Ernst Willkomm Die Familie Ammer – Erste Abtheilung. Der Herrnhuter. Deutscher Sittenroman Erstes Buch. Erstes Kapitel. Die Brüder. Neben der kleinen weißgetünchten Kapelle am Kreuzwege standen zwei Schiebkarren mit Linnen beladen und durch einen Ueberzug von grauer ungebleichter Leinwand gegen Staub und Regen geschützt. Zur Seite sprudelte ein starker Quell, von unbehauenen Granitblöcken eingefaßt. Das helle Wasser rieselte als rascher, murmelnder Bach eine begrünte Bergbahn hinab, die weiter unten ein romantisches, mit allerhand Laub- und Fruchtbäumen bewachsenes Thal bildete. Zu beiden Seiten ordnungslos zerstreut wurden strohbedeckte Häuser eines ansehnlichen Dorfes sichtbar, in dessen Mitte aus hohen Ulmen und Linden eine Kirche sich erhob, deren eigenthümlich geformter Thurm schon erkennen ließ, daß hier katholische Christen wohnten. In der Ferne schimmerte aus fruchtbarem und reich angebautem Thale das blitzende Silberband eines mittelgroßen Flusses, dessen Lauf man weithin zwischen üppigem Wiesengrün und Gebüsch verfolgen konnte. Ortschaften von verschiedener Größe breiteten sich in der Niederung aus und bedeckten zum Theil auch die Höhen des Flußthales. Ganz in der Tiefe, enger zusammengefaßt, lagerte ein kleines Landstädtchen, und über den bewaldeten Höhen des zur Linken sich verengenden Flußthales leuchteten die vergoldeten Kreuze eines Klosters. Gegen Süden ward die Gegend gebirgig, die Aussicht aber von schwarzbewaldeten Bergzügen beengter. Wir befinden uns auf einem Stück deutscher Erde, wo vor zwei Jahrhunderten erbitterte Kämpfe stattfanden, nämlich auf der Grenzscheide zwischen Sachsen und Böhmen. Damals war alles Land in jener Gegend weit umher protestantisch, jetzt tauchen überall, mitten zwischen protestantischen Ortschaften die kupfergedeckten, eigenthümlich ausgeschweiften Thurmzinnen katholischer Gotteshäuser auf, eine Folge der Gegenreformation, welche nach der Schlacht am weißen Berge die siegreichen Krieger Kaiser Ferdinands II. mit eiserner Consequenz in Böhmen, Schlesien und den Lausitzen durchführten. Seit jenen denkwürdigen Tagen haben sich bis auf unsere Gegenwart in jenem Grenzlande, das größtentheils den Schauplatz unserer Erzählung bilden wird, mitten in der protestantischen Bevölkerung, eine Anzahl katholischer Enclaven erhalten. Zwei junge Burschen von neunzehn und zwanzig Jahren saßen auf der Steineinfassung des Bergquells und verzehrten mit dem gesunden Appetit der Jugend große Stücke Schwarzbrod, die sie mit dem klaren kühlenden Quellwasser befeuchteten. Sie sahen kräftig aus und trugen die damals übliche einfache Kleidung der Landleute jener Gegend – kurze Beinkleider von schwarzem Sammet, eine Jacke von gestreiftem Kattun und niedrige, runde Schirmmützen. Als sie ihre frugale Mahlzeit beendigt hatten, klappten sie ihre Einschlagmesser zu, schöpften noch einen frischen Trunk aus der Quelle und weideten sich an dem heitern, erquickenden Landschaftsbilde, das vor ihnen lag. Vom nahen Dorfe herauf klang harmonisches Glockengeläut. Die Katholischen müssen einen Feiertag haben, Fürchtegott, sagte der Aeltere der beiden Burschen zu seinem Bruder. Ich dachte mir's gleich, als ich das Marienbild in der Kapelle mit buntem Flitterwerk umsteckt und Niemand auf dem Felde beschäftigt sah. Ich möcht' schon wissen, wie die Leute hier und drüben in Böhmen bei ihren vielen Feiertagen mit der Feldarbeit zu Stande kommen. Vermuthlich helfen ihnen die Heiligen, die sie so hoch in Ehren halten, versetzte Fürchtegott, eine spöttische Miene ziehend, denn er machte gern' über Alles seine Glossen und sein nur auf's Praktische gerichteter Sinn hielt wenig von Beten und Singen. Irgendwo muß aber der Segen doch stecken, sagte Christlieb, denn wenn die katholischen Dörfer auch kein stattliches Aussehen haben, fehlt's ihren Bewohnern doch nirgends am Besten. Auch nicht an Bettelleuten, fiel Fürchtegott ein. Frag' nur einmal herum auf Jahrmärkten und Kirchweihfesten, wo das viele Bettelvolk herkommt – die Musikanten gar nicht mitgerechnet – und ich will meine Pathengeschenke verlieren, wenn du unter zehn nicht mindestens acht findest, die anstatt »guten Tag« zu sagen, mit »Gelobt sei Jesus Christ!« dich grüßen. Ja, 's ist ein rechtschaffener Plack, der, wenn man's recht bedenkt, gar nicht geduldet werden sollte. Es sollte überhaupt vielerlei nicht geduldet werden und Manches nicht einmal geben, sprach Fürchtegott, sein Messer nochmals hervorholend und es heftig auf dem Granit wetzend. Was ist denn dir nicht recht, Bruder? Mir? I nu, ich habe schon eine gute Weile das Herumkutschiren mit dem Schiebebocke satt. Geht uns 'was dabei ab? Wenn auch nicht, es will mir doch nicht gefallen, weil's eigentlich für uns gar nicht mehr paßt. Der Vater hat's auch gethan, sagte Christlieb, und es ist ihm dabei kein Stein aus der Krone gefallen. Willst du 'was Besseres sein? Wir brauchen's nicht, und was Einer nicht braucht, das soll er lassen, erwiderte Fürchtegott. Sieh dich 'mal um unter den andern Webern, Bruder; wo findest du noch einen, der seine eigenen Söhne mit dem Schiebebocke fünf Meilen weit auf die Bleiche schickt? Das mag sein; der Vater ist nun einmal nicht hochmüthig. Er selbst arbeitet von früh bis in die Nacht wie der Geringste, und es freut ihn, daß ihm Gott die Arbeit segnet. Er ist der reichste Weber im Lande, sagte Fürchtegott, seine Mütze ärgerlich auf den Rasen werfend, und wir, seine Söhne, wir müssen uns auf den abscheulichen Waldwegen mit dem Schiebkarren abplacken, als wären wir die armseligsten Tagelöhner. Das weiß ich, kann ich erst einmal auf eigene Faust die Weberei treiben, so wird Nicht mehr gegangen – ich fahre. Laß das gut sein, Bruder, versetzte Christlieb. Das Geschäft versteht der Vater, und hätte er's nicht zusammengehalten sein Lebtage, müßten wir wohl auch noch hinter'm Webstuhle sitzen und für Lohn den »Schützen« schieben. Kommst du Sonntags auf den Tanzboden, so geht's Hänseln los, sagte Fürchtegott mürrisch, und wenn mich noch einmal Einer mit der einrädrigen Karrete aufzieht, wie letzthin, so gibt's eine richtige Schlägerei. Unserem Alten sollen dann die Augen nicht schlecht übergehen, wenn er die Kosten bezahlen muß. Warum gehst du hin, erwiderte Christlieb. Gerne hat's weder Vater noch Mutter. Ich bin und mag kein Duckmäuser sein, sagte Fürchtegott. Muß ich mich die ganze lange Woche hindurch plagen, ohne etwas Anderes davon zu haben, als hämische Gesichter und süßsaure Redensarten, so will ich mich wenigstens Sonntags lustig machen für meine paar Batzen. Ammer's Jüngster soll respectirt sein. Das Gespräch der beiden Brüder ward jetzt durch den Hufschlag eines langsam trabenden Pferdes unterbrochen. Umhüllt von einer Wolke aufwirbelnden Staubes kam ein Reiter den Waldweg vom Gebirge her, der an der kleinen Kapelle die besuchte, nach Schlesien führende Straße kreuzte. In geringer Entfernung von dem Feldbrunnen zügelte der Reiter seinen Klepper, ritt im Schritt bis an die Kapelle und lüftete ein wenig den Hut, ob vor dem Muttergottesbilde oder um sich Kühlung zu verschaffen, war nicht zu errathen. Dabei bemerkte er die am Brunnen ausruhenden Brüder und die seitwärts stehenden, schwer beladenen Schiebkarren. Der Reiter hielt jetzt seinen nicht eben sehr feurigen Klepper vollends an und grüßte die Brüder ungemein freundlich. Viel warm heute, liebe Brüder, sprach der Reiter, sich gewandt aus dem Sattel schwingend und das Pferd am Zügel haltend, indem er sich dem Feldquell näherte. Woher des Weges? Etwa aus dem Lauban'schen? Dabei zog er aus der Tasche seines weiten braunen, sehr abgetragenen Rockes einen silbernen Becher, schöpfte Wasser aus dem Brunnen und schlürfte das erquickende Naß mit großem Behagen. Grüß' Sie Gott, Herr Wimmer, erwiderten beide Brüder zugleich, die nachlässig hingeworfene Frage des Reiters beantwortend. Was suchen Sie denn hier an der Grenze? Der Fremde schwenkte den Becher in der Luft aus und steckte ihn wieder zu sich. Ein zweideutiges Lächeln lief über sein hageres, fahlgelbes Gesicht, dessen tiefe Furchen und Runzeln ein innerlich vielbewegtes Leben verriethen. Christenpflicht, liebe Brüder, versetzte Wimmer, dessen ganzes Benehmen den Herrnhuter nicht verleugnen konnte. Ein lieber Geschäftsfreund, mit dem ich schon so manches Jahr Gewinn und Verlust ehrlich getheilt habe, ist von einem böhmischen Handelsmanne arg betrogen worden, und da hab' ich unter der Hand gehorcht, was sich wohl thun lassen möchte, um den Schalk zu bestrafen. Glaubt mir, liebe Brüder, es ist jetzt eine böse Zeit! Die Unredlichkeit nimmt gar zu sehr überhand. Das Wort eines Mannes gilt nicht viel mehr als gar nichts. – Wie geht's dem Herrn Vater? Christlieb gab darüber die nöthige Auskunft, da er den reichen Handelsherrn als einen Freund seines Vaters kannte. Wimmer hörte dem Bericht kopfschüttelnd zu, dann und wann seinen niedrigen breitkrämpigen Hut bald rechts, bald links, bald nach vorn, bald nach hinten schiebend, und mit seiner Reitgerte auf die blank gewichsten Stulpstiefeln schlagend. Nun, wie ich sehe, sprach er, bleibt der Herr Vater noch immer seinen alten Grundsätzen treu. Die lieben Söhne müssen wacker die Hände rühren, mit wenigen Groschen in der Tasche in die Welt gehen und sich ihr Brod im Schweiße ihres Angesichtes verdienen, wie der Herr es geboten – ein richtiger Altlausitzer, wie sie alle Tage rarer werden, seit wir das neue Jahrhundert schreiben. Aber freilich, freilich – wie geht's der Frau Mutter? unterbrach er sich plötzlich, ein paar Mal hüstelnd. Doch immer frisch auf – wie? – Alert, wie vor zwanzig Jahren, als ich das erste Liebesmahl mit ihr theilte – wie? Auch dieser Erkundigung genügte Christlieb, worauf der Herrnhuter fortfuhr: Apropos, was ich sagen wollte. Wie viele Male des Jahres müßt ihr denn so brüderlich einträchtig, so kindlich gehorsam, wie's unter Geschwistern immer sein sollte, in die Bleiche fahren? Wimmer wischte sich hierbei mit umgekehrter Hand eine Thräne der Rührung über das seltene Glück der Familie Ammer aus den Augen und lüftete den Hut, diesmal, wie es schien, wirklich vor dem Marienbilde in der Kapelle. Es kommt darauf an, ob viel oder wenig Bestellungen einlaufen, versetzte Christlieb. Sie wissen, Herr Wimmer, daß unser Vater bloß auf feste Bestellungen arbeitet, nie auf Speculation. Er will nur Weber, nicht Kaufmann sein, und da ist's freilich nicht immer gleich. Durchschnittlich können wir aber doch annehmen, daß monatlich einmal die Bleiche von uns besucht wird. Das weiß Gott und der heilige Nepomuk! fiel Fürchtegott ein. Und Sie mögen's glauben, Herr Wimmer, ist die Webe fertig, so müssen wir arme Teufel über Hals über Kopf fort, mag's nun Keulen schneien oder Ziegenböcke regnen. Ja, ja, sagte lächelnd der Herrnhuter, ich kenne meinen liebwerthen Freund. 's ist, so zu sagen, ein grausam pünktlicher Mann. – Die Zeitungen lest ihr wohl nicht regelmäßig, liebe Brüder? Meinen Sie's Wochenblatt? fragte Christlieb. Das können Sie Sonnabends Nachmittags zwischen zwei und drei allemal bei uns finden. Und die wirklichen politischen Zeitungen? forschte Wimmer, beide Brüder immer mit halb gutmüthigem, halb hämischem Lächeln von der Seite anschielend. Ist denn ein Wochenblatt keine wirkliche Zeitung? versetzte Christlieb ärgerlich. Es lesen's doch alle Rathsherren, auch ist's privilegirt, wie nur 'was Rechtes in Deutschland privilegirt sein kann. Nein, lieber Bruder, ein Wochenblatt ist keine richtige Zeitung, sondern bloß eine schlecht nachgemachte, erwiderte Wimmer. Aber ich hätte mir's denken können – hätte mir's denken können, fügte er hinzu, abermals den Kopf schüttelnd, den Hut vom linken auf's rechte Ohr schiebend und die Stulpenstiefeln mit seiner Reitpeitsche klopfend. Es ist recht schade, daß ihr keine ordentliche Zeitung lest. Fürchtegott ward ungeduldig. Ihn ärgerte das Heimlichthun des Herrnhuters und doch wollte er gern wissen, weßhalb der erfahrene Handelsmann ihre Unkenntniß der Zeitungen bedauerte. Stehen denn so wichtige und ergötzliche Dinge in den Zeitungen, verehrter Herr Wimmer? fragte er, sein letztes Stück Schwarzbrod dem schnuppernden Pferde vorhaltend. Der Herrnhuter ließ einen scharfen Blick auf den Neugierigen fallen und sagte mit seiner ewig lächelnden Miene und mit sanfter, milder Stimme: Ergötzlich sind die Zeitungen selten, wichtig immer und ein Kauf- oder Geschäftsmann, liebe Brüder, kann eigentlich ohne sie gar kein vernünftiges Leben führen. – Ja, wenn euer Herr Vater speculativ wäre und nicht so eingefroren in tausend veraltete Gewohnheiten und Grundsätze, da ließe sich ein Geschäft machen, das leicht doppelten und dreifachen Gewinn abwerfen könnte. Der Vater ist aber bloß Weber, bemerkte Fürchtegott. Weber hin, Weber her, entgegnete der Herrnhuter, zu Geschäften gehört weiter nichts, als Geld und Verstand. Das Erste hat mein Freund Ammer, und zum Zweiten – Nun – zum Zweiten? fragte Fürchtegott. Würden sich, falls er selbst keine Lust zur Leitung des Geschäfts haben sollte, andere umsichtige Leute finden. Wie wär's zum Beispiel mit euch Beiden? Hätte Keiner Lust, den Schiebkarren mit der Schreibstube oder unter besonders günstigen Verhältnissen mit einem Schiffe zu vertauschen? Auf der Stelle, Herr Wimmer, sagte Fürchtegott. Bringen Sie unsern Vater dazu, daß er Andere in die Bleiche schickt, und Sie sollen mit mir machen können, was Sie wollen. Brav, brav, mein lieber Bruder, sprach Wimmer. Das hat Muth, das hat Unternehmungsgeist, das kann es zu 'was bringen in der Welt! – Wißt ihr, wo Amerika liegt? Ein paar tausend Meilen über'm großen Wasser, versetzte Christlieb, dem diese Wendung des Gespräches nicht sonderlich gefiel. Ist wieder Krieg in Amerika? O nein, sagte der Herrnhuter, kein Krieg, in dem sich die lieben Brüder mit den Waffen tödten, nur mit den Waffen des Geistes kämpft man dort, und die hohe, aber auch schwere Kunst, Speculation geheißen, gilt dort für die edelste und unschätzbarste aller Künste. Kann uns das 'was nützen in der alten Welt? fragte Fürchtegott. Wenn wir dreierlei Dinge haben, ja! Diese Dinge heißen: Geld, Muth und Handelsklugheit. O wäre ich doch an Ihrer Stelle, Herr Wimmer, rief Fürchtegott aus, wie bald wollte ich mir die amerikanische Speculation, wie Sie sagen, zu Nutze machen. Du wünschest dir etwas sehr Unkluges, lieber junger Bruder, erwiderte der Herrnhuter mit seinem stereotypen süßlichen Lächeln. Vielmehr möchte ich in deinem oder deines Bruders Alter stehen, und es sollte mir, so Gott meine Arbeit und mein Gebet segnen wollte, gewiß nicht fehlen! Sie machen uns neugierig, Herr Wimmer, sprach Christlieb, der jetzt auch nicht mehr zweifeln konnte, daß der umsichtige Handelsherr, dessen Verbindungen mit Amerika schon längst kein Geheimniß mehr waren, irgend eine wichtige Unternehmung im Schilde führen möchte. Wir freilich können nichts thun, da wir weder mündig sind, noch eigenes Vermögen besitzen; wenn Sie aber wirklich glauben, es sei mittelst größerer Capitalien und Handelsklugheit ein bedeutender Vortheil zu erringen, so möchten wir Sie bitten, uns einige Winke zu geben. Vielleicht ließe sich der Vater unter der Hand doch zur Theilnahme bewegen. Ja, Herr Wimmer, sprechen Sie, bat jetzt der lebhaftere Fürchtegott, und hat's eine haltbare Seite, so verlassen Sie sich auf uns. Ich halt' es für ein offenbares Glück, daß ich euch so zufällig begegne, sagte Wimmer nach kurzem Ueberlegen. Manchmal ist der Zufall ein sichtbarer Wink des Schöpfers. Wißt denn, liebe Brüder, ein Weber, der sein Geschäft versteht, ist heut zu Tage der glücklichste Mensch, wenn er die Sache recht angreift. Sein Handwerk still vor sich hintreiben, mag ganz lobenswerth sein, allein es hilft nur langsam fort und führt zu einem sehr kleinen Ziel. Speculirt dagegen ein wohlhabender Weber, tritt er mit redlichen Freunden in Verbindung und versteht er zu rechter Zeit mit Vorsicht zu wagen, so muß er in kurzer Frist ein Millionär werden. Ein Millionär! rief Fürchtegott. Bruder, das wäre gerade, was ich wünsche. Da hätte die verdammte Schiebekarrenreiterei ein Ende. Ein paar zuverlässige sehr liebe Freunde in New-York und New-Orleans, mit denen ich schon seit Jahren in Verbindung stehe, fuhr Wimmer fort, haben mir im Vertrauen geschrieben, daß mit ächten Leinenwaaren in Amerika große Geschäfte zu machen sind. Leider bin ich nicht selbst Producent, ich muß mich auf Andere verlassen, kann nur in Verbindung mit Andern überseeische Geschäfte eingehen. Nun weiß ich aber aus Erfahrung, daß euer wackerer Herr Vater der zuverlässigste Mann unter der Sonne ist, die solideste Waare liefert und, wenn er's einmal mit der Speculation versuchen wollte, durch Vermehrung seiner Webstühle leicht eine große Menge Waare liefern könnte. Man rüstete ein eigenes Fahrzeug aus, befrachtete es mit eigenen Linnen, schickte es hinüber nach Amerika und verkaufte die Ladung dort um den doppelten Preis. Das gäbe schon ansehnliche Fonds, mit denen sich weitere Unternehmungen machen ließen, was dann eine feste Verbindung zur Folge hatte und zur Begründung eines überseeischen Handelshauses unter der Firma »Ammer und Söhne« unausbleiblich führen müßte. Wie gefällt euch der Vorschlag? Herr Wimmer, versetzte Fürchtegott, ich will Ihnen auch einen Vorschlag machen. Besuchen Sie unsern Vater in einigen Tagen. Inzwischen wollen wir ihm die Sache vortragen. Daß er gleich darauf eingehen wird, glaube ich zwar nicht, indeß läßt er sich doch vielleicht bereden, und gelingt nur der erste Versuch, so findet sich wohl später die Lust von selbst. Du scheinst mir ein kaufmännisches Genie zu sein, sagte der schlaue Herrnhuter. Ich finde, daß du Recht hast, und werde in nächster Woche bei meinem alten lieben Freunde vorsprechen. Seid inzwischen nicht unthätig, aber fein vorsichtig. Euer Vater ist ein wackerer, nur etwas allzu vorsichtiger, um nicht zu sagen argwöhnischer Mann. Er mag die Neuerungen nicht leiden, obwohl Handel und Wandel einzig und allein durch Neuerungen gedeihen können. Ueberlegt, was ich euch gesagt habe, und seid überzeugt, daß ich nur euer Bestes will. Den Schiebkarren können andere Leute in die Bleiche fahren. Junge Menschen von Kopf müssen die Feder in die Hand nehmen. Da lassen sich mit ein paar Worten, zu rechter Zeit geschrieben, Tausende gewinnen. – Nun Gott befohlen, liebe Brüder! Es ist jetzt Zeit, daß ihr euch wieder auf den Weg macht, wenn ihr noch vor Sonnenuntergang nach Hause kommen wollt. Dann grüßte der Herrnhuter, schwang sich in den Sattel und trabte langsam den zum Thal führenden Weg hinunter in das Dorf. – Fürchtegott war durch diese Unterredung mit dem klugen Handelsherrn sehr heiter gestimmt. Er ging singend nach seinem Schiebebocke und schob die schwere Last munter vor sich her. Christlieb folgte dem Bruder still und nachdenkend. »Ammer und Söhne«, sagte Fürchtegott, das klingt prächtig. Ich wette, ehe zehn Jahre in's Land gehen, bewohnen wir einen Palast, sind Fabrikherren und berühmte Kaufleute in der alten und neuen Welt, und wer weiß, ob uns nicht die größten Potentaten Ordensbänder und Kreuze durch Couriere in's Haus schicken. Ich habe irgendwo einmal gelesen, daß ein Augsburger Leinweber, der, glaub' ich, Fugger hieß, mit dem deutschen Kaiser umging, als ob's sein Bruder wäre, ihm Millionen vorschoß zu seinen Kriegszügen, auf purem Golde speiste, den Ofen mit Zimmet heizte und zuletzt in den Reichsgrafenstand erhoben wurde. »Graf Ammer« müßte gar nicht schlecht klingen. Wenn wir Glück haben, Bruder, können wir's auch noch so weit bringen. Christlieb ließ den sanguinischen Bruder schwärmen. Auch ihm behagte der Vorschlag des Herrnhuters, er besaß aber nicht genug Energie, um sich so leicht wie Fürchtegott über die tausend Schwierigkeiten hinwegsetzen zu können, die alle erst besiegt und überwunden werden mußten, um einem so groß angelegten Plane gedeihlichen Fortgang zu verschaffen. Indeß überschlug er im Stillen die mancherlei Vortheile, die aus einem solchen Unternehmen sich ergeben konnten, und schon die Aussicht, aus einem schlichten und unbekannten Weber dereinst ein Fabrikant zu werden, genügte den bescheidenen Ansprüchen, die der junge Mann an das Leben zu machen wagte. Zweites Kapitel. Ein Weber alter Zeit. Unfern der böhmischen Grenze liegt an den fruchtbaren Abhängen einer nach allen Seiten hin freien Höhe ein kleines Dorf mit blanken, saubern Häusern, denen man es ansieht, daß ihre Bewohner Fleiß und Reinlichkeit über Alles schätzen. Jedes Haus wird von einem Baumgarten umgeben, in dessen Mitte sich tiefe, mit Bruchsteinen ausgemauerte Cisternen befinden, bestimmt, das Regenwasser anzusammeln. Das eigenthümliche Schnurren und Klappern, das schlitternde Geräusch im Innern der aus übereinandergelegten starken Holzbohlen erbauten Häuser und das schrillende Geklirr der Fenster bezeichnen den Ort schon von Weitem als Weberdorf. Am äußersten Ende desselben, etwas ins freie Feld vorgeschoben, lag zu Anfange unseres Jahrhunderts hart an der Straße die Wohnung des Webers Ammer. Es war der höchste Punkt des Ortes mit einer nach allen Seiten hin freien und wahrhaft entzückenden Aussicht. Gegen Mittag und Abend umschließen die malerischen, waldreichen Gebirge Böhmens, gegen Osten die höheren Bergwälle Schlesiens den Horizont. Die Mitternachtsseite begrenzt ein von kleineren Bergen, Hügeln, Schluchten und Thälern mannigfach zerschnittenes Terrain, das ein mehr breiter als tiefer Fluß in zahlreichen Krümmungen durchrauscht. Ueberall blicken Kirchthürme über Busch und Feld, ein paar alterthümliche Schlösser sehen mit ihren feudalgrauen Zinnen aus der Waldferne verdrießlich auf das rührige blühende Land, während wohlgefällig das Auge auf der vielgethürmten Stadt ruht, die schimmernd am Fuße blauer Berge sich ausbreitet. Oberhalb Ammer's Wohnung führte die viel befahrene, aber schlecht gehaltene Communicationsstraße über eine steinige und öde Lehde , die mit Binsen und Riedgras bewachsen war und gegen Mitternacht an ein sumpfiges Röhricht stieß. Ein wasserreicher Bach, der dasselbe durchrieselte, bewässerte die Wiesen des Weberdorfes und trieb am unteren Ende desselben eine Mahl- und Walkmühle. Schon Ammer's Vater und Großvater hatten dieses Röhricht besessen, und weil es der Ammer in der Gemeinde mehrere gab, nannten ihn alle Dorfbewohner zum Unterschiede von seinen übrigen Namensbrüdern »Ammer im Rohr«, ein Spitzname, der keinerlei Nebenbedeutung hatte, vielmehr dem Träger desselben zur Ehre gereichte. Die Ammer waren von jeher der Weberei ergeben gewesen, hatten aber, wie dies im achtzehnten Jahrhundert gebräuchlich war, ihr Geschäft ganz wie ein in engen Grenzen sich bewegendes solides Handwerk betrieben. Damals blühte noch der Linnenhandel in der nahen Stadt, deren schimmernde Bleichen Jahraus Jahrein mit den feinsten Geweben des edlen Hanfes bedeckt waren. Die großen reichen Handelsherren kauften den Webern ihre Erzeugnisse ab oder schrieben diesen vielmehr vor, was sie weben sollten. So blieb sowohl die eigentliche angesehene Weberzunft in der Stadt, wie der nichtzünftige Landweber in vollständiger Abhängigkeit von den Kaufleuten. Dies Verhältniß hatte Jahrhunderte gedauert, man war daran gewöhnt, befand sich vollkommen wohl dabei und wünschte deßhalb keine Aenderungen. Auch Ammer's Vorfahren hatten gleich allen übrigen selbstständigen Webern nur auf Bestellung gearbeitet, weil sie aber sehr wirthschaftlich waren, den Ruf größter Rechtlichkeit besaßen und das Sprichwort »Ein Wort ein Mann« mit peinlichster Gewissenhaftigkeit im Leben zur That werden ließen, genossen sie größeren Vertrauens als viele ihrer Mitweber, und bekamen bei Weitem mehr Aufträge, als sie selbst bestreiten konnten. Die Noth oder vielmehr das Glück zwang sie, ein Auskunftsmittel zu erdenken. Es fand sich dies leicht in der Annahme ärmerer Weber, die sich nur mühsam durch Arbeit auf eigene Rechnung erhalten konnten. Freudig entsagten diese kleinen Weber ihrer Selbstständigkeit, traten bereitwillig in ein ehrenhaftes Abhängigkeitsverhältniß und wurden mit ungleich besserem Auskommen Weber für Lohn. Schon Ammer's Vater hatte zwölf solcher Lohnweber unterhalten, indem er die bei ihm gemachten Bestellungen ihnen zur Ausführung übergab und je nach dem Gewinn, den er selbst davon zog, die Arbeiten bezahlte. Der Linnenhandel, namentlich der schlesische und lausitzische, stand damals in höchster Blüthe, sächsisches Linnen war überall gesucht, die Kaufherren in Zittau, Lauban und Herrnhut machten große Geschäfte und erwarben außerordentliche Summen. Am meisten blühte die erstgenannte Stadt, die in den letzten Decennien des achtzehnten Jahrhunderts nächst Leipzig für die wichtigste Handelsstadt in ganz Sachsen galt und im Verhältniß zu ihrer geringen Volkszahl eine Menge sehr reicher Häuser besaß. Freilich waren die Kaufleute damals weder luxussüchtig, noch luxusbedürftig. Sie lebten äußerst genügsam, still und eingezogen, richteten ihr ganzes Augenmerk nur auf Vergrößerung des Geschäftes, und waren eben so achtungswürdige Haus- und Familienväter, wie solide, im In- und Auslande hochgeehrte Kauf- und Handelsherren. Nach dem Tode des alten Ammer übernahm der Sohn das beträchtlich vergrößerte Geschäft, führte es aber genau in der vom Vater überlieferten Weise fort. Indeß mehrten sich die Bestellungen, die Zahl der unterhaltenen Arbeiter verdoppelte, ja verdreifachte sich, Ammer's Ruf als Weberherr, wie man ihn nannte, überschritt die Grenzen seines Geburtsortes, und sehr bald gab er einer großen Menge in andern Ortschaften lebenden Webern Nahrung und Unterhalt. So viel Glück machte jedoch den bescheidenen Mann nicht übermüthig. Er blieb nach wie vor Weber, hatte in seinem eigenen Hause zwei Stühle stehen, an denen seine beiden Söhne, häufig sogar er selbst arbeiteten, und führte ein von den übrigen Webern in keiner Weise verschiedenes Leben. Nur auf behaglichere Einrichtung seiner Wohnung verwandte er eine Summe Geldes, kaufte ein anstoßendes baufälliges Haus für billigen Preis und errichtete eine Mangel, da man bisher über eine Stunde weit hatte gehen müssen, um fertige Waaren appretiren zu können. Einige Jahre später legte er auch eine Färberei an, da er von einem Kaufmanne, der ein Baumwollengeschäft schwungvoll betrieb, mit ehrenden Aufträgen betraut worden war. Diese Verbesserungen machte Ammer nicht freiwillig, nicht aus innerm Drange, wie andere Geschäftsleute, deren ganzes Dichten und Trachten nur auf das Erwerben gerichtet ist, wohl zu thun pflegen. Er fügte sich der Nothwendigkeit, weil er keinen andern Ausweg sah, aber er that es widerstrebend. Den größeren Gewinn, der eine Folge dieser Verbesserungen war, strich er zwar schmunzelnd ein, doch würde er sich nicht gegrämt haben, hätte ein Anderer sich der mancherlei Mühwaltungen und damit verbundenen Verdrießlichkeiten unterziehen wollen. Ohne sich selbst genau Rechenschaft ablegen zu können, war Ammer auf diese Weise unerwartet ein reicher Mann geworden. Glückliche Handelsconjuncturen, das unbegrenzte Vertrauen fremder Menschen in seine Redlichkeit, nicht seine unermüdete Thätigkeit und kaufmännische Umsicht machten ihn dazu. Ammer hatte in dem Sinne, wie unsere Zeit es will, durchaus gar keine Anlage zum Kaufmanne, noch war es ihm je eingefallen, ein solcher werden zu wollen. Dies Wort »Credit«, dieser weltbewegende Zauberstab im kaufmännischen Leben, kannte Ammer nicht. Er selbst hatte niemals Credit begehrt, nie mittelst desselben irgend welche Vortheile errungen. Die Ausgaben, welche sein Geschäft erheischte, bestritt er stets mit baarem Gelde, während er Aermeren, die bei ihm Unterkommen und Verdienst suchten, aus purer Gutmüthigkeit Geld lieh. Gewiß konnte man ein solches Verfahren nicht klug nennen, ja vom kaufmännischen Standpunkte aus nicht einmal billigen, aber es war so durch und durch ehrenhaft und ein so folgenreiches Ergebniß seines Charakters, daß ihn dieser wunderlichen Eigenheit wegen Niemand zu tadeln wagte. Inzwischen hatten sich in Folge der kriegerischen Begebenheiten, die damals Europa erschütterten, und auch auf alle Handelszweige einwirkten, die Verhältnisse nach und nach wesentlich anders gestaltet. Viele bedeutende Häuser erlitten große Verluste, hielten sich aber durch ihre anerkannte Solidität und die Nothkrücke des Credits. Ammer ahnte von dem Allen nichts. Seine Weberei blühte fort, vermehrte sich von Jahr zu Jahr und warf, da er beispiellos haushälterisch mit dem Erworbenen umging, große Summen ab, die Ammer nicht anders nutzbar anzulegen wußte, als daß er Ländereien kaufte und im nahen Böhmen eine kleine Garnbleiche erwarb. Alle auf seinen nunmehr schon sehr zahlreichen Stühlen gefertigten Waaren ließ er, alter Gewohnheit nach, wie vor ihm sein Vater gethan hatte, auf den Bleichen am Queiß bleichen, da das Wasser dieses Flusses namentlich feinen Linnen vorzüglich zusagen sollte. – So war der Mann geartet, der seine Söhne gleich dem ärmsten Weber meilenweit mit Schubkarren in's Land schickte und ihnen auf solche anstrengende Reisen nur wenig Geld nebst einem großen Schwarzbrod mitgab. Er hatte es in seiner Jugend nicht besser gehabt. Abhärtung, behauptete er, stähle den Körper, erhalte Herz und Geist frisch und sei das sicherste Mittel gegen Ausschweifungen jeglicher Art. Dieser Mann saß jetzt, während die Glocke auf dem nächsten Kirchdorfe »Feierabend« läutete, vor der Thür seines Hauses, rauchte billigen »Dreikönigstabak« aus einer schön gebräunten Meerschaumpfeife mit kunstreichem Silberbeschlag und unterhielt sich mit einem Kärrner, der allwöchentlich einmal durch's Dorf fuhr, um zerbrochenes Glas einzuhandeln. Wie jeder Weber, trug Ammer eine blaue Schürze, um seine übrige Kleidung gegen den Garnstaub zu schützen. Ein schwarzsammtenes Käppchen bedeckte seine bereits grau werdenden Haare, die ein halbmondförmiger Hornkamm am Hinterkopfe zusammenfaßte, so daß sie, während Stirn und Schläfen ganz frei blieben, in leicht gekräuselten Locken seinen stämmigen Nacken umspielten. Gutmüthige hellblaue Augen sahen mit eigenthümlich schelmischem Ausdruck aus einem Gesicht, dessen Züge Milde gepaart mit Charakterfestigkeit verriethen. Nur in dem breiten »Lutherkinne« und einem schwer zu beschreibenden Zuge um den Mund konnte man Spuren zäher Hartnäckigkeit und unbeugsamen Willens entdecken. Geht's schon wieder in die Glashütte? redete Ammer den Kärrner an, den höflichen Abendgruß des bejahrten Mannes durch Lüften seines Käppchens freundlich erwidernd. Wenn du's noch zehn Jahre so forttreibst, kann der Stadtrath von dir borgen. Behüte, Herr Ammer, versetzte der Kärrner, sein Paviansgesicht zu einem höchst komischen Lächeln verziehend, 's ist nicht viel zu profitiren bei dem Bissel Scherbelhandel. Erstlich hat man seine liebe Noth, das Gemülbe allerwärts zusammen zu suchen, und gibt man nicht wacker Obacht, so sticht man sich fix 'mal in die Finger und bringt den Bader zu Ostern um seine paar Gröschel für's Aderlassen. Und hat man die zerbrochene Waare glücklich in's Königreich hinüber gefuhrwerkt, ohne mit den Grenzjägern in Händel zu gerathen, so verschimpfiren einem die Glashüttenleute noch obendrein den ganzen Brock. Ich sag's immer, Herr Ammer, 's ist eine schlechte Menschheit itzund unter Gottes lieber Sonne aufgewachsen, und sollt' es mich gar nicht wundern, wenn einmal ein grausam gefährliches Sterben unter die Leute käme. Gott, Herr Ammer, es könnte ganz und gar nichts schaden, wenn's nur uns ausläßt! Ich bin nicht so unchristlich, Leisetritt, versetzte der Weber. Ein Sonnenstrahl, der mir's Kammerfenster vergoldet, kann in Gottes Namen auch meinem Nachbar in's Stübel scheinen. Wasch dir die Augen mit Charfreitagswasser, daß du nicht alles schwarz berändert siehst, 's ist eine wahre Schande für einen Mann, der sein Auskommen hat. Leisetritt lachte und schob die klirrenden, mit Glasscherben angefüllten Säcke auf seinem Karren zurecht. Freilich, sagte er, mein Auskommen hab' ich und noch dazu mein sicheres Auskommen, es ist aber danach. Wenn's justement Mode würde, daß irgendwo ein kluger Kopf die Bibel umschreiben dürfte, da ließ ich mich zum Gehilfen anwerben und zwar umsonst, und die Stellen, wo geschrieben steht: »Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brod essen,« setzte ich das Wort »verschimmelt« dazu, denn das paßt gerade für mich und noch ein paar tausend Schock andere ehrliche Kerle, die's Buttermesser unter die nicht erfundenen Dinge zählen. Schwarzbrod schärft die Zähne, erwiderte Ammer, und wer scharfe Zähne hat, den fürchten die Weiber. Mein' Seel', das ist wahr! rief Leisetritt lachend. Ich hab' das erfahren an mir selber. Verwichene Pfingsten ist meine Dritte von mir gegangen. Nun hab' ich's aber auch verschworen, mein Lebtage keine Räderhaube Die Sonntagstracht der Frauen vom Lande hatte damals radartige Form in jener Gegend, weßhalb man sie »Räderhauben« nannte. mehr anzusehen! – Na, wie steht's heute? Hat's ruschlige Töchterchen gar nichts zertöpfert? 's müßt' hinter meinem Rücken geschehen sein, klimpern hab' ich's nicht hören. Wenn Sie 'was zu verrichten haben, Herr Ammer – ich komm' 'ne Viertelmeile von der Bleiche vorüber – da möcht' ich's von Herzen gerne besorgen. Sie wissen, ein Spitzgläsel Wachholder ist mir noch immer sehr gut bekommen, ja, Herr Ammer, grausam sehr gut. Du bist ein Näscher und solltest auf die Kirmessen Gatterklopfen gehen. – Florel! rief der Weber sich umwendend, Florel! Ja, Vater, antwortete eine glockenhelle lustige Mädchenstimme aus dem an der Giebelseite des Hauses gelegenen Garten, und alsbald kam ein schlankes Kind mit rothen Bäckchen und glänzenden Rehaugen die schmalen, mit rothem Sand bestreuten Gänge daher gelaufen. Flora oder Florel, wie Ammer und alle andere Mitglieder der Familie das heitere Mädchen nach Landessitte nannten, die sich gern und so häufig wie möglich des einschmeichelnden Diminutivs bedient, trug Pantoffeln mit hohen spitzen Absätzen, sogenannte »Klötzchen«, die sie jedoch nicht im Geringsten beim Laufen und Springen hinderten. Eine angeborene natürliche Grazie verlieh ihren Bewegungen Reiz und Anmuth. Sie hatte Salatköpfe ausgestochen und trug die gelblich-grüne saftige Blätterfrucht in der aufgerafften Schürze. Was soll's, Vater? fragte sie munter. Der Glassammler Leisetritt will meine Gesundheit trinken, sagte Ammer. Gieß' ihm flink ein Spitzgläsel ein! Flora nickte dem drollig aussehenden Kärrner zu und hüpfte, mit ihren Pantoffeln klappernd, in's Haus. Unser Herrgott hat Sie doch grausam lieb, Herr Ammer, sagte Leisetritt, dem fröhlichen Mädchen mit seinen kleinen, von grauen Brauen schwer überhangenen Augen schmunzelnd nachsehend, 's kann Einer suchen gehen rund herum auf allen Rathsdörfern, solch Mädel findet kein Auge, selber nicht im Traume. Wenn sie fromm bleibt, ist sie eine Weide für Aug' und Herz, erwiderte Ammer. Gott beschirme sie mit seiner Wimper! Sie könnte flugs eine Prinzessin werden, Herr Ammer. Mir ist's allezeit lieber, wenn sie derweile eine richtige Webersfrau wird. Nu, nu, sagte Leisetritt, nur nicht gleich barsch, Herr Ammer! 's wünschen ist eine wohlfeile Sache und, wenn man richtig denkt, der alleinzige Genuß, der die Armen nichts kostet. An Freiern, an schmucken und reichen Freiern, rechn' ich mir, wird's dem Goldengelchen nicht fehlen. Mein's auch, wenn's Zeit sein wird, sprach der Weber. Itzund hat's Florel erst achtzehn Sommer auf'm Rücken, und die drücken sie noch nicht so sehr, daß sie partout in's Ehebett fallen müßte. Bescheert ihr aber Gott einen wackern Burschen, rüstig, arbeitsam, ehrlich und treu, und sie sehen's Himmelreich offen, wenn sie einander in die Augen schauen, so werd' ich sie segnen mit Freuden. Ich bin keiner von den Narren, die nach dem Aparten angeln. Schlicht und gerade, recht und ehrlich ist mein Sprichwort, und ich denke damit durch die Welt zu kommen auch ohne vornehme Verwandtschaft. Flora kam jetzt zurück, ein kleines, nach unten sehr spitz zulaufendes Gläschen in der Hand, das sie dem Glassammler freundlich lächelnd reichte, mit ihren blühenden Lippen den Rand desselben flüchtig berührend. Dann lief sie wieder nach dem Blumen- und Gemüsegarten, wo die Mutter ihrer begehrte. Leisetritt trank das Gläschen auf einen Zug aus, schnalzte mit der Zunge und verzog seine von Natur schon krause Stirn in zahllose Runzeln. Schade, sagte er nach einer Weile, das leere Glas neben Herrn Ammer auf die hellgrün angestrichene Bank setzend. Mein' Seel', 's ist schade. Was? fragte der Weber. Wenn man's beim Lichte betrachtet und sieht, wie die Ammer erst nur so piepten, wie eben aus dem Ei gekrochene Hühnel, und wie sie nachher anfingen zu zwitschern und nun gar schon ordentlich singen wie Haidelerchen – wenn man das bedenkt. So wird man mit der Zeit zum Narren und kann in's Tollhaus kommen, fiel der Weber ein, dem des lächerlichen Alten verworrene Rede in keiner Weise behagte. Behüte, behüte! erwiderte Leisetritt, die Hand abwehrend schüttelnd. Wie mögen Sie nun gleich so oben 'naus fahren! – Wenn man das recht bedenkt, mein' ich, ist's just schade, daß man schon so tief in den Jahren drin steckt und 's wohl nicht mehr erleben wird, wie zuletzt die Ammer den Ton im ganzen Lande angeben werden! – Das ist's, Herr Ammer, was mir gerade einfiel bei dem Schnaps; denn ich möchte doch gar zu gerne wissen, ob die Herren Ammer Söhne auch 'was halten werden auf so 'nen Magentröster. Warum das, Leisetritt? Ja warum? versetzte der Glassammler, der trotz der Ungeduld des Webers nicht aus seiner behäbigen Ruhe zu bringen war. Gewiß, 's sind ein paar wackere Burschen, bei deren Anblick einem 's Herz im Leibe lacht, wenn sie so rüstig die Schubkarre vor sich herschieben, und was mir nun ganz aparte gefällt, sie sind auch mildthätig und sehen, wenn sie Jemand helfen können, ein paar Groschen nicht an. Hast du Beweise? fragte Ammer, sein Käppchen unruhig in den Nacken schiebend. Ich bin's schon zufrieden, wenn die Jugend nicht allzu genau ist, aber zu verschenken haben meine Jungen nichts. Der Ausdruck »Jungen« verrieth dem Glassammler, daß sich Herr Ammer in aufgeregter Stimmung befand. Deßhalb schien es ihm nicht angemessen, das Gespräch in gleicher Weise noch länger fortzusetzen. Er suchte daher einzulenken und erwiderte auf die Bemerkung des wohlhabenden Webers: Da sei Gott vor, Herr Ammer, daß Ihre Herren Söhne – Meine Jungen sind keine Herren und sollen auch, will's Gott, bei meinen Lebzeiten keine werden. Sein Sie doch nicht curios, Herr Ammer! versetzte Leisetritt. Es ist Mancher schon in der Kutsche gefahren, der in jungen Jahren sich mit Hacke und Beil abplagen mußte, und umgekehrt haben alte Leute den Karren geschoben, denen als Schuljungen die Schreibebüchel von Bedienten nachgetragen wurden. Aber wissen Sie, Herr Ammer, Jugend, die aus gutem Herzen die Worte der Schrift befolgt, hat ein fröhliches Alter zu erwarten. Und das thun Ihre Söhne, gesegn' es ihnen der Herr! Die beiden Handwerksburschen, denen Christlieb das Zweigroschenstückel gab, werden sie nicht vergessen, die lieben Herzen, und die paar so verschenkten Batzen werden dreihundertfach wiederkommen. Wo trafst du meine Kinder? fragte Ammer. Bei der dreieckigen Scheuer, erwiderte Leisetritt. Sie ruhten eben aus neben dem Wegweiser, unter dem die Handwerksburschen saßen, als ich mit meinem klimprigen Fuhrwerk vorbeikam. Sie haben sich auch nicht gar zu lange dort verhalten, wie ich sehe, denn dort kommen sie eben die Gasse neben Goldschmied's Garten herauf. – Guten Abend, Herr Ammer. Ich muß mich scharf dazu halten, wenn ich vor Finsterwerden noch über's Pochwasser kommen will; behüt' Sie Gott! Gute Geschäfte! versetzte der Weber. Wenn du wieder des Weges kommst, kannst du mit zufragen. Die Florel wird inzwischen wohl 'was Scherbel machen. Ammer rückte sein Käppchen, der Glassammler schlang das Tragseil um die Handhaben seines Karrens und fuhr in langsamem Schritte aus dem Dorfe der steinigen Oede zu, die an das Rohr stieß. Drittes Kapitel. Die Familie des Webers. Inzwischen kamen die beiden Söhne des Webers, erhitzt von der Anstrengung des Fahrens, den schmalen Weg herauf. Sie hatten ihre leichten Kattunjacken ausgezogen und auf die graue Leinwand geworfen, mit welcher das gebleichte Linnen überspannt war. Als sie vor dem Hause ihres Vaters hielten und die Tragseile abwarfen, nickte ihnen dieser einen Gruß zu und erwiderte ihren »guten Abend«. Alles in Ordnung? fragte Ammer, den Söhnen die Hand reichend und ihnen neben sich auf der Bank Platz machend. Einen Gruß vom Bleicher, sagte Christlieb, und du sollst ihm nur recht viel schicken, des Preises wegen würdet ihr euch die Haare nicht ausraufen. Habt ihr Durst? fragte Ammer. Ihr müßt wacker zugefahren sein – sollt auch eine Herzstärkung haben, damit euch die Erhitzung nichts schadet, Florel! Riefst du mich, Vater? sagte die anmuthige Tochter, ihr Köpfchen unter dem Weinlaub hervorsteckend, das die Holzbohlen dicht überzog. Bring' deinen Brüdern einen Trunk, befahl Ammer. Flora begrüßte erst die Brüder und ging dann in's Haus, um den Auftrag ihres Vaters zu vollziehen. Es war ein hart Stück Arbeit, sprach Fürchtegott. Die Sonne brannte heiß in den Kieferwaldungen und wir hatten 'was viel aufgeladen. Ammer stand auf und hob wägend beide Radebergen. Dann pfiff er durch die Finger und setzte sich wieder zwischen die Söhne. Ihr habt gerade das rechte Gewicht getroffen, und wenn ihr nur immer stäte zugefahren seid, so kann's euch nichts schaden. Jetzt brachte Flora den Brüdern die verlangte Stärkung, ihnen dieselbe ebenso wie früher dem Glassammler kredenzend. Zugleich trat ein Gehilfe aus dem Hause, der auf Befehl des Webers das gebleichte Linnen ablud. Was habt ihr verzehrt? fragte Ammer. Christlieb und Fürchtegott legten Rechnung ab und zeigten als Rest ihrer Baarschaft noch einige Groschen vor. Das trifft bis auf zwei Batzen, meinte der Vater. Habt Ihr die verloren. Nein, erwiderte Fürchtegott. Vor der Stadt trafen wir zwei wandernde Handwerksburschen, Weber aus dem Reiche, wie uns ihr Gespräch verrieth. Sie waren ermüdet, sehr dürftig gekleidet, hatten keine Arbeit finden können und hätten sich auf's Fechten legen müssen, um das nächste Nachtquartier bezahlen zu können. Aus Christenliebe schenkten wir jedem einen Batzen. Gut, sprach Ammer. Rechtliche Leute, die in Noth sind, beschenke auch ich gern. Ihr habt Recht gethan, sie zu unterstützen, doch seht euch vor, daß ihr nicht unzeitig freigebig werdet und vor jedem Bettelnden den Beutel zieht! Man muß vorsichtig sein itzund, denn es läuft viel liederlich Gesindel in der Welt herum, das Andrer Mildthätigkeit mißbraucht. Auch im Geben ist Sparsamkeit immer zu empfehlen, damit man nicht selbst in Noth geräth. Mit Wenigem auskommen ist eine Kunst, die gelernt sein will und die leider immer mehr verloren geht in unserer genußsüchtigen Zeit. Als ich jung war, regierte ein anderer Sinn. Da sparte Arm und Reich, was denn Jeden ehrlich durch die Welt brachte, und Manchem, der von Haus aus ein armer Gesell war, später zu einigem Besitze verhalf. Ihr seht in mir ein lebendiges Beispiel. Mein Vater hatte, Gott Lob, keine Noth, er würde aber doch zum Bettelmanne geworden sein, hätte er die Dreier nicht dreimal umgedreht, eh' er sie ausgab. Ich hielt's eben so, und so hat mich Gott gesegnet, daß ich mit seiner Hilfe die Weberei 'was mehr in's Große treiben konnte. Ja, sagte Fürchtegott, es ist eine Freude, wenn man das Seinige so gedeihen sieht, es müßte aber denk' ich, eine wahre Lust sein, wenn sich's auf ehrliche Weise noch um Vieles vermehren ließ. Nur fein stäte vorwärts und nicht übereilt, mein Sohn! bemerkte Ammer. Ich habe Leute gekannt, die's nicht erwarten konnten, und eh' sie's selber wußten, war all das Ihrige in den Wind. Und doch speculirt jeder Kaufmann, sagte Fürchtegott. Ich bin Weber, nicht Kaufmann, erwiderte Ammer, will auch nie Kaufmann werden, weil ich von der Handelschaft nichts verstehe. Die Weberei nährt mich, wird auch euch nähren, wenn ihr sie vernünftig betreibt, wie ihr's von mir lernt. Das kaufmännische Geschäft erfordert Kenntnisse, die ich nicht besitze, und ist, auch wenn es reichen Gewinn abwirft, doch immer mit großen Mühen und Sorgen verbunden. Seht nur meinen langjährigen Freund, den Handelsherrn Mirus an. Der Mann ist gegen zehn Jahre jünger als ich, und doch geht er gebückt und hüstelnd einher in seinem Tressenrock, und sein dünnes Haar ist grauer als das meinige. Das machen die Sorgen, die Speculation, das ewige Rechnen, das weder Körper noch Geist zur Ruhe kommen läßt. Es denken nicht Alle so, Vater, sprach Christlieb, es gibt sogar Leute, die es dir verdenken, daß du immer nur auf Bestellung arbeitest und den Gewinn, den Andere vom Handel mit deinem Gewebe ziehen, nicht lieber selber einstreichst. Wer so denkt, kann mir gleichgiltig sein, wenn es aber Einer ausspricht, so muß er mich nicht lieb haben. Darin irrst du, Vater, fiel Fürchtegott lebhaft ein, froh, dem Gespräch eine andere Wendung geben zu können, die ihn das Thema anschlagen ließ, das ihn auf dem ganzen Wege ununterbrochen beschäftigt hatte. Es spricht Einer so, der dich wie ein Bruder liebt und nur dein Bestes will. Ammer sah seinen Sohn mit blitzenden Augen an. Die Stirn runzelte sich, er schüttelte mißbilligend den Kopf. Wer kann euch solche Albernheiten vorgeschwatzt haben? Redet! Fürchtegott schlug vor dem durchbohrenden Blicke des Vaters die Augen nieder, ohne Antwort zu geben. Auch Christlieb schwieg, aber ein kluges Lächeln spielte um seinen Mund. Redet! befahl Ammer gebieterisch. Soll ich meinen Jungen das Wort abkaufen, um Unsinn zu hören? Ereifere dich nicht, Vater, sagte Christlieb begütigend. Fürchtegott meint's ja nicht bös, und wenn du's eben wissen willst, brauchen wir auch kein Geheimniß aus der Begegnung zu machen. Begegnung! Wer oder was ist euch begegnet? Je nun, sagte Christlieb, wir trafen zufällig oben an der Grenze mit Herrn Wimmer zusammen, und da wir gerade Mittagsrast hielten am Feldbrunnen bei der Kapelle, ließ sich der Handelsherr mit uns in ein Gespräch ein, erkundigte sich nach dir, lobte deine Thätigkeit und sprach Dies und Das. Ganz recht – Dies und Das, versetzte Ammer, das heißt mit andern Worten, er setzte euch Gedanken in den Kopf, für die eure ungeschulten Weberschädel nicht gemacht sind. Fürchtegott's Gesicht überflammte eine dunkle Röthe bei dieser Bemerkung. Sein leicht reizbares Gemüth und sein jugendlicher Stolz fühlten sich beleidigt. Er schwieg aber weislich, da er wußte, daß mit Heftigkeit dem zähen Vater nichts abzugewinnen sei. Nun, so laßt doch hören, was Herr Wimmer für kluge Gedanken ausgekramt hat? sagte Ammer mit spöttischem Lächeln, seine Meerschaum-Pfeife auf's Neue mit Tabak füllend und gemächlich Feuer anschlagend. Ein Weber von deinen Mitteln, meinte Herr Wimmer, müsse mit großen Häusern in Verbindung treten, nicht für Andere, sondern für sich selbst arbeiten lassen und Geschäfte über das Meer nach Amerika machen. Richtig, sprach Ammer, und wenn er gewebt und gewebt hat und Tausende von Centnern auf einen sogenannten Schnellsegler geladen, dann kommt Herr Blasius zu unrechter Zeit, zerreißt die Segel, die auch bloß Leinwand sind, und schmeißt die schönsten Waaren in's Wasser. Wenn dann Einer im Stande ist, bloß die Schlichte wieder auszufischen, so kann er schon froh sein. – Schön Dank für solchen Rath! Ich bin zwar just kein Judenfreund, denn 's ist überall ein schmierig Bissel Wesen mit ihnen, aber mit ihrer Furcht vor dem Wasser haben sie nicht Unrecht, 's Wasser hat keine Balken, sag' auch ich, und darum bleib' ich auf'm Lande mit meinem Thun und Denken. Da hab' ich Grund und Boden und kann mich links und rechts stützen. Ammer wollte aufstehen, Fürchtegott hielt ihn aber zurück. Wenn du Vertrauen hättest, Vater, sagte der junge Mensch zögernd, und du kennst Herrn Wimmer – du stehst mit ihm in Verbindung – Auf Bestellung, nicht anders, fiel der Weber ein. An dreihundert Weben ist Alles, was er Jahraus Jahrein bei mir machen läßt. Und Wimmer ist ein reicher Mann, Vater! Das ist er, weil er redlich, pünktlich und – und weil er ein Herrnhuter ist! Die Herrnhuter sind gottesfürchtige und nebenbei auch grausam kluge Leute. Er fing nur mit sehr geringen Mitteln an, sagte Fürchtegott. Als Sohn eines unbemittelten Bauers stand ihm wenig zu Gebote. Ich unterstützte ihn, sprach Ammer, weil ich ihn als rechtlich kannte, weil er mein Vertrauter war – der Freund eurer Mutter, und – doch das gehört nicht hierher. Und er hatte Glück, Vater! Dein vorgestrecktes Capital verdoppelte sich rasch – er wollte es dir zurückzahlen, du nahmst es nicht – Weil ich's entbehren konnte und in seinen Händen es wohl geborgen wußte. So hab' ich nun die freudige Genugthuung, einem braven Menschen geholfen, zeitlich, soweit dies ein einzelner Mensch vermag, glücklich gemacht und vielen Andern, die ich nicht kenne, mittelbar wieder Brod verschafft zu haben. Nach Wimmer's Tode fällt das Capital an euch zurück. Herr Wimmer steht mit amerikanischen Häusern in sehr genauer Verbindung, sagte Fürchtegott. Die kaufmännische Regsamkeit der Amerikaner erregt seine Bewunderung – er wünscht dich Theil nehmen zu lassen an seinem Gewinn und deßhalb – Deßhalb? wiederholte Ammer. Will er mich etwa deßhalb um meine Ruhe bringen? Ich sage nochmals: danke schön! und bleibe Weber. Mein Auskommen hab' ich, ihr werdet auch nicht verhungern, wenn ihr's vernünftig treibt, wie ihr's von mir seht, und nach Ruhm als großer Handelsherr bin ich nicht begierig. Der Mensch soll aber ein Glück, das ihm geboten wird, nicht eigensinnig von sich stoßen, warf Fürchtegott ein. Ein Glück! versetzte der Weber. Was nennst du Glück? – Daß ein Mann, der es zu etwas gebracht hat durch Regsamkeit und günstiges Zusammentreffen von Umständen, dir auf offener Straße zuruft: Folge meinen Fußstapfen und es kann dir nicht fehlen? – Lieber Sohn, um Wimmer's Glück zu haben, müßtest du auch Wimmer's Geist, Wimmer's umfassenden Blick, Wimmer's kaufmännische Schlauheit und – die Geschmeidigkeit des Herrnhuters besitzen! Auch drüben über'm Meer, in Amerika sind es Herrnhuter, die ihm die Hand reichen. Mischt sich ein gewöhnlicher lutherischer Christ in das Geschäft, so ziehen sie sich zurück und statt Gewinn trifft ihn Verlust auf Verlust. Ich kenne die Menschen. Für gewöhnlich mag es vielleicht so sein, sprach Christlieb, bei Herrn Wimmer dürfen wir wohl eine Ausnahme gelten lassen. Es käme vorerst auf einen bloßen Versuch an. Und der soll bestehen? fragte Ammer. Ich bin doch neugierig zu erfahren, was eigentlich der Herrnhuter mit euch anfangen will. Wimmer sprach von einem Compagniegeschäfte, sagte Fürchtegott. Gesetzt z. B. du vertrautest ihm eine kleine Waarensendung an, schössest ein Capital zu, um zur Hälfte etwa die Ausrüstung eines eigenen Schiffes zu bestreiten, Herr Wimmer ordnete das Uebrige und – der Gewinn fiele nur dir allein zu? Und wenn's so sicher wäre wie der Aufgang der Sonne an jedem neuen Morgen, ich sagte dennoch nein! sprach Ammer. Die Sache ist mir zu weitschichtig – ich kann so weit nicht sehen. Gesetzt aber, es glückte und die Sucht nach Gewinn führ' mir in die Glieder, also, daß ich Tag und Nacht keine ruhige Stunde mehr hätte, wär' ich dann wohl glücklicher, als jetzt, wo mich nichts drückt, als wie ich zu Rande komme mit meinen Webern bei der Abrechnung? Versuch's wer Muth dazu hat, ich bleibe still hinter meinem sichern Webstuhle sitzen. Die Brüder waren genöthigt, für diesmal den wichtigen Gegenstand fallen zu lassen, um den schwer zu behandelnden, in seinen Ansichten äußerst hartnäckigen Vater nicht aufzubringen und sich dadurch die Möglichkeit abzuschneiden, gelegentlich wieder einmal darauf zurückzukommen. – Mutter und Schwester hatten inzwischen den Abendtisch gedeckt und riefen jetzt Vater und Söhne zur frugalen ländlichen Mahlzeit. Ammer würde es für eine arge Sünde gehalten haben, ohne vorher gesprochenes Gebet einen Bissen zu genießen. Dem Herkömmlichen in allen Dingen hold, hielt er auch in dieser Hinsicht fest an dem Ueberlieferten und betete nach alter Sitte laut mit sämmtlichen Hausgenossen, wobei die Dienstleute an einem besondern Tische zunächst der Thür saßen. Während der Mahlzeit sprach der Weber nur wenig, warf nur bisweilen ein befehlendes Wort hin, das von dem Gesindetische respectvoll erwidert ward, und zog sich unmittelbar nach beendigter Mahlzeit in sein Cabinet zurück, noch kurze Zeit mit Ordnen und Besichtigen von Garnen beschäftigt, die am nächsten Morgen zur Verarbeitung ausgegeben werden sollten. Die Brüder blieben mit Mutter und Schwester in der gemeinsamen Wohnstube, an deren schmucklosen, mit hellgelber Oelfarbe angestrichenen Holzwänden ein paar Webstühle standen, im Volksdialekt »Gezehe« genannt. Dies waren die Arbeitsstätten Christlieb's und Fürchtegott's, wenn sie nicht im Auftrage des Vaters »außer Landes« sich befanden, wie man damals jedes Verreisen nannte. Auf beiden Stühlen sah man halbfertige Gewebe feiner Linnen. Ihr habt dem Vater 'was Neues erzählt, gelt? sagte Flora, sich über die Schulter des älteren Bruders beugend und ihn schelmisch mit ihren hellen Augen anlachend. Ich hab's wohl gehört beim Salatstechen. Ist's auch was Gutes? Als ob's darauf ankäme beim Vater! versetzte Fürchtegott ärgerlich. Ein neu Ding ein nichtsnutzig Ding, das ist immer und ewig des Vaters Rede. Ihr sollt mir den Vater nicht schelten, er meint's gut, sagte die Mutter. Laßt mich's wissen und ich helf' euch, bat Flora, deren Neugierde im hohem Grade erregt war. Kannst's auch vollends verderben mit deinem Geplausche, versetzte Fürchtegott. Ich verderben? Wer ist denn gut dazu, wenn's 'was herauszulocken gilt vom Vater? ich dächte doch, 's wär' immer nur's Florel, die den Kopf zuerst in's Stübel stecken muß. Und bin ich jemals unverrichteter Sache wieder gekommen? He, bin ich? Ach was! Halte dein allerliebstes Mäulchen, versetzte Fürchtegott. Das waren Hausangelegenheiten und die wissen alle Weiber jederzeit am besten zu behandeln. Diesmal aber gilt's 'was Großes, 'was Ueberseeisches – 's gilt just die ganze Zukunft, den Nutzen und die Ehre der Ammer. Oho, sagte die Mutter, ich meine, die Ammer haben Ehre genug, um es mit jedem Bürgermeister und Rathsherrn aufnehmen zu können! Was Ueberseeisches, wiederholte Flora, ihr niedliches Köpfchen schüttelnd. Hör' 'mal, Fürchtegott, das ist mir zu hoch gegeben. Wußt' es ja voraus, versetzte mit wichtig thuender Miene der Bruder. Es sind eben keine Weibersachen – ihr versteht nichts davon. Mach' mich erst ein Bissel gescheidt und ich will's schon vestehen, sagte die hartnäckige Schwester. Was hab' ich mir unter dem »Ueberseeischen« zu denken? Da Fürchtegott nur mit vornehmem Achselzucken antwortete, gab der mittheilsamere und liebreichere Christlieb die gewünschte Erklärung und fügte kurz den Inhalt des mit Herrn Wimmer geführten Gespräches bei. Nun ja, sagte Fürchtegott, so ist's, so liegen die Sachen und von dem Allen mag nun der Vater nichts wissen, 's ist geradezu, um toll zu werden! Darf Einer nur zugreifen und die Finger einbiegen, um Millionen zu erhaschen und doch darf man's nicht thun, pur, weil's gegen den alten Schlendrian ist! – Aber ich werde mich den Henker drum kümmern! Bleibt Vater harthörig, so red' ich mit Wimmer und versuch' es ganz im Stillen, und glückt's, dann mag Herr Webermeister Ammer Augen machen, so groß er will, Ammer der Jüngere ist nachher ein gemachter, selbstständiger Mann und braucht sich von Niemand mehr in seine Geschäfte reden zu lassen. Nur stäte, Bruder! sagte Flora, 's muß ja nicht Alles gleich kurz und klein geschlagen werden. Vertragt euch, wartet eine Weile und der Vater hört euch wohl noch 'mal an. Wenn es nicht Wimmer wäre, sprach die Mutter, indem ein düsterer Schatten über ihre reine Stirn zu gleiten schien. Ist Herr Wimmer nicht Vaters Freund? warf Flora ein. Eben deßhalb, meinte Frau Ammer, zu viele Verbindlichkeiten schaden der Freundschaft, und überdies hat es mit Herrn Wimmer und dem Vater eine eigene Bewandtniß. Kurz und gut, ich hab' so wenig Freude an dem Vorschlage als der Vater. Fürchtegott hätte das für ihn so interessante Gespräch gerne noch fortgesetzt, allein das erlaubte die Hausordnung nicht. Der Kukuk auf der Schwarzwälder Uhr rief neun, der Vater hustete in seinem Cabinet, was immer ein Zeichen war, daß er Ruhe im Hause verlange, und weil Niemand gegen diese Gesetze sich aufzulehnen wagen durfte, schnurrte mit dem letzten Schlage der Uhr in Ammer's Hause auch pünktlich das Leben ab. Mutter und Kinder wünschten einander gute Nacht und zehn Minuten später war Alles zur Ruhe gegangen. Nur der große zottige Hund Bello, am Tag meistentheils angekettet, schnobberte noch einige Zeit in der Küche herum und nahm endlich als Wächter des Hauses hinter der Hausthür seine Schlafstelle ein. – Ammer lebte buchstäblich nach dem Sprichworte »Morgenstunde hat Gold im Munde«. Mit frühester Dämmerung begann in seinem Hause die gewohnte Thätigkeit und von allen Webstühlen klapperten die des wohlhabenden Mannes in der Regel zuerst. Er sprach es häufig aus, daß Niemand eher etwas genießen sollte, als bis er durch Arbeit sich dessen auch würdig gemacht habe. Es mußten deßhalb alle in seinen Diensten stehenden Leute wenigstens eine volle Stunde in ihren verschiedenen Beschäftigungen thätig gewesen sein, ehe sie frühstücken durften. Er selbst mit Frau und Kindern ging ihnen hierin mit bestem Beispiele voran. Beim Frühstück sagte die muntere Flora, die immer das Meiste zur Unterhaltung beitrug: Rath' einmal, Vater, was ich geträumt habe. Um mich auslachen zu lassen? erwiderte Ammer. Ich müßte Mädelgedanken im Kopfe haben, sollt' ich deine Träume errathen. Wir hatten Besuch, Vater – ich will dir's leicht machen. Nun, wen meinst du? Vornehmen? Nicht so gar sehr. Einen geistlichen Herren aus Prag. Behüte – 'was Weltliches. Meinen Bleicher? Ein klein wenig höher, Vater, lächelte Flora. Ach laß mich ungeschoren mit deinen Träumereien und behalte sie für dich allein, wenn du sie nicht ausplaudern magst. Herr Wimmer war da, der Herrnhuter, sagte Flora. Ach und der hat 'mal geredet! Besser als der Herr Primarius, wenn er auf's Abkanzelkapitel geräth! Und du hast dabei gesessen, Vater, und die Brüder auch, und alle Drei habt ihr die Mäuler aufgesperrt vor purer Verwunderung, und da sind euch lauter vergoldete Tauben hineingeflogen, bis zuletzt keine mehr Platz hatte, und da bissen die letzten einander in die Schwänze, bis sie herunterhingen auf die Diele. Nein, wie ihr Drei aussah't, das war ganz und gar zum Todtlachen! Aber Herr Wimmer saß daneben mit einem großwichtigen ernsthaften Gesicht, und zählte bedächtig die goldenen Tauben, brach eine nach der andern ab und setzte sie in große Körbe. Und das war Alles unser! Ist das nicht ein recht verwunderlicher Traum, Vater? Ihr habt gestern geschwatzt, sprach Ammer, seine Söhne mit scharfem Blicke musternd. Florel hätt' eher von sonst 'was geträumt als von dem Herrnhuter. Er ist ja mein Pathe, sagte die Tochter, und der kann mir doch auch 'mal im Traume einfallen. Ich wünschte nur, er hätte mir in Wahrheit ein paar von den vielen goldenen Tauben in die Schürze geworfen. Da wollt' ich bald eine eigene Wirthschaft einrichten. Nun hör' Einer das Blitzmädel! sprach Ammer lachend, während Flora ihr mit Purpur übergossenes Gesicht zu Boden senkte, 's Wirthschaften ist den Weibsleuten doch angeboren! Ich glaube, wenn sie könnten, so fingen die Mädel schon in der Wiege an zu wirthschaften. Wenn nun Herr Wimmer nächster Tage wirklich käme, Vater, bemerkte Fürchtegott, und er brächte unser Gespräch von gestern Abend wieder auf's Tapet, würdest du ihn abspeisen mit der nämlichen Antwort? Wimmer ist ein Mann und ein besonnener Mann. Wenn er mit mir über die Sache in seiner Weise reden wollte, würd' ich ihm Antwort geben in meiner Weise. Bis dahin bleibt's bei meiner Rede. – Es vergingen nun einige Tage, ohne daß Ammer des Vorschlags seiner Söhne wieder gedachte. Der gewissenhafte Weber betrieb sein Geschäft mit gewohnter Pünktlichkeit, vertheilte Arbeit an seine auswärtigen Weber, prüfte die abgelieferte Waare, lobte da, tadelte dort, zahlte den fälligen Lohn aus und erkundigte sich schließlich nach den Verhältnissen jedes einzelnen Arbeiters. Dies verschaffte ihm eine ziemlich genaue Kenntniß der häuslichen Lage seiner Lohnweber und gab ihm Gelegenheit, wo es Noth that, vermittelnd oder helfend einzuschreiten. Denn so weit entfernt Herr Ammer von aller unzeitigen Verschwendung war, so gern und schnell unterstützte er Darbende und Hilfsbedürftige, wenn er sich von dem Nutzen solcher Unterstützung überzeugt hielt. Mit vollem Recht nannten ihn deßhalb alle in seinem Dienste stehenden Weber den »Vater Ammer«. Er war in der That und Wahrheit der Vater Aller, und zwar nur ein milder, helfender, nie ein strenger und strafender Vater. Unter dem Geklapper der Trittbrette, beim Rollen und Klirren des Schiffchens unterhielten sich Christlieb und Fürchtegott häufig über den Vorschlag des Herrnhuters. Den beiden jungen Leuten in der staubigen unscheinbaren Kleidung gemeiner Weber hätte es Niemand angesehen, daß ihre Gedanken in fernen Welten, an den Ufern des Hudson und Ohio umherwanderten; daß sie am Steuer schwer befrachteter Schiffe standen und die kostbare Ladung durch Sturm und Wogendrang in die neue Welt begleiteten. Christlieb, anfangs weniger empfänglich für die neue Idee, war durch Fürchtegott's unablässiges Reden jetzt ebenso davon eingenommen, als der lebhaftere, unternehmendere Bruder. Verdammt, daß man hier Tag aus Tag ein wie angenagelt sitzen muß, sprach Fürchtegott unwirrsch, hastig ein paar zerrissene Fäden in der Werfte zusammenknüpfend und einige Garnknoten auf dem fertigen Gewebe mit dem Nuppmesser entfernend, 's ist just, wie mit dem Gekarre zum Bleichen. Das Weberschiffchen kann Jeder handhaben, der ein bischen Geschick in den Fingern hat, aber zum Speculiren gehört ein Kerl von Kopf. Wenn nur der Wimmer bald 'was von sich hören ließ! Die Herrnhuter nehmen sich alle gerne Zeit, wenn's gerade keine Eile hat, versetzte Christlieb. Er kommt schon, wenn's ihm Ernst um die Sache ist. Ich bin unglücklich, geht's conträr, sagte Fürchtegott, und ließ die Lade so hart anschlagen, daß die Fensterscheiben nachklangen. Gleich darauf öffnete sich die Thüre des Stübchens und Herr Ammer warf einen langen Blick herein auf seine arbeitenden Söhne. Ihr habt Beide halbfeines Garn auf dem Zettel, sprach er; wenn ihr das zu hart zusammenschlagt, bricht's nach der ersten Wäsche und wir haben die Schande davon. Also nur fein douce fortgearbeitet! Die Thür schloß sich wieder. Da hast du's, sprach Christlieb lächelnd. Leidenschaftliche Weber duldet der Vater nicht hinter seinen Stühlen. Du brauchst bloß hitzig zu werden, wenn du's Wirken satt hast. 's ist pur um die Kränkt zu kriegen, zischelte Fürchtegott, fortan behutsam mit der Lade umgehend. Ein richtiger Leinweber möchte wahrhaftig Fischblut haben. Darum sieht's auch der Vater nicht gern, wenn wir zu viel Fleisch essen, bemerkte Christlieb. Fleisch macht Hitze, behauptet er, und Hitze ist der Weberei größter Feind. Ich weiß mich noch recht gut zu besinnen, daß der Vater, so lange er selber hinter'm Stuhle saß, wöchentlich bloß zweimal sehr mäßig Fleisch aß. So mag der Teufel, oder wer sonst Lust hat, Weber sein, brummte Fürchtegott, ich passe nicht zu dem Metier. Mein Gewerbe ist der Handel und ein Handelsmann will ich auch werden. Pst! flüsterte es hinter dem Aergerlichen, indem ein feiner Finger sanft an den Schieber des Fensters klopfte. Das fröhliche Gesicht Flora's lachte durch die hell polirten Scheiben. Fürchtegott wendete sich um und schob das Fenster auf. Was gibt's? Verrathet mich nicht, wisperte das Mädchen dem Bruder zu. Herr Wimmer kommt wie ein gelernter Kopfhänger die Gasse herauf geritten. Und wer lauscht denn dort hinter'm Stacket? Wo? Gerade hinter deinem Ohrläppchen? Ich hab' Niemand gesehen. Mein kluges Schwesterchen, sagte Fürchtegott, ihr scherzend mit dem Finger drohend. Das grüne Sammetkäppchen kommt mir sehr bekannt vor. Ich glaube, 's wird ein Wirthschafter sein. Flora schlug dem Bruder mit sanfter Hand auf den Mund, und entschlüpfte, während die geduckte Gestalt hinter dem Stacket ihr wohlgefällig nachblickte und später in der engen Quergasse, die des Nachbars kleine Besitzung von Ammer's Grundstücken schied, langsam verschwand. In diesem Augenblicke ließen sich die Hufschläge eines im Schritt gehenden Pferdes hören und die etwas gebückte Figur des Herrnhuters ward über dem Gartenzaune sichtbar. Fürchtegott schloß erfreut das Fenster, warf Christlieb einen Wink des Einverständnisses zu und ließ behend das Schifflein durch die weißen Fäden schießen. Bald darauf klopfte es, Herr Wimmer trat ein, grüßte mit süßlichem Lächeln die fleißig arbeitenden Brüder und schlug sich mit der Reitpeitsche seine Stulpenstiefeln, um den Staub abzuschütteln. Ist der Herr Vater zu Hause? fragte der Herrnhuter. Im Cabinet, sagten gleichzeitig die Brüder. Ich werde doch nicht stören? Keineswegs, erwiderte Fürchtegott. Der Vater hat eben Mittagsruhe gehalten und blättert itzt im Wochenblatte. Wimmer lächelte, schritt mit klirrenden Sporen über die glänzend weißen Dielen und trat auf das kräftige Herein! des Webers in Ammer's von Garnproben bis zur Decke angefülltes Zimmer. Viertes Kapitel. Ein Abkommen unter Freunden. Drei volle Stunden schon war der Herrnhuter bei dem Weber und noch immer schien ihr Gespräch nicht endigen zu wollen. Flora mußte für die beiden Männer besonders Kaffee bereiten und ihn in des Vaters Stübchen bringen. Sie bemerkte dabei, daß Wimmer noch freundlicher als gewöhnlich aussah, der Vater aber sehr aufgeregt war, ohne doch erzürnt zu sein. Er lachte sogar recht herzlich, als sie ihr Pathe scherzend umarmte und sie wiederholt schmeichelnd in die frischen Wangen kniff. Das hat 'was zu bedeuten, raunte sie den Brüdern zu, die zu ihrem größten Verdruß die Arbeit nicht verlassen durften, wenn sie den strengen Vater nicht gewaltig aufbringen wollten. Wir erlauben uns, die Unterredung der beiden Freunde zu belauschen, da die Zukunft unserer jungen Bekannten von ihr abhängig sein wird. Ich habe dir jetzt ein Bild meines kaufmännischen Lebens und Wirkens entworfen, lieber Bruder, schloß Herr Wimmer eine längere Auseinandersetzung, die er seinem Freunde schuldig zu sein glaubte. Du kennst mich hoffentlich als einen wahrheitsliebenden Mann und wirst also keine Zweifel in solche Worte setzen. Ich wiederhole schließlich, die Zeit ist günstig, günstiger denn je, und wenn du mir vertrauen willst, muß mein Plan gelingen. Aber Freund, fiel Ammer ein, bedenke nur, daß ich ein schlichter Weber bin und gar keinen Begriff von solch ausgedehntem Handel habe! Das verschlägt nichts, lieber Bruder, erwiderte Wimmer, behaglich eine Schaale Kaffee schlürfend. Meine Hand ist deine Hand, du brauchst nur Ja zu sagen und das Geschäft ist so gut wie abgemacht. Ich verlange keine Weitläuftigkeiten, keine Schreibereien. Ein einfacher Handschlag sei uns Mannesunterschrift und Siegel. Zögere nicht länger, lieber Bruder! Es kommt mir zu geschwind, Wimmer, bei meiner Ehre! Ich bin ängstlich, hab' mich immer nur an das Nächste gehalten. Und dann – wenn's doch mißglückte! Unnütze Furcht, es kann nicht mißglücken, sagte der Herrnhuter. Wie ich dir's auseinandergesetzt habe, so ist's. Wozu denn Fremde mit Gewalt bereichern, wenn man's ehrlich und redlich den Seinen zuwenden kann? Ich bevortheile Niemand, wenn ich meine Pflicht thue, meine Thätigkeit erweitere. – Sieh, lieber Bruder, der Handel ist wie eine Geliebte; man muß schön mit ihr thun, wenn man sie fesseln will, sonst kommt über Nacht ein Anderer und schnappt sie uns vor dem Munde weg. Wimmer! rief der Weber ungewöhnlich ernst. Wozu das? Du kannst mich damit nur abschrecken. Der Herrnhuter lächelte wieder und klopfte mit der Reitpeitsche seine Stulpenstiefeln. Es sollte keine Anspielung sein, lieber Bruder, erwiderte er, das Gleichniß kam mir unwillkürlich auf die Zunge. Schlag' ein, Ammer! Hand weg – ich kann nicht! Ammer! sagte der Herrnhuter. Ich war nicht viel mehr als ein Bettler, als ich zu den Brüdern trat und mein Glück im Handel zu versuchen beschloß. Du halfst mir großmüthig auf – seitdem sind an zwanzig Jahre vergangen und ich kann mich ohne Prahlerei einen reichen Mann nennen. Was hat mich dazu gemacht? Der Handel mit Linnen, mit von dir gewebten Linnen! – Du webst für fünf und mehr Häuser drinnen in der Stadt und ich kann dir die Versicherung geben, daß ihre Besitzer sammt und sonders Hunderttausende im Vermögen haben. Der Leinewandhandel nach Amerika hat diese Ströme von Gold ihnen spielend zugeführt! – Ich sage nun, lieber Bruder, die Zeit ist günstig, die Constellationen des Handels sind so, daß jetzt nur zu gewinnen, unter keinen Umständen zu verlieren ist. Ein mäßiges Capital reicht für den Anfang hin – du kannst es dran wagen, Ammer, du brauchst nicht ängstlich zu zählen. Thu's also und deine Söhne werden dir's noch danken im Grabe! Ich will als Weber sterben, sagte Ammer. Trotzkopf! Unverbesserlicher, starrsinniger Alltagsmensch! rief ärgerlich der Herrnhuter. Schimpfe mich, wie du willst, es läuft schnurstracks gegen meine Grundsätze, erwiderte Ammer, und überdies habe ich nun einmal keine Neigung dazu. Ein guter Vater, lieber Bruder, sorgt nicht bloß für sich, sondern auch für seine Kinder. Sie haben zu leben, wenn sie wirthschaften lernen. Ich und Anna, wir sind keine Verschwender. Aber deine Söhne werden im Leben keine guten Weber. Das wäre der Teufel! fuhr Ammer auf. Sie haben's Handwerk gelernt bei mir, ja von mir selber von Grund aus, und Beide machen dir eine Leinwand, an der auch der ärgste Tadler kein Unthätel finden kann. Mag sein, erwiderte der Herrnhuter mit seinem stereotypen süßlichen Lächeln, das stets einen versteckten Hohn in sich schloß, den jedoch Ammer nicht bemerkte, dennoch wird keiner von Beiden ein Weber in deinem Sinne. Das sind geborene Kaufleute, Großhändler! Ich will sie begroßhändlern! rief der Weber erbittert. Zu Leinenwebern habe ich sie erzogen und das werden sie auch bleiben, wenn der Versucher nicht zu ihnen tritt. Lieber Bruder, wo der Geist treibt und sprudelt, bedarf's der Versuchung nicht, erwiderte Wimmer. Du bist blind, wenn du nicht siehst, was in deinen Söhnen vorgeht. Zumal der Fürchtegott ist kaum mehr zu bändigen. In dem Jungen, sag' ich dir, steckt ein Kaufmann größten Styls. Hältst du ihn zurück hinter'm Webstuhle, so bleibt er nur so lange er muß, das heißt bis zu seiner Mündigkeit. Dann läuft er dir eines schönen Tages davon und versucht sein Glück auf eigene Faust, und durch kommt er, wenn auch mit Noth und Mühe, unter Seufzen und Klagen. Der Christlieb bleibt wohl sitzen, wo du ihn hinweisest, aber ein Weber in deinem Sinne wird er doch auch nicht. Christlieb ist ein Fabrikant, Fürchtegott ein Kaufmann – laß beide Kräfte vereint wirken und deine Nachkommen müssen einen Namen gewinnen, der sich vor den weiland Fuggern nicht zu schämen braucht. Ammer durchschritt einigemal unruhig den beschränkten Raum des engen Stübchens, wiederholt sein Käppchen bald rechts, bald links schiebend, wie er stets zu thun pflegte, wenn er innerlich bewegt oder verdrießlich war. Ich glaube gar, du möchtest die Jungen zu Grafen machen, platzte er brummend heraus. Wenn sie's verdienten, hätte ich nichts dagegen, lieber Bruder. Einstweilen begnüge ich mich, den Einen zu einem unternehmenden Fabrikanten, den Andern zu einem Kaufmanne, aber wie gesagt, in größtem Style, zu erziehen. Ha, ha, ha! lachte der Weber. Du müßtest schon ein firmer Schulmeister sein, wenn du das zu Stande brächtest! Beide können nichts weiter, als was ein ordentlicher Dorfjunge lernen und wissen muß, will er ein guter Christ und wackerer Hausvater werden. Deine Söhne sind jung, haben gute Köpfe und können mithin noch viel lernen, wenn sie nur in die rechte Schule kommen. Ganz gut, versetzte Ammer, aber weißt du, Freund Wimmer, daß so 'was Geld, viel Geld kostet, und daß Dorfkinder, wenn sie auf Stadtmanier gescheidt gemacht werden, zu guter Letzt die Nase über ihre eigenen Eltern rümpfen! Gott verdoppele mich! Hätte ich so einen hochnäsigen Rangen im Hause, ich bäumte ihn auf der großen Mangel auf und ließ ihn so lange hin und her laufen unter'm Kasten, bis er weich wäre wie eine gewaschene Leinewand. Gar so arg würdest du ihm doch nicht mitspielen, lieber Bruder, erwiderte der Herrnhuter. So viel ich sehen kann, sind deine Söhne ein paar brave, gutherzige Jungen. Zum Hochmuth scheinen sie mir nicht hinzuneigen, aber ein Talent für's Erwerben und das Erworbene zusammen zu halten, es geschickt zu benutzen, um es in's Unendliche zu mehren, besitzen Beide. Solche Charaktere sind dankbar für alles Gute, das man ihnen erweis't, und kommt's vom eigenen Vater, so werden sie ihn auf den Händen tragen. Angenommen, dem wäre so, entgegnete Ammer, kannst du mir auch Brief und Siegel geben über ihr dereinstiges Wohl, über ihre und ihrer etwaigen Kinder spätere Zukunft? Lieber Bruder, wir stehen Alle in Gottes Hand. So wir ihm dienen und nach seinen Worten thun, wird er uns beschützen immerdar! Verfalle nicht in's Predigtwesen; ich mag's an Leuten, die andere Geschäfte treiben, nicht gern leiden, erwiderte Ammer. Die Bibel ist ein Buch, vor dem ich grausam großen Respect habe, und was Christus lehrt, wird ewige Wahrheit bleiben bis zum jüngsten Tage; jedennoch muß sich der Mensch tüchtig zusammen nehmen und fleißig in sich hineinschauen, wenn sein Thun auch seinen Reden jederzeit entsprechen soll. Wir sind aber schwach unterweilen, auch wenn wir uns für stark halten, am meisten dann, wenn uns der Herr mit zeitlichen Gütern reichlich gesegnet hat. Reichthum an sich schon macht übermüthig, kommt aber noch vornehme Bildung dazu, so wird leichtlich sündhafter Hochmuth daraus, was in meinen Augen ein schandbares Laster ist. Nun sag', Freund Wimmer, wenn nun meine Kinder oder meine Enkel in diesen schrecklichen Fehler verfielen, wenn sie hochmüthig, hart, unbarmherzig, verschwenderisch würden und als vornehme, reiche Sünder in der Welt lebten, wär' das ein Glück zu nennen? Müßte ich, der ich Schuld daran wäre, mich ob solcher Schmach nicht noch im Grabe umkehren? Es ist dies gerade so leicht möglich, als daß durch seltsame Umstände ein Reicher arm, ein Armer reich werden kann. Wenn wir uns in das Reich der Möglichkeiten verlieren wollen, lieber Bruder, gab Wimmer zur Antwort, so kommen wir schwerlich zum Ziele. Was ist nicht Alles möglich zwischen Aufgang und Niedergang? Mehr als wir Beide im Stande sind unser ganzes Leben lang zu denken. Betrachtungen solcher Art lähmen alle Thatkraft, lassen in letzter Reihe Alles sündhaft erscheinen, denn auch das Beste kann zum Schlimmen ausschlagen, Gutes sich in Böses verwandeln. Mich däucht, ein Vater hat seine Pflicht gewissenhaft erfüllt, wenn er seine Kinder christlich erzieht, sie anhält zur Arbeit, ihnen, soweit seine Kräfte reichen, Mittel zu ihrer geistigen und sittlichen Ausbildung verschafft, kurz sie zu tüchtigen Menschen im Sinne Christi bildet. Das aber, lieber Bruder, ist's, was ich von dir verlange, von dir erflehe! Gott hat dich gesegnet; diesen Segen wende dazu an, deinen Söhnen eine ihren Fähigkeiten entsprechende Erziehung zu geben, eine ihren Neigungen zusagende Thätigkeit zu eröffnen. Ob Heil, ob Unheil daraus entstehen mag, das hast nicht du zu verantworten, wohl aber dürfte dein Sterbestündlein dereinst ein schweres für dich werden, wenn die Blicke deiner Kinder finster und anklagend auf deinen brechenden Augen ruhten! Diese mit inniger Gefühlswärme gesprochenen Worte blieben nicht ohne Eindruck auf den Weber, allein seine Abneigung gegen vornehmes Wesen und moderne Bildung war zu stark, um selbst moralischen Gründen ohne heftigen Widerstand zu weichen. Viel Wissen macht nicht glücklich, sagte er nach einer Weile; das kann man alle Tage an den Gelehrten sehen. Mißmuthigere, verdrießlichere, menschenscheuere Leute findet Einer auf der ganzen Welt nirgend mehr, als unter den Aufgeklärten. Wenn sie nun auch so würden, meine Jungen, könnten sie mir's nicht vorschmeißen bei jedem Bissen Brod? Haben sie Drang dazu und wollen sie durchaus was Besseres sein, als ihr Vater und Großvater, können sie mein'twegen Kaufleute mit und ohne Stiel werden, d. h. wenn ich todt bin. Gar aparte lange, rechn' ich mir, wird's nicht dauern; denn ich verechauffir' mich alle Tage, und das wird mir's Herz bei Zeiten abfressen. Du bist unverbesserlich, sprach Wimmer seufzend. Ich hatte mich so gefreut, dir auch einmal einen Dienst zu erweisen, um die Schuld meiner Dankbarkeit gegen dich etwas abtragen zu können. Aber mit dir Hartkopf ist nicht auszukommen, nicht im Guten, nicht im Bösen. So will ich wenigstens Abrechnung halten und auf alle Fälle ein Ende machen. Nimm dein Geld zurück, ich mag's nicht mehr. Brauch's nicht und will's nicht, sagte Ammer kurz. Will's auch nicht, lieber Bruder, erwiderte sanftmüthig der Herrnhuter. Schenk' es den Armen oder schmeiß' es in' Mühlgraben, da bist du's los! Ich könnt's wohl thun, wenn's fünf Thaler wären, fünftausend aber mir nichts dir nichts hinauszuwerfen, schmeckt mir etwas nach Hochmuth und Verschwendung, und die kannst du beide ja nicht leiden, lieber Bruder. Gott's Pauken und Trompeten, rief Ammer in komischem Zorne aus, sein Sammetkäppchen auf ein Bund rothen Baumwollengarnes werfend, so wollt' ich doch, ich hätt' sonst 'was gemacht! Kurz und gut, ich nehm' das Geld nicht, und wenn's um den Kopf geht! Dann zwingst du mich, es als mein Eigenthum zu betrachten. Mir gerade recht – es soll dein sein und bleiben. Wenn ich's behalten will, lieber Bruder. Da ich's nun aber nicht brauche und es mir doch Segen gebracht hat, will ich's auch nicht leichtsinnig weggeben. Vielleicht bewährt es in den Händen Anderer ebenfalls seine segenbringende Kraft. In dieser Voraussetzung schenk' ich's deinen Söhnen. Wimmer, du wirst doch nicht! Ich werde mit deinem Gelde gerade machen, was ich will, fuhr der Herrenhuter fort. Fürchte aber nicht, daß ich gesonnen sein möchte, die ganze Summe deinen Kindern in die Hände zu geben. Das wäre nicht kaufmännisch gehandelt. Nein, nur zu ihrem Nutzen, in ihrem Namen will ich sie verwenden, und da mir das freie Verfügungsrecht über die ganze Summe zusteht, werd' ich Linnen von dir kaufen und ein überseeisches Geschäft damit für deine Söhne machen. Wimmer! – Nur fein still, lieber Bruder! ich verlange nicht, daß deine Söhne eigentlichen Antheil daran nehmen, weil ich sie aber doch für Besitzer und Eigenthümer angesehen wissen will, bedinge ich mir aus, daß du mir Einen oder den Andern bei Ablieferung der Waaren mitschickst, damit er das für ihn angelegte Handlungsbuch einsehen und sich von dem Stande der Sachen überzeugen kann. Das ist heimlich gehandelt! fuhr der Weber erhitzt auf. Das nennt man einen schlichten, ehrlichen Kerl übertölpeln! – O ihr Herrnhuter, wer euch auskennte! Ihr seid mein' Seel' die pfiffigsten Juden in der lutherischen Christenheit. Wimmer lächelte äußerst süß und sanftmüthig, in seinen halb zugekniffenen kleinen Augen aber leuchtete bisweilen eine boshafte Flamme auf. Er fuhr ruhig fort: Jetzt, lieber Bruder im Herrn, versprichst du mir, die Sachen gehen zu lassen, wie sie wollen, den etwaigen Gewinn, den wahrscheinlich das Geschäft abwirft, nach meinem Gutdünken, doch immer mit Genehmigung deiner Söhne in deren Nutzen mich verwenden zu lassen, und dies bis zu deren Mündigkeit fortsetzen zu dürfen. Erklären dann Christlieb und Fürchtegott, oder Einer von Beiden, daß sie Fabrik und Handel fernerhin vereint treiben wollen, so versprichst du ihnen nicht hinderlich zu sein, vielmehr Alles zu thun, was sie auf ihrem selbst gewählten Berufswege fördern kann. Nicht wahr, lieber Bruder, das wirst du thun, als frommer, christlicher Vater? Ammer schob das wieder aufgeraffte Käppchen von einem Ohr auf's andere, rieb sich die Hände und schnalzte mit der Zunge. Sicherlich werd' ich's thun, Herr Wimmer, sagte er trotzig, ich werd's thun als ein ehrlicher, dummer Kerl, der von einem jesuitischen Herrnhuter recht spitzbübisch hinter's Licht geführt worden ist. Daß dich, daß dich! – – Dein Zorn macht mich glücklich, lieber Bruder, versetzte der herrnhutische Kaufmann, sich fröhlich die Hände reibend, als habe er ein vortreffliches Geschäft abgeschlossen. Und damit unser Abkommen zu Recht beständig sei, deine Hand darauf, alter Brummbär! Ein Wort, ein Mann! Und wenn du der Gottseibeiuns selber wärst, ein Wort, ein Mann! rief Ammer seine Hand kräftig in die des Kaufmanns schlagend. – Ueber diesen Verhandlungen war es spät geworden. Unschwer ließ sich Herr Wimmer bereden, die Nacht bei dem Freunde zuzubringen, was seit sehr langen Jahren nicht mehr geschehen war, da es der Herrnhuter stets geflissentlich vermied, sich länger als durchaus nöthig bei dem Weber aufzuhalten. Längere Zeit bei Ammer lebende Personen, am meisten seine eigenen Kinder, hatten dies wohl bemerkt; da jedoch ihr Vater dabei vollkommen heiter blieb, so hielt man diese etwas auffallende Eile allgemein für eine Charaktereigenthümlichkeit des Handelsherrn, die ihren Grund in seinen religiösen Grundsätzen haben mochte. Auch heute trat Wimmer wieder mit einem wunderlichen Gemisch von Vertraulichkeit und Scheu auf, vorzüglich Frau Ammer gegenüber, die er mit großer Ehrfurcht behandelte. Diese schlichte Webersfrau schien durch so ungewohnte Devotion allemal in Verlegenheit gesetzt zu werden und wußte nicht recht, wie sie sich zu dem Kaufmanne stellen sollte. Sie zog es daher vor, nur das Nöthigste mit ihm zu sprechen und sich übrigens ziemlich fern zu halten. Ammer's Söhne und noch mehr Flora, die in die Pläne und Hoffnungen ihrer Brüder eingeweiht war, erwartete während der Abendmahlzeit den Inhalt der langen Unterredung des Herrnhuters mit dem Vater zu erfahren. Daß beide Freunde ungewöhnlich lebhaft gesprochen hatten, war den Aufhorchenden nicht entgangen; sie würden sogar halbe Sätze des Gespräches verstanden haben, hätten sie nicht mit den Webstühlen fortwährend ein in ihrer Lage höchst verdrießliches Geräusch machen müssen. Momentan konnte zwar Einer oder der Andere seinen Stuhl von Zeit zu Zeit ruhen lassen, zu häufig aber und lange durften sie dies nicht wagen, weil ihr Vater, auch vertieft in ein Geschäftsgespräch, für derartige Störungen ein sehr feines Ohr besaß und unverweilt eine Strafrede an sie gerichtet haben würde. So hatten denn beide Brüder nicht einmal eine Ahnung von dem Abkommen, das Herr Wimmer mit ihrem Vater getroffen. Zu großem Verdruß der Geschwister ließ weder Ammer noch sein Freund ein andeutendes Wort fallen, daß die früher besprochene Angelegenheit von den Männern überhaupt verhandelt worden sei. Von dem Vater, dessen Abgeneigtheit gegen den eigentlichen Kaufmannsstand sie kannten, erwarteten sie nichts zu hören, desto mehr rechneten sie auf den Herrnhuter, der ja die ganze Sache angeregt hatte und den sie für ihren Freund zu halten genügenden Grund zu haben glaubten. Allein auch dieser schwieg hartnäckig und hatte sowohl auf ihre ziemlich verständlichen Fragen, wie auf Flora's schelmischere Anspielungen nur sein stereotypes süßliches Lächeln. Aus allen Aeußerungen sowohl des Vaters wie des Kaufmannes ließ sich vermuthen, daß zwischen Beiden ein bedeutendes Geschäft zum Abschluß gekommen sein mußte. Beide gedachten wiederholt einer binnen zwei Monaten zu leistenden Linnensendung, und Ammer forderte sogar Christlieb einmal auf, er möge die Zahl der Stücke notiren. Keiner der Brüder ahnte, daß dies Geschäft in ihrem eigenen Interessen, zu ihrem Vortheil, vielleicht zur Begründung einer großen kaufmännischen Zukunft gemacht worden sei. Am nächsten Morgen bestieg Herr Wimmer frühzeit seinen geduldigen Klepper. Mit einem Fuße schon im Bügel, rief er dem Weber nochmals die Zahl der bestellten Gewebe in's Gedächtniß und sagte dann mit seinem süßesten Lächeln, recht als ob er sie verhöhnen wolle, zu den Brüdern: Vergeßt nicht meine Rede, lieben Freunde! Wenn es Zeit sein wird, kommen wir wohl wieder darauf zu sprechen. Er grüßte höflich die unter der Hausthür stehende Frau seines Freundes, warf Flora, die im Gärtchen ein Sträußchen schnitt, galant eine Kußhand zu, und ritt dann im langsamsten Trabe die Gasse hinunter. 