, Gritsch!« sagte die kleine Büttner in weicherem Ton und drückte dem Taufgesinnten die Hand. »Beten Sie da drinnen für meine arme Seele! Sie haben recht: Es tut vielleicht not ...« »Wir beide, Luja, wollen ...« »Nein! Beten Sie in Ihrem Kämmerlein! Aber mich lassen Sie bitte inzwischen hier draußen telephonieren! Es eilt! »Mit diesem Ssilin ...?« »Ach nein!« sagte Luja Büttner. »Sie bilden sich immer ein, Gritsch, Sie wären mein einziger Freund und Beschützer! Ich habe aber viele Freunde, die Sie nicht kennen! Jetzt zum Beispiel werde ich mit einem Herrn von Laslarew reden ... aus Kiew!« »Luja ...« »Stören Sie mich jetzt nicht am Apparat, Gritsch! Die Verabredung ist wichtig!« Paul Gritsch stieß einen dumpfen Laut aus. Er ging langsam, den energischen, von Wind und Sonne der Steppe gebräunten Kopf gesenkt, in sein Zimmer. Durch das Sprachrohr erkundigte sich Luja: »Ist dort Penston ›Luna‹ am Yorkplatz? Bitte, sagen Sie Herrn von Laskarew, eine Dame müsse ihn dringend sprechen ... wie? ... Fräulein Büttner müsse ihn sprechen. Er weiß schon ... Wie? Herr von Laskarew ist eben weggegangen? ... Mein Gott: Wohin denn?« Luja Büttner stellte sich auf die Fußspitzen. Das Hörrohr zitterte in ihrer Hand. Ihr Atem flackerte in den Schalltrichter. »Herr von Laskarew steht im Begriff, in das Ausland zu fahren ...? Schon in den nächsten Stunden? Großer Gott im Himmel ... Was? ... Seine Koffer stehen noch im Zimmer? Er kommt vor der Abreise noch einmal dorthin zurück? ... Hat er denn nichts für mich hinterlassen? Gott sei Dank! ... Bitte – recht deutlich – Es ist furchtbar wichtig ... Ja ... Ja ... Also ich werde es der Sicherheit halber wiederholen: Ich soll angeben, wo Herr Ssilin, der Freund des Herrn von Laskarew, mich heute abend noch treffen kann? – Ja – am einfachsten ... bei Herrn von Laskarew selber – ehe der abreist – in der Pension ... Ich warte dort, bis er kommt! Oder vielmehr, bis Herr Ssilin kommt! Einer von den beiden Herren wird ja kommen! Wie? Herr von Laskarew bestimmt – wegen der Koffer? ... Also gut! Danke schön, liebes Fräulein! Ich mache mich jetzt fix fertig und komme gleich hinunter in die Pension ›Luna‹ ...« 19 Der Student Vollbrecht war die Treppe von der Pension »Alpenrose« hinabgestürmt. Das Haustor fiel hinter ihm ins Schloß. Er gab einem riesenhaften Menschen, der mit dem breiten Rücken gegen ihn außen auf den Aufgangsstufen stand, einen freundschaftlichen Rippenstoß. »Platz, Kleiner – Platz! ... Tu' dich nicht hier als Verkehrshindernis auf!« Er lüftete hastig den Hut. »Oh – Verzeihung, Fräulein Altschüler! ... Der Ribbentropp ist so weitläufig gebaut! Ich sah gar nicht, daß hinter ihm noch jemand war!« »Weswegen glaubst du denn sonst, daß ich hier die Tölzer Straße ziere?« Der Riese drehte dem Freund über die Schulter hin das gutmütige Gesicht mit dem kleinen Schnurrbärtchen zu. Das rote Dreieck des Granatsplitters auf seiner rechten Backe schaukelte sich in einem bedeutungsvollen Schmunzeln. »Na – du feixt ja wie ein Schneekönig, Kerlchen!« sagte Bernd, und der andere nickte. »Wenn der Mensch mal an 'nem Tag mit dem richtigen Bein aufgestanden ist ... Erzähl' es ihm, Lisinka!« »Also: Ich habe vom nächsten Ersten ab eine patente Stellung!« berichtete die große, stramme Lisa Altschüler mit ihrer tiefen und starken Stimme. »Als Aufsichtsdame. Ein Posten, wo 'n tüchtiger Kerl ...« »... wie du ...«, ergänzte der Bräutigam. »... auch wirklich vorwärtskommen kann und sich einen Wirkungskreis schaffen! Na – ich spuck' in die Hände! Ich schufte für drei!« »Jetzt schau' nur zu, Paule, daß du inzwischen nicht auch im ›Kolokól‹ die Türe von außen besiehst, wie ich!« »Nee! Ich bin da der Hausknecht aus Nubierlandl Ich bin der starke Mann!« sagte der Hüne gemütlich. »Und ich hab' so gesprächsweise verlauten lassen: Ich bin auch der wilde Mann – wenn man mich reizt –, noch von 'ner Schußverletzung im Krieg her! In dem Zustand – hab' ich vertraulich angedeutet – nehm' ich den Baron an den Beinen und prügel' mit ihm seine eigenen Gäste durch! Seitdem hat der Knabe mit dem Monokel mächtig Manschetten vor mir!« »Na – denn ernähre dich da weiter redlich – solang noch das Lämpchen im ›Kolokól‹ glüht! Kinder – ewig kann doch diese Zucht in Berlin – daß das Geld nischt wert ist und mit all den bummelnden Ausländern und den Lotterlokalen die ganze Straße lang, und daß ein anständiger Deutscher 'nen Dreck was für seine ehrliche Arbeit kriegt – ewig kann das doch nicht dauern! Das ist ja wie auf dem Blocksberg! Da muß doch mal der Hahn krähen, und es wird Tag!« »Bei mir schon diesen Herbst!« sprach Paul Ribbentropp. »Da hab' ich mein letztes Semester auf dem Polytechnikum hinter mir und steige ins Examen. Und sobald ich da die Professoren durch meine Kenntnisse beschämt habe – dann – das ist das zweite günstige Ergebnis des heutigen Tages – eröffnet sich mir schon jetzt die Aussicht auf eine probeweise Tätigkeit – hier in Berlin. Und wenn sich das macht, und ich fass' da festen Fuß ...« »Na – wo du hintrittst ...« »... dann ... so allmählich ... so peu à peu wie's Donnerwetter ... was, Lisinka?« »Also schon jetzt meinen herzlichen Glückwunsch zur künftigen Frau Tiefbau-Ingenieur oder Frau Professor, gnädiges Fräulein!« sagte Bernd Vollbrecht zu der Apothekerstochter aus Cherson. »Aber nun bitte ich Sie inständig um einen großen Dienst! Sie wissen nicht, was für ein gutes Werk Sie damit tun: Ich komme eben von Ihrer Kusine Luja oben ...« »... verwünscht schwer zu erraten ...«, murmelte der Riese. »... haben Sie acht auf die Luja, Fräulein Altschüler! Gehen Sie ihr nicht von der Seite.« »Wie soll ich denn das? Das Baby ist ja bei mir ausgewandert! Sie wohnt jetzt am Ende vom Gang – bei dem neuen Springfloh da – der Gräfin ...« »Verhindern Sie Luja, heute abend das Haus zu verlassen ...« »Die Borissowski – die amüsiert das ja, wenn das Kind bei Nacht und Nebel nach Berlin hinausläuft und morgens von der Polizei auf dem Schub heimgeschickt wird. ›Serr gutt!‹ sagt sie ... ›Kinstlerin muß sich auslebben!‹ Wie soll ich denn da bei der Luja die Gouvernante spielen ...?« »Sie müssen ... nur heute abend ... diesen einzigen Abend ...« »Die Luja ist ja wie ein aus dem Kasten entwischter kleiner Affe! Ich bin dem Fräulein viel zu philiströs! Ich kann sie nicht hinter Schloß und Riegel halten ...« »Versuchen Sie es durch Bitten ... durch Zureden. Es steht so viel auf dem Spiel! – Tun Sie Ihr Bestes ... Mein Gott, ich stehe da und schwatze ... Und die Zeit drängt ... Auf Wiedersehen!« Der Nachtportier und die Galoschenverläuferin blickten verdutzt dem bisherigen Weinkellner nach, der die Tölzer Straße hinablief. Es war an deren Ecke keine Haltestelle der Elektrischen. Aber Bernd Vollbrecht hatte jetzt schon von den Russen in Berlin gelernt. Er stellte sich einfach an den Schienenstrang, schwenkte, als ein Wagen nahte, vielsagend ein paar Tausendmarkscheine in der erhobenen Hand, stieg vorn neben den verständnisvoll stoppenden Fahrer, gab ihm sein Trinkgeld, sprang drunten im neuen Westen wieder ab, eilte die hundert Schritte bis zum Yorkplatz. Es war inzwischen volle Nacht geworden. Die Fläche lag öde und dunkel. Der Märzwind schüttelte die verschwommenen Schattenrisse winterkahler Bäume. In den spärlichen Lichtkreisen einzelner Laternen gingen wenige Menschen ihres Weges – kamen aus der Finsternis –, verschwanden in ihr. Der Fürst Wolski war nicht unter ihnen. Auch sonst konnten nirgends auf dem Platz – hinter keinem Baumstamm – hinter keinem der paar haltenden Autos – in keinem Hauswinkel – auf keiner Bank Bernds Augen die lange, schmächtige, elegante Petersburger Gestalt entdecken. Er wiederholte, zwei-, dreimal seinen Rundgang. Er blieb stehen und schaute zu der Pension »Luna« hinauf. Ein Teil der Fenster im dritten Stockmerk war hell. Auch das fünfte von der Ecke – der Student zählte es ab –, an dem er vor zwei Stunden Serge Ssilin gesehen hatte. Der Edelmann von Laskarew war also zu Hause. Er saß dort oben. Und unten der Fürst fehlte ... Noch einmal umschritt der Studiosus Vollbrecht den Platz. Er spähte in alle Seitenstraßen. Umsonst. Der Knjäs hatte seinen Beobachtungsposten aufgegeben. Wie ihn finden? Bernd Vollbrecht stand – überlegte: Wenn der Petersburger große Herr aus irgendwelcher Laune hier plötzlich auf der Hinterhand kehrtgemacht hat, dann konnte er mir nicht auf der Bank da oder auf dem Boden Botschaft hinterlassen, was nun weiter geschehen soll! Es gibt nur einen einzigen Ort in Berlin, wo ich Nachricht von ihm kriegen kann, das ist sein Hotel! Er hat sich wahrscheinlich gedacht, daß ich von selbst so gescheit sein werde, ihn dort aufzusuchen ... Aber auf das Klopfen an die Zimmertür in dem luxuriösen Ritz-Hotel antwortete von innen eine Frauenstimme: »Errein!« Anna Borissowski, die Tänzerin, saß da mit gekreuzten Beinen wie eine Odaliske auf dem Diwan, eingehüllt in blaue Nebel von Zigarettenrauch, mit dem sie das Gemach vollpaffte. Sie hob den aschblonden, schicksalserfahrenen, nicht mehr jungen Kopf mit den klugen Augen und blähte lebhaft die Nasenflügel, aus denen eine neue Papyrossenwolke quoll. »Weiß ich denn, wo Cousin meiniges ist?