Adolf Streckfuß Der Herr Präsident Kriminal-Novelle   Quelle: PDF mit freundlicher Genehmigung von www.alte-krimis.de   I. Im Kasino. »Sieben und zwei!« »Schon wieder die Sieben! Verdammte Unglückskarte! Aber ich zwinge sie. Fünf Friedrichsd'or auf die Sieben!« Der Bankhalter schüttelte bedenklich den Kopf. Er war kein Spieler von Profession. Wenn er auch gern im Kreise von Freunden und Bekannten eine Bank auflegte und dabei ein möglichst hohes Spiel gern sah, so hatte er doch nicht entfernt die Absicht, seine Freunde auszuplündern. Es war daher auch dem reichen Majoratsherrn, dem Stammhalter einer der ältesten und angesehensten Adelsfamilien des Landes, dem Freiherrn von Altkirch aus Buggenhagen, keineswegs angenehm, daß der Präsident Wartenberg gegen seine Bank schon eine recht bedeutende Summe verloren hatte und jetzt seinen Einsatz noch erhöhte. Er hätte gern ein mißbilligendes, abmahnendes Wort gesprochen, das aber ging nicht an, da die Bank im Gewinn war und man ihm leicht hätte vorwerfen können, er fürchte bei dem erhöhten Satz des Präsidenten das Gewonnene wieder zu verlieren. Gerade dem Präsidenten durfte der Freiherr von Altkirch am wenigsten durch einen zwar gut gemeinten, aber leicht mißzuverstehenden Rath zu nahe treten. Hatte der Vorstand des Kasino einmal den beim Monarchen in hohem Ansehen stehenden Mann, obgleich er nur einen bürgerlichen Namen trug, aufgenommen in die Gesellschaft, deren Mitglieder fast sämmtlich den höchsten Adelsgeschlechtern angehörten, dann mußte man gegen ihn auch dieselben Rücksichten, wie gegen jeden Kavalier nehmen, ja vielleicht noch größere, da der Bürgerliche nur zu leicht eine unzarte Aeußerung übel deuten konnte. Zum ersten Mal im Leben war dem Freiherrn von Altkirch sein Glück im Spiel unangenehm. Er würde gern ein paar hundert Thaler verloren haben, dann hätte er mit Ehren die Bank aufheben können, jetzt aber ging es nicht, er mußte wider Willen die Karten weiter abziehen. Der Präsident ahnte nicht, wie unlieb dem Freiherrn der Gewinn sei, er hatte das bedenkliche Kopfschütteln desselben nicht bemerkt, da er sich um seine Umgebung nicht kümmerte, sondern seine ganze Aufmerksamkeit allein dem Spiele widmete. Mit starrem Blick verfolgte er die Karten. Er hatte das Haupt auf die rechte Hand gestützt, während die linke in dem schon sehr zusammengeschmolzenen Häufchen von Goldstücken und Thalern, welches neben ihm auf dem Tisch lag, wühlte. Wieder schlug die Sieben für den Bankhalter. »Zehn Friedrichsd'or auf die Sieben!« rief der Präsident. »Ich zwinge sie, und sollte ich zehnmal den Satz verdoppeln!« »Dann würden Sie beim zehnten Mal 10240 Friedrichsd'or bei dem jetzigen Einsatz von 10 Friedrichsd'or zu setzen haben, Herr Präsident, ein Satz, der denn doch wohl zu hoch wäre, als daß wir ihn bei einem freundschaftlichen Spiel im Kasino dulden könnten,« sagte der General-Major Graf Western, der Vorsteher des Kasino, der stolz auf seine große Fertigkeit im Kopfrechnen, nicht leicht eine Gelegenheit, seine Geschicklichkeit zu zeigen, ungenützt vorübergehen ließ. Der Präsident schaute mißmuthig auf. »Ich danke für die Belehrung, Herr General,« entgegnete er, der Antwort einen Anflug von Spott gebend. »Zu solcher Summe würde ich mich allerdings nicht versteigen können. Ich trage sie natürlich nicht bei mir, und wie ich gehört habe, ist es ein Grundsatz beim Spiel in unserem Kasino, daß Niemand auf Kredit spielen darf.« »So lautet unser Gesetz und ich habe als Vorsteher der Gesellschaft streng darüber zu wachen, daß es nie verletzt werde. Ein Spiel, wie es den Kräften unserer Mitglieder entspricht, ist gestattet; aber niemals soll in unserem Freundeskreise dem Spiel ein Opfer fallen! Wir dürfen nicht dulden, daß sich eines unserer verehrten Mitglieder hier ruinire, deshalb duldet der Vorstand im Einverständniß mit allen Mitgliedern ein zu hohes Spiel nicht. Sie werden mir verzeihen, Herr Präsident, daß ich Ihnen dies Gesetz in Erinnerung bringe; da Sie aber erst seit etwa einem halben Jahr unserem Kreise angehören und daher vielleicht noch nicht alle unsere Gesetze kennen, hielt ich mich dazu verpflichtet.« Der General hatte sehr ernst und bestimmt gesprochen. Es war ihm nicht verborgen geblieben, daß der Präsident bei jedem Besuch des Kasino eine Spielgesellschaft zusammen zu bringen suchte, daß er theils selbst Bank legte, theils pointirte, fast immer aber mit großem Unglück spielte und recht bedeutende Summen verlor. Er hatte sich deshalb schon seit längerer Zeit vorgenommen, ein ernstes Wort zu sagen und gern die günstige Gelegenheit hierzu ergriffen, aber seine Mahnung machte keinen großen Eindruck. Der Präsident verbeugte sich leicht, als er erwiderte: »Noch einmal danke ich unserem verehrten Herrn Vorsteher für die freundliche Belehrung, deren ich übrigens nicht bedurft hätte. Ich denke mit meinem Spiel mich innerhalb der gestatteten Grenzen bewegt zu haben und werde es auch ferner thun. Ein Satz von 10, 20, selbst von 40 Friedrichsd'or dürfte doch wohl in dieser Gesellschaft nicht als ein übermäßiger, ruinirender betrachtet werden?« »Es kann mir nicht einfallen, Ihnen oder den übrigen Herren Vorschriften machen zu wollen,« antwortete der General trocken. »Sie müssen am besten wissen, ob solche Sätze Ihren Verhältnissen entsprechen oder nicht. Ich habe meine Pflicht als Vorsteher des Kasino erfüllt und muß es nun den Herren selbst überlassen, die Gesetze unserer Gesellschaft unter sich aufrecht zu erhalten.« »Dies werden wir thun, Herr General!« sagte der Freiherr von Altkirch sehr bestimmt. »Ich erkläre deshalb hiermit, daß ich keinen Satz, der über zwanzig Friedrichsd'or hinausgeht, annehmen werde, wenn die Herren mit dieser Bestimmung einverstanden sind –« Die Spieler, meist höhere Offiziere und reiche, adelige Gutsbesitzer aus der Umgegend der Residenzstadt, waren sämmtlich einverstanden, und auch der Präsident mußte sich fügen, wie schwer ihm dies auch werden mochte. Das Spiel wurde fortgesetzt. Wieder verlor die Sieben, und wieder verdoppelte der Präsident den Satz, indem er ein Häufchen voll zwanzig Friedrichsd'or auf die verrätherische Karte schob. »Alter Freund, Du bist aufgeregt!« raunte ihm einer der Mitspieler, der Oberst von Quedenau, zu. »Laß doch die abscheuliche Sieben, den Quartettbock, laufen. Bei solchem Spiel kannst Du tausend Thaler im Umsehen los werden.« Der Freiherr von Altkirch, welcher die leisen Worte des Obersten gehört hatte, wartete einen Augenblick, um dem Präsidenten Zeit zu lassen, seinen Satz einzuziehen; aber es war vergeblich, er mußte fortfahren, denn Wartenberg erwiderte ärgerlich: »Ich verbitte mir jeden unbefugten Rath, da ich selbst weiß, wie und wie hoch ich zu spielen habe. Ich denke, der Herr Baron von Altkirch wird sich nicht weigern, meinen Satz anzunehmen, da dieser die von ihm selbst proklamirte höchste Summe nicht überschreitet.« »Gewiß nicht, ich fahre fort.« »So lauf' denn meinetwegen in Dein Unglück, da Du es nicht anders haben willst und für jeden guten Rath taub bist! sagte der Oberst unwillig. »Ich aber mag an diesem Teufelsspiel nicht ferner Theil nehmen.« Er stand auf, strich den sehr unbedeutenden Gewinn, den er gemacht hatte, ein und stellte sich hinter die Spieler, doch so, daß er seinen alten Freund, den Präsidenten, im Auge behielt. Das Spiel nahm seinen Fortgang. Wieder und wieder verlor der Präsident. Fast jede Karte schlug zu seinem Nachtheil, und da er mehrmals den höchsten Satz von zwanzig Friedrichsd'or hielt, schmolz der Geldhaufen an seiner Seite mit reißender Geschwindigkeit zusammen. Endlich betrug derselbe kaum noch zwanzig Thaler; er schob ihn auf die Sieben und mit athemloser Spannung erwartete er die Entscheidung. Die Sieben ließ lange auf sich warten; immer tiefer wurde die Erregung des unglücklichen Spielers. Sein großes schwarzes Auge glänzte in einem fast unnatürlichen Feuer; die sonst so schönen und edlen Züge waren verzerrt; über die hohe, jetzt mit kalten Schweißtropfen bedeckte Stirn hingen die dunklen Locken, die er mit zitternder Hand zurückstrich. Der Präsident war, obwohl er etwa 50 Jahre alt sein mochte, noch immer ein schöner Mann, schön blieb er auch in der wilden Erregung des Spiels, aber er besaß eine grauenerregende Schönheit. »Sieben und Bube!« Wieder verloren! Eine fahle Blässe überflog das Gesicht des Präsidenten, als er sein letztes Geld dem Bankhalter zuschob. Seine Augen waren umflort; er wankte, als er sich erhob. Nur, indem er sich auf die Lehne seines Sessels stützte, vermochte er sich aufrecht zu erhalten. Der Oberst Quedenau ergriff seinen Arm. »Zügle Deine Aufregung, Wartenberg,« sagte der alte Freund theilnehmend, leise. »Du wirst beobachtet! Komm, gieb mir Deinen Arm. Wir wollen zusammen das Kasino verlassen und mit dem nächsten Zuge nach M** zurückkehren. Ermanne Dich. Wenn Du auch einen schweren Verlust erlitten hast, so verbietet Dir doch Deine Stellung, es merken zu lassen.« »Du hast Recht, Quedenau,« erwiderte der Präsident, der nur einen Augenblick von der Aufregung überwältigt worden war, jetzt aber die volle Selbstbeherrschung gewonnen hatte. »Ich schäme mich, daß ich mich für eine Sekunde übermannen ließ. Was liegt am Verlust von einigen hundert Thalern? Ich würde sie noch am heutigen Abend wieder gewonnen haben, hätte ich nur Geld genug bei mir gehabt, um das Spiel auszuhalten. Willst Du mir einen wesentlichen Dienst leisten, alter Freund, dann borge mir bis morgen hundert Thaler.« »Morgen soviel Du haben willst, heute nicht einen Pfennig. Ich danke meinem Schöpfer, daß ich Dich endlich vom Spieltisch fort habe. Komm, wir werden gerade zur rechten Zeit den Bahnhof erreichen, um den nächsten Zug nach Haus benutzen zu können.« »Du verweigerst mir also diese kleine Gefälligkeit?« »Ja, zu Deinem eigenen Besten.« »Ich bin alt genug, um zu wissen, was mir noth thut.« »Nicht, wenn Dich der Spielteufel in den Krallen hält. Komm, Freund, laß uns gehen.« Der Präsident befreite ärgerlich seinen Arm aus dem des Freundes. »Ich bin nicht in der Laune, um Deine Begleitung zu ertragen, nachdem Du mir eine so unbedeutende Gefälligkeit verweigert hast. Ich werde nach M** zurückkehren. Was sollte ich auch hier, da man in dieser hochachtbaren Gesellschaft nur baares Geld respektirt und ich bis auf den letzten Groschen ausgebeutelt bin. Ich würde nicht einmal ein Eisenbahnbillet lösen können, zum Glück habe ich ein Retourbillet und bedarf also keines Darlehns zu diesem Zweck. Ich gehe also, aber Deine Gesellschaft verbitte ich mir.« »Wartenberg, wie kannst Du so unfreundlich sein? Du mußt doch wissen, daß ich Dein Freund bin und gerade um so mehr, da ich Dir in diesem Augenblick ein Darlehn verweigere, welches Dir morgen mit Freuden zu Diensten steht.« »Morgen? Was kannst Du davon wissen, welchen Werth lumpige hundert Thaler heut oder morgen für mich haben? Heut sind sie für mich ein Vermögen, morgen ein Nichts. Heut gewinne ich damit, was ich verloren. Heut sind sie mir das Leben, morgen –; aber genug; Du verstehst mich nicht und willst mir nicht helfen. Morgen wirst Du es vielleicht bereuen. Ich verlasse Dich, laß Du auch mich. Ich will allein nach M** zurückkehren. Hast Du die Absicht, mit dem nächsten Zuge zu fahren, dann warte ich bis zum letzten. Entscheide Dich, denn ich ertrage jetzt Deine Begleitung nicht.« »Wie Du willst. Ich will mich Dir nicht aufdrängen. Geh' denn jetzt, ich bleibe bis zum letzten Zuge hier. Morgen wirst Du hoffentlich ruhiger sein.« »Ja, ruhiger werde ich morgen gewiß sein!« erwiderte der Präsident mit einem höhnischen Lachen. – Ohne die zum Abschied freundlich dargebotene Hand des Obersten zu ergreifen, entfernte er sich, die Gesellschaft flüchtig begrüßend. Das Gespräch der beiden Freunde war im leisesten Flüsterton geführt worden; die übrigen, noch am Spieltisch versammelten Mitglieder des Kasino hatten nichts von demselben gehört, auch nichts hören wollen, sie hatten sich absichtlich so weit von den leise Sprechenden zurückgezogen, daß ihnen kein Vorwurf der Indiskretion gemacht werden konnte. Erst als der Präsident sich entfernt hatte, sammelten sie sich um den Obersten; sie beendeten das Spiel, welches der Freiherr von Altkirch ohnehin nur aus Rücksicht für den im starken Verlust befindlichen Präsidenten so lange fortgesetzt hatte. »Sie haben uns mit der Einführung des Präsidenten Wartenberg in unser Kasino einen schlechten Dienst geleistet, Herr Oberst von Quedenau!« sagte der Graf Western mißmuthig. »Der Mann spielt mit einer Leidenschaftlichkeit, welche ihn schließlich ruiniren muß. Ich habe ihn während seiner letzten Besuche scharf beobachtet und seine Verluste berechnet. Heut hat er 1l17 Thaler 20 Silbergroschen verloren, am Sonntag gar 1714 Thaler 25 Silbergroschen, und am Sonntag vor acht Tagen 719 Thaler 10 Silbergroschen, macht zusammen 3551 Thaler 25 Silbergroschen in noch nicht 14 Tagen. Ich irre mich nicht. Sie wissen, meine Herren, daß Zahlen meine starke Seite sind. Was soll aus dem Manne werden, wenn er so fortfährt! Reich ist er nicht, das weiß ich; wenn er aber auch wirklich ein kleines Vermögen hat, so wird es bei einem derartigen Spiel nur zu leicht und schnell aufgefressen, und dann skandalirt man in der ganzen Stadt, der bürgerliche Präsident sei hier im adligen Kasino ausgeplündert worden!« »Sie haben leider Recht, Herr Graf,« entgegnete der Oberst etwas kleinlaut. – »Hätte ich ahnen können, welchen Einfluß auf meinen Freund der Besuch des Kasino haben würde, dann hätte ich ihn sicherlich nicht zur Mitgliedschaft vorgeschlagen; aber er wünschte es so dringend, daß ich es ihm kaum abschlagen konnte.« – »Hat der Präsident schon früher diese unbändige Leidenschaft zum Spiel gehabt?« – »Leider ja. Ich kenne ihn seit seiner Knabenzeit. Wir sind zusammen auf dem Gymnasium gewesen und treue Freunde geblieben, obgleich unsere Lebenswege sich vielfach getrennt haben. Schon als Schüler spielte er mit Leidenschaft, damals aber meist glücklich, ebenso als Student. – Der schöne Wartenberg würde das Muster eines trefflichen Studenten gewesen sein, hätte er nicht die unglückselige Leidenschaft für das Spiel gehabt. – Der geistreiche, schöne, fleißige und tief wissenschaftlich gebildete junge Mann, der sich durch eine gekrönte Preisschrift schon einen Namen gemacht hatte, war geachtet von seinen Lehrern, beliebt in der Gesellschaft der Damen und fast vergöttert von seinen zahlreichen Freunden, denen er seine immer wohl gefüllte Geldbörse mit sorgloser Freigebigkeit, so oft sie es wünschten, öffnete. Er gab das Geld so leicht aus, als er es gewann, und das Glück begünstigte ihn in unerhörter Weise. Wo er auch spielen mochte, – und er spielte oft, er suchte überall die Kreise auf, in denen ein hohes Spiel die Hauptunterhaltung ausmachte, – immer schlugen ihm die Karten merkwürdig zu. Er wurde der Schrecken der Bankhalter, und bald kam es dahin, daß, wo Wartenberg in einer Spielgesellschaft erschien, Niemand mehr Bank halten und auch Niemand mehr gegen ihn, wenn er selbst die Bank übernahm, pointiren wollte. Dies war sein Glück; er mußte wohl endlich zu spielen aufhören, da er keine Mitspieler mehr finden konnte. Fast schien es, als habe er die fürchterliche Leidenschaft gänzlich bewältigt. Er machte seine Examina und bestand sie glänzend. Ich hatte ihn mehrere Jahre nicht gesehen, als ich ihn in N*, wohin ich versetzt wurde, als Regierungsassessor wieder traf. Er lebte im angenehmsten geselligen Kreise. Sein nicht unansehnliches Vermögen, er hatte, wenn ich nicht irre, von seinem Vater etwa 20,000 Thaler ererbt und mit seiner reizenden kleinen Frau eine Mitgift von 25,000 Thalern erhalten.« – »Macht 2250 Thaler zu 5 pCt., 2025 Thaler zu 4½ pCt. und 1800 Thaler zu 4 pCt. an jährlichen Zinsen,« bemerkte General Graf Western. »Ich bin überzeugt, daß diese Zahlen stimmen, wenn ich sie auch nicht kontroliren kann, ohne eine halbe Stunde zu rechnen; jedenfalls genügten diese Zinsen, um dem Assessor Wartenberg zu erlauben, ein recht angenehmes Haus zu machen. Die kleinen Gesellschaften, welche er gab, waren die beliebtesten in N*, Wartenberg dort ein hochangesehener Mann, um dessen nähere Bekanntschaft sich selbst seine Vorgesetzten bewarben. »Ich habe damals glückliche Jahre in seinem Hause verlebt. Wir waren wieder die alten Freunde und unsere Verbindung wurde um so fester, als auch unsere Frauen trefflich für einander paßten. Wartenberg machte eine schnelle und glänzende Karriere, und er verdiente sein Glück, denn er war bekannt als der beste und tüchtigste Beamte in N*, dem der Präsident die schwierigsten Dezernate übertrug. »Er spielte damals nur höchst selten, denn N* war eine merkwürdig solide Stadt und das Hazardspiel in allen höheren Gesellschaftskreisen streng verpönt, so daß Wartenberg nur, wenn er im Sommer eine Reise machte, in irgend einem Bade an der Spielbank für kurze Zeit seiner Leidenschaft fröhnen konnte. »Er soll in Baden-Baden, wie ich hörte, schon in jener Zeit recht beträchtliche Summen verloren haben. »Ich wurde versetzt und verlor meinen Freund für längere Zeit aus den Augen, erst als ich vor einigen Jahren nach M** kam, traf ich ihn als Regierungs-Präsidenten wieder. Er hatte sich in den Jahren, seit ich ihn nicht gesehen, sehr verändert. Der früher so heitere, lebenslustige und lebensfrische Mann war ernst und schweigsam geworden. Er lebte von der Gesellschaft zurückgezogen, einsam in dem schönen Landhause, welches er unmittelbar vor dem Thor sich angekauft hatte. Sein Leben wurde noch einsamer, als seine von ihm sehr geliebte Gattin starb. Unsere Freundschaft aber wurde bald wieder so innig als früher. Wir verkehrten täglich zusammen und so ist es geblieben bis zum heutigen Tage. Unsere Kinder sind wie Geschwister zusammen aufgewachsen, Maria Wartenberg ist seit zwei Jahren die Verlobte meines Sohnes, und die Freundschaft der Väter ist nie erschüttert worden. »Nur um doch einige Zerstreuung zu haben, wünschte Wartenberg vor einem halben Jahre in unser Kasino aufgenommen zu werden. Ich konnte nicht ahnen, welche Folgen die Erfüllung dieses Wunsches für ihn haben werde, sonst hätte ich ihn sicherlich nicht als Mitglied vorgeschlagen. Er hat nicht nur in den letzten vierzehn Tagen, sondern seit einem halben Jahre, seit er unser Mitglied ist, unaufhörlich verloren, und zwar große, weit über seine Verhältnisse hinausgehende Summen, deren Höhe ich allerdings nicht berechnen kann, da ich leider kein so geübter Kopfrechner bin, wie unser verehrter Herr Vorsteher, der General Graf Western. Ich kann Ihnen versichern, meine Herren, mein Freund Wartenberg ist der edelste, trefflichste Mensch, er hat nur einen einzigen Fehler, die Spielwuth!« Der General schüttelte bedenklich das Haupt. »Sie sehen Ihren Freund mit Freundesaugen an,« sagte er. – »Ich will Ihnen nicht leugnen, daß mir der Präsident, von dem ich früher so viel des Lobes gehört habe, ganz und gar nicht gefällt, seit mir die Gelegenheit geworden ist, ihn als Mitglied unseres Kasino hier häufig zu sehen. Er ist wohl ein geistreicher Gesellschafter, der sich angenehm, selbst liebenswürdig zeigen kann; aber ihm fehlt das Gemüth. Mir hat er stets den Eindruck eines berechnenden Egoisten gemacht, der herzlos und kalt keinen andern Gott als sein Selbst kennt. Warm wird er nur am Spieltisch, wenn die Leidenschaft ihn fortreißt.« »Sie beurtheilen meinen Freund wahrhaftig ungerecht.« »Das glaube ich nicht,« fiel der Freiherr von Altkirch ein. »Auch auf mich hat der Präsident den gleichen Eindruck gemacht. Wir sind hier im kleinsten Freundeskreise zusammen, da darf ich es wohl sagen, ohne mich einer Indiskretion auszusetzen: mich beschleicht fast ein Grauen, wenn ich in die wunderschönen schwarzen Augen schaue. Sie sind so feurig und geistreich, aber auch so unwahr, fast möchte ich sagen böse. Wäre der Präsident nicht ein Mann, dessen Rechtschaffenheit, Unbestechlichkeit und Gesinnungstreue über jeden Zweifel erhaben ist, dann würde ich glauben, er könne ein Verbrechen begehen.« »Herr Baron, Sie gehen zu weit. Solche Aeußerungen darf ich als Freund nicht ruhig mit anhören!« entgegnete der Oberst erzürnt. »Sie begehen ein schweres Unrecht gegen einen trefflichen Mann, für dessen edles Herz und reinen Charakter ich einstehen kann.« »Ich achte Sie zu hoch, Herr Oberst, als daß ich daran denken könnte, Sie beleidigen zu wollen,« sagte der Freiherr ernst. »Jedenfalls kann es Sie nicht kränken, wenn ich offen meine Ansicht über Ihren Freund ausspreche, der ich übrigens ja selbst keinen Werth beilege, da sie nicht aus Thatsachen, sondern nur aus einem dunklen, nicht motivirten Gefühl entspringt. Lassen wir übrigens solche Betrachtungen ganz auf sich beruhen, da sie unseren vortrefflichen Freund, den Obersten, kränken; erlauben aber wird er uns, in Berathung zu ziehen, wie wir uns zu verhalten haben, damit Spielscenen, die der heutigen ähnlich sind, in unserem Kasino vermieden werden. Ich wenigstens wünsche nicht, daß man mir vorwerfe, ich hätte mich im Spiel auf Kosten des Herrn Präsidenten Wartenberg bereichert. Die tausend Thaler, welche ich heute gewonnen habe, sind für mich eine Beschämung, wenn ich bedenke, daß sie vielleicht dazu beitragen, den Mann zu ruiniren. Wir müssen Mittel finden, ein so hohes Spiel, wie heut, in unserem Kasino unmöglich zu machen, oder wenigstens den Präsidenten von der Theilnahme an demselben auszuschließen.« »Einverstanden, Herr Baron! Von Herzen einverstanden!« rief der Oberst, indem er dem Freiherrn die Hand reichte. »Ich möchte Folgendes vorschlagen,« fuhr dieser fort. »Wir verpflichten uns sämmtlich auf Ehrenwort, wenn der Präsident das Kasino besucht, an keinem Hazardspiel Theil zu nehmen, und sollte ein solches schon im Gange sein, wenn er kommt, bei seinem Eintritt unweigerlich die letzte Taille anzukündigen, ohne Rücksicht darauf, ob etwa die Bank im Gewinn oder Verlust ist.« »Ein vortrefflicher Vorschlag, dem ich freudig beistimme,« sagte der General. »Auch ich! Auch ich! Auch ich!« bestätigten die übrigen Mitglieder der Gesellschaft; alle verpflichteten sich in der vom Freiherrn vorgeschriebenen Weise, und der General übernahm es, den Abwesenden den Beschluß der Gesellschaft mitzutheilen und auch von ihnen das Ehrenwort einzufordern. Sehr vergnügt über das Resultat dieser Besprechung nahm der Oberst Abschied; er hoffte, daß seinem Freunde hohes Hazardspiel künftig versagt sein werde. II. Verzweifelte Pläne. Der Präsident wohnte in der nur wenige Meilen von der Residenz entfernten, mit dieser durch eine Eisenbahn verbundenen bedeutenden Provinzialstadt M**. Fast stündlich fuhren zwischen den beiden Städten Lokalzüge; Wartenberg hatte daher auf dem Eisenbahnhof nicht lange zu warten, um nach Haus zurückkehren zu können. Als er in den Wartesalon zweiter Klasse trat, fand er in demselben mehrere Bekannte, höhere Officiere aus M**; er war indessen nicht in der Laune, eine Unterhaltung anzuknüpfen. Mit einem flüchtigen Gruß zog er sich in einen stillen Winkel zurück, und sobald die Saalthüren geöffnet wurden, eilte er einzusteigen. Ein bekannter Schaffner, der schon oft von dem freigebigen Manne ein ansehnliches Trinkgeld erhalten hatte, besorgte ihm ein geschlossenes Coupé, in welchem er ungestört durch lästige Gesellschaft die kurze Reise zurücklegen konnte. Kaum eine Stunde hatte er zu fahren und doch dünkte ihm die kurze Zeit eine Ewigkeit. Das Rasseln des Zuges, das Pfeifen der Lokomotive, das Rufen der Schaffner, das laute Gespräch in dem Nebencoupé und der Gesang, der aus einem Wagen dritter Klasse erschallte, griffen seine Nerven an. Er vermochte die verwirrten Gedanken, die chaotisch in ihm wogten, nicht zu ordnen, er konnte nicht zur Klarheit über einen verzweifelten Entschluß kommen, der durch das Unglück der letzten Stunde in ihm erzeugt war, gegen den sein innerstes Wesen ankämpfte und den doch die bittere Nothwendigkeit ihm zu gebieten schien. Tod oder Schande! Furchtbare Wahl. Sollte er ein ehrloses, verachtetes Leben wählen, ein Leben voll Entbehrungen, ein Leben der Noth, des Elends, der Schande? Er, der viel Gefeierte, der hohe Staatsbeamte, für den selbst das höchste Ziel des Ehrgeizes nicht unerreichbar schien, dem der Monarch zahlreiche Beweise von Gunst und Hochachtung geschenkt hatte, sollte in Zukunft – – – Nein, solcher Gedanke war unerträglich, lieber den Tod! Seine Gedanken flogen hinüber nach M**, nach der reizenden, tief im Garten liegenden Villa, in das mit zierlicher und doch solider Eleganz geschmückte Arbeitszimmer. Er blickte in dies Zimmer wie ein unbetheiligter Zuschauer. Es lag, erhellt vom Lichte der großen Astrallampe, die auf dem Schreibtisch stand, vor ihm. Ein leichter blauer Dunst erfüllte die Luft, aber er vermochte durch denselben doch alle Einzelnheiten, alle die wohlbekannten Möbel zu erkennen. Dort an der Wand, hinter dem großen Tisch, auf welchem Akten und Bücher lagen, das dunkelrothe Plüschsopha. Und auf dem Sopha eine starre, langgestreckte Gestalt. Der eine Arm hing schlaff zum Fußboden herab, der halbgeöffneten Hand war ein abgeschossenes Pistol entfallen. – Daher der blaue Dampf im Zimmer, der sich langsam verzog. Das Gesicht der starren Gestalt war ihm zugekehrt, er erkannte die eigenen entstellten, vom Schmerz verzerrten Züge. Die Augen waren gebrochen; aus einer tiefen Wunde mitten in der Schläfe floß das Blut. Es strömte über den rothen Plüsch der Kissen, diese noch dunkler färbend, dann floß es nieder auf den Fußboden, ein rother Strom ergoß sich über die weißen Dielen. Die Thür im Hintergrunde des Zimmers öffnete sich. Ein schönes Mädchen schaute mit einem angsterfüllten Blick der großen, schwarzen Augen zuerst nach dem Arbeitspult, dann nach dem Sopha. Jetzt sieht, jetzt erkennt sie die starre Gestalt. Sie stößt einen wilden Schrei des Entsetzens aus, sie stürzt sich auf den blutigen Leichnam, sie bedeckt das entstellte Angesicht mit zärtlichen Küssen. Dies alles sah er; so deutlich, so klar stand das Bild ihm vor der Seele, als ob er es mit leiblichen Augen schaue. – Fort mit dem scheußlichen Bilde, mit den grauenerregenden Phantasiegestalten! – Aber sie ließen sich nicht bannen. Vergeblich ließ er das Fenster herab, um hinauszuschauen; aus dem Dunkel der Nacht entwickelte sich immer von neuem das blutige Bild der starren Leiche dort im heimlichen Zimmer. Jetzt bedauerte er, daß er so einsam geblieben war, daß er nicht mit den Bekannten zusammen die kurze und doch so lange Reise gemacht hatte. Er wollte sich zwingen, an gleichgiltige Dinge zu denken, später war ja immer noch Zeit genug, das Furchtbare zu thun. – Fruchtloses Bemühen. – Wieder und immer wieder stieg das grauenhafte Bild vor ihm auf. Endlich, endlich! Der Zug hielt, die Station M** war erreicht. Der Präsident stieg aus. Er hatte zu seiner nicht fern vom Bahnhof gelegenen Villa nur einen kurzen Weg, den er zu Fuß zurücklegte. Er stand vor dem Hause, zwei hell erleuchtete Fenster zogen seinen Blick auf sich. »Sie erwartet mich. Ich muß sie sprechen, um Abschied von ihr zu nehmen, dann aber –« Er zog die Glocke. Gleich darauf öffnete ein Bedienter in einfacher, eleganter Livree die Thür des eisernen Gitters, welche den kleinen, sorgfältig gepflegten Vorgarten von der Straße abschloß. »Meine Tochter ist noch wach?« »Das Fräulein erwarten den Herrn Präsidenten.« »Zünde in meinem Arbeitszimmer die Lampe an. Ich werde vielleicht bis spät in die Nacht zu arbeiten haben, will aber vorher meine Tochter sprechen. Beeile Dich, ich werde bald nach meinem Zimmer kommen.« Wieder trat das Bild des einsamen Arbeitszimmers mit schauerlicher Klarheit vor sein inneres Gesicht, jetzt aber vermochte er, inmitten der bekannten Umgebung, es zu verscheuchen. Er stieg die mit blühenden Gewächsen freundlich geschmückte Treppe in die Höhe, dann ging er langsam über einen Vorflur und durch einen mit solider Eleganz eingerichteten Gesellschaftssaal. Unzählige Male hatte er denselben Weg gemacht und niemals die altbekannten Möbel, die reichen Teppiche auf dem Parquetfußboden, die Bilder an den Wänden, die Blumen in den Fenstern einer besondern Aufmerksamkeit gewürdigt, heut aber weilte sein Blick auf ihnen. War es ihm doch, als müsse er Abschied nehmen von jedem einzelnen ihm im Laufe der Jahre liebgewordenen Stück. Wie schön, wie freundlich, wohnlich und doch elegant! Eine glückliche Erinnerung an die schöne Vergangenheit. Wie wüst und kahl wird es hier in wenigen Wochen aussehen? Bilder und Teppiche zur Auktion, die Möbel beim Trödler. Leere Wände, geöffnete Thüren, der Wind pfeift durch die zerbrochenen Fensterscheiben. Vielleicht bleibt eine vergessene, verwelkte Blume zurück, als letzte Erinnerung daran, daß hier einst glückliche Menschen wohnten!« Er seufzte tief. Noch einmal schaute er ringsum, im Fluge schweifte sein Blick von Bild zu Bild, von einem Möbelstück zum andern, jedes erkannte er, obgleich das Licht, mit welchem der Diener ihm vorleuchtete, den großen Raum nur schwach erhellte, dann aber ging er hastig weiter. Er durchschritt ein kleines Gesellschaftszimmer, von diesem aus trat er in das Wohngemach seiner Tochter. Marie Wartenberg hatte die nahenden Schritte des Vaters gehört, sie war ihm entgegen gegangen und an der Thür empfing sie ihn. Wie schön sie war! So reizend glaubte der Präsident seine Tochter noch nicht gesehen zu haben; aber er glaubte es eben nur, weil er von ihr Abschied für immer nehmen wollte, sonst würde auch er bemerkt haben, daß ihr großes, feuriges, schwarzes Auge starrer als sonst blickte, daß sie bleicher als gewöhnlich war. – »Du kommst früher von St.**, Vater, als Du gewollt. Es ist doch nichts vorgefallen?« Die Frage erschien so einfach, Mariens Stimme erklang so ruhig, aber in dem Auge, welches sie forschend auf den Vater richtete, lag der Ausdruck einer tiefen Sorge, welcher der zur Schau getragenen Ruhe widersprach. »Nichts, mein Kind!« antwortete der Präsident. Auch er zwang sich kalt und ruhig zu erscheinen; aber der Tochter Blick war schärfer als der seinige; Marie las seine tiefe, innere Bewegung in seinen Augen. »Weshalb aber kommst Du so früh?« »Ich habe heut Nacht noch eine nothwendige Arbeit zu vollenden.« »Du warst im Kasino?« »Natürlich.« »Ist gespielt worden?« »Was kann Dich das interessiren. Man plaudert im Kasino, man liest seine Zeitungen, macht auch wohl ein kleines Spiel, wie gerade der Abend es mit sich bringt. – Morgen sollst Du, wenn es Dein Interesse erregt, erfahren, wie wir uns im Kasino unterhalten haben, heut muß ich Dir gute Nacht sagen. – Ich muß an meine Arbeit gehen, wenn ich nicht die ganze Nacht schreiben soll. Du aber geh' zu Bett, Marie. – Gute Nacht, mein Kind.« Er küßte seine Tochter. Das that er sonst nie. – So künstlich er die äußere Ruhe aufrecht zu erhalten wußte, vermeiden konnte er es dennoch nicht, daß der scharfe, forschende Blick Mariens in seiner Seele las. – Sie schlang den Arm um seinen Hals, und nachdem sie den väterlichen Kuß zärtlich erwidert hatte, sagte sie: »Du bist tief bewegt, Vater. Es ist irgend etwas vorgefallen. Du hast eine schwere Sorge. Vertraue sie mir und verlaß Dich darauf, ich bin stark. Was auch geschehen sein möge, laß mich Theil nehmen an Deinen Sorgen. Ich bitte Dich darum, ich flehe Dich an.« »Welche thörichte Einbildung!« entgegnete der Präsident, indem er sich der Umarmung der Tochter entzog. – »Was sollte wohl in unserem gemüthlichen Kasino vorfallen! – Du machst Dir stets unnöthige Sorgen. – Morgen wollen wir davon mehr plaudern; jetzt aber muß ich an meine Arbeit gehen. Gute Nacht, mein Kind.« Er küßte sie noch einmal, dann verließ er sie; aber als er schon in der Thür stand, vermochte er doch der Versuchung nicht zu widerstehen. Er mußte zurückschauen, einen letzten Abschiedsblick seiner lieblichen Tochter schenken, dann eilte er fort, durch die Gesellschaftszimmer und den Vorsaal nach dem andern Flügel des Hauses, in welchem sein Arbeitszimmer lag. Hier war er unbeachtet und ungestört. Nie wagten die Tochter oder der Diener ihn hier aufzusuchen, dies war ihnen streng untersagt; das Arbeitszimmer war ein Heiligthum, welches sie nur gerufen betreten durften. Auf dem Schreibtisch stand die große, hellleuchtende Astrallampe genau an der Stelle, an welcher sie das Phantasiebild gezeigt hatte. Unwillkürlich mußte der Präsident nach dem Plüschsopha schauen; er schämte sich fast des Blickes. Wohl eine halbe Stunde ging er mit langsamen Schritten, tief nachdenkend im Zimmer auf und nieder. Es galt einen Ausweg zu finden aus dem Labyrinth, in welches er durch seine Spielverluste getrieben war; jeder wäre ihm Recht gewesen. Er schauderte zurück vor dem Gedanken eines freiwilligen Todes, mehr aber noch vor dem eines Lebens voll Elend und Schande. Lieber todt, als auf dem Zuchthaus! Aber er wollte nicht sterben, er wollte leben. Ja, hätte er durch ein Verbrechen sich die Geldsumme verschaffen können, deren er bedurfte, um sich zu retten, er würde nicht gezögert haben, es zu begehen. Er dachte an die Regierungskasse, an die Geldsummen, welche dort im Depositorium lagen. Wie aber sollte er zu ihnen gelangen? Der Rendant, der die Kasse verwaltete, war ein pflichtgetreuer Mann, der niemals den Schlüssel zu dem eisernen, diebes- und feuersichern Geldschrank aus der Hand gab. Hätte er aber selbst ihn dem Präsidenten anvertraut, dann mußte ja ein Diebstahl sofort entdeckt werden und nur auf den Präsidenten konnte der Verdacht fallen. Durch einen solchen Kassendiebstahl hätte er nur einen kurzen Aufschub des drohenden Geschicks erzielt. Aber ein größeres Verbrechen konnte vielleicht zum Ziele führen. Der Rendant war ein fleißiger Mann, er arbeitete häufig bis tief in die Nacht hinein im Kassenzimmer. Er war dann fast allein in dem alten großen Hause, einem früheren fürstlichen Palais, in welchem die Amtslokalitäten der Regierung lagen. – Der alte kränkliche und schwache Rendant ließ sich leicht überwältigen. Ein starker Mann konnte ihn plötzlich niederschlagen, und wenn selbst der Getroffene sich wehrte, wenn er einen Schrei ausstieß, wie leicht konnte er für immer still gemacht werden. Wer hätte wohl in dem großen einsamen Hause den Schrei hören sollen? Der halb taube Portier, der einzige Bewohner des alten Gebäudes, hatte sein Zimmer am Straßeneingang, weit entfernt von dem Kassenzimmer; zu ihm konnte kein Laut dringen, und wäre er zu ihm gedrungen, so konnte er ihn nicht hören. Aber ein Mord! Grauenvoller Gedanke! Der Rendant mußte sterben, wenn der Plan gelingen sollte. Selbst, wenn es möglich war, ihn während der Arbeit zu überfallen, ohne daß er seinen Angreifer erblickte, wenn er niedergeworfen wurde, wenn ihm ein kräftiger Schlag das Bewußtsein raubte, ohne ihn zu tödten, selbst in diesem glücklichsten Falle gab es keine Sicherheit für den Mitleidigen, der, um sein Gewissen nicht mit einem Morde zu belasten, das Leben des alten Mannes verschonte. Das Berauben der Kasse nahm sicherlich einige Zeit in Anspruch. Wie leicht konnte der nicht tödtlich Getroffene aus seiner Ohnmacht erwachen, dann erkannte er den Räuber! Um sein Leben zu retten, schloß er dann wieder die Augen, er blieb zum Schein bewußtlos, und welches Mittel gab es, sich zu überzeugen, daß er es wirklich war? Ja, er konnte vielleicht nur für einen Moment zum Bewußtsein kommen und sofort in eine neue Ohnmacht sinken; aber der eine Augenblick genügte, um ihm den wohlbekannten Vorgesetzten als Kassenräuber zu zeigen. Mitleid? Thörichtes, knabenhaftes Gefühl! Es galt den Kampf für das eigene Leben. Die Pflicht der Selbsterhaltung ist die höchste des Menschen. Wieder stieg das grauenhafte Phantasiebild der starren Gestalt auf dem Sopha vor dem geistigen Auge des Präsidenten aus. Nein, er wollte nicht sterben, nicht als Selbstmörder enden. Welche Freude hatte jener, der alte, mehr als siebzigjährige, kränkliche, kinderlose Mann wohl am Leben? Ob er lebte, ob er im Grabe lag, wie gleichgiltig war dies für ihn und für die ganze Welt! Hatte er doch ohnehin höchstens wenige Jahre, wahrscheinlich nur wenige Monate noch zu leben. Sein Husten war in der letzten Zeit so scharf und stark geworden, seine Schwäche hatte so zugenommen, daß dem alten Manne fast eine Wohlthat erzeigt wurde, wenn ein Mitleidiger ihn von der Bürde des Daseins befreite. Und solchem Jammerleben gegenüber die Zukunft des kräftigen, lebensfrischen Mannes, dem ein Pistolenschuß ein Ende machen sollte, weil ein thörichtes Mitleid den Tod des Greises verbot! Diese Zukunft, wie glanzvoll lag sie vor dem Präsidenten! Er sah sich als Minister den ganzen Staat beherrschen, hoch geachtet und geehrt vom Monarchen und gefeiert vom Volk. Nein, kein Mitleid! Immer fester wurde sein Entschluß, immer mehr reifte der anfangs kaum flüchtig gedachte Plan der Ausführung entgegen. Es sollte geschehen; aber jede Vorsichtsmaßregel mußte genommen werden, um der Möglichkeit einer Entdeckung vorzubeugen. Der Präsident verließ mit leisem, geräuschlosem Schritt sein Zimmer, er schlich sich nach dem Gesellschaftssaal. Von einem Fenster desselben konnte er, über einen freien Platz fort und durch eine Häuserlücke, hinüberblicken nach den hinteren Fenstern des Regierungsgebäudes. Es war Licht im Kassenzimmer. Der Rendant arbeitete also noch. Kein Zögern! Was geschehen sollte, mußte bald geschehen. So geräuschlos wie er gekommen, schlich der Präsident in sein Arbeitszimmer zurück. Er öffnete eines der nach dem Garten hinausgehenden Fenster. Er wollte das Haus verlassen, ohne daß seine Tochter oder die Dienerschaft es bemerkten; aber als er aus dem Fenster schaute, mußte er sich überzeugen, daß ein Sprung in den Garten unausführbar sei. Die Höhe war zu bedeutend, auch konnte er nicht durch das Fenster in das Arbeitszimmer zurückkommen. Er mußte sich daher schon entschließen, die Villa auf dem gewöhnlichen Wege zu verlassen, nur wählte er die Hinterthür, die nach dem Garten hinausführte. Ehe er seine Wanderung antrat, suchte er nach einer Waffe. Er zog aus dem Schreibtisch einen Kasten, in welchem er allerlei Geräthschaften aufbewahrte; aus ihnen wählte er einen schweren Hammer mit kurzem Stiel, den er bequem in die Tasche stecken konnte; außerdem nahm er ein Jagdmesser mit breiter, an der Spitze zweischneidig geschliffener Klinge. Ehe er den Hammer einsteckte, wog er ihn in der Hand, dann führte er mit ihm ein paar Probeschläge in der Luft. Zufällig fiel, indem er es that, sein Blick auf den zwischen beiden Fenstern hängenden Spiegel. Er schauderte zurück vor dem eigenen Bild. Das bleiche, schöne und doch so entsetzliche Gesicht, welches ihm das Spiegelbild zeigte, der in trotziger Entschlossenheit fest zusammengepreßte Mund, die hohe, weiße Stirn, über welche die dunklen Locken herabhingen, das blitzende, weitgeöffnete schwarze Auge flößten ihm Grauen ein. Sein Entschluß wurde wieder wankend: das Mitleid für den alten Mann, der ihm stets so freundlich dienstwillig gewesen war, der sich ihm Jahre lang als der liebenswürdigste, fleißigste und treuste Untergebene gezeigt hatte, wurde noch ein Mal in ihm rege. Wie oft hatte er sich freundschaftlich, ja selbst vertraulich mit dem tüchtigen Beamten unterhalten, und jetzt – – – Er ließ den Hammer niedersinken. – Wieder trat er seine Wanderung durch das Zimmer an, wieder zermarterte er sein Hirn, um ein anderes Mittel der Hilfe zu finden; aber alles Sinnen war vergeblich. – Er oder jener! Leben um Leben! »Es muß sein!« murmelte er. Zwar seufzte er tief, zwar wollte ihm der Gedanke an die furchtbare That das Herz brechen; aber sein Entschluß war gefaßt und er schritt nun, ohne länger zu zögern, zur Ausführung. Er steckte den Hammer in die Brusttasche des Ueberrocks, den Stiel nach oben, so daß er ihn mit einem Griff hervorziehen konnte; das Jagdmesser verbarg er in der rechten Tasche des Beinkleides. Dann schlich er auf den Zehen, so leise, daß Niemand im Hause ihn hören konnte, über den Vorsaal die Hintertreppe hinab. Die Thür nach dem Garten wurde stets von innen verschlossen. Es gelang ihm, sie ohne Geräusch zu öffnen, den Schlüssel abzuziehen und von außen zuzuschließen. Eiligen Schrittes ging er durch den Garten. Hier hatte er keine Entdeckung zu befürchten, denn unter dem Laubengang, der von hohen, blätterreichen Kastanien gebildet wurde, war es so dunkel, daß ihn vom Hause aus Niemand beobachten konnte. Ein enger Pfad führte von der Kastanien-Allee links ab durch das Gebüsch nach einer kleinen, in der hintern Gartenmauer befindlichen Thür. Den Schlüssel zur Gartenthür trug er stets bei sich, weil er diesen Eingang fast täglich benutzte, wenn er von dem Regierungsgebäude nach seiner Villa zurückkehrte. Er trat aus dem Garten in eine enge, öde Gasse, welche sich hinter den Villen im Bogen hinzog, man nannte sie den Gartenweg; sie war von beiden Seiten durch langgestreckte Mauern begrenzt, nur da, wo sie auf den freien Platz am Thore mündete, standen ein Paar ärmliche Häuser. Das Glück begünstigte den Präsidenten. Niemand begegnete ihm weder in der Gasse, noch auf dem Thorplatz, noch in der abgelegenen, selbst bei Tage meist menschenleeren Straße, die vom Thorplatz nach dem Regierungsgebäude führte. Er stand vor der Thür des alten Palastes. Noch einmal schaute er sich um, ob auch sein Eintritt nicht beobachtet werde; aber nirgends war ein Mensch zu sehen. Jetzt bedurfte er keiner besonderen Vorsicht mehr, denn der fast taube Portier hörte weder das Oeffnen noch das Schließen der Thür, – das wußte der Präsident; war er doch erst vor vierzehn Tagen eines Abends nach dem Kassenzimmer gegangen, um dort noch mit dem unermüdlich fleißigen Rendanten eine wichtige Dienstangelegenheit zu besprechen. Er hatte damals die Thür geöffnet und geschlossen; er war mit laut schallendem Schritt über den Flur und durch die Korridore gegangen, ohne daß der Portier ihn gehört hatte. Mit sicherer Hand öffnete er die Thür und es war fast eine unnöthige, übertriebene Vorsicht, daß er sie langsam und leise wieder zudrückte und daß er auf den Fußspitzen, ohne ein Geräusch zu machen, durch den Flur schlich. Er hatte im Dunklen langsam schon ein Paar Schritte gemacht, da wurde er plötzlich durch das Anschlagen eines Hundes erschreckt. – Bestürzt blieb er stehen; aber der Hund beruhigte sich nicht, er erhob ein wildes Gebell und gleich darauf öffnete sich die Thür der Portierstube. »Kusch' Dich, Sultan! Nieder mit Dir. – Wer kommt hier noch so spät Abends?