's ist ein richtiger Schlaukopf, der Herrnhuter, sagte Ammer, sein Käppchen in den Nacken schiebend. Wer's mit dem zu thun kriegt, der muß früh aufstehen, will er nicht betrogen sein. Ein Zweiächsler ist er und ein Zungendrescher, weiter nichts, sagte Fürchtegott, ein Stück Papier zusammenknüllend und es dem Herrnhuter nachwerfend. Ich trau ihm nicht soweit, als ich sehe. Frommthun und in jedem Satz zweimal den Namen Jesus anbringen, das ist ihre Art, vom Worthalten aber werden sie auch nicht fett. Nur nicht hitzig, mein Sohn! bedeutete Ammer den Erbitterten. Wer gewinnen will, hält hinter'm Berge! Bloß Narren und Dummköpfe sind schwatzhaft. Selbst Frau Ammer, obwohl sie einige Male ganz leise ihren Mann auszuhorchen versuchte, erfuhr nichts. Ammer hielt es für klug, das Geschehene vorerst in das tiefste Geheimniß zu hüllen. Er besorgte mit Recht, seine Söhne möchten, wenn sie die Wahrheit erführen, lässig, wo nicht vielleicht gar der gewohnten Arbeit überdrüssig werden, dies aber hätte eine Unordnung in sein Hauswesen gebracht, die er nicht dulden konnte, ohne sich selbst eine Blöße zu geben. Fünftes Kapitel. Ein Blick in die Vergangenheit des Herrnhuters. Wimmer war der Sohn eines armen, tief verschuldeten Bauers, der nach dem Tode seines Vaters dessen kleinen, wenig einträglichen Hof erbte. Er sollte, wie dies bei derartigen Leuten Gebrauch ist, ebenfalls Bauer werden, obwohl er wenig Neigung für den Beruf des Landmannes zeigte. Dennoch würde Wimmer ohne Zweifel diese Laufbahn ergriffen haben, hätte nicht ein unglücklicher Zufall ihn in andere Lebenskreise gedrängt. Schon frühzeitig hatte der junge Wimmer ein Auge auf die hübsche Tochter seines Nachbars geworfen, theils aus wirklicher Neigung, theils weil er durch eine Verbindung mit derselben seine Verhältnisse zu verbessern, sein Besitzthum schuldenfrei zu machen hoffte. Anna war dem damals schmucken Burschen trotz seines Hanges zur Frömmelei nicht abgeneigt. Man erklärte sich gegenseitig, gab sich mit Bewilligung der beiderseitigen Eltern das Jawort, und Alles schien in bester Ordnung zu sein. Da lernte der Weber Ammer die Tochter des Bauers kennen, eroberte schnell ihr Herz, und da Anna selbst bestimmt erklärte, daß sie nunmehr den Nachbar nicht ehelichen könnte, weil sie ihn nicht liebe, so zerschlug sich das stille Verlöbniß und Ammer führte das blühende Mädchen in kurzer Zeit als Frau heim. Diese trübe Erfahrung stimmte Wimmer sehr ernst. Er ward still, in sich gekehrt und hielt sich mehr und mehr zu den sogenannten »Stillen im Lande«, die mit den »mährischen Brüdern« in enger Verbindung standen, der protestantischen Kirche äußerlich zwar treu blieben, dennoch aber die Denkungsart und Glaubenssätze der Herrnhuter denen ihrer eigenen Kirche offen vorzogen. Das Missionswesen, schon damals stark im Gange, fand gerade unter dieser kleinen sectirerischen Gemeinde die meisten Anhänger und zum Theil reiche Unterstützung. Wimmer, der Feder mächtiger als die meisten seiner Glaubensverwandten, und überhaupt ein offener Kopf, machte gern den Vermittler, besorgte die Correspondenz und kam dadurch in vielfache Berührung mit den oberen Leitern der Missionsgesellschaften. Er verkehrte häufig mit den Aeltesten der Brüdergemeinden, lernte einige ihre Bischöfe kennen, und trat endlich, seiner Neigung folgend, offen zu den Brüdern über. Da inzwischen die Eltern gestorben waren und das väterliche Gut mit allen darauf lastenden Schulden sein wenig beneidenswerthes Besitzthum geworden war, so verkaufte er es. Die Kaufsumme reichte gerade hin, die Schulden zu tilgen; mit dem ihm verbleibenden sehr geringen Ueberschusse gründete Wimmer einen Kramladen und fing einen kleinen Handel an, von dem er sich anfangs nur kümmerlich nährte. Begüterte Freunde halfen ihm bald auf, so daß er den Kram in ein kaufmännisches Geschäft verwandeln konnte. Um diese Zeit traf er zufällig wieder mit Ammer zusammen. Den rechtlich gesinnten Weber schmerzte es, daß er dem stillen jungen Manne ein Leid hatte zufügen müssen. Sein gerader Charakter drängte ihn zu einer Erklärung, die gewissermaßen eine Abbitte in sich schloß. Er wünschte sich den Gekränkten zu versöhnen, ihn sich zum Freunde zu gewinnen, und da er sah, daß Wimmer mit gewebten Stoffen einen schwunghaften Handel betrieb, erbot er sich, ihm unter billigen Bedingungen linnene Waaren zu liefern, und nöthigte ihm fast mit Gewalt ein Capital von fünftausend Thalern auf, das er gerade zur Disposition liegen hatte. Nach einigem Sträuben nahm Wimmer das Anerbieten an; ohne Mühe ward nun ein wahrer Freundschaftsbund geschlossen, der wenigstens auf Seiten des Webers ehrlich gemeint war und aus dem Herzen kam. Der junge Herrnhuter mußte dem Freunde versprechen, ihm das nächste Kind aus der Taufe zu heben und auch Anna fortan als ihm wohlgesinnte Freundin zu betrachten. Wimmer ging wehmüthig lächelnd auch darauf ein und vertrat einige Monate später bei Flora Pathenstelle. Seitdem sprach der stille, umsichtige Herrnhuter, der ein immer hervorragenderes kaufmännisches Talent entwickelte und auf längeren Reisen sich bedeutende Geschäftskenntnisse erworben hatte, häufig bei dem Weber ein, blieb in ununterbrochener Verbindung mit Ammer und ward schon nach wenigen Jahren ein wohlhabender Mann. Wie es in dem fest verschlossenen Innern des eifrigen Herrnhuters aussehen mochte, war und blieb Allen ein unlösbares Räthsel. Es fiel auf, daß der kräftige, äußerst thätige Mann sich nicht verheirathete. War Anna's Abfall ihm auch vielleicht schmerzlich gewesen, sein innerstes Seelenleben konnte davon nicht erschüttert worden sein, da seine Neigung keine Spur tieferer Leidenschaft zeigte. Dies war also unmöglich der Grund, weßhalb Wimmer keine andere Verbindung knüpfte. Manche waren der Meinung, der absonderliche Mann halte die Ehe für etwas Störendes, einem beschaulichen Leben Hinderliches, und glaubten, Wimmer heirathe nur deßhalb nicht, weil er als Gatte seinen religiösen Ueberzeugungen nicht ungestört nachhängen zu können fürchten möge. Wie dem nun auch sein mochte, Wimmer blieb unvermählt, so oft ihm auch Freunde passende, ja sogar glänzende Partieen vorschlugen. Er wies sie alle ruhig von der Hand, ohne sich über das Warum auszusprechen. Auch Ammer hatte einigemal behutsam angeklopft, war aber so bestimmt, ja fast barsch abgewiesen worden, daß er nie mehr darauf zurückkam. Bei Ammer's großer Arglosigkeit glaubte er nicht an einen heimlichen Groll, den Wimmer gegen ihn, den glücklichen Nebenbuhler seiner ersten und einzigen Neigung, hegen könne, dennoch aber müssen wir uns dieser Annahme zuneigen. Allerdings standen Wimmer's Handlungen in offenem Widerspruche mit solcher Annahme. Er hatte den Weber nie übervortheilt, ihn nie verleumdet oder verkleinert, im Gegentheil: er sprach nur Gutes von Ammer, und wenn er wirklich mehr im Scherz wie im Ernst etwas an ihm tadelnswürdig fand, so bezog sich dies nur auf die aller Welt bekannten Eigenthümlichkeiten seines Freundes, auf seinen komischen Starrsinn und seine übergroße Vorliebe für alles Althergebrachte. Grollte dennoch der stille Herrnhuter dem reichen und glücklichen Weber, so mußte dieser Groll sich entweder unbemerkt verzehren ober in ganz ungewöhnlicher Weise sich Luft machen. Wimmer's Blick hatte, wie wir bereits andeuteten, etwas Unheimliches, Lauerndes; es lag in den kleinen, stets halbbedeckten Augen schmeichlerische Sanftheit und feige Tücke. Sein Mund lächelte fast immer, aber dies Lächeln war frostig, höhnisch und, wenn Niemand darauf achtete, sogar boshaft. Der ganze Ausdruck des fahlen Gesichtes verrieth frömmelnde Heuchelei. Ein Kenner des menschlichen Herzens würde diesem Manne nie sein Vertrauen geschenkt haben, er würde ihn vielmehr geflohen haben als einen im Gewande der Demuth einher schleichenden Engel der Finsterniß. Wimmer hatte viele Freunde, weil er ein zuverlässiger und höchst rechtlicher Geschäftsmann war. Im Handel sieht man nicht auf das Herz, sondern auf die That, und Wimmer hatte nie zu einer auch nur entfernt zweideutigen Handlung seine Hand geboten. Dennoch fehlte es dem Herrnhuter auch nicht an Feinden, und diese entwarfen von seinem heuchlerischen Wesen ein so abschreckendes Bild, daß Menschen, die ihn persönlich nicht kannten, ihn für einen wahren Satan halten mußten. Belauschen wir jetzt die Gedanken des Herrnhuters auf seinem einsamen Ritt durch die Saatfelder, die ihre schweren Aehren bereits zur Erde beugten. Noch schwebte das süßlich-höhnische Lächeln um seinen fest zugekniffenen Mund, und die breiten, braunen Lieder bedeckten fast ganz seine Augen, so daß man sie gern für geschlossen halten konnte. Die Linke mit den Zügeln ruhte nachlässig auf dem Sattelknopfe des geduldigen Thieres, die Rechte hing schlaff herab und schlug bisweilen, mit der Reitgerte spielend, an die glänzend gelbe Stulpe seines Stiefels. Fünfzig und zwanzig macht siebenzig, sprach Wimmer für sich, »des Menschen Leben währet siebenzig, und wenn's hoch kommt, achtzig,« heißt's in der Schrift. – Will mir mein Heiland gnädig sein, so kann ich's bei meiner Art zu leben auf achtzig bringen – das gäbe also von jetzt an noch volle dreißig Jahre. – In dieser Zeit sind die Jünglinge Männer geworden, haben wahrscheinlich ebenfalls Kinder, und diese –? Wimmer's Gedanken und Worte erstickten in einem heisern Lächeln, wobei er die Zähne wies, was ganz so aussah, als ob ein Todter lache. Er gab dem Klepper die Sporen, daß das erschrockene Thier ein Paar Lancaden machte. Dreißig Jahre, fuhr er nach einiger Zeit fort, das ist eine lange Zeit. Bleibe ich gesund, so kann ich noch dreimal so viel verdienen, als in den letzten zwanzig. Das gibt ein hübsches Vermögen, und soll den lieben Jungen und meinem herzigen Pathchen zu Gute kommen. – Die Familie Ammer, die Kinder und Enkel meiner ehemaligen Braut müssen reich werden, unermeßlich reich! – Wie soll es mich erquicken, wenn sie es den Größten im Lande gleich thun können; wenn ihr Name neben den glänzendsten Geschlechtern des Adels leuchtet! Wenn sie mit Tausenden spielen, wie Kinder mit Zahlpfennigen! – Häuser, Felder, Länder, Schlösser sollen sie haben, wie geborene Fürsten – – die Sorge sollen sie nur dem Namen nach kennen, das Elend nur vom Hörensagen! – Sie sollen nicht wissen, daß es Armuth gibt und daß die größte Kunst auf Erden die Kunst weise zu leben ist! – – – Gott, mein Heiland, ich bitte dich, sei barmherzig! Erhöre deinen elenden Knecht und lasse meine Augen an diesem süßesten Schauspiel sich noch letzen in meiner Todesstunde! Wimmer ließ sein Pferd schärfer austraben, hob flüchtig die Augenlider und sah sich um, als fürchte er, von Jemand behorcht zu werden. Dann fiel er wieder in seine steife todtenähnliche Haltung und begann auf's Neue sein geheimnißvolles Selbstgespräch. Schade, daß es kein Elixir des Lebens gibt! Ich würde mir sonst den Wundertrank verschaffen und müßte ich ihn mit der Hälfte meines jetzigen Vermögens bezahlen! Und Ammer, mein Freund Ammer, dieser glückliche Vater kräftiger Kinder – hier schimmerten abermals die gelben Zähne des Herrnhuters zwischen den lächelnden bleichen Lippen – er müßte ihn trinken, damit er hundert Jahre und darüber in ungeschwächter Kraft leben und das Glück seiner Nachkommen mitgenießen könnte! – Und Anna? – Soll sie auch Zeuge sein meiner Liebe, meiner Aufopferung? – Wenn Gott und mein Heiland es wollen, so geschehe es, aber ich bitte sie nicht darum. – Sie ist eine gute liebe Frau, aber schwach wie jegliches Weib. Und schwache Naturen werden von zu großem Glück so leicht überwältigt! – – Nun, wie du willst, mein Heiland! Ich kniee anbetend vor deinen süßen Wunden, wenn auch nur ein Theil meiner Lieblingspläne und Entwürfe in Erfüllung geht. Mit diesen Gedanken schien eine frohe Stimmung über Wimmer zu kommen. Er sah lustig um sich, trabte, so rasch sein Pferd laufen wollte, vorwärts, und grüßte alle ihm Begegnende. Da er nicht die gewöhnliche Fahrstraße ritt, sondern Richtwege durch Felder, Wald und Wiesen einschlug, sah er schon nach zwei Stunden die rothen Dächer des hochgelegenen Brüderortes über dem Waldsaume schimmern. Zehn Minuten später hörte man in den immer stillen Straßen Herrnhuts den Hufschlag des einsamen Reiters. Vor einem jener nur einstöckigen, mit Schindeln gedeckten Häuschen, die noch in einigen Gassen des Brüderortes zu finden sind, hielt Wimmer sein Pferd an. Ein Diener riß schnell die Hausthür auf und setzte die gellend läutende Schelle dadurch in so heftig schwingende Bewegung, daß sie Minuten lang fortbimmelte und die halbe Gasse vernommen ward. Der Diener nahm Herrn Wimmer die Zügel des Pferdes ab, wobei der Kaufmann einige auf Handel und Handelswesen bezügliche Fragen an ihn richtete. Viele Briefe angekommen, sagte der Diener. Wichtige? fragte Wimmer. Ja, denn sie enthalten gute Nachrichten. Bringe ebenfalls gute Nachrichten, versetzte Wimmer. Müssen heute gleich nach Hamburg schreiben – will ein Schiff kaufen und Rheder werden. Das ist brav, sagte der Diener, und Ihr Schiff muß »Das gute Glück« heißen. Nein, Franz, das wäre eine Herausforderung, erwiderte der Kaufmann. Steht mir das Recht zu, mein Fahrzeug zu taufen, so nenn' ich's »Christenliebe«. Sie sind ein wahrer Heiliger, Herr Wimmer, sprach respectvoll der Diener. In der ganzen Brüdergemeinde gibt's keinen frömmeren, keinen edel denkenderen Mann, als den Kaufherrn Samuel Wimmer. Still, still, Franz, du machst mich schamroth! Es ist Alles bloß Gnade, unverdiente Gnade unseres Herrn und Heilandes, kein Verdienst! – Nun mach' aber, daß du die Braune in den Stall bringst, denn sie ist etwas warm geworden. Martha wird auch ungeduldig, sie hat schon zweimal ihr gottergebenes hübsches Gesicht zum Fenster herausgestreckt. Ich muß ihr guten Tag sagen, sonst schmollt sie die ganze Woche, das fromme, folgsame Kind. Martha begrüßte ihren Herrn recht freundlich. Es war ein hübsches schlankes Mädchen von einigen zwanzig Jahren, dem die einfache reinliche Kleidung und das glatt anliegende, schneeweiße Schwesterhäubchen allerliebst zu Gesicht standen. Ihre Frömmigkeit, die Wimmer so sehr rühmte, konnte man einigermaßen in Zweifel ziehen, wenn man ihre munteren, lebenslustigen Augen sah, die gar schelmisch unter der gewölbten Stirn in die arge Welt blickten. Der alternde Herr behandelte die jugendliche Dienerin mit der Vertraulichkeit eines Vaters oder Vormundes. Vielleicht war er das Letztere. Als sie ihm frisch bereitete Chokolade vorsetzte, nebst einigen »geschnittenen Brödchen«, ein zartes, wohlschmeckendes Backwerk, das nur in Herrnhut und den gleichen Sitten und Gewohnheiten huldigenden Brüderorten bereitet wird, mußte sie eine zweite Tasse holen und den erquickenden Morgenimbiß mit ihm theilen. Unter heitern Scherzen und kleinen Galanterieen, wie sie ältere Männer jungen Mädchen gegenüber sich gern erlauben, sagte er ihr, was er Mittags zu speisen wünschte. Als er hierauf das Frühstück endigte, um zu seinen zwei Tage lang unterbrochenen Geschäften zurückzukehren, erschlich er sich noch einen Kuß, den ihm Martha zwar widerstrebend, aber doch kichernd gab. Ein liebes Kind, murmelte Wimmer in den Bart, fast so lieb wie Anna, ehe sie die Braut des Webers ward. Den Rest des Vormittags verbrachte der Kaufmann mit Durchsicht der eingelaufenen Briefe, von denen er einige sogleich selbst beantwortete, die übrigen dem zuverlässigen, mit allen Geschäftsangelegenheiten wohl vertrauten Franz zu gleichem Zwecke übergab. Sechstes Kapitel. Fürchtegott im Netze des Herrnhuters. In einer ungewöhnlich glücklichen Stunde hatte Ammer seiner Frau die vertrauliche Mittheilung gemacht, daß er auf Wimmer's Verlangen, das seit so langen Jahren von ihm entlehnte Capital im Interesse seiner Söhne zu benutzen, eingegangen sei. Frau Anna war darüber innigst erfreut, weil ihr mütterlicher Scharfblick längst entdeckt hatte, mit welchem Widerwillen ihr jüngerer Sohn die Weberei betrieb. Sie lobte Ammer dieses Entschlusses wegen und unterließ nicht, Partei für Wimmer zu nehmen und dessen Klugheit zu preisen. Ammer bemerkte darauf nichts, bedeutete jedoch seine Frau, daß er strengste Verschwiegenheit von ihr erwarte. Mit geheimer reservatio mentalis versprach Anna dies, indeß hatte sie gewichtige Gründe, bald darauf Flora in's Geheimniß zu ziehen, um des Vaters Abkommen durch die Schwester an die Brüder gelangen zu lassen. Zu dieser kleinen Verrätherei glaubte Frau Anna darum ein Recht zu haben, weil sie seit einiger Zeit eine auffallende Mißstimmung des jüngeren Sohnes gegen den Vater bemerkte. Es gab immer Streitigkeiten zwischen Vater und Sohn, und häufig wollte Frau Anna ihren Mann nicht völlig im Rechte wissen. Ammern verdroß zuweilen seine dem Herrnhuter gegebene Zusage; da er aber zu ehrlich war, um sie wieder zurück zu nehmen, so ließ er sie dem entgelten, für den er sie gegeben hatte. Seinerseits nun that auch Fürchtegott Manches, was den Vater verstimmen mußte. Diese kleinen, aber doch störenden Plänkeleien hoffte Frau Anna am sichersten zu beendigen, wenn sie die Söhne von dem Vorgefallenen in Kenntniß setzte; und der Erfolg lehrte, daß sie sich nicht verrechnet hatte. Fürchtegott ward fügsamer, geschmeidiger, glücklicher in Erfüllung seiner vom Vater erhaltenen Aufträge und der etwas gestörte Hausfrieden stellte sich unvermerkt wieder ein. Auch Flora, die kluge und in diesem Falle schweigsame Vermittlerin, gewann durch die Rolle, welche sie übernommen hatte. Die Brüder, längst schon aufmerksam auf manchen abendlichen Spaziergang ihrer Schwester, belauschten oder störten sie wenigstens nicht mehr, wenn sie sich bei Sonnenuntergang im Gärtchen zu schaffen machte, oder mit Bello, ihrem steten Begleiter ausging, um angeblich eine ihrer Freundinnen zu besuchen. Die Geschwister hatten, ohne viele Worte zu verlieren, gegenseitig ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen, bei dem sie sich ganz wohl befanden. Abwechselnd einen Tag um den andern lag den Brüdern die Verpflichtung ob, im Färbehause des Abends die Laden zu schließen; wenn nun aber Flora über Tische einen bittenden Blick auf die Brüder heftete, blieb gewöhnlich einer der Fensterladen nur angelehnt, der jedoch am nächsten Morgen, wo der Färber das Oeffnen besorgte, regelmäßig fest zugeriegelt war. Zu diesem Fenster schlich sich einigemal in der Woche im bergenden Schatten der Nacht eine dunkle Gestalt, berührte mit leisem Gertenschlag das Holz, worauf sich der Laden öffnete und heimlich flüsternde Stimmen ein trauliches Gespräch führten. Nur die Brüder wußten, wer die späten Schwätzer waren. Aus dem Fenster ihrer Kammer konnten sie das Färbehaus beobachten und die heimlich Plaudernden genau überwachen. Das Gespräch endigte regelmäßig mit einem zärtlich geflüsterten »gute Nacht, lieb' Florel!« eine feine weiße Hand schlüpfte durch den Spalt und berührte die emporgehaltene Rechte eines jungen Mannes, der dann in raschem Laufe den Baumgarten kreuzte, die niedere Buchenhecke übersprang und im angrenzenden Garten des Nachbars verschwand. Hätte ein Fremder diese abendlichen Besuche belauscht, dann würde es ohne Zweifel sehr bald im Dorfe bekannt geworden sein, daß ein junger Bursche bei Ammer's Florel auf die Freit' gehe. Es ist kaum anzunehmen, daß Frau Anna über ihrer Tochter heimliche Neigung ganz in Unkenntniß geblieben sein sollte, jedenfalls aber war sie klug genug, dem fröhlichen unverdorbenen Kinde nicht mit philisterhaften Mahnungen oder heftigen Drohungen entgegen zu treten, und dadurch eine Neigung, die vielleicht nur Spiel unklarer Gefühle war, zu heißer Leidenschaft anzufachen. Flora blieb mithin ganz ungestört in ihren abendlichen Besuchen des Färbehauses, denn auf die Verschwiegenheit der Brüder, die ihr verpflichtet waren, durfte sie sich verlassen. So vergingen unter angestrengter Thätigkeit mehrere Wochen. Ammer blieb immer derselbe ruhige, sein großes Geschäft mit Umsicht und Ausdauer betreibende Mann, streng gegen sich selbst und unerbittlich in seinen Forderungen gegen Andere. Allwöchentlich einmal ging er zur unfern gelegenen Stadt, um die dortigen Kaufleute, mit denen er in Verbindung stand, zu besuchen und neue Bestellungen zu besprechen. Selbst ungünstiges Wetter hielt ihn von solchen Gängen nicht ab, noch konnte ihn irgend Jemand bewegen, der Bequemlichkeit wegen und aus Rücksicht für seine Gesundheit einen Wagen zu besteigen. Jedes derartige Ansinnen wies er mit den Worten zurück: Ich bin blos ein armer Weber; für den schickt sich's nicht, daß er großthuerisch im Wagen sitzt. Wär' ich Fabrikant, 's könnte sein, daß ich führe. Nach Verlauf von zwei Monaten war die von dem Herrnhuter bestellte Anzahl theils feiner, theils mittelfeiner Linnen fertig und lag in Ammer's Hause zu weiterer Beförderung bereit. Der Weber konnte nie an dem sich täglich vergrößernden Waarenschober vorübergehen, ohne einen sonderbaren Blick darauf zu werfen, dem sich bisweilen ein Seufzer zugesellte, dann und wann auch, wenn die Stimmung des Hausherrn nicht auf der Barometerhöhe des guten Wetters stand, in eine brummige Verwünschung umschlug. Dem an ein streng geregeltes Leben gewöhnten Manne waren solche Schwankungen der Empfindung nicht zu verargen, denn was knüpfte oder konnte sich nicht Alles knüpfen an die Versendung dieser Waarenballen! Sein eigener Ruf als Weber, sein häusliches Glück stand zwar nicht auf dem Spiele. Verschlangen Meereswellen diese Erzeugnisse hundert fleißiger Hände, so ging damit nur ein Capital verloren, das er schon längst nicht mehr als sein Eigenthum betrachtet hatte; erreichte aber das europäische Product die Gestade der neuen Welt, so konnte mit dem vortheilhaften Verkauf desselben über seinem unscheinbaren Hause eben so gut ein hell leuchtender Glücksstern, wie ein düster strahlendes, in die grauenhafteste Finsterniß versinkendes Meteor aufgehen. An das Schicksal dieser schimmernden Gewebe knüpfte sich das Schicksal seiner Kinder, seiner Enkel! So wenig Ammer zu unfruchtbarer Grübelei hinneigte, dieser quälerische, sein Herz zusammenschnürende Gedanke kam ihm doch immer von Neuem, und verzögerte die Absendung der Waaren von Tage zu Tage. Erst nach wiederholtem Drängen des Freundes faßte er sich ein Herz und kündigte eines Abends – es war in den ersten Tagen des Septembers – seinem Sohne Fürchtegott an, daß er am nächsten Morgen nach Herrnhut aufbrechen solle, um Herrn Wimmer den fertigen Linnentransport zu überbringen. Die Brüder waren darüber so erfreut, daß sie die halbe Nacht nicht schlafen konnten. Hundert Bilder einer glänzenden Lebenszukunft umgaukelten sie. Fürchtegott sah sich schon als Rheder, als Welthandelsmann in beiden Hemisphären gleich geachtet, gleich berühmt, und Christlieb summte der Kopf von dem Schrillen und Klirren der Spindeln, dem Geklapper der Webstühle, die er errichten wolle, um Spinnen und Weben fabrikmäßig zu betreiben. Schon Tags zuvor hatte Ammer drei Wagen in Stand setzen lassen und ihm befreundete Bauern um Darleihung von Pferden und Geschirr gegen mäßiges Entgelt gebeten. Zu festgesetzter Stunde kamen die Gespanne. Die Dienstleute des Webers waren schon in voller Thätigkeit, die linnengefüllten Ballen zweckmäßig zu verpacken und durch starke Planen gegen Wind und Wetter zu sichern. Der schwer bewölkte Himmel und herbstlich kühle Windstöße verhießen einen unangenehmen, regnerischen Tag. Bei Sonnenaufgang war Alles zum Aufbruche bereit. Fürchtegott erhielt von seinem Vater das Verzeichniß der abzuliefernden Gewebe mit genauer Angabe der Gänge, d. h. der größern oder geringern Feinheit der Garnfäden, aus denen die Werfte oder der Zettel bestand, und des für jede Webe berechneten Preises. Mit diesem Verzeichniß und einer kleinen noch überdies vom Vater erhaltenen Baarschaft setzte sich Fürchtegott seelenvergnügt in die Schoßkelle des ersten Wagens und trat seine verhängnißvolle Sendung an. Schwermüthig sah Ammer den fortrollenden Wagen nach, bis sie hinter den Häusern verschwanden. Dann ging er seufzend und kopfschüttelnd in's Haus zurück, indem er dumpf vor sich hin murmelte: Mir bangt, ich ziehe mir mit dieser Fuhre ein richtiges Donnerwetter über den Kopf zusammen. – s' ist kein Wetter das für ein gutes Geschäft! – Alles Grau in Grau, als hätten die lieben Engel im Himmel die ganze Nacht Asche gesiebt. – 's gefällt mir nicht und die ganze Fuhre wird bei guter Zeit auf'm großen Wasser versaufen! – Na, meinethalben, mir kann's schon recht sein – werd' ich doch die Plackerei los mit dem verfluchten Großthun! Fürchtegott dagegen fühlte sich stolz und reich wie ein König. Er geleitete sein Glück in die Welt, und so oft er sich umsah, um einen Blick auf die schwer befrachteten Wagen zu werfen, so oft fühlte er in edlem Stolze sein Herz schwellen. Ehe noch ein Jahr umrollte, konnte er schon ein vermögender Mann sein, und welche Zukunft stand ihm bevor, wenn das Glück mit dem Vertrauen sich mehrte, wenn er erst selbstständig handeln und Pläne, mit denen er sich seit Wochen trug, verwirklichen konnte! Dem sanguinischen Jünglinge schien es gar nicht zweifelhaft, daß sein Leben ein bedeutendes, seine Wirksamkeit eine weltumfassende werden müsse. Er sah Häuser, Paläste, Schiffe, die ihm gehörten, und wenn zufällig sein Blick ein Stück blühend bebautes Land streifte, knüpfte sich von selbst der Wunsch daran, auch Ländereien sich zuzueignen, um den Gewinn des Handels in werthvollen liegenden Gründen zu sichern. Der Besitz großen Grundeigenthums konnte, wie er dies gesehen zu haben sich erinnerte, die Verleihung von Titeln und Orden nach sich ziehen, und da ein Augsburger Weber durch Gunst der Umstände und kaiserliche Gnade in den bewegtesten Zeiten der Weltgeschichte in den Grafenstand erhoben worden war, dünkte dem ehrgeizigen Jünglinge die Eroberung selbst einer Fürstenkrone nicht unmöglich. Nur wenn er dann wieder seine Beinkleider von verschossenem schwarzen Manchester und die unscheinbare Kattunjacke betrachtete und sich sagen mußte, daß er nicht mehr und nicht weniger sei, als Webergesell und zufällig der Sohn eines wohlhabenden Mannes, nur dann zerrannen seine glänzenden Luftschlösser und der graue Nebel rollte tückisch lachende Fratzen an ihm vorüber. Herrnhut war ungewöhnlich belebt. Die Predigerconferenz, welche hier alle Jahre einmal abgehalten wird, hatte gegen hundert lutherische Geistliche zusammengeführt, welche Theil nehmen wollten an den Besprechungen der mährischen Brüder, die sich an die Mittheilungen knüpfen, welche der Gemeinde aus allen Ländern der Welt von ihren Missionären zugehen. Die Ausbreitung des Christenthums in fernen Ländern, unter Muhamedanern, Hindu's, Parsen und Heiden bilden das stehende Thema dieser Conferenzen, auf denen meistens ein großer Aufwand christlicher Liebe und Milde, hingegen aber wenig Geist verbraucht wird. Im Allgemeinen beschränken sich die Mittheilungen der Brüder auf Auszüge eingelaufener Briefe, die der Präsident vorliest. Ausnahmsweise knüpfen sich daran auch Fragen allgemeinen religiösen Inhalts, bei deren Beantwortung die versammelten Prediger nicht selten in apostolischen Eifer gerathen. Ein gemeinsames Liebesmahl in später Abendstunde schließt die Feierlichkeit, die immer ein kirchliches Gepräge trägt. Zu solchen Liebesmahlen haben auch Laien und Frauen Zutritt. Fürchtegott fand es unterhaltend, die Gruppen der Prediger, die auf dem freien Platze vor dem Gemeindelogis, wie der einzige Gasthof in allen Brüderorten genannt wird, in lebhaften Gesprächen auf- und niedergingen, zu beobachten. Er begegnete manchem bekannten Gesicht, mancher originellen Persönlichkeit, deren es damals unter den lutherischen Landgeistlichen noch viele gab. Namentlich konnten die älteren Prediger fast durchgängig für Originale gelten. Viele derselben würde man für Bauern gehalten haben, hätten nicht die weißen »Ueberschlägel« (Bäffchen) ihren Stand verrathen. In Wort und Gebehrden thaten sich diese gealterten geistlichen Herren wenig Gewalt an. Sie sprachen oft den Jargon des Volkes, mit einigen hochdeutschen und noch mehr lateinischen Worten gespickt, zeigten aber sonst keinerlei äußerliche Bildung, wie sie dem Gelehrtenstande doch sonst eigen zu sein pflegt. Ein langes Leben unter bäurischen Menschen, getheilt zwischen Lehre und ländlicher Beschäftigung, welche letztere einen Theil ihres pfarrherrlichen Einkommens bildet, abgeschnitten von allem Umgang mit den Bildungselementen feiner Welt, verwischt nach und nach bei den Meisten den Firniß edleren Gesellschaftstones und verwandelt sie in gelehrte Männer aus dem Volke. Gelehrsamkeit, wenn auch meistentheils einseitige, fehlt solchen Männer der Kanzel selten, man begegnet sogar häufig fein geschulten Köpfen, die in altklassischer Literatur wohl bewandert, dafür aber aller modernen Bildung, wie sie fortgesetzter Verkehr mit der großen Welt gewährt, gänzlich entfremdet sind. Als eifriger Bruder nahm Wimmer an diesen Berathungen, diesem Verkehr seiner Gemeinde mit den Lehrern und Predigern der im Sinn und Streben verwandten lutherischen Kirche lebhaften Antheil. Er war Vielen befreundet, mit Einigen, deren Gesinnung sich der Brüdergemeinde offen zuneigte, vertraut, und mit diesen sich auszusprechen war ihm Bedürfniß. Fürchtegott mußte deßhalb den ganzen Tag verstreichen lassen, ohne den Handelsherrn sprechen zu können, denn Wimmer als Freund des Bischofs, war an diesem für die Gemeinde so wichtigen Tage bei dem ersten Prediger des Ortes mit mehreren der fremden Geistlichen zur Tafel geladen. Erst nach beendigtem Liebesmahl, das der strenge Herrnhuter ungeachtet des geselligen weltlichen Anstriches, der ihm eigen ist, mehr als kirchliches Beisammensein, denn als Uebung in christlicher Demuth, als eine Erneuerung und Befestigung gemeinsamer Bruderliebe betrachtet, kehrte Wimmer in seine stille Behausung zurück, wo sich Fürchtegott inzwischen bei der zwar hübschen, aber äußerst zurückhaltenden Martha bereits ein paar Stunden höchlichst gelangweilt hatte. Der sinnlich lebhafte, zu allen Lebensgenüssen hinneigende Jüngling hätte dies gern den Herrnhuter entgelten lassen und über das eifrig zur Schau getragene frömmelnde Wesen desselben gespottet; weil er aber dadurch den Freund seines Vaters zu beleidigen fürchtete und dies seinen Absichten schaden konnte, befliß er sich ebenfalls ernst, ja sogar im herrnhutischen Sinne heilig zu erscheinen. Wimmer begrüßte den Sohn seines Freundes mit einer Rührung, die sich kaum der Thränen enthalten konnte. Die süßliche Freundlichkeit des Herrnhuters schlug heute in eine frömmelnde Zerknirschung um. Es gehörte ein starker Glaube dazu, dies Wesen des Mannes für natürlich und wahr zu halten, für das Ergebniß tiefer geistiger Bewegung. So jung nun auch Fürchtegott war und so wenig ihn die Schule des Lebens gereift hatte, sein weltlicher, dem Praktischen zugekehrter Sinn wandte sich entrüstet ab von diesem frivolen Spiel mit erheuchelten Gefühlen. Zum ersten Male machte Wimmer einen unangenehmen, fast abstoßenden Eindruck auf ihn, und der Gedanke, ein Mensch, der sich nicht entblöde, das Göttliche in solcher Weise zu profaniren, müsse jeder Frevelthat, jeder Verrätherei fähig sein können, stieg beängstigend auf in seiner Seele. Je freundlicher, demüthiger, heiliger sich Wimmer gab, desto kühler wurde das Entgegenkommen des jungen Ammer. Du mußt heute Geduld mit mir haben, lieber Bruder im Herrn, sprach der fromme Handelsmann, den scheuen, mißtrauischen Blick Fürchtegott's bemerkend. Wärst du Ohrenzeuge gewesen der erhebenden Rede, die ich heute mit anzuhören von unserm Heilande gewürdigt worden bin, du würdest sicherlich meine Gefühle theilen. Welche Eintracht unter den Brüdern! Welche aufopfernde Liebe, wo das Wort des Herrn lauter gepredigt wird unter den Heiden! Wahrlich, lieber junger Bruder, wäre ich in deinen Jahren, fähig, große Strapatzen zu ertragen, noch heute würde ich Missionär. Kann es wohl einen edleren, größeren, heiligeren Beruf geben, als in die Fußstapfen der Apostel zu treten und um des unschuldig vergossenen theuern Blutes Jesu Christi willen – hier beugte Wimmer seine Kniee – Mühsal und Trübsal zu ertragen, und die Verblendeten zu bekehren, denen das Licht der Gnade noch nicht aufgegangen ist? Wer sich dazu berufen fühlt, mag dem Drange seines Herzens folgen, Herr Wimmer, versetzte Fürchtegott ziemlich frostig, ich meines Theils paßte wenig zu diesem Geschäft, denn ich bin ganz und gar nicht zum Bekehren geschaffen; und wenn Sie mir's nicht übel nehmen, Herr Wimmer, so bezweifle ich auch, daß Sie das rechte Zeug zu einem Apostel Christi haben. Es wäre sündhafte Vermessenheit, so etwas behaupten zu wollen, lieber Bruder, erwiderte der Herrnhuter. Der Berufenen gibt es Viele, wie schon die heilige Schrift lehrt, der Auserwählten Wenige. Das Lamm Gottes aber kann wohl auch Schwache kräftigen und zu Verkündern des Heils erwecken, wenn sie frühzeitig auf seine Stimme hören. Wenn Sie das nicht gethan haben, Herr Wimmer, so ist es, scheint mir, ganz allein Ihre Schuld. Leider, leider sprichst du die Wahrheit, lieber Bruder! erwiderte der Herrnhuter und wischte sich eine Thräne aus dem Auge. Die Welt und ihr Blendwerk hat mich angezogen in früher Jugend, und ich war schwach genug, ihren Lockungen zu folgen. Später ließ mich zwar die Gnade des allerheiligsten Erlösers meinen Irrthum erkennen, allein von dem Irdischen mich ganz zu trennen, vermochte mein schwacher Wille nicht. Darum strengte ich alle meine Kräfte an, um im irdischen Geschäft das höhere Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, das hier und dort bleibend ist und angenehm macht vor dem Herrn. Nach dem Segen zu schließen, den Gott Ihnen geschenkt hat, müssen Sie gut bei ihm angeschrieben stehen, sagte Fürchtegott. Ich hätte gar nichts dagegen, wenn sich der Heiland mir auch so gnädig beweisen wollte. Wohl gesprochen, mein Sohn, wohl gesprochen! versetzte Wimmer. Das sind Gott wohlgefällige Gedanken, die zur That werden, wenn der sündige Mensch nicht seiner Kraft allein vertraut. Wir bedürfen des göttlichen Segens, des Beistandes unsers Herrn und Heilandes allüberall, und betrachten wir das irdische Gut in diesem Sinne, so gedeiht es, so mehrt es sich, damit wir es wieder verwenden können im Namen und zum Heile dessen, der über alle Namen ist. Ich wünsche sehr, es dahin zu bringen, Herr Wimmer. Darum möchte ich Sie bitten, mir zu Gefallen Ihre Aufmerksamkeit wieder ausschließlich dem Irdischen zuzuwenden und mir zu sagen, ob Sie mit den überbrachten Waaren zufrieden sind und neue Bestellungen zu machen haben? Sehr gut bemerkt, junger Freund, versetzte der Herrnhuter lächelnd. Wir sind auf diese Erde, in dies trübselige Jammerthal gesetzt, damit wir uns auf das ewige Leben, auf das selige Jenseits vorbereiten, und wie könnten wir dies besser thun, als wenn wir zum Heil unserer lieben Mitbrüder nicht Zeit, nicht Mühe, nicht Sorgen sparen, und im Schweiße unseres Angesichtes, mit der Arbeit unserer Hände die Güter der Erde mehren! Ach es ist ein schwerer, aber doch ein heiliger Beruf. Wimmer faltete die Hände, schlug die Augen andächtig zum Himmel auf und wandte sich dann mit mehr weltlich klingendem Tone fragend zu dem jungen Ammer: Hat dein Vater nichts geäußert über die Bestimmung dieser Linnenlieferung? Viel Reden ist nicht des Vaters Sache, erwiderte Fürchtegott, und was hätte er mir auch bei Ablieferung einiger Weben Leinwand an den Besteller viel sagen sollen? Er zählt mir die Stücke zu und damit Punctum. Mein junger Freund weiß also nicht, was es für eine Bewandtniß hat mit diesen Weben. Fürchtegott stellte sich absichtlich völlig unwissend, da er dem Herrnhuter nicht traute. Ich verstehe Sie nicht, Herr Wimmer, sagte er erstaunt. Der Kaufmann lächelte und seine kleinen Augen sprühten wie Feuerflammen auf das Antlitz des Jünglings. Erinnerst du dich noch unserer Begegnung, als du mit deinem Bruder von der Bleiche zurückkamst? An der Kapelle? An der Kapelle beim Feldbrunnen. Als wär' es gestern, sagte Fürchtegott. Ich habe mich oft genug geärgert, daß ich damals so albern war, auf Sie zu hören, Herr Wimmer. Beinahe hätte ich mir den Vater gänzlich verfeindet, der von solchen weitschichtigen Dingen nichts wissen mag. Und Sie selbst, Herr Wimmer – nun, ich hab's Ihnen vergeben – Sie selbst dachten gewiß auch nicht wieder daran. Es war eben ein Einfall, wie sie Einem zuweilen in müßigen Stunden durch den Kopf fahren. Ein guter Einfall war's, junger Freund, und, will's Gott, bald Compagnon, erwiderte der Kaufmann. Freilich war der Alte zäh, wie Haselholz, aber ich hatte ihn in Händen und gebrauchte meine Macht, sanft, versteht sich, wie sich's ziemt für einen Christen, und in Liebe und Geduld; aber ich brauchte sie doch, und da mein wackerer Freund sah, daß die Arme eines ehrlichen Mannes seinen Nacken umschlangen, da gab er nach und fügte sich meinen Bitten. Der Vater hätte wirklich – Hat wirklich genehmigt, unterbrach Wimmer den sich überrascht stellenden Jüngling, daß ich in eurem Namen, zu eurem Besten, auf eure Rechnung die eben von dir überbrachte Waare nach Amerika versenden darf und, und wenn unser Herr und Heiland gnädig auf uns herabsieht und dem Unternehmen seinen Segen gibt, daß Einer von euch Brüdern unter meiner Leitung ein überseeisches Geschäft in reinen, selbst fabricirten Leinenwaaren etabliren soll! Ei, ei, du böser, lieber junger Mensch, wie konntest du glauben, daß ein Mitglied der Brüdergemeinde so leichtfertig ein heiliges Versprechen vergessen, so ganz gottlos und unchristlich sein Wort brechen werde? Dafür sollte ich dich tüchtig auszanken, aber ich will vergeben, wie Christus es vorschreibt, wohl eingedenk der Worte: Jugend hat nicht Tugend. Wimmer eröffnete hierauf seinem dankbaren Zuhörer das mit Ammer getroffene Abkommen, wogegen ihm Fürchtegott mit Hand und Mund geloben mußte, dem Vater von dieser Eröffnung nichts zu verrathen, weil dieser erst den Erfolg des Unternehmens abwarten wolle. Halte mich nicht für leichtsinnig oder unzuverlässig, lieber Bruder, fügte Wimmer hinzu, weil ich ein gegebenes Wort nicht buchstäblich halte. Ich glaube dir und deinem Bruder durch diese Nichtachtung meines Versprechens wesentlich zu nützen, während euer Vater, mein sehr lieber Freund, keinen Nachtheil davon hat, sofern ihr nur verschwiegen seid. Das Unternehmen ist sicher, wie Gold, mein Herzensjunge, weßhalb das Abkommen mit eurem Vater nutz- und zwecklos war. Nur aus Klugheit und weil ich euch einmal, ich weiß nicht warum, so unaussprechlich liebe, gab ich nach und schlug ein. Binnen Jahr und Tag seid ihr gemachte Leute, und wenn dann auch Meister Ammer's Kappe keine Minute mehr ruhig auf seinem Kopfe sitzt, ihr habt euch nichts darum zu kümmern. Ein erfüllter Contract hat die Giltigkeit eines Eides vor Gott und Menschen. Fürchtegott gefiel diese Sprache sehr wohl, obgleich ihm die eigenthümliche Moral des Herrnhuters auf schlüpfrigem Boden gewachsen zu sein schien. Er hatte zwar keinen Grund, den Mann, der offenbar in auffälliger Weise für sein und seines Bruders Wohl sorgte, für einen Heuchler zu halten, an der Wahrheit seiner religiösen Ueberzeugung aber mußte er doch zweifeln. Oder sollte er annehmen, dem wunderlichen alten Herrn sei das frömmelnde Wesen so zur Gewohnheit geworden, daß er ohne Wissen und Willen sich damit umkleidete, und selbst rein weltliche Geschäfte mit herrnhutischen Redensarten, unter Händefalten und Augenverdrehen abmachte? Dies genauer zu untersuchen, war nicht Fürchtegott's Sache. Zufrieden, seine Wünsche der Erfüllung so nahe gerückt und eine Zukunft voll schimmernder Hoffnungen sich eröffnet zu sehen, versöhnte er sich leicht mit dem widerlichen Heiligthun des Herrnhuters und versprach Alles, was dieser von ihm begehrte. Da wir von jetzt an heimliche Compagnons sind, mein lieber junger Bruder, fuhr Wimmer fort, so muß vollkommenes Vertrauen, Offenheit und unbedingte Wahrhaftigkeit unter uns herrschen. Du mußt wissen, welche Summen dem Unternehmen gewidmet werden, wer diese gibt und wem der Gewinn davon zufällt. Ich lege dir deßhalb mein Hauptbuch vor, damit du dich mit eigenen Augen überzeugen kannst, wie ich das Unternehmen angreife. Herr Wimmer holte bei diesen Worten ein gewaltig dickes Buch, ganz mit Zahlen gefüllt, aus seinem Pulte hervor und schlug es vor Fürchtegott auf. Dieser betrachtete die großen darin verzeichneten Summen mit scheuer Ehrfurcht, ohne einen Begriff von der Einrichtung des sonderbaren Buches zu haben. Nichts wäre leichter gewesen, als den unerfahrenen Jüngling zu täuschen, denn Fürchtegott glaubte jetzt, und war gewissermaßen auch dazu gezwungen, was der Herrnhuter ihm sagte. Dies lag aber gar nicht in der Absicht des Handelsherrn. Das Streben desselben war vielmehr darauf gerichtet, die Phantasie des jungen Menschen durch Nennung der Zahlen zu entzünden, die ein ungewöhnlich glücklicher Handel ihm wirklich eingetragen hatte. Unsere Leser erinnern sich, daß Wimmer seinen Reichthum einem Capitale seines Freundes Ammer verdankte. Mit besonderen Accent hob dies der Herrnhuter jetzt hervor, um das Vertrauen seines Zuhörers zu erhöhen und ihn von seiner eigenen Rechtlichkeit zu überzeugen. Diese Großmuth deines braven, uneigennützigen Vaters, sprach Wimmer, kann ich nie in meinem Leben genugsam preisen. Volle zwanzig Jahre und darüber habe ich eine Summe von fünftausend Thalern mit allen auflaufenden Zinsen benutzen können, ohne daß mein großmüthiger Freund je wieder darnach fragte. Diese Summe gehört nicht mir, ich betrachte sie bis auf den heutigen Tag nur für ein mir anvertrautes Depositum, das ich zu verwalten und dereinst in die Hände dessen abzuliefern habe, der mich dazu aufzufordern befugt ist. Laut den ausdrücklichen Worten meines alten Freundes seid ihr Brüder diese Personen, sobald ihr das Alter der Mündigkeit erreicht haben werdet. Indeß, wer mag wissen, wie lange es dem Heilande gefällt, mich auf dieser elenden Erde meine einsame Wallfahrt fortsetzen zu lassen! Leicht kann es vor Abend anders werden, und würde ich so plötzlich abgerufen, ohne meine weltlichen Angelegenheiten in Ordnung zu wissen, so würde dies mein letztes Stündlein zu einem höchst traurigen und qualvollen machen. Darum ziehe ich es vor, dich, den künftigen rechtmäßigen Erben der Summe, die unter meinen Händen sich vermehrt hat, schon jetzt von dem Stande meines Vermögens in Kenntniß zu setzen. Wimmer beugte sich über das Buch, blätterte darin und betrachtete aufmerksam einige an der Seite mit blauer Tinte ausgeschriebene Zahlen. Dann sprach er weiter: Das einfach verzinste Capital deines Vaters hat sich binnen zwanzig Jahren verdoppelt, rechnen wir aber Zinsen auf Zinsen, so steigert sich die Summe noch um ein Bedeutendes. obwohl ich als streng rechtlicher Mann so rechnen müßte, will ich es aus Rücksicht für meinen alten lieben Freund doch nicht thun, weil ich ihn mir damit sicher auf Lebenszeit zum Feinde machen würde. Ich nehme deßhalb an, daß nur zehntausend Thaler euch Brüdern gehören, und bestimme diese Summe theils zur Bezahlung der Leinewand, theils zur Proviantirung einer Brigantine, sowie zur Besoldung der zu ihrer Führung nöthigen Mannschaft. Dürfte ich ganz meiner Neigung folgen, so würde ich ein eigenes Fahrzeug mir zueignen, allein dies ist mit Kosten verbunden, zu deren Deckung eine so geringe Summe nicht ausreicht. Ich ziehe deßhalb vor, das seehaltige Schiff eines mir befreundeten Hamburger Kaufmanns miethweise für unser Unternehmen zu benutzen. Genau kann ich in diesem Augenblicke nicht angeben, wie hoch die Kosten der Ausrüstung, der Ueberfahrt u. s. w. sich belaufen werden, da dies von der längeren oder kürzeren Dauer derselben abhängt und darüber Gott allein zu bestimmen hat. Geht das Schiff nur nicht zu Grunde, so kommt wenig darauf an, denn ansehnlicher Gewinn ist uns dann so sicher, wie der morgende Tag. Angenommen nun, fuhr Wimmer nach einer Pause fort, während welcher er wieder in seinem Hauptbuche blätterte, angenommen, diese Expedition schlüge über Erwarten vortheilhaft aus, so daß wir über hundert Procent profitirten, so wäre ich dennoch meiner Verbindlichkeit gegen deinen Vater noch nicht quitt. Ein redlicher Mann darf nichts geschenkt nehmen, so lange er thätig sein und erwerben kann. Ich würde aber die Stellung eines Beschenkten meinem großmüthigen Freunde gegenüber einnehmen, zahlte ich weiter nichts, als das geliehene Capital mit fünf Procent Zinsen auf zwanzig Jahre an seine Söhne zurück. Es gehören euch demnach rechtmäßig auch noch sämmtliche Zinsen von den Zinsen. Darum ist es mein Wunsch und Wille, daß nach meinem Tode mein ganzes Vermögen mit Ausnahme einer Summe von siebenzigtausend Thalern, die ich der Brüdergemeinde und ihren heiligen Zwecken vermache, euch Brüdern zufallen soll, da ich weder Geschwister noch Verwandte habe. Gegenwärtig beläuft sich mein Vermögen auf zweimalhundert und siebenundachtzigtausend Thaler, die ich in ehrlichem Handel mit Hilfe des von deinem Vater entnommenen Capitals erworben habe. Sollte ich noch einige Jahre leben, so hoffe ich diese Summe noch ansehnlich zu vermehren, denn die Conjuncturen sind gut und lange Erfahrung unterstützt meine Unternehmungen. Auch dieser Zuschuß gehört dir und deinem Bruder, wie ich das Alles weitläufig in einem zu Recht beständigen Testament niederlegen werde. Ich unterrichte dich von dieser meiner Willensmeinung bloß deßhalb, damit du einsehen mögest, welch unermeßlichen Vortheil der Handel gewährt. Gegen deinen Vater darfst du von alle dem nichts erwähnen. Er soll erst nach meinem Tode erfahren, wie sehr ich ihn verehrt habe. Den letzten Willen eines Sterbenden wird er heilig halten, und wenn auch vielleicht brummend, wie dies nun einmal seine Weise ist, sich doch ohne Widerrede in das Unabänderliche fügen. Dein Wort, deine Hand darauf, junger Freund und lieber Bruder in Christo, daß du über das Gehörte gegen Jedermann das tiefste Stillschweigen beobachten willst! Fürchtegott kam sich vor wie ein Bezauberter. Er hatte schon längst mit offenem Munde dem Redeflüsse des Herrnhuters zugehört, ohne begreifen zu können, wie ihn Gott unter Millionen zu solch unermeßlichem Glück könne auserwählt haben. Und hätte jetzt nach diesen Eröffnungen Wimmer den entsetzlichsten Schwur von ihm verlangt; hätte er sich ihm gezeigt in der abschreckenden Gestalt des höllischen Versuchers: Fürchtegott würde ihm doch Treue geschworen, ewiges Schweigen angelobt haben! Der kluge Herrnhuter hatte den jungen Mann mit unauflöslichen Banden an sich gekettet, ihn gleichsam zu einem Theil seiner selbst gemacht. Fürchtegott reichte ihm ohne Bedenken die Hand und versprach in allen Stücken den Rathschlägen seines erfahrenen Freundes und großmüthigen Wohlthäters folgen zu wollen. So! sprach Wimmer, die Hand des jungen Ammer mit Herzlichkeit drückend. Jetzt ist der Pact geschlossen, der uns verbrüdern und heilig bleiben soll bis zum Grabe. Möge er dir und deinem Bruder Segen bringen, und das Geschlecht Ammer bei Mit- und Nachwelt groß machen. Amen! Dazu verhelfe uns Gott und sein heiliger Sohn, Jesus Christus! – Und nun fort, junger Mensch, damit du von den mancherlei Strapatzen des heutigen Tages ausruhen mögest in sorglosem Schlummer. Der Herr und seine Engel beschützen dich! Gute Nacht, junger, lieber Bruder! Siebentes Kapitel. Wimmer's Lehren beginnen zu wirken. Fürchtegott verbrachte eine Nacht unter dem Dache des Herrnhuters, wie er noch keine verlebt hatte. Erhitzt von den Eröffnungen des speculativen Mannes, glich sein Zustand dem eines Fieberkranken, der in einer Welt glühender, wild durcheinander gaukelnder Bilder lebt. Sein Schlaf war ein fortgesetzter ruheloser, beglückender, aber aufreibender Traum. Als er am nächsten Morgen beim ersten Geräusch auf der Straße erwachte, fühlte er sich erschöpft, mit wüstem, schmerzenden Kopfe, als hätte er die Nacht bei wildem Gelage durchschwärmt. Aber mit süßer Genugthuung, mit heißem Entzücken wiederholte er die Worte, die Zahlen, die er am Abend zuvor von dem Kaufmanne mehr wie einmal hatte nennen hören, und die in sein Gedächtniß mit glühenden Lettern eingebrannt waren. Wimmer hatte sich die Anhänglichkeit, den blinden Gehorsam des jungen Menschen für immer erobert, und wenn es die Absicht des versteckten Mannes war, ein williges Werkzeug für weiter reichende Zwecke in ihm sich heranzubilden, so war diese Absicht bereits vollständig erreicht. Der jüngere Sohn seines alten Freundes war ein Sclave der Gedanken des Herrnhuters geworden. – Die Flamme des Glückes, welche so unerwartet ein hell loderndes Freudenfeuer in Fürchtegott's Seele entzündet hatte, leuchtete ihm am andern Morgen aus den glänzenden Augen. Ein scharfer, die Herzen prüfender Blick würde freilich neben der blitzenden Freudegluth auch noch einen düstern Punkt bemerkt haben, der auf unlautere Entstehung des flackernden Brandes hindeutete. Nicht stilles, durchsichtiges Licht verklärte den Blick des Jünglings, ein ruheloses, von heftigem Sturmwind erfaßtes Feuer mit grellem Glanze loderte in dem funkelnden Auge. Dem Herrnhuter entging diese Aufregung seines jugendlichen Freundes nicht; er begrüßte sie wie einen lang ersehnten Bekannten mit seinem freundlichsten Lächeln, das süßliche Demuth und beißenden Hohn nicht ausschloß. Der erfahrene Geschäftsmann freute sich offenbar der glücklichen Wirkung seiner Offenherzigkeit. Während des Frühstücks ermahnte er Fürchtegott nochmals, das Gehörte ja sorgfältig in seiner Brust zu verschließen, seinem Vater in allen Dingen, auch in solchen, die seiner Neigung oder seiner bessern Ueberzeugung widerstrebten, willig und pünktlich zu gehorchen, und vertrauensvoll die Zeit abzuwarten, die eine glücklichere, unabhängigere Zukunft ihm erschließen werde. Fürchtegott sagte mit abermaligem ehrlich gemeinten Handschlage zu und trat in Begleitung der leeren Wagen den Rückweg nach seiner Heimath an. – Die beiden zurückgebliebenen Geschwister erwarteten den Bruder mit großer Spannung, denn sie hofften von seinem Verkehr mit dem Herrnhuter die genauesten Details zu erfahren. Sein fröhliches Gesicht, sein gleichsam gehobenes Auftreten, worin eine gewisse Würde und Selbstständigkeit lag, bestärkte sie in ihren Erwartungen, und nach erfolgter kurzer Berichterstattung an den Vater, die wenig mehr als eine Bestätigung der Uebergabe des Waarentransportes erheischte, drangen Bruder und Schwester mit lebhaften Fragen in ihn. Fürchtegott hielt sein Wort gewissenhaft. Er leugnete mit kecker Stirn jede Andeutung Wimmer's hinsichtlich der Verwendung, die er von den Geweben machen wolle. Auch die Fragen der Mutter hatten keinen bessern Erfolg. Fürchtegott beharrte in hartnäckigem Schweigen. So abgeneigt Ammer jeder Neuerung war und so fest er an einmal angenommenen Gewohnheiten hielt, gelang es Fürchtegott doch nach einiger Zeit, eine wesentliche Abänderung in diesen zu bewirken. Sein vorsichtiges Zureden bewog den Weber, eine Zeitung mitzuhalten und die Lectüre derselben seinen Hausgenossen zu erlauben. Die Brüder machten von dieser Erlaubniß sofort den ausgedehntesten Gebrauch und brachten dadurch in die bisher ganz harmlosen Unterhaltungen eine politische Färbung. Es konnte jetzt nichts mehr in der Welt geschehen, was nicht Anklang oder Widerspruch in der Familie des Webers fand. Anfangs ignorirte zwar Ammer die Existenz dieser Zeitung hartnäckig, wie Alles, was ihm die lieb gewordene Ruhe störte, bald aber kam er damit nicht mehr aus. Das Gespräch über wichtige oder unwichtige Ereignisse, das ihm täglich um die Ohren summte, reizte seine Neugier, und da er auf Anderer Meinung oder Urtheil selten viel gab, so ward er wider Willen gezwungen, das ihn störende Blatt selbst in die Hände zu nehmen. Nun war es lustig anzuhören, wie der alternde Mann von seinem Gesichtspunkt aus die Welt und ihre Bewegungen beurtheilte. Es konnte nicht das Geringste geschehen, das sich seines Beifalls zu erfreuen gehabt hätte. Was immer die Zeitung mittheilte, dem Weber machte es Niemand recht. Er spottete oder verwarf in komisch brummendem Tone Alles, und blieb steif und fest dabei, gut und zweckmäßig sei nur das, was von früheren Zeiten her sich auf die Gegenwart vererbt habe. Das gab dann zu weiteren Auslassungen ergiebigen Stoff, woran auch Nachbarn und Freunde Theil nahmen. Hatten früher die einzelnen Familien ein für sich abgeschlossenes Leben geführt, so brachte die Zeitungslectüre sie jetzt einander näher, und es entstanden in den Abendstunden, wo die Männer mit Frauen und Kindern vor den Thüren ihrer Häuser sitzend in gemüthlicher Ruhe ihr Pfeifchen zu rauchen pflegten, ambulatorische politische Kränzchen. Denn in der Lebhaftigkeit des Gesprächs wanderten die Streitenden oder die Welthändel schonungslos Kritisirenden von Haus zu Haus, und die ehemals stagnirende Ruhe kleinbürgerlichster Zufriedenheit löste sich auf in wohlthuende Theilnahme, die belebend, erfrischend, manche neue Gedanken und Ideen weckend, auf die einfachen Landleute wirkte. Fürchtegott hatte mit Anschaffung dieser Zeitung nichts Anderes erzielen wollen, als einen Blick in die Welt zu thun, die ihm bisher verschlossen geblieben war und ihn doch mit tausend Farben lockte. Seine Augen zu schärfen, seinen Verstand zu üben, seinen gährenden Gedanken Nahrung zu geben, war ihm Bedürfniß, und da unter den Verhältnissen, in welche die Gewohnheit des Dorflebens ihn bannte, anderweitige Bildung gar nicht denkbar war, so verschaffte ihm diese kleine Errungenschaft doch einiges Genüge. Die Zeitung sollte aber noch größere, nicht erwartete Umgestaltungen vorbereiten. Albrecht, der einzige Sohn von Ammer's Nachbar, ein aufgeweckter junger Mann, erhielt durch Einführung der Zeitung Gelegenheit, mehrmals in der Woche in das Haus des reichen Webers zu kommen. Ammer und Albrecht's Vater lebten seit Jahren in stillem Unfrieden. Veranlassung dazu war ein unbedeutender Gegenstand gewesen, der vom Gericht zu Gunsten des Webers entschieden ward. Seitdem mieden sich beide Nachbarn. Dem begüterten Ammer konnte dies gleichgiltig sein, Jeremias Seltner aber litt darunter. Er besaß außer seinem kleinen Grundstücke kein Vermögen und mußte sich, wenn nicht kümmerlich, so doch mühsam forthelfen. Ebenfalls der Weberei beflissen, hätte ein freundschaftliches Verhältniß mit dem vermögenden Nachbar ihm von mannigfachem Nutzen sein können, da Ammer jeden Unbemittelten, war er nur sonst ein rechtlicher Mann, bereitwillig unterstützte. In früheren Jahren war dies wiederholt geschehen, da sie Jugendfreunde und Schulkameraden waren. Seit dem erwähnten Zerwürfnisse aber kümmerte sich Ammer nicht mehr um den Nachbar, und dieser sah mit Verdruß das wachsende Glück des Reichen, während er selbst immer mehr zurückkam. Indessen erstreckte sich Ammer's Abneigung gegen Seltner nicht auf dessen Sohn, dem er als einem gesitteten und fleißigen jungen Manne gewogen blieb, obwohl er allen Umgang mit ihm vermied und diesen sehr bestimmt auch den Seinigen untersagte. Wahrscheinlich hätten ein paar gute Worte von Seiten des Nachbars das frühere Verhältniß schnell und für immer wieder hergestellt, allein Seltner, nicht weniger hartnäckig als Ammer, konnte sich dazu nicht entschließen, und so grollten die ehemaligen Freunde einander in stiller Heimlichkeit. Die emsige Lectüre der Zeitung schien nun dies mißliche nachbarliche Verhältniß ausgleichen zu wollen, indem Ammer wider Aller Erwarten von selbst mit Albrecht über die Welthändel zu disputiren begann und dadurch das Verbot, jeden Verkehr mit dem Nachbar zu meiden, von selbst aufhob. Albrecht besaß Tact und Verschlagenheit genug, um die schwachen Seiten des Webers nicht zu berühren, und so glückte es ihm, festen Fuß in dessen Familie zu fassen. Am meisten freute sich Flora dieser vielversprechenden Veränderung. Das muntere junge Mädchen kümmerte sich zwar nicht im Geringsten um die Welthändel und die großen Verwickelungen, in welche damals alle europäische Staaten mehr oder weniger geriethen, wohl aber plauderte sie gern mit Albrecht, der mehr als andere junge Männer ein unterhaltendes Gespräch anzuknüpfen verstand. Oft geschah es, daß während desselben oder auch mitten in der Unterhaltung mit ihrem Vater Albrecht's Augen die ihrigen berührten, und ein warmer zärtlicher Blick Fragen an sie richtete, die sie nur durch schamhaftes Erröthen erwiderte. Wenn dann in später Abendstunde ein sanfter Finger mit wohlbekanntem Klopfen den Laden im Färbehause berührte, fehlte nie die leise öffnende Hand des jungen Mädchens, und die späten Besuche Albrecht's verlängerten sich oft so sehr, daß die Brüder sich genöthigt sahen, sie durch ein plötzliches lautes Geräusch abzukürzen. So hatte denn die Zeitung, deren Lectüre dem alten Ammer trotz seiner Abneigung gegen alle Neuerungen doch bald zum Bedürfnisse ward, eine Annäherung zwischen ihm und dem Sohne des Nachbars herbeigeführt, die, vom Zufall begünstigt, unerwartet auch die älteren Freunde einander wieder näher bringen sollte. Veranlassung dazu ward die Feier des Kirchweihfestes, die in der Provinz, wo unsere Erzählung spielt, gewöhnlich eine sehr solenne ist. Herr Ammer pflegte zur Kirmeß nahe und entfernte Freunde einzuladen, mit denen er entweder in Geschäftsverbindung stand oder gegen die er in irgend einer Weise Verpflichtungen zu haben glaubte. Die Einladungen zur Kirmeß besorgte er stets in eigener Person acht bis zehn Tage vor dem Feste, theils um zu wissen, wen er als Gast bei sich zu sehen hoffen dürfe, theils weil er die Geladenen durch sein persönliches Erscheinen zu ehren glaubte. Da die Verbindungen des Webers mannigfacher Art waren, so pflegte bei dem solennen und höchst splendiden Kirmeßschmause Ammer's eine Gesellschaft sich einzufinden, wie man sie anderwärts selten sah. Die reichen Handelsherren der nahen Stadt, mit denen er in Geschäftsverbindung stand, fehlten dann nie an seinem gastlichen Tische. Zu ihnen gesellte sich Ammer's Sachwalter, eine Persönlichkeit, die der Weber eigentlich haßte, weil er der Ueberzeugung lebte, es sei mit der Ehrlichkeit des Mannes, dessen Dienste er doch bisweilen bedurfte, nicht sehr weit her. Gerade darum aber zeigte er sich gegen den gefürchteten Advocaten überaus freundlich und zuvorkommend; denn Ammer pflegte zu sagen, man müsse dem Teufel immer einen delicaten Bissen vorhalten, wenn er einen ungeschoren lassen solle. Andere Geladene gehörten entweder seiner Familie an, oder der Weber sah sie gern bei sich, bloß weil sie gute Gesellschafter waren oder ihm persönlich Spaß machten. Diese Kirmeßgäste fanden sich diesmal alle in Ammer's Wohnung ein, brachten die heiterste Laune mit und erhöhten dadurch die Freude des Tages. Erst spät am Abend, was man so auf dem Lande »spät« zu nennen pflegt, leerte sich das Haus des reichen Webers. Es wurde hergebrachter Sitte gemäß beim Scheiden noch viel gesprochen, zehnmal von allen Seiten für das genossene Gute gedankt und endlich der Rückweg lachend und stolpernd angetreten. Die zuletzt heimkehrenden Gäste begleitete Ammer mit Frau und Kindern bis zum dritten Nachbar. Hier schüttelte er ihnen nochmals die Hände und übergab sie dann der Fürsorge des Färberknechtes, der den lustig gewordenen Städtern mit einer großen Laterne vorausschritt. Achtes Kapitel. Eine Versöhnung. Es traf sich zufällig, daß Jeremias Seltner gerade in dem Augenblicke mit seinem Sohne und ein paar Freunden aus der Thür trat, als Nachbar Ammer auf dem Rückwege an seinem Gartenstacket vorüberging. Albrecht, welcher den ganzen Tag über Flora nur aus der Ferne gesehen hatte, bot dem Weber freundlich guten Abend und fragte, wie er das Fest verlebt habe? Ob Jungfer Flora zu müde sei, um sich noch ein paar Mal um die Säule zu drehen? Das soll's Kind wohl bleiben lassen, erwiderte Ammer auf diese versteckt hingeworfene Aufforderung zum Tanze. Ich und meine Anna, wir sind keine Wirthshausläufer, und die Mode, daß man heutigen Tages die jungen Mädchen mit den Burschen allein zum Tanze gehen läßt, mach' ich nicht mit; sie sieht mir gar zu locker aus. 's war bloß so eine Frage, Vater Ammer, versetzte Albrecht. Ich habe selber keine Lust zum tanzen, aber plaudern möcht' ich wohl noch einen Seigerschlag . Wer verwehrt es dir? sagte Ammer. Meine Hausthür steht Jedem offen, aber es gibt Menschen, die blind sein wollen mit Gewalt, und hätten sie auch statt der Augen ein paar Fackeln im Kopfe! Da hörst du's, Vater, flüsterte Albrecht dem seinigen zu. Er hat die unbedeutende Sache längst vergessen und möchte gar zu gerne wieder gut Freund mit dir sein. Greif' jetzt rasch zu und er ist dein für alle Lebenszeit! Jeremias faßte sich ein Herz, obwohl seine Pulse heftiger schlugen. Wenn wir nicht störten – 's ist freilich schon etwas spät, Herr Nachbar – Himmelkreuz – Jeremias! unterbrach ihn Ammer heftig. Ich wollt', die Grenzsteine wären gar nicht erfunden worden – sie liegen mir centnerschwer auf dem Herzen. Und mir haben sie's bald ganz zerdrückt, versetzte Seltner. Wenn mir Jemand die Last abwälzte, ich glaube kaum, daß ich ein Advocatenessen d'raus machte. Handschuhe trag' ich nicht, Jeremias, das weißt du, sagte Ammer, aber drei Ellen weit kann ich nicht reichen. Wenn's daran liegt, dem ist abzuhelfen, erwiderte Seltner, ein paar Schritte näher zu unserm Freunde tretend und ihm die Hand entgegenstreckend. Hastig schlug Ammer ein – beide Männer umarmten sich. Also vergeben und vergessen? fragte Seltner. Für Zeit und Ewigkeit, Jeremias, versetzte der Weber. Und nun kommt in's warme Zimmer – es zieht doch 'was kalt vom Gebirg herab. Hat das junge Volk Lust, soll's meinetwegen tanzen. Der Färber schlägt's Brummeisen wie eine Nachtigall – der mag aufspielen; wir Alten setzen uns zusammen und reden von alten Zeiten. So kam denn zwischen den alten Freunden unerwartet eine Versöhnung zu Stande, die Niemand mehr beglückte, als Albrecht und Flora. Auf dem Lande ist der Umgang zwischen Jünglingen und Mädchen, die in ziemlich gleichem Alter stehen, und sich von der Schule her kennen, nicht sehr ceremoniös, die Aufsicht der Eltern über erwachsene Kinder für gewöhnlich keine strenge. Das zwischen jugendlichen Bekannten allgemein gebräuchliche Du erhöht die Innigkeit, erleichtert die Freiheit des Verkehrs, und so liegen der Anknüpfung zarter Verhältnisse eigentlich gar keine Hindernisse im Wege. Auch Ammer war der Meinung, daß ein harmloses Zusammenkommen Flora's mit Albrecht, wie es täglich unter seinen Augen erfolgte, keine nachtheiligen Folgen haben könne, weßhalb er den jungen Leuten weder ihre Scherzreden noch ihr fröhliches Lachen untersagte. Ueberdies blieb sich Flora immer gleich, war stets froh und guter Dinge, und sah gar nicht aus, als könne je der Blick eines Mannes ihrem Herzen gefährlich werden. Das genügte dem Weber und gab zugleich den jungen Leuten freien Spielraum, den sie klug und vorsichtig benutzten. Diese Nachkirmeßfeier, die beide alten Freunde bis nach Mitternacht in lebhafte Gespräche vertiefte, einigte die seit Jahren Getrennten für immer und gab den häuslichen Angelegenheiten Beider eine ganz andere Wendung. Albrecht hätte nicht mehr nöthig gehabt, Abends über den Buchenzaun zu steigen und nach dem Färbehause zu schleichen, denn Ammer's Wohnung stand ihm zu jeder Stunde offen. Dennoch unterblieben die nächtlichen Zwiegespräche am Fensterladen nicht. Die Betheiligten schienen in diesem heimlichen Geplauder viel glücklicher zu sein, als wenn sie im Beisein Anderer sich stundenlang sehen und sprechen konnten. Da Niemand störend dazwischen trat, ward das Verhältniß durchaus nicht leidenschaftlich, was ohne Zweifel ein Glück für die jungen Leute war, da im entgegengesetzten Falle der ordnungliebende Ammer wahrscheinlich die schwere Hand daraufgelegt und die zart geschlungenen Fäden einer gegenseitigen stillen Neigung schonungslos zerrissen haben würde. Flora war glücklich und Albrecht, der wohl lebhafteres Entgegenkommen oder doch wärmere Erwiederung seiner Neigung von Seiten Flora's wünschen mochte, mußte der Zeit vertrauen, die seinen Wünschen und Hoffnungen vielleicht ein freundlich gesinnter Fürsprecher sein wird. Zweites Buch. Erstes Kapitel. In der Brüdergemeinde. Die Straßen Herrnhuts waren auffallend still. Lärmend, ja nur stark belebt konnte man sie freilich niemals nennen, aber man hörte doch für gewöhnlich aus den meisten Häusern das Geräusch irgend eines thätigen Arbeiters, sah geschäftige Menschen mit schnellen Schritten, Begegnende schweigend grüßend, über die Straße gehen. Fürchtegott fiel dies auf, da im Kalender kein Feiertag verzeichnet stand und er doch wußte, daß die Brüdergemeinde hinsichtlich ihrer Kirchenordnung sich streng den protestantischen Vorschriften anschließt. Auch fand er Herrn Wimmer, an den er Aufträge hatte, nicht zu Hause, und was ihn noch mehr wunderte, das Comptoir desselben geschlossen. Martha, die Haushälterin, bat den jungen Mann, er möge in zwei Stunden wieder kommen, und Fürchtegott, der nicht neugierig erscheinen wollte, entfernte sich stillschweigend. Für Fremde, denen es an Familienbekanntschaften fehlt, ist Herrnhut ein langweiliger Ort. Eigentliche Sehenswürdigkeiten gibt es gar nicht, höchstens kann die geleckte Sauberkeit der Häuser und Gassen, die feierliche Sonntagsstille, die selbst an Werktagen nicht völlig verschwindet, der sanfte Ernst auf den Mienen aller Begegnenden und die einförmige, bescheidene Tracht der Frauen, die wie eine Gesellschaft der Welt angehörender Nonnen dem Auge entgegentreten, auf einige Zeit unterhalten. Diese charakteristische Physiognomie des Brüderortes kannte Fürchtegott von früher her, weßhalb sie ihn wenig ansprach. Er ging daher, etwas gelangweilt, an dem mit niedrigem Thurme versehenen Bethause vorüber, nach dem Gottesacker, der in geringer Entfernung vor dem Orte über eine ansehnliche Höhe sich ausbreitet. Eine Allee wohlgepflegter Linden führt nach dem Begräbnißplatze, der von lebendigen, unter der Scheere des Gärtners gehaltenen Buchenhecken eingehegt und durchschnitten wird. Ein Spaziergang durch die Reihen der schmucklosen Gräber, die alle mit Steinen von gleicher Größe und Form belegt sind, mit Ausnahme der Grüfte, welche die Gebeine der Bischöfe und Aeltesten umschließen, ist nicht uninteressant. Man findet unter den dort Ruhenden Menschen aus allen Weltgegenden. Mancher, der seinen irdischen Pilgerstab auf dieser stillen Höhe niederlegte, mag mit heftigen Lebensstürmen gekämpft, Mancher mit den wunderbarsten Schicksalen gerungen haben. Die ihm gewidmete Grabschrift spricht freilich nicht davon, denn treu ihrem Grundsatze, nie prunkend, sondern immer demüthig vor dem Herrn zu erscheinen, hält die Brüdergemeinde auch durch Schicksal und Wirksamkeit hervorragenden Menschen im Tode keine Lobrede. Der granitene Leichenstein nennt bloß Geburtsort, Name und Sterbetag des Abgeschiedenen, und bemerkt höchstens noch, daß er in ferner Welt, unter den »blinden Heiden« zur Ehre des Herrn und zur Ausbreitung des Christenthums als frommer Knecht Christi thätig gewesen ist. Füchtegott durchwandelte ziemlich achtlos die Reihen der Gräber. Ein paar trauernde Frauen, die längere Zeit an einem mit ganz neuem Stein bezeichneten Grabe verweilten, beschäftigten ihn etwas. Als er sie fortgehen sah, näherte er sich dem Grabe, und las mit einigem Erstaunen, daß der daselbst Ruhende in Paramaribo geboren war. Der Name klang deutsch, was ihn vermuthen ließ, daß er wohl von deutschen Missionären abstammen möge. Frau und Tochter hatten den früh Verstorbenen überlebt, wie die Inschrift sagte, und Fürchtegott mußte annehmen, daß er Beide in den Trauernden aus der Ferne erblickt habe. Es ärgerte ihn jetzt, daß er so schüchtern sich zurückgehalten hatte, denn er konnte sich von dem Gedanken nicht trennen, daß die Tochter eines in Paramaribo geborenen Mannes ganz anders aussehen müsse, als andere Menschen. Er merkte sich den Namen und stieg, mit seinen Gedanken jenseits des atlantischen Oceans umherschweifend, die Kuppe des Hügels vollends hinauf. Hier befindet sich ein sogenanntes Observatorium, das gewöhnlich Jedermann zugänglich ist. Vor dem Kranze des ungemein vortheilhaft gelegenen Thurmes übersieht man eine Menge blühender Dörfer, einen großen Theil der Lausitz und Schlesiens, und die malerischen Gebirgskämme von der sächsischen Schweiz bis zur Schneekoppe. Leider fand Fürchtegott heute die Thurmthür verschlossen. Der scharfe, kalte Novemberwind, der auf dieser Höhe äußerst empfindlich war, verminderte den Genuß der nach allen Seiten hin eben so reichen als entzückenden Aussicht. Der Horizont war allerdings nicht ganz wolkenfrei; Nebelmassen verhüllten die höheren Bergkuppen oder ließen doch einzelne Gipfel nur auf kurze Zeit aus dem gräulich schimmernden Dunststreifen emportauchen. Auch die übrige Landschaft hatte in der nebligen Herbstluft ein recht melancholisches Ansehen. Nur der hohe Kottmar, in vorchristlicher Zeit ein heiliger Opferberg der Sorben-Wenden, stand von hellem Sonnenschein übergossen, in seiner eigenthümlichen Gestalt, wie ein großer vergoldeter Sarg in der Ebene. Gegen Nordost, im breiten Thale, lag das freundliche Bertholdsdorf, gegen Norden an der damals noch halsbrecherischen Landstraße das weitgestreckte Strawalde mit zwei großen herrschaftlichen Gehöften. Die hohe, mit dünnem Kiefergebüsch bedeckte Ebene, welche den seltsamen Namen »der Todten« führt, begrenzte die Aussicht. Fürchtegott, von Jugend auf an malerische Landschaften gewöhnt, ward es bald müde, in der kältenden Herbstluft und unter grauer Wolkendecke eine Gegend länger zu betrachten, die ihm bekannt und gleichgiltig zugleich war. Auf dem Bethause schlug es die eilfte Vormittagsstunde, zu Mittage hatte ihn Martha wieder bestellt, mithin war noch eine volle Stunde auf irgend eine Art hinzubringen. Wie gern wäre der weltlich gesinnte Jüngling in ein Wirthshaus getreten, hätte es nur ein solches in der Nähe gegeben. Die Brüdergemeinde duldet aber innerhalb ihres Wohnortes kein Schenkhaus, da sie einen Verkehr in derartigen Etablissements mit ihrem Begriff von Religion und Sittlichkeit nicht vereinigen zu können glaubt. Fürchtegott war daher gezwungen, ohne Aussicht auf irgend welche Zerstreuung, in den stillen, ja traurigen Ort zurückzukehren. Um doch einige Abwechselung zu haben, schlug er einen außerhalb der Häuser sich fortschlängelnden Fußpfad ein, der sich gegen Süden in dunkle Fichtenwaldung verlor. Auf dieser Seite stößt noch heutigen Tages der Wald fast bis an die ersten Häuser Herrnhuts. Es ist die Gegend, wo im Jahre 1772 unter den Axtschlägen der aus Mähren einwandernden Brüder der erste Baum zur Erbauung des später so berühmt und wichtig gewordenen Ortes fiel. Eine einfache, fast verwitterte Tafel bezeichnete damals die denkwürdige Stelle, welche seit dem hundertjährigen Jubiläum der Gründung Herrnhuts ein einfacher Denkstein schmückt. Nach halbstündigem Umherstreifen betrat Fürchtegott zum zweiten Male an diesem Tage den todtenstillen Orte. Einige Gärten, sehr sauber gehalten und von hohen, glatt geschnittenen Buchenzäunen eingefaßt, trennen die reinlichen Gassen von dem rauschenden Gebüsch. Unter diesen ward der Reuß'sche Garten von den damaligen Herrnhutern für eine Zierde des Ortes gehalten. Obwohl kein öffentlicher Spaziergang, war es doch Niemand verboten, die breiten, mit graugelbem Granitsande bestreuten Gänge zu betreten und auf viel gewundenen Pfaden bis an den Waldsaum fortzuwandeln, wo eine Einsiedlerhütte, aus Birkenrinde erbaut, einen köstlichen Blick auf das fruchtbare, stark angebaute und dicht bevölkerte Land gewährte. Unser junger Freund kannte nur die weiten, mit Blumenbeeten, Obstbäumen und Küchengewächsen sehr sparsam gepflegten Gärten, welche Gesammteigenthum der Gemeinde sind, und in den Mittags- und Abendstunden von dieser als öffentliche Promenade benutzt werden. Das offen stehende Gitterthor reizte zum Eintritt, und da er hinter den hohen Taxuswänden Schutz gegen den immer heftiger werdenden Wind zu finden hoffte, so zauderte er nicht, seinen Spaziergang in dem einladenden Garten fortzusetzen. Das nicht große, aber doch im Styl einer Villa erbaute Gartenhaus mit hohen Fenstern und breiter Thür, zu der einige Granitstufen führten, galt in Herrnhut für einen Palast und ward deßhalb für gewöhnlich nur das gräfliche Palais genannt. Es hatte den Namen von seinem Erbauer, einem Grafen Reuß, dessen Familie es noch besaß. Einige Mitglieder dieses Geschlechtes waren den Lehren und Grundsätzen der Brüdergemeinde innig zugethan, ja ein Graf dieses Namens, sagte man, habe längere Zeit den erwähnten Garten als Bruder der Gemeinde bewohnt. Auch jetzt stand die Villa nicht leer, wie die glänzenden Fensterscheiben und feinen Gardinen verriethen. Wie im ganzen Brüderorte, war auch hier tiefe Stille, gleichsam die Ruhe eines ewigen Friedens vorherrschend. Man sah nirgends einen Menschen, hörte weder innerhalb noch außerhalb des Hauses Geräusch, obwohl überall Spuren ordnender Hände sichtbar wurden. Angesprochen von diesem Geiste zierlicher Ordnung wandelte Fürchtegott einige Gänge auf und nieder. Baum- und Blumenanlagen, obwohl von der Kälte des Herbstes zum größten Theile schon zerstört, zeugten von Geschmack und setzten einen verständigen Gärtner voraus. Die beschnittenen, hie und da in Pyramiden zugespitzten Hecken abgerechnet, waltete in den übrigen Anlagen mehr der Geist englischer Gärtnerei vor. Fürchtegott, der sich fortwährend mit allerhand Speculationen trug und ungeachtet seiner praktischen Richtung doch gern das Angenehme mit dem Nützlichen verband, entwarf einen Plan, wie er früher oder später seinen Vater zu einer ähnlichen Gartenanlage bewegen wollte. Darüber nachsinnend erreichte er die erwähnte Einsiedelei. Es schien ihm, als sei die Thür nur angelegt. Die jugendliche Neugierde reizte ihn, das Innere der von Außen so unscheinbaren Hütte zu betreten. Er klinkte und die Rindenthür gab seinem Drucke nach. Ueberrascht, verwirrt, ja beschämt blieb er auf der Schwelle stehen, als er in dem zierlich meublirten, engen Gemache, dessen bunte Scheiben eine farbige Dämmerung hervorbrachten, zwei Männer in emsigem Gespräche begriffen erblickte. Zu seiner Beruhigung erkannte Fürchtegott alsbald in einem derselben den Freund seines Vaters, Kaufmann Wimmer, der Andere war ihm fremd, und die vornehm stolze Haltung desselben vermehrte noch seine Schüchternheit. Die Männer brachen ihr Gespräch ab und Fürchtegott fühlte seine Befangenheit einigermaßen schwinden, da Wimmer ihn mit gewohnter Freundlichkeit grüßte und mit dem nur ihm eigenen sanften und doch wieder so überlegenen Lächeln zu dem Fremden sagte: Der junge Ammer, Herr Graf, den Sie aus meinen Gesprächen bereits kennen. Sofort begrüßte der Fremde den schüchternen Jüngling sehr herablassend und reichte ihm die Hand. Graf Alban, sprach Wimmer, ein uneigennütziger Freund und Beschützer unserer Gemeinde. Fürchtegott erinnerte sich jetzt, diesen Namen schon früher gehört zu haben, nur wunderte er sich über die Tracht des Grafen, die beinahe der eines vornehmen katholischen Geistlichen glich. Er war ganz schwarz gekleidet, trug feine seidene Strümpfe und Schuhe mit glänzend silbernen Schnallen. Der dreieckige Castorhut, den er grüßend gesenkt in der Hand hielt, machte die Aehnlichkeit noch täuschender. Indem er jetzt sein fast schneeweißes Haupt mit dem Hute bedeckte und Wimmer den Arm reichte, sagte er mit liebevoller Stimme: Lassen Sie uns aufbrechen, lieber Bruder. Ihr junger Freund hat vielleicht Eile, und Sie wissen, daß ich Geschäfte nicht gerne störe. Beide Männer durchschritten hierauf die nächsten, nach dem Gartenhause führenden Gänge. Fürchtegott folgte in bescheidener Entfernung. Am Gitterthor verabschiedete sich der Graf, indem er zu dem Jüngling gewandt sagte: Vielleicht sehen wir uns bald wieder, junger Mann. Sie sind mir kein Fremdling, und Herr Wimmer hat, wenn Sie es wünschen sollten, Auftrag, uns näher mit einander bekannt zu machen. Er grüßte wiederholt erst den Kaufmann, dann den jungen Ammer und schritt hierauf mit etwas gesenktem Kopfe nach der Villa, in deren Thür er wie eine Erscheinung verschwand. War dies Graf Alban, der Reisende? fragte Fürchtegott den Herrnhuter. Ich bin recht erschrocken und fürchte eine Unschicklichkeit begangen zu haben. Darüber sei unbesorgt, junger Freund, versetzte Wimmer. Der Graf ist weder stolz, noch ceremoniös. Sein Aufenthalt unter den wilden Völkerstämmen der Südseeinseln hat ihn gelehrt, die Menschen zu nehmen, wie sie sind, nicht die Schaale, sondern den Kern zu betrachten. Aber wie kam es, daß du mich hier aufsuchtest? Fürchtegott erzählte, wie er vor einigen Stunden angekommen sei, ihn nicht zu Hause getroffen habe, und wie der Zufall ihn später in diesen Garten geführt. Wimmer lächelte und sagte bedeutungsvoll: So führt der Herr die Seinen! Auch der Zufall ist immer eine Schickung, von der wir nicht wissen, wie wichtig, wie einflußreich sie für unser ganzes Leben werden kann! Du bist vom Glück begünstigt, wie Wenige. Wen Graf Alban so freundlich anredet, der kann seiner Aufmerksamkeit nicht mehr entgehen. Wie kommt es aber, Herr Wimmer, daß Sie meiner gegen ihn erwähnt haben? fragte etwas beklommen der junge Ammer. Es ist ganz einfach, erwiderte dieser. Als ich vor zwei Monaten unsere Waarensendung nach Amerika betrieb, die nun bereits unterwegs ist und, so Gott und der Heiland uns begnadigen, glücklich in der neuen Welt ankommen wird, besuchte mich Graf Alban und fragte mich, was mich so lange von seinem Hause ferne gehalten habe? Als einem treuen, erprobten Freunde theilte ich ihm unser Unternehmen mit. Dein und deines Bruders Name konnte dabei nicht verschwiegen bleiben, und der für Menschenwohl wie für unternehmende Köpfe gleich begeisterte Mann war hoch erfreut über deinen Muth. Schon damals sprach er wiederholt aus, daß er dich und alle deine Unternehmungen unterstützen werde, was ihm vermöge seines geachteten Namens und seiner weit verbreiteten Verbindungen wegen leicht ist, und ich mußte ihm versprechen, dich bei nächster Gelegenheit ihm vorzustellen. Fürchtegott's jugendliche Eitelkeit fühlte sich dadurch nicht wenig geschmeichelt. Er wünschte lebhaft, den Grafen nochmals zu sehen, zu sprechen, und hätte er es nicht für unschicklich gehalten, so würde er den Herrnhuter sogleich gebeten haben, ihm noch heute Gelegenheit dazu zu verschaffen. Inzwischen hatte Wimmer seine Behausung erreicht, wo die Haushälterin bereits ihren Herrn erwartete. Fürchtegott mußte sein einfaches Mahl mit ihm theilen, an dem diesmal auch der Buchhalter Theil nahm. Eigentlich, sagte der Herrnhuter über Tische, eigentlich haben wir heute keinen Geschäftstag. Du mußt es schon an der überaus großen Ruhe bemerkt haben, die unsern stillen Ort erfüllt. Wir nehmen es jedoch nicht allzu streng mit solchen außergewöhnlichen Ruhetagen, weßhalb es Jedermann gestattet bleibt, je nach Bedürfniß dringende Geschäftsangelegenheiten zu erledigen. Dein Vater, mein wackerer Freund, soll daher nicht unter unsern frommen Gewohnheiten leiden. Seine Briefe werden beantwortet, seine Aufträge besorgt werden. Läßt sich doch Alles, wenn man es nur einzurichten versteht, ohne großes Geräusch abmachen. Du mußt nämlich wissen, mein junger Bruder, daß wir heute ein großes allgemeines Liebesmahl halten. Denke dir darunter kein Schwelgen in Speise und Trank, wie dies bei weltlicher gesinnten Christen wohl bisweilen vorkommt. Wir genießen mehr geistig als leiblich, wohl eingedenk der Worte des heiligen Evangelisten Johannes, der die Liebe unter Brüdern für die höchste und edelste Tugend erklärte. – »Liebet euch unter einander, liebe Brüder!