« sagte sie und hielt dabei dem jungen Mann die Hand zum Kuß entgegen. »Ich weiß nicht! Sitze hier! Warte! Zeit verrinnt!« »Aber wo kann Ihr Vetter denn nur sein, Gräfin?« »Vielleicht schon tott!« Die Russin zuckte fatalistisch die Achseln und blies kunstgeübt einen Ringel. »Um Gottes willen ...« »Warum nicht tott!? Ssilin sieht ihn von Fenster. Telephoniert! Schickt ihm Menschen von hinten – in Dunkelheit – leerer Platz ... Schlagg in Genick – Kanal nahe – odder Gebüsch ... Fort ...« »Und das sagen Sie so pomadig?« »Was ist Tott – was ist Lebben?« Ein neues Streichholz flatterte drüben an der flüchtig gedrehten Papyros. »Wie viel Menschen sind tott! Wie wenig Menschen lebben! Tott ist natürlicher als Lebben. Ich komme aus Rußland ...« »Das wäre ja aber schrecklich ...« »Lebben ist schrecklich! Kann sich auch sein, daß Cousin Pawel lebbt!« »Na hoffentlich doch! Das wäre ja noch schöner!« Der Student schritt verwirrt auf dem Teppich hin und her. »Aber was soll jetzt geschehen?« »Haben Sie Cousin meiniges nicht versprochen, Yorkplatz zu sein?« »Ja!« »Und sind hier? ... Wie denn? ... Verläßt Soldat Posten? Sie müssen Yorkplatz ...« »Ja. Ich mache, daß ich wieder hinkomme!« »... und Yorkplatz warten! ... Warte ich hier! ... Wenn Pawel noch lebbt – kommt er so – oder kommt er so – er findet mich – oder findet Sie! ...« Der Student Vollbrecht näherte sich wieder dem Yorkplatz. Seine Blicke flogen, den menschenleeren Bürgersteig hinab, seinen Schritten voraus über das große, dunkle, stumme Stück Schatten zwischen den hellen Fensterreihen der hochherrschaftlichen Mietskasernen im Viereck ringsum. Es hatte sich da nichts geändert. Immer noch zischelte der Wind in den kahl gespreizten, schwärzlichen Baumkronen, glommen einige gelbliche Glühwürmchen von Laternen in der Nacht, glotzten unter ihnen die weißen Augenpaare eines halben Dutzends schläfrig harrender Autos. Die ganze Breite des Platzes trennte sie von der Pension »Luna« auf der gegenüberliegenden Seite. Dort, im dritten Stockwerk, war das fünfte Fenster von rechts noch immer matt erhellt ... Ssilin daheim ... Und Wolski? Nein – Bernd schaute rechts und schaute links – von dem Fürsten keine Spur ... Überhaupt kaum ein Mensch in Sicht. Da und dort einmal ein huschendes Geschäftsfräulein – ein dicker Herr – ein paar Buben. Sie liefen um die Straßenecke. Nun war niemand mehr auf dem Platz als die Chauffeure, die als unförmige Klumpen von dicken Mänteln und hohen Stiefeln neben ihren Wagen standen und schwatzten. Und dann da ein junges Mädchen ... klein und zierlich ... in flatterndem Mäntelchen ... eine Mütze auf dem Kopf ... Sie war aus einer Seitenstraße drüben aufgetaucht – flink und gelenkig – fast im Trab – sie flatterte, das Köpfchen gesenkt, schattenhaft flüchtig wie eine Fledermaus in der Nacht – quer über den Platz – schräg auf die Pension »Luna« zu ... Luja ... ? ... Warum sollte das gerade Luja sein? Es gab viele Tausende solcher leichtfüßigen jungen Dinger in Berlin ... Man konnte ja das Gesicht noch gar nicht sehen ... Der Student redete sich das ein und lief doch, was er konnte, so daß seine Wegrichtung die des fremden Fräuleins kreuzen mußte. Jetzt schlüpfte sie gerade durch den Rundschein einer Laterne. Er war schon ziemlich nahe. Er kannte dies feine, kindliche Profil einer griechischen Gemme, das sich ein paar Augenblicke, wie mit der Schere geschnitten, in dem gelblichen Oberlicht der Laterne von dem schwarzen Hintergrund der Nacht abzeichnete ... Er wagte nicht zu rufen, um nicht unnötig Aufsehen zu erregen. Die Chauffeure drüben lugten ohnedies schon neugierig nach dem wie ein verfolgter Ladendieb über den Yorkplatz rennenden jungen Mann. Er maß, im Laufschritt durch das Dunkel, die Entfernung, die ihn von Luja trennte. Er konnte ihr nicht mehr den Weg abschneiden. Sie überquerte schon, vor ihm, den Fahrdamm vor der Pension »Luna«. Aber noch war nichts verloren! Er sagte es sich keuchend: Bis Luja drüben am Eingang für Herrschaften auf den Knopf drückte – bis man ihr aufmachte, stand er schon neben ihr ... Aber da ... die Kleine hatte gar nicht erst geläutet ... sie hatte sich in ihrer Ungeduld aufs Geratewohl mit ihrem geschmeidigen Figürchen gegen das Haustor gestemmt – sie hatte Glück: Ihr Vorgänger – wahrscheinlich irgendein nonchalanter Ausländer aus der Pension oben – hatte das Tor nicht ganz ins Schloß fallen lassen. Es war nur angelehnt. Es gab nach. Der dunkle Mädchenschatten im Mützchen und Mäntelchen huschte hastig aus der Nacht draußen durch den Spalt ins Haus. Eine Hand klinkte von innen mit einem nervösen Ruck zu. Nun war der Eingang wirklich gesperrt, und der Student Vollbrecht stand noch, außer Atem von dem Dauerlauf, drüben auf der anderen Seite der Straße. Er setzte den Fuß auf ihren Asphalt. Das unwirsche Blöken einer Hupe warnte ihn. Ein Auto rollte heran. Hielt vor dem Haus. Ein Herr stieg langsam aus dem Innern, stand vor dem Wagen, reichte dem Chauffeur ohne hinzusehen, in Gedanken verloren, eine Handvoll Papiergeld, ging langsam, schwerfällig, geistesabwesend auf das Tor zu. Er zog einen Schlüssel aus der Tasche. Er wohnte da. Bernd Vollbrecht folgte ihm bis an den Eingang. Jetzt kam er, hinter diesem Unbekannten her, ohne Zeitverlust in das Haus! Er hielt sich nur einen Schritt von ihm entfernt. Plötzlich wendete der Fremde, während er den Drücker in das Schloß schob, mißtrauisch spähend das bleiche Antlitz über die Schulter rückwärts: die lange, kolbige Nase – den breiten, wulstigen Mund – die wimperlosen Augen ... Der Student erkannte Serge Ssilin ... Und der hätte auch ihn bemerken müssen, so rasch der andere auch in den Schatten der Rückwand des Autos zurücksprang, dessen Chauffeur noch umständlich vorn auf dem Bock sein Fahrgeld verstaute. Aber der Mann aus dem Osten schien zu zerstreut. Sein Blick nach hinten war offenbar nur eine mechanische Gewohnheit gewesen. Er öffnete seufzend das Tor. Trat ein. Es fiel zu. Das Auto ratterte und surrte davon. Dann war alles still und leer, und Bernd Vollbrecht fröstelte immer noch draußen unter dem dunklen Nachthimmel im Märzwind, der kalt um die Ecke pfiff. Ein Gedanke nur in ihm: Luja ist drinnen in dem Haus! Der Kerl geht in den Tod, ohne es zu ahnen – in den Tod durch ihre Hand ... Luja gerät ins Unglück – kommt vor Gericht – als Mörderin – ist mir für immer verloren ... Luja ... Luja ... Der Student sprang gegen das Tor ... Er trommelte in seinem Entsetzen mit den Fäusten wider das Holz ... Er drückte aus Leibeskräften auf den Klingelknopf – er keuchte fiebernd: »Luja! ... Luja! ...« durch die geschlossene Türwand ... »Luja! ...« Er verstummte. Er horchte. Kein Laut. Nun, jäh – er fuhr zurück – von innen ein leiser Schreckensschrei ... nicht Ssilins rauhe Reibeisenstimme ... Der Aufschrei einer Frauenkehle ... Nur ein einziger, kurzer Ton ... Dann wurde alles still. »Luja ... Luja ... hörst du mich nicht?« Keine Antwort. »Luja ... Ich bin es ... Bernd ...« Nichts regte sich. »Luja ... um Gottes willen ... mach' auf!« Leise lüftete sich das Tor. Aber nicht von einem Handgriff an der Klinke innen, sondern von dem kurzen Ruck des Klingelzugs, mit dem der Pförtner, von der Werkstatt im Hof aus, über seine Schuhflickerei gebückt, die Haustüre bediente, ohne sich viel um die Ein- und Ausgehenden zu kümmern. Bernd Vollbrecht preßte sich ungestüm durch die schwere Pforte. Er stand im Flur. Vor ihm stieg steil, mattbeleuchtet, die teppichbelegte Treppe des Herrschaftshauses empor. In der Mitte ihrer Stufen kauerte auf dem Läufer eine Mädchengestalt in braunem, dürftigem Mäntelchen, wie ohnmächtig in sich zusammengesunken, das schwarze Köpfchen mit der herabgerutschten Mütze gegen die Wand gelehnt. »Luja ...« Der Student sprang drei Stufen auf einmal hinauf. Er faßte die kleine Büttner an den eiskalten Händen. Er lupfte sie in die Höhe. Sie ließ sich willenlos von ihm auf die Füße stellen. Er sah: sie war ganz bei sich. Aber das seine, weiße Gesicht schien von einer starren, ungläubigen Verzweiflung versteinert ... »Luja ... Was ist geschehen ... ? ...« »Ich weiß es nicht ...«, sprach die Kleine mit leeren Augen. »Aber du mußt mir doch sagen können – was ...« »Nichts ... Es ging so plötzlich ... Ich begreife es nicht ...« »Luja ... sieh mir ins Auge ... gestehe es mir ... hast du dich an Ssilin vergriffen?« Luja Büttner schaute den Studenten an und schwieg. »Hast du ihm hier aufgelauert ...? ihn unversehens angefallen? ... Ich hab' doch deinen Schrei gehört ... Luja ... sprich ...« »Es ist alles aus ...« »Hast du Ssilin getötet ...?« »Es ist alles ... alles aus ...« »... oder was ist hier passiert? Wo ist Ssilin?« »Die Treppe hinauf ...« »Verwundet ...?« »Ach nein! ... Nun ist's zu Ende ...« »Du hast ihn nicht getroffen?« »Dies war die letzte Gelegenheit ... Sie ist vorbei ...« »Hast du nicht deinen Dolch bei dir?« Ja.« »Hast du nicht damit nach Ssilin gestochen?« »Nein!« »Wolltest du ihn nicht angreifen?« »Doch!« »Warum tatest du es nicht?« »Es ... Es ...« Luja Büttner schaute wie eine Nachtwandlerin um sich. »Mein Kopf ist verwirrt ... Bernd ... Habe ich das geträumt?