« rief der Portier, indem er mit einer Lampe in den dunklen Flur hinausleuchtete. – Ach, der Herr Präsident sind es, bitte tausend Mal um Verzeihung,« fügte er, seinen Vorgesetzten erkennend, hinzu, indem er sich respektvoll tief verbeugte. – »Nieder mit Dir, Sultan! Will denn das abscheuliche Thier gar nicht mit Bellen aufhören!« Der Präsident war keines Wortes mächtig. Ein ungeahntes Hinderniß hatte plötzlich seinen wohl angelegten, der Ausführung nahen Plan durchkreuzt und vereitelt. Sein letzter Halt im Leben war unrettbar verloren. Ein neuer Gedanke blitzte in ihm auf. Krampfhaft griff er nach dem Dolchmesser. Er wollte sich auf den Portier stürzen, ihn niederstoßen, aber schon im nächsten Moment mußte er den unsinnigen Plan aufgeben. Ein Blick auf den großen, wüthend bellenden Hund, den der Portier nur mit Mühe am Halsband fest hielt und bändigte, zeigte ihm, daß hier kein Sieg zu erringen sei; auch hörte er in der Portierwohnung schon das Zuschlagen einer Thür und gleich darauf die Stimme einer Frau, welche ärgerlich fragte: »Na, Anton, was ist hier los? Wer hat denn so spät etwas in der Regierung zu suchen?« Alles war verloren! Nur mit Mühe gelang es dem Präsidenten, seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen. Er ließ das schon ergriffene Jagdmesser wieder los, und sich gewaltsam zu einem ruhigen Tone zwingend, sagte er: »Guten Abend, Hartwig. Ist der Herr Rendant vielleicht noch im Kassenzimmer?« »Wie befehlen? Bitte um Entschuldigung; aber ich höre etwas schwer.« »Ist der Rendant noch im Kassenzimmer?« wiederholte der Präsident sehr laut. »Ja freilich! Deshalb ist ja die Thür noch auf. Der Herr Rendant arbeitet noch.« »Das ist mir lieb. Wenn er herunter kommt, sagen Sie ihm nur, ich würde morgen nicht auf die Regierung kommen, er möge mir die Anweisungen in meine Wohnung schicken.« »Zu Befehl, Herr Präsident.« »Sie haben sich da einen sehr wüthenden Hund angeschafft. Dies hätte ohne Erlaubniß nicht geschehen dürfen. Wozu und seit wann haben Sie das Thier?« »Seit heut Mittag, Herr Präsident. Der Herr Rendant arbeitet jetzt noch oft spät Abends in der Kasse, da muß denn die Thür offen bleiben, bis er geht. Weil ich nun ein bischen schwerhörig bin, habe ich gedacht, es könnte 'mal Abends irgend ein Dieb sich einschleichen; ich konnte gerade einen wachsamen Hund kaufen, da hab' ich es gethan in der Hoffnung, der Herr Präsident würden es gnädigst erlauben; wenn es aber nicht genehm ist – –« »Schon gut. Sie mögen meinetwegen den Hund behalten. Richten Sie meine Bestellung an den Herrn Rendanten aus. Gute Nacht!« »Mich gehorsamst zu empfehlen.« III. Tod oder Schande. Der Präsident wandelte wieder in seinem Arbeitszimmer auf und nieder. Sein letzter Rettungsplan war gescheitert, die Ausführung desselben nicht nur für den heutigen Abend, sondern für immer unmöglich. Freilich hätte er dem Portier die Abschaffung des Hundes gebieten können, ja er konnte es noch thun und dann an einem der nächsten Abende, denn die Zeit drängte, den Versuch wiederholen. Aber nein, dies war unmöglich. Wenn nach einem solchen ganz unmotivirten Befehl eines Morgens der Rendant im Kassenzimmer ermordet und die Kasse beraubt gefunden wurde, dann mußte ja ein Verdacht sich auf den richten, der schon einmal am späten Abend versucht hatte, sich in das Regierungsgebäude einzuschleichen, der durch den wachsamen Hund entdeckt worden war und dann den gefährlichen Wächter beseitigt hatte. Ein Verdacht aber war die Entdeckung und die Verurtheilung. Er wußte nur zu gut, wie leicht es einem geübten Kriminalisten war, sobald nur erst ein Verdacht vorlag, seine Verhältnisse zu durchforschen; die Entdeckung war nicht zu vermeiden. Ja, wenn es möglich gewesen wäre, den Verdacht auf einen Andern zu leiten. Aber auf welche Weise sollte dies geschehen? Es fiel ihm ein, daß in einem der kleinen Häuser, welche am Ausgange des Gartenwegs nach dem Thorplatz lagen, ein Schlosser wohne, der eines Einbruchs wegen mehrere Jahre auf dem Zuchthaus gesessen und erst vor kurzer Zeit, nach langer guter Führung, die Erlaubniß, sein Gewerbe wieder zu betreiben, erhalten hatte. Das war der rechte Mann! Einem bestraften Subjekt traut man ja leicht ein zweites Verbrechen, einem Einbrecher einen Mord zu. Er grübelte lange. Viele Pläne, wie der Schlosser künstlich verdächtiger werden könne, schossen in ihm auf, alle aber zeigten sich bei genauerer Prüfung unausführbar, immer mehr überzeugte er sich, daß, was er auch thun möge, er doch niemals die Thatsache beseitigen könne, daß er heut spät Abends im Regierungsgebäude gewesen und durch den Hund entdeckt worden war. Diese Thatsache mußte unter allen Umständen, wenn auf seinen Befehl der Hund beseitigt wurde, einen Verdacht begründen. Alles Grübeln, alles Sinnen war vergeblich. Der letzte Weg zur Rettung war abgeschnitten, ihm blieb nur noch die Wahl zwischen dem Tod und der Schande. Er hatte sich entschieden, sein Entschluß war gefaßt, unabänderlich sollte er zur Ausführung kommen. Ueber dem Schreibtisch hingen an der Wand zwei schöne Pistolen; eine derselben nahm er herab. Er prüfte das Schloß, es befand sich noch im besten Zustand, obgleich die Waffe lange nicht gebraucht worden war. Mit fester Hand lud er das Pistol, dann legte er es vor sich auf den Schreibtisch, an welchen er sich setzte, um noch einige letztwillige Verfügungen zu treffen. Er fing einen Abschiedsbrief an seine Tochter an, aber bald ließ er die Feder wieder sinken. »Wozu ein sentimentaler Abschied? Sie wird mich verfluchen und verdammen, ob ich ihr ein letztes Lebewohl sage oder nicht. Der Spieler, der Verbrecher, der fremdes Geld unterschlagen hat und nun sich die Kugel durch den Kopf schießt, um der schmachvollen Entdeckung und Bestrafung zu entgehen, wird von ihr gehaßt und verachtet werden. Habe ich nicht ihr Vermögen verspielt? Wird nicht auch ihr Name künftig mit Hohn genannt werden, weil sie mein Kind ist? – Wohl wird sie weinen, aber das Verbrechen wird die Liebe in ihrem Herzen ertödten. Wie verändert war sie schon in letzter Zeit, seit sie ahnt, daß ich spiele! – Mit ihrer Achtung ist auch ihre Liebe geschwunden. Wenn sie heut noch sich zärtlich an mich geschmiegt hat, so geschah es nur, weil sie nicht alles weiß. Auch sie würde sich mit Abscheu von mir trennen, wenn ihr die ganze Vergangenheit bekannt wäre. Aber sei es! Ich habe sie geliebt, sie allein auf der Welt. Von ihr, von meinem schönen Kinde, will ich nicht ohne Lebewohl scheiden.« Er schrieb rastlos weiter; der Brief war fast vollendet, da fiel plötzlich ein dunkler Schatten auf das weiße Papier. Er blickte auf, er sah, daß eine zarte Hand das Pistol ergriff, und als er sich umwendete, stand seine Tochter vor ihm. – Sie schaute ihn mit den großen seelenvollen Augen so ernst und kummervoll an, daß ihm der Blick ins Herz drang. – Er wollte unwillig die unberufene Störerin zurückweisen; aber er konnte es nicht, dieser Blick bannte seinen Zorn und erfüllte ihn mit tiefer Beschämung. – Nur mit dem Aufgebot seiner ganzen geistigen Kraft vermochte er sich zu wenigen Worten zu ermannen. »Was thust Du hier, mein Kind? Weshalb bist Du nicht schon längst zur Ruhe gegangen? – Laß mich allein, Marie, ich habe noch viel, sehr viel heut Nacht zu arbeiten und jede Minute ist mir daher kostbar. – Gute Nacht, Kind, – geh' zu Bett.« Marie erhob das Pistol, und indem sie es dem Vater zeigte, fragte sie: »Gebrauchst Du die geladene Waffe zu Deiner Arbeit?« Die Frage war so direkt gestellt, ihr Auge schaute ihn so forschend an, daß er verlegen den Blick senkte und nur stockend die Antwort hervorbrachte: »Dies Zimmer ist so einsam. Wie leicht könnte vom Garten aus ein Einbruch versucht werden. Ich bin ganz allein und zu meinem Schutze – – –« »Du versuchst vergeblich mich zu täuschen, Vater,« entgegnete Marie mit einer Ruhe, welche dem schuldbewußten Manne furchtbarer war, als wenn die Tochter ihn mit Vorwürfen überhäuft, ihn mit heißen Thränen angefleht hätte. Vorwürfe hätte er trotzig zurückweisen, gegen Thränen sich hart und unempfindlich zeigen können, gegen diese ruhige Sicherheit aber fehlten ihm die Waffen. Er hatte das Gefühl, welches den entlarvten Verbrecher, der vor dem ernsten, strengen Richter steht, niederdrückt. – Er schaute zu ihr auf, aber sofort senkte er den Blick wieder, er konnte den der Tochter nicht ertragen. Der kummervolle Ernst, die ruhige, feste Entschlossenheit, welche sich in dem klaren Auge Mariens aussprachen, überwältigten ihn. Es war ihm nicht möglich, in diesem Augenblick eine Unwahrheit zu sagen. Er fühlte sich durchschaut; leere Ausreden und Entschuldigungen waren nutzlos, sie wären nicht geglaubt worden. Marie fuhr fort: »Als Du heut Abend nach Hause zurückkehrtest, las ich in Deiner Seele, Vater. – Ich wußte, daß Du im Kasino wieder gespielt und verloren habest. Als Du Abschied von mir nahmst, fühlte ich, daß es ein Lebewohl auf ewig sein sollte. Dein letzter Kuß war ein Abschiedskuß. – So aber dürfen wir nicht scheiden. Du sollst und darfst nicht als ein Feigling und Selbstmörder sterben.« »Marie!« »Ich habe manche furchtbar bange Stunde mit mir gekämpft, ehe ich zur Klarheit und zum Entschluß gekommen bin, jetzt aber vermagst Du mich nicht mehr zu täuschen. – Ich weiß es wohl, daß ich Dich an der Ausführung Deines Entschlusses nicht hindern kann. Wenn ich dieses Pistol mit mir nehme, findest Du ein zweites, oder hundert andere Mittel, um den feigen Selbstmord zu begehen; ich gebe Dir deshalb die Waffe zurück, aber ich verlasse Dich nicht, ehe ich von Dir das heilige Versprechen erlangt habe, daß Du sie nicht gebrauchen willst. – Vertraue mir, Vater! Sage mir, wodurch Dein verzweifelter Entschluß entstanden ist. Glaube mir, ich bin stark. Ich will, ohne zu zittern, das Schlimmste hören. – Gebe ich Dir dafür nicht in diesem Augenblick den Beweis? – Wie könnte ich in dieser furchtbaren Stunde so ruhig zu Dir sprechen, wenn ich nicht die Kraft hätte, alles zu ertragen!« »Alles? Auch die Schande? Auch die Schmach, daß Dein Vater, wenn er lebt, in wenigen Tagen schon als ein Ehrloser gebrandmarkt, seines Amtes entsetzt und aus diesem Hause in das Gefängniß geführt werden wird? Kannst Du auch das ertragen?« fragte der Präsident. »Auch das!« erwiderte Marie mit unerschütterter Ruhe. Wohl war sie bei den Worten des Vaters fast noch bleicher geworden, wohl preßte sie die Lippen fester zusammen, um einen Schmerzensruf zu unterdrücken; aber es gelang ihr dies und ihre Stimme zitterte nicht, als sie fortfuhr: »Ich habe dies längst geahnt. Als ich vor einem Jahre am Krankenbett der Mutter wachte, da hat sie mir das Unglück ihres Lebens vertraut und mir die heilige Pflicht auferlegt, über Dein Leben zu wachen. Damals erfuhr ich, daß unser Reichthum nur ein leerer Schein sei, der durch künstliche Mittel aufrecht erhalten werde, daß der Spieltisch Dein und der Mutter Vermögen verzehrt habe. Alles vertraute mir die Mutter, auch eine furchtbare Ahnung, die sich heute erfüllt. – »Diese fürchterliche Leidenschaft beherrscht ihn,« – so sagte sie, »er vermag ihr nicht zu widerstehen. Er ist macht- und willenlos, wenn das Spiel ihn ruft. – Wie oft habe ich ihn gewarnt, wie oft ihn mit heißen Thränen gebeten, alles war fruchtlos. Wir konnten so glücklich sein, und sind so namenlos unglücklich. – Bisher hat er nur sein und mein Vermögen der fürchterlichen Leidenschaft geopfert, aber die Zeit wird kommen, wo er auch fremdes Gut angreift und endlich verzweiflungsvoll zum Selbstmörder wird.« – Das sagte mir die Mutter, sie flehte mich an, Dich nicht zu verlassen in der Zeit der Noth und Schmach, die sie prophetisch nahen sah. – Ich habe es ihr zugeschworen, und was auch bisher geschehen ist, was auch ferner geschehen mag, Vater, ich bleibe Dir treu.« – Der trotzige Muth des Präsidenten war gebrochen. – Mariens Worte hatten die Erinnerung an frühere, glücklichere Zeiten heraufbeschworen, an die Gattin, welche ihn mit so hingebender Zärtlichkeit geliebt und die er doch so unglücklich gemacht, an das freundliche Familienleben, in welchem er sich so froh bewegt hatte, bis es durch die dämonische Leidenschaft für das Spiel zerstört worden war. – Damals war er ein besserer Mensch gewesen. Wie tief war er seitdem gesunken! Mit Grauen dachte er an das Verbrechen, dessen Ausführung nur durch einen glücklichen Zufall verhindert worden war. Er war zum Raubmörder entwürdigt! – Wenn auch seine Hand kein Blut vergossen, wenn er auch den Raub nicht wirklich verübt hatte, geistig war es geschehen; er trug die Schuld der Frevelthat, welche gegen seinen Willen unausgeführt geblieben war. Es graute ihm vor dem eigenen Ich. – Würde Marie, das hochsinnige edle Mädchen, ihm auch noch treu bleiben, wenn sie wirklich in seine Seele, in diesen tiefen Abgrund von Nichtswürdigkeit schauen könnte? – Längst vergessene, bessere Gefühle erwachten in ihm. – Ja, er wollte ein anderer Mensch werden, seine Leidenschaften beherrschen, den Spieltisch fliehen, seinem Kinde leben. – Konnte er es denn noch? – Es war zu spät! Alles war verloren. Wie er auch sinnen mochte, immer wieder kam er zu der unabweislichen Ueberzeugung, daß er nur zwischen dem Tod und der Schande zu wählen habe. – Ueberwältigt ließ er das Haupt sinken, zwei heiße Thränen entrollten seinem Auge. »Du weinst, theurer Vater,« sagte Marie sanft und liebevoll. »Ich danke Gott mit vollem Herzen für diese Thränen; sie geben Dich mir wieder!« – Sie legte die Arme um seinen Hals, sie legte ihre Wange an die seinige, sie liebkoste den tieferschütterten, seiner Fassung gänzlich beraubten Mann wie ein zärtlich geliebtes krankes Kind; dann aber richtete sie sich auf, und mit aller Kraft ihres starken Willens ihre eigene Aufregung unterdrückend, fuhr sie fort: »Fasse Dich, Vater! Erzähle mir, was geschehen ist. Vielleicht kann noch alles gut werden, wir haben ja so viele treue Freunde, die uns in der Noth nicht verlassen werden. – Du darfst nicht verzweifeln. Laß mich Theil nehmen an Deinen Sorgen. Ich schwöre Dir, ich bleibe Dir treu, was auch geschehen sein möge.« »Du sollst alles wissen, mein theures Kind!« entgegnete der Präsident. »Wie schwer es mir auch wird, meine eigene Schande zu verkünden. Du sollst sie erfahren. – Du wirst mich hassen und verachten, aber Du wirst dann selbst einsehen, daß für mich das Leben abgeschlossen ist, daß ich das Recht und die Pflicht habe, es zu enden.« »Niemals Vater! Was Du auch gethan haben magst, ich habe nicht das Recht, Dich zu richten. Ich kann Dich nie verachten oder gar hassen. Du aber darfst Dich auch meiner Liebe nicht entziehen.« »Höre erst, was geschehen; dann urtheile selbst. – Daß mein Vermögen dahin ist, daß ich mit Schulden überbürdet bin, ist Dir bekannt. Deine Mutter hat es Dir gesagt und sie hat richtig die Zukunft prophezeit. Als meine eigenen Mittel zu Ende waren, habe ich fremdes Gut angegriffen und dem Dämon des Spiels geopfert. – Du weißt, daß ich der Vormund des jungen Baron Rechtenberg bin, daß mir durch das Testament seines verstorbenen Vaters, meines alten Freundes, – die uneingeschränkte Vermögensverwaltung übertragen worden ist. – Ich habe von diesem Vermögen 10,000 Thaler unterschlagen und verspielt. Rechtenberg ist jetzt mündig geworden. Er wird in wenigen Tagen, vielleicht morgen schon, aus Paris zurückkehren und sein Vermögen von mir fordern. Es giebt kein Mittel, mich zu retten, die Thore des Zuchthauses sind für mich geöffnet!« – »Nein, Vater, noch ist nicht alle Hoffnung verloren! Rechtenberg wird Dich nicht verderben. – Er ist ja so reich, daß er eine solche Summe wohl entbehren kann, und er soll sie auch nicht verlieren. Wir wollen uns einschränken auf das Aeußerste, dann kannst Du ihm nach und nach durch Ersparnisse von Deinem Gehalt Deine ganze Schuld abtragen.« »Täusche Dich nicht mit trügerischen Hoffnungen! – Von Rechtenberg habe ich keine Schonung zu erwarten. Er haßt mich und wird mit Freuden die Gelegenheit ergreifen, um sich zu rächen dafür, daß ich ihm Deine Hand verweigert habe.« »Er hat sich um meine Hand beworben?« »Du solltest es nie erfahren, jetzt aber mußt Du alles wissen. Vor zwei Jahren, einige Tage nachdem Ernst von Quedenau von Dir das Jawort erhalten hatte, kam Rechtenberg zu mir. Er erklärte mir, daß er Dich liebe, er forderte Deine Hand von mir. Ich theilte ihm mit, daß Du mit Ernst heimlich verlobt seiest. Da fuhr er wild und zornig auf; er verlangte, daß ich diese Verlobung aufheben und Dich zwingen sollte, sein Weib zu werden. Ich hatte damals sein Vermögen noch nicht angetastet; aber mein eigenes war zerrüttet, schon drängten mich meine Gläubiger. Der Gedanke, durch Deine Verbindung mit dem reichen Rechtenberg aller meiner Verlegenheiten ledig zu werden, war so verlockend, daß ich ihm nicht zu widerstehen vermochte. – Ich wies Rechtenberg nicht entschieden zurück, sondern bat mir Bedenkzeit aus. Eine vor drei Tagen geschlossene Verlobung könne ja nicht ohne Gründe sofort wieder aufgelöst werden. Anfangs wollte er von keiner Verzögerung etwas wissen, endlich aber fügte er sich und versprach mir, gegen Dich von dem ganzen Vorgang zu schweigen. Ich sprach mit Deiner Mutter. Sie war tief entsetzt darüber, daß ich auch nur einen Augenblick daran hatte denken können, Dich dem wilden Rechtenberg, dem trotz seiner Jugend verlebten Wüstling, einem Menschen, der, weil er sein Ehrenwort gebrochen, aus dem Offiziersstande ausgestoßen sei, zu opfern. Sie flehte mich an, jeden solchen Gedanken aufzugeben. Ich konnte ihren Bitten nicht widerstehen; noch an demselben Tage schrieb ich an Rechtenberg, daß ich Deine Verlobung nicht lösen könne und wolle. Eine Stunde darauf war er wieder bei mir. Er gebärdete sich wie ein Wahnsinniger. Ohne Dich könne er nicht leben. Du müßtest sein werden, wenn er auch Deinen Verlobten ermorden solle. Als ich ihn ernst und endlich mit Schärfe zurückwies und ihm erklärte, er würde niemals weder Dein noch mein Jawort erhalten haben, selbst wenn Du nicht bereits mit Ernst verlobt seiest, ich wolle meine Tochter nicht einem entehrten Wüstling zum Weibe geben, da gerieth er in eine maßlose Wuth. Er verließ mich, indem er mir fürchterliche Rache drohte. Seitdem habe ich ihn nicht wiedergesehen, er ist damals nach Paris gereist; sein Wort wird er halten, jetzt, da er die Macht dazu hat, sich zu rächen.« Marie hatte mit lautloser Spannung der Erzählung des Vaters gelauscht. Ihre bleichen Wangen färbten sich mit einer flüchtigen Röthe, eine Thräne verschleierte ihr Auge. – »Du bist gerettet, Vater!« sagte sie. »Ich werde Hugo von Rechtenberg empfangen und ihm selbst meine Hand anbieten.« Der Präsident blickte tief gerührt auf sein schönes, edles Kind. Er wußte die Schwere des Opfers, welches sie ihm bringen wollte, zu würdigen, war er doch täglich Zeuge ihres Liebesglückes gewesen, kannte er doch die innige Zärtlichkeit, mit welcher sie an ihrem Verlobten hing. »Deine Liebe, das Glück Deines ganzen Lebens willst Du dem verbrecherischen Vater opfern, armes Kind!« sagte er seufzend. »Wäre ich doch solches Opfers würdig; aber das Schicksal selbst will nicht, daß es gebracht wird, daß Du Deinem Verlobten Dein Wort brichst.« »Ich werde Ernst lieben, so lange ich lebe, unsere Verlobung aber muß ich lösen. Wie könnte ich ihn hineinziehen in das Unglück unserer Familie! Er denkt zu groß und edel, als daß er mich selbst verlassen würde; ich aber muß ihm entsagen.« »Nein, das sollst Du nicht; Dein Opfer würde fruchtlos sein. Der unwürdige Rechtenberg hat längst die Liebe zu Dir in wilden Ausschweifungen vergessen, wenn er auch den Haß gegen mich treu im Herzen bewahrt. Er ist verheirathet mit einer schönen französischen Tänzerin, die den Wüstling durch ihre Buhlerinnenkünste zu fesseln verstanden hat. Lies hier den Brief, den ich gestern von ihm erhalten habe, er wird Dir beweisen, daß mir keine Hoffnung bleibt, als der Tod.« Er nahm den Brief vom Schreibtisch. Das kurze Schreiben lautete: »Mein gewesener Herr Vormund!« »Endlich bin ich frei, endlich mündig; endlich ist die Zeit gekommen, daß ich mit Ihnen abrechnen kann. Mein Rechtsanwalt schreibt mir, daß Sie zögern, ihm mein Vermögen zu überantworten. Ich kenne den Grund! Ich weiß, daß Sie einen Theil meines Geldes verspielt haben und freue mich darüber. In den nächsten Tagen treffe ich in St** ein, dann fordere ich unbarmherzig Rechenschaft von Ihnen. Ins Zuchthaus mit dem Betrüger, dem untreuen Vormund! In den Armen meiner schönen Frau lache ich darüber, daß ich einst Ihre bleichsüchtige Tochter habe lieben können; ich habe sie längst vergessen; aber die Erinnerung an Ihre schmachvolle Zurückweisung wird so lange auf meiner Seele brennen, bis ich gerächt bin. Hugo von Rechtenberg.« »Du siehst, mein Kind,« fuhr der Präsident fort, als Marie trostlos den Brief, den sie gelesen, sinken ließ, »daß jede Hoffnung auf Schonung von diesem Menschen thöricht ist. Ich bin verloren, wenn ich die an seinem Vermögen fehlenden 10,000 Thaler nicht beschaffe. Ich hoffte, das Geld im Spiel zu gewinnen; aber das Unglück verfolgte mich. Ich habe alles versucht, um das Geld von einem meiner vielen reichen Freunde aufzutreiben; überall habe ich abschlägige Antworten erhalten; ich schulde ja ohnehin allen bedeutende Summen. Für mich giebt's keine Rettung mehr. Ich wollte mir selbst die Qual und Dir die Schande, den Vater auf dem Zuchthaus zu sehen, ersparen, – da hast Du mich gestört.« »Wäre die Schande für Deine Familie geringer, wenn nach dem Tode des Selbstmörders entdeckt wird, daß von dem ihm anvertrauten Vermögen 10,000 Thaler fehlen? Durch ein neues Verbrechen kannst Du das frühere nicht sühnen. Noch ist nicht jede Hoffnung verloren. Vielleicht läßt Hugo von Rechtenberg sich durch Deine und meine Bitten erweichen – –« »Niemals!« »Vielleicht gelingt es Dir dennoch, dies Geld anderweit zu beschaffen –« »Ich habe alles versucht! Der Einzige, der mir helfen würde, wenn er könnte, mein alter Freund Quedenau, ist arm.« »Und wenn es so wäre, dann bleibt Dir immer noch die Liebe Deines Kindes. Willst Du feige der Strafe entfliehen? Willst Du mich zur Verzweiflung treiben, weil ich es nicht vermocht habe, mein der Mutter auf dem Sterbebett gegebenes Wort zu lösen? Soll ich für alle Zukunft nur mit Schauder und Abscheu an den Vater zurückdenken? Nein, auch wenn das Schlimmste eintritt, darfst Du dennoch nicht verzweifeln. Ich werde mich dem Könige zu Füßen werfen, werde seine Gnade anflehen und er wird sie mir im Andenken an Deine langjährigen Dienste gewähren. Nach kurzer Haft wirst Du die Freiheit wiedergewinnen; wir verlassen dann diese Stadt, dies Land. Du wirst mit Deinen reichen Kenntnissen, mit Deinem Geist und Deiner Arbeitskraft in Amerika Dir leicht und schnell eine neue Lebenslaufbahn unter einem anderen Namen eröffnen. Auch ich kann arbeiten. Ich werde Unterricht geben. Nicht ohne Frucht habe ich die letzten Jahre mit allem Eifer studirt. Zusammen wollen wir arbeiten und erwerben, um den Gläubigern in der Heimath nach und nach gerecht zu werden und Deinen Namen wieder zu Ehren zu bringen. Meine Liebe soll Dich stärken, Vater. Ich schwöre es Dir, ich verlasse Dich nicht! Nie sollst Du einen Vorwurf, nie eine Klage von meinen Lippen hören. Versprich mir, daß Du leben willst, leben für mich, leben, um wieder gut zu machen, was Du vergangen!« Sie schmiegte sich innig an ihn, sie blickte ihm so zärtlich treu ins Auge, daß er ihren Bitten nicht länger zu widerstehen vermochte. »Ich verspreche es Dir, Du liebes herziges Mädchen!« sagte er weich. »Jetzt aber gehe zur Ruhe, armes Kind. Nimm diese häßliche Waffe mit Dir, damit sie mich nicht wieder in Versuchung führe.« Noch lange saß der Präsident, nachdem seine Tochter ihn beruhigt verlassen hatte, in tiefe Gedanken versunken an seinem Schreibtisch. Als er sich endlich in sein Schlafgemach begab und sich niederlegte, vermochte er doch keine Ruhe zu finden. Mariens herzliche Worte hatten ihn gerührt, erschüttert und das Bild einer Zukunft vor ihm aufgethan, die ihm für einen Augenblick fast glücklich erschien. Als er dann aber wieder allein war, schwand der Zauber ihrer rührenden Bitten. Wie schal und erbärmlich erschien ihm ein Leben voll Mühe und Arbeit im fernen Lande. Welchen Ersatz konnte es bieten für alle die zerstörten Hoffnungen eines kühnen, aber gerechtfertigten Ehrgeizes? Nein, ein solches Leben war nach einer Vergangenheit, wie er sie durchlebt hatte, nicht zu ertragen. Gab es kein Mittel, diese Zukunft abzuwenden, dann – aber lieb war ihm doch, daß er verhindert worden war, zu voreilig Abschied vom Leben zu nehmen. Vielleicht gab es doch noch eine Rettung durch irgend einen glücklichen Zufall. Rechtenbergs Zurückkunft konnte sich verzögern. Wenn sich dann das Glück im Spiele wendete, konnte er in wenigen Tagen das Verlorene wiedergewinnen. Ob 10,000 Thaler oder 20,000 bei der Abrechnung fehlten, war am Ende gleichgiltig. Wenn er noch ein Mal in die fremde Kasse griff, weil er mit einem Kapital von 10,000 Thalern ausgerüstet nach Baden-Baden oder einer anderen Spielbank reiste, wie leicht waren dann 10,000 Thaler gewonnen. Dan aber wollte er niemals wieder spielen, niemals! Diese Hoffnung gab ihm endlich Ruhe; er fand den ersehnten Schlummer. IV. Marie. Am folgenden Morgen saß Marie einsam in ihrem Zimmer. Sie hatte in der vergangenen Nacht so wenig, als der Vater, Ruhe gefunden. Vor ihrer tiefen Aufregung floh der Schlaf und vergeblich sann sie nach über abenteuerliche Pläne zur Rettung. Sie durchlief im Geiste die Reihe der zahlreichen wohlhabenden Bekannten und Freunde; aber unter den vielen fand sie doch keinen, dem sie sich ganz hätte vertrauen können, keinen, von dem sie überzeugt war, daß er ein so großes Opfer, wie es nöthig war, um den Vater zu retten, bringen würde. Sie dachte an ihren Verlobten, an Ernst von Quedenau! Ja, er würde alles ihretwillen geopfert haben; aber er war arm und ihm durfte sie am wenigsten mittheilen, daß der Vater ein Verbrechen begangen habe; denn sie würde in ihm einen schwer zu lösenden Konflikt zwischen der Liebe und der Amtspflicht erzeugt haben, da er als Staatsanwaltsgehilfe in M** beschäftigt war. Auch als sie jetzt wieder in ihrem Zimmer saß, beschäftigte sie derselbe Gedanke. Ihre sonst so fleißigen Hände ruhten, die Arbeit war in ihren Schooß gesunken, sie blickte hinaus über den Vorgarten fort nach dem schönen Thorplatz, in das Gewühl der zahlreichen Spaziergänger und der eifrigen Geschäftsleute, die zum Theil ihre Wohnungen vor der Stadt hatten und jetzt zum Beginn der Geschäfte nach derselben eilten. Es war ein schönes, interessantes Bild, aber sie hatte dafür keine Aufmerksamkeit, sie achtete nicht auf das reiche, bewegte Leben auf dem Platz, da wurde ihr Blick plötzlich gefesselt. Ein hochgewachsener, schöner junger Mann grüßte freundlich nach ihrem Fenster hinauf. Er bog vom Thorplatz in die Straße, schon stand er jetzt am eisernen Gitter des Vorgartens, er öffnete die Gitterthür, mit flüchtigem Schritt eilte er über den kiesbestreuten Gang. Schon hörte sie den Ton der Glocke, welche er anzog. Ernst war es, ihr Geliebter, ihr Verlobter, und er kam zu ihr, um, wie er oft that, ihr einen Liebesgruß zu bringen, ehe er auf das Gericht ging. Wie glücklich war sie sonst, wenn sie ihn nahen sah, wie selig lächelte sie ihm zu, wie freute sie sich des kurzen Besuches! Und heut? Sie zitterte bei dem Gedanken, daß sie den Geliebten sehen sollte. Das glückliche Lächeln, mit dem er sie begrüßt hatte, schnitt ihr ins Herz. Wie sollte sie ihm die furchtbare Nachricht, daß sie geschieden seien für immer, mittheilen? Welche Gründe sollte sie für ihren Wortbruch angeben? Und doch, es mußte sein! Ihr Entschluß stand fest, sie mußte ihm entsagen. – Ernst war arm, nur seinem Fleiß, seinem Talent verdankte er es, daß sich ihm eine glänzende Staatslaufbahn eröffnete. Er hatte sich einflußreiche Freunde gewonnen; sollte er sich deren Schutz verscherzen, indem er sich mit der Tochter des Verbrechers verband? Die aristokratische Partei hatte seit einigen Jahren im Staate eine große Macht erlangt, schon hatte es der Laufbahn des jungen Edelmannes geschadet, daß seine Verlobung mit der Tochter des bürgerlichen Präsidenten bekannt wurde; vernichtet aber mußte dieselbe werden in dem Augenblick, wo der Präsident von der Höhe seiner Stellung herabsank, um als gemeiner Verbrecher ins Zuchthaus zu wandern. Der Schwiegersohn des Zuchthäuslers mußte aus den Kreisen der Standesgenossen scheiden, seine Lebenslaufbahn hatte ihre Grenzen gefunden, ja selbst mit seiner Familie mußte er zerfallen. Marie kannte den Obersten von Quedenau, den alten ehrenfesten Soldaten in allen seinen Vorurtheilen so genau, daß sie wußte, er würde den Sohn lieber todt, als verbunden mit einer entehrten Familie sehen. Sie war der Liebling des Obersten seit Jahren gewesen, er hatte sie scherzend sein liebstes und schönstes Töchterchen genannt, und dennoch war es ihm sehr schwer geworden, dem Sohne die Erlaubniß zur Verlobung mit der Bürgerlichen zu geben. – Seit Jahrhunderten war der alte Stamm der Quedenau durch standesgemäße Heirathen stets rein erhalten worden, schon die Verbindung seines Sohnes mit der Tochter eines hochgestellten, bürgerlichen Staatsbeamten erschien ihm als eine Befleckung des edlen Geschlechtes, und er hatte sich lange geweigert, bis endlich seine Freundschaft für den Präsidenten, seine väterliche Liebe zu dem schönen Mädchen und die dringenden Bitten des Sohnes ihn erweichten. Durfte sie den Geliebten hineinziehen in das Unglück ihrer eigenen Familie? Durfte sie alle seine Lebensaussichten zerstören, ihn losreißen von seinen Standesgenossen, ja von seinem Vater? Nimmermehr. – Sie kannte seinen edlen, festen, treuen Sinn, sie wußte, daß er freudig bereit sein werde, ihr jedes Opfer zu bringen, aber sie durfte es nicht annehmen. – Weil sie ihn so tief und innig liebte, mußte sie ihr eigenes Lebensglück dem seinigen opfern. Dazu hatte sie sich im schweren Kampfe mit sich selbst in der schlaflosen Nacht entschlossen; als sie jetzt aber seine Schritte nahen hörte, da sank ihr doch der Muth, da wollte ihr das Herz brechen bei dem Gedanken, daß die nächste Stunde die Scheidestunde auf immer sei. Er stürmte ins Zimmer. Ein Papier hielt er in der Hand hoch, und indem er es ihr zeigte, rief er jubelnd: »Victoria, Marie, meine liebe, süße, einzige Marie! Hier hab' ich's, ich bin zum Staatsanwalt ernannt. In vier Wochen ist die Hochzeit!« – Und er ergriff sie, einen stürmischen Kuß drückte er der widerstrebenden Braut auf den Mund, dann zog er sie zu sich empor und jubelnd, lachend tanzte er mit ihr im Zimmer herum, bis er endlich die Athemlose tanzend zu ihrem Sitz am Fenster zurückführte. Das war zu viel! Wohl hatte sie sich vorbereitet auf die schwere Stunde, wohl war sie stark, aber den Gegensatz der Freudenbotschaft, die gestern noch sie unaussprechlich glücklich gemacht haben würde, zu dem Herzeleid des heutigen Tages vermochte sie nicht zu ertragen, diesem Schlage beugte sich auch ihr kräftiger Geist. Sie sank zurück, mit den Händen bedeckte sie das Angesicht, heiße Thränen vergießend. »Du weinst, mein süßes Liebchen, Thränen der Freude, des Glückes!« rief Ernst frohlockend; »aber ich küsse sie Dir von den Wangen, bis Du mit mir jubelst und lachst!« Er ergriff ihre Hände und zog sie zu sich, da aber schaute ihn die Braut mit einem so trüben, schmerzerfüllten, fast erloschenen Auge an, daß er erschreckt zurückwich. »Um Gottes Willen, Marie, was ist Dir? Was ist geschehen?« Sie antwortete nicht. Das Herz wollte ihr brechen, im trostlosen Schluchzen versagte ihr die Stimme. Erst als er sich zu ihr setzte, als er sie zärtlich an sich drückte, als er ihr freundlich zuredete und ihr Köpfchen lange Zeit an seiner Brust geruht hatte, gewann sie nach und nach die völlig verlorene Selbstbeherrschung wieder. Sie entwand sich sanft seinem Arm. »Ernst, mein Freund, mein Geliebter!« sagte sie zärtlich. – »Zürne mir nicht und glaube mir, was auch geschehen möge, Dich liebe ich, Dich allein und nur mit dem Tode, nur wenn mein Herz bricht, wird meine Liebe zu Dir erlöschen.« »Das weiß ich ja; Du bist ja meine einzig geliebte Braut und in vier Wochen mein trautes Weibchen! In diesem Leben kann nichts uns scheiden!« »Und doch müssen wir scheiden, Ernst. Heut, in dieser Stunde noch!« Er schaute sie staunend, zweifelnd an. – Sie scherzte nicht, dies sagte ihm der tiefe Ernst, der unbeschreibliche Schmerz, der in ihrem Auge lag; sie sprach eine innige Ueberzeugung aus; aber ihre Worte erschienen ihm so unbegreiflich, daß er den Sinn derselben nicht zu fassen vermochte. Was hätte ihn jetzt wohl noch scheiden können von der Geliebten, jetzt, da endlich alle Hindernisse ihrer Verbindung überwunden waren. Jetzt, wo er sich einen eigenen Heerd gründen, in wenigen Wochen sein Weib heimführen konnte. »Welche seltsame Sprache, Marie!« sagte er. »Du bist so wunderbar aufgeregt. Was ist geschehen?« »Frage mich nicht, Ernst. Ich kann und darf es Dir nicht sagen. Doch weiß ich selbst kaum, wie ich mein Unglück fassen und tragen soll; nur eins weiß ich, daß ich namenlos unglücklich bin, daß das Schicksal uns für immer scheidet.« »Marie, ich flehe Dich an, scherze nicht so fürchterlich!« »O, wenn es doch ein Scherz wäre, aber es ist der traurigste Ernst des Lebens, der zwischen uns tritt und uns trennt in demselben Augenblick, in welchem wir das Glück so nahe glaubten. Hier, Ernst, mein Geliebter, ist Dein Ring; ich gebe ihn Dir zurück und damit löse ich das Verlöbniß, welches Dich an mich bindet. Geh' jetzt, ich bitte Dich recht von Herzen darum, laß mich allein. Ich muß mich sammeln, muß meine verwirrten Gedanken ordnen; wenn es geschehen, schreibe ich Dir, denn wir dürfen uns niemals wiedersehen.« »Wache ich denn? Oder ist's ein furchtbarer Traum?« rief Ernst. »Was sollen diese seltsamen, unbegreiflichen Reden bedeuten? Du sagst mir, daß Du mich liebst und immer lieben wirst, und trotzdem giebst Du mir den Verlobungsring zurück, willst Dich von mir lösen auf immer und forderst mich auf, Dich zu verlassen! Nein, Marie, ich gehe nicht! Ich muß wissen, was Dir geschehen ist. Was es auch sein möge, uns darf es nicht trennen. Ich nehme den Ring nicht und ich verlasse Dich nicht. Du bleibst mein, das schwöre ich Dir.« – »Ja, ich bleibe Dein, Ernst, mit meinem Herzen für alle Zeiten,« entgegnete Marie innig. »Meine Liebe Dir ist ewig und unveränderlich; aber weil sie es ist, weil ich Dich mehr liebe, als mein Leben, gerade deshalb müssen wir uns trennen. Du sollst einst alles wissen und dann wirst Du mich begreifen, aber nicht heut. Geh' jetzt, ich beschwöre Dich.« »Nun und nimmer mehr! Ich will Klarheit! Du willst mir meinen Ring zurückgeben und mein Verlöbniß lösen, ich aber halte fest an Deinem Wort, an Deinen Schwüren. Du darfst sie mir nicht brechen! Wahrheit fordere ich von Dir, und als Dein Verlobter habe ich dazu ein geheiligtes Recht. Ich muß wissen, welcher Dämon zwischen uns getreten ist, welcher Schicksalsschlag uns trennen soll, damit ich gegen ihn kämpfen kann.« »Später, Ernst! Nur heute erlaß' mir die Antwort.« »Nein heut, in diesem Augenblick verlange ich sie.« »Du marterst mich und erhöhst mein schweres Herzeleid.« »Ich werde es mit Dir tragen und Dich trösten. Für uns darf es für alle Ewigkeit nur gemeinschaftliche Schmerzen und Freuden geben. Ich lasse Dich nicht, Marie. Nicht an Deine Liebe zu mir, an die Pflichten, die Du durch Dein Gelöbniß gegen mich übernommen hast, mahne ich Dich. Nicht einseitig kannst Du Dein Wort lösen, nicht spielend unsere Verlobung zerreißen und sagen: »Gehe hin, ich liebe Dich, aber ich bin nicht mehr Deine Braut!« Du hast die Pflicht, mir Vertrauen zu schenken, mehr als irgend einem Menschen auf der Welt, ja selbst mehr als Deinem Vater! Das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen. Dein Mann aber bin ich. Mit dem Verlöbniß ist die wahre Ehe geschlossen, mit ihm hast Du die Pflichten einer Gattin übernommen. Du sollst und mußt sie erfüllen. Jene kirchlichen Ceremonien, welche Gesetz und Sitte vorschreiben, um die Ehe zu einer rechtsgiltigen zu machen, sind nur leere Formeln gegenüber dem heiligen Liebeswort, welches uns vereint. Zum ersten Male fordere ich von Dir das Recht des Gatten, das volle und unbedingte Vertrauen, welches Du mir schuldest. Ich fordere es und ich lasse Dich nicht, ehe Du mir es geschenkt hast. Sprich, Marie, ich will wissen, was Dich erregt und bewegt; ich bitte Dich nicht mehr, als Dein Verlobter fordere ich mein Recht, die Antwort, von Dir!« Er sprach ernst, fest, ja fast gebieterisch, aber aus jedem Wort tönte ihr die innige, unvergängliche Liebe des Verlobten entgegen. Er hatte ein Recht, von ihr unbedingtes Vertrauen zu fordern, durfte sie es ihm wohl verweigern? Konnte die Pflicht gegen den Vater die gegen den Verlobten lösen? Aber wenn sie sprach! Da lag auf dem zierlichen Nähtisch das verhängnißvolle Papier, welches seine Ernennung zum Staatsanwalt anzeigte. Als Staatsanwalt hatte er die Pflicht, das Verbrechen zur Strafe zu bringen, ohne Rücksicht auf Rang und Stand des Verbrechers, ohne Rücksicht auch darauf, wie nahe ihm dieser im Leben stehe. Wenn Ernst erfuhr, daß der Vater die seiner Verwaltung anvertrauten Mündelgelder unterschlagen und verspielt habe, dann mußte er dem eisernen Gebote der Pflicht folgen. Durfte sie selbst den Vater der Strafe und Entehrung überantworten, da doch vielleicht noch Rettung für ihn möglich war, wenn es ihm gelang, die unterschlagenen Gelder vor der Entdeckung wieder herbeizuschaffen? »Ich fühle, daß Du ein Recht zu Deiner Forderung hast,« sagte Marie nach langem, schwerem inneren Kampf, »aber eine höhere Pflicht verbietet mir, Dir dies unbedingte Vertrauen, welches Du verlangst, zu schenken. In kurzer Zeit, vielleicht schon in wenigen Tagen wirst Du selbst mein Schweigen billigen. Nur eins kann und darf ich Dir heut schon sagen. Als vor zwei Jahren Dein Vater nach langem Widerstreben endlich in unsere Verlobung willigte, glaubte er, daß die Braut seines Sohnes zwar eine Bürgerliche, aber die Tochter eines wohlhabenden, hochangesehenen Staatsbeamten sei; nie würde er eingewilligt haben, hätte er gewußt, daß mein Vater sein Vermögen verloren hat, daß er vielleicht bald gezwungen sein wird, aus dem Staatsdienst zu scheiden, weil er seinen Gläubigern nicht gerecht werden kann.« »Und deshalb, Du thörichtes, liebes, herziges Mädchen, willst Du unsere Verlobung lösen? Was kümmert es mich, ob Dein Vater reich oder arm, ob er ein Präsident oder meinetwegen ein Vagabund ist. Dich liebe ich, Marie, Dich allein für alle Ewigkeit. Niemandem will ich mein Glück verdanken, nur Dir und meiner eigenen Kraft, deshalb habe ich damals Deines Vaters Vorschlag, nur einen Zuschuß zu meinem Gehalte zu geben, nicht angenommen, deshalb habe ich diese zwei Jahre gewartet, bis ich endlich eine Stellung errungen habe, die mir erlaubt, mir unabhängig den eigenen Heerd zu gründen und mein geliebtes Weibchen heimzuführen. Wie wenig kennst Du mich doch, Marie, wenn Du glaubst, irgend eine Rücksicht der Welt könne mich bewegen, auf das Wort, welches Du nur gegeben, zu verzichten. Auch sagst Du mir nichts Neues. Was Du mir andeutest, habe ich längst geahnt, fast möchte ich sagen, gewußt und auch meinem Vater ist es kein Geheimniß. Er kennt ja als der älteste Freund Deines Vaters dessen unglückselige Leidenschaft für das Spiel, dessen große, gerade in letzter Zeit besonders große Verluste. Als ich ihm vor einer halben Stunde meine Ernennung zum Staatsanwalt und meinen Wunsch, nun unsere Hochzeit so schnell als möglich zu feiern, mittheilte, drückte er mir die Hand und sagte freundlich: »So ists recht, Ernst. Eile Dich, damit unser Liebling in den sicheren Hafen kommt. Als Deine Frau wird sie leichter die schweren Zeiten, welche ihr drohen, überstehen.« Er erzählte mir dann, daß Dein Vater stärker als früher spiele, daß er unmöglich solche Summen, wie er in letzter Zeit verloren, zu ersetzen im Stande sei. Sein Vermögen sei dahin, sein Kredit vernichtet, und jedenfalls würden seine Gläubiger bald gegen ihn zu den ernstesten Schritten gezwungen sein. Ich würde Dir dies nie gesagt, Dich nie durch solche harte Worte über Deinen Vater gekränkt haben; aber ich mußte es thun, um Dir zu beweisen, daß Deine Furcht vor meinem Vater grundlos ist. Er hat mir sein Wort gegeben, und nie, dessen bin ich sicher, wird er es brechen. Was auch geschehen möge, Du bist und bleibst meine Braut. Ich habe Dein Wort, das gebe ich Dir nicht zurück!