« sprach der fromme, geistig milde Greis, wenn er die Versammlungen der Gemeinde besuchte. An dieses Wort hält sich auch unsere kleine Gemeinde, und um einem so erhabenen Vorbilde ähnlich zu werden, bemühen wir uns, soweit die menschliche Unvollkommenheit es zuläßt, dem großen Evangelisten nachzueifern. So sind denn unsere Liebesmahle im eigentlichen Sinne des Wortes gemeinschaftliche Vereinigungen zu dem Behufe, sich in brüderlicher Liebe zu nähern, sich des Begriffes, der Bedeutung der Bruder- und Schwesterliebe recht bewußt zu werden. Und glaube mir, junger Freund, es verläßt Keiner diese friedliche Versammlung, ohne sich gestärkt zu fühlen zur Ertragung aller Mühen und Lasten, die ihm das Leben aufzubürden für gut befindet! Fürchtegott fragte theilnehmend, in welcher Weise diese Liebesmahle begangen würden, ob bloß Männer oder auch Frauen sich dabei einfänden? Wimmer versuchte es, dem Jünglinge eine Vorstellung davon beizubringen, und schloß mit der Aufforderung, dem Mahle selbst mit beizuwohnen. Ist dies erlaubt? fragte Fürchtegott. Die Brüder sehen es sogar gern, erwiderte der Kaufmann. Wir erblicken mit Recht in solchen Theilnehmenden Gleichgesinnte, Menschen, die unser Streben billigen, uns selbst als Brüder umarmen. Und das heutige Liebesmahl ist vorzugsweise interessant, schloß Wimmer. Zwei Missionäre, vor Kurzem nach des Heilandes Willen durch das Loos mit zwei jungen Schwestern verheirathet, nehmen Abschied von der Gemeinde, um schon morgen auf unbestimmte Zeit in ferne Länder zu gehen. Einer, der Aeltere, ein Bäcker seines Gewerbes, ist nach Paramaribo bestimmt. – Nach Paramaribo? fiel Fürchtegott ein. Ja, ja, nach Paramaribo in Südamerika, wiederholte Wimmer. Es ist freilich eine weite Reise bis dahin, aber dem Schwachen, der sich Gottes Leitung vertraut und der Gnade unseres Heilandes, wird Alles, auch das Schwerste, leicht und süß. Der Jüngere wird den Indianern am Fuße der unwirthbaren Felsengebirge das Christenthum predigen. Es ist gar rührend und erbaulich, liebe Brüder, die Gottes Stimme folgen, in Demuth und Ergebenheit aus unserer Mitte scheiden zu sehen. Wäre ich nicht so alt und hinfällig, wahrlich auch ich könnte mich noch entschließen, als Prediger der Liebe in die Wüste unter Barbaren und Menschenfresser zu gehen. Obwohl dem frömmelnden Wesen entschieden abhold, das dem bei weitem größten Theile der damaligen Herrnhuter anklebte, versprach sich Fürchtegott doch eine Unterhaltung eigenthümlicher Art bei solchem Mahle. Außerdem übte das Wort »Paramaribo«, so wenig bewandert er in der Geographie Amerika's war, einen geheimnißvollen Zauber auf ihn aus, und als müsse er etwas ganz Unerhörtes erleben, oder als könne ihm ein unerwartetes großes Glück in der Versammlung der frommen Herrnhuter erblühen, ergriff er den Vorschlag seines väterlichen Freundes mit Lebhaftigkeit. Wimmer schien über diese Bereitwilligkeit des jungen Ammer, mit ihm das Liebesmahl der Brüder zu genießen, sehr erfreut, pries von Neuem das Glück eines christlichen, stillen, der Milde und Liebe gewidmeten Lebens, und verschwieg nicht, daß er wünsche, auch er möge zu der Ueberzeugung kommen, daß nur innerhalb der Herrnhuter Brüdergemeinden die wahre und segenbringende Nachfolge Christi zu finden und zu erreichen sei. Fürchtegott war zwar ganz entgegengesetzter Meinung, er hütete sich aber, dem eifrigen Herrnhuter zu widersprechen, da er dessen Ergebenheit und Zuneigung nicht entbehren konnte, wollte er wirklich das Ziel erreichen, das ihm Tag und Nacht in tausend farbig schimmernden Gestalten vor Augen schwebte. Der Beginn des Liebesmahles war auf Abends fünf Uhr festgesetzt. Wimmer fürchtete seinen jungen Freund bis dahin nicht genügend unterhalten zu können und fragte deßhalb, ob es ihm wohl angenehm sei, inzwischen einige Baulichkeiten des Brüderortes kennen zu lernen? Fürchtegott ging gern auf diesen Vorschlag ein. Ihm waren bisher nur die Aeußerlichkeiten des städtisch erbauten Dorfes, von dessen inneren Einrichtungen dagegen gar nichts bekannt. Du triffst es gut, sagte Wimmer, mit seinem Gaste durch die rein gefegten Straßen schreitend. Wie du in allen Dingen Glück hast, so ist es dir auch günstig bei geringfügigen Sachen, woraus ich schließe, daß dich Gott in seiner Weisheit zu Großem bestimmt hat! – Ich werde dich in das Brüderhaus führen, mein Lieber, damit du eine Vorstellung bekommst von der brüderlichen Eintracht und hohen Milde, die uns Alle verbindet und zu gottgefälligem Leben anspornt. Du findest die Brüder heute alle beisammen, und da Niemand verpflichtet ist, sein Geschäft zu betreiben, obwohl auch Niemand daran verhindert wird, so können wir, ohne Störung zu verursachen, sämmtliche Werkstätten besuchen. Es wird dir bekannt sein, fuhr der Herrnhuter nach einer Pause fort, daß alle unverheirathete Brüder, wenn sie nicht, wie es bei mir der Fall ist, durch ihren Geschäftsbetrieb daran verhindert werden oder doch eine abgesonderte Wohnung vorziehen sollten, unter einem Dache leben. Gebet und Arbeit beginnt man zu gewissen Stunden in liebevoller Gemeinschaft, auch die Ruhe nach gethaner Arbeit behält den Charakter geselliger Verbrüderung. Ganz in gleicher Weise leben die unverheiratheten Schwestern, denen wir, sollte die Zeit es erlauben, auch noch einen Besuch machen können. – Ja, mein junger Freund, die weisen Gründer unserer Gemeinde, die eigentlich von jeher die wahren Nachfolger der Apostel und Evangelisten, also die unverfälschtesten, treuesten Jünger Christi waren – denn der Ursprung der mährischen Brüder verliert sich in das graueste Alterthum – diese weisen Männer haben erreicht, was den egoistischen Papisten durch Gründung ihrer Klöster niemals möglich geworden ist. Unsere Brüder- und Schwesterhäuser sind die natürlichsten Versorgungsanstalten, welche Gemeinsinn, Liebe zu einem Leben voll Milde und Thätigkeit, und Streben nach körperlicher, geistiger und sittlicher Bildung erfinden konnten. Von dem verwirrenden, Geist und Herz beunruhigenden und den ganzen innern Menschen nur zu sehr zerstreuenden Geräusch der Welt geschieden, bleiben unsere Brüder und Schwestern dem Leben doch immer zugewandt. Nicht in Müssiggang, in trägem Hinbrüten, sondern in nützlicher Thätigkeit, die Jeder nach Neigung und Talent sich frei wählen kann, suchen wir die Bestimmung des Lebens zu erfüllen. Wir schließen uns weder ab von der Welt, noch fliehen wir den Umgang der Geschlechter. Nur wer den Beruf in sich fühlt, oder wer durch Krankheit des Körpers, durch Abspannung der Kräfte seines Geistes verhindert ist, der Welt seinen Tribut zu zahlen, nur der lebt still, gepflegt von der Liebe seiner Brüder, dem Gebet, der Prüfung und Vorbereitung auf seine irdische Auflösung. Und wie schön, wie tief und wahr ist die Einrichtung, daß Brüder und Schwestern sich nur durch Gottes heilige Gnadenwahl ehelich verbinden! Fürchtegott warf die Bemerkung dazwischen, daß bei dieser allerdings bequemen Einrichtung das Herz doch wohl zuweilen zu kurz kommen möge. Glaube das nicht, junger Freund, erwiderte Wimmer. Nichts ist leichter zu täuschen, zu hintergehen, als das Herz; kein Glied des menschlichen Körpers ist verdorbener und größerer Schlechtigkeiten fähig, als diese unruhig klopfende Muskel! Wir armen blöden Thoren halten uns für beglückt, für beseligt, wenn ein paar muntere Mädchenaugen unser Blut rascher aufwallen machen; wir nennen's Neigung, fühlen wir diese angenehmen Bebungen des Herzens sich wiederholen, und steigert sich der anfangs nur flüchtige Reiz zu süßer gegenseitiger Dauer, so schwören wir, daß es Liebe sei, und ein Bund für's Leben ist gewöhnlich die Folge davon. Arme verblendete Thoren! – Wer zählt die unseligen Ehebündnisse, deren reizender Deckmantel die sogenannte Liebe war und die doch ein koketter Augenwink knüpfte? Wer kann mir die Zahl der unglücklichen Frauen nennen, denen falsche, erheuchelte Männerliebe das Herz brach, das Leben zur Hölle machte? – Und doch behaupten Alle, die Liebe und nur sie allein sei Ursache und Zweck des lebenslänglichen Bundes gewesen! Ich sage dir, lieber junger Bruder, es gibt keine Liebe außer der Gnade Gottes! Jene Liebe der Welt, jene profane, sündhafte Liebe, welche aus sinnlichem Reiz den Mann zum Weibe, das Weib zum Manne zieht, ist verwerflich und findet vor Gott kein Erbarmen. Im Himmel, spricht die Schrift, werden Ehen geschlossen, d. h. durch Gottes unmittelbare Wahl und Gnade. Wer nicht in dieser Gnade ist, der lebt auch nicht in der wahren Liebe. Darum bestimmt bei uns das Loos, das wir unter Gebet und Anrufung Gottes ziehen, die Wahl der Gattin, und noch nie hat man gehört, daß eine so geschlossene Ehe Unglück nach sich gezogen hätte. In Sitte und Ehrbarkeit leben die Gottgewählten neben einander, so lange der Heiland es will. Aufregung und Leidenschaft bleiben ihnen fern, die Milde nur und die Demuth behüten Haus und Familie. Von Liebesqualen war der junge Ammer noch nicht gepeinigt worden, wenn er aber seiner Schwester und ihres bis jetzt sorgsam geheim gehaltenen Verhältnisses mit Albrecht Seltner gedachte, wollte es ihm doch scheinen, als ob der kluge Herrnhuter mit seinen Ansichten von Macht, Glück und Reiz der Liebe nicht ganz auf dem rechten Wege sei. Daß es keine Leidenschaft geben solle, wollte dem Jünglinge, in dessen Brust ein ganzes Heer unklarer Leidenschaften tobte, nicht einleuchten, und daß ein Blick aus schönen Augen nothwendig unglückliche Ehen nach sich ziehen solle, hielt er für eine arge Verleumdung des schönen Geschlechtes. Ihm hatten, das wußte Fürchtegott bestimmt, bis jetzt freundliche Blicke hübscher Mädchen immer sehr wohl gethan, selbst ein rascheres Klopfen seines Herzens hatte er dabei gefühlt, außer unruhigen Träumen aber keine nachtheiligen Folgen davon bemerkt. Dagegen erneuerte sich immer wieder das wohlthuende Gefühl angenehmen Reizes, so oft er mit junger Mädchenwelt zusammentraf. Er glaubte daher dem predigenden Herrnhuter nicht Unrecht zu thun, wenn er dessen Verketzerungen der Liebe für Grillen eines melancholisch gewordenen alten Junggesellen hielt, an denen Neid und Aerger wohl gleichen Theil haben mochten. Der Eintritt in das von Außen sehr unscheinbare Brüderhaus machte den belehrenden Gesprächen Wimmer's ein Ende. Der angesehene Kaufherr ward mit größter Zuvorkommenheit von dem Brüderältesten begrüßt, der sich sofort selbst zum Begleiter anbot. Fürchtegott konnte mit Muße die ebenso einfachen als zweckmäßigen Einrichtungen betrachten. Reinlichkeit, Verschmähung jeglichen Schmuckes und Solidität: nach diesen drei Principien schien das Leben der Brüder geordnet zu sein. Höher Gebildete würden vielleicht einen auffallenden Mangel an Geschmack oder richtiger an feinerem Kunst- und Schönheitssinne bemerkt haben. Die fehlenden Zierden an häuslichen Geräthen und Möbeln hätte man allenfalls entbehren können, daß aber alle Zimmer, zumal die zu gemeinschaftlichem Gebrauch bestimmten, nur mit grauweißem Kalk ausgestrichen waren, ohne irgend eine in dieser endlosen flachen Wüste angebrachte Schattirung, beleidigte das Auge. Fürchtegott selbst fand es nur wunderlich und machte gegen Wimmer eine darauf bezügliche Bemerkung. Wir Brüder verschmähen alle Eitelkeit der Welt, versetzte der Herrnhuter. Schmucklos, wie unser Herz vor Gott sein soll, muß es auch unsere irdische Hütte sein. Als sie den Betsaal betraten, begleiteten sie mehrere Brüder. Auch hier störte den jungen Ammer, obwohl er sich keine Rechenschaft darüber geben konnte, dies langweilige Grauweiß, das sich sogar bis auf Bänke und Sessel erstreckte. Die Tracht der Brüder paßte allerdings zu diesem farblosen Anstrich. Sie bildeten in ihren grauen Röcken den Schatten und bewegten sich wirklich etwas gespensterhaft in dem ansehnlichen Raume. Mein Gott, sprach Fürchtegott mit beklommenem Herzen zu sich selbst, wenn die wahre Frömmigkeit, wenn gottgefälliges, brüderliches Zusammenleben in dem besteht, was ich hier sehe, so muß unser lieber Herrgott ein außerordentlicher Verehrer der gähnendsten Langeweile sein. Wenn ich hier zwischen diesen vier weißen Wänden, unter diesen stillen, lammfromm und auch etwas albern aussehenden, schattenhaften Gestalten beten sollte, würde ich ohne allen Zweifel ein Langschläfer. Bei Gott, ich fühl' es ordentlich, wie mir die Augen innerlich schon zufallen, und wie Alles um mich her eine laute Aufforderung zu herzhaftem Gähnen zu werden beginnt! Besser gefiel es dem jungen Ammer in den verschiedenen Werkstätten. Hier waren auch die Brüder menschlich zugänglicher, nicht umflossen von dem trüben Dunstschein, der sie jederzeit umgab, wenn sie von Religion und Gottanbetung sprachen. War diese tiefe Demuth, dies Aufgehen in süßer Heilandsliebe bei Vielen auch nicht gemacht, so erschien es dem Nichtherrnhuter doch immer wie angelernt. Es mit Natur und Wesen so zu verschmelzen, daß ein harmonisches Ganze daraus entstand, wollte nur sehr Wenigen gelingen. Ueber Technik, über Handwerksvortheile, über künstlerisches Bilden und Formen sprachen alle Brüder, je nachdem sie dieses oder jenes Geschäft betrieben, klar verständig und mit jenem edlen Stolze, den gesundes Nachdenken immer gibt. Fürchtegott verweilte deßhalb längere Zeit in den Arbeitszimmern der Drechsler, Tischler, Böttcher. Nirgends hatte er noch so gelungene Arbeiten, nirgends so vortreffliche Instrumente gesehen. Ueberall herrschte eine musterhafte Ordnung, die selbst durch Betreibung des Geschäftes nicht unterbrochen ward. Es leuchtete ihm jetzt ein, wie die Herrnhuter sich den Ruf der geschicktesten Arbeiter erwerben und erhalten konnten. Ihre Gesetze verbieten den Handel, insofern er zum Schacher wird. Ein mäßiger, zu Mühe, Arbeit und Aufwand im Verhältniß stehender Gewinn ohne Aufschlag, ist den Brüdern gestattet, und da Niemand durch sie betrogen wird, so setzen auch die Käufer kein Mißtrauen in die Preise ihrer Waaren. Mehr noch als die Werkstellen der Holzarbeiter, setzten Fürchtegott die Ateliers der Gürtler, Uhrmacher, Gold- und Silberarbeiter in Erstaunen. Was er schon bei den Tischlern bemerkt hatte, daß sie nämlich mit weit mehr Geschmack und dabei mit größerem Verstande die Holzarten wählten, als ihre Mitgenossen in andern Orten: dies fand er bei den Goldarbeitern in noch höherem Grade. Die Fassung edler Steine war immer geschmackvoll, ansprechend und dabei doch solid, größere Gebilde des edlen Metalles konnten sogar für wirkliche Kunstwerke gelten. Es wäre kaum zu begreifen gewesen, wie Menschen, die in ihrem Anzuge und in ihren Wohnungen so ganz allen Geschmackes baar erscheinen, in den Gebilden ihrer Hände den damals höchsten Anforderungen geläuterten Kunstsinnes entsprechen konnten, hätte man jenen Ungeschmack nicht ihren sonderbaren Ansichten vom Zweck und Wesen des Christenthums zu Gute halten müssen. Unbemerkt waren dem aufmerksamen Beobachter rasch ein paar Stunden vergangen. Fürchtegott verließ das Brüderhaus mit ungeheuchelter Achtung vor der Geschicklichkeit, der Ordnungsliebe, dem Rechtlichkeitssinne der Herrnhuter. Es freute ihn, sich gewissermaßen diesem geräuschlos wirkenden Bunde trefflicher Männer durch seine Verbindung mit Wimmer beizählen zu können, und wenn er schon weder Trieb noch Neigung in sich laut werden fühlte, der Gemeinde als Bruder anzugehören, so ließ sich doch das Bedürfniß, in ihr geheimes Leben und Wirken tiefer einzudringen, nicht ganz abweisen. Es dämmerte bereits stark, als Fürchtegott in seiner Art vollkommen befriedigt und zu mannigfachen Gedanken angeregt, die Wohnung seines Gastfreundes wieder betrat. Einzelne Bewohner des Ortes waren ihnen unterwegs schon begegnet, die alle still, demüthig, ernst gestimmt zum Liebesmahle gingen. Wimmer legte schnell sein braunes Festtagsgewand an und führte den jungen Ammer nach dem mitten in der Niederlassung befindlichen Versammlungsorte. Zweites Kapitel. Ein Liebesmahl. Herrnhuter besitzen bekanntlich keine Kirchen, sondern nur sogenannte Bethäuser. Diese liegen gewöhnlich in der Mitte der Brüderorte auf freiem Platze, der in weltlich gesinnten Städten und Flecken Marktplatz heißen würde. Obwohl alle Herrnhuter ausschließlich vom Handel leben, dulden sie doch in ihren Niederlassungen keinen Marktlärm; Stille ist ihnen Lebensbedürfniß, im wie außer dem Hause. Sie handeln zwar eifrigst, sind sehr klug und vorsichtig, verschmähen weder Credit noch Gewinn, lärmend aber darf ein Geschäft, wobei sie sich betheiligen sollen, nicht sein. Diese charakteristische Liebhaberei an geräuschlosem Dahinleben spricht sich auch in den religiösen und socialen Zusammenkünften der »Brüder und Schwestern« aus. Das nur mit niedrigem Thürmchen versehene Bethaus ist schmucklos im Innern, einfach von Außen. Ein Saal ohne allen Zierrath, mit weißgetünchten Wänden, ist zugleich Kirche und Gesellschaftslocal bei den halbkirchlichen Zusammenkünften der Gemeinde. Weiß, die Farbe der Unschuld und Anspruchslosigkeit, ist Lieblingsfarbe aller Herrnhuter. Deßhalb spielt Weißzeug nicht bloß eine Hauptrolle in der Kleidung der Schwestern, weiß angestrichene Tische, Stühle und Bänke findet man auch gewöhnlich in den Bethäusern der Herrnhuter. Als Fürchtegott an Wimmer's Seite in den Saal trat, befiel ihn eine Art Beklommenheit. Diese schmucklose, nüchterne Leere drückte alpartig auf seine lebensfrohe Seele. Es kam ihm vor, als mache sich eine geheime, unsichtbare Gewalt in diesem Raume geltend, die Jeder unangenehm empfinden müsse, ohne daß er Kraft genug besitze, sich ihr zu entziehen. Um dies beängstigende Gefühl einigermaßen zu paralisiren, beschäftigte sich Fürchtegott zunächst mit den Aeußerlichkeiten des Betsaales, die ihm der Betrachtung doch werth zu sein schienen. Am oberen Ende desselben auf unbedeutender Erhöhung stand ein simpler Tisch, mit weißem Tuche überdeckt. Eine Bibel und das Bild des Gekreuzigten darauf, gaben ihm das Ansehen eines Altares. Dahinter befand sich ein erhöhter Lehnsessel. Zu beiden Seiten des Saales waren gedeckte Tafeln aufgestellt, nebst schmucklosen Stühlen. Mit Ausnahme dieser letzteren, die man farblos nennen konnte, war Alles weiß, kreideweiß. Die vielen Lichter, auf weißgläsernen Kronleuchtern brennend, deren Strahlen sich an den weißen Wänden brachen, schmerzten die Augen. Genug, der erste Eindruck, welchen dieser Betsaal auf jeden Nichtherrnhuter machte, mußte ein unerquicklicher sein. Weder Heiterkeit noch Andacht, noch geselliger Ton konnten in dieser Umgebung aufkommen. Es befanden sich schon mehrere Brüder und Schwestern im Saale, als Wimmer seinen jungen Freund in dies Asyl stillster Lebensfreudigkeit einführte. Die Schwestern, in ihren glatt anliegenden, spitzenlosen Häubchen, ihren weißen Jäckchen und weißen Schürzen kamen unserem Freunde wie Geister vor, die leise flüsternd an den Wänden forthuschen und aller Körperlichkeit entbehren. Sie hielten sich nicht zusammen, getrennt von den Männern und ihr etwaiges Gespräch beschränkte sich auf säuselndes Zischeln. Auch die Männer waren nicht viel lauter. Vielleicht des Abstandes halber gingen alle sehr dunkel gekleidet, die Vornehmeren schwarz, die weniger Vornehmen, vorzugsweise die eigentlichen Brüder, welche gemeinschaftlich das Brüderhaus bewohnten, in lebkuchfarbenen Tuchröcken. War bei den Frauen Alles schattenloses Licht, so hielt es schwer, bei den Männern eine Spur von Licht zu entdecken, was denn zusammen eine sehr schlechte Farbenmischung gab. Künstleraugen mußten sich geradezu von diesem grellen Mangel aller geschmackvollen Farbenmischung beleidigt fühlen. Wimmer trat zu den Männern, reichte Jedem mit langem Drucke die Hand und grüßte Alle mit brüderlichem Kusse. Fürchtegott versuchte anfangs, sich durch häufiges Verbeugen, das nicht immer gut gelang, bemerklich zu machen; da man sich aber gar nicht um ihn kümmerte, ihn nicht einmal zu sehen schien, und Wimmer es nicht für nöthig erachtete, ihn irgend einem seiner Bekannten vorzustellen, so gab er seine nutzlosen Complimente bald auf, zog sich etwas zurück und lehnte sich an einen der Pfeilerwände. Dieser Platz war unstreitig für den jungen Mann der unterhaltendste, da er der Thür schräg gegenüber lag und alle Eintretende eine Musterung seiner scharfen Augen aushalten mußten. Obwohl die Zahl der Ankommenden sich beträchtlich vermehrte, dauerte es doch geraume Zeit, ehe die losen Glieder der Gesellschaft sich zu einem geselligen Zirkel vereinigen wollten. Endlich trat ein hochbejahrter Mann ein, dessen bedeutende Gestalt von der Last der Jahre gebeugt war. Silberweißes Haar, nach Brüdersitte gescheitelt, fiel in reichen schimmernden Locken zu beiden Seiten des bleichen Gesichtes fast bis auf seine Schultern herab. Von zwei Personen, einem Manne und einer jugendlichen Frauengestalt, geführt, durchschritt der Greis den Saal und näherte sich dem altarähnlichen Tische, wo der Armstuhl die Glieder des Lebensmüden in seine weichen Polster aufnahm. Für unsern jungen Freund war dieser neue, ihm völlig unbekannte Ankömmling ein Gegenstand großer Aufmerksamkeit. Nicht weniger beschäftigten ihn die beiden Begleiter des Greises. Leider konnte er von seinem Platze aus die weibliche Führerin nicht recht in's Auge fassen, da ihre Gestalt von dem Greise und dem ihm zur Rechten bleibenden männlichen Gefährten verdeckt ward. Dieser männliche Führer war Graf Alban, den Fürchtegott so zufällig am Morgen kennen gelernt hatte. Aus der großen Stille, die bei dem Erscheinen des Greises eintrat, und aus dem demuthvollen Neigen der Häupter aller Anwesenden zog der junge Ammer den richtigen Schluß, es möge dieser ehrwürdige Alte wohl der präsidirende Bischof, zugleich der Lehrer, Prediger und Seelenhirt der ganzen Brüdergemeinde sein. Er ward in dieser Annahme bestärkt, als jetzt der Greis die Hände faltete, und mit sanfter, liebevoller, glaubensinniger Stimme ein zum Herzen sprechendes Gebet von ziemlicher Länge hersagte, und am Schlusse desselben den versammelten Brüdern und Schwestern verkündigte, daß eine junge Dienerin im Herrn zum letzten Mahle das Brod der Liebe theilen und mitgenießen werde, da der Heiland sie gerufen, einem Manne über das Meer zu folgen, damit sie bekehre die Heiden und Christi Lehre verbreiten helfe unter denen, deren Seelen noch erfüllt seien von tiefer Finsterniß. Liebe Brüder und Schwestern, schloß der Bischof, die weißen, knöchernen Hände fester verschlingend und mit apostolischer Ueberzeugungskraft gegen seine Brust drückend, während die schwärmerischen Augen nach oben blickten; liebe Brüder und Schwestern, betet für die Scheidende, die in demuthvoller Ergebenheit dem Winke des Erlösers folgt. Betet für sie, daß der Gott der Liebe ihr Kraft verleihe auf dem dornenvollen Pfad, der ihrer harrt! Betet, daß er das Maß ihrer Geduld sich füllen lasse bis zum Rande, damit sie sich bewähre als treue Magd des Herrn! Christus unser aller Heiland und Erlöser, bleibe bei ihr immerdar! Und wie ich, sein unwürdiger sündenbelasteter Knecht, jetzt die zitternde Hand segnend auf ihr jugendliches Haupt lege zur Weihe der Sendung, die ihr geworden, so segne sie mit der Kraft seiner Allmacht der Herr der alten und neuen Welt! Amen! Bei den letzten Worten beugte der Bischof seine Kniee. Mit dumpfem Rauschen folgten Brüder und Schwestern seinem Beispiel. Graf Alban aber führte die junge zu so schwerem Loose bestimmte Schwester dicht vor den Betenden und hielt wie ein Schirmherr die Hände gefaltet über sie, während der Bischof ein dreimaliges Kreuz über dem Scheitel der jugendlichen Gestalt schlug. Als diese Ceremonie vorüber war, die durch ihre feierliche Ruhe und große Einfachheit das Herz unseres jungen Freundes lebhaft bewegte, erhob sich die jugendliche Herrnhuterin, um, von ihrem Beschützer geleitet, den Brüdern zugeführt zu werden. Denn vor einem solchen Abschiede, der für einen ewigen gelten konnte, war es Sitte, daß jedes Glied der Gemeinde den Bruder- und Schwesterkuß auf die Stirn der Scheidenden hauchte. Das volle Licht der Kerzen auf den Kronleuchtern fiel jetzt auf die schlanke, fein gebaute Gestalt, und als sie gegen die dunkle Reihe der Brüder vorschritt, erkannte Fürchtegott mit eigenthümlichen Gefühlen in der Missionärin, oder wie er die junge Herrnhuterin sonst etwa nennen sollte, die schwarze Dame, welche er Vormittags an dem ihm interessant gewordenen Grabsteine gesehen hatte. Unverwandten Blickes folgte er ihr auf dem von der Sitte vorgeschriebenen Abschiedsgange. Je näher die Fremde ihm kam, desto befangener ward er, ohne einen Grund dafür angeben zu können. Jetzt trat sie zu Wimmer, der ihr in üblicher Weise den Abschiedskuß auf die Stirn drückte. Im nächsten Augenblicke stand die junge Person vor dem überraschten Jünglinge. Ohne aufzublicken reichte sie ihm die Hand. Fürchtegott ergriff sie aus reiner Verlegenheit. Sie war zart und warm, und ein leises Beben schien sich in die Nerven des so seltsam Ueberraschten einzuschleichen. Er drückte sie unwillkürlich und ohne zu wissen, daß er es that. Dabei sah er empor, und als habe die magnetische Berührung der Hände die Blicke beider einander gänzlich Fremder belebt, die Augen Fürchtegott's und der Scheidenden begegneten sich. Der junge Ammer sah ein unbeschreiblich mildes, gottergebenes Gesicht, über dessen zarte Lilienblässe ein Zug tiefer Schwermuth sich lagerte. Fürchtegott hätte gern recht lange dies liebliche Madonnenantlitz betrachtet, allein ein Wink Graf Alban's und eine flüsternde Ermahnung Wimmer's erinnerten ihn, daß hier nicht der Ort sei Bekanntschaften anzuknüpfen. So bog er sich denn vor, um der leidenden Gestalt ebenfalls den Bruderkuß zu geben. War es nun Zerstreuung oder irgend ein anderer Zufall, Fürchtegott berührte nicht die Stirn, sondern die Lippen der jungen Herrnhuterin. Er fühlte dabei, wie eine Thräne aus den Augen der Scheidenden auf seinen Mund fiel. Verwirrt trat er fast zu heftig zurück, besorgt, daß man diese ungewöhnliche Begegnung bemerkt haben und mit Mißbehagen aufnehmen möge. Es schien jedoch, als wäre außer Wimmer und dem Grafen Alban Niemand Zeuge dieses Kusses gewesen. Die Herrnhuterin beendigte ihren Gang durch den Saal und die feierliche, einfache und doch so ergreifende Scene war zu Ende. Unser Freund konnte jedoch seine Fassung nicht so leicht wieder gewinnen. Er hörte auf Wimmer's Gespräch, ohne den Sinn seiner Worte zu verstehen. Er gab kurze, zerstreute Antworten und wußte doch häufig nicht, was er erwiderte. Alles um ihn Vorgehende kam ihm später wie ein Traum vor, und obwohl das Liebesmahl nie ganz aus seinem Gedächtnisse schwand, wußte er sich doch auch niemals genaue Rechenschaft zu geben über das, was nach dem Abschiede der jungen Herrnhuterin im Kreise der Brüder und Schwestern vorgegangen war. Erst nach vollendeter Liebestafel, wobei Thee und geschnittene Brode herumgereicht wurden, und nachdem die Versammlung aufbrach, kehrte Fürchtegott sein Gleichmuth vollkommen wieder. Er bedauerte im Stillen, daß er die arme Scheidende – denn für arm hielt er sie – nicht nochmals gesehen, daß er auch nicht ein einziges Wort zu ihr gesprochen hatte. Seine Meinung gegen Wimmer zu äußern, wagte er nicht, und vor den Grafen mit einer so völlig aus der Luft gegriffenen Frage zu treten, hielt ihn ein unklares Gefühl ab, daß man darin eine Unschicklichkeit oder auch eine bäurische Dreistigkeit erblicken möge. Seltsamerweise erwähnte Wimmer nichts von dem Verstoß, welchen sich der junge Ammer beim Abschiede von der Scheidenden erlaubt hatte. Entweder legte er selbst keinen Werth darauf, oder ihn nahmen andere, wichtigere Gedanken in Anspruch. Die Stimmung des Herrnhuters blieb während der kurzen Zeit, welche er noch mit seinem Gaste verlebte, eine entschieden feierliche, ernste, dem Weltlichen abgewandte. Er unterhielt Fürchtegott auch noch daheim von den großen Segnungen der Missionsvereine, von dem heiligen, werkthätigen Leben, welches Personen, die sich demselben widmeten, führten, sprach von den Vortheilen, die mittelbar dadurch der ganzen Welt zuflössen, und brach, als er das für seinen Zuhörer etwas langweilige Thema gründlich erschöpft hatte, endlich mit einem kurzen »gute Nacht, junger Freund«, ab. Fürchtegott athmete auf, als er sich allein in der ihm eingeräumten Kammer sah. Jetzt konnte er doch seinen Gedanken ungestört nachhängen, sein geistiges Auge in süßer Rückerinnerung an dem Antlitz laben, das wie eine Erscheinung aus besserer Welt einige Secunden lang ihn entzückt, dessen lebenswarme, feuchte Lippen er berührt hatte. Wer sie wohl sein mag! – Ob sie mir wieder begegnen wird auf meiner Lebensbahn? Diese Frage legte er sich wohl hundertmal vor, bis der Schlaf ihn umfing und das Füllhorn seiner buntesten Traumwelt über den Jüngling ausschüttete. Wie sonderbar und phantastisch aber auch die Bilder sich gestalteten, die an dem Spiegel seiner Seele bald in erschreckender, bald in erheiternder Gestalt vorüberschwebten: in alle mischte sich die scheidende Schwester. Das milde Antlitz der jungen Herrnhuterin leuchtete wie ein Engel um düstere und entzückende Bildereien der träumenden Seele, und zwar immer in gleich liebevoller, gleich beruhigender Weise. Fürchtegott erwachte spät nach einer Nacht, die er ungeachtet der Störung, welche ihm die verschiedenen Träume verursacht hatten, doch eine glückliche nennen mußte. Auch fühlte er sich ungewöhnlich heiter, leicht und erhoben. Sein ganzes Wesen kam ihm selbst verändert vor. Er würde, hätte man ihn dazu aufgefordert, versucht haben, zu fliegen, eine so merkwürdige Elasticität fühlte er seine Glieder durchrieseln. Ein sanftes Klopfen an der Thür seiner Kammer mahnte ihn, daß es schon spät sei. Gleich darauf blickte Wimmer's Auge forschend in das Gemach und der weichste »guten Morgen, junger Bruder«, flötete dem Jünglinge entgegen. Beeile dich ein wenig, wenn du kannst, sagte der Herrnhuter mit schelmisch lächelndem Antlitz. Der Besuch des Liebesmahles hat dir schon Glück gebracht oder wird es dir doch bringen. Ein Diener des Grafen Alban wartet bereits seit einer halben Stunde auf dein Erwachen. Der einflußreiche Mann wünscht, ehe du Herrnhut wieder verläßt, dich zu sprechen. Mich? versetzte Fürchtegott und eine leichte Röthe überflog seine jugendlichen Wangen. Was kann der Herr Graf von mir wollen? Das wirst du ja erfahren, lieber Bruder. Darum spute dich, gehe in's Palais und sei weder blöde noch zurückhaltend. Ein Mann wie Graf Alban vermag bisweilen mehr als ein Fürst. Ueber wen er seine schirmende Hand hält, den lieben die Engel und bleiben ihm treue Gefährten auf dem vielgewundenen Irrwege durch's Leben. Der junge Ammer erwiderte nichts auf diese Bemerkungen Wimmer's. Seine Gedanken weilten bereits in der freundlichen Villa und ergingen sich in tausenderlei Vermuthungen. Stillschweigend überdachte er, was er dem Grafen sagen, worüber er ihn befragen wolle, und nachdem er in Eile sein Frühstück genossen hatte, folgte er dem schweigenden Diener, der verdrossen und gelangweilt neben ihm her ging. Graf Alban empfing Fürchtegott in einem vornehm eingerichteten, doch nicht prunkvollen Zimmer des Erdgeschosses. Der Fußboden desselben war mit feinen Matten belegt, die aus den Fasern irgend einer außereuropäischen Pflanze geflochten sein mußten, denn Fürchtegott kannte nichts, womit er sie hätte vergleichen können. Statt des Ofens befand sich in einer Ecke des Zimmers ein Kamin, dessen hell brennende Gluth eine behagliche Wärme verbreitete und zugleich einen ungemein freundlichen Anblick gewährte. Vor diesem Kaminfeuer in bequemem Polsterstuhle saß Graf Alban. Ihm zur Rechten stand ein kleiner runder Tisch, auf welchem Bücher, Broschüren, Schriften und viele Briefe lagen. Der Sohn des Webers blieb schüchtern an der Thüre stehen und eine eigenthümliche Befangenheit kam über ihn, als er sich allein dem Manne gegenüber sah, der eine so bedeutende Rolle in der Welt gespielt hatte und bereits so tief eingeweiht war in die Pläne Wimmer's, die wieder die Familie Ammer auf's Engste berührten. Treten Sie näher, junger Mann, redete Graf Alban den Schüchternen an und winkte ihm herablassend mit der Hand. Auf einen ihm gegenüber stehenden Stuhle deutend, lud er zugleich den Jüngling zum Sitzen ein. Menschen, die einander kennen lernen und gegenseitig helfen wollen, müssen sich Aug' in Auge sprechen, setzte der Graf hinzu, während Fürchtegott zögernd dem Stuhle zuschritt und nur auf den Rand desselben sich niederließ. Das Auge Alban's ruhte sanft, aber forschend auf ihm, und hätte der Graf im Range nicht zu hoch über ihm gestanden, würde er mit großem Vertrauen und zuversichtlicher mit ihm verkehrt haben. Es ist mir von Herrn Wimmer mitgetheilt worden, begann der Graf, daß Ihr Vater, den ich vor Jahren einmal gesehen habe, ihm erlaubt hat, ein eigenes Geschäft nach Amerika, zu Ihrem und Ihres Bruders Nutzen einzurichten. Ich freue mich darüber aufrichtig, weil ich die amerikanischen Verhältnisse genau kenne und mithin weiß, wie lucrativ sich ein solches Geschäft gestalten kann, wenn es mit gehöriger Umsicht und praktischem Blick betrieben wird. Es ist mir aber auch bekannt, daß Herr Ammer keinen Gefallen an diesem Unternehmen findet, was ich bedaure. Sollte nun vielleicht – denn der Mensch ist ja nicht allwissend – Ihr Vater in Zukunft der Fortsetzung des begonnenen Unternehmens hinderlich sein wollen, so bitte ich, wenden Sie sich in diesem Falle an mich. Vielleicht gelänge es mir, Herrn Ammer in dieser wie in mancher andern Beziehung umzustimmen. Fürchtegott versprach dies zu thun, war aber auch mit dieser einfachen Zusicherung völlig zu Ende. Graf Alban's Augen suchten durch die Züge des Befangenen in dessen innerster Seele zu lesen. Er schwieg während dieser für unsern Freund peinlichen Prüfung. Wie hat es Ihnen gestern beim Liebesmahle gefallen? O recht gut – ganz außerordentlich – sagte Fürchtegott stotternd. Es ist eine schöne Sitte, die erhebend und erbauend wirkt, bemerkte Graf Alban. Man wird dabei unwillkürlich gerührt, wo aber Rührung unser Herz bewegt, da entzündet sich im Geist das Licht der Erbauung und Heiligung. Nicht wahr, Sie fühlten sich auch ergriffen? Gewiß, sehr ergriffen, betheuerte Fürchtegott. Namentlich, als die gute Schwester Erdmuthe Ihnen die Hand zum Abschied reichte, nicht wahr? Erdmuthe heißt sie? versetzte lebhaft der junge Mann, indem ein warmes Feuer aus seinen Augen sprühte. Und in Paramaribo ist sie geboren? Der Graf lächelte. Nicht doch, lieber Freund! Paramaribo ist das Land ihrer zukünftigen Thätigkeit. Beneiden Sie die junge, liebliche Schwester vielleicht um das Glück, zu dem der Heiland sie berufen hat? Das nicht, versetzte Fürchtegott, doch möchte ich wohl ferne Länder, fremde Menschen sehen, um von ihnen zu lernen und zugleich zu erkennen, wie unendlich groß die Allmacht Gottes ist. Sie hätten also Lust, große Reisen zu machen? Warum nicht? Es ist mir oft genug zu eng in der Wohnstube meines Vaters. Glaub's gern, versetzte Graf Alban. Aber nur den Muth nicht verloren, mein Sohn! Denken Sie recht oft an das Wort: Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die Fülle; arbeiten Sie tüchtig, seien Sie brav, vergessen Sie niemals dabei Gebet und Fürbitte, und wer mag wissen, ob Sie nicht schon binnen wenigen Jahren den Wirkungskreis der Missionärin Erdmuthe Gottvertraut persönlich kennen lernen! Erdmuthe Gottvertraut, wiederholte Fürchtegott gedankenvoll. Ja, so heißt sie, sagte Graf Alban. Sie hat sich mit Bewilligung der Aeltesten diesen Namen gegeben, eben weil sie überzeugt ist, daß Gott allein sie auf den wunderbaren Wegen geleiten wird, die sie fortan betreten soll. Sie ist wohl noch sehr jung? fragte Fürchtegott schüchtern. Alban lächelte wieder sehr fein und sehr freundlich. Einige Monate über zwanzig Jahre, erwiderte er. Sie läßt Sie nochmals durch mich grüßen, denn durch den Abschiedskuß, den sie Ihnen gegeben hat, ist sie Ihre Schwester vor dem Herrn geworden. Fürchtegott erröthete und senkte verlegen die Augen. Graf Alban schwieg und blätterte in Briefen, die auf dem ihm zur Seite stehenden Tische lagen. Wenn Sie künftig Herrnhut wieder besuchen, bitte ich dringend, an meinem Hause nicht vorüber zu gehen, sagte der Graf nach einer Weile. Sie wissen jetzt, daß Sie an mir einen Freund, und wenn es nöthig ist, auch stets einen bereitwilligen Helfer und Rather haben. Freunde sind viel werth in dieser argen Welt, so sie es nur ehrlich meinen. Durch Freundesrath und den Klang des Geldes sind noch immer große Dinge auf Erden zu bewirken. D'rum sollte jeder kluge Mann darauf sinnen, sich Beide zu erwerben! Nur Unvorsichtige schätzen das Eine gering und kümmern sich nicht um Freunde, weil sie einen Theil ihres Selbst dabei gefangen geben müssen. Kluge und berechnende Köpfe werden durch solche Fesseln, die mehr als Schmuck ihnen Brust und Arme umschlingen, nicht in ihrem Thun gehindert. Wenn Sie also, junger Freund, diesen Klugen sich anschließen, werden Sie niemals in Gefahr gerathen, allein zu stehen und in Stunden der Bedrängniß, zeitlicher und geistiger, ohne Trost, Zuspruch und Hilfe zu sein! Beachten Sie das und lassen Sie mich recht oft das Vergnügen Ihrer Gegenwart genießen! Eine bezeichnende Handbewegung sagte Fürchtegott, daß er entlassen sei. Er stand auf, verbeugte sich etwas linkisch vor dem Grafen und verließ wie ein Träumender die stille Villa. Das Bild Erdmuthe's wollte sich durchaus nicht in seinem geistigen Auge verwischen lassen. Selbst bei dem rein geschäftlichen Verkehr, den er bei Wimmer nochmals aufnehmen mußte, und der ihn persönlich höchlichst interessirte, gaukelte wieder und wieder das liebliche Bild der jungen Missionärin, die wahrscheinlich schon unterwegs nach Paramaribo war, vor ihm auf und nieder. Nachmittags verließ Fürchtegott den Brüderort, mit den besten Segenswünschen Wimmer's begleitet, der discret genug war, mit keiner Sylbe sich nach dem Inhalt des Gespräches zu erkundigen, das sein junger Freund mit dem vielvermögenden Grafen gehabt hatte. Drittes Kapitel. Neue Bekanntschaften. Kaufmann Mirus stand vor der Thür seines Hauses und sah dem Ausladen mit eisernen Reifen umschnürter Ballen zu, womit sechs große, in grobleinene lange Kittel gekleidete Männer beschäftigt waren. Diese Ballen schichtete man auf große Schleifen, um sie nach der städtischen Waage zu schaffen, ehe sie zum Transport in's Ausland verladen wurden. Mirus war ein mittelgroßer Mann, weder hager noch wohlbeleibt, verdrießlich von Angesicht und meistentheils wortkarg. Er konnte wenig über fünfzig Jahre alt sein, obwohl seine Haare dünn und gänzlich ergraut waren. Sein Arbeitsrock von müllergrauem Tuch mußte mehr als ein Jahrzehnt gedient haben, denn von Wolle sah man nirgend mehr eine Spur, und die Flecken, die sich während des langen Gebrauches darauf eingefunden, vermochte Niemand zu zählen. Mirus trug hinter dem rechten Ohr eine Schreibfeder und ließ spielend eine schwere goldene Dose durch die Finger gleiten. Als jetzt die Arbeitsleute oder Waageknechte, wie man sie nannte, mit dem Aufladen der Kisten fertig waren, winkte Mirus dem zunächst Stehenden: Hier ist ein Trinkgeld, Joseph, sprach er, ein kleines Geldstück ihm darreichend. Kauft Euch dafür eine Erquickung. Es ist gerade hinreichend, um Euch zu stärken, und mehr als ihm zur Stärkung nöthig ist, soll der Mensch niemals genießen. Der Waageknecht steckte das Geldstück zu sich, lüftete dankend die Mütze und fuhr in Begleitung seiner Gehülfen mit den Waarenballen fort. Mirus folgte der Schleife , die rauschend über das Pflaster glitt, mit den Augen, bis sie um die nächste Straßenecke bog. Dann rieb er sich die Hände und in das gewöhnlich düster aussehende Geflecht seiner Züge nistete sich ein schelmisches Lächeln ein. Das wären tausend Thaler sicher verdient, sagte er selbstgenügsam zu sich. Ein gutes Geschäft, das ausnahmsweise den Genuß eines Glases Wein erlaubt. Er trat zurück in's Haus, während die Knechte den Ladebock, mit dessen Hilfe man die Kisten aufgeladen hatte, wieder auf die geräumige Flur trugen, und ging in's Comptoir. Hier finden wir außer einigen mit Schreiben beschäftigten Commis, Christlieb Ammer, der im Namen und Auftrage seines Vaters dem Kaufmanne die neuesten Waarenbestellungen überbracht hatte. Mirus winkte dem jungen Manne freundlich zu, setzte sich auf seinen Schreibstuhl, notirte Einiges, schob die Feder wieder hinter's Ohr, nahm eine Prise, die er beim Verschnupfen mehr wie zur Hälfte auf den Pult fallen ließ, und sagte dann, zu Christlieb gewendet: Also Papa ist stark beschäftigt? Freut mich, wahrhaftig, freut mich! Sonst doch nichts conträr gegangen? Ich wüßte nicht, Herr Mirus. Wie sollte es auch! Vater speculirt ja nicht. Richtig! Ammer speculirt nicht, wiederholte Mirus, eine zweite Priese in angegebener Weise verarbeitend. Herr, ich muß Ihr sagen – diese sonderbare Redensart flocht Herr Mirus in alle seine Gespräche und zwar, so oft er sie nur anbringen konnte, ein – es ist dies sehr löblich von Freund Ammer, weil man immer ein solides Geschäft dabei macht. Aber wie ist mir denn? Da traf ich neulich mit Gembold zusammen – Herr, ich muß Ihr sagen – ein Kaufmann prima sorte! Der Herr hat mir erzählt, der Schleicher da – wie heißt er doch – wohnt in Herrnhut, sieht aus wie ein Quäker und führt Christus wohl mehr auf den Lippen als im Herzen – Meinen Sie vielleicht Herrn Wimmer? Richtig, Wimmer! Hast ein prächtiges Gedächtniß; Christlieb. – Wimmer! Ja dieser wimmernde oder wimmerige Herrnhuter hat ja eine neue Speculation begonnen. Hm? Christlieb zuckte die Achseln. Weißt nichts davon? – Papa auch nicht? – Herr, ich muß Ihr sagen – glaubt nicht! Kann's nicht glauben. Ist ein zu kostspielig Ding mit solcher Speculation. Mirus sah Christlieb schlau und forschend an, dieser jedoch, der in der That von den Schritten des Vaters nicht so genau unterrichtet war, wie sein Bruder Fürchtegott, verharrte in festem Schweigen. Muß viel, sehr viel überflüssiges Geld haben, der Herr Wimmer, fuhr der Kaufmann fort. Schiffe sind heut zu Tage theuer, mag man sie kaufen oder miethen, und es bleibt unter allen Umständen ein gewagtes Ding, spät im Herbst noch ein Schiff mit kostbarer Ladung in See gehen zu lassen. Möchte Freund Ammer warnen, daß er nicht leichtgläubig sich möge bethören lassen! Baares Geld auf Wasser sinkt gern unter. Verstanden? Christlieb bemerkte, daß es nicht seines Amtes sei, dem Vater Vorschriften zu machen, daß er deßhalb auch kein Wort gegen denselben erwähnen werde. Mirus sah ihn wohlgefällig an und nahm wieder eine Prise. Gefällst mir, sagte er in seiner kurzen Sprechweise. Will dich rühmen gegen Papa; bist ein gehorsamer Sohn, wirst's zu 'was bringen. Sollst auch heute ein Glas Wein mit mir trinken. Er schellte und bestellte bei dem bald darauf eintretenden Mädchen das Nöthige, was denn sogleich gebracht wurde. Mirus schenkte zwei mächtig große Gläser voll, winkte Christlieb zuzulangen und präsentirte ihm zugleich einen Teller mit Zwieback und Zuckerbretzeln, Gebäck, das man in besonders trefflicher Qualität an der Grenze zu bereiten pflegte. Nun laß uns anstoßen, sagte er mit pfiffigem Lächeln. Auf unser beiderseitiges Wohl und blühende Geschäfte! Wohl bekomm' dir's! Der Kaufmann nippte nur von dem Weine und prüfte jeden Tropfen auf der Zungenspitze, Christlieb dagegen nahm einen herzhaften Schluck und machte dabei ein Gesicht als habe er Essig getrunken. Ueber Mirus' lederfarbenes Gesicht lief ein sonderbar leuchtendes Lächeln. Ihr trinkt wohl selten Wein? fragte er, oder ist's vielleicht nicht die rechte Sorte? Christlieb erröthete und stammelte einige unverständliche Worte. Herr, ich muß Ihr sagen, fuhr der reiche Großhändler fort, nochmals recht behaglich ein paar Tropfen Wein schlürfend, ich bin kein Freund verschwenderischer Leute. Darin stimme ich ganz zusammen mit dem Herrn Vater. Bei Festlichkeiten, wenn man sich sehen lassen muß, hat es einen Sinn, das Beste auf die Tafel zu bringen, was der Herr Vater denn auch thut, wie wir bei seinem letzten Kirmeßschmause mit Wohlgefallen bemerkt haben; für gewöhnlich aber nehme man mit Geringem vorlieb. Ist eine weise Lehre das, ein wahrhaft Salomonischer Grundsatz. Magst dir ihn ganz oben auf die äußerste Kante deines jugendlichen Herzens mit feurigen Buchstaben eingraben. Wirst es dann zu 'was bringen. Wieder schlürfte Mirus einige Tropfen des röthlich-weiß schillernden Getränkes und hielt dann das Glas unter die Nase. Eine Blume, mein junger Freund, hat das Gewächs nicht, fuhr er fort. Ist ächter Meissner, vorjähriger, sogenannter Landwein von Peter Müller in Zitschewich. – Kostbares Getränk, sag' ich dir, wenn man eine gute Verdauung nöthig hat. – Trinke ihn schon seit zwanzig Jahren oder noch länger, aber stets mäßig, immer bloß nippend, damit der Genuß recht lange dauert. Man muß jedoch etwas dazu essen, sonst bekommt er nicht. Herr, ich muß Ihr sagen, auf ächten Meissner Landwein lasse ich nichts kommen! Er conservirt die Eingeweide, nöthigt zu mäßiger Lebensweise und erhält das Geschäft. Herr, gerechter, wo wäre Johann Lebrecht Mirus geblieben, hätte er etwas Anderes als Landwein getrunken! Eine Thräne, ob eine künstlich erpreßte oder aus wirklicher Rührung hervorgegangene, möge unermittelt bleiben, blinkte in den grauen Augen des Kaufherrn und rann langsam auf seine fahlen Backen herab. Er schlug dabei die Augen gen Himmel auf, als wolle er dem Ewigen für das ihm geschenkte Glück danken. Wenn man aber in das Gesicht des Emporblickenden sah und die eisenharten Züge in demselben musterte, konnte man nicht recht an Rührung glauben. Christlieb ward sogar etwas unheimlich. Er setzte das halb geleerte Glas weg, und zerbröckelte in seiner Verlegenheit den Zwieback. Mirus trocknete sich die Augen, nahm eine Prise, roch nochmals an dem conservirenden Wein und kehrte sich wieder zu seinem jungen Gaste. Sein Gesicht glänzte jetzt, als ob ein großer Gedanke das Gehirn des alten Speculanten belebe. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach er belebter und rascher als bisher, auf den Wimmer mag Herr Vater ein Auge haben. Verstanden? – Es ist nicht Geschäftsneid, der mich so sprechen läßt, es ist Liebe, pure, blanke, infame Christenliebe! Herrnhuter sind immer ein wenig heimlich, der Wimmer aber ist's vor Andern. Darum aufgepaßt, aber stillgeschwiegen! – Christlieb, ich wünschte wohl, du kämest später zu 'was Tüchtigem, 'was Großem, denn ich mag deine Weise, wenn ich's aber so einrichten könnte, daß es ohne Wimmer's Zuthun und Vermittelung geschähe, wollte ich selbst ausnahmsweise vier Wochen hinter einander Rheinwein statt Meissner trinken. Verstanden? Christlieb konnte nicht im Entferntesten errathen, wohin die Andeutungen des Kaufmanns zielen sollten, er sagte deßhalb mit voller Ueberzeugung und in dem gutmüthigen Tone vertrauungsvoller Jugend: Herr Wimmer ist ein alter bewährter Freund des Vaters und will sicher nur unser Aller Bestes. Mirus schnupfte hastig eine Prise, schlug die Dose heftig zu, warf sie vor sich hin auf den Pult und drehte sich wie ein Kreisel auf seinem Comptoirschemel um. Seine Augen waren noch einmal so groß geworden und ruhten jetzt flammend, gebieterisch auf dem unerfahrenen Jünglinge. Herr, ich muß Ihr sagen, sprach er mit bis zum Säuseln abgedämpfter Stimme, du bist ein sehr übelberathener Junge, wenn du glaubst, die frommen Redensarten des Herrnhuters kommen unmittelbar aus einem reinen und lautern Herzen. Kenne ihn besser, den Mann, besser als du und Alle, die mit ihm zu thun haben. Lernte ihn kennen vor Gericht, weiß, was er werth ist vor Gott, meinem Schöpfer! – Will's dir sagen lieber Junge; tritt näher! Christlieb folgte dieser Aufforderung mechanisch. Mirus beugte sich zu ihm nieder und flüsterte ihm in's Ohr: Wimmer ist ein Heuchler, – hat falsch geschworen, falsch Zeugniß abgelegt – haßt seine Nebenmenschen und trägt ein Herz in sich voll Lug und Trug! – Herr, ich muß Ihr sagen, der leibhaftige Satan wäre mir als Haus- und Geschäftsfreund lieber als dieser Mann, der das Jesulein immer, wie eine Mutter ihr Kind, auf den Armen wiegt! Christlieb fuhr erschrocken zurück, als habe ihn ein giftiges Insect verwundet. Zum ersten Male in seinem Leben ward ihm, dem Schuldlosen, bange vor Welt und Menschen. Er sah den Großhändler ungläubig an, ohne ein Wort zu erwidern. Ist wahr, buchstäblich wahr, was ich sage, bekräftigte mit treuherzigem Kopfnicken Mirus. Kann's beweisen, wenn's dereinst nöthig sein sollte, ist aber jetzt noch nicht die Zeit dazu gekommen. Ein recht häßliches Lächeln verzog hier die Züge des Kaufherrn zu einer fast abstoßenden Fratze, so daß es dem jungen Ammer immer unheimlicher in der engen düstern Schreibstube ward. Herr, ich muß Ihr sagen, setzte Mirus bedächtig hinzu, wer über schlechte, aber kluge Menschen triumphiren will, muß warten können und Geduld haben. Solchen hartgesottenen Sündern ist nichts fürchterlicher, als wenn der Rächer sie mitten im Ueberflusse des Glückes packt. Just, wenn sie gewonnen, wenn sie das Ziel ihres egoistischen Strebens erreicht zu haben glauben, muß der Teufel kommen und eine Klaue dazwischen legen. Aber bei Leibe nicht hitzig werden, das wirft keine Procente ab! Ist viel angenehmer, viel süßer, und wenn man es theologisch auslegen will, auch viel christlicher, einen armen Sünder, der sich sicher weiß, so lange mit dem Strick um den Hals in der Welt herumlaufen zu lassen, als er noch halbwegs stolpern kann! Mirus lächelte wieder in seiner nichts weniger als angenehmen, einem Grinsen zu vergleichenden Weise, und dabei nickte er so continuirlich tactmäßig mit dem Kopfe, als habe sich die hagere Gestalt des reichen Handelsherrn in einen Pagoden verwandelt. Es fehlte nur noch, daß er auch die Zunge herausstreckte, beide Arme erhob und mit diesen ebenfalls zu wackeln begann. Ja, ja, so ist's, bekräftigte er, das Kopfnicken einstellend. Nun bewahre, was du gehört hast, in einem feinen Herzen, schweige gegen Jedermann wie das Grab, behalte Augen und Ohren offen, traue aber Niemand als dir selbst! Herr, ich muß Ihr sagen, wirst dann von Niemand hinter's Licht geführt und bleibst dein eigener Herr! Und nun Gott befohlen, mein Lieber. Schönste Grüße an Herrn Vater und Frau Mutter. Kann mir nächstens wieder ein paar Dutzend von den feinen Weben besorgen. Machen sich gut bezahlt, schicke sie nach Pennsylvanien – dumme Kerle, die Pennsylvanier, haben aber richtige vollwichtige Goldstücke. – Noch ein Gläschen Wein zum Abschiede? Nein? Keinen Appetit mehr drauf? Kann's begreifen, da du nicht daran gewöhnt bist, wirst aber einsehen, daß ächter Meissner alle Rheinweine aussticht. Gibt gar kein besseres Mittel zur Verdauung. – Adieu, Adieu! – Er warf dem Jünglinge eine Art Kußhand zu und Christlieb war entlassen. Halb gedankenlos ging er nach seinem Gasthofe, wo er Pferde und Wagen gelassen hatte. Das Gespräch mit dem Kaufherrn, dessen Redlichkeit Ammer so hoch verehrte, summte ihm im Kopfe und machte ihn fast unglücklich. Was konnte Wimmer mit seinem Vater vorhaben? Welche Veranlassung bewog Mirus, den Herrnhuter, der doch bisher offenbar ihm und seinem Bruder gewogen war, sich als väterlich sorgender Freund gezeigt hatte, auf so entsetzliche Weise zu verleumden? Kam Geschäftsneid hier in's Spiel oder wirkten andere Ursachen zusammen. Von all diesen Fragen vermochte Christlieb Ammer auch nicht eine einzige zu beantworten. Dies machte ihn düster und verschwiegen, und so recht innerlich verstimmt trat er den Rückweg an. Er ahnte dunkel, daß es nicht ganz leicht sein werde, in der Welt seinen Weg zu machen; denn hatte Mirus auch nur zum Theil Recht, so ließ sich von den Mittheilungen des vielerfahrenen Kaufmannes ein Schluß machen auf die Erbärmlichkeit oder tiefe Verdorbenheit der Menschen im Allgemeinen. Sein gesunder Verstand sagte dem Jünglinge, daß entweder Einer von den beiden Männern, welche zu seines Vaters vertrautesten Geschäftsfreunden gehörten, ein durchtriebener Schurke sein müsse, oder daß in Beiden Gutes und Schlechtes sich in seltsamster Weise mische. Gehörte dies Durcheinander guter und schlechter Eigenschaften vielleicht zur Speculation, von der Ammer nichts wissen wollte? Dann allerdings war das Erlernen dieser Kunst schwer und gefährlich zugleich. Denn ein guter und glücklicher Speculant konnte doch unmöglich im christlichen Sinne ein guter Mensch, ein Mann »nach dem Herzen Gottes« sein, wie es in der Schrift heißt. Christlieb hätte sich wohl zu tief in grübelndes Nachdenken über diese ihn peinigenden Fragen versenkt, wäre er nicht glücklicherweise durch äußere Eindrücke darin gestört und alsbald ganz davon abgezogen worden. Das Schmettern eines Posthorns dicht hinter ihm forderte seinen Kutscher zum Ausweichen auf. Eine leichte Kalesche mit zwei jungen Pferden bespannt, brauste wie im Sturme an ihm vorüber und jagte die etwas abschüssige Straße hinunter. Bei einer Biegung des Weges schlug der Wagen um, ein Hilferuf ward vernommen und Christlieb gebot dem Kutscher, die Pferde anzutreiben, um den möglicherweise Verunglückten beizustehen. Als man bei dem umgestürzten Wagen ankam, zeigte sich, daß die Deichsel zerbrochen war. Ein noch junger, fein gekleideter Mann hatte sich bereits herausgearbeitet und blutete ziemlich stark aus einer Kopfwunde, die sich indeß durchaus nicht gefährlich erwies. Christlieb fragte theilnehmend, ob er dem Herrn in irgend einer Weise gefällig sein könne, während der Postillon lästerlich fluchte und seinen Zorn an den jungen Thieren ausließ, die freilich zum Theil durch ihr ungestümes Jugendfeuer den Unfall verschuldet haben mochten. Am Dialekt des Fremden, der sich sehr dankbar zeigte, erkannte Christlieb sofort den Oesterreicher, obwohl die ursprüngliche Schärfe der Aussprache etwas abgestumpft erschien. 's ist eine ärgerliche G'schicht', sagte der Reisende lächelnd. Wenn ich heut Abend nicht in W......f ankomme, kann's mich zehntausend Gulden Münz kosten. Da hilft halt kein Nix und kein Jemand. Das wäre ein theurer Unfall, meinte der junge Ammer, indem er dem Fremden zugleich einen Sitz auf seinem allerdings nicht sehr eleganten Fuhrwerke anbot. Sie sein halt sehr gütig, küss' die Hand, versetzte der Reisende, ein großes Stück Feuerschwamm auf seine noch immer etwas blutende Wunde legend, und ich bin unverschämt genug Ihr Anerbieten anzunehmen. Schwager, rief er dem Postillon zu, da hast ein paar Zwanziger Trinkgeld. Spann' deine Braunen ein und fahr' im Schritt mit deiner Karret wieder zurück. Hast du Unannehmlichkeiten von der Schmier', so wende dich an die Firma Sebastian Brandt und Comp. In Wien, Stadt, Graben Nro. XX, zwei Stiegen hoch. Geld kannst' alle Tage haben, wär's auch mehr als ein Batzen. – Wissen S', fuhr er zu Christlieb gewandt fort, ich reis' in einem Lottogeschäft und da muß man halt immer sehr aufpassen, sonst ist viel Gefahr dabei. Vor acht Uhr also möchte ich lebensgern wieder im Königreiche sein. Bestellte mir deßhalb junge Pferde, um ein Bissel g'schwinder über die steinigte Straßen oben am Berg fortzukommen, und nun schmeißen mich die Viecher drei Stunden vor'm Kranzhause in den Straßenstaub! Der Reisende lachte heiter, suchte nochmals den immerfort schimpfenden Postillon zu beruhigen und stieg dann auf Christlieb's Wagen, wo er in dem etwas unangenehm hin- und herschaukelnden, an Riemen hängenden Sitze Platz nahm. Der junge Ammer wurde neugierig, mit wem er da wohl bekannt geworden sein mochte. Der Mann schien in Wien zu wohnen und für die sächsisch-böhmischen Grenzbewohner war damals die Kaiserstadt an der Donau das Mekka, wohin die Blicke Aller sich richteten. Christlieb's Vater sprach von Wien immer mit großem Respect. Ihm war es unbedingt die Hauptstadt der Welt, wie er auch den Kaiser noch immer als eigentlichen und alleinigen Herrn von Deutschland und gewissermaßen als König aller übrigen Könige verehrte. Einen Mann aus Wien hatte Christlieb bisher weder gesehen noch gesprochen. Er fühlte sich daher höchlichst geehrt, eine solche Persönlichkeit jetzt neben sich zu haben, ja dieser ihm freilich noch völlig unbekannten Person einen, wie er vermuthen durfte, entschieden großen Dienst geleistet zu haben. Und so viel kaufmännischen Blick hatten die Ammer sich doch bereits angeeignet, daß sie sich sagten, eine Gefälligkeit sei der andern werth, ein zu rechter Zeit dargereichter Finger könne die erste Veranlassung zur späteren Hebung eines großen Schatzes werden. Der Wiener Herr war sehr gesprächig. Während das schlitternde Fuhrwerk nicht gar zu eilig über die holprige Landstraße fortpolterte, erzählte er fortwährend und warf mitten in seine Erzählungen eine Menge Fragen, so daß Christlieb beinahe in Verlegenheit gerieth in diesem Redekreuzfeuer. Ammer's ältester Sohn erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß Herr Zobelmeier – so nannte sich der Wiener – im Auftrage des Hauses Sebastian Brandt und Comp. die Grenzen des Königreichs Böhmen bereise und zwar in allerhand Geschäften, zu denen als einträgliches Nebengeschäft das Sammeln von Liebhabern des Lottospiels kam. Wissen's, Herr Ammer, sagte Zobelmeier, die G'schicht' mit dem Lotto ist eigentlich verboten, 's g'schieht bloß ganz heimlich, aber wenn man ein Bissel gut aufpaßt, wirft's ein hübsch paar blanke Gulden ab. Wollen S' halt 'mal probiren mit einer Terne? Christlieb befand sich in nicht geringer Verlegenheit. Er hatte nie andere Spiele gesehen, als die gewöhnlichen, auf allen Orten der Grenze üblichen Kartenspiele, von denen ihm einige ziemlich geläufig waren. Von dem »böhmischen Lotto« hatte er wohl gehört, was es aber eigentlich war, wie man es spielte, ob dabei kleine oder große Gewinne zu erlangen seien, wußte er nicht. Um jedoch nicht geradezu unwissend zu erscheinen und sich in den Augen des jedenfalls sehr pfiffigen Fremden leicht lächerlich zu machen, bat er diesen, ihm, da er sich der Einrichtung des Lotto's nicht mehr genau entsinnen könne, eine übersichtliche Schilderung von dem Plane des Spieles zu geben. Zobelmeier that dies mit geläufiger Zunge, wobei er die günstigen Chancen desselben mit so verführerischen Farben schilderte, daß der junge Weber aufmerksam zuhörte und die Lust, in diesem wunderbaren Spiele sein Glück zu versuchen, sich immer stärker in seiner Seele regte. Zugleich aber beschlich ihn auch eine peinigende Angst. Es kam ihm vor, als öffne sich vor seinen staunenden Augen eine ungekannte Welt voll Glück, Zauber, Glanz und Reichthum. Sie näherte sich wie die bunten, schillernden Bilder in einer Laterna magica seinen Blicken, aber er vermochte des blendenden Glanzes wegen nicht offenen Auges in dies Wogen und Wallen farbigen Lichtes zu sehen. Und schloß er die Lider kurze Zeit, so starrte er gleich darauf beim Wiedereröffnen in ein mächtiges Chaos, oder häßliche Fratzen, gespenstige Schattenbilder zogen abschreckend an ihm vorüber. Sein unverdorbenes Herz sagte ihm, daß, wer dem Lottospiele sich in der von Zobelmeier betriebenen Weise ergab, etwas Ungesetzliches, Verbotenes thue. Es war im moralischen Sinne vielleicht kein Verbrechen, das der Lottospieler sich zu Schulden kommen ließ, da aber entschieden ein Gesetz übertreten werden mußte, so sündigte der Lottospieler doch entschieden gegen den Staat, mußte also der Obrigkeit strafbar erscheinen, wenn – die Sache entdeckt wurde. Christlieb wagte es, seinem Gefährten dies leise anzudeuten. Zobelmeier lachte. Schau'n S', sagte er, darum braucht man sich halt gar nicht zu kümmern. Der Mensch lebt, wie er kann, und da sich's sehr schlecht lebt, wenn man keine Geschäfte macht, so macht man halt auch Geschäfte, wie man kann. Was ist Unrecht? Dümmer sein, als ein albernes G'setz! Meine Moral ist, nimm, wo du 'was findest, ohne Jemand zu berauben. Aufheben, was Andere verlieren, ist kein Diebstahl. Ich sammle bloß ein, damit ich halt nicht in Noth komme und Mangel leide. Warum ist's Lotto erfunden? Doch wohl, daß man's spielen und, wenn man nicht gar ein tölpischer Troddel ist, 'was dabei profitiren soll? Ich rathe Ihnen, Herr Ammer, spielen's eine Terne, und Sie werden sehen, daß ich Recht hab'. Christlieb mußte wieder an die vielgepriesene Speculation denken. Auch das Lottospiel, wie der Reisende es ihm geschildert hatte, war nichts Anderes, es war nur eine in anderer Form auftretende Speculation, ein Handel mit dem Glück, nicht sicherer und nicht unsicherer, wie jede andere Handelsunternehmung, deren Ziel uns nicht bekannt ist. Es ward ihm immer sonderbarer, immer bänglicher. Das war nun der dritte Mensch, scheinbar ein Ehrenmann, wie Mirus und Wimmer, und doch schien es dem jungen Weber, als seien die Seelen aller drei Männer hohl und leer. Einen Augenblick lang graute es ihm vor den Menschen, und er mußte seinem schlichten, alten Vater, der nie einen Finger breit, wie er meinte, abgewichen war vom steilen Pfade strengster Gewissenhaftigkeit, vollkommen Recht geben. Aber wie fortkommen in der Welt? Hatten die Verhältnisse sich einmal so gestaltet, daß nur Einer auf den Schultern Anderer sich emporarbeiten, etwas erringen und sich sichern konnte, so wäre es Feigheit gewesen, sich freiwillig und aus kleinlichen Rücksichten auszuschließen vom allgemeinen Wettkampfe. So haftete der Angelhaken des Fremden in der Seele des jungen Ammer, ohne daß er mit eigener Hand ihn tiefer eingedrückt hätte. Die Neigung, in diesem wunderlichen Lebensspiel von der Welt zu gewinnen, war rege geworden in Christlieb; ob sie sich später ausbilden und zur Leidenschaft steigern wird, mag die Zukunft lehren. Inzwischen war es finster geworden. Der Wind, der schon stundenlang bitterkalt vom Gebirge her wehte und dunkle Wolken über den bewaldeten Kämmen desselben aufthürmte, trieb jetzt einzelne Schneeflocken vor sich her. Es wintert ein, sagte Christlieb, das bisherige Gesprächsthema abbrechend. Der Schnee ist trocken, und wenn es bei diesem Winde recht tüchtig zu schneien anfängt, gibt's allemal einen reellen Winter vor Weihnachten. Da liegt die Schenke, fuhr er fort, mit der Hand auf ein lang gestrecktes, mit Stroh gedecktes Gebäude zeigend, aus dessen Fenstern im Erdgeschoß heller Lichterschein flimmerte. Fünf Minuten weiter oben bin ich zu Hause. Wollen Sie noch über die Grenze in's Königreich, so bekommen Sie wohl bei dem Wirthe ein Fuhrwerk. Enderlein hat Pferd und Wagen. Küss' die Hand, lieber Herr, erwiderte Zobelmeier, aber thun Sie mir einen G'fallen oder Sie machen mich ganz sackrisch. Wenn ich kann, warum nicht? erwiderte Christlieb. Wählen's also eine Terne! Wie soll ich das? Sie geben mir eben drei Zahlen, die ich mir mit Beifügung Ihres werthen Namens in mein Notizbuch schreibe. Ich weiß keine. Haben S' kein Schätzel, dem S' recht viel Busserl geben möchten? Ihr und der Liebsten Alter und zum Dritten eine beliebige Anzahl Busserl gibt die schönste Terne von der Welt. Also heraus mit drei Zahlen! Wäre es heller Tag gewesen, würde Zobelmeier, der Lotto-Reisende, ein zorniges Roth auf Christlieb's Wangen bemerkt haben bei dieser Scherzrede, die dem unschuldigen Jünglinge gar arg frivol klang. Er gedachte seiner Schwester und ihres Liebesverhältnisses zu Albrecht Seltner, und um nur den jetzt ihm lästig werdenden Begleiter los zu werden, sagte er, ohne sich zu besinnen: Nun gut! Nehmen Sie denn die Zahlen 18, 21 und 27, dividiren Sie diese mit der Zahl Drei, und lassen Sie das Facit meine Terne sein. Zobelmeier merkte sich die Aufgabe, obwohl sie ihm etwas wunderlich vorkam, versprach, die Zahl zu besetzen und das Resultat seiner Zeit dem jungen Ammer zu melden. Treuherzig dem Grenzwohner die Hand schüttelnd und ihm nochmals für geleistete Hilfe dankend, trat der Reisende in die Schenke. Christlieb fuhr sinnend, ja verstimmt weiter. Als der Wagen vor seines Vaters Hause hielt, war vollkommenes Schneegestöber eingetreten, und alle Gegenstände bereits mit weißlich schimmernder Winterhülle bedeckt. Viertes Kapitel. Ein harter Kopf. Herr Ammer saß in seinem Cabinet und las Briefe. Es war stark eingeheizt in seinem Zimmer, denn draußen knirschte der Schnee seit Wochen schon und an den Fenstern wollten kaum auf Stunden die glänzenden Eisgemälde, womit der Winter sie schmückte, verschwinden. Der eigensinnige Weber konnte dies nicht ertragen. Es war ihm Bedürfniß, hinaus zu blicken in die Landschaft, auf Flur und Wald, Thal und Berg. Den Luxus der Doppelfenster kannte man damals noch kaum in den Städten, gesetzt aber auch, es wäre diese praktische Einrichtung allgemein verbreitet gewesen, Ammer würde schwerlich sich entschlossen haben, sie in seinem eigenen Hause einzuführen, weil es 'was Neues war und mithin in seinen Augen »vom Uebel«. Heute aber war Ammer fast der Verzweiflung nahe. Der mächtige Ofen vermochte nicht, die Einwirkung des außergewöhnlich hohen Kältegrades durch die in ihm prasselnde Fichtengluth zu paralisiren, und doch bestand der Weber mit Halsstarrigkeit darauf, das Eis von den Fensterscheiben zu vertreiben. 's Stübel ist klein, sagte er, und mein Schöpfer müßte mich doch nicht lieb haben, wenn er mir die Freude, durch's Schiebefenster ab und zu in die Welt zu gucken, verderben wollte? Wozu ist der Ofen da und wozu schenke ich zur Zeit der Holzfuhre eine Tonne Bier aus, wenn ich im Winter nicht einmal durch das Verbrennen desselben die Fenster rein kriegen soll? Frisch, Florel, schmeiß ein halb Bund Reissig drauf! Flora machte die Mutter mit dem Gebot des Vaters bekannt, Frau Anna schüttelte den Kopf und bedeutete die Tochter durch einen Wink, den Befehl nicht buchstäblich auszuführen. Flora ging also in die Küche, nahm etwas Reissigholz und schob dies mittelst einer Ofengabel in den glutherfüllten Raum. Um Gottes Willen, Jungfer, was machen Sie! rief der Färber, der eben dazu kam. Wir zünden das Haus an, wenn noch mehr angelegt wird. Ich weiß auch nicht, daß der Herr heute gar nicht zu erwärmen ist! Sollt' ihm 'was fehlen? Flora sah ihn mit einem so komisch-verzweifelten Blicke an, daß der Färber in ein lautes Gelächter ausbrach. Aha, sagte er. Nun begreif ich's. Ja, ja, die Fenster, die Fenster. Und Herr Ammer mit seinem Kopfe! Aber nur Geduld, wenn's ihm zu heiß wird, läßt er schon nach. Ammer fuhr inzwischen fort, seine Briefe zu lesen, wobei ihm der Schweiß in großen Tropfen auf der Stirn stand. Er zog die bequeme weite Pelzjacke aus, die er für gewöhnlich trug, und schleuderte sie in einen Winkel. Allein die erwünschte Kühle trat eben so wenig ein, als die Eisblumen an den Fenstern verschwinden wollten. Dazu machte der Inhalt der Briefe ihm den Kopf noch obendrein warm. Immer verdrießlicher, immer grimmiger schielte Ammer nach den zugefrorenen Fenstern. Endlich sprang er auf, riß die in's Wohnzimmer führende Thür auf, durchschritt dies in bloßen Hemdsärmeln hastig und eilte in die Küche. Und wenn der Ofen platzt, sagte er zu Flora, die mit Bereitung des Mittagessens beschäftigt war, die Fenster sollen herunter! Damit schob er einige der größten Fichtenscheite, die er finden konnte, in die prasselnden Flammen und warf sehr ärgerlich die Eisenblechthür wieder zu. Aber Vater, sagte Flora, wenn du nun ein Unglück anrichtest! Ich will schon aufpassen. Bring mir einen Eimer voll Wasser und die große Handspritze in's Cabinet. Die vorsichtige Tochter machte jetzt ihren Brüdern von dem Geschehenen Anzeige, unterrichtete durch das Dienstmädchen auch die Nachbarn, damit sie im Fall eines Unglückes bei der Hand sein möchten, und traf überhaupt alle Vorsichtsmaßregeln. Auch die begehrte Handspritze nebst Wassereimer trug sie eigenhändig in das Cabinet des Vaters. Manchmal könnte einem die Geduld ausgehen bei des Vaters Schrullen, meinte Fürchtegott, Wasser in der Cisterne schöpfend. Ich hab' auch einen harten Sinn, aber gegen Vaters Kopf kommt leichtlich Keiner auf in den Lausitzen. Ammer studierte wieder in seinen Briefen und beobachtete dabei die Fenster. Der Ofen strahlte eine unerträgliche Hitze aus, allein – siehe da – das Eis schmolz! Leise tröpfelnd rann das Wasser auf die Diele herab. Da knackte es und zwei Kacheln des Ofens zerrissen von oben bis unten. Durch die Spalten flimmerte die rothe Gluth der Flammen. Der Weber schob die Garnpäcke bei Seite, die bereits zu dunsten begannen, nahm die Handspritze, öffnete die Thür zum Wohnzimmer und verordnete, jetzt wieder ganz heiter gestimmt, man solle sogleich das Feuer im Ofen ausgießen. Er selbst legte Hand an, um die zu sehr erhitzten Kacheln durch angefeuchtete Tücher wieder etwas abzukühlen. Das gab einen sehr fatalen Dunst, so daß es zuletzt unmöglich war, in dem engen Cabinet zu verweilen, ohne sich die heftigsten Kopfschmerzen zuzuziehen. Sobald alle Gefahr beseitigt war, raffte Ammer seine Briefschaften zusammen und kam damit in das Wohngemach. Ganz gelassen nahm er hier am großen Tisch unter der Schwarzwälder Wanduhr Platz, und setzte seine Lectüre fort. Was hast du nun davon, sagte Frau Anna nach einer Weile, eine neue Haube vor dem Spiegel aufsetzend. Es hätte das größte Unglück entstehen können, wäre der ganze Ofen zersprungen. Ich hätt' schon aufgepaßt, Mutter, versetzte Ammer in zufriedenster Stimmung. Hab' ich doch die Eisblumen von den Fenstern herunter gekriegt! Itzund können sie meinetwegen noch einmal so schön und mir zu Gefallen dreimal dicker daran aufwachsen, ich hab' meinen Willen gehabt, 's ärgert und krippt mich, wenn die Natur den Menschen tyrannisiren will. 