« »Was denn? ... Luja! Rede zusammenhängend! Du tratst in das Haus! Gleich hinter dir Ssilin! ... Du mußt noch hier im Flur gewesen sein, als er kam ...« »Da, wo ich jetzt bin ... auf der Treppe ...« »Und er?« »Er ist langsam heraufgestiegen! Ich hab' dagestanden! Ich hab' ihn erwartet! Ich hab' gelächelt! Ich habe gedacht, er wird außer sich sein vor Freude, wenn er mich sieht! Er hat mich doch beschworen, ihm ein Stelldichein zu geben! Er hat mir geschrieben, er sei mein Sklave! Er hat mir den Himmel auf Erden versprochen!« »Weiter! Weiter!« »Er sieht mich! Ich trete auf ihn zu und strecke ihm die Hand entgegen ...« »... mit dem Dolch ...?« »Da war doch kein Dolch – hier – im Hausflur, wo jeden Augenblick jemand kommen konnte ... Der Portier in der Nähe ...« »Wirklich kein Dolch ...?« »Hier noch nicht. Ich hatte doch noch Zeit ... Stunden ... Ich wollte die beste Gelegenheit abwarten – oben – wenn er sich über seinen Koffer bückte – mir den Rücken drehte. – Ich wollte ihn vorher ganz sicher machen ... Darum habe ich gelacht, wie er auf mich zukommt! Er aber ...« »Er ...?« »Sein Gesicht ist bleich vor Zorn ... unheimlich verzerrt ... Er zeigt mir die Zähne.« »Er hat geahnt, was du vorhattest ...« »Er sagt zwischen den Zähnen zu mir: ›Pascholl, du schwarze Hexe!‹ und packt mich an den Schultern und schleudert mich gegen die Wand, mit dem Kopf an die Mauer! Ich bin hingefallen! Er hat mich liegenlassen und ist die Treppe hinaufgestiegen. Ich war betäubt. Ich hab' mich allmählich aufgerichtet ... Da bist du gekommen ...« »Luja ... komm – ich werde dich die Treppe hinunterführen ... ich halte dich ... Luja: Ist das wirklich wahr, was du da erzählst ...?« »Ach – wäre es doch nicht wahr! ... Alles ist verloren ...« »Luja ... wenn es wahr ist, dann danke deinem Herrgott, daß er dich gerettet hat – durch den plötzlichen, unbegreiflichen Koller dieses rohen Patrons!« Bernd Vollbrecht geleitete das junge Mädchen durch das Tor. Die kalte Abendluft schlug ihnen entgegen. »Mir fällt ein Stein vom Herzen! Mir ist es noch wie ein Wunder!« Luja Büttner erwiderte nichts. Sie ließ sich wie ein kleines Kind von ihm über den Fahrdamm führen. Er sprach ihr tröstend zu. »Später ... Wenn du ruhiger geworden bist, Luja – dann wirst du selber einsehen, wie gut das Schicksal es mit dir gemeint hat ... Luja! ... Was hast du auf einmal?« »Lasse mich! Lasse mich!« »Was willst du denn?« »Fort! ... Fort!« »Wohin?« »Ins Wasser ... Drüben ist der Kanal ...« »Warum denn ins Wasser?« »Alles ist hin! Mein Leben ist zu Ende! Nie wird Mischa gerächt.« »Luja ...« Der Student rang atemlos mit dem jungen Mädchen. »Wo nimmst du denn auf einmal diese Kräfte her?« »... weil ich verzweifelt bin! Dies war die letzte Hoffnung! Es kommt keine mehr ... Laß mich ins Wasser!« »Luja ... Die Leute laufen ja zusammen!« »Er reist ja fort!« Luja Büttner schrie es wild auf, sich gegen die stärkeren Arme des jungen Mannes wehrend. »Er reist heute noch ... in ein paar Stunden ins Ausland ... Ich finde ihn nicht wieder – in Europa, mit seinen unzähligen Namen und Gestalten ... Jetzt war die große Stunde da – ich hatte ihn vor mir – zum Greifen vor mir – da wirft er mich zu Boden und geht fort ... Ich will auch fort ... Ins Wasser ...« »Luja ...« »Was geht es dich an, wohin ich gehe ...?« »Wat ist denn mit dem Mächen los?« Ein Haufen Gaffer stand rund herum. Ein Chauffeur erklärte heiser: »Die hat's mit die Nerven! Die kam aus dem Haus da 'raus!« »Mit dem jungen Mann?« »In dem Haus ist irgendwas passiert ...« »Da machen sie ja ein Fenster auf – im dritten Stock ...« »Da noch eins ...« »Sie stecken die Köppe 'raus! Sie rufen was!« »Polizei!« kreischte oben aus dem hellen Viereck eine schrille weibliche Stimme. »Mord ...« dröhnte es aus dem Fenster daneben. Es war der Baß eines Mannes. »Schnell 'nen Doktor!« »Mord?« frugen unten wirre Stimmen, als hallte ein dutzendfaches Echo von den Hauswänden wider. »Es ist ein Russe bei uns ermordet! ... Polizei ... Er liegt in den letzten Zügen ...« »Mord ... Mord ... Sie haben eenen umjebracht!« schrie es. Überall in den Häusern klirrten Fenster auf. Beugten sich die Oberkörper von Menschen in die freie Luft hinaus. Die Tore öffneten sich. Männer mit bloßen Köpfen traten neugierig auf den Bürgersteig – glückselig entsetzte Hausgehilfinnen in weißen Schürzen – aufgeregte Frauen aus dem Volk, Umschlagtücher auf den Schultern. Herren und Damen standen auf den Balkons und schauten voll Interesse hinüber. Über den dunklen Yorkplatz hin, aus den auf ihn mündenden Straßen, klapperte das hundertfache Trappen hastender Menschenschatten. All dies Leben in der Nacht lief atemlos auf die Pension »Luna« zu. Vor dem Haus staute sich, in abgerissenen Rufen, ein reißend wachsender Menschenschwall. Von oben, aus einem hellen Fenster, zeterte durchdringend eine hysterische ältliche Frauenstimme: »Polizei! ... Polizei ... Sonst kommt uns der Mörder aus! ... Wir haben ihn hier oben eingesperrt ...« »Haste jehört – Mutter: Der Kunde sitzt schon! ... Kiek' 'mal, Fritze ... Na – dem sollen sie man die Rübe abhacken! ... Wat denn? Wat denn? Du denkst woll, weil det 'n Ausländer is! 'n Russe ist auch 'n Mensch ... Aber det war der olle Fassadenkletterer ... der von neulich ... Nee – det is Politik ... det machen so die Russen – unter sich ...« In dem Durcheinander des Volksmundes faßte der Student stürmisch aufatmend Lujas beide Hände. Seine blauen Augen leuchteten. »Luja ... von da oben brüllen sie, sie hätten den Mörder ...« »... sie hätten den Mörder...« Luja Büttner wiederholte es, so, als redete sie unverständliche Worte nach – in einer fremden Sprache ... »Luja ... Wenn die Geschichte also da oben passiert ist, ach – ich bin ja so glückselig ...« »Ssilin stirbt ...« Luja Büttner sprach es wie im Traum vor sich hin. Ihre Augen begannen irr zu leuchten. Ihr kleines, weißes Gesicht zuckte. »Wenn sie oben den Täter haben – dann warst du hier unten es nicht! ... Ich habe es dir bisher nicht geglaubt ... Verzeih' ... Kein Wort hab' ich dir geglaubt von der Räubergeschichte, daß dich Ssilin da drinnen an die Wand geschmissen hat! Aber nun ... Nun warst du es wirklich nicht ... Gott im Himmel sei Dank ... Sag' mir noch einmal, daß du es nicht warst ...« »Wenn Wünsche töten können ... oder Gedanken töten können ... Dann bin ich's gewesen ...!« sagte Luja Büttner geistesabwesend, als spräche aus ihr ein fremder Mensch. »So aber war ich es nicht! ... Ein anderer war das Werkzeug für das, was ich gewollt hab' ... Ein anderer ... dort oben ... Ich kenne ihn nicht ...« »Ich kann mir jetzt lebhaft vorstellen, wer dir da zu deinem Glück zuvorgekommen ist ...« Der Student spähte zu den hellen, dicht von rufenden und winkenden Menschen gefüllten Fenstern der Pension hinauf. »Was verkünden sie da oben?« »Der Russe ist tot!« schrie es aus dem dritten Stockwerk. »Wo steckt denn die Polizei? Wozu zahlt man denn die Steuern?« Und unten ein wirres Halloh: »Da kommt endlich 'n Jrüner! ... Dalli – Herr Wachtmeister! ... Da oben ist 'n Mörder! ... Der möcht' Sie mal 'n Moment sprechen! Uff ... nu turnt die Obrigkeit die Treppe 'rauf ... Nu kommt die Jeschichte ins Lot!« Unten, am Hauseingang, bildeten der alte Portier in grüner Schusterschürze, seine handfeste Ehehälfte, ein paar erwachsene Töchter ein Bollwerk gegen die hinter dem Schutzmann nachdrängende Menge. Bernd Vollbrecht rief Luja zu: »Warte hier auf mich!« Er quetschte sich an die Pförtnerfamilie heran, er sprudelte ihr mit nervösem, slawischem Händegefuchtel einen Schwall unverständlicher russischer Worte ins Gesicht und deutete in die Höhe. Sie hielten ihn für einen der Ausländer, der oben in dem Fremdenheim wohnte. Sie ließen ihn durch. Er stürmte die Treppe hinauf in die Pension »Luna«. Die Flurtüre stand offen. Die Diele war voll von herumstehenden Engländern, Amerikanern, Japanern, Spaniern. Sie tauschten in einem Sprachgewirr von Babel ihre Meinungen aus. Viele konnten überhaupt kaum ein Wort Deutsch. Keiner wußte recht, was geschehen war. Dienstmädchen rannten wie die gescheuchten Hühner hin und her. Die graugelöckelte, in schwarze Seide gekleidete Pensionsmutter, die wie eine alte Oberhofmeisterin aussah, saß verstört und kurzatmig, ein mit Kölnischwasser getränktes Tuch an der Nase, als Hüterin vor der offenen Doppeltür eines Salons. Gepackte Koffer standen drinnen auf der Parkettfläche. Neben dem Schreibtisch bauschte sich am Boden ein hastig hingebreitetes, stark gebrauchtes Tischtuch in Falten über den Umrissen einer stillen, regungslos darunter ausgestreckten Gestalt. Am Fenster stand, an die Brüstung gelehnt, die Hände halb in den Taschen, nachlässig ein Bein über das andere geschlagen, ein langer, schmächtig-eleganter Herr mit slawisch-schwermütigem Gesicht und seltsam starren Augen. »Ich gebe zu, daß der Schein gegen mich spricht!« sagte er zu dem Schutzmann vor ihm, in reinem und fließendem Deutsch, dessen Klangfarbe allein den Russen verriet. »Trotzdem trifft mich keine Schuld! Deswegen blieb ich ruhig in diesem Zimmer, um mich nicht durch einen Fluchtversuch verdächtig zu machen. Die jungen englischen Gentlemen dort im Flur hätten nicht nötig gehabt, die Türe bis zu Ihrer Ankunft zu bewachen.