« Er umarmte die Braut mit stürmischer Zärtlichkeit, sie aber entzog sich ihm. »Ich wußte es wohl,« sagte sie traurig, »daß Du herrlicher, edler Mensch so denken und handeln würdest; aber dennoch müssen wir scheiden. Ich darf meinen Vater nicht verlassen, ich muß seine Stütze sein, wenn er vielleicht ins Elend wandert. Hier kann er nicht bleiben, wenn sein Amt ihm verloren geht; er muß sich in Amerika eine Existenz gründen, und die Tochterpflicht gebietet mir, ihm zu folgen. Ich habe meiner sterbenden Mutter gelobt, ihn nicht zu verlassen. Sei sein guter Engel, sagte sie mir, – fast waren es ihre letzten Worte, – damit er nicht ganz versinke!« »Steht es so schlimm mit dem Vater? Das glaubte ich freilich nicht!« entgegnete Ernst. »Du hast Recht, Marie; jetzt darfst Du ihn nicht verlassen, ebensowenig aber auch mich! Das Wort, welches Du mir gegeben, ist nicht weniger heilig, als das Deiner Mutter geleistete Gelöbniß. Ich halte Dich fest und lasse Dich nicht! Vielleicht ist es möglich, den Vater zu retten; ich werde meine ganze Kraft aufbieten; gelingt es aber nicht, dann werden wir Beide vereint ihn stützen. Ich werde mich nach einem entfernten Gericht versetzen lassen.« »Du giebst dadurch Deine glänzende Staatslaufbahn auf!« »Was kümmert sie mich! Welchen Werth hätte mir das glänzende Leben, wenn Du mir fehlst!« »Ich kann, ich darf ein solches Opfer von Dir nicht annehmen!« »Ein Opfer? Du liebst mich nicht, wie ich Dich liebe, Marie, sonst könntest Du so nicht sprechen. Was opfere ich Dir Großes? Vielleicht den trügerischen Schein einer glänzenden Staatslaufbahn, die irgend ein unbedeutender Zufall, die Ungunst eines Ministers oder nicht vorherzusehende politische Ereignisse in jedem Augenblicke zerstören können, dafür aber gewinne ich Dich und das reine Glück eines schönen Lebens mit Dir. Ich will heut nicht weiter in Dich dringen. Du bist so erregt, so tief traurig über das schwere Schicksal, welches den Vater bedroht, daß Du nicht so klar und scharf, wie sonst, denkst; aber Dein starker Geist ist nur gebeugt, er wird sich kräftig wieder aufrichten. Du wirst Deine Pflicht erkennen, nicht nur die gegen den Vater, auch die gegen mich. Ich lasse Dich nicht und Du darfst mich nicht lassen. Vereint wollen wir dem Schicksal die Stirn bieten und es besiegen. So lange Du nur bleibst, kann es für mich kein wahres Unglück geben. Das beherzige, Marie. Und nun leb' wohl, Du meine Seele, mein Leben!« Der nicht mehr Widerstrebenden küßte er die Antwort vom Munde, dann eilte er fort, er wollte nichts mehr hören, sein Entschluß war ja unwiderruflich gefaßt. Marie schaute ihm träumerisch nach; ein glückseliges Lächeln verklärte ihr schönes Angesicht. Ja, sie fühlte es, sie war mit ihm, dem herrlichen, stolzen Manne, vereint für das Leben, kein Schicksalsschlag vermochte ihre Herzen zu trennen. Auch wenn das Schlimmste eintreffen sollte, er blieb treu und fest. Alle die Erwägungen des kalten Verstandes mußten schweigen vor dem mächtigen Gefühl des warmen Herzens. Er hatte gesiegt. Dem Wort und Willen des kräftigen Mannes unterwarf sie sich freudig. Sie beugte sich aus dem Fenster, und als er am Thorplatz angelangt, noch einmal sich umwendete und freundlich heraufgrüßte, da antwortete sie ihm mit dem glücklichsten Lächeln. V. Die Kirchenkasse. Der Präsident saß an seinem Schreibtisch. Er ordnete seine Papiere und war eifrig beschäftigt, eine genaue Berechnung über das Vermögen seines früheren Mündels anzustellen. Er hatte sich entschlossen, noch einen Versuch zu machen, das veruntreute Geld herbeizuschaffen; er wollte jeden seiner zahlreichen Bekannten zur Darleihung einer kleineren oder größern Summe bewegen. Zwar war er im Voraus überzeugt, daß es ihm auf diesem Wege nicht gelingen werde, ein größeres Kapital – und eines solchen war er bedürftig, – zu beschaffen, denn schon war er ja der Schuldner aller seiner wohlhabenden Freunde; der Versuch mußte aber trotzdem gemacht, das letzte Mittel, die drohende Gefahr abzuwenden, ergriffen werden. Schlug dasselbe fehl, dann blieb ihm nur noch die unsichere Hoffnung auf einen Spielgewinn. Vor allem kam es darauf an, die Summe, deren er bedurfte, genau festzustellen, deshalb rechnete er mit lebhaftem Eifer. Endlich waren die letzten Rechnungen zusammengestellt und mit dem Baarbestand verglichen; es ergab sich ein Deficit von 11,700 Thalern, über 1000 Thaler mehr, als er selbst geglaubt hatte. Trostlos warf er die Feder hin. Solche Summe durch Anleihen zu beschaffen, erschien geradezu unmöglich. Das Spiel allein, welches ihn ins Unglück gestürzt hatte, konnte ihn retten. Der Plan, der ihm in der Nacht einen kurzen, unruhigen Schlummer verschafft hatte, blieb seine letzte Hoffnung. Ein leichtes Klopfen an der Thür störte den Präsidenten in seinem Grübeln; gleich darauf trat sein Diener Johann ein und meldete: zwei Herren, der Herr Hofprediger Wolchert und der Herr Hoftischler Anselm bäten sich die Ehre einer Audienz aus. Der Präsident hätte am liebsten den unwillkommenen Besuch abgewiesen, aber es fiel ihm ein, daß der Hoftischler Anselm ein wohlhabender Mann sei, von dem er vielleicht, wenn es ihm nicht gelinge, die ganze fehlende Summe im Spiel zu gewinnen, ein Darlehn von einigen Tausend Thalern aufnehmen könne. Mit einem solchen Manne durfte er es nicht verderben; er ließ daher die Herren bitten, näher zu treten, er wollte sie in seinem Arbeitszimmer empfangen. Der Herr Hofprediger und der Herr Hoftischler nahten sich mit vielen Verbeugungen dem vornehmen Manne. Sie fühlten sich hoch geehrt, als der Präsident sie mit freundlicher Höflichkeit bat, auf dem Sopha Platz zu nehmen, während er selbst sich einen Sessel heranzog. »Es ist mir eine Freude, zwei in unserer Stadt so hochgeachtete Männer bei mir zu sehen,« begann er das Gespräch. »Ich kann wohl voraussetzen, daß ich diesen seltenen Besuch irgend einem Wunsche verdanke, den Sie, meine Herren, mir mitzutheilen haben. Ich kann Ihnen im Voraus versichern, daß, wenn meine Amtspflicht es mir erlaubt, ich Ihnen gern gefällig sein werde, schon um Sie, Herr Anselm, und Sie, Herr Hofprediger zu verbinden. – Sprechen Sie also ohne Scheu und Rückhalt, meine Herren.« Das dicke Gesicht des ehrlichen Tischlers erglänzte im freudigsten Lächeln. Ihn hatte der Herr Präsident zuerst genannt, ihm am freundlichsten zugenickt bei der Versicherung seiner Bereitwilligkeit. Mit diesem einen artigen Wort hatte der vornehme Mann das Herz des einfachen Handwerkers für immer gewonnen. Auch der Hofprediger fühlte sich durch den liebenswürdigen Empfang, den er seiner eigenen angesehenen Person zuschrieb, sehr geschmeichelt. »Wir kommen allerdings mit einer Bitte,« sagte er, sich ehrfurchtsvoll verbeugend, »und zwar mit einer solchen, deren Erfüllung lediglich dem Willen des Herrn Präsidenten anheimgegeben ist.« »Anheimgegeben ist,« wiederholte der Hoftischler. »Dann dürfen Sie Ihren Wunsch als erfüllt betrachten, meine Herren,« entgegnete der Präsident, sehr verbindlich dem Hoftischler zunickend. »Das hoffen wir, Herr Präsident,« fuhr der Hofprediger fort. »Wir kommen als eine Deputation des Komités für den Bau der St. Marienkirche in der Marienvorstadt. – Der Herr Präsident haben sich nicht nur mit einer reichen Gabe au unserem Werke betheiligt, Sie haben uns auch erlaubt, Ihren hochgeachteten und allverehrten Namen als den eines Komitémitgliedes veröffentlichen zu dürfen. – Dieser verehrte Name hat uns viele ansehnliche Beiträge verschafft und es mag nun fast unbescheiden erscheinen, wenn wir uns noch außerdem mit einer Bitte nahen, die wir nicht wagen würden, wenn unser Unternehmen nicht ein so heiliges, Gott wohlgefälliges wäre!« »Sprechen Sie ohne Umschweife Ihre Bitte aus, mein Herr. Noch einmal sei es gesagt, wenn es mir irgend möglich ist, stehe ich gern zu Diensten.« Er schaute bei dieser Versicherung abermals den Hoftischler, der dabei dunkelroth vor Vergnügen wurde, an. »Der Herr Präsident wissen, daß die Sammlungen für unsere Kirche ein über alle unsere Erwartungen hinausgehendes, günstiges Resultat gehabt haben. Seine Majestät der König, fast alle Prinzen und viele andere edle fromme Wohlthäter haben sich mit bedeutenden Beiträgen betheiligt, erst in letzter Zeit haben wir noch ein beträchtliches Vermächtnis ausgezahlt erhalten. – Unsere Kirche steht fast fertig und noch haben wir ein baares Kapital von 30,000 Thalern, so daß uns, wenn wir 12,000 Thaler, welche in den nächsten Tagen oder Wochen für verschiedene Rechnungen zu bezahlen sind, abrechnen, noch gegen 20,000 Thaler zum inneren Ausbau des Gotteshauses bleiben.« »Das ist ja vortrefflich!« »Vortrefflich!« sagte der Hoftischler. »Ja, Gott hat seine Hand sichtbarlich auf unser Werk gelegt, jetzt aber sendet uns der Herr eine schwere Prüfung. Das Komité hat plötzlich in Erfahrung gebracht, daß unser Kassirer und Schatzmeister, der Kaufmann Wendtlandt, ein untreuer Verwalter sei. – Wir glaubten anfangs die übeln Gerüchte, welche uns zugingen, nicht, wir hielten sie für Verleumdungen gegen einen Mann, der als frommer Christ und eifriger Patriot sich manche Feinde gemacht hat; als aber die Warnungen, welche wir erhielten, immer bestimmter und dringender wurden, haben wir uns doch entschließen müssen, eine plötzliche Kassenrevision zu halten, und diese hat leider das Gerücht, wenn auch nicht in dem Umfange, wie wir fürchteten, bestätigt.« »Bestätigt,« sagte der Hoftischler. Dem Präsidenten wurde eigenthümlich heiß. Er fühlte, daß ihm das Blut in die Wangen schoß. Er stand auf und öffnete das Fenster, um der frischen Frühlingsluft den Einzug zu gestatten. »Es ist so schwül hier,« bemerkte er, »aber bitte, fahren Sie fort, Herr Hofprediger. – Ihre Mittheilung erschreckt mich; ich habe den Herrn Wendtlandt immer für einen so ordentlichen, rechtschaffenen Mann gehalten!« »Wir alle hatten dies geglaubt; auch ist er wohl nicht eigentlich schlecht, nur leichtfertig. An der Kasse fehlten 2000 Thaler, welche er zur Deckung eines Wechsels benutzt hat; er wird auch diese Summe hoffentlich zahlen. Auf sein flehentliches Bitten, ihn nicht unglücklich zu machen, haben wir für dieselbe einen Wechsel, der in vier Wochen zahlbar ist, angenommnen; natürlich aber können wir ihm die Baukasse nicht länger lassen. Er hat sie sofort abgeben müssen. Wir befinden uns nun in einer schweren Verlegenheit. Nur wenn es uns gelingt, zum Schatzmeister einen Mann zu gewinnen, dessen Ehrennamen jeden Zweifel niederschlägt, können wir die üblen Gerüchte, welche sich jetzt schon gegen unser Komité erheben, entkräften. – Da haben wir, die Mitglieder des Komités, es gestern Abend für eine Eingebung Gottes gehalten, als unser würdiger Freund Anselm den gefeierten Namen des Herrn Präsidenten nannte.« Der Präsident vermochte kaum seine Fassung zu bewahren. Welcher wunderbare Glücksfall führte ihm plötzlich in diesem Augenblick der höchsten Noth eine Geldsumme zu, die ihn rettete! Nur Zeit gewonnen, dann war alles gewonnen. Das Glück wendete sich ihm wieder zu, gewiß auch im Spiel! Vor seinem innern Auge breitete sich ein Goldmeer aus, er sah die geliebten, ihm so lange feindseligen Karten ihm wieder freundlich zuschlagen. Er sah sich am Spieltisch, wie er Goldberge vor sich aufhäufte und alles wiedergewann, was er in den letzten Jahren verloren hatte. Die Kirchbaukasse unter seiner Verwaltung! Jetzt konnte er dem jungen Rechtenberg die unterschlagenen Gelder ohne Gefahr zurückzahlen, denn dafür, daß nicht sobald eine Kassenrevision ihn in Verlegenheit bringe, ließ sich ja leicht sorgen. Er hätte vor Freude laut aufjauchzen mögen, aber er bezwang sich, ja es gelang ihm trefflich, den recht unangenehm Ueberraschten zu spielen. »Sie wollen mich zum Kassirer und Schatzmeister des Komités machen? Unmöglich, meine Herren!« rief er. »Bedenken Sie nur meine überhäuften Geschäfte! Wie könnte ich Ihre Bücher regelmässig führen, alle die vielen größeren und kleineren Zahlungen machen, mit den Bauleuten und Handwerkern verhandeln, die milden Beiträge einziehen und darüber quittiren, kurz alle die zahlreichen Arbeiten übernehmen, welche mit dem Amte eines Kassirers verbunden sind?« »Derartiges vom Herrn Präsidenten zu erbitten, würden wir in der That nicht wagen. So weit geht unser Wunsch nicht. Wir haben beschlossen, das Amt des Schatzmeisters von dem des Kassirers zu trennen. Der Kassirer wird alle die Geschäfte besorgen, welche der Herr Präsident andeuten, er wird die Gelder einziehen und verausgaben und nur allwöchentlich ein Mal dem Schatzmeister entweder den Ueberschuß abliefern oder von ihm das zu den bevorstehenden Ausgaben nöthige Geld in einer größeren Summe in Empfang nehmen. Herr Anselm hat das beschwerliche Amt eines Kassirers angetreten, Sie, Herr Präsident, bittet das Komité inständigst, das Schatzmeisteramt verwalten zu wollen. Sie würden hierdurch unserm gottgeweihten Werk eine neue Stütze geben!« »Eine neue Stütze geben!« erschallte das treue Echo. »Meine Herren, Sie überraschen mich mit Ihrem ehrenvollen Antrage,« erwiderte der Präsident zögernd. »Ich weiß in der That nicht, ob ich denselben annehmen soll. Die Verantwortlichkeit, bedeutende Geldsummen aufzubewahren und zu verwalten, ist so groß, daß ich dieselbe nur ungern auf mich lade. Indessen ich habe Ihnen versprochen, Ihnen zu Willen zu sein; da muß ich wohl mein Wort halten. Ich bin bereit, das Schatzmeisteramt anzunehmen.« »Sie verpflichten hierdurch das Komité zum höchsten Dank, verehrter Herr Präsident, doppelt aber würden Sie uns verpflichten, wenn Sie jetzt gleich aus meiner Hand den Kassenbestand von 28,000 Thalern übernehmen und hierdurch ihr Amt antreten wollten. Herr Anselm hat das Geld mitgebracht.« Der Präsident verbarg nur mühsam seine Freude bei diesem Vorschlag, den er anfangs zurückwies, weil er nicht vorbereitet sei, dann aber annahm, indem er bemerkte, einstweilen wolle er das Geld in einem eisernen Geldkasten, der in seinem Schreibtisch eingefügt sei, neben seinem eigenen Vermögen verwahren. Er empfing eine gewichtige Brieftasche voll hoher Werthscheine, die ihm der Hoftischler Anselm vorzählte und über welche er Quittung ausstellte. Zu allseitiger Zufriedenheit war das Geschäft beendet; der Hofprediger und sein Echo erschöpften sich in Danksagungen, als sie sich empfahlen; schon waren sie in der Thür, als der Hofprediger noch einmal umkehrte. »Fast hätte ich vergessen,« sagte er, »dem Herrn Präsidenten noch einen Beschluß des Komités mitzutheilen, der sicherlich die Billigung des Herrn Präsidenten hat; er betrifft die Kassen-Revisionen. Wir würden nicht gewagt haben, dem hochverehrten Herrn das mißliche Amt eines Schatzmeisters anzutragen, ohne zugleich Sorge zu tragen, daß niemals die zum Schmähen und Verdächtigen nur zu sehr geneigte Menge auch nur den Schatten eines Grundes finden könne, um den reinen Namen unseres Herrn Schatzmeisters zu beflecken. Das Komité hat deshalb beschlossen, falls der Herr Präsident einverstanden sind, mindestens alle vier Wochen eine Revision der Schatzbestände stattfinden zu lassen und das Resultat in unserer Kirchenzeitung zu veröffentlichen.« Wäre der Hofprediger ein etwas schärferer Beobachter gewesen, als er es war, dann würde er bemerkt haben, daß bei seiner letzten Rede ein tiefer Schatten des Mißmuths sich auf der Stirn des Präsidenten zeigte, aber er sah dies nicht, er hörte nur die Worte des vornehmen Herrn, der leichthin sagte: »Dies ist selbstverständlich, meine Herren. Nur weil ich voraussetzte, daß vom Komité ein derartiger Beschluß gefaßt worden sei, habe ich ein so verantwortliches Amt übernommen. Auch bitte ich, mich niemals von den Kassenrevisionen vorher zu benachrichtigen; in Kassenangelegenheiten muß die höchste Strenge und Vorsicht beobachtet werden. Guten Morgen meine Herren.« Die beiden Deputirten entfernten sich sehr zufrieden mit der erfolgreichen Ausführung ihres Auftrages. – Nicht ganz so zufrieden war der Präsident. Er stand lange am Fenster und schaute nachdenkend in den Garten hinab. – Durch einen merkwürdigen Zufall war er in den Besitz einer Geldsumme gekommen, durch welche er sich leicht aus der augenblicklichen Verlegenheit befreien konnte, aber in spätestens vier Wochen mußte eine Kassenrevision ihn wieder in dieselbe verzweiflungsvolle Lage bringen. Freilich war es schon wichtig, Zeit gewonnen zu haben; aber vier Wochen genügten ihm nicht. Eine Reise nach Baden-Baden oder einem anderen Spielort konnte er jetzt nicht unternehmen, ohne vorher die Kirchenbaukasse abzugeben, in St.** aber die fehlenden Gelder in vier Wochen wiederzugewinnen, erschien bei dem verhältnißmäßig niedrigen Spiel im Kasino sehr unwahrscheinlich. Ein anderer Gedanke stieg plötzlich in ihm auf, ein neuer Plan zu dem ersehnten Gelde zu gelangen; aber er verwarf ihn. Wozu ein Verbrechen begehen, wenn nicht die unbedingte Nothwendigkeit es erforderte! Dazu war es in einigen Tagen immer noch Zeit. Jedes Verbrechen hat die Möglichkeit einer Entdeckung unbedingt zur Folge, und einer solchen Möglichkeit wollte er sich, so lange er es vermeiden konnte, nicht aussetzen. Er entschloß sich, zuerst den allerdings voraussichtlich fruchtlosen Versuch zu machen, sich das fehlende Geld durch eine Anleihe zu verschaffen. Gelang dies, dann wollte er niemals wieder eine Karte anrühren. Er wollte dann leben, wie der knickerigste Geizhals, und nach und nach von seinen Ersparnissen seine Schulden bezahlen. – War es aber nicht möglich, die nöthige Summe aufzutreiben, dann sollte das Spiel von neuem versucht werden, endlich mußte ja das Glück ihm wieder hold werden. – Konnte er auch nicht die ganze große Summe in der kurzen Zeit von vier Wochen gewinnen, fehlten auch wirklich noch einige Tausend Thaler, dann ließen sich diese wohl auftreiben, wenigstens für den Tag der Kassenrevision, denn dafür, daß diese nicht unvermuthet und unvorbereitet vorgenommen werde, glaubte er schon Sorge tragen zu können. – War aber auch das Spielglück ihm unhold, wie früher, – dann – – ja dann blieb nichts anderes übrig, dann mußte jedes Mittel zur Rettung ergriffen werden, jedes! – Immer klarer wurde ihm ein fein angelegter Plan, sich einen Theil der Kirchenbaukasse anzueignen, immer mehr befreundete er sich mit dem Gedanken an denselben; aber sein Entschluß war gefaßt; zur Ausführung wollte er ihn erst bringen als letztes Mittel zur Hilfe in der äußersten Noth, wenn alles andere fehlgeschlagen war. Nachdem der Präsident in sich selber zur vollen Klarheit gekommen war, scheuchte er alle trüben Gedanken von sich. Er setzte sich an seinen Arbeitstisch und mit dem Eifer, der Schnelligkeit und Gründlichkeit, durch welche er sich in den Beamtenkreisen berühmt gemacht hatte, arbeitete er die angesammelten Aktenstöße auf. Mittags speiste er wie gewöhnlich mit seiner Tochter. Er zeigte sich herzlich, freundlich und fast heiter. »Es wird noch alles gut werden, mein Kind!« Dies war die einzige Anspielung auf die vergangene Nacht, die er machte; weiter sprach er sich nicht aus, und Marie wagte es nicht, ihn zu fragen. Nur als er gleich nach Tisch Hut und Stock nahm, und erklärte, er wolle nach St... fahren, wahrscheinlich werde er erst mit dem letzten Zuge zurückkehren, vielleicht sogar über Nacht in der Hauptstadt bleiben, schaute Marie ihn ängstlich forschend an, und sein Auge vermochte ihrem Blick nicht zu begegnen. »Willst Du wieder ins Kasino gehen, Vater?« »Ich weiß es noch nicht. Jedenfalls muß ich suchen, Hilfe zu finden, und ich hoffe, daß es mir gelingen wird.« »Du willst wieder spielen!« »Kein Wort weiter, Marie!« gebot er streng. »Ich weiß, was ich zu thun habe und lasse mich nicht bevormunden, am wenigsten von meiner Tochter.« »Aber Vater – – –« »Ich dulde keinen Widerspruch. Glaube nicht, weil Du mich heute Nacht schwach gesehen hast, ich sei ein Kind, welches Du beherrschen kannst. Ich habe mich ermannt. Du aber vergiß diese unglückliche Nacht, wie auch ich sie vergessen und mich nur daran erinnern will, welche aufopferungsfreudige Liebe Du mir gezeigt hast. Ich habe Muth und Kraft wiedergefunden und ich versichere Dir nochmals, alles wird gut gehen. Du brauchst die Zukunft nicht zu fürchten.« Mit diesem Wort verließ der Präsident seine Tochter, die keine Entgegnung wagte. Auf der Eisenbahn traf er mehrere Bekannte, in deren Gesellschaft er die kurze Reise nach St... machte. Er zeigte sich so frisch, heiter und liebenswürdig wie gewöhnlich. Auf dem Bahnhof in St... nahm er sich einen Wagen, mit dem er die Rundfahrt zu allen denjenigen Kollegen, Freunden und Bekannten, von denen er hoffen durfte, ein Darlehn zu erhalten, antrat. Alle seine Bemühungen aber waren, wie er vorausgesehen hatte, vergeblich. Ueberall wurde er freundlich empfangen, denn er war allgemein beliebt, sobald er aber auf den eigentlichen Zweck seines Besuches kam, zeigten sich die Freunde außerordentlich kühl und gemessen; sie hatten unglücklicherweise gar kein Geld disponibel, erinnerten wohl auch an die frühere, noch nicht getilgte Schuld, oder sie fanden andere Entschuldigungen. Nicht ein Einziger zeigte sich bereit, ein größeres Darlehen zu gewähren. Es war schon Abend geworden, als der Präsident dem Lohnkutscher befahl, nach dem Kasino zu fahren. Es war ein fruchtloses Bemühen, noch weitere unnütze Besuche zu machen, sich noch mehr kalte Abweisungen und leere Entschuldigungen zu holen, deren er im Ueberflusse empfangen hatte. »Es ist Thorheit, auf Freunde zu bauen!« so sagte er sich mit einem bittern Lächeln. »Selbst ist der Mann!« Der Präsident begrüßte im Lesesaal des Kasinos nur flüchtig einige Bekannte, dann ging er direkt nach dem Hinterzimmer, in welchem die Spieltische standen. Er traf dort fast genau dieselbe Gesellschaft, von der er sich am Abend vorher getrennt hatte, versammelt und schon mit dem Spiel beschäftigt; der Freiherr von Altkirch hatte wieder eine kleine Bank aufgelegt, gegen welche die Uebrigen mit niedrigen Sätzen pointirten. »Ich komme, um meine Revanche zu holen, Herr Baron. Hoffentlich werde ich heute ein besseres Glück haben, als gestern,« sagte der Präsident, an den Spieltisch tretend. »Das wird schwerlich möglich sein, Herr Präsident,« entgegnete der Freiherr, indem er dem General Grafen Western einen Blick des Einverständnisses zuwarf. »Ich bin genöthigt, die letzte Taille anzukündigen, es dürfte daher für Sie kaum der Mühe werth sein, bei den wenigen Karten, die noch fallen, am Spiel Theil zu nehmen.« »28 Karten sind schon heraus, bleiben also nur noch 11 für den Pointeur und 12 für den Bankhalter in dieser und 25 gegen 26 für den Pointeur in der nächsten Taille. Das Verhältniß des Gewinnes zum Verlust stellt sich also wie 36 zu 38, während es sonst genau 25 zu 26 betragen soll. Eine sehr ungünstige Rechnung!« bemerkte der General. »Sie wollen doch nicht sagen, Herr Baron, daß Sie mit dem Spiel aufhören und mir die Revanche für gestern verweigern wollen?« fragte der Präsident empfindlich. »Ich bedaure, Ihnen nicht dienen zu können. Ich habe bereits die letzte Taille angekündigt und die sämmtlichen Mitspielenden sind damit einverstanden. Nicht wahr, meine Herren?« »Ja wohl. Versteht sich!« ertönte es von allen Seiten. »Es ist dies ein eigenthümliches Verfahren, nachdem ich gestern eine recht bedeutende Summe gegen die Bank verloren habe.« »Sehr gegen meinen Willen, Herr Präsident!« erwiderte der Freiherr scharf. »Ich wünsche durchaus nicht zum zweiten Mal von Ihnen eine ähnliche Summe zu gewinnen und habe Sie gestern mehrfach gebeten, das Spiel nicht so hoch zu treiben. Jedenfalls wird dies heut nicht geschehen können, da meine Ankündigung der letzten Taille unwiderruflich ist!« »Dann werde ich nach Ihnen die Bank übernehmen, falls nicht ein anderer der Herren dies zu thun wünscht.« »Dagegen kann ich nichts haben,« sagte der Freiherr kalt, indem er, ohne sich weiter stören zu lassen, fortfuhr, die Taille abzuziehen. »Auch hoffentlich dagegen nichts, daß ich bis zum Schluß Ihrer Bank am Spiel Theil nehme?« »Ich kann dies ebensowenig verhindern.« »Dann setze ich zwanzig Friedrichsd´or auf die Zehn und zwanzig auf die Sieben. – Die Unglückssieben von gestern soll heut eine Glückssieben für mich werden.« »Ich will es Ihnen wünschen,« entgegnete der Freiherr trocken, »bemerke indessen, daß ich heut ebensowenig, wie gestern, einen Satz annehme, der über zwanzig Friedrichsd´or hinausgeht. – Zehn und Sieben. Ihre Karten gleichen sich aus, Herr Präsident, die Zehn hat verloren und die Sieben gewonnen.« »Dann biege ich ein Paroli auf die Sieben.« »Ich bedaure, dies nicht gestatten zu können. Ein Paroli ist gleichbedeutend mit einer Verdoppelung des Einsatzes auf die gewinnende Karte. Da Sie schon mit dem höchsten Einsatz spielen, kann ich ein Paroli nicht annehmen.« »Das ist zu arg!« rief der Präsident zornig. »Nachdem ich so bedeutende Summen gegen Sie verloren, wollen Sie mir die Spielfreiheit entziehen und es mir unmöglich machen, das Verlorene wiederzugewinnen.« Der Freiherr von Altkirch blieb bei dieser Beschuldigung vollkommen ruhig. »Ein solcher Vorwurf kann mich nicht treffen,« entgegnete er mit kalter Höflichkeit. »Einige Tausend Thaler haben für mich zu wenig Werth, als das; ihr Gewinn oder Verlust mich veranlassen könnte, die Spielregel, welche in unserem Kreise gegeben ist, zu verletzen. Dieser Regel müssen auch Sie sich fügen, Herr Präsident, oder, was Ihnen ja freisteht, auf die Theilnahme an unserem Spiel verzichten.« Ein beifälliges Gemurmel der übrigen Herren und einige halblaute, für den Präsidenten nicht gerade schmeichelhafte Aeußerungen überzeugten diesen, daß er zu weit gegangen sei. Er mußte sich fügen. Voll Ingrimm schwieg er. Das Spiel hatte seinen Fortgang und das Glück war dem Präsidenten hold. Er besetzte mehrere Karten, jede mit zwanzig Friedrichsd´or, und bei diesem hohen Satze gelang es ihm in kurzer Zeit, einen ansehnlichen Stoß von Goldstücken neben sich anzuhäufen. – Als der Freiherr die Bank schloß, hatte der glückliche Spieler 120 Friedrichsd'or gewonnen. »Jetzt, meine Herren,« rief er sehr vergnügt, »will ich die Bank übernehmen; hier liegen 200 Friedrichsd'or. Haben Sie die Güte zu setzen!« Seine Aufforderung war fruchtlos. Niemand folgte ihr. Der Freiherr verließ, nachdem er sein Geld eingesteckt hatte, den Spieltisch, und seinem Beispiele folgten alle übrigen Spieler, – sie erklärten, daß sie für heut Abend nicht mehr zu pointiren wünschten und zogen sich in die Gesellschaftszimmer zurück. Eine fahle Blässe überflog das Gesicht des Präsidenten, als er sich allein sah mit dem Obersten von Quedenau, der am Spiel nicht Theil genommen hatte, aber ein aufmerksamer Zuschauer gewesen war. »Was bedeutet dies? Will man mich verhöhnen? Will man mich ausschließen vom Spiel?« »Ja, Freund Wartenberg, das Letztere will man,« erwiderte der Oberst. »Das ist eine Infamie! Nachdem diese Menschen mich ausgeplündert haben, wollen sie mich hindern, das Verlorene wiederzugewinnen. Niederträchtig! Dafür sollen sie mir Genugthuung geben!« »Sie wollen Dich hindern, noch mehr zu verlieren und Dich dadurch zu ruiniren.« – »Jämmerliche Entschuldigung!« »Du bist gereizt und erzürnt, Wartenberg. Komm, wir wollen zusammen das Kasino verlassen und einen Spaziergang machen. Unterwegs will ich Dir eine Erklärung für die Vorgänge des heutigen Abends geben.« »Ich verlange sie nicht von Dir, sondern von jenem adelsstolzen Narren, von dem Freiherrn von Altkirch und den übrigen Herren, die sich nicht gescheut haben, mir mein Geld abzunehmen und die mich nun heut, wo mir endlich mein Glück lächelt, hier allein lassen. Eine solche Beleidigung ertrage ich nicht. Ich folge diesen Menschen und fordere Rechenschaft von ihnen über ihr unverantwortliches Verfahren.« »Du würdest nur ganz unnützer Weise eine höchst unerquickliche Scene, vielleicht einen Deiner Stellung und Deines Rufes unwürdigen Skandal hervorrufen. Mit welchem Recht kannst Du verlangen, daß eine Gesellschaft, in welche Du trittst, nach geschlossener Bank das Spiel von neuem beginne? Niemand hat Dich beleidigt. Die meisten Herren haben sogar, obgleich sie dies wahrlich nicht nöthig gehabt hätten, aus Rücksicht für Dich irgend ein Wort der Entschuldigung, weshalb sie verhindert wären, weiter zu spielen, gesagt. Du würdest Dich in der ungünstigsten Lage befinden, würdest sehr unangenehme Erörterungen hervorrufen, wenn Du Genugthuung für eine Beleidigung, die nicht vorhanden ist, fordertest. Ich beschwöre Dich, folge nur dies Mal dem Rath und der Bitte Deines ältesten Freundes. Thue nicht eher etwas, als bis Du ruhiger geworden bist. Komm' mit mir, thue es mir zu Liebe, alter Freund.« Der Oberst sprach so herzlich, so wahrhaft freundschaftlich, daß seine Worte doch Eindruck auf den heftig erregten Präsidenten machen mußten. Wartenbergs klarer, scharfer Verstand besiegte die zornige Erregung. Gegen die kalte Höflichkeit des Freiherrn und der übrigen Mitglieder des Kasinos ließ sich in der That schwer ankämpfen, dies sah der Präsident ein. Er ließ sich überreden, und wenn auch noch voll Zorn und Mißmuth, folgte er doch dem Freunde. Als er mit diesem durch die Gesellschaftszimmer ging, um das Kasino zu verlassen, empfing er von allen Seiten so höfliche, selbst freundliche Grüße, daß er wohl erkennen mußte, eine Beleidigung gegen ihn habe Niemand beabsichtigt. Der Oberst nahm den Arm des Freundes; er führte diesen nach dem nahen Lustwald, der sich unmittelbar vor dem Thore der Residenz ausbreitete. – Erst als er eine Seitenallee, welche nur wenig von Spaziergängern besucht wurde, erreicht hatte, begann er die Unterhaltung. »Ich danke Dir herzlich, alter Freund,« – sagte er, – »daß Du meine Bitte erfüllt hast, dafür sollst Du volle Wahrheit erfahren.« – Er erzählte nun, welche Beschlüsse die Mitglieder des Kasino am vergangenen Abend gefaßt hatten, er that es in der schonendsten, freundlichsten Weise, und endlich schloß er mit den Worten: »Glaub' mir, Wartenberg, alle achten Dich hoch. Keiner will Dich beleidigen, und wenn sie sich das Wort gegeben haben, jedes Hazardspiel abzubrechen, sobald Du erscheinst, so hast Du selbst durch Dein zu hohes und leidenschaftliches Spiel einen solchen Beschluß zur Nothwendigkeit gemacht. Weder Uebelwollen gegen Dich, noch Eigennutz kannst Du dem Freiherrn von Altkirch zum Vorwurf machen. Was kümmert sich wohl der Millionär um einige Tausend Thaler Gewinn oder Verlust? – Wohl aber kann er es nicht dulden, daß Du Dich gegen die von ihm gehaltene Bank ruinirst. Heut hast Du Glück gehabt, wer kann aber sagen, ob es Dir treu geblieben wäre, ob Du nicht endlich bei Deinen hohen Sätzen wieder tausend Thaler und mehr verloren hättest? – Wie wenig die Herren daran gedacht haben, Dich kränken zu wollen, magst Du daraus ersehen, daß ich, Dein ältester Freund, ihren Beschluß veranlaßt habe.« »Du?« – »Ja, ich habe sie gebeten, einen solchen Beschluß zu fassen. Ich will es nicht dulden, daß mein Freund und bald mein naher Verwandter, der Vater meiner lieben zukünftigen Schwiegertochter, sich durch seine Leidenschaft ruinire und vielleicht in Schimpf und Schande ende. – Ich habe als alter Offizier der Spielwuth unzählige traurige Opfer fallen sehen. Du aber sollst nicht auch zu ihnen gehören.« »Ich bin kein der Vormundschaft bedürftiges Kind und muß mir solche völlig unbefugte Einmischung in meine Angelegenheiten ernstlich verbitten.« »Sie ist nicht unbefugt. – Marie ist, wie Deine, so bald meine Tochter. Ernst ist heut zum Staatsanwalt in M** ernannt worden, er hofft in vier Wochen seine Hochzeit zu feiern. – Ich habe wohl das Recht, für das künftige Lebensglück meiner Schwiegertochter besorgt zu sein, wenn Du mir auch das Recht, Theil an Deinem Schicksal zu nehmen, bestreitest.« Der Präsident antwortete nicht, er war in tiefes Sinnen versunken. Eine Zeit lang gingen die beiden Freunde schweigend neben einander, endlich blieb Wartenberg stehen. »Du hast geglaubt, aus Freundschaft für mich und aus Liebe zu Marien ein wenig Vorsehung spielen zu müssen!« sagte er mit bitterem Spott. »Bei solchem Gelüst, der liebe Gott sein zu wollen, kommt aber selten etwas Gescheutes heraus, und auch Du wirst vielleicht noch diese Erfahrung machen. Wer weiß, ob Du nicht auch einst zurückschrecken wirst vor der Verantwortlichkeit, die Du durch Deine Vorsehungsgelüste übernommen hast.« »Was willst Du damit sagen?« »Die Antwort wird Dir vielleicht die Zukunft geben; ich fühle dazu keine Veranlassung. Nur noch eine Frage. – Ist sicher jeder Versuch, im Kasino wieder an einem hohen Spiel Theil zu nehmen, für mich vergeblich? – Kannst Du mir darauf Dein Ehrenwort geben?« »Wenn die Herren ihr Ehrenwort halten, und daran ist nicht zu zweifeln, so wird, sobald Du erscheinst, jedes Spiel im Kasino aufhören.« »Gut, Du hast erreicht, was Du wolltest. – Mein Entschluß ist gefaßt. Ich gebe Dir mein Ehrenwort, daß auch ich vom heutigen Tage an keine Karte mehr anrühren werde.« »Wartenberg, alter lieber Freund, laß Dich umarmen für dies herrliche Wort. Du machst mich durch dies Versprechen ganz glücklich!« Der Präsident wies kalt die Umarmung zurück. – »Frohlocke nicht zu früh,« sagte er mit erzwungener Ruhe; Quedenau hörte aber wohl aus dem eigenthümlichen Ton der Stimme, daß der Freund kaum im Stande war, seine Erregung zu verbergen. »Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben! Behalte es in gutem Gedächtniß, daß Du es gewesen bist, der mir es unmöglich gemacht hat, im Spiel wiederzugewinnen, was ich im Spiel verloren habe. Leb' wohl, Du lieber, treuer Freund! Gestern hast Du mir die Hilfe in der Noth verweigert und heute mir die Hoffnung auf die Zukunft durch Deine vorsorgliche Thätigkeit abgeschnitten. Von der Spielwuth hast Du mich kurirt, sieh' zu, ob Du nicht den Teufel mit dem Teufel ausgetrieben hast.« »Wartenberg, welche seltsame Reden führst Du –« »Du hast Recht. Dir müssen meine Worte seltsam erscheinen; auch ist's mir nicht der Mühe werth, sie Dir zu erklären. Das aber wirst Du wohl verstehen, wenn ich Dir sage: wir sind geschieden für alle Zeiten.« »Wartenberg! Unsere Kinder –« »Sind verlobt. Ich nehme mein Wort nicht zurück. Die Väter aber scheiden heut für immer!« Der Präsident wendete sich bei diesen Worten kurz ab, er verließ den alten Freund, und als dieser ihm nacheilte, ihm die Hand reichen wollte, wies er sie schroff und zornig zurück. »Ich verbitte mir jede weitere Aufdringlichkeit; wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen?,« rief er heftig. Ohne sich noch einmal nach dem Obersten umzuschauen, ging er eiligen Schrittes fort. Quedenau schaute ihm traurig nach. Er konnte ihn nicht halten und doch hätte er es so gern gethan; denn er fühlte wohl, daß dies ein Abschied auf immer sei. Die letzten Worte des zürnend scheidenden Freundes gruben sich unauslöschlich in sein Gedächtniß; später hat er oft schmerzlich an jene Stunde zurückgedacht. VI. Die Vorbereitung des Verbrechens. Der Präsident war lange vor dem letzten Zuge nach M** zurückgekehrt. Er hatte seine Tochter nur flüchtig begrüßt, dann war er in sein Arbeitszimmer gegangen und hatte dort bis tief in die Nacht hinein gearbeitet, um sich für den ganzen folgenden Tag frei von Amtsgeschäften zu machen. Am nächsten Morgen war er schon früh auf. Er nahm aus dem kleinen eisernen Kasten in seinem Schreibtisch alle in demselben aufbewahrten Gelder und Geldpapiere. Es waren etwa 20,000 Thaler in Staatspapieren, welche zu dem Vermögen seines Mündels gehörten, die gesammte Kirchenbaukasse und einige Tausend Thaler in Gold und Papiergeld, welche theils aus dem Spielgewinn des vergangenen Abends, theils aus Zinsen, die er für sein Mündel eingezogen hatte, herrührten. Die gesammte Summe von Geldern und Werthpapieren steckte er, in zwei Brieftaschen und eine große Geldbörse vertheilt, zu sich, dann ging er, ohne von seiner Tochter Abschied zu nehmen, nach dem Bahnhof. Mit dem ersten Morgenzuge traf er in der Residenz ein. Er nahm sich diesmal nicht, wie er sonst gewöhnlich zu thun pflegte, einen Wagen, sondern zu Fuß trat er die weite Wanderung nach einem entlegenen Stadttheil an. Seit vielen Jahren hatte er die nur von Handwerkern, Fabrikanten und Kaufleuten bewohnte Gegend nicht besucht; aber er kannte sie von seiner Studienzeit her, und als er durch die engen, krummen, vom regsten Geschäftsverkehr belebten Straßen schritt, erwachten in ihm die Erinnerungen einer schönen, längst vergangenen Zeit. In diesem Theil der großen Residenzstadt hatte sich im Laufe von dreißig Jahren wenig oder nichts verändert. Während in anderen Stadttheilen Paläste entstanden, die früher engen Straßen verbreitert, große Plätze angelegt, ja ganze weit ausgedehnte Viertel mit neuen Straßen im Laufe weniger Jahre begründet worden waren, um Wohnstätten für die aus dem Lande sich nach der Residenz drängende Bevölkerung zu schaffen, während in jenem eleganten, das eigentliche Residenzleben repräsentirenden Theil selbst die Erinnerung an die Vergangenheit durch die überwuchernden Neu- und Umbauten fast verloren gegangen war, erkannte der Präsident hier noch die alten, verräucherten Häuser, an denen er vor dreißig Jahren als lebensfrischer Jüngling so oft mit seinen fröhlichen Kommilitonen vorüber gewandelt war. In dem großen Hause dort, welches sich durch die schweren, vor den Fenstern des Erdgeschosses angebrachten eisernen Gitter und durch das breite Einfahrtsthor auszeichnete, hatte einer seiner liebsten Jugendfreunde, der Sohn des reichen Kaufmanns Samuelsohn, gewohnt. Jenes Eckzimmer im dritten Stockwerk, dessen Fenster offen standen, war der Sammelplatz der heiteren Burschen gewesen, denen das gastliche Haus des Kaufmanns stets geöffnet war. – Dort hatten sie manchen fröhlichen Abend verlebt, dort war auch eine kleine auserlesene Gesellschaft, meist wohlhabende Studenten und junge Offiziere, oft bis tief in die Nacht zusammen geblieben, um, nachdem der gastliche Hausherr zu Bett gegangen war, noch heimlich ein Spiel zu machen. Wo waren sie jetzt alle, die lustigen Genossen froher Stunden? Viele waren längst verstorben, andere waren untergegangen, weil sie sich nicht emporzuraffen gewußt hatten aus dem Strudel der Lust, von Zweien wußte der Präsident, daß sie sich, nachdem ihr Vermögen verspielt war, eine Kugel durch den Kopf geschossen hatten. Sie waren Opfer der Spielwuth geworden, deren ersten Keim die lustigen, in jenem Zimmer verlebten Nächte in sie gelegt hatten. Nur wenige aus dem Freundeskreise hatten sich emporgeschwungen zu einflußreichen Stellungen im Staatsdienst, – einer, der Sohn des reichen Kaufmanns Samuelsohn, hatte die Studien verlassen, er war Geschäftsmann geworden. Das große schwarze Haus mit den eisernen Gitterfenstern hatte er schon vor vielen Jahren verkauft; als einer der Geldfürsten der Residenz lebte er in seiner prachtvollen Villa in der vornehmsten, elegantesten Vorstadt; aber wenn auch der Besitzer gewechselt hatte, das alte Haus war dasselbe geblieben, sein Aeußeres war unverändert, wie es vor dreißig Jahren gewesen war. Der Präsident warf einen Blick in den breiten, dunklen Thorweg. – Wahrhaftig, dort stand noch der mächtige, mit gewaltigen Wollsäcken beladene Frachtwagen. »Nimm Dich vor der Deichsel in Acht«, hörte er den Jugendfreund rufen, – war's ihm doch, als ob es gestern gewesen wäre. – Er sah sich wieder in heiterer Weinlaune oben auf dem Wagen von dem höchsten Wollsack herab den jubelnden Zechgenossen eine lustige Predigt halten. Dreißig Jahre waren an diesen alten Häusern vorüber gerauscht, fast ohne Spuren zu hinterlassen; aber die Menschen hatten sich geändert. Am meisten er selbst! – Was war aus dem frischen, wenn auch oft leichtfertigen, doch für alles Edle und Schöne begeisterten Jüngling geworden? Unwillkürlich griff er nach der geldgefüllten Brieftasche, die ihn an ein verbrecherisches Vorhaben mahnte. Noch konnte er umkehren, noch das Geld zurückbringen, noch war es nicht zu spät. Er blieb sinnend, die Welt um sich her vergessend, stehen. Sein unter schweren Seelenkämpfen in der vergangenen Nacht errungener Entschluß wurde wieder wankend, er grübelte und überlegte. »Aufgepaßt! Nehmen Sie sich vor der Deichsel in Acht!« Der laute, warnende Ruf eines Rollknechts, der einen leeren Frachtwagen nach der Straße herausschob, rief den Präsidenten aus seinen Träumen in das Bewußtsein der Gegenwart zurück. Er seufzte. »Es ist zu spät! Ich kann nicht mehr zurück! Also vorwärts. Geschehe, was da geschehen muß!« Er setzte entschlossen seinen Weg fort. Das erste Ziel seiner Wanderung war eine enge Nebengasse. Hier wohnte in den Erdgeschossen der hohen Häuser, in dunklen Läden, in denen selbst an den sonnigsten Tagen eine trübe Lampe brannte, dicht zusammengedrängt eine große Anzahl von Schuh- und Stiefelhändlern. Die Schustergasse nannte deshalb das Volk bezeichnend den engen Gang, obgleich die Schilder an den Eckhäusern einen andern Namen trugen. In einen von den dunklen Läden trat der Präsident. »Ich wünsche ein Paar kräftige Ueberschuhe für eine Gebirgsreise. Haben Sie dergleichen vorräthig?« fragte er den Verkäufer. »Gott soll hüten! Werde ich nicht haben vorräthig Ueberschuhe für die Reise, und nicht für die Reise, für Herren und für Damen und für Kinder! Wollen Sie aussuchen nach Belieben!« Bereitwillig brachte der Verkäufer eine große Auswahl von Ueberschuhen aller Art herbei, er musterte, während er zungenfertig seine Waaren anpries, mit einiger Verwunderung den Käufer, dessen vornehmes Wesen und elegante Kleidung in der meist nur von Kunden niederen Standes besuchten Schustergasse wohl auffallen mußte. Der Präsident wählte ein Paar sehr grobe, plumpe Schuhe, die ihm zu weit waren, aus. »Der Herr werden verlieren die Schuhe. Werden doch passen diese viel besser und sind sie auch besser für einen eleganten Herrn, als die groben Bauernschuh,« sagte der über die sonderbare Wahl erstaunte Verkäufer, indem er auf ein anderes Paar zeigte. »Nein, diese sind gut. Nur müssen sie auf den Hacken und längs der Sohle mit starken Nägeln beschlagen werden. Können Sie dies sogleich besorgen lassen, dann will ich die Schuhe kaufen.