's ist just so, als nähm' mir ein Pferd die Zügel und ging mit mir durch. Das ist partout nicht meine Liebhaberei. Du hast dir Schaden gemacht am Garn und kannst nicht einmal mehr in deiner Ruhe bleiben, meinte Frau Anna. Sollst deßhalb kein Ei weniger in deiner Wirthschaft haben, versetzte der eigensinnige Weber. Nach Tisch schicke zum Ofensetzer; er mag den Schaden wieder ausbessern. Aber gleich soll er kommen, nicht erst, wenn's ihm beliebt, wie das seine Weise ist. Und itzund laß mich in Frieden. Diese häusliche Scene, die so ganz im Charakter des störrigen Webermeisters begründet war, trug sich Ende Januar zu. Um diese Zeit waren von verschiedenen Seiten Briefe eingelaufen, die im Grunde erfreulich lauteten, Ammer indeß doch allerhand Bedenken erregten. Da wandte sich unter Anderm ein Prager Haus mit einer Bestellung an ihn, wie sie ihm früher noch nicht vorgekommen war. Man begehrte von ihm Leinenzeug nach einem beigefügten Muster. Liefern konnte er das Verlangte, aber wie kamen die Prager darauf, gerade ein so verwunderliches Muster zu wählen und ihn, der das Haus nicht kannte, mit diesem Auftrage zu beehren? Es ist dein Ruf, Vater, sagte Fürchtegott, der Ruhm deines Namens in der Weberwelt. Spanische Schlösser sind's, die in deinem Kopfe liegen, versetze Ammer. Laßt mir den Ruhm nicht in's Haus, bitt' ich! Lieber seh' ich den Wolf So nennt der Lausitzer Grenzbewohner die dampfende Luft, welche sich in strengen Wintern beim Oeffnen der gewöhnlich sehr stark geheizten Zimmer an den Thüren zeigt. in der Stube, als diesen windigen Kerl von Ruhm, den das Narrenvolk, die Philosophen und Gelehrten erfunden haben, und der so buntscheckig in der Welt 'rumläuft, wie die Hanswurste, die zur Jahrmarktszeit vor den Schaubuden die Ausrufer machen. Du wirst doch nicht ablehnen, sagte Christlieb. Schwerlich, versetzte Ammer. Mich verdrießt's nur, daß ich wieder Auslagen, also auch neue Sorgen habe. Bedenke den Verdienst! sagte Fürchtegott. Der ersten Bestellung folgt sicherlich bald eine zweite. Härm' mich wenig d'rum, brummte der alte Webermeister, 's wird mir gar zu bunt und ich hatte mir gerechnet, ich wollte mich mit dem fünfundsechzigsten Jahre zur Ruhe setzen, und firm an meinen Schöpfer denken, um, wenn's an's Abrechnen geht, drüben nicht ganz ein Fremdling zu sein. Nun kann ich bleiben, wo ich bin, kann mich quälen und andere Leute gängeln, daß sie mir's zu Danke machen, und darüber verlier' ich wieder all' die guten Gedanken, die ich mir Abends in der Dämmerstunde und Nachts, wenn die Engel des Herrn verhüllten Antlitzes über die Erde wandeln, ganz still im Beikästchen meines weltlichen Herzens zurecht gelegt hatte. Ammer nahm einen andern Brief zur Hand und betrachtete ihn von allen Seiten. Von wem mag der wohl sein? sprach er. Die Hand kenne ich nicht. Ist kein Poststempel darauf? fragte Fürchtegott, der mit Hilfe seines Bruders sich daran begab, Garn zu scheren, d. h. es zum Aufrollen für eine neue Webe vorzurichten. Ammer antwortete darauf nicht, sondern riß den Brief auf und begann zu lesen. Er runzelte die Stirne und fuhr mit der linken Hand wiederholt über die Augen, als wollte er etwas Störendes, das ihn am Sehen hindere, entfernen. Dann schob er sein Käppchen von einem Ohr auf's andere, legte den Brief weg, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch und nahm ihn später abermals auf, um eine zweite Durchsicht seines Inhaltes zu veranstalten. Das ist sicher 'was Neues und 'was recht Gutes, flüsterte Fürchtegott seinem Bruder zu. Gib Acht, wenn's losbricht, erfahren wir etwas Großes. Christlieb schielte verstohlen nach dem Vater, der bereits sein Hausmützchen abgenommen hatte und den halbmondförmigen Haarkamm verschiedene Male mit kräftiger Hand nach dem Nacken führte. Endlich hatte Ammer Lesen und Grübeln satt. Er schleuderte den Brief über den Tisch und sprach dabei verächtlich: Da, lest den Wisch! Ihr gehört ja der jungen Zeit an, die Alles besser versteht, werdet also auch klug daraus werden. Christlieb nahm das Schreiben auf, durchlas es und erröthete auffallend stark. Ammer, welcher die Bewegung seines Sohnes bemerkte, sagte mißtrauisch: Nun, was ist das? Bist du wirklich so gescheidt, daß du so leicht Räthsel lösen kannst, oder steckt etwa eine Teufelei dahinter? Christlieb war verlegen. Er wußte nicht, was er auf die forschende Frage des Vaters antworten sollte und vermied seinem Blicke zu begegnen. Von Spiel ist die Rede in diesem Dinge, von verbotenem Spiele, sagte der Vater mit Nachdruck. Und so ein Wiener Firlefanz, so ein Fratschelbub', oder was er sonst für ein sauber Geschäft betreiben mag, ist im Stande, mir, einem ehrlichen Mann, der sich sein Lebtage durch seiner Hände Arbeit ernährt hat, anzubieten, ich solle mich dabei betheiligen, nein mehr noch, der Mensch sagt, ich solle zur Terne noch eine Quinterne setzen! Als ob ich je einen so vermaledeiten Gedanken in meinem Gehirn hätte aufkommen lassen! Der Brief war inzwischen in Fürchtegott's Hände gewandert, der ihn mit nicht geringer Spannung durchlas. Je nun Vater, sagte dieser, das Anerbieten scheint mir gar nicht dumm zu sein. Dumm nicht, aber schlecht, erwiderte Ammer entrüstet. Das Lottospiel ist bei uns verboten, weil's die Menschen liederlich macht, ihnen die Lust zur Arbeit nimmt, die Ruhe aus dem Herzen, die Ehrlichkeit aus der Seele stiehlt. Ich will nichts hören von verbotenen Dingen. Auch wird beim Spiel immer betrogen. Und doch betheiligen sich Tausende daran und wie Mancher ist durch ein glückliches Loos schon wohlhabend geworden! sagte Fürchtegott. Hexengeld ist kein Heckegeld, versetzte der Vater. Wie der Drache es bringt, so holt er es auch wieder. Man fackelt dabei jederzeit ein Stück Teufelsklaue mit ein, und mir ist mein Hemd zu lieb, als daß ich mir von solcher die Halskrause zerreißen lassen möchte. Wie heißt der Firlefanz? Zobelmeier, sagte Christlieb, der sich inzwischen gefaßt hatte und seiner Begegnung mit dem Wiener Reisenden keine Erwähnung thun mochte, da bis jetzt der Vater nichts davon wußte. Es gab der Ammer ja mehrere, mithin konnte der Brief an den unrechten Adressaten gekommen sein. Richtig, Zobelmeier, wiederholte Ammer, Zobelfänger sollte er sich nennen, denn auf's Einfangen legt es solch Gelichter doch immer an, und man muß einen so dicken Pelz haben, wie ein Zobel, soll man die dahinter steckende Betrügerei nicht merken. Christlieb, dem dies Compliment nicht besonders gefiel, erröthete wieder und kehrte dem Vater den Rücken zu, damit dieser es nicht sehen und Verdacht schöpfen möge. Ich kann nicht begreifen, fuhr Ammer fort, wie ein Wiener Lottomann gerade auf uns verfällt. Das ist sonderbar und geht mir im Kopfe herum. So gar auffallend ist es doch nicht, Vater, erwiderte Christlieb. Die böhmischen Fabrikanten und Kaufleute in den großen Dörfern im Gebirge spielen viel und gern, und wird Herr Zobelmeier gelegentlich einmal von dir gehört, dich als einen Mann schildern gehört haben, der wohl ein paar Böhmen für eine Terne oder Quinterne ausgeben könnte. Es thun's ihrer Viele auf unserer Seite, ich weiß es. D'rum mag's wohl auch nicht verboten sein. Hm, brummte Ammer, sah seinen Sohn mit durchdringendem Blicke an, und schüttelte wiederholt den Kopf. Draußen hörte man Schellengeläute, das rasch näher kam. Zwei städtische Schlitten mit eleganten Decken glitten die Gasse herauf. In dem vordersten saßen zwei Personen, im zweiten nur ein einzelner Mann, der sich aber dergestalt in eine Wildschur gehüllt hatte, daß es unmöglich war, seine Gesichtszüge zu erkennen. Dieser zweite Schlitten hielt vor dem Hause des Webers, der dicht in Pelz Verhüllte stieg aus, sagte dem Kutscher einige Worte, worauf dieser umwendete und zurückfuhr und gleich darauf läutete die Schelle der Hausthür. Besuch und vor Mittag? sagte Ammer, geschwind seine Pelzjacke anziehend und mit der Sammetkappe sein Haar wieder bedeckend. Wer kann das sein? Er öffnete die Thür des Wohnzimmers. Eine herbe Männerstimme bot ihm guten Morgen, und gleich darauf stand der Mann in der Wildschur dem Weber gegenüber. Ammer winkte seinen Söhnen, die Arbeit einzustellen und sich zu entfernen. Fünftes Kapitel. Der Versucher. Sie kennen mich wohl nicht mehr, Herr Ammer? sagte der Fremde, seine große, das Gesicht fast ganz verhüllende Pelzkappe, die unter dem Kinn festgebunden war, lösend. Das macht, Sie haben zu lange keinen Proceß mehr geführt. Nochmals: guten Morgen! Mein Gott, Sie sind es, Herr Advocat! erwiderte Ammer, indem er dem Ankömmlinge behilflich war, die schwere Wildschur abzunehmen. Was schafft mir das Vergnügen – Vergnügen? unterbrach der Advocat den Weber, heiser auflachend. Vergnügen! Advocaten bringen, wenn sie ungerufen kommen, selten Vergnügen. Bring' Ihnen auch keins, Herr Ammer. Aber man muß sich Euch ins Gedächtniß rufen, sonst glaubt Ihr am Ende, wir existirten gar nicht mehr; der Teufel habe uns leibhaftig geholt, wie Ihr das im Stillen tausendmal gewünscht. O, ich kenne Euch – Goldmacher! Ammer beherrschte sich mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft, dennoch sah man es seinen Mienen an, daß dieser unerwartete Besuch ihm wirklich kein Vergnügen bereitete. So freundlich er es vermochte, nöthigte er den Advocaten zum Niedersitzen, winkte seiner ihn schüchtern anblickenden Frau und gab ihr zu erkennen, daß sie sogleich für einen Imbiß sorgen solle. Advocat Block war ein ebenso unentbehrlicher als gefürchteter Mann, die Hoffnung und der Schrecken aller Landleute. Bekannt als kenntnißreicher, routinirter und schlauer Rechtsanwalt, lief ihm Jeder, der einen Rechtshandel hatte, zu, und weil ihn Niemand gern als Gegner sah, war der Andrang Hilfesuchender bei dem berühmten Rechtsconsulenten so groß, daß er die Zahl seiner Clienten selbst kaum kannte. Obwohl Advocat Block in dem Rufe großer Gelehrsamkeit stand, traute ihm doch Keiner etwas Gutes zu. Der Landbewohner machte kein Hehl aus dieser seiner Meinung. Er sprach es offen aus, daß, wenn Dies oder Jenes ihm nicht gelingen wolle, er zu dem großen »Rechtsverdreher« gehen werde; der solle ihm wohl helfen, denn ihm und dem Bösen sei Alles möglich. Die Persönlichkeit dieses Mannes, die schon einige Male die Lebenskreise Ammer's berührt, nicht aber dauernd beunruhigt hatte, machte einen unheimlichen, wo nicht widerlichen Eindruck. Block war sehr groß, hager und starkknochig; und lag es nun in seiner Natur überhaupt, oder war es Angewöhnung, oder endlich Ergebniß gründlicher Menschenverachtung: er zeigte sich als ein Mann, dem nichts heilig, nichts recht war. Allen bereit zu dienen, falls er klingenden Lohn erhielt, behandelte er Jeden mit gleicher Rauhheit. Reich und Arm, Vornehm und Gering, dem kalten Rechtsgelehrten gegenüber befanden sich Alle in derselben unangenehmen Lage. Block war nahe an siebenzig, aber noch vollkommen rüstig. Sein Haupt war kahl, weßhalb er es im Zimmer stets mit einer sehr hohen schwarzen Sammetmütze bedeckte. Eine scharf gebogene Nase und nur ein Auge gaben seinen ohnehin markirten Zügen einen wahrhaft diabolischen Ausdruck, besonders wenn er lächelte. Das Auge war klein, lag tief im Kopfe, funkelte aber wie eine Kohle, oder richtiger, wie die Spitze eines geschliffenen Dolches. Ueber dem fehlenden Auge trug er zuweilen eine schwarze Binde, häufiger jedoch sah man ihn ohne dieselbe, was gerade nicht dazu beitrug, sein Aeußeres empfehlenswerther zu machen. Er hatte dies Auge schon in seinen Jünglingsjahren verloren, wie Einige behaupteten, bei einem Duell, nach der Aussage Anderer bei einem galanten Abenteuer. Verheirathet war Block nie gewesen; er mochte, wie er offen gestand, die Frauen nicht leiden und diese flohen den düstern, unheimlichen Mann, der ein wunderliches Vergnügen darin zu finden schien, nicht nur Allem, was Weib hieß, Furcht einzuflößen, sondern jeder Frau, jedem Mädchen, gleichviel ob sie gebildet, hübsch und anmuthig waren, oder von Allem das Gegentheil, Sottisen in's Gesicht zu sagen. Dieser Mann saß jetzt dem Weber gegenüber, die hohe schwarze Sammetmütze auf dem spitz zulaufenden Scheitel, sein einziges kleines, schwarzes Auge wie eine Klammer an das Gesicht des schlichten Landmanns heftend. Ja, da bin ich, Webermeister! sprach er, nachdem er sich ein wenig verschnauft hatte oder, wie er zu sagen pflegte, nachdem er aufgethaut war, und was gebt Ihr nun wohl d'rum, wenn ich nicht da wäre? Ei nun, mein sehr werther Herr Advocat und Freund, erwiderte Ammer, Sie werden doch wohl nicht gekommen sein, um mich aus dem Hause zu jagen? Block kniff sein Auge halb zu, legte den Knopf seines spanischen Rohres, das er stets mit sich führte, an die Nase, und sagte: Glaubt Ihr, daß man das nicht machen könnte, wenn man wollte? Hm, Kleinigkeit! Ich sage Euch, Webermeister, ein rechter Advocat, der das Recht kennt, muß den Herrgott absetzen und den Beelzebub an seine Stelle bringen können, ohne daß ihm Einer etwas anhaben darf! Ich danke meinem Schöpfer, daß ich kein Advocat geworden bin, meinte Ammer, 's wär' kein Geschäft für mich. Der Rechtsconsulent lachte in seiner diabolischen Weise, indem er erwiderte: Glaub's wohl, seid nicht gerieben, nicht geschliffen genug dazu! Aber sagt mir, Freund, was soll ich haben, wenn ich ein paar tausend Thaler oder, was dasselbe ist, eine hübsche Herrschaft für Euch erstehe? Führt Sie das hieher? fragte Ammer ungläubig, denn er kannte die Schliche des gefährlichen Mannes, der gerade dann am meisten zu fürchten war, wenn er freundlich und zutraulich wurde. Expreß deßhalb habe ich mir fast die Nase erfroren, betheuerte Block. Kostet Euch deßhalb auch zehn Thaler mehr, denn ich bin kein solch mildherziger Narr, daß ich aus Liebe einem Nebenmenschen etwas schenke, am wenigsten, wenn ich Unbequemlichkeiten bei einem Geschäft habe. Der Weber rückte an seiner Mütze und die Zornader über der Nasenwurzel schwoll an. Bitte um Entschuldigung, mein werther Herr Advocat, aber ich wollte nur bemerken, daß ich den sehr achtbaren Herrn Rechtsgelehrten nicht gerufen habe. Jedennoch wird man bezahlen, was Rechtens ist, denn der Webermeister Ammer nimmt nichts geschenkt, am wenigsten vom – vom – Von des Teufels Buchhalter, ergänzte Block, laut auflachend. Sagt's immer gerad' heraus, ich kenn' Euch schon. Verschluckt Ihr solch ein allerliebstes Compliment, so schlägt's in's Blut, Ihr könnt krank werden, und was der Arzt einstreicht, wird dem Anwalt abgezwackt. Also immer seid grob, so sehr Ihr wollt. Nehm's nicht übel, Ihr müßt nur für jede Grobheit mehr bezahlen. Er lachte noch lauter wie zuvor, und es schien, als weide er sich an der Verlegenheit des Webers, der gern wirklich grob geworden wäre, und es doch nicht wagte, theils aus Furcht vor dem Advocaten und dessen Praktiken, theils weil ihn jeder Groschen reute, den er dem schrecklichen Menschen geben sollte. Ammer drehte das Käppchen, zupfte an seiner Jacke, fing aus Verlegenheit eine Fliege von den wenigen, die sich im warmen Zimmer erhalten hatten, und setzte sich dann dem Advocaten wieder gegenüber. Nun bin ich alert, sagte er rasch und etwas heftig. Ich hab's verschluckt, wie sauer Bier, und 's soll mir nichts thun, mein werther Herr Rechtsconsulent, Ihnen zum Tort! Geben Sie jetzt Ihrem Herzen einen Stoß und stellen Sie mir alle Ihre Pfiffe auf den Tisch, damit ich sehe mit eigenen Augen und nicht wie ein Mangelpferd dumm und dusselig im Kreise herumtrabe. Ist's gefällig? Block reichte dem Weber die Hand. So ist's Recht, sagte er. Wer nicht betrogen sein will, muß seinen Zorn auslassen, bevor er unterhandelt. – Webermeister, fuhr er fort und beugte sich mit halbem Leibe über den Tisch, was haltet Ihr von Kaufmann Mirus? Bei dieser Frage kniff er sein stechendes Auge dergestalt zu, daß nur ein schmaler Spalt zwischen beiden Lidern blieb. Mirus ist ein Ehrenmann, sagte Ammer. Ich kenne ihn, so lange ich handthiere – hat mich nie weder übervortheilt, noch mit Zahlungen hingehalten. Aber ist doch reicher geworden, als Ihr. Schadet mir das? Ich bin mit dem zufrieden, was Gott mir gegeben. Ginge es allen Menschen so gut, wie mir, es gäbe kein Elend, kein Unglück auf Erden! Ihr spracht nicht immer so, Webermeister, sagte der Advocat. Besitz mehrt das Glück und es ist durchaus nicht einerlei, ob ich oder mein Nachbar ein mehr oder minder großes Glück sich zueignet. Wenn's mit Ehren geschehen kann, ist's allerdings nicht gleichgiltig, bemerkte Ammer. Nun also! Hört mich denn, Ammer, und thut dann, was Ihr wollt. Ihr müßt wissen, daß ich mit dem Verkauf eines alten Hofes oder Schlosses – Ihr kennt ja die herrschaftlichen Schlösser hier herum – beauftragt bin. Der bisherige Besitzer, ein Graf von Y. hat sein ganzes Vermögen verpraßt oder, was in meinen Augen dasselbe ist, im Dienste großer Herren zugesetzt. Er muß, um nun leben zu können, das ganze inzwischen baufällig gewordene Rittergut verkaufen. Der Preis ist niedrig gestellt, so niedrig, daß ich am liebsten selbst mit zugriffe. Aber was soll ich mir unnütze Sorgen machen, da ich weder Weib noch Kind habe? Nun hat sich bis jetzt nur ein annehmbarer Käufer gemeldet, nämlich Kaufmann Mirus. Der Mann gefällt mir nicht ganz. Warum nicht? fragte Ammer Er ist ein Intriguant, ein Ränkemacher. Ihnen gegenüber? – Entschuldigen Sie, mein hochgeehrter Herr Advocat, – in dieser Beziehung würde ich zu jeder Stunde vor Ihnen respectvoll meine Mütze tiefer gezogen haben, als vor Mirus. Wirklich nahm auch Ammer sein Käppchen vor dem Advocaten ab und machte eine halb respectvolle, halb spöttische Verbeugung vor ihm. Webermeister, Webermeister, versetzte Block mit drohend erhobenem Finger. Nehmt Euch in Acht! Indeß für diesmal soll Euch vergeben sein. Kurz und gut, Ammer, ich gönne dem Mirus das treffliche Rittergut nicht, denn er hat sich als Feind gegen mich betragen. Für mich ist er ein Freund. Weiß es, aber Ihr kennt doch das Sprichwort: Handel und Wandel leidet keine Freundschaft? Wäre das Sprichwort wahr, so zerschlüg' ich noch heute all' meine Stühle! Block lachte wieder. Gut, gut, Webermeister; ich will Euch nicht bekehren noch irre machen in Euren Ansichten, sagte er. Wenn sich aber ein vortheilhaftes Geschäft abschließen läßt, ohne daß man einen Freund offen übervortheilt, streitet das auch mit Euren Begriffen von Freundschaft? Ich hab's nie versucht, meinte Ammer, und was ich nicht aus Erfahrung kenne, darüber maße ich mir nicht an, zu sprechen. Block wurde nachdenklich. Er schwieg eine Weile und spielte mit seinem Stocke. Mittlerweile deckte Flora den Tisch, Frau Anna setzte Teller und Gläser auf und forderte dann von ihrem Gatten die Kellerschlüssel, um Wein zu holen. Als beide Männer wieder allein waren, sagte der Advocat: Ich will euch klaren Wein einschenken, damit Ihr mich versteht. Dem Mirus gönn' ich das Rittergut nicht, wie ich schon bemerkte. Der Mann hat, wo ich ihm dienen wollte, einen kostbaren Proceß gegen mich gewonnen. Ich sage Euch, Ammer, es war wirklich eine rechte Herzensfreude für einen Mann, der die Rechte versteht, diese Schriften für und wider zu lesen, diese geschickten Einreden zu studiren, und so zu bemerken, wie nach und nach ein Haltpunkt nach dem andern morsch wird, bis endlich der ganze Bau zusammenbrach und Madame Justitia verbundenen Auges, aber recht pfiffig durch die Binde schielend, Platz auf den Trümmern nahm. Ich verlor, was ich voraus wußte, den Proceß. Das wär' mir gleichgiltig gewesen, hatte ich doch mein juristisches Gewissen salvirt; allein mein Client war zarterer Complexion. Der Mann zog sich die Sache zu Gemüthe, ward melancholisch und – schoß sich zuletzt eine Kugel durch den Kopf! – Ammer, ich bitt' Euch, könnt Ihr so etwas denken? – Sich eines verloren gegangenen Processes wegen zu erschießen! Wenn er vorher noch appellirt hätte! – 's ist Unsinn, purer Unsinn! Wie oft hätt' ich mich da schon wohl erschießen müssen! – Genug, der Mann war todt, mausetodt; seine Verhältnisse standen schlecht, ich ward nur bis zur Hälfte bezahlt! Und dabei verlor ich noch die Spesen der Appellation und den Clienten dazu! Versteht Ihr mich, Webermeister? Seit jenen Tagen hasse ich den Mirus, denn hätte er mich zu seinem Anwalt erkoren, wäre er ungleich besser gefahren. Die Seele hätte ich seinem Gegner aus dem Leibe gedrückt, lange zuvor, ehe er sie dem Teufel in einer Patrone zuschickte! Das muß Ihnen Gott lassen, Herr Advocat, Sie sind wirklich ein Mann für diese Welt! Ich glaub's auch. – Aber nun sagt selbst, Ammer, kann ich eine so offenbar feindliche Handlung gegen mich vergessen? Bei meiner Ehre, ich kann's nicht! Begreifen kann ich's, mein sehr werther Herr Advocat, erwiderte Ammer, daß Sie aber dieses Vorganges wegen dem Kaufmann Mirus aufsäßig sind, ist mir weniger einleuchtend. Sancta simplicitas! zu Deutsch: Schootentoffel! versetzte Block. Seht Ihr denn nicht ein, Meister, daß ich Euch wohl will? Wenn mir nun nichts daran gelegen wäre? fragte der Weber. Der Advocat sah ihn kalt und spöttisch an; dann sagte er mit häßlichem Augenzwinkern: Es ist Euch aber sehr viel daran gelegen, sonst – wißt Ihr noch die Geschichte mit den Grenzsteinen? Wer hat Euch da aus der Klemme geholfen? Ammer ward bleich. Er streckte die Hand gegen den Advocaten aus und sagte tonlos, als ob es ihm an Athem fehle: Still davon! Ich will nichts hören! – Es ist mein einziges Unrecht, das ich wissentlich begangen habe. – Wollte Gott, es wäre nie geschehen! Ah bah! sprach Block verächtlich. Ihr bleibt doch der reiche Ammer und Jeremias Seltner ist froh, wenn er die Brosamen auflesen kann, die von Eurem Tische fallen. Der Eine steigt, der Andere fällt, das ist nicht anders im Leben. Es mag häufig so sein, mein geehrter Herr Advocat, erwiderte Ammer, dennoch dank' ich meinem Schöpfer, daß ich mittelst dieses Fußschemels nicht gern hoch steigen will. Jenen Fall, dessen Sie gedachten, ausgenommen, bin ich niemals von meinen Grundsätzen abgewichen. Daß ich es einmal that, hat mir viel Herzeleid bereitet, jedennoch glaub' ich, der Fehler ist itzund wieder gut gemacht. Biederer Schlaukopf! sagte Block, zum zweiten Male seinen Finger drohend erhebend. Wer kennt euch Webersleute aus! Eure Seelen sind tausenddrähtig, wie die Zettel eurer Weben. Ammer war bereits wieder ganz Herr seiner Gefühle. Er stand jetzt auf, nahm sein Hausmützchen ab und deutete mit bezeichnender Handbewegung nach dem gedeckten Tische, wo ein leckeres Frühstück einladend duftete. Ist's gefällig, Herr Advocat? sagte er. Bei einem Gläschen Wein läßt sich am Besten darüber einig werden, ob die Seele eines Webers oder eines Gelehrten die meisten Fäden hat, wenn schon man vielleicht nicht recht klug daraus wird, wo die besseren und wo die schlechteren sich finden mögen. Block folgte unverweilt der Einladung Ammers, denn obgleich sein ganzes Wesen nicht einen Gourmand in ihm vermuthen ließ, war er doch auch kein Verächter einer guten Küche, besonders aber liebte er ein Glas guten Rheinwein, den der Weber, wie er aus Erfahrung wußte, in seinem Keller niemals ausgehen ließ. Während der Advocat dem Weine tüchtig zusprach, verlor sich mehr und mehr die menschenfeindliche Stimmung, welche den eigentlichen Kern seines Wesens zu bilden schien, zugleich aber trat das wirklich Dämonische seines Charakters noch schärfer hervor. Ammer, ohnehin nicht gewöhnt, außer der gewohnten Zeit sich leiblichen Genüssen zu ergeben, war ungemein mäßig und leistete eigentlich seinem Gaste nur Gesellschaft. Ich habe Euch jetzt von dem unterrichtet, Webermeister, was mich zu Euch führt. Entschließt Euch nun rasch und greift zu! Herr Mirus ist ungleich besser bei Kasse, als ich und – und nehmen Sie mir's nicht übel, werther Herr Advocat, erzürnen mag ich mir den reichen Kaufmann nicht. Zehntausend Thaler reichen hin, um Euch das Fünffache zu sichern! Ich hab' sie nicht, auch wüßte ich wirklich nicht, was mir ein Rittergut sollte. Ich selbst verstehe nichts von Oekonomie und meine Kinder wissen auch kaum ein Haferfeld von einer Kleebrache zu unterscheiden. Ihr könnt die Wirthschaft verpachten, Ammer, und nur die Gebäude für Euch behalten. Soll ich in einem herrschaftlichen Hause vergeuden, was ich mir erarbeitet und erspart habe? Nimmer, Herr Advocat, so lange Ammer seine Gedanken noch beisammen hat! Begehrt kein Mensch, Webermeister, erwiderte Block, sein leeres Weinglas füllend. Kommt, auf Euer und der Eurigen Wohl! Auf das Gedeihen Eurer Entwürfe, auf das Gelingen Eurer Unternehmungen! Angestoßen, daß es recht fröhlich klingt! Ammer weigerte sich nicht. Die Gläser klangen; der Weber schlürfte nur einige Tropfen, der Advocat leerte das seinige bis auf den Grund. Abermals die Flasche ergreifend, sagte er: Wer groß werden will, muß bei Zeiten daran denken, Güter zu erwerben. Mein Streben ging nie dahin, meinte Ammer. Wer mich kennt, weiß, daß ich nicht hochmüthig bin, also auch nie über meinen Stand hinaus wollte. Früher nicht, indeß – Nun? fragte aufhorchend der Weber. Ich will nicht fürchten, daß ehrliche Leute jetzt eine andere Meinung von mir hegen. Auch nicht ehrliche und kluge Leute? erwiderte Block, behaglich seinen Wein schlürfend. Ich verstehe Sie nicht, sagte Ammer trocken. Seit Ihr mit einem gemietheten Schiffe auf dem Meere herumschwimmt, ist's nicht mehr Ernst mit der Demuth des alten Webermeisters, sprach Block überaus pfiffig. Ammer ballte die Faust. Daß er sie nicht auf den Tisch schlug, war Folge rascher Ueberlegung; denn hätte er es gethan, so würden Frau und Tochter sofort in's Zimmer gekommen sein, um zu erfahren, was die beiden Männer so heftig aufregen möge. Ammer stand nur auf, stützte seinen kräftigen Körper auf beide Arme und sagte mit zornbebender Stimme: Welcher Schuft hat das dem Lügenohr der Welt zugeraunt? Sie kommen nicht mit gesunden Gliedmaßen aus meinem Hause, Advocat, wenn Sie sich weigern, mir das zu sagen. Setzen sich der Herr Webermeister ruhig hin und hören zu, was man ihm mittheilen will, erwiderte mit eiserner Ruhe Advocat Block. Glaubt Ihr, was mehr denn zwei Menschen wissen, bleibe Geheimniß nur diesen zwei? Ich hätte Euch für klüger gehalten. Oder meint Ihr, ein tüchtiger Anwalt könne seinen Clienten dienen, wenn er nicht ihre Verhältnisse, ihre Wünsche und ihre Pläne kennt? Laßt Euch sagen, Mann der alten Ordnung: ich war letzthin in Herrnhut; da sprach ich Graf Alban – auch ein Client von mir – der freute sich über Euern zweiten Sohn, weil er so viel Talente zu einem Welthandelsmann habe. Versteht Ihr mich? Ammer hatte sich gesetzt, er war erschüttert, als sei ihm ein Unglück begegnet. Graf Alban! sagte er. Wo habe ich doch den Namen schon gehört? Oder bin ich ihm gar einmal begegnet? Er ist einer von denen, die überall sind, ohne daß man ihre Gegenwart ahnt, fuhr der Advocat fort. Graf Alban weiß so ziemlich Alles, wenigstens Alles, was mit Herrnhut und Herrnhutern zusammenhängt. Daß Wimmer zu Euern besten Abnehmern gehört, ist landkundig, mithin erklärt sich die Verbreitung Eures vermeinten Geheimnisses ganz natürlich. Was schadet es auch, daß Andere darum wissen? Es schadet nur mir allein, versetzte düster der Weber. Wie mich's damals schon reute, als ich stillschweigend meine Einwilligung dazu gab, wird mich's reuen, bis mein Auge bricht. Webermeister, sagte Block, ich gebe Euch einen guten Rath: Geschehenes muß man vergessen, sonst wird die Last dessen, was uns drückt, zu groß und man bricht darunter zusammen. Es ist das ein christlich verständiges Wort, was Sie da sagen, meinte Ammer. Käm's nicht aus dem Munde eines Mannes, der für gewöhnlich den alten Heiden mehr Verstand zuspricht, als den Aposteln des Herrn, könnte sich ein schlichter Mann wohl darnach richten. Block kniff sein Auge fast ganz zu, indem er antwortete: Nun, so nehmt einmal an, ich wär' ein verkleideter Apostel. Ihr sollt wahrlich mehr Segen davon haben, als wenn Petrus selbst Euch zu seinem Schlüsselträger ernannt hätte! – Wie ist's? Wollt Ihr aus zehn fünfzig machen? In drei Monaten seid Ihr Erbherr auf Weltenburg. Herr Advocat, ich bin wahrlich nicht bei Gelde! Borgt! sagte Block. Webermeister Ammer findet überall Credit. Ich mag nicht. Credit ist eine spanische Fliege auf der Wade. Sie hindert am Gehen. So spielt in's Teufels Namen! fuhr der Advocat auf, dessen Geduld sich an dem Hartkopf des Webers bereits wund gestoßen hatte. Ich hasse das Spiel, eben weil der Teufel mehr als Gott dabei zu thun hat. Habt Ihr nie gespielt? O ja, Sauball, als ich noch ein dummer Junge war, und nicht wußte, wie ich Zeit und Gedanken todt schlagen sollte. Seit mich aber mein Schöpfer begnadigt hat, männlich zu denken und zu prüfen, seitdem sind Karten und Würfel und sonstiges Spielzeug erwachsener Thoren aus meinem Hause verbannt. Nicht einmal 's Tricktrack mag ich leiden, weil meine Tochter sich einmal dabei erzürnt hat. Block mußte über die Ernsthaftigkeit des Webers lächeln, doch bemühte er sich ernsthaft zu bleiben. So laßt denn Eure Söhne spielen, sagte er. Jugend wagt gern, Jugend hat auch Glück. Inzwischen bin ich Euer Banquier. Schlagt ein, Webermeister! Ammer trank hastig sein Glas aus, verließ seinen Sitz und ging unruhig im Zimmer umher. Bald rieb er sich die Hände, bald steckte er sie in die Seitentasche seiner Jacke, bald legte er sie auf den Rücken. Es war offenbar, in dem Herzen des Mannes hatten die Worte Block's einen Kampf entzündet, der den Weber um seine ganze Gelassenheit, um allen innern Frieden brachte. Der Advocat war genug Menschenkenner, um zu wissen, daß eine Störung des in sich Zerfallenen in diesem Augenblicke ihn um alle Früchte seines Mühens bringen könne. Er ließ daher den Weber ruhig auf ab wandeln; nur manchmal sandte er einen Blitz seines scharfen Auges auf den mit hundertfachem Netz Umgarnten, während er mit trefflichem Appetite dem goldgelben Honig zusprach, den Frau Anna zum Nachtisch aufgetragen hatte. Jetzt hemmte Ammer seine Schritte, lehnte sich mit dem Rücken gegen einen der Webstühle, verschlang seine Arme über der Brust und sagte: Als ich noch jung war, träumte mir, der Versucher trat zu mir, wie er es gethan hat mit unserm Erlöser. Er zeigte mir auch viele Herrlichkeiten, verhieß mir unermeßliche Reichthümer, zauberte mit einfacher Handbewegung prachtvolle Schlösser vor meinen staunenden Augen, und träufelte dabei Worte süßen Giftes in mein Ohr. Ich hörte ihm gerne zu, und mußte es auch, denn mein Fuß war gleichsam festgewurzelt an der Erdscholle, auf der wir standen. Je länger aber der Versucher sprach und je kunstvoller und berückender seine Zaubereien sich gestalteten, desto öder ward es in mir. Mein Herz schrumpfte zusammen – ich sah und fühlte es – es ward immer kleiner, immer härter, bis es in einen Stein verwandelt war, der mich entsetzlich drückte. Ich konnte nicht mehr lachen, nicht mehr weinen; ich hatte alles Gefühl verloren, aber glücklich war ich dabei nicht. Wie der Versucher so zu mir sprach und ich ihm zuhörte, sah ich gegenüber am Horizont meine eigene Gestalt wie in einem Spiegel. Ich erschrak vor diesem meinem Spiegelbilde. Es glich einem Menschen, dessen Körper tausend Dämonen zur Hülle dient, der von Furien gepeinigt, entfliehen will, es jedoch nicht kann, weil alle seine Gliedmaßen mit massiven Goldadern durchflochten sind, die ihm jede Bewegung unmöglich machen. Beim Erblicken dieses Bildes erschrak ich vor mir selbst. Ich stieß einen Schrei aus, der wie: Jesus! klang. Da wich der Versucher von mir, denn ich erwachte. Ammer richtete sich auf und trat einige Schritte gegen den Advocaten vor. Das war ein Traum, fuhr er fort, ein böser und dummer Traum zugleich, ich weiß es. Es kann Niemand vom Teufel versucht werden, es sei denn, daß er ihm zuwinke mit Gebehrden oder mit unlautern Gedanken. Allein man soll auch Niemand, der da auf rechtem Wege wandelt oder gern wandeln möchte, Fußangeln legen, daß er gezwungen wird, auszubeugen! So stark ist kein Mensch, daß er immer unverwandt auf ein Ziel zusteuert. Er blickt sich, wird er gerufen, wohl einmal um, und geschieht das zur Unzeit, so kann ein Schlund sich vor ihm aufthun, der ihn rechts oder links in die Irre abzieht! Als hier der Weber schwieg und nachdenklich vor sich nieder sah, sprach Advocat Block: Ihr seid Euer eigener Herr, Weber. Thut also, was Ihr wollt, nur sucht bei mir nicht Hilfe, wenn Ihr einmal um Rath verlegen seid! Es ist meines Amtes, Leuten, welche das Recht nicht kennen, Rath zu ertheilen, mit dem Versuchen habe ich mich, weil das in's Bekehrungsfach, wenn auch im entgegengesetzten Sinne schlägt, niemals abgegeben. Mich will bedünken, fuhr Ammer fort, ohne seine Stellung zu verändern, die Zeit meines irdischen Glückes, das ich stets in einem ruhigen Gewissen fand, geht zu Ende. Es mag ein Schicksal sein oder auch eine Strafe. Beides käme von Gott, und dann müßt' es ja ertragen, ja mit Dank angenommen werden. – Sonderbar! – Sonderbar! – Kommt erst der Wimmer und schwatzt mir ein Schiff auf und jetzt kommt mein Rechtsfreund und – und – nein, ich will's nicht denken! Ammer schlug die Hände über sein Gesicht, ging nach dem mit buntgewürfeltem Kattun überzogenen Kanapee und warf sich ermattet darauf nieder. Jetzt stand der Advocat auf, stellte sich neben den Weber und sagte: Seid Ihr doch merkwürdig schwer von Begriffen! – Hab' ich verlangt, daß Ihr etwas beginnen, unternehmen, thun sollt, was Euern Neigungen und Vorurtheilen zuwider ist? Wär's aber nicht Thorheit, die Jugend genau eben so zustutzen zu wollen, wie wir gerathen sind? – Andere Zeiten, andere Sitten, Freund Ammer! Und, muß man hinzusetzen: andere Bildung, andere Bedürfnisse! Was uns gefiel, es behagt unsern Kindern nicht; was diese erfreute, wird deren Kindern dereinst albern, geschmacklos erscheinen. Wehrt also ja nicht den Kindern, daß sie thun, wozu Lust und Neigung sie treiben! Auf Weltenburg lassen sich die schönsten Fabriken anlegen, denn es hat Wasser die Fülle! Und ich habe doch nie gespielt! sagte Ammer vor sich hin. Drum eben überlaßt es Euern Söhnen. Meinen Kindern! – Er stand wieder auf und ergriff den Arm des Advocaten. Sehen Sie sich um in dieser Stube, sagte er mit bewegter, schneller, aber gedämpfter Stimme. Es ist schon viel geschehen in diesem kleinen, niedrigen Raume, – viel Gutes, auch einiges Böse. – Damals, als wir den Plan ausheckten dort am Tische, war er gerade auch so gedeckt; es war auch Winter, aber es fror nicht – drum ließ sich die Arbeit leicht verrichten, und das Waldstück fiel mir bei dem Aufrichten der Steine zu, trotz Proceß und alter Papiere! – Jetzt, mein werther Herr, jetzt ist's nichts Unrechtes, was Sie mir vorschlagen, – nur einen Fingerzeig wollen Sie mir geben, um groß zu werden. Tausende griffen zu, weil's verführerisch, weil's fast sicher ist. – Ich mag es nicht, um meiner Jungen willen! Der Fürchtegott, wenn er etwas erfährt, ist nicht mehr zu bändigen. Sein Gehirn ist jetzt schon ein Feuerbrand geworden, der ihm die Freuden der Jugend verkohlt! Wird er mündig, kann ich ihn nicht mehr halten! – Davon läuft er mir, – meine Augen sehen ihn nicht wieder; und ob ich die zitternden Hände bittend nach ihm ausstrecke, damit er mich stütze im Alter, wenn die Last der Jahre mich niederdrücken will: er wird nicht zurückkommen, ich weiß es! – Und mein Christlieb? Der wird fremder Leute Raub, weil er gutmüthig und nicht selbstständig genug ist! Die Florel aber geht dereinst die Wege, die der Herr dem Weibe vorgezeichnet hat! – – Sehen Sie, Advocat Block, das ist die Zukunft, die jetzt vor meinem Auge steht! Das ist die Hölle des Glückes, in die ich mich stürze, wenn ich meinen Gedanken nicht Zügel anlege! Das sind die Verführer, die rund um mich aus jedem Dielenspalt aufsteigen und mich fortreißen in ihre Kreiseltänze! – Ach, Ammer im Rohr, wie die Leute mich nennen, wenn sie einen Glücklichen bezeichnen wollen, ist ein armer Mann geworden, obwohl er zu leben hat und nicht zu fragen braucht, wenn der Engel des Schlafes seine Augenlider berührt: Was werden wir essen, was werden wir trinken am morgenden Tage? Hätte der alte Weber in diesem Augenblicke das Antlitz des Advocaten gesehen, er würde ihm schwerlich seinen Arm gelassen und es geduldet haben, daß er ihm freundlich, ja mit einer gewissen Herzlichkeit die Hand drücke. Nicht so, lieber Meister, sagte Block, der seines Sieges gewiß zu sein glaubte. Noch einmal sei es ausgesprochen: laßt die Vergangenheit ruhen und denkt der Zukunft! Versteht die Zeit, und Ihr seid der Baumeister und Erhalter Eures Glückes! – Eure Hand darauf, daß ich für Euch handeln darf! Ammer zog seinen Arm zurück. Der Boden wankt unter meinen Füßen, Advocat, sprach er, wenn er bricht, – zermalmt er nicht allein mich, es wird mein ganzes Geschlecht und gar Mancher noch mit dazu vernichtet! Ich will mit Euch zu Grunde gehen und mit Euch mich der Erfolge Eurer Kinder freuen! Ammer blieb nachdenkend stehen, er war bleich, fast eingefallen vor innerer Aufregung. Wenn's der Zufall mir brächte, sagte er, es könnte sein, ich spräch ein Dankgebet und noch ein Vaterunser dazu; selber will ich nichts thun, keinen Finger krümmen! Laßt mich also handeln für Euch, in Euerm Namen, Webermeister, drängte der Advocat. Nie und nimmer. Alles, was ich verspreche, ist: Ich will nichts dagegen thun – meiner Kinder wegen. Gebt Ihr mir darauf Eure Hand? fragte Block. Das kann ich, versetzte Ammer, denn es verpflichtet mich zu nichts, und ich selbst bin nicht thätig. Ein Stein, der gewälzt wird, muß da liegen bleiben, wohin andere Kräfte ihn schaffen. Im nächsten Moment fühlte der Weber die Hand des Advocaten in der seinen. Ich dank' Euch, Webermeister! Und nochmals: denkt an die Kinder, wenn die Welt und ihr Lauf euch ärgerlich machen wollen! Ammern überrieselte es kalt, als er in das Auge des Advocaten sah. Dennoch ließ er ihm seine Hand. Das Schellengeläut des wieder vorfahrenden Schlittens, welcher den Rechtsanwalt abholen sollte, endigte das Gespräch. Frau Anna trat ein. Sie sah besorgt aus; ihre Augen suchten in dem Antlitze ihres Gatten zu lesen. Es ist hohe Zeit, daß ich aufbreche, sagte Block. Schon über Mittag und um zwei Uhr habe ich Clienten zu mir bestellt! Er nahm seine hohe Sammtmütze ab, setzte die Pelzkappe auf, hüllte sich wieder in seine Wildschur und trat, von dem Weber und dessen Frau begleitet, hinaus in den knisternden Schnee. Als er schon den Schlitten bestiegen hatte, zog er noch einmal die Handschuh ab: Es bleibt also dabei, Webermeister? Es bleibt dabei! Ammer fühlte seine Schulter von einem warnenden Finger berührt. Ein Seitenblick zeigte ihm das bange, angstvolle Gesicht seiner Gattin. Nochmals Eure Hand! Ammer, thu's nicht! flüsterte Anna ihm zu. Die Hand des Webers lag schon in der des Advocaten. Dieser hüllte sich dichter in seinen Pelz, die Peitsche knallte und unter ohrbetäubendem Schellengeläut flog der Schlitten zwischen mannshohen Schneemauern die Gasse hinunter. Sechstes Kapitel. Brüderliche Eröffnungen. Als der Weber in das Wohnzimmer zurückkam, fand er Anna in Thränen. Sie deckte, ohne ein Wort zu sagen, den Tisch ab, wo der Advocat noch vor einer Viertelstunde die Gaben des Bacchus in der heitersten Stimmung genossen hatte. Ammer bemerkte die Betrübniß seiner Frau, allein ihm kam es nicht in den Sinn, nach der Veranlassung derselben zu fragen. Er ging, offenbar mit einem Sturm von Gedanken kämpfend, unruhig auf und nieder. Anna's Anrede störte ihn darin. Ammer, sagte sie mit gerührter Stimme. Was hast du mit dem bösen Manne abgemacht? Nichts! Das ist nicht wahr, Ammer! Ich habe euch sprechen hören mein Herz klopfte als wolle es zerspringen. Block hat etwas im Sinne und du bist ihm nicht entgegen gewesen. Ich seh's dir an, Ammer! Deine Ruhe ist hin, dich quält etwas und doch magst du es nicht offenbar werden lassen. Es sind Geschäfte, Frau, ehrliche Geschäfte, und wenn ein Ding noch in der Schwebe hängt, kann's einen wohl beunruhigen. Aber du hast dem Advocaten etwas versprochen. Ist's so, dann kommst du nicht mehr von ihm los, du bist seinem Willen verfallen, als wärest du sein Sclave! Ich werd' mich hüten, versetzte Ammer. Und hätt' ich dem Teufelskerl Gott weiß was versprochen, und's quälte mich nachher, weil ich einsah, daß ich eine Stufe, die zum Himmel führt, mit eigener Hand niedergerissen hatte: ich schleuderte ihn von mir und würde wortbrüchig, müßt' ich's auch vor Gericht thun! Anna schüttelte traurig den Kopf. Du bist zu gut, Ammer, ich weiß es, und weil du es bist und Niemand dir erzürnen magst, damit er dir nicht schaden könne, geräthst du in anderer Leute Hände, welche deine Güte und deinen geraden Sinn zu ihren Zwecken mißbrauchen. Einmal kann's mir wohl passirt sein, versetzte Ammer, jedennoch bin ich mir bewußt, nie kopflos gehandelt zu haben. Der Advocat hat dir doch ein Wort abgerungen, sagte Anna mit Hartnäckigkeit wieder auf den ersten Punkt zurückkommend, denn du gabst ihm die Hand, als er sagte: es bleibt dabei! Ammer fuhr auf. Seit wann mische ich mich in deine Köcherei! erwiderte er. Rühre und brodle, siede und brate, so viel du willst, du wirst mich nicht darüber schelten hören. Also erbitte ich mir für mein Revier gleiche Vergünstigung. Packe ich 'was an, sei's nun am rechten oder unrechten Ende, so werd' ich's verantworten, wenn's sein muß, vor Kaiser und Reich! Ich geb's zu, der Block ist ein böser Mann, aber grausam klug dabei, Frau, grausam klug! Und wenn wir uns bemühen, eben so klug zu werden, so kann selbst der Herr Pfarrer nichts darwider haben, denn es steht ja geschrieben: Seid klug, wie die Schlangen. Und ohne Falsch, wie die Tauben! ergänzte Frau Anna, den Bibelspruch. Richtig, sagte Ammer. Dieser Nachsatz ist aber nur für die Weiber gemacht, welche da jederzeit sanft und ohne Falsch sind oder sich doch so stellen. Wir Männer, die wir von zäherem Stoffe sind, mit geringeren Anlagen zur Sanftmuth, können weniger Gebrauch von jenem Nachsatz machen. Darum, mein Kind, begnüge ich mich allezeit mit dem Vordersatze. Es lag eine ziemliche Dosis Schalkheit und Humor gemischt in der Art und Weise, wie Ammer diese Erklärung seiner Frau vortrug, und diese bewirkte, daß Anna verstummte. Wo stecken die Jungen? fragte der Weber nach einiger Zeit, überzeugt, daß seine Frau alles weitere Fragen und Forschen aufgeben werde. In der Färberei, versetzte diese. Sie können immer wieder an ihre Arbeit gehen, meinte Ammer, wenn sie sonst den Brief auswendig gelernt haben und sich nicht scheuen, ihrem Vater unter die Augen zu treten, wird mir's grausam lieb sein, wollte sie die Schwester von meinem Wunsche in Kenntniß setzen. Ich werde derweile versuchen, mich ein wenig inwendig zu besehen. Die letzte Bemerkung, womit Ammer andeuten wollte, daß er ungestört zu sein wünsche, ließ keine Einrede zu. Frau Anna rief ihre Tochter und unterrichtete sie von des Vaters Verlangen. Dieser stieg in den oberen Stock des Hauses und begab sich hier in die Garnkammer. Wir begleiten inzwischen das junge Mädchen, um zu erfahren, womit die Brüder sich die Zeit vertrieben haben. Wir finden diese im Färbehause, aufgeregt, wie noch nie. Der Besuch des Advocaten, mehr noch der Brief aus Wien mit der, wenigstens Fürchtegott, völlig unerklärlichen Aufforderung an den Vater, er möge sein Glück im Spiele versuchen, führte zu Fragen und Erkundigungen, die eine gegenseitige Mittheilung der Geheimnisse zur Folge hatte, welche die Brüder Monate lang still verschlossen in ihrer Brust getragen. Christlieb erfuhr jetzt Fürchtegott's Gespräch mit dem einflußreichen Grafen Alban, dessen Macht über das Weltmeer hinüberreichte, von dem ein einfaches Wort mehr Pforten hoher Paläste erschloß, als die Verordnung mancher Regierung. Der junge hoffnungsvolle, sein ganzes Glück auf die nächste Zukunft stützende Bruder theilte ihm ferner mit, wie der stille herrnhutische Kaufmann alle Kräfte anstrenge, um ihnen, den Brüdern, die Mittel zu künftigen, großen Handelsverbindungen zu verschaffen. Nur über ein Begebniß schwieg Fürchtegott. Er erwähnte mit keinem Worte des Liebesmahles und jener jugendlichen Missionärin, die ein paar Secunden lang seinen Mund mit ihren blühenden Lippen berührt hatte. Von diesem sonderbaren Zusammentreffen zu sprechen, schien ihm eine Entweihung jenes, wie er meinte, wahrhaft heiligen Momentes. Christlieb's mehr zum Phlegma hinneigendes Wesen war schwer in Aufregung zu versetzen; dennoch fühlte er sich durch die lebendige Schilderung des Bruders erwärmt, innerlich neu belebt. Die Offenheit desselben machte auch ihn offen. Mit wenigen Worten löste er ihm das Räthsel des an den Vater gerichteten Briefes, theilte ihm mit, wie damals der Wiener Reisende in ihn gedrungen sei, in das Lotto zu setzen. Und du hast dich doch nicht geweigert? fragte mit leidenschaftlicher Heftigkeit der goldgierige Fürchtegott. Ich gab nach langem Zögern dem Drängen des Fremden nach, versetzte Christlieb. Ich besetzte, wie er es wünschte, eine Terne. Mit welchen Zahlen? Christlieb sah den Bruder schlau an. Das lasse vor der Hand mein Geheimniß bleiben, sagte er. Du weißt, wir in den Bergen sprechen von einem Glück nicht gern eher, als bis wir es fest in der Hand halten. Wenn ich gewinne, theile ich mit dir, darauf gebe ich dir mein ehrliches brüderliches Wort. Wann geschieht die Ziehung? fragte Fürchtegott, vor dessen lebhafter, leicht entzündlicher Phantasie wieder eine neue Welt emporstieg. Genau weiß ich die Zeit nicht, meinte Christlieb. Ich kann's auch offen gestehen, daß ich mich darnach gar nicht erkundigt habe. Ich ward von dem Antrage so überrascht, es ging Alles so eilig und flüchtig, daß ich kaum zur Besinnung, viel weniger zu einem bestimmten, freien Entschlusse kam. Höchst wahrscheinlich geschieht die Ziehung schon in den nächsten Wochen. Gott, Gott, wer doch Geld hätte! rief Fürchtegott, ungeduldig mit dem Fuße stampfend. Es ist schändlich, ja geradezu Sünde, daß uns der Vater so knapp hält. Würdest du setzen? Wie kannst du fragen? Eine Quinterne würde ich setzen, und zwar auf der Stelle. Aufgedrungene Loose gewinnen immer. Aber was kümmert das den Vater! Wenn da nur in alter Weise einen Tag wie den andern fortgelebt werden kann, wenn es Sonntags Kalbsbraten und Mittwoch Abends einen gesalzenen Hering gibt: da ist's schon recht. Da fällt die Welt nicht ein und es kann auch weiter sonst kein erhebliches Unglück geben. Wie viel Glück aber hart vor unsern Fenstern, auf den Granitfließen vor der Thür Hals und Beine dabei bricht, das kümmert den Alten nicht! OPhilisterei, Philisterei, wie hasse ich dich! Wie möchte ich dir Haarkamm und Brustlatz zerbrechen und zerreißen! Toll werden kann man in dieser mit Vorurtheilen bis an's Dach hinauf verpallisadirten Weberhütte! Was nützt solch' Toben, sagte Christlieb besänftigend. Eile mit Weile, heißt's schon im Sprichwort, und wenn wir nicht gleich ungeduldig werden, kommen wir schon auch noch einmal in andere Kreise. Ja, du hast immer Zeit! erwiderte Fürchtegott grollend. Ob darüber die schönsten Jahre verloren gehen, ob das Herz matt, der Wille schlaff dabei geworden ist, das kümmert dich fast so wenig, wie den Vater! Du thust mir Unrecht, Bruder, sagte Christlieb. Ich trage meine Pläne so gut mit mir herum, wie du; ich bin aber nicht verpicht darauf, sie alle, und noch dazu im Augenblicke verwirklichen zu wollen. Kommt Zeit, kommt Rath. Wäre es nur erst Frühjahr! seufzte Fürchtegott. Was meinst du, setzte er rasch hinzu, wird der Vater wohl zugreifen? Ich zweifle! Wenn er nun einen Proceß gekriegt hätte, sagte lächelnd der berechnende Fürchtegott. Um nichts und wieder nichts setzt sich Advocat Block nicht in den Schlitten. Der hat 'was Rechtes gewollt, sei 's gut oder schlecht. Geld verliert Vater nicht gern. Ich verstehe dich nicht. Nicht? sagte Fürchtegott. Nun, so höre! Gesetzt, Vater stehe ein Rechtshandel bevor, was man ja nicht wissen kann, so kostet ein solcher Geld. In diesem Falle wäre es also nicht unmöglich, daß er Fünf gerade sein ließe. Du bist wirklich zum Kaufmanne geboren, meinte der Bruder. Es ist dabei nur zu bedenken, daß das kaiserliche Lottospiel bei uns nicht öffentlich betrieben werden darf. Das Verbotene reizt und auch rechtliche Leute finden zuweilen ein Vergnügen daran, etwas gesetzlich Unerlaubtes zu thun, wär's auch nur um sich selbst ein Zeugniß über ihre Klugheit ausstellen zu können. Zu den Leuten solchen Schlages aber gehört auch der Vater zuweilen. Dies Gespräch wäre wohl noch geraume Zeit fortgesetzt worden, hätte Flora's Eintritt die Brüder nicht gestört. Sie richtete den Auftrag des Vaters aus, sah sich dann mit klugem Auge im Färbehause um, ob außer den Brüdern noch Jemand zugegen sei, und da sie Niemand bemerken konnte, schlüpfte sie in den Hintergrund des Gebäudes und machte sich dort an einem der Fensterladen etwas zu schaffen. Die Brüder achteten nicht auf das Treiben der Schwester. Sie waren zu sehr mit den Gedanken, Plänen und Entwürfen beschäftigt, die ungeordnet in ihrer Seele ruhten, um noch für etwas Anderes Sinn zu haben. Um jedoch sich nicht selbst hinderlich zu werden, gaben sich Christlieb und Fürchtegott Wort und Handschlag, Niemand, selbst nicht Flora, irgend etwas von dem zu sagen, was sie einander so eben mitgetheilt hatten. Enger denn je verbunden und durch gemeinschaftliche Interessen an einander gekettet, gingen sie Arm in Arm, was noch nie vorgekommen war, über den Hofraum nach dem Wohnzimmer, wo sie nur die Mutter still und düster in gewohnter Thätigkeit antrafen. Siebentes Kapitel. Ein entscheidender Gang und eine verhängnißvolle Nacht. Ammer ließ sich vor dem Mittagessen, das heute später als gewöhnlich aufgetragen wurde, nicht mehr sehen. Als man ihn aus der Garnkammer herabrief, fiel den Brüdern das angegriffene Aussehen des Vaters auf. Auch war er über Tisch ungewöhnlich schweigsam und aß sehr wenig. Es drückte ihn etwas, das fühlten Alle, allein Niemand drang in ihn mit Fragen, weil man aus Erfahrung wußte, daß auf solche Weise von ihm keine Antwort zu erreichen sei. Wie sehr ernste Gedanken ihn beschäftigen mußten, ging daraus hervor, daß er den Tisch verließ, ohne selbst das übliche Gebet zu sprechen, ein Vorfall, der einem Ereigniß gleich kam, denn Niemand wußte sich eines ähnlichen Vorkommnisses von früher zu erinnern. Frau Anna, die auch nicht aussah, als ob sie auf neugierige Fragen Antwort geben werde, seufzte, behielt aber sonst ihre äußerliche Ruhe, an die ein langes Leben stiller Fügsamkeit sie gewöhnt hatte, bei. Nach Verlauf einer Viertelstunde trat Ammer wieder in's Zimmer. Er trug einen weiten Pelzrock, eine hohe Pelzmütze von grauem Grimmer mit carmoisinrothem Boden, eine Kopfbedeckung, welche damals in den böhmischen Grenzdörfern üblich war. Ein Mann mit solcher weit über einen Fuß hohen Grimmermütze nahm sich stattlich aus, besonders wenn dazu noch mächtige Pelzstiefeln, ein Paar Fausthandschuhe von Fuchs und ein hoher Rohrstock mit ciselirtem Silberknopfe kam. Der reiche Webermeister erschien in solcher Tracht und kündigte seiner Familie an, daß er sich die Füße vertreten und frische Luft schlucken wolle. Es sei ihm brühheiß geworden von dem gelehrten Schnack des Rechtsverdrehers. Weil nun der Ofen im Cabinet ohnehin nicht im Stande, so thue er am Besten, der Zeit einen Nasenstüber zu geben. Solches ist dem Menschen gut, schloß Ammer seinen in sehr ernstem Tone vorgetragenen Sermon. Unterweilen muß es Pausen geben, in denen man sich auf's Nichtsthun zu beschränken ein Recht hat. In solchen Pausen sammelt sich der Mensch innerlich, wird Herr über seine Gliedmaßen und über die unsichtbare Kraft, welche dieselben bewegt. Das aber ist partout nöthig, soll eine richtig denkende Creatur nicht wie ein Hampelmann zweck- und gedankenlos hin und herfahren. Adieu denn, bis zur Dämmerung! Macht mir keine Kalender, weder Alt noch Jung; bleibe ein Jeder in seinem ihm vorgeschriebenen Geleise und werde mir Keiner ungeduldig! Ich mag messeldrehige »Messeldrehig« nennt man zu stark gedrehtes Garn. Auf Menschen angewendet, versteht man darunter ein fahriges, unzuverlässiges und dem Gewohnten abholdes Wesen. Menschen noch weniger ausstehen als messeldrehiges Garn. Damit rückte er grüßend seine Pelzmütze und verließ das Haus. Wir halten es zum Verständniß des Folgenden für nöthig, dem eigenthümlichen Manne das Geleit zu geben. Ammer schlug den Weg nach der Berglehne ein, über welche die Communicationsstraße der Grenze zuführte. Es war dies jetzt bei dem ellenhohen Schnee kein angenehmer Spaziergang, denn ein Fußgänger mußte, um nur einigermaßen sicher auftreten zu können, in den Bahngeleisen fortschreiten, welche die zahlreichen Schlitten hinterlassen hatten. Außerdem schnitt die Luft messerartig scharf, Millionen feine Schneesternchen zitterten und tanzten in der Atmosphäre und prickelten wie Nadelstiche auf der Haut. Ammer jedoch gab darauf nichts. Von Jugend auf an strenge Kälte gewöhnt, wie jeder Winter, mit nur äußerst seltenen Ausnahmen, sie in den Gebirgen mit sich führt, erquickte und kräftigte ihn eher die scharfe Luft, die ihm bisweilen das Athmen erschwerte. Darum ging er in möglichst raschem Schritte, so gut es der rollende und unter den Tritten schreiende Schnee zuließ, die Lehne hinan. Auf der Höhe konnte man die ersten, in langer Reihe an einem Waldsaume sich fortziehenden Häuser des nächsten Dorfes, sowie den hohen Kamm des Gebirges überblicken. Der Weber hatte die Absicht, um seinem Spaziergange doch eine Art Zweck unterzulegen, bis an jene Häuserreihe ihn auszudehnen. Dort wohnte einer seiner Arbeiter, bei dem er sich erholen und dann den Heimgang wieder antreten wollte. Allein dem Zugwinde entgegen zu gehen bei einer wahrhaft sibirischen Kälte und noch dazu bei sinkender Sonne, schien ihm jetzt doch nicht rathsam. Er fühlte an dem eisigen Hauche, daß er sich bei solcher Wanderung das Gesicht erfrieren könne. Er änderte also seinen Plan und beschloß auf einem Umwege zurück zu gehen. Rechts von der Straße, geschützt durch einen hohen Waldberg, lag das Rohr. Durch dieses, das jetzt freilich mannshohe Schneewehen begruben, führte ein Fußsteig nach dem Flußthale. Als Mühlenpfad war dieser selbst im härtesten Winter betreten, weßhalb der Weber ihn ohne Bedenken einschlug. Die Bewegung erwärmte ihn bald. Der Gebirgswind konnte das Rohr nicht erreichen, oder traf es doch nur strichweise, hie und da sah man vom Winde bloßgelegte Stellen. Hier stand das Rohr in dicken Büscheln und verursachte ein eigenthümlich melancholisches Tönen und Säuseln, das oft in ein klagendes Wimmern überging, vor dem einem wohl grauen konnte. Ammer achtete jedoch wenig darauf. Er kannte ja diese Naturlaute, und weil er sie von Jugend auf zu allen Tages- und Jahreszeiten zahllose Male gehört hatte, fielen sie ihm nicht auf. Er hätte dann eben so gut den Krähen seine Aufmerksamkeit schenken müssen, die schreiend über dem Rohr schwebten, bisweilen mit den Flügeln klappend auf den von Schnee entblößten Stellen sich niederließen, und dann wiederum mit ihrem häßlich krächzenden Geschrei aufstiegen. So erreichte er die Mitte der öden, ja unheimlichen Gegend, die ihm den Beinamen gegeben. Hier strömte der starke Waldbach, der weiter unten die Mühle trieb. Das ziemlich tief in den Moorboden eingewühlte Bett desselben war jetzt mit Eis überkrustet. Da, wo der Pfad es kreuzte, hatte man einen Steg ohne Lehne gebaut und wenige Ellen weit oberhalb des Steges bildete der Bach über allerhand aufgewühltem Wurzelwerk und Schiefergeröll einen kleinen Wasserfall, der im Frühjahr einen ganz romantischen Anblick gewährte. Auch dieser Fall war jetzt in eine Eiswand verwandelt. Das lebhaft strömende Wasser hatte diese jedoch nicht fest werden lassen, sondern sie an verschiedenen Punkten durchbohrt, so daß an einer Menge Stellen der scheinbar ganz erstarrte Bach in scharfen Wasserstrahlen durchbrach, und die schönsten und mannichfaltigsten Eisgebilde dabei ansetzte. Ammer blieb auf dem Stege stehen und betrachtete sich diese Spitzen und Bögen. Das rieselnde und sprudelnde Wasser hatte eine Pyramide von wunderbarer Pracht gebildet, in der eine lebhafte Phantasie einen gothischen Thurm erblicken konnte. Eben entsendete die Sonne schräge über das Rohr laufende Strahlen, die an den Eiskristallen sich brachen, es vergoldeten und mit den schönsten Farbenspielen durchleuchteten. Die im Innern des Eises herabsickernden Tropfen glänzten bald weiß, wie Lichtfunken, bald purpurroth, wie Blutperlen; in der Tiefe aber setzten sie neue Eiskristalle an, die sich sichtlich mehrten und so vor dem Auge Ammer's ein Bilden und Werden enthüllten, das ihn fesselte. Der reiche Weber vergaß Frost und Zeit und betrachtete mit immer größerer Aufmerksamkeit das Werden der Eisgebilde, die von den Strahlen der machtlosen Wintersonne nur beleuchtet, nicht geschmolzen wurden. Wie festgebannt stand Ammer, auf seinen Rohrstock gelehnt, neben dem Bache, der dumpf murmelnd unter seinem Eispanzer fortrieselte. Seine Blicke schienen das Eis durchbohren, bis in das Herz der Erde schauen zu wollen. Die Gesichtsmuskeln des alternden Mannes geriethen in eine vibrirende Bewegung, sei es von der scharfen, prickelnden Kälte, sei es von den Gedanken, die in ihm aufstiegen und die nicht ganz gewöhnlicher Art sein konnten. Endlich bog sich das Rohr unter der Last des darauf sich stützenden schweren Mannes, es fuhr tief in den hart gefrorenen Schnee und hätte den Weber beinahe zum Fallen gebracht. Ammer besann sich jetzt und sah auf. Er bemerkte, daß ungeachtet der heftigen Kälte große Schweißtropfen von seiner Stirn herabrieselten. Die Sonne versank hinter dem Gebirge, kalte, graue Dämmerung füllte das Flußthal, und Nebel bäumten sich wie Riesenschlangen über dem Rohr auf, wo nur das unheimliche Wimmern des dürren Gestrüppes mit dem Geschrei der Krähen abwechselte. Ja, ja, sagte der Webers seinen Stock aus dem eisigen Schnee ziehend, der Mensch ist ein wandelbares Geschöpf, dem die eigenen Gedanken keine Ruhe lassen! Er ging thalabwärts, um bei der Mühle wieder in's Dorf abzulenken. Einem Rohr im Winde, das sich bald rechts, bald links biegen oder wohl auch im Kreise drehen läßt, mag ich mich nicht vergleichen, sprach er vorwärts gehend zu sich selbst. Jedennoch gibt es Umstände, wo eine Abweichung auch von seinen Grundsätzen gebilligt werden kann. Aus vielen Tropfen wird ein kleines Bächlein, mehrere Bäche bilden einen Fluß, und das Weltmeer ist nichts Anderes, als ein Zusammenströmen aller Flüsse und Bäche der Erde. So wachsen die Kristalle und die Erze im Schooß der Scholle, von der wir doch Alle leben und ohne deren geheime Kräfte es weder Gemeinden noch Staaten gäbe. Wunderbare Einrichtung! Aber wir sollen lernen von der Kraft, selbst wenn wir sie nicht begreifen; wir sollen ihr nachahmen, damit wir vollkommener werden; wir sollen uns bilden nach dem Herrn, der aller Kräfte weiser Regierer ist, damit wir ähnlich werden den Weisesten, den Best Ammer wagte nicht das letzte Wort ganz auszusprechen, denn eine unbegreifliche Bangigkeit ergriff ihn, und es kam ihm vor, als ob er nicht auf Gottes Wegen wandele. Er sah ernst vor sich hin, durch die eisgraue, kalte, farblose Winterluft fortgleitend, wie ein Schatten. Bisweilen schüttelte er den Kopf oder ballte die Faust in der sie einschließenden Hülle. Dann blickte er wieder fragend gen Himmel, an dessen weißlich-blauer Wölbung schon einige Sterne funkelten. Warum ist Er allein allwissend! murmelte er bitter, fast grimmig vor sich hin. Ich bin sonst gern zufrieden mit Allem, was Er uns schickt, was Er eingerichtet hat, jedennoch – muß man zuweilen wohl Zweifel hegen, ob Manches nicht noch vollkommner sich hätte machen lassen. Ammer erreichte das Dorf. Ein verschneiter Hohlweg, hüben und drüben mit hohen Tannen bestanden, führte von der Mühle zu den ersten Häusern, deren Lichter schon, buntfarbige flimmernde Säulen auf den Schnee zeichnend, durch die hereinbrechende Nacht schimmerten. In diesem Hohlwege glitt der Weber aus, da sein Blick mehr nach oben, als auf den Weg gerichtet war. Er hielt sich, im Fallen eine herüberragende Baumwurzel erfassend. Die Erschütterung des Baumes war so stark, daß ein Theil des auf den breiten Nadeln lastenden Schnee's auf Ammer herabschurrte. Sonderbar! sagte er, die Flocken abschüttelnd und jetzt vorsichtiger fürbaß schreitend. Sah doch hinauf zum Sternenzelt, wo unser Schöpfer thront, und dabei läßt Er mich straucheln, daß ich beinahe den Fuß gebrochen hätte! Wer sagt mir nun, warum? Wer gibt mir Rath, wenn ich zweifle? Wer kann behaupten, daß ich gegen das Sittengesetz handle, gegen den Willen des Herrn, wenn ich mich nicht für das Gesetz der weltlichen Obrigkeit entscheide? Ammer vernahm das klappernde Geräusch der Webstühle. Eine Sternschnuppe fuhr leuchtend von Süd gen West und erlosch scheinbar nur ein paar hundert Schritte von ihm, wie ein ausgehendes Licht. So verlischt dereinst auch unser Schaffen und Wirken, sagte Ammer, es sei denn, wir sorgen bei Lebzeiten dafür, daß wir nicht alsobald vergessen werden. Nun, ich will mir's überlegen, was ich zu thun habe. Ehrgeizig und ruhmsüchtig bin ich nicht, das weiß mein Schöpfer jedennoch möchte ich auch, daß der Name Ammer im Rohr eine gute Weile nach meinem Tode den Leuten noch im Gedächtnisse bliebe. Will mir also überlegen, was ich zu thun habe, um redlich zu bleiben und klug zu handeln. Nach diesen Betrachtungen kam Ammer entschlossener und mithin auch heiterer in seinem Hause wieder an. Sein Cabinet war inzwischen in Ordnung gebracht worden, die Laden der Fenster geschlossen, der ausgebesserte Ofen gut geheizt, so daß eine behagliche Wärme dem eigensinnigen Weber entgegenstrahlte. Da weder seine Frau noch die Kinder ihn mit Fragen bestürmten, erzählte er unaufgefordert, welchen Weg er gemacht und Manches, was ihm dabei durch den Sinn gegangen war. Anna bemerkte, daß die Wolke des Unmuths und der Unentschlossenheit nicht mehr die Stirne ihres Gatten umlagerte, und da inzwischen die Brüder sehr fleißig die Hände gerührt, Flora aber für mancherlei kleine Bedürfnisse des Vaters aufmerksam gesorgt hatte, so endigte der Abend dieses verzwickten Tages ungleich besser, als man zu erwarten hoffen durfte. Nur fiel es sowohl Frau Anna wie den Uebrigen auf, daß der Vater sehr oft nach der Uhr sah, bald nach acht den Familientisch verließ, in sein Cabinet ging und hier in größter Stille zu arbeiten begann. Indeß glaubte man diese Abweichung von der Regel mit dem Versäumniß in Verbindung bringen zu müssen, welches der Tag herbeigeführt. Alle wurden in dieser Ansicht bestärkt, als der Vater nach neun Uhr wieder in's Zimmer trat, hier die Wanduhr aufzog, den Wecker stellte und dann das Signal zur Beendigung aller Arbeit gab. Eine halbe Stunde später herrschte die tiefste Ruhe im Hause des Webers, nur zwei Personen schliefen nicht. Flora, deren Kammer nur durch eine Bretterwand von dem Schlafgemache der Eltern getrennt war, verließ ihr Lager, als sie das schon bekannte leise Schnarchen des Vaters vernahm. Ein paar Minuten später schlüpfte sie, hinlänglich gegen die Kälte geschützt, aus ihrer Kammer, lockte durch ein leises Zungenschnalzen den wachsamen Bello, damit er nicht anschlagen möge, und entriegelte, von dem Hunde begleitet, die nach dem Hofe führende Thür. An der Mauer fortgleitend, verschwand sie in der Färberei. Aber auch Ammer schlief nicht. Er hatte sich, um seine Frau nicht zu beunruhigen, nur so gestellt, als sei er fest eingeschlummert. Noch hatte der Kukuk nicht die zehnte Stunde gerufen, da erhob sich der Weber. Leise und schüchtern, auf blosen Socken, schlich er durch die Kammer, drückte behutsam die Thür auf, stieg die Treppe hinab und begab sich nochmals in sein Cabinet. Was veranlaßte den Weber zu so seltsamem Thun? Durften die Seinigen nicht wissen, daß ihn der Schlaf floh? Oder fürchtete er sie zu beunruhigen, wenn sie von seinem Wachen Kenntniß erhielten? Die verschlossenen Fensterladen hüllten das Innere des Zimmers in undurchdringliche Finsterniß. Ammer hielt aber in allen Dingen auf Ordnung, und so ward es ihm leicht, Licht anzuzünden. Es war eine kleine nur schwach brennende Lampe, deren gaukelndes Flämmchen noch ein niedriger Blechschirm bedeckte und abdämpfte, die Ammer auf den Ofensims stellte, um bei der nur geringen Helligkeit auf's Gerathewohl aus einem Packe roth und grün gemischten Garnes eine Handvoll Fäden hervorzuziehen. Jetzt nahm der Weber die Lampe und trug sie nach dem Tische, welcher in der nördlichen Zimmerecke stand. Aus dem Schiebkasten holte er eine Papierscheere hervor, setzte sich, zog die Lampe näher heran und zerschnitt die Garnfäden in fünf Theile. Alle fünf Theile mischte er durcheinander und warf sie dann in seine Hausmütze. Als auch dies geschehen war, blickte er sich um, beugte den grauschimmernden Kopf, dessen Haaren der Kamm entfallen war, weßhalb sie jetzt unordentlich um das blasse, aufgeregte Gesicht des Webers hingen, etwas vor und horchte. Obgleich er nichts Störendes vernahm, schlich er doch nach der Thür des Cabinetes und schob von Innen den Riegel vor. Wieder an den Tisch zurückgekehrt, schüttelte Ammer die Garnfäden in seiner Mütze, schloß dann die Augen, als fürchte er sich das zu sehen, was seine Hände thaten, griff in die Mütze und faßte eine Anzahl erwähnter Fäden zusammen. Als er diese auf den Tisch legte, sah man, daß seine Hand stark zitterte. Ein wenig die Augen öffnend, warf er einen Blick auf das Häufchen Garnfäden, schloß sie wieder und verfuhr noch viermal ganz in derselben Weisem Nun lagen fünf Häufchen auf dem Tische. Ammer schob die Mütze auf sein ungeordnetes Haar, setzte sich wieder und begann die einzelnen Fäden jedes Häufchens zu zählen. Die dabei herauskommenden Zahlen schrieb er auf ein Blatt weißes Papier, das er ebenfalls der Schieblade entnahm. Ueber dieser zwar mit Emsigkeit, aber doch sehr vorsichtig vollbrachten Arbeit war es ziemlich spät geworden. Den Weber fror, dennoch wollte er sein nächtliches Werk ganz beendigen. Er nahm also Feder und Tinte, schrieb einen Brief, siegelte ihn zu, adressirte ihn aber nicht. Diesen Brief legte er in den Schiebkasten seines Tisches und verschloß ihn. Den Schlüssel steckte er zu sich. Ich thu's nur für meine Kinder, sprach er zu sich selbst, als wolle er sich entschuldigen und zugleich auch rechtfertigen. Schlägt's ein, mög' es ihnen Segen bringen! Gebetet hab' ich dabei, wenn auch nicht mit Worten. Ich mag nichts davon haben, aber ich will Niemand hinderlich sein. Was jetzt geschieht mit dem da er deutete auf den verschlossenen Schiebkasten und was der Advocat thun mag, es ist Alles Zufall oder Schickung, denn ich habe nichts dazu gethan. Ich bin auch nicht dafür verantwortlich. Die Uhr schlug eilf. Ammer sah sich nochmals rundum im Zimmer und wollte eben das düster brennende Lämpchen auslöschen, als er draußen Schnee knistern hörte unter den Tritten eines einsam Wandelnden. Er horchte auf die Schritte näherten sich. Der Nachtwächter, welcher einige Häuser weiter die Stunde rief, war es nicht; wer konnte so spät in der Nacht und in dieser entsetzlichen Kälte noch um die Wohnung des Webers schleichen? Furchtsam war Ammer nicht, doch huldigte er dem Grundsatze, es müsse sich Niemand ohne die allerdringendste Noth in Gefahr begeben, weil auch der Vorsichtigste leicht darin umkommen könne. Er löschte deßhalb schnell entschlossen die Lampe, verließ Cabinet und Zimmer, ging quer über die Flur und wollte die nach dem Hofraume führende Hausthür entriegeln, um zu sehen, wer so spät in der Nacht um sein Haus herumstreiche. Zu seinem größten Erstaunen war jedoch der Riegel gar nicht vorgeschoben, und wie Ammer in nicht geringer Erregung das Schloß untersuchte, knurrte draußen ein Hund. Ammer trat zurück, der Schnee knirschte wieder, und zwar diesmal hart vor der Thüre. Eine unverständliche Stimme flüsterte dem Hunde begütigende Worte zu. Im nächsten Augenblicke ward die Hausthür aufgestoßen und es trat Jemand ein. Zum Glück verhinderte die nach Innen sich öffnende Thür ein rasches Vortreten des Webers, sonst hätte leicht ein entsetzliches Unglück geschehen können. Denn schon war der ergrimmte Mann im Begriff, den nächtlichen Eindringling mit einigen Faustschlägen niederzuwerfen, als er zum Glück die Stimme Flora's erkannte, die ihrem Begleiter Bello sanft und fast zärtlich eine gute Nacht wünschte. Das änderte freilich die Sachlage, allein beruhigen konnte es den Weber nicht. Er rief die Tochter bei Namen, was deren lautes Aufschreien zur Folge hatte. Ammer war schon an ihrer Seite. Er umfaßte sie, damit sie im ersten Schreck nicht falle und sich verletze. Florel, sprach er leise, wo warst, du? Ich will nicht fürchten, daß du böse Wege wandelst! Ich hörte Tritte, glaubte, Diebe wollten mich besuchen bedenke, wenn ich zugeschlagen, dir ein Leid zugefügt hätte! Flora zitterte wie Espenlaub, sie konnte nicht sprechen, sie stammelte nur. Wo warst du? fragte der Vater jetzt ernster, härter. O vergib, vergib! murmelte das fröstelnde junge Mädchen. Ich habe wahrlich nichts Böses gethan bei Gottes ewiger Barmherzigkeit kann ich dir's zuschwören! Bello war ja bei mir. Was wolltest du draußen in der kalten Mitternacht? forschte Ammer weiter. Ich wollte nachsehen – ob im Färbehause auch Alles in Ordnung wäre. Ammer stieg langsam mit Flora die Treppe hinauf. Also im Färbehause warst du? Und wie kamst du denn an die Nordseite des Hauses? Unter die Fenster meines Cabinets? Da bin ich nicht gewesen, wahrhaftig nicht, Vater! Dann war's ein Anderer. – Vielleicht ging's zum Nachbar. – Hm, hm! – Gut, daß ich dich erwischt habe. Ich werde morgen mit Nachbar Jeremias Seltner ein ernsthaftes Wort reden. Ammer entließ seine Tochter, und diese war ganz erstaunt über die Gelassenheit ihres Vaters, dessen Zorn, wurde er einmal gereizt, keine Grenzen kannte. Wahrscheinlich hätte sich der auf Reputation haltende Weber auch viel gewaltiger ereifert, ja vielleicht gar zu Thätlichkeiten fortreißen lassen, wenn er sich über sein eigenes Thun nicht stille Vorwürfe hätte machen müssen. Weil er sich sagte, er habe selbst gefehlt, war er im Augenblick ungewöhnlich mild, milder fast, als er es für gut fand. Indeß glaubte er, seiner Tochter Vertrauen schenken zu können, was ihn einigermaßen beruhigte. Der Schlaf freilich wollte in dieser Nacht nicht seine müden Augenlider schließen. Flora natürlich schlief auch nicht. Ihr bangte vor dem nächsten Morgen, sie entwarf hundert Pläne, um ihren Vater zu beruhigen; wie angestrengt sie aber auch nachdachte und einen Ausweg zu entdecken sich bestrebte, immer kehrte sie zu der Ueberzeugung zurück, es sei zuletzt doch wohl am Besten, sie gestehe bei scharfem Verhör die ganze Wahrheit. Gäbe es dann einen Sturm, so müsse dieser ausgehalten werden, ganz vernichten konnte auch der grimmigste Zorn des Vaters sein eigenes Kind nicht. Wider Erwarten sprach jedoch Ammer kein Wort von der nächtlichen Begegnung. Er war freundlich wie sonst gegen Flora, nur schien es der Tochter, als sei ihr Vater etwas zerstreut. Die Färberei besuchte er zwar, ging auch einige Male an der Nordseite des Hauses auf und nieder. Da aber hier in Folge des Oeffnens und Schließens der Fensterladen sehr viele und verschiedene Fußstapfen im Schnee zu bemerken waren, konnten diese zu keiner Entdeckung des Abenteuers führen, das Flora so spät aus dem Hause gelockt haben mochte. Jeremias Seltner besuchte Ammer bald nach Tische. Als er nach langem Wegbleiben wiederkam, schien er heiterer zu sein. Er verschloß sich in seinem Cabinet und rechnete. In den Nachmittagsstunden hielt ein mit zwei großen Hunden bespannter Handschlitten vor Ammers Thür. Der Besitzer desselben klopfte und erhielt sofort Eintritt. Es war Leisetritt, der Glassammler. Er kam zurück aus der Glashütte, wo er kleine Einkäufe gemacht hatte und diese jetzt wieder auf dem Wege des Hausirhandels an den Mann zu bringen suchte. Auch Frau Anna wurde eine Anzahl Gläser verschiedener Form angeboten. Während sie mit dem spaßhaften alten Manne um den Preis feilschte, kam Ammer dazu. Er war sehr erfreut, den Alten zu sehen. Grüß' Gott, Leisetritt, redete er ihn an. Hast du auch wacker Stroh in den Schuhen? 's ist 'was grausam kalt gewesen die letzten Tage her. Leisetritt verzog sein Affengesicht zum Lachen, erwiderte den Gruß des Reichen sehr freundlich und versetzte: Das macht fixe Leute, Herr Ammer. Ich bin vom Zuckmantel über's Gebirg hereingeflogen, als wär' ich eine Schwalbe. Auf solchen Wegen ist Stroh der beste Strumpf. Wenigstens der billigste, meinte der Weber. Aber du machst's schon recht, daß du bei der alten Weise bleibst. Dich hält sie noch aus. Bei mir ist's schon ärgerlicher. Willst du ein paar Böhmen verdienen? Leisetritt lachte und zog die Mütze. Wenn's sein kann, Herr Ammer, sagte er, so bin ich immer dafür gewesen, lieber Geld in den Sack zu stecken, als die letzten paar Dreier herauszuschütteln, 's ist just eine grausam liebliche Gottesgabe, so recht viel Silber in den Taschen mit herum zu schleppen, oder auch um Feierabendzeit die schönsten Stücke auf einem blank gescheuerten Tische zu zählen. Man kann ordentlich gute Gedanken dabei kriegen. Nimm mir ein Briefel mit in die Stadt, wenn du morgen 'neinkommst. Du brauchst's nur in' Kasten zu schmeißen. Wenn's gelingt, schenk ich dir einen neuen Pelz und zum Sommer einen kohlschwarzen Dreikantigen. Mit den neumodischen Hüten machst du dir doch nicht gern' was zu schaffen. Bei Leibe! versetzte der Glassammler. 's ist eine Mode für's Advocatenvolk. Die brauchen Alles rund, damit sie's drehen und wenden können, wie's ihnen paßt. Mag sie nicht leiden, Herr Ammer, die Advocaten, aber klug sind sie, obehüte, behüte, gar grausam klug! 