« »Warum betraten Sie das Zimmer?« »Mein Gott – weil ich mit seinem Bewohner dringend eine Unterredung wünschte!« Fürst Wolski zuckte gleichgültig die Achseln. Er erkannte unter den draußen auf dem Korridor Stehenden den Studenten Vollbrecht und winkte ihm unmerklich mit den Augen zu. »Ich wußte, daß der Herr, der hier am Boden liegt, mir freiwillig diese Unterredung nicht gewähren würde. Ich wartete daher vor dem Hause, auf dem Platz draußen. Ich wollte ihn da abfangen, wenn er quer über den Platz ging, um nach seiner Gewohnheit eines der drüben haltenden Autos zu nehmen! Aber dieser Fuchs war schlau. Er lauerte innen, hinter dem Haustor, bis ein leerer Wagen vorbeikam. Öffnete, winkte zu halten, sprang hinein, fuhr mir vor der Nase davon. Nun beschloß ich, ihn oben in seinem Zimmer zu erwarten!« »Ja ... und da klingelte er denn – schon vor ein paar Stunden!« mischte sich die erschöpfte Pensionsinhaberin mit leidender Stimme ein. »Und wollte Herrn von Laskarew sprechen. Er sei ein Freund von ihm – ein Fürst ... irgendein Fürst – ich weiß nicht mehr, was für ein Fürst ... russische Fürsten sind ja jetzt billig wie die Rüben auf dem Markt ...« »Hier meine Ausweise, Herr Wachtmeister, daß ich ein Wolski bin! In Rußland weiß man, was das heißt ...« »... ich sagte, der Herr von Laskarew reiste ab und käme jedenfalls vorher noch wieder, um seine Koffer zu holen!« fuhr matt die alte Dame in schwarzer Seide fort. »Der Herr hier wollte in dem Salon des Herrn von Laskarew warten. Gut – ich schöpfte keinen Argwohn. Es geht bei mir mit den Ausländern zu wie im Taubenschlag. Ich kann ihnen nicht ansehen, wer sie sind. Ich kann nicht an drei Orten zugleich sein. Ich war nicht auf dem Flur, als Herr von Laskarew heimkam. Ich konnte ihm nicht melden, daß drinnen in seinem Zimmer jemand sitze. Er tritt ahnungslos ein. Gleich darauf hören wir ein paar heftige Worte auf russisch. Es kracht ein Schuß ...« »... aus dem Revolver, der da auf dem Teppich liegt?« forschte der Polizist. »... und der nicht mir gehört!« ergänzte der Fürst gelassen. »Herr von Laskarew kam taumelnd, halb bewußtlos, herein. Ich dachte, er sei betrunken. Ich trat rasch hinter einer Portiere hervor ihm entgegen. Ich sagte: ›Geben Sie mir meine Briefe zurück, die Sie als Schuft und Verräter besitzen!‹ Als Antwort holte er lallend einen Revolver heraus, drückte ziellos ab. Ich entriß ihm die Waffe. Mit Leichtigkeit. Es war kaum ein Ringen. Er fiel aus meinen Armen wie ein Sack zu Boden. Fing an zu röcheln. Verdrehte die Augen. Starb – ohne Bewußtsein – nach fünf Minuten – jetzt eben ...« »Woran?« »An einer Wunde, die er mitgebracht hat – und offenbar ganz kurz vorher empfangen ...« »Von wem?« »Wie soll ich das wissen? Nun begriff ich, daß er sich, schon fast ohnmächtig, in das Zimmer geschleppt hat.« »Und Sie erwarten, daß man Ihnen das glauben soll?« »Ich kann nicht mehr sagen!« »Da kommt der Polizeileutnant!« Der Reviervorsteher, ein paar Schutzleute hinterher, bahnten sich eine Gasse durch das Ausland im Flur. Der Student Vollbrecht wurde zur Seite gedrängt. Er hörte nur von innen eine starke und laute, an den Fürsten Wolski gewandte Stimme: »Man hat Sie hier auf frischer Tat ergriffen! Sie sind verhaftet!« 20 Der Student Vollbrecht schob sich mit schonenden Ellbogenstößen zwischen Yankees, Japs, Mijnheers, Levantinern, Kreolen durch den Flur der Pension »Luna« der offenen Türe zu. Der vertrocknete alte Mr. MacTilloch, den er auf die Hühneraugen getreten, murmelte erschüttert hinter ihm her: »Ich bin traurig zu sehen, Herr, daß ein Gentleman in diesem Augenblick noch lächeln kann!« Der junge Deutsche wandte sich um und schaute ihn strahlend an. Er sprang in federnden Sätzen die Treppe hinab. Die war, in den oberen Stockwerken, still und leer. Von unten schallte verworrenes Geschrei aus dem Stiegenhaus, strudelten Köpfe. Die beiden Sipos, die das Haustor hatten schließen sollen, waren vom Hof her durch einen Stoßtrupp eingedrungener Neugieriger im Rücken umgangen worden. Sie hatten sich auf den ersten Treppenabsatz zurückgezogen und kämpften von da gegen den die Stufen aufwärtsflutenden, halb geschobenen, halb drängenden Menschenschwall. Sie konnten es nicht verhindern, daß Bernd Vollbrecht sich ganz dünn machte und von hinten her in dem Geschiebe und Gestoße der gegeneinander gepreßten Körper an ihnen vorbeiquetschte. »Halt! ... Halt! ... Es darf niemand von oben hier durch!« »Sie haben den Mörder ja dort längst geklappt, Herr Sipo!« schrie der Studiosus Bernd, bereits im Getümmel ein paar Stufen abwärtsgerissen. Er strebte weiter in die Tiefe. Er landete unten, noch im Hause, vor dem offenen Tor. Weiter konnte er nicht. Von hier ab stauten sich die Leute, auf den Bürgersteig und Fahrdamm hinaus, wie die Mauern. Der ganze Yorkplatz war nur noch, im Dunkel, ein großer, dumpf lärmender, wellenbewegter, schwarzer See von vielen Hunderten von Hüten und bloßen Köpfen, über dem aufgeregt die paar Laternen funkelten. Und da – dicht vor sich – innen im Haus – neben dem Tor – im dicksten Gedränge – da sah Bernd Vollbrecht das zerknutschte Reisemützchen auf dem zarten, brünetten Kinderkopf. Die kleine Büttner hatte sich zäh bis hierher durch den Volksauflauf vorwärtsgearbeitet. Ihr Freund steuerte auf sie zu, das elastische Auf und Nieder des an den Sipos oben brandenden menschlichen Wellenschlags benutzend. Er wurde jählings von hinten gegen Luja gedrückt. Seine frischen Züge und das seine, weiße Antlitz vor ihm berührten sich fast. Aufgerissen flackernd drüben die grünblaunen Augen. Leidenschaftlich offen der weiche Kindermund. Heiß der Atem zwischen den kleinen, weißen Zähnen: »Ist Ssawa Kol tot?« »Na und ob! Der ist erledigt!« »Hast du ihn gesehen?« »Er liegt der Länge nach mausetot auf dem Boden! Der Fürst Wolski hat ihn erschossen!« »Mischa ...« Die kleinen Fäuste lösten sich von der Messingstange und falteten sich, vor die Brust erhoben, zu einem wilden Stoßgebet. »Mischa ... er hat dich gerächt ...« »Komm jetzt heraus hier, Luja ...« »Warum hat er es tun dürfen, Mischa ...?« »Halte dich an mir fest, Luja! Wir wollen schauen, wie wir uns in die freie Natur hinausdrängeln ...« »Mischa ... Mein Mischa ...« »Vorwärts doch!« rief der Student ungeduldig. »Warum war ich nicht gewürdigt, dich zu rächen, Mischa?« »Lobe deinen Schöpfer im Himmel, daß es der Wolski statt deiner getan hat!« »Mein Mischa da oben – wirst du mir verzeihen, daß ich zu schwach war?« »Herrgott – Ssilin ist tot ... Das ist die Hauptsache!« Bernd Vollbrecht versuchte, das junge Mädchen durch eine Menschenlücke hindurchzulotsen. Aber sie blieb stehen. Ihr alabasternes Gesichtchen rötete sich in einem blinden Rausch der Rache. Sie schloß halb die Augen. Sie legte den dunklen Kopf zurück, um im Geist nach oben zu schauen. Ihr kleiner Mund öffnete sich verzückt: »Hast du gehört, Mischa? ...« »Marsch ... Marsch, Luja!« »Mein Gelöbnis hat sich doch noch erfüllt! ... Mischa ... mein Mischa ... Dein Mörder ist hingerichtet!« »Wenn man dich so sieht, möchte man wirklich schon beinahe glauben, du wärst es selbst gewesen!« schrie Bernd ärgerlich, eifersüchtig auf den toten Sebastopoler Leutnant, dem starren, kleinen Menschenbild an seiner Seite zu und rüttelte Luja am Arm. »Komm zu dir! ... Halt dich dicht hinter mir! Wir müssen 'raus! Ja, Kuchen! Nun stehen sie alle und rühren sich nicht und glotzen nach oben!« Im leeren Stiegenhaus, oberhalb der Siposperre, beugte sich der erregte Wuschelkopf eines Dienstmädchens über das Geländer. Ihre aufgerissenen Augen suchten unten irgendwo einen Freund. Fanden ihn. Sie legte die roten Hände an den Mund und trompetete mit heller Stimme hinunter: »Willem – nu hör' doch ... Det is er ja jar nich – der Mörder dort oben ...« »Na wat denn? Sie haben ihn doch ...« »Jotte doch – nee! ... Im Zimmer is doch 'n Schuß gefallen! Und wat der tote Russe is – wie sie den eben uffknöppen, da hat er doch weiß Gott 'nen Stich im Leib ...verstehste ...? statt 'ner Kugel ...« Der Student Vollbrecht hörte es. Er brachte kein Wort heraus. Er wandte ganz langsam, zögernd, den Blondkopf. Er sah Luja an. Scheu von der Seite. Nun war sie auf einmal wieder ganz blaß geworden. Ihr Profil still. Ihr Mund fest geschlossen. Er konnte nicht erraten, was in ihr vorging. »Luja ...«, begann er endlich mühsam. »Was bedeutet das?« »Ich weiß es nicht!« »Luja ...« »Ich weiß es nicht!« Sie schüttelte nicht den Kopf, während sie ihre Worte wiederholte. Sie schaute gerade vor sich hin. Sie sprach ganz leise. »Luja ... blick' mir ins Auge ...