« »Werde ich nicht können? Wie heißt! In einer Viertelstunde kann ich. Aber die Schuhe werden zu schwer für einen feinen Herrn, wenn wir noch dran nageln ein halb Pfund Eisen.« »Thut nichts. Für eine Gebirgswanderung sind sie gerade recht.« »Werde ich sie lassen nageln meinetwegen mit einem Zentner Nägel. Was thut's mir?« »Was kosten die Schuhe?« »Mit den Nägeln sind sie natürlich um die Nägel theurer.« »Das versteht sich. Ich bezahle sie Ihnen gleich. In einer Viertelstunde komme ich wieder, um sie abzuholen.« Der Verkäufer nannte einen Preis, der mehr als doppelt so hoch war, als der, den er von einem seiner gewöhnlichen Kunden gefordert haben würde, das aber bemerkte der Präsident nicht einmal. Er zahlte, ohne zu zögern oder zu handeln, die geforderte Summe, dann verließ er den Laden. Der Verkäufer schaute ihm sehr verwundert nach. »Laß die Schuhe vernageln, Rahelleben, wo nur ein Nagel sitzen will,« sagte er zu seiner im dunklen Hintergrunde des Ladens mit einer häuslichen Arbeit beschäftigten Frau. »Muß der Mann doch haben seinen Willen, hat er doch bezahlt. Aber ich sage Dir, faul, faul, faul! – Fehlt's ihm nicht hier,« er zeigte mit dem Finger auf die Stirn, »dann – – Na, was thut's mir? Er hat die Schuhe und ich hab's Geld.« Der Präsident wanderte von der Schustergasse nach einer andern engen Straße, in welcher die Erdgeschosse fast sämmtlicher Häuser durch Trödlerläden und Handlungen mit Eisen, Handwerksgeräthen und dergleichen ausgefüllt waren. In einer Eisenhandlung kaufte er zwei starke scharfe Stemmeisen und einen schweren Hammer; dann ging er weiter. Er bog in die Hauptstraße des Stadttheils ein; in dieser befand sich ein bedeutendes, aber nicht im besten Ruf stehendes Wechselgeschäft. Man behauptete in St**, der Bankier Salwitz nehme es mit dem Ankauf von Staatspapieren nicht gar zu genau; er fragte wenig danach, wie dieselben erworben seien; wenn er sie billig kaufen könne und nicht nöthig habe, eine Entdeckung zu befürchten, kaufe er. Er war vor vielen Jahren einmal in einen Prozeß verwickelt und als Hehler gestohlener Geldpapiere verdächtigt, aber freigesprochen worden, auch war es bekannt, daß er häßliche Wuchergeschäfte, die ganz nahe an der Grenze des Betruges hinliefen, vorzugsweise gern mache. An der Börse war trotz solcher schmutzigen Geschäfte der steinreiche Bankier als prompter Zahler eine angesehene Person; aber von den Gesellschaftskreisen, auf die er sonst durch seinen Reichthum Anspruch hätte machen können, war er ausgeschlossen. Er verkehrte mit Niemandem, und gerade deshalb hatte der Präsident sein Geschäft erwählt zu einem Einkauf von Staatspapieren, den er nicht gern in einem Bankhause, in welchem er vielleicht erkannt worden wäre, machen wollte. In dem Salwitz'schen Wechselladen kaufte der Präsident für etwa 12,000 Thaler Staatspapiere und Prioritätsaktien von Eisenbahnen. Nachdem er auch dieses Geschäft beendet hatte, kehrte er nach der Schustergasse zurück, um seine inzwischen mit den verlangten Nägeln versehenen Ueberschuhe in Empfang zu nehmen, dann verließ er eiligen Schrittes den entlegenen Stadttheil. Sobald er die breiten Straßen der vornehmeren Gegend wieder erreicht hatte, nahm er an der nächsten Ecke einen Fiaker, durch diesen ließ er sich nach der Heinrichsstraße fahren. Der Geheimrath von Samuelsohn, der seines unermeßlichen Reichthumes wegen in den Adelstand erhobene, größte Bankier der Residenz, war des Präsidenten alter Universitätsfreund; vor dem glänzenden Komptoir desselben in der Heinrichsstraße hielt der Fiaker. Der Geheimrath, der trotz seines Reichthums mit nie rastendem Fleiß im Geschäft thätig war, befand sich schon auf dem Komptoir; er machte kein freundliches Gesicht, als er den alten Studiengenossen eintreten sah, und der Händedruck, welchen er mit demselben austauschte, war von seiner Seite nicht sonderlich herzlich. Er hatte schon davon gehört, daß der Präsident in der letzten Zeit bedeutende Spielverluste gehabt habe, da fürchtete er denn einen neuen Angriff auf seine Kasse, den er abzuweisen fest entschlossen war, da die Debetseite Wartenbergs im Hauptbuch ohnehin eine ziemlich hohe Summe enthielt. Seine Miene verfinsterte sich noch mehr, als der Präsident gleich nach der ersten Begrüßung sagte: »Ich komme heute zu Dir, alter Freund, um Deine Gefälligkeit in Anspruch zu nehmen.« »Du kommst zu böser Zeit, Wartenberg,« entgegnete der Geheimrath sehr kühl abweisend, »meine Kasse ist in der letzten Zeit von so bedeutenden Ausgaben belastet worden, daß ich Dir in der That nicht werde dienen können.« »Wer spricht davon?« sagte der Präsident empfindlich. »Es fällt mir nicht ein, Dich um ein Darlehn angehen zu wollen, da ich ohnehin schon zu sehr Dein Schuldner bin. Es ist eine andere Gefälligkeit, die ich von Dir erbitten wollte.« Das Gesicht des Geheimraths heiterte sich merkwürdig schnell auf, als er hörte, daß kein Geld von ihm verlangt werde; jetzt schüttelte er dem Freunde außerordentlich herzlich die Hand und versicherte, daß er zu jeder Gefälligkeit stets mit Freuden bereit sei. »Du wirst von der Erfüllung meiner Bitte keine große Unbequemlichkeit haben,« bemerkte der Präsident, bitter über die freundliche Bereitwilligkeit des zähen Geldmannes lächelnd, »ich wünsche nur in Deine Kasse eine nicht mir gehörende bedeutende Werthsumme in Geld und Papieren niederlegen zu dürfen. Es ist mir vom Komité für den Bau unserer St. Marienkirche das Schatzmeister-Amt übertragen worden und man hat mir die gesammten Baugelder zur Aufbewahrung übergeben. Heut Nacht ist mir zum ersten Mal der Gedanke gekommen, wie unsicher eigentlich mein einsames Haus liegt. Ich habe kaum einschlafen können vor der peinigenden Sorge, daß vielleicht Diebe erfahren könnten, welche große Summen ich in meinem Schreibtisch aufbewahre. Mein Arbeitszimmer liegt nach dem Garten hinaus, während die Fenster meines Schlafzimmers nach der Straße führen. Wie leicht wäre da in der Nacht ein Einbruch möglich! Allerdings sind die Fenster ziemlich hoch vom Boden, auch bewahre ich das Geld in einem eisernen Kasten, der schwerlich ohne Geräusch erbrochen werden dürfte; trotzdem aber beunruhigt mich doch der Gedanke, daß ein Einbruch bei mir versucht werden könnte. Ich wollte Dich deshalb bitten, das Geld der Kirchenbaukasse, soweit ich es nicht in der allernächsten Zeit gebrauche, und etwa 32,000 Thaler, welche ich vom Vermögen meines früheren Mündels, des Barons von Rechtenberg, in Verwahrung habe, in Deine Kasse aufzunehmen. Es würde mir dies eine große Beruhigung gewähren, denn es ist mir ohnehin noch immer ängstlich genug, daß ich etwa 12,000 Thaler von der Kirchenbaukasse bei mir behalten muß, da sie vielleicht morgen schon, jedenfalls in den nächsten Tagen vom Kassirer zur Deckung der Baurechnungen abgefordert werden können. Darf ich auf Deine Gefälligkeit rechnen?^ »Mit dem größten Vergnügen. Das versteht sich ja von selbst.« »Ich danke Dir herzlich. Ich hätte nun allerdings noch einen andern Wunsch.« »Sprich! Ich stehe zu Diensten!« »Ich möchte der Kirchenbaukasse gern Zinsen für das baare Geld zuwenden.« »Hm. Das wird schwerlich gehen. Ich nehme grundsätzlich keine verzinslichen Depositen, welche täglich wieder abgehoben werden können.« »Die Summe ist nicht übergroß. Bedenke, daß das Geld einem wohlthätigen Zweck, einem Kirchenbau zufließt. Seine Majestät interessirt sich für den Bau und ich werde Gelegenheit finden, Deine Bereitwilligkeit bei Gelegenheit rühmend zu erwähnen.« »Du weißt, daß ich nicht nach Ehren und Orden strebe, sagte der Geheimrath, sich stolz aufrichtend; »aber als guter Patriot wirke ich gern für die Seiner Majestät angenehmen Zwecke mit. Es ist zwar ganz ungeschäftsmäßig; aber ich will der Kirchenbau-Kasse vier Prozent jährlicher Zinsen berechnen, um den Bau der Kirche zu fördern.« Die beiden Freunde verstanden sich; sie tauschten noch einen kräftigen Händedruck aus, dann übergab der Präsident die mitgebrachten Gelder und Papiere dem Kassirer. Nach der Abwickelung dieses Geschäftes fuhr er nach dem Bahnhof, wo er gerade zur rechten Zeit eintraf, um noch mit dem Mittagszug nach M** zurückkehren zu können. VII. Der Zuchthäusler. Der Präsident zeigte sich bei der Mittagsmahlzeit, welche er, wie gewöhnlich, mit seiner Tochter hielt, sehr schweigsam und zerstreut. Marie versuchte es vergeblich, ein Gespräch anzuknüpfen, auf ihre Fragen erhielt sie nur kurze Antworten, und auch als sie dem Vater mittheilte, Ernst habe jetzt die Stelle als Staatsanwalt in M** erhalten und wünsche, daß die Hochzeit so bald als möglich sein solle, wurde ihr nur die Erwiderung: »Ich weiß es schon. Thut, was Ihr wollt.« »Ernst war heut Morgen bei mir. Er fordert eine bestimmte Antwort, die Festsetzung des Hochzeitstages. Durch alle Bitten konnte ich ihn nicht bewegen, mir noch Zeit zu gönnen. Ich habe ihm versprechen müssen, mit Dir zu reden.« »Macht das untereinander aus. Du mußt selbst wissen, ob Deine Aussteuer fertig ist.« »Aber Vater – –« »Ich lasse Dir völlige Freiheit, was willst Du noch weiter?« »Vater, ich sagte Dir schon in jener furchtbaren Nacht – –« »Jetzt will ich nichts davon hören,« unterbrach sie der Präsident unwillig. »Du sollst jene Nacht vergessen, wie ich sie vergessen will.« »Ich wäre glücklich, wenn ich es könnte!« entgegnete Marie ernst und fest. »Das aber ist unmöglich. Diese Erinnerung wird mich nur mit dem Leben verlassen.« »So behalte sie wenigstens für Dich. Ich will nie wieder ein Wort davon hören.« »Heut mußt Du mich hören! Ich sagte Dir damals, daß ich entschlossen sei, Ernst zu entsagen. Ich glaubte stärker zu sein, als ich bin. Gestern wollte ich ihm seinen Ring und sein Gelöbniß zurückgeben; da ich ihm aber den wahren Grund, der mich bewegte, nicht sagen durfte, hat er sich geweigert, unser Verlöbniß zu lösen, und heut fordert er, daß unser Hochzeitstag so schnell als möglich bestimmt werde. – Was soll ich thun, Vater? Ich darf Ernst nicht hineinziehen in das Unglück, und – ich muß das Wort aussprechen, – in die Schande, welche unsere Familie bedroht; zu entsagen vermag ich ihm nicht, aber ich kann ebensowenig ihn auf immer an mich fesseln, ehe er weiß, welches Schicksal Dir bevorsteht. Hat uns das Schlimmste betroffen und fordert er dann meine Hand, dann kann ich sie ihm nicht verweigern; aber ich würde mich selbst verachten, wollte ich sie ihm heut, ehe die Zukunft entschieden ist, reichen. Du hast die Pflicht, mir zu helfen, Vater. Bestimme Du, daß unsere Hochzeit erst in einem halben Jahre stattfinde. Deinem Willen muß Ernst sich fügen.« »Dein übertriebenes Rechtsgefühl leitet Dich irre,« antwortete der Präsident. »Du bist Ernsts Braut. Du hast sein Wort, er hat das Deinige, und er ist im Recht, wenn er jetzt endlich nach jahrelanger Verlobung die Festsetzung des Hochzeitstages fordert. Im Uebrigen magst Du außer Sorge sein. Eine Gefahr bedroht mich nicht mehr. Ich habe Mittel gefunden, Rechtenberg bei Heller und Pfennig zu befriedigen. Bestimme daher im Einverständnis mit Ernst den Hochzeitstag, wann Du willst. Und nun noch Eins. Vergiß nicht, daß ich heut zum letzten Male mit Dir über die Rechtenberg'sche Angelegenheit gesprochen habe, ich verbitte mir ernstlich jedes Zurückkommen auf dieselbe, ja selbst jede Andeutung und jede unbescheidene Frage.« Er schob bei diesem Wort den noch halbgefüllten Teller zurück und stand auf, um jedes weitere Gespräch abzubrechen. Sonst rauchte er gewöhnlich nach Tisch bei einer Tasse Kaffee eine Cigarre im Zimmer der Tochter, heut that er es nicht, er befahl, den Kaffee in sein Arbeitszimmer, wohin er sich sogleich begab, zu bringen. Er trat ans Fenster. Gedankenvoll schaute er nach dem Garten hinaus. Sein Blick suchte eine Lichtung in dem dichten Laubwerk, durch welches er das Dach eines der kleinen Häuser sehen konnte, die an der Mündung der Gartengasse nach dem Thorplatz standen. Nur das vom Wetter geschwärzte, hier und da geflickte Dach sah er; aber sein geistiger Blick drang durch die steinerne Hülle bis tief in das Innere des Hauses hinein, in eine Schlosserwerkstatt, in welcher ein großer, kräftiger Mann emsig arbeitete. Seine Gedanken waren in den letzten Stunden viel bei diesem Manne gewesen, sie hatten dessen frühere Laufbahn verfolgt, seine vor vielen Jahren erfolgte Bestrafung wegen eines gewaltsamen Einbruchs, sein musterhaftes Leben nach der erlittenen Strafe. Früher hatte er sich wenig um den armen Schlosser bekümmert, jetzt aber erinnerte er sich, daß er mitunter halb gedankenlos im Vorübergehen einen Blick in die Werkstatt geworfen, und daß er dort ein schönes, liebliches Bild gesehen hatte. Der schwarz berußte Arbeiter ließ den Hammer ruhen; er hielt ein Kind von kaum einem Jahr auf dem Arm und schaute es mit stolzer Freude an. Neben ihm stand sein junges, schönes Weib, welches sich vertraulich an ihn schmiegte und dem jauchzenden Kinde zulächelte. Das Bild stieg in der Erinnerung des Präsidenten auf, als er nach dem schwarzbraunen Ziegeldach hinüberschaute. Wie glücklich war der bestrafte Verbrecher in der Liebe seines Weibes und Kindes! Und jetzt sollte plötzlich aus heiterem Himmel ein Wetterstrahl dies stille, friedliche Familienglück zerschmettern. Der Präsident fühlte einen Druck auf dem Herzen. – Konnte er ausführen, was er sich so fest vorgenommen, so klug und sorgsam vorbereitet hatte? Konnte er diese glückliche, fleißige Familie ins tiefste Elend stürzen, nur um die Möglichkeit eines schmählichen Verdachtes von sich abzuleiten? Aber verdiente denn jener Mensch wirklich sein Glück? In den letzten Wochen hatten in M** wieder zwei gewaltsame Diebstähle, bei denen ein geschickter Schlosser thätig gewesen sein mußte, Aufsehen erregt. Zwar lag kein Grund vor, gerade auf Jenen Verdacht zu werfen; aber möglich war es doch, daß er der Thäter gewesen. – Bessert sich wohl ein Zuchthäusler so vollkommen, daß er der Versuchung zum Verbrechen je ganz widerstehen kann? – Thörichtes Mitleid! – Wenn Jenen für ein Verbrechen, welches er nicht begangen hatte, die Strafe ereilte, traf sie ihn doch gerecht für andere Verletzungen des Gesetzes, deren er sich sicherlich schuldig gemacht hatte. Ja, er war der unentdeckte Einbrecher; so war es, denn so sollte und mußte es sein. Der wankende Entschluß des Präsidenten befestigte sich wieder. Er wendete den Blick von dem rauchgeschwärzten Ziegeldach ab und trat vom Fenster zurück gerade in dem Augenblick, als der Diener ihm den Kaffee ins Zimmer brachte. »Setze die Tasse hier auf meinen Arbeitstisch, Johann,« sagte der Präsident. »Wohnt in unserer Nähe noch ein anderer Schlosser, als der Weinert in der Gartengasse?« »Nein. Der nächste ist der alte Bernard ln der Steinstraße.« »Dann magst Du zu Weinert gehen und ihm sagen, ich hätte eine dringende Arbeit für ihn; er möge sogleich zu mir kommen, um das Nöthige zu besprechen.« »Herr Präsident verzeihen. Sollte ich nicht doch lieber zum alten Bernard gehen?« »Weshalb?« »Der Weinert hat auf dem Zuchthaus gesessen und man spricht so allerlei. Solchen Mann ins Haus zu holen –« »Thorheit. Der Weinert hat sich Jahre lang musterhaft geführt, deshalb muß man ihn durch Arbeit unterstützen, damit er nicht wieder in Noth und in die Versuchung kommt, ein Verbrechen zu begehen.« »Aber der Vater des Weinert hat auch auf dem Zuchthaus gesessen und ist dort gestorben.« »Um so mehr muß man den Sohn achten, daß er wieder ein ordentlicher Mensch geworden ist, und ihn durch Arbeit unterstützen. Geh', Johann, hol' mir den Weinert. Er soll schnell kommen.« »Wie der Herr Präsident befehlen,« sagte der Bediente zögernd. Er gehorchte, aber nicht mit der freudigen Bereitwilligkeit, mit welcher er sonst die Befehle seines Herrn ausführte. Kopfschüttelnd ging er, und nach kaum einer Viertelstunde kehrte er zurück. Ihm folgte ein großer, starker Mann, der Schlosser Weinert. Weinert mochte etwa das vierzigste Jahr zurückgelegt haben, aber er sah älter aus, die schweren Kämpfe mit dem Leben hatten sein Haar vor der Zeit ergraut, die hohe Stirn durchfurcht und die mächtige Gestalt gebeugt. Den früheren Verbrecher hätte wohl Niemand, der die Vergangenheit Weinerts nicht kannte, in dem Manne geahnt, der durch sein gutes, treues Auge, sein freundliches, sanftes Lächeln leicht beim ersten Begegnen das Herz gewann und Vertrauen einflößte. Der Schlosser, der, um dem Befehl des Herrn Präsidenten sogleich zu folgen, die Arbeit niedergelegt hatte, erschien in dem ruhigen blauen Arbeiterkittel. Er blieb bescheiden an der Thür stehen; durch eine tiefe, aber eben nur respektvolle, keineswegs servile Verbeugung grüßte er den vornehmen Kunden, dabei flog sein Auge neugierig durch das elegante, wohnliche Zimmer, welches ihm so prachtvoll wie ein Fürstengemach erschien. Der Präsident musterte mit scharfem Blick den Schlosser; er zögerte, ihn anzureden, war's ihm doch, als sei ihm die Zunge gelähmt und die Kehle zugeschnürt. Er hatte den fleißigen Arbeiter wohl oft in der Ferne gesehen, so nahe aber hatte er ihm nie gegenüber gestanden, ihm nie in das offene, ehrliche Auge geblickt. – Weinerts bescheidenes, freundliches, Zutrauen erweckendes Wesen verfehlte auch auf ihn seine Wirkung nicht. Er hatte sich vorher so scharf überlegt, was er sagen wollte, jetzt aber plötzlich fehlten ihm die Worte, und als der Schlosser ihn, seine Befehle erwartend, fragend anschaute, mußte er wie beschämt den Blick senken – dem Manne konnte er nicht offen ins Auge sehen. Der Präsident war indessen zu sehr an Selbstbeherrschung gewöhnt, um sich lange durch solch' unklares Gefühl bewältigen zu lassen. Er faßte sich bald. »Sie sind der Schlosser Weinert?« fragte er. – Seine Stimme war ruhig, und als er hinzufügte: »Treten Sie näher, ich habe Ihnen eine Bestellung zugedacht,« sogar freundlich. – »Sie haben seit einem Jahre Ihrer guten Führung wegen wieder die Erlaubniß erhalten, das Schlosserhandwerk selbständig zu betreiben?« Ueber das Gesicht des Schlossers ergoß sich eine dunkle Röthe, welche selbst durch die schwarzen Rußflecken nicht verborgen werden konnte. Beschämt blickte er zu Boden, er vermochte nur ein leises »Ja« zu antworten. »Sie haben nicht nöthig, so beschämt die Augen niederzuschlagen,« sagte der Präsident, der jetzt seiner selbst wieder völlig Herr geworden war, gütig. – »Was Sie auch in Ihrer Jugend gefehlt haben mögen, Sie haben es durch das Verbüßen Ihrer Strafe und durch Ihr späteres untadelhaftes Leben gesühnt. – Ich achte Sie deshalb hoch.« – Ein glückliches Lächeln verklärte das Gesicht des Schlossers. Sein Auge wurde feucht und aus dem tiefsten Herzen drang ihm das Wort, als er antwortete: »Wie kann ich Ihnen jemals für solche Güte danken, Herr Präsident? Wenn ich sonst an meine unglückselige Jugend erinnert werde, geschieht es mit Hohn und bitterem Vorwurf. Zuchthäusler schreien mir die Gassenbuben nach, und wenn ich ja einmal ausgehe, mich mit meiner Frau Sonntags von der Arbeit erholen und an einem öffentlichen Ort vergnügen möchte, dann werde ich schnell fortgetrieben. »Der hat auf dem Zuchthaus gesessen,« höre ich rings um mich flüstern. Die Bürger stehen von dem Tisch auf, an den ich mich setze, – meine Nachbarn meiden mich, als hätte ich die Pest. – Fünfzehn Jahre habe ich redlich gearbeitet, gewiß und wahrhaftig! aber immer bleibe ich der Zuchthäusler. Hätte sich nicht der Verein für entlassene Gefangene meiner angenommen und mir Arbeit von der Eisenbahn verschafft, ich könnte verhungern mit Weib und Kind, obwohl meine Arme stark sind und ich so gern arbeite, – denn Niemand will bei dem Zuchthäusler eine Schlosserarbeit machen lassen. – So freundlich und so gütig, wie Sie, Herr Präsident, hat noch Niemand mit mir gesprochen, und das vergesse ich in meinem Leben nicht!« Dem Präsidenten wurde bei den Worten des Schlossers recht unbehaglich. Er fühlte sich beschämt, gern hätte er den Redefluß des tief bewegten Mannes unterbrochen, das ging aber nicht und erst nachdem Weinert geendet hatte, sagte er: »Schon gut, Meister Weinert. Ich weiß, was ich von Ihnen zu halten habe, und die Bestellung, welche ich bei Ihnen machen will, mag Ihnen einen Beweis meines Vertrauens in Ihre Redlichkeit geben. – Ich beabsichtige, die Fenster dieses Zimmers mit starken, eisenbeschlagenen Läden, die von innen durch gute Schrauben befestigt werden können, versehen zu lassen, und diese Arbeit sollen Sie übernehmen, wenn Sie mir dieselbe bald liefern können. – Wann würde ich wohl die Läden erhalten können?« »Ich habe noch eine Arbeit für die Eisenbahn fertig zu machen, die nimmt wohl noch vier Tage in Anspruch, zwei bis drei Tage brauche ich für die Läden; also heut über acht Tage würde ich sie spätestes anschlagen können.« »Das dauert mir zu lange, Meister,« erwiderte der Präsident, indem er den Blick zum Fenster hinaus nach dem Garten schweifen ließ; um keinen Preis hätte er bei dem, was er sagen wollte, dem Schlosser in das ehrliche Auge schauen können. »Ich habe gerade jetzt hier in meinem Schreibtisch eine bedeutende Geldsumme liegen und bin ängstlich, daß vielleicht vom Garten aus ein Einbruch in dies Zimmer versucht werden könnte. Man hat in neuerer Zeit wieder viel von Einbrüchen gehört.« »Freilich, leider! Aber ich dächte, so gar gefährlich wäre es hier nicht. Das Fenster liegt hoch vom Fußboden.« »Mit einer Leiter wäre es ohne Schwierigkeit zu erreichen. Wie leicht könnten die Diebe von der Gartengasse aus in den Garten dringen, dort den alten Gerätheschuppen, in welchem die Gartenleiter liegt, aufbrechen und dann hier ins Fenster steigen. Nein, ich werde nicht eher ruhig, als bis ich mein Fenster durch gute, eisenbeschlagene, fest verschraubte Läden gesichert weiß. Ich mag nicht noch acht Tage die Sorge tragen. Könnten Sie nicht die Eisenbahnarbeit liegen lassen und meine Läden sofort beginnen?« »Ich habe versprochen, die Arbeit schnell hintereinander fertig zu machen, und mein Wort muß ich halten, wenn's auch mein Schaden ist. Vielleicht aber giebt mir der Herr Eisenbahndirektor einige Tage Zeit. Er ist Mitglied des Vereins und wenn er hört, daß der Herr Präsident die Läden gern schnell haben wollen und daß mir sonst die Arbeit verloren geht, wird er mir vielleicht erlauben, erst die Läden zu machen. Ich will gleich zu ihm gehen und ihn recht sehr darum bitten.« »Thun Sie das, Meister. Nehmen Sie jetzt aber gleich das Maß, damit Sie, wenn Sie die Erlaubniß erhalten, sofort mit der Arbeit beginnen können. Wie gesagt, nur ist an jeder Stunde gelegen. – Können Sie die Läden nicht sogleich in Arbeit nehmen, dann müssen Sie mir heut noch Antwort bringen, denn so leid es mir thut, ich muß sie dann bei einem andern Schlosser bestellen.« »Es wird schon gehen, Herr Präsident. – Der Herr Direktor wird es mir gewiß erlauben!« entgegnete Weinert hoffnungsvoll. Er holte sofort den Zollstock aus der Tasche und nahm das Maaß an dem Fenster. Nachdem er noch über die Stärke der Läden und des Eisenbeschlags, sowie die Art der Einschraubung Rücksprache mit dem Präsidenten genommen hatte, entfernte er sich, glücklich darüber, daß er einen neuen guten Kunden gewonnen habe, mit einer Hoffnung mehr für die Zukunft im Herzen. Der Bediente Johann war ein schweigender, aber aufmerksamer Zuhörer des zwischen dem Präsidenten und dem Schlosser geführten Gesprächs gewesen. Er hatte sich mit dem Abbürsten des Sophas zu thun gemacht und sich scheinbar um die ganze Sache nicht bekümmert. Als der Schlosser ging, brachte er diesen bis an die Hausthür, dann aber kehrte er eiligst nach dem Arbeitszimmer zurück. »Herr Präsident wollen verzeihen,« sagte er bedenklich mit dem Kopf schüttelnd, – »aber wenn die Geschichte gut geht, geht alles gut!« »Was hast Du, Johann? Was soll denn nicht gut gehen?« »Nun, der Herr Präsident müssen das am besten wissen; aber auf dem Zuchthaus hat er doch gesessen und sein Vater ist im Zuchthaus gestorben, das ist gewiß!« »Laß den Mann in Ruhe. Er ist ein ehrlicher, ordentlicher Arbeiter.« »So lange es dauert. Als der Herr vom Zuchthaus sprachen, wurde er ganz roth, und als Sie die vielen Einbrüche erwähnten, die jetzt geschehen seien, wurde er verlegen. Wer weiß, ob er nicht mehr, als man denkt, damit zu thun hat.« »Unsinn!« »Der Herr Präsident wissen das am besten; aber eine ruhige Minute habe ich nicht mehr. Der Herr Präsident haben dem Menschen gesagt, es sei viel Geld im Hause und dort im Rüstschuppen liege die Gartenleiter. Der Herr Präsident hätten nur sehen sollen, mit welchen Augen der Mensch immer nach dem Schuppen hinüber geblinzelt hat. – Das geht im Leben nicht gut!« »Ich bin allerdings fast ein wenig unvorsichtig gewesen,« entgegnete der Präsident. – »Wenn der Weinert wirklich noch ein Verbrecher wäre! Ich hätte ihm das nicht sagen sollen! – Aber was thut es? Er ist ein ehrlicher, ordentlicher Mann und wird mein Vertrauen nicht mißbrauchen. Geh', Johann, warte vor der Thür auf ihn und falls er meldet, daß er die Arbeit nicht übernehmen könne, rufe schnell den Schlosser Bernard.« Johann ging; aber er sollte seinen Wunsch, den Schlosser Bernard zu rufen, nicht erfüllt sehen, denn Weinert kam schon nach kurzer Zeit mit freudestrahlendem Gesicht und erklärte, der Eisenbahndirektor habe seine Erlaubniß gern ertheilt und noch am heutigen Abend sollten die Läden in Angriff genommen werden. Tag und Nacht wolle er arbeiten, um den guten Herrn Präsidenten zufrieden zu stellen. Diese Nachricht brachte Johann seinem Herrn, der sie mit großer Befriedigung empfing. VII. Der Einbruch. Mit bleierner Schwere, so langsam wie noch nie, verflossen die Stunden, ehe es Abend werden wollte. Der Präsident hatte nicht Ruhe noch Rast. Die Arbeit widerte ihn an, noch niemals waren ihm seine Akten so öde und langweilig, seine Amtsgeschäfte so kleinlich und unbedeutend erschienen. Vergeblich strengte er seine ganze Willenskraft an, um seine mehr und mehr wachsende Unruhe zu bemeistern, sich hineinzulesen in ein dickes Aktenstück; es gelang ihm nicht. Die Buchstaben tanzten vor ihm auf dem Papier, sie wollten sich nicht zu Worten zusammenfügen und zwang er sie wirklich, dann mußte er den einfachsten Satz mehrmals überlesen, um endlich den Sinn desselben zu fassen. Mißmuthig schob er das Aktenheft fort. Bei seiner Tochter wollte er eine kurze Erholung suchen; aber Marie war nicht zu Haus, sie machte einen Besuch bei einer Freundin, da mußte er denn seufzend in sein Arbeitszimmer zurückkehren, um abermals den vergeblichen Versuch zur Arbeit zu machen. Endlich brach die lang ersehnte Dämmerung herein. Johann brachte die Astrallampe, er stellte sie auf den Arbeitstisch. Der Präsident befahl ihm, einen Augenblick zu warten; er schrieb eiligst einen kurzen Brief an einen seiner Räthe, der in der auf der entgegengesetzten Seite der Stadt gelegenen Vorstadt, wohl eine Stunde entfernt, wohnte, – das kurze Ersuchen um ein Aktenstück – den Brief sollte Johann an seine Adresse tragen und auf Antwort warten. Der Präsident stand von seinem Arbeitstisch auf; eine kurze Zeit lang schaute er zum Fenster hinaus nach dem vom hellen Mondschein beleuchteten Garten, dann zog er die Glocke, durch welche er seinen Diener zu rufen pflegte, ein-, zwei-, dreimal in kurzen Zwischenräumen. Johann kam nicht, er hatte also offenbar das Haus schon verlassen, um den befohlenen weiten Gang anzutreten. Vorsichtig öffnete der Präsident die nach dem Vorsaal führende Thür. Auf den Zehen schlich er bis zum Zimmer seiner Tochter, er horchte am Schlüsselloch, alles war still. Er öffnete die Thür, das Zimmer war dunkel, Marie war von ihrem Ausgange noch nicht zurück. Er kehrte in sein Arbeitszimmer zurück; die Thür verriegelte er hinter sich, auch vor die zweite, nach seinem Schlafzimmer führende Thür schob er den Riegel. Dann zog er aus einem Fache des Schreibtisches ein in Papier gewickeltes Packet hervor. Er öffnete es, es enthielt die in St** gekauften Ueberschuhe, die beiden Stemmeisen und den schweren Hammer. Er verschloß den Schreibtisch sorgfältig wieder. »Jetzt ans Werk!« sagte er leise. Eins der Stemmeisen setzte er neben dem Schloß des Schreibtisches an, ein kräftiger Hammerschlag, da brach der Riegel des Schlosses, die Platte des Tisches ließ sich ohne weitere Mühe öffnen. Der eiserne, wohl verschlossene Geldkasten stand vor ihm. »Das wird ein schweres Stück Arbeit werden,« murmelte der Präsident. Es wurde schwerer, als er es sich gedacht hatte. Der Deckel des Kastens schloß so genau, daß er nirgends eine Stelle zum Einsetzen des Stemmeisens finden konnte. An verschiedenen Stellen versuchte er es vergeblich. Mit dem Stemmeisen ließ sich das Schloß nicht lossprengen. »Verdammt, daß ich daran nicht gedacht habe!« Sein ganzer Plan drohte an der Festigkeit des Kastens zu scheitern. Er wurde unruhig, ungeduldig, damit aber erreichte er gar nichts. Wo er das Stemmeisen auch ansetzen mochte, überall glitt es ab und die Hammerschläge nützten nichts. Das dicke Eisen widerstand allen Bemühungen des ungeschickten Arbeiters. Diesen Versuch mußte er aufgeben. Ingrimmig stand er vor dem widerspenstigen Kasten. Er überlegte. »Was würde ich thun, wenn ich wirklich der Dieb, ein geschickter Schlosser wäre? Ich würde versuchen, den Kasten mit einem Nachschlüssel zu öffnen. Dazu aber würde ich Stunden gebrauchen, denn das Schloß ist nur nach langer Arbeit, durch vielfaches unsicheres Probiren zu eröffnen, und ich habe nur Minuten zu verlieren, da ich jeden Augenblick fürchten muß, entdeckt zu werden. Den Kasten kann ich hier nicht öffnen, aber ich kann ihn ausbrechen aus dem hölzernen Tisch, ihn mitnehmen und dann zu Haus in aller Ruhe öffnen. Das geht und so soll es geschehen.« Er machte sich sofort an die Arbeit, aber sie war nicht leicht. Es kostete manchen Hammerschlag, um endlich den Kasten von dem Holzwerk loszustemmen, und viele Schweißtropfen, welche der Präsident bei dem ungewohnten Werke vergoß. Jetzt war's erreicht. Der Kasten war gelöst. Der Präsident hob ihn empor und trug ihn, nachdem er ihn mit dem gewöhnlichen Schlüssel aufgeschlossen hatte, nach dem Fenster. Dort setzte er ihn auf den Fußboden nieder. Noch einmal überzeugte er sich durch ein starkes Läuten, ob vielleicht Johann unvermutheter Weise schon zurückgekehrt sei. Als er sich hierüber beruhigt hatte, steckte er den Hammer, die Stemmeisen und die Ueberschuhe in die Taschen seines Ueberrocks, dann nahm er aus einem Kasten des Schreibtisches einen mit Pech bestrichenen Lederlappen und ein Röllchen mit Bindfaden. Nachdem alle diese Vorbereitungen getroffen waren, löschte er die Astrallampe aus; er riegelte die nach dem Vorsaal führende Thür wieder auf und verließ durch diese, die er hinter sich zuschloß, sein Arbeitszimmer. Ueber den Vorsaal, die Hintertreppe hinab ging er mit tönendem Schritt, wie gewöhnlich, nach dem Garten und durch diesen nach der kleinen Thür in der hintern Gartenmauer. Als er in den Gartenweg trat und die Thür hinter sich verschlossen hatte, schaute er sich nach allen Richtungen hin um; kein Mensch war auf dem einsamen Wege, durch den um diese Tageszeit fast niemals Jemand kam, zu sehen. Um indessen ganz sicher zu sein, ging der Präsident nach beiden Seiten hin etwa zwanzig bis dreißig Schritte; durch die doppelte, vom Mondschein begünstigte Ausschau überzeugte er sich, daß Niemand ihn belausche. Er kehrte zur Gartenthür zurück. Nachdem er die in St** gekauften Ueberschuhe aus der Rocktasche genommen und angezogen hatte, suchte er eine dicht neben der Thür befindliche, etwas schadhafte Stelle der Gartenmauer. Es gelang dem kräftigen, gewandten Manne, der früher ein tüchtiger Turner gewesen war, leicht, an dieser Stelle über die Mauer zu klettern und in den Garten hinabzuspringen. Durch das Gebüsch und über einige Blumenbeete fort, ging er direkt nach dem Geräthschuppen, dessen verschlossene Thür er mit Hilfe des Stemmeisens, dem das lockere Schloß nicht lange widerstand, leicht öffnete. Aus dem Rüstschuppen nahm er eine Baumleiter, diese trug er nach dem Hause und lehnte sie gegen dasselbe, sie reichte gerade bis zu dem Fenster des Arbeitszimmers hinauf. Er trat noch einmal zurück. Mit forschendem Blick überschaute er die sämmtlichen nach dem Garten führenden Fenster; sie waren alle dunkel; ein Beweis dafür, daß Johann von dem weitem Wege noch nicht zurückgekehrt und daß daher von ihm eine Ueberraschung nicht zu fürchten sei, denn das Fenster der Bedientenstube ging nach dem Garten und war immer hell, da Johann in ihr der Befehle seines Herrn harren mußte. Ohne weiter zu zögern, stieg der Präsident die Leiter hinauf. Mit einer Geschicklichkeit, deren sich ein routinirter Einbrecher nicht geschämt haben würde, klebte er das Pechpflaster vor die eine Fensterscheibe. Ein scharfer Stoß, mit leisem Klirren zerbrach die Scheibe. Kein Splitter fiel geräuschvoll zur Erde, alle blieben im Pech des Pflasters hängen. Das Fenster ließ sich jetzt ohne Mühe öffnen. Der Präsident schwang sich durch dasselbe in sein Arbeitszimmer. Mit leisem Schritt schlich er nach der zum Vorsaal führenden Thür, diese verriegelte er von innen, dann schlich er wieder zum Fenster, nahm den eisernen Geldkasten auf und mit diesem kehrte er durch das Fenster, die Leiter hinab, in den Garten zurück, nachdem er unterwegs das Pechpflaster von der zerbrochenen Scheibe gerissen, zusammengewickelt und eingesteckt hatte. Der Kasten war nicht leicht und die Leiter war schwer; aber der kräftige Mann trug doch beides durch die Kastanienallee und den engen, durch das Gebüsch führenden Seitenpfad nach der Gartenmauer. Es war ein beschwerliches, mühsames Werk, denn die Leiter streifte die Büsche und blieb einige Mal an hervorragenden Aesten hängen. Der Schweiß stand dem Präsidenten in großen Tropfen auf der Stirn, er war von der ungewohnten körperlichen Anstrengung sehr erschöpft, als er die Gartenmauer erreichte; trotzdem gönnte er sich keinen Augenblick der Ruhe. – Er lehnte die Leiter an die Mauer, stieg empor und als er oben war, zog er sie nach sich in die Höhe; mit ihrer Hilfe konnte er mühelos mit dem eisernen Kasten in den Gartenweg hinabsteigen, nachdem er sich durch eine aufmerksame Rundschau von der Höhe der Mauer herab überzeugt hatte, daß der Weg so einsam wie vorher war. Unten angelangt hob er die Leiter in die Höhe und schob sie über die Mauer fort, so daß sie in den Garten zurück fiel. Das dabei entstehende Geräusch erschreckte ihn. – Mit angehaltenem Athem stand er lange horchend still; aber er hörte nichts, als das Rauschen der vom Wind bewegten Bäume. – Er konnte ruhig sein; er war unbelauscht. Wer sollte auch wohl in dieser menschenleeren Gegend das Geräusch der fallenden Leiter bemerkt haben! Hier war er vor jeder Ueberraschung sicher. Der Raub des Geldkastens war glücklich gelungen; jetzt aber galt es, alle Spuren, welche auf den wahren Einbrecher leiten konnten, zu beseitigen. – Er zog zuerst die Ueberschuhe aus; in jeden derselben steckte er eins der Stemmeisen, in einen außerdem das Pechpflaster, in den andern den Hammer, den er in St** gekauft hatte, dann schnürte er die Schuhe mit Bindfaden fest aneinander; nachdem dies geschehen war, holte er eine Taschenbürste hervor. Mit dieser reinigte er Rock und Beinkleider von den Spuren, welche beim Uebersteigen der Mauer zurückgeblieben waren. Erst nachdem er das Reinigungswerk mit größter Sorgfalt vollendet hatte, nahm er den eisernen Kasten wieder auf, und nun schritt er langsam, vorsichtig, fast bei jedem Schritt vor- und rückwärts schauend, den Gartenweg entlang. Er kam zu dem niedrigen Bretterzaun, der den Hof des kleinen Hauses, in welchem der Schlosser Weinert wohnte, begrenzte. Die Thür der Schlosserwerkstatt stand offen. – Der Präsident konnte diese überschauen. Er sah den Schlosser fleißig bei seiner Arbeit beschäftigt, mit mächtigen Hammerschlägen das glühende Eisen bearbeitend. Die schöne junge Frau stand mit dem Kind auf dem Arm in der Werkstatt, sie sah der Arbeit zu und stimmte mit heller Stimme ein in ein fröhliches Lied, welches ihr Mann sang, während er den Hammer fleißig rührte. Das friedliche, schöne Bild machte einen tiefen Eindruck auf den Präsidenten, er fühlte sich vom Mitleid ergriffen. – War es denn gar nicht möglich, sich selbst zu retten, ohne Jenen zu verderben? – Er grübelte vergeblich. Lange wurzelte sein Fuß am Boden, er wagte es nicht, vorzuschreiten, das begonnene Werk zu vollenden; endlich aber entschloß er sich, nachdem er sein besseres Ich im schweren Seelenkampf besiegt hatte. Er hatte früher, wenn er auf dem Gartenweg nach der Stadt ging, oft eine auf dem Hof des Hauses dicht am Bretterzaun liegende Düngergrube mißfällig bemerkt und sich geärgert über die üblen Ausdünstungen, welche aus der tiefen, bis zum Rand mit schmutzigem Wasser gefüllten Grube aufstiegen. Langsam und vorsichtig ging er am Zaun bis zu der Stelle entlang, wo sich jenseits im Hofe die Grube befand. Er beugte sich weit über die Bretter fort, dann ließ er den eisernen Kasten in das schmutzige Wasser hinabgleiten. Ein leises Plätschern war dabei nicht zu vermeiden, auch glaubte der Präsident von der andern Seite des Weges her, wo ein leerer, nur im Winter für das Holz bestimmter Schuppen stand, ein Geräusch zu vernehmen. – Wurde er beobachtet? Das Blut trat ihm zum Herzen, der kalte Schweiß in großen Tropfen auf die Stirn. – Mit weit geöffnetem Auge stierte er in die Dunkelheit, er strengte sein scharfes Gehör aufs Aeußerste an, aber er hörte nichts als die Hammerschläge dort drüben in der Werkstatt und den fröhlichen Gesang der beiden glücklichen Menschen. Er hatte sich geirrt. Sein Blut beruhigte sich wieder; das stürmische, hochklopfende Herz schlug leiser. – Mit schnellen Schritten setzte er seinen Weg fort, quer über den Thorplatz, den er erreicht hatte, nach einer Parkanlage, welche auf den früher die Stadt umgürtenden Wällen den Bewohnern von M** zum angenehmen Spaziergang diente. Abends waren die Anlagen wenig besucht, besonders die sich am früheren Stadtgraben hinziehenden feuchten Gänge, in welche nur hier und da ein Strahl der oben auf dem Wall stehenden Gaslaternen drang. Gerade diese entlegenen Gänge suchte der Präsident auf, hier konnte er fast sicher sein, keinem verspäteten Spaziergänger zu begegnen. Er ging am Wasser entlang bis zu einer schmalen eisernen Brücke, welche nach einer kleinen morastigen Insel führte. – Hier, so hatte er gehört, war der seichte Stadtgraben am tiefsten. Mitten auf der Brücke blieb der Präsident stehen. – Er blickte forschend um sich. So weit sein scharfes Auge reichte, nirgends erblickte er einen Menschen. Er horchte mit der angespanntesten Aufmerksamkeit; aber kein anderer Ton als das ferne Rasseln der Wagen drang an sein Ohr. Schnell zog er die zusammengebundenen Ueberschuhe unter dem Rock hervor und warf sie in den Graben; sie sanken, hinabgezogen durch das schwere Eisen, in die Tiefe. Niemand hatte ihn beobachtet. Jetzt endlich war er sicher vor Entdeckung. – Mit erleichtertem Herzen, einer schweren Sorge ledig, schlug er frohen Muthes den nächsten Weg nach der Stadt und zwar nach einer Weinstube ein, welche der Sammelplatz der Offiziere und der höheren Beamten von M** war. Hier traf er zahlreiche Bekannte, die ihn freudig begrüßten, denn der geistreiche, liebenswürdige Mann war in jeder Gesellschaft, in welcher nicht gespielt wurde, gern gesehen. Nur beim Spiel zeigte er sich leidenschaftlich und ungesellig, sonst war er der angenehmste Gesellschafter, und als solcher erwies er sich auch an jenem Abend. Heiterer, mittheilsamer, liebenswürdiger war der Präsident noch nie gewesen. Er sammelte bald einen großen Kreis um sich und, was er sonst nie that, er nahm sogar Theil an einer Bowle und leerte fleißig sein Glas. Erst spät in der Nacht trennte sich die lustige Zechergesellschaft. – Zwei Offiziere, ein Hauptmann und ein Major, ließen es sich nicht nehmen, den Präsidenten nach Haus zu bringen, denn, so meinten sie, – das größte aller Wunder sei geschehen, der Nüchternste der Nüchternen, der Mäßigste der Mäßigen, – der Herr Präsident Wartenberg habe ein Gläschen über den Durst getrunken. IX. Der erste Verdacht. Es war noch nicht sechs Uhr Morgens, als ein heftiges Klopfen an der Thür seines Schlafzimmers den Präsidenten weckte. Er hatte so fest geschlafen, daß er einige Zeit bedurfte, um völlig zur Besinnung zu kommen; noch fühlte er sich so müde und matt, daß er gewiß wieder eingeschlafen wäre, wenn nicht ein erneutes starkes Pochen ihn endlich ermuntert hätte. »Wer ist da?« fragte er unwillig. »Ich bin's, ich, Johann!« antwortete der Bediente. »Bitte, Herr Präsident wollen schnell öffnen. Es ist wahrscheinlich ein Unglück geschehen.« Der Präsident sprang aus dem Bett. Seine volle Besinnung kehrte zurück und mit ihr die Erinnerung an den vergangenen Abend. Er wußte jetzt, welches Unglück ihm Johann melden wollte, und er war vorbereitet, es zu hören. Schnell entriegelte er die aus seinem Schlafzimmer nach dem Vorsaal führende Thür. Johann trat ins Zimmer, er sah blaß und höchst aufgeregt aus. »Was ist geschehen? Weshalb machst Du so früh solchen Lärm?« fragte der Präsident scheinbar sehr ärgerlich. »Verzeihen, Herr Präsident, aber ich mußte wohl. Ich möchte darauf schwören, daß in der Nacht bei uns eingebrochen ist, und zwar in des Herrn Präsidenten Arbeitszimmer. Die Thür zum Vorsaal ist verschlossen.