Walter Seidl Anasthase und das Untier Richard Wagner Roman   Amalthea-Verlag Zürich • Leipzig • Wien 1930 5 1. Irgendwo an den Ufern der Saône ist die Heimat des jungen Anasthase Alfaric: »son vieux pays«, wie er sie mit leichter Wehmut gern bezeichnete, später, als er schon glaubte, das deutsche Musikingenium in sich aufgenommen zu haben. – Auch ohne die Geschichte der Kindheit erzählen zu wollen, die der kleine Anasthase in dem Ländchen verspielte und vergrübelte, triebe es mich, die Melancholie dieser Landschaft zu malen. Die Melancholie einer Landschaft, die zum Träumen stimmt und tröstet. Als wäre zu allen Jahreszeiten Herbst in ihr. Ich möchte all das mitteilen können, was sie verworren sagt – was sie vermutlich auch dem jungen Alfaric zuflüsterte, wenn er sich spät am Abend noch vom Hause fortstahl, um in den Feldern die Nacht zu sehen – und ich rase über meine Unfähigkeit! Still und blau ist dort alles; die Saône, der Himmel, die Hügel – – Und manchmal fällt davon ein blauer Schimmer auch auf ein altes graues Haus fast am Ende der Straße, das von großen Bäumen umgeben ist und bedeckt von Glyzinien. Abends brennt eine Laterne davor, müde, ihr gelbes Licht. Gleichsam als wäre sie Ausdruck einer Einsamkeit, die gar nie über sich hinaus will . . . Dies nur nebenher. Ein Anderes aber ist sicher: 6 Bestimmend dafür, daß Anasthase entstand und als was er entstand, war – Kammermusik. Und das kam so: Sein Erzeuger, ein stiller, feiner Gelehrter, der von einer unüberwindlichen Schüchternheit gehemmt war, verbrachte sein ganzes Leben eigentlich damit, daß er an einem Werke über Chateaubriand schrieb. Einmal nur hatte diese Arbeit Unterbrechung erfahren: als ihn auf einer Studienreise durch Deutschland Mathilde Schünemann alles andere vergessen machte; jung und durchaus militärischer Abstammung, heiratete sie ihn entschlossen und folgte ihm in das Städtchen an der Saöne, wo er am Lycée unterrichtete. Mit der ganzen Nachsichtigkeit einer mütterlich verständigen Freundin liebte sie ihn und diese Liebe verzieh seine Ungewandtheit und all seine sonderbaren Verschämtheiten. Auch über die Enttäuschung, daß ein bergeversetzendes Gefühl ausgeblieben, war sie fraulich milde schon nahezu hinweggekommen. Und einige Jahre war es, daß das Paar in gewolltem Verzicht auf Kinder in dem grauen Häuschen miteinander lebte, als eine Nacht voll von ungekannten Glückschauern Frau Mathilde das unklar vermißte Erlebnis nachbrachte. – Herr Alfaric war am Abend nämlich in dem Konzert eines Streichquartettes aus der Hauptstadt gewesen. Als Letztes hatten die Künstler dann etwas ganz Neues gespielt, etwas Erstaunliches, Verwirrendes und doch wieder Lösendes: ein Streichquartett von Debussy. Diese Musik hat Herrn Alfaric in einen seltsamen, süßbangen sinnlichen Taumel versetzt, in welchem alle Schüchternheit seines Wesens sich in eine glutvolle Schwelgerei wandelte, mit der er, als er heimkam, Frau Mathilde aus dem Schlafe riß. Sie kostete aus dem Strom der auf sie niederbrechenden 7 Zärtlichkeiten den Reiz eines ihr so fremden oder ihr nur aus Ahnungen bekannten Wesens, daß sie auffuhr und ganz in den Armen ihres Mannes vor diesem Bruch all ihrer bisherigen Ehe erschrak . . . Einige Zeit darauf lag dann Anasthase Alfaric – es geht doch kaum an, ihn Anasthase Debussy zu nennen! – in der Welt. Mathildes Familie, welche deren Verbindung mit Monsieur Alfaric seinerzeit scharf mißbilligt und die ganze Zeit über nur zu den Hauptfeiertagen des Jahres Kartengrüße an das junge Paar gesandt hatte, fand sich unter der Nachricht von der Geburt eines Sohnes jetzt gerührt und zu einer Aussöhnung – freilich noch in gewissen Grenzen – gestimmt. Und zwar war es Mathildes Oheim, ein Militär hohen Ranges, das unbestrittene soziale und geistige Haupt der ganzen Verwandtschaft, aber auch Mitarbeiter der »Bayreuther Blätter«, von dem dieser Gesinnungsumschwung ausging. Seit dem Verlust seines eigenen Sohnes, welcher der einzige männliche Sproß der Familie gewesen, pflegte er nämlich spiritistische und theosophische Kreise aufzusuchen und da war ihm denn von dem herbeigerufenen Geiste Scharnhorsts – oder war es der Gneisenaus? – verkündet worden, daß in der Person dieses Söhnleins seiner Nichte die Seele seines eigenen verstorbenen Sohnes wiedererstanden sei. – Die glücklichen Eltern Alfaric waren gerade übereingekommen, dem Kleinen – wahrscheinlich aus Dankbarkeit gegen den großen und fernen Urheber ihrer späten Brautnacht – den Namen Claude zu geben, als ein Expreßbrief des Oheims eintraf. Er bat, man möchte das Knäblein doch nach seinem in Gott ruhenden Sohn 8 Friedrich Wilhelm nennen. Und bei dieser Gelegenheit möchte er ferner gleich an das völkische Mutterbewußtsein seiner Nichte appellieren; sie möge bei der Erziehung immerdar ihrer hehren Aufgabe eingedenk sein, daß der Junge, wiewohl in romanischen Landen erwachsend, deutschen Sprach- und Kulturgutes dennoch nicht verlustig gehe! Der Brief stürzte Herrn und Frau Alfaric in tagelange Ratlosigkeit. Schließlich antwortete Mathilde mit möglichster Schonung der Empfindungen ihres Onkels: Sie werde gewiß immer bestrebt sein, alles, was Gutes am deutschen Wesen ist, in die Seele ihres Kindes zu pflanzen; worin ihr Gatte sie übrigens aus innerster Überzeugtheit unterstützen werde. Doch ginge es – nur im Interesse des Kleinen selbst! – leider nicht an, ihm einen so ausgesprochen deutschen Namen zu geben; denn er würde, in der Schule und auch sonst in vielem, darunter sehr zu leiden haben. – Kurz darauf kam ein neuer, in sehr gekränktem Ton gehaltener Brief des Oheims: So beuge er denn seinen Willen unter die Rücksicht auf gallische Unduldsamkeit. Doch nur deshalb, weil das Wohl des unschuldigen Kindleins sie ihm auferlege! Hingegen müsse er mit allem Nachdruck darauf bestehen, daß das Knäblein dann wenigstens nach seiner verblichenen Lieblingsschwester Anasthasia Freifrau von Marklohe, deren Andenken ihm besonders teuer sei – daß der Knabe nach ihr heiße. – Am Fuße des Briefes hatte die Tante noch einige Zeilen beigefügt: Sie habe sich bei einem Sprachlehrer bereits erkundigt; Anasthase sei ein wohl nicht gebräuchlicher, indes durchaus zu rechtfertigender Name. Ein Name, der überdies den Vorteil habe, daß er nicht unbedingt 9 französisch klingt. Der geheime Wunsch ihres Mannes – den zu verstimmen man sich überlegen müsse, da sein Einfluß ständig wachse – sein Wunsch sei es, Mathilde möge sich energisch dafür verwenden, daß wenigstens im amtlichen Taufschein dieser Name ohne das französische Schluß-E geschrieben werde. Und da dieses E in der französischen Aussprache doch ohnehin stumm bleibt, würde das gewiß auch leicht zu erreichen sein. Im alleräußersten Falle müßte Mathilde halt mit einem kleinen Trinkgeld nachhelfen; diese Auslage wolle der Oheim gerne auf sich nehmen. Es sei bekannt, schrieb sie noch, daß bei französischen Ämtern durch Trinkgelder alles zu erreichen sei. – So unpassend für die Frucht ihrer großen Nacht der vorgeschlagene Name Herrn und Frau Alfaric auch klang, den völligen Bruch mit den Verwandten herbeizuführen, schien ihnen die Wahl des Namens doch nicht bedeutend genug; und so kam es, daß das Kind auf den Namen Anasthase getauft wurde. In seinem Taufschein steht freilich das verpönte Schluß-E, denn der Beamte weigerte sich hart, es zu unterdrücken. 2. Schon in den ersten Jahren äußerte Anasthase große Empfindsamkeit für Musik, später einen ungewöhnlich sachlichen Erkenntnisdrang allem gegenüber, was mit ihr zusammenhing. Frau Mathilde spielte ihm häufig am Klavier vor. Die Couperin und Rameau, die Haydn und Mozart entlockten dem Kleinen ein zufriedenes Lächeki, brachten ihn manchmal auch zum Tanzen. Mit der Zeit 10 wurde sein Geschmack aber ausgesprochener, er zeigte eine erklärte Vorliebe für Beethoven, Franck, Schumann, Tschaikowsky und auch Bach – freilich ohne daß diese Namen ihm bekannt gewesen wären –, ja er lehnte mit sichtlichem Unwillen ab, wenn seine Mutter dann immer noch versuchte, sein Gemüt mit heiter-anmutiger Musik zu erfüllen. Daß sie den Versuch trotzdem beharrlich erneuerte, war nicht Sache ihres eigenen musikalischen Geschmackes – der deckte sich völlig mit dem des Kleinen –, aber Anasthase war noch ein Kind und gerade deshalb erschreckte die Eltern, spielte man Beethoven, der finstere Ernst in dem Kindergesichtchen. – Einmal, zu Weihnachten, kam ein Paket. Vom Oheim. Es enthielt einen Brief, dazu bestimmt, dem Kleinen von Mathilde am Heiligen Abend verlesen zu werden. Er handelte von der Heiligkeit der Muttersprache, von Kulturgütern und dergleichen, und schloß mit dem Gedichte »Muttersprache, Mutterlaut«. (Wäre es Frau Mathilde auch je eingefallen, den Brief vorzulesen, Anasthase hätte davon natürlich nicht das Geringste auffassen können.) Aber daneben barg das Paket allen nötigen Schmuck und die vielen kleinen Wunder eines Weihnachtsbaumes. Die Eltern besorgten eine Tanne, putzten sie auf. Und am Weihnachtsabend stand der Kleine zitternd vor dem strahlenden, glitzernden, klingelnden, Silbersterne sprühenden Märchengebilde. Die Eltern waren selbst so gerührt von seiner Ergriffenheit, daß sie feuchte Augen bekamen, Frau Mathilde den Kleinen in die Arme schloß, auf den Baum wies, und, etwas erzieherisch allerdings, bemerkte: »Siehst du, Liebling, das ist etwas ganz, ganz 11 Deutsches. Nicht wahr, du wirst immer ein Volk lieben, dem so schöne Dinge eigen sind?« Da entdeckten Herr und Frau Alfaric, daß an den Fensterscheiben platt gedrückt viele Nasen klebten und geweitete Kinderaugen ins Zimmer sahen. Sie lachten und holten die Kleinen herein. – Nur mit größter Mühe und unter dem wiederholten Versprechen, daß der Baum am folgenden Tage nochmals angezündet würde und die Kinder dann wiederkommen dürften, gelang es, sie wieder fortzuschaffen. – Für Anasthase umschloß der Abend jedoch noch ein weiteres Wunder: Unter dem Baum fand er das Geschenk seines Vaters, ein Bilderbuch: »La boîte à joujoux«. Es war Debussys Ballettmusik, als Buch für Kinder ausgestattet. Frau Mathilde las dem Kleinen aus dem Text vor, zeigte ihm die Bilder und spielte dazu am Klavier. Anasthase geriet in helles Entzücken. (War es dieser Augenblick, der den Grund für die spätere verhängnisvolle Aufnahme des Wagnerschen Gesamtkunstwerkes in seine Sinne legte?) So beglückt hatten die Eltern ihren Kleinen noch niemals gesehen; sie hatten sich mitunter schon Sorgen über den unkindlichen Ernst seines Wesens gemacht. Er wollte auch nicht schlafen gehen, sondern die »Boîte à joujoux« immer von neuem hören. Als er schließlich doch im Bett lag und Frau Mathilde ihm den Gutenachtkuß gab, schlang er plötzlich seine Arme um ihren Hals, brachte seinen Mund an ihr Ohr und flüsterte leidenschaftlich: »Ist das auch etwas Deutsches, Mama, das Schöne mit den Noten?« – Da wurde Frau Mathilde sich der Bedeutung, die ihre Antwort für das Kind gewinnen mußte, bewußt. »Nein, mein Kleiner,« antwortete sie nach einiger Überlegung, »das ist französisch. Siehst 12 du, und so ist an jedem Volk etwas Schönes. Du sollst an beiden Völkern das Schöne lieben!«   Das Gerücht von dem Wunderbaum hatte sich am nächsten Tage mit größter Schnelligkeit unter den Kindern des Viertels verbreitet. Als nun der Abend kam, standen sie in Scharen und ungeduldig vor dem Hause Alfaric. Es war unmöglich, sie alle zugleich vor den brennenden Baum zu führen. Freilich bedurfte es eines ganzen Elternaufgebotes, um sie in Gruppen zu teilen, die Nachdrängenden zurückzuhalten und da und dort ausbrechende Tätlichkeiten zu verhindern. – Anasthase war mit einem Male das von den Kindern meistbeneidete Geschöpf geworden. Als er einige Tage später mit einem Küchentopf vor der Haustüre spielte, sprachen Kinder um ihn noch immer von dem Lichterbaum. Da überkam es Anasthase wie Stolz. » Mein Lichterbaum!« betonte er. Ein kleines Mädchen begann darüber zu weinen. In den übrigen aber schwoll Haß gegen Anasthase auf. Ein etwas älterer Junge riß ihm den Topf aus der Hand, stülpte ihn Anasthase wie einen Hut über und schlug mit der Faust noch darauf, bis der Topf über den Kopf, den er eng einschloß, bis an die Schultern hinabglitt. Anasthase stieß ein dumpfklingendes Geschrei aus, lief blind umher, verwundete seine Hände an der Mauer. Frau Mathilde stürzte hinzu. Trotz verzweifelter Anstrengungen konnte sie aber den Topf vom Haupt ihres Sohnes nicht entfernen. Zum Glück gab es ganz in der Nähe einen Spengler, dem es endlich gelang, den Halberstickten mittels einer Blechschere zu befreien. Seit diesem Tage aber war dem kleinen Anasthase folgendes klar: Deutsch ist der Weihnachtsbaum. 13 Französisch die »Boîte à joujoux«. Er will immer beides lieben. Dafür muß er leiden. Denn die anderen, die beides nicht besitzen, rächen sich. (Der Topf!) 3. Anasthase war acht Jahre alt geworden. Eines Abends standen Männer und Frauen in Haufen auf der Straße und stritten erregt. Einige Frauen weinten. Die Mutter kam aus dem Hause – sie sah aus, als wäre sie auf dem Gang vor einem Geist erschrocken – und trat zu den Nachbarn. Einige von ihnen kehrten ihr absichtlich den Rücken. Da ging sie zu einer anderen Gruppe. Burschen zogen vorbei. Sie hatten rote Gesichter und schrien immer wieder: »Vive la France! A bas les sales boches!« Anasthase merkte, daß er wieder einmal nachdenklich in der Nase gebohrt hatte, erinnerte sich, daß sich das nicht gehöre, und wischte beschämt den Finger an der Bluse ab. Von allen Seiten hörte er nur: »C'est la guerre!« Und ein Herr, der aussah als könnte man ihn wie eine Kugel rollen, rief noch lauter als die anderen: »C'est la guerre mondiale !!« Anasthase hätte geme gewußt, was das bedeute. Aber die Leute schienen alle so beschäftigt, daß er niemand zu fragen wagte. Zu Hause setzte sich dann die Mutter zu ihm. Sie sah noch immer ganz blaß aus. Er fragte, wo denn heute der Vater bleibe. Da sagte auch sie, daß Krieg sein werde. Und daß der Vater mit vielen anderen vor dem Telegraphenamt auf die Nachricht warte. Dann lehnten sie beide am Fenster, blickten auf die 14 Straße hinaus und warteten. Es wurde dunkel, die Lichter entzündeten sich, die Menschen sprachen durcheinander. Es klang wie Brodeln von siedendem Wasser im Topf. Da kam der Vater über die Straße. Er ging nicht rasch wie sonst und sah auf den Boden nieder. Als er sie endlich am Fenster erblickte, nickte er der Mutter zu – aber mit einem ganz ernsten Gesicht – trat ins Haus. Anasthase sah, daß es die Mutter fröstelte, und brachte ihr das Tuch. Der Vater trat ins Zimmer und sagte: »Ja, es ist Krieg.« Anasthase fühlte, daß jetzt irgendwie außergewöhnliche Zeiten kämen, und freute sich. Aber er sagte es nicht, denn die Mutter sah so krank aus. Sie ging auf den Vater zu und sagte mit einer ganz fremden Stimme: »Da mußt du auch –?!« Doch der Vater antwortete nichts, er machte ihr ein Zeichen, still zu sein, und blickte traurig (oder verlegen) auf Anasthase. Dann wurde Anasthase schlafen geschickt. Diesmal kam auch der Vater, um ihn im Bett noch zu umarmen. Anasthase wollte, daß die Eltern wieder lachten und erzählte ihnen, daß der dicke Marcel vom Bäcker Juret heute vom Fahrrad gefallen sei. Aber sie lachten überhaupt nicht. In den nächsten Tagen wurde es lustig in der Stadt. Nichts als Uniformen! Mehrmals im Tage begleitete Anasthase Züge von Soldaten, die unter Marschklängen zum Bahnhof zogen. Alle Leute waren an den Fenstern, schrien und winkten mit Tüchern. Es gab unendlich viel zu sehen: Blumengeschmückte Kanonen, Fahrküchen, weinende Mädchen, Reiter . . . Und wenn Anasthase am Abend schon längst im Bett lag, klang von der Straße noch immer Gesang zu ihm. Da konnte er es gar nicht erwarten, bis es Morgen wurde und er wieder auf 15 die Straße hinaus durfte. – Daß die Mutter sich für das alles so wenig interessierte, konnte er gar nicht begreifen. Sie sprach auch nicht mehr viel und hatte immerzu verweinte Augen. Auch in der Schule ging es gegen die Deutschen her. Sie hätten den Krieg begonnen, schrie der Lehrer, und sie schießen, sagte er, mit ihren Kanonen in die Kirchen hinein. Und den Kindern hackten sie die Hände ab. Da wurden die Kinder Partei, und begeistert sangen sie nach seiner Rede die Marseillaise, gelobten nicht minder gerne, das Vaterland bis zum letzten Blutstropfen zu verteidigen und gegen den Feind, den Kinderschlächter, zu kämpfen. Nur für Anasthase war der Lehrer ein Lügner. Und oft Gehörtes brach schließlich aus ihm aus: Jedes Volk habe etwas Schönes, die Deutschen zum Beispiel den Weihnachtsbaum! Und genau wie es ihm durch den Kopf ging, sagte er, seine Mutter sei doch auch eine Deutsche und liebe die Franzosen! Der Junge, vor dem er das alles laut dachte, schrie aber nur etwas und alle stürzten auf Anasthase und prügelten ihn. Was er aber noch weniger verstand: Als er zur Mutter flüchtete und alles erzählte, schien es ihm, als ob sie fast dem Tun der anderen recht gäbe. Denn sie gebot ihm nachdrücklich, zu schweigen, in allem so zu tun wie die anderen, und nicht sich, ihr und dem Vater Unannehmlichkeiten zu bereiten. Es sei jetzt eben Krieg! – Bald darauf wurde zum Glück der Unterricht überhaupt eingestellt. Denn das Schulgebäude wurde Lazarett. Anasthase sah mitunter auf dem Bahnhof die Verwundetenzüge ankommen. Das war ihm ein neues 16 Erlebnis der ereignisvollen Zeit. Er sah, aufgeregt wie die anderen Zuschauer, die schmerzverzerrten Gesichter der auf Bahren vorbeigetragenen Verwundeten, er hörte sie wimmern und stöhnen; manche lagen wie Wachspuppen, reglos. Auch bei ihm spielte dann die Phantasie das Gesehene weiter. Er sah sich selbst mit einer großen Wunde einsam auf dem Schlachtfelde liegen; in einer Mondnacht, wie er das auf einem Werbeblatt für die Kriegsanleihe gesehen hatte. Und er sah seine Mutter zur gleichen Zeit daheim beim Tisch sitzen und weinen, daß sie nicht zu ihm könne, um ihn zu pflegen. Und so hatte er von einer allgemeinen Rührung sein Teil; auch er begann zu schluchzen . . . Und in solchen Augenblicken wünschte er das Ende dieses Krieges herbei, so abwechslungsreich er ihm auch immer noch erschien. Überall hieß es, an all dem Leid seien die Deutschen schuld. Anasthase fragte die Mutter, ob das wahr sei, sie wäre doch selbst eine Deutsche! Erst schwieg sie eine Weile, dann antwortete sie, es seien nicht die Deutschen allein, sondern die Völker fügten sich gegenseitig namenloses Leid zu. Trotz dieser Erklärung bemächtigte sich auch Anasthases ein steigender Groll gegen den Feind. Freilich, dachte er, die Mutter ist gewiß keine richtige Deutsche! Denn sie ist gut wie der Vater. Als eines Tages auch der Vater in Uniform das Zimmer betrat, jubelte Anasthase; er war stolz. Daß die Mutter anders zu empfinden schien, störte ihn nicht – offenbar verstehen Frauen nichts vom Vaterland! Aber warum sah sie so krank aus? Merkwürdig kam ihm auch 17 vor, daß der Vater einmal zu ihr sagte: »Verstehst du den Jungen, Mathilde? Er ist seit Kriegsausbruch ganz verändert! So heiter ist er geworden, nicht? Und richtig jungenhaft!« Er merkte doch keine Veränderung an sich und wollte wissen, worin sie bestehe; aber beide Eltern, auch die Mutter, lächelten nur und sagten, es sei gut so. Vieles, das ihm ganz unverständlich war, hätte er so gern gewußt. Aber auf alle Fragen bekam er so unklare Antworten, die ihn nicht befriedigen konnten. Warum? – Die Mutter spielte ihm auch gar nicht mehr am Klavier vor! Dann hörte sie tagelang mit dem Weinen nicht mehr auf. Der Vater kam. Er trug einen Tornister am Rücken und ein Gewehr. Das Gewehr lehnte er in eine Ecke, umarmte Anasthase – so fest, daß es ihm fast wehtat – und sagte mit einer Stimme, als wäre er verkühlt: »Du bist mein lieber, braver Sohn und wirst mir immer nur Freude machen, nicht wahr? Und sollte deine engelsgute Mama einmal vielleicht nur dich haben, dann wirst du ihr eine Stütze sein, ja?« Dann wollte der Vater lächeln, aber er war ganz verlegen und Tränen rannen ihm die Wangen herab. Da fühlte Anasthase, daß er jetzt etwas ebenso Schönes erwidern müßte, aber es fiel ihm gerade nichts ein. Als er die Mutter dann an Vaters Brust so furchtbar schluchzen sah, wurde ihm ganz heiß um die Brust und in den Augen; er mußte selbst weinen. Der Vater wollte schon immer fort, aber dann kam er doch wieder zurück, um die Mutter und ihn noch einmal an sich zu pressen. Schließlich stand er schon in der offenen Türe, blickte noch traurig auf die Mutter und auf ihn – lange starrte er so. Als ob er sie gar nie mehr sehen könnte! – dann lief er plötzlich hinaus. Die Mutter 18 lehnte, ganz weiß im Gesicht, am Schrank und rührte sich nicht. Anasthase wurde es unheimlich. Er wollte, daß sie schon etwas sage, und fragte: »Geht der Vater jetzt auch in den Weltkrieg?« Aber die Mutter antwortete nicht. Sie steckte sich nur ein ganz zusammengedrücktes Taschentuch in den Mund, verdrehte die Augen nach oben, daß er Furcht empfand, und bekam keine Luft – –   Es war wieder Schule. In einem Gebäude, das gar keine Schule war. Der Lehrer sagte, es sei ein heiliger Krieg. Groß und klein müßte alles opfern, damit das Vaterland ihn gewinne und die Barbaren ausrotte. Jeden Morgen, bevor er zur Schule ging, holte Anasthase der Mutter die Zeitung. Fast immer stand darin von einem großen Sieg der Franzosen über die Deutschen. Es erfüllte Anasthase mit Freude, daß das Vaterland gewinne, und mit Stolz, daß der Vater dann einer der Sieger sein werde. Er mochte die Deutschen schon überhaupt nicht mehr leiden! Die Mutter schien sich zwar über die Siege nicht sehr zu freuen, gewiß aber freute sie sich im Stillen doch. Einmal mußte er sich sehr über die Mutter kränken. Sie war gar nicht mehr lieb zu ihm! Wo doch groß und klein gerade jetzt so zusammenhalten sollte! – Es war so: In einem Schrank hielt der Vater, das wußte Anasthase, ganz alte Bücher mit wunderschönen Bildern verschlossen. Aber niemals hatte der Vater ihm erlaubt, sie anzusehen. Erst bis er einmal älter wäre, würde er sie ihm zeigen. Anasthase hätte sie aber zu gerne jetzt schon gesehen. In einer so ernsten Zeit mußte man ihn doch nicht als kleines Kind behandeln! – Er bat also die 19 Mutter, daß sie ihm die Bücher zeige, denn der Vater könnte es jetzt doch nicht sehen. Aber sie nannte es herzlos und schlecht, daß er sich die Abwesenheit des Vaters zunutze machen wollte, des armen Vaters, der so an den Büchern hänge und draußen im Feld Not und Entbehrungen ertrage! Anasthase fand, daß die Mutter ihn hart und ungerecht behandle; er hätte doch gewiß furchtbar gut aufgepaßt, daß er keinen Fleck in die Bücher hineinmache! Vor dem Einschlafen weinte er, denn er kam sich ganz verlassen vor. Am nächsten Morgen hatte er dafür eine große Freude. Der Briefträger, dem er auf der Stiege begegnete, sah ihn durch die Brillengläser prüfend an und fragte, ob er der Herr Anasthase Alfaric sei. Dann gab er ihm eine Feldpostkarte. Vom Vater. »Herrn Anasthase Alfaric, Schüler . . .« stand darauf. In der Schule zeigte er die Karte herum und wurde von allen Kameraden beneidet. Kurz darauf war in der Zeitung auch ein Bild gedruckt, eine Photographie, darunter stand zu lesen: »Die Heldensöhne unserer Stadt im Gebet vor einem Gefallenengrab.« Ganz vorne auf dem Bildchen erkannte man deutlich den Vater. Er stand mit entblößtem Kopf, im Gesicht mager, und schaute sehr ernst auf das Grab nieder. Aber Anasthase war doch sehr stolz, daß der Vater in der Zeitung als »Heldensohn unserer Stadt« abgebildet war, und daß alle Kameraden es auch sehen würden. – Sonst war vom Vater fast täglich eine Feldpostkarte an die Mutter gekommen. Jetzt schon über eine Woche nichts mehr. Die Mutter ängstigte sich furchtbar deswegen. Sie hörte auch gar nicht mehr zu, wenn er ihr 20 etwas erzählte, weinte nur die ganze Zeit und aß nichts. Er sollte ihr doch eine Stütze sein, hatte der Vater gesagt; aber wenn er sie auch zehnmal zum Essen ermahnte, so aß sie ja doch nicht und sah schon ganz schlecht aus! Dabei brauchte sie sich aber gar nicht zu ängstigen! Denn die Frau Tronchon, deren Mann auch im Feld stand, hatte der Mutter gesagt, daß das nichts zu bedeuten hätte. Frau Tronchon selbst hätte wiederholt eine ganze Woche keine Nachricht von ihrem Mann bekommen und dann wieder einen ganzen Stoß Karten auf einmal. Weil auch auf der Post jetzt Verwirrung herrscht. – Und wirklich brachte am nächsten Morgen – Anasthase schlief jetzt im Zimmer der Mutter und sie lagen noch beide in den Betten – die Léontine die Post herein. Die Mutter riß sie ihr gleich aus der Hand, lief damit ans Fenster und rief freudig aus, daß es Karten vom Vater seien – eine, zwei, drei Karten vom Vater! Die Léontine stand noch im Zimmer und freute sich auch. Auf einmal ließ die Mutter alles fallen. Nur einen gedruckten Brief hielt sie in der Hand. »Um Gottes willen, Léontine, vom Regiment!!« schrie sie auf. Die Léontine stürzte hinzu, öffnete den Brief und begann laut zu lesen: »In Ausübung einer traurigen Pflicht . . .« Weiter nichts, denn dann fing auch sie zu schreien an. Die Mutter hielt sich mit der Hand an dem Fensterhaken an, bekam ganz große Augen und stieß immer wieder einen Ton aus, wie der arme kleine Hund, dem unlängst ein Auto vor dem Hause die Pfote überfahren hatte. Anasthase fürchtete sich. Er schlüpfte aus dem Bett und lief zur Mutter hin. »Mein Kleiner –!« stöhnte sie, starrte dabei aber zur Decke hinauf und rührte sich nicht. Die 21 Léontine lief hinaus und kam dann mit der Frau aus dem zweiten Stock zurück. Die beiden trugen die Mutter ins Bett. Sie sah jetzt wie eine ganz fremde Frau aus. »Tot –?« jammerte sie plötzlich und steckte sich die Hand in den Mund, »ganz tot?!« Und fing wieder wie der kleine Hund zu winseln an. »Aber, liebe gute Frau Alfaric, das ist vielleicht bloß eine Verwechslung beim Kommando. Solche Fälle waren schon häufig da!« sagte die Frau aus dem zweiten Stock, die auch weinte. Endlich konnte Anasthase die Léontine, die fortwährend im Zimmer herumrannte, bei der Hand festhalten: »Mein Vater – ist tot, Léontine?« – »Mein armer Junge!« schluchzte sie und wollte ihn abküssen. Aber Anasthase ekelte sich vor den dicken Tränen, die in ihrem Gesicht klebten, und schlug um sich. Dann hielten die beiden Frauen die Mutter bei den Armen fest. Er stand in der Mitte des Zimmers ganz allein – er hatte nur das Hemd an, ihn fror – und dachte nach. Es kam ihm vor, als wenn viele Gedanken zugleich durch seinen Kopf liefen. Aber keiner blieb lange genug, daß er hätte etwas Richtiges wissen können. Plötzlich verstand er aber doch, daß der Vater nun in einem Grab liegen werde und daß er ihn nie mehr wird sehen können. Da hörte er, wie er laut schluchzte. Ganz zugleich fiel ihm ein, daß er nun ungehindert die Bücher des Vaters werde lesen können, weil die Mutter doch jetzt auf nichts Obacht geben wird! Über diesen Gedanken erschrak er furchtbar, denn er fühlte gleich danach, daß das sehr schlecht von ihm war. Er suchte sich das Gesicht des armen lieben Vaters tot vorzustellen. Und es tat ihm furchtbar leid, daß er statt dessen nur an die Bücher gedacht hatte. Und dann merkte er, daß er sich mit beiden Fäusten ins Gesicht 22 schlug. Er hielt inne, weil die Mutter aufschrie: »Das Kind!!« und die Léontine wieder auf ihn zugestürzt kam. Da war ihm aber auf einmal wieder ganz leicht und frei ums Herz, so, als wäre gar nichts Böses geschehen, als könnte er jetzt einfach zur Artilleriekaserne schauen gehen – – Schließlich begann er herzhaft zu weinen und hatte dabei ein Gefühl von Glück, daß er weinte . . . 