Kaspar Friedrich Lossius 1753 – 1817 Die edle Tat An einem Fluß, der rauschend schoß, ein armes Mädchen saß; aus ihren blauen Äuglein floß manch Tränchen in das Gras. Sie wand aus Blümchen einen Strauß und warf ihn in den Strom. Ach guter Vater, rief sie aus, ach lieber Bruder komm! Ein reicher Herr gegangen kam und sah des Mädchens Schmerz, sah ihre Tränen, ihren Gram, und dies brach ihm das Herz. Was fehlet, liebes Mädchen, dir, was weinest du so früh? Sag deiner Tränen Ursach mir, kann ich, so heb ich sie. Ach, lieber Herr, sprach sie und sah mit trübem Aug' ihn an: Sie sehn ein armes Mädchen da, dem Gott nur helfen kann. Denn sehn Sie, jene Rasenbank ist meiner Mutter Grab, und ach, vor wenig Tagen sank mein Vater hier hinab. Der wilde Strom riß ihn dahin, mein Bruder sah's und sprang ihm nach; da faßt der Strom auch ihn, und ach! auch er ertrank. Nun ich im Waisenhause bin, und wenn ich Rasttag hab, Schlupf ich zu diesem Fluse hin und weine mich recht ab. Sollst nicht mehr weinen, lieben Kind! Ich will dein Vater sein. Du hast ein Herz, das es verdient, du bist so fromm und fein. Er tat's und nahm sie in sein Haus, der gute reiche Mann, zog ihr die Trauerkleider aus und zog ihr schönre an. Sie aß an seinem Tisch und trank aus seinem Becher satt. – Du guter Reicher habe Dank für deine edle Tat.