« Es war, als ob sie ihn gar nicht hörte. Er sah nur, daß der letzte Blutschimmer aus der weichen und vollen, ihm zugewandten Wangenrundung gewichen war. Er wollte die Hand auf ihren Nacken legen, ihr Antlitz zu sich herumdrehen. Aber er konnte den Arm nicht mehr heben, so gewaltsam keilten sich jetzt die Menschen zusammen und preßten ihn und Luja gegen die Wand. Ein ganzer Trupp Schutzmannschaft war draußen von einem Lastauto herabgesprungen und erkämpfte sich den Eingang in das Haus. Ein energischer, schnurrbärtiger Herr, ein dünnes, elastisch wippendes Spazierstöckchen mit Bleiknopf in der Hand, ließ sich von Beamten in Zivil den Weg zur Treppe freimachen. Von oben eilte ihm der Polizeileutnant entgegen. »Die Geschichte ist nicht so einfach, wie ich anfangs telephoniert hab', Herr Kommissar«, rief er. »Der Tote hat 'nen Dolchstich. Weder bei dem vermeintlichen Täter selbst, noch sonst im Zimmer haben wir eine taugliche Waffe gefunden. Aus dem Fenster sie 'rauszuwerfen, hatte er keine Zeit. Die Leute kamen ja gleich herein ...« »Na – vor allem mal die Neugierigen hier 'raus!« »Nun behauptet der Russe oben steif und fest, der andere sei schon schwer verwundet in das Zimmer getaumelt ... schon mit 'nem Andenken von irgendwo draußen her ...« »Wird sich ja zeigen! Soweit wie die Menschen von der Straße herein in das Haus vorgedrungen sind, sind natürlich alle Spuren vertrampelt und verwischt! Das ist ja das alte Elend! ... Aber von hier ab ...« Der Kriminalkommissar blieb neben der Treppenwache stehen und schaute mit einem flüchtigen und geübten, berufsmäßigen Blick durch das leere Stiegenhaus über ihm empor. Gleich darauf trat er interessiert zwei Stufen höher und beguckte die Wand. »Na – also bitte ...« sagte er dann, sich zu den anderen Beamten umwendend. »Was haben wir hier? ... Den Abdruck einer blutigen Hand ... Fünf Finger einer auffallend großen und plumpen Männerhand ... Ganz frisch und feucht ...« »Das stimmt mit der Hand des Toten oben. Der hat 'ne überlebensgroße Handschuhnummer ...« »Der Ermordete hat also offenbar hier unten die Hand auf die Wunde gepreßt gehabt und sich dann mit der Hand im Aufwärtssteigen an der Wand gestützt! ... Er hat also spätestens bereits im Treppenhaus, da wo wir jetzt stehen, die Wunde empfangen!« »...dann wäre der russische Fürst oben ja aus der Sache 'raus!« »Also vor allem nun mal die Schlachtenbummler auf den Trab!« befahl der Kommissar. Ein dunkler Sturzbach von Menschen strudelte unter dem Druck der langsam von innen vorrückenden Tschakos durch das sich schließende Haustor auf die Straße. Bernd und Luja wurden mit im Schwall hinausgeschwemmt. Draußen riß der Student das junge Mädchen mit sich fort, aus dem Geschimpfe, Geschiebe, Gestoße heraus. An den Seiten des Yorkplatzes, wo die Straßenzüge ausstrahlten, lichtete sich das schwärzliche, lärmende, pfeifende Gekribbel. Unter einer Laterne blieb der Jungmann stehen – zwei Schritte von der kleinen Büttner entfernt – so als wollte er ihr nicht mehr nahekommen... »Luja...« sagte er leise und entsetzt. Sie schaute ihm verständnislos in die verstörten, jungen Züge. »Luja... Großer Gott im Himmel...« Sie schwieg. »Luja...« Er dämpfte seine Stimme zum Flüstern: »Jetzt weiß ich es: Du hast Ssilin getötet...« »Nicht ich...« Luja Büttner fuhr sich geistesabwesend mit der Hand über die dunklen Wimpern. »Mir wenigstens solltest du es gestehen ...« »Nicht ich ...« »Ssilin stieg vor meinen Augen aus dem Auto. Trat ins Haus. Warum hat er dich dort an die Wand geschleudert?« »Ich weiß nicht ...« »... so daß du noch betäubt dalagst, wie ich hereinkam ...« »Gott weiß es...« Luja strich sich wieder über die Stirne. »Du hast dich drinnen plötzlich aus der Ecke auf ihn geworfen ... mit einem Schrei ... Ich hab' ihn bis auf die Straße gehört ...« »Ja. Aufgeschrieen hab' ich...« »Du hast zugestoßen – mit dem Dolch, den du bei dir hattest ...« »Nein!« »Du hast gut getroffen!« »Ich wollte, ich hätte...« »Er hat nur noch die Kraft gehabt, dich mit aller Gewalt von sich zu stoßen und die Treppe hinauf zu flüchten... mit deinem Dolchstich im Leib ...« »Nicht mein Dolch...« »Hast du den Dolch in der Tasche? Zeig' ihn mir ... Nein – Zeig' ihn mir nicht ...« Bernd Vollbrecht hielt schnell das schmale Handgelenk drüben fest. »Es könnte es jemand sehen! Dann wirst du verhaftet! Die Menge lyncht dich! Um Gottes willen... Zeig' den Dolch nicht ...« »Ich hab' ihn gar nicht mehr ...« »Wo ist er?« »Ich hab' ihn weggeworfen ...« »Wann?« »Jetzt eben habe ich ihn mitten im Gedräng' auf den Boden fallen lassen...« »Warum?« »Ich brauch' ihn doch nicht mehr! Ssawa Kol ist tot ...« »Durch deine Hand!« »Nein!« »Deine Hand ...« Der Student ließ jäh die Rechte des jungen Mädchens sinken und wich verstört einen Schritt zurück. »Luja... Ich brauche deinen Dolch nicht mehr zu sehen! Ich sehe auch so schon genug!« »Was denn?« »Luja... um Gottes willen... Luja ... Luja ...« »Warum schaust du so auf meine Hand?« »An deiner Hand ist ja Blut...« »Ja... da... richtig... und da auch ...« »Und da sind Blutspritzer vorn an deinem Mantel!« »Das ist Ssawa Kols Blut!« »Und das sagst du ganz ruhig?« »Er ist ja mit blutigen Händen die Treppe hinaufgetappt. Er hat mich vorher unten mit seinen blutigen Händen angepackt ...« »... wie er seinen Teil von dir gekriegt hatte! Da ist sein Blut auf dich gespritzt...« »Es war nicht so. Ich weiß nicht, wie es war ...« »Aber ich weiß es... Komm – schnell... Die Straße hinauf... ehe hier jemand die Spuren bei dir bemerkt ...« »Ich habe Zeit!... Es ist alles geschehen! Ssawa Kol ist tot!« »Nach Hause... Alles wegwaschen, damit kein Verdacht auf dich fällt ... Ich bring' dich heim...« »Es tut nicht not ...« »Es ist der letzte Liebesdienst, den ich dir erweise! Dann ... Luja ... Dann kann ich nicht mehr ...« »Verlange ich etwas von dir?« »Dann trennen sich unsere Wege... für immer...« »Wie du willst, Bernd ...« »... und wenn mir das Herz bricht... aber das geht über meine Kraft... Das Blut steht zwischen uns, Luja...« »Wenn du das glaubst – nun – so lasse mich ...« »Ich hab' dich geliebt... Ich lieb' dich... Aber ich bin ein ehrenhafter, junger Kerl... Es gibt einen Punkt, da hört für einen Menschen, der so wie ich erzogen ist und so wie ich denkt, alles auf.« »Geh, kleiner Bernd...« »Mit einer Mörderin habe ich nichts gemein! Davor graut es mir!... Du rückst mir in weite Ferne...« »Geh nur – geh!... Ich habe es dir oft genug gesagt, daß ich es nicht war. Ich sage es nicht noch einmal...« »Du eine Mörderin... Luja... du ...« »Lasse mich meines Wegs allein gehen!... Ich finde ihn schon! Ich brauche deinen Schutz nicht!... Und Ihren auch nicht, Gritsch!... Immer sind Sie da, wenn man nicht nach Ihnen begehrt!« Die Straße, an deren Schnittpunkt mit dem Yorkplatz die beiden miteinander flüsterten, lief vor ihnen lang und gerade mit zwei flimmernden Laternenreihen in die Nacht hinaus. Lose Gruppen aufgeregter Leute standen auf ihr noch weit hinauf, längs der Häuser hin. Von dort kam, zwischen den zusammengelaufenen Menschenklumpen durch, schnellen Schrittes die straffe, schnurrbärtige Gestalt des Schafzüchters vom Asowschen Meer. Seine tiefliegenden, an den Blick über die endlose Steppe gewöhnten Augen hatten, unter ihrer finsteren Brauenwölbung, schon aus der Ferne die kleine Deutsch-Russin im Schein der Laterne erkannt. Er trat heran und sagte, vom raschen Gehen außer Atem, den Schlapphut lüftend, streng und vorwurfsvoll zu Luja Büttner: »Und was machen Sie hier?... Wir sind in der Pension in größter Sorge um Sie!« »Dankt Gott, wenn ihr keinen andern Kummer habt!« »Hier – dieser Herr deutsche Studiosus – der sich, wie ich von dem Kollegienrat von Kubisch weiß, tiefer in allerhand russische Händel eingelassen hat, als ihm gut ist ...« »Da muß ich Ihnen zum erstenmal, seit wir uns kennen, recht geben, Herr Gritsch!« sagte der Student. »...und der auch jetzt furchtbar bleich aussieht und vielleicht schwere Geheimnisse mit sich herumträgt ...« »Er glaubt wenigstens solch ein Geheimnis zu wissen!« Luja Büttner schaute kalt, aus leeren Augen, nach dem drüben undeutlich in der Nacht brausenden und wimmelnden Yorkplatz. »Herr Studiosus Vollbrecht hatte also gewiß seine ganz bestimmten und besonderen Gründe, als er vorhin Ihre Kusine beschwor, Sie, Luja, heute – gerade heute – unter keinen Umständen aus dem Haus zu lassen ...« »Nun ... Die Gräfin lieh mir doch ihren Schlüssel!« »... und Sie liefen doch wieder wie gestern in die Nacht hinaus ...« »Wichtige Dinge riefen mich...« ».Jawohl, zu einem ukrainischen Edelmann von Laskarew...« »Das sagte ich Ihnen ja selber, Gritsch!« »... nach der Pension ›Luna‹ – hier am Yorkplatz...« »Welcher Prophet hat Ihnen auch das offenbart?« »Sie sprachen laut genug am Telephon, daß ich es in meinem Zimmer hören konnte! Ich berichtete es Ihrer Base Altschüler! Sie flehte mich an. Ihnen zu folgen und Sie wieder heimzubringen. Sie ist in größter Angst um Sie, Luja...« »Nun – Lisa hat doch sonst Nerven wie ein Tatar!« sagte die Kleine. »...in Todesangst, weil Sie sich wieder mit diesem Herrn Ssilin treffen wollten – diesem selben Ssilin, der Sie gestern ...« »Man wird mich nicht mehr mit Serge Ssilin treffen!« Luja Büttners kleine, blutbespritzte Hand deutete hinüber nach dem Yorkplatz. »Sehen Sie die unzähligen Menschen vor dem Haus da?« »Ja. Was ist da geschehen?« »In diesem Haus ist die Pension ›Luna‹. Und in der Pension ›Luna‹ liegt Serge Ssilin steif und tot. Der Böse holte seine Seele ...