's wär' anders gekommen mit unserm Herrn Christus, hätt's dazumal schon Advocaten gegeben. Immer hast du verbotene Einfälle, sagte Ammer. Danke deinem Schöpfer, daß du nicht schreiben gelernt hast! Die hochweise Obrigkeit legte dich mit sammt deiner Feder in Ketten. Wie die große Bibel auf der Rathsbibliothek, gelt? Aber ich sehe, die Frau Liebste ist fertig mit ihrer Auswahl; ich möchte derohalben um das Briefel bitten. Ammer nahm den wohlverwahrten Brief, den er in der Nacht geschrieben hatte, aus dem Schiebkasten, schrieb jetzt erst die Adresse darauf und übergab ihn dem Glassammler. Nur in den Kasten! Je eher, je lieber! Leisetritt nickte und empfing die versprochenen Böhmen. Er rief seinen Hunden und ergriff selbst die kleine Deichsel des Schlittens. Gute Verrichtung! rief Ammer ihm nach. Als er sich umkehrte und Niemand in seiner Nähe gewahrte, sagte er: Itzund ist Alles in Richtigkeit gebracht. Das ganze Glück der Zukunft, das ich nicht suchte, das mich aber verfolgt; das ich fürchte und doch auch nicht hart abwehrend von mir weisen mag: es ist auf den blinden Zufall gestellt. Mag er walten, wie er muß! Ammer im Rohr will sich fürder den Schlaf mit seinem Walten nicht verderben lassen. Mein eigenes Wesen treib' ich wie vordem, schlicht und vorsichtig, mit reellen Mitteln, nicht auf Credit, Advocatenrederei und Spielglück. Achtes Kapitel. Dienstbereite Freunde. Wir befinden uns in einem tiefen, aber nicht sehr breiten Zimmer, das ein einziges hohes Fenster hat. Durch dieses sieht man auf einen geräumigen, mit Blumen- und Gemüsebeeten durchschnittenen Garten, den außerdem noch eine ansehnliche Zahl breitästiger Obstbäume erfüllen. Gegenüber dem Fenster und jenseits des von Häusergiebeln eingefaßten Gartens erblickt man einen ungemein schlanken Thurm, dessen Uhr jede Viertelstunde mit weithin tönendem Schlage verkündigt. Es ist Anfang April, die Sonne scheint warm durch fliegendes Gewölk und bereits zeigen die Stachelbeersträucher grünlich schimmernde Spitzen. Aus dem noch mit dunkelm Laub bedeckten Erdboden leuchten gleich rothgelben Flämmchen die Blumenkegel der Krokus und einige hellrothe Primeln. Ein starker untersetzter Mann von ungemein gutmüthigem Aussehen schreitet in den noch nicht gereinigten Gängen auf und ab, wie es scheint, um sich zu sonnen, denn er vermeidet sorgfältig die schattige Seite des Gartens. Seine Kleidung fällt in die Augen, denn sie ist wirklich originell. Der Spaziergänger trägt nämlich einen sehr langen, nicht zum Besten erhaltenen Schlafrock von etwas zweifelhafter Farbe, welcher in Ermangelung einer Schnur oder eines Gürtels von einem festgedrehten Strohseil zusammengehalten wird. Eine braune Lederkappe bedeckt seinen Kopf und darüber hat er einen großen grünen Schirm gestülpt, um seine Augen zu schützen. Oft macht sich der einsam Umherwandelnde mit einer Pflanze etwas zu schaffen oder tritt an einen Rosenstock, dessen Keime er sehr genau betrachtet, um in Erfahrung zu bringen, ob auch der eine oder andere von der strengen Winterkälte gelitten hat. Dieser Mann ist der Candidat Still, Besitzer des Hauses, in dem wir uns befinden und Eigenthümer des dazu gehörigen schönen Gartens. Wir werden Gelegenheit haben, im Verlaufe unserer Erzählung wiederholt mit Still zusammenzutreffen und wollen deßhalb hier nur Einiges zur Orientirung über seine Vergangenheit und seine Stellung im Leben anführen. Herr Candidat Still war ein sogenanntes »gelehrtes Haus« von altem Schlage, in Kirchengeschichte, Dogmatik und Kirchenrecht vortrefflich bewandert, gründlicher Kenner des Hebräischen, das er vorzugsweise liebte, und ein Meister im Disputiren über gelehrte Gegenstände, letzteres jedoch nur auf seinem Studierzimmer. Um gelehrt, gescheidt und scharfsinnig zu sein, um der Rede mächtig bleiben zu können, bedurfte Candidat Still vor Allem seines alten, mit braunem Leder ausgeschlagenen Lehnstuhles, seines Schlafrockes und einer ewig dampfenden Thonpfeife. War er mit diesen Utensilien ausgerüstet, so nahm er es mit jedem Professor auf; fehlten ihm aber Stuhl, Schlafrock und Pfeife, so war er ein willenloses, schwankendes Geschöpf, ängstlich, schüchtern, ja fast stupid, und ein halbweg kecker Junge, der sich bis nach Quarta aufgeschwungen, hob den tief gelehrten Candidaten mit leichter Mühe aus dem Sattel. Diese übertriebene Schüchternheit verdarb dem seelenguten Manne seine ganze Carrière. So oft er auch nach beendigten Studien zu predigen versuchte, und so durchdacht und in formeller Hinsicht gelungen seine Predigten waren, er warf jedesmal beim Vortrage um. Nur mit Noth und Mühe und aus einer Art Barmherzigkeit erhielt er Aufnahme in den Coetus der städtischen Candidaten, wodurch er sich verpflichten mußte, wenigstens einmal im Jahre die Kanzel zu besteigen. Dies traurige Loos traf den armen Still in der Fastenzeit, wo er einer alten Stiftung zufolge eine sogenannte »Abendpredigt« zu halten hatte. Da nun Niemand den Candidaten als Prediger liebte, so hatte Still das Genügen, vor leeren Bänken predigen und schließlich umwerfen zu können. Seit vierzig Jahren lebte dieser gelehrte Mann fast ohne allen Umgang, nur sich und seinen Studien. Zum Glück und auch zum Unglück war er verheirathet zum Glück, weil diese Heirath, die Folge einer Schülerliebschaft, ihm eine sorgenfreie Existenz, Haus und Hof verschaffte, zum Unglück, weil seine Frau hinsichtlich ihres Charakters direct von der berühmten Ehehälfte des griechischen Weltweisen Socrates abzustammen schien. Die »Frau Candidatin Still«, wie man des schüchternen Gelehrten ehrsame Gattin respectvoll nannte, herrschte unumschränkt in ihrem Hause, und da sie ein vortreffliches Mundwerk besaß, so hätten die Nachbarn auf die Vermuthung kommen können, es bilde sich irgend ein Mensch zum Sprecher aus für das künftige deutsche Parlament. In seinen Musestunden beschäftigte sich der glückliche Mann dieser herrschgewaltigen Frau mit Blumistik, wohl auch ein wenig mit Pomologie; es machte ihm Vergnügen, Blumen zu pflanzen und zu pflegen, da ein Reis festzubinden oder eine Oculation vorzunehmen, und nie versäumte er, den ersten Kindern des Frühlings bei ihrer Auferstehung aus dem Wintertode behilflich zu sein und ihnen das wärmende Licht der Sonne zuzuführen. Diesem still zufriedenen, äußerst bescheidenen Candidaten sah aus dem Fenster des erwähnten Zimmers ein Mann von ganz entgegengesetztem Charakter zu, nämlich der uns schon bekannte Advocat Block. Der schlaue, ränkevolle Rechtsgelehrte amüsirte sich bei dem ewigen Kriege, welcher im Hause herrschte und von dem er ganz allein nichts zu leiden hatte, sei's, weil selbst Frau Sempiterna Stillin den Rechtsgelehrten fürchtete, sei's, weil dieser mit der Galanterie eines Mephistopheles der wohlbeleibten, in allen häuslichen Arbeiten gar trefflich bewanderten Dame den Hof zum Entsetzen ihres rechtmäßigen Gatten zu machen nie und nirgends unterließ. So lebte der Advocat mit der bissigen Hausfrau auf bestem Fuße, während der eigentliche Hausherr nur als Blitzableiter für die zahllosen Wetter dienen mußte, die zu jeder Tages- und Jahreszeit aufziehen konnten und stets mit einer gewaltsamen Entladung scheltender Worte endigten. Candidat Still war deßhalb durchaus kein Freund seines Hausgenossen, allein er mußte sich fügen, wenn er nur einigermaßen in Frieden leben wollte. Still hatte eben einige duftende Veilchen von den sie noch bedeckenden dürren Laubresten befreit und bemerkte jetzt, sich wieder aufrichtend, das malitiöse Gesicht des einäugigen Advocaten. Sogleich verbeugte er sich demüthig vor dem gefürchteten Hausgenossen und nahm in der Angst seines Herzens statt der Mütze grüßend seinen grünen Augenschirm ab. Block nickte nur unmerklich mit dem Kopfe. Dummer Kerl! murmelte er vor sich hin. Wenn ich Besitzer dieses Hauses und Gartens wäre, ich wollte etwas Anderes daraus machen. Nun wer weiß, was geschehen kann. Nur immer treulich mit Frau Sempiterna scharmutzirt, den Alten dabei gründlich angeschwärzt und es läßt sich wohl ein Glücksohr in das Testament einbiegen. Ein greller Ruf, der schmetternd wie der Ton einer verstimmten Trompete an das Fenster schlug, unterbrach dies Selbstgespräch. Candidat Still, was treibst du wieder für Dummheiten! sprach eine keifende Frauenstimme. Willst du wieder ein halbes Pfund Seife ruiniren mit deinen schmutzigen Händen und hast doch noch kein Quentchen davon verdient? Gleich kommt Er herauf und hilft mir Erbsen lesen! Nachher kann Er die Nase wieder in seinen gelehrten Krimskram stecken. Er verursacht dann wenigstens dem Haushalt keine Kosten. Diese lieblich klingenden Worte entschlüpften den süßen Lippen Sempiterna's, und sie mußten eine zauberhaft magnetische Kraft auf den Candidaten ausüben, denn dieser nahm die fliegenden Enden seines Schlafrockes zusammen und eilte mit lächerlich großen Schritten durch die Gänge dem Hause zu. Gut erzogen hat sie den Esel, sagte der Advocat, an sein Stehpult zurücktretend und ein Fascikel Acten durchblätternd. Es geschieht ihm Recht, warum ist er so gutmüthig. Alle gutmüthigen Narren müssen gefoppt, getreten, gestoßen und geprügelt werden, bis sie ihre Natur ändern. Niederträchtig, wie die Welt ist, schlecht und eigensüchtig, wie trotz aller Religionsheuchelei die Masse der Menschheit immer mehr wird, hat der vorsichtig Kluge das vollkommenste Recht, diese Brut wie giftiges Gewürm zu tractiren. Wer's nicht thut, verdient Schläge. Aber dem alten Hausdrachen wünschte ich doch gelegentlich einen Knoten in den Zopf zu schlagen, damit er nicht zu übermächtig wird. Block fingerte wieder in den Acten und sah dabei so boshaft aus, als gehe sein Hirn mit einer recht abscheulichen Schändlichkeit schwanger. Es klopfte an seine Thür. Block rief herein, ohne von seinen Papieren aufzusehen. Guten Morgen, Herr Advocat, sprach der Eintretende. Es war der Briefträger. Frankirt? Die Herren Rechtsconsulenten erhalten immer frankirte Briefe, versetzte lächelnd der Briefträger, während sie selbst niemals Schreiben frei machen. Halt Er Sein Maul! sagte Block, die Nase rümpfend, und danke Er Gott, wenn Ihm keine Advocatenbriefe in's Haus rascheln. Das thu' ich auch redlich. Guten Morgen, Herr Advocat. Raisonneur! knurrte Block dem Forteilenden nach. Der Mensch bildet sich Gott weiß was ein, weil er ein paar Jahre lang als Corporal dem Kalbfelle nachgelaufen ist. Daß solch ordinäres Gesindel eigne Gedanken zu haben sich erfrecht! Er setzte sich in seinen hochbeinigen Schreibstuhl und erbrach den Brief. Er war von Wimmer. Wimmer? sagte Block nachdenklich. Hab' doch mit dem Kopfhänger neuerdings nichts zu thun gehabt. Was kann der Mann jetzt mir schreiben? Der Brief des Herrnhuters lautete folgendermaßen: Mein verehrtester Herr Advocat! »Begnadigt von meinem Heiland mit allerhand weltlichen Gütern und über mein Verdienst vom Glück begünstigt, halte ich es für meine Pflicht, nach Kräften noch bei Lebzeiten von dem überflüssigen Mamon einen Gott wohlgefälligen Gebrauch zu machen. Wenn man nicht wüßte, daß der heuchlerische Schalk es anders meinte, schaltete Block hier ein, könnte man versucht werden, dem Manne einen Nasenstüber zu geben. Ich will also nicht versäumen, Ihro hochweiser Rechtsgelahrtheit zu eröffnen, daß, weil der grundgütige Gott es so gefügt hat, daß niemals das Band der heiligen Ehe mich einem tugendsamen Weibe verknüpfte, weßhalb ich dereinst, so der Herr mich ruft, ohne Nachkommen aus diesem Thal der Prüfung aufsteigen werde in den Saal des ewigen Hallelujahsingens, ich würdigen Personen mein zeitliches Gut zu überlassen gedenke. Es kann Ihnen nicht unbekannt sein, daß ein sehr werther Freund, Herr Ammer, mir manchen Dienst erwiesen hat. Eigensinnig, wie er ist, will er nichts von Dank wissen. Derohalben sah ich mich genöthigt, mein Vorhaben im Gebet dem Herrn empfehlend, thätig zu sein für seine Kinder, um, was der Vater nicht haben will, den Söhnen in die Hände zu spielen. Laut Mittheilungen meines Hamburger Correspondenten darf ich jetzt annehmen, daß Gott und mein Heiland das wiederholt inbrünstige Flehen meines Herzens gnädig erhört und mich gesegnet hat in meinen Entwürfen. Wollte deßhalb Dero Rechtsgelahrtheit in christlicher Demuth ersuchen, mir gefällig zu sein zu Gunsten der Familie Ammer, was Dieselben recht wohl vermögen, wenn Sie nur wollen. Bin auch gern bereit, mich dankbar zu erweisen durch Geld und Geldeswerth. Verdammter Spitzbube! warf der Advocat ein. Er weiß genau, daß ich nichts umsonst thue. Möchte derowegen bitten, bei dem Verkaufe Weltenburgs ein Angebot zu thun, welches den alten falschen Speculanten, Herrn Mirus, überflügelt. Kommt mir auf ein paar Tausend Thaler Zulage nicht an, so ich nur mit Gottes Hilfe meinen Willen durchsetzen und mein hohes Ziel erreichen kann. Ihre Gelahrtheit werden nächstens deutlicher instruirt werden, sobald das Schiff glücklich im Hafen liegt. Ist mir alsdann erlaubt, statt der Pickelflöte die Posaune zu blasen, welches letztere Instrument mir immer absonderlich lieb gewesen, weil es eine biblische, mithin gleichsam eine himmlische Tuba genannt werden darf. Es versteht sich von selbst, daß Sie, mein hochgeehrter Herr und Rechtsfreund, gegen Niemand aus dieser heimtückischgesinnten Welt von diesem unserm Geheimniß sprechen, am allerwenigsten gegen Ammer. Ist die Saat reif, so kommen die Schnitter und sammeln die goldenen Aehren. Schloß Weltenburg ist ein schönes Besitzthum. Wird das alte Wappen über dem Thorwege mit dem Pallasch und mittelalterlichen Lanze im blauen Felde heruntergerissen, so glaube ich, daß ein neues Wappen an derselben Stelle, das statt der genannten Embleme einen Weberbaum im goldenen Felde trägt, sich eben so gut ausnehmen dürfte. Empfangen Sie, geehrter Herr Advocat, die Versicherung meiner unbegrenzten Hochachtung und reichen Sie zu treuem Bunde uneigennütziger Freundschaft die Hand Ihrem demüthigen Bruder in Christo, Lazarus Wimmer.         Block verschloß diesen Brief sorgfältig und fiel dann in ein so heftiges Lachen, daß es seinen ganzen Körper erschütterte, doch lachte er, wie alle klugen und versteckten Leute, nur halblaut. Dann stand er auf und ging, sich die Hände reibend, im Zimmer auf und nieder. Es ist ein Schlag zu machen, sagte er nach einer Zeit vorsorglichen Nachdenkens, und ich sehe wirklich keinen triftigen Grund, der mich veranlassen könnte, auf den Vorschlag des Herrnhuters nicht einzugehen. Mirus wird dadurch schwer geärgert, was für mich ein besonderes Labsal wäre, denn ich hasse den Menschen seiner übertriebenen pfahlbürgerlichen Rechtlichkeit wegen. Dem Wimmer aber möchte ich nicht vor den Kopf stoßen, weil er stets gut zahlt und weil der Mann mir gefällt. Ewig schade, daß er nicht Schauspieler geworden ist! Er hätte den Iffland, der doch auch einen Teufelsbraten meisterhaft vorzustellen weiß, zehnmal von der Bühne heruntergespielt. Die fromme Bestie amüsirt mich man muß sie streicheln und füttern, daß sie recht fett wird. Zu allerletzt kommt doch Alles meinen Collegen zu Gute, falls ich zu früh sterben sollte. Er machte wieder einen Gang durchs Zimmer, trat dann an seinen Pult und blätterte in Acten, um etwas nachzusehen, was ihm wichtig sein mußte. Sein einziges Auge halb zukneifend und den Finger an die Nase legend, fuhr er fort: Wer von den beiden Freunden einander mehr liebt, der Weber den Herrnhuter oder dieser jenen, will ich nicht untersuchen. Ich gehe vorläufig lieber mit dem Herrnhuter, weil er der Honnetere ist und die christliche Tuba so sehr liebt. Geht es später an's Hälsebrechen, so spielt man den unparteiischen Zuschauer und rettet, was man kann. Darum soll »mein lieber Bruder in Christo« nicht lange in Ungewißheit sein. Ich werde ihm auf der Stelle antworten und ihn beruhigen. Zu diesem Entschlusse gekommen, setzte sich der Advocat an seinen Arbeitspult und sagte in kurzen, kalten Worten, ohne sich irgendwie durch einen zweideutigen Ausdruck eine Blöße zu geben, dem Herrnhuter seine Hilfe zu, so weit dies in seinen Kräften stehe. Einige Tage später fuhr Advocat Block dem Gebirge zu. Hier lag einige Stunden von der Stadt entfernt in prächtigem Wiesenthale, das ein munterer Fluß durchrauschte, an schön bewaldeter Berglehne Schloß Weltenburg. Allzustattlich sah der ziemlich alte Bau nicht aus, denn die Herren von Weltenburg hatten seit ewigen Decennien nicht mehr darin gewohnt. Als vornehme Weltleute lebten sie entweder auf Reisen im Auslande, oder brachten doch die meiste Zeit in der Residenz zu. Auch die diplomatische Carrière hatten die jüngsten Weltenburger eingeschlagen, weniger aus Neigung, als der glänzenden Lebensstellung wegen, die sich in gesellschaftlicher Beziehung daran knüpfte. Dadurch aber war das alte Stammschloß stark vernachlässigt worden und kam, nicht von den gewissenhaftesten Beamten verwaltet, in Verfall. Die Herren von Weltenburg brauchten, um ihrem Namen Ehre zu machen, sehr große Summen, die auch aufgetrieben wurden. Als die Einkünfte der Herrschaft nicht mehr ausreichten, wurden Schulden gemacht, die sich rasch mehrten. Zu deren Deckung mußte man die Waldung angreifen, die, schlecht gepflegt, auch rasch sich verminderte, und so genügten denn zehn Jahre, die ganze hochadlige Familie beinahe an den Bettelstab zu bringen. Um nicht gänzlichem Ruin, vielleicht gar öffentlicher Schande entgegen zu gehen, schritt die Familie, obwohl ungern, zum Verkauf ihres Stammsitzes. Dieser Verkauf sollte am heutigen Tage stattfinden. Der heitere Tag hatte nicht nur eine Menge Kauflustiger herbeigelockt, auch Neugierige aus der Umgegend fanden sich ein und zwar größtentheils Angehörige der Herrschaft, die gern bald erfahren wollten, wer ihr zukünftiger Herr sein werde. Betrachtete man die Lage des Schlosses in seiner romantischen Umgebung, so konnte; man den Andrang Kauflustiger wohl begreifen. Gegen Westen überblickte man ein reizendes Thal, von dem Silberbande des zwischen smaragdgrünen Wiesen dahin rauschenden Gebirgsflusses durchschlängelt. Am Ende desselben ragten die Thürme der Handelsstadt über niedrige Waldhügel empor. An der Rückseite des Schlosses, wo ein großer, aber vernachlässigter Park über Berg und Thal sich fortzog, erhob sich die hohe Gebirgswand, dessen erhabener Kamm jetzt noch im blendend weißen Schmuck des Winters prangte. Naturfreunde mußten in dieser seltenen Lage schon eine Aufforderung zu einem Kaufgebot erblicken, der Geschäftsmann dagegen, welcher die Localitäten nach ihrer Verwendbarkeit, nach dem möglicher, oder wahrscheinlicher Weise daraus zu ziehenden Gewinn abschätzt, hatte beinahe noch mehr Ursache, die Erwerbung des Besitzes von Weltenburg sich angelegen sein zu lassen. Ein äußerst ergiebiger Boden verhieß reichliche Ernten. Die jetzt leider sehr gelichtete Waldung war durch zweckmäßige Pflanzungen und eine rationelle Forstwirthschaft wieder zu verbessern. Dazu kamen bisher verborgen gewesene Schätze der Erde, welche die gegenwärtigen Besitzer erst kürzlich entdeckt, aus Mangel an Geld aber zu heben nicht einmal versucht hatten. Dies waren allem Anscheine nach sehr mächtige Kohlenpflötze, die bergmännisch betrieben reichen Gewinn abwerfen und der Anlage industriöser Unternehmungen überaus förderlich werden konnten. So leuchtete jedem Denkenden ein, von wie großem Werth die Herrschaft Weltenburg im Besitz eines die Zeitverhältnisse richtig erkennenden und zugleich unternehmenden Kopfes sein müsse oder doch werden könne. Unter den Kauflustigen befand sich auch Mirus, der sparsame Großhändler. Als dieser des Advocaten ansichtig ward, entfärbte er sich etwas, behielt jedoch, eine Prise nehmend, äußerlich seine Ruhe. Mirus war für Block jedenfalls der gefürchtetste Gegner, denn er besaß hinlängliche Mittel, um ihm wett zu werden, und seiner Charakterfestigkeit durfte man zutrauen, daß er so leicht einen gefaßten Plan nicht aufgeben werde. Indeß fürchtete Advocat Block so leicht Niemand; er war entschlossen, nöthigenfalls durch geheime Triebfedern zu seinen Gunsten zu wirken, vielleicht auch hatte er schon im Voraus in dieser Beziehung das Nöthigste verfügt. Deßhalb begrüßte er den reichen Handelsherrn ganz freundlich, fragte mit höhnischem Tone, ob das schöne Frühlingswetter ihn aus seinem Comptoir gelockt habe, und bemerkte schließlich, daß Weltenburg sich für einen Mann eigene, der etwas zurückgelegt habe und die letzten Jahre seines Lebens, fern vom geräuschvollen Treiben einer stets halbtollen Welt, in Ruhe und beschaulicher Stille zu verbringen gedenke. Hm, versetzte Mirus, eine sehr große Prise unter der Nase verreibend, Herr, ich muß Ihr sagen, zum Ruhen und Faullenzen haben nur Dummköpfe Zeit! Wäre Schloß Weltenburg nebst Zubehör mein Eigenthum, so würde ich die Augen offen behalten, und Gedanken und Hände rühren, wie ich dies mein Lebtage immer gethan habe. Was aber, mein werther Herr Mirus, erwiderte Block, was wollten Sie hier machen? Das Schloß paßt zu keinem Comptoir, und mit Baumwolle läßt sich von dieser schönen Wildniß aus kein Handel treiben. Kaufleute gehören in Städte, mein verehrter Herr Mirus. Sie sind die eigentlichen Städtegründer gewesen und werden auch, glaub' ich, so lange es Städte gibt, deren Erhalter bleiben. Pflichte vollkommen bei, Herr Advocat, versetzte Mirus, es ist jedoch meines Wissens einem Kaufmanne, der seine Staatslasten pünktlich abträgt, gesetzlich nicht untersagt, neben dem Handel noch etwas Anderes anzufangen. Und Herr, ich muß Ihr sagen habe seit einiger Zeit große Lust, mein Glück noch in anderer Weise zu versuchen. Man hat etwas verdient, man kann also auch etwas wagen. Das heißt, Sie beabsichtigen Weltenburg zu kaufen? Falls Sie nichts dagegen haben, ja. Und wenn dies wäre? Dann käme es darauf an, Herr Advocat, wer es am längsten aushielte. Herr, ich muß Ihr sagen Kaufmann Mirus ist entschlossen, etwas zu wagen! Er nahm wieder eine Prise und zog dabei dem verschlagenen Advocaten ein Gesicht, als wolle er ihn verhöhnen. Block wußte jetzt, wie die Sachen standen, und konnte sich danach richten. Er grüßte daher, ohne auf die letzte Bemerkung etwas zu erwidern, den Kaufmann und trat in den zum sogenannten Schlosse führenden Thorweg. Im Hofraum ging es lebendig zu. Die Käufer oder deren Bevollmächtigte besichtigten die Gebäude und stiegen dabei lachend und scherzend treppauf, treppab. Block mischte sich unter sie und machte nur der Form wegen einen Gang durch die Räumlichkeiten des Schlosses, den scharfen Blick seines einzigen Auges bald da- bald dorthin entsendend. Im Erdgeschosse waren Anstalten zu der gerichtlichen Versteigerung der Herrschaft getroffen. Die dabei beschäftigten Herren unterhielten sich hier mit einander, ordneten Papiere, schnitten Federn, kurz gaben sich möglichste Mühe, die Zeit auf angenehme Weise bis zur Stunde des Termines zu tödten. Einige dieser Herren kannte der Advocat. Er begrüßte sie daher mit einer gewissen Cordialität, wechselte wohl auch ein paar Worte, machte einen Witz oder ließ eine boshafte Bemerkung heraus und trat endlich zu dem Vorsitzenden, welcher die ganze Procedur leitete. Beide Männer schüttelten sich die Hand wie gute alte Bekannte, die so recht ein Herz und eine Seele sind. Sie sprachen lebhaft, aber leise mit einander und aus ihrem Mienenspiel ließ sich errathen, daß sie Gegenstände von Wichtigkeit verhandelten. Block hätte diese Unterhaltung gern noch länger ausgesponnen, weil er jedoch gewahrte, daß die Blicke aller übrigen Anwesenden auf ihm ruhten, brach er das Gespräch ab und drückte dem Beamten nochmals die Hand. Also es bleibt dabei und ich darf mich darauf verlassen? fragte er. So sicher, wie auf's Evangelium! erwiderte der Beamte. Block machte eine sehr bezeichnende Handbewegung und riß sein Auge weit auf. Darauf möchte ich nicht immer Häuser bauen, erwiderte er lächelnd. Was sich deuten und auslegen läßt, ist nicht sicher. Nun, so will ich sagen: so sicher wie auf ein gesprochenes Urtheil, verbesserte sich der Beamte. Gut, gut, nun bin ich zufrieden, entgegnete der Advocat. Ein Urtheilsspruch flößt immer Respect ein, auch wenn er ungerecht ist. Damit entfernte sich Block und vertrieb sich, wie fast alle übrigen Kauflustigen, die noch übrige Zeit mit dem Durchwandern der Wirtschaftsgebäude, der sehr leeren Vorrathskammern und Scheuern. Ueberall bemerkte man den reißend überhand nehmenden Verfall in Folge schlechter oder sinnloser Wirthschaft. Die gewissenlosen Verwalter der Herren von Weltenburg waren zuletzt so weit gegangen, das beste Holz aus den Sparren zu sägen, um es zu ihrem Vortheile zu verkaufen. Gerade dies abscheuliche Verfahren hatte die an sich so schöne und einträgliche Herrschaft entwerthet und sie fast zu einem Spottpreise herabgedrückt. Block lächelte immer feiner, immer spitziger, je mehr er die immer deutlicher in die Augen springende Vernichtung erkannte. Darauf baute er seinen Plan; und als endlich mit der Schloßglocke das Zeichen zum Beginn des Termins gegeben ward, stand die imponirende, über alle Andern hervorragende Gestalt des gefürchteten einäugigen Advocaten zunächst dem Beamten, den er vorher in so treuherziger Weise gesprochen hatte. Wir wollen unsere Leser mit einer weitläufigen Schilderung der nun folgenden Scene nicht langweilen. Es muß hier nur angeführt werden, daß die ersten Gebote der Herrschaft Weltenburg auffallend niedrig waren. Später stieg die Kauflust, wie es schien, und mit ihr wuchsen auch die Angebote, so daß schon nach zehn Minuten das erste Gebot sich beinahe verdreifacht hatte. Jetzt erst machte Mirus ein Gebot, dem ihm schief gegenüberstehenden Advocaten ein höhnisches Gesicht zeigend. Block verzog keine Miene, wohl aber bot er sogleich tausend Thaler mehr. Mirus nahm eine Prise und legte eine anständige Summe zu, die von einem dritten Kauflustigen überboten wurde. Der reiche Kaufmann ging abermals höher. So spielte sich die Scene des Verkaufs weiter, bis Block wieder mit einer bedeutend höheren Summe die Uebrigen niederschlug. Diesmal ruhte das unbarmherzige Auge des Advocaten giftig funkelnd auf dem lederfarbenen Gesicht des Kaufmanns. Mirus zwinkerte ein paarmal mit den Augen, was er stets that, wenn ihn etwas stark oder unangenehm bewegte, dann nahm er abermals eine Prise aus seiner goldenen Dose, stäubte die braunen Pünktchen von seinem Chabot und sagte mit großer Gelassenheit, daß es Jeder im ganzen Saale vernehmen konnte: Herr, ich muß Ihr sagen, tausend Thaler mehr schieben die Herrschaft Weltenburg in mein Schreibpult. Die Versammlung gerieth in nicht geringes Erstaunen, denn das letzte Gebot des Kaufmanns übertraf die höchste Anschlagssumme der Sachverständigen schon um mehrere hundert Thaler. Block lächelte und bot fünfhundert Thaler mehr. Das neue Tausend voll! rief Mirus. Dann geb' ich tausend Thaler mehr, sagte trocken der Advocat. Herr, ich muß Ihr sagen, Sie sind Ein Mann, der immer weiß, was er thut, fiel Block dem Kaufmann in die Rede. Nein, fuhr Mirus heraus, ein Thor sind Sie, der mit seinen beiden ungeschickt langen Beinen gerade auf den Banquerott zurennt. Das thut nichts, erwiderte der Advocat, die Herrschaft Weltenburg ist so eben, wie die geehrte Versammlung vernommen hat, nicht in das Pult des Kaufmannes, sondern hier in meine Mütze geschlüpft. Dabei nahm Block seine hohe schwarze Sammetmütze ab und zeigte sie triumphirend den Anwesenden. In Bezug auf die ungeschickt langen Beine, fuhr er fort, welche Herr Kaufmann Mirus mir gütigst gegeben, behalte ich mir die weiteren Schritte, welche sich damit machen lassen können, ganz ergebenst vor. Mirus hörte vor Zorn und Aerger gar nicht mehr auf zu schnupfen, er erwiderte aber auf die letzten höhnischen Bemerkungen seines Gegners kein Wort. Darf ich Sie, Herr Advocat, als nunmehrigen Eigenthümer von Weltenburg einzeichnen? fragte jetzt der Beamte. Block schüttelte den Kopf. Nein, sagte er mit schneidend scharfer Stimme. Ich habe im Auftrage eines Anderen die Herrschaft gekauft. Der Mann ist gut und, was mehr sagen will, ein sehr, sehr frommer Christ. Er nennt sich Lazarus Wimmer. Hier nahm Block die Mütze abermals ab und grüßte herablassend den vor Ingrimm zitternden Mirus. Der Herrnhuter! Der spitz— Der spitzköpfige Herrnhuter, verbesserte Block, den heftigen Kaufmann diesmal zu rechter Zeit unterbrechend. Es ist ein respectabler Mann, denk' ich, recht gut bei Kasse und von unternehmendem Geiste. Wie er mir sagte, will er eine große Weberei hier anlegen. Mirus knöpfe seinen chocoladefarbenen Rock bis an den Hals zu, setzte seinen Hut auf und verließ, ohne noch Jemand eines Blickes zu würdigen, den Ort seiner Niederlage. Der Advocat drückte dem Beamten diesmal wahrhaft zärtlich die Hand und machte, wie alle Andern, ebenfalls Anstalt zum Aufbruche. Vorher aber flüsterte er seinem Befreundeten leise zu: Das war ein leichter und guter Verdienst, nicht wahr? Ich bin zufrieden und danke Ihnen. Wenn nur auch der Herrnhuter später nicht sieht, daß er doch wohl zu hoch gegangen ist. Grämen Sie sich darum nicht, werther Herr College, versetzte Block. Die Herrschaft ist das Dreifache werth, Wimmer hat ein sehr richtiges Urtheil und übrigens unter uns flüsterte er dem Beamten in's Ohr bleibt sie nur kurze Zeit in seinen Händen. Ein Anderer oder ein paar Andere sind schon jetzt als dereinstige Herren von Weltenburg designirt. Ist ein Compagniegeschäft, werther Freund, wie sie neuerdings in Aufnahme kommen, und mich dünkt, es wird merkwürdig rentiren. Block empfahl sich und fuhr gelassen und mit sich selbst vollkommen zufrieden wieder zurück nach der Stadt, wohin das Gerücht von dem Resultat des Verkaufs ihm schon vorangeeilt war und unter der gesammten Einwohnerschaft nicht geringe Sensation machte. Neuntes Kapitel. Eine ländliche Idylle. Der muntere Waldbach, welcher das Rohr durchströmte, hatte die ganze Nacht geplaudert und Flora alle Stunden mit seinem Geschwätz aufgeweckt. So oft das junge Mädchen ihre hellen Augen aufschlug und mit erhobenem Köpfchen auf die plaudernde Welle des lebendigen Wassers hörte, blickte sie geraume Zeit nach dem halb offenen Fensterladen, um sich zu vergewissern, ob der Morgen bald anbrechen werde. Immer aber spielte derselbe weiche Dämmerschein um die kleinen, spiegelblanken Scheiben, der die stille Mondnacht mit mattem Tageslicht durchglänzte. Flora erfreute sich für gewöhnlich eines ununterbrochenen gesunden Schlafes, den so leicht nichts störte; in dieser Nacht aber hatte sie den Kopf voll wunderlicher Gedanken, und wäre lieber die ganze Nacht munter geblieben, um nur noch vor Aufgang der Sonne unbehindert und ungesehen aus dem Hause schlüpfen zu können. Ungeachtet der freudigen Bewegung, die dem Mädchen den erquickenden Frieden der Nachtruhe so oft störte, hätte die Natur doch wohl zuletzt ihr Recht behauptet, wäre nicht der Zufall dem lieben Kinde freundlich zu Hilfe gekommen. Flora war nach zehn- und mehrmaligem Lauschen fest eingeschlafen. Die Wellen des Baches plätscherten fort in ihren Phantasieen und erzählte ihr die lustigsten Mährchen, über die sie in kindlicher Freude herzlich lachen mußte, und über den wunderbar phantastischen Geschichten vergaß sie das wichtige Geschäft, das sie früh am Tage von ihrem Lager rief. Dieser Welt heiterer Träume entriß Flora ein Ruf mehrerer Kinderstimmen, der schrillend auf den nachzitternden Scheiben verhallte. Das junge Mädchen fuhr erschrocken empor aus den Kissen, strich die glänzende Fülle ihrer hellbraunen Locken aus der Stirn, und sah, wie es schon oft in dieser Nacht gethan, mit weitgeöffneten Augen nach dem Fenster. Ihr Busen hob sich unter den beschleunigten Schlägen ihres Herzens, als sie einen mattrothen Streif am falben Himmel bemerkte. Eiligst schlüpfte sie aus dem Bett und in die Kleider, fuhr mit bloßen Füßen in ein paar zierliche Lederpantoffeln, band sich ein bunt gewürfeltes Tuch um den Kopf, das ihr Haar verhüllte und nur das feine Oval ihres frohen Gesichtchens frei sehen ließ, und glitt behutsam nach der Thür, die sie ohne Geräusch aufklinkte. Aus der Ferne ließ sich abermals ein gemeinsamer Ruf vieler Kinderstimmen hören, die in so früher stiller Morgenstunde gesangartig klangen. Wahrhaftig, sprach Flora, die Kinder halten schon ihren Umgang und rufen ihren Morgengruß vor den Thüren! Wenn ich nur nicht zu spät komme, ich alberne Langschläferin, ich! Dorel und Femie haben gewiß schon geschöpft, und ich habe mich so hoch vermessen, die Erste sein zu wollen! Die werden mich schön auslachen, wenn sie mich zurückkommen, wohl gar mit leerem Kruge zurückkommen sehen! Guten Morgen zum Grünnduhrstje ! klang es vom nächsten Nachbarhause vernehmlich, wie das Geläute silberner Glöckchen durch die Luft, und gleich darauf erscholl das fröhliche Lachen und Flüstern einer muntern Kinderschaar bis in die Kammer des jungen Mädchens hinauf. Flora mußte das Schlafzimmer ihrer Eltern durchschreiten; denn seit jener Nacht, wo sie dem Vater begegnete, hatte dieser es für gut befunden, den besonderen Ausgang eigenhändig zu vernageln. Das heute unbemerkt bewerkstelligen zu können, daran lag ihr viel; sah man sie, so war ihr Gang nutzlos, ihr Sehnen und Hoffen vergeblich. Hätten nur die übermüthigen Kinder nicht so barbarisch geschrieen! Diese langgezogenen scharfen Kehltöne mußten die festesten Schläfer erwecken. Und sie konnten im nächsten Augenblicke hart unter den Fenstern ihren weckenden Jubelruf von Neuem erklingen lassen. Ein flüchtiger Blick auf das Himmelbett, in dessen Schutze Flora's Mutter schlief, gaben ihr Gewißheit, daß sie von dem Geschrei der Kinder noch nicht in ihrer Ruhe gestört worden sei. In der entgegengesetzten Ecke aber, wo der Vater von den Mühen des Tages ausruhte, regte es sich. Ihn hatten die kleinen Schreihälse aufgeweckt und er konnte, um der Gewohnheit ihr Recht zu geben, jeden Augenblick das Zimmer verlassen und seiner Tochter sehr zur Unzeit in den Weg treten. Flora wartete und hielt den Athem an. Es ward wieder still dann hörte sie flüstern. Unarticulirte Töne trafen ihr Ohr. Gott Lob! sagte sie frohlockend. Vater betet; da hört und sieht er mich nicht. Und mit eiligen, hüpfenden Schritten glitt sie, in dunklen Ueberwurf gehüllt, an der braun gefärbten Holzwand fort und huschte unbemerkt zur Thür hinaus. Unfern der Treppe stand ein irdener Krug. Diesen ergriff Flora, schob den Riegel der Thür des Hauses zurück und stieg über vier hohe Granitstufen in den Garten hinab. Durch diesen schlängelte sich ein schmaler Fußsteig unter uralten Obstbäumen nach dem nahen Thale, in dessen Tiefe der muntere Bach durch Erlengebüsch der Mühle zueilte. Die Luft war still, der Himmel klar bis auf einen schmalen röthlichen Dunstsaum im Osten, der die Gebirgskämme neblich verdeckte. Flora gewahrte mit Vergnügen, daß die Sonne noch nicht aufgegangen war. Leicht und gewandt wie eine Gazelle hüpfte sie unter den noch laublosen Bäumen fort, an der Cisterne vorüber, und ehe noch zwei Minuten vergangen waren, spiegelte sich ihre schlanke Gestalt in der lächerlichen Verkappung, die sie angethan hatte, in der ewig beweglichen Kristallwelle des Baches. Ammer's Tochter sah sich schüchtern um nach allen Seiten, um auch gewiß zu sein, daß Niemand sie belausche. Es war still, öde, geräuschlos rundum. Nur vom Dorfe her hörte man das jetzt lebhafter werdende Geschrei der Kinder und aus dem Dickigt im Rohr wurden verschiedene Vogelstimmen laut. Nun kniete Flora am Bachrande nieder, schlug den Mantel zurück, streifte das Morgenkleid auf, daß ein voller, blendend weißer Arm sichtbar ward, und tauchte den Krug so tief in die murmelnde Welle, daß die kühle Bergnymphe ihren runden Ellbogen umspülte. Sobald sich der Krug strudelnd und gurgelnd gefüllt hatte, richtete sie sich wieder auf, benetzte ihre Lippen mit dem frischen Wasser und begab sich schleunigst wieder auf den Rückweg. Als Flora den Gartenzaun überschreiten wollte, bemerkte sie in der schmalen Gasse, welche das Grundstück ihres Vaters von dem des Nachbars schied, Albrecht Seltner, der ebenfalls einen Krug in der Hand trug. Geschwind duckte sie sich hinter die Buchenhecke, weniger um sich zu verbergen, als um den jungen Burschen nicht selbst genau zu sehen; doch wartete sie, bis derselbe mit gefülltem Kruge vom Bache wieder zurückkam. Jetzt durfte man sich sehen, sich begrüßen, mit einander sprechen, nur vor dem Wasserschöpfen ist die Begegnung unerwünscht und ein angeknüpftes Gespräch der Wirkung des Wassers selbst schädlich. Wir müssen zum Verständniß der Leser hier einschalten, daß es in vielen Gegenden unseres deutschen Vaterlandes Sitte ist, an vier der gesammten Christenheit heiligsten Tagen des Jahres, nämlich am Gründonnerstage, Charfreitage, Charsamstage, welchen die Protestanten stillen Sonnabend nennen, und am Ostersamstage vor Sonnenaufgang Wasser aus dem nächsten Bache zu schöpfen. Der Volksglaube legt solchem Wasser eigenthümliche Kräfte bei und behauptet, es halte sich ein paar Monate, ohne faul zu werden. Diese Kraft wohnt ihm jedoch nur dann inne, wenn der Schöpfende vor dieser Verrichtung Niemand begegnet, Niemand spricht. Wer sich mit Wasser, das an den genannten Tagen unter den angegebenen Bedingungen geschöpft worden ist, wäscht, bleibt nicht allein im ganzen Jahre gesund, sondern erfreut sich auch eines jugendlichen, blühenden Ansehens. Ueberhaupt legt man dem sogenannten »Osterwasser« wie man es nennt, verschönernde, auch wohl verjüngende Kraft bei und es kann, in Folge dieses Volksglaubens, nicht fehlen, daß namentlich junge Leute eifrig darauf bedacht sind, sich alle Jahre in den Besitz dieses gesegneten Wassers zu setzen. Guten Morgen, Albrecht, sprach Flora in dem Momente, wo der junge Mann vom Bache zurückkam, indem sie hinter der Hecke sich aufrichtete und ihm lächelnd die Hand entgegenstreckte. Du hast just da geschöpft, wo ich niederkniete. Hast du's nicht gemerkt? Guten Morgen auch, du Himmelskind! versetzte Albrecht. Gelt, du bist schlau, du lugst hinter'n Zäunen auf die Leute, damit du sie alle begucken kannst in der Stille und allein hübsch bleibst unterm Gesicht, wenn die Andern alle häßlich werden. Bist doch ein ganzes richtiges Mädel von der Senkenadel Eine messingene oder silberne an beiden Enden sehr breite Nadel, mit der man die Haarflechten auf dem Scheitel befestigte. bis zum Schuhklötzel! Weil ich dich leiden mag, Krauskopf? Sieh, du wärst werth, daß ich dich zauste, aber mir sind meine Hände zu lieb, ich laß dich laufen. Auch wenn ich gut bin und schön bitt', Florel? Ja, bitt' nur! Du kannst immer bitten, wenn du Unrecht hast. Wie magst du nun zanken zum Gründonnerstage! sagte Albrecht. Bist so schmuck und lieb wie ein gemaltes Marienbildel in der Kirche und schau nur, was für ein Hexengesicht dich jetzt anguckt aus dem Kruge! Gleich gib mir die Hand und mach' ein freundlich Gesicht, und das geschwind, eh' die Kinder ihre Bretzeln kriegen. Das Befehlen steht dir gut zu Gesicht, versetzte Flora. Immer zu! da nimm! Aber das muß ich sagen, zum Ehemann möcht' ich dich nicht geschenkt! Albrecht ergriff Flora's Hand mit Lebhaftigkeit und wollte sie küssen, diese zog sie jedoch so schnell zurück, daß seine Lippe nur die Buchenzweige des Zaunes streifte. Das übermüthig gewordene Mädchen lachte laut auf und lief den Garten hinan. So wart' doch, du Blitzmädel! rief ihr Albrecht nach. Was gibst du an, Nachmittags? Gehst du in's Holz oder muß du im Hause helfen? Ich werde sein, wo du mich triffst, erwiderte Flora übermüthig. Vergiß du nur nicht, dich tüchtig mit dem Wasser zu scheuern! 's wird ein Unglück geben, fürcht' ich, morgen in der Kirche. Und nun guten Morgen und laß dir den Honig gut schmecken und 's Osterlamm Honigsemmeln oder ein feines Gebäck in Form eines Lammes mit Buchsbaumzweigen besteckt war gewöhnliche Kost am Gründonnerstage. dazu. Während dieser neckenden Scherzrede war Flora tänzelnd und den Krug lustig aus einer Hand in die andere schwingend den Garten hinan gelaufen. Albrecht sah ihr vergnügt und doch auch verdrossen nach. Erst als sie hinter der Cisterne seinen Blicken entschwand, verließ auch er seinen Standort, um die schmale Gasse hinauf nach seines Vaters Hause zu gehen. Flora fand bei ihrer Rückkehr bereits das ganze Haus in lebhafter Bewegung. Die nach der Straße führende Thür war weit geöffnet und jetzt von beiden Eltern eingenommen. Vater und Mutter trugen Körbchen mit Bretzeln oder Kränzeln angefüllt, und vertheilten deren Inhalt unter Scherzen und Lachen an eine Schaar jubelnder Kinder, die sich vor dem Hause versammelt hatten und deren meist blonde Lockenköpfe so eben von dem ersten Strahl der Morgensonne mit glänzendem Golde bestreut wurden. Da immer neue Schaaren die Beschenkten mit dem üblichen Rufe: »Guten Morgen zum Grünnduhrstje« verdrängten und die Austheilenden mit der billigen Backwaare nicht kargten, so mußten die Körbchen zu wiederholten Malen neu gefüllt werden, zu welchem Behufe ein paar Dienstboten als Reserve im Hintergrunde aufgestellt waren, die aus einer großen Schwinge die rasch abgehende Waare schnell ergänzten. Dieser Gründonnerstagsgruß, eine uralte und heitere Sitte, die freilich zuweilen in plumpen Unfug umschlug, ward in früheren Jahren nicht bloß von Kindern, sondern selbst von erwachsenen Burschen und Mädchen durch die Dörfer der Lausitz gerufen, ist aber jetzt, wie meistentheils alles Volksthümliche, gänzlich verschwunden. Herrn Ammer und seiner Ehehälfte gewährte sie Vergnügen, da sie gern heitere und glückliche Menschen um sich sahen; und weil es bekannt war, daß der gutmüthige und reiche Weber sich aus dem Geben selbst ein Fest bereitete, so war seine Hausthür die besuchteste im ganzen Orte. Flora trat stillschweigend auf die unterste Stufe der in's obere Geschoß führenden Treppe, um über die Eltern hinweg auf den jauchzenden Kinderschwarm sehen zu können. Die meisten hielten ihre offenen Händchen empor und haschten nach den Bretzeln, die Ammer und seine Frau in großer Menge auswarfen. Dabei lachten die Kleinen aus Herzensgrunde und riefen den freigebigen Spendern neckend zu: Noch eine Mohnbretzel für meinen Bruder, Vater Ammer! wenn auch schon an jedem Finger des Fordernden eine dieser beliebten Kränzel hing. Und Ammer erhörte immer wieder auf's Neue die Bitten der lustigen Kleinen, bis denn zuletzt aller Vorrath erschöpft war und nur noch einige Brocken auf dem Boden seines Körbchens lagen. Gutmüthig schwenkte er dieses gegen den summenden Kinderhaufen, hieß sie Acht geben und schleuderte hierauf, während fünfzig Hände darnach griffen, das leichte Geflecht über die lebhaft bewegten Krausköpfe auf die Straße, wo es unter großem Lärme zu Ammer's noch größerem Ergötzen von den bettelnden kleinen Unholden in Stücke gerissen ward. Nun erst kehrte er sich um und erwiderte herzlich den Gruß seiner Tochter. Hast du Wasser geholt? fragte er Flora, sie sanft auf die blühenden Wangen klopfend. Wenn's frisch ist und klar, so gib mir einen Mund voll. Frisch wie Schneewasser, Vater, sagte Flora, den bis zum Rand vollen Krug zeigend, und Glück wird's uns bringen für's ganze Jahr, denn kein Sonnenstrahl hat's getroffen, bis ich in's Haus trat. Da trink! Nun schmeckt dir's Essen alle Tage im Jahre und Zahnweh kriegst du auch nicht, und wenn du ein ganzes Pfund Honig ißt auf ein Niedersitzen! Kannst's auch versuchen, Mutter. Anna war gutmüthig genug, ihrer Tochter Aufforderung zu folgen, und ließ es sogar geschehen, daß Flora ihr die Augenlider mit sanftem Finger betupfte, einen guten Spruch dazu murmelnd. Laßt's nun gut sein, sprach Ammer, die Andern wollen auch 'was profitiren vom guten Wasser. Betheil' sie, Flora, dann leg' die Kappe ab und komm' in's Stübel. Denn ich denke, wir können itzunder in guten Gott's Namen rechtschaffen unser Frühstück verzehren. Flora lief die Treppe hinauf in ihre Kammer, um ihre wunderliche Morgentracht abzuwerfen, und ein sauberes, einfaches Kleid anzulegen. So erschien sie nach einigen Minuten im Wohnzimmer, wo sie bereits ihre Eltern und Brüder am Tische traf, auf welchem zur Feier des Tages eine große Schüssel mit Honigsemmeln prangte. Nach Beendigung des Frühstücks gingen sämmtliche Hausgenossen an ihre Arbeit, Frau Anna und ihre Tochter begaben sich in die Küche, wo es wegen der Nähe des Festes sehr viel vorzubereiten gab. Mutter, sagte Flora, Nachbars Albrecht war auch am Bache, um Wasser zu holen. Ich sah ihn auf dem Rückwege. Der hat Augen gemacht, als ich ihm guten Morgen bot. Der Bursche ist brav, versetzte Anna. Es gibt einmal einen gottesfürchtigen Hausvater. O ja, erwiderte Flora, er kann auch zanken. Das erhält die Ordnung. Ich glaube wohl, daß er genau ist, aber weißt du, Mutter, er geht wohl zehnmal des Tages die Gasse hinunter, und das gefällt mir nicht. Das macht träg in der Arbeit. Die Männer müssen sich rühren und umschauen, Florel 's ist so ihre Art Vater hat's gerade so gemacht. Aber er grüßt zu oft, Mutter! Man muß ihm ja danken, daß einem Abends das Genick noch weh thut. Wär's nicht genug zwei bis dreimal täglich? Ich nähm's ihm nicht übel. Mußt's ihm sagen, wenn du's so haben willst, sagte Anna lächelnd. Ja, daß er mir gram würde! Ich seh' lieber auf die andere Seite, wenn er so oft vorbeiläuft. Und deßhalb hat er gezankt heute? Gelt? O nein, deßhalb nicht. Die Mutter schwieg, Flora trällerte ein Liedchen und schnitt dazu Zwiebeln in eine Schüssel, um für den Mittagstisch bunte Eier zu kochen. Ich denk', begann sie nach einer Weile abermals, es könnte nicht schaden, wenn wir so gegen den Feierabend, ich meine in der fünften Stunde, in's Holz gingen. Es gibt einen prächtigen Nachmittag und es ist gar zu lieblich anzusehen, wenn die Frühlingssonne hinter den Bergen in Gold geht. Es kommt auf den Vater an, meinte Anna. Er hat viel zu thun vor dem Feste, besonders mit Abrechnungen, und du weißt, das kommt ihm etwas sauer an. O, da bin ich Meister drin, seit ich an letztem Weihnachten Vaters Stelle vertreten mußte. Ich helf' ihm jetzt trotz einem gelernten Schulmeister. Besprich's mit ihm. Aber du mußt mir beistehen, Mutter, er hat's nicht gern, wenn ich mein eigener Fürsprecher bin. Das heißt er Mädelflausen. Nun, 's soll schon sein, sagte die Mutter. Ueber Tische kann's ja besprochen werden. Wir haben ohnehin einen halben Festtag und da ist's christlich, daß die Leute ein paar Stunden früher Feierabend machen. Flora war bei aller Unschuld eine so kluge Eva'stochter, wie man sie feiner und gewitzigter kaum in den gebildetsten Salons der vornehmen Welt finden kann. So erreichte sie durch scheinbare Unbefangenheit gewöhnlich, was sie wünschte, und verstand den eigensinnigen Vater in mancher Hinsicht zu beherrschen oder doch nach ihrem Willen zu leiten. Ammer willigte auch diesmal nach einigem Brummen in den ersehnten Spaziergang, und da er eine Sache nicht gern halb that, so kündigte er, einmal entschlossen, den Werktag als halben Feiertag betrachten zu wollen, seinen Leuten ungewöhnlich zeitig den Beginn des Feierabends an. Zur bestimmten Stunde war der Weber bereit, mit seiner Familie in Feld und Wald zu gehen. Diese Spaziergänge am Gründonnerstage, welche bei heiterm Wetter sich auch am Charfreitage wiederholen, sind noch jetzt gebräuchlich und geben der Landschaft, die sich mit den ersten Blättern und Blüthen des Frühlings schmückt, ein überaus bunt belebtes, fröhliches Ansehen. Auf allen Feldwegen sah und sieht man lustwandelnde Menschen, springende und jubelnde Kinder, die über die aufknospenden Blumen jauchzen oder einem gelbbeschwingten Schmetterlinge nachjagen. Aus den Gebüschen tönen Pfeifen in allen Tonarten, denn die Knaben lassen sich ihr Recht nicht nehmen, die schlanken astlosen Schwuppen der Weiden zu großen und kleinen Pfeifen zu verarbeiten, die sie jedoch nicht immer mit gleich großer Kunstfertigkeit zu handhaben verstehen. Es war ein ächt ländliches Concert, das die Familie Ammer im Felde begrüßte, regellos, bunt, fröhlich und keck, wobei die Lust, die es gewährte und verkündigte, alle Harmonie reichlich ersetzte. Unter den Saaten, auf denen bereits ein saftig grüner Duft schimmerte, schwebten Lerchen in Menge und sangen mit jubelnder Kehle ihre schmetternden Frühlingslieder. Nur auf den Kämmen und Gipfeln des hohen Gebirges glänzten unter dem sonnigen Blau des Himmels noch blendend weiße Schneefelder. Während der Wanderung durch die Feldmarken schlossen sich der Familie Ammer ein paar nähere Bekannte an, unter denen sich auch einige Gespielinnen Flora's befanden. Die Mädchen strichen rechts und links durch die Büsche, pflückten Leberblümchen und Lungenkraut, und hatten dabei immer mit einander zu flüstern und zu kichern. Ammer mußte es geduldig mit ansehen, daß ihm die fröhliche Tochter seine Bibermütze auf allen Seiten mit Blumen besteckte und schließlich einen dicken Zweig blühender Saalweide darum wand, was zwar überaus bunt, doch keineswegs schön aussah. Sich selbst besteckten die Mädchen ebenfalls reichlich mit Blumen. Außerdem band sich jedes noch einen großen Strauß, aus dessen Mitte ein blühendes Weidenreis, Palmmietzel Man nennt die weichen Blüthen der Weiden so, weil sie sich gewöhnlich am Palmsonntag zuerst zeigen. genannt, weit hervorragte. Schon hatte man die breiten Höhen des Waldrückens, die eine beträchtliche Fläche bildeten, nach allen Seiten hin beschritten und noch immer wollte Flora nicht müde werden, in Begleitung ihrer Brüder und Freundinnen die Büsche unter allerhand Neckereien zu durchstreifen. Frau Anna wünschte umzukehren, da sie noch mancherlei zum Feste zu besorgen hatte. Ammer stimmte bei, kümmerte sich aber nicht weiter darum, da er mit einigen Geschäftsfreunden, denen er begegnet, in ein fesselndes Gespräch gerieth. Dies war Flora höchst angenehm, denn sie wußte, daß der Vater unter solchen Umständen Zeit und Stunde vergaß und das wiederholte Drängen der Mutter durch bloßes Beistimmen erwiderte, ohne doch Anstalt zum Aufbruche zu machen. Sie hatte gewichtige Gründe für einen verlängerten Aufenthalt und Spaziergang auf der Waldhöhe. Es war ihr nämlich in den letzten Wochen völlig unmöglich gewesen, mit Albrecht zusammen zu treffen. Ihr Vater hatte freilich nach jener verhängnißvollen Nacht, die eine so unerwartete Begegnung mit seiner Tochter herbeiführte, wiederholt den Nachbar besucht, allein, was beide Männer miteinander besprochen, welchen Entschluß sie gefaßt haben mochten, konnte Niemand errathen. Indeß traf Ammer ganz im Stillen, wie es seine Art war, die geeignetsten Vorkehrungen, um die unerfahrene Tochter vor Schaden zu bewahren. So lebte denn Flora in einer peinigenden Ungewißheit. Und doch sehnte sie sich so sehr nach einem Zwiegespräch mit Albrecht, mehr vielleicht noch nach einem bestimmenden Worte beiderseitiger Eltern. Der Zufall und die Sitte des Landes mußten in dieser Noth Aushilfe gewähren, und da gab es offenbar keine günstigere Gelegenheit, als der Spaziergang durch Flur und Wald, über Berg und Thal am fröhlichen Gründonnerstage. Nun aber lief man schon weit über eine Stunde in Feld und Busch herum, die Sonne breitete schon goldfarbige Schleier über den Hochwald, der Thau fiel kältend im Thal und noch immer ließ der heiß Ersehnte sich nicht blicken. Flora ward bange, ihre muntere Laune verlor sich, sie verstummte und ließ die Freundinnen plaudern, die es an neckenden Anspielungen nicht fehlen ließen. Da endlich trat Albrecht fröhlich hinter einem dichten Busche hervor und überreichte Flora ein Sträußchen der schönsten Vergißmeinnicht, die er weit und breit an den Bachrändern zusammengesucht hatte. So erklärte sich sein spätes Erscheinen. Flora nahm die Liebesgabe erröthend an und schlug die Augen nieder. Grollst du noch, Goldherz? fragte Albrecht, indem er die Hand des Mädchens ergriff und den voranhüpfenden Freundinnen seiner Geliebten folgte. Du mußt doch sehen, daß ich lieber im Sonnenschein sitze, als im Schatten mir's Fieber hole. Flora antwortete auf diese freundliche Anrede nicht, aber ein rascher Aufblick ihrer schönen Augen sagte ihm, daß ein ganzes Freudenfeuer der Liebe lichterloh in ihrem Herzen brenne. Potztausend! flüsterte Albrecht ihr zu. Das leuchtet ja wie die Berge am Johannisabend! Hast du 'was dawider, wenn ich mir auch ein paar Freudenkerzen an deinen süßen Augen anzünde? Was du nun schwatzest! die Sonne blendete mich. Ja, sie meint's gut, weil sie guter Dinge ist, wie wir. Die hat wohl mehr zu thun, als sich um uns zu kümmern, sagte Flora. Ich möchte ihre Geschäfte nicht verrichten einen ganzen Tag lang, eh' sie herum kommt um den Erdball. Es muß eine Freude sein für sie, wenn sie recht viel Glück sieht auf so 'ner Wanderung; aber das Herz, denk' ich, müßt' ihr brechen, hat sie manchmal nichts zu bescheinen, als das nackte Elend. Das ist schon ganz gescheidt eingerichtet, Florel, erwiderte Albrecht. Es gibt jederzeit ein richtiges Gemenge. Der liebe Gott ist ein grausam kluger Webermeister. Der schießt immer neun Fäden Freude zu einem Faden Kummer ein. Drum hat auch die Welt, wenn man's nur richtig betrachtet, immer ein Feiertagskleid an. Während dieses Zwiegesprächs hatten Ammer und seine Begleiter die jungen Leute, zu denen sich jetzt auch Christlieb und Fürchtegott gesellten, eingeholt. Bist du auch da, Albrecht? fragte Ammer. Wie geht's daheim? Danke der Nachfrage, Herr Ammer, 's ist ja Alles in Schick. Und bei Euch? Viel Arbeit, Albrecht, und schwere Sorgen dazu; aber Gott Lob, ich bin so daran gewöhnt! Sorgen und Mühen sind gesund für Leib und Seele. Die Luft wird kühl, bemerkte Ammer. Wenn wir langsam so fortschlendern, kommen wir gerade heim zum Lichtanzünden! Flora hatte jetzt nichts mehr gegen den Heimweg einzuwenden. Sie betrat selbst den nächsten, nach den Wiesen führenden Fußsteig, auf denen bereits die Abendnebel in weißen Wolkengebilden sich niederließen. Die heimkehrenden Kinder sangen mit hellen Silberstimmen Lieder, indem sie paarweise, blühende Weidenzweige tragend, die Höhen hinuntergingen. Gehst du morgen zum Bach? fragte Albrecht. Flora nickte. Brauchst dich aber nicht umzugucken, fügte sie hinzu; das Wasser könnte dir sonst verderben. Aus der Ferne über die Bergstraße herein scholl der feierliche Klang einer Glocke. Strahlend, den westlichen Himmel in goldnen Schimmer füllend, versank die Sonne hinter den Bergen. Da läuten sie schon Feierabend, sagte Ammer. Die drüben in B. gehen 'was zeitiger, als wir. Unsere Kirchenuhr macht's wie alte Leute. Sie läßt die Jüngern voranlaufen. Horch, da fangen sie auch an zu bimmeln. Bald erklang nun von allen Seiten Glockengeläute, aus den Thälern und von den Bergen, bald leiser, bald lauter; heller als die übrigen aber tönten die Glocken der Stadt, die in vollkräftigem Tenor alle anderen überschrieen. Als die Heimkehrenden die Thalsenkung erreichten, in der sich das freundliche Dorf ausbreitete, verstummte das Geläute nach und nach. Die Glocken schlugen in regelmäßigen Pausen neunmal nach einander an, alle Männer entblößten ihre Häupter, Kinder und Erwachsene falteten die Hände und beteten, still neben einander fortwandelnd ein Vaterunser. Guten Abend beisammen, sprach Ammer, sein silbergraues Haupt mit der phantastisch geschmückten Mütze wieder bedeckend. Seid nun fein fromm, damit ihr unseres Herrn Todestag christlich antretet! Vor dem Dorfe trennten sich die verschiedenen Parteien unter mehrmaligem Gruße. Auch Albrecht sagte dem Weber nebst Frau und Tochter gute Nacht. Im Weggehen drückte er Flora nochmals verstohlen die Hand und flüsterte ihr zu: Erkälte dich nicht beim Wasserholen, damit wir zum Feste einen lustigen Tanz mit einander halten können. Auf Wiedersehen, du liebes Blauauge! Er verschwand in der Gasse und Flora suchte die Purpurröthe ihres Gesichtes dadurch zu verbergen, daß sie sich zu dem jubelnd heranspringenden Bello herabneigte. Zehntes Kapitel. Zwei Herzen finden sich. Abends hatte Flora merkwürdiges Unglück. Sie zerbrach einen Porzellanteller, schüttete die Kartoffeln anstatt in die Schüssel auf's Tischtuch, goß dem Vater das Bierglas so voll, daß es überlief, und als sie der Mutter das Salzfaß reichen sollte, ließ sie es unachtsam fallen, daß ihr der ganze Inhalt desselben in den Schooß rieselte. Ammer sah die Tochter mit großen Augen an und sagte ungehalten: Was hast du denn, Mädel? Bist du ganz und gar messeldrehig geworden? Behüte Gott, die Luft hat mich bloß so zittrig gemacht. Diese Aufregung Flora's, die sich in jeder ihrer Bewegungen kund gab, verließ sie auch in der Nacht nicht. Sie schlief fast noch weniger, als in der vergangenen, doch störte sie diesmal nicht das Plaudern des rauschenden Baches, sondern das ungestüme Klopfen ihres Herzens. So oft sie die Augen schloß, schien es ihr, als fange das Herz an zu reden. Es klang ihr gerade so, als spräche eine übermüthig neckende Stimme immerfort die drei neckenden Worte: »Er liebt dich! Er liebt dich!« Manchmal machte der verrätherische Schwätzer eine kleine Pause, gleichsam um Athem zu holen, und dann hörte es Flora in beiden Ohren lachen. Zu anderer Zeit würde sie sich halbtodt gefürchtet haben und vielleicht gar nicht in der Kammer geblieben sein, heute aber verzog sie ihren frischen purpurrothen Mund nur zu einem schelmischen Lächeln, schloß die Augenlider so fest, daß buntfarbige Bilder in schnellem Fluge, bald schattenhaft, bald glänzend daran vorüberzogen, hüllte sich fester in die weiche Federdecke und sagte sich im Tact des laut klopfenden Herzens die drei Worte halblaut vor, die sie so deutlich zu hören glaubte. Diese Beschäftigung behagte Flora über die Maßen, doch wollte sie ihr den ersehnten Schlaf nicht bringen. Schlummerte sie aber ja auf einige Minuten ein, so sah sie jedesmal Albrecht's schwarzen Krauskopf hinter dem Busche, seine glänzend dunkeln Augen mit dem Ausdruck innigster Ergebenheit auf sie richtend. Früher als am vorigen Tage rüstete sich Flora am Morgen zum Gange nach dem Bache. Hier angekommen, bemerkte sie an den benetzten Schöpfsteinen, daß schon vor ihr Jemand da gewesen sein mußte. Der Volksglaube überwog aber doch ihre Neugierde, weßhalb sie denn schweigend den Krug im Wasser untertauchte und ihn füllte, ehe sie das Köpfchen umwandte und mit scharfem Auge alle Erlenbüsche durchspähte. Niemand war zu sehen. Kein Luftzug bewegte die Bäume, selbst im Rohre, wo es doch immer unheimlich pfiff, rauschte es nicht. Um auch Andere nicht zu stören oder wohl gar einer alten Frau zu begegnen, was für ein sehr unglückliches Zeichen gehalten wird, trat Flora ziemlich schnell den Rückweg an. Am Zaune rastete sie, um einen Blick in die Gasse zu werfen. Sie war öde und still. Flora zog mißmuthig die Augenbrauen zusammen und ging dem Hause zu. Die Blicke auf den Boden heftend, bemerkte sie mit Schrecken, daß in kurzen Zwischenräumen einzelne helle Tropfen auf den Weg träufelten. Mechanisch fuhr sie mit der Hand nach den Augen und fühlte, daß sie weinte. Bei dieser Entdeckung versetzte es ihr den Athem und die Frage: gelten diese Thränen wirklich ihm, weil er mir nicht begegnet ist? drängte sich auf ihre Lippen. So erreichte sie die Granitstufen am Vaterhause. Ohne aufzublicken, stieg Flora langsam hinauf, streckte den Arm aus, um die Klinke zu erfassen, und berührte statt derselben eine warme Hand, die kräftig ihre kühlen, zarten Finger umschlang. Ein lauter Schrei entschlüpfte ihrem Munde, dann ward sie von starken Armen umfangen und ein heißer Kuß brannte auf ihren bebenden Lippen. Das soll mein Frühstück sein zum guten Freitag! sagte Albrecht triumphirend, und wenn's Wasser noch vor Mittag verdirbt, so will ich doch Gott preisen und lustiger singen, als alle Engel im Himmel. Hab' ich jetzt doch meinen Engel geherzt und die Thautröpflein von seinen Aeuglein aufgesogen. Nun behüt' dich Gott, Goldschätzchen! Zum Läuten lug' ich wieder nach dir aus. Der flinke Bursche war längst über den Zaun gesprungen, als Flora, noch immer vor der Thür stehend, von ihrer Ueberraschung sich wieder erholte. Blitzbub', sagte sie jetzt, hätt' er mich nicht zum Glück so fest an sich gedrückt, wär' ich richtig die Stufen hinuntergepurzelt und hätte Hals und Beine brechen können. Aber wahr muß es doch sein, so ein junger Bursche hat nicht für einen halben Böhmen Lebensart! Lauert hinter den Thüren, um die Mädchen zu überraschen und nichts wie lauter ungereimtes Zeug in die leere Luft hinein zu plauschen. Na wart! Wenn ich dich wiederseh', will ich dich ablaufen lassen! An den guten Freitag Morgen sollst du gedenken! Flora's Eltern erfuhren nichts von dieser Begegnung. Beide legten frühzeitig ihren Festtagsstaat an, um den Beginn des Gottesdienstes nicht zu versäumen. Flora that desgleichen, doch ehe sie dazu kam, verbrauchte sie ungewöhnlich viel von dem am Morgen geschöpften Wasser. Sie badete sich wiederholt in der kühlen Fluth Gesicht, Hals und Brust, hatte während dieses Geschäftes gar eigene Gedanken und Wünsche. Dann ging sie, geschmückt wie eine Brautjungfer, mit Vater und Mutter zur Kirche, während den daheim bleibenden Brüdern die Beaufsichtigung des Hauses von Herrn Ammer ernstlich empfohlen ward. Die Kirche war, wie stets am Charfreitage, überfüllt mit Menschen, weil für die Dorfbewohner der Gottesdienst einen ganz eigenthümlichen Reiz erhält durch Absingung der sogenannten »Passion«. Man versteht darunter eine auf Noten gesetzte Erzählung der Leidensgeschichte Christi, bearbeitet nach einem der vier Evangelien. Gewöhnlich hat das Evangelium St.Johannes den Text dazu geliefert und zwar wörtlich nach der lutherischen Bibelübersetzung. Der Vortrag dieser Passion, ein monotones Recitativ, von ungeschulten und gänzlich unmusikalischen Menschen ausgeführt, ist in der Regel ohrenzerreißend. Das genirt jedoch den gläubigen Landmann nicht, der es nur mit der Sache hält und daher den ästhetischen Punkt ganz übersieht. Ammer und seine Familie theilten in dieser Beziehung vollkommen den Geschmack aller Uebrigen und hatten deßhalb an der traurig wüsten Musik nicht das Geringste auszusetzen. Im Hause des Webers ward der Charfreitag als Todestag des Welterlösers sehr stille zugebracht. Ammer duldete an diesem hochheiligen Tage kein Scherzwort, nicht einmal bei Tische, wo er es doch gern sah, wenn die Seinigen recht heiter waren. Wer nicht etwas Ernsthaftes zu sprechen wußte, der durfte gar nicht reden. Gewöhnlich unterhielt man sich über die gehörte Predigt. Ammer verlangte nämlich, daß Jeder die Hauptsätze daraus anzugeben wisse, und machte deßhalb, in derartiger Auffassung geübt, gerne den Examinator. Auch heute vergaß er nicht, darnach zu fragen, allein Flora bestand sehr schlecht. Sie wußte wohl im Allgemeinen, was der Prediger gesagt hatte, einen zusammenhängenden Hauptsatz aber konnte sie nicht angeben. Dies zog ihr einen Verweis vom Vater zu, und als wohlthätige Strafe ward ihr aufgegeben, in allen vier Evangelisten die Leidensgeschichte nachzulesen. Ammer kündigte seiner Tochter an, daß er sie nach abgehaltener Mittagsruhe darüber examiniren werde. Dieses zweite Examen bestand das junge Mädchen besser, weßhalb auch ihre Bitte, an dem schönen Tage wieder durch die Felder zu wandeln, bei dem Vater Gehör fand. Frau Anna schlug anfangs die Begleitung aus, ließ sich aber später doch von den innigst bittenden Augen der Tochter dazu überreden, die nun einmal die Gewalt besaß, Alle mehr oder weniger durch die Anmuth ihres Wesens zu beherrschen. Zur Erinnerung an den Tod Christi wird am Charfreitage auf allen Ortschaften in dieser Provinz eine volle Stunde mit allen Glocken geläutet. Gewöhnlich geschieht dies Abends von fünf bis sechs Uhr. Um diese Zeit pilgern die Landleute, wenn die Witterung einladend ist, durch die Felder. Ueberhaupt sind diese Feldspaziergänge an allen Sonn- und Festtagen sehr gebräuchlich. Aeltere Leute sprechen während derselben über öffentliche und häusliche Angelegenheiten und die Jugend benutzt sie zu Anknüpfungen von Bekanntschaften, die in weiterer Folge häufig Ehebündnisse bedingen. Die Familie Ammer wandte sich heute dem rechts gelegenen höheren Berge zu, um auf seinen waldbekränzten Höhen das Feiertagsgeläute aus recht vielen Dörfern zu hören. Auf dem Wege dahin mußten sie das Rohr durchschneiden, eine Passage, die für Frauen mit einigen Beschwerlichkeiten verbunden war, indem der schmale Pfad selten austrocknete und der starke Bach im Frühjahr gewöhnlich die schmale Brücke überfluthete. Wie schon bemerkt, war diese Gegend gewöhnlich sehr einsam, heute aber hatte sich ein Schwarm Knaben darin angesammelt, die junge Sprößlinge suchten, um die beliebten Pfeifchen daraus zu schneiden. Ammern machte es Vergnügen, die Rührigkeit der muntern Jugend zu betrachten, und obwohl die kleinen Plünderer seinem Eigenthum arg genug mitspielten, ließ er sie doch nicht hart an. Laßt mir zu meinem Bedarf nur auch 'was übrig, ihr Schäker! war die einzige Warnung, die er sanft drohend den Knaben zurief. Inzwischen erreichten die Spaziergänger den schäumenden Bach. Dieser hatte sehr viel Wasser und überfluthete strudelnd nicht nur den schmalen Holzsteg, sondern auch noch die auf denselben zu bequemerem Ueberschreiten gelegten Schrittsteine. Ammer ging rasch voraus und kümmerte sich mit seinem starken Schuhwerk nicht um die klare Welle, die ihm bis an die Knöchel reichte. Für die Frauen aber war dies ein unangenehmer Zufall. Ihre leichte Fußbekleidung konnte solche Hindernisse unmöglich überwinden. Frau Ammer rief deßhalb ihrem Manne zu, er möge zurückkommen, damit man auf einem weiteren, oben durch die Waldung führenden Wege die Höhe des Berges erklimmen könne. Allein davon mochte der Weber nichts hören, der es sich in seinem ganzen Leben zum Gesetz gemacht hatte, jeden Versuch gut oder übel zu Ende zu führen. Er bestand darauf, Mutter und Tochter sollten allein umkehren und später auf dem Berge wieder mit ihm zusammentreffen. Dies veranlaßte einen kleinen Wortwechsel, der Ammer's gute Laune zu trüben begann. Da erschien zu rechter Zeit in der Person Albrechts, der seinem Nachbar in einiger Entfernung gefolgt war, ein Retter in der Noth. Was braucht's da viel Reden, Vater Ammer, sagte der junge Mann, höflich grüßend. Es müßte doch curios aussehen, wenn der Vater allein die steile Berglehne hinaufkröche, um Mutter und Tochter liefen wie verirrt durch die Felder. Wenn Jungfer Florel nichts dawider hätte, wüßt' ich wohl Rath. Während er noch sprach, hob er mit starkem Arm die liebe Last vom Boden auf und trug sie lachend über die Brücke. Auch die Mutter mußte sich darein fügen, auf gleiche Weise zu den Ihrigen zu gelangen. Durch diesen kleinen Ritterdienst erwarb sich Albrecht das Recht, die Familie Ammer begleiten zu dürfen. Es wäre unhöflich und gegen allen Brauch gewesen, den jungen Mann daran verhindern zu wollen, weßhalb es denn der Weber geschehen ließ, obwohl man ihm ein starkes Mißbehagen anmerkte. Er schritt den Uebrigen voran, nahm gar keinen Theil an dem Gespräch, das Albrecht im Flusse zu erhalten wußte, und gab selbst auf mehrmals an ihn gerichtete Fragen keine Antwort. Laßt ihn nur, sagte Frau Anna. Wären wir ihm nachgewatet durch's Wasser und hätten dabei die Pantoffeln verloren, so würde er lachen, daß ihm die Mütze wackelte. Er kann just's Aendern nicht leiden. Auf der Klippe des Berges angekommen, legte sich Ammer am steilsten Abhange auf eine Felsenplatte, ließ die Beine über die schroffe Wand herunterbaumeln und schlug mit den Absätzen im Tact der Glocken, die inzwischen zu läuten begannen, gegen das Gestein. Ammer, sagte Frau Anna, die sich über solchen Eigensinn ärgerte, wenn du mit Gewalt Hals und Bein brechen willst, kannst du's bequemer haben. Klett're auf den Heuboden und falle 'runter; da können wir nachher die Gebeine in Schnupftücheln zusammenlesen. Als Antwort auf diese freundliche Verwarnung nahm Ammer grüßend die Mütze ab, kehrte den Seinigen den breiten Rücken zu und rutschte noch ein Stück weiter vor auf die Klippe. Ich koch nur so vor Aerger! sprach Frau Anna zu Albrecht, 's ist so ein kreuzbraver, guter und gescheidter Mann, wenn ihm Alles nach seinem Sinne geht, man kann ihn um die Finger wickeln, und itzund murrt er und mault, weil wir uns die Strümpfe nicht verdorben und kein kalt Fieber noch dazu geholt haben! Oja, die Männer, sie haben wohl zuweilen Köpfe, daß einem graust! Mutter, sprach Flora, willst du mir einen Gefallen thun? Das weißt du ja, Kind. Nun, da gib Acht, wie ich den Vater von seiner Dummheit curire. Sie stand von dem Moossitze auf, den sie bisher zwischen Albrecht und ihrer Mutter eingenommen hatte, ließ ihre Pantoffeln auf dem weichen Sitze zurück und schlich sich auf den Zehen zu dem Schmollenden. Ihre Hand sanft auf dessen Schulter legend, sagte sie zu ihm: Vater, hörst du's Läuten? Ammer sah sie schielend von der Seite an, legte den Knopf seines Stockes an den Mund und brummte. Wenn man so drauf hört, fuhr Flora fort, so klingt's bald accurat wie »Gott vergib uns unsre Schuld!« 's wird einem ordentlich ganz versöhnlich um's Herz. Horch, da klingt's eben wieder so recht bittend über den Wald herein! Ob sie wohl schon geläutet haben mögen, wie der Herr Christus gekreuzigt wurde? Ich kann mir's nicht denken und gelesen hab' ich auch nichts davon im Chronikbuche, es müßten ja sonst alle Ungläubige, Spötter, Frevler und Unversöhnliche erschrecken und vor Schaam sich in die Erde hineinverkriechen bis über die Augenbrauen, wenn sie noch länger dumm thun wollten, und dächten doch dabei, an Christi Leiden und Sterben! Horch, da klingt's schon wieder: Gott vergib uns unsre Schuld. Ammer war längst aufgestanden, sah sein kluges Töchterchen wohlgefällig an und drehte fleißig seinen kostbaren Rohrstock in den Händen. Bist du jetzt fertig? fragte er die allerliebste Predigerin, 's wundert mich grausam sehr, warum 's unser Herrgott nicht zugibt, daß die Weiber als Apostel, Propheten und Missionäre nach aller Welt Enden gehen! 's müßt' eine Freude sein zu sehen, wie die Heiden ihre Götzen zerschlügen, blank um weiter nichts, als weil irgend ein hübsches Rosenmäulchen von Liebe und Versöhnung eine erbauliche Rede vor ihnen hält! Itzund geh', Mädel, und such' deine Pantoffeln, sonst wirst du dir die Füße doch noch erkälten, wenn du auch's Bachwasser nicht berührt hast. Flora nahm ihren vorigen Platz wieder ein und flüsterte der Mutter zu: »Gelt nun thust du mir einen Gefallen?« Du willst's wohl gar versiegelt und verbrieft? Behüte Gott, aber du sollst Augen machen! Ammer störte die Fortsetzung dieses kurzen Zwiegespräches, worüber sich Flora nicht sehr zu grämen schien; denn während sich Vater und Mutter leise unterhielten, lauschte sie gar aufmerksam den zierlichen und wohlgesetzten Redensarten, die ihr Albrecht zuflüsterte. Sie mußten ihr wohl gefallen, denn ihr Gesicht strahlte vor Freude, ja, sie ward so ganz Auge und Ohr für Albrecht, daß sie weder das harmonische Glockengeläute, noch den zweimaligen Ruf ihres Vaters mehr hörte, der zum Aufbruch mahnte. Ei so schwatzt, daß euch die Schnäbel abfallen! sagte er, seinen Rohrstock zwischen Beide schiebend. Das muß was Großes sein laßt ihr's nicht in die Zeitungen rücken? Etwas verlegen brachen die beiden jungen Leute ihr lebhaftes Gespräch ab. Es war spät am Abend, als sie das Dorf wieder erreichten. Ehe Albrecht sich verabschiedete, vertrat ihm Ammer den Weg. Halt noch einen Schlag, sprach der Weber. Du hast meiner Frau und Tochter heute ungebeten einen Gefallen gethan, wofür ich in deiner Schuld bin. Geschenkt nehm' ich aber nichts, das weißt du so gut, wie es dein Vater weiß. Drum wird mir's lieb sein und den Meinigen auch, wenn du und deine Eltern auf die Feiertage bei uns ein Schälchen Kaffee trinken wollt. Kuchen kann ich dir nicht versprechen, denn sie sollen erst gebacken werden, und wenn meine Frau sie verbrennt, so kann ich dir nichts vorsetzen als Brod und Butter. Wirst du kommen? Und wenn's Betteljungen regnete, Vater Ammer! Dann gute Nacht und einen Gruß zu Hause. Ammer schüttelte dem jungen Manne die Hand, ließ die Frauen voraus in's Haus gehen und verriegelte dann eigenhändig die Thür, was er sonst nie zu thun pflegte. Das hätte noch Zeit gehabt, bemerkte Anna. So ist's besser, versetzte der Weber. In der Charfreitagsnacht trau' ich niemals. Da hält sich alles Volk, das auf krummen Wegen geht, der heiligen Zeit wegen für sicher. Elftes Kapitel. Der stille Sonnabend. Am nächsten Morgen eilte Albrecht vergebens noch vor Sonnenaufgang an den Bach, um Flora zu sprechen. Das junge Mädchen kam nicht. Sie war zwar rechtzeitig erwacht und auch bereits auf dem Sprunge, das Haus zu verlassen, als die Mutter sie rief. Frau Anna trieben heute gar wichtige Geschäfte früher aus den Federn. Sie mußte Osterfladen backen und später die Säuberung des ganzen Hauses vom obersten Sparren bis zur Hausdiele herab wenigstens mit eigenen Augen überwachen. Sie hatte die halbe Nacht in den süßesten Träumen zugebracht, denn sie konnte sich aus Rosinen und Mandeln nicht herausfinden. Die Sorge um das ihr bevorstehende wichtige Geschäft ließ sie jedoch nicht recht zur Ruhe kommen, der leichte Schritt der Tochter, die abermals Wasser schöpfen wollte, weckte sie, und um nicht lange auf die rüstige Gehilfin warten zu dürfen, rief sie der Davoneilenden in mütterlichem Eifer nach, sie möge sich sputen. Eine so ärgerliche Störung war dem Mädchen höchst unangenehm. Die Heimlichkeit, welche nach der Behauptung des Volkes dem Wasser allein Kraft und Weihe verlieh, war gestört durch den Ruf der Mutter; sie fürchtete Unglück zu haben, den ganzen Tag lauter thörichte Dinge zu thun und am Ende gar mit trüben Ahnungen, das heilige Fest anzutreten. Sie antwortete deßhalb der Mutter, um sich jeden Ausweg auf einmal abzuschneiden, und stellte den schon ergriffenen Krug wieder in den sichern Winkel. Frau Anna war damit sehr zufrieden. Sie zündete selbst Feuer im Ofen an, was sie an andern Tagen regelmäßig der Dienstmagd überließ, rückte die Milchfässer zurecht, damit sie gleichmäßig durchwärmt werden möchten, und als ihrem Gefühle nach das Zimmer die gehörige Temperatur erreicht hatte, ließ sie das Feuer langsam wieder erlöschen. Das war so herkömmlich seit vielen Jahren. Frau Anna sah es nicht gern, wenn ihr Jemand drein redete, und mochte deßhalb nur solche Personen um sich leiden, die ihren Befehlen unbedingt gehorsamten. Ammer wußte das längst, dennoch konnte er kleine Neckereien nicht unterlassen. Zwar kümmerte er sich nicht um das Schaffen seiner Frau an solchen Tagen, so oft ihn aber sein Weg durch das Wohnzimmer führte, wo die große That vorbereitet ward, machte er jedesmal schlechte Witze, tadelte die Hefe, die Milch, nannte die Butter alt, schimpfte auf die mancherlei Zuthat, die doch stets vortrefflich war, und hatte die schadenfrohe Genugthuung, durch seine unnützen Bemerkungen seine Frau entschieden verdrießlich zu machen. Erst wenn Anna, in solchem Falle reizbar, ihm ein paar Grobheiten erwiderte, zog er lachend von dannen, indem er sich achselzuckend in sein Schicksal fügte, das, wie er meinte, die Männer an solchen Tagen unter das Pantoffelregiment der Weiber stelle. Obwohl Flora von der widerfahrenen Störung anfangs unangenehm berührt ward, machte ihr später das Umherstreichen Albrechts doch viel Vergnügen. Unbemerkt beobachtete das spähende Mädchen durch eine Spalte im Fensterladen den harrenden Jüngling, der sich heute so bitter in seinen Erwartungen getäuscht sah. Inzwischen belohnte sich die rastlose Thätigkeit Frau Anna's an diesem Tage in glänzender Weise. Das Feiertagsgebäck, dessen Nichtvorhandensein wir müssen es unumwunden sagen den Weber sehr ärgerlich machen konnte, obwohl er es Niemand gestand, gerieth vortrefflich, und Ammer ließ es sich zur Genugthuung von Mutter und Tochter eben so trefflich munden. Nachmittags begann die Säuberung des Hauses, wobei Jeder, sofern nicht der Hausherr für sich seine Dienste in Anspruch nahm, ohne Gnade helfen mußte, und so wurde es ermöglicht, daß zur Feierabendstunde Alles beendigt war und sämmtliche Hausgenossen sich nach Belieben auf die nächsten Fest- und Freudentage vorbereiten konnten. Die Abendstunden des »stillen Sonnabends« wurden, diesem Namen entsprechend, in größter Stille und eigenthümlicher Weise zugebracht. So gern Ammer es sah, wenn des Abends zuweilen ein Nachbar bei ihm einsprach, an diesem Tage ward kein Besuch angenommen, was freilich ein Leichtes war, da ohnehin keiner kam. Diejenigen, welche mit dem Weber auf freundschaftlichem Fuße lebten, kannten seine Eigenthümlichkeiten zur Genüge und wußten, daß er den abendlichen Rest dieses Tages nur im Kreise seiner Familie zuzubringen pflege. Frau und Kinder mußten sich nach dem frugalen Abendessen um den viereckten Tisch von Lindenholz setzen, alle Arbeit ruhen lassen und einer Lectüre Ohr und Herz leihen, an der sie sehr wenig Geschmack fanden. Ammer las nämlich in eigener Person aus Klopstock's »Messiade« vor, die er von seinem Pathen, einem Gelehrten, bei der Confirmation zum Geschenk erhalten hatte, und welche beiläufig das einzige Werk deutscher Literatur war, das er besaß und kannte. Er hatte es wirklich schon einigemale durchgelesen und sich immer wieder von Neuem daran erbaut, da es ihm eine zweite Bibel zu sein schien. Freilich vergingen Jahre, ehe sämmtliche Gesänge durchgearbeitet wurden, allein das störte den in seiner Ausdauer unermüdlichen Weber nicht, und noch weniger durften seine Zuhörer sich dagegen auflehnen. Frau Anna war an diese Feier des Abends vor dem Osterfeste so gewöhnt, daß sie etwas vermißt haben würde, wäre die Lectüre ganz unterblieben. Flora und ihre Brüder waren aber zu lebhaft, zu übermüthig und zu jung, um an den ernsten Versen des gottbegeisterten Sängers, die im Munde ihres Vaters auch nicht gerade an Wohlklang gewannen, Gefallen finden zu können. Flora fing daher regelmäßig während der Lectüre an zu gähnen, erst verstohlen, dann laut, und wenn sie ihre Langeweile durch so unzweideutige Zeichen kundgegeben hatte, begann sie mit den Augen zu blinzeln, mühte sich vergebens eine halbe Stunde ab, die schweren Lider offen zu halten, bis zuletzt Müdigkeit und Langeweile sie gänzlich überwältigten und das gute Kind neben der lächelnd zuhörenden Mutter sanft einschlief. Den Brüdern erging es nicht besser, doch verhielten sie sich ruhig, bis des Vaters monotone Stimme sie ebenfalls glücklich in festen Schlaf einlullte. Ammer, nur mit dem Buche beschäftigt und überdies ein großer Verehrer des Dichters, der ihm höher stand als David, der Psalmist, merkte nichts von der Schlafsucht seiner Kinder. Er las, ohne aufzublicken oder einzuhalten, bis die schwarzwälder Uhr auf Neun aushob. Bei diesem Schnarren des Räderwerkes machte er mit dem Daumennagel ein Zeichen in's Buch, legte seine Hornbrille zwischen die Blätter und schlug es zu. Jetzt erst sah er sich um nach seinen Zuhörern. Da saß Frau Anna aufrecht wie eine Statue, die Arme über die Brust gekreuzt, mit dem Rücken gegen die Holzwand gelehnt. Sie sah mit ihren gutmüthigen blauen Augen gerade vor sich hin und rührte keine Fiber. Neben ihr, das lockige Köpfchen an die Schulter der Mutter lehnend, schlummerte Flora den glücklichen Schlaf der Jugend und Unschuld. Weiter unten am Tische nickten Christlieb und Fürchtegott um die Wette. Wie Ammer diese seltsame Gruppe gewahrte, schlug er mit der Faust hart auf den Tisch und sagte: Wo siehst du hin, Mutter? Hörst du nicht, daß es auf Neun aushebt? Darauf zwinkerte Frau Anna mit den Augen und versetzte: Ist's wirklich schon neun? Ja, ja, die Zeit vergeht rasch. Sie würde aber schlecht bestanden haben, hätte ihr Eheherr sie über das Gehörte examiniren wollen; denn der Wahrheit gemäß müssen wir melden, daß die gute Frau so viel wie gar nichts gehört, wohl aber über tausend andere wichtige und unwichtige Dinge nachgedacht hatte. Und die Heidenkinder schlafen, Gott versorge mich, richtig wieder! fuhr Ammer fort, seinen Schemel mit der blau angestrichenen Lehne polternd zurückschiebend, daß Flora und ihre Brüder darüber erschrocken aufwachten, 's ist kein Christenthum mehr in der Jugend, grollte er fort, die abgelaufenen Gewichte der Wanduhr aufziehend. Anna entschuldigte die Kinder mit den mancherlei Geschäften des Tages, die sie ermüdet hätten, während Flora erröthend hinter dem Tische hervorschlüpfte, ihren Brüdern einen Wink gab, den Eltern gute Nacht wünschte und geschwind das Zimmer verließ. Ihrem Beispiele folgten alsbald die Brüder. Ammer murrte und brummte noch eine Weile über Unachtsamkeit und zerstreutes Wesen der Seinigen, ließ es aber ruhig geschehen, daß die Mutter ihn mit sich fortführte. Ein paar Minuten später schlief das ganze Haus. Man hörte nur noch das Klopfen des Holzwurmes im Getäfel und das Plätschern des Waldbaches im Erlengebüsch. Zwölftes Kapitel. Zu viel Glück. Sobald der letzte Glockenschlag der Mitternachtsstunde verhallt ist, beginnt am Ostermorgen in Städten und Dörfern ein allgemeines Läuten, das ebenfalls, wie das Trauergeläute am Charfreitage, eine Stunde dauert und den sorglos Schlummernden mit lautem Freudenschalle den Anbruch des Auferstehungsmorgens verkündigt. Dies Geläut wünschte Jeder gern zu hören, weßhalb in allen Familien auf rechtzeitiges Erwachen beim ersten Zusammentönen der Glocken geachtet wird. Diesmal hätte es jedoch Ammer, der sonst regelmäßig zuerst im ganzen Hause erwachte, wohl verschlafen, wäre nicht Flora als Retterin erschienen. Ihr feines Ohr vernahm den ersten Ton der metallenen Sänger und geschwind huschte sie in die Kleider, um die Eltern im Nebenzimmer zu wecken. Das junge Mädchen hatte bisher nur im Halbschlummer zugebracht. Halb angekleidet auf ihrem Lager ruhend, lauschte sie jetzt dem leise geführten Gespräche der Eltern, die sich weniger aus Bedürfniß als aus Vorsicht unterhielten, um während der Pausen nicht wieder einzuschlafen. Sie suchte sich damit die Zeit zu vertreiben, daß sie bald die gewaltig dröhnenden Schläge der großen, dann wieder das schrillende Gebimmel der kleinen Glocken zählte. Verstummte das Geläut auf einige Zeit, so hatte sie genug zu denken, um nicht vom Schlafe überwältigt zu werden, und als die Stunde vergangen war, vertiefte sich Flora in das Chaos der Zukunft, das als ein schimmerndes, von tausend Reizen verlockend umstrahltes Bild vor den Augen ihres Geistes stand. Phantasie und leiser Traum verschwammen in diesem Schwärmen der glücklichen Seele auf wundersame Weise, so daß Flora wachend träumte und träumend wachte, ein Zustand, der bei langer Dauer Geist und Körper gleichmäßig abmattet, dem aufgeregten Mädchen aber höchlichst erwünscht war, da er ihr die Fähigkeit gab, sich in jeder Minute zu ermuntern. So gelang es ihr, lange vor Sonnenaufgang das Lager verlassen zu können. Auf leisen Socken schlüpfte sie durch das Schlafzimmer der Eltern, die Treppe hinunter, und war binnen wenigen Augenblicken im Baumgarten. Sie freute sich, gerade am Ostermorgen die Erste am Bache zu sein, denn sie trug sich mit gar wunderlichen Gedanken und Wünschen. Was man sich aber beim Wasserschöpfen am heiligen Ostertage recht von Herzensgrunde wünscht, das geht im Laufe des Jahres in Erfüllung. Ueber dem Rohr stand eine Wand dicken, weißen Nebels, der sich längs des Waldbaches in phantastischen Bildungen fortzog. Auf dem jungen Grün des Grases lag starker Thau, so daß Flora's Pantoffeln auf dem kurzen Wege ganz durchnäßt wurden. Am Buchenzaune, wo sie die Krümmungen des Baches thalwärts übersehen konnte, warf sie einen spähenden Blick nach dem offenen Uferplatze. Er war leer, rundum Alles still das Herz klopfte ihr vor Freude, sich allein zu wissen. Flora ging behutsam die abschüssige Stelle hinab, raffte die Kleider zusammen, um nicht darüber zu straucheln, und stand schon am plätschernden Bache, dessen Nebel sie wie zarte durchsichtige Schleier umwehten. Da trat an der andern Seite hinter den Erlenbüschen eine Gestalt hervor. Beide erblickten, erkannten einander zu gleicher Zeit, und als hätten sie sich verabredet, riefen sie sich zu gleicher Zeit guten Morgen zu. Beide Hände berührten sich, sie vergaßen den Zweck ihres Kommens, und da Albrecht denn er war es das liebe Mädchen sanft an sich zog, es mit kräftigen Armen umschlang und einen heißen Kuß auf ihre frischen Lippen drückte, widerstrebte Flora nicht. Warte, Schalk, sprach der junge Mann, warum hast du mich gestern in den April geschickt? Dafür mußt du gestraft werden. Und abermals drückte er das liebliche Mädchen an sich und bedeckte ihr Mund und Augen mit zärtlichen Küssen. Ich hab' dich wohl herumstelzen sehen im Garten und an der Thür klinken hören, versetzte Flora heiter lächelnd, aber weil mich die Mutter angerufen... Ach, du lieber Gott, unterbrach sie sich erschrocken, da haben wir uns schön hinter's Licht geführt! Was denn, mein Schätzchen? Mit dem Wasserschöpfen! Und ich dacht' es so klug eingefädelt zu haben! Albrecht, das bedeutet Unglück! Wie sollt' es! Du bist ja ein junges hübsches Mädchen, keine alte runzliche Hexe. Der Segen ist aber fort – ich mag keins haben! Still doch, Närrchen, dem Unglück, wenn's eins ist, kann abgeholfen werden. Mit deinen Faxen? Gelt, Florel, 's geht, wenn du mich anhören willst. Ich seh' keinen Rath. Aber ich, Florel! Sieh' mir in's Aug', Herzchen, so! – Nun, du glattes, sanftes Maikätzchen, steht's da nicht drin geschrieben mit Auferstehungs-Morgenroth, daß ich dich lieb hab'? Daß ich dich herzen möchte und küssen mein Leben lang? Daß du meine Braut, mein Weib sein sollst? Und wird's uns nicht doppelten Segen bringen, wenn wir als Brautleute vor dem allsehenden Auge Gottes zusammen den Krug füllen am Ostertage? Flora sah den Jüngling mit feucht glänzendem Auge an. Ein paar Thränen perlten an ihren zarten Wimpern. Glückliches Lächeln umspielte ihren rosigen Mund und indem sie den jungen Mann herzig umarmte, sprach sie sanft weinend: Nun, Albrecht, wenn du's ehrlich meinst, so walt' es, Gott! Albrecht Seltner küßte Flora mit freudigem Ungestüm, dann faßten Beide einen und denselben Krug, tauchten ihn zusammen unter in der rauschenden Welle, theilten das Wasser und drückten sich freudig verklärt die Hände. Flora war an diesem Morgen gar feierlich still. Sie schmückte sich mit besonderer Sorgfalt zur Kirche, wohin sie Vater und Mutter der Sitte gemäß bekleidete. Auch bei Tische erschien sie ernster als sonst und etwas nachdenklich-zerstreut. Nachmittags erschien Albrecht, dem nach einiger Zeit seine Eltern folgten. Ammer bemühte sich, ein Gespräch in Fluß zu bringen, allein dies wollte ihm nicht recht glücken. Albrecht war zwar froh, zeigte sich aber auffallend zerstreut, und Seltner, der überhaupt in der Regel wenig sprach und dem reichen Nachbar gegenüber einer gewissen Befangenheit nicht völlig Meister werden konnte, ließ sich immer nur erzählen, ohne selbst gesprächsweise etwas auszugeben. Der Weber wandte sich deßhalb wieder an Albrecht, allein dieser war und blieb zerstreut. Du bist heute recht fahrig, sagte Ammer nach einer Weile zu ihm. Man sollte meinen, du hättest die Gedanken wo anders. Ist dir 'was passirt? Ihr habt's just errathen, Herr Ammer, versetzte der Jüngling, aber Ihr könnt mir helfen, wenn Ihr mich anhören wollt. Ich bin krank. Da kommst du bei mir an den unrechten Mann. Ich bin kein Doctor, der sich auf's Quacksalbern versteht. 