4. Der Tod des Vaters brachte manche Veränderung. Mutter und Sohn behielten von der Wohnung nur zwei Zimmer und die Küche. Die übrigen Räume bewohnten jetzt Fremde. Frau Mathilde erteilte Unterricht im Klavierspielen; sehr viel später kam auch die deutsche Sprache hinzu. Denn die kleine Pension, die sie bezog, reichte nicht aus. Nach dem Tod ihres Mannes fühlte sie zunächst keine Kraft in sich, die in grauer Hoffnungslosigkeit drohende Zukunft an sich herankommen zu lassen. Etwas, das wie dicker Nebel um ihren Geist lagerte, ließ sie wohl keine Möglichkeit deutlich ins Auge fassen, auf welche Weise sie sich dieser Zukunft entziehen könnte. Dumpf und schmerzvoll fühlte sie aber in jeder Minute dieser unerhört langsamen Tage, wie unmöglich es ihr war, an ein Weiterleben auch nur zu denken. Fiel einer ihrer glanzlos erstorbenen Blicke auf Anasthase und stand die unausweichliche Verpflichtung, des Kindes wegen sich weiter hinzuziehen, als Mauer vor dem ersehnten Nichts, dann konnte sie das Kind auch grell als eine Last empfinden. Fast im Augenblick dieser 23 Empfindung erschrak sie freilich vor ihrer Unmütterlichkeit. Einige Frömmigkeit mußte sich doch noch in ihr behauptet haben, denn etwas von Sichversündigen ging ihr durch den Kopf. Mit abbittender Scheu, doch mit der Aufmerksamkeit einer Fremden, blickte sie von der Seite auf den Jungen. Dabei fiel ihr, eigentlich zum ersten Male, der ungemein kluge Kopf des Knaben auf: Durchsichtig zart die Haut; ohne gerade kränklich zu wirken, doch als schimmerte durch sie hindurch ein Netz von feinen Äderchen. Leichte Schatten auch unter den Augen, die unter tief dunklen, schmalgezeichneten Brauen eher licht schienen. Eine hohe, blasse Stirn. Feine, gerade Nase. Und dichtes, leicht welliges Haar, ein Ton von Braun darin; am übermäßig gewölbten Hinterhaupt lag es künstlerisch üppig. Etwas fremdartig hob sich vom Ganzen die untere Gesichtshälfte ab: Ein sinnlicher Mund mit vollen, auffallend roten Lippen, ein frauenhaft weiches Kinn. Was Frau Mathilde zwar längst bemerkt hatte – diesmal vertiefte es aber ihr Schuldgefühl –, im Ausdruck dieses zarten Gesichtchens herrschte ein ernster, grüblerischer Geist, Unkindlichkeit und Unruhe. Da begann Frau Mathilde, wie noch nie von einer traurigen Zärtlichkeit für den sonderbaren Jungen erfüllt, mit ihm zu sprechen. Über den Vater, über den Krieg, über Volk und Familie, Deutschland – allmählich über alles, das sie beide zutiefst betraf. Was Anasthase damals sagte, war so reif und verständig, daß Frau Mathilde von da an das Gefühl der Einsamkeit und ihr Gedanke an die Zukunft langsam das Schreckhafte verlor. Sie fand zuerst Trost, später beinahe Lebensfreude im Beobachten der erstaunlich raschen Entwicklung dieser jungen Intelligenz. Vertraut auch mit den 24 unbedeutendsten Regungen dieses Geistes und Herzens, erkannte sie dabei für sich selbst, von einer wie stumpf-praktischen Seite sie die Dinge des Lebens vorher betrachtet hatte. Und in der Wandlung, die sich infolge der innigen Teilnahme an der so andersartigen Gedankenwelt ihres Sohnes in ihrer eigenen Welt vollzog, durchlebte sie eine späte geistige Jugend. Jetzt, da Anasthase in ganz unbändigem Wissensdrang sie mit tausend Fragen bestürmte und sie durch die Mitteilung seiner eigenen selbständigen Wahrnehmungen und Vorstellungen in immer neues Erstaunen setzte, sah sie erst, wie wenig ihr vom eigentlichen Wesen der Dinge, selbst solcher Dinge, mit denen sie doch seit jeher und täglich in Berührung gekommen, bekannt war. Ehe sie die Überraschung darüber aber noch recht überwunden hatte, war es bereits Anasthase, der die Rolle des Führenden, eines mit Nachsicht Erklärenden, übernommen hatte. Und bald waren es nur noch rührend unbeholfene Versuche, die Frau Mathilde unternahm, um mit den schwachen Mitteln ihres Geistes und Wissens den Sohn im Fluge seiner Gedanken doch nicht ganz zu verlieren. Sie klammerte sich um so fester an dieses Leben in ihrem Kinde, als schon seit Kriegsbeginn natürlich jeder Verkehr mit ihren deutschen Verwandten abgeschnitten war. Waren auch sie durch den Krieg irgendwie schmerzlich betroffen? Obzwar: interessierte sie das wirklich noch sonderlich? Fast war sie selbst von der im dunkelsten Empfinden wurzelnden Abneigung ergriffen, die Anasthase seit dem Tode des Vaters gegen alles Deutsche zeigte. Wirklich, nämlich innerlich verwandt fühlte sie sich allein dem Toten und Anasthase. Und je näher sie diesen persönlich rückte – dem einen durch seine 25 Gegenwart, dem anderen gerade dadurch, daß er nicht mehr war –, um so unpersönlicher wurden ihr jene Verwandten; sie verschmolzen in ihrem Empfinden allmählich mit jener unpersönlichen Masse, von der die feindliche Kugel ausgesandt worden war, die dem Leben dieses stillen und pflanzenhaft zarten Menschen roh ein Ende gemacht hatte. Dem Leben dieses eigentlich unergründlichen Menschen, dem allein sie noch heute alles verdankte, was sie besaß: den Jungen. Sie verteidigte die Deutschen noch immer; doch nur mit halbem Glauben und mehr aus Verpflichtung. So vermochte sie auch nichts über die nicht leidenschaftslose Abneigung Anasthases – das einzige, das noch knabenhaft an ihm war. Anasthase haßte die Deutschen. Und es war ihm Bedürfnis, dies seiner Mutter, der Deutschen, nicht zu verschweigen. Daß ihm jedoch die Franzosen, daß ihm alle Menschen ebenso widerlich waren, verschwieg ihr der Franzose in ihm. Menschlich verbunden fühlte er sich nur den Tieren – seit er einmal das verpickte Auge, die tragischen Bewegungen eines Tanzbären und eines Hasen verzweifelte Anstrengungen, den bannenden Lichtkegeln der Autoscheinwerfer zu entkommen, beobachtet hatte. Doch mit den Tieren seiner Umgebung wußte er auch nicht viel anzufangen. So war er ohne Freunde. Seine Mutter? – gewiß, er liebte sie; konnte sie ihm aber anderes sein als Zuhörerin oder Pflegerin? – Sein Umgang, die Schule, seine ganze kleine Welt von früher wurde tot für ihn und reizlos; nicht belebend, fördernd, sondern wie ein Mantel aus schlechtem Gips, der nur ein Erklingen erstickt. Das Erklingen von etwas 26 Wunderbarem in seinem Innersten, dem mit steigendem Entzücken zu lauschen er längst begonnen hatte . . . Er zerbrach diesen Mantel und fand etwas, das ihn mit einem Schlage aus der Einsamkeit erlöste. Kein Wirklichkeitsleben war es, das ihn umfing; aber er fühlte kaum Traurigkeit über ungelebtes Jungentum. Es war ein Leben im Geiste der Musik, eigentlich ein viel unbegrenzteres Wolkenreich, in welchem Worte, Töne, Farben endlich einen Sinn gewannen . . . Und dieses Wolkenreich begann er sich nun, zäh wie ein Verzauberter, Schritt für Schritt zu erobern.   Zunächst hatte er sich in den wenigen Jahren zu einem erstaunlichen Beherrscher des Klaviers ausgebildet; ein Instrument, das ihm als solches völlig gleichgiltig war, ihn klanglich sogar höchst unbefriedigt ließ, das ihm jedoch unentbehrlich war. Denn nur auf ihm waren seine immer neuen Entdeckerfahrten ins Gebiet des musikgewordenen Geistes möglich. Anasthase war vielleicht nicht Musiker im eigentlichsten Sinne. War ihm doch, wie gesagt, die Musik nicht so sehr um ihrer selbst willen, also der Töne wegen, so unentbehrlich geworden, sondern vielmehr als jenes Reich eines dichterischen Weltgeistes, für dessen Sprache er zufällig am empfänglichsten war. Einer von den wenigen Freunden seines Vaters, der auch dessen Familie gutgesinnt geblieben, der Musikalienhändler des Städtchens, gestattete Anasthase, alle Noten seines Vorrates, die für ihn Interesse haben konnten, zum Durchspielen nach Hause zu nehmen. Von diesem Entgegenkommen hatte Anasthase die ganzen Jahre auch überreichlich Gebrauch gemacht. Seine unerhörte 27 Sicherheit im Blattspielen und die Gabe, sich fast auf den ersten Blick über das Wesentliche jedes Werkes zu unterrichten, ermöglichten ihm, in kurzer Zeit ungeheuer viel kennenzulernen. Dazu las er alle kritische Fachliteratur, die er irgendwie auftreiben konnte. Und immer von neuem war er verblüfft, wieviel lauterster Unsinn gerade über Musik zusammengeschrieben wurde, wie wenig schöpferische Kritik es überhaupt zu geben schien. Ist es da verwunderlich, daß er bald ein vages Lebensziel darin erblickte, sich zu einem Musikkritiker auszubilden, wie er einen solchen im Augenblick peinlich vermißte? Es kam ihm einzig darauf an, der sachlichen Wahrheit nahezukommen. Dieses Streben auch nur einen Augenblick lang zu vergessen, um Witz zu beweisen, eine Pointe anzubringen, glaubte er verächtlich. Seinem Geiste nach skeptisch, war er im Verwerfen wie im Anerkennen doch gleich temperamentvoll. Bescheidenheit und das Gefühl für Autoritäten ging ihm völlig ab. Mit einem nervös vorahnenden Instinkt spürte (oder vermißte) er in jeder Musik das natürliche, gleichsam transzendentale Maß an Bewegung heraus; Vortragsbezeichnungen würdigte er keines Blickes. Was aber mehr als all das, mehr als sein bereits nicht unbeträchtliches Fachwissen ihn zum Festlegen musikalischer Werte vorherbestimmte: er spürte keinerlei Drang nach eigener schöpferischer Betätigung. (Denn eigenes Schöpfertum, dem Grenzen gesetzt sind, macht den Kritiker wohl auch bei der Beurteilung von Werken anderer duldsam.) Vor allem aber fühlte Anasthase – und das ist das Wesentliche – eine ernste, doch von Enthusiasmus freie, fast bekenntnishafte Verbundenheit mit dem Geiste der Töne 28 ständig in sich wachsen; eine Verbundenheit, die um so innerlicher wurde, je mehr sein äußeres Leben an Reizen, seine Zukunft an Hoffnung auf solche verarmte. Zum Glück blieben, denn Anasthase war von ausgeprägter Gewissenhaftigkeit, auch die Zweifel an dieser seiner Bestimmung nicht aus. So entdeckte er zunächst, daß es ihn unbewußt nach Romantik hungerte. Anderseits war die Entwicklung seines musikalischen Geschmackes schon genügend weit gediehen, daß er sich sagen mußte, es könne nur irgendeinem geistigen Defekt entspringen, wenn man einem Zeitalter, das mit seinen Maschinenrhythmen siegreich alle Musik zu durchdringen begann, mit romantischem Empfinden begegnen will. Ja, dieser »Defekt« wirkte sich sogar noch weit allgemeiner aus: Musik, die im innersten Sinne nur Musik war, gefiel Anasthase bestenfalls. Heiß aber machte sie ihn erst dort, wo sie ihm irgendeine dichterische Vision vorstellte. (Aber war es dann noch Musik?) Vielleicht fand er gerade das bei den Modernen. Jedenfalls drängte ein Herz, das in seinen Ohren schlug, ihn zum Neuen; bereits etwas klassikmüde, bestrickten ihn kühne Harmonik, ungebändigte Formen. Durfte ein Kritiker aber Herz haben? Und Vorlieben? Mußte das Gute und Bedeutende an der Kunst jedes Jahrhunderts ihm nicht gleich nahe sein?! So wies seine still verfließende Jugend Erlebnisse nur im Geistigen auf. Dort allerdings mitunter recht stürmische Höhen und Tiefen. Schroff wechselten Glaube und Zweifel an Kunstwerken, an Kunst überhaupt, an die eigene Bestimmung zum Richter. Der Ozean von Musik, der allmählich in seinem Gehirn brandete – bald glaubte Anasthase ihn sich bändigen zu können zu 29 klarer Ruhe und Beschiffbarkeit, bald glaubte er, von seinen Wassern blind, in ihm zu versinken. In welcher Form der Alltag sich auch immer an Anasthase herandrängte, nichts vermochte ihn länger als für Augenblicke dieser Gedankenwelt zu entfremden. Selbst seine Pubertät ging fast sturmlos darin unter. Im Anblick eines prallen weiblichen Hinterteils kam es wohl vor, daß er aufschrak und sein Geschlecht spürte; doch es drang kaum in sein Bewußtsein. Gleich dachte und fühlte er den Reiz in Klängen zu Ende. Auch daß darüber der Krieg zu Ende gegangen, Frankreich ein trauriger Sieger war und bereits einige Jahre wieder bewaffneter Friede herrschte, war ihm kaum aufgefallen. Beraubte ihn höchstens eines Gefühls: er haßte die Deutschen nicht mehr. Sie waren ihm ebenso langweilig geworden wie seine Landsleute. 5. Bis eines Tages ein Brief vom Oheim kam. – Gleich nach Kriegsschluß hatte Frau Mathilde ihre Verwandten vom Tode ihres Gatten benachrichtigt. Damals hatte sie nur einige kühle Zeilen des Beileids mit einer tönenden, doch unverbindlichen Schlußfloskel erhalten. In diesem Brief aber hieß es jetzt ungefähr: Deutschland liege, in seinem Lebensmarke getroffen und aus den Wunden von Hekatomben blutend, für einige Zeit schwer darnieder. Auch er, der Oheim, im Kriege kommandierender General geworden, sei jetzt pensioniert. Dies alles wäre der Meute gelungen! Eines indes könnten die Feinde dem wunden Gegner selbst 30 heute nicht und nimmermehr rauben: den Glauben an deutsche Art und Kunst. Schon entstehe auf den Inflationstrümmern seines politischen Leibes ein neues Deutsches Reich. Ein deutsches Reich der kulturellen Werte, das auf Granit aufbaue – und dieser Granit sei – Richard Wagner. Er selbst – (der Oheim, nicht der Granit!) –, losgelöst nunmehr von aller – legitimen – militärischen Tätigkeit, werde ebensowenig wie das Reich nie und nimmer rasten noch rosten, in stillem, ernstem Mannesdienste an der Errichtung dieses neuen – zunächst nur kulturellen – Weltreiches sein Scherflein beizutragen. Immerdar! Und wie er in langen Friedensjahren ehedem seine Truppen in eiserner Manneszucht auf den Exerzierplatz, später in den glorreichen Kampf geführt hatte, so führe er jetzt die Feder zum Ruhme des deutschen Geistes. Eine in ihrer Art nicht minder erhabene Aufgabe! Das heißt, er widme sich jetzt vor allem der Mitarbeit an den »Bayreuther Blättern« – er, ein alter Mann! Doch volksbewußt! Immerdar! – In diesem seinem vergeistigten Lebensabend stehe nun aber ein Wunsch des Gefühls. Ein Wunsch, der allerdings einer Forderung gleichkommen müsse an seine Nichte Mathilde. Der Forderung nämlich, seinen lieben, ihm bis heute unbekannten und ihm auf der Astralebene doch so nahen Enkel Anasthase – (der Name konsequent ohne das Schluß-E geschrieben) – an sich zu ziehen. Zumal es fürwahr auch höchste Zeit geworden sei, den Burschen nun nicht mehr länger in den Banden eines eitlen und seichten Romanismus schmachten zu lassen, sondern seiner gewiß sehr tüchtigen Seele durch die Zufuhr deutscher Tiefe und deutschen Gemütes neue – und wahrlich nicht 31 schwächliche – Nahrung einzuverleiben. Anasthase sei heute bereits im Alter, um an deutschen Hohen Schulen jene Kultur zu studieren, an deren Brüsten er bald – daran zweifle er, der Oheim, nicht einen Moment – jene Heimstatt finden werde, die ihm das Mißgeschick, in welschen Gauen gebürtig zu sein, bisher versagt haben mußte. Sollte Mathilde aber der Meinung sein, daß sie sich von dem Burschen auf keinen Fall trennen kann, so möge sie denn in Gottes Namen ein Gesuch an die französische Regierung richten, ihre Pension im Auslande verzehren zu dürfen und möge allemal auch in seinem Hause weilen. Es sei ihr alles verziehen, sintemalen das Geschick ja leider selbst dafür gesorgt hätte, daß sie schwer sühnen mußte. Dank begehre er keinen. Anasthase möge lediglich nicht länger säumen, seiner kulturellen Verpflichtung eingedenk, nach München an die Hohe Schule und an die Brust zu eilen seines ihn liebenden Oheims Schünemann. – Beigeschlossen ein Inskriptionsformular für Ausländer, das Anasthase umgehend ausfüllen und zurückschicken möge, damit er der dreißigprozentigen Fahrpreisermäßigung nicht verlustig gehe. – Der Brief, den Frau Mathilde und Anasthase beim erstenmal nicht ohne einige Empörung, später jedoch unter großer Heiterkeit wiederlasen – (Anasthase bemerkte: »Der Onkel ist wohl ganz blöd geworden!«, wobei er seit langer Zeit wieder einmal richtig jungenhaft froh lachte) – dieser Brief machte ihnen nichts anderes klar, als daß es für Anasthases weitere Entwicklung tatsächlich und unumgänglich nötig geworden, den kleinen Ort, der ihm keinerlei Bildungsmöglichkeit mehr bot, mit der Hauptstadt zu vertauschen. So entschloß sich Frau Mathilde – recht schweren 32 Herzens – zu dem Opfer, das alte graue Häuschen am Rande der Landstraße zu verkaufen, um mit ihrem Jungen nach Paris gehen zu können. 6. Anasthase stand am offenen Fenster und sah in den Herbst hinaus. Morgen sollte er also dieses Haus, die alte Straße davor, für immer verlassen! Das Zimmer, dessen Luft er jetzt noch atmete, das Zimmer mit seinen trauten Winkeln für immer verlassen – – ! Jetzt fühlte er, daß alles hier ihm doch sehr ans Herz gewachsen war. Obwohl er so lange schon auf nichts mehr geachtet hatte. Jeder Gegenstand hier verband ihn irgendwie mit seiner Kindheit . . . Und jetzt sah er auch, daß er recht arm geworden war, seither. Obgleich ja schon als Kind nie so voll Bewegungslust froh wie die anderen . . . Es fröstelte ihn, als er jetzt an die Zukunft dachte, an Paris, diese große, graue Unbekannte. Seltsam, daß er Paris auf einmal so grau vor sich sah! Sonst hatte er doch gerade immer an ein Lichtermeer gedacht, wenn er sich Paris vorzustellen suchte . . . Er stand und sah draußen den Herbst. Und zum erstenmal ergriff ihn etwas am Wesen dieser Jahreszeit, daß es ihn lähmte: Die Bäume am Straßenrand! – Wie lichtlos der Himmel zwischen den Blättern durchschien! – – Noch niemals hatte Anasthase eine so innige Verbundenheit mit dem Vater gespürt. Waren es die Bäume da draußen, die ihn heute so stark an den Toten denken ließen? 33 Im Sommer war es neun Jahre gewesen, daß sein Vater fiel. Neun Jahre! . . . Was mochte da heute von ihm noch bestehen!? Und welcher Ausdruck läge wohl auf seinem Gesicht, wenn er in ähnlichen Gedanken jetzt an diesem Fenster stünde und es wüßte, daß er in Flandern irgendwo tot liegt? – – Es quälte Anasthase, daß er sich die Gesichtszüge des Vaters nicht in jeder eingebildeten Situation vorzustellen vermochte. Wie oft hatte die Mutter ihm seither vom Vater erzählt! Alles, was sie selbst von ihm wußte. Und doch war er ihm nie so bekannt, so vertraut gewesen wie heute, wo ihn keine Erzählung, sondern nur ein paar farbig verlöschende Bäume mit dem Toten verbanden. »Vater« – was für einen feierlich-eisigen Klang das Wort für ihn gewonnen hatte! Das Wort. Denn seinen Sinn suchte er noch. »Vater« – das ist etwas ganz anderes als alles übrige. Vieles ist in seinem Wesen wohl grundverschieden voneinander. Die Straßenlaterne dort drüben und das Mädchen zum Beispiel – was ist Gemeinsames an ihnen? Und doch scheint es, als glichen sie einander immer noch mehr, als der Sinn von »Vater« allem übrigen Wesen ähnelt. Nur eines hebt sich ebenso grundverschieden von allem restlichen Sein ab: Gott. Was alles ist aber nötig, um Gott mit leisem Schauer bloß zu ahnen! Und nennen die Menschen nicht auch ihn »Vater«? – – Die Mutter dagegen! Wenn in ihren letzten Gründen auch sie noch manches Dunkle, Verschleierte für den Sohn barg, von ihr hatte er doch Begriff, der festumrissen vor ihm stand, sobald er »Mutter« dachte. Wie sie jetzt in seinem Rücken beim Tisch saß und nähte, konnte er sie im Geiste Zug für Zug malen. Ja er wußte sogar, wie sie aussähe, wenn er sich 34 plötzlich umwenden und ihr zuschreien würde, er sei blind geworden, oder wenn sie allmählich Sicherheit gewänne, daß der Vater lebe und alles nur ein böser Traum gewesen. – – Sie kannte er also. So etwa, wie er Ravels »Petit Poucet« kannte, in jedem Ton. Den Ungeheuren aber, der bewirkte, daß die Mutter und daß die Klänge in der Welt waren, den kannte er noch um vieles weniger als den Vater in Flandern . . . Ja, was wußte er schließlich um sich selbst? Um nur zu wissen, daß er hochaufgeschossen, schmalschultrig, bleich und dunkel war, hatte er einen Spiegel nötig. Und was ihm sonst über sich bekannt war, wie wenig bedeutete das der Welt an Unbewußtem gegenüber, die in ihm war, deren blinde Macht über sein Fühlen und seine Handlungen ihm nicht verborgen geblieben, aber die zu bezeichnen er nicht einmal Namen hatte! Freilich, einiges Tatsächliche war ihm ja klar: Daß er zum Beispiel die Menschen, wo er es kann, meidet. Daß er also nicht jung wie seine Altersgenossen ist, daß vielmehr die »Erwachsenen« ihm kindisch, ja unfaßbar in ihrer Gedankenlosigkeit vorkommen. Daß diese ihn frühreif nennen, weil er, der sich Gedanken macht, ihnen nicht heimlich ist. Daß keiner ihn liebt, daß er aber auch von keinem geliebt werden will. Daß er heute, besessen von der Idee des Todes, alles grau und frierend vor sich sieht – aber sich doch nicht einsam fühlt. Solange nur seine Mutter auf der Erde ist. Denken, daß auch sie sterben könnte! – – Daß endlich ein Glücksgefühl ihm allein noch die Musik vermitteln kann . . . Von solchen Gedanken gebannt, schrak Anasthase plötzlich auf: Ein Windstoß hatte ihm rote Blätter ins Gesicht, ins Haar geworfen. 35 Eines von ihnen hielt er in der Hand, betrachtete es. Dann blickte er zu dem Baum hinüber, der es verloren, und dachte daran, wie er vor Monaten auch einmal in trüben Gedanken an diesem Fenster gestanden . . . Damals hatte er auf demselben Banm die ersten schüchternen Knospen entdeckt – – Und was hatte die Zwischenzeit zum Schlag der alten Wanduhr hinter ihm reifen lassen? – – Ein Blätterleben . . . 7. Ein Abend, der im Ausschnitt des Waggonfensters über rußigen Feldern dunkelt – Fabriken – entgegendonnernde Züge – Lichter: rot, grün . . . Schall, dumpf in der Bahnhofshalle gefangen – Bremsen kreischen – Dampf zischt – ein Ruck: Rufe – Gedränge – Schieben, Stoßen, Fragen, Erregung . . . Endlich sind Anasthase und seine Mutter im Taxi, zwischen Gepäckstücken mühsam verstaut. Und schon geht es weiter. Am halbblinden Wagenfenster ziehen Vorstadtstraßen vorbei, wimmelnd von Menschen und Fahrzeugen . . . Doch immer noch dichter wird der Verkehr. Häufig steht der Wagen und wartet, eingekeilt in einer endlosen Kette von Fahrzeugen. Straßen sind es jetzt, so breit wie zu Hause der Hauptplatz – hell durchdringen Fluten weißen Lichts den milchigen Nebel – zucken farbige Lichtströme quer über die Boulevards und hoch auf den Dächern von Palästen – fein stäubender Regen spiegelt auf dem Asphalt . . . Ungeheuer weite Plätze, grandiose Gebäude – die Monumente jahrhundertelanger 36 Königtumsherrlichkeit – und maßlose Größe voll Eleganz überall –: Paris! – Allmählich wieder spärlichere Beleuchtung – frech vernachlässigte Straßen dann – Gassen endlich nur noch, über denen Gefangensein lastet . . . Der Wagen steht. Vor einem schmutzigen vielstöckigen Zinshause. – Anasthase ist an der Schwelle seiner Zukunft.   Nach einigen Tagen dumpfer Verwunderung sah Anasthase von der Großstadt aber nichts anderes mehr als Konzert- und Theaterprogramme, in Auslagen zur Schau gestellte Musikalien, Bücher. Und in seinem Empfinden unterschieden sich die Dinge hier von denen im Städtchen an der Saône bald nur noch darin, daß die Menschen mehr störendes Gedränge verursachten, die Straßen und Plätze von Tosen, die Nächte von grellem Licht erfüllt waren, und daß die Tage, zerrissen von den Riesenentfernungen, die Anasthase zurücklegen mußte, jämmerlich kurz waren . . . Einmal freilich – es war ganz in den ersten Wochen – hätte er aufschreien mögen, als er, plötzlich wie aus einer Narkose erwachend, erkannte, wie kalt, ärmlich und unfreundlich die enge Vorstadtwohnung war, die er jetzt mit der Mutter bewohnte. Und da fühlte er auch wieder, wie sehr er im Innersten mit den lieben, vertrauten Räumen seiner Kindheit, mit dem geringsten ihrer alten Einrichtungsstücke verbunden gewesen . . . Voll schmerzlicher Sehnsucht mußte er da auch an den trostlos gelblichen, doch so ruhigen allabendlichen Schein der Gaslaterne zurückdenken vor seinem Fenster in der kleinen Stadt. – Er schrie aber nicht auf. Sondern er suchte dieses Gefühl, vor sich selbst sogar, zu unterdrücken, zu 37 verbergen. Und sehr bald hatte er auch wieder daran vergessen. Er merkte nicht einmal mehr, wie niedergedrückt Frau Mathilde war, wie unzureichend die Kost, die sie ihm bereiten konnte. Er schien vollends gegen die äußere Welt hin erblindet zu sein. Aber gierig stürzte er sich in den Rummel des künstlerischen Lebens der Hauptstadt. Symphonien, die er nur aus Klavierauszügen gekannt hatte, jetzt von Riesenorchestern gespielt; Bühnenwerke, die nun festumrissene Gestalt gewannen; Kammermusik, die ihm nie geahnte Klangschönheiten vorschwelgte – ein Strudel faszinierender Eindrücke! Manches wieder, das in seiner Phantasie noch großartiger geklungen, enttäuschte ihn freilich in der Verwirklichung. Doch positive wie negative Eindrücke waren ihm gleich willkommen. Denn alles war Nahrung, auf die er sich heißhungrig stürzte. Und einmal wieder hatte er im Wuste dieses Gedanklichen auch eine menschliche Regung: Als er, lange vor Beginn, auf einem Wandelgang hoch oben der Großen Oper stand und den Prunk der Wände und Decken betrachtete, die glitzernden Farbflecke Menschen, die zwischen goldtressenglänzenden Dienern die Marmortreppen hinanstiegen. – Da hatte er mit einem Male, deutlich und ein wenig schmerzlich, den Eindruck, wie wenig er selbst darin mit all seinem Erkenntnisdrang bedeute. Daß es doch schön sein müßte – dachte er – so sicher und beachtet im Leben zu stehen, wie zweifellos dieser oder jener da unten! Aber gleich mit den ersten Tönen der Oper schwand all seine Bedrücktheit, und gefesselt gab er sich dem Eindruck hin. Wie immanenter Moder stieg etwas aus dem Orchester, aus den trottelhaft 38 stereotypen Gesten der Solisten und des Chores, aus dem Papiermaché-Prunk der Dekorationen, aus diesem ganzen gigantischen Kunstmausoleum Meyerbeers zu ihm empor . . . Immerhin legte er fortan, ganz unwillkürlich, etwas Sorgfalt an seine Kleidung. – Er jagte in Konzerte. Plünderte die Musikalien-Leihanstalten und Bibliotheken. Und jetzt waren es nicht mehr allein musikalische Fachwerke, die er las: Alles Geschriebene, was aus dem weiten Gebiete des Allgemein-Künstlerischen ihm irgendwie erreichbar war, verschlang er gierig. Ungeordnet, halbverdaut, planlos. Aber ganz von selbst ordnete dieser Wust des Gelesenen und Gehörten, den Anasthase seit langem in die Speicher seines unerhörten Gedächtnisses verstaute, sich allmählich zu einer Kunstanschauung, deren Kampfbereitschaft besonders im Musikalischen sich auf eine schwer zu besiegende Armee von zweifelerprobten und darum feststehenden Kenntnissen stützte. Dort, wo persönlicher Umgang ihm eine Bereicherung dieses Wissens versprach, wich jetzt auch die Menschenscheu von ihm. Bald besaß er sogar wahre Geschicklichkeit darin, sich an gewisse Leute heranzumachen. Einige Prominente waren ihrerseits so verblüfft von der Menge seiner Notierungen und von dem Temperament, mit welchem er seine oft neuen Anschauungen vertrat, daß sie deren Bedeutung sogar weit überschätzten und Anasthase ihrem Kreise als ein Phänomen vorstellten. So war Anasthase bald daheim in den Zirkeln der lebenden Schaffenden, der Jüngsten vor allem; in der Gesellschaft der geistig Fruchtbaren und jener bloß intellektuell Teilnehmenden, die fast jeder Schöpfer in seiner 39 Umgebung hat. Er war dort, hochaufgeschossen, etwas vornübergebeugt in einer Ecke lehnend und bis zur Starrheit bewegungslos im Zuhören, um sich bei aller Sachlichkeit später um so leidenschaftlicher am Widerstreite der Meinungen zu beteiligen. Vielfach ein Fanatiker unter Snobs. Er kam in die Ateliers von Malern, an die Caféhaustische giftgrüner Literaten – – Frau Mathilde verbarg oft nur mühsam ihre Befremdung darüber, mit wie einsichtslosem Gleichmut er die dazu nötigen kleinen, aber für sie doch sehr ins Gewicht fallenden Geldbeträge von ihr forderte. Aber ein Zufall – (denn nur Zufälle tun das) – führte ihn schließlich auch mit dem Manne zusammen, dessen Hilfe es ihm fortan ermöglichte, nicht nur Konzerte und Theater unter angenehmeren Umständen zu genießen – auf Sitzplätzen nämlich und ein ausgiebigeres Nachtmahl verdauend –, sondern auch in den kümmerlichen Haushalt seiner Mutter einige Sorglosigkeit hineinzutragen. Herr Bloume – Hochfinanz – Hauptaktionär herrschender Zeitungsunternehmungen und geheimer kommerzieller Staatsrat, Herr Bloume bedarf wie alle seriös in Zahlen arbeitenden Leute auch eines geistigen Steckenpferdes. Bei Herrn Bloume ist's die atonale Musik. Ja es scheint ihm, als würde er nur durch irgendein unverdient hartes und geheimnisvolles Geschick gezwungen, täglich am Telephon, im Jahre schließlich Millionen zu Millionen zu häufen, doch als wäre er seiner wahren Bestimmung nach vielmehr dazu in die Welt gestellt, die neueste Musik tatkräftig zu propagieren. Anasthase lernte ihn in einem Salon kennen, in welchem gerade das Quintett eines in Paris lebenden Russen für Flöte, tiefe 40 Frauenstimme, Cello, Saxophon und deutsche Oster-Ratsche uraufgeführt wurde. Die temperamentvolle Beredsamkeit und die Unerschrockenheit, mit welcher Anasthase nachher in die Diskussion über das Werk griff, blendeten Herrn Bloume. Und schon am nächsten Tage verpflichtete er Anasthase zu einer dauernden, unverhältnismäßig gut gezahlten Mitarbeit an einem seiner Blätter. Neben einer bedeutenden wirtschaftlichen Erleichterung waren für Anasthase mit dieser Beschäftigung auch andere namhafte Vorteile verbunden. Die Legitimation eines Referenten der »Nouvelle Ere Musicale«, nicht zuletzt aber das langsam durchsickernde Gerücht, er sei ein Liebling des gewaltigen Bloume, sicherte ihm überall, wohin sein Interesse ihn trieb, Zutritt, eine gewisse autoritative Machtstellung sogar und – was ihm vorläufig noch am wertvollsten dünkte – die uneingeschränkte Benützung alles erdenklichen Studienmaterials. So brauchte er gar nicht lange, um mit der Schärfe seines kritischen Denkens allmählich auch in die dunkle Wirrnis einzudringen, in welcher die verschiedenen Strömungen der Moderne sich ihm darboten. Er fühlte modern. Denn der Notschrei nach einer neuen, starken Kunst klang auch in seiner eigenen Seele wider. Und in seinen eigenen hungernden Sinnen fühlte er, daß es die Sinne des neuen Menschen waren, die nach neuen Reizen verlangten, und daß diesen Hunger die alte Kunst nicht mehr zu stillen vermochte; denn was in ihr idealste Schönheit gewesen, das wirkte nun