« »Er ist plötzlich gestorben?« »Ermordet ...«, sprach der Student zwischen den Zähnen. »Leb' wohl, Luja... Ich geh'... Ich geh' von dir! Du hast ja jetzt hier Schutz ...« »Ermordet? Von wem, Herr Akademiker?« »Fragen Sie mich nicht... Ich kann nicht reden... Leb' wohl, Luja... Gott möge mit dir... Gott möge... also... leb' wohl!« »Was ist denn mit Ihrem deutschen Freund?« Paul Gritsch blickte finster und kopfschüttelnd dem Studenten nach. »Da läuft er Ihnen davon... mit schwankenden Schlitten... dem Yorkplatz zu...« »Er fürchtet sich vor mir!« sagte Luja. »Vor Ihnen? Warum?« »Da ...« Eine kleine Hand hob sich im Schein der Laterne. »Blut ...?« »Ja!« »Und auch da vorn – am Mantel...« »Auch da ...« »Ssilins Blut?« »Ja...« »Luja...« »Und deswegen glaubt der kleine Bernd, ich hätte Ssilin ermordet...« »Sie sagen ja selbst: Es ist sein Blut.« »... und doch hab' ich es nicht vergossen ...« »Ja – wer denn sonst?« »Ich weiß es nicht. Aber der kleine Bernd glaubt mir nicht, daß ich es nicht war!« »Und wer soll es Ihnen glauben?« »... und flieht vor mir... Nein: da kommt er ja plötzlich wieder zurück. »... vom Yorkplatz her!« »Er hebt die Hand...« »... als wollte er Sie vor etwas warnen, Luja!« »Ach – laßt mich doch!« Die kleine Büttner zog fröstelnd und ungeduldig die schmalen Schultern unter dem Mäntelchen hoch. »Quält mich doch nicht immer weiter, ihr beide...« »Sein Gesicht ist voll Angst ...« »Wovor denn? Es ist ja alles getan, Ssawa Kol ist tot!« »Luja ...« Der blonde Jungmann stürmte heran. Blieb stehen. Sein Atem flog. »Da bin ich noch einmal...« »Du hast doch schon Abschied genommen, Bernd!« »Noch einmal, um dich zu retten! Überall auf dem Platz suchen sie nach dir!« »Mögen sie!« »Sie haben herausgekriegt, daß der Fürst oben es nicht war! Nun haben die Chauffeure dich ins Haus treten sehen. Und Ssilin gleich hinterher ...« »So war es ja auch!« »Unmittelbar darauf bin ich ins Haus und kurz darauf wieder mit dir herausgekommen!« »Lasse doch diese langweiligen Dinge ...« »Du standest furchtbar aufgeregt mitten auf dem Platz! Die Chauffeure, die drüben hielten, haben dich beobachtet ...« »Und was liegt an ein paar Iswoschtschiks?« frug die Kleine müde und gereizt. »Dann wie der Mord entdeckt war, hat man uns wieder im Haus gesehen – mich oben in der Pension – und dich unten im Flur! Nun halten sie nicht nur dich, sondern auch mich für die Täter ...« »Und wir waren es doch beide nicht!« »... und nun fahnden sie überall nach uns ...« »Armer, kleiner Bernd ...« »... wir könnten noch nicht weit sein – heißt es...« »Nun – wenn Gott will, werden sie mich finden!« »Nein doch... Herrgott... mach', daß du von hier wegkommst... Schnell, schnell. Verkrümele dich mit mir gleich in die nächste Seitenstraße hinein!« »Du mußt allein fliehen, Bernd!« »Herrgott – ich darf dich doch nicht hier im Wurstkessel lassen!« »Du hast mich ja schon verlassen, Bernd! Du hast dich von mir losgesagt!« »So mach' doch! Jeden Augenblick können sie dich ja hier am Schlafittich kriegen!« »Sie finden mich auch in der Pension! So eine arme, kleine Ausländerin wie ich kann sich in Berlin nicht verstecken!« »Zum Kuckuck – man muß doch wenigstens probieren ...« »Und wenn dann aller Anschein gegen mich spricht, und ich steh' vor Gericht und werd' verurteilt...« »Luja... fackele jetzt nicht so lange!« »... und es kommt vor dem Gericht heraus, daß du draußen Wache gestanden und mich nachher aus dem Hause geholt hast, – dann wird man dich auch für schuldig finden und verurteilen!« sagte Luja Büttner ruhig und weich. »Und du bist doch so unschuldig, kleiner Bernd, wie ein Kind an der Mutterbrust! Du hast doch alles versucht, um mich heute abend daheim zu halten!« »Das hab' ich weiß Gott getan!« »Aber man wird es dir nicht glauben! Man wird es für eine List erklären! Du bist durch ein Unglück in unsere Handel geraten – damals, wie du mich vor einer Woche – auf der Bank im Tiergarten gefunden hast... Ich bin schuldig: – Ich bin damals mit dir weitergegangen...« »Gehe jetzt mit mir weiter! Vertrödele nicht die Zeit ...« »Ich hab' dich in unsere russischen Dinge hineingerissen! Was gehen sie dich an? Du bist ein Deutscher...« »Schnell doch... schnell ...« »Warum sollst du die Schuld von Ausländern auf dich nehmen, wo du doch unschuldig bist? Ich werde vor dem Kronsgericht deinen Namen nicht nennen! Niemand wird etwas erfahren...« »Aber du sollst auch nicht vor Gericht, Luja!« »Was liegt an mir! Ich bin allein. Du hast Pflichten! Gegen dich! Du hast deine Eltern zu ernähren! Deine Schwester!... Tu mir die letzte Liebe: Geh – kleiner Bernd – geh!« »Und du sollst hier allein bleiben? – Nein!« »Wie denn allein? Sie haben vorhin selber zu Fräulein Büttner den Ausspruch getan: ›Du hast ja jetzt hier Schutz!‹ ...« mischte sich der Steppenkolonist Gritsch mit seiner tiefen, dunklen, russisch gefärbten Stimme in den Wortwechsel. »Sie haben damit mich gemeint. Sie haben Fräulein Büttner in meine Obhut befohlen! Gut! Ich danke Ihnen! Ich gelobe Ihnen, Herr Akademiker: Eher soll meine Hand verdorren, als daß ich sie von Fräulein Büttner lasse ...« »Lasse mich schon in Gottes Namen mit dem Gritsch, Bernd!« sprach die kleine Büttner. »Was tut ein guter, frommer Junge wie du da? Fliehe... Kind, fliehe!« »Mit dir...« »Hältst du mich für eine Mörderin oder nicht?« »Gott verzeih' mir: Ja.« »Verabscheust du nicht den Mord?« »Ja. Ich habe es gesagt!« »Also: Was tust du noch bei mir?« Die kleine Büttner reckte sich kalt und verächtlich empor. »Ich brauche kein Mitleid von Menschen, die mich verabscheuen! Paß auf! Da heb' ich zwei Finger und schwöre: Wenn du jetzt nicht vernünftig bist... und deine Freiheit und deine Ehre und deine Zukunft rettest... und gehst und in dein Deutschland zurückkehrst, aus dem du zu mir gekommen bist – dann schrei' ich aus vollem Hals über die Straße den Leuten zu: Da seht! Da steh' ich – unter der Laterne! Holt die Gorodowois!... Nehmt mich fest...!...« »Luja ...« »Ich bin dazu imstande! Du kennst mich! Ich bin hartköpfig wie ein Dromedar! Wenn du bleibst, erreichst du nur das Gegenteil von dem, was du willst! Vergiß mich, kleiner Bernd!... Vergiß alles! Denke, es sei nur ein garstiger Traum gewesen! Wache wieder in Deutschland auf! Gute Nacht, Bernd!« »Seien Sie versichert: Ich werde Fräulein Büttner den rechten Weg führen!« sprach Paul Gritschs harte, energische Stimme hinter dem Studenten her, der sich langsam, mit gesenktem Blondkopf, ohne sich noch einmal umzuschauen, entfernte. Dann faßte der Schafzüchter aus der Nogaischen Steppe Luja Büttner am Arm. »Komm!« sagte er ruhig. Er nannte sie auf einmal ›du‹. Sie achtete nicht darauf. Sie frug müde: »Wohin denn, Gritsch?« »Dein Student da wollte, daß du fliehst! So raten die Kinder der Welt! Aber niemand, Luja, kann vor sich selber fliehen! Du magst zu Hause deinen Mantel stundenlang ausreiben und die Hände die halbe Nacht unter die Wasserleitung halten – es bleibt doch Abels Blut!« »Also das glauben auch Sie ...«, sagte Luja Büttner gleichgültig. »Ich sehe ja an dir dies Blut! Es gibt nur ein Mittel, es abzuwaschen!... Du sollst nicht fliehen, Luja! Du sollst das Gegenteil tun! Komm mit mir! Ich führe dich hinüber in das Haus am Yorkplatz! Dort trete vor die Obrigkeit und sprich: Da bin ich! Ich war's!...« Die kleine Deutsch-Russin hob rasch das dunkle, bleiche Köpfchen. Sie öffnete halb die Lippen. Es war, als wollte sie wieder antworten: ›Ich war es nicht!‹ Aber sie hielt an sich. Sie streifte nur die kräftige Gestalt des Kolonisten neben ihr mit einem seltsamen Blick und sagte dann langsam: »Oh – Sie heiliger Mann...« »Wir sind alle Sünder, Luja ...« Ein trauriges Lächeln drüben auf dem blassen Gesichtchen. »Einander gleich seid ihr euch alle.« »Ich will dich den Weg der Sühne führen ...« »So ist der Bernd... So sind Sie... Jeder sagt, er liebt mich – und jeder nimmt den ersten Stein und wirft ihn auf mich ...« »Ich wahrlich nicht!« Ein schicksalergebenes, müdes Achselzucken der zarten Schultern. »Aber den örtlichen Richtern werden Sie mich übergeben? Und dann? Und Sie? Nun – Sie haben dann das Ihre getan ...« »Ja.« »In diesen Tagen geht Ihr Schiff nach Amerika! Mit Gott, Gritsch! Fahren Sie hinüber! Heiraten Sie drüben! Haben Sie viele, viele Kinder! Erziehen Sie sie so fromm, wie Sie sind!« »Dies Schiff wird ohne mich nach Amerika gehen ...« »Wie denn?« »... und ebenso das nächste! Und alle die andern ...« »Ja – wie lange wollen Sie denn warten?« »So lange, bis du wieder frei bist, Luja ...« Luja Büttner schaute den andern wortlos an. Der Mennonit fuhr fort: »Was glaubst du von mir, Luja? Ich liebe dich seit vielen Jahren. Du hast mich verlacht und von dir gestoßen. Jetzt kann ich dir meine Liebe zeigen – von der es beim Apostel heißt: ›Sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles‹ ...« »Ja aber ... Gritsch ...« »Wenn du im Gefängnis bist, Luja, so sollst du wissen, daß da draußen einer ist, der immer mit seinen Gedanken bei dir ist – immer bei dir – und jeden Tag für dich betet ...« »Das sagen Sie mir, Gritsch?