's braucht blos ein Wort, Vater Ammer, um mich zu curiren, und das könnt Ihr schon aussprechen. Ich bitt' Euch darum. Ei so sag's gerade heraus, daß ich klug daraus werde! Eines Mannes Rede muß kurz sein und verständlich. Ich mein' es wohl auch. Erschreckt nur nicht, wenn ich Euch bitte, mir Euer Liebstes zu geben, Vater Ammer! Die Florel ist meine Braut seit heute Morgen. Schon Braut? erwiderte Ammer, den jungen Mann mit seinen durchdringenden Augen ernst ansehend und seine Mütze in den Nacken schiebend. Das ist 'was schnell gegangen. Wenn ich nun Nein sage? Das werdet Ihr nicht, Vater Ammer, versetzte Albrecht. Meine Eltern sind unterrichtet und haben nichts dawider, auch sprach der Vater, daß ich mich auf Eure Einwilligung verlassen könnte. Am Bache heute Morgen bei Sonnenaufgang haben wir uns denn in Gottes Namen versprochen. Es ist so, wie er sagt, Ammer, warf Seltner ein. Ich denke, es wird gut sein, daß wir ein Ende machen. Sie kennen sich lange genug und das Unsrige bleibt so hübsch beisammen. Ammer sah mit strengem Blick bald auf seine Frau, bald auf seine Tochter. Flora schlug erröthend die Augen nieder und reichte in ihrer Verlegenheit dem Jüngling die Hand, Frau Anna faltete die Hände, als wolle sie beten und sagte: Ich habe nichts dawider; sie werden, will's Gott, glücklich sein mit einander. Jetzt nickte auch Ammer beistimmend und mit der ihm eigenen Würde Seltnern zu, reichte ihm die Hand und sprach: Nun, ein Friedenstörer und Herzensbrecher bin ich mein Tage nicht gewesen, und wo ich 'was anzettelte, das mir später die Gedanken schwer und finster machte, da hab' ich immer bald wieder mit der Manier, ohne mir etwas zu vergeben, auf passendem Wege eingelenkt. Aber mit Euch Beiden geht mir die Sache zu rasch. Ich wüßte nicht einmal, ob ich's Mädel mit Leinewand ausstatten könnte, wie Ammer im Rohr es soll und will, wenn er seine einzige Tochter verheirathet. Nur hübsch douce! Ihr seid jung, Kinder, mit dem Heirathen also kann's wohl noch eine Weile anstehen. Daß Ihr einander liebt, will ich Euch nicht wehren. Konnt's mir wohl denken verwichen , als ich hier hielt er plötzlich inne, fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er eine trübe Erinnerung verwischen, und ein halb unterdrückter Seufzer entrang sich seiner Brust. Nun, fuhr er, sich schnell wieder fassend, fort und seine Stimme ward heiterer, metallreicher, ich mag kein Rabenvater sein und von vielem Vernageln der Thüren und Verriegeln der Fensterladen war ich niemals ein aparter Freund. Also mag es sein, wie Ihr sagt. Jedennoch geheirathet wird jetzt nicht! Ihr bleibt itzund Brautleute ein Jahr lang, dabei sollt Ihr gescheidt und fein ruhig werden. Stimmen die Herzen dann noch zusammen, so wird es auf künftige Ostern eine Hochzeit geben, von der die Leute im Gebirge lange reden sollen. Ist's so recht, Ihr Wirrköpfe? Wir brauchen wohl nicht zu erwähnen, daß die beiden jungen Leute sich hoch beglückt fühlten und dies in ihrer lebhaften, ungenirten Weise jetzt zu erkennen gaben. Die Zungen waren fortan gelöst, die peinliche Zerstreuung, welche das Gespräch hemmte, machte der ausgelassensten Heiterkeit Platz. In der glücklichsten Stimmung verbrachten die würdigen Menschen ein paar Stunden. Am meisten erleichtert und gleichsam gehoben zeigte sich Ammer, der im Stillen sich sagen mochte, daß er jetzt endlich für immer eine Schuld von sich gewälzt und gänzlich ausgetilgt habe, die er aus eigensinniger Starrheit und durch unlautere Vorspiegelungen eines Gewinnsüchtigen vor Jahren auf sich geladen hatte. Fortan gingen die Interessen der Familie Ammer und Seltner Hand in Hand und es blieb dem reichen Weber unbenommen, bei der später auszurichtenden Hochzeit seiner Tochter eine Mitgift zu geben nach seinem Belieben. Sehr vergnügt über diese glückliche Wendung zeigten sich auch Flora's Brüder. Diesen hatte das Verhältniß der Schwester oft unruhige Stunden gemacht, weil sie fürchteten, der Vater werde so leicht nicht seine Einwilligung geben zu einer Verbindung mit dem unbemittelten Nachbar, der eben, weil er im Verhältniß zu Ammer arm genannt werden mußte, diesem nach den Volksbegriffen am Range nicht gleich stand. Um so größer war jetzt die Freude der Brüder, die nunmehr den allgemein geachteten und beliebten Albrecht als zu ihnen gehörig betrachten durften. Ammern hatte das wohlgerathene Feiertagsgebäck seiner Frau nie so vortrefflich geschmeckt. Er ließ es sich daher auch gehörig munden und fand an seinem zukünftigen Verwandten einen tüchtigen Gehilfen. So neigte sich die Sonne dem Gebirgskamme zu. Weil bei der heitern, stillen Luft der Sonnenuntergang eine schöne Beleuchtung verhieß, schlug der Weber vor, diese im Freien zu genießen. Alle waren einverstanden. Schon hatte Ammer seinen Rohrstock erfaßt und war im Begriff, das Haus zu verlassen, als von fern das Schmettern einer Trompete, oder war es ein recht laut schreiendes Posthorn, sich hören ließ. Alle horchten auf, weil fast niemals eine Extrapost diese Straße einschlug, am allerwenigsten an hohen Feiertagen. Der Ton wiederholte sich in kurzen Pausen und kam schnell näher. Bald zeigte sich ein Trupp Menschen, meistentheils junge Bursche, die eben im Begriff standen, ihr Feiertagsvergnügen außer dem Hause suchen zu wollen. Eine mit vier Pferden bespannte Kalesche, welche von zwei Postillonen geleitet wurde, kam die holprige Straße herauf. Beide bliesen auf ihren Messinghörnern einen lustigen Marsch, so gut es eben gehen wollte. Vor dem Hause des reichen Webers machten sie Halt. Ein sehr fein gekleideter Herr, in dem Christlieb sogleich Herrn Zobelmeier wieder erkannte, schwang sich aus dem Wagen und trat höflich grüßend und mit einer wahrhaft seligen Miene auf Ammer zu, dessen stattliche Gestalt ihm sogleich in die Augen fallen mußte. Habe ich die ganz besondere Ehre, Herrn Ammer, den Aeltern, zu sprechen? fragte der Reisende aus Wien. Ammer lüftete ein wenig seine Bibermütze und sah den Fremden stolz und neugierig zugleich an. Dann sagte er trocken: Ich heiße Ammer, insgemein Ammer im Rohr. Steht was zu Diensten? Die neugierigen Dorfbewohner hatten einen Halbkreis um den mit Vieren bespannten Wagen gebildet. Zobelmeier gab jetzt einen Wink mit der Hand, worauf die beiden Postillone einen Tusch bliesen, während der Reisende seine Mütze schwenkte und dreimal, so laut er es vermochte, ein Lebehoch rief. Auf Ammer's Gesicht trat die Röthe des Zornes. Herr, sprach er hastig zu dem Fremden, mögen Sie sein, wer Sie wollen, ich verbitte mir jeden Spaß, den Sie sich mit mir etwa zu machen gedenken, und damit der hehre Tag nicht noch mehr entweiht werden möge durch thörichte Narrentheidinge, werde ich nach dem Richter schicken und Sie in Haft nehmen lassen. Das ist so Brauch hier zu Lande! Schaun S', das werden Sie halt schon bleiben lassen, erwiderte lachend Herr Zobelmeier. Was auch Brauch sein mag hier zu Lande, es kann's einem Menschen doch kein Kaiser und kein Gesetz verbieten, daß er frohlockt über das Glück seiner Nebenmenschen. Zobelmeier hatte sein Taschenbuch hervorgelangt und blätterte darin. Er nahm ein Papier heraus, entfaltete es und hielt es Ammer hin. Kennen S' die Nummern da? fragte er. Ammer erblaßte. Er griff nach seinem Haupte und stieß durch die heftige Bewegung der Hand die Mütze herab. Die große, starke Gestalt des Webers befiel ein fieberhaftes Zittern. Sein S' doch gescheidt und erschrecken sich nicht, Herr Ammer, fuhr Zobelmeier fort, 's hat keine Noth mit Ihnen. Sie haben halt grausiges Glück gehabt und hunderttausend Gulden Münz' gewonnen im Lotto. Das ist Alles. Hurrah, hoch! Wieder schwenkte der Reisende seine Mütze, wieder schmetterte der Tusch der Postillone, welche die Herolde dieser Freudenbotschaft waren, und die umstehenden Gaffer, hingerissen von dem Außerordentlichen, stimmten mit ein in den Jubelruf. Auch Fürchtegott und Christlieb vermochten ihrer Freude nicht mehr Herr zu werden. Sie umarmten einander und drehten sich lachend und springend im Kreise. Flora blickte überselig in die Augen ihres Bräutigams und schmiegte sich warm an seine Brust. Ammer aber brach beinahe unter der Last dieses unerwarteten Glückes zusammen. Jede Muskel seines Gesichts zuckte, kalter Schweiß fiel in großen Tropfen von seiner bleichen Stirn. Zerstreut und um doch etwas zu thun, griff er mit zitternder Hand nach seinem Hornkamme und strich wiederholt die Fülle seiner grauen Locken damit in den Nacken. Endlich ermannte er sich wieder: Er nahm die Mütze auf, verbeugte sich vor dem Glücksboten und sagte matt und fast tonlos: Zu viel Ehre – für einen schlichten Weber. Wahrhaftig zu viel! Treten Sie ein in mein niedriges Haus! Zu viel – zu viel Glück ! Jedennoch, so der Herr oder oder der Zufall es gegeben hat, so will ich es annehmen mit demüthigem Herzen, damit ich es redlich verwalten und als ehrlicher Mann zurückgeben kann, wenn es dereinst wieder von mir gefordert wird. Treten Sie näher! Florel, gib mir ein Glas Wein! Ich fühle ein trauriges Frösteln durch meine erschütterten Gebeine rieseln! Ammer bedurfte einer langen Zeit, ehe er sich wieder vollkommen erholte. Er saß auf dem harten Kanapee des Wohnzimmers zwischen Flora und Albrecht, und hörte aufmerksam den lebhaften Erzählungen des lustigen Wieners zu. Es war ein wahres Glück, daß der Mann ununterbrochen sprach, sonst würde es wohl sehr still im Hause des Webers gewesen sein. Manchmal lächelte Ammer, wenn man aber genau auf sein Mienenspiel achtete, würde man nicht einen Menschen vor sich zu sehen geglaubt haben, dem so eben ein großes Vermögen gleichsam wider Willen in's Haus geworfen worden war. Gegen seine Gewohnheit sprach er dem Weine stärker als sonst zu. Er stieß mit Herrn Zobelmeier an, so oft dieser es begehrte, und that ihm auch regelmäßig Bescheid. Erregt ward Ammer davon nicht, es hatte eher den Anschein, als ob er sich immer mehr gegen die Außenwelt in sein Gedanken zurückzöge. Oft schüttelte er das ergrauende Haupt, zog die Stirne kraus, und dann sah er ernst, finster, ja momentan furchtbar hart aus. Die im Innern kochende Unruhe bewegte unwillkürlich seine Hände. Er mußte etwas zu thun haben und darum trommelte er oft mit den Fingern auf den Tisch. Anders gestaltete sich die Freude über das Spielglück des Vaters, der jene dem Zufall so ganz anheim gegebene Quinterne gewonnen hatte, die er bei nächtlicher Weile unter heftigem Herzklopfen besetzte, bei seinen Söhnen. Christlieb mußte es auffallen, daß unter den fünf Nummern auf dem Loose des Vaters die drei Zahlen sich mit befanden, welche er durch drei dividirt hatte besetzen lassen, und Fürchtegott, der nur an den Gewinn, an die große Summe dachte, welche dem väterlichen Vermögen demnächst in baarem Gelde zustießen mußte, war nahezu außer sich. Er sah und hörte kaum, was um ihn vorging. Das Glück der Schwester, an deren hochklopfendem Busen jetzt der Mann ihrer Wahl ruhte, kümmerte ihn eben so wenig als die tiefe Erschütterung des alternden Vaters. Er sah im Geiste alle seine Wünsche erfüllt; er fühlte sich frei, groß, mächtig, gebietend. Es fehlte ihm nichts, als die Gewißheit, daß auch das Unternehmen Wimmer's, wodurch er mittelbar ja eigenes Geld gewann, geglückt sei. In dieser Stimmung ward ihm das väterliche Haus zu eng, zumal, da der Vater durchaus keine Anstalten traf, den so unerhört wichtigen Tag würdig zu feiern. Mit Albrecht, dem verliebten Thoren, war auch nichts anzufangen. So blieb ihm nur der Bruder, der, wenn schon weniger aus dem gewohnten Geleise gedrängt, heute doch viel beweglicher sich zeigte, als sonst. Als daher Herr Zobelmeier aufstand, um sich zu empfehlen, vermochte sich Fürchtegott nicht mehr zu halten. Mit hochglühendem Gesicht trat er an den Sitz des Vaters und sagte: 's ist erster Feiertag heute. Die ganze Christenheit frohlockt, daß der Herr und Erlöser ihr wieder erstanden ist, wenn schon kein Christenmensch etwas davon mit seinen körperlichen Augen erkennen kann. Ich muß mich auch freuen, Vater, und zwar im Kreise munterer Gesellen. Laß mich und den Bruder eine Stunde in den Kretscham gehen. Herrn Zobelmeier's Geschirr wartet dort sicherlich seiner Rückkehr. Der Reisende bestätigte dies. Ammer richtete einen mehr bittenden als befehlenden Blick auf seine Söhne. Nach einer Weile sprach er: Ich fürchte; ihr möchtet mich hart und eigensinnig schelten, wenn ich Nein zu eurem Begehr sagte. Darum gehet denn, wohin Weltlust und Jugendübermuth euch ziehen. Macht aber meinem Namen keine Schande! Du besonders, Fürchtegott, bedenke, was die Sylben bedeuten, die ich dir beilegen ließ in der heiligen Taufe! Fürchte , d.h. achte, liebe und scheue deinen Schöpfer! Mir wär's lieber, ihr bliebt bei mir. Es ließe sich noch manches Wort reden über dies wunderbare Ereigniß; da ihr jedoch den Drang und Hang in euch fühlt, die Brunst eures Innern im Getümmel auszutoben, so soll's euch unverwehrt sein. Gott mit euch! Adieu, Herr Zobelmeier! Frohlockend stürmten die Brüder aus dem elterlichen Hause. Als sie das Versammlungslocal der jungen Leute betraten, scholl ihnen schon auf der Schwelle ein Hurrahruf entgegen, denn die Kunde von dem Gewinn des Webers hatte wie ein Lauffeuer sich von Haus zu Haus fortgepflanzt und bildete den einzigen Gesprächsgegenstand Aller. Fürchtegott freute der heitere Zuruf. Er erwiderte ihn mit Lebhaftigkeit und erklärte in seiner übermüthigen Glücksstimmung, daß Alle für heut Abend seine Gäste seien. Dem Freigebigen hängt die Menge stets an; selbst Unbeliebte, ja sogar Verhaßte können sich dadurch leicht auf kurze Zeit das Wohlgefallen des Volkes erkaufen. Fürchtegott war keines von beiden. Man kannte ihn nur als lustigen, kecken Gesellen, wenn der Zufall ihn mit seines Gleichen zusammenführte. Wie hätte man das Anerbieten eines Jünglings zurückweisen sollen, dessen Vater erst vor einigen Stunden sichtlich als einer der Wenigen vom Himmel bezeichnet worden war, an deren Fersen sich das Glück heftet? Wie sehr daher auch Christlieb den Bruder bat, sein gedankenlos hingeworfenes Wort zu widerrufen, wie bedenklich selbst dem Wiener dies Gebahren erscheinen wollte; Fürchtegott bestand darauf, er sei der Wirth der Versammelten. Wein und andere Getränke, die in Menge genossen wurden, erhitzten alsbald die Köpfe. Die Lustigsten verlangten Karten, um zu spielen. Auch Fürchtegott, der dem Glase tüchtig zusprach, forderte sie gebieterisch, und da der Wirth des Hauses nicht Anlaß zu Wortwechsel und Streit geben wollte, so gewährte er gegen seine bessere Ueberzeugung die Bitte der jungen Leute. Man spielte mit wechselndem Glück; endlich verlor Fürchtegott und zwar, wie dies bei leidenschaftlichen Spielern so häufig vorzukommen pflegt, ohne Aufhören. Er ward unruhig, heftig, zuletzt hitzig. Seine Augen funkelten, die Hände griffen zitternd nach den Karten. Wieder war das Glück ihm nicht hold. Fürchtegott biß die Zähne zusammen, daß sie ihn schmerzten er murrte, schimpfte, nannte in nicht mehr zu zähmender Wuth seinen Gegner einen Betrüger. Worte heftiger Beschuldigung flogen wie Schwärmer herüber, hinüber. Da fuhr des Webers Sohn empor, als habe ein Dolchstoß ihn getroffen, denn der ebenfalls beleidigte Gegner nannte ihn das Schubkarrenpferd! Ein Schrei, ein Faustschlag, ein donnernder Fall gaben das Signal zu einem Kampfe, der nur durch energisches Einschreiten des Richters mit seinen Leuten geschlichtet werden konnte, ehe die Sinnlosen zu ihren Messern griffen, was damals nicht selten bei derartigen Gelegenheiten vorkam. Während des Kampfes hatte Zobelmeier das Weite gesucht, da er sich nicht für berufen erachtete, an einem Streite Theil zu nehmen, der ihn persönlich ganz und gar nichts anging. Zum Glück war es Christlieb gelungen, die Besonnenen rasch um sich zu sammeln und dadurch den Wirth zu unterstützen. Man trennte die Streitenden, hielt die Erbittertsten fest. Drei lagen blutend am Boden. Der Eine davon war Fürchtegott, dem einer seiner Gegner mit dem Stück eines zerschlagenen Glases eine tiefe Kopfwunde beigebracht hatte. Er blutete stark, als man ihn aufhob, und war gänzlich besinnungslos! Christlieb benetzte den Unglücklichen mit seinen Thränen. O, der Vater, der Vater! rief er wiederholt, als man eine Tragbahre herbeiholte, um den Aermsten nach der Behausung des Webers zu schaffen. – – Dorthin begleiten wir den Trauerzug jetzt. – Die Stunde war längst abgelaufen, Ammer ward unruhig, und zur Angst, die in seinem Herzen nistete, gesellte sich die Sorge um die so lange ausbleibenden Söhne. Seltner erbot sich, zur Beruhigung des Nachbars, nach dem nur zehn Minuten entfernten Wirthshause zu gehen, als man draußen die Schritte Mehrerer nahen hörte. Gott Lob, das sind sie, sagte Ammer. Ich kenne meinen Christlieb. Mach' auf, Florel! Die Tochter öffnete die Stubenthür und schob den Riegel, welcher die Hausthür verschloß, zurück. Als sie Christlieb's todtenbleiche Züge erblickte, schrie sie vor Entsetzen laut auf. Ammer sprang von seinem Sitze empor sein graues Haar flog, wie er den trotzigen Kopf schüttelte, gleich der Mähne eines gereizten Löwen. Was ist? sagte er und stemmte beide Hände auf den vor ihm stehenden Tisch. Seltner mit seinem Sohne waren Flora gefolgt. Sie traten jetzt zugleich mit Christlieb und dem stark blutenden Fürchtegott ins Zimmer, den die kühle Nachtluft wieder zur Besinnung gebracht hatte. Oh, oh!! wimmerte der Weber mit einem Ausdruck innerlichen Seelenjammers, daß Alle davor erstarrten und selbst der vom Blutverlust ermattete Jüngling schwer aufathmend zusammenschauerte. Ammer drückte beide Hände vor seine Augen und fiel schwer zurück auf das Kanapee. Noch ein paarmal stieß er, nur immer schwächer, jenen Weheruf aus, schüttelte dazu sein Haupt und begann endlich dumpf zu schluchzen. Die Hausglocke läutete nochmals. Flora, die rasch entschlossen, mit kaltem Wasser herbeieilte, fragte nach dem späten Ankömmlinge. Ich bin ein Expreß von Herrn Advocaten Block, sagte eine unbekannte Stimme, und soll bloß diesen Brief hier abgeben. Flora empfing das versiegelte Papier. Der Vater saß noch immer mit verhülltem Gesicht. Leise näherte sich die Tochter und berührte seine Stirn. Lieber Vater, es ist nicht schlimm mit Fürchtegott, sagte sie sanft, während die Mutter mit Hilfe der Andern den Verwundeten verband. Sieh dich um wir sind Alle munter! Und da ist eben noch ein Brief gekommen. Jetzt ließ Ammer die Hände sinken. Er sah die Tochter ernst an, ein paar Thränen sickerten noch über die gefurchten Wangen herab. Dann reichte er ihr die Hand, mit der andern den Brief empfangend. Florel, sagte er stammelnd, bewegt, wenn meine Jungen nicht gut thun sollten, dann mach' du mir wenigstens Freude und Ehre! Betrügst du mich aber, dann, bei dem lebendigen Gott sei vergewissert, daß ich's nicht überlebe! Ich hab's mir gedacht, daß kein Segen ins Haus kommen würde, wie der Firlefanz aus Wien den Hut vor mir schwenkte. Er setzte sich wieder, und ohne einen Blick auf die Gruppe um Fürchtegott zu werfen, erbrach er das erhaltene Schreiben und durchlas es. Block zeigte ihm darin mit trockenen Worten an, daß Ammer Besitzer von Weltenburg geworden sei. Ammer nahm sein Käppchen ab, strich den Kamm durch die Haare, legte den Brief auf den Tisch, blickte mit sonderbar funkelnden Augen gen Himmel, faltete die Hände und flüsterte dann mit leiser Lippe, indem er allgemach auf die Kniee niederglitt: Herr, vergib uns unsere Schuld, führe uns nicht in Versuchung und erleuchte die Nacht unseres Geistes, wenn das Licht der Erkenntniß, so in der Ampel eines reinen Herzens flimmert, dunkel zu brennen beginnt! Die Gestalt des betenden Webers, auf dessen Haupt innerhalb weniger Stunden die Aufregungen eines ganzen Menschenlebens eingestürmt waren, hatte etwas so Ergreifendes und Ehrwürdiges, daß auch die Uebrigen ihre Hände falteten und unwillkürlich die Worte des Betenden leise wiederholten. Drittes Buch. Erstes Kapitel. Liebe Brüder. Ueber die staubige Landstraße, welche aus dem Hügellande nach dem Gebirgspasse führte, rollte eine offene Kalesche. Zwei schnellfüßige, wohlgenährte Rosse flogen so rasch mit der leichten Last dahin, daß es gefährlich aussah und entgegenkommende Fußgänger wohl stehen blieben, um dem in Windeseile fortsausenden Fuhrwerk eine Zeit lang nachzublicken. In diesem Wagen saßen zwei Männer, die so im Gespräche vertieft waren, daß sie weder auf den Ungestüm der Thiere achteten, deren Jugendfeuer sie sich anvertraut hatten, noch auf die Reize der prächtigen Gebirgslandschaft, die sich ihnen mehr und mehr enthüllten. Der Größere dieser Männer war schwarz gekleidet, der Kleinere trug einen grauen Rock und einen sehr breitkrempigen Hut mit niederm Kopf, der fast sein ganzes Gesicht bedeckte. Letzterer sagte jetzt, als die Straße eine Biegung machte und in ein anmuthiges Wiesenthal sich hinabwand, was den Zügellenker zu langsamerem Fahren nöthigte: So stehen die Sachen, verehrter Herr Graf und lieber Bruder. Ich wünschte nun sehr, Ihre Ansicht zu hören, damit ich auf dem rechten, gottgefälligen Wege fortwandeln möge und nicht, so nahe dem Ziele, noch strauchele, irregeleitet durch Verblendung. Vorsicht und Geduld, mein Lieber! versetzte der Mann im schwarzen Anzuge. Uebereilung kann zu Nichts führen. Gefangen hat sich der junge Mann schon längst, das wissen wir, er wird mithin auch Einer der Unsern werden, wenn ihn das Leben nur erst mehr dazu vorbereitet hat. So lange er beim Vater bleibt, ist dazu keine Aussicht, sagte Wimmer. Dieser Mann, mein sehr wackerer Freund, ist ein gar zu seltsamer Mensch, gutmüthig, freigebig, fromm, und wiederum hartnäckig-starr, geizig und voll arger Gelüste. Seine schlimmsten Eigenschaften, die mir schon ein ganzes Leben voll Kämpfe, Mühen und Sorgen verursacht haben, sind sein Mißtrauen und sein unbeugsam starrer Eigensinn. Wäre es nicht viel klüger, lieber Bruder, Sie fragten gar nicht mehr nach ihm? warf Graf Alban ein. Was ist überhaupt an dem Manne gelegen? Unsern Zwecken dient er niemals, wir brauchen mithin nicht ihn, sondern höchstens seine Mittel, und diese sind uns, soweit Sie dieselben nicht schon in Händen haben oder doch mittelbar über sie verfügen, durch beide Söhne gewiß; denn der Aeltere hängt zuletzt, wie Sie ja selbst sagen, von seinem energischeren jüngeren Bruder ab. Wimmer hob seinen Kopf etwas und sah den neben ihm sitzenden Grafen mit seltsamen Augen an; dann seufzte er, legte die feinste Frömmlermiene auf und versetzte: Lieber Bruder in Christo, was mich so wunderbar hinzieht zu dem Weber, das in Worte zu kleiden, vermag ich nicht. Es ist eine Art Wahlverwandtschaft, Magnetismus, Nächstenliebe, vielleicht gar Schicksal oder, was für Männer des Glaubens und der Bruderliebe, wie wir, wohl richtiger sein mag, eine Fügung unseres Heilandes, die mich an Ammer kettet. Ich könnte nicht mehr leben, sollte ich von ihm lassen. Darum arbeite und bete ich Tag und Nacht zu meinem grundgütigen Gott, daß er mich begnadigen möge, den Sinn des starren Mannes zu beugen und ihn zu freiem Handeln geneigt zu machen in unserm Sinne. Nun, wer weiß, was geschieht, sagte Graf Alban. Mit den Jahren verliert sich der Eigensinn. Ammer soll jetzt nicht mehr so rüstig sein, wie noch vor wenigen Jahren. Seit der Verheirathung seiner Tochter führt der Schwiegersohn das Geschäft mehr als er selbst, und um die Neuerungen bekümmert er sich ja doch nur, um seinen Aerger daran auszulassen. Ja, ja, versetzte Wimmer, ungefähr so mag es wohl sein, wenn man's oberflächlich betrachtet. Wissen Sie, Herr Graf, daß mir diese Heirath nicht gefällt, daß ich sie für ein großes Mißgeschick halte, das uns betroffen hat? Weßhalb? Weil das Herz des Alten, das auch seine Schlacken angesetzt hat, dadurch ruhiger geworden ist. Wie soll ich das verstehen? Wimmer lächelte. Es ist nicht immer gut, sagte er, wenn ein Sünder zu zeitig Buße thut. Er wird dann leicht sicher und erschlafft im Werke des Glaubens, der doch unser Aller alleiniger Stab ist in Zeit und Ewigkeit. Während dieser Unterredung hatte der Wagen das Wiesenthal passirt, die Straße zog sich wieder eine Berglehne hinan und lief auf der freien Höhe derselben nach einem einsam gelegenen stattlichen Wirthshause fort, wo eine zweite Straße von Osten her aus den Gebirgsgründen heraufstieg. Unfern von diesem Wirthshause, das man seiner Lage wegen die Bergschenke nannte, zog sich die Landesgrenze über das Gebirg, das zugleich auch den katholischen Süden von dem protestantischen Norden scheidet. Schon von weitem sahen die beiden Reisenden ein lebhaftes Menschengewühl auf den Straßen wie auf den Bergabhängen, welche mit Steinblöcken besäete, unfruchtbare Senkungen bildeten. Man hörte den Widerhall singender Stimmen, dazwischen Harfenaccorde und den Ton einer Fiedel. Da gibt's wohl eine Hochzeit? sagte Graf Alban, als sie dem Gewühl näher kamen. Es scheint recht lustig herzugehen. Ach nein, lieber Herr Bruder in Christo, versetzte Wimmer. Es wird nur eins der vielen Baalsfeste begangen, welche die Römlinge so hoch halten. Von weitem schon merk' ich es der Gesellschaft an, daß es Wallfahrer sind. Sie werden hinunterziehen zur wunderthätigen Maria, wie sie's nennen, die in der hohen Linde im Kloster der Minoriten ihren Hokus-Pokus machen muß; und da gibt's immer ein Fest und viel sündhaftes Thun, was dann den Herrn Klerikern wieder mehrfach zu Gute kommt. O, lieber Bruder, wie wird das wohl enden dereinst! Wir leben in einer argen sündhaften Welt, und es scheint, als wollte Gebet und Fürbitte wenig helfen, obwohl wir es, dem Heilande sei Dank, niemals daran fehlen lassen! Graf Alban mußte weltlicher gesinnt sein, als sein würdiger Bruder, denn er lächelte diesmal etwas spöttisch über Wimmer's Sermon. Was zu ändern nicht in unserer Macht liegt, müssen wir in Geduld ertragen, sprach er. Wir irren ja Alle und tasten nur unsicher umher, ob wir die Wahrheit finden möchten. Nehmen wir an, daß auch diese ein ähnliches Streben erfüllt, so erscheint uns ihr Irren in milderem Lichte. Sie hatten jetzt die Höhe vollends erreicht und konnten das Menschengewühl, das diesen für gewöhnlich so leeren Platz erfüllte, bequem übersehen. An den Fahnen erkannte man leicht die Wallfahrer; auch verriethen sie sich durch das Gepäck, das sie mit sich führten. In größeren und kleineren Gruppen vertheilt, lagerten sie zwischen den Felsblöcken auf schattigen Plätzen. Durch den Tannenwald herauf, in dessen Dickicht die Straße nach dem Gebirgspasse hier hinabstieg, kamen neue Zuzügler. Von diesen rührte der Gesang her, welchen die beiden Herrnhuter Brüder schon seit einiger Zeit vernommen hatten. Außer den Wallfahrern gab es aber auch noch andere Personen, die gleichsam als unentbehrlicher Anhang die Pilgrime begleiteten, und in der Zeit, wo unsere Geschichte spielt, noch bei keinem Wallfahrtsfeste fehlten. In einem Winkel der Waldung hockten um ein knisterndes Feuer vier bis fünf jener braunen Gestalten, die alljährlich mehrmals die Grenzen Böhmens überschritten, und mit ihren Wahrsagerkünsten die Jugend entzückten, das Alter ängstigten. Doch hielten sich die braunen Söhne des ewig wandernden Volkes fern von dem lebhaften Treiben der Wallfahrer. Mit diesen machten sich einige jener hohen schlanken Magyaren viel zu thun, die ebenfalls einige Monate im Jahre aus den Pußten der Theiß bis in die Grenzscheiden heraufkamen und als Tabuletkrämer, mehr noch als hausirende Mediciner einen ganz einträglichen Handel trieben. Sie zeichneten sich durch ihre nationale Kleidung, einen sehr großen Klapphut und den Medicinkasten aus, den sie auf dem Rücken trugen, und über welchen der weite blaue Mantel, den sie stets mit sich führten, radförmig bis zum Knie herabhing. Das lange, schwarze, glänzende Haar, der große Schnurrbart, die kohlschwarzen Augen und die markirten Züge der bleichen Gesichter gaben selbst den sanfter Aussehenden dieser Fremdlinge etwas Unheimliches, das nicht ohne Wirkung auf die Menge blieb. Es bestimmte die Meisten, den Ungarn etwas abzukaufen. Auch verstanden die Magyaren durch häufiges Lateinsprechen sich dem ungebildeten Haufen gegenüber gebührend in Respect zu setzen. Endlich trugen zur Erhöhung der Stimmung ein blinder Geiger und zwei Harfenistinnen, die unvermeidlichen Insassen jeglichen Gasthauses an der Grenze, so lange die gute Jahreszeit dauert, nach Kräften bei. Lassen Sie uns hier rasten, sagte Graf Alban zu seinem Begleiter. Ich mag zuweilen gern einen Blick in das Gewirr einer Welt thun, die von unserm stillen Asyl grundsätzlich fern gehalten wird. Wimmer wagte dem viel vermögenden Manne nicht zu widersprechen, obwohl es seinen Neigungen widerstrebte, mit allerlei Volk, wie es sich hier zusammengefunden hatte, unmittelbar zu verkehren. Graf Alban bestellte bei dem dienstfertig herantretenden Schenkmädchen ein paar Gläser mit frischer Milch und erkundigte sich, als es das Verlangte brachte, nach der Ursache des so lebhaften Menschenandranges. Er erfuhr, daß in einigen Tagen das berühmte Portiunculafest zum Andenken an die Stiftung des Franziskaner-Ordens durch Franz von Assisi im nahen Minoriten-Kloster gefeiert werde, und daß zu diesem, der römischen Christenheit hochheiligen Feste viele Tausende frommer Wallfahrer zusammenströmten. Das Mädchen, selbst Katholikin, eine kleine dralle Böhmin mit dunklem Teint und kräftigen Formen, zeigte sich recht gut bewandert in der Geschichte der kirchlichen Festtage, weßhalb Graf Alban eine gute Weile sich mit ihr unterhielt, während Wimmer zwar seinen Hut ablegte, auch verstohlen einige scharfe Blicke auf das Mädchen richtete, es aber durchaus keines Wortes würdigte. Am Schlusse ihres Gesprächs mit dem Grafen bedauerte sie, daß sie durch ihre Dienstpflicht abgehalten werde, das herrliche Fest zu besuchen und der großen Absolution dabei theilhaftig zu werden. Gehet hin in alle Welt und taufet alle Heiden! sprach Wimmer, sich wieder mit seinem Hute bedeckend, indem er der Dirne nachsah. So sprach unser Herr und Heiland, auf daß bekehrt würden die Ungläubigen; ach, und wenn man nun hinsieht auf diese blödsinnige Heerde, und fragt sich, was die Taufe ihr geholfen hat, da möchte das schwache Herz wohl Zaghaftigkeit und Bangen überfallen, und wir an unsere Brust schlagen ob unserer Sündhaftigkeit! Zu vieles Bangen und Zagen, mein lieber Bruder, bemerkte Graf Alban, ist kein Zeichen von Glaubensfreudigkeit. Hätten Sie, wie ich, Jahre lang unter den Heiden gelebt, ihre kannibalischen Gewohnheiten mit angesehen, wären Sie Zeuge gewesen von der Wildheit ihrer Leidenschaften selbst nach ihrer Bekehrung zum Christenthume durch die Macht der Lehre unseres Erlösers, so würden Sie bei diesem Anblick von keiner Herzensbangigkeit befallen werden. Es mag wohl sein, wie Sie sagen, Herr Graf, versetzte Wimmer. Ich bin noch unwürdig des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollen, weil mein Geist zu sehr erfüllt wird von weltlichen Gedanken des Geschäftes wegen, das ich doch nur zu seiner Ehre mit solchem Eifer und mit so hingebender Liebe betreibe. Aber Ihr Umgang, Ihr Gespräch kräftigt und erbaut mich wunderbar, und ich bitte deßhalb nur um die aufrichtende Fortdauer Ihrer so treuen Bruderliebe! Hier reichte Wimmer dem Grafen seine Hand, die dieser mit Wärme und Innigkeit drückte. Ueber dem Bergkamme hatten sich inzwischen dunkle Gewitterwolken aufgethürmt, die immer drohender und finsterer den Horizont umzogen und ein heftiges Unwetter in Aussicht stellten. Die Wallfahrer brachen deßhalb großentheils auf, um noch bei Zeiten die Klosterfreiheit zu erreichen und, wenn nicht anders, doch wenigstens in Zelten ein Unterkommen zu finden, die zu diesem Behufe zu jedem Portiunculafeste in großer Anzahl errichtet werden. Auch die hausirenden Ungarn verschlossen ihre Medicinkasten, warfen die Mäntel über und griffen nach ihren langen Wanderstäben. Mit stolzem Gruße schieden sie dann und schlugen den entgegengesetzten Pfad nach dem Innern des Hügellandes ein. Die Heerde sucht ihre Hürde auf, lieber Bruder, sprach Wimmer, den immer schwärzer werdenden Himmel betrachtend. Ich glaube, wir ahmen ihr nach und streben in möglichster Eile dem Ziel unserer Reise zu. Graf Alban pflichtete dem Freunde bei und gab Befehl, den Wagen vorzufahren. Die Herrnhuter wollten eben einsteigen, als der Hufschlag eines rasch trabenden Pferdes sich hören ließ. Auf der Straße wirbelte der Staub auf und im nächsten Augenblick sprengte ein Reiter vor, hielt an der Bergschenke, schwang sich gewandt aus dem Sattel und schlang die Zügel um ein paar Klammern an dem Pfosten der Hausthüre. Ist das nicht unser junger Freund? sagte Graf Alban zu seinem Begleiter. Wie doch das Glück die Menschen verwandeln kann! Es war in der That Fürchtegott Ammer. Sein schlanker Körper hatte im Verlaufe eines Jahres mehr Elasticität und sehnige Kraft erhalten. Seine Gesichtszüge, in denen früher etwas knabenhaft Unreifes oder Versessenes bemerkbar ward, das fast immer allen der Weberei Beflissenen anklebt, waren freier, männlicher, charaktervoller geworden. Eine Fülle von Gesundheit blühte auf der jugendlichen Wange, die fein gelockter bräunlicher Flaum umsäumte. Er trug städtische Kleidung und elegante Reitstiefel, gleich einem reichen Landjunker. Wimmer heftete mit Wohlgefallen sein Auge auf den Jüngling. Es freute ihn, seinen Liebling so kräftig und selbstständig zu sehen, rasch eine ganze Reihe von Folgerungen daran knüpfend. Als sich Fürchtegott jetzt umkehrte, rief er ihm zu: Woher des Weges, junger Freund? sagte er in seinem gewöhnlichen sanften, freundlichen Tone. Sind der Herr Vater wohlauf? Und wie befindet sich meine liebe Pathe, die junge, kleine Frau Schwester? Fürchtegott begrüßte mit Anstand den langjährigen Freund seines Vaters und verbeugte sich mit noch größerer Ehrfurcht vor dem Grafen. Indem er an den Wagenschlag trat, die Reitgerte unter den linken Arm schiebend und den rechten Fuß auf den Tritt setzend, erwiderte er: Kommen Sie direct aus Herrnhut? Oder waren Sie schon bei uns daheim? Freilich, sagte der Graf, aber die Herren von Weltenburg waren allesammt ausgeflogen. Unsere Anwesenheit ist jetzt auch sehr nöthig in Weltenburg, erwiderte Fürchtegott. Der Vater könnte allerdings ruhig zu Hause bleiben, allein dazu bewegt ihn wenigstens keine irdische Macht. Wir Brüder müssen jedoch entweder abwechselnd oder auch beide zusammen die Aufsicht bei den neuen Bauten führen. Am liebsten thun wir es gemeinschaftlich, um auch immer ganz in Uebereinstimmung zu handeln. Das gibt nun viel Unruhe und häufiges Hin- und Herreisen. Um rascher von der Stelle zu kommen, haben wir uns denn ein Reitpferd angeschafft. Es ist freilich kein reines Racepferd, aber es greift doch tüchtig aus, hat keine Mucken, und geht Tag und Nacht sicher. Du sprichst ja wahrhaftig wie ein junger Herr vom Adel, sagte Wimmer wohlgefällig lächelnd. Es hat dir, wie es scheint, wenig Mühe gekostet, den Leinweberkittel mit einem kleidsamen Reitrocke zu vertauschen. Fürchtegott erröthete und zog die Augenbrauen etwas zusammen. Sie wissen, Herr Wimmer, versetzte er, die Weberei war nie meine Leidenschaft. Ich that es dem Vater zu Liebe und werde mich auch ferner noch seinen Wünschen fügen, so lange ich eben muß. Zum Herbst werd' ich mündig, mithin mein eigener Herr. Alsdann hoffe ich selbstständiger auftreten zu können. Diese letzten Worte sprach Fürchtegott herb, ja mit einer gewissen verdeckten Herzlosigkeit. Graf Alban erhob deßhalb mahnend seine Hand und sagte: Vergessen Sie nie das vierte Gebot, junger Freund! Auch vom Glück Begünstigten ergeht es doch nur dann gut auf Erden, wenn sie ihre Eltern achten, ehren und lieben! Fürchtegott schwieg und betrachtete mit Wohlgefallen seine modernen Reitstiefeln. Sie werden entschuldigen, meine Herren, sagte er dann abbrechend, wenn ich mich empfehle. Ich muß eilen, um wo möglich noch vor Ausbruch des Wetters die Stadt zu erreichen. Ich habe Briefe zu besorgen und ein paar eilig zu erledigende Aufträge des Vaters. Bitte, ihn von mir freundlich zu grüßen, wenn Sie nach Weltenburg kommen. Der junge Ammer verbeugte sich abermals und ging dann nach der Schenke, um sich eine Erfrischung und ein paar Krumen Brod für sein Pferd geben zu lassen. Während des Gesprächs mit den Herrnhutern war eine der Zigeunerinnen, die noch immer um das Feuer am Felsen hockten, herangeschlichen, vertrat ihm jetzt den Weg und bat sich mit freundlichem Grinsen denn sie war weder jung noch schön die Hand des jungen Herrn aus, um ihm zu wahrsagen. Fürchtegott befand sich der eben erhaltenen Warnung wegen nicht gerade in sehr menschenfreundlicher Stimmung. Er stieß daher die Zigeunerin ziemlich unsanft zurück. Diese jedoch wollte sich dadurch nicht abweisen lassen, weil sie ein Stück Geld zu verdienen hoffte, und trat ihm abermals in den Weg. Fürchtegott ergrimmte über diese Zudringlichkeit, und ohne sich lange zu besinnen, gab er der armen Creatur einen so empfindlichen Schlag mit der Reitgerte, daß sie weinend dem Walde wieder zulief. Widerliches, gemeines Gesindel! rief er der Zigeunerin nach. Laßt ihr euch auf Weltenburg sehen, so lass' ich euch allesammt über die Grenze peitschen. Diese Drohworte wurden so laut gesprochen, daß Graf Alban und Wimmer, welche noch Zeuge der lieblosen Handlung gewesen waren, sie deutlich hören konnten. In demselben Augenblicke zogen die Pferde an und der Wagen rollte dem schönen Flußthale zu, in dessen Hintergrunde Weltenburg lag. Wimmer lächelte. Unser junger Bruder macht rasch Fortschritte in der Kunst zu leben, sagte er. Ja, ja, es steckt ein vornehmer Herr in dem Jünglinge. Das habe ich immer gesagt und deßhalb auch immer Demuth gepredigt. Aber Jugend hat nicht Tugend, und unerwartetes Glück macht gern ein wenig übermüthig. Nun, es schadet wohl nichts. Die Welt ist gar vieleckig und dornenreich, und wenn der liebe Mensch mit seiner Hitze sich ein paar Mal die schönen dunkeln Augenbrauen verbrannt haben wird, sollte er dann nicht milder werden, Herr Graf? Wir werden ihn scharf zügeln müssen, lieber Bruder. Bei Leibe nicht! erwiderte Wimmer. Wilde Pferde müssen sich müde laufen und eher noch angetrieben werden, wenn sie über die Stränge schlagen. Ich denke, es soll mir eine rechte Freude gewähren, wenn ich den jungen Uebermuth so recht toll in's Zeug gehen sehe. Man wird dabei selbst wieder jung, lebt wieder neu auf. Und der junge Mensch kann es aushalten. Dafür sorgen wir ja in christlicher Demuth und aus Liebe zu unserm Heilande! Behalten wir ihn nur immer im Auge, meinte Graf Alban, damit er nichts Unwürdiges thut, so bin ich überzeugt, daß heilsame Trübsal ein brauchbares Werkzeug Gottes dereinst aus ihm machen wird. Ein sehr brauchbares, lieber Bruder in Christo, bestätigte Wimmer. Die Saaten, welche wir ausstreuen zur Ehre des Herrn, sollen schon aufgehen und hundertfältige Früchte liefern. Während dieses Gedankenaustausches der beiden Herrnhuter rollte der offene Wagen hinab in das fruchtbare, malerische Thal. Bald zeigte sich der stumpfe, nur mit einem flachen Bretterdache versehene Thurm von Weltenburg, und nach Verlauf einer Stunde hatten es die Reisenden erreicht. Eine zur Herrschaft gehörige Wirthschaft, die dicht an der Straße lag, diente Fremden zur Einkehr. Graf Alban ließ ebenfalls sein Geschirr daselbst stehen und schritt dann den Hügel hinan zum Schlosse. Zweites Kapitel. Eine Unterredung. Seit dem Verkaufe Weltenburgs war eine große Veränderung auf der ganzen Herrschaft vorgegangen. Das eigentliche Schloß hatte zwar noch sein altes verwittertes Aussehen, dafür entstand rund um dasselbe, und namentlich in der Thalmulde eine ganz neue Welt. Hier rührten sich einige hundert Hände Tag für Tag, diese um Bauholz zuzuschneiden, Gerüste abzubinden, später aufzurichtendes Sparrwerk in einander zu fügen; jene um mit Hammer, Kelle und Richtscheit an dem Unterbau gewaltiger Gebäude zu schaffen. Am Waldsaume wurde Kalk gelöscht und in tiefe Gruben abgelassen. Steinmetzen waren beschäftigt, Schwellen und Simse von Sandstein zu meisseln, während ein Dutzend Menschen unter lautem Halloh durch schwere Rammklötze zugespitzte Fichtenstämme an einer sumpfigen Stelle nach dem Flusse in die Erde trieben. Kurz, es herrschte überall die größte Thätigkeit, und man sah an der großen Ordnung, an dem ganzen rührigen Lebensbilde, daß ein starker, entschlossener Wille leitend, gebietend und anordnend das Ganze zusammenhalte. Auf die Frage des Herrnhuter nach Herrn Ammer wies sie ein Maurerpolirer nach dem halboffenen Bretterschuppen der Steinmetzen, die in einer Reihe am südlichen Rande des Hügels sich befanden. Bald gewahrten sie unter den Arbeitern die Gestalt des alten Webers. Er saß auf einem noch unbehauenen Werkstücke und sah bald hinunter auf den Fluß, bald blickte er nach dem Gebirgskamme, über welchem aus schwarzem Gewölk von Zeit zu Zeit rothgelbe Blitze zuckten. Vertieft in seine Gedanken, bemerkte der Weber nicht die heranschreitenden beiden Männer. Erst als sie schon neben ihm standen und Wimmer's weiche Stimme ihn grüßend bei Namen rief, kehrte er sich um und verließ seinen harten Sitz. Ammer war binnen Jahresfrist auffallend gealtert. Sein sehr starkes Haar schimmerte in ehrwürdigem Weiß und kräuselte sich, da er es nicht gern schnitt, im Nacken zu dichten Locken. Auch seine Gesichtszüge hatten gealtert und dadurch etwas Hartes angenommen. Ueberhaupt blickte er mehr finster als heiter in die Welt, so daß man beim ersten Begegnen kaum einen von seltenem Glück begünstigten Mann in ihm erkannt haben würde. Sieh da, Freund Ammer! sprach Wimmer, ihm die Hand entgegenstreckend. Da thronst du ja mitten in deinem Reiche wie ein König. So gefällst du mir, lieber Bruder! Das schafft und rührt sich und legt den Grundstein zu einem dauernden Glück. Graf Alban sagte etwas Aehnliches und machte zugleich dem Weber ein Compliment in Bezug auf seinen landschaftlichen Geschmack, der ihn veranlaßt habe, sich gerade in so reizender Gegend anzukaufen. Zu viel Güte, Herr Graf, erwiderte Ammer, nach seiner Gewohnheit das Käppchen lüftend, womit er sein Haupt bedeckte. Es ist weder mein Geschmack noch mein Verdienst, daß ich als Herr von Weltenburg hier sitze und über Dinge reden muß, von denen ich nichts verstehe. Gute Freunde haben mir das Alles aufgedrungen aus vorsorglicher Liebe, und ich bin darüber so glücklich, daß ich nicht einmal einen Dank deßhalb über meine Lippen bringen kann. Willkommen in Weltenburg! Ammer drückte dem Grafen die Hand, nahm wieder Platz auf dem Werkstücke und gab durch eine Handbewegung zu verstehen, daß die Freunde auf ähnlichen Sitzen, deren mehrere vorhanden waren, sich niederlassen sollten. Es sieht noch etwas wüst aus hier herum, sagte er, und Stühle aus meinem Schlosse holen zu lassen, ist mir zu langweilig und zeitraubend. Ich nehme deßhalb mit jedem Sitz vorlieb, der sich mir eben darbietet. Immer schlicht und anspruchslos, ganz wie der Herr es wünscht, meinte Wimmer. Mir wär' es schon lieber, wenn ich in meinem Stübel sitzen könnte, wo es noch schlichter aussieht, erwiderte Ammer. Aber was schafft mir die Ehre, Herr Graf? Brauchen Dero Hochgeboren vielleicht eine Ausstattung? Nicht doch! versetzte lächelnd Graf Alban. Mich führt im Grunde keine Geschäftsangelegenheit hieher, sondern einzig und allein der Wunsch, die Gegend, den Ort kennen zu lernen, der in Zukunft die Geburtsstätte großer Unternehmungen zum Segen unseres Vaterlandes sein wird. Unser gemeinschaftlicher Freund, mein lieber Bruder Wimmer, hat mich unterrichtet und mir erzählt, wie Sie gesonnen sind, ein großartiges Etablissement für Ihre Söhne hier zu errichten. So! sagte Ammer. Nun ja, Herr Graf, wenn man gehetzt wird, so läuft man, damit die Köter einem nicht in die Waden beißen. Wimmer hüstelte und schlug sich mit seinem Stocke an die Stulpenstiefel. Freund Ammer liebt es zuweilen, sagte er zum Grafen gewandt, ohne seine breiten Augenlider aufzuschlagen, wenn er so recht innerlich zufrieden und in seinem Gott vergnügt ist, Worte zu gebrauchen, die ganz das Gegentheil vermuthen lassen. Es ist dies angeborene Weltklugheit, die immer zu großen Erfolgen führt. Klugheit, Bescheidenheit und Schweigsamkeit sind im geschäftlichen Leben die größten Cardinaltugenden. Ammer beantwortete diese Bemerkungen des Herrnhuters nur durch einen scharfen Blick, in dem man Alles, nur keine recht herzliche Zuneigung, keinen aufrichtigen Dank lesen konnte. Zugleich zuckten blendende Blitze über dem nahen Gebirge, und ein dumpfer, langsam verhallender Donner brach sich an Wald und Berg. Wenn's gefällig ist, Herr Graf, sprach Ammer, so möchte ich bitten, mir in mein Schloß zu folgen. (Die Worte » mein Schloß « betonte er regelmäßig auf ganz merkwürdige Weise, indem er das Sch stark zischend aussprach.) Es gibt, allem Vermuthen nach, ein böses Wetter, denn es hat gebraut in den Bergen schon seit Sonnenaufgang. Dem Aussehen der Wolken zufolge kriegen wir Hagelschlag. Das käme mir sehr passend; denn die Ernte steht großentheils noch draußen, und wenn unser Herrgott sein Geschosse auf sie herabschleudert, gibt's einen Verlust von vielen, vielen Tausenden. Das thut aber nichts, mir rennt das Glück ja doch nach, wie ein verliebter Thor einem koketten Weibsbilde. Ammer schritt voraus, die beiden Herrnhuter folgten. Glauben Sie, lieber Bruder, sprach Graf Alban leise zu Wimmer, daß wir unsere Absicht heute erreichen? Ihr Freund scheint verstimmt, ärgerlich, mißmuthig zu sein. Wimmer lächelte. Er ist's auch, entgegnete er, und er ist's fast immer. Allein, was schadet es? Ein geschlossener Pact muß gehalten werden und ein Gefangener mag noch so sehr schimpfen und toben, man gibt ihm, erheischt es der Vortheil oder geschieht es zu seinem Besten, deßhalb doch nicht die Freiheit. Also nur immer sanft aber fest vorwärts! Was er uns heut abschlägt, bewilligt er morgen zähneknirschend. Und Sie wissen, ich thue ja Alles nur zur Ehre des Herrn und um mich dankbar zu erweisen gegen einen merkwürdig uneigennützigen Freund. Im Erdgeschosse des Schlosses führte Ammer die beiden Herrnhuter in ein kleines, recht gemüthlich eingerichtetes Zimmer des alten Thurmes, das er bei seinen häufigen Besuchen auf Weltenburg bewohnte. Auf einem großen Tische lagen hier Baurisse, auf der Diele stand das Modell einer Mühle, daneben das eines Pumpenwerks. An der Wand hingen ein paar Doppelflinten, ein schöner Hirschfänger und große Sporen zum Anschnallen. Genug, es sah aus, wie der Aufenthaltsort entweder eines Architecten oder eines Jagdliebhabers. Daß ein Leinweber darin hause, konnte Niemand merken. So, sagte Ammer, sich schwer in einen Lehnsessel von altherkömmlicher Form, mit hoher, kunstreich geschnitzter Holzlehne werfend, so! Da sind Sie in meinem Museum. Hier brüte ich jetzt über Gedanken, die ich sonst nie gehegt habe, und hecke Dinge aus, über die ich mich zuweilen selbst wundere. Aber der Mensch ist eine Art Polyp; wenn er nur will, wachsen ihm überall Fühlhörner, so daß er vollbringen kann, wozu sein Schöpfer oder das Schicksal ihn bestimmt. Die Herrnhuter ahmten dem Beispiele ihres Gastfreundes nach, der mit einiger Besorgniß von Zeit zu Zeit Wimmer fixirte, weil er entweder schon den Zweck seines Kommens kannte oder ihn doch ahnen mochte. Es ist mir jetzt einleuchtend, sprach er, seine Augen wie zerstreut auf die verschiedenen Gegenstände des Zimmers richtend, warum du Briefe so lange unbeantwortet läßt. Du hast keine Zeit und deinen Söhnen überläßt du das Schreiben wohl nicht gern? Ammer schob sein Mützchen in den Nacken und sah den Herrnhuter mit seinen großen Augen durchdringend an. Er sagte aber bloß: Was weiter? Lieber Bruder, fuhr Wimmer fort, es ist Alles gekommen, wie ich's dir vor Jahr und Tag vorausverkündigte. Obwohl mich demnach der Heiland begnadigt hat, ohne Verdienst und Würdigkeit gleichsam in den Fußpfaden des Propheten kurze Zeit zu wandeln, bin ich doch nicht stolz auf solche Gnade des Herrn, noch möchte ich mich in sündhafter Weise überheben. Allein es ist Menschen- und Christenpflicht, so Jemand auf gutem Wege wandelt, ihn zu stützen und zu halten, daß er nicht wieder davon abbiege. Darum, lieber Freund und Bruder, führe ich dir in Sanftmuth zu Gemüthe, daß unser Herr und Heiland seine allmächtige Hand sonderlich über dir und deinem Hause gehalten hat bisher, und daß ich es für himmelschreiende Sünde erachten würde, veranlaßte dich irgend etwas, dies nicht anzuerkennen, und dankend dafür die Hände zu falten. Was wir absprachen zusammen vor Jahr und Tag, Gott hat es wunderbar herrlich hinausgeführt. Deine Waaren sind mit großem Vortheile verkauft worden drüben in der neuen Welt an der Grenze des Heidenthums. Es haben sich geschmückt mit deinen Geweben die Sendboten des Evangeliums, um die Lehre der Liebe zu predigen den wilden Indianern. Darum segnete auch Gott unser Unternehmen. Jetzt nun, lieber Freund und Bruder, liegt schon das zweite Schiff mit gar reicher Rückfracht beladen, im Hafen zu Hamburg. Du oder deine Kinder wenn du das lieber hörst haben ein ganzes Vermögen verdient, und es ist nun eben deßhalb Pflicht eines liebevollen reellen Mannes, dich aufzufordern, einen weiteren Schritt vorwärts zu thun und eigene Schiffe zu kaufen. Zeit hast du nicht mehr gar lange. In spätestens fünf Wochen geht die Fregatte wieder in See und bis dahin muß ein entscheidendes Wort gefallen sein. Ich würde es für ein Zeichen großer Liebe zu mir halten, wolltest du dieses Wort schon heute sprechen. Graf Alban unterstützt mich in dieser Bitte. Ammer gab mehrmals Zeichen der Ungeduld, während der Herrnhuter langsam und mit salbungsvoller Sanftheit seine Meinung aussprach. Hätte der alte Weber seiner Neigung folgen können, er würde den Unmuth, der sich in ihm regte und ihm die meisten Stunden verbitterte, in harten, ungestümen Worten ausgesprudelt haben. Weil er sich jedoch selbst sagen mußte, daß er mehr oder weniger die Schuld der Last trage, die ihn drückte, zwang er sich zu einer gelassenen Entgegnung. Es muß wohl sein, wie du sagst, erwiderte er, und weil ich nicht leugnen kann noch will, daß ein kluger Verstand den Versuch geleitet und zu Ende geführt hat, wäre es verwegen, so ich deine Vorstellungen mit einem scharfen Nein kurz abschnitte. Dagegen gebe ich dir Folgendes zu bedenken und bitte dies zugleich mit dem Herrn Grafen wohl zu beherzigen. Es hat meinem Schöpfer gefallen, in meinen alten Tagen mir 'was viel aufzubürden. Noch trag' ich's und ich denk' auch mit Anstand. Jedoch kann ich meine Kräfte nicht noch mehr anstrengen, weil sie alsdann zusammen brechen würden. Was mein ist allhier, und worüber ich je zuweilen mein Auge halten kann, das soll wohl beschafft werden, und ich gedenk' es auch hinauszuführen, daß man es wird loben können. Ueber die Grenzen weiter hinaus und unter den Horizont, wo die Sonne sich verkriecht, mag ich nicht sehen, noch weniger dort gebieten. Dort bin ich fremd und ein Spiel aller Winde. Es gehört mir auch nicht, sondern dir Mir? fiel Wimmer ein. Ich hab' Alles deinen Kindern zurückgegeben, lieber Bruder. Kann sein, fuhr Ammer fort, und darfst du's damit halten wie du willst; meine Sache ist es nicht. Genug, wovon du sprichst, daran hab' ich kein Eigenthum, und werd' es auch nie beanspruchen. Mithin ist mir kein Vorwurf zu machen, wenn ich von jenem Geschäft und seinem Gewinne mich zurückziehe. Wimmer sah Graf Alban verstohlen an, während dieser das Wort ergriff. So kann nur ein Ehrenmann sprechen, sagte der Graf. Nehmen Sie für diese Geradheit meinen aufrichtigen Dank. Gestatten Sie mir aber auch, Herr Ammer, Sie jetzt auf einen Punkt aufmerksam zu machen, den mein Freund und Bruder wahrscheinlich noch gar nicht berührt hat, und der doch ganz besonders in's Auge gefaßt werden muß. Wir Herrnhuter halten es, wie Ihnen ja bekannt ist, für Pflicht, so weit unsere schwachen Kräfte reichen, für die Ausbreitung der Lehre Christi auf Erden zu wirken. Unser Häuflein ist nur klein und schwach im Vergleich mit der großen Streitmacht, welche ein anderes Bekenntniß aufzustellen vermag. Die Herrnhuter Brüdergemeinden mit ihren Filialen unter den lutherischen Christen wirken vereint durch Entsendung von Missionären in die fernsten Weltgegenden und unter allerlei Volk die Heiden zu bekehren, und zwar für die Lehre des gereinigten Evangeliums. Uns gegenüber stehen die Jesuiten-Missionäre als Freiwerber für ihre Kirche. Sie bilden eine fest geschlossene Phalanx, gegen welche die schlichten, ungelehrten, nur von der Kraft des Glaubens und ihrer Gottbegeisterung getragenen Herrnhuter den Kampf zu bestehen haben. Dennoch verzweifeln die Auserwählten des Herrn nicht, und der Sieg wird ihnen überall werden, wenn sie nur den Muth nicht verlieren und ohne Zagen das Schild des Glaubens schwingen. Allein, um ihnen den Kampf zu erleichtern und sie zu unterstützen in ihrem heiligen apostolischen Wirken, müssen wir Andern, die wir nicht berufen sind als Streiter für das Evangelium aufzutreten, für die materiellen Mittel sorgen, ohne die nun einmal bei der unvollkommenen Einrichtung alles Irdischen nichts auf Erden gedeihen kann. Ammer faltete die Hände und begann mit seinen Daumen zu spielen. Draußen erhob sich der Wind und wirbelte dicke Staubwolken über die baufälligen Wirtschaftsgebäude Weltenburgs, während häufige Blitze das rasch zunehmende Dunkel grell erhellten, und der Donner fortwährend und immer vernehmlicher durch die Berghalden rollte. Mit besonderm Wohlgefallen und innigem Danke gegen den Höchsten haben wir wahrgenommen, fuhr Graf Alban fort, wie Sie, mein werther Herr Ammer, eine liebevolle Theilnahme den christlichen Bestrebungen der Herrnhuter zuwendeten. Sie sind Mitglied des großen Missionsvereins, der wie eine Kette von Brüdern den ganzen Erdball umschlingt. Sie betheiligen sich an Vertheilung der von ihm ausgehenden Schriften durch Verwilligung ansehnlicher Beisteuern. Sie helfen mit einem Worte indirect mit bauen an dem großen Münster des Heils, der zur Ehre des Allmächtigen in Ost und Süd, in West und Nord seine Zinnen erhebt. Durch Gewährung der Mittel, die Sie den herrnhutischen Missionären zufließen lassen, haben Sie, gleich Vielen tausend Andern, Theil an der Bekehrung der Heiden, üben Sie selbst mit das Amt der Apostel, wie Christus es seinen Jüngern übertragen hat. Diese letzteren Bemerkungen beunruhigten den alten Weber. Allerdings hatte er die Missionsvereine durch Geldgaben unterstützt, allein es war ihm niemals in den Sinn gekommen, dies für ein besonderes Verdienst zu halten, während er sich um das Wirken der Missionäre, um die Fortschritte, welche ihr apostolisches Bekehrungswesen unter den Heiden machte, nicht im Geringsten kümmerte. Die Schriften, mit deren Zusendung der Missionsverein ihn beehrte, hielt er nur, weil er keinen Ausweg sah, dieselben abzuweisen, hineingesehen aber hatte er kaum mit halbem Auge, viel weniger wirklich darin gelesen. Es fiel ihm deßhalb wirklich schwer, den Herrnhuter nicht zu unterbrechen. Nur der Respect, den der Graf und die ganze Persönlichkeit des würdigen Herrn ihm einflößte, konnte Ammer vermögen, den hochgestellten Mann weiter sprechen zu lassen. Unser gemeinschaftlicher Freund, Herr Wimmer, hat mir schon vor längerer Zeit Mittheilungen gemacht über das Abkommen, welches seltene Freundschaft und rückhaltlose Liebe zwei Ehrenmänner treffen ließ. Wie der Höchste jeder Gutthat sein Gedeihen schenkt, sei's früh, sei's spät, so hat er auch Ihr Werk der Liebe gedeihen lassen. Ihren Söhnen, werther Herr Ammer, ist ein Vermögen gesichert, das sich noch bedeutend vermehren, das mehr denn tausendfältige Frucht tragen wird, wenn es immer in so treuen Händen ruht und gottgefälligen Zwecken dient. Nicht bestimmen, nur aufmerksam machen möchte ich Sie deßhalb, Herr Ammer! Seien Sie der ferneren Entwickelung des so segensreich Begonnenen nicht hinderlich aus Grillenhaftigkeit! Lassen Sie Herrn Wimmer freie Hand zum Besten Ihrer Söhne. Gedenken Sie dabei Ihrer Pflicht als Christ, als Bekenner der protestantischen Lehre, und unterstützen Sie durch Beförderung des materiellen Gedeihens Ihrer Familie, Ihrer ganzen Provinz die Missionäre der Herrnhuter unter den Heiden! Graf Alban schwieg. Wimmer drückte ihm dankend die Hand und richtete zugleich einen liebevoll bittenden Blick, aus dem ein herzliches Wohlwollen, eine wirklich innige Freundschaft sprach, auf seinen langjährigen Freund. Ammer war bewegt. Gegründete Einwände vermochte er dem Grafen nicht zu machen, hätte er aber auch Gründe gehabt, es würde ihm schwer, vielleicht sogar unmöglich gewesen sein, diese dem gelehrten, gewandten, vielgereisten Grafen gegenüber überzeugend darzulegen. Er schwankte aus Furcht, das Glück möge ihm zu groß werden und über den Kopf wachsen. Denn was hundert Andere gehoben, erheitert haben würde, das drückte den Weber, das machte ihn auffallend altern, das verbitterte ihm sogar in gewissem Sinn sein doch so glückliches Leben. Er nahm jetzt, als Graf Alban schwieg, sein Käppchen ab und kämmte in gewohnter Weise sein Haar in den Nacken. Herr Graf, sagte er dann, Gott muß es wohl wunderbar mit mir vorhaben, daß er mir zutheilt, was nach meinem Bedünken für manchen Andern sich besser schickte. Der Mensch soll jedoch nicht irre werden, weder an seinem Glauben, noch an seinen Gedanken, und so will ich mich denn fassen als Christ in bescheidener Demuth. Heißt es doch in der Schrift: Wem Gott viel auferlegt, dem gibt er auch Kraft, damit er es ertrage. Mich will nun manchmal bedünken, als sei die Last, welche auf mir ruht, für meine Körper- und Geistesgaben zu groß. Dennoch sei der Wille meines Schöpfers gepriesen immerdar! Sie bewilligen demnach, fiel der Graf Alban ein, daß Ihr Freund Wimmer fortan ein eigenes Schiff kaufen darf? Ammer seufzte, er zerdrückte das Sammtkäppchen, das er noch in der Hand hielt, und wendete sein Auge, wie fragend, dem Fenster zu. Ein blendender Blitzstrahl zerriß eben das schwarze Gewölk und beleuchtete die strengen, unschlüssig vibrirenden Züge des alten Mannes in ergreifender Weise. Sie drängen sehr, Herr Graf, sagte er zögernd. Thu's, lieber Bruder, bat sanftmüthig Wimmer. Ein Donnerschlag erschütterte das alte Gebäude, daß die Fensterscheiben klirrten. Ammers Züge wurden noch strenger. Es warnt mich 'was, daß ich Nein sagen möchte, um nicht aus meinem Sinn herauszugehen, sprach er. Bis jetzt ließ ich der Ungewißheit freien Spielraum. Sie hat mir Glück gebracht, was man so nennt. Heute, in dieser Stunde soll ein freier Entschluß, ein bestimmt ausgesprochenes Wort als Wegweiser der Zukunft sich vor mir hinstellen. Das will bedacht sein, meine Herren! Sie dienen Christo, Ihrem Heilande, sagte Graf Alban. Will ihm auch dienen, ihm und meinem Schöpfer, doch lieber in Demuth, als mit hochmüthigem Wesen. Wer ihm Seelen gewinnt auf Erden, der baut sich eine Stufe im Himmel! sprach der Graf. Ammer schüttelte sein ehrwürdiges, graues Haupt. Ich möchte das Wort Gottes nicht so auslegen, warf er ein, als ob mein Handeln aussähe, wie eitel Eigennutz. Gottes Wege nur will ich gehen, Herr Graf, ohne Vorbehalt, ohne Hintergedanken, und verläßt mich dabei nicht die gesunde Vernunft, so werde ich sie auch finden und hoffentlich drüben im seligen Jenseits auf dem für mich bereiteten Platze keinen Andern erblicken. Du sprichst wie ein Apostel! sagte Wimmer, die Hände faltend. Ich sagte Ihnen ja immer, mein werther Herr Graf und Bruder, daß er ein seltener Mann sei, dieser mein Freund. Der Herrnhuter zerdrückte eine Thräne. Thun Sie deßhalb, was Sie für Recht halten, was ein wahrer, treuer Bekenner Christi thun muß, sprach Graf Alban; Ihr Handeln, Ihre Entschlüsse sollen von uns nicht bestimmt werden. Ich habe einen Gedanken, sagte Ammer nach kurzer Pause. Wollen Sie darauf eingehen, so bin ich entschlossen. Lassen Sie hören. Ich werde Eigenthümer des Schiffes und befrachte es selbst. Kommt die Ladung glücklich an in der neuen Welt, so will ich fortan Handel treiben mit meinen Söhnen auf die neue Manier, doch nur unter der Bedingung, daß diese erste Ladung als Geschenk angenommen wird für die Missionäre und die bekehrten Indianer. Das ist zu viel, erwiderte mit abwehrender Handbewegung Graf Alban. Wimmer lächelte und klopfte seine Stulpenstiefel mit dem Stocke. Es ist mein letztes Wort. Entweder – oder! Lieber Bruder, sagte Wimmer, es ist beinahe ein halbes Vermögen, was du da wegschenken willst. Ich weiß es, versetzte der Weber. Dennoch soll es so sein, weil mir das nicht gehört. Wie das, Herr Ammer? fragte der Graf. Erspieltes Gut ist nicht verdientes Eigenthum, versetzte Ammer, jedennoch kann es dazu werden, wenn es im Dienste des Herrn den göttlichen Segen erhält. Nehmen Sie an, was ich biete. Ihrem großen Missionswerke fließt damit eine bedeutende Summe zu, und ich erleichtere mein Gewissen. Graf Alban reichte dem Weber die Hand. Sie sind ein Ehrenmann, sagte er, ein Mann, recht nach dem Herzen Gottes. Empfangen Sie im Namen der gesammten Christenheit und der Herrnhuter Missionäre im Besondern meinen innigen, aufrichtigen Dank für Ihr so großmüthiges Geschenk, und möge es Ihnen, Ihren Kindern und Kindeskindern Heil, Segen und Glück bringen! Man hörte es dem Tone des Grafen an, daß er seiner tiefsten Ueberzeugung Worte lieh. Wimmer blickte wiederum dankend gen Himmel und bewegte dabei seine Lippen. In diesem Augenblick erfüllte ein bläulich weißer Lichtschein das Thurmgemach, ein donnergleiches Krachen und Prasseln, als stürze ein Theil des alten Gebäudes zusammen, folgte, und alle drei im Zimmer versammelten Männer wankten, wie betrunken. Ammer fiel sogar rücklings in seinen hochlehnigen Stuhl und blieb regungslos. Graf Alban erholte sich am schnellsten. Sein erster Blick richtete sich auf's Fenster, gegen das jetzt Hagelkörner und strömender Regen prasselten. Es muß eingeschlagen haben, sagte er gelassen zu dem wankenden und seufzenden Wimmer. Aber was macht unser Freund? Er trat zu Ammer und ergriff die Hand des Betäubten. Noch fühlte er matt das Schlagen des Pulses, die Hand selbst zuckte, der Weber regte sich wieder. Wie ist Ihnen? fragte der Graf. Ammer holte tief Athem. Gleichzeitig hörte man durch das Prasseln des Hagels und das Heulen des Gewittersturmes lautes Rufen und Schreien. Mich dünkt, sprach der Weber, es war Gottes Finger, der da so vernehmbar an unsere Herzkammern klopfte. Wohl! Ich weiß, daß mein Schöpfer noch das Regiment führt, und bin bereit, mich ihm zu unterwerfen. Aber was ist das? fuhr er fort, sich hoch emporrichtend. Der Himmel hat seine Schleußen geöffnet, daß ganze Bäche herabstürzen aus den vorüberbrausenden Wolken und vermuthlich ist auch ganz in der Nähe ein flammender Donnerkeil niedergefahren. Graf Alban hatte bereits das Gemach verlassen und stand jetzt, gegen den furchtbaren Wettersturm leidlich geschützt, unter der Eingangspforte des Schlosses. Zu ihm trat Ammer, nur der fromme Wimmer blieb zurück in dem Gemache und sagte alle Gebete, die ihm gerade einfielen, ohne Sinn und Verstand her, denn der furchtbare Donnerschlag hatte ihn unglaublich erschüttert. Bei jedem neuen Blitze fuhr er zusammen und glaubte, der flammende Strahl könne ihn leblos zu Boden strecken. Das Schloß roch stark nach Schwefel. Knechte und Werkleute eilten aus ihren Schlupfwinkeln und sammelten sich im Hofraume, ungeachtet der Regen in Strömen herabgoß. Einige hatten den Blitzstrahl deutlich in die Bedachung des Thurmes fahren sehen, von welcher Stücke, die herabgeschleudert waren, zerstreut umher lagen. Man erstieg die Wendeltreppe und konnte hier genau den Weg verfolgen, welchen der Blitz genommen hatte. Zum Glück diente dem zündenden Strahle eine starke an der Treppe sich hinaufwindende Eisenstange als Leiter. An dieser Stange war der Blitz herabgefahren, hin und wieder das Mauerwerk beschädigend. Dicht vor der Schwelle des Thurmgemaches zu ebener Erde, wo die Herrnhuter mit dem Besitzer von Weltenburg eine so wichtige Unterredung hielten, zeigte sich der Fußboden stark zerrissen, weßhalb man annehmen mußte, daß der zerstörende Strahl sich hier in die Erde eingewühlt habe. Eine genauere Besichtigung des Thurmes wies deutliche Spuren von Feuer nach, und wahrscheinlich wäre das obere Holzwerk desselben in Brand gerathen, hätte nicht der unmittelbar nach dem Schlage niederstürzende Fluthregen, der sich sogleich in einen verheerenden Wolkenbruch verwandelte, die im Entstehen begriffene Flamme wieder ausgelöscht. So kam man denn mit dem bloßen Schreck davon. Ammer machte dies Ereigniß sehr nachdenklich. Er ward schweigsam und trug zur Unterhaltung seiner Gäste, die des entsetzlichen Unwetters wegen die Nacht in Weltenburg zubringen mußten, sehr wenig bei. Nur als der Graf im Laufe des verschiedene Gegenstände berührenden Gespräches wieder des Glückes und der besondern Segnungen des Himmels gedachte, deren die Familie Ammer sich zu erfreuen habe, sagte er mit Nachdruck: Säße ich heute noch ruhig in meinem Weberhause und hätte nicht hinausgegriffen mit gierigen Fingern in die Welt, so wäre mir das nicht passirt. Damit war alles Gespräch zu Ende. Der Weber wies seinen Gästen ein alterthümliches Zimmer mit sehr großen altmodischen Himmelbetten für die Nacht an, und verschloß sich dann, was er auf Weltenburg stets zu thun pflegte, in der schmucklosen Kammer, die er für seinen zeitweiligen Aufenthalt nothwendig hatte einrichten lassen. Drittes Kapitel. Die beunruhigende Botschaft. Wimmer hatte eine sehr unruhige Nacht. Das lange Gespräch mit dem schwer zu bestimmenden Ammer, obwohl es größtentheils Graf Alban führte, war für ihn eine geistige Tortur gewesen. Das Resultat freilich erheiterte sein Gemüth, denn er sah jetzt alle seine fein angelegten, im Voraus berechneten Pläne in Erfüllung gehen. Nur der Donnerschlag, dieser entsetzliche Blitz, der minutenlang ihn seiner Sehkraft beraubte und dadurch jenes anhaltende Taumeln verursachte, störte wieder diese Ruhe. Unwillkürlich mußte er dem Weber beistimmen, wenn dieser in seiner gottergebenen oder altväterlichen Weise eine Mahnung und Warnung des Höchsten darin erblicken wollte. Wem sollte sie wohl zumeist gelten? Dem alten, scheinbar mit Glücksgütern überhäuften Webermeister, oder ihm, dem Manne, durch dessen Vermittelung dem Jugendfreunde so Großes zufloß? In seiner Gemüthsunruhe warf sich Wimmer auf das Gebet, mehr aus Gewohnheit, als aus innerem Bedürfniß. Wie ihm durch langjährige Uebung ein Gespräch in salbungsvollen Redensarten zur andern Natur geworden war, so entschlüpften seinem Munde auch Gebete oder Liederverse zu gewissen Stunden des Tages. Diese halb mechanische geistige Unterhaltung, oder wie man es sonst nennen soll, spielte sich von selbst ab, wie ein Uhrwerk, wenn es die treibende Feder in Bewegung setzt. Wimmer dachte gar nichts oder ganz andere Dinge dabei. Er wollte sich nur zerstreuen, ein unbequemes Etwas, das ihn belästigte, entfernen oder wenigstens aus seiner unmittelbaren Nähe verbannen. Allein ihn floh der Schlaf. Das Flüstern und Pfeifen des Windes in dem großen Schornsteine, der in einen gewaltigen Kamin mündete, das Rauschen der Baumkronen im nahen Park und das dumpfe Brausen des in einen mächtigen Strom verwandelten Flusses störten ihn immer wieder auf. Feindlicher noch begegnete dem Herrnhuter das Geflimmer des Mondlichtes auf ein paar verblaßten Portraits, die an den morschen Tapeten des Schlafzimmers hingen. Die hin- und herschwankenden Baumzweige spiegelten sich ab an den Wänden und verdeckten jetzt die Bilder, dann ließen sie dieselben wieder sichtbar werden. Wider Willen heftete Wimmer seine Augen darauf und je länger er hinsah, desto unheimlicher ward ihm. Die Bilder schienen lebendig zu werden; die Hände bewegten sich und drohten ihm, und obwohl das Portrait eines alternden Mannes in der üblichen Tracht seiner Zeit, mit einer majestätischen Allonge-Perrücke erschien, verwandelte es sich doch vor seinen Augen in Ammer's ernste, harte und doch so treuherzige Züge. Der alte Weber blickte den Herrnhuter aus dem bestäubten Rahmen mit so vorwurfsvollen Augen an, daß er in die Gewalt eines übermenschlichen Wesens gekommen zu sein schien. Hätte ihn nicht die Scham abgehalten, er würde den Grafen gerufen und ihn um Hilfe gegen die quälenden Visionen gebeten haben. Spät erst schloß der Schlaf die müden Augen des Geängsteten, aber auch im Schlaf wollten die Feinde nicht von ihm lassen, die als Frühgeburten seines unlautern Schaffens sich schon jetzt störend in seine Lebenskreise drängten. Am nächsten Morgen trieb Wimmer zur schleuniger Abreise. Er schützte Geschäfte vor, die seiner daheim warten sollten, die wahre Veranlassung zu seinem Drängen war jedoch das unheimliche Gefühl, das ihn im Hause des alten Jugendfreundes wie eine fremde, drückende, ihm sich anheftende Atmosphäre nicht mehr verließ. Graf Alban zeigte eine ganz andere Physiognomie. Seinen milden, klaren Zügen, seinen klugen, dabei aber sanften Augen sah man es an, daß eine freudige Zuversicht seine Seele erhebe, und daß er Gott inbrünstig dafür dankbar sei. Der Graf empfahl sich daher auch mit großer Herzlichkeit von seinem Wirthe, während der süßliche, liebevolle Wimmer seine Verlegenheit mit der Maske erkünstelter Rührung verhüllte. Er drückte Ammer nur die Hand, stellte sich, als ob er sprechen wolle, aber nicht könne, zerdrückte ein paar Thränen und stieg mit einem verklärten Blicke nach Oben in den Wagen, während er seinen breitkrempigen Hut tief in's Gesicht drückte. Ammer hatte nicht Zeit, seinen geheimen Gedanken nachzuhängen. Von allen Seiten stürmten Arbeiter, Werkleute und Baumeister auf ihn ein. Jeder wollte ihn zuerst sprechen, Jeder seine Meinung hören. Die Verwüstungen des Unwetters, besonders in Folge des Wolkenbruches, der größtentheils im Gebirge niedergegangen war, überstiegen bei weitem jede Vorstellung, die man sich am Abend nach dem Wetter davon gemacht hatte. Weil keine Gebäude auf der Besitzung Weltenburg gefährdet waren, hatte man weniger auf das Vorgehende geachtet. Erst jetzt übersah man das Uebel und erschrak darüber. Im Flußthale, wo Ammer eine Walkmühle anlegen wollte, hatte das Wildwasser den ganzen Untergrund überschwemmt, so daß in Wochen an eine Fortsetzung des Baues nicht gedacht werden konnte. Entwurzelte Baumstämme, die der Fluß weiter oben aus der Erde gewühlt, lagen, mit Schlamm und Schlinggewächsen bedeckt, im üppigen Wiesengrunde, dessen Graswuchs mit Sand, Erde, Schiefergeröll gänzlich unbrauchbar geworden war. Noch jetzt rollte der Fluß seine erdigen Wellen weit über die Ufer, und eine Menge Trümmer aller Art schwamm mit den Fluthen thalabwärts. Der angerichtete Schaden war gar nicht zu übersehen, zumal da man nicht wissen konnte, ob und welchen Schaden der Hagel auf den Feldern angerichtet haben würde. Ammer ließ sich überall hinführen, besah Alles genau, prüfte mit Hand und Fuß, wo der Blick allein ihm nicht zu genügen schien, äußerte aber weder Unwillen noch Besorgniß. Am Ende seiner Wanderung sagte er trocken: es muß eben Alles wieder in Ordnung gebracht werden. Zeit, Geld und rechtes Geschick bringen das wohl zu Stande. Doch wird man sich in Zukunft vorsehen müssen. Damit war das immerhin störende Ereigniß für alle Zeit abgethan. Ammer dachte nicht mehr daran, oder sprach doch nicht davon; dies veranlaßte alle Uebrigen ebenfalls zu schweigen und statt vielen und nutzlosen Sprechens die Hände tüchtig zu rühren, damit die Arbeit auch fördere. So kam die Mittagsstunde heran. Um diese Zeit fand sich gewöhnlich der Postbote in Weltenburg ein, falls überhaupt Briefe zu besorgen waren. Seit Ammer's Aufenthalt daselbst kam dies häufig vor, denn der vielbeschäftigte Weber, dessen Verbindungen so sehr gegen seinen Willen eine gewaltige Ausdehnung gewonnen hatten, erhielt fast täglich eine Anzahl Briefe. Auch heute blieb der eilig einherschreitende Bote mit seiner Ledertasche