welk, dürftig, stilbefangen, wenn nicht geradezu unschön, unecht. Dort aber, wo die Ausdrucksmittel dieser alten Kunst wesenlos wurden vor der wahren Größe ihres Gehaltes – Inhalt, 41 so seherisch inspiriert oder so herzblutvoll gefühlt, daß das Werk sich wahrhaft zeitlos offenbarte –, dort erforderte sie von dem müdgehetzten und abgestumpften neuen Menschen ein so angestrengtes Sichversenken, daß das Genießen sich in eine sehr ernste, sehr wertvolle, doch eben darum letzten Endes trockene Pflichtschulstunde wandelte. Oder in eine Art Maiandacht manchmal. Überdies – und dagegen war nicht mehr anzukämpfen – selbst Standardwerke des Alten wie Beethovens Neunte: Anasthase kam nicht recht zu ihrem Genuß, so peinlich vermißte sein klangfülle-verwöhntes Ohr die Tuba darin, die Flügelhörner – – In den Werken der neuen Richtung hingegen fanden die Sinne soviel reizvoll Überraschendes, der Geist einen so unmittelbar starken Anreiz – behaglichere Gemüter aber wenigstens soviel Kurzweil, daß die Frage sich einstweilen gar nicht aufdrängte, ob hier der Inhalt sich wohl auf der Höhe des Ausdruckes halten mochte. Und die Verkünder des Neuen? Urquell, aus dem alle Inspirationen strömten, war freilich nicht das Genie einzelner Menschen, waren vielmehr Geist und Wesen des Zeitalters selbst. Denn die Menschen, die nun Anasthases ausschließlichen Umgang bildeten: Künstler, die schaffenden unter ihnen besonders, sie waren alle in irgendeiner Richtung vom Pulsschlag des Jahrhunderts bewegt. Und nicht müde, dekadente Ästheten waren es – wie Anasthase sich diesen oder jenen von ihnen früher vorgestellt hatte – nein: hochaktiv, vielseitig interessiert, frisch und kampflüstern waren die meisten dieser amerikanisch aussehenden Zwanzig- und Dreißigjährigen. – Was konnte Anasthase schließlich schon am Grade der 42 Aufrichtigkeit gelegen sein, mit der all diese so verschieden gearteten Existenzen ihre Begeisterungen und Empörungen auch tatsächlich fühlen mochten? Bewegung herrschte hier jedenfalls, Bewegung in seinem Fahrwasser, und Erwartung fieberte, die glühend auf das Neue gerichtet war. Was Anasthases junges Herz stets mit einer besonderen Wonne schwellte: die jung-siegfriedhafte Respektlosigkeit, mit der die morsche Kunstgötterwelt des Höchst-Anerkannten und Längst-Gültigen hier in Trümmer geschlagen wurde; eine Respektlosigkeit, die niemals bübisch frech wirkte, die vielmehr zur Aureole einer fanatischen Kunstreligion wurde – – fröhliche Nihilisten, die vorgaben, erst auf den Trümmern der alten die neue, herrliche Welt zu errichten . . . Und Anasthase hätte die Denkweise eines Oberlehrers erkannt, würde er sich da gefragt haben, was diese Zerstörer denn einmal an die Stelle des Zerstörten setzen wollten, ja ob ihre Kräfte überhaupt zum Aufbauen reichen würden. In jedem Falle war das bislang Herrschende reif zum Untergehen – darüber bestand für Anasthase, in der Musik wenigstens, auch nicht der Schatten eines Zweifels –: Beethoven war unwiderruflich Vollendung und Ende der gewaltigen Welt Klassik gewesen, die Neuromantik ein blutroter Schein bloß noch auf ihrem scheidenden Himmel . . . War aber der Impressionismus Debussys, dessen Geist heute noch so stark zu spüren war, war's schon Frührot der neuen Zeit oder gleichfalls nur Abglanz – ein anders, feiner getönter – von den Flammen dieses großen Untergehens? – – Hier entglitt Anasthase die Frage in graue 43 Ungewißheit. Die großen Lebenden endlich? Vielleicht kam ihnen wirklich nur die Bedeutung von Vorläufern zu; doch berechtigten sie dann nicht gerade zu bestimmterer Hoffnung? Denn – hosianna – dann mußte er doch kommen, der Ganz-Große, der Messias, das neuerrungene Sinnenreich der Töne mit dem Blute seines großleidenden Herzens zu erfüllen! Vielleicht wandelte er sogar schon in ihrer Mitte, ein Unbekannter oder ein Spottbedeckter; oder er war hinter einer jener amerikanischen Masken verborgen? – – Nein! Anasthase, wenn er an diesen atonalen Heiland dachte, dann erwartete er ihn irgendwie vom Osten . . . Ein Russe – – Ein stürmisch zuversichtlicher, ein jubelnder Glaube an das Neue und skeptische Mutlosigkeit wieder wechselten ziemlich jäh in Anasthases Empfinden ab. Ja, gerade wenn die Schlagkraft des Gegenwärtigen sich ihm aus einem neuartigen Werke besonders zündend mitgeteilt hatte, gerade dann neigte seine Stimmung dazu, war der Klangrausch einmal gewichen, in ein Gefühl von Schalheit und Leere umzuschlagen. Aus welchem Gefühl dann recht schwarzseherische Gedanken emporwuchsen. Diese Neutöner, schien es ihm da, bewegten sich alle doch recht ferne von jener Sphäre letzter Innerlichkeit, die wohl allein zu den einsamen Gipfeln der Erfüllung führt: zu einer überirdisch erhabenen, weltfern eisigen Kunst. Und wie höllenentstiegene Hohngeister kamen die Lebenden ihm dann vor, Hohngeister, die auf den noch rauchenden Trümmern einer vormals unermeßlichen Kathedrale der Reinheit sich zu Maschinenrhythmen jetzt in einem Grotesktanze schänderisch verbanden, Inhalt und Gestalt des Heiligsten auflösend 44 verzerrten und mit den Giften schwelgerischer Müdigkeiten und der Paroxismen durchsetzten, verjazzten . . . Nein, sie waren für das Reich eines Neuen Heilands noch zu wild oder – zu skeptisch; zu fiebrig war auch die Erregtheit ihrer Jagd nach dem Neuen. Wie sie dem spärlichen Neugefundenen im nächsten Augenblick schon wieder Neuestes abzuringen suchten, rastlos, einer möglichst vor dem andern, so daß keiner je zu sich selbst und zur Besinnung kam! Und doch liebte Anasthase diese Zeit und ihre wirre Kunst, liebte sie glühend. Ihre skrupellose Verworfenheit sogar, ihre Freude an halsbrecherischer Artistik, ihre höhnische Abkehr vom Erhabenen, vom Allzutiefen, den frechen Stolz ihrer kleinen Ideen – alles das liebte er an ihr und vielleicht gerade um dieser Züge willen stand sie seinem Herzen so nahe. Daß er in überschwänglichen Augenblicken sogar etwas wie Dankbarkeit empfand, Zeitgenosse sein zu dürfen bei soviel Geschehen. Bewegte seine Stimmung sich aber einmal weniger im Extremen, dann wandte er seine ganze Aufmerksamkeit jenen zu – das waren in der Regel die wenig Erfolgreichen –, die ganz in der Stille ihrer eigenen Seele und unbekümmert um Losungswörter des Tages zu schaffen schienen; Werke, die auch Neues an sich hatten, weniger verblüffend zwar, doch dafür mit jener inneren Selbstverständlichkeit des Fast-Absoluten; Werke, die nicht aus Unrast, sondern aus einem selbstquellenden Drang heraus geboren klangen. Doch auch ihrer, war der Bann des unmittelbaren Eindrucks einmal gewichen, erinnerte Anasthase sich bestenfalls als Stimmen in der Wüste. Die Wüste selbst hingegen – die breitete sich 45 darum nur weiter um ihn aus, verführerisch . . . Denn – sonderbar – sie barg alles in allem mehr Lockungen für Anasthase, als die Stimmen dieser Rufer in der Wüste Überzeugungskraft hatten. – Keine Hauptströmung, schon gar kein fester Boden aber war im Strudel dieses Kunstgetriebes einstweilen noch abzusehen. Und was für ein trostloses Bild des Gescheitertseins boten heute die Reste jener großen Schulmeisterfamilie von inzuchterschöpften Talenten, die sich vormals zusammengeschlossen hatten, um aus diesem Strudel die Elemente der alten Musik zu retten. Felsenfest glaubte Anasthase jedoch an die Berechtigung einer Empfindung; an die Berechtigung der tiefen Verstimmung nämlich und der mitleidlosen Verachtung, die alle jene Kunst der Jetztzeit ihm einflößte, in der wohl ein starkes Können zu spüren war, deren Schöpfer sich aber feige nicht entschließen konnten, die so bequeme und erprobte alte Form jemals weiter zu verlassen, als daß sie beim ersten Warnungssignal sich nicht jederzeit hätten zu ihr zurückflüchten können. Die Halb- und Dreiviertelmodernen also, die waren Anasthase erst in der Seele zuwider. Was bewies ihm aber diese tief im Gefühl verankerte Abneigung? Daß die Zeit – zweifellos eine der entscheidendsten Übergangsepochen der Kunst aller Jahrhunderte – Lauheit und Halbheit nicht vertrug, so auch nicht im Genießen, sondern daß sie zu radikaler Entschlossenheit drängte. Das Extremste, auch wenn es die Narrenkappe frechster Übertreibung trug, war darum zu begrüßen; es konnte Wege weisen! Verderben aber, dreimal Verderben allem Flauen und Nachempfundenen!! Damit schon nichts mehr das Hereinbrechen eines 46 jüngsten Kunstgerichtes aufhalte! Strengste, mitleidloseste Auslese dann im Bestehenden! Und fort – in die Seminarien der Tüftler und Historiker – mit allem, das nicht anderes ist als eben: altehrwürdiger Bodenkram!!   Glücklicherweise fand Anasthase fast in all dem, was er an richtunggebenden neuen Werken zu beurteilen hatte, auch nach strengster Prüfung ein so erstaunlich hohes Können vor, Ideenreichtum, oder doch wenigstens soviel schmissige Originalität, daß er es niemals als Zwang empfand, dies alles in Schrift und Wort anerkennen und verteidigen zu müssen . Denn daß man dem Referenten einer betont extrem eingestellten Zeitschrift im Verwerfen gegebenenfalls weniger Freiheit lassen würde, darüber konnte er sich keiner Selbsttäuschung hingeben. – Jedenfalls erfüllte seine Tätigkeit ihn mit einer nie sinkenden Spannung, seine Mutter, wieder frohen Wesens geworden, umgab ihn mit einer drolligen, fast scheuen Verehrung, an allen Orten, wo man ihn und seinen Beruf kannte, begegnete er Achtung und Interesse für seine Person – kurz, er hätte sich restlos zufrieden fühlen können – – 8. – Und auch sein Lebenslauf ginge in gerade Linie weiter; für Anasthase selbst vielleicht erfreulich, dem Leser jedoch uninteressant und für den Erzähler leer . . . Wenn eines nicht gewesen wäre, das längst bedrohlich wucherte . . . 47 Der Fall Anasthase Alfaric ist freilich kein Kriminalfall, ist nicht Konflikt mit der Rechtsordnung: er stellt zutiefst einen Konflikt des ästhetischen Gewissens dar. Konflikte dieser Art haben ja nichts gerade Ungewöhnliches an sich, aber sie kommen selten genug vor. Denn sie sind nur im Empfinden von Menschen denkbar, deren Lebensgefühl sich zu so geringem Teil in der Welt des Sinnlich-Unmittelbaren, so ausschließlich hingegen in der Welt alles Geistigen zu erhitzen vermag. Der Jüngling Anasthase braucht nicht mehr viel – und die Musik wird ihm zur »tönenden Weltidee«, zur Weltidee überhaupt; Kunstfragen werden ihm zu Lebensfragen. Folglich kann auch der Konflikt wieder mir in seiner Kunstanschauung aufleben. Was diesen Konflikt anfachte und in welchem Maße er brennend wurde, das werden die kommenden Ereignisse klar machen. Daß aber eine Natur wie die Anasthases über diesen Konflikt stumpf hinwegleben konnte, ist undenkbar. Es geht um Anasthases kritisches Verhältnis zu Wagner. Zu Richard Wagner. Zeitgenossen umgeben jetzt unsern Helden, für die Wagner nicht anders existiert denn als ein Faktum der Geistes- und Musikgeschichte, das seinen Platz behauptet. Für Anasthase war Wagner niemals eine erledigte Angelegenheit aus der historischen Rumpelkammer. Warum gerade für ihn nicht? Fast ein Geschöpf, und Geist vom Geiste Debussys – man erinnere sich nur der merkwürdigen Geschichte seiner Zeugung! – hätte er eigentlich schon im Mutterleibe Wagner ablehnen, mindestens aber doch in der Zeit seiner musikalischen Reife mit aller Kampflust seiner Lebenskraft Gegner Wagners werden müssen. Statt dessen aber mußte, in derselben 48 Natur verwurzelt, ein unbestimmtes Wünschen und Verlangen verborgen liegen, Verlangen nach irgend etwas, das Wagner, und nur Wagner, befriedigen konnte. – – Wir haben Anasthases Geschichte bis zu jenem Punkt verfolgt, wo seine hungrigen Sinne einzigen und ungeheueren Anreiz in der neuesten Musik fanden, und wo er sich mit begeisterter Entschlossenheit zum Kampf gegen alles Überholte anschickte. Im Zeichen dieser neuesten Musik sah er nun vor allem Sachlichkeit und Untheatralik stehen; und ihren Schlüssel glaubte er in der Forderung gefunden zu haben: Macht die Musik von allem frei, das anderes sein will als Töne und Rhythmen! – Mußte er da nicht gerade in Wagner den Feind seiner Sphäre erblicken – in dem Untier Richard Wagner, das mit seinen penetranten Leitmotiven noch unentwegt das Jahrhundert durchdringt? Also mußte Anasthase – von dieser Überzeugung war er erfüllt – sich zunächst einmal von seinem eigenen fatalen Geschmack an der Wagnerschen Großartigkeit frei gemacht haben! Es sollte ihm das nie gelingen. Er kämpfte – verzweifelt kämpfte er – gegen den Wagner in seiner eigenen Brust; er unterlag. Nicht Wagners Werk aber erdrückte ihn, sondern die Wirkungen dieses Werkes auf eigenartig empfindsame Menschen, Wirkungen, deren nächster Zeuge er zufällig werden mußte. Zu unbewandert in den Irrgängen der Seele, schloß er aus diesen Wirkungen jedoch nur auf die dämonische Größe des Werkes. Das soll nicht gerade ein Nekrolog gewesen sein! 49 9. In mythischer Farbenprächtigkeit war Anasthase Wagners Kunstwerk im Anfang erstanden. Erfüllung seiner verstiegensten Kunstträume. Und hatte ihn mit Fieber ergriffen. Doch von Anfang an fühlte er sich auch durch irgend etwas darin abgestoßen, das er nicht recht zu begrenzen vermochte. Zu den grundverlogenen Weihestimmungen in »Tannhäuser« und »Lohengrin« hatte er von allem Anfang an eine ablehnende Distanz gefunden. Nur einige Hörselbergmusik girrte zwingend in seinem Gehör. Am »Holländer«, den er sonst ganz unmöglich fand, reizten ihn einigermaßen die gläubig-wilden Seeschauer. Doch erst mit der Tetralogie war ihm eine dunkle, verzweifelte Traumwelt aufgegangen, und diese Partituren hielten auch lange all seinen Zweifeln stand. Im Erlebnis »Tristan« endlich – da rang er erschüttert mit dem bösen Gotte Wagner. Die »Meistersinger« hatten dann seinen Eindruck von Wagners unleugbar reichem Können neu bestätigt, stofflich jedoch blieb diese Biederkeit ihm fremd. An den »Parsifal« hingegen war er, durch die Lektüre Nietzsches vorbereitet, von vornherein nur mit kaltem Hohn herangetreten: Rückfall in die verhaßte Lohengrinstimmung – Weihrauch – Messe – Fahnenflucht vom herrlich wüsten Heidentum der Tetralogie! – – Bis er dann Debussys »Pelleas und Melisande« gehört hatte – erst verwirrt, schließlich in Entzücken –, den müden Sprechgesang der Maeterlinckschen Geschöpfe, das geheimnisvoll glitzernde Helldunkel des Orchesters. Doch inmitten seiner Begeisterung hatte er bemerkt, daß 50 er sich der Wirkung nicht unbefangen hingegeben, im Entdecken jeder neuen Schönheit vielmehr innerlich frohlockt hatte: das ist die Erlösung von Wagner! Da hatte er sich allerdings fragen müssen: Warum eigentlich diese Feindseligkeit? – Und hatte sich daraufhin erforscht: Sein Empfinden, sein Geist, sein Geschmack – so aufrichtig bewegt von den Triebfedern der neuen Zeit – müßten alle »großen Gefühle« ablehnen, müßten also gerade die Kunst Wagners absurd finden, das Ständig-Hochgemute, von dem sie getragen ist, verabscheuen! Las er nüchtern in der einen oder der anderen Partitur, dann fand er an den meisten Stellen auch tatsächlich etwas unleidlich Pathetisches, vielfach nur einen ins Gigantische gesteigerten Verdi. Hörte er dann aber eine gute Wiedergabe desselben Werkes, so geriet er unfehlbar in den Bann dieser feierlich-barbarischen Musik zurück. Und immer von neuem löste sie die gleichen Rauschwirkungen in ihm aus. Einmal jedoch emporgetragen von der Musik, ergriff ihn dann auch das Dichterische mancher Wendungen, und die Schicksale der Helden und Götter erschütterten ihn . . . Natürlich schämte er sich dieser »Kritiklosigkeit«. Besonders, wenn er aus dem Theater wankte, vergiftet von der Eindringlichkeit der in den Aktschlüssen getürmten Motive. Widerstandsmüde ergab er sich dann dem Bedürfnis, sie durch Summen, Pfeifen und sogar durch ein übertrieben pathetisches Singen wieder loszuwerden. »Wagner ist ein Zauberer«, sagte er sich da. »Die Wirkung, die er gegen meine klare Überzeugung immer noch auf mich ausübt, kann man nur als Hypnose bezeichnen. Also ein Zwang! Drum hasse ich ihn! Ich 51 anerkenne ihn nicht. Will ihn nicht anerkennen! Seine Verlogenheit, mindestens aber sein Hang zu maßloser Übertreibung hat gewiß keine Grenze. Warum glaube ich ihm überhaupt etwas? Ist es, daß Wagner in seiner irrsinnigen Unsachlichkeit diese ewigen Höhen seines Ausdruckes den Gefühlen seiner Helden adäquat glaubte? Und dies so glühend glaubte, daß die Überzeugung von ihrer Berechtigung sich mir induktiv aufzwingt? Unmöglich! Denn dann müßte wenigstens an den zahlreichen nur trocken-gelehrsamen Stellen das Hochgemute fehlen! – Oder läge es etwa an mir? Wäre mein moderner Geschmack nichts als Fexerei und empfände ich im Grunde eben sentimental und pathetisch? – Nein. Dagegen spricht wohl mein einfaches und darum sicheres Empfinden. – Halt! Aber vielleicht ist es mein Ohr, das nach gesteigerter Klangfülle verlangt! Warum schwelge ich denn stets in den Mahlerschen Orchesterekstasen? Und war ich nicht auch von Strawinskys plötzlicher Flucht in den Geist eines toten, schnörkelfreudigen Jahrhunderts im Grunde unangenehm berührt? War mir der Strawinsky des dunkel-orgiastischen ›Sacre du printemps‹ nicht lieber gewesen? Ja! – ich selbst bin wohl minderwertig! Bald werde ich Meyerbeer mitfühlen!« –   Im Maße, als Anasthase versöhnlicher den übrigen Kunstproblemen entgegentrat, wurde dieser Zwiespalt für ihn quälender. Einzig für den »Tristan« hatte er sich eine Formel zurechtgelegt, nach welcher er darzustellen vermochte, warum dieses Werk auch dem modernsten Empfinden entspreche. Seine übrige Wagnerbegeisterung aber glaubte er durch nichts rechtfertigen zu können; 52 sie betrachtete er gewissermaßen als eine ästhetische Katastrophe. Und da er, wie gesagt, aufrichtigen und nach Klarheit zielenden Geistes war, schien es ihm unannehmbar, sich mit diesem Dilemma einfach als Tatsache abzufinden. Er verbohrte sich immer ausschließlicher in ein fruchtloses Nachdenken, und schon bloße Erwähnung des Namens Wagner ließ ihn in kindisch heftiger Weise auffahren. Denn in der Qual seines Zustandes war es in seiner Vorstellung stets der Mann Wagner – Samtrock und Barett! – der ihn bedrängte. Allmählich lächelte man über diese »fixe Idee«, sprach in Anasthases Gegenwart betont über Wagner, um ihn zu neuen, nicht selten geradezu ordinären Haßausbrüchen zu veranlassen.   Als er zum erstenmal von »Komplexen« erfuhr, stand für ihn fest, Wagner bilde in ihm einen solchen. Er versuchte auch, sich in einer Seance mit einem analysierenden Arzt Klarheit darüber zu verschaffen. Das schlug fehl. Der Arzt wußte zwar in Komplexen Bescheid, nicht aber bei Wagner. Verlegen tastete er eine Weile im Geschlechtlichen des jungen Mannes herum, dann trennten sie sich, beide erleichtert, mit verbindlichem Händedruck. – 10. In dieser mentalen Bedrängnis wurde Anasthase die Wohltat einer Reise zuteil. – Herr Bloume stattete ihn nämlich mit einem üppigen Scheck aus und entsandte ihn als Berichterstatter nach 53 Frankfurt auf das Internationale Musikfest. Nach Schluß der Ausstellung sollte Anasthase einige Wochen in Deutschland irgendwo noch seiner Erholung leben. Denn es war Sommer, und Herr Bloume – er glaubte blind an das Genie seines Schützlings, ja er erblickte in ihm den künftigen Musikkritiker von Paris – Herr Bloume hatte festgestellt, daß die Nerven des jungen Mannes durch die Überarbeitung bedenklich geschwächt waren. Anasthase, nachdem er seine anfängliche Scheu vor der Reise und dem Aufenthalt in der Fremde überwunden hatte, freute sich, Deutschland und die Deutschen einmal aus nächster Nähe kennenzulernen. Fast noch mehr aber bestrickte ihn die Aussicht, endlich eines jener gewaltigen Orchester zu hören, von deren Vollkommenheit ihm schon vieles berichtet worden war. Fröhlich nahm er auf dem Bahnsteig Abschied von Frau Mathilde. – In dem Blick, mit dem sie ihn umfing, verschwammen, etwas feucht, Stolz und einige Traurigkeit – ein Ausdruck, so warm und lieb, wie er nur aus den Augen der Mutter strahlen kann; Traurigkeit, nach deren Ursache sie gar nicht forschte, und Stolz, weil der interessante junge Mann, der hochgewachsen und in vornehmer Blässe vor ihr stand und der in einer so bedeutenden Mission – zweiter Klasse! – ins Ausland reiste, gerade ihr Sohn war. Vielleicht war es aber weniger der Gedanke an die damit verbundene Auszeichnung als vielmehr ein anderes: Natürlich hatte sie nur zu genau beobachtet, mit wie unverkennbarem Interesse das elegante junge Mädchen dort am Fenster des Nebenabteils Anasthase vorhin angeblickt, und wie enttäuscht ihre Miene geworden, als Anasthase dann das andere Coupé gewählt 54 hatte. Nun ja, er sah aber auch vornehm aus, in Reisekappe und Handschuhen! – Anasthase wieder bemerkte, daß die Mutter mehrmals Anlauf nahm, etwas zu sagen, schließlich aber wie in leichter Verlegenheit schwieg. Vielleicht hatte sie noch irgendeinen Wunsch – wie gerne hätte er ihr alles versprochen! Er drang in sie. »Gewiß soll ich dir einen geschmackvollen Hut aus Deutschland mitbringen, kleine Mama«, scherzte er. »En voiture!« gellte es da. Und Anasthase – ohne ihre Antwort abzuwarten – stürzte das Trittbrett hinauf, mit der komischen Hast des reiseungewohnten Menschen. Aber er war plötzlich bekümmert, und aus dem Fenster des Abteils gebeugt, forschte er noch in ihren Zügen: »Bedrückt dich etwas, Mama?« »Nein, nein – im Gegenteil«, beeilte sie sich zu versichern, »das heißt: grüß Deutschland von mir!« Und da er ihr das, sofort erleichtert, in bester Laune versprach, errötete sie . . . »Adieu, petite maman!« »Adieu, mon fils, adieu! Et – sois sage!« – Tränen? –   Frankfurt gefiel Anasthase ungemein. Er hatte auch keinen Augenblick die Empfindung, daß er sich in einem fremden Land befinde; das Bild der deutschen Stadt umfing ihn vertraut und längst gewohnt. So, als wäre es in Träumen schon oft vor ihm gestanden. Mit großem Interesse hörte er den Gesprächen der Leute zu – er verstand natürlich genügend Deutsch, um selbst dialektischen Sprachwendungen mühelos folgen zu können – und er freute sich kindlich, wenn er dabei Unterschiede 55 in Temperament, Denkweise und Lebensgewohnheiten der Deutschen zu jenen der Franzosen festzustellen glaubte. Besonderes Vergnügen bereitete ihm eine gewisse behäbige Würde, eine Durchdrungenheit von der eigenen Wichtigkeit, die aus Reden und Gebärden Einzelner drang, deren imposante Welt sichtbar in ihrem wacker gerundeten Bauche Platz fand. Ein wesentlich anderes Deutschland lernte er allerdings in der gesamten Organisation, im kulturellen Gepräge der Ausstellung und in der Erstklassigkeit ihrer musikalischen Aufführungen kennen. Da war ihm, als hätte er niemals vorher ein philharmonisches Orchester gehört. Und er konnte nicht genug staunen, wie das eine oder das andere Werk, das in Paris ohne stärkeren Eindruck an ihm vorbeigerauscht war, in der Vergeistigung durch große Dirigenten hier geradezu Vision wurde. Als offizieller Vertreter einer führenden französischen Revue war er überdies Gegenstand allgemeinster Zuvorkommenheit, und er hatte Gelegenheit, mit den bedeutendsten Gästen des Festivals persönliche Fühlung zu nehmen. Er merkte, daß im ersten Augenblick alle von seiner Jugend verblüfft waren. Deshalb war er auch doppelt besorgt, keine Blöße zu verraten. Nur: es trieb ihn, alle diese mitten in der Moderne stehenden Künstler über Wagner auszuholen, ihnen womöglich den eigenen qualvollen Zwiespalt zu entdecken. Aber, lenkte er das Gespräch auch noch so beiläufig auf diesen Punkt hin, immer begegnete er da Mienen, aus welchen eine höflich verhüllte Befremdung sprach, daß er sich nicht entblöde, ein Thema anzuschlagen, worüber in Fachkreisen längst nur noch eine Meinung bestand; Befremdung herrschte, geradeso, als hätte er etwa Beethoven diskutieren wollen. 56 Da gab er es natürlich sofort auf. Verbarg seine Beschämung, indem er, tauchte der Schemen Wagner bloß auf, fortan einfach wissend mit den Augendeckeln zwinkerte, oder neutral lächelte, oder auch zu hüsteln begann. Damit er, statt sich äußern zu müssen, nur eine Karamelle in den Mund zu stecken brauchte . . . Aber er hätte Unendliches darum gegeben, wenn er wenigstens das eine hätte erfahren können: ob nämlich all diese wissenden Prominenten Wagner eigentlich noch gelten ließen oder ob sie ihn ablehnten. Doch untröstlich über seinen »Defekt« – ja, das war Anasthase . . . Gegen Ende der Ausstellung bestimmte man ihn noch zu einer Reihe von Vorträgen über zeitgenössische Musik in Frankreich. Er sprach aus dem Stegreif, erhitzte sich am Thema und brachte eine solche Fülle von Daten und von grunddurchdacht scheinenden Urteilen, daß in den meisten deutschen und ausländischen Blättern seine Vorträge zu den interessantesten des Musikfestes gezählt wurden. Herr Bloume sandte ihm in einem höchst befriedigt klingenden Schreiben einen weiteren Scheck und ermahnte ihn von neuem, jetzt aber einige Wochen einzig seiner Zerstreuung zu leben. Noch größere Freude bereitete Anasthase jedoch ein seliger Brief der Mutter; ihr hatte er natürlich in erster Linie alle von seinen Vorträgen handelnden Zeitungsausschnitte geschickt. Und soviel Lebensdrang war mit einem Male in ihm, daß er schon auf dem Punkte war, sich zu fragen, ob im Grunde überhaupt eine Notwendigkeit bestünde, daß er sich mit diesem albernen Problem Wagner weiter so fruchtlos auseinandersetze und alle Gemütsruhe daransprenge. Wo es doch anscheinend völlig ausreichte, einfach mit den Augendeckeln zu klappen oder indifferent zu lächeln! 57 Gerade hier hätte man solch »wissendes« Schweigen von seiner Seite überdies als eine Art internationale Höflichkeit aufgefaßt, etwa: Aha, der junge Franzose da hat die quatschige Stelle in unserer Musikgeschichte wohl erkannt, aber er schweigt höflich, weil es schließlich doch um einen repräsentativen deutschen Künstler geht! – – Schade, daß er für diesen Standpunkt auf die Dauer zu seriös war! Einstweilen beschloß Anasthase, da er sein Studium der bildenden Künste gegenüber jenem der Musik und selbst dem der Literatur von jeher vernachlässigt hatte, beschloß der ekelhafte Mucker, einen Teil seines Erholungsurlaubes in München zu verbringen, um die berühmten Bildersammlungen zu besichtigen. Allerdings nahm er sich fest vor, sich daneben (daneben!) auch etwas zu zerstreuen. 11. Als er in München den Bahnhof verließ, lachte jener tief hellblaue Bierhimmel über der Stadt, der den Fremden sofort in frohe und sorglose Stimmung versetzt. Anasthase sah sich geradezu unternehmungslustig durch die Straßen bummeln. Und vollends übermütig wurde seine Laune, als er in der Mitte einer sehr verkehrsreichen Straße zwei Betrunkene entdeckte; sie trugen eine phantastische Tracht: Auf schiefsitzenden grünen Hüten schwankten, genau wie ihre Besitzer, irgendwelche tierbartartige Gebilde; Knie nackt, die Schenkel hingegen durch eigentümliche dicke Lederpanzer mehr als geschützt. Die beiden, offenbar Vater und Sohn, stützten 58 einander treu, dudelten mit selig verpickten Augen ein Liedchen, ohne sich in dieser Lust durch den atemraubenden Verkehr beeinträchtigen zu lassen. Was aber fast noch erstaunlicher war: Autos, Radfahrer, Tramways, die ganz großen Autocars sogar, beschrieben, ihnen auszuweichen, haarscharfe, fast respektvolle Kurven. Und ohne daß die Wagenlenker den leisesten Unmut über die Verkehrsstörung gezeigt hätten. Selbst der nicht ungefährlich blickende Verkehrspolizist ließ die beiden völlig unbehelligt. Als wäre diese Erscheinung hier eine ganz alltägliche, oder vielmehr eine heilig unantastbare. – Anasthase stand lachend am Rande des Gehsteigs, schien das Bild förmlich in sich zu saugen. Die Vorübergehenden aber, nachdem sie der Richtung seines Blickes gefolgt waren, lächelten dem unverkennbaren Ausländer zu, verständnisinnig und leicht geschmeichelt. – Mit einemmal stand Anasthase auch vor dem sagenhaften Hofbräu. Neugierig trat er ein. Der Gestank des Massenbetriebes, die dicke Luft, die seine Augen beizte, der Zusammenklang von hunderten rohen Stimmen, alles war ihm zuwider, daß er schon auf dem Punkte war, umzukehren. Da fiel sein Blick auf einzelne Typen, die ihn so sehr belustigten, daß er schließlich doch an einem Ecktischchen Platz nahm; sie eine Weile zu beobachten, wie er sich einredete. – Eine unförmige Kellnerin mit rot übermüdeten Augen stellte, ohne eine Bestellung abzuwarten, doch unter einem gutmütigen Segenswunsch ein Tongefäß vor Anasthase hin, dessen Höhe und Fassungsraum er mit einem kurzen Auflachen begrüßte. »Saufen« – ging ihm dabei ein Wort durch den Kopf; und er berauschte sich vorerst an dessen Klang. – In dem Gefäß drohte eine dunkle Flüssigkeit – jedenfalls 59 das berühmte Bier! Unwillkürlich schloß Anasthase die Augen, als er den Topf neugierig an die Lippen führte – vielmehr: stemmte. Aber da . . .! Die Flüssigkeit war wunderbar kühl, schmeckte fast süß und floß wie Öl durch die Kehle. Schon nach kurzem trank Anasthase abermals davon. Dann noch einmal. Und einige Male noch . . . Über den Saal mit den starken lärmenden Menschen an ebenso festen Tischen senkten sich Nebelschwaden herab . . . »Saufen« – dachte Anasthase zufrieden, diesmal laut vor sich hin. »Jawoi, Herr Nachboa!