« »Das soll dein Trost sein, daß du nicht allein und verlassen bist, sondern einen Freund in deiner Nähe weißt – der dir zuweilen schreiben darf – dich manchmal sehen darf ...« »Gritsch ... sind wirklich Sie das, der so spricht? Ich hab' ...« »... rede nur, Luja ...« »Seien Sie nicht böse! Ich hab' Sie bisher immer für einen alltäglichen Menschen gehalten!« »Das bin ich, weiß Gott!« »Nein ...« »... Was hat das damit zu schaffen, daß ich nicht nach Amerika fahre?« »Aber, wenn ich – wenn ich nun wirklich unschuldig eingesperrt werden sollte – was wollen Sie dann die ganze Zeit hier tun?« »Auf dich warten!« »Das kann aber ... vielleicht ... lange dauern ...« »Ich werde nicht müde werden zu warten.« »Vielleicht viele Jahre ...« »Ich werde die Zeit hier schon mit irgendeiner Tätigkeit ausfüllen ...« »Und wenn ich schließlich freikomm' – ach Gott – wie schau' ich denn dann aus ...« » ... und wenn deine Haare grau geworden sind und du bist verblüht – dann will ich dich erst recht lieb haben, Luja ... Denn es steht wiederum geschrieben: ›Die Liebe höret nimmer auf‹ ...« »Gritsch ... Wer sind Sie denn ...?« »Dann fahren wir zusammen nach Amerika. Dort weiß keiner, was war. Dort sollst du es als meine Frau den Rest deines Lebens gut bei mir haben.« »Das sagen ... Sie? ...« »Ja!« »Sie denken doch, ich hab' den Mord begangen?« »Wie kann ich anders?« »Sie sind doch so furchtbar fromm! Wenn schon der kleine Bernd vor einem Mord schaudert – wie müssen Sie sich erst davor entsetzen!« »Jeder Christ muß es – nach Gottes Wort: ›Du sollst nicht töten!‹« »Also müssen Sie sich doch auch vor einer Mörderin entsetzen!« »Nein!« »Wie können Sie darüber hinaus? Gerade Sie?« »... weil von dir geschrieben steht: ›Dir wird viel vergeben. Denn du hast viel geliebt‹! Du hast deinen Mischa viel geliebt ...« »Gritsch ... Sie wachsen vor mir ... so hoch ...« »Deine viele Liebe zu deinem Mischa hat dich in die Ine geführt ...« »Sie wachsen so hoch über mich hinaus ... Gritsch ... Was ist das mit Ihnen?« »... und dieselbe viele Liebe, die du zu deinem Mischa hattest, dieselbe Liebe habe ich zu dir! Nimm diese viele Liebe von mir an ... Obwohl du mich nicht liebst ... Ich weiß es. Ich verlange es nicht von dir ... Wenn Gottes Gnade es mir vielleicht einmal doch geben will, aus deiner Hand ... so wird sein Wille es fügen ... später einmal ... zu seiner Zeit.« »Du bist ein heiliger Mann ...« »Du sagst ›du‹ zu mir, Luja ...« »Ja ... du ...« »Luja ...« »Jetzt ahne ich, wer du bist ... Gib mir deine Hand«. »Also sie hat uff'n Yorkplatz dagestanden und jebibbert!« sagte eine laute Männerstimme in einiger Entfernung ... »Ejal hat sie jebibbert, so daß ick noch jesagt hab', det Mächen hat's mit de Nerven!« Ein Chauffeur stapfte über den Fahrdamm, rechts und links von ihm zwei Männer in unauffälliger, dunkler Bürgerkleidung, und schaute suchend nach beiden Seiten. »Wenn ick det Mächen wiederseh'!« sprach er. »Det war so 'ne kleene, proppere, schwarze, polnische Katze ... ick erkenn' sie sofort ...« Die drei näherten sich der Laterne, unter der Luja stand. Sie sah sie kommen. Sie rührte sich nicht. Sie schaute gleichgültig gerade vor sich hin. Der schnurrbärtige Kraftwagenführer machte halt. Er faßte sie scharf ins Auge. Er gab seinen Begleitern mit kaum merklich erhobener Hand und bedeutungsvollem Augenplinkern ein Zeichen. Gleich darauf trennte sich der eine der beiden Männer von den andern. Er schlenderte gemächlich auf den Bürgersteig hinüber und beschrieb dort einen Vogen, so daß er in Lujas Rücken stand. Nun trat der erste auf sie zu. Er lüftete nicht den Hut. Er hielt in der nach oben gedrehten rechten Hohlhand eine talergroße Metallscheibe. »Überzeugen Sie sich: Kriminalpolizei!« sagte er gedämpft in ruhigem Gesprächston. »Sie sind verhaftet! ... Kommen Sie mit uns! .... Machen Sie keine Zicken! In Ihrem eigenen Interesse! ... Die Leute könnten versuchen, tätlich zu werden!« »Wenn Sie wollen, können wir auch, für Ihr Geld, ein Auto nehmen!« ergänzte der andere. »Ja? ... Gut! Da kommt gerade eines vorbei! Halt!« »Sitzt du denn uff den Ohren, Mensch? So stopp' doch!« rief der Chauffeur zu Fuß seinem Berufsgenossen zu. Der schüttelte den Kopf. Er hupte heftig. Er fuhr weiter und scheuchte die Menschengruppen auf dem Fahrdamm rechts und links wie die Hühner. »Halt! Zum Donnerwetter!« rief der eine Beamte ihm nach. »Ich kann nicht!« »Sie sind doch frei!« »Aber mein janzer Wagen is versaut! Da kann keener 'rin! ... Lassen Se mir!« Das Auto rollte die Straße hinab, dem dunkel brausenden und wogenden Yorkplatz zu. »Können Sie denn nicht wo anders fahren, Männeken?« Schimpfworte, Pfiffe, Flüche antworteten dem fortwährenden stoßweisen Heulen der Hupe. »So ist's recht! Nur immer mang die Leute, wo sie am dicksten stehn. Aber die Benzinbrüder jloben, ihnen jehört Berlin ...« »Hier – vor diesem Haus – dürfen Sie nicht halten!« Ein Schutzmann sprang vor dem verschlossenen Eingangstor der Pension »Luna« auf das Auto zu. Der Chauffeur beugte sich vom Führersitz. »Ick muß doch! ... Ich hab' Frau und Kinder! ... Ick kann's nich zahlen ...« »Was denn?« »Innen, der janze Wagen is verdreckt! Kucken Sie mal: Der schöne, jraue Rips ... Allens voll Blut ...« »Blut? Nanu?« Der Beamte wurde lebhaft. Er beschrieb eine flügelartige Bewegung mit den Armen. »Platz da! ... Beiseitetreten!« Er drängte die Menschen rechts und links zurück. »Ja – bitte – das gilt auch für Sie, mein Herr!« Er sagte es zu einem jungen blonden Mann, der halb geistesabwesend in der Menge stand. Bernd Vollbrecht wußte selbst nicht, wie er, nach der Trennung von Luja, wieder vor das Haus am Yorkplatz geraten war. Seine Füße hatten ihn, ohne seinen Willen, wieder hingetragen. Niemand achtete jetzt in dem Gewühl auf ihn. Alles umdrängte das Auto. Sein Führer erklärte dem Sipo und wendete sich dazwischen immer wieder aufgeregt an die Menge. »Det war 'n Ausländer ... so 'n Rußki – hier is er ausjestiegen und hat jezahlt! Ick fahr' weiter! 'n Herr und 'ne Dame winken mir und wollen einsteigen. Da schreit die Dame: ›O pfui! Da ist ja alles voll Blut!‹ ... Nu beaujenscheinigen Sie 'mal die Bescherung da drinnen! Det muß der Ausländer da oben blechen ...« »In dem Auto ist Blut?« Der Student Vollbrecht schrie es. Er stieß die Neugierigen, zwischen denen eingekeilt er nach Atem rang, mit rücksichtslosen Ellbogenpüffen beiseite. Er stürzte an den Schlag des geschlossenen Wagens. Er schaute mit weit aufgerissenen Augen in dessen matt von einem elektrischen Deckenlämpchen erhelltes Innere. Er kämpfte mit dem Schutzmann, der ihn am Arm packte und anherrschte: »Was fällt Ihnen denn ein, sich hier vorzudrängeln?« »Sehen Sie doch nur ... Gott im Himmel ... sehen Sie doch nur ...« »Was geht Sie denn das an?« »Er ist schon verwundet vor dem Haus angekommen ...« »Wer sind Sie denn?« »Er ist nicht erst da drinnen verwundet worden!« »Wer Sie sind, will ich wissen!« »Na – Sie kenn' ick doch wieder, junger Mann!« rief der Chauffeur. »Sie haben doch noch heimlich hinter dem Ausländer her ins Haus wollen, und er hat Ihnen das Tor vor der Neese zujebumst ...« »Det is ja der mit dem schwarzen Mächen!« schrie eine Stimme. »Det is er, Herr Wachtmeister! Det is er!« »Na ... da haben wir Sie also! Sie sind verhaftet!« »Det kommt dem Jungen noch komisch vor ...« »Na – wenn der Mord nicht da drinnen geschehen ist, dann war ich es doch nicht!« Der Student holte aus tiefster Brust Atem. »Und euer schwarzes Mädchen auch nicht.« »Ja. Das ist allerdings ...« »Das schwarze Mädchen schon erst recht nicht!« Bernd Vollbrechts frisches Antlitz wurde plötzlich verstört. Er schrie dem Sipo zu, den Neugierigen auf dem Bürgersteig, den Leuten in den offenen Fenstern: »Ich hab' ihr unrecht getan! Wir alle! Das Auto ist ihr Zeuge! Sie hat so wenig den Mord auf dem Gewissen wie der Fürst da ...« Das Haustor hatte sich von innen geöffnet. Fürst Wolski stand, lang und schmächtig, das längliche, schwermütige Aristokratengesicht von einer Papyros verschleiert, in Hut und Mantel auf der Schwelle. Neben ihm der Kommissar, der eben schloß: »... Wenn Sie sich nur noch bis auf weiteres in Ihrem Hotel als Zeuge zur Verfügung halten wollen! Ein Verfahren gegen Sie kommt nicht mehr in Frage! Wir ...« »Aber so hören Sie doch, was Herr Vollbrecht da ruft.« Der Petersburger Grandseigneur unterbrach ihn und verlor seine blasierte Ruhe. »Kommen Sie mit an den Wagen, Herr Kommissar!« Der Kriminalbeamte blickte in das Auto. Blickte auf den Chauffeur. Frug: »Wo ist der Fahrgast, den Sie hier abgesetzt haben, eingestiegen?« »In der Münzstraße!« »Ist das nicht in der Nähe der Grenadierstraße?« rief der Fürst hastig dazwischen. »Jerade die Ecke!« »Dann weiß ich Bescheid! Steigen Sie ein, Herr Kommissar! Dort stehn Autos ... Ich führe Sie!« »Wohin?« »Nun – sagen wir: zu dem Geschäftsreisenden Fritz Reuter in der Grenadierstraße! ... Aber nehmen Sie auch den Herrn Studiosus mit ...« »Der ist ja schon verhaftet!« »Um so sicherer haben Sie ihn in Ihrer Obhut! Er wird Ihnen alle Aufschlüsse geben! Er kennt Herrn Fritz Reuter, wenn auch unter anderem Namen, viel besser als ich!