« »Natürlich. Ich habe sie selbst verschlossen und den Schlüssel mitgenommen. – Gieb einmal meinen Rock her. – Hier ist der Schlüssel. Uebrigens kannst Du ja auch von hier aus hinein gehen.« Johann versuchte die Thür zu öffnen. »Ich dachte es wohl! Sie ist von innen verriegelt,« sagte er. »Verriegelt? Das habe ich nicht gethan. Schnell, schließe die Vorsaalthür auf. Hier ist wirklich etwas nicht in Ordnung,« rief der Präsident. Johann eilte fort, aber schon in der nächsten Minute kam er noch bleicher als zuvor zurück und berichtete: »Die Thür ist auch von innen verriegelt. Ganz sicher ist der Kerl, der Weinert, in der Nacht hier gewesen, ich hab' es wohl vorher gesagt. Als ich soeben im Garten war, sah ich das Fenster von des Herrn Präsidenten Arbeitszimmer offen stehen. Eine Scheibe ist entzwei und unmittelbar unter dem Fenster ist der Kalk abgefallen, da hat der Kerl die Leiter angelehnt. Im Kiesweg sieht man noch die Spur von seinen großen Füßen und von der Leiter. Ich will nicht gesund hier stehen, wenn nicht der Zuchthäusler in der Nacht in des Herrn Präsidenten Zimmer gewesen ist.« »Das wäre entsetzlich!« entgegnete der Präsident. »Wir müssen Gewißheit darüber haben; die Thüren müssen aufgebrochen werden. Geh', Johann, hole schnell den nächsten Schlosser.« »Den Weinert?« »Nein, den Bernard oder einen andern; aber beeile Dich. Doch halt, noch eins. Geh' beim Polizei-Kommissarius Habicht vorbei und bitte ihn, so schnell wie möglich hierher zu kommen. Ich werde mich inzwischen anziehen.« Johann ließ sich nicht zweimal zur Eile mahnen. So schnell wie ihn seine Füße tragen wollten, lief er davon. Nach kaum einer Viertelstunde war er zurück und, ihm fast auf dem Fuße folgend, kamen auch zuerst der alte Schlosser Bernard und gleich nach ihm der Polizei-Kommissarius Habicht. »Der Herr Präsident haben befohlen?« sagte der Beamte respektvoll dienstlich grüßend. »Nicht befohlen, aber ich habe Sie bitten lassen, hierher zu kommen, Herr Polizei-Kommissarius,« erwiderte der Präsident sehr gnädig; »ich fürchte, daß in der Nacht bei mir ein Einbruch versucht worden ist. Der Schlosser Bernard ist eben dabei beschäftigt, die von innen verriegelte Thür meines Arbeitszimmers aufzubrechen. Es war mir wünschenswerth, daß Sie bei der Eröffnung des Zimmers gegenwärtig seien, vielleicht kann dies für eine etwaige spätere Untersuchung von Nutzen sein.« »Ich stehe ganz zu Befehl, Herr Präsident.« Dem Schlosser war es inzwischen gelungen, den Riegel von außen zurückzuschieben und die Thür des Zimmers vom Vorsaal aus zu öffnen. Der Präsident trat zuerst ein, ihm folgte der Polizist. Diesem genügte ein Blick nach dem offenen Fenster mit der zersplitterten Scheibe, nach dem Schreibtisch, neben dem am Fußboden rings zerstreut Holzsplitter und Späne lagen, um zu erkennen, was hier geschehen war. »Es ist ein Einbruch verübt worden!« sagte er mit so geschäftsmäßiger Ruhe, als handle es sich um die einfachste Sache der Welt. Der Präsident stürzte auf den Schreibtisch zu. Er riß die Platte in die Höhe, aber gleich darauf ließ er sie wieder sinken und mit dem Schreckensruf: »Mein eiserner Geldkasten ist geraubt. Ich bin ein ruinirter Mann!« wankte er zurück. Er sank in einen Sessel nieder, und die Augen fürchterlich verdrehend, brach er zusammen. »Der Herr Präsident stirbt! Der Schlag hat ihn getroffen!« schrie Johann entsetzt. »Wasser herbei, schnell! Kaltes Wasser!« befahl der Polizist. Johann flog nach dem Schlafzimmer, augenblicklich kam er mit einer Wasserkaraffe zurück. Ein reicher Theil des Inhalts, welchen der Polizei-Kommissarius dem Ohnmächtigen ins Gesicht spritzte, genügte, um ihn ins Leben zurückzurufen. Der Präsident schlug die Augen wieder auf. Sein erster Blick traf den Schreibtisch; ein krampfhaftes Zittern durchschauerte seinen Körper. – »Großer Gott!« rief er verzweiflungsvoll aus. »Es ist wahr, es ist wirklich wahr! Ich bin beraubt, ruinirt für immer!« »Um Gotteswillen, beruhigen Sie sich, Herr Präsident,« sagte der von der Verzweiflung des sonst so kalten, vornehmen Mannes sehr bewegte Polizeibeamte gutmüthig. »Ja, Sie sagen wohl: »»Beruhigen Sie sich;«« aber wissen Sie, was mir geraubt ist? In jenem Geldkasten lag ein Vermögen, und es war nicht mein Eigenthum, sondern mir anvertraut.« »Nun, vielleicht gelingt es, den Thäter zu entdecken und das Geraubte wiederzuerhalten. Haben Sie nicht irgend einen Verdacht?« »Nein, ich weiß nichts. Ich bin rathlos.« »Ich aber habe einen Verdacht,« rief Johann, »und ich will nicht gesund hier stehen, wenn er falsch ist. Der Schlosser Weinert, der Schuft, der Zuchthäusler, der Einbrecher ist's gewesen und kein Anderer!« Der alte Schlosser Bernard hatte inzwischen die Klappe des Schreibtisches geöffnet, das Schloß geprüft und einen Blick in das Innere des Tisches geworfen. Jetzt wendete er sich zu dem Polizisten: »Ich traue dem Weinert alles Schlechte zu; hierbei aber ist der nicht thätig gewesen. Solche Pfuscherarbeit macht kein gelernter Schlosser und am wenigsten der Weinert. Ein geschickter Kerl ist er, wenn er auch auf dem Zuchthause gesessen hat. Sehen Sie nur hier, Herr Kommissarius, der Dieb hat das Schloß aufgebrochen. Was hat er dabei für Lärm machen müssen! Ein Schlosser hätte das alte Ding ohne allen Lärm aufgemacht! Und hier inwendig! Das sieht ja aus, als ob die Schweine gewühlt hätten, und das soll Schlosserarbeit sein? Im Leben nicht! Der Kerl, der den Kasten aus dem Holz gestemmt hat, hat noch nie einen Meißel oder ein Stemmeisen in der Hand gehabt. Drauf losgeschlagen hat er ohne Sinn und Verstand. Ein ordentlicher Schlosser ist's nun und nimmermehr gewesen.« Der Alte hatte sich ins Feuer geredet, seine Handwerksehre war gekränkt, aber er hat kein Glück mit seiner Beweisführung, denn die Aufmerksamkeit des Polizeibeamten war wieder ganz dem Präsidenten zugewendet, den eine neue Ohnmacht überfiel. Er war, während der Schlosser sprach, leichenblaß geworden, das konvulsivische Zittern kehrte zurück und nur durch eine reichliche Anwendung des Wassers wurde er wieder ins Bewußtsein zurückgerufen. »Wir müssen einen Arzt rufen!« sagte der besorgte Beamte. »Es ist unnöthig; mir ist wieder ganz wohl,« entgegnete der Präsident schnell. »Es war nur eine augenblickliche, durch den Schreck erzeugte Anwandlung von Schwäche. Sie ist vorüber und wird nicht wiederkehren.« »Aber ein Arzt würde doch – –« »Ich will keinen Arzt und verbiete, daß einer geholt werde. – Haben Sie jetzt die Güte, Herr Polizei-Kommissarius, den Thatbestand genau zu untersuchen. – Ich kann Ihnen nichts mittheilen. Als ich gestern Abend gegen neun Uhr durch den Garten nach der Stadt ging, – bis dahin habe ich in diesem Zimmer gearbeitet, – habe ich nichts Verdächtiges bemerkt. Gegen zwei Uhr in der Nacht bin ich nach Haus zurückgekommen, aber nicht durch den Garten, sondern wie ich dies immer thue, wenn ich in der Nacht nach Haus komme, durch die vordere Hausthür. – Ich bin bald eingeschlafen und habe nichts gehört, allerdings habe ich sehr fest geschlafen.« »Na, von dem Lärm, den der Spitzbube beim Aufbrechen des Schlosses und beim ungeschickten Ausstemmen des Kastens gemacht haben muß, wäre wohl auch ein Halbtodter im Nebenzimmer aufgewacht,« bemerkte der Schlosser Bernard trocken. Der Präsident unterdrückte nur mit Mühe eine neue Bewegung. »Hiernach wäre anzunehmen,« sagte er, »daß der Einbruch zwischen neun und zwei Uhr in der Nacht stattgefunden haben muß.« »Um halbzehn Uhr bin ich nach Haus gekommen,« – bemerkte Johann. »Da kein Licht mehr in des Herrn Präsidenten Stube war, habe ich die Akten in den Vorsaal gelegt. – Um zehn Uhr bin ich zu Bett gegangen, aber ich habe kein Auge zugethan, bis ich den Herrn Präsidenten die Treppe heraufkommen hörte; ich hatte solche Angst, der Kerl, der Weinert, könnte einbrechen. Ich habe auf jedes Geräusch gelauscht, und wenn nur eine Katze sich gerührt hat, hab' ich's gehört. Darauf will ich einen Eid schwören, daß nach halbzehn Uhr nichts passirt ist.« »Dann müßte also der Einbruch zwischen neun und halbzehn Uhr geschehen sein!« sagte der Polizei-Kommissarius. »Das soll mir Keiner einreden!« rief der Schlosser. »Ein so ungeschickter Teufel, wie der, der diese Arbeit gemacht hat, braucht dazu längere Zeit, als eine halbe Stunde.« »Der Weinert ist's gewesen, dabei bleibe ich!« sagte Johann. »Der ist schlau. Damit man nichts merken soll, hat er sich so ungeschickt angestellt.« »Das wäre nicht unmöglich, und dann wäre es auch erklärlich, daß er in einer halben Stunde fertig geworden ist, denn er ist ein schneller und geschickter Arbeiter« entgegnete der Polizei-Kommissarius beistimmend. – »Vor allem aber muß ich wissen, auf welche Thatsachen sich der Verdacht gegen Weinert begründet, ehe ich ein Urtheil fällen oder gar etwas gegen den Mann unternehmen kann.« Johann mußte erzählen und er that es mit der selbstgefälligen Wichtigkeit, welche ungebildeten Leuten bei solchen Gelegenheiten eigen ist. Er theilte alle Details der Unterhaltung zwischen dem Präsidenten und Weinert mit, er beschrieb die Miene des Zuchthäuslers, wie er bald roth, bald bleich geworden, wie er bei Erwähnung der letzten Einbrüche in Verlegenheit gerathen sei, wie seine Augen geleuchtet hätten, als der Präsident von dem im Schreibtisch aufbewahrten Gelde gesprochen habe. Seine Erzählung gestaltete sich zu einer wirklichen Anklage gegen den verhaßten Zuchthäusler. »Darf ich fragen, Herr Präsident, ob die Mittheilungen Ihres Dieners begründet sind und ob Sie ebenfalls einen Verdacht gegen Weinert hegen?« »Johann hat zwar im Wesentlichen die Wahrheit erzählt,« erwiderte der Präsident sehr ernst, »aber er hat sich zu sehr seinem vorgefaßten Urtheil gegen den unglücklichen Mann, dessen Vergangenheit zu einem solchen Verdacht herausfordert, hingegeben. – Auf mich hat Weinerts ganzes Auftreten einen sehr vertrauenerweckenden Eindruck gemacht. Ich kann nicht glauben, daß dieser Mensch meine Güte mit solchem Undank belohnt habe, ich theile daher auch Johanns Verdacht durchaus nicht. – Um keinen Preis möchte ich den vielleicht unschuldigen Mann von neuem durch meine Veranlassung in eine Untersuchung verwickelt wissen.« Der Polizei-Kommissarius verbeugte sich sehr respektvoll, als er sagte: »Der Herr Präsident sind sehr edelmüthig und großherzig. Ich glaube versprechen zu dürfen, daß, wenn sich keine weiteren Verdachtsmomente gegen Weinert ergeben, eine Untersuchung gegen ihn wohl schwerlich eingeleitet werden wird. Jetzt aber bitte ich um Erlaubniß, den Garten untersuchen zu dürfen. Vielleicht finden wir dort noch Spuren des Verbrechers, welche uns zu dessen Entdeckung führen können.« »Gehen Sie, Herr Kommissarius. Thun Sie Ihre Pflicht. Jedenfalls werden Sie mir wohl über die Resultate Ihrer Untersuchung Bericht erstatten.« »Zu befehlen, Herr Präsident.« Der Kommissarius entfernte sich, begleitet von dem Schlosser Bernard und Johann. Nach kaum einer halben Stunde kehrte er zurück. »Es thut mir leid, Herr Präsident,« sagte er, – »daß sich die Verdachtsgründe gegen den Schlosser Weinert mehren. Es wird meine Pflicht sein, dem Herrn Polizei-Direktor sofort einen Rapport abzustatten, der wohl Weinerts Verhaftung zur Folge haben wird. – Der Einbrecher ist, darüber kann kein Zweifel walten, von der Gartengasse, die nach Weinerts Werkstatt führt, über die Mauer geklettert und in den Garten gesprungen. Er ist direkt, die starken Spuren seiner schweren, mit Nägeln beschlagenen Stiefel zeigen dies deutlich, nach dem Geräthschuppen gegangen, hat diesen erbrochen, die Gartenleiter herausgeholt und sie zum Hause getragen. – Daß der Dieb ein geübter Einbrecher ist, zeigt seine Sicherheit und besonders mich die Kenntniß des Pechpflasters, welches er, wie der Augenschein lehrt, benutzt hat, um die Fensterscheibe hier einzudrücken. – Nach vollbrachtem Raube ist er auf demselben Wege zurückgekehrt und hat er es sich, wahrscheinlich, weil er mit dem schweren eisernen Geldkasten nicht über die Mauer klettern konnte, bequem gemacht. Er hat die Leiter mitgenommen und sie, nachdem er sie benutzt hat, ins Gebüsch geworfen, wo sie noch liegt. Dieser ganze Vorgang spricht dafür, daß ein geübter und mit der Oertlichkeit genau bekannter Einbrecher die That verübt hat, er erhöht den Verdacht gegen Weinert.« »Und er ist es doch nicht gewesen!« rief der Schlosser Bernard, der der Untersuchung des Gartens beigewohnt hatte, mit dem Polizisten zurückgekommen war und jetzt noch einmal aufmerksam das erbrochene Schloß und das Innere des Schreibtisches prüfte. »Wenn er sich noch so ungeschickt hätte stellen wollen, solche Arbeit kriegt kein Schlosser fertig!« »Lassen Sie das gut sein, Meister Bernard,« erwiderte der Polizist mit einem vornehmen, mitleidigen Lächeln. »Auf die Pfiffe und Kniffe eines so abgefeimten, im Zuchthaus ausgelernten Spitzbuben verstehen Sie sich nicht. Ich werde jetzt gleich zum Herrn Polizei-Direktor eilen und ihm Rapport abstatten. Der Herr Präsident wollen nur noch die Güte haben, mir das Aeußere des gestohlenen Geldkastens zu beschreiben und mir mitzutheilen, wie viel Geld etwa, und in welchen Geldsorten, in dem Kasten vorhanden war.« Der Präsident folgte dieser Aufforderung. Nachdem er den Geldkasten genau beschrieben hatte, gab er an, daß ihm etwa 12,000 Thaler, meist in Papiergeld, größeren und kleineren Scheinen, deren Nummern er nicht wisse, aus der Kirchenbaukasse und etwa 1000 Thaler eigenes Geld, die genaue Summe könne er nicht angeben, in Gold und Papiergeld gestohlen worden seien. Er bat schließlich noch einmal, nicht voreilig mit dem Verdacht und der Untersuchung gegen den Schlosser Weinert, den er gewiß für unschuldig halte, zu sein. »Dies zu versprechen bin ich jetzt leider außer Stande, so gern ich auch die Befehle des Herrn Präsidenten befolgen möchte,« entgegnete der Beamte. »Ich halte es für meine Pflicht, jede weitere Bestimmung in dieser hochwichtigen Angelegenheit dem Herrn Polizei-Direktor selbst zu überlassen, und habe daher auch Anstand genommen, ein Protokoll aufzunehmen, um dem Herrn Polizei-Direktor nicht vorzugreifen. Ich möchte deshalb auch bitten, dieses Zimmer ganz in dem Zustande zu lassen, wie es sich befindet, bis von höherer Stelle aus das Weitere bestimmt ist, was sicherlich in der nächsten Stunde geschehen wird.« Nachdem der Polizei-Kommissarius vom Präsidenten die gewünschte Zusicherung erhalten hatte, verabschiedete er sich mit der respektvollsten Verbeugung, um nach der Polizei-Direktion zu eilen. Er hatte eben das Haus verlassen, als er hinter sich den Ruf: »Habicht! Habicht! Ein Wort!« hörte. Als er sich nach dem Rufenden umwendete, erkannte er einen seiner Kollegen, den Polizei-Kommissarius Wetter, der von der andern Seite der Straße aus ihm nacheilte. »Zum Donnerwetter, was läufst Du denn so? Ist etwas im Hause des Herrn Präsidenten vorgefallen?« fragte Wetter. »Ja, ein nächtlicher Einbruch. Aber ich habe nicht einen Augenblick Zeit. Ich muß nach dem Direktorium, um Rapport zu erstatten.« »Ich will Dich nicht aufhalten; ich begleite Dich.« Wetter schloß sich dem im Sturmschritt davoneilenden Kollegen an, fuhr dann aber fort: »Ein Einbruch also wieder! Haben sie viel gefunden?« »Ungefähr 13,000 Thaler.« »Donnerwetter! Das lohnt schon. Hast Du irgend einen Verdacht?« Habicht schwankte einen Augenblick, ob er die Frage beantworten solle, da aber sein Kollege als einer der schlauesten, freilich auch der gewissenlosesten Diebesfänger bekannt war, entschloß er sich, ihm alle Details der eben vorgenommenen Untersuchung zu erzählen, in der Hoffnung, die auch nicht betrogen wurde, Wetter werde ihm einen guten Rath für die weitere Verfolgung der Angelegenheit geben. »Sackerment, Du hast Glück, Kerl!« sagte Wetter, sich den wüst über den Mund herabhängenden rothen Schnurrbart in die Höhe streichend, nachdem Habicht seine Erzählung beendet hatte. »Solche Untersuchung giebt ein Avancement, dafür wird der Herr Präsident schon sorgen, wenn Du etwas entdeckst. Aber ich gönne es Dir, Du bist ein guter Kerl.« »Sehr verbunden. So weit sind wir aber leider noch nicht.« »Wird schon kommen, es ist ja alles in gutem Zuge. Also 13,000 Thaler und den eisernen Geldkasten mitgenommen? Der Tausend, das ist ein einträgliches Stück Arbeit. Willst Du einen guten Rath haben?« »Kannst Du mir einen Rath geben, Wetter? Es soll Dein Schaden nicht sein. Ein Dutzend Flaschen Rothen gebe ich zum Besten, wenn ich durch Deine Hilfe etwas entdecke.« »Nun, das ist nicht viel, aber etwas. Unsereins ist nicht eigennützig. Man gönnt einem Freunde den Vortheil. Wenn der Weinert, wie Du meinst, den Kasten gestohlen hat, dann hat er ihn sicher heut in der Nacht erbrochen, das Geld herausgenommen und Geld und Kasten versteckt. Heut findest Du vielleicht noch etwas bei ihm; beeile Dich aber mit der Haussuchung, denn der Kunde ist schlau, wie der Teufel. Morgen, vielleicht in ein paar Stunden schon, hast Du das Nachsehen.« »Meinst Du?« »Darauf kannst Du Gift nehmen! Mit dem eisernen Kasten kann er freilich nicht so schnell fort, den kann er nur des Nachts fortbringen, wenn er sich nicht verdächtig machen will. Das Geld mag vielleicht jetzt schon zum Teufel sein.« »Aber was soll ich thun?« »Beeile Dich mit der Haussuchung. Wenn Du nur erst den Kasten findest, dann wird sich das Geld auch wohl schaffen lassen. Aber leicht wird's Dir mit der Haussuchung nicht werden, der schlaue Kunde hat sicherlich einen guten Versteck für den Kasten gewählt. Schau besonders im Garten nach, ob irgend eine Stelle frisch gegrabene Erde zeigt. Laß die Dielen auf dem Boden aufreißen, die Kohlen umschaufeln und vergiß auch nicht die alte Düngergrube im Hofe auspumpen zu lassen. Solchem Kunden muß man auf den Dienst passen, sonst hat er uns. Nun, Glück auf den Weg! Wenn Du den Kasten findest, gilt es die zwölf Flaschen Rothen.« Lachend grüßte er den Freund, der nun allein seinen Weg nach dem Polizei-Direktorium fortsetzte. X. Vater und Tochter. Der Präsident war durch die Aufregung der Unterhaltung mit dem Polizeibeamten sehr erschöpft. Sonst suchte er seine Erholung in fleißiger Arbeit, für den Augenblick konnte er dies nicht thun, denn sein Schreibzimmer war so lange, bis ein förmliches Protokoll über den Thatbestand aufgenommen worden war, für ihn verschlossen. Er ging deshalb nach dem Zimmer seiner Tochter, um bei ihr das erste Frühstück einzunehmen und sich durch Plaudern mit ihr ein wenig zu zerstreuen. Marie empfing den Vater mit einer eigenthümlichen Befangenheit. Sie erwiderte wohl seinen freundlichen Morgengruß, dabei aber schaute ihr großes dunkles Auge ihn so ängstlich, mißtrauisch forschend an, daß er den Blick nicht zu ertragen vermochte. Er hatte das Gefühl, wenn er in diese forschenden Augen schaue, würden sie in die dunkelsten Tiefen seiner Seele dringen und in denselben lesen, was er der ganzen Welt verbergen mußte und am liebsten sich selbst verborgen hätte. Er schämte sich, daß er vor der Tochter die Augen niederschlagen mußte, er fühlte sich gedrückt, beklommen; er wollte sich zwingen, ihrem Blicke zu begegnen, als er aber wieder aufschaute, war der Ausdruck dieser schwarzen, geistreichen Augen nur noch forschender, mißtrauischer geworden. Schnell wendete er sich ab, und um dafür einen natürlichen Grund zu haben, nahm er einen Sessel, den er an den Tisch neben das Sopha zog. »Ich will heut bei Dir meinen Kaffee trinken, Marie,« sagte er mit erzwungener Ruhe. – »Du weißt wohl schon, welches entsetzliche Unglück uns betroffen hat?« »Das Mädchen hat mir gesagt, es sei ein Einbruch in Deinem Arbeitszimmer verübt worden, Dein eiserner Geldkasten sei mit einer ungeheuren Geldsumme geraubt.« Sie schaute den Vater, während sie mit wunderbarer Ruhe die Antwort gab, wieder scharf prüfend an. In seinen Augen wollte sie die Wahrheit lesen; er aber blickte zu Boden, seine ganze Aufmerksamkeit schien auf eine Troddel des Schlafrocks, mit der er mechanisch spielte, konzentrirt zu sein. »Du hast recht gehört, Marie!« sagte er mit tonloser Stimme. »Wir sind in dieser Nacht beraubt, ruinirt worden.« »Waren wir dies nicht schon vorher, Vater?« fragte Marie mit derselben erzwungenen Ruhe. »Nein, ich hatte in St** Mittel gefunden, alle meine Verpflichtungen zu erfüllen.« »Und nun? Wirst Du nun dem Baron Rechtenberg sein Vermögen zurückerstatten können?« »Dafür habe ich zum Glück gestern Sorge getragen. Rechtenbergs Geld und der größere Theil der Kirchenbaukasse sind gerettet, ich habe in meinem Geldkasten nur so viel Geld aufbewahrt, als nothwendig war, um plötzliche Ausgaben zu decken; aber auch diese Summe ist sehr groß, – Tausend Thaler von meinem Eigenthum und zwölftausend Thaler aus der Kirchenbaukasse.« »Hat Niemand eine Ahnung, wer wohl der Dieb gewesen sein könne?« fragte Marie weiter, der Ton ihrer Stimme klang dabei so eigenthümlich, daß der Präsident unwillkürlich aufsehen mußte, aber schnell senkte er den Blick wieder, diesem klaren, forschenden Auge konnte er nicht begegnen, er las in demselben einen furchtbaren Verdacht. – »Man hat allerdings einen Verdacht,« entgegnete der Präsident zögernd, – »das heißt nicht ich habe ihn, sondern Johann und der Polizei-Kommissarius. – Ein früherer Zuchthäusling, der Schlosser Weinert – –« »Der Schlosser am Gartenweg, der Tag und Nacht so fleißig arbeitet? Der die schöne junge Frau und das niedliche Kindchen hat?« »Derselbe; aber wie gesagt, ich habe keinen Verdacht, wenn ich auch gestehen muß, daß manche seltsame Umstände mich wohl dazu berechtigten. Aber fern sei es von mir, einen vielleicht Unschuldigen zu beschuldigen und in eine Untersuchung zu verwickeln.« »Du thust wohl daran, Vater!« sagte Marie sehr entschieden, ja ihre Worte erklangen fast drohend. »Wenn eine Untersuchung gegen den vielleicht Unschuldigen« – sie betonte das »vielleicht« stark, – »eingeleitet würde, dann würde auch mir die Pflicht gebieten, ohne Rückhalt alles zu sagen, was zum Beweise seiner Unschuld dienen kann. Hörst Du, Vater, alles.« »Was willst Du damit sagen? Ich verstehe Dich nicht.« – »Würde der Verdacht auf jenen unglücklichen Schlosser fallen, würde er nicht vielleicht,« – wieder betonte sie das Wort »vielleicht« scharf, – »nach einer anderen Seite sich wenden, wenn man wüßte, daß vorgestern noch an dem Vermögen des Baron Rechtenberg 10,000 Thaler fehlten, daß der Präsident Wartenberg sich erschießen wollte, weil er fürchtete, der Unterschlagung angeklagt zu werden, daß heut aber diese Gefahr beseitigt und das Rechtenberg'sche Vermögen vervollständigt ist? Wenn solche Anzeige an das Gericht käme, dann würde dasselbe »vielleicht« nachforschen, woher der Herr Präsident die Mittel zur Deckung der Unterschlagung genommen hat.« Der Präsident sprang zornig auf. – »Mädchen, Du wirst mich wahnsinnig machen!« rief er aus. – »Glaubst Du etwa, ich hätte mich selbst bestohlen?« »Ich glaube nichts, weil ich nichts glauben will!« – antwortete Marie mit fast unnatürlicher Ruhe. – »Als ich die erste Nachricht von dem Einbruch und davon, daß die Dir anvertraute Kirchenbaukasse um eine ungeheure Summe beraubt sei, erhielt, da durchschauerte mich ein entsetzlicher Verdacht. Durfte ich ihn aussprechen und war ich gar verpflichtet, es zu thun? – Vater, ich habe eine fürchterliche Stunde durchlebt! Aber es ist klar in mir geworden. Ich kenne jetzt meine Pflicht und ich werde sie erfüllen. – Nie werde ich dulden, daß ein Unschuldiger bestraft werde wegen eines Verbrechens, welches ein Anderer begangen hat.« – »Marie, Du bist wahnsinnig – –« »Es muß Wahrheit zwischen uns sein, Vater. Ich kann Dir folgen in Noth und Elend. Ich will für Dich arbeiten, mit Dir die schwersten Entbehrungen ertragen, ja mit Dir die Schande theilen, die der Entdeckung eines früheren Verbrechens folgt. Ich will für Dich mein ganzes Lebensglück opfern und niemals sollst Du einen Vorwurf oder auch nur eine Klage von meinen Lippen hören; – aber Theil nehmen an einer Nichtswürdigkeit kann ich nicht!« »Marie!« »Laß mich aussprechen, Vater. Ich werde schweigen, werde mein tiefes Seelenleid in mir verschließen und es tragen, so lange ich es darf. Wenn Du Dich verpflichtest, die heut Nacht geraubte Summe der Kirchenbaukasse zu ersetzen, sei es auch erst im Laufe von Jahren durch harte Ersparung, dann ist sie Dir geraubt und ich habe kein Recht zu forschen, wer das Verbrechen begangen hat; erst dann muß ich es thun, wenn der Verdacht auf einen Mann fällt, von dessen Unschuld ich überzeugt bin. Ich dulde es nicht, daß ein Unschuldiger bestraft werde! Alles was ich weiß, alles was Aufklärung über dies Verbrechen geben und den Verdacht von dem Schuldlosen ableiten kann, werde ich ohne irgend eine Rücksicht dem Gericht mittheilen.« »Wahnsinnige! Du willst mich also zum Selbstmorde treiben? Du willst es verantworten, daß durch Deine thörichten Worte Dein Vater gezwungen wird, noch einmal die mörderische Waffe zu ergreifen? Mein Blut komme über Dich!« Mit der ganzen Kraft ihres starken Willens hatte Marie bisher eine unerschütterliche Ruhe und Kälte bewahrt, bei dieser Drohung ihres Vaters aber konnte sie ihr stürmisch aufwallendes Gefühl nicht unterdrücken. Schluchzend verbarg sie das Gesicht in den Händen. Ein Freudenstrahl blitzte im Auge des Präsidenten, als er sah, wie seine Drohung gewirkt hatte. Den günstigen Augenblick mußte er benutzen. Er fuhr fort: »Um einen Mann, den Du für unschuldig hältst, zu retten, willst Du einen andern, der unschuldig wenigstens an diesem Verbrechen ist, in die Verzweiflung und in den Tod treiben, und dieser Andere ist Dein Vater. Ich schwöre es Dir, Marie, wer auch der Schuldige sein möge, ich bin es nicht! Der Welt gegenüber aber werde ich es sein. Niemand wird an meine Unschuld glauben, wie klar ich sie auch beweisen kann, wenn meine eigene Tochter gegen mich als Anklägerin auftritt. Ich habe nach unendlichen Mühen durch die Hilfe treuer Freunde die Mittel gefunden, Rechtenberg zu befriedigen, meine Ehre wieder herzustellen. Ich habe mir selbst heilig gelobt, nie wieder zu spielen, schon sah ich einem zwar entbehrungsreichen Leben, aber doch einem Leben der Ehre und des Familienglücks entgegen, da trifft mich plötzlich dieser neue furchtbare Schlag! Ich werde beraubt, ja ich, ich allein werde beraubt, denn daß ich das mir gestohlene Geld ersetze, das; ich fortan, bis es ersetzt ist, auch nicht einen Thaler anders, als für die nothwendigsten Lebensbedürfnisse ausgebe, das versteht sich ja von selbst; dazu war ich entschlossen, ehe Du ein Wort gesagt hattest. Ich werde schmählich beraubt und dadurch für viele Jahre zu der härtesten Entbehrung, zu immerwährenden Sorgen, zu schwerer Noth verurtheilt, das aber ist nicht das Schlimmste. Meine Tochter, der ich mein ganzes Vertrauen geschenkt habe, hält mich für einen ehrlosen Dieb! Ich könnte wahnsinnig werden bei dem Gedanken! Magst Du das Aeußerste thun! Magst Du mich anklagen und dadurch in den Tod treiben, – tiefer kannst Du mich nicht kränken, als Du es in diesem Augenblick durch Deinen unwürdigen Verdacht gethan hast.« So hatte er noch nie gesprochen, – so voll des tiefsten Gefühls. – Ja, er war sicher erschüttert bis in den Grund der Seele. Seine Stimme zitterte, sein Auge leuchtete, Marie, die schmerzvoll zu ihm aufblickte, glaubte in demselben eine Thräne zu sehen. So konnte kein Verbrecher sprechen. Diese Worte waren einem tief verletzten edlen Herzen entquollen. »Vater, lieber Vater, verzeihe mir!« rief Marie, indem sie reuevoll weinend den Hals des Vaters umschlang, – »verzeihe mir nur dies eine Mal, ich will ja nie wieder an Dir zweifeln!« Sie sah den Blitz des Triumphes, der in seinem Auge aufleuchtete, nicht, sie hörte nur die weiche, kummervolle Stimme, den liebevollen Ton, mit welchem er, indem er sie zärtlich umschlang, sagte: »Wie konntest Du mir dies thun, Marie?« Er hielt die weinende Tochter lange schweigend umfaßt, dann aber löste er die Umarmung, und gefaßter fuhr er mit ruhiger Freundlichkeit fort: »Beruhige Dich, mein Kind. Wir haben beide bei diesem harten Schicksalsschlage unsere ganze Fassung, unsere ganze Ruhe und Kraft nöthig. Wir gehen einer schweren, traurigen Zukunft entgegen, aber wir wollen sie besiegen in redlichem Kampfe. Du wirst bald eine glückliche Gattin sein, dann bedarfst Du meiner Unterstützung nicht mehr. Ich werde unsere Villa verkaufen, mich in einem kleinen Quartier einfach einrichten. Neben meinen Amtsgeschäften werde ich wieder schriftstellerisch thätig sein. Durch die äußerste Sparsamkeit wird es mir gelingen, sowohl das, was mir heute Nacht geraubt worden ist, zu ersetzen, als meine Schulden zu bezahlen. In wenigen Jahren werde ich schuldenfrei sein und dann daran denken können, für mein Kind zurückzulegen. Laß also die Vergangenheit vergangen sein und uns den Blick nur in die Zukunft richten; bin ich nur Deiner Liebe und Treue sicher, dann sehe ich ihr freudig entgegen, dann soll mir jede Sorge leicht werden.« War noch ein Zweifel in Mariens Seele zurückgeblieben, dann verschwand er bei diesen Worten des Vaters. Sie fühlte sich unendlich glücklich, daß sie erlöst war von jenem furchtbaren Verdacht, der sie fast erdrückt hatte. Jetzt schaute auch sie wieder froh in die Zukunft. Voll Liebe und Vertrauen schmiegte sie sich an den Vater, der ihr niemals schöner, männlicher, bewundernswerther erschienen war, als an jenem ereignisreichen Morgen. XI. Verflucht sei das Geld!. Der Polizei-Direktor von M** ließ es sich natürlich nicht nehmen, seinem hohen Vorgesetzten, dem Herrn Präsidenten, sofort einen Besuch zu machen, nachdem er von dem Einbruch gehört hatte. Begleitet von dem Kommissarius Habicht und zwei anderen Beamten erschien er, um seine Theilnahme auszusprechen und persönlich das Protokoll über den Thatbestand aufzunehmen. Er fand den Präsidenten ruhiger und gefaßter, als er nach den Mittheilungen des Polizei-Kommissarius erwartet hatte, zwar noch sehr traurig, aber ergeben in sein Schicksal. »Ich muß den schweren Verlust zu verschmerzen suchen, Herr Direktor,« sagte der Präsident würdevoll. »Er trifft mich hart; ich wünsche natürlich, daß, wenn es möglich ist, der Verbrecher entdeckt und das Geraubte herbeigeschafft werde, mehr aber noch wünsche ich, daß die Polizei bei ihren Nachforschungen mit der äußersten Vorsicht verfahre. Ich würde nie wieder ruhig werden, wenn ich mir vorwerfen müßte, daß um meinetwillen ein Unschuldiger einem falschen Verdacht ausgesetzt würde.« »Der Herr Präsident dürfen sich darauf verlassen, daß ich mit der höchsten Vorsicht prüfen werde; hier aber scheint es, nach dem was ich gehört habe, fast, als ob es der Polizei leicht werden würde, den wahren Schuldigen zu finden. Die Verdachtsgründe gegen den früher bestraften Schlosser Weinert sind so stark, wenn die Mittheilungen, die ich erhalten habe, richtig sind, daß sie jedenfalls genügen, eine Haussuchung und Verhaftung zu rechtfertigen.« »Es kann mir nicht einfallen, in meiner eigenen Angelegenheit Ihnen Vorschriften machen zu wollen, Herr Direktor. Ich lasse Ihnen durchaus freie Hand; aber gerade in Beziehung auf diesen Weinert bitte ich Sie dringend, recht vorsichtig zu sein. Ich bin fest überzeugt, daß er unschuldig ist. Sie werden, wenn Sie die Aussage meines Bedienten Johann zu Protokoll genommen haben, selbst beurtheilen müssen, ob sie Ihnen genügende Veranlassung für einen dringenden Verdacht, für eine Haussuchung und Verhaftung bietet; aber ich mache Sie im Voraus darauf aufmerksam, daß Johann voll einem Vorurtheil gegen den Mann durchdrungen ist, daß er, ohne es zu wollen, hiernach seine Aussage färbt. Gestatten Sie mir schließlich noch eine Bitte. Ich bin, wie es sich von selbst versteht, bereit, Ihnen jede Auskunft zu ertheilen, ein eigentliches Zeugniß aber in meiner eigenen Angelegenheit widerstrebt meinem Gefühl und zu einem Eide würde ich mich nicht entschließen können. Richten Sie das Protokoll und die Zeugenvernehmung so ein, daß Sie mich mit einer eidlichen Aussage verschonen können.« »So weit die kriminal-polizeiliche Voruntersuchung reicht, soll dies gewiß geschehen, Herr Präsident; aber ich fürchte, daß wenn eine wirkliche gerichtliche Untersuchung gegen eine bestimmte Person eingeleitet werden müßte, das Gericht auf Ihre eidliche Zeugenaussage nicht verzichten könnte. Erlauben Sie jetzt, daß ich mit der Untersuchung des Thatbestandes und der Vernehmung Ihres Bedienten, sowie des übrigen Hauspersonals beginne.« »Meine Tochter bitte ich zu dispensiren. Sie hat ihr Zimmer auf dem andern Flügel des Hauses, zu welchem kein Geräusch von hier aus dringen kann; sie weiß daher nichts über die ganze Sache auszusagen und würde durch eine Vernehmung nur in eine peinliche Verlegenheit gebracht werden. Sie wissen ja, wie entsetzlich es für eine junge Dame ist, als Zeugin von der Polizei oder dem Gericht befragt zu werden.« – Der Polizei-Direktor schüttelte bedenklich den Kopf, ihm war es nicht ganz einleuchtend, daß man so zarte Rücksichten bei einer Einbruchsuntersuchung nehmen dürfe; aber er fügte sich dem Wunsch des Präsidenten. In Gemeinschaft mit dem Polizei-Kommissarius Habicht nahm er eine genaue Durchsuchung des Arbeitszimmers und des Gartens vor; die in den weichen Fußboden scharf eingeprägten Fußspuren, welche der Einbrecher hinterlassen hatte, wurden gemessen, dann nahm der Direktor selbst die Aussagen des Bedienten Johann, des Schlossers Bernard, des Hausmädchens und der Köchin zu Protokoll. Etwas Neues ergab sich weder aus der Gartenuntersuchung, noch aus den Zeugenaussagen, nur bestätigte sich der Verdacht, welchen der Polizei-Direktor schon gegen den Schlosser Weinert gefaßt hatte, noch mehr. Das Protokoll wurde geschlossen. – »Wir können hier vorläufig nichts weiter thun,« sagte der Polizei-Direktor. – »Unsere Thätigkeit muß sich nun nach einer andern Richtung hin entfalten. – Sie, Herr Polizei-Kommissarius Habicht, werden sich sofort zu dem Schlosser Weinert begeben und bei ihm die genaueste Haussuchung halten. Die beiden Beamten mögen Sie begleiten. – Finden Sie nichts, dann unterbleibt eine Verhaftung des Mannes vorläufig noch; wenn sich aber irgend etwas Verdächtiges vorfindet, müssen Sie den Schlosser verhaften und einen der Beamten zur Ueberwachung des Hauses zurücklassen.« »Was thue ich in diesem Falle mit der Frau?« – »Sie ist unbescholten. Nur wenn Sie nach Lage der Sache dringenden Verdacht haben, daß sie mitschuldig ist, dürfen Sie gegen sie vorgehen. Seien Sie vorsichtig und achtsam.« »Sie wollen also doch die Untersuchung gegen den unglücklichen Weinert beginnen, Herr Direktor?« – fragte der Präsident, nachdem sich der Polizei-Kommissarius mit seinen Beamten zurückgezogen hatte. »Es ist eine Nothwendigkeit, Herr Präsident. Außerdem, muß ich Ihnen gestehen, ist es mir ganz angenehm, daß ich eine gerechtfertigte Veranlassung zu einer Haussuchung bei Weinert finde. Einer unserer Vigilanten, ein früherer Zuchthausgenosse Weinerts, hat uns mitgetheilt, daß dieser bei den letzten Einbrüchen betheiligt gewesen sei; die Anzeige aber war so unbestimmt, daß wir gegen den Schlosser, da er wieder im Vollbesitz der bürgerlichen Ehrenrechte ist, nicht einschreiten konnten. Jetzt können wir es. Hoffentlich wird diese Haussuchung uns auch Enthüllungen über andere Verbrechen bringen. – Ich hätte freilich die Haussuchung lieber dem Polizei-Kommissarius Wetter übertragen sollen. Habicht ist zu gutmüthig und schonend, auch nicht schlau genug, um einen durchtriebenen Verbrecher zu durchschauen. – Ich bedauere, daß Sie heut Morgen nicht gleich zu Wetter, statt zu Habicht geschickt haben, Herr Präsident; Wetter ist von allen meinen Beamten der klügste und derjenige, der die glänzendsten Erfolge bei der Entdeckung von Verbrechen gehabt hat.« »Ich weiß es; aber er ist auch der brutalste, derjenige, welcher sich bei Haussuchungen und Verhaftungen am rohesten und schonungslosesten zeigt. Wie viele Klagen sind deshalb schon gegen ihn eingelaufen! Außerdem ist er ein Säufer und steht in dem Verdacht, daß er sich bestechen lasse. Mit dem Menschen mag ich nichts zu thun haben und ich bitte Sie recht dringend, Herr Direktor, ihn in meiner Sache nicht zu verwenden.« »Wie Sie befehlen; Herr Präsident.« »Ich bitte nur.« »Wetter soll Ihnen nicht beschwerlich fallen; aber ich bedauere, daß Sie dies wünschen. Bei allen seinen Lastern und Fehlern ist mir dieser Mensch fast unentbehrlich. Er würde ja schon längst seinen Abschied erhalten haben, wenn er nicht so brauchbar wäre. Nun, ich füge mich; ich hoffe, daß es auch mit weniger tüchtigen Kräften gelingen wird, den Verbrecher zu entdecken und zu überführen. Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen.« Der Präsident entließ den Polizei-Direktor mit einem freundschaftlichen Händedruck. Jetzt endlich fühlte er sich von einer drückenden Sorge befreit, seit der gewandte, scharfsinnige Leiter der Polizei in M**, ohne eine Spur von Mißtrauen zu zeigen, von ihm geschieden war. Auch daß er den schlauen, in alle Diebesschliche und Kniffe eingeweihten Wetter von der Theilnahme an der Untersuchung ausgeschlossen hatte, war ein nicht hoch genug zu schätzender Vortheil. Er fühlte sich, da er auch seine Tochter beruhigt hatte, ziemlich sicher vor Entdeckung, aber ruhig war er doch nicht. Jedesmal, wenn er zum Fenster hinausschaute, haftete unwillkürlich sein Blick auf dem rauchgeschwärzten Dach und das Herz schlug ihm heftiger, wenn er an den Schlosser und sein junges, schönes Weib dachte. Viel Zeit, sich seinen Gedanken zu überlassen, blieb indessen dem Präsidenten an jenem Vormittage nicht. Das Gerücht von dem bei ihm verübten Einbruch hatte sich mit wunderbarer Schnelligkeit durch die ganze Stadt verbreitet, es lockte naturgemäß alle Bekannte, nahe und entfernte, herbei. Alle fühlten sich verpflichtet, ihre Theilnahme zu bezeugen, wenn sie auch nur kamen, um ihre Neugier zu befriedigen. Der Präsident mußte diese lästigen Besuche annehmen, ihm lag ja daran, daß sich nicht nachtheilige Gerüchte verbreiteten. Er erzählte deshalb bereitwillig zum dritten, fünften und zehnten Male immer wieder dieselbe Geschichte, die von ihm aus dann weiter durch die Stadt getragen wurde. Es war gegen elf Uhr, als Johann einen Besuch meldete, dem der Präsident schon längst mit Bangen entgegengesehen hatte, den Herrn Hofprediger Walchert und den Hof-Tischler Anselm. Die beiden Deputirten des Kirchenbau-Komités zeigten sehr lange, ernste Gesichter, als sie mit nicht ganz so respektvollen Verbeugungen, als früher, sich dem Präsidenten näherten; dieser begrüßte sie mit womöglich noch größerer Herzlichkeit, als bei ihrem ersten Besuch. »Ich erwartete Sie mit wahrer Sehnsucht, meine Herren,« sagte er, indem er beiden – besonders herzlich aber dem Hof-Tischler Anselm die Hand schüttelte. »Das Gerücht von dem entsetzlichen Unglück, welches mich betroffen hat, muß ja bereits zu Ihnen gedrungen sein und ich gestehe Ihnen, ich war Ihnen schon fast böse, daß Sie nicht kamen, um mir Ihre Theilnahme zu bezeugen, während von allen Seiten der Stadt selbst die entferntesten Bekannten mich besuchten.« Die beiden würdigen Komité-Mitglieder schauten sich etwas zweifelhaft und verlegen an. Sie waren auf einen derartigen Empfang nicht vorbereitet. Von einem Unglück, welches ihn betroffen habe, und von der Theilnahme, welche er erwarte, sprach der Präsident, – während sie im Auftrage des Komités kamen, um Rechenschaft über die Kasse zu fordern. Es waren in der Sitzung des Komités, welches auf die Nachricht von dem Einbruch sofort zusammengetreten war, seltsame Zweifel gegen den Präsidenten laut geworden. Man sprach davon, daß er heimlich hoch spiele, daß er verschuldet sei. Es sei wohl eigentlich unvorsichtig gewesen, gerade diesem Mann die bedeutende Kirchenbaukasse anzuvertrauen. Wer könne wissen, welche Bewandtniß es mit diesem Einbruch habe? Der Schlosser Bernard habe einem Mitglied erzählt, der Einbrecher müsse ein ungeschickter Pfuscher, der nie ein Stemmeisen in der Hand gehabt habe, gewesen sein. Dies sei doch merkwürdig und verdächtig. Jedenfalls müsse man genaue Nachforschungen halten, man müsse zu retten suchen, was sich noch retten lasse. Solche Aeußerungen waren in der Komité-Sitzung vielfach gegen den Präsidenten gefallen, dieser hatte aber auch eifrige Vertheidiger gefunden, und der eifrigste war der ehrliche Hof-Tischler Anselm gewesen. Der zeigte sich tief entrüstet darüber, daß man jetzt plötzlich wage, den Charakter eines Mannes anzuzweifeln, dessen hohe Ehrenhaftigkeit über jeden Zweifel erhaben sei. Für den Mann wolle er jede Bürgschaft leisten, der sei ein seltener Ehrenmann! – Der Hof-Tischler wurde in seiner Vertheidigung des Präsidenten so warm, daß er wohl fünf Minuten zusammenhängend sprach, während er doch sonst nur als das Echo des von ihm hochverehrten Hofpredigers dessen letzte Worte zu wiederholen pflegte. Trotz seiner Beredtsamkeit aber beschloß das Komité dennoch, die beiden Deputirten abzusenden, damit sie vom Schatzmeister Rechenschaft über die ihm anvertraute Kasse fordern sollten. »Herr Präsident,« sagte der Hofprediger sehr verlegen, »wir nehmen gewiß innigen Antheil an diesem erschreckenden Vorfall, um so mehr, als ja derselbe auch uns oder vielmehr das Komité des Kirchenbau-Vereins sehr nahe angeht.« »Sehr nahe angeht,« wiederholte das Echo. »Freilich, meine Herren, das ist unzweifelhaft,« erwiderte der Präsident, indem er dem Hof-Tischler freundlich, vertraulich zunickte. »Auch die Kirchenbaukasse ist, wenn auch nur für den Augenblick, betroffen. Von den etwa 13,000 Thalern, welche mir geraubt worden sind, gehörten 12,000 Thaler der Kasse. Es ist wahrlich ein schwerer Schlag für mich, und er würde mich nicht getroffen haben, hätte ich nicht unglücklicherweise das Schatzmeisteramt angenommen.