« röchelte der Stumpf einer Männerstimme neben ihm; zustimmend. Erschrocken fuhr Anasthase herum und blickte in ein groteskes, zum Platzen rundes rotviolettes Gesicht mit winzigen Äuglein, aber dem Maul eines Tintenfisches. Er hatte gar nicht bemerkt, daß inzwischen jemand sich an seinen Tisch gesetzt hatte. Obwohl Anasthase etwas wie Furcht empfand, mußte er diesem Gesicht ins Gesicht lachen. Da lachte auch das Gesicht, blöde und röchelnd, um gleich darauf schlafend auf die Tischplatte zu sinken. Darüber hatte Anasthase ein Triumphgefühl – gleichsam als wäre er jetzt Sieger am Tische – und schneidig trank er seinen Kübel leer . . . Er verspürte Hunger. Gestand es der Kellnerin. Gleich darauf setzte diese eine Speise auf den Tisch, sagte etwas wie »Schweinshaxn« zu Anasthase und »zum Wohl!« Darauf aber raffte sie seinen Biertopf vom Tisch auf, trug ihn davon. Anasthase blickte dem Zauberkübel nach – nicht ohne einiges Bedauern. Bald darauf aber – ha, man meinte es hier doch gut mit ihm! – stand der 60 Sauftopf neuerdings vor ihm. Weiße Gischt wollte über den Rand hinausquellen . . . Da trank Anasthase die Gischt schnell ab. Er fühlte dabei angenehm, wie ihm warm ums Herz wurde, wie er über sich selbst, über alles Bedrückende hinauswuchs – und er lachte selig. Plötzlich besann er sich doch wieder auf seinen Peiniger Richard Wagner. Aber er war durchaus versöhnlich gestimmt; selbst für ihn empfand er jetzt nur Kollegialität. »Ja, ja, alter Schuft«, dachte er, »wirst halt auch immer dagesessen sein, da, vor den Töpfen, und dann hast die miserablen Opern geschrieben. Was? Musikdramen? Gar nichts: Opern sind das! Verstehst? O–pern . . .!! Jawoi, jetzt bin halt ich da, und dir auf der Spur, du alter Spitzbub, was? Wart nur, wart nur: Jetzt – upp – komm ich!!« Und tatsächlich erhob er sich, machte einige schwankende Schritte in die Mitte des Lokals, erkundigte sich nach dem Pissoir. Stieß an einen Mann an, blickte ihm tief ins Auge, murmelte entschuldigend: »Saufen – –«, taumelte schließlich hinaus. Draußen, auf dem Abtritt, war ihm so wohl wie noch nie. Er hätte alle Welt umarmen wollen. Einstweilen verbrüderte er sich – wahrscheinlich in diesem Drange – mit einem besoffenen Märtyrer aus dem Saargebiet, der eben wie eine Hyäne erbrochen hatte. Mit ihm kehrte er in den Saal zurück. Wo beide sich bis zum Abend zutranken und in einer Dunstwolke wechselseitiger Entzücktheit freundschaftstrunken über allen Niederungen schwebten, wo chauvinistische Verleumdungen die Völker voneinander fernhalten . . . »Seid umschlungen, Millionen!« – – Bis plötzlich ein weher Reiz in Anasthases Tränendrüsen fuhr: Es überkam ihn, daß der liebe gute Onkel 61 Schünemann doch auch in München lebe. Vielleicht sogar unweit der Stätte, an welcher sein herzloser Neffe – oder Enkel? er wußte es nicht mehr – ach was: wo sein ungeratener Sohn sich zügellosen Ausschweifungen hingab. Statt den guten alten Onkel aufzusuchen, der schon so lange sehnlichst nach ihm rief! Und dem er auf der Astralebene doch angeblich so nahestand! Und Anasthase begann vor Elend zu schluchzen. Er bezahlte für sich und den Freund, wollte fort. Aber der Märtyrer aus dem Saargebiet – er hatte mit gläsernem Blick die Banknoten in Anasthases Brieftasche gesichtet – der Märtyrer suchte ihn zurückzuhalten. Anasthase war jedoch nicht mehr zu halten. Noch immer schüttelte ihn Rülpsen und Schluchzen. Trieb ihn aus dem häßlichen, stinkenden Saal, den Onkel Schünemann suchen. Der Märtyrer hatte sich ebenfalls erhoben, schwankte hinter ihm drein, wie um ihn einzuholen. Fiel plötzlich der Länge nach auf die Erde. Anasthase hörte noch, wie der falsche Hund ihm über das ganze Lokal hinweg nachschrie: »Sie sind doch nur ne richt'che welsche Kanallje!« und dann die anderen aufzuhetzen trachtete, indem er ihnen sagte, Anasthase hätte die deutsche Nation und das Hofbräu geschmäht! Da stand er bereits auf der Straße. An der Luft. Eine ganz fremde wüste Stadt kreiste um ihn, voll Feindseligkeit. Anasthase warf sich mit verstärkter Bitterkeit vor, daß er so wenig Familiensinn gezeigt und daß er, statt mit dem falschen Hund aus dem Saargebiet da herumzusaufen, nicht sofort den armen alten Onkel aufgesucht habe. Vielleicht hatte der es sogar schon erfahren, daß sein unwürdiges Enkelkind den ganzen Tag bereits in München weilte, und saß jetzt einsam in seinem Stübchen, der alte Mann, 62 bitterlich weinend . . . Zudem spürte Anaathase, wie es ihm schmerzhaft die Nieren zusammenzog; er ging ganz gekrümmt. Da sehnte er sich um so stärker nach Geborgenheit im Schoße der Familie. Und er wandte sich an einen Polizisten, ob er nicht wisse, wo der General Schünemann wohnt. Der Polizist wies ihn damit an die ganz nahe Polizeidirektion. – Tatsächlich hatte man dort auch in wenigen Minuten die Wohnung des Generals ermittelt. Anasthase dankte überschwenglich und machte sich auf den Weg. Bereits auf der Straße, erinnerte er sich aber plötzlich an den gemeinen Verrat seines Freundes aus dem Saargebiet; Empörung stieg ihm heiß in den Kopf hinauf. Er ging zurück. Auf die Polizeidirektion. Meldete, daß ihn ein Kerl aus dem besetzten Gebiet, ein Lümmel, für den er noch dazu gezahlt hatte, »welsche Canaille« genannt habe und daß die anderen ihn daraufhin hatten verprügeln wollen. Daß dieser Vorfall, drohte er, wenn er ihn der französischen Regierung anzeige, einen neuen Kriegsgrund darstelle. Überhaupt würde er an der richtigen Stelle zu veranlassen wissen, daß im Hofbräu künftig zum Schutze französischer Staatsangehöriger eine Kanone aufgestellt werde. Jawohl, eine Kanone! – Daraufhin versicherte ihm der Beamte, mit sehr höflichem Lächeln, daß er sofort ein Polizeiaufgebot ins Hofbräu kommandieren und den Kerl standrechtlich erschießen lassen werde. »Um einem neuen Krieg vorzubeugen«, wie er sagte. »Selbstverständlich.« – Da versicherte auch Anasthase ihm wiederholt und überschwenglich, daß er gegen ihn persönlich nichts habe, wie für die deutsche Beamtenschaft überhaupt – alle Achtung! – erkundigte sich nochmals nach der Adresse seines Onkels und machte sich, in etwas gehobener 63 Stimmung, neuerdings auf den Weg. Als er an zahlreiche Leute angestoßen war, besann er sich dumpf, daß er so angetrunken doch nicht gut bei den Verwandten erscheinen könne, und er trat in ein Kaffeehaus. Dort trank er dreimal schwarzen Kaffee. Als er fühlte, daß der Nebel in seinem Kopf sich einigermaßen zerteilte, wusch er sich in der Toilette hartnäckig den Mund aus, erschrak vor seinem verwüsteten Spiegelbild und beschloß, doch lieber in sein Hotel zurückzugehen. Sich dort niederzulegen. – Wieder auf der Straße, fühlte er sich aber grenzenlos einsam, die Sehnsucht nach Familie überwand alle Bedenken. Und mit einemmal stand er an der Türe des Generals. Läutete. 12. Nur wenige Minuten hatte Anasthase in einem Salon mit leinwandverhüllten Möbeln zu warten. Obgleich der Raum in seiner Gänze zu rotieren schien, vermochte Anasthase an der Wand dennoch das Bildnis Richard Wagners zu unterscheiden. Das verhaßte Profil war einem anderen Porträt zugekehrt; dem eines Mannes mit komisch aufgedrehtem Schnurrbart, der nicht gerade musikalisch aussah. Anasthase stierte aber nur auf das Wagnerporträt, schnitt eine Grimasse und steckte ihm die Zunge heraus. Da öffnete sich eine Tür, und auf der Schwelle stand in ergriffenem Schweigen ein Mann im Hausrock: der Onkel! Anasthase fühlte sich plötzlich wie gelähmt, fand keine Worte. »Ich wußte es, daß du einst kommen wirst. Mein Sohn!« deklamierte der Onkel endlich in das Schweigen 64 hinein, ging mit ausgebreiteten Armen auf Anasthase zu, zog ihn an die Brust. »Friedrich Wilhelm!« setzte er dann leise hinzu und begann Tränen zu vergießen. Tränen der Freude. – Auch Anasthase fühlte große Liebe zu dem alten Mann. Und auch ihm stieg ein Brennen in die Augen. Er streichelte die Wangen des Generals, lachte glücklich. Der General schluchzte: »Schnee mußte auf meinem Haupte sein, eh ich dich kennenlerne, Friedrich Wilhelm redivivus!« Anasthase war seltsam wohl ums Herz. »Ach, Onkel!« jubelte er. »So komisch hab' ich dich mir ja immer vorgestellt, haha! Warum aber trägst du nicht deinen großen Federnhut – wer wird sich denn auf den Kopf schneien lassen? Haha – entschuldige, ich mußte ja immer schon soviel lachen, mit der Mama, über deine pompöse Ausdrucksweise. Aber ich bin ja so froh, daß ich jetzt da bin. Wenn sich die Mutter das träumen ließe! Die würde erst lachen, hahaha . . .! »Was?« machte der General gedehnt und trat etwas von Anasthase zurück. »Ich verstehe nicht . . . hm . . . nimm Platz! Ich will nur gleich meine Frau rufen.« (Wie immer, wenn er etwas nicht verstand, der Schlachtenlenker!) Nun verging eine geraume Weile. Anasthase vernahm aus dem Nebenzimmer ein erregtes Flüstern. Allmählich dämmerte ihm bange, er habe sich irgendwie unschicklich benommen. Aber er war doch nur gut aufgelegt gewesen! – Jedenfalls wäre er am liebsten wieder fortgegangen. Da kam aber der Onkel bereits zurück. Mit einer würdigen Dame, in einem hochgeschlossenen, recht altmodischen Schwarzseidenen. 65 »Na also« – sprach die Tante Anasthase an. Mit krampfartigem Lächeln und einer Stimme, die Anasthase höchst unangenehm berührte. »Hat man doch einmal die große Ehre, dich kennenzulernen?« Damit gab sie ihm einen ebenso unangenehmen Kuß auf beide Wangen. Alle drei standen sie dann in verlegenem Schweigen. Während welches Anasthase peinlich immer nur das eine empfand: daß er schwer besoffen war. Mühsam überlegte er also, wie er von hier schnellstens wieder fortkäme. »Bist du für längere Zeit in München?« fragte ihn da die Tante. Und betrachtete ihn von oben bis unten. Mit sichtlichem Mißfallen. »Ja eben, bist du für längere Zeit in München?« sagte auch der General. Und er verlegte sein Schwergewicht jetzt auf den anderen Fuß. »Woher«, log Anasthase errötend, »ich fahre gleich weiter. Leider!« Onkel und Tante tauschten einen Blick. »So. Wohin denn?« die Tante. Und: »Nach Paris zurück?« der Onkel. »Ja, ja, nach Paris zurück«, bestätigte Anasthase. Eine grenzenlose Apathie hatte sich seiner bemächtigt. Wenn sie ihn jetzt auf die Bahn begleiten sollten, überlegte er, dann würde er einfach tatsächlich nach Paris zurückfahren. Wäre ihm sowieso das liebste! Aber wenn man sich nur schon setzen wollte! Das Zimmer begann nämlich wieder wild um Anasthase zu kreisen, er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Die zwei jedoch standen immer noch, schauten ihn nur blöde an. Taktlos! – Willenlos ließ er sich schließlich in einen der verhüllten Fauteuils hineinfallen. Und schwach wandte er der Tante einen vergebungheischenden Blick zu: Grünlich stach ihr Auge in das seine, ihr Busen atmete Erregung. 66 »Also dann laß dich nur gottswillen nicht weiter aufhalten!« stach schließlich auch ihre Stimme. – Gerade jetzt wäre es Anasthase zwar lieber gewesen, sie hätte ihn in dem Fauteuil schon ruhig sitzen lassen. Eine kleine Weile wenigstens! Denn er spürte, daß Brechreiz ihm aufzusteigen begann. – Aber einen so unfreundlichen Empfang – nein, das hatte er wirklich nicht nötig! Er wußte immer noch, was er sich schuldig war, ein Mensch, über den alle Zeitungen berichtet hatten, wußte immer noch, was er sich schuldig war, das wohl, höhö! – Und er kam, dessen eingedenk, endlich wieder auf die Beine zu stehen. Legte das Gesicht möglichst in korrekte Falten und wollte gerade in möglichst eisigem Ton sagen: Dann will ich allerdings nicht länger dérangieren! – aber da kam ihm der Onkel, der ihn die ganze Zeit bei halboffenem Mund und mit entsetztem Blick angestarrt hatte, zuvor, indem er bemerkte: »Laß nur, Maus!« (sagte »Maus« zur Tante, haha) und: »Richte immerhin einen kleinen Imbiß fiir den Jungen und ein Nachtlager. Ich werde schon mit ihm reden!« Entsetzt wollte Anasthase einwenden, daß es keinen Zweck habe, denn er müsse fort. Aber die Zunge lag ihm wie ein Brett im Munde. Diese seine Wehrlosigkeit machte die Tante sich auch prompt zunutze; sie knisterte, ehe Anasthase noch die Sprache wiedergewinnen konnte, mit der Seide mißbilligend davon. Wahrscheinlich, um den dummen Imbiß – (was für ein trottelhaftes Wort!) – den Imbiß herzurichten. Vorher hatte sie dem depperten Onkel – Anasthase konnte ihn schon nicht mehr ansehen! – hatte sie dem Heerführer noch einen Blick zugeworfen, als hätte sie sagen wollen: »Sehr wohl, du 67 altes Kamel!« Feine Verwandte! Warum er nur überhaupt hergekommen war? Zu blöd! Und das schönste war: Jetzt konnte er nicht mehr sagen, er müsse fort, man möge sich daher keine Mühe machen. Das konnte er jetzt nicht mehr sagen, wo er doch solange die Sprache nicht gefunden hatte – na ja, er war auch schließlich kein Deutscher! – jetzt konnte er nur noch sagen: »Zu liebenswürdig.« Also sagte er's. Jetzt, da die Tante draußen war, ging der Schimmer eines guten Lächelns über das Gesicht des Generals. »Na ja, weiß schon,« flüsterte er Anasthase zu, »hast halt unser gutes bayrisches Bier ausprobiert, was? Nimmst dich aber vor der Tante ein bißl zusammen, weißt? Sag, daß du müd bist von der Reise und gleich schlafen gehn willst. Morgen früh wollen wir dann ausgiebig der Unterhaltung pflegen. Über deine kulturellen Verpflichtungen, verstanden? – Wie geht es denn deiner Mutter?« – –   Am Morgen. Während bei schmerzendem Schädel Anasthase sich erwachend noch zurechtzufinden suchte, durchzuckte ihn schon mit Entsetzen die unklare Erinnerung an ein peinliches Geschehnis der Nacht. Mit einem Ruck richtete er sich im Bette auf, blickte auf den Bettläufer hinunter. Tatsächlich! er hatte in der Nacht erbrochen, und da unten starrte es jetzt, feucht und eklig. – »Schweinshaxn«, erinnerte er sich und verzerrte vor Wut und Beschämung das Gesicht. »Wenn die Tante – –«, dachte er. »Um Gottes willen!!« – Er sprang aus dem Bett und begann mit Papieren, die er ungesehen aus seinen Rocktaschen riß, wie gehetzt den Teppich zu säubern. Aber da hätte er sich beinahe 68 neuerdings übergeben, er mußte sofort aufhören. Stöhnend ließ er sich in einen Sessel fallen: Nur fort! – Denn er war ohne jeden Mut, der Tante oder nur dem Onkel überhaupt noch unter die Augen zu treten; auf alles das hinauf! In einem dumpfen Fluchtwillen begann er sich hastig anzukleiden. Jedes Geräusch, das in den Nebenzimmern oder am Gang draußen erklang, fuhr wie eine feurige Nadel in seine Nerven, lähmte seinen Herzschlag. Herrgott, nur ungesehen verschwinden können! betete er in einem fort. Jetzt war er so weit. Er schlich an die Türe. Faßte mit zitternden Fingern die Klinke. Lauschte. Gerade war Ruhe. Er hätte die Flucht wagen können – aber seine Beine versagten den Dienst. Und ob er überarbeitet war! – das bewiesen jetzt seine streikenden Nerven. Wenn es ihm nur noch einmal gelänge, von hier zu entkommen, dann würde er sich gewiß für gar nichts mehr interessieren, lange Zeit, sondern alles tun, um sich zu erholen. Das gelobte er sich. – Draußen knallte eine Tür. Er vollführte einen Satz bis in die Mitte des Zimmers zurück, preßte beide Hände gegen das klopfende Herz. Ein unerträglicher Zustand! – Jetzt wieder rührte sich nichts auf dem Korridor. Er riß sich gewaltsam zusammen. Öffnete behutsam die Tür. Schlich auf Fußspitzen hinaus. Jede Tür, an welcher er vorbei mußte, wie eine wilde Bestie scharf fixierend, wie eine Bestie, die jeden Augenblick Verderben springen konnte – ach, und es war, als gäbe es hier Tausende solcher Türen! – Endlich, da – da winkte sie schon. Vor ihm, die Freiheit, die wiedergewonnene Sorglosigkeit: die Korridortüre zum Stiegenhaus! Er ging nicht mehr, er sprang, lautlos wie ein Raubtier, die Türe an, faßte 69 die Klinke; ein sanfter Druck auf sie . . . Da – bumm – verflucht!! – jemand – – »Ach – da bist du?! . . . hm . . .«: Der Onkel! »Ja, ja, das bin ich, hehe, guten Morgen, Onkel, wo ist denn da die Toilette, bitte, ich . . .!« Anasthase stand angewurzelt, lächelte verzerrt den Onkel an und vollführte unwillkürlich mit den Armen die Bewegungen unbefangener Munterkeit. Der General geleitete ihn zum Klosett. Mit etwas umdüsterter Miene. Anasthase dankte ihm freundlich und schloß hinter sich ab. Da stand er nun in dem engen bescheidenen Raum und fragte sich: Was jetzt? Minuten stand er so. Schließlich hätte er in hilflosester Lethargie sich am liebsten auf das Brett gesetzt und vor qualvoller Festgefahrenheit zu weinen begonnen. Bis er diese Situation endlich doch als seiner durchaus unwürdig erkannte. Da verließ er in erzwungen heldischer Haltung sein Gefängnis, dem Onkel die schmachvolle Tatsache kurz und bündig einzugestehen. Ihn bei dieser Gelegenheit aber auch gleich seiner verwandtschaftlichen Mißachtung zu versichern, jawohl! Denn schließlich: wie diese Leute sich seiner Mutter gegenüber aufgeführt hatten, verdienten sie, daß man ihnen auf den Teppich kotzte! Jawohl! – Der General erwartete ihn auf der Schwelle des Speisezimmers und ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen: Es sei nun fürwahr höchste Zeit zum Frühstück geworden, deklamierte er in seiner unerträglichen Weise. Er – heute ein alter Mann! – sei, dessenungeachtet, noch immer Frühaufsteher. Denn für geistige Arbeit – und die tue er, jawohl, immerdar – für geistige Arbeit seien die Morgenstunden die ertragreichsten. Heute zum 70 Beispiel sei er bereits seit 5 Uhr 30 morgens – jetzt ist es 9 Uhr 12! – auf den Beinen! Ohne in Erwartung des Gastes – denn die Höflichkeit des Hauswirtes habe er zeitlebens gewahrt – ohne bislang noch etwas zu sich genommen zu haben! – Seine Frau lasse sich vom Frühstück beurlauben; auch sie konnte ihre Verrichtungen natürlich nicht so ungebührlich lange hinausschieben und geht in der Stadt bereits ihren Besorgungen nach. – Nach dieser in scharf tadelndem Ton gehaltenen Standrede lud er Anasthase – mit militärischer Handbewegung – an den Frühstückstisch. Dessen gastronomische Beschickung soviel Aufhebens durchaus nicht rechtfertigte. Aber davon merkte Anasthase nichts. Wie auch sein Zorn über die unverblümte Zurechtweisung sofort dem Gefühl einer ungeheueren Erleichterung wich, da er nur hörte, die Tante sei nicht zu Hause. Sie hatte er am meisten gefürchtet! An Parsifal mußte er jetzt denken; dem dürfte ähnlich zumute gewesen sein, als ihn nach langer Qual die Botschaft vom Heiligen Gral erreichte . . . Dann begann Anasthase kalt und sachlich zu erwägen: Gelingt es ihm, den Onkel durch fesselnde Gespräche fürs nächste im Speisezimmer festzuhalten, so ist er gerettet. Denn bevor die Tante zurückkehrt, wird ihm doch hoffentlich auch ein passender Vorwand eingefallen sein, um sich zu verabschieden! Dann mochte man zehnmal die Schweinerei in seinem Zimmer entdecken! Was konnte ihm an der Meinung dieser Pfahlbürger schon viel gelegen sein! – Und die Unhaltbarkeit seiner Lage verlieh Anasthase eine diplomatische Gerissenheit, wie sie keiner seiner Bekannten ihm wohl jemals zugetraut hätte. Nachdem er nämlich kurz angedeutet, daß er – 71 »in einem gewissen, bescheideneren Sinne natürlich« – ein junger Berufskollege seines »verehrten Onkels« sei, nämlich Musikreferent eines führenden Pariser Blattes – (die Fähigkeit hierzu habe er übrigens ohne Zweifel einzig dem Schünemannschen Blute zu danken) –, versetzte er durch die Aufzählung aller Eindrücke von deutscher Kultur, die ihn auf dem Frankfurter Musikfest, überwältigt hätten, das deutsche Gemüt des Generals in wahre Tubaresonanz; verzückt fraßen dessen Augen die Worte von Anasthases Lippen gleichsam hinweg. Ohne daß er dabei allerdings verbergen konnte, wie gierig er selbst schon darauf lauerte, das Wort zu ergreifen. Doch Anasthase sprach wie eine Maschine. Dabei horchte er ohne Unterlaß angstvoll auf den Gang hinaus, ob die Tante nicht vor der Zeit zurückkehre und ob das Dienstmädchen nicht bereits über sein Zimmer gehe. – Jetzt aber mußte er einen Augenblick lang vergessen haben weiterzusprechen, denn leuchtenden Blicks fiel der Onkel ein: »Was? Und in Frankfurt verstehn's den Wagner halt auch zu bringen!« Anasthase vergaß seine Rolle. »Aber Wagner wurde doch dort nicht gespielt!« erwiderte er. Da wurden die Augen des Onkels stier, seine Lippen bebten ein wenig. »Ja, was ham's denn dann gespielt?« fragte er, entmutigt und etwas ungehalten. »Hindemith«, wollte Anasthase beginnen, aber er kam nicht weiter. Denn: »Das wohl, mein Sohn«, riß der General das Wort nun endgültig an sich; sein ganzes Wesen geriet ins Tönen, und Anasthase merkte, daß er die gleiche Rede schon oft gehalten haben mußte. »Das wohl, mein Sohn! Und an dieser Granitmauer eherner kultureller Werte soll auch die Wut der Feinde Deutschlands zunichte schellen. 72 Denn wie vormals die Schlünde der von Kruppschen Riesenkanonen, die eine feige waffenstarrende Welt uns meuchlings entrissen hat, wehren jetzt die Verse Schillers, die Farben Dürers, über allem aber die Kunst Richard Wagners, des wonnigsten deutschen Dichtermusikers, dem schnöden Vernichtungswillen der Feinde; jener Feinde, die Deutschland in tiefstem Frieden werwolfwütend angefallen haben und die in schier wahnwitziger Vermessenheit heute vergeblich am Werke sind, ihm auch die Waffen des Geistes zu entwinden. Wir aber werden ihnen beweisen, was es heißt, Deutschland – –« Gerade hatte es an der Korridortür geschellt. Anasthase rieselten Schauer über den Rücken. Aber freundlich, lauernd unterbrach er den Redeschwall des Generals: »Ach, das wird wohl die Tante sein!« und er versuchte den Ton einer aufgeräumten Munterkeit in diese Worte zu legen. Auch der General horchte eine Sekunde lang hinaus. »Nein,« entschied er dann, »das ist nur der Müllwagenmann!« Er schien etwas ärgerlich über die Unterbrechung. Anasthase hingegen hätte nie vermutet, wie sympathisch Müllwagenmänner ihm werden konnten! Erleichtert wandte er sich, und gespannteste Aufmerksamkeit in seine Miene legend, dem Onkel neuerdings zu. Über den folgenden Ausführungen des Onkels vergaß er zeitweise völlig auf Tante und Teppich, so ungeheuerlich schien ihm das Gesagte. Und mußte in der Tat nicht gerade er gierig aufhorchen, wo ein Typus Deutscher, wie sein Onkel ihn zweifellos darstellte, sich mit Wagner – seinem alten Peiniger Wagner! – auseinandersetzte? »Aus dem Schutthaufen des inflationsgeschändeten Volkskörpers«, hymnte der Onkel, »hebt sich, strahlend 73 von neuem Glanze, der Phönix Bayreuth empor, leuchtet mit seinem milden Gralslichte zur Erneuerung des Reiches. Richard Wagner, der hehrste Mann, hat für sein Titanenwerk seinerzeit sehrend ein Volk als Publikum gefordert: heute ist's Erfüllung.« (»Außerdem mit nur einem halben Jahrhundert Verspätung!« dachte Anasthase.) »Aber mehr als das: –« (Der General beeilte sich, ein Stück Buttersemmel hinunterzuschlucken, das ihm die Rede verlegte und dessen betont dünne Butterschicht dem Neffen vermutlich recht augenscheinlich die von der Inflation hart betroffene Bevölkerungsschicht illustrieren sollte.) – »Mehr als das: Jeder wahrhaft Volksbewußte stärkt seine Kraft zur Wiederaufbauarbeit heute am Genius Wagner, dessen Riesenwerk einzig der Verherrlichung deutsch-germanischer Art und Sage dient. Jener schnöde Hundsfott aber – sei er in deutschen oder fremden Gauen wo immer zu Hause, der Hundsfott, der bei den Heilrufen der Mannenchöre in der »Götterdämmerung« sein zages Herz nicht höher schlagen fühlt und dem bei Hans Sachsens kernigem Aufruf ans deutsche Volk nicht die Tränen freudigsten Stolzes ins gedemütigte Auge schießen, der ist fürwahr nie und nimmer wert solcher Begnadung. Indes – sieh da! – an allen Orten der Welt, wo wahrhaft Kunstbegeisterte siedeln, taumeln die Massen trunken ins Wagnertheater – und ihrer sind mehr denn je zuvor. Kein Volk mehr darum, nein: die ganze Welt hat der deutsche Geist sich neu unterworfen. Aus aller Herren Ländern strömt die Elite der Nationen wieder brünstig nach Bayreuth – der Stadt, wo des deutschesten Künstlers Wähnen Frieden fand – legt ihre Andacht im Festspielhause und nachher in einem schlichten Kranze am Wagnergrabe nieder.« – 74 Hier machte der General eine erschütternde Pause; immerhin sprungbereit, um sofort weiterzusprechen, sobald der Neffe Miene machen sollte, etwas sagen zu wollen. – »Ich selbst«, setzte er dann fort, »bin nur ein bescheidener Diener an diesem prangenden Bau. Mit den Waffen des beschwingten Wortes – doch darin allen voran – kämpfe ich dafür, als einer der längstjährigen und verdientesten Mitarbeiter der ›Bayreuther Blätter‹, diese Sendung Bayreuths der aufhorchenden Welt zu verkünden. Und von Bayreuth aus soll es auch sein, daß das morsche Europa an den tieferen Sinn des hart verkannten und darum vielgeschmähten Dichterwortes glauben lerne, das da sagt: Am deutschen Wesen soll die Welt genesen!« Der General schwieg. Erschüttert. Von seinen eigenen Worten. Nach deren Wirkung er jetzt in den Zügen des Neffen forschte. Als Anasthase sich dessen versah, beeilte er sich etwas Zustimmendes zu bemerken. »Natürlich! Ohne Frage!« murmelte er etwas zerstreut – denn soeben hatte er wieder drohende Geräusche auf dem Gang draußen unterschieden. Gleich darauf errötete er freilich über seine Feigheit. Und um so mehr schämte er sich dieser Unmännlichkeit, als bei dem wenigen, das er von der Rede des Onkels aufgefaßt hatte, sein alter Widerwille gegen Wagner wieder einmal heftig frei geworden war; sah er doch diese Abneigung jetzt glänzend gerechtfertigt durch den Umstand, welche Sorte Mensch dieses »Kunstwerk« also für sich in Anspruch nahm! »Sehr schön«, dachte er mit Bitternis weiter. »Der Kunstgeschmack des Generals Schünemann ist in gewissem Sinne auch der meine. Wie weihevoll: Onkel und Neffe wetteifern, der eine in offener, der andere in geheimer 75 Wagnerverehrung. Pfui, wie das schmeckt!« und er verspürte eine müde Regung, den pathetischen Kracher da vor ihm mitsamt seinem »wonnigsten Dichtermusiker« unflätig zu beschimpfen. Aber er tat es nicht. Die unaufhörliche Furcht vor der Entdeckung seiner Schmach hatte ihn bereits so elend gemacht, daß er einzig noch darauf bedacht war, den Onkel gesprächig zu erhalten und bei guter Laune. Bis er sich dieser Hölle durch die Flucht – denn nur in ihr sah er noch Heil – entziehen konnte. Er tat also, als lasse er schweigend die Rede noch auf sich wirken, und erwog fiebrig alle Fluchtmöglichkeiten. Da kam ihm der Onkel selbst zu Hilfe. Nachdem er sich nochmals vergewissert hatte, ob Anasthase auch tatsächlich Referent eines großen Blattes sei, kam ein Ausdruck von Lüsternheit in sein Gesicht. Ob Anasthase nicht einige – (gleich einige!) – seiner Schriften über Bayreuth ins Französische übersetzen und in seiner Zeitschrift abdrucken könnte? – Anasthase versprach es. »Aber natürlich!« Und mit allen Anzeichen freudiger Überraschung ließ er sogar etwas durchblicken vom Widerhall, den diese Schriften in Frankreich zweifellos hervorrufen würden. Der General, zitternd vor eitler Genugtuung – er schwelgte bereits im Vorgefühl künftiger internationaler Geltung –, gab Anasthase eine Zigarette, betonte noch, daß auf dem Kontinent letzten Endes eben nur die Franzosen und die Deutschen eine Kultur hätten, dann stürzte er aus dem Zimmer. Die Manuskripte holen. Damit Anasthase die für den Anfang geeignetsten gleich auswähle. Das war der Augenblick! Kaum hatte sich hinter dem Onkel die Türe geschlossen, stand Anasthase auch schon 76 im Vorzimmer. Bleich vor Erregung, riß er Hut und Überrock vom Haken, stürzte aus der Wohnung. In völliger Haltlosigkeit. Stiegen hinab. – Da – halt! Frauenschritte, tappend, die Treppe herauf. Könnte die Tante sein! – dachte es, machte kehrt, zurück, in den nächsten Halbstock hinauf. Dort lauerte er hinter einem Pfeiler verborgen, schielte übers Geländer hinunter: Tatsächlich die Tante! Verflucht, um ein Haar – – ! Die Tante, sie trug eine Einkaufstasche, läutete an der Wohnungstür. Anasthase wartete, bis ihr geöffnet war, dann jagte er die Treppen wieder hinab, auf die Straße hinaus, bog ums nächste Eckhaus herum, planlos durch Seitengassen . . . Und atmete erst auf, bis er in tiefer Beschämung, doch sicher geborgen in seinem Hotelzimmer stand und die Tür doppelt hinter sich abgeschlossen hatte. 