nicht aus, doch hatte er diesmal nur einen einzigen mit der Bemerkung »pressant« bezeichneten Brief dem neuen Besitzer Weltenburg's zu überreichen. Ammer erkannte die Hand seines Sohnes Christlieb und erbrach ihn mit einiger Besorgniß. Und in der That, die darin enthaltene Nachricht war in jeder Hinsicht überraschend und beunruhigend. Christlieb meldete nämlich dem Vater, Kaufmann Mirus habe durch einen Expressen die kurze Meldung ihm zugehen lassen, daß er gegenwärtig auf die früher gemachte Bestellung durchaus nicht reflectire, sondern, weil er schon anderweit mit Waaren reichlich versehen sei, dieselbe als gar nicht geschehen betrachtet wissen wollte. Der Brief des reichen Handelsherrn, fügte Christlieb noch hinzu, sei so kurz und herb, daß er vermuthen müsse, derselbe wolle alle Beziehungen mit Ammer für immer abbrechen. Der Weber legte das Schreiben zusammen und steckte es zu sich. Er sah ernst, ja düster vor sich hin, ohne einen Laut von sich zu geben. Nur die Röthe seines Gesichts und das starke Anschwellen der Ader auf der Stirn wurden zum Verräther der Gedanken, die in ihm aufstiegen. Er ließ das aufgetragene Mittagsbrod unberührt stehen und rauchte, statt zu essen, eine Pfeife Tabak. Nach Tische sprengte Fürchtegott auf schaumbedeckten Rosse in den Hof, warf die Zügel einem gebieterisch herangerufenen Dienstboten zu und befahl ihm, das Pferd eine Zeitlang herumzuführen und es dann sorgfältig abzureiben. Als er die finstere Miene des Vaters am Fenster des Thurmzimmers bemerkte, grüßte er etwas verlegen und trat in's Schloß. Der Vater empfing ihn kühl. Hast du Jemand in der Stadt gesprochen? fragte Ammer. Außer meinen jungen Freunden Niemand, versetzte Fürchtegott. Wir spielten gestern Abend während des Unwetters ein paar Partieen Billard, wobei ich das Glück hatte, eine Wette zu gewinnen. Schon wieder, sagte Ammer. Und du weißt doch, daß ich es nicht gern sehe, wenn du so nutzlos Geld verthust! Es trifft ja nicht deine Kasse, Vater, erwiderte der junge Lebemann, der sich bereits zu fühlen begann. Mit dem mir ausgesetzten Taschengelde werde ich doch wohl thun und lassen können, was mir behagt? Ammer seufzte. Es zeugt von Leichtsinn, lieber Sohn, bemerkte er nach einer Pause, und Leichtsinn ist für einen Kaufmann, der du ja werden willst, immer eine sehr üble Eigenschaft. Hast du sonst nichts gehört? Ja, daß der Blitz das alte Nest hier bald angezündet hatte, sagte Fürchtegott heiter, die Landleute aus dem Thale erzählten sich's heute Morgen, als ich auf dem Keller frühstückte. Groß wäre das Unglück nicht gewesen, denn so, wie das Haus jetzt aussieht, kann es doch unmöglich lange noch bleiben. So lange mich Gott am Leben läßt, Fürchtegott, und so lange ich noch ein Wort über das Meinige zu sagen habe, bleibt Schloß Weltenburg in diesem seinem jetzigen Zustande. Wenn ich todt bin und sechs Fuß tief unter der Erde liege, könnt ihr thun, was ihr wollt. Mein Gott, erwiderte Fürchtegott, ich mache dir ja durchaus keine Vorschriften, ich äußere ja nur eine Ansicht, spreche einen Wunsch aus. Daß du das alte Geniste nicht einreißen wirst, weiß ich ohnehin. Du kannst es ja kaum hören, daß man von Neuerungen spricht, daß man sie lobt. Weil ich erst prüfe, ehe ich ein Ding annehme, das mir unbekannt ist. Aber lassen wir das, mein Sohn; es gibt Wichtigeres zu thun. In einer halben Stunde fahre ich nach der Stadt und von dort weiter nach Hause. Wann ich wieder komme, kann ich nicht bestimmen. Ich erwarte deßhalb, daß du ein offenes Auge hast auf Alles, was um dich her vorgeht. Du inspicirst und befiehlst ja lieber, als daß du mir daheim zur Hand gehst. Es ist also hier ein Boden für dich. Nur bedinge ich mir aus, daß du nicht hart und unfreundlich gegen die Arbeitsleute bist und nicht den vom Glück emporgehobenen Junker spielst. Du hast die Anlage und den Trieb dazu, aber ich duld' es nicht. Ich werde nur auf unser Bestes sehen, sagte Fürchtegott mürrisch. Thu's und Gottes Segen möge mit dir sein. Adieu! Ich habe einen schweren Gang vor, fügte Ammer nachdrücklich hinzu. Wäre dies Alles nicht mein Eigenthum durch Gottes gnädige Fügung, so hatte ich heute nicht Ursache, mit schwerem Herzen Jemand eine Bitte vorzutragen, die Vielleicht durch eine Beleidigung beantwortet wird. Nun es kommt ja Alles von oben herab, Freudiges und Trauriges, und durch Trübsal geläutert zu werden, ist das Loos aller Menschen. Die düstere Miene, der fast traurige Ton der Stimme des Vaters machten den Sohn verstummen. Nicht einmal eine ferne Frage wagte er zu thun; es ward ihm ganz unheimlich, und er fühlte sich erst wieder frei und erleichtert, als der alte Planwagen, den der eigensinnige Weber noch immer beibehielt, wenn er zu fahren genöthigt war, den gewundenen Fahrweg hinab in's Flußthal rollte. Viertes Kapitel. Kaufmann und Weber. Unterwegs entwarf Ammer eine Menge Pläne, um den Kaufmann, seinen langjährigen Freund, zu einer Sinnesänderung zu bewegen, allein keiner gefiel ihm. Seine Zuflucht zu einer Bitte zu nehmen widerstrebte seinem Charakter, auch hätte er damit ja sich selbst eines Unrechts geziehen, was er weder konnte noch wollte. Gehandelt aber mußte werden, sonst standen ihm große Verluste bevor. Denn ward es bekannt, das Mirus nicht mehr bei ihm arbeiten lasse, so mußte nothwendig sein Ruf als Weber darunter leiden. Diesen Ruf sich zu erhalten, war Hauptzweck seines Ganges. Ihm würde Ammer Großes geopfert haben, denn dieser Ruf, der mit ihm gewachsen war, der ihn umgab, wie die Luft, die er athmete, war sein höchstes Gut, seine größte Ehre auf Erden. Mit ihm wollte er leben und sterben. Als sein unscheinbares Fuhrwerk die Stadt erreichte, war der Weber in seinen Entschlüssen nicht weiter gekommen, als beim Einsteigen in Weltenburg. Er mußte jetzt dem Zufalle, dem Augenblicke Alles überlassen. Die Kniee zitterten dem Weber, als er das Haus des Kaufmannes betrat. Mirus war auf seinem Zimmer und, wie der Buchhalter ihm sagte, ganz allein. Er erbat sich, den Weber zu melden. Bei Leibe nicht! sagte Ammer ihn zurückhaltend. Ich bin kein aparter Freund vom Warten und zu einem großen Herrn fehlt meinem alten Freunde der ganze Zuschnitt. Ich meine, es wird besser sein für uns Beide, wenn ich mein eigener Bote bin. So stieg denn Ammer die Treppe hinauf, ging leisen Schrittes über den breiten und langen Vorsaal, und klopfte ziemlich hart an die Thüre des Kaufmanns. Ein entsprechend lautes Herein! antwortete auf diese starke Frage. Im nächsten Augenblicke standen beide Männer einander gegenüber, Ammer hoch aufgerichtet, seine feste Gestalt halb auf seinen Rohrstock stützend, der Kaufmann gebückt, beunruhigt, vor Aerger keines Wortes mächtig. Ammer schüttelte mißbilligend sein weißlockiges Haupt, das volle Haar mit dem Hornkamme tiefer in den Nacken streichend. Es ist mir so eben kund geworden durch ein paar Zeilen, die mein Aeltester mir zugesendet, daß Sie ein gegebenes Wort brechen wollen, Herr Mirus, begann der Weber mit unsicherer Stimme seine Rede. Ich habe mich fast darüber erschrocken, also daß ich kaum von der Stelle konnte und das Wort mir auf der Lippe erstarb. An die dreißig Jahre und auch darüber war ich gewohnt, ein Wort von Kaufmann Mirus weiter zu geben, wie einen Wechsel. Mit dem letzten Versprechen hab' ich's auch so gehalten und nun will das Haus Mirus und Compagnie nicht gut dafür sein! Herr, ich sollte meinen, Sie müßten begreifen, daß solch' unerhörte Kunde einem Mann, wie ich bin, wohl in die Glieder schlagen könne! Ist's an dem? Mirus hatte seine goldene Dose wohl zehnmal auf- und zugeklappt, und mehrere Prisen genommen. Jetzt versetzte er stotternd, denn Aerger, Aufregung und Verdruß ließen ihn keine Worte finden. Herr, ich muß Ihr sagen, mit mit Betr mit falschen, zweizüngigen Leuten ist kein Geschäft partout kein Geschäft! Wer ist zweizüngig? gegenfragte in stolzer Haltung der Weber. Hab' ich je zu Ihnen in doppelzüngiger Weise gesprochen? So wahr ich meinem Schöpfer erkenntlich bin für all' die unverdiente Gnade, die er mir erwiesen bis zu dieser Stunde, ich wüßte nicht, in welcher Minute meines Daseins der Schalk solchen Wortes oder Gedankens sich bei mir hätte verstecken können. Dann will ich's Ihnen sagen, Herr Ammer, erwiderte Mirus gefaßter. Als vor drei oder vier Monaten die Herrschaft Weltenburg unter'n Hammer kam, erklärte man vor der ganzen Versammlung, der heimliche Herrnhuter, Lazarus Wimmer, habe sie gekauft und doch sind Sie der Besitzer, sind es, wie ich freilich zu spät erfahren habe, gewesen von dem Augenblicke an, wo mir das Schloß entrissen ward. Wie nennt man das bei euch Webern, he? Hab' ich für Anderer Handlungen einzustehen? Andere handelten in Ihrem Auftrage. Advocat Block, der alte Ränkeschmied Ist nur mein Rechtsanwalt, nichts weiter. Herr, ich muß Ihr sagen, platzte der heftige Mirus heraus, gerade weil dieser Block, dieser Satansmensch, statt Ihrer in Weltenburg erschien, kann ich nicht mehr Ihr Freund sein. Wer meinem Todfeind sein ganzes Vertrauen schenkt, stellt sich von selbst und mit Vorbedacht auf die Seite meiner Gegner. Sie brauchen mich ja ohnehin nicht mehr, Sie befrachten ja eigene Schiffe und schicken Ihre Waaren direct nach der neuen Welt! Herr, ich muß Ihr sagen, das Alles sind Praktiken, schlechte Angewohnheiten, Winkelzüge, Ueberschliche Mit Verlaub, Herr Mirus! rief jetzt Ammer in so gebieterischem Tone, daß der Kaufmann verstummte. Danken Sie es meiner schwer bekümmerten Seele, daß ich mit Ihnen nicht verfahre nach weltlichem Recht. Oja, mein Herr Mirus, Ammer im Rohr ist freilich nur ein armer, dummer Weber, aber ein Stück Reputation hängt an jedem Fädchen Garn, das durch seine oder seiner Leute Finger läuft. Offen und gerade, schlicht und ehrlich war mein Thun von Jugend auf, und wenn in letzter Zeit mein Geschäft mehr in's Große getrieben ward, so geschah es, weil die Welt mich drängte und mein Schöpfer mir ungesucht Mittel zuwies, die ich als rechtlicher Familienvater nutzbar anzulegen verpflichtet war. D'rum bemüht hab' ich mich nicht, und's Briefschreiben ist nicht meine Sache. Auf die Thürklinke muß der Mann schlagen, der mit mir in Verbindung treten will. Thut's Einer, so nehme ich mein Käppchen vor ihm ab und nöthige ihn auf christliche Manier herein, aber hinauswerfen laß ich weder einen solchen Gast von irgend einem Andern, noch steht es mir an, mir im eigenen Hause von Fremden Vorschriften machen zu lassen. Derohalben, mein Herr Mirus, wollte ich den Kaufmann gebeten haben, es möge sich derselbe mit losen, unschicklichen und beleidigenden Redensarten gegen den Weber nicht gar zu sehr vergehen. Könnte sonst geschehen, daß ich mich doch wider Willen des Block bedienen müßte! Mirus fühlte, daß er zu weit gegangen war, er suchte deßhalb einzulenken. Man muß sich gegenseitig menagiren, Herr Ammer, versetzte er, lassen Sie uns also in Ruhe ein Abkommen treffen. Beliebt's Platz zu nehmen? Ammer folgte dieser Einladung mit finsterm Gesicht. Er schob einen der mit gemustertem Sammet überzogenen, an dem Holzrande mit gepreßtem Leder eingefaßten Stühle mitten in's Zimmer, setzte sich und stützte seine Bibermütze auf den Rohrstock, den er mit beiden Händen umfaßte. Nun, so reden Sie, sprach er. Ich bin bereit, auf jegliche Frage Antwort zu geben. Sie haben zu viel zu thun, mein lieber Ammer, sagte jetzt der Kaufmann, und da möcht' ich nicht gern stören, vorzüglich, weil ich auch nicht zurückgesetzt oder vernachläßigt sein will. Kommt bei mir niemalen vor, erwiderte Ammer sehr bestimmt. Sag' ich Jemand zu, daß ich ihm dienen will, so geschieht es. Der arbeitenden Hände gibt es genug, und weil Gott mir einigen Mammon verliehen hat, den ich wieder Andern zufließen lasse, damit er mir Segen trüge, so fehlt es mir nie an ausreichenden Kräften. Seit den letzten Monaten erst sind wieder einige zwanzig tüchtige, gewandte und fleißige Leute von mir in Brod und Lohn genommen worden. Aber es quält Sie diese große Vermehrung der Menschen, es wächst Ihnen das Geschäft über den Kopf und macht Ihnen Kummer. So Einer ein Amt hat, so warte er seines Amtes! versetzte Ammer trocken. In meinen Augen ist derjenige ein schlechter Mann, der ein gegebenes Wort nicht hält, eine eingegangene Verbindlichkeit nicht erfüllt. Lieber zu Grunde gehen, als unehrenwerth dastehen! Mirus machte sich auffallend viel mit seiner Dose zu schaffen. Nun, mein lieber Herr Ammer, sagte er nach kurzem Schweigen, ich denke wohl, es gibt für rechtschaffene Menschen noch einen Mittelweg, den sie einschlagen können, ohne Schaden an ihrer Ehre oder ihrem eigenen Gewissen zu leiden. Man trifft ein Abkommen Herr, ich muß Ihr sagen das nennt man kaufmännisch verfahren. Kann wohl sein, sagte Ammer, sein breites Kinn auf den mit der Mütze bedeckten Stockknopf stützend. Nun also, fuhr Mirus fort. Wie ich höre und Sie gewissermaßen ja auch selbst zugestehen, wollen Sie vom Weber zum Kaufmann aufsteigen, lassen Sie uns demnach kaufmännisch handeln. Wenn ich nun aber nichts davon hören will? Das würde unrecht von Ihnen sein. Genug, Herr Ammer, ich wünsche meine Bestellung zurück zu nehmen. Die Weben sind halb fertig. Machen Sie sie ganz fertig und offeriren Sie dieselben Ihrem werthen Freunde, Herrn Wimmer, sagte Mirus lächelnd. Wimmer kann sie nicht brauchen. Ich auch nicht. Das mußten Sie wissen, ehe Sie die Waare bei mir bestellten. In vierzehn Tagen werde ich sie abliefern. Auf Ihre Gefahr hin, Ammer! Ich schicke sie zurück, so wahr ich der Kaufmann Mirus bin! Und ich werde Sie in solchem Falle verklagen, so wahr mein Rechtsanwalt Block heißt! Dann sind wir ewig Feinde! Ewig? – Das wissen wir nicht; hier auf Erden vielleicht, allein ich habe Gott zum Zeugen, daß die Schuld nicht auf mich fällt! Ammer, sagte Mirus aufstehend und sich dem unbeugsamen Weber nähernd, nehmen Sie Vernunft an! Es läuft schnurstracks gegen mein kaufmännisches Gewissen, mit Ihnen in fernerer Verbindung zu bleiben. Alle meine Pläne haben Sie oder Ihre Helfershelfer gekreuzt, alle meine Hoffnungen sind dadurch zerstört worden! Sie betreiben ein heimliches Compagniegeschäft mit Wimmer, von dem ich weiß, daß er ein schlechter, gewissenloser und rachsüchtiger Mann ist ich warne Sie, Ammer! Sie stecken mit Block zusammen und spielen mit ihm unter einer Decke, der mich zu vernichten geschworen hat, weil ich einmal gegen ihn einen Proceß gewann; Sie kaufen mich aus unter fremdem Namen und ruiniren damit meine ganze irdische Wirksamkeit! Wie, Ammer, können Sie wirklich glauben, daß nach solchen Vorkommnissen, die alle begründet sind, ich noch in Geschäftsverbindung mit Ihnen bleiben soll? Man kann Kleinigkeiten vergessen, aber Alles, seine ganze kaufmännische Ehre Herr, ich muß Ihr sagen die könnte unter solchen Verhältnissen nur ein Hottentotte nicht für gefährdet halten. Ammer hatte dieser Entgegnung seines langjährigen Geschäftsfreundes in der angedeuteten Stellung zugehört, ohne eine Miene zu verziehen. Dennoch werden Sie die Bestellung bezahlen müssen, sagte er jetzt fest. Was Sie fernerhin zu thun haben, werden Sie am besten selbst ermessen können. Ein ganzer Mann ist in schwierigen Lagen immer sein sicherster Rathgeber. Sie haben nichts zu erwidern auf meine Bemerkungen? fragte der äußerst geärgerte Kaufmann. Was soll ich darauf erwidern? entgegnete Ammer. Herr Wimmer ist stets ein Freund von mir gewesen und hat sich als solcher bewiesen. Was er sonst noch für Nebenabsichten haben mag; ob er Andere bevortheilte, ob er rachsüchtig und schlecht ist, habe ich nicht zu untersuchen. Ich bin nicht sein Gewissensrath, und die Geheimnisse seines Herzens hat, glaub' ich, der kluge Herrnhuter auf dieser Welt schwerlich irgend Jemand mitgetheilt. Vorsicht ist nöthig, wenn man mit ihm zu thun hat, und vorsichtig bin ich. Selbst wenn er mir übel wollte, unter die Füße kriegte er mich doch nicht, denn ich bin meinem Schöpfer sei es gedankt noch allezeit wacker bei Kräften. Das wäre denn Eins. Zum Zweiten bin ich Besitzer von Weltenburg geworden, ohne mir diesen Besitz zu wünschen oder zu erschleichen. Mein Anwalt glaubte meinen Söhnen Gutes zu thun, wenn er die Herrschaft für mich erstände. Ich sagte nicht direct nein, und so ward sie mein Eigenthum. Nun, und daß er Wimmer's Namen vorschob, fällt Ihnen das so ungewöhnlich auf? Mich will bedünken, es war ein ehrenwerther Zug von Block, daß er, mit Ihnen schon gespannt, einen Ihrer Freunde nicht als Gegner nennen wollte. Wo Sie also Hinterlist und Schlechtigkeit entdecken, finde ich nur rücksichtsvolle Artigkeit. Mirus trat dicht an den Weber heran. Ammer, sagte er, seine Hand auf die Schulter des alten Mannes legend, vieljähriger, lieber Freund, halten Sie die Augen offen und lassen Sie sich nicht blenden von dem überhellen Glanze, der gerade jetzt Ihren Lebensweg beleuchtet! Er macht mir keine Freude, versetzte Ammer düster, mit weit offenen Augen in's Leere blickend. Da er aber doch einmal hereingedrungen ist und fortwährend lockend um meine Füße zittert, kann ich nicht zu ihm sagen: geh! du bist mir lästig. Ich will lieber bei weniger Licht ruhig leben und ohne zu erblinden dereinst die Welt verlassen. Sie sagen selbst, daß Sie in Ihren neuen Verhältnissen sich nicht glücklich fühlen, bemerkte der Kaufmann. Ich glaube es, denn ich schmeichle mir, ein wenig in Ihrer Seele lesen zu können. Dennoch fürchte ich nicht sowohl diese Umgestaltung Ihres äußern Lebens, als Ihre Freunde. Ich weiß, Ammer, daß sie Ihnen nicht wohl wollen, daß hinter jedem freundlich klingenden Worte ein Abgrund von Tücke gähnt! Geben Sie mir Beweise! Das kann ich nicht. Weßhalb nicht? Weil ich sie nicht besitze. Dann wäre mir's nicht zu verargen, wenn ich Sie für einen Verleumder hielt. Aber Ammer! rief Mirus in heftiger Aufregung; wie ist es möglich, daß Sie so grenzenlos verblendet sein können! Wenn ich es wirklich sein sollte, was ich noch nicht glauben kann, erwiderte der Weber, so muß es im Rathschlusse Gottes so vorher bestimmt sein. Dem Herrnhuter hab' ich Unrecht gethan in frühern Jahren ich legte Eis auf ein glühend heißes Herz und erkältete es damit. Der Mann erholte sich langsam, aber warm und freudig schlug sein Puls nie wieder. Daran war ich Schuld, Herr Mirus, und wäre ich ein Mensch gewesen von schwachen Gaben und leicht reizbaren Nerven, es hätte wohl sein können, diese meine eigene Rechte hätte für mich die Gestalt einer Teufelskralle angenommen und mir die Luftröhre zugedrückt, wenn ich bei schaurigem Mondlicht, wo Schatten und Nebel mit einander spielen und sich oft recht häßliche Gesichter schneiden, einsam durch's pfeifende Rohr ging. Ich hab's nicht gethan, Herr Mirus, und dafür preis' ich meinen Schöpfer. Der Herrnhuter aber ward still, fromm Andere sagen ein Frömmler er reichte mir die Hand, der ich den Glücksring abstreifte, noch eh' er es ahnte; er sprach zu mir: Bruder, die Lehre Christi schreibt vor: Liebe deine Feinde! Er legte meine kalte, zitternde Rechte auf sein matt klopfendes Herz, indem er mit wehmüthigem Lächeln sagte: Fühlst du, Freund, es schlägt schon wieder und wird bald ganz munter plaudern und springen, wie die Herzen aller andern Menschen. Liebe mich, wie ich dich liebe, und sei mein Freund! Da konnte ich nicht nein sagen, Herr Mirus, denn ich hätt' es für eine große Sünde gehalten. Und seitdem hab' ich dem Herrnhuter mit Vorsicht vertraut, mit ihm geworben um weltliches Glück, und Wimmer ich muß es bekennen zu seinem Ruhme, selbst wenn dies Bekenntniß mir und den Meinen zum Nachtheile gereichen sollte Wimmer hat seit jenem Tage nicht aufgehört, feurige Kohlen auf mein Haupt zu sammeln, dergestalt, daß von der immer erneuerten Gluth derselben meine Haare erbleichten und ich nun vor der Zeit einhergehe als Greis! Lachen Sie jetzt über den einfältigen Weber, Herr Mirus, wenn Sie können, aber wagen Sie nicht mehr, den Herrnhuter einen schlechten Menschen zu nennen! Mirus seufzte. Er schien gerührt von den Worten des Webers, die, je länger er sprach, von ihrer anfänglichen Herbheit viel verloren. Nach einer Weile gab er ihm die Hand. Gut denn, sagte er. Meine Schuldigkeit habe ich gethan. Daß sie nichts fruchtet, sehe ich leider ein und bedauere es zugleich, aber ich will weder ungerecht sein gegen Sie, noch gegen Andere. Um Eins aber bitte ich, alter Freund! Seien Sie wachsam und haben Sie besonders ein Auge auf Ihren Sohn Fürchtegott! Der junge Mensch ist schon jetzt im Begriff, unheilvolle Nebenwege zu wandeln. Und zum Schluß die Versicherung, daß ich mich nach keinem anderen Lieferanten umsehen will. Wir verstehen uns, denk' ich, und Herr, ich muß Ihr sagen was Sie mir da erzählt haben, ist mir tief in die Seele gedrungen. Mirus nahm eine starke Prise und bot dem Weber die Dose, der dem Beispiele des Kaufmanns mechanisch folgte. Es ist mir lieb, daß wir als Freunde scheiden können, versetzte Ammer. Ihre Kundschaft gehört zu meiner Reputation. Just darum, nicht des Gewinnes wegen, ist sie mir von so großem Werth. Das Andere, setzte er mit gedämpfter Stimme und die Augen niederschlagend hinzu, müssen wir wohl dem Herrn anheim stellen. Mein Gebet wendet sich in dieser Angelegenheit früh und Abends an den himmlischen Vater, allein mein Kummer wächst noch immer und wenn nicht ein Wunder geschieht oder was ich für gleich erachte ein rechtzeitiges Unglück das üppig aufsprossende Unkraut vernichtet, so wird es mit mächtigem Arm mich umschlingen und tief beugen! Dennoch will ich nicht verzagen, noch kleingläubig mich erweisen. Es sind ja die Kinder, an deren Thun uns Gott seinen Willen kund gibt und uns bisweilen andeutet, wie unsere Rechnung steht! Beide Männer schüttelten sich schweigend die Hand. Sie waren gründlich versöhnt und verstanden sich, dem Blicke nach zu urtheilen, in dem sie sich begegneten, wohl mehr, als sie in Worten aussprachen. Mirus begleitete den Weber bis vor die Hausthür und Ammer verließ den Kaufmann mit der Ueberzeugung, daß er sich in demselben einen zuverlässigen Freund erworben habe, auf dessen kräftige Unterstützung er zählen dürfe, wenn vielleicht Andere ihm früher oder später untreu werden sollten. Fünftes Kapitel. Familienleben. Im Baumgarten hinter dem Hause unseres Freundes ging es sehr lebhaft zu. Ein halbes Dutzend Menschen war beschäftigt, gefärbtes Garn, das man zum Trocknen aufgehängt hatte, jetzt auszuschlagen, von den Stangen zu nehmen und in Körbe zu packen. Die leicht gekleideten Arbeiter thaten dies in der fröhlichsten Stimmung, bald schwatzend und scherzend, bald eine Volksmelodie leise dazu summend. In den breiten Kronen der Obstbäume zwitscherten die Vögel und aus dem dunkeln Blättergefach lauschten eine Menge röthlich schimmernder Aepfel. Bisweilen fiel wohl auch eine frühreife Frucht herab in's Gras, was dann jedesmal eine Unterbrechung der Arbeit herbeiführte, indem von den rüstig Thätigen jeder dieselbe zu erhaschen sich bemühte. Noch lebhafter war es auf der Straßenseite. Hier stand Wagen an Wagen gereiht von der Wohnung Ammer's bis hinauf an die Lehde, wo der Weg gegen das Rohr abbog. Vor jedem mit grauleinener Plane überdeckten Wagen stampften starke, wohlgenährte Rosse, deren klimpernder Messingschmuck an den hohen, mit blutrothen Tuchstreifen verzierten Kumten ein ununterbrochenes Geräusch hervorbrachten. Die Leinendecken der Wagen waren auf einer Seite aufgerollt, damit die auch hier beschäftigten Arbeiter mit Bequemlichkeit die Ballen und Packen aufladen konnten, welche vier kräftige Gesellen aus den Vorrathskammern des reichen Webers herbeischafften. Christlieb und sein junger Schwager, Albrecht Seltner, führten bei dieser Verladung die Aufsicht, und gewiß konnte der accurate Weber zu diesem Geschäft keine sorgsamere, gewissenhaftere Menschen finden. Sobald ein Wagen beladen war, traten beide junge Männer zusammen, um ihre Aufzeichnungen zu vergleichen, die dann jedesmal trefflich zusammenstimmten. Ungefähr einen Steinwurf entfernt von der Straße nach Westen zu erhob sich jetzt ein kleines allerliebstes Häuschen, das so nett und blank aussah, als ob es geschäftige Hauskobolde in jeder Nacht vom Giebel bis zur Kellertreppe scheuerten. Das Erdgeschoß bestand aus übereinandergelegten Holzbohlen, die mit schwefelgelber Oelfarbe angemahlt waren. Wo bessern Haltes wegen noch eine besondere Befestigung sich nöthig machte, bemerkte man zahlreiche große Holznägel, deren Knöpfe in schimmerndem Weiß prangten. Die Fenster waren klein, aber blank, und die Umrahmung derselben etwas grell saftgrün angestrichen. Vor der Thür war eine Laube angebracht, die ein noch sehr jugendliches Geisblatt mit zarten Ranken zu umspinnen begann. Ueber derselben am reinlichen Fachwerk des Obergeschosses hing eine große, von zahllosen Kugeln durchlöcherte Scheibe, ein geputztes Mägdelein darstellend, das mit huldvollem Lächeln einem schmucken Krieger die Hand reichte. Die Brust dieses Kriegers war durchsichtig gemalt, d.h. an der Stelle, wo das Herz sich befindet, sah man dies auf der Scheibe in Natur. Ein wohlgezielter Büchsenschuß hatte dies Herz durchlöchert und den glücklichen Schützen, Albrecht Seltner, zur Würde eines Schützenkönigs erhoben. Auf der Südseite dieses neuerbauten Hauses, das so einladend und glückverheißend aussah, als müsse es ein Asyl heiligen Friedens sein, waren Arbeiter mit der Anlage eines Blumengartens beschäftigt. Die Rabatten und schmalen Gänge, welche zwischen denselben hinliefen, waren schon abgesteckt und mit Buchsbaum eingefaßt. Kleine Rosenbäumchen, noch etwas dürftig von Aussehen, fehlten auf keinem der Beete. Levkoien, Goldlack und ein sehr schöner Flor voller Nelken standen in Blüthe. Auch die weithin duftende Reseda, Salbey und einige andere wohlriechende Zierpflanzen, wie der Landmann sie liebt, hatte das noch im Entstehen begriffene Gärtchen aufzuweisen. Einige Birnbäume, Pfirsichreiser und junge Weinreben sollten in Zukunft an dem Spalier zum Giebel hinaufsteigen, der sich voll nach Süden kehrte. An der äußern Einfassung dieses Lustgartens arbeitete man soeben, indem einige Maurer und Handlanger fein behauene Säulen prächtig glänzenden blaugrauen Granites in die Erde einließen und ein paar Zimmerleute zwischen diesen Säulen ein hübsch geschnitztes Staket befestigten. Dies Häuschen mit seiner freundlichen Umgebung hatte Ammer seiner Tochter erbauen lassen. Sie bezog es, vollkommen und nach damaligen Begriffen überaus glänzend eingerichtet denn es fehlte kein Nagel der etwa gebraucht wurde an ihrem Hochzeitstage. Die Ausstattung, welche der reiche Weber seiner Tochter mitgab, hatte nicht ihres Gleichen. Sie machte deßhalb auch wirklich in weitem Umkreise Aufsehen, wie Ammer vorhergesagt, und das Haus des jungen Paares war unstreitig das geschmackvollste im ganzen Orte. Auch sonst war Ammer darauf bedacht gewesen, seinem Schwiegersohn den ersten Anfang möglichst zu erleichtern. Wie wir wissen, besaß der Weber Feld und Wald. Von diesem trat er Albrecht mehr als die Hälfte bei seiner Verheirathung ab, wobei er jedoch zur Bedingung machte, daß sein Eidam die Bewirthschaftung selbst übernehmen müsse. Ich will nicht, sagte er, daß wenn ich zu dir komme an einem stillen Nachmittage oder Sonntags nach der Kirche, das Brod, das ich esse, auf anderer Leute Acker gewachsen ist. Unter dieser Feld- und Waldmark befand sich auch jenes Stück Land, das Ammer vor längeren Jahren durch einen langwierigen Proceß von dem Vater seines Schwiegersohnes an sich gebracht hatte. Es war dabei, wie bereits angedeutet wurde, nicht gar zu ehrlich hergegangen, Ammer fühlte sich deßhalb stets bedrückt, wenn er daran dachte, und damit ein früheres Unrecht ohne Aufsehen wieder vollständig gut gemacht werden möge, schenkte er jenen Landstrich nebst einem Theil seines ihm wirklich zugehörenden Grundes und Bodens dem dankbaren Tochtermanne. Flora saß jetzt mit ihrer Mutter unter der Laube vor der Thür ihres allerliebsten Hauses und strickte. Das junge blühende Weibchen sah in ihrer einfachen reinlichen Tracht reizend aus, und zwar nicht, weil sie eine Schönheit genannt werden konnte, sondern weil sich im Glanz des reinen Auges und auf ihrem rosigen Gesicht das Glück einer mit der Welt vollkommen zufriedenen Seele abspiegelte. Von ihrem etwas höher gelegenen Standpunkte aus konnten Mutter und Tochter das geschäftige Durcheinander der arbeitenden Männer, das Gehen und Kommen Christlieb's und Albrecht's, die unermüdlich im Eifer des Wirkens waren, sowie das nach und nach erfolgende Abfahren der schwer befrachteten Fuhrwerke übersehen. Außerdem gewährte dieses lauschige Plätzchen eine sehr schöne Ein- und Aussicht auf die Landschaft, besonders nach dem hohen Gebirgswall im Osten und die in der Thalsohle des Flusses sich ausbreitende vielthürmige Stadt. Flora ließ jetzt ihr Strickzeug in den Schooß sinken und sah schärfer auf die Häuserreihe, die an der abwärts führenden Straße lag. Ich hab' doch Recht, Mutter, sprach sie mit selbstgefälligem Lächeln. Femie wird's nicht mehr lange machen und sie ist Braut. Jetzt eben erhielt sie ein Geschenk. Sie hat ja auch 's Alter, meinte Frau Anna. O ja, sagte Flora; so viel ich weiß, ist sie nur ein halbes Jahr jünger, als ich. Deßwegen brauchte sie aber nicht zu heirathen. Ein anderer Grund drängt sie dazu. Und das weißt du so genau? Ganz bestimmt, Mutter! Es ist der pure Neid, der ihr keine Ruhe mehr läßt. An meinem Hochzeitstage hat sie sich die Augen ganz roth geweint vor Aerger. Seitdem geht sie jeden Sonntag in's Feld, um den Burschen in die Augen zu sehen. Nun hat sie einen gefangen, und gib Acht, um die Kirmeß hält sie Verlobung. Es stört dich doch nicht, will ich hoffen? Mich? Wie könnt' es! Ich kann mich nur kaum des Lachens enthalten, wenn ich gar so deutlich sehe, daß ein Mädchen mit ungestümer Hast auf's liebe blanke Ehejoch zusteuert. Drückt dich's etwa schon? fragte lächelnd die Mutter. Flora erröthete. Bei Leibe nicht! versetzte sie. So mein' ich's nicht; vielmehr könnt' ich Gott alle Tage auf meinen Knieen danken, daß er mir einen so braven Mann zugeführt hat. Ich bin ganz zufrieden, liebe Mutter, und wüßte auch wirklich nicht, worüber ich Klage führen sollte. Eins nur, Mutter, fügte sie leise rufend und mit flüsternder Stimme hinzu, damit die nahen Arbeitsleute ihre Worte nicht verstehen möchten, Eins kann mich zuweilen recht sehr betrüben. Was könnte das sein? Bruder Fürchtegott liebt uns nicht, sagte Flora betrübt, und ihre klaren Augen füllten sich mit Thränen. Kind, wie kommst du auf so unselige Einfälle! rief Frau Anna erschrocken. Es sind keine Einfälle, Mutter, es ist die bittere, nackte Wahrheit, betheuerte Flora. Erinnerst du dich noch des Abends am Ostertage, wo Albrecht um mich anhielt? Nun, damals machte ja Vater den großen Gewinn im kaiserlichen Lotto, worüber er so sehr erschrak, daß wir Alle besorgten, er könne wohl krank werden. Dann gingen die Brüder noch zusammen aus und Fürchtegott kam mit Blut befleckt wieder heim. Tags darauf hatte Vater eine ernste Unterredung mit ihm, in der er dem Leichtsinn verdientermaßen die Wahrheit sagte. Fürchtegott gab unziemende Antworten und dem Vater überlief die Hitze. Er warf ihn aus seinem Cabinet und ließ ihn acht Tage lang nicht mehr vor sich. Weißt du noch, wie wir damals den erzürnten Vater baten, er möge dem unverständigen jungen Menschen vergeben? Es war ein trauriges Leben in jenen Tagen; denn der Vater grämte sich, daß er sichtlich verfiel und sein Haar binnen wenigen Wochen schier weiß wurde. Dann erst schlug Fürchtegott in sich und sprach das Wort aus, das der Vater von ihm forderte, und das ihm so schwer über die Lippen ging. Seitdem war der Friede im Hause wieder hergestellt. Denke doch nicht an längst vergangene Dinge, Florel, sagte Frau Anna. Junge Menschen sind oft unbändig und hartnäckig. Fürchtegott ist einmal, was die Unbeugsamkeit seines Willens anbelangt, ganz und gar nach dem Vater geartet. Hätte Vater damals liebreicher zu ihm gesprochen, so wäre es wohl anders gekommen. Das ist schon Recht, meinte Flora. Da es nun aber doch einmal so weit kam und gegenseitig Alles vergeben wurde, müßte Geschehenes doch auch wirklich vergessen sein. Leider ist dem nicht so. Der Bruder trägt nach und das schmerzt mich, denn es kann ihm nimmer zum Segen gereichen. Ich habe doch nichts davon bemerkt, Kind, auch hat der Vater nie etwas davon geäußert. Er weiß es nicht, sagte Flora. Würde ich's doch ebenfalls nicht glauben, wären mir nicht Beweise davon in die Hände gekommen. Beweise, fragte die Mutter beunruhigt. Die unwiderleglichsten, fuhr Flora fort. Vor etwa vierzehn Tagen kam er spät von Weltenburg zurück, wo Bruder Christlieb ihn abgelöst hatte. Euer Haus war schon geschlossen, wir aber hatten noch Licht. Um nicht zu stören, blieb Fürchtegott bei uns über Nacht. Am Morgen, als ich die Kammer wieder in Ordnung bringen will, fällt mir ein zusammengeknittertes Papier in die Augen, das unter'm Bette lag. Ich hebe es auf, sehe Schrift darauf und entdecke des Vaters Namen. Die Hand erkannte ich sogleich, es waren Fürchtegott's weit ausgestreckte Buchstaben. Das machte mich neugierig und ich fing an zu lesen. Es war ein Briefentwurf an Flora stockte. An wen? fragte die Mutter. An Wimmer – Wimmer! wiederholte Frau Anna, faltete die Hände und blickte wie bittend gen Himmel. Und was enthielt er? fragte sie weiter. Fürchtegott schrieb darin dem Herrnhuter, er möge sich noch einige Monate gedulden, dann könne er die Maske fallen lassen und zeigen, wer er sei!! Wolle ihm dann der Vater noch immer die Wege vertreten, so werde er ihm die Zähne weisen. Er könne kaum den Tag erwarten, wo er als freier Herr aufzutreten ein Recht habe und die ganze Kleinigkeitskrämerei des Vaters mit einem Ruck werde über den Haufen werfen können. So ungefähr lautete der Inhalt jenes lieblosen Schreibens, das ich wohl verwahrt habe. Ob der Brief wirklich von Fürchtegott abgesendet worden ist, kann ich freilich nicht wissen; doch fürcht' ich es. Ich habe zu Niemand ein Wort davon geäußert, selbst vor meinem Albrecht hielt ich den betrübenden Fund geheim, um nicht Mißtrauen in seine arglose Seele zu streuen. Den Bruder beobachtete ich im Stillen, und da hat mir freilich Manches gar nicht gefallen, Mutter! Glaubt Fürchtegott sich ganz unbeachtet, so zieht er jedesmal, wenn er mit Vater gesprochen oder einen Auftrag von ihm erhalten hat, eine verächtliche Miene, ja bisweilen lacht er ihn sogar hinterrücks aus, und das ist nicht Recht; das ist geradezu schlecht und unchristlich, und ich hätte den Bruder, dem doch wahrlich nichts abgeht, für besser gehalten. Flora vergoß reichliche Thränen, die durchsichtigen Thauperlen gleich auf ihren Strickstrumpf herabfielen. Die Mutter suchte die Tochter zu beruhigen, und das lieblose und jedenfalls sehr tadelnswerthe Verfahren Fürchtegott's durch sein heißes Blut einigermaßen zu entschuldigen. Das wollte jedoch die junge Frau nicht zugeben. Ich würde dir beipflichten, liebe Mutter, sagte Flora, wenn der Bruder im Zorn oder im Moment heftiger Aufregung, wo Niemand seiner selbst ganz mächtig ist, so gehandelt hätte; allein dies ist nicht der Fall. Nach langem stillen Grübeln, während das mildeste Lächeln sein Gesicht verklärt, setzt er sich hin und macht dem erbitterten Herzen Luft in Worten, die ihn vor Gott und Welt verklagen! Wüßt' ich nur, was mein Pathe dazu sagt, oder könnte man ein Mittel ausfindig machen, um dem verschlossenen, stets geheimnißreichen Herrnhuter auf den Grund seiner Seele zu schauen. Frau Anna befand sich in großer Verlegenheit. Gewöhnt, seit dem ersten Tage ihrer Verheirathung immer nur dem Willen Ammer's nachzuleben, fehlte es der braven Frau an der nöthigen Selbstständigkeit, die Muth und Kraft gibt zu eigenen Entschlüssen. Auch fürchtete sie den Ausbruch eines Haders im Schooße der Familie, in den bisher so friedlichen Räumen ihres Hauses. Diesen zu vermeiden, oder doch so lange wie möglich hinauszuschieben in ungewisse Ferne, war sie bereit zu jeglichem Opfer. Ein richtiger Instinkt, ein den meisten Frauen eigenes geistiges Tastgefühl sagte ihr, daß mit jedem Tage mehr Zündstoff sich in ihrer Häuslichkeit anhäufe, der plötzlich einmal in wildverzehrender Flamme auflodern müsse, wenn man nicht behutsam jede Reibung vermeide. Ammer das wußte sie war vielfach gereizt, weil der solide Grund seines ganzen Lebens halb durch seine Schuld, halb durch Andere, verrückt worden war. Ohne gefesselt zu sein, fühlte er sich abhängig von unangreifbaren Mächten, die außerhalb seines Gesichtkreises bald für, bald gegen ihn tausend geschäftige Hände regten. Die seinem Sinne, seiner wirklichen Ueberzeugung widerstrebende Richtung Fürchtegott's vermehrte diese Reizbarkeit. Einfache Unterdrückung, Härte in der Behandlung des anders gearteten Sohnes waren nicht die zu gutem Ende führenden Mittel, und doch kannte der Weber in der starren Einseitigkeit seines rechtlichen Strebens und Wollens keine andere, oder sie lagen außerhalb der Grenzen seines selbstischen Wesens. Darum bangte auch ihm vor der Zukunft. Fürchtegott endlich, voll ungebändigter Jugendkraft, ehrgeizig, ruhmsüchtig, stolz auf den Besitz, der schon jetzt sein Eigenthum war, längst überdrüssig der engen, bescheidenen Verhältnisse, in denen des Vaters stillere Natur sich am wohlsten befand, voll Lebenslust und abenteuerlichen Sinnes, wartete nur auf den Augenblick, wo das weltliche Gesetz ihm eine offene Opposition gegen den eignen Vater gestatten würde. Die Kindesliebe wurde gänzlich von seinem Ehrgeiz unter die Füße getreten. Er sah in den Ermahnungen des Vaters nur Hemmschuhe für sein großes Streben, von dem er glaubte, es müsse der Welt nützen, ihm aber zu hohen Ehren und Würden verhelfen. Solche Widersprüche, so widerstrebende Elemente, geeint in einer Familie, zusammengedrängt auf kleinem Raume, konnten sich unmöglich auf lange Zeit vertragen. Dennoch hoffte Frau Anna einen Zusammenstoß verhindern zu können, wenn es ihr gelang, diese Kräfte zu theilen, ihnen an verschiedenen Orten eine Wirksamkeit anzuweisen. Und dies war ihr großentheils bisher gelungen, ohne daß Ammer ihre Vermittelung ahnte. Sie hatte, freilich ganz unmerklich, die Einrichtung getroffen, daß bald die Brüder zusammen, bald einzeln in Weltenburg sich aufhielten, bald von dem Vater dort abgelöst wurden. Ein kurzes Zusammentreffen des Vaters mit Fürchtegott war dann nicht gefährlich, denn es gab immer Dinge zu besprechen, die auf den Kern des Zwistes, welcher in Beider Brust ruhte, niemals zurückführen konnten. Frau Anna gründete die Richtigkeit ihres Calculs auf diese Zerstreuung und Theilung der Interessen Aller; war es aber später unmöglich auf dieser Basis weiter zu operiren, so glaubte sie, die Verhältnisse selbst würden eine zeitweilige Entfernung Fürchtegott's aus dem elterlichen Hause fordern. Geschah aber dieses, so war jede Friedensstörung vermieden. Die Mittheilung Flora's zerstörte nun leider den Friedenstempel, den Anna in ihrem wohlwollenden Herzen für Alle vorsorglich aufgebaut hatte. Eine heimliche Correspondenz seines Sohnes mit Wimmer mußte den ganzen Zorn, die unbeugsame Strenge Ammer's wach rufen, sobald er die leiseste Kunde davon erhielt. Von einer solchen Entdeckung war Alles zu fürchten, mithin mußte man Alles aufbieten, um diese unmöglich zu machen. Anna sagte deßhalb mit ruhiger Gelassenheit zu ihrer Tochter, auf deren Verschwiegenheit in einer so wichtigen Frage sie sich vollkommen verlassen konnte: Verwahre den dummen Zettel recht sorgsam, lieb' Florel. So gar schlimm, wie es aussieht, wird es wohl nicht sein. Recht ist's nicht von Fürchtegott, daß er solche Worte auf Papier schreibt und herumwirft, als wäre gar nichts daran gelegen. Wer weiß aber, ob er auch wirklich den Brief abgeschickt hat? Ich kann's nicht recht glauben, denn er muß ja fürchten, daß Wimmer das Schreiben an den Vater zurückkehren läßt. Meint es der Herrnhuter auch gut mit dem Vater? fragte Flora. Wie magst du daran zweifeln! Weil er einen doppelten Blick hat, Mutter! Menschen, die so aufblicken können, wie Herr Wimmer, sind gewiß nicht ehrlich. Mir ist's immer, wenn ich ihm so g'rad' in die Augen sehe, als blickte ich in einen tiefen finsteren Abgrund, und unten zuckten rothe Flammen. Im Leben würd' ich einen Mann mit solchen Augen nicht geheirathet haben, und wäre er so mächtig wie Bonaparte. Frau Ammer verfärbte sich. Es ist Angewohnheit, weiter nichts, sagte sie beruhigend. Menschen, die so viel beten, und deren Glaubensmeinungen ein fortwährendes Augenaufschlagen verlangen, bekommen gewöhnlich einen doppelten Blick. Deßhalb können Sie doch gut, treu, zuverläßig und die uneigennützigsten Freunde sein. Flora schüttelte den Kopf, ohne jedoch die Ansicht der Mutter weiter zu bestreiten. Die Wagen waren inzwischen sammt und sonders expedirt, und als die junge Frau hinüber sah nach dem Gewese ihres Vaters, bemerkte sie Albrecht, der zugleich mit Christlieb dem Hause zuschritt. Geschwind trocknete sie die letzte Thräne ab, stand auf und eilte dem geliebten Mann entgegen. Wie du heiß bist, Albrecht! sagte sie, ihm die Stirn befühlend. Gelt, du hast wacker mit zugegriffen? Und auch du, Christlieb, siehst aus, als kämst du gerades Wegs vom Backofen. 's war nicht der Rede werth, mein Herzblatt, versetzte Albrecht, die schlanke Gestalt seines jungen Weibes zärtlich umschlingend. Dafür ist nun auch Alles in Ordnung. Wir haben doppelte Listen gemacht, die Vorbühne aufgeräumt, damit neue Zufuhr Platz findet, und wenn der Vater von Weltenburg kommt, braucht er keinen Finger zu rühren. Ja, du bist gut, sagte Flora, während Frau Anna ihrem Schwiegersohne durch einen Handdruck dankte. Beide junge Männer nahmen jetzt Platz neben den Frauen in der Laube. Der Vater bleibt lange aus, sprach Christlieb. Er wird sich erschrocken haben über meinen Brief, und doch konnte ich nicht schweigen. In Geschäften erschrickt sich Vater nicht leicht, meinte Flora, der Aerger aber wird ihm die Stirn kraus ziehen, und 's kann wohl auch sein, daß der Kamm dabei um ein paar Zinken ärmer wird. Neugierig bin ich, wie er dem Herrn zu Leibe geht, meinte Albrecht. Tritt Mirus schroff und hartnäckig auf, so gibt es einen reellen Proceß. Um Gottes Willen nicht! rief Frau Anna. Lieber zehnmal dulden als processiren! Wir haben vordem gesehen, was dabei heraus kommt. Geht's sehr gut, so bringt es Feindschaft unter Freunde und zehrt an unsern besten Lebenskräften. Dennoch wird der Vater durch das ungerechtfertigte Verfahren des Herrn Mirus genöthigt sein, diesen Schritt zu thun, liebe Mutter, bemerkte Christlieb. Nicht um sein Recht zu wahren, sondern um nicht in der Achtung der Menschen zu sinken, muß Vater gegen Mirus klagen. Da kommt uns der unheimliche Advocat wieder ins Haus, sagte Frau Anna. Mich überläuft's eiskalt, wenn ich nur den obersten Mützenzipfel des Menschen sehe. So, denk' ich, müßte der leibhaftige Gottseibeiuns sich benehmen, wenn er als Mensch die Erde betrete, um arglose Seelen zu verschlingen. Da hab' ich nun einen ganz andern Geschmack, Mutter, fiel Flora ein, die wieder fleißig die Hände beim Strickstrumpf rührte. Mir macht Block eigentlich Spaß, denn man weiß augenblicklich, wie man mit ihm d'ran ist. Bei jedem Worte, das er spricht, denk' ich, gib wohl Acht, der will dich fangen, und zeigt er eine freundliche Miene, so sehe ich mich um, damit er nicht Zeit gewinnen kann, mir hinterrücks eins zu versetzen. Kurz und gut, der Block ist ein unbezahlbares Prachtexemplar eines Menschen, wie er sein soll, damit andere Leute ehrlich bleiben können. Viel schwerer ist's, sich gegen die frommen Kopfhänger zu schützen, denn gegen sie hat Niemand eine Waffe. Albrecht freute sich der naiven Aeußerungen und der kecken Zuversicht seiner jungen Frau. Er drückte ihr die Hand. Du hast jederzeit Recht, Florel, sagte er. Frauen und Mädchen sind unter allen Umständen die sichersten Erlöser von allem Schlechten. Vor einem frommen Frauenauge muß selbst der übermüthigste Bursche das seinige senken, und den Urvater alles Bösen ergreift beim Anblick eines so ewig reinen Himmels die Angst der Hölle, die ihn doch zur Verführung treibt. Es heißt, der Teufel habe keine Macht über den Menschen, wenn dieser ein Kreuz bei sich trage oder den Namen unsers Herrn ausspreche; ich denk' aber, der Böse kann sich gar nicht in die Nähe eines Menschen wagen, dessen Schutz und Schirm ein liebendes, von Himmelsluft durchglänztes Frauenauge ist. Was du schnackst, erwiderte Flora. Gut, daß es Niemand hört, die Leute müßten sonst glauben, du hättest eine eingebildete Putzdocke oder einen rechtschaffenen Simpel zur Frau. Gib dich zufrieden, erwiderte mit glücklichem Lächeln Albrecht. Ein andermal, wenn du mich schief ansiehst, will ich die Wange auf der andern Seite beschweren. Verwöhnt sollst du nicht werden, mein Herz; aber die Sonne muß doch leuchten und wärmen, wenn keine Wolken am Himmel stehen. Da klappert richtig unser Fuhrwerk, fiel Frau Anna aufhorchend ein. Auch die Uebrigen schwiegen. In einiger Entfernung hörte man ein eigenthümlich klirrendes Geräusch, als ob ein hohles Eisen über harte Steine gerollt werde. Das Geräusch kam langsam näher. Wahrhaftig, sagte Christlieb, es ist des Vaters Gefährt! Ich hör' es ganz deutlich an dem klirrenden Radreifen. Schon vor drei Wochen, als wir zusammen in die böhmische Bleiche fuhren, war der Reifen locker. Ich wollt' ihn wieder befestigen lassen, aber Vater meinte, er hielte noch, um ein paar Mal nach Weltenburg zu fahren, und dem Schmiede eher, als es hoch Noth sei, etwas Verdienst zu geben, wäre weggeworfenes Geld. Alle verließen die schmucklose Laube, um das Haupt der Familie an der Thüre seiner Wohnung zu begrüßen. Sechstes Kapitel. Ein Brief. Christlieb reichte dem Vater die Hand beim Aussteigen und bemühte sich, die Gemüthsstimmung in dem Ausdruck seiner Mienen zu sondiren. Diese stumme Frage an den alten Weber beruhigte den Sohn. Ammer's Auge war klar, sein Gesicht ruhig, auch trat er stramm auf die Füße, schüttelte sich die Heuhalme ab, die während der Fahrt auf der schlecht gehaltenen Straße sich an seinen Rock angehängt hatten denn das Futter für sein Pferd pflegte der vorsichtige Mann jederzeit als Unterlage für seine Füße zu benutzen und fragte ziemlich heiter, ob nichts Außergewöhnliches vorgefallen sei? Da auch hierauf die Antwort zufriedenstellend lautete, schüttelte Ammer den Seinigen der Reihe nach die Hand und verfügte sich in sein Cabinet, um den Reiserock mit der bequemen Hauskleidung zu vertauschen. Die Meerschaumpfeife in der Hand, trat er später wieder ins Wohnzimmer, klopfte Flora auf die glühenden Wangen, erkundigte sich zärtlich nach ihrem Befinden, drohte Albrecht scherzend mit dem Finger, indem er sagte: Ich rathe dir Gutes! Halt' mir das Kind, wie ein rechtschaffener Christ und ein ehrlicher Mann! und eröffnete dann seiner Tochter, daß er den Abend bei ihr zubringen wolle. Ein Gericht frisch gesottener Schmerlen oder ein paar Forellen müsse sie schaffen; er habe gerade Appetit darauf und der Fischer sei wohl damit versehen. Flora war mit dieser väterlichen Weisung sehr zufrieden; schmeichelnd hing sie sich an seinen Arm, nahm ihm die Pfeife, um sie in ihrem eigenen Hause anzuzünden, und geleitete den alten Vater nach dem schon erwähnten laubenartigen Vorbau. Da litt es jedoch den Weber noch nicht. Er gewahrte die Arbeitsleute beim Garten und verfügte sich auf der Stelle nach der Giebelseite des Hauses, um mit eigenen Augen sowohl das fertige, wie das werdende Werk derselben zu prüfen. Mit Kennermiene untersuchte Ammer das Holz des aufzurichtenden Staket's, kniete auf die Erde, um mit dem Auge zu messen, ob die granitnen Säulen auch in gerader Richtung ständen, maß die Vertiefungen, in die man sie eingelassen hatte, und belobte, Alles gut befindend, die Arbeiter. Nur mit dem Gärtner war nicht zufrieden. Den Buchsbaum fand er nicht frisch genug, zu stark beschnitten und zu tief in die Erde gesenkt. Statt einiger Moosrosenstöcke hatte er lauter Centifolien gepflanzt; an den jungen Kirschbäumen fand er die Occulation mangelhaft, und die Rabatten für Zierblumen waren nach seiner Ansicht zu schmal gerathen. Nur das große, lange Spargelbeet hatte seinen Beifall, ebenso die zur Erbauung von Frühgurken eingerichteten, mit schräger Glasbedachung versehenen Beete. Erst nach gründlicher Durchmusterung aller dieser Anlagen, die er für seinen Schwiegersohn machen ließ, kehrte er zur Laube zurück, ließ sich Feuer geben und schien sich in der Umgebung der Seinen recht behaglich zu fühlen. Nach einigen an Christlieb und Albrecht gerichteten Fragen, welche speciell die Geschäftsführung berührten, bezeigte er Lust, sein Herz auszuschütten. Er räusperte sich ein paar Mal, strich den Kamm in den Nacken, that einige Züge aus der vollkommen in Brand gerathenen Pfeife, und sagte: Wunderliche Leute sind doch diese Herrnhuter. Andere ehrliche Christenmenschen danken Gott, wenn es ihnen vergönnt wird, eine Angelegenheit mündlich zu besprechen und zu einem gedeihlichen Ende zu führen; stecken aber Herrnhuter dazwischen, so kann man immer darauf wetten, daß gleich hinter einer abgemachten Sache noch irgend etwas verborgen liegt, dem durch eine briefliche Mittheilung auf die Beine geholfen werden soll. Euch haben sie nichts eröffnet? Kein Wort, versetzte Christlieb. Als sie deine Abwesenheit erfuhren, kutschirten sie gleich weiter. Hast du Briefe erhalten? fragte Albrecht. Just, als ich am Posthause vorüberfuhr, sagte Ammer. Und was mich am meisten wundert, es steht nichts drin von Wichtigkeit. Denn daß der Wimmer sich anmaßt, mir nochmals unser getroffenes Abkommen in's Gedächtniß zu rufen, ist eine übertriebene Vorsicht, die ich ihm übel nehmen könnte, wüßte ich nicht seine Art und Weise zu schätzen. Die Hauptsache ist ohne Zweifel das Briefel da. Bei diesem Worte zeigte Ammer den beiden jungen Männern einen fein couvertirten Brief mit einem Siegel, dessen Embleme den adligen Verfasser verriethen. Ein Brief von Graf Alban! sagte Christlieb. Und nicht an dich, Vater Ammer? fragte Albrecht. Nein! Mit mir hat der Herr Graf noch nicht Briefe gewechselt. Das Schreiben ist an einen Andern, einen Jüngern. Jetzt weiß ich's, Vater, fiel Christlieb ein. Kann's mir denken, fuhr der Weber etwas ernster fort, muß aber doch gestehen, daß es mir nicht sonderlich gefällt. Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht! Flora trat eben wieder aus der Hausflur, wo sie bisher mit ihrer Mutter das Nöthige zur Bereitung des von ihrem Vater gewünschten Abendbrodes abgesprochen hatte. Als sie Ammer's letzte Worte vernahm und den mit dem rothen Siegel nach oben gekehrten Brief auf der Bank liegen sah, fragte sie hastig: An wen, Vater, und von wem? Ammer ergriff das Schreiben wieder, schlug Flora damit sanft auf die rosigen Lippen und zeigte ihr die Adresse. Da lies, neugierige Eva'stochter! sagte er lächelnd. Verborgen kann jungen Weibern ja doch nichts bleiben, es sei denn, die Männer ließen sich ungestört von euch quälen. Ja, ja, der Bruder hat's schon weit gebracht in der Welt, fuhr er mit einem Anflug von Ironie fort. Schon jetzt schreiben Barone und Grafen an ihn, wie lange wird's dauern, und auch fürstliche Correspondenten finden sich ein. Aber freilich, 's ist auch ein schmucker Junge. Wenn er zu Pferde sitzt, die Mütze auf einem Ohr oder ganz vorn auf der Stirn, und dahinsprengt mit verhängtem Zügel, als wär' er unter den Don'schen Kosaken jung geworden, muß er den Weltleuten wohl gefallen, 's ist mir nur bange, es könne mit der Zeit, je mehr der Reiter gewinnt, desto mehr der Mensch dabei verlieren! Aber das sind dumme Webereinfälle, die in's vorige Jahrhundert gehören, als der größte deutsche Fürst noch einen steif gedrehten Zopf trug. Ein Klapps darauf, daß sie in's Gras beißen! Andere Zeiten, andere Sitten! Flora's Brust wogte vor heftiger Aufregung. Purpurröthe überflammte ihr liebliches Antlitz, und indem sie die zierlichen Hände über dem Busen faltete, sprach sie: Vater, willst du den Brief nicht öffnen? Fürchtegott ist ja dein Sohn. Bei Leibe nicht! versetzte Ammer. Briefe sind eine gar kostbare Waare, die, wenn man sie verletzt, einem sehr theuer zu stehen kommen können. Flora gedachte wieder des früher aufgefundenen Schreibens und ihre Bedenken mehrten sich. Graf Alban hat sich am Ende wohl gar verschrieben, sagte sie unbefangen. Gewiß, Vater, so wird es sein. An dich ist der Brief gerichtet und Fürchtegott ist dem vielbeschäftigten Herrn in die Feder gelaufen. Erbrich den Brief mit gutem Gewissen. Ammer sah bald seine Tochter, bald deren still lächelnden Mann und Christlieb an. Dann schob er die Mütze in den Nacken und sagte: Gott verdopple mich, ich kann's jetzt begreifen, wie Adam so dumm sein konnte, sich eines Apfelbisses wegen aus dem Paradiese jagen zu lassen! Engel nennt man euch Weiber. Ja, schöne Engel seid ihr! Hat man mit Noth und Mühe sich selbst überwunden und zum Besten gezwungen, dann kommt ihr angeschwebt, freilich engelhaft, zart und schmeichelnd, und wispert uns mit süß verführerischer Stimme so lange 'was vor, bis wir uns berücken lassen, und trotz Gewissen und Gelöbniß gerade das thun, was wir anfangs verwerflich fanden. Mich sollst du aber doch nicht fangen in deinem Netz, kleine Hexe! Wär' ich dein Mann, ich legte dir ein Schloß vor den Mund, dann hätt' ich doch wenigstens nur das Kreuzfeuer deiner Augen auszuhalten, bei dem allein man auch schon den Kopf verlieren kann, was Albrecht zu bezeugen im Stande sein wird. Frau Anna kam jetzt auch noch dazu, und fragte was es gebe? Flora glaubte eine Unterstützung in der Mutter zu finden, und schlug daher nochmals die Eröffnung des eingegangenen Briefes vor. Anna jedoch, gewöhnt, immer nur dem Willen Ammer's zu folgen, enthielt sich jeder Meinungsäußerung, und so blieb es denn bei dem Bescheide des Vaters. Morgen früh, wenn Leisetritt vorbeikommt mit seiner Fuhre, sagte Ammer, nimmt er den Brief mit zur Stadt. Gar viel Wichtiges wird nicht darin stehen. Vielleicht ist's eine Missionsangelegenheit, denn ich konnte letzthin merken, daß Fürchtegott sich hat bereden lassen, eine Monatsbeisteuer zu diesen frommen Bestrebungen zu bewilligen. Solche Gelder, und wären's auch nur ein paar Batzen, fordern die genauen Herrnhuter sich pünktlich ein, weil aus vielen Schwingen voll Batzen sich zuletzt Düten mit Speciesthalern füllen lassen. Während dieser Bemerkungen steckte Ammer den Brief wieder zu sich. Flora ward dadurch genöthigt, ihre Gedanken für sich zu behalten, denn der Vater würde jedenfalls verdrießlich geworden sein, hätte jetzt noch Jemand Opposition gemacht. Dagegen war sie fest entschlossen, alle ferneren Schritte ihres Bruders noch schärfer als bisher zu beobachten, um einem harten Zusammenstoß zwischen Vater und Sohn, oder auch lieblosen und unkindlichen Handlungen Fürchtegott's vorzubeugen. Ammer war auffallend heiter, heiterer fast, als ihn die Seinigen seit dem Hochzeitstage Flora's gesehen hatten. Wo steckt dein Vater heut Abend? fragte er seinen Schwiegersohn. Er läßt doch sonst nicht auf sich warten, wenn er die Florel vor der Thür sitzen sieht. Sollt' was Neues in der Zeitung stehen? Nicht doch, Vater Ammer, erwiderte Albrecht. Er ist über Land gegangen schon heute früh und vermuthlich bleibt er weg bis morgen. So! Nun, dann ist's auch gut. Mich trieb's nur, ihm etwas zu sagen. Geht's den Vater allein an? fragte Albrecht. Es betrifft uns Alle, versetzte der Weber, aber es ist 'was Gutes. Wißt, ich habe mir den Mirus fest an die Hüften gebunden! Du bist mit ihm ausgesöhnt? sagte Christlieb. Gott Lob, daß dir dies gelungen! Ich habe mich förmlich entsetzt, als der Brief mit der Abbestellung ankam. War's mir doch selber nicht wohl dabei, sprach Ammer. Jedennoch kenn' ich den Mirus und verstehe ihn zu fassen an seiner schwachen Seite. Genug, der Mann ist jetzt mein, und ich glaube für immer! Nur müssen wir fein aufpassen, denn nicht Alles in unserer weitläuftigen Bekanntschaft ist wohl bestellt. Es wächst Unkraut unter dem Waizen, liebe Kinder, das entweder der Teufel selber oder unzuverlässige Freunde bei nächtlicher Weile hineingesäet haben. Laßt uns das ausjäten mit Vorsicht und ohne Murren. Auch der falsche Freund ist zu brauchen, wenn man ihn klug behandelt. Durchgreifen mit Gewalt kann ich nicht, es würde mich ruiniren. Also bleibt mein Wahlspruch: immer fein sacht und sicher vorwärts! Weder Albrecht noch Christlieb vermochten zu errathen, was der Vater beabsichtigte und wohin seine dunkeln Worte zielten. Die geheimnißvolle, dabei aber entschlossene Miene hielt sie ab, weiter in ihn zu dringen, und das Gespräch würde jedenfalls in's Stocken gerathen sein, hätte Frau Anna nicht angekündigt, daß die Forellen bereits über dem Feuer stünden und es ihr angenehm wäre, wenn die Männer Platz am gedeckten Tische nehmen wollten. Ammer ließ sich nicht zum zweiten Male einladen. Er hatte den ganzen Tag nur wenig genossen und freute sich, nach längeren Störungen endlich wieder einmal im friedlich-stillen Kreise seiner Angehörigen ein Mahl, wie er es liebte, einnehmen zu können. Er klopfte seine Pfeife aus, steckte sie in die äußere Seitentasche seiner weiten Jacke und folgte dem Rufe Anna's, indem er sagte: Nun, so laß mal sehen, ob du's noch verstehst, heut zu Tage eine Forelle eben so gut zu sieden, als dazumal, wie wir uns versprochen hatten. Siebentes Kapitel. Die Entdeckung. Acht Tage später trabte Fürchtegott auf seinem muthigen Rosse Herrnhut zu. Der Brief des Grafen hatte ihn zwei Tage nach der Ankunft in Weltenburg erreicht. Das Schreiben war wirklich an ihn gerichtet und enthielt eine kurze, aber dringende Einladung desselben an den jungen Mann, den Brüderort sobald wie möglich zu besuchen. Gerade die Nichtangabe des Zweckes reizte Fürchtegott's Neugierde, und obwohl er sich sagen konnte, daß sein Vater allerhand Einwendungen haben werde, den Besuch im besten Falle wenigstens zu verzögern, so war der in seinen Vorsätzen jetzt bereits sehr hartnäckige Jüngling doch fest entschlossen, sich durch nichts zurückhalten zu lassen. Um auf kürzestem Wege zum Ziele zu kommen, siegelte Fürchtegott den Brief des Grafen wieder ein, legte nur wenige Zeilen an den Vater mit bei und erklärte eben so einfach als fest, daß er nur Christlieb's Ankunft in Weltenburg erwarte, um der gräflichen Einladung Folge zu geben. Sollte jedoch der Bruder am dritten Tage nach Absendung seines Briefes in Weltenburg nicht eintreffen, so würde er sich genöthigt sehen, die Oberaufsicht über die Bauten dem Architecten zu übertragen, um dem Grafen gegenüber nicht als Mann ohne Bildung und Erziehung zu erscheinen. Mit welchen Gefühlen Ammer diesen Brief las, kann man sich denken. Im ersten Augenblick bäumte sein verletztes Vatergefühl, sein Stolz als Haupt der Familie sich auf, wie ein ergrimmter Löwe und wäre der rücksichtslose Sohn ihm vor Augen getreten, so würde es höchst wahrscheinlich eine sehr heftige Scene gegeben haben. Als er aber die Herbigkeit der Worte einigermaßen überwunden hatte, beschlich den Vater eine heimliche Freude. Diese Entschiedenheit im Wollen, obwohl sie zu frühzeitig sich geltend machte, war der ganze unverfälschte Abdruck seines eigenen festen Charakters. Daß der Sohn so ganz nach ihm zu gerathen schien, schmeichelte seinem Stolz als Vater, und weil er sich zugleich sagen mußte, daß bei kluger Leitung dieser starke Wille, dies ungestüme Drängen nach einem großen Ziele doch auch eine bedeutende Zukunft habe, verzieh er Fürchtegott. Seine Antwort lautete zustimmend, nur verlangte er, Fürchtegott solle vorerst nach der Ankunft seines Bruders in Weltenburg zu ihm kommen, da er ihm einige Aufträge an Wimmer mitzugeben habe. Es war ein prächtig heller Tag. Die Bedachung des Observatoriums auf dem Hutberge am Ende des Gottesackers leuchtete wie ein glänzender Stern auf dem tiefblauen Grunde des Himmels. Die weit gestreckte Kette der Gebirge mit ihren Kämmen, Rücken und Kuppen war in jenes weiche, duftige Blau getaucht, das nur dem Süden eigen zu sein pflegt, das aber in den Grenzgebirgen Böhmens an sehr warmen Sommertagen nicht selten vorkommt und der ganzen Landschaft eine italienische Färbung gibt. Auf den Feldern waren die Landleute beschäftigt, die späteren Sommerfrüchte einzuheimsen. Hie und da aus den Thälern, in deren Schutz die Dörfer malerisch unter Buschwerk und Granitgeklipp sich lagern, hörte man das Geläut weidender Viehheerden. Wo die Sonne an hochliegenden Stoppelfeldern recht anprallte, legten viele geschäftigen Hände Flachs auf, damit er »röste« und sich dann leichter »brechen« lasse. Noch höher auf den Waldwiesen schimmerten weit ausgedehnte Bleichen, als wären sie mit schmelzendem Silber übergossen, und häufig sah man über dem blendend weißen Grunde farbige Regenbogen aufblitzen, die jedoch eben so schnell wieder verschwanden, als sie entstanden. Diese bunten Lichtbogen rührten von den Wasserstrahlen her, welche die Bleicher durch das Anfeuchten der Leinewand verursachten, das mittelst hölzerner Wurfschaufeln geschieht, um das Wasser gleichmäßig und in weitem Kreise zu vertheilen. Bisweilen schenkte Fürchtegott diesen interessanten Bildern seine Aufmerksamkeit, im Ganzen aber war er zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt und von erwartungsvoller Unruhe gequält, um lange bei der Außenwelt verweilen zu können. Es war ihm unangenehm, daß er der sehr großen Hitze wegen sein Pferd nicht mehr anstrengen konnte, denn obwohl er fast immer, wo der Weg es zuließ, einen ziemlich scharfen Trab ritt, ward ihm die Zeit doch entsetzlich lang. Und er besaß noch keine eigene Uhr! Dem sparsamen Vater wollte es durchaus nicht einleuchten, daß der minderjährige Sohn eines schlichten Leinwebers mit solch einem, damals allerdings noch sehr theuern Luxusartikel versehen sein müsse, solle er in der Welt der Bildung für voll gelten. Gegen Mittag erreichte Fürchtegott den Brüderort. Die Straßen waren still und menschenleer wie immer, und an beiden Seiten mit saftigem Gras überwuchert. Fürchtegott stieg vor dem Gemeinlogis ab, übergab sein heiß gewordenes Pferd dem Hausknecht und bestellte für sich eine Erfrischung. Lange indeß hielt er es in dem mit zahllosen Fliegen überfüllten Gastzimmer, die einem schwärmenden Bienenstock gleich um ihn summten, nicht aus. Punkt zwölf Uhr machte er sich nach der schön gelegenen Gartenwohnung des Grafen, in der Voraussetzung, es werde die gewählte Stunde gerade die passendste Zeit zum Besuch eines so vornehmen Mannes sein, da er ja gehört und auch wohl gelesen hatte, daß reiche und vornehme Personen erst in den spätern Nachmittagsstunden das übliche Mittagsmahl einzunehmen pflegten. Diesmal hatte sich jedoch der angehende Weltmann verrechnet. Graf Alban war gerade bei Tafel, nur nicht im eigenen Hause, sondern bei einem der bedeutendsten Mitglieder der Brüdergemeinde. Auf diesen Bescheid hin wollte sich Fürchtegott wieder entfernen, allein dies gab der sehr artige Bediente durchaus nicht zu. Gemäß der Weisung des Grafen, welcher den jungen Ammer erwartete, geleitete der Bediente den stattlich aussehenden Jüngling in das Wohnzimmer Alban's und bat ihn, sich es hier so lange gefallen zu lassen, bis sein Gebieter wieder heimkehre, was sicherlich nicht gar lange dauern werde. Füchtegott kannte diesen Raum. Es war dasselbe Zimmer, in welchem ihn der Graf bei seinem ersten Besuche empfangen hatte. Auch die Mobilien kamen ihm wie alte Bekannte vor, wie denn die ganze schlichte Einrichtung keine Aenderung erlitten hatte. Nur spielte um die hohen, hellen Fenster jetzt dunkles Weinlaub, durch dessen breite Blätter neugierige weiße Windenköpfchen lauschten und ewig nickend zum Fenster hereingrüßten. Einige Zeit lang ließ der junge Ammer seine Blicke über die großen sammtartigen Rasenplätze des Gartens schweifen, in deren Mitte ein kleiner Kreis von Georginen wuchs, eine ihrer Theuerung wegen damals noch wenig gehegte Zierpflanze. Später sah er sich etwas genauer im Zimmer um, wobei er mancherlei früher nicht beachtete Gegenstände gewahrte, die ihn mehr als der stille Garten mit seinen trefflich erhaltenen Granitwegen fesselten. An der Wand über dem Sopha hing ein gar wunderbar gearbeiteter Gürtel, wie Fürchtegott früher nie einen gesehen hatte. Wer diesen Gürtel verfertigt haben möge, welchen Zweck oder Nutzen er habe, wußte er durchaus nicht zu errathen. Daneben sah er einen netzartigen Beutel, in dem eine Pfeife stack, beide Utensilien von einer Arbeit und Form, die auf ihre außereuropäische Herkunft schließen ließ. Seine Neugierde wurde immer größer, der Wunsch, seine Kenntnisse zu vermehren, wuchs zur Leidenschaft. Auf dem Arbeitstische des Grafen lagen Briefe, Manuscripte, Bücher, wie damals. Diese zu berühren, hielt den jungen Ammer eine Scheu vor allen geistigen Erzeugnissen ab, vielleicht, weil er sich zu schwach oder doch für unzureichend geschult glaubte, um darüber ein Urtheil fällen zu können. Nur ein schmales, dünnes Büchlein mit Goldschnitt, sehr fein eingebunden und mit der deutlichen Inschrift in Golddruck: »Dem hochverehrten Herrn Grafen Alban seine dankbare Freundin unter den Heiden« zog ihn magnetisch an. Der Graf hat eine Freundin unter den Heiden, sprach er zu sich selbst, unverwandt seine Augen auf das anziehende Büchlein heftend. Wie mag einer solchen Freundin wohl zu Muthe sein, wenn sie an die fernen Lieben im Vaterlande denkt! Ob es Briefe sind oder Gebete, die sie dem Grafen sendet? Ob er wohl gar mit ihr in ferner Welt gelebt und Theil genommen hat an der Bekehrung der Heiden? Mag sie schon lange ihrem Berufe leben oder gar für die Dauer dieses Lebens verpflichtet sein, unter jenen halb oder ganz wilden Volksstämmen sich auszuhalten? Diese verschiedenen Fragen drängten sich Fürchtegott auf und wiederholten sich so schnell und immer von Neuem, daß er dem Drange seines Herzens endlich nachgab und mit schüchterner Hand nach dem Büchlein griff. Da er etwas zitterte, berührte er ganz unmerklich eine kleine silberne Schelle, die einen leisen, sanft erschallenden Ton von sich gab, vor dem der junge Ammer dennoch so stark erschrak, daß er zurückfuhr und sich scheu umblickte, als stehe er im Begriffe, ein Verbrechen zu begehen. Dennoch streckte er die Hand noch einmal nach dem verführerischen Büchlein aus, diesmal schon etwas zuversichtlicher und ohne zu zittern. Er ergriff es, trat schnell zurück und nahm in dem Lehnsessel Platz, der dem Tische zunächststehend, dem Grafen als Arbeitsstuhl diente. Als Fürchtegott das Heft öffnete, fiel ihm der Name Erdmuthe Gottvertraut in die Augen. Zittern befiel ihn; es überrieselte ihn bald heiß, bald kalt, und er fühlte, daß je nach dem heißeren Aufwallen oder dem stockenden Laufe des Blutes er bald erbleichen, bald erröthen müsse. Das Liebesmahl, die Abschiedsrede des greisen Bischofs, die stille, betende Schaar der Brüder und Schwestern, dann das Umwandeln der Scheidenden, ihr Aufblick zu ihm, ihr brennend heißer Kuß: Alles stand in so lebendigen Farben wieder vor ihm, als sei es erst gestern geschehen. Erdmuthe Gottvertraut, wiederholte er laut, den sonderbar schmeichelnden Namen wohl zehnmal lesend. Wie es ihr wohl ergehen mag! Ob sie glücklich ist, oder sich zurücksehnt nach dem Vaterlande, nach ihren Verwandten, nach der heimathlichen Luft und den heimischen Sitten? Er schlug ein Blatt um und das Wort » Tagebuch «, mit sichern festen Zügen geschrieben, sah ihn geheimnißvoll, verheißungsreich an. Sollte er starkmuthig oder gleichgiltig den Spiegel von sich werfen, aus dessen lockender Tiefe ihm das Bild einer neuen Welt entgegentreten konnte? Fürchtegott vermochte es nicht. Der Name des reizenden Geschöpfes, das ein paar Secunden lang an seinem Munde gehangen hatte, war ihm nicht fremd. Er hatte geistig Theil an ihrem Wohl und Wehe. Sie gehörte ihm an wie der Schatten, der nur im Licht uns sichtbar wird. Ein wunderbar heller Moment des Lichtes aber war es für ihn gewesen, als Erdmuthe Gottvertraut mit vielleicht unbewußtem Kusse als Schwester von ihm Abschied nahm. Ohne weiter zu fragen, ob es erlaubt sei, in die Geheimnisse eines Dritten einzudringen, begann Fürchtegott, Alles um sich her vergessend, die Tagebuchblätter der fernen Heidenbekehrerin zu lesen. Achtes Kapitel. Aus dem Tagebuch einer Missionärin. Voll Dank gegen den Höchsten, aber mit Zagen und innerlichem Bangen bestieg ich spät am Abend den Wagen, der mich wohl für immer meinem Heimathlande entführen wird. Ueber meine Stimmung in jenen Stunden der ungeheuersten geistigen Bewegung vermag ich keine Rechenschaft zu geben. Nicht bloß das jüngst Vergangene, auch die Gegenwart schien mir ein Traum zu sein. Mein leibliches Theil freilich lebte, aber meine Seele lag gebettet in rosenrothem Gewölk, das von Engeln getragen, über Berge, Thäler, Flüsse und Ströme fortglitt! In der bescheidenen Hütte am Waldsaume, dort, wo das verrufene Moor beginnt, saß ich im Geiste wieder zu den Füßen der Großmutter, die mich erzogen hat. Das Spinnrad schnurrte, die graugestreifte Katze spann, und die Großmutter sang mit näselnder Stimme, aber mit der ganzen Innbrunst eines gottergebenen Gemüthes ein Lied von Paul Gerhard oder Fürchtegott Gellert. Dieses Untertauchen in die längst entschwundene Kindheit tröstete mich und erhob mich über die ersten stechenden Schmerzen der Trennung. Johannes sprach immer sehr liebevoll zu mir, doch habe ich wenig von dem gehört, was er mir vortrug. War dies Sünde, odann, gütiger Gott, dann vergib einem zerknirschten Herzen diese Nichtachtsamkeit! Noch ist er mir ja fremd, wenn auch vom Schicksal bestimmt. Einen vom Himmel, von unserm Erlöser uns selbst zugeführten Bräutigam muß man ja lieben und ehren. Und ich will nimmer so der Heiland nicht seine Hand von mir abzieht den thörichten Jungfrauen gleich sein, denen es an Oel mangelte, als der Bräutigam kam. * Zwölf bis fünfzehn Meilen liegen hinter mir. Ich sitze in einem kleinen, freundlichen Zimmer, das außer zwei Stühlen und einem Tisch keine andere Verzierung aufzuweisen hat, als eine sehr alte, vom Rauch geschwärzte Landkarte an der Wand. Diese Karte soll Amerika vorstellen, das Land meiner Bestimmung, meine zukünftigen Wirksamkeit. Ich habe mir es wohl zwanzigmal schon betrachtet, ohne mich darauf zurechtfinden zu können. Oben in einer Ecke steht mit lateinischen Lettern »Amerika« geschrieben, aber ich finde weder den Mississippi, noch den mexikanischen Meerbusen, noch Guiana\&c.\&c. darauf verzeichnet. Es mag wohl eine sehr unzuverlässige Karte sein. Freilich liegt es vielleicht an mir, denn die Geographie konnte ich in der Schule nie gut begreifen. * Vor einer Stunde ist Johannes wieder gekommen. Er hat Extrapost bestellt, damit wir schneller und sicherer reisen können. In acht Tagen geht das Fahrzeug unter Segel, das mich über das Weltmeer tragen soll. Wenn ich daran denke, fühle ich ein Aufhören meines Pulses. Ich fürchtete mich schon als Kind vor jedem Wasser und nun nun soll ich monatelang auf der unermeßlichen See zubringen! Overgib, mein Gott und Heiland, der schwachen Magd, die du berufen hast, deines Namens Ehre zu verkündigen in Urwäldern und Steppen! Ich werde mich gewöhnen, ich werde stark werden und sicherlich niemals verzagen! Johannes wird mein Stock und mein Stab sein, und will ich dennoch straucheln, so klammert mein Geist sich an das heilige Wort des Johannes in der Wüste, der mit gesegnetem Wasser das Haupt des Herrn taufte, ehe er sein hohes, heiliges, welterlösendes Lehramt antrat. Johannes hat mich mit einem ausgesucht herrlichen Blumenstrauße beschenkt. Diese Blumen sollen mich begleiten bis in die neue ferne Welt. Ich will die duftigsten davon auf meinem Herzen tragen, wenn sie verwelkt sind, und so oft ihr Duft meine Geruchsnerven berührt, soll ein frommer Gedanke, das Gebet meines stets Buße thuenden Herzens als Brieftaube zurück in die Heimath fliegen und überall mit grüßendem Finger anklopfen, wo ich auch nur eine Secunde lang gern verweilte. * Sonderbar! Noch keine Nacht habe ich verbracht, ohne, daß die lautbeschwingten Engel des Traumes mich zurückführten in das Bethaus zu Herrnhut. Immer befand ich mich unter den theilnehmenden Brüdern und Schwestern. In jeder Nacht segnete mich die Hand des Bischofs, brach ich das Brod der Liebe, reichte ich den Brüdern und Schwestern Hand und Stirn zum Abschiedskusse! Hand und Stirn! Und einer der Brüder, einer den ich nicht kannte, küßte mir die thränenfeuchte Lippe! Noch zittere ich, wenn ich dieses Kusses gedenke; mein Herz zuckt und bebt, wenn ich mich des Blickes, der Verwirrung erinnere, die aus dem Antlitze des jugendlichen Bruders sprach. Möge es ihm wohlgehen und der schuldlose Kuß eines Mädchens, das für ewig damals Abschied nahm vom heitern Leben der Welt und ihren Verlockungen, ihm reichen, reichen Segen bringen! Johannes weiß nichts von jenem Kusse. Ob ich es ihm gestehen muß? Mich dünkt, nöthig und von der Religion geboten ist es nicht. Sonderbar war es doch. Wie mochte er heißen, jener Bruder? Ob er dereinst auch in den Weinberg des Herrn berufen werden wird? Mir wär's ein Trost, wenn ich's erführe, denn es würde mich stärken und mit bezwingendem Feuerhauch die Rede meines Mundes beleben. * Heute habe ich das erste Seeschiff gesehen. Mir wurde ganz bang vor diesen schwimmenden Colossen, die so stolz und sicher über die Wellen fortgleiten. Schon übermorgen soll ein solches wunderlich aussehendes Haus meine Wohnung werden auf unbestimmte Zeit. Ich habe es mit Johannes besucht und mich im Innern desselben umgesehen. Eine kleine Cajüte, in der ich mich kaum bequem umdrehen kann, soll Wohn- und Schlafzimmer sein. Alles ist sauber und gut, nur so entsetzlich eng. Doch tröstet mich die Versicherung des Capitäns, eines freundlichen, aber wortkargen Mannes, daß ich stets, wenn es mir gefiel, auf dem Deck verweilen könne. Furchtbar betäubend ist das Lärmen in und am Hafen. Es schreit und rennt Alles durcheinander, daß eine an stilles Leben gewöhnte Person, wie ich es bin, vor Erstaunen und Bangigkeit ganz verstummt. Wenn ich über die Straße gehe, fürchte ich mich zu verirren; denn die Straßen sind meistens eng, krumm und auf beiden Seiten mit himmelhohen Häusern besetzt. Ueber meine schlichte Tracht müssen sich die Leute hier wundern, denn sie bleiben häufig stehen und sehen mir nach. Fürchtete ich nicht einen Auflauf zu erregen, so hätte ich wohl auch bisweilen Lust, den hier herumwandelnden Leuten nachzusehen, da es mitunter ganz wunderliche Trachten gibt. Weil sich dies aber für mich und für meinen Beruf nicht schickt, gehe ich stets still für mich hin und blicke nur zuweilen verstohlen bald rechts, bald links. * Lebe wohl, theures, geliebtes Land meiner Kindheit! Möchte es mir vergönnt sein, dich wieder zu betreten, wenn auch erst spät! Oich fühle es, ruft Gott mich jenseits des großen Weltmeeres ab und muß ich meine sterbliche Hülle betten zur ewigen Ruhe in fremde Erde: dann wird mein unsterblich Theil, bevor es sich aufschwingt zu den lichten Sternenhöhen der Seligen, noch einmal zurückkehren in's alte, theure Vaterland, und dort jeden Ort besuchen, der mir lieb geworden ist, wo ich Freude und Leid erfahren habe! Ach, sie wissen es nicht, die Glücklichen, wie das Herz sich mit tiefer, tiefer Trauer umschleiert, wenn das Vaterland unseren Blicken entschwindet, wenn die Ufer sich weiter und immer weiter entfernen, und endlich nur noch ein Schatten der Welt, die bis dahin unser war, über dem Wasserspiegel zittert! Das Schiff schwankt furchtbar, daß ich kaum zu schreiben vermag. Wir haben die rothe Tonne hinter Cuxhaven passirt und befinden uns schon im offenen Meere! Johannes sieht bleich aus und klagt über Schwindel, mir ist noch ganz wohl. Der Capitän lachte, als ich ihn beim Rollen und Schäumen der Wogen fragte, ob auch Gefahr dabei wäre? Ein flauer Wind ist's, sprach er, pfropfte sich ein Stück Tabak in den Mund und steckte beide Hände in die Seitentaschen seines bequemen Rockes. Wunderliche Menschen sind diese Seeleute, kurz, grob, phlegmatisch, dann wieder unglaublich thätig, immer heiter und wie es mir scheint gutmüthig. Wenn sie nur nicht so lästerlich fluchten! Ich erbot mich, ihnen zur Unterhaltung ein Gebet oder ein Lied unseres begeisterten Wohlthäters, des Grafen von Zinzendorf, vorzulesen, in meinem Leben aber werde ich die Gesichter nicht vergessen, die mir bei diesem doch gewiß christlichen Vorschlage der Steuermann und der erste Mat machten. * Ich preise dich, mein Herr und Erlöser, von ganzem Herzen, daß du mich die Seekrankheit glücklich hast überstehen lassen! Es ist eine harte Prüfung, die Gott dem sündigen Menschen mit dieser Krankheit auferlegt. Auch der Stärkste, der Gottergebenste, der Demüthigste wird schwach und richtet sündhafte Bitten an den Höchsten. Wie bald doch verzagen wir, wenn Schmerzen uns foltern! Wie leicht bewältigt Kleingläubigkeit unser besseres Wissen! Wie schnell erschlafft der Wille im Kampfe mit einem Gegner, der keine angreifbare Blöße gibt! Aber wenn wir den Kampf überstanden haben, wie gewaltig, wie herrlich zeigt sich dann Gott in seiner Allmacht! Welch einen wunderbar herrlichen Anblick gewährt das Meer! Wenn ich so über Bord blicke und hinabsehe in die unergründliche blaugrüne Tiefe der Wogen, dann bemächtigt sich meiner bisweilen ein sonderbares Gefühl. Ich möchte hinabspringen in diesen fluthenden Kristall und mich von ihm schaukeln und tragen lassen bis an der Welt Ende. Auf jeder fortgleitenden Woge vermeine ich den Geist Gottes zu erkennen, aus jedem Rauschen und Emporspritzen des silbernen Schaumes, der den Bug des Schiffes umkreist, haucht mich der Odem des Schöpfers an! Ja, das Meer mit seinen Wundern, seinen Schrecken, verkündigt uns an jedem Morgens auf's Neue, wie groß und allmächtig der Herr ist! Den Matrosen aber habe ich schweres Unrecht gethan, das ich im Gebet ihnen abbitte. Obwohl sie ein wenig zu viel der Zunge freien Lauf lassen und oft nicht bedenken, was sie sagen, sind sie doch gut und fromm. Ich sah es letzthin in der Nacht, wie der Mond das Meer mit heiligem Lichtschein übergoß und zahllose Sterne am dunklen Zenith funkelten, daß sie mit den Augen ein Gebet sprachen, obwohl die Lippen ein weltliches Lied sangen. * Gestern sahen wir in einiger Entfernung fast senkrechte Wasserstrahlen aus dem Meere aufsteigen. Es war ein Wallfisch, der sich gemüthlich fühlen mochte. Bald darauf erschien sein ganz plumper Rücken über der Wasserfläche, was ganz so aussah, als ob eine Insel aus der Tiefe auftauchte. Mehr als dies beschäftigte mich ein wunderbar zierliches Seethierchen, das sich häufig in der Nähe des Schiffes zeigte und oft eine geraume Zeit mit uns segelte, als wolle es gar nicht mehr von uns lassen. Der Capitain meinte, es sei ein Schaalthier. Ich hielt diesen wunderbaren Bewohner des Meeres für einen winzigen Nachen mit einem eben so zierlichen purpurrothen Segel. Den Namen des sonderbaren Geschöpfchens, das ganz allerliebst aussieht, habe ich leider vergessen. * Wir befinden uns im Golfstrome. Das Meer wogt und schäumt gewaltiger, die Lüfte wehen lind und weich, der Himmel ist tief blau. Ich fühle, daß wir in eine heißere Zone eintreten. Unsere Reise war bisher ungemein glücklich. Weder Sturm noch Windstille haben uns aufgehalten, dennoch sehne ich mich wieder nach Land. So herrlich und groß der Anblick des Meeres ist, man fühlt sich doch nicht dauernd heimisch auf dem unsichern Elemente. Vielleicht auch vermag die Kleinheit unseres Geistes diese ewige Unendlichkeit nicht zu ertragen. Erst auf dieser ungeheuern Wasserwüste begreift man ganz das tiefe, poetische Bibelwort: »Der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser!« Ja, wohl ist es Gottes Geist, der um uns webt, den wir im Rauschen des Windes, im dumpfen Gebrause der Wogen hören. Diese unmittelbare Nähe des Ewigen, dieses Ruhen an seiner Brust, die wir nicht sehen, macht uns befangen, bang; denn wir fühlen ja, daß wir solcher Gnade nicht werth sind! * Morgen sollen wir nach den Berechnungen des Capitäns Land sehen, und zwar, wie er sagt, das Festland Amerika's. Wir kreuzen vor der Mündung des Orinoko. Das Meer ist spiegelglatt, denn seit einigen Stunden fühlt man keinen Luftzug. Auffallend ist es mir, daß ich bis jetzt keine Beschwerden von der veränderten Luft spüre, während Johannes fortwährend leidet, namentlich an Schwindel. So hoffe ich denn zu Gott, daß er mir Kraft schenken, meine Gesundheit stärken und mich ausrüsten wird mit allen Gaben, die eine Missionärin besitzen muß, will sie den Irrenden die Wege bahnen, welche zur Erlösung führen. * Land! schallt es herab von der Bram-Saling, und Alles lugt aus, um die ersten Linien zu entdecken, die uns die Küsten Surinam's verkünden sollen. Noch vermag ich keinen Schimmer der neuen Welt am Horizont aufzufinden, obwohl der Capitän und sämmtliche Mannschaft behauptet, man sehe wirklich die Küste. Ihre Augen sind geübter, auch kennen sie ja die Gegend, denn sie machen die Reise schon zum fünften oder sechsten Male. * Ich habe gebetet und mir ist wohl. – Vor uns immer deutlicher aus dem blauen Meere heben sich die schönen Bergspitzen des Landes, das ich in Zukunft als Heimath betrachten soll. Ach, es winkt mir zu mit tausend reizenden Bildern. Farbiger Duft, durchsichtiger Glanz, Licht in Licht getaucht kündigt es sich mir an, während die tropische Sonne die Fluth in geschmolzenes Gold verwandelt, und dennoch, dennoch würden die flachen, nebelumhüllten Gestade an der Mündung der Elbe mich mehr entzücken! Was ist der Mensch in seiner Schwäche! Wie quält und peinigt ihn das Herz, auch wenn es ein Wohnhaus ist der reinsten, uneigennützigsten Gottes- und Menschenliebe! Ich vermag es nicht, mich zu freuen, daß die starke Hand des Herrn sich so mächtig erwiesen hat an mir schwachem Geschöpf, und doch sollte ich anbetend vor ihm niedersinken und ihn preisen ohn' Aufhören! Horch, die Matrosen begrüßen mit jubelndem Hurrah das erste Segel, das vom Lande unserm Schiffe zusteuert! Vor Sonnenuntergang noch kann ich wieder Gottes heilige Erde betreten, kann vielleicht unter freundlichen Menschen, wenn schon sie mir fremd sind, herzliche Aufnahme finden. Sei mir gnädig, du mein Heiland! Halte und stütze mich, daß ich nicht strauchle! Laß die Gedanken sich nicht rückwärts der Heimath zuwenden, sondern richte sie auf das große Ziel, auf die heilige Aufgabe, die mir geworden ist. Nur einmal, das letzte Mal möge mein geistiges Auge den Moment festhalten, wo die Lippe des jungen Bruders mir den Abschiedskuß gab! Adieu auf ewig, Heimathland! Ein ewiges Lebewohl den Schwestern und Brüdern! Still, dumpf, finster wie ein Sargdeckel sinkt Vergessenheit auf alles Vergangene. Todt ist das Mädchen Erdmuthe, zu neuem Leben erweckt steigt die Missionärin Gottvertraut an das Land der Indianer! Still! Johannes naht. Er kommt, mich hinauszuführen unter die jubelnden Matrosen und mir die Palmen- und Bananenwälder zu zeigen, in deren Schatten ich wandeln, wirken, lehren, vielleicht, ach vielleicht auch sterben soll! * Bis hierher hatte der junge Ammer gelesen, ohne einmal aufzublicken. Seine Pulse flogen, seine Augen glänzten. Eine geistige Aufregung, verbunden mit unklarer Leidenschaft, hatten sich so ganz des jungen Mannes bemächtigt, daß er weder sah noch hörte. Die liebreizende Gestalt der scheidenden Herrnhuterin, wie er sie beim Liebesmahle erblickte, gaukelte wieder vor seinen Augen. Nur erschien sie ihm jetzt in strahlender Lichtfülle. Nicht allein die Missionärin zog ihn an, die schon so Vieles erfahren, so Ungewöhnliches, das sie nur mit wenigen Federzügen andeutete, erlebt hatte, mehr noch fesselte ihn das Weib, das, ob auch tausend von Meilen entfernt, doch immer noch des Augenblickes gedachte, der sie ihm zuführte. Fürchtegott war geistig nicht mehr in Europa. Er wandelte am Quai von Paramaribo; er träumte die glücklichsten Zukunftsbilder unter rauschenden Palmen. In dieser Verzückung bemerkte er nicht, daß kurze Zeit ein spähendes Gesicht durch das von Weinlaub halb verdeckte Fenster blickte, daß später die Thür des Gemaches, in dem er weilte, leise geöffnet ward, und Wimmer vorsichtig eintrat. Fürchtegott, im Lehnstuhle des Grafen sitzend, kehrte der Thür den Rücken zu und hätte den schleichenden Herrnhuter nur im gegenüber hängenden Spiegel erblicken können, wenn seine Gedanken nicht eben an den Ufern des Surinam geweilt hätten. Wimmer glitt wie ein grauer kühler Schatten, den Kopf mit seinem gewöhnlichen breitkrempigen Hute bedeckt, bis dicht hinter den Stuhl des Lesenden. Hier blieb er, den Athem anhaltend, einige Augenblicke stehen, den Jüngling beobachtend. Als er sich überzeugt hatte, daß Fürchtegott gänzlich überwältigt, ja bezaubert war von dem Inhalt der seidenweichen Blätter, die zwischen seinen Fingern rauschten, spielte ein wohlgefälliges Lächeln um die schmalen, bläulich-weißen Lippen Wimmer's, während im Auge ein satanisch-glückliches Feuer glühte. Er nickte befriedigt mit dem Kopfe, faltete, alter Angewöhnung folgend, die knochigen Hände, und verschwand leise und unhörbar, wie er gekommen war. Noch einmal legte sich das fahle Gesicht des alten Speculanten an die Scheiben, ohne daß Fürchtegott es gewahrte, dann zog er sich zurück. Unser junger Freund aber fuhr fort in dem Tagebuche der Missionärin zu lesen. * Vier Monate später. Mein Herz ist müde, meine Seele betrübt. Werde ich auch Kraft gewinnen, um auszuharren? Schon sind Wochen vergangen, ohne daß ich außer Johannes und dem holländischen Prediger in der Wüste, wie sich van Selvbeleev nennt, einen Europäer erblickt habe. Die Wildniß ist meine Wohnung geworden, das Gethier der Wälder mein Umgang. Dennoch preise ich die Ehre des Höchsten mit dankbarem Herzen, denn ich weiß, daß seine Güte und Gnade grenzenlos sind. Aber mein weltlicher Theil sehnt sich nach dem Brod des Lebens, das man im erkennenden Wort, im süßen Wohllaut der heiligen Muttersprache von des Nächsten Lippe bricht. Ach, und dies Brod, von dem mein Geist lebt, mangelt mir gänzlich! Johannes kränkelt! Er kann sich nicht an das feucht-heiße Clima gewöhnen. Bleierne Schwere legt sich auf seine Glieder, seine Augen entzünden sich, er fiebert! Ach und wie soll ich ihn pflegen, nur geschützt von einem fliegenden Zeltdach? Am Tage peinigt ihn die Gluthhitze der tropischen Sonne, des Nachts mehrt der starke, regenartige Thau sein Fieber. Und doch darf ich nicht ermatten, nicht verzagen, denn die jungen Heiden, die rund um mich wohnen, müssen ja einsehen lernen, daß der Glaube an den Gott, den ich predige, jegliches Ungemach vergessen macht. * Johannes befindet sich heute wohler. Er hat mich unterstützt bei den Lehrstunden, auch der holländische Prediger, durch seinen langen Aufenthalt unter den Indianern vertrauter mit ihren Sitten und besser von dem unterrichtet, was man diesen Naturkindern vortragen darf und wie man es ihnen beibringen muß, damit es sie anspricht und haften bleibt, geht mir fleißig zur Hand. Und doch, von wie geringem Erfolg sind unsere gemeinschaftlichen Bestrebungen! Der Gott, den wir predigen, gewinnt bei den Meisten nur Macht durch die bunten Geschenke, die er ihnen zur Taufe mitbringt! Gewiß, das Wort des Erlösers ist ein tiefes und bedeutsames, das seine Apostel hinaussendet in die Welt, um die Heiden zu taufen, allein die damit verbundene Aufgabe, die doch darin bestehen soll, nur den wahrhaft zum Christenthum Bekehrten erst zu taufen, übersteigt oft die Kräfte jeglichen Sendbotens! Ach, und diese Sendboten sind nicht immer erleuchtet vom heiligen Geiste! Sie reden nicht mit Engelszungen, ihr Wort ist nicht geschöpft aus dem Brunnen des heiligsten Glaubens; sie sind nicht durchdrungen, nicht überzeugt von der göttlichen Wahrheit der Lehre, die sie predigen! Söldlinge der Kirche, die sie bezahlt, durchstreifen sie Wälder und Berge, fangen Menschen mit buntem Flittertand, gießen Wasser auf ihre Scheitel und schreiben dann an die Oberhirten in Europa, sie hätten so und so viele Heiden bekehrt und dem Christenthume zugeführt! Soll ich den Ankläger spielen? Soll ich, die schwache, aber willige Frau, mir anmaßen, die Männer zu meistern? Und doch treibt mich das Gewissen dazu, denn wahrlich, gibt es irgend eine Todsünde, so begeht sie derjenige Religionslehrer, der leichtfertig, unter dem Vorgeben Seelen dem Himmel Christi zu gewinnen, weltlichen Lohns wegen nur Seelen verführt. Besser ein guter Heide bleiben, als ein schlechter, heuchlerischer, unlauterer Christ werden! * Worte ohne Liebe sind tönende Schellen. Die Wahrheit dieses Gedankens hat sich mir neulich bestätigt. Zwei junge Indianer, Söhne eines Häuptlings, der vor Jahren im Kampfe mit einem feindlich gesinnten Stamme fiel, sind durch meine Bemühungen dem Christenthume gewonnen worden. Beide besitzen große geistige Fähigkeiten. Sie begreifen leicht, ihre Herzen sind weich und bildsam, und ich darf, ohne ruhmredig zu sein, behaupten, daß meine Vorträge Eindruck auf sie machten. Ich forderte sie nicht auf, ihren heidnischen Göttern zu entsagen, ich erzählte ihnen nur gleichnißweise, was Christus gethan, gelitten, erstrebt hatte. Endlich kamen sie demüthig bittend aus eigenem Antrieb zu mir und ersuchten mich, ich möge sie taufen und in den Bund der Christen aufnehmen. Meine Seele jubelte vor Entzücken und Begeisterung, denn ich glaubte mir sagen zu dürfen, daß ich jetzt wahrhaft zwei Seelen der heiligen Lehre von der Welterlösung, wie unser Heiland sie predigt, gewonnen habe. Beide Brüder wurden von diesem Tage an die mildesten, zufriedensten, friedliebendsten Menschen. Ganz von selbst legten sie ihren alten kriegerischen Schmuck ab, kleideten sich europäisch und fingen an das grausame Vergnügen der Jagd mit der stilleren und segenbringenderen Beschäftigung des Ackerbaues und der Viehzucht zu vertauschen. Schon glaubte ich die Jünglinge der europäischen Civilisation und der christlichen Milde völlig gewonnen; da erweckte der Anblick eines ihrem Stamme feindlichen Kriegers den alten Adam in ihnen. Kaum sahen sie den wehenden Federbusch des herausfordernd mit seinem Tomahawk durch die Büsche schreitenden Häuptlings, so begann ihr indianisches Blut zu kochen. Nie im Leben sah ich ein solches Bild innerlich tobender Leidenschaften auf einem Menschenantlitz. Sie erkannten in dem bemalten Krieger den Mörder ihres Vaters, und Rache! Rache! war ihr einziger Gedanke. Schon hatte sich der Eine mit einer Axt bewaffnet, während der Andere mit Riesenkraft einen jungen Baum umbrach, um den Todfeind damit anzugreifen. Da gab mir Gott übermenschlichen Muth. Das Wort des Lebens in der Hand, trat ich zwischen den wilden, heidnischen Krieger und meine jungen bekehrten Freunde. Ich weiß nicht mehr, was ich sprach, aber der Geist Gottes muß meine Worte beseelt haben. Wie gelähmt, bezaubert standen die Jünglinge mir gegenüber. Je länger ich redete, desto mehr verlor sich der Wuthausdruck auf ihren dunkeln Zügen. Die Waffen entglitten ihren Händen, sie knieeten vor mir nieder und küßten das Buch, aus dem ich ihnen gelehrt hatte, Gott und seinen heiligen Sohn lieben zu lernen. Das Wort der Liebe hatte beinahe ein Wunder erwirkt. Sie gelobten mir, nie mehr auf Rache zu sinnen, sondern ihrem Feinde zu vergeben. Um diesem dies kund zu thun, winkten sie dem Häuptlinge, sprachen zu ihm und gaben zu erkennen, daß sie ihren Vorsatz auf die bei jenen Völkerstämmen übliche Weise bekräftigen wollten. Alle drei nahmen Platz in meiner Zelthütte und rauchten die Friedenspfeife. Am Schlusse der Ceremonie schenkte mir der fremde Krieger Pfeife und Tabaksbeutel zum Andenken, desgleichen seinen schön gearbeiteten Gürtel, indem er durch Zeichen zu verstehen gab, daß diese Gegenstände mir, sollte ich dereinst in gefahrvolle Lagen unter Männern seines Volkes kommen, als Talisman dienen würden. Wie dankte ich Gott für diesen erhebenden Sieg des Christenthums über wilde Leidenschaften! Zum ersten Male während meines Wirkens fühlte ich mich wahrhaft glücklich, ja selig! Denn ich hatte drei Menschen durch das Wort der Liebe mit Gott versöhnt und wahrscheinlich auch gründlich gebessert. * Heute sind Briefe aus Deutschland angekommen. O wie sehne ich mich nach einem Wort, einem Gruß aus der Heimath! Ein unendliches Weh zittert durch mein Herz, wenn ich der Lieben gedenke, die ich vielleicht nie wieder sehe. Dann bin ich nur noch die schwache Creatur von Staub, ein Spiel der Winde, hinfällig, wie ein Kind, ohne eigene Kraft, ohne eigenen Willen. Gottes Hand allein kann mich aufrichten, sein Wort nur mich trösten! Aber ich will ringen und beten, daß ich die Anfechtung besiege, und mich würdig zeige des Rufes, der an mich ergangen ist. * Der hochwürdige Bischof und Graf Alban haben mir geschrieben. Liebe, liebe Worte! Sie ruhen jetzt auf meiner Brust neben den längst verwelkten Blumenhäuptern, die Johannes mir als letztes Liebeszeichen beim Abschied aus der Heimath überreichte. Keiner der Lieben ist gestorben alle Schwestern senden mir apostolische Grüße. Ich bin ganz glücklich in meiner Waldeinsamkeit. Aber von Ihm steht nichts in dem Schreiben. Sie können es ja auch nicht ahnen, daß eine Flocke meines Herzens in der alten Welt zurückgeblieben ist und sich verwandelt hat in einen Schmetterling, der rastlos über der versunkenen Gruft schwebt, in der mein weltliches Theil schon lange begraben liegt. Die Stelle aber, wo jene Flocke vom Herzen sich losriß, schmerzt immer, immer! Selbst im Augenblicke der Heiligung, wo ich als Heidenbekehrerin Gott mich näher fühle, erscheint dieser Schmerz nur gemildert, nicht gehoben. Ich werde beiden hochverehrten Herren schreiben und dem Grafen die Geschenke übersenden, die mir der versöhnte Häuptling gegeben. Mich wird wohl die Liebe Gottes und jener unsichtbare Schild gegen Gewaltthat schützen, den jede schuldlose Frau mit einem Blicke ihres reinen Auges vor sich aufrichtet. * Fürchtegott konnte nicht umhin, einen Blick auf die Gegenstände zu werfen, deren Erdmuthe erwähnte, und die schon vorher seine Neugierde erregt hatten. Aber das Tagebuch enthielt noch mehrere eng beschriebene Blätter, und der junge Ammer zitterte vor Verlangen, auch noch den Inhalt dieser zu erfahren. Er las daher weiter. Schön ist diese Welt doch. Wer vermag die Majestät eines Urwaldes und das Leben in demselben zu beschreiben! Wir Europäer, gewöhnt an ein gemäßigtes Clima, an einen Pflanzenwuchs, eine Farbenmischung, welche diesem Clima entspricht, wir bleiben vor Verwunderung stehen, schon wenn wir nur die »Augenbrauen« des Urwaldes betreten, wie man die Pflanzenwelt poetisch nennt, welche in diesem Lande die eigentliche Welt des Waldes umsäumt. Unsere Dichter nennen den Wald grün und sprechen von grüner Waldnacht. Dies Bild ist nicht anwendbar auf die tropischen Wälder. Hier begegnen wir allen nur denkbaren Farben-Nuancen, vom zartesten Weiß bis zum gesättigtesten Schwarz, vom leuchtendsten Grün bis zum brennendsten Roth, während alle Abstufungen von Blau, Gelb, Grau in dies doppelt flammende Farbenfeuer eine reizende Abwechslung der feinsten und malerischsten Schatten werfen. Dieser Ueberschwenglichkeit von prächtigen Farben entspricht die Größe und Form der Pflanzen und Bäume. Es gibt Blätter, die getheilt, ja geviertheilt, noch den ganzen Menschenleib umhüllen, der kleinste Ast mancher Bäume würde in Europa für einen mächtigen Stamm gehalten werden und ihre Höhe erreicht, ja übertrifft sogar die manches deutschen Münsters. Hunderttausende solcher Stämme aber, von Millionen wunderbar farbiger Vögel aller Größen bevölkert, bilden den Urwald! Es ist ein Dom, den Gott sich selbst erbaut hat, ein Dom, in dessen heiligem Dunkel Raum genug ist für die Gläubigen aller Religionen. Man schelte mich nicht ob dieses Wortes! Gewiß verehre ich Christum mit glaubensstarker Inbrunst, aber so egoistisch religiös möcht' ich sagen, kann ich inmitten des ewig zum Schöpfer der Welt betenden Urwaldes nicht sein, daß ich den Andersgläubigen verächtlich über die Schulter ansähe oder ihn tadelte, weil er in einer anderen Stellung, mit andern Gebehrden, in anderer Sprache zu Gott spricht. Wie ich die Sprache des Indianers nicht verstehe, vermag ich vielleicht, auch den Sinn der Glaubenssätze nicht gleich zu fassen, auf denen das Heil seiner Zukunft ruht. Diese Indianer sind voll poetischer Gedanken selbst in der größten Wildheit ihres Naturells, und die Vorstellungen, welche sie von dem Leben nach dem Tode haben, müßten sich mit den christlichen Lehren vereinigen lassen, könnte man sie, wie bunte Glasstückchen in ein Kaleidoskop werfen und sie so lange drehen, bis sie den strahlenden Stern der christliche Liebeslehre bildeten. * Einige Tage war ich recht betrübt. Ich bin nicht werth, ein Kind Gottes zu heißen. Immer kreuzen weltliche Gedanken mein dem Ewigen, dem Himmel geweihtes Thun, und so vernichte ich von selbst das Gewebe, aus dem ich mir eine Himmelsleiter flechten will. Bin ich wirklich meinem Eidschwur treu geblieben? Vergaß ich nie, daß ich gelobt habe, eine demüthige Magd des Herrn zu werden, unermüdlich in seinem Dienst, nie ermattend in meinem Berufe? O, ich muß mich leider arger Vergehungen anklagen! Letzthin habe ich getanzt, getanzt mit Wilden ferner Prairien! Ich ward freilich dazu gezwungen, aber ich hätte stärker sein und mich nicht zwingen lassen sollen. * Aus den Gebirgen ist eine betrübende Kunde eingetroffen. Feindliche Stämme haben die von den Sendboten der Brüdergemeinden bekehrten Indianer überfallen und ein entsetzliches Blutbad unter ihnen angerichtet. Alle, welche dem Tomahawk und dem Skalpmesser entgingen, sind in die Wälder geflüchtet, wo sie in Gemeinschaft mit Affen und Papageien leben. Wir sollen unter Escorte von einer ausreichenden Anzahl Truppen dahin aufbrechen, den tief Gebeugten Muth zusprechen, sie wieder sammeln in die Hände des Glaubens und ihnen neue Wohnsitze anweisen, während unsere kriegerische Begleitung den Auftrag hat, die feindlichen Wilden zu züchtigen. * Hoch erhaben über Flur und Wald raste ich auf moosbewachsenem Felsrücken. Die Welt zu meinen Füßen gleicht, aus solcher Entfernung gesehen, einem göttlichen Eden. So ist es auch mit unseren Gedanken. Sie dünken uns stets gut und recht, wenn wir sie nicht prüfen, halten wir aber die Lupe strenger Forschung über sie, so entdecken wir allerhand unlautere Auswüchse daran. Die Thäler und Wälder unter mir dampfen, als brächten sie dem Ewigen ein Brandopfer. Obwohl um mich und über mir der heilige Gottesfrieden einer großen Natur waltet, höre ich doch das Athmen der Erde, vernehme ich das Seufzen und Röcheln des elementarischen Lebens, das den unermeßlichen Erdkörper bewegt und schüttelt. Bergströme stürzen tosend in tiefe Schlünde, ein Windhauch fährt pfeifend durch die Kronen der Blätter, unter Moos und Gestrüpp raschelt die glitzernde Schlange. Das Auge Gottes aber wacht über dem herrlichen Ganzen und vergoldet weit, weit im Osten die Wogen des Meeres, die mit murmelndem Rauschen die Küsten zweier Hemisphären küssen. Wie glücklich wäre ich, könnte ich nur ein paar Secunden lang mich mit Bewußtsein in jenen Schaum des Meeres verwandeln, der sprühend am Strande Deutschlands verstäubt! * Unsern vereinigten Bemühungen ist es gelungen, die zerstreuten jungen Christen zu sammeln. Ein schönes, von hohen Felsen umschlossenes Thal, fruchtbar, luftig und in steter Verbindung stehend mit den bewohnteren Ansiedlungen soll künftig ihr Wohnort sein. Es ist beschlossen, daß Johannes und ich mich ebenfalls daselbst niederlassen sollen, um wo möglich der Ansiedlung mehr Festigkeit zu geben. Ein District wird uns angewiesen, den wir lehrend und predigend zu bereisen haben. Dieser ganze District soll der Cultur gewonnen mit Verkehrsstraßen überzogen und auf's Engste mit der Mutterstadt am Strande verbunden werden. Dadurch hofft man diesen sich stets wiederholenden verheerenden Einfällen der wilden Indianer aus den Gebirgen und der Steppe besser vorbeugen oder sie doch leichter bewältigen zu können. Mir gefällt dieser Plan recht wohl, obschon ich hinter der geistlichen Maske ein sehr weltlich lächelndes Gesicht lauern sehe. Die Kaufleute in Paramaribo suchen neue Absatzwege im Innern des Landes. Sie kennen die Leidenschaften aller Wilden für gewisse glänzende Artikel, für schillernde Stoffe, und sie verstehen es ganz meisterhaft, den in der Rechenkunst schlecht bewanderten Naturkindern für werthlose oder doch fast werthlose Dinge ihre größten Schätze abzulocken. Weltlich gesinnte Menschen von Geist nennen das Civilisation unter die Wilden bringen, religiöse Heuchler erblicken darin eine Verbreitung des Christenthums, die arme, einfache Missionärin aber, die nichts anderes will, als ihrem Heiland und Erlöser im Geiste und in der Wahrheit dienen, schlägt ihr thränenumschleiertes Auge zum Himmel auf und fragt in Demuth »den großen Geist«, wie der Indianer sagt, ob solche Wege auch erlaubt sind, wenn ein großer Zweck damit erreicht werden soll und kann? * Heute bin ich recht freudig überrascht worden. Ich habe heimathliche Farben, die drei weißen Thürme Hamburgs im rothen Felde an der Gaffel eines herrlichen Barkschiffes gesehen. Geschäfte riefen mich aus dem heiligen Schatten der Berge in die Stadt, wo ich mit Bekannten den Hafen besuchte, der eben voll einer Menge neu angekommener Schiffe lag. Das Hamburger Fahrzeug ankerte dicht am Strande. Die Matrosen sangen in bekannter Weise, indem sie die Ladung aus dem Raume emporwanden. Es waren Ballen, gepackt, wie man es bei mir zu Hause gewohnt ist. Ich fragte einen holländischen Handelsherrn, der eben von dem Hamburger Schiffe kam, was dasselbe geladen habe? »Deutsche Leinwand,« lautete die Antwort. »Das Schiff kommt von New-York. Ich habe die Ladung gekauft. Ammer heißt der Rheder.« Diese hastig gesprochenen Worte machten mich staunen. Ammer! eine Stunde von meinem Geburtsorte gibt es der Ammer mehrere. Es sind lauter Weber. Einer derselben hat mich aus der Taufe gehoben! Mein Gott, mein Gott, wenn ich von Einem der Besatzung oder vom Capitän doch genaue Kunde erhalten könnte! * So glücklich, so innerlich ruhig, so sicher im Arm des Allmächtigen, unseres allliebenden Vaters, habe ich mich lange nicht gefühlt. Das Hamburger Barkschiff gehört wirklich einem Ammer, nicht aber meinem Pathen. Es soll der reichste Mann des Dorfes ** sein, und Wimmer, der Bruder und Freund des Grafen Alban, ist sein Compagnon! Wie wunderbar, wie seltsam verschlungen gestalten sich doch die Pfade der Sterblichen! Die Ladung des Schiffes war so erzählte der Capitän ursprünglich für New-York bestimmt, weil aber dort die Preise der Leinenwaaren bei Ankunft zu niedrig standen, verkaufte ein Speculant die ganze Ladung nach Paramaribo, wo es an Leinen gerade mangelte. So kam das Fahrzeug hieher und sein Rheder verdient fast das Doppelte. Der Capitän hat versprochen, Briefe mitzunehmen. In drei bis vier Wochen geht er wieder in See, und wahrscheinlich kommt er schon Anfang des nächsten Jahres wieder, weil das Geschäft glänzend zu werden verspricht. Er will dann Kunde aus meiner lieben Bergheimath, von all' den theuern Seelen mir bringen, deren Wohlergehen ich stets in meinen Gebeten vom Höchsten erflehe. * Von den Ammern wußte der Capitän gar nichts zu erzählen. Er kennt die Leute nicht einmal, nur eine Firma »Ammer\& Compagnie«, die aber von andern Leuten verwaltet wird, soll seit Kurzem in der großen Landesmetropole an der Niederelbe aufgetaucht sein. Es sind Alles Herrnhuter, behauptet er, die mit diesem sehr einträglichen Handelszweige sich beschäftigen. Einen Sohn des reichen Ammer hofft er nächstens zu sehen. Derselbe lernt die Handlung und soll später der eigentliche Chef des neuen Hauses werden. Aber was plaudere ich da mit mir selbst, was beschäftige ich mich mit weltlichen Dingen, die mich nichts angehen, und vernachlässige darüber meine heiligen Pflichten! Vergib mir, mein Herr und Heiland, daß die unaustilgbare Liebe zur Heimath so ganz mein Herz erfüllen konnte! Ich will mich bessern und streng prüfen, damit ich nicht abermals in Anfechtung falle, und mein Geist sich vom Ewigen und Himmlischen dem Irdischen und Vergänglichen zuwende! * Gott hat das heiße Gebet seiner schwachen und sündigen Magd erhört. Ich habe mein Herz bezwungen es ist still, wohl auch ein ganz klein wenig schüchtern geworden. Die Gedanken schweifen nicht mehr abwärts über das Weltmeer, sie bestricken mich nicht mehr mit schillerndem Zauberblendwerk, ich habe sie gefesselt, daß sie mich nicht fürder stören und zerstreuen, wenn ich des Herrn Ruhm und Ehre verkündigen soll. * Morgen will der Capitän Anker lichten. Die Matrosen jubelten, als ich heute Morgen an Bord ging, um meine Briefe abzuliefern. Ich habe an die Schwestern und meine nächsten Verwandten geschrieben, und Allen, Allen tausend Grüße der Liebe gesendet. Auch denen, die da schlafen im Herrn unter grüner Erddecke, auch denen habe ich aus der Verbannung, in die der Herr mich gesendet, Grüße zugerufen. Mögen ihre seligen Geister mich als schützende Engel umschweben, mich schirmen, tragen, und kräftigen, wenn der Wille schwach ist und das Herz in seiner Bangigkeit, in seinem tiefen, heißen Drange nach der Heimath oft brechen will! * Der Wind ist umgeschlagen, die Barke kann noch nicht segeln. – Der Capitän fluchte, die Mannschaft war verstimmt, aber ich, ach, ich freute mich unendlich, als der flatternde Wimpel so lieblich grüßend zu mir herüberwinkte. Es ist doch noch ein Streifchen Heimath, das da oben am Mast in der blauen Luft schimmert. Die Planken des Schiffes sind aus deutschen Eichen gezimmert und haben, Gott weiß, wie lange, lange Jahre den Saft deutscher Erde eingesogen. So lange dies Schiff im Hafen schaukelt, so lange bin ich nicht einsam, nicht völlig abgetrennt vom unvergeßlich theuern Vaterlande. * Ich habe noch ein paar Zeilen an den Grafen geschrieben und darin alle Brüder vom Aeltesten bis zum Jüngsten ausdrücklich grüßen lassen. Und damit er sieht, daß ich der Heimath stets zugethan bleibe in Liebe und Treue, will ich ihm auch diese Aufzeichnungen noch mit überschicken. Ruft der Herr mich dereinst ab, sei's früh, sei's spät, so haben sie doch für Niemand Werth, wie für meine deutschen Brüder und Schwestern. So seid denn gesegnet, ihr Seufzer meines Herzens, und betretet statt meiner die Heimath. Ich aber will noch einen Blick des Abschieds auf den Wimpel werfen, dann mein Moskitonetz über die thränenden Augen ziehen und westwärts wandern, den Bergen und Wäldern zu, wo ich wirken, schaffen, beten und wohl auch dereinst sterben soll zur Ehre des Heilandes und seiner hochheiligen Lehren. Der Herr sei und bleibe mit mir, Amen! * Hier endigten die Tagebuchblätter Erdmuthe's. Fürchtegott ließ das zierliche Bändchen in seinen Schooß fallen und richtete träumerisch seine Augen auf die Wand, wo der Gürtel mit der Friedenspfeife des versöhnten Häuptlings hing. So saß er lange, von Niemand gestört, ohne eine Fiber zu rühren. In seinem Herzen war eine ganz neue Welt aufgegangen, eine Welt, die gar nichts gemein hatte weder mit der Umgebung seines bisherigen Lebens, noch mit den realistischen Bestrebungen, an denen die Seele des Jünglings hing. Diese Welt ward von einer andern Sonne beleuchtet, von anders flimmernden Sternen des Nachts beschienen. Ein unnennbares Weh durchzuckte sein Herz, ein Weh, von dem er gar keine Ahnung gehabt, das ihn unglücklich und glücklich zugleich machte. Ich muß sie sehen, ich muß sie bald sehen! dachte er anfangs unzählige Male, bis er es deutlich aussprach und von seiner eignen Stimme erweckt, zusammenschrak. Er sprang auf, betrachtete das Tagebuch, drückte es leidenschaftlich an seine Lippen und wollte es wieder auf den Tisch legen, als er hinter sich husten hörte. Fürchtegott wendete sein erhitztes Gesicht seitwärts und erblickte den Grafen, der vor wenigen Augenblicken eingetreten sein mußte. Die Bestürzung des jungen Ammer erreichte jetzt den höchsten Grad. Verwirrt, wie er war, vermochte er weder ein Wort der Begrüßung, noch der Entschuldigung hervorzubringen. Er fühlte sich schuldbeladen und stand, von Purpurröthe übergossen, vor dem Grafen, als erwarte er in schulmeisterlicher Weise von ihm eine Strafpredigt zu hören. Graf Alban aber lächelte, reichte dem verblüfften Jünglinge die Hand und sagte, mit der Linken auf das Tagebuch der Missionärin deutend, mit wohlwollender, väterlich milder Stimme: Haben Sie darin gelesen? Fürchtegott wagte jetzt sein Auge zu dem vornehmen Mann zu erheben, und da er in ein sanft lächelndes Gesicht sah, erwiderte er schüchtern: Die Langeweile, Herr Graf – die Einsamkeit – ich wußte nicht aber ich erlaubte mir Schon gut, junger Freund, unterbrach der Graf den Verschüchterten. Es freut mich, daß Sie diese Aufzeichnungen einer gottergebenen Seele gefunden haben; sie waren ohnehin für Sie bestimmt und sind zum großen Theil Ursache, daß ich Ihnen schrieb, um mich recht ungestört mit Ihnen in einer für uns Beide sehr wichtigen Angelegenheit zu besprechen. Fürchtegott, in so vertraulicher Weise angeredet, kehrte seine Fassung jetzt schnell zurück. Er fühlte seinen Muth mit der Wichtigkeit wachsen, die ihm der Graf freiwillig beilegte. Jede Spur von Furcht und Beschämung war verschwunden, nur der thatenbegierige, abenteuerlustige, begüterte Jüngling stand vor dem Manne, dessen Eröffnungen dem jungen Ammer die Pforten einer noch unbekannten Welt erschließen sollten. Die Zukunft deckte noch ein undurchdringlicher Schleier, aber er sollte schon in den nächsten Augenblicken fallen und damit für Fürchtegott ein Wendepunkt in seinem Leben eintreten, der ihn vielleicht auf die schwindelnde Höhe des Glückes emportragen, vielleicht auch in den Abgrund namenlosen Elends hinabstürzen konnte. Er hatte dem Grafen gegenüber Platz genommen und lauschte begierig den Mittheilungen, welche dieser vielerfahrene, in hundert Geheimnisse eingeweihte Mann ihm machen würde. Ich habe Sie zu mir beschieden, junger Freund, begann Graf Alban, um Ihnen zu eröffnen, daß es jetzt unerläßlich wird, das nächste nach dem amerikanischen Continent abgehende Schiff zu begleiten. Herr Wimmer, unser gemeinschaftlicher Freund, Ihr und Ihres Herrn Vaters Geschäftsführer wider Willen, hat mir die Sachlage klar vorgetragen und mich gebeten, das Weitere statt seiner einzuleiten. Seine Schüchternheit hält ihn ab, Ihren Vater abermals zu bestürmen, noch dazu, da es sich gegenwärtig nicht um eine einfache Zusage, um ein passives Geschehenlassen handelt, sondern um eine vielleicht lang dauernde Trennung des Vaters vom Sohne. Dennoch muß gehandelt werden, denn verlieren wir Zeit, so entschwindet der günstige Augenblick, von dem das Gelingen und der Bestand des so glücklich eingeleiteten Unternehmens abhängt. Es fragt sich jetzt nur, ob Sie Muth und Unternehmungsgeist genug besitzen, um in so jungen Jahren eine so wichtige Geschäftsreise antreten zu können. Fürchtegott's Pulse klopften hörbar. Die Mittheilung des Grafen machte ihn schwindlich, berauschte ihn förmlich. Die Erfüllung aller lang genährten Wünsche, die so ganz unerwartet, ungerufen ihm geboten ward, hätte den Jüngling zu jeder That entschlossen gefunden. Er sagte deßhalb auf der Stelle zu. Ihre Willigkeit freut mich, fuhr Graf Alban fort. Es wird jetzt vor Allem Ihre Aufgabe sein, den Herrn Vater zu benachrichtigen, ihm die Nothwendigkeit der Reise anschaulich zu machen und seine Einwilligung zu erwirken. Da ich weiß, daß Herr Ammer in dieser Beziehung möglicherweise abweichende Ansichten haben und darauf bestehen dürfte, werde ich Ihnen ein Begleitschreiben mitgeben. Jedenfalls beharren Sie fest auf der Forderung, Ihr Herr Vater möge Ihnen völlige Freiheit in Bezug Ihrer Handlungen bewilligen. Sind Sie dazu bereit? Fürchtegott bejahte ohne das geringste Bedenken. Die Empfehlung des Grafen, der Hinterhalt, den er an demselben hatte, ließ ihn keine Schwierigkeiten erblicken. Nun hören Sie weiter, junger Freund, sprach Graf Alban. Es ist Ihnen da ein Büchlein in die Hände gefallen, das, wenn es Ihnen sonst Vergnügen macht, einen unterhaltenden Reisegefährten für Sie abgeben kann. Erdmuthe Gottvertraut scheint sich Ihrer sehr flüchtigen Begegnung noch gern zu erinnern. Das zeugt von tiefem Gemüth, von liebevollem Herzen. Ob Sie der kleinen, zarten Missionärin inzwischen auch gedacht haben, danach zu fragen, habe ich kein Recht. Surinam ist aber nicht bloß ein Land, wo der Menschenfreund das Samenkorn christlicher Liebe ausstreuen soll, ihm ist auch die fast nicht minder wichtige Aufgabe geworden, mit der Lehre von der ewigen Liebe die Segnungen europäischer Cultur unter die wilden Indianerstämme zu verpflanzen. Diese Aufgabe erfüllt Niemand sicherer als der Kaufmann. Und darin, mein junger Freund, liegt die große Bedeutung des Handels. Nicht bloß irdische Glücksgüter zu erwerben, spannen wir die Segel an unsern Raaen auf, obwohl ohne dieselben keine himmlischen Güter zu erstreben sind; der größere Zweck des Welthandels ist die Verbreitung milder Sitten, edler Gewohnheiten, mannigfacher Kenntnisse über den ganzen Erdkreis. Der Welthandel knüpft unter den Völkern verschiedener Racen ein unauflösbares Freundschaftsband, und was der Religion und ihren Boten oft nicht möglich wird, weil um das helle Licht selbst des reinsten und geläutertsten Glaubens immer auch die dunkeln Schatten schwer zu unterdrückenden Aberglaubens kreisen: das vermag der Handel mit dem durchdringenden, Allen verständlichen Ton seiner metallreichen Stimme. Ohne Handelsverbindungen unter den Heiden werden unsere begeistertsten Missionäre immer nur Prediger in der Wüste bleiben. Der Gewinn lockt, fesselt, regt die Leidenschaften des Rohen wie des Gebildeten auf. Er ist für uns, die wir dem Himmel dienen wollen, die Angel um Seelen zu fangen. Geht also der Welthandel mit der apostolischen Mission Hand in Hand, so erfüllt sich das Wort des Gottessohnes, der seine Jünger zu Menschenfischern machen wollte. Sie sehen also, junger Freund, wie wichtig der Schritt ist, den Sie thun sollen, welche Tragweite der Gedanke hat, der Herrn Wimmer vorschwebte, als er den Entschluß faßte, nicht bloß mit den vereinigten Staaten Nordamerikas, sondern auch mit dem Süden dieses großen Continentes in Verbindung zu treten. Sie werden demnach sowohl New-York als auch Paramaribo besuchen. Herrnhut sendet den blinden Heiden seine Liebesboten und die Betriebsamkeit des Welthandelsherrn schickt ihnen Kleider, damit die Bekehrten ihre Blöße decken und auch äußerlich das Kennzeichen gesitteter, dem Christenthum gewonnener Individuen tragen können. Fürchtegott war längst überzeugt. Er würde die unausführbarsten Verbindlichkeiten eingegangen sein, so völlig bezaubert hatten ihn die Worte des Grafen. Sein Ehrgeiz, der Wunsch und Trieb, etwas Außerordentliches zu erreichen, alle seine Gleichalterigen zu überflügeln, sich einen großen Namen, einen mächtigen Einfluß in beiden Hemissphären zu erwerben, hoben ihn hoch empor über die flache Wirklichkeit. Graf Alban, dem diese Bezauberung des Jünglings nicht entging, hielt es für gut, ihn aus seinem träumerischen Schwärmen in die reale Welt zurückzuführen. Sie kennen jetzt, sprach er nach einer Pause, die Bestimmung, die ich und mein Freund Ihnen zugedacht haben. Ueberlegen Sie, bis zu welcher Zeit Sie die Einwilligung Ihres Herrn Vaters zu erhalten glauben. Ich muß dies sehr bestimmt wissen, denn es hängt Großes davon ab. Meine zahlreichen Freunde in der neuen Welt müssen von Ihrer Ankunft unterrichtet werden, damit Sie einen geebneten Boden und Hände finden, die sich Ihnen hilfereichend entgegenstrecken. Vergessen Sie nie, junger Freund, daß weitverzweigte Verbindungen die sichersten Stützen unseres eigenen Vortheils sind! Der Einzelne kann allerdings auch ohne diese Krücken sein Fortkommen in der Welt finden, er kann sich sogar ohne dieselben wohler, unabhängiger, befriedigter fühlen, zu wirklicher Macht aber wird er dann niemals gelangen. Dem jungen Ammer leuchtete dies ein, weil er in den Worten des Grafen seine eigenen Wünsche lebendig werden sah. Zugleich sah er im Geiste die Gestalt seines alten Vaters vor sich, dessen lebenslanges Streben ja gerade ein Widerspiel dessen gewesen war, was der Graf als Endziel aller Machtgewinnung hinstellte. Nein, rief er sich selbst zu, wie der Vater will ich nicht leben! Mir soll die ganze Welt sich erschließen, und während ich wirke, Großes schaffe und Ruhm erringe, will ich alle Schätze der Erde um mich aufhäufen und in ihrem Besitze schwelgen! Dünken Ihnen vierzehn Tage eine hinlänglich lange Zeit? fragte der Graf, da er keine Antwort von Fürchtegott erhielt. Gewiß, Herr Graf, gewiß, stotterte der mit seinen Phantasien ringende Jüngling. Es hat ja Eile, wie Sie sagen, und da soll der Vater sich nicht lange besinnen. Dann leben Sie wohl, junger Mann, fuhr Graf Alban fort, indem er aufstand und Fürchtegott freundlich die Hand reichte. Gehen Sie jetzt zu Herrn Wimmer. Er wird Sie schon längst erwartet haben. Binnen einer Stunde sende ich Ihnen das versprochene Schreiben an den Herrn Vater. Zögern Sie nicht länger, als Sie müssen, um Ihre Heimath zu erreichen. Ich werde inzwischen sehr thätig sein, damit nichts unterlassen bleibt, was Ihnen so hoffen wir kurzsichtige Menschen zu Erreichung Ihrer großen Pläne und Entwürfe förderlich sein kann. Der junge Ammer fühlte, daß er entlassen war. Er verbeugte sich stumm vor dem einflußreichen Manne und wollte gehen. Da rief ihn Graf Alban nochmals an. Vergessen Sie nicht das Tagebuch, das Ihnen so zu gefallen schien. Wenn Sie bisweilen darin lesen, wird dies, glaube ich, Einiges beitragen, Sie in Ihrem Vorhaben zu befestigen. Es rührt von einer edlen Seele her, die wohl Anlage hat, eine christliche Märtyrerin zu werden. Adieu. Auf Wiedersehen in vierzehn Tagen! Neuntes Kapitel. Die Begegnung im Walde. Die Sonne stand schon niedrig und warf lange Schatten, als Fürchtegott die Villa des Grafen verließ. Auf dem Brüderorte lag die Ruhe eines tiefen Gottesfriedens ausgebreitet. Kein Mensch war in den Straßen zu sehen, der junge Ammer hörte beim Gehen den Wiederhall seiner eigenen Schritte. Selbst die Thätigkeit der Bewohner schien für heute aufgegeben zu sein, denn außer dem feinen Gehämmer eines Goldschmiedes vernahm unser Freund kein Geräusch in den freundlichen, saubern Häusern. So erreichte Fürchtegott die Wohnung des Kaufmannes. Das lang anhaltende Läuten der Hausglocke beim Oeffnen der Thüre verjagte die vielen Phantasiegestalten, die um sein Haupt wirbelten und ihm kaum gestatteten, einen klaren Gedanken zu fassen. Martha trat aus ihrer Kammer, grüßte den Jüngling freundlich und bat ihn, er möge nur ja sogleich auf das Zimmer ihres Herrn gehen, der schon lange auf ihn warte. Ein beängstigendes Gefühl bemächtigte sich des jungen Ammer, als er die Stimme des schlauen Handelsherrn beim Anklopfen ein weiches Herein! rufen hörte. Wimmer saß an seinem Pult und rechnete. Die Abendsonne gab seinen fahlen Zügen eine jugendliche Frische, die sie fast anziehend erscheinen ließ. Ein Handschlag und warmer Händedruck begrüßten den Sohn des Freundes. Wimmer zeigte sich gerührt. Er schlug die Augen zum Himmel auf und weinte verstohlen eine Thräne. Du kommst spät, lieber, junger Freund, sprach er, aber ich sehe es an deinen Mienen, daß du guter Entschlüsse voll bist. Darum danke ich dem Herrn in meinem Herzen, der meine heißen Bitten so gnädig erhört hat! Bist du ganz unterrichtet? Ich glaube es zu sein, versetzte Fürchtegott und theilte die Hauptpunkte der mit dem Grafen gepflogenen Unterredung dem Handelsherrn in der Kürze mit. Gut, gut, sprach Wimmer, wir sind ganz einig und Alles, was ich gewünscht, scheint nun endlich in Erfüllung gehen zu wollen. Komm, mein Freund und Bruder, und setze dich. Ich habe dir nur wenig, aber Wichtiges zu sagen. Sieh hier dies Buch, das du schon von früher kennst. Es ist mein Hauptbuch und enthält die Bilanz des Geschäftes, das wir nun seit Jahr und Tag mit einander geführt haben. Gott und unser Heiland, in deren geheiligten Namen es begonnen ward, ist uns gnädig gewesen. Du und dein Bruder, ihr seid nicht blos wohlhabende, ihr seid reiche Leute geworden durch meine zur glücklichen Stunde unternommene Speculation. Ach ja, bin ich auch schlicht und still, ein scharfes Auge und richtiges Urtheil in Handelsangelegenheiten ist mir gegeben und Gott sei dafür gepriesen bis heute treu geblieben. Was wird mein lieber, alter, braver Freund sagen, wenn er hört, daß an fünfzigtausend Thaler mit dieser zweimaligen Schiffsexpedition verdient worden sind! Fünfzigtausend! wiederholte mit freudestrahlendem Gefühl der junge Ammer, die lange Zahlenreihe überblickend, auf welche der hagere Zeigefinger des Herrnhuters deutete. So ist es, mein Freund, bekräftigte Wimmer. Bei diesem Anfang wollen wir aber nicht stehen bleiben. Es soll jetzt mit doppelter Kraft gearbeitet werden. Du weißt wohl, daß dein Vater die Heiden in Amerika durchaus bekleiden will aus Eigensinn, nun so muß sein Freund darauf denken, ihm dies christliche, gottgefällige Geschenk doppelt wieder einzubringen. Wie danke ich dem Heilande, daß er mir dazu Mittel und Wege gezeigt hat! O, es ist so süß und angenehm, Andern Gutes zu thun, Liebes zu erweisen. Wimmer überwältigte abermals die Rührung und nöthigte ihn, sich die Augen zu trocknen. Wenn du heim kommst, lieber junger Freund, kannst du's dem Vater und den Geschwistern sagen, wie Gott mein Handeln gesegnet hat. Es darf es jetzt die ganze Welt wissen. Du bist in wenigen Tagen mündig und dein eigener Herr. Das wird dem Vater gar lieb sein, da er auf diese Weise sich nicht mehr zu quälen braucht, ob er auch Recht thut, wenn er sein Webergeschäft in kaufmännischem Sinne betreibt. Nur laß dich nicht irre machen, falls der Vater im ersten Augenblick ein böses Gesicht zu der Botschaft von deiner nahe bevorstehenden Abreise zieht. Es gibt sich schon, und wenn man erst mündig ist, braucht man sich, auf rechtem Wege wandelnd, ein Bischen väterliches Brummen nicht anfechten zu lassen. Verstehst du? Fürchtegott winkte bejahend mit dem Kopfe. Sein Geist entwarf schon Pläne, wie er am besten die überraschende Mittheilung machen solle. Er wollte zugleich erfreuen, verblüffen und imponiren. Sein unmäßiger Ehrgeiz im Gefühle des Reichthums verdreifachte seinen Muth. Das ganze Dorf sollte erfahren, daß er der väterlichen Gewalt als reicher Herr entrückt werde und daß er der Mann sei, ein solches Glück zu benutzen. Sie sollen mit mir zufrieden sein, Herr Wimmer, sagte Fürchtegott mit Selbstvertrauen. In's Unabänderliche hat sich der Vater immer gefügt, er wird es auch diesmal thun, um so leichter, als ja die gewichtigsten Beweggründe zu meiner Abreise vorliegen. Wimmer drückte dem jungen Mann wiederholt die Hände. Sprechen konnte er vor lauter Rührung nicht. In überwallendem Gefühl schloß er endlich den Jüngling in seine Arme und küßte ihm wiederholt die Stirn. Gott segne dich! Gott sei mit dir und seine Engel geleiten dich auf allen deinen Wegen! Mit diesen Worten entließ er Fürchtegott. Gleichzeitig überbrachte der Bediente des Grafen Alban ein Schreiben an den alten Ammer und überreichte es dem ungeduldig harrenden Sohn. Als der Bediente sich entfernt hatte, sprach Fürchtegott: Nun wird es auch hohe Zeit aufzubrechen. Nehmen Sie vorläufig herzlichen Dank für Ihre väterliche Liebe und für die Vorsicht Ihres Handelns, Herr Wimmer. Nie, nie werde ich so viele Liebe, so große Selbstaufopferung vergessen! Leben Sie wohl. Wenn Sie mich wiedersehen, klopfe ich nicht mehr als Webergeselle an Ihre Thüre, sondern als selbstständiger Handelsherr und Rheder. Der Herrnhuter konnte sich nicht versagen, seinen lieben Schützling nochmals zu umarmen. Dann geleitete er ihn bis vor die Thür. Zehn Minuten später ritt Fürchtegott an dem Hause Wimmer's vorüber. Lächelnd warf ihm der alte Herr Kußhände durch's Fenster zu. Als der Hufschlag des Davoneilenden sich in der Ferne verlor, lachte der Herrnhuter wirklich, nicht laut, nur dumpf. Es klang wie ein heiseres Röcheln. Die Sonne schien nicht mehr in's Zimmer, das Gesicht des Bruders sah wieder fahl aus wie sonst; die breiten braunen Lider lagen schwer auf den Augen, wenn er sie aber von Zeit zu Zeit aufschlug, fuhren Lichtblitze aus den grauen Sternen, die nichts von Liebe, Duldung und Freundschaft verriethen. So saß Wimmer lange, das röchelnde Lächeln verstummte, er ward still. Auf dem Brüderhause schlug die Betglocke. Mechanisch faltete der Handelsherr die Hände, blickte gen Himmel, und indem er, die Lippen zum Gebet öffnete, sprach er sanft lächelnd: Der liebe, gute Mensch! Mit welcher Freudigkeit reitet er in sein Verderben! – – Fürchtegott war überglücklich. Wenn es auf dieser Welt einen Zustand der Erhebung geben kann, in dem das Individuum gleichsam ganz aufgeht, und wo es gewissermassen ein anderes wird, so befand sich gegenwärtig der junge Ammer in diesem Zustande. Ein Meer irdischer Seligkeit umfluthete ihn. Erde, Luft und Himmel leuchteten vor seinen Blicken. Das Säuseln der Tannen, unter deren dunklen Behängen er dahintrabte, klang ihm wie Musik, das Plätschern und Rauschen des kristallenen Bergwassers im Wiesengrunde, wo eine Schaar Irrlichter ihre gaukelnden Sprünge machten, schien ihm ein Preisgesang zum Leben der Schöpfung. Er war so vertieft, daß er dem Pferde die Zügel ließ und nicht auf den Weg achtete. Der vielen Baumwurzeln halber mußte er im Walde Schritt reiten, was dem Thiere sehr angenehm zu sein schien, denn es ging immer langsamer. Ein heftiger Stoß gegen einen harten Gegenstand, der Fürchtegott den Hut vom Kopfe warf, führte den Träumer wieder in das Reich der Wirklichkeit zurück. Er hielt sein Roß an, stieg ab, um den verlorenen Hut anzunehmen, und sah sich um. Es war sehr dunkel geworden; die hohen Tannen gewährten nach keiner Seite hin Aussicht, und als der junge Ammer zur Erde blickte, gewahrte er, daß er den Weg verloren hatte. Mitten im Walde, in solcher Dunkelheit, ohne Sternenschimmer denn nach dem heißen Tage hatte sich jetzt der Himmel dicht mit Wolken bedeckt war es fast unmöglich, sich zurecht zu finden, wenn nicht der Zufall ihm auffällig günstig war. Diese Entdeckung beunruhigte Fürchtegott. Die Waldungen an der Grenze und namentlich in dieser Gegend standen damals in dem Rufe, einer verwegenen Diebs- und Räuberbande zum Aufenthalt zu dienen. Hatte nun auch der junge Ammer keine Kostbarkeiten zu verlieren, so wäre ihm ein Zusammentreffen mit solchen Landstreichern doch sehr fatal gewesen. Sie würden seinen Namen erforscht, ihn dann wahrscheinlich freigelassen, später aber gewiß Gelegenheit genommen haben, den Vater zu besuchen. Aergerlich über diesen Unfall, ritt Fürchtegott auf gut Glück fürbaß, dem Pferde schmeichelnd und dem Instinct des Thieres vertrauend. Bald ward das Gehölz dünner, die Bäume niedriger. Es zeigte sich Unterholz, hinter welchem moorige Wiesenstrecken sichtbar würden. Ein schmaler Pfad lief in vielfachen Krümmungen durch dieses Gesträuch, dem das kluge Thier unseres Freundes, die Ohren spitzend, behutsam folgte. Noch immer fand sich Fürchtegott nicht zurecht, denn an einer weiten Aussicht hinderten ihn theils der schwarze Saum des in großer Ferne seitwärts fortlaufenden Waldes, theils die ziemlich niedrig ziehenden Wolken. Vorsichtig ritt er weiter. Das Pferd hob zuweilen den Kopf und schnupperte in die Luft, als wittere es irgend etwas Ungewöhnliches. Gleichzeitig spitzte es wohl auch die Ohren. Jetzt bog der Pfad um eine scharfe Ecke des fortziehenden Gesträuches und ein trüber Lichtschimmer leuchtete aus dem sich hier wieder schließenden Walddickicht dem Verirrten entgegen. Fürchtegott's Pferd wieherte und begann von selbst auf den gaukelnden Schein zuzutraben. Bald erkannte der junge Ammer unter hohen Kieferstämmen eine niedrige Hütte. Es war ein altes Waldwächterhaus, das längst nicht eigentlich bewohnt ward, das jedoch bisweilen die Torfgräber als Zufluchtsort benutzten, wenn sie durch schlechtes Wetter vom Heimgange aus der eine Viertelstunde weiter gelegenen großen Torfgrube abgehalten wurden. In diese Gegend verlor sich Niemand gern; denn gerade sie stand in dem übelsten Rufe. Und wenn irgend ein Ort mit seiner Umgebung sich zum Versteck für verdächtige oder auf verbrecherische Thaten sinnende Menschen eignete, so war es die Umgegend der Torfgräberei und der leer stehenden, bereits halb verfallenen Waldhütte. Nach allen Richtungen hin war keine menschliche Wohnung unter zwei Stunden zu erreichen. Ueberall traf man entweder hohe Kiefern- und Fichtenwaldung oder niedriges Gestrüpp. Zwischen beiden breiteten sich quellenreiche Wiesen aus, die höchstens ein Fußgänger leichten Schrittes betreten konnte, da ihre grün schimmernde Grasdecke entweder Torfmoore oder unergründliche Sümpfe verhüllte. Fürchtegott überlief es bald heiß, bald kalt, als er gewahrte, wo er sich befand. Ungefähr anderthalb Stunden westlich am Saume des Waldes mit der schönen Aussicht auf zwei sich einigende Flüsse und das Gebirge lag der verrufene Moor, dessen Erdmuthe Gottvertraut in ihrem Tagebuche erwähnte. Dort hatte die junge Missionärin als Kind gelebt. In jener Gegend sollte es nicht geheuer sein, wie denn die ganze walderfüllte Strecke Landes mit seinen Moorbrüchen und Torfgräbereien dem Volksglauben nach ein Aufenthalt für Diebe und gaunerisches Gesindel, sowie von Gespenstern bevölkert war. Während Fürchtegott sich all der unheimlichen Erzählungen, der Räubereien, Mordthaten und unerklärlichen Erscheinungen erinnerte, die in dieser Gegend vorgekommen sein sollten, schallte ihm von der Waldhütte her ein barsches: Halt! Wer da? entgegen. Fürchtegott zog den Zügel seines Pferdes so heftig zurück, daß es bäumte und schnaubte. Er wäre gern auf der Stelle umgekehrt, hätte er nur einen sichern Pfad gekannt; da dies weder möglich noch auch rathsam war, klopfte er den Hals seines Thieres, um es zu beruhigen, und sagte etwas schüchtern: Gut Freund! Wer seid Ihr? fragte die erste barsche Stimme von der Waldhütte her, während ein Licht im Innern sich fortbewegte, eine Thür sich knarrend öffnete und eine dunkle, hohe Männergestalt außerhalb der Hütte unter den rauschenden Fichten sichtbar ward. Ein Verirrter, gab unser Freund zur Antwort. Ich würde erkenntlich sein, wenn mich Jemand auf den rechten Weg geleiten wollte. Wer kennt den rechten Weg! entgegnete der Vorige mit einem Anflug von Hohn und Bitterkeit. Wißt Ihr nicht, daß man hier zu Lande, an den Grenzen der »Hundetürkei«, wie man die wendischen Marken nennt, allen der Wege Nichtkundigen auf ihre Fragen antwortet: Geht sich aller Wege recht? Nein, Herr Verirrter! Wer unser Revier betritt, ist vorläufig unser Gast oder, im Nothfall, unser Gefangener. Tretet näher! Für Euer Roß soll gesorgt werden, und wenn Ihr Erkenntlichkeit nicht bloß auf den Lippen tragt, sondern auch das Innere Eurer Hand etwas davon wissen laßt, so könnt Ihr ein Abendessen und einen erquickenden Trunk ebenfalls hier finden. Nach dieser Einladung hielt es Fürchtegott für klüger, abzusteigen und sich in das Unvermeidliche zu fügen. Zudem klang die Stimme des Sprechenden zwar barsch und gewissermaßen befehlshaberisch, aber nicht gerade unfreundlich. Man konnte eher etwas Wehmüthiges im Tonfall erkennen; auch mußte der Unbekannte ein Fremder sein, denn er sprach weder den Dialect der Provinz noch ein reines Hochdeutsch. Fürchtegott schwang sich demnach aus dem Sattel und überließ dem bereits herangetretenen Bewohner der Waldhütte den Zügel des Thieres. Es war ein schlanker, sehniger Mann von hohem Wuchs und stark gebräuntem Gesicht, mit langen, kohlschwarzen Haaren und stechenden, kleinen, ebenfalls schwarzen Augen. Seine Kleidung verrieth Dürftigkeit, obwohl verschiedene Zierrathen daran sichtbar waren. Als unser Freund die Hütte betrat, bemerkte er auf der Diele, die aus geschlagenem Lehm bestand, an niedrigem Herdfeuer noch zwei Frauen. Auf der Diele selbst stand eine zerbrochene Laterne mit einem fast ganz niedergebrannten Lichtstumpfe. Es sind richtig Gauner, dachte Fürchtegott, bot den Frauen guten Abend und sah sich in dem öden, unwirthlichen Raume nach einem Sessel um, ohne jedoch ein derartiges Möbel entdecken zu können. Die Frauen antworteten nicht. Sie bemühten sich, das Feuer anzufachen und es heller brennen zu machen, was seine Schwierigkeiten hatte, da das Brennmaterial offenbar aus frisch abgebrochenen Kieferästen bestand. Die ganze Hütte war mit Rauch angefüllt, der unserm Freund recht unangenehm in die Augen biß und ihm Thränen entlockte. Selbst im Athmen fühlte er sich anfangs beengt. Bald jedoch verlor sich das Peinliche des ersten Entrées, der Rauch verzog sich etwas, das Feuer loderte prasselnd hell auf und zeigte nunmehr erst die davor sitzenden Gestalten in schärferen Umrissen. Beide waren nicht hübsch, die Aeltere hatte sogar sehr harte, finstere Züge, anziehend aber fand sie Fürchtegott. Und als jetzt der Unbekannte aus einer Art Verschlag zurück in den erhellten Raum trat und der volle Schein der Flamme auf ihn fiel, orientirte sich Fürchtegott. Er wußte, daß er Zigeuner vor sich habe. Gleichzeitig wurde auch er selbst erkannt; denn die Jüngere der beiden Frauen sprang hastig auf ihn zu, verbeugte sich, ihre Arme über der Brust kreuzend, ceremoniös vor dem Jünglinge, und sagte: Herr, du hast mir zwar wehe gethan, aber ich grüße dich doch mit dem Gruße des Glückes! Das Mädchen ergriff dabei seinen Stock und führte diesen an ihre Lippen. Rückwärts gehend, näherte sie sich wieder dem Herdfeuer, setzte sich neben ihre Gefährtin und begann abermals die Flamme anzufachen. Koch dem Herrn ein paar Eier, befahl jetzt der schlanke Mann; er ist vom Wege abgekommen und will nur diese Nacht uns mit seiner Gesellschaft beehren. Doretta, meine Reiseflasche! Die jugendliche Person stand sofort auf, eilte in den Verschlag, wo der Fremdling das Pferd des jungen Ammer untergebracht hatte, und kam schnell mit einer schön geschliffenen Flasche, in der eine gelblich-rothe Flüssigkeit schimmerte, und mit einem ebenfalls geschliffenen Becher zurück. Fürchtegott erkannte jetzt mit einiger Beschämung in Doretta dieselbe Zigeunerin, die er am Abend des heftigen Unwetters an der Waldschenke so hart, ja fast grausam von sich gestoßen hatte. Er war verwirrt, schlug die Augen nieder und wagte das waldgeborene Kind nicht mehr anzublicken. Doretta dagegen holte jetzt flink und scheinbar in fröhlicher Laune einen Kessel nebst Dreifuß herbei, die ältere Gefährtin brachte Wasser und Eier, breitete ein Tuch auf dem Lehmboden aus und bereitete Alles zu einem frugalen Abendessen vor. Euer Wohl, Herr, sagte der Zigeuner zu Fürchtegott, den Becher mit der goldgelben Flüssigkeit bis zum Rande füllend und ihm denselben kredenzend. Nach nächtlichem Umirren auf unsichern Pfaden wird Euch dieser ächte Syrakuser trefflich munden. Der angenehme Duft des süßen Weines überwand bei unserm Freunde sogleich jede Bedenklichkeit. Er that seinem Gastfreunde Bescheid, fühlte ein durchwärmendes Feuer seine Glieder durchströmen und kam nunmehr zu der Ueberzeugung, daß er von diesen harmlosen Menschen, die selbst als Ausgestoßene ruhelos von Land zu Land irrten, für seine persönliche Sicherheit nichts zu fürchten habe. Bald waren die Eier gar; Doretta lud Fürchtegott ein, es sich wohl schmecken zu lassen und setzte als Nachtisch Weißbrod und Honig auf. Hätte man nicht in Ermangelung von Tisch und Bank sich auf die feuchtkühle Erde niederkauern müssen, so würde der Verirrte sich in dieser abenteuerlichen Umgebung ganz gemüthlich gefühlt haben. Nur das Ungewohnte belästigte ihn etwas, und erst, als er der Entbehrungen gedachte, welche Erdmuthe Gottvertraut unter den Indianern schon erlebt haben mochte, fand er seine gegenwärtige Lage noch ganz behaglich. Euch ist heute ein großes Glück begegnet, sagte der Zigeuner, als das Mahl beendigt war, nochmals den Becher mit dem südlichen Weine füllend. Wie könnt Ihr das wissen? Euer Auge sagt es mir. Fürchtegott ward nachdenklich, blickte in die goldene Fluth des Bechers und trank. Ein sanfter Finger berührte seine Schulter. Als er sich rasch umwandte, sah er in das trüb lächelnde, braune Antlitz Doretta's. Wünschest du etwas? fragte er das Mädchen. Eure Hand, gnädiger Herr. Ich will Euch sagen, was Ihr thun müßt, um das Glück fest an Eure Fersen zu bannen. Sträubt Euch nicht, fiel der Zigeuner ein, einen kurzen Pfeifenstummel am Herdfeuer anzündend. Doretta ist klug; sie hat prophetische Träume, und wem sie freiwillig die Zukunft deutet, dem bindet sie Glück ein. Fürchtegott hätte gern widerstanden und doch wagte er es nicht, um die vagabondirende Familie nicht zu erzürnen. Auch konnte er einer gewissen Neugier nicht Meister werden, durch Vermittelung einer dritten Person den Schleier lüften zu lassen, der die nächste wie die fernste Zukunft ihm verbarg. So entschloß er sich denn, Doretta seine Rechte zu reichen. Das junge Mädchen betrachtete die Linien lange Zeit aufmerksam, schüttelte den Kopf, zog die Stirn kraus und ließ sie endlich, indem sie dieselbe schnell umkehrte und mit ihren Lippen berührte, ohne ein Wort zu sagen, fallen. Nun, du schweigst? sagte der Zigeuner, der am Herd auf der Erde lag, den schwarzlockigen Kopf auf den einen Arm stützte und gemächlich seine Pfeife rauchte. Ist's dunkel, daß du nichts erkennen kannst? Ich will nicht sprechen, erwiderte Doretta ernst, und begann die Ueberreste der Speisen aufzunehmen. Sie hat mir wohl nichts Erfreuliches mitzutheilen und darum will sie lieber ganz schweigen, meinte Fürchtegott, der über das sonderbare Betragen des Mädchens bestürzt und auch ein wenig beleidigt war. Doretta will mich strafen, weil ich sie schon früher einmal abgewiesen habe. Es wäre besser gewesen, gnädiger Herr, Ihr hättet mir damals erlaubt, die Linien Eurer Hand zu betrachten, entgegnete das Mädchen, dann würde sich das Glück, das Euch jetzt über den Kopf wächst, vielleicht in angemessene Grenzen haben bannen lassen. Alberne Dirne, sagte der Zigeuner, wie mag je auf eines Menschen Haupt zuviel des Glückes herabströmen! Doretta zuckte die Achseln, trat nochmals zu Fürchtegott, sah ihn scharf und prüfend an und sagte dann: Ihr werdet Alles erreichen, gnädiger Herr, Alles, was Ihr wünscht, wenn Ihr immer gerecht seid und Euch durch nichts verblenden laßt. Durch helleren Sonnenschein führt nur selten eines Sterblichen Lebensbahn, wie die Eurige. Aber Ihr dürft nicht übermüthig, nicht sicher, nicht glücklich werden im Glücke! Ihr müßt immer vorsichtig bleiben, immer hinter Euch blicken, dürft Euch nie gehen lassen, dürft nie unbedingt Euren Neigungen folgen, sonst bringt Euer Glück Euch um, oder Ihr erstickt in der Fülle des Segens, die sich um Euch häuft. Beherziget immer diese Worte, und Ihr werdet nie Ursache haben, Euch selbst zu beklagen! Doretta hatte ruhig, gemessen, aber nicht freudig und am allerwenigsten in prophetischem Tone gesprochen. Fürchtegott war verstimmt. Er glaubte dem Mädchen und schalt sie doch im Herzen eine Betrügerin, die von der Gelegenheit Vortheil ziehen und sich für die schnöde Behandlung rächen wolle, die er ihr bei der ersten Begegnung hatte zu Theil werden lassen. Der Doppelsinn, welcher fast allen Prophezeiungen eigen ist, weßhalb sie eben stets in Erfüllung zu gehen pflegen, ängstigte ihn und machte ihn unsicher. Um diese Gedankenqual möglichst abzukürzen, bat er seinen Gastfreund, ihm eine Lagerstatt für die Dauer der Nacht anzuweisen. Der Zigeuner willfahrte diesem Verlangen mit großer Zuvorkommenheit, indem er den jungen Mann nach dem Verschlage geleitete, wo in der Nähe des Pferdes, das ruhend am Boden lag, ein duftiges Moosbett dem Müden gar einladend winkte. Fürchtegott hörte, daß der Fremde die Thür der Hütte verriegelte, er vernahm noch kurze Zeit ein leises Geflüster, das ab und zu etwas lauter ward und ganz so klang, als ob man Doretta ihrer wunderlichen Worte wegen mit Vorwürfen überhäufe. Endlich verstummte auch dies, und ein fester, völlig traumloser Schlaf entrückte den Jüngling allen Freuden, Wünschen und Täuschungen des wachen Lebens. Zehntes Kapitel. Die Trennung. Am nächsten Morgen bestieg Fürchtegott sein Roß schon bei Sonnenaufgang, nachdem er den wunderlichen Wanderern, die ihn so freundlich in der ihnen selbst nicht zugehörenden Hütte aufgenommen, ein reiches Geldgeschenk überreicht hatte. Für diese Freigebigkeit überhäuften sie den Scheidenden noch mit vielen Segenswünschen, und verhießen ihm abermals Glück, Reichthum und Ehre in überschwenglicher Menge. Die Ungeduld, sein Schicksal möglichst bald entschieden zu sehen, trieb Fürchtegott zur Eile. Er ließ das Pferd ununterbrochen traben, selbst auf Wegstrecken, wo es gefährlich war, schnell zu reiten. So erreichte er die Wohnung seiner Eltern sehr früh am Tage, traf jedoch die ganze Familie schon in voller Thätigkeit. Ammer war gerade ungewöhnlich heiter, was selten vorkam, in den letzten Monaten seit der Erwerbung Weltenburg's aber sich fast ganz bei ihm verloren hatte. Als er seines Sohnes ansichtig ward, öffnete er das Schiebfenster seines Cabinets, grüßte hinaus und sagte: Nun, du bist heute wohl auch noch vor den Hühnern aufgestanden? Oder hast du vielleicht gar eine freie Nacht gemacht in irgend einer der verlornen Schenken um Ninive? Fürchtegott's Wangen färbte ein höheres Roth, denn er mußte sich sagen, daß das erlebte Abenteuer einer Freinacht wohl gleich zu erachten sei. Da er jedoch nicht gewillt war, dies Zusammentreffen mit Zigeunern seinen Vater wissen zu lassen, versetzte er munter: Guten Morgen, Vater, und viele Grüße von Herrn Wimmer. Er war noch arg verschlafen, als der Hufschlag meines Pferdes heute Morgen alle Herrnhuter aus ihren süßesten Träumen aufschreckte. Dennoch blieb er sich und seinem Charakter treu, denn lächelnd grüßte er mich und rief mir nach: »Gott und der Heiland mögen dich geleiten. Nimm Segens- und Liebesgrüße mit für den lieben Bruder und die junge Frau Schwester!« Das versprach ich dem frommen Manne und übergebe sie hiermit dir zu zeitgemäßer Weiterbeförderung. Ammer lachte. Er schob das Fenster zu, indem er sagte: Spute dich und laß hören, was du sonst Neues erfahren hast. Die Mutter trägt den Kaffee auf. Ich rechne mir, eine gute Schaale mit fettem Rahm wirst du nach dem scharfen Morgenritt nicht verachten. Die Sachen gehen vortrefflich, dachte Fürchtegott, einem der herbeikommenden Gehilfen das Pferd übergebend. Die kleine schwarze Hexe hat am Ende doch Recht mit ihren wunderlich klingenden Prophetenworten. Nun, Glück zu! Man muß das Eisen schmieden, so lange es heiß ist; an mir soll es gewiß nicht liegen, wenn die überseeische Speculation in grauen Nebeldunst zerrinnt. Vertrauensvoller denn je zuvor trat er in's Wohnzimmer, wo er bereits Vater und Mutter nebst seinem Bruder Christlieb vorfand. Letzterer war am Abend vorher von Weltenburg gekommen; um wegen Bauangelegenheiten mit dem Vater Rücksprache zu nehmen. Gleich nach genossenem Frühstück wollte er auf seinen Inspectionsposten zurückkehren. Wie schon oft zuvor setzte man sich jetzt an den viereckten Familientisch, der mit weißer Damastdecke überbreitet war und jene großen, rundlich geformten Tassen mit rothen Blümchen bemalt zeigte, die man damals liebte und deren Werth in der Güte des Materials, nicht in der äußern Form zu suchen war. Sie bestanden nämlich aus dem feinsten Meissener Porzellan. Fürchtegott berichtete während des Frühstücks zuerst über Wimmer's Aufträge, die als rein kaufmännischer Act mit kurzen Worten sich erledigen ließen. Ammer nickte nur beifällig mit dem Kopfe und sprach dem beliebten Getränk mit bestem Appetit zu. Nun, und was hatte der Herr Graf so Wichtiges mitzutheilen? fragte er jetzt, seine Sammetmütze mit rascher Handbewegung etwas mehr aus der Stirn schiebend. Das jetzt genau und ausführlich zu erfahren bin ich doch begierig. Habe die ganze Nacht von dem Herrn Grafen geträumt, und mich baß mit ihm gerungen, wie vordem Erzvater Jacob mit dem Herrn, also daß ich fast athemlos von der schweren Arbeit des Traumes erwachte, wie eben die Sonne im thauigen Gras sich spiegelte. Laß also hören! Fürchtegott fühlte sein Herz stärker schlagen. Er wußte, daß die nächste Stunde einen Wendepunkt nicht bloß in seinem Leben, sondern in der ganzen Stellung der Familie Ammer bezeichnen werde. Indeß, schon darauf vorbereitet, war er entschlossen und im Voraus gegen jeden etwaigen Einwurf gewappnet. Graf Alban hat mir eröffnet, begann Fürchtegott mit etwas unsicherem Tone, der indeß bald seine volle Festigkeit annahm, daß es nothwendig geworden ist zur Begründung unseres transatlantischen Credites, jenes ferne Land selbst zu besuchen Wie! fiel ihm der Vater in's Wort, die eben zum Munde erhobene Tasse beinahe verschüttend. Nach Amerika, zu den wilden Indianern, zu den verruchten Menschenfressern soll ich reisen? Fürchtegott lächelte so verschmitzt und überlegen, wie Wimmer zu lächeln pflegte, wenn er seiner Sache bereits gewiß war. Das verlangt Graf Alban nicht, fuhr er fort. Aber ich sehe, du bist echauffirt, Vater, meine Mittheilung hat dich überrascht. Vielleicht wäre es dir lieber, zu erfahren, wie Graf Alban selbst darüber denkt. Ich habe einen Brief für dich von dem umsichtigen, vielgereisten und gelehrten Herrn erhalten. Mit diesen Worten überreichte er das Schreiben des Grafen dem Vater. Ammer betrachtete einige Augenblicke das gräfliche Siegel, seufzte tief auf und erbrach den Brief. Während des Lesens verdüsterten sich seine Züge immer mehr, die Stirn zeigte tiefe Runzeln, er schob die Mütze so weit nach hinten, daß sie über die Stuhllehne auf die Diele fiel und die Morgensonne, die freundlich durch die hellen Fenster leuchtete, das fast schneeweiße Haar des alten Mannes mit goldigem Schimmer überglänzte. Als der Vater den Brief zu Ende gelesen hatte, legte er ihn offen vor sich auf den Tisch, klopfte mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf die Schrift und sprach sein strenges Antlitz Fürchtegott zukehrend: Weißt du, was da geschrieben steht? Ich habe den Brief nicht gelesen, Vater, versetzte Fürchtegott; nach dem aber, was Graf Alban mir mündlich mitgetheilt hat, kann ich den Inhalt desselben errathen. Bist du einverstanden mit dem Grafen? Ich habe Grund, dies vermuthen zu dürfen. Bedenke wohl, mein Sohn, sagte Ammer etwas milder, bedenke wohl, daß du nicht eher mit dem Grafen einverstanden sein kannst, als bis ich, dein Vater, meinen Consens, wie die Juristen sagen, zu diesem Abkommen gegeben habe. Weßhalb, Vater? Weil du mein Sohn bist, und der Sohn seinem Vater so lange unterthan ist, als er noch nicht selbstständig geworden. Das weiß ich und daran hab ich auch gedacht, als Graf Alban mir eröffnete, mit welch großen Plänen er sich trägt. In vierzehn Tagen, wird Graf Alban dir geschrieben haben, muß Alles geordnet, ein unwiderruflicher Beschluß gefaßt sein. Von heute an gerechnet bin ich in zehn Tagen mündig, mithin nach unserm Landesgesetz selbstständig zu handeln befähigt. Deßhalb, lieber Vater, wirst du einsehen, daß ich durchaus keine Ursache hatte, die so ungemein vortheilhaften Vorschläge des Grafen kühl von der Hand zu weisen. Ammer verstummte ob dieser Bestimmtheit seines Sohnes. Er sah bald ihn, bald Christlieb, bald Frau Anna an, als wolle er sich vergewissern, daß er sich wirklich noch unter den Seinigen befinde. Und du könntest mich verlassen, lieber Sohn? sprach er jetzt mit bewegter Stimme, indem eine Thräne an seinen Wimpern perlte. Ich bin etwas hinfällig geworden die letzten Monate her. Die Sorgen haben mir arg zugesetzt, weil ich über zu viel meine Hand ausstrecken muß, damit mir es nicht verloren gehe und ich statt Ehre Schande davon trage. Für euch Kinder, nicht für mich habe ich gelebt und gearbeitet. Euch zu Gefallen bin ich mir selbst untreu geworden, habe gewagt oder Andere wagen lassen, und nun es zum Guten wie wir kurzsichtige Menschen meinen ausgeschlagen ist, nun ich mit Bangen und Zagen auf das Erworbene, Gewonnene blicke und nicht weiß, ob ich mich freuen oder darüber trauern soll: nun wolltest gerade du mich verlassen, der du doch mehr als deine Geschwister an dem Irdischen hängst? Die Pflicht gebietet es, sagte Fürchtegott eisig kalt. Die Pflicht gebietet dir, eine Stütze deines alten Vaters zu sein. Gerade das werde ich, wenn ich die große Reise nach der neuen Welt antrete. Du kannst dich dazu nicht entschließen, das weiß ich, Christlieb hat keinen Trieb dazu, mir aber sagt's mein ahnendes Herz, daß ich dort in der Ferne mein Glück machen werde, daß ich reich begütert zurückkehre. Dann will ich dich mit allem Glanze dieser Welt umgeben, will dich pflegen und dich nie wieder verlassen, jetzt aber muß ich, oder ich bin ein verlorener Mensch! Ein verlorener Mensch! wiederholte seufzend, die Hände faltend der alte Weber, fast bittend die Augen auf seinen Sohn richtend, dessen Gesicht vor innerer Bewegung stark geröthet war. OGott, gibt es denn Niemand, der im Stande ist, mir zu rathen! Christlieb, Mutter, so sagt ihm doch, daß er ganz sicher ein verlorener Mensch sein muß, wenn er der verführerischen Lockung nicht widersteht. Frau Ammer umarmte Fürchtegott, mit ihrer milden Stimme ein leises: Bleibe bei uns! flüsternd. Christlieb ergriff die Hand des Bruders und sagte: Füge uns nicht so großes Herzeleid zu! In diesem Moment ward die Zimmerthür geöffnet und Flora, blühend wie eine Rose, trat ein. Das fröhliche Lächeln, das ihre Lippen umspielte und der sicherste Herold ihres Glückes war, machte einem ängstlichen Zittern Platz, als sie die Gruppe am Tische erblickte. Was geht hier vor? fragte sie bang, hastig zu ihrem Vater eilend, ihre Arme um seinen Nacken legend und sein weißes Haupthaar küssend. Dann auf Fürchtegott blickend, erhob sie warnend ihre kleine rechte Hand und sagte: Bruder, Bruder, du hast böse Gedanken und willst dem Vater Gutes mit Bösem vergelten. Gott segne dich, Florel! sagte Ammer, die Tochter zu sich niederziehend und sie küssend. Es ist gut, daß du kommst, Florel; sprich mit ihm, rede ihm in's Gewissen. Du hast eine gute Stimme, deine Worte sind immer durchsichtig wie Bergquellwasser. Was er mir verweigert, dir wird er's nicht abschlagen können! Die Augen Flora's und Fürchtegott's begegneten sich jetzt. In den Blicken Beider lag eine Welt von Gedanken, Beide aber erkannten sich auch sogleich als starre Gegner. Thu's nicht, Bruder! sagte Flora fest und ernst. Zwar weiß ich nicht genau, was du vorhast, aber ich lese es in deinen Augen, daß es sich mit der Liebe zu Gott und zu den Eltern nicht verträgt. Er will nach Amerika gehen, um – um reich, übermenschlich reich und hintennach elend zu werden, sagte Ammer. Das wirst du nicht thun, wenn der Vater nicht seine Einwilligung dazu gibt, meinte Flora. Das werde ich thun, versetzte Fürchtegott mit eiserner Entschlossenheit. Herr Wimmer will es, Graf Alban hat mein Wort Beide bitten den Vater, unser Glück, das im ersten Aufkeimen begriffen ist, nicht eigensinnig zu zertreten. Soll ich kleinlicher Rücksichten wegen ein großes, herrliches Ziel aufgeben, oder, nur um recht gehorsam und kleinbürgerlich ehrbar zu erscheinen, der großen Welt mit ihrem Wagen und Ringen feig den Rücken kehren? Nimmermehr! Ich folge dem an mich ergangenen Rufe, und jetzt, noch in dieser Stunde soll es entschieden werden! Fürchtegott machte sich aus der Umarmung der Mutter los und trat hart an den Stuhl des Vaters. Laß mich in Frieden ziehen, Vater! sagte er. Es ist ein Ruf des Schicksals, der an mich ergeht. Ich muß ihm folgen, soll ich nicht feig, nicht undankbar erscheinen! Ammer schüttelte verneinend das Haupt. Du weigerst dich, Vater? Ich befehle dir, bei mir zu bleiben, weil ich ein Recht dazu habe. Du bist nicht mündig, ich bin als Vater dein Vormund. Warte noch ein Jahr, dann magst du thun, was du für Recht hältst. Ich werde dich nicht hindern, wenn ich mich auch nicht deiner Handlungen sollte erfreuen und rühmen können. Graf Alban hat mein Wort, Vater. Sein Brief muß es dir sagen. Das Schiff, das mich nach der neuen Welt hinübertragen soll, hat schon die halbe Ladung eingenommen. Es ist dem, es ist in zehn Tagen mein Eigenthum, das alsdann auf dem Wasser schwimmt. Kannst du mir wehren, dahin zu gehen, wo mein Eigenthum lagert? Es ist vergängliches Gut, Fürchtegott! sprach Ammer. Wer an Vergängliches seine Seele hängt, wird in und mit dem Vergänglichen dereinst sich selbst verlieren. Hier, hier, an des Vaters Brust, hier ist zur Zeit deine Heimath! Auch der Mensch ist vergänglich, sagte Fürchtegott schneidend kalt. Wohl dem, der bei Zeiten sich einen Palast von festem Stoffe baut, er braucht dann im Alter die Stürme nicht zu fürchten. Du frevelst, Bruder! rief Flora. Gedenke des alten, guten Wortes, sagte die Mutter: Bleibe im Lande und nähre dich redlich! Fürchtegott lachte laut auf. Ja, Mutter, versetzte er, das heißt mit andern Worten: Ziehe die Kattunjacke wieder an, setze dich hinter den Webstuhl und handhabe den Schützen nach wie vor. Wer's kann, der mag es thun, ich bin dazu nicht geboren. Also gebt mir Freiheit, volle Freiheit, sonst bin ich genöthigt, sie mir selber zu nehmen. Willst du davonlaufen? fragte Ammer. Ich lasse dich in die Zeitung rücken. Das thust du nicht, weil du damit deinen ehrlichen Namen beflecken würdest. Gib mir lieber deinen Segen. Ich kann nicht segnen, was ich als ein Unglück betrachten muß. Ich bitte dich darum, Vater, flehentlich, auf den Knieen. Und wirklich sank Fürchtegott vor dem Vater nieder und umschlang seine Kniee. Segne mich, Vater, denn so wahr ein Gott im Himmel lebt, ich muß in die weite ferne Welt hinaus! Ammer sah ernst auf den vor ihm knieenden Sohn herab. Wieder schüttelte er sein weißlockiges Haupt, seine Lippen zitterten, die Hände bebten, und indem Thränen des Schmerzes seine Augen verschleierten, sagte er fast tonlos: Ich kann nicht. Mein Segenswort würde mich tödten. Entschlossen stand Fürchtegott auf. Bleibt es bei diesem Bescheid, Vater? sagte er, dessen Hand erfassend und krampfhaft drückend. Ich war nie wankelmüthig, mein Sohn, das weißt du, versetzte Ammer. Bei mir hieß es immer: Ein Wort, ein Mann! Es ist mir lieb, daß du mir damit den Weg zeigst, den ich gehen muß, erwiderte Fürchtegott. Daß mir ein gegebenes Wort höher steht, als dein gut gemeintes väterliches Bedenken, gerade das soll dir beweisen, daß ich dein ächter Sohn bin. Lebt wohl, Alle! Verdammt mich nicht, zürnt mir nicht! Ich verlasse ohne den Segen des Vaters das väterliche Haus, einen Fluch werdet ihr mir hoffentlich nicht als Zehrpfennig nachschleudern. Wenn wir uns dereinst wiedersehen, dann urtheilt ihr hoffentlich anders als heute. Lebt wohl, Gott schütze unser Haus und gebe uns seinen Frieden. Der ungestüme Jüngling verließ das Zimmer, ehe Jemand ihn zu halten vermochte. Als Christlieb ihm nacheilen wollte, hielt der Angstruf Flora's ihn zurück. Der Vater sank, von convulsivischen Krämpfen geschüttelt, vom Stuhle, während die bläulichen Lippen flüsterten: So lieben die Kinder ihre Eltern! Eine wohlthätige Ohnmacht umschattete den Geist des tief gebeugten Mannes. Als er nach einer halben Stunde wieder zu sich kam, erfuhr er, daß Fürchtegott auf seinem Pferde in wilder Hast davon gesprengt sei, und die vereinten Bitten Flora's und Christlieb's, den Vater doch jetzt nicht zu verlassen, nicht im Geringsten beachtet habe.