« Der Hofprediger fühlte sich sehr erleichtert. Das Gerücht hatte von einer weit größeren Summe, von der gesammten Kirchenbaukasse, gesprochen, und als nun der Präsident erzählte, daß er, besorgt über die Sicherheit des Geldes, den größeren Theil der Kasse gestern nach M** gebracht und dem Geheimrath von Samuelsohn, dem größten und sichersten Bankier der Residenz, zur Aufbewahrung übergeben habe, klärten sich die Gesichter der beiden Deputirten etwas auf, ja sie wurden sehr freundlich, als der Präsident fortfuhr: »Es versteht sich von selbst, meine Herren, daß der schwere Verlust, den ich erlitten habe, nicht die Kirchenbaukasse, sondern mich selbst trifft. Sie haben mir das Geld anvertraut und ich muß es Ihnen zurückzahlen, dies ist selbstverständlich, nur muß ich, wie die Verhältnisse liegen, einige Nachsicht vom Komité in Anspruch nehmen.« »Wie, Herr Präsident? Sie wollten wirklich die volle Summe zurückzahlen?« rief der Hofprediger erstaunt und erfreut. »Konnten Sie darüber in Zweifel sein?« fragte der Präsident mit freundlichem, aber doch vorwurfsvollem Tone. »Ich hoffe, mein werther Freund Herr Anselm kennt mich besser. Er wird diesen Zweifel nicht gehegt haben.« Das dicke Gesicht des Hof-Tischlers erglühte in dunkler Röthe. Wonnevoll, glückselig darüber, daß der vornehme Mann ihn »mein werther Freund« genannt, sich auf sein Urtheil berufen hatte, nickte er dem Präsidenten freundlich, bestätigend zu. Dieser fuhr fort: »Daß die Kirchenbaukasse nichts, nicht einen Pfennig verlieren kann und darf, versteht sich, wie gesagt, von selbst, aber einige Nachsicht muß ich verlangen. Ich werde meine Villa verkaufen, werde mich aufs Höchste einschränken und binnen fünf Jahren die gesammte Summe zurückzahlen. Vielleicht gelingt mir dies auch früher. Ich werde suchen, einen wahren Freund in der Noth zu finden, der mir das Kapital von 12,000 Thalern vorstreckt und dem ich es in jährlichen Summen von etwa 2000 Thalern zurückzahle. Irgend ein reicher Mann wird wohl mir und der Kasse diesen Dienst leisten, der sicherlich auch von Seiner Majestät dem Könige hohe Anerkennung finden würde. Ich vermag ja volle Sicherheit zu stellen: für die Zeit meines Lebens die Verpfändung meines Gehaltes, für den Fall meines Todes eine Lebensversicherung von 20,000 Thalern.« Er schaute bei diesen Worten den Hof-Tischlermeister fragend an. War es eine Bitte, welche an diesen gerichtet wurde? Darüber konnte der gute Mann nicht recht einig mit sich werden. Er rückte verlegen auf dem Stuhl hin und her; sein Gesicht wurde noch röther, als es gewesen war. – Er war reich, mit Leichtigkeit konnte er ein Kapital von 12,000 Thalern flüssig machen und es war ja keine Gefahr dabei, wenn er es that. – Den Präsidenten machte er zu seinem Schuldner. Der König erfuhr es und freute sich darüber. Vielleicht – – seine Gedanken flogen bis zum Ziel seiner verwegensten Wünsche, – vielleicht war ein Orden der Lohn für den dem hohen Staatsbeamten geleisteten Dienst. – Welche lockende Aussicht! – Aber er mußte sich beeilen mit dem Entschluß. – Wie leicht konnte ihm ein Anderer zuvorkommen! – Der Präsident fand gewiß zahlreiche Freunde und der bereitwillige Helfer erhielt dann den verdienten Lohn. – Kein Zögern also, frisch gewagt! »Wenn der Herr Präsident von mir ein Darlehn von 12,000 Thalern gegen 5 Prozent Zinsen und jährliche Rückzahlung von 2000 Thalern annehmen wollten, würde es mich freuen und mir eine hohe Ehre sein.« Das war ein Wort zur rechten Zeit. Mit vor Freude strahlendem Auge schaute der Präsident den treuherzigen Mann an. »Diesen Liebesdienst vergesse ich Ihnen niemals, Herr Anselm!« sagte er. »Sie sind ein wahrer Freund in der Noth und ohne Umschweife nehme ich Ihr Anerbieten an.« – Die nöthigen Verabredungen über die Auszahlung des Geldes und den notariellen Kontrakt, der schon am folgenden Tage abgeschlossen werden sollte, wurden getroffen, und sehr zufriedengestellt verließen die beiden Deputirten des Kirchenbau-Komités den Präsidenten, bei welchem, als ein neuer Besuch, der Polizeikommissarius Habicht gemeldet wurde. – Der Polizist brachte die Nachricht, daß eine sichere Spur des Verbrechers entdeckt worden sei. Die Haussuchung bei dem Schlosser Weinert habe stattgefunden und in der ausgeschöpften Düngergrube sei ein leerer, offener eiserner Geldkasten gefunden worden. Der Herr Präsident werde ersucht, sich im Laufe des Nachmittags nach der Polizeidirektion zu bemühen, um den Geldkasten in Augenschein zu nehmen und festzustellen, daß er der ihm geraubte sei. Der Weinert, dessen Schuld jetzt wohl keinem Zweifel mehr unterliege, sei verhaftet. Alles geschah, wie der Präsident es gewünscht hatte, und doch fühlte er, als er wieder allein war, eine unsägliche Herzensangst. Hatte er sich nicht übereilt? War denn überhaupt das Verbrechen nothwendig gewesen? – Wie bereitwillig war der ehrliche Anselm auf seinen Wunsch eingegangen, gewiß hätte er dies auch gestern gethan, wenn er ihn um ein Darlehen gebeten hätte. Aber freilich, welchen Grund hätte er für eine solche Bitte anführen sollen, die sich heut durch den Raub rechtfertigte? Das Geschehene war überdies geschehen, es ließ sich nicht mehr ändern. Wozu also sich quälen mit den unnützen Gedanken. – Wie gern hätte er sie verscheucht, aber sie wollten nicht weichen. Das Bild des Unschuldigen, der für ihn leiden sollte, der unglücklichen, schönen, jungen Frau verfolgte ihn, er konnte es nicht los werden. – Er verwünschte jetzt die übermäßige Schlauheit, mit welcher er den Verdacht auf Weinert zu leiten gewußt hatte. Dies wenigstens wäre nicht nöthig gewesen! – Ja, die übertriebene Vorsicht konnte jetzt zur Entdeckung führen. – Wenn nun Mariens kaum eingeschläferter Verdacht von neuem erwachte! – Wenn sie, um den Unschuldigen zu retten, den Vater anklagte? Eine unsägliche Angst ergriff ihn. Rastlos wanderte er im Zimmer auf und nieder. Er grübelte und sann vergeblich darüber nach, wie er jetzt den von ihm selbst hervorgerufenen Verdacht gegen Weinert entkräften und ganz beseitigen könne. Ein neuer Besuch wurde gemeldet: Herr Lazarus, der zweite Buchhalter des Geheimraths von Samuelsohn in St**. Er könne ihn nicht empfangen, er sei zu angegriffen, zu erschöpft durch die aufregenden Ereignisse des Morgens, er lasse sich entschuldigen. Johann kehrte mit einem Brief in der Hand zurück und meldete, Herr Lazarus bedauere, den Herrn Präsidenten nicht sprechen zu können, da er gern persönlich den Brief, eine Freudenbotschaft, übergeben hätte und deshalb mit dem Schnellzuge nach M** gekommen sei. Wenn der Herr Präsident ihm vielleicht noch einen Auftrag an den Herrn Geheimrath zu ertheilen habe, sei er bis zum nächsten Zuge, mit welchem er zurückkehre, auf dem Bahnhof zu treffen. Der Präsident war wieder allein. Mit einem bittern Lächeln betrachtete er den Brief. »Eine Freudenbotschaft? Was könnte mir wohl noch Freude machen?« Er erbrach das Schreiben, es lautete: »Mein lieber Wartenberg!« »Juble! Laß heut Mittag die Champagnerpfropfen knallen! Hoch lebe das alte Glück! Das große Loos ist auf Nummer 42,715 gefallen. Auf jeden von uns beiden kommen über 70,000 Thaler. Hurrah! War's nicht ein kluger Einfall von mir, als ich Dich überredete, mit mir zusammen ein ganzes Loos zu spielen? Ja, wir beide waren immer Glücksvögel! Stets Dein Intimus Samuelsohn. P. S. Brauchst Du vielleicht Geld? Meine Kasse steht Dir mit jeder beliebigen Summe vor Auszahlung des Gewinnes zu Gebote.« Starren Blicks las der Präsident die Glücksbotschaft. Als er zu Ende war, lachte er wild auf. – »70,000 Thaler! Warum heut! Warum nicht gestern? Umsonst ein Dieb, umsonst verloren für alle Zeit! – O, hätte ich nur einen einzigen Tag gewartet, ich wäre gerettet gewesen! Und der Unglückliche, die Frau, das Kind! Ich werde wahnsinnig!« Er schleuderte den Brief weit von sich, dann hob er ihn wieder auf, las ihn noch ein Mal, warf ihn aufs neue zu Boden und trat ihn mit Füßen. »Verflucht sei das alte Glück! Verflucht das Spiel! Verflucht das Geld!« Tief erschöpft, halb wahnsinnig vor namenloser Gewissensangst, sank er in seinen Sessel zurück. XII. Die Haussuchung bei Weinert. Der Schlosser Weinert hatte bis tief in die Nacht hinein fleißig gearbeitet, trotzdem stand er schon am frühen Morgen rüstig in der Werkstatt, und mit frischer Kraft schwang er den Hammer. – Er ließ dabei ein lustiges Lied ertönen und recht aus voller Brust kam es ihm, denn so glücklich und froh war er seit langer Zeit nicht wieder gewesen. »Gieb endlich Ruhe, Heinrich!« sagte die Frau, als sie ihm das einfache Frühstück, ein Butterbrod und eine Flasche Bier, in die Werkstatt brachte. – »Was zu viel ist, ist zu viel. Du wirst Dich noch krank machen. Bis ein Uhr in der Nacht hast Du gehämmert und nun schon wieder von fünf Uhr an. Wer soll das aushalten!« »Die Arbeit drängt, Lieschen! Der Herr Präsident hat ausdrücklich gesagt, es komme ihm auf jede Stunde an, und den Kunden wollen wir uns erhalten!« »Er wird schon ein Einsehen haben. – Iß nur wenigstens und trink, damit Du nicht von Kräften kommst!« »Das hat keine Noth! Sieh', Lieschen, das Glück liebt Kraft, ich glaube, ich könnte Tag und Nacht arbeiten, ohne zu ermüden. – Herzensliese, denk doch nur, wir haben die erste Privatarbeit und von solchem Herrn, vom Herrn Präsidenten. Nun wird alles wieder gut werden. Ich will ihm eine Arbeit liefern, die sich gewaschen hat, dann empfiehlt er mich weiter, denn das ist ein Mann, Liese, einen zweiten giebt es nicht. Die Eisenbahnarbeit behalten wir und die Hauskunden kommen dazu, dann können wir uns einen Gesellen nehmen und vielleicht zwei. Mit der Noth ist's aus; hurrah, der Herr Präsident soll leben!« Er warf den Hammer hin und umfaßte sein schönes Frauchen, sie lustig herumschwenkend. »Aber, Heinrich, Du wilder Mensch, laß mich doch. Du machst mich ja ganz schwarz!« »Thut nichts. Dafür giebt's Wasser. Nun aber gieb mir mein Brod und mein Bier. Schnell muß es gehen mit dem Frühstück, damit ich wieder an die Arbeit komme.« »Laß Dir nur Zeit, sonst gedeiht es nicht. – Weißt Du, Heinrich, der Sentner ist wieder dagewesen, er wollte durchaus zu Dir in die Werkstatt; ich habe ihm aber die Hausthür vor der Nase zugeschlagen und ihm gesagt, er solle Dir vom Halse bleiben.« »So ist's recht, Lieschen!« – entgegnete Weinert, dessen Fröhlichkeit bei der Mittheilung der Frau plötzlich geschwunden war, – sehr ernst. – »Den Schuft laß mir nie wieder über die Schwelle, und wenn er wiederkommt, sag' ihm nur, er möge seine Knochen in Acht nehmen, aus meiner Werkstatt bringe er sie nicht gesund wieder heraus. – Ging er denn gutwillig, als Du ihn fortschicktest?« »Er fluchte gotteslästerlich und sagte, er wolle es Dir noch eintränken. Du sollst an ihn denken.« »Wenn er sich an mir rächen kann, wird er es sicher thun; aber ich fürchte ihn nicht. Der Hallunke kann es mir nicht verzeihen, daß ich ein ehrlicher Kerl geworden bin. – Natürlich, brauchen könnten mich die Burschen, ein tüchtiger Schlosser ist ihnen mehr werth, als zehn Andere. Aber mich fangen sie nicht; ich hab's Dir versprochen, Lieschen, auf Ehre und Seligkeit, daß ich ein ehrlicher Arbeiter bleiben will mein Leben lang, und das halte ich. Arbeiten will ich Tag und Nacht.« »Du lieber, guter Mann!« »Was ist da Liebes und Gutes dabei? Du hast mich zum ordentlichen Kerl gemacht. Ohne Dich wäre ich doch wieder ein Lump geworden. Als alle sich vor dem Zuchthäusler scheuten und ihm auswichen, da hast Du mit Deinen treuen, blauen Augen mich freundlich, mitleidig angesehen. Das hat mir wieder Muth gemacht zum Leben. Und als Du mir dann später sagtest: »Heinrich, bleib' ehrlich und brav, dann werde ich doch Deine Frau und lasse die Leute schimpfen, wie sie wollen,« da habe ich es Dir versprochen und habe es gehalten. Was hat der Sentner sich für Mühe gegeben, mich wieder zum Diebe zu machen. Ohne alle Gefahr sei es, hat er mir gesagt, er spiele zum Schein den Vigilanten, dadurch könne er den Verdacht auf Andere lenken.« »Der abscheuliche Mensch!« »Nun, ich habe ihm gut heimgeleuchtet! Ich dachte, er werde das Wiederkommen vergessen. Kommt er noch ein Mal, dann laß ihn nur herein zu mir in die Werkstatt, er soll dann ein paar ordentliche, ehrliche Schlosserfäuste kennen lernen. Nun aber ist's genug mit dem Plaudern, gieb mir noch einen tüchtigen Kuß, Lieschen, und dann vorwärts wieder an die Arbeit.« Der Hammerschlag erschallte von neuem und dazu das lustige Schlosserlied; aber nicht lange sollte sich Weinert des rüstig vorschreitenden Werkes freuen. Die Thür der Werkstatt wurde aufgerissen. »Heinrich, die Polizei!« rief Lieschen erschreckt, und als Weinert ausschaute, erblickte er wirklich die Uniform mit dem blaurothen Kragen, die ihm früher so oft Entsetzen eingeflößt hatte, ihn jetzt aber sehr ruhig ließ, da er sich bewußt war, nichts Unrechtes gethan zu haben. Der Polizei-Kommissarius Habicht trat in die Werkstatt; die beiden ihn begleitenden Sergeanten blieben in der Thür stehen. Weinert legte den Hammer nieder; er trat dem Polizei-Kommissarius mit ruhiger, respektvoller, aber durchaus nicht kriechender Höflichkeit entgegen. »Was steht den Herren zu Diensten?« fragte er, sich leicht verneigend. »Ihr seid wieder in eine schlimme Patsche gerathen, Weinert,« entgegnete der Polizist nicht unfreundlich, indem er einen mitleidigen Blick auf die schöne junge Frau warf, die voll Entsetzen, zitternd dastand und bald auf ihren Mann, bald auf die gefürchteten Beamten schaute. »Ich weiß nicht, was Sie damit sagen wollen, Herr Kommissarius.« »Schon gut! Macht nur nicht solch' dumm-ehrliches Gesicht, das hilft Euch bei mir nichts. Seht nur Eure Frau an, die kann sich nicht verstellen; sie weiß schon, was ich will.« »Meine Frau ist natürlich erschreckt, denn etwas Gutes bringt uns ja die Polizei nicht, aber ich weiß wirklich nicht, was Sie meinen, Herr Kommissarius.« »Wirklich nicht? Nun, Ihr sollt es schon erfahren. – Aber es thut mir leid um Euch, Weinert, – wahrhaftig, – und noch mehr um Euer hübsches Frauchen da. – Ich dachte gewiß, Ihr wäret ein ordentlicher Kerl geworden und nun macht Ihr wieder solche Streiche!« »Aber Herr Kommissarius.« »Reden nützt nichts, dazu haben wir auch keine Zeit. Wir müssen Haussuchung bei Euch halten, wenn Ihr nicht lieber vernünftig seid und uns freiwillig sagt, wo Ihr das Geld und den Geldkasten habt. – Thut es, Weinert, – seid ein guter Kerl. – Spart uns die Mühe und Euch das Leugnen. – Es nützt Euch doch nichts, und wenn Ihr von freien Stücken gesteht und gutwillig das Geld herausgebt, wird der Präsident ein gutes Wort für Euch einlegen.« Weinert stand starr vor Staunen und Entsetzen. Unwillkürlich schlug er die Hände zusammen. »Der Herr Präsident?« rief er. »Was ist geschehen? Ich bitte Sie um alles in der Welt, sagen Sie mir, was ist geschehen? Sie haben einen schrecklichen Verdacht gegen mich. Was soll ich begangen haben?« »Thut nicht so unschuldig, Mann! Wahrhaftig, ich meine es gut mit Euch, wenn ich Euch rathe, Ihr sollt gestehen. Der Herr Präsident hält große Stücke auf Euch. Vielleicht kann noch die ganze Untersuchung niedergeschlagen werden, wenn Ihr gutwillig die Geldkiste und das Geld wieder herausgebt!« »Der Präsident, die Geldkiste, das Geld? Mein Gott, ich ahne, was Sie wollen. Sollte es möglich sein, sollte heut Nacht ein Einbruch beim Herrn Präsidenten gemacht worden sein?« »Nun seht Ihr, Weinert, Ihr fangt an vernünftig zu werden. Ihr habt ja nun schon halb gestanden. Woher wüßtet Ihr, daß heut Nacht ein Einbruch beim Herrn Präsidenten gemacht, daß ihm die eiserne Geldkiste mit Geld gestohlen worden ist, wenn Ihr nicht dabei gewesen wäret?« Die Frau des Schlossers hatte bisher weinend, wortlos an der Seite ihres Mannes gestanden, jetzt aber rief sie bebend in tiefster Entrüstung: »Das ist zu schändlich. Mein armer, armer Heinrich! Zum Dieb wollen sie Dich wieder machen, während Du gearbeitet hast Tag und Nacht. Nicht aus der Werkstatt ist er gekommen von Abends um 6 bis 1 Uhr in der Nacht, und dann ist er zu Bett gegangen. Das kann ich beschwören, ich habe ihn ja nicht aus den Augen gelassen. Solche schändliche Lüge!« »Seid ruhig, Frauchen!« entgegnete der Polizei-Kommissarius freundlich. »Es sollte mir leid sein, müßte ich auch Euch mitnehmen. Schwört also nicht zu viel, damit Ihr nicht der Mitschuld verdächtig werdet, das Uebrige wird sich dann schon finden.« »Nun ist's zu arg! Mein Heinrich ein Dieb und ich seine Mitschuldige! Und das willst Du Dir gefallen lassen, Heinrich? Jag' sie doch aus der Werkstatt, die nichtswürdigen Lügner, die Verleumder.« »Ruhig, Lieschen, um alles in der Welt ruhig. Nehmen Sie die Worte der armen Frau nicht bös, Herr Kommissarius, sie sind nicht so schlimm gemeint.« Er umfaßte sanft die zornige Fran, die ein Schüreisen ergriffen hatte und entschlossen war, den Mann im Kampfe gegen die Polizisten zu unterstützen. »Gieb das Eisen her, Lieschen,« fuhr er fort, »Du machst uns beide unglücklich. Uns kann ja nichts geschehen, wir sind unschuldig. Das ist ein Rachestück von dem schuftigen Sentner, dem Vigilanten. Der hat mich angegeben, damit ich ihm wieder in die Hände fallen soll; aber verlaß Dich darauf, Lieschen, das gelingt ihm nicht. Ich bleibe ehrlich, er mag machen, was er will. – Und nun, Herr Kommissarius, seien Sie nicht mehr bös. – Sie sehen ja, meine Frau ist wieder ganz ruhig geworden, sie weint nur in meinem Arm. Ich hoffe, Sie werden ihr ein Wort, welches sie in der Aufregung gesprochen hat, nicht nachtragen.« »Nein, Weinert, das will ich gewiß nicht,« entgegnete der Polizist gutmüthig. »Es thut mir wirklich leid um Euer hübsches Frauchen und auch um Euch, Ihr seid ein vernünftiger Kerl. – Macht es kurz, Weinert, sagt mir, wo Ihr das Geld habt, dann will ich für Euch thun, was ich irgend kann. Darauf gebe ich Euch mein heiliges Ehrenwort.« »Ich bin unschuldig, Herr Kommissarius, ich schwöre es Ihnen zu. Es ist eine falsche Denunziation von dem schuftigen Vigilanten, dem Sentner.« »Wenn's weiter nichts wäre, wollt' ich Euch schon glauben, denn den Sentner kenne ich, er ist ein Lump; aber die Sache steht schlimmer und da Ihr nicht gutwillig gestehen wollt, muß ich schon eine Haussuchung halten.« »Thun Sie das, Herr Kommissarius; ich will Ihnen selbst gern alle Kisten und Kasten aufschließen.« »Glaub's schon! Da würde ich freilich nicht viel darin finden. Ich denke, ich suche lieber selbst. Ihr, Weinert, bleibt derweile mit Eurer Frau hier in der Werkstatt, Ihr rührt Euch nicht von der Stelle, oder nein, – Ihr kommt beide mit. Sie, Sergeant Hübner, verlassen die Beiden mit keinem Auge, daß sie keine Kunststückchen hinter meinem Rücken machen, während ich mit dem Sergeanten Scholz das ganze Haus vom Giebel bis zum Keller umkehre. – Was da ist, finden wir, Weinert, darauf könnt Ihr Euch verlassen, also gesteht lieber, so lange es Zeit ist und Euch noch etwas nützen kann.« »Ich bin unschuldig!« »Ihr wollt nicht? Nun, dann laßt es bleiben. Wer nicht hören will, muß fühlen. An die Arbeit also!« Die Haussuchung wurde begonnen. Der Polizei-Kommissarius, der sich der Rathschläge seines Kollegen erinnerte, kehrte wirklich das Unterste nach oben. Keinen Winkel ließ er undurchsucht, selbst die Dielen riß er auf, wo sie hohl klangen, die Kohlenvorräthe wurden umgeschaufelt, der kleine Garten an einigen Stellen umgegraben, aber nichts Verdächtiges fand sich. Endlich blieb nur noch die Düngergrube übrig, auf welche Wetter den Kollegen besonders aufmerksam gemacht hatte. Ein Paar Straßenarbeiter wurden herbeigerufen, um die unsaubere Arbeit des Suchens in der Grube zu übernehmen, ihre Mühe war schon nach kurzer Zeit von Erfolg gekrönt, sie zogen aus dem Grunde der Grube einen offenen, eisernen Kasten hervor. »Der Kasten ist da! Was sagt Ihr nun, Weinert? Wollt Ihr immer noch leugnen?« fragte der Polizist ernst. Weinert, welcher mit der höchsten Ruhe und Zuversicht der Haussuchung von Anfang bis zu Ende beigewohnt und sich nur bemüht hatte, seine tief erregte, weinende Frau zu trösten, schaute starr vor Staunen und Schreck auf den eisernen Kasten. Das Wort stockte ihm im Munde, er konnte keine Silbe vorbringen. »Sprecht doch. Mann! Nehmt guten Rath an, noch ist es vielleicht Zeit,« – fuhr der Kommissarius fort. – »Der Kasten ist da, aber leer. Wo habt Ihr das Geld?« »Ich hab' es nicht, ich schwöre es Ihnen. Ich weiß von dem Kasten nichts, aber schwören möcht' ich darauf, daß der Sentner den Einbruch verübt und den Kasten über den Bretterzaun in die Grube geworfen hat, um mich zu verdächtigen und zu verderben.« »Ihr seid mit dem Schwören schnell bei der Hand, alter Freund; nützen wird es Euch indessen nicht viel. Möglich wär' es freilich, das; der Sentner solche Streiche machen könnte, ich glaub' es aber nicht, der Verdacht gegen Euch ist zu stark. Es thut mit leid, Weinert; aber ich muß Euch verhaften. Ich hätte es Euch um der hübschen, kleinen Frau wegen gern erspart. Mein Gott, da fällt sie gar in Ohnmacht! Sergeant Hübner, holen Sie ein Glas Wasser aus der Küche. Schnell! Arme, kleine Frau!« Weinert hatte mit starkem Arm die ohnmächtig zusammenbrechende Frau ergriffen, die Hilfe des gutmüthigen Polizisten lehnte er durch eine zurückweisende Handbewegung ab. Er allein trug die Geliebte ins Haus, unter seinen Küssen erwachte sie bald wieder. »Heinrich, was ist geschehen?« »Fasse Dich, liebes, liebes Lieschen. Verliere mir nur den Muth nicht in unserem Unglück, dann wird ja noch alles gut werden. Du weißt es, Lieschen, daß ich unschuldig bin, und Gott im Himmel weiß es! Man kann mir ja nichts thun. Nach ein Paar Tagen werden sie mich frei lassen. Wenn ich fort bin, geh' nur gleich zum Herrn Präsidenten und erzähle ihm, was hier geschehen. Der wird uns nicht im Stich lassen und schon dafür sorgen, daß ich bald frei komme.« »Weinert, so leid es mir ist, aber –« »Ich verstehe, Herr Kommissarius. Ich komme schon. Leb' wohl, mein liebes, liebes Lieschen.« Es war ein herzzerreißender Abschied. Dem Polizei-Kommissarius traten die hellen Thränen ins Auge, als er den Schmerz der lieblichen jungen Frau, die den scheidenden Gatten nicht lassen wollte, sah, als er das Weinen des durch den Kuß des Vaters aus dem Schlaf geweckten Kindes hörte. Er zögerte lange, ehe er von neuem zum Aufbruch mahnte, endlich aber mußte es doch geschehen. Weinert riß sich los, er folgte den Polizei-Beamten, die ihn über den Thorplatz nach der Stadt und zum Polizei-Direktorium führten. Sein Herz war so erfüllt von dem Schmerz des Abschieds, seine Gedanken blieben so treu bei der Geliebten, die er hatte verlassen müssen, daß ihm eine bittere Kränkung erspart wurde. Er sah die Gassenbuben nicht, die ihm jubelnd nachliefen, er hörte es nicht, daß sie höhnend riefen: »Der Zuchthäusler! Der Zuchthäusler! Er hat wieder gestohlen, gestohlen, gestohlen!« XIII. Der Präsident im Hause seines Opfers. Der Sergeant Hübner war auf Befehl des Polizei-Kommissarius zur Bewachung des Weinert'schen Hauses zurückgeblieben, er hatte den Auftrag erhalten, die Frau genau zu beobachten, ihr von weitem zu folgen, wenn sie ausgehe und alle etwaigen Besuche genau zu kontroliren. Er hatte sich in den Holzschuppen, der am Gartenweg, dem Weinert'schen Hause gegenüber lag, postirt; von hier aus konnte er alles sehen, was in der Werkstatt, im Garten und auf dem Hofe vorging, ja er konnte selbst einen Blick in die Wohnstube des Schlossers werfen, da bei dem warmen Frühlingstage das Fenster offen stand. Der Schuppen bestand aus zwei, durch eine Bretterwand getrennten Abtheilungen. In der vordersten nahm der Sergeant seinen Platz ein; durch eine Spalte in der Vorderwand hatte er eine gute Aussicht auf das Haus gegenüber, ohne daß er doch selbst gesehen werden konnte. Es war ein langweiliger und unbequemer Beobachtungsposten, den der Sergeant hundert Mal verwünschte; er mußte seine Aufmerksamkeit fortwährend auf das gegenüberliegende Haus richten und doch hatte er nichts zu beobachten, denn der Blick auf die einsame Gasse, in die leere Werkstatt und durch das offene Fenster in die Wohnstube bot ihm immer dasselbe Bild. Dort in der Stube saß die verlassene junge Frau fast regungslos, sie hatte ihr wieder eingeschlummertes Kind auf dem Schooß, das müde Haupt stützte sie auf die Hand und unverwandt blickte sie starr vor sich auf den Boden nieder. Das Unglück hatte sie so plötzlich und furchtbar getroffen, daß sie kaum noch eines Gedankens fähig war. Wohl eine Stunde mochte der Sergeant regungslos durch die Bretterspalten geschaut haben. Die Langeweile plagte ihn entsetzlich, da wurde plötzlich seine Aufmerksamkeit durch ein Geräusch, welches er in der inneren Abtheilung des Holzschuppens hörte, erregt. Er war nicht allein, ganz deutlich hatte er gehört, daß dort drinnen sich etwas regte. Wer konnte zu dieser Zeit und an diesem Orte sich aufhalten? Vielleicht ein Mitschuldiger Weinerts, der zufällig ein Zeuge der Haussuchung und der Verhaftung gewesen war und, um die Vorgänge gegenüber genau zu beobachten, ebenfalls den Holzschuppen als den geeignetsten Platz auserkoren hatte. Der Sergeant schlich sich mit unhörbarem Schritt nach der zum inneren Raum führenden Thür. Mit einem Ruck stieß er sie auf. Richtig, da saß auf dem Boden niedergekauert ein Mensch, der durch eine Bretterspalte der Außenwand hinüber nach dem Hause des Schlossers schaute. »Halloh, mein Bursche, steh' 'mal auf! Zeig mir 'mal Dein Gesicht!« rief der Sergeant, indem er den Säbel mit der einen Hand zog, mit der andern aber den Sitzenden fest im Genick packte. »Lassen Sie mich los, Herr Sergeant, ich bin's ja, ich, der Sentner,« entgegnete jener leise, und indem er sich umwendete, zeigte er dem Beamten das häßliche, gemeine Gesicht des bekannten Polizei-Vigilanten. »Ei, sieh' da, der Sentner! Was machst Du hier, Kerl?« »Sie sehen es ja. Ich schaue durch die Ritze.« »Nicht unverschämt, sonst giebt's 'was. Was hast Du hier zu suchen?« »Ich bin gerade so gut im Dienst, wie Sie. Ich habe Auftrag, die Weinerts da gegenüber zu beobachten.« »So, mein Galgenvogel, dazu hast Du Auftrag? Ich möchte wohl wissen, wer Dir den gegeben hat?« »Der Herr Polizei-Kommissarius Wetter. Sie wissen ja, daß ich von dem immer als Vigilant beschäftigt werde.« »Das ist freilich richtig; aber ich traue Dir nicht. Du machst wohl noch Nebengeschäfte auf eigene Rechnung.« »Wie können Sie so etwas von mir denken, Herr Sergeant?« »Thu nur nicht so scheinheilig! Du bist ein durchtriebener Bursche. Man kennt Dich. Wie lange bist Du schon hier?« »Seit heute Morgen.« »Und wie lange sollst Du hier bleiben?« »Bis der Herr Polizei-Kommissarius Wetter mich selbst abruft.« »So? Das ist jetzt nicht nöthig. Da ich selbst hier den Posten habe, so kannst Du gehen. Mach', daß Du fort kommst; aber untersteh' Dich nicht, der Frau da drüben etwa ein Zeichen zu geben. Hinter dem Schuppen herum geht Dein Weg nach dem Thorplatz, nicht vorn heraus. Verstanden, mein Bursche?« »Aber der Herr Polizei-Kommissarius hat doch befohlen – –« »Mach' mich nicht borstig, Kerl. Ich habe keine Zeit mehr mit Dir zu verlieren. Sag' nur dem Herrn Polizei-Kommissarius, ich hätte hier die Wache und würde ihm schon Bericht erstatten. – Das ist besser, als wenn so ein Lumpenkerl von Vigilant, der doch nur Lügen ausbrütet, beobachtet. – Also fort mit Dir!« Brummend entfernte sich der Vigilant, der Sergeant aber nahm wieder seinen Posten an der Bretterspalte ein. Versäumt hatte er nichts, denn die Frau gegenüber saß noch in derselben Stellung wie vorher. Wieder verging eine langweilige Stunde. – Nur mit Mühe konnte der Sergeant seine Aufmerksamkeit auf das stille Haus gegenüber konzentriren, da seine Beobachtung so ganz fruchtlos blieb. Was hatte es für ein Interesse für die Behörde, daß die Frau endlich aufstand, daß sie ihr Kind ins Bett legte, und halb mechanisch alle die kleinen, der Hausfrau zukommenden Wirthschaftsgeschäfte besorgte. Endlich erregte der Schall von Schritten, welche vom oberen Gartenweg her ertönten, seine Aufmerksamkeit. – Durch eine andere Bretterspalte konnte er den Gartenweg weithin überschauen. – Er erblickte den Präsidenten Wartenberg, der den Weg herabkam. Der Präsident hatte die Hände auf den Rücken gelegt. Er schaute düster vor sich nieder, als er langsam daher schritt. – Wie bleich und verlebt sah der gestern noch so frische, kräftige Mann aus. – Um ein Jahrzehnt war er in einer Nacht gealtert. Wie stolz und straff war früher seine Haltung, und jetzt schlich er gebeugt, mit gesenktem Kopfe. – Vor der Thür des Schlosserhauses blieb er stehen. Eine Zeitlang stand er sinnend, dann öffnete er die Thür, er trat in das Haus. Auf dem kleinen Vorflur machte der Präsident einen Augenblick Halt. Er legte die Hand auf das stürmisch klopfende Herz, als wolle er das Schlagen desselben unterdrücken. Er mußte erst die Erregung bewältigen, welche ihn beim Betreten dieses Hauses ergriffen hatte, ehe er sich entschloß, an die Thür zu klopfen. Ein leises Herein ertönte; als er die Thür öffnete, stand er vor der jungen Frau, aber er erkannte in dem verweinten Gesicht mit den gerötheten, verschwollenen Augen kaum das reizende Weibchen wieder, deren liebliche Schönheit er so oft bewundert hatte. »Der Herr Präsident! Gott sei Dank, nun wird alles gut werden,« rief die Frau. Es war ein Jubelton, der dem reuigen Sünder tief ins Herz drang. Welches Vertrauen, eine wie hohe Verehrung sprach sich in diesen wenigen Worten aus! – Und als nun gar die junge Frau seine Hand ergriff und sie in stürmischer Aufregung küßte, da zitterten ihm die Glieder, kaum konnte er sich aufrecht, kaum die Thränen zurück halten. »O, Weinert hat es mir, als sie ihn wegführten, wohl gesagt,« fuhr die Frau fort, – »geh' nur zum Herrn Präsidenten, Lieschen, – der wird uns nicht im Stich lassen. Und nun kommen Sie selbst. Gott sei Dank!« »Ich komme, um Ihnen zu sagen, daß ich von der Unschuld Ihres Mannes überzeugt bin,« entgegnete der Präsident. Seine Stimme zitterte, er war kaum im Stande, die wenigen Worte hervorzustammeln. »Das wußte ich. Das wußte auch mein Heinrich, daß der Herr Präsident, den er so hoch verehrt, ihn nicht im falschen Verdacht haben werden. Er ist ja so gewiß unschuldig. Die ganze Zeit hat er das Haus nicht verlassen, Tag und Nacht hat er für den Herrn Präsidenten gearbeitet.« »Ich glaub' es, liebe Frau, ja, ich bin überzeugt davon und deshalb komme ich zu Ihnen. Es wird Sie vielleicht in Ihrem Schmerz trösten, wenn ich Ihnen verspreche, alles zu thun, was in meinen Kräften steht, um Ihren Mann bald wieder frei zu machen. Und wenn er dann wieder frei ist, dann will ich ihn reichlich entschädigen für die unverdiente Noth und Sorge, die er meinetwegen überstanden hat. In einer andern Stadt, wo Niemand seine Vergangenheit kennt, will ich ihm eine Werkstatt einrichten. Sie sollen noch froh und glücklich werden, das verspreche ich Ihnen! Einstweilen aber nehmen Sie dies. Sie sollen nicht Noth leiden, während Ihr Mann fern ist.« Er legte bei diesen Worten einen Fünfundzwanzig-Thalerschein auf den Tisch. Sie schaute mit verklärtem Blick in ehrfurchtsvoller Dankbarkeit zu dem vornehmen Manne auf, der ein so tiefes Mitgefühl für ihr Leid zeigte; den Schein aber schob sie zurück. »Nicht das, Herr Präsident,« sagte sie sanft bittend, »ich brauche wirklich nichts. Ich leide keine Noth. Wir haben gearbeitet und gespart.« »Nicht einen Groschen sollen Sie von Ihren redlichen Ersparnissen opfern. Ich bitte Sie von Herzen, nehmen Sie das wenige Geld an. Sie würden mich durch die Zurückweisung tief kränken.« Er sprach so eindringlich bittend, fast als wolle er nicht geben, sondern für sich eine Gnade erflehen, da konnte sie ihn unmöglich zurückweisen, wie hätte sie auch den herrlichen Mann, den wahren Freund in der Noth, zu dem sie gläubig vertrauend aufschaute, durch eine Weigerung kränken können. – Mit einem einfachen Wort des Dankes nahm sie das Geld an. Der Präsident fühlte sich etwas erleichtert. Er trat an das Bettchen, in welchem das schlummernde Kind lag. Die Mutter sah mit glückseligem Lächeln, wie er so freundlich ihren Liebling betrachtete und endlich sogar den Kleinen leise auf die Stirn küßte. – Für diesen Mann hätte sie freudig ihr Letztes hingegeben. »Ich muß Sie jetzt verlassen, Frau Weinert,« sagte der Präsident gütig. »Lassen Sie den Muth nicht sinken. An mir sollen Sie eine Stütze für das Leben haben. – Leben Sie wohl!« Wieder führte sie im überwallenden Gefühl der Dankbarkeit seine Hand an die Lippen. »Gott segne Sie, Herr Präsident,« so rief sie, »er lohne Ihnen, was Sie an uns Armen gethan, und mache Sie so glücklich, als Sie es verdienen.« Ein Schauer überrieselte ihn bei dem frommen Gebet, welches für ihn ein Fluch war. Er zog hastig seine Hand zurück und schnell eilte er, nur noch ein Mal der ihm erstaunt nachschauenden Frau zunickend, fort. Der Sergeant war von seinem Versteck aus ein Zeuge dieser Unterredung, deren Worte er in der Entfernung nicht verstand, gewesen. Schon daß der Präsident die Frau des Mannes, der ihn beraubt hatte, besuchte, war dem Polizisten höchst wunderbar; durchaus nicht begreifen aber konnte er die Großmuth eines Geldgeschenkes und die Freundlichkeit, mit welcher der Beraubte gar das Kind des Räubers küßte. Diese Beobachtungen gingen über seinen Polizeiverstand fort, er dachte deshalb auch nicht über sie nach, sondern beschloß, sie einfach in seinen Rapport aufzunehmen, um so mehr, da es die einzigen waren, welche er überhaupt zu machen hatte, denn bis zum Abend, wo er von seinem Posten durch einen anderen Polizisten abgelöst wurde, fiel nichts weiter in dem kleinen Hause gegenüber vor. Nur bemerkte der Sergeant, daß Frau Weinert seit dem Besuch des Präsidenten wieder mit hochgehobenem Kopf einherging, daß sie tüchtig und thätig arbeitete, und daß sie sogar ihrem Kindchen, als es erwacht war und zu schreien anfing, ein lustiges Lied, um es zu beruhigen, vorsang. Der Präsident ging vom Weinert'schen Hause direkt nach dem Polizei-Direktorium. Der Polizei-Direktor empfing ihn sehr vergnügt. – »Wir sind dem Ziel um einen großen Schritt näher gekommen, Herr Präsident,« sagte er. – »Der Geldkasten ist gefunden und der Verbrecher, über dessen Schuld wohl jetzt kein Zweifel mehr walten kann, im Gefängniß. – Hier ist der in der Düngergrube wiedergefundene Kasten. Sie erkennen ihn gewiß als den Ihrigen an?« »Das kann ich nicht behaupten,« bemerkte der Präsident trocken. »Ich habe den Kasten niemals einzeln, sondern immer nur in das Holz des Schreibtisches eingefügt gesehen. Der Deckel sieht allerdings dem meines Kastens ähnlich; aber ich würde nie wagen, das bestimmte Urtheil, der Kasten gehöre mir, auszusprechen.« Der Direktor machte ein sehr enttäuschtes Gesicht. – »Das ist allerdings unangenehm,« sagte er, – »aber da fällt mir ein, daß wir einen anderen Ausweg haben, um zu konstatiren, daß der Kasten der Ihrige ist. – Ich habe, als ich vor einigen Tagen mir die Ehre nahm, Sie zu besuchen, zufällig bemerkt, daß Sie den Schlüssel zu dem Kasten mit mehreren anderen in einem Bund vereint bei sich tragen. Darf ich Sie wohl um dies Schlüsselbund für einen Augenblick bitten?« Am liebsten hätte der Präsident unter irgend einer Ausrede das Schlüsselbund zurückgehalten; aber er fürchtete sich zu verrathen, und so mußte er wohl den Wunsch des Polizei-Direktors erfüllen. »Sehen Sie wohl,« rief dieser froh, »der Schlüssel paßt! – Hier haben Sie zugleich einen neuen Beweis gegen den Weinert. Nur ein geschickter Schlosser ist im Stande gewesen, ein solches Kunstschloß, ohne es zu verletzen, im Zeitraum weniger Stunden zu öffnen.« »Wenn das Schloß überhaupt verschlossen gewesen ist; das aber würde ich nie zu behaupten wagen. Ich habe die schlechte Angewohnheit, oft den Schreibtisch zu verschließen und den Geldkasten offen zu lassen. Dies könnte vielleicht auch gestern der Fall gewesen sein.« »Der Einbrecher würde sich wohl schwerlich die Mühe gegeben haben, einen offenen Geldkasten aus dem Schreibtisch zu stemmen, den er ohne Mühe und Lärm hätte leeren können.« Die treffende Einwendung setzte den Präsidenten in nicht geringe Verlegenheit. Er hätte jetzt so gern den unglücklichen Schlosser von dem auf ihm lastenden Verdacht befreit; aber er sah sich gefangen in den Schlingen, die er selbst gelegt hatte und aus denen er keinen Ausweg wußte. Er verwünschte jetzt seine schlau berechnete Vorsicht. Noch einen Versuch, den Gefangenen zu befreien, beschloß er indessen zu machen. »Sie haben Recht, Herr Direktor,« sagte er; »aber ich gestehe Ihnen, ich bin trotzdem noch immer von Weinerts Unschuld überzeugt. Der Mann selbst und seine gute, brave Frau haben einen so günstigen Eindruck auf mich gemacht, daß ich an seine Schuld und ihre Mitwissenschaft nicht glauben kann. Was gegen Weinert vorliegt, sind höchstens schwache Verdachtsgründe, aber durchaus keine Beweise. Wenn wirklich ein Schlosser den Einbruch begangen, den Kasten geraubt und geöffnet hat, weshalb muß es gerade Weinert sein? Weil der Kasten auf seinem Hofe gefunden worden ist? Ich bin soeben den Gartenweg entlang gegangen und habe mir die Stelle angesehen. Wie leicht kann ein Anderer sich über den Zaun fortgebeugt und den Kasten in die Grube geworfen haben; möglicherweise« – er stockte einen Augenblick, – »vielleicht sogar in der Absicht, den Verdacht von sich ab auf den Unschuldigen zu lenken. Ich will gern meinen schweren Verlust verschmerzen und die ganze Untersuchung ruhen lassen. Ich kann es nicht vor meinem Gewissen verantworten, daß meinetwegen ein Mann, von dessen Unschuld ich überzeugt bin, unter eine solche Anklage gebracht werde. Ich bitte Sie, Herr Direktor, lassen Sie den Weinert frei und die ganze Sache begraben sein. Ich bin ja der allein leidende Theil und ich werde Ihnen zur größten Dankbarkeit verpflichtet sein, wenn Sie meinen Wunsch erfüllen.« Der Polizei-Direktor traute kaum seinen Ohren, als er die wunderbare Bitte des Präsidenten hörte. Ein derartiger Wunsch war ihm völlig unbegreiflich. Er hätte ihn trotzdem vielleicht erfüllt, denn den hohen Vorgesetzten würde er sich gern zur Dankbarkeit verpflichtet haben, aber er konnte es nicht mehr. »Es ist mir wirklich sehr, sehr unangenehm, Herr Präsident,« entgegnete er bedauernd die Achseln zuckend, »daß es außerhalb meiner Machtvollkommenheit liegt, Ihnen zu dienen. Die Sache ist bereits an das Stadt-Gericht abgegeben und liegt der Staatsanwaltschaft vor; die Polizei kann daher nicht mehr eigenmächtig verfügen.« Der Präsident seufzte tief auf. »Dann ist freilich nichts mehr zu machen; das aber fordere ich von Ihnen, Herr Direktor: sorgen Sie dafür, daß nicht mein Zeugniß zur Belastung des unglücklichen Mannes eingefordert wird. Ich bin von seiner Unschuld überzeugt und sage um keinen Preis etwas gegen ihn aus. Lieber lasse ich den Zeugenzwang über mich ergehen.« XIV. Die Forschungen des Herrn Polizei-Kommissarius Wetter. »Sentner, Du bist ein ungeschickter Tölpel. Wie konntest Du Dich überraschen lassen?« »Aber, Herr Kommissarius, man kann doch nicht stundenlang auf dem Boden gekauert sitzen, ohne sich zu rühren. Nur den Fuß hab' ich ein wenig ausgestreckt, da stieß ich an ein Stückchen Holz. Ich hätte im Leben nicht geglaubt, daß der Sergeant mich hören würde, so gering war das Geräusch, aber der hat Ohren, wie ein Luchs.« »Du hättest ihm aber nicht ausplaudern sollen, daß ich Dich dorthin gestellt habe. Altes Plappermaul! Donnerwetter, das giebt wieder einen Rüffel vom Direktor, ich höre ihn schon. – »»Herr, was geht Sie die Sache an? Wie können Sie sich unterstehen, Ihre Nase da hinein zu stecken, wo Sie keinen Befehl haben und auf königliche Kosten einen Vigilanten ohne Auftrag zu verwenden? Der Teufel soll Sie holen, Herr, lassen Sie sich so etwas nicht zum zweiten Mal beikommen.«« Dann noch ein Paar Flüche, die nicht von schlechten Eltern sind. Ich kann froh sein, wenn ich mit der Entschuldigung, der Diensteifer habe mich vielleicht zu weit getrieben, durchkomme. Und das verdanke ich Dir, Du plapperhafter Schlingel. Konntest Du nicht Dein Maul halten?« »Dann hätte mich der Sergeant, der mich ohnehin nicht leiden kann, nach der Polizei gebracht. Er dachte so schon, daß ich mit dem Weinert unter einer Decke stecke. Ich konnte wahrhaftig nicht anders, Herr Kommissarius.« »Meinetwegen soll es Dir diesmal hingehen; für künftig aber nimm Dich besser in Acht, das rath' ich Dir. Ganz vergeblich bist Du wenigstens nicht dort gewesen, die Hauptsache weiß ich. Der dumme Kerl, der Habicht, hat auf den Köder angebissen, der Kasten ist gefunden und der Weinert verhaftet. Du kannst nun gehen, Sentner, – heut über Tag bleibst Du ganz ruhig zu Hause, ich will nicht, daß Du Dich heut herumtreibst und Dir vielleicht einen Rausch antrinkst. Nachts Punkt zwei Uhr erwartest Du mich in den Anlagen am Stadtgraben, dort, wo die kleine eiserne Brücke nach der Insel hinüberführt. Du bringst eine Harke mit langem Stiel und einen Sack mit. Verstanden, mein Bursche?« »Ich werde pünktlich zur Stelle sein.« »Noch eins. Davon, daß Du heut Nacht mich in den Anlagen erwarten sollst, sagst Du keinem Menschen ein Wort. Hörst Du, Niemandem, auch dem Herrn Polizei-Direktor nicht, wenn er Dich vielleicht im Laufe des Tages rufen lassen sollte. Wehe Dir, wenn Du nicht reinen Mund halten kannst.« »Aber Herr Kommissarius – – –« »Donnerwetter! Ordre parirt und nicht gemuckst. Ich habe Dich in der Tasche, mein Bursche. Ein Wort von mir und mit Deinem Vigilantenthum ist's aus, Du wanderst ins Zuchthaus.