13. Wie ein Mensch, der in letzter Sekunde vom Ersticken gerettet, weder Dankbarkeit empfindet noch an das Furchtbare zurückdenkt, dem er gerade entronnen, sondern nur gierig die kühle reine Luft einsaugt, so ähnlich ging es Anasthase: Er gab sich einzig dem befreienden Bewußtsein hin, daß dieses Hotelzimmer ihn von Tante und Onkel und dem Kerl aus dem Saargebiet, von dem ganzen höllischen Alp der letzten Stunden abschließe. Er legte sich aufs Sofa, schloß die Augen, dachte nichts, wünschte nichts. Erschöpft, doch maßlos erleichtert. Ruhe. – – Und zwischen diesen vier Wänden herrschte einzig sein Wille! Kein anderer konnte hier drinnen . . . Der erste praktische Gedanke, den er nach einiger 77 Zeit zu fassen vermochte: München, Deutschland überhaupt schleunigst zu verlassen! Und einen Augenblick lang stand lockend ein Bild vor ihm: Fischerdorf. Bretagne vielleicht oder Normandie irgendwo. Kalte strenge Meeresluft. Es riecht nach verfaultem Holz. Einige Wochen dort – Tier sein! Wo es so beseligend nach feuchtem Holz roch und wo der Name Wagner so wenig als irgendein anderer der zahllosen Zivilisationsbegriffe, mit denen er sich herumquälte, jemals ausgesprochen war. Begriffe, an welche geschmiedet sein Leben – ein Gedankenleben! – blutlos verrann . . . Herrgott, wie wohl täten ihm einige Wochen dieser herrlichen starken primitiven Welt! Denn war sein Zustand der letzten Stunden anderes gewesen als ein nervöser Zusammenbruch? Bedenklich genug – bei seiner Jugend! Ja, heraus aus diesen papierenen Sorgen und Zweifeln! Den Leib von Meeresfluten umspülen lassen, ihn auf Küstenfelsen nackt der Abendsonne darbieten! Zu lange war dieserLeib bloße Hülle gewesen – Hülle eines Musikreferenten! Dessen Lebensgefühl sich bestenfalls eben an Papierenem erwärmt hatte. Und der darüber sträflich vergessen, daß er ein Menschlein war, nichts anderes, ein Menschlein mit einem hungernden Körper! In der Seligkeit dieses Sichbesinnens schlummerte Anasthase ein wenig ein – wie ausgequetscht von den vorangegangenen Exzessen und Spannungen. – –   Kaum wieder erwacht, wusch er sich, eilte auf den Bahnhof. Dort aber – er wußte nicht recht, was er zunächst eigentlich unternehmen müßte – schlenderte er dann, Hände in den Taschen, durch das dichteste Gewühl von Menschen. Die es alle höchst eilig hatten. Ihm 78 hingegen genügte es für den Augenblick durchaus, zu wissen, daß er mit dem nächsten passenden Zug München verlassen werde, und daß er sich zu diesem Zwecke bereits am ganz richtigen Orte befinde: auf dem Bahnhof. Und in dieser Gewißheit legte er, noch provozierender, in seine Haltung den Ausdruck, daß er Zeit habe. Aus einer der riesigen Tabellen mit Ankunfts- und Abfahrtszeiten, welche die Bahnhofswände vergeistigten, seinen Zug selbstmännisch herauszufinden, versuchte er erst gar nicht; Fahrpläne hatten ihm seit jeher Furcht eingeflößt. Wenn er überhaupt nach irgend etwas fahndete, dann lediglich nach einem Schalter mit der Aufschrift »Auskünfte« . . . Und ganz in dem Gefühl, daß er Zeit habe, blieb er schließlich stehen, um besser eine Gruppe zu beobachten, die sein Interesse wachgerufen hatte und die ihn belustigte: Zwei ungeschlachte triefäugige Barbaren schleppten einen langen, mumienhaft verpackten Gegenstand auf den Schultern, bahnten sich mit heiseren Warnungsrufen einen Weg durch die Menge. Ein älterer Herr – offenbar der Besitzer der Last –, groß und auch landesüblich beleibt, dessen Gesicht hingegen einem orientalischen Gelehrten angehören konnte, lief in größter Aufregung zwischen den beiden mit Elefantenruhe stapfenden Trägern hin und her, ermahnte sie mit beschwörenden Gesten zu größerer Behutsamkeit. Zwischendurch betastete er an verschiedenen Stellen ängstlich den vermummten Gegenstand und schien maßlos erleichtert, wenn er sich überzeugte, daß nichts gebrochen war. Jetzt stand er einen Augenblick still, wischte mit dem Taschentuch über die feuchte Stirn und starrte dabei mit den Augen 79 eines erschreckten Kindes – sonderbar, die Augen in dem so reifen, müden, klugen Gesicht! – auf die groben roten Tatzen der Lastschlepper; so, als würde er sie auf ihre Vernichtungskraft hin abschätzen. Dann wieder lief er nervös voran, um den Weg freizuhalten, schrie leise auf, wenn einer der unachtsam Vorbeieilenden trotzdem an den teueren Gegenstand anzustoßen drohte, kurz, er bot in seinem ganzen Gehaben ein pathologisches, doch vielleicht eben darum rührendes Bild. – Aus seinen etwas schwammigen Zügen las Anasthase zudem eine gewisse uralte Kultiviertheit heraus; und unwillkürlich schloß er aus diesem Umstande, daß auch der rätselhafte Gegenstand kein gewöhnlicher sein könne, daß seine Natur dieses Maß an Fürsorge vielmehr irgendwie rechtfertigen müsse. Und seine Neugierde war so stark gereizt, daß er auf seine eigenen Angelegenheiten völlig vergaß und weiter beobachtend neben der Gruppe herging. Diese war inzwischen in einen weniger belebten Teil des Bahnhofsgebäudes vorgedrungen, und im Gesicht des seltsamen Fremden hatte die qualvolle Spannung etwas nachgelassen. Mit einem Male jedoch – die Träger hielten vor einer auf die Straße gehenden selbstschließenden Flügeltür – rief er aus, mit erneuter Ängstlichkeit: »Warten Sie, warten Sie! Jetzt nur Vorsicht, ich bitte Sie!!« Stürzte an die Türe, hielt einen Flügel weit offen, maß mit verzweifelten Augen die Öffnung, konnte sich aber nicht entschließen, das Zeichen zum Durchschreiten zu geben. »I freili«, grunzte schließlich in unerschütterlichem Gleichmut der vordere Träger, »dös geht freili!« »Nein!! Es geht nicht!« schrie, schon nahezu im Diskant, der Fremde zurück. 80 »Nacher lossmas!« entschied mit beginnender Gereiztheit der hintere Träger. Hilflos und unschlüssig stand der Fremde. Da ergriff in einer jähen Regung von Gefälligkeit Anasthase den zweiten Türflügel, hielt ihn offen. Durch die so verdoppelte Öffnung konnte die Last nun ohne alle Gefahr hindurchgetragen werden; Anasthase erntete einen unsäglich dankbaren Blick. – In diesem Augenblick aber prallte der vordere Träger mit einem von der Straße hereinstürzenden Hoteldiener zusammen, der zwei riesige Koffer trug. Anasthase selbst erschrak heftig; und voll Teilnahme forschte er in den Zügen des Fremden. Der hatte einen jammernden Ton ausgestoßen und griff nun mit beiden Händen nach der Last, als könnte er damit die Erschütterung ungeschehen machen; dabei hielt er mit der Hüfte immer noch die Tür – sein Körper war wie in einem rechten Winkel gebrochen. Und mit schmerzlich verzerrtem Gesicht schrie er den vorderen Träger an: »Sehen Sie!! Sie tragen sie nicht gut! Sie Kuli!!« Der »Kuli« hatte gerade mit dem Hoteldiener einen Austausch der wüstesten Beschimpfungen eröffnet; auf diese eklatant ungerechte Beschuldigung hinauf aber wandte sich seine und seines Kollegen Gereiztheit – (sie hatten doch redlich geschuftet!) – sofort einmütig gegen den Herrn. »Nocher müassn's ös Eahna scho sölba tragn, Sö – – !« rief tiefverletzt der vordere, und der hintere Träger fügte voll tragischen Hohnes hinzu: »O mei – gib eahm a Marrrk, doss ea net greint!« Damit setzten sie die Last ohne alle Zartheit auf den Boden und trollten sich in feindseliger Haltung. Erst hatte der Fremde eine Bewegung vollführt, als wollte er ihnen nacheilen, sie. beschwichtigen, gleich 81 darauf schien er sich anders zu besinnen; er stellte sich schützend vor den Gegenstand. Sein Blick fiel in peinlichster Ratlosigkeit auf Anasthase, und schließlich wandte er sich geradewegs an ihn: »Aber – um Gottes willen – sie kann doch nicht hier, mitten in der Türe, stehnbleiben, da wird sie doch beschädigt!« – Anasthase empfand die Nöte des Fremden bereits ohne allen Spott mit, aber auch er wußte keinen Rat. Der Hoteldiener – auf einmal hatte er es nicht mehr eilig –, von den Trägern beschimpft und daher gallig gegen sie, schien den Ehrgeiz zu haben, sich von diesen »Saubatsis«, wie er die längst Fernen bezeichnete, vorteilhaft zu unterscheiden; er machte sich erbötig, dem Herrn beim Tragen behilflich zu sein. Aber der Fremde musterte mit einem mutlosen Blick die roten kraftstrotzenden Hände des Diensteifrigen und dankte verlegen. Statt dessen wandte er sich neuerdings an Anasthase: »Würden Sie nicht die große Güte haben? Ich wohne gleich um die Ecke.« Damit lud er aber auch schon den Vorderteil der Last behutsam auf seine Schulter. Anasthase machte es ihm mit dem anderen Ende genau nach – er fand nichts Absonderliches daran –, der Hoteldiener hielt den Türflügel offen, und gleich darauf standen sie ohne weiteren Zwischenfall auf der Straße. Sie bogen um den Bahnhof herum, übersetzten hastig die Straße, traten in ein Haus. Zu ebener Erde öffnete der Fremde eine Tür. In einem mit Altertümern vollgepfropften Vorraum setzten sie den Gegenstand ab. Der Fremde murmelte einige Male: »Vielen, vielen Dank!« Aber er schien zerstreut und blickte Anasthase nicht an. Hingegen trocknete er seine Stirn und betastete von allen Seiten das rätselhafte Ding, von dessen Natur Anasthase beim Tragen nur das eine festgestellt hatte, 82 daß unter den Holzleisten etwas Rundliches, Kühles verborgen war. Endlich schien der Fremde vom Ergebnis seiner Unternehmung erleichtert. »Nun – es scheint doch alles gut abgelaufen zu sein«, sagte er. Und jetzt erst blickte er Anasthase voll und mit freundlichem Lächeln ins Gesicht; bot ihm die Hand: »Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen, mein Herr. Die Kulis hätten sie mir schändlich hergerichtet!« Anasthase befand sich durch den ganzen Vorfall, durch die starke Sympathie auch, die er für den Fremden empfand, in einer seltsam gehobenen Stimmung. »Ich tat es doch sehr gerne!« erwiderte er mit größter Zuvorkommenheit. »Nur bin ich jetzt fürchterlich neugierig, muß ich gestehen. Was ist es denn eigentlich für eine Kostbarkeit?« »Sie sind Franzose, nicht wahr? – ach, das ist doch nicht zu verkennen! – Aber natürlich – – Sie können ja nicht wissen: Eine etruskische Vase aus dem Jahre 821 vor Christus ist es.« Nach dieser Auskunft schien er allerdings keine weiteren Berührungspunkte zu Anasthase mehr abzusehen; er stand in verlegen höflichem Schweigen, den Blick irgendwo seitwärts, und mit nervösen Fingern streichelte er die vermummte etruskische Vase. Anasthase sah wohl, daß es für ihn jetzt an der Zeit wäre, sich zu verabschieden; aber er konnte sich dazu nicht entschließen. Er war verliebt in den interessanten und zweifellos sehr klugen Menschen, und er stellte es sich allzu reizvoll vor, mit ihm noch einige Zeit beisammen zu bleiben. Statt nun im wenig heimlichen Menschengewühl des Bahnhofes von neuem nach dem Schalter »Auskünfte« zu suchen, dann ins Hotel zurückzukehren, den Abend dort zu 83 beschließen, oder im günstigsten Falle eben noch diesen Abend die Rückfahrt nach Paris anzutreten; die Nacht und fast den ganzen nächsten Tag allein und bedrückt von den unfreundlichen Gedanken an die Schmach seines Münchner Aufenthaltes! – Je länger Anasthase aber zögerte, die Abschiedsformel zu sprechen, desto unfähiger fühlte er sich, den Fremden und die Heimlichkeit, die von ihm ausging, zu verlassen. Wo er zu allem noch den unbestimmten Eindruck hatte, hier müßte all seine Not schwinden . . . Endlich hatte Anasthase etwas gefunden. »Sie scheinen da überhaupt eine wundervolle Sammlung zu besitzen, mein Herr«, bemerkte er. Und mutlos zitterte in seiner Stimme dabei der Ton einer elegischenWerbung. »Dürfte ich mir die Sachen nicht ein wenig ansehen?« Den Fremden schien dieser Wunsch in noch größere Verlegenheit zu versetzen; er blickte scheu und erschreckt. Ein sichtbarer Drang, dem netten jungen Franzosen Zuvorkommenheit zu beweisen, und furchtsame Abwehr huschten im Kampf über seine Züge. »Ja – recht gern – nur – – Es ist bestimmt nichts Sehenswertes!« entgegnete er unsicher, und eine nervöse Röte trat auf seine Stirn. Da, mit einem Male, glaubte Anasthase den Ursprung des Gefühls, das ihn so seltsam zu dem Unbekannten hinzog, gefunden zu haben: Das scheue zarte Wesen dieses Mannes mußte ihn irgendwie an den Vater erinnern . . . Und Anasthase, selbst doch alles eher als draufgängerisch, gewann an Sicherheit, da er den Vaterhaften in noch größerer Verwirrung sah. »Ich sehe, daß ich Ihnen aufdringlich erscheinen muß«, sagte er und schnitt alle höflichen Versicherungen des Fremden mit einer sehr 84 bestimmten Handbewegung ab. »Ich bin völlig fremd in München, fahre morgen nach Paris zurück. Ein Zufall, der vielleicht nur mit Unrecht als solcher bezeichnet wird, hat mir Ihre Bekanntschaft vermittelt. Unter so unverbindlichen Umständen, daß ich längst keinen offensichtlichen Grund mehr habe, noch weiter hier zu stehen. Als wenn ich auf ein Trinkgeld wartete. Das heißt – ich will offen sein – vielleicht warte ich tatsächlich auf etwas Ähnliches . . . nein, um Gottes willen, verstehen Sie mich nicht falsch, haha! Um es Ihnen kurz zu sagen: Ich hätte – ich weiß selbst nicht, wie ich dazu komme – aber ich habe den sehnlichsten Wunsch, den Abend irgendwie mit Ihnen zu verbringen!« Der Unbekannte lächelte – schmerzlich, wie es Anasthase vorkam –, doch er beeilte sich, etwas Zustimmendes zu antworten. Und unwillkürlich öffnete er auch die Tür zu einem angrenzenden Raum. Womit er Anasthase zum Eintreten einlud. Im gleichen Augenblick aber schien er sich scheu wieder anders zu besinnen. Ob es bei diesem warmen Abend nicht am Ende doch angenehmer wäre, ins Freie hinauszugehen, fragte er. Diese Lösung brachte auch Anasthase fühlbare Erleichterung. – Sie gingen. Nicht ohne daß der Unbekannte vorher noch mit einem Blick leisen Verzichts die etruskische Vase umfangen hätte; als wäre es ihm doch ungleich lieber gewesen, den Abend mit ihr zu verbringen. – Während er nun sorgfältig die Eingangstür verschloß, las Anasthase auf einem Messingschildchen » Saul Ring, Antiquitäten «. Da besann er sich auf gute Manieren: »Ach, verzeihen Sie vielmals,« bemerkte er mit Verbeugung, »daß ich bisher unterlassen habe . . . Mein Name ist Alfaric, ich bin Referent der ›Nouvelle Ere Musicale‹ in Paris.« 85 »Ring«, gab der Andere mit einer unfreien Verbeugung zurück. Indes – war es Anasthases Beruf, der ihm so sehr zusagte, oder war er froh, daß es ihm gelungen, wenigstens sein Haus hinter sich und dem Eindringling zu verschließen – er war von diesem Augenblick an ein Anderer: Befreit mit einem Schlage von aller Scheu, lebhaft und sicher im Gespräch, sprühend von Laune und Witz. So, daß Anasthase, der sich vor Erstaunen über die jähe Veränderung nicht zu fassen vermochte, Mühe hatte, diesem blitzenden Geist auf seinen oft versteckten, immer raschen Wendungen nachfolgen zu können. Wie wenig glich der Mann, der jetzt voll Sarkasmus, ja voll Zynismus das Gespräch führte, dem hilflosen Hausherrn von vorhin! Und wie wenig erinnerte er noch an den Vater! Das Umfassende seiner Betrachtungsweise und die großen Kenntnisse, die er – scheinbar ganz gegen seine Absicht – dennoch verriet, verwunderten Anasthase hingegen gar nicht; das alles hatte er vorausgesetzt. Noch interessanter wurde er Anasthase durch einen Vorfall, herzlich unbedeutend an sich: Auf ihrem Wege kamen sie an einem großen, strahlenden Café vorbei. Anasthase machte – weiß Gott warum – den Vorschlag, einzutreten. Und Saul Ring – hier dürfte nicht einmal Gott wissen, warum – stimmte nach einigem Zögern bei. Anasthase ging voran. Durch die Drehtüre. Und wartete im Lokal. Aber Saul Ring kam nicht nach. Sollte er etwa – –?! Von jäher Bitterkeit erfüllt – so beiläufig, als hätte die Geliebte ihn treulos verlassen – stürzte Anasthase durch die Drehtür wieder auf die Straße hinaus. Nein! Da stand er noch immer. Und lachte, als er Anasthases bestürzte Miene gewahrte. 86 Die sich nun freilich wieder aufhellte. »Ja, stellen Sie sich das nicht so einfach vor, Verehrtester!« rief er ihm entgegen, ein wenig fettig, aber voll bezwingender Heiterkeit. »Es ist nur fünfzehn Jahre her, seit ich ein solches Bollwerk der Behaglichkeit zum letztenmal betreten habe. Die Kultur hingegen schreitet schnell und – sagen Sie, was ist denn das für ein diabolischer Mechanismus jetzt, der mich immer wieder auf die Straße hinausschleudert, während er Sie anstandslos durchließ? Ist das etwa ein Strafautomat, haha, der nur auf Zivilisationsverächter wie mich einschnappt?!« »Ach – die Drehtür!!« lachte Anasthase verstehend mit; gerührt und von warmer Herzlichkeit für seinen weltfremden Begleiter durchdrungen. »Sie sind jedenfalls auf der falschen Seite eingedrungen. Das läßt die Vorrichtung sich natürlich nicht bieten! Bitte halten Sie sich diesmal genau hinter mir!« In diesem Augenblick spie die Drehtür einen älteren Herrn vom belanglosen Aussehen eines Konfektionsgeschäftsinhabers auf die Straße. Auf seinem feisten, glattrasierten Gesicht malte sich ein ungeheueres Staunen, da er Saul Ring erblickte. »Komplement, Herr Ring«, überschlug er sich. »Ja – Sie?! So was! Wie geht's Ihnen bittsi? Wie lang ham wir uns bittsi schon nicht gesehn?! Eine Ewigkeit mindestens!« Saul Ring gab den Gruß zunächst überhaupt nicht zurück. Erst, während er sich hinter Anasthase durch die Drehtür hindurcharbeitete, lachte er dem verdutzten Bekannten über die Schulter hinweg zu: »Allerdings! Bei der Assentierung, glaube ich, zum letztenmal!« rief er und nickte verabschiedend. Wo war dieser Mensch denn all die Jahre hindurch, 87 so unsichtbar? Und wie lebt er? – dachte Anasthase, der den Antiquitätenhändler schon nahezu geheimnisvoll fand. Im Café, eingekeilt zwischen geräuschvoll geschwätzige Tölpel, rückte Saul Ring mit großem Unbehagen auf seinem Sessel hin und her, schwitzte stark. Er war auch in kein nennenswertes Gespräch mehr zu ziehen. Da bemächtigte sich Anasthases Besorgnis, der unerfreuliche Aufenthalt hier könnte den scheuen Menschen für den Rest des Abends abschrecken – eine wahrhaft quälende Befürchtung! Denn seit er an dem sonst so unterrichteten Manne die Zeichen solch krasser Weltunberührtheit wahrgenommen hatte, warb er erst recht angelegentlich um seine Gesellschaft. Er zahlte daher in Eile und drängte selber zum Aufbruch. Sie gingen, die Luft war lau, in den Englischen Garten. Stunde um Stunde verplauderten sie dort auf Wegen und Bänken. Saul Ring sichtlich sehr angeregt. Mit nie ermüdender Anteilnahme ließ er sich von Anasthase über das heutige Frankreich berichten. Bald hatte er herausgefunden, daß der junge Mann Urteil allein in künstlerischen Fragen besaß, ja daß er außerhalb dieser Dinge fast von nichts wußte. So beschränkte er das Gespräch denn auf Kunst, endlich ausschließlich auf Musik. Anasthase war es recht: hier konnte er in Erstaunen setzen. – Er seinerseits hatte nicht lange gebraucht, um festzustellen, daß sein Inquisitor auf den verschiedensten Wissensgebieten und in verblüffendem Ausmaß unterrichtet war, und daß er dort, wo Anasthase besser beschlagen war – in Fragen der jüngsten Musik zum Beispiel –, mit einer geradezu gespenstischen Hellhörigkeit herausfand, was in seinen Ansichten nicht zu Ende 88 durchdacht war. War er Anasthase aber einmal auf eine Flunkerei draufgekommen, dann sparte er auch nicht mit Berichtigungen voll bösartiger Ironie. Was Anasthase in keiner Weise verletzte. Im Gegenteil; er nahm alles mit zufriedenem Auflachen hin . . . Ihm genügte es – und das war in seinem Leben gewiß zum ersten Male der Fall – einfach zu plaudern; es lag ihm in keiner Weise daran, irgendeine Erkenntnis aus dieser Unterhaltung davonzutragen. Er fand nur ungewöhnlich viel Vergnügen daran, vor diesem Saul Ring, der wie kein anderer zuzuhören verstand, gerade vor ihm sein ganzes musikalisches Wissen einmal auszubreiten. Er redete, redete so schwungvoll und eifrig, als ginge es um sein Leben. Und die tiefe Befriedigung, wenn er einen Autor oder ein Werk nannte, das der Andere nicht kannte! – Bis er endlich den Eindruck hatte, er habe sich nun genügend als Geistesmensch legitimiert. Da freilich hätte er es gerne gesehen, wenn nun Saul Ring seinerseits mehr aus sich herausgegangen wäre. Nur einmal bisher hatte dieser sich plötzlich am Problem entzündet und mit großer Schlagkraft einen Standpunkt vertreten, den gegenteiligen: Als nämlich Anasthase Mozart, und mit ihm die Musik des Rokoko überhaupt, als gedankenlos und darum wertlos bezeichnete. So durchdrungen Anasthase von dieser Überzeugung immer gewesen war und so verzweifelt er sich auch jetzt wieder wehrte: er mußte seinen Standpunkt schon nach kurzem aufgeben. Denn Saul Ring erwies sich als ein so tiefer und feiner Kenner des Rokoko, daß in seiner Darstellung sogar der (Anasthase grundzuwidere) Begriff von der »Anmut der Empfindungen« plötzlich Sinn 89 gewann und beinahe Reiz; ja daß er sich auf einmal sogar eine »anmutige Tragik« vorstellen konnte. – Mancher hatte schon versucht, Mozart gegen seine wütenden Angriffe zu verteidigen. Vergeblich. Anasthase konnte diese Musik einfach nicht ausstehen. Ein Mozartverehrer, maßlos gereizt, hatte ihn am Ende einer hitzigen Debatte sogar einmal Scheißkerl genannt. Vergeblich. Und jetzt auf einmal dieser Saul Ring! Einige Worte – und Anasthase verstand staunend das Rokoko, verstand Mozart. Freilich nicht ohne bitteren Geschmack auf der Zunge. – Als er noch staunte, hörte er Saul Ring hinzufügen: »Übrigens – Sie nannten da vorhin Darius Milhaud als einen der Ihrigen. Das ist doch wieder Mozart! Schwelgerisches, sorgloses, unproblematisches Drauflosmusizieren – ausgesprochen mozartisch! Oder nicht?« Das saß. »Nnnnnnn–un: ja!« konnte Anasthase nicht anders. »Bestimmt. In der Art, im Stil. Nur – –: Indem die Form – bei Milhaud von völlig neuartiger Harmonik erfüllt – vergessen gemacht und vergeistigt wird, ist es doch wieder etwas wesentlich Anderes . . .« Da blickte Saul Ring ihn von der Seite spöttisch an: »Bequem! Die eineinhalb Jahrhunderte, die dazwischen liegen, bei der Beurteilung einfach fortzulassen. Sie werden zugeben, daß – –« »Ja. Ich gebe zu!« rief Anasthase. Denn er fühlte selbst nur zu deutlich, wie er da entgleist war. Nach einigen Minuten Schweigens, in welches Saul Ring leise hineinlachte, setzte er dann in bekümmertem Ton hinzu: »Ach – was gewinne ich aus dem allem wieder anderes als die Überzeugung, wie schwer, wie unmöglich beinahe es eben ist, in Kunstfragen eine Formel zu finden – eine 90 Formel nämlich, die auf jedes Beispiel anwendbar wäre! Wenn ich schon bei der Beurteilung Mozarts stolpere, zu dem wir Heutigen doch fraglos schon Distanz gewonnen haben, was denn erst . . . –! Teufel, seit Jahren – seit Jahren , Herr!! vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht ohnmächtig wütend erkennen müßte, wie ich, statt ihr näherzukommen, mich ständig weiter von einer Lösung der Frage Wagner . . .« Betroffen vergaß Anasthase den Satz zu vollenden. »Nun? Was ist es mit Wagner?« beharrte Saul Ring. Anasthase schwieg. – Sollte dieser Saul Ring ihm vom Zufall nicht zugeführt worden sein, damit er ihm zu der ersehnten Klarheit verhelfe: zu einer sachlich befestigten Einschätzung Richard Wagners? Ein Mensch, dem es gelungen war, ihm den Geist der Mozartschen Musik in kurzem so nahezubringen, vermochte vielleicht sogar . . . Wagner . . .?! Und mit dem Ungestüm eines Verzweifelten, dem sich plötzlich doch ein unerwarteter Hoffnungsstrahl zeigt, begann Anasthase die jahrelange Qual seines Schwankens zu schildern; wie er, überzeugt von der Verlogenheit und Übertriebenheit der Kunst Wagners, von ihrem Feueratem doch immer wieder hingerissen wurde. Wie dieser Zwiespalt aber nicht lange auf die Frage Wagner beschränkt blieb, sondern bald verhängnisvoll an die Kernfrage rührte, rühren mußte: Gibt es eine moderne Musik – und was ist ihr Wesen? – Daß er, immer, wenn er Antwort auf diese Frage geben sollte, von Scham ergriffen wurde, wenn er, der die neue Richtung gerade durch das Unfeierliche und Unpathetische gekennzeichnet sah, sich da auf seine eigene fatale Wagnerbegeisterung besann. Die seine gesamte Kritik in Frage stellte. 91 Denn eines war ihm nur zu klar: Fand man wirklich und wahrhaftig Geschmack an der neuen Kunst, dann mußte, mußte man Wagner abscheulich finden. Oder umgekehrt. Aber doch jedenfalls eines von beiden! Bei ihm aber war es so, daß er, der im Modernsten, ja im Extremsten wurzelte, natürlich auch eine einleuchtende Begründung fand, warum Wagner heute abzulehnen war; daß er in seinem Empfinden sich aber doch nie der zwingenden Wirkung verschließen konnte, die das teuflische Blendwerk dieser Kunst auf ihn ausübte. War er also minderwertig, kritiklos? Dann hatte er seinen Beruf verfehlt! Oder neigte er gar nicht zur Moderne, sondern eben zu der Art Wagners hin? Beziehungsweise umgekehrt? Und wenn – ob so oder so –, inklinierte er mit oder ohne Berechtigung? Oder ließe sich am Ende doch beides irgendwie in Einklang bringen? Nein! Gewiß nicht! – Oder doch? Herrgott, wo war da ein Ausweg!??! Saul Ring hatte anfangs, als er sah, daß Anasthase Miene machte, sich länger über Wagner auszulassen, ein starkes Unlustgefühl verspürt. Für ihn hatte es da niemals Zweifel gegeben. Ein zu klarer Fall, der »Fall Wagner«, um sonderlich interessant zu sein! Jetzt aber, da er aus Anasthases Darstellung herauszufühlen begann, daß es sich bei ihm um mehr als um ein gewöhnliches Problem handelte, daß es vielmehr fast ein Schicksal war, das der junge Franzose vor ihm aufrollte – da hörte er aufmerksamer hin. Und schließlich riß ihn Anasthases Hitze so weit mit, daß er selbst fast mit Leidenschaft von der Frage ergriffen wurde. Nur fehlte der Diskussion von Anfang an die gemeinsame Basis. Saul Ring, fähig, sich unverirrbar in die 92 geistige und künstlerische Betätigung jedes Zeitabschnittes historisch einzufühlen, beurteilte somit auch Wagners Kunst ganz aus der Gedanken- und Empfindungswelt ihrer Zeit heraus. Wohingegen die Argumente Anasthases bald völlig vom Geiste des »Heute« bestimmt waren. Dadurch wurde Anasthase auch immer hitziger zum Angreifer, und Saul Ring, im Bestreben, den Boden einer kühlen Sachlichkeit doch nicht ganz zu verlieren, allmählich in die Verteidigung Wagners gedrängt. Wenn es ihm zeitweilig zu Bewußtsein kam, daß er hier den Anwalt Richard Wagners spielte, konnte er freilich nur mit Mühe den Ernst bewahren. Denn seine Geistigkeit war stets in unbeeinflußbarer Weite entfernt von der Welt Wagners gelegen. – Erst nach einigen Stunden Aneinander-vorbei-Redens, während welcher Anasthase, im Bestreben, einzelne Melodien und Motive möglichst klangfarbengetreu zu zitieren, durch ein Aufgebot an höchst grotesken Stimmeffekten mehrere in den Parkanlagen nächtigende Liebespaare und Bezechte aufgeschreckt hatte, gelang es ihnen endlich festzustellen, daß man auf diese Weise zu keinen bestandfähigen Ergebnissen gelangen könnte. Als sie, schließlich doch ermüdet, im Morgendämmern heimgingen, entdeckte Anasthase am Maximiliansplatz irgendwo angeschlagen: BAYREUTHER WAGNERFESTSPIELE. Darunter das Bild einer Brünhilde in jägerisch vorgeneigter Haltung. Bei diesem Anblick blieb Anasthase stehen, verzerrte leicht selbstparodistisch das Gesicht und schüttelte drohend die Faust gegen das Plakat. Sehr zur Belustigung Saul Rings. Plötzlich wieder ernst, 93 erklärte Anasthase, eigentlich müßte er Wagner einmal in Bayreuth gehört haben. Vielleicht käme er gerade dort von dem »verhaßten Charmeur« los. Denn bei den sonstigen unzulänglichen Durchschnittsaufführungen sei er stets geneigt, alle Mängel weniger auf das Werk als auf die unvollkommene Wiedergabe zurückzuführen. In Bayreuth aber fiele das weg, er könnte also einmal streng und mitleidlos die Mängel des Werkes feststellen und – hoffentlich! – Wagners endgültiges Todesurteil in sich bilden. Sobald Anasthase diese Idee gekommen war, ließ er auch nicht mehr nach, in Saul Ring zu dringen, daß er ihn auf dieser »Pilgerfahrt« begleite. Der erschrak und lehnte ab. Aber Anasthase bat mit so düsterer Glut, daß einige Vorbeigehende erstaunt stehenblieben und in Unkenntnis der Sachlage eher zu vermuten schienen, ein Korse bewege da einen schwäbischen Landgeistlichen orientalischer Physiognomie, daß er ihm bei der Vollstreckung einer Blutrache an die Hand gehe. – Und vielleicht hatte die geplante Reise für Anasthase tatsächlich einen ähnlichen Charakter. Seit Jahren setzte er nun ungeheuerliche Anstrengungen daran, als beglückt überzeugter Verfechter der neuesten Kunstrichtung von Wagner endlich auch innerlich abzurücken, gegen den Reiz seiner Visionen kühl unempfänglich zu werden und seinen Traum zu verwirklichen: nämlich selbst in der glanzvollsten Götterdämmerung nur noch mit feinem Lächeln, die Beine übereinandergeschlagen und mit der Schuhspitze leicht taktierend, im Rezensentenfauteuil zu liegen und im Wohlgefühl dekadenter Verfeinerung – ähnlich wie im Zirkus – den Eindruck zu haben: hier wird jetzt, in einem Käfig, ein 94 schillerndes und feuerspeiendes monströses Vieh vorgeführt. – Bisher war alles vergeblich gewesen. Jetzt wolle er ein Letztes unternehmen, von dem er sich Heilung verspreche, so paradox es auch scheine: – Bayreuth! »Sagen Sie, Herr Alfaric –«, sprach Saul Ring den Entrückten an. »Wenn Sie, statt solche Wunschträume zu spinnen, zum Beispiel die gleiche Leidenschaft daran setzten, Wagner etwas mehr als Historiker zu erfassen, schiene Ihnen das nicht am Ende doch zweckmäßiger?