« Das Auto sauste durch Berlin gen Osten – die drei Herren in seinem Innern, ein Kriminalbeamter auf dem vierten Platz, ein anderer draußen neben dem Fahrer. Der Fürst trommelte in der spärlich erleuchteten Grenadierstraße an die Vorderscheibe und ließ halten. Er eilte den anderen voraus in eines der niederen Häuser. Er klinkte drinnen im Flur an der Türe rechts ... Sie war verschlossen. Niemand antwortete von innen. Einer der Beamten bückte sich und öffnete geübt mit einem Nachschlüssel. Der Kommissar trat zuerst ein, machte Licht und kniete sich, die Hände flach aufstützend, mit gesenktem Kopf auf die Dielen des dürftigen, kleinen Gemachs nieder und spähte: »Überall frische, rote Spritzer ...«, murmelte er ... »Da haben sich Leute durch die ganze Bude hin gebalgt – von der Türe bis zum Ofen ...« »Der Ofen ist voll verbrannten Papieres!« »Und die Flasche daneben am Boden?« »... ist leer, Herr Kommissar! Da war, nach dem Geruch, Petroleum drin ...« »Damit hat Herr von Laskarew die Briefe verbrannt!« Der Fürst blickte nach der offenen Mappe auf dem Tisch, dessen weit aufgerissene Schublade leer gähnte. »Die ich nachher, bei seiner Rückkehr in die Pension ›Luna‹, von ihm haben wollte!« »Aufgepaßt! Wir sind ja nicht allein im Zimmer!« schrie plötzlich einer der Beamten und machte sich schußfertig. »Was denn?« »Dort, hinter dem Vorhang am Fenster, steckt ja einer!« »Man sieht 'n Stück von einem Stiebel ...« »Kommen Sie 'mal zum Vorschein ... Sie da hinten ...« Nichts rührte sich. »Alter Freund ... Wir sehen Sie doch ... Das hilft Ihnen doch nischt mehr ...« Die plumpe Schuhspitze unter den Falten des Kattunvorhangs blieb unbewegt. »Na – wird's?« »Der Kunde will nicht!« »Keine Müdigkeit vorgeschützt!« Der Kommissar hielt sein Stöckchen mit Bleiknopf schlagbereit in der Rechten. Mit der Linken riß er rasch den dünnen, grellbedruckten Stoff beiseite und schüttelte den Kopf. »Da hockt der Kerl mit hochgezogenen Knien an der Wand und tut, als ginge ihn die ganze Geschichte nichts an ...« »Schlafen kann er doch nicht!« »Der ist betrunken!« »Nein! Der ist tot!« Der Kommissar lüftete mit der Hand den wirren, flachsfarbenen Bart, der den weitoffenen Mund und das ganze wachsgelbe und finstere, grobknochige Gesicht des Mannes am Boden umwucherte. »Da bitte ... Diese Fingereindrücke, wenn ich den Hals freilege ... Die Faust, die den gewürgt hat, die war nicht von Pappe ...« »... solche Handschuhnummer zehneinhalb hat der ja auch – der andere ... der am Yorkplatz!« sagte der eine Beamte. Sein Gefährte holte, aus dem Trödellager alter Fahrräder und Bettstellen im Flur, einen rotbärtigen, schwarzäugigen Mann im Kaftan herein. »Na – nur bei!« »Jach farcht' mich!« »Ach was! Kennen Sie den Toten da?« »Eb iach ihn kenn'! Er ist oft gekümme!« »Heute auch? Zusammen mit dem Herrn Reuter?« »Erst is der Reuter gekümme und is bald wieder gegange! Dann is der da gekümme und is schnell in die Stub'! Dann is der Reuter zurückgekümme, mit einer Flasch' in der Hand, und is hinein! Dann is der Reuter wieder allein weggegange ... Mehr weiß iach nicks ...« »Wissen Sie, wie der Mann hier heißt?« »Wie soll iach nix wissen? Er is ein Lette. Er heißt Uhkeneek!« »Und dieser Uhkeneek glaubte, daß Laskarew nicht wiederkommen, sondern abreisen würde!« sagte der Fürst. »Er sprengte die Tischschublade auf und wollte die Mappe mit den Papieren stehlen. Er wurde von Laskarew überrascht, der nur schnell Petroleum zum Verbrennen der Briefe geholt hatte, und derart gewürgt, daß er sein Messer aus der Tasche langte und zustach ...« »Da liegt das Messer ...« Ein Beamter bückte sich. »... und nun machte ihm Laskarew in seiner Wut den Garaus ... und hatte wirklich noch so viel Kraft, die Briefschaften zu verbrennen ...« »... und fuhr dann, mit seiner Wunde, nach dem Yorkplatz ...« »... und hatte, als Fräulein Büttner dort im Hausflur schnell auf ihn zutrat, die Angst vor einem neuen Angriff und schleuderte sie beiseite ...« Der Fürst schaute auf den flachsbärtigen Mann, der still und unbewegt am Boden hockte. »Laskarew traute niemandem auf der Welt als diesem Menschen da! Und gerade der war offenbar schon lange sein heimlicher Todfeind und Verräter.« »Aus welchem Grund?« »Dieser Laskarew,« der russische Große machte mit dem schmalen, leicht gelichteten Haupt eine Bewegung gegen Osten, in die Ferne, »oder Ssilin oder Robbe oder Reuter mußte selbst aus Moskau wegen seiner Schandtaten fliehen! Aber Moskaus Auge reicht weit ... Man hat ihn auf Schritt und Tritt durch den Toten hier bewacht, ohne daß er es ahnte ... bis jetzt zum Ende ...« »... und Luja Büttner hatte Gott sei Dank nichts mit seinem Ende zu tun!« sagte der Student Vollbrecht ... Früh am nächsten Morgen drang er mit dem Bollejungen in die Pension »Alpenrose« ein. »Ich muß Luja sofort sprechen, Fräulein Altschüler!« sagte er ungestüm in der Küche zu der Base, die sich da, schon zum Weggehen in das Warenhaus fertig, den Mittagskaffee in die Thermosflasche füllte. »Ich muß Luja auf den Knien um Verzeihung bitten! Ich habe ihr gestern abend so furchtbares Unrecht getan! Ich nicht allein! Alle Leute! Die Polizei suchte schon nach ihr, um sie zu verhaften!« »Luja wird ja jeden Abend von der Polizei festgenommen!« Die lange, kräftige Altschüler schraubte frostig die Flasche zu. »Gestern hat man sie wenigstens nach einer Stunde wieder laufen lassen ...« »Also ist sie hier?« »Sie ist vorhin mit ein paar Mennonitenfamilien, die nach Amerika auswandern, nach Hamburg gefahren. Es sind Verwandte von Gritsch. Er hat sie ihnen anvertraut. Er selbst reist heute abend hinterher, sobald er Lujas Papiere in Ordnung hat. Übermorgen gehen sie alle in See. Der Gritsch und die Luja wollen schon an Bord heiraten, damit er sie drüben als seine Frau ans Land kriegt« ... Der Student Vollbrecht ging. Planlos des Wegs. Durch das Bayerische Viertel. Durch den alten Westen. In den Tiergarten hinein. In dem war es still. Die Luft feucht und grau. Es tropfte von den kahlen Zweigen. Der Boden dünstete herb. Man schritt lautlos auf seinem welken Laub. Bernd Vollbrecht blieb stehn ... Es schien ihm unfaßbar, daß er Luja Büttner nie in seinem Leben wiedersehen würde ... Vor ihm am Weg stand eine leere Bank. Er schaute sie an. Plötzlich kam ihm eine Erinnerung: Es wurde alles um ihn herum seltsam hell. Das war die Bank, auf der Luja gesessen hatte, als er sie zum erstenmal erblickte – bleich und erschöpft – im Mäntelchen und Mützchen – den Sipo und die Neugierigen um sie herum. Das war gerade eine Woche her. Ihm schien es ein Leben ... Er spürte einen derben Schlag auf den Arm. Ein breitschulteriger, wettergebräunter, graubärtiger Mann stand da, eine kleine Reisetasche in der Hand, und schaute dem jüngeren aus hellen, weitsichtigen Augen in das verstörte Gesicht. »Das ist auch 'n Witz, daß ich hier auf dem Weg zum Bahnhof meinen Filius treffe!« sagte der alte Vollbrecht. »Ich mache heute eine Spritztour nach Pommern – nach meinem künftigen Wirkungskreis! Junge – du siehst ja aus wie Braunbier mit Spucke! Hast du die Nacht durchgeschwiemelt? ... In was für einer Gesellschaft warst du denn?« »Ich war in Rußland, Vater ... Eine Woche lang ... Jetzt komm' ich langsam zurück ...« »Aus Rußland?« »Ja. Mein Kopf ist noch so wirr. Später einmal werde ich es dir erklären ...« »Na schön! Ich will mich nicht in deine Geheimnisse drängen! Ich muß jetzt auch auf die Bahn!« Der Gutsinspektor aus Ostelbien sah auf die Uhr. »Ich will dir nur eines sagen: Bernd, ich hab' nichts gegen Rußland! Wir brauchen Rußland! Wir haben in Deutschland unser Glück und unsere Ausdehnung immer nur nach Osten gehabt – nie nach Westen! Aber ich will dir ein Geheimnis für den Umgang mit Rußland verraten: Wir müssen immer stärker sein als Rußland! Im Großen und im Kleinen! Sonst frißt es uns auf ...« »Es hat mich nicht gefressen! Da bin ich ja wieder ... Weißt du, Vater: Ich hab' dieser Tage meinen Freunden gesagt: Das ist wie auf dem Blocksberg! Einmal muß doch der Hahn krähen, und es wird Tag ...« »Ist ja auch hell um uns ...« Es war ein wolkenschwerer Morgen. Aber doch schon das feuchte Wehen des März. Schwellender Trieb in den Ästen. Saft in den Knospen. Ahnung des neuen Frühlings. Bernd Vollbrecht schaute umher. Er wachte wie aus einem Traum auf. Es ging ihm durch den Kopf, wie er einst im Primanerstübchen seinen »Faust« auswendig gelernt: ›Wolkenzug und Nebelflor erhellen sich von oben ...‹ »Na – du bist nicht in der Stimmung zu Gesprächen! Ich überlasse dich deinen Gedanken!« sagte der Vater ... ›... Luft im Laub und Wind im Rohr – und alles ist zerstoben‹ »Adieu, Junge! Leg' dich in die Klappe!« Bernd Vollbrecht blickte dem Fünfziger nach, wie der rüstig, mit festen Tritten, das Köfferchen in der Hand, seinem neuen Lebenskampf entgegenschritt. »Nee – Papa ... Ich lass' mich nicht von dir beschämen!« rief er hinter ihm her. »Ich geh' jetzt auch an die Arbeit! Sofort such' ich mir welche!« »Immer feste!« Der Vater winkte zurück. »... und ich krieg' welche und studier' so weiter ... So gut wie meine Freunde sich durcharbeiten und hochkommen! Nee – da kannst du unbesorgt sein: Wir schaffen's!«