« Der Vigilant warf einen giftigen, bösen Blick auf seinen Vorgesetzten. »Das möcht' ich doch 'mal sehen,« sagte er trotzig. »Ich bin ein ehrlicher Kerl und thue meine Pflicht. Und heut Nacht brauch' ich gar nicht in die Anlagen zu kommen. Das ist kein Dienst, wenn ich darüber selbst dem Herrn Direktor nichts sagen soll. Einen Gefallen will ich schon dem Herrn Kommissarius thun, dann muß ich aber extra bezahlt werden und man muß es mit Höflichkeit von mir verlangen.« Der Polizei-Kommissarius Wetter hörte sehr ruhig die trotzige Rede des Vigilanten mit an. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück, indem er spielend den langen rothen Schnurrbart zu zwei Spitzen in die Höhe drehte. Als Sentner geendet, maß er den mit dem Hut in der Hand vor ihm Stehenden mit einem verächtlichen Blick. »Ich glaube gar, der Kerl rebellirt? Donnerwetter, das wollen wir ihm austreiben. Höre 'mal, Freund Sentner, Deine Nachrichten sind seit einiger Zeit verdammt unzuverlässig. Vergangene Nacht habe ich Deinetwegen manche Stunde vergeblich auf Posten gestanden, das will ich Dir verzeihen, wenn Du reinen Mund hältst, weil – nun weil es mir so gefällt. Wie steht es denn aber mit dem Einbruch von voriger Woche beim Mehlhändler Willer? Du hast mir gesagt, der Weinert sei dabei gewesen und Du wolltest mir die Beweise schaffen. Nun, wie stehts? Ich habe noch nichts gehört.« »Ich hab' mir alle Mühe gegeben, aber der Weinert ist ein schlauer Kerl, der läßt sich nicht so leicht fangen.« »So? Du hast also noch nichts erfahren?« »Nein!« »Ich aber habe etwas erfahren. Merk's Dir, mein Bursche. Zwei haben den Einbruch gemacht, der Vigilant Schott und der Vigilant Sentner. Der Sentner hat das Silberzeug nach St** gebracht und an die alte Hexe, die Werkenthin, verkauft. Brauchte ich nicht die beiden Schurken, den Schott und den Sentner, dann säßen sie beide heute schon fest.« Der Vigilant starrte mit weit geöffneten Augen den allwissenden Polizisten an, der Hut entfiel seiner zitternden Hand. »Aber ich schwöre Ihnen auf Ehre und Gewissen, Herr – –« stotterte er. »Halt's Maul! Je weniger Du von Deiner Ehre und Deinem Gewissen sprichst, desto besser ist es. Du weißt jetzt, woran Du bist. Eine gute Belohnung, wenn Du schweigen kannst und parirst, das Zuchthaus, wenn Du plauderst und den Rebellen spielst. Also heut Nacht zwei Uhr am Stadtgraben. Kein Wort mehr. Kehrt! Marsch!« Ohne eine Silbe zu erwidern, machte der niedergedonnerte Vigilant militärisch Kehrt, er verließ in höchster Eile das Polizei-Büreau. »Den hätten wir fest für alle Zeit!« sagte der Polizei-Kommissarius grimmig lächelnd und sich den rothen Bart in die Höhe drehend. »Der Andere soll bald nachfolgen, oder ich will nicht Wetter heißen.« Eine Zeit lang stützte er tief sinnend den Kopf in die Hand, dann stand er auf. »So kann es gehen!« murmelte er. »Ich fange ihn in seinem eigenen Netz. Zappeln soll er und zahlen, daß ihm die Augen übergehen.« Der abgetragene Bureaurock wurde mit der besten Uniform vertauscht, dann rief der Polizei-Kommissarius seinen Sergeanten, dem er das Büreau übergab, während er selbst eine Wanderung in die Stadt antrat. Eine Viertelstunde darauf wurde dem Herrn Hoftischler Anselm, der sehr behaglich bei seinem Nachmittagskaffee saß, der Besuch des Polizei-Kommissarius Wetter gemeldet. Der ehrliche Tischler liebte zwar die Polizei nicht, er hatte sogar eine gewisse heilige Scheu vor ihr, gerade deshalb aber zeigte er sich um so zuvorkommender gegen den nicht gewünschten Besuch, dem er höflich eine Tasse Kaffee anbot. »Ich nehme mit Dank an, mein verehrter Herr Hoftischler,« sagte Wetter, der sehr höflich sein konnte, wenn er nur wollte; »ich dürfte es nicht, wenn ich direkt im Dienst wäre; dies ist aber eigentlich bei meinem Besuch nicht der Fall. Ich komme zwar im höheren Auftrage und will Sie um eine Gefälligkeit ersuchen, diese ist aber nur halb dienstlicher Natur.« »Ich stehe mit Vergnügen zu Diensten.« »Die Sache betrifft unsern verehrten Herrn Präsidenten Wartenberg und den bei ihm heut Nacht verübten Einbruch. Ehe ich aber meine Bitte ausspreche, muß ich Sie um Ihr Wort ersuchen, daß Sie unbedingtes Stillschweigen auch gegen den Herrn Präsidenten über das beobachten, was wir besprechen werden.« »Aber ich weiß wirklich nicht –« »Wenn Sie dies Versprechen nicht geben, muß ich mich ohne ein Wort zu sagen, wieder entfernen.« Er stand bei diesen Worten auf und nahm die Dienstmütze, die Tasse Kaffee ließ er unangerührt stehen. Die Neugier des Hoftischlers war erregt; er hätte gar zu gern gewußt, welchem Zweck der Besuch des Polizisten galt. – »Ich sage ja nicht Nein,« erwiderte er zögernd; »aber ich muß doch ungefähr wissen, um was es sich handelt. Ich möchte um keinen Preis dem Herrn Präsidenten eine Unannehmlichkeit bereiten.« »Sie sollen ihm im Gegentheil einen wichtigen Dienst leisten, ihm zur Wiedererlangung des geraubten Geldes behilflich sein.« »Dann verspreche ich Ihnen mit Freuden Schweigen.« »Gegen Jedermann, auch gegen den Herrn Präsidenten selbst?« »Ja, auch gegen ihn, wenn es sein muß!« »So hören Sie denn,« sagte Wetter, wieder Platz nehmend. »Der Haupteinbrecher, der Schlosser Weinert, ist zwar verhaftet und der Geldkasten bei ihm gefunden; aber das Geld selbst fehlt. Es kommt darauf an, es wieder herbeizuschaffen. Jedenfalls hat es ein Verbrechensgenosse schon am frühen Morgen nach St** gebracht. Ich glaube den Hehler zu kennen. Er ist ein wohlhabender Mann und eine Haussuchung bei ihm hat keinen Nutzen, da er stets zu seinem Geschäft viel baares Geld vorräthig hat, wenn wir nicht im Stande sind, nachzuweisen, daß unter dem Gelde, welches wir vorfinden, das dem Herrn Präsidenten Geraubte enthalten ist. Sie verstehen mich, Herr Anselm.« »Nicht ganz. Ich weiß wirklich nicht. Geld ist doch Geld. Wie soll man es erkennen?« »Befanden sich nicht in der Kirchenkasse eine Anzahl großer Geldscheine?« »Ja. Zwei 500 Thalerscheine und mehrere 100 Thalerscheine.« »Sehen Sie wohl. Von diesen Scheinen werden Sie doch jedenfalls die Nummern notirt haben.« »Nur von den beiden 500 Thalerscheinen.« »Das ist freilich nicht viel; aber möglicherweise führt es doch zum Ziel. Wollen Sie mir die Nummern mitheilen?« Hierzu war Herr Anselm gern bereit; aber er konnte noch immer nicht begreifen, weshalb eigentlich der Herr Präsident von diesen Nachforschungen nichts wissen solle. »Sein Hausarzt hat es verboten,« sagte Wetter lächelnd, nachdem er sich die beiden Nummern notirt hatte. »Der Herr Präsident ist durch den schweren Verlust fieberhaft aufgeregt. Er würde es noch mehr sein, wenn er wüßte, daß eine entfernte Hoffnung da ist, das Geld wieder zu bekommen. Zwischen Furcht und Hoffnung schwebend, würde er sich ganz aufreiben, während er sich jetzt einigermaßen gefaßt hat. Man fürchtet einen Schlaganfall. Sie verstehen, Herr Anselm, man darf überhaupt mit ihm über die ganze Sache so wenig wie möglich sprechen, um ihn nicht noch kränker zu machen.« Das verstand der gutmüthige Hoftischler, und er versprach, jedenfalls reinen Mund zu halten. Hatte er doch nie geglaubt, daß die Polizei so zarte Rücksichten nehme; aber freilich, der Herr Präsident war ein gar vornehmer Mann. Nicht ganz zufrieden mit dem Resultat seines Besuchs verabschiedete sich der Polizei-Kommissarius. Er kehrte in sein Bureau zurück. Hier blieb er während des Nachmittags und Abends. Bis tief in die Nacht hinein arbeitete er. Erst als es vom nahen Kirchthurme halb Zwei schlug, legte er die Feder fort. Er vertauschte jetzt die Uniform mit einem alten, schäbigen Civilanzuge. In diesem verließ er das Bureau. Langsamen Schrittes wandelte er durch die menschenleeren Straßen der Stadt nach den Anlagen am Stadtgraben. – An der verabredeten Stelle traf er den mit einer langen Harke versehenen Vigilanten, der auf einer einsamen Bank schon auf ihn wartete; auf dem ganzen Spaziergange durch die Anlage hatte der Polizei-Kommissarius keinen anderen Menschen gesehen. »Du bist pünktlich, Sentner, so ist's recht. Hast Du auch einen Sack bei Dir?« »Ja, Herr Kommissarius. Hier ist er.« »Gut, aber sprich leiser. Es könnte doch vielleicht noch ein einsamer Nachtwandler aus dem Wall spazieren gehen und durch den Schall unserer Stimme angezogen werden. Ich wünsche nicht, daß wir Zuschauer bekommen.« »Es ist keine Menschenseele in der ganzen Anlage.« »Vorsicht schadet nichts. – Nun zieh' Dir 'mal die Stiefel und die Beinkleider aus, Sentner.« »Nanu! Was soll denn das werden?« »Ein etwas nasses und kaltes Stück Arbeit, – aber ein heißer Punsch nachher wird Dich schon warm machen. Du sollst nur da im Wasser etwas suchen.« – »Im Stadtgraben?« – »Freilich. Aber Donnerwetter, zieh' Dich aus! Wir haben keine Zeit zu verlieren.« »Aber der Stadtgraben ist tief und ich kann nicht schwimmen.« »Dummheiten, Du feiger Bursche. An der tiefsten Stelle ist der Graben noch nicht vier Fuß tief. – Mach' mich nicht wild, Sentner! Wenn ich Dir Gutes rathen soll, beeile Dich. Schnell! Donnerwetter!« – Widerwillig gehorchte der Vigilant. Er zog sich aus und auf des Kommissarius Befehl ging er vorsichtig tappend und mit der Harke nach dem Grunde fühlend ins Wasser, – bald war er bis über die Hüften in demselben; jetzt aber kommandirte Wetter, der sich auf der kleinen, eisernen Brücke in der Mitte aufgestellt hatte: »Halt!« »Jetzt, Sentner, heißt es: Aufmerksamkeit! Zwei Thaler sind Dein, wenn Du findest, was ich suche, – fühle einmal vorsichtig mit der Harke auf dem Grunde entlang, genau hier an der Stelle, die ich Dir mit dem Finger zeige. Liegt da nichts?« »Ja, da liegt etwas. Vielleicht ein Stein.« »Versuch' 'mal, ob Du ihn mit der Harke fassen und in die Höhe bringen kannst.« »Nein, er trudelt nur, die Harke glitscht immer wieder ab.« – »Dann zieh' ihn nach dem Ufer hin. – Das Steinchen möchte ich mir 'mal besehen.« Kopfschüttelnd befolgte Sentner den Befehl. Es gelang ihm leicht, den auf dem Grunde liegenden schweren Gegenstand ans Ufer zu ziehen, hier erwartete ihn schon Wetter, der sich eine kleine Blendlaterne angezündet hatte. »Gieb das Ding her. Ist es schwer?« »Nicht so gar sehr. Es scheinen ein Paar zusammengebundene Schuhe zu sein.« »Wahrhaftig, ein Paar Ueberschuhe. Donnerwetter, was haben die Kerle für Nägel am Hacken! Aber da steckt noch 'was drin. Was ist denn das? – Meiner Seele, ein Pechpflaster und ein Stemmeisen. Und hier? Ein Hammer und ein Stemmeisen. Nun, alter Freund, freue Dich. Dich haben wir fest, Du kommst mir nicht wieder aus den Klauen. Du bist geliefert für alle Zeiten. – Gieb 'mal den Sack her, Sentner. So! Da hinein mit dem Zeug. Donnerwetter, das war ein kapitaler Fund. Wozu er nur die Ueberschuhe weggeworfen hat? Na, wir werden ja schon sehen. Vielleicht? Richtig, so ist's! Um falsche Spur zu machen, hat er sie gebraucht. Der schlaue Hallunke ist zum Einbrecher geboren; aber für den Wetter ist er doch nicht schlau genug! Nun, Sentner, zieh' Dich nur wieder an. – Wir sind fertig mit unserer Arbeit. Hier hast Du zwei Thaler, damit kannst Du Dir eine lustige Nacht machen; aber merk's Dir, Bursche, sagst Du ein Wort über unsern Nachtfischfang, dann – – auf's Zuchthaus mit Dir. – Den Sack kannst Du mir noch bis nach dem Bureau tragen.« – Sehr vergnügt ein Liedchen pfeifend, denn jetzt kümmerte er sich nicht mehr darum, ob er gehört und gesehen werde, kehrte der Polizei-Kommissarius, dem Sentner den Sack nachtrug, in sein Bureau zurück. XV. Die gerechte Strafe. Mit dem Präsidenten war seit dem Augenblick, in welchem er die Nachricht von dem großen Lotteriegewinn erhalten hatte, eine wunderbare Veränderung vorgegangen. Seine geistige Kraft war gebrochen; er konnte stundenlang unthätig, in dumpfes Hinbrüten versunken, den Kopf in die Hand gestützt, am Fenster seines Arbeitszimmers sitzen und hinüber schauen nach dem halb im Gebüsch versteckten Dach des Schlosserhauses. – Er floh die Gesellschaft, selbst die seiner Tochter, die er nur beim Mittagstisch sah und dann auch nur auf kurze Zeit, denn er beeilte sich, die einfache Mahlzeit so schnell wie möglich zu beenden und wieder in sein Arbeitszimmer zurückzukehren. Seine Amtsgeschäfte besorgte er zwar mit der früheren Pünktlichkeit, aber er that es mechanisch und ohne Lust an der Arbeit. Von der Sorge für die Zukunft war er in Folge des Lotteriegewinnes befreit. – Er hatte gleich am nächsten Tage den Geheimrath von Samuelsohn in St** besucht und von ihm neben einem Darlehn von 12,000 Thalern das Versprechen erhalten, daß der Glücksfall, der ihn getroffen, geheimgehalten werden solle. Mit den empfangenen 12,000 Thalern zahlte der Präsident seine Schuld an die Kirchenbaukasse, er empfing vollgiltige Quittung, – die Bitte, auch ferner das Schatzmeisteramt beizubehalten, lehnte er ab; – ebenso das nochmalige Anerbieten eines Darlehns, welches ihm der Hoftischler Anselm machte. Dem freundlichen Mann, der recht betrübt war über die Vereitelung der Hoffnung, daß er dem hochverehrten Herrn einen Dienst leisten könne, dankte der Präsident herzlich, aber er erklärte, daß er durch das unerwartete Eingehen eines verloren gegebenen Kapitals in den Stand gesetzt sei, die Kirchenbaukasse zu befriedigen, ohne sich durch eine Schuld zu belasten. – Damit war diese Angelegenheit erledigt und sie trug viel dazu bei, den Präsidenten in M** noch beliebter und geachteter zu machen, als er es ohnehin war, denn die Mitglieder des Komités der Kirchenbaukasse, und vor allen anderen der Hoftischler Anselm, wußten nicht Worte genug zu finden, um aller Orten die Großmuth des Präsidenten, seine Rechtlichkeit und prompte Geschäftsführung zu rühmen. Auch die Abrechnung mit dem Baron Rechtenberg erledigte sich schnell und befriedigend. – Rechtenberg war am Tage nach dem Einbruch in St** eingetroffen und hatte sofort an seinen früheren Vormund geschrieben. Zu seinem hohen Erstaunen erhielt er im Komptoir des Geheimraths von Samuelsohn die Baarbestände seines Vermögens prompt und richtig ausbezahlt; wegen der Abwickelung der übrigen Geschäfte verwies ihn der Präsident an seinen Rechtsanwalt. – So war denn auch von dieser Seite nichts mehr zu besorgen. Der Präsident glaubte der eigenen Zukunft mit voller Sicherheit entgegensehen zu können, und dennoch peinigte ihn eine nicht zu unterdrückende Unruhe, die ihm auch des Nachts den Schlaf raubte. Damals, als er noch für das eigene Leben kämpfte, war er im kalten Egoismus entschlossen gewesen, um sich zu retten, jede Rücksicht zu opfern. Selbst einen Mord hätte er nicht gescheut, und nur durch einen glücklichen Zufall war er an der Ausführung desselben verhindert worden. Jetzt, wo er gerettet war, bebte er zurück vor dem Abgrunde, an dessen Rande er gestanden hatte. Er fühlte, daß er des Mordes schuldig war, obgleich er die That nicht begangen hatte. Er konnte dem alten freundlichen Rendanten nicht mehr ohne Erröthen ins Auge schauen. Fast nichtswürdiger noch, als der im Augenblick der höchsten Erregung, im halben Wahnsinn beabsichtigte Mord, erschien aber jetzt dem Präsidenten sein kaltblütig überlegtes, systematisch vorbereitetes Vorgehen gegen den unglücklichen Weinert. Hätte er es rückgängig machen können! Freudig würde er die schwersten Opfer gebracht haben. Freilich, er konnte es thun. Wenn er sich selbst anklagte, wenn er den wahren Zusammenhang der Ereignisse rückhaltlos aufdeckte, dann musste der falsche Verdacht gegen den Unschuldigen schwinden. Dazu aber hatte er nicht die Kraft. Alles wollte er thun, alles; nur dies Eine nicht! Sollte er ganz vergeblich die Achtung vor sich selbst und die Lust am Leben verloren haben? Sollte er jetzt, wo er wieder für sich und seine Tochter eine ehrenvolle, glückliche Zukunft vor sich sah, sich selbst vernichten, nur um Weinert aus einer jedenfalls doch nur kurzen Haft zu befreien? Er wollte ihn entschädigen, zum wohlhabenden Manne machen. Der Schlosser sollte dereinst die ungerechte Strafe, aus der sein Glück entspross, segnen! Mit solchen Scheingründen suchte der Präsident sein Gewissen zu betäuben; aber es gelang ihm nicht. Tag und Nacht verfolgte ihn das Bild des im Kerker verzweifelnden Gefangenen und der schönen jungen Frau, die ihn als ihren Wohlthäter segnete, während sie ihn doch als den Zerstörer ihres Glückes hätte verfluchen müssen. Nur drei kurze Tage waren seit der Verhaftung Weinerts vergangen, aber sie hatten hingereicht, um den frischen, kräftigen, schönen Mann in einen lebensmüden Greis zu verwandeln. Die gebeugte Haltung, die Abspannung der schlaffen Züge, das erloschene Auge waren so auffällig, daß die Freunde des Präsidenten ernstlich um ihn besorgt wurden, daß auch Marie mit ängstlicher Zärtlichkeit in ihn drang, einen Arzt zu befragen; er aber wies ihre Bitte schroff und bestimmt zurück, – er wußte ja sehr wohl, daß keine Arznei seine Seelenleiden heilen könne. Es war am Morgen des vierten Tages nach Weinerts Verhaftung, als dem Präsidenten, der wieder grübelnd am Fenster saß, der Polizei-Kommissarius Wetter gemeldet wurde. Er hätte den widerwärtigen Menschen gern abgewiesen, das aber ging jetzt nicht an, er mußte den unangenehmen Besuch schon empfangen. »Was wünschen Sie?« fragte der Präsident, der in diesem Augenblick seine gewohnte vornehme Haltung wiedergefunden hatte, den Polizei-Kommissarius, welcher sich ihm mit einer tiefen Verbeugung nahte. Er blieb stehen und lud auch den lästigen Besucher nicht zum Sitzen ein, wie er es sonst seinen Untergebenen gegenüber stets that. Der Mensch war ihm so unangenehm, daß er ihm selbst die gewöhnliche, herablassende Höflichkeit nicht zeigen wollte. Ueber Wetters Gesicht flog bei dem barschen Empfang ein höhnisches Lächeln. Er ließ sich nicht zu einer zweiten Verbeugung herbei, sondern näher tretend, stellte er sich recht breit und trotzig vor den Präsidenten hin, und indem er sich den rothen Schnurrbart in die Höhe drehte, sagte er in einem keineswegs unterwürfigen oder auch nur bittenden, sondern in einem recht scharf herausfordernden Tone: »Ich habe dem Herrn Präsidenten eine Bitte vorzutragen.« »Sprechen Sie!« »Ich bin des Polizeidienstes müde. Die Strapazen werden mir jetzt zu groß und das Gehalt ist mir zu knapp. Ich wünsche zur Regierung direkt versetzt zu werden und da, wie ich höre, der Geheime Registrator Schale pensionirt wird, möchte ich den Herrn Präsidenten bitten, mich in die vakant werdende Stelle einrücken zu lassen.« »Weiter wünschen Sie nichts?« erwiderte der Präsident spöttisch. »Ich gestehe, daß ich den Muth bewundere, mit dem Sie eine derartige Bitte nur vorzutragen wagen. Nur auf die besondere Fürsprache des Herrn Polizei-Direktors, der Ihren allerdings anerkennenswerthen Eifer und Ihre Geschicklichkeit bei Aufspürung der Verbrecher rühmt, habe ich mich bisher bewegen lassen, nicht längst gegen Sie die Einleitung der Disciplinar-Untersuchung anzubefehlen, obgleich vielfache und wie es scheint begründete Klagen gegen Sie bei mir eingelaufen sind. Ihr ausschweifender Lebenswandel, Ihre Trunksucht, die Brutalität, welche Sie bei Verhaftungen und Haussuchungen zeigen, hätten hierzu vielfach Veranlassung gegeben. Danken Sie dem Herrn Polizei-Direktor und meiner Milde, daß es nicht geschehen. Auf eine Beförderung oder gar auf eine so ungewöhnliche Begünstigung, wie Ihre gewünschte Versetzung wäre, haben Sie weder Anspruch noch Aussicht. – Adieu.« Wetter hörte die bündige Auseinandersetzung des Präsidenten sehr ruhig mit an; er hatte wohl kaum eine andere Antwort erwartet. Als der hohe Vorgesetzte ihn mit dem kurzen »Adieu« entlassen wollte, nahm er einen Stuhl, und sich niederlassend, sagte er, auf den Lehnsessel am Fenster zeigend, kaltblütig: »Die Sache müssen wir doch noch etwas näher besprechen. Setzen wir uns, Herr Präsident.« »Herr! Was fällt Ihnen ein? Welche Unverschämtheit!« rief der Präsident zornig aufbrausend. »Behalten wir unsere Gelassenheit, sie wird uns sehr nützlich sein. Bitte, setzen Sie sich doch, Herr Präsident. Wir haben noch manches Wort mit einander zu plaudern.« »Herr, wollen Sie sich im Augenblick entfernen?« »Das beabsichtige ich keineswegs. Im Gegentheil, ich habe noch viel mit dem Herrn Präsidenten zu verhandeln.« »Der Mensch muß verrückt geworden sein! Soll ich meinen Bedienten rufen?« »Thun Sie das nicht, Herr Präsident,« sagte Wetter, aus dem ruhig spöttischen Ton, in welchem er bisher gesprochen hatte, in einen scharf drohenden übergehend, – »wenigstens warten Sie, bis ich Ihnen eine hübsche, kleine Polizeigeschichte erzählt habe von einem vornehmen Herrn, der sich selbst bestohlen hat.« Der Präsident wankte zurück. Er faßte krampfhaft die Lehne des hinter ihm stehenden Sessels. Mit starrem Auge blickte er entsetzt auf den Polizisten, der sich sehr gemüthlich in den Stuhl zurücklehnte und mit den über einander gelegten Beinen schaukelte. »Was bedeuten diese Worte? Was wollen Sie?« »Nicht wahr, Sie rufen den Bedienten nicht, Herr Präsident?« fuhr Wetter höhnend fort. »Ich kenne ja Ihre Güte! – Es ist eine hübsche Geschichte, die Sie interessiren wird. Aber setzen wir uns und rauchen wir eine Cigarre. Bitte, wollen Sie mir nicht die Cigarrenkiste da anbieten? Sie rauchen gewiß eine feine Sorte!« »Herr, reizen Sie mich nicht!« »Ich bitte um eine Cigarre. Noch bitte ich, Herr Präsident!« Der Präsident biß sich voll Wuth auf die Lippen, aber er beherrschte sich. Schweigend schob er die auf dem Fenstertisch stehende Cigarrenkiste zu dem Polizisten hinüber. »So, ich sehe, wir verstehen uns und werden recht gut mit einander fertig werden; besten Dank, mein verehrter Herr Präsident,« sagte Wetter, indem er sich mit unverwüstlicher Ruhe eine Cigarre nahm und anzündete. »Jetzt also zu meiner Bitte und zu meiner Geschichte. Ich wünsche von der Polizei fort und in eine ruhige, gute andere Stelle zu kommen. Dafür habe ich außer vielen anderen guten Gründen auch den Sie, Herr Präsident, vielleicht besonders interessirenden, daß ich als Polizist gezwungen sein würde, dem Polizei-Direktor Mittheilungen zu machen, in Folge deren ein hoher Staatsbeamter auf das Zuchthaus kommen, wenigstens jedenfalls infam kassirt und mit Gefängniß bestraft werden würde. Verstehen Sie, Herr Präsident, nicht sowohl in meinem Interesse, als in dem des betreffenden hohen Staatsbeamten möchte ich Sie bitten, für meine Versetzung Sorge zu tragen. Sie werden dies ganz begreifen, nachdem Sie meine kleine Polizeigeschichte gehört haben. Sie kennen ja den Schlosser Weinert? Nun, jeder Mann hat seine Feinde, auch der Weinert hat einen, und zwar einen recht erbitterten, der ihn verderben möchte. Ein Vigilant ist es, ein nichtswürdiger Bursche, der auf eigene Hand stiehlt und uns, das heißt der Polizei, nur um sich selbst zu sichern, theils wahre, theils falsche Mittheilungen über seine Genossen macht. Durch diesen Vigilanten hatte ich erfahren, der Weinert sei bei den letzten Einbrüchen betheiligt gewesen und habe für neulich, Dienstag Abend, wieder sich mit mehreren bestraften Subjekten zu einem neuen Einbruch verabredet. Etwas Näheres behauptete der Vigilant nicht zu wissen, ich habe nachher entdeckt, daß der Schurke nur meine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Punkt leiten wollte, weil er selbst beabsichtigte, einen Diebstahl zu begehen, der indessen durch einen Zufall verhindert worden ist. Er ahnte nicht, welchen guten Dienst er mir durch seine falsche Nachricht leisten sollte. Bis jetzt interessirt Sie die Geschichte nicht, Herr Präsident, aber warten Sie nur ein wenig, sie wird gleich interessanter werden. »Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt, den Einbrechern, welche M** seit einiger Zeit beunruhigen, auf die Spur zu kommen. Durch einen Zufall ist es mir schon am folgenden Morgen gelungen, damals aber war ich noch auf der falschen Fährte, ich glaubte wirklich, der Weinert sei einer von ihnen und beschloß, ihn während des ganzen Abends und der Nacht genau zu beobachten. Dem Weinert'schen Hause gegenüber liegt am Gartenweg ein leerer Holzschuppen, dort versteckte ich mich bei einbrechender Dunkelheit. Ich konnte von dem Schuppen aus sowohl die Werkstatt des Weinert, als auch den ganzen Gartenweg überschauen, denn meine Augen sind vortrefflich und der Mondschein begünstigte mich. »Fast schien es, als solle meine ganze Mühe vergeblich sein. Weinert machte gar keine Anstalt, sein Haus zu verlassen, er arbeitete mit rastlosem Fleiß in seiner Werkstatt. Da aber wurde, als der Abend schon ziemlich vorgerückt war, meine Aufmerksamkeit durch ein fernes Geräusch gefesselt. Ich hörte deutlich, wie ein knarrendes Schloß durch einen Schlüssel geöffnet wurde. Mein erster Gedanke war, ein Dieb sei im Begriff, vom Gartenweg aus mit einem Nachschlüssel die Gartenthür eines der angrenzenden Grundstücke zu öffnen, aber ich überzeugte mich sogleich, daß ich mich geirrt hatte, denn als ich den Gartenweg überschaute, sah ich, daß aus einer der Thüren ein Mann trat, sie wieder verschloß, mehrere Schritte vor und wieder zurück ging, sich einige Augenblicke aufhielt – was er vornahm, konnte ich nicht erkennen, dann über die Gartenmauer in denselben Garten zurückkletterte, aus dem er soeben gekommen war und in den er so leicht durch die Thür hätte zurückkehren können. Meine Geschichte fängt an interessant zu werden, nicht wahr, Herr Präsident?« »Fahren Sie fort!« entgegnete der Präsident mit tonloser Stimme. »Quälen Sie mich nicht unnütz!« »Ei bewahre! Quäle nie ein Thier zum Scherz, ist ja eine alte gute Regel. Fahren wir also fort. Daß mir der Spaß sonderbar vorkam, werden Sie natürlich finden. Ich wußte nicht, was er bedeuten solle, beschloß aber, es zu ergründen und vorläufig meinen Meister Weinert sich selbst zu überlassen. Ich verließ meinen Versteck, eilte nach der Gartenthür und fand, daß es die zum Garten des Herrn Präsidenten führende sei. Zuerst wollte ich dem Mann über die Mauer in den Garten folgen, ich fürchtete aber, ihn durch das Geräusch des Ueberkletterns aufmerksam zu machen; ich lauschte also vor der Thür, um zu hören, was er wohl im Garten vornehmen möge. Gleich darauf hörte ich ein Krachen, es kam von der Gegend her, wo der Geräthschuppen im Garten steht. Da kam mir plötzlich ein Gedanke. »Der holt sich dort die Gartenleiter,« dachte ich. »Er will einbrechen, und zwar im ersten Stock, sonst brauchte er keine Leiter.« Ich erinnerte mich, daß man etwas weiter unten vom Gartenweg aus die Hinterfront der Villa überschauen könne. Dorthin lief ich und bald erkannte ich, daß meine Voraussetzung richtig war. Ich sah, wie die Leiter an das Haus gelehnt wurde, sah, wie ein Mann hinaufstieg, und da der Mond die Gestalt klar beleuchtete, erkannte sie mein scharfes Auge. Ob ich mich wohl gewundert habe, Herr Präsident?« Der Präsident antwortete nicht, Wetter fuhr fort: »Ich stand mit einem Gesicht da, so verblüfft, wie Sie es vorhin gemacht haben. Donnerwetter, dachte ich, was soll denn das bedeuten? Und als nun gar der Mann eine Scheibe eindrückte, in das Fenster stieg und nach sehr kurzer Zeit mit einem dunklen Ding unter dem Arm zurückkam, da wußte ich gar nicht mehr, wo mir eigentlich der Kopf stand. Aber lange Zeit zum Besinnen hatte ich nicht, denn der Einbrecher kam mit der Leiter gerade auf die Gartenmauer zu. Ich überlegte, er werde wahrscheinlich nach der Stadt gehen, dann konnte ich ihn vom Holzschuppen aus genau beobachten, ging er nach der andern Seite, dann mußte ich ihm von weitem folgen. Ich eilte nach dem Schuppen, von dort aus sah ich, daß der Einbrecher auf der Leiter über die Mauer stieg, daß er eine Zeit lang stehen blieb, was er that, konnte ich wieder nicht erkennen, daß er dann sich mir näherte und den dunklen Gegenstand, welchen er unter dem Arm trug, über den Zaun des Weinert'schen Grundstückes in die Düngergrube warf. Dann ging er weiter über den Thorplatz nach den Anlagen am Stadtgraben. Ich folgte ihm; aber ich blieb so fern, daß er es nicht bemerkte. Auf der eisernen Brücke, die nach der kleinen Insel führt, machte er Halt und warf einen schweren Gegenstand ins Wasser, dann schlug er den Weg nach der Stadt ein. – Bis zur Weinstube im Goldenen Lamm verfolgte ich ihn, dann kehrte ich befriedigt nach meinem Holzschuppen zurück. Dort hatte ich nichts versäumt, denn Meister Weinert war noch fleißig bei der Arbeit und blieb dabei, bis er gegen ein Uhr ruhig zu Bette ging. Ich aber ging nicht zu Bett. Ich trieb mich die ganze Nacht in der Nähe der Villa umher, ich sah, wie der Herr Präsident etwas schwankend nach Hause kam, und als ich endlich am andern Morgen von meinem Freund Habicht erfuhr, beim Herrn Präsidenten sei ein Geldkasten mit 13,000 Thalern gestohlen worden, da wußte ich, was die Glocke geschlagen hatte. – Daß der Herr Präsident sich selbst bestohlen, oder vielmehr, daß er die ihm anvertraute Kirchenbaukasse gestohlen habe, war nicht schwer zu errathen. Nun aber kam es darauf an, noch andere Beweise, als mein einfaches Zeugniß, das man vielleicht für Verleumdung gehalten haben würde, zu schaffen. Ich habe sie mit großer Mühe beigebracht und der Herr Präsident mögen daraus ersehen, welch' ein brauchbarer Beamter ich bin. Aus dem Stadtgraben habe ich die Ueberschuhe mit dem Hammer, dem Pechpflaster und dem Stemmeisen herausgefischt. Die Ueberschuhe passen genau mit dem Maß der Fußspuren im Garten, welches der Herr Polizei-Direktor genommen hat, zusammen. Das weiße Pech des Pflasters entspricht dem auf einer Glasscherbe des Fensters, welche mein Kollege Habicht auf meinen Rath geholt hat. Aber das ist nicht alles. Die Ueberschuhe erkannte ich als echte Kalauer Arbeit, die sicher in der Schustergasse in St** gekauft worden waren. Ich bin von Laden zu Laden gegangen und habe richtig den Verkäufer herausgefunden, der versichert, er werde den großen, schönen, vornehmen Herrn, der sie am Dienstag Morgen bei ihm gekauft habe, noch nach zehn Jahren wiedererkennen. Ebenso habe ich in der Nagelgasse in St** den Verkäufer der Stemmeisen und des Hammers ausfindig gemacht. – Mühe genug hat es gekostet; aber es ist gelungen. Wo das Geld geblieben ist, weiß ich heut noch nicht; aber auch das bringe ich heraus, oder ich will nicht Wetter heißen! Nun, wie gefällt Ihnen meine Geschichte, Herr Präsident?« Der Präsident war vernichtet. Aus seiner geträumten Sicherheit plötzlich herausgerissen, sah er sich wieder von der Schande und dem Verderben bedroht, in der Gewalt eines nichtswürdigen Menschen, den er soeben noch schwer beleidigt hatte und der ihn dafür mit grausamer Lust bitter verhöhnte. Er war unfähig zu antworten. Seine Gedanken wirrten durcheinander, aus diesem Irrsal sah er keinen Ausweg. »Sie antworten nicht, Herr Präsident, – da muß ich denn wohl fortfahren. Ich habe Sie jetzt am Schnürchen, Sie müssen tanzen, wie ich pfeife, und ich werde nicht schlecht pfeifen, darauf können Sie sich verlassen. Also zuerst meine Anstellung als Geheimer Registrator, das versteht sich von selbst, außerdem aber einen hübschen jährlichen Zuschuß zum Gehalt! – Viel baares Geld haben Sie nicht, das weiß ich wohl, denn Sie haben, weil Ihnen doch die Geschichte nicht ganz geheuer erschien, den Muth verloren und sind so dumm gewesen, das gestohlene Geld der Kirchenkasse wieder zurückzuzahlen, einen Hundertthalerschein aber werden Sie heut schon noch übrig haben, den bitte ich mir vorläufig aus. Was dann weiter kommt, werden wir ja sehen.« Der Präsident nahm seufzend aus der Brieftasche einen Hundertthalerschein, den letzten, wie Wetter mit spöttischem Lächeln zu bemerken glaubte. Er hatte sich jetzt etwas gefaßt. »Ich bin in Ihrer Gewalt, Herr Wetter,« sagte er mit erzwungener Ruhe, »ich weiß es; aber ich rathe Ihnen, spannen Sie die Sehne nicht so scharf an, daß der Bogen bricht. Hören Sie eine Bitte, und wenn Sie diese gewähren, mögen Sie von mir fordern, was Sie wollen; wenn ich es erfüllen kann, soll es geschehen. Sie können durch Ihre Aussage den Beweis führen, daß der Schlosser Weinert in jener Unglücksnacht sein Haus nicht verlassen hat. Thun Sie es! Befreien Sie den Unglücklichen aus dem Gefängniß, ohne mich zu verderben, dann mögen Sie über alles, was ich besitze, gebieten.« »Das werde ich auch ohnedem in ausgiebigster Weise thun!« erwiderte Wetter lachend und den rothen Schnurrbart in die Höhe drehend. »Wie zum Teufel aber kommen Sie jetzt plötzlich auf die Idee, daß Sie den Weinert unschuldig machen wollen, während Sie doch vorher alles Mögliche gethan haben, um ihn zu verdächtigen?« »Ich kann es nicht ertragen, daß der Unschuldige verurtheilt wird.« »Also ein reuiger Sünder! Was man doch alles erlebt. Donnerwetter, da sind unsere gewöhnlichen Spitzbuben doch andere Kerle! Ich aber werde kein Esel sein. Gerade daß der Weinert brummen muß, giebt Sie erst recht in meine Hand.« »Aber Herr Wetter – – –!« »Lassen Sie die unnützen Redensarten, die verfangen bei mir nicht. Sie wissen jetzt, woran Sie sich zu halten haben. Wenn ich nicht in acht Tagen Geheimer Registrator bin und zu meiner Einrichtung von Ihnen 1000 Thaler baares Geld habe, mögen Sie sich die Zelle im Stadt-Gefängniß aussuchen. Einstweilen danke ich für den Hundertthalerschein und habe die Ehre, mich allergehorsamst zu empfehlen.« Er stand auf, und mit einer überaus tiefen, mehr als respektvollen Verbeugung verließ er den Präsidenten. Dieser vermochte in tiefster, an Wahnsinn grenzender Verzweiflung kein Wort zu erwidern. Er preßte die Hände gegen die Stirn und mit dem Ausruf: »Mein Gott! Mein Gott! Das ist die gerechte Strafe!« brach er ohnmächtig zusammen. XVI. Ein schwerer Entschluß. Der Präsident lag seit acht Tagen schwer krank danieder. Man hatte ihn ohnmächtig in seinem Arbeitszimmer gefunden und er war nicht wieder zum Bewußtsein erwacht. Ein Nervenfieber sei es, sagte der Arzt, wahrscheinlich hervorgerufen durch die Gemüthsaufregung in Folge des Einbruchs. Marie pflegte den Vater mit aufopfernder Liebe. Tag und Nacht saß sie unermüdlich am Krankenbett, nur wenn in Folge der übergroßen Anstrengung die Natur ihr Recht forderte, versank sie wohl für kurze Zeit in einen unruhigen Schlummer; aber sie erwachte stets bei der leisesten Bewegung des Kranken wieder. Es waren qualvolle Tage und noch qualvollere Nächte, welche Marie am Bette des Vaters verbrachte. Mit Grauen lauschte sie den wilden, verworrenen Worten, die der Kranke in seinen Fieberphantasien ausstieß. Einen Theil derselben vermochte sie sich zu deuten, andere aber blieben ihr unverständlich, erfüllten sie jedoch mit den bangsten Ahnungen. Was bedeutete es, wenn der Vater mit wilden Worten den nichtswürdigen Spion zurückwies, wenn er ihm befahl, sofort den Unschuldigen aus dem Kerker zu befreien, wenn er dann wieder ängstlich bat, nur das Leben möge man ihm lassen, er wolle ja alles gestehen; wenn er von dem alten Rendanten sprach, der mit zerschlagenem Schädel vor ihm liege; von der erbrochenen Regierungskasse, von den Ueberschuhen im Wasser und dem jüdischen Verräther in der Schustergasse?! In wild verwirrten Bildern spiegelten sich offenbar die Erlebnisse der letzten Zeit in der Phantasie des Kranken, der sich bald am Spieltisch, bald in seiner Arbeitsstube, bald im Kassenlokal der Regierung oder in der Werkstatt des Schlossers glaubte. Oft sprach er barsch, drohend mit unbekannten Personen, dann wieder mild und freundlich mit einer jungen Frau, die er zu beruhigen versuchte, der er tröstend die glücklichste Zukunft versprach. Diese Fieberphantasien waren für Marie eine entsetzliche Qual; es sprach aus ihnen das böse Gewissen des Kranken und aufs Neue erwachte in dem unglücklichen jungen Mädchen der entsetzliche Verdacht, daß der Vater selbst dem bei ihm verübten Einbruch nicht fremd sei und daß er einen Unschuldigen für das eigene Verbrechen büßen lasse. Ein Mal hatte der Vater diesen Verdacht durch seine Ueberredungskunst und seine Versicherungen beschwichtigt, jetzt aber nährten ihn die abgebrochenen Worte des Phantasirenden, deren Mittelpunkt meistens der unschuldig angeklagte Schlosser war, mehr und mehr, ja sie steigerten ihn fast bis zur Ueberzeugung. Der Vater hatte sie getäuscht in jener heiligen Stunde, als sie sich ihm gläubig ans Herz warf. Seine Versicherungen waren Lügen, seine Entrüstung, seine Trauer über ihren Verdacht ein Schauspielerkunststück gewesen, um sie irre zu leiten. Der Unschuldige saß im Gefängniß. Ja, unschuldig war der unglückliche Schlosser, das bestätigte fast jedes Wort der Fieberphantasien. Durfte sie ihn ferner leiden lassen, jetzt, da sie die Ueberzeugung von seiner Unschuld gewonnen hatte? – Aber was konnte, was durfte sie thun? Durfte sie dem Gericht ihren Verdacht gegen den Vater mittheilen und zugleich verrathen, was er ihr in jener Nacht vertraut hatte? Dann trieb sie ihn für immer in Schande und Elend, vielleicht in den Tod, und doch war er möglicherweise an jenem Einbruch unschuldig. Möglicherweise! Sie glaubte es nicht, aber die Möglichkeit mußte sie zugeben. Waren ihr doch die Vorgänge der letzten Zeit völlig unerklärlich. Von dem Lotteriegewinn, den der Präsident auch ihr verschwiegen hatte, wußte sie nichts; es mußte ihr daher unbegreiflich erscheinen, daß der Baron Rechtenberg mit allen seinen Forderungen befriedigt worden war und auch die Kirchenbaukasse ihre Kapitalien zurückgezahlt erhalten hatte. Durfte sie allein auf die trügerischen Phantasien eines Fieberkranken die entsetzliche Anklage gegen den eigenen Vater begründen? Wie trügerisch waren diese verwirrten Worte, in denen sich Wahrheit und Einbildung so seltsam vermischten! Sprach nicht der Kranke täglich davon, daß er den alten Rendanten erschlagen habe, sah er ihn nicht mit zerschmettertem Schädel vor der beraubten Regierungskasse liegen, und doch kam der freundliche Mann täglich, um sich theilnehmend nach dem Befinden des verehrten Vorgesetzten zu erkundigen. Wie in diesem Falle der Kranke sich einbildete, ein Verbrechen begangen zu haben, an welchem er gewiß unschuldig war, – denn der Rendant lebte und die Regierungskasse war nicht beraubt, so konnte die wild erregte Phantasie ihm auch vorspiegeln, daß ein Unschuldiger für ihn im Gefängniß leide. So lange Marie an eine solche Möglichkeit glauben konnte, durfte sie den Vater nicht verrathen, wie fest sie auch von dessen Schuld überzeugt sein mochte. Es war am achten Tage der Erkrankung des Präsidenten, gegen Mittag, als Marie, die am Bett des Vaters saß, durch Johann die Mittheilung erhielt, ein Polizei-Kommissarius, Namens Wetter, verlange gebieterisch den Präsidenten zu sprechen und wolle sich durchaus nicht abweisen lassen. Er drohe, mit Gewalt in das Krankenzimmer zu dringen. Johann bat das Fräulein, doch persönlich mit dem unvernünftigen Menschen zu sprechen, vor einer Dame werde er wohl mehr Respekt haben, als vor einem Bedienten. Marie hatte den mit Verwünschungen begleiteten Namen Wetter häufig von den Lippen des Kranken gehört; er war verflochten in das geheimnißvolle Gewebe, welches die Ereignisse der Einbruchsnacht umspann. Sie ahnte, daß sie vor der Lösung des furchtbaren Räthsels stehe, als sie Johann befahl, den Polizei-Kommissarius in den Gesellschaftssalon zu führen, wo sie ihn persönlich empfangen wolle. Mit klopfendem Herzen erwartete sie den verhängnißvollen Besuch. Als Wetter in den Gesellschaftssalon trat, erkannte Marie sofort, daß sie es mit einem halb Trunkenen zu thun habe. Das sonst nicht häßliche Gesicht des Polizisten war geschwollen und brannte in dunkler Röthe, der lange Schnurrbart hing heut wirr und wüst über den Mund fort, – die blauen Augen waren verschwommen wässerig und blickten unsicher; auch bemühte sich Wetter vergeblich, als er vorschritt und sich militärisch verneigte, ein sehr verdächtiges Schwanken zu verbergen. »Mein Herr, Sie verlangen meinen Vater zu sprechen. Dies ist zu meinem Bedauern unmöglich, denn der Vater liegt ohne Besinnung schwer krank am Nervenfieber,« – begann Marie mit ruhiger, kalter Höflichkeit das Gespräch. »Krank? Besinnungslos? Fauler Zauber!« rief Wetter roh auflachend. – »Wer den Schwindel glaubt! Damit müssen Sie mir nicht kommen. So dumm ist der Wetter nicht.« »Mein Herr!« »Spielen Sie nur nicht die Hochnäsige, das ist bei mir nicht angebracht! Kurz und gut also! Ich muß den Alten sprechen. Ich will ihn sprechen. Scheeren Sie sich hinein zu ihm und sagen Sie ihm, wenn er noch länger Flausen mache, dann solle er den Wetter kennen lernen.« »Auf der Stelle verlassen Sie dies Zimmer!« sagte Marie tief entrüstet, mit gebieterischer Ruhe. »Gehen Sie, wenn Sie nicht wünschen, daß ich dem Bedienten klingele und Sie hinausbringen lasse.« »Donnerwetter! Ich glaube gar, die kleine Kröte droht mir? Mir, der ich ihren Vater aufs Zuchthaus bringen könnte! Nun gehe ich erst recht nicht, sondern setze mich hier fest und weiche nicht, bis Sie den Alten gerufen haben.« Er zog sich bei diesen Worten einen Lehnsessel herbei, auf den er sich breit in die Mitte des Saales setzte. Brutal lachend warf er sich in die Polster zurück. »Hier sitze ich und hier bleibe ich.« Marie preßte die Hand auf ihr hochklopfendes Herz; mit starkem Willen zwang sie sich, ruhig zu erscheinen, als sie erwiderte: »Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß mein Vater am Nervenfieber schwer erkrankt besinnungslos liegt!« »Ist nicht! Ich kenne das. Der alte schlaue Kunde stellt sich krank, damit er nicht zum Zeugniß gegen den Weinert gezwungen wird. Er möchte nicht gern einen Meineid obenein schwören, weil er glaubt, wenn die Geschichte herauskommt, dann noch schlimmer in die Patsche zu gerathen. Ja, schlau ist er, der alte Bursche; aber für den Wetter nicht schlau genug. Sagen Sie ihm das, Kleine, und sagen Sie ihm auch, vor mir brauche er sich nicht zu geniren. Ich werde ihn nicht verrathen, das weiß er ja.« »Sie täuschen sich, mein Herr. Mein Vater ist wirklich schwer krank. Ich versichere es Ihnen.« »Sehe Einer an, wie zahm die kleine Hummel schon wird. Sie sticht nicht mehr, spricht auch nicht mehr von Herausschmeißen. So ist's recht, mein Mädel. Ja, ich bin Papas bester Freund, und wir beide wollen uns auch schon vertragen. – Komm her, Kleine, gieb mir einen Kuß!« Er stand auf und suchte die vor ihm Stehende zu umfassen; aber er wurde so unsanft und mit solcher Kraft zurückgestoßen, daß er wieder in den Lehnsessel niedersank. – Er nahm dies indessen keineswegs übel, lachend fuhr er fort: »Das ist ja ein Wettermädel! Führt eine Faust, wie ein Küchendragoner! Willst mir also keinen Kuß geben? Na, wir werden uns schon besser kennen lernen, wenn ich erst der Herr Geheime Registrator und bald der Herr Geheime Kanzleirath bin. Wollen mal sehen, vielleicht nehm ich Dich noch zur Frau. Der Alte kann mir ja nichts abschlagen. Jetzt aber ruf' ihn, Mädel, ich habe keine Zeit und keine Lust, länger zu warten, da Du doch nicht mit mir schön thun willst.« »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß mein Vater schwer krank ist! Ich versichere es Ihnen auf mein Wort.« »Wahrhaftig? Dabei sieht die Kleine so ehrlich aus, daß man ihr fast glauben möchte! Das wäre ja eine ganz verfluchte Geschichte; ich brauche nothwendig Geld. Hören Sie 'mal, Fräulein, Ihr Vater ist also wirklich krank? Er hat ein Nervenfieber?« »Ja.« »Und bewußtlos?« »Ich versichere es Ihnen!« »Ich glaube es nicht! Es ist nur eine faule Finte. Weil er mir die Stelle nicht verschafft hat und die tausend Thaler nicht zahlen kann, fürchtet er sich vor mir und will mich ebenfalls betrügen! Aber ich will mich selbst überzeugen. Hören Sie, Fräulein, wenn Ihr Vater bewußtlos ist, kann es ihm nicht schaden, wenn ich ihm einen kurzen Besuch mache. Ich will ihn sehen.« Marie überlegte; sie kam schnell zu einem Entschluß. »Wenn Sie mir versprechen, so leise aufzutreten, daß Sie den Kranken nicht erschrecken, und sich sofort wieder zu entfernen, will ich Sie an das Bett meines Vaters führen, damit Sie sich von der Wahrheit meiner Versicherung überzeugen.« »Meinetwegen, ich verspreche es, und ein Schuft, wer sein Wort nicht hält. Sie sind ein vernünftiges Mädchen, und wenn der Alte wirklich krank ist, werden wir beide schon mit einander auskommen.« »Folgen Sie mir; aber gehen Sie auf den Fußspitzen.« Marie ging voran. Wetter folgte ihr so leise auftretend, wie es ihm sein schwankender Gang irgend gestattete. Als er in das Krankenzimmer trat, genügte ihm ein Blick auf die bleiche, abgezehrte Gestalt im Bett, auf die großen, weitgeöffneten, in das Nichts hineinstarrenden Augen, um zu erkennen, daß Marie die Wahrheit gesprochen habe. – Er zog sich sofort zurück. »Das ist eine verfluchte Geschichte, Fräulein,« sagte er, als er den Gesellschaftssaal wieder erreicht hatte. – »Ihr Vater hatte mir zu heute 1000 Thaler versprochen, und nun liegt er schwer krank da. Ich muß heut Geld haben. Wie viel können Sie mir geben, Fräulein?« »Ich weiß nichts von einer Schuld meines Vaters an Sie. Sie werden sich gedulden müssen, bis der Vater genesen ist.« »Muß ich? Ich denke nicht daran. Ich brauche Geld, die lumpigen 100 Thaler haben gerade bis gestern gereicht; heut hab' ich schon auf Pump gelebt und bin in der Krone für das Frühstück und den Champagner 20 Thaler schuldig geblieben. Sie müssen blechen, Fräulein, das hilft 'mal nichts; aber mit 100 Thalern will ich zufrieden sein und mich einrichten, bis der Alte wieder auf dem Damme ist. Also rücken Sie nur heraus mit einem abgelegten Hundertthalerschein.« »Mein Herr, ich bin dieser Unterhaltung müde und bitte Sie, sich endlich zu entfernen. Sie werden von mir kein Geld erhalten, da ich nichts von einer Verpflichtung meines Vaters gegen Sie weiß.« »Fängt die kleine Hummel wieder an zu stechen? Da werden wir ihr wohl den Stachel ausziehen müssen! Die Verpflichtung, welche der Alte gegen mich hat, kann ich Ihnen leicht erklären. Ein Wort von mir bringt ihn aufs Zuchthaus. Vor acht Tagen hat er mir 100 Thaler gegeben und 1000 Thaler zu heut versprochen, damit ich den Schnabel halte. Das ist alles, mein kleiner Engel. Bist Du damit zufrieden?« – Marie fühlte, wie das Blut ihr zum Herzen drang, sie war tief innerlich empört über die herabwürdigende Vertraulichkeit des nichtswürdigen Menschen, aber sie wußte sich zu beherrschen. Mit unveränderter Ruhe erwiderte sie: »Sie werden mich durch so thörichte Drohungen nicht einschüchtern und noch weniger durch dieselben Geld von mir erpressen.« – »Thörichte Drohungen! Du sollst noch ein Paar Worte hören, dann wirst Du anders pfeifen, kleine Hummel! Hüte Dich, mich bös' zu machen, denn so wahr ich Wetter heiße, ich lasse nicht mit mir spaßen. – Ich hab' Deinen Vater in meiner Hand. Wie ein Hampelmatz soll er tanzen, wenn ich am Draht ziehe. Er muß zahlen, so viel ich haben will, und Du sollst auch zahlen, kleine Wetterhexe, und mir einen Kuß obendrein geben. – Hör' also: Ich hab's mit angesehen, wie Dein nobler Vater den Einbruch bei sich selbst gemacht, die Kirchenkasse bestohlen und den leeren Geldkasten in Weinerts Düngergrube versenkt hat. Ich kann beweisen, daß der Schlosser unschuldig sitzt, und Deinen Vater an seiner Stelle ins Gefängniß bringen, ja beweisen kann ich's: die Stemmeisen, die er gebraucht hat, das Pechpflaster, mit dem er die Fensterscheibe eingedrückt hat, die Ueberschuhe, die er beim Einbruch getragen, – alles habe ich aus dem Stadtgraben ausgefischt, und bei mir zu Hause liegt der ganze Schwindel, der Deinen Vater aufs Zuchthaus bringt. – Heraus also mit dem Hundertthalerschein, Mädel, – den Kuß will ich Dir für heut noch schenken!« – Jetzt plötzlich begriff Marie viele der verwirrten Worte, welche ihr Vater in seiner Fieberphantasie ausgestoßen, und die sie bisher nicht verstanden hatte. Sie konnte nicht mehr zweifeln an seiner Schuld, jetzt aber lag auch der Weg, den fortan zu wandeln die Pflicht ihr gebot, klar und deutlich vor ihr. Sie schwankte nicht mehr, sie wußte, was sie zu thun hatte. Ohne dem Trunkenbold ein Wort zu erwidern, rief sie mit der auf dem Sophatisch stehenden silbernen Glocke den Bedienten Johann, der gewiß vor der Saalthür gewartet hatte, denn er öffnete fast unmittelbar nach dem Klingeln. »Was befehlen Fräulein?« fragte er, einen sehr bezeichnenden Blick auf den Polizei-Kommissarius werfend. »Johann, Sie werden diesen Herrn sofort aus dem Hause führen,« erwiderte Marie, welche sich zwang, kalt und ruhig zu erscheinen. – »Sollte der Herr sich weigern, Ihnen zu folgen, dann rufen Sie die Arbeiter aus dem Garten. Sie gebrauchen das Hausrecht und wenden nöthigenfalls Gewalt an.« »Donnerwetter, Fräulein! Was soll das heißen?« – schrie Wetter wüthend aufspringend. – »Wollen Sie mich zwingen, das Maul aufzuthun? Hüten Sie sich.« »Mit Ihnen habe ich nichts mehr zu schaffen!« entgegnete Marie verächtlich. »Johann, befreien Sie mich von der Gegenwart dieses Menschen.« »Na, wird's bald!« sagte Johann, dem Polizei-Kommissarius derb auf die Schulter schlagend. »Vorwärts, oder ich rufe die Arbeiter, und wir haben alle gesunde Fäuste.« Wetter war durch den unvermutheten Ausgang seines Gesprächs mit der Tochter des Präsidenten so starr vor Staunen, daß diesem selbst seine Wuth wich. Die kalte, vornehme Ruhe Mariens imponirte ihm. Trotz seiner Trunkenheit fühlte er, daß er zu weit gegangen sei. Er warf einen zweifelhaften Blick auf die stämmige Figur und die derben Fäuste Johanns. Mit diesem Gegner konnte er sich kaum im Vollbesitz seiner Kraft, viel weniger jetzt, wo er auf den Füßen schwankte, messen. Da mußte er wohl für den Augenblick sich fügen. »Ich gehe ja schon,« antwortete er. »Es war nicht so bös' gemeint, Fräulein. Ich hab' heut ein bischen 'was im Kopf, da werde ich leicht ein wenig grob. Morgen, wenn ich nüchtern bin, werde ich wiederkommen und wegen des Geldes mit Ihnen reden. Denn Geld brauche ich, da kann ich nicht helfen.« »Keine Redensarten mehr, jetzt vorwärts, marsch!« rief Johann, indem er seine Worte mit einem kräftigen Stoß begleitete. Wetter, der von der Tochter des Präsidenten nur einen verächtlichen Blick zur Antwort erhalten hatte, folgte brummend dem handgreiflichen Befehle, dem er sich nicht zu widersetzen wagte. Marie kehrte in das Krankenzimmer zurück. Sie nahm ihren Platz neben dem Bette ein. Lange Zeit schaute sie sinnend in das bleiche, abgezehrte Antlitz, in welchem sie kaum mehr die geliebten, schönen, männlichen Züge des Vaters wiedererkannte. Sie dachte an die Zukunft, an sein Wiedererwachen zum Leben. Der Arzt hatte ihr am Morgen Hoffnung gegeben, daß der Kranke genesen werde, wenn er die bald zu erwartende Krisis überstehe. Konnte sie ihm die Genesung wünschen? War es für ihn nicht ein Glück, wenn er in der Bewußtlosigkeit hinüberschlummerte ins Jenseits? Welches furchtbare Schicksal erwartete ihn, wenn er wieder zum Leben erwachte? Und sie, sein Liebling, seine Tochter mußte es ihm bereiten. Ja, sie mußte es thun, sie durfte mit dem Vater kein Mitleid haben, sie durfte nicht einmal zögern, ohne seine Mitschuldige zu werden; schmachtete doch ein Unschuldiger schon so lange im Gefängniß, weinten doch um jenen Weib und Kind und sehnten sich nach dem Vater, dem Ernährer. Sie stand auf. Noch einen zärtlichen Kuß drückte sie auf die Stirn des Bewußtlosen, eine heiße Thräne rollte auf dieselbe nieder. Dann rief sie das treue Hausmädchen, welches sie für kurze Zeit in der Krankenpflege ablösen sollte. »Ich komme in nicht zu langer Zeit zurück, sorge für den Vater,« sagte sie, Hut und Ueberwurf nehmend. Dann trat sie entschlossen den schwersten Gang an, den sie je im Leben gethan hatte. XVII. Beim Staatsanwalt. Der Staatsanwalt von Quedenau studirte sinnend ein Aktenstück; er prüfte mit der größten Aufmerksamkeit die in demselben enthaltenen Protokolle über die nach dem Einbruch beim Präsidenten Wartenberg stattgefundene Untersuchung des Gartens und des Arbeitszimmers, über die Zeugenaussagen des Bedienten Johann und des Schlossers Bernard, sowie über die seitdem erfolgten Verhöre des angeschuldigten Weinert. Quedenau war von der Schuld des früheren Zuchthäuslers überzeugt gewesen, als er die erste Anzeige von dem Einbruch und von den gegen Weinert vorliegenden schweren Verdachtsgründen empfangen hatte, und mit dem Eifer, der ihn bei jeder Arbeit rühmlich auszeichnete, bereitete er sich für die Anklage des Verbrechers vor. Seitdem aber waren ihm peinigende Zweifel darüber gekommen, ob denn auch der Gefangene wirklich schuldig sei, den tiefsten Eindruck hatte Weinerts Benehmen im Gefängniß auf ihn gemacht. Der Angeschuldigte zeigte eine Ruhe, ja eine Würde, welche nur entweder aus dem Bewußtsein der Unschuld oder aus einer unerhörten, bei einem ungebildeten Arbeiter kaum glaublichen Selbstbeherrschung hervorgehen konnte. Er antwortete einfach, klar und sachgemäß auf jede ihm vorgelegte Frage, niemals verwickelte er sich in Widersprüche und alle seine Aussagen stimmten auf das Genaueste mit den Ermittelungen überein, welche der Staatsanwalt anstellte. Seine Unterredung mit dem Präsidenten erzählte Weinert fast genau mit denselben Worten, welche der Zeuge Johann zu Protokoll gegeben hatte; aber er lächelte nur über die Deutung, welche der Bediente seinen Mienen und Blicken gegeben habe. Er behauptete den ganzen Abend und einen Theil der Nacht mit der Arbeit für den Präsidenten beschäftigt gewesen zu sein, und er berief sich hierüber auf das Zeugniß seiner Frau, die bei ihrer Vernehmung auch seine Aussagen bestätigte. Ihr Zeugnis konnte aber freilich nicht als ein vollgiltiges betrachtet werden, da sie ein zu hohes Interesse bei der Sache hatte, als daß ihre Vereidigung zulässig gewesen wäre. Auch auf den Präsidenten berief sich Weinert mit vollem Vertrauen, dessen Vernehmung aber war bei seiner schweren Krankheit unmöglich. Der Umstand, welcher den Schlosser am meisten belastete, war die Auffindung des eisernen Geldkastens auf seinem Hofe. Weinert erklärte vor dem Untersuchungsrichter und dem Staatsanwalt, daß er etwas Bestimmtes über die Art, wie der Kasten in die Düngergrube gekommen sei, nicht wisse; er habe den Verdacht, daß der Einbruch von seinem Todfeinde, seinem früheren Zuchthausgenossen, dem jetzigen Polizei-Vigilanten Sentner verübt und von diesem der Kasten in die Grube geborgen sei, und die Kriminalpolizei irre zu leiten, aber er vermochte für diese Angabe gar keine weiteren Gründe anzuführen, und sie zerfiel in sich selbst, als Sentner vernommen wurde und sein Alibi an jenem Abend so überzeugend nachwies, daß nicht einmal seine Verhaftung möglich war. Noch ein anderer Umstand sprach gegen Weinert. Die in die weiche Erde der Gartenbeete scharf eingedrückten Fußstapfen, deren Länge und Breite von den untersuchenden Polizisten gemessen worden waren, entsprachen ungefähr dem Maß der Stiefel des Schlossers. Nur erinnerte sich der Polizei-Kommissarius Habicht, daß die Fährten aus stark mit Nägeln beschlagene Stiefel schließen ließen, während das gesammte Schuhwerk Weinerts nicht einen stärkeren Nägelbeschlag zeigte, als er bei ordinärem Schuhwerk üblich ist. – Für Weinert sprach endlich sein bisheriges musterhaftes Leben und die Aussage des Schlossers Bernard, der fest bei seiner Behauptung blieb, eine so jammervolle Pfuscharbeit, wie jener ungeschickte Einbrecher, könne kein gelernter Schlosser liefern, selbst wenn er es wolle. Der Staatsanwalt von Quedenau befand sich bei dieser Untersuchung in einer peinlichen Verlegenheit. Es lagen gegen Weinert schwere Verdachtsgründe, aber nicht ein einziger Beweis vor. Weinert wußte, daß der Präsident eine bedeutende Summe Geldes in seinem Schreibtisch aufbewahrte, dies aber war nicht ihm allein bekannt, der Bediente Johann war Zeuge der Unterredung mit dem Präsidenten gewesen, dieser hatte außerdem früher häufig bei Auszahlungen in Gegenwart der Handwerker, welche Geld zu erhalten hatten, den Geldkasten im Schreibtisch geöffnet – der Bediente Johann hatte auf Befragen hierüber eine sehr bestimmte Aussage gemacht. Auch war es schon vielen Leuten bekannt, daß der Präsident Schatzmeister der Kirchenbaukasse geworden sei und daher größere Geldsummen bei sich aufbewahrte. Die Auffindung des Geldkastens auf Weinerts Grund und Boden war gewiß höchst verdächtig, möglich aber und selbst wahrscheinlich war es, daß ein fremder Einbrecher, um den Verdacht von sich abzuleiten, den Kasten dort versteckt habe. Sentner war es nicht, ein Anderer aber konnte denselben Gedanken gehabt haben. Dem widersprach freilich der Umstand, daß nur ein sehr geschickter Schlosser den Kasten, ohne das Kunstschloß zu sprengen, geöffnet haben konnte, und daß außer Weinert sich in M** kein Schlosser befand, gegen welchen ein Verdacht zulässig gewesen wäre. – Der Staatsanwalt zog alle diese Verdachtsgründe in die ernsteste Erwägung; aber sie genügten ihm nicht, um die Überzeugung von der Schuld des Angeklagten zu erhalten, ja nicht einmal; um an sie zu glauben. Es lag ein räthselhaftes Dunkel auf diesem seltsamen Einbruch, ein Dunkel, welches erhöht wurde durch die widerwilligen Aussagen, die der Präsident gemacht hatte, und durch dessen jetzige Krankheit. War es unter solchen Umständen möglich, eine Anklage gegen Weinert zu erheben? Nein, es war unmöglich. Ernst von Quedenau würde niemals seine Hand dazu geboten haben, einen Mann, den er selbst für unschuldig hielt, dem ungewissen Ausspruch der Geschworenen zu überliefern. Wie leicht konnte ein »Schuldig« den Unschuldigen für viele Jahre ins Zuchthaus senden und ihn für immer verderben. Bei Prozessen wegen Eigenthumsverletzungen sind ja die Geschworenen nur zu geneigt, Verdachtsgründe für Beweise anzusehen und das »Schuldig« auszusprechen, zumal wenn der Angeklagte ein Zuchthäusler ist. Eine Anklage konnte der Staatsanwalt mit gutem Gewissen nicht erheben, aber war es auch nur gerechtfertigt, den Angeschuldigten vielleicht noch für lange Zeit in Untersuchungshaft zu halten? Wochen, vielleicht Monate konnten vergehen, ehe es möglich wurde, den Präsidenten zu vernehmen und dabei lag nicht einmal eine Wahrscheinlichkeit vor, daß dessen Aussagen einen entscheidenden Einfluß auf den Gang der Untersuchung ausüben würden. Das Gefühl des redlichen Mannes empörte sich gegen den Gedanken, daß ein vielleicht, ja wahrscheinlich Unschuldiger noch für lange Zeit der Freiheit beraubt, daß der Ernährer seiner Familie entzogen würde, nur weil ein überdies zweifelhafter Zeuge schwer erkrankt war. Ebenso bedenklich aber erschien es, bei den vorliegenden, immerhin schweren Verdachtsgründen, Weinert zu entlassen und es ihm dadurch, wenn er der Schuldige war, möglich zu machen, für die sichere Unterbringung des geraubten Geldes zu sorgen und die Spuren seines Verbrechens, noch mehr als schon geschehen war, zu verwischen. Ernst von Quedenau wurde in dem tiefen Sinnen über einen Ausweg aus dem Labyrinth, in welchem er sich bewegte, durch das Geräusch der sich öffnenden und schließenden Zimmerthür gestört; als er sich unwillig darüber umwendete, erblickte er seine Braut. So hatte er sie noch nicht gesehen. Sie war geisterhaft bleich. Ihr dunkles Auge leuchtete in einem fast unnatürlichen Feuer, und als sie ihm die Hand reichte, brannte diese in der seinigen. »Was ist Dir, Marie?« rief er erschreckt. »Was ist geschehen? Ist der Vater kränker oder vielleicht gar – –« »Der Vater ist nicht kränker,« erwiderte Marie mit erzwungener Ruhe, aber Ernst hörte sehr wohl aus dem leichten Zittern der Stimme, daß seine Braut nur mühsam ihre Aufregung unterdrückte. »Sprich, Marie, meine liebe, theure Marie,« sagte er, sie zärtlich umfangend und sie nach dem Sopha führend, – »Du hast eine schwere Sorge auf dem Herzen. Vertraue sie rückhaltslos mir an. Wir sind ja eins für das Leben. Dein Schmerz ist mein Schmerz; ich habe ein heiliges Recht auf Dein Vertrauen.« Sie schmiegte sich an ihn. Jetzt endlich fand sie die erleichternden Thränen. Lange, lange Zeit schwieg sie, dann aber richtete sie sich auf und die Thränen trocknend sagte sie: »Habe Dank für Deine Liebe, Ernst; sie hat mich stark gemacht zur Erfüllung der Pflicht, die mich fast erdrückte. Du verlangst Vertrauen von mir! Ja, ich schulde es Dir, nicht nur Dir, meinem Verlobten, sondern Dir, dem Staatsanwalt, dem Diener des Gesetzes. Mag, nachdem der Staatsanwalt von Quedenau mich gehört hat, Ernst von Quedenau beurtheilen, ob er sein Gelöbniß, welches ich ihm zurückgebe, erfüllen darf.« »Kein Wort weiter, Geliebte, ehe ich Dir versichert habe, daß nichts mich je von Dir trennen wird. Was Du mir auch mittheilen magst, ich verspreche Dir – –« »Ich nehme kein Versprechen von Dir an, ehe Du mich gehört hast. Wenn ich die Rücksichten, die ich meinem Rufe schulde, verletze, – wenn ich Dich hier in Deiner Wohnung besuche, – so geschieht es, weil eine höhere Pflicht mich zwingt, weil ich ein Werk zu vollbringen habe, welches fast meine Kräfte übersteigt. Nicht zu meinem Verlobten bin ich gekommen, sondern zum Staatsanwalt. Er möge es mir verzeihen, wenn ich für kurze Zeit meine Pflicht vergaß, um mich in den Armen meines Geliebten auszuweinen und dadurch zu stärken für mein schweres Werk. Jetzt aber bin ich stark und gefaßt und so erkläre ich denn Ihnen, Herr Staatsanwalt von Quedenau, daß ich zu Ihnen komme, um meinen Vater, den Präsidenten Wartenberg, der Unterschlagung, des Diebstahls und der falschen Anklage gegen einen Unschuldigen zu bezichtigen und Ihnen zu sagen: thun Sie ohne Rücksicht Ihre Pflicht!« »Welche entsetzliche Anklage! Du bist krank, Geliebte! Deine Hand brennt. Dein Auge glüht. Beruhige Dich, mein liebes theures Kind. Ich werde Dich nach Hause begleiten, den Arzt rufen. Du hast Dich bei der Pflege Deines armen Vaters zu sehr angestrengt.« »Wäre es doch so! Wären es doch Fieberphantasien, die mich fast wahnsinnig machen,« sagte sie traurig. »Leider aber bin ich gesund, ich träume nicht, und was ich sage, ist die traurige Wahrheit. Hören Sie mich an, Herr Staatsanwalt!« »Sprich nicht so, Marie; nenne mich nicht Sie, nicht Staatsanwalt.« »Willst Du mir versprechen, daß Du mich hören und dann ohne Rücksicht auf meinen Vater und auf mich nur die Pflicht erfüllen willst, welche Dir als Staatsanwalt obliegt?« »Ich verspreche es Dir! Fast aber könnte ich Dir zürnen, daß Du ein solches Versprechen von mir forderst. Kennst Du mich so wenig, Marie, daß Du glaubst, irgend eine Rücksicht auf der Welt könne mich bewegen, meinen Amtseid zu brechen und meine Pflicht zu verletzen?« »Zürne mir nicht, Ernst. Höre mich an und dann erfülle Deine traurige Pflicht.« Sie erzählte, – nichts verschwieg sie ihm. Bei jener furchtbaren Nacht beginnend, in welcher sie das Geständnis ihres Vaters, daß er die Mündelgelder unterschlagen habe und nicht ersetzen könne, empfangen hatte, ließ sie von den Ereignissen der letzten Wochen nichts Wichtiges unerwähnt. Sie schilderte mit lebendigen Farben, wie sie nach dem Einbruch Verdacht gegen den Vater geschöpft habe, aber von diesem beruhigt worden sei, bis ihr endlich durch die heutige Unterredung mit dem trunkenen Polizei-Kommissarius Wetter, welche sie in allen Einzelheiten mittheilte, die Augen geöffnet worden seien. »Und so komme ich denn,« so schloß Marie ihre Erzählung, »um den verbrecherischen Vater anzuklagen, damit der Unschuldige auch nicht eine Stunde länger unverdient leide!« Ernst hatte fast schweigend die Erzählung seiner Braut gehört, nur hier und da hatte er eine kurze, trockene Frage zur Aufklärung dieses oder jenes Umstandes eingeworfen; er war ganz der Staatsanwalt gewesen, der ohne ein Zeichen des Mitgefühls der Zeugenaussage lauschte; als nun aber Marie schwieg, da ergriff er ihre beiden Hände, und ihr voll ins Auge schauend, sagte er: »Ich habe Dich geliebt mit ganzer Seele, Marie; von diesem Augenblicke an aber verehre ich Dich! Du sollst mich fortan leiten auf dem schweren Wege der Pflicht, Du sollst der Stern des Rechts sein, der mir belichtet, mich führt, wenn ich jemals kleinmüthig schwanken sollte! Deine Seelengröße, Dein Heldenmuth sollen mich begeistern, Dir nachzuahmen!« »Ernst!« »Genug, Geliebte! Was ich fühle, vermag ich nicht auszusprechen. Ich bin zu unaussprechlich glücklich und doch so traurig über Dein Leid und Deinen Schmerz. Aber fasse neuen Muth, mein liebes, theures Kind. Das tiefe Pflichtgefühl, welches Dich zum Staatsanwalt führte, damit der Unschuldige gerettet werde, hat Dich recht geleitet; ja, Du hast selbst Deinem unglücklichen, verirrten Vater dadurch vielleicht den besten Dienst geleistet. Ich werde meine Pflicht erfüllen und zwar mit voller Strenge, aber sie ist nicht so schwer für mich, nicht so traurig für Dich und nicht so verhängnißvoll für Deinen Vater, wie Du geglaubt hast. Jetzt aber ans Werk, damit der unglückliche Weinert so schnell wie möglich aus dem Gefängniß entlassen werden kann.« Er eilte an seinen Schreibtisch und setzte schnell einen Brief an den Polizei-Direktor auf. »Verehrter Herr Direktor! In einer dringenden Angelegenheit muß ich schleunigst den Polizei-Kommissarius Wetter vernehmen, ich bitte, ihn sofort nach meiner Privat-Wohnung zu beordern, dorthin auch zu gleicher Zeit einen andern, sehr zuverlässigen Beamten der Kriminal-Polizei zu senden und diesen mir für eine vielleicht sogleich nothwendig werdende Verhaftung resp. Haussuchung zur Disposition zu stellen. Die höchste Eile ist von größter Wichtigkeit! Ihr hochachtungsvoll ergebener E. v. Quedenau, Staatsanwalt.« Diesen Brief schickte Ernst durch seinen Diener an den Polizei-Direktor. »Was willst Du thun, Ernst?« fragte Marie. »Ich will den Polizei-Kommissarius Wetter in Deiner Gegenwart vernehmen. Er soll, was er Dir gesagt hat, vor mir wiederholen und es, nachdem ich es niedergeschrieben habe, durch seine Unterschrift bekräftigen. Dir gegenüber wird er schwerlich wagen, zu leugnen.« XVIII. Wetter im Verhör. Der Polizei-Kommissarius Wetter lag im süßen Mittagsschlummer, als er von einem Polizeidiener geweckt wurde und den schriftlichen Befehl des Polizei-Direktors erhielt, sich sofort, – das Wort war dreimal unterstrichen, – in die Privatwohnung des Staatsanwalts von Quedenau zu einer dringenden Vernehmung zu begeben. Murrend und fluchend kleidete Wetter sich eiligst an. Er mußte wohl gehorchen, so unangenehm ihm dies auch war, – zu einer amtlichen Vernehmung fühlte er sich gar nicht aufgelegt. Der Mittagsschlaf hatte ihn zwar ernüchtert; aber der Kopf brannte ihm. Am liebsten hätte er sich hingelegt und den ganzen Abend verschlafen, dies aber ging nun nicht, und in sehr übler Laune trat er seinen Weg an. Im Vorzimmer des Staatsanwalts traf Wetter den Polizei-Kommissarius Schmidt, einen alten, im Dienst ergrauten Kollegen, der seiner hohen Pflichttreue wegen beim Polizei-Direktor in einem sehr guten Ruf stand, gerade deshalb aber von seinen Kollegen vielfach angefeindet wurde. Wetters Laune wurde durch diese Begegnung keineswegs verbessert. – »Donnerwetter, Schmidt, – was machen Sie hier?« fragte er ärgerlich. »Wenn Sie schon hier sind, bin ich wohl überflüssig.« »Das weiß ich nicht. Ich habe Ordre bekommen, mich dem Herrn Staatsanwalt zur Disposition zu stellen, er hat mich ersucht, hier auf seine weiteren Anordnungen zu warten. Alles Uebrige geht mich nichts an.« »Ich bin zu einer Vernehmung herbeschieden. Wissen Sie nicht, um was es sich handelt?« »Geht mich nichts an. Dort kommt der Diener. Lassen Sie sich melden.« Brummend that es Wetter, er wurde gleich darauf in das Arbeitszimmer des Staatsanwalts geführt und war nicht wenig erstaunt, als er bei diesem die Tochter des Präsidenten fand. – Jetzt ahnte er, welcher Ursache seine Vernehmung zuzuschreiben war; er erkannte, daß er am Morgen bei seiner Unterhaltung mit Marie Wartenberg zu weit gegangen war. »Setzen Sie sich, Herr Wetter,« sagte der Staatsanwalt, ruhig auf einen Sessel zeigend; »wir werden wohl eine längere Besprechung haben; ehe ich sie beginne, muß ich Ihnen aber mittheilen, daß Fräulein Marie Wartenberg meine Braut, daß also der Präsident Wartenberg mein künftiger Schwiegervater ist. Dies dürfte Ihnen vielleicht bis jetzt unbekannt gewesen sein und ich halte es für meine Pflicht, Sie davon zu benachrichtigen.« Wetter athmete bei diesen Worten freier auf, sie sagten ihm ja klar genug, daß der Staatsanwalt nicht in seiner amtlichen Eigenschaft, sondern als der Bräutigam der Tochter des Präsidenten ihn zu sich beschieden habe und daß er jedenfalls beabsichtige, seinen Schwiegervater gegen eine etwaige Denunciation zu schützen. Der Polizist fühlte sich jetzt wieder sicher, er beschloß, sich auf gar keine Unterhandlungen einzulassen; hatte er doch den Präsidenten in seiner Hand. »Sie haben heut Morgen meiner Braut Mittheilungen gemacht, welche sehr eigenthümlicher Natur sind,« fuhr der Staatsanwalt fort, »ich ersuche Sie, jetzt das zu wiederholen, was Sie dem Fräulein Wartenberg über die Betheiligung des Präsidenten an dem Einbruch in seinem Hause gesagt haben.« »Fällt mir gar nicht ein!« polterte Wetter grob heraus. »Falls ich es für nöthig finden sollte, gerichtliche Anzeige über das zu machen, was ich weiß, – und dies dürfte bald genug geschehen, wenn das Fräulein nicht andere Saiten, als heut Morgen, aufzieht, – dann werde ich mich jedenfalls an einen anderen Staatsanwalt, aber nicht an den Schwiegersohn des Präsidenten wenden.« »Es ist Ihnen vielleicht nicht bekannt, daß ich die Untersuchung gegen den des Einbruchs verdächtigten Schlosser Weinert führe?« »Das geht mich gar nichts an.« »Sie irren sich. Die Sache berührt Sie näher, als Sie glauben. Aus den Mittheilungen, welche Sie dem Fräulein Wartenberg gemacht haben, geht hervor, daß der Schlosser Weinert ganz unschuldig an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen ist, daß Sie den wahren Schuldigen, den Präsidenten, kennen und den Beweis seiner Schuld führen können. Sie haben für Ihr Schweigen, Ihrem Geständniß gemäß, vom Präsidenten 100 Thaler erhalten, sich also bestechen lassen. Sie haben ferner von Fräulein Wartenberg unter der Drohung, Sie würden den Präsidenten aufs Zuchthaus bringen, von Neuem Geld gefordert. Dies ist Erpressung. Sie werden jetzt selbst beurtheilen können, ob diese Angelegenheit Sie persönlich berührt oder nicht.« Wetter befand sich plötzlich in einer Verlegenheit, auf welche er nicht vorbereitet war. Daran, daß ihm von dieser Seite her eine Anklage drohen könne, hatte er nicht gedacht. Er sah sich umstrickt mit einem Netze, aus welchem er den Ausweg nicht finden konnte. Aber seine Unverschämtheit verließ ihn nicht. Er glaubte den Staatsanwalt zu durchschauen, dieser wollte ihn offenbar nur in Schrecken setzen, um ihn von einer offiziellen Denunciation des Präsidenten abzuhalten; aber dies sollte ihm nicht gelingen. Für ein so einfältiges Manöver war der Wetter zu schlau. »Gut ausgesonnen!« sagte er höhnisch. »Darf ich vielleicht fragen, ob der Herr Staatsanwalt als solcher oder als der Schwiegersohn des Präsidenten sprechen?« »Der Staatsanwalt spricht mit Ihnen!« erwiderte Quedenan mit unveränderter Ruhe. – »Der Schwiegersohn des Präsidenten hat bis jetzt mit dieser Angelegenheit nichts zu thun. – Ich fordere Sie nochmals auf, mir unumwunden Mittheilungen über alles, was Sie von dem Einbruch wissen, zu machen. Noch sind Sie der Zeuge, den ich vernehme. Ob es im Interesse der Staatsregierung liegen kann, die Anklage wegen Bestechlichkeit und Erpressung gegen Sie zu erheben, wird mit von Ihrer Aufrichtigkeit abhängen. – Weigern Sie sich noch ferner, die von Ihnen geforderte Zeugenaussage abzugeben, dann haben Sie Ihre sofortige Verhaftung und eine Haussuchung zu gewärtigen; der Polizei-Kommissarius Schmidt wartet zu diesem Zweck im Vorzimmer auf meine Befehle. Daß der Verhaftung und Haussuchung die Anklage auf dem Fuße folgen muß, versteht sich wohl von selbst!« »Gut! Ich werde sprechen; aber vergessen Sie nicht, Herr Staatsanwalt, daß ich dann auch die Protokollirung meiner Aussage und die Einreichung des Protokolls zu den Akten fordere, daß damit das Zuchthaus sich für den Herrn Präsidenten öffnet, daß er der Unterschlagung, des gewaltsamen Diebstahls und der falschen Denunciation angeklagt werden wird.« »Sie dürften sich in dieser Beziehung irren. Kein Gesetz verbietet es einem Staatsbürger, in seiner eigenen Wohnung durch das Fenster zu steigen und seinen eigenen Geldkasten herauszuheben, – ein Einbruch also liegt nicht vor, ebenso wenig eine Unterschlagung, denn Niemand ist geschädigt worden, die Kirchenbaukasse hat die dem Präsidenten anvertrauten Gelder unverkürzt zurückerhalten und darüber quittirt, von einer falschen Denunciation gegen den Schlosser Weinert kann endlich gar nicht die Rede sein, da der Präsident vor seiner Erkrankung ausdrücklich vielfach erklärt hat, Weinert sei unschuldig an dem Einbruch, und da er niemals eine Denunciation eingereicht hat.« »Ach, ich sehe schon! Die kleinen Diebe hängt man, die großen läßt man laufen!« rief Wetter tief erbittert aus. – »Es liegt etwas Wahres in Ihren Worten,« fuhr der Staatsanwalt mit unverwüstlicher Ruhe fort. »Da Sie dies einsehen, werden Sie gut thun, durch ein offenes Geständniß dafür zu sorgen, daß Sie nicht gehängt werden, das heißt, daß Ihre vorgesetzte Behörde von einer Anklage gegen Sie im Staatsinteresse Abstand nehmen könne. Zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen übrigens mittheilen, daß das Protokoll Ihrer Vernehmung noch heut dem Justizminister zur Entscheidung darüber, ob eine Anklage gegen den Präsidenten erhoben werden soll, mitgetheilt werden wird. – Meine erste Pflicht ist, dafür zu sorgen, daß der unschuldig Verdächtigte seiner Haft entlasten werde, meine zweite Pflicht geht dahin, eine Untersuchung, in der ich selbst als Schwiegersohn des Präsidenten Partei bin, anderen Händen zu übertragen. Sie wissen jetzt, was Sie zu erwarten haben und ich stelle Ihnen zum letzten Male die Frage: Wollen Sie freiwillig alles, was Sie über jenen Einbruch wissen, zu Protokoll erklären? Wollen Sie die Beweisstücke, die Sie nach den dem Fräulein Wartenberg gemachten Mittheilungen in Händen haben, dem Gericht übergeben? – Bedenken Sie wohl, was Sie thun; Ihre Antwort ist entscheidend.« »Versprechen Sie mir, daß gegen mich keine Anklage erhoben werden wird, wenn ich – –« »Ich habe kein Recht, irgend etwas zu versprechen, da Ihre Vernehmung, oder wenn diese nicht erfolgen kann, der Hafts- und Haussuchungsbefehl gegen Sie meine letzte Amtshandlung in dieser Angelegenheit sein wird; aber ich rathe Ihnen zur strengsten Aufrichtigkeit.« Wetter fühlte, wie die Maschen des Netzes, in welchem er gefangen war, sich immer enger um ihn legten, er sah ein, daß kein Entrinnen möglich sei. Er überlegte. Wenn er offen alles mittheilte, was er wußte, dann konnte seine Aussage nur in dem Falle gegen ihn benutzt werden, wenn gegen den Präsidenten ebenfalls ein Prozeß eingeleitet wurde; er war aber überzeugt, daß dies nicht geschehen würde. Aus diesem Grunde entschloß er sich, die Wahrheit zu sagen. Während der Staatsanwalt seine Aussagen niederschrieb, gab er eine genaue Erzählung der von ihm gemachten Entdeckungen, er hob schließlich besonders hervor, daß bei seiner Unterredung mit dem Präsidenten dieser ausdrücklich von ihm gefordert habe, die Unschuld des Schlossers solle konstatirt werden, daß er aber aus Furcht vor einer Entdeckung auf diesen Wunsch nicht eingegangen sei. Durch diese letzte Erklärung hoffte Wetter wesentlich zur Niederschlagung der Untersuchung gegen den Präsidenten beizutragen. Nachdem das Protokoll von Wetter unterschrieben worden war, entließ diesen der Staatsanwalt. Der Polizei-Kommissarius Schmidt erhielt Befehl, seinen Kollegen nach dessen Wohnung zu geleiten, von ihm die im Protokoll erwähnten Beweisstücke, die Ueberschuhe, die Stemmeisen, den Hammer und das Pechpflaster, in Empfang zu nehmen und dieselben sofort dem Polizei-Direktor zu überbringen. »Dein edles Werk ist nun vollendet, theure Marie,« sagte Quedenau, nachdem er den Polizei-Kommissarius entlassen hatte. »Durch dieses Protokoll wird die Schuld Deines Vaters und die Unschuld Weinerts überzeugend festgestellt. Ich eile jetzt zum Polizei-Direktor. Weinert soll sofort seiner unverdienten Haft entlassen werden, dann aber fahre ich mit dem Polizei-Direktor nach St**, um noch heut dem Justizminister Vortrag über diese ganze Angelegenheit zu halten. Mag er bestimmen, was weiter geschehen soll. Hoffe, meine theure Marie; ich bin überzeugt, Du wirst die Genugthuung haben, daß Du den Unschuldigen gerettet hast, ohne Deinen Vater zu verderben.« Er führte die Braut nach dem Hause des Vaters zurück, wo sie am Krankenbett ihren Platz wieder einnahm, während er selbst den Polizei-Direktor aufsuchte und ihm die Aussage Wetters mittheilte. XIX. Das Ende. »Nun ist's genug, Heinrich! Heut darfst Du nicht mehr arbeiten. Du mußt den Hammer ruhen lassen und Dich anziehen. Wir wollen zusammen vor die Stadt gehen und im Bürgergarten einen vergnügten Abend feiern, ich habe es unserm Fritzchen versprochen, denn heut ist ein Festtag.« Der Schlosser ließ wirklich den Hammer ruhen; er schaute seinem reizenden Weibchen, welches im sonntäglichen Putz vor ihm stand, heiter in das blaue Auge. »Heut ist ein Festtag, Lieschen?« fragte er freundlich. »Was fällt Dir ein? Dienstag ist's und noch nicht 5 Uhr. Die Arbeit drängt, und wenn ich jetzt schon mit Dir gehe, dann feiern auch die beiden Gesellen und der Bursche.« »Sie sollen auch feiern und sich obenein einen lustigen Abend machen, dazu bekommt jeder von nur einen halben Thaler, heut und alle Jahre an diesem Tage. Hast Du es denn ganz vergessen, Du böser Mensch? Heut vor einem Jahr war es um diese Zeit, da tratest Du plötzlich zu mir in die Stube: »Ich bin frei, Lieschen, frei, als unschuldig befunden, der Herr Staatsanwalt hat es mir selbst gesagt!« so riefst Du und dann tanztest Du mit mir und dem Fritzchen durch Stube, Werkstatt und Hof, bis wir keinen Athem mehr hatten und der Kleine zu schreien anfing.« »Richtig, Lieschen, heut ist's jährig. Da hast Du Recht, den Tag müssen wir feiern!« »Das wollt ich meinen! Mit dem Tage begann unser Glück. Was bekamen wir gleich für eine schöne Kundschaft. Wir hätten es wohl auch in M** zu etwas gebracht, so weit aber wären wir sicher nicht gekommen, wie hier in V***. Und alles verdanken wir dem guten Herrn Präsidenten.« »Den Hut ab vor dem Herrn Präsidenten!« sagte Weinert ernst. »Solch' ein herrlicher Mann! Nie glaubt er genug für mich thun zu können, weil ich ein Paar Tage unschuldig des Einbruchs wegen gesessen habe. Was konnte er wohl dafür, daß der Zufall so sonderbar gespielt und der Sentner – denn kein Anderer war es, das lasse ich mir nicht nehmen – den eisernen Geldkasten bei uns versteckt hatte! Und noch heut peinigt es den braven Mann, daß ich seinetwegen gesessen habe. Sieh', da kommt er eben, Lieschen. Spring' mit dem Fritzchen vor die Thür. Wenn er Dich und das Kind sieht, dann lächelt er mitunter, und ein Lächeln ist ihm wohl zu gönnen, dem armen, traurigen, kranken Herrn.« Lieschen ließ sich das nicht zwei Mal sagen. Sie nahm ihren Knaben auf den Arm und trat vor die Thür der Werkstatt, um den Herrn Präsidenten, den Weinerts scharfes Auge schon von fern erkannt hatte, zu begrüßen. Welche furchtbare Veränderung hatte ein einziges Jahr hervorgebracht! Vor einem Jahr war der Präsident noch ein blühender, schöner, vollkräftiger Mann gewesen, jetzt war er ein schwacher, abgelebter, dahinsiechender Greis, – die hohe Gestalt war zusammengesunken, die Züge waren erschlafft, der Glanz des Auges erloschen. Nach dem plötzlichen Schlage, der ihn vor einem Jahre getroffen, hatte er sich nie wieder erholt. Viele Wochen hatte er im heftigen Fieber, treu gepflegt von seiner Tochter, auf dem Krankenbett gelegen. Als er endlich zum Bewußtsein erwacht und soweit hergestellt war, daß er das Bett verlassen konnte, erfuhr er durch Ernst von Quedenau die Vorgänge der letzten Wochen. Durch eine königliche Kabinets-Ordre war der Staatsanwaltschaft und dem Polizei-Direktorium anbefohlen worden, jede weitere Nachforschung nach dem Urheber des Einbruchs zu unterlassen. Eine zweite Kabinets-Ordre ertheilte dem Präsidenten Wartemberg den Abschied ohne Pension; schon seit Wochen war sein Nachfolger ernannt und im Amte. Der Präsident beugte sich der Strafe, die er als eine zu milde anerkannte; härter war die, welche er sich selbst auferlegte. Er vermochte es nicht mehr, seiner Tochter ins Auge zu schauen, er fühlte, daß sie ihn verachten müsse. Wenn sie ihn mit der treuesten Liebe und Sorgfalt gepflegt hatte, wenn sie sich gegen ihn ebenso zärtlich und gehorsam zeigte, als früher, so folgte sie doch nur dem Gebote der Pflicht. Achtung konnte sie dem verbrecherischen Vater nicht mehr zollen. Der Aufenthalt in M** wurde dem Präsidenten unerträglich. Vor der Tochter schämte er sich und den Bekannten wich er, als er das erste Mal zu einem kurzen Spaziergange sein Haus verließ, aus. Er wußte durch Ernst von Quedenau, daß zwar keine genauen Nachrichten über den Grund seiner Entlassung aus dem Staatsdienst in das Publikum gedrungen waren, daß aber gerade deshalb sich seltsame, widersprechende Gerüchte kreuzten, daß sein Ruf in M** und in der Residenz für immer rettungslos verloren sei. Er beschloß, M** zu verlassen. Nachdem er alle seine Schulden bezahlt und seiner Tochter eine Mitgift ausgesetzt hatte, gab er Quedenaus Wunsch nach. Er wohnte noch der Hochzeit seiner Tochter bei, dann zog er nach der hübschen Gebirgsstadt V***. Hier kaufte er ein schönes Häuschen, in dem er eine reich ausgestattete Schlosserwerkstatt einrichten ließ; – er schenkte sie dem fleißigen Weinert, den er auch mit Kapital für den Anfang des Geschäfts unterstützte. Weinert erhielt auf seine immer noch wirksame Empfehlung die Arbeit für die Behörden und die nahe Eisenbahn und legte den Grund zu einem blühenden Geschäft. Seit nun fast neun Monaten führte der Präsident in V** ein einsames, freudenloses Leben. Nie wagte er es, in der Gesellschaft der kleinen Stadt zu erscheinen, er mußte ja fürchten, daß ihm sein Ruf von M** nachfolgen und ihn von den Kreisen, in die er leicht Eintritt gefunden hätte, wieder ausschließen werde. Nur eine Erholung gönnte er sich, täglich einen kurzen Spaziergang, den er stets so einzurichten wußte, daß er ihn vor Weinerts Werkstatt vorbeiführte. Wenn dann die schöne junge Frau ihm mit dem Kind auf dem Arm entgegentrat und ihn mit einem glückseligen Lächeln begrüßte, dann wurde ihm ein wenig wohler im Herzen, er freute sich des Glückes, welches er dieser Familie geschaffen hatte. Seine Kinder hat der Präsident nie wiedergesehen. Er weigerte sich, ihren Besuch zu empfangen oder sie in der Residenz, wohin Ernst von Quedenau bald berufen wurde, zu besuchen. »Ich habe kein Recht,« – so schrieb er Marien, – »Dir offen in Dein reines Auge zu schauen; das Glück, Dich und Deine Kinder zu sehen, in dem geliebten Kreise leben zu dürfen, habe ich verwirkt.« Alle Bitten der Tochter, diesen Entschluß zu ändern, waren vergeblich. – Der Präsident lebte noch einige Jahre in V** als ein einsamer, trauernder Mann, der mit dem Glück abgeschlossen hatte. An seinem letzten Krankenlager saß als seine treue Pflegerin Frau Weinert, die dem scheidenden Wohlthäter weinend das gebrochene Auge zudrückte.