« Anasthase starrte ihn an, etwas aus der Fassung. Freudig durchfuhr ihn dabei ein Erschrecken: Halt! dachte er, Wagner einfach historisch nehmen! War damit der ersehnte Ausweg nicht bereits gefunden? Aber natürlich! Das Wagnersche Gesamtkunstwerk als historische Zeiterscheinung betrachtet – wie die Oper Glucks etwa, zweifellos genial also, wenn man nur den Geist einer längst verflossenen Epoche darin zu erkennen sucht, doch im höchsten Maße unaktuell, unverdaulich und unfaßbar dem heutigen Menschen – – das barg dann keine Zweifel mehr und keinen Zwiespalt zwischen Überzeugung und Empfinden! Wie war er nur auf diese ureinfache und einleuchtende Lösung nicht schon längst gekommen?! So dachte Anasthase. Aber so freudig dieser Gedanke ihn auch berührte, er ließ nichts davon laut werden. Merkwürdigerweise. Und er tat gut daran. Denn Saul Ring hätte gewiß einen naheliegenden Einwand erhoben, der auch Anasthases Zuversicht rasch wieder vernichtet hätte. Vielleicht war Anasthase im Innern aber selbst nicht so sehr überzeugt. Denn was er endlich antwortete: »Wie dem auch sei, jedenfalls auf nach Bayreuth!« Und das sagte er nicht ohne Pathos. – 95 Saul Ring begann schallend zu lachen: »Da haben Sie nun eben im Ton, in dem Sie das sagten, eine der Ihnen so unangenehmen Aktschlußsteigerungen vollführt. Schämen Sie sich, Sie Wagnerianer! Haha!« 14. Der Zug nähert sich Bayreuth. Anasthase und Saul Ring stehen mit Anderen am Fenster. Die Gegend hat Reiz. Ein Mitreisender macht auf ein rotes Ziegelgebäude aufmerksam, das trostlos die Stadt übersteigt: Das Festspielhaus! »Ha!« lacht Anasthase trocken auf, aber in seinem Blick irrlichtert es. »Die Scheune!« lacht auch Saul Ring, jedoch wohlwollender. – Sie schlendern durch die Stadt. Saul Ring wittert Rokoko, ist von den Gebäuden der alten und neuen Residenz beglückt, sucht in alles Versperrte einzudringen. Anasthase hingegen betrachtet nicht ohne Feindseligkeit den überall zur Schau gestellten Wagnerkult: Bildnisse, Büsten des Meisters, mit oder ohne Franz Liszt. Familie Wagner in all ihren Verzweigungen, Bayreuthsänger und -dirigenten auf Postkarten. In den Schauläden: Festspielhaus-Standuhren, Wagnergrab-Briefbeschwerer und sicherlich vieles andere noch. Immer, wenn Anasthase etwas Derartiges entdeckt, macht er auch Saul Ring darauf aufmerksam. Der aber macht den Eindruck, als befände er sich in einem Residenzstädtchen Bayreuth irgendwann im 18. Jahrhundert und als sähe er nichts 96 von der Wagnerindustriestadt, die ihn tatsächlich umgibt. Unwillkürlich neidet Anasthase ihm diesen historischen Sinn und sucht seine Versunkenheit in die Spuren des Rokoko zu stören. »Sie sehen das Beste nicht, Herr Ring!« spottet er. »Wollen Sie sich nicht so einen Wagnergrab-Briefbeschwerer zulegen, oder einen Gralsbecher? Nicht? Also vielleicht einen Trenchcoat Marke ›Holländer‹! Auch nicht? Na, hören Sie! Ha, aber da sehe ich etwas: Virile Kraftpillen Marke ›König Marke‹!« Saul Ring lächelt: »Sie sind schon durch Ihre eigene üppige Phantasie zum Schlachtopfer der Neuromantik vorherbestimmt, Verehrtester!« Damit läßt er Anasthase aber auch schon wieder stehen, setzt über die Straße, um drüben einen alten Brunnen eingehend zu betrachten. Anasthase folgt ihm langsam nach. Er fühlt deutlich, daß der Antiquitätenhändler der Reichere von ihnen beiden ist; daß er sich auch gerade jetzt wieder bereichert, indem er, ein Kulturinsekt, seinem Geist Werte aus den Ruinen dieser alten Stadt saugt – blind für alles Gegenwärtige. Während Anasthase selbst nur den Kitsch, das Philiströs-Patzige der Wagner- und Fremdenstadt zu sehen vermag. Wahrnehmungen, die ihn bestenfalls zu billigem Spott anregen. Und in der nämlichen Gereiztheit, die den zwar begabten, doch schlechten Schüler befallen mag, wenn er den Klassenersten in ernste schulmäßige Arbeit vertieft sieht, drängt etwas auch Anasthase, Saul Rings Geist vom Reich dieses fernen Jahrhunderts abzulenken und mit dem Mist seiner eigenen Beobachtungen zu erfüllen. Hierzu genügte ihm bald das Tatsächliche nicht mehr: er erfindet. »Kommen Sie, Herr Ring! Blicken Sie der Gegenwart mannhaft ins Auge! Eine ganze Volkswirtschaft sehen 97 Sie hier, die sich der Ausgeburten der P. T. Richard Wagnerschen Phantasie bedient, um ihre Gewerbe möglichst ausdrucksvoll zu bezeichnen. Wenn Sie zum Beispiel nur die Schilder an den Häusern ein wenig Ihrer Beachtung würdigen wollten! Da haben Sie die Wechselstube ›Rheingold‹, die Tanzdiele ›Venusberg‹, das Heiratsvermittlungsbüro ›Hunding‹ . . .« »Hören Sie auf, Sie respektloser Gallier!« lacht Saul Ring auf; die genaue Kenntnis der Wagnerschen Symbolik, die in dieser verzerrten Aufzählung immerhin liegt, bereitet ihm Spaß. »Dabei kann Ihre bösartige Liste nicht einmal Anspruch auf Vollständigkeit erheben,« setzt er lachend hinzu, »solange Sie den Protestverband ›Grane‹ der oberfränkischen Droschkenkutscher gegen die Ausbreitung der Mietautos übersehen!« Anasthase bewahrt komisch ernste Miene: »Daran ist nur Ihr Übereifer schuld, geschätzter Herr Kollege, der Sie mich vorzeitig unterbrechen ließ. Denn ich hatte ja meine Liste eben erst begonnen. Da ist also weiters die Treuhandgesellschaft ›Wotan‹, die Baugenossenschaft ›Wahnfried‹, der voreheliche Keuschheitsmädchenbund ›Walküre‹, die . . .« »Einen Augenblick!« fällt Saul Ring ein – er ist selbst bereits vom Eifer des Spieles ergriffen. »An dieser Stelle müssen außerdem genannt werden: die Ehefrauliga ›Fricka‹ gegen die Überhandnahme von Polygamie und Inzest, sowie der . . .« ». . . die Privatklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten ›Amfortas‹, ferner das kürzlich über sittenpolizeiliche Verfügung gesperrte Familienbad ›Rheintöchter‹!« sprudelt Anasthase lustig hervor. Saul Ring blickt strafend auf ihn: »Lassen Sie diesen 98 Zweig der Volkswirtschaft, Sie Traumerotiker! Halten Sie sich mehr ans Kulturelle: die Verlagsbuchhandlung ›Beckmesser‹ dort, oder . . .« ». . . die Kochschule ›Mime‹ vielleicht?« reißt Anasthase das Wort sofort wieder an sich. Es ist bereits ein Wettstreit der Einfälle! Saul Ring ist durchaus nicht gesonnen, sich schlagen zu lassen. »Oder von gesellschaftlichen Einrichtungen: der Kegelklub ›Walhall‹«, setzt er fort. »Haha«, lacht Anasthase beifällig. »Wie steht es mit der Tischgesellschaft zur Pflege gesunder Grobheit ›Jung Siegfried‹?« »Ist kartelliert mit der Ferialburschenschaft ›Gibichungen‹!« gibt Saul Ring, höchst angespornt, zurück. Einer sucht den andern zu übertrumpfen. Es geht Schlag auf Schlag. »Ein kommerzielles Unternehmen mit einem Schuß Mystik stellt die Kartenaufschlägerin ›Erda‹ dar«, spielt Anasthase aus. »Das gleiche, nur ohne diesen Schuß Mystik: Informationsbüro ›Loge‹!« trumpft Saul Ring. »Sozialpolitisches: Der Hausbesitzerverband ›Fafner‹!« »Dienstbotenorganisation ›Kundry‹!« »Unsozial: der Bergwerkstrust ›Alberich‹!« »Na, vor allem doch die Großbank ›Götterdämmerung‹!« Hier aber stutzt Anasthase. »Wie ist das?« erkundigt er sich. »Da verstehe ich nicht die . . .!« »Geschlagen!« jubelt Saul Ring. Und im Wagnerschen Tonfall erklärt er ihm: »Euch Einlegern dämmert ein Tag . . .!« »Ach so!« begreift Anasthase. »Die Pleite!!« 99 Jetzt lachen beide, laut und herzhaft. »Kommen Sie!« endet Saul Ring. »Nach dieser Geistesgymnastik kann uns selbst ein Mittagessen nicht mehr allzu schläfrig für den ›Tristan‹ machen.« »Alles in allem jedoch –« setzt Anasthase im Weitergehen ernster hinzu, »hat mich in meiner Bedrängnis nicht sicherer Instinkt geleitet, als ich erkannte, daß ich, gerade ich einmal nach Bayreuth gehen müßte? Wo sonst in der Welt könnte mir der Wagner unfehlbarer verekelt werden?« Diese Folgerung belustigt Saul Ring. Immerhin glaubt er hier berichtigen zu müssen: »Wenn Sie finden, daß Wagners Schöpfungen es nicht verdienen, gegen ihre Auswirkungen ins Pfahlbürgerliche hin abgegrenzt zu werden – – hm –?!« Anasthase aber brummt bloß etwasUnverständliches. –   Sie speisen in der »Wolfsschlucht«. Das Lokal ist harmlos und freundlich; doch einiges vom Grauen des zweiten Aktes »Freischütz« weht aus den Speisen. Anasthase verschüttet etwas von der Tunke seines Sauerbratens aufs Tischtuch. Zum Schutz seines Rockes breitet er die Papierserviette über den Fleck. Als er sie nach einer Weile wegziehen will, ist sie wie an den Tisch genagelt. Mit komisch verzerrtem Gesicht macht er den Freund darauf aufmerksam. Der lacht, vom Essen weniger geistvoll: »Klebt, leimt, kittet alles! Was wollen Sie mehr?« – »Ein Weihespiel!« berichtigt Anasthase, düster. Der Wirt macht sie auf eine Gesellschaft aufmerksam, die geschwätzig an den Nebentischen tafelt. »Lauter Bühnenkünstler!« erklärt er mit vor Achtung gepreßter Stimme. Immerhin interessiert, sehen sich die Freunde 100 um. Da geht der Wirt mehr ins Detail: »Die, was jetzt grad trinkt, dös is die, was heut abend die Brunhült singt!« Erschreckt fährt Anasthase in die Höhe: »Heute ist doch ›Tristan‹?!« – »Freili!« bestätigt ihm der Wirt und eilt an den nächsten Fremdentisch. Anasthase wendet sich Saul Ring zu: »Es wäre immerhin interessant zu wissen, wie die Darsteller selbst sich zu dem Werke einstellen!« Saul Ring aber scheint bühnenerfahrener: »Die Kulis da?« höhnt er. »No, ich bitte Sie! –« Da winkt ihm Anasthase lauschend ab: »Paß nur auf, Miazerl, daßt nächstens net vom Striackerl abifallst und darsäufst!« schwelgt eine sonore Baritonstimme am Nebentisch in ihrem eigenen Klang. »Waas?« erkundigt Anasthase sich bei Saul Ring, mit lächelnder Befremdung; er ist keineswegs im Bilde. »Sehr einfach!« erläutert ihm dieser belustigt. »Der Bariton da zittert jedenfalls für das Leben dieser Rheintochter!« Da – ein weicher, melodischer Sopran: »Die Inge Fahlström – Gschwandtner Peppi heißt sie eigentlich – hat auch gedacht, sie singt schon in Bayreuth. Jetzt ist sie in Königsberg!« Idiotisches Kichern. Nun erknarrt ein kerniges Männerorgan: »Protektionswirtschaft der janze Festspielbetrieb! Mich haben sie hier jesehen! Den Melott, den solln sie sich nur man selber singen! Fürs kommende Jahr habe ich schon den Kontrakt mit der Metropolitan in der Tasche. Tja!« Ganz neben Anasthase bereitet ein Riese mit schütterem Haar und einem riesigen Wollschal eben eine Rede von vorauszusehender Wucht vor; er kneift die Augen ein, blickt, als spräche er bereits, wie nach Zustimmung 101 in der Runde umher, hebt die Faust mit steil weggespreizten Daumen an die Brust. »Wonn i –«, er beschreibt mit dem Daumen kleine, inhaltsvolle Kreise. »Wonn i nur wolln hätt! Mi hat dar Siegfried bitt und bettelt, i soll den Wotan singen, h –aber i hab net wolln! Für mi is a weit a erhebendares Gfüij, in Baireith im Chor mitzuwirken, dös kann i scho sagn! In Baireith is ja e dar Chor 's peste!« »Zahlen!« ruft Anasthase. Saul Ring sucht ihn zurückzuhalten; er ist durch die Verdauung träge gestimmt. »Warum?« tadelt er den hitzigen Anasthase. »Das ist doch sehr interessant!« Doch Anasthase hat sich bereits erhoben; entschlossen wehrt er ab: »Nein. Gehen wir! Sie scheinen den Zweck meines Hierseins zu verkennen, Herr Ring! Diese Gespräche seiner Interpreten könnten mich am Ende meinem verehrten Feind Wagner wieder näherbringen!« »Versteh ich nicht ganz!« macht Saul Ring stirnrunzelnd. »Nun, sehr einfach! Wenn ich da noch eine Weile zuhören muß, welche Albernheiten die Gemüter derselben Leute beschäftigen, die uns in wenigen Stunden vielleicht die Illusion der Tristangestalt oder jener der Isolde überzeugend vermitteln werden, dann erschiene mir die Vereinsamung des Schöpfers vielleicht so sublim, und sein Bedürfnis, sich in eine zwar grundverlogene, doch immerhin noch bessere Götter- und Heldenwelt zu retten, so einleuchtend, daß ich stärker als jemals mit Wagner empfände. Was ja nicht gerade mein Wunsch sein kann.« Saul Ring setzt eine komisch gequälte Miene auf: »Gnade, Verehrtester! Ihre psychologischen 102 Spitzfindigkeiten beginnen mir unheimlich zu werden!« Scheinbar ist er etwas gereizt, daß er die Verdauung unterbrechen muß. – Eine halbe Stunde vor Beginn nehmen die beiden Pilger ein Taxi und lassen sich zum Festspielhügel hinauffahren. Zu beiden Seiten einer kaum unterbrochenen Reihe von Automobilen – meist prunkvolle Karosserien – eilen Fußgänger die Allee hinan. Die Fassade des Theaters wird sichtbar; die Freunde sind von ihrem Eindruck angenehm überrascht. Da vollführt der Wagen plötzlich eine Schwenkung – silberbeschlagene Pickelhauben – Richtungszeichen von Händen in weißen Handschuhen – der Wagen steht. Sein Schlag wird aufgerissen. »Das ist mir noch nicht passiert, daß so viele Uniformen sich um mich bemüht haben!« glossiert sich Saul Ring beim Aussteigen. Er trägt einen weißen Tropenanzug; es ist wegen der Konzentrationsfähigkeit. Bei Kunstgenüssen verträgt er keine Hitze. »Fürchten Sie nichts,« beruhigt er den begräbnisfeierlich gekleideten Anasthase, »man wird mich für einen südamerikanischen Krösus halten. Aber jetzt wollen wir uns die Elégance hier ansehen! Es interessiert mich doch, die Leute zu sehn, die demnächst hängen werden!« Doch das Gepräge ist nicht so großbourgeois, als die Freunde erwartet hatten. Vielmehr herrscht der Eindruck: hier wird eine nationale Ehrenangelegenheit ausgetragen. Martialische Herrengesichter mit Schmissen – an Smokingröcken prunkende Eiserne Kreuze –, schlichtgekleidete Frauen mit strenggekämmtem, langem Haar – und Schüler mit abgeschorenen Schädeln, auf welchen dennoch Scheitel angedeutet stehen: aus einem 103 Brennpunkt über der Stirn strahlt nämlich nach beiden Seiten zielbewußt je eine Reihe von wenigen Haaren schräg in die Luft. – Unter den Fremdsprachigen ragen durch Menge und körperliche Höhe auch hier die Briten hervor. Versöhnen jedoch durch die Anmut und Zartheit einzelner mitgeführter Mädchenexemplare mit der Trostlosigkeit, die ihre Gattung um sich zu verbreiten pflegt. Da und dort, grazil und duftend, schwebt eine Wolke höhere Welt: Eine Pariserin!! Man sucht in ihre Nähe zu gelangen, gewissermaßen an ihrer Sphäre zu saugen – da spricht sie Berlinerisch. Trotzdem – ! Doch eben entsteigt einem schimmernden Auto eine weißhaarige Frau von dunklem Teint, in einem reichen, exotischen Gewand. Ah! – – Sogar der vorbeigehende König von Bulgarien kommt durch sie um seinen Effekt. Einzig Saul Ring blickt ihm nach. »Wo der sich wohl das Geld für die Karte ausgeborgt haben mag?« erkundigte er sich bei Anasthase. Der lacht, rät ihm aber: »Seien Sie auf der Hut, Herr Ring! Borgen Sie ihm nichts, falls er Sie anpumpt!« Schon ist sein Interesse aber wieder von einzelnen Persönlichkeiten gefesselt: charakteristische Köpfe, die er aus illustrierten Zeitschriften bereits kennt. Auch ihm gänzlich Unbekannte fallen ihm jedoch auf; im Abglanz einer gewissen Geistigkeit treten ihre Erscheinungen aus dem Gewimmel hervor. Bedeutende Dirigenten, Autoren, Künstler vermutlich. Anasthase fährt herum – hinter ihm war der Name Kͅenek geflüstert worden. »Was macht der in Bayreuth?« bemerkt eine Spröde mit Hornbrille, »der müßte seine Anregungen doch eigentlich in Afrika suchen!« In diesem Augenblick wird der für Kͅenek gehaltene junge Mann von einem anderen freudig begrüßt: »Grüß Sie 104 Gott, Herr Riesel, schau, schau! Ja wie kommen denn Sie daher? Sind Sie noch immer bei Schenker \& Co.?« »Nu, denn nich Kͅenek, sondern Riesel«, resigniert die Hornbrillenschlange mit Gleichmut. Jetzt folgen die Autos mit Festspielbesuchern schon in Viererreihen und fast ohne Zwischenräume aufeinander; die Verkehrsbeamten haben rote, feuchte Köpfe. Seitlich von der Auffahrt drängt sich die Bayreuther Bevölkerung. Um ihr Festspiel zu genießen: Das Aussteigen der Fremden. Da erscheinen am Balkon des Festspielhauses einige harmlose Gestalten in langen schwarzen Bürgerröcken und mit Blechinstrumenten bewaffnet. Gleich darauf ertönt ein Tristanmotiv, roh und militärisch geblasen. Anasthase strahlt: »Ich freu mich, daß ich hier bin. Beste Hoffnungen, endlich einmal wirkungsvoll gegen die Wagnerseuche geimpft zu werden!« Das Publikum strömt ins Haus. Saul Ring gibt einer gewissen Befriedigung über das einfache stilvolle Innere Ausdruck. Doch Anasthase hört nicht mehr recht, was er sagt. Er ist sonderbar erregt. Die Stätte übt eine Wirkung auf ihn, deren er sich vergeblich zu erwehren sucht: Ein tiefer, feierlicher Ernst dringt aus ihr und greift auf ihn über. Anasthase verwünscht sich. Sollte er etwa hergekommen sein, nur um sich zu überzeugen, daß diese verruchte Kunst in vollendeter Wiedergabe ihn noch stärker hinreißt als sie es sonst schon tat?! Dann verdiente er wirklich, künftig bloß noch Donizetti zu hören! Eines verspricht er sich: nüchtern und skeptisch will er bleiben. Sollte die Überzeugungskraft des Werkes sich trotzdem als stärker erweisen wie sein Wille, nur 105 tönende Höhlheit daraus zu entnehmen, dann –! Ja – was dann? Langsam verlöschen die matten Lichter. Einiges Sitzegeklapper, Zurechträuspern noch – dann Grabesstille. 15. Aus einem unsichtbaren Orchester quillt Ton: Dunkler, schwermütiger Streicherklang streift eine Tiefe an, nur um sich aus ihr emporzuheben und eindringlich satt zu verharren – – ein schicksalschwerer Akzent – und die Frage erlischt in zwei Halbtönen. Schweigen. – – Die Melodie schien aus dem Erdinnern gekommen zu sein. Oder aus dem Weltraum. Anasthase legt sich's wie eine Ahnung von »drüben« um die Brust. – Zum zweitenmal steigt sie auf, höher und drängender. Holzbläser träumen diesmal den beiden Schlußtönen nach. Und noch einmal der gleiche Gedanke, noch bestimmter und tönender geäußert. – Dann strömt breit Wohllaut aus den Cellis, reißt anschwellend viele Stimmen mit sich. Auch er verklingt, mutlos und müde. Und in seinem Schweigen noch hebt zwischen Streichern und Holz ein Spiel an, ein Spiel von ja und nein, fragend und antwortend. – – Jetzt aber – die Musik wird unaufhaltsam dichter, leidenschaftlicher. Tonwolken ballen sich zusammen. Ein Orkan hetzt sie vorwärts. Erregung pfeift immer von neuem in Geigenläufen hinan. Glut bricht aus Hörnern, Trompeten, Posaunen: Taumel – – Anasthase schwebt irgendwo, bodenlos, von Ungeahntem getragen. Plötzlich versieht er sich dessen. »Verflucht!« stößt er zwischen den Zähnen hervor. Aber besiegt und 106 von neuem entführt. – Die Musik jauchzt, flammt, rast auf der Höhe. Breite, absteigende Geigenstriche stürzen sie in die Tiefe. Matt und todestraurig zieht sich eine apathische Weise am Boden . . . Der Vorhang rauscht. Helle . . . Anasthase schrickt zusammen, sucht sich zu besinnen: Was war das? Ach – Bayreuth – Tristan! Das Lichtvolle dort – die Bühne: Schiffszelt von königlich steifer Pracht . . . Fernher eine Stimme. Eine wunderbar helle freie Männerstimme. Anasthase erinnert sich plötzlich nicht mehr, wem sie gehört. Was tut's auch? Sie klingt. Unirdisch voll Reiz. Es soll wohl etwas Lustiges, Keckes sein, dieses Lied. Und wirkt doch wehmütig. Nur deshalb, weil es so schön klingt? Ruft alle Schönheit in unsern Sinnen Traurigkeit wach? Aber, nicht denken jetzt! Nur lauschen! Bald ist der Zauber zu Ende; was dann bleibt ist ohnedies – alles Elend der Gedanken . . . Was regt sich das Orchester so synkopisch auf? Und die machtvolle Weibesstimme? Richtig – Isolde! Und das Lied vorhin, das mutvoll sehnsüchtige, war das Lied eines jungen Seemanns gewesen. Schade, daß alles das Sinn haben muß! – Was ist's mit Isolde? Das Orchester schäumt, von ihrer Stimme glanzvoll überboten. Ach ja! – die Fabel: Von Tristan verschmäht, ihr Stolz zerbrochen, ihr Weibtum nur noch dem Greisen wert, dem dieses Schiff sie zuträgt. Das Schiff, das – Tristan! – steuert. Abrechnen mit Tristan! Ihn gedemütigt sehen, den verächtlichen Knecht seines Königs Marke! – so rast Isolde in Selbstzerfleischung. Anasthase berührt es widerlich. Das Weib und die konventionelle Dramatik der Musik. Aber die Stimme muß er bewundern und das Orchester. Das unerhörte Orchester. Da ist wohl Vollendung, Erfüllung 107 eines kühn geträumten Wunsches. – Aber dort – die zarte Frau mit den großen Augen und den Bewegungen einer ganz jungen, besorgten Mutter –: Brangäne. Sie ist schön. Ein ganz persönlichkeitsloser Schatten. Viel schöner ist sie als Isolde, die zu beruhigen sie in stiller Dienstseligkeit bemüht ist. Tristan ist zu begreifen, denkt Anasthase, wenn er diese laute Isolde mit möglichst viel englischen Seemeilen Stundengeschwindigkeit seinem alten König zuführt! An seiner Stelle würde er eine so königliche und hochdramatische Frau in einer edlen Regung nämlich gleichfalls irgendeinem guten Freund überlassen. Er würde sich dafür aber an die Dienerin halten. Wie schön müßte das sein: ihre traumhafte Stimme immer um sich haben; sie am Morgen, gleich beim Erwachen, zu hören. Und später beim Frühstückstisch wieder – da trägt sie ein Hauskleidchen vom selben leuchtenden Blau wie jetzt – sie gießt ihm den Tee ein. Er lauscht ihren ruhigen zärtlichen Bewegungen, nimmt sie behutsam auf den Schoß . . . Herrgott, was dröhnt diese Isolde immer noch?! Lästig ist das! Ach ja: Brangäne hat Tristan den Befehl zu überbringen, er möge schleunig vor seiner Herrin Isolde erscheinen. Unsympathisches Weib! – Licht flutet jetzt mit den Klängen zusammen – ein starker Reiz –: Brangäne hat den Vorhang des Schiffszeltes zurückgeschlagen, ein weiter Bord wird sichtbar; Seeleute lagern auf ihm. Blauer, leuchtender Meereshimmel – wie Brangänens Kleidchen. Einer träumt starr am Steuer: Tristan. Wie wundervoll zaghaft in der Gebärde Brangäne den Befehl ausrichtet. Er wird von Tristans Knappen (Kurwenal heißt er, richtig, dieser kornwallische Bürger Schippel) und von den Mannen mit einem Schmählied auf die 108 irische Königstochter beantwortet; ein Lied, das den Helden Tristan taktlos verherrlicht. Doch mit maßloser Klangüppigkeit brausen die Stimmen des Chors in Anasthases hungriges Ohr. Das ist Erlesenstes! Anasthase weiß, daß es nur eine sehr kurze Chorstelle ist, und er geizt um jede Sekunde, die er sich an ihrem Klangreiz sättigen kann. Schade, nun ist es vorbei. Brangäne flieht ins Zelt zurück, die geliebte Herrin vor dem Spott der Kriegsleute zu schützen. Aber Isolde ist nicht mehr aufzuhalten: Fühllos gegen Brangänens Verzweiflung, befiehlt sie ihr streng, für Tristan und sie den Todestrank zu bereiten. Bis hierher stand Anasthase noch halb und halb voreingenommen dem Werk gegenüber. Abgelenkt zum Teil von seinen ganz unfeierlichen, schlampigen Gedanken an Brangäne, zum größeren Teil jedoch gleichgültig gelassen von der konventionellen Dramatik, in der die Musik sich bisher bewegte. Jetzt aber, da der Gedanke einer fernen Verschmelzung von Liebe und Tod zum erstenmal auftaucht, bricht Wagners Genie für ihn überzeugend aus dem tonüberströmenden Orchester. So zwingend, daß Anasthase, vom Strom Wagnerscher Dramatik fortgerissen, in den Tonfluten, die ihn umbranden, ertrinkt und – kritiklos, wie Leichen es eben einmal zu sein pflegen – auf ihnen nur noch dahintreibt. Abgestorben das Leben seiner eigenen rebellierenden Gedanken, ist er nur noch Medium des fremden, verhaßten, doch stärkeren Geistes. Wie ihm das mit Wagner eben seit jeher ergangen war. Nur ist diesmal die treibende Gewalt besonders zwingend durch die Erlesenheit ihrer Mittel. Sklavisch folgt Anasthase von da an der Linie des Werkes: 109 Tristan erscheint. Mit innerster Würde sucht er Isoldes höhnisch-verzweifelten Anklagen zu begegnen. Alle Kräfte Isoldes strömen aber bereits unaufhaltsam der ersehnten Vernichtung entgegen. Voll grausamer List verfängt sie den gehaßten Geliebten in einem Widerspruch. Schweigend bekennt er eine Blutschuld, deren Sühne sein Leben in Isoldes Hand legt. Und ruhig reicht er ihr sein Schwert, damit sie ihn töte. Da blickt Isolde eine Sekunde lang in einen neuen Abgrund: Will Tristan ihr noch im Sterben entweichen, allein den Tod suchen und sie selbst kalt ihrem Marke-Schicksal aufsparen?! Herrisch winkt sie der Dienerin um den Pokal mit dem Todestrank. Brangäne, verständnislos, erblickt im Tode nur etwas Furchtbares; gefoltert von ihrer naiven Liebe zur Herrin, vertauscht sie heimlich den Todestrank mit dem Liebestrank. Tristan trinkt entschlossen. Kaum kann ihm Isolde den Rest entreißen. Sie leert ihn in einem gierigen Zuge. – – Und: Wunder! Harfen! Geigen! – Mann und Weib, die Todfeinde, verzehren einander mit Blicken des Liebestaumels . . . Wesenlos in einen Winkel gehaucht, betrachtet Brangäne mit großen, entsetzten Augen die Wirkung ihrer Täuschung. Die Trunkenen stürzen einander in die Arme . . . Immer häufiger dringt von außen der Chor der Matrosen, freudig König Markes grüne Gestade begrüßend, in Tristans und Isoldes weltferne Seligkeit. Brangäne allein erkennt die Gefahr. Da stürzt Kurwenal herein, den König bereits mit großem Gefolge zu verkünden. Der Vorhang des Zeltes öffnet sich weit – Kurwenal und Brangäne reißen die Liebenden voneinander – Sonne, Fahnen, Fanfaren, jubelndes festliches Volk! 110 Der losbrechende Applaus übt auf Anasthase ungefähr die gleiche Wirkung aus, wie das Erscheinen des krawallierenden Hochzeitsgefolges König Markes auf Tristan und Isolde: verständnislos und benommen blickt er sich nach der Ursache dieses leeren Schalls um. Da sieht er sich im Theater sitzen – im Wagnertheater! In Begeisterung wie noch nie . . . » Fichtre «, murmelt er, in seine Vatersprache zurückfallend, und stürzt an die Luft. Draußen befremdet ihn das helle Sonnenlicht, der blaue bayrische Himmel. – Saul Ring holt ihn ein. Er hat etwas müde, welke Züge. Aber spöttisch bemerkt er: »So blaß, Herr Alfaric? Da sind Sie scheinbar also nicht auf Ihre Kosten gekommen. Ganz gegen Ihre Absicht ergriffen. Am besten: Sie lassen sich an der Kasse das Eintrittsgeld zurückgeben!« Merkwürdig: jetzt tut Anasthase der Hohn weh. Es ist aber auch nicht mehr der überlegen wohlwollende Spott, der ihm an Saul Ring geradezu wohltat – etwas gegen ihn Feindseliges ist jetzt der Grundton dieser Spötteleien. Und Saul Ring selbst – ein gänzlich Fremder. Betroffen findet Anasthase nichts anderes zu entgegnen als: »Ja, ich bin sehr ergriffen. Aber, hier ist wohl Zauberei am Werk!« Unsagbar höhnisch blickt Saul Ring ihn von der Seite an: »Wenden Sie sich mit dieser Entdeckung doch an eine der Pickelhauben da – vielleicht vermag die Polizei Sie vor Wagner zu schützen!« Anasthase überhört es. »Dieses Orchester«, sinnt er, »–  der Chor, die Stimmen . . .!« »Und der Wagner?« rührt Saul Ring grausam an die Wunde. Anasthase fährt gereizt auf: »Lassen Sie mich!« Doch 111 sofort tut ihm seine Heftigkeit leid. Er blickt Saul Ring an; und aus seinen Zügen glaubt er einen so schmerzhaft verquälten Zynismus zu lesen, wie nur letzte innerliche Vereinsamung ihn hervorzurufen vermag. Da will er etwas sagen, irgend etwas Warmes, Herzliches, das dem seltsamen Menschen wohltun oder ihn gar bewegen würde, auszusprechen was ihn bedrückt. Er findet die richtigen Worte nicht. Auch fürchtet er eine allzu schroffe Zurückweisung und schweigt. Saul Ring schweigt gleichfalls. Es ist ein unangenehmes Schweigen, das jeder von beiden zu beenden wünscht. Und beide suchen nach einer Alltäglichkeit, die zu einem glatten Redegespräch Anlaß gäbe. Siegfried Wagner, der Sohn und Erbe, geht an ihnen vorbei. Geschäftig. In weißen Hosen, weißen Schuhen, blauem Sakko. Von Trabanten beider Geschlechter umgeben. Eine unleugbare Ähnlichkeit springt Anasthase in die Augen. »Ist das nicht –?« ruft er aus. Saul Ring nickt ganz ernsthaft mit dem Kopfe: »Freilich. Der Bärenhäuter.« Damit ist jedoch die Unterhaltung neuerdings erschöpft. Anasthase will, um nur etwas zu sagen, einiges von der Tragik der Söhne großer Väter bemerken, aber im selben Augenblick schon findet er den abgebrauchten Gedanken doch zu albern. Von der Hecke, die den Vorplatz des Theaters umsäumt, sieht man unten die Stadt liegen. Der Ausblick ist vollendet malerisch; er stimmt Anasthase zu Betrachtungen: »Das Scheusal wußte eben in allem, was es wollte!« findet er. Versonnen. – Saul Ring lacht. Etwas gezwungen. »Erhalten Sie sich diese Marotte, Herr Alfaric! Die macht Sie kostbar. Wagnerianer sind zwar 112 wie der Sand am Meer, Sie selbst sind nur einer von Tausenden, dafür aber einer der fanatischesten!« Unwillkürlich reißt es Anasthase in die Höhe. Findet er selbst mehr als eine paradoxe Behauptung in diesen Worten? Fast schreiend kommt aus zerquältem Hirn seine Antwort: »Was? Ich – Wagnerianer?!« »Geben Sie sich nicht so aus, Verehrtester!« warnt Saul Ring, feindlich. »Sie haben doch noch zwei Akte Tristan vor sich!« Anasthase will heftig werden, sich den ewigen Spott verbitten. Dann aber blickt er Saul Ring an, fest und ernst: »Und Sie?« forscht er. »Wie hat die Musik denn eigentlich auf Sie gewirkt? Sie sehen nicht aus, als wären Sie kühl geblieben!« Um Saul Rings Mund geht ein Zucken, als hätten seine Finger etwas Ekelerregendes berührt. Eine Schlange vielleicht. Er sucht nach einer spöttisch ausweichenden Antwort. Da Anasthases Blick aber in entschlossenem Ernst weiter auf seine Augen geheftet bleibt, findet er nichts zu sagen. Sein Gesicht wird noch um einen Schatten fahler. Als würde die Notwendigkeit einer aufrichtigen Antwort ihm mit einem heftigen Stich ans Herz greifen. Er muß sich jedes Wort abringen: »Ja, vergessen Sie nicht, daß ich unmusikalisch bin! Mich mußte es also umwerfen.« – Und seine Miene ist wieder maskenhaftes Grinsen, wie er auf Anasthases Zügen das Erscheinen eines Lächelns erwartet. Es bleibt aus. Anasthase sinnt einen Augenblick, dann nimmt er die Antwort, wie sie ist: tiefernst. »Sie – unmusikalisch?« vergewissert er sich noch rasch. »Wie kommt es aber dann, daß Sie in musikalischen Dingen so glänzend beschlagen sind?« 113 »Ich habe mich viel mit Musik auseinandergesetzt«, erklärt Saul Ring. »Doch immer nur – rein geistesgeschichtlich. Und dazu hatte ich natürlich bloß Schriften nötig. Fast niemals – die Töne.« Eine seltsame Mutlosigkeit, die in dieser Erklärung schwingt, ergreift Anasthase von neuem. Hat die Musik ihn so weich gestimmt, daß er heute überall tiefstes Herzleid vermutet? In der rührenden Gegenüberstellung von »Schriften« und »Tönen« glaubt er den Ursprung jener geheimen Trauer zu erkennen, die er am Grund der Seele des Freundes wach fühlt. Und er muß sich gewaltsam beherrschen, um dem Fremden nicht um den Hals zu fallen, ja um die Tränen zurückzudrängen, die ihm in die Augen schießen wollen. Die »Schriften« – denkt er –: alles papierene Wissen, traurige Frucht dieses sicherlich ungelebten Historikerlebens. Und jetzt die »Töne« –: Ausdruck des Lebenden, Lockenden! – Er macht eine Bewegung, um die Hand dieses alternden, ungeheuer gescheiten und ungeheuer einsamen Mannes an seiner Seite, dieses Kindes, zu fassen. Scham hält ihn zurück. Mit Verhaltenheit spricht er ihm zu: »Ja, ich kann mir gut vorstellen: In einem Menschen Ihrer Art muß die Zauberei dieser Tristanmusik, gar wenn Sie sie also nur sinnlich erfassen, gewiß eine schmerzhafte und gefährliche Sehnsucht wachrufen.« Saul Ring entgegnet nichts. Und unwillkürlich vermeidet auch Anasthase, ihn voll anzublicken. Mehr als er es sieht, spürt er aber, wie der Freund von dem warmen Ton dieser ehrlichen Teilnahme betroffen ist und nachdenklich ernst zu Boden blickt. Nichts mehr von dem maskenhaften Spott ist in seinem Gesicht. Da gewinnt Anasthase neuen Mut. »Ich weiß ja leider so wenig von Ihnen, Herr Ring«, setzt er 114 fort. »Und gar nichts von dem, was Sie empfinden. Ich weiß aber, daß Kunst – und vor allem Musik – dort verheerend wirkt, wo sie uns diese Empfindungswelt gesteigerter Sehnsucht vorzaubert, einer Sehnsucht, die sich dunkel manchmal auch in unsere Träume schleicht, Sehnsucht, von welcher in unserm grauen Leben aber auch nicht der Strahl Erfüllung wird. Da fühlen wir nämlich mit einem Male, wie sehr alle die Angelegenheiten unseres bürgerlichen Lebens uns im Innersten fremd und unwichtig sind, wie unsere Seele in ihnen friert, und wie sehr wir uns nach der Wärme des unerreichten fernen Wunderlandes solcher Tristanliebe sehnen. Sehen Sie, ich . . . Nein: Sie! Ihr Leben – kann man es »leben« nennen? – verläuft, versandet inmitten lebloser Altertümer. Und Menschen müssen Sie wohl sehr langweilen oder gar anwidern, daß tote Gegenstände Ihnen näherstehen als sie. Oder vielleicht ist Ihre Vertrautheit mit ihnen eine so innige, daß für Sie diese Gegenstände allmählich eben Seele gewonnen haben, eine ausgeprägtere, feinere sogar als Sie sie an Menschen finden könnten –: Täuschung! Aber diese Täuschung hat Sie an einem Punkte Ihres Lebens vielleicht vor letzter Verzweiflung bewahrt. Seither glauben Sie dem Schein zu glauben. Der Schein macht Sie nicht glücklich, doch wenigstens ruhig – das heißt: Sie wähnen sich ruhig, und das ist: wunschlos. Bis dann plötzlich eine Musik auf Sie niederbricht, eine charakterlose Musik, deren glitzernde Verlogenheit Sie, der Nichtmusiker, gar nicht ahnen können. Wohl aber fühlen Sie die gefährliche Glut jener Illusion, die sie gibt.« – Anasthase hat sich nun selbst vor Erregung verfärbt, ein böser Glanz feuchtet seine Augen. »Warum sind wir nach Bayreuth 115 gegangen, Herr Ring?« stößt er nach einigem wieder hervor. »Die gewaltigsten und bestrickendsten Stimmen, die der Kontinent ausspeit, sind hier am Werk; von einem orchestralen Klangkörper getragen, der auch nicht seinesgleichen hat. Farben leuchten auf, Bilder voll Überzeugungskraft – alle infernalischen Reizmittel endlich dieses Kunstbordells – und das alles vereinigt sich, um ein verbotenes Lied klingen zu machen: das Lied von einer tieftraurigen Liebe, die so groß ist, daß Erfüllung ihr nur im Tode werden kann. So eindringlich ist das Lied, daß seine unstillbare Sehnsüchtigkeit auch auf Sie selbst übergreift. Und wenn Sie in diesem Gefühl dann plötzlich an die Dinge zurückdenken, an welche Ihre Scheinsehnsucht sich klammerte, dann schaudern Sie, wie kalt und reizlos diese sind. Auch mich, selbst mich übermannt dabei das Gefühl, ein Leben – mein Leben – ungenützt weggeworfen zu haben. Ich bin aber jung, kann mein Schicksal vielleicht noch in jene andere Welt lenken. Sie hingegen, dem Alter nahe, müssen freilich . . .« Ein Tristanmotiv – : Blech. Vom Balkon des Hauses als Zeichen zum Beginn. – Eine Weile steht Anasthase völlig verständnislos. Erst als die Fanfare zum zweitenmal ertönt, findet er sich zurecht. »Also das ist doch wirklich scheußlich!« ruft er mit Ingrimm aus. Da beginnt Saul Ring zu lachen; ein irrsinniges, ihn erstickendes Lachen, unheiter und verkrampft, das Anasthase an die Nerven greift. Zwischendurch stößt er mit einer mißtönenden Stimme heraus, übertrieben eifrig Zustimmung nickend: »Da haben Sie wohl recht! Das ist sogar eines der unwiderlegbarsten Argumente, die Sie 116 bisher gegen Wagner vorgebracht haben, Sie – Dichter!« Obwohl Anasthase nur zu klar fühlt, daß dieses Lachen ein Katastrophenlachen ist, reizt es ihn dennoch zur Wut. Zumal er sich seines Begleiters jetzt schämt. Denn die Vorübergehenden, die alle den Eingangstüren zudrängen, blicken voll Befremdung auf den großen fettigen, orientalisch aussehenden Herrn im weißen Leinenanzug, der so irrsinnig lacht. Auch vermag Anasthase nicht ganz das falsche Empfinden der Kränkung zu unterdrücken, das dieses Lachen als einzige Antwort auf seine so ehrlich gemeinten Worte in ihm auslöst. »Mäßigen Sie sich doch etwas, Herr Ring!« herrscht er den Haltlosen unterdrückt an. »Wenn Sie den Ehrgeiz haben, den Leuten hier Unterhaltungsstoff zu liefern, ich hab ihn nicht!« Das Lachen gefriert auf Saul Rings Zügen ein. Wieder sind es die Augen eines gescholtenen Kindes, mit denen er die fremden Menschen um ihn herum fassungslos ansieht. Eine leicht violette Röte tritt in seine Wangen, auf seine Stirn. Auch auf Anasthase wirft er einen furchtsamen Blick. Unsicher versucht er indes noch weiter zu spotten: »Meinen ganzen wirkungsvollen Wahnmonolog haben Sie mir weggenommen, Herr Walter von Stolzing!« Da Anasthase aber, ehrlich verletzt, nun keine Miene mehr verzieht, sondern in entschlossener Haltung einfach dem Eingang zuschreitet, verstummt er betreten. Schweigend nehmen sie ihre Plätze ein. – Längst empfindet Anasthase keinen Groll mehr gegen Saul Ring. Im Gegenteil. Noch drückender beherrscht ihn jetzt das Gefühl, daß der Freund in schmerzhafter Vereinsamung an seiner Seite sitzt. Er wagt nicht 117 hinzublicken, denn er fürchtet Tränen in seinen Augen zu finden. Aber sagen möchte er ihm irgend etwas, etwas, das ihm beweisen würde, er sei nicht mehr böse auf ihn. Da verlischt bereits wieder das Licht im Raum. »Also – jetzt kommt der zweite Akt«, flüstert Anasthase Saul Ring hastig zu. Um eben nur etwas gesagt zu haben. Und wie hätte es ihn erleichtert, wenn der Andere die Dummheit dieser Bemerkung aufgegriffen und verspottet hätte. Aber vollkommen ernst entgegnet Saul Ring: »Ja, der erste Akt hat uns die Form der Großartigkeit gezeigt. Warten wir nun auf den Inhalt dieser Großartigkeit!« »Pssst!« macht jemand hinter ihnen. Lautlose Stille ist eingetreten. 16. Zart quillt aus dem Orchester Nachtstimmung. Ein Bach murmelt. Bange Sehnsucht zittert in weicher Luft. – Der Vorhang rauscht auseinander: Die Terrasse der Burg König Markes, der Park – in Nacht getaucht. Jagdhörner des Königs und seines Gefolges, immer ferner . . . Sie haben nichts vom kecken, werbenden Klang ihrer Art an sich. Weich und traurig verschwebt ihr Ton . . . Zwei Frauengestalten, blaß und dämmerhaft . . . Ungeduldig lauscht Isolde den Hörnern nach. Schwül und lockend ist die Musik, die sie voll Todesahnungen umschmeichelt. Doch gierig gibt sie sich ihr hin. Die Dienerin steigt auf den Söller der Burg, um zu wachen. Entschlossen gibt Isolde dem Geliebten das Zeichen. Und in maßloser Erregung fiebert sie seinem Kommen entgegen. – Hemmungslos vorwärtsstürmend die Musik der 118 Erwartung. Drohend mischen unheimliche Bläserstimmen sich in das Allegro, aber die Geigen, die unaufhaltsam einem Ziel zutaumeln, stürmen gleichsam über sie hinweg. – Anasthase berauscht sich am Rhythmus dieser Stelle – sie war ihm sonst stets höchst gemacht vorgekommen. – Tristan erscheint. Grelles Dur-Fortissimo. Strahlend verschmilzt seine Stimme mit der Isoldes: trunkene Liebesworte. In der Umarmung aber schwindet ihre Unrast, beglückender Friede hüllt die todgeweihten Herzen ein. – Da muß Anasthase an Saul Rings Wort denken vom Inhalt der Großartigkeit. Ist hier Inhalt? Immer verläuft es bei Wagner gleich: Die maßlos gesteigerte Leidenschaft der Erwartung und dann – die überquellende, doch ziel- und wunschlose Ruhe der Erfüllung. Aber – erfüllt sich denn hier jener jagende fiebrige Wunsch, der die Erwartung durchglühte? Geschieht denn etwas? – – Sanft läßt Tristan die Geliebte an seiner Seite auf eine Bank niedergleiten. Ein Sang voll Innigkeit und Todessehnen macht beide in Träumen hinsterben. Leidvoll schwelgt eine trübe harmonische Wendung. Brangänens ferne Stimme kündet den Morgen. Einige uneingestandene Traurigkeit mischt sich in die erdentrückte Verklärtheit der Liebenden . . . Ein häßlicher Ton. Kurwenal und Brangäne stürzen herbei – zu spät. Von Tristans Widersacher, Melot, geführt, steht König Marke bereits vernichtet vor der unfaßbaren Tatsache: Tristan ein Verräter! – Tristan erhebt sich mit schmerzerfüllter Ruhe. Er sieht den Freund, den Vater leiden und leidet mit ihm. Sterbensmüde findet er aber nicht mehr die Kraft, zu verstehen und zu erklären. Will Isolde ihm in ein fernes Dämmerland folgen, das er selber nur ahnt? Melot will in dieser 119 Aufforderung nur einen neuen Schimpf des Königs und der sittlichen Weltordnung erblicken. Niedrig macht er sich Tristans Entrücktheit zunutze, dringt auf ihn ein. Tristan wehrt sich schlecht, fällt . . . Mit ihm der Vorhang. Applaus, etwas zaghaft im Massengefühl einer Verpflichtung zu Andacht und Weihestimmung. (Kirche oder Arena? – das ist hier die Frage.) Keiner der Darsteller erscheint, um für den Beifall zu danken, das heißt: ihn anzuspornen. (Also doch: Kirche!) Das Klatschen verebbt. Mit einer jähen Bewegung preßt Anasthase eine Hand an die Augen, dann verläßt er benommen das Haus. Er blickt weg von dem Freund, der draußen an seine Seite tritt. Faßt nur nach seiner Hand: »Adieu, Herr Ring. Ich muß jetzt allein sein.« Saul Ring erwidert den Händedruck in eigener Weise. Da erst sieht Anasthase ihn an. Er schrickt leicht zusammen, denn er blickt in ein fast unbekanntes Gesicht: Sterbensmüde, glanzlose Augen, verfallene Wangen, Schatten überall. Der zynisch-verzweifelte Ausdruck um den Mund ist verschwunden; ein tiefer, fast heiterer Ernst verschönt das kranke, fahle Antlitz. Nur eine Sekunde lang hat Anasthase den Schein dieses neuen Gesichtes – er will den Freund zurückrufen – da ist er bereits durch eine Menschenmauer von ihm getrennt. Eine unerklärliche Bangigkeit durchdringt ihn . . . »Warum sie nur heuer nich'n Tannhäuser jeben?« schlägt eine kernige Männerstimme an sein Ohr. Blind, täppisch schwankt Anasthase durch das Menschengewühl. Lange kann er sich von seinen Gedanken nicht frei machen, die schmerzlich um Saul Ring kreisen. Im Restaurationsgarten läßt er sich endlich an einem 120 Tisch nieder, bestellt ein Getränk. Sein Hirn läutet Sturm. »Wie guter Dinge war dieser Saul Ring, waren wir beide noch am Vormittag! Ah, diese Musik vergiftet! Die unheimliche Veränderung in seinem Gesicht, in seinem ganzen Wesen kann doch nur – mittelbar oder unmittelbar – durch die Musik hervorgerufen sein! Freilich – er ist unmusikalisch. Da mußte es ihn umwerfen! Da mußte es ihn umwerfen . . . Mich selbst aber – was soll ich es leugnen? – – hat niemals ein Werk so im Innersten aufgewühlt als dieser ›Tristan‹ heute! Liegt also wirklich ein so ungeheuer wahrer Wert auf dem Grund dieses Werkes, daß immer, wenn es erklingt, alle Einwände, alle Zweifel vor seiner zwingenden Größe ins Nichts verfließen? Oder ist es gerade allerniedrigstes Blendwerk? Mein Gott! Wie sich da noch zurechtfinden? Ist es nicht Blendwerk, dann war mein Glaube an die neue Kunst also Irrglaube! War Irrglaube – gewesen . . . Mein Geschmack ein perverser! Oder alles war – noch schlimmer – Snobismus . . . Ich aber muß wohl endlich Klarheit finden, muß mich endgültig entscheiden! Klarheit finden und mich endgültig entscheiden . . . Ich kann mein modernes Kunstideal doch nicht aufrechterhalten, wenn ich so empfänglich für diese Musik bin! So empfänglich . . . Bei mir geht es immerhin um mehr als bei Saul Ring: es rührt an meine Existenz. Himmel, aber kann es denn möglich sein, daß in der Kunst wirklich nur das Seriöse und Idealisierte Bestand und Wert hätte, das Zurechtgeschminkte? – warum sollte ich es nicht so nennen?! Und das Verfeinerte, Nuancenreiche, im Ausdruck Schlichte, leicht Spöttische oder so köstlich Lethargische der Kunst unserer Tage, das gerade die unerforschten Saiten unseres Wesens ins Schwingen versetzt, 121 dies wäre wirklich nichts anderes als Spielerei, Geistreichelei?! – Vereinen läßt sich beides entschieden nicht. Anerkennt man das eine, verwirft man gezwungenermaßen das andere. Ich muß mich aber zu einer Überzeugung durchringen, ich muß, zum Teufel! Mein Gott! Warum hast du mich auch gerade mit Wagner heimgesucht? Warum nicht lieber mit einem Primitiven – einem Musikdramatiker des vierten Jahrtausends vor Christus meinetwegen –, das wäre so leicht zu vereinen gewesen! – Historisch nehmen, haha – eine Kunst, die heute noch so unmittelbar wirkt, daß sie aus einem gesunden frohen Historiker einen kranken verzweifelten macht? Armer, dummer Saul Ring! – Halt! Vielleicht ist da noch ein Ausweg: Gerade der ›Tristan‹, aber nur dieser, ist Wagners zeitloses Meisterwerk; ich hatte doch immer schon den Eindruck, daß es dem modernen Empfinden weitaus am nächsten kommt. Deswegen könnte man den übrigen Wagner immerhin ablehnen, nicht? Jawohl – noch hab ich keine Ursache zu verzweifeln: ich bleibe hier! Und höre mir den ganzen ›Ring‹ an!« – Anasthase richtet sich auf und blickt mit einer Grimasse, etwas stier, in die Luft. »Und wenn erst das Wagalaweia und das Hojotoho und Hoiho losgeht, dann werde ich vielleicht doch noch Distanz zu den geistigen Ablagerungen dieses Schurken mit dem Barett und dem gelben Atlasfutter finden! Wenn endlich auch das nicht hilft – meiner Seele – dann bleibe ich noch zum ›Parsifal‹!!« Der Kellner, der die bestellte Limonade bringt, blickt leicht befremdet auf Anasthase: »Ist Ihnen schlecht, mein Herr?« Da kommt Anasthase für einen Augenblick zu sich. Wütend entgegnet er: »Wundert Sie das vielleicht? 122 Wenn ein denkfähigeres und gewissenhafteres Publikum hierher käme, müßten Sie an diese Erscheinung bereits gewöhnt sein!« Der Kellner entweicht kopfschüttelnd vor Anasthases entmenschtem Blick. Nach diesem Ausbruch gewinnen in Anasthase von neuem die Melodien aus dem nächtlichen Garten der traurigen Tristanliebe schmerzvoll süße Gewalt. Er stützt den Kopf in die Hände und träumt ihnen nach. Jemand in seiner Nähe flüstert: »Die Erda!« Anasthase schaut mit unwilliger Bewegung auf. Eine große, faszinierende Frau tritt gerade an den Nebentisch, begrüßt Freunde. Sie trägt ein Märchen von einem rotvioletten Kleid, das am Rücken tief ausgeschnitten ist und die Arme freiläßt. Die Haut ist mattes Braun mit Perlmutterglanz. In der Mitte des bildhaften Rückens läuft eine dunkle wollüstige Gerade nach unten. Die hohe Gestalt wirkt imperatorisch, soweit ihre gefesselt-üppigen Formen diesen Eindruck nicht niederziehen in die schattenhaften Bereiche vergangener Sexualträume. Die Füße sind von dünnen, geschmeidigen Satinschuhen der gleichen rotvioletten Farbe umflossen. Anasthase vervollständigt das Bild durch die Vorstellung einer tiefen, traumhaften Altstimme. Und läßt keinen Blick mehr von der Erscheinung. Seine vibrierenden Sinne beschwören Traumland herauf. Die Erda vor ihm wird zu einem erregten liebesdurstigen Weib, das in der Trunkenheit der Erwartung durch einen sommernächtlichen Park taumelt. Anasthase wirft sich schauernd in ihre Arme – er ist ebenso herrlich, so mächtig als sie. Mit tiefem Klang stammelt sie Liebesworte, nennt ihn: Pelleas. Ihre Brust fiebert an der 123 seinen. Er versenkt seine Hand in den Rückenausschnitt ihres rotvioletten Kleides – da berührt er den Schmuck. Und wie er nun seine Lippen leidenschaftlich auf ihren Hals preßt, löst er das kalte Geschmeide, läßt es zu Boden fallen. Jetzt kann er mit zitternden Fingern ungehindert und schwelgerisch die köstliche Furche ihres Rückens entlang abwärts gleiten und die Schauer fühlen, die diesen Rücken durchjagen. In der Mitte des Parks winkt im Mondlicht ein steinerner Brunnen. Dorthin führt er die verlorene Frau, läßt sie auf den Stein nieder. Und streift das leuchtende Kleid von ihr. Den grandios-anmutigen Leib durchrinnt eine bange Bewegung der Scham. Im Anblick dieses Körperwunders versunken, klingt unaufhörlich in seinen Sinnen die trübe harmonische Wendung einer Debussy-Musik. – Zitternd neigt er sich über die in mattem Perlmutterglanz lockende Nacktheit, umf aßt sie – samtweicher Marmor überall – Schwellen – Lippen – . . . Brutal ruft der Blechchor zum dritten Akt. Anasthase schrickt zusammen. Dann lacht er gezwungen auf: »In diesem Bayreuth stört doch lediglich der Wagner!« Er erhebt sich und geht langsam auf das Festspielhaus zu. Vor ihm die »Erda« mit ihren Freunden. Siegfried Wagner kreuzt geschäftig ihren Weg: »Du träkst ja dein'n Schmugg am Puckel!« ruft er ihr zu. Aber herrlich ist sie und herrlich schreitet sie, diese Erda! Ein Überweib! Da legt sich von rückwärts eine Hand auf Anasthases Schulter. Saul Ring –?! Nein – der Kellner –? – »Der Herr haben vergessen, die Naturlimonade zu bezahlen!« ruft er in mühsam verhaltener Erregung. (Fürwahr ein gutgeschulter Kellner, der weiß, was sich 124 gehört: Selbst Zechprellern gegenüber: »Der Herr haben! «) Dieser Anasthase aber weiß das nicht zu schätzen. »Ich möchte das halt noch lauter herumschreien, Sie –!« faucht er den Betretenen an. Der Gedanke, daß es die »Erda« hätte hören können, ist ihm ungemein peinlich. Zudem ist es schon hohe Zeit, wenn er vor Beginn des Aktes noch seinen Sitz erreichen will. Hastig durchwühlt er seine Hosentaschen nach kleiner Münze. »Wieviel?« – »Eine Mark fünfundsechzig, bitte sehr!« – Verflucht! alles was Anasthase ans Licht fördert ist: eine Mark zehn. Und in der Brieftasche, dessen erinnert er sich jetzt dunkel, hat er bloß noch Hundertmarkscheine – er mußte sich vorhin schon von Saul Ring . . . Aber dem unverschämten Lackel, der ihn vielleicht für einen Zechpreller gehalten hatte, jetzt schuldig bleiben – unmöglich! Mit nervösen Fingern durchsucht er alle Fächer seiner Brieftasche: Tatsächlich, nur Hundertmarkscheine! Und die wenigen Leute, die außer ihm noch im Freien verspätet sind, laufen alle schon auf die Eingangstüren zu! Hastig zückt er – es nützt nichts – eine Hundertmarknote: »Da! Rechnen Sie fünf Mark, aber rasch!!« »Hat der Herr nicht vielleicht Kleingeld?« »Nein, zum Teufel!! Sonst hätte ich es Ihnen ja gegeben! Rasch!! Sie sehen doch –!« »Einen Augenblick, bitte!« Und der Kellner, von Anasthases blinder Nervosität angesteckt, stürzt mit der Note verwirrt in den Restaurationsgarten zurück, verhandelt dort mit einem anderen Kellner. Anasthase blickt gequält um sich: Niemand mehr vor dem Theater! Er läuft dem Kellner nach. »Ich komme 125 nach der Vorstellung zurück!« ruft er ihm zu, macht kehrt und jagt zu seinem Eingang (Nr. 12). Atemlos kommt er an. Die Türe ist geschlossen und wird von einem finsteren Diener bewacht. »Kann ich noch –?« stammelt er keuchend. »Bedauere«, ist die lakonische Antwort. Erregt, ratlos steht Anasthase. Noch jemand harrt vor der Türe: eine festlich gekleidete junge Dame; offenbar ist sie also vom gleichen Mißgeschick betroffen. Sie jedoch scheint sich bereits darein ergeben zu haben. Nicht so Anasthase. Immer noch überlegt er fieberhaft, wie er dem Türschließer beikommen könnte. Vielleicht Geld? . . . Aber, mit einer Mark zehn – unmöglich! – Innen, im Raum, erlischt eben das Licht. »Könnten wir nicht wenigstens eintreten und innen an der Tür stehen?« flüstert er bettelnd dem Diener zu. Unwillkürlich verficht er das Interesse der fremden jungen Dame mit. »Ausgeschlossen. Strenge Vorschrift!« Etwas wie erneuter Deutschenhaß regt sich bei dieser Entscheidung in Anasthases Brust. Vielleicht war hier sogar der Türschließer ein verbissener Wagnerianer, der ihm damit etwas beweisen wollte. – 17. Fern, doch um so traumhafter, entweicht aus dem Innern Musik zu ihnen heraus. Anasthase lehnt sein Ohr an die Türspalte. Nach einer Weile tritt auch die junge Dame näher hinzu. Voll zarter Rücksicht bietet Anasthase ihr Platz. Hart an seiner 126 Seite. So daß er den Geruch ihres Haares spürt, das fast an seiner Schläfe liegt. Sie lauschen . . . Die tragischen Akzente des Vorspiels – – Ganz im Zuhören umfaßt Anasthases Blick doch die Gestalt des jungen Mädchens an seiner Seite: Ein zierlich-üppiger Körper . . . – Die Bässe saugen sich fest in tiefen Grundtönen. Halten sie mit Orgelklang. Voll schmerzendem Wohllaut steigt über ihnen eine Melodie auf, aus leiddunklen Gebieten in klare Höhen – – . . . In einem geträumten Stilkleidchen, das kleine, etwas spitze Brüste geltend macht; Brüstchen, wie sie in solcher Vollendung nur Malerhirne träumen mögen . . . – Jetzt klagt die wehmütige Stimme der Oboe – – . . . Das Köpfchen aber – als wenn es nicht zu diesem Körper gehörte: Ein tief gebräuntes trotzig-wildes Gesicht ist es, von fast derben, slawischen Zügen. Finsteres strähniges Bubenhaar, finstere dunkle Augen. Und düster starrt sie auch zu Boden . . . – Wieder rühren die Streicher die Tiefe auf, aus der sie sich in den Himmel hinaufsingen. Schmerzlich schwelgen Geigen hoch über dem dunklen Orgelpunkt der Ewigkeiten – – . . . doch völlig teilnahmslos ist sie an seiner Person . . . – Vielstimmig verschweben überirdische Geigen . . . Schalmei . . .   Anasthase fühlt, daß seine Augen feucht werden. Auch sieht er, daß der strahlende Tag von Dämmerung umhüllt wird und daß der Türschließer unwillig nur ihretwegen weiter auf seinem Posten verharrt. 127 – Die Stimme des todwunden Tristan, seltsam vergeistigt durch ihre Fernheit und die Atonie der Stunde . . . Das Mädchen schauert leicht zusammen. Es scheint unter der Kühle der Abendluft zu frösteln. Da befällt Anasthase Furcht. Aber er muß einige Sekunden in seinen Gedanken forschen, eh ihm klar wird, welcher Art dieses Furchtgefühl ist. Eigenartig, wie sehr die ferne Musik Sehnsucht ist, die um das Mädchen kreist, und das nahe Mädchen Verheißung ist, die wieder Musik wird; wie Musik und Mädchen gleichsam ineinanderströmen! – Die bloße Annahme, das Mädchen könnte sich jetzt zum Fortgehen entschließen und er stünde dann allein mit all seiner bodenlosen Traurigkeit hier, an der Tür dieses geheimnisvollen Tempels, in dessen Innern gerade so Bewegendes in Tönen geschieht, dieser bloße Gedanke macht ihn verzagt. Nur jetzt nicht allein bleiben! Sie zurückhalten, oder fortgehen – mit ihr zusammen! – Er selbst ist starr über seinen Mut: Ob er ihr nicht rasch die Garderobe holen dürfte? – hat er sie eben angesprochen. Sie mißt ihn abweisend, die Tränen in seinen Augen scheinen sie jedoch zu entwaffnen. In leichter Verlegenheit senkt sie den Kopf. Um in ihrem Täschchen nach der Nummer zu suchen? – Anasthase kommt mit ihrem Mantel zurück, hüllt sie ein. Dabei streift er mit den Lippen ihren Nacken. Alles mit Tränen in den Augen. Da weiß sie wieder nichts zu sagen. Um so mehr, da sie jetzt sieht, daß er sehr jung ist und beseelte Züge hat. – Sie winkt einem Taxi. »Könnten wir den Wagen nicht zusammen nehmen?« 128 bittet Anasthase. Mit der Entschlossenheit eines, der nichts zu verlieren hat. –   Im Wagen sitzen sie eine Weile schweigsam. Erst als von beiden Seiten die blaß gegen den scheidenden Tag ankämpfenden Lichter der Stadt durch die Scheiben fallen, fragt Anasthase, ob Gnädigste wirklich schon heimgehen wolle. Der Abend sei voll Wunder . . .   Anasthase beugt sich aus dem Wagenfenster, ruft dem Chauffeur zu, daß er sie zur Eremitage hinausfahre. Er war nie dort gewesen, aber von Saul Ring weiß er, daß es ein verträumtes Rokokoschlößchen sei. In einem großen alten Park.   Er muß eine Banknote opfern, damit ihnen ein Seitentürchen des Parks aufgesperrt wird. Wie gern opfert er sie! –   Sie wandeln, noch immer schweigsam, unter Baumwundern im Mondlicht. Verstohlen betrachtet Anasthase seine Begleiterin von der Seite: Auch im Mantel kommt das Gefesselt-Schwellende des Mädchenkörpers berückend zur Geltung. Doch von neuem ist er überrascht, wie wenig das wilde, dunkle Gesichtchen diesem Körper anzugehören scheint. In ihren Augen aber sieht er jetzt einen zärtlichen Glanz . . . Seine Stimme ist anfangs unsicher und belegt: »Mein Fräulein«, beginnt er. »Wir wissen einer vom andern nicht, wer er ist.« Er muß sich räuspern. – »In einer solchen Nacht und mit diesen Klängen in den Sinnen sind unsere Namen, unsere Lebensumstände aber auch 129 wirklich wesenlos!« Pause. »Sagen Sie mir bitte nur Ihren Vornamen, damit ich Sie nennen kann! Ich heiße Pelléas.« Sie zögert einen Augenblick, sieht ihn prüfend an. Dann flüchtet ein Lächeln über ihren Mund. »Und ich – Mélisande«, entgegnet sie schließlich, mit einem selbst Anasthase merklichen fremden Akzent. Anasthase bhckt nicht vom Boden auf. Er flüstert nur: »Dank, Melisande!« Da stehen sie schon entzückt vor dem Schlößchen, das kokett im Mondlicht schlummert. Für die beiden mit Tristanakkorden durchtränkten jungen Menschen hat der zierliche Bau mit den vielen kleinen Säulen inmitten der uralten Baumriesen etwas unsagbar Rührendes, Kindliches. Sie lassen sich dem Schlößchen gegenüber auf einer Bank nieder. »Was für eine verspielte Jahrhundert!« sagt das Mädchen. Sehr leise. Anasthase nickt nur heftig, das Weinen sitzt ihm in der Kehle. Erregtes Schweigen. – »Sehen Sie, Mélisande«, bricht Anasthase es endlich. Und seine Stimme klingt ein wenig wie die Oktaven con sordino der Primgeige im langsamen Satze von Debussys Streichquartett: Melancholie eines Winterabends – Dunkel – Schnupfen – Kaminfeuer – und die fahle Erinnerung an eine liebesverschleierte Stunde einmal . . . »Sehen Sie, Mélisande – unser Sein, was ist es mehr als das Wunder eines Weihnachtsbaumes in unserer Kindheit, in ihm aber schon alles Romantische vorgeahnt der späteren Jahre – Ein Vater, den wir nicht kennen, der 130 auch nicht mehr ist – Einige Wirrnis des intellektuellen Lebens, die Kunst in ihrer entmutigenden Mannigfaltigkeit – Ein Freund, den wir unter tausend Gleichgültigen spontan erwählen, dessen Wesen uns aber in immer dichtere Unverständlichkeit entflieht – Musik endlich, die unsere Seele mit dem Traum einer ganz großen Liebe erfüllt – In ihrem Garten ahnen wir bereits ihr letztes Hinüberfluten ins ›weite Reich der Weltennacht‹, ins Dämmerland des Unbegreifhchen, und wir kommen um den Liebestod, da zufällig statt einer Mark fünfundsechzig bloß eine Mark zehn zur Stelle ist –« »Bitte –?« sucht das Mädchen sich zaghaft zurechtzufinden. Anasthase lächelt wehmütig. »Ach, etwas so Belangloses wie eben alle großen Zufälligkeiten, die unserm Dasein die Richtung geben. – Und endlich: Zwei junge bewegte Menschen, ausgesperrt, hungernd an der Türe des Tempels, in welchem der Liebestod geschieht – müssen sie ihre Not nicht zusammenwerfen? Ein Park nimmt sie auf mit mächtigen uralten, vereinsamten Bäumen. Ruinen sind zwischen die Bäume gestreut, um des gleich uralten Gedankens willen, wie flüchtig die Sekunde der Zeit ist, die wir leben. Doch spielerisch heiter, leicht und sorglos ein verflossenes Schlößchen inmitten . . . Ich habe, Mélisande, noch niemals ein Weib berührt . . . Auch jetzt bin ich zu bewegt – in meinen Gedanken, um groß zu wünschen – Und doch ahne ich die reife Stunde – ganz nahe – an mir . . .« Mit brüderlicher Bewegung legt Anasthase seinen Arm auf die Banklehne im Rücken der fremden Gefährtin, blickt voll und ohne alle Unrast in ihr Gesicht. Sie neigt sich im Zwiespalt etwas vor; um seinem Arm zu 131 entgehen? um ihr Gesicht vor ihm zu verbergen? – Aber zu spät vollführte sie diese Geste der Rettung, als daß Anasthase in ihren fremden Augen nicht noch sein zärtliches Schicksal hätte erglänzen sehen. – Da überkommt ihn Bangigkeit. Er schämt sich dieser unmännlichen Furcht, hofft sie durch Spott zu verscheuchen: »Finden Sie nicht auch, Mélisande, wie wagnerisch unsere Situation eigentlich ist?« Grinsend sagt er es. Der Ton liegt ihm schlecht, das fühlt er gleich danach freilich selbst. Und er wollte, er hätte es nicht gesagt! Das Mädchen hat sich bei dieser Bemerkung befremdet aufgerichtet, blickt ihn erst verschreckt, dann vorwurfsvoll an: »Warum mußten Sie dieses jetzt sagen?« – Ihre düsteren Züge sind im Mondlicht schimmernd weich, zärtlich aufgelöst – oder ist's ein inneres Mondlicht? Aber Anasthase sieht nur noch die schwelgerischen Linien ihrer Brust. Der Mantel! – denkt er. Sie müßte in hauchdünner Seide hier liegen! Und verwirrt sucht er die Wirkung der vorangegangenen Bemerkung zu verwischen: »Ich meinte nur –: Wie im Garten des zweiten Aktes sind wir hier!« Plötzlich aber ruft er in leidenschaftlicher Durchdrungenheit aus: »Mélisande – glauben Sie wirklich, daß ich spotten könnte?« Ein Gefühl der Schwüle, das süß erregt auf ihm lastet, hemmt seine Brust am Atmen. Trocken dringt es in seine Kehle. Es ist, als müßte er über dem jungen Weib an seiner Seite zusammenbrechen . . . Ihr Leib ist in einer Bewegung der Flucht hingebogen. »Bleiben Sie ruhig . . . Wie Tristan!« flüstert sie angstvoll. Aber in den Augen Anasthases entzündet sich das Gegenteil, entzündet sich Haß, verbrennt sie: »Ja – wie Tristan – !! –« stößt er hervor, so leise, daß sie fast nur aus dem leidenschaftlichen Klang den Sinn der Worte zu erraten vermag. »Wie Tristan –! Da, ebenda ist die ungeheure Lüge dieser Musik, die erregend in unsern Adern strömt, daß ich dich jetzt haben will und daß du mich haben willst!! Tristan hingegen sitzt bewegungslos träumend neben der maßlos Geliebten und – singt. Ich kann nicht singen und will nicht singen, ich will dich haben, du – Mélisande!! Und das ist das Wahrhafte – das andere ist Verlogenheit und Schein! Ich Isolde, Tristan du, oder Mélisande ich, Anasthase du, oder was immer – ich will nicht mehr denken, ich will – dich!! « Sie kämpft mit sich. Will aufspringen, fliehen. Er kriegt sie um die Hüfte zu fassen, hält sie fest –, entfesselt. Und drohend ruft er: »Du! Unter hunderten Menschen hat kein blinder Zufall uns beide – gerade uns – vom dritten Akt ferngehalten! Bestimmung, hörst du? In zwei ungeheuren Akten haben wir Wagners Sehnsucht, Wagners Erwartung, Wagners Träume geteilt; den dritten Akt – den dichten wir uns jetzt selbst, hörst du? Wahrhafter als er! Unsern Liebestod – den leben wir!!« »Nein!« schreit sie leise, wie verwundet, auf. Gleich darauf erstarrt sie in der Umklammerung Anasthases zu erschauernder Bewegungslosigkeit. Der Widerstand ihrer angespannten Muskeln ermattet, sie lehnt willenlos an seiner Brust. Da löst er, von ihrem Nein entmutigt, langsam seinen Arm von ihrer Hüfte. Er glaubt, nun dürfe er nicht, oder er müßte Gewalt brauchen. – Und ganz im Schmerz über diese grausame Weigerung löst sich auch all die unentwegte Spannung der letzten Tage – der letzten Stunden vor allem –, die Spannung seiner 133 gequälten Sinne löst sich jetzt in einem hilflosen, verzagten Schluchzen; er birgt seinen Kopf in ihrem Schoß und gibt sich haltlos der erlösenden Wonne dieses Weinens hin. Sie streichelt ihm selig das Haar . . . Anasthase wird es unsagbar wohl. Nie war er so ganz – Kind gewesen, und nie hatte er so beglückend süße Geborgenheit gekostet, eine so traumhaft verklärte Wonne getrunken als im Streichen jetzt ihrer Finger über sein Haar . . . Ewigkeiten möchte er so verharren! Aller Schmerz schwindet, alle Qual und Hilflosigkeit . . . Schuldbewußt und abbittend entsinnt er sich da Richard Wagners als eines priesterlichen Vaters, der um solche Seligkeit immer wußte, unverstanden und verleumdet von ihm: Sie allein, die Heilkundige, kann die Wunde schließen . . . Genießerischer und aufschmeichelnder werden die Liebkosungen ihrer verwirrten Hände in seinem Haar, wird sein Kopf in die geheimnislockende Mulde ihrer erschauernden Schenkel gepreßt. Vor dem Himmel dieser Berührung streben sie auseinander. Bis ein Zittern süßbangen Erschreckens sie hastig wieder eng aneinander schließt. Wollust birgt dieses Erschrecken, Wollust, die zuckend auf ihn übergreift. Nebel einer sinnverzehrenden Lusttrunkenheit fließen über seinem Geist zusammen. Und auch im Nebel eines selbsttätigen Triebes beginnt er zwei himmlische Brüstchen zu liebkosen, die hoch über ihm locken. Er spürt, wie deren winzige Spitzen sich aufrichten, wie der Atem des Mädchens ersterbend seufzt, ihre Schenkel sich gierig bewegen. Pfeil, von einer maßlosen Treibkraft abgeschnellt, fährt er da in die Höhe, reißt sie über seinen Schoß, schiebt 134 den Ausschnitt des Kleidchens unter ihre Brust – zwei steile Mondlichtwunder – die er küßt . . . Wie die reizende Bestie sich da windet, wehe Laute einer fremden Sprache stammelt und brechende Augen in den Himmel richtet! Das Weib – ah! Ihr Mund!! Ins Gras . . .   Erst im Lichten des Morgens verlassen sie zärtlich umschlungen den alten Park. Ihre Augen strahlen in der Dankerfülltheit unermeßlichen und unerhofften Besitzes ineinander. 18. Noch lange kann Anasthase trotz entnervender Müdigkeit keinen Schlaf finden. Erst jetzt, da er allein ist, beschäftigt das Erlebnis ganz seinen Geist: Sie war Jungfrau!! – Und ist Bulgarin – (Anasthase sucht sich die Landkarte vorzustellen) – hat im Vorjahr durch einen Autounfall beide Eltern verloren. Ihr Vormund, ein Erzmucker, hält sie sehr streng. Da hat sie sich von einer verheirateten Freundin kurzerhand Geld ausgeborgt, ist nach Bayreuth gefahren und will auch noch zum ganzen »Ring« dableiben. Für den Vormund hat sie einfach einen Brief hinterlassen, er möge sich nicht ängstigen, sie sei schon irgendwo gut aufgehoben; nur soll er sie nicht vor Ablauf einer Woche zurückerwarten. »Haha – das ist ein wundervoller Fratz!« jubelt Anasthase ganz laut. Dann umarmt er beschämt seinen Polster. »Eine ganze Woche noch mit diesem Prachtmädel – was bin ich denn nur für ein ganz 135 ungeheuerlicher Glückspilz! Und jeden Abend gemeinsam mit ihr diese namenlos schöne Musik genießen . . . ach so! . . .? . . . Aber was, ich pfeif auf meine sogenannte vorkämpferische Sendung und auf die ganze Moderne! . . . Na . . . nein – ich bin ja auf einmal wie ein Lausbub! Aber – wenn schon?! Wenigstens fühle ich einmal mich –  – mich! Und ich bin ja froh, wenn nichts als ein Lausbub dahintersteckt, haha! Jetzt lebe ich! – Nun ja, ist ja wahr, sind ja lauter Albernheiten schließlich: Moderne oder nicht Moderne, mit oder ohne Wagner – was geht das mich an?! Und damit hab ich mich immer herumgequält, mit solchen Interessen! ›Verdrängungen‹, hat mir der Docteur Blondel schon immer gesagt – und er hatte recht. Jedenfalls ist Wagner ein ganz Großer, das hat sich gestern gezeigt; gewaltiger als die ganze Moderne zusammen. Na, als ob vielleicht die ›Kantate über einen Prospekt für landwirtschaftliche Maschinen‹ oder die symphonische Dichtung ›Pause in einem Fußballmatch‹ mir hätten ein solches Geschöpfchen in die Arme werfen können – so ein hundsfalsches Gejaure!!« – Und er lächelt in der Erinnerung an die Eremitage. – » Das kann eben nur der Papa Wagner!« – Anasthase gähnt. – »Da stecken halt Gemü–ü–ütswerte darin! . . . Gemütswerte . . .!« – versichert er sich nochmals, schlaftrunken – –   Erst gegen Mittag erwacht er. Beim Ankleiden singt er immer wieder mit komisch schallender Stimme: »Wer meines Speeres Spitze fürchtet . . .« Wobei er unausgesetzt an die Stunden im Park der Eremitage denkt . . . »Der süße Fratz! Ihr schönes Stilkleidchen wird gewiß arg verdorben sein. Wie mag sie übrigens in einem 136 andern Kleid aussehen? Sicher ist auch sie gerade erst aufgestanden. Also rasch zu ihr! Sie darf jetzt nicht allein bleiben! Sonst könnte sie sich im Köpfchen am Ende noch schlimme Gedanken machen. Wie ist das also? Zunächst gehen wir einmal miteinander essen, natürlich. Nachmittags machen wir einen Ausflug, am Abend übersiedle ich dann in ihr Hotel . . . Herrgott, was wird das heute erst für eine wunderbare Nacht werden! Nein – bin ich ein Glückspilz! Schaut's nur – der Wagner!« – Anasthase lacht, ihm bewußt trottelhaft, in das Handtuch hinein, mit dem er sich abtrocknet. – »Ja, richtig«, besinnt er sich plötzlich, »Saul Ring! . . . Saul Ring . . . Ach, dem sage ich doch einfach die Wahrheit! Natürlich. Da wird er sehr gut begreifen, daß ich mich ihm jetzt nicht weiter widmen kann, haha. Oder soll ich ihm mein Mäderl vorführen? In einem Zwischenakt vielleicht – da würde es ja nichts ausmachen. Und er ist doch so ein lieber, kluger Mensch! Wie ihn der ›Tristan‹ gestern zusammengerissen hat, tiens, tiens, tiens . . . Ich hätte ihn eigentlich nicht für so ungeheuer empfänglich gehalten . . . Für viel abgeklärter! Ja, ja – nur in solchen Momenten gelingt es, einen Blick hinter die Alltagsmasken der Menschen zu werfen! – Sicher hat er heut morgen schon bei mir angeklopft und ich hab's nicht gehört. Na – Wunder! Nach der Nacht, haha! Nun, jedenfalls wird er ja beim Portier unten Botschaft hinterlassen haben, wo ich ihn treffen kann. – Also – wie ist das? –: morgen ›Rheingold‹, übermorgen ›Walküre‹, Freitag ›Siegfried‹, Samstag . . . nichts . . . Oho!! Samstag den ganzen Tag ›Mäderl‹ (!) – und Sonntag ›Götterdämmerung‹, die herrliche ›Götterdämmerung‹! Herrgott, wird das schön!! Sechs ganze Tage noch!! – Jetzt kauf 137 ich mir nur noch rasch ein Paar neue Handschuhe – feine, diese crêmefarbenen Handschuhe! – die alten sind so schon nicht mehr . . .! Sicher wartet sie schon, das süße Kleinchen, juhu, bin ich ein Glückspilz!!« 19. Unten sagt ihm der Portier, daß auch Herr Ring sein Zimmer heute noch nicht verlassen hat. Anasthase lacht belustigt auf. Gleich darauf aber befremdet ihn die Auskunft doch einigermaßen. Er steigt die Treppen wieder hinauf, um selbst nachzusehen. Und unwillkürlich wird sein Gang hastiger, je höher er steigt. Auf sein wiederholtes, schließlich stürmisches Klopfen – keine Antwort. Er muß sich zu Gleichmut zwingen, einen furchtbaren Gedanken, der ihn sinnlos bestürmt, gewaltsam ausschalten, damit seine Füße ihn nur die Stiegen wieder hinuntertragen. »Sie müssen sich doch geirrt haben, Portier! Das Zimmer ist versperrt und niemand meldet sich, wie?« »Ausgeschlossen, mein Herr! Herr Ring hat sein Zimmer heute noch nicht verlassen.« Anasthase will ganz gelassen bleiben: »Also sehen Sie bitte selbst nochmals nach, Sie haben doch einen Nachschlüssel! Und – ja, und sagen Sie Herrn Ring, ich warte hier unten auf ihn!« Der Portier geht hinauf. In bleierner Müdigkeit läßt sich Anasthase in einen Korbsessel fallen. Wartet. – »Vielleicht schläft er noch wie ein Murmeltier!« sagt 138 er sich vor. Und sucht zu lächeln. Aber er ist maßlos erregt. Jetzt – er kann nicht hinsehen und muß es doch: – Mühsam kommt der Portier – es ist ein sehr alter Kleinstadtportier – die Treppe herab. Sein Gesicht hat die Farbe der Mauer, Entsetzen stiert blöde aus seinen Augen. Gespenstisch pfahlbürgerlicher Unheilverkünder – seine zittrige Hand streichelt das Treppengeländer, er öffnet den Mund, wie um denen unten etwas zuzurufen – entringt es sich endlich – es schnürt Anasthase die Kehle zusammen, doch dabei ist ihm, als wüßte er's schon Jahre – »Der Herr oben – liegt tot . . .« – – –   Kirche. Menschen mit Gemmengesichtern . . . Sitzen, in Reihen, auf einem Balkon . . . War's eine Kirche? Zuviel Licht fast flutet in dem hallenden Raum. Nein – ein Saal ist es! Konzertsaal – Paris –: die Heimstatt so vieler Sonntagnachmittage, die traurig waren vor Verlassenheit und dem Klang von großem Orchester, früher immer . . . Dieses Mal rauscht Orgel im Saale auf, aber von weit, weit her . . . ». . . Selbstmord! Um die dritte Morgenstunde verübt! . . .« »Selbstmord, um die dritte Morgenstunde verübt . . .« Einige Male spricht Anasthase diese Worte einer forschen Beamtenstimme nach, halblaut, bis er mit schmerzender Anstrengung einen Augenblick lang auch ihren Sinn erfaßt und einiges Tatsächliche seiner aufgeschreckt wirbelnden Umwelt erkennt: Den Arzt, die Polizei . . . Man richtet Fragen an ihn. Er weiß nicht, ob er, wie er Antwort darauf gibt. Verstört, erstarrt hockt er 139 in seinem Korbsessel. Von Traumbildern gebannt, die blitzartig aufleuchten und wieder zerfließen. Er kann von ihnen nicht loskommen, er sucht sich ihrer deutlicher zu entsinnen, die entgleitenden festzuhalten. Denn irgendeine dunkle Macht zwingt ihn, die grauenhafte Wirklichkeit des Geschehens von seinem Bewußtsein fernzuhalten . . . Nun lauert diese Wirklichkeit um seinen Geist herum, bereit, ihn mit voller Schlagkraft anzuspringen, sobald er zu ihrer Bedeutung erwacht. Erwacht – wie aus einem Traum . . . Hatte er nicht geträumt? Ja, aber das war kein Traum von jetzt! Das ist ein längst geträumter, böser, furchtgehetzter . . . Ja, Gott, die Stimmung, in der er heute am Morgen erwachte! Und die erst von ihm gewichen war, als er dann die Vorhänge zurückgeschlagen hatte. Da war mit dem Sonnenlicht auch befreiend die Erinnerung an die helle glückerfüllte Wirklichkeit seiner Liebe ins Zimmer geflutet. – Vorher aber, was war es nur gewesen, das er geträumt hatte? – Unendlich mühsam nur, doch schlafwandlerisch unentwegt, dringt sein Geist in die Wirrnis seines Traumes zurück. Dringen vereinzelt auch Äußerungen von außen zu ihm, nichts kann ihn länger als für Sekunden von der Verfolgung der Traumspuren ablenken. – . . . Das Traumbild der Kirche oder des Saales – mit dem Orgelrauschen darin, ja, das stand unendlich deutlich vor ihm. Dann aber – dann? . . . Ein anderes . . . ». . . nichts Schriftliches hinterlassen!« . . . Viele nebeneinander liegende Zimmer. Hospital. Oder Hotel . . . Er schleicht durch einen Gang. Die Türen der Zimmer stehen alle offen, im Innern sind – Särge . . . Eine alte Frau – wie eine Klosettfrau ist sie – hält ihn an. Sie spricht ihn an. »Gehen Sie doch mal auf 140 Nummer 34 schauen, dort wird jetzt gleich der Saul Ring liegen!« – der Saul Ring, genau so sagt sie. Da wird ihm, als schritte er über ein Eisfeld . . . Das Eis birst – er stürzt in eine tötend kalte Feuchtnis hinab. Aber immer noch steht die Klosettfrau vor ihm, forscht in seinem Gesicht nach einer Antwort. Bis er ihr sagt . . . Was sagt er ihr? – »Ja!« schreit er sie an. »Ich habe ja nichts dagegen! Aber sagen Sie es mir doch nicht so heimtückisch, sagen Sie es mir ehrlich!« Sie hebt das Bein . . . ». . . Anschrift seiner nächsten Anverwandten? – Hören Sie denn nicht?« – Anasthase schrickt in die Wirklichkeit auf. Ein Mann in Uniform steht vor ihm. Er will die Adresse von Saul Rings Familie wissen. Hatte der eigentlich eine Familie? – Anasthase weiß es nicht. Und von neuem reißen die Traumerlebnisse seine Erinnerung auf. – Etwas war dann nachgefolgt, etwas fiebrig Brennendes . . . Eine fliehende Menschenmenge oder so, an ihm vorbei . . . Ein Herr mit einer Brille ruft ihm zu: »Bleiben Sie nicht hier! Wir sind von den Ohrenläufern verfolgt!!« Er steht ratlos und sucht, wo er sich verbergen könnte – da glühen neben ihm Kirchenfenster auf. In der Kirche werden Menschen von wilden Tieren zerrissen . . . Jetzt tritt aus ihrem Portal ein Paar heraus, Mann und Weib. Beide ungeheuer groß und in den Gewändern einer uralten Sagenzeit . . . Das Weib winkt ihm, daß er mit ihnen gehe. Schon will er zu ihnen treten, da fühlt er, daß der Mann ihm nicht wohlwill, erkennt, daß es bereits einer von den Ohrenläufern ist . . . Da flieht er, flieht gehetzt zwischen Kolonnen von Pickelhauben hin, die alle die Gewehre auf ihn anlegen. Er muß gebückt 141 laufen, um nicht getroffen zu werden – In grünlicher Ferne sieht er einen Mann stehen in einem zerfallenen Soldatenmantel. Aus seiner Erscheinung strömt nur Gutes zu ihm – mit ungeheuerer Freude erkennt er den Vater! Will aufjauchzend zu ihm, sich weinend in seine Arme werfen, da sieht er, daß der Vater ihm Zeichen gibt – seltsam mutlose Zeichen –, daß er weiter fliehe. Und nur die Stimme des Vaters erreicht ihn. »Anasthase, hüte dich vor den Deutschen! Sie sind Nibelungen und wollen dir schaden!« Diese gute, treue Stimme! Noch lange klingt sie weiter, in seine Flucht hinein, erfüllt ihn mit unsagbarer Trauer . . . Ganz am Horizont ein Hügel – ein Wald von ungeheueren, strahlenden, glitzernden Weihnachtsbäumen. In ihm muß Rettung sein, Friede! – Aber der Weg zu dem Zauberwald ist zerklüftet. Oft bricht Anasthase in sich zusammen, reißt sich blutig auf, ehe er toderschöpft oben anlangt. Aufatmend läßt er sich unter den Zweigen eines Baumes auf die feucht aufgewühlte Erde niederfallen, schließt die Augen. Aber es ist ein böser verderblicher Weihnachtsbaum, der da über ihm – das beginnt er durch die geschlossenen Lider allmählich mit Grauen zu erkennen. Lichterloh brennen die großen Kirchenkerzen auf den Zweigen – Der ganze Wald prasselt in trocken höllischer Hitze – Zuckende Schlangenleiber sind über den Kerzenflammen aufgehängt. Giftig versengend tropft ihr bläuliches Fett auf Anasthase herab. Er hat vor Grauen den Mund weit geöffnet, er kann ihn nicht mehr schließen, er kann sich nicht mehr bewegen, er liegt . . . Liegt und wartet gelähmt, bis ein verkohlter Schlangenkörper ihm in den Mund hineinfallen wird . . . Da – da muß er wohl erwacht sein. – – 142 Der Portier steht vor ihm. Er hält ein Glas Wasser in Händen. Anasthase trinkt es gierig leer, wischt sich den Angstschweiß aus dem Gesicht. Wie gut, wie aufrichtig blicken die müden alten Augen dieses Portiers! Und jetzt erst steht das wirklich Geschehene vor Anasthase auf und findet – Tränen. Er bewegt die Lippen. Halblaut spricht er, wie zu sich selbst: »Armer, armer Saul Ring! Ich verstehe ja ungefähr deine Tat . . . Du warst reif, dich dem Leben zu entziehen – ohne daß du's wußtest . . . So, wie ich reif zur Liebe war . . . Aber – warum denn gerade jetzt diese stinkende Bombe Tod!!«   Ein Polizeibeamter meldet ihm, daß von der Polizeidirektion München telephonisch soeben die Auskunft eingelangt sei, Herrn Saul Rings Mutter sei am Leben, wohnhaft in München, Schwanthalerstraße 378, Türe VIII. – Ob Anasthase beabsichtige, die Frau von dem Todesfall selbst in Kenntnis zu setzen? Ob er weiters wegen aller zu treffenden Verfügungen, bezüglich Übergabe beziehungsweise Überführung der Leiche nämlich – in letzterem Falle wäre Kaution zu erlegen – etwelche Sonderwünsche vorzubringen habe? Und so fort – An Frau Mathilde daheim in Paris muß Anasthase jetzt denken – und er fühlt ein tiefes Mitleid mit der unbekannten alten Frau dort in München wo, mit der Mutter Saul Rings. Die rohe amtliche Nachricht müßte sie – – Nein, er selbst will sie benachrichtigen, will noch diesen Abend nach München fahren. Und die Leiche . . . Wieviel betrage denn die Kaution? . . . Ja, also dann könnte die Leiche in seinem Zuge mitgehen? – – 143 Qual ist es Anasthase und bis in die Abendstunden hinein hält es ihn fest. Eine Unzahl Formulare muß er ausfüllen, unterfertigen. Mit Trägern der verschiedensten Uniformen langwierig und entnervend verhandeln. Bis einer Überführung der Leiche mit dem Nachtschnellzuge nach München endlich nichts mehr im Wege ist. Aber er fühlt sich dem kaum gekannten toten Freunde zu dem allen verpflichtet. Ja, weit mehr noch würde er tun, um nur den Leichnam dieses im Leben so scheuen Menschen nicht so ganz fremden rohen Händen zu überlassen. – Wenn nur dieser wahnsinnige dumpfe Schmerz in seinem Kopf ein wenig nachlassen wollte! Oft, während der schleichenden Stunden dieser Unterhandlungen, hatte es Anasthase zum Telephon hingezogen; daß er das Hotel anrufe, in welchem sie wohnt, die arme Kleine – In welche Verwirrung mußte sein Nichterscheinen sie bereits geworfen haben! Doch stets hatte im letzten Augenblick ihn das Gefühl einer Scham davon abgehalten; ein Gefühl, als verriete er den Toten, würde er mit ihr sprechen, deren Leib ihm so unmäßige Lust gespendet hat – vielleicht gerade in jener Sekunde, als der Freund einsam im kahlen Hotelzimmer seinen letzten Kampf gegen das Grauen des unbekannten Todes kämpfte –, spräche er mit ihr, solange über dem Leichnam noch die Drohung schwebt, an fremde niedrige Hände ausgeliefert zu werden. Wie sehr aber sehnte Anasthase sich gerade in diesen Stunden danach, seinen Kopf wie nachts in ihren Schoß betten und weinen zu können! Jetzt war es schon einhalb sieben Uhr geworden; um sechs Uhr hatte das Theater begonnen. Wenn sie am Ende doch ohne ihn hingegangen wäre? Dann würde er 144 sie vor Abgang des Zuges am Ende gar nicht mehr sehen, ihr nichts mehr aufklären können! Nun ist alles soweit geordnet. Anasthase hat ein schonungsvoll vorbereitendes Telegramm an Saul Rings Mutter aufgesetzt, einen Betrag hinterlegt – fast alles, was er besaß – und für sich selbst ein Abteil zweiter Klasse des Nachtschnellzuges reservieren lassen; denn er fühlt sich gänzlich außerstande, die traurige Reise in Gesellschaft geräuschvoller Fremder zurückzulegen. Mithin wäre alles geordnet . . . Und doch hält ein vages Gefühl unerfüllter Verpflichtung ihn immer noch zurück. – Da entschließt er sich endlich, das Unglückszimmer zu betreten. In Begleitung des Amtsarztes. – Ein Blick aber in die totgedunsene Fratze, die aus einem kleinen braunen Fleck an der Schläfe zynisch-verzweifelt starrt – und er flieht wie verfolgt . . . Stürzt hilfesuchend zum Hotel der Freundin. Auf dem Wege überfällt ihn mit solcher Bangigkeit plötzlich der Gedanke, er werde sie im Hotel nicht mehr antreffen, daß er stehenbleiben, sich einige Sekunden an einem Laternenpfahl anhalten muß, um einer lähmenden Schwäche Herr zu werden. Sein Herzschlag stockt, wie er jetzt an den Portier die Frage nach ihr richtet und von dessen Lippen sein Urteil erwartet: sie sei zur Vorstellung ins Festspielhaus gegangen . . .   »Ach, das gnädige Fräulein ist doch aber heute morgen bereits abgereist!« »Was – sagen Sie?! – Abgereist? – Ganz, aus Bayreuth?!« 145 »Aher natürlich doch! Tja, wurde in aller Frühe schon von einem Herrn – – vermutlich der Herr Vatter – abgeholt, und die Herrschaften haben den Zuch, . . . Warten Sie, ich kann's Ihnen genau sagen . . . haben den Zuch . . . den Zuch – na? –: um elf Uhr sechsundvierzig, Schnellzuch nach Eger, genommen. Natürlich!« »Und – sie hat – das Fräulein hat – nichts – für mich – hinterlassen?« »Nichts, bitte sehr.«   Von Frost geschüttelt, überwacht Anasthase auf dem Perron des Bahnhofs die Einwaggonierung der Leiche. Ihr Behälter erinnert ihn an eine etruskische Vase –   Lautlos, langsam gleitet der Zug aus der Halle. Anasthase steht im Gang seines Wagens, die fieberglühende Stirn an die Fensterscheibe gepreßt – Im Rhythmus des ausfahrenden Zuges fühlt er ein hoffnungsloses, doch unentwegtes Schreiten bluten . . . Ein Schreiten, das aus dem Dämmerland des Allvergessens eine Melodie heraufbeschwört – eine Melodie Gustav Mahlers – – Bayreuth versinkt im Mondlicht . . . 146 Postludium Adieu, mein Claude . . . Allen wirst du wohl »Anasthase« bedeuten. Denn schwerfällig müht sich, in der Tat, dein gewissengepeinigter Geist. Mir aber bist du – selbst dort, wo du es am wenigsten scheinst – bist du immer das Geschöpf einer berückenden Musik Debussys geblieben, bist: Claude. Und darum vielleicht verstehe ich dich. In allem. Ich verlasse dich ungern. Ins Ungewisse – Was wird aus dir werden? – –   Claude, um der ewigen Liebe willen – was war das eben?!! Eine Vision? Ein Angsttraum? – Ich schaudere noch . . . Höre! Unwillkürlich schloß ich vorhin, in Gedanken an deine Zukunft versunken, die Augen. Und – wie das bei dem innigen geistigen Verhältnis, in welchem ich zu dir stehe, ja nicht weiter verwunderlich ist – ich war dir ganz, ganz nahe. Teilte, dir unwahrnehmbar, mit dir das kleine Abteil des Zuges, der dich und deinen toten Freund nach München führt. Sah dich, von aller Welt verlassen, von Fieber und Schluchzen geschüttelt – ein Kind! – in der Fensterecke kauern. Und fühlte, was du fühltest . . . Wie trüb wurde mir da ums Herz! Denn bin ich an all deinem Kummer nicht ein wenig schuld? – Von Selbstvorwürfen bedrängt, überdachte ich gerade, ob ich deiner Geschichte nicht etwa noch ein Kapitel anfügen sollte, ein Kapitel mit für dich sonnigeren Umständen, damit ich froheren Abschied von dir nehmen könnte – da, da formten deine zerrissenen Lippen Worte. Gespenstisch krochen sie in die lastende Stille des 147 Abteils. Du sagtest, mit nach innen gekehrtem Blick – zwei Worte waren es nur, doch eine ungeheuere Besorgnis ergriff mich um dich – du sagtest: » Wagner wirkt. « Nichts weiter. – Den Stabreim, Claude, könnte ich dir am Ende noch verzeihen, ihn deiner Erregtheit zuschreiben oder so. Doch was mich niederschmettert, Anasthase, ist der Sinn dieser Worte! So falsch deutest du also die Geschehnisse deiner wenigen Bayreuther Stunden – Geschehnisse, die dich tief im Urpersönlichen betrafen: Liebe und Tod – so falsch deutest du ihren Sinn, daß du für Wirkung der Musik Wagners hältst, was doch nichts anderes war als zufällige Gleichzeitigkeit im Ausbruch längst angesammelter Seelengewitter – Ja, nichts anderes war es, und wäre es tausendmal auch die Tristanmusik gewesen, die gestaute Schwüle des zweiten Aktes, welche diese Entladungen endlich und letztnotwendig zeitigte! Verstehst du mich, Anasthase? – Und wie ich noch erregt überdachte, was ich tun müßte, um dir den Irrtum solcher Annahme recht eindringlich vorzuhalten – denn könnte ein solches Mißverstehen nur zu leicht nicht lebensbestimmend für dich werden? – da stand auf einmal ein Bild vor meinen Augen auf. Das Dunkel, das meinem Blick bis dahin deine Zukunft verhüllt hatte, lichtete sich jetzt, und mit hellseherischer Klarheit erschien mir einer, der dir glich – oder warst du selbst es? – einer . . . Kein Zweifel mehr: Anasthase Alfaric! Im Sommer des nächsten Jahres. Er ist nur um ein Jahr älter geworden, doch nicht die Spur mehr von Jugend und Lebhaftigkeit ist in ihm. Erloschen ist der fanatische Strahl seiner Augen. Pergamenten sein in strenge Falten gelegtes 148 Gesicht. Und feierlich gemessen sind seine Bewegungen. Er trägt schwarze Gewandung. Ein langer Rock mit schwarzseidenen Revers, eine breite dunkle Krawatte, die den Ausschnitt der hochgeschlossenen Weste gänzlich ausfüllt; schwarze Tuchgamaschen auch über den Schuhen. Und ein hoher sittlicher Ernst liegt über der ganzen Erscheinung. Dieser nun gefestigte Anasthase ist täglicher Gast in der Villa »Wahnfried«. Manchmal allerdings ist er dort nicht zu sehen. Dann weilt er zur Einvernahme auf dem Gerichte. In Strafsachen Honegger, Prokofieff, Schönberg, Bartok und anderer, die alle wegen persönlich beleidigender Äußerungen in Anasthases Streitschriften die Klage gegen ihn überreicht haben. Ansonsten führt er, täglich von neun bis elf Uhr, Fremdengruppen durch die Räume des Hauses »Wahnfried« und erklärt alles. Minuten der Weihe aber sind jene für ihn, in denen er – nur für wenige ganz, ganz Würdige – mit einem Schlüssel, den er in einem Leinensäckchen über dem Herzen trägt, die Türe eines abseits gelegenen Raumes öffnet, in dessen Mitte sich erhöht eine Truhe befindet. Selber stets von neuem ergriffen, entnimmt er voll religiöser Andacht dem Innern der Truhe ein – Hemd. Das Hemd, dessen der Meister sich zuletzt bedient hatte. »Der Meister, dessen Töne in empfindsamen Gemütern heute noch Liebe hervorzurufen vermögen und – Tod«, wie er